Gautamiya Tantra
Gautamiya Tantra (Sanskrit: Gautamīya Tantra), auch Gautamiya Mahatantra genannt, ist eine Vishnu und besonders Krishna gewidmete Tantra-Schrift. Im Gespräch zwischen dem Seher Gautama und Narada entfaltet sie einen Weg aus Mantra, Hingabe, ritueller Verehrung und innerer Sammlung. Das Werk umfasst 32 Kapitel. Es verbindet die liebevolle Hinwendung zu Krishna und Gopala mit der Frage, wie ein Mensch zur Erkenntnis seines tiefsten Wesens und zur Befreiung gelangt.
Schon der Anfang macht diesen Weg anschaulich: Gautama verneigt sich, singt Gottes Lob, wiederholt den Mantra und meditiert im Herzen. Körper, Stimme und Geist wirken zusammen. Seine Frage gilt einem Mantra, der Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft offensteht und auch Frauen zugänglich ist. Damit beginnt das Werk bei einem menschlich nahen Anliegen: Wie kann die Verbindung mit dem Göttlichen im eigenen Leben wirksam werden?
Das Gautamiya Tantra gehört in das Umfeld der vaishnavischen tantrischen Verehrung und wird in der Einleitung der Jyotsnā-Ausgabe mit der Pāñcarātra-Tradition verbunden. Seine ausgeprägte Krishna-Frömmigkeit prägt die äußeren und inneren Übungen. Die Titel Tantra und Mahatantra bezeichnen in den hier verwendeten Ausgaben dasselbe Werk mit 32 Kapiteln; Unterschiede im Wortlaut und in der Verszählung bleiben dennoch zu beachten.
Gautamiya Tantra Artikel hier im Wiki: Gautamiya Tantra Hauptartikel mit Erläuterung und Übersetzung · Sanskrit in IAST · Sanskrit in Devanagari · Inspirierende Verse und Mantras
Was Yoga-Aspiranten aus dem Gautamiya Tantra lernen können
Die folgende Betrachtung ist eine spirituelle Interpretation für heutige Übende. Sie unterscheidet sich von der anschließenden versweisen Übersetzung.
Hingabe kann alle Kräfte sammeln. Gautamas Verneigung, Lobpreis, Japa und Herzensmeditation in den Versen 1.1–1.2 zeigen verschiedene Ausdrucksformen derselben Ausrichtung. Du kannst daraus die Anregung mitnehmen, eine kleine tägliche Übung mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu gestalten. Entscheidend ist dabei die innere Teilnahme.
Geistige Reife lässt Raum für neue Fragen. Obwohl Gautama als kundig beschrieben wird, fragt er Narada voller Bescheidenheit um Rat (1.3–1.4). Svadhyaya, eigenes Nachdenken und das Lernen bei einem Guru können sich gegenseitig vertiefen.
Mantra kann eine Beziehung der Liebe sein. Der Vers 1.21 spricht ausdrücklich von Hingabe, deren Merkmal Liebe ist. Japa gewinnt hier eine persönliche Tiefe: Das wiederholte Wort wird zum Ausdruck der Verbundenheit mit Krishna. Eine heutige Übung kann darin bestehen, den vertrauten Mantra aufmerksam und mit freundlichem Herzen zu wiederholen.
Die Frucht der Praxis reicht über einzelne Wünsche hinaus. Das erste Kapitel nennt äußeres Wohlergehen, endet aber mit der Verheißung der Befreiung. Für die eigene Sadhana kann dies bedeuten, Wünsche ehrlich wahrzunehmen und zugleich offen für eine tiefere Veränderung zu bleiben.
Die späteren Kapitel erweitern diesen Weg um Pranayama, Nyasa, Puja, Kundalini und Dhyana. Das Schlusskapitel behandelt ausdrücklich die acht Glieder des Yoga, Samadhi und befreiende Erkenntnis. Diese Themenübersicht ersetzt nicht ihre noch ausstehende vollständige Übersetzung.
Aufbau des Werkes
Die folgende Übersicht folgt dem Inhaltsverzeichnis der Ausgabe von 1977. Sie gibt Themen an und ist keine Kapitelübersetzung.
- 1. Kapitel: Der Krishna-Mantra und seine Verheißung.
- 2. Kapitel: Mantra, Bija, Shakti, Nyasa und Pranayama.
- 3. Kapitel: Besondere Formen des Nyasa.
- 4. Kapitel: Vrindavan und die Meditation über Krishna.
- 5. Kapitel: Guru, Schüler, Einweihungszeiten und heiliger Ort.
- 6. Kapitel: Ritualraum, Feuerstätte und vorbereitende Handlungen.
- 7. Kapitel: Diksha, Guru-Meditation und tägliche Verehrung.
- 8. Kapitel: Vaishnava-Reinigung und Vorbereitung des Mandalas.
- 9. Kapitel: Bhutashuddhi, Chakras und Pranayama.
- 10. Kapitel: Verehrung Krishnas, Götterbilder, Gaben und Mudras.
- 11. Kapitel: Homa und Weihe des Feuers.
- 12. Kapitel: Träume, Opfer und Darbringung an Brahman.
- 13. Kapitel: Mantra-Einweihung und Verpflichtungen des Schülers.
- 14. Kapitel: Purashcharana, Mala und Japa.
- 15. Kapitel: Krishnas Verehrung zu den Tageszeiten.
- 16. Kapitel: Gopala-Mantra und Gopala-Meditation.
- 17. Kapitel: Mantra-Anwendungen und zugeschriebene Früchte.
- 18. Kapitel: Weitere Mantra- und Yantra-Anwendungen.
- 19. Kapitel: Japa, Opfergaben und ihre Verheißungen.
- 20. Kapitel: Krishna-Mantras und Übungsregeln.
- 21. Kapitel: Der zweiundzwanzigsilbige Mantra.
- 22. Kapitel: Gopala-Pinda-Mantra und Yantra.
- 23. Kapitel: Mantra-Entfaltung und Kama-Gayatri.
- 24. Kapitel: Weitere Krishna-Mantras und Meditationen.
- 25. Kapitel: Mantras, Guru-Verehrung und Puja.
- 26. Kapitel: Weitere Mantras mit Japa, Homa und Meditation.
- 27. Kapitel: Trailokyamohana-Mantra und Vishnu-Gayatri.
- 28. Kapitel: Zehnsilbiger Mantra und Begleitverehrung.
- 29. Kapitel: Purushottama-Mantra und Yantra.
- 30. Kapitel: Mantra-Siddhi und Mantra-Samskaras.
- 31. Kapitel: Lebensführung, tägliche Praxis und Festtage.
- 32. Kapitel: Yoga, Nadis, Chakras, Samadhi und Befreiung.
1. Kapitel – Der Krishna-Mantra und seine Verheißung
Gautama sucht einen Mantra, der vielen Menschen offensteht und sie zur Erfüllung ihres spirituellen Strebens führt. Narada antwortet mit einem Lob des zehnsilbigen Krishna-Mantras. Die Verse verbinden die religiösen Verheißungen ihrer Zeit mit einem bleibenden Leitgedanken: Aus Mantra-Praxis soll liebevolle Hingabe wachsen.
Gautamas Hinwendung und Frage:
1.1 Der weise, ehrwürdige Seher Gautama lebte in Siddhashrama. Er widmete sich Tapas, spiritueller Disziplin, und Svadhyaya, dem Studium der heiligen Lehren, und war dem höchsten göttlichen Wesen in Hingabe verbunden.
1.2 Mit geneigtem Haupt verneigte er sich vor Krishna, mit seiner Stimme pries er Janardana. An den Fingern zählte er den Japa für den Herrn des Opfers, während er im Herzen beständig über Hari meditierte.
1.3 Er kannte den Wesenskern der heiligen Offenbarung und war mit den überlieferten Erzählungen und Puranas vertraut. Er verstand sich auf die Anwendung von Mantras und Heilmitteln sowie auf die grundlegenden Lehren des Yoga. [Lesung unsicher: Die Wortverbindung im dritten Versviertel ist grammatisch auffällig.]
1.4 Im Streben nach Dharma, Wohlergehen, Erfüllung und Befreiung verneigte sich dieser ausgezeichnete Brahmane vor Narada. Voller Bescheidenheit richtete er folgende Frage an ihn:
1.5 „Ehrwürdiger! Mantras, die Wünsche erfüllen, gelten als feindlich, neutral oder freundlich. Sie bringen unterschiedliche Früchte hervor; nicht alle diese Früchte werden einem einzigen Mantra zugeschrieben.
1.6 Wir haben gehört, dass die Mantras nicht alle dieselben Früchte schenken. Welcher Mantra ermöglicht die Erlangung aller Früchte und ist allen ein Freund?
1.7 Lehre mich, Ehrwürdiger, jenen Mantra, zu dem Menschen aller gesellschaftlichen Stände Zugang haben, der auch für Frauen geeignet ist und mit geringer Mühe Frucht bringt.
1.8 Denn in der Welt des Beweglichen und Unbeweglichen gibt es nichts, das dir unbekannt wäre.“ Als der hervorragende Seher dies hörte, verneigte er sich vor Vishnu und sprach:
Narada spricht:
1.9 „Du hast gut gefragt. Auch ich habe einst so gefragt, und der Lotusgeborene gab mir Antwort. Was der aus sich selbst hervorgegangene Brahma mir mitteilte, will ich dir ebenso weitergeben.
1.10 Durch den Japa des Krishna-Mantras werden alle Wünsche erfüllt, o Brahmane. Unter den verschiedenen Mantra-Gruppen wird die Vishnu geweihte als die höchste bezeichnet.
1.11 Unter den Mantras für Ganesha, Shiva, Shakti und Vishnu tragen die Krishna-Mantras besonders reiche Früchte, o du, der gute Gelübde hält.
