Sanskrit Kurs Lektion 33

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Der Optativ (3)

In Lektion 31 und 32 haben wir die Verwendung des Optativs betrachtet.


Bildung

Innerhalb der 10 Verbklassen des Sanskrit unterscheidet sich die Bildung des Optativs, je nachdem, ob eine Verbalwurzel‏‎ (Dhatu) der thematischen oder der athematischen Konjugation angehört (näheres findest du hier).

In den athematischen Klassen, also der 2., 3., 5., 7., 8. und 9. Klasse bzw. der Ad-, Hu-, Su-, Rudh-, Tan- und Kri-Klasse, endet die 3. Person Singular eines Verbs auf -yāt (adyāt "er möge essen").


Übersicht: Optativ der 3. Person Singular einiger wichtiger Verben

In der folgenden Übersicht erscheinen einige wichtige Verben der athematischen Verbklassen unter folgenden Aspekten: Verbalwurzel (Dhatu) nebst Klasse und Hauptbedeutung(en), der davon abgeleitete (schwache) Präsensstamm, die gebeugte (konjugierte) Form der 3. Person Singular Optativ Aktiv der Gegenwart (Präsens, Vartamana):

Verbalwurzel Klasse Bedeutung der Wurzel Präsensstamm 3. Person Singular Übersetzung
ad 2. essen ad- adyāt er (sie, es) möge essen
as 2. sein s- syāt er möge sein
i 2. gehen i- iyāt er möge gehen
hu 3. opfern juhu- juhuyāt er möge opfern
3. geben dad- dadyāt er möge geben
dhā 3. setzen, stellen, legen dadh- dadhyāt er möge setzen, er möge stellen, er möge legen
su 5. auspressen sunu- sunuyāt er möge auspressen
śru 5. hören śṛṇu- śṛṇuyāt er möge hören
rudh 7. zurückhalten, einschließen rundh- rundhyāt er möge zurückhalten, er möge einschließen
yuj 7. verbinden yuñj- yuñjyāt er möge verbinden
tan 8. dehnen tanu- tanuyāt er möge dehnen
kṛ 8. machen, tun kur(u)- kuryāt er möge machen, er möge tun
krī 9. kaufen krīṇī- krīṇīyāt er möge kaufen
bandh 9. binden badhnī- badhnīyāt er möge binden


Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem ersten Kapitel (Upadesha), das der Asana-Praxis gewidmet ist. Der 68. Vers, der zwei Verbformen im Optativ enthält, betont die Bedeutung der Übungspraxis.


क्रियायुक्तस्य सिद्धिः स्यादक्रियस्य कथं भवेत् |
न शास्त्रपाठमात्रेण योगसिद्धिः प्रजायते || १.६८ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
kriyāyuktasya siddhiḥ syād akriyasya kathaṃ bhavet |
na śāstrapāṭhamātreṇa yogasiddhiḥ prajāyate || 1.68 ||


  • vereinfachte Transkription:
kriyayuktasya siddhih syad akriyasya katham bhavet |
na shastrapathamatrena yogasiddhih prajayate || 1.68 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
kriyā-yuktasya : einem, der mit der (Yoga-)Praxis ("Tätigkeit", Kriya) aktiv ("verbunden" Yukta, Gen. Sg. m.) ist
siddhiḥ : Erfolg, Vollkommenheit (Siddhi, Nom. Sg. f.)
syāt : wird ("sei", as, Verb)
akriyasya : dem Untätigen (Akriya, Gen. Sg. m.)
katham : wie (Katham, Frageadverb)
bhavet : sollte (bhū, Verb)
na : nicht (Na, Partikel)
śāstra-pāṭha-mātreṇa : durch bloßes (Matra, Instr. Sg. n.) Lesen, Rezitieren (Patha) der Lehrtexte, (Yoga-)Schriften (Shastra)
yoga-siddhiḥ : Erfolg, Vollkommenheit (Siddhi, Nom. Sg. f.) im Yoga
prajāyate : entsteht, wird erzeugt (pra + jan, Verb)


  • Übersetzung:
Einem, der mit der Yogapraxis verbunden ist, wird Erfolg zuteil - wie sollte er dem Untätigen zuteil werden?
Vollkommenheit im Yoga entsteht nicht aus dem bloßen Lesen der Lehrtexte.


