Sanskrit Kurs Lektion 47

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Der Imperativ (3)

In Lektion 45 und 46 haben wir die Bildung und Verwendung des Imperativs betrachtet. Der folgende Beispielvers enthält zwei Formen des Imperativs. Die beiden Imperative sind utsṛja ("gib auf!") und avāpnuhi ("erlange!").


Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein im Versmaß Vasantatilaka abgefasster Vers aus dem vierten Kapitel (Upadesha), das der Praxis der Meditation und Versenkung (Samadhi) gewidmet ist. Der 58. Vers stellt eine wortwörtliche Übernahme aus dem Yoga Vasishtha (3.101.39) dar, wo der Weise Vasishtha zu seinem Schüler, dem Prinzen Rama, über die geistigen Vorstellungen (Sankalpa) spricht, auf denen unsere Wahrnehmung der Welt (Jagat) beruht:


सङ्कल्पमात्रकलनैव जगत्समग्रं
सङ्कल्पमात्रकलनैव मनोविलासः |
सङ्कल्पमात्रमतिमुत्सृज निर्विकल्पम्
आश्रित्य निश्चयमवाप्नुहि राम शान्तिम् || ४.५८ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
saṅkalpamātrakalanaiva jagat samagraṃ
saṅkalpamātrakalanaiva manovilāsaḥ |
saṅkalpamātramatim utsṛja nirvikalpam
āśritya niścayam avāpnuhi rāma śāntim || 4.58 ||


  • vereinfachte Transkription:
sankalpamatrakalanaiva jagat samagram
sankalpamatrakalanaiva manovilasah |
sankalpamatramatim utsrija nirvikalpam
ashritya nishchayam avapnuhi rama shantim || 4.58 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
saṅkalpa-mātra-kalanā : ein Werk (Kalana, Nom. Sg. f.) bloßer (Matra) Vorstellung(en, Sankalpa)
eva : nur (Eva, Partikel)
jagat : Welt (Jagat, Nom. Sg. n.)
samagram : (ist) die ganze (Samagra, Nom. Sg. n.)
saṅkalpa-mātra-kalanā : ein Werk bloßer Vorstellung(en)
eva : nur
mano-vilāsaḥ : (ist) das Spiel, Treiben (Vilasa, Nom. Sg. m.) des Geistes (Manas)
saṅkalpa-mātra-matim : das Denken, Verlangen (Mati, Akk. Sg. f.) (nach dem was auf) bloßen Vorstellung(en beruht)
utsṛja : gib auf! ("wirf fort", ut + sṛj, Verb)
nirvikalpam : (dem, der) keinem Wechsel, Wandel (unterliegt, Nirvikalpa, Akk. Sg. m.)
āśritya : (dich) hingebend ("stützend", ā + śri, Absolutivum)
niścayam : sicheren, gewissen (Nishchaya, Akk. Sg. f.)
avāpnuhi : erlange! (ava + āp, Verb)
rāma : oh Rama (Vok. Sg. m.)
śāntim : inneren Frieden (Shanti, Akk. Sg. f.)


  • Übersetzung:
Die ganze Welt ist nur ein Werk bloßer Vorstellungen!
Das Spiel des Geistes ist nur ein Werk bloßer Vorstellungen!
Gib das Verlangen nach dem, was auf bloßen Vorstellungen beruht, auf!
Indem du dich dem hingibst, der keinem Wandel unterliegt*, oh Rama, erlange sicheren inneren Frieden!

*Anmerkung: Mit "dem, der keinem Wandel unterliegt" (Nirvikalpa) ist nach dem Kommentator Brahmananda das Selbst (Atman) gemeint.