1.12 Insbesondere dieser zehnsilbige Mantra schenkt durch seinen Japa Vollendung. Schon durch die Kenntnis dieses Mantras erlangt man die vierfache Befreiung.
1.13 Für die aufgehäuften Baumwollfasern der Unwissenheit ist er das verzehrende Feuer, o Herr der Seher. In den Welten gibt es keinen Mantra, der ihm gleicht.
1.14 Wird Krishna durch ihn verehrt, so zeigt er sich sogleich gnädig. Ich werde dir das Wesentliche darüber in Kürze mitteilen. Höre mir aufmerksam zu.
1.15 Der Lotusgeborene erlangte die Vorrangstellung, Shachis Gemahl Indra die Herrschaft über die Götter. Die Götter gewannen den Himmel, Brihaspati die Meisterschaft über die Rede. [Lesung unsicher: „Vorrangstellung“ folgt der wahrscheinlichen Lesung āgryaṃ; die Hindi-Erklärung deutet den ersten Halbsatz abweichend.]
1.16 Auch Garuda wurde zum Herrn der Vögel, o ausgezeichneter Brahmane. Ein anderer erlangte durch die Verehrung Krishnas die Herrschaft über den Reichtum.
1.17 Indem Chandra, der Mondgott, Krishna mit diesem Mantra verehrte, wurde er allen lieb. Auch Kamadeva, der Gott des Begehrens, bringt durch ihn alle Welten unter seinen Einfluss.
1.18 Er ist der höchste unter den Mantras und das tiefste unter den Geheimnissen. Wer diesen König der Mantras erkennt, findet die Erfüllung seines Strebens.
1.19 Er erhält Söhne, Reichtum, Redegewandtheit, Glück und Vieh. Er wird anziehend, geachtet und lobenswert, gewinnt Ansehen und einen guten Ruf.
1.20 Er wird den Menschen aller Welten lieb und erlangt umfassendes Wissen. Durch diesen Mantra haben die nach Befreiung Strebenden in den drei Welten Befreiung gefunden.
1.21 Durch diesen Mantra erwächst dem Mantrakundigen eine Hingabe, deren Wesen Liebe ist. Er wird zur Verkörperung aller heiligen Pilgerstätten und heiligt alle heiligen Orte. [Der Bezug des zweiten Halbsatzes ist nicht eindeutig; die Jyotsnā-Erklärung bezieht ihn auf den Mantra.]
1.22 Unbezwingbar wie die Sonne und stets rein wie das Feuer; wie Shankara ein Herr der Vollendungen und wie Vishnu eine beständige Zuflucht. [Lesung unsicher: Die Vergleichsformen und der Bezug auf Mantra oder Mantrakundigen sind in diesem Vers nicht eindeutig.]
1.23 Wozu noch viele Worte? Höre das Geheimnis, Gautama: Dieser Mantra schenkt Befreiung. Was bedarf es weiterer langer Erklärungen?“
So endet im Gautamiya Tantra das erste Kapitel über die Früchte des zehnsilbigen Mantras.
2. Kapitel – Mantra, Nyasa und Pranayama
Dieses Kapitel betrachtet den Krishna-Mantra als Ausdruck der göttlichen Wirklichkeit. Es verbindet Lautdeutung, die Heiligung des Körpers durch Nyasa, die inneren Zentren und Pranayama. Die technischen Beschreibungen geben die überlieferten Rituale wieder; sie sind keine Anleitung zur selbständigen Durchführung fortgeschrittener Atem- oder Einweihungspraktiken.
2.1 Gautama sprach: „Du kennst das Wesen aller Veden und bist mit sämtlichen Agamas vertraut. Lehre mich nun, o Brahmane, den zehnsilbigen König der Mantras.“
2.2 Narada sprach: „Jetzt erkläre ich die von den Sehern überlieferte Ordnung: die Mantras mit ihren Sehern, Versmaßen und Gottheiten, der Reihe nach. [Lesung unsicher im Wortlaut des zweiten Halbverses.]
2.3 Man entnehme den auf kha folgenden Laut und verbinde ihn mit dem dreizehnten Vokal; sodann pa mit dem vierten Vokal sowie die beiden Laute, die auf cha und dha folgen. [Die verschlüsselte Buchstabenbezeichnung wird hier wörtlich erklärt.]
2.4 Dann nehme man den als „Nektar“ bezeichneten Laut, zusammen mit dem verdoppelten, als „Fleisch“ bezeichneten Laut; darauf den vierten Laut der betreffenden Reihe mit dem „Mundkreis“ und den als „Wind“ bezeichneten Laut, verbunden mit svāhā. [Einzelne Lautbezeichnungen sind unsicher. Die Jyotsnā-Erklärung löst die Folge als gopījanavallabhāya svāhā auf.]
2.5 So wird der zehnsilbige Mantra beschrieben, der sichtbare und unsichtbare Früchte schenkt. Ich erläutere nun sein Bīja, seinen Keimlaut, und seine Shakti, o Kenner des Brahman. [Der Satzschluss der Sanskritfassung ist grammatisch unsicher.]
2.6 Der Brahman-Laut wird mit Maya, dem bezeichneten Mantra-Laut, Nada und Bindu verbunden. Dies wird sein Bīja genannt: das höchste Wesen Krishnas. [Die Jyotsnā-Erklärung nennt klīṃ; die verschlüsselte Lautbeschreibung bleibt in Teilen unsicher.]
2.7 Der als „Samen“ bezeichnete Laut wird mit dem „Nektar“-Laut und dem „Mundkreis“ verbunden, dann der „Himmels“-Laut ebenfalls mit dem „Mundkreis“: So wird die höchste Shakti beschrieben. [Die Kontrollquelle erklärt die Formel als svāhā.]
2.8 Diese höchste Kraft ist fein, ewig und schenkt Bewusstheit. Ishvara ist der Keim der Welten; die ungeborene Shakti trägt die Eigenschaften der Natur in sich.
2.9 Als höchstes Selbst, Erkenntnisvermögen, Lebenswind und Kundalini soll man Bīja und Shakti in allen Mantras vierfach betrachten.
2.10 Darin gibt es ein gemeinsames Dreifaches, das nun erläutert wird. Ishvara ist der ursprüngliche Keim der Welten; dieser wird Brahman genannt. [Der genaue Bezug des „Dreifachen“ bleibt unsicher.]
2.11 Die Kraft, welche die Eigenschaften der Natur trägt, wird seine Maya genannt. Prakriti und Purusha sind ewig; dazu tritt die Zeit, o Edler.
2.12 Die Wirklichkeitsprinzipien, Ishvara und Brahman werden genannt, letzteres als fünftes. [Lesung unsicher: Die anschließende Zuordnung von Purusha und der als „vierte“ bezeichneten Prakriti ist in beiden OCR-Fassungen nicht zuverlässig verständlich.]
2.13 [Lesung unsicher: Der erste Halbvers ordnet die Tattvas und die Zeit bestimmten Lautgestalten zu; deren Bezeichnungen sind nicht sicher zu bestimmen.] Nada wird Ishvara genannt; Bindu ist reines, lebendiges Bewusstsein.
2.14 Allein durch die unmittelbare Erkenntnis dessen wandelt man als zu Lebzeiten Befreiter auf der Erde. Man ist dann weder von Zeitbestimmungen noch von heiligen Pilgerstätten abhängig.
2.15 Die höchste Offenbarung erklärt, die Welt sei aus klīṃ erschaffen worden. Aus dem Laut ī entstand das Feuer, aus Nada entstand der Wind. [In der Hauptausgabe steht hierzu außerdem die Variante: „Aus ka entstand die Erde; aus la wird das Wasser bezeichnet.“]
2.16 Aus Bindu entstand der Raum; so umfasst der Mantra die Elemente. Mit sva wird der Kenner des Feldes bezeichnet, mit ha die höchste Bewusstseinsnatur. [Die Lesung ha wird durch die Erklärung der Kontrollquelle gestützt.]
2.17 Der als „Mundumschließung“ bezeichnete Laut drückt das Hervorgehen ihrer Einheit aus. Deshalb findet die Welt im Lautgefüge svāhā ihre Auflösung. [Lesung unsicher in der ersten Lautbezeichnung.]
2.18 Gopī soll man als Prakriti verstehen, jana als die Gesamtheit der Wirklichkeitsprinzipien. Ishvara ist ihre Ursache, indem er beide trägt und durchdringt.
2.19 Mit vallabha wird das höchste Licht bezeichnet, das ganz und gar Seligkeit ist. Die höchsten heiligen Worte sagen: „Mit drei Vierteln erhob sich Purusha darüber hinaus.“
2.20 Durch die Aussprache des Bīja tritt die Natur des Bewusstseins hervor; durch vallabha die Einheit mit ihm, durch svāhā die Auflösung der Unwissenheit.
2.21 So ist dir, o Seher, die von Brahman bestätigte Wahrheit erklärt. Oder man versteht gopī als Prakriti und jana als den Kreis ihrer Teilgestalten.
2.22 Als Geliebter und Herr beider wird Ishvara verstanden, der Krishna heißt. Deshalb besingt ihn die Offenbarung als Herrn von Wirkung und Ursache.
2.23 Oder er ist der Herr der Gopis, die durch viele Geburten zur Vollendung gelangt sind. Er heißt Nandas Sohn, der die Freude der drei Welten mehrt.
2.24 Der Mantra-Übende soll ihn mit gereinigtem Geist betrachten, um die Fülle der Klarheit zu erlangen: als Zeugen und Bewussten aller zehn Prinzipien, als den Unvergänglichen.
2.25 Dieser höchste König der Mantras ist als der Zehnsilbige bekannt. Weil sein Bīja bei der eigentlichen Zählung ausgelassen bleibt, wird er „zehnsilbig“ genannt.
