Sanskrit Kurs Lektion 82

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Konsonantische Nominalstämme (7)

Die Substantive des Sanskrit können in vokalische (auf Vokal endende) und konsonantische (auf Konsonant endende) Stämme bzw. Nominalstämme (Pratipadika) eingeteilt werden. In Lektion 81 haben wir die acht Fälle des Singulars und Plurals der konsonantisch auslautenden Stämme auf -mat betrachtet. Nun folgt eine Übersicht der konsonantischen Stämme auf -vat.


Konsonantische Nominalstämme auf -vat

Die konsonantischen Stämme auf -vat sind Adjektive, die in der Regel von Substantiven abgleitet werden, die auf den Vokal -a oder auslauten. Das Suffix (Pratyaya) -vat hat wie das Suffix -mat die Grundbedeutung "habend, besitzend, versehen mit":

  • bala-vat (Balavat) "stark, kräftig" von bala (Bala "Stärke, Kraft") + Suffix -vat
  • śraddhā-vat (Shraddhavat) "gläubig" von śraddhā (Shraddha) "Vertrauen, Glaube") + Suffix -vat

Femininum

Zu allen Substantiven und Adjektiven auf -vat kann regelmäßig eine weibliche Form gebildet werden, indem an das Suffix -vat ein langes gefügt wird:

  • bala-vat (adj. n.) "stark, kräftig" > bala-vatī (Balavati f.) "die Starke, die Kräftige"
  • śraddhā-vat (adj. n.) "gläubig" > śraddhā-vatī (Shraddhavati f.) "die Gläubige"

Diese Formen folgen der vokalischen Deklination der auf endenden weiblichen abgeleiteten Substantive (vgl. Lektion 78).


Übersicht 1: häufige abgeleitete Adjektive auf -vat

Devanagari Transliteration siehe Bedeutung abgeleitet von siehe Bedeutung
बलवत् bala-vat Balavat stark, kräftig bala Bala Stärke, Kraft
फलवत् phala-vat Phalavat fruchttragend, erfolgreich phala Phala Frucht, Erfolg
पुत्रवत् putra-vat Putravat Söhne habend, Kinder habend putra Putra Sohn, Kind
गुणवत् guṇa-vat Gunavat mit Vorzügen versehen, tugendhaft guṇa Guna Vorzug, Tugend
अन्तवत् anta-vat Antavat endlich, vergänglich anta Anta Ende, Tod
रसवत् rasa-vat Rasavat saftig, schmackhaft rasa Rasa Saft, Geschmack
भगवत् bhaga-vat Bhagavat glücklich, herrlich bhaga Bhaga Glück, Herrlichkeit
निद्रावत् nidrā-vat Nidravat schläfrig nidrā Nidra Schlaf, Schläfrigkeit
श्रद्धावत् śraddhā-vat Shraddhavat gläubig śraddhā Shraddha Vertrauen, Glaube


Übersicht 2: Die Formen der auf das Suffix -vat endenden Adjektive (Maskulinum)

Nachfolgende Übersicht enthält die männlichen Formen des Adjektivs bala-vat ("stark, kräftig" Dhimat) in der Einzahl (Singular, Ekavachana) und in der Mehrzahl (Plural, Bahuvachana). Diesem Deklinationstyp folgen alle Nominalstämme auf -vat, -mat und -at (letztere bilden den Nom. Sg. m. mit kurzem a: san "der Gute", vgl. Lektion 80).

Fall (Kasus) Sanskritname Frage Singular Übersetzung Plural Übersetzung
1. Nominativ Prathama Wer? balavān der Starke balavantaḥ die Starken
2. Akkusativ Dvitiya Wen? Zu wem? balavantam den Starken balavataḥ die Starken
3. Instrumental Tritiya Mit wem? balavatā mit dem Starken balavadbhiḥ mit den Starken
4. Dativ Chaturthi Wem? Für wen? balavate dem Starken balavadbhyaḥ den Starken
5. Ablativ Panchami Von wem? balavataḥ von dem Starken (her) balavadbhyaḥ von den Starken (her)
6. Genitiv Shashthi Wessen? balavataḥ des Starken balavatām der Starken
7. Lokativ Saptami Wo? Bei wem? balavati bei dem Starken balavatsu bei den Starken
8. Vokativ Sambodhana Rufform (oh ..., he ...!) balavan (du) Starker! balavantaḥ ihr Starken!


Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem vierten Kapitel (Upadesha), das der Praxis der Meditation und Versenkung (Samadhi) gewidmet ist. Der 71. Vers steht im Kontext der Meditation auf den inneren, "unangeschlagenen" Ton (Anahata Nada) und beschreibt den Arambha Avastha genannten Zustand.