Erläuterungen

  • Syntax: Das erste und zweite Verviertel (Pada) enthält jeweils einen sogenannten Nominalsatz, in dem es kein Verb, sondern nur Nomen gibt. Das Verb "ist" muss daher im Deutschen ergänzt werden.
  • Das Kompositum saṅkalpa-mātra-kalanā steht im Nominativ (Prathama). Es bezieht sich als Apposition jeweils auf jagat (Pada 1) und mano-vilasaḥ (Pada 2). Dieses Kompositum vom Typ Tatpurusha ist in der Übersetzung von rechts nach links aufzulösen: "ein Werk (saṅkalpa) bloßer (mātra) Vorstellung(en, kalanā)".
  • Die emphatische Partikel eva "eben, gerade" hebt das vorangehende Wort (saṅkalpa-mātra-kalanā im 1. u. 2. Pada) hervor oder steht, wie in diesem Falle, in der Bedeutung "nur".
  • Der Nominativ jagat ist das logische Subjekt (Agens, Kartri) der im Nominalsatz nicht ausdrücklich genannten Verbalhandlung "ist" (Pada 1).
  • Das Adjektiv‏‎ samagram ist eine nähere Bestimmung (Visheshana) zu jagat und steht daher auch im Nominativ Singular Neutrum.
  • Das Kompositum mano-vilasaḥ ist das logische Subjekt im Nominalsatz von Pada 2. Es steht im Nominativ und gehört ebenfalls zum Tatpurusha genannten Typ.
  • Das Kompositum saṅkalpa-mātra-matim steht im Akkusativ (Dvitiya). Es ist das logische Objekt (Karman) des Imperativs utsṛja. Dieses Kompositum vom Typ Tatpurusha ist in der Übersetzung ebenfalls von rechts nach links aufzulösen: "das Verlangen (matim) nach dem, was auf bloßen (mātra) Vorstellung(en, kalanā) beruht".
  • Der Akkusativ nirvikalpam ist das logische Objekt des Absolutivums āśritya. Der Form nach handelt es sich um ein Adjektiv im Neutrum oder Maskulinium, das sich entweder auf ein (im Vers nicht genanntes) sächliches Bezugswort (wie etwas das Brahman) bezieht, oder auf ein männliches Bezugswort, d.h. den vom Kommentator Brahmananda genannten Atman.
  • Das Absolutivum āśritya bezeichnet eine Nebenhandlung (Guna Kriya), die vor der Haupthandlung (avāpnuhi) erfolgt, und mit dieser dasselbe logische Subjekt (rāma) hat. Die Form āśritya bezieht sich auf den Akkusativ nirvikalpam und ist von der Wurzel śri "(sich) lehnen, sich begeben" abgeleitet, die in Verbindung mit dem Verbalpräfix ā "sich stützen, Schutz suchen, sich hingeben" bedeutet.
  • Das Adjektiv‏‎ niścayam ist eine nähere Bestimmung zu śāntim und steht daher auch im Akkusativ Singular Femininum.
  • Der Vokativ (Sambodhana) rāma ist das logische Subjekt der beiden Imperative utsṛja und avāpnuhi, sowie des Absolutivums āśritya.
  • Der Akkusativ śāntim ist das logische Objekt des Imperativs avāpnuhi.
  • Sandhi: Das auslautende lange ā in °kalanā verschmilzt mit dem anlautenden e in eva zu ai: °kalanaiva. Die Endung m von samagram geht vor folgendem Konsonanten (Vyanjana) in Anusvara () über, welcher wie m ausgesprochen wird. Die Form mano im Kompositum mano-vilasaḥ steht für manaḥ, da auslautendes -as (von manas) vor stimmhaften Konsonanten (hier: v) erst zu -aḥ und dieses zu -o wird. Das stimmhafte d des Verbalpräfixes ud wird vor dem stimmlosen s des Verbstammes sṛja zu stimmlosem t: ut-sṛja.


Metrische Analyse des 1. Pada

Das Versmaß Vasantatilaka besteht aus 4 identischen Versvierteln (Pada) zu je 14 Silben (Akshara). Anders als beim Shloka (Anushtubh) gibt es denmach keine metrischen Unterschiede in den einzelnen Padas:

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14
υ υ υ υ υ υ υ – (Pada a)
υ υ υ υ υ υ υ – (Pada b)
υ υ υ υ υ υ υ – (Pada c)
υ υ υ υ υ υ υ – (Pada d)

Betrachten wir das erste (Prathama) Versviertel (Pada) dieser Vasantatilaka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14
Devanagari ङ्क ल्प मा त्र नै त्स ग्रं
Transliteration sa ṅka lpa tra ka la nai va ja ga tsa ma graṃ
Silbenlänge lang* lang* kurz lang kurz kurz kurz lang kurz kurz lang* kurz lang* lang
Symbol υ υ υ υ υ υ υ


Hinweise zur Aussprache: Alle vierzehn Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten. Die Positionslänge der 1., 2., 11. und 13. Silbe ergibt sich durch die Aufteilung in saṅ-kal-pa, gat-sa und mag-raṃ.


Weblinks


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