Sanskrit Kurs Lektion 65

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Vokalische Nominalstämme (3)

Die Substantive des Sanskrit können in vokalische (auf Vokal endende) und konsonantische (auf Konsonant endende) Stämme bzw. Nominalstämme (Pratipadika) eingeteilt werden. In Lektion 6 und 12 haben wir die acht Fälle des Singulars bzw. Plurals der vokalisch auslautenden Stämme auf -a im Maskulinum und Neutrum betrachtet. Nun folgt eine Übersicht der weiblichen vokalischen Stämme (Femininum).


Übersicht 1: Weibliche vokalische Nominalstämme

Der Stamm (Nominalstamm) bzw. die Wörterbuchform der weiblichen vokalischen Nominalstämme endet auf , -i, , -u, oder -ṛ. Die Stammform entspricht der Wörterbuchform. Diese ist in nachfolgender Übersicht in drei Schreibweisen angegeben, nämlich in Devanagari, wissenschaftlicher Transliteration (IAST) und vereinfachter Transkription. Dann folgt der Nominativ Singular und Plural.

Stammauslaut Stammform Devanagari Transliteration Transkription Nominativ Singular Nominativ Plural Bedeutung siehe
कन्या kanyā kanya kanyā kanyāḥ Mädchen, Jungfrau Kanya
-i बुद्धि buddhi buddhi buddhiḥ buddhayaḥ Intellekt, Einsicht Buddhi
देवी devī devi devī devyaḥ Göttin Devi
-u धेनु dhenu dhenu dhenuḥ dhenavaḥ Kuh Dhenu
भ्रू bhrū bhru bhrūḥ bhruvaḥ Braue, Augenbraue Bhru
-ṛ मातृ mātṛ matri mātā mātaraḥ Mutter Matri


Übersicht 2: Singular der weiblichen Substantive auf -ā

In der folgenden Übersicht wurde das weibliche Wort Kanya ("Mädchen, Jungfrau, Tochter") in allen acht Fällen des Singulars (Einzahl, Ekavachana) dekliniert. Diesem Bildungstyp folgen alle weiblichen Substantive auf .

Fall (Kasus) Sanskritname Frage Devanagari Transliteration Transkription deutsche Wiedergabe
1. Nominativ Prathama Wer? Was? कन्या kanyā kanya "das Mädchen"
2. Akkusativ Dvitiya Wen? Wohin? कन्याम् kanyām kanyam "das Mädchen"
3. Instrumental Tritiya Mit wem? Womit? कन्यया kanyayā kanyaya "mit dem Mädchen"
4. Dativ Chaturthi Wem? कन्यायै kanyāyai kanyayai "dem Mädchen"
5. Ablativ Panchami Von wem? Von wo? कन्यायाः kanyāyāḥ kanyayah "von dem Mädchen (her)"
6. Genitiv Shashthi Wessen? Wovon? कन्यायाः kanyāyāḥ kanyayah "des Mädchens"
7. Lokativ Saptami Wo? कन्यायाम् kanyāyām kanyayam "bei dem Mädchen"
8. Vokativ Sambodhana Rufform (oh ..., he ...!) कन्ये kanye kanye "(he) Mädchen!"


Übung 1

  • Devanagari: कस्यचिद्धीवरस्य भार्या स्वकन्यामिच्छति |
  • wissenschaftliche Transliteration: kasyacid dhīvarasya bhāryā svakanyām icchati |
  • vereinfachte Transkription: kasyachid dhivarasya bharya svakanyam ichchhati |
  • Wort-für-Wort-Übersetzung: Eines gewissen (Ka Chid, Gen. Sg. m.) Fischers (Dhivara, Gen. Sg. m.) Frau (Bharya, Nom. Sg. f.) die eigene Tochter (Sva-Kanya, Akk. Sg. f.) sucht (iṣ, Verb), d.h. "Die Frau eines Fischers sucht ihre Tochter."

Erläuterungen

  • Der Genitiv (Shashthi) dhīvarasya bezieht sich auf das Substantiv bhāryā.
  • Der Nominativ (Prathama) bhāryā ist das logische Subjekt (Kartri) der Verbalhandlung icchati.


Übung 2

  • Devanagari: कन्ये कन्ये कुत्रासीति सर्वतो ह्वयति |
  • wissenschaftliche Transliteration: kanye kanye kutrāsīti sarvato hvayati |
  • vereinfachte Transkription: kanye kanye kutrasiti sarvato hvayati |
  • Wort-für-Wort-Übersetzung: Tochter, Tochter (Kanya, Vok. Sg. f.) wo (Kutra, Frageadverb) bist du (as, Verb) so (Iti, Adverb) nach allen Seiten (Sarvatas, Adverb) sie ruft (hve, Verb), d.h. "Tochter, Tochter, wo bist du? - so ruft sie nach allen Seiten."

Erläuterungen

  • Der Vokativ (Sambodhana) kanye ist die Ruf- bzw. Anredeform von kanyā.
  • Das Adverb iti bedeutet wörtlich "so". Es wird im Sanskrit auch im Sinne von An-und Ausführungszeichen ("...") benutzt und kennzeichnet dann die ihm vorausgehende Aussage als wörtliche (oder gedachte) Rede.
  • Das Adverb sarvataḥ ist eine nähere Bestimmung (Kriyavisheshana) des Verbs hvayati.
  • Sandhi: Das auslautende kurze a von kutra und das anlautende kurze a von asi verschmilzt zu einem langen ā in kutrāsi. Die Form sarvato steht für sarvataḥ, da auslautendes -aḥ vor stimmhaftem Konsonant (hier: h) zu -o wird.


Übung 3

  • Devanagari: कन्यायाः कञ्चन शब्दं न श्रुत्वा नदीं गच्छति |
  • wissenschaftliche Transliteration: kanyāyāḥ kañcana śabdaṃ na śrutvā nadīṃ gacchati |
  • vereinfachte Transkription: kanyayah kanchana shabdam na shrutva nadim gachchhati |
  • Wort-für-Wort-Übersetzung: Von dem Mädchen (Kanya, Gen. Sg. f.) irgend einen (Ka Chana, Akk. Sg. m.) Laut (Shabda, Akk. Sg. m.) nicht (Na, Partikel) gehört habend (śru, Absolutivum) zum Fluss (Nadi, Akk. Sg. f.) sie geht (gam, Verb), d.h. "Nachdem sie von dem Mädchen keinen Laut gehört hat, geht sie zum Fluss."

Erläuterungen

  • Der Genitiv kanyāyāḥ "des Mädchens, von dem Mädchen" bezieht sich auf das Substantiv śabdam.
  • Das Interrogativpronomen kam "wen?" wird in Verbindung mit der Verbindungspartikel cana zu einem Indefinitpronomen und bedeutet "irgend einen". In Verbindung mit der Negationspartikel na bedeutet es "keinen" (wörtl.: "nicht irgend einen"). Es bezieht sich syntaktisch auf den Akkusativ śabdam.
  • Der Akkusativ śabdam ist das logische Objekt (Karman) der als Absolutivum ausgedückten Verbalhandlung śrutvā.
  • Die Negationspartikel na gehört syntaktisch zum Absolutivum śrutvā: na śrutvā "nicht gehört habend". Im Deutschen bildet man die Verneinung jedoch in Verbindung mit dem unbestimmten Artikel: "nicht irgend einen", also "keinen" (Laut).
  • Das Absolutivum śrutvā bezeichnet eine Nebenhandlung (Guna Kriya), die vor der Haupthandlung ((Mukhya Kriya) gacchati erfolgt, und mit dieser dasselbe logische Subjekt hat (hier die aus dem Sinnzusammenhang zu ergänzende Ehefrau des Fischers, s. Übung 1: bhāryā). Die Form śrutvā bezieht sich auf den Akkusativ śabdam und ist ist von der Wurzel śru "hören" abgeleitet.
  • Der Akkusativ nadīm ist das logische Objekt (Karman) der Verbalhandlung gacchati, das hier zur Angabe der Richtung dient.
  • Sandhi: Die Endung m von kam (in kam cana), śabdam und nadīm geht vor folgendem Konsonanten (Vyanjana) in Anusvara () über, welcher vereinfachend wie m ausgesprochen werden kann. Im Falle des eine semantische Einheit bildenden kaṃ-cana wird Anusvara als Klassennasal des folgenden Konsonanten gesprochen (und oft auch geschrieben): kaṃ-cana wird zu kañ-cana.


Übung 4

  • Devanagari: तत्र तटगतायां गुहायामासीनां ध्यानयुक्तां बालां विन्दति |
  • wissenschaftliche Transliteration: tatra taṭagatāyāṃ guhāyām āsīnāṃ dhyānayuktāṃ bālāṃ vindati |
  • vereinfachte Transkription: tatra tatagatayam guhayam asinam dhyanayuktam balam vindati |
  • Wort-für-Wort-Übersetzung: Dort (Tatra, Adverb) im Steilufer befindlichen (Tata-Gata, Lok. Sg. f.) in einer Höhle (Guha, Lok. Sg. f.) das sitzende (Asina, Akk. Sg. f.) in Meditation vertiefte (Dhyana-Yukta, Akk. Sg. f.) Mädchen (Bala, Akk. Sg. f.) sie findet (vid, Verb), d.h. "Dort findet sie das in einer Höhle im Steilufer sitzende, in Meditation vertiefte Mädchen."

Erläuterungen

  • Das Adverb tatra "dort" bezieht sich auf nadīm ("zum Fluss") aus Übung 3.
  • Das Adjektiv dhyāna-yuktām ist ein Kompositum vom Typ Tatpurusha. Es dient gleichfalls als nähere Bestimmung zu guhāyām und steht daher auch im Akkusativ Singular Femininum. Das Hinterglied yukta ist das Partizip Präteritum Passiv der Wurzel yuj) "verbinden, sich konzentrieren".
  • Der Akkusativ bālām ist das logische Objekt (Karman) der Verbalhandlung vindati.
  • Sandhi: Die Endung m von taṭa-gatāyām, āsīnām, dhyāna-yuktām und bālām geht vor folgendem Konsonanten (Vyanjana) in Anusvara () über, welcher vereinfachend wie m ausgesprochen werden kann.


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