दिव्यदेहश्च तेजस्वी दिव्यगन्धस्त्वरोगवान् |
सम्पूर्णहृदयः शून्य आरम्भे योगवान्भवेत् || ४.७१ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
divya-dehaś ca tejasvī divya-gandhas tv arogavān |
sampūrṇa-hṛdayaḥ śūnya ārambhe yogavān bhavet || 4.71 ||


  • vereinfachte Transkription:
divya-dehash cha tejasvi divya-gandhas tv arogavan |
sampurna-hridayah shunya arambhe yogavan bhavet || 4.71 ||


  • Übersetzung:
Und, (wenn der unangeschlagene Ton) im Arambha (Avastha genannten Zustand gehört wird, weilt) der Yogi mit erfülltem Herzen in der Leere (des Anahata Chakra), (bekommt) einen himmlichen, strahlenden Körper, (verströmt) einen himmlichen Duft, und ist (ganz und gar) gesund.


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
divya-dehaḥ : (einer, dessen) Körper (Deha, Nom. Sg. m.) göttlich, himmlich (ist, Divya)
ca : und (Cha, Partikel)
tejasvī : strahlend, leuchtend (ist, Tejasvin, Nom. Sg. m.)
divya-gandhaḥ : (einer, dessen) Geruch, Duft (Gandha, Nom. Sg. m.) göttlich, himmlich (ist)
tu : aber (Tu, Partikel)
arogavān : gesund (der "keine Kranhkeit hat", Arogavat, Nom. Sg. m.)
sampūrṇa-hṛdayaḥ : (einer, dessen) Herz (Hridaya, Nom. Sg. m.) erfüllt ist (Sampurna)
śūnye : in der Leere (Shunya, d.h. des Anahata Chakra, Lok. Sg. n.)
ārambhe : (wenn) im Anfang(szustand der Ton gehört wird, Arambha, Lok. Sg. m.)
yogavān : der Yogi (der "über Yoga verfügt", Yogavat, Nom. Sg. m.)
bhavet : (dann) wird (bhū, Verb)

Erläuterungen

  • Die Nominative (Prathama) divya-dehaḥ, divya-gandhaḥ und sampūrṇa-hṛdayaḥ beziehen sich als adjektivische Komposita (Bahuvrihi) auf das Substantiv yogavān und stehen daher ebenfalls im Nominativ Singular Maskulinum, ebenso die Adjektive tejasvī und arogavān.
  • Die Verbindungspartikel ca "und" steht nie am Satzanfang und wird dem Wort, auf das sie sich bezieht, nachgestellt. Hier schließt sie den vorliegenden Vers inhaltlich eng an den vorangehenden Vers (HYP 4.70) an.
  • Die Partikel tu "aber, jedoch, wiederum" steht häufig metri causa, d.h. "aus metrischen Gründen" bzw. "um das Versmaß aufzufüllen".
  • Der Lokativ ārambhe ("am Anfang") steht hier verkürzt für Arambha Avastha, den ersten von vier Zuständen, die im Zusammenhang mit der Meditation auf den unangeschlagenen Ton (Anahata Nada) beschrieben werden.
  • Der Nominativ yogavān ist das logische Subjekt (Agens, Kartri) der Verbalhandlung bhavet.
  • Die Verbform bhavet ("er wird, sollte sein") ist die 3. Person Singular Optativ (Präsens Aktiv bzw. Parasmaipada) der Verbalwurzel bhū "sein, werden" (1. bzw. Bhu Klasse). Der Optativ drückt hier eine Möglichkeit aus, die in der Zukunft eintritt.
  • Sandhi: Die Form divya-dehaś steht für divya-dehaḥ, da Visarga () vor palatalem c zu ś wird. Die Form divya-gandhas steht für divya-gandhaḥ, da Visarga () vor dentalem t zu s wird. Die Form śūnya steht für śūnye, da e vor langem ā zu a wird. Die beiden durch den Sandhi entstandenen, an der Wortgrenze aufeinanderstoßenden a-Laute in śūnya ārambhe dürfen nicht wie zwei ursprüngliche a-Laute zu einem langen ā zusammengezogen werden, sondern werden getrennt gesprochen (mit Stimmabsatz bzw. "Hiatus").


Metrische Analyse des 1. und 2. Pada

Betrachten wir das erste (Prathama) und dritte (Dvitiya) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari दि व्य दे श्च ते स्वी दि व्य न्ध स्त्व रो वान्
Transliteration di vya de ha śca te ja svī di vya ga ndha stva ro ga vān
Silbenlänge lang* kurz lang lang* kurz lang lang* lang lang* kurz lang* lang* kurz lang kurz lang
Symbol υ υ × υ υ υ ×


Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten, so dass die letzte Silbe eines Pada stets als lang gilt, unabhängig von ihrer tatsächlichen Kürze oder Länge (× "Anceps"). Die Positionslänge der 1., 4. und 7. Silbe (Pada 1) bzw. der 1., 3. und 4. Silbe (Pada 2) ergibt sich durch die Aufteilung in div-ya, ha-śca und jas-vī bzw. div-ya und gan-dhas-tva.


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