2.26 Sein Japa mit vorangestelltem Bīja ist das hier mitgeteilte Geheimnis, o Seher. Sein Seher ist Narada; sein Versmaß wird Virāj genannt.
2.27 Seine Gottheit ist Shri Krishna, seine übergeordnete Gottheit Durga. Wer den Mantra unmittelbar aus Maheshvaras Mund vernommen hat und ihn durch Tapas ...
2.28 ... mit reinem Wesen zur Wirksamkeit bringt, wird sein Seher genannt. [Lesung unsicher: Der zweite Halbvers verbindet die Vorrangstellung des Guru bzw. Sehers mit dem Haupt und den vier Lebenszielen; der Satz ist in der Hauptquelle verkürzt.]
2.29 Ohne Kenntnis von Seher und Versmaß wird man der Frucht des Mantras nicht teilhaftig. Bei denen, die seinen Anwendungszweck nicht kennen, nimmt die Kraft der Mantras ab.
2.30 Nun erkläre ich den Mantra-Nyasa, der sichtbare und unsichtbare Früchte schenkt. Die zehn Laute werden jeweils von Om eingerahmt und mit namaḥ abgeschlossen.
2.31 Der Nyasa vom rechten Daumen bis zum Ende der linken Hand wird „Schöpfung“ genannt. Der Weg vom linken Daumen zum Ende der rechten Hand heißt „Auflösung“.
2.32 Die an beiden Händen mit dem Daumen beginnende Anordnung gilt als „Erhaltung“. Die auflösende Anordnung wird als Beseitigung der angehäuften Unreinheiten beschrieben.
2.33 Die mit Schöpfung endende Folge schenkt den Schülern reinen Geistes Wissen; die mit Erhaltung endende gehört den Hausvätern. Die drei Formen richten sich nach dem angestrebten Ziel. Manche bevorzugen für Waldeinsiedler den Abschluss mit Erhaltung, für Seher und vollständig Entsagende den Abschluss mit Auflösung. [Lesung unsicher in einer Gruppenbezeichnung. Die Hauptquelle fasst hier mehrere Halbverse unter einer Nummer zusammen.]
2.34 Die drei Nyasas sollen regelmäßig ausgeführt werden; wer dazu nicht imstande ist, vollzieht einen. Der Mantra-Übende ordnet ebenso die Laute dem Körper zu. [Die Kontrollquelle liest „nur einen“.]
2.35 Er ordnet sie dem Ansatz des Armes, dem Ellenbogen, dem Handgelenk, den Fingeransätzen und den Fingerspitzen zu; entsprechend verfährt er an den Füßen.
2.36 Vom Armansatz aus beginnt die Schöpfungsfolge, vom Handgelenk aus die Erhaltungsfolge, von den Fingerspitzen aus die Auflösungsfolge. Die Dreierfolge soll mit der Erhaltung enden.
2.37 Danach wird der Nyasa an den Fingern beschrieben: „ācakrāya svāhā, aṅguṣṭhābhyāṃ namaḥ“ – Verehrung an den beiden Daumen.
2.38 An den Zeigefingern spricht man „vicakrāya svāhā“, an den Mittelfingern „sucakrāya svāhā“, mit der jeweiligen Verehrungsformel. An den Ringfingern folgt „trailokyarakṣaṇacakrāya svāhā“, für den die drei Welten schützenden Diskus. [In der Hauptquelle ein verlängerter Vers.]
2.39 An den kleinen Fingern erfolgt die Verehrung mit „asurāntakacakrāya svāhā“, für den die Asuras bezwingenden Diskus. Die linke Hand ist Rukmini, die Naturkraft, unmittelbar von der Gestalt des Nektars.
2.40 Die rechte Hand wird Purusha genannt, das Licht in Vishnus Gestalt. Durch die Vereinigung beider Hände tritt so das höchste Prinzip hervor.
2.41 Deshalb gilt dies als Reinigung sämtlicher Gegenstände. Der Lehrer führt sodann mit den Gliedermantras den fünffachen Anga-Nyasa aus.
2.42 Wo der Mantra fünf Glieder besitzt, wird die Augenformel ausgelassen. [Lesung unsicher: Die Hauptquelle verbindet ācakrāya mit der Hauptformel śirase svāhā. Die Kontrollquelle verteilt die Herzformel mit ācakrāya und die Hauptformel mit vicakrāya auf mehrere zusätzliche Verse; die Hauptfassung ist hier verkürzt oder beschädigt.]
2.43 Man vollzieht die Zuordnung am Haupt ebenso mit den Fingern. Dann spricht man „sucakrāya svāhā, śikhāyai vaṣaṭ“ für den Scheitelhaarbereich.
2.44 Nach dreimaligem Klatschen nach oben werden die zehn Richtungen durch Fingerschnippen rituell verschlossen, o hervorragender Seher. Dies wird der tägliche Nyasa genannt.
2.45 Durch den Herzmantra wird das im Herzen verehrte Selbst als Bewusstsein und als höchstes Selbst vergegenwärtigt. [Lesung unsicher: Die Hauptquelle ist syntaktisch verkürzt; die Kontrollquelle enthält das Verb „wird gemacht/vergegenwärtigt“.]
2.46 Mit dem Hauptmantra führt der Verständige die Gegenstände der Wahrnehmung in das höchste Selbst zurück, dessen Wesen Sein und Bewusstsein ist und das durch Allwissenheit und weitere Eigenschaften erhaben ist. [Lesung der Verbindung „Zurückführen der Gegenstände“ unsicher.]
2.47 Mit dem Scheitelmantra wird ehrfürchtig die feste Vergegenwärtigung der eigenen Gottheit als Bewusstseinslicht von Herz und Haupt begründet.
2.48 Mit dem Schutzpanzer-Mantra wird der Nyasa ringsum vollendet: durch das Licht der Gottheit, deren Wesen Mantra ist und die der Mantra bezeichnet.
2.49 Das Licht, das Herz und weitere Bereiche erfüllt und die höchste Erkenntnis des Selbst als Sein und Bewusstsein schenkt, wird hier „Auge“ genannt.
2.50 Was die aus Unwissenheit entstandenen Leiden des Übenden beseitigt – die inneren und die weiteren Arten –, wird als die „Waffe“, als höchstes Licht, bezeichnet.
2.51 Gautama sprach: „O Brahmane, Bester der Brahman-Kenner, dem Wohl aller Wesen hingegeben! Du bist selbst der makellose innere Lenker des göttlichen Krishna. [Der ungewöhnliche Bezug ist im Wortlaut beider Fassungen vorhanden.]
2.52 Du bist von den Mängeln der Unwissenheit frei und mit allen Gelübden verbunden. Du erschließt die Welten und kennst ihre eine Wirklichkeit.
2.53 Du bist Zeuge aller Erfahrung, von allen Welten verehrt. Nun möchte ich die Lehre hören, sofern ich ihrer würdig bin, o Edler. [Die Kontrollquelle nennt hier und in einem zusätzlichen Vers ausdrücklich den achtzehnsilbigen Mantra.]
2.54 Bitte hebe mich empor, der ich im Meer des Werdens versunken bin.“ Nachdem er ihn so gepriesen und sich wiederholt vor ihm verneigt hatte, ...
2.55 ... setzte sich der große Seher neben ihn, die Aufmerksamkeit auf sein Gesicht gerichtet. Narada sprach: „Du hast gut gefragt, o Brahmane. Auch ich habe von Brahma ...
2.56 ... diesen König der Mantras vernommen, der mit allen Veden und Agamas übereinstimmt. Seitdem habe ich, o brahmanischer Seher, die Wesensgleichheit mit Hari erlangt.
2.57 Aus Zuneigung zu dir will ich ihn mitteilen, denn du bist dem höchsten Wesen lieb. Man spricht zuerst klīṃ und dann Krishna in der vierten Fallendung, also kṛṣṇāya.
2.58 Darauf spricht man ebenso govindāya und anschließend den zehnsilbigen Mantra. Wegen deiner Hingabe und ehrfürchtigen Verneigung wurde dir dieser führende Mantra mitgeteilt.
2.59 Er ist geheimer als das Geheime und gilt als wunscherfüllendes Juwel. Die Seher um Shaunaka und andere hervorragende göttliche Wesen ...
2.60 ... gelangten durch die Erkenntnis dieses Königs der Mantras sogleich zur Wesensgleichheit mit ihm. Der Lautbestandteil kṛṣ bezeichnet Sein, ṇa das Wesen der Seligkeit. [Spirituelle Namensdeutung des Textes; die OCR-Schreibung von kṛṣ ist beschädigt.]
2.61 Das Selbst ist von der Natur der Seligkeit, weil es aus Sein und Freude besteht. Mit go ist Wissen bezeichnet; dadurch erreicht man jenes höchste Ziel. [Die Kontrollquelle liest im letzten Wort „jenen Herrn“.]
2.62 Oder go bezeichnet den Veda; durch ihn erlangt man den Alldurchdringenden. So wurde dir, o hervorragender Seher, die innere Bedeutung des Mantras erklärt.
2.63 Durch die Kraft dieser Erkenntnis wird man schon zu Lebzeiten Krishna, nicht anders. Was bedarf es weiterer Worte? Durch die Erinnerung an diesen Mantra wird der Mantrakundige ...
2.64 ... zweifellos zu Lebzeiten befreit, ja Vishnu selbst. Sein Seher ist Narada; als sein Versmaß wird Gayatri genannt.
2.65 Krishna ist seine Grundnatur, Durga seine übergeordnete Gottheit. Vasudeva, Sankarshana, Pradyumna und Aniruddha ...
2.66 ... sowie Narayana bilden die fünffache Wortgestalt des Höchsten. Die Bedeutung der Laute wurde erläutert; damit ist nun auch die Bedeutung der Wörter angegeben.
2.67 Wer dies als Mantra-Übender erkennt, erlangt die vier Lebensziele. Daran besteht kein Zweifel; wahrlich, wahrlich, Gautama.
2.68 Bīja und Shakti wurden bereits genannt, ebenso wie zuvor der Anwendungszweck. Die fünf Glieder dieses Mantras entstehen durch die Zuordnung seiner fünf Wortgruppen.
2.69 Die Laute werden am Brahmarandhra, zwischen den Augenbrauen, an der Zungenwurzel, im Halsbereich, am Herzen, am Nabel, am Geschlechtsorgan und an der Wurzel zugeordnet ...
2.70 ... sowie an beiden Nasenöffnungen, Augen und Ohren. Am Brahmarandhra wird mit dem gesamten Mantra dreimal die durchdringende Zuordnung ausgeführt. [Die Formulierung der letzten Zuordnung ist in der Hauptquelle beschädigt.]
2.71 Die fünf Wortgruppen werden auf- und absteigend am Haupt, Mund, Herzen, Nabel und an der Wurzel angeordnet. Darauf folgt der Nyasa der Gestalten von Keshava an.
2.72 Nachdem der Laut-Nyasa vollzogen ist, ordne man Keshava und die weiteren Gestalten zu. Nachdem der Laut-Nyasa vollzogen ist, ordne man Keshava und die weiteren Gestalten zu. [Diese Wiederholung steht in beiden OCR-Fassungen und wird deshalb nicht stillschweigend gelöscht.]
2.73 Wer ohne Reinigung der Elemente und ohne die Zuordnung der Schriftlaute verehrt, erhält eine entgegengesetzte Frucht – wie bei einer Verehrung ohne Hingabe.
2.74 Die Lautmutter wird zweifach beschrieben, als höchste und als äußere. Die höchste liegt innerhalb der Sushumna, die andere im äußeren Körperbereich.
2.75 Nun folgt der innere Matrika-Nyasa: im vierblättrigen, goldglänzenden Muladhara, geschmückt mit den vier Lauten va, śa, ṣa und sa.
2.76 Im sechsblättrigen Svadhishthana, das wie Blitz und Feuer leuchtet, mit va, bha, ma, ya, ra und la. [Die Lautfolge folgt der Kontrollquelle. Der Abschluss des Halbverses in A ist beschädigt; B hat hier einen eigenen Vers über den zehnblättrigen Manipura, der in A fehlt.]
2.77 Im zwölfblättrigen Anahata, das korallenfarben leuchtet, mit den Lauten von ka bis ṭha auf den Blättern, im Herzen der Yogis.
2.78 Im sechzehnblättrigen, rauchfarbenen Vishuddha, geschmückt mit den Vokalen, und im hellen zweiblättrigen Ajna Chakra, dessen Blätter ha und kṣa tragen.
2.79 Im großen Lotus des Sahasrara, mit Nada und Bindu, mit den drei von a, ka und tha ausgehenden Linien und den drei Ecken ha, la und kṣa. [Lesung unsicher: Die genaue Lautzuordnung des Dreiecks ist in den OCR-Fassungen beschädigt.]
2.80 In seiner Mitte vergegenwärtigt man den höchsten Bindu als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. So meditiere man mit gesammeltem Geist; dies ist der innere Nyasa.
2.81 Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra meditiert man über Bindu als Bewusstsein. Mit den daraus strömenden Nektarflüssen bringt man eine sättigende Gabe dar und ordnet die Matrika-Laute zu.
2.82 Jeden Laut einzeln aussprechend, mit namaḥ am Ende, vollzieht man die Zuordnung vom Muladhara bis zur Nähe der Augenbrauen. Dies heißt innerer Nyasa.
2.83 Höre nun aufmerksam den äußeren Matrika-Nyasa: an Stirn, Gesichtsumkreis, Augen, Ohren, Nase und Wangen ...
2.84 ... an Lippen, Zähnen, Haupt und Mund, an Gelenken und Enden von Armen und Beinen, an den Seiten, am Rücken, Nabel, Bauch, Herzen und Schulterbereich ...
2.85 ... am oberen Rücken und den Schultern; vom Herzen aus an beiden Händen und Füßen sowie an Bauch und Gesicht. Dort werden die Matrika-Laute in ihrer Reihenfolge zugeordnet. [Einzelne Körperbezeichnungen des ersten Halbverses sind unsicher.]
2.86 Die Matrika wird vierfach beschrieben: ohne Zusatz, mit Bindu, mit Visarga und mit beiden. Nun wird ihre geheime Bedeutung erklärt. [Die Lesung „mit beiden“ entspricht der Erklärung in B; die OCR hat śobhayā.]
2.87 Die einfache Form schenkt Wissen, die mit beiden Zusätzen Hingabe; die mit Visarga schenkt Söhne, die mit Bindu Befreiung.
2.88 Sodann vollzieht der ausgezeichnete Übende den Keshava-Nyasa. Sein Seher ist Prajapati, sein Versmaß Gayatri; die Gottheit ...
2.89 ... wird als Hari, dessen eine Hälfte Lakshmi ist, beschrieben. Nach dem sechsgliedrigen Nyasa mit dem Shri-Bīja und der Reinigung der Hände übt man die Meditation.
2.90 Man meditiert über den Höchsten, leuchtend wie die aufgehende Sonne, glänzend wie erhitztes Gold; an seinen beiden Seiten strahlen Kamala und Vasudha.
2.91 Er ist mit vielfältigem Schmuck aus kostbaren Edelsteinen geschmückt, trägt ein gelbes Gewand und hält Muschelhorn und die Keule Kaumodaki in den Händen.
2.92 Auf der linken Seite hält er Diskus und Lotus. Nach dieser Betrachtung erfolgt der Nyasa: zuerst Om, anschließend das Shri-Bīja aussprechend ...
2.93 ... ordnet man den jeweiligen Matrika-Laut zu. Ich erkläre die Anordnung: Keshava mit Kirti, Narayana mit Kanti.
2.94 Madhava mit Tushti, Govinda mit Pushti, Vishnu mit Dhriti und Madhusudana mit Shanti.
2.95 Trivikrama mit Kriya, Vamana mit Daya, Shridhara mit Medha und Hrishikesha mit Hrishti.
2.96 Ambujanabha mit Shraddha, danach Lajja mit Damodara, Vasudeva mit Lakshmi und anschließend Sankarshana ...
2.97 ... mit Saraswati, Pradyumna mit Priti, Aniruddha mit Rati, den Diskusträger mit Jaya, den Keulenträger mit Durga und den Bogenträger Sharngin mit Prabha.
2.98 Den Schwertträger mit Satya, den Muschelhornträger mit Chanda, den Pflugträger mit Vani, den Stößelträger mit Vilasini und den Speerträger mit Vijaya.
2.99 Den Schlingenträger mit Viraja, den Stachelhakenträger mit Vishva, Mukunda mit Vinada und Nandaja mit Sunanda. [Die letzte Namensverbindung ist im Vers beschädigt; die Liste der Kontrollquelle stützt Nandaja–Sunanda.]
2.100 Nandin mit Smriti, Nara mit Riddhi, Narakajit mit Samriddhi, Hari mit Shuddhi, Krishna mit Buddhi, Satya mit Bhukti und sodann Satvata ... [Lesung unsicher bei Bhukti–Satya; die Kontrollquelle enthält abweichende Angaben.]
2.101 ... mit Mati. Der Verständige ordnet sie jeweils paarweise zu, danach Shauri mit Kshama, Shura mit Rama sowie Uma mit Janardana.
2.102 Bhudhara wird mit Kledini verbunden, Vishvamurti mit Klinna, Vaikuntha mit Vasuda und Purushottama mit Vasudha. [Die Namen Klinna und Vasuda sind als vorläufige Lesungen nach der Kontrollquelle übernommen.]
2.103 Balin mit Para, Hamsa mit Prabha, Varaha mit Nisha und Vimala mit Amogha. [B enthält in diesem Bereich zusätzliche Namenspaare, die im Versbestand von A fehlen.]
2.104 Mit Vidyut und Narasimha sind die segensreichen Kräfte genannt. Nachdem man sie so den Körpergliedern zugeordnet und zuvor gesammelt meditiert hat ...
2.105 ... verehre man die Gottheit mit Hingabe und erlange die ersehnte Frucht. Dieser bei Keshava beginnende Nyasa schenkt den Verkörperten allein durch die Zuordnung ...
2.106 ... die Wesensgleichheit mit Achyuta, wahrlich, ohne Zweifel. Die Gestalten von Keshava an sind dunkel von Farbe; sie werden alle als Narayana verstanden.
2.107 Ihre vier Arme leuchten mit Muschelhorn, Diskus, Keule und Lotus. [Lesung unsicher: Der zweite Halbvers verlangt die Aussprache einer mit namaḥ verbundenen Lautform und eines Narayana-Mantras, dessen genaue Zusammensetzung hier nicht sicher lesbar ist.]
2.108 Man spricht „Selbst des Lebenshauchs“ und vergegenwärtigt keshavāya, „für Keshava“, verbunden mit Kirti; entsprechend werden die weiteren Zuordnungen vollzogen. [Lesung unsicher: Der Zusammenhang der Formelteile ist in A beschädigt.]
2.109 Nach Befreiung Strebende und Entsagende sollen diesen vorzüglichen Nyasa ausführen. Oder man vollzieht die Zuordnung mit vorangestelltem Lakshmi-Bīja.
2.110 Man erlangt Gedächtniskraft, heilige Überlieferung und die Gunst Mahalakshmis und geht schließlich in Haris Wesen ein. Wird das Vagbhava-Bīja vorangestellt, erlangt man Meisterschaft über die Rede.
2.111 Je nachdem, welcher Laut dem Nyasa vorangestellt wird, gestaltet man mit dessen Bīja die Gliederzuordnung. Danach vollzieht der Übende den Tattva-Nyasa um der Vollendung willen.
