Sanskrit Kurs Lektion 48

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Der Imperativ (4)

In Lektion 45 bis 47 haben wir die Bildung und Verwendung des Imperativs betrachtet. Der folgende Beispielvers enthält zweimal die Imperativform kuru ("mache!").


Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem vierten Kapitel (Upadesha), das der Praxis der Meditation und Versenkung (Samadhi) gewidmet ist. Der 55. Vers enthält eine Meditationsanweisung über die Auflösung des Selbst (Atman) im leeren Raum (Kha), der hier gleichbedeutend mit dem (Brahman) ist.


खमध्ये कुरु चात्मानमात्ममध्ये च खं कुरु |
सर्वं च खमयं कृत्वा न किञ्चिदपि चिन्तयेत् || ४.५५ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
khamadhye kuru cātmānam ātmamadhye ca khaṃ kuru |
sarvaṃ ca khamayaṃ kṛtvā na kiñcid api cintayet || 4.55 ||


  • vereinfachte Transkription:
khamadhye kuru chatmanam atmamadhye ca kham kuru |
sarvam cha khamayam kritvā na kinchid api chintayet || 4.55 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
kha-madhye : in die Mitte (Madhya, Lok. Sg. m.) des Raumes (Kha)
kuru : bringe ("mache", kṛ, Verb)
ca : und (Cha, Partikel)
ātmānam : das Selbst (Atman, Akk. Sg. m.)
ātma-madhye : in die Mitte (Madhya, Lok. Sg. m.) des Selbstes
ca : und
kham : den Raum (Kha, Akk. Sg. n.)
kuru : bringe ("mache", Verb)
sarvam : alles (Sarva, Akk. Sg. n.)
ca : und
kha-mayam : zu Raum ("aus Raum bestehend", KhaMaya, Akk. Sg. n.)
kṛtvā : machend ("gemacht habend", kṛ, Absolutivum)
na: nicht (Na, Negationspartikel)
kiñ-cid: irgend etwas (Kinchid, Akk. Sg. n., Indefinitpronomen)
api : auch (Api, Partikel)
cintayet : man denke (cint, Verb)


  • Übersetzung:
Bringe das Selbst in die Mitte des Raumes, und bringe den Raum in die Mitte des Selbstes!
Und nachdem man alles zu Raum gemacht hat, denke man überhaupt nichts mehr.


Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erläutert, dass mit "Raum" (Kha) hier das Brahman gemeint ist, welches wie (Iva) der (leere) Raum "erfüllt" (Purna) ist: kham iva pūrṇaṃ brahma. Zunächst solle man über die Formel "das Brahman bin ich" (brahmāham) meditieren (bhāvayet, bhū, Kausativ): brahmāham iti bhāvayet. Dann meditiere man über "Ich bin das Brahman" (ahaṃ brahma). Schließlich soll man sogar (Api) die Meditation (Dhyana), d.h. auch die subtilste Art des Denkens, aufgeben (parityajet, pari + tyaj): dhyānam api parityajet.

Erläuterungen

  • Die beiden Komposita (Samasa) kha-madhye und ātma-madhye stehen im Lokativ (Saptami) und bezeichnen den Ort (Adhikarana) der Handlung näher. Sie gehören zum Typ Tatpurusha.
  • Die beiden Akkusative (Dvitiya) ātmānam und kham sind jeweils das logische Objekt (Karman) der beiden Imperative kuru in Pada 1 und 2.
  • Syntax: Die beiden Verbindungspartikeln ca "und" verknüpfen hier syntaktisch die beiden Aussagen in Pada 1 und 2 miteinander. Im Deutschen genügt einmal "und", im Sanskrit kann je nach Bedarf (zum Beispiel um das Metrum "aufzufüllen"), ein oder zweimal ca stehen.
  • Die Akkusative sarvam und kha-mayam (Kompositum vom Typ Tatpurusha) sind beide logisches Objekt des Absolutivums kṛtvā.
  • Das Absolutivum kṛtvā "zu etwas gemacht habend" bezeichnet eine Nebenhandlung (Guna Kriya), die vor der Haupthandlung (cintayet) erfolgt, und mit dieser dasselbe logische Subjekt ("man") hat. In diesem Satz hat kṛtvā zwei logische Objekte (sarvam und kha-mayam). Die Wurzel kṛ steht hier in der Bedeutung "etwas zu etwas machen".
  • Syntax: Die drei Wörtchen na kiñcid api bedeuten als syntaktische Einheit "gar nichts, überhaupt nichts", wörtlich: "nicht (Na) etwas (Kinchid) auch (Api)". "Etwas" heißt kiñ-cid (Kinchid), "irgendetwas" heißt kiñ-cid api. Durch das Voranstellen der Partikel na erfolgt die Negation: na kiñ-cid heißt "nichts", na kiñ-cid api "gar nichts".
  • Die Verbform cintayet ("man denke") ist die 3. Person Singular Optativ der Gegenwart der Verbalwurzel cint "(nach)denken, nachsinnen". Der Optativ drückt hier eine neutrale Anweisung aus. In Texten des "klassischen" (d.h. nach-vedischen) Sanskrit ist der Optativ im Verhältnis zum Imperativ (kuru, s.o.) die üblichere Form.
  • Sandhi: Das auslautende kurze -a in ca verschmilzt mit dem anlautenden langen ā- in ātmānam zu ā: cātmānam. Die Endung m von kham, sarvam und kha-mayam geht vor folgendem Konsonanten (Vyanjana) in Anusvara () über, welcher vereinfachend wie m ausgesprochen wird. In kiñ-cid (kim + cid), das als ein Wort verstanden wird, wird das m als ñ, der Klassennasal des folgenden c artikuliert, selbst wenn Anusvara geschrieben wird (kiṃ-cid).


Metrische Analyse des 3. und 4. Pada

Betrachten wir das dritte (Tritiya) und vierte (Chaturtha) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari र्वं यं कृ त्वा कि ञ्चि पि चि न्त येत्
Transliteration sa rvaṃ ca kha ma yaṃ kṛ tvā na ki ñci da pi ci nta yet
Silbenlänge lang* lang* kurz kurz kurz lang* lang* lang kurz lang* kurz kurz kurz lang* kurz lang
Symbol υ υ υ υ υ υ υ υ


Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten**. Die Positionslänge der 1., 2. und 6. Silbe (Pada 3) bzw. der 2., 6. und 7. Silbe (Pada 4) ergibt sich durch die Aufteilung in sar-vaṃ ca und yaṃ kṛt-vā bzw. kiñ-ci und cin-ta.


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