Erläuterungen

  • Die beiden Genitive (Shashthi) kriyā-yuktasya und akriyasya sind Komposita (Samasa) des Typs Tatpurusha bzw. Bahuvrihi. Sie stehen in syntaktischer Beziehung zum Nominativ siddhiḥ und bezeichnen den, dem Erfolg im Yoga (nicht) zuteil wird.
  • Der Nominativ (Prathama) siddhiḥ ist das logische Subjekt (Agens, Kartri) der Verbalhandlungen syāt und bhavet.
  • Die Verbform syāt ("es wird sein") ist die 3. Person Singular Optativ der Gegenwart der Verbalwurzel (Dhatu) as. Der Optativ drückt hier einen Zustand aus, der in der Zukunft mit Wahrscheinlichkeit eintreten wird.
  • Die Verbform bhavet ("es sollte oder könnte sein") ist die 3. Person Singular Optativ der Gegenwart der Verbalwurzel bhū. Der Optativ drückt hier in Verbindung mit einer rhetorischen Frage einen Zustand aus, der in der Zukunft mit Wahrscheinlichkeit nicht eintreten wird.
  • Der Instrumental (Tritiya) śāstra-pāṭha-mātreṇa steht als Instrument der Handlung (Karana) in syntaktischem Zusammenhang zum Verb prajāyate.
  • Der Nominativ yoga-siddhiḥ ist ein Kompositum des Typs Tatpurusha. Er ist das logische Subjekt der Verbalhandlung prajāyate.
  • Die Verbform prajāyate ("es entsteht") ist die 3. Person Singular Indikativ (Präsens Medium bzw. Atmanepada) von der Verbalwurzel jan "entstehen, geboren werden".
  • Sandhi: Im Instrumental śāstra-pāṭha-mātreṇa wird das n der Endung durch das vorangehende r (Repha) zu , d.h. es wird "zerebralisiert".


Auflösung und Übersetzung der Komposita

  • Das Kompositum a-kriyasya (Gen. Sg. m.) gehört zum Typ des Bahuvrihi. Es ist aus dem weiblichen Substantiv kriyā "Aktivität, Tun" gebildet, dem die Negationspartikel a- vorangestellt wurde. Aus dem so entstandenen a-kriyā "Nicht-Aktivität" wird ein Bahuvrihi mit der Bedeutung: "einer, der keine Aktivität hat, ein Untätiger". Als adjektivisches Kompositum bezeichnet es hier einen Yogi, der "untätig" ist, d.h. der seine Übungspraxis vernachlässigt.
  • Das Kompositum śāstra-pāṭha-mātreṇa (Instr. Sg. n.) erfordert eine systematische Auflösung von rechts nach links: "durch bloßes (°mātreṇa) Lesen oder Rezitieren (°pāṭha°) der Lehrtexte bzw. (Yoga-)Schriften (śāstra°)".
  • Das Kompositum yoga-siddhiḥ (Nom. Sg. f.) vom Typ Tatpurusha ergibt, von rechts nach links aufgelöst, "Erfolg bzw. Vollkommenheit im Yoga".


Metrische Analyse des 3. und 4. Pada

Betrachten wir das dritte (Tritiya) und vierte (Chaturtha) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal (auf den noch ein Konsonant folgen kann), oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari शा स्त्र पा मा त्रे यो सि द्धिः प्र जा ते
Transliteration na śā stra ṭha tre ṇa yo ga si ddhiḥ pra ya te
Silbenlänge kurz lang kurz lang kurz lang lang lang** lang kurz lang* lang* kurz lang kurz lang
Symbol υ υ υ υ υ υ

Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten**. Die Positionslänge der 3. und 4. Silbe in Pada 4 ergibt sich durch die Aufteilung in sid-dhiḥ pra.

**Unabhängig von ihrer eigentlichen Kürze oder Länge gilt die 8. bzw. letzte Silbe eines Versviertels stets als lang, da ihr eine Pause folgt.


Weblinks

Seminare

Sanskrit und Devanagari

10.11.2017 - 12.11.2017 - Sanskrit

Erlernen der Devanagari-Schrift zum korrekten Aussprechen der Mantras.

Dr. phil. Oliver Hahn

Siehe auch