2.112 Durch diesen wird er selbst zur Gestalt der verehrten Gottheit. Die Laute von ma rückwärts bis ka werden einzeln als Bījas ausgesprochen.
2.113 Man spricht „namaḥ parāya“, „Verehrung dem Höchsten“, und sodann „tattvātmane namaḥ“, „Verehrung dem Selbst dieses Prinzips“. Die beiden Prinzipien Jiva und Prana werden genannt und am ganzen Körper zugeordnet.
2.114 Dann werden drei Prinzipien im Herzen zugeordnet: mit baṃ das als mahī gelesene Prinzip, mit phaṃ Ahamkara, das Ichbewusstsein ... [Lesung unsicher: Bezeichnung und Bīja des ersten Prinzips sind beschädigt; nicht stillschweigend zu mahat vereinheitlicht.]
2.115 ... und mit yaṃ das Denkvermögen Manas; so wird die Dreiheit zugeordnet. Danach folgt mit laṃ das Klangprinzip am Haupt. [Die Bīja-Lesung laṃ ist unsicher.]
2.116 Der Verständige ordnet das Berührungsprinzip dem Gesicht und das Gestalt- bzw. Sichtbarkeitsprinzip dem Herzen zu. [Lesung unsicher: A liest baṃ und dūṃ; die Bījas sind in der Kontrollquelle ebenfalls beschädigt.]
2.117 Mit paṃ wird das Geschmacksprinzip dem Genitalbereich, mit taṃ das Geruchsprinzip den Füßen zugeordnet. [Die erste Bīja-Lesung ist nicht gesichert.]
2.118 Mit ṇaṃ wird das Hörvermögen den Ohren zugeordnet, mit dem anschließend genannten Bīja der Tastsinn der Haut. [Lesung unsicher beim zweiten Bīja: A hat ḍhaṃ, die Kontrollquelle in ihrer Liste ṭhaṃ.]
2.119 Mit ḍaṃ wird das Sehvermögen den Augen zugeordnet, mit ṭhaṃ das Geschmacksvermögen der Zunge.
2.120 Man ordnet das Riechvermögen der Nase und das Sprachvermögen dem Ort der Rede zu. [Lesung unsicher: A hat ṭaṃ und ñaṃ; die Kontrollquelle bietet bei den Bījas abweichende, ebenfalls beschädigte Lesungen.]
2.121 Das Handlungsvermögen der Hände wird den Händen zugeordnet, das der Füße den Füßen. [Lesung unsicher beim ersten Bīja: A hat maṃ, die Liste in B phaṃ. Das zweite ist jaṃ.]
2.122 Gesammelt ordnet man mit chaṃ das Ausscheidungsvermögen dem After zu, mit caṃ das Zeugungsvermögen dem Geschlechtsorgan.
2.123 Das Raumprinzip wird dem Haupt zugeordnet; mit ghaṃ das Windprinzip dem Gesicht. [Lesung unsicher beim Raum-Bīja: A hat jhaṃ, die Kontrollquelle ṅaṃ.]
2.124 Mit gaṃ ordnet der Verständige das Feuerprinzip dem Herzen zu, mit khaṃ das Wasserprinzip dem Geschlechtsorgan.
2.125 Mit kaṃ ordnet man das Erdprinzip den Füßen zu, mit śaṃ das Prinzip des Herzlotus dem Herzen. [Die Lesung śaṃ folgt hier der Kontrollquelle; A ist beschädigt.]
2.126 Mit haṃ wird der Sonnenkreis dem Herzen zugeordnet, mit saṃ dort auch der Mondkreis.
2.127 Mit raṃ wird ebendort der Feuerkreis angeordnet, mit śaṃ das höchste Herrscherprinzip und Vasudeva am Haupt. [Die Bezeichnung des Herrscherprinzips ist unsicher.]
2.128 Das Purusha-Prinzip und Sankarshana werden dem Gesicht zugeordnet, das Weltprinzip und Pradyumna dem Herzen. [Lesung unsicher: A hat zweimal paṃ; B bietet dafür yaṃ und laṃ.]
2.129 Das Prakriti-Prinzip und Aniruddha werden dem Genitalbereich zugeordnet, das All-Prinzip und Narayana den Füßen. [Lesung unsicher: A hat yaṃ und laṃ; B bietet abweichende Bījas.]
2.130 Mit kṣauṃ werden das Zornprinzip und Narasimha dem ganzen Körper zugeordnet. Nach dieser Zuordnung der Prinzipien beginnt Pranayama. [Das Bīja wird in der Kontrollquelle anders wiedergegeben; die Formel bleibt prüfbedürftig.]
2.131 Wird der zehnsilbige Mantra verwendet, sind für das Ausatmen achtundzwanzig Wiederholungen vorgesehen; entsprechend erfolgt links das Einatmen und in demselben Maß das Anhalten.
2.132 Aus Ausatmen, Einatmen und Anhalten besteht ein Pranayama. Beim achtzehnsilbigen Mantra wird entsprechend mit zwölf Wiederholungen verfahren.
2.133 Mit dem Kama-Bīja erfolgt das Ausatmen bei einer Wiederholung, das Einatmen bei sieben und das Anhalten bei zwanzig Wiederholungen. [Die überlieferten Zahlen werden wiedergegeben; keine Empfehlung für eigenständige Atemretention.]
2.134 Bei allen Krishna-Mantras kann mit diesem Bīja verfahren werden. Oder man wiederholt bei den Mantras die Laute ihrer Reihenfolge nach ...
2.135 ... und vollzieht als Mantra-Übender Pranayama mit Ausatmen, Einatmen und Anhalten. Damit ist Mantra-Pranayama erklärt; nun beschreibe ich dir das yogische Pranayama.
2.136 Der Kundige atmet rechts während sechzehn Zeiteinheiten aus, atmet während zweiunddreißig ein und hält während vierundsechzig an. [Diese Reihenfolge und Zahlen folgen Kapitel 2; sie dürfen nicht stillschweigend dem anders formulierten Verhältnis in Kapitel 32 angeglichen werden.]
2.137 Ein Atemzug gilt als eine Zeiteinheit; so lautet eine Bestimmung der mātrā. Oder es gilt die Zeit, während der die Hand am linken Knie die bezeichnete Bewegung ausführt ...
2.138 ... als mātrā nach den Veda-kundigen Sehern. Pranayama wird zweifach beschrieben: Sagarbha und Vigarbha, mit bzw. ohne inneren Mantra-Inhalt.
2.139 Sagarbha wird mit Mantra-Japa vollzogen, die andere Form durch das Zählen der Zeiteinheiten. [A ist hier verkürzt; B unterscheidet beide ausdrücklich.] Kein Wissen und kein höchster Zustand ist größer als Pranayama ...
2.140 ... kein Yoga und kein Reichtum ist größer als Pranayama: Es gibt nichts, nichts, wahrlich nichts – so wurde es dir gesagt, o Gelübdetreuer.
2.141 Durch die Übung über ein Jahr kommt es gewiss zur unmittelbaren Erfahrung Brahmans. Was immer das Bewusstsein verhüllt, schwindet, daran besteht kein Zweifel. [Spirituelle Verheißung des historischen Textes.]
2.142 In dem von mir gelehrten Weg gibt es ohne Pranayama keinen Pfad zur Befreiung. Ohne Pranayama bleibt, so heißt es hier, die übrige Sadhana ohne Frucht. [Die Lesung „von mir gelehrt“ ist unsicher.]
2.143 Durch Pranayama erlangten die Seher Vollendung, nicht anders. Ein Yogi, der ganz darin aufgeht, ist nicht bloß ein Yogi: Er ist Shiva selbst.
2.144 Das Ein- und Ausströmen der Luft und das Halten des Lebenshauchs werden von den Kennern der Yogalehre Pranayama genannt.
2.145 Prana wird als Lebenswind bezeichnet, ayama als dessen Zurückhalten. Daher heißt diese Yogapraxis der Yogis Pranayama.
2.146 Anfang und Ende werden für den durch die Nasenöffnungen ziehenden Atem bestimmt. Man atmet durch die rechte Nasenöffnung aus und danach durch die linke ein.
2.147 Während der Mantra zweiunddreißigmal geübt wird, heißt dies Pranayama. Die Tötung eines Brahmanen, das Trinken von Alkohol und verbotene sexuelle Beziehungen ...
2.148 ... all dies verbrennt der Brahmane durch Pranayama rasch; selbst schwere Verfehlungen wie die Tötung ungeborenen Lebens sollen binnen eines Monats vernichtet werden. [Dies ist die religiöse Sühnevorstellung des Textes, keine Aufhebung ethischer Verantwortung.]
2.149 Morgens und abends werden regelmäßig sechzehn Atemzügelungen ausgeführt. Sie sollen alle Verfehlungen verbrennen wie Feuer einen Haufen Baumwolle.
2.150 Dies gilt als Sühne für alle Verfehlungen. Wie eine Schlange die Haut an ihrem Körper abstreift und unversehrt hervorkommt ...
2.151 ... so verbrennt man durch Pranayama die aus Begehren und Handeln hervorgegangene Unwissenheit. Doch wozu viele Worte? Höre das Wesentliche, Gautama.
2.152 Für die Befreiung der Yogis gibt es nichts Höheres als Pranayama. Nach dieser Atemübung ordnet man die heiligen Sitze dem Körper zu.
2.153 Die tragende Kraft, Prakriti, die Schildkröte und den Eber, die Erde, das Milchmeer und in dessen Mitte Shvetadvipa, die Weiße Insel ...
2.154 ... in ihrer Mitte das Juwelenhaus, das alle ersehnten Früchte schenkt, und im Haus den Wunschbaum, der von allen Edelsteinen hell erstrahlt.
2.155 An der rechten Schulter und dem rechten Oberschenkel sowie an den beiden entsprechenden linken Stellen werden Dharma, Erkenntnis, Nichtanhaften und göttliche Herrschaft angeordnet.
2.156 An Gesicht, Seite und im Nabelbereich erfolgen weitere Zuordnungen mit namaḥ. [Die zugehörigen Prinzipien werden in A hier nicht vollständig genannt.] Danach ordnet man im Herzen den Lotus an, der die ganze Welt umfasst.
2.157 Seine acht glänzenden Blätter sind die Naturprinzipien, seine Staubfäden ihre Entfaltungen. In seiner Mitte ordnet der Mantra-Übende den Fruchtboden mit den fünfzig Lauten an.
2.158 Mit den drei Lauten des Pranava werden die drei Kreise angeordnet, mit ihren zehn, zwölf und sechzehn Teilkräften.
2.159 A, u und m sind die Laute, welche die Teile des Pranava bilden. Sie heißen Brahma, Vishnu und Mahesha und verkörpern Gesamt- und Einzelgestalt.
2.160 In ihrer Gesamtheit sind sie das eine Brahman, dessen Wesen Sein, Bewusstsein und Seligkeit ist. Dort werden Sattva und die weiteren Eigenschaften jeweils mit ihrem Bīja angeordnet.
2.161 Entsprechend diesen Teilen ordnet der Verständige die vier Selbstformen an: Atman, Antaratman, Paramatman und Jnanatman.
2.162 Im Wachzustand ist das Selbst grobstofflich, als Vishvatman von der Gestalt der Welt. Verbunden mit dem Bīja am Anfang seines Namens wird es in der Herzmitte vergegenwärtigt.
2.163 Deshalb erfolgt seine Zuordnung im Herzen; auch die Tätigkeit der Rede gründet dort. Als inneres Wesen ist es Antaratman im Inneren des Herzens.
2.164 Es besteht aus Geist, wird Taijasa genannt und trägt die Tätigkeiten der inneren Sinne. Darum, o Seher, wird es als Antaratman besungen.
2.165 Als sein Bīja wird aṃ genannt; dieses stellt der Verständige der Zuordnung voran. Paramatman, hier mit Sushumna bezeichnet, nimmt die Unruhe des Geistes hinweg. [Die genaue Benennung des Paramatman ist unsicher.]
2.166 Wenn die Sinnestätigkeit sich auflöst, ruht es dort allein in tiefer Seligkeit. Mit dem Bīja paṃ wird Paramatman verehrt, zur Erfüllung aller Ziele.
2.167 Sankarshana, Aniruddha und Pradyumna bilden diese Dreiheit. Jnanatman ist Vasudeva, aus sich selbst hervorgegangen, von der Gestalt des erkennenden Bewusstseins, Prajna. [Die Zustandszuordnung soll nicht ohne Weiteres einem anderen Vedanta-Schema angeglichen werden.]
2.168 Wenn die drei Tätigkeitsweisen sich aufgelöst haben, bleibt einzig Bewusstsein und Seligkeit. Dieser Vasudeva ist das Selbst der Seligkeit, die höchste Natur der Bewusstseinskraft.
2.169 Ich werde sein Bīja erklären, das ganz aus Bewusstsein und Seligkeit besteht: der Raumlaut und das Feuer-Bīja, verbunden mit dem vierten Vokal ...
2.170 ... mit Nada, Bindu und Kala. Dieses Bīja ist Bewusstsein und Seligkeit, die aus den drei Veden gewonnene Essenz, die Ursache aller Ursachen.
2.171 An den Staubfäden liegen die acht Shaktis, welche die acht Formen der Natur verkörpern. Die Kraft in der Mitte heißt Para; ihr Wesen ist Bewusstsein und Seligkeit.
2.172 Die Kräfte heißen Vimala, Utkarshini, Jnana, Kriya, Yoga, Prahvi, Satya und Ishana; als neunte wird Anugraha genannt.
2.173 Nach der Zuordnung der neun Kräfte setzt man dort den großen Mantra ein: „Verehrung dem erhabenen Vishnu“, dann „dem Selbst aller Wesen“, den Namen Vasudeva in der vierten Fallendung und die Verehrung des Selbst des Yoga-Lotussitzes in der Vereinigung aller Selbstformen. [Lesung unsicher: Die lange Schlussformel ist in A beschädigt und in B anders gefasst; keine verlässlich rezitierbare Gesamtformel daraus ergänzt.]
2.174 Dies wird der Mantra des heiligen Sitzes genannt: er ist höchstes Selbst aller Wesen. Darüber meditiere man über das dunkle, zarte göttliche Licht.“
Ende des zweiten Kapitels nach der Zählung der Ausgabe von 1977.
3. Kapitel – Weitere Nyasas und die Gegenwart Vishnus
Die verschiedenen Nyasas ordnen göttliche Namen, Laute und Wirklichkeitsprinzipien dem Körper zu. So wird der Körper in der Sprache des Rituals zu einem Ort der Gegenwart Vishnus. Die abschließenden Hinweise beziehen sich auf eine überlieferte, angeleitete Praxis.
3.1 „Höre nun aufmerksam die Gesamtheit der Nyasas, o Makelloser. Zuvor wurden die täglichen Nyasas erklärt, ohne die ...
3.2 ... die Verehrung mit Mantras und Yantras selbst bei sorgfältiger Ausführung ohne Frucht bleibt. Nun höre von den Nyasas, die dem Wunsch nach reicheren Früchten entsprechen und alle Lebensziele schenken.
3.3 Ich erläutere, o ausgezeichneter Brahmane, wodurch man ganz von Vishnu erfüllt wird: die sechs Vokale wie zuvor und die anschließenden sechs Vokale ... [Die genaue Vokalgliederung ist in A unsicher.]
3.4 ... verbunden mit den zwölf Gestalten Vasudevas. Gesammelt ordnet man Keshava mit Dhatri der Stirn zu.
3.5 Narayana mit Aryaman dem Bauch, den Madhava Genannten mit Mitra dem Herzen.
3.6 Govinda mit Varuna der Halsgrube, Vishnu mit Amshu der rechten Körperseite.
3.7 Madhusudana mit Bhaga dem rechten Armende, Trivikrama mit Vivasvat der rechten Halsseite.
3.8 Der Verständige ordnet Damodara mit Upendra der linken Seite zu, Vasudeva mit Pushan dem Armende. [B nennt hier Indra statt Upendra.]
3.9 Sankarshana mit Parjanya der linken Halsseite, Padmanabha mit Tvashtṛ dem Rücken. [B hat Pradyumna statt Padmanabha; die Ausgabe A wird beibehalten.]
3.10 Aniruddha mit Vishnu dem oberen Rücken; den vorzüglichen zwölfsilbigen Mantra dem Brahmarandhra.
3.11 Von seinem Licht durchdrungen wird man unmittelbar Vasudeva. Man nehme den dreizeitigen Laut und füge namo bhagavate hinzu ... [Der Sanskrittext bezeichnet den ersten Laut als trimātrika; die abweichende Auslegung der Hindi-Erklärung wird nicht stillschweigend übernommen.]
3.12 ... und Vasudeva in der vierten Fallendung. Dieser Mantra ist ein göttlicher Wunschbaum; allein durch seine Erkenntnis wird man Vasudeva.
3.13 Man ordnet die Matrika, die Mutter der Welt, vom Mantra eingerahmt zu. Durch die Auflösung der angehäuften Unreinheiten tritt die Vollendung des Mantras ein.
3.14 Nun erkläre ich den Golaka-Nyasa des zehnsilbigen Mantras, der Gedeihen schenkt. Er besteht aus zehn Durchgängen des Mantras und soll sorgfältig geheim gehalten werden.
3.15 An der Wurzel, am Geschlechtsorgan und Nabel, am Herzen, Hals, Gesicht und Schulterbereich, am Nacken, in der Nabelregion, an beiden Bauchseiten und beiden Brüsten ... [A hat eine verkürzte Körperstellenliste; B nennt zusätzlich beide Oberschenkel.]
3.16 ... an beiden Seiten und Hüften, Haupt und Gesicht, Augen, Ohren und Nasenöffnungen, ebenso an Wangen und Armgelenken ...
3.17 ... an ihren Enden, an den Gelenken und Enden der Füße. Ehrfürchtig vollzieht man am Haupt und in den Richtungen von Osten an die durchdringende Zuordnung.
3.18 Der Mantra-Übende ordnet danach die Laute an Armen und beiden Oberschenkeln zu; der Reihe nach am Haupt, Gesicht, Hals, Herzen, Bauch und an den Füßen. [Lesung unsicher in der Körperstellenfolge des zweiten Halbverses.]
3.19 Der Mantrakundige ordnet die Laute den Knien und Vorderfüßen zu; ebenso den Ohren, Wangen, Schultern und Brüsten. [Die Schlusswörter in A sind grammatisch beschädigt.]
3.20 Auch an Bauchseiten, Gesäß, Unterschenkeln, Knien und Füßen erfolgt die Zuordnung. Dies ist der Vibhuti-Panjara-Nyasa, der alle Wesen bzw. Elemente in Tätigkeit setzt. [Lesung unsicher in der Aufzählung und im Namen des Nyasas.]
3.21 Zur Vollendung des zehnsilbigen Mantras ordnet man danach die zehn Prinzipien zu: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum ...
3.22 ... sowie Ichbewusstsein, Mahat, Prakriti, Purusha und das Höchste. Verstehe auch diese fünf Prinzipien ihrer wirklichen Bedeutung nach.
3.23 Die ersten Prinzipien werden an den Füßen, am Herzen, Gesicht und Haupt zugeordnet; zwei im Herzen und die weiteren am gesamten Körper. [Lesung unsicher: Der Anfang ist verkürzt; die Kontrollquelle nennt eine Zuordnung von fünf Prinzipien und führt im Kommentar das Geschlechtsorgan als weitere Stelle auf.]
3.24 Dann erfolgt der Nyasa vom Haupt bis hinunter zu den Füßen. Dieser besonders geheime Nyasa schenkt rasche Vollendung der Mantras.
3.25 Er soll von Kundigen auch bei anderen Gopala-Mantras ausgeführt werden. Die Laute des zehnsilbigen Mantras werden in der Auflösungsfolge zugeordnet.
3.26 Beim Schöpfungs-Nyasa ordnet man die Laute dieses Mantras in umgekehrter Reihenfolge zu. Man spricht jeden Laut einzeln und danach namaḥ. [Die Lesung „umgekehrt“ wird durch B gestützt; A ist hier beschädigt.]
3.27 Mit parāya, „dem Höchsten“, den Bezeichnungen der Prinzipien und abschließend namaḥ vollzieht man den Nyasa im Geist oder mit einer Blume, o Seher. [Die Formulierung in A ist beschädigt; die Formelstruktur ist durch die Erklärung in B gestützt.]
3.28 Dabei werden Daumen und Ringfinger verwendet; andernfalls bleibt die Handlung ohne Frucht.“ [A hat hier nur einen Halbvers; B ergänzt die Regel, die rechte Hand nicht unterhalb des Nabels anzusetzen.]
So endet das 3. Kapitel des Gautamiya Tantra.
4. Kapitel – Vrindavan – Meditation über Krishna
Nach den genauen Laut- und Körperzuordnungen öffnet sich ein weiter Meditationsraum. Vrindavan erscheint als Landschaft der Freude: Natur, Licht und Klang führen zur Gegenwart Krishnas. Das Bild lädt zum inneren Schauen ein und endet mit der Verheißung, das Meer des Daseins zu überwinden.
4.1 „Nun meditiere man über Vrindavan, das alle Götter verehren: erfüllt von den Blüten sämtlicher Jahreszeiten und vom Gesang der Vogelscharen.
4.2 Das Summen umherschwirrender Bienen erfüllt die Himmelsrichtungen. Eine Brise, gekühlt von den Wellen der Kalindi, durchzieht den Hain.
4.3 Baumgruppen, von vielfältigen blühenden Ranken umwunden, schmücken ihn. Er leuchtet, als würden Sonne und Mond zugleich aufgehen.
4.4 Der Blütenstaub von Lotus und Wasserlilien liegt in der Luft. Affenscharen beleben die Zweige, und vielerlei Wildtiere verweilen dort.
4.5 Von zweiunddreißig Wäldern umgeben, schenkt es noch tiefere Freude als Vaikuntha. Überall sind Götter gegenwärtig, Indra an ihrer Spitze.
4.6 In seiner Mitte liegt ein Grund aus Edelsteinen, hell wie zehntausend Sonnen. Dort ist ein Garten von Wunschbäumen, aus denen beständig Juwelen herabregnen.
4.7 Darin erhebt sich ein Juwelenpavillon mit glänzender Rubinspitze, bunt von vielerlei Edelsteinen und von allen Lichtkräften durchstrahlt.
4.8 Schöne, bunt geschmückte Baldachine zieren ihn; er besitzt Torbögen und Tore aus Edelsteinen sowie eine Rubinplattform. [Lesung unsicher in der genauen Verzierung der Baldachine.]
4.9 Er strahlt mit himmlischen Spiegeln und glänzenden Perlen, hell wie Millionen Sonnen und frei von den sechs Wogen des Daseins.
4.10 Diese sechs Wogen sind Hunger und Durst des Lebenshauchs, Kummer und Verblendung des Geistes sowie Altern und Tod des Körpers.
4.11 Der Pavillon besitzt vier Tore mit acht Türflügeln. Darin meditiere man über den mächtigen Wunschbaum, aus dem Juwelen herabregnen.
4.12 Alle Jahreszeiten dienen ihm, und Nektartropfen fallen aus ihm herab. Seine Blätter leuchten wie Smaragde, seine jungen Triebe wie Korallenjuwelen.
4.13 Er bringt Perlenblüten hervor und strahlt mit Früchten aus Rubin. Sein wundersamer, wohltuender Schatten nimmt die brennende Unruhe des weltlichen Daseins hinweg.
4.14 An seiner Wurzel stellt sich der Mantra-Übende einen segensreichen Juwelenthron vor. Darauf liegt ein achtblättriger Lotus, hell wie die Sonne.
4.15 Dort vergegenwärtigt man den Herrn der Welt, der alle Wirklichkeitsprinzipien in sich umfasst: um das Meer des Daseins zu überqueren und Dharma, Erfüllung und Wohlergehen zu erlangen.
4.16 Krishna trägt ein gelbes Gewand; seine Augen gleichen Lotusblüten. Seine Augen und Lippen, die Handflächen und Fußsohlen sind rötlich; seine Gestalt ist segensreich.
4.17 Das Kaustubha-Juwel erhellt seine Brust. Vielerlei Edelsteine und weite, glänzende Ketten aus Perlen und Juwelen schmücken ihn.
4.18 Hüftband und Fingerringe sind mit unterschiedlichen Edelsteinen besetzt. Auf seiner Stirn trägt er ein Tilaka aus Gorochana und Kumkuma.
4.19 Seine Krone leuchtet im Glanz vieler Edelsteine. Halsketten, Oberarmreifen, Armspangen und Ohrringe machen seine Schönheit sichtbar.
4.20 Locken umrahmen sein schönes Gesicht, zwei gelbe Gewänder umhüllen ihn. An den Lippen, rot wie Bimba-Früchte, leuchtet die Flöte mit ihrem nektargleichen Klang.
4.21 Pfauenfedern schmücken sein Haupt, Waldblumen zieren ihn. Eine schöne, aus Kadamba-Blüten geflochtene Girlande liegt um seinen Hals.
4.22 Sein schön geschwungener Leib strahlt mit der Anmut von Millionen Liebesgöttern. Mit beiden Händen hält er die Flöte, setzt sie an die Lippen und spielt.
4.23 Man sieht Hari in Vrindavan mit himmlischen Melodien singen, umgeben von Hunderten junger Frauen, als wäre er aus dem Himmel herabgekommen. [Der grammatische Bezug des Vergleichs bleibt mehrdeutig.]
4.24 Kühe, Kälber und Stiere umgeben ihn. Tausende Hirtinnen mit Augen, weit wie Lotusblätter, ...
4.25 ... verehren ihn, den höchsten Lehrer der drei Welten, mit himmlischen Blüten. Tumburu, Narada, Haha und Huhu ...
4.26 ... und die Kinnara-Paare hören Haris Gesang. Voller Staunen legen sie ihre Vinas und anderen Instrumente beiseite ...
4.27 ... und preisen singend, im Himmelsraum verweilend, das große göttliche Wesen. Siddhas, Gandharvas, Yakshas, Apsaras und Vögel ...
4.28 ... die unbeweglichen Wesen, Schlangen, Siddhas und Vidyadharas, Affen und Menschen schauen ihn mit tiefem Staunen an.
4.29 Er trägt alle glückverheißenden Merkmale und strahlt in Schönheit: der die Herzen aller Gopis anzieht, der unvergängliche Herr der Welten.
4.30 Von Narada, dem Vollendeten, vom weisen Vishvamitra, von Parashara, Vyasa, Bhrigu und Angiras ...
4.31 ... von Daksha und den Sehern um Sanaka, vom vollendeten Kapila, von Vastu, Vagisha, Harita, Yajnavalkya, Ushanas und Kratu ... [Lesung unsicher in der Namenreihe; A hat hier eine beschädigte Zeilen- und Nummerierungsgrenze.]
4.32 ... von Markandeya, Bharadvaja, Pulastya, Pulaha und anderen, von Vasishtha und den großen Sehern sowie von Göttern und Asuras wird er gepriesen.
4.33 Man erinnere sich an den Alldurchdringenden, den die Siddhas in Brahmas Welt und in den anderen Welten sowie weitere hervorragende Götter preisen.
4.34 So meditiere der Mantra-Übende im Herzen über den unvergänglichen Krishna. Selbst das furchterregende Meer des Daseins wird dann so klein wie der Hufabdruck eines Kalbes.“
So endet das 4. Kapitel des Gautamiya Tantra.
5. Kapitel – Guru, Schüler und Vorbereitung der Einweihung
Die Einweihung beginnt mit der Frage nach der Eignung von Lehrer und Schüler. Der Text verlangt vom Guru Zugänglichkeit, Klarheit, Kenntnis und die Fähigkeit, Zweifel zu lösen. Danach folgen historische Regeln zu Zeitwahl, Bodenprüfung, Vastu-Mandala und Opfergaben. Die gesellschaftlichen Einteilungen und astrologischen Verheißungen werden als Bestandteile dieser Überlieferung wiedergegeben; die Ritualgaben werden ihrem Wortlaut entsprechend übersetzt.
5.1 Gautama sprach: „Alles, was du gelehrt hast, o Brahmane, habe ich vernommen. Nun frage ich: Wodurch erlangt man die Berechtigung zu dieser Praxis?“
5.2 Narada sprach: „Wer dem Guru dient und eingeweiht ist, erlangt hier die Berechtigung. Wie die Zweimalgeborenen vor der Aufnahme durch das Upanayana nicht berechtigt sind ...
5.3 ... zu den betreffenden religiösen Studien und Dämmerungsriten, so sind auch Nichteingeweihte zur hier beschriebenen Mantra- und Tantra-Verehrung ...
5.4 ... nicht berechtigt. Deshalb lasse man sich auf heilige Weise läutern und suche für die Einweihung Zuflucht bei einem umfassend kundigen Guru.
5.5 Als Guru gilt, wer ansprechend und freundlich, rein und zugänglich ist, viele Tantras kennt, selbst frei von Zweifel ist, Zweifel lösen kann und ohne eigennützige Erwartungen handelt.
5.6 Er ist in den Veden, im Vedanta, in Lehre, Wissen und unmittelbarer Erkenntnis bewandert. Mit Stimme, Gedanken, Körper und Herz ist er dem Dienst an Vishnu hingegeben.
5.7 Er hält den Vishnu-Mantra gegenwärtig, kennt die unmittelbare Erkenntnis Vishnus und übergibt ihm vollständig das dreifach bezeichnete Wirken. [Lesung unsicher: Die Verbindung mit utpāta, „Störung/Unheilserscheinung“, ist nicht eindeutig verständlich.]
5.8 Er ist im Geist beherrscht und kennt die Bedeutung der Mantras gründlich. Er kann Pinda, Pada, Rupa und das Formlose unterscheiden. [Lesung unsicher am Versanfang; die vier Fachbegriffe werden mangels eindeutiger Definition hier nicht zu einem fremden Schema umgedeutet.]
5.9 Er kennt die drei Dämmerungszeiten, vermag die sechs Adhvan zu reinigen und erkennt das lebendige Bewusstsein des Mantras. Einen solchen nennt der aus sich selbst hervorgegangene Brahma einen Guru.
5.10 Verehrung jenem unmittelbar gegenwärtigen Guru, durch dessen Anweisung selbst Erde, Asche, Holz und Stein die vollständige Frucht der Verehrung hervorbringen.
5.11 Wer die fünf Überlieferungsströme kennt, zurechtweisen und Gnade gewähren kann und die Zweifel des Schülers löst, ist ein Guru – nicht ein anderer.
5.12 Wer für die vaishnavische Lehre einem wunscherfüllenden Erkenntnisjuwel gleicht, in einer geregelten Lebensordnung steht und im Wissen bewandert ist, ist ein Guru – nicht ein anderer. [A hat nyāya, B āmnāya in der ersten Verbindung.]
5.13 Wer Bedeutung und lebendiges Bewusstsein von Mantra und Tantra, den Weg der Kundalini sowie die Verfahren der Mantralehre kennt, ist ein Guru – nicht ein anderer.
5.14 Auch eine weite Reise soll man dorthin unternehmen, wo Kenner der Überlieferung leben. Wer sein spirituelles Ziel sucht, soll sie ehren, sich vor ihnen verneigen und ihnen dienen.
5.15 So soll ein Guru beschaffen sein; andernfalls bringt er dem Schüler Leid. Der Schüler soll aus geachteter Familie stammen, reinen Wesens und auf die Lebensziele ausgerichtet sein.
5.16 Er soll die Veden studiert haben, tüchtig sein und sich um das Wohl seiner Eltern bemühen, Dharma kennen und ausüben und dem Guru dienen.
5.17 Er soll innerlich friedlich sein, das Wesen des Selbst kennen, körperlich gefestigt und in seiner Ausrichtung beständig; stets das Wohl der Lebewesen suchen und für das jenseitige Wohl handeln.
5.18 Mit Rede, Gedanken und Körper soll er dem Guru dienen. Er verzichtet auf nicht verpflichtende Handlungen und vollzieht seine regelmäßigen religiösen Pflichten.
5.19 Er hat Sinne, Trägheit und Verblendung gemeistert und ist frei von Neid. Den Kindern und der Gattin des Guru erweist er dieselbe ehrfürchtige Verbundenheit wie dem Guru.
5.20 So soll ein Schüler sein; andernfalls bereitet er dem Guru Leid. Ein Brahmane mit den erforderlichen Eigenschaften gilt nach einem Jahr als geeignet ...
5.21 ... ein Kshatriya nach zwei, ein Vaishya nach drei und ein Shudra nach vier Jahren. So werden die Zeiten zur Feststellung der Schülereignung angegeben. [Historische ständische Einteilung des Textes.]
5.22 Wenn der Schüler geeignet ist, vollzieht der wahre Guru aus tiefem Mitgefühl ordnungsgemäß das Einweihungsritual.
5.23 Der Beginn der Mantrapraxis im Monat Chaitra soll alle Lebensziele schenken, in Vaishakha Juwelengewinn; in Jyeshtha wird dagegen Tod vorausgesagt. [Die folgenden Aussagen geben historische astrologische Vorstellungen wieder.]
5.24 In Ashadha wird Verlust von Angehörigen vorausgesagt, in Shravana ein volles Leben; in Bhadrapada Verlust von Nachkommen, in Ashvina Ansammlung von Juwelen.
5.25 Karttika und Margashirsha gelten als förderlich für Mantra-Vollendung, Pausha als Zeit feindlicher Bedrängnis, Magha als förderlich für die Erkenntniskraft.
5.26 Phalguna soll alle Wünsche erfüllen; den eingeschobenen Schaltmonat soll man meiden. An einem nach dem Panchanga günstigen Tag, bei günstigem Aufgang von Mond und Sonne ...
5.27 ... und bei Sichtbarkeit von Jupiter und Venus wird die Mantra-Weihe empfohlen. Genannt werden Sonntag, Donnerstag, Montag sowie Mittwoch und Freitag. [Lesung unsicher: sita bezeichnet gewöhnlich Venus; die Aufzählung ist offenbar doppelt bzw. beschädigt, die Hindi-Erklärung nennt zusätzlich Samstag.]
5.28 Im zunehmenden Mond gilt die Einweihung als günstig, im abnehmenden Mond bis zum fünften Tag. Besonders empfohlen wird ein ungetrübter, günstiger zwölfter Mondtag.
5.29 Der zwölfte Mondtag ist Krishna lieb und fördert seine Einweihung. Günstig sind die drei Uttara-Mondstationen, Rohini, Revati und Pushya.
5.30 Auch Dhanishtha sowie die nach Vayu, Mitra, den Ashvins, den Ahnen, Tvashtṛ, Nirrti, Indra und Vishnu benannten Mondstationen und Hasta gelten für die Einweihung als günstig. [Die Namen werden nach B ergänzt, wo A beschädigt ist.]
5.31 Unter Ashvini, Rohini, Svati, Vishakha, Hasta, Pushya und den drei Uttara-Mondstationen soll die Mantra-Besprengung vollzogen werden.
5.32 Unter allen günstigen Yoga-Konstellationen schenkt die Einweihung Segen. Für sie werden besonders günstige Karana-Zeitabschnitte empfohlen.
5.33 Shakuni und die damit genannten Karanas sowie Vishti werden gemieden, ebenso bewegliche Tierkreiszeichen; feste Zeichen sollen Wohlergehen schenken.
5.34 Ungünstige Planeten im dritten, sechsten oder elften Haus und günstige Planeten in den Eck- oder Dreieckshäusern gelten hier als förderlich; Planeten im achten Haus gelten als zerstörerisch.
5.35 Zur Geburtstags- bzw. Geburtskonstellation des Schülers, an Tagundnachtgleichen, den beiden Sonnenwenden, anderen heiligen Konstellationen sowie bei Mond- und Sonnenfinsternissen ...
5.36 ... oder zu einer dem Schüler günstigen Zeit gilt die Einweihung als segensreich. Bei einer Sonnenfinsternis muss nach dieser Regel nicht nach weiteren Bedingungen gesucht werden.
5.37 Was dann vollzogen wird, soll unendliche Frucht bringen. Die Vollendung des Mantras stellt sich, so wird versichert, ohne Mühe ein.
5.38 Man wählt den Boden entsprechend dem benötigten Raum. Boden mit weißer Erde wird brahmisch genannt.
5.39 Rote Erde heißt kshatriyisch, gelblich-grüne vaishyisch, schwarze shudrisch. So wird der Boden vierfach eingeteilt.
5.40 Brahmischer Boden soll alle Ziele erfüllen, kshatriyischer Herrschaft schenken, vaishyischer Geld und Getreide vermehren; shudrischer Boden wird vom Text abgelehnt, o Seher.
5.41 Ein Kundiger der Vastu-Lehre untersucht den Boden. Er entfernt Fremdkörper, Spelzen, Kohlereste und Ähnliches.
5.42 Unterbleibt dies, soll der Mantra-Übende keine Frucht erlangen. Mit Segensworten von Brahmanen, Veda-Rezitation und glückverheißenden Handlungen ...
5.43 ... legt man das Vastu-Mandala der Richtungen schön und ordnungsgemäß an. Eine in Ellen bemessene Schnur wird von Osten nach Westen gespannt.
5.44 Von der Mitte aus werden zwei fischförmige Schnittfiguren gezogen. Durch deren Mitte verläuft die Schnur von Süden nach Norden. [Die geometrische Verfahrensbeschreibung ist im Detail nicht vollständig eindeutig.]
5.45 Von jeweils zwei Endpunkten zeichnet man an den Ecken weitere fischförmige Figuren. Die Schnüre werden durch die Mittelpunkte dieser Figuren geführt.
5.46 So entsteht ein Quadrat mit vier Feldern. Eine Linie führt von Nordosten nach Südwesten, die andere von Südosten nach Nordwesten.
5.47 So legt man beide diagonalen Schnüre an. In den vier mittleren Feldern verehrt man zuerst Brahma. [B ergänzt vor dieser Verehrung ausdrücklich die Unterteilung in 64 Felder.]
5.48 In den vier Richtungen, von Osten an, verehrt man Aryaman, Vivasvat, Mitra und Mahidhara. [Der erste Name ist in A beschädigt und nach B gelesen.]
5.49 In den paarigen Halbfeldern der Ecken, vom Feuerwinkel an, verehrt man Savitra, Savitri, Shakra und Indrajaya ...
5.50 ... Rudra, Rudrajaya, Apa und Apavatsaka. In den paarigen Feldern auf beiden Seiten der Diagonalen verehrt der Lehrer ... [Lesung unsicher im letzten Götternamen.]
5.51 ... der Reihe nach Sharva, Guha, Aryaman, Jambhaka, Pilipicchