Tirumantiram

Aus Yogawiki

Tirumantiram (திருமந்திரம்) ist ein großes tamilisches Lehrgedicht über Shiva, Yoga und die Verwandlung des menschlichen Lebens durch Liebe, Erkenntnis und Gnade. Es wird Tirumular zugeschrieben und gehört als zehntes Buch zum Tirumurai, der Sammlung tamilischer Shiva-Hymnen. Sein Name lässt sich als „Heiliges Mantra“ verstehen. Gemeint ist nicht nur eine einzelne heilige Silbe: Das ganze Werk verbindet dichterische Gottesverehrung mit Unterweisung in Meditation, ethischer Lebensführung, Ritual und innerer Erfahrung.

Shiva-Verehrung: Das Tirumantiram verbindet äußere Verehrung mit Liebe und innerer Sammlung.

Wer das Tirumantiram liest, begegnet einem weiten spirituellen Horizont. Der Körper erscheint einmal als zerbrechliches Gefäß, ein anderes Mal als Tempel Gottes. Shiva ist der unermessliche Herr des Weltalls und zugleich das Licht im eigenen Herzen. Bhakti, liebevolle Hingabe, steht neben genauer Betrachtung von Seele und Bindung; Pranayama, die Lenkung des Atems, neben der schlichten Aufforderung, Nahrung zu teilen und freundlich zu sprechen. Diese verschiedenen Stimmen gehören zur Eigenart des Werkes.

Für heutige Yoga-Aspiranten eröffnet das Studium vor allem eine Frage: Wie können Erkenntnis, Übung und Mitgefühl zusammenwachsen? Tirumular spricht nicht nur über außergewöhnliche Erfahrungen. Er fragt, ob Gelehrsamkeit das Leben verändert, ob Verehrung das Herz öffnet und ob ein Mensch das Göttliche dort sucht, wo er tatsächlich lebt. „Möge die ganze Welt die Seligkeit erlangen, die ich erfahren habe“ (Vers 85) verbindet die innere Suche mit dem Wohl anderer. „Liebe ist Shiva“ (Vers 270) gibt dieser Suche eine besonders klare Richtung.

Zum Lesen dieser Ausgabe

Die deutsche Übersetzung folgt vorrangig der englischen Fassung von B. Natarajan in der Zusammenstellung von Veeraswamy Krishnaraj. Sie ist eine Übersetzung über eine englische Vermittlung, keine philologisch-kritische Direktübersetzung des gesamten tamilischen Grundtextes. Die ursprünglichen Versnummern bleiben erhalten. Deutsche Zwischenüberschriften bündeln verwandte Verse und erleichtern das gemeinsame Schriftenstudium. Erläuterungen, Quellenhinweise und heutige Reflexionsfragen stehen ausdrücklich außerhalb der Verse.

Der Text bewahrt auch schwierige Aussagen seiner Überlieferung: religiöse Polemik, Strafvorstellungen, asketische Geschlechterbilder, vormoderne Körperlehren und Verheißungen außergewöhnlicher Fähigkeiten. Sie werden weder verschwiegen noch zu modernen Lebensweisheiten umgeformt. Eine respektvolle Lektüre darf solche Aussagen erkennen, kritisch bedenken und von der eigenen heutigen Praxis unterscheiden.

Diese Ausgabe bearbeitet den gesamten vorliegenden Bestand von 1 bis 3047: 3044 Verse sind vollständig übersetzt, die lesbaren Teile von 702 und 2716 sind übertragen; bei 1140 fehlt die englische Arbeitsgrundlage. Die drei Stellen sind ausdrücklich markiert. Hinzu kommen eine unnummerierte Anrufung und der als Zusatz gekennzeichnete Schlusssegen.

Die Gesamtquelle umfasst einen einleitenden Lobpreis und neun Tantras. „Tantra“ bezeichnet hier einen großen Werkabschnitt. Die folgende Übersicht zeigt die Gliederung der benutzten Nummerierung und die dokumentierten Quellenlücken.

Werkteil Verse Bearbeitung
Einleitender Lobpreis 1–112 übersetzt
Erstes Tantra: Unterweisung und Lebensführung 113–336 übersetzt
Zweites Tantra: Shivas Wirken und Schöpfung 337–548 übersetzt
Drittes Tantra: Achtgliedriger Yoga 549–883 übersetzt; Vers 702 nur im lesbaren Teil
Viertes Tantra: Mantra, Diagramme und Shakti 884–1418 übersetzt; englische Übersetzung zu 1140 fehlt
Fünftes Tantra: Wege der Shiva-Verehrung 1419–1572 übersetzt
Sechstes Tantra: Guru, Erkenntnis und Entsagung 1573–1703 übersetzt
Siebtes Tantra: Körper, Linga und Verehrung 1704–2121 übersetzt
Achtes Tantra: Bewusstsein, Seele und Erkenntnis 2122–2648 übersetzt
Neuntes Tantra: Guru, Mantra, Tanz und Vollendung 2649–3047 übersetzt; Vers 2716 nur im lesbaren Teil

Vorangestellte Anrufung Ganeshas

Den mit fünf Händen und dem Elefantenantlitz, dessen Stoßzahn der jungen Mondsichel gleicht, den Sohn Nandis, den jungen Spross der Weisheit, bewahre ich im Geist und preise seine Füße.

Quellenhinweis: Diese unnummerierte Anrufung steht vor dem eigentlichen Versbestand. Da sie dort keine englische Parallelübersetzung hat, ist sie hier ergänzend aus dem lesbaren tamilischen Text übertragen. Gemeint ist Ganesha; Nandi bezeichnet in diesem Zusammenhang Shiva. Die „fünf Hände“ beziehen den Rüssel in die Bildbeschreibung ein.

Einleitender Lobpreis: Verse 1–112

1–10: Der Eine in der Vielfalt

1. Er ist der Eine; als Zwei ist er seine liebliche Gnade. In den Drei steht er, in allen Vier wird er erkannt. Die Fünf hat er bezwungen, die Sechs erfüllt. Die sieben Welten durchdringt er, als Acht offenbart er sich. So bleibt er.

2. Von dem Heiligen singe ich, der alles Leben erhält, dem Gemahl der von aller Welt geliebten Göttin. Er wies Yama, den Herrscher der südlichen Richtung und Gott des Todes, zurück. Ihm gelten mein Lied, mein Lob und meine Verehrung.

3. Den, der allen gegenüber derselbe bleibt, den Reinen, den die unsterblichen Götter verehren und den selbst jene nicht erkennen, die täglich bei ihm stehen: Ihn suche ich, preise ich und betrachte ich in Meditation.

4. Er ist die Wahrheit der weiten Räume, der Same des Weltalls, unsere Zuflucht. Er hieß mich suchen und finden. Tag und Nacht verehrte und pries ich ihn. Durch diesen Lobpreis schwand die Dunkelheit, und ich stand fest in dieser Welt des Streites.

5. Suche, wo du willst: Kein Gott gleicht Shiva. Hier ist niemand seiner Herrlichkeit gleich. Lotusgleich ist er, mit leuchtenden verfilzten Haaren, golden strahlend und über alle Welten erhaben.

6. Ohne ihn gibt es keine Himmelswesen. Ohne ihn gibt es keine Askese. Ohne ihn vermögen die Drei nichts. Ohne ihn kenne ich den Eingang zur Stadt nicht.

7. Er ist der Uranfang, älter als die Drei, die miteinander bestehen. Unvergleichlich und ohnegleichen ist der Herr. Nenne ihn Vater, und er wird dir Vater sein. In dir leuchtet er im goldenen Lotus.

8. Heißer ist er als Feuer und kühler als Wasser; dennoch erkennt niemand die Fülle seiner Gnade. Reiner als ein Kind, gütiger noch als eine Mutter ist er, der die langen verfilzten Haare trägt: der Liebe ganz nahe.

9. Wie von Gold durchwirkt fallen seine leuchtenden Haarflechten zurück. Nandi ist sein Name. Er ist mein Herr, den ich immer verehre. Doch niemanden gibt es, den er selbst verehren müsste.

10. Er hält die Welten auseinander und breitet sich als hoher Himmel aus. Er selbst ist das brennende Feuer, Sonne und Mond. Er ist die Mutter, die Regen herabsendet, die festen Berge und die kühlen Meere.

Erläuterung zu 1–10: Die Zahlensprache des ersten Verses verdichtet religiöse und kosmologische Zusammenhänge; die englische Versübersetzung löst die einzelnen Zahlen nicht auf. „Die Drei“ bezeichnet im Zusammenhang die göttliche Dreiheit Brahma, Vishnu und Shiva in seiner kosmischen Funktion. Nandi ist hier ein Name des höchsten Herrn beziehungsweise des göttlichen Lehrers; der Name meint nicht an jeder Stelle lediglich Shivas Stier. Die „Füße“ des Herrn stehen in den folgenden Versen für Zuflucht, Verehrung und empfangene Gnade.

11–20: Unermessliche Größe und helfende Gnade

11. Nah und fern blicke ich umher: Neben dem ursprünglichen Sein sehe ich keinen mächtigeren Gott. Er selbst ist das Bemühen und sein Ziel, er ist der Regen und die regenbeladenen Wolken: Er heißt Nandi.

12. Der Herr mit dem Auge auf der Stirn bleibt unbewegt in höchster Liebe. Ungezählte Götter starben, unzählige Wesen wurden auf Erden geboren. Durch zahllose Leben stiegen sie empor; doch keiner erkannte, dass er der Herr ist.

13. Mal, der die Erde durchmaß, Brahma auf seinem Lotussitz und die anderen Götter ergründeten ihn nicht. Niemand vermag den zu messen, der die Himmel gemessen hat. So steht er jenseits aller Schau.

14. Er übersteigt Brahma auf dem Lotussitz; er übersteigt Mayan, den Meeresfarbenen. Er, Ishan, der alles übersteigt, reicht über den unendlichen Raum hinaus und ist Zeuge von allem.

15. Als Brahma entfaltete er sich, als Hara und als Seele, die den Leib durchdringt: göttlicher Glanz, grenzenloses Gesetz des Dharma, der Ewige, der immer besteht.

16. Er trägt verfilzte Haare mit duftenden Konrai-Blüten und ist der Gemahl der Göttin mit leuchtender Stirn. Unsterbliche und Götter suchten ihn auf, um Weisheit zu lernen und Unwissenheit zu vertreiben.

17. Mögen die beiden Knoblaucharten und Moschus noch so sehr miteinander gekocht und vermischt werden: Der Moschusduft überragt alles. So mag aller Raum sich vereinen und Gott als den Einen umfassen; dennoch strömt Ishans tiefe Liebe darüber hinaus.

18. Der höchste Herr sah die hingebungsvolle Askese des Königs von Alagai. Er freute sich darüber und machte ihn zum Herrn aller Schätze. Nähere auch du dich dem Herrn mit edlen Taten; denn so spricht er: „Empfange diese Herrschaft!“

19. Er, die ursprüngliche Weisheit, schuf die alte Stadt mit ihren sieben duftenden Fluren. Er setzte den Mond an seinen Ort und verweilt dort, der Askese zugewandt; dort nahm er seinen Sitz.

20. Suche die Wohnstatt des Heiligen, der einst Geburt und Tod schuf. Ein hoher Berg ist es: Donner rollt, Blitze zucken, duftende Blumen knospen und blühen. Der Berg trägt sein mächtiges Abbild.

Erläuterung: Mal, Mayan und der später genannte Achyuta sind Namen Vishnus; Hara und Ishan sind Namen Shivas. Der König von Alagai wird traditionell mit Kubera, dem Hüter der Schätze, verbunden. Der hohe Berg in Vers 20 ist nach der englischen Überschrift der Kailash. Solche Namen und Bilder gehören zur religiösen Welt des Gedichts.

21–30: Suche den Herrn mit ungeteiltem Herzen

21. Singe sein Lob: Wie rasch kommt er! Er ist der Herr, der mit einem einzigen Hieb den wilden Elefanten zerlegte, der diesem erdhaften Leibesgewand ein Ende setzt; Herr der himmlischen Heerscharen, des göttlichen Brahma und des regenwolkenfarbenen Mal.

22. Er ist der Herr des im Geist entstehenden Reiches der Maya, der Erscheinungswelt. Selbst jenseits des Denkens, kennt er doch alle unsere Gedanken. Manche klagen: „Gott ist mir kein Freund.“ Gewiss aber sucht Gott jene, die ihre Seele zur Rettung führen wollen.

23. Der mächtige Herr, der Gott des Feuers mitten in den Meeren, wird von einsichtigen Seelen niemals verleugnet. Er ist der Herr aller Himmelswesen, der Tag und Nacht seine göttliche Gnade ausgießt.

24. Singt sein Lob, singt von seinen heiligen Füßen! Legt all eure Schätze zu Shivas Füßen. Bei denen, die den getrübten Blick und den verwirrten Geist abschütteln, bleibt er gütig und beständig.

25. Ungeboren ist er, der göttlich Entrückte voller Mitgefühl. Unsterblich ist er, der Grenzenlose, der alle Freuden schenkt. Beuge dich vor ihm: In solcher Verehrung wirst du erkennen, wie Maya, die uralte Fessel, zunichtewird.

26. Verehre den Herrn, der ohne Unterbrechung besteht und schützend die ganze Erde erfüllt. Über alles erhaben steht er; auf dem Lotus sitzt er in lächelnder Herrlichkeit. Heilig seien seine Füße!

27. Der Unendliche hat ein Lotusantlitz, schön wie die unaussprechliche Abenddämmerung. Möge seine göttliche Gnade uns gehören! Wer Nandi täglich so anfleht, in dessen Herz tritt er leise ein: Er kommt, er kommt!

28. Winkend steht er da, der Allesdurchdringende. Doch jene, die im Zweifel mit sich selbst streiten, verdorren bis an die Wurzel. Wer sich dem höchsten Herrn frei hingibt, dem wird er zum sicheren, unveränderlichen Führer.

29. Du Unsichtbarer, einziger Verwandter dieses verlassenen Dieners: Lass mich nicht darin wanken, deine Füße zu umfassen! Im Herzen deines aufrichtigen, reinen Dieners stehst du fest wie der Zapfen einer Achse.

30. „Wie der Himmel den Regen an sich zieht: Wird mein Herr auch mich zu sich ziehen?“ So fragen viele voller Zweifel. Ich aber sehne mich nach meinem Nandi wie nach der Mutterkuh. Die ganze Welt, ja die ganze Welt soll es wissen!

31–40: Gottes Name und das Licht im Herzen

31. Er ist der Erde eigen und dem Himmel: Heil ihm! Er ist dem höchsten Himmel eigen und dem reinsten Gold: Heil ihm! Er ist die innerste Seligkeit des süßesten Liedes. Ihn suchte meine Liebe aus der Mitte meines Herzens.

32. Er ist der Herr der Götter und auch unser Herr. Er durchdringt allen Raum und übersteigt die sieben, vom Meer umgebenen Welten. Niemand kennt seine wahre Natur. Wie könnten wir da seine göttliche Gnade besingen?

33. Viele Götter verehrt diese uralte Welt; viele Riten vollzieht sie, viele Lieder singt sie. Doch ohne Erkenntnis der einen Wahrheit, ohne Weisheit und Erleuchtung bleibt den Menschen nur ein verzagtes Herz.

34. Wie der Duft, den das Moschustier beständig verströmt, ist der wahre Weg, den der Herr den Himmlischen lehrt. Im Sitzen und im Gehen singe ich den reichen Gehalt seines Namens, seiner tausend Namen voller göttlichen Funkens.

35. Selbst ein ungangbarer Weg wird leicht begehbar, wenn du den Herrn preist und verehrst. Osten, Westen und alle Richtungen verwandelt er: So tanzt der Herr.

36. Himmlischer Vater, Nandi, süßer Nektar, dessen man nie müde wird! Freigebiger, Unvergleichlicher, Ursprung der Zeit! Preise ihn immer. Deinem Lobpreis entsprechend wird auch deine Frucht sein.

37. Täglich knie ich nieder und singe Nandis heiligen Namen. Vor meiner inneren Schau steht der Feuerfarbene, strahlend wie der Mond am Himmel. Er tritt in mich ein, pulsiert und atmet in meinem sterblichen Fleisch.

38. Ich werde nicht aufhören, von ihm zu sprechen, dem Großen, dem Seltenen. Ich werde nicht aufhören, von seiner ungeborenen Gestalt zu erzählen. Ich werde nicht aufhören, von Nandi, dem Mächtigen, zu reden. Niemals werde ich aufhören: Denn dadurch werde ich rein und groß.

39. Er ist das göttliche Licht, das hell im Herzen des Verehrenden scheint. Ihm gehören die heiligen Wasser, in denen er spielt. Lasst uns ihn preisen und „unser Herr“ nennen; durch solche Verehrung erlangen wir seine Gnade.

40. Suche demütig und sanft die Füße des Herrn, die wie Strahlen reinsten Goldes leuchten. Preise ihn mit den Liedern eines bescheidenen Herzens und einer freigebigen Zunge. Zu solchen Menschen kommt der Herr, der alles gestaltet.

41–50: Hingabe und Zuflucht

41. Zu denen kommt er, die seinen Namen im tiefsten Inneren bewahren. Er verschlang das tödliche, aus Hass entstandene Gift. Mit der Göttin der leuchtenden Stirn ist er vereint, innig wie ein Paar Hirsche in friedlicher Zuneigung.

42. Seine Füße erreichen jene, die ihn suchen und preisen. Ihnen schenkt er die vom Viergesichtigen geschaffene Welt. Die Erwählten kommen und umfassen die Welt der Maya. Er ist eins mit ihr, deren Schultern schlank wie Schilf sind.

43. Wer von Haras heiligen Füßen spricht und weint, wer täglich über die mächtigen Füße des Großen meditiert, wer in tiefer Hingabe darauf wartet, dienen zu dürfen: Zu dem kommt die alles erfüllende Gnade des Ewigen.

44. „Gepriesen seien die heiligen Füße!“, singen die Götter. „Gepriesen seien die heiligen Füße!“, stimmen die Asuras ein. „Gepriesen seien die heiligen Füße!“, antworten auch die Menschen. So pries ich ihn, und in meiner Liebe leuchtete er auf.

45. Ohne die von ihm bestimmte Ordnung dreht sich diese meerumgürtete Welt nicht; ohne seine Bestimmung kommen weder Freuden noch Alter. Bete täglich zum strahlenden Licht. Er wird dir zum göttlichen Weg und zur verlässlichen Sonne.

46. „Du Abendroter! Hara! Shiva!“ So besingen die Verehrenden seine heiligen Füße. Er mit der ursprünglichen Farbe, der Erste, der Unendliche, trat in mein Wesen ein und nahm die Mitte meines Herzens ein.

47. Im Hause ist er, den Heiligen gleich ist er, im Denken ist er. Wie ein im dichten Laub einer Palme verborgener Milan bleibst du verborgen. Deine Seligkeit ist denen bestimmt, die beständig über dich meditieren.

48. Vor dem Herrn der Götter, den die Frommen verehren, beuge ich meine Knie und rufe seine Gnade an. Den Herrn, unseren Vater, der uns Erdenmenschen segnet, die Lampe, deren Flamme nicht flackert: Ihn suche ich.

49. Wer über den Herrn, den Gemahl der Shakti, meditiert und den Weg von Pashu und Pasha beschreitet, durchschwimmt das schäumende Meer der Verfehlung und erreicht schwimmend das Ufer von Pashu und Pasha.

50. Ich werde ihn mit einer Girlande schmücken und an mein Herz drücken. Ich werde seinen Namen singen und mit Blumengaben tanzen. Singend und tanzend den Herrn suchen: Das allein weiß ich, und das weiß ich gewiss.

Erläuterung zu Vers 49: Shakti ist die göttliche Kraft, hier als Shivas Gefährtin verehrt. Pashu bezeichnet die gebundene Einzelseele, Pasha ihre Fesseln. Die englische Grundlage spricht sowohl vom „Weg“ als auch vom „Ufer“ von Pashu und Pasha; diese schwer verständliche Formulierung bleibt hier erkennbar. Gemeint ist im Zusammenhang die Überwindung der Bindung durch Hinwendung zu Shiva, nicht die Verherrlichung von Unfreiheit.

51–56: Die Veden und der höchste Weg

51. Kein Dharma besteht außerhalb dessen, was die Veden verkünden. Seinen innersten Kern sprechen die Veden aus. Die Weisen beendeten ihre Streitereien, sangen die erhabenen Gesänge und errangen die Freiheit.

52. Brahma sprach die Veden, doch er selbst ist nicht das höchste Ziel. Er sprach sie, um den großen Schöpfer zu offenbaren. Er sprach sie, damit die heiligen Opfer vollzogen werden. Er sprach sie, um den Wahrhaftigen sichtbar werden zu lassen.

53. Im schönen Veda, der treffend Rigveda heißt, steht er als die bewegende Kraft dahinter. Im bebenden Gesang der vedischen Priester ist er gegenwärtig. Er selbst ist das innere Auge der Schau.

54. Der heilige Weg ist nichts anderes als der höchste Weg. Wer über den Herrn meditiert, der selbst dieser Weg ist, als Stoffliches und Unstoffliches, als göttlicher Guru, erreicht Shivas reinen Weg. So verkündet es der Vedanta.

55. Vom Einen singen die Veden in sechs Abteilungen, obwohl dieser Eine nicht in Teile zerlegt werden kann. Als einzelne Teile traten sie ins Bewusstsein; dann sammelten sie sich und wuchsen zum geordneten Ganzen zusammen.

56. Wer sich nicht im weltlichen Netz von Frauen, Gesang und Tanz verfängt, sucht das heilige Opfer zu vollziehen. Wer dagegen in Askese ungeübt bleibt, gelangt nur zur Wohnstatt des Verlangens und findet dort Leid.

Erläuterung: Vers 56 spricht aus einer männlich-asketischen Perspektive. Er wird hier als historische Textaussage übersetzt; die Aussage ist von einer heutigen allgemeinen Beurteilung von Frauen, Musik oder Tanz zu unterscheiden.

57–66: Die Offenbarung der Agamas

57. Dem Herrn, dem Gefährten der blaufarbenen Göttin, gehören die fünfundzwanzig und drei Agamas. Tief verneigten sich die sechsundsechzig vor dem Fünfgesichtigen und baten ihn, ihren tiefen Sinn zu erläutern.

58. Die Shiva-Agamas offenbarte der Herr aus Gnade. Eine unermessliche Zahl nennt die Vorlage: „eine Milliarde–Million–achtundzwanzig“. In ihnen verherrlichten die Himmlischen seine Größe. Auch ich werde über ihn meditieren und ihn preisen.

59. In achtzehn verschiedenen Sprachen verkünden sie die Gedanken, die nur die Gelehrten kennen. Die achtzehn Sprachen dieser Gelehrten geben wieder, was der ursprüngliche Herr erklärt hat.

60. Die Agamas offenbarte der Herr aus Gnade; tief und selbst den Göttern im Himmel schwer verständlich sind sie. Mögen es „siebzig Milliarden–Millionen“ sein: Wie Schrift auf Wasser entziehen sie sich dem Zugriff.

61. Der Unendliche offenbarte die unendliche Weite und kam auf die Erde herab, um Shivas Dharma zu verkünden. Die Unsterblichen verehrten ihn als Nandi. So trat er hervor und sprach die Agamas aus.

62. Vom unendlichen Shiva zu Shakti und Sadashiva, zum freudvollen Maheshvara, zu Rudra und Brahmisha: So ließ unser Nandi die neun Agamas in Folge entstehen, von sich selbst zu sich selbst.

63. Die so empfangenen Agamas sind Karanam und Kamigam, das gute Veeram, das erhabene Sindam und Vadulam, ferner Vyamalam und Kalottaram, das reine Subram und, als Krönung, Makutam.

64. Unzählige Shiva-Agamas wurden verfasst und vom Herrn aus Gnade offenbart. Doch die von ihm gelehrte Weisheit verstehen sie nicht. Wie Schrift auf dem Wasser vergehen die ungezählten Texte.

65. Weder Regen noch sommerlicher Tau fiel; selbst der schimmernde See hatte seine frische Blütenpracht verloren. Da offenbarte er unserer großen Herrin, zugleich in Sanskrit und Tamil, den reichen Schatz seines Mitgefühls.

66. Das Leben wird geboren, bleibt eine Weile erhalten und nimmt dann Abschied. In dieser flüchtigen Welle des Wandels erblicken wir ihn: den Herrn, der in lieblichem Tamil und in der nördlichen Sprache das Geheimnis des Lebens offenbarte.

Erläuterung: Agamas sind überlieferte Lehrschriften über Gotteserkenntnis, Verehrung und spirituelle Praxis. Die ungewöhnlichen Großzahlen in Vers 58 und 60 sind in der englischen Vorlage nicht eindeutig zu einer deutschen Zahl auflösbar; sie werden deshalb nicht rechnerisch vereindeutigt. Die Namen in Vers 63 folgen deren Schreibungen. Die „nördliche Sprache“ in Vers 66 bezeichnet hier Sanskrit.

67–76: Die Linie der Lehrer und die empfangene Aufgabe

67. Fragst du nach den Meistern, die Nandis Gnade empfingen? Zuerst die vier Nandis, danach der heilige Shivayoga; dann Patanjali, der im heiligen Versammlungsraum verehrte. Vyaghra und ich vollenden die Zahl Acht.

68. Durch Nandis Gnade wurde ich unter seinen Meistern erwählt. Durch Nandis Gnade suchte ich den Uranfang. Was könnte ich durch Nandis Gnade nicht vollbringen? Von Nandi geführt blieb ich hier auf Erden.

69. Durch die Weitergabe der Unterweisung folgen in meiner Linie diese sieben: Malangan, Indiran, Soman und Brahman, Rudran, Kalangi und Kanchamalayan.

70. Die Vier wirkten, jeder in seiner Himmelsrichtung, als Meister. Jeder bewahrte seinen besonderen Schatz. Einer nach dem anderen sagte: „Nehmt alles, was ich habe!“ So wurden sie zu Unsterblichen und Meistern.

71. Der Herr sprach zu den Dreien und zu den Vieren. Er sprach vom vergeblichen Tod und von der entsprechenden Geburt, zugleich von Gott und den drei strahlenden Lichtern. Doch seine überragende Größe offenbarte er niemals ganz.

72. „Mag der Himmel aus allen acht Richtungen Regen senden: Vollzieht dennoch die heiligen, reinen Riten!“ So sprach der Herr mit den verfilzten Haaren und der korallenroten Farbe. Den standhaften Vier schenkte er seine Gnade.

73. Auf meinem geneigten Haupt trug ich Nandis heilige Füße. Tief im Herzen sang ich laut seinen Namen. Täglich meditierte ich über Hara, der hoch die Mondsichel trägt. So wagte ich es, die Agamas zu verfassen.

74. Der geheimnisvolle Name Shivagama blitzte in meinem Geist auf. Sogleich erhob ich mich zu den heiligen Füßen des gnadenreichen Nandi. Mit eigenen Augen sah ich entzückt den unvergleichlichen Tanz im heiligen Saal. So lebte ich voller Freude sieben Crore Yugas lang.

75. Höre, Indra, was mich hierzu bewegte! Sie, die Heilige, die Herrin des reichen, weiten Universums, verehrte ich in tiefer, wahrer Hingabe. Mit unablässiger Inbrunst setzte ich hier meinen Weg fort.

76. Sadashiva, die Tattvas, die drei Formen des Tamil und den Veda suchte ich zunächst nicht, als ich hier verweilte. Ich trug sie nicht im Herzen. Doch bald wandte sich mein Geist; ich ließ die Gleichgültigkeit zurück und erkannte sie alle.

Erläuterung: Die Tattvas sind Grundprinzipien der Wirklichkeit. „Die drei Formen des Tamil“ bezeichnet die traditionelle Dreigliederung in Literatur, Musik und darstellende Kunst. Ein Crore entspricht zehn Millionen; Yugas sind Weltzeitalter. Solche ungeheuren Zeitspannen sind Aussagen der heiligen Erzählung, keine historisch nachgewiesenen Lebensdaten.

77–86: Die empfangene Seligkeit mit der Welt teilen

77. Dies, Malanga, bewog mich, hierherzukommen: den Veda und den tiefen Sinn des göttlichen Tanzes auszulegen. Diese verborgenen Geheimnisse enthüllte der Herr zuerst der blaufarbenen Göttin mit ihren glänzenden Juwelen.

78. Mit leuchtenden Juwelen geschmückt heißt sie ewige Seligkeit. Sie ist meine Retterin und zerreißt alle Fesseln der Geburt. Shivas Schatz, Herrin des kühlen Avaduthurai: Ihre Füße erreichte ich und blieb fest in Hingabe.

79. In fester Hingabe hielt ich mich an ihren erwählten Herrn, verwurzelt in Shiva, der in Avaduthurai lächelte. In fester Hingabe suchte ich Ruhe im Schatten des Shiva-Bodhibaumes. In fester Hingabe sang ich den zauberhaften Klang seiner unzähligen Namen.

80. So blieb ich unzählige Zeitalter im sterblichen Leib eingeschlossen. Ich verweilte im Raum, in dem weder Tag noch Dunkelheit sind. Ich verweilte an den Orten, an denen die Götter Lob darbringen. Unveränderlich blieb ich an Nandis heiligen, wahrhaftigen Füßen.

81. Wenn jemand in einem früheren Leben keine Askese geübt hat, wer kann sagen, wie seine nächste Geburt sein wird? Mir aber schenkte der Herr eine gute Geburt, damit ich seine Herrlichkeit in lieblichem Tamil besingen kann.

82. Ich betrat die Stadt Nandis, des Herrn der Göttin der Weisheit. Neunzig Millionen Yugas saß ich unter dem Bodhibaum, verehrte den Herrn mit der Milch der Weisheit und blieb unter dem heiligen Baum.

83. Ich suchte den Weg, auf dem ungezählte Götter, Asuras und Menschen die Höhen erklimmen, und erlangte alle Weisheit. So wurde ich ein Shiva-Muni, ein wahrer Siddha, und kam durch das Himmelblau hierher herab.

84. Unter den Büchern, die das Herz fesseln, bleiben die Veden die höchsten. Diesen glückverheißenden Leib, hervorgebracht vom inneren schöpferischen Vater, erhielt ich durch seine Gnade.

85. Möge die ganze Welt die Seligkeit erlangen, die ich erfahren habe! Wer das himmlische Geheimnis festhält, das die Schriften vermitteln, wer die Hymnen singt, die den Leib erschauern lassen und das Herz weiten, nimmt gewiss einen Platz in der vordersten Reihe ein.

86. Mit gefalteten Händen nähern sich die Himmelswesen Nandi, dem erhabenen Herrn, der von den Fesseln der Geburt frei ist. Tief in ihren Herzen kreisen die heiligen Hymnen; fest in Hingabe singen sie die unsterblichen Weisen.

Quellenhinweis zu Vers 84: Die englische Fassung dieses Verses ist ausdrücklich mit „Krishnaraj“ gekennzeichnet. „Bodhi“ wird hier im Zusammenhang mit Tirumulars Shiva-Verehrung verwendet; das Wort allein macht die Passage nicht zu einer buddhistischen Lehre.

87–98: Offenbarung, Erkenntnis und Demut

87. In sich umfasste er das glühende Feuer und die sieben Welten, ohne damit den ganzen Raum auszufüllen. In sich umfasste er auch die tamilische Lehrschrift, in einzigartiger Pracht: reich an Bedeutung, tief und verborgen.

88. Ayan und Mal suchten mühevoll seinen Kopf und seinen Fuß. Erfolglos trafen sie sich wieder auf Erden. „Den Fuß habe ich nicht gesehen“, bekannte Achyuta. „Den Kopf habe ich gesehen“, behauptete Ayan fälschlich.

89. Nandi, stets mit Stier, Hirsch und Axt verbunden; Nandi, mein Herr, die ursachlose Ursache: Er offenbarte mir die in seinem Denken bestimmte Grenze der Schöpfung und setzte seine heiligen Füße auf mein demütiges Haupt.

90. So angeregt strömten aus mir in vollem Versmaß das zu Erkennende, die Erkenntnis und der Erkennende; Maya und Parayaya, die in Mamaya entstehen; Shiva und Agochara Veeya.

91. So auslegend trug ich sein Wort den unveränderlichen Weg vom Kailash herab: das Wort des Ewigen, des Wahrheitslichtes, des grenzenlos Großen, Nandis, des Freudvollen, dessen seliger Tanz alle Unreinheit vertreibt.

92. Durch Nandis Gnade suchte ich die ursprüngliche Ursache. Durch Nandis Gnade wurde ich Sadashiva. Durch Nandis Gnade erlangte ich die göttliche Wahrheit. Durch Nandis Gnade blieb ich darin.

93. In den unzähligen Versmaßen des Rigveda wohnt er mit seinen strahlenden Haaren. Sonne und Mond mit ihren herrlichen silbernen Strahlen bemühen sich vergeblich, den wachsenden Glanz seiner leuchtenden Haarflechten aufzulösen.

94. Unablässig spreche ich täglich Nandis Namen. Bei Tag preise ich ihn in Gedanken und ebenso bei Nacht. Täglich sehne ich mich nach meinem lichtfarbenen Meister, dem Herrn der ungeschaffenen strahlenden Flamme.

95. Wer kann die Größe unseres Herrn kennen? Wer kann seine Länge und Breite messen? Er ist die mächtige namenlose Flamme. Von seinem unbekannten Ursprung wage ich zu sprechen.

96. Ich weiß nicht, wie die Sänger singen. Ich weiß nicht, wie die Tänzer tanzen. Ich weiß nicht, wie die Suchenden suchen. Ich weiß nicht, wie die Forschenden forschen.

97. Mit Worten in den leuchtenden Lauten der Wahrheit, erhoben zu den heiligen Höhen süßester Musik, suchen alle sein unvergängliches Licht – selbst Brahma, der nach ihm diese unsere Welt erschuf.

98. Am Fuß der heiligen Berge saßen die Rishis und Götter. Sie suchten die endlose Seligkeit der Befreiung, priesen ihn in Hingabe und wussten doch nicht. Darum lege ich hier dieses tiefe Geheimnis dar.

Quellenhinweis zu Vers 90: Die Ausdrücke „Parayaya“, „Mamaya“ und „Agochara Veeya“ sind in der englischen Versfassung nicht ausreichend erklärt beziehungsweise sprachlich unsicher wiedergegeben. Sie bleiben kenntlich stehen; eine vermeintlich eindeutige deutsche Bedeutung wird nicht erfunden.

99–100: Die heiligen dreitausend Verse

99. Die dreitausend heiligen Hymnen, die Mula auf Tamil dichtete, offenbarte Nandi, damit die ganze Welt sie kenne. Erwache früh im Morgengrauen und lass diese Gesänge erklingen: Gewiss wirst du die herrliche, sanfte Ruhe am Herzen des Herrn finden.

100. In den heiligen Dreitausend liegt das letzte Ziel der Befreiung, das die verschiedenen wahren und guten Schriften lehren. In den göttlichen Dreitausend, ursprünglich und weise, ist alles Wissen enthalten: das besondere wie das allgemeine. 101–112: Die Überlieferung und die Einheit Gottes

101. Sieben sind die heiligen, wahrhaft geistlichen Linien. Mula, aus der ersten hervorgegangen und aus dem Himalaya stammend, legt in neun Tantras und dreitausend Hymnen das Wort der Agamas in Schönheit dar.

102. Kalanga, der im Inneren lebt, und nach ihm Agora; der gute Maligai Deva und der heilige Nadhanta; Paramananta, der die Sinne bezwang, und Bhogadeva; dazu Mula, der hier atmet: Sie alle gehören dem Ewigen an.

103. Betrachtet man diese vier – grenzenlose Jugend, Anfang, Ende und das Bemessen der Zeit –, so steht Shankara an höchster Stelle. Unter seinen Verehrern empfangen Hari und Aya unendliche Gnade.

104. Er, das erste Sein, der Smaragdfarbene und der auf dem strahlenden ursprünglichen Lotus Thronende: Sind diese Drei getrennt oder ein ununterbrochenes Ganzes? Darüber streitet die Welt, in viele Lager geteilt.

105. Jenseits der beiden Arten von Karma thront Isha. Er ist der Same dieser Welt, der mächtige Gott. „Dies ist Isha“, „jenes ist Isha“, streiten die Gedankenlosen. Wer im Unreinen bleibt, kennt nur den niedrigsten Bodensatz.

106. Shiva zuerst, dann die Drei und die folgenden Fünf, mit denen sich Bindu, der Keimpunkt, und Nada, der ursprüngliche Klang, entfalten: Neun sind sie insgesamt und doch ein und dasselbe. All dies sind nur Namen des ursprünglichen Shankara.

107. Ergründen wir so den innersten Kern der Wahrheit, dann sind Aya und Mal uns keine fremden Wesen. Untrennbar gehören sie zu Nandi, dem Dreiäugigen. Mögt ihr alle von den himmlischen Dreien gesegnet sein!

108. Niedergeworfen verehrte ich den Milchweißen; ringsum standen unzählige Götter, in innigem Gebet versunken. Da sprach der Herr zu mir: „Vishnu und Brahma bin ich gleich. Deine Aufgabe sei es, der Welt die Gnade meiner Füße zu schenken.“

109. Weder Götter noch atmende Menschen gäbe es hier ohne die Gnade Shivas, der honigsüße Konrai-Blüten trägt. Kein anderer Gott könnte in der Stille deiner Seele wohnen. Wisse: Die anderen Götter, die du verehrst, sind selbst sterbliche Wesen.

110. Die Unwissenden erkennen nicht, dass aus dem Ersten das Licht hervorsprang, das als Drei und Fünf aufleuchtet. Blind umhertastend, im Labyrinth der Worte verloren, weisen sie Isha, Mal und Aya unterschiedliche Rangstufen zu.

111. Das Höchste ist eines, vollkommen, ohne Mangel. Indem es herabtritt, wird es zu Mal und Aya. So ordnet sich der Eine als Viele; aus bewusster Wahl nimmt er selbst eine Begrenzung an.

112. In einem Anteil ist er Sadashiva, mein Herr; ein himmlischer Anteil wohnt im Himmel. Ein herrschender Anteil ist der Geist, der den Leib bewegt. Ein Anteil von ihm verwandelt sich in alle Bewegung.

Erläuterung: Aya beziehungsweise Ayan bezeichnet Brahma, Hari und Mal bezeichnen Vishnu. Die Verse verbinden Shivas Vorrang mit Aussagen über die Einheit der göttlichen Erscheinungen. Diese Spannung wird nicht nachträglich eingeebnet. Mit den beiden Karma-Arten in Vers 105 sind im Zusammenhang förderliche und leidbringende Taten samt ihren Folgen gemeint. Die Zählweise in Vers 106 ist in der englischen Grundlage verdichtet und wird nicht zu einer unbelegten Liste erweitert.

Erstes Tantra: Unterweisung, Vergänglichkeit und Lebensführung

113–122: Die Gnade des Lehrers und die Lösung der Fesseln

113. Er kam vom Himmel herab, in einen Leib gekleidet und dem Karma entsprechend. Seine kühlenden Gnadenfüße streckte er aus und setzte sie fest auf mein Haupt. Siehe: Er stand in mir und ließ mein empfängliches Herz schmelzen. Meine Augen erfüllte er mit unvergleichlicher Seligkeit; alle Unreinheit vertrieb er.

114. Alle Unreinheit zerschlug unser Nandi mit dem Auge auf der Stirn. Vor seinem sich öffnenden Gnadenauge zerbrach sie, vor dessen strahlendem Licht sie erzittert. So setzte er seine korallenroten Füße fest in mein Herz, das kristallklar wurde.

115. Man spricht von den Dreien: Pati, Pashu und Pasha – Herr, Seele und Bindung. Wie Pati sind auch Seele und Bindung anfangslos. Doch Seele und Bindung gelangen nicht aus sich zum höchsten Herrn. Berührt der Herr sie, wird die Gebundenheit der Seele zunichte.

116. Wie der Funke im Bambus verborgen liegt, so flammte Nandi aus diesem Leibestempel hervor. Mit süßem Mitgefühl, sanfter als eine Mutter, zerschlug er die drei Unreinheiten. Wie die Sonne über dem Meer des Erbarmens ging er auf.

117. Der Sonnenstein ruht in Baumwolle gehüllt; von sich aus verbrennt er den zarten Stoff nicht. Doch fällt ein Sonnenstrahl darauf, wie rasch schrumpft die Baumwolle und flammt auf! So vergeht das Unreine vor dem reinigenden Blick des Herrn.

118. „Alle Unreinheiten werden wir vertreiben“, sprach der Herr in Gnade. Mit diesen Worten kam er von Sadashiva der fünf Sphären herab. Im erhabenen Saal drang er durch seine fünf göttlichen Tätigkeiten in die stillen Tiefen meiner Seele ein, alles erkennend.

119. Das Bewusstsein klammert sich an die fünf Sinne und treibt ohne Kenntnis seines Weges wie auf tiefem Wasser. Das sinnlich gebundene Bewusstsein im tiefen Bewusstsein aufgehen lassen: Diesen Weg zeigte er, der höchste Guru.

120. Wie der Schwan Wasser und Milch voneinander scheidet, so ergriff der Herr selbst, allein in diesem einzigartigen Saal, die vielen Sinne, die wie Feuer brennen. Dadurch machte er die sieben Geburten zu gerösteten Samen.

121. Shiva-Yogis sind jene, die den Samen vernichten und im Wachzustand reines Gewahrsein hervorrufen. In ununterbrochener Sammlung erreichen sie den in Versenkung ruhenden Atem, wenn Leben, Sinne und Leib gleichermaßen wie tot erscheinen.

122. Shiva Yoga bedeutet, Bewusstes und Unbewusstes zu erkennen und sich für die Askese des Yoga zu bereiten; selbstleuchtend zum Selbst zu werden und ohne Abirren in sein herrliches Reich einzutreten. Dies gewährte mir Nandi, der Herr der neun Yogas.

Erläuterung: Die drei Unreinheiten heißen im Shaiva Siddhanta Anava, Karma und Maya: begrenzendes Ichbewusstsein, Bindung durch Handlungen und Bindung an die differenzierte Erscheinungswelt. Geröstete Samen keimen nicht mehr; Vers 120 beschreibt damit das Erlöschen der Ursachen weiterer Geburten. Die Atemruhe in Vers 121 ist eine Aussage über yogische Versenkung, keine Anleitung, das Atmen gewaltsam zu unterdrücken.

123–132: Die Schau der Siddhas

123. Er ließ mich die Wahrheit erkennen, dass er alles durchdringt. Er schenkte mir die Schau einer Welt, die selbst die Götter nicht kennen: die Schau der heiligen Füße im kosmischen Tanz des heiligen Saales. Er gewährte mir unendliche Gnade und höchste Seligkeit.

124. Raum vermischt sich mit Raum, Nektar versinkt in Nektar, Licht löst sich in Licht auf. Die Erwählten, die Shiva-Siddhas, sind jene, die diese herrlichen Schauungen erfahren.

125. Siddhas sind jene, die Shivas Welt schon hier erschauen und Nada sowie das Ende des Klanges tief in sich verwirklichen. Sie ruhen im Ewigen, im Reinen, in unvermischter Seligkeit. Sechsunddreißig sind die Stufen, die zur Befreiung führen.

126. So stiegen sie die sechsunddreißig Stufen der hohen Leiter der Freiheit empor und traten in das unvergleichliche Licht der Seligkeit ein. Sie sahen Shiva, der sich nicht erklären lässt. Sie sahen, erkannten und blieben darin.

127. In Shiva verweilten sie und sahen sich selbst in allem. Schweigend betrachteten sie Shivas vielfältiges Wirken. Still waren sie Zeugen der drei Zeiten. So blieben sie selbstvergessen, während göttliche Unbewegtheit ihre dunklen Flügel ausbreitete.

128. Im reinen Raum sitzt die Unbewegtheit; im reinen Raum ruht sie. Wo die Veden enden, beginnt diese Stille. Wer sie erblickte, ruhte schlafend im Inneren der Veden.

129. Schlafend sahen sie in sich Shivas Welt. Schlafend sahen sie in sich Shivas Yoga. Schlafend sahen sie in sich Shivas seligen Genuss. Wie könnte man den Geist jener beschreiben, die schlafend sahen?

130. So sehr du dich bemühst, die Grenzen der Weisheit zu erreichen, so sehr schenkt dir Hara, das erste Sein, seine Gnade. Im einzigartigen Saal tanzt er, damit Uma ihn schaue: wie ein flammender Rubin am flammenden Himmel.

131. Wie ein Smaragd, der in einem Rubin leuchtet, wie ein in den Rubin eingesetzter Smaragd tanzt er den heiligen Tanz im Saal aus reinstem Gold. Welche Frucht erwartet jene, die ihn verehren!

132. Schon in dieser Welt empfingen sie den großen Weg der Unsterblichkeit. Schon hier erreichten sie das große Ziel jenseits weiterer Geburt: die einzigartige Gabe, vom reinen Saal ungetrennt zu sein, unaussprechliches Entzücken und eine Herrlichkeit jenseits aller Worte.

Erläuterung: „Schlaf“ und „Unbewegtheit“ bezeichnen hier Bilder innerer Versenkung, nicht bloße Bewusstlosigkeit. Uma ist ein Name der Göttin Parvati. Der heilige Saal ist zugleich Bild göttlicher Gegenwart und des Tanzes Shivas; er verweist im Werk auch auf die Verehrung Natarajas in Chidambaram.

133–142: Sammlung, Erkenntnis und Erinnerung an den Guru

133. Wer vermag wie unser Herr das Große und Kleine, das Schwierige und Leichte klar zu unterscheiden? Jene, die wie eine Schildkröte ihre fünf Sinne unter den Panzer zurückziehen: Sie hörten und sahen diese und die nächste Welt; alle Unreinheiten waren vertrieben.

134. Wie Ghee, geklärte Butter, fein verborgen in reiner Milch liegt, so spricht der Herr in der Stille zu einem Denken ohne Wellen. Wer ihn in solcher Stille erkennt und den sterblichen Leib ablegt, wird rein und geht im grenzenlosen Licht auf.

135. Wenn die fünf Sinne, beginnend mit dem Hören, den Weg des Chit, des Bewusstseins, einschlagen: Wohin sollte Bewusstsein gelangen, wenn nicht zum Bewusstsein? Im Raum verbindet sich Licht mit Licht. Beachte es: So löst sich Salz im weiten Meer.

136. Treffen die heftigen Sonnenstrahlen auf Wasser, tritt das nicht mehr gehaltene Salz in Kristallgestalt hervor. Wie dieses Salz zuvor im Wasser enthalten war, so ruht der Jiva, die Einzelseele, in Shiva.

137. Das winzige Atom durchschwimmt das weite Weltall und geht im Weiten auf; es kennt kein getrenntes Dasein mehr. So durchzieht die gestaltende Kraft des Geistes alle Körper. Beim Anblick seiner heiligen Füße entdeckt sie ihre uralte Heimat.

138. Die heiligen Füße sind Shiva – erkenne es. Die heiligen Füße sind Shivas Welt – bedenke es. Die heiligen Füße sind die Seligkeit der Freiheit – wahrlich. Dort liegt die letzte Zuflucht erleuchteter Seelen.

139. Die heilige Gestalt des Guru schauen, den heiligen Namen des Guru singen, das heilige Wort des Guru hören und über das heilige Wesen des Guru meditieren: So empfängt die Seele ihr Licht.

140. Dann kommen die fünf Sinne gewiss unter deine Herrschaft; dann kehren sie zu ihrem ursprünglichen Wohnort zurück; dann ändern sie ihre Richtung – wenn du einzig die Seligkeit der vollkommenen Gnade unseres Herrn suchst.

141. Alles, was sie sehen, sind Nandis zwei heilige Füße. Alles, woran sie denken, ist Nandis göttliche Gestalt. Alles, was sie singen, ist Nandis Name. Alle ihre Gedanken erfüllen Nandis goldene, weise Worte.

142. Wer Nandis heiligen Namen im Geist bewahrte, den Namen des Herrn der Weisheit, wurde heilig. Als der Herr tanzte, schauten sie ihn mit entzückten Augen. Während die Veden sein Lob sangen, erreichten sie das heilige Ufer des Himmels.

143–152: Der Leib vergeht

143. Der Ton des Gefäßes war einer, doch aus den beiden Arten von Karma wurde es geformt. Fest stand es, bis das Schicksal seinen ernsten Ruf erschallen ließ. Dann strömte der Regen, und das Gefäß wurde wieder zu Ton. So vergehen unzählige Scharen und sinken ins Grab.

144. Wenn dieses Dach der Freuden durch Gebrauch zerfällt, folgen weder Frau noch Kinder, die sich daran erfreuten, der scheidenden Seele. Nur die gehaltenen heiligen Wachen und die gewonnene Weisheit bleiben ihr zur Rettung. Alles andere schwindet und verlässt uns.

145. Die Nachbarn versammelten sich und klagten laut und lange. Seinen Namen nannten sie nicht mehr: „Leichnam“ hieß er nun. Sie trugen ihn zum Verbrennungsplatz und verbrannten den Körper. Dann ein rituelles Bad – und mit den Stunden verblasst die Erinnerung.

146. Zwei Säulen tragen dieses Dach und einen einzigen Balken; zweiunddreißig Sparren erstrecken sich seitwärts. Wenn aber das Dach zerfällt und bricht, findet der Lebensatem den Weg in sein Haus nicht zurück.

147. Die Wunde wurde brandig; der vom Karma geformte Körper lockerte sich in seinen Gelenken. Der Dachbalken vermoderte und stürzte ein. Mit dem Finger an der Nase trugen sie den toten Leib fort: ein reiches Mahl für die Raben.

148. Ein üppiges Mahl stand bereit; er aß und freute sich. Mit lieblichen Frauen vergnügte er sich im Liebesspiel. „Ein kleiner Schmerz – hier links“, stöhnte er. Er legte sich nieder und wurde dem Staub übergeben.

149. Im Stolz seiner Pracht errichtete er ein stattliches Haus. Im Rausch des Reichtums stieg er in die Sänfte. In eitlem Übermaß verteilte er Gaben in Millionenhöhe. Doch seine Seele suchte nie den grünen Zufluchtsort des Herrn.

150. Lippen berührten Lippen, Leiber liebkosten sich in enger Umarmung, und überreiche Liebe sättigte sich. Dann starben die lange gehegten Erinnerungen. Bald lag der Körper auf der Bahre, von Trauernden beklagt. Alle Leidenschaften waren verbraucht; in aufspringenden Flammen verging der Leib.

151. Der Puls versagte; der Geist verlor seinen Halt an der Achse. Die fünf Sinne, die butterreiche Süßigkeiten genossen hatten, verließen ihr Haus. Die schönäugige Geliebte und die geliebten Schätze blieben zurück. Doch der Lebensfunke verließ für immer die warme Behausung aus Erde.

152. Das Dach zerbrach; die Bande des Lebens lösten sich. Die neun Tore des Hauses schlossen sich für immer. Die Zeit schritt schmerzlich und immer rascher fort. Einer nach dem anderen ging weinend fort, während die Stunden verstrichen.

Erläuterung: Die Körperbilder wollen die Dringlichkeit spiritueller Besinnung wecken. Die „neun Tore“ sind die Körperöffnungen. Einzelne anatomische Zahlen und Bilder der Vorlage werden bewahrt; sie sind keine moderne anatomische Beschreibung.

153–167: Was bleibt beim Abschied?

153. Herr unseres Landes war er, alleiniger Führer unseres Ortes. Nun bestieg er die Sänfte zur letzten Reise. Hinter ihm gingen die Trauernden, vor ihm ertönten die Trommeln. So zog der feierliche Zug in langer Reihe dahin.

154. Dreißig, dreißig und sechsunddreißig, so heißt es, wohnten sicher hinter den Tempelmauern. Sie sahen die Mauern des Tempels einstürzen und zerbrechen. Alle verschwanden gleichermaßen, ohne eine Spur zu hinterlassen.

155. Der Tod entreißt dem bezaubernden Becher des Lebens die honigsüßen Freuden mit der Gattin und die gehüteten Schätze des Herzens. Die Verwandten trugen ihn auf der Bahre zum gemeinsamen Verbrennungsplatz. Nachdem sie die Last abgesetzt hatten, eilten sie heim: Ihr Anteil war getan.

156. Dem Leib war sein letztes Schicksal bereitet; Freunde und Verwandte zerstreuten sich. Einige aber blieben: Schon lange hatten sie das Vermögen des Toten begehrt. Auf Reichtum bedacht, den Menschen für immer festhalten zu können meinen, fieberten sie nach dem, was sie heimlich forttragen könnten.

157. Trauernde Freunde, die weinende Gattin und die lieben Kinder folgten ihm nur bis an den Fluss, keinen Schritt weiter. Dann fiel das Zeichen der Trauer ab, rasch wurde der Scheiterhaufen entzündet. Ein Bad im Wasser – und unversehrt im Herzen blieb die gnadenlose Schar zurück.

158. Dieses ganze Weltall mit seinen reichen Schätzen formte der große Töpfer aus wassergetränktem Ton. Zerbricht ein geformter Topf, bewahrt man noch seine Scherben. Zerbricht aber der belebte Leib, wer möchte ihn auch nur eine Weile behalten?

159. Fünf Teile des Kopfes, sechs Haarflechten, dreißig Gelenke und achtzehn Seiten, neun Dächer und fünfzehn Reihen: Alles wurde zu Asche verbrannt. Darüber hinaus wissen wir nichts.

160. Feigenfrucht und grüne Samen wurden in Stücke geschnitten, in einen Topf gelegt, vermischt und zu Brei zermahlen. Die grünen Samen verzehrten die Feigenfrucht. Laut klagten sie und trugen den Leib eilig davon.

161. Kein schützendes Dach oben, kein fester Boden unten: Zwei Beine stützen, ein mittlerer Balken liegt quer. Oben roh gedeckt, innen ohne Auskleidung – ein leeres Gefäß, in das Gewand des Karma gehüllt.

162. Verlassen lag der Festsaal, ohne Licht und Schmuck. Verschwunden waren die schwingende Gestalt und die blitzenden Füße des Tänzers. Nun sangen sie ein anderes Lied, eine klagende Weise. Sie suchten Feuer und warfen den Leib in seine verzehrende Hitze.

163. Nach dreihundert Tagen trat die Leibesfrucht hervor. Nichts bleibt nun von ihr, liebe Freunde, das wisst ihr. In zwölf Jahren lernte sie, die reichen Düfte des Lebens wahrzunehmen. Mit siebzig wurde sie zu Staub: So kurz endet das Schauspiel.

164. Die Lampe bleibt, doch die Flamme ist erloschen. Laut klagen die Toren und erkennen die Wahrheit nicht. Auf den Tag folgt die Nacht: Das verstehen sie nicht. Darin versunken sinken sie nieder, stöhnen und schluchzen immer weiter.

165. Der Leib, den der Herr mit den blühenden Konrai-Blüten schuf, und das Leben, das den Göttlichen nicht verehrt, liegen verlassen in der siebten Hölle. Sie winden sich in Schmerz und sprachloser Qual. Die Verwandten schreien, heulen und seufzen in lauter Klage.

166. Mit Pferd und Schwert, unter ausgebreitetem Baldachin füllt der Mensch seine flüchtigen Jahre mit Lebensstolz. Doch gerade während der prächtige Zug vorbeizieht und sich von links nach rechts bewegt, erlischt der Atem des Lebens.

167. Was macht es, ob Raben an ihm fressen und Vorübergehende ihn verachten? Was macht es, ob ihr ihm zum Abschied Milchtropfen gebt oder viele spotten? Wisse: Diesen Ledersack bläht der große Spieler eine Weile auf und schlägt ihn lächelnd wieder zusammen.

Quellenhinweis: Vers 154 zählt sechsundneunzig Prinzipien des verkörperten Daseins; diese Zählung ist von den sechsunddreißig Tattvas in Vers 125–126 zu unterscheiden. Die genaue Symbolik der Aufzählung in Vers 159 und des Fruchtbildes in Vers 160 erklärt die englische Versfassung nicht. Sie wird daher nicht durch eine freie Deutung ersetzt.

168–176: Reichtum ist keine bleibende Zuflucht

168. Bevor andere deine Güter fortnehmen, deinen Elefanten und Wagen, deine Königswürde und dein Ansehen: Suche die Zuflucht des Herrn, solange das Leben noch in dir pulsiert. Dir, der du vor Furcht erschütterst, wird wahre Askese ihre Frucht schenken.

169. Der strahlende Mond, der das Leben belebt, wird zu dichter Dunkelheit. Was wäre da über Reichtum zu sagen, der kein besseres Schicksal erwarten kann? Suchst du aber ohne Wanken den Himmelskönig, fallen erlesene Schätze wie strömender Regen zu deinen Füßen.

170. Töricht sind jene, die ihren Reichtum ihr Eigen nennen, obwohl sie sehen, dass selbst der stets nahe Schatten ihnen nicht hilft. Das Leben, das mit dem Leib kommt, geht ebenso gewiss wieder fort. Sie erkennen nicht das Licht, das dem sehenden Auge seinen Glanz verleiht.

171. Die fleißige Biene fliegt von Blüte zu Blüte, sucht, wittert und sammelt ihren süßen Honigvorrat. Bald aber gräbt der listige Dieb danach und stiehlt den angehäuften Reichtum. Bei unseren irdischen Schätzen wiederholt sich dieselbe Geschichte.

172. Wäge Für und Wider gut ab; hast du abgewogen, schwanke nicht. Verliere nicht die Orientierung im Strudel des Reichtums. Wirf den vergänglichen Schmuck irdischer Schätze ab. Wenn der bleiche Bote kommt, sei zum großen Sprung bereit.

173. Wie fest klammern wir uns an Viehbestand und glänzenden Reichtum – unbeständiger noch als ein Boot, das mitten im Strom kentert! Die Menschen sehen nur den zerfallenden Leib und erkennen nicht das verbindende Band zur ewigen Befreiung.

174. „Lebensfreuden, Frau, Kinder und Brüder – alles gehört uns“, sagen sie, ohne zu wissen, wie zerbrechlich und flüchtig diese Freuden sind. Seelen aber, die sich nach dem wahren Schatz sehnen, ihn suchen und auf ihn bauen, finden festen Halt und unfehlbare Begleitung.

175. Unsere Wünsche wachsen, doch niemand findet die Wahrheit. Einen Pfahl gibt es zum Festhalten, aber neun Ausgänge zum Fortgehen. Die alten vertrauten Gesichter kommen lächelnd, grüßen und verneigen sich. Doch sie täuschen uns und verlassen uns ohne Aufschub.

176. Verlässt der Lebensfunke die sterbliche Form, kann keine Bestechung ihn zurücklocken. Denke, denke an den Herrn! Die treuen Diener des Todes sind rastlos in ihrem Auftrag. Dass noch warmer Atem in dir pulsiert, hält sie nicht auf.

177–186: Nutze die Jugend zur inneren Reifung

177. Sie sehen die Sonne im Osten aufgehen und im Westen untergehen und bleiben doch blind für diese Wahrheit. Das zarte Kalb wächst, wird eine Weile kräftig und stirbt. Dieses wunderbare Schauspiel der Welt verstehen sie nicht.

178. Die Jahre rollen dahin, doch niemand hält den Herrn im Herzen, niemand erforscht und erkennt ihn in der Tiefe. Selbst wenn der Faden der Zeit bis zum Äußersten gedehnt würde, erkennten sie noch nicht den Funken, der alle Lampen ringsum entzündet.

179. Wenn die Jugend ihren Tanz beendet und dem zitternden Alter gewichen ist, bleibt kaum Gelegenheit, die Jahre mit immer mehr guten Taten zu füllen. Richte daher deinen Geist auf Nandi, solange das Leben pulsiert; in seine ausgebreiteten Haarflechten strömen ewig die heiligen Wasser der Ganga.

180. Einst schenkten ihm zärtliche junge Frauen ihre Liebe. Wie langsam genossener süßer Zuckerrohrsaft war er ihnen, den juwelengeschmückten Frauen mit aufblühenden Brüsten. Nun aber ist das süßeste Zuckerrohr zur bitteren Brechnuss geworden.

181. Der Knabe wird zum jungen Mann, die Jugend verfällt gewiss zum Alter. Doch die Veränderungen der Zeit lehren die Menschen nicht, dass nichts bestehen bleibt. Darum suche ich unablässig seine heiligen Füße: den, der diese Welt übersteigt und jenseits des Weltalls herrscht.

182. Tag für Tag erwachen wir und begrüßen den Morgen. Tag für Tag suchen wir das nächtliche Lager. Mag der gute, große Gott auch zornig die Stirn runzeln: Seine wahren Verehrer verlieren niemals die Gewissheit seiner großen Liebe.

183. Fünf starke Nadeln birgt dieser Sack der Sinne. Frei bewegen sie sich in diesem tierischen Leib. Zähmst und bezwingst du diese fünf Nadeln, gibt es diesen Sack, der in den Lebenskreislauf verwickelt ist, nicht mehr.

184. Die Menschen wissen nicht, dass die strahlende Sonne, die wir täglich sehen, den Bogen des Lebens und seine Spanne misst. Wir erreichen den Himmel oder fallen dem Karma anheim. So wird unser Geschick durch das bestimmt, was wir im Frühling der Jugend tun.

185. Die Unwissenden bedenken nicht einmal kurz, dass die zweimal acht Kalas in ihnen bestehen. Wenn der Tod seine Fanggrube bereitet, stürzen sie kopfüber hinein, gänzlich der Verblendung überlassen.

186. In den dir zugemessenen Tagen, bevor die Jugend vergeht, schütte dein Herz in Lobliedern an den Herrn aus. In den mir zugemessenen Tagen ließ ich keine Minute ungenutzt. In diesen Tagen blieb ich, alles schauend, innerlich frei.

Erläuterung: Die fünf Nadeln in Vers 183 veranschaulichen die Sinne. „Kala“ kann Teil, Kraft oder Strahl bedeuten; die sechzehn Kalas werden hier als innere Kräfte vorausgesetzt. Die drastischen Altersbilder wollen zu rechtzeitigem Erwachen aufrufen und sind keine Aufforderung, ältere Menschen abzuwerten.

187–196: Vergängliches Leben und tätiges Mitgefühl

187. Sie sehen die üppig sprießenden Knospen an zarten Zweigen. Sie sehen, wie kurz ihre Schönheit aufleuchtet und vergeht. Dennoch suchen sie die heiligen Füße nicht. Ach, sie wissen nicht, wann der sichere Ruf von oben kommt.

188. Ein Feld lag bereit und reif für die Arbeit der fünf Sinne. Die Fünf bewachten und bestellten dieses eine Feld. Doch als der ernste Ruf vom Herrn der Fünf kam, flohen alle fünf und verließen das Feld für immer.

189. Eine ist diese Leibestrommel; zwei Rhythmen geben den Takt. Fünf Meister führen in ihr ihr Spiel vor. Als aber der große König, der darin wohnt, fortging, lag die Trommel zerbrochen da, ein Haufen unbelebter Erde.

190. Der Herr dieses zerbrechlichen Leibes, der zu Asche wird, der Herr des Vedanta-Tanzes, ist Nandi. In dieser zerfallenden Gestalt spielt er. Wer nicht erkennt, welch leeres Gefäß der Leib ist, erkennt auch nicht, was das Leben trägt und erhält.

191. Die Sonnenstrahlen besuchen alle zehn Richtungen. Doch Menschen, die mit ihrem kleinen Verstand messen, erkennen dies nicht. Sie bedenken es nicht und versenken sich nicht in das tiefe Geheimnis: Diese Erdenmenschen sind mit ihrem Geist in niedrigen Leidenschaften gefangen.

192. Die Urkunde ist ausgefertigt, ihre Bedingungen sind klar festgelegt. Dennoch wird sie zerrissen; darüber denken die Menschen kaum nach. Glänzende dunkle Haare werden ganz grau. Ebenso sind Geburt und Tod eines, nicht zwei.

193. Derselbe Reis des Lebens kocht in allen Leibestöpfen. Die Fünf sind der Brennstoff, der die brennenden Drei nährt und entzündet. Spende Reis, damit das Feuer neuer Geburt nicht wieder aufflammt. Tage, an denen solche Taten versäumt wurden, sind dir für immer verloren.

194. Die Biene, die Nektar sucht, fliegt hoch zur Blüte am Gipfel und trinkt dort allein den duftenden Saft. Ebenso streben jene, die die segensreiche göttliche Gnade suchen, nach dem Licht jenseits der Reichweite der Augen.

195. Vollbringe edle Taten, um gutes Karma zu gestalten. Preise den Heiligen, um das heilige Land zu erreichen. Dies ist das Gesetz, das wir brauchen: das Gesetz für Menschen, die mit irdischem Leben beschenkt sind und das ewige Leben suchen.

196. Sprich nicht aus Neid und verlasse nicht den Weg des Dharma. Begehre nicht mit gierigem Blick den Reichtum anderer. Wenn du dich zum Essen setzt, stimme dein Herz auf Mitgefühl ein: Teile mit anderen, bevor das Mahl beginnt.

197–200: Nicht töten und Verfehlungen meiden

197. Viele Blumen gibt es für die Verehrung des geliebten Meisters. Töte nicht einmal das kleinste Teilchen Leben! Die schöne Girlande, die beständige Flamme, der feste Wille und das inbrünstige Herz: Das ist die Krönung der Verehrung.

198. Die Menschen, die „Tötet und stecht zu!“ riefen, binden die rohen Diener des Todes mit starken Seilen. Sie stellen sie an die Feuertore der Hölle und schreien: „Steht! Geht! Und brennt in der Feuergrube!“

199. Die Unedlen, die Fleisch verzehren, fesseln die Diener des Todes vor aller Augen. Schnell stoßen sie sie in die feurigen Rachen der Hölle und werfen sie hinab, damit sie dort für immer bleiben.

200. Töten, Stehlen, Trinken, wollüstiges Begehren und Lügen: Verabscheue und meide diese schrecklichen Verfehlungen. Zu denen, die Shivas heilige Füße und die ewige Seligkeit erreichen, kommen sie nicht. Solche Menschen ruhen immer in der Seligkeit der Weisheit.

Erläuterung: Die Verse 197–198 bilden in der Quelle den Abschnitt über Nichttöten, 199–200 den Abschnitt gegen Fleischessen. Höllenbilder und Strafandrohungen werden als Aussagen des überlieferten Textes wiedergegeben. Als heutige Reflexion lässt sich fragen, wie Ahimsa, das Nichtverletzen, in Ernährung, Sprache und Verhalten konkreter werden kann; diese Reflexion ist von der wörtlichen Strafvorstellung zu unterscheiden. 201–208: Treue und die Gefahren ungezügelten Begehrens

201. Die geliebte Ehefrau sehnt sich zu Hause nach ihm, doch der begehrliche junge Mann verlangt nach der behüteten Frau des Nachbarn. So verschmäht einer die köstliche reife Jackfrucht und sehnt sich nach dem geringeren Geschmack der stacheligen Dattel.

202. Die süße, reife Mango, liebevoll gepflegt, vergraben sie tief, weil sie sie noch für unreif halten. Dann klettern sie auf den knorrigen Tamarindenbaum, um saure Früchte zu holen, und brechen sich dabei die Glieder: So handeln die von den Sinnen Betörten.

203. Der König unermesslicher Schätze und die erhabenen Seelen, deren Weisheitslicht die umgebende Dunkelheit vertreibt – selbst sie erliegen dem sinnlichen Reiz einer Frau. Wird ihr Urteil so versklavt, eilen sie ihrem Untergang entgegen.

204. Schön mögen die Blätter des Brechnussbaumes sein; seine reichen Früchte schmecken bitter und sind ungenießbar. Schenke dein schwankendes Herz in der Hitze der Leidenschaft nicht den Frauen mit gerundeten Brüsten und verlockendem Lächeln.

205. Weltliche Menschen, die geschlechtliche Freuden suchen, werden wie kreisendes Wasser in einen Strudel gezogen. So ist ungezügelte Leidenschaft: flüchtig wie ein Traum. Sie hat keinen dauerhaften Bestand. Lass dich von ihrem verführerischen Zauber nicht täuschen.

206. Von der Anmut einer zarten Frau in die Schlinge der Leidenschaft gelockt, fielen sie in ihre Arme und versanken in der warmen Umarmung. „Dies ist die Krönung des Lebens, würdig, dass die Götter sie teilen!“ So sprachen sie – und gingen fort, ohne eine Spur zu hinterlassen.

207. „Welche Freuden suchen oder finden wir im Reiz einer Frau?“ Die wahrhaft Weisen beschreiben ihren Verlauf so: „In der Hand wie der süße Saft aus der Zuckerrohrpresse; im Körper aber bitterer als der bitterste Neem.“

208. Die im Geist Unfesten bemühen sich in eitler Torheit, Samen tief in einem moosbedeckten Teich zu pflanzen. Werden sie nicht rechtzeitig gebunden und zurückgehalten, verlieren sie sich unwiederbringlich in niedrigem, unreinem Geschlechtsverlangen.

Erläuterung: Die Quelle trennt 201–203 als Abschnitt gegen Ehebruch von 204–208 als Warnung vor verführerischen Frauen. Die Übersetzung bewahrt diese männlich-asketische Sicht, ohne sie als zeitlose Aussage über den Wert von Frauen auszugeben. Eine heutige Reflexion kann bei Treue, Verantwortung und der Freiheit von zwanghaftem Begehren ansetzen.

209–213: Lebensunterhalt und bleibende Zuflucht

209. Sind die Kleider zu Fetzen zerrissen, wird das Leben zur freudlosen Wüste. Geliebte und vertraute Freunde verlassen einen; sie haben keine Liebe mehr übrig. Nichts bleibt zu geben oder zu erbitten, kein Glanz und keine Pracht. Vernachlässigt gehen sie wie Automaten umher, traurig und entblößt.

210. Kaum graut der Tag, bemühen sich die Menschen, die Magengrube zu füllen. Mit den nötigen Werkzeugen versuchen sie, die hungrige Leere zu stopfen. Unser Weg aber ist, ihn zu preisen, welchem Lebensunterhalt wir auch nachgehen. Gewiss wird jene Grube gefüllt, wenn das Unreine in uns fortgefegt ist.

211. Um die steinige Magengrube zu füllen, suchen sie kostbares Gold. Doch wie schwer es ist, die Grube der Geburten zu füllen, wissen sie kaum. Erst wenn du wahre Weisheit erlangst und diese Grube beherrschst, wird sie gefüllt: wenn das Leben rein gewaschen und bereitet ist.

212. Unerbittlich wie strenges Karma verfolgen uns unsere Angehörigen, ohne nachzulassen. Entzünde daher rechtzeitig die Lampe der Weisheit, bevor das Leben den Körper verlässt. Bleibe gesammelt nahe bei dem Weg, den dieses neue Licht erhellt.

213. Die Sechs bedrängten ihn in Gestalt der Leidenschaften; die Fünf quälten ihn mit unzähligen Leiden. Karma verfolgte und peinigte ihn Geburt um Geburt. So lernte er, diesem Leben zu entsagen, und fand allein im Herrn Zuflucht.

Erläuterung: Die „Fünf“ bezeichnet hier die Sinne; die „Sechs“ wird in der englischen Vorlage als Gruppe der Leidenschaften aufgefasst. Die Bilder von Hunger und Armut sind keine Aufforderung, notwendige Fürsorge zu vernachlässigen: Unmittelbar zuvor fordert der Text zum Teilen auf.

214–223: Das Opferfeuer und die Flamme im Herzen

214. Untadeliger Wohlstand, der weite Himmel und die Erde, alle Himmelsrichtungen und die dort herrschenden göttlichen Scharen: Sie alle gedeihen im Gefolge des Erfolgs, wenn wahre Brahmanen, bei den Veden beginnend, den Weg des Opfers beschreiten.

215. Die vedischen Brahmanen, die heilige Opfer vollziehen, geben, bevor sie selbst essen, denn ihr Streben gilt der Befreiung. Wie sie in wahrer Erkenntnis hervorragen, so gehen sie auch im Verhalten voran, geradewegs auf das eine Ziel zu.

216. Wer unseren Herrn anruft, das Feuer im Feuer, gehört zu den wahren Brahmanen und ist uns eine gute Stütze. Tag und Nacht entzünden sie die Opferflamme und führen uns auf dem reinen Weg zum himmlischen Hafen.

217. Wenn sie morgens und abends in Hingabe die heiligen Worte singen, stehen die beiden Jungfrauen Gayatri und Savitri lächelnd in Gnade bei ihnen. Dann fliegen die zwei Vögel, aus einem Samen hervorgegangen, eilig davon: gutes und schlechtes Karma.

218. Wer erkennt, dass in der stetigen Flamme des Opfer-Ghee alles Dunkle für immer verzehrt wird, weiß auch: Der Tag, an dem wir aus dem Griff des Karma frei werden, ist unser Tag bleibenden Reichtums, die wahrste Gabe des heiligen Feuers.

219. Alle Verfehlungen vergehen wie ein Docht, den die Flamme rasch verzehrt. Alle Krankheiten, die Karma nach sich zieht, schwinden. Im aufsteigenden Opferfeuer vergehen und fallen sie; alle Übel, die unsere Taten schaffen, werden versengt.

220. Fest überzeugt, dass großer Reichtum ein schwerer Fluch ist, hungerten sie nach dem Herrn, der uns den reichsten Schatz gab. Hoffend und träumend warteten sie auf die unsterbliche Gabe. Alle Opfer vollzogen sie, um unvergänglichen Reichtum zu erlangen.

221. Er ist die reine Flamme, der unsterbliche Herr, das strahlende Feuer im Innersten meines Herzens. Seine Augen sind die drei Feuer. Er übersteigt die sieben Welten, ist der Herr der kühlenden Homa-Flamme und zugleich König meines Herzens.

222. Im Feuer des Homa ist mein Herr; auch in der Flamme des Scheiterhaufens sitzt er. Das Homa-Feuer, das das wogende Meer des Karma versengt, das Feuer, das der mächtige Quirler im Meer hervorbrachte, besteht fort.

223. Wer in wahrer Askese strebt, den vedischen Riten folgt und überall die Opferflamme entzündet, wer unermüdlich und ohne sich zu schonen das heilige Feuer nährt: Dem gehört die wahre ewige Flamme, dem der unsterbliche Name.

Erläuterung: Homa ist ein Feueropfer. Die Aussagen über Krankheit in Vers 219 sind religiöse Aussagen der Quelle; sie begründen weder eine medizinische Wirkungsgarantie noch eine Schuldzuweisung an erkrankte Menschen.

224–237: Wahres Brahmanentum und innere Erkenntnis

224. Brahmanen sind jene, die die sechs Pflichten erfüllen, das glühende Feuer pflegen und dreimal täglich beten. Sie stehen fest auf dem heiligen Weg und singen morgens und abends die vedischen Hymnen. So lösen sie alle Knoten des Lebens.

225. Eifrig nehmen sie die edle Lehre des Vedanta in sich auf und gehen im Pranava, dem aus drei Lauten bestehenden Om, auf. Sie überschreiten die Stufen Nadanta, Vedanta und Bodanta und schauen den Herrn als letztes Ziel. Dort wachsen sie in endlose Seligkeit hinein.

226. Ihr Geist ist auf die heilige Gayatri und die geheimnisvolle Savitri gerichtet. Sie singen die edlen Hymnen und suchen das Herz der Wahrheit. Auf dem Wagen der Liebe, in süßer Liebesekstase versunken, ertrinken die demütigen heiligen Brahmanen nicht in Maya.

227. Tief bedachten sie den großen heiligen Weg des Pranava. Von der Gnade des Guru inspiriert, sprachen sie den geheimnisvollen Gesang und vollzogen die von den vier Veden vorgeschriebenen Riten. So erreichten sie reine, ursprüngliche Offenbarkeit: die makellosen Brahmanen.

228. Wahrheit und Askese, das Selbst, das zu ihm wird; die quälenden Sinne wie mit einem Speer durchdringen; die Einheit des Lebens und seine Verwandtschaft erkennen: Das ist Brahman, das die Fesseln der Geburt zerreißt.

229. Die Brahmanen, die nach den geheimnisvollen Wahrheiten des Vedanta verlangten, hörten und lauschten, gaben aber weiterhin dem Begehren nach. Wahrer Vedanta ist es, wenn alle irdischen Wünsche überwunden sind. Wer Vedanta wahrhaft erfasst hat, hat alles Begehren verbrannt.

230. Beweisen Faden und Haarschopf allein, dass jemand Brahmane ist? Dann wäre der Faden nur eine dunkle Fessel und der feine Schopf nur langes Haar. Der wahre Faden ist Vedanta; der heilige Schopf ist Weisheit. Dies erkennen die Brahmanen wirklich; diese Tugenden gehören ihnen.

231. Ohne Wahrheit, ohne reine Weisheit, ohne Beherrschung der Sinne, geistlich träge, leer an Hingabe und ohne Verständnis göttlicher Wahrheit: Solche sind verwirrte Toren, keine Brahmanen, erkläre ich.

232. Der heilige Weg ist weder Chit noch Achit, weder Bewusstes noch Unbewusstes. Auf dem vom Guru gezeigten Weg erreichen sie den gesegneten heiligen Zustand. Sie lassen alle Handlungen und Riten zurück: Die vedischen Brahmanen gleiten in den Turiya-Samadhi, die Versenkung im vierten Bewusstseinszustand.

233. Wenn die Kenner des Veda die wahren Brahmanen sind, dann wanken sie nicht in der erhabenen Lehre des Vedanta. Alles andere erkennen sie als eitlen, geringwertigen Schmuck. Solche Brahmanen erforschen die Tiefen der Veden.

234. Die heiligen Brahmanen führen ein reines Leben und bedenken gründlich die Wahrheiten, die den Abschluss der Veden bilden. Pflegen sie morgens und abends das Opferfeuer, verblasst ihr Ruhm nicht, und das irdische Reich ihres Königs wächst beständig.

235. Wenn das Licht des Vedanta aufgeht, werden sie vom Karma frei. Dann steigen sie auf dem Weg zum Licht Nadantas empor. Erreichen sie so den Herrn des Bodanta-Lichtes, erlangen sie Befreiung: die große Vollendung von Nadanta und Siddhanta.

236. Wenn „du“ und „ich“ in einem aufgehen und sie die Wahrheit sehen, suchen sie den siegreichen Herrn, der fest und friedvoll thront, jenseits allen Wortschwalls wohlklingenden Lobes. Nur solche erlangen die wahre, verehrungswürdige Gnade.

237. Die beiden Bindungen, Maya und Karma, fallen von selbst ab. Das Selbst, das Befreiung sucht, nimmt nichts anderes mehr an. Brahma auf seinem Lotussitz, göttlich erfreut, geht im Om auf, um die Opfergabe zu empfangen.

Erläuterung: Nadanta meint das Ende beziehungsweise Überschreiten des inneren Klanges; Bodanta die Vollendung des Erkennens. Siddhanta bezeichnet die abschließende, gefestigte Lehre. Der heilige Faden und der Haarschopf in Vers 230 sind äußere Zugehörigkeitszeichen; der Vers fordert ausdrücklich die ihnen entsprechende innere Erkenntnis.

238–247: Die Verantwortung des Herrschers

238. Der unwissende König und der Tod sind aus derselben Form gegossen. Doch wahrlich: Gerechter als der törichte König fordert der Tod seinen Anteil. Der verständnislose Tyrann gehorcht keinem Gesetz, sondern tötet in mörderischer Wut. Der Tod ist von besserer Art: Den wahrhaft Guten kommt er nicht nahe.

239. Das heilige Gesetz soll täglich streng beachtet werden. Versäumt der Herrscher des Landes, den göttlichen Weg zu suchen, verfällt das Land Tag für Tag, in Torheit gehüllt. Tag für Tag sinkt und schwindet der Reichtum dieses Herrschers.

240. Was nützt heiliges Gewand, wenn du ein heiliges Leben verweigerst? Wahr ist das Gewand, wenn äußere Erscheinung und Geist übereinstimmen. Regiert der König gerecht gegenüber denen, die vom heiligen Weg abweichen, führt er sie zur Treue gegenüber diesem Weg und lenkt ihre Schritte zur sicheren Befreiung.

241. Wenn Brahmanen, noch immer in Torheit befangen, mit Schopf und heiligem Faden prahlen, welkt das Land und der Ruhm seines Herrschers geht zugrunde. Darum soll der König im Licht der Weisheit genau prüfen und Faden und Schopf abschneiden, die nur zur Schau getragen werden.

242. Die verständnislosen Toren tragen heiligen Faden und verfilzte Haare und geben mit gesungenen Formeln eine Weisheit vor, die sie nicht besitzen. Der Herrscher soll sie mit Hilfe weiser Menschen prüfen und ihnen zum Wohl des Landes weise Unterweisung geben.

243. Die Kuh, die Frau, die wahrhaft heiligen Brahmanen und jene im heiligen Gewand, die von den Göttern gepriesen werden: Sie soll der König schützen. Vernachlässigt er diese Pflicht, bleibt seine Hölle ohne Erlösung und sein Name verflucht.

244. Suchst du höchste Befreiung und wahre Schätze, dann folge wachend wie schlafend unablässig dem heiligen Weg. Wisse: Von der Arbeit, die in dieser meerumgürteten Welt geleistet wird, steht dem König wahrlich ein Sechstel zu.

245. Schützt der Herrscher sein Land vortrefflich, richten auch die Untertanen pflichtgemäß ihr Streben auf dieses Ziel. Dringt der Feind in stolzer Gier in das Land ein, springt der König wie ein Leopard vor, um sein Reich zu verteidigen.

246. Den Atem beherrschen, das innere Feuer aufsteigen lassen und den Geist auf den mondentsprungenen Nektar des Samadhi richten: Wenn Menschen davon nicht trinken, sondern wie Trunkenbolde berauschende Getränke maßlos verzehren, soll der Herrscher sie gerecht bestrafen.

247. Wer sich nicht an den Glauben hält, zu dem er sich bekennt, empfängt nicht nur im kommenden Leben sein Urteil. Nach dem von Shiva offenbarten Gesetz der Agamas soll ihn auch auf Erden der gerechte Herrscher des Landes bestrafen.

Quellenhinweis zu Vers 239: Der englische Absatz beginnt mit einem versehentlich wiederholten Fragment aus Vers 238. Dieses redaktionelle Doppelstück ist nicht erneut als Versinhalt übersetzt.

Historische Einordnung: Diese Verse beschreiben religiös gebundene Königsherrschaft und enthalten Zwangs- und Strafvorstellungen. Sie sind historische Textaussagen, keine heutige Empfehlung, Glaubensabweichungen staatlich zu bestrafen. Der Gedanke verantwortlicher Herrschaft lässt sich besprechen, ohne die damalige Rechtsordnung zu übernehmen.

248–259: Regen, Großzügigkeit und einfache gute Taten

248. Die befruchtende Regenflut strömt herab und lässt Bäume und Pflanzen, reich an Saft, erblühen: Arekapalme, Kokospalme, Zuckerrohr und grüne Banane, auch die Brechnuss, die zum Nektar des Samadhi führt – reich beladen stehen sie mit ihrer Frucht.

249. Der vom Himmel gesandte Strom springt rauschend über felsige Höhen herab. So fließt der stille göttliche Strom aus der tiefsten Mitte des Herzens: schaumlos, rein, klar und kristallhell, grenzenlos und frei, unablässig von meinem heiligen Meister.

250. Gib allen freigebig; mache nicht zu viele Unterschiede. Sorge dafür, dass andere zu essen bekommen, bevor du dich setzt. Häufe kein vergängliches Gold an und iss nicht in gieriger Hast. Die Krähe ruft ihre Jungen, um selbst das süßeste Futter mit ihnen zu teilen.

251. Wer das Selbst erkennt, sucht und verehrt die Füße des Herrn. Wer das Selbst erkennt, gibt höchst freigebig. Wer das Selbst erkennt, wird Herr über die Tattvas. Wer das Selbst erkennt, ist dem Herrn in inniger Freundschaft verwandt.

252. Jeder kann dem Herrn ein grünes Blatt zur Verehrung darbringen. Jeder kann einer Kuh einen Bissen geben. Jeder kann beim Essen eine Handvoll teilen. Jeder kann anderen gute, freundliche Worte schenken.

253. Nahrung, die Bedürftige nährt: Das allein ist wahre Wohltätigkeit. Wahrhaftige Menschen erkennen diese einfache Wahrheit. Wer aber hortet wie Wasser in einem unzugänglichen Teich, um selbst zu essen und sich vollzustopfen, ist blind für den Weg des Gebens.

254. Den Schmutz vertreibst du nicht, mit Weisheit füllst du deinen Geist nicht. In Tagen des Überflusses bleibt deine Kasse der Wohltätigkeit leer. Was nützt es dann, wach zu sein, wenn sich ringsum das Höllenfeuer ausbreitet? Was nützt es dir, wenn dein Herz verarmt ist?

255. Du kennst dich selbst wenig und kümmerst dich nicht um dein Wohl; selbst die Armut zarter Jugend beachtest du nicht. Bevor der strenge, unerbittliche Ruf des Todes kommt, lass edle Gaben deine rettende Güte bezeugen.

256. Wer entsagt hat, besitzt keine Angehörigen mehr. Wer zum Betteln gezwungen ist, hat keine wahren Freuden. Wer nichts gibt, dem versagt der Herr seine Gegenwart. Dem Maß deiner Wohltätigkeit entsprechend wird dir der Herr bekannt.

257. Manche strömen über vor Großzügigkeit. Durch ihre edlen Taten werden sie im hohen Ansehen der Menschen zu edlen Göttern. Den vielen aber, die diesen fleischlichen Leib zu ihrem geliebten Gott machen, begegnet der Tod und sagt: „Ich bin euer höchster Gott.“

258. Unser Lebensboot fährt über das schäumende Meer des Karma. Zwei Wege gibt es, Mühe und Anstrengung zu vertreiben: die ruhmbringende Askese und das Geben. Himmlische Begleiter sind sie für uns und unsere Lieben, hinaus aus dem vergeblichen Kampf des Lebens.

259. Wünsche, die an weltlichen Dingen hängen, kennen kein Ende. Auf dem edlen Weg des Gebens aber bieten selbst deine kleinen Gaben sicheren Halt. Alles Übrige empfange demütig als Gabe des Herrn für diesen Tag.

Quellenhinweis zu Vers 248: Die englische Fassung nennt ausdrücklich „vomica“ und verbindet es mit Samadhi-Nektar. Der botanische beziehungsweise bildhafte Bezug bleibt unklar. Daraus ist keine Empfehlung zum Verzehr abzuleiten.

260–269: Ein verschlossenes Herz und seine Folgen

260. Die reife Brechnuss fällt nutzlos zu Boden. So unfruchtbar ist der Reichtum jener, die jede Gabe verweigern. In wucherischer Gier vergraben sie ihre Schätze tief. Verhärtete Sünder leben und sterben so, ohne die wahre Frucht zu kennen.

261. Die Weltalter vergehen, die Zeitalter kehren nicht zurück. Die zugemessene Lebensspanne schrumpft täglich. Dieser beschwerliche Leib vergeht, als werde er von einer unbekannten Macht zusammengedrückt. Obwohl die Menschen dies sehen, lernen sie den Weg des Gebens nicht.

262. Sie verweigern Wohltätigkeit und wissen die Füße des Herrn nicht zu preisen. In den Bereich der Stadt von Shivas Gnade treten sie nicht ein. Ihr Ohr neigt sich den Predigern der Unwahrheit zu. Der Verfehlung versklavt, sind sie der heißen Umarmung der Hölle ausgeliefert.

263. Schwindsucht, Blutarmut, Atemnot und Kolik: Dies ist das Los jener, die nichts geben. Schlange und Donner, Halsleiden und körperliche Übel nähern sich nicht denen, die die Not anderer lindern.

264. Den Herrn, den die ganze Welt verehrt, preist ihr nicht. Den armen Bedürftigen verweigert ihr selbst das kleinste Stück. Nicht einmal mit einem Topf Wasser pflegt ihr den Garten. Wollt ihr für immer in der Hölle bleiben, ihr, deren Ende nahe ist?

265. Ohne Begleitung, allein gehen die Unbarmherzigen ihre letzte Reise und verlieren den Weg. So reisend geraten sie in den Kreislauf der Geburten. Sie wissen nicht, wie sie die bindenden Karmas vertreiben können, gleiten aus, fallen und gehen unwiederbringlich verloren.

266. Wessen Herz im Geben schmilzt, der sieht die Füße des Herrn. Die im Glauben Standhaften erlangen die Macht des Svarga, des Himmels. Die schuldhaft Handelnden ohne Großzügigkeit aber, hilflos und verlassen, versinken in niedrigen Leidenschaften und gehen in ewige Nacht ein.

267. Glück und Schmerz, diese beiden, sind ins Gewebe des Lebens eingeflochten. Sie entstehen aus unseren eigenen Taten. Die Toren kannten die Seligkeit des Gebens und gaben dennoch nicht: Menschen mit geschrumpftem Herzen, unwissend über die Wohltätigkeit und ihre Herrlichkeit.

268. Der Herr von makellosem Ruhm, frei von Tod und Geburt, lässt niemanden unverdiente Seligkeit genießen, ohne würdige Tat. Denke immer an Geben und Schenken. Verweigerst du und verursachst Schmerz, bleibst du zum Zustand der gebundenen Seele verurteilt.

269. Suche nicht den Reichtum, den viele für das Leben selbst halten. Verschwende deine Tage nicht an Toren, deren Weisheit verdunkelt ist. Lenke deine Schritte zur ewigen Heimat und preise den Herrn. Dann bist du ein wahrer Bogenschütze und triffst gerade ins Ziel.

Erläuterung zu Vers 263: Der Vers verknüpft Gebefreudigkeit und Gesundheit in einer religiösen Vergeltungsvorstellung. Diese Aussage wird quellengetreu wiedergegeben; sie ist kein medizinischer Befund. Erkrankung erlaubt keinen Schluss auf mangelnde Großzügigkeit oder moralisches Versagen.

270–279: Liebe ist Shiva

270. Die Unwissenden reden davon, Liebe und Shiva seien zwei. Sie erkennen nicht: Die Liebe selbst ist Shiva. Wenn Menschen erkennen, dass Liebe und Shiva dasselbe sind, bleiben sie für immer als Liebe, als Shiva.

271. Er trägt das Leopardenfell und glänzt heller als Gold. Seine zarte Mondsichel strahlt silbernes Licht aus. Der große Tänzer ist dicht mit glühender Asche bestrichen. Zu seinen Füßen lege ich meine Girlande, mit dem Weihrauch der Liebe verflochten.

272. Du magst deine Knochen zu Brennholz machen, dein Fleisch zur Opfergabe, und beides in goldroter Glut braten und zischen lassen: Wenn dein Herz nicht in der süßen Ekstase der Liebe schmilzt, kannst du meinen Herrn, meinen verborgenen Schatz, niemals gewinnen.

273. Menschen tiefer Liebe sehen Hara gewiss. Menschen mit mitfühlendem Herzen sehen seine heiligen Füße und preisen sie. Die von der Welt Belasteten sehen nur das kreisende Lebensrad. Im Labyrinth des Schreckens verloren, betreten sie die weglosen Pfade der Hölle.

274. Meinen Gott, der mein liebendes Herz schmelzen lässt, mögen alle verehren. Mein Gott ist der Herr der ursprünglichen Liebe, immer der Erste aller Wesen. Mein Gott, der mein Herz wieder und wieder schmelzen lässt, ist Nandi. Möge er mir seine Liebe im höchsten Maß schenken!

275. Preise ihn nur einmal, den Reinen und Heiligen: Für immer wird er dein himmlischer Begleiter sein. Shiva, mit honigsüßen Konrai-Blüten geschmückt, nahm in meiner Liebe seinen Thron ein, fest und frei.

276. Viele kennen den nicht, der diese Welt zuerst erschuf und sie in unendliche, aus seiner herrlichen Gnade geborene Liebe hüllte. In dieser von Übeln bedrängten Welt erfüllte er unser Leben mit endloser Liebe: der Herr des grenzenlosen Raumes.

277. Das strahlende Licht sendet Strahlen reinsten Goldes aus. Pflanze es tief und fest in dein Herz und erhebe so deine Verehrung. Suchst du mit sehnsüchtigem Gesang Ishans Gnade, werden seine reichen Segnungen gewiss kein Ende haben.

278. Er ließ Geburt entstehen und, ihr folgend, den Tod. Dieses Geheimnis sehen wir täglich. Dennoch klammern die Menschen sich mit tiefem Verlangen ans Leben, ohne ihn anzurufen und zu suchen: „Unser Vater, groß und gütig!“

279. In der Liebe ist er, in der äußeren Natur ist er, auch als Leib ist er gegenwärtig. Er ist Vergangenheit und Zukunft, der Herr der Rishis. Der Kostbare wohnt im Innern der Liebe. Nur wer in der Liebe wohnt, findet in ihm die freie Zuflucht.

Anregung zur Reflexion: Vers 272 stellt selbst extreme Askese unter den Vorbehalt der Liebe. Beim Studium lässt sich fragen: Macht meine Übung mein Herz weiter, aufrichtiger und mitfühlender? Diese Frage ist eine heutige Studienanregung, kein zusätzlicher Vers.

280–289: In der Liebe beständig werden

280. Was wir verachtet und was wir gewonnen haben, weiß er. Der gerechte Herr schenkt in Liebe, wie es dem Verdienst entspricht. Wer ihn mit brennendem Eifer und liebendem Herzen sucht, dem gewährt er wohlgefällig seine Gnade.

281. Der Herr gestaltete alles für ein Leben in Seligkeit. Mögen in diesem Tal der Trauer viele Prüfungen auf uns warten: Er durchdringt dieses Leben mit seiner göttlichen Liebe. In der süßen Gegenwart dieser Liebe endet der Kreislauf des Lebens.

282. Aus dem Geist, der fest in der Liebe zu Gott ruht, wird göttliches Licht geboren. Das verworrene Knäuel der quälenden fünf Sinne zieht uns kopfüber zur süßen Glut leidenschaftlicher Frauenaugen. Zerreiße diese Fessel; mögen deine Gedanken immer bei Gottes Füßen ankommen!

283. Wie die süße Liebe, die in geschlechtlicher Vereinigung erfahren wird, so lass dich in der großen Liebe von ihm überwältigen. In solcher erhobenen Liebe werden alle deine Sinne still. In höchster Seligkeit aufspringend wird dieses zu Jenem.

284. Selbst die Siddhas, die eng zusammengedrängt beieinanderstanden, erkannten das höchste Licht in seinem herrlichen Glanz nicht. Doch denen, deren Herzen von innigem Vertrauen überflossen, schenkte er die Seligkeit der Befreiung und die herrliche Schau.

285. Ich sah die Füße des Herrn, mit duftenden Konrai-Blüten geschmückt. Ich sah die Füße des Herrn, dunkel in Elefantenhaut gekleidet. Ich sah die Füße des Herrn, auf der Lotusblüte thronend. Ich sah die Füße des Herrn in der Liebe, tief im Innersten meines Herzens.

286. Mein Herr und Gott, den die Himmelswesen preisen, entfaltet sich als Einer in unzählige Formen und Dinge. Der große Liebende genießt in der Liebe die Gaben der Liebe. Traurig ist, dass nur wenige ihn suchen oder zu ihm geführt werden.

287. Wer erklärt, durch Liebe den Herrn zu finden, wird gewiss von Geburt und Tod frei. Dennoch suchen und finden die Menschen ihn nicht in Liebe: Nandi, der von Geburt und Tod frei ist.

288. Der Herr kennt jene, die ihn Tag und Nacht in die Mitte ihres Herzens setzen und in erhobener Liebe verehren. Zu diesen durch inneres Licht Weisen, die in Versenkung ohne Tätigkeit ruhen, kommt er und steht ganz nahe vor ihnen.

289. Es nützt wenig, dem göttlichen Licht nur gelegentlich zu folgen. Unablässig werde ich die Größe suchen, die kein Ende hat: meinen Herrn, das kostbare Leben und die gehütete Freude meines Herzens. In ihm aufzugehen ist das höchste heiligende Bad des Lebens.

290–300: Lernen, Verwirklichen und Hören

290. Ich erkannte den Sinn der Verbindung von Leben und Leib. In der Tiefe meines Wesens erkannte ich den Herrn der ungezählten Götter. Nichts verweigernd trat er geradewegs in mein sehnsüchtiges Herz. So erlangte ich die große Erkenntnis, die uns aus der fleischlichen Hülle befreit.

291. Als die gelehrten Weisen in tiefer Meditation saßen, war in ihren tief erleuchteten Seelen ein inneres Auge. Was sie in der Betrachtung sahen und aussprachen, öffnete wiederum anderen die Augen und führte sie zur hohen Weisheit.

292. Verehre den Herrn des Daseins, solange das Leben besteht. Bewähre im Handeln, was du lernst, um alle Verfehlungen zu reinigen. Verehre den Herrn mit unerschütterlicher Stimme. So wird diese Weisheit zu einer unvergleichlichen juwelenbesetzten Lampe.

293. Menschen wahrer Erkenntnis verlassen die fesselnden weltlichen Wege. Die im Geist Festen gedeihen hoch auf der sich schlangengleich windenden Kundalini. Preise den Herrn Tag und Nacht ohne Unterlass. Dann wird dein Leib in Jugendglanz erstrahlen, wie durch alchemistische Kräuter verwandelt.

294. Als schützender Bote kommt das reine Licht von oben. Als schützender Bote kommt das reine Wort, in Schönheit gekleidet. Als schützender Bote kommt der reiche reine Duft. Als schützender Bote kommt die höchste reine Erkenntnis.

295. Wer mit den heiligen Büchern als Führung die Höhen nicht erklimmt und sich den äußeren Dingen des Lebens hingibt, dessen ganze Gelehrsamkeit bleibt unfruchtbar. Stütze dich auf den Stab des Vairagya, der Nichtanhaftung: Dann fliegen die Vögel des Verlangens davon. Doch an Unwissenheit geklammert liegen die Menschen weiterhin in Betäubung.

296. Wer die heiligen Bücher erforscht, dem offenbart sich Hara. Aus dem verfeinerten Feuer fliegen Funken reiner Erkenntnis. Wer auf diese Weise den Mond des Samadhi erreicht, dem wird er zur Leiter hinauf zur hohen Weisheit.

297. Auf der Lebensreise ist er eine Stütze und ein seltenes Lebenselixier, ein unfehlbarer Führer. Doch dem unwissenden Geist ist er keine Stütze. In allen sieben himmlischen Sphären ist er der sichere Halt: das mächtige, große und gütige Wesen.

298. Wenn du verlangen musst, dann ergreife den Herrn in deinem Verlangen. Erlangst du seine Gnade, ist alles erlangt. Wie die höchst kundigen Götter von flammendem Licht erreichen die wahrhaft Erkennenden himmlische Seligkeit.

299. Ihm gehören die Meere und die hohen Berge; sein Leib ist aus den fünf Elementen gestaltet. Der Herr der Unsterblichen besteigt durch endlose Zeitalter den wilden Stier, um zum Herzen seiner Verehrer zu gelangen.

300. Höre vom Dharma und auf die Worte der Heiligen. Höre von Gottes machtvollen Taten und den vielen Mantras der Götter. Höre die weithin erklingenden Berichte und von den unvergleichlichen Taten des Herrn, der hell wie Gold erstrahlt. So erreichst du den Zustand Shivas. 301–309: Hören, Vertrauen und innere Ausrichtung

301. Wer kennt ihn, den Herrn der Götter, das höchste göttliche Wesen? Gibt es jemanden, der ihn kennt, dann singe sein Lob, höre die heiligen Worte und erkenne ihn! Wer ihn preist und verwirklicht, steht erhaben und frei.

302. Auf Nandis Geheiß gehorcht Maya und baut. Auf Haras Geheiß gehorcht Aya und erschafft. Wer Shivas Geheiß folgt, wird zu einem göttlichen Wesen. Verlangst du aber nach den Früchten deiner Handlungen, bleibst du an Anhaftungen gekettet.

303. Die frommen Sterblichen, die den höchsten Herrn preisen, steigen künftig zum Stand der Unsterblichen auf. Wer in der Askese nicht nachlässt, empfängt seine lächelnde Gnade. So verleiht der Herr seltener geistlicher Übungen die höchste Gabe.

304. Sprich immer von dem Herrn, der uns Geburt und Tod gab. Verehre seinen Namen, erzähle lobend von ihm. Dann kommt das bleibende Licht seiner geliebten Gegenwart in Gnade zu dir, wie Duft in einer Blume.

305. Das Edle suchen, vom Edlen hören und der wahren Weisung der Weisheit folgen: Erwacht dein Geist dafür und weichst du dann nicht ab, so wird der himmlische Herr ohne Zögern für immer dein sein und dich niemals verlassen.

306. Menschen innigen Vertrauens gewinnen himmlische Seligkeit. Ziellos Treibende aber, deren Geist auf kein klares Ziel gerichtet ist, erkennen weder ihr eigenes Selbst noch erlangen sie Seligkeit. Wie spielende Kinder begnügen sie sich mit Reis, den sie aus Sand nachgebildet haben.

307. Leben und Leib bieten der Seele einen verlässlichen Halt. Das Hören heiliger Dinge ist eine sichere Stütze und ein Ruheort. Das Denken an Shivas heilige Füße ist die eine Zuflucht, die du suchen sollst. Mit diesem höchsten Beistand tilgst du die Wiedergeburt ganz.

308. Wer seinen Namen erhöht, dem ist er das erste Sein. Wer seine Gnade verachtet, den versengt endloses Leid. Singst du seine große Herrlichkeit nicht in entzückter Hingabe, steht er wie eine steinerne Kuh in vollkommenem Schweigen da.

309. Erkenne den Herrn mit Herz und Zunge in Einklang. Mag er in verschiedenen Gestalten erscheinen: Finde ihn als Einheit. Auch wenn dich das Leben erschüttert wie eine Achse, deren Zapfen sich löst, suche den ursprünglichen Herrn in Liebe und binde ihn an dich.

310–319: Gelehrsamkeit allein genügt nicht

310. Selbst Ungelehrte, die mit der Schau der höchsten Wahrheit gesegnet sind, würdigt der Herr mit seinem gütigen Gnadenauge. Halten aber scheinbar Gelehrte nicht an der Wahrheit fest, sind sie in Wirklichkeit ungelehrt und blind für die göttlichen Strahlen wahrer Liebe.

311. Die wahrhaft Erkennenden leben auf dem einen, einzigen Weg. Andere sagen: „Viele sind die Wege der Erkenntnis.“ Der höchste Gott ist an allen Orten gegenwärtig. Ungelehrt sind jene, die seine alldurchdringende Gegenwart nicht erkennen.

312. Vergängliche Dinge hältst du im Herzen als bleibende Freuden fest; diesen zerbrechlichen sterblichen Leib hältst du für dauerhaft. Obwohl Gott alles Leben durchdringt, fehlen er und sein Licht im Herzen der Unwissenden.

313. Aller Kraft beraubt fiel ich in die Leiden des Karma. Da ich Haras Wege nicht lernte, stürzte ich in dunkle Abgründe. Ich lernte nicht, den großen Wohltäter meinem Herzen einzuprägen. Ich lernte nur, den verlockenden Weg zur Hölle hinabzutanzen.

314. Die wahrhaft Erkennenden wissen, dass das Leben flüchtiger Nebel ist. Sie suchen den Weg des Dharma und strenger Askese. Die Unwissenden dagegen, die niedrigen Schurken dieser Welt, ergehen sich in fleischlichen Freuden, vermischt mit karmischem Leid.

315. Wie oben die Frucht der Erkenntnis vorhanden ist, so ist dieselbe Frucht auch in uns. Ohne dies zu wissen, suchen und untersuchen die Menschen irdische Früchte und erschöpfen sich dabei in nutzlosem Schreiben.

316. Ohne die sechsunddreißig Tattvas und ihren Wirkungsbereich zu kennen, ist eine Schau des Höchsten nicht möglich. Erst durch ihre Erkenntnis kann Weisheit aufgehen. Gebildet sind jene, die bis an die Grenzen der Tattvas gelangen und die Wirklichkeit schauen.

317. Die Toren ohne Erkenntnis sind nicht einmal geeignet, dass wir sie ansehen. Ihre Worte sind nicht geeignet, gehört zu werden. Toren ohne Erkenntnis finden unter Toren ihre Freunde. Der Weisheit kommen sie nicht nahe.

318. Mögen sie gelehrt sein: Ohne Vertrautheit mit Shiva Jnana, der Erkenntnis Shivas, bleiben sie Toren. Wenn sie sich nicht von Angehörigen lösen und die Wurzel der Unwissenheit durchtrennen, wenden ihre Augen sich nicht zu den Richtungen. Wahrhaft erkennen allein jene, die, weise in der Liebe, die Wahrheit gewinnen.

319. Das erste Sein ist selbst den Unsterblichen das göttliche Licht, das die Verehrer suchen: der große höchste Gott. Manche behaupten stolz, durch gründliches Lernen kennten sie ihn genau. Doch nicht den schwächsten Schimmer seines Lichtes erfassen sie.

Quellenhinweis zu Vers 318: Die englische Zeile über die „Richtungen“ ist sprachlich unvollständig und in ihrem Bezug unsicher. Sie wird erkennbar wiedergegeben, ohne einen fehlenden Zusammenhang zu erfinden. Die scharfe Sprache gegen Unwissenheit ist von einer Abwertung fehlender Schulbildung zu unterscheiden: Gerade Vers 310 würdigt ausdrücklich Erkenntnis ohne Gelehrsamkeit.

320–323: Der Weg der Mitte und der Gerechtigkeit

320. Stehst du nicht auf dem mittleren Weg, besitzt du keine Weisheit. Wer auf ihm steht, dem öffnet die Hölle ihre Tore nicht. Wer auf dem mittleren Weg steht, gehört zu den himmlischen Wesen. In der edlen Gemeinschaft der Gerechten ging auch ich ihren Weg.

321. Vishnu, dunkel wie eine blaue Wolke, stand auf dem mittleren Weg. Brahma, der die vier Veden singt, stand auf dem mittleren Weg. Die weisen heiligen Seelen standen auf dem mittleren Weg. Auch er, unser höchster Herr, stand auf dem mittleren Weg.

322. Manche wurden heilig, weil sie auf dem mittleren Weg standen. Manche wurden himmlische Wesen, weil sie in Gerechtigkeit standen. Manche erreichten den Shiva-Zustand, weil sie in Gerechtigkeit standen. So blieb auch ich ohne Wanken in der guten Gemeinschaft der Gerechten.

323. Was er erschafft, zerstört niemand außer ihm. Auf ihrem hingebungsvoll geneigten Haupt trugen die Gerechten seine heiligen Füße. Wer seinen reinen Namen mit Inbrunst singt und daran festhält, findet sich in der Gemeinschaft der Gerechten zusammen.

324–336: Der Nektar der Versenkung

324. Die Kuh, die Reisbrühe bekommen hat, wandert nicht von Teich zu Teich. Wird ihr dieses Getränk verweigert, wird sie mager und schwach. Wer unverdünnten Palmwein hinunterschüttet, weicht von der Rechtschaffenheit ab. Der wahrste Trank ist Shivananda, die höchste Seligkeit Shivas.

325. In süßem Entzücken verloren, mit dürstender Seele nach Shiva-Samadhi verlangend, ströme über vom stets süßen Nektar der Shiva-Seligkeit. Von diesem Nektar genährt verlierst du die reine Seligkeit des Selbst nicht. So sitzt und liegst du für immer zu den heiligen Füßen.

326. Wollust und Rauschtrank gehören zu den Verwerflichen. In unheiligem Ritual trinken sie und verlieren die Sinne. Die Weisen dagegen trinken den Nektar, der von seinen Füßen strömt und Ichsucht sowie Engherzigkeit vernichtet.

327. Sie trinken und gehen zugrunde, die zur Vama-Richtung gehören. Die Wollüstigen verlieren sich ganz in sinnlichen Freuden. Reine Seelen aber finden das Licht der Opfer in ihrer inneren Flamme. Wer seinen wahren Namen singt, nähert sich ihm rasch.

328. Die innere Wahrheit sehen sie nicht; Seele und Bindung erkennen sie nicht. In der göttlichen Gnade des freigebigen Herrn verweilen sie nicht. Im klaren Licht der Weisheit suchen sie Shiva-Yoga nicht. Wer sich im Alkohol tränkt, kann die Wahrheit niemals ermessen.

329. Die Toren schwören auf einen Glauben, der die Sinne betäubt, und geben sich den berauschenden Freuden des Trinkens hin. Sie suchen und sehen die Wohnstatt der Mamaya nicht, denn Mayas Fesseln halten sie gebunden. Befreien sie sich aber aus Mayas Griff, gehen sie im Herrn auf und sind frei.

330. Die Dämpfe des Weines bringen Betäubung und zerstören die Wahrheit. Sie lassen uns die falschen, trügerischen Freuden der Wollust suchen. So gelangt man nicht zur wahren Weisheit, die von guter Einsicht erfüllt ist. Wird man so je die wahrhaft ewige Seligkeit erreichen?

331. In Meditation versunken, vom Wechsel von Nacht und Tag befreit und für äußere Dinge erstorben – sie trinken den Seligkeitsnektar nicht. Die Seligkeit der Füße des Herrn, die weder Nacht noch Tag kennt, suche ich mühsam zu erreichen, noch gefangen in Nacht und Tag, die Maya hervorbringen.

332. Manche religiösen Richtungen suchen Shakti und trinken bei ihren Riten berauschende Getränke. Doch Shakti erlischt, wenn die überwältigten Sinne ohnmächtig werden. Wahre Shakti wird in Shiva-Erkenntnis geboren: Sie geht in Wahrheit, Weisheit und Seligkeit auf und bleibt von anderem unberührt.

333. Schenkt Shaktan seine Gnade, empfangen wir Shaktis Gnade. Schenkt Shakti ihre Gnade, gewinnen wir Shaktans Gnade. Bewahren wir Shakti und Shiva beide im Herzen, leuchten wahrlich die acht Siddhis in uns auf.

334. Alle Tattvas und Ichhaftigkeit überschreiten, die Wahrheit des Selbst erkennen, in wahrer Freude versinken, frei von falscher Askese sein; die Verlockungen der Welt ablegen und himmlische Seligkeit in Fülle trinken: Das ist wahre Siddhi und unvermischte Shiva-Seligkeit.

335. Die Yogis halten den Atem in ihrer Gewalt und sehnen sich nach den Nektarfreuden des Mondes der inneren Betrachtung. Sie streben nach den acht Siddhis. Verständnislose Toren aber geben sich dem Palmwein hin und lassen in seinem Rausch ihre Sinne schwinden.

336. Öffne die Quelle und trinke tief vom hervorströmenden Nektar. Entfalte die Blütenblätter der Lotusfüße des heiligen Meisters. Führe den Yoga-Atem durch den aufsteigenden Kanal empor. Steige so in Samadhi auf und erreiche in heiliger Begegnung das göttliche Gute.

Quellenhinweise: Die englische Quelle schreibt in 326–327 „Varna“, offenbar im Zusammenhang mit Vama-Ritualen; die Stelle ist polemisch und beschreibt keine Gesamtheit tantrischer Traditionen. Vers 331 enthält ausdrücklich die verneinende Form „drink not“, die dem übrigen Zusammenhang widerspricht. Die Übersetzung bewahrt diese Unsicherheit. Der Satz über die vereinte Gestalt Ardhanarishvara nach Vers 333 ist eine Erläuterung der englischen Ausgabe, kein zusätzlicher Vers. Shaktan bezeichnet Shiva als Träger der Shakti; Siddhis sind außergewöhnliche Fähigkeiten oder Vollkommenheiten.

Ende des ersten Tantra.

Zweites Tantra: Shivas Wirken und die Entfaltung der Welt

337–338: Agastya und das Gleichgewicht der Erde

337. „Heil dir, unser höchster Herr! Die Erdkugel schwankt aus ihrer Mitte und neigt sich gefährlich zur Seite!“ So klagten die Himmelswesen. Der Herr sprach: „Agastya, du sitzt in strenger Askese mitten im lodernden Opferfeuer. Eile zur schwankenden Seite der Erde und nimm dort Platz, um ihr Gleichgewicht wiederherzustellen.“

338. Unfehlbar entzündet Agastya bei Tagesanbruch mit der Sonne hoch am Himmel das göttliche Feuer. Er ist der heilige Muni des Nordens, von wo das ursprüngliche Feuer geboren wurde, und das strahlende, alles durchdringende Licht.

339–346: Die acht machtvollen Taten Shivas

339. „Antaka, der Asura, ist selbst dem Todesgott furchterregend, dessen Namen er trägt. Mit göttlichen Gaben gerüstet bedrängt er alle Welten!“ So klagten die Himmelswesen vor dem Herrn. Der Herr hob seinen scharfen Dreizack und durchbohrte ihn zum sicheren Tod.

340. Daksha, der Sohn Brahmas, irrte verhängnisvoll. Schwer war seine Verfehlung, den Vorrang des Herrn zu bestreiten. Der Herr schlug ihm den Kopf ab und übergab ihn den Flammen. Dann bedachte er: „Solche werden in dieser Welt als mahnendes Beispiel gebraucht.“ Er setzte dem Rumpf einen Schafskopf auf und ließ ihn so weiterleben.

341. Die Füße des Herrn durchdringen alles, tragen alle Welten und erhalten alles Leben. Damit die Himmlischen dies erkennen, riss er in wachsendem Zorn Ayas Kopf ab und ließ Achyutas Blut in dessen Schädel fließen, als sie seinen höchsten Rang bestritten.

342. Der Herr durchdringt alles und erfüllt auch mein Herz mit Freude. Er verkündete die Veden und alle Schriften. Der hochmütige Jalandhara forderte ihn zum Zweikampf heraus. Mit seinem Zeh zog der Herr einen Kreis: Darin fand jener sein Ende.

343. Der ursprüngliche Herr trägt in seinen roten verfilzten Haaren das heilige Wasser der Ganga. Er zerstörte die drei Städte, sagen die Unwissenden. Die drei Städte sind die drei Unreinheiten: Diese verbrannte er. Wer erkennt diese Wahrheit?

344. Sie entzündeten die drei Feuer; die Opferglut loderte hoch. Aus ihr erhob sich ein Elefant böser Macht, dem der Herr die Haut abzog. Warum er es tat, wissen sie nicht. Um es mit seiner Macht aufzunehmen, vollzogen die Himmelswesen ein unheiliges Opfer. Alle, die aus diesem Feuer hervorgingen, schlug der Herr nieder, damit eben dieses Feuer sie verzehre.

345. Das im Muladhara zusammengerollte Kundalini-Feuer führte er aufwärts zur Höhlung am Scheitel. Durch diesen feurigen Yoga-Weg versengte er den Todesgott. Dies geschah in Kadavoor, dem heiligen Ort hier auf Erden.

346. Der Herr saß im Yoga, seine Gedanken waren in tiefer Meditation still geworden. Da kam Kama, um ihn mit Liebespfeilen zu versuchen. Doch der Herr vereitelte durch den Yoga-Weg die Listen des Liebesgottes. Dies tat er in Korukkai, dem göttlichen Heiligtum.

Erläuterung: Die Taten werden in mythischen Bildern erzählt. Vers 343 bietet selbst eine innere Deutung an: Die zerstörten Städte sind die drei bindenden Unreinheiten. Die deutsche Ausgabe kennzeichnet solche textinternen Deutungen, statt sie eigenmächtig auf jede Gewaltszene zu übertragen.

347–352: Gnade für Göttin, Götter und Verehrer

347. „Gewiss werde ich meinen Herrn mit den göttlichen Füßen heiraten“, sprach Shakti. Als Tochter des Bergkönigs verkörpert, übte sie strenge Askese in inniger Verehrung des ursprünglichen göttlichen Herrn – vor den Augen aller Himmlischen und zur Freude aller Erdenwesen.

348. Mächtig ist der Herr; die fliegende Festung hat er zerstört. Verzweifle deshalb nicht und glaube nicht, er sei unerreichbar. Für aufrichtig Suchende ist er gewiss da. In ihnen wohnt er, reich an Gnade.

349. Der Herr ist der Erste, das strahlende Licht. Aya und Mal suchten ihn über die grenzenlosen Meere und durch endlose Zeitalter. Achyuta gewährte er den göttlichen Diskus und Brahma das ewige Schwert der Erkenntnis.

350. Unvergleichlich an Kraft, mit zwanzig Schultern, hob der Riese Ravana den hohen Kailash empor. Der Herr drückte nur sanft mit seinem Zeh nach unten. Da schrie der Riese auf: „Ewiger Herr!“

351. Dandi kannte den Weg ins Jenseits. Aus Sand häufte er einen Linga auf und goss in Verehrung die fünf Erzeugnisse seiner Kuhherde darüber. Sein Vater sah es, schlug den Jungen und stieß das geliebte Bild um. Dandi geriet in blinden Zorn und schlug mit dem Schwert nach dem Bein seines Vaters. Da schmückte der Herr ihn mit seiner eigenen Blumengirlande, damit er sie für immer trage.

352. Mit sorgenvollen Gesichtern und von Kummer getroffenen Herzen eilten die Götter gemeinsam herbei: „Herr, wir verneigen uns vor dir!“ Niedergeworfen beteten sie. Und er, dessen Ruhm unübertrefflich ist, sprach: „Erhebt euch und fürchtet euch nicht.“

Erläuterung zu Vers 351: Die Quelle ordnet die Geschichte Chandeswara zu. Ihre Verherrlichung radikaler Hingabe enthält eine Gewalttat. Sie wird als Teil einer Heiligenlegende bewahrt, nicht als Vorbild für Gewalt gegen Angehörige empfohlen.

353–361: Dakshas Opfer und die Umkehr

353. In grenzenlosem Zorn schritt der himmlische Vater in die lodernde Glut von Dakshas Opfer. Als sich der Herr im Zorn erhob, rannten die Götter wirr in alle Richtungen auseinander. Ihre verfehlte Verehrung blieb unvollendet.

354. Vergeblich wollte Hari die entstandene Verwirrung bezwingen. Er erhob sich und prahlte: „Nicht er, sondern ich bin der Anfang aller Dinge!“ So fiel er in diese niedere Welt und wurde Beute der verzehrenden Fesseln der Leidenschaft. Dann übte er reumütig Askese, und der Herr ohne Anfang und Ende schenkte ihm Gnade.

355. So geschah es bei Dakshas Opfer; so geschah es wirklich. Mag es auch wunderbar erscheinen: Wahrlich, genau dies geschah dort. So gewährt der Herr seine Gnade, im Wissen darum, was jedem nach seinem Verdienst zukommt.

356. So verhält es sich mit Aya, Mal und den übrigen Göttern. So wurden sie, was sie sind; so gelangten sie an ihren Ort. Und so sitzt der Herr friedvoll im Innern, um das Herz zu beschenken, das ihn täglich aufrichtig sucht.

357. Während die Himmelswesen ihn als in friedvollem Entzücken Thronenden besangen, eilte er zu mir auf dem sich öffnenden Weg der Seligkeit. Vom Muladhara schoss das Kundalini-Feuer hinauf zu den roten Sphären des Sahasrara, auf dem Weg des Yoga.

358. Ohne die Gnade des Herrn erlitten viele Hohe und Schöne Vernichtung und Entstellung: Hari, Brahma und Daksha, Sonne, Mond, Feuer und auch Indra. All diese Götter verloren Kopf, Gesicht, Nase, Hand oder Schulter – das eine oder andere Glied.

359. Wenn die heiligen Götter, die das Mantra der Unterweisung singen sollten, stattdessen aus Eigennutz Macht beschwören und Opfermantras zahllose Male wiederholen, bewirkt dies wahrlich ihr eigenes tödliches Ende.

360. Die vielen Unsterblichen baten den Herrn: „Beschütze die neun Opfergruben, damit sich die Heiligen freuen!“ Der Herr spannte seinen Bergbogen und sandte Feuerpfeile gegen die Stadt der Asuras. Er vernichtete die Bösen, sodass sie sich nicht mehr erhoben.

361. Mögen selbst die in den Lehren Bewanderten schwanken: Schwanke du nicht. Schmilz in Liebe zu unserem ursprünglichen Herrn, und du wirst ihn gewiss gewinnen. Er zerstörte Dakshas unheiliges Opfer; doch als sie bereuten und beteten, wandte er sich wieder zu ihnen und segnete sie alle, unser Herr des heiligen Wortes.

362–371: Flut, Schutz und die Macht des Herrn

362. Als die anschwellende Flut am Ende der Zeit die schwarzen Berggipfel verschlang, stritten Hari und Brahma um den Vorrang. Da erhob sich aus den Wassern der eine Herr als unermesslicher Lichtberg. Er offenbarte die Wahrheit und segnete so beide.

363. Hoch inmitten der wogenden Flut stand der Herr als flammender Berg, damit die Götter seinen höchsten Rang erkennen. Die Sterblichen konnten den strahlenden Glanz des Feuerberges nicht ertragen und flohen zitternd in die wogenden Wasser. Da sprach der Herr: „Fürchtet euch nicht; ihr werdet gerettet.“

364. Als die Meereswogen sanken, sang das Meer der Unsterblichen und Götter: „Gepriesen sei unser Herr!“ Kaum wissen sie, dass er, der Meer und Himmelsgewölbe erschuf, darüber hinaus zum Ozean seiner gütigen Gnade aufragt.

365. Der Herr erschafft alles und ist selbst ungeschaffen. Wer in der Welt hier unten hält ihn mit diesem Gedanken im Herzen? Als die Meere zurückwichen und brüllten, setzte er das ursprüngliche Feuer ein, um ihre Fluten zu bändigen. Wie mitfühlend war er!

366. Brahma, auf dem schönen Lotus sitzend, trat zur Unzeit in den Weg des Herrn – der schuldhaft Handelnde! Der Herr suchte ihn auf und sammelte in seinem abgeschlagenen Kopf Almosen, auf eine Weise, die die Götter billigten.

367. Voll Hochmut als höchster Guru stellte Mal seine Ichsucht zur Schau. Da flog sein himmlischer Diskus davon, hinauf zu den Silberbergen des Herrn der Himmelswesen, der die sieben Welten der Freude geschaffen hatte.

368. Er gab Damodara den göttlichen Diskus. Doch dessen Macht war zu groß, als dass jener ihn halten konnte. So betete er innig zum Herrn, und der Herr teilte seine Kraft in zwei.

369. Er teilte die Kraft des guten Diskus: Einen Anteil gab er Vishnu, einen Anteil gab er Shakti. Diesen Anteil nahm er auf seine Stirn.

370. Auf das von der Mondsichel geschmückte Haupt des tapferen Herrn, der Dakshas verfehltes Opfer zerstört hatte, richtete Damodara seinen Diskus. Da stieß der mächtige Herr ein Niesen aus. Ein heftiger Sturm erhob sich, und der Diskus fiel herab, machtlos gegenüber dem höchsten Gott.

371. Er ist der Herr aller Himmelswesen, die juwelengeschmückte Kronen von strahlender Schönheit tragen. Doch er selbst schmückte sich mit Schädel und Knochen. Warum? Trüge er Schädel und Knochen nicht, würden die ihren zu Staub zerfallen.

Quellenhinweis zu Vers 369: Die englische Formulierung lässt den genauen Bezug des zuletzt genannten Anteils offen. Damodara ist ein Name Vishnus. Die Geschichten beschreiben göttlichen Vorrang und Gnade in mythischer Form.

372–380: Der unermessliche Lichtpfeiler

372. In grober Unwissenheit priesen Brahma und Mal jeweils sich selbst als höchsten Herrn. Da stand der Herr als Feuersäule vor ihnen. Sie suchten und riefen, um seine Füße zu sehen – vergebens.

373. Ich aber erkannte den Herrn durch seine überströmende Gnade: ihn, der die sieben Himmel erfüllt, als Feuersäule steht und die sieben Welten durchdringt, ihn mit dem juwelengeschmückten Hals.

374. Der Herr ist Leben, Leib und Bewusstsein, das Feuer, das den weiten Himmel umhüllt. Sonne und Mond übersteigend durchdringt er den kosmischen Raum. So heilig ist seine ursprüngliche Gestalt, die Stütze des weiten Weltalls.

375. Er stand da und erfüllte den kosmischen Raum. Die beiden zitterten vor Furcht. Sie suchten seine ganze Gestalt: Der eine suchte das Haupt, der andere die Füße. Keiner fand sie.

376. Vishnu, von den Göttern verehrt, der Mahabali um drei Schritte Land bat, und Brahma, den die Rishis mit Hymnen erfreuen: Diese beiden stritten aus Ichsucht miteinander, um den Vorrang zu gewinnen.

377. Der viergesichtige Gott auf dem Lotus und der schöne Herr, der auf dem dunklen Meer schläft, sind beide vom selben Wesen: vom einen Großen, der alles erkennt, wie das Leben im fleischlichen Leib.

378. Erkenne zuvor die Wahrheit der göttlichen Flamme, die alles umhüllt, und halte daran fest. Dann kannst du das Zepter empfangen, um auf Erden zu herrschen, und die Gnade, die im Himmel danach folgt.

379. Den betenden Himmelswesen gewährte der Herr das Schwert des Schutzes. Doch sie kennen ihn nicht ganz, so wie ich, der ich sein Diener wurde. Mir schenkte er sich selbst, mir schenkte er Seligkeit und als letzte Gabe die Gnade seiner Füße. So nähern sie sich seinen Füßen nicht.

380. Unergründlich ist der Herr; die unendlichen Weiten der Zeit vermögen ihn nicht zu erfassen. Der viergesichtige Brahma betete: „Offenbare dich und bestimme auf diesem geneigten Haupt mein Geschick!“ Da offenbarte sich der Herr als reines Licht, den Glanz der Sonne am Ende der Zeit weit übertreffend.

381–390: Bewusstsein und die Entfaltung der Schöpfung

381. Paraparam, ohne Anfang und Ende, vereinte sich in reinem Bewusstsein mit Paraparai. In diesem reinen Licht erhob sich Param. Aus der Vereinigung Params mit der makellosen Parai wurde Nada geboren.

382. Nada vereinte sich mit Bindu. Aus ihrer Vereinigung gingen Shiva und Shakti hervor. Aus ihnen entfalteten sich die Drei: Jnana, Kriya und Iccha – Erkenntnis, Handeln und Wille. Dann suchte Iccha die Vereinigung mit Bindu.

383. Daraus entfaltete sich Maya, in Shakti verborgen wie Glanz im Kristall. Mächtig ist ihre Kraft, größer, als Worte sie beschreiben können.

384. In weiter Ferne der Zeit vereinten sich Paraparam und Paraparai, dann Nada mit Bindu und später Sadashiva mit Shakti. So wurde Maan geboren, das begrenzte tragende Prinzip der fünf Elemente.

385. Aus Maya entfaltete sich Raum, aus Raum Äther, aus Äther Wasser, aus Wasser die feste Erdkruste. So bildeten sich nacheinander die fünf Elemente. Für das Weltall waren sie wie der Nektar für die Blume.

386. Sadashiva, Er-und-Sie, erschafft das ganze Weltall. Fünf Söhne hat er. Der Heilige, der alles erschafft, wurde selbst zum lotussitzenden Brahma, zum Schöpfer.

387. Der heilige Nandi, der Sadashiva ist, und Shakti, aus der Maan hervorging, vereinten sich ganz in ihren Blicken. Aus dieser Vereinigung entstand das Weltall wie eine Blüte, die sich sanft öffnet.

388. Aus Feuer ging Wasser hervor, aus Wind Licht, aus Raum Klang und aus Wasser Erde. So entfalteten sich die fünf Elemente.

389. Mit Hari, der die sieben Welten ausspie, und mit Brahma, dem viergesichtigen Schöpfer, erschuf der ursprüngliche Herr der Himmelswesen einst dieses weite Weltall.

390. Der Höchste auf dem Berg Kailash schuf zusammen mit Hari auf dem Meereslager und Brahma auf dem blühenden Lotus das Leben durch reines Bewusstsein.

Erläuterung und Quellenhinweise: Paraparam und Paraparai sowie Param und Parai bezeichnen hier höchste göttliche Wirklichkeit und ihre schöpferische Kraft in einer gestuften Darstellung. Maan wird in der Quelle mit Mahat, dem großen kosmischen Prinzip, erläutert. Die englische Elementenfolge in Vers 385 nennt fünf Elemente, führt aber nur vier Positionen an und unterscheidet dabei „space“ und „ether“; die Unstimmigkeit wird nicht durch erfundene Glieder behoben. Die nach Vers 383 und 390 ausdrücklich Dr. B. Natarajan zugeschriebenen Erklärungen sind Kommentare, keine zusätzlichen Verse.

391–400: Der Eine wirkt durch die göttlichen Funktionen

391. Er ist die erste Ursache und durchdringt alles in Liebe. Er ist Vishnu, er ist Brahma, er ist Veda, Kosmos und der Bleibende.

392. Ein seltener Rubin ist er und doch leicht erreichbar. Der eine Herr ist leicht zu lieben. Er ist das Licht in Brahma. Nun weiß ich, weshalb dem Schöpfer sein Werk so leicht gelingt.

393. Tod und Geburt ordnete der Heilige in Gnade. In jener Stunde, als er durch seinen Gedanken das Werk der Schöpfung begann, erfüllte und durchdrang er alle acht Richtungen: er, der Mitfühlende.

394. Der Makellose erschafft alles. Wie er auch mich erschuf, lebt er in meinem Innern: als Stütze des Leibes und als Erbe karmischer Leiden. Wahrlich, der Herr ist der Gerechte.

395. Im Wirken der Schöpfung steht er, geschmückt mit Todesgebein und Konrai-Blüten. Seine strahlende Gestalt übertrifft rotglühendes Gold. Er ist die weite Zuflucht allen hingeschiedenen Lebens, der Herr, der das Werden vollzieht.

396. Er und Sie begannen ihr Spiel. Das Spiel der Zwei brachte alles hervor. Mit wechselnden Jahreszeiten entstehen verschiedene Früchte. Wenn Er und Sie in heiliger Vereinigung zusammenkommen, wird das Schöpfungswerk vollständig.

397. Der Herr des weiten Weltalls tritt in uns ein und erkennt. Ebenso Hari, der den Diskus trägt, und Brahma auf der Lotusblume. Sie Drei stehen im Innern als gesammelter Schatz allen Erkennens.

398. Aus der Vereinigung von Anava-Shakti mit Bindu wurden die fünf Götter geboren: Brahma, Vishnu, Rudra, Sadashiva und Maheshvara. Sie vollziehen die fünf Tätigkeiten: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Erlösung. Einer geht in ursächlicher Folge aus dem anderen hervor. Da sie aus Anava-Shakti geboren wurden, waren sie von Anava nicht frei.

399. Aus Iccha, einer der drei Shaktis, entstand Maya. Maya vereinte sich mit Bindu und brachte die weiteren drei Mayas hervor: Shuddha, Ashuddha und Prakriti. Bindu war aus Nada geboren und Nada aus Parai. All dies geschah im schöpferischen Spiel Parashivas, des Höchsten.

400. Aus Anava-Shakti ging die ursprüngliche Familie hervor. Sadashiva war der Erstgeborene; mit ihm kamen die Brüder Maheshvara, Rudra, Vishnu und Brahma. Jeder erfüllt im Himmel und auf Erden seine zugewiesene Aufgabe: Schöpfung, Erhaltung und die übrigen Tätigkeiten.

Erläuterung: Die fünf göttlichen Tätigkeiten werden häufig als Pancha Kritya bezeichnet. Anava ist die begrenzende Individualität. Der Kommentar nach Vers 398 erklärt die Götter auf dieser Schöpfungsstufe als noch mit individualisierender Begrenzung verbunden; er wird nicht als weiterer Vers gezählt. Shuddha bedeutet rein, Ashuddha unrein; Prakriti bezeichnet die Grundlage der gegenständlichen Natur. 401–410: Shakti und die Vielfalt des Lebens

401. Aus Bindu, durch das geordnete Dreieck bezeichnet, entfaltete sich die honigsüße Shakti Tripurai. Sie wurde zum mitfühlenden Sadashiva. Sie ist es, die die fünf barmherzigen Tätigkeiten vollzieht.

402. Sie ist Manonmani mit voller Brust, Mangali, die immer Glückverheißende; Varani in Elefantengestalt, Arani der geheimnisvollen Wälder, Mohini von verlockender Schönheit, Poorani, das vollkommene Wesen. Ursache und Wirkung sind in ihr vereint: Sie ist Bewusstsein jenseits des Bewusstseins.

403. Sadashiva, der als Einer bestand, belebte Maheshvara und danach Hara, Hari und Brahma. So wurde der Eine zur Familie der Fünf.

404. Der Eine allein erschuf die sieben Welten. Der Eine allein durchmaß die sieben Welten. Der Eine allein überdauerte die sieben Welten. Der Eine allein durchdrang Leib und Leben.

405. Rot wie der Lotus ist unser Herr, rot wie das Feuer ist unser Herr! Er zerbrach die Kette der Geburten, mit der der dunkelwolkenfarbene Mal band und die er der blumengeschmückten Schar der Maya übergab.

406. Er ist der große Nandi. In allen acht Richtungen ist er das durchdringende Leben. Bei der Geburt bringt er Leib und Seele zusammen. Selbst im Herzen derer, die an ihm zweifeln, ist er gegenwärtig und sucht sie von dort aus. Dies habe ich ihn oft tun sehen.

407. Die eine Familie erschafft die sieben Welten. Die eine Familie erhält die sieben Welten. Die eine Familie löst die sieben Welten auf. Die eine Familie durchdringt alles Leben und jeden Leib.

408. Der eine Herr und die beiden guten Maya-Shaktis bewegten gemeinsam die unreine Familie der Materie und mischten sie. Dann baten die beiden den Herrn: „Was sollen wir schaffen? Gebiete uns!“ Und der Herr selbst legte es ihnen dar.

409. So erfüllte er als inneres Leben die vier Arten der Entstehung und die vierundachtzig Lakh von Lebensarten. Menschen, die zweifelnd fragen: „Wie ist das möglich?“, bleiben wahrlich der umhüllenden Dunkelheit überlassen.

410. Sonne, Mond, Agni und die übrigen Himmlischen; Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde; Klang, Wort, Geist und Ähnliches: All dies wurde aus Maya in Vereinigung mit Bindu geboren.

Erläuterung: Vierundachtzig Lakh sind 8,4 Millionen; die Zahl der Lebensarten ist eine traditionelle kosmologische Angabe. Die englische Fassung von Vers 405 ist in ihren Satzbezügen schwer verständlich; die Übersetzung glättet diese nicht durch eine neue Erzählung.

411–420: Erhaltung und Gegenwart in allem

411. Als Licht und Dunkelheit durchdrang er alles. Als Ruhm und Makel durchdrang er alles. Als Leib und Leben durchdrang er alles. Als mein beständiger Gedanke durchdrang er alles.

412. Er selbst steht als Raum und Himmelswesen da; er selbst als Leib, Leben und Materie. Er selbst steht als Meer, Berg und Tal da; er selbst als höchster Herr aller Welten.

413. Als Leib, Leben und Welt, als Meer, Wolke und wolkenschwerer Himmel durchdringt er alles. Unzerstörbar und ohne Unterbrechung steht der Herr in Majestät: der wahre Weg, der sich niemals schließt.

414. Er ist der große Nandi. In allen acht Richtungen ist er das durchdringende Leben. Bei der Geburt bringt er Leib und Seele zusammen. Selbst im Herzen derer, die an ihm zweifeln, ist er gegenwärtig und sucht sie von dort aus. Dies habe ich ihn oft tun sehen.

415. Am Ende der Weltalter steht er einmal als reines Licht, einmal als stürmischer Wirbelwind, einmal als unablässiger Regen und einmal als Vishnu, der auf der Flut schwimmt.

416. Als Liebe, Weisheit und Sanftmut steht er da; als Freude und freudvolle Vereinigung, als Anfang und Ende der Zeit. Die fünf Elemente erfüllend steht er in göttlicher Liebe da.

417. Er selbst gestaltet alle Welten bis ins kleinste Einzelne. Er selbst gestaltet das Leben und verleiht Geburt. Er selbst gestaltet Großes und Kleines: Kessel, Krug und Topf. Dies und mehr gestaltet er selbst, der allmächtige Baumeister.

418. Er ist das innere Leben und der körperliche Leib, der reine Geist und der unendliche Raum. Er ist strahlendes Licht und das Bewusstsein im Innern. Er belebt das Leben im Leib und stützt mich: Er ist Nandi.

419. Ein Wunder ist es, die unzähligen Leben im Weltall zu erhalten. Nicht geringer ist das Wunder, wenn er nach völliger Auflösung alles in sich zurücknimmt. Auch jene siebte Welt trägt er, zu der der Yoga-Weg führt.

420. Du magst ihn durch Riten vor dem Feuer suchen: Er bleibt fern. Suche ihn in sehnsüchtiger Liebe, beuge dich tief zur Erde und verlange Leben um Leben nach ihm. Der Große wird dir den unsterblichen Leib schenken.

Quellenhinweis: Die englischen Fassungen von Vers 406 und 414 sind identisch. Beide ursprünglichen Nummern bleiben erhalten; es handelt sich nicht um eine versehentlich doppelt eingefügte deutsche Übersetzung. Auch 403 und 438 wiederholen sich in der Quelle.

421–430: Auflösung und Rückkehr

421. Mit Feuer verbrannte der Herr allen Raum. Mit Feuer verbrannte er die Meere. Mit Feuer verbrannte er die Asuras. Feuer ist wahrlich der Pfeil in der Hand des Herrn.

422. Drei sind seine Layas, die Augenblicke der Ruhe. Eines davon, Kalpanta, das Ende der Weltalter, sah ich: Alles wurde entwurzelt und aufgelöst. Die Erde glich einem kochenden Reistopf; Berge und Täler verbrannten gleichermaßen zu Asche.

423. Die Erde, auf der wir gehen, die acht schneebedeckten Berge und die sieben Meere, deren zurückweichende Fluten brausen: Über all dies und anderes breitet sich das Feuer aus dem Muladhara aus. Der sich ausbreitende Brand ließ Erde und Himmel gleich erscheinen. Dies ist Wahrheit, keine Einbildung.

424. Von den hohen, wolkenbeladenen Bergen stieg sie herab, die gütige Ganga. Ihre Wasser sickerten in die Erde, in alle acht Richtungen, und strömten schließlich in die tiefe Senke des Meeres, das beständig mit dem Gesang „Om“ den Herrn preist. Auch dieses Meer verschlang das Feuer in seiner Wut.

425. Tägliche Auflösung ist der Verlust der Sinnestätigkeit im Schlaf. Schicksalhafte Auflösung ist die Nicht-Rückkehr zum Wachen. Reine Auflösung ist das Eintreten der Seele in Regungslosigkeit. Erlösende Auflösung ist das Verweilen in der wahren Gnade des Herrn.

426. In der täglichen Auflösung werden grober und feiner Leib überschritten. In der schicksalhaften wird der Maya-Leib vernichtet. In der reinen gehen Geist und verwandte Prinzipien im Unendlichen auf. In der erlösenden senkt sich Shivas Gnade wahrhaft herab.

427. Wird nur das Hindernis weiterer Geburt entwurzelt, führt die tägliche Auflösung zur schicksalhaften, die schicksalhafte zur reinen und die reine zur erlösenden. Darin allein liegt die Wahrheit: Der Jiva wird Shiva.

428. So gibt es vier Auflösungen: die tägliche im Tiefschlaf; die schicksalhafte, die der Seele längere Ruhe gibt; die reine, die die Seele in ursprüngliche Stille versetzt; und die erlösende, die sie in die Gnade des Herrn eintaucht.

429. Aus der Leere spross eine Pflanze, die Seele; zur Leere kehrt sie zurück. Doch soll sie nicht wieder Leere werden. In jener Leere wird sie erschöpft sterben. Dies ist auch das Geschick Haris und Brahmas, die den Weltbrand der Auflösung nicht überleben.

430. Versenge die sich ansammelnden Karmas und erschöpfe sie. Es gibt einen, der sie vernichtet, und eine Stadt, in der er es tut. Er gestaltete den Leib und durchdringt alles. Er setzte den Geist und die verwandte Gruppe von Tattvas ein und gab uns reichlich Weisheit zur Unterscheidung.

Erläuterung: „Auflösung“ übersetzt hier die in der englischen Ausgabe wechselnd als „death“ und „mergence“ bezeichneten Zustände. Gemeint sind nicht überall körperlicher Tod, sondern auch Schlaf, kosmisches Zurücktreten und Befreiung. Der mit „The Descent of Grace“ überschriebene Absatz zwischen 423 und 424 ist ausdrücklich ein Kommentar Natarajans und kein weiterer Vers.

431–440: Verborgen und doch im Innern gegenwärtig

431. Er ist der Eine im Innern, das Licht im Innern. Nicht um das Geringste weicht er von dort. So sind er und dein Herz zusammen, obwohl das Herz seine Gestalt nicht kennt.

432. Der Herr, der das so süße Leben gab, schloss mich in die Leiden der Bindung ein. Er formte ein Knochengerüst und bekleidete es mit Fleisch und Haut. Dann entzündete er den Lebensfunken und ließ mich der Auflösung entgegeneilen.

433. Mit Hara, Hari und Brahma zusammen formte der ursprüngliche Herr diesen Leib und setzte die feinen Sinnesorgane hinein. Warum der Heilige dies tat, wissen die Drei nicht: Das Geheimnis bleibt ihnen verborgen.

434. Der Herr ist das Licht unserer Augen; er liebt uns und ist der Erste. Männlich, weiblich und weder männlich noch weiblich ist er. Doch mit lobenden Zungen und schmelzenden Herzen suchen die Menschen den Weg zum himmlischen See nicht.

435. Der ursprüngliche Herr segnet alle Bewohner der Erde unten und des Himmels oben. Aus der dunklen Kammer der Seele vertreibt er die Finsternis. Im Innern lässt er die reinen Strahlen seines blendenden Lichtes aufleuchten.

436. Herr, deine Gestalt erfüllt alle Welten, und doch bist du unsichtbar! Wie sehnen sich meine Augen danach, dich zu sehen! Meine Sinne lärmen laut und streiten im Begehren. Rette mich, mein Herr, und segne mich mit deiner unergründlichen Gnade.

437. Verborgen hielt ich meinen Herrn in mir und verehrte ihn in den Tiefen meines Herzens. Siehe, er offenbarte sich mir und segnete mich hier auf Erden. Auch du kannst ihn verehren und dabei überströmendes Entzücken und innige Liebe zum Ausdruck bringen. Auch dies erfreut ihn sehr.

438. Sadashiva, der als Einer bestand, belebte Maheshvara und danach Hara, Hari und Brahma. So wurde der Eine zur Familie der Fünf.

439. Er ist der Reine, der Siddha, vor dem die Bindung zu Boden liegt. Sitze fest auf dieser Erde und suche ihn auf glückverheißenden Wegen, damit du das Land jenseits erschaust. Tust du das nicht, gleichst du einem Menschen, der am Ufer der Ganga sitzt und dennoch ungewaschen und unrein bleibt.

440. Ein Ton, viele Gefäße. Ein Gott durchdringt alle Lebensarten. Das Auge sieht vielerlei Dinge, doch sich selbst sieht es nicht. So sehen auch wir den Gott in uns nicht.

441–450: Die Gnade des Schöpfers

441. Er ist der Wind, der in acht Richtungen weht, und das wogende Meer, das die Erde umgürtet. Er ist Feuer, Erde und Himmel. Wisse: Er bindet und löst den Leib, der das kostbare Leben birgt.

442. Wer oben den leuchtenden Nada sucht und seine Süße genießt, kennt keinen Tod mehr. Der Herr ist der Same von allem: von Sonne, Mond und Feuer, vom weiten Weltall. Er ist auch der Baumeister, der alles errichtet.

443. Der Töpfer setzt den Ton auf die Scheibe und formt ihn nach seiner Vorstellung. Wie dieser Töpfer ist unser Herr Nandi. Er bewegt die Welt hierhin und dorthin, wie es seinem schöpferischen Willen entspricht.

444. Er ist der höchste Herr, sein Reittier ist der Stier; mächtige Geister bilden sein Heer. Grenzenlos ist seine Freigebigkeit: Er schenkt uns die Welt. Seine Güte allein ist Güte. Er trägt verfilzte Haare und wohnt in meinen Gedanken.

445. Aus Zuneigung zu uns erschuf er die sieben Welten. Aus Zuneigung zu uns erschuf er die verschiedenen Weltalter. Aus Zuneigung zu uns erschuf er die fünf Elemente. Aus Zuneigung zu uns erschuf er diesen Leib und Atem.

446. Einst erschuf er die sieben Welten, einst ungezählte Himmlische, einst unzählige Lebensarten. Er, der einst alles erschuf, blieb selbst als ursprüngliches, ungeschaffenes Höchstes bestehen.

447. Der Erste erschuf die fünf Elemente. Der Erste erschuf die endlosen vergangenen Weltalter. Der Erste erschuf die ungezählten Himmelswesen. Der Erste erschuf und erhielt zugleich.

448. Die unendlichen Räume der sieben Welten erfüllte er in Einheit, grenzenlos sich ausdehnend. Dennoch ist er nicht leicht zu erreichen. Shiva selbst durchdrang die unzähligen Einzelseelen. Auch in dieser Welt ist er gegenwärtig, unser Herr.

449. Er ist das Licht im Innern, der Leib im Äußeren, der kostbare Gegenstand der Liebe der Unsterblichen oben und die heilige Gestalt, die die Heiligen unten verehren. Er ist die Pupille deiner Augen und der Gegenstand aller Erkenntnis.

450. Seine kosmische Gestalt kennt niemand. Er ist der unendliche Raum, der das Weltall erfüllt, und auch der Raum im kleinen Topf. Untrennbar wie Wasser in Milch durchdringt er alles in inniger Verbindung. Unparteiisch ist seine Güte, unermüdlich seine Seligkeit: Das habe ich erkannt.

451–460: Die Entstehung des verkörperten Lebens

Hinweis zum folgenden Abschnitt: Der Text verbindet seine Lehre von Seele und Wirklichkeitsprinzipien mit vormodernen Vorstellungen von Zeugung und Schwangerschaft. Diese werden als überlieferte Aussagen übersetzt, nicht als heutige biologische Erklärung.

451. Er verbindet die fünfundzwanzig Tattvas, die mich im vergangenen Leben verlassen hatten, um mein kostbares Leben wieder zu erwecken. So erschafft er, in der runden Gebärmutter sitzend. Der Erste erschafft und weiß, was ich werden soll.

452. Über dem Muladhara wohnt das Kundalini-Feuer. Dort, im wassergefüllten Mutterleib, lag das Kind mit seinen kleinen verschlungenen Füßen. Damit das geduldig wartende kostbare Leben seinen weiteren Weg nehmen könne, ordnete er die Freisetzung der zehn Lebenshauche an.

453. Als die beiden Eltern sich in Freude vereinten, wurde dieser Leib bestimmt, das leidvolle Haus der quälenden Bindung. Wann dies geschehen sollte, legte er in jener Stunde der Vereinigung fest: der himmlische Herr.

454. Nur wer das Ende der Geburt erschaut hat, weiß, wie Purusha unter den fünfundzwanzig Tattvas in den körperlichen Leib eintrat. Kein anderer weiß, wie das, was die Geburtsgrube der Frau suchte, in zweifacher Gestalt hineinströmte.

455. Der Penis drang ein, die Scheide öffnete sich; gemeinsam strömten die Tattvas in Fünfergruppen hinein: die fünf Elemente, die fünf Tanmatras, die fünf groben und die fünf feinen Sinnesorgane sowie die vier Erkenntniswerkzeuge – Geist, Verstand, Wille und Ichbewusstsein. In der Mitte der Stirn lagen sie alle verborgen.

456. Wie beim Aufblühen einer Blume der Wind ihren Duft in alle umgebenden Räume trägt, so breitet sich Prana, die Lebenskraft, über den Jiva aus und entfaltet sich sanft zur bestimmten Zeit.

457. Die acht Bestandteile des feinen Leibes, die schließlich fortgehen; die achtzehn Tattvas, die hineinschlüpfen, mit Purusha darin; die neun Öffnungen, die schlangengleich gewundene Kundalini und der zwölf Fingerbreiten lange Lebensatem: Führt der göttliche Wagenlenker dies nicht hinein, könnte das Kind wahrlich weniger als menschlich sein, etwa ein Schwein.

458. Dominiert bei der geschlechtlichen Vereinigung der männliche Strom an Kraft, wird das Kind mit den tamasischen Eigenschaften Rudras geboren. Ist der Strom umgekehrt, überwiegt Haris sattvische Eigenschaft. Fließen beide im Gleichgewicht, herrscht Brahmas rajasische Eigenschaft vor. Zur Königsherrschaft geboren ist, in wem die drei Gunas im rechten Verhältnis wirken.

459. Die beiden vereinten sich in Einklang; aus ihren Lebensströmen entstand die Gestalt des Kindes. Als aber der Jiva, der schon in unzähligen Körpern gewohnt hatte, nun eintrat, wurde er vom Geist beherrscht. Feine Maya durchdrang ihn.

460. Im schwangeren Mutterleib lag die Seele in ursprünglicher Ruhe, im Turiya-Zustand. Maya und ihr Gefolge weckten sie daraus und verliehen ihr Bewusstsein sowie die acht Entfaltungen Mayas, Verlangen und die übrigen. So sprechen die heiligen, wahren Schriften.

Erläuterung: Tanmatras sind die feinen Grundlagen sinnlicher Qualitäten. Sattva, Rajas und Tamas bezeichnen Klarheit, Bewegung und Trägheit. Die Zuordnung in Vers 458 gehört zur Kosmologie der Quelle. Insbesondere die Aussage in Vers 457 ist ein überliefertes Körperbild und keine vertretbare Einstufung des menschlichen Wertes.

461–470: Der Leib als Wohnung des Lebens

461. Aus Knochen errichtete er das Gerüst, mit gewundenen Sehnen befestigte er es, mit Blut und Fleisch fügte er es zusammen. So formte der Herr dieses Leibeshauses, damit das kostbare Leben darin wohne. Ihn suche ich mit wachsender Zuneigung.

462. Milchweiß ist seine Farbe, strahlend wie die Sonne ist er. Gütig durchdringt er den ganzen Leib und verbreitet seine Zärtlichkeit. Die Wut des Feuers im Muladhara hielt er zurück. Dies ordnete er auf vielfältige Weise.

463. Schon als verderbliches Karma dem Jiva nachfolgte, entwarf er zahlreiche Wege des Schutzes. Er umgab den Embryo mit Wasser und bewahrte ihn vor dem brennenden Muladhara-Feuer. Um das keimende Leben zog er schützende Kreise gegen die bedrängende Bindung. So erhielt er es sicher und kühl.

464. Der silbrige Same strömte hervor und traf auf den ebenfalls aufwallenden weiblichen Strom. Da entstand das Kind: Sein Atem maß beim Einatmen acht, beim Ausatmen vier Fingerbreiten. Seine Größe betrug acht Fingerspannen seiner eigenen kleinen Hand.

465. In die Vereinigung trat der Heilige ein. Er sammelte die fünfundzwanzig Tattvas und gestaltete den Leib mit seinen fünf Hüllen. Freigebig war wahrlich seine Gabe! Ein Bündel des Verlangens schuf er.

466. Die fünf Sinne mit ihren törichten Wegen entstehen in diesem Leib und sinken hier wieder zurück. Ebenso geht der Jiva, der den Makrokosmos durchdringt, gewiss wieder in Nada auf.

467. Wie auf eine blattartige Vorrichtung setzte er mein Leben. Dort pflanzte er mit der Genauigkeit einer Waage die fünf feinen Sinne und dreißig weitere Tattvas ein. So formte er einen Leib: einen dampfenden Kessel mit neun Öffnungen.

468. Im Entzücken der Vereinigung kneteten sie den Ton, damit er daraus die Behausung des Leides forme. Der Brennofen glühte; der Krug kam hervor, mit neun Kanälen und achtzehn Tattvas.

469. Du kennst die sechs Zentren in dir nicht. Das große Gute, das darin hervorquillt, erkennst du nicht. Die darin liegenden Vollkommenheiten suchst du nicht. Wisse: Der fleischliche Leib besteht aus den zehn Sinnesvermögen.

470. Er gestaltete diesen Leib und hauchte Leben hinein. Er setzte neun Tore ein und entzündete dann im lotusgleichen Schädel das Feuer göttlicher Erkenntnis. Dies schuf der Herr. Ihn grüße ich in inniger Liebe.

471–483: Zeugung, Geschlecht und körperliche Merkmale

471. Der Herr ist grenzenloses Licht. Aus dem ursprünglichen Schoß entzündet er alles Leben. Er bewegt den flüssigen Keim der Ursächlichkeit und verleiht ihm eine sich entfaltende Form. Ihn suche ich im Himmel und auf Erden.

472. Bei der Vereinigung der gegensätzlichen Geschlechter entsteht das Licht des Lebens, wohlbehütet. Eine Blase ist es in der Wasserweite des Lebens, ein Schatten, der sich auf der Erde ausbreitet, umhüllt vom achtteiligen feinen Leib.

473. Zu den acht Gliedern des feinen Leibes gehören die fünf wandelbaren Sinne und drei Erkenntniswerkzeuge: Geist, Wille und Erkennen. Wisse: Der liebe Herr, der diesen Leibessack mit dem klebrigen Leim des Verlangens zusammenband, wird ihn zur rechten Zeit auch wieder lösen.

474. Der Herr schuf den Leib; dieser nahm Name und Gestalt an. Dann erschuf er Erde und viele Tattvas, damit der Jiva seine Erlösung suchen könne. So sprechen die Veden.

475. Keine Gnade gibt es außer Haras Gnade; Hara ist nichts anderes als Gnade. Wenn er Leben schenkt, schenkt er zugleich die liebevolle Fürsorge zweier Pflegemütter: Maya und Mamaya.

476. Shakti, die mitwirkende Ursache der Schöpfung, und der Leuchtende, der alle Dunkelheit vertrieb, schufen gemeinsam die unzähligen Leben, ihre Gattungen und Arten. Nachdem sie dies getan hatten, durchdrangen sie sie auch. Welche unvergleichliche Herrlichkeit!

477. Der Lebenskeim brennt wie eine stetige Flamme im Mutterleib. Er nimmt eine von drei Gestalten an: männlich, weiblich oder mit Merkmalen beider Geschlechter. Wie Vater und Mutter bei der Vereinigung waren, so prägte er das Geschlecht. Gerecht war wahrlich jener Leuchtende.

478. Überwiegt der männliche Strom, wird das Kind männlich geboren; überwiegt der weibliche, wird es weiblich. Sind beide gleich stark, wird ein Kind mit Merkmalen beider Geschlechter geboren. Strömt der männliche Fluss reichlich, wird das Kind die ganze Welt beherrschen. Ist er spärlich, kommt es nicht zur Empfängnis.

479. Reicht der Atem des Mannes nach dem Samenerguss fünf Fingerbreiten weit, lebt das geborene Kind hundert Jahre. Reicht er vier Fingerbreiten, lebt es achtzig Jahre. Ein Yogi, der die Wissenschaft der Atembeherrschung kennt und sich geschlechtlich vereinigt, regelt den Lebensstrom entsprechend.

480. Ist der Mann nach dem Geschlechtsverkehr kurzatmig, wird das Kind kleinwüchsig geboren. Strömt der Atem schwach, kann es mit beeinträchtigten Gliedmaßen geboren werden. Stockt der Atem mitten im Akt, wird ein Kind mit gekrümmtem Rücken geboren. All dies bezieht sich nicht auf den Atemrhythmus der Frau.

481. Ist bei der Vereinigung der Darm der Mutter übermäßig gefüllt, wird ein geistig träges Kind geboren. Ist zu viel Urin vorhanden, wird ein stummes Kind geboren. Ist beides übermäßig vorhanden, wird ein blindes Kind geboren. So entspricht das geborene Kind dem Zustand der Mutter.

482. Fließt der Atem vor allem durch das rechte Nasenloch, wird ein Junge geboren; fließt er links, ein Mädchen. Widersetzt sich der absteigende Strom Apana dem aufsteigenden Prana, entstehen Zwillinge. Fließt der Atem gleichmäßig durch beide Nasenlöcher, wird ein Kind mit Merkmalen beider Geschlechter geboren.

483. Fließt der Atem bei Mann und Frau im gleichen Maß, wird das Kind außerordentlich schön. Gerät bei beiden der Atemrhythmus ins Stocken, kommt keine Empfängnis zustande.

Einordnung zu 477–483: Diese Verse enthalten vormoderne Zeugungstheorien. Die beschriebenen Zusammenhänge zwischen Atem, Ausscheidungen, Geschlecht, Behinderung und Lebensdauer sind nicht als biologisch gesicherte Ursachen oder Vorhersagen zu verstehen. Sie dürfen insbesondere nicht zur Schuldzuweisung an Eltern herangezogen werden. Die Wiedergabe der dritten Geschlechtsform beschreibt die historische Ausdrucksweise der Vorlage und ersetzt keine heutige differenzierte Begrifflichkeit.

484–491: Verborgenes Werden und göttlicher Schutz

484. Der kindliche Keim, den die junge Frau im Mutterleib trug, wuchs, genährt von heller Milch, die Shakti im Zentrum zwischen den Augenbrauen spendet. Er leuchtete wie die goldenen Strahlen der aufgehenden Sonne. Im Innern nahm er die entsprechende Gestalt an.

485. In zehn Monaten bildet er sich vollständig; dann gelangt er zur bestimmten Zeit auf die Erde. Er wächst, von Maya genährt. Doch wer kennt diese formlose Maya?

486. Der den Samen pflanzte, wusste es nicht. Die ihn empfing, sah es nicht. Der Schöpfer wusste es, sagte es aber niemandem. Auch der Herr, der die Wahrheit offenbart, ist dort. Dennoch sah ich Maya nicht. Wie geschickt war ihr verborgenes Wirken!

487. Freude suchend begegneten sich die beiden. In das Leid der Bindung wurde das Kind geboren und darin aufgezogen. Es wuchs heran und erreichte hier auf Erden das Erwachsenenalter. Möge es nun den Uralten suchen, der vor allen Welten war.

488. Der Koelvogel legt sein Ei in das Nest der Krähe. Die Krähe brütet es aus und nährt das Junge, ohne etwas zu ahnen. Sie versetzt es nicht, weist es nicht zurück und fragt nicht warum. So nährt Maya das junge Wesen.

489. Der Herr ist der Erste: Wurzel, Spross, Pflanze und Frucht. So segnet er alles Leben. Jedem gewährt er seine Lebensfreude; jedem steht er entsprechend bei.

490. Mein Herr ist von unendlicher Größe und doch in der Kleinheit dieses fleischlichen Leibes gegenwärtig. Jenseits des Erkennens der Himmlischen ist er; doch in Gebet und Askese wird er selbst vor dir erscheinen.

491. Wie Salz aus dem wogenden Meer hervorgeht, so wurde dieser Leib aus den Tattvas geformt, die im Höchsten entstanden. So geboren zu werden ist wahrlich seine Gnade!

492–500: Die unterschiedlichen Zustände der Seelen

492. Aus dem Spiel von Shakti und Shiva erblühte das Leben. Der Jiva, zuvor im reinen Kevala-Zustand der Turiya-Ruhe, wurde daraus gelöst und den Hüllen Mayas übergeben. Dann trat der Herr in sein Denken ein und durchdrang sein Wesen mit göttlichem Geist.

493. Die wahren Vijnanakalas bilden vier Gruppen, die Pralayakalas drei, die Sakalas darunter weitere drei. So werden die Einzelseelen eingeteilt: insgesamt zehn Gruppen.

494. Vier Klassen bilden die Vijnanakalas: jene im Kevala-Zustand der Anava-Bindung; jene, die das Selbst erkannt haben; jene, die den Zustand der acht Vidyeshvaras erreichten; und schließlich die sieben Crore Mantra-Nayakas. Wer von der Unreinheit der Ichhaftigkeit frei ist, gehört zu den wahrhaft Verwirklichten und ist keine gebundene Einzelseele mehr.

495. Die Pralayakalas bilden drei Klassen: jene, die Befreiung erlangt haben; jene, die durch die beiden Unreinheiten Ichhaftigkeit und Karma gebunden sind; und die hundertacht Rudras. Die Sakalas besitzen alle drei Unreinheiten.

496. Die drei Arten von Sakalas sind jene, die wunderbare Siddhis erlangt haben; jene, die Befreiung zu Lebzeiten erlangt haben; und jene, die keines von beidem erreichten. Alle sind unfähig, die drei Unreinheiten zu überwinden, und sind in Klang und die übrigen Sinneserfahrungen eingetaucht.

497. Wer die fünf hartnäckigen Unreinheiten ablegt, wird selbst Shiva. Solche Menschen werden makellos und zu Siddhas; sie erreichen endgültige Befreiung, entwurzeln die Bindung der Seele und beenden den Geburtenkreislauf. Sie allein haben die Wahrheit der unvergleichlichen Tattvas erkannt.

498. Drei Abstufungen gibt es bei den Vijnanakalas, darunter jene, die allein in ruhender Anava verharren. Ebenso gibt es drei Abstufungen der Pralayakalas und drei der Sakalas. So bestehen neun Klassen von Einzelseelen, die sich auf unterschiedlichen Stufen entfalten.

499. Vijnanakalas können durch Karma eine körperliche Gestalt annehmen. Durch heilige Taten erlangen sie aber eine himmlische Gestalt und eine höhere Erkenntnisgestalt. Indem sie so beständig streben, gewinnen sie bleibende Weisheit und werden am Ende Shiva selbst.

500. Sie legen Anava vollständig ab und verlieren das Bewusstsein aller Erinnerung an ihre begrenzte Einzelheit. Sie werden Bindu und Nada und erreichen das höchste himmlische Ziel: Einheit mit dem Shiva-Tattva. Dabei besaßen alle drei Gruppen, Sakalas und die übrigen, ursprünglich die drei Unreinheiten Anava, Maya und Karma.

Erläuterung und Quellenhinweis: Diese Seelenklassen unterscheiden Grade der Bindung an Unreinheiten und der Befreiung. Kevala bezeichnet hier ein isoliertes, noch nicht entfaltetes Seelendasein. Die englische Fassung von Vers 496 nennt Befreiung zu Lebzeiten und zugleich fortbestehende Machtlosigkeit gegenüber den drei Unreinheiten; dies bleibt eine lokale begriffliche Unstimmigkeit. Auch die Zehnteilung in 493 und die Neunteilung in 498 werden beide erhalten, nicht stillschweigend gleichgesetzt. 501–508: Geben und die Wahl der Empfänger

501. Gib einem Menschen, der Shiva erkannt hat, auch nur ein Weniges: Du wirst Vollkommenheit, Befreiung und himmlische Seligkeit erlangen. Gib einem Unverständigen eine ganze Welt aus Gold: Du wirst arm werden und alle Freude verlieren.

502. Der Tod wartet auf die bestimmte Stunde und ergreift die Leben. Der Herr aber ergreift das Leben des Todes: So groß ist seine Macht. Er segnet alle, die ihn wahrhaft erkennen. Wer ihn suchte, wurde unsterblich.

503. Nicht einmal im Mutterleib gab ich ihn auf. Die Wahrheit seiner heiligen Füße vergaß ich nicht. Ich gab die Unwahrheit auf und suchte sie. Die Füße des Herrn mit den verfilzten Haaren sind eine Lampe, die kein Öl braucht.

504. Was sein soll, möge sein; was nicht sein soll, möge nicht sein. Was gehen soll, möge gehen; was kommen soll, möge kommen. Der mächtige Nandi zeigt alles und ist Zeuge von allem. Für jene, die ihn zärtlich lieben, tut er alles, was angemessen ist.

505. Magst du die Kuh noch so sorgsam pflegen und mit frischem Gras füttern: Ist sie unfruchtbar, gibt sie keine Milch. So ist auch das Geben an Menschen, die weder gut noch heilig sind. Sie gleichen einer Saat, die zur falschen Jahreszeit angebaut wird.

506. Gib jenen, die dem Weg des Yoga, der Yamas und Niyamas folgen und den Herrn in bleibender Beständigkeit verehren. Menschen zu geben, die Gott nicht lieben, ist wahrlich eine schwere Verfehlung.

507. Wer den Göttern, dem Guru und den Guten gibt, die von Leidenschaften frei sind, wird selbst zum Jnani, einem Erkennenden, und vermittelt verschiedenen Schülern angemessene Erkenntnis. Für ihn ist nicht die brennende Hölle bestimmt, die den Tätern der fünf schweren Verfehlungen bevorsteht, die deren schreckliche Folgen nicht erkennen.

508. Du magst Vermögen weggeben, gewaltig wie ein Berg. Gibst du es aber Menschen, die unseren Herrn nicht verehren, wirst du mit ihnen die siebte Hölle unaussprechlicher Qual erreichen.

Erläuterung: Dieser Abschnitt beurteilt religiöse Gaben nach der Würdigkeit ihres Empfängers. Er steht in deutlicher Spannung zur offenen Freigebigkeit von Vers 250 und 252. Beide Aussagen bleiben erhalten; der Text wird nicht künstlich widerspruchsfrei gemacht. Yamas und Niyamas sind ethische Selbstbegrenzungen und Regeln der persönlichen Übung.

509–514: Die heiligen Wasser im Innern

509. In diesem Leib gibt es viele heilige Wasser. Die Menschen tauchen nicht sanft in sie ein, um Karma zu vertreiben. Vergeblich wandern sie über Berg und Tal: verständnislose Menschen mit verwirrtem Geist!

510. Wer ihn innig liebt, dem erscheint der Herr wohltuend kühl. Wer in weltlichen Genüssen versunken ist, dem erscheint er nicht. Den Yogis, die den Atem beherrschen – doch gewiss wohnt er in den Gedanken der Jnanis, die zweifelsfrei schauen.

511. Der Herr ist in ihnen, doch sie erkennen ihn nicht, die Menschen falschen Glaubens. Grenzenlos strömen ihre bösen Taten. Hinab, hinab in den tiefen Abfluss geht ihr Strom, ohne je sein Ziel zu kennen.

512. Wer ihn verehrt, erreicht seine himmlische Wohnstatt. So erkennen die Unsterblichen den ursprünglichen Herrn. Bade im klaren Wasser der heiligen Ganga, die von seinem Haupt hierher herabfließt. Du wirst rein, von schuldhaften Unreinheiten befreit.

513. Sie ließen Gold ins Meer fallen und suchten angestrengt im Teich danach. Nichts gleicht ihrer Torheit! In dir ist Nandi, fest wie ein Fels der Ewigkeit. Doch sie erkennen und suchen ihn nicht. Wahrlich fehlt ihnen Gnade.

514. Wasser, das sich im Körper mischt, wird zu dunklem Urin; Wasser, das sich im Körper mischt, wird zu rotem Blut; Wasser, das sich im Körper mischt, wird zu weißem Samen. Das ursprünglich entstandene Wasser wurde zu Erde, Wind und den übrigen Elementen.

Quellenhinweis zu Vers 510: Die englische Zeile über die atmungsübenden Yogis ist ohne vollständigen Hauptsatz überliefert. Ihre Aussage wird deshalb nicht stillschweigend ergänzt.

515–519: Die Bewahrung des Heiligtums

515. Hüten sollen sich jene, die einen in einem Heiligtum eingesetzten Linga versetzen. Noch bevor die Versetzung beendet ist, wird das Königreich ins Unheil stürzen. Eine schwere Krankheit wird den Verantwortlichen bis zum sicheren Tod verfolgen. So erklärte es Nandi, der göttliche Beschützer.

516. Entfernen sie auch nur einen Stein aus der Tempelmauer, bedeutet dies den Untergang des gekrönten Königs. Sei der Handelnde ein Weiser oder ein Vedengelehrter: Gewiss sind Krise und Verderben. So ordnete es der Herr.

517. Regen bleibt aus, Seuchen breiten sich aus, der mächtige König verliert seine Kraft: Dies alles geschieht gewiss, wenn die Verehrung in den Tempeln des Herrn nachlässt, der selbst den Todesgott zurückwies.

518. Wenn im Shiva-Tempel die Verehrung aufhört, widerfährt dem Herrscher Unheil. Der Regen wird spärlich, Diebstahl und Raub nehmen im Land zu. So erklärte es mein heiliger Nandi.

519. Ist derjenige, der die Verehrung des Herrn vollzieht, nur dem Namen nach Priester, toben tödliche Kriege, verbreiten sich schwere Krankheiten und zieht Hunger durchs Land. So erklärte es der gute Nandi wahrhaftig.

Erläuterung: Die Verse drücken die religiöse Bedeutung kontinuierlicher Puja, der rituellen Verehrung, und des Schutzes geweihter Orte aus. Ihre Aussagen über Katastrophen sind sakrale Drohbilder der Überlieferung, keine nachgewiesenen Ursachen von Seuchen, Krieg oder Dürre.

520–525: Das abwärts blickende Antlitz

520. „Heil, unser Herr, unser Gott! Tödlich ist die Macht Padmasuras. Rette uns, hilf uns!“ So beteten die Himmlischen zum ursprünglichen Herrn. Er winkte dem korallenfarbenen, sechsgesichtigen Gott und sprach: „Ziehe aus und schlage den Feind.“

521. Er trägt eine Girlande weißer Schädel; seine ausgebreiteten Haare sind verfilzt. Er stützt das weite Weltall und erfüllt den Raum in acht Richtungen. Den Hals seines abwärts gerichteten Antlitzes durchzieht Dunkelheit. „Er schluckte Gift“, sagen sie. Sie sind unwissend und kennen die Wahrheit nicht.

522. Ihr Menschen, die ihr auf dieser meerumgürteten Erde in Unwahrheit und Schmeichelei lebt! Warum sein Hals dunkel glänzt, weiß der, der ihn so machte. Erkennt ihr die Wahrheit, wird er die Himmelswesen dazu bringen, sich vor euch zu verneigen.

523. Im ursprünglichen Feuer, das Shiva ist, erhebt sich Nandi leuchtend in der Mitte. Er durchdringt alle Welten. Seine Farbe gleicht der Abendsonne, die in Herrlichkeit die Welt durchschreitet. Er ist der Herr des abwärts blickenden Antlitzes, Adhomukha.

524. Der Uralte mit dem abwärts blickenden Antlitz erschuf dieses weite Weltall hier unten. In Adhomukha belebt er alles Leben. Er ist der Herr der lotusäugigen Adhomukha-Shakti, der Herr des Endes der Weltalter.

525. Höre, wie Adhomukha zu einer riesigen Blume erblühte. Dann verwandelte es sich in hundert Welten und in grenzenlose Energie, die sie belebte. Als Adhomukha blieb der Herr zugleich ihre tragende Stütze.

Erläuterung: Adhomukha bedeutet „abwärts blickend“. Der sechsgesichtige Gott in Vers 520 ist Subramanya. Die Quelle verwendet für Adhomukha die Schreibung „Athomukha“.

526–538: Achtung vor Shiva, Lehrern und Erkennenden

526. Wer Erkenntnis erlangt hat, in seinem Denken von allen Zweifeln frei ist und ihn mit inniger Liebe sucht, erreicht die Welt der Himmlischen. Denken niedrig Geborene gering von ihm, ist ihr Los düster wie das eines Papageis in den Krallen einer Katze.

527. Götter und Asuras verschwendeten ihr Leben und starben schließlich, ohne wahre Erkenntnis zu erlangen. Die Wahrheit erreichen allein jene, die den ursprünglichen Herrn in tiefer Hingabe verehren.

528. Götter und Asuras widersetzten sich dem Herrn und einander; so gingen sie zugrunde. Widersetze dich dem Herrn nicht, auch nicht ein wenig und nicht im Scherz. Solches wächst wie ein Schneeball, aus einem wird zehn.

529. Sie sind in der vedischen Überlieferung gelehrt. Weil sie wissen, dass Gott in ihnen ist, halten sie sich selbst für Gott. Dann stürzen sie sich in zerstreuende Vergnügungen und vergessen jeden Gedanken an Gott.

530. Die Niedrigen kümmern sich nicht um ihre Eltern und beschimpfen ihre Angehörigen mit üblen Worten. Wahrhaft gesegnet sind allein jene, die den Weg des kundigen Guru aufnehmen, keine anderen.

531. Der Guru lehrte die Weisheit des einsilbigen Mantras Om. Wer verächtlich von ihm spricht, wird als niedriger Hund geboren. Nachdem er ein ganzes Weltalter ein Hundeleben geführt hat, wird er als Wurm geboren und schließlich dem Staub übergeben.

532. Die tugendhafte Ehefrau, den aufrichtigen Verehrer und den großen Erkennenden schwer zu verletzen und zu erschüttern, lässt Leben und Vermögen des Täters innerhalb eines Jahres verschwinden. Das ist wahr; beim heiligen Nandi schwöre ich es.

533. Wer die Gefühle des heiligen Guru verletzt, der das einsilbige Mantra Om lehrte, wird als Hund geboren. Nach hundert Hundegeburten wird er als ein aus der Gesellschaft ausgestoßener Mensch sterben.

534. Wird Gurus, die Gott ergeben sind, Leid im Herzen zugefügt, werden Land, Menschen und ihre Größe gemeinsam zerstört. Der Thron des himmlischen Königs Indra und die Throne mächtiger irdischer Könige werden gleichermaßen zusammenbrechen. Dies ist gewiss; bei unserem wahrhaftigen Nandi schwöre ich es.

535. Sprich keine Unwahrheit in der Gegenwart des heiligen Guru. Sonst weichen Güte und Weisheit. Der altehrwürdige Weg der Rechtschaffenheit wird vergessen und alles andere, was zum Gedeihen führt. Das Land fällt dem Hunger anheim.

536. Wer wirft einen kostbaren Edelstein aus der Hand und trägt stattdessen einen schweren Stein? Wer gibt Milch, Joghurt und Ghee, die er besitzt, weg und zieht tödliches bitteres Gift vor? So steht es mit den Gurus des Weges der Handlung: Werden sie sich jemals mit einem Jnani vergleichen können?

537. Der Verehrer des Herrn lebt von Almosen. Wer ihm feindlich begegnet, wie bescheiden sein Stand auch sein mag, und ihn nach Belieben beschimpft, fällt in eine niedrige Hölle.

538. Wer einen Jnani verspottet, verliert die guten Folgen seiner guten Taten. Wer ihn als heilig verehrt, wird von den schädlichen Folgen seiner schlechten Taten frei. Wer in die Gegenwart eines Jnani gelangt, wird wahrlich den seligen Genuss Shivas kosten.

Einordnung: Der Abschnitt verwendet soziale Rangvorstellungen und drastische Wiedergeburtsstrafen. Die Formulierung „niedrig Geborene“ in Vers 526 gibt die englische Vorlage wieder und ist keine Wertung der deutschen Redaktion. Die Achtung eines Lehrers ist von Unfehlbarkeit, Kritikverbot und dem Dulden von Übergriffen zu unterscheiden. Der Text selbst fragt an anderer Stelle, ob äußere religiöse Zeichen und tatsächliche Erkenntnis übereinstimmen.

539–548: Geduld und die Gemeinschaft der Heiligen

539. Im Herzen der geistig Standhaften liegt der Waran der yogischen Nichtanhaftung. Er hält Nase und Zunge besetzt. Im aufgewühlten Denken, das nur Qual kennt, bleibt einzig die übergroße Geduld der Hingabe unbewegt.

540. Der Herr saß auf seinem Thron, milchweiß an Farbe. Unzählige Himmelswesen standen um ihn, auch Hari und Brahma, deren König er ist. Tief verneigten sie sich vor seinen Füßen und baten um Gnade. Der Herr segnete sie: „Sie sollen auf Erden hoch gedeihen.“

541. Der Herr besitzt reife Weisheit; er ist unser König. Wie ein Heer strömen sie aus allen Richtungen zum Gebet herbei. Er erschafft den fleischlichen Leib und ist der Erste der Himmelswesen. Verehrst du ihn in aufrichtiger Liebe, wird er seine Gnade schenken.

542. Im Hause und außerhalb, durch Kraft und sanfte Mittel bereitete der Herr dich vor, mit überragender Geduld. Auf dem Verbrennungsplatz tanzt er. Vielfältig und verschieden sind seine Spiele.

543. Ich gehe mit denen, die Gott suchen. Ich lebe mit denen, die sein Lob singen. Der Herr segnet jene, die ihn suchen. Mit ihnen halte ich Gemeinschaft; ihre Füße suche ich.

544. Du magst in Not wie ein zartes Blatt erzittern. Was nützt dir deine Bedrängnis, mein Herz, wenn du den Herrn dennoch nicht liebst? Komm mit mir dorthin, wo der Herr Hilfe schenkt.

545. Die Jnanis suchen den Herrn der Himmlischen. Wer ihre Gemeinschaft sucht, wird die Wahrheit Shivas erlangen. Solche Menschen gehen wahrhaft den Weg der Tugend und sind gesegnet. Mit ihnen Gemeinschaft zu haben ist höchste Seligkeit.

546. Die Heiligen sind dem Herrn verwandt. Sie erreichen die goldenen Füße des Vaters mit den wallenden verfilzten Haaren, dessen Ruhm alle Welten umgibt. Er segnet jene, die ihn in der Stille ihres Herzens suchen. Erreiche den allmächtigen König: Dann erlangst du das königliche Ziel.

547. Ich ging mit ihnen, den Verehrern der Verehrer des Herrn, und erreichte die Stadt des feuerfarbenen Herrn, der göttliche Waffen trägt. Die Wächter am Tor sahen mich und meldeten mich dem Herrn. Er sprach: „Komm herein!“ Und alle riefen: „Heil! Du bist die Zuflucht!“

548. Der höchst Hingebungsvolle wird im Innern sein. Der herausragend Hingebungsvolle wird die Wirbel der Geburt meistern. Der geliebte Hingebungsvolle erkennt das Selbst und bleibt unsterblich. Mit diesen an Gnade Reichen habe ich mich zur Gemeinschaft verbunden.

Quellenhinweise: Zu Vers 539 verbindet die englische Ausgabe das Waranbild erläuternd mit einer Zungenhaltung, „Kesari Mudra“; dies ist keine im Vers ausgeführte Übungsanleitung. Der erste Satz der englischen Fassung von Vers 548 („will in, be“) ist beschädigt. Die knappe Übersetzung hält nur den erkennbaren Sinn fest; die genaue Aussage bleibt unsicher.

Ende des zweiten Tantra.

Drittes Tantra: Der achtgliedrige Yoga

Darstellung von Nadis und Chakras als ergänzende Orientierung zur yogischen Körperlehre.

549–557: Die Grundlage des Yoga

549. Weit und schwer zu erklären ist die Wissenschaft des Atems. Abwechselnd ein Nasenloch schließen und die Zeit im rechten Maß zählen: So offenbarte Nandi ausführlich die große achtgliedrige Wissenschaft des Yoga, Yama, Niyama und die übrigen Glieder.

550. Hier werde ich die Wege von Yama und Niyama darlegen, das Geheimnis von Kavacha, Nyasa und Mudra, die Wege zum Samadhi-Zustand, das Emporführen der Kundalini-Shakti und das Erreichen der höchsten Shakti am Scheitel.

551. Schwanke nicht hierhin und dorthin. Folge dem achtgliedrigen Yoga und erreiche Samadhi. Wer diesen gesegneten Weg geht, gelangt zum Gipfel der Erkenntnis und wird nicht mehr in diesem vergänglichen Fleisch geboren.

552. Yama, Niyama und die unzähligen Asanas; heilsames Pranayama und Pratyahara; Dharana, Dhyana und siegreiches Samadhi: Dies sind die acht stählernen Glieder des Yoga.

553. „Mag der Himmel in allen acht Richtungen Ströme regnen lassen: Vollzieht dennoch die heiligen Regeln!“ So sprach der kühle, korallenfarbene Herr mit den verfilzten Haaren zu den vier in Hingabe versunkenen Weisen.

554. Er tötet nicht, lügt nicht und stiehlt nicht. Deutliche Tugenden zeichnen ihn aus: Er ist gut, sanft und gerecht. Er teilt seine Freuden und kennt keinen Makel; weder berauscht er sich noch gibt er sich der Wollust hin. So ist der Mensch, der auf dem Weg der Regeln steht.

555. Das erste Sein, die zentrale Bedeutung aller Veden, das göttliche Licht, das Feuer in diesem Licht; er, der sich Hälfte um Hälfte mit seiner Shakti teilt, und die darin liegende göttliche Gerechtigkeit: Dies erkennt der Mensch auf dem Weg des Niyama.

556. Reinheit, Mitgefühl, maßvolles Essen und Geduld, Aufrichtigkeit, Wahrheit und Beständigkeit pflegt er mit Eifer. Töten, Stehlen und Wollust verabscheut er. So steht derjenige, der Niyama beachtet, mit zehn Tugenden da.

557. Askese, Meditation, Gelassenheit und Heiligkeit, Wohltätigkeit, Gelübde auf dem Shiva-Weg und Studium des Siddhanta, Opfer, Shiva-Puja und reine Gedanken: Mit diesen zehn vervollkommnet er seinen Weg des Niyama.

Erläuterung: Yama bezeichnet ethische Zurückhaltung, Niyama förderliche persönliche Disziplin. Asana ist die Körperhaltung, Pranayama die Atemlenkung, Pratyahara das Zurücknehmen der Sinne, Dharana Sammlung, Dhyana Meditation und Samadhi tiefe Versenkung. Kavacha bedeutet Schutzpanzer und bezeichnet hier rituellen Schutz; Nyasa ist das rituelle Zuordnen von Mantras zu Körperstellen, Mudra eine symbolische oder yogische Geste. Die englische Fassung nennt auch in 553–554 „Niyama“, obwohl die Abschnittsüberschrift „Iyama“ lautet. Der Aufbau ist mit Patanjalis Yoga Sutra vergleichbar; daraus allein folgt keine bewiesene direkte Textabhängigkeit.

558–563: Sitzhaltungen

558. Zahlreich sind die Asanas, beginnend mit Padmasana. Sechs unter ihnen gelten als besonders hoch; das fehlerfreie Svastikasana ist das siebte. Wer diese sieben Haltungen einnimmt, wird wahrlich und gewiss zum Meister.

559. Sitze mit gekreuzten Beinen und aufwärts gerichteten Fußsohlen. Ziehe die Füße nahe auf die jeweils gegenüberliegenden Oberschenkel. Strecke dann die Hände nach vorn auf die Füße. Das ist Padmasana, der auf Erden weithin berühmte Lotussitz.

560. Lege das rechte Bein über das linke, strecke die Hände über die Wade und sitze fest und aufrecht. Das ist Bhadrasana.

561. Hebe die Füße auf die Oberschenkel, beherrsche den Atem und hebe den Körper auf den Ellenbogen an. So fest und unbeweglich sitzend erreichst du Kukkutasana.

562. Strecke die Hände über die Wade, richte den Mund nach oben und den Blick auf die Nasenspitze. So nimmst du Simhasana, die Löwenhaltung, ein.

563. Bhadra, Gomukha, Padma und Simha, Svastika, Vira und Sukha: Diese sieben Asanas sind hervorragend und altüberliefert. Insgesamt aber zählt man zahlreiche Haltungen, acht, achtzig und hundert.

Quellenhinweis: Die Beschreibungen und Zahlen folgen der englischen Grundlage. Insbesondere die Stützangabe „Ellenbogen“ in 561 und die Aufzählung in 563 werden nicht stillschweigend an heutige Asana-Anleitungen angepasst.

564–577: Der Atem als Reittier des Geistes

564. Der Jiva ist Herr der fünf Sinne und Oberhaupt der körperlichen Behausung. Ein Pferd trägt ihn zu seinem bestimmten Ziel. Den kundigen Reiter trägt es, den schwachen wirft es ab. Dieses Pferd ist der Prana-Atem.

565. Gut ist der Jiva; zwei Pferde besitzt er, doch er weiß sie nicht zu beherrschen. Gewährt der erhabene Guru seine Gnade, werden die Pferde zahm.

566. Schneller als ein Vogel fliegt dieses Pferd, berauschender als Wein ist seine Freude. Es schenkt Kraft und vertreibt Trägheit. Wahrhaftig sagen wir dies; die Weisen mögen zuhören.

567. Lass Prana im Geist aufgehen und beide gemeinsam still werden. Dann gibt es keine Geburt und keinen Tod mehr. Lerne darum, den Atem abwechselnd links und rechts zu führen, und singe schweigend Om. Dann wirst du vom Nektar des Lebens kosten.

568. Puraka heißt, durch das linke Nasenloch sechzehn Zeiteinheiten einzuatmen. Kumbhaka heißt, diesen Atem vierundsechzig Einheiten zu halten. Rechaka heißt, danach zweiunddreißig Einheiten auszuatmen. Wechsle so von links nach rechts und von rechts nach links, mit Atemhalten dazwischen.

569. Beherrschst du den Atem im Innern, wird dein Leib, wie alt er auch sei, jung und kristallhart. Durch die gütige Gnade des guten Guru kannst du dich dann wie eine Holzbiene zum Himmel emporschwingen.

570. Wo du auch bist, beherrsche dort den Atem; dann wird der Leib nicht vergehen. Atme im vorgeschriebenen Maß ein, halte und atme aus. So kannst du ein siegreicher Herr werden, dessen Leistung das Muschelhorn des Sieges verkündet.

571. Einatmen, Ausatmen und beiderseitiges Atemhalten: Diese Wissenschaft des Atems kennen sie nicht. Wer sie kennt, ist dazu bestimmt, den Todesgott zurückzuweisen.

572. Atme im Puraka tief ein, sodass der Atem oben, unten und die Mitte erfüllt. Halte ihn im Kumbhaka um das Nabelzentrum. Im Rechaka wird er im rechten Maß nach innen aufgenommen. Wer die Wissenschaft des Atems so übt, erreicht die Gnade des Herrn, der das tödliche Gift verschlang.

573. Sechzehn Zeiteinheiten links einatmen, vierundsechzig im Nabel halten, zweiunddreißig rechts ausatmen: Wer den Atem so beherrscht und dabei Om singt, hat wahrlich das Licht der Wahrheit gesehen.

574. Atme tief und gleichmäßig ein, damit Prana die zehn Nadis erfüllt. Atme langsam aus, sodass sich der Leib nicht bewegt. Halte den Prana-Atem und bewege den Apana-Atem abwärts. Sitze so aufrecht und besiege den Tod.

575. Der innere Atem steigt auf und wandert, wie es ihm gefällt. Beherrsche ihn und reinige das Innere. Dann werden deine Glieder rötlich leuchten, dein Haar wird dunkel, und der Gott in dir wird dich niemals verlassen.

576. Der Prana-Atem, die junge Frau im Haus des Leibes, läuft unablässig hinein und hinaus. Werden zwölf Zeiteinheiten eingeatmet und acht ausgeatmet, machen die vier zurückbehaltenen dich göttlich in Shiva.

577. Der Elefant, der zwölf Einheiten lange Atem, ist Tag und Nacht wach. Der Elefantenführer, der Jiva, kennt ihn nicht. Lernt der Führer, den Elefanten zu beherrschen, kennt dieser weder Nacht noch Tag: Er besteht in Ewigkeit.

Erläuterung: Matra bezeichnet hier ein Zeitmaß, nicht ohne Weiteres eine Sekunde; Nadis sind feinstoffliche Leitbahnen. Der Abschnitt enthält traditionelle Atemverhältnisse und starke Verheißungen von Jugend und Unsterblichkeit. Er ist eine historische Textübersetzung, keine individuell abgestimmte Übungsanleitung. Die Formulierung zu Rechaka in 572 weicht vom üblichen Verständnis als Ausatmen ab und bleibt als Besonderheit der englischen Vorlage erhalten.

578–587: Pratyahara – nach innen schauen

578. Übe Schritt für Schritt das Zurückziehen des Geistes und schaue nach innen. Eines nach dem anderen wirst du dort viele gute Dinge sehen. Dann kannst du dem Herrn schon hier und jetzt begegnen, den die alten Veden noch überall suchen.

579. Die Menschen kennen die göttliche Kunst nicht, den zwölf Einheiten langen Atem unterhalb des Nabels festzuhalten. Sobald sie diese Kunst erlernen, tritt der Herr jubelnd in ihr Inneres ein.

580. Zwei Fingerbreiten über dem After, zwei unter dem Geschlechtsorgan und vier unter dem sichtbaren Nabel: Dort im Innern liegt Kundalini als leuchtend flammendes Feuer.

581. Richtest du den Blick zwölf Fingerbreiten unterhalb der Nasenspitze und sammelst dich dort in Meditation auf das Nabelzentrum, wird dir der mächtige Siddha-Yoga zuteil und dein Leib unvergänglich.

582. Erblickst du bei solcher Meditation einen Lichtglanz im Zentrum zwischen den Augenbrauen, wisse: Dir ist unvermischte Seligkeit bestimmt. Siehst du im Kehlzentrum Mondlicht, wird dein Leib von göttlicher Freude berauscht.

583. Schließe die Muladhara-Öffnung unten. Sammle dein Denken auf die Sahasrara-Öffnung oben und meditiere darüber in Einheit. Richte deinen dolchgleich scharfen Blick auf jene weite Leere. So Yoga übend wirst du die Zeit besiegen.

584. Zwei Fingerbreiten über dem After und zwei unter dem Geschlechtsorgan liegt das Kundalini-Feuer. Kannst du über das dort brennende Licht meditieren, wirst du eins mit dem Herrn, der alle Geburten beendet.

585. Erkenne mit gesammeltem Denken klar den Unterschied zwischen Pasha, der Bindung, und dem leuchtenden Pati, dem Herrn. Löse dann diese Bindung. Lass dein Herz für den Herrn schmelzen, erlange Erkenntnis und betrachte sie. Wende deinen Blick nach innen zu ihm: Dies sind die kostbaren Wege des Pratyahara.

586. Wird der Atem, der hinausströmt, im Innern gehalten, werden auch die Gedanken dort gehalten. Dann wird der Herr dich nicht verlassen.

587. In gesammelter Meditation wird die ganze Welt geschaut. Befreie dich von der verachtenswerten Dunkelheit und suche den Herrn. Ist dein Denken fest gesammelt, wirst du göttliches Licht sehen und danach unsterblich sein.

588–597: Dharana – ungeteilte Sammlung

588. Lass dein Denken nicht schwanken; binde es fest an Muladhara. Schaue durch den Wirbelsäulenkanal in die innere Leere. Sieh und sieh doch nicht; höre und höre doch nicht. Sitze so in Meditation. Dies ist der sichere Weg, dem Tod den Weg zu versperren.

589. Von den Gipfeln des Schädels stürzt unablässig der himmlische Wasserfall herab und führt Prana durch den Wirbelsäulenkanal. Dort, auf dem steinernen Schauplatz des inneren Berges Meru, vollzieht der Herr seinen zeitlosen Tanz. Dieses endlose Licht der Seligkeit habe ich geschaut.

590. Sie ist die junge Frau der Veden und gehört zum feinen Land des Schädels. Er ist der Bräutigam und schläft im Land des Muladhara. Wecke ihn sanft und führe ihn mit ihr zusammen. Dann wirst du ewig jung sein. Bei Nandi schwöre ich: Dies ist wahr für immer.

591. Verschließe Muladhara und hebe den Prana-Atem empor. Führe ihn durch die Höhlung der Wirbelsäule und halte ihn angemessen im Innern. Wie ein Storch am Beginn eines Wasserlaufs sitze ruhig, mit einem einzigen Gedanken. So kannst du immer und ewig leben.

592. Wird Pranayama im rechten Zeitmaß geübt, stimmt das Atemhalten mit Prana überein. Wer den Atem, der Prana ist, schult, mit dem bleiben Zeit und Leben ungetrennt verbunden.

593. Ein Stier lebt in den Gedanken jener, die Schweigen üben. Wer den Mund weit öffnet, treibt ihn mit dem Wind davon. Wer aber in Schweigen gehüllt bleibt, führt ihn zum Mondgipfel. Dort klopft er mit den Hörnern an. Öffnen sich die Höhlentore nicht, kehrt er erschrocken um.

594. Wird der nach innen und außen verzweigte Atem auf den Geist gerichtet und gesammelt, kannst du in der weiten Schlafkammer der Leibeshöhle ruhen. Zwei Türen hat sie und sieben Fenster. Lange, lange kannst du dort leben.

595. Wenn von den zehn Lebenswinden, die den Leib erfüllen, fünf durch Ausatmen entweichen, was nützt es dir, Tor? Was nützen Wachen und Beten? Wer den Atem im vorgeschriebenen Maß beherrscht, wird den Gedankenaffen gewiss in der Leibesfestung einschließen.

596. Alle, die vor uns kamen, haben ihr Ende gefunden. Welche Gewähr gibt es für ein anderes Geschick derer, die nach uns kommen? Was wäre da über die Millionen und ihr künftiges Leben zu sagen? Welche Täuschung! Wird ein sandiges Ufer jemals festen Halt bieten?

597. Die fünf bedrängenden Sinne in die fünf Elemente zurücknehmen; die fünf Elemente in die inneren Erkenntnisorgane; diese in ihre ursprünglichen Prinzipien und die ursprünglichen Prinzipien in das ungeschaffene Sein: Das ist wahrlich Dharana, in Stufen geübt.

Erläuterung: In Vers 590 ist die Verteilung gegenüber dem verbreiteten Bild der unten ruhenden Kundalini und des oben gegenwärtigen Shiva umgekehrt; bereits die englische Überschrift weist darauf hin. Die deutsche Ausgabe bewahrt diese Besonderheit. Die Überwindung des Todes und die Vergänglichkeit des Leibes werden im Abschnitt nebeneinandergestellt.

598–607: Dhyana – das Licht der Meditation

598. Die Zehn, die fünf Elemente und die fünf Sinne, werden ineinander aufgenommen; das innere Organ Buddhi, die unterscheidende Intelligenz, nimmt seinerseits die Sinne auf. So entsteht Dhyana. Zuerst Para-Dhyana, auf Shakti gerichtet, dann das vom Guru gesegnete Shiva-Dhyana: Dies sind die zwei Wege des Meditationsyoga.

599. Durch Auge, Zunge, Nase und Ohr sowie durch das Erkenntnisorgan durchdringt der Uralte alles als Nada. Im Gaumenraum zeigt er das kosmische Licht. Den fleischlichen Leib gab er, damit wir erlöst werden.

600. Im unabgelenkten Blick erscheint das Licht. Schaue und schaue, bis dein Herz erfüllt ist, und werde eins mit ihm. Dann steigt der himmlische Strom zu den unendlichen Räumen der weiten Leere. Dort kann das ungeschaffene Sein geschaut werden.

601. Nicht ein einziges Mal meditieren sie über das Geheimnis des Jiva im Leib. Nicht ein einziges Mal meditieren sie über Shiva im Jiva. Nicht ein einziges Mal meditieren sie über göttliche Erkenntnis in Shiva. Nicht ein einziges Mal meditieren sie über den Lotus in der Mondsphäre.

602. Entzünde die Lampe des Geistes und vertreibe die Dunkelheit der Ichhaftigkeit. Lösche das Feuer des Zorns und lass alle Lampen im Innern hell werden. Dann wird die Lampe des Geistes wahrlich zu einer nie erlöschenden Lampe.

603. Mögen sie achttausend Jahre Yoga üben: Dennoch sehen sie den Herrn nicht, süß wie Nektar und kostbar wie der eigene Augapfel. Suchst du ihn aber mit erhellter Einsicht in dir, ist er in dir wie das Bild im Spiegel.

604. Sind beide Augen auf die Nasenspitze gerichtet, trifft dich kein Kummer und dein Leib vergeht nicht. Keine Unruhe bleibt, keine Regung, kein Suchen, nichts, das „ich“ heißt. Du und Shiva werden eins.

605. Den Blick auf die Nasenspitze richten und den wandernden Atem im Innern halten: Wer so die Nadis still werden lassen kann, erreicht gewiss das Ziel. Keine Furcht vor künftiger Geburt bleibt für ihn.

606. Glocke, Meer, Elefant, Flöte, Wolke, Biene, Libelle, Muschelhorn, Trommel und Laute: Die feinen Klänge dieser zehn hören allein jene, die ihren Geist in Gott still werden ließen.

607. Das Brausen des Meeres, das Donnern der Wolken, das Trompeten des Elefanten, der Wohlklang der Laute, die Musik der am weiten Himmel leuchtenden Sphären, Flötenmelodie und Muschelklang: All dies hört allein der wahre Yogi.

608–617: Der Weg durch die inneren Sphären

608. Wer Gott verwirklicht, erlangt göttliche Eigenschaften und tritt in die Gemeinschaft der Unsterblichen ein. Die Bindung verschwindet; solche Menschen werden in allem Leben gegenwärtig. Sie hören die feinsten Klänge, die hervorgehen wie Duft aus einer Blume.

609. Am Ende des Nada ist die göttliche Shakti. Am Ende des Nada ist der gute Yoga. Am Ende des Nada ist das letzte Ziel. Am Ende des Nada thront der Herr.

610. Wenn das Kundalini-Feuer in den sechs Zentren glüht, flieht die ursprüngliche Anava-Dunkelheit. Die fünf Sinne folgen gezähmt. Sie gehen in die Tanmatras, ihre Grundlage, zurück, und diese wiederum in Nada. Dann erreichst du die Füße des Herrn, der aller Zuflucht ist.

611. In der geheimnisvollen Schlafkammer ist ewiges Tageslicht; keine Dunkelheit dringt ein. Es gibt einen Weg, diesen Leib nicht der Feuerkammer zu übergeben. Das Licht dieser Erkenntnis wird durch Meditation verlängert. Die Kammer der Leere kennt niemals ein Ende des Lichtes.

612. Der Yogi lässt in den Regeln seiner Gelübde nicht nach und hat zu meditieren gelernt. Er führt Kundalini durch die Wirbelsäule und durchschreitet die drei Mandalas in gleicher Freude. So lebt er für immer im fleischlichen Leib.

613. Es gibt einen Weg, die drei Mandalas zu erreichen. In jedem wohnt die entsprechende Gottheit. Empfange ihren jeweiligen Segen. Dann führt jedes Mandala zum nächsten.

614. In der dunklen Kammer des gesenkten Herzens liegen die drei Mandalas. Wer mit ihnen eins wird und die Fesseln durchdringt, kennt keine Ermüdung. Die drei Stufen des Herzens zu überschreiten ist wahrlich höchste Erhebung.

615. Wer die drei Gunas entwurzelt, den Atem im Muladhara beherrscht und ihn im vorgeschriebenen Zeitmaß abwechselnd durch die linke und rechte Nadi führt, wird vom König der Himmelswesen unsterblich gemacht.

616. Vier Fingerbreiten über dem bewegten Nabelzentrum liegt das blütenblättrige Herzzentrum; zwei Fingerbreiten darüber das Kehlzentrum. Wer darüber in meerestiefer Sammlung meditieren kann, erkennt ihn gewiss, den Herrn des körperlichen Leibes.

617. Sie überschritten die sechsunddreißig unwirklichen Tattvas und zerstörten Mayas dichte Schichten. Durch Gnade wurden sie zu reiner Erkenntnis und selbst untrennbar zu dieser Gnade. Wer dies erreichte, war eine gute Seele, die den Weg der Meditation kannte.

Erläuterung: Die drei Mandalas sind im yogischen Zusammenhang innere Sphären; die Verse setzen ihre Kenntnis voraus. Die Körpermaße der Quelle werden ohne Umrechnung oder anatomische Gleichsetzung wiedergegeben. Aussagen über Unsterblichkeit bleiben Verheißungen des Textes.

618–631: Samadhi – Versenkung und Einheit

618. Samadhi ist das Ziel von Yama und den übrigen Gliedern. Samadhi ist die Vollendung der acht Siddhis. Nur wer den Weg von Yama bis zum Ende beharrlich geht, erreicht dieses Ziel.

619. Wenn auf dem Meru-Gipfel des Sahasrara Bindu und Nada sich entfalten, entsteht in ihrer Vereinigung Samadhi. Dann wird das strahlende Licht endloser Erkenntnis geschaut.

620. Wo der Geist aufgeht, ist Lebensatem. Wo der Geist nicht aufgeht, ist kein Leben. Wer entzückt in der Auflösung des Geistes sitzt, ist wahrlich im Yoga der Auflösung gefestigt.

621. Wer im Samadhi reinen Bewusstseins sitzt, schaut den geheimnisvollen Wald und den blühenden Teich. Solche Menschen durchwandern die königliche Weite der großen Leere. Dort, am Fuß des fruchtbaren Meru, bringen sie ihr Atemross mit dem Zügel zum Stillstand.

622. Oben auf der Wirbelsäule, in der Mitte, ist eine einzigartige Wohnung errichtet. Drei Kammern und vier Türen hat sie. Darin sitzen sie in Samadhi. Wenn sie durch die obere Tür die Leere schauen, gibt es das Wort Tod nicht mehr, nicht einmal im Traum.

623. Fünf sind die geheimnisvollen Bereiche, acht die Bergketten, sechs die Gruppen der Zentren, die sie tragen. Mit auf ihn gerichtetem Denken sehen sie ihn dort stehen. Teilhaftig der Gnade seiner tanzenden Füße werden sie unsterblich.

624. Im verschlossenen Leib ist der Lebensatem gefangen. Führe ihn zu dem Land, das kein Begehren kennt. Wer den Blick auf das wahre Ziel richtet, erreicht die Mangofrucht, die dort im Garten hängt.

625. Es gibt einen Weg, den Herrn zu schauen. Die Himmelswesen quirlen nur mit dem dunklen Berg und genossen den Nektar. Doch sie erklommen nicht die Höhen des geheimnisvollen Berges und tranken nicht den dort strömenden Nektar. Denn ihnen fehlt der unerschütterliche Geist, der sich hoch in Samadhi erhebt.

626. Er ist unser Eigen, er ist der Erste, er lehrte die vier Veden. Er ist das Licht, das im reinsten Gold glüht. Sie verehrten ihn in Liebe, näherten sich ihm frei von allen Wünschen und erklommen den hohen geheimnisvollen Baum. Ihr Atem ruhte in Samadhi, und sie wurden eins mit ihm.

627. Jenseits des dreieckigen Muladhara, wo Zeit und Raum sich vermischen, über diesem Zentrum und gegenüber der Stirn, hängt die Mondsichel: von vielfältiger Gestalt und unvergleichlicher Schönheit.

628. Frei von zerstreuenden Gedanken steigt er den Kundalini-Weg empor und sucht den Schöpfer, der alles erschuf, das schöne Licht. Er erreicht die Vereinigung mit dem geheimnisvollen Mond und wird eins mit dem ungeschaffenen Sein. Das ist wahrlich die Ruhe des Samadhi.

629. Wird Samadhi erreicht, wird Shiva erreicht. Auch Shakti wird darin aufgenommen. Zerstreuende Leidenschaften vergehen. Der Geist ruht in vollkommenem Gleichgewicht wie eine Waage. All dies gilt jenen, die im Samadhi schlafen.

630. Er stand als unvergleichlicher Lichtpfeiler da. Geht der Jiva im Samadhi in ihm auf, stehen Brahma, der Schöpfer, und der meeresfarbene Vishnu beide da und verehren ihn.

631. Wer im Samadhi verweilt, dem kommen viele Yogas von selbst und die acht Siddhis ungesucht. Doch für jene, die mit Gott wandeln, gibt es keinen Samadhi mehr; für jene, die in Gott eins werden, gibt es keinen Samadhi mehr.

Erläuterung zu Vers 631: Der Vers unterscheidet die erreichte Einheit offenbar von Samadhi als gesondertem Übungszustand. Diese Deutung erklärt den Zusammenhang; sie ersetzt nicht die paradoxe Formulierung des Verses. Das „Schlafen“ in 629 meint wiederum eine Bildsprache der Versenkung.

632–639: Die Früchte des achtgliedrigen Yoga

632. Wer den Herrn sucht, dessen verfilzte Haare mit Blumen geschmückt sind, erreicht gewiss die Wohnstatt der Götter. „Was dieser mein Verehrer sucht, das gewähre ich“, segnet der Herr, der den Stier besteigt und zur Freude seiner Gefährtin tanzt.

633. Halte dich fest an seine Füße und verehre sie in Liebe. Singe sein Lob, studiere seine heilige Lehre und denke beständig an ihn. Du wirst Shivas Welt erreichen, von der heiligen Gemeinschaft der Rishis mit allen Ehren empfangen.

634. Unendlich ist die Gnade des Herrn. Er erhebt seinen Verehrer zu Indra, dem Herrn der Himmlischen. Mit Pracht und Ehre wird dieser empfangen, unter Trommelschlag und Pfeifenklang; alle Herrlichkeit und Seligkeit regnen auf ihn herab.

635. Erreicht der Verehrer Shivas Welt, empfangen ihn himmlische Scharen: „Heil! Hier kommt unser goldener Herr!“ So begrüßen sie ihn, und er wird sich in entzückenden Freuden ergehen.

636. Erreicht er Shivas Welt, fragen die Himmlischen aus den acht Richtungen: „Wer ist er?“ Hara antwortet: „Er ist ich.“ Die edlen Götter versammeln sich und begrüßen ihn, als begegneten sie Shiva selbst.

637. Den guten Weg suchend wenden sie sich vom Weg des Todes ab. Sie gehen den Weg der Wahrheit und suchen Befreiung; grenzenlos ist ihre Freigebigkeit. Mögen die Himmlischen in allen acht Richtungen umherwandern: Sie müssen zu diesem irdischen Weg der Verehrer kommen und ihn suchen.

638. Die Welt des Verehrers ist das Ziel des Suchens: für Vishnu, der auf dem Meer schläft; für Brahma, der zweimal sieben Welten erschafft; für Rudra, der alles Leben auflöst; für die Götter, die sich am sprudelnden Nektar erfreuen.

639. Die Grenzen ursächlich bedingter Erfahrung des Jiva überschreiten, selbst zu den ursächlichen Tattvas werden und dann diese Ursachenquellen zum Erlöschen bringen: So vereinen sich die Asketen mit dem ursachlosen Sein. Das ist wahrhaft höchster Samadhi.

Gliederungshinweis: Die Quelle ordnet 632–639 nacheinander den acht Gliedern Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi zu.

640–648: Außergewöhnliche Fähigkeiten und Demut

640. Bete und suche den Herrn in acht Richtungen. Verehre ihn beständig in acht Richtungen. Erlange die acht großen Siddhis in acht Richtungen und wirke mit ihnen demütig in acht Richtungen.

641. Der Herr ist das kostbare Wesen der Himmlischen. Ich suchte seine Füße in Hingabe. Alle meine Makel verschwanden, und ich schaute die geheimnisvolle Leere. Nichts ist mir nun unmöglich. Er segnete mich mit den acht großen Siddhis und beendete meine künftige Geburt.

642. Schau auf dem Muladhara-Weg durch die Gnade des Guru Shakti, die duftend und schön dort sitzt. Übe Shambhavi und Khechari. Du wirst die acht Siddhis erlangen, die zum Ziel des mächtigen Shiva führen.

643. Elemente, Kalas, Zeit und Maya: Entkomme ihnen, ohne dich zu verstricken; dies ist Weisheit. Umschließe fest die Wahrheit des Herrn, des Ungeschaffenen und Endlosen. Dann kannst du in die sterblichen Hüllen anderer Wesen eintreten.

644. Vielfältig, sehr zahlreich ist Karma-Yoga; zwanzigtausendachthundert Arten zählt man. Doch sie alle vermögen nur körperliches Tun hervorzubringen und sind den acht großen Siddhis unterlegen.

645. In der linken Mond-Nadi, Ida, misst der Prana-Atem zwölf Einheiten. Atme davon vier aus. Werden die acht bewahrten Einheiten im Innern gehalten und wird dies zwölf Jahre lang ununterbrochen geübt, bleiben die acht Siddhis für immer gegenwärtig.

646. Umgibst du dich mit dem Reichtum vieler Menschen, bereitest du nur den Weg zu neuer Geburt. Auch durch Kunst, Gelehrsamkeit, Begabung und feine Weisheit wird Siddhi nicht erreicht. Erst am Ende der verschiedenen Melodien, die zwölf Jahre lang im Yoga gehört werden, gelangt die Fähigkeit zur Vollendung.

647. Im siebten Übungsjahr wird der Yogi schnellfüßig wie der Wind; sein Schritt berührt den Boden nicht. Er erkennt die Gedanken anderer Wesen. Im achten Jahr wird er ewig jung, ohne graues Haar und faltende Körperpartien. Im neunten tritt er in andere sterbliche Hüllen ein.

648. Im zehnten Jahr kann der Yogi sich im Raum ausdehnen und zusammenziehen. Im elften nimmt er die Gestalt an, über die er meditiert. Im zwölften beherrscht er alle acht Siddhis vollständig. Dann gewinnt er die Macht, die sieben oberen und sieben unteren Welten zu durchwandern und eine kosmische Gestalt anzunehmen, die allen Raum umfasst. 649–658: Fähigkeiten, Befreiung und Lebenswinde

649. Selbst zum Atom werden und selbst zum Kosmos; selbst leicht und selbst schwer werden; selbst unsichtbare Luft sein, in andere sterbliche Leiber eintreten, die Macht des Wahrhaftigen besitzen und in allem gegenwärtig sein: Dies sind die acht großen Siddhis.

650. Der Yogi nimmt Atomgröße an, tritt in das Leben verschiedener Wesen ein und kehrt dann zu seiner ursprünglichen Gestalt zurück. In keiner Richtung wird er davon berührt. Von dieser Stufe der Anima-Siddhi steigt er weiter, Om singend, in Nada auf und eilt so der Befreiung entgegen.

651. Tage werden nach sechzig astralen Nazhigai gezählt, ein Jahr nach dreihundertsechzig Tagen. Meditiere während der so bemessenen Zeit unablässig und durchdringe die Chakras vom Muladhara aufwärts. Im Nabelzentrum entsteht die Kraft der Anima.

652. Shiva-Befreite sind jene, die ihre Gedanken Shiva zuwandten, von Shiva erfüllt wurden und durch das zur Befreiung führende Schweigen Befreiung erlangten. Auf der Suche nach göttlicher Reinheit ließen sie die fünf Sinne zurück; ihre Gedanken ruhten auf dem kosmischen Tanz.

653. Neun Lebenswinde im Leib sind gleichrangig; Dhananjaya, der zehnte, ist übergeordnet. Stimmen die neun in ihren Bahnen überein, stimmen auch Leben und Leib gut überein.

654. Dhananjaya durchdringt die anderen neun Lebenswinde. Im Körper durchströmt er zweihundertvierundzwanzig Nadis. Wirkt er nicht auf diese Weise, wird dieser Leib anschwellen und bersten.

655. Geschwüre, Juckreiz und Aussatz, Blutarmut und ähnliche Krankheiten mit Schwellungen, Lähmung, gekrümmter Rücken, Gelenkentzündung und Augenkrankheiten mit Hervortreten: Sie alle erscheinen, wenn Dhananjaya gestört wirkt.

656. Bei gestörtem Dhananjaya erkrankt das Auge, etwa an grauem oder grünem Star. Kurma aber ist dem Auge zuträglich. Durchdringt Kurma das Auge nicht, empfängt dieses kein Licht.

657. Durch die Nadis, die in Ohr, Auge und Herz pulsieren, belebt der eine Funke göttlichen Lichtes alles: Gott selbst. Die Götter Rudra, Vishnu und Brahma haben dort jeweils ihren Sitz.

658. Im fleischlichen Leib mit seinen neun Toren gibt es ein Zentrum, in dem neun Nadis zusammenkommen. Wer diese neun Nadis sammeln kann, schaut nicht nur neun, sondern vieles, vieles.

Erläuterung: Anima ist die Fähigkeit, winzig klein zu werden; Nazhigai ein traditionelles Zeitmaß. Dhananjaya und Kurma gehören zur Lehre von den Lebenswinden. Die Krankheitszuordnungen in 655–656 geben diese vormoderne Lehre wieder, keine medizinisch gesicherte Ursachenbeschreibung.

659–670: Shakti, Nada und die Vollendung

659. Entzünde das Kundalini-Feuer, das im Muladhara leuchtet. Führe es durch Sushumna, den mittleren Wirbelsäulenkanal, empor. Leite den Prana-Atem hinein, der durch Sonnen- und Mond-Nadi fließt. Dies ist der Weg zu den sieben geheimnisvollen Welten im Schädel. So unterweisen wir jene, die weise genug sind zu lernen.

660. Jiva, du suchst die Frau in Begierde und wirst wie ein Rehkitz im Netz gefangen. Weißt du aber die mittlere Nadi zum großen Weg zu machen, möge der Samen, den du zum Verkauf bereithieltest, dir selbst zum Genuss gehören.

661. Wer Nada in der Nadi emporhebt, schaut blitzartig das eine Sein. Dort trinkt er den geheimnisvollen Nektar und besiegt alle bedrängenden Feinde.

662. Auf dem Stängel der geheimnisvollen Lotusknospe vereinten sich die neun nektarsüßen Jungfrauen mit der Herrin Kundalini. Eine Ebene nach der anderen stiegen sie empor. Sie erreichten den siegreichen Gipfel und verwandelten sich dort in Vollkommenheit.

663. Shakti, die Vollkommene, erfüllte dreimal sieben Kammern mit sich selbst. Die neun schönen Jungfrauen wurden zu hundertfünf. Als Ursache Vishnus, Brahmas und der übrigen fünf Götter dehnte sie sich aus und durchdrang alles.

664. So erblühte die junge Göttin und dehnte sich aus. Entscheidet sie sich aber, sich im Innern zu verbergen, gehen die fünf Elemente und alles, was aus ihr hervorging, in den widerhallenden ursprünglichen Klang Nada zurück.

665. Wird der Atem abwechselnd durch die linke und rechte Nadi geführt und überschreitet die Grenze der sechs Zentren, sitzt dort mitten in der kühlen Flamme Shakti von Blitzgestalt. Gehe in ihr auf.

666. Sind die Sinne beherrscht und die Gedanken in Einheit gesammelt, und sitzt du so in Erkenntnis, wird der Atem, der wieder und wieder kreist, sanft im Jiva aufgehen. In diesem Jiva tanzt der Tänzer. Dort suche ich ihn.

667. Ich führte den Atem durch Sushumna aufwärts und suchte, begleitet vom Klang des Nada, Om. Siehe, dort war die Göttin, und ich gewann sie. Ich ergriff und band die Feinde, die sie abschirmten. So erlangte ich die juwelenbesetzte Lampe mit unsterblicher Flamme, die Lampe aus der Schatzkammer der Befreiung.

668. Winzig werden wie das Atom im Atom: Anima. Unerschütterlich groß werden: Mahima. In der Schwebe leicht werden wie Dampf: Laghima. In andere Leiber eintreten: Prapti. In allen Dingen gegenwärtig sein: Prakamya. Allmächtiger Herr der ganzen Schöpfung sein: Ishitva. Überall gegenwärtig sein: Vashitva. Dies sind die acht großen Siddhis.

669. Durch achtgliedrigen Yoga werden die acht Siddhis erlangt, wenn der Atem im Einklang beherrscht wird. Wird aber das Kundalini-Feuer durch die mittlere Nadi emporgeführt und die Sonnensphäre überschritten, liegt dahinter die Mondsphäre. Von dort strömt der Nektar, der getrunken werden kann.

670. Auf dem Weg des achtgliedrigen Yoga entstehen nicht nur die acht Siddhis, sondern auch das Ziel hinter ihnen. Alles kommt mühelos, wenn Tripura-Shakti ihre Gnade gewährt.

Quellenhinweis zu Vers 668: Die englische Liste nennt nur sieben Einträge, obwohl sie von acht Siddhis spricht. Die deutsche Übersetzung ergänzt keinen fehlenden Eintrag. Auch die Zuordnung einzelner Fähigkeitsnamen entspricht hier der englischen Quelle und weicht teilweise von anderen gebräuchlichen Aufzählungen ab.

671–681: Anima, Laghima, Mahima und Prapti

671. Siddhas sind jene, die zusammen mit den acht Siddhis das Göttliche erreichen. Sie gelangen zur höchsten Welt und schauen in sich den geliebten Herrn. Dann erreichen sie ihn wahrhaft, über die acht Grenzen hinausgehend.

672. Wer den Atem abwechselnd links und rechts führen und durch die Wirbelsäulenhöhlung sicher zum Meru am Scheitel senden kann, zu dem kommt die Kamiya-Welt von selbst: die Welt, die durch Anima und die übrigen acht Siddhis erreicht wird.

673. Hat er Kundalini durch die Wirbelsäulenhöhlung zum Meru emporgeschickt und hält ein Jahr lang daran fest, erreicht er Anima-Siddhi. Leichter als die feinste Baumwolle wird er sein und doch unbesiegbar.

674. Hat der Yogi die einzigartige Herrin, Adi-Shakti, und die mit ihr verbundenen Tattvas geschaut und bleibt dann fünf Jahre standhaft, erreicht er Laghima: die Kraft, nach Belieben überall einzudringen.

675. Erreicht der Yogi Laghima-Siddhi, leuchtet er in göttlichem Licht. Dieses Leuchten verbreitet milchweißen Glanz. Darin schaut er das himmlische Leuchten, das Wahrheit ist.

676. Ein Jahr nach dem Erlangen von Laghima, wenn die Tattvas in der zartgestaltigen Shakti Zuflucht nehmen, entsteht Mahima-Siddhi. So deutlich wie seine eigene Handfläche wird der Yogi sie sehen.

677. Hat er gesehen, wie Atem zu Licht wird, bewegt sich die Zeit nicht mehr: Sie steht still. Die Vergangenheit geht im Raum auf; über die Zukunft wird er Herr.

678. Durch ihn wächst alle Erkenntnis; durch ihn gedeiht die ganze Welt; durch ihn blühen alle Dinge. Er selbst steht in der Gnade des Herrn.

679. Wer so in Mahima steht, schaut die Herrin der Tattvas und die himmlischen Bhutas. Hält der Yogi ein Jahr lang ununterbrochen darin aus, erlangt er die göttliche Prapti.

680. Hat der Siddha das blendende Licht Shaktis geschaut, erkennt er den weiten Kosmos, der sich wie eine Blume entfaltet. Die Vergangenheit geht im Raum auf, und die zukünftige Zeit steht für immer still.

681. Kein Gehen, kein Kommen, kein Tod, kein Altern; kein Warten auf die Schau des Atemlichtes, des Nada; kein Verlangen nach etwas Bestimmtem: So ist es bei den Siddhas, die diese Fähigkeit erreicht haben.

682–693: Weitere Fähigkeiten und ihr Ziel

682. Ist Prapti erreicht, wohnt Parashakti spürbar im Innern, und alle Tattvas weichen. Bleibt er ein Jahr so, erlangt er die Kraft, in fremde Körper einzutreten.

683. Sie wissen nicht, wie das innere Sein zu strahlendem Licht wird. Dieses Licht ist bereits im Muladhara. Mit ihm können sie das Nada-Licht oben sehen. Wer so sucht, den führt das obere Licht mühelos zur Befreiung.

684. Ein Jahr vergeht, nachdem der Siddha Prakamya erreicht hat; er setzt seine Verehrung beharrlich fort. Dann schaut er Sadashiva-Shakti mit ihren Bhuta-Scharen und erlangt Ishitva.

685. Auf dieser Stufe wird der Siddha zu den Strahlen des Mondes. In seiner Vereinigung wird er zu dessen Kalas. Er selbst wird zum Mond.

686. Er erlangt die Kraft zu erschaffen und zu erhalten. Er selbst wird Herr der Auflösung sein. Er und Isha werden untrennbar eins.

687. Nimmt der Siddha in der kühlen Mond-Kala die fünf Elemente auf, erlangt er in einem Jahr die seltene Kraft, den Wahrhaftigen zu erkennen.

688. Diese seltene Kraft, den Wahrhaftigen zu erkennen, ist die göttliche Siddhi Vashitva. In allen Wesen, die in seinen Bereich kommen, wird er wie Gott selbst innerlich gegenwärtig.

689. Während der Siddha so in Vashitva steht und wie die Sonne strahlt, erlangt er die seltene Schau des wahren Seins. Sein Körper wird golden, seine Sinnesorgane ruhen wie tot. Er schaut die gute Shakti, die wie eine zarte Ranke erscheint.

690. Nach Vashitva bleibt der Siddha beharrlich in der Erkenntnis Shaktis und Shivas, der ihren Leib teilt. Ein Jahr später erlangt er die Kraft, alle Welten zu besuchen, die am goldenen Stängel der kosmischen Blume hängen. Unbewegt wie ein steinernes Banner sitzend erreicht er die Siddhi Kamarutatva.

691. Hast du Kamaru-Siddhi erreicht, empfängst du die Kraft, wie Blumenduft allen Raum zu durchdringen. Göttlicher Duft wird dir eigen. Zu Maya-Shakti verwandelt wirst du der Herr des Lichtes, den wir verehren.

692. Nachdem er das göttliche Licht geschaut hat, wohnt er darin wie im Haus seiner Mutter. Er hat die unzähligen Welten besucht und sieht Shivas höchstes Licht, dessen Wohnstatt unter Geistern und Gespenstern ist.

693. Wer die acht hohen Siddhis beherrscht, wird Herr der ganzen Erdkugel. Leuchtend wird seine Siegesgirlande sein, und sein Atem verwandelt sich in unvergleichliches Licht.

Erläuterung: Die Zeitangaben und Fähigkeiten dieses Abschnitts gehören zur spirituellen Überlieferung. Sie sind weder zugesicherte Ergebnisse eines Übungsplans noch unabhängig nachgewiesene Fähigkeiten. Bhutas kann je nach Zusammenhang Elemente oder Geistwesen bezeichnen. Kamarutatva wird in der Quelle auch Kamavasayitva genannt.

694–704: Prana, Mantra und die Zentren

694. Durch Shakti, die zarte Ranke, vermischt sich Prana mit dem Jiva. Prana durchdringt die fünfhundert, dann die zehn und dann die drei Nadis. Shakti durchdringt den ganzen Prana.

695. Im Kopf strömt Nektar wie ein Fluss durch eintausenddreihundertfünf Nadi-Kanäle. Die Zentren sind der Weg zum tausendblättrigen Sahasrara. Die beiden Atemströme Ida und Pingala zeigen den Weg.

696. Über dem zweiblättrigen Zentrum liegt der Sitz der Sadashiva-Shakti. Steigt der doppelte Atem weiter empor, ist dort der tausendblättrige Lotus des Sahasrara. Auf ihm liegen die einundfünfzig Buchstaben, die mit der Zeit zu den fünf Buchstaben werden.

697. Fünf sind ihre ehrfurchtgebietenden Gesichter, zehn ihre tödlichen Waffen. Ohne das fünfsilbige Mantra gibt es keinen Aufstieg vom zweiblättrigen zum tausendblättrigen Zentrum. Die fünf Silben werden schließlich zur einen Silbe Om.

698. Sie ist das eine Sein, die Herrin der Tattvas. Wenn der Atem vereint durch die Wirbelsäulenhöhlung aufsteigt, erreicht dieser eine Atem das tausendblättrige Sahasrara. Denke an sie: Tausend Jahre wirst du leben.

699. Durch Sushumna aufwärts geführt, erreicht Prana die Herrin der Kalas im Sahasrara. Dort geht er in die einundfünfzig Buchstaben und danach in die fünf Silben auf. Dies ist das letzte Ziel der Prana-Kunst.

700. Der Lebensatem, der mit der einzigartigen Herrin aufstieg, erfüllte fünfhundertneununddreißig Nadis, bevor er emporstieg. Dann blieb er in Shakti, ganz in ihr aufgegangen.

701. Als der kostbare Prana Shiva erreichte, durchdrang er zweihundertdreiunddreißig Nadis. Schließlich geht Prana in den fünf Silben auf.

702. Der Prana, der Shakti erreicht, geht vom vierblättrigen Muladhara aus, wo das Kundalini-Feuer ist. [Die englische Fassung bricht hier ab und wiederholt anschließend einen Teil von Überschrift und Satzanfang; ein vollständiger weiterer Verssinn ist daraus nicht zu gewinnen.]

703. Durchläuft Prana die sechs Zentren, entsteht Nektar. Dann erreicht Prana das siebte Zentrum, die Sonne, und geht weiter zum achten Zentrum, dem Mond. Im neunten Zentrum erreicht Prana Samadhi.

704. Mond und Sonne sind im ungeschaffenen Sein. Der Yogi, der den Mond an der geheimnisvollen Vereinigung der drei Nadis schaut, geht im Licht auf. Er erreicht Samadhi, dessen Anfang im Nabelzentrum lag.

Erläuterung: Das zweiblättrige Zentrum ist Ajna. Mit dem fünfsilbigen Mantra ist im Werk die Shiva-Formel verbunden, die als Namah Shivaya bekannt ist. Unterschiedliche Nadi-Zahlen werden beibehalten. Die beschädigten Zeilen von Vers 702 werden nicht durch eine frei erfundene Vollfassung ersetzt.

705–711: Die innere Reise über die Zentren hinaus

705. Gedanken an Frauen aufgeben, nicht länger an Angehörige denken, beim Lernen demütig sein, reich an Erkenntnis werden, sparsam sprechen, von Siddhi-Taten hören und unerschüttert sitzen: So lebt der nach Yoga-Samadhi Strebende.

706. Er besiegt Tod und Alter, tritt nach Belieben in andere Körper ein, gewährt Verstorbenen das Paradies, nimmt göttliche Gestalt an und wird in den einundzwanzig Zweigen der Shiva-Agama-Lehre kundig: der Meister der Atemwissenschaft.

707. Vergeblich suchen die Menschen den Herrn, indem sie auf Pilgerfahrten zu den vier Enden der meerumgürteten Welt ihre Fußsohlen ablaufen. Nur wer ihn in inniger Liebe sucht, wird die Stadt des Herrn erkennen.

708. Brahma, Vishnu und Rudra, Maheshvara und Sadashiva, Bindu, Nada und Shakti, Para-Bindu und Para-Nada: In dieser aufsteigenden Folge suchen sie alle die Füße des höchsten Jenseitigen.

709. Verehre in den Zentren die jeweilige Gottheit und steige höher. Dort liegt der Schädelbereich, in dem Shakti und Shiva wohnen und die sechzehn Kalas des geheimnisvollen Mondes ausstrahlen. Steige weiter: Dort ist der Bereich strahlenden Lichtes. Noch darüber ist die Seligkeit, die Wort und Denken übersteigt.

710. Wer Yoga übt und Mond- und Sonnenatem durch die Nadis zu einem Strom vereint, wird zu einem himmlischen Wesen. Wer dies wahrhaft unablässig vollzieht, dem offenbart sich der Herr selbst.

711. Wer den Atem beherrscht, wird unsichtbar alles und überall durchdringen. Wer den Atem durch die Wirbelsäule emporführt, den geheimnisvollen Lotus durchdringt und seinen duftenden Nektar kostet, wird den Tod niemals kennen.

712–723: Beständiger Prana und innerer Nektar

712. Der Herr mit dem Auge auf der Stirn zeigte den Weg göttlicher Liebe. Suche ihn mit inniger Liebe. Dann wird die Ganga im Schädel aus Gnade fließen, und in übergroßer Liebe wird er dein Retter sein.

713. Verankere deine Gedanken fest im Herrn: Dann wirst du unbezwingbar. Unbezwingbar werden deine vier Erkenntnisorgane, die sechzehn Kalas des inneren Mondes und Prana, der Lebensatem.

714. Gerade durch Sushumna stand Prana unbewegt wie eine stetige Flamme und wie ein ruhender Stein. Wer erkennt, wie der Herr mit den Kalas verbunden ist, kennt den wahren Weg. Selbst Verzweifelte werden diesen Weg ergreifen.

715. Wird der Lebensatem durch den einen Kanal Sushumna emporgeführt, erscheint dir der Herr der Bhuta-Scharen, Shankara mit den verfilzten Haaren, auf dem heiligen Stier reitend.

716. Die in Samadhi Verweilenden kennen die vergehende Zeit nicht; sie blicken auf die große Zeit voraus. So lenken sie den Atem durch den einen Kanal Sushumna zur Leere im Schädel. Dort steht er, alle Widerstreite sind gelöst: Er ist wahrhaft ein Sadhaka, ein spirituell Übender.

717. Übe yogische Askese auf diesen guten Zustand hin. Gelingt es dir, den Atem in den Lotus im Schädel zu führen, wirst du den Herrn gewinnen, der in den Veden verborgen bleibt.

718. Drei Stufen hat der Atem: Als Prana steigt er in einem einzigen Strom durch die Wirbelsäulen-Nadi auf. Dann breitet er sich im Schädelraum aus, damit der Lotus dort erblüht. Schließlich geht er in der göttlichen Flamme dort auf.

719. Die so erwachte Kundalini-Shakti bahnte sich ihren Weg durch den fleischlichen Leib nach oben und blieb doch in mir. Sie, die die Götterwelten erschuf, quirlt im Innern den geheimnisvollen Nektar. Tief davon trinkend wurde dieser Leib zu Shivas Tempel.

720. Wie der Atem, der im Innern glüht, sich auflöst, weiß niemand. Erkennst du, wie er sich auflöst, kannst du den Bereich erreichen, in dem Nandi herrscht.

721. Durchdringst du mit dem Atem die Zentren, wirst du klar schauen: Prana verlässt Kundalini-Shakti auf seiner aufsteigenden Reise durch Sushumna. Dies gewinnst du durch die Führung des Guru. Nimm es als einen kostbaren erlangten Schatz an.

722. Beherrschst du den zwölf Zeiteinheiten lang aufsteigenden Atem und nimmst ihn nach innen auf, kannst du tausend Jahre auf Land und Meer leben. Der Leib vergeht nicht. Wahr ist dies; beim Herrn Nandi erkläre ich es.

723. Wenn Prana und Shakti voneinander Abschied nehmen, erkennt es der Yogi so: Sieben Klänge hört er, fünf Farben sieht er, drei Düfte riecht er und zwei Geschmäcke erkennt er. So hat der Herr des Lichtes die Zeichen beschrieben.

724–739: Den Körper als Tempel bewahren

724. Geht der Leib zugrunde, so auch Prana; das Licht der Wahrheit wird dann nicht erreicht. Ich lernte den Weg, meinen Leib zu bewahren, und damit zugleich meinen Prana.

725. Einst verachtete ich den Leib. Dann aber sah ich Gott in seinem Innern und erkannte: Der Körper ist der Tempel des Herrn. So begann ich, ihn mit unendlicher Sorgfalt zu bewahren.

726. Bewege die Eingeweide in der Reinigungspraxis; der Darm wird sauber. Beherrsche dann den Atem im Herzbereich und lass ihn alle Nadis durchdringen. Wer dies vermag, gewinnt einen Leib, den kein Feuer verbrennen kann.

727. Der Leib erlangt die Geschmeidigkeit von Wachs. Wird Yoga in der Abenddämmerung geübt, weicht der Schleim; mittags der tückische Wind; morgens die Galle. So wird alles Gift aus dem Leib vertrieben, und du wirst weder Ergrauen noch Falten kennen.

728. Drei sind die Windungen der Kundalini-Schlange, zehn die Lebenswinde, die den Leib bewegen, zwölf Fingerbreiten der Prana-Atem. Werden die beiden Atemsäcke fest beherrscht und sitzt du unerschütterlich in Meditation, wird der Leib niemals vergehen.

729. Atme durch die rechte Nadi hundertsechsundsechzig Einheiten, durch die linke ebenso; dann kehre den Rhythmus um. Übst du so abwechselnd, wirst du lange leben: hundertsechsundsechzig Jahre.

730. Übst du im Leibestempel, in dem Shakti sitzt, die Atemübertragung von rechts nach links und umgekehrt, kannst du die geheimnisvollen Klänge aus dem Stirnzentrum hören. Shiva selbst wird sich zeigen, zu rhythmischer Musik tanzend. Dies erklären wir im Namen Sadashivas für wahr.

731. Im überaus reinen Bindu leuchtet der Laut „Ha“. Im bleibenden Nada lebt der Laut „Sa“. Gemeinsam werden sie zum Mantra Soham. Der Yogi, der es beim Atmen schweigend wiederholt, erreicht gewiss den heiligen Weg.

732. Erwecke Prana im Nabelzentrum durch Meditation und das Singen des Shiva-Mantras. Halte diesen Atem im Stirnzentrum Ajna. Erwecke dann den Apana-Atem durch Meditation. Auf diesem Weg wirst du Shiva.

733. Zwei Fingerbreiten über dem After, wo kein Kot austritt, und unterhalb des männlichen Organs liegt der Linga im Muladhara. Meditiere über dieses Zentrum. Dort wohnt der Herr der sechs Zentren. Dies ist meine selten offenbarte Unterweisung. Nimm sie an und schaue den Herrn.

734. Wer die geheimnisvolle Vereinigung mit der blaufarbenen Shakti im Innern vollzieht, legt graues Haar und Falten ab und gewinnt sichtbar für alle die Jugend zurück. Dies erkläre ich beim großen Nandi für wahr.

735. Verdichtet sich der Samen durch sexuelle Enthaltsamkeit, wird er niemals zerstört. Wird der Leib durch strenge Disziplin leichter, wird das Leben lang. Wird maßvoll gegessen, entsteht viel Gutes. Wahrlich kannst du zum Herrn mit dem dunklen Hals werden.

736. Wird Kundalini im Muladhara häufig emporgeführt, um den Schädelraum zu erreichen, wird dein Leib schön. Er wird zum Gegenstand des Begehrens für Frauen, die Blumen tragen, um welche Bienen summend schwärmen.

737. Einst wies der Herr den mächtigen Todesgott zurück, der das Leben immer bedrängt. Auf dem Feuerwagen im Innern fährt der Herr. Schau seine heiligen Füße mit dem siegreichen Fußreif: Dann wirst du für immer auf der überdachten Terrasse oben leben.

738. Das Feuer, das ich in Kundalini sah, strahlt vier Kalas aus. Den Prana entzündete ich und führte ihn durch sieben Zentren; er durchdringt den ganzen Leib. Mit göttlichem Leben, das den fleischlichen Körper wie Nektar erfüllt, werde ich wie ein zartes Rehkitz.

739. Verfolgst du eifrig die Suche nach der Kraft zur Körpervollendung, wirst du weit und breit gedeihen wie ein Reiskorn, das in Millionen und Abermillionen Felder gepflanzt wird. Meditiere darum mit ungeteiltem Geist über das Mantra, das das Geschick überwindet.

Erläuterung: Kaya Siddhi bedeutet hier Vollendung beziehungsweise Bewahrung des Körpers. Die Hochschätzung des Leibes in 724–725 ergänzt die früheren Vergänglichkeitsbetrachtungen: Der Leib ist vergänglich und dennoch ein kostbarer Ort der Praxis. Die konkreten Lebensspannen und körperlichen Wirkungen der folgenden Verse werden als traditionelle Verheißungen bewahrt.

740–748: Das Rad der Zeit und der geordnete Übungsweg

740. Die fünf Bergketten, die Shiva-Tattvas, suchend bin ich hier in der Mondsphäre. Von dort gelange ich zur großen Leere der Zwölf im Bereich des höchsten Herrn. Von dort gehe ich weiter zum fernsten Jenseits. Dies suche ich hier zu erforschen.

741. Erkenntnis durch die fünf Sinne, durch Unterscheidung als sechste, durch Urteil als siebte, durch Lernen als achte, durch Erfahrung als neunte und durch Anhaftung als zehnte: So entsteht Erkenntnis auf verschiedenen Wegen, doch verbraucht sie nacheinander die Lebensspanne. Ohne dies zu erkennen, vergehen die Menschen.

742. Viele sind die Lebensstufen, an denen der Tod den Menschen angreift: zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig, zwischen dreißig und dreiunddreißig, zwischen sechzig und zweiundsechzig, ab hundert und darüber. Dies sind die kritischen Lebensalter, in denen der Tod ihn besuchen kann.

743. Der Geburtstag sowie der erste, zweite, dritte und achte Tag danach: Jeder davon eignet sich zum Beginn des Yoga. Finde den passendsten Tag; dann wird dir der Eintritt in das geheimnisvolle innere Haus leicht.

744. Du, der du das Land der Yoga-Praxis betrittst, wisse, worin sie besteht: Das Maß des eingeatmeten Atems ist zwölf Fingerbreiten. Nachdem du entsprechend gemessen hast, atme bewusst acht Zeiteinheiten aus. Die vier zurückbehaltenen sollen die sechs Zentren erfüllen. So atmend erforsche die fünfundzwanzig Tattvas.

745. Jenseits des vierfachen Muladhara-Zentrums ist er. Jenseits der Grenzen der vierundzwanzig Tattvas ist er; jenseits der fünfundzwanzig Tattvas liegt seine Eigenschaft. Jenseits der sechs Zentren, die wie ein ausgebreiteter Banyanbaum aufsteigen, ist er. Wer erkennt ihn je?

746. Dies sind die Tage zum Durchdringen der neun Zentren: am zwanzigsten die sechs Adharas, am fünfundzwanzigsten das siebte Zentrum der Feuersphäre, am sechsundzwanzigsten das achte Zentrum der Sonnensphäre, am siebenundzwanzigsten das neunte Zentrum der Mondsphäre. So erreicht der Prana des Yogi die neun Zentren.

747. Am achtundzwanzigsten Tag erlangst du die Schau der drei Mandalas, jedes für sich. Am dreiunddreißigsten ihre gemeinsame Schau. Sammle dein Denken weiter und schaue die vierundzwanzig Tattvas, die der Erde und den übrigen Elementen in ihrer Ordnung zugehören.

748. Strebt der Yogi nicht so in Folge und Stufen, ist es ihm unmöglich, Gott zu werden, und noch weniger, sich ihm zu nähern. Kein anderes Geheimnis bergen die Veden. Verkünde es nicht prahlerisch, sondern verwirkliche es in Demut.

Quellenhinweise: Die englische Fassung von 741 enthält den Vers nahezu vollständig zweimal; der deutsche Vers gibt ihn einmal wieder. In 744 vermischt die englische Vorlage Längen- und Zeitmaße; sie werden nicht eigenmächtig vereinheitlicht. Die Übersetzung von 748 bewahrt auch die ungewöhnliche Steigerung „noch weniger“. 749–759: Die innere Lampe und die Schau des Tänzers

749. Wer diesen Weg zum Ziel nicht kennt und andere Wege versucht, ist töricht. Solche Menschen suchen mit lodernder Fackel, obwohl sie eine Handlampe in sich tragen. Wer das Kundalini-Feuer im Innern entzünden kann, wird in dieser flüchtigen Welt beständig verweilen.

750. Von der Dicke des kleinen Fingers ist das Rückenmark, gespannt wie eine Bogensehne. Dort liegen die Zentren. Durchwandere die ersten drei und erreiche das Herzzentrum; bleibe dort beständig. Gehst du weiter zu den drei Zentren, die an der Stirn enden, wirst du fest sein wie ein gemaltes Bild.

751. Erkenne das Bewusstsein, das Vollkommenheit ist. Die Fehlgehenden kennen sein Gutes nicht. Dieser Leib ist zweifellos ein Ergebnis leidbringenden Karmas. Doch er trägt den Stängel des heiligen Lotus, das Rückenmark; dieser Lotus erblüht in den drei geheimnisvollen inneren Bereichen.

752. Der Yogi steigt durch die Wirbelsäule zu den oberen Zentren auf und schaut die drei Mandalas vereint, von Entzücken ergriffen. Wer diese Schau erlebte, sah das Ende des Karma. Wer sie nicht erlebte, stirbt, um wiedergeboren zu werden.

753. Weißt du, wie dieser Leib vergeht? Höre: Der Mann hat eine schöne junge Frau; sein Wohlstand breitet sich wie die Sonne aus, alle verneigen sich achtungsvoll vor ihm. Doch der in solchem Leben gediehene Leib wird zur Beute umherstreifender Hunde.

754. Wer ziellos umherläuft, erreicht die Zuflucht der Blütenfüße nicht. Hält er das Kundalini-Feuer nicht im Innern, wird sein Leib Beute des Feuers. Wer den Weg kennt und die siegreichen Füße sucht, sieht den himmlischen Tänzer durch die Wirbelsäulenhöhlung.

755. Wer den Tänzer zum Ziel nahm, gewann viele gute Dinge und blieb auf dem Weg der heiligen Schriften. Ihn im Innern suchend und seine Gegenwart erfahrend, sitzt ein solcher Mensch voller Eifer und wird eins mit Shiva.

756. Unzählige Gaben entspringen ungeteilter Meditation. Höre weiter: Meditierst du dreiunddreißig Tage lang gut und tief, erscheint der Tänzer auf dem Gipfel des goldenen Berges, und du wirst eins mit ihm.

757. Wer das Geheimnis kennt, den Tänzer zu erreichen, meditiert über das zehnte Zentrum. In entzückter Schau sieht er die acht Richtungen, erblickt den Herrn auf dem Lotus und erlangt hundertfachen Glanz.

758. Wer solchen hundertfachen Glanz erreicht hat, lebt tausend Jahre in kräftigem Leib. Wer so tausend Jahre erlebt hat, kann wahrlich Millionen und Billionen Jahre leben.

759. Weltalter um Weltalter können sie so leben, ohne in ihrer Hingabe zu ermüden. Sie sehen das Ende des Denkens und ihn im Innern als ungetrennte Wirklichkeit. Eins mit Shiva leben sie, von Göttlichkeit erfüllt, und erleben ungezählte Zeitalter erhabenen Lebens.

Quellenhinweise: Nach 751 ist in der englischen Fassung Vers 737 erneut eingeschoben; er wird nicht ein zweites Mal als Teil von 751 übersetzt. Nach 755 steht derselbe Vers nochmals fast wortgleich; die Wiederholung ist redaktionell ausgelassen. Vers 758 trägt in der englischen Überschrift irrtümlich „1758“; seine Stellung zwischen 757 und 759 und die tamilische Nummernfolge sichern die Zuordnung zu 758.

760–769: Das Unvergängliche im Innern suchen

760. Manche wollen sich erhöhen und verfolgen weltliche Wege. Manche suchen die Früchte des Genusses und wissen nicht, was sie tun. Manche streben nach Handlungen, ohne überhaupt an ein Ziel zu denken. Doch keiner von ihnen wird die schönäugige Shakti sehen.

761. Wer sie nicht sah, verschwendete sein Leben. Wer nicht suchte, verausgabte sich in geschickten Reden. Reichtum und Besitz derer, die sie nicht sehen, verschwanden ungesehen und spurlos.

762. Wer den Schatz, der alles übertrifft, nicht sieht und stattdessen vergängliche Schätze sucht, möge im Innern seines schmelzenden Herzens suchen. Dort wird er den Schatz sehen, der nicht stirbt.

763. Er ist der Eine mit dem Stirnauge, der Ungeborene, Nandi im Innern: Erkenne dies. Allein durchdringt er alle Räume. Als Shiva steht er da, das unerschütterliche Ziel. Diesen Zustand wirst du erlangen, wenn du nur suchst.

764. Wer sucht, kennt keinen Tod und kein Übel. Wer sucht, wird Herr der Erde. Wer sucht, erkennt dies wahrhaft. Denen, die danach streben, darf es gesagt werden.

765. Dies ist des Mitteilens wert: Akara, der Laut A, ist Shiva; Ukara, der Laut U, ist Shakti. Lass beide in deinem Denken wohnen, dazu Makara, den Laut M. Lass sie durch deine Wirbelsäulenhöhlung aufsteigen. Dann erreichst du die sechs Zentren und gewinnst den Herrn.

766. Niemand weiß, wo der Herr wohnt. Für jene, die ihn suchen, wohnt er ewig im Innern. Wenn du den Herrn siehst, werden er und du eins.

767. Die Menschen wissen nicht, wie er und du eins werden. Höre den Weg, wie dies geschieht: Er steht in deinem Hören und Sehen; er steht im geheimnisvollen Kreis in dir.

768. Du weißt nicht, wie du seine Wohnstatt erreichst. Verankere deine Gedanken auf yogische Weise in dir. Dann öffnen sich die sieben inneren Kreise, und du siehst die Wohnstatt des Herrn, süß wie ein Stück Zucker.

769. Du kannst ihn als Brahma und Vishnu sehen, als blauhalsigen Rudra und Mahesha, als Shakti und Sadashiva. Du kannst ihn in dir, in den Zentren gegenwärtig, sehen.

770–779: Atemzeichen und innere Sammlung

Einordnung: Der folgende Abschnitt verbindet Atembeobachtung mit Lebensdauerprognosen. Diese Angaben sind Teil der Überlieferung, keine zuverlässigen Verfahren zur Vorhersage von Tod oder Lebensspanne.

770. Lege deine Hand auf die Stirn und schaue. Siehst du den Atemrhythmus unverändert, ist es gut. Siehst du ihn vergrößert, wartet der Tod in sechs Monaten. Siehst du ihn verdoppelt, wird das Leben in einem Monat scheiden.

771. Nada und Gott sind im Bewusstsein eins. Nur wer Nada überschreitet, richtet sich auf Gott. Im Herzen derer, die Nada überschreiten, erscheint Gott. Diese Wahrheit erkannte ich, und so ging ich in Nada auf.

772. Wird der nutzlos verbrauchte Atem umgewendet und aufwärts geführt, schenkt er das Gute eines gefestigten Geistes. Erkenntnis aus den Schädelräumen wird aufleuchten, und der Yogi wird Herr der Erde.

773. Kaum eine Seele übt Nadi-Reinigung, von links nach rechts und von rechts nach links atmend. Wer es tut, schaut Shakti; die fünf Sinne folgen seinem Weg. Gewiss lebt er hundert Jahre.

774. Fließt Prana sechs Einheiten weit nach außen, wirst du achtzig Jahre leben. Sind es sieben, sechzig Jahre. Erkenne diese beiden Angaben klar.

775. Strömt Prana durch das linke Nasenloch acht Einheiten hinaus, beträgt das Alter fünfzig Jahre; wisse dies. Bei neun Einheiten, sodass drei im Innern bleiben, beträgt es nur dreiunddreißig Jahre.

776. Fließt er links zehn Einheiten hinaus, beträgt das Leben hier unten achtundzwanzig Jahre. Sind es fünfzehn, sieht man den Menschen nur fünfundzwanzig Jahre.

777. Atme zwölf Einheiten ein und behalte zehn davon im Innern. Richte sie gesammelt nach oben. So übe den ganzen Tag von dreißig Naligai hindurch.

778. Werden zwei Tage fortgesetzt zehn Einheiten Prana im Innern gehalten, begegnet er keinem Hindernis durch Apana. Wird dies drei Tage leuchtend aufrechterhalten, kannst du gewiss sein: Der Aufstieg durch die sechs Zentren kommt bald.

779. Wird diese Übung vier Tage fortgesetzt, wird das vierblättrige Muladhara geschaut. Wird sie weiter fortgesetzt, werden am fünften Tag das zweite und dritte Zentrum geschaut.

780–789: Die innere Reise und die Erkenntnis des Herrn

780. Sind so zehn Tage vergangen, können zwei weitere Zentren, das vierte und fünfte, gemeinsam geschaut werden. Am fünfzehnten Tag entsteht die gemeinsame Schau aller fünf.

781. Am zwanzigsten Tag wird das sechste Zentrum, Ajna, geschaut. Am fünfundzwanzigsten die drei Mandalas von Sonne, Mond und Feuer. Am sechsundzwanzigsten werden die beiden geschaut: Shiva und Shakti.

782. Am siebenundzwanzigsten Tag kann sich das eine höchste Sein offenbaren, das vereint in allen Zentren aufsteigt. Am achtundzwanzigsten können sich die zehn Zentren gemeinsam in seltener Gesamtschau offenbaren.

783. Wird die Reise nach oben wieder aufgenommen, bleibt Apana zehn Tage als Hindernis bestehen. Dauert die Reise dreißig Tage, braucht Apana sieben Tage, um zu weichen.

784. Am einunddreißigsten Tag der aufsteigenden Reise verzögern noch drei Tage die Vereinigung. Braucht Prana zweiunddreißig Tage zum Erreichen, stehen noch zwei Tage im Weg.

785. Erreicht Prana so in einem Monat und drei Tagen die Schädelhöhe, ertönt Nandis lauter Ruf aus der Nektarquelle. Offenbart er sich im inneren Raum, wirst du wahrhaft eins im Herrn.

786. Niemand kennt Kundalini, die sich hoch erstreckt. Niemand kennt die Wissenschaft der Atembeherrschung. Wer sie nicht kennt, vergeht. Ich erkannte die Wahrheit, die niemand kennt.

787. Der Herr ist Erkenntnis. Er steht als Erkenntnis der fünf Elemente, Luft und der übrigen, da. Als Erkenntnis durchdringt er Welt und Leben, ungetrennt von ihnen. Wird diese Erkenntnis im Innern gesucht, leuchtet sie in durchdringender Fülle auf.

788. Gott, der so alle Erkenntnis ist, gewährt diese unwirkliche Welt. Den Guten von hohem Ruhm schenkt er die Schau seiner Tanzhalle. Shakti, die dies alles gewährt, ist die mit duftenden Blumen geschmückte Gnade, die Gefährtin des Herrn.

789. Dieser Leib ist voller Verlangen, ein altes Haus, von wiederkehrenden Geburten heimgesucht. Zerreiße die Bande des Verlangens; lass die Fesseln heulend fliehen. Der große Nandi wird dir seine ewige Weisheit schenken.

790–798: Atemrhythmen, Wochentage und Richtungen

790. Freitags, montags und mittwochs überwiegt Prana in der linken Nadi. Samstags, sonntags und dienstags fließt er stark rechts. Donnerstags fließt er in der zunehmenden Mondhälfte links, in der abnehmenden rechts.

791. Überwiegt freitags, montags und mittwochs der Atem links, wird der Leib keinen Schaden kennen und in Gesundheit erstrahlen. So lehrte uns Nandi auf beglückende Weise.

792. Dagegen fließt der Atem dienstags, donnerstags, samstags und sonntags stark rechts. Der Yogi, der dies kennt, ist wahrlich göttlich. Stellt sich an diesen Tagen der Rhythmus nicht ein, soll er ihn mit feiner Kunst nach rechts lenken. Dann wird er nur Freude kennen.

793. Fließt an einem Sonntag einer Mondhälfte der Atem stark rechts, fließt er in der folgenden Hälfte stark links. Fließt er an einem Montag stark links, fließt er in der folgenden Hälfte schwach rechts. So wechseln sie von Mondhälfte zu Mondhälfte. Besteht dieser Rhythmus, gewinnt Prana Kraft. Erkenne dies gut und regle den Atem entsprechend.

794. Wechselt der in der rechten Nadi aufsteigende Atem nach links, kann er einen plötzlichen Stoß erfahren und zitternd vor Furcht fließen. Unterbrich dann die Übung und ruhe eine Weile. Fließt er rechts schneller als im angemessenen Rhythmus, erkenne seine Geschwindigkeit und regle ihn passend.

795. Prana läuft ungeordnet nach rechts und links. Sammelt und lenkt ihn der Yogi richtig zur Kundalini, wird er vor dem begrenzten Licht stehen. So sprach der heilige Nandi.

796. Der Herr, den du suchst, sitzt auf der oberen Blüte. Sechzehn Wege der Atembeherrschung gibt es. Führe den Atem kraftvoll nach oben, verbinde ihn mit gesammeltem Geist und durchdringe die Zentren. Erkenne gut die dafür geeigneten Tage und die passende Stunde.

797. An verschiedenen Wochentagen liegt die bedrohliche Spitze in verschiedenen Richtungen: montags und samstags im Osten, dienstags und mittwochs im Norden, sonntags und freitags im Westen.

798. Donnerstags liegt der drohende Dreizack im Süden. Gering ist seine Wirkung, wenn der Atem links schwach fließt. Überwiegt er rechts, widerfährt kein Schaden; vielmehr kann viel Gutes anwachsen.

Quellenhinweise: Die Donnerstagsregel in 792 ist weniger differenziert als in 790; beide bleiben erhalten. Die englische Fassung von 795 lautet „Finite Light“, begrenztes Licht, obwohl ein unbegrenztes Licht im Zusammenhang naheläge. Eine stillschweigende Korrektur erfolgt nicht. Die Richtungsangaben 797–798 gehören zu einer traditionellen Zeit- und Zeichenlehre, nicht zur Meditationspsychologie.

799–809: Khechari und der innere Nektar

799. Beherrsche die Atmung und sorge dafür, dass kein Atem verschwendet wird. Binde ihn fest, staue die Kundalini-Quelle am Muladhara und verschließe den Schacht im Mund. Verriegle die obere Höhlung mit der Zungenspitze und sitze aufrecht in Yoga-Samadhi. Dann wird es keinen Tod mehr für dich geben.

800. Auf der viereckigen Platte des Muladhara vollzieht der Jiva als Wäscher die Reinigung. Errichte Dämme, damit die Schleusen nicht lecken. Lass dann den himmlischen Strom hinein, bis sich der See füllt. Sitze so, himmelwärts blickend, und werde von aller Unreinheit frei.

801. Wer den Atem abwechselnd links und rechts führt und durch die Sushumna lenken kann, wird keine Ermüdung kennen. Solche Menschen können den Schlaf für immer aufheben und Gottesbewusstsein erreichen. Sie sterben nicht; unsterblich werden sie sein.

802. Wird mit der Zungenspitze geschickt gerieben, beginnt der geheimnisvolle Nektar auszutreten. Gehe sorgsam damit um, damit du im geheimnisvollen Mondbereich schwimmen kannst und das, was strömte und brauste, bewahrt bleibt.

803. Bewege die Zungenspitze fächernd nach oben zur Gaumenmitte. Dort wohnen Jiva und Shiva. Die drei Götter und dreiunddreißig Crore Devas werden dort erscheinen. Es wird keinen Tod geben; Millionen und Milliarden Jahre wird dieser fleischliche Leib bestehen.

804. Von den hohen Schädelgipfeln fließt der körperliche Strom. Ein himmlischer Strom ist er, doch die Menschen wissen nicht, wie sie ihn dazu machen. Wer diese Kunst kennt, wird den göttlichen Nektar trinken und für immer ohne Zweifel sein.

805. Kannst du die beiden Atemströme in die obere Mundhöhlung führen, wirst du den Tod nicht kennen. Die Tore des Nektars öffnen sich. Ergrauen und Falten werden vor aller Augen verschwinden; jung wird der Yogi sein. Wahrlich sage ich dies im Namen des heiligen Nandi.

806. Steigen wir mit Nandi als Führer auf, begegnen wir dem Herrn und herrschen über die ganze Welt. Wer aber den zurückgehaltenen Atem durch die Sonnen-Nadi entweichen lässt und dennoch meditierend sitzt, ist wahrlich einem schlimmen Geschick bestimmt.

807. Wer verwirrt sitzt, von leidbringendem Karma überwältigt, möge die von Khechari vorgeschriebene Zungenhandlung vollziehen. Dann ist kein Raum mehr für den Tod. Wer dagegen wachsendes Karma sucht und das Leben nutzlos macht, bleibt wie ausgepresstes Zuckerrohr ohne seinen süßen Saft.

808. Haben die Yogis solche göttliche Süße erfahren, mögen sie die Zunge knospenförmig nach oben richten und die Wirbelsäule aufrecht wie einen festen Stab halten. Dann tropft Nektar aus dem Innern, und der Leib wird süß wie Zuckerrohr.

809. Wende das Innere der Zunge, durch das der Speichel fließt, nach oben und trinke den aufquellenden Nektar. Wiederhole dabei „Shivaya Namah“. Die Wasser, die der Atem bringt, strömen wie die Ganga. Erlerne diesen Weg zum Fließen des himmlischen Nektars.

Erläuterung: Khechari ist hier eine fortgeschrittene yogische Zungenhaltung. Die Bilder von Schleusen, Waschplatz und himmlischem Strom verbinden körperliche Praxis mit innerer Reinigung. Diese Textwiedergabe ist keine vollständige Anleitung zur eigenständigen Durchführung. Die in 809 tatsächlich genannte Formel lautet in der englischen Vorlage „Sivaya Nama“.

810–818: Der innere Tempel und die vereinte Gegenwart

810. Wer den rechten Weg kennt und so im Innern verehrt, empfängt einen Gnadenregen reifer Erkenntnis. Weiß er das innere Tor zu verriegeln und den strömenden Fluss zu halten, kann er zu einem bleibenden inneren Höhlentempel werden.

811. Der in diesem Tempel wohnt, ist der ganzen Welt gegenüber gütiger als eine Mutter. Gut ist er auch, wenn er streng ist; auch in denen, die er streng behandelt, ist er gegenwärtig. Für Übeltäter ist er tödlicher als das Feuer selbst.

812. Er sitzt im Stirnzentrum derer, die Yoga mit dem Kundalini-Feuer üben. Er ist in der goldenen Stadt derer, die die Blüte im Schädelraum erreichen. Er ist in der Vorstellung derer, die ihn besingen, und in der Einsicht derer, die außergewöhnliche Taten vollbringen.

813. Er sitzt wie der Mond und strahlt sechzehn Kalas aus. In seiner Wohnung, dem Leib, liegen zweihundertvierundzwanzig Kala-Welten. In diesem göttlichen, strahlenden Haus sitzt er als Höchster in innerem Einklang.

814. Dort sitzt Shakti, ebenfalls von Kalas umgeben. Dort sitzt sie, die Jungfrau in der Mitte. Dort sitzt sie, das göttliche Rehkitz, ihr Antlitz sendet sanfte Strahlen aus. Dort sitzt sie und lässt selbst Nektar herabströmen.

815. In den goldenen Schädelbereichen fließt funkelnder Nektar in silbernen Kaskaden. Dort war er im Innern, in der feinen Sphäre oben. Wer ihn vor dem Ausfließen bewahren kann, wird ewig jung. Dies ist sein Segen, gewiss, gewiss.

816. Wohnt Shakti, die zarte Ranke der Güte, in duftender Freude im Innern, dann steht dort auch der Herr, die Schatzkammer der Tattva-Erkenntnis, in freundschaftlicher Einheit.

817. Wird Prana durch die Sushumna-Höhlung zum erblühenden Lotus in der Schädelhöhe gehoben, öffnet sich der geheimnisvolle Mondbereich. Dort kannst du lange leben.

818. Steht Prana im geheimnisvollen Mondbereich, übe Uddiyana Bandha und staue den absteigenden Apana. Dann steht in blendendem Sonnenglanz der Herr mit dem Ohrring fest in ihrem Bewusstsein. Sein Tanz ist zur Ruhe gekommen. 819–824: Das innere Tor und die weite Schau

819. Der ausströmende Atem soll im Innern gehalten und der gehaltene vor dem Entweichen bewahrt werden. Zur rechten Zeit beginnt der Nektar aus dem Mondbereich zu fließen. Endet dieser Fluss, löse Uddiyana Bandha.

820. Öffnest du in diesem Leibessack nur eine kleine Pforte, wird im Innern das Licht leuchten. Strömt der beherrschte Atem dort aufwärts, wird dieser dunkle Leib glänzend und juwelengeschmückt wie eine Tempellampe.

821. Führe Prana aufwärts und halte den Atem durch Kumbhaka in den geheimnisvollen Feuer- und Sonnenbereichen um Nabel und Kehle. Bleibe dort im Denken fest. Was dort erschien – wie ließe es sich aussprechen?

822. Die Luft im Leib lässt sich beschreiben, auch Erde und Wasser; alle fünf Elemente lassen sich beschreiben. Verbinden sie sich aber miteinander, kann im Schädel die Kraft der Fernschau entstehen.

823. Diese Fernschau will ich hier beschreiben: Erlangst du die Gnade der Shakti mit dunkel geschminkten Augen und sammelst dein Denken auf das göttliche Licht des Herrn, kannst du alle Welten wie im hellen Tageslicht schauen.

824. Zwölf Fingerbreiten unter dem Nabel liegt das taghelle Licht der Kundalini, so sagen die Veden. Entzündet dieses Licht die Nada-Lampe oben, wirst du zum Herrn der in dir aufragenden Wohnung.

825–834: Pariyanga-Yoga – Vereinigung und Bewahrung der Kraft

Einordnung: Der folgende Abschnitt behandelt ausdrücklich geschlechtliche Vereinigung im Rahmen yogischer Disziplin. Er steht neben den asketischen Abschnitten des Werkes und wird nicht in eine rein symbolische Meditation umgeschrieben. Die dargestellten Abläufe und Zeitmaße sind Textinhalt, kein vollständiger heutiger Praxisleitfaden.

825. Salbe ihren Körper mit verschiedenen duftenden Salben und schmücke ihr Haar mit wohlriechenden Blumen. Genieße die junge Frau in leidenschaftlicher Vereinigung. Weißt du dabei den Prana-Atem durch die Wirbelsäulenhöhlung emporzuführen, endet dein Genuss nicht.

826. Wenn sie Genuss suchen, steht der Atem still. Die vollbusige junge Frau und der gute Mann verweilen in erhobener Vereinigung. Wie flüssiges Silber und Gold vermischen sich im Entzücken die Ausscheidungen ihrer Leidenschaft.

827. Im Vereinigungs-Yoga, den Held und Heldin üben, lenken sie den Atemwagen nach oben, dessen Räder in den rechten und linken Bereichen liegen. Dort sammeln sie die Wasser des Himmels, und ihre Organe kennen keine Ermüdung.

828. Dies ist der Sinn jener Vereinigung: Wenn im Geschlechtsakt der Samen fließen will, lässt der Yogi es nicht zu. Er hält ihn zurück und erlangt ihn im Innern. So wird er zum Meister.

829. Er wird Meister aller Erkenntnis, Meister allen Genusses, Meister seiner selbst und Meister der fünf Sinne.

830. Dies ist Pariyanga-Yoga, der fünf Ghatikas dauert. Darüber hinaus, in der sechsten, schläft die junge Frau in den Armen des Liebenden, in seliger Vereinigung, die das Herz erfüllt und jede Beschreibung übersteigt.

831. Hat er den fünf Ghatikas dauernden Pariyanga-Yoga nicht erfolgreich geübt, soll kein Yogi eine Frau umarmen.

832. Wer hat diesen kühnen Yoga vollendet, fragst du? Es ist der Herr, der die himmlische Ganga in seinen verfilzten Haaren trägt. Fünf Ghatikas umarmte er Shakti mit ihrer nektarsüßen Sprache, an die vollzogene Handlung denkend und nicht denkend.

833. Für diese Yoga-Praxis ist das geeignete Alter der Frau zwanzig, das des Liebenden dreißig Jahre. Dann entsteht hohes Entzücken. Die fünf Sinne der Frau verlassen sie; beim Höhepunkt wird ihr Geist erschöpft. Doch der Mann kennt keine Ermüdung, und sein silbriger Samen fließt nicht aus.

834. Damit die silbrige Flüssigkeit nicht in die goldene fließt, verschloss der kundige Goldschmied sie mit yogischem Atem. Die auffliegenden Kundalini-Funken stiegen durch das Wirbelsäulenrohr empor. Oben hielt er sie mit der Zungenspitze fest.

Erläuterung: Die englische Anmerkung zu 832 erklärt eine Ghatika als vierundzwanzig Minuten. Die Zeiten werden als überlieferte Angaben wiedergegeben. Goldschmied, Silber und Gold in 834 sind Bilder für den Übenden und die geschlechtlichen Flüssigkeiten; die englische Ausgabe deutet die Zungenhaltung als Khechari.

835–844: Erkenntnis, innere Vereinigung und der wurzellose Lotus

835. Der Yogi, der in ekstatischer Freude und ohne Erregung diesen Yoga mit einer Frau vollzieht, strahlt wie die Sonne. In den zehn Richtungen und unter den achtzehn Gruppen der Ganas wird er als Meister anerkannt.

836. Mit der Weisheit verbunden, die Budha bezeichnet, der zwischen Sonne und Saturn steht, umarmte der jugendliche Yogi die Frau und erfuhr unendliche Freude. Damit die männliche silbrige Flüssigkeit nicht vor der weiblichen goldenen fließe, hatte er seinen roten Mund im geheimnisvollen Mond geborgen.

837. Wer Weisheit vervollkommnet und eine Frau in der Schönheit der Weisheit umarmt, kennt keinen Kummer, obwohl er an ihrer Seite ist. Das flüssige Silber bleibt unverbraucht und fließt nicht in die Scheide der Frau.

838. Dieser Körper, der bei geschlechtlicher Vereinigung wie Wachs über dem Feuer schmilzt, wird sich ihr nicht mehr hingeben, wenn Weisheit aufgeht. Bei denen, die die Weisheit der Leere erlangt haben, findet das flüssige Silber keinen Ausgang.

839. Erkennst du die Leere und das Licht in ihr, wird dein Geist stark wie ein Bronzemeißel. Nachdem ich den Nektar gekostet hatte, sah ich, vom guten Nandi geführt, die Leere. Darüber hinaus wusste ich nichts.

840. Wer sind jene, die hoch oben stehen? Mal, Brahma und Nandi, hier Rudra. Als Vierter ist dort Sadashiva, der dies der schlankhüftigen Shakti erläuterte.

841. Kannst du Shakti und Shiva im goldenen inneren Kreis des Schädels erreichen und miteinander vereinen, kannst du auf Erden Millionen und Billionen Jahre leben.

842. Einatmen, Ausatmen und Halten des eingeatmeten Atems: Niemand kennt die Kunst ihrer Beherrschung. Die Kundigen aber, die sie kennen, gaben sich dem Herrn ganz hin.

843. Kennen sie den Weg der Selbsthingabe und treten in den geheimnisvollen Kreis von Shiva und Shakti ein, erreichen sie den wahren Weg. Ihr Haar wird dunkel in ewiger Jugend. Die eine Shakti wohnt im Innern und vertreibt im rechten Einklang alle weltlichen Sehnsüchte.

844. Es gibt einen Lotus, der weder Erde noch Wasser kennt. Ohne Stängel und ohne Wurzel erblüht er dennoch. Keine Stadt war da, und doch ist dort ein Licht. Weder oben noch unten ist diese Blume, von der niemand gehört hat.

Quellenhinweis zu Vers 836: Die englische Fassung nennt Budha, den Merkur, fügt jedoch eine unklare Bemerkung zur Schreibweise „Buddha“ an. Auch die Verneinung beim Fließen der Flüssigkeiten ist im Englischen grammatisch doppelt und unsicher. Die deutsche Fassung folgt dem im Zusammenhang erkennbaren Sinn der Rückhaltung, ohne daraus eine eindeutige technische Anleitung abzuleiten.

845–850: Amuri-Dharana in der Deutung der englischen Ausgabe

Quellen- und Lesehinweis: Die englische Grundlage versteht Amuri hier ausdrücklich als Urin und bezeichnet den Abschnitt als „Urine Therapy“. Die folgenden Verse übersetzen diese historische Deutung und ihre Heilversprechen. Sie sind keine medizinische Empfehlung der deutschen Ausgabe; eine unabhängig gesicherte Bedeutung des tamilischen Ausdrucks wird damit nicht behauptet.

845. Die Harnflüssigkeit im Leib gleicht dem Schöpfwerk eines kleinen Brunnens, das in das weite Meer eingetaucht wird. Wird sie einmal täglich auf angemessene Weise zugeführt, kennt das Leben keine Bedrängnis. Du magst danach suchen.

846. Wird dieses klare göttliche Wasser innerlich aufgenommen, erstrahlt der Leib innerhalb eines Jahres. Kein Schaden trifft ihn; Prana-Beherrschung wird verwirklicht. Der Geist sammelt sich auf den Buchstaben A des Pranava und wird erhoben. Der Leib verwandelt sich in Gold.

847. Trinke von diesem göttlichen Wasser hundert Pfeffermaße. Kein Heilmittel steht darüber, ihr Menschen, erkennt es. Reibe es aber klar auf den Scheitel: Das Ergrauen schwindet, und frisches schwarzes Haar wächst hervor.

848. Das Wasser an den Ufern des Leibes gleicht einer Luftspiegelung auf dem Meer. „Fort, fort davon!“, sagen jene, die die Wahrheit nicht kennen. Wer den mittleren Strom trinken kann, frei von Schaum und Welle am Anfang und Ende, wird unsterblich. Alles Ergrauen und alle Falten verschwinden.

849. Frau mit wallendem Haar und schmaler Stirn, höre dieses Wunder: Vermische in dem im Leib verborgenen Wasser Pfeffer, Amla, Kurkuma und Neem. Weich wird dein Körper und dunkel dein Haupthaar.

850. Nandi nannte es das Rezept des Helden, das Elixier des Himmels und Shaktis Trank. Manche kennen es als das erste Heilmittel. Es ist ein besonderes Mittel strahlenden Lichtes, der großen Welt schwer zu beschreiben.

851–862: Chandra-Yoga – die Kräfte von Mond, Sonne und Feuer

851. Steigt Prana zur Mond-Kala auf, wird er fein. Die beiden Atemströme durch Ida und Pingala sind grob. Sie steigen und sinken wie die zunehmenden und abnehmenden Kalas. Rein ist das Feine; grob ist, was im Körper läuft.

852. Sechzehn Kalas hat der Mond, zwölf die Sonne und zehn das Feuer. Der Yogi erfährt sie alle beim Aufstieg des Prana durch Sushumna. All dies wird zu seinem inneren Erfahrungswissen.

853. Die zwölf Sonnen-Kalas nehmen die zehn Feuer-Kalas auf. Gemeinsam werden sie von den sechzehn Mond-Kalas aufgenommen. Wer so gelernt hat, in die Mond-Kala einzugehen, wird wahrlich Herr der Erde, von allen Kalas erfüllt.

854. Zwölf sind die Kalas der Sonne, sechzehn die des Mondes, zehn die des Feuers. So lautet ihre Zahl. Erkenne es gut und wahrhaftig.

855. Zehn sind die Kalas des Feuers, zwölf die der sengenden Sonne, sechzehn die aus dem Mond hervorgehenden. All diese unterschiedlichen Kalas gehen in Einheit auf.

856. Zehn, zwölf und sechzehn sind die Kalas, die in Feuer, Sonne und Mond erscheinen. Vier sind die Kalas des Sterns, des Jiva. Auch die sechsundneunzig bindenden Tattvas zählen als Kalas.

857. Alle Kalas aus der linken und rechten Nadi gehen durch die mittlere Nadi. Entzünde das Kundalini-Feuer im Muladhara. Sie erreichen den Schädel oben, um den Füßen des Guten zu huldigen.

858. Je zwei Kalas von Feuer, Stern, Mond und Sonne sowie die Kala der sternengleichen Parai bilden gemeinsam die neun Strahlen Parais im Neunerkreis dieser unteren Welt.

859. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, Sonne, Mond, Agni und Stern: Diese neun bilden Pranava, den großen Weg.

860. Nimmt der Mond ab, funkeln die Sterne hell; nimmt er zu, nicht. Den unzähligen Sternen gleichen die Jivas des Weltalls. Dem Stern der Sterne gleicht die göttliche Offenbarung.

861. In der zunehmenden Mondhälfte wachsen und entfalten sich die Kalas; in der abnehmenden schrumpfen und verkleinern sie sich. Wer das Geheimnis der fünfzehn Kalas kennt, kann die Füße des Herrn von unbeschreiblicher Herrlichkeit erreichen.

862. Erwecke die Feuer-Kalas und lass sie in der Sonne aufgehen. Lass alle im Mond aufgehen. Lass den Jiva-Stern, frei von Sinnen und Sinnesorganen, aufgehen. Das ist wahrlich Chandra-Yoga.

Erläuterung: Die Kalas werden als Strahlen, Teilkräfte oder Stufen beschrieben. Die verschiedenen Zahlen gehören zu den jeweiligen Zuordnungen des Textes; sie werden nicht zu einem einheitlichen astronomischen Modell umgerechnet.

863–874: Die Mondkräfte und die Vereinigung

863. Die sechzehn Kalas im Leib kennen sie nicht und suchen sie nicht zu erreichen, die verachtenswerten Menschen. Legt der Tod seine Falle aus, fallen sie hinein und bleiben für immer verwirrt.

864. Ziehen die Feuer-Kalas durch die Mond-Nadi, empfängt sie die Sonne. Feuer- und Sonnen-Kalas gehen gemeinsam in die Mond-Kala ein. Vereint sich das Kundalini-Feuer mit Shiva, gehen die Stern-Kalas auf. Der im Stern wohnende Jiva wird zu allem Leben.

865. Zwölf sind die weiblichen Sonnen-Kalas, sechzehn die männlichen Mond-Kalas. Ergreife beide, unbewegt sitzend, und übergib sie dem Kundalini-Feuer. In diesem Yoga quillt unaussprechliches Entzücken hervor.

866. Führe den Atem aus der Sonnen-Nadi rechts in die Mond-Nadi links und umgekehrt. Gelingt dies ohne Fehler, kannst du tausend Jahre leben, und dieser Leib wird gut bewahrt.

867. Im neunten Zentrum wird dein Herz vom siegreichen Schlagen des göttlichen Klanges widerhallen. Dort ist der höchste Herr aller Himmlischen in großer Erhebung. Dort wirst du als Sternenlicht stehen, und die Sonne bläst das Muschelhorn, um deine Ankunft zu verkünden.

868. Sonne und Mond messen nur die Zeit. In den, der groß geworden ist, regnet der Nektar der Gnade. Reist er über die Sphären hinaus und klopft an, begegnet er dem Herrn in dessen eigener Wohnstatt.

869. Das Om-Licht, das im Nabellotus aufsteigt, ist das begrenzte Mantra. Niemand weiß dies. Erkennen sie das Geheimnis dieses Mantras, steht der Sohn, der Jiva, in der Gegenwart des Vaters, Gottes.

870. Es nützt nichts, es zu sagen: Sie hören nicht auf den Rat und sind wie taub und stumm. Lernst du aber, die ursprüngliche Kundalini mit dem begrenzten Sein zu vereinen, wird der Heilige vor dir erscheinen.

871. Die Kundalini-Schlange verzehrt die Mond-Kalas; das Feuer verzehrt auch die Sonnen-Kalas. Kannst du den Widerstreit von Schlange und Mond lösen, indem du die Mond-Kalas in Kundalini aufgehen lässt, wird der Herr dich niemals verlassen.

872. Die aufgestiegene Kundalini verschlingt den Mond. Schlafe nicht, bis sie ihn wieder hervorbringt. Ist der Mond hervorgetreten, darfst du schlafen. Dein Geist wird dann leuchten wie der Vollmond, und der geheimnisvolle innere Mond strahlt alle seine blendenden Kalas aus.

873. Schlafe nicht, bis der Mond hervorkommt. Iss nicht, bis der Mond aufgeht. Schlafe nicht, bis der Mond sich bewegt. Erst wenn der Mond sich bewegt, darf der Yogi schlafen.

874. Die Yogis, die so unablässig üben, besiegen den Tod. Sie leben in dieser Welt über Weltalter hinaus. Unserer Verehrung würdig sind jene, die diesen Mond-Yoga erfolgreich üben.

Quellenhinweise: Die englische Fassung spricht in 869 und 870 erneut von „finite“, also „begrenzt“. Diese auffällige Wortwahl bleibt nachvollziehbar. Die Vorschriften zu Essen und Schlaf in 872–873 setzen eine spezielle yogische Bild- und Erfahrungswelt voraus; sie sind kein allgemeiner Tagesplan für heutige Leser.

875–883: Sammlung der Kräfte und die Freude des Yoga

875. Sie durchwandern Sonnen- und Mondsphäre und schauen die Erde in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. An jenem Vollmondtag reift der Nektar. Bis der Mond aus Kundalini zurückfällt, steht die Zeit still.

876. Die sechs zunehmenden Sonnen-Kalas und die sechs abnehmenden Mond-Kalas erwachten zum Leben und strömten zwölf Fingerbreiten weit. Dann fiel der Mond heraus. Wer erkennt dies?

877. Erreicht der Yogi dieses Ziel am Vollmondtag, fließt sein Samen nicht nach Belieben. Frei von Leidenschaften sammelt er sich fest im Muladhara. Om in der Stille des Herzens singend bleibt der Yogi rein und voller Gewahrsein.

878. Zu den sechs wachsenden Kalas der feurigen Sonne kommen die vier Feuer-Kalas. Zu diesen zehn guten Kalas kommen die sechs Mond-Kalas. So sind es sechzehn Kalas im hervorgebrachten Vollmond.

879. Bei der Vermischung männlichen Samens und weiblicher Flüssigkeit tritt die Sonnen-Kala hervor. Ist sie schwach, wird der Samen rasch ausgestoßen. Stehen Geist und Leib im Gleichgewicht, lassen sie den Samen niemals ausfließen.

880. Lenken sie mit gesammeltem Geist ihren Atem zum Nada-Klang, der aus Shivas Muschelhorn hervorgeht, werden die fünf blind umherlaufenden Sinne gebändigt. Die unendliche Seligkeit des köstlichen Nektars verlässt sie niemals.

881. An den Ufern des Flusses, in dem Nektarwasser strömen, führe die fünf Pranas durch die mittlere Sushumna. Wer so verweilt, kennt keinen Tod. Gut sind seine Kalas; er ist nicht an die Zeit gebunden.

882. Sie öffnen die Quellen des Nektars und gehen auf die Lotusfüße zu, kühl wie Wasser. In ungestörtem Samadhi sitzend führen sie den Atem durch den Wirbelsäulenkanal und wechseln ihn rechts und links.

883. Ziehen Mondatem und Sonnenatem, Ida und Pingala, ungehindert durch den Wirbelsäulenkanal, wird dein Leib unvergänglich. Bleibende Freuden quellen schon hier hervor. Dies ist der Weg des wahren Yoga.

Ende des dritten Tantra.

Viertes Tantra: Mantra, heilige Diagramme und die göttliche Kraft

884–898: Ajapa – der göttliche Tanz in den Lauten

Ergänzende Erklärung: Ajapa bezeichnet die nicht ausdrücklich ausgesprochene, innerlich gegenwärtige Mantrarezitation. In diesem Tantra werden Laute als Erscheinungsweisen göttlicher Kräfte betrachtet. „Buchstabe“ kann dabei einen Laut oder eine Mantrasilbe bezeichnen. Die notwendigen Mantras werden in lateinischer Schrift wiedergegeben; sie bilden keine Umschrift des tamilischen Gesamttextes. Chitambalam bezeichnet die Halle des Bewusstseins, zugleich verbunden mit Shivas Heiligtum in Chidambaram. Die folgenden Zahlen- und Lautzuordnungen gehören zur Symbolsprache des Textes.

884. Ich preise und rühme die Erkenntnis, die unsere Zuflucht ist. Ich verehre die heiligen Füße des Herrn, die beständig in meinen Gedanken sind. Ich lege den Shiva-Yoga dar: Hört zu! Ich singe den einen Laut Aum, der unserem Herrn lieb ist.

885. Durch den einen Laut A wurde er zu allen Welten; durch die beiden Laute A und U wurde er zu den Zweien, Shiva und Shakti. Durch die drei Laute A, U und M wurde er zum Licht. Durch den Laut M trat Maya hervor.

886. Chitambalam ist der Ort, an dem die Götter wohnen; Chitambalam ist der Ort, an dem die Götter wohnen. Die heilige Tanzhalle ist der Ort, an dem die Götter wohnen; die Halle des Südens ist der Ort, an dem die Götter wohnen.

887. Im goldenen Tempel ist der Tanz des Wunders; im goldenen Tempel ist der Tanz der Seligkeit. Im goldenen Tempel ist der immerwährende Tanz; im goldenen Tempel ist der Tanz der Weltflut. Im goldenen Tempel ist der Tanz der Auflösung.

888. Was zum Tandava-Tanz wurde, ist der eine Laut Aum. Was zum Tandava wurde, ist das Gnadenwirken des Herrn. Der den Tandava vollführte, ist das eine, unerschaffene Wesen. In der goldenen Halle ist sein Tandava-Tanz.

889. Er ist das kosmische Licht; er ist die Gesamtheit der Tattvas. Er steht als die Laute A und U da. Er ist das göttliche Licht für den Tanz der Tattvas. Er selbst ist seine allumfassende Stütze.

890. Er ist der unerschaffene Herr, der große Para-Para aller Welten. In der Sphäre des Muladhara steht er als Na-Ma-Shi-Va-Ya; in der Feuersphäre steht er als Na-Ma-Shi-Va-Ya; in der darüberliegenden Sonnensphäre steht er als Na-Ma-Shi-Va-Ya. In der Sphäre des Yoga, dem Mond, steht er als Ya-Va-Shi.

891. Die Laute A und U sind Shi, Shiva, und Va, Shakti. Sie sind das Höchste; sie sind Leerheiten jenseits der Reichweite des Denkens. Sie sind die weiten Räume höchster Erkenntnis, in denen er seinen heiligen Tanz vollführt. Die Laute A und U sind letzte Zuflucht und ewige Freude.

892. Die Laute Shi-Va-Ya sind immerwährende Seligkeit. Die Laute Shi und Ya sind Erkenntnis. Shi-Va-Ya ist ungetrübte Freude. Nicht viele wissen dies. Wer es in Freude erkennt, wird ihn im seligen Tanz schauen.

893. A und U sind die beiden Laute, die alle Menschen umfassender Erkenntnis rezitieren. Diese zwei Laute gehen in den einen und in die fünf Laute ein. In ihnen verschmilzt der Tandava-Tanz der Auflösung. Im Dreieck des Muladhara sind sie und steigen zu den übrigen Adharas empor.

894. Sie sind Sadashiva; sie sind die unvergänglichen Agamas. Sie sind das göttliche Ziel; sie sind der schattenspendende Mastbaum, in dem Bienen wohnen. Sie sind der heilige Tanz; sie sind die göttlichen Lehren der Agamas. Sie sind die makellose Reinheit der göttlichen Tanzhalle.

895. Die reinen Laute sind die Agamas. Die reinen Laute sind Pati, Pashu und Pasha. Die reinen Laute sind die Gnade, die Seligkeit ist. Die reinen Laute sind Ichhaftigkeit, Maya und Begehren. Die reinen Laute sind der Ort des göttlichen Tanzes.

896. Er selbst steht als sein eigener Herr da; er selbst steht als sein Berg da. Er selbst steht als der alles durchdringende Eine da. Er selbst steht da als der Herr, der er selbst ist.

897. Er ist der Herr, der ewig tanzend dasteht; er ist der Herr, der Heilige. Er ist der Herr, der die honigreiche Blüte der Erkenntnis entfaltet. Er ist der Herr, dessen heilige Füße unvergleichlich sind.

898. Die unvergleichlichen Füße des Herrn sind die Laute A und U. Die unvergleichlichen Füße des Herrn sind die zwei und die fünf Laute. Die unvergleichlichen Füße des Herrn sind die einundfünfzig Laute. Die unvergleichlichen Füße sind die siebentausend Mantras.

899–913: Das Mantra und die Verwandlung der Seele

Ergänzende Erklärung: Das Bild von Kupfer und Gold beschreibt hier die Verwandlung des Jiva, der individuellen Seele, durch Shiva. Die Aussagen über besondere Kräfte bleiben Aussagen des überlieferten Textes. Die Lautfolgen werden entsprechend der englischen Arbeitsgrundlage bewahrt; ihre Varianten werden nicht vereinheitlicht.

899. Die siebentausend Mantras wurden zu fünfzig und dann zu den sieben mit unterschiedlichen Endungen. So haben die siebentausend rezitierten Mantras, die das Denken übersteigen, letztlich die sieben und die zwei zu ihrem Wesenskern.

900. Siebentausend Mantras gibt es; doch keines gleicht diesem machtvollen göttlichen Mantra. Dies ist das Mantra, das Shivas heilige Gestalt ist. Alle Mantras sind in ihm enthalten.

901. In seinem Tanz ist er ganz er selbst. Er steht als A und U da. Er ist der Eine für den durch Maya bestimmten Tanz der Tattvas. Er tanzt den unvergleichlichen Tanz hier unten.

902. Der Tanz in den beiden Lauten ist der freudige Tanz. Er ist der Tanz der Auflösung; er ist der Tanz, der zur Seligkeit führt. Er ist der Tanz, der das Shiva-Linga ist. Er ist die Alchemie, die den kupfergleichen Jiva in den goldgleichen Shiva verwandelt.

903. Rezitiere „Shivaya Nama“: Kupfer wird zu Gold. Das höchste Bewusstsein, das dort gegenwärtig ist, verwandelt Kupfer in Gold. Rezitiere „Shrim“ und „Krim“: Kupfer wird zu Gold. Der heilige Tempel verwandelt Kupfer in Gold.

904. Gestalte das Tiruvambala-Chakra so: Ziehe je sechs senkrechte und waagerechte Linien. Bilde dadurch fünfundzwanzig Felder; trage die fünf Laute in sie ein und meditiere unablässig.

905. So sollst du rezitieren: „Shivaya Nama, Shivaya Nama.“ Rezitierst du auf diese Weise, wird es keine weitere Geburt geben. Durch die Gnade des Herrn wirst du den ewigen Tanz schauen; das Kupfer, der Jiva, verwandelt sich in Gold, Shiva.

906. Dieses Mantra ist golden. Sprich es nicht laut aus, sondern sage es leise. Dein Körper leuchtet rot. Nimmst du es beim Einatmen langsam in dich auf, wird dein Körper golden. Mit der Zeit wirst du die goldenen Füße des Herrn schauen.

907. Du wirst die goldenen Füße schauen; du wirst edle Kinder haben. Im Namen dieser goldenen Füße sage ich: Das Kupfer, der Jiva, wird zu Gold, Shiva. Wenn du die goldenen Füße schaust, wirst auch du seine Gestalt annehmen. Sammle deine Gedanken auf das Mantra und schaue den herrlichen Tanz der goldenen Füße.

908. Leicht kannst du in einen anderen Körper eingehen. Die herrliche Shakti wird deine Gefährtin sein. Rezitierst du das Mantra, verlässt dich die feurige Schlange der Bindung. Dieses Mantra ist das Geheimnis des heiligen Tanzes. Rezitiere es ohne Unterlass.

909. Es ist das subtile Mantra. Rezitiere es achttausendmal. Du wirst den subtilen Weg der Sushumna sehen und die Seligkeit Shivas genießen können, die feiner ist als alles Feine.

910. „Eine ist die höchste Seligkeit, eine ist die höchste Seligkeit“: So rezitiere das Mantra, und du wirst Seligkeit erlangen. Die Seligkeit entspringt den fünf Lauten. A, I, U, E und Aum sind die lebenspendenden Vokale. Sie werden zum fünfsilbigen Mantra und zur Freude in der Freude. Die Seligkeit liegt in den fünf Keimlauten: Hum, Hrim, Ham, Ksham und Am.

911. Das Mantra der beiden Laute ist der Leib des Herrn. Rezitiere es ohne deutliches Aussprechen. Wenn die beiden deinen Körper durchdringen, wirst du verwandelt. Die beiden Laute, der Leib des Herrn, werden zu den fünf Lauten des Jiva: U-A-I-E-O. Die beiden Laute, der Leib des Herrn, werden zu den fünf Lauten des Shiva-Tanzes: I-O-U-A-E.

Quellenhinweis: Auf Vers 911 folgt in der PDF eine erläuternde Wiederholung in Prosa; sie ist kein zusätzlicher Vers.

912. Die Tanzlaute Shi-Va-Ya werden zu Namashivaya. Die Tanzlaute I, U, A, E und O(m) werden zu Shivaya Nama. Die Tanzlaute I, U, A, E und O(m) werden zu Shi Va Ya Nama. Die Tanzlaute I, U, A, E und O(m) werden zum Sternenmantra Nama Shivaya.

913. Als Einer tanzte er allein; als Zwei tanzte er mit Shakti. Als Viele tanzte er in allem Leben. Er tanzte in den Dreien: Sonne, Mond und Feuer. Er tanzte in den sieben Welten; er tanzte auf einem Fuß. Er tanzte in den neun Shaktis; er tanzte in der Arena des Raumes. Er tanzte den rubingleichen Tanz.

914–929: Das Tiruvambala-Chakra – Diagramm der heiligen Tanzhalle

Ergänzende Erklärung: Chakra meint in diesem Abschnitt vorwiegend ein rituelles Diagramm, auch Yantra genannt, nicht ausschließlich ein Energiezentrum des Körpers. Bija bedeutet Keimlaut. Die räumlichen Anweisungen der Quelle werden übersetzt; bei undeutlicher Geometrie wird kein vermeintlich gesichertes Diagramm ergänzt.

914. Im Chakra, das durch zwölf Linien entsteht, sechs senkrechte und sechs waagerechte, liegen die Felder. Setze das Mantra in die fünfundzwanzig entstandenen Kammern. In einer nimmt der Herr seinen Sitz.

915. In seinem eigenen Laut Shi weilt er. Die vier verbundenen Laute sind die großen Laute seines Namens. An den vier Seiten seines Chakras stehen seine eigenen fünf Laute. In dem einen Laut, in dem er weilt, ist auch Haras Mantra.

916. Sage „Hara Hara“: Nichts ist dir furchtbar. Wer dies nicht weiß, sagt nicht „Hara Hara“. Sage „Hara Hara“: Du wirst ein himmlisches Wesen sein. Sage „Hara Hara“: Du wirst keine weitere Geburt erfahren.

917. In den acht Richtungen des Chakras steht der Laut Shi. Aus diesem einen Laut an acht Orten entstanden die fünf Götter, die neun Shaktis sowie Bindu und Nada. So gedeiht das Mantra, das reine Wort.

918. Sie wissen nicht, wie der Herr sich mit ihr vereinte, die auf dem blühenden Lotus sitzt. Wer den behauchten Laut O zusammen mit dem unbehauchten Laut M rezitiert, vermag sein Leben für immer zu bewahren.

919. Das Panchakshara, das Mantra der fünf Laute, ist die Wohnstatt des Herrn. Seine offenkundige Form ist Namashivaya; seine subtile Form ist Shivaya Nama. So ist er in diesem Mantra, offenbar und subtil.

920. Dieses Chakra wird durch sechs mal sechs Linien gebildet; im Inneren ergeben sich fünf mal fünf Felder. So ist es insgesamt in fünfundzwanzig Kammern geteilt. In ihrer Mitte steht der Laut Ma.

921. Schreibe Ma in die Mitte; darüber zeichne Va. Umgib die beiden mit O. Teile sie in der Mitte senkrecht durch U. Setze Ya oben hin. Bringe Shi auf beiden Seiten an, sodass sie wie zwei Augen aussehen. Na und A bilden die beiden Füße des Diagramms.

922. Zeichne den Pranava-Laut Om. Setze Shi oben in die Mitte, Va und Ya an die beiden Seiten. Schreibe innen Na Ma Shi Va Ya; ordne außen im Kreis Shi Va Ya Na Ma an.

923. Schreibe in die oberste Reihe des Chakras Shi Va Ya Na Ma. Fülle die nächste Reihe mit Ma Shi Va Ya Na. Schreibe in die dritte Reihe Na Ma Shi Va Ya. Darunter folgt Ya Na Ma Shi Va. In den letzten Feldern stehen Va Ya Na Ma Shi. So fülle die Felder des Chakras, mit Shi beginnend und mit Shi endend.

924. Füge in die fünfundzwanzig Kammern fünfzig Laute ein, je zwei in eine Kammer, mit A beginnend und mit Ksh endend. Zusammen mit dem einen Laut Om sind es einundfünfzig Laute, die die fünfundzwanzig Kammern des Chakras erfüllen.

925. Zeichne auf den äußeren Kreis Hara Hara, auf den inneren Kreis Hari Hari. Setze ganz in die Mitte Om, das Ajapa. Markiere die Enden des Kreises mit dem Zeichen des Dreizacks.

926. Schreibe über jedes Dreizackzeichen, das das Om-Diagramm umgibt, das Bija-Mantra Hrim. Schreibe die fünf Laute in die Zwischenräume der Dreizackzeichen. Das so gebildete Chakra ist wahrhaftig die Wohnstatt des Herrn.

927. Schreibe in die Mitte unseren Wurzelnamen, Om. Umgib ihn mit zwei konzentrischen Kreisen. Schreibe in den Raum zwischen den Kreisen die fünf Laute A, E, U, AE und O, die die fünf Laute Shi, Va, Ya, Na und Ma bezeichnen.

928. Dies ist das berühmte Mula-Chakra. Fülle den Raum zwischen den beiden Kreisen ganz mit den genannten fünf Lauten. Dann erhält das Chakra seine Schönheit.

929. Während du das Chakra dieses Mantras Om zeichnest, wird der Herr als Guru dich klar unterweisen, wie du darüber meditieren sollst. Dem Rezitieren dieses Mantras gehen die Keimmantras voraus, die Wind, Wasser, Feuer, Erde und Raum zugehören: Yam, Vam, Ram, Lam und Ham.

930–944: Shiva und Shakti in den Mantras

930. Verbinde den sechsten Laut U mit dem achtundvierzigsten Laut S(a). Füge den Bindu-Laut M hinzu: So entsteht die Silbe Sum. Verbinde ebenso den vierzehnten Laut Au mit S(a); füge den Nada-Laut Ah hinzu: So entsteht Sauh. Rezitiere anschließend Shi Va Ya Na Ma. Wenn du das vollständig gebildete Mantra „Sum Sauh Shi Va Ya Na Ma“ so rezitierst, fliehen die drei Bindungen, vor Bedrängnis heulend, weit davon.

931. Der Herr sitzt im Laut seiner Gefährtin, Sauh. Die Herrin sitzt im Laut ihres Herrn, Hum. Wenn die beiden so in Eintracht sitzen, erfassen die Heiligen die innere Bedeutung.

932. Zeichne A; schreibe darüber Hara. Setze noch höher E: So entsteht die Linga-Gestalt. Sammle darauf deinen Geist und führe deinen Atem nach oben. Wahrhaftig wirst du den Tanz des göttlichen Lichtes schauen.

933. Es gibt den Laut Hau; es gibt den Laut Sau. In ihnen ist alles enthalten. Wie sie miteinander verflochten sind, weiß niemand. Wer das Geheimnis dieser Vereinigung kennt, ist wahrhaft von beiden gesegnet, von Shakti und Sadashiva.

934. Die fünf Laute sind Nandis Sitz. Die fünf Laute sind das heilige Mantra. Die fünf Laute sind das göttliche Chakra. Die fünf Laute sind die Wohnstatt des Herrn.

935. Wie schaust du den Tänzer? Viele Wege gibt es. Rezitiere zuerst den Laut des Tanzes, Shi. Du wirst im Denken mit dem Tänzer eins. Dies ist der Weg, den Tänzer wahrhaft zu schauen.

936. Entfache das Feuer der Kundalini dort, wo es schlummert. Rezitiere den Laut Om, der in der Kundalini ist. Der Herr der Veden steht dort; dort wirst du sein Freund.

937. Sie selbst schenkt Gnade, wenn du die Kundalini emporhebst. Sie selbst schenkt Gnade und führt dich hoch hinauf in den Sahasrara. Dort rezitiere ihre Silbe Ma. Wahrhaftig wirst du dort sein wie ein Edelstein von sanftem Strahlen.

938. Der Norden erglänzte in strahlendem Licht. Dort stand der Herr der Götter, Indra, mit leuchtendem Diadem. Und der Herr offenbarte seinen Laut Shi: Wie Strahlen in einem reinen Edelstein funkelnd, leuchtete er hoch oben, allen sichtbar wie ein Licht auf dem Gipfel eines Berges.

939. Er selbst steht als das sanfte, unerschaffene Licht da. Er selbst steht als die aus sich bestehenden Veden da. Besinge seine erhebenden Eigenschaften: Er selbst offenbart sich, der ungeborene Weise der Veden.

940. Der Herr der Veden schenkte uns diese Geburt, damit wir zum Herrn der Veden werden könnten. Der Herr der Veden stand in den fünf Lauten. Der Herr der Veden ist selbst die fünf Laute.

941. Seine Füße sind Na; sein Nabel ist Ma; seine Schultern sind Shi; sein Mund ist Va; sein Scheitelzentrum hoch oben ist Ya. So ist Shivas Gestalt aus fünf Lauten.

942. Von solcher Größe sind die zwei und die drei Laute. In ihnen erstrahlte Nandi als seine leuchtende Gestalt. Schaue ihn als den Laut Om: Weit breitet er sich aus wie ein mächtiger Ozean.

943. Dieses Mantra verbreitet sich überall. Dieses Mantra gewährt allen Lebewesen seinen Segen. Rezitiere es auf rechte Weise: Alle Feindseligkeit, die dich bedrängt, wird fliehen. Es ist das Mantra, das dich mächtig und stark macht. Rufe dieses Mantra an, indem du Om rezitierst.

944. Rufe mit Om den heiligen Nandi an. Entfache mit Na das Kundalini-Feuer, um das Ziel zu erreichen; lasse es auflodern. Wer ihn so erkennt, hat wahrhaftig den göttlichen Tanz geschaut und ist für immer in Verzückung versunken.

945–959: Die innere Gegenwart des Lautes

945. Im gestalteten Chakra befinden sich die fünf Laute an ihren jeweiligen Plätzen. Dort steht er, der Para-Para, der die einundfünfzig Laute erfüllt.

946. Schreibe die fünf Laute Shi Va Ya Na Ma. Setze in die nächste Reihe Ya Na Va Shi Ma. Danach ordne die Laute so: Ma Va Ya Na Shi; Shi Ya Na Ma Va; und Va Shi Ma Ya Na. So stehen die fünf Laute im Chakra in wechselnder Anordnung.

947. Die so angeordneten Laute sind die fünf Elemente. Die so angeordneten Laute sind die fünf Farben. Wenn die Laute in der rechten Ordnung stehen, steht er gewiss in den Lauten.

948. So stand das Chakra; so erstreckte es sich bis zu den vier Enden der Erde. So stand der Herr in der himmlischen Arena, der Meister des schönen Maya-Landes. Von Nandi strömte die Milch der Gnade wie von der Mutterkuh zum Kalb – von Nandi, der hoch oben auf dem Kailasa steht.

949. In diesem Chakra liegt viel Gutes, das sich entfaltet. In diesem Chakra sind die fünf Namen. Dieses Chakra ist das Mantra der fünf Laute des göttlichen Tänzers. Dieses Chakra ist der Ort, an dem der göttliche Tanz unablässig stattfindet.

950. Setze im Raumzentrum zwischen den Brauen A; setze am Scheitel U. Umgib es mit Ma. Setze an seinen „Fuß“ den Bindu-Laut Shi, an sein „Horn“ den Nada-Laut Va. Dies ist das Shiva-Mantra: Erkenne es klar.

951. Beginne mit A und U und setze Shi in die Mitte: Om Na Ma Shi Va Ya. Beginne mit A und U und sprich Va und die übrigen Laute bei geregeltem Atem: Om Va Shi Ya Na Ma. Beginne mit A und U und lasse Shi und die übrigen Laute der Reihe nach folgen: Om Shi Va Ya Na Ma. Wenn du so rezitierst, erscheint freudig der uranfängliche Herr des Om.

952. Wo die Adharas enden, ist Aum. Dort wirst du den Herrn schauen, der sich aus sich selbst offenbart. Er ist makellos; er ist göttliches Licht. Er ist die ganze Wahrheit; er ist die alchemistische Pille aus fehlerlosem Gold.

953. Wenn du zugleich mit A auch U rezitierst, erscheint dort die Befreiung, in der man dahinschmilzt. Als ich Ma rezitierte, war Nandi bei mir. Wie könnte ich von der Größe meines Vaters sprechen!

954. Die Erkenntnis des Jiva hier unten ist wie Schrift auf Wasser. Es gibt einen Laut im Himmel; sie suchen ihn nicht. Wer kennt diesen Laut? Wer ihn kennt, hat der Geburt ein Ende gesetzt.

955. Führe den Atem durch die mittlere Sushumna und verweile im inneren Zentrum der Lautgirlande. Wenn in ihrer Mitte das uranfängliche Mantra Aum erscheint, von dem die Veden sprechen, dann ist Befreiung wahrhaft gewiss.

956. Unterhalb des Nabels befindet sich ein herrlicher Laut. Die Unheiligen kennen seine Größe nicht; selbst der Schöpfer Brahma kennt sie nicht. Dort sind Shiva und Shakti in ihrer ganzen Fülle und Herrlichkeit.

957. Ha und Sa bilden zusammen Haras Mantra Hamsa. Doch niemand kennt die Wahrheit von Hamsa. Wenn einer diese Wahrheit erkennt, erkennt er Hamsa als anfangslos.

958. Es gibt ein großes Mantra, das im Lotus des Herzens aufsteigt. Seine Wurzeln liegen tief im Nabel. Wer es nicht kennt, gelangt nicht zu ihm. Sie beteten nur bei Sonnenuntergang und gingen mit lautem Lärm davon.

959. Das innerlich rezitierte Hamsa-Mantra breitet sich in alle Richtungen aus. Es ist das Mantra des Lebens, das den Atem trägt; es ist das Mantra im Lotus des Herzens. Wenn es beständig im Zentrum des Lebens rezitiert wird, ist es wahrhaft wie der Treibstachel eines Elefantenführers, der die elefantengleichen Leidenschaften zügelt.

960–974: Die fünf Laute erfüllen die Welt

960. Im formlosen Raum steigt Nada auf; in der schlanken Shakti steigt Bindu auf. Zusammen bilden sie Om. Wenn das Mantra Shi Va Ya Na Ma mit Ya in der Mitte unablässig rezitiert wird, lässt dieses Mantra, Om Shivaya Nama, die Seligkeit Shivas hervorquellen.

961. Wenn Bindu und Nada gemeinsam den mystischen Mond im Kopf erreichen, quillt der himmlische Nektar hervor. Das Mantra Aum, das dort aufsteigt, ist wahrhaft die Opfergabe an Shiva.

962. Wer das sechssilbige Mantra Om Shi Va Ya Na Ma rezitiert, gehört zu denen, die wahrhaft erkennen. Wer das sechssilbige Mantra nicht rezitiert, gehört zu denen, die nicht erkennen. Selbst wer keinen anderen Laut rezitiert, kann durch den einen Laut Aum erlöst werden.

963. Mit dem Laut Aum werden fünfzehn Vokale gebildet. Füge zum leuchtenden Bindu-Laut A den Nada-Laut U und die übrigen dreizehn Laute hinzu: Sie sind die fünfzehn Vokale. Zusammen mit den Konsonanten zählt man die ursprünglichen Laute als einundfünfzig.

964. Wenn A, der Bindu-Laut, und das gekrümmte U, der Nada-Laut, gemeinsam emporsteigen, erstrahlt Shakti im Inneren mit sechzehn Kalas. Grenzenlos entfaltet sie sich als Hals, Hände, Beine und ganzer Körper. Auch als die einundfünfzig Laute entfaltet sich ihre Gestalt.

965. Die fünfzig Laute sind alle Veden. Die fünfzig Laute sind alle Agamas. Wenn der Ursprung der fünfzig Laute erkannt wird, gehen die fünfzig Laute in den fünf Lauten auf.

966. Mit fünf Lauten erschuf er die fünf Elemente. Mit fünf Lauten erschuf er die vielfältigen Lebewesen. Mit fünf Lauten trug er die weiten Räume. Mit fünf Lauten wohnt er in den Jivas.

967. Wer mit großem Verlangen beständig den heiligen Namen des Herrn rezitiert, von dem weichen die Leiden des Karmas. Der Herr mit den verfilzten Haaren spricht: „Komm zu mir.“

968. Er ist das Lebenselixier; er ist die ewige Zeit. Er ist die Melodie der Musik; er ist auch das Lied. Die Himmlischen verehren ihn innig. In ihren Gedanken stand er; in den fünf Lauten stand er.

969. Die weiten Räume entstehen aus den großen fünf Lauten. Die heiligen Tempel sind die großen fünf Laute. Die Gnade des Herrn ist die großen fünf Laute. Rezitiere die großen fünf Laute: Du wirst für immer jung sein.

970. Als Keimlaut durchdringt er die Räume und das Jenseits. Als segensreicher Laut erfüllt und erhält er die Welt. Als ruhmreicher Laut steht er als Feuer und Leben da. Als ein Laut steht er in seltener Herrlichkeit da.

971. Im Klang des vierten Lautes Va nimmt die Welt Gestalt an. Im Klang des vierten Lautes ist die Welt enthalten. Für jene, die den vierten Laut unablässig rezitieren, ist der vierte Laut der heilige Weg.

972. Die liebliche Shakti trat in mein Herz ein und saß dort voll Freude. Rezitiere Na Ma Shi Va; bedenke, was es schenkt. Halte dich an ihre Füße. Ich wurde verwandelt; all mein Geschwätz verstummte.

973. Dieser stoffliche Körper ist aus Reisnahrung gebildet. Opfere ihn im Feuer des Om. Rezitiere unablässig Na Ma Shi Va. Das ist der Name der begrenzten Shakti. Sie, die Herrin des Dharma, steht offenbart da.

Quellenhinweis zu Vers 973: Die englische Fassung schreibt ausdrücklich „Sakti Finite“, also „begrenzte Shakti“. Diese ungewöhnliche Formulierung wird nicht stillschweigend in „unendliche Shakti“ geändert.

974. Die fünf Laute sind die Gabe des Herrn. In ihrer Mitte tanzt er Tag und Nacht in ewiger Liebe – er, der die acht Gestalten annahm.

975–983: Zuflucht im Mantra

975. A ist der Jiva; U ist das Höchste; Ma ist Mala, die Unreinheit. So verhält es sich im dreilautigen Wort A-U-M. Shi ist Shiva; Va ist Shakti; Ya ist der Jiva. So verhält es sich im dreilautigen Wort Shi-Va-Ya.

976. Na und Ma stehen am Anfang, Shi in der Mitte; Va wird bei geregeltem Atem intoniert. Om steht vor allen. Wenn du auch nur einmal so rezitierst, wird der Herr von Ma, der Maya, in deinem Herzen sein.

977. Fünf Elefanten, die Sinne, streifen durch den Wald des Körpers. Die fünf Laute werden zu den Treibstacheln für diese fünf Elefanten. Nur wer die fünf Sinne gemeinsam zu bändigen vermag, kann furchtlos den uranfänglichen Herrn erreichen.

978. Die fünf Kalas entstanden aus den Lauten A und den übrigen, A-U-M. Aus ihnen entstehen die fünf Laute. Lasse Na und Ma fort und versenke dich so in Shi-Va-Ya. Suche Nandi im Muladhara. Wer ihn dort mit Parai, Shakti, antrifft, hat keine weiteren Handlungen mehr zu vollbringen.

979. Rezitiere Shi-Va-Ya in Liebe: Du wirst unsterblich sein. Es ist seltener Yoga und zugleich Erkenntnis. Dadurch empfängt der erleuchtete Jiva Gnade und wird zu Shiva. Das ist wahrhaftige Befreiung.

980. Erkenne die Wahrheit der seligen fünf Laute: Der Para-Para erfüllt dein Herz. Dies ist Wahrheit, und du wirst unsterblich sein. Die fünf Laute sind deine Zuflucht; keine andere, das sage ich mit Nachdruck.

981. A und U mit Verständnis zusammen mit Shi, Va und Ya zu rezitieren, also Om Shivaya, ist wahrhaft Shivas Gestalt. Wer Shi, Va und Ya zusammen mit A und U versteht, hat Om Shivaya als das große Mantra erkannt.

982. Bewahre Shi, Va und Ya sowie Na und Ma zusammen mit Aum im Zentrum des Herzens. Werden die fünf Laute so rezitiert, erscheint wohlgefällig der Herr von Ma, der Maya.

983. In den fünf Lauten, die mit Na beginnen, Na Ma Shi Va Ya, liegen alle Handlungen, die du vollbringen willst. In den fünf Lauten werden hartnäckige Karmas überwunden. Wer im Herzen die fünf Laute bewahrt, die mit Shi beginnen, Shi Va Ya Na Ma, wird mit dem uranfänglichen Sadashiva eins.

984–996: Erkenntnis, Hingabe und weitere Diagramme

984. Die mit Na beginnenden Laute, Na-Ma, sind der Jiva; die mit Shi beginnenden Laute, Shi-Va, sind das Höchste. Selbst wer keine Askese übt, kann durch das Rezitieren von Shi-Va zu Shiva werden, dem Herrn der Tattvas. Dies ist ohne Zweifel wahr.

985. Erkenne A und U zusammen, Aum, in ihrer Tiefe. Suche Nandi in der Erkenntnis im Inneren. Die fünf unsteten Sinne werden deine Freunde. Rezitiere Aum und werde frei von Zweifel.

986. Sie kennen den achten Laut A und den zweiten Laut U nicht recht. Die Unwissenden wissen nicht, was „acht“ und „zwei“ bedeuten. Acht und zwei, Aum, sind nur neun. Das ist wahrhaft die Wahrheit der Siddhanta-Erkenntnis.

Ergänzende Erklärung zu Vers 986: Die Zahlen werden hier symbolisch mit Lauten verknüpft. Die Aussage ist keine gewöhnliche Rechenaufgabe; eine sichere Auflösung aller Zuordnungen bietet die Arbeitsgrundlage nicht.

987. Ziehe acht senkrechte und acht waagerechte Linien. Setze in die so gebildete mittlere Kammer die sechs Laute des Herrn: Om Na Ma Shi Va Ya. Verteile die heiligen Laute auf die übrigen achtundvierzig Felder und bete dort.

988. Setze sie alle in die zugehörigen Felder: die Dhanavar, die Chattar, die beiden Sathirar, die beiden Wächtergötter und die übrigen fünfzehn; Bindu, Nada und Shiva Gana Natha. So bilde das Shiva-Chakra.

Quellenhinweis zu Vers 988: Die Gruppenbezeichnungen Dhanavar, Chattar und Sathirar bleiben entsprechend der englischen Vorlage stehen; ihre genaue Zuordnung lässt sich daraus nicht zuverlässig bestimmen.

989. Durch große Askese erreichten sie das höchste Jenseits. Ihm übergaben sie ihr Selbst und verehrten ihn mit „Shi Va Ya Na Ma“. Ich aber spreche nur von einem winzigen Teil der mächtigen Größe des Herrn. Nur ein wenig nähere ich mich ihm. Darüber hinaus weiß ich nichts.

990. Shiva zuerst, dann die Drei und die nachfolgenden Fünf: Neun sind sie insgesamt und doch ein und derselbe. Mit ihnen entfalteten sich Bindu und Nada. All dies sind nur Namen des uranfänglichen Shankara.

991. Ziehe Linien, die das Universum als Keim bezeichnen. Trage dort die sechzehn Kalas ein, dann die zwölf Kalas und dann die zehn Kalas, die in den Opferriten der Brahmanen erscheinen. So zeichne und rezitiere im Chakra.

992. Und siehe: Im Lotus meines Herzens erblickte ich ihn. Als ich ihn sah, erhob ich mich und ging ihm entgegen. Da verlor ich mein Gefühl eines eigenen Selbst und wandte mich dem gnadenreichen Weg des ewigen Herrn zu. Rezitiere „Nama“ in unverminderter Liebe.

993. Die heiligen Himmlischen lassen Blumen auf ihn regnen und meditieren über das Mantra, das Gnade schenkt. Sie nähern sich ihm und rezitieren „Nama“. Sie denken an ihn, der ihnen teuer ist wie ihr Augenstern, und stehen mit ihm vereint.

994. Die sechs Laute sind die sechs Religionen. Die sechs Laute, mit vier vervielfacht, entfalten sich zu vierundzwanzig: Das sind die Laute des Savitri-Mantras. Savitri besitzt den ersten Laut, Aum. Wer eigens über ihn meditiert, erleidet die Mühsal der Geburt nicht mehr.

995. Ziehe acht senkrechte und acht waagerechte Linien. Verteile in den entstandenen Kammern die Laute so, dass jeder achtmal vorkommt. Wiederhole es in den vier Ecken. Umschließe das Ganze mit Om. Meditiere so über das Chakra: Der Herr der Uma wird dein sein.

996. Rezitiere das Mantra, das mit Na beginnt und mit Ya endet: Na Ma Shi Va Ya. Stelle ihm das Mantra aus A und U, Om, voran. Wer so meditiert, wird den uranfänglichen Herrn im eigenen Kopf schauen.

997–1002: Überlieferte magische Anwendungen der Diagramme

Ergänzende Erklärung: Diese Verse gehören zum historischen Bestand tantrischer Ritualmagie. Sthambana bezeichnet das Hemmen, Mohana das Bezaubern, Uchchadana das Vertreiben, Marana einen Todeszauber, Vashya das Unterwerfen und Akarshana das Anziehen. Die Übersetzung dokumentiert den Text; sie ist keine Empfehlung zu solchen Handlungen. Die erwähnten Stoffe Gift und Arsen sind gefährlich.

997. Zeichne auf ein frisches Brett aus Pipalholz das Mantra der fünf Laute, mit Ma beginnend: Ma Shi Va Ya Na. Schreibe es ebenso auf ein Palmblatt, bestreiche es mit Wachs und erwärme es sanft über dem Feuer. Richte deine Meditation darauf. Du erlangst starke Sammlung; deine Feinde werden gewiss handlungsunfähig.

998. Schreibe am unteren Ende eines Brettes aus Konrai-Holz Na und Shi; schreibe auf ein Palmblatt Ma. Bestreiche es mit den fünf Zutaten Ingwer, Pfeffer, Senf, Knoblauch und Asafoetida. Vergrabe es mit dem Kopf nach unten im Herdfeuer. Du wirst die Kräfte des Bezauberns erlangen.

999. An der nordwestlichen Ecke, wo Aiyanar seinen Tempel hat, verwende ein Brett aus Portiabaumholz und bestreiche eine dunkle Bleiplatte mit Gift. Schreibe das Bindu-Zeichen, einen Punkt, darauf und umgib es mit Om. Sammle dich dann auf das Mantra: Uchchadana, die Kunst des Austreibens, wird dein sein.

1000. Bestreiche ein grünes Palmblatt mit den genannten fünf Zutaten. Vergrabe es mittags in einem dreieckigen Chakra auf dem Verbrennungsplatz, in der südöstlichen Ecke, wo der Gott Agni steht. Dies ist das Mantramittel für Marana, den Todeszauber zur Vernichtung von Feinden.

1001. Bestreiche ein Palmblatt mit gelbem Arsen. Schreibe darauf die Laute A und U. Lege es auf ein Bilva-Brett, das als Unterlage dienen soll, und rezitiere das Mantra achtzigtausendmal.

1002. Bestreiche an einem Donnerstag ein Palmblatt mit Silberpulver. Schreibe darauf U. Lege es auf ein Brett aus weißem Jamunholz, wende dich nach Westen und rezitiere das Pranava-Mantra Aum achttausendmal. Dies ist der Weg zur Kraft des Akarshana, Dinge und Menschen zu dir heranzuziehen.

1003–1014: Archana – Verehrung und innere Erkenntnis

Ergänzende Erklärung: Archana ist die verehrende Darbringung, hier besonders von Blumen. Die folgenden Verse stellen äußere Verehrung, liebende Hingabe und innere Erkenntnis in Beziehung. Nadanta bezeichnet die Vollendung beziehungsweise das Überschreiten des inneren Klanges; Dvadashanta ist ein darüber hinausweisender subtiler Bereich.

1003. Lotus, blaue, rosafarbene und weiße Lilie, Blüte der Arekapalme, Madhavi-Ranke, Hibiskus beziehungsweise Mandharam, Thumbai, Vakulam, Surapunnai, Jasmin, Shenpagam, Padiri und Chrysantheme: Mit diesen verehre.

1004. Um die zehn Salbstoffe zu bereiten, mische Moschus, Sandelpaste, duftendes Kumkum, Kampfer, wohlriechendes Adlerholz und die übrigen Stoffe mit Rosenwasser zu einer Paste. Trage sie auf das Chakra auf und verehre.

1005. Bringe in Liebe Opfergaben dar. Entzünde goldene Lampen. Verbreite Räucherduft aus wohlriechendem Holz und brennenden Kampfer in alle Richtungen. Vergiss deine weltlichen Sorgen und meditiere. Du wirst die wahre, entzückende Befreiung erlangen.

1006. Wenn du so verehrst, gibt es nichts, was du nicht erlangen kannst. Wenn du so verehrst, gewinnst du Indras Reichtum. Wenn du so verehrst, erlangst du wunderwirkende Siddhis. Wenn du so verehrst, erlangst du Befreiung.

1007. Selbst wenn die Frauen anderer Männer sich ihnen nähern, berühren sie sie nicht. Sie haben alle Leidenschaften gemeistert. Ihr Geist ist unaufhörlich mit der Darbringung vielfältiger Gaben beschäftigt. Sie verehren in tiefer Verneigung und rezitieren beständig das Mantra. So wohnen sie im Palast des Geistes.

1008. Wer vom Herrn in seiner Gnade aufgenommen wurde, sucht nicht den Weg der Kriya. Wer kein Karma anhäufen möchte, sucht keine rituellen Handlungen auszuführen. Auch die großen Shiva-Yogis suchen keine Kriyas. Auch jene, die in überragender liebender Hingabe stehen, suchen keine Kriyas.

1009. Sie verstehen nicht, ihn durch göttliche Erkenntnis zu erreichen. Vergeblich suchen sie ihn auf den Wegen der Sinne. Wenn du ihn in dir beständig auf rechte Weise suchst, wirst du wahrhaft in Nadanta sein.

1010. Licht und Dunkelheit sind gemeinsam im Herzen. So sucht es zugleich Gnade und Unwissenheit. Die innere Erkenntnis des Jiva entbehrt des Lichtes. Außer denen, die göttliche Erkenntnis erlangt haben, verzweifeln die übrigen daran, die Dunkelheit zu vertreiben.

1011. Du wirst zu ihm, und er wird zu dir; es gibt keine Zwei mehr, sondern ein einziges Shiva-Sein. Wenn jene, die den Weg der Kriya gingen, sich der Erkenntnis zuwenden, werden sie mit Shiva eins. Wer allein Kriya sucht, kann lediglich zu den Göttern gelangen.

1012. Om steigt unterhalb des Nabels auf. Va steigt aus der gestreckten Kehle auf. Na hat seinen Sitz an der Stirn. Bindu und Nada befinden sich noch darüber.

1013. Der Jiva hat Na und Ma als seine Sitze. Shiva hat Shi und Va, die dich zu ihm führen. Werde Na und Ma los und suche den Uranfänglichen. Sogleich wird er dein sein. Der Zustand des Mauna, des Schweigens, führt zum Shiva-Werden. Dies zu erreichen ist wahre Befreiung.

1014. Der Yoga erreicht seine Vollendung im Nektarstrom des siebten Zentrums. Im achten offenbart sich das Licht der Erkenntnis. Darüber liegt im elften das höchste Paraparam. Noch weiter, weit darüber, liegt die Leere, der unendliche Raum des Dvadashanta.

1015–1029: Die neun Opfergruben und das innere Feuer

1015. So will ich die Größe der neun Opfergruben schildern: In den neun Opfergruben wird das gesegnete Feuer lodern. In den neun Opfergruben wird alles Gute entstehen. So will ich von den neun Opfergruben sprechen.

1016. Die Opfergrube ist dreieckig; sie ist viereckig, fünfeckig und sechseckig, aus zwei übereinandergelegten Dreiecken gebildet. Von den anderen Gruben, in denen das Feuer lodert, werden wir später berichten.

1017. Während der Atem durch die Sushumna strömte, loderte das Kundalini-Feuer empor. Oben ging Licht aus; es durchdrang die Welt und erfüllte den gesamten kosmischen Raum. Das sah ich in mir und suchte es im Inneren.

1018. Wirst du zum Licht innerhalb des Lichtes, das aus der Opfergrube aufsteigt, erlangst du die Kraft, die zweimal sieben Welten zu erschaffen und aufzulösen. Die Wahrheit, die über die umfangreichen alten Veden verstreut ist, spreche ich hier ausdrücklich in einem einzigen Buch aus.

1019. In der so gebildeten Opfergrube nehmen die sechzehn leuchtenden Kalas sechzehn Stellen ein. Wer dieses Feuer im Inneren sehen kann, den berühren die sengenden Bindungen nicht.

1020. In der dreieckigen Grube innen, im Muladhara, und außen stehen die fünf Laute im Feuer tanzend da. Die zwölf summenden Kreise des Tierkreises werden erscheinen. Ein strahlendes Licht ist es für jene, die suchen.

1021. Kopf und Gesicht werden in einem Lichtschein erglühen. Auf der Hand wird Feuer erscheinen, wenn sie es wünschen. Der leuchtende Körper wird zitternd und bebend das strahlende Linga hervorbringen. „Wahrhaft segensreich ist die Verehrung der Opferfeuergrube!“ So sprach die göttliche Shakti.

1022. „Segensreich“, sprach unsere hochgeehrte Herrin. „Dies ist das Wort der fünf Laute“, sprach sie, die von Kopf bis Fuß in zarter Schönheit erstrahlte. Wer sie nicht befragt, bleibt verwirrt und zerstreut, selbst wenn er bis an die Wurzeln allen Wissens gelehrt ist.

1023. Die Opfergrube nimmt die Gestalt des leuchtenden Bogens und der Mondsichel an. Die Feuerzungen schossen hervor wie mythische Schlangen aus den acht Richtungen. Auch die Kundalini mit ihren vier Blütenblättern flammte in mir auf und erfüllte mein Inneres mit strahlendem Licht.

1024. Das Feuer erreichte die Füße des tanzenden Shiva. Es floss wie Verehrungswasser an seinen Füßen. Es erreichte die acht mächtigen Arme des Tänzers, der das ganze Universum erfüllt. Es erreichte das Feuer im Stirnauge des Herrn.

1025. Der dreiäugige Herr ist ganz Feuer. Der Herr eben dieses Auges umfasste das ganze Universum. Mit Augen in allen Richtungen schaut er die acht Himmelsrichtungen. Er ist der Herr, mein Vater und der Vater aller Lebewesen überall.

1026. Aus meinem Vater gingen sechs Feuerkugeln hervor. Die sechs Gesichter erschienen vor ihm. Der Gott Kanda ist mit ihm vermischt und ist deshalb sein Sohn. So erkenne den Zusammenhang.

Ergänzende Erklärung: Kanda ist ein Name von Skanda, dem Sohn Shivas. Der Vers verwendet die mythologische Vorstellung seines sechsgesichtigen Erscheinens.

1027. In der Opfergrube, dem Muladhara, steigt das vedische Feuer der Kundalini auf. Wenn der geregelte Atem einträchtig durch die Sushumna fließt, öffnen sich die beiden Blütenblätter im Ajna-Zentrum. Dann erheben sich die zitternden, zusammengelegten Hände. Wer so verehrt und schaut, ist wahrhaft ein himmlisches Wesen göttlichen Lichtes.

1028. Als segensreiches Licht durchdringt er alle Welten. Verborgen wie das Funkeln im Edelstein wohnt er allem inne. Für alle, die ihn als Licht des göttlichen Wortes suchten, stand er als Leuchtfeuer auf dem Berggipfel da und auch als Licht im Auge.

1029. Diese innere Opfergrube ist ein Sechseck aus den sechs Adharas. In ihrem Kreis erheben sich bebend die sechs mal sechs Tattvas. Hast du diese Tattvas unter deiner Herrschaft, kannst du bis in die höchsten Himmel emporsteigen.

1030–1044: Gestalten des Feuers und Vollendung des Opfers

1030. Drei sind seine Füße, sieben seine Hände, zwei seine Gesichter, sechs seine Augen, sieben seine Zungen und vier seine Hörner. So steigt er aus der Opferfeuergrube auf, er, der kein Ende kennt.

1031. Für den Endlosen gibt es keinen begrenzenden Raum. Für den Endlosen gibt es niemanden, der ihn ermessen könnte. Für den Endlosen gibt es keine hinreichenden Worte. Erkenne den Endlosen, du Ya, du Jiva!

1032. Zehneckig, achteckig, sechseckig und viereckig werden die Opfergruben gestaltet. In ihnen lodert das Feuer wie ein roter Lotus. Sammle deine Gedanken: Das innere Kundalini-Feuer durchdringt den ganzen Körper; wie Shiva-Shakti lecken seine Zungen.

1033. Dort erscheint Shiva mit seiner Gefährtin Parvati: vier ausgestreckte Hände, fünf Beine, zehn Gesichter, zehn Augen, zwei blütengleiche Füße, vierzig leuchtende Kronen und fünfundzwanzig schöne Ohren.

1034. Fünf sind seine Gesichter; fünf mal fünf sind die Tattvas, die er bemisst. Dort liegt die fünfeckige Opferfeuergrube offen. So ist es angemessen, dass das subtile Kundalini-Feuer den Herrn im fünffachen göttlichen Feuer, Panchagni, erreicht. Das heißt wahrhaft, Befreiung zu erlangen.

1035. Er ist Befreiung; er ist segensreiches Licht. In den Gedanken der vollkommen Wissenden ist er das Licht in seiner Fülle. Wer ihn mit abgeschnittenen Begierden durch das innere Licht sucht, erreicht das Ziel und bleibt fortan makellos.

1036. In dieser inneren Feuergrube sind die fünf Kalas Shivas. Die zehn Himmelsrichtungen sind dort; auch die fünf Elemente sind dort. Wer sich am Kundalini-Feuer gewärmt hat, ist wahrhaft mit Gott vereint.

1037. Die vielen meerumschlossenen Welten hat der Herr erlöst. Suche dieses eine große Wesen. Die Himmlischen, die im Opfer der Erkenntnis hervorragen, gingen wahrhaft in ihm auf. Das ist unvermischte Wahrheit.

1038. Zwei Füße, zwei Hände, die Nase wie der Laut Ma geformt, das Gesicht wie eine rote Lotusblüte und das dritte Auge an der Stirn: So ist der Herr, der aus der Opferfeuergrube aufsteigt. Suche diesen Heiligen in deinem Kopf.

1039. Im Feuer erhob sich der Heilige in kindlicher Schönheit. In der Mitte erblühte er jugendlich. Als das Opferfeuer so loderte, wurde der Stirnbereich, das Ajna-Zentrum, weiter und tiefer. Dort war er, mit seiner Shakti, zart wie eine Ranke.

1040. Das Feuer der Opfergrube breitete sich wie das Kundalini-Feuer durch die sechs Chakras aus und endete im zweiblättrigen Ajna-Zentrum. Das heilige Feuer umfasste die sieben Welten vollständig, von oben bis unten ohne Unterbrechung. Wer dies schaute, hat wahrhaft alle großen Reichtümer gewonnen.

1041. Halte das Feuer, das wie großer Reichtum lodert, für den großen Guru, um dein Ziel zu erreichen. Wenn diese Erkenntnis dämmert, suchen die königlichen Kräfte über die Welt eifrig den Jiva auf.

1042. Das Feuer, das aufsteigt und sich überall verbreitet, suchen sie nicht wahrhaft und erkennen es nicht. Wer es im eigenen Körper gepflegt hat, lebt lange, lange – gleichsam zehn Millionen Weltalter.

1043. Wie in den neun Opfergruben, die die Zeit überschreiten, erhebt der Yogi in seinen Nadis das Feuer in neun Zentren. Wie der Keim der Geburt vor ihm in Furcht erbebt, so erbebt auch das weite Universum vor dieser mächtigen yogischen Vollendung.

1044. Vierseitig wie die vier Sadhanas Charya, Kriya, Yoga und Jnana; dreiseitig wie die Gestalt des Feuers; halbkreisförmig wie der gebogene Bogen; kreisrund wie eine Bohrung; sechsseitig wie die inneren Adharas; achtseitig wie die Himmelsrichtungen der Erde; herzförmig wie das Pipalblatt; fünfseitig wie die Laute des Shiva-Mantras; oval wie die goldene Schale: So sind seit alters die neun Opferfeuergruben gestaltet, in denen du den höchsten Herrn suchst.

1045–1059: Die Erscheinungsweisen der Shakti – Tiripurai

Ergänzende Erklärung: Tiripurai entspricht Tripura, der Göttin der drei Städte beziehungsweise Bereiche. Sie erscheint hier unter zahlreichen Namen als eine einzige göttliche Kraft. Manonmani bedeutet im Verständnis der englischen Ausgabe das „Juwel des innersten Gedankens“. Die sinnlichen Beschreibungen gehören zur religiösen Bildsprache der Göttinnenverehrung.

1045. Mamaya, Maya, Baindava, Vaikari, Pranava, Aum, und das innere Licht, Ajapa: Dies sind die sechs Mantragruppen, in denen Shakti wohnt. Dort und jenseits von ihnen ist Tiripurai.

1046. Tiripurai, Sundari, Andhari, Kum-Kum, Pari Parai, Narani, die dunkelfarbene Easi und Manonmani: So offenbart sich die eine Shakti in vielen Gestalten und Farben.

1047. In den drei aus sich selbst entstandenen Städten, dem Dreieck, ist sie die Eine in drei Gestalten. Golden, rot und weiß ist ihre Farbe. Erkenntnis, Genuss und Befreiung schenkt sie.

1048. Tiripurai verleiht die Zustände Nada und Nadanta. Als höchster Bindu entfaltet sie sich und bringt die kosmischen Universen hervor. Sie ist Parai, Abhirami und Agochari. Sie schenkt ihre gnadenvolle Liebe und auch Erkenntnis.

1049. An den Füßen trägt sie Knöchelschmuck. Sie kleidet sich in rote Seide; ein Brustband hält ihre Brüste. Sie trägt Blumenpfeile, einen Zuckerrohrbogen sowie den mächtigen Treibstachel und die Schlinge. Auf ihrem schönen Haupt trägt sie das Diadem, an den Ohren Schmuck aus bläulich strahlenden Edelsteinen.

1050. Ihre Ohren schmücken Ringe; ihre Brauen gleichen einem tödlichen Bogen. Rötlich ist ihre herrliche Gestalt. Mit Rudraksha-Kette, Blumengirlande und leuchtender Krone, auf der die Mondsichel strahlt, steht sie, Chandika, da und trägt die vier Himmelsrichtungen.

1051. Tiripurai, die so dasteht, ist Puradhani. Sie ist Mohini, deren Schönheit nicht schwindet. Auf der Krone ihres Haares befindet sich die Jungfrau Ganga. Ihre Augen schauen wahre Erkenntnis. Als Karidani zieht sie in allen vier Richtungen an. Sie ist die Reine, die auf dem Kreis des reinen Lotus sitzt.

1052. Auf ihren vollen Brüsten trägt sie eine duftende Girlande. Sie ist die Quelle der Seligkeit, der ursprüngliche Wesensgrund. Sie ist Maya, Uma und Shakti; sie ist Maha Parai. All dies ist sie, und sie ist das Atom im Atom. Sie ist die aus sich selbst offenbarte göttliche Gestalt, die verkörperte Erkenntnis.

1053. Kein Himmlischer ist da, der sie nicht kennt; keine seltene Askese, die nicht ihr gilt. Ohne sie vollbringen die fünf Götter nichts. Ohne sie kenne ich keinen Weg zur Stadt der Erlösung.

1054. Die Wissenden sagen: Parashakti ist Seligkeit. Die Wissenden sagen: Sie ist formlos. Die Wissenden sagen: Alles Handeln entspringt ihrem Wollen. Die Wissenden sagen: Das Höchste ist in ihr.

1055. Wo der Herr ist, dort ist seine Gefährtin Mahadevi. Wo ein fleischlicher Körper ist, dort ist sie als schützendes Leben. Wo Raum ist, dort ist sie, und auch darüber hinaus. Sie ist überall, Herrin über alle Dinge.

1056. Parashakti, Maha Shakti ist sie. Auf unzählige Arten ist sie die Kraft, die alles trägt. Sie ist die alles durchdringende Shakti; sie ist die Shakti, die durch zeitlose Weltalter schützt. Sie ist höchste Freude, die allen Segen schenkt. Dies wisst ihr nicht.

1057. Von ihr gehen alle Freuden aus. Sie mit dem lockigen Haar schenkt Gnade. Sie ist Parashakti, die Shivas Gestalt teilt. Sie steht als Stütze für die zarte Ranke der Erkenntnis da, die ihre Verehrer täglich in ihren Herzen wachsen lassen.

1058. Sie ist die Stütze des Lebens, die Herrin mit wogenden Brüsten. Duftende Blumen schmücken ihr Haar. Sie ist die Eine, die die Himmlischen suchen; sie ist die junge Frau von roter Korallenfarbe. In tiefem Vertrauen bewahre ich sie liebevoll in meinem Herzen.

1059. Die Parai, die uranfängliche Paraparai mit zehn Gesichtern, erschuf alle Dinge und das vielfältige Leben. Sie bewegt meinen Geist, meinen Verstand, meinen Willen und mein Denken. Sie ist Shakti und die Herrin göttlicher Erkenntnis.

1060–1074: Die Göttin im Herzen

1060. Sie ist die Herrin der Welten; sie herrscht über mein Herz. Unablässig übt sie Askese. Schön ist sie wie ein Pfau. Sie ist die Jungfrau, die alle Erkenntnis gemeistert hat. Mein Herz erfüllt sie ganz.

1061. Sie, die so dasteht, ist mit Schmuck geziert. Mit leuchtenden Kalas trat sie in mein Herz ein. Damit die sieben Welten sie verehren, betrat sie die heilige Tanzarena. Sie ist Manonmani, das Juwel des innersten Gedankens; sie ist Mangali, die immer Segensreiche. In mir ging sie auf, für immer untrennbar.

1062. Im inneren Lotus des Herzens ging sie auf, die Geschmückte. In Verzückung ging sie in ihrem Herrn auf: Manonmani, das Juwel des innersten Gedankens, Mangali, die immer Segensreiche. Sie ist der Weg, Erkenntnis zu sammeln. Sie kennen sie nicht.

1063. Als inneres Licht steht sie untrennbar da. Die Herrin, deren Haar duftende Blumen schmücken, steht in Vereinigung mit dem Herrn. Wer sich dann zur Verehrung erhebt, wird ihre überreiche Gnade empfangen.

1064. Sie ist die Herrin, die verkörperte Barmherzigkeit; sie ist Ananda Sundari, die Schönheit der Seligkeit. Wie eine Tamarindenfrucht in harter Schale ist mein unstetes Herz. In dieses goss sie ihren gütigen Blick und machte es rein. Sie zeigte mir den Weg zum Shiva-Zustand, ließ mich in Erkenntnis strahlen und erlöste mich.

1065. „Sie ist“ und „sie ist nicht“, sagen sie. Doch mir offenbarte sie ihre Gestalt. Sie stand da und erfüllte die Tanzarena von Tillai; sie sahen es nicht. Sie stand als Ursache der Ursache da und durchdrang die drei Sphären.

1066. Sie stand als Körper und Leben da. Sie, Parashakti, führte mich zum Shiva-Zustand. Sie trat in mich ein und wurde mit meinem Bewusstsein eins: sie von ätherischem Licht, die das Buch der Erkenntnis in ihrer göttlichen Hand hält.

1067. Sie hält das Buch der Erkenntnis in ihrer göttlichen Hand; sie ist unsere dreiäugige Herrin. Sie hat kristallene Gestalt und den schönen weißen Lotus. Sie rezitiert die Veden; sie ist Parvati. Trage ihre Füße auf deinem Haupt und verehre sie mit hingebungsvollen Liedern.

1068. Singe ihr Lob, verehre ihre Füße. So bitte sie und bete sie an. Meditiere über sie, die Elefantenstachel, Schlinge und Zuckerrohr trägt: sie, die uranfängliche jungfräuliche Herrin.

1069. Sie erschuf alle vielfältigen Dinge. Sie ist die Schwester von Mal, der alles schützt. Sie ist die geschmückte Herrin, die auf dem Lotus des Dharma sitzt. Rezitiere ihren Namen Shiva-Shakti unendlich oft. Du wirst ihr Licht und alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige schauen.

1070. Sie ist die Herrin von zarter Gestalt, die Medha und die übrigen sechzehn Kalas durchdringt. Sie ist die Paraparai, die in den Veden und heiligen Schriften leuchtet. Sie ist die weit ausgebreitete Stütze von allem, was ist. Sie ist die Gnade in Nada und Nadanta.

1071. Ihr, die ihr durch ihre Gnade gesegnet wurdet, sagt diesen Menschen, wie diese Herrin, die alle Welten regiert und von göttlicher Erkenntnis erfüllt ist, eure unsteten Gedanken verwandelte und euch die Wahrheit Gottes erkennen ließ. Ihre heiligen Füße verehre ich immerfort.

1072. Sie hat das Varahi-Antlitz des göttlichen Ebers. Sie gewährt alle Macht und alle Stellungen. Sie hält den Stößel, der die Herzen der Bösen schlägt; sie trägt den Pflug und die übrigen Insignien. Ihre Zähne sind wie Perlen. In den Herzen jener, die wahrhaft darüber meditieren, erhob sie sich.

1073. Sie ist Omkari, die Herrin in der Gestalt des Pranava. Von unverlöschlichem Grün ist ihre Gestalt. Sie wurde zu Ankhari, der schöpferischen Kraft, und gebar die fünf Götter. Dann versank sie sanft in der Musik ihres Mantras Hrim.

1074. Als höchste Herrin der gesamten Schöpfung stand sie da, das unerschaffene Wesen Tatparai. Sie ist die vierzehn aus Bindu erschaffenen Welten. Sie ist die Welt der Himmlischen; sie ist der Geist und der gute Verstand. Sie ist auch der Shiva-Zustand.

1075–1083: Das Bhairavi-Mantra und die Gestalt der Göttin

Ergänzende Erklärung: Bhairavi ist eine machtvolle Erscheinungsform der Göttin. Die Kalas sind hier schöpferische Teilkräfte beziehungsweise Entfaltungsstufen, nicht gewöhnliche Zeiteinheiten.

1075. Zwölf sind die Kalas der uranfänglichen Bhairavi. Füge zum zwölften Laut Ai den Laut A und M, den Laut der Maya, hinzu. So sind es zwölf und zwei Laute, vierzehn von Om bis Aim. Dies sind ihre Mantras, die zur Vollendung der sechzehn Kalas führen.

1076. Die Vollendung dieses vierzehnten Lautes ist Bhairavi. Als Anfang, Mitte und Ende erhebt sie sich im Lotus des Denkens als Maha Shakti. Sie ist Anfang und Ende von allem.

1077. Die drei Götter sind darin enthalten. Wer über sie meditiert, geht nicht den Weg der fleischgebundenen, von den Tattvas gefesselten Jivas. Strahlend werden die Gesegneten, die über Tiripurai meditieren.

1078. Sie ist der Schatz des gesegneten Nandi, des Reinen. Meditiere über sie einen Monat von siebenundzwanzig Tagen und erreiche im Inneren die Zentren von Feuer, Sonne und Mond. Wer so fest in der Meditation steht, wird zu Shiva selbst.

1079. Tiripurai, deren Gang dem einer Elefantenkuh gleicht, ist mit Shiva innig vereint. Wer beständig über sie meditiert, wird bei Shiva selbst sein, dem Herrn Nandi, dem mächtigen Helden. Mit ihm wird er auf dem goldenen Kailasa-Berg sein. Die ganze Welt wird ihn dort verehren.

1080. Sie ist die Gnade, die Nandi kennt. Sie legt in Übereinstimmung damit den Dharma der Veden dar. Wer über sie einen Mondmonat von siebenundzwanzig Tagen meditiert, wird Bhairavi schauen, wie ihr Dreizack ihn segnet.

1081. Sie hält Dreizack und Schädel in ihren Händen; sie hält Schlangenschlinge und Elefantenstachel. Vier Hände hat sie. Sie stand eins mit Shiva da, dessen Gestalt weder Brahma noch Vishnu kennt – sie von ätherischer Gestalt.

1082. Von ätherischer, rankengleicher Gestalt, vergeltend gegenüber denen, die fehlen, ist sie Weisheit und wahre Erkenntnis. Sie ist mit Juwelen geschmückt, grün wie ein Papagei. Edelsteingleich leuchtet ihre Gestalt; ihr Gewand ist mit vielerlei kostbaren Steinen durchwirkt.

1083. Ihre Krone ist mit Steinen besetzt, strahlend wie eine Million Monde. An den Ohren trägt sie Schmuck aus leuchtenden Edelsteinen. Ihr Blick gleicht dem einer sanften Hirschkuh; ihre Augen sind Sonne und Mond. Wie rotes Gold glüht sie in Verzückung.

1084–1096: Die Göttin verehren – Mantra und Mudra

1084. In der Mitte des achtblättrigen Lotus sitzt die höchste Shakti, Arya, die Edle. Acht jungfräuliche Shaktis und vierundsechzig schöne junge Frauen umgeben sie. So im Kreis stehend schauten sie ihre Herrlichkeit.

1085. Knöchelschmuck, Armreifen, Muschelhorn und Diskus trägt sie. Sie ist die alles durchdringende Höchste in den acht Weltgegenden. Sie ist die Göttin, sie ist Parashakti. Sie trägt das Universum und seine acht Himmelsrichtungen. Sie besitzt den Reichtum der Gnade. Auf dem Lotus sitzt sie, die unsere Verehrung auf sich zieht.

1086. Mit duftenden Salben bestrichen, mit schönen Blumen geschmückt, in neue, anmutige Gewänder gekleidet, weilt sie im Mani-Mantra-Yoga, der kein Wort ausspricht. Dort wirst du den Klang ihres Muschelhorns Yojanas weit hören. So ist Tiripurai, die du suchst.

1087. Wie viele Schmuckstücke aus Gold gefertigt werden, so stellen sie sich viele Götter vor. Doch sie ist die höchste Ursache, die die drei Götter Shiva, Brahma und Vishnu verehren.

1088. Sie ist die höchste Ursache. Sie ist im Japa, der Mantrarezitation; sie ist im Yoga, auf der Lotusblüte sitzend. Dort regelt sie ihren Atem durch Einatmen, Anhalten und Ausatmen. Sie ist Narayani. Sie ist die Vollendung der Veden, die Nandi aus Mitgefühl der Welt offenbarte.

1089. Beginne beim Zählen des Mantras im Japa nicht mit dem kleinen Finger, um auf herkömmliche Weise bis zum dritten zu gelangen. Kehre dies nun um und suche sie, die uranfängliche Herrin des Tamil. Nandi offenbarte dies als Wahrheit des Japa der neun Shaktis.

1090. Von den genannten neun Shaktis befindet sich die eine am Scheitel. Indem Nandi sie in angemessener Reihenfolge zählte, legte er Gesetze und Regeln des Japa-Weges fest – er, der einst die Wege des achtgliedrigen Yoga erläuterte.

1091. Ihr Haar ist mit Blumen bekränzt; ihre Augen verströmen Mitgefühl. Schützend steht sie im Inneren, die zarte Ranke, die die Dunkelheit der Seele vertreibt. Mit einer fadenfeinen Rauchsäule erhob sie sich aus dem Opferfeuer der Kundalini, erreichte die Höhen der astralen Sphäre und kehrte mit Nektar zurück.

1092. Rezitiere das Mantra ihres Herzens, „Hridaya Nama“, und sprich „Na Ma“. Die Prana-Opfergabe, die durch die mittlere Sushumna strömt, erreicht die Höhe des Scheitels. Dort rezitiere das Sikha-Mantra: „Sikhaya Nama“.

1093. Rezitiere das erhabene Kavacha-Mantra und rufe es an, damit dein Körper Schutz empfange. Vollziehe dann die Shula-Mudra und rezitiere das Netra-Mantra. Wenn du so verehrst, wie könnte dich Wiedergeburt noch bedrängen?

Ergänzende Erklärung: Kavacha bedeutet Schutzpanzer; Netra bedeutet Auge, Shula Dreizack. Mudra bezeichnet hier eine rituelle Handhaltung. Die Namen bezeichnen Funktionen im Verehrungsritual, keine medizinisch nachgewiesenen Schutzwirkungen.

1094. Schwer auszuführen sind diese Mudras. Drücke den kleinen Finger in umgekehrter Richtung. Halte Ringfinger und Zeigefinger aneinandergepresst und füge den Daumen dazwischen ein.

1095. Nimm vom Mantra Shi das I weg. Füge den Bindu-Laut M hinzu. Rezitiere dann das Mantra Sam, um die Pranayama-Praxis zu fördern.

1096. Rezitiere so Sam, damit es den Prana des Jiva durchdringe, und nimm die Muschel-Mudra ein, die die Maya des Jiva, Ya, vertreibt. Die höchste Devi wird dort in der Mitte leuchtend erscheinen.

1097–1110: Reinigung, Nähe und Gnade der Göttin

1097. Bhairavi, die Ewige, Neeli, die Blaufarbene, Nisachari, die in der Dunkelheit wandelt, tritt in das Herz ein, das von den drei Übeln Begierde, Zorn und Unwissenheit gereinigt ist. Aus sich selbst schenkt sie Gnade, die Gefährtin des uranfänglichen Herrn. Suche sie in dieser Welt, und sie wird dich segnen.

1098. Die Veden, die vielfältige bewegliche und unbewegliche Schöpfung, die fünf Elemente und die vier Weltgegenden sind allein diese dreiäugige Herrin. Die sich ausbreitende Dunkelheit, die weiten Räume, die vielerlei Lebensarten und das Licht der Parapari: All dies ist die uranfängliche Shakti. Als eine Kraft durchdringt sie alles.

1099. Sie ist die uranfängliche Bhairavi, die Jungfrau in der Kundalini. Wer sie erweckt, wird Körper, Seele und Gott in einem sein. Der Kreislauf der Geburten hier unten wird zerbrochen. Eine Gestalt von unaussprechlicher Schönheit wird ihm gehören.

1100. Die Herrin mit schönem Haar und geschwungenen Brauen hat Augen wie blaue Wasserlilien. Sie ist Ananda Sundari, die nektargleiche Schönheit der Seligkeit. Sie offenbart uns den höchsten Shiva.

1101. Nachdem sie Shiva offenbart hatte, sprach sie zu mir vom folgenden Segen. Sie befreite meine Gedanken von Zweifel, erfüllte mich mit Freude, ließ das göttliche Licht in mir leuchten und erlöste mich.

1102. Sie nimmt Millionen und Abermillionen Gestalten an. Sie trägt die Girlande der sechzehn Kalas. Sie ließ die drei Lichter Feuer, Sonne und Mond erstrahlen. Die segensreiche Herrin steht auf den kühlen Höhen im Inneren des Kopfes.

1103. Sie ist die segensreiche Herrin, die höchste Meisterin aller Askese, Manonmani. Mit ihrem Gnadenblick vertreibt sie die Dunkelheit der Maya. Stehe still und verehre sie. Hast du sie verehrt, werden dir keine weiteren Geburten zuteil.

1104. Ihre Schultern sind schlank wie Bambus; ihr Haar ist voll duftender Blüten. Sie trägt die Mondsichel als Schmuck. Rein sind ihre verfilzten Locken. Sie hält den Dreizack, die Schöne. In Liebe stand sie beständig in meinem Herzen.

1105. Sie ist die Jungfrau, die im Muladhara sitzt; sie ist die unvergleichliche Herrin, die höchste Herrin. Sie winkte mich beiseite, sonderte meine Unreinheiten ab, liebte mein Herz und trat dort ein.

1106. Unter den drei Nadis stand sie in der mittleren Sushumna, fadenfein, als jungfräuliche Kundalini. Sie ist die höchste Vollendung aller Tugenden. An den Füßen trägt sie goldenen Knöchelschmuck, der in rhythmischer Musik singt. So trat sie in mein Herz ein und schlummert dort.

1107. Als ich in göttlichen Schlummer versunken war, kam Manonmani. Mit ihren armreifengeschmückten Armen zog sie mich an sich und gab den leuchtenden Speichel ihrer Gnade in meinen Mund. „Du sollst nicht mehr schlummern, mein Sohn“, sagte sie. Dies war das Wunder, das sie vollbrachte.

1108. Sie lehrte mich das Wunder, stillte die Schrecken meines Herzens und nährte göttliche Liebe in mir. In der Sushumna, die den Mond in volles Licht taucht, bändigte sie meine Wünsche und sprach: „Fürchte dich nicht.“

1109. Süß ist ihre Rede; durch seltene Askese kann sie erreicht werden. Unschuldig wie ein Mädchen spricht sie. Mit kostbaren Steinen ist sie geschmückt, in feine Gewänder gekleidet. Wer ihre heiligen Füße sucht und sagt: „Du bist unsere Zuflucht“, den tröstet die Göttin mit sanfter Rede.

1110. Sie ist die Höchste, die die Jivas suchen. Mächtig ist ihre Askese, dunkel ihr Haar. Sie ist das ursächliche Wesen; sie ist Narani. Sie löst Körper, Leben und Bindungen zugleich auf. Sie ist die Ehrfurchtgebietende. In meinem Herzen wohnt sie.

1111–1124: Die anfangslose Gegenwart

1111. Die Jungfrau wohnt in meinem Herzen. In ewiger Liebe spielt sie in meinem Herzen und erreicht meinen Kopf. Dort leuchtet sie mit ihren strahlenden Kalas.

1112. Er trägt die Mondsichel auf dem Haupt und das dritte Auge an der Stirn. In ihm wohnt die vollbrüstige Herrin in Vereinigung. Zu ihm blickend, der auf dem Gipfel des inneren Meru-Berges ist, stand auch sie dort, die blühende Ranke.

1113. Die liebliche Herrin wohnt in meinem Herzen. Dann trat sie in den vier Finger langen Prana des angehaltenen Atems ein, vereinte sich in göttlicher Vereinigung mit Shiva und vollzog seltene Askese – sie, die Uralte.

1114. Sie ist der Anfang, sie ist anfangslos. Sie ist die Ursache, sie ist ursachlos. Sie ist das Licht, sie ist das Nicht-Licht. Sie ist die Seligkeit göttlicher Schönheit; sie ist die höchste Mutter. Sie ist Samadhi, das transzendente Ziel. Sie ist Manonmani, das Juwel des innersten Geistes. In mein Bewusstsein trat sie ein und wohnte in meinem Herzen.

1115. Dort wohnte sie, die geschmückte Herrin, in meinem Herzen. In Liebe stand sie dort und sprach „Nama Shiva“. Sie vertrieb aus mir alle Gedanken an Rang und Stellung, wie Brahma und die anderen sie genießen. Sie vernichtete in mir alle Rede, die aus Unwissenheit entsteht.

1116. In Unwissenheit schwatzend verbrachten sie ihr Leben. Ach, diese armen Menschen! Sie, die Uranfängliche, schenkt allen Befreiung, die sie in beständiger Hingabe suchen. Drei fischförmige Augen hat sie; rote Lippen hat sie, die süße Worte singen. Voll Mitgefühl ist ihr Gesicht, das sich mir in Gnade offenbart.

1117. In meinem Geist, meinem Herzen und meinem Verstand stand sie, in allen dreien. In meinem Kopf stand sie, jenseits des Zäpfchenzentrums. Im freigebigen Herrn stand sie. Als Gedanke stand sie hinter dem verborgenen Licht der großen Maya – die Jungfrau, die alles erschuf.

Quellenhinweis: Eine Anmerkung der englischen Ausgabe erläutert den Bereich oberhalb des Zäpfchens als Sahasrara. Diese Ortsdeutung ist eine Erläuterung, kein weiterer Vers.

1118. Sie ist die ewige Jungfrau. Auch als sie sich liebend vereinte und fünf Kinder gebar, hörte sie nicht auf, Jungfrau zu sein. Unter ihnen ist auch Shiva, der die Bücher der Wahrheit verfasste! O diese Maya! Dunkel, wahrhaft dunkel ist sie!

1119. Dunkel ist Shakti; Raum ist der Herr. Wahrheit ist die Vereinigung mit Gott; Seligkeit ist sie für die Heiligen. Verehre so mit zweifelsfreiem Geist den Herrn. Der Uranfängliche wird dich gewiss segnen.

1120. Sie ist der Anfang, sie ist anfangslos. Sie ist Parashakti, Paraparai, die die Hälfte der Gestalt des Herrn teilt. Sie ist die höchste geschmückte Herrin, die Vollendung des Samadhi, Manonmani, das Juwel des innersten Gedankens. In meinem betenden Herzen erblühte sie überreich.

1121. Sie ist das Wissen über allem Wissen; sie ist die anfangslosen Veden. Dies wissen sie nicht. Sie ist die Schöpfung und ihre Vielfalt; sie ist die Tattvas. Sie ist die Uranfängliche; sie ist dem Jiva verwandt. So versicherte sie mir.

1122. Sie ist dem Jiva verwandt; sie wohnt in seiner Sushumna entlang der Wirbelsäule. Sie ist die Herrin süßer Rede, die Gemahlin des Herrn, den alle hoch preisen. Sie ist die Schöne, Shiva lieb. Sie, die ich verehre, zerschnitt meine hartnäckigen Karmas.

1123. Sie ist das Licht, das in denen leuchtet, die ihre hartnäckigen Karmas durchschnitten haben. Sie ist die Wahrheit aller, die sie erreichen. Sie ist die Herrin, die mich in ihren Dienst nahm. Der Herr ist ihr Gemahl; dennoch ist sie anfangslos.

1124. Sie ist der Anfang, sie ist anfangslos. Sie ist die Ursache, sie ist unverursacht. Sie lehrte die vedischen Weisen die Veden. Sie ist das bleibende göttliche Licht, das aus sich selbst offenbarte Licht. Sie wurde zur Hälfte von Shivas Gestalt: Paraparai mit ihren zwölf Kalas.

1125–1139: Purna Shakti – die Fülle der göttlichen Kraft

1125. Ich maß die Grenzen des Raumes, seinen Anfang und sein Ende. Ich maß die Männer und Frauen überall in den Räumen. Ich maß den uranfänglichen Herrn der weiten Räume. In Hingabe maß ich seine Gnade und erkannte alles.

1126. Dies wissen sie nicht: Die uranfängliche Shakti vermählte sich mit Shiva, und gemeinsam sind sie Vollkommenheit. Sie schenkt ihren Verehrern ihre Gnade, die ewige Jungfrau. Meditiere über sie im Muladhara, wo sie ist. Deine yogische Bemühung in der Atembeherrschung wird gewiss gelingen.

1127. Die fünf mächtigen Elefanten, die Sinne; der Elefantenführer mit dem Stachel, der Jiva; der Herr mit der herrlich strahlenden Krone, Shiva, der in der duftenden Blüte des Sahasrara erscheint; und die Herrin, die mit ihm in verzückter Vereinigung ist: Alle sind für immer in einer einzigen Liebesvereinigung verschmolzen.

1128. In der Verzückung dieser Vereinigung tritt mein Vater in subtiler Liebe ein. In den Leidenssud der bedrängenden Bindung dringt meine Mutter Parashakti bis ins innerste Mark ein.

1129. Hört auf, in der besitzergreifenden Art dieser Welt von „meiner Mutter“ und „meinem Vater“ zu sprechen. Eure Mutter und der zeitlose Vater sind dort vereint, als euer unfehlbarer Führer für das Jenseits. Wahrhaftig stand Nandi als Mutter und Vater in einem da.

1130. Auf dem schönen Lotus, der in kühlem Wasser blüht, sitzt der vierköpfige Gott. Die Jahre, die er hier unten gewährt, sind nicht mehr als hundert. Die Herrin der Erkenntnis erschien auf der Blüte sitzend. Sie ist die Herrin der Worte, die auf der Zunge wohnt. Nun bestimmt ihr Gebot, wie lange du lebst.

1131. Unbehelligt von den Wegen des Anava, nach innen schauend, den schwankenden Geist festigend und nach oben sammelnd: Wenn sie so das preiswürdige Höchste erkennen, werden sie und er für immer eins.

1132. Aus sich selbst erhob sie sich, diese Herrin der Tattvas, und erhellte den Mond in der inneren astralen Sphäre. Wie eine Säule aus Sirup steigt das helle Kundalini-Licht auf. Erkenne, wo dieses Reh tanzt!

1133. Wenn in die fünf Sinne des Maya-Wissens die Gnade der Shakti wahrer Erkenntnis eintritt, erkennen sie das Wissen, das für immer bleibt. In den Gedanken derer, die sie innig lieben, wohnt sie gewiss.

1134. In den weiten Räumen, in denen weder Nacht noch Tag ist, weilt sie mit ihrem duftenden Haar. Suche sie und schlummere schweigend in Gnade. Du wirst für immer jung sein, Zeit und Alter überschreitend.

1135. Für immer jung wirst du sein. Indem du Bindu und Nada überschreitest, die sie nicht erreichen, wirst du mit Parashakti eins und gelangst zum endgültigen Zustand der Befreiung. Sie, Tatparai, schenkt alle Gnade.

1136. Parashakti, die beim alles durchdringenden Höchsten stand, wird zur Erkenntniskraft und zur Willenskraft. Wenn dann aus Bindu die Handlungskraft hervortritt, wird der Tänzer in ihnen allen gegenwärtig.

1137. Wie Blume und Duft standen Shiva und Shakti in entsprechender Gestalt da. Dies wissen sie nicht. Als sie gemeinsam den uranfänglichen Bindu bewegten, damit die Schöpfung beginne, war er im Denken mit ihr eins. So stand mein Vater da.

1138. Shiva-Shakti begann so im Denken die Entfaltung und weitete sich als Bindu und Nada aus. Sie trägt die Mondscheibe auf ihren verfilzten Locken. Sie ist Sathavi, erfüllt von Sattva. Sie ist Anfang und Ende. So ist ihre göttliche Gestalt.

1139. Sie ist in Shiva enthalten. Ihre Brüste spenden nektargleiche Milch. Sie ist in den Jivas, doch diese kennen den Weg zu ihr nicht. In denen, die sie im Herzen bewahren, quoll sie von innen empor und verbreitete ihr Licht wie eine helle Lampe.

1140–1154: Die Göttin als Leben und Welt

1140. Quellenlücke der englischen Arbeitsgrundlage: Auf PDF-Seiten 248–249 steht hier tamilischer Text, aber keine englische Übersetzung. Eine zuverlässige deutsche Übersetzung wird an dieser Stelle nicht rekonstruiert.

1141. Auf den Blütenblättern der sechs Adharas sitzt sie. Auf den Blütenblättern der kosmischen Blume mit den zweihundertachtzehn Welten darüber sitzt sie. Sie ist die Gesegnete, die auf der Blume des Herzens sitzt; sie ist die Geschmückte, die auf der Erde unten, im Muladhara, weilt.

1142. Die Geschmückte ist dort, wo das Höchste ist. Sie ist das Licht, das hoch oben wie ein strahlendes Banner leuchtet. Sie glänzt wie der Blitz am Himmel. Alle Welten kreisen auf dem Weg der Shakti.

1143. In den neun inneren Zentren wandelte diese Blume. Als neun Shaktis waren sie dort. Das Kundalini-Licht stieg durch den mittleren Durchgang auf und breitete sich im Lotus des Sahasrara aus.

1144. Dieser vielfach gefaltete Lotus ist die Wohnstatt der uranfänglichen Shakti. Der Lotus, der die Seele erhebt, liegt im Herzen. Wird der Lotus im Muladhara erweckt, erblüht der Lotus im Sahasrara.

1145. Der Funke, der im dreieckigen Muladhara-Chakra aufstieg, flog empor und verbreitete sich in den übrigen Adhara-Chakras. Er durchdrang den Sahasrara und leuchtete hell. So durchdrang sie alle Chakras.

1146. Dort im Ajna war sie mit zehn Gesichtern. In alle Richtungen breitete sich der Atem aus und suchte das perlweiße Licht ihres Antlitzes. Dann flossen nektargleiche Wasser aus ihrem nach unten blickenden Gesicht.

1147. Ihre Blicke sind wie scharfe Pfeile. Sie ist die höchste Herrin, Manonmani. Ihre Taille ist schlank wie eine zarte Ranke; ihr Haar ist mit Blumengirlanden geschmückt. Ihre Gestalt ist rotes Gold und duftet weit. Täglich blickt sie zum Herrn und betet.

1148. Sie spricht die vier Veden aus, die große Göttin Shakti. Sie trägt feine Gewänder; ihre Füße umfassen die ganze Welt. Erhaben steht sie da, Welten und Universen durchdringend. Geschmückt steht sie da mit den drei Lichtern Sonne, Mond und Feuer.

1149. In ihrer Gestalt trägt sie den einen Herrn aller Welten. In ihrem Denken erschafft sie Millionen und Abermillionen weiter Universen. In kosmisches Licht ist sie gehüllt; sie verschönert alles. Verehrend stand ich vor ihr.

1150. „Heil dir!“ So bete ich. Sie ist die Herrin aller Welten, meine Mutter und meine Kraft. Sie ist die Herrin seltener Askese und mit Juwelen geschmückt. Ihr Antlitz ist frei von Leidenschaften. Sie trägt weiche Gewänder. Sie vertreibt den furchterregenden Tod.

1151. Ihre Hände sind mit Schmuck geziert. Sie ist die Quelle göttlicher Seligkeit, die Schöne, Tiripurai von vollkommener Anmut. Sie ist der Kailasa-Berg, der alles Karma vernichtet. Sie entwurzelt für immer die Karmas ihrer Verehrer. Sie ist die Uranfängliche.

1152. Sie ist die junge Frau süßer Musik, die zarte Ranke der grenzenlosen Leere. Unendlich ist ihr Ruhm; sie ist die grüne, fruchtbeladene Ranke. Sie vertrieb Maya, die vergänglichen Ruhm verleiht. Sie mit dem bleibenden Ruhm trat in mein Herz ein.

1153. Ewig besteht unser Herr. Als am Anfang die Welten erschaffen wurden, folgte ihm unsere Parashakti durch Himmel und Erde und hauchte der ganzen Schöpfung Leben ein. Dies war wahrhaft Shaktis Werk.

1154. „Dies“ und „das“, sagen sie, sei Gott. Ihn, den Wahren, kennen sie nicht. Sie wissen nicht, wer die endgültige Befreiung schenkt. Sie kennen die große Herrin nicht, deren Haar honigreiche Blumen schmücken und die Gnade verleiht. Verworren ist ihr Denken.

1155–1169: Das Tragende und das Getragene

1155. Die Kundalini im vierblättrigen Muladhara erblühte zu den sechsundneunzig Tattvas. Die vier darüberliegenden Adharas haben insgesamt vierundvierzig Blütenblätter. Darüber liegt das Adhara mit sternengleichen Blütenblättern. Noch jenseits der doppelten Lotusblüte sitzt Shakti. Selbst wie ein zartes Blütenblatt trägt sie sie alle.

1156. Als Stütze von allem blieb sie da. Zu ihrem eigenen göttlichen Licht emporblickend breitete sie sich über die sechs Adharas aus. Sie bewahrte die vedische Wahrheit in ihrem Denken. Die fünf Laute sammelte sie auf sich, die gütige Herrin.

1157. Die gütige Herrin blieb bei ihrem Gemahl und teilte ihre Hälfte mit dem höchsten Gott. Folge dieser Herrin göttlichen Lichtes und gewinne ihren Beistand. Alle Leiden werden enden, und du wirst makellos rein.

1158. Der Herr der weiten Räume wohnt im liebenden Herzen der Herrin, die honigreiche Blumen im Haar trägt. Er teilt sie in seiner Gestalt, und aus ihr geht er hervor – so selbst auch eine Frau!

1159. Eine Frau vermählt sich mit einer Frau: Seltsam ist das wahrhaftig! Aus der Frau entstand der Mann. Wenn du das Warum erkennst, wird nicht mehr davon gesprochen werden, dass Shakti aus Shivam hervorgehe.

1160. Sie ist die segensreiche Wahrheit des Schweigens, die offenbare höchste Güte. Sie ist reines Licht, Manonmani-Shakti. Das makellose Licht, mit Gott vermählt, trat in mich ein und erfreute mich.

1161. Sie ist die Jungfrau der Freude, die Shakti Manonmani. Als Frau durchdringt und trägt sie die Welt. Sie ist die Herrin der fünf Handlungen und der Ursprung der Veden. Mit ihr vermählte sich der Herr in Freude.

1162. Mit dem Stirnauge stand der Herr in Freude da. In Freude stand der Herr da, um in unsere Herzen einzutreten. In Freude stand der Herr da, damit alle Welten sich freuen. In Freude stand der Herr mit Shakti da, ihre Schultern in seiner Umarmung.

1163. Dolchgleich sind ihre Brüste, geschmeidig ihre Taille, gelb gefleckt ihre Haut. Rein ist ihre Rede; weich sind ihre Füße wie das Gefieder eines Pfaus. Sie trat in mein Bewusstsein ein. Wie sollte ich das beschreiben?

Quellenhinweis zu Vers 1163: Das ungewöhnliche Bild der „gelb gefleckten Haut“ folgt der englischen Fassung; eine weitergehende Deutung ist nicht gesichert.

1164. Unbeschreiblich ist die Feuersphäre, die sie umgibt. Selbst für die geblendeten Weisen ist sie unbeschreiblich. Sie ist die höchste Herrin unüberwindlicher Taten. Sie ist Manonmani, die sich dem Zugriff entzieht.

1165. Die Welten auseinanderhaltend breitet er sich als hoher Himmel aus. Er selbst ist das sengende Feuer, Sonne und Mond. Er selbst ist die Mutter, die den Regen herabsendet. Er selbst ist die starken Berge und die kühlen Meere.

1166. Wer sie, das göttliche Mitgefühl, erreicht, mag hier unten auf Erden leben; betrachtet ihn dennoch nicht als gewöhnlichen Menschen. Göttlich sind seine Eigenschaften, heiter seine Sammlung. Höher als die Himmlischen steht er.

1167. Sie ist die Jungfrau, die die acht Richtungen überschaut; sie ist die Eine, die sie durchdringt. Sie ist die anfangslose Parashakti, überall gegenwärtig. Mit duftenden Blumen in den Händen und Liedern auf den Zungen beten ihre Verehrer sie in den acht Richtungen an und preisen sie.

1168. Der innere Mond scheint mit jungfräulichen Strahlen. Rot ist der Palast, in dem sie weilt; er liegt im Schädelinneren. Folge Manonmani, die mit sechzehn Kalas strahlt: Du wirst Parashakti erreichen.

1169. Parashakti ist die Kraft, die alles überall trägt. Sie wohnt im Kopf. Sie ist die Shakti der Nacht; sie wird im Vyamala-Agama erläutert. Sie ist die Shakti, die als Guru kommt. Vielfältig sind wahrhaft ihre Gestalten, die ich wahrnahm.

Quellenhinweis zu Vers 1169: Die englische Überschrift druckt versehentlich 1069. Der tamilische Vers und die fortlaufende Reihenfolge belegen hier 1169.

1170–1183: Schöpfungskraft und innere Vereinigung

1170. Sie empfängt die sieben Welten; sie ist Yogini-Shakti. Sie erkennt das Leben und steht als seine Stütze da. Einst vereinte sie sich mit dem Herrn in schöpferischer Vereinigung und wurde Bhoga-Shakti. Dann war sie selbst das Höchste, Parashakti, von Shiva ununterschieden.

1171. Als diese Shakti und unser großer Herr sich vereinten, war es göttlicher Yoga und göttlicher Genuss. Manonmani-Shakti mit dem duftenden Haar war in dieser Vereinigung wahrhaft im Yoga. So ist es in Wahrheit.

1172. Der Sockel der segensreichen Yoga-Shakti ist das innere Licht. Ihr Antlitz ist nach Süden gerichtet. Ihr Nabel ist das kosmische Zentrum. Ihre Füße sind überaus erhaben. Dies mögest du erkennen.

1173. Sie vereint sich mit Shiva hoch im Schädel im Kundalini-Feuer. Mit Maya sowie dem begrenzten Bindu und Nada erhebt sich Shakti, die mit edelsteinbesetzten Armreifen geschmückt ist.

1174. Aus Parashakti, die sich so entfaltete, entstehen die acht Shaktis, ebenso zweimal sieben Kalas und Bindu, der die ganze Schöpfung offenbart. Wahrhaft göttliche Wandlungen sind dies; sie selbst bleibt dabei immer das Höchste.

1175. Setze Parashakti in das Vidya-Chakra ein. Rezitiere siebenundzwanzig Tage lang immer wieder das Rudra-Mantra. Die acht Shaktis werden dort erscheinen, und auch die weiße, dreiäugige Parashakti mit ihrer Keule und ihrer ursprünglichen Mudra.

1176. Sie besitzt die drei Mudras und vollkommene Erkenntnis. Sie ist die Tattvas und das, was keine Tattvas ist. Sie durchdringt alles. Sie ist Paraparai, die Paraparan trägt. Sie ist Shakti und auch Ananda-Shakti, die Kraft der Seligkeit. Wahrhaft berauschend ist ihr Duft.

1177. Sie gleicht einer duftenden zarten Ranke. Sie ist die Jungfrau mit knospenden Brüsten, strahlend rot wie Kumkum. Sie hält Elefantenstachel und Schlinge. Erkenne: Das ganze Universum ist die Wohnstatt dieser Jungfrau.

1178. Sie ist Manonmani jenseits von Wort und Gedanke. Sie ist die Herrin, deren Gefolge Geister und Ganas bilden. Für Hara, der alles Wissen übersteigt, ist sie Mutter, Tochter und Gemahlin zugleich.

1179. Sie steht als Gemahlin da; sie steht als die Tattvas da. Sie ist Ursache und Verursachtes zugleich. Sie ist die Uralte, vom vollkommenen Bindu umgeben. Ihr gehören die zehn Richtungen dieser Welt.

1180. Zehn Gesichter hat unsere Parashakti. Sie offenbarte die vier Veden mit ihren sechs Angas, den Hilfswissenschaften. Als Eine durchdrang sie die sechs Adharas. Als Ewige stand sie da, unsere schöne, geschmückte Herrin. Erkennt dies.

1181. Sie ist die Jungfrau mit geschwungenen Brauen, die Ehrfurchtgebietende. In den sieben Welten erstrahlte sie. Sie ist die heilige Arya Devi; nektargleich sind ihre Brüste. Sie ist die Herrin der höchsten Seele, Shiva. Von ihrem Herrn kennt sie keine Trennung.

1182. Als untrennbare große Herrin stand sie da. Sie ist die liebliche Ranke, die sich im Muladhara vereint. Mit gesammelten Sinnen, in Vereinigung versunken, stand sie in Erkenntnis verschmolzen im inneren Jiva da.

1183. Tief im Kern meines Herzens stand sie. Dort vertrieb sie den Trug der fünf Sinne, vereinte sich mit mir und zog mich entrückt in die Verzückung des asketischen Weges – die Herrin grenzenloser Freigebigkeit.

1184–1198: Das innere Licht und die Sphären des Yoga

1184. Die freigebige Herrin, Bhoga Maha Shakti, schenkt ihre Gnade. Die Süße dieser Gnade gewährt sie von innen. Das wissen sie nicht. Die kosmische Tochter stand in Eintracht in mir. Im Zentrum, wo die Blume des Schädels ist, stand sie in Süße da.

1185. Die Herrin drang in mein Herz ein und wohnte dort, in vollkommener, inniger Vereinigung und in bleibendem Wunder. In jenem Scheitelzentrum war sie. Das ist wahrhaft echte Vereinigung.

1186. Dies und das – so schweift dein Begehren. Lege es ab. Verehre sie und blicke durch die Sushumna nach oben. Sogar das Schicksal kannst du überwinden: Sie ist die Blume im Sahasrara, in den drei Sphären von Sonne, Mond und Feuer.

1187. Drei sind die Sphären, zu denen Mohini emporsteigt. Oben erscheint sie in der Sonnensphäre mit zwölf Kalas. Mit vierzehn Kalas ist sie die große Maya. In der Mondsphäre erscheint die Leuchtende in begrenzter Gestalt.

1188. Wie Sonnenstrahlen steigt Nada aus der Mondsphäre auf. Von dort wandert er zur Zungenwurzel; von dort geht das Licht zur Kehle und dann zum Herzen, aus dem der gegliederte Laut entsteht. Der Ursprung all dessen ist die Mondsphäre, in der Shakti weilt.

1189. Das ist Anfang und Ende ihres Aufenthalts: die zweimal acht Kalas der Mondsphäre. Unbestimmte Veränderungen gibt es dort nicht. Von unendlicher Schönheit ist dieser durch gesammelten Geist erreichte Ort. Es ist ein Zentrum dichten Duftes. Dort wurde sie geboren, und dort wohnt sie in Göttlichkeit.

1190. Dort wohnte sie, die Geschmückte. Dort wohnte sie im begrenzten Zentrum. Dort wohnte sie als heiliger Weg. Dort wohnte sie als unendliche Seligkeit. Dort wohnte sie, von allen Welten gepriesen und ersehnt. Dort wohnte sie, die segensreiche Herrin.

Quellenhinweis zu 1187 und 1190: „Begrenzt“ folgt jeweils dem englischen „finite“. Die ungewöhnliche Wortwahl wird hier ebenso wie an anderen entsprechenden Stellen nicht stillschweigend berichtigt.

1191. Die Herrin und ihr schöner Geliebter umarmten einander und blickten nach innen und außen. Maya und die fünf Söhne mit ihren Shaktis entstanden und begannen ihre jeweiligen Aufgaben.

1192. Mit vielen Ritualen üben sie Askese. Mögen sie im Gefäß ihres Körpers über sie meditieren. Das innere Kundalini-Licht steigt durch den Hohlraum der Sushumna empor und kommt in ihrer Liebe zur Ruhe.

1193. Sie wohnt in den Blüten der sechs Adharas. Bringe sie zur Entfaltung: Dann erhebt sich das uranfängliche Mantra in Strahlenglanz, weit kostbarer als eine Perle.

1194. Perlweiß strahlt ihr Antlitz. In jedem Gesicht hat sie drei Augen. Sie ist Shakti, Sakiri, Sahali und Jatadhari. Zehn Hände hat sie. Sie ist die geschmückte Herrin, die Paraparan zugehört. Vithaki ist sie. In meinem Herzen stand sie.

1195. Ihr gehören die drei Sphären von Feuer, Mond und Sonne. Sie ist das Haupt aller drei zusammen. Sie verlässt dich nicht, selbst wenn du sie vergisst. Sie ist das innere Licht.

1196. Die sechs Adharas liegen im Inneren verborgen. Dort, mit dem weißen Licht des Kundalini-Feuers, steht Shiva-Shakti innig vereint; honigreiche Blumen schmücken ihr Haar. Sie ist die Ranke, die vom Vishuddha zum Nektar im Sahasrara aufsteigt.

1197. Wenn diese Ranke vom Vishuddha-Adhara das vom Guru gezeigte Ziel erreicht, fließt Nektar. Das ist die Gestalt Shivas mit seinen knöchelschmucktragenden Füßen; das ist göttliche Seligkeit. Sie verbreitet sie der Reihe nach über die sechs Adharas, die Geschmückte.

1198. Die geschmückte Kundalini, die drei Götter, die leuchtende Girlande der sechs Adharas, die zweimal acht Kalas, die an der Stirn sitzende Erkenntniskraft und die Schar der Mantreshvaras: Alle kamen, um sie zu preisen. So saß sie da, die Yoga-Shakti.

1199–1213: Sammlung und der Weg zur Befreiung

1199. Shakti ist die Herrin des übenden Yogis, die Herrin der Befreiung. Dies wissen sie nicht, und vergeblich ging ihre Hingabe andere Wege. Elende sind sie: Wie ein geschlagener Hund schreien und jammern sie.

1200. Wer wird die Füße dieser Heiligen schauen? Jenen, die ihre Gegenwart suchen und beständig meditieren, offenbarte die Herrin mit wolkendunklem Haar ihre lotusgleichen heiligen Füße. Sie legte sie auf ihre Gedanken und segnete sie mit ihrer Gnade.

1201. Bewahre sie in deinen Gedanken, auf deinem Haupt, vor dir und im Muladhara. Bewahre sie in der Meditation, unabgelenkt von weltlichen Gedanken. Bewahre sie am mystischen Verbindungspunkt im Schädel und tritt in Samadhi ein.

1202. Als Ziel derer, die in Samadhi eintreten, steht sie da, die mit den geschwungenen Brauen, die in Shi, Va und den übrigen fünf Lauten wohnt. Rezitiere das Mantra in inniger Liebe. Als Erste der neun Shaktis wohnt sie immer in deiner Vollmondsphäre.

1203. Steige der Reihe nach durch die sechs Adharas auf, in denen sie wohnt, und nähere dich ihr täglich, ihr mit dem duftenden Haar. In einem Augenblick wirst du die vier Veden meistern, die verborgen in ihr stehen.

1204. Du wirst die Früchte deiner beiden Arten von Karma überwinden, wenn du nur mit gefalteten Händen und reiner Hingabe an sie denkst. Ihre Gestalt ist zart wie ein Blütenblatt; sie ist die ewige Jungfrau Kundalini. Ihre Augen sind mit dunkler Augensalbe geschmückt. Sie ist unübertreffliche Süße.

1205. Denke an sie; denke immer wieder an sie. Richte deinen Geist auf sie und erreiche sie. Denke tief im Herzen an sie und erkenne sie, die Einzige in dieser Welt. Sie wird dich hier unten für immer verweilen lassen. Auch die acht Eigenschaften Shivas kannst du erlangen.

1206. Ziehe deine Sinne ein wie eine Schildkröte. Sei wie ein treuer Diener in Liebe beständig. Rezitiere Aum und begegne ihr mit dem leuchtenden, duftenden Haar. Im Zentrum deines Herzens steht sie als Licht. Dort stand sie, geschmückt mit der Blume der Mondsichel.

1207. In ihren schönen, mit Armreifen geschmückten Händen hält sie Elefantenstachel und Schlinge. Sie trägt den Wasserkrug der Asketen und das Muschelhorn. Sie sucht die beiden Laute, die das Herz des Rudra-Mantras sind. Verzückt tanzt sie in der heiligen Halle des Herzens. Begegne ihr durch die Sushumna, indem dein Atem diesen Weg nimmt.

1208. Brahma, Vishnu, Rudra, Mahesha und Sadashiva beteten alle zu ihren Füßen und erlangten ihre jeweiligen Stellungen. Kama, der Liebesgott, sein Bruder Sama sowie Sonne, Feuer und Mond: Alle flehten ihre Füße an und trugen sie auf ihren Häuptern.

1209. Sie trägt Mondsichel, Dreizack und Schädel. Sie ist eine lange, schlanke Ranke, makellos und geschmückt. Durch die mittlere Sushumna-Nadi tanzt sie als leuchtende Erkenntnis, der Anfang des ganzen Universums.

1210. Von einem Ende des kosmischen Universums bis zum anderen gibt es nichts außer der geschmückten Herrin. Alles ist allein Shakti mit Shiva vereint, wie wir in ihrer Gestalt Krug und Schlange zusammen sehen.

1211. Er trank das Gift, während er die Himmlischen den Nektar trinken ließ. Ihr unsterblicher Zustand wird dir zuteil, die Freuden der Askese werden dein. Die Chakras durchdringend trat sie in die noch ungeöffnete Blume oben ein. Mit dem Herrn saß sie dort, hoch im Sahasrara.

1212. Damit ihre hohe Askese wachse, wandern sie von Ort zu Ort und vergehen bald. Dort im vierblättrigen Muladhara ist sie. Verweile dort und verehre sie am Scheitel. Sie ist der erhabene Laut Aum und besitzt unübertreffliche Schönheit.

1213. Sie ist die Schöne, der göttliche Schwan So-Ham. Auch im Mantra Aum war sie. Bei denen, die die Laute Na-Ma-Shi-Va rezitieren, stand sie beständig helfend da, die Herrin des Niyama.

1214–1229: Die Göttin in Leben, Erkenntnis und Zeit

1214. Eine kristallene Statue ist sie, aus reinsten Mondstrahlen. Sie besitzt den Glanz kostbarer Perlen und welliges Haar. Als alles durchdringende Kala wohnt sie den Jivas inne.

1215. Die Jungfrau stand mit ihrem Geliebten vermischt da. In allem Leben und Denken stand sie vermischt da. In allem Lernen und aller Weisheit stand sie vermischt da. Als ewige Zeit stand sie vermischt da.

1216. Sie ist die verkörperte ewige Zeit. Sie durchdringt alles Denken und alle Liebe. Untrennbar vereinte sie sich mit dem Jiva. Sie ist Malini, Uma; Makuli, Kundalini; Mantra-Chandika, die die Schwierigkeiten ihrer Verehrer wie ein Wirbelsturm fortbläst. Sie ist die Beschützerin und steht unteilbar mit dem Beschützer vereint.

1217. Parashakti ist die Hälfte dessen, der goldene verfilzte Locken trägt, den Elefanten häutet und im Triumph tanzt. Eins ist ihr Herz, zehn sind die Hände, fünf die bezaubernden Gesichter und drei die Augen in jedem Gesicht.

1218. Der Jiva und die vier mal neun Tattvas sind dort. Unter ihnen ist die tätige Gruppe der fünf Sinne. In dem so gebildeten Körper steht sie als Anfang und Ende, gepriesen von Brahma und den zweimal neun Ganas.

1219. Am Anfang wurden einundfünfzig Kala-Wesen erschaffen. Sie stand als ihr Leben und ihre Seele da. Sie stand im Chakra, in das einundfünfzig Laute eingeschrieben sind. Dort stand auch der Herr an der Seite der Geschmückten.

1220. Zwei sind die Bereiche des uranfänglichen Herrn: der eine ist die Geschmückte, der andere die sechs Adharas. Wenn der Geist die sechs Adharas erreicht, ist sie in jedem gegenwärtig. So stand sie mit dem wallenden Haar in Süße da.

1221. Sie stand dort, damit ich sie schaute. Die sieben Zentren in mir wurden erhoben und belebt. Die zehn Atemkräfte in mir wurden zu einem einzigen Prana-Atem. Dort stand sie, Aum rezitierend und Bewusstheit vermittelnd.

1222. Das Mantra Aum, das im Inneren Erkenntnis vermittelt, ist der Weg der Vereinigung mit Gott. So erheben sich Shiva, der Gestalter, und Shakti, die Gefährtin des Gestalters, gemeinsam in Eintracht. Sie, Shivakami, die Geliebte Shivas, segnet dich.

1223. Sie ist Feuer, das uranfängliche Wesen und Isha. Sie ist die drei Sphären, der Wind und die übrigen Elemente. Sie stärkt den Jiva und macht ihn jugendlich. Blumengeschmückt steht sie im Brauenzentrum des Jiva.

1224. Die im Brauenzentrum steht, ist Manonmani. Sie wird mit den fünfzig Lauten eins. Sie ist Paraparai und auch Parai. Ihr gehören die fünf Handlungen: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Erlösung.

1225. Sie ist die lebendige Mohini, die freundliche Yogini. Wer sie erreicht und verehrend zu ihren Füßen steht, vereint sich mit Shiva, der in seinem Leben ist. Auch zum Para-Shiva steigt er auf und wird dazu.

1226. Am äußersten Ende des Scheitels wohnt sie, Ananda Mohini, die goldene Herrin. Meditiere schweigend über sie und rezitiere Aum. Auf diesem Weg liegt die Erlösung des Lebens.

1227. Sie brachte die verschiedenen Glaubenswege hervor. Sie ist Manonmani, Mangali, die Segensreiche. Nur selten erkennt sie jemand. Wer sie mit geeintem Wort und Gedanken sucht, dem erscheint sie als subtile Weisheit.

1228. Sie ist die subtile Weisheit jener, deren Verstand fein ist. Dahinter liegt die Weisheit des Herrn, Jnana. Dieser Weg ist der heilige Weg. Für jene, die den Shiva-Zustand suchen, ist Sanmarga, der Weg der Erkenntnis, der wahre Weg.

1229. Der Weg der Erkenntnis wird zum guten Weg, Sanmarga, und vertreibt alle bösen Wege. Aus diesem guten Weg entstehen alle guten Taten. Shakti ist wahrhaft die Herrin dieses Sanmarga.

1230–1244: Die Gnade der vereinten Gottheit

1230. Niemand außer Shakti, Shiva und mir, dem Jiva, kennt den Ursprung der begrenzten Befreiung. Wenn du beständig über Shakti meditierst, die als Aum reift, ist dies der sichere Weg, in das obere Sahasrara-Zentrum einzutreten.

Quellenhinweis zu Vers 1230: Auch hier lautet das englische Wort „finite“. „Begrenzte Befreiung“ bleibt daher als auffällige Aussage der Arbeitsgrundlage stehen.

1231. Denkt nicht an dies und das und verschwendet euer Leben nicht. Wer die segensreiche Herrin mit blumengeschmücktem Haar in der Mondsphäre erreicht, aus der Nektar fließt, und dort betet, kann wohl das verhängte Schicksal überwinden.

1232. Wohl können sie das verhängte Schicksal überwinden, wohl die karmische Bindung, wohl die von Begierde beherrschten Sinne. Mögen all diese die Herrin erkennen, die alles überwindet.

1233. In den einundfünfzig Lauten stehen Shakti und Shiva als eines da. So war es durch endlose Zeit. Dies ist der Zustand, in dem die Herrin mit blumenbeladenem Haar und ihr Herr seit alters sind. Wahrhaftig, wahrhaftig ist dies wahr.

1234. Als Shakti und Shiva sich vereinten, entstand die ganze Schöpfung ohne Samen. So war es auch mit den einundfünfzig Lautwesen. Durch das Erlangen der Erkenntnis erreichten die Jivas Vollkommenheit.

1235. Der vollkommene Shiva und seine Herrin mit den geschwungenen Brauen saßen dort. Die Himmlischen standen betend da, um den fließenden Nektar zu trinken. Als Nektar stand sie dort, strahlend wie die Mondsichel.

1236. Wer den ewigen Stern erreicht, wird mit ihr eins, deren Haar von Girlanden, der duftenden Ganga und dem Mond geschmückt ist. Menschen heiliger Askese erkannten betend ihr Selbst. So stand sie in sternengleichem Glanz da.

1237. Ihr, der Geschmückten, von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehend, sie durch das innere Licht erkennend und sich mit ihr vereinend: In den Gedanken der Jivas, die so zu ihr gelangen, erscheint alle Erkenntnis.

1238. Sie erscheint in der Gestalt, die sie sich vorstellen. Sie gewährt den reinen Weg und die verschiedenen Wissenszweige. Sie mit den rehgleichen Augen und er mit dem schönen Antlitz erscheinen gemeinsam. Suche sie.

1239. Menschliches Wissen überschreitend steht sie als die Feinheit der Veden da. Sie ist Maya, sie ist göttlicher Stolz. Sie ist die junge Frau von roter Farbe, Shivananda Sundari, die Schönheit der Shiva-Seligkeit. In inniger Liebe stand sie als reiner Weg da.

1240. Die Herrin mit kostbarem Schmuck ist der reine Weg. Verlasse sie nicht. Sammle sie zusammen mit dem Herrn in deinen Gedanken. Dort wirst du in Erkenntnis versinken.

1241. Die Zustände Brahmas, Vishnus, Haras und Maheshvaras führen alle zu Aum. Wenn Aum dich durchdringt, erreichst du die neun inneren Zentren. Du wirst honigsüß und göttlich; verzückt wirst du singen. Du wirst einen Zustand unübertrefflicher Größe erreichen.

1242. Die Himmlischen, Vanavas und Dhanavas, werden zu dir kommen und deine Füße verehren, ebenso Indra und die übrigen Götter der acht Richtungen. Suche daher den Weg der Verehrung, um die Herrin mit blütenbüschelgeschmücktem Haar und auch ihren Herrn zu erreichen.

1243. Rezitiere ihr heiliges Mantra, verehre mit duftenden Blumen, entzünde Räucherwerk und die Lampe mit vielen Flammen. So vollziehe die Verehrung Parvatis. Die Opfergaben, die du im Archana darbringst, gelten ebenso dem Herrn des göttlichen Lichtes.

1244. Parapara wohnt dieser Welt inne und erhält alles. Ewig und unzerstörbar ist er. Seit alters teilte sie ihre Gestalt mit ihm: sie, die den schönen Papagei in der Hand hält und welliges Haar trägt, Parashakti. Verehre sie!

1245–1254: Mutter und Vater des spirituellen Lebens

1245. Sie ist Uma von dunkler, schlanker Gestalt, die höchste Herrin von Shivas Liebesglut. Sie ist die schöne Ranke mit drei Augen, die Herrin mit geschwungenen Brauen. Verehre sie und werde erleuchtet. Selbst die goldene Göttin des Reichtums wird zu deinen Füßen sein.

1246. Mit einer Girlande strahlender Edelsteine geschmückt erscheint Parashakti leuchtend, um deine Anava-Dunkelheit zu vertreiben. Sie spielt in inniger Liebesvereinigung mit dem blaukehligen Herrn. Lass sie das Ziel deines Herzens sein und folge ihr nahe.

1247. Der Herr ist das Licht der Welt, der Gemahl der Shakti. In mir steht er: Das ist die Größe meiner Liebe. Auch in ihr steht er als eine untrennbare Gestalt. Mit Schlange und Ganga auf den verfilzten Locken ist er in ihr enthalten.

1248. Der Herr Nandi hat viele Gestalten und durchdringt vielerlei Leben. Warum erscheint er so offen in dieser Gestalt mit Shakti? Dass er so freudig mit ihr spielt, deren Hände Armreifen tragen und deren Gestalt geschmückt ist, bleibt wahrhaft ein verwirrendes Geheimnis!

1249. Der Herr mit hoch aufgetürmten Locken und heiligen Füßen verbindet sich in Maya. Er, der Reine, der Ganga auf dem Haupt trägt, teilt Shakti in Liebe. Ihn umarmte die große Shakti in körperlicher Vereinigung, damit die ganze Schöpfung aus der Vereinigung entstehe – sie, die höchste Quelle der Geschlechtskraft.

1250. Als ich ihn, unseren Isha, erkannte, verlor ich mein eigenes Selbst. Als ich mich mit ihm vereinte, wurde ich eins mit ihm. Als ich den Herrn aller Welten umarmte, blieb ich in göttlicher Erfüllung. Als ich mich an die Füße des Uranfänglichen schmiegte, empfing ich die Gnade seiner Shakti.

1251. Die große Manonmani ist alle Größe. Die heiligen Füße ihres Herrn sind das wahre Ziel, so sagen sie. Dies wissen die Gelehrten. Für jene, die diese Wahrheit kennen, sind seine erhabenen goldenen Füße die unfehlbare Zuflucht des Lebens.

1252. Mein Herz sucht den Herrn in Liebe. Er, der Süße, sei jenseits der sieben Welten, sagen sie. Darum verehre ich die Mutter mit duftenden Blumen und einem Herzen, das in Liebe schmilzt.

1253. Sie ist die Mutter der himmlischen Heimstatt, die höchste Herrin Manonmani. Sie gestaltet die heilige Heimstatt und steht als göttliche Herrin da. Sie, Maya, formte diesen Körper und wohnt auch in diesem Körperhaus.

1254. Meine Mutter und mein Vater vereinten sich in Liebe. Hätten sie es nicht getan, würden meine Mutter und mein Vater mich je kennen? Bei meiner Mutter und meinem Vater sitze ich. Meine Mutter und meinen Vater verehre ich beständig.

1255–1269: Eroli-Chakra – das Diagramm des strahlenden Lichtes

1255. Im vierblättrigen Muladhara-Lotus sind vier Nadas, die mit leuchtendem Bindu aufsteigen. Wenn Nadas strahlende Kala alles durchdringt, entsteht im zentralen Kundalini-Feuer das leuchtende Eroli-Chakra.

1256. Die Laute im Kundalini-Feuer sind mächtig und groß. Die Laute im Kundalini-Feuer stiegen zum Himmel auf. Die Laute im Kundalini-Feuer bilden ein großes Chakra. Wie die Laute angeordnet werden, will ich nun darlegen.

1257. Der genannte Bindu und die vier Nadas stehen als entsprechende Laute in den vier Blütenblättern dieses Adhara. Rezitiere die Laute hundertvierundvierzigmal. Sie bilden ein Chakra und erheben sich hoch.

1258. Der Bindu-Laut verbindet sich mit dem Nada-Laut. Gemeinsam erfüllen sie den Muladhara. Werden die verbundenen Laute so wiederholt, bilden sie das Erd-Chakra.

1259. Das Erd-Chakra weitete sich, als Bindu und Nada sich vereinten. Dieses Muladhara-Adhara dehnte sich über gewaltige Entfernung aus. Als Erde entfalteten sich so die Laute.

1260. Die Laute entstanden als Bindu und Nada. Die Laute entfalteten sich als Chakra. Die Laute dehnten sich zum Erdelement aus. Die Laute dehnten sich darüber hinaus zum Wasserelement aus.

1261. Als Wasserelement dehnte sich das Chakra aus, dann weiter als Feuerelement, noch weiter als Windelement und darüber hinaus als Raumelement.

1262. Vom Raumlaut ist zu sagen: In ihm sind alle anderen Laute enthalten. Der Raumlaut ist Ha; das ist die Seligkeit Shivananda. Erkenne: Dies ist der Raumlaut.

1263. Erkenne, so ist dieses Chakra: Aus fünf mal fünf Bindu-Punkten ist es gebildet. Mit Nada beginnt das Chakra, mit den Lauten in den Kammern. So ist das Sonnen-Chakra.

1264. A und die folgenden fünf Laute: Diese sechs sind die Laute des Uranfänglichen. Die so gebildeten sechs Laute sind die Laute Shaktis. Der mittlere der zuerst genannten vier, Va, ist der Laut des Feuerelements. So verhält es sich mit diesen heiligen Lauten.

1265. Die Laute des strahlenden Chakras sind hundertvierundvierzig. Die Laute sind allein das sechssilbige Mantra, dessen mittlerer Laut Va zum Feuer gehört. Dieser mittlere Laut lodert als strahlendes Feuer. So sind die sechs Laute, vom ersten bis zum letzten.

1266. Damit Geburt und Tod enden, gilt es, den begrenzten Ort der sechzehn und der zwei zu erreichen, Vishuddha und Ajna. Wenn die Kundalini von der Basis aufsteigt und das von dort aus dritte Zentrum, Anahata, überschreitet, wird die mystische Mondsphäre geschaut.

1267. Dort gehören die dreihundertsechzig Tage zur Gruppe des Widders. Dort werden sie in Halbmonate zu fünfzehn Tagen eingeteilt. Dort erscheinen sie, wenn die Kundalini in die Zentren mit sechzehn und zwei Blütenblättern aufsteigt. Dort erscheinen sie, wenn die innere Sphäre der mystischen Sonne erreicht wird.

1268. Über das weite Firmament wandert die Sonne durch die zwölf Tierkreishäuser. Ihre Zeitspanne wird als dreißig Naligais am Tag bemessen und im vollen Jahreslauf als dreihundertsechzig Tage.

1269. Die Tierkreishäuser, Rashis, werden in drei Gruppen eingeteilt. Mit dem Widder, Mesha, kommt seine Dreiergruppe; mit dem Pflug, Rishabha, seine Dreiergruppe; mit der Vina, Mithuna, seine Dreiergruppe. So werden die Rashis im Tierkreis in drei Gruppen eingeteilt.

Quellenhinweis zu 1266–1269: Die eigentümlichen Zahlen- und Tierkreiszuordnungen werden nach der englischen Vorlage wiedergegeben. Rishabha und Mithuna bezeichnen üblicherweise Stier und Zwillinge; die Vorlage verwendet hier die Bilder Pflug und Vina. Eine widerspruchsfreie astronomische Rekonstruktion wird nicht versucht. Naligai ist eine traditionelle Zeiteinheit.

1270–1283: Bindu, Nada und der befreiende Laut

1270. Wenn das Chakra den Tierkreis erfüllt, ist das Chakra von Bindu erfüllt. Wenn auch Nada es erfüllt, ist das Rashi-Chakra im Tierkreis verankert.

1271. Die Bindu-Laute steigen mit den Nada-Lauten auf. Wenn in jedem Adhara die passenden Laute angeordnet werden, die Bindu und Nada hervorbringen, erscheint das Taraka-Chakra, das Sternendiagramm.

1272. Wenn das Chakra so die Gestalt eines Sternes annimmt, strahlt auf diesem Stern ein göttliches Licht. Wenn Mond und Sonne zu diesem Stern kommen, wird er zur Stütze Shaktis, die alles trägt.

1273. Im Chakra steigt Bindu auf; in Bindu steigt Nada auf; in Nada steigt die Feuerflamme auf. Darüber erscheint ein dunkles, rauchiges Licht.

1274. Dieses rauchige Licht umhüllte das ganze Universum. Es wurde zum Licht von Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum. So gemeinsam auflodernd und aufsteigend durchdrang es als ein göttliches Licht alles.

1275. Das Universum entfaltete sich als vielfältige Welten. Fest stand das Universum da. Das Universum gleicht der uranfänglichen Unreinheit. Das Universum ruht auf Bindus Kraft.

1276. Wenn Bindu und Nada in gleichen Anteilen aufsteigen, bringen sie gemeinsam einen ausgewogenen Bija, einen Keim, hervor. Steigt Bindu stärker und Nada weniger auf, wird der Keim weit mächtiger, achtmal mächtiger als Bindu.

1277. Zwei Keime entstehen aus Nada. Einer ist der Keim, der nach oben steigt und zugleich mit Nada aufkommt. Der dahinterliegende Keim entfaltet sich als verursachter Bindu.

1278. Als Bindu immer höher stieg, ging der Keim vergeblich dahin. Wenn Bindu gleich mit Nada aufsteigt und nach innen gezogen wird, um die sechzehn Blütenblätter des Vishuddha-Adhara zu durchdringen, wird der sich entfaltende Bindu zum Keim der Befreiung.

1279. Aus dem Bindu-Keim entstand alles. Aus dem Bindu-Keim entstand alles Leben. Aus dem Bindu-Keim entstand diese Welt. Aus den Füßen des Herrn, Nada, entstand der Bindu-Keim.

1280. Aus Bindu und Nada entfalteten sich die Laute. Aus den Lauten wurde das Chakra gebildet. Die Laute und Chakras stehen im Körper. Die Laute sind wahrhaft die wirklichen Mantras.

1281. Von Mantras und Chakras ist zu sagen: Dort ist eines wie ein Feuerkreis, den die Tantras preisen. Meditiere über den durch die Tantras erreichten Pranava im Brauenzentrum. Dann besteht deine Bindung nicht mehr.

1282. Das Mantra, das im Muladhara-Chakra aufsteigt, verlässt das Brauenzentrum nicht. Wenn deine Ichhaftigkeit zurückweicht, kannst du dieses Mantra schauen.

1283. Im Chakra, das deine Bindung beendet, mögest du den Pranava schauen. Er wird all deine Gedanken beschützen. Alle Richtungen wirst du wahrnehmen. Du wirst die Wahrheit erreichen, die feiner ist als das Feinste, wenn du nur weißt, wie du sie suchen sollst.

1284–1290: Das Pranava-Chakra vollenden

1284. Für das beschriebene Chakra ist der erste Laut Shivas A; der nächste ist Shaktis U. Das Chakra ist Erde, Feuer und die übrigen vier Elemente. Über das so gebildete Chakra lässt sich noch mehr sagen.

Quellenhinweis zu Vers 1284: Die englische Elementzählung ist widersprüchlich; sie wird nicht durch eine erfundene Aufzählung ersetzt.

1285. Das Mantra entsteht im Chakra und entfaltet sich zu sechs Lauten. Es ist das vedische Mantra, das sich mit den fünf Lauten verbindet und als Aum Nama Shivaya aufsteigt für jene, die diesem Weg zugeneigt sind.

1286. Die heilige Shakti ist die herrschende Gottheit dieses Mantras. Die heilige Shakti ist darin wie das Kundalini-Feuer. Ist es das Ziel des Übenden, sie zu erreichen, kommt die sengende Bindung nicht nahe.

1287. Sthambana, Marana und Vashya sind Kräfte, die im Chakra von selbst entstehen. An den Ort des Übenden kommen keine Feinde. So ist es für jene, die es in sich selbst suchen.

1288. Schaue das Chakra im Muladhara. Sammle darin den Laut A. Meditiere im Inneren über den gütigen Shiva und führe den Prana-Atem nach oben.

1289. Als Viertel, Hälfte, Dreiviertel und Ganzes steigt das in solchen Maßen gebildete Mantra auf. Während es aufsteigt, vergehen die inneren Hindernisse. So geschieht es jenen, die das bezaubernde Mantra für weltliche Errungenschaften rezitieren.

1290. Rezitiere dieses Mantra, dessen Laute dem göttlichen Tänzer gehören. Wenn die Hindernisse im Bereich des Zäpfchens verschwinden, wirst du zur juwelengleichen Lampe in der Tanzhalle. Erhebe dich jetzt und rezitiere Nama mit Liebe im Innersten deines Herzens.

1291–1296: Das Bhairava-Chakra

Ergänzende Erklärung: Bhairava ist eine furchterregende Erscheinungsform Shivas. Die folgenden Aussagen über Feindvernichtung gehören zur überlieferten Ritualmagie. Sie werden als Quelleninhalt wiedergegeben, nicht als heutige Handlungsanregung.

1291. Vollziehe diese Verehrung an zehn Tagen eines Halbmonats: an den ersten sechs Tagen und dann am achten, zehnten, zwölften und vierzehnten. Dies sind die zehn geeigneten Tage; lasse den siebten, neunten, elften und dreizehnten aus. Führe dann den Atem durch das rechte Nasenloch und verehre.

1292. Wenn du Bhairava so verehrst, erscheint der Gott mit Dreizack und Schädel. Er blendet die Augen deines Feindes und trinkt dessen Leben. Mit dem Körper deines Feindes kannst du Ball spielen.

1293. Der uranfängliche Gott Bhairava, der kommt, um den Jiva zu segnen, hält Schädel und Dreizack in seinen Händen. Er hält auch Trommel und Schlinge sowie den abgetrennten Kopf und das Schwert.

1294. Sechs sind seine Hände, segensreich ist sein Blick. Rot und leuchtend ist Bhairavas Gestalt. In den Herzen der Reinen erscheint er als strahlende Wahrheit. Verehre ihn in aufrichtiger Hingabe.

1295. Verehre ihn; vollziehe tausend Verehrungen mit Tanz und Trank, mit Sandelpaste und duftendem Räucherwerk, mit Moschus, Zibet und vielerlei Salben. Verehre und bete so: Er bekämpft deinen Feind.

1296. Wenn du betest, wird es Kampf geben. Wenn du die sechs inneren Adharas emporsteigst, bete darum, wie die Dinge sein sollen. Alle deine Wünsche werden erfüllt. Und rezitiere Nama mit Liebe im Innersten deines Herzens.

Quellenhinweis zu Vers 1296: Die abschließende englische Zeile entspricht dem Schluss von 1290. Sie steht hier erneut im Versblock und wird als solche bewahrt; ihre ursprüngliche Zugehörigkeit bleibt ungesichert.

1297–1306: Das Shambhavi-Mandala

1297. Vom Shambhavi-Mandala-Chakra ist dies zu sagen: Bilde acht Kammern. Darin liegt die mittlere Kammer, wahrhaft das Auge der vier Tattvas Shivam, Shakti, Nada und Bindu. Wenn wir diesen heiligen Zustand offenbart sehen, erkennen wir alle Welten.

1298. Das Mandala wird durch zwanzig waagerechte und zwanzig senkrechte Linien gebildet. Bilde zwei innere und zwei äußere Bhupuras. Das innerste Bhupura besteht aus sechzehn Kammern.

Ergänzende Erklärung: Bhupura bezeichnet die äußere beziehungsweise umgrenzende Einfassung eines Yantras; die Quelle verwendet den Ausdruck hier für mehrere ineinanderliegende Bereiche.

1299. Das Mandala wird aus zwanzig mal zwanzig Linien gebildet. Zeichne Lingas in die vier Bhupuras, außerdem vier Lingas in jede Ecke. Lege dort vier Blumen hin.

1300. Die einundfünfzig Laute blieben dort in unterschiedlicher Gestalt. Rezitiere dort rein Shi Va Ya Na Ma. Dann wird dir nichts fehlen.

1301. Nichts wirst du entbehren. Die heiligen Füße werden dein sein. Rezitiere das vedische Mantra Aum. Wenn du es standhaft erkennst, gibt es keinen Tod – so haben sie gesagt.

1302. Du wirst Reichtum erlangen und deine geliebte Gottheit schauen. Hoher Rang, heilige Pilgergewässer, köstliche Nahrung, angenehme Empfindungen, guter Schlaf und Gold: All dies wird von selbst dein sein, wenn die Herrin des Chakras dich segnet.

1303. Die fünf heiligen Laute werden dein sein. Bleibe auf ihrem Weg. Wenn du so voranschreitest, wirst du alles Gewünschte erreichen. Keine Feinde wird es für dich in dieser Welt geben.

1304. Wer sich tief vor ihr verneigt, hat keine Feinde. Niemand triumphiert schadenfroh über ihn. Karma wird nicht mehr sein, auch nicht seine widrigen Erscheinungen. Hindernisse wird es nicht geben. Täglich wird alles Gute zufließen. Kühl wie Wasser wirst du sein.

1305. Die fünf Laute rezitierend können alle das Chakra Shambhavis verehren. Sie ist die Gestalt der Seligkeit, die niemand gesehen hat. Sie ist Erde, Himmel, Sonne und Mond. Sie ist das Bewusstsein, das Körper und Leben durchdringt.

1306. Das Mantra Aum, das im Inneren Erkenntnis vermittelt, ist der Weg der Vereinigung mit Gott. So erheben sich Shiva, der Gestalter, und Shakti, die Gefährtin des Gestalters, gemeinsam in Eintracht. Sie, Shivakami, die Geliebte Shivas, segnet dich.

Quellenhinweis: Vers 1306 wiederholt in der englischen Vorlage Vers 1222. Beide ursprünglichen Versnummern bleiben erhalten; daraus wird kein zusätzlicher unnummerierter Text erzeugt.

1307–1318: Das Bhuvanapati-Chakra

1307. Die fünf mit Ka beginnenden Laute sind goldfarben anzusehen. Die sechs mit A beginnenden Laute sind rot. Die vier mit Sa beginnenden Laute sind rein weiß. Die so gruppierten Mantras führen zur Seligkeit hier unten und zur Befreiung oben.

1308. Dies ist die Wahrheit, wenn du nur schaust. Dies ist die wahre Gottheit; keine andere gibt es. Höre, eines sage ich: Dieses Dreieck ist groß wie der Ozean. Sammle darauf deine Gedanken. Seligkeit und Befreiung werden dein sein. Du wirst Shivas Gestalt haben.

1309. Die eine Parashakti gehört dem Herrn als sein Teil an. Ihre Gestalt ist Paravidya, die höchste Erkenntnis. Sie schenkt Befreiung und Siddhi. Obwohl Parashakti eine ist, hat sie acht Gestalten, wenn Shiva die Gestalt des Yoga-Gurus annimmt.

1310. Die acht Shaktis gehören zum achtgliedrigen Yoga. Wird Nadanta erreicht, vermischen sie sich und werden eine, Parashakti. Der abgesonderte Bindu verschwindet. Diese Erfahrungen erreichen die verständnislosen Niedrigen nicht.

1311. Errichte dieses Yantra fest. Verehre die Füße dieses Yantra-Königs. Rezitiere das Mantra, das der Guru dich gelehrt hat. Vollziehe Anga-Nyasa und meditiere. Zeichne auf eine Kupferplatte das sechszackige Doppeldreieck, damit deine Geburt ein Ende finde.

Ergänzende Erklärung: Anga-Nyasa ist die rituelle Zuordnung von Mantras zu Körpergliedern. Bhuvanapati bedeutet Herr der Welten; die Quelle wechselt hier zur weiblichen Form Bhuvaneshvari und zur Anrede der Göttin. Diese Wechsel bleiben erkennbar.

1312. Setze auf das sechszackige Diagramm die Laute Shrim und Hrim; darüber setze Rim. Zeichne einen Kreis, der das ganze Diagramm umschließt, und setze darin zweimal acht Laute einschließlich Aum.

1313. Zeichne im oberen Raum acht Blütenblätter. Setze Ha in die Zwischenräume der Blätter. Setze über Ha den Laut U, sodass Hum entsteht. Nahe den Blütenblättern setze Krom und Srom; links vom Chakra setze Am und Krom.

1314. Setze rechts vom so gebildeten Chakra Krom und Srom zusammen. Umgib das Chakra mit Hrim. Verehre dann die Shakti, die Bhuvanapati ist.

1315. Wenn du die Puja für Bhuvanapati vollziehst, rufe sie in Reinheit in deinem Herzen hervor. Übergib dein Leben symbolisch zu ihren Füßen, als Prana-Pratishtha, und sitze in glühender Meditation.

1316. Rein rot ist ihre Gestalt, seiden ihr Gewand. In ihren Händen sind die Waffen Stachel und Schlinge; sie zeigt die schützende Gebärde. Ihr Körper trägt funkelnden Schmuck und leuchtet wie der reinste Edelstein. Strahlend ist ihre Krone. So geschmückt erscheint sie.

1317. Lege das Gewand ab, das deine Haut bedeckt, und preise sie in inniger Liebe. Bringe unter Mantrarezitation Milchreis dar. Wende dich in die vier Richtungen und sprich „Naradaya Suvaha“. Nimm die so dargebrachte Speise weg und teile sie aus.

1318. Bevor du sie so austeilst, rufe die Göttin in deinem Inneren an und verankere sie fest im Lotus des Herzens. Bete dann zum Yantra-König, der unerreichbar ist, und halte ihn fest in dir. Er wird all deine Wünsche erfüllen.

1319–1328: Navakkari – die neun Laute und der erste Umlauf

Ergänzende Erklärung: Das Navakkari-Chakra entfaltet neun Keimmantras in wechselnden Anfangs- und Endpositionen. Die folgenden „Umläufe“ bewahren die Untergliederung der englischen Ausgabe. Die beschriebenen Gaben sind die Verheißungen des Textes.

1319. Ich will vom neunsilbigen Navakkari-Chakra sprechen. Der eine Laut wird zu neun Lauten; die neun entfalten sich zu einundachtzig. Navakkari sind die neun Laute von Klim bis Saum.

1320. Mit Klim als Mantra-Grundlage folgen Shrim, Hrim, Aim, Gaum, Krim, Haum, Aum und Saum. So lautet die Reihenfolge des Mantras. Rezitiere am Ende jedes Umlaufs Shivaya Nama.

1321. Navakkari ist das Chakra, an dem ich übe. In Navakkari entsteht alles Gute. Wenn du das Navakkari-Mantra tief in dir rezitierst, schenkt dir die Navakkari-Shakti allen Segen.

1322. Erkenntnis und alles Wissen werden dein sein. Die hartnäckigen Karmas fliehen vor dir. Du wirst keine bösen Taten mehr vollbringen. Alle Gaben werden dir gewährt. Die Schau des göttlichen Lichtes wird dein sein.

1323. Graviere das Chakra in Silber, Gold oder Kupfer. Meditiere darüber. Alle deine Handlungen werden gelingen; du wirst in der Welt siegreich sein. So tief deine Meditation darüber ist, so reich werden die Gaben des Chakras sein.

1324. Rezitiere mit Shrim am Anfang und Klim am Ende. Während du so fortwährend rezitierst, wird die erste Silbe zur letzten. Meditiere über das Chakra im Inneren und bringe Reiskörner und Kusha-Gras dar. Vollziehe so die Verehrung: Sie wird vor dir erscheinen.

1325. So erscheint die Shrim-Shakti. Ihre Farbe sollst du erfahren: Sie gleicht einer goldenen Blume mit rauchiger Tönung. All deine Wünsche wird sie erfüllen. Verehre sie, um ihre Gnade zu empfangen.

1326. Alles wird dir hier unten gut ergehen. Kala, der Todesgott, wird an deinen gezählten Tagen vorübergehen. Dein Name und Ruhm werden sich wie Lichtstrahlen ausbreiten. Nähere dich ihr immer mehr: Du wirst sie erreichen.

1327. Gold, Silber und Edelsteine werden dein sein; göttliche Gnade und Wohlstand werden dein sein. Das himmlische Leben der Götter wird dein sein. Damit du dies erlangst, meditiere über sie.

1328. Sie meditieren über sie, damit sie unsterblich werden. Der Herr der Unsterblichen wird dich segnen. Ihn, der Ganga trägt und in sich fasst, suche beharrlich zu erreichen.

1329–1338: Zweiter und dritter Umlauf – Hrim und Aim

1329. Verehre die Laute im Chakra mit Hrim beginnend und mit Shrim endend. Meditiere über die ruhmreiche, mit Girlanden geschmückte Göttin. Du wirst sie wie einen wolkenreichen Blumengarten schauen.

1330. Meditiere über die unvergleichliche Hrim-Shakti, Tani Nayaki. Dein Gesicht wird in überwältigender Anziehungskraft leuchten. Suche sie beständig, die Eine, die im Höchsten des göttlichen Lichtes ruht. Suche sie, die Ewige.

1331. Meditiere über sie, die allen Segen verkörpert. Die irdischen Herrscher werden auf deiner Seite stehen. Deine Gegner werden nicht gedeihen. Preise sie, die die Gestalt des Herrn teilt.

1332. Rezitiere ihren Namen Hrim, den Namen der Herrin der acht Richtungen. Erlange das Leben der himmlischen Götter und lebe so. Verlasse den Weg, der erneut in diese Welt führt. Erreiche die heiligen Füße der Tani-Nayaki-Shakti und gedeihe dort.

1333. An ihren heiligen Füßen gedeihen jene, die ihren Namen schweigend rezitieren. Wer ihre Füße mit Blumen verehrt, kennt den Weg, sie zu erreichen.

1334. Das Chakra entfaltet sich mit Aim beginnend. Mit Aim beginnt es und mit Hrim endet es. Meditiere über sie, die dem uranfänglichen Herrn lieb ist, mit Aim als Anfang.

1335. Die Shakti, die du verehrst, ist Vageshvari, die Göttin des Wortes, die alle Veden und Agamas preisen. Sie, die durch die Rezitation unserer Zunge erreichbar ist, wird sich dir von Angesicht zu Angesicht offenbaren.

1336. Bewahrst du dieses Chakra, das vor dir erscheint, auf deiner Zunge, nimmt sein Mantra die göttliche Gestalt des Tänzers an. Wenn dieses Wissen der goldenen Halle einem Menschen zugänglich wird, überwindet dieser alles, indem die schlanke Shakti ihm ihre Gnade schenkt.

1337. Sie von schlanker Gestalt ist die göttliche Wahrheit. Rezitiere ihr Mantra und meditiere beständig. Deine Tage, die bisher auf vielerlei Weise vergingen, werden fortan in stetigem Wohlergehen emporsteigen.

1338. Rezitiere das Aim-Mantra unablässig. Aller Segen wird folgen. Du wirst das Verständnis gewinnen, das jenseits von Worten und Wortbedeutungen liegt. Durch den Segen der Königin des Wissens wirst du Meister allen Wissens. Keine Feinde wirst du hier unten mehr haben.

1339–1348: Vierter und fünfter Umlauf – Gaum und Krim

1339. Keine Feinde mehr für jene, die von Gaum bis Aim rezitieren; keine Schadenfreude gegen euch. Wer über die rankengleiche Gaum-Shakti im Chakra meditiert, vor dem wird sich die ganze Schöpfung ausnahmslos verneigen. Dies ist keine Übertreibung.

1340. Verehre Shakti, die über alle Tattvas herrscht. Alle guten Lebewesen werden sich vor dir verneigen. Begierde, Zorn und Unwissenheit fliehen voller Schrecken. All deine Handlungen werden leuchten.

1341. Er allein spricht, und was er spricht, ist das letzte Wort. Er allein kann aussprechen, was er für richtig hält. Wer über sie meditiert, die den Tanz Shivas schaut, ist wahrhaft der Herr über alles ringsum.

1342. Sie ist die Mutter, die alles Leben ist. Sie ist die Herrin, die alles Leben erschuf. Verehre ihre Füße, und alle Dinge werden dein sein. Deine Karmas werden schwinden; du wirst heilig werden.

1343. Heilig wirst du bleiben, weit und breit in dieser Welt. Geehrt wirst du dort wandeln; allen gegenüber wirst du gütig sein. Nahe bei ihr wirst du verweilen.

1344. Von Krim bis Gaum reicht das Chakra, das ich kenne. Wer tief darüber meditiert, wird jener Parashakti lieb, der Jungfrau der Waldlichtungen. Hoch wird er in dieser Welt erstrahlen.

1345. Wenn die leuchtende Parashakti in dir Wohnung nimmt, tanzt dein Herz vor Freude. Klare Schau erfüllt deine Gedanken. Reichlich fällt der Regen; Reichtum und Wohlergehen lächeln. So wird es denen ergehen, die über sie meditieren.

1346. Meditiere über das Chakra und vollziehe die Verehrung. Alle deine Hindernisse werden überwunden. Könige werden zu dir kommen und dir Achtung erweisen. Deine Gedanken werden leuchten, ohne Kummer hervorzubringen.

1347. Kein Leidensrauch wird sein. Goldenes Licht wird ihren Körper durchdringen. Keine Hölle wird sein, da es kein Töten gibt. Keine andere Zuflucht gibt es für alles Leben auf Erden, keine andere Krone ihres Ruhmes für jene, die im Navakkari-Chakra über Krim meditieren.

1348. Wer über sie meditiert, erstrahlt in Ruhm in allen Richtungen. Die Übel des sengenden Karmas erfährt er nicht. Sein inneres Licht verbreitet sich weit. Seine Ichhaftigkeit ist vergangen; das Licht des unterscheidenden Wissens ist für immer erloschen.

1349–1358: Sechster und siebter Umlauf – Haum und Aum

1349. Das Chakra mit den Mantras von Haum bis Krim ist ganz Licht. Glück ist es für jene, die darüber meditieren. Reine Erkenntnis und klare Schau erfüllen ihre Gedanken. Darüber zu meditieren heißt, über das Panchakshara zu meditieren.

1350. Sie, Haum, ist die Sadashiva-Shakti. Sie ist das Licht hinter Adhomukha, dem abwärts blickenden Gesicht des Herrn, Maya. Sie lässt Geschmack, Anblick, Berührung, Klang und Geruch hervorgehen. Sie wohnt allen Lebewesen inne.

1351. In sich selbst ist sie. Draußen in der ganzen Welt ist sie. In mir ist sie und erfüllt mich ganz. In Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum ist sie. Im Auge und auch im Körper mögest du sie schauen.

1352. Wohl kannst du all ihr Wirken sehen, das unserem Leben innewohnt. Wohl kannst du sie sehen, wenn du sie in deinen Gedanken bewahrst. Wohl kannst du sie sehen, wenn du ihr in der Tiefe deines Herzens Raum gibst. Stehe fest und suche sie beständig in deinen Gedanken.

1353. Sie steht da und durchdringt zugleich die sieben Welten. Sie wohnt überall allen Herzen inne. Sie trägt alle guten Dinge der Welt. Sie steht als göttliche Wahrheit da, die hartnäckige Karmas vertreibt.

1354. Göttliche Wahrheit ist es: Das Chakra verläuft von Aum bis Haum. Sie, Aum, ist die innere Bedeutung dieses Chakras. Sie ist Amudeshvari, die aus sich selbst Entstandene. Als segensreicher Reichtum stand sie in der Mitte des Chakras.

1355. Bewahre diese Amudeshvari in deinem Herzen. Erwecke die Kundalini, indem dein Atem aufwärts strömt. Täglich wirst du immer Neues schauen. Höre dies: Dein Körper vergeht niemals.

1356. Hast du das aufsteigende Licht im Chakra geschaut, trifft dich kein Schaden mehr. Hast du das Empfinden für den Anfang der Zeit verloren, bleibt auch kein Raumbewusstsein mehr. Hast du den Weg ihrer Gnade gesehen, bestehen keine Unterschiede von Macht und Besitz mehr. Hast du das Land des Zieles erreicht, gibt es keinen Wald des Leidens mehr.

1357. Aller Raum, in dem du verweilst, wird zu ödem Nichts. Aller Raum, den du kennengelernt hast, wird zu endloser Leere. Keinen anderen Ort gibt es, nicht den kleinsten Raum. Stehe unerschütterlich dort, wo du bist, fest in der Aum-Shakti.

1358. In den sieben Meeren und sieben Welten wirst du sein. All deine Wünsche werden gewährt, wenn dein Herz beständig bleibt. Wenn du siehst, dass Shakti fest in dir steht, erscheint sie als das hohe, strahlende Licht.

1359–1369: Achter Umlauf – Saum und die Gestaltung des Chakras

1359. Das Chakra, das von Saum bis Aum reicht, ist erhellendes Licht. Dieses leuchtende Chakra ist die ewige Wahrheit. Meditiere über die Shakti, die einem Blitzstrahl gleicht, und werde leuchtend.

1360. Von der ewigen Wahrheit, die hoch oben strahlt, ist zu sagen: Sie ist wahrhaft die Shakti von schlanker Gestalt. Suche das Licht, das die Wahrheit der Erkenntnis ist. Wer das Licht sucht, wird selbst wie das Licht.

1361. Sie ist alle Räume; sie erfüllte alle Räume. Sie ist der Raum jenseits der Räume. Sie erschuf alles und erhielt alles. Sie ist das ganze Universum und alles Leben.

1362. Unermesslich ist sie im gewaltigen Universum. Im stofflichen Körper erfüllte sie weite Räume. Wohl kannst du im Muladhara viele gute Dinge sehen; dennoch weißt du vielleicht nicht, dass sie mitten in deiner Kehle steht, im Vishuddha.

1363. Sie kennen ihre Allgegenwart in der meerumschlossenen Welt nicht. Sie kennen ihr Innewohnen in Körper und Leben nicht. Sie kennen ihren Knöchelschmuck nicht und suchen andere Götter. So ist ihr Geschick.

1364. Von jenem Chakra, das aus eigenem Willen entstand, ist zu sagen: Ziehe je zehn waagerechte und senkrechte Linien. Bilde so neun Felder in jeder Reihe, insgesamt einundachtzig Felder.

1365. Wenn du das Chakra so bildest, färbe den äußeren Kreis golden, die Felder rot und die Mantralaute grün.

1366. Schreibe Shaktis Laute auf Baumrinde. Fülle die einundachtzig Kammern mit Shakti. Bringe heißes Ghee und Reis dar. Vollziehe Homa, das Feueropfer, und die Prana-Opfergaben.

1367. Halte dich in Ruhe an das Shakti- oder Shri-Chakra. Wenn du Tag für Tag darüber meditierst, wirst du in Glückseligkeit sein. Wenn dein Name und Ruhm zu Brahmas Höhe aufsteigen, wirst du in liebender Vereinigung mit Shiva eins.

1368. Sandel, Safranblüte, Hirschmoschus, duftende Paste, Zibet und Ghee, Kampfer, Bezoar und Rosenwasser: Mische diese neun und bestreiche damit das Chakra.

1369. Von der Verehrung, die du am Shri-Chakra vollziehen sollst, das die jungfräuliche Shakti als anziehenden Mittelpunkt hat, ist zu sagen: Verehre das Mantra mit tausend mal tausend Rezitationen. So meditiere beständig darüber.

1370–1377: Neunter Umlauf – Klim

1370. Als göttliches Licht strahlt sie in deinen Gedanken. Mit sechs Händen erscheint sie. Darin hält sie sechs Waffen: Fackel, Dreizack, Stachel, Schlinge, Bogen und Pfeil. Rezitiere das Mantra mit Klim beginnend: Sie erscheint vor dir.

1371. Vierundsechzig Shaktis umgaben sie; auch die acht Jungfrauen waren dort. Mit Bogen und Pfeil in ihren beiden Händen saßen sie gegenüber im Chakra.

1372. Mit goldenem Schmuck, Ohrringen, Krone und feinen Gewändern geziert, der kostbarsten Perle gleich, von roter Gestalt und auf Lotusblättern sitzend: So ist sie dort für jene, die über das Chakra meditieren.

1373. Wenn du mit tiefem Empfinden über sie meditierst, durchdringt sie alles und ergießt ihre Gnade. Du wirst umhüllenden Klang, Nada, und Licht, Bindu, wahrnehmen. Aus dem Inneren der Chakras erhebt sie sich und segnet dich.

1374. Sie ist das göttliche Licht, das dich zum großen Weg führt. Sie gewährt dir durch den Weg des Gurus die Erkenntnis der Tattvas, nachdem sie die Rechnung deiner Geburten durchschnitten hat.

1375. Die Leuchtende, das blendende Licht: In sanftem Strahlen sendet Shakti ihren göttlichen Glanz aus. Dunkelgolden wie Wolken ist ihre Farbe. Als Licht stand sie in der ganzen Welt.

1376. Zwei ausgestreckte Hände hielten Lotusblüten. Zwei segnende Hände zeigten zarte Gnade. Die beiden schönen Brüste waren mit Perlen und Korallen geschmückt; die anmutigen Gewänder waren mit reinen Edelsteinen durchwirkt.

1377. Auf dem Haupt trägt sie die edelsteinbesetzte Krone, an den Füßen den schönen Knöchelschmuck. So schmückt sie sich. Ohne sie gibt es keine Gnade. In den Herzen jener, die demütig beten, erscheint sie als göttliche Gnade. Wer sie in Hingabe sucht, dem schenkt sie Befreiung.

1378–1383: Weitere Betrachtungen zu Shrim und Hrim

1378. Sechzig Shaktis sitzen um sie; verborgen umgeben sie acht Jungfrauen. In beiden Händen trägt sie Lotusblüten. Die Heiligen meditieren hingebungsvoll über sie, den Schatz des Mantras Shrim.

1379. Wenn du ein Jahr lang innig über Shrim-Shakti, den Schatz des Chakras, meditierst, fällt die Last deiner weltlichen Sorgen ab. Deine Gedanken steigen empor; dein Herz erlangt den Glanz der Sonne. Dies ist die Botschaft des wahren Chakras.

1380. Die volle Blume, die im Muladhara entstand, erblüht zu strahlendem Licht und durchdringt alle Adharas. Die rote Flamme erreichte die Feuersphäre.

1381. Dort in der Feuersphäre saß sie. Dort erscheint sie in sechsundfünfzig Gestalten. Dort wird sie von sechsundfünfzig Shaktis geschaut. Dort ist sie von sechsundfünfzig Shaktis umgeben.

1382. Als ein einziges strahlendes Licht ist sie da, von der edelsteinbesetzten Krone bis zu den Füßen. Perlenglänzend trägt sie ihre Gestalt. Die beiden herabhängenden Hände halten den Papagei und zeigen die Erkenntnis-Mudra. Die beiden erhobenen Hände tragen Schlinge und Stachel.

1383. Durchtrenne die Wurzeln deiner Bindung. Verehre sie in den verborgenen Tiefen deines Herzens. Alles Böse wird dich verlassen. In fünf Jahren wirst du Shiva sein.

1384–1394: Hrim, Aim und Gaum in den inneren Zentren

1384. Wenn du über das Chakra der barmherzigen Shakti meditierst und deine Rezitation in rechter Ordnung geschieht, erscheint das himmlische Licht in jenem Chakra der herrschaftlichen Shakti, in dem das Mantra Hrim angerufen wird.

1385. Das Licht, das im Chakra entsteht, schaue und meditiere darüber. Shakti wird als inneres Licht erscheinen. Wahrhaft ist sie die Stütze der Sushumna, der Adharas und der übrigen inneren Bereiche.

1386. In der Lotussphäre des Nabelzentrums, in den aufsteigenden Kalas, wohnt sie inne, die Aim-Shakti. Meditiere: Dort wirst du fest in Nada stehen, und dein Geburtenkreislauf wird sein Ende finden.

1387. Sie ist die Königin der Rede, mit einer Girlande reiner Edelsteine geschmückt. Sie ist die Königin der Lieder, milchfarben. Sie ist die Königin des Jiva. Dort im Nabelzentrum saß sie.

1388. Einst bemaß sie mit zwei Händen den Dharma. Jetzt hält sie vorerst den weißen Wasserkrug des Einsiedlers. Wer sie auf dem Weg zur Tanzhalle erreicht, schaut wahrhaft die uranfängliche Ursache von allem.

1389. Zweiundfünfzig sind die ursächlichen Shaktis, die ursächlichen Jungfrauen. Sie, die uranfängliche ursächliche Shakti aller, wohnte dem Chakra inne. Sie stand als uranfängliche Ursache und als Gnade da.

1390. Wenn diese Shakti fest in deinen Gedanken steht, wird diese Flamme innerhalb eines Jahres in dir aufgehen. Stehst du standhaft in Hingabe, wirst du den Rubin schauen, der in der Halle der weiten Räume tanzt.

1391. Jene Shakti schautest du im Lotus des Herzens: Gaum, die Königin aller Tattvas. Heute sitzt sie süß in meinen Gedanken, damit der Feind meines Lebens, der Tod, vernichtet werde.

1392. Die Shakti, die so in meinem Geist saß, erschien mit acht Händen. Sie hielt Blume, Papagei, Schlinge, Streitaxt und Schwert, dazu Schild, Bogen und Pfeil. In göttlicher Verzückung tanzte sie.

1393. Verzückt stand sie da, mit goldener Krone, Perlen- und Korallengirlande, in kostbare Seide gekleidet. Ein edelsteinbesetztes Brustband hielt ihre sich wölbenden Brüste. Dort stand sie in Herrlichkeit, von grüner Gestalt.

1394. Diese grünfarbene Herrin hat sechs mal acht dienende Gefährtinnen und acht heilige Jungfrauen, die ihr Gefolge bilden. Ein Brustband umfasst ihre Brüste; die gesenkten Hände zeigen die segnende Gebärde. So erscheint die Süße mit der schlanken Taille.

1395–1404: Krim und Haum – Schau der göttlichen Kräfte

1395. Das Kundalini-Feuer wohnt im Muladhara. Führe deinen Atem, um dich mit ihr im Anahata zu vereinen, und steige in wahrer Hingabe zum darüberliegenden Adhara auf. Du wirst in den inneren Himmel aufsteigen, in die reine, milchweiße Sonnensphäre.

1396. In der mystischen Sphäre zwischen Nabel- und Herzzentrum sitzt die Koopa- oder Krim-Shakti. Dort in der feurigen Sonnensphäre war sie wie das kühle Wasser eines Brunnens.

1397. Die so sitzende Shakti hat zehn gütige Gesichter. Dort in der Sonnensphäre erscheint sie sanft. Sie nimmt vier mal fünf schützende Hände an und hält den Dreizack, um die Bindung zu zerschneiden.

1398. Dreizack, Keule, feuriges Schwert, leuchtende Trommel, der glänzende Speer der Erkenntnis, Pfeil, Kesseltrommel, Papagei und Bogen sind auf der einen Seite. Horn, Blume, Schlinge, Streitaxt, Messer, Muschelhorn und die gesenkten Hände in schützender Gebärde sind auf der anderen Seite. Darüber meditiere.

1399. Vierundvierzig Shaktis umgeben sie. Vierundvierzig Shaktis meditieren über sie. Im Lotus sitzt sie, die alle Gedanken übersteigt.

1400. Sie, die alle Gedanken übersteigt, trägt das goldene Diadem. Ihr Brustschmuck besteht aus Edelsteinen, Perlen und Korallen. Unter ihrer schlanken Taille breitet sich ihr Seidengewand aus. An den Füßen trägt sie Knöchelschmuck. So geziert stand sie wie ein junges Mädchen vor mir.

1401. Wo diese Shakti beständig steht, entstehen Anima, Mahima und die übrigen verborgenen Kräfte. Die Bindungen, die den uralten Jiva fesseln, werden zerschnitten. In denen, die sie erkennen, dämmert das einende Licht der Erkenntnis.

1402. Die Shakti Sadashivas hat fünf Gesichter und zehn Hände. Unter diesen ist das nach unten blickende Gesicht, Adhomukha, wahrhaft besonders göttlich.

1403. Die klingende Glocke, Dreizack, Schädel und Papagei, die edelsteintragende Schlange, Axt, Messer und Ball, der Lotus, schön wie ihre Augen, die in ihren Händen gehaltene Kesseltrommel und die Edelsteingirlande, die ihren Körper schmückt: Mit diesen empfängt sie Verehrung.

1404. Vierzig Shaktis bringen Verehrung dar; vierzig Jungfrauen bilden das Gefolge. Die Geliebte sitzt im Chakra. Dort sind sie in ununterbrochener Verzückung.

1405–1418: Aum und Saum – Vollendung des vierten Tantra

1405. Um das Feuer, das im Muladhara brennt, zu erwecken und über die Adharas nach oben zu senden, sammle deinen Geist auf das Wurzelmantra Aum. Deine Geisteskraft hebt es dann himmelwärts, wie die Wolken über der Erdsphäre.

1406. Das Pranava-Mantra aus den Lauten A und U erhob sich aus der Erdsphäre Muladhara, stieg nach oben und erschien dem Auge als Shivaya Nama. Es ist dem bloßen Auge nicht unsichtbar. Sichtbar erhob es sich, damit wir es schauen.

1407. So saß Amudeshvari in der nektarreichen Mondsphäre im Schädelinneren. Dort war sie mit den nektarmilchspendenden Brüsten. Kehle und Hände leuchten wie Silber und Gold. In ihrer Hand hielt sie den irdenen Wasserkrug des Einsiedlers. Weiß wie Nektar ist sie.

1408. Schön wie Nektar ist ihre Gestalt. Wie reiner Kristall erhebt sie sich in mir. Einer Lilie gleicht sie, einer Perle aus tiefen kühlen Wassern. Wie kostbarer Nektar ist sie, unsterblich.

1409. Sechsunddreißig segensreiche Shaktis und sechsunddreißig heilige Jungfrauen suchen sie, deren Heim die Lotusblüte ist. Sie suchen die Ewige aus dem Lotus ihres Herzens heraus.

Quellenhinweis: Die englische Ausgabe erläutert die Jungfrauen an dieser Stelle als Yoginis, weibliche Yogapraktizierende beziehungsweise yogische Göttinnen.

1410. Meine Gedanken standen still in Meditation. Das Kundalini-Feuer erfüllte die Adharas. Ich schaute das Licht oben im Sahasrara. Als ich es in meinem Herzen bewahrte, erschien innerhalb eines Jahres Shakti, die Shakti des leuchtenden Aum.

1411. Leuchtend werden wahrhaft alle im hohen Himmel. Tief verneigten sie sich vor mir, die ganze Welt und alle ihre Geschöpfe. Wie Narayana war ich mit allem Guten gesegnet. Wie könnte ich alles aufzählen, was aus Aum-Shakti hervorgeht?

1412. Über dem abwärts blickenden Gesicht der Haum-Shakti, über der Aum-Shakti in der Mondsphäre, liegt in der Gestalt des Lautes U der himmlische Garten. Dort ist Saum-Shakti wie der wunscherfüllende Kalpaka-Baum. Von goldener, rankengleicher Gestalt sitzt sie auf einem Lotus.

1413. Wenn du diese goldene Ranke verehrst, verlässt dich das sich brüstende Ichgefühl. Im Sahasrara-Chakra, das die weiten Räume darstellt, wirst du sie innig umschlungen sehen, die jungfräuliche Unschuld.

1414. Für diese jungfräuliche Unschuld ist Schönheit die verkörperte Vollkommenheit der Frau. Der Herr ist ihr Vater; die weite Welt ist ihr Stirnzeichen. Von vielen jungen Frauen umgeben nimmt sie ihren Platz in der schmalen Öffnung des Sahasrara ein.

1415. Zweiunddreißig Shaktis umgaben sie; zweiunddreißig heilige Jungfrauen begleiteten sie. Im inneren Lotus mit seinen weit ausgebreiteten Blütenblättern saß sie, die viele Wohnstätten hat.

1416. Dort waren die Übenden, sich im Licht des Tänzers sonnend. Dort waren die Übenden, sie schauend, die Ursache von allem. Dort waren die alten Veden, die sie überall suchten. Heute aber regiert sie erhaben in mir als ihrer Heimstatt.

1417. Wer sie im Haus seines Herzens hat, dem fehlt nichts. Wer sie im Haus seines Herzens hat, der bettelt nicht. Wer sie im Haus seines Herzens hat, dem gleicht selbst unter den Himmlischen niemand. Wer sie im Haus seines Herzens hat, für den ist der Herr da, dem nichts fehlt.

1418. Vierundsechzig sind die Werkzeuge des Genusses, die den Jiva locken. Vierundsechzig sind die Kalas im Jiva. Vierundsechzig sind die Kammern des Jiva-Chakras. Vierundsechzig sind die Orte, an denen Shiva-Shakti weilt.

Fünftes Tantra: Die Wege der Shiva-Verehrung

1419–1426: Reiner Shaivismus und die vier Wege

Ergänzende Erklärung: Suddha Shaiva bezeichnet den „reinen“ Shiva-Weg. Shaiva Siddhanta meint die hier vertretene shivaitische Lehre. Ihre Verbindung mit Vedanta wird als Aussage des Werkes übersetzt; daraus folgt keine Gleichheit sämtlicher historischer Schulen. Die vier Wege sind Charya, hingebender Dienst; Kriya, rituelle Verehrung; Yoga, innere Sammlung; und Jnana, befreiende Erkenntnis.

1419. In unendlicher Weisheit erschuf der Herr die Erde und machte sie zur Wohnstatt des Menschen. Wie könnte ich seine Majestät besingen! Mächtig ist er wie der Berg Meru, von dem aus er die drei Welten regiert. Auch die vier Wege des Shaivismus hier unten ist er.

1420. Wer den Weg des reinen Shaivismus geht, steht hoch, das Herz auf das ewige Höchste gerichtet. Er überschreitet die Welten der reinen und unreinen Maya, wo reine Erkenntnis sich nicht mit niedriger Unwissenheit verbindet und die Grenzen zwischen Wirklichem, Unwirklichem und Wirklich-Unwirklichem klar erkannt werden.

1421. Nachdem sie alles gelernt haben, was gelernt werden muss, und allen Yoga geübt haben, der zu üben ist, verfolgen sie stufenweise den Weg der Erkenntnis. So gelangen sie in die jenseitige Welt des formlosen Klanges. Dort, von allen Unreinheiten befreit, schauen sie das höchste, aus sich selbst entstandene Wesen. Sie sind wahrhaft die echten Shaiva-Siddhantins.

1422. Reiner Siddhanta ist Vedanta. Wer die Höhen der Nada-Sphäre erklommen hat, besitzt wahrhaft die unerschütterliche Schau. Die Tattvas von der Welt des elementaren Stoffes bis zum begrenzten Ende der Erkenntnis, Bodhanta, erfassend, gelangt er in Nadanta zur Vollkommenheit. Das sind wahrhaft die glühenden Sucher der Erkenntnis.

1423. Wer die beiden Wege Charya und Kriya geht, preist stets die beiden Füße des Herrn. An seinen Gliedern trägt er heilige Zeichen: die beiden Ringe in den Ohrläppchen, die doppelte Rudraksha-Girlande um den Hals und die zweifache Mudra, alles in freundlicher Beständigkeit.

1424. In den Ohrläppchen tragen sie den doppelten Goldring, um den Hals die doppelte Rudraksha-Kette. So mit geschmücktem heiligem Körper sitzen sie still, rezitieren Mantras und tasten sich nach innen durch die zwölf Stufen der Leiter, auf der die Seele zu Shiva aufsteigt. Solche sind die Angehörigen des unvergleichlichen Shiva-Weges.

1425. Wer die neun spirituellen Zentren überschritt, schaute wahrhaft Gott, den die neun Erdteile suchen. Er sah den Erdteil jenseits aller Erdteile. Das sind wahrhaft die reinen Suddha-Shaivas.

1426. Der Wissende meistert alle heiligen Lehren der Erde und die vierundsechzig Fertigkeiten. Er schaut das Land des Schweigens und alle anderen Länder. Er sieht das Ziel aller Veden und schaut den Herrn und sich selbst in einer Vereinigung.

1427–1437: Sanmarga – der Weg der Erkenntnis

1427. Die goldenen Zeichen Shivas und das heilige Auftragen von Asche sind angemessene Kennzeichen jener, die auf dem Shiva-Weg stehen. Doch der Weg des Wissenden ist der Weg, den kein Böses jemals kreuzt. Das ist sein Kennzeichen: der heilige Erkenntnisweg Sanmarga, der dem reinen Shaiva so lieb ist.

1428. Der makellose Wissende ist König im Reich der Weisheit. Er ist die Sonne, deren Strahlen die umfangreiche Lehre des Vedanta-Siddhanta durchdringen. Ihm gehört wahre Erlösung. Unsterblich ist er und dem reinen Shiva-Weg aufrichtig ergeben.

1429. Neun sind die alten Agamas; mit der Zeit erweiterten sie sich auf achtundzwanzig. Dann nahmen sie drei Abteilungen an, um in der einen Wahrheit des Vedanta-Siddhanta übereinzustimmen. Das ist der reine Shaivismus, selten und kostbar.

1430. Sie überschreitet die Welten der reinen und unreinen Materie, die sieben Zustände des Turiya-Bewusstseins und die Kategorien des Wirklichen und Unwirklichen. Sie ist Paraparai; sie gewährt der Seele Erlösung. Immer ist sie im Inneren. Sie ist die göttliche Gnade des Herrn, die alles durchdringende Arul-Shakti.

1431. Sie überschritten die Kategorien des Wirklichen und Unwirklichen, die weder Bewusstes noch Unbewusstes erkennen. Sie stimmten sich auf die Meditation „Shivoham“ ein. In Befreiung, in Shaktis Seligkeit, waren sie tief versunken. Dort waren alle Siddhis in überragender Kraft reichlich vorhanden.

Ergänzende Erklärung: Shivoham bedeutet „Ich bin Shiva“. Chit und Achit bezeichnen Bewusstes und Nichtbewusstes. Die verschachtelte Aussage des ersten Satzes von 1431 folgt der nicht völlig eindeutigen englischen Vorlage.

1432. Das Selbst, das Höchste und Sadashiva, der Herr; die drei Kategorien Pati, Pashu und Pasha; der makellose Uralte; die Tattvas, die den Jiva binden; und das Ziel der Befreiung: Über all dies meditieren die Angehörigen des reinen Shiva-Weges in Einklang.

1433. Sie richteten ihre Gedanken auf die Vollkommenheit und verloren das Bewusstsein der gesonderten Existenz ihres Selbst. Sie erreichten das Ende der Veden. Sie folgten dem zwölfstufigen Weg zur göttlichen Verzückung. Das ist ihre Schau, die Schau derer auf dem reinen Shiva-Weg.

1434. Er stillt den unaufhörlichen Gedankenstrom, den selbst die Strenge des Yoga nicht stillt. Durch Erkenntnis tilgt er das abgesonderte Selbst und vereint sich in innerer Haltung mit Shiva. Das ist kurz die Geschichte des würdigen Wissenden.

1435. Die Vedantins schauen Brahman; kundig sind sie in der Kunst Brahmans. Sie halten alle Erscheinungen ganz für Illusion. Wer Nadanta schaut, ist ein unerschütterlicher Yogi. Ein Siddhanta aber, der mit Vedanta nicht übereinstimmt, ist das Los des gewöhnlichen Shaiva.

1436. So hoch die Wolken auch steigen, sie berühren niemals das Dach des Himmels. So vielfältig die sichtbaren Dinge erscheinen, sie berühren niemals die Augäpfel. Ebenso erreichen weder Pashu noch Pasha ihn, den selbst die Kontemplation kaum erfasst.

1437. Du und er seid nicht zwei Getrennte; du und er seid vereint eines. So stehe da, von allen Fesseln sektiererischer Trennung frei. Verehre die Füße Paraparais und werde mit Shiva eins. So erfüllt sich Siddhanta.

1438–1442: Das höchste Ziel des vollkommen reinen Shiva-Weges

1438. Sie hängen nicht an äußerer Gestalt und Kleidung, nicht an Prunk und Zeremoniell. Alle Bindung und Begierde entwurzelnd, im makellosen Herrn verweilend, vernichten sie die Ichhaftigkeit der Seele und ihre anfangslose Fessel. So schreiten sie mächtig voran, von Shivas Licht erfüllt: die Angehörigen des reinen Shiva-Weges.

1439. Die fünf Tattvas, die den Körper bilden, die dreißig weiteren, die ihn zusammen ausmachen, und das eine Tattva noch jenseits der reinen Maya: All diese überschreiten sie. Sie lösen die dichten Schichten der uranfänglichen Bindung und erkennen gewiss das Selbst. So ist der Weg der wahren Siddhantins.

1440. Sie verweilen nicht in der reinen Maya-Sphäre der Shiva-Tattvas, wo sie nur den Rang von Göttern erlangen. Diese als Sprungbrett nutzend, reicht ihre Seele weiter zu Shiva selbst. In seiner Vereinigung aufgehend, das gesonderte Selbst verlierend, werden sie selbst zum makellosen Shiva. Sie sind wahrhaft reine Shaivas.

1441. Ich suchte ihn in den Begriffen von Ich und Du. Doch er, der keinen Unterschied zwischen Ich und Du kennt, lehrte mich die Wahrheit: „Ich ist wahrhaft Du.“ Nun spreche ich nicht mehr von Ich und Du.

1442. Wenn du diese Wahrheit jenseits der Worte erkennst, bleiben die fünf Shiva-Tattvas unter dir. Das Licht höchster Erkenntnis dämmert und erhellt den Weg der Seele zum begrenzten Ziel der Sayujya-Vereinigung mit dem Herrn.

Quellenhinweis zu Vers 1442: „Begrenzt“ folgt dem englischen „finite“, obwohl der Zusammenhang das höchste Ziel behandelt. Sayujya bezeichnet die innige Vereinigung mit der Gottheit.

1443–1450: Charya – liebevoller Dienst und Verehrung

1443. „O Kalangi, Kanja Malayaman und Kanduru, meine geliebten Schüler, versteht dies: Die Übung des Charya ist grundlegend für die Erlösung und wahrhaft der Lebensatem des reinen Shiva-Weges in dieser Welt.“ So spricht Mula, Meister vieler Askesen.

1444. Eins sein, Leben im Leben: Das ist der leuchtende Erkenntnisweg. Das Licht im Leben suchen: Das ist der mächtige Yoga-Weg. Dem Bildnis Leben verleihen: Das ist der äußere Weg der Kriya. Shiva in Liebe verehren: Das ist die grundlegende Verehrung des Charya.

1445. Wandere durch Stadt und Dorf. Suche ihn in Heiligtum und Tempel. Singe von ihm: „Shiva, Shiva, mein Herr!“ Bringe so demütige Verehrung dar. Der Herr wird dein Herz zu seinem Tempel machen.

1446. Wer dem Charya-Weg folgt, ist ein Bhakta. Auf dem Kriya-Weg tragen die hingegebenen Seelen heilige Zeichen. Wer Yama und die übrigen Glieder übt, ist ein Yogi. Wer Shiva-Erkenntnis erreicht, ist ein wahrer Jnana-Siddha.

1447. Die Wissenden lassen das Ich im Du aufgehen. Yogis erlangen Siddhi und Samadhi. Wer Kriya übt, versäumt die tägliche Verehrung nicht. Im Charya vollzieht man viele Pilgerfahrten.

1448. Kriya ist die Verehrung Shivas in Gestalt; Yoga die Verehrung des Formlosen. Jnana ist der fortgeschrittene Weg, wenn die Zeit reif ist. Die Anbetung des liebenden Herzens ist Charya, wahrhaft erhaben.

1449. Die vier Wege der Verehrung und die vier Erkenntniszustände, die sie gewähren, sowie die sechs Schulen des Vedanta-Siddhanta: All dies sind Wahrheiten, die Nandi offenbarte, als er aus der goldenen Stadt herabkam, um die zweifelnde Menschheit zu erlösen.

1450. Samaya ist die Einweihung zur Selbsthingabe im Charya. Vishesha ist die Einweihung zur Rezitation des Shiva-Mantras im Kriya. Nirvana hilft der Reinigung der Kalas im Yoga. Abhisheka dient dem Erlangen der Gnade im Jnana.

1451–1456: Kriya – das Ritual aus dem liebenden Herzen

1451. Einen Gott gibt es. Er durchdringt die zehn Richtungen ringsum. Von welcher Richtung könnten wir sagen, er sei dort nicht? Nimm darum Zuflucht unter seinen heiligen Füßen. Dann wirst du das brausende Meer des Karmas überqueren und sicher die Ufer des Jenseits erreichen.

1452. Du magst ihn mit überaus duftendem Sandel verehren, der auf Gipfeln tief im Wald wächst. Du magst ihn mit seltenen Blumen verehren, die in Himmelsgärten blühen. Doch wenn du deine fleischlichen Bindungen nicht ablegst und ihn in der Tiefe deines Herzens erkennst, wirst du seine heiligen Füße niemals erreichen, die Blüten gleichen, welche Honigtau verströmen.

1453. Der Herr ist dein Führer. Suche seine Füße wie ein sehnsüchtiges Kalb. Er wird dich unter seine Kinder der Weisheit setzen. Die Devas, die Himmelswesen, verneigen sich tief vor ihm. Groß ist seine Liebe, wie die der Kuh zu ihrem Kalb; überreich ist seine Gnade, jenseits aller Zählung.

1454. Sie gestaltete diese Welt und das ganze Universum, das den Raum in acht Richtungen erfüllt. Mit ihr ist er verbunden und teilt sich selbst mit ihr. Ihn zu verehren ist die Pflicht der Menschen hier unten. Was einen Platz in der Wohnstatt des Herrn bereitet, ist wahre Bhakti.

1455. Zu Beginn übt der Bhakta Charya und Kriya. Dann, mit Gnade gesegnet, wendet er sich dem reinen Yoga zu. Auf diesem Weg erreicht er den Pfad der Erkenntnis und wird schließlich durch die Gnade des Gurus mit Shiva eins.

1456. Der Herr strahlt wie reines Gold; seine Füße gleichen der Lotusblüte. Zu ihnen bete ich: „Herr, gewähre mir deine Gnade!“ In Liebe schmelze ich und verehre täglich. Der Herr, der das Licht in meinen Knochen ist, offenbart sich mir selbst.

1457–1466: Yoga – innere Schau und Beständigkeit

1457. Sie führen die Kundalini durch die sechs Zentren und richten den Geist auf ein einziges Ziel. Wie ein Holzpfahl sitzen sie regungslos, unempfindlich gegen Kitzeln oder Stoß. Den weisen Yogis, die ihr Ziel so hoch setzen, gewährt der Herr seine Gnade.

1458. Solange du ihn nicht als zeitlose Ewigkeit erkannt hast, kennst du ihn nicht, selbst durch Weltalter über Weltalter hindurch. Hari auf dem Meereslager und Aya, der Schöpfer, suchten ihn vergeblich durch unzählige Zeiträume. Am höchsten Gipfel ist er, weit jenseits ihrer Reichweite.

1459. Wie aus dem Inneren der Blume der verborgene Duft zum Leben erwacht, so erblüht aus dem Jiva Shivas göttliche Gnade. Unbewegt wie ein gemaltes Bild sitzend erkennt der Yogi ihn im Inneren. Er ist wie der eingerammte Pfahl, an dem die Zibetkatze sich reibt, um ihren Duft abzugeben.

1460. Du sagst: „Ich habe Gott erkannt.“ Doch du hast ihn nicht gesehen, der in dir ist. Nandi wohnt so subtil wie der Duft in der Blume. Suche ihn mit einspitzigem Denken. Dann verschwindet die Dunkelheit deiner Unreinheiten, die Dunkelheit, die der Keim endloser Geburt und Wiedergeburt ist.

1461. Weder Mantra noch Lied noch die vierundsechzig Künste durchtrennen je die Geburt und ihre verfluchten Fesseln. Da nahm ich den Yoga-Weg. Und siehe: Auf dem Weg zum Scheitel begegnete ich Sonne, Mond und Feuer. Sie zeigten mir den höchsten Weg!

1462. Übe Yoga in Hingabe. Du wirst ein wahrer Asket und das wahre Wort erkennen. Gewiss wirst du mit himmlischen Wesen eins. Hingebungsvoller Yoga ist wahre Askese.

1463. Übe Yoga mit Sorgfalt. Du wirst bei den Unsterblichen sein und ihn in dir erblicken. Wenn du aber schwankst, gelangst du in die Welt der Dunkelheit. Wahrhaftig ist das Kundalini-Feuer, das Yoga in dir entzündet, der gnädige Herr selbst.

1464. Die Herrscher, die das Zepter gerecht führten, die hingebungsvollen Einsiedler in ungezählten Tausenden: Wie viele, wie viele fielen hinab, weil sie in der Yoga-Übung schwankten! Und doch verehren die unzähligen Siddhas, Devas und drei höchsten Wesen ihn, alle erlöst, und sprechen: „Du, unser Vater!“

1465. Der Yogi hat drei Unterteilungen auf seinem Weg: Yoga-Kriya, die ihm hilft, Yogi zu sein; Yoga-Charya, die ihn von Wünschen befreit; und Yoga im Yoga, der den Gedanken auf die innere Sonne sammelt. Auf diesen letzten richtete ich mein Herz.

1466. Samaya-Diksha im Yoga ist die Einweihung zu verschiedenen yogischen Bemühungen. Vishesha-Diksha dient der Verwirklichung des achtgliedrigen Yoga. Nirvana-Diksha hilft dem Yogi, das Göttliche zu schauen. Wird ihm die Abhisheka-Einweihung gewährt, ist er reif für den Siddha-Zustand.

1467–1473: Jnana – die befreiende Erkenntnis

1467. Keinen besseren sittlichen Weg gibt es hier unten als Jnana, keinen besseren religiösen Glauben. Nichts anderes als Jnana vermag wahre Befreiung zu gewähren. Wer in Erkenntnis erhaben ist, ist wahrhaft erhaben unter den Menschen.

1468. Aus dem uranfänglichen Klangprinzip Nada entsteht der Geist; aus dem Geist entstehen Verstand, Ichhaftigkeit und Wille. Wer diese drei und auch die Denktätigkeit des Geistes gemeistert hat, hat wahrhaft Nada gemeistert und wirklich Erkenntnis erlangt.

1469. So sagen sie: Durch Hingabe weilt der Jiva zuerst in der Welt des Herrn. Dann kommt er in seine Nähe. Weiter empfängt er die Gnade des Herrn und erlangt schließlich Erkenntnis. In der Shivoham-Vereinigung von Ich und Du wird der Jiva selbst zu Shiva.

1470. Brahman wird seine uneinnehmbare Wohnstatt sein, das Universum seine Verwandtschaft. Die vielfältigen Wege, die die Welt bietet, werden alle seine Wege sein. Denn wahrhaft hat er die reine, zweifelsfreie Erkenntnis verwirklicht.

1471. Der Herr ist von unendlicher Gnade. In seiner himmlischen Stadt sind Liebe, Licht und ewiger Frieden. Für jene, die seine Gestalt erkennen, seine Eigenschaften verstehen und seine heiligen Füße erreichen wollen, ist dies der Weg: Dies ist das Boot, um die stürmischen Wasser des Lebens zu überqueren.

1472. In wessen Gedanken die Erkenntnis reift und wächst, dem erscheint auf seinem Weg das Lebensboot und begrüßt ihn. So erreicht er die wogenden Wasser der Mondsichelsphäre. Dort wird er, von Unreinheiten befreit, selbst zum strahlenden Licht.

1473. Für den Wissenden sind alle vier Wege da. Für den Yogi ist dies nicht so, bis er ein Schweigender wird. Ihm gehört der mit Glut geübte Kundalini-Yoga; auch Charya und Kriya gehören ihm.

1474–1487: Erkenntnisstufen und der gute Weg

1474. Der Wissende erreicht alle vier Erkenntnisstufen. Erkenntnis in der Erkenntnis bedeutet, Ich und Mein zu überschreiten. Yoga in der Erkenntnis bedeutet, das Licht von Nadanta zu schauen. Kriya in der Erkenntnis bedeutet, Befreiung durch das Gute zu suchen.

Quellenhinweis zu Vers 1474: Die englische Fassung kündigt vier Stufen an, erläutert im Vers jedoch nur drei ausdrücklich.

1475. Wer die Erkenntnis in ihren vier Abteilungen verwirklicht, überschreitet wahrhaft den Gegensatz von Tugend und Laster. Er hat das fernste Ufer der Wahrheit erreicht und den mächtigen Gegenstand geschaut. Er ist der Makellose, der Siddha, der in Shiva Befreite.

1476. Im Erkenntnisweg gibt es vier Einweihungen. Samaya eröffnet die Suche nach dem Selbst; Vishesha die Suche nach dem Göttlichen. Nirvana dient dem Herabkommen der Gnade des Herrn; Abhisheka dem Erlangen der heiligen Füße des göttlichen Gurus.

1477. Sie erblickten das Licht der heiligen Schriften, das offenbarte Wort des aus sich bestehenden Shivam. Sie verloren das Ichgefühl, wurden Siddhas des Shiva-Yoga und triumphierten über den Tod. Nur wer sich so entfaltet hatte, kannte die innere Bedeutung von Sanmarga.

1478. Der unvergleichliche Meister Nandi, im Shaivismus hochgeehrt, zeigte uns einen heiligen Weg zur wahren Erlösung der Seelen. Es ist Shivas göttlicher Weg, der Sanmarga-Weg, damit die ganze Welt ihn gehe und für immer frei sei.

1479. Ihn sehen, verehren, über ihn meditieren, ihn berühren, von ihm singen und seine heiligen Füße auf dem geneigten Haupt tragen: Wer dem Guru auf solche vielfältige Weise Hingabe erweist, geht wahrhaft den Sanmarga-Weg, der zur Befreiung führt.

1480. Wer keine wahre Schau besitzt, wird Shiva niemals erkennen, noch überhaupt Jiva sein, noch wahrhaft Shiva werden. Niemals, niemals wird seine Geburtenfessel zerbrochen.

Quellenhinweis zu Vers 1480: Die ungewöhnliche Aussage, solche Menschen seien nicht einmal Jivas, steht so in der englischen Arbeitsgrundlage. Sie wird nicht in eine vermeintlich eindeutige Lehraussage umgeschrieben.

1481. Wenn du die fünf Unreinheiten verbrennst und auf die Stimme des Schweigens hörst, wirst du ein reiner Befreiter. Ich und Du verschmelzen zu einem. Durch die unbefleckte Gnade, die Erkenntnis schenkt, wirst du die göttliche Seligkeit genießen. Wahrhaft wirst du dann auf dem Sanmarga-Weg zu ihm selbst.

1482. Das Antlitz eines Sanmarga-Übenden ist Shaktis Sitz. Wo ein solcher ist, dort ist Gott. Eine Versammlung solcher Menschen zu sehen heißt, den Herrn zu schauen. Dies verkünde ich, welchem Weg ihr auch zuneigen mögt.

1483. Unter allen Wegen gewährt allein Sanmarga durch Erkenntnis göttliches Sein. Die anderen Wege sind für die noch Unerleuchteten. Die Wege der Unreinheiten verlassend und die Grenzen des Turiya überschreitend, lässt er das Ich im Du aufgehen. Wahrhaft ist Sanmarga der reinste Weg.

1484. Dem seltenen Suchenden auf dem Sanmarga-Weg öffnen sich die übrigen drei Wege von selbst. Dies allein ist der wahre Weg, der Vereinigung mit Shiva sucht. Suche diesen Weg, den die Schriften als leitendes Wort verkünden.

1485. Die Bindung, die den Jiva Gott entfremdet; die daraus fließenden Karmas; die Zustände, die das Selbst erfährt; der Urstoff als Kern der Materie; das ihn umschlingende Bewusstsein; die Millionen und Abermillionen Wandlungen, die das Universum durchdringen: Wer all dies und sein eigenes Selbst sieht, ist wahrhaft ein Sanmarga-Übender.

1486. Die Fesseln der Seele zerreißen, sie mit dem Herrn verbinden, das Herz zum Schmelzen bringen, das kein Schmelzen kannte, in die ursprüngliche Eigengestalt Svarupa eingehen, die ewige Wahrheit ist: Wahrhaft schenkt Sanmarga dem Jiva die Ruhe, die nie Erschütterung kennt.

1487. Dies allein ist der göttliche Weg, den die Sanmarga-Übenden für das Ziel bestimmen. Keinen anderen gibt es als diesen Weg zum Einen. Wer ihn nicht unmittelbar erreicht, kann noch auf dem Yoga-Weg emporsteigen.

1488–1494: Sakha-Marga – Yoga als Weg der Freundschaft

Ergänzende Erklärung: Die englische Ausgabe schreibt „Sahamarga“. Gemeint ist hier der freundschaftliche Zugang zum Göttlichen, verbunden mit Yoga. Die folgenden Abschnitte behandeln ergänzend die kindliche Beziehung und den Dienst.

1488. Der Sakha-Marga des Yoga erblüht zum Sanmarga. Durch Siddhi führt er zur höchsten Befreiung. Er ist der Sanmarga untergeordnete Weg, der unzählige Geburten und Tode umfasst, schließlich aber in begrenzte Erkenntnis mündet.

Quellenhinweis: „Begrenzt“ folgt wiederum dem englischen „finite“; der Satz meint seinem Zusammenhang nach eine abschließende Erkenntnisstufe, doch die Wortwahl der Vorlage bleibt sichtbar.

1489. Wer dem zwölfstufigen Sakha-Marga nicht folgt, kennt weder Guru noch Gott noch wahren Glauben. Die Göttin der Gnade wird ihn missbilligend ansehen. Erlösung wird ihm nie zuteil. Er verliert beides: seine Stellung und seine Verwandtschaft.

1490. Im Yoga-Samadhi ist unendlicher Raum; im Yoga-Samadhi ist bleibendes Licht; im Yoga-Samadhi ist die allmächtige Shakti. Wer sich im Yoga-Samadhi erfreut, ist wahrhaft ein großer Siddha.

1491. Beides können Yogis haben: Yoga und Genuss. Durch Yoga erlangt man Shivas göttliche Gestalt, durch Genuss alle irdischen Gaben. So kann er beides genießen, der unsterbliche Yogi.

1492. Auf diesem Sakha-Marga durchdringen die Yogis die Adharas und reinigen die Nadis. Sie schauen die sechzehn Kalas und erblicken deren himmlischen Glanz. Dann gehen sie im höchsten Bewusstsein auf; ihre inneren und äußeren Sinnesorgane kommen sämtlich zum Erliegen.

1493. Mit dem scharfen Schwert seines entschlossenen Willens bedrängt und bezwingt er die fünf widerstreitenden Sinne. In seinen Gedanken erscheint der Herr, den die achtzehn Ganas suchen. Wahrhaft verdient der Yogi unsere Verneigung.

1494. Selbst für den strengen Yogi, der den glänzenden Farbton einer reichen, reifen Frucht erlangt, ist der Herr hartschalig wie der Holzapfel. Doch denen, deren Herzen in Liebe reifen und die Süße göttlicher Verzückung kosten, öffnet er sich ganz wie eine voll ausgereifte Frucht.

1495–1501: Satputra-Marga – der Weg kindlicher Hingabe

1495. Der Weg kindlicher Ehrfurcht ist der wahre Kriya-Weg. Der Kriya-Weg führt zum Yoga-Weg. Beide zu überschreiten und sich mit der Shakti des Yoga-Zustandes zu vereinen, ist wahrhaft die Vollendung des Sanmarga-Weges.

1496. Pujas vollziehen, die heiligen Schriften lesen, den Herrn preisen, seinen heiligen Namen rezitieren, Askese üben, wahrhaftig und ohne Neid sein, die Opfergabe für den Herrn selbst mit liebevoller Sorgfalt kochen: Diese und andere ehrfürchtige Handlungen bilden den reinen Weg kindlicher Hingabe.

1497. Die summenden Bienen ziehen unablässig von Blüte zu Blüte. Die schneeweißen Schwäne gleiten zwischen Lotus und blauen Blüten. Alle suchen duftende Blumen. Doch ihr, die ihr all dies gesehen habt, verehrt den Herrn nicht einmal eine Weile mit Blumen.

1498. Seine heiligen Füße sind der Fels unserer Zuflucht. Seine Gebote sind die Schutzmauern unserer Verteidigung. Er ist wahrhaft das begrenzte Ufer für die wogende Flut der Jivas auf Erden. So durchdringt er gleichermaßen die sieben Welten.

1499. Richte dich auf, beuge dich tief, küsse und umarme den Herrn. Preise ihn, besinge ihn und bete zu seinen heiligen Füßen. Das wird die Erfüllung deiner Geburt sein. Verehre ihn in bebender Liebe. Wahrhaft wird er dir geliebt sein.

1500. In Ehrfurcht stehe ich und verehre meinen Herrn. In Demut werfe ich mich nieder und preise ihn. Immer und ewig werde ich das göttliche Licht der Schönheit anbeten. Auch du sollst ihn mit duftenden Blumen suchen. Je mehr du ihn verehrst, desto voller offenbart er sich dir, der Herr der himmlischen Wesen.

1501. Hört, ihr weltlichen Menschen auf dem Charya-Weg: Er führt zum Kriya-Weg, der euch erhebt. Dann werden eure uranfänglichen Bindungen niederliegen, und ihr werdet für immer in endloser Seligkeit leben.

1502–1506: Dasa-Marga – liebevoll dienen

1502. Entzünde sanft die Lampe, sammle duftende Blumen, zerreibe demütig die heilige Paste und kehre behutsam. Singe das Lob des Herrn, zähle die Kristallperlen, salbe auf vielerlei Weise und verrichte die verschiedenen Tempeldienste.

1503. „Dies ist das uranfängliche Wesen, jenes ist das uranfängliche Wesen“: So von Zweifel umhergeworfen entfernten sie sich immer weiter davon. Sie erkennen diesen wahren Weg nicht und verehren nicht. Folge diesem bestimmten Weg und suche den König der Könige. Dies wird wahrhaft alle Zweifel stillen, die in dir anwachsen.

1504. „Ich meditiere über die Mond-Nadi links und wechsle zur Sonnen-Nadi rechts“: Die Verehrung, die Yogis so zu Füßen des Einen vollziehen, und die Verehrung, die Himmelswesen täglich dem Herrn darbringen, beginnen alle im grundlegenden Charya-Weg.

1505. Die Himmelswesen suchen den Herrn und besingen seine Herrlichkeit mit tausend Namen. Wer seine heiligen Füße in bleibender Herzensverzückung verehrt und ihn wie seinen Augenstern bewahrt, dem ist er süße Melodie. Ihm erscheint er in göttlicher Liebe verbunden.

1506. Was nützt es, heilige Schriften zu lesen, Pujas zu vollziehen und Blumenbüschel zu sammeln? Solange dein Herz einem Kiesel gleicht, der in einen dunklen, vom Moos der Unwissenheit bedeckten Teich fiel, kannst du den Herrn niemals erkennen: den Herrn in der Liebe deines Herzens, den blaukehligen Herrn, das reine Licht.

1507–1513: Salokya, Samipya, Sarupya und Sayujya

Ergänzende Erklärung: Diese vier Begriffe bezeichnen das Wohnen in Gottes Welt, die Nähe zu Gott, die Gleichgestaltigkeit mit Gott und die Vereinigung mit Gott. Die kurzen Originalabschnitte zu jedem Zustand werden hier gemeinsam wiedergegeben; ihre Reihenfolge bleibt erhalten.

1507. Die vier Stufen Salokya, Samipya, Sarupya und Sayujya werden vom Charya aus schrittweise erreicht. Charya führt zu Salokya; dieses wiederum zu Samipya. Samipya zeigt den Weg zu Sarupya und schließlich zum Höchsten des unendlichen Raumes, Sayujya. Darüber hinaus gibt es keinen Zustand.

1508. In der Kriya-Verehrung gibt es vier Einweihungen. Samaya bereitet das Herz als Gottes Heiligtum. Vishesha verankert den Glauben fest. Nirvana hilft, die Wahrheit des Glaubens zu verwirklichen. Abhisheka verleiht den Zustand des höchsten Samadhi.

1509. In Salokya wird Pasha-Jnana, Weltwissen, zu Pashu-Jnana, spirituellem Wissen. In Samipya wird es zu Arul-Jnana, Gnadenwissen. In Sarupya verwandelt es sich in Pati-Jnana, Gotteserkenntnis. In Sayujya wird es für immer aufgelöst.

1510. Der Zustand Sarupya wird ohne Zweifel auf dem achtgliedrigen Yoga-Weg erreicht. Doch ohne Sanmarga im Yoga kann es Sarupya nicht geben. Der Yoga-Weg führt lediglich zu verschiedenen körperlichen Siddhis. Um Sarupya zu verwirklichen, helfen nicht diese, sondern allein der reine Weg der Erkenntnis im Yoga.

1511. Alle lebenden und unbelebten Dinge werden, wenn sie den goldenen Meru-Berg erreichen, selbst in Gold verwandelt. Ebenso erlangen jene, die die Welt des göttlichen Meisters erreichen, seine Gestalt göttlichen Lichtes, die des Königs vom Kailasa.

1512. Auf der Pilgerreise der Seele zu Gott beschreibt der Shiva-Weg vier Stufen. Shiva-Weg ist es, wenn das Selbst eine verwandtschaftliche Bindung mit Shiva knüpft, in Salokya. Shiva-Weg ist es, wenn die Seele sich selbst erkennt und Gott nahekommt, in Samipya. Shiva-Weg ist es, wenn sie Samipya verlässt und Sarupya erreicht. Shiva-Weg ist es, wenn sie die endgültige Seligkeit Shivanandas genießt, die untrennbare Vereinigung in Sayujya.

1513. Sayujya ist der Zustand Jagra-Atita, jenseits des gewöhnlichen Bewusstseins. Sayujya ist das ewige Verweilen in Upashanta, dem Frieden jenseits des Verstehens. Sayujya ist, Shiva selbst zu werden. Sayujya ist, die unendliche Kraft innerer Seligkeit für immer und ewig zu erfahren.

1514–1522: Das Herabkommen der Gnade – langsames Erwachen

Ergänzende Erklärung: Shaktinipata bezeichnet das Herabkommen der göttlichen Kraft beziehungsweise Gnade. Die englische Gliederung verbindet 1514–1517 mit dem allgemeinen Thema und nennt ab 1518 „Mandataram“, langsames Tempo. Das Bild der umworbenen Seele ist bewusst als religiöses Liebesbild gestaltet.

1514. In der dunklen Ecke der Kammer des Urstoffs war sie, die jungfräuliche Herrin der Gnade. Entschlossen, sich mit dem blinden alten Mann, der unsterblichen Seele, zu verbinden, zerriss sie seinen Schleier der Nacht. Sie überschüttete ihn mit vielen Wohltaten, umwarb ihn mit vielfältigen Lockungen und nahm ihn schließlich in heiliger Vermählung an ihre Brust.

1515. Wenn du über die ursprüngliche Quelle meditierst, aus der die bösen Sinne entstanden, erkennst du sie als Land des Werdens, als Nektar der Verwirklichten. Wer die klare, nektarsüße Schau empfangen hat, ist wahrhaft der unendliche Grund von Shaktis höchstem Suchen.

1516. Die uranfängliche Shakti befreit den Jiva aus der umhüllenden Dunkelheit. Sie rudert ihn über das Meer unzähliger Geburten, gewährt bleibende Gnade und bringt ihn an das Ufer der Wahrheitsseligkeit, vereint mit dem Herrn der Himmelswesen, die selbst noch nicht frei sind von der Verdunkelung durch Unreinheit.

1517. Wie beim Tasten in einer von dichter Dunkelheit erfüllten Kammer plötzlich ein Lichtstrahl eindringt und sie erhellt, so ist in der Dunkelheit verwirrender Unwissenheit die Gegenwart des Herrn und der Herrin der Gnade: des Herrn Nandi, den man in der Blüte des Herzens verehrt.

1518. Mit Listen lockte sie die Seele, nahm sie an ihre Brust und rüttelte sie aus der Erstarrung. Sie vertrieb ihre Karmascharen und vernichtete sie bis zur Wurzel. Sie erfüllte sie mit Verzückung, hob den Schleier ihrer Unwissenheit und schenkte viele Wohltaten. Dann, dann verlieh sie ihr die erhellende Gnade.

1519. Wer in den Wassern jungfräulicher Gnade gespielt hat, wird nicht mehr in den schmutzigen Wassern der Lust nach einer Jungfrau waten. Wenn er nur in den Gnadenwassern der heiligen Jungfrau spielen möchte, wird er künftig keine weiteren Geburten annehmen.

1520. Er ist der Rote, der Zerstörer; der Dunkle, der Erhalter; der Weiße, der Schöpfer; der Grüne, der Erlöser. Wer ihn so zweifelsfrei kennt, wird ihn gewiss suchen. Denkt daran: Seine kräftigen Arme häuteten den gewaltigen dunklen Elefanten, dessen Haut er als Gewand anlegte. Sucht und verehrt ihn darum.

1521. Unendlich fließt die Flut der Zeit; dennoch stehen er und seine Gefährtin als eines da, so sagen sie. Für jene, die ihn täglich hingebungsvoll verehren, ist er wahrhaft der unfehlbare Beweis, dass ihre Mühe bereitwillig belohnt wird.

1522. Mir wurde die Schau des Lichtes gewährt, das von den beiden in Einheit ausstrahlte. Es war wahrhaft das göttliche Licht des Uralten, in dessen blumengeschmückten Locken die Bienen nektartrunken tanzen. Wer geduldig und betend wartete, sah ihn wahrhaft, von seiner Dunkelheit befreit.

1523–1529: Rasches und sehr rasches Wirken der Gnade

Ergänzende Erklärung: Die Vorlage nennt 1523–1526 „Tiviram“, rasch, und 1527–1529 „Tivirataram“, sehr rasch. Gemeint sind unterschiedliche Weisen des Gnadenempfangs.

1523. Im Garten des himmlischen Vaters ist jene junge Herrin der Gnade. Sie nähert sich dir, offenbart das Geheimnis der unzähligen Geburten und vernichtet ihren Keim. Dann schaust du den Uranfänglichen. Das ist wahrhaft die Frucht ihrer Gnade.

1524. Sie ist die junge Frau der Berglandschaften, mit schön geformten Brüsten und zarter Schönheit. Wenn du sie hingebungsvoll verehrst, zerschneidet sie die Geburtsfesseln, gewährt die Kraft mächtiger Askese, verbrennt die Vergesslichkeit der Seele und führt dich auf den Befreiungsweg.

1525. Er ist der Herr des gesamten Raumes in acht Richtungen. Trage seine heiligen Füße auf deinem Haupt. Er wird dir mit seiner Gnadengefährtin erscheinen, deren geflochtenes Haar duftende Blütenbüschel schmücken. Für jene, die so weise werden, erhellt die blaue Flamme ihrer schwebenden Gnade für immer den Weg.

1526. Suche in der Nähe. Die sanfte Flamme der Weisheit wird dir die unvergleichliche Gabe der Gnade gewähren. Wenn du ihn verehrst, lasse Blumen auf seine Füße regnen, wie ich es tue. Dann nähert sich dir jener, dem nichts nahekommen kann. Wahrhaft ist er das Leben, das alle Welten durchdringt.

1527. Wenn der Jiva gegenüber guten und bösen Taten Gleichmut erreicht, kommt die göttliche Gnade in Gestalt des Gurus herab. Sie entfernt alle Eigenschaften und pflanzt Erkenntnis ein, die einem himmlischen kühlen Schatten gleicht. Der Jiva, so von Ichhaftigkeit und den drei weiteren Unreinheiten befreit, geht in Vereinigung mit Shiva auf.

Quellenhinweis zu Vers 1527: Die englische Fassung spricht von Ichhaftigkeit und „anderen drei Unreinheiten“. Diese Zählung wird nicht an die andernorts üblichen drei Grundunreinheiten angepasst.

1528. In der weiten Leere, wo weder Nacht noch Tag ist, tanzt die Herrin mit langem Haar in Verzückung. Denke an sie, mache keinen Laut und umwirb sie schweigend. Voller Liebe zieht sie dich an ihre Brust und schenkt dir ihre Gunst. Wahrhaftig, wahrhaftig ist sie Paraparai, die höchste Kraft.

1529. Er ist Sonne und Mond, die die Dunkelheit vertreiben. Er ist das Licht auf dem Weg, die unvergleichliche Flamme, der höchste Herr. Er ist der Meister, der das Licht in mir entzündete. Er trat in mich ein und erhellte den stofflichen Körper. Dann blieb er bei mir, für immer und ewig.

1530–1540: Kritik an bloß äußerlichen Glaubenswegen

Ergänzende Erklärung: Dieser Abschnitt ist ausdrücklich polemisch. Die „sechs Glaubenswege“ werden in der englischen Vorlage hier nicht eindeutig historisch zugeordnet. Später würdigt der Text sechs innere Wege als Zugänge zur einen Gottheit. Beide Stimmen bleiben erhalten; die scharfe Kritik wird weder verdeckt noch als heutiges Urteil über bestimmte Religionen ausgegeben.

1530. Die sechs Glaubensgemeinschaften versammeln sich getrennt; doch keine erkennt den Gott im Inneren. Tief in die Grube der Täuschung fallen ihre Anhänger. Von familiären Banden fest gefesselt, zittern und beben sie in vergeblicher Ohnmacht.

1531. Er verbirgt sich in deinem Herzen und durchdringt doch alles. Er ist der Freigebige, der höchste Herr strenger Askese. Auf dem Lotus unseres Herzens sitzt er. Als listiger Meisterdieb tritt er heimlich in diese hohle Behausung aus Menschenfleisch ein und verlässt sie wieder. Niemand kennt seinen tiefen Plan.

1532. Sage: „Der Herr ist in dir und außerhalb von dir.“ Dann ist mein Herr gewiss in dir und außerhalb von dir. Für jene, die sagen, er sei weder innen noch außen, ist er gewiss nirgends.

1533. Sie gründeten die sechs Glaubenswege, fanden ihn aber nicht. Wovon diese sechs sprechen, ist nicht er. Suche du selbst ihn im Glauben und werde von allen Zweifeln frei. Dann wirst du gewiss in das Haus deines Vaters eintreten.

1534. Verkünde dies: Nichts gibt es außer Shiva, keine Askese, wenn sie nicht ihm gilt. Die sechs Glaubenswege sind nur eine öde Wüste. Suche Nandi von mächtiger Askese. Du wirst wahrhaft erlöst werden.

1535. Die Angehörigen der sechs Glaubenswege suchten den Herrn nur, um einen himmlischen Zustand zu gewinnen. Sie suchten nicht, die Dornen der Bindung loszuwerden, und wissen deshalb nicht, wie sie die Stofflichkeit dieser Welt überwinden können.

1536. Allein der Shiva-Weg ist der begrenzte Weg. Die anderen Wege führen nur zu irdischen Leiden; gewiss kehrt die Geburt in Bindung zurück. Gehe den heiligen Weg. Wenn der Eine erscheint, werden die drei Unreinheiten, die dich mit Verderben umgeben, von selbst zugrunde gehen.

Quellenhinweis: Die wiederholte englische Bezeichnung „finite“ steht hier im Zusammenhang mit dem endgültigen Ziel. Die deutsche Ausgabe bewahrt die auffällige Wortwahl, ohne daraus eine eigene Lehre von einer begrenzten Erlösung zu entwickeln.

1537. Wahrhaftig, hundert Glaubenswege gibt es hier unten. In diesem angeschwollenen Strom liegen auch die sechs Glaubenswege. Sie führen nicht zu dem Ziel, dessen sie sich rühmen. Niemals sind sie wahre Wege; sie führen dich nicht zum Weg des Höchsten.

1538. Die streitenden Wege gleichen schreienden Eseln. Der reine Shiva durchdringt alles. Sie suchen ihn nicht auf dem rechten Weg und werden darum nicht frei von Unreinheiten. Sie werden wahnsinnig, für immer im Wirbel von Geburt und Tod verstrickt.

1539. Wenn Zweifelgeplagte und Zweifelsfreie zusammenkommen, die wilden Tiere der beiden Karmas in ihre Höhlen treiben und beharrlich suchen, wird das begrenzte Ziel erreicht. Wer die Schrecken der Wildnis abgelegt hat, sieht den Weg zum Höchsten.

1540. Er ist fern; er ist ganz nah. Er ist frei von Leiden; sein unsterblicher Name ist Nandi. Klar sichtbar ist er denen von unerschütterlicher Schau, schwer fassbar denen, die der Zweifel umhertreibt. Sie kennen den geheimnisvollen Zweck nicht, für den der fleischliche Körper gestaltet wird.

1541–1549: Den inneren Weg erkennen

1541. Immer wieder hier unten geboren zu werden und zu leben ist wahrhaft der Fluch aller, der Keim der beiden Karmas. Wenn du nur auf den hörst, der den Ursprung des Wirbels von Geburt und Tod kennt, wirst du nicht mehr die Wege vergänglicher Menschen suchen.

1542. Alle Heiligen grüßen ihn als großen Gott und höchsten Herrn, ihn, der Nada ist und den Namen Nandi trägt. Auch du sollst keinen Unterschied machen, sondern betend die Hände zu ihm als höchstem Wesen erheben. Der Uranfängliche wird sich dir als solcher offenbaren.

1543. Er ist Hara, der heilige Vater, der uranfängliche Herr. Als unbeugsame Wahrheit trat er in das Herz ein. Doch wenn die Herzen der Verehrer fremde Wege suchen, erkennen sie ihn nicht. Dann ist er weit, weit entfernt.

1544. Der himmlische Herr kennt unser Ziel. Zart ist sein Herz. Er ist die strahlende Sonne, die das Geschick der Himmelswesen von großer Weisheit lenkt. Denke mit unbeflecktem Gedanken an ihn. Seine Farbe ist rein wie Kristall. Kostbar ist der Tugendweg, den er uns bereitet hat.

1545. „Dies ist der rechte Weg, jener ist der rechte Weg“: Lasst euch von solchen schwachen menschlichen Zweifeln nicht umhertreiben. Sucht das Wesen jenseits der Wildnis der Zweifel. Seine Gestalt übersteigt die Unvollkommenheiten des Fleisches.

1546. Diesen Weg gingen die unsterblichen Devas und die heiligen Asketen. So erreichten sie das wahre Ziel und wurden mit Shiva eins. Wer aber verkehrten Glaubenswegen folgte, empfing seine Gnade nicht. Sie verirrten sich und wandern für immer umher.

1547. Er ist das Licht in dir. Zu wissen, wie man ihn erreicht, ist der wahre Weg des Werdens. Wenn du dies weißt, kennst du keinen Widerspruch. Das ist der begrenzte Weg, die Vollendung deines Zieles. Arm im Geist sind jene, die das Aufgehen im göttlichen Licht nicht kennen.

1548. Es gibt einen wahren Weg für die Reise. Wer den sumpfigen weltlichen Pfaden folgt, sieht nur die Luftspiegelung. Wer den leidvollen Weg des wirbelnden Karmas meidet, überquert das Böse sicher und wird gewiss die Füße des Herrn verehren.

1549. Wenn du den wahren Weg gehst, vollendet sich deine Heiligkeit. Die Schar deiner karmischen Taten zerstreut sich und flieht. Verlasse den gewundenen Weg der karmabeladenen Weltmenschen. Reise weiter, geradewegs nach innen. Gewiss wirst du in der Gegenwart des Herrn der Himmelswesen stehen.

1550–1556: Streit überwinden, die Gegenwart Gottes suchen

1550. Die Himmelswesen, unsterblich wie die Himalaya-Berge, empfingen die sechs Darshanas. „Wir lernten sie alle und erreichten die andere Welt“, sagen sie. Doch wahrhaft ist der uranfängliche Herr innig im Inneren jener, die göttliche Ruhe erreicht haben.

1551. Wer das Haupt zu den Füßen des Herrn neigt, dessen ausgebreitete Locken Konrai-Blüten schmücken, wird ihm gleich werden. Wer ihn aber nicht in beständiger Sehnsucht verlangt, bleibt in Leid versunken und seufzt ewig hier unten.

1552. Verzweifelt nicht, die ihr so dasitzt und klagt, und ihr, die ihr eure bessere Natur verloren habt! Sucht den Herrn in wahrer Askese. Der Herr des Himmels wird eure Tränen abwischen und euch Größe schenken. Dann werdet ihr keine weiteren Geburten kennen.

1553. Wer die begrenzte Wahrheit sucht, ist sein Freund. Wer ihn nicht sucht, kennt nur den Leidensweg der Weltmenschen. In die Dunkelheit der Bindung gehüllt, wird er vergeblich immer wieder geboren. Wer den wahren Weg sucht, dem ist der Herr wie reich beladene Wolken, die den sanften Regen himmlischer Gnade spenden.

1554. Das Boot des Lebens, von göttlicher Weisheit gelenkt, entlädt seine Fracht rasch in der uralten Stadt. Obwohl diese elenden Menschen von unedlen Taten jene sichere Aussicht gesehen haben, denken sie nicht mit voller Hingabe an seine heiligen Füße.

1555. Das einzige Wesen, das ewige Wesen, wohnt in dir. Wenn du so sprichst, lachen diese Unwissenden höhnisch. Arme Menschen! Wenn sie ihn nur betend im Inneren suchten, würden sie ihm begegnen, dem Unvergleichlichen.

1556. Sie erwachen nicht zum inneren Licht des Aum und erfreuen sich nicht der folgenden Seligkeit, in der das Ich vergeht. Sie beachten den nahenden Tod nicht und suchen kein Ende der wiederkehrenden Geburt. Siehe: Sie folgten dem endlosen Weg streitender Glaubenslehren und standen verlassen da, für immer in falschem Glauben verloren.

1557–1572: Innere Glaubenswege und die eine göttliche Stadt

1557. Er ist der Uralte. Einst erschuf er die Wesen der Erde und des Himmels in göttlicher Ordnung. Die sechs Glaubenswege suchen nur die Füße des einen uranfänglichen, unvergleichlichen Gottes. Sie alle durchdringt er in angemessenem Maß.

1558. Eine ist die große Stadt; sechs sind die Straßen, die zu ihr führen. So sind die sechs Glaubenswege. Wer streitet: „Dies ist wahr, das ist falsch“, gleicht dem Hund, der am Berghang zornig sein eigenes Echo anbellt.

1559. Er ist der unvergleichliche Herr des herrlichen Shiva-Weges, Nandi von göttlichem Glanz, der das ewige Leben der Gnade atmet. Den wahrhaft Großen ist er lieb. Er ist der Herr des ganzen Universums, die Quelle aller Freude. Kommt, tretet beiseite, sucht, erkennt und werdet erlöst.

1560. Shiva legte den uralten göttlichen Weg an, der zur ewigen Heimstatt führt. Suche ihn auf diesem Weg und erkenne: Du bist er. Du wirst ihn rechtmäßig in dir selbst finden.

1561. Die sechs Glaubenswege, die die Mittel zum Werden verkünden, sind für sich genommen nur Sackgassen. Ihnen allein zu folgen bringt nichts Gutes. Der wahre Weg des Werdens, dem alles Leben folgen soll, ist allein der Weg der göttlichen Kundalini-Shakti, der blühenden Ranke, die durch sechs Zentren zieht.

1562. Nun habe ich Haras Weg erkannt. Früher suchte ich ihn auf engen Pfaden und verirrte mich. Siehe: Die ganze Zeit stand er vor mir wie ein Leuchtfeuer am Firmament und lenkte meine Fahrt über das Meer der Sehnsucht meiner Seele.

1563. Der Shiva-Weg ist der erprobte Weg; er führte sie zu Hara. Es ist der königliche Weg, den berühmte Seelen gingen, der göttliche Weg, der die Hingebungsvollen in den kosmischen Raum führte. Suche diesen Weg, tritt ein und bleibe standhaft.

1564. Stille deine umherschweifenden Gedanken. Rezitiere die heilige Silbe Shi und bleibe so auf Haras Weg. Du wirst das uranfängliche strahlende Licht schauen.

1565. Er gehört der Herrin von blitzgleicher Gestalt, dem vedischen Feuer der Brahmanen und jenen, die an ihn denken. Er ist der uranfängliche Herr, der zarte Spross der Erkenntnis. Wenn du seine liebevollen Zeichen erblickst, bist du auf dem Shiva-Weg gegangen.

1566. Wer nicht unterschied, kannte Haras Weg nicht. In unzählige Verwicklungen verstrickt, sah seine Seele die Wahrheit nicht. Wer Haras Weg folgte, erreichte gewiss seine Gnadenfüße und genoss die Seligkeit, mit allen Sinnen erhoben.

1567. Der heilige Nandi, der gepriesene Meister des Shiva-Glaubens, hat einen Weg gezeigt: den Erlösungsweg des Meisters. Diesen göttlichen Shiva-Weg zeichnete er für die Menschen hier unten vor, damit sie Sanmarga folgen und für immer frei seien.

1568. „Dies ist der rechte Glaube, jener ist der wahre Glaube“: Wenn mein Herr Nandi so zwei Verwirrte streiten sieht, lächelt er voller Mitgefühl. Was liegt an der Form des Glaubens, was am Geburtsort? Wer seinen Geist auf die Unendlichkeit richtet, tritt gewiss in Gottes Stadt ein.

1569. Shiva hat fünf Gesichter. Mit seinem nach unten auf den Jiva blickenden Antlitz hat er insgesamt sechs. Der Herr, selbst alles, trägt die Girlande der Köpfe. Dies ist wahrhaft die menschliche Seite des Göttlichen.

1570. Der uranfängliche Herr umspannte die sieben Welten. Als Meer und als unzähliges Leben hier unten steht er da. Mit Parashakti durchdringt er alles in einer Vereinigung ohne Trennung. Wahrhaft ist Gott Anfang und Ende von allem.

1571. Die unsterblichen Wesen, Devas und Vidyadharas, suchten ihn, erkannten ihn aber nicht. Dem erprobten Shiva-Weg folgend erreichte ich jedoch seine Gnadenfüße, um sie zu verehren. So verwirklichte ich die Seligkeit hier und im Jenseits.

1572. Verwirrend ist wahrhaft das Geheimnis des Lebenszieles. Verwirrend ist, warum es in sechs Systeme gegliedert wurde. Ein noch verwirrenderes Geheimnis ist, wie in die vergänglichen Hüllen dieses Körper-Mikrokosmos ein wirklicher Makrokosmos eingeprägt wurde.

Sechstes Tantra: Guru, Erkenntnis und Entsagung

1573–1589: Die Schau des Shiva-Gurus

Ergänzende Erklärung: Die Guru-Hymnen schildern den verwirklichten Lehrer als Gegenwart Shivas. Das ist eine theologische Aussage über das Ideal des Gurus. Das Tantra unterscheidet später ausdrücklich zwischen erhellenden und blinden Lehrern sowie wahrer und vorgetäuschter Askese.

1573. Er lehrte mich die Demut des Geistes, goss das Licht der Hingabe in mich und gewährte mir die Gnade seiner Füße. Nachdem er mich durch heilige Befragung ganz geprüft hatte, offenbarte er mir das Wirkliche, das Unwirkliche und das Wirklich-Unwirkliche. Gewiss ist der Shiva-Guru der Herr selbst.

1574. Er sammelte die Stränge meiner Fesseln und knotete sie zusammen. Dann riss er sie ab. So befreite er mich von meinem geliebten Körper und führte mich geradewegs zur Befreiung. Siehe, von solcher heiligen Macht ist die Gegenwart des göttlichen Gurus!

1575. Die wunderbaren Kräfte der acht Siddhis, die makellose Reinheit der acht Shaktis, die höchste Einweihung, die den Jiva zu Shiva macht, die geheimen Kräfte des verborgenen Yoga, des Mantras, der Hingabe und der Erkenntnis: All dies wirst du erlangen, wenn der Guru dir nur seine Gnade gewährt.

1576. Er ist jenseits aller Welten; doch hier unten schenkt er den Guten und Hingebungsvollen reichlich Gnade und wirkt in Liebe für die Erlösung aller. So ist der heilige Guru, dessen Lob die Sprache übersteigt, Shiva gleich, dem reinen Wesen.

1577. Der heilige Guru ist wahrhaft ein Deva. Durch seine göttliche Kunst lässt er mich alle Dinge in drei Kategorien erkennen. Durch seine heiligen Unterweisungen zerschneidet er die Fesseln von Seele und Bindung und lässt mich die Milch der Befreiung trinken. All dies tut der höchste Guru in gütigem Mitgefühl.

1578. Der Guru kommt, reinigt und verleiht göttliches Sein. Die Verständnisschwachen mit fehlerhafter Schau sehen dies nicht. Die Heiligen aber wenden sich ihm in Liebe wie einem Angehörigen zu und verehren ihn als den Herrn selbst.

1579. Das Falsche im Wahren auflösen, die allmächtige Kraft der Wahrheit gewinnen, die Fülle von Shivas strahlender Gnade besitzen, das Wunder der berühmten acht Siddhis verwirklichen: Wer lernt all dies ohne den Segen des Gurus?

1580. Der Shiva-Wissende ist niemand anders als Shiva selbst. Wer seine Füße wie Shivas Füße sucht, erlangt wahrhaft die wunderbare Befreiung von den Tattvas. Er wird nicht mehr im Geburtenkreislauf sein. Gewiss ist sein Lohn: die begrenzte Befreiung.

1581. Der Guru ist niemand anders als Shiva, so sprach Nandi. Dass der Guru Shiva selbst ist, erkennen sie nicht. Der Guru wird dir Shiva und zugleich dein Führer sein. Der Guru ist in Wahrheit der Herr, der alle Worte und Gedanken übersteigt.

1582. Lass all deine Gedanken Gedanken an Shiva sein. Der Herr wird durch seine Gnade alles offenbaren. Sind deine Gedanken von Shiva durchtränkt, wird er innig in dir wohnen.

1583. Von sich aus suchte er mich auf dem Weg der Wahrheit: der Gesegnete, der König der Könige, Nandi, mein Vater. Doch sie kennen seine Absicht nicht. Wer sich an ihm als Nandi von himmlischer Macht erfreut, dem ist er wahrhaft der unvergleichliche Glanz des roten Dämmerungsfeuers.

1584. Die Siddhis, eine wahre Schatzkammer; die Mukti, die begrenzte Erlösung; die himmlische Gnade, die Zweifel und Furcht überwindet; und die Erkenntnis als Wesen der Veden: Wenn der Guru selbst dir all dies nicht vermittelt, wirst du es niemals, niemals lernen.

Quellenhinweis zu 1580 und 1584: Die ungewöhnliche Wendung „begrenzte Befreiung“ folgt dem wiederkehrenden englischen „finite“. Sie ist keine eigenständige Deutung dieser deutschen Ausgabe.

1585. Bhakti und Vairagya, Hingabe und spirituelle Losgelöstheit, sind die Samen des transzendenten Zustandes. Sie führen wiederum zu Shivoham. In Shivoham sprießt die befreiende Erkenntnis. Dieser Spross wird dir leicht zuteil, wenn Shakti ihre Gnade schenkt.

1586. Dieses freudenreiche Leben hier unten bestimmte der Herr seit alters für dich, damit du die größere Freude erlangst. Wo dein Geist sich entschlossen zu ihm erhebt, offenbart er sich dir von selbst.

1587. Wenn du Shivas Erkenntnis verwirklichst, erlangst du die leuchtenden Siddhis. Wenn du Shivas Erkenntnis verwirklichst, erlangst du die strahlende Befreiung. Wenn deine Shiva-Erkenntnis den höchsten Shiva erreicht, schenkt sie die Seligkeit Shivananda.

1588. Diesen ganzen unendlichen Raum erfasste und erkannte ich. In voller Hingabe verehrend empfing ich seine göttliche Gnade. Nun bin ich über jede Erinnerung an die große Unwissenheit hinaus. Für immer habe ich der wiederkehrenden Geburt Lebewohl gesagt.

1589. Er ist der Herr aller lebenden Schöpfung; doch sie wissen nichts von seinem Seinszustand. Ich zerschnitt das Gewirr, das ihn von mir trennte. Und siehe: Ich begegnete dem Herrn, dem Keim aller ursächlichen Erscheinungen.

1590–1604: Die Gnade der Füße des Gurus

1590. Erhebe dich in liebendem Lob des Herrn und schmilz dann in Frömmigkeit für ihn. Der göttliche Guru kommt, der die Fesseln der Bindung verschmäht hat, und legt seine Hand auf dein Haupt. Siehe: In dir quillt die entzückende Gnade seiner heiligen Füße empor.

1591. Als mein Meister mir die Gnade seiner Füße gewährte, machte er mich zum Haupt über alle. Er verlieh mir die königliche Macht des Erkenntnisschwertes und setzte mir die Krone überfließender Gnade auf. Dann verkündete er: „Mögest du für immer über dieses Land der Erlösung herrschen.“ All dies tat er, als er hier auf die Erde herabkam.

1592. Er nahm menschliche Gestalt an, legte die vier göttlichen Formen ab und kam selbst als erhabener Guru, die Erkenntnis-Mudra zeigend. Er, Nandi, mein guter Retter, segnete mich. Er war es, der einst seine Gnadenfüße auf mich setzte.

1593. Weder Rede noch Empfindung war da, weder Selbst noch höchstes Selbst. Wie ein Meer, in dem keine Welle schlägt, ließ er mich mit Shivam eins werden. Er gewährte mir die grenzenlose Gestalt, die die vier Zustände Nada und die übrigen überschreitet. Siehe: Sie lag jenseits aller Worte.

1594. Mein göttlicher Lehrer Nandi ergriff die drei Lebensformen. Er nahm die Erkenntnis-Mudra an und zog mich zu seinen göttlichen Füßen. Sprachlos schmolz ich in Seligkeit. So wirkte er meine ewige Erlösung.

1595. Er reinigte mich von meinen Fehlern, verwandelte mich in das höchste Shivam und versenkte mich in seine unendliche Seligkeit, jenseits, weit jenseits aller Worte. Das Feuer seiner Gnade versengt nicht, doch trank es die drei Meere meiner Unreinheiten leer. Meine uranfängliche Ichhaftigkeit bis auf ihre Spuren vernichtend gewährte er mir seine Gnadenfüße. Dort wohnt er für immer in mir.

1596. In meine Brust, auf meine Augen und über mein Haupt setzte er sanft seine liebenden Füße: Nandi, mein höchster Herr. Er bereitete mir den Weg, zeigte mir die Wahrheit und bestimmte den Lauf meines Geschicks. Wahrhaftig, all dies kann ich nicht beschreiben.

1597. Er setzte seine lichtumstrahlten Füße auf mein Haupt, richtete seinen gütigen Blick auf mich und gewährte mir die mächtige Gestalt, mein großer Nandi. Ich sah ihn, meinen König, in Guru-Gestalt und sah das Ende aller künftigen Geburten.

1598. Die Erkenntnis der heiligen Füße macht dich zu Shiva. Die Erkenntnis der heiligen Füße führt dich in Shivas Welt. Die Erkenntnis der heiligen Füße befreit dich aus dem Gefängnis der Unreinheiten. Die Erkenntnis der heiligen Füße ist Siddhi und auch Mukti.

1599. Wenn der Meister dich nicht so mit der Gnade seiner Füße auf deinem Scheitel segnet, verzerrt das frühere Karma deine Gedanken. Erst wenn der strahlende Herr mit milchweißer Stirn seine gesegneten Füße auf dich setzt, bist du wahrhaft unterwiesen.

1600. Ich erreichte den kühlen Schatten seiner siegreichen Lotusfüße. Als rote Flammensäule entzogen sie sich selbst dem göttlichen Mal. Dort sah der Uranfängliche die endgültige Auflösung des Fleischkäfigs, der meine Seele seit uralter Zeit gefangen hielt.

1601. Gekrönte Herrscher mögen bestenfalls die drei Welten regieren. Die Freude derer aber, die seine heiligen Füße erreichten, kennt keine Grenzen. Wisse: Die Himmelswesen mit königlichen Diademen wurden seine Diener und dadurch für immer makellos frei.

1602. Tief in meinem Herzen hütete ich seine heiligen Füße. So mied ich den trügerischen Lauf der sengenden Sinne. Ich durchschwamm die gefährlichen Wirbel der beiden Karmas und kostete den Nektar der Wahrheit, die Vollendung aller Veden.

1603. Die alten Weisen trugen die beiden Füße des Herrn ganz auf ihren Häuptern. Selig und uralt sind diese Füße, die diese Erde kennt, das Ziel der Reinen auf dem Weg der Wahrheit. Mögest du diese Füße erreichen.

1604. Wahrhaft sind sie jedes Mantra und jede Arznei, jedes Tantra und jedes Geben, alle Schönheit und jeder reine Weg: die beiden Füße meines heiligen Vaters.

1605–1613: Erkennender, Erkenntnis und Erkanntes

Ergänzende Erklärung: Jnatri, Jnana und Jneya bezeichnen das erkennende Subjekt, die Erkenntnis und ihren Gegenstand. Die Verse fragen nach ihrer Vereinigung in der Gotteserkenntnis.

1605. Suche unablässig das Ziel Shivananda. Dort verstrickt dich die uranfängliche Bindung nicht. Wenn sie dich dennoch umhüllt, wirf deine Ichhaftigkeit hinaus und stehe fest. Dann wird dir die ewige nektargleiche Seligkeit zuteil.

1606. Wer dem Gegenstand der Erkenntnis nachgeht, dem werden Erkenntnis und ihre Eigenschaften gewährt. Das Subjekt, das den Gegenstand sucht, wird in diesem aufgehen. Wer den Gegenstand der Erkenntnis durch Erkenntnis erfasst hat, besitzt das Wissen um die Vereinigung mit ihm.

1607. Die beiden Kategorien Du und Er: Schaue sie beide in dir und in ihm. Bringe die Blume „Du“ zu seinen Füßen dar. Dann ist es nicht mehr angemessen, „Du und Er“ zu sagen.

1608. Er befreite mich von den sechsunddreißig Tattvas und erhob mich. Er hüllte mich in die unendliche Weite des Geistes, vermittelte mir den Zustand der Beständigkeit und verwandelte mich in den göttlichen Shiva. Durch die Identität von Subjekt und Gegenstand vertrieb er meine Unwissenheit. So erlöste mich Nandi, dessen Gedenken segensreich ist.

1609. Wie die Unverständigen hier unten, die Erkenntnis nicht von Unwissenheit unterscheiden, war ich. Er lehrte mich den Unterschied und ließ mich mein Selbst erkennen. Er verwandelte mich in das Höchste und führte mich in Shiva selbst ein: Nandi mit dem geheiligten Namen.

1610. „Mögest du erlangen“, sprach er, „die Schau, die kein Auge gesehen hat; die Botschaft, die kein Ohr gehört hat; die Verzückung, die nicht überdrüssig macht; die Vereinigung, die zuvor nicht war; den Nada, der nicht aufhört; das Erkennen, das an Nadas Ende entsteht. All dies mögest du erlangen“, sprach Nandi von unsterblichem Ruhm.

1611. Wer das göttliche Mauna gemeistert hat, erreicht die Seligkeit der Befreiung selbst. Alle Siddhis suchen ihn von sich aus auf; er entfaltet sich vollkommen in das schweigende Wort. Wer so das Schweigen meistert, gewinnt die Kraft, die fünf göttlichen Handlungen zu vollziehen: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gewährung der Gnade.

1612. Die drei göttlichen Mudras erlangend, den Atem in die drei Zentren führend und seinen Rhythmus nach dem Maß von vier Fingern lenkend: Wer so im Yoga sitzt, freudig zu den Füßen des leuchtenden Gurus, hat für immer alle Fesseln durchschnitten und wird nicht erneut geboren werden und sterben.

1613. Wenn der höchste Wissende die drei göttlich wirksamen Mudras hält, erlangt er die drei höheren Formen. In verzücktem Tanz tritt er in das Erkannte ein und wird selbst zur uranfänglichen Gestalt des Geistes: der Jiva, der der Erkennende ist.

1614–1623: Entsagung und der innere Aufstieg

1614. Jenseits von Geburt und Tod, durch entsagende Askese erreichbar, ist er, mein Herr strahlender Herrlichkeit. Singe sein Lob, bete unablässig! Der Herr des Himmels wird dir das Land des Dharma zeigen.

1615. Unzählige Male werden sie geboren und sterben. In millionenfacher Torheit vergessen sie dies und werden von der Dunkelheit der Unreinheit dicht umhüllt. Wenn schließlich Shivas verborgene Gnade hervorbricht und die Nacht vertreibt, ist der Augenblick der Entsagung für die Seele gekommen. Entsagt sie dann, wird sie zu strahlendem Licht.

1616. Er ist Dharma, geburtlos und ohne Verwandtschaft. In der Wildnis wohnt er, von Almosen lebt er. Erkennt: Er hat allem entsagt. Allen Entsagenden zerschneidet er die Fesseln der Geburt. Ihr Unverständigen, erkennt es so!

1617. Er legte den Weg an und pflanzte Dornen daneben. Wenn ihr vom Weg abweicht, werden die Dornen der Versuchung euch stechen. Wer nicht abweicht, den stechen die Dornen nicht.

1618. Meine Schwächen erspähend und Abgaben von mir fordernd hielten die fünf Sinne mich im Hinterhalt fest. Das habe ich wahrhaft nicht gesucht. Fest stehe ich in Askese und suche die heiligen Füße des tanzenden Herrn, der auf dem heiligen Stier reitet.

1619. Der Pflüger pflügte; der Himmel regnete. Durch das Pflügen kam es mit der Zeit zur Blüte. Dann überließ der Pflüger der Pflügerin die Blumen, die ihr wie ihre Augen lieb sind, damit sie über sie wache, sie schütze und pflege. So stellte der Pflüger für immer alle weitere Pflugarbeit ein.

Ergänzende Erklärung zu Vers 1619: Die englische Überschrift deutet das Bild als Ende der eigenen Anstrengung, wenn Gnade erblüht. Diese Deutung steht außerhalb des Gleichnisses selbst.

1620. Der Herr entsagte allem. Er ist das strahlende Licht oben, der Freund aller, die die Tage des Todes überwunden haben. Frei von Wünschen ist er, das leitende Licht aller, die der Dunkelheit entsagten. Nur für jene, die diese Welt losließen, sind seine Füße erreichbar.

1621. Eine ist die Schlange, der Jiva; fünf sind ihre Hauben, die Sinne. Die vier inneren Werkzeuge füllen die dornige Genusshöhle. In ihrem zweifachen, feinen und groben Leib erhob sie ihre Hauben und tanzte. Dann ging sie in eine einzige Haube, die Kundalini, im Körperinneren auf.

1622. Der uranfängliche Herr ist der erste der Entsagenden. Doch dieser Gedanke bietet wenig Trost: So leicht lässt er sich nicht erreichen. Viele, viele Leben mag es dauern, Shivas Füße zu erreichen. Wer weiß, wie und wann der Geliebte kommt?

1623. Der mystische Ausgang öffnete sich. Die neun Körperöffnungen wurden mit der Rüstung der Shakti mit lilienbekränztem Haar umhüllt. Der Kapitän, der Lebensatem, bestieg den Mast bitterer Verneinung und blickte vom Schädeldach aus nach oben. Siehe: Er sah die knospende Ranke blühen wie in einem hohen, heiligen Tempel.

1624–1632: Tapas – die Kraft der gesammelten Übung

1624. Das Herz der Heiligen zittert nicht vor Furcht. Alle Leidenschaften sind gestillt; es genießt ungestörte Ruhe. Weder Tod noch Schmerz, weder Nacht noch Tag, noch zu erfahrende Karmafrüchte gibt es dort. Das ist wahrhaft der Zustand jener, die den Wünschen entsagt haben.

1625. Das Geheimnis des Lebens, der Ursprung der Erde und die Macht reiner asketischer Taten: Wer kennt sie alle außer jenen, die die Gnade des Herrn empfangen? Die übrigen wissen nichts von höchster Askese.

1626. Die vielen Asketen, die von Almosen leben, haben kein künftiges Leben mehr. Aller Segen spirituellen Reichtums wird auf sie niedergehen. Wer unablässig Askese übt, erlangt die Kraft, alle noch kommenden Geburten zu beenden.

1627. Im Geist fest verankert, im Körper gepeinigt und beherzt vollziehen sie leuchtende Askese. Selbst wenn der Himmelskönig und andere, wie mächtig auch immer, zu ihnen herabsteigen und sie versuchen, bleibt ihr entschlossener Gedanke fest auf Shiva gerichtet.

1628. Er verbirgt sich und verbirgt sich doch nicht. Dem bloßen Auge erscheint er nicht, der Goldfarbene mit ausgebreiteten verfilzten Locken. Nur jene von harter Askese können ihm nahekommen. Eile und verehre ihn, den Mächtigen mit der weißen Mondsichel auf dem Haupt.

1629. Das selige Leben, das erst künftig sein sollte, ließ er mich hier und jetzt erreichen, der Uranfängliche. Wenn der fest gesammelte Geist Gott erreicht, offenbart dieser sich gewiss von selbst.

1630. Im Tumult wütenden Hasses gingen sie zugrunde: die Könige, ihre Minister und ihre Elefantenheere. Die Asketen aber richteten ihren Blick auf göttliche Erkenntnis und allumfassende Liebe. Sie wurden unsterblich, ohne dass ihre Augenlider blinzelten.

1631. Tritt aus der klugen Streiterei widerstreitender Theologien heraus und blicke eine kurze, kurze Weile nach innen. Dieser eine Blick wird den Sarg der Geburt zunageln und ihren wiederkehrenden Kreislauf für immer beenden.

1632. Askese brauchst du, wenn du Erkenntnis erstrebst. Askese brauchst du nicht, wenn du Erkenntnis-Samadhi erlangt hast. Askese brauchst du nicht, wenn du im freundschaftlichen Yoga-Weg stehst. Askese suchen jene nicht, die nicht wissen, wie sie das Selbst verwandeln sollen.

1633–1644: Wahre Askese und ihre Verfehlung

1633. Du brauchst nicht zu beten, wenn die Seele der Seelen in dich eintritt. Du brauchst nicht zu verehren, wenn Shiva wahrhaft in dir wohnt. Du brauchst nicht zu sterben, wenn du Samadhi erlangst. Du brauchst nicht zu entsagen, wenn du nicht dem Weg der Sinne folgst.

1634. Du brauchst nicht zu rufen, wenn du dich in Verständnis zurückziehst. Du brauchst nicht zu sprechen, wenn du in Samadhi sitzt. Du brauchst keine Einweihungsriten, wenn du losgelöst dastehst. Du brauchst keine Meditation, wenn du den Zustand jenseits des Handelns erreicht hast.

1635. Wer wahre Askese übt, wird ihre Frucht kennen. Wer reine Wahrheit spricht, wird ihre Frucht kennen. Wer auf dem rechten Weg steht, wird seine Frucht genießen. Wer groß auf Erden ist, wird die Frucht des Himmels ernten.

1636. Mit geeintem Geist übte ich Askese und schaute die siegreichen Füße des Herrn. In glühendem Suchen übte ich Askese und schaute den Shiva-Zustand. Nur das ist Askese, was du in der Sehnsucht des Herzens vollziehst. Was nützt die Askese jener, die sie nicht so üben?

1637. Durch die sieben Meere des Geistes schwimmend erreichten die wahren Asketen ihren Himmel. Mögen jene, die im Geburtenmeer umhergeworfen werden, nur auf ihre heiligen Weisungen hören. Dann können sie Nandi gewiss von Angesicht zu Angesicht sehen.

1638. Ziehe dein Erkenntnisschwert aus der Scheide des Geistes. Lass es durch die Fesseln der Bindung fahren und schlage sie entzwei. Bewache dein Selbst, damit die fünf Sinne nicht wild umherlaufen. Dann wird das aus Askese geborene Licht zum Licht des Selbst.

1639. Innig steht er in uns. Bete, dass er dir Hingabe gewähre. Verneige dich, dass er dir Befreiung schenke. Wahrhaft macht Askese die schweigenden Weisen göttlich.

1640. Ich sammelte zarte Blätter und bunte Blumen und wand daraus eine Girlande, ganz für meinen Vater. Doch die strömenden Gnadenwasser sah ich nicht. Ich durchforschte die hohen Schriftlehren, und mein Herz sank. Dann stand ich in Askese und erreichte die Scheitelhöhen. Siehe: Ich begegnete meinem Herrn.

1641. Den hingebungsvollen Asketen, die mit zerzausten Locken dasitzen, lässt der Herr kein Leid widerfahren; er schenkt ihnen seine Gnade. Betrachtet die Askese jener, die alle Prüfungen überwanden: Durch die Einheit ihres Geistes in der Askese versperrten sie den künftigen Geburten den Weg.

1642. Aus Furcht vor dem Krokodil im Fluss flohen sie und gerieten am Ufer in die Umarmung des Bären. So sind jene, die die Schriften nicht verstehen, vor strenger Askese davonlaufen und auf Nahrungssuche für immer hungrig umherstreifen.

1643. Im Körpersack springt das kleine Kalb der Sinne umher, damit die Frucht reife und es die reife Frucht fresse. Wer das kräftigbeinige Kalb im Hof anbinden kann, wird keine inneren Zerrungen mehr haben. Seine Gedanken sammeln sich in Einheit.

1644. Wenn all deine Gedanken Shiva gelten, brauchst du keine weitere Askese. Wenn deine Gedanken Verwandtschaft mit jenen finden, die Shivas Seligkeit gekostet haben, wirst du mit Shiva eins. Dann sind wahrhaft Siddhi und Mukti da. Doch ganz Shiva werden deine Gedanken nur durch intensive Askese.

1645–1654: Erkenntnis aus Gottes Gnade

1645. Hast du die Gnade des Herrn, hast du allen Reichtum. Hast du die Gnade des Herrn, hast du wahre Erkenntnis. Hast du die Gnade des Herrn, hast du auch Größe. Hast du die Gnade des Herrn, wirst du der große Gott selbst sein.

1646. Sie ziehen durch die Welt und strahlen Erkenntnis aus, die jenseits der fünf tamilischen Mandalas liegt. Die tamilischen Mandalas sind allein die Shiva-Tattvas. Dort sind der erblühende Geist und das Erlangen der Erkenntnis des Herrn.

Quellenhinweis zu Vers 1646: Die englische Fassung setzt „Tamil mandalas“ mit Shiva-Tattvas in Beziehung. Diese auffällige Zuordnung bleibt erhalten; ihre genaue Bedeutung ist anhand der Vorlage nicht sicher zu erklären.

1647. Gut und Böse sind die beiden in dieser Welt. Manche Wissende erkennen sie, während sie Gott suchen. Wenn du diese beiden erkennst und entwurzelst, wirst du die jenseitige Wohnstatt des Herrn wahrnehmen.

1648. Zur reifen Stunde erscheint er von selbst und segnet dich mit seiner Gnade. Als gütige Kraft steht er im Lebenszentrum der Welt. Dir weiterhin zur Seite stehend beendet er deine kommende Geburt. Siehe: Er stand vor mir und schenkte mir Befreiung.

1649. Durch Shivas Gnade werden manche Devas. Durch Shivas Gnade gleichen manche den Göttern. Durch Shivas Gnade kommen die Karmas nicht nahe. Wenn du Shivas Gnade besitzt, wirst du wahrhaft in sein Reich eintreten.

1650. Der Heilige, der Makellose, mein Vater! Ich suchte seine unvergleichlichen Füße, und siehe: Erkenntnis erstrahlte wie ein Leuchtfeuer. Ob du ein irdisches Wesen bleibst oder ein Himmelswesen wirst – alles geschieht, wie die Gnade meines Herrn aufgeht.

1651. Sie besteigen den Körperwagen; der Geist als Wagenlenker nimmt die Zügel. Es ist der Wagen der Täuschung, der seltsame Fantasien hervorbringt. Wenn sie dies erkennen, stattdessen den Liebeswagen besteigen und die Gnade des Reinen empfangen, werden sie gewiss im siegreichen Wagen der Einheit gezogen. Sie werden mit Gott eins, indem Ich und Er verschwinden.

1652. Werden Asketen in einem Körper der anderen Welt geboren, werden sie dort weiter Askese üben. Dort werden sie die Füße des Herrn erreichen und gewiss seine Gnade empfangen.

1653. Die Gestalt im Sonnenstein ist rotglühende Glut. Die Gestalt im Mondstein ist ein perlender Wassertropfen. Die Gestalt im Feuerstein ist knisterndes Feuer. Die Gestalt des Herrn, der das Feuer emporhält, ist unübertreffliche Schönheit.

1654. Mit Liebe und Sehnsucht suche ich meinen Nandi. Ihn suchend werde ich ihm als höchstem Shiva begegnen. Dann werde ich seine kraftvollen Füße ergreifen und sie für immer festhalten, bis er Befreiung gewährt.

1655–1664: Falsche Gewänder und Kennzeichen wahrer Übung

1655. Ihr Toren! Mit falschen Gewändern täuscht ihr die Menschen. Eure Verstellung hilft euch nur, rasch eure Bäuche zu füllen. Ihr mögt singen und tanzen, weinen und klagen und so Shiva suchen. Doch niemals, niemals werdet ihr seine Füße erblicken.

1656. Wenn jene, die keine Erkenntnis erlangt haben, heilige Gewänder anlegen, bettelnd durchs Land ziehen und böse Wege verfolgen, bleibt der Regen aus und Hunger trifft das Land. Weit besser ist es, diesen Bösen die Gewänder sogleich abzunehmen.

1657. Wohl und Wehe eines Landes liegen in seinen Menschen; aus guten und bösen Taten entstehen sie. Wenn der Herrscher die Menge daher unablässig auf den Tugendweg führt, wächst dieses Land stetig im Wohlergehen.

1658. Niedriggeborene legen das Gewand an, um hoch zu werden. Hochgeborene legen es an, um Götter zu werden. Zur Schande geboren sind die Schurken im Gewand: Ihnen soll es abgenommen, und sie sollen fortgewiesen werden.

Ergänzende Erklärung zu 1656–1658: Die Zuordnung von Hungersnot zu religiösem Fehlverhalten und die Rangordnung nach Geburt sind Aussagen der historischen Quelle. Sie werden nicht als heutige gesellschaftliche oder naturwissenschaftliche Erklärung übernommen.

1659. Wer falsche Askese übt, gelangt in die Hölle und wird nicht heilig. Falsche Askese ist Täuschung und vergebliche Mühe, eine List für weltlichen Genuss. Nur durch die Wahrheit der Erkenntnis kann Askese fest bestehen.

1660. Sie legen das falsche Gewand an, um ihre Bäuche zu füllen. Sie legen das wahre Gewand an und empfangen erhabene Opfergaben oben. Selbst wenn falsche Gewänder das wahre nachahmen, durchschauen die Einsichtigen dies und machen sich frei.

1661. Die wahren Asketen sind die wahrhaft Bekleideten. Die Sündigen sind nur mörderische Jäger; ihnen steht das heilige Gewand nicht zu. Niemand außer den wahren Asketen verdient das wahre Gewand.

1662. Sich mit heiliger Asche zu bestreichen ist der erste Schritt zur Askese. Kupferringe in den Ohren und eine Rudraksha-Girlande um den Hals sind weitere Zeichen auf dem Weg zu Shiva. So bereiten sich die makellosen Shiva-Yogis auf Askese vor.

1663. Ein Hüftstreifen als Untergewand, eine lange Tunika als Körperhülle, eine in Pfauenform gelegte verfilzte Haarlocke, Asche am ganzen Körper, eine Bettelschale in Menschenschädelform und ein Stab aus hartem Rohr: So ist der Shiva-Yogi ausgestattet.

1664. Kundalas als Ohrschmuck, ein Kamandalu für Wasser, eine Kandika für den Hals, ein Muschelhorn zum Blasen, eine Bettelschale und ein Kappara für die Asche, die rechten Sandalen und ein Yogasitz, ein Yogagurt und ein Yogastab: Diese zehn bilden die Ausrüstung des Shiva-Yogis.

1665–1675: Heilige Asche und das Gewand der Erkenntnis

1665. Toren wissen nicht, was Schnur und Haarbüschel bedeuten. Die Schnur ist Vedanta, das Haarbüschel Erkenntnis. Wahre Brahmanen, die entsprechend leben, werden den Jiva mit Shiva vereint sehen. Rezitiere das heilige Mantra Aum, und siehe: Die beiden gehen für immer in dem Einen auf.

1666. Die heilige Asche Shivas, der Knochen als Girlande trägt, ist wahrhaft eine undurchdringliche Rüstung. Wer sich freudig damit bestreicht, vor dem fliehen die Karmas, und der Shiva-Zustand sucht ihn auf. Er wird seine schönen Füße erreichen.

1667. Die heilige Asche wird dich zum König machen und dir alle Herrschaftszeichen geben. Wer in ihrem Feuer gereinigt wird, verwandelt sich wahrhaft ins Göttliche. Die Füße des Ewigen und Makellosen erreichend, erlangt er Brahmas Gestalt und bleibt für immer in göttlicher Ordnung.

1668. Ohne Erkenntnis führt das Gewand nur zur Hölle. Ohne Gewand führt Erkenntnis dennoch zur Befreiung. Wenn sie Erkenntnis suchen, sollen sie den Herrn suchen und beten, ihre Herzen in den Erkenntnisweg gekleidet.

1669. Wer geringe Erkenntnis hat, legt vergeblich Gewänder an. Die von Gnade erfüllten wahrhaft Wissenden begehren sie nicht. Die Glaubensfanatiker besitzen schlechte Erkenntnis. Die vollkommen Wissenden sprechen nicht.

1670. Weder Shiva-Wissenden noch Shiva-Yogis steht es an, überflüssige Wege anzunehmen. Wahrhaft unnötig sind für sie die vier Sadhanas, wenn sie den Unvergleichlichen vollständig in sich sehen können.

1671. Sie heulen wie Hunde am Fuß des Galgens, picken wie Geier am Aas und hüpfen wie Affen im Vergnügen: die Menschen falscher Erkenntnis. Die wahren Shiva-Wissenden aber sind still, für die Welt gestorben, obwohl sie in Körper und Sinnen leben.

1672. Wahrhaft zum heiligen Stand gehören jene, die Shiva-Erkenntnis erlangt haben. Sie gehören wahrhaft dazu, die anderen nicht. Auch deren Gewänder sind nicht heilig, niemals, nach keinem Maßstab.

1673. Selbst die bunteste Kleidung steht dem Wissenden, obwohl sein eigenes Gewand das eines Shiva-Yogis ist. Welches Gewand er auch annimmt, es wird seiner Erkenntnis dienen. Nichts ist für ihn passend oder unpassend.

1674. Der Shiva-Wissende, der durch Erkenntnis Erlösung sucht, ist sich selbst ein Heiligtum von einzigartigem Rang. Er wahrt Schweigen und ist so ein Befreiter und Siddha. Wie könnten andere Asketen ihm gleichen?

1675. Das Tilgen des gesonderten Selbst, das Selbstwerden zu ihm, die Identität in Shiva, die Mudra, die den höchsten Zustand festigt: All dies und das Übrige besaßen jene, die zu Nandis Füßen Erlösung empfingen.

1676–1679: Das Shiva-Gewand

1676. Durch Haras Gnade werden sie seine Diener. Im Körperpalast suchen sie seinen goldenen Thron. Ist die Dunkelheit vertrieben, kennen sie keine guten und bösen Taten mehr. So stehen sie fest im Dienergewand Shivas.

1677. Das Gewand ist für den Körper, nicht für die Seele. Wenn der Körper fällt, fällt das Gewand mit ihm. Wer nicht weiß, dass die Seele im Körper wirklich ist, wird wie ein Holzstück im wellenreichen Meer umhergeworfen.

1678. Ohne Täuschung, ohne Unwissenheit, ohne Verstandestätigkeit, ohne die Umarmung fischäugiger Mädchen und die Bindung daran bleiben sie ganz sie selbst, allein und eins mit Shiva-Shakti. So sind die Heiligen im Shiva-Gewand.

1679. Was nützen euch eitlen Menschen diese heiligen Gewänder? Zügelt fest die flüchtige Stute des zweifachen Atems und sucht Nandi, unseren geliebten Herrn. Gewiss werdet ihr die ersehnte Seligkeit erlangen.

1680–1689: Fehlgeleitete Lehrer und ungeeignete Schüler

1680. Sie suchen nicht den Guru, der Blindheit heilt. Sie suchen den Guru, der Blindheit nicht heilt. Blinde und Blinde stolperten in blindem Tanz; Blinde und Blinde fielen gemeinsam in eine tiefe Grube.

1681. Aus dem Geist entsteht der Spiegel der Täuschung. Bedenke: Nicht einmal seine Schatten sehen sie. Nichts tun sie, damit die Karmafrüchte abfallen. Den Verlockungen des Abflusses im Hinterhof laufen sie nach.

1682. Du winkst ihnen, doch sie hören nicht, die unwissende Menge. Süß fließt die Muttermilch in den Mund. Doch selbst die Nahen und Lieben wissen nicht, wie die Mutterbrust dazu kommt. Wahrhaft ist es das formlose Wesen, das diese Körpergestalt bildet.

1683. Die Lippen sprechen eines, der Geist denkt ein anderes und die Tat tut ein drittes. Verhalte dich nicht so. Gnädiger Herr, Fels der Weltalter! Ich erkenne dich als feuerfarbenen Herrn. Nachdem ich dies erkannt habe, wagt niemand, mich für ein unverständiges Geschöpf zu halten.

1684. Diese Verworfenen der fünf Todsünden verdienen vollauf die strenge Strafe des frommen Herrschers. Versäumt er es, sie zu verbannen, fällt das Land schrecklicher Hungersnot zum Opfer.

1685. Wer in Askese steht, verzehrt alles Karma und steht in Shiva. Selbst die Himmlischen wissen dies nicht. Wer Shiva im asketischen Verweilen nicht erkennt, bleibt im Gewirr der Geburten zu endlosem Leid verurteilt.

1686. Fühlen, Denken, Tun, Essen, Schmecken, Verletzen, Fallen, Aufsteigen und Prahlen: Diese kommen nicht zu jenen, die in Gott wandeln.

1687. Sie erblicken weder die Morgendämmerung noch die weiten Räume, noch die Schau in den Räumen. Schließe deine inneren Augen fest und sieh dann. Schau: Dort ist das Licht, das keinen weiteren Tag herbeiführt!

1688. Er denkt nicht daran, die Fesseln der Seele zu durchtrennen oder weltliches Begehren zu vernichten. Er bemüht sich weder um Befreiung noch um die Tattvas und den weiteren Weg. Stattdessen nimmt er einen eigensinnigen Kurs, ein überaus verwirrter Schüler. Ihm wird die Gabe der Gnade nicht gewährt.

1689. Er denkt nicht daran, die fünf Fesseln zu beenden oder sich aus unaufhörlicher Lustversunkenheit zu befreien. Als niederträchtiger Lügner fürchtet er weder Geburt noch Tod. Wahrhaft bleibt er der Gnade fremd, der falsche Schüler.

1690–1703: Der geeignete Schüler und die Unterweisung

1690. Von den Schriften geführt finden geeignete Schüler den makellosen Guru. Sie kennen ihre Aufgabe und finden so den Weg. Die übrigen sind dem Untergang bestimmt.

1691. Du, höchster Herr! Dich suchend verlor ich jedes Gefühl von Furcht. Nun irre ich nicht mehr umher und suche keine andere Gemeinschaft. Zerschmettere, Herr, meine Karmas; entwurzle sie aus meinen Gedanken und stoße sie fort. Gewähre mir deine Gnade. Nimm mich an und mache mich für immer zu deinem Diener.

1692. Solange dein Leib noch vom Leben durchpulst wird, schaue hoch oben das Höchste, den Keim der Keime. Sammle deine Gedanken zur Einheit und stehe so in Liebe und Eintracht. Wer dies tut, dem schenkt er seine Gnade.

1693. Wenn du einen Guru suchst, suche einen heiligen und reinen. Gib ihm dann alles: deinen Körper, dein Leben und deinen Besitz. Lerne beständig und klar, ohne dich auch nur einen Augenblick ablenken zu lassen. Gewiss wirst du Shivas Zustand erreichen.

Heutige Anregung zur Reflexion zu 1680 und 1693: Der Text verbindet Hingabe mit der Forderung nach einem Lehrer, der wirklich Klarheit schenkt. Was lässt sich an einem Menschen als Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und verantwortlicher Umgang mit Vertrauen erkennen?

1694. Unter den Sternbildern Svati und Vishakha, bei der Verbindung der Aszendenten Skorpion und Krebs, empfange die heiligen Lehren des Gurus. Außer denen, die auf dem Tugendweg stehen, erkennt der Uranfängliche niemanden an.

1695. Wenn deine Disziplin vollkommen wird, werden deine Gedanken kristallrein, und der schöne Herr wird dort wohnen. Dann verschwinden alle Karmas, die wie unsterbliches Unkraut tief verwurzelt sind. Du wirst die Gnade der kraftvollen Füße des heiligen Herrn erblicken.

1696. Sattvig, von Reinheit geprägt, ist er. Seine Gedanken sind auf die begrenzte Wahrheit gerichtet. Seine Schau bleibt klar inmitten widerstreitender Glaubenswege. Er verabscheut den wiederkehrenden Geburtenkreislauf und geht leicht und gerade auf dem Dharma-Weg. Gewiss ist er ein guter und wahrer Schüler.

1697. Er erforscht, was das Wirkliche vom Unwirklichen trennt. Im Innersten seines Wesens schmilzt er. Von Shivas Gnade geführt empfängt er in wahrer Hingabe Erkenntnis. Er demütigt sich vor dem Herrn und sucht die Seligkeit seiner Shakti. Er ist der Geeignete, der gute und wahre Schüler.

1698. „O mein heiliger Meister, begnade mich mit deinen Füßen auf meinem Haupt!“ So betete ich heute. Als er seine Füße darauf setzte, verschwanden alle Geburten. Dieser so gesegnete Körper empfing die Gnade der Arul-Shakti. Ich wurde ein gereifter Wissender, für immer makellos.

1699. Er ist der Meister der vier schwierigen Wege, der unablässige Sucher göttlicher Erkenntnis. Als er seine Füße auf mein Haupt setzte, stieg mein Eifer für Erkenntnis immer höher. Immer höher quoll meine Liebe zum höchsten Guru empor.

1700. Vermittle göttliches Wissen nur jenen, die völlig reif sind, es zu empfangen. Führe den Schüler behutsam an die Grenzen der unendlichen Weite. Du blickst nach Osten oder Süden, der Schüler nach Westen oder Norden. So unterweise, die Shakti des Herrn im Geist gesammelt.

1701. In den fünf vorgeschriebenen Haltungen verneigt er sich vor dem göttlichen Guru. Er beklagt seine Fehler und preist die Tugenden des Meisters. Dann zeigt der Guru den Erlösungsweg aus dem sterblichen Gefängnis und vermittelt Shiva-Erkenntnis. Er ist wahrhaft der Guru des Sanmarga, der Erkenntnislehrer.

1702. Vedanta ist der Weg der Entsagung von Wünschen. Ändere daher den Lauf deines Lebens und wende dich dem Siddhanta-Vedanta-Weg zu. Neige dein Haupt zu den Füßen des Gurus, der auf dem Vedanta-Weg allem entsagt hat. Dann bist du wahrhaft ein echter Schüler.

1703. O wahrer Schüler! In Tugend, Wahrheit, Mitgefühl, Unterscheidung und Liebe folge den heiligen Füßen des wahren Gurus, beständig wie ein Schatten. Dann gewinnst du den kristallklaren Nektar der begrenzten Erkenntnis und schaust die vielen Wunder, die er mit sich bringt.

Siebtes Tantra: Körper, Linga und Verehrung

1704–1711: Die sechs Adharas

1704. Durchdringe die Chakras mit vier, sechs, zehn und zwölf Blütenblättern und darüber jenes mit sechzehn. Siehe dann das abschließende zweiblättrige Zentrum! Wahrhaft hast du die heiligen Füße des Zeitlosen geschaut.

1705. In der Nada-Sphäre liegt das zwölfblättrige Zentrum. In der Nadanta-Sphäre liegt das sechzehnblättrige Zentrum. Jenseits von Nadanta befindet sich das zweiblättrige Medha-Zentrum, in dem Parashakti thront. Tritt dort in ungeteiltem Bewusstsein ein. Dort, über dem Medha-Zentrum, ist die endgültige Wahrheit.

1706. Wenn du so den Prana-Atem durch die Adharas führst, kennst du weder Oben noch Unten. Weder Er noch Ich nimmst du wahr. Der mächtige Parapara, der alles durchdringt, umhüllt dich, freigebig wie der himmlische Kalpaka-Baum.

1707. Steige Stufe um Stufe durch die Adharas auf. Sind deine Nadis so gereinigt, bist du in den himmlischen Glanz von Medha aufgestiegen, dessen zwei Blütenblätter sich in die Kalanta-Sphäre erheben. Dann erreichst du Bodha, das einende Bewusstsein, während die Sinne erstarren. Das ist wahrhaft Yoga, der freundschaftliche Weg.

1708. Halte dort im Medha-Zentrum nicht an. Rufe Aum hervor und gehe nun über die Adharas hinaus. Steige durch die Adhvas auf, vom Prana getragen. Wenn du so bis zur Vollendung übst, wird dein Körper ein starkes Gefäß ewiger Freude.

Ergänzende Erklärung: Adhva bedeutet Weg oder Entfaltungsbereich. Die sechs Adhvas werden im Werk mit der Ordnung der kosmischen und sprachlichen Erscheinung verbunden. Medha bezeichnet hier das obere zweiblättrige Zentrum.

1709. Suche im Körper, wo die sechs Zentren sind, die Adharas und das darüberliegende Gebiet. Über den fünf mal zehn Lauten erhebt sich der eine Laut Aum, der allem zugrunde liegt.

1710. Wie der verfallende grobe Körper und der entweichende feine Körper unsichtbar vereint sind, so stehen die fünfzig subtilen Laute zu den groben Tattvas und die sechs Zentren zum stofflichen Körper.

1711. Über dem unterscheidenden Lotus des Herzens liegt jene juwelengleiche Blume mit sechzehn Blütenblättern. Dort verwandelt sich reines Bewusstsein in Shivas Seligkeit und in Jnana, das Erkenntnislicht, das höchste Wirklichkeit ist.

1712–1725: Das kosmische Linga

1712. Sie wissen nicht, was Linga ist. Linga ist die acht Richtungen; Linga ist die acht mal acht Kalas. Als Linga trat die Welt hervor.

1713. Zuerst offenbarte er in der Welt seine Shakti. Als Gestalt seiner Shakti durchdrang er die Welt. Mit den Kräften seiner Shakti erfüllte er die Welt. Doch der die Erschaffung dieser Welt ersann, war Sadashiva, das Linga.

1714. Weltliche Freuden und himmlische Genüsse, Weisheit und Wunderkräfte, den Körper und den Zustand darüber hinaus, die sechsunddreißig Tattvas: All dies gewährte Sadashiva. Auch die sechs Adhvas der heiligen Agamas sind nichts anderes als er, Sadashiva.

1715. Die unzähligen Devas verherrlichten meinen Herrn. „O kühler, duftender Südwind!“, priesen sie. „O Freigebiger!“, verehrten sie ihn. Doch dies wissen sie nicht: Von jenseits der weiten Räume gewährte er seinen Schutz.

1716. Der strahlende Brahma, Vishnu, Prajapati, die leuchtende Sonne und Indra, die helläugigen Devas, die die Himmelssphären bevölkern: Er ist wahrhaft ihr Lebenslicht, das unerschaffene Wesen.

1717. Die ganze Natur durchdringend segnet Shiva alle. Doch sie kennen die Wahrheit nicht und verehren ihn nicht. Wer den innewohnenden Herrn verehrt, dem ist er der goldene Stängel des inneren Herzlotus.

1718. Das reine Vimana ist das grobe Linga. Der darin thronende Sadashiva ist das subtile Linga. Das Bali-Pitha ist das Bhadra-Linga. So ist es für jene, die Shivas Gestalt suchen.

Ergänzende Erklärung: Vimana bezeichnet hier den Tempelbau beziehungsweise den Aufbau über dem Heiligtum; Bali-Pitha ist die Stätte der Opferdarbringung. Der Vers deutet Tempelteile als Formen des Linga.

1719. Perlen, Edelsteine, Korallen und Smaragde, Sandelholz, harter Granit und heilige Asche, Shivas Agama sowie roher und gekochter Reis: Wenn du dies einfüllst und das Linga einsetzt, ist sein würziger Duft wahrhaft eindringlich.

1720. Dickmilch, Ghee, Milch und reines Wachs, Kupfer, Quecksilber, Feuer und Muschelhorn, harte Ziegel, schön geformtes Bilva und goldfarbene Konrai-Blüten: Aus diesen forme die göttliche Gestalt des Linga.

1721. Aus Kristall besteht das Linga, das Brahmanen verehren; aus Gold das der Könige; aus Smaragd das der Vaishyas; aus Stein das Linga, das Shudras verehren.

Ergänzende Erklärung: Vers 1721 ordnet Materialien den traditionellen gesellschaftlichen Varnas zu. Dies dokumentiert die soziale Vorstellung des Textes. Vers 1720 nennt mit Quecksilber auch einen giftigen Stoff; die historische Materialliste ist keine heutige Herstellungsanleitung.

1722. Wer ihn nur auf eine besondere Weise suchte, erkannte ihn auf keine Weise. So machte der Herr, der die acht Universen durchdringt, auch mein Herz zu einem Tempel.

1723. Unerkannt durchdringt er die weiten Räume; verzückt wohnt er im fleischlichen Körper. Er verabscheut die Sünde und verbreitet das Sonnenlicht der Weisheit: der Heilige, der unsere Zuflucht ist.

1724. Die Erde sind seine blumengeschmückten Füße, die Himmel seine von Ganga umgebene Krone. Sein Körper erfüllt die weiten Räume in ungebrochener Kontinuität. So nahm der Herr seine Gestalt an, seit ewiger Zeit, der anfangslose Erste.

1725. Die Erde ist sein Shakti-Sitz, die Himmel das reine Linga. Die wogenden Meere sind sein Badeplatz. Die kühlen Wasser der kaskadenartigen Bergströme waschen seine himmlische Krone. Die unzähligen Sterne sind seine Girlande; die acht Richtungen sein grenzenloses Gewand.

1726–1729: Das Linga im menschlichen Körper

1726. Die menschliche Gestalt gleicht dem Shiva-Linga. Die menschliche Gestalt gleicht Chidambaram. Die menschliche Gestalt gleicht Sadashiva. Die menschliche Gestalt gleicht wahrhaft dem heiligen Tanz.

1727. Müde sind sie nicht geworden. Noch immer möchten sie in diesem fleischlichen Körper leben, der aus Erde, Wasser und den übrigen Stoffen besteht. Sie suchen nicht den Herrn zu verehren, den die fünf Elemente gemeinsam im Gebet anflehen.

1728. An dem Tag, da der Herr in dieses Körperheiligtum eintrat, öffneten die fünf Sinne, die ihre Plätze eingenommen hatten, die Tore und zeigten dir den Erlösungsweg. Wie in das Haus der Mutter trat er in mich ein. Er übernahm die Tore und wurde ihr Herr.

1729. Zu den Füßen des Herrn, der diesen Körper als seinen Tempel wählte, liegt der Wald der Veden. Zu den Füßen des Herrn, der diese Tore zu seinen eigenen machte, liegen die zehn Nadis. Er empfing unsere Verehrung, bändigte unsere fünf Sinne und trat in mich ein, die Tore weit öffnend: mein Herr, der große Nandi.

1730–1744: Sadashiva-Linga – fünf Gesichter und die Kräfte der Göttin

1730. Seine beiden Füße stehen auf der Erde. Die zehn Hände, die die Heiligen lobend besingen, breiten sich in alle Richtungen aus. Fünf sind seine gesuchten Gesichter, fünf mal drei seine feurigen Augen. So ist Sadashiva, den du suchst, die Perle, die unvergleichlich leuchtet.

1731. Brahma, Vishnu, Rudra, Mahesha und darüber der fünfgesichtige Herr; Bindu, Nada, uranfängliche Shakti und Shiva: All dies ist insgesamt allein Sadashiva.

1732. In der sich entfaltenden Shakti ruhen die Kalas. In der sich entfaltenden Shakti strahlen sie aus. In der sich entfaltenden Shakti nimmt der Herr seinen Sitz. In der sich entfaltenden Shakti erscheinen die zehn Richtungen als Raum.

1733. Im so geöffneten Raum nahmen die sechs Vedangas ihren Platz ein. Im so geöffneten Raum nahmen die vier Veden ihren Platz ein. Im so geöffneten Raum nahmen die vier mit Charya beginnenden Wege ihren Platz ein. Im so geöffneten Raum nahm die Shiva-Wahrheit, die die vier Wege umfasst, ihren Platz ein.

1734. In dieser Wahrheit entstanden die zweimal fünf Bewusstseinszustände. In dieser Wahrheit entstanden die zweimal sechs Tierkreishäuser. In dieser Wahrheit entstanden die zweimal achtundvierzig Tattvas. In dieser Wahrheit entstand der höchste Sadashiva.

1735. Mitte, Osten, Süden, Norden und Westen: Dies sind Sadashivas fünf Gesichter. Das mittlere ist kristallfarben; das östliche rot wie Kumkum; das südliche dunkel wie dichtes Pech; das nördliche rot wie die Aratham-Blume; das westliche weiß wie Milch. So offenbarte er sich mir, seinem geringen Diener.

1736. Fünf sind seine Gesichter, dreimal fünf seine Augen und zweimal fünf seine Hände. Fünf und fünf Waffen hält er. So trat mein lieber Herr in mein Herz ein und erfüllte es ganz.

1737. Shakti ist diese weite Welt; Shakti ist dieses gewaltige Universum. Shakti und Shiva vereint sind das Bewegende und das ruhende Vermögen. Shakti ist das Gestaltete, Shiva das Formlose. Die Tattvas von Shakti-Shiva sind wahrhaft sechsunddreißig.

1738. Formlos ist das uranfängliche Tattva. Gestaltet ist es die belebte und unbelebte Welt und dann wahrhaft eine Quelle des Genusses. Das Tattva ist alles und durchdringt alles. Sadashiva ist das wirkliche Tattva, die Wahrheit.

1739. „Sadashiva ist unser Herr“: Sage dies hundertmal. Was du auch sonst zu sagen versuchst, er wird darüber hinaus sein. Er duldet nicht die Götter, die sich selbst erhöhen, er, der in mein Herz eintrat.

1740. Die dunkle Kehle, die erhobene Axt, die verfilzten roten Locken und die strahlende Mondsichel: Über ihn, den uranfänglichen Herrn überreicher Gnade, sann ich nach. Alle dunklen Zweifel schwanden.

1741. Die fünf Gesichter, in denen seine Gnade überfließt, heißen so: Das nördliche Gesicht ist Vama, das westliche Sadyojata, das östliche Tatpurusha, das südliche Aghora und das aufwärts gerichtete Ishana.

1742. Im leuchtenden Ishana-Gesicht ist Shaktis Krone; im Tatpurusha-Gesicht ihr Antlitz. In Aghora sind ihr Herz und ihre Taille; im Vama-Gesicht ihre gesegneten Füße.

1743. Brust, Haupt, langes Haar, Augen, Stirnzeichen und Rüstung gehören Shakti von wachsender grüner Farbe. Wie ein Blitz ist sie, die blendende, krönende Shakti. Feuerhell sind ihre zehn Waffen.

1744. Das Herz ist die göttliche Erkenntniskraft. Das Haupt ist die himmlische höchste Kraft. Das Haar ist die uranfängliche Kraft. Die farbige Rüstung ist die Willenskraft. In den Augen ist die tätige Handlungskraft.

1745–1752: Sadashiva im Körper und im Om

1745. Im viereckigen Muladhara-Adhara steht Shakti fest. Im sechseckigen Svadhishthana-Adhara schläft Shakti. Im kreisförmigen Manipura-Adhara ist Shakti in Bewegung. Sadashiva ist von Shaktis Gestalt.

1746. Wann immer du den großen Nandi suchst, steht er einzigartig da, seine fünf Gesichter wie die Abendsonne leuchtend. Wenn du die Kundalini durch yogischen Atem erweckst und durch die neun Zentren aufwärts führst, steht er hoch oben auf dem obersten Lotus.

1747. In untrennbarer Vereinigung wohnt er immer in diesem fleischlichen Körper. Das ist seine göttliche Natur. Seine vollkommenen Füße trug ich auf meinem Haupt und betete in der Tiefe meines Herzens.

1748. Er ist die leuchtende Wahrheit. Ihn erkannte ich hier unten in dieser Welt. In den Tempel meines Herzens auf Erden brachte ich ihn, siehe! In Vereinigung umarmte und verehrte ich ihn. Wahrheit ist dies, rein und einfach. Ihm, der strahlenden Sonne, sang ich in angemessener Melodie und angemessenem Versmaß.

1749. Sonne, Mond und Feuer verleiht er seine feurigen Strahlen. Die zweimal sieben Welten trägt er. Im Zentrum der weiten Räume steht er. Er ist der Anfang, er ist das Ende; seine eigene Gestalt ist kühl wie der Mond.

1750. Er steht da: seine Gestalt als unerschaffenes Shiva-Linga, seine Gestalt als göttlicher Sadashiva, seine Gestalt als Shivananda, unvermischte Seligkeit, seine Gestalt als Tatpara, das ewige Höchste.

1751. Niemand erkennt, dass er Akara, der Laut A, ist und die alles durchdringende Shakti Ukara, der Laut U. Die beiden abwechselnd anschwellenden Klänge erfüllen als Aum die Welt in ununterbrochener Ganzheit.

1752. Der heilige Sockel des Linga ist der summende Omkara, Aum. Der mittlere Teil des Linga ist von Akara, A, erfüllt. Sein innerer Kreis ist voll Ukara, U. Das Linga ist Bindu-Nada, durchdrungen von Makara, M.

1753–1762: Atma-Linga – das Zeichen im eigenen Inneren

1753. Mit A als Anfang besteht alles. Mit U als Anfang besteht alles Leben. Werden A und U gemeinsam erkannt, sind A und U allein das göttliche Linga.

1754. Bindu ist die begrenzte Stütze. Nada entfaltete sich in Medha als das Getragene. Bindu, die Stütze, ist der Sockel; mit ihm ist Nada verbunden. Das ist wahrhaft die Vereinigung des Linga.

1755. Das Linga, Shakti-Shiva, ist alles Ruhende. Das Linga, Shakti-Shiva, ist alles Bewegte. Das Linga, Shakti-Shiva, ist Sadashiva. Shakti-Shiva ist Tatpara, das ungeborene Wesen.

1756. Über den fünf mal zehn himmlischen Lauten kannst du das aus sich selbst leuchtende Licht Aum schauen. Was so mit seiner Shakti U aufsteigt, wie eine goldene Ranke, die schön erblüht, ist niemand anders als er, Akara, A, die begrenzte Stütze.

1757. Bindu und Nada bilden zusammen das Linga. Bindu ist der Sockel, Nada das Linga. Mit diesen beiden als göttlicher Grundlage entstanden die fünf Götter, um ihre fünf Aufgaben zu erfüllen.

1758. Der gute Sockel Shaktis trägt die Atma-Tattvas. Der mittlere Teil Shaktis trägt die Vidya-Tattvas. Shaktis Linga trägt die Shiva-Tattvas. Sadashiva ist Shaktis göttliche Seele.

Ergänzende Erklärung: Atma-, Vidya- und Shiva-Tattvas bezeichnen hier Gruppen der Wirklichkeitsprinzipien: die seelen- und weltbezogenen, die vermittelnden und die reinen göttlichen Prinzipien.

1759. In mein Herz trat er ein, in mein Lebenswesen trat er ein. Er goss seinen Segen aus, bis mein Herz erfüllt war. Sucht mit mir den Herrn: Er tritt in euer Haus ein und segnet euch.

1760. Er ist der höchste Parapara, mein göttlicher Vater. Er trägt die Mondsichel und regiert das Universum. Auch im Herzenstempel seiner Verehrer herrscht er: Hara, vor dem die Unsterblichen sich verehrend neigen. Fest wohnt er in meinem Herzen.

1761. „Er ist nicht der Herr; ich bin es“: Hast du diesen Hochmut, nennt dich die Welt einen Toren. Zart wie die sehnsüchtige Mutterkuh ist er in mir gegenwärtig. Mit Schlange, Feuer und Wasser in seinen verfilzten Locken steht er freundlich da, der Heilige.

1762. „Dort stand er“, „dort lag er“: So verehren ihn die Unsterblichen in den acht Richtungen. Wie aber soll ich meinen Herrn preisen, der immer im Herzen meines Herzens wohnt?

1763–1772: Jnana-Linga – das Zeichen der Erkenntnis

1763. Als Gestalt, als Formloses und als Gestalt-Formloses wohnt Parashiva allem Leben inne. Auch als Guru steht er da. Wie der Kalpaka-Baum schenkt er seine Gaben, Sadashiva.

1764. In der Mitte ist er, Sadashiva. Die vier darunter sind die Gestalteten: Brahma, Vishnu, Rudra und Mahesha. Die vier darüber sind die Formlosen: Bindu, Nada, Shakti und Shiva. So sind seine Teile, die des Parashiva.

1765. Er ist der Herr der Unsterblichen, der Herr mit Gesichtern in allen Richtungen. Er ist der Herr der vier Brahma, Vishnu, Rudra und Mahesha. Er ist Nandi, der in der Mitte steht. Wer ihn als seinen Herrn verehrt, gelangt selbst auf seine Wege. Suche so die heiligen Füße des Herrn.

1766. Ihn bat ich, mein Karma zu vertreiben und zu vernichten. Er bemisst die Ewigkeit der Zeit als Jahr, Monat und Tag. Würdig ist er deiner Schau. Suche ihn mit seiner jungfräulichen Shakti. Selbst wenn deine gefalteten Hände sich öffnen, bleibt er dir der Eine.

1767. Er ist der uranfängliche Herr, der Gott des Universums. Er ist der Gott, den erleuchtete Verehrer preisen, der große Gott göttlicher Gerechtigkeit. Rein ist er, mein Herr. Halb und halb ist er mit Parashakti vereint.

1768. Jenseits von Shakti, innerhalb von Parashakti, liegt der reine Shiva-Zustand als ungetrübtes Licht. Noch weiter und weiter darüber sind die Füße des Herrn. Dies ist die Wahrheit des höchsten Herrn.

1769. Schaue diese zarte Flamme: Du hast das ganze Universum geschaut. Erhebe dich und schaue seine Welt: Dort wirst du für immer bleiben. Schaue die weiten Räume: Du hast den mit Shakti verbundenen Herrn geschaut, den Herrn, der in deinem Denken wohnt.

1770. Der Herr ist mein Vater; die Fülle seiner Shakti ist meine Mutter. Rezitiere ihre Namen in angemessener Reihenfolge. Das ist wahrhaft göttliche Erkenntnis. Oberhalb des Nabels, in meinem Herzen, wohnt er mit ihr in unaufhörlicher Verzückung.

1771. In die Ich-Gruppe, die reine und die unreine, führen sie den Jiva ein. Sie lösen ihn aus dem reinen Turiya-Zustand und treten in seine Gedanken ein. In ihm nimmt Shiva seine Wohnung. Dies ist das Spiel Shakti-Shivas.

1772. Das ganze Universum ist das Spiel Shakti-Shivas. Shakti ist Shiva, und Shiva ist Shakti. Ohne Shakti und Shiva gibt es keine offenbarte Schöpfung. Shakti und Shiva sind es, die immer Gestalt annehmen.

1773–1777: Das Shiva-Linga und seine Verehrung

1773. Er durchdringt die brausenden Meereswasser, die sich ausbreitenden Winde und das flammende Feuer. So wohnt er der ganzen Natur inne. Doch ich erkenne ihn nicht und verehre ihn nicht.

1774. Nur einen Weg gibt es hier, ihn zu erkennen und zu verehren. Wer mit Wasser und Blumen seinen Namen rezitiert, wird ihn erkennen. Von ihm trennt sich der Herr mit verfilztem Haar nicht.

1775. Als das eine und einzige Wesen sah ich den Herrn. Die fünf Sinne bezwingend verehrte ich seine heiligen Füße von ganzem Herzen. Er gewährte mir seinen Segen, der Gnädige, der uranfängliche Herr.

1776. Brahma, Vishnu, Rudra, Mahesha, der fünfgesichtige Sadashiva, Bindu und Nada, Shakti und Shiva: Als all diese im Linga gewährt er seinen Segen. Er ist allein Nandi, das höchste Jenseits.

1777. Erhebe dich mit der flammenden Kundalini und führe deinen Prana aufwärts. Halte im Körper Einatmen und Ausatmen an. Wenn du dies durch Übung vollbringst, hast du wahrhaft den höchsten göttlichen Zustand erreicht.

1778–1791: Sampradaya – die heilige Einweihung

1778. Körper, Besitz und Leben nahm er durch das angemessene Ritual als Opfergabe von mir entgegen. Er richtete seinen geistigen Blick auf mich und vernichtete mein Karmanetz. Dann legte er seine Hände auf mich, setzte seine Füße auf mein Haupt und vermittelte mir augenblicklich spirituelles Bewusstsein. So beendete Nandi durch diese aufeinanderfolgenden Einweihungshandlungen meinen Geburtenkreislauf.

1779. Leben und Körper, der ihnen nachfolgende flüchtige Prana-Atem, der mächtige Shiva mit seiner Gefährtin, der Bewusstseinskraft, und das Höchste als höchste Wahrheit: Damit ich all dies erlange, wirkte der höchste Guru meine Erlösung.

1780. Zu seiner westlichen, rechten Seite setzte er mich. „Meditiere täglich über mich“, sagte er. „Dort zwischen Scheitel und Gaumen sitzt allein die Wahrheit. Dies ist das wahre Wort. Hüte es als göttliches Geheimnis.“

Quellenhinweis zu Vers 1780: Die englische Vorlage verbindet „west“ mit „right“. Beide Ortsangaben bleiben hier sichtbar; die Sitzordnung wird nicht eigenständig rekonstruiert.

1781. In wahlloses Reden verstrickt wanderte ich ziellos. Mich machte er rein, von allen Unreinheiten gesäubert. Mich und sich brachte er ins Gleichgewicht: wahrhaft ein vollkommen gelungener Austausch!

1782. Er ist der Herr allen bestehenden Lebens. Seine wahre Natur kennen sie nicht. Er befreite mich vom trennenden Ich. Siehe: Da schaute ich den Herrn, den Keim von allem.

1783. Auf die Erlösung meines Körpers, Besitzes und Lebens bedacht, suchte er mich auf und setzte seine Füße auf mein Haupt. Mit der Gnade der göttlichen Shakti vertrieb er meine Liebe zum fleischlichen Körper. Er machte sich und mich zu einem, vermischt in untrennbarer Vereinigung.

1784. Er bestimmte mich zu seinem Diener. Mein Leben, meinen Besitz und meinen Körper nahm er als sein Eigen. Doch da er es war, der mir allen Lebensunterhalt gab, wie dürfte ich sagen, er habe mir etwas genommen?

1785. Dieser Körper, der Herr in ihm, der Prana als Atem und die im Inneren wohnende Seele: Wer die Wahrheit all dessen nicht kennt, das zum vergänglichen Körper gehört, gleicht den Geistern der Toten.

1786. Wer Bewusstheit besitzt, sieht alle Welten. Wer Bewusstheit besitzt, kennt keine Leiden. Wer diese Bewusstheit wahrhaft verwirklicht hat, hat tatsächlich die begrenzte Wahrheit gesehen.

1787. Aus dem uranfänglichen Turiya-Zustand erwacht, im körperlichen Zustand umherwandernd und im Sakala-Zustand mit sechs mal sechs Tattvas tätig: Jenen, deren Seelen so umherzogen, schenkte Nandi seine Gnade. Was soll ich von seiner unendlichen Größe sagen!

1788. Kein Zugang als Ich und Du bleibt. Wie Körper und Leben sind wir untrennbar. Zusammen sind wir wie Himmel und Himmelswesen, wie der Honig und seine Süße, die ich koste.

1789. Er ist er selbst und erkennt Ihn nicht. Erkennt er Ihn, ist er nicht mehr der gesonderte Erkennende. Erkennt er Ihn, werden er, der Erkennende, und Er, der Erkannte, allein eines.

1790. Wie Leben und Körper gemeinsam empfinden, stand er in mir in völliger Identität. Freigebig wie der Regen vom Himmel ist er. Ich wurde mit dem himmlischen Herrn eins.

1791. Als höchstes Wesen stand er nicht von mir getrennt. Das weiß der Herr. Wie Körper und Leben sind wir: Dies ist die Wahrheit. Er führte mich zur Vollkommenheit, der Herr der Unsterblichen.

1792–1804: Die Gewährung der Gnade

1792. Dunkelheit und Licht, Unwissenheit und Wissen, sind zwei Zustände. Leben und Körper sind zwei Formen. Dharma und Askese sind zwei Gnadengaben. Wahrheit ist allein der Segen im Inneren.

1793. Schwer ist er für uns zu sehen. Jenseits unserer Gedanken ist Nandi; fern ist er dem Berühren und Fühlen. Bete lange im Licht deines Herzens. Die Dunkelheit, die dich umhüllt, wird vertrieben.

1794. In einem Wink seiner Gnade wird dir das ganze Universum offenbart. Wenn die Dunkelheit der Unwissenheit weicht, steht der Große offenbart da. Suchst du ihn und sammelst deine wimmelnden Gedanken auf ihn, wirst du das Erkenntnislicht sehen und so unsterblich werden.

1795. In Unwissenheit verstrich meine Zeit. Doch mein Herr wird mich zur rechten Zeit erkennen. An ihrem Erkenntnislicht und ihrer tiefen Liebe wird er sie erkennen, der Freigebige.

1796. Er selbst wird mich erkennen, wenn meine Karmas vergehen. Ich weiß nicht wann, doch Nandi weiß es. Schmilz in Frömmigkeit und erreiche göttliches Bewusstsein. Süß wie Honig ist unser Herr der Unsterblichen.

1797. Ich habe den Herrn seit vergangenen Tagen erkannt. Doch die Himmlischen kannten ihn nicht; Zweifel trieben sie umher. Der Herr ist das Licht, das als Prana in meinem fleischlichen Körper pulsiert. Wenn ich ihn nicht erkenne, wer sonst wird es tun?

1798. Sie kennen das Maß der alles durchdringenden Gnade nicht. Sie kennen die nektargleiche Süße nicht, die aus der Gnade fließt. Sie bedenken die fünf Handlungen nicht, die die subtile Gnade vollzieht. Wer erkennt wahrhaft, wie allgegenwärtig die Gnade ist!

1799. Damit du das göttliche Licht suchst, gewährt er das Licht der Erkenntnis. Er erfüllt die Sinnesorgane mit Verlangen und führt dich zur Erleuchtung. Dann setzt er dich mitten unter die Hingebungsvollen und Heiligen. Wer so seine Gnade empfing, wurde wahrhaft selbst zu Shiva.

1800. In seiner Gnade wurde ich geboren. In seiner Gnade wuchs ich heran. In seiner Gnade ruhte ich im Tod. In seiner Gnade war ich verhüllt. In seiner Gnade kostete ich nektargleiche Seligkeit. In seiner Gnade trat Nandi in mein Herz ein.

1801. Durch seine Gnade wurde ich im Nektarmeer gebadet. Durch seine Gnade legte er seine Füße auf mich. Durch seine Gnade gewährte er die Wohnstatt der Hingabe. Durch seine Gnade nährte er mich mit nektargleicher Seligkeit. Durch seine Gnade trat Nandi in mein Herz ein.

1802. Seine Gnade war es, die mich in Bindung führte. Seine Gnade war es, die mich daraus befreite. Seine Gnade war es, die mir in göttlicher Liebe Befreiung schenkte. Seine Gnade war es, die mir die Liebe zum Zustand jenseits der Befreiung gewährte.

1803. Von unendlicher Gnade ist der Herr, der meine Geburtsfesseln durchschnitt. Der Heiligste der Heiligen ist Nandi, das Meer des Dharma. Der Reine, der uranfängliche Herr, trat freundlich in mein Herz ein.

1804. In mein Herz trat er ein, überreich an Gnade. Obwohl er darin ist, erkennen ihn die Gnadenlosen nicht. Ins Herz eintretend erfüllte er mich mit Seligkeit. Zu Shivam machte er mich. Als Nandi in mein Herz eintrat, wurde ich selig.

1805–1813: Gnade, Schöpfung und göttliche Gestalten

1805. Er gab mir den urteilenden Verstand. Er gab mir die Sinne in unergründlicher Gestaltung. Er gab die fünf Elemente, die verschiedenen Sinnesorgane und die fünf Gnadenhandlungen. All dies sind allein die Gaben seiner Gnade.

1806. Alle Erscheinungen der Natur sind seine Gnade. Alles Belebte und Unbelebte ist seine reine Gnade. Als Dunkelheit und als Licht durchdringt die Gnade des Herrn alles. Alles, alles ist allein die Gnade seiner offenbarten Gestalt.

1807. Shiva, Shakti, der leuchtende Nada und Bindu, der heilige fünfgesichtige Sadashiva, Mahesha, Rudra, Mal und Brahma auf dem Lotus: All diese neun Gestalten nimmt er an.

1808. Blinde Augen sehen nicht einmal die Sonne. Wer göttliche Schau besitzt, sieht das Licht überall. Wer keine Gnadenschau hat, sieht den Herrn nicht, die subtile Wahrheit. Wer Gnadenschau besitzt, sieht Hara von Angesicht zu Angesicht.

1809. Er selbst erschafft, er selbst erhält. Er selbst zerstört, er selbst verhüllt. Er selbst tut all dies und gewährt danach Befreiung. Er selbst ist der allem innewohnende Herr.

1810. Die ersten vier, Shiva, Shakti, Nada und Bindu, sind seine formlosen Gestalten. Das unbewegte Gestalt-Formlose ist Sadashiva. Die bleibenden letzten vier, Brahma, Vishnu, Rudra und Mahesha, sind die Gestalteten. All diese und auch der Eine jenseits davon ist er.

1811. Ein Wesen ist er, allem Leben innewohnend, unzerstörbar. In ihnen ist er; doch er ist nicht sie. Als göttlicher Freund wohnt er ihnen inne. Dies ist sein Spiel, das Spiel dessen, den mein Herz ersehnt.

1812. Der Makellose in meinem Herzen aktiviert die Kudilai-Shakti, die reine Ich-Kraft. Aus diesem Wirken wird Nada geboren. Dieser strahlt verschiedene Kala-Strahlen aus und bringt als Keim den unvergänglichen Bindu hervor.

1813. Der so entstandene Bindu durchdringt alles. Aus ihm entstehen das Ich an sich und die große Maya. Aus ihnen gehen die Unsterblichen und ihre Geschlechter hervor, die Mantras und Veden sowie die unzähligen Welten, die in der Weite wimmeln.

1814–1822: Das Licht der Gnade

1814. Wer nicht fest auf der Gnade steht und sich nicht mit bewusster Entschlossenheit in sie versenkt, wird niemals Gnade empfangen und nicht von den fünf Fesseln frei. Er wird die Größe nicht kennen, die Gnade schenkt, und nicht entschlossen sein. Nur jene erkennen Gnade, die zur Gnade geboren sind.

1815. Nandi, der Große und Berühmte, versperrte meiner künftigen Geburt den Weg. Er schenkte mir die nektargleiche Seligkeit, die niemals überdrüssig macht, der Herr der tausend Namen. In einem Wort sagte er: „Bade ewig im endlosen Meer der Gnade.“

1816. Ich tanzte und sang, weinte und klagte. So suchte ich ihn und sah Shivas Größe. Als ich mich mit ihm vereinte, gewährte er mir seine unbeschreibliche Gestalt, durchdrang mich und vermittelte seine Gnade.

1817. Die Geburt, die ich annahm, und die Unreinheiten, die ich trug, vertrieb er wie eine Wolke des Ichs. „Du bist davon frei“, sprach er und setzte seine Füße auf mich, der berühmte Nandi. Alles unwürdige Wissen gab ich auf, warf mich nieder und betete zu seinen Füßen.

1818. Entzünde die Lampe und schaue die Leere. Vor der Lampe enden alle Qualen. Wer das Licht hat, die Lampe zu entzünden, ist selbst das Licht und leuchtet in der göttlichen Lampe.

1819. Endlos sind Licht und Dunkelheit. Nur für jene, die Licht haben, endet die Dunkelheit. Für Augen, die Licht sehen, gibt es keine Dunkelheit. Ebenso wird der Jiva mit Shiva eins, wenn das innere Licht die Dunkelheit vertreibt.

1820. Ziellos wanderte ich. Auf mich setzte er seine goldenen Füße. In Reinheit trat er ein und machte mich rein. In Güte trat er ein und gab mir Nektarseligkeit. O diese gnädige Tat! In grenzenlosem Staunen stehe ich überwältigt da.

1821. Es gibt einen weiten Raum, der Gnade ist. Es gibt eine sichere Zuflucht, die der Herr ist. In mich trat er ein, um meine Dunkelheit zu vertreiben. Erkenne ihn ganz: Dann ist wahrhaft der Shiva-Zustand da.

1822. Wenn andere Götter geboren werden, leben und sterben, sind sie dann die Wahren? Sprich! Lasst uns diesen Körper den Geiern zum Fraß überlassen und unsere Seele retten. Dies sollt ihr verkünden.

1823–1834: Shiva-Puja – der Tempel des Herzens

1823. Für den freigebigen Herrn ist dieses Herz das heilige Innerste, der fleischliche Körper der weite Tempel und der Mund das Turmtor. Für die Unterscheidenden ist der Jiva das Shiva-Linga; die täuschenden Sinne sind die erhellenden Lampen.

1824. Nandi mit den ausgebreiteten Locken nimmt die Opfergaben entgegen; wir aber bringen ihm nichts. Das Opfer, das wir morgens und abends geben können, sind Lobgesänge, die sein Herz schmelzen lassen. Lasst uns dieses Opfer darbringen. Wahrhaft ist dies ein Opfer, Milch von süßem Geschmack.

1825. Der Herr, der mit der Frau milchzarter Rede vereint ist, ist der höchste Parapara. Setze Sadashiva in ihm ein; betrachte sein aufwärts blickendes Gesicht als Ishana. Vollziehe so deine Verehrung. Du wirst Shiva selbst werden.

1826. Du kannst an ihn denken und von seiner Wahrheit sprechen. Doch den Herrn der heiligen Füße zu sehen ist wahrhaft selten. Nur jene können den Herrn der heiligen Füße sehen, die ihn mit Blumen und Wasser verehren.

1827. Warum hat der Herr seinen Sitz im Herzen der Himmelswesen genommen, die geweihtes Wasser und Blumengirlanden tragen? Mit fünf süßen Speisegaben und sechzehn rituellen Ehrungen werfen sie sich demütig nieder und verehren ihn durch Archana.

Quellenhinweis zu Vers 1827: Das isolierte englische Schlusswort „Evocative“ ist kein verständlich angeschlossener Verssatz und wird nicht zu zusätzlichem Inhalt ergänzt. Upachara bezeichnet eine rituelle Ehrung oder Darbringung.

1828. Hingebungsvoll sind jene, die mit Blumen und Wasser beten. Der Herr sieht dies und schenkt ihnen Gnade. Unzählige Sünder wissen nicht, wie sie sich unserem Herrn nähern sollen. So gehen sie in tiefer Unwissenheit vorüber.

1829. Erkenne den Lohn des Badens in den neun Wassern des Herrn. Befreiung ist wahrhaft jenen gewiss, die die Füße heiliger Menschen salben, welche in Erkenntnis erhoben sind. So verkündet Mula.

1830. Selbst wenn ich gedankenlos den Wegen der Welt folge, gewähre mir dies: dass ich dich mit Wasser und Blumen unablässig verehre. Das ist mein Gebet, o Herr der Unsterblichen!

1831. In Scharen drängen die Unsterblichen herbei, ihn suchend. Die endlosen Meere und Länder werden alle dein sein, wenn du unablässig die tausend Namen des uranfänglichen Herrn und den einen besonderen heiligen Namen rezitierst.

1832. Die Himmelswesen suchen in Scharen den endlosen Herrn und baden ihn in den fünf Erzeugnissen der Kuh, Panchagavya. In der honigreichen Blume des Herzens steht seine Gnade offenbart: die Gnade dessen, der die fünf Elemente und ihre Eigenschaften erschuf.

1833. Mit erlesenen Blumen und Wasser ziehen die Himmelswesen über die Wolken. Ihre Bindung bezwungen, stehen sie betend da und empfangen unfehlbar die Gnade meines Herrn.

1834. In der Wasserweite der Ganga ist Nandi mit ausgebreiteten Locken. Verlasse das Meer des Unglaubens; tritt in das Meer des Herzensvertrauens ein. Wer ihn nicht so mit blumenbeladenen Händen verehrt, fällt in das Leidensmeer und bleibt für immer darin versunken.

1835–1846: Beständige Verehrung und die innere Gegenwart

1835. Die schlammigen Ufer des Leidensmeeres durchbrechend verehren sie ihn mit Knospen und Blüten. Wer dies nicht kennt, fällt in großen Irrtum. Wer es erkennt, wird den Herrn im Inneren des eigenen Scheitels sitzen sehen.

1836. Es gibt einen Weg, ihn zu erreichen: Verehre ihn mit vielen Blumen. Wer dies tut, dem offenbart sich der Herr von selbst. Dies ist der Weg zu den heiligen Füßen des dreiäugigen Gottes. Wenn du ihn so verehrst, versäumt er niemals, vor dir zu stehen.

1837. „Mein Herr, der Uranfängliche, die zeitlose Ewigkeit, der Heilige“: So verehren sie ihn mit vielerlei Blumen und beten in inniger Liebe zu seinen Füßen, um seine Gnade zu empfangen. Warum suchst du ihn dann nicht im Gebet?

1838. Mit Blumen und Wasser beladen suchen die Himmelswesen die Erde auf und besingen den Reinen. Wer an seine überreiche Gnade denkt, den segnet er, der Uranfängliche unter den Dreien.

1839. Ihr schwer Arbeitenden, sammelt Blumen und tragt reines Wasser herbei. Verehrt den Herrn in unfehlbarer Frömmigkeit und legt die Blumen zu seinen leuchtenden Füßen. Steht betend da. Wie regenbeladene Wolken werdet ihr für immer reich an Fülle sein.

1840. Um den Herrn angemessen zu verehren, bezwingt die Sinne, eilt und fallt rasch zu seinen Füßen. Verehrt ihn täglich mit Wasser und Blumen. Er wird euch annehmen: Dies sagte ich schon in vergangenen Tagen.

1841. Schmückt ihn mit einer Blumengirlande, legt Blumen zu seinen Füßen und preist ihn als uranfänglichen Herrn. Wer täglich zu ihm betet und ihn dennoch nicht erkennt, möge ihn mit der ihm lieben Athi-Blume verehren und darum beten, dass seine niedere Natur von Unreinheiten gesäubert werde. Das ist der Weg zum höchsten Ziel.

1842. Über dem Lotus des Herzens, jenseits davon, wohnt Nandi mit den ausgebreiteten Locken in Seligkeit. Doch sie kennen das Mantra nicht, das sie bedenken und rezitieren sollen, um zu ihm zu gelangen und dort zu bleiben.

1843. Er ist der Edelstein, der im ellenweiten Raum des Herzens eingebettet liegt. Solange sie ihn nicht sehen, denken sie nicht an ihn. In denen, die ihn liebevoll bewahren und immer wieder über ihn nachsinnen, leuchtet er als edelsteinbesetztes Kleinod.

1844. Nandi von gnädigen Eigenschaften ist der Diskus, der die Dunkelheit der Unreinheiten durchschneidet. In meinem Herzen nimmt er bleibenden Sitz, während die Himmelswesen, denen er Gaben schenkt, von fern betend und flehend herankommen.

1845. Durch Samaya-Diksha verlieren die uranfänglichen Unreinheiten ihre Macht. Durch Vishesha-Diksha erfolgt die Mantrareinigung. Durch Nirvana-Diksha werden die Kalas gereinigt. Abhisheka-Diksha ist für jene, die den Zustand des Wissenden erreicht haben.

1846. Wenn sie ihn nicht durch Weltalter über Weltalter verehrt haben, werden sie nicht zum karmafreien Jiva geworden sein. Hari auf dem Meer und auch Aya suchen ihn durch Zeitalter hindurch. Doch unerreichbar bleibt er, der über der Zeit leuchtet.

1847–1856: Guru-Puja – innere Verehrung

1847. Die Lotusfüße Nandis ergreifend, der mich segnet, will ich den Weg der Unterweisung darlegen, der zur Erlösung führt, die vollzogene Puja und den Weg, die sechs Adharas zu überschreiten und darüber hinaus aufzusteigen.

1848. Mit süß duftendem Sandel aus den Tiefen des Waldes und seltenen Blumen, die zum Himmel hin blühen, magst du ihn verehren. Doch solange du deine fleischlichen Wünsche nicht ablegst und ihn erkennst, kannst du seine mit honigreichen Blumen geschmückten Füße nicht erreichen.

1849. Wenn du auf dem Erkenntnisweg wirkst, der zum höchsten Jenseits führt, ist dieser Weg die ganze Verehrung. Groß ist wahrhaft die beständige innere Anbetung. Die Füße des Herrn zu erreichen heißt, alles Handeln zu stillen.

1850. Verehre den Herrn am Morgen, am Mittag und am Abend. Verehrend rezitiere Nama, „ich verehre“. Rezitierend rufe ihn in den drei Lichtern Sonne, Mond und Feuer an. Der berühmte Nandi ist der höchste Herr.

1851. Hundertfach gesegnet ist die Puja an heiligen Orten. Tausendfach gesegnet ist die Verehrung seiner Gegenwart. Zehntausendfach gesegnet ist es, jene zu speisen, die ihre Gedanken gestillt haben. Weit, weit gesegneter ist es, dafür zu sorgen, dass ein Wissender zufrieden gespeist ist.

1852. Die Pujas, die du vollziehst, während Sonnen- und Mond-Nadi aktiv pulsieren, sind für Asuras geeignet. Nur die Pujas, die du vollziehst, wenn Sonnen- und Mond-Nadi beruhigt sind, sind für den heiligen Nandi angemessen.

1853. Wenn du über die Sphären von Sonne und Mond hinaussteigst, sind dort Bindu und Nada. So durch die Adharas aufsteigend überschreitet deine Bewusstheit die Grenzen des Wachzustandes. Wenn du dort Nandi beständig verehrst, ist dies wahrhaft göttliche Verehrung.

1854. Führe die Kundalini-Shakti empor und überschreite die aufeinanderfolgenden Tore des Bewusstseins. Führe den vergänglichen Körper auf seine elementaren Tattva-Bestandteile zurück und lege auch diese ab. Dann tritt in die Gnade des Heiligen ein, verweile dort und verehre. Das ist die Sadashiva angemessene Verehrung.

1855. Die Verehrung bei Tag und Nacht ist für den Herrn eine Gabe aus zwei Blumen. Die Verehrung aber dort, wo weder Tag noch Nacht ist, findet bei ihm mit den wallenden Locken volle und ganze Annahme.

1856. In der Sphäre sitzend, in der weder Tag noch Nacht ist, trank ich die höchste honigsüße Seligkeit. Den Gedanken an äußere Ereignisse entrückt, vertrieb ich zu den heiligen Füßen des Herrn, wo weder Tag noch Nacht ist, das zweifache Ich, das Tag und Nacht gleicht.

1857–1867: Maheshvara-Puja – die Verehrer Gottes speisen

1857. Was du dem Herrn im hochgetürmten Tempel darbringst, erreicht seine Verehrer nicht, die edlen wandelnden Tempel. Wenn du den edlen wandelnden Tempeln etwas darbringst, erreicht dies gewiss den Herrn im hochgetürmten Tempel.

1858. Die Nahrung, die Asketen makellosen Denkens zu sich nahmen, ist Nahrung, die alle drei Welten empfingen. Die Gaben, die sie freudig annahmen, sind Gaben, die die drei Welten annahmen. So verkündete es der große Nandi.

1859. Die Dinge, die du seinem lieben Verehrer gibst, der in ihm ruht, sind wahrhaft angemessene Opfergaben für die drei Götter und auch für die Ahnen durch dreimal sieben Generationen. Dies sollst du gewiss wissen.

1860. Wenn du auch tausend Wohnstätten heiligen Brahmanen schenkst und tausend Tempel für die Götter errichtest: Nichts davon gleicht dem Verdienst, einen heiligen Verehrer einen Tag lang zu speisen. Dies sei gewiss.

1861. Du magst hundert mal hunderttausend Brahmanen speisen, die die heilige Schnur tragen und gute Opfer vollziehen. Doch weit heiliger ist schon der Wunsch, in großer Liebe auch nur einen Bissen einem wahren Verehrer des Herrn zu geben, der heilige Asche trägt.

1862. „Du reitest den göttlichen Stier, mein Herr, mein Gott!“ Wer so spricht und heilige Asche trägt, gleicht wahrhaft den Devas auf Erden. Wer solche Menschen als den Herrn selbst verehrt, der Ganga auf seinen rötlichen Locken trägt, bringt seine Karmas zum vollständigen Ende.

1863. Von strahlender Schönheit ist sein Gesicht, von glühendem Glanz sein verfilztes Haar: der berühmte Nandi. In tiefer Sehnsuchtsqual rufe ich seinen Namen. Bis er vor mir erscheint, werde ich nicht aufhören zu rufen: „Mein Nandi! Mein Nandi!“

1864. Verehrt in dieser Welt Shivas Verehrer, die keinen Tod kennen. Die lastende Dunkelheit der Unwissenheit verschwindet für immer. Sucht unfehlbar den reinen Verehrer und verneigt euch. Gewiss wird sich die Welt freuen.

1865. Ohne Liebe zu den Heiligen, von Stolz übervoll, vollziehen sie Pujas. So versuchten sie es durch Zeitalter hindurch und gingen zugrunde. Ihre Gesichter wurden hart wie heftig bewegte Butterquirle, ihre Herzen von äußerster Ichhaftigkeit erfüllt.

1866. Die Nahrung, die heilige Menschen zu sich nehmen, ist wahrhaft Nahrung für die Götter Shiva, Vishnu und Brahma. Die Speisereste heiliger Menschen zu essen, die die Wahrheit erkannt haben, ist der sichere Weg zur Befreiung. So bekräftigt unser Mula es unmissverständlich.

1867. Sie sind nicht niedergeschlagen; in heiliger Askese bleiben sie standhaft. Gib ihnen, damit deine Karmas rasch weichen. Du wirst jenes goldene Land erreichen, in dem die drei Karmas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht bestehen.

1868–1877: Die Größe der Heiligen

1868. Wo ein heiliger Mensch von göttlichem Wert den Herrn sucht, der allen Raum umfasst, dort gibt es keine Feinde. Reichlich fällt der Regen, voll ist die Zufriedenheit der Menschen. Kein Übel trifft dieses Land.

1869. Dort in jenem Land werden sie geboren. Dort in jenem Land üben sie in diesem Körper Askese. Dort in jenem Land erreichen sie die Füße des Herrn. Dort in jenem Land empfangen sie seine Gnade.

1870. Das Ziel, das ich suchte, die Vereinigung mit Shiva; die hohen Berggipfel darin, der Sahasrara; die Bewohner des Himmels, die himmlischen Unsterblichen, die Menschenscharen aus acht Richtungen und auch der Uranfängliche: Wenn sie zu mir kommen und ich sie in meinen Händen halte, bin ich für immer und ewig erlöst.

1871. Die sieben Universen, der kosmische Raum darüber hinaus, das belebte und unbelebte Leben, die drei Gunas, die alten Veden, die erschaffenden und erhaltenden Götter und ihr uranfänglicher Herr Shiva: Sie alle sind allein in mir.

1872. Weder männlich noch weiblich noch beides zugleich ist er. Das in Unwissenheit verborgene Licht kann ihn niemals, niemals erkennen. Ohne Augen sieht er, ohne Ohren hört er. Nur jene, die in Erkenntnis gereift sind, haben ihn gewiss gesehen.

Quellenhinweis zu Vers 1872: Das englische Verb „abored“ ist beschädigt. „Erkennen“ gibt hier den aus dem unmittelbaren Zusammenhang erschließbaren Sinn wieder.

1873. In der bestehenden Welt folgen die Verehrer des Herrn dem sicheren Weg. Sie werden im hohen Himmel herrschen und zu Shiva werden, dessen Arme sich ausstrecken und die acht Richtungen umfassen. In der Unterwelt stehen seine Füße; an den Gipfeln des kosmischen Universums erhebt sich die Krone seines Hauptes.

1874. Sinne über den Herrn nach: Er wohnt in deinem Herzen. Wer ihn im Inneren wohnen sieht, kennt keine Leiden. Das Herz, das seinen Eintritt erkennt, verliert sein Ich. Möge dieses ganz vernichtet werden. Strebe danach, diesen Zustand zu erreichen.

1875. Er ist der begrenzte Anfang, der liebevolle Gefährte. Auch Auflösung bewirkt er, der uranfängliche Herr. Ich gab Tadel, Lob und allen Besitz auf. Da pflügte er mein Leben für eine reiche Ernte.

1876. Er ist meine Mutter und mein Vater in einem. Meine sieben mal sieben Geburten sind Shiva vermacht. Dies ist die Urkunde, die schon in vergangenen Tagen ausgestellt wurde. Brahma, der diese Welt erschuf, schrieb sie so, und der wolkenfarbene Vishnu bezeugte sie.

1877. In den Herzen der Entschlossenen wohnt er fest. In den Herzen der Verehrenden verhält er sich einträchtig. Wer den uranfänglichen Herrn als Juwel seines Herzens bewahrt und ihn so betrachtet, wie könnte der sich je von ihm trennen?

1878–1883: Gemeinschaft mit den Heiligen

1878. Die Himmelswesen trugen Nandi mit den wallenden Locken auf ihren Häuptern. Er erhob mich auf Erden, damit ich sein heiliges Werk vollbringe. Noch höher wird er mich heben, damit ich das goldene Reich der Reinheit regiere, er mit den ausgebreiteten Locken.

1879. In den Tagen kindlicher Unschuld erkannte ich die Heiligen an ihren äußeren Zeichen. Ich wurde ihr Verehrer und freute mich. Ihr verfilztes Haar ist zum kennzeichnenden Knoten gebunden; unbekümmert um diese Welt wandern die Heiligen. Hierher kehren sie nicht zurück. In die Wasser göttlicher Kontemplation sind sie versunken. Das ist ihre intensive Askese.

1880. Wer die heiligen Verehrer in inniger Liebe sucht, kann Shiva in der Tiefe suchen und ihm nahe sein. Die Verehrer, die den Heiligen suchen, werden in Shivas Größe aufgehen.

1881. Die Heiligen suchend strömen die acht Geschlechter der Himmelswesen in übergroßer Liebe auf die Erde. Wie ein überfüllter Himmel erscheint die Erde, zwölf Wegmaße weit in allen acht Richtungen.

1882. Wo die Shiva-Yoga-Wissenden gedeihen, gibt es kein Unglück. Neue Wege des Wohlergehens entstehen; alles Gute stellt sich ein. Ein wahrer Himmel wird dieses Land sein, ohne Wiedergeburt für seine Bewohner.

1883. Wer die höhere Erkenntnis erlangt hat, kann sogar diese Welt erschaffen. Wer die höhere Erkenntnis erlangt hat, kann viele Welten überschreiten. Wer das göttliche Licht wahrgenommen hat, ist wahrhaft unsterblich hier unten. Das sind wirklich Shivas wahre Verehrer.

1884–1891: Heilige speisen und Almosen empfangen

1884. Wo auch immer ihnen Nahrung angeboten wird, empfangen die Verehrer des Herrn sie als süßen Nektar. So wie jene unglücklich wären, die ein einziges Stück Land besitzen, wenn dieses ungepflegt daläge.

Quellenhinweis zu Vers 1884: Das Gleichnis bleibt in der englischen Versfassung ohne ausdrücklich formulierten Vergleichsschluss. Deren Überschrift deutet es als Fürsorge des Herrn für die Wissenden.

1885. Die Heiligen, die die innere Gnade des Herrn gekostet haben, nehmen mittags Almosen an, um den Körpertempel zu erhalten, in dem der Herr wohnt. An Unterschiede denken sie nicht. Alle Wünsche ausgelöscht, sitzen sie in Einsamkeit.

1886. Im Körperfeld liegt der Same; das Feld hat einen Zaun. Im Scheitel ist die Ernte gereift. Wenn sie nicht furchtlos ernten und sich davon nähren, sind sie nur solche, die um des Hungers willen betteln.

1887. Der Herr bettelte mit Brahmas Schädel. Der Herr bettelte, um den Dharma zu erhalten. Der Herr bettelte mit Brahmas Schädel, damit Brahma zu Brahman werde.

1888. Den Herrn, der die sieben Welten erschuf, nennen sie einen Bettler? Warum bettelt er dennoch? Damit die heiligen Verehrer, die beständig an ihn denken, betteln und seine Füße erreichen.

1889. Der Herr wartet auf jene, die ihn suchen kommen. Auf die Heiligen wartet er, um ihnen seine Seligkeit zu schenken. Er wartet, um in sie einzutreten. Kannst du sagen: „Er kennt mich nicht“?

1890. Nagender Hunger, Gier und Zorn, diese körperlichen Übel, besitzen Shivas Verehrer nicht. Weder in dieser unteren Welt noch in der gesegneten oberen Welt bleiben sie. Shiva und nur Shiva suchend sind sie für immer ganz darin versunken.

1891. Obwohl sie das klare Erkenntnislicht empfingen, müssen sie doch die Türen der Freigebigen um Almosen aufsuchen. Zu diesen Asketen, die nicht bloß für den Lebensunterhalt betteln, kommt die ganze Welt in Ehrfurcht.

1892–1901: Verschiedene Mudras und das Schweigen

1892. Die Mudra bedeutet, die elf Bewusstseinszustände zu überschreiten und die Bewusstheit auf den schweigenden Pranava-Laut Aum zu richten. Das ist der Weg, Nandis heilige Füße zu erreichen. Sind alle weltlichen Wünsche beruhigt, erlangst du göttliche Befreiung.

1893. Führe die Zunge nach innen an den Gaumenort, an dem die drei Turiya-Bewusstseinszustände zusammenlaufen, und halte sie dort. So übe die Mudras Shambhavi und Khechari, damit das Licht göttlicher Erkenntnis einströme.

1894. Die Shambhavi-Mudra bringt Nandis Blick, überreich an Gnade und die Geburt beendend. Die wahre Khechari, in der Aum schweigend rezitiert wird, ist die Mudra, die göttliche Erkenntnis bringt. Diese verehrte ich als göttlichen Meister.

1895. Der in den Adharas erscheint, ist Sadashiva. Der in der Erkenntnis erscheint, ist der segensreiche Shiva. Im Schweigen der Mauna-Mudra verschwindet Shivas Gestalt. Das ist wahrhaft die endgültige Befreiung, die äußerste Vollendung.

1896. Zugleich die Stille von Rede und Denken zu erlangen ist Mauna. Schweigen nur ohne Rede ist bloß Stummheit. Erst wenn Rede und Denken gleichermaßen schweigen, bist du im Zustand reiner Vollkommenheit. Wer weiß schon, diesen reinen Zustand herbeizuführen?

1897. Shambhavi ist der Löwe unter den Yoga-Mudras und führt gewiss zu den acht Siddhis. Wenn du die Erkenntnis-Mudra suchst, ist Khechari wahrhaft angemessen, die von den Veden hoch gepriesene.

1898. Der Yogi erlangt die acht Siddhis und erfährt den göttlichen Nada-Zustand. Von Karma ist er frei; ruhig ist sein Geist. Er verfolgt die vier menschlichen Lebensziele und führt die Kundalini-Shakti durch die sechs inneren Körperzentren. So erreicht er den Einen und erlangt Vereinigung mit ihm.

1899. Der zwölfstufige Yoga-Weg führt zum Gnadenzustand der sechzehn Kalas und durchschneidet die Wünsche. Dies ist der reine Weg des Vedanta-Siddhanta. Über das mit Na beginnende Mantra Nama Shivaya zu meditieren ist wahrhaft reiner Shaivismus.

1900. Die Mauna-Mudra ist die Mudra für jene, die Befreiung suchen. Die Erkenntnis-Mudra Khechari ist die Mudra für jene, die Gurus werden. Die Mudra, die Gnadennektar schöpft, ist die Siddhanta-Mudra Shambhavi. Alle Mudras festigen den Atem. Dies ist die seit alters offenbarte Shiva-Wahrheit.

1901. In der mittleren Sushumna-Nadi werden die heiligen Füße des Herrn erscheinen. Das Lotuszentrum Sahasrara liegt in einer goldenen Sphäre. Darüber hebt dich der aufsteigende Kundalini-Weg zur weißen Mondsphäre. Dort schaust du den Reinen.

1902–1909: Samadhi und das Ende des körperlichen Lebens

1902. Wenn der Yogi während der zunehmenden Mondphase seine sterbliche Hülle ablegt, gelangt seine Seele in die Welt der Devas. Nachdem sie dort eine Weile verweilt hat, geht sie in die Sonnensphäre ein. Von dort erreicht sie die Sphäre der Ahnenseelen und verweilt schließlich in der Mondsphäre.

1903. All dies gilt für den Yogi, der dieses Leben in Samadhi beendet. Geschieht dies nicht, wird er erneut in dieser Welt Zuflucht nehmen. Durch die Gnade des Herrn wird er den Yoga in beständiger Übung wiederaufnehmen und so das unvollendete Vorhaben vollenden.

1904. So werden sie in der Welt sein und wieder im Shiva-Yoga stehen. Als Shiva-Yogis gehen sie in Bindu auf und erlangen viele Wunderkräfte. Ihr fleischlicher Körper erreicht den Siddha-Zustand.

1905. Wenn heilige Shiva-Yogis während ihres Yoga-Strebens sterben, erreichen sie die Welt der Askese, um in diese Welt zurückzukehren und sich wieder dem Yoga zuzuwenden. Gesegnet sind sie wahrhaft, die die Himmelswesen hoch preisen.

1906. Gibt der Shiva-Yogi sein Leben auf, tritt er in schweigenden Samadhi ein, um den Zustand der Einheit zu suchen. Er wird nicht in einem anderen Körper geboren und kehrt auch nicht als zu Lebzeiten Befreiter mit Bewusstsein dieser Welt zurück. Vielmehr vereint er sich mit dem Herrn zu einem.

1907. Gesegnet sind wahrhaft jene, die sterben, wenn sie sich im Tod mit dem Herrn vereinen. Dann leben sie, selbst wenn sie tot sind. Wer den drei Unreinheiten abgestorben ist, ist ein wahrer Siddha. Zu Shiva werden sie.

1908. Wer innig die Gnade des erhabenen Herrn sucht, um seine Geburt zu beenden, den zieht er selbst in die Gemeinschaft seiner lieben Verehrer. Ebenso zieht der Wissende seine Schüler in überreicher Liebe zu sich. Auf seine subtile Weise formt er sie zum Göttlichen hin.

1909. Das Herz des Shiva-Wissenden fließt von Gnade über. Er sieht Shiva überall und spürt seine allgegenwärtige Gegenwart. Ausschnitthaft mag der Himmel sein, den du siehst; doch er umfasst den ganzen Raum. Ebenso besteht der Wissende, auch ohne hiesiges Bewusstsein, eins mit dem alles durchdringenden Shiva.

1910–1923: Riten für die Grabstätte eines Wissenden

Ergänzende Erklärung: Samadhi bezeichnet hier auch die Grabstätte eines verehrten Verwirklichten. Die Verse dokumentieren historische Bestattungs- und Verehrungsriten samt ihren religiösen Folgenvorstellungen. „abored“ erscheint mehrfach als beschädigtes Wort; wo der Zusammenhang eindeutig ist, wird es als Grabkammer verstanden. Die voneinander abweichenden Maße der Vorlage bleiben erhalten.

1910. Wird der Körper eines Shiva-Wissenden dem Feuer übergeben, leiden alle Menschen an brennendem Fieber. Wird sein Körper Hunden und Schakalen zum Fraß überlassen, erlebt das Land tobenden Krieg, und die Menschen werden zur Beute von Hunden und Schakalen.

1911. Den Körper eines Wissenden dem Feuer zu übergeben gleicht dem Verbrennen des Tempels des Herrn. Kein Regen wird mehr auf das Land fallen; Hunger wird die Welt verheeren. Unzählige Könige werden ihre Reiche verlieren.

1912. Richtig ist es wahrhaft, sie zu bestatten. Werden sie dem Feuer übergeben, verfolgt Verderben das Land. Lässt man sie unbeachtet verwesen, verliert die Welt ihr Wohlergehen und fällt verheerendem Feuer zum Opfer.

1913. Wenn der Körper des Wissenden die Gnade des Herrn empfängt, lasse ihn in einer angemessen ins Erdinnere gegrabenen Kammer sitzen. Dann empfangen die würdigen Herrscher und die Menschen des Landes den Segen unendlicher Gnade.

1914. Grabe die Kammer gut. Häufe die Erde fünf Ellen ringsum an. Forme ein Dreieck mit drei Ellen langen Seiten. Setze dort den Körper in den Lotussitz.

1915. Das eigene Gehöft, Straßenrand, Teichdamm, Flussbett, blühender Hain, öffentlicher Stadtgrund, dichter Wald und hohes Bergtal: Dies sind geeignete Orte, die Grabkammer anzulegen.

1916. Fünf Fuß an allen vier Seiten, neun Fuß gerade in die Tiefe, drei Fuß an jeder Dreiecksseite: Dies sind die angemessenen Maße für die Gestaltung der Grabkammer.

1917. Verteile reichlich die fünf kostbaren Metalle und die neun seltenen Edelsteine. Stelle darauf den Sitz, streue Kusha-Gras aus und schütte weiße heilige Asche darüber. Streue darauf goldfarbenes Kurkumapulver und reich gemischte Duftstoffe.

1918. Forme das Kammerinnere quadratisch. Lege darauf Girlanden honigtauender Blumen, Sandel, Moschus, Zibet und verschiedene Salben. Gieße Rosenwasser aus und entzünde in verzückter Hingabe die rituelle Lampe.

1919. Bestreiche den ganzen Körper mit weißer heiliger Asche als schützendem Leichentuch. Setze ihn auf einen geeigneten Sitz. Bestreue ihn leuchtend mit verschiedenen Duftstoffen und heiliger Asche. So sitzend bedecke die Kammer mit Erde.

1920. Nachdem sie so bedeckt ist, ebne die vier Seiten. Stelle seine Sandalen und Ohrringe auf sowie ein Bildnis mit Gesicht und Augen, angemessen bekleidet. Bringe gerösteten Reis, Nahrung und eine junge Kokosnuss dar.

1921. Schütte dann weiße Asche und pulverisierte Duftstoffe aus. Streue verschiedene Blumen, Kusha-Gras und Bilva-Blätter. Sprenge heiliges Wasser und errichte eine Plattform von drei mal drei Fuß.

1922. Pflanze auf der Plattform einen Pipal-Setzling oder stelle ein heiliges Linga auf. Richte die Vorderseite des Heiligtums nach Norden oder Osten und vollziehe in inniger Hingabe die Puja mit sechzehn rituellen Ehrungen.

1923. Als die Schöpfung begann, entstand aus dem höchsten Bindu die Kundalini, aus Kudilai das Vaindavam im weiten Firmament, dazu die neun Götter, Brahma und die übrigen, und ihre Shaktis. In entsprechender Reihenfolge entstanden die inneren Werkzeuge, die Kalas und der gegliederte Vaikhari-Klang.

Quellenhinweis zu Vers 1923: Inhaltlich leitet der Vers zur Entfaltung von Bindu über. In der PDF steht er unmittelbar vor der Überschrift des folgenden Abschnitts.

1924–1936: Die Entfaltung von Bindu

1924. Bindu nimmt fünf mal fünf, also fünfundzwanzig Veränderungen an. Nada nimmt vier und sechs, also zehn Veränderungen an. Die übrigen beiden, Shakti und Shiva, erfahren keine Veränderung, sondern setzen die anderen beiden, Bindu und Nada, in Tätigkeit.

Quellenhinweis zu Vers 1924: Die englische Überschrift nennt sechsunddreißig Tattvas, die Einzelzahlen im Vers ergeben jedoch keine widerspruchsfreie Summe von 36. Die Zahlen werden nicht korrigierend rekonstruiert.

1925. Aus der großen Maya bringt der höchste Bindu diese Erscheinungen hervor: Vageshi, Tatparai, Kudilai und Kundalini. Diese vier Shaktis entfalten sich letztlich aus Bindu.

1926. In die Kalas Nivritti und die übrigen, in denen die verbundenen Laute A, U und M ruhen, tritt Bindu in Nadanta ein. Er entfaltet sich zu den inneren Werkzeugen einschließlich des Geistes und der Erkenntnisorgane. Nachdem Bindu diese offenbart hat, beendet er sein Schöpfungswirken.

1927. Parapara, Ende und Anfang, entfaltet sich so als innewohnende Gegenwart. Ebenso ist er Ursache und Wirkung. Als Bija, Keim, vollzieht er die fünf Handlungen.

1928. Durch die Kraft des aus Bindu hervorgegangenen Keimes entstanden Welt und kosmisches Universum. Aus dem ursächlichen unreinen Ich, dem Stoff der Materie, entstanden die fünf Elemente, Raum und die übrigen. Dieser Bindu ist im Kleinen und im Großen.

1929. Der Bindu, der im Körper und außerhalb in der ganzen Natur leuchtet, ist weiß. Rot ist der schwingende Nada. Als Shiva und Shakti im Inneren geborgen können sie Befreiung schenken, wenn sie mit Weisheit aktiviert werden.

1930. Wie das Höchste alles durchdringend steht Bindu da. Wie ein weites Fadengewebe verhüllt er alles und erfüllt überall wie der Raum sämtliche Gefäße. Als große Maya, die Ursache und Wirkung ist, durchdringt er den gesamten Kosmos.

1931. Dort im Bindu steht Nandi, um seine Gnade zu schenken. Dass dieser in ihrem inneren Keim liegt, wissen sie nicht. Als duftende Blume erblüht jener Keim im körperlichen Mikrokosmos; als göttlicher Schwan So-Ham ist er im Makrokosmos. Er ist der Gesegnete, der ursächliche Keim von allem.

1932. Ohne Samen gibt es keinen Embryo; außer aus dem Samen entsteht kein Embryo. Same und Embryo sind eines, niemals getrennt. So sind auch Bindu und Shiva. Dies sollst du erkennen.

1933. Die Nahrung, die du zu dir nimmst, geht in drei Teile: zum Körper, zum Geist und zur Ausscheidung. Die Teile, die Körper und Geist zukommen, werden wahrhaft zuerst zu Blut.

1934. Aus den sieben Bestandteilen, in die Nahrung zerfällt – Blut, Lymphe, Knochen, Haut, Fleisch, Gehirn und Samen –, bildet sich Bindu in drei Tagen wie ein winziger Tautropfen auf einem Grashalm. Vollständig reift er in dreimal sieben Tagen.

1935. Wenn er so drei Tage im Körper bleibt, wird er Teil des Geistes, als leuchtende Kala, erhellter Verstand. Bei Menschen, die in heilige Gedanken versunken sind, wird er dort bewahrt. Bei jenen, die sich dem Geschlechtsverkehr hingeben, tritt er aus, und ihre Geisteskräfte nehmen ab.

1936. Sie kennen die Zerstörung nicht, die das Vergeuden von Bindu bewirkt. Sie beschließen nicht, ihren Verfall durch entschlossene Willenskraft aufzuhalten. Wer so in diesem vergänglichen Körper zugrunde geht, erkennt die Art seines Untergangs nicht und gibt sie nicht auf.

Ergänzende Erklärung zu 1933–1936: Hier wechselt Bindu von der kosmischen Bedeutung zur samenbezogenen Körperlehre. Die Umwandlungszeiten und behaupteten Folgen des Samenergusses gehören zur vormodernen Physiologie der Vorlage; sie sind keine gesicherten medizinischen Tatsachen.

1937–1950: Bindu bewahren – überlieferte Sexual- und Yogalehre

Ergänzende Erklärung: Der Abschnitt richtet sich überwiegend an männliche Übende und enthält asketische Wertungen sowie Regeln zur Sexualität und Zeugung. Er wird vollständig als historischer Lehrtext übersetzt. Seine Kalenderregeln sind keine verlässliche Methode zur Empfängnisverhütung oder Familienplanung. Muhurta bezeichnet eine traditionelle Zeiteinheit.

1937. Blicke nicht auf Frauen, die dich voller Lust ansehen. Halte dich von ihnen fern. Entzünde das Kundalini-Feuer und lass dein Herz in göttlicher Liebe schmelzen. Entwurzele das böse Begehren, das der Anblick entzündet, und richte es auf die Quelle der uranfänglichen Kraft. Wer dies tut, ist wahrhaft ein Shiva-Yogi.

1938. Wer ein Sklave der Lust wird, lebt in beständiger Furcht. Sein Körper verfällt, sein Leben nimmt ab. Er empfängt keine Gnade und bleibt nicht im Shiva-Yoga.

1939. Wer mit Frauen schlafen möchte, beachte diesen Rhythmus: Von den beiden Mondphasen sind die ersten acht Tage des zunehmenden Mondes für die Vereinigung nicht geeignet. An den übrigen sechs Tagen und an den ersten sechs Tagen des abnehmenden Mondes kann er sich vereinen.

1940. Wer Yoga übt, meide den fünften, sechsten und elften Tag nach der Menstruation der Frau. Die anderen, die Genuss suchen, nehmen die sechs Tage in der Mitte der folgenden drei Wochen.

1941. Wenn sie sich zur Vereinigung entschließen, geschehe sie vier Muhurtas lang. Nach den Vorschriften der Kama-Shastras sollen sie den Geschlechtsakt vollziehen. Wenn die Mond-Kalas der linken Nadi hell leuchten und der Atem in der Sonnen-Nadi schwach fließt, lasse Bindu austreten, den Atem anhaltend, durch das rechte Nasenloch atmend und das linke beruhigend.

Quellenhinweis zu Vers 1941: Die Atemangaben der englischen Vorlage sind nicht eindeutig miteinander vereinbar. Sie werden nicht zu einer eigenen praktischen Technik ergänzt.

1942. Umarme die junge Frau und vereine deine fünf Sinnesorgane mit ihren fünf. Doch sei in deiner Leidenschaft für sie losgelöst. Wie Sinne, die zu Gott hin verwandelt werden, sei ruhig, nicht erregt. Beherrsche Atem, Sinne und Geist; gesammelt sei dein Gedanke. So lasse deinen Bindu austreten.

1943. Schöne Zuneigung, Schönheit und Jugend, wohlgeformter Körper, korallenrote Lippen und schwellende Brüste: Wenn du dich mit einer solchen Frau vereinst und Bindu austreten lässt, tue dies mit nach innen gerichteten Sinnen.

1944. Nach dem Austreten untersuche die Gesetze der Empfängnis: die Zeit der Vereinigung, Schwangerschaft und Geburt, die Lebensdauer und den Tod des Kindes, seinen guten und schlechten Charakter. Dies bestimme im Einzelnen.

1945. Nachdem du dies untersucht hast, halte dich von weltlichen Angelegenheiten fern und verlasse die Frau mit den schön geformten Brüsten. Suche keine weitere Vereinigung. Innerhalb von zwei Monaten wird das Kind Gestalt annehmen, und alles weitere Berechnete wird folgen.

1946. Ohne jene, die Samen pflanzen, gibt es keine künftige Ernte. Ohne jene, die Samen pflanzen, gibt es keine große Weisheit. Erkennen sie den Keim des Keimes mit Gewissheit, bleibt ihr Körper bewahrt wie eine Mangofrucht in einem aufgehängten Gefäß.

1947. Der Herr sorgt sich sehr um den Keim im Mutterleib. Schon im Keim bestimmt er vorausschauend Geschick und Lebensdauer. Da der Keim selbst der ursächliche Gedanke ist, ist es bloß ein Fantasiegebilde, Ursache und Wirkung äußeren Faktoren zuzuschreiben.

1948. Bleibt Bindu im Körper bewahrt, nimmt das Leben nicht ab. Große Stärke, Energie, wacher Verstand, Askese, Kontemplation und Schweigen sowie bleibende Siddhis werden erlangt, wenn Bindu wahrhaft bewahrt wird.

1949. So bewahrend entzünden sie das Kundalini-Feuer und führen es durch die Sushumna nach oben bis zum Zustand der Erleuchtung. Dort trinken sie den Nektar, der aus dem inneren Mond fließt. Wer dies ununterbrochen tut, ist wahrhaft ein echter Shiva-Yogi.

1950. Der Yogi, der Wissende, der hohe Siddha und der Bhoga-Yogi, der zugleich König der Wissenden ist: Sie alle kosten, obwohl von Leidenschaften bedrängt, den inneren Nektar auf yogische Weise. Helden sind sie wahrhaft alle, die Bindu bewahrt haben.

1951–1963: Die Verwandlung von Bindu im Kundalini-Feuer

1951. Der feurige Bindu oben ist der kosmische Körper des Herrn. Der hier unten vergeudete Bindu ist der individuelle Lebens-Prana. Wenn sie beide verbinden und im Kundalini-Feuer verbrennen, trinken sie den Nektar selbst. Dies ist die Weisheit wahrer Yogis.

1952. Unwissend vergeuden die Menschen ihn täglich; von den Sinnen zerstört weinen sie vor Schmerz. Wenn sie weise und bewusst den höchsten Yoga üben, wird Bindu im Göttlichen aufgenommen.

1953. Betrachtest du Frauen als Boten des Todes, vergeht die Liebesleidenschaft. Es gibt keinen Tod. Durch unzählige Weltalter wirst du im göttlichen Licht sein, von deinen Unreinheiten für immer vollständig befreit.

Ergänzende Erklärung zu Vers 1953: Die frauenabwertende Aussage ist eine asketische Zuspitzung der Quelle, keine heutige Bewertung von Frauen durch diese Ausgabe.

1954. Wer Bindu bezwungen hat, hat die Zeit bezwungen. Wer Bindu vergeudete, starb vor seiner Zeit. Sie wissen nicht, dass bewahrter Bindu mit der Zeit mit Kundalini eins wird, wenn der Atem yogisch beherrscht wird.

1955. Wenn du die Liebe einer Frau stark erregen möchtest, reinige sie am Tag vor dem Geschlechtsverkehr von Darminhalt, Schleim und Galle. Dann umarme sie in der Vereinigung.

Quellenhinweis zu Vers 1955: Die knappe vormoderne Reinigungsvorschrift nennt keine verlässlich bestimmbaren Verfahren. Es werden keine Methoden oder Mittel hinzuerfunden.

1956. Führe den Prana-Atem mit geeigneten Mitteln durch die Sushumna nach oben zu Bindu und Nada, die in der Schädelsphäre aufsteigen. So erreichst du den göttlichen Nektar. Halte daran fest. Dieser Bindu löst sich untrennbar in dir auf, sodass deine Täuschungen verschwinden.

1957. Das Reifen von Bindu, das volle Ergebnis dieses Reifens, die schlimmen Folgen seines Vergeudens, der Segen seines Bewahrens, der daraus folgende Nada und die Verwandlung durch Nada: Wer all dies erkennt, hat wahrhaft Bindu bezwungen.

1958. Den Bindu, der Keim ist, verbrenne auf rechte Weise im Kundalini-Feuer, das aus dem Muladhara flammt. Führe ihn hinauf in die innere Sonnensphäre und berühre die darüberliegende Mondsphäre. Dort ist wahrhaft der göttliche Nektar.

1959. Wenn der körperliche Bindu durch Yoga so vergeht, verwandelt er sich in den göttlichen Bindu der inneren nektarreichen Mondsphäre. Vergeht der körperliche Bindu im Kundalini-Feuer, fließen Nektarwasser und erfüllen den Körper. Dann ist wahrhaft nektarsüßer Shiva-Genuss da. So in göttlichen Nektarwassern gebadet erlangt der Yogi seltene Siddhis.

1960. Zwei Körper mögen sich vereinen. Wenn er dabei keinen Bindu ausstößt, geschieht diese Vereinigung auf yogische Weise. Dieser Genuss ist Shiva-Genuss, der wahre Genuss, in dem der Yogi nicht ausscheidet, um die Leidenschaft der unverständigen Frau zu stillen.

1961. Wer auf dem Yoga-Weg steht, lässt seinen Bindu nicht in Leidenschaft austreten, selbst wenn er sich mit Frauen vereint. Die Frauen, deren Lebensleidenschaft ungestillt bleibt, werden wahrhaft schmachten und welken, noch immer nach Liebe verlangend wie immer neue Liebende.

1962. Bezwinge Bindu durch die Kundalini-Shakti. Entfache das Feuer im Muladhara. Führe es gerade durch die mittlere Sushumna nach oben. Erreiche Nada und trinke den dort fließenden Nektar. Dein Bindu wird zum göttlichen Bindu.

1963. Wenn Bindu und Nada sich vereinen und das Kundalini-Feuer jede winzige Haarwurzel durchdringt, wirst du frei von allen Gedanken zu Shiva selbst. Dann stirbt der Bindu im uranfänglichen Bindu des göttlichen Körpers.

1964–1974: Bindu, Nada und die innere Sammlung

1964. Wer den Samen zerstampft und verzehrt, kennt das Gute der Ernte nicht. Anders ist jener, der ihn im Kundalini-Feuer röstet und im Körper aufnimmt. Er macht aus dem Samen keine Mahlzeit, sondern beendet den Keim der Geburt.

1965. Der Bindu, der Lebens-Prana ist, wird aufwärts geführt und mit dem göttlichen Bindu vereint, dem Schwan im Sahasrara. Dort in Nadanta vereinigt, wird der leuchtende Bindu im Körper aufgenommen.

1966. Der kosmische Schwan und der individuelle Prana: So ist Bindu für alle zweifach. Wer dies erkennt und den einen im anderen aufgehen lässt, den individuellen Prana im kosmischen Schwan, erlangt die acht Siddhis. Sein Körper glänzt wie Gold; er wird unsterblich.

1967. Intoniere im schweigenden Gedanken deines Lebensatems den Laut Shi, den ersten Laut des Panchakshara. Gehe in Aum auf, der Lautgruppe A-U-M. So erreiche Parashakti. Dies ist wahrhaft der Weg, Bindu zu bezwingen. Bewahre diese geheime Unterweisung.

1968. Dies ist die geheime Unterweisung. Keine andere gibt es. Er allein ist; nichts anderes ist da. Bindu steigt himmelwärts. Die vierzehn Organe, fünf Erkenntnissinne, fünf Handlungsorgane und vier innere Werkzeuge, stellen ihre Tätigkeit ein. Dann folgt Erkenntnis. Das ist wahrhaft der Shiva-Zustand.

1969. Aus der Vereinigung von Bindu und Nada wurde diese weite Schöpfung geboren. Sie ist Anfang und Ende allen Lebens und auch der großen Mantras. Wenn Bindu zur Ruhe kommt, ist Shivoham da.

1970. Röste Bindu, während der Geist sein Gleichgewicht gewinnt. Hebe ihn hoch zum Berg der Sushumna. So werden deine endlosen Karmas verbrannt. Dann kommt der Tag, an dem du die Feigenfrucht abpflückst, die unzählige Geburtssamen enthält.

1971. Wenn Bindu und Nada, zu einem vereint, in die innere Mondsphäre eintreten, quillt und fließt himmlischer Nektar. Das dort entstehende Mantra Aum ist die Opfergabe an den höchsten Herrn.

1972. Wenn der Geist in Bindu aufgeht, erheben sich Geist, Ohren und alle übrigen Organe gemeinsam, um das göttliche Ziel zu suchen. Wenn jedoch Gedanken, Klänge und Worte, die im Geist entstehen, Lust suchen, verwandelt er sich in dicke Flüssigkeit.

1973. Den Klang Nada, den Geist, der Klang wahrnimmt, und den Ort, an dem der Geist unabgelenkt Wahrheit erkennt: Diese kennen sie nicht. Die Wissenden kennen jenen Ort wahrhaft. Er ist der Sitz des Herrn.

1974. Erde ist dort, wo die Beine sind, im Muladhara. Am Nabel, im Svadhishthana, liegt der Wasserbereich. Unter der Brust, im Manipura, liegt das Feuer. Über der Brust, im Anahata, und unter den Schultern, im Vishuddha, ist Luft. Um den Hals und darüber hinaus, im Ajna, liegt der Raumbereich.

Quellenhinweis zu Vers 1974: Die Ortsangaben und Chakra-Zuordnungen folgen der englischen Fassung, auch wo sie von anderen verbreiteten Zuordnungen abweichen.

1975–1984: Die kosmische Sonne

1975. Die feurige Sonne und die übrigen Himmlischen umkreisen den schneebedeckten Meru-Berg. In Askese verehren sie die heiligen Füße des leuchtenden Herrn, damit sie selbst erleuchtet werden.

1976. Die Sonne ist Vishnu. Sie ist auch der heilige Shiva, der als Zuflucht der ganzen Schöpfung steht. Sie bringt den sieben Welten einträchtiges Wohlergehen. Sie ist der Anfang allen Lebens.

1977. Rezitiere in Liebe die tausend Namen der Sonne. Sie glüht in dir als göttlicher Funke. Die vedischen Verehrer beten; die himmlischen Unsterblichen rezitieren ihren Namen. Wahrhaft ist es der uranfängliche Herr, der alle segnet.

1978. Als die Tattvas steht er für die Welt da, als Shakti steht er für die Welt da. Er allein ist Shambhu, das unerschaffene Wesen. Für die Welt ist er auch der Mond von sanftem göttlichem Licht.

1979. Über dem Dreieck des Muladhara, über dem Sechseck des Svadhishthana, über dem Doppelkreis des Manipura, im bewegten sechzehnblättrigen Vishuddha-Zentrum: Dort erhebt sich wahrhaft die innere Sonne.

1980. Die Sonne ist im Inneren. Wenn ihre Strahlen auf das Muladhara-Dreieck fallen, empfängt es vier Kalas. Wenn ihre Strahlen auf Vishuddha treffen, leuchtet dieses mit sechzehn Kalas.

1981. Wenn du die Sonnensphäre erreichst, sinken deine weltlichen Gedanken in Dunkelheit. Die vier Erkenntniswerkzeuge streiten nicht mehr. Shakti im inneren Licht offenbart die Wahrheit der Veden. Doch ach, ihr sucht nicht zu verstehen!

1982. Unter dem Erdzentrum Muladhara nimmt die Sonne ihren Weg. Unsichtbar ist sie wahrhaft zwischen dem inneren Feuerzentrum Manipura und dem Wasserzentrum Svadhishthana.

1983. Die Erde des Muladhara durchbrechend dringt sie weiter in die inneren Adharas vor, die Himmel, Vishuddha, und Raum, Ajna, sind. Sie ist die Quelle der Freude, die das Auge blendet. Wahrhaft antwortet sie auf liebevolle Kontemplation.

1984. Den Weg der Sonne, die das Muladhara durchdringt, kennt keiner, der nur in weltlichem Wissen bewandert ist. Sie umkreist den Meru-Berg, den Sahasrara des unbesiegbaren Herrn, so sagen sie. Nur jene, die die Wahrheit verwirklicht haben, kennen ihre wirkliche Wohnstatt.

1985–1992: Die Sonne im Körper und im Geist

1985. Im Stehen, Sitzen, Gehen und Liegen stand der gütige Nandi unablässig in meinen Gedanken. Vernichte deine Unreinheiten und steige durch die mittlere Sushumna in den Adharas auf. Dort wirst du die Sonne schauen, die im Inneren in unvergleichlicher Helligkeit leuchtet.

1986. Wer durch die Adharas aufsteigt und den Ruheort der inneren Sonne erreicht und schaut, gehört wahrhaft zu den Selbstverwirklichten. Wer davon abweicht und beliebig redet, ist von Dunkelheit umhüllt wie beim Versinken der äußeren Sonne unter den Horizont.

1987. Sie durchdringen die Adharas nicht, durchsuchen die innere Welt nicht und wissen nicht, wo in ihrer Mitte die Sonne ist. Für jene, die ihren verborgenen Ort kennen, schmilzt mein Herz in Liebe.

1988. Die leuchtende Sonne wird taufrisch kühl, wenn der Mond seine entgegenkommenden Strahlen ausbreitet. Im Licht, das aus ihrer Vermischung entsteht, leuchtet mein sehnsüchtiger Prana als Strahl. Das ist wahrhaft der Vollmond meines Lebens.

1989. Wenn zuerst die Mondstrahlen auf die Sonne fallen, ist dies die rechte Ordnung. Wenn die Mondstrahlen auf die Sonne treffen, ist dies wahrhaft göttlich. Wer in jenem mystischen Land, wo die beiden Strahlen sich mischen, das Licht sieht, ist Shiva selbst geworden.

1990. Mit den drei Kalas von Sonne, Mond und Feuer entsteht eine weitere Kala aus der Vermischung ihrer Strahlen. So sind es vier Kalas. Wenn Sonne, Mond und Feuer ihre Strahlen mischen, ist Vollmond im Inneren. Erkenne dies.

1991. Das Licht, das jenseits der beiden Gestirne leuchtete, ist ein Licht, das niemand in irgendeinem Bereich wahrnehmen kann. Es ist ein Licht, das das kosmische Universum durchdringend strahlte. Wer kann ihm nahekommen, wer es wahrnehmen!

1992. Die neun Himmelskörper kreisen um die Erde; doch keiner der neun kennt den Herrn. Wohl mögen sie ihn günstig stimmen, seine Gnade aber empfangen sie nicht. Ohne Seligkeit, von Dunkelheit umgeben sind sie.

Ergänzende Erklärung: Die neun Himmelskörper gehören zur traditionellen kosmologischen Vorstellung des Textes. Die Aussage ist keine moderne astronomische Beschreibung.

1993–2004: Erkenntnissonne und Shiva-Sonne

1993. Bindu entfaltet sich zweifach, als Apara und Para. Apara wird zum höchsten Nada. Aus dem höchsten Nada entstehen die höchsten Kalas. Mit ihnen dämmert die innere Erkenntnissonne.

1994. Der Klang, der beim Aufgang der inneren Sonne entsteht, geht aus dem höchsten Nada hervor. Die fünf Klangformen, Vaikhari und die übrigen, die zum höchsten Bindu gehören, entstehen in den fünf Kalas, eine in jeder.

1995. Er ist der Herr der Devas und erschafft die zehn Richtungen. Seit alters preisen sie ihn als Herrn der Drei. Auch der Herr der Vier ist er. In ihnen steht er als das Wesen der Mitte. So sprechen wahrhaft die unsterblichen Himmlischen.

1996. Er ist die Wahrheit, nicht unwirklich. Er ist der Herr des Universums, mein Vater. Er ist Sonne, Mond und Feuer, die Dunkelheit vertreiben. Auch die Dunkelheit des Karmas vertreibt er. Der heilige Nandi erschien mir, um die Dunkelheit meiner niederen Wünsche zu vertreiben.

1997. Mit seinen unvergleichlichen Strahlen vertrieb er meine Dunkelheit. Der Honig der göttlichen Frucht floss im Inneren. Mit gütigen Strahlen leuchtend stand er als Herr des Kailasa da. Auch in mir stand er hoch als strahlendes Licht.

1998. Sein blendendes Licht verbreitet sich als wahre Weisheit. Ungehindert dringt es in alle Welten ein. Es ist das alles durchdringende Licht, das niemand ergründen kann. Wer erkennt es als das höchste Licht!

1999. Die Sonne, die am weiten Firmament aufgeht, steht auch im Inneren und sendet göttliche Strahlen aus. Beständig durchläuft sie die acht Richtungen. Doch in denen, die die Wahrheit erkennen, steht sie für immer unverrückbar im Inneren.

2000. Im Nabel, im Auge, an der Nasenspitze, zwischen den Augenbrauen und im Scheitelinneren: An diesen fünf Orten wohnt der Herr als göttliches Licht. Er ist der eine Herr, den die Devas als drei sahen: Brahma, Vishnu und Isha.

2001. Die Dunkelheit widerstreitender Bindung und die weite Unwissenheit fliehen rasch vor Shivas Erkenntnislicht. Ebenso flieht die finstere Dunkelheit vor der leuchtenden Sonne, wenn sie aufgeht.

2002. In einem Gefäß nach dem anderen erscheint die Sonne. Du magst die Gefäße verschließen, doch fängst du sie darin nicht ein. Ebenso kannst du den Herrn, der das Gift schluckte, nicht in diesem Körper einschließen, wenn er eintritt. Er durchdringt alles.

2003. Er selbst steht als die drei Lichter Sonne, Mond und Feuer in einem da. Er selbst steht als Brahma und Vishnu fest. Er selbst steht als Leben und Körper ununterscheidbar da. Er selbst ist Raum, Licht und auch Dunkelheit.

2004. Göttliches Feuer, Sonne und Mond, Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum sowie die unzählige Schöpfung: Dies sind Shivas uralte Wohnstätten. Die fünf Götter Brahma, Vishnu, Rudra, Mahesha und Sadashiva sind in den Veden mit ihren sechs Hilfswissenschaften.

Quellenhinweis: Nach 2004 wiederholt die englische Zusammenstellung den bereits nummerierten Vers 1990. Dieser redaktionell eingeschobene Doppelblock wird hier nicht nochmals übersetzt.

2005–2016: Das Wesen der Seele

Ergänzende Erklärung: Die Vorlage wechselt zwischen Jiva, der individuellen Seele, und Pashu, der gebundenen Seele; Pashu bedeutet auch Tier beziehungsweise Vieh. Daraus entstehen die Kuhgleichnisse. Die kurzen Abschnitte über Jiva-Prana, Seele und Pashu sind hier in ihrer ursprünglichen Reihenfolge zusammengeführt.

2005. Den Einen, den ich in Kontemplation erkenne, das eine Höchste, das die Veden preisen, das unsterbliche Licht in mir: Ihn schaute ich als göttlichen Schwan, als höchsten Bindu.

2006. Zwei Schwäne sind am Ufer des Lebensflusses. Die beiden kennen keine Trennung. Sagt ein Jiva, er bestehe für sich allein, empfängt dieser törichte Schwan keine Gnade.

2007. Vaikhari und die übrigen Klangformen, Ichhaftigkeit und die übrigen Unreinheiten, Purusha und die übrigen täuschenden Tattvas: All dies erschuf der wahre Herr seit unvordenklicher Zeit, indem er Erkenntnis- und Handlungskraft wirksam werden ließ.

2008. Der Herr ist der Anfang von allem, das Atom im Atom. Teile ein Atom im Atom in tausend Teile. Wer so jenes Atom im Atom teilen kann, mag dem Herrn nahekommen. Er ist wahrhaft das Atom im Atom.

2009. Winzig wie der Same des weit ausladenden Banyanbaumes ist das Atom, das Jiva heißt. Wird dein Weg durch Erkenntnisfeuer gereinigt, können die dunklen Bindungen, die dich verderben, vertrieben werden. Suche den göttlichen Weg, den der tanzende Herr dir zeigt.

2010. Er im Atom Jiva und das Atom Jiva in ihm stehen miteinander vermischt. Dies erkennen sie nicht. Der unvergleichliche Herr durchdringt alles ununterbrochen in der gesamten Schöpfung.

2011. Von der Größe des Jiva ist dies zu sagen: Teile ein weiches Kuhhaar in hundert winzige Teile und jeden Teil wiederum in tausend. Die Größe des Jiva ist die eines dieser hunderttausend Teile.

2012. Unendlich groß ist mein Herr. Dennoch wohnt er durchdringend in der Kleinheit dieses Körpers. Er ist der höchste Herr, den die Himmlischen nicht erkennen können. So weit deine Askese reicht, so weit wird er erkannt.

2013. Du magst dem Yoga nicht zugeneigt sein. Doch wenn dein erleuchteter Guru dich unterweist, kannst du ihn dennoch vollbringen. Bleibe darum durch mehrere Leben beharrlich. Wenn Shiva dich so üben sieht, wird seine Gestalt in deinem Denken erscheinen.

2014. Von den Erscheinungen des Ichs wirst du bedrängt. Wenn aber der erleuchtete Guru dich durch seine Gnade erhellt, enden all deine Schwierigkeiten. Der in Erkenntnis erleuchtete Jiva erreicht den Turiya-Zustand.

2015. Die gelehrten Kühe, die Jivas, mögen brüllend umherziehen. Die von Macht berauschten Kühe mögen stolz ihre Abzeichen zeigen. Kostbar aber ist ein Topf Milch, die Erkenntnis, den die guten, reifen Kühe, die Wissenden, geben. Die übrigen sind wahrhaft unfruchtbare Kühe.

2016. Was tun mit jenen Kühen, die im Hinterwald der Wünsche grasen? Bringe sie darüber hinaus zu den Füßen des Herrn. Schule sie auf höheren Wegen. So führe die Herde. Bis dahin wenden sich ihre Gedanken nicht vom Hinterwald weltlicher Freuden ab.

2017–2022: Der Herr als Spender des Erkenntnislichtes

2017. Jiva und Shiva sind nicht getrennt. Der Jiva kennt Shiva nicht. Wenn der Jiva Shiva erkennt, wird der Jiva zu Shiva.

2018. Der tanzende Herr ist das gütige Licht, das freudige Licht der ganzen Schöpfung. Er trägt die vielhäubige Schlange mit edelsteingleich leuchtenden Augen. Er ist die Fülle der Lichter, die alles überschaut.

2019. Er ist alle Erkenntnis, frei von Unwissenheit. Ohne Hilfe der Sinnesorgane leuchtet er aus sich selbst. Er selbst ist Erkenntnis und auch der Erkennende. Auch der Jiva ist er. Alles durchdringend steht er da.

2020. Mir, der die Wahrheit der sechs mal sechs Tattvas nicht kannte, lehrte der berühmte Nandi ihre Wahrheit. Als ich durch seine Gnade die Wahrheit der sechs mal sechs Tattvas gelernt hatte, stand er jenseits dieser Tattvas.

2021. Sie erkennen ihn nicht als Gnade, die Shiva ist. Sie wissen nicht, wie sie die fünf Unreinheiten ablegen können. Sie vollziehen verschiedene Askesen und verlieren sich in Zerstreuung. Sie suchen nicht die Wahrheit, die immer neu ist.

2022. Sie bedenken nicht die göttlichen Handlungen, die der Herr täglich vollzieht. Sie bedenken nicht sein tägliches helfendes Wirken. Täglich schenkt der Herr den Guten seine Gnade. Wer dies nicht weiß, sucht ihn nicht täglich, in endlose Alltagskarmas verstrickt.

2023–2030: Die Macht der fünf Sinne

2023. Fünf Elefanten, die Sinne, sind in Brunft. Ihre Erregung nimmt zu; sie bleiben nicht an den göttlichen Pfahl gebunden. Wenn der Elefantenführer, der Jiva, ermüdet und auch die Elefanten ihre Kraft erschöpft haben, wenden sie sich dem Yoga zu. Warum sie so lange warten, wissen wir nicht!

2024. Wenn der Reiter, der Jiva, das ruhelose Ross der Sinne nicht durch aufmerksames Lernen heiliger Lehre und yogische Atemführung schult, nimmt es seinen eigensinnigen Weg. So fest der Reiter auf seinem Nacken sitzen und so hart er es bestrafen mag, das Tier bewegt sich nicht vorwärts.

2025. Fünf sind die Sinnesorgane, fünf die Sinnesvögel, die Erkenntnisorgane. Fünf sind die Felder, die Sinnesqualitäten, auf denen sie Nahrung suchen. Fünf sind die Wasser, die Handlungsorgane, und fünf ihre Tätigkeiten. Doch stammen sie aus einer Linie. Einer ist der Jäger, der Jiva, der sie zusammentreibt. Neun Ausgänge hat der Körper, in dem er leidend umherwandert.

2026. Fünf Löwen streifen durch den Wald. Die fünf suchen Beute und sättigen sich; in ihre Höhlen kehren sie zurück. Wenn du den fünf die Krallen und Zähne ziehst, wirst du gewiss den Herrn erreichen.

2027. Fünf sind die Minister; sechsundneunzig Tattvas sind in ihnen. Die fünf und ihre Nachkommenschaft wollen über dich herrschen. Stehen sie in feuriger Leidenschaft, ist wahrhaft endlos der Tribut, den wir ihnen zahlen müssen.

2028. Ich preise nicht täglich das heilige Licht. Ich spreche nicht von Shakti im Inneren. Ich bezwinge die fünf Sinne nicht. Wie ein mörderisches Ross, das kopflos dahinstürmt, bin ich wahrhaft.

2029. Unzählige Löcher hat die dunkle Kammer dieses Körpers. Laufe ich mit diesen unzähligen Löchern der Wünsche umher, wird mein Los fehlerhaft sein. Läufst du nicht mit den unzähligen Wunschlöchern umher, ist die erlangte Seligkeit wahrhaft unzählbar.

2030. Aus der Kraft ihres Karmas entsteht das Leben hier unten. Aus der Kraft ihrer Gebete entsteht das Leben im Himmel oben. Aus der Kraft ihrer Weisheit entsteht das höhere Menschenleben. Wahrhaft entsteht ihre Lebensweise aus der Kraft der Gnade.

2031–2043: Die Sinne auf den Herrn ausrichten

2031. Eine Elle tief, eine halbe Elle im Durchmesser: So rund ist der Körperteich gestaltet. Der Fischer, der Herr, breitet sein Netz aus. Viele Fische der Wünsche fing er. Keine Schwierigkeiten begegnen mir mehr.

2032. Die bewegten Sinne wohnen im Körper. Wer sie beherrscht, ist wahrhaft unsterblich. Wenn deine Gedanken die beiden Freuden Nahrung und Sexualität suchen, dauern sie nur so lange, wie dein Atem dauert.

2033. „Beherrscht, beherrscht die fünf Sinne!“, sagen die Unwissenden. Niemand, nicht einmal die Unsterblichen, beherrscht die fünf Sinne. Wenn du sie unterdrückst, bist du wahrhaft eine leblose Masse. Ein anderer Weg steht offen: Richte sie veredelnd auf den Herrn aus. Diesen Weisheitsweg habe ich gelernt.

2034. Laut brüllen die Elefanten in dreifacher Brunft, den Bindungen. Ich setzte den Erkenntnisstachel ein, um sie zu beherrschen. Doch sie tobten und entflohen wütend. Sie wurden fett, richteten Verwüstung an und zerstörten die süßen Zuckerrohrfelder der guten Eigenschaften.

2035. Wenn du die fünf Sinne verwandelst und höher ausrichtest, gehören dir alle Welten. Das ist seltene Askese; das sind auch die Füße des Herrn. Wahrhaft ist dies der Weg, Gnade zu empfangen.

2036. Warum lange schwätzen? Warum an die Luftspiegelung denken? Der Gedanke ist der Keim aller Dinge. Weite deinen Gedanken, und die Dinge weiten sich. Nimm deinen Gedanken zurück. Das ist alles, was dazu zu sagen ist, für jene, die darüber nachdenken.

2037. Wohl wissend, wie erschöpft du bist, kommt der Herr in den Körper, damit die Seele sich auf ihn stütze. Um die fünfköpfige Schlange zu bändigen, die in Bindung zusammengerollt liegt, stellt er von makellosem Ruhm die hohle Sushumna in der Mitte bereit.

2038. Binde die springenden fünf Sinne an den Pfahl der erhellenden Erkenntnis. So erlangst du die Gnade, die Seligkeit ist. Dies ist der uralte, hohe und wahre Weg.

2039. Denke täglich an den lebendigen Nandi. Bändige sanft deine ablenkenden Gedanken. Führe deine Gedanken durch Muladhara. Dann werden deine Gedanken zum Tempel, von Norden nach Süden ausgedehnt.

2040. Die Stunden eilten, viele Tage vergingen. Wie Schrift auf Wasser ist dein Besitz vergänglich. Bezwinge die Sinne und lass rasch los. Selbst wenn dann deine Schwierigkeiten wie Berge auf dich zurollen, kannst du sie wahrhaft sanft tragen.

2041. Preise die heilige Gestalt des Reinen. Preise ihn und erlöse die Sinne durch Einsicht. Wenn dein Herz in Liebe überquillt, wirst du mit ihm eins, dem Herrn der vier Richtungen und der Wesen in allen übrigen.

2042. Niemand erkennt, dass die fünf Sinne, die im Körper das Denken gefangen nehmen, einen langsam verzehren. Nimm sie nicht leicht und rede nicht bloß darüber hinweg. Sie gleichen wahrhaft einem Gebirge, das von dunklen Wolken bedeckt ist.

2043. Es gibt nichts, was du aufgeben musst. Die fünf Sinne sind trügerische Organe, die entstanden, um fünf Begierden zu befriedigen. Erreiche ihn in deinen Gedanken und preise ihn mit süßen Liedern.

2044–2048: Kennzeichen eines ungeeigneten Gurus

2044. Ein Tor ist er, ohne Weisheit. Wahrheit hat er nicht verwirklicht. In den Wegen der Veden und Agamas ist er nicht bewandert. Demut besitzt er nicht; schlecht spricht er von Gott. Weltliches Leben ist sein einziges Anliegen. Das ist wahrhaft der unheilige Guru.

2045. Mantra, Tantra, großer Yoga und Erkenntnis, Bindung und Befreiung: Dies wollen die Heiligen verstehen. Die unheiligen Gurus suchen diese Dinge nicht. Zweifel klären sie nicht. Auf Nahrungssuche sind sie. Wahrhaft blind sind sie.

2046. Ein Tor ist er, ein großer Tor. Den Weg des Werdens kennt er nicht. Ein niederträchtiger Mensch, von Leidenschaften nicht befreit, lehrt er niedrige Menschen niedrige Dinge. Ohne Erkenntnis ist er kein erhabener Lehrer: der unheilige Guru.

2047. Lehrt ein Lehrer, ohne die trügerischen Gedanken zu vertreiben, die die Einbildung hervorbringt, verliert er den Glauben an das Göttliche. Er wird sich selbst zum Feind und dem König und Königreich zum Übel. So erklärte Nandi seit alters.

2048. Der Blinde, der Blinde führt, fällt zuerst in die ewige Grube. Dann fallen auch die törichten Schüler. Schließlich fallen sie alle ungeordnet zusammen, der führende Blinde und die geführten Blinden, ununterscheidbar miteinander verworren.

2049–2060: Kennzeichen des heiligen Gurus

2049. Seine Füße auf mein Haupt setzend segnet mich der Meister. Er ist der heilige Guru; er wirkt meine Selbstverwirklichung. Er führt den Jiva in den Zustand jenseits der Tattvas und bändigt meine Bindungen. All dies vollbringt er, der die Wahrheit selbst ist.

2050. Aus ihren Karmas löste er seine Schüler. Mit seinen Füßen auf ihren Häuptern segnete er sie und vertrieb ihre unheilvollen Sterne. Die Todesboten hielt er von ihnen fern. Die Leiden endloser Geburt beendete er für sie.

2051. Schwarzes Eisen, in Gold verwandelt, wird nicht wieder zu schwarzem Eisen. Ebenso kehrt einer, der einmal die Gnade des Gurus empfing, nicht zur Geburt zurück.

2052. Er befreit dich von Bindungen und entfernt deine Unreinheiten vollständig. Er lässt dich den Herrn in Liebe suchen. So sind die makellosen heiligen Gurus. Wer am Streit seine Freude hat, ist kein erleuchteter Guru.

2053. Ein reines Wesen ist er, so liebenswert. Er kann dir Liebe geben, die von Unreinheiten frei ist. Unsterblich ist er, heilig ist er. Er prüft die Eignung seiner Schüler. Wer von Unreinheit befreit ist, dem schenkt er seine Gnade, der hohe Meister.

2054. Alles, was der Alchemist berührt, wird zu Gold. Ebenso werden die vom Guru gesegneten Jivas zu Shiva, von den drei Unreinheiten befreit.

2055. Der heilige Guru steht als Shiva selbst da. In seiner Gegenwart erlangt der Jiva Selbstverwirklichung. Wenn du deine Selbstverwirklichung suchst, denke im Inneren an ihn als Shiva im fleischlichen Körper.

2056. Den Weg der Geburt, den Weg des Todes, den Weg des Ichs sehen sie; doch den anderen Weg sahen jene nicht, die den Geburtsweg sahen. Den großen Weg, von dem Nandi spricht, kannst du erreichen, wenn du deinem heiligen Guru folgst.

2057. Ein heiliger Guru ist jener, der in der von Veden und Agamas beschriebenen Seligkeit entrückt in Shiva-Yoga eintritt. Alle Gedanken stillend entfernt er die Fessel der Bindung und führt dich zum Herrn.

2058. Er offenbart das Wirkliche, Unwirkliche und Wirklich-Unwirkliche. Er führt Chit, den Jiva, und Achit, die Tattvas, in Shiva-Para. Selig sind die Worte des gesegneten Gurus, jenseits von Rein und Unrein.

2059. Durch die Empfindungen der Bindung entstehen die fünf Unreinheiten. Die Füße des Gurus in tiefer Liebe verehrend, in dreifachem Turiya-Bewusstsein gereinigt, erreichen sie den höchsten Zustand. Sie allein sind wahre Übende.

2060. Mächtig sind die Sinne; aus ihnen entstehen lustvolle Empfindungen. Wenn der Jiva schweigend im Selbst zur Ruhe kommt und hoch emporsteigt, erreicht er den Shiva-Zustand. Alles ist allein das Spiel Shivas und Shaktis.

2061–2066: Das Wirken des Herrn an der Seele

2061. Den Jiva den Geburtsleiden übergeben, ihn durch sanfte Hilfe retten, ihm angemessene Stellungen zuweisen, ihn in Erkenntnis einweihen, ihn erlösen und in Befreiung verankern und ihn zuletzt in mystisches Schweigen versetzen: All dies ist allein das Werk des Herrn.

2062. Der fleischliche Körper ist die Arena des göttlichen Spiels. Der Herr vermittelt dem Jiva klare Erkenntnis von Bewusstem und Unbewusstem, reinigt ihn, wischt seine Unreinheiten ab und führt ihn dem Wirklichen zu, damit er wie er selbst die fünf Handlungen vollziehe. Dies ist das Spiel der Gnade des Herrn.

2063. Jenseits des Zustandes göttlicher Herrschaft, des Shiva-Zustandes, gibt es nichts. Erkenne dies und bleibe immer in tiefer Liebe zum Herrn. Mein Herr ist der Reine, der in Liebe wohnt. Er erhellte alle Richtungen.

2064. In der Schädelsphäre, wo die Girlande scharlachroter Rubine leuchtet, stand er, das unvermischte Gold. Dort quoll der göttliche Nektar auf. Wer ihn trank, beendete seinen Geburtenkreislauf. Wer ihn nicht trank, blieb nur zum Schlemmen zurück.

2065. Um vom Wirklichen, Unwirklichen und Wirklich-Unwirklichen zu befreien und hier die Bindungsfesseln zu zerschneiden, setzte er die reine und die unreine Maya in Tätigkeit. Er verband beide mit dem Jiva und vermittelte auch das unvergleichliche Erkenntnislicht, der Herr.

2066. Der Aufstieg durch die Adharas verbrennt die Unreinheiten. Das endlose Rezitieren seines Namens vertreibt die Dunkelheit der Unwissenheit. Bedränge die Bindung, die der Jiva ererbt hat. So suche Befreiung. Wahrhaft ist der Herr der höchste Guru.

2067–2083: Unheiliges Verhalten und der innere Zeuge

2067. Im Gedanken, niemand sehe zu, vollbringen sie viele böse Taten. Tatsächlich gibt es keinen Ort, an dem der Zeuge nicht ist. Der Herr durchdringt alles und sieht alles. Wer den Zeugen sah, gab alle bösen Taten auf.

2068. Der diese meerumschlossene Welt erschuf, weiß alles. Viele Lügen sprechen die Menschen. Mögen sie die Wahrheit sagen: Er wird die Himmlischen dazu bringen, sie zu ehren, er mit der glänzenden dunklen Kehle.

2069. Sie verkaufen Gottes Liebe und machen ein tägliches Geschäft daraus. Von Stolz erfüllt bleiben sie im Geburtenwirbel. Wer den Bindu-Samen zerstampft und verzehrt, verwüstet das Körperland. Für den Gottentrückten aber gibt es wahrhaft für immer keine Geburt.

2070. „Norden, Norden“, sagen sie. Im Norden ist nichts. Ohne Erkenntnis wandern sie nach Norden. Für jene, die wirklich Wissen besitzen, ist die ganze Welt des Nordens in ihrem Herzen enthalten.

2071. Der dieses Körpergemisch schuf, dieses Körperland trägt und in diesem Körper leuchtet, ist Nandi. Ihn suchen sie in allen Ländern. Sie wissen nicht, dass er im Körper steht.

2072. Deinen Augen sichtbar erhebt er sich in deiner eigenen Handfläche. Alles überschauend steht er in deinen Gedanken. Als Licht in deinen Augen lenkt er deinen Weg. Er ist verkörperte Liebe, die immer über dich wacht.

2073. Die jungfräuliche Shakti auf der einen Seite, die Gelehrten auf einer anderen, die standhaften Asketen auf einer weiteren und die Selbstverwirklichten auf noch einer: So sitzt der Herr. Wie kommt es, dass sie seine wahre Natur nicht kennen!

2074. Das Auge, das nicht sieht, ist vom Star der Unwissenheit bedeckt. Der Herr ist das ungesehene Licht auch für jene, deren Augen kein Sehvermögen haben. Er ist das göttliche Auge auch für jene, die ihn nicht gesehen haben. Wer ihn mit dem inneren Auge sah, hat wahrhaft die Wahrheit geschaut, von aller Täuschung frei.

2075. Wie ein geistig Verwirrter durch verabreichte Arznei klar wird und sein wahres Selbst erkennt, wie ein Auge sein Sehvermögen zurückgewinnt, so wurden meine Gedanken ruhig, als Nandi mir seine Gnade schenkte, zum handlungslosen Zustand erhoben.

2076. Die acht Richtungen bewegten sich, und der Herr durchdrang sie alle. An diese Allgegenwart denken sie nicht. Aus ihrer Erstarrung erwachen sie nicht; betrunken sind sie von ihren berauschenden Karmas. Siehe: Jeden Gedanken an das Werden zum Göttlichen haben sie für immer aufgegeben.

2077. Die beiden, Ich und Du, standen in Vereinigung als eines, ununterschieden im Einswerden. Für sie gibt es keine Zwei mehr, Ich und Du. Wer von Ich und Du als zweien spricht, für den bleibt er als Ich und Du für immer zweifach: er, das Wesen, das eines und noch über dem Einen ist.

2078. Wenn das Leben schwindet, wo bleiben die Empfindungen? Ist das Bewusstsein verloren, fällt der Körper. Leben und Körper gedeihen als eines. Diesen Zustand kennen sie nicht.

2079. Prana unterscheidet sich vom alles durchdringenden Bewusstsein. Wenn du erkennst, was Prana ist, wirst du erkennen, was Bewusstsein ist. Bewusstsein ist das Wissen, das den Körper durchdringt, nicht Prana. Der in diesem Bewusstsein wohnt, ist der große Herr. Das wissen sie nicht.

2080. Er ist der Achsstift der Welt, das strahlende Licht, der wahre Siddha. Er durchdringt die fünf Elemente, Erde, Himmel und die übrigen. Er ist der Herr der Devas und steht mit Shakti da. Ihn mit hohen Worten zu preisen heißt, dein Selbst zu erkennen.

2081. Er ist das unvergleichliche Licht und das Ende von allem. Er ist das strahlende Licht, das Ziel des fleischlichen Körpers und aller Welten. Die weltlichen Freuden sind dir honigsüß. Gib sie auf: Der Herr grenzenloser Güte schenkt dir seine Gnade.

2082. Er ist dein Anfang und das Leben in deinem fleischlichen Körper. Er ist der Gott auf dem Kailasa-Berg. Niemand kennt seinen Plan. Wenn der Uranfängliche dich lenkt und dein Ich ganz ausgelöscht ist, erreichst du den Herrn über allen Tattvas.

2083. Er ist weder die äußeren Sinnesorgane noch die inneren Werkzeuge, noch der feine Körper, der das Leben trägt. Aus dem mächtigen Maan entstanden das unergründliche Ich und die sechsunddreißig Tattvas. Über ihnen allen, hoch am Gipfel, steht das unerschaffene, ewige, immerwährende Wesen.

Quellenhinweis zu Vers 2083: „Maan“ ist in der englischen Versfassung nicht näher erläutert und wird nicht durch eine ungesicherte Fachzuordnung ersetzt.

2084–2101: Mitgefühl angesichts menschlicher Verirrung

2084. Sie bringen Samen zum Keimen und pflanzen Setzlinge. An ihr eigenes flüchtiges Leben denken sie nicht. Arm im Geist sind sie. Von karmischen Leiden wissen sie nichts. Im lodernden Feuer gehen sie zugrunde. So sind sie wahrhaft.

2085. Sie sehen deutlich, wie das Leben im Nu entflieht. Dennoch verharren sie im Streit. Was gewinnen solche Menschen? Sie stehen nicht auf gerechten Wegen, verehren seine heiligen Füße nicht und kennen den Uranfänglichen nicht in inniger Liebe.

2086. Sie leihen Getreide, stampfen es hart, füttern die niederen Sinne und nähren den Körper. So wandern sie umher, um ihr Leben zu leben. Doch im weiten Tal liegt der Körper schließlich als Beute wütender Flammen. Dies erkennen sie nicht.

2087. In alten Tagen suchten die vier Weisen den Heiligen am Kailasa. Dort unter dem wilden Banyanbaum vermittelte der Höchste seine Lehren. Von böser Rede sind jene, die nicht an ihn denken. Bereit zum Marsch zum Grabhügel stehen sie wartend da.

2088. Unvergänglichen Ruhm und die wahre, volle Frucht der Askese schenkt der Herr stets nur jenen, die ihn lieben. Doch die Welt denkt: „Dies ist Gott, jenes ist Gott.“ So zerstreut fallen sie verletzt, die Hände an Felsen schlagend.

2089. In Seligkeit geboren, in Seligkeit gewachsen und in Seligkeitsgedanken versunken: Diesen Weg vergessen sie. Stattdessen begehren sie Nahrung und Kleidung und sind in Leiden versunken. In Leiden versunken schlummern sie ohne Einsicht.

2090. Selten ist die menschliche Geburt. Dennoch suchen sie die Füße des Herrn nicht, die so selten zu erreichen sind. Sie erlangten die seltene menschliche Geburt und verfehlten doch diesen seltenen Schatz. Wahrhaft sind sie nur kriechende Geschöpfe.

2091. Geistesglut, stets frische Jugend und Herzenszuneigung hielten sie für gut. Sie gaben sich dem Genuss hin und spielten in verschiedenen Liebesakten. Siehe: Die himmlische Seligkeit, die der Herr schenkt, vergaßen sie und verfehlten sie für immer.

2092. So ist er: Seine Gestalt gleicht der aufgehenden Sonne. Der ist er, der im Kundalini-Feuer wohnt. Dort ist er, im Lotus des Herzens sitzend. Der Wahre ist er, der Herr, den wir nicht suchten.

2093. Sie vereinen sich nicht mit ihm auf dem vom Guru gezeigten Weg. Sie suchen ihn nicht, sondern verlieren sich in ziellosem Reden. Sie besingen ihn nicht in Erkenntnis seiner gütigen Taten. Was gewinnen jene, die tanzen und ihr Leben vergeuden?

2094. Er ist das große Licht, das mein Herz erfüllt. In Liebe schmelzend verehre ihn täglich bis ans Ende deiner Tage. Verehrst du ihn nicht, richten die fünf Sinne Verwüstung an wie frei umherstreifende Elefanten.

2095. Die Vögel, Tiere und vielerlei Menschen suchen ihn nicht alle in Liebe. Wer ihn in intensiver Askese erkannt hat, trinkt und läuft in übergroßer Verzückung. Das sind wahrhaft jene Wesen, die die Frucht ihrer Geburt hier unten geerntet haben.

2096. Sie suchen sein Licht nicht ohne Unterbrechung. Sie gleichen jenen, die ihn, das Gold, nicht schätzen. Ungerecht sind sie. „O Herr, Uranfänglicher! Du Frucht der Weisheit, Herr der Himmelswesen, meine einzige Zuflucht!“ So suche ich ihn immer und immer.

2097. Die Bienen fliegen von Blüte zu Blüte und sammeln in unaufhörlicher Freude süßen Honig. Darüber denken sie nicht nach. Es gibt einen weit süßeren reinen Honig, der ihnen im Yoga im Mund aufquillt. Niemand kennt diesen seltenen Honig.

2098. Ihn nicht suchend vergeudete ich mein Leben. In meiner Liebe ist der Herr der Himmelswesen. Er ist das eine Wesen für alle Welten. Doch in ihren Gedanken preisen sie ihn nicht. Tief sinken sie hinab.

2099. Der Todesgott springt voran; ihm entsprechend rollen auch die bestimmten Tage dahin. Du zitterst und bebst. Was folgt daraus? Wenn du Frieden suchst, tauche die Kelle deines Herzens in die kochende Brühe der Liebe.

2100. An den Ufern des Lebensflusses reifte das Feld. Bevor die Fluten des Alters anschwellen, suche göttliche Seligkeit. Übe den Yoga, der dich zum Berggipfel führt, wo Nektarwasser fließen. Dann ergreift dich das ergrauende Alter nicht mehr.

2101. Den, der den Ursprung von allem kennt, der die alle Welten umhüllende Nacht des Endes kennt, das aus sich selbst entstehende strahlende Licht, den die Erleuchteten als einzigen höchsten Gott erhoben: Ihn kennen sie nicht. Deshalb bleiben ihre Gedanken auf dieser Welt stehen.

2102–2113: Heilsame Unterweisung – den Herrn erinnern

2102. Lass dieses vergängliche Leben hier unten zurück. Bis zu dem Tag, an dem dein Leben vergeht, denke an den Herrn. Fliegend kommt er zu dir und beendet deine verwirrenden Leiden. Denke darum an Shivas heiligen Weg.

2103. Denke an ihn, so weit deine Gedanken reichen. Sprich seine Wahrheit, so weit du kannst. „Er ist kein Herr“, mögen sie sagen. Sehr wohl ist er überall. Suche den heiligen Weg Haras, der immer gut ist.

2104. Eine ist die Familie, einer ist Gott. Halte daran innig fest: Dann gibt es keinen Tod mehr. Keine andere Zuflucht gibt es, die du vertrauensvoll suchen kannst. Denke an ihn und werde erlöst, ihn in deinen Gedanken fest bewahrend.

2105. Preise den gütigen Herrn vom Kailasa-Berg, der in den vier Hauptrichtungen als Mitte steht, unseren Herrn. Mit dem kostbaren Körper, der den Lebensatem trägt, preise den Herrn und werde erlöst: den Herrn, der den Todesgott mit seinen Füßen zurückstieß.

2106. Suche den Weg, auf dem du beim Verlassen dieses Körpers keinen weiteren Körper betrittst. „Wann kam dieser menschliche Körper zu mir?“ Denke an diese Zeit. Wahrhaft wirst du seine Gnade empfangen.

2107. Der Herr, der in dich eintritt und im Leben mit dir geht, weiß gewiss, wann du in Heiligkeit reifst. Suche den Herrn selbst am Vorabend deines Todes. Er wird deine Erlösung für das kommende Leben sein.

2108. Soll dein flüchtiges Leben sein gutes Ziel erreichen, denke selbst auf dem Sterbebett an den Herrn. Dann folgt Shivas Gnade. Keine weitere Geburt wird sein; die himmlische Welt wird dir gehören.

2109. Preise unseren Herrn in gemeinsamer Hingabe. Singe sein Lob im Inneren und verehre seine Füße. Tanze im Inneren und erkenne ihn. Dann sehnt er sich nach dir wie die Kuh nach ihrem Kalb.

2110. Wenn im Tod dein Lebensatem aufsteigt, führe ihn durch die mittlere Sushumna und suche die Füße des Herrn. Deine schlimmen bösen Karmas vergehen. Er von makellosem Ruhm setzt dich unter die Unsterblichen.

2111. „O Herr auf dem Stier, o Gott, mein Herr!“ Die Verehrer, die ihn so preisen und seine heilige Asche tragen, werden wahrhaft Himmelswesen. Für jene, die die Füße des Herrn verehren, der Ganga auf seinen Locken trägt, gibt es kein weiteres Karma.

2112. Erkenne unseren Herrn und sei in Seligkeit. Sei von Liebe erfüllt, übe Askese und vollende wahre Erkenntnis: du, der du hart an weltlichen Zielen gearbeitet hast, in elende Bindung verstrickt.

2113. Es gibt eine hohe Askese, die du suchen sollst. Es gibt wahre Füße, die du verehren sollst. Es gibt einen wahren Weg, den du annehmen sollst: für alle, die ernsthaft das höhere Ziel suchen.

2114–2121: Gnade und Führung – Abschluss des siebten Tantra

2114. Wer ihn sucht, dem schenkt er seinen Segen. Wer ihn nicht sucht, dem gibt er die Leiden der Geburt. Wer ihn innig verehrt, dem offenbart er die Gnade seiner heiligen Füße. Mit der Schar der Devas vereint suchen und erkennen sie ihn, den feuerfarbenen Herrn.

2115. Er ist Befreiung, Erkenntnis und Nada, die in den drei Zweigen des Tamil widerhallen. So preisen sie den Herrn durch endlose Zeit. Wie Ghee in der Milch steht der Reine in ihnen. Dieses Licht suchen und lieben sie nicht.

2116. Der Reine bestimmte als Schöpfer von allem viele Weltalter. Wie viele es sind, weiß niemand. In die Kaskade der Geburten springen sie. Darüber hinaus wissen sie nichts Klares von Shiva.

2117. Voller Leid ist das Leben hier unten. Wenn du dich dem Todesschlaf näherst, preise den Reinen von edelsteinfarbener Gestalt. Wenn du ihn nicht mit schmelzendem Herzen grüßt: „O Herr, der du im göttlichen Licht wohnst“, wirst du ihn nicht erkennen.

2118. Manche suchen den heiligen Guru, obwohl sie in Wahrheit Schurken sind. Sind solche da, trifft Hunger das Land. Selbst der Herr ist über sie entsetzt und weist sie der bodenlosen Hölle zu. Jenen zu begegnen, die den rechten Weg gehen, ist dagegen wahrhaft Siddhi.

2119. Unzählige Devas verehrten Shiva. Was wird aus ihnen durch seine Verehrung? Weit besser ist es, den heiligen Guru zu verehren, der selbst den Herrn verehrt hat und auch den Weg des Werdens zeigt. Gewiss ist dann deine begrenzte Befreiung.

2120. Menschen und Himmlische, von Bindungen verstrickt, gehen im Karma zugrunde. Wenn du dies siehst, warum hältst du dich nicht an den Guru, der ein Wissender ist, makellos rein wie das höchste Jenseits selbst? Dann bleibt nichts weiter zu sagen.

2121. Der Guru, der ihn in seine liebende Gnade aufnahm, ist der Herr selbst. Tag für Tag wirkt er dafür, dass das Karma des Schülers vergeht. In der Gestalt des Herrn mit den wallenden rötlichen Locken, die die tropfende Ganga tragen, erscheint der Guru und beendet unsere Leiden.

Achtes Tantra: Bewusstseinszustände, Seele und höchste Erkenntnis

2122–2138: Die Körperhüllen und ihr Träger

Ergänzende Erklärung: Der Abschnitt trägt in der englischen Vorlage den Titel „Fünf Abteilungen des Körpers“. Grober, subtiler und ursächlicher Körper werden mit unterschiedlichen Bewusstseinszuständen verbunden. Die verwendeten Zahlen und Zuordnungen variieren; diese Ausgabe bewahrt die Unterschiede.

2122. Der Körper ist ein Sack, der viele Bestandteile enthält. Noch ein weiterer Sack liegt darin: der Maya-Sack. Wenn der Dieb, der Jiva, den Körpersack verlässt, wird der Maya-Sack zu Staub.

2123. Von dem Körper, den Gott so in zwei Teilen formte, ist einer subtil. Er besteht aus acht Bestandteilen: Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch, Verstand, Geist und Ichhaftigkeit. Dies ist der achtteilige subtile Körper.

2124. Von den acht genannten Organen sind die ersten fünf äußere Sinnesorgane, die übrigen drei innere Werkzeuge. Mit ihnen ist das Empfinden uranfänglicher Bindung verbunden. So bindet und entbindet sie der Herr mit dem Stirnauge.

Quellenhinweis zu 2123–2124: Die Vorlage nennt zunächst Sinnesqualitäten und anschließend Sinnesorgane. Diese begriffliche Verschiebung wird nicht stillschweigend vereinheitlicht.

2125. Lymphe, Blut, Fleisch, Haut und Sehnen, Knochen, Mark, Fett, Gehirn und Samen: Aus diesen zu einer Gestalt geformt besteht der grobe Körper, von Leiden bedrängt.

2126. Wer kennt die Größe seiner heiligen Füße? Wer erkennt, dass er dort im Körper steht? Wer kennt diesen Körper aus sechzehn und acht Tattvas? Wer weiß, dass er sein treuer Wächter ist?

2127. Acht Spannen misst der Körper, mit Augen, Beinen und Händen, die ihn ausstatten. In diesem Körper voller Poren und Wunden verbindet er in göttlicher Liebe vierundzwanzig Tattvas. So gestaltet er diesen Körper, bei dem noch vier weitere zu nennen sind.

2128. Der Jiva, der als erfahrender Geist in allen Körpern und den fünf Zuständen Wachen, Traum, Tiefschlaf, Turiya und Turiyatita steht, wird im Höchsten aufgehen. Wer kennt die Weise, wie er in jenes Höchste eingeht, das alles durchdringt wie der Raum jedes Gefäß innen und außen!

2129. Wenn du dich durch die sechs Adharas hindurch über die mittlere Sushumna vereinst, werden die neun Öffnungen fest beherrscht. Der innere Körper wird aus achtzehn Kalas gebildet. Dies wird der Körper des Jiva sein.

2130. Der grobe Körper von deutlicher Gegenwart, der feine Körper, der unsichtbar Gestalt annimmt, und der ursächliche Körper, den man erschließt: All diese Körper gehen in den Füßen des Herrn auf.

2131. Wie das springende Ross, das vorwärtssetzt, durchzieht der Jiva Nähe und Ferne. Wie Menschen ein Gewand ablegen und ein anderes annehmen, bewegt sich der Jiva von einem Körper zum anderen.

2132. Wie die Schlange ihre Haut abstreift und eine neue annimmt, wie der Vogel seine Schale verlässt und ein anderes Leben beginnt, wie der Jiva im Wachen die Traumereignisse vergisst, so wandert er von Körper zu Körper. Durch Haras Gnade erreicht er schließlich seinen bestimmten Ort und erfährt dort die beiden Karmas, gut und böse.

2133. Nachdem der Jiva Hölle und Himmel erfahren hat, verlässt er den feinen Körper. In den ursächlichen Körper eintretend setzt er seinen Weg fort. Wie ein Yogi, der den Leib wechselt, tritt er in noch einen Körper ein. So bleibt er in Geburt und Tod verstrickt.

2134. Der Jiva, der erkannte, dass Ich und Du eines sind, steht im Tatpara-Zustand. Seinen gewohnten Lauf umlenkend erreicht er das Höchste. Die übrigen Jivas erreichen ihre bestimmten Aufenthalte in Himmel und Erde und wälzen sich im Leiden.

2135. Shiva ist der Grund des Körpers des Wissenden; der Körper des Wissenden ist Shivas Körper. Der Körper des Yogis ist Nada und Bindu. Der Körper des Schweigenden ist Befreiung jenseits der drei Leerheiten.

2136. Ichhaftigkeit ist der Grund der Vijnanis. Maya ist der Grund der Pralayakalas. Karma ist der Grund der Sakalas. Shiva ist der Grund der wahren Wissenden.

Ergänzende Erklärung: Vijnanakala, Pralayakala und Sakala bezeichnen unterschiedliche Zustände der Seele und ihrer Bindung. Die erste Bezeichnung wird im englischen Vers zu „Vijnanis“ verkürzt; sie meint hier nicht einfach jeden Gelehrten.

2137. Stumme Toren sind jene, die den Körper als Unreinheit verachten und andere Orte als heilig aufsuchen. Wer denkt: „Gut ist dies“, und darin den Herrn sucht, wird den ganzen Makrokosmos im beständigen eigenen Körper, diesem Mikrokosmos, erfahren.

2138. In den Herzen jener, deren Rede, Tat und Denken gut sind, spielt der Reine sanft. Wer böse Ohren, böse Rede und bösen Geist hat, lebt abgemagert, das Gesicht vom Hunger gezeichnet.

2139–2141: Den Körper loslassen

2139. Die süße Rede, die Liebe anstimmt, der laute Klang, den der luftartige Prana hervorbringt, und der Geist im fleischlichen Körper: Führe all dies yogisch nach oben. Dann gibt es keine Gedanken an den Körper mehr.

2140. Der Körper vergeht und mit ihm Ohren und Augen, Rede und Pulsschlag, Fasten und Gaben. Nichts bleibt, worauf das sterbende Fleisch sich stützen könnte.

2141. Das Herz, das nach schlanktailligen Frauen verlangt, wird in Bedrängnis versinken. Wer reinen Herzens ist, dessen Körper wie ein Blitz leuchtet und dessen Wille aus Eisen ist, ist für Shivas Gegenwart bestimmt.

2142–2154: Die unteren Bewusstseinszustände

Ergänzende Erklärung: Avastha bedeutet Zustand. Jagrat ist Wachen, Svapna Traum, Sushupti Tiefschlaf, Turiya „das Vierte“ und Turiyatita das über Turiya Hinausgehende. Die Zustände werden mit inneren Zentren und verschiedenen Gruppen von Tattvas verknüpft. Die Zählungen sind nicht durchgehend gleich.

2142. Im Wachzustand nehmen fünfundzwanzig Tattvas ihre Stellung im Brauenzentrum ein. Im Traumzustand haben vierzehn Tattvas ihren Sitz im Kehlzentrum. Im Tiefschlaf steht Purusha, die Seele, allein im Herzzentrum. Im vierten Zustand Turiya steht sie im Nabelzentrum.

2143. Von den fünf mit Wachen beginnenden Zuständen, die sich auf die sechsunddreißig Tattvas beziehen, ist der vierte das leuchtende Turiya. Beim Übergang darüber hinaus in Turiyatita verschmelzen die beiden untrennbar zu einem: Der Jiva wird selbst Shiva. Erkenne diese Ordnung. Shiva, der am Anfang steht, wird wahrhaft zur Vollendung aller Erfahrung.

2144. Die zehn äußeren Organe, fünf Erkenntnis- und fünf Handlungsorgane; ihre zehn subtilen Sinnespotenzen; die zehn verborgen wirkenden Winde; die vier inneren Denkwerkzeuge und Purusha, der erfahrende Jiva: Alle diese Erfahrungsinstrumente verstricken sich immer wieder in den Kreislauf des Lebensbewusstseins.

2145. Erde ist rein goldfarben, Wasser weiß, Feuer rot, Wind dunkel und Raum rauchfarben. So stehen die fünf Elemente verborgen im Inneren.

2146. Auch die fünf Elemente wirken zusätzlich zu den Sinnesorganen. Die fünf durchdringen jede der drei Unreinheiten, die drei Gunas und die sechs Adharas. Zusammen mit den sechsunddreißig Tattvas zählen die Werkzeuge der Bewusstseinszustände insgesamt sechsundneunzig.

2147. Im Wachen nimmt der Jiva der fünfundzwanzig Tattvas seine Stellung im Brauenzentrum ein. Mit fünf Elefanten, den Erkenntnissinnen, fünf Fußsoldaten, den Handlungsorganen, fünf Reitern, den inneren Sinnespotenzen, fünf Elementen und vier inneren Soldaten, den Denkwerkzeugen, steht er mit vierundzwanzig Tattvas am Tor des Wachzustandes. So stehen die Tattvas in ihren jeweiligen Zentren.

2148. Ursächlicher, feiner und grober Körper umschließen einander. Doch den Jiva im Körper erkennen sie nicht. Wer die Verwandtschaft zwischen Körper und Jiva nicht versteht, ist wahrhaft verwirrt wie ein Hund, der plötzlich in eine Küche gerät.

2149. Sie wissen nicht, wie sie sein sollen; arm im Geist sind sie. Wer das lebensvolle Ajapa durch yogischen Atem nach oben führt und Bindu verwandelt, begegnet dem Herrn, der Kama, den Liebesgott, vernichtete. Schön wird sein Körper und bleibt hier unzerstörbar.

2150. Die vierzehn Tattvas lagen in mir verborgen. Der Reine erschien und offenbarte sie großzügig. Die sechzehn Kalas, die mir Gnade schenken, setzte er unerkannt ein, damit meine Gedanken sich auf ihn sammeln.

2151. Erde und Wasserweiten, das golden lodernde Feuer, Wind und Raum, Geist, Wille, Verstand und Ichhaftigkeit: Über ihr innerstes Wesen meditiere nacheinander. Dann stehst du siegreich da und überwindest die Elemente.

2152. Ein Kind hat der Raum: Klang. Zwei hat der Wind: Klang und Berührung. Drei hat das Feuer: Klang, Berührung und Licht. Vier hat das Wasser: Klang, Berührung, Licht und Geschmack. Fünf hat die Erde: Klang, Berührung, Licht, Geschmack und Geruch. Dies bestand früher nicht, bevor die Schöpfung begann, bevor die jungfräuliche Shakti, Geist, die jungfräuliche Maya, Materie, liebte.

2153. Im Traumzustand erfuhr der Jiva die fünf Sinne, die fünf Sinnesqualitäten und die vier inneren Werkzeuge. Nachdem er so im Traum erfahren hatte, kehrte er zum Wachen zurück, um dort zu erfahren. Dort stand er in voller Weltkenntnis.

2154. So steht der Jiva mit vierzehn Tattvas im Traumzustand. Doch ohne Beteiligung der zehn Sinnesorgane, allein mit den vier inneren Werkzeugen und unterstützt von der Erinnerung an das irdische Leben, schaute er im Kehlzentrum Träume.

2155–2166: Tiefschlaf, Turiya und das Jenseits des Vierten

2155. Das Kehlzentrum zurücklassend tritt der Jiva allein in das Herzzentrum ein. Dort sind Ichhaftigkeit, Verstand und erkennender Geist verloren. In einem Zustand ohne Weltwahrnehmung, ohne Körperbewusstsein erreicht er den Tiefschlaf Sushupti.

2156. Im Tiefschlaf angekommen bleibt er dort mit dreien: Chitta, dem Willen, Prana, dem Lebensatem, und der Wahrnehmung des Selbst. So tritt der Jiva ins Herzzentrum ein und steht dort eins mit dem subtilen Gegenstand im tiefen Sushupti.

2157. Vom Tiefschlafzentrum bewegt er sich weiter in die Turiya-Weite und lässt die Gedanken an die untere Welt zurück. Zu den Gipfeln des Nada im Nabelzentrum steigt er auf. Dort bleibt er, der uranfänglichen Unwissenheit ledig, im Schweigen.

2158. Wenn die ausgesprochenen Laute A und U sich mit dem schweigenden M verbinden, werden die fünf Sinne eingezogen wie die Glieder einer Schildkröte. Dann ist der Jiva von Aum durchdrungen. Göttliches Licht strahlt von innen; das Selbst verliert seine gesonderte Wahrnehmung. Dies erkennen wir nicht.

2159. Turiya wird im Wachen erfahren. Die vierzehn Füchse, Sinne und weitere Werkzeuge, sterben von selbst. Das schnelle Ross des Prana entflieht. Wie jener Zustand jenseits von Turiya, Turiyatita, ist, lässt sich wahrhaft unmöglich sagen.

2160. Von den fünf uranfänglichen Unreinheiten befleckt erfahren alle Jivas die fünf Bewusstseinszustände. Endlos sind die Körper und Organe, die Maya verleiht. Alle in Geburt und Tod gefangenen Seelen sind gleichermaßen vom Karma betroffen.

2161. Maya nährt den Jiva ununterbrochen mit Zustandserfahrungen, damit er durch die Gnade des Herrn Befreiung erlange. Doch den in Erkenntnis geborenen Jivas kommt Maya nicht nahe. In Erkenntnis kontemplierend erreichen sie unmittelbar die Befreiung.

2162. Im uranfänglichen Schlummerzustand der Jivas, Kevala, ohne Bewusstheit, wird die Ichhaftigkeit tätig. Dann entsteht Bewusstsein, und der Jiva verfolgt verschiedene Handlungen. So aus Kevala heraustretend erfährt er die fünf Zustände, bis er zum höchsten Jenseits wird.

2163. Wie der Lehrer mit seinem Stab den Schüler weckt, der in seiner Gegenwart schläft, so weckt der gütige Herr mit Maya die Seele, die in lang anhaltender Ichhaftigkeit schlummert.

2164. „Nach dem Tod bleibt nichts; der Jiva, der die fünf Zustände erfuhr, ist für immer entflohen“: Wer so spricht, ist wahrhaft außerordentlich unerleuchtet. Ebenso könnte er sagen: „Die himmlische Ganga Mandakini, die aus hohen Wolken strömt, endet als leerer Topf.“

2165. Wenn der irdische König Jiva auf den schnellen Bewusstseinsrossen in der schönen Stadt Turiyatita ankommt, bleiben die fünf Sinne und übrigen Tattvas zurück. Sie schlafen im Körper, der einst lebendig schwang.

2166. Schaue in den fünf Zuständen mit Reinheit die fünf Unreinheiten. Sieh zu, dass sie dich im Wachen nicht bedrängen. Tritt ihnen unmittelbar entgegen. Dann wirst du unmittelbar mit dem Höchsten sein, für immer und ewig.

2167–2183: Zustände innerhalb des Wachbewusstseins

2167. Im Wachen innerhalb des Wachens ist die verhüllende Shakti tätig. Im Traum innerhalb des Wachens ist die unreine große Maya tätig. Im Tiefschlaf innerhalb des Wachens ist Kamya, die Selbsttäuschung, tätig. Im vierten Zustand innerhalb des Wachens ist die reine Maya tätig.

2168. In diesem Turiya innerhalb des Wachzustandes erregt Maya die Kalas und das Begehren. Dann kehrt der Jiva durch Tiefschlaf, Traum und Wachen in den Sakala-Zustand zurück.

2169. Der Blinde hat Augen, doch keine Schau. So tastet er nach den Stufen, die er früher ging. Hat er sie gefunden, greift er einen Stock und findet damit den Weg. Ebenso suchen die Jivas durch die drei Zustände ihren Rückweg.

2170. Die Spinne steht in der Mitte des Netzes, fängt Beute und frisst. Ebenso steht der Jiva auf der Bühne des Körpers, auf der die Sinne fröhlich tanzen, und erfährt die fünf Empfindungen, Klang und die übrigen vier.

2171. Einer hat die fünfundzwanzig Tattvas eingesetzt. Mit ihnen wohne ich in meinem Körper. „Entrückt ist er, groß ist er, geburtlos ist er“: So suchte ich ihn in Liebe. Durch die gewährte Gnade bin ich erlöst.

2172. Vierundzwanzig Tattvas und dazu Purusha ergeben fünfundzwanzig. Anders gezählt sind es fünfundzwanzig, zusammen mit Purusha, dem nicht höchsten leeren Raum und dem Höchsten: So zählt die Vedanta-Schule achtundzwanzig Tattvas.

2173. Führe den Atem angemessen durch Ida und Pingala. Setze dich in gute Körperhaltungen und lenke den Atem angenehm nach innen. Steige durch das dreieckige Muladhara auf. Wahrhaft kannst du die Füße des Herrn schauen, der zeitlose Ewigkeit ist.

2174. Die zehn Nadis und die zehn Lebenswinde kommen im aufsteigenden Atem zur Ruhe. Verzückt wird dein Zustand sein, angenehm dein Geschmack, vollkommen dein Geist in deinem guten Körper.

2175. Mögen jene sein, die sein sollen; sterben, die sterben sollen; gehen, die gehen sollen; eintreten, die eintreten sollen. Der königliche Nandi lässt uns alles sehen und ist selbst Zeuge von allem. Alles tut er angemessen, er von zarter Liebe.

2176. Die Sinnesorgane, zehn und zehn, die Erkenntniswerkzeuge, eins und drei, der Turiya-Zustand, die subjektiv erkannte Zeit, die ununterschiedene Leere und Turiyatita darüber: Auch so werden die Tattvas als achtundzwanzig gezählt.

2177. Wenn der zwölf Finger lange Atem zehnmal dreihundertdreißigmal als Prana aufsteigt, werden die fünf Unreinheiten bezwungen und entsprechend auch die Tattvas.

2178. Wird der Atem vier Crore und achtundvierzigtausendfünfhundertmal angemessen geführt, endet die Prana-Bewegung. Sie geht in den sechsundneunzig Tattvas auf. Die sechsundneunzig verschmelzen wiederum mit fünfundzwanzig Tattvas.

Ergänzende Erklärung: Ein Crore bedeutet zehn Millionen. Diese großen Übungszahlen werden als Angaben der Quelle übersetzt, nicht als individuell anzuwendender Atemplan.

2179. Sechsundneunzig Tattvas bilden die Gesamtheit. Davon sind sechsunddreißig die Tattvas der Shaivas, achtundzwanzig die der Vedantins, vierundzwanzig die der Vaishnavas und fünfundzwanzig die der Mayavadins.

2180. Kann der Jiva die Tattvas nach seinem Weg wirken lassen, wird er ein Weiser. In göttlicher Erkenntnis erleuchtet gibt es keine falsche Hingabe mehr. Das höchste Tattva ist der uranfängliche Buchstabenlaut.

2181. Die sechsunddreißig Tattvas sind wahrhaft ohne Bewusstsein. Ich bin der Bewusste; doch ich kannte mich selbst nicht. „Du sollst dich selbst erkennen“, erklärte Nandi in Gnade. Dass ich der Erkennende bin, habe ich nun erkannt.

2182. Im Wachzustand gibt es fünf Erfahrungszustände, die die Unreinheiten erzeugen. Von diesen fünf und von den sechsunddreißig unwirklichen Tattvas gelöst, stand der Jiva auf dem heiligen Weg und erlangte Vereinigung mit ihm.

2183. Fünf Unreinheiten hat Brahma auf dem Lotus: Anava, Maya, Karma, Mayeya und Tirodhayi. Vier hat Vishnu, ohne Mayeya. Drei hat Rudra, ohne Mayeya und Tirodhayi. Zwei hat Mahesha: Anava und Karma. Sadashiva hat nur eine, Anava.

Ergänzende Erklärung: Mayeya bezeichnet das aus Maya Hervorgegangene; Tirodhayi die verhüllende Kraft. Die englische Fassung zählt diese neben Ichhaftigkeit, Maya und Karma zu fünf Unreinheiten.

2184–2194: Die höheren Wege und die reinen Zustände

2184. Sechs mal sechs sind die Tattvas, sieben Crore die Mantras, einundfünfzig die Laute, zweihundertvierundzwanzig die Welträume, einundachtzig die ursprünglichen Wörter und fünf die seltenen Kalas.

2185. Die drei inneren Sphären von Sonne, Mond und Feuer steigen sie empor und durchqueren sie. Danach vereinen sie sich mit den fünfundzwanzig Tattvas zu einem. Den Atem weiter durch die Sushumna nach oben führend suchen sie. Nachdem sie gesucht haben, bleiben sie dort ohne gesondertes Selbstbewusstsein.

2186. Im Wachen innerhalb des Wachens erwachend und die übrigen Zustände erfahrend, Körper und Atem angemessen geschult, erreichen sie Turiyatita. Dort schauen sie den seligen Tanz des Herrn. Sich an Seligkeit satttrinkend werden sie Shiva. Alle diese fünf sind Früchte von Shivas Gnade.

2187. Der grobe Körper des Wachens und der feine Körper des Traumes bestehen zusammen aus fünfundzwanzig Tattvas und stammen wahrhaft aus Bindus Kraft. Diese Kraft durchdringt den Jiva und dringt in Wachen und Traum ein.

2188. Wer Turiyatita innerhalb des Wachens erreicht, liegt handlungslos da. Wer Turiya innerhalb des Wachens erreicht, kriecht dem Ziel entgegen. Wer Tiefschlaf innerhalb des Wachens erfährt, ist ein sich noch entwickelnder Jiva. Wer innerhalb des Wachens träumt, ist ein Jiva, der dem guten Ziel entgegeneilt.

2189. Kriya-Handlungen führen zum Shiva-Tattva. Lange Yoga-Übung führt zu göttlicher Gnade und Erkenntnis. Die Betrachtung der Gestalt des Herrn im Charya schenkt vielen Segen. In Erkenntnis wird die ganze kosmische Schöpfung zugleich erfasst.

2190. Das anfangslose Höchste brachte diese Ordnung hervor: Shiva, Shakti, Sadashiva, den reinen Isha, die guten Vidya-Tattvas, Wissen, Kalas, Zeit, Niyati und unreine große Maya. Diese Entfaltungen setzte er in angemessener Stufenfolge ein, wahrhaft in übergroßem Wunder!

2191. Der leuchtende Shiva, Shakti, Sadashiva, Maheshvara, reine Vidya und Begehren, Kalas, Zeit, Wissen, Niyati und große Maya sowie Purusha, die Seele: Zusammen sind diese zwölf vom Jiva aufsteigend zu durchschreiten.

2192. Anava, Ichhaftigkeit, Maya, Unwissenheit, und Karma, Handlung, sind die Unreinheiten. Sie gleichen Keim, Kleie und Hülse am Reiskorn. Den Herrn berühren sie nicht, sondern stehen getrennt. Befreie dich eine nach der anderen von deinen Bindungen und verehre den Herrn.

2193. Viele Farben haben die Kühe, doch eine Farbe hat die Milch. Von unvergleichlicher Farbe ist der Herr, der Kuhhirt. Wenn der Hirt, der die Kühe hütet, seinen Führungsstab zeigt, verlassen die Kühe ihren Meister nicht.

2194. Körper, Sinne, Geist, Verstand, Wille, Ichhaftigkeit und Unwissenheit: Ihnen fällt die Seele zur Beute. Sprießen die Bindungen weiter in ihr, eilt sie rasch zur Hölle.

2195–2208: Zustände innerhalb der Zustände

2195. In Turiyatita besteht kein Selbstbewusstsein. In Turiya brennt das durch gesprochenes Wort erfassbare Selbstbewusstsein noch. Im maya-gebundenen Tiefschlaf bleibt die Wunschpotenz zum späteren Sprechen. Im Wachen und Traum gibt es vielfältige Erfahrungen.

2196. Unter den fünf Bewusstseinszuständen sieht der feine Körper im Wachen von Turiyatita keinen Traum. Im dortigen Tiefschlaf erfährt das Selbst bei zurückgezogenem Bewusstsein das Selbst. Im Wachen von Turiyatita ist Maya noch vorhanden.

2197. Im Wachen innerhalb des Wachens wirken fünfundzwanzig der sechsunddreißig Tattvas. Wenn sechs der im Wachen tätigen Tattvas weichen, entsteht Traum im Wachen. Wenn darüber hinaus fünf weitere weichen, folgt Tiefschlaf, in dem Maya wirkt.

2198. Erreicht die erfahrende Seele des Tiefschlafs Turiya, weicht auch Maya. Wird sie mit dem uranfänglichen Bindu eins, hat der Körper keinen weiteren Nutzen.

2199. In Turiyatita ist die Seele wahrhaft der Erkennende. Wenn sie diesen Zustand überschreitet, in dem der Jiva der Erkennende ist, geht sie in leuchtendes Shiva-Turiya ein. Das ist der höchste Zustand.

2200. Während der fünf Bewusstseinszustände sind fünfundzwanzig und weitere zehn Tattvas die fünfunddreißig Werkzeuge im Wachen. Mit fünfundzwanzig Werkzeugen im Kehlzentrum besteht der Traumzustand. Mit dreien ist Purusha im Tiefschlaf. Wenn die beiden, Purusha und Prana, das Nabelzentrum erreichen, ist wahrhaft Turiya da.

2201. Im Wachen sind alle acht Tattvas des feinen Körpers tätig. Im Traum sind es drei. Im Tiefschlaf bleiben zwei des feinen Körpers; im Turiya bleibt nur eines mit Purusha zurück.

2202. Wachen im Wachen gehört zu den Sinnen. Traum im Wachen ist Denken und Vergessen. Tiefschlaf im Wachen ist inneres Suchen. Turiya im Wachen ist das Aufgeben des Suchens. In Turiyatita ist wahrhaft Nandi.

2203. Im Traum wie im Wachen zu schauen ist Wachen im Traum. Im Traum zu schauen und zu vergessen ist Traum im Traum. Schauen und Nichtschauen ist Tiefschlaf im Traum. Ereignisse zu erschließen ist Turiya im Traum.

2204. Wachen im Tiefschlaf bedeutet, ihn als Nichtschauen zu schauen. Traum im Tiefschlaf bedeutet, ihn als Traum zu erkennen. Tiefschlaf im Tiefschlaf bedeutet, zu erkennen, dass es kein Wissen davon gibt. Turiya im Tiefschlaf ist unerklärliche Leere.

2205. Wachen im Turiya ist äußeres Gottesbewusstsein. Traum im Turiya ist inneres Gottesbewusstsein. Tiefschlaf im Turiya ist unerklärliche Leere. Turiya im Turiya ist die Schau des höchsten Jenseits.

2206. Wenn das Wissen des Jiva das Wissen des Höchsten erkennt, ist Wachen. Wenn dieses Erkennen aufhört, ist Traum. Wenn das Jiva-Wissen erkennt und es dennoch nicht weiß, ist Tiefschlaf. Wenn das Jiva-Wissen im Wissen des Höchsten aufgeht, ist wahrhaft Turiya.

2207. Dann wird der Jiva alldurchdringend. Die fünf Unreinheiten ablegend nimmt er die Gestalt der Erkenntnis an. Dies erfahrend und selbst seine Allgegenwart verlassend steigt er höher, um die subtile Gestalt des Pranava Aum anzunehmen.

2208. Sechsunddreißig sind die Tattvas im Wachen im Turiya, im Traum dieses Turiya und im Tiefschlaf im Turiya. Im Turiya im Turiya gehören grober und feiner Körper zur reinen Maya. Wer diesen Zustand erreicht, wird wahrhaft Meister.

2209–2221: Erkenntnis und das innere Licht

2209. Dies wusste ich all diese Tage nicht. Als ich dies erkannte, wusste ich nichts anderes mehr. Als ich erkannte, dass dies die Wahrheit ist, wusste ich: Ich bin Es.

2210. Als Leben des Lebens, als Gestalt und Formloses, als Wahrnehmung des Jiva und göttliche Erkenntnis steht er alldurchdringend da. Wohnten Shakti und Shiva der Welt nicht inne, wäre wahrhaft alles leblose Dunkelheit, ganz in Unwissenheit versunken.

2211. In wunderbarer Liebe bewegte der Herr Shakti zu schöpferischer Tätigkeit. Er verband die fünf uranfänglichen Bindungen mit sechsunddreißig Tattvas und formte auch die Körperorgane, damit deine Unreinheiten zerschnitten würden.

2212. Im Zustand jenseits des Wachens besteht wahrhaft Anava. Selbst wenn die Seele das Turiya innerhalb dieses Zustandes, Turiya im Turiya, betritt, bleibt Anava noch diesem Bereich zugehörig. Jenseits des Wachens liegt die Wahrheit des Höchsten.

2213. Durch Befleckung mit Unreinheit wurde Shakti verhüllt. Durch Befleckung mit Unreinheit wurde Erkenntnis verhüllt. Durch Befleckung mit Unreinheit wurde das Höchste verhüllt. Wer von dieser Befleckung frei ist, ist wahrhaft der Erleuchtete.

2214. In ihren verwirrten Gedanken sind die drei Löwen: Begierde, Zorn und Unwissenheit. In ihren springenden Gedanken sind die vier Schakale: Geist, Verstand, Wille und Ichhaftigkeit. In ihren sinnlichen Gedanken sind die fünf Elefanten: Geschmack, Anblick, Berührung, Klang und Geruch. Das sind die inneren und äußeren Feinde des widerstreitenden Geistes.

2215. Mit achtzehn strömenden Augen wandern deine Gedanken zerstreut umher. Bevor du im Tod erzitterst, nimm den wahren Weg. Wahrhaft wirst du dem mächtigen Herrn deiner Seele begegnen.

Quellenhinweis zu Vers 2215: Die „achtzehn strömenden Augen“ sind ein unerläutertes Bild der englischen Fassung; eine eindeutige Zuordnung wird nicht erfunden.

2216. Von den Tattvas des Wachens bleiben viermal fünf zurück. Die vier inneren Werkzeuge sind im Traumzustand tätig. Schüttle auch diese ab und tritt in dich selbst ein. Dann steht die Seele gedankenfrei im Tiefschlaf.

2217. Die so stehende Seele ist wahrhaft Meister geworden. Sie tritt in Turiya ein und bleibt im achtgliedrigen Yoga. Dann erreicht sie Turiyatita. Nach einer weiteren Weile wird sie zum reinen Höchsten.

2218. Wer so zu Isha wurde und Turiyatita erreichte, erfasst als reine Erkenntnis alle Welten. Dann erlangt er weiter die fünf Gestalten Sadashiva, Maheshvara, Rudra, Hari und Brahma. Nach diesen Erfahrungen wird der Jiva Shiva. Er erreicht ferner das göttliche Schweigen und geht im uranfänglichen Licht auf.

2219. Er ist der Herr des Maya-Landes, in dem die drei inneren Sphären liegen. Er ist der Eine, den ich im Inneren sehe und nach dem ich mich unablässig sehne. Er ist der Lotus, der im Schädel erblüht und dessen Stängel tief in meinem Herzen wurzelt.

2220. Die Vögel der Unreinheit kreischten, ohne die schimmernde Morgendämmerung zu bemerken. Verwirrt waren sie und erkannten ihre Mutter Shakti nicht. Jenseits der Veden stand mein Herr. Wer den geheimen Yoga-Weg kannte, erreichte ihn im eigenen Kopf.

2221. In tiefer Kontemplation suchte ich den Herrn aller Welten in den neun inneren Zentren. Deutlich sah ich ihn, den Herrn aller Himmlischen. Innig suchte ich ihn, und unfehlbar stand er in meinen Gedanken.

2222–2226: Die innere Schau vertiefen

2222. Wie jemand die Flamme einer Lampe entzündet, so entzünde du die Lampenflamme im Muladhara. Dort entzündet leuchtet die Lampe und umfasst die Mondsphäre.

2223. Fragst du, wie der himmlische Raum im Schädel ist, in dem die fünf nach innen gewendeten Sinne wohnen, so ist es wahrhaft wie der aufwärts gerichtete Blick in einen Spiegel, in dem das Selbst kristallrein erscheint, an der Stelle, wo die fünf beherrscht zusammenkommen.

2224. Erkennend ist, wer Unbekanntes erkennt. Wer aber sein Selbst nicht kennt, ist kein Erkennender. Der Jiva kennt die fünf Zustände nicht. Der Herr lässt ihn sie erkennen, selbst von niemandem erkannt. Wer erkennt wahrhaft ihn?

2225. Von der Schau des Turiya sprachen wir bisher. Die Leere dieses Zustandes ist selten. Unbedeutend sind demgegenüber Wachen und die übrigen Zustände. Groß, sehr groß ist das zeitlose Para-Turiya. Darüber hinaus liegt Turiyatita, noch viel seltener.

2226. Die Maya-Welt der Prakriti gehört dem Jiva. Diese Maya zu verlassen heißt, den Kevala-Maya-Zustand zu erreichen. Immer wieder in verschiedenen Lebensformen geboren zu werden ist der Sakala-Zustand. Im Para-Turiya liegt der Shiva-Zustand.

2227–2241: Kevala, Sakala und Suddha

Ergänzende Erklärung: Kevala bezeichnet hier die ursprüngliche, isolierte und verdunkelte Lage der Seele; Sakala ihre Verbindung mit Erfahrungsinstrumenten und Welt; Suddha den gereinigten Zustand. Die anschließenden Unterteilungen verwenden dieselben Wörter in zusammengesetzten Bezeichnungen.

2227. Wer das Selbst erkennt, steht in Suddha. Wer es nicht erkennt, steht in Kevala. Wer in zerstreuender Verschiedenheit erkennt, steht in Sakala. Je nach Erkenntniszustand verbinden sie sich mit dem Wirklichen, dem Unwirklichen oder dem Wirklich-Unwirklichen.

2228. Sich selbst ist er Feind und Freund. Sich selbst ist er das Diesseits und Jenseits. Seine Karmas erfährt er selbst. Sich selbst soll er Meister sein.

2229. In Kevala ruht die Seele untätig. Auf sie wirkt die unreine große Maya. Dadurch empfängt sie Erkenntnisfähigkeiten. Dann vermischt sie sich mit Begehren und Begehrensgegenständen und tritt ganz in Bindung ein. Das ist der Sakala-Zustand.

2230. Sakalas sind jene im Sakala-Zustand, in die drei Bindungen versunken: der unvergleichliche Brahma, Hari, die zahlreichen Himmlischen, die Menschen hier unten und alle Lebewesen bis zum winzigen Wurm. Sie alle sind wahrhaft Sakalas.

2231. Pralayakalas wohnen in der Welt der unreinen Maya. Ihre Körper bestehen vorwiegend aus Maya; von ewiger Schönheit sind sie. Shrikantha und die hundertacht Rudras gehören zu ihnen.

2232. Vijnanakalas sind zahlreiche weitere Seelen. Sie wohnen im Kevala-Zustand und besitzen allein die Anava-Unreinheit. Die acht Vidyeshvaras, mit Ananta beginnend, und die sieben Crore großen Mantreshvaras gehören zu ihnen.

2233. Unter ihnen werden jene, die Shivas Gnade empfangen, von Anava befreit. Sie überschreiten Bindu und Nada, Licht und Klang, werden zum Pranava Aum und gehen im reinen Shiva auf. Das ist wahrhaft Suddha, der reine Zustand.

2234. Betrachtest du die Seelen in diesen drei Abstufungen, so haben die Vijnanakalas vier Unterteilungen. Von Kevala beziehungsweise unreiner Maya verhüllt, neigen sie dazu, von Begehren ergriffen zu werden. Doch von selbst lassen sie alles los, wenn der Herr seine Gnade schenkt und die Unreinheiten gemeinsam durchtrennt.

Quellenhinweis zu Vers 2234: Die angekündigten vier Unterteilungen werden im englischen Vers nicht einzeln benannt. Auch die Maya-Zuordnung weicht von benachbarten Aussagen ab; beides wird nicht ergänzt oder vereinheitlicht.

2235. Die sechsunddreißig trügerischen Tattvas verlassend und von Unwissenheit frei, wird der Jiva Shiva selbst. Die ganze Schöpfung durchdringend tritt er in die wahre Leere ein. Dies ist der reine Zustand, den der Jiva selbst erreicht.

2236. Ewig ist der Jiva und auch alldurchdringend. Ihn in die fünf ewigen Unreinheiten tauchend hebt der Herr ihn aus dem ursprünglichen Kevala und versetzt ihn in Sakala. Von dort erreicht der Jiva, vom unaufhörlichen Geburtenwirbel befreit, Suddha.

2237. Suddha ist der höchste Zustand. Der durch Kevala hindurchgehende Jiva empfängt bei Erreichen von Turiya Erkenntnis des Tatpara, das jenseits von Kevala und Suddha besteht. So erkennt er das Selbst im Inneren.

2238. Die fünfundzwanzig Tattvas gehen in die Seele zurück. Nachdem die Seele Suddha verwirklicht hat, geht sie in das Suddha-Vidya-Tattva ein. Die ersten drei dieser Gruppe, Suddha-Vidya, Ishvara und Sadakhya, gehen in Shakti zurück. Jenseits von Shakti ist Shiva. So zurückkehrend gelangt die Seele zum Anfang. Umgekehrt ist dies auch die Entfaltungsordnung.

2239. Die fünfundzwanzig Tattvas des Purusha gehen in die sechs Vidya-Tattvas zurück. Diese gehen in die drei höheren Shiva-Tattvas ein, welche wiederum mit Shakti-Bindu verschmelzen, der mit Shiva-Nada steht. So wird die letzte Rückkehr in vier und sieben Tattvas erreicht.

2240. Die Kevala-Seelen, Vijnanakalas, sind untätig und besitzen nur Anava. Die Pralayakalas haben zusätzlich Maya; sie sehen mit unsichtbarer Gestalt. Die Sakalas sind in alle drei Unreinheiten versunkene Seelen.

2241. Die Vijnanakalas besitzen allein Anava. Die Pralayakalas besitzen auch Maya. Anava, Maya und Karma, alle drei, besitzen die Sakalas. Dies sind ihre Unreinheiten.

2242–2254: Unterteilungen der drei Seelenzustände

2242. Die Vijnanakalas im untätigen Kevala werden durch die dortige Bindu-Kraft als Sakalas innerhalb von Kevala tätig. So erreichen sie die Wahrheit der großen Maya, die die Mantrakraft trägt.

2243. Die Pralayakalas wohnen in reiner Maya, doch diese berührt sie nicht. Sie stehen mit Anava und mit den begehrenden Wünschen der unreinen großen Maya, die die Sakalas besitzen. Sie sind wahrhaft die hundertacht Rudras.

2244. Wer von drei Unreinheiten umhüllt im weltlichen Leben versinkt, ist Sakala im eigentlichen Sinn. So sind die Devas, die Menschen und Brahmas zahlreiche übrige Geschöpfe bis zum Wurm, der in den Schoß des Lebens eintritt. Sie alle sind Sakalas, die die Welt bevölkern.

2245. Wer Suddha erreicht, wird durch Shivas leuchtende Gnade von den drei wirklich-unwirklichen Unreinheiten und von den dunklen Bindungen nacheinander befreit. Hat er sie ganz abgelegt, bleibt er für immer rein.

2246. In Suddha-Kevala-Mukti steht der Jiva allein. Wenn danach die Kalas weichen, ist Suddha-Sakala-Mukti da. Steht die Seele eins im Laut Aum, ist dies reine Kevala-Jagrat-Befreiung. Noch darüber steht die Seele selbst in sich selbst: Das ist Suddha-in-Suddha-Mukti.

2247. Untätig, ohne Erkenntnis, von Wünschen unberührt, ziellos, immerwährend, den Kalas nicht verbunden, handlungslos, ohne tägliche Erfahrung, von trügerischen Unreinheiten durchsetzt: So ist der Jiva im Kevala-Mukti-Zustand.

Quellenhinweis zu Vers 2247: Die englische Fassung verwendet hier „Mukti“, obwohl der Zustand als unwissend und unrein beschrieben wird. Die Spannung bleibt erkennbar.

2248. Bindu, Maya und Handlung besitzen sie. Die Kraft endloser Erkenntnis-Shakti ist ihr Grund. Im Bindu erlangen sie göttliches Wissen. So sind die Pralayakalas dieser Welt. Obwohl Sakalas, sind sie hier unten Reine.

2249. Die feinen Unterteilungen der drei Zustände Kevala, Sakala und Suddha lauten: Kevala-Kevala, Kevala-Sakala, Kevala-Suddha; Sakala-Kevala, Sakala-Sakala, Sakala-Suddha; Suddha-Kevala, Suddha-Sakala, Suddha-Suddha. So gibt es insgesamt neun Verbindungen für jene, die tief schauen.

2250. Kevala-in-Kevala ist der Atita-Atita-Zustand. Kevala-Sakala sind die Vaindava-Erscheinungen in reiner Maya. Kevala-Suddha ist der Zustand heiliger Vijnanakalas. Dieser führt die Seele zur verkörperten Gnade.

2251. Sakala-Kevala ist der Zustand jenseits des Wachens. Sakala-Sakala ist Wachen im Wachen. Sakala-Suddha ist der selbstleuchtende Tatpara-Zustand. All dies geschieht innerhalb von Sakala.

2252. Suddha-Kevala ist Upashanta, tiefer Friede. Suddha-Sakala ist der weite Turiya-Zustand. Suddha-Suddha ist das Shiva-Werden. Diese drei gehören zu Suddha.

2253. Wachen im Wachen, Traum im Wachen, Tiefschlaf im Wachen und Turiya im Wachen: Über all diesen liegt Jagratatita, das göttliche Seligkeit schenkt. Die fünf ursprünglichen Unreinheiten verschwinden für immer.

2254. Im Zustand jenseits des Wachens ist Anava ganz entwurzelt. Dieser Zustand ist noch nicht der höchste Shiva-Zustand. Doch gewiss schenkt er den vom Höchsten bewirkten tiefen Frieden. Wird der Jiva danach noch auf Unreinheiten und Gunas blicken?

2255–2268: Von Bindung zur Reinigung

2255. Bindung, Befreiung, Turiya und Suddha-Atita wird der Jiva auf feine Weise erfahren. Durch die Gnade des Herrn kommen sie. Wenn diese Erkenntnis durch Gnade dämmert, hat der Jiva weder Gedanken noch Handlungen mehr.

2256. Die Zustände von Bindung und Befreiung kommen durch Haras Gnade. Es ist sein Spiel, den Jiva zum reinen Ziel zu führen, damit er Gotteserkenntnis empfange.

2257. Wer fünf Unreinheiten hat, ist Sakala. Wer fünf Unreinheiten hat, ist gebunden. Wer fünf Unreinheiten hat, regiert die himmlische Svarga-Welt. Wer fünf Unreinheiten hat, kann schließlich Gotteserkenntnis erlangen.

2258. Im Atita-Zustand des Jiva besteht Anava. Im Turiya durchdringt ihn Maya. Im Tiefschlaf werden Wünsche nach Maya-Erfahrungen eingepflanzt. Im Traum wirkt der feine Körper mit acht Tattvas. Im Wachen wird der grobe Körper tätig.

2259. Im Kevala-Atita besteht Anava. Im Turiya kommt Maya hinzu. Im Tiefschlaf kommt Kamya, der Karmakeim des Begehrens, hinzu. Im Traum tritt auch große Maya als täuschende Wahrnehmung auf. Im Wachen kommt die Verhüllung hinzu. So sind die fünf Unreinheiten mit dem Jiva im Sakala-Zustand verbunden.

2260. Der Jiva im Atita erkennt das ursprüngliche Höchste. Im Turiya steht er in reiner Maya, die in Hara beginnt. Im Tiefschlaf kommt Karma-Unreinheit hinzu. Im Traum umhüllt ihn unreine große Maya. Im Wachen kommt die verdunkelnde Kraft. So steht der Jiva in Sakala.

2261. Sie erhalten eine Körpergestalt und erfahren vielfältige Genüsse. Von Elementen durchdrungen verbinden sie sich mit Geist und übrigen Erkenntniswerkzeugen. Sie hängen an Karmas und wohnen in den Sinnesqualitäten. So werden diese Jivas im Sakala-Zustand geboren.

2262. Sie erreichen den Zustand, in dem gute und böse Taten gleichgewichtig werden und Shaktis Gnade auf sie herabkommt. Auf dem Gnadensitz ruhend gelangen sie mit Hilfe des heiligen Gurus in die Gegenwart von Shaktis Gnade. Schließlich von der ursprünglichen Anava-Unreinheit befreit, erreichen sie Suddha, das keine weitere Geburt bringt.

2263. Mit sechsunddreißig Tattvas und zehn Erfahrungszuständen tritt der Jiva in den letzten Zustand Turiyatita ein. Dann wird die göttliche Gabe der Befreiung gewährt. Er geht in das strahlende Licht ein, das die fünf Götter erreichen. Dort ist Shiva mit der heiligen Asche die letzte Zuflucht des Jiva.

2264. Das Selbst nicht kennend hielt der Jiva den Körper für das Selbst. Als er das wirkliche Selbst sah, erreichte er Turiya. Doch wenn er sich selbst dort nicht mit dem Herrn vereint, wird er hier unten erneut geboren.

2265. Erkennt der Jiva im Wachen den Atita-Zustand, verlieren die von Maya hervorgebrachten Tattvas ihre Schädlichkeit. Der Geburtenwirbel endet. Gute Befreiung und Siddhi werden erlangt. Rede und Denken hören auf.

2266. In der Leere jenseits des Atita erscheinen Shakti als Wasser und Shiva als Feuer. Wasser und Feuer erscheinen nicht gemeinsam im Raum. Wie können sie dann gemeinsam in der Leere erscheinen? Auf solche Weise sind Shakti und Shiva dort vermischt.

2267. Von den Tattvas sind vierundzwanzig unrein, sieben rein-unrein und fünf mit reiner Maya rein. So sind sie in drei Gruppen geteilt: rein, rein-unrein und unrein. Alle begleiten den Jiva auf den angemessenen Stufen.

2268. Parashiva als Vater, reine Maya als Mutter, unreine große Maya als Amme: So nimmt der Jiva Geburt an. Die Zustände Kevala und Sakala durchreisend erreicht er schließlich Suddha.

2269–2283: Para-Avastha – die höchste Erfahrung

2269. Der Herr ist das Höchste, anfangslos, jenseits der fünf Erfahrungszustände. Er ist der Reine, im Herzen sitzend, geburtlos. Warum er diesen schönen Körper und das Leben trennt: Dieses Geheimnis erkannte ich.

2270. Shakti in Parapara ist Parashakti. Shakti im Frieden ist Bewusstseinskraft. Shakti in höchster Seligkeit ist Willenskraft. Shakti im leuchtenden Bindu ist Erkenntniskraft. Shakti in Maya ist Handlungskraft. Wenn der Jiva diese Kräfte empfängt, ruht er ungeteilt im Göttlichen.

2271. Wer ihn jenseits der sechsunddreißig Tattvas erkennt, erkennt ihn wahrhaft. Jenseits dieser Tattvas empfängt er seine Gnade. Nur jenen mit wahrer Erkenntnis jenseits der sechsunddreißig Tattvas ist Hara göttliche Seligkeit, er, der jenseits dieser Tattvas steht.

2272. Die fünf äußeren und vier inneren Organe überschreitend schlummert der Jiva in der inneren Vereinigung der fünf Zustände. Dann erscheint der wunderbare Herr mit der schlanken Shakti und befreit den Jiva von den Giften seiner Unreinheiten, damit er sich für immer freue.

2273. Im Jagrat-Turiya erkennt der Jiva das Selbst. Darüber liegen Turiya-Wachen, Turiya-Traum, Turiya-Tiefschlaf und Turiya-Turiya. In diesem Para-Turiya wird der Jiva zum Höchsten. Im noch darüberliegenden Para-Turiya-Atita wird er Shiva.

2274. In einem Verlangen ohne Wünsche strebt der Jiva nach Para-Atita-Turiya. Bleibt er darin standhaft, wird er zum Jenseits des Höchsten, Shiva. Asketen, die nicht üben, werden niemals das Höchste. Für immer bleiben sie in vielerlei Bindungen gefesselt.

2275. Die Maya, die wir verstehen möchten, umhüllt die Seele innen und außen. Ihre Betäubung verwirrt Denken und Sprache. Wirst du davon frei, wird dein Wissen gereinigt. Es verwandelt sich in Shivas Seligkeit und wird zum schützenden Dach über dir.

2276. Der Jiva war in Turiya. Wie ein schnelles Ross wurde er in den Wachzustand des Turiyatita geführt. So hatte der Meister die karmischen Schakale vertrieben. Heulend und bitter enttäuscht blieben die Karmas zurück.

2277. In diesem Turiyatita-Wachzustand steht der Herr des Tanzes mit dem Jiva vereint. Wenn diese Vereinigung geschieht, verschwindet Maya. Noch an jenem Tag erlangt der Jiva Shivas Gestalt.

2278. Steigt der Jiva aus seinem Wachzustand aufwärts, kann Maya ihm als Lampe den Weg erhellen. Erreicht er Turiya, erkennt er sein Selbst. Doch auch dort bleibt Maya. Weiter soll die Seele zum Turiyatita aufsteigen.

2279. Dein Selbst nicht kennend hieltest du den Körper für das Selbst. Als du in Turiya eintratest, erkanntest du das Selbst. Doch selbst dann verlässt dich der Geburtenkreislauf nicht. Steige darum weiter zum Turiyatita auf und vereine dich mit dem alles durchdringenden, reinen Herrn.

2280. Dieser Körper ist der Geburt unterworfen. Turiya gehört Körper und Jiva gleichermaßen; beide sind Geburt und Tod unterworfen. Wenn die Gnade des heiligen Gurus auf sie herabkommt, gibt es keine Zwei: Der Jiva vereint sich mit Shiva zu einem.

2281. Wenn der Jiva im Turiya nacheinander die inneren Zustände Wachen, Traum und Tiefschlaf erfahren hat und weiter standhält, tritt er in Para-Turiya ein. Dort wird er wahrhaft zum Höchsten.

2282. Auf Para-Turiya-Wachen folgt Para-Turiya-Traum, der das ganze Universum umfasst. Dann kommt Para-Turiya-Tiefschlaf, wo Friede jenseits des Verstehens herrscht. Auch dies überschreitend erreicht der Jiva Shiva-Turiya.

2283. Auf Para-Turiya-Wachen folgt Para-Turiya-Traum, der das ganze Universum umfasst. Dann kommt Para-Turiya-Tiefschlaf, wo Friede jenseits des Verstehens herrscht. Auch dies überschreitend erreicht der Jiva Shiva-Turiya.

Quellenhinweis: Die englische Zusammenstellung bietet unter 2282 und 2283 denselben Text. Beide überlieferten Nummern bleiben erhalten; eine abweichende Übersetzung zu 2283 wird nicht erfunden.

2284–2295: Über die Zustände hinaus

2284. So erfährt der zum Höchsten gewordene Jiva vom Jiva-Turiya bis zum Shiva-Turiya zehn Zustände. Dann tritt er in den elften ein, wo er in die Wahrheit des höchsten Nandi eingeht. Schließlich geht er noch darüber hinaus, nachdem alle elf Zustände durchlaufen sind.

2285. Jenseits von Parashiva liegt Paramam, Brahman; jenseits davon Paramparam, Para-Brahman. So steigen die Zustände auf. Von Parashiva-Wachen über Parashiva-Traum zu Parashiva-Tiefschlaf gelangt der zu Parashiva gewordene Jiva zur begrenzten Wahrheit, dem höchsten Nandi.

2286. Zu Parashiva gehören Parashakti, Para-Nada und Para-Bindu, dazu Sadashiva, Brahma und Hari, Rudra, der Herr der Devas, und Maheshvara.

2287. Weil sie dies nicht erkennen, regieren sie das spirituelle Reich nicht. In Prunk und Eitelkeit schwelgen sie. Das ist wahrhaft Leiden. Sie wissen nicht, dass er alles durchdringt, dass die sieben meerumschlossenen Welten zerfallen werden und dass Shiva mit Jiva und Körper vermischt steht.

2288. Vollziehe die wahre Askese, die deine Zukunft birgt. Erkenne dich selbst, und der barmherzige Herr gewährt seine Gnade. Als mein Ichbewusstsein endete, erkannte ich mein Selbst. Nun bin ich Seligkeit.

2289. Denke an Goldschmuck: Der Gedanke an das Metall Gold ist nicht da. Denke an das Metall Gold: Der Gedanke an Schmuck ist nicht da. Denke an die Sinnesorgane: Das Selbst ist nicht da. Denke an das Selbst: Die Sinnesorgane sind nicht da.

2290. Denke an Holz: Das Bild des Spielzeugelefanten tritt zurück. Denke an den Spielzeugelefanten: Das Bild des Holzes tritt zurück. Denke an die fünf Elemente: Der Gedanke an das Höchste tritt zurück. Denke an das Höchste: Der Gedanke an die Elemente tritt zurück.

2291. Die sechsunddreißig Tattvas überschreitend und die Laute Na und Ma verlassend wird der Jiva zur Erkenntnis. So befreit erhebt er sich als Ya. In Va, Shakti, und in Shi, Shiva, eingehend wird der Jiva Ya zu Shi-Va-Ya. Das ist Befreiung.

2292. Turiya enthält das fünfsilbige Mantra. In Para-Turiya-Wachen sind die einundfünfzig Laute. In Para-Turiya-Traum ist Nada. In Para-Turiya-Tiefschlaf ist Erkennen. Darüber erscheint Paramam, Brahman, im Para-Turiya-Turiya.

2293. Im Sakala-Zustand erlangt der Jiva durch Gnade diese fünf Erfahrungen. Dann folgt der reine Erfahrungszustand Suddha. Wird dieser innig erfahren, erreicht man Nandis höchste Erfahrung. Wie Dunkelheit vor dem Licht flieht, verschwinden die fünf Unreinheiten für immer.

2294. Der begrenzte Bereich der fünfundzwanzig Tattvas und die unreine Maya sind unwirklich. Sie verlassend steige der Jiva in den Bereich der rein-unreinen großen Maya auf. Diesen durchdringend gelangt er weiter zur höchsten, reinen Erfahrung. Dort ist die Seele zugleich Alles-Sein und Nicht-Sein.

2295. Als Gnade stand er, als Höchstes stand er, als Liebe stand er. In einer Gestalt vereint stand er. Er überschritt alle Erfahrungen, verließ mich aber nicht: der herrschaftliche Guru, der Meister göttlicher Erkenntnis.

2296–2303: Eigenschaften, Welträume und der elfte Zustand

2296. Im Wachen ist Sattva die Eigenschaft, im Traum Rajas, im Tiefschlaf Tamas. Eigenschaftslosigkeit, die die drei übrigen Eigenschaften auflöst, ist das Merkmal des reinen Turiya.

2297. In den weiten kosmischen Räumen sind zahllose Universen entstanden und auseinandergetreten. Unzählbar sind sie wie der Sand an den Ufern der sieben Meere. Wie blendender Goldschmuck funkelnd bilden sie den Thronsitz des Herrn der Himmlischen.

2298. Auf diesem Thron sitzt er als Seligkeitsprinzip. Fünf sind seine Gestalten, sechsunddreißig die Tattvas, die er durchdringt. Ja, die von ihm durchdrungenen Tattvas sind achtmal zahlreicher als die Universen in der Raumweite. Er selbst ist jenseits der Tattvas.

2299. Im fünften Zustand, Jiva-Turiyatita, ist Nektar; im siebten, Para-Turiya-Wachen, ist Seligkeit. Darüber im neunten, Para-Turiya-Tiefschlaf, ist Aum. Im elften, Shiva-Turiya, steht der Jiva erleuchtet. Dort verweilend erlangt er den göttlichen Körper. Höre, junge Frau mit papageienrotem Mund: Dies sind die Errungenschaften der höheren Zustände.

2300. Selbst im Atita-Turiya bleiben sechs formlose Tattvas: Purusha mit Chitta und fünf formlose Tattvas. Im Tiefschlafzustand des Atita-Turiya sind die übrigen acht. Erst im elften Zustand bleibt kein Tattva.

2301. Wenn die elf Zustände so erkannt sind und der Jiva fest im Erkenntniskörper ruht, ist niemand außer Nandi da. Betrachte dieses unwandelbare Wesen in rechter Folge. Glaube fest: Du kannst das Ziel erreichen.

2302. In seiner ursprünglichen Lage ist der Jiva in Kevala. Verbindet er sich mit den Tattvas, verlässt er es und tritt in Sakala ein. Daraus befreit erkennt er das Selbst. Wenn er alle drei Zustände überschreitet, tritt er in Jagratatita ein. Dort ist er rein.

2303. Gib Zorn und Ichhaftigkeit auf, so weit du kannst. Richte deine Gedanken auf Gott, so weit sie reichen. Wenn du durch die Gnade des Herrn Tag und Nacht in Kontemplation ruhst, werden selbst Berge zerbrechen. Du wirst die endlose Leere schauen.

2304–2321: Die reine, von Unreinheiten freie Erfahrung

2304. Tief im Brunnen des Schweigens liegt eine Schildkröte, der Jiva mit zurückgezogenen fünf Unreinheiten. Wenn du von der Wahrheit nicht abweichst und ganz in ihr aufgehst, wirst du wahrhaft tausend Jahre länger als die Schildkröte leben.

2305. Luft, Feuer, Wasser, Erde und Raum, Hari, Rudra, Maheshvara, Brahma und Sadashiva: Wer diese fünf Elemente und Götter überschreitet und in höhere Zustände eintritt, wird niemals den Tod sehen. Keine anderen Gedanken wird er haben als Gedanken an Gott.

2306. Der Jiva ist der Sohn, so sagen alle alten Schriften. Das wissen sie nicht: Der Jiva ist wahrhaft Haras Sohn. Denn ohne ihn gäbe es die fünfundzwanzig Tattvas nicht.

2307. Wie Geborenwerden, Leben und Sterben sind die drei Erfahrungen Wachen, Traum und Tiefschlaf. Wenn der Jiva Turiya erreicht und darin bleibt, wird er außerordentlich rein und genießt unendliche Seligkeit.

2308. Alles ist in ihm, und er ist in allem außerhalb. Erfährt der Jiva Turiya so, kehrt er nicht mehr zu den sechsunddreißig Tattvas zurück. Göttliche Erkenntnis wird er erlangen und so den Shiva-Zustand erreichen.

2309. Du magst Eisen aus dem Feuer nehmen; es behält dennoch dessen Wirkung. Ebenso bleibt selbst dann, wenn die Sinnesorgane im Turiya erloschen sind, die unreine Wirkung karmischer Taten bestehen.

2310. Im brennenden Wachzustand sind die Erfahrungen vielfältig. Gib sie auf, gib sie ganz auf. Durch die Gnade Nandis, der die Veden verkörpert, wirst du den von Unreinheiten freien Atita-Zustand erreichen. Dann wirst du das Höchste selbst sein.

2311. Wenn jene, die Suddha-Atita erreicht haben, in Sakala zurückfallen, verlässt sie die Gnade des Herrn nicht. Ihm weiterhin nahe, genießen sie die Weltfreuden nicht. Schließlich in Samadhi eintretend vereinen sie sich mit dem Herrn. All dies geschieht durch höchste Gnade.

2312. Er teilte sich in zwei Hälften und erschuf die Gruppe der zum Körper gehörenden Tattvas. Er ließ mich in viele Geburten und Orte eintreten. Er führte mich in den untätigen Gnaden-Kevala-Zustand und ließ mich dort, während er sich in mir vereinte.

2313. Das Spielzeugwindrad aus Blättern, das Feuerrad aus Fackeln, die wogenden Wellen des blauen Meeres und die Dickmilch beim Quirl werden alle von einer anderen Kraft bewegt. Ebenso treten die von Unreinheiten getriebenen Jivas in Hölle, Himmel und Erde ein und leiden schwer. All dies verschwindet, wenn Gnade herabkommt.

2314. Wenn der Zustand erreicht ist, in dem das Selbst Shiva wird, verblassen sämtliche Unreinheiten, Bindungen, Eigenschaften und Erfahrungen, die für den entfremdeten Jiva entstanden. So verblassen die Mondstrahlen vor der aufgehenden Sonne.

2315. In jenen, die den Shiva-Zustand erreicht haben, sind Feuer, Wasser und Luft. Sonne und Mond sitzen dort. Auch Hari, Brahma und Rudra sind in ihrem Herzen.

2316. Wer die fünf Sinneselefanten bändigt, entzündet die Erkenntnislampe. In ihren Glanz eintretend vertreibt er die innere Dunkelheit. Für ihn ist es leicht, zur himmlischen Heimstatt Shivas aufzusteigen.

2317. Den bewegten Hauch der tanzenden Füße, den schwingenden Klang der Damaru-Trommel und die himmlische Musik der rezitierten Veden und Agamas: All dies erfuhr ich in meinen inneren Nadis.

2318. Die Wirkung guter Askese früherer Zeit lässt sich durch gegenwärtige Erkenntnis unterscheiden. Selbsterkenntnis ist wahres Wissen; das übrige ist nur verwirrtes Wissen.

2319. Handlungslos zu sein ist Shivas Seligkeit. Die Handlungslosen suchen keinen Shiva-Yoga. Die Handlungslosen gehen nicht in der Welt auf. Nur den Handlungslosen wird die göttliche Botschaft zuteil.

2320. Wer Samadhi erreicht, wird mit ihm eins. Die Unreinheiten werden durchschnitten, der Jiva-Zustand verschwindet. Sein Körper als göttliches Licht wird in Shivas Welt sein. Von acht Fehlern frei vereint er sich mit Shiva.

2321. An Haras ewigen Füßen erscheint Shakti. Mit ihrem Erscheinen verschwindet die endlose Dunkelheit des Jiva, und Licht dämmert. Der Jiva bleibt unablässig auf dem altehrwürdigen Erkenntnisweg und erreicht so den Zustand der Pedda- oder Jiva-Befreiung.

2322–2334: Erkenntnis, Schweigen und die Kräfte Shivas


2322. Shakti unterstützt die Seele sowohl in der Gebundenheit als auch in der Befreiung. Im ersten Zustand von Zweifeln hin und her geworfen, wird sie im zweiten frei von Zweifel. Dann schenkt Shakti ihr das göttliche Werkzeug der Erkenntnis: das bleibende Licht jenseits des flackernden Lichtes der Seele.

2323. Die sechsunddreißig Tattvas besitzen keine eigene Erkenntnis. Das Selbst, das erkennt, kannte ich nicht. „Du wirst erkennen“, so segnete mich Nandi. Da erkannte ich: Ich bin der Erkennende.

2324. Er verwandelte mich in sich selbst: der Herr der Erkenntnis, der Erste der Himmlischen, das strahlende Licht des unvergleichlichen Juwels. Und sie ist Shakti, die Gnade reiner Erkenntnis, die Makellose. Beide sah ich in diesem Körper aus Fleisch.

2325. Licht und Dunkelheit sind Parai und die Liebe in ihr. Überschreite das Selbst: Jenseits liegt Liebe, die Gnade ist. Überschreite die Finsternis der Unreinheit: Jenseits liegt Licht, das Erkenntnis ist. Überschreite auch diese: Dann empfängst du Shivas Seligkeit als Gabe.

2326. In der Seligkeit der Gnade, die Shiva und Shakti gewähren, trete die Seele in den endgültigen Samadhi ein. Verwirklicht sie so beim Ende des fleischlichen Körpers das innere Gewahrsein, erlangt sie den höchsten Zustand des Herrn Shiva. Dies ist das erhabene Wort, das Mahavakya.

Übersetzungshinweis zu Vers 2326: Die englische Fassung bezeichnet den erreichten Zustand erneut als „finite“. Die Wiedergabe „höchster Zustand“ folgt dem Zusammenhang des endgültigen Samadhi; die genaue Bedeutung dieses wiederkehrenden Ausdrucks bleibt unsicher.

2327. Den ganz in Unwissenheit Versunkenen zu sagen, hilft nicht; den von Erkenntnis Erfüllten zu sagen, hilft nicht. Sprich zu jenen, die wissen und doch nicht wissen: Dann werden sie erkennen und das Selbst verwirklichen.

2328. Indem die Seele sich mit Sat, Asat und Sat-Asat verbindet, wird sie Chit, Achit und Shiva-Chit. Diejenigen, die jenen Turiya-Zustand erreichen, in dem weder reine noch unreine Maya besteht, sind wahrhaft die Reinen. Sie überschreiten die drei Zustände und gelangen zum überragenden Schweigen.

Ergänzende Erklärung: Sat bezeichnet hier das Wirkliche, Asat das Nichtwirkliche und Sat-Asat die Stellung der Seele zwischen beiden; Chit ist Bewusstsein, Achit das Nichtbewusste. Diese begrifflichen Zuordnungen gehören zur Lehre des Textes und sind keine bloßen Werturteile über Menschen.

2329. Aus sich selbst erkennt die Seele nicht; dennoch fehlt ihr höhere Erkenntnis nicht völlig. Das Wissen, das sie selbst besitzt, ist Sat-Asat. Wenn die beiden als Gnade herabkommen, erkennt sie sich selbst und wird eins mit Shiva.

2330. Nur wer die Erkenntnis der Tattvas beherrscht, gelangt zur höheren Erkenntnis Gottes. In dieser höheren Erkenntnis wird das Selbst eins mit Shiva. Dann beginnt die Seligkeit der Gotteserkenntnis.

2331. Erlangt die Seele Selbsterkenntnis, wird sie eins mit Shiva. Die Unreinheiten vergehen, der Kreislauf der Geburten endet. Dann sind da die gute Befreiung, das strahlende Licht der Erkenntnis und deren göttliches Siegel: Chinmudra.

2332. Erkenntnis ist seine Gestalt, Handeln seine Mitte, Wille sein Lebensschlag. So erscheint Tatpara, das unerschaffene Sein. Er ist der Same seiner fünf Tätigkeiten: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Erlösung. Deshalb empfingen die im Schweigen Weilenden das Siegel der Erkenntnis.

2333. Jnana-Shakti gibt der Seele Erkenntnis, Ichchha-Shakti gibt ihr Wollen, Kriya-Shakti gibt ihr Handeln. All diese Kräfte sind subtil. Der Herr selbst gewährt sie der Seele; sie stammen nicht aus ihr allein. Der Herr ist es, der in ihr wirkt.

2334. Handeln, Wollen und Erkennen der Seelen, in denen Shiva wirkt, sind das Werk von Mamaya und Maya, der unreinen und der reinen. Doch jenseits der Leere von Ursache und Wirkung ist Shiva: ewig und in einem Frieden, der selbst die Ruhe überschreitet.

2335–2347: Die vielfältige Wirksamkeit der Gnade


2335. Er wohnt dem Wirklichen, dem Unwirklichen und allem inne. Er ist der Herr, der Wirkliches, Unwirkliches und Wirklich-Unwirkliches ist. Weit, weit jenseits der Sprache ist er. Eile, ihn zu erkennen: Er wird das Leben deines Lebens sein.

2336. Die Kraft des Wollens flößt der Seele Wünsche ein und bedrängt sie; die Kraft der Erkenntnis versengt und vernichtet sie. Da diejenige, die der Seele Wünsche eingibt, in dir ist, verbrenne deine weltlichen Wünsche und erlange den erhabenen Zustand.

2337. Wer sich mit Shiva vereint, wird die fünf Unreinheiten los. Wer sich nicht so vereint, bleibt von den fünf dunklen Unreinheiten besetzt und ist für Geburten auf Erden, im Himmel und in der Hölle bestimmt. Niemand erkennt, dass all dies aus seiner Gnade hervorgeht.

2338. Wer von den Kräften der zweifachen Maya ergriffen ist, handelt dementsprechend. Wer von der Kraft der Erkenntnis ergriffen ist, handelt ihr gemäß. Wer von weltlichen Wünschen ergriffen ist, verhält sich entsprechend. Alles, was sie tun, ist Wirken der Gnade des Herrn.

2339. Wer den Reichtum der Heiligkeit besitzt, ist weder für die dunkle Hölle noch für den genussreichen Himmel bestimmt. Wer diesen Reichtum besitzt, verlässt das Gedränge der Unreinheiten und alles Unwürdige. So wird er Shiva.

2340. Unwissend sind jene, die nicht wissen, was Gott und was der Welt zugehört. Weise sind allein die, die beides erkennen. Wenn sie durch seine Gnade beides erkennen, werden sie auch seine Gnade erkennen. Beide sind da.

2341. Wie Feuer und Hitze sind Shiva und Shakti. Er ist die Substanz; sie verbindet sich mit dem Bewusstsein der Seele. Dunkelheit und Licht ist sie; auch die drei Unreinheiten durchdringt sie. Dann macht sie durch das Licht der Gnade die Seele zu Shiva selbst.

2342. Wenn die Sonne aufgeht, erwachen die Lotusse. Doch einige blühen auf und andere nicht, je nach ihrem verschiedenen Zustand. Obwohl die Sonnenstrahlen sie gleichermaßen treffen, unterscheiden sich ihre Wirkungen: So verschieden sind die Zustände, in denen Gnade empfangen wird.

2343. Unterschied, Nichtunterschied und Unterschied-in-Nichtunterschied; angeborenes Wissen, erlerntes Wissen und Gotteserkenntnis; Nada und das jenseits des Klanges liegende Nadanta: All dies kommt durch die Gnade des Heiligen.

2344. Wie ein künstlicher Elefant auf Stelzen ist das Spiel von Haras Gnade. Mithilfe der Tattvas bewegt sie die Seele und lässt sie hierhin und dorthin tanzen. Sie übergibt sie dem Leben und den Wegen der Welt, lässt das Licht der Erkenntnis in sie einströmen und pflanzt sie schließlich in das Leben der Gnade. Alles, alles ist Werk der Gnade.

2345. Die Seele ließ die sechs mal sechs Tattvas zurück und erkannte das Selbst. Sie wurde zum vollendeten Sein und durchdrang sie: Sie war in den Tattvas und diese in ihr. Doch sie überschritt sie und ging ins Jenseitige ein. Als die Gnade auf sie herabkam, erlangte sie zweifelsfreie Erkenntnis und wurde Shiva.

Übersetzungshinweis zu Vers 2345: „Vollendetes Sein“ gibt das im Zusammenhang schwer verständliche englische „the Finite“ sinngemäß wieder; eine sichere begriffliche Entsprechung lässt sich daraus nicht gewinnen.

2346. Die Liebe zu den heiligen Füßen, die unerreichbar sind, erreicht er durch Gnade. Auf dem angemessenen Weg reisend, weckt er das mächtige Ross der Shiva-Erkenntnis, besteigt es und gelangt darüber hinaus. So erreicht er Shiva selbst.

2347. Zu denen, die Shiva erreichten, gehören die Charanas, die Siddhas und die Samadhi-Yogis, die in Gottes Wahrheit stehenden Jnanis, die in Liebe verehrenden Seligen und die Nathas. Alle sind von göttlicher Gnade gesegnet.

2348–2354: Shiva im eigenen Selbst suchen


2348. Man spricht von zwei Zuständen: „Ich“ und „Er“. Doch es gibt einen Zustand, in dem beide ununterschieden sind. Wer im höheren Kevala-Zustand weilt, nimmt den Unterschied nicht wahr. Das eigene Ich auszulöschen und ihn und das Selbst zu vereinen: Das ist der reine Zustand, Suddha.

2349. Große Seelen, die Shiva als das Selbst in ihrem Inneren erkennen, suchen Shiva im Selbst. Wer Shiva nicht im Selbst erreicht, wird Shiva niemals erreichen.

2350. Klage nicht, dass du ihn nicht kennst. Geh den rechten Weg, dann wirst du ihm begegnen. Er, der als die beiden Lichter Shiva und Shakti alles erschafft, ist als ein Licht in meinem Herzen vereint.

2351. Ein Ton ist es, viele sind die daraus geformten Gefäße. Ein Herr ist es, der der ganzen Schöpfung innewohnt. Die Augen sehen vielerlei Dinge, doch sich selbst sehen sie nicht. So ist es auch mit dem Herrn und der Seele.

2352. Im Inneren stehend beschützt er die sieben Welten. Der Gute, der ihn in Liebe preist, kommt ihm nahe. Wer nicht an Shiva denkt, schluchzt laut in Bedrängnis. Wie könnten jene ihn je erreichen, die ihre Gedanken nicht auf ihn sammeln?

2353. Wer das Selbst im Inneren nicht sieht, wird das Ziel im Äußeren nicht sehen. Wer es im Inneren nicht sieht, wird vielerlei Körper annehmen. Vereine dich mit dem Herrn und lasse das Ich schwinden. In ungeteilter Erkenntnis wirst du zum göttlichen Schwan, in dem „Ich“ und „Er“ vereint sind.

2354. Wenn die Herrin der Himmlischen in Maya steht, wer genießt dann die Seligkeit: der Körper oder die Seele? Menschen, die meinen, alles zu wissen, wissen nicht, weshalb sie geboren werden und weshalb sie sterben.

2355–2369: Das Aufgehen der Erkenntnis


2355. Wer das Selbst kennt, erleidet dadurch keinen Schaden. Wer das Selbst nicht kennt, wird sich selbst zum Schaden. Wenn die Erkenntnis aufdämmert, die das Selbst kennt, wirst du selbst Shiva und wirst hoch verehrt.

2356. Dort auf dem Löwenthron saß Shiva, von den mächtigen Himmlischen verehrt. Die Herrin mit dem üppigen Haar und den klingenden Fußspangen sang: „Heil meinem Herrn!“

2357. Ich wusste nicht, dass Shivas Gestalt Erkenntnis ist. Nandi lehrte mich durch seine Gnade: Shivas Gestalt ist Erkenntnis. Ich suchte die Gestalt der Erkenntnis und blieb in diesem Wissen.

2358. Erkenntnis kennt weder Tod noch Geburt. Erkenntnis hat keinen anderen Grund als Erkenntnis. Erkenntnis allein erkennt Erkenntnis: Zu diesem letzten Schluss gelangen alle Veden.

2359. Über der Blüte des Herzens liegt die sechzehnblättrige Blüte des Vishuddha-Zentrums. Dort ist reine Erkenntnis, Shivas Seligkeit. Als die Erkenntnis des Selbst darin aufging, vereinte sich die Seele mit Shiva und blieb als Einheit bestehen.

2360. Zu denen, die ihn fest im Denken hielten, eilte er als Shaktis Gnade. Ich pries ihn; der Herr erschien und offenbarte seine goldene Gestalt. Ich hielt an ihm fest und erkannte das Wissen der Seele. Dann sind Anima und die übrigen acht Siddhis da. So erkannte Nandi die Erkenntnis der Seele als Shiva-Erkenntnis.

2361. Erkenne dies und verehre ihn. Erkenne durch das Wissen der Seele die Shiva-Erkenntnis. So werden Anima und die übrigen der acht Siddhis erlangt. So erkannte Nandi die Erkenntnis der Seele als Shiva-Erkenntnis.

Quellenhinweis: Die englischen Fassungen von 2360 und 2361 überschneiden sich am Ende deutlich. Da beide als gesonderte Verse vorliegen, bleiben ihre Nummern und ihr jeweils überlieferter Wortlaut erhalten.

2362. „Erkenntnis, Erkenntnis!“, so klagt diese Welt. Sie weiß nicht, dass das Wissen der Seele keine wahre Erkenntnis, sondern Unwissenheit ist. Wenn göttliche Erkenntnis das Wissen der Seele überlagert, werden beide reine Erkenntnis. So viel liegt letztlich zwischen Wissen und Nichtwissen.

2363. Wissen und Nichtwissen überschreitend, die fünf Sinne zurücklassend und alles durchdringend, steht die Seele selbst als Erkenntnis und als deren alldurchdringende Gegenwart da.

2364. Das Herz des Erkennenden ist ein weiter Raum. Das Herz des Erkennenden ist seltenes Tapas. Das Herz des Erkennenden ist die Wohnung des Herrn. Dort stand er: im Herzen der Erkennenden.

2365. Der Herr ist Hari, Brahma und Rudra. Er ist der Same der körperlichen Welt. Fern ist er und nah; süß wie Zuckerrohr und göttlicher Nektar. So steht er der Seele nahe.

2366. All diese Tage kannte ich das Selbst nicht. Als ich das Selbst erkannte, kannte ich nichts anderes mehr. Als ich das Selbst erkannte, verließ er mich nicht. In mir erkundigt er sich mit liebevoller Fürsorge nach meinem Wohlergehen.

2367. Die Lampe der Maya flackert, brennt und erlischt. Die reine Lampe brennt beständig. Die Lampe des Körpers erwärmt das Innere. Die ferne Lampe suche ich.

2368. Ich suche in den acht Richtungen und den beiden weiteren. In Güte suche ich die Füße des Herrn. Ich singe: „Das Höchste ist meine Zuflucht.“ Mit der Fülle meines Geistes vereine ich mich in ihm.

2369. Im ursprünglichen Spiel des Herrn wurden die Seelen erschaffen und in mächtige Unreinheiten gehüllt. Sie legten diese ab, erkannten das Selbst und suchten die Füße ihres uralten Herrn. So wurden sie Shiva und mussten nicht mehr geboren werden.

2370–2382: Die sechs Vollendungen des spirituellen Weges


2370. Die Vollendung der Veden, Vedanta; die Vollendung des erhabenen Siddhanta; die Vollendung des Klanges, Nadanta; die Vollendung der Erkenntnis, Bodhanta; die Vollendung des achtgliedrigen Yoga, Yoganta; und die Vollendung der Kalas, Kalanta: Dies sind die sechs letzten Vollendungen.

2371. Die Reinen, die von Unreinheiten frei sind, erkennen die sechs Vollendungen. Die Unreinen, die in Unreinheiten gebunden bleiben, erkennen sie nicht. Wer die sechs Vollendungen nicht kennt, kennt den Herrn nicht, der Ende und Anfang ist.

2372. „Ich bin das Höchste“, sagt Vedanta. „Ich werde das Höchste werden“, sagt Siddhanta. Im Turiya-Zustand erkennen sie das Selbst; im Shiva-Yoga vereinen sie sich mit dem lieblichen Parapara. Von Unreinheiten befreit erreichen sie das seltene Ziel.

2373. Täglich im Gedanken an das Höchste leben, von den Tattvas frei werden, beginnend mit den fünf — Klang, Geschmack, Geruch, Berührung und sichtbarer Gestalt —, und jenseits davon verweilen, wohin reine und unreine Maya nicht folgen: So das Höchste, den Herrn, erreichen, das ist die Wahrheit des Siddhanta.

2374. Jenseits von Brahma, Vishnu und Rudra, jenseits von Maheshvara und Sadashiva, jenseits von Para-Bindu und Para-Nada, jenseits der sechsunddreißig Tattvas: Wenn all dies überschritten ist, bleibt die Seele allein mit Shiva.

2375. Überschreitet die Seele die Bedrängnisse der sechs mal sechs Tattvas, erreicht sie Nadanta. Noch höher steigend begegnet sie der Dunkelheit von Anava. Wenn diese vertrieben wird, dämmert die unvergleichliche göttliche Erkenntnis auf. Dies ist wahrhaft Bodha, die Erkenntnis, die jenseits von Nadanta erreicht wird.

2376. Suche Yama und Niyama, gehe dann weiter und tritt in Samadhi ein. Dort erreicht die Seele Para-Shiva. Zum Höchsten geworden und von allen Wünschen frei, verwirklicht sie Upashanta, den tiefen Frieden. Das ist die Wahrheit von Yoganta.

2377. Ist die Wahrheit von Kalanta das Ziel, so ist dies der Weg: Steige durch die fünf Kalas empor, Nivritti und die übrigen, und durch die sechzehn, Medha und die weiteren. Dort begegne Bindu, gehe darin auf und erkenne klar die Wahrheit von Kalanta.

2378. Neben diesen Wegen gibt es fünf weitere, die Suchende zum Licht führen. Shiva lieb sind diese fünf: Mantra, Tantra, die Ruhe des Samadhi-Yoga, Unterweisung und Erkenntnis.

2379. Anfangslos sind Agamas und Veden. Tantra bedeutet, auf ihrem Weg zu handeln. Mantras gehören zum Geist und reichen über den Körper hinaus. Upadesha ist die Unterweisung in Shiva-Erkenntnis.

2380. Der Weg der Selbsterkenntnis ist, eins mit Shiva zu werden. In Kalanta schwindet die hingebungsvolle Liebe. Ohne Sprache, ohne sinnliches Gewahrsein wird die Seele zum großen Sein, gleich Nandi selbst, jenseits von Sprache und Denken.

2381. Im Samadhi wird die Seele eins mit Shiva. In Kalanta, Nadanta, Yoganta, Bodhanta und Siddhanta wird jene Erkenntnis erreicht, in der Wissen, Gewusstes und Wissender eins werden.

2382. In dieser göttlichen Erkenntnis gehen die sechs Vollendungen auf. Diese Erkenntnis geht im Erkennenden auf. Wenn Wissen im Wissenden aufgeht, dämmert Mauna, göttliches Schweigen, auf: Shivas Seligkeit.

2383–2394: Vedanta und Siddhanta im Licht der Einheit


2383. Unmanai-Kala endet in der sechzehnten Stufe; Unmanai-Kalanta endet darüber hinaus in der siebzehnten. Wird Unmanai-Kala erreicht, ist Nadanta da. Unmanai-Kala ist wahrhaft ein großes Ziel.

2384. Durch die Gnade der mit Shiva verbundenen Shakti gesegnet, empfing ich die Füße des heiligen Nandi, des Herrn der Himmlischen. Er rief mich zu sich und offenbarte mir die erhabene Wahrheit von Vedanta und Siddhanta. Über ihn, den Herrn, meditiere.

2385. Jedem entsprechend seinem Verständnis offenbart der Herr die Wahrheit seiner Agamas. Jenseits der unreinen Prakriti-Maya und der rein-unreinen Mamaya und zugleich sie durchdringend liegt die Lehrwahrheit von Vedanta und Siddhanta.

2386. Im Siegel von Vedanta und Siddhanta besteht kein Unterschied. Bodhanta ist göttliche Erkenntnis; Yoganta ist das Erkannte. Nadanta ist das Aufdämmern der Seligkeit. Das abschließende Siegel ist das Versunkensein im Schweigen.

2387. Das Ziel des Vedanta überschreitet die sieben wirkungsbezogenen Begrenzungen. Das Ziel von Nadanta beseitigt die Bindung und erreicht den Zustand Tvam-Pada. Darüber liegen die sieben ursächlichen Begrenzungen; über ihnen liegt Tat-Pada des wirklichen Höchsten, zu dem Erkenntnis führt. Noch weiter liegt Asi-Pada.

Ergänzende Erklärung: Tvam, Tat und Asi bedeuten „du“, „das“ und „bist“. Der Text deutet die Wörter des Einheitsspruches als Stufen der Verwirklichung; Pada heißt hier Wort oder Stufe.

2388. Jenseits der sieben Welten und ihres Jenseits ist das große Licht. Der Herr ist das Licht dieses Lichtes. Von alters her stand er mit Parashakti. Dort steht er erhaben, ganz aus sich selbst: er, unser Herr.

2389. Sammle dich auf die Kundalini im Muladhara, wie es der Guru durch seine Kraft gelehrt hat. Vollbringe Handlungen, die zu Gott führen. Singe sein heiliges Lob in Fülle und verehre ihn so. Dann wirst du dem einen Sein begegnen, das das unendliche Dasein umfasst.

2390. Sie denken nicht an das eine Sein, nicht an die Seele, nicht an die beiden Arten von Karma, gut und böse, und nicht an die beiden Mayas, rein und unrein. Das eine Sein im Inneren steht als Bewusstsein da und nährt. Formlos ist es und trägt alles.

2391. In seinen Verehrern sitzt Shiva. In sie bringt er die Kräfte Shivas hinein, die dann in seiner mächtigen Gegenwart wirken. Dort bleiben die Verehrer immerdar in Shivas Seligkeit versunken.

2392. Auf dem Weg des Vedanta erreicht die Seele Tvam-Pada: „Ich“ und „Er“ sind beisammen. Dann folgt Nadanta, der gute Zustand, in dem die Bindung schwindet. Es folgt Bodhanta, das Tat-Pada erreicht, wo „Ich“ und „Er“ in Einheit sind. Das darüber hinaus folgende Ziel ist Shiva-Sayujya, die Vereinigung mit Shiva.

2393. Shiva zu werden ist das Ziel von Vedanta und Siddhanta. Die anderen vier Vollendungen führen nicht zu diesem Shiva-Werden, zu Shiva als Sadashiva. Deshalb sind Vedanta und Siddhanta wahrhaft wundervolle Wege.

2394. Im Siddhanta wird Jivanmukti erreicht, Befreiung in diesem Körper. Wer im Siddhanta feststeht, hat wahrhaft den Zustand der Befreiung erreicht. Weil Siddhanta und Vedanta zum Shiva-Werden führen, ist Siddhanta-Vedanta der erhabene Weg.

2395–2404: Schrift, Erfahrung und Shiva-Werden


2395. Auf dem Weg von Vedanta und Siddhanta entsteht jenseits der Shiva-Aspekte im Höchsten und in der Seele jene Erkenntnis, die im reinen Erfahrungszustand Turiyatita liegt. Das ist Shivas endgültiger Zustand. Nur wer im Tapas feststand, erkannte Shivas Wirklichkeit.

2396. Die Zustände mit Gestalt und ohne Gestalt sind gleichermaßen Tattvas. Auch Bindu, Nada und Sadashiva sind wahrhaft Tattvas. Ebenso die Zustände der Seele, Tvam-Pada und Tat-Pada. Wahre Wirklichkeit ist dort, wo Tatpara in Shiva-Sayujya ist.

2397. Veda und Agama sind gleichermaßen Offenbarungen Gottes: Das ist wahr. Die eine ist allgemein, die andere besonders. Man sagt, ihre Ziele seien verschieden. Erforsche beide: Für die wahrhaft Kundigen besteht kein Unterschied.

2398. Alle überweltlichen Zustände der Seligkeit, welche die Seele erfährt, sind gleichermaßen Shivas Seligkeit. Die drei höheren Zustände überweltlicher Seligkeit entstehen aus den drei Leeren. Die Seligkeit, die aus den angemessenen Mudras kommt, ist die Seligkeit von Shivas Tanz im Inneren: der Zustand, der die Seele mit Entzücken erfüllt.

2399. Kalanta und Nadanta sind zwei Vollendungen. Werden sie erreicht, werden die fünf Kalas des Shiva-Tattva erlangt. Deshalb heißt der dort aufsteigende Herr Panchantaka. So sprach er in Veden und Agamas.

2400. Warte nicht auf den Tag, an dem du die fünf Kalantas schauen wirst. Beschreite den Weg von Vedanta und Siddhanta, die eins sind. Dann wirst du Yoganta erreichen und dort die Füße des ewigen Tänzers Shiva schauen.

2401. Die ewige Seele, von den fünf Unreinheiten befreit, geht über die Tattvas hinaus. Dort erkennt sie das ewige Selbst. Dann welkt die ursprüngliche Unreinheit Anava dahin, und der Zustand jenseits der Tattvas tritt ein. Dort eins mit Shiva zu werden gleicht Wasser, das sich ununterscheidbar mit Milch vermischt. Dies ist die Wahrheit des Vedanta.

2402. Erkenne fortwährend die erhabenen Zustände der Seele, des Höchsten und Shivas. Dann erreichst du den Zustand Tvam-Tat-Asi. Dort bist du ohne Handeln, ganz Erkenntnis. Gehe so darin auf: Dies lehrt Vedanta-Siddhanta.

2403. Das Mantra „Soham“, das die Vedantins anstimmen, ist nichts anderes als der erhabene Shiva-Yoga: So spricht Siddhanta. Klar zeigt sich darin, dass die Agamas Schriften voller vedischer Weisheit sind.

2404. Zwei Schriften offenbarte Shiva am Anfang: die ursprünglichen Veden und die vollkommenen Agamas. Aus Veden und Agamas entwickelte sich in angemessener Folge Vedanta-Siddhanta, das wahrhaft groß ist, wahrhaft groß.

Ergänzende Erklärung: Die Verse 2370–2404 formulieren die theologische Zusammenschau des Werkes. Ihre Aussagen über Offenbarung und Einheit der Schriften sind keine historisch nachgewiesene Entstehungsgeschichte der Veden, Agamas oder philosophischen Schulen.

2405–2413: Herr, Seele und Bindung


2405. Anfangslos ist die Seele, von deren Erkenntnis man spricht. Anfangslos ist der Herr, die Quelle aller Erkenntnis. Anfangslos ist die Bindung, welche die Erkenntnis fesselt. Wenn Gotteserkenntnis aufdämmert, gibt es keine weitere Geburt.

2406. Unzählbar sind die Seelen, von Brahma abwärts. Drei sind die Bindungen, die sie fesseln. Wenn diese Fesseln durchschnitten sind und die Seelennatur sich wandelt, halten die Seelen am Herrn fest und verlassen ihn niemals.

2407. Selbst mit den drei Bindungen sind drei Errungenschaften möglich. Betrachte täglich die Erkenntnis, die dich zum letzten Ziel führt; bete ohne Unterlass. Betest du so, wird dir ein Licht zuteil, das wie von einem hohen Berggipfel strahlt.

2408. An ihn, der die Fesseln schuf, an Nandi mit dem ausgebreiteten verfilzten Haar, denken die Erkennenden in zärtlicher Liebe. Während sie an ihn denken, weichen sie vor den Bindungen zurück und wenden sich Gott zu. Siehe, deshalb hat er die Seelen in Bindungen gestellt.

2409. Wie herausgezogenes Gift nicht mehr im Körper aufsteigt, kehrt derjenige nicht zur Gebundenheit zurück, der die Wahrheit von Seele und Bindung erkannte und sie abwarf. Er steht abseits davon. Er verbrennt sie im ursprünglichen Kevala-Zustand und im lebendigen Sakala-Zustand; dann tritt er in die übersteigende Wachheit, Atita-Jagrat, ein.

2410. Der Herr, den du suchst, ist ewig; ebenso Seele und Bindung. Niemand kennt die Natur des ewigen Herrn. Er, Nandi, gewährte den Shaiva-Siddhantins, die ihn wahrhaft suchen, die Erkenntnis ewiger Freiheit aus ewiger Gebundenheit.

2411. Der Herr ist der gesegnete Shiva-Linga; die Seele ist der mächtige Stier, der davor steht; die Bindung ist der Opferaltar. So steht der Herr im Tempel für jene, die suchend schauen.

2412. Täglich lehrt dich der Herr die Wahrheit von Seele und Bindung. Der Herr weist den Weg. Denen, die diese Wahrheit erkennen, nimmt er sämtliche Fesseln der Gebundenheit ab. Er selbst bleibt von Seele und Bindung unberührt.

2413. Die Wahrheit von Herr, Seele und Bindung, die Seligkeit der Befreiung und den Weg aus den Fesseln der Seele: All dies legte der große, selige Nandi, der die Mondsichel trägt, in die Lehre des reinen Shaivismus — in überragender Preiswürdigkeit.

2414–2424: Die Entfaltung der Schöpfung und die Befreiung der Seele


2414. Überall sind die drei Arten erkennender Seelen. Auch der zeitlose Herr göttlicher Erkenntnis ist überall und durchdringt die drei. Entsprechend dem Verdienst jedes Einzelnen schuf er sie in diesen drei Arten.

2415. So geschah die ursprüngliche Schöpfung: Das Höchste wirkt auf Shiva-Shakti ein und versetzt die Seelen in den Kevala-Schlaf. Dann wirkt das ungeborene Sein auf die subtile Maya und weckt sie zur Tätigkeit. Schließlich wirkt das Höchste auf die reine Maya und verbindet die Unreinheiten mit den Seelen.

2416. Die Schöpfung setzt sich fort: Mit der subtilen Maya, die aus dem Höchsten hervorging, entstanden die hohen Prinzipien Bindu, Nada, Shakti und Shiva. Im Subtilen entstand auch der fünfgesichtige Gott, der die fünf Tätigkeiten vollzieht: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Erlösung. Er ist der reine Ishana.

Quellenhinweis zu Vers 2416: Die englische Fassung spricht von „fünf Hohen“, nennt in dieser Aufzählung jedoch nur vier Namen. Der anschließende fünfgesichtige Gott wird gesondert genannt; eine fehlende Bezeichnung wird hier nicht ergänzt.

2417. Para-Shiva, Shakti und Nada, Para-Bindu, der fünfgesichtige Sadashiva und Mahesha, dann Rudra, Mal und Brahma: In dieser Folge wurden sie alle von Hara hervorgebracht.

2418. Schöpfung, Erhaltung und Auflösung, die den Seelen Ruhe vom Kreisen in Geburt und Tod gewähren; Verhüllung und Gnade, die sie nach dem irdischen Leben erlösen: Diese Tätigkeiten vollzog er für die Sakala-Seelen. Alle fünf sind anfangslos sein Wirken.

2419. Die sechs mal sechs Tattvas legte er in die Kundalini. Er teilte Maya in drei Arten und formte mit der letzten, Prakriti-Maya, die Werkzeuge der Tattvas. Dann ließ er die Bindungen hinzutreten, die zur Seele gehören: er, der Herr, der selbst davon geschieden bleibt.

2420. Wenn die so freigesetzte Gebundenheit die Seele überwältigt, bewirkt der Herr ihre Erlösung und nimmt sie in seine Gnade auf. Er lässt sie die beiden Arten von Karma erfahren und weist ihr Hölle und Himmel zu. Im Lauf der Zeit gewinnt die Seele Liebe zu Gott — jene Bindung an den Herrn, in die auch ich versunken bin.

2421. In der fesselnden Bindung ist Anava die Ichhaftigkeit. Von ihr besessen, verlangt die Seele nach den Lust-Erfahrungen der Maya. Dann kommt himmlische Gnade auf sie herab. Dies ist wahrhaft der Weg, seine heiligen Füße zu erreichen. 2422. Gnade ist nicht allein das Mittel, die Füße des Herrn zu erreichen. Sie ist auch die Quelle, durch die Wünsche enden und Reinheit entsteht. Wie der Schmutz eines Tuches durch salzhaltige Erde entfernt wird, so bewirkt die Gnade der Bindung an den Herrn die Reinheit der Seele.

2423. Seelen, die in der Bindung an den Herrn stehen, erreichen den höchsten Zustand. Seelen, die in weltlicher Bindung stehen, bleiben gebundene Seelen. Weil jene, die am Herrn festhalten, das Höchste erreichen, werden sie durch beständiges Verweilen in dieser Bindung wahrhaft zu Pashupati, dem Herrn der Seelen.

2424. Die vier Asketen suchten einst beim Herrn den Weg der Wahrheit. Der Gnadenvolle antwortete ihnen durch die göttliche Geste Chinmudra. Als sie mit ihren Händen seine Füße festhielten, erreichten sie den Weg der Wahrheit und erkannten ihr Selbst.

2425–2434: Die Füße der Gnade und das Haupt der Erkenntnis


2425. Weder Haupt noch Fuß kennen sie: fehlgehende Menschen sind sie. Die Heiligen sagen: Die Füße sind Shaktis Gnade; das Haupt ist Erkenntnis, die mit der ersten Ursache vereint. Wenn die Füße der Gnade der Seele das Haupt der Erkenntnis zeigen, wird Befreiung sein.

2426. Sie wissen nicht, dass Haupt und Füße des Herrn im Körper sind. Das Haupt ist im Sahasrara, die Füße sind im Muladhara. Wer dies auf dem Yogaweg schaute, blieb im Gebet, das Haupt zu den Füßen des Herrn geneigt.

2427. Himmel und Erde umfassend stand er da, damit die mächtigen Asuras und Devas Erlösung erkennen. Der diese Welt erschuf, ist der große Nandi. Seine Füße trug ich auf meinem Haupt.

2428. In meinen Gedanken sind die heiligen Füße meines Vaters; auf die heiligen Füße meines Vaters sind meine Gedanken gesammelt. Wenn mein Vater mich nicht erkennt, werde auch ich meinen Vater nicht erkennen.

2429. Weit jenseits des unbeschreiblichen Lichtes ist der Ort, an dem mein liebender Herr wohnt. Er zeigte mir das Licht jenseits des Denkens. Er lehrte mich das Mantra jenseits der Worte. Verehrend stand ich vor seinen heiligen Füßen.

2430. Halte die heiligen Füße des Herrn in deinen Gedanken. Verehre seine blütengleichen Füße in Weisheit. Der Herr, der Shakti an seinem Körper trägt und Ganga in seinen rötlichen Haarflechten birgt, wird dir zur rechten Zeit Erlösung gewähren. Warte und bete.

2431. In den Gedanken jener, die ihn beständig festhalten, stand der Herr der Himmlischen mit fest gepflanzten Füßen. Denen, die nicht an ihn dachten, blieb er fern. Jedem gewährt er seine Gnade gemäß dessen Hingabe.

2432. Einer ist der Lotus des Herzens, drei sind die strahlenden Blüten, zwei die Füße des Vaters darin. Wer den Körper auf dem Kundalini-Yogaweg schulen kann, mag ihn noch heute schauen.

2433. Fest setzte er seine Füße auf mein Haupt. Meine Fesseln zerbrachen in Stücke; die Unreinheiten meines Herzens wurden ganz abgewaschen. Rein wie weiße Milch wurde es. Dann nahm der Herr mich in seine Gemeinschaft auf. Was kann ich noch über meinen heiligen Zustand sagen?

2434. Der Herr liebt die Seelen als seine Kinder. Mögen sie sich auch in Schmutz und Makel wälzen: Er entfernt diese und bessert ihre Wege. So ist Gottes Liebe zum Menschen. Jedem schenkt er entsprechend dessen Taten mitfühlend seine Fürsorge.

2435–2444: Drei Makel und drei Stufen der Verwirklichung


2435. Drei Makel bedrängen gleichermaßen die Seele. Von Dunkelheit umhüllt liegt sie in Betäubung. Wer davon befreit ist, ist wahrhaft befreit. Die anderen, darin verstrickt, gehen gewiss zugrunde.

2436. Lust, Zorn und Unwissenheit bezwang ich und wurde stark. Eine überirdische Seligkeit durchströmte mich, als befände ich mich im Klang von Om, in einer schwingenden, angeschlagenen Glocke.

2437. Wer die drei Befreiungsstufen Tvam-Pada, Tat-Pada und Asi-Pada erreicht hat, ist wahrhaft Parapara selbst geworden. Für ihn gibt es keine weitere Geburt. Wenn er dahingeht, wird er wahrhaft Shiva sein.

2438. Richte dich auf den Zustand der Erkenntnis. Lass die Elemente und ihre vielfältigen Tattvas sowie die sechsundneunzig Werkzeuge der Erfahrung zurück. Überschreite den herrlichen Zustand Nadanta und steige höher. Dort ist Tvam-Pada, die Wahrheit, von der die Veden sprechen.

2439. Jenseits von Tvam-Pada und Tat-Pada steht im Zustand Asi-Pada die wundervolle Shakti. Doch Shiva bleibt noch darüber hinaus: jenseits der Reichweite der Sprache, in unvorstellbarer Gegenwart allem innewohnend, allem.

2440. Wenn Seele und Höchstes den Zustand Asi-Pada erreichen und im alldurchdringenden Shiva aufgehen, erscheint er in wohltuendem Schweigen wie die vereinte Süße von Milch, Honig und Nektar.

2441. In Tvam-Pada, Tat-Pada und Asi-Pada steht die Seele der Reihe nach als Seele, Höchstes und Shiva. Darüber hinaus liegt das offenbarte große Wort Tvam-Tat-Asi. Nandi enthüllte diese Wahrheit und nahm mich in seine Gnade auf.

2442. Selbst manche, die die fünfzig Buchstaben nicht kennen, erreichen die genannten drei Zustände. Sie taten es, indem sie ihren Atem auf yogische Weise in das Höchste lenkten. So wurden sie eins mit Shiva.

2443. Selbst den Gedanken an Gott überschreitend liegt der Atita-Zustand. Die Sinnesorgane nehmen Klang und die anderen Gegenstände nicht mehr wahr; die Seele wird alldurchdringend. Die drei Unreinheiten, die beiden Karmas, die eine Seele und die fünf Erfahrungszustände kommen zur Ruhe. So erwacht das Anfangslose in die Wachheit von Turiyatita.

2444. Jenseits des Wachens in Para-Turiya liegt darin der Traumzustand, der zum tiefen Frieden führt. Im Tiefschlaf von Para-Turiya und im Turiya innerhalb von Para-Turiya wird Shiva erreicht. Dann ist wahrhaft Asi-Pada erlangt.

2445–2451: Die drei höchsten Zustände


2445. In den drei mich umgebenden Sphären im Inneren erscheint der ursprüngliche Herr. Ich erreichte ihn und versank in Seligkeit. Ich klammerte mich an die zarte Ranke der Kundalini-Shakti, damit sie ihre Gnade über mich ergieße.

2446. Die weite Ausdehnung des Höchsten öffnete sich als göttliche Tanzstätte. Nandi erschien dort, stand da und erfüllte sie. Als er in zärtlicher Liebe kam, wie eine Kuh, die nach ihrem Kalb verlangt, strahlte die Seele wie eine Lampe auf einem Berggipfel.

2447. Jenseits der sechs mal sechs Tattvas liegt das Höchste. Wird das unausgesprochene Mantra im Schweigen gesungen, erscheint das noch höhere Shiva-Para. Er ist der Gott, von dem die Veden sprechen. Dann steigt göttliches Entzücken in dir auf: Pflege es und lass es wachsen.

2448. Lass weltliche Wünsche los und suche ihn mit glühendem göttlichem Verlangen. Dann wird das himmlische Reich des Höchsten dein sein. Suchst du ihn so, von weltlichen Wünschen frei, wird dir Gotteserkenntnis zuteil. Nur jene, die ihn mit solchem Verlangen suchen, werden das höchste Shiva-Sein erlangen.

2449. Pflege die Gottesliebe, heiliger als alles Heilige. Dann wird das übersteigende Höchste sein; darüber hinaus wird Para-Shiva erreicht. Dann wird die überweltliche Shiva-Seligkeit sein. Dass die Seele Shiva wird, ist wahrhaft göttliche Erkenntnis.

2450. Überschreite die fünf Kalas und tritt in den Wachzustand des Turiya ein. Erreiche den einsamen Zustand des höheren Kevala und verweile dort allein. Frei von Sinneswahrnehmung tritt mit glühendem Streben in den Atita-Zustand ein. Dann wirst du Tatpara selbst sein.

2451. Überschreite die Reinheit, die Selbsterkenntnis bringt, den darin liegenden weiten Zustand und die Unreinheiten, die zuvor die Seele berührten. Suche Para-Atita, wo Tatpara und die zeitgebundene Seele, die zum Höchsten wurde, in jener einen Silbe verschmelzen, die mit A beginnt: Om.

2452–2465: Eigenschaften des Höchsten


2452. Nandi ist innerhalb von Atita und darüber hinaus. Die Seele, die zur höchsten Seele geworden ist, befindet sich innerhalb von Atita, besitzt aber noch nicht die volle Erkenntnis. Erlangt diese Seele Erkenntnis und wird dunkle Unwissenheit los, wird sie eins mit Gott.

2453. Der Herr hat weder Anfang noch Ende. Er ist strahlendes göttliches Licht. Er wird gesehen und bleibt doch ungesehen. Wer Erkenntnis dieses Höchsten erlangt, ist wahrhaft heilig.

2454. Turiya überschreitend tritt man in Turiyatita ein, in die endlose Leere. Dort schaue den mächtigen Herrn, der ewig tanzt. Wer in den tiefen Brunnen des Pranava im Inneren blicken und ihn darin erblicken kann, wird nicht mehr geboren werden.

2455. Mit roter Farbe in Berührung wird auch Weißes rot. So ist es, wenn die gereinigte Seele, weiß geworden, Shiva erreicht, der rot ist. In der Leere der Erkenntnis, die die unwirklichen Welten aufnimmt, steht Shiva hoch erhoben wie eine Fahne auf dem Gipfel des Meru.

2456. Verblasst sind die Kalas und die darunterliegenden Tattvas. Durchtrennt sind die beiden Mayas, zurückgelassen. Er führte mich in das reinigende Bad der Erkenntnis und ließ mich in ihm eins werden. Meine Furcht vertreibend nahm er mich in seine Gnade auf: der heilige Nandi.

2457. „Erkenne das Selbst“, lehrte mich mein Nandi. Als ich das Selbst erkannte, stellte er mich an den Ort, an dem das Selbst nicht mehr gewusst wird. Dort erhob sich die Lichtgestalt. Er schenkte mir sich selbst; Tatpara wurde ich.

2458. Sich ausdehnend und zusammenziehend stand Hara als Erde, Wasser, Raum und Wind, als Sonne und Mond, alles durchdringend und allem innewohnend, den weiten Himmel tragend.

2459. Aus Sat, Shiva, ging Shakti aus sich selbst hervor. In diesem Zustand steht sie als Tatparai. Im Zustand des Wollens ist sie die stoffliche Gestalt des Höchsten. Dann nimmt sie die Gestalt der Erkenntniskraft und weitere Formen an. So wirkt sie in überragender Liebe und bewegt diese Welt Tag für Tag.

2460. Aus Parai entfaltete sich Bindu-Shakti. Von oben hierher nach unten kommend, verlieh sie den vier inneren Erkenntniswerkzeugen Bewusstsein. So verhält es sich mit den Seelen, die aus sich selbst kein eigenständiges Gewahrsein besitzen.

2461. Dann entstand Maya gesondert aus Parai, dazu die hervorgebrachten Tattvas und die sechs Erfahrungen, die dem Körper zukommen. Fühlen, Atmen, Essen und Schlafen sind Genüsse, die Maya gewährt. Sie ist das kleine Licht im Inneren, das dazu entzündet, das große Licht zu erreichen.

2462. Der ursprüngliche Herr, Tatpara, ist strahlendes Licht. Er ist Chitpara, von göttlicher Erkenntnis erfüllt; er ist das göttliche Bewusstsein, das das All umfasst. Tritt in das herrliche Licht ein, in die Leere jenseits der Worte. Dort gibt es nichts mehr, womit es sich vergleichen ließe.

2463. Die alten Schriften sagen: Der sich ausdehnende Raum ist sein Körper. Er trägt die Mondsichel. Selbst nach Erreichen von Turiyatita ist eine Seele, die den ursächlichen Erfahrungen der reinen Maya verfällt, noch nicht an sich rein — wenn du mich fragst.

2464. Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde erfüllt er allgegenwärtig. Er ist Tatpara von grenzenloser Liebe. Die Shakti, die sich in Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde zeigt, ist nichts anderes als seine göttliche Gestalt.

2465. Den Yogis von glühendem Tapas, die den mystischen Meru in der strahlenden inneren Sphäre betrachten, erscheint Shivas Gnade in ihrer seltenen Askese von selbst. Weiche von diesem Weg nicht ab: Einen anderen gibt es nicht.

2466–2473: Die drei Turiyas


2466. Das Turiya jenseits von Wachen, Träumen und Tiefschlaf ist Jiva-Turiya. Das Turiya jenseits von Wachen, Träumen und Tiefschlaf innerhalb dieses Zustandes ist Para-Turiya. Das noch weiter liegende Turiya innerhalb von Para-Turiya ist Shiva-Turiya. In ihnen werden der Reihe nach die Zustände Tvam, Tat und Asi erreicht.

2467. Im Jiva-Turiya des Wachzustandes liegt Tvam-Pada. Das Ende von Jiva-Turiya ist der Beginn des Wachens in Para-Turiya. Am Ende von Para-Turiya liegt Para-Pada, Tat-Pada. Drei Schritte weiter, im vierten, liegt Shiva-Turiya, Asi-Pada.

2468. Vier Zustände hat Jiva-Turiya, vier hat Para-Turiya und vier hat Shiva-Turiya. Da das Ende eines Turiya der Anfangszustand des nächsten ist, sind es tatsächlich zehn Zustände.

2469. Die zehn Zustände liegen in den drei Turiyas. Schreite voran, indem du sie als Ziele nimmst. Am letzten Ende steht die Identität mit Parapara. Verbinde dabei die mittleren Übergänge paarweise: Jiva-Turiya mit dem Wachen von Para-Turiya und das Turiya von Para-Turiya mit dem Wachen von Shiva-Turiya.

2470. Erreiche das Land des Turiya und bleibe dort. Kannst du es nicht erreichen, denke an den Herrn auf dem Weg, den die Schriften lehren. Du wirst die Wahrheit erreichen, die weit jenseits der Worte liegt.

2471. Werde Erkenntnis. Lass die sechs mal sechs Tattvas, die unwirklich sind, hinter dir. Bezwinge die bedrängende Maya durch die Gnade des Herrn. Dann bleibt göttliche Gnade beständig. Diesen Weg kannten die Heiligen.

2472. Der vierte Zustand des Wachens ist Jiva-Turiya. Dort erlangt die Seele Tvam-Pada, und die Karmas enden. Von Jiva-Turiya aus beginnt wiederum das Wachen in Para-Turiya. Erreiche Turiya innerhalb von Para-Turiya: Dort liegt wahrhaft Tat-Pada.

2473. Wie du Tvam-Pada und Tat-Pada erreicht hast, tritt nun in das dritte Turiya, Shiva-Turiya, ein. An seinem Ende liegt das göttliche Licht, Asi-Pada, das überaus Subtile, das Worte nicht fassen. Darüber hinaus ist Shiva, der mich als Nandi in seine Gnade aufnahm.

2474–2484: Dreifache Befreiung und dreifache Wesensgestalt


2474. Jiva-Mukti ist Atita, das Überschreiten des gewöhnlichen Bewusstseins. Para-Mukti ist göttlicher Friede. Shiva-Mukti ist göttliche Seligkeit. Alle drei sind Befreiungen in der eigenen Wesensgestalt; sie gehen von Nadanta aus, wo Pranava als die drei Laute A, U und M besteht.

2475. Sie kennen das Ziel der Geburt nicht. Die Seele, die es kennt, wird in der Gnade sein. Es geht dabei weder um das Zuhause noch um das Draußensein. Allem entsagend werde eins mit Shiva: Dies ist wahrhaft Befreiung.

2476. Shiva werden, die drei Unreinheiten schwinden lassen, die drei Gunas schwinden lassen, die dreifache Befreiung erlangen, mit den Tattvas eins sein: Das ist der Weg von Soham. Jenen, die ihm folgen, offenbart sich der makellose Shiva selbst.

2477. Siddhi und Befreiung, Reinheit als reiner Shiva, die Kraft reiner Seligkeit, welche die drei Feuer löscht, und der erhabene Samadhi: All dies ist Werk des göttlichen Herrn, der deine Fesseln durchtrennt.

2478. Während du aufsteigst, schwäche die fünf Unreinheiten und verbinde dich mit dem erkenntniserfüllten Soham. Werde frei, indem du die dreifache Befreiung in der eigenen Wesensgestalt erlangst. Am Ende schaue die Wahrheit des ewigen höchsten Shiva.

2479. Drei sind die Wohnstätten, drei sind jene, die darin wohnen. In den dreien gehen die sechsunddreißig Tattvas auf. Die Seele vermag das Licht zu schauen, das aus den dreien aufsteigt. Dann endet der Geburtenkreislauf, der endlos schien.

2480. Die Welten stürzten ein, die Weltalter vergingen. Die drei Lichter Sonne, Mond und Feuer wurden eins. Alles ging im gütigen Herrn auf. Wer kennt seine Weite und Größe!

2481. Der Ursprüngliche, der unteilbare Große, teilte sich selbst in vielerlei. Als Gestalt, als Gestaltloses und als Gestalt-und-Gestaltloses, als Guru und als Herr der Shakti wurde er in zahlreichen Formen den Seelen innewohnend und blieb zugleich darüber hinaus.

2482. In der dreifachen Befreiung empfängt die Seele göttliches Licht. Von Licht und Glanz erfüllt, strahlt ein Kristall wie ein Edelstein. So ist die Seele, wenn sie die drei Befreiungen und die Gnade göttlicher Shakti erlangt. Halte an Nandis Füßen fest, der all diese Gnaden verfügt.

2483. Kristallklar und strahlend steht der Herr da wie ein Edelstein reinsten, ruhigen Lichtes. Suche ihn und erreiche die drei Befreiungszustände. Darüber hinaus liegt die Leere, die sich der Sprache entzieht. Betrachte dort Om im Schweigen. In diesem Siegel der Erkenntnis liegt die letzte Gnade.

2484. Er ist das Licht im roten Lotus des Herzens. Erreichst du darin Nada, wirst du Kundalini-Shakti wecken. Schließe das Muladhara, in dem sie eingeschlossen ist, steige durch yogisches Atmen in der Sushumna empor und öffne weit das obere Tor am Scheitel.

2485–2494: Drei Wirkweisen und der Einheitsspruch


2485. Ein Mensch wirkt an drei Orten und kann dennoch wie drei verschiedene erscheinen. So verhält es sich mit Seele, Höchstem und Shiva: Sie sind eins, erscheinen aber an verschiedenen Orten.

2486. Erhelle das Licht im Inneren, damit es mit dem äußeren Licht verschmilzt. Wecke durch die Klangkraft von Om den inneren Lebensatem, damit er mit dem äußeren, dem kosmischen Leben, verschmilzt. Führe ihn angemessen aufwärts und vereine den inneren Raum mit dem äußeren Raum. Klar wirst du den Shiva-Zustand schauen.

2487. Wie durch einen Handgriff beendete mein Nandi die Regungen der inneren Werkzeuge. Als die liebliche Manonmani-Shakti ging, trat die nicht weniger liebliche Unmani-Shakti ein. Wende dich ihr im inneren Samadhi zu.

2488. Tvam-Pada, Tat-Pada und Asi-Pada: Alle drei Zustände entstanden im Turiya. In jedem steht eines der drei: Seele, Höchstes und Shiva, in dieser Reihenfolge. Zusammen kennt man sie unter dem verbundenen großen Wort Tvam-Tat-Asi.

2489. In den drei Zuständen Tvam, Tat und Asi bestehen die seit alters wirkenden drei Unreinheiten, Karma und die übrigen, sowie die drei Gunas, Tamas und die übrigen. Sind diese Unreinheiten und Gunas verbrannt, erscheint Shiva. Wenn er erscheint, fliehen sie wie Dunkelheit vor dem Mondlicht.

2490. Erreiche Tvam-Tat-Asi durch yogische Atemführung. Betrachte es als den zehnten Erfahrungszustand: Endlos ist diese Erfahrung. Stelle den Ausdruck so um, dass Shiva, Tat, zuerst steht: Tat-Tvam-Asi. Meditiere so darüber und steige auf.

2491. Wandle den Ausdruck so in Tat-Tvam-Asi, mit Shiva an erster Stelle. Richte dein Denken auf die Seligkeit der Wesensgestalt und halte sanft das Pranava-Mantra Om im Herzen. Wenn die Seele so Yoga übt, erkennt sie die Wahrheit und steht in der Gnade angenommen da.

2492. Tvam-Pada entsteht in Maya-Shakti, Tat-Pada in der schönen Parai-Shakti. Asi-Pada führt zur Shanti-Kala, der Stufe des Friedens. Wahrhaft himmlisch ist dieser Ausspruch: Tvam-Tat-Asi, durch yogisches Atmen erreicht.

2493. Devadatta ist ein und derselbe Mensch, erscheint aber durch Zeit und Ort verschieden. Ebenso wird die Seele, wenn sie Zeit und Ort überschreitet, eins mit Shiva: Soham. In Tvam-Tat-Asi ist die verkörperte Seele eins mit der ursprünglichen Ursache. Durch wahre Erkenntnis wird sie Para-Shiva.

2494. Die drei Gunas, Tamas und die übrigen, sowie die drei Unreinheiten, Karma und die übrigen, bestehen nicht mehr. A, U und der Mitlaut M: In diesen drei Lauten liegen die drei Turiyas. All dies gehört wahrhaft zu Tvam-Tat-Asi.

2495–2505: Die drei Leeren und das Überschreiten von Ursache und Wirkung


2495. Durchlebt man die sieben wirkungsbezogenen Zustände, bleibt die Maya-Leere zurück. Durchlebt man die sieben ursächlichen Zustände, bleibt die Erkenntnis-Leere zurück. Durchlebt und durchtrennt man Ursache und Wirkung, bleibt die Leere des Friedens zurück. Erst dann ist das letzte Ende erreicht.

2496. Die Maya-Leere gehört zur Seele, die Erkenntnis-Leere zum Höchsten. Die Leere des Friedens liegt dort, wo die Seele mit Shiva-Shakti eins ist. Alle drei Leeren gehören zur reinen Wesensgestalt: zum Ziel von Tvam-Tat-Asi, das Tat-Tvam-Asi ist.

2497. Aus sich selbst segnet dich Nandi, der den Stier reitet, täglich ohne Hindernis. Wenn ich seine Füße erreiche, überschreite ich die Leere und gehe in jener Leere auf, die jede Vorstellung übersteigt.

2498. Jene Leere, in der die Turiyas aufgehen, entzieht sich der Beschreibung. Sie nennen sie Paramparam. So sprechen jene, die nicht wissen; als Paramparam verehren sie sie. Wer weiß, welch wundervolles Land sie ist!

2499. Die sechs mal sechs Tattvas sind zurückgelassen; Anava und Maya, durch die Laute Na und Ma bezeichnet, sind abgelegt. Parai schenkt der Seele, Ya, ihre Gnade und lässt sie im Höchsten aufgehen: Va, Shakti, und Si, Shiva. Dies ist wahrhaft das fünfsilbige Mantra Si-Va-Ya-Na-Ma.

2500. Für jene, welche die Wahrheit erkannt haben, dass Gedanke Gestalt und Gestalt Gedanke ist, gibt es weder Abstieg noch Aufstieg noch Leere, weder Gedanke noch Gestalt.

2501. Wenn die sieben wirkungsbezogenen Erfahrungen der Seele und die sieben ursächlichen Erfahrungen des Höchsten schwinden, verschwindet der Unterschied von Ursache und Wirkung. Dann wird die Seele gewiss Shiva.

2502. Solange die sechs mal sechs hervorgebrachten Erfahrungen nicht schwinden, solange Wachen, Träumen und die übrigen Zustände des Turiya-Wachens nicht schwinden, solange man nicht in jenen Tiefschlaf jenseits der sechsunddreißig Tattvas eintritt: Was nützt es, wenn die Seele von Tvam-Pada spricht? Auf Erden wird sie so das letzte Ziel niemals erreichen.

2503. A ist die Seele, U das Höchste, M Shiva in den drei Befreiungszuständen. Si ist Shiva, Va das Höchste, Ya die Seele. So werden die Mantras Om und Shivaya als eines gedeutet.

2504. Als Leben des Lebens, ohne Ende und unvergänglich, jenseits der Mühen ursächlicher und wirkungsbezogener Erfahrungen, lebt Isha, Shiva. Ohne seine überströmende Gnade weicht Anava, das die Seele erzittern lässt, niemals, niemals.

2505. Den sieben wirkungsbezogenen Erfahrungen wohnt die Seele inne; den sieben ursächlichen Erfahrungen wohnt Para-Shiva inne. In der Leere, die sich jeder Beschreibung durch Ursache und Wirkung entzieht, jenseits von Gedanke und Wort, ist Paraparan.

2506–2511: Upashanta — der tiefe göttliche Friede


2506. Der Same der Befreiung ist Erkenntnis des Ursprünglichen. Der Same der Hingabe ist glühende, demütige Verehrung. Der Same der Vollendung ist das Selbst, das zum höchsten Shiva wird. Der Same der Kraft ist der Zustand des tiefen Friedens.

2507. Die sieben wirkungsbezogenen Erfahrungen ruhen verborgen in Maya. Die sieben ursächlichen Erfahrungen ruhen verborgen in der Leere. Wenn die Erfahrungen von Ursache und Wirkung verschwinden, ist alldurchdringender Friede da.

2508. Im Turiya des Wachens liegt die Selbstreinigung der Seele. Im Turiya des Para-Turiya liegt die Schau des Höchsten. Dehnt sich diese in Shiva-Turiya aus, entsteht alldurchdringender Friede.

2509. Das mit den sechsunddreißig Tattvas verflochtene Anava im Inneren entfernen und Selbsterkenntnis verwirklichen: Diese Reinigungen gehören zu Jiva-Turiya. Die Gnade des höchsten Guru dämmert im sprachlich unfassbaren Para-Turiya auf. Ist auch dieses überschritten und Shiva-Turiya erreicht, herrscht alldurchdringender Friede.

2510. In die Erfahrung des tiefen Friedens eintretend wird die Seele Shiva. Dort, in Shivas Seligkeit versunken, geht sie in Shiva auf. Diese Seligkeit genießend bleibt sie beständig darin. Die Erfahrung umfasst alle zehn Zustände der Seele, vom Wachen bis zu Shiva-Turiya.

2511. Eins geworden mit Shakti und Shiva wie kühles Wasser mit dem wogenden Meer, die nektarsüße Wahrheit des heiligen Wortes erkennend, erreicht die Seele das jenseitige Ufer. Es entzieht sich wahrhaft der Sprache.

2512–2521: Leeres Reden lassen und den Herrn im Herzen halten


2512. „Ich werde den Hasen im Mond erschlagen!“, sagt ein Mann und zieht sein juwelenbesetztes Schwert. Ihm gleichen jene, die sagen: „Wir werden den blaukehligen Herrn sehen; wir kennen den Weg.“ Sie werden ihn niemals sehen, solange sie ihn nicht in ihrem Herzen halten.

2513. Der schwarzfüßige Garuda zieht durch den Himmel; die dunkle Schlange stirbt im tiefen Brunnen. Höre auf, mit deiner Größe zu prahlen, o Herz! Sei wie der Fluss, der im wogenden Meer aufgeht.

2514. Willst du, dass deine Feinde, die Unreinheiten, vergehen, warum kämpfst du am Tor der Geburt? Törichtes Heldentum! Ist das Tapas der Heiligen angemessen, wird der Geber aller Gaben ihnen einen Platz unter den Himmlischen geben.

2515. Verliere dich nicht in Streitigkeiten. Unser Herr durchdringt alle Welten; er ist Shiva: Halte daran fest. Dann werden selbst die achtzehn himmlischen Scharen deine Füße verehren. Suche ihn, suche ihn: Du wirst in Seligkeit sein.

2516. Der Herr ist mir lieber als das liebste Leben. Der Reine glänzt heller als reinstes Gold. Der Große leuchtet unverändert in allem Leben. Über ihn meditiere auf angemessene Weise.

2517. Stehend, sitzend und niedergeworfen kannst du den Reinen verehren. Wie gelehrt du auch sein magst: Bezwinge deine fünf Sinne und durchtrenne rasch die widerstreitenden Bindungen. Suche und erkenne ihn so. Er wird in dir eins sein.

2518. Mein Vater, mein Herr, stand als subtile Erkenntnis da. Als alldurchdringende Erkenntnis, die die sieben Welten umfasst, stand er da. Er kennt alle Melodien. Singe sein Lob: Die Himmlischen werden dich in Liebe halten.

2519. An ihn, den selbst die Himmlischen nicht kennen, denke beim Erwachen in der Morgendämmerung. Denke beständig an ihn, morgens, mittags und abends. Harrst du so aus, wirst du Paraparam selbst werden.

2520. Als der Eine durchdringt er alle sieben Welten. Schon von alters her schenkte er der Seele seine Gnade: der Herr grenzenloser Gnade. Gut ist er in der Erkenntnis der Heiligen beständigen Herzens. Er trägt die Girlande unverwelklicher Blüten, der Ruhmreiche.

2521. „Heil meinem Vater! Heil seinen goldenen Füßen!“ So pries ich ihn. Während ich ihn pries, funkelte die strahlende Lampe des inneren Lebens. Dann hörte ich den bezaubernden Klang, der meinen Körper in Entzücken tauchte. Und siehe: Da war sein Tanz! 2522–2536: Innere Schau und der achtblättrige Lotus


2522. Ich suchte meinen Nandi im Inneren und traf ihn dort. Sie suchen ihn nicht in ihren Herzen und kennen ihn deshalb nicht. Auf dem Yogaweg trat ich nach innen und stieg durch die Adharas auf. Mit in Versenkung geschlossenen Augen sah ich seine göttliche Gestalt und auch die sieben Welten.

2523. Ich schaute den kleinen Berg im Inneren. Darin waren göttliche Herrlichkeit, bleibende Erkenntnis und süßer Nektar. Für jene, die ihn in unerschütterlicher Liebe erkennen, erschafft er den Himmel selbst im Inneren: er, der Mitfühlende.

2524. Von grenzenloser Weisheit standen die großen Asketen in Erkenntnis. Rein wie Mondstrahlen leuchten sie in überweltlicher Seligkeit. Selbst göttliche Erkenntnis geworden, umfassten sie im Bewusstsein das kosmische All. In tiefen Frieden eintretend wurden sie frei von Unreinheiten und erreichten den Zustand völliger Ruhe.

2525. Sie ließen die drei Befreiungen als ungenügend hinter sich, vertrieben die verlockende Dunkelheit der Bindung und wurden Anava los. Sie überschritten das Bewusstsein von „Ich“ und „Mein“ und blieben in Beständigkeit. Wahrhaft Shiva-Siddhas sind sie.

2526. Siddhas sind jene, die Shiva schauten. In Reines und Unreines eingetaucht, sind sie doch nicht davon durchtränkt. Befreite sind sie und zugleich Quelle der Befreiung. Sie besitzen die Kraft des Muladhara und gleichen Sadashiva selbst.

2527. Indra, Agni, Yama und Nirriti, Varuna, Vayu, Kubera und Ishana: Diese Götter besetzten der Reihe nach die acht Himmelsrichtungen.

2528. Im Maya-Land des Körpers liegt die Blüte mit acht, in die acht Richtungen weisenden Blättern. Betrachte durch den schlanken Stängel der Sushumna ihren Glanz und steige empor. Dann bist du erlöst.

2529. Drei Lotusknospen sind dort. In die drei sendet er seine Strahlen. Wenn dieses Licht sich ausbreitet, öffnet sich im Inneren die achtblättrige Blüte. Dringen die Strahlen der beiden Ajna-Blätter hinein, erblüht dieser Körper zu einem himmlischen Traum.

2530. Die sechs Ströme der Adharas fließen in einen Teich. Dringe so auf subtilem Weg in den Shiva-Zustand ein. Dort ist wahrhaft die kostbare Wahrheit: Er steht mit Shakti da, mit ihren wogenden Brüsten und ihrer zarten, rankengleichen Gestalt.

2531. Der Ursprüngliche stand als die acht Richtungen, acht Berge, acht Götter und acht Gestalten da. Erreiche ihn, der das Innere vom achtblättrigen bis zum vierblättrigen Zentrum erfüllt, ihn, der in den acht Blättern erblüht.

2532. Die sieben Zentren besitzen Gestalt. Überschreite sie. Jenseits liegt im achten das Höchste, im neunten Paraparam, die Leere. Das erhabene zehnte ist der Zustand der Einheit, in dem Anava endgültig abgelegt wird.

2533. Er besteht durch zahllose Weltalter. Er ist die Sonne, er ist der Herr. Innerhalb der fünf großen Weltalter lagen viele kleinere. Das All durchlief zahlreiche Weltalter. Im Weltalter jenseits unzähliger Weltalter war der einzigartige Gott.

2534. Er ist in dieser Welt. Bleibt er dennoch unerreichbar, suche ihn im Himmel, wo die Elefanten umherziehen und die Himmlischen wandern, wo Feuer, Regen und Wind wohnen. Suche ihn in diesem Raum.

2535. Auf dem hohen Gipfel des inneren Meru liegt ein Teich, den kein Bach speist. Dort wächst eine Lotusblüte, die keinem schlammigen Boden entspringt. Ohne diese Blüte schmückt er sich nicht, der Herr mit den Haarflechten.

2536. Wenn das Eine und das Zweite, Shiva und Seele, sich vermischen, bezwingen die heiligen Seelen ihre Sinne und suchen den Herrn: stehend, sitzend oder in weltlichem Gespräch. Ob sie bleiben oder gehen, immer sind sie gesegnet.

2537–2545: Neun Erfahrungszustände und das Ziel des Siddhanta


2537. Vishva, Taijasa und Prajna befinden sich im Tvam-Pada-Zustand. Virat, Hiranyagarbha und Avyakrita befinden sich in Tat-Pada. Idaya, Prajapatya und Shanta der goldenen Welt befinden sich in Asi-Pada. Doch alle sind noch Abhimanis: Seelen, die weiterhin nach Verwirklichung streben.

Übersetzungshinweis zu Vers 2537: Die Namen der drei letzten Zuordnungen sind in der englischen Vorlage wenig erläutert. Sie werden als Bezeichnungen des dortigen Schemas bewahrt und nicht durch vermutete andere Namen ersetzt.

2538. Wenn die neun mit dem Wachen beginnenden Zustände erfahren werden, schwindet die Bindung an die Unreinheiten und Gunas, aus denen Geburt entsteht. Im übersteigenden Turiya folgt dann die wahrheits- und erkenntniserfüllte Leere, in der Seele und Shiva eins sind. In den übrigen Turiyas sind sie zwei; nun sind sie in der Leere eine Wesensgestalt.

2539. Wenn die Seele im Gedanken an Shiva aufgeht, fliehen die drei Unreinheiten, die Geburt hervorbringen. Am Ende der neun Zustände liegt Shiva-Bodha, Shiva-Erkenntnis. Die Seele erreicht sie und besteht nicht mehr als gesondertes Selbst.

2540. Jenseits der genannten neun Zustände liegen neun weitere, die sich dem Denken entziehen. Von ihnen wird im Folgenden ausführlicher gesprochen. Groß ist der Herr, der diese zweimal neun Zustände schuf.

2541. Aus den fünf Zuständen der Seele entwickelten sich die neun. Von ihnen sprach der Herr, und die Welt freute sich. „Mein Herr, mein Herr!“, so betete ich Tag und Nacht. Er durchschnitt meine starken Fesseln.

2542. Viele Wege legten sie im langen Gang der Zeit an. Viele Gemeinschaften suchten ihn zu erreichen. Denke beständig an ihn, Tag und Nacht. Auf vielfältige Weise stand er in vielen Ländern da.

2543. Das ursprüngliche Paraparam, Paraparai, das leuchtende Param, Seele und Tattvas, Kala, die beiden Mayas und Befreiung: Dies sind die neun Kategorien, die zum Ursprünglichen gehören.

2544. Meine unsteten Gedanken machte er beständig und schenkte mir klare Schau. In überströmender Gnade schuf er Hölle und Himmel und auch endlose Geburten. Wer dies nicht erkennt, bleibt im Rad des Karma gefangen.

2545. In den neun Erfahrungszuständen steht die Seele als Strebende. Die danach genannten neun Kategorien gehören zum ursprünglichen Herrn. Wenn die Seele aus den neun Zuständen die drei Turiyas erreicht, wird sie Shiva. Dies ist das Ziel der Siddhanta-Lehre.

2546–2557: Reinheit und Unreinheit


2546. An der Nasenspitze, dem Ajna-Zentrum, liegt der zwölf Fingerbreiten lange Atem. Das ist die Wohnung des Herrn. Niemand weiß dies. Die Veden, welche die Wahrheiten weit entfalten, zögerten, davon zu sprechen. So groß ist wahrhaft der Herr.

Quellenhinweis zu Vers 2546: Die englische Vorlage setzt Nasenspitze und Ajna-Zentrum hier unmittelbar nebeneinander. Die ungewöhnliche Ortsangabe bleibt erhalten; daraus wird keine zusätzliche Atemanweisung abgeleitet.

2547. Karmas und die zu ihnen gehörenden Gedanken, Riten und Taten sind gleichermaßen Samen künftiger Geburten. Erkenne dies und wende dich von ihnen ab. Wird dann noch das, was du tust, den Teich des Karma erreichen?

2548. Wenn Maya die Seele verhüllt, bleibt die Wahrheit der Veden verborgen. Wenn Maya weicht, offenbart sich die Wahrheit des Selbst. Wer Maya schwinden lassen kann, geht in Gott auf. Kein Körper bleibt mehr, kein Geist.

2549. Den Pranastrom ins Brauenzentrum führen, den Hohlraum beim Zäpfchen öffnen, wo sich Schleim sammelt, dort den Atem stillen, wie der Yogaguru es lehrte, ihn im inneren Kundalini-Feuer erwärmen und auf ein geringes Maß begrenzen: So wird wahrhaft göttliche Kraft erlangt.

2550. Er ist im Gefüge des Körpers; er regiert das Körperland; er leuchtet darin: Nandi. Ihn suchen sie in allen Ländern. Sie wissen nicht, dass er im Körper steht.

2551. „Unrein, unrein!“, sagen die Unwissenden. Sie kennen den Ort nicht, den sie unrein nennen. Wenn sie die yogischen Geheimnisse dieses Ortes erkennen, werden sie feststellen: Die menschliche Geburt selbst ist unrein.

2552. Keine Unreinheit besteht für jene, die rituelle Disziplin wahren. Keine Unreinheit besteht für jene, die Hara verehren. Keine Unreinheit besteht für jene, die das heilige Feuer pflegen. Keine Unreinheit besteht für jene, die vedische Erkenntnis besitzen.

2553. Für die auf dem Yogaweg Stehenden beginnt Reinheit am Scheitel. Wer in die Grube der Lust versunken ist, erreicht das Ziel der Reinheit nicht. Nur wer das Muladhara-Feuer in die mittlere Sushumna-Nadi emporgeführt hat, schaut wahre Reinheit; die anderen nicht.

2554. Er ist rein wie Kristall, rein wie Feuer, und sendet Strahlen der Reinheit aus. Wo seine Quelle liegt, wissen sie nicht. Diejenigen, welche die Quelle kennen, werden selbst kristallrein und feuerrein.

2555. Reinheit im Schweigen ist der Weg der Reinheit. Reinheit im Schweigen ist der Name des Herrn. Reinheit im Schweigen sind die acht Siddhis. Reinheit im Schweigen sind die heiligen Füße.

2556. Die innerste Essenz der Wahrheit ist mein heiliger Vater. Nur die ihn Verehrenden werden in seine Gnade aufgenommen. Die anderen, im Wirbel des Elends gefangen, liegen in dunkler Betäubung.

2557. Sie kennen die schlimmen Früchte des Karma nicht. Sie suchen keine Erkenntnis, um von Karma frei zu werden. „Entsage dem Karma und werde frei“: Diese vedische Lehre kennen sie nicht. Wer sich im Karma wälzt, wird niemals die reiche Ernte einbringen.

2558–2567: Befreiung nicht verachten und die Grenzen der Sprache erkennen


2558. Wer sagt: „Es gibt keinen höchsten Zustand“, ist für den Höllenzustand bestimmt; die ganze Welt weiß dies. Von Tür zu Tür wird er betteln gehen. Mit der Schnelligkeit eines Pferdes läuft er nach Nahrung.

Ergänzende Erklärung: Vers 2558 bewahrt die scharfe religiöse Polemik der Vorlage. Er ist keine sachliche Aussage über den Wert oder das Schicksal heutiger Menschen anderer Überzeugungen.

2559. Sie folgen dem vom Guru gelehrten Weg nicht und suchen den Heiligen nicht. In leichtfertigem Gerede wandern sie umher und besingen seine heiligen Taten nicht. Was wird jenen zuteil, die so umhertanzen?

2560. In meine Gedanken kommt er und geht. In der Beständigkeit meines Denkens hielt ich ihn als Gott fest. „Du, mein heiliger Herr!“, so flehte ich ihn an und hielt ihn nahe in meinem Herzen. „Was ist dies hier?“, fragt er.

2561. Wie Wasser von der Höhe hinabfließt, bleibt Wahrheit nicht im Körper. Diese Wahrheit zeigte er mir im Inneren. Wie ein Schiff auf dem Meer die Küste sucht, so stand meiner von Mühen umgetriebenen Seele der feuerfarbene Herr als sicheres Ziel vor Augen.

2562. Ununterbrochen wie der Faden im Lotusstängel ist das Höchste im Inneren. Doch dort suchen sie es nicht, sondern wandern überall umher. Obwohl ihnen der Weg gezeigt wird, sehen sie ihn nicht. Töricht ziehen sie umher und erreichen nur die Wirkung schlimmen Geschicks.

2563. Ohne das innere Licht zu entzünden, beenden sie ihr Leben. In Scharen sammeln sich diese Menschen und suchen ihn nicht. Nandi, der Feldern, Wäldern und Bergen innewohnt, sehen sie nicht.

2564. Im Norden und Süden ziehen Menschen auf der Suche nach ihm umher; im Osten und Westen suchen ihn die Himmlischen. Doch hefte das göttliche Mantra Om an das Muladhara und wecke das Kundalini-Feuer, damit es aufwärts strömt. Dort wirst du als strahlendes Licht sein.

2565. Selbst wenn Menschen von großem Tapas sie mit gnädigem Blick bitten, üben Menschen schlimmen Geschicks keine heilige Konzentration. Stets ergehen sie sich in zorniger Rede. Ihr ganzes, unbeugsames Karma müssen sie selbst durchleben.

2566. Man sagt, die Seele erreiche Leere, tiefen Frieden und Nadanta. Das spricht nur nach den drei sprachlichen Deutungsweisen, Lakshana-Traya. Erreicht sie die Leere, gibt sie sämtliche Eigenschaften auf; erreicht sie den Frieden, liegt Aufgeben und noch Festhalten vor; erreicht sie Nadanta, liegen Aufgeben und Nichtaufgeben zugleich vor. Der Zustand der Seele in ihrer vollendeten Wesensgestalt überschreitet alle sprachlichen Konventionen.

Übersetzungshinweis zu Vers 2566: Die englische Fassung erläutert die drei Deutungsweisen nur annähernd und nennt die Wesensgestalt „Finite Manifestness“. Die Wiedergabe bewahrt das Grundmotiv der Sprachgrenze, ohne daraus eine zusätzliche systematische Lehre zu rekonstruieren.

2567. Die Seele spannte den Bogen, zielte und traf mit einem einzigen Pfeil fünf todbringende Elefanten. Wer so schoss, wird das strahlende Licht schauen, das wie viele prachtvoll gefasste Edelsteine leuchtet.

2568–2579: Tat-Tvam-Asi — du bist das


2568. In Jiva-Turiya erlangt die Seele Tvam-Pada. Darüber hinaus liegt in Para-Turiya Tat-Pada, noch weiter in Shiva-Turiya das wahre Asi-Pada. Darüber hinaus liegt die Wahrheit Tat-Tvam-Asi.

2569. Tvam-Pada überschreitet die sechsunddreißig Tattvas: Dies ist der reine Zustand. Dann kommt Tat-Pada, das zum tiefen Frieden führt. Dann folgt Asi-Pada, wo Shiva ist. Das Letzte ist der gesegnete Zustand von Tvam-Tat-Asi, der Tat-Tvam-Asi ist.

2570. Die Seele, Devadatta, wird Soham. Durch die Redeweise der dreifachen sprachlichen Deutung befindet sie sich in Tvam-Tat-Asi. Werden ihre Eigenschaften auf diese Weise übertragen, ist die Seele dort Seele, Höchstes und Shiva: alles in einem.

2571. Tvam-Tat-Asi entspricht Thomtatasi; der eine Ausdruck verbindet sich zum anderen. Der heilige Gedanke Tat-Tvam-Asi, „du bist das“, gehört zum Vedanta. Der Gedanke „Ich werde Shiva“, Thomtatasi, gehört zum Siddhanta-Vedanta.

Ergänzende Erklärung: Thomtatasi ist hier die in der englischen Vorlage verwendete Lautform des tamilisch vermittelten Einheitsspruches. Sie wird nur zur Erklärung dieses Verses genannt, nicht als durchgehende Umschrift des Werkes.

2572. Die unerklärliche Leere am Ende des Turiya nennen jene, die nicht wissen, Param. Nein, so ist es nicht: Es gibt das wundervolle Land Paramparam, das sich jenseits der drei Turiyas erhebt. Wer weiß davon!

2573. Überschreite Tvam-Pada, Tat-Pada und Asi-Pada und suche jenseits der drei Turiyas. Dort liegt der Zustand jenseits aller Zustände, die eine Wahrheit jenseits von Seele, Höchstem und Shiva.

2574. Am Ende von Shiva-Turiya liegt die Seligkeit der Wesensgestalt. Singe dort im Herzen das Pranava-Mantra Om. Dann erscheint Shiva als höchstes Gewahrsein.

2575. Lass die fünf Erfahrungen in Nada aufgehen und die niederen Unreinheiten zurück. Tritt dann in den reinen Zustand ein und verfolge so den aufsteigenden Weg. Jenseits des Friedens in Para-Turiya liegt der Shiva-Zustand. Noch weiter, außerhalb der Reichweite von Gedanke und Wort, ist der Herr Paramparam. Ihn suche.

2576. Es hat keinen Abschluss, keine Grenze, keine Sprache. Es hat weder Anhaftung noch Besitz. Ohne Ursache offenbart es sich aus sich selbst. Dies ist seine Natur.

2577. „Du wirst Das“: So stand das große Wort da. Und ich wurde Das. So segnete Nandi mich mit dem Shiva-Werden. Als ich Das wurde, versank ich in grenzenloser Seligkeit.

2578. Die Seele wird zum Höchsten; diese höchste Seele wird Shiva. Aus dieser vedischen Lampe Shivas steigt das Licht Paraparans auf. Dieses wiederum erfüllt alles als Om, das keine Sprache beschreiben kann.

2579. Wenn der Lebensatem durch die mütterliche Sushumna-Nadi von der Nasenspitze zum Scheitel zieht, durch die fünf Zentren Zäpfchen, Nasenspitze, Brauenmitte, Stirn und Scheitel, dann leuchtet jenseits des ursprünglichen Nada und der Tattvas ein fernes göttliches Licht. Dies sind wahrhaft die fünf Shiva-Zustände.

2580–2586: Erkennen durch Gnade


2580. Das Wissen und das Nichtwissen der Seele vertrieb er beide. Als höchste Erkenntnis stand Shiva alldurchdringend da. Verlasse ihn nicht; verehre ihn als Herrn. Wer diesen Weg nicht kennt, wird das Ziel niemals erreichen.

2581. Wer wahre Erkenntnis besitzt, kennt Shiva, der zugleich Wasser und Feuer ist. Wer wahre Erkenntnis besitzt, kennt Shiva als vermischtes Feuer und Wasser, Shiva und Shakti. Wenn der Erkennende im Inneren dich nicht erkennen lässt, weißt du nicht, was deine Erkenntnis vermag.

2582. Nandi ist innerhalb von Atita und darüber hinaus. Die Seele, noch ohne Erkenntnis, tritt in Atita ein. Sie erlangt Erkenntnis, wird dunkle Unwissenheit los und wird zum Höchsten. Dann wird sie mit Gott eins sein.

2583. Tief geneigten Hauptes verehrte ich die Füße des Herrn der Himmlischen. Siehe, der Herr trat hervor und sprach: „Nun wirst du die Frucht all deiner Gebete und deines früheren Tapas sehen.“ So segnete er mich, der Herr mit dem Stirnauge.

2584. Von reiner, heiliger, geburtloser Gestalt kam er in mich und sprach: „Du bist in meine Gnade aufgenommen. Sei rein.“ So segnete er mich und entfernte meine Makel: der Goldgestaltige, der himmlische Herr, den die Devas preisen.

2585. Allem entsagend trat ich nach innen und schaute das innere Licht. Mein Herz bebte; ich warf mich nieder. Doch ihn vergaß ich niemals. Der Herr der Himmlischen befreite mich aus dem Wirbel der Geburten und machte mich hier auf Erden unsterblich.

2586. Die fünf äußeren Sinnesorgane, die vier inneren Erkenntniswerkzeuge, sämtliche Welten und sämtliche Leben: Alles, alles lenkt der Herr. Er ist die alldurchdringende Wahrheitsgestalt, die weder Hand noch Mund besitzt.

2587–2594: Die vollständige Aufnahme ins Höchste


2587. Wie der Schatten mit dem Körper verschwindet, wie eine Blase ins Wasser zurückkehrt, wie die Flamme des Kampfers keine Spur hinterlässt: So ist es, wenn die Seele sich mit dem Höchsten vereint.

2588. Wenn Körper und Seele im Yoga ungebrochen vereint sind, wird die Gnade von Shiva-Shakti da sein. Dann wird die Seele zum Höchsten. Verlässt sie diesen Körper, wird sie alldurchdringend. Ohne Anfang und Ende geht sie für immer in Shiva auf.

2589. Die Tattvas, welche die fünf Sinnesorgane und die inneren Erkenntniswerkzeuge verwirren, entfalten sich unaufhörlich und gehen schließlich in Maya auf. Dies ist das unvermeidliche Schicksal des Alls.

2590. Die Seele wird zum Höchsten. Dieses Höchste steht alldurchdringend da und wohnt der ganzen Schöpfung inne. Eine mächtige Kraft ist es, die weite Welten auflösen und erschaffen kann. Dies war die mir gewährte Gabe; so erhaben ist mein Zustand.

2591. Erlangt das Höchste die Gestalt göttlicher Erkenntnis im Turiya und die allwissende Erfahrung der Erscheinungswelt und erreicht dann Para-Shiva, so gehört es der Leere an, die Licht ist.

2592. Ganz nahm er mich auf, wie heißes Eisen Wasser aufnimmt. Den Parampara-Zustand überschreitend steht er da und umfasst die drei leuchtenden Leeren. Dort ist Nandi, der in meinem Herzen wohnt.

2593. Wie eine von der „Elefantenkrankheit“ ausgezehrte Holzapfelfrucht sind Seele und Höchstes vor Shiva. Im seltenen Zustand jenseits von Shiva-Turiya liegt der höchste Shiva, der sämtliche Welten umfasst.

Quellenhinweis zu Vers 2593: Das Bild der „Elefantenkrankheit“ stammt aus der englischen Fassung. Seine genaue naturkundliche Bedeutung bleibt offen; entscheidend ist im Vers das Bild des vollständigen Aufgezehrtwerdens.

2594. Paraparan ist Ende und Anfang; für jeden Einzelnen ist er Parapara. Er nahm das Höchste und uns Seelen in sich auf. Am Ende der Beziehung von Wissen und Gewusstem war er, Nandi, als Erkennender da. Dies liegt wahrhaft jenseits unseres Begreifens.

2595–2609: Wahrhaftigkeit und das Licht im Herzen


2595. Durch heilige Unterweisung werden Unreinheiten entfernt. Die Seele glänzt wie im Feuer geläutertes Gold. Denkt sie, von Unreinheiten befreit, beständig an Shiva, wird sie zur strahlenden Flamme, die ihre Leidenschaften verbrannt hat.

2596. Was nützt es dir, alles zu kennen, wenn du die Erkenntnis nicht kennst, die alles erkennt? Wenn du sagen kannst: „Ich bin die Erkenntnis, die alles erkennt“, dann kannst du wahrhaft sagen: „Ich bin Gott.“

2597. Tapas übte ich im Bergtal innerhalb meines Hauptes. Siehe, ich schaute den Herrn mit seiner Gefährtin Shakti. In diesem fleischlichen Körper überquerte ich den Fluss der Geburt und begegnete dem „Dieb“, der sich im Kailasa verbirgt.

2598. Er wird Herr aller Welten sein, er wird die Tattvas aller Welten sein; um seinetwillen werden die Himmel regnen: um dessen willen, dessen Fleisch in Gottesliebe schmilzt. So sprechen die Veden.

2599. „Wie empfingen sie die Gnade des Herrn?“, fragst du. Im Kampf des Lebens irrten ihre verwirrten Gedanken umher. Sie schulten deren Lauf. Von Dunkelheit frei suchten sie den Herrn und verehrten seine heiligen Füße.

2600. In die Wahrhaftigen ging er in Wahrheit ein. Vor den Unwahrhaftigen zeigt er sich niemals. Am Ende der Zeit steht er als Herr da, um alle Seelen zu erlösen. Die Wahrhaftigen spielen in wahrer Freude.

2601. Er vereinte sich mit jenen, die sich in Wahrheit vereinten: der Reine, der in falsche Herzen nicht eintrat. Wenn Prana in der Sushumna emporsteigt und du dem Herrn begegnest, wird er wahrhaft in deinen Gedanken wohnen.

2602. Wenn er so in deinen Gedanken wohnt, meditiere Tag und Nacht über ihn. Dann wird er oben im Scheitel erscheinen. Gibst du Falschheit und fleischliche Wünsche auf, offenbart sich der Herr dir in Wahrheit.

2603. Ob du den Gipfel des Yoga erreichst oder nicht, liegt in Gottes Gnade. Das ist der Erlösungsweg, den der gute Nandi lehrte. Bezwingst du die neun täuschenden Sinne, kannst du das Ross der Wahrheit besteigen.

Quellenhinweis zu Vers 2603: Die englische Ausgabe zählt hier neun „Sinne“. Im Zusammenhang können damit äußere Sinne und innere Erkenntniswerkzeuge gemeint sein; der Vers selbst führt sie nicht einzeln auf.

2604. Er trat in meine Sushumna ein; er ist immer in meinen Gedanken: Nandi. Er ist in meinem Körper, die Quelle aller Veden, der Heilige, der sich unwahren Menschen nicht zeigt. Er ist die Zuflucht jener, die ihre Falschheit abgelegt haben.

2605. Nandi prägte seine heiligen Füße in mein Herz. Niemand hat den Riegel seiner Tür zurückgeschoben und hineingeblickt. Gib die Gedanken an diesen täuschenden Körper rückhaltlos auf: Er ist ein Gefäß des Leids. Öffne dann die Tür der Sushumna; reich wird dein Lohn sein.

2606. Suche den Erlösungsweg und verehre den Herrn mit tiefem Empfinden. Gewiss, gewiss wird Haras Gnade dein sein. Im Herzen jener, die keine Unwahrheit sprechen, leuchtet er. In ihrer Mitte nahm er bleibend Wohnung.

2607. Eine köstliche Frucht gibt es, die aus der duftenden inneren Blüte reift. Die Vögel im Selbst hindern dich daran, sie zu erreichen. Schieße deinen Pfeil ab und vertreibe sie. Dann kannst du den Shiva-Zustand erreichen, glänzend wie reines rotes Gold.

2608. Beherrsche die verlockenden Sinne, durchtrenne die verderbenden Bindungen und folge dem Herrn, der deine Verwirrung beendet. Tust du dies, spricht mein Shiva ohne Zögern: „Sei erlöst“, und sammelt deine Gedanken auf sich.

2609. Wer beständig an ihn denkt, gelangt zu einem herrlichen, starken Körper. Verehrt er darin den Herrn auf angemessene Weise, erreicht er die Welt der Erkenntnis und empfängt die Gnade des Heiligen.

2610–2622: Der Weg der Erkennenden und das Loslassen der Wünsche


2610. Holt sie vergangenes Karma ein, vernichten sie es, indem sie es geduldig durchleben. Doch sie achten darauf, kein künftiges Karma zu schaffen. Sie erkennen das Selbst; sie sind Jnanis, die die Tattvas durchschaut haben. Ihre fünf Sinne schulen sie auf gute Weise.

2611. Die Kenner der Tattvas erkennen das Selbst. Den verschlungenen Knoten vergangenen Karmas schneiden sie entzwei. Künftiges Karma ergreifen und zerschlagen sie durch die Gnade Shivas, den sie hoch auf ihrem Haupt tragen.

2612. Durch Denken, Wort und Tat häuft sich Karma an. Stimmen Denken und Wort überein, bleibt Karma nicht haften. Denken und Wort meisternd durchleben sie Karmas und verändern deren Lauf: Sie sind die großen Erkennenden.

2613. Es nützt nichts, von Atem und Sushumna zu schwatzen. Durchtrenne deine Wünsche und Leidenschaften. Sind sie durchtrennt, ist die Stätte des Herrn leicht zu erreichen.

2614. In steinernen Häusern und prächtigen Hallen ist er nicht, nicht in tiefen Gemächern und mächtigen Tempeln, nicht in heiligen Gewändern. In den Gedanken jener ist er, die ihre Wünsche aufgegeben haben, auch wenn sie noch im fleischlichen Körper wohnen. Ihnen gewährte er Befreiung.

2615. Durchtrenne deine Wünsche, durchtrenne deine Wünsche — selbst die Wünsche nach dem Herrn. Je mehr Wünsche, desto mehr Leid. Je mehr du loslässt, desto größer wird deine Seligkeit.

2616. Die fünf Sinne verbrennen dich und führen dich auf den Weg des Verderbens. Gib die Wünsche auf und zerstreue sie. Erreiche die Wahrheit der Erkenntnis: Das ist der Weg zum Herrn.

2617. Wie das Meer bei Vollmondflut schäumt und tobt, erhoben sich im Lauf der Zeit viele, viele Fluten und vergingen. In den Fluten von Freude und Leid gefangen, gingen zahllose Himmlische unter. In den Fluten der Wünsche versanken unzählige Menschen. Gott allein blieb für immer im Ozean ewiger Seligkeit.

2618. Von vergangenen Karmas befreit, von der Krankheit der Bindung geheilt und von fortgesetzter Tätigkeit ruhend erreichen sie den reinen Zustand. Dann überschreiten sie Gottes fünf Tätigkeiten — Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gnadengewährung — und empfangen seine unmittelbare Gnade. Für immer bleiben sie darin versunken. Dies sind die geläuterten Wege der Erkennenden.

2619. Die Wahrheit vollständig erkennend erlangten sie strahlende Vollendung und Befreiung. Von sexuellem Begehren ganz frei erreichten sie die acht mächtigen Siddhis. Wenn der Shiva-Erkennende diesen Körper verlässt, kommt göttliche Gnade auf ihn herab. Dann bleibt er für immer in Gottesliebe.

2620. Dass diese Seele Shiva werden soll, suchten sie nicht in Liebe. Dass diese Seele Shiva ist, diese Wahrheit kennen sie nicht. Weil sie nicht wissen, dass diese Seele Shiva ist, nehmen sie verschiedene Geburten an und wandern durch vielerlei Welten, ohne die Wahrheit zu erkennen.

2621. Die fünf Götter übergeben die Seele glühenden Leiden, kühlen sie dann ab und weisen ihr erneut Geburt zu. So bestimmen sie ihren Platz im endlosen Schöpfungswirbel. Den Rang dieser fünf Götter suchen die Erkennenden nicht. Im fleischlichen Körper selbst treten sie durch den mystischen Faden der Sushumna in die Einheit mit dem Herrn ein.

2622. Du sagst, du seist erlöst, doch den rechten Weg hast du nicht gesehen. Nandi geht in der duftenden inneren Blüte auf. Halte ihn mit klarer Schau in deinen Gedanken. Dann hast du den Samen künftiger Geburtlosigkeit gesät.

2623–2634: Hingabe, Zuflucht und Befreiung


2623. Er schenkt Befreiung; er ist Erkenntnis und Mantra. Er ist der Vater, der Herr der unsterblichen Himmlischen, der Reine. Er ist das Licht des heiligen Weges, Pashupati, der Herr der Seelen, den die Hingebungsvollen glühend verehren.

2624. Den Dienern der Diener des Herrn wurde ich in ununterbrochener Folge selbst zum Diener. Mich so hingebend trat ich in ihren Dienst. Durch die Gnade der Verehrer erreichte ich seine Füße. Dann sprach er: „Er ist mein Verehrer“, und nahm mich in seinen Gnadendienst auf.

2625. Kühler als Wasser ist er, heißer als Feuer. Wer kennt diesen Ozean Nandi? Gerechter ist er als alle Freigebigen der Welt. Im Herzen stand er; als Umapati, der Herr der Shakti, stand er da.

2626. Mögen alle Bewohner der sieben Welten sich mit aller Kraft bemühen: Sie können ihn nicht erkennen. Wer kann sagen, wo der Herr ist? Wenn er sich nicht selbst in der Hingabe seiner Verehrer zeigt, wer wagt zu sagen, wo diese unvergleichliche Perle liegt?

2627. Wie das Kalb seine Mutterkuh sucht und nach ihr ruft, suchte und rief ich sehnsüchtig nach meinem Herrn. Er ist die verborgene Wahrheit der Veden, der ewig jenseits der Himmel stand. In zärtlicher Liebe trat er in mich ein, in diesen fleischlichen Körper.

2628. Die Seelen im Zustand der Geburt haben hierfür keine eigene Aufgabe zu verrichten; ihre Geburt kommt von selbst. Auch die Seelen im Befreiungszustand haben kraft dieses Zustandes nichts zu verrichten. Beide Zustände gewährt der Herr durch seine Gnade. Was bleibt den Verehrern also zu tun, als den Herrn in ihren Gedanken zu halten?

2629. Mit dem Lebensatem als Samenkraft und der Kundalini-Schlange als Körper steige ich zur tönenden Musik des Nada den kühlen inneren Berg hinauf. Mit der dort erblühenden duftenden Blume verehre ich Nandi. Keinen anderen Gott lässt mein Geist zur Verehrung zu.

2630. Nandi ist mein Beschützer in der Not, der Herr der Himmlischen. Suche seinen Schutz; beende den Geburtenkreislauf und werde erlöst. Denke beständig an Shivas Füße. Er gewährt göttlichen Schutz, er, der als Feuer stand.

2631. Die Danavas der dunklen Welt hielten die Bewohner der Lichtwelt in Abhängigkeit. Der Herr zerstörte die drei Burgen der Bösen. Die Verehrer beteten ihn als Herrn der Wälder und der dunklen Berge an. Ihn so im fleischlichen Körper verehrend, vereinten sie sich in ihm.

2632. Diese Geburt ist mir ein dauernder Fluch. Deshalb suche ich ihn mit schwerem Herzen im Berg und im Himmel, innen und außen, auch im inneren Feuer. So stand ich in heiliges Denken versunken.

2633. Im Befreiungszustand die Gnade des Herrn vollständig empfangen, von den Tattvas gereinigt den reinen Zustand erreichen und so Tapas üben: Das ist die Aufgabe der Seele. Von Karma frei stehen sie in wahrer Hingabe. Sie sind die Erkennenden, in überweltliche Seligkeit versunken.

2634. Der Seelenvogel, dessen Füße fest im Muladhara ruhen, sucht die reiche Frucht Shiva. Sucht er diese Frucht im Herzen und entzündet die Sushumna-Lampe am flammenden inneren Kundalini-Feuer, erreicht er sein gutes Ziel. Seine vier inneren Erkenntniswerkzeuge suchen ihn fortan immer.

2635–2648: Erprobung, innere Gegenwart und das wortlose Wort


2635. Der mächtige Herr, der große Nandi, schenkte mir seine Füße unbeschreiblicher Seligkeit und tauchte mich in den Ozean der Gnade. Er befreite mich von allen Täuschungen, behütete mich verborgen und sicher und trug mich an die heiligen Ufer des Schweigens. Dies war wahrhaft göttliche Erprobung.

2636. Er ist der Weise; er erfüllt die kostbaren Veden. Er ist der Gott unzähliger Götter. Er besitzt göttliches Gewahrsein jenseits der fünf Sinne. Mit ihm, der diese Eigenschaften besitzt, suche ich die Vereinigung.

2637. „Erkenntnis, Erkenntnis!“, so klagt diese Welt. Sie weiß nicht, dass das Wissen der Seele keine wahre Erkenntnis, sondern Unwissenheit ist. Wenn Shiva-Erkenntnis das Wissen der Seele überlagert, werden beide reine Erkenntnis. So viel liegt letztlich zwischen Wissen und Nichtwissen.

Quellenhinweis: Vers 2637 wiederholt weitgehend die englische Fassung von Vers 2362. Beide ursprünglichen Versnummern bleiben erhalten.

2638. In das Ziel jenseits aller Ziele, in die Versammlung, wo niemand sich versammelt, in die Erkenntnis jenseits des Erkennens ließ ich mich in einspitzigem Denken los. Ich ging in der Gnade des heiligen Nandi auf. Dort, in der Gegenwart jenseits jeder Gegenwart, war Shiva.

2639. Wie die Berührung im Windhauch, wie die Süße im Zuckerrohr, wie Ghee in der Milch, wie Saft in der Frucht, wie Duft in der Blume wohnt mein Herr im Inneren. So durchdringt der Herr alles.

2640. Suche Shiva in zärtlicher Liebe. Wie eine Goldader in den Tiefen eines Berges wohnt mein Herr in meinen Gedanken: er, der als Feuergestalt stand.

2641. Aus seinem Sitz in der Mitte der Leere stieg Nandi in den Tempel meines Herzens herab und nahm dort Platz. Als er herabkam, stand ich auf und sprach: „Mein Vater, willkommen!“ Während ich ihn so begrüßte, stand Shiva sogleich in meinen Gedanken.

2642. Mächtige Eigenschaften besitzt er; er ist die Frucht des Tapas und alles Gute. In der Mitte meiner Gedanken wohnt er, der große Nandi. Suche den Heiligen in unerschütterlicher Wahrheit. Er wird dich an die Spitze vieler stellen.

2643. Er war bei mir, als ich ihn in mir suchte; beständig blieb er dort. Mein Vater Paraparan steht alldurchdringend da. Zugleich alles übersteigend zeigt er mir den Weg.

2644. Er, der diesen Weg zeigt, ist selbst für die Himmlischen schwer erreichbar. Hier auf Erden ist er Vater, Mutter, Angehöriger und Verwandter. Er ist in Shiva-Loka, wohin der heilige Weg führt. Dieser Weg ist Nandi.

2645. Ziehe das Schwert der Erkenntnis und schlage zu. Im selben Augenblick wirst du den Herrn erkennen. Vereine dich mit ihm, dem Herrn der Himmlischen. Dann wirst du fern der vielen sein, die am Begehren festhalten.

2646. Ich halte das Schwert der Erkenntnis, das der ursprüngliche Herr mir schenkte. Niemand kann mich von ihm trennen. Weiter suchte ich dort, ohne Spuren zu hinterlassen. Dann wurde die Seele mit dem ursprünglichen Shiva eins.

2647. Die Bindung als Keimsame der Geburt, die unsichtbare Maya, das Karma, aus dem Wünsche entstehen, die daraus folgenden Zweifel und Ängste und die zahlreichen Geburten: All dies verbrannte ich. Mit so gereinigten Gedanken suche ich in Ruhe. Die Kundigen, die so üben, werden mit Tatpara eins sein.

2648. Er lehrte mich das Wort jenseits der Worte. Er durchschnitt mein Verlangen nach grenzenlosem Lernen. Meinen Körper, unruhig wie Wellen, festigte er in Stille. In mein gereinigtes inneres Sein trat er ein: Tatpara.

Hier endet das achte Tantra.

Neuntes Tantra: Guru, Mantra, Shivas Tanz und Vollendung

2649–2655: Die heilige Stätte des Guru


2649. Rauch und Klang, Opfergaben und Darbringungen breiten sich in der Verehrung aus. „All dies ist für meinen Herrn“: Die Gurus, die so meditieren und Klöster gegründet haben, haben wahrhaft die Füße des Herrn erreicht.

2650. Keine andere Wohnung hat der Herr als das Körperhaus der Seele. Oder hat er noch ein anderes Heim? Mögen sie es herausfinden. Selbst nachdem sie erkannt haben, dass der Körper der Seele Shivas Heim ist, sagen sie noch: „Der Herr ist draußen.“

2651. Ich entdeckte den großen Weg des Suchens und erreichte im Inneren Shivas blumengeschmückte Füße. Jenseits des Suchens ist er; wahrhaft groß ist seine Wohnstätte. Er stand als Leben der kreisenden Welt da.

2652. Ich werde offenbaren, wo er sitzt und wo sein Berg liegt. Ich werde zeigen, wo seine Rückzugshöhle ist und an welchem Ort sie liegt. Ich werde seine drei Adharas und den Wald, in dem er weilt, offenbaren. All diese acht werde ich den Bewohnern dieser Welt zeigen.

2653. Das Antlitz des Guru ist der Sockel des Herrn, das Kloster sein heiliges Land. Die heilige Versammlung makelloser Schau ist seine Wohnung. Das Herz, das im Inneren die sechzehn Verehrungen vollzieht, ist sein heiliger Thron. Die inneren Adharas sind seine feinstoffliche Höhle.

2654. Die sechs Adharas sind sein innerer Sockel; die alldurchdringende Shakti ist sein Thron. Der allumfassende Gott im Inneren ist Shiva selbst. So ist es für jene, die nach innen schauen und erkennen.

2655. Die beiden Mayas umhüllen den Körper mit seinen fünf Hüllen. Kommen sie zu ihrem Ende, erscheint das heilige Licht aus sich selbst. Wer die Wahrheit in dieser Wesensgestalt sucht, ist ein Erkennender in überragendem Schweigen.

2656–2668: Die Schau des Erkenntnis-Guru


2656. Wenn die sechsunddreißig Tattvas bezwungen sind, erscheint der heilige Guru, damit du ihn verehrst. Auch der Shiva-Zustand wird dir verliehen. Dann quillt unaussprechliche Seligkeit auf.

2657. Jenseits der drei Turiyas liegt das strahlende Licht: Para-Shiva, der alles durchdringt. In diesem Land, das weder Zusammenziehung noch Ausdehnung kennt, sind die Füße des heiligen Guru, jenseits aller Sprache.

2658. Um Nandis Füße zu tragen, wurde mir dieses Haupt geschenkt. Um den großen Nandi zu preisen, wurde mir dieser Mund geschenkt. Um den ewigen Nandi zu schauen, wurden mir diese Augen geschenkt. Um an den fernen Nandi zu denken, wurde mir dieser Geist geschenkt.

2659. Beim Gedanken an Garudas Gestalt weicht das Schlangengift und verliert seinen Schrecken. Ebenso weichen beim Gedanken an die Gestalt des Guru augenblicklich die drei Unreinheiten. Dann wird die Seele Shiva.

Ergänzende Erklärung: Das Bild von Garuda und dem Schlangengift gehört zur religiösen Vorstellungswelt des Verses; es ist keine Behandlungsaussage.

2660. Niemand weiß, wo der Herr wohnt. Für jene, die seine Wohnung suchen, wohnt er in ihnen selbst. Wenn sie den Herrn schauen, wird die Seele Shiva.

2661. Das Erscheinende und das Nichterscheinende wahrzunehmen ist höhere Erkenntnis. Dinge auf verschiedene Weise wahrzunehmen, wie im Wachen, Träumen und den übrigen Zuständen: Diese drei Wahrnehmungsweisen bestehen nicht mehr jenseits der drei Turiyas. Dort steht Nandi fest in erhabenem Schweigen.

2662. In der Mitte zwischen den Brauen liegt die Mondsphäre. Dort sitzt die jungfräuliche Shakti auf der zweiblättrigen Blüte. Kristallklar strahlt ihre Gestalt. Um sie zu schauen, suche den Guru, der alle Fesseln durchtrennt hat.

2663. In das Herz trat er ein, damit die sieben Welten sich freuen. In die Erde trat er ein, um die Himmel zu tragen. In den Zorn trat er ein, damit die acht Richtungen erbeben. In die Wildnis trat er ein, um auf dem nördlichen Berg zu wohnen.

2664. Aus fünf Hüllen besteht der Körper der Seele. Wie ein Wald ist dieser Körper, in dem der Seelenvogel wohnt. Sucht die Seele den Weg der sechzehn Verehrungen, werden ihr die zehn Errungenschaften zuteil.

2665. Wenn unser heiliger Nandi liebt, kennt er keine Trennung. Denke an seine Gestalt, und er schmilzt in dir. Tritt in sein Wesen ein und schaue ihn im Herzen. Für jene, die dies vermögen, sterben die schlummernden Karma-Samen; das Ichbewusstsein vergeht für immer.

2666. Erreichen kannst du unseren Heiligen, die vollkommene Wahrheit. Durchtrenne die starken Bindungen und wirf sie ab. Suche ihn entschlossen und denke beständig im Inneren an ihn. Dann wird der Heilige erreicht, der Dharma ist.

2667. Denke an ihn: Er denkt an jene, die an ihn denken. Denke an ihn als den Glanz der Blüte, die in der göttlichen inneren Quelle erblüht. Mögen sie kleiner als ein gespaltenes Korn sein: Halten sie fest an ihm, werden sie gewiss groß.

2668. Wenn du den Herrn zu erreichen suchst und ihn verfehlst, verstehe es als Wirkung deines früheren unguten Karma. Harre deshalb in glühender Hingabe aus. Zuletzt wirst du den ursprünglichen Herrn erreichen.

2669–2680: Gnade und Pranava-Samadhi


2669. An den Herrn denkend verloren sie ihre Unbeständigkeit. Mit dem Herrn vereint verloren sie ihr gesondertes Dasein. In ihrem Denken verloren sie ihr Ich. So trat er ein und zeigte den erleuchteten Weg.

2670. Wie der leuchtende Strahl eines roten Juwels, das auf einen grünen Stein gesetzt ist, ist die Erkenntnislehre des heiligen Guru. Dieser Strahl liegt im Brauenzentrum: das Licht innerhalb des strahlenden Lichtes.

2671. Als Mund, Auge, Körper und Leben ist der Gott des Yoga da. Jenseits von Erde, Wasser, Feuer, Wind und Himmel ist Leere seine Gestalt.

2672. Preise ihn als deinen Herrn. In allen Welten gilt Para-Shivas Gebot. Eine Hälfte leiht er der großen Gnade; die andere gab er seinen Verehrern, damit sie ihr Ziel erreichen: er, der diese Welt gestaltete.

2673. Er ist der Herr der Himmel, von weiten Räumen umgeben. Außer ihm kennen wir kein Höchstes. Keiner der Devas, Himmelsbewohner und Danavas hat ihn je gesehen. Nur die Empfänger seiner Gnade haben ihn für immer geschaut.

2674. Er ließ die Seelen entsagen, damit sie den Herrn verehren. Er ließ sie ihn mit demütigen Worten preisen, damit Nandi seine Gnade gewährt. Keine anderen Götter verehren wir mehr. Unsere Schau ist nun klar. Wir wurden selbst zum Ziel, das andere Seelen suchen und verehren.

2675. Das hörbar ausgesprochene Pranava Om ist das mächtige Schlüsselwort zur Seligkeit der Wesensgestalt. Das subtile, unausgesprochene Pranava ist Shaktis göttliche Wesensgestalt. Das Erkenntnissiegel ist deren Ursache. Das höchste Pranava ist der weite Weg des Vedanta.

2676. Om ist das eine höchste Wort. Om ist Gestalt und Gestaltloses. Om ist die unendliche Vielfalt. Om ist strahlende Vollendung und Befreiung.

2677. In Om entstanden die fünf Elemente; in Om entstand die gesamte Schöpfung. Im Jenseits von Om gingen die drei Seelenzustände auf. Om ist die Gestalt der Einheit von Seele, Höchstem und Shiva.

2678. Die Lautverbindung Om, aus A, U und M, ist die Seligkeit Brahmans. Das Subtile entfaltet sich als weite sichtbare Schöpfung. Alle Adharas bilden seine Gestalt. So erkennen es die Erkennenden von weitem Wissen.

2679. Meine verzweifelten Gedanken werden in Verwirrung gestürzt. Beständige Gedanken führen zur klaren Schau göttlichen Lichtes. Der standhafte Geist ist der rechte Ort, die rechte Umgebung und die rechte Hingabe. Gut ist wahrhaft die Unterweisung des Sanmarga.

2680. Das sechzehnblättrige Zentrum im Inneren zu schauen ist Shodasha, der Weg der Sanmarga-Folgenden. Darüber liegt das Ende der neun Zentren, noch weiter Pranava. Noch höher liegt die letzte Vollendung, in der Erkenntnis und Erkanntes eins sind.

Quellenhinweis: Die englische Überschrift druckt irrtümlich „26803“; die tamilische Nummer und die Versfolge sichern 2680. „Letzte Vollendung“ gibt das auch hier verwendete, begrifflich unsichere englische „End Finite“ wieder.

2681–2697: Das Licht, das die Dunkelheit der Seele vertreibt


2681. Erkenne das Licht: Deine Gestalt wird Licht. Erkenne die verborgene Gestalt: Du wirst diese Gestalt. Erkenne die Gestalt des Lichtes: Du wirst dieses Licht. Damit das Licht in dir schmilzt, steht er in Liebe bei dir.

2682. Leicht ist es, in das achtfache All einzutreten. Das sich ausbreitende Licht unermesslicher Weite vertreibt die ursprüngliche Dunkelheit ganz. Im mystischen inneren Lotus breitet es sich wie Tageslicht aus. Die widerstreitenden Bindungen vertreibend saß mein Herr dort.

2683. Feuer, Sonne und Mond empfingen ihren Glanz durch die Gnade des göttlichen Lichtes. Das Licht, das ihnen Licht gab, ist ein mächtiges Leuchten von unermesslichem Glanz. Meine Dunkelheit vertreibend stand dieses Licht in mir, ganz in Einheit aufgegangen.

2684. Der Herr ist strahlendes Licht; Geburt kennt er nicht. Sonne und Mond sind seine leuchtenden Augen, das glänzende Feuer sein Stirnauge. So ist seine herrliche Gestalt blendenden Lichtes.

2685. Unter jenem oberen Licht liegen Wind, Erde, Feuer, Himmel und Wasser. Weckst du das innere Kundalini-Licht, wirst du in der feinstofflichen Sphäre sein. Dort liegt das eine Licht, das die Lichter der fünf Elemente umfasst.

2686. Das innere Licht ist rein wie der Blitz, groß und rot. Es ist das Licht des Höchsten, das Erkenntnis ausstrahlt. Es ist das Licht der sechs durchstiegenen Adharas, das Licht aus beständigem Denken an das reine Wort Om. Es ist das aus all diesen Lichtern vereinte Licht.

2687. Das strahlende Licht steht verborgen als funkelndes Licht da und weist immer auf den leuchtenden Herrn. Es ist das Licht des Herzens, das reiche Licht, das im Körper pulsiert und alles durchdringt. So stand der Herr als Licht da.

2688. Leuchtend ist dieses Licht; es verschlingt die Dunkelheit der Seele. Es ist das Licht jener, die ihn im Erkenntnislicht verehren. Er verschlingt das Gift, das mit dem Nektar aus dem Milchmeer aufsteigt, und hält es immer in seiner Kehle. Ebenso wirkt sein Licht.

2689. Wie das Licht des Herrn, das in ihm ruht, ist das Licht seiner Shakti-Gnade. Wenn die drei Lichter Sonne, Mond und Feuer auf dem Yogaweg im Inneren leuchten, nähert sich dir der Herr wahrhaft als ein Licht in deinem inneren Licht.

2690. Das innere Licht ist die Seele. Auch der Herr, der im Inneren stand, war ein juwelengleiches strahlendes Licht. Wie ein Blitz in der feinstofflichen Sphäre leuchtend, verschmolz dieses Licht mit dem Licht Shaktis und der Seele zu einem.

2691. Der Herr, das strahlende Licht, tritt in die dunkle Stätte der Bindung ein und tanzt als Licht in dieser Dunkelheit. Während der Gott mit dem Stirnauge so tanzt, geht er als strahlendes Licht in Ummara-Shakti auf.

Quellenhinweis zu Vers 2691: Die Bezeichnung „Ummara-Shakti“ wird in der Vorlage hier nicht erklärt; sie bleibt als Name erhalten.

2692. Die so den geheimen Yogaweg gingen, erreichten Shakti mit den dunklen, duftenden Haarflechten. Die ursprüngliche Parai ist sie, eins mit dem Licht des Herrn der Himmlischen, dem Licht jenseits der reinen Leere. Ihr Licht vertrieb die heranschleichende Dunkelheit der Bindung für immer.

2693. „Gott ist“, „Gott ist nicht“: So urteilen die Menschen verschieden. Werden jene, die sagen „Es gibt keinen Ursprünglichen“, je den Shiva-Zustand erreichen? Selbst jene, die sagen „Wir haben Gott nicht gesehen“, tragen ihn als strahlendes Licht in sich, wenn sie in Hingabe stehen: das Licht des inneren Chidambaram.

2694. Das ferne strahlende Licht ist der Herr, der seine Strahlen wie die Sonne ausbreitet. Vertreibt er die Dunkelheit der Maya, wird die Seele in diesem Körper zum entsagenden Erkennenden, zum lebend Befreiten.

2695. Seine heilige Gestalt schimmert korallenrot; er trägt reine weiße Asche. Rot wie reines Gold und leuchtende Koralle ist der ursprüngliche Herr. Als ich, von Dunkelheit befreit, korallenrot erstrahlte, stand der tanzende Herr in mir in Einheit.

2696. Im Himmel stand der Herr; auch die Himmlischen standen dort. Doch sie kannten ihn nicht und blieben verwirrt. Wenn die Wünsche der Bindung und der Nachgeruch vergangenen Karmas gemeinsam weichen, erblüht die Seele als göttliche Blume.

2697. Er allein ist als Herr in allen Dingen. Er selbst ist du selbst: So suche ihn. Der Himmel selbst ist er auf dieser weiten Erde. Lieblich ist er. Mögest du ihn verehren.

2698–2708: Das ausgesprochene fünfsilbige Mantra


2698. Die fünfzig Buchstaben sind alle Veden; die fünfzig Buchstaben sind alle Agamas. Wird ihr Geheimnis erkannt, werden die fünfzig Buchstaben zu fünf Silben.

2699. Mit dem zu Beginn angestimmten A werden die fünfzig Buchstaben einundfünfzig. U wird zusammen mit A erhoben; mit M endet es als A-U-M. Wenn danach N aufsteigt, wird daraus Nandis Name: Om Namah Shivaya.

2700. In den mit A beginnenden sechzehn Buchstaben der inneren sechzehnblättrigen Blüte ist Parai-Shakti. In der mit U beginnenden Unmani-Shakti liegt das innere Licht des Herrn. Das mit Si beginnende Mantra Shivaya Namah ist Shiva und alle Veden. Beginnt die umgekehrte Folge mit Na, lautet sie Namah Shivaya. Dies ist wahrhaft das Samenmantra. Dieses Mantra suche.

2701. Auf die sechs inneren Adharas sind die fünf Silben und Om verteilt; zusammen bilden sie Om Namah Shivaya: Na, Ma, Si, Va, Ya. Im Muladhara liegt Na, im Svadhishthana Ma, im Nabelzentrum Si, im Herzzentrum Va, im Halszentrum Ya und im Brauenzentrum Om.

2702. Wenn die sieben Strahlen des Prana heftig aufsteigen, wenn die vier inneren Erkenntniswerkzeuge Abschied nehmen, wenn die Hand des Todes sich ausstreckt und zugreift, entweicht das Leben. Dann werden die fünf Silben die Zuflucht der Seele sein.

2703. Wenn Sonne und Mond aufgehen, wissen sie nicht, welches Mantra sie singen und betrachten sollen. Mögen sie dann mit voller Stimme das heilige, heilsame fünfsilbige Mantra singen und den Herrn preisen: das Mantra, das der mit Shiva verbundenen Shakti so heilig ist.

2704. Sprich Shivaya Namah einmal, während dein Herz von Gottesliebe überquillt. Dann wird klarer Nektar in dir aufsteigen. Wer diesen reinen Nektar nicht zu trinken sucht, wird wie die Blasen eines Wasserfalls sein, die im Wirbel der Geburten niemals Ruhe kennen.

2705. Beschreite den Weg, den der Guru zeigte, und lösche die Rechnung der Geburten. Wer den Kreislauf der Geburt schließen möchte, dem zeigen allein die fünf Silben den Gnadenweg.

2706. Wenn die Leiden des Karma dich bedrängen, singe das fünfsilbige Mantra des alldurchdringenden Nandi. Suchst du ihn so, schenkt er die Gnade seiner heiligen Füße. Deine Hingabe wird dich zur Shiva-Gestalt führen.

2707. Denke im Herzen an ihn und preise ihn als „mein Herr“. Wenn der Tod sich nähert, sprich: „Herr, du allein bist meine Zuflucht.“ Dann empfängst du die Gnade des in den fünf Silben wohnenden Herrn, der auf dem schneebedeckten nördlichen Berg Kailasa wohnt.

2708. Wenn sie die Größe der fünf Silben unseres Herrn nicht kennen, werden sie je ihre Dunkelheit vertreiben? Arm im Geist sind jene, die anders denken. In die Unterwelt werden sie gewiesen, umgeben von Schlangen vieler Arten.

2709–2721: Das subtile und das höchst subtile Mantra


2709. Geringschätzig sprechen sie von unserem Herrn. Mögen sie mit auf das Licht gesammelten Gedanken und in Liebe schmelzendem Herzen seinen Namen singen. Mit der alchemischen Pille Shivaya Namah wird er deinen Körper zu Gold verwandeln.

2710. Si, Va, Ya, Na und Ma bezeichnen der Reihe nach Shiva, Shakti, Seele, Unreinheit und Maya. Singe sie, damit die fünf fesselnden Unreinheiten verschwinden. Wenn die Seele sich mit Shiva und Shakti vereint — wenn du Si-Va-Ya sprichst —, fliehen die bedrängenden Bindungen.

2711. Shivas fünfsilbiger Name Shivaya Namah ist Shiva-Shakti, die Gnade. Si steht für Shiva, Va für Shakti, Ya für die Seele, Na für die Verhüllungskraft und Ma für unreine Maya. So bezeichnen die fünf Silben fünf Beziehungen. Singst du sie mit Si zuerst, wirst du von Karma frei. Es wird keine weiteren Geburten geben; du wirst Para-Shiva werden.

2712. Sind die durch Na und Ma bezeichneten Unreinheiten und auch das ursprüngliche Anava entfernt, entsteht durch die Gnade von Shiva-Shakti reine Shiva-Erkenntnis. Singe wiederholt Si-Va-Ya. Darin liegt wahrhaft die Befreiung von Unreinheit.

2713. Na, Ma und die übrigen Silben durchdringen die Seele in ihren fünf Bewusstseinszuständen, Wachen, Träumen und den weiteren. Sie stehen als Tirodhayi, die verhüllende Shakti, da. Diese führt zur reinen Shakti, die Gnade bringt. Dann erreicht die Seele den letzten Turiya-Zustand im Samadhi. So über Na, Ma und die übrigen meditierend, vereint sie sich mit Shiva.

2714. Die Gnade schenkende Shakti und der von ihr ungetrennte Herr erweckten gemeinsam als Shiva-Shakti die Seele zum Leben. Betrachtest du Si-Va-Ya, werden innere Maya und die drei Unreinheiten entfernt. Si-Va-Ya vernichtet auch das harte Karma.

2715. Wer nicht „Shiva, Shiva“ singt, wird nicht von Unwissenheit frei; wahrhaft stumm bleibt er. Sprich „Shiva, Shiva“, ununterbrochen und von selbst, in den Tiefen deines Herzens. Wer so singt, steht in reiner Shiva-Erkenntnis. Göttliche Gnade wird ihm zuteil.

2716. Sie singen nicht „Shiva, Shiva“; wahrhaft von ungutem Karma sind sie. Singe „Shiva, Shiva“. [Die anschließende englische Zeile über ungutes Karma und das Werden zu einem Deva ist beschädigt.] Auch der Shiva-Zustand wird dein sein.

Quellenlücke zu Vers 2716: Im Original-PDF steht die zusammengebrochene Zeile „Your evil karmas per a Deva become“. Ihre fehlenden Bestandteile werden nicht rekonstruiert.

2717. Halte Na und Ma auf der Zunge; nimm Si und Va in deine Gedanken auf. Du wirst nicht länger im Dasein verstrickt sein. Dein Ziel wird erreicht; Unwissenheit endet und mit ihr der Wirbel der Geburten.

2718. Sprich Shivaya Namah und sammle deine Gedanken: Alle Gefahren werden dir untertan. Lass Si-Va-Ya, Shiva, Shiva deine Gedanken ohne Unterlass erfüllen. Alle Gefahren überwindend wird Seligkeit da sein.

2719. Die feurige Sonnensphäre durchdringend und auf dem Adhara-Weg in die Sphäre des wolkenumhüllten Meru hinübergehend, ruht der Yogi dort im Samadhi. Dann spricht er das heilige Wort, schaut den Herrn und bleibt für immer in dessen Gedanken versunken.

2720. Alles, was in Veden, Vedangas und Agamas gesagt wird, ist in der einen Silbe meines Herrn enthalten. Wird zweifelsfrei die eine Silbe Si zur Vollendung gebracht, erreicht das Lebensboot das schöne jenseitige Ufer.

2721. Reif hängen die fünf Silben in den alten Veden. Den Weg des Schlafens im Wachen kennen sie nicht. „Buchstaben kennen wir“, sagen sie. Unverständig sind sie: Sie kennen die Silbe nicht, die die Schrift ihres Schicksals auslöscht.

2722–2731: Die Schau des heiligen Tanzes — Shivas Seligkeit


2722. Überall ist die heilige Gestalt, überall Shiva-Shakti. Überall ist Chidambaram, überall der göttliche Tanz. Weil Shiva überall ist, ist überall Shivas Gnade. Alles, alles ist sein göttliches Spiel.

2723. Er ist Chitpara göttlichen Lichtes und tanzt den Tanz der Seligkeit. Er ist Nada, Om, und tanzt den Tanz der Schönheit. Er tanzt in der goldenen Halle, im goldenen Tillai und den wundersamen Tanz. Wer kennt ihn je ganz?

2724. Endlos ist sie, Shakti bleibender Seligkeit. Mit ihr tanzt er den honigsüßen Tanz der Seligkeit. Du hast ihn geschaut. Hast du ihn geschaut, tanze jenseits allen Wissens. Dann wirst du selbst zur Stätte, an der der Herr seinen Seligkeitstanz vollführt.

2725. Seligkeit ist seine Tanzstätte, Seligkeit die Melodie des Liedes, Seligkeit der musikalische Refrain, Seligkeit die Instrumente. Seligkeit für die ganze Schöpfung, Seligkeit auch für den Herrn, der den Tanz der Seligkeit tanzt.

2726. Das Höchste, das Licht ist; das Höchste, in dem die Seele sich vereint; das Höchste als Shivakami, die als Shakti Gnade ausströmt; und die Seligkeit aller Glaubenswege: All dies wird erlangt, wenn Shivas Seligkeitstanz geschaut wird, der Tanz als Vollendung reiner Erkenntnis.

2727. Fünf Tänze vollführt er, der Gestalt und Gestaltloses ist. Die fünf Tänze tanzt er, um die fünf Tätigkeiten zu vollbringen. Er vollbringt sie mit Shaktis Gnade in sich. So tanzt der Herr mit Shakti, deren Sprache Honig gleicht.

2728. Das All der fünf Elemente, das All weiterer Elemente, die Welten des Genusses, des Yoga, der Zeit, der Befreiung, der Leidenschaften und der Begierden: Über diese von ihm geschaffenen Welten herrscht Shiva, indem er die fünf Tätigkeiten vollzieht. Allein als Tatpara sitzt er im gesamten kosmischen Ei.

2729. Die Veden tanzten, die Agamas tanzten. Die Melodien und die sieben Welten tanzten. Die Elemente und sämtliche Welten tanzten. Mit Nada-Shakti tanzte der Herr den Tanz göttlicher Erkenntnis-Seligkeit.

2730. In den fünf Elementen, den fünf Sinnen, den fünf Sinnesorganen, in den zusammen fünf Veden und Agamas, in Kala und Zeit, in den fünf höheren Shiva-Tattvas — Shuddhavidya, Ishvara, Sadakhya, Shakti und Shiva —: In all diesen, sie durchdringend, tanzt der große Siddha-Herr.

2731. Devas, Asuras, Menschen, Siddhas und Vidyadharas, die ursprünglichen Drei, die dreiunddreißig Götter, die sieben Rishis, die zahlreichen Glaubenswege und die ganze bewegliche und unbewegliche Schöpfung: Alle tanzten, als mein Herr tanzte.

2732–2738: Der Tanz der Schönheit


2732. Weit jenseits der sieben Welten, hoch über Shakti und Sadashiva, tanzte der dunkelkehlige Herr als verkörpertes Mitgefühl in Entzücken, damit Uma ihn dort schaue.

2733. Kodukkotti, Pandarangam, Kodu, Samhara und weitere: Diese acht Tänze tanzte er, auch die fünf Tänze. All diese schaust du auf dem Yogaweg in den sechs Adharas. Auch im Devadaru-Wald, in Tillai und Alavanam tanzte er, der höchste König.

2734. Am Gipfel des weiten Alls der Sternenwelten liegen Parashaktis heilige Füße; am Gipfel des Alls liegt Ishas strahlendes Licht. Das All durchdringt der sich ausdehnende Nada. Dort tanzt das Höchste unaufhörlich durch den weiten Kosmos.

2735. Im Yoga, der wie ein Elefantenstachel die Sinne bezwingt, liegt Erkenntnis. Dort erklingt in rhythmischer Folge der Trommelschlag Thom-Theem. Dazu tanzt Shankara im Einklang innerhalb der mittleren Sushumna-Nadi. Wenn er so tanzt, tritt er in dich ein und bleibt dort, um nie wieder fortzugehen.

2736. Er tanzte, um die Seelen zu erfreuen. Neun Tänze tanzte er zur Freude der neun Shaktis. Er tanzte in Wäldern, in den Gedanken seiner Verehrer, am inneren Knotenpunkt der Sushumna und in endloser Erkenntnis. So tanzte er weiter, mein Herr.

2737. Fünf Shaktis, fünf Shiva-Gestalten, acht Befreiungen, acht ursprüngliche Zustände, acht Siddhis, acht Shiva-Zustände und acht Reinigungen: In all diesen tanzt der Herr seinen uralten Tanz.

2738. Die sieben Wolken, sieben meerumgürteten Erdteile, sieben Körper, sieben Shiva-Sonnen, sieben Begierden und sieben Befriedungen: All dies liegt zu den Füßen des tanzenden Nandi.

2739–2748: Der Tanz in der goldenen Halle


2739. Im Süden, Norden, Osten, Westen und oben, in den fünf wundervollen Gesichtern darin, in der Leere innerhalb der Leere unvergleichlicher Seligkeit tanzt Tatpara den seltenen Tanz.

2740. Heilige Verehrer sind jene, die die Seligkeit von Haras Füßen erlangten. Heilige Verehrer sind jene, die in Hara eingingen. Heilige Verehrer sind jene, die an Shivas heiligen Füßen festhalten. Heilige Verehrer sind jene, die wahrhaft seinen Tanz in der goldenen Halle schauten.

2741. Unbeherrscht war ich; er brachte mich zur Ruhe und segnete mich mit seinen heiligen Füßen. Er tauchte mich in unermessliche, überweltliche Seligkeit. So tanzt unser Nandi, der gute Tänzer des Erkenntnistanzes. Still wie ein Bild ließ er mich sitzen und wohnte in mir.

2742. Im hohen Himmel tanzt er, in Erhabenheit tanzt er. In der rotgoldenen Halle tanzt der tapfere Wächter. In der innigen Nähe zur Seele tanzt er; als Tatpara tanzt er. Ihn suchte ich in göttlichem Entzücken und verehrte ihn in Liebe.

2743. Als roter Rubin tanzt er im Inneren. Er tanzt im blühenden Tillai, in der Juwelenhalle, mit verfilztem Haar. Er tanzt im fernen göttlichen Licht, in Shivas Seligkeit. Den reinen Goldtanz tanzt er. Wer könnte ihn beschreiben, der so tanzt?

2744. Sie schluchzen, fürchten sich, fallen und stehen wieder auf. Ihr Körper ist erschöpft; ihrer selbst nicht bewusst, haben sie ihre Kräfte verloren. So sind sie beim Tanz im heiligen Tempel: jene, die in Liebe die blütengleichen, goldenen Füße des Herrn verehren.

2745. Du verlangst nicht mehr nach der Welt; deine Gedanken sind nicht mehr verwirrt. Leiden bedrängen dein Körperinneres nicht. Dein Atem wird auf dem Yogaweg geschult, deine Sinne vom Abschweifen zurückgehalten. Alle Wünsche fallen ab; das Herz jubelt im Suchen nach Seligkeit. So ist es, wenn der heilige Tanz geschaut wird.

2746. Er tanzt mit Kali, in der goldenen Halle, mit Dämonen, in der Welt. Er tanzt in Wasser, Feuer, Wind und Himmel. Im heiligen Tempel tanzt er Tag für Tag: der höchste Herr.

2747. Die mittlere Wirbelsäule als Meru, die linke Ida und die rechte Pingala, das dreieckige Muladhara der Seele, der Sushumna-Hohlraum gleich dem Tillai-Wald, durch den die kühle Brise vom Malaya-Berg weht: All dies sind gleichermaßen Shivas Tanzstätten.

2748. Das Land des Meru und das südlich davon liegende Land sind Ida und Pingala. Die heilige Halle, in der der Herr mit der Mondsichel tanzt, ist die Sushumna. So liegen die Grenzen dieses weiten Alls. 2749–2761: Der Tanz im goldenen Tillai


2749. Die sieben Welten als goldene Wohnung, die fünf Elemente, Himmel und die übrigen, als Sockel, die mittlere Kundalini-Shakti als göttliche Halle: So tanzte er in Entzücken, er, das kosmische Licht.

2750. Im Zentrum, das der Guru zeigte, innerhalb des Hauptes, tanzte er als Seligkeit. Dann wandte er sich nach Süden, verband sich in neuer Verzückung mit Shakti und tanzte mit ihr in ewiger Seligkeit.

2751. Das ursprüngliche Höchste tanzte; das Feuer in seiner Hand tanzte; die heiligen Haarflechten tanzten. Trunken vor Freude tanzte er. Die Mondsichel und die Himmelskörper tanzten. In Nada aufgehoben tanzte er den himmlischen Tanz von Nadanta.

2752. Dort in der heiligen Halle tanzte der Herr, damit die Seelen ihn verehren. Der Tanz, den er tanzt, ist der kosmische Tanz. Er führt dich zur Wahrheit von Shivas Reich. Dort liegt wahrhaft die Vollendung der Seligkeit schweigender Erkenntnis.

2753. Die sieben Universen, die dreimal sieben Welten, die hundertacht Glaubenswege, die den Weg zu Gott zeigen, die vier himmlischen Seligkeitszustände Nada, Nadanta, Natana und Natananta und Shakti, seine Hälfte: Mit ihnen allen tanzten und tanzten die heiligen Füße des Höchsten.

2754. Ida, Pingala, das dreieckige Muladhara, die mittlere Wirbelsäule als Meru, wo Kundalini-Shakti ist, und der innere Sushumna-Hohlraum gleich dem Tillai-Wald: All dies durchdrang der Ursprüngliche, Paraparam.

2755. Am Ende des Landes liegt Kanyakumari; dann kommen die Kaveri und die übrigen heiligen Wasser, zusammen neun heilige Badestätten, sowie die sieben heiligen Berge. In diesem Land werden Veden und Agamas geboren. So gesegnet ist der Süden wahrhaft heiliges Land.

Ergänzende Erklärung: Der Lobpreis des Südens in Vers 2755 drückt die sakrale Geografie des Werkes aus. Er belegt keinen historischen Entstehungsort sämtlicher Veden und Agamas.

2756. Er tanzt in Nada, in den vier Zuständen, in den Veden und auf der Spitze des Feuers. Er tanzt in der Erkenntnis und in allen Welten: der Makellose, der Herr unzähliger Himmlischer.

2757. Er tanzt mit den Himmlischen, im heiligen Tempel, mit den drei Göttern und in der Versammlung der Munis. Er tanzt im Lied, in Parashakti und in den Seelen: der Herr der Tänze.

2758. „Ich bin der Herr der sechs Wege zu Gott. Ich bin der höchste Guru, von dem die Glaubenswege sprechen.“ So sprach er und erwählte den heiligen Tempel im Süden. Dort tanzt er in Herrlichkeit, ohne Ebenbürtigen.

2759. Die weiten Räume sind seine Tanzstätte; auf ihnen tanzt mein Höchstes. Der Glanz seiner beiden Füße steigt zu den hohen Himmeln auf und erreicht den Punkt des fünfsilbigen Nada. Er kommt zu dir herab, segnet dich und schenkt dir seinen Shiva-Zustand.

2760. Vielfältig sind die Tänze, die Schritte, das Klingen der Fußspangen, die gesungenen Lieder und die Gestalten, die er annimmt. So tanzt der höchste Guru. Suche diesen Tanz im Inneren und beende deinen Geburtenkreislauf für immer.

2761. Als Prana, das im Herzen entsteht und Hände, Füße und sämtliche Sinne durchdringt, tanzt er in der Stätte der neun Juwelen: der rubinrote Tänzer. Als heiliger Guru tanzte er in Entzücken an allen Orten.

2762–2774: Der wundersame Tanz des Gestaltlosen


2762. Die tanzende Gestalt ist die Gestalt des Guru; wahrhaft ist sie gestaltlos. Dieses Gestaltlose leuchtet auch als Shakti Tripurai. Sie ist wahrhaft Uma, die Gestalt und Gestaltloses ist.

2763. Der heilige Weg ist Gestalt-und-Gestaltlosigkeit. Die Gestalt, die im heiligen Chittambalam-Tempel tanzt, ist die Gestalt des inneren Guru. Wer vollständig erkennt, dass er Gestalt und Gestaltloses ist, empfängt seine göttliche Gnade auf dem Erkenntnisweg.

2764. Aus dem Inneren des Hauptes steigt der Prana-Atem zwölf Fingerbreiten empor. Suche diesen weiten Weg. Dort tanzt unser Herr von Nadanta. Dies ist wahrhaft der heilige Tempel.

2765. Wind, Wolke, Blitz, Regenbogen, Himmel und Donner entstehen im Raum. Ebenso steht er als Lichtgestalt innerhalb der verzückenden, vereinten Strahlen der sechs Adharas und auch außerhalb ihrer, gesondert: im Körper verborgen.

2766. In den fünf Elementen, den acht Richtungen, oben und unten, jenseits der erkennenden Sinne liegt göttliche Seligkeit. Damit jene sie schauen, die Maya und Mamaya überschreiten, steht der Herr da und tanzt immerfort.

2767. Der Tänzer verschmilzt mit Shakti, die liebliche Armreifen trägt. Der Tänzer verschmilzt mit makelloser Seligkeit und makelloser Erkenntnis. Der Tänzer und seine Gefährtin verschmelzen im Tanz.

2768. Mein Herr und seine Shakti, die seine Hälfte einnahm, standen tanzend da. Dies schaute ich. Für die zahllosen von Maya verhüllten Seelen steht er als Erlösung da, tanzend, ewig tanzend.

2769. Shaktis Gestalt ist ganz Seligkeit; von gleicher Seligkeit ist Umas Gestalt. Shaktis Gestalt erhebt sich in Shivas Gestalt, beide verschmelzen zu einem und vollführen einen Tanz. Dieser unvergleichliche Tanz ist vollkommene Seligkeit.

2770. Geradewegs innerhalb der Stirn, zwischen den Brauen, liegt der weite feinstoffliche Raum. Blicke, blicke hinein: Das leuchtende Mantra Om wird da sein. Der Ort, an dem sie ihn sehnsüchtig suchten, ist der Ort, an dem er sehnsüchtig wartet. Dies ist der heilige Chittambalam-Tempel; dort saß ich fest.

2771. Das weite All, die zahlreichen Tattvas, Sadashiva, die mittlere Sushumna, die Shaktis Sathavi, Shambhavi und Kundalini im Muladhara: Diese sieben sind Shivas Sockel. Auf ihnen tanzt er, das übersteigende Sein.

2772. Das ausströmende Licht der inneren feinstofflichen Blüte erhellt die ganze Tanzstätte. Wundersam ist diese Blüte: Ihre vier Blätter im Muladhara erblühten zu hundert Blättern im Scheitelzentrum und dehnten sich zu zweihundertzehn Welten in den endlosen weiten Räumen aus.

2773. Sieben Crore zählen die weiten Welten, sieben Crore die verschiedenen Lebensformen, sieben Crore die Erdteile der meerumgürteten Welt und sieben Crore die Lingas in den acht Richtungen. Dies sind die Tempel seines kosmischen Tanzes.

Ergänzende Erklärung: Ein Crore entspricht zehn Millionen. Die Zahlen in diesen kosmischen Lobversen werden als Aussagen der Vorlage bewahrt, nicht als naturwissenschaftliche Größenangaben.

2774. Der Raum ist sein Körper. Der Dämon Muyalaka ist die Dunkelheit darin. Die acht Richtungen sind seine ausgebreiteten Hände; die drei liebevollen Augen sind Sonne, Mond und Feuer. So tanzt er in der Raumstätte, die sein kosmischer Körper ist.

2775–2786: Die Wirkung des Tanzes und sein kosmischer Rhythmus


2775. Die heilige Tanzstätte ist die zahllose Schöpfung. Die heilige Tanzstätte sind die heiligen Füße des Herrn. Die heilige Tanzstätte ist die Sphäre von Wasser und Feuer. Die heilige Tanzstätte sind wahrhaft die fünf Silben.

2776. Die Trommeln schlugen, die Pfeifen spielten; „Om“ summten sie. Die Menschen tanzten und riefen: „Mein ursprünglicher Herr!“ Die Ganas priesen ihn in dichten Reihen, die zahlreichen Bhutas sangen. So tanzte er Pandaranga, den Auflösungstanz nach dem Brand der drei Burgen.

2777. Die Himmlischen im All und die Himmlischen darüber hinaus, die Heiligen in der meerumgürteten Welt: Alle schauten den Tanz im goldenen Tempel des Herrn mit den Lotusfüßen. Ihn verehrend erreichten sie den Shiva-Zustand.

2778. Beim Anblick der Tamarinde läuft Wasser im Mund zusammen. Ebenso ergeht es allen, die den heiligen Tanz schauen: Sie vergießen Freudentränen und schmelzen in Liebe zum Herrn. In ihren Herzen quillt die nektargleiche Seligkeit göttlichen Lichtes auf.

2779. Sie schwanken, ihrer Sinne beraubt, trunken von Shivas Seligkeit. Wer seine Sinne noch behält, gerät in Verzückung. So sind jene, die den göttlichen Tanz in der von allen gepriesenen heiligen Stätte schauten. Selbst wer davon hört, gleicht den Schauenden: Auch ihm wird ganzes Entzücken zuteil.

2780. Mit Feuer und Trommel, Rudraksha-Kette und Schlinge, Elefantenstachel, Dreizack und Schädel, mit der furchterregenden blauen Kehle, in der Erkenntnis liegt, und mit Shakti als untrennbarer Gefährtin tanzt er den mächtigen Tanz.

2781. Mit den elf Begleitungen des Tanzes, mit Fußspangen an den Füßen und der Trommel in der Hand, ließ er Nada widerhallen, bis zu Parapara im hohen Himmel. Der heilige Nandi, der so tanzte, ist wahrhaft innerhalb deines Herzens und auch außerhalb.

2782. Die neun tanzten, die sechzehn tanzten; die sechs liebevollen Glaubenswege tanzten. Die sieben Melodien und die achtundzwanzig Rhythmen tanzten. Auch die Liebe, Shakti, tanzte. Er tanzte den Tanz göttlicher Seligkeit.

2783. Als sieben subtile Melodien in den sieben hörbaren, als die sieben sie bezeichnenden Laute und als eine Harmonie in den sieben Tönen kam er herab und durchdrang alles. Im siebten Zustand jenseits der sechs Adharas, die der Erkenntnis-Yoga überschreitet, liegt Om-Paranjyoti, das göttliche Licht. Im Tanz der sieben Melodien tanzte er.

2784. Die drei Laute A, U und M wurden zu den fünf Silben Na, Ma, Si, Va und Ya und zu dreihundertsechzig Strahlen. Vom Muladhara, das die Wasser hält, durch die sechs Adharas und die drei Sphären Sonne, Mond und Feuer tanzte er in den uralten drei Bindungen den Mohanta-Tanz, der Unreinheit entfernt, damit die drei inneren Wirkkräfte ihr Ende finden.

2785. Über den juwelengekrönten Häuptern der Himmlischen liegen die blumengleichen Füße des Herrn. Ein kostbares Juwel ist er. Er schmückt das sich erhebende Herz seiner liebenden Verehrer. Er ist der göttliche Wunschbaum der himmlischen Haine und überschreitet sämtliche Welten.

2786. Wenn der Schöpfer tanzt, tanzen die von ihm geschaffenen Welten. In dem Maß, in dem er in unserer Erkenntnis tanzt, tanzen auch unsere Gedanken. Tanzt er liebevoll im Herzen, tanzen auch die verschiedenen Elemente. Als die göttlichen Fünf flammend tanzt er. Dies schauten wir in überragendem Entzücken.

2787–2803: Erkenntnistanz und die Bedeutung der göttlichen Gesten


2787. „Den ursprünglichen Tanz tanzte er“, sagen die Heiligen. Niemand sah ihn damals diesen ursprünglichen Tanz tanzen. Wenn sie diesen Tanz schauen, tanzen sie wahrhaft in der Gnade der ursprünglichen Shakti.

2788. In den neun mystischen inneren Zentren wurde der neunte Zustand, Turiyatita, erreicht. Im Zentrum, das Liebe ist, tanzten seine beiden Füße in Asi-Pada. Als die sehnsuchtsvolle Shakti in ihm tanzte, tanzte mein liebender Vater mit ihr in Entzücken.

2789. Die Tattvas tanzten, Sadashiva tanzte. Das Denken tanzte, Shiva-Shakti tanzte. Die weite Schöpfung und die Veden tanzten. Auch der Herr tanzte den Tanz der göttlichen Seligkeit.

2790. Im herrlichen Tempel von Chidambaram tanzte er, damit die beiden Rishis Patanjali und Vyaghrapada ihn schauen. Er tanzte als Gestalt, als Gestaltloses und als kosmische Gestalt. In der göttlichen Gnade Shaktis tanzte er, der Vollendete, die Seligkeit. Als Gnadengestalt stand er da und tanzte.

2791. Shiva tanzte, Shakti tanzte, die weltlichen Wünsche tanzten. Der Raum, der nicht tanzt, tanzte. Das wundersame Tattva-Nadanta tanzte. Wenn Shiva im Inneren der Wahrheit tanzt, ist dies wahrhaft Vedanta-Siddhanta.

2792. Nadanta, die Vollendung des Klangprinzips; Bodhanta, die Vollendung der Erkenntnis; Vedanta, die Vollendung der Veden; Shivananda, Shivas Seligkeit; Sadashivananda ohne Ende: In all diesen tanzt er den Shiva-Tanz, er, Nada-Brahman, der Herr im Klangprinzip.

2793. Damit die Verwirrung der fünf Götter, Rudra und der übrigen, ende, damit die Bindungen der Seele fernstehen und durch Gebet weichen, tanzt das heilige Höchste aus sich selbst überall. Heilig ist der Erkenntnistanz, den Shivas Seligkeit erfüllt.

2794. Als das eine Höchste stand er von alters her. Indem er zahllose Himmlische erlöste, erwarb er den Namen des Herrn Vikirtha. Er tanzte in den drei leuchtenden Lichtern und nahm mich in seine Gnade auf.

2795. Der Herr ist der Anfang der Veden; er liegt jenseits der Nada-Tattvas. Ohne dies zu wissen, suchten sie die Freuden dieser Welt und schwelgten darin. Er ist die geordnete Folge der Tattvas und zugleich ihr Herr. In diesem Unterschiedensein stand er sie durchdringend da.

2796. „Seligkeit, Seligkeit!“, sagen sie, doch sie verstehen nicht. Niemand kennt den Tanz der Seligkeit. Hat die Seele diesen Tanz geschaut, endet ihr Gesondertsein; sie vereint sich in göttlicher Seligkeit.

2797. „Lass dies, wandle dich“: So deutet eine Hand den Seelen mit Si. „Komm zu mir, vereine dich mit mir“: So deutet eine andere blütengleiche Hand den Asketen mit Va. „Tritt ein, Deva, fürchte dich nicht“: So deutet die goldene Hand den Himmlischen mit Ya. Die Feuer tragende Hand zeigt Na; der im Tanz auf die Erde gesetzte Fuß zeigt Ma. So bezeichnet der göttliche Tanz das ganze Mantra Si-Va-Ya-Na-Ma.

2798. Die Trommel tragende Hand: Si. Die schwingende Hand: Va. Die Zuflucht gewährende Hand: Ya. Die Hand mit dem lodernden Feuer: Na. Der fest auf Anava gesetzte Lotusfuß: Ma. So bezeichnet Si-Va-Ya-Na-Ma die Gestalt des göttlichen Tanzes.

2799. Haras Trommel ist Schöpfung. Seine schützende Hand ist Erhaltung. Sein Feuer ist Auflösung. Sein niedergesetzter Fuß ist Verhüllung. Sein im Tanz erhobener Fuß ist bleibende Gnade und Erlösung.

2800. Das lodernde Feuer ist er; das funkelnde innere Licht ist er. Shakti mit den jugendlichen Augen sah ihn tanzen. Sie sah die drei Götter im einen ursprünglichen Sein aufgehen. In Entzücken sang sie sämtliche Veden.

2801. Nandi, mein Vater, der Herr der Erkenntnis, trat in das einsilbige Mantra Om ein. Es überschreitend tanzt er in den Räumen darüber hinaus, von überragender Schönheit. Wie könnte ich diesen höchsten Schönheitstanz beschreiben!

2802. Ein löwenherziger Guru ist Nandi. Im heiligen Tempel tanzt er. Niemand kennt seine göttliche Gestalt: feuerrot und weiß bestrichen ist sie. Wer seine Gestalt schaut, erreicht den Hafen der Zuflucht.

2803. Shakti im Herrn steht als Tatparai. Sie knüpft die Verbindung zwischen dem Höchsten und der Seele. Als Wille, Erkenntnis und Tat vollbringt sie vieles. Wenn sie ihre Gnade schenkt, erreichst du Haras liebevolle Füße.

2804–2812: Den inneren Raum erreichen


2804. Der Herr ist in unserem Herzen. Als Om ist er dort, als Feuer, als Ordnung und als Raum im Körper. Er ist das eine Sein.

2805. Als weite Erde, als weites All, als die Leere darüber hinaus ist der Herr überall gegenwärtig. Weit ist seine Güte; seine Füße tragen die ganze Welt. Doch unsichtbar ist seine Gestalt: der ursprüngliche Herr.

2806. Er ist das kosmische Licht und das Licht darüber hinaus. Er ist das Licht, das sich mit dem inneren Licht vermischt. In das sich ausbreitende Raumlicht, das die unermessliche Weite verschlingt, ging mein Körperlicht ein und zerbrach sämtliche Grenzen des Daseins.

2807. In der Freude der Vereinigung mit der Geliebten liegt das funkelnde Licht des Ursprünglichen. Brahma und Vishnu wohnte es inne, doch sie kannten es nicht und stritten. Dann offenbarte er sich ihnen als göttliches Licht, von der Erde bis zum Himmel flammend.

2808. Das übersteigende Licht ist Erkenntnis jenseits der Erkenntnis. Geht man schweigend in ihm und in den drei mächtigen inneren Lichtern auf, wird Shiva erreicht. Verlässt du dort seine Füße nicht, magst du lange, lange bestehen.

2809. Er erfüllt den Raum und ist der Liebling der Himmlischen. Er trägt die Schlange. Nachdem er den Raum erfüllt hat, steht er als der Raum jenseits davon da: der Feuerfarbene.

2810. Wenn du auf yogische Weise atmest, erreichst du das innere Licht, den Atem sämtlicher Welten. Die Jungfrau im Muladhara erhebt sich und steigt empor, ihren tageshellen Glanz verbreitend. So erhoben gingen meine Gedanken im inneren Raum auf.

2811. Nähere dich dem Herrn, und er verlässt dich nicht. Nähere dich der Welt, und er lässt dich allein: der höchste Herr Nandi. Nähere dich dem blitzenden Licht im mystischen inneren Raum und verehre dort. Dann kannst du göttlichen Nektar trinken.

2812. Im äußeren Raum liegen All und Welt. Im inneren Raum liegt ursprüngliche Erkenntnis. Im Raum, in dem Shiva ist, liegt strahlendes Licht. Im Raum, der den Kosmos bildet, liegt das Ziel des Samadhi.

2813–2824: Das Aufdämmern der Erkenntnis


2813. In der Verbindung mit dem Geist liegt der Wachzustand. Dann kommt der Traum, in dem Seligkeit erfahren wird. Darüber liegt der Tiefschlaf, in dem Seligkeit gewiss erfahren wird. Steige noch höher: Dort liegt die Leere des Turiya, in der nur zwei sind — Seligkeit und der Herr der Seligkeit.

2814. Mit seinen Händen zog er die Elefantenhaut ab; in seinen Händen hielt er den Schädel. Auf seinem Haupt trug er die Mondsichel. Diesen Herrn verehrte ich: „Selten, groß ist er!“ Darüber hinaus wusste ich nichts. Ist er schwarz oder rot? Ich habe es nicht gesehen.

2815. Als die Himmlischen den Nektar tranken, trank er das Gift. Folge dem von den Heiligen gelehrten Tapas-Weg und tritt nach innen. Er wird dir Erkenntnis schenken, die reines Gold ist. Deshalb suche Shivas Füße.

2816. Brich das Kundalini-Licht auf und entzünde die innere Lampe. Entfache das Licht in diesem Licht. Wer so das Licht im Licht erhellen kann, mag die Füße dessen erreichen, der die strahlende Lampe der Erkenntnis ist.

2817. Wo Tattvas sind, ist der Herr der Tattvas. Wo keine Tattvas sind, ist der Herr der Tattvas nicht. Wenn du die Wahrheit der Tattva-Erkenntnis erkennst, wird der Herr der Tattvas dort erscheinen.

2818. Im feinstofflichen Raum, der wahre Erkenntnis birgt, liegt der Nektar, der aus dem Schlamm des fleischlichen Körpers aufquillt. Mit ausgebreiteten Haarflechten von leuchtendem Goldton, im betörenden Duft der rötlichen inneren Blüte stand er da.

2819. Perle, Diamant, Koralle aus den drei Wassern, reinstes Gold und Edelsteine: Ihr vereinter Glanz ist das Licht des Herrn im Himmel. Wie sonst ließe sich dieser göttliche Glanz beschreiben!

2820. Als „Ich“ und „Er“ suchte ich getrennt. Während ich so suchte, gewährte der Herr ursprünglicher Erkenntnis selbst die Einsicht: „Ich und Er sind nicht getrennt.“ Danach gab es keinen Gedanken an „Ich“ und „Er“ mehr.

2821. Der Erkenntnisweg ist der Nadanta-Weg. Der Erkenntnisweg ist Selbsterkenntnis. Der yogische Erkenntnisweg ist die Sammlung auf Shiva. Der schweigende Erkenntnisweg ist die vedische Wahrheit von Nadanta.

2822. Für jene, die Befreiung suchen, ist Shiva-Erkenntnis der Lebensatem. Für jene, die Befreiung suchen, ist Gott Shiva der Lebensatem. Für sie ist Pranava das Zentrum göttlicher Vereinigung. Der Herr ist die Erkenntnis in der Erkenntnis der Befreiungssuchenden.

2823. Für jene, die ihn schauen können, ist er das Licht ihrer Augen und der Nektar der Meere. Der mächtige Nandi lässt die ihn Verehrenden niemals im Stich. Denen, die nach ihm verlangen, steht er als unfehlbarer Halt bei.

2824. Er ist wie der Klang in der einen Silbe Om. Er ist die große Wahrheit, nach der die Himmlischen verlangen; das flammende Licht, das aus der Ferne scheint. Er ist unser Herr. Die Unsterblichen, die seine Füße verehren, sind seinem inneren Dienst hingegebene Wesen.

2825–2834: Wahrheit, Erkenntnis und Seligkeit


2825. Alle Leeren als Leere, als Alles und Nichts, die drei unteren und die drei oberen Leeren suchend und doch nicht wissend, wie diese Leere ist: In jener höchsten Seligkeit liegt Tatparas Erkenntnis-Seligkeit, Shivas Wissen und Glück. Darin werden er und ich eins.

2826. Im ersten Turiya liegt Tvam-Pada, im zweiten Tat-Pada, im dritten Asi-Pada. Darüber hinaus liegt das unermesslich Subtile, das den Raum überschreitet. Dort ist wahrhaft Nandis heilige Wahrheit.

2827. Unvergleichlich ist die Seligkeit in Wahrheit und Erkenntnis; dem Strahlen eines reinen Edelsteins gleicht sie nicht. Wie blaue Lilie, Reinheit, Schönheit, Farbe, Duft und Glanz — diese sechs vereint — ist der Seligkeitszustand von Wahrheit und Erkenntnis.

2828. Spricht man von Shakti, Shiva und höchster Erkenntnis-Seligkeit, so verhält es sich so: Unendlich hoch ist Shivas Seligkeit, Ananda. Die offenbarte Wesensgestalt ist Shakti, Sat. Die höchste Erkenntnis, die der heilige Guru der Seele vermittelt, ist Chit. Alle drei zusammen gleichen der Blüte mit ihren sechs vereinten Eigenschaften: Sat-Chit-Ananda.

2829. Wie die blaue Lilienblüte Farbe, Reinheit, Schönheit, Duft und Glanz vereint, so ist es, wenn die Seele mit Tatpara verschmilzt. Dann besteht Shivas Wesensgestalt, erhaben über die drei Zustände. In ihm entsteht Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit.

2830. Denke an ihn, so weit deine Gedanken reichen. Verehre ihn in schmelzender Liebe und preise ihn in wohlklingenden Liedern. Du kannst ihn in deinem Herzen umfangen. Auch mich führte mein Herr Nandi, seine Gnade ausbreitend, dazu, bis an die fernsten Grenzen meines Denkens an ihn zu denken.

2831. Milch, Honig und Fruchtsaft, in nektargleicher Süße vermischt: So ist es, wenn die drei Turiyas überschritten sind und die Seele in Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit eintritt. Diese Süße durchdringt jede Haarwurzel des Körpers.

2832. Die Sphären der unsterblichen Himmlischen, die kosmischen Räume und die Sphäre des Nada überschreitend stand der Herr allein aus sich selbst da. Shakti mit Korallenlippen, Perlenzähnen und taukühler Rede sowie das unflackernde Licht höchster Erkenntnis folgten ihm. So stand er in Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit.

2833. Die sechsunddreißig Tattvas, die im Wachzustand im Brauenzentrum stehen, ließen sie zurück. Sie wurden die Unreinheiten los und reinigten sich im reinen Turiya. Von Gebundenheit befreit wurden sie Shiva. Darüber hinaus stiegen sie in Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit auf: die wahren Erkennenden.

2834. Die Seele ist Shiva geworden; die drei Unreinheiten sind erloschen. Steige durch die drei Leeren empor, in denen Wünschen und Nichtwünschen aufhören, und tritt in die heilige Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit ein. Dort, im fernsten Turiya der Seele, liegt die selbstleuchtende Wesensgestalt.

2835–2846: Das Aufgehen der eigenen Wesensgestalt


2835. Der heilige Meister, der höchste Guru, durchdringt als das Höchste beständig und endlos alles. In dieser innewohnenden Gegenwart entfaltet er seine selbstleuchtende Wesensgestalt, wenn die Seele den letzten Turiya-Zustand erreicht.

2836. In der ursprünglichen Wasserflut bei der Auflösung dehnte er sich als die Wasser der Erde, als stürmische Winde, Feuer, Himmel und Erde endlos im Raum aus. Ich weiß nicht, wie ich ihn begrenzen und so verehren könnte.

2837. Als er so dastand, priesen Brahma, Vishnu und die übrigen Götter ihn, wo immer sie standen, als höchsten Herrn. Ihnen allen wohnte mein unvergleichlicher Herr inne. Auch jenseits von ihnen stand er: der Herr aller Welten.

2838. Weil sie die Spuren des Glaubensweges nicht kennen, begehen sie die acht ursächlichen Verfehlungen wie Gier und Lust; von Ichhaftigkeit sind sie besessen. Wer dies überschreitet und Erkenntnis erlangt, wird wahrhaft zum Herrn der Unsterblichen in den hohen Himmeln.

2839. Die drei Götter Brahma, Vishnu und Rudra gehören zum Ursprünglichen, und doch ist er von ihnen geschieden. Ebenso steht der Herr in den drei Turiyas — Seele, Höchstes und Shiva — als einer und doch unterschieden. So sprechen die heiligen Schriften.

2840. Gestalt hat er nicht, und doch nimmt er Gestalt an. Geburt hat er nicht, und doch ist er der Same aller Geburten. Auch jenseits der Gestaltlosigkeit ist er, der schwer fassbare Herr. Wenn er sich nicht selbst als heiliger Guru offenbart, erreicht ihn niemand.

2841. Wer über seine Wesensgestalt meditiert, schaut ihn als inneres Licht. Wer darüber meditiert, erlangt zeitlose Ewigkeit. Wer darüber meditiert, wird bei den Himmlischen sein. Doch wer sucht hier auf Erden seine wahre Wesensgestalt?

2842. Als ich mich an den Herrn, das übersteigende Licht, hielt, trat dieses Licht in mich ein und blieb. Während ich tiefer und tiefer darin versank, schaute ich das übersteigende Licht, das sich selbst laut verkündete.

2843. Wesensgestalt, Form, Eigenschaften und Vergangenheit gehen auf; Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit entsteht, mit den sechs vereinten Eigenschaften Blüte, Reinheit, Schönheit, Farbe, Duft und Glanz. Ebenso entsteht die Seligkeit des heiligen Guru selbstleuchtender Wesensgestalt, in dem die vier Shaktis aufgenommen sind.

2844. Er ist Seligkeit jenseits der Sprache, er ist Schweigen, die selbstleuchtende Wesensgestalt. Wirkt er auf Adi-Shakti ein, wird er zu A, U und M. So leuchtet er als unbeschreibliches Om, als inneres Licht.

2845. In den Tälern innerhalb meines Schädels stand ich und verehrte ihn in hingebungsvollem Tapas. Dort entdeckte ich ihn, den Dieb, der mit Shakti in den Kalas verborgen stand. Ihn entdeckend beendete ich meinen Geburtenkreislauf.

2846. Ich erkannte den Weg des Werdens, den Weg, den Seltenen zu suchen, und den Zugang zu ihm. Keine Ichhaftigkeit mehr, kein anderer Ort: Zum Ursprünglichen werde ich. Er und ich werden eins sein.

2847–2852: Schicksal und die Standhaftigkeit der Erkennenden


2847. Was bedeutet es, wenn man sie schneidet, zerhackt, mit dem Meißel auf ihr Haupt schlägt oder sie mit kühler Sandelpaste besänftigt? All dies geschieht durch das von Nandi bestimmte Schicksal. So erkennend bleiben sie unbewegt: die heiligen Jnanis, welche die Wahrheit schauten.

2848. Nichts kommt zu dir außer durch deine vergangenen Taten; der Himmel kann es nicht anders verfügen. Deshalb suchte ich auf dem Muladhara-Weg den Herrn im Haupt. Was ich zuvor getan hatte, führte mich ins schöne Land der Seligkeit. 2849. Den Sand, den der Fluss ablagert, trägt der Fluss selbst wieder fort; niemand anderem ist diese Aufgabe zugeteilt. Deshalb suchte ich Nandi mit heiliger Asche und aufgerichteten Haarflechten. Ungetrennt von ihm stand ich in tiefer Hingabe.

2850. Mag der Himmel donnern, mögen die Meere steigen und schäumen, mögen Feuer sich ausbreiten und brennen, mögen Stürme brüllen und toben: Unbeirrt suche ich den Herrn in glühender Hingabe.

2851. Mag der Elefant mich verfolgen, mag der Pfeil mich durchbohren, mögen wilde Tiger mich umringen: Tief pflüge ich das Erkenntnisfeld in jenem anderen Land, das der Herr mir zugewiesen hat.

2852. Nimmt dieser Körper Schaden, gibt es einen, der einen anderen formt. Wird ein Land zerstört, gibt es ein anderes, in das Menschen ziehen können. Zerfällt ein Haus, gibt es ein anderes zum Wohnen. So gehen die Gedanken jener unbekümmert ihren Weg, die Nandis Freigebigkeit kennen.

2853–2865: Shiva-Schau, Wesensgestalt und Stufen der Befreiung


2853. Denen, deren Gedanken ungetrennt in Shiva aufgehen, offenbart sich Shiva im Denken. In den Gedanken jener, die ihre Gedanken zweifelsfrei schauen können, ist Shiva.

2854. Jenseits von Sprache und Denken ist der Gegenstand der Veden verborgen. Schaue ihn: Überaus subtil ist er. Er kennt weder Kommen noch Gehen noch Vergehen. Alle Segnungen gehören jenen, die den Herrn wahrhaft suchen.

2855. Als Paran, als Paraparan und darüber hinaus, als beständiges, endloses, übersteigendes Licht, als letzter Halt von allem, als der Eine jenseits der Selbsterkenntnis und als Hara hier auf Erden ergießt er seine Gnade.

Übersetzungshinweis zu Vers 2855: „Letzter Halt“ gibt den unsicheren Ausdruck „Support Finite“ der englischen Fassung im Zusammenhang wieder.

2856. Jenseits von Unterschied und Nichtunterschied liegt die unversehrte Seligkeit. Ihre nektargleiche Süße überflutet jede Haarwurzel. Jenseits der ersten drei Wesensgestalten liegt sie. Dort ist die unermessliche Größe der höchsten Wesensgestalt, welche die Veden so hoch preisen.

2857. Er ist Bewusstsein, er ist Leben. Er ist Vereinigung und Trennung. Er ist Fortdauer jenseits des Denkens. Im Duft der inneren Blüte steht er.

2858. An ihn, der so dasteht, denke; suche seine Gegenwart. Er beendet die Unvollkommenheiten jener, die ihn suchen. Er ist der ungeschriebene, unwandelbare Veda, von großem Tapas. Im Haupt steht er: Gewiss ist dies.

2859. Meine Gedanken erwachten in einem inneren Blitz. Während ich erwachte, trat der selbstleuchtende, unvergleichliche Herr in mich ein, der goldgestaltige Nandi mit den Haarflechten, und sprach: „Du erkennst.“ So sprechend richtete er gütig seinen Blick auf mich.

2860. Wahrheit-Erkenntnis-Seligkeit ist er: das Licht von Shivas Seligkeit, das Denken übersteigend, reines Brahma-Turiya, Turiya jenseits des Turiya. Darin geht das übersteigende Licht auf.

2861. Paran ist er nicht, noch das sich ausdehnende Paraparan; nicht der bleibende Gegenstand darüber hinaus, nicht das lebendige Licht darüber, nicht der Eine, der alles trägt. Er ist all dies und ist es nicht. Hara ist er nicht: Jenseits der Seligkeit ist er.

2862. Befreiung, Vollendung und reife Erkenntnis erlangend, in Hingabe, im Höchsten und in der mächtigen Shakti stehend, erkennen sie die Tattvas. Dann gehen sie aus diesem reinen Zustand in das Gewahrsein freudiger Seligkeit über.

2863. Turiyatita ist die Leere jenseits der Worte. Wird das noch höhere Ariya-Turiyatita erreicht, erblüht die Seele schimmernd: weder sich schließend noch sich öffnend. Auch ihre Gestalt ist verwandelt. Wie ließe es sich beschreiben!

2864. Zuerst erreicht die Seele Jiva-Mukti, dann geht sie in den höchsten Zustand und von dort in den Shiva-Zustand über. Im darin geübten Turiya liegt die ursprüngliche selbstleuchtende Wesensgestalt. Ist diese erlangt, wird der Nirvana-Zustand erreicht, in Ariya-Turiyatita.

2865. Er ist das Höchste, das jene erreichen, die nach ihm verlangen und ihr eigenes Begehren zurücklassen. Er ist der Herr mit dem Stirnauge, von dem selbst die Gelehrten, die alles gelernt haben, noch lernen. Er ist das übersteigende Licht, das die Bindungslosen umgeben. Er ist der Eine, über den jene nicht mehr schwatzen, die ihn erreicht haben.

2866–2879: Bildrede — Spielbrett, Acker und reifende Frucht


Ergänzende Erklärung: Die folgende Werkabteilung heißt in der englischen Ausgabe „Sunya Sambhasana“, dort als „Dialog der Symbolik“ erläutert. Sie spricht in Rätseln, Zahlen und Alltagsbildern. Die englischen Versüberschriften deuten sie häufig auf Yoga und Befreiung. Diese Deutungen werden nicht als zusätzliche Wörter in die Verse eingefügt; nicht eindeutig auflösbare Bilder bleiben als Bilder stehen.

2866. Der Körper ist das Spielbrett; fünf sind die Würfel, drei die Bahnen, einundfünfzig die Felder. So spielen die Seelen ihr Spiel. Er führt sie dazu; das Geheimnis seines Spiels kenne ich nicht.

2867. Der heilige Weg ist von Dornenbüschen überwachsen. Sie wissen nicht, wie man sie entfernt. Nach jenen, die sie zu entfernen wissen, verlangt mein Herz.

2868. Sechs sind die Straßen. An ihrer Kreuzung stehen vier saftreiche Palmen. Mit einer schwer zu ersteigenden Leiter stieg ich zu ihren Höhen hinauf. Dort sah ich die sieben Meere.

2869. Ich säte den Samen der Aubergine, und der Spross der Bittergurke ging auf. Ich grub den Boden um, und der Kürbis blühte. Die Gärtnerschar betete und lief davon. Vollkommen reifte die Bananenfrucht.

2870. Mit dem Samen des Herrn gibt es ein Feld, auf dem die Seele reift. Dieses Feld kennen sie nicht. Ist die Gnade des blaukehligen Herrn da, lässt sich dieses Feld in Wahrheit leicht betreten.

2871. Ein tiefes Feld gibt es, dazu zwei unbestellte Felder. Ein weiteres fremdes Feld liegt mit ihnen vermischt. Für jene, die das Feld des Herzens pflügen, liegt das bewässerte Feld reif zu reicher Ernte da.

2872. Im dreieckigen Feld stehen drei Pflüge. Spanne die Stiere fest mit dem Seil an und treibe die Pflugschar tief hinein. Jene, die ihre Zunge nicht hielten, pflügten nicht in der Mitte. Mit geschlossenen Beinen pflügen sie vergeblich das Ödland.

2873. Zwei sind die Schöpfvorrichtungen, sieben die Brunnen. Der Ältere schöpft, der Jüngere bewässert. Fließt das Wasser nicht auf die Felder, sondern ins Ödland, gleicht es wahrhaft dem Geflügel, das die Dirne aufzieht.

2874. Vierundzwanzig Kühe streunen unbeherrscht umher. Andere, sanftere Kühe zählen sieben und fünf. Die sanfteren könnten einen ganzen Topf Milch geben. Doch die Seele besitzt nur die unbeherrscht umherstreunenden.

2875. Vierundzwanzig sind die trächtigen Kühe. Weit besser ist ein Krug Milch von Kühen, die Milch geben. Weißt du die Kühe des Atems zu melken, kommen die anderen Kühe nicht mehr nahe.

2876. Im oberen Stockwerk des Schmiedehauses lag eine knospengleiche Masse, die sich wie Kupferblech ausbreitete. Er formte sie rund und faltete sie in Wahrheit. So machte der Schmied sie sich zu eigen.

2877. Im auswaschenden Saatbeet des Leidensfeldes lenke das fließende Wasser und staue es fest. Pflüge dann mit dem guten jungen Stier und verpflanze den Gurkensetzling. Er wird wahrhaft zu gutem Samen reifen.

2878. Den Samen ausstreuen, volle Körbe Dünger ausbringen, mit angespannten Stieren pflügen und Unkraut ausgraben: So sollen sie Reis erzeugen, in großen Gefäßen kochen und maßvoll verzehren. Doch dies tun sie nicht. Wie wollen sie dann untätig daliegend die süße Reisernte einbringen?

2879. Der Same für die Zukunft reifte; über eine weite Strecke reifte er. Für jene, deren Same in drei Stufen reifte, reiften auch die drei oberen Räume.

2880–2893: Bildrede — Tiere, Felder und innere Führung


2880. Warum sie das Ödland pflügen, wissen wir nicht. Wer das Ödland pflügt, hat keinen Plan. Wer es pflügt, vergeht wie die jungen Unkräuter, die dort sprießen.

2881. Im Schuppen, in dem die Schakale heulen, erhebe deinen Ruf. Übergib die fesselnden Bindungen dem Feuer. Verbringe die Tage beständig so. Dann erscheint die gute Herrin, und dort im Heim wird es dir wohl ergehen.

2882. Auf dem Berg regnete es; das junge Reh sprang. Die reiche reife Frucht fiel vom oberen Fruchtstand. Wie Metall im Ofen des Schmieds schmolz sie. Über das Herz ließ er sie fließen.

2883. Im Haus des Brahmanen leben fünf Milchkühe. Ohne Hirten streunen sie unbeherrscht umher. Ist ein Hirte da und werden sie geführt, geben die fünf Kühe Milch im Überfluss.

2884. Die fünf wilden Stiere der Seele, die dreißig grimmigen Löwen, die beiden süßen Mangos, die täuschenden neun und der innere Geist: Werden sie dein und fest beherrscht, altert der Stier nicht. Sonst setzen sie ihn in Brand.

2885. Die makellose Jungfrau sang klar die Wahrheit des ungeschriebenen Buches. Der Nektar der bis dahin ungeöffneten Blüte strömte hervor. Als die Biene ihren Duft trank, wurde sie geburtlos.

2886. Der Täuschende, der hinausgeht, der falsche Same, der eintritt, und die fünf, welche die Speise aus der reifen Frucht des blühenden Jamunbaumes essen: Alle, alle nahmen den Weg des brennenden Daches.

2887. Aus dem Bambusspross entstand ein Neembaum. Nahe beim Neem stand eine Palmyrapalme; in dieser Palme war eine Schlange. Weil man nicht wusste, wie man die Schlange vertreibt und isst, verdorrte der Neembaum.

2888. Zehn große Tiger, fünfzehn Elefanten, fünf Gelehrte, zehn Spaßmacher, drei Aufrechte, sechs Ärzte und fünf Herrscher: Dort stehen sie alle.

2889. Zwei Stiere gibt es in diesem Weiler, einen Diener für beide. Beherrsche die beiden Stiere fest; dann werden sie eins sein.

2890. Ebne den Geistesgarten in Gleichmut. Pflanze im Netz der Hingabe den Baumwollbaum. Tritt am Seil der Erlösung an den Ort der Drei. Täglich steigen jene so auf, die von Vollkommenheit erfüllt sind.

2891. Eule, Schlange, Papagei und Katze, Maina und Wachtel: Alle wohnen im Inneren. Wenn die Eule sich der Maina nähert, warnt die Maus sie mit lautem Quieken.

2892. In das übel riechende Palmweinmaß, das spöttisches Lachen hervorruft und die Sinne verwirrt, setzte er drei weiße Ratten. Wird es aufs Feuer gestellt, laufen sie davon; sonst bleiben sie. Aus Fleisch geboren — wie sollten sie sonst fortgehen?

2893. Sie betreten den dichten Wald und sehen den Himmel darüber nicht mehr. Die fünf Rosse traten gemeinsam ein; die sechs Kamele wurden ganz eingeschlossen. Verlassen sie den dichten Wald, kommen die Drei nahe.

2894–2907: Bildrede — Blüte, Nektar und sicherer Ort


2894. Nahrung, Kleidung, Salbenfläschchen, Halskette, Hüftband und schöne Armreifen: Wer dies als Ziel ansieht, fliegt davon wie ein Stoffstück auf einem hohen Felsen. In die tiefe Grube der sechs Verfehlungen fällt er und versinkt darin.

2895. Jenseits der Insel, weiter zum Berg am Ufer, gingen sie dreimal täglich, um das dortige Feld zu beaufsichtigen. Dort ist sie, die den im Inneren als Hindernis stehenden Berg bewegt. Ihren Ort kennen wir nicht.

2896. Milan und Papagei schlugen gemeinsam laut die Trommel. Die schön geformte Herrin feierte ihre Hochzeit und erlangte die Gestalt des heiligen Elements. In diesem Zustand blieb sie verzückt.

2897. Der paarende Vogel pickte Nahrung auf, näherte sich seiner Gefährtin und fütterte sie. Ebenso leicht ist das Ziel für jene zu erreichen, die vom Ghee im schmelzenden inneren Feuer essen und die Dunkelheit vertreiben.

2898. Keine Blätter, keine Bienen — doch eine Blüte ist da. Keine Spitze, keine Hülle — doch eine Wurzel ist da. Kein Blütenstand — doch eine Blume zum Pflücken ist da. Kein Haupt, um sie zu tragen. Der geneigte Zweig welkt nicht.

2899. Den Banyanbaum im Jenseits schauend verehren sie den heiligen Herrn und vereinen sich in ihm. Wer die fünf großen Leiden überschreitet, ist wahrhaft groß. Niedrig liegen sie zu den Füßen des Herrn und bleiben dort.

2900. Auf dem Weg des lauten Seelenrufes liegt ein Wald, der sich zwei Wegmaße weit erstreckt. Darin stehen Räuber, die ergreifen und fesseln. Wenn der weiße Wächter die schwarzen Diebe jagt und laut vertreibt, erreicht die Seele das schützende Dach.

Übersetzungshinweis: Die räumlichen Zahlenbilder ab Vers 2900 folgen den „leagues“ der englischen Fassung; „Wegmaß“ vermeidet eine nicht gesicherte Umrechnung in heutige Längenmaße.

2901. Im Teich, in dem Kotti und Lilie blühen, gibt es auch Neem und Brechnuss. Wer das süße Bananengericht, mit Kandis und Honig vermischt, nicht isst, verlangt, siehe, nach der Brechnussfrucht.

Ergänzende Erklärung: Brechnuss steht hier im Kontrast zur süßen Nahrung; sie ist giftig. Das Bild ist keine Verzehrempfehlung.

2902. Als männliche und weibliche Biene sitzt der Herr auf dem Thron, vom vielfarbigen Schirm überwölbt. Die niedrige, von Bindung verkörperte Biene trinkt den Nektar, den die Bienenherrin durch ihren Blick gewährt. Dies ist überragendes Entzücken.

2903. Was soll man mit den Kühen tun, die im Hinterwald der Wünsche weiden? Führe sie darüber hinaus zu den Füßen des Herrn. Schule sie auf höheren Wegen und hüte so die Herde. Bis dahin wenden sich ihre Gedanken nicht vom Hinterwald weltlicher Genüsse ab.

2904. Im oberen Wasser erblühte der Lotus, im unteren Wasser entstand die Lilie. Für jene, die das Licht im oberen Querbalken sehen, gleicht der Herr einer kühlen Wassermelone, die auch in tieferen Gegenden Frucht trägt.

2905. Sechs Vögel sind im Haus der Fünf, hundert Vögel in der Baumkrone. Hast du die sieben hohen Stufen erstiegen, wirst du gewiss das Heim erreichen.

2906. Im Badebrunnen, aus dem sie Wasser schöpfen, schwillt die runde Erde an und Wasser springt hervor. Binde deinen Atem mit dem Seilwerk und sammle deine Gedanken. Dann kann das göttliche Licht aufdämmern.

2907. Sieben sind die kreisenden Meere, acht die Bergketten. In den Tiefen des Raumes liegen Feuer, Regen, Wind und das weite Land. Wenn du es schaust und darin wohnst, ist dies wahrhaft ein heiliger Tempel.

2908–2921: Bildrede — Körper, Weggrenzen und das Aufblühen der Seele


2908. In warmer Umarmung und wachsender Schwangerschaft machten sie diesen Körper und gingen dann fort. In den so errichteten Körperpfahl drangen die bezaubernden Vögel des tiefen Brunnens ein. So wurde er durch aufeinanderfolgende Leben gemacht.

2909. Zwei gibt es: Hochzeitstrommel und Hochzeits-Thali. Stärker als Trommel und Thali ist die Brechstange. Stärker als Trommel, Thali und Brechstange ist die Liebe, die aus der Gnade des Herrn kommt.

Ergänzende Erklärung: Thali bezeichnet hier das bei der Hochzeit angelegte Ehezeichen. Die eigenwillige Gegenüberstellung mit der Brechstange bleibt gemäß der Vorlage erhalten.

2910. Wer den Fisch sah, bleibt beim Betrachten des Fisches. Wer den Hasen sah, wird die Drei los. Wer das tobende Kampfgetümmel beherrschte, schaut die verborgene Wahrheit. Golden wird seine Gestalt.

2911. Im Teich, in dem Schilf wächst und sich Ranken ausbreiten und ineinander verschlingen, ist der Herr nicht wie der Storch, der sanft darüber schreitet. Tief bis in den felsigen Grund taucht er hinab, um der Seele Erlösung zu gewähren.

Quellenhinweis: Die englische Überschrift druckt an dieser Stelle irrtümlich „2913“. Die tamilische Nummer und die Folge 2910–2912 sichern die Zuordnung zu Vers 2911. Der eigentliche Vers 2913 folgt unten gesondert.

2912. Drei Wegmaße misst der untere Garten, ein halbes Wegmaß der obere Wald. Die Grenzen verschwimmen; beide Wege vermischen sich. Wer die Grenzen klar erkennen kann, durchquert rasch den Hinterhof und erreicht sicher den Weiler.

2913. Wird nach dem Pflügen der Same ausgestreut und fällt reichlich Regen, der das Land durchtränkt, werden Karmas nicht mehr keimen. Gewiss kommt er, der Herr mit den üppigen Haarflechten.

2914. Der Tiger, der zwölf Wegmaße weit springt, kauert sich nieder. Die Wellen des verborgenen Meeres breiten sich sanft aus. Der nektarsüße, verzückende Trank quillt auf. So umschloss die Seele die fünf, die sie bedrängten.

2915. Er bestieg ein Boot und stach in See, handelte gut und gedieh rasch. Doch der gute Mann schenkte einer Dämonin sein Herz und sank, seinen Mut verlierend. Ihm ist das fließende göttliche Wasser wie eine reiche, nektarsüße Frucht.

2916. Im Fluss von drei Wegmaße stehen drei Bananenbäume. Rötliche Früchte der drei Unreinheiten trugen sie. Jene, die beim überragenden Herrn sind, hissten ihre Fahne. Durch die mittlere Sushumna suchten sie die Jungfrau und atmeten den göttlich süßen Blumenduft ein.

2917. Ein Athi-Feigenbaum hat Wurzel und Spitze. Hoch an seinem Ende steht der Bambus mit dreifachem Wipfel. Mit Fahne und Heer stehen fünf mal fünf böse Späher da. Sie werden vernichtet, und die heilige Muschel erschallt zum Sieg.

2918. Schwein und Schlange, Kuh und Affe waren zusammen in der niedrigen Schakalherde. Ohne sich ihnen anzuschließen und zu erniedrigen, wenn gute und schlechte Taten auf der Waage gleich gewogen werden, sieht die Seele, kleiner als ein Paternostererbsensame, ihre Ichhaftigkeit schwinden.

2919. Eine ungeöffnete Knospe gibt es. Von Fesseln frei blüht sie bald auf: Das siehst du. Gib Wünsche auf, und die Tattvas vergehen. Solange sie nicht frei von Fesseln sind, sehen sie die Blüte nicht.

2920. Grün ist jenes Land, zu dem kein Wasser fließt; niemand kennt es. Das Wasser, das ohne Regen fließt, bleibt nicht auf ungepflügtem Land stehen.

2921. Wenn die Eule die Spitze des Kurunda-Baumes erreicht und erkennt, dass Begehren die Quelle der Welt ist, lehrt die in der Mitte stehende Schlange Erkenntnis. Die Seele wird Shiva.

2922–2935: Bildrede — Führung, Aufstieg und der Tag ohne Trennung


2922. Bananenbaum und Surai-Ranke bedeckten gemeinsam den Raum. Die Surai-Ranke sei weitaus stärker als der Bananenbaum, sagt man. Werden Bananenbaum und Surai-Ranke gemeinsam abgeschnitten, breitet sich der Bananenbaum gewiss üppig aus.

Quellenhinweis zu Vers 2922: Die englische Ausgabe ergänzt zur Surai-Ranke „pepper“. Die genaue Pflanzenzuordnung und das scheinbar widersprüchliche Schlussbild werden hier nicht rekonstruiert.

2923. Ohne die Erde umzugraben fährt der Kurava aus dem Hochland zur See und fängt fette Fische. Möge er dies aufgeben und die Erde graben. Es gibt einen Weg zu reicher Beute, zu Wohlstand und Nahrung für alle.

2924. Im Haus des Goldschmieds gedeiht ein Kind. Eine Rufmuschel ist da. Blase sie und rufe den Herrn in Freude. Dem Töpfer wie dem geehrten Minister wird der hohe Zustand gewährt. Diesen suche.

2925. Der Tempelbüffel verließ den Stall. Er sah das Heer und kehrte auf halbem Wege um. Der Anführer beriet sich mit dem Minister. Die Bewohner schlossen die Tore, fünf und vier.

2926. Die acht Bestandteile des feinstofflichen Körpers, die zuletzt fortgehen, die achtzehn eintretenden Tattvas mit dem darin befindlichen Purusha, die neun Körperöffnungen, die schlangengleich gewundene Kundalini und der zwölf Fingerbreiten lange Lebensatem: Führt der göttliche Wagenlenker sie nicht hinein, könnte das Kind wahrhaft unterhalb des Menschseins stehen, etwa als Schwein.

Ergänzende Erklärung: Vers 2926 gibt die vormoderne Entstehungslehre und deren wertende Ausdrucksweise wieder. Er ist keine Aussage über den Wert geborener Kinder oder heutige Embryologie.

2927. In der moosbedeckten Lagune sucht der scheue Reiher sanft schreitend Nahrung. Als die Führung des voranschreitenden Kriegers erlangt wurde, sank die Bindung zu Boden und flatterte davon.

2928. Auf dem spitzen Berg liegt ein hoher Gipfel. Darüber weht ein heftiger Wind. Dort erblühte eine duftende Blume; in ihr trank eine Biene den Nektar. Dort zieht der Herr die Seele zu sich.

2929. Laute und Flöte vermischten ihre Melodien. Shiva schritt im Inneren des Schädels voran. Noch bevor der Handel abgeschlossen war, lag dort oben das Land bereit, damit er es in Besitz nehme.

2930. Den Handel mit dem Einen im Nektar kennt niemand außer jenen, die die geheime Höhle betraten. Sie wissen nicht, dass keine Dunkelheit mehr sein wird, wenn der Mond aufgeht. Einige erreichten den Ort und blieben für immer. Wahrhaft heilige, hingebungsvolle Wesen sind sie.

2931. Der Tag dämmerte auf und nahm goldene Farbe an. An den hohen Ufern streute der Mastbaum seinen goldenen Blütenstaub. So ist es dort, wo der heilige Herr wohnt. Diese Sphäre erreichte die Jungfrau und blieb.

2932. Die Stämme der Sinne gehören zur Seele; jeder kämpft mit Schwertern an seinem Tor. Wird die Seele beständig geführt, nimmt sie den wahren Weg zur Grenze. Wer von dort geboren ist, kehrt niemals zurück. Von dieser Ebene aus überschreitet sie die fünf Zustände.

2933. Wenn im Garten die reife Mangofrucht fällt, was macht es aus, wenn draußen Schakale heulen? Als der Ursprüngliche durch das Kundalini-Feuer erreicht wurde, blieb der fleischliche Körper, der dorthin geführt hatte, für immer zurück.

2934. „Es dämmert!“, schrien die Vögel. „Es dämmert!“, klagte die blütengleiche Herrin aus Furcht vor Trennung. Der Herr freute sich in ewiger Vereinigung mit ihr. Für die Seele gab es keine weitere Morgendämmerung und keine weitere Trennung.

2935. An der Flussanlegestelle liegt ein Boot. Die Fünf stemmen die Füße hinein und rudern. So treiben sie auf dem Fluss Handel. Schwankt mitten darin das Steuer, wird Jenes zu Diesem. Kein Welthandel mehr.

2936–2953: Mauna-Samadhi — die Versenkung im Schweigen


2936. Sie standen, saßen oder lagen: So lässt sich ihr Zustand nicht beschreiben. Ihr Denken ruht im Schweigen des Samadhi. Darin liegt ein verborgenes Sein. Wer diesen Samadhi erreicht, hat wahrhaft ihn erreicht.

2937. Er ist jenseits von Zeichen und Mudras; er ist die Ursache. Was nützt es, ihn in Büchern zu beschreiben? All dies gleicht nutzlosen Hautanhängseln am Hals eines Schafes, wenn der Guru selbst dich nicht zu ihm führt.

2938. Wer die Wahrheit kennt, schaut sämtliche Welten. Wer die Wahrheit kennt, kennt kein Leid. Wenn sie die Wahrheit so schauten, haben sie wahrhaft die letzte Wahrheit gesehen.

Übersetzungshinweis zu Vers 2938: Die englische Wendung lautet „Truth Finite“; „letzte Wahrheit“ folgt dem Vollendungskontext, ohne die sprachliche Unsicherheit zu beseitigen.

2939. Selbst in meinem Vergessen bleibt er da: der Herr des Maya-Landes, von weitem Mitgefühl. Er beendete meine Geburt; groß sind seine Eigenschaften. Er und seine heilige Shakti schlafen in schlafloser Vereinigung.

2940. Er ist das übersteigende Licht, das jenseits der drei Turiyas leuchtet: in Turiyatita, das sie überschreitet, jenseits von Wachen, Träumen und Tiefschlaf, in jenem Zustand, der Denken und Sprache entgeht.

2941. Formlos ist er, körperlos, makellos, ohne Besitz, ohne Schädigung. Der Himmlische der Himmlischen ist er, ohne Streit, mit dem Heer der Bhutas, ohne Anhaftung. Er trat in meine Gedanken ein.

2942. Niemand hat ihn gesehen und erkannt. Nandi ist im Körper. Alle in den acht Richtungen preisen ihn als Herrn. Die endlose Seligkeit seiner zahlreichen Verehrer überschreitet die weiten Welten. Wie sehr sie sich an ihm erfreuten, wissen wir kaum.

2943. Tatpara ist er nicht, Sadashiva ist er nicht. Formlos ist er, geformt ist er nicht. Wundersam, wie die genossene Freude geschlechtlicher Vereinigung, die Vorstellung übersteigend, stand er in mir in Einheit.

2944. Ihr Toren, die ihr mit fleischlichen Augen seht: Erkennt, dass das Sehen mit dem inneren Auge wahre Seligkeit ist. Wie kann eine Mutter ihrer Tochter die Freude der Vereinigung mit ihrem Mann erzählen? Mit welchen Worten könnte sie sie beschreiben?

2945. Wie Salz im Wasser vermischte ich mich mit dem Herrn. Param und Paraparam überschreitend, jenseits von Wort und Rede, ging ich in Einheit auf. „Wie war es?“, fragst du. „Es war Es“, sage ich.

2946. Schön anzusehen ist die Brechnussfrucht; nur wer sie kostet, kennt ihren bitteren Geschmack. Wenn die Jungfrau heranreift und ganz Frau wird, erkennt ihr Mann erst ihre vielfältigen Eigenschaften.

2947. Nandi war er, mitten an der Straßenkreuzung des Sahasrara. Samadhi und die übrigen Vereinigungswege gingen von selbst dahin. Durch meine Erkenntnis ging ich in das Licht ein, das im Nabelzentrum aufsteigt.

2948. Ungestört sitze ich abseits und meditiere. Zweifelsfrei folge ich den alten Veden. Ich durchquere die furchterregende Öde dieses Lebens und gehe darüber hinaus in die Leere ein, die jede Vorstellung übersteigt. 2949. Seine mit unverwelklichen Blüten geschmückten heiligen Füße suchen die Himmlischen nicht. Den heiligen Weg beschreiten sie nicht. In den Glanz des lieblichen inneren Lotus dringen sie nicht ein; sie suchen nicht, den göttlichen Nektar zu trinken.

2950. Wenn Liebende zusammensitzen und von ihrer ersehnten Vereinigung sprechen, strömt plötzlich Leidenschaft auf. Wenn der Herr mit den duftenden Konrai-Blüten jene erblickt, die entschlossen sitzen, um ihm zu begegnen, gewährt er ohne Zögern seine Gnade.

2951. Ich vergehe, mein Besitz vergeht; Körper und Leben vergehen, Himmel und Geist vergehen, mein Ich vergeht. Dass dies die Vereinigung in Gott ist, wusste ich nicht.

2952. Dunkelheit und Raum überschritt ich; als Wesen ging ich in das Wesen ein. Zu den Füßen des Herrn überströmender Gnade gingen meine Gedanken ganz, fest wie ein unbeweglicher Fels.

2953. In Einheit meditierend schaute ich Paraparam. In Einheit meditierend verwirklichte ich den Shiva-Zustand. In Einheit meditierend erfuhr ich übersteigendes Gewahrsein. In Einheit meditierend schaute ich Weltalter über Weltalter.

2954–2966: Grenzenlosigkeit und die Größe der Verwirklichten


2954. Wenn du selbst grenzenlos geworden bist, wen willst du noch in Grenzen sehen? Wenn du selbst Er geworden bist, an wen willst du denken? Nach wem sollen die Augen sehnsüchtig Ausschau halten, die den Liebesgott bezwangen? Sage du selbst mir die wirkliche Wahrheit.

2955. Ihr Sprachlosen! Sie wollen von dem sprechen, der jenseits der Sprache ist. Könnt ihr je die Ufer der uferlosen Weite erreichen? Jenen, deren Gedanken wie wellenloses Wasser stillstehen, zeigt er sich ohne Vorbehalt: der Herr mit den Haarflechten.

2956. Maya ist Werk des Geistes und schafft die Täuschungen. Wenn die Täuschung des Geistes verschwindet, bleibt nichts, worüber man sich sorgen müsste. Tod wird dort nicht sein. Redet nicht weiter: Das Selbst zu suchen ist göttliche Wahrheit.

2957. Keine Unreinheit, keine Befleckung, kein Stolz und kein Vorurteil; keine Familie, keine Vorzüge, kein Reichtum: So sind jene, die sich in Weisheit in Nandi gründen, fest in seiner Liebe.

2958. Die Geburt ist beendet, die Bindungen sind durchtrennt. Gott und ich wurden eins. Für mich gibt es keinen Weg der Wiedergeburt mehr. Ich bin Shiva, dem Segensreichen, begegnet.

2959. Zuckerrohr, feiner Reis, kostbare Gewänder und Wasser aus grünen Hainen besitzt unser Land. Durch die Gnade der lieblichen, pfauengleichen Herrin fehlt uns nichts — wahrhaft nichts.

2960. Niemand kann mich künftig einschüchtern. Der Herr kam und trat in meine Gedanken ein. Dort werde ich spielen und freudig umherwandern. Mit keinem anderen werde ich mehr sein.

2961. Ich befreite mich von den Fesseln, mit denen der Schöpfer mich band, und lernte den Weg zu Shiva. Mit dem scharfen Schwert des Geistes schlug ich das Karma nieder. Ohne Ich stand ich da. Nun eile ich zur Stadt Gottes.

2962. Einer ist der Gott aller Welten. Einer ist er, das Leben aller Welten. Lieblich ist die Frucht Namah Shivaya. Süß ist sie für jene, die sie gekostet haben.

2963. Der Herr trägt Mond und Schlange in seinen Haarflechten. Er ist die juwelengleiche Lampe, die mich in ihren Dienst aufnahm, das seltene Sein ohne Anfang und Ende. Er trat in meine Gedanken ein und machte mich frei von Zweifel.

2964. Brahma und Vishnu erschuf unser Herr vor alters. Dort bleibt er immer; niemand weiß weshalb. Erscheint die Seele dort, allem entsagend, und leert ihre Gedanken, wird es keine weitere Geburt in einem fleischlichen Körper geben.

2965. Wenn der himmlische Vater und die himmlische Mutter mich nicht lieben, wie sollen der irdische Vater und die irdische Mutter mich erkennen? Vater, Mutter und ich saßen beisammen; ich verehrte meinen Vater und meine Mutter.

2966. Die weiten Meere, die hohen Berggipfel, die Bewohner des Alls und jene, die dort herrschen, die ursprüngliche Shakti und die Menschen der acht Richtungen: Alles, alles kam in meine Reichweite. Erlöst bin ich, hoch über allem.

2967–2981: Das Leben der in Shiva Aufgenommenen


2967. Er selbst steht als Raum und Himmlische da, als Körper, Leben und Stoff, als Meer, Berg und Tal. Er selbst ist der höchste Herr aller Welten.

2968. Kommt der Todesgott, werde ich ihn mit dem Erkenntnisschwert schlagen. Kommt Shiva, werde ich gewiss mit ihm gehen. Schon lange habe ich das zur Geburt führende Karma durchtrennt. Wer kann dem Gedanken widerstehen, der aus glühender Hingabe entsteht?

2969. Ihre Gedanken sind von Shiva erfüllt. Sie haben die drei Unreinheiten vernichtet und sind reiner Shiva geworden. Zur Bindung an Unreinheit kehren sie nicht zurück. Am Geschrei, an der Verwirrung und an den Kämpfen der Welt beteiligen sie sich nicht. In Nada und Para-Bindu sind sie versunken.

2970. In den Gedanken jener, die jenseits von Erinnern und Vergessen erkennen, steht der Reine, der Karma entwurzelt. Wer den Reinen sucht, der Karma entwurzelt, und an ihn denkt, lebt lange, lange.

2971. „O Shiva, mein großer Herr!“, so rief ich ihn an. Als Asket stand der heilige Herr vor mir. Er ist der ersehnte Herr, der mich in seinen Dienst aufnahm. Ihn verehrend stand ich da, vor dem ewigen Herrn.

2972. Ihn verehrte ich, das Höchste, den ursprünglichen Herrn. Entschlossen stand ich: Nichts anderes suche ich. In meinem Körper hielt ich ihn in Einheit, den Ersten. Demütig stand ich im Gebet und schaute das Sein meines Shiva.

2973. Der Herr erfüllte meine Gedanken; seine Füße erflehte ich. Als ich so in seine Gegenwart eintrat, beendete er meinen Geburtenwirbel: der Herr ohne Gedanken. Mein Schicksal zerbrach er, meine Fesseln durchschnitt er.

2974. Meine Widersprüche löste er. Krankheit, Alter und die Zählung meiner Leben beendete er. So nahm mein Nandi mich in seinen Dienst auf. Meine Widersprüche waren gelöst; die Leiden meines Lebens legte ich nieder. Shiva erschien von selbst.

2975. Mit seinem himmlischen Gefolge trat Shiva in mich ein. Er durchschnitt meine zur Geburt führenden Bindungen. Er ist mein Vater, der ursprüngliche Herr, der mich in seinen Dienst nahm. Mein Herz trat in die Gnade ein und blieb dort gefangen.

2976. In diesem Körper der Genüsse, süß wie Zuckerrohr und Honig vermischt, entstand der Duft von Shivas Seligkeit. Begierig suchte mein Herz danach, und ich schaute die Leere. Da schmeckte das Zuckerrohr bitter und der Honig sauer.

2977. Nachdem ich Charya und die übrigen Wege verfolgt und die Gnade des freigebigen Seins empfangen habe, stehe ich da und preise ihn immer. Alles, was ich tue, sehe ich als Shivas Wirken. Ohne verbleibendes Karma überquerte ich das Meer der Geburten.

2978. In den tausendblättrigen Lotus des Sahasrara schoss das Kundalini-Feuer heftig empor. Als ich es mit dem Fett meiner Herzensliebe auflodern ließ, erschien Shakti, das Juwel aller Welten. Der eine starb — mein Ich. Der Eine erschien — mein Shiva.

2979. Die sechs Ströme der Adharas fließen in einen See. Dringe so auf subtilem Weg in den Shiva-Zustand ein. Dort liegt wahrhaft die kostbare Wahrheit: Er steht mit Shakti da, mit ihren wogenden Brüsten und ihrer zarten, rankengleichen Gestalt.

Quellenhinweis: Die englischen Fassungen von Vers 2530 und Vers 2979 stimmen bis auf „Teich“ beziehungsweise „See“ weitgehend überein. Beide ursprünglichen Nummern bleiben erhalten.

2980. Mein Herz schmilzt; ich stöhne und rufe wie von Sinnen. Meine Knochen schmelzen; Tag und Nacht verehre ich ihn. Mein Gold, mein Guru, mein Herr, mein Gott: Ihn esse, beiße und kaue ich.

2981. Der Geist erblühte und sammelte sich in großem Tapas. Der Geist erblühte und sammelte sich im Yoga-Atem. Der Geist erblühte und sammelte sich für die Seele. Wenn der Geist erblüht, jenseits beschreibender Worte, ist die endgültige Befreiung da.

Übersetzungshinweis zu Vers 2981: In der letzten Wiederholung ist das englische Wort „blossomed“ zu „blosso-“ abgebrochen. Die dreimal vollständig vorhandene Parallelform macht den Sinn dieser kleinen Beschädigung hinreichend klar.

2982–2996: Lobpreis — Sehnsucht, Reinigung und Gnade


2982. Auf den Wagen des Geistes gestiegen suchen sie den göttlichen Zauberkünstler. Sie wissen nicht, wohin er ging, und klagen. Nachdem ich durch ferne und nahe Länder und Reiche gewandert war, sah ich ihn in diesem vergänglichen Körperland.

2983. Wer waren jene, die berggleich auf königlichen Elefanten saßen und unter lieblicher Musik im Festzug dahinzogen? Einst sangen sie glühend den Namen des ursprünglichen Herrn und erlangten so ihren hohen Rang.

2984. Die Perle aller Perlen, die liebliche aufgehende Morgensonne, der Herr, den alle Himmlischen verehren: meinen Vater sehe ich nicht und rufe wie von Sinnen. Sie meinen, ich sei verrückt.

2985. Er trat in mich ein, unser heiliger Herr. Er trat in mich ein, der Herr der Erkenntnisblüte. Er trat in die Herzen seiner Verehrer ein. Ihn verehre ich, der in mich eingetreten ist.

2986. In den Gläsern des fleischlichen Auges erscheint er nicht. Im Lotus des Herzens ist er. Im Spiegel vedischer Erkenntnis erscheint er; im Geistesspiegel der Gerechten, die an ihn denken, ist er. Im Spiegel der Lieder sah ich ihn. Dieser göttlichen Musik lauschend stehe ich verzückt.

2987. Singe den Namen des Herrn tausendmal: Tausend Segnungen werden dein sein. Wer das liebliche Om tausendmal singt, wird tausend mal tausend Leidenschaften los.

2988. Ich preise und rühme die Erkenntnis, die unsere Zuflucht ist. Ich verehre die heiligen Füße des Herrn, beständig in meinen Gedanken. Ich erläutere Shiva-Yoga. Hört: Ich singe die eine Silbe Om, die unserem Herrn lieb ist.

2989. Suche Nandi auf vielfältige Weise. Dringe in den inneren Lotus ein und gehe darüber hinaus: Du wirst die himmlische Welt erreichen. Hast du dort den Nektar getrunken, wirst du zurückkehren. Süß, überaus süß ist er.

2990. Er kam und stand vor seinen Verehrern, die seltene Wahrheit. Selbst wenn die Himmlischen und ihr König Indra bitten: Was erhalten sie außer der Musik lieblicher Frauen? Was die Verehrer empfangen, liegt jenseits ihres ganzen Himmels.

2991. Wie trübes Wasser ist der Geist dieser Menschen. Ihre Schau ist unklar; ohne zu sehen, sagen sie: „Dies ist der Herr.“ Schöpfe einen Krug aus dem inneren Herzenssee und stelle ihn abseits still hin. Reinigst du ihn so, wirst du Shiva werden.

2992. Er ist von reinem Tapas und für jene, die nach ihm verlangen, klar wie eine Amla-Frucht auf der Handfläche. Er ist der Reine, den die Himmlischen auf gerechten Wegen suchen. Ihn, meinen Herrn, suchte ich und blieb für immer dabei.

2993. So verweilend erlangte ich grenzenlose Erkenntnis. Kein Schwanken mehr bleibt. Erreiche ich den Heiligen im Land, in dem das Kundalini-Feuer brennt, schenkt der Freigebige seine erlesensten Segnungen.

2994. Der freigebige Herr, der König des himmlischen Reiches, der Herr mit den Haarflechten, die Gangas fließende Wasser tragen, der Ursprüngliche der Veden: Damit die Glaubenslosen ihn nicht sehen, verbirgt er sich im inneren Herzen.

2995. Mir streckte mein Gott gnädig seine blumengleichen Füße entgegen. Wer ihn täglich in Güte verehrt, gedeiht. Er ist der göttliche Held; meine ungünstigen Sterne und Karmas durchtrennt er. Auf sein Erkenntnisschwert sammelten sich meine Gedanken. Keine Sorgen besitze ich mehr.

2996. Suche seine Füße: Sie sind der Himmel, den die Helden erreichen. Erreiche seine Füße: Sie sind der Hafen gesegneter Taten. Erlange seine Füße: Sie sind der Zusammenfluss heiliger Wasser. So ist es für jene, die seine Füße beständig verehren.

Übersetzungshinweis zu Vers 2996: Die englische Fassung verwendet vergleichend „Valhalla“. Hier steht dafür „Himmel der Helden“; damit wird keine Verbindung des Tirumantiram zur nordischen Religion behauptet.

2997–3011: Der Herr im Mantra und in allen Welten


2997. In dieser Welt durchstieß er die darüberhängende Dunkelheit der Unwissenheit. Er selbst hat kein Haus. Er ist der heilige Lehrer unvergleichlicher Größe. Ich aß die reife Frucht seiner Erkenntnis und hielt am lieblichen inneren Licht fest.

2998. Dies ist der erhabene Zustand, dort wohnen die Himmlischen, dort fließt auch Ganga: Heilig ist er. Es ist der Zustand, der die Wurzeln der seit alters bestehenden karmischen Wünsche durchtrennt. Er ist das letzte Ziel, hingebungsvoll zu suchen.

2999. Oben stehen die Himmlischen, darunter die großen Asketen, darunter die von Leiden bedrängten Menschen. So sitzt er. Eine frische Bilva-Girlande aus dem Wald schmückt seine duftenden Haarflechten. Er tut für die Seele, was angemessen ist.

3000. Er trank das aus den Meeren aufgestiegene Gift und durchdringt die zweimal sieben Welten. Geburtlos ist der Herr. Er sitzt dort, wo Laute, Quelle und Wald sind. Er ist der König, der ewig im fünfsilbigen Mantra herrscht.

3001. Wie das Leben ist er, wie die Erde, wie Wind, Sonne, Feuer und Mond, wie Wasser. Wie wiederkehrende Auflösung und Schöpfung ist er. Er ist der Herr der Götter in den acht Himmelsrichtungen, der Ursprüngliche.

3002. Feuer und Sonne durchdringt er, den Wind durchdringt er, den Mond durchdringt er. Alles durchdringend schenkt er das wahre Land gemäß ihrer Erkenntnis.

3003. Alles überschreitend und doch jedem innewohnend steht er da. Für die hier in Bindung gefangene Welt ist er das mächtige Ziel. Sich selbst, das höchste Parapara, gab er allen Welten. So weit reicht seine Größe.

3004. Seine Krone liegt hoch über den weiten, perlengleichen Welten. Seine Gestalt umfasst alle sieben Welten. Seine Füße reichen tief bis in die Unterwelt. Die Unwissenden kennen dies nicht und freuen sich nicht daran.

3005. Der ursprüngliche Herr ist unser Herr, das strahlende Licht weiter Räume. Er ist die drei Lichter Sonne, Mond und Feuer. Der ursprüngliche Herr liegt jenseits aller Welten, unter ihnen und auch zwischen ihnen.

3006. Groß ist er, über den weiten Makrokosmos hinausreichend. Subtil ist er im fleischlichen Körper, der Geburten unterworfen ist. Wenn seine Verehrer seine heiligen Füße schauen und ihm entgegengehen, geht er ihnen suchend auf ihrem Weg entgegen.

3007. Alle von weiten Meeren umgürteten Welten erfüllte mein Herr alldurchdringend. Allwissend alles überschauend erschuf er einst alles ganz. Überall in den Welten stand er und verbreitete seinen goldenen Glanz.

3008. Durch viele aufeinanderfolgende Weltalter stand er als höchstes Paraparan. Alle Welten beschützte er, auch diese Welt. Das wissen sie nicht. Auch die Seelen durchdrang er, ihnen innewohnend und sie überschreitend.

3009. Er ist der mächtige Gott, den es zu verehren gilt; keinen gibt es neben ihm. Er ist Sinn, Empfindung, Klang und dessen Ende. Auch der Körper der Seele ist er. Als Lebensatem wohnt der Herr allem inne.

3010. Wenn alle Himmelsrichtungen Shiva gehören, weshalb sprecht ihr von einem anderen, ihr Menschen? Aller Rauch steigt aus Feuer auf; alle Schöpfung entsteht aus unserem ursprünglichen Herrn.

3011. Die unendlichen Räume der sieben Welten erfüllte er in Einheit, sich grenzenlos ausdehnend. Doch leicht erreichbar ist er nicht. Shiva selbst durchdrang unzählige Seelen, auch in dieser Welt: unser Herr.

3012–3025: Gottes Nähe, Güte und Unermesslichkeit


3012. Jenseits der drei Kalas steht er: Suche ihn. Er ist der Herr und Meister der Tattvas, unbezahlbar und unvergleichlich. Über allen Himmlischen steht er, alterslos. Und doch ist er in dir: Suche ihn nur.

3013. Er durchschnitt die Bindungen dieser von Brahma geschaffenen Welt. Er durchschnitt die erniedrigenden Wünsche, die Vishnu der Seele gibt. Er durchschnitt das endlose Karma in seiner unendlichen Göttlichkeit. So erlöste er mich Niedrigen und hielt mich in übergroßer Zärtlichkeit an sich.

3014. Der Herr ist das Licht, das die acht Richtungen bewegt, die Quelle allen Klanges, der Ewige. Wie ein einziges Land durchdrang er die neun Welten. Wie Blumenduft breitete er sich überall aus.

3015. Er ist, und er ist nicht: mein Herr. Brich dein steinernes Herz auf, und dort ist er. Uralt ist er, rein, beständig, ein reines Juwel. Er ist Licht jenseits der Sprache, ohne Ende.

3016. Im Herzen ist er; auch draußen sagt er: „Ich bin.“ Der unergründliche Herr, Nandi mit den duftenden Haarflechten, durchtrennt für jene, die ihn beständig verehren, das Meer der Geburt. Von freigebiger Herrlichkeit ist er.

3017. Die miteinander streitenden Devas und Danavas verehren ihn gleichermaßen und suchen ihn täglich. In ihren Herzen und außerhalb verlangen sie nach ihm. Er verwandelt sie in andere Wesen: die Lampe göttlichen Lichtes.

3018. Im Himmelsraum erscheint er nicht, und doch hat er Gestalt. Dem äußeren Auge ist er unsichtbar, dem inneren Auge aber sichtbar. Er ist die Frucht der Musik, der Gute, die Frucht aller guten Taten. Endlose Seligkeit ist er, unser Herr.

3019. Der Edle ist er, ein von allen geliebtes Meer der Freude, der Glanz einer reinen Perle, der Dunkelblaukehlige. Über unermessliche Zeiten betrachten ihn die heiligen Siddhas und erhabenen Himmlischen. Doch ganz erkennen sie ihn nicht.

3020. Vielfältig sind die Farben, so auch der Herr. Vielfältig sind die guten Taten, so auch ihre Freuden. Vielfältig sind die schlechten Taten, so auch das Unrecht. All dies sehen sie, und dennoch verehren sie den Herrn nicht.

3021. Hier ist er, dort ist er, überall ist er. In allen Welten ist der heilige Herr. In der Dunkelheit ist er; Licht ist er. In Sonne und Mond ist er, überall. Gütig ist der Herr wie der fallende Regen.

3022. Er ist Bewusstsein, er ist gnädig. Unseren Herrn zu kennen ist subtile Weisheit. Er ist Umarmung und Vereinigung. In göttlichem Gewahrsein stand er als kosmischer Körper da.

3023. Durch seine Macht trägt er die sieben Welten. Durch seine Macht ist er feiner als ein Atom. Durch seine Macht überragt er die acht Bergketten in den acht Richtungen. Durch seine Macht rauschen die Meere.

3024. Mein Herr ist von unendlicher Größe und doch in der Kleinheit dieses fleischlichen Körpers. Jenseits des Wissens der Himmlischen ist er. Doch in Gebet und Tapas wird er selbst dir erscheinen.

3025. Der Spross des winzigen Banyansamens wuchs im unreinen Körper zu einem mächtigen Baum und trug reiche, reife Frucht. Wer davon aß, blieb für immer bestehen. Die Toren, die nicht aßen, blieben im Körper und wurden von Geburt zu Geburt umhergeworfen.

3026–3038: Der Alldurchdringende


3026. Shiva-Genuss wird da sein. Hinzu kommt ein Licht, das bewusste Erkenntnis durchströmt. Der von Maya-Erfahrungen bedrängte Körper wird dir ganz beherrscht gehören. Die alldurchdringende Gegenwart der Seele wird sich überall ausbreiten.

3027. Es gibt keinen einzelnen Ort, an dem ich das von mir erkannte Sein suchen könnte. Auf dem feinstofflichen Weg erscheint es als Vollkommenheit. Suchst du im Körper, ist es dort lebendiges Licht. Dann wirst du allwissend und allgegenwärtig.

3028. In der meerumgürteten, leidvollen Welt suche während dieses Lebens das innere Licht. Der Herr wohnt in diesem Körper. Mögest du ihm immer begegnen, auf den Wellen der hohen Meere.

3029. Er ist das Licht in den drei Lichtern Sonne, Mond und Feuer; auch ihr Körper ist er, der Herr der Himmlischen. Doch die Lichtwelten verlassend folgt er den Seelen in die weiten Räume, aus großem Mitgefühl. Der Eine entfaltet sich als Viele.

3030. Im verkrusteten Karma verstrickt, das mit ihrer Geburt kam, erkannten sie ihn schließlich und wurden golden. Er ist der Funke im Lichtfunken, das göttliche Sein. Erreichst du ihn, wirst du ein flammendes Licht sein.

3031. Er ist der göttliche Funke, der im Begehren steht. Er ist der Funke, der zu Sonne, Mond und Feuer anwächst. Er ist der Funke, der als unser Denken im Stirnzentrum sitzt. Auch die großen Asketen stehen ihm zugewandt.

3032. Er ist der Herr, alles in den zehn Richtungen, auch die sieben weiten, meerumgürteten Welten. So alles durchdringend ist er der Sprecher, der alles spricht. So wird die Seele Shiva.

3033. Er gleicht Garuda, der in einem Augenblick alles sieht. Er beschützt die sieben Welten ganz und entfernt meine Karmas. Der Reine, der Geburtlose, kennt weder Gehen noch Kommen noch Sichvermischen.

3034. Üppige Haarflechten trägt er, golden ist seine Farbe. Unangehaftet ist er und wohnt doch allem inne. Allgegenwärtig, geburtlos, der heilige Gott: Ununterbrochen steht er in allen sieben Welten.

3035. Bewusstsein ist er, Leben ist er. Vereinigung ist er, die Sinne ist er. Fortdauer jenseits des Denkens ist er. Im Duft der Blume ist er.

3036. Der Heilige ist frei vom Geruch der fünf Sinne: mein Vater. Der Freigebige schenkt alle Erkenntnis. In der kostbaren Weisheit der vedischen Seher steht er vielfältig da und umfasst alles.

3037. Er ist himmlisches Sein, jenseits der sieben Welten. Auch diese Erde ist er. Kühl ist er wie die Wasser der sieben Meere, welche die Erde umgürten. Mit den Seelen vereint steht er als Licht in ihren Augen.

3038. Als Brahma und Vishnu stand er da, als Himmel und Erde. Er reichte bis zu den fernsten Bergen und den sieben Meeren. Auch als reife, reiche Frucht stand er da.

3039–3047: Einheit, Abschluss und Segenswunsch


3039. Er ist der Herr der Welten, der Heilige, mein Vater. Er ist der meisterliche Elefantenführer aller Seelen und auch die Seelen selbst. Er ist der Herr, den alle in Liebe halten.

3040. Er ist der Funke des inneren Lebensatems, die leuchtende Sonne am hohen Himmel, der Atem des Windes, der über das Land weht. Er ist das Denken in allen.

3041. Auf dem geordneten Weg von Zahlen und Buchstaben schuf der Herr Musik und Melodie. Durch seinen Blick und seinen Gedanken bewirkte er von innen die entzückende Vereinigung von Seele und Shiva, vereint zu einer Familie.

3042. Die acht Himmelsrichtungen, die oberen und unteren Welten standen in ihm gesammelt. So wohnte er allem inne und durchdrang alles: er mit den fließenden Haarflechten, geschmückt mit duftenden Konrai-Blüten.

3043. Der Herr ist bei der gesamten Schöpfung. Niemand kennt sein Kommen und Gehen. Fern ist er und nah, beständig, Shankara, das ursprüngliche Sein. Viele ist er, einer ist er: unser ursprünglicher Herr.

3044. Er ist die Erkenntnis der Seele, der Uralte. Doch niemand weiß, wie er ist. In allen acht Universen kennt er alles: Nandi, unser ursprünglicher Herr.

3045. Wasser, Erde, Himmel, Feuer und Wind, der Lichtfunke im Körper: All dies ist er. Er ist Paraparam, er ist Shiva, unser Herr. Er ist die hier auf Erden wandelnde Seele. Todlos ist er.

3046. Die dreimal tausend Verse, die Mula verfasste, die dreimal hundert Mantras, die Mula sang, die dreimal zehn Unterweisungen, die Mula gab: Diese drei, die Mula aussprach, haben alle, alle einen einzigen Sinn.

3047. Mögen sie lange bestehen, lange bestehen: die heiligen Füße unseres Nandi! Mögen sie lange bestehen, lange bestehen: die Füße dessen, der die Unreinheiten durchtrennte! Mögen sie lange bestehen, lange bestehen: die Füße dessen, der göttliche Erkenntnis besitzt! Mögen sie lange bestehen, lange bestehen: die Füße dessen, der keine Unreinheit hat!

Hier enden das neunte Tantra und der nummerierte Versbestand der vorliegenden Ausgabe.

Unnummerierter Schlusssegen der englischen Zusammenstellung, kein zusätzlicher Vers: Möge das heilige Bewusstsein des Raumes auf dich herabkommen. Mögest du Shivas göttliche Gnade und Weisheit erfahren.

Textgrundlage und Überlieferung

Verwendete Quellen

  • TirumantiramTamil-EnglishAll.pdf: 709 PDF-Seiten mit tamilischem Text, englischen Versübersetzungen und zusätzlichen Erläuterungen. Die Einleitung nennt B. Natarajan als ursprünglichen englischen Übersetzer sowie Bearbeitungen durch die Himalayan Academy; die Zusammenstellung ist mit „Presentation: Veeraswamy Krishnaraj“ bezeichnet. Einzelne Übersetzungen, etwa Vers 84, sind ausdrücklich Krishnaraj zugeschrieben. Die Datei reicht bis zur Schlussbenediktion 3047.
  • Thirumandhiram-Thandhiram-1.pdf: tamilische Erläuterungsausgabe zum ersten Tantra, mit Ausgabevermerk 2020. Sie enthält keine zusätzliche englische Gesamtübersetzung. Die maschinell auslesbare Schrift ist teilweise beschädigt; es wurde keine aufwendige Texterkennung oder Rekonstruktion vorgenommen.
  • tirumantiram of tirumUlar -verses 1-548 (in tamil script, unicode format).html: tamilischer Grundtext der Verse 1–548 aus dem Project Madurai, einschließlich der vorangestellten Ganesha-Anrufung. Der Kopf nennt K. Kalyanasundaram für elektronische Aufbereitung und Webfassung sowie G. Venugopalan für Korrekturlesung; Unicode-Fassung vom 13. September 2002, Webseitenrevision vom 31. Juli 2021. Diese Quelle dient der Kontrolle von Gliederung und einzelnen Nummern, nicht als zweite, erneut zu übersetzende englische Fassung.

Redaktionelle Grundsätze

Die dreitausend Verse sind eine traditionelle Werkbezeichnung; die vorliegende englisch-tamilische Sammlung zählt bis 3047. Die Differenz wird nicht durch Umnummerierung beseitigt. Die Wiedergabe folgt der erkennbaren Zählung dieser Quelle. Wiederkehrende Gedanken und unter verschiedenen Nummern überlieferte gleiche Texte bleiben erhalten; versehentliche Wiederholungen innerhalb eines einzelnen englischen Blocks werden dagegen gekennzeichnet nur einmal übersetzt.

Englische Versüberschriften werden nicht als zusätzliche Verszeilen gezählt. Separat zugeschriebene Kommentare, etwa nach 383, 390, 398 und 423, gehören nicht zum übersetzten Grundbestand. Bei in den englischen Vers integrierten erklärenden Klammern wird deren Sinn teilweise verständlich in den deutschen Satz aufgenommen; ausführlichere Ergänzungen stehen als Erläuterung außerhalb des Verses. Ein vollständiger kritischer Vergleich aller tamilischen Lesarten wurde nicht durchgeführt.

Der gesamte Nummernkreis 1–3047 ist bearbeitet. Bei Vers 1140 fehlt auf PDF-Seiten 248–249 die englische Übersetzung. Bei 702 bricht sie ab und wiederholt einen Satzanfang; bei 2716 ist eine Zeile zusammengebrochen. Die beiden beschädigten Verse sind im verständlichen Umfang übersetzt, ihre Lücken bleiben offen. Kleinere sprachliche Unsicherheiten werden unmittelbar am jeweiligen Vers benannt. Die Wortbeschädigung in 2981 ist durch die dreifache Parallelform im selben Vers verständlich und entsprechend erläutert.

Die englischen Fehlzählungen 1758 im dritten Tantra, 1069 im späteren vierten Tantra, 26803 und die erste 2913-Stelle im letzten Tantra wurden anhand der gegenüberstehenden tamilischen Nummern und der Folge als 758, 1169, 2680 und 2911 eingeordnet. Gleichlautende oder nahezu gleichlautende englische Texte unter unterschiedlichen ursprünglichen Nummern bleiben erhalten, unter anderem 403/438, 406/414, 1222/1306, 2282/2283, 2362/2637 und 2530/2979. Auch die Überschneidung von 2360 und 2361 bleibt sichtbar. Dagegen wurden eingeschobene Wiederholungen innerhalb oder zwischen einzelnen Blöcken, etwa bei 239, 741, 751, 755, nach 911 und die erneute Einfügung von 1990 nach 2004, nicht als zusätzliche Verse gezählt.

Die englische Vorlage verwendet mehrfach „finite“, obwohl im Zusammenhang Unbegrenztheit oder letzte Vollendung gemeint sein könnte. An diesen Stellen wird die Unsicherheit kenntlich gemacht; je nach Zusammenhang stehen „begrenzt“, „letzte Vollendung“ oder eine entsprechend erläuterte sinngemäße Wendung. Die deutsche Ausgabe beansprucht hier keine Wiederherstellung eines gesicherten tamilischen Wortlauts. Ebenso werden widersprüchliche Zahlen, unklare Namen und nicht auflösbare Symbolbilder nicht stillschweigend vereinheitlicht.

Prüfumfang: Sämtliche Versnummern, Abschnittsbereiche, internen Versanker und Wiederholungen im fortlaufenden deutschen Bestand wurden geprüft. Die Bilddateien, Videoeinbindungen und Seminar-RSS wurden anhand erreichbarer Originalangebote kontrolliert. Die erneute Studienauswahl unten zählt nicht als zweiter Grundbestand.

Aufbau und geschichtliche Einordnung

Das Werk verbindet Shiva-Verehrung, Seelenlehre, rituelle Überlieferung und Yoga. Seine neun Tantras entfalten diese Themen in unterschiedlichen Formen. Die neun Teile zeigen, dass es sich weder nur um ein philosophisches Lehrbuch noch nur um eine Sammlung von Übungsanweisungen handelt. Hymnus, Mahnrede, Lehrvers und geheimnisvolle Bildsprache wechseln einander ab.

Eine genaue, allgemein gesicherte Datierung lässt sich aus den verwendeten Materialien nicht gewinnen. Die Einleitung der Hauptquelle nennt ungefähr das fünfte Jahrhundert; diese Angabe wird hier als Datierung jener Ausgabe, nicht als feststehendes Forschungsergebnis behandelt. Auch die Annahme einer vollständig einheitlichen Entstehung darf nicht allein aus der traditionellen Zuschreibung abgeleitet werden. Eine weitergehende Untersuchung von Textschichten und Datierungen ist nicht Grundlage dieser deutschen Vermittlungsübersetzung.

Tirumular: Überlieferte Lebensgeschichte und historische Grenze

Die Shiva-Tradition verehrt Tirumular als Siddha und als einen der Nayanar-Heiligen. Die bekannte Lebensgeschichte erzählt, ein Yogi sei auf einer Reise nach Süden einer Herde begegnet, deren Hirte Mula gestorben war. Aus Mitgefühl mit den trauernden Tieren habe er dessen Leib angenommen. Später habe er in tiefer Versenkung gelebt und über dreitausend Jahre hinweg jährlich einen Vers hervorgebracht.[1]

Diese Erzählung ist als religiöse Lebensüberlieferung zu lesen. Leibwechsel und dreitausendjährige Lebensdauer sind keine historisch gesicherten biographischen Daten. Sie deuten Tirumular als einen Menschen, dessen Yoga mit Mitgefühl beginnt und dessen Lehre aus Versenkung erwächst. Historisch belastbarer als die ausgeschmückte Lebensgeschichte ist die Existenz des ihm zugeschriebenen Werkes und seine Stellung innerhalb der tamilischen Shiva-Überlieferung; präzise Lebensdaten werden hier nicht behauptet.

Zentrale Lehren

Thema Textbezug Bedeutung für das Studium
Liebe und Shiva 270–279 Liebe ist nicht bloß ein Mittel zu einem entfernten Gott, sondern wird als seine eigene Wirklichkeit beschrieben.
Erkenntnis und gelebte Ethik 196, 230–231, 292 Religiöse Zeichen und Wissen verlangen eine Entsprechung im Verhalten.
Geben und Mitgefühl 250–252 Kleine, erreichbare Handlungen – Nahrung teilen, Tiere nähren, freundlich sprechen – gehören zur spirituellen Reifung.
Seele, Herr und Bindung 115–116 Die Lehre von Pati, Pashu und Pasha verbindet menschliches Bemühen mit der lösenden Gnade des Herrn.
Der Guru 139, 565, 721 Unterweisung, Erinnerung und empfangene Führung tragen den Weg.
Achtgliedriger Yoga 552–631 Ethische Disziplin, Haltung, Atem, Sammlung und Versenkung bilden einen Zusammenhang.
Der Körper als Tempel 724–725 Vergänglichkeit macht den Körper nicht wertlos; er ist der Ort der Übung und der inneren Gotteserfahrung.
Fähigkeiten und höchstes Ziel 631, 670–671 Außergewöhnliche Fähigkeiten sind vom Ziel der Einheit und Befreiung zu unterscheiden.
Mantra und Shakti 884–1418, 2698–2721 Klang, heilige Diagramme und die göttliche Kraft verbinden äußere Verehrung mit innerer Verwandlung. Die symbolischen Einzelheiten sind im Zusammenhang zu lesen.
Gnade und Selbsterkenntnis 2322–2369 Erkenntnis wird nicht als isolierte Eigenleistung aufgefasst: Die Seele erkennt durch das Licht, das der Herr ihr gewährt.
Bewusstseinsstufen 2466–2473 Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya werden zu einer gestuften Darstellung geistiger Verwirklichung entfaltet; die Begriffe sind Teil der eigenen Lehre des Textes.
Vedanta und Siddhanta 2370–2404 Der Text bringt verschiedene Vollendungswege in einen gemeinsamen Deutungshorizont, ohne jede Stufendifferenz aufzuheben.
Wahrhaftigkeit und Wunschlosigkeit 2595–2622 Innere Erkenntnis verlangt Wahrhaftigkeit und das Loslassen selbst feiner Anhaftungen.
Shivas Tanz 2722–2803, besonders 2799 Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gnade werden als Bewegungen eines göttlichen Tanzes verstanden.
Schweigen und alldurchdringende Gegenwart 2936–2956, 3026–3045 Die letzten Abschnitte führen von sprachlicher Beschreibung zur Einheitserfahrung und zum Göttlichen im gesamten Leben.

Die Lehren stehen in einer produktiven Spannung: Der Text unterscheidet Herr, Seele und Bindung genau und spricht zugleich von ihrem Überschreiten in der Einheit. Er würdigt Körper und Verehrung und fordert dennoch das Loslassen jeder Anhaftung. Solche Spannungen lassen sich besser durch vergleichendes Lesen der Verse verstehen als durch eine einzige vereinfachende Formel.

Ausgewählte Verse für Besinnung und gemeinsames Studium

Die folgenden Verse sind bereits oben vollständig übersetzt. Ihre erneute Wiedergabe ist eine gekennzeichnete Studienauswahl, kein zusätzlicher Versbestand.

Die eigene Freude mit der Welt teilen: Vers 85

Möge die ganze Welt die Seligkeit erlangen, die ich erfahren habe! Wer das himmlische Geheimnis festhält, das die Schriften vermitteln, wer die Hymnen singt, die den Leib erschauern lassen und das Herz weiten, nimmt gewiss einen Platz in der vordersten Reihe ein.

Warum ausgewählt: Der Vers öffnet persönliche spirituelle Erfahrung auf das Wohl aller hin. Reflexion: Woran würden andere merken, dass meine Übung mich freigebiger macht?

Einfaches Geben: Vers 252

Jeder kann dem Herrn ein grünes Blatt zur Verehrung darbringen. Jeder kann einer Kuh einen Bissen geben. Jeder kann beim Essen eine Handvoll teilen. Jeder kann anderen gute, freundliche Worte schenken.

Warum ausgewählt: Spirituelle Praxis wird für jeden erreichbar. Reflexion: Welche kleine gute Tat liegt heute tatsächlich in meiner Hand?

Liebe ist Shiva: Vers 270

Die Unwissenden reden davon, Liebe und Shiva seien zwei. Sie erkennen nicht: Die Liebe selbst ist Shiva. Wenn Menschen erkennen, dass Liebe und Shiva dasselbe sind, bleiben sie für immer als Liebe, als Shiva.

Warum ausgewählt: Hier verdichtet sich die Verbindung von Gotteserkenntnis und Liebe. Reflexion: Wie unterscheidet sich eine beständige liebende Haltung von einem vorübergehenden Gefühl?

Eine Lampe, die nicht erlischt: Vers 602

Entzünde die Lampe des Geistes und vertreibe die Dunkelheit der Ichhaftigkeit. Lösche das Feuer des Zorns und lass alle Lampen im Innern hell werden. Dann wird die Lampe des Geistes wahrlich zu einer nie erlöschenden Lampe.

Warum ausgewählt: Innere Klarheit und der Umgang mit Zorn werden zusammengeführt. Reflexion: Was hilft mir, einen Ärger wahrzunehmen, bevor ich aus ihm heraus handle?

Der Körper als Tempel: Vers 725

Einst verachtete ich den Leib. Dann aber sah ich Gott in seinem Innern und erkannte: Der Körper ist der Tempel des Herrn. So begann ich, ihn mit unendlicher Sorgfalt zu bewahren.

Warum ausgewählt: Der Vers korrigiert eine bloße Geringschätzung des Körpers von innen her. Reflexion: Wie kann Fürsorge für meinen Körper Ausdruck von Dankbarkeit werden?

Selbsterkenntnis als Fürsorge: Vers 2366

All diese Tage kannte ich das Selbst nicht. Als ich das Selbst erkannte, kannte ich nichts anderes mehr. Als ich das Selbst erkannte, verließ er mich nicht. In mir erkundigt er sich mit liebevoller Fürsorge nach meinem Wohlergehen.

Warum ausgewählt: Der Vers verbindet die Erkenntnis des Selbst mit einer unerwartet persönlichen Erfahrung göttlicher Nähe. Reflexion: Kann ich innere Sammlung auch als Raum freundlicher Aufmerksamkeit verstehen?

Selbst feine Wünsche loslassen: Vers 2615

Durchtrenne deine Wünsche, durchtrenne deine Wünsche — selbst die Wünsche nach dem Herrn. Je mehr Wünsche, desto mehr Leid. Je mehr du loslässt, desto größer wird deine Seligkeit.

Warum ausgewählt: Die Aufforderung schließt religiöses Begehren ausdrücklich ein und fordert zur Prüfung der eigenen Motive auf. Reflexion: Wo wird mein Streben nach Erfahrung selbst zu einer neuen Bindung?

Die fünf Tätigkeiten im Tanz: Vers 2799

Haras Trommel ist Schöpfung. Seine schützende Hand ist Erhaltung. Sein Feuer ist Auflösung. Sein niedergesetzter Fuß ist Verhüllung. Sein im Tanz erhobener Fuß ist bleibende Gnade und Erlösung.

Warum ausgewählt: Die Gesten des Tanzes bündeln die kosmische Lehre in einem anschaulichen Bild. Reflexion: Was bedeuten Bewahren, Loslassen und empfangene Hilfe in meinem Leben?

Dem Suchenden entgegenkommen: Vers 3006

Groß ist er, über den weiten Makrokosmos hinausreichend. Subtil ist er im fleischlichen Körper, der Geburten unterworfen ist. Wenn seine Verehrer seine heiligen Füße schauen und ihm entgegengehen, geht er ihnen suchend auf ihrem Weg entgegen.

Warum ausgewählt: Die Bewegung der Suche wird als wechselseitig beschrieben: Der Herr kommt seinen Verehrern entgegen. Reflexion: Kann ich neben meinem Bemühen auch Offenheit für unverfügbare Einsicht bewahren?

Weiterführende Medien

Die folgenden Einbindungen sind auf den Yoga-Vidya-Wiki-Seiten zu Tirumular beziehungsweise Kundalini Yoga belegt. Sie dienen als ergänzende Beschäftigung mit Verehrung und Yoga, nicht als Ersatz für den Verskommentar.

Die neun Bhakti-Praktiken: Wie man Hingabe entwickelt

Kundalini Yoga, der Yoga der Energie – Teil 1

Siehe auch

  • Tiru Mula Nayanar – überlieferte Lebensgeschichte Tirumulars.
  • Shaiva-Siddhanta-Philosophie – zur Lehre von Gott, Seele und Bindung.
  • Shiva und Shakti – göttliche Wirklichkeit und schöpferische Kraft.
  • Bhakti und Meditation – Hingabe und innere Sammlung.
  • Yoga Sutra – Vergleichstext zum achtgliedrigen Yoga; eine direkte historische Abhängigkeit wird hier nicht behauptet.
  • Hatha Yoga Pradipika – thematischer Vergleich zu Atem, Mudras und innerem Klang.
  • Shiva Samhita – weitere Yoga-Lehrschrift mit feinstofflicher Körperlehre.
  • Gheranda Samhita – Vergleich mit einer anderen Darstellung yogischer Übungsstufen.
  • Naradas Bhakti-Sutras – Vergleich mit einer Lehrschrift über Hingabe und Liebe.
  • Kundalini Yoga, Nada Yoga und Laya Yoga – weiterführende Begriffe zu Energie, Klang und innerer Auflösung.

Quellen und Literatur

Arbeitsgrundlage

  • Tirumular: Tirumantiram. Englische Übersetzung B. Natarajan; vorliegende Zusammenstellung Veeraswamy Krishnaraj, mit Bearbeitungshinweisen auf die Himalayan Academy. Verwendet wurde die oben beschriebene PDF-Datei, nicht eine neu kollationierte Druckausgabe.
  • Project Madurai: Tirumantiram of Tirumular, Part I, Tantrams 1 & 2, verses 1–548. Elektronischer tamilischer Text, in der beschriebenen HTML-Fassung.
  • Thirumandhiram – Thandhiram 1. Tamilische Erläuterungsausgabe, 2020, als ergänzendes bereitgestelltes Quellenmaterial.

Weiterführend

  1. ↑ Yoga-Vidya-Wiki: Tiru Mula Nayanar, Darstellung der traditionellen Heiligenlegende.

Seminare und vertiefendes Studium

Die folgenden Angebote können die eigene Beschäftigung mit Hingabe, Meditation und yogischer Energiearbeit ergänzen. Sie sind allgemeine Yoga-Vidya-Angebote und keine zugesagte vollständige Ausbildung in den besonderen Praktiken des Tirumantiram.

Bhakti Yoga
Seminare zu Bhakti Yoga

27.10.2026 - 27.10.2026 Mantra-Konzert mit Shamana OM

Konzert mit Shamana OM
Shamana OM
31.10.2026 - 31.10.2026 Mantra-Konzert mit Gruppe Mudita

Konzert mit der Gruppe Mudita
Gruppe Mudita

Meditation
Meditationsseminare

28.10.2026 - 30.10.2026 Slow Down Yoga

Mit Slow Down Yoga gehst du einen Weg der bewussten Entschleunigung und Entspannung. Mit Hilfe von ausgesuchten Atem- und Körperübungen sowie Meditati…
Adidivya Andre
01.11.2026 - 08.11.2026 Meditationskursleiter Ausbildung Teil 1

Erfahre in dieser Ausbildung die Tiefen der Meditation. Meditation ist neben Yoga die wichtigste Übung aller spirituellen Wege. Wer täglich Yoga und M…
Jagadishvari Dörrer

Kundalini Yoga
Seminare zu Kundalini Yoga

30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Arjuna Wingen
06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung

Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…
Arjuna Wingen

Energiearbeit
Seminare zur Energiearbeit

30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Arjuna Wingen
04.11.2026 - 04.11.2026 Einführung in die Chakratherapie - Online Workshop

Uhrzeit: 18 - 21 Uhr
Ein Chakra ist ein feinstoffliches Kraftzentrum des Körpers, welches wichtige Körperfunktionen steuert und bestimmten Organen zug…
Beate Menkarski

Einladung zur Vertiefung

Das Tirumantiram lädt dazu ein, beim Lesen nicht an der Menge der Verse stehenzubleiben. Ein sorgfältig bedachter Abschnitt kann zum Begleiter eines ganzen Tages werden. Lies einige Verse, halte inne und unterscheide: Was sagt der Text? Was verstehe ich bereits? Welche Frage bleibt offen? Und welche kleine Veränderung meines Handelns könnte aus dem Verstandenen erwachsen?

Liebe, Wahrhaftigkeit, ein freundliches Wort und gesammelte Aufmerksamkeit sind keine bloßen Vorstufen, die auf einem anspruchsvollen Yoga-Weg bedeutungslos würden. Immer wieder kehrt Tirumular zu ihnen zurück. So kann das Studium zugleich weit und einfach werden: weit genug, dem Geheimnis Shivas Raum zu lassen, und einfach genug, heute mit einem aufrichtigen Schritt zu beginnen. Möge die Erkenntnis, die im Herzen wächst, auch anderen Licht und Hilfe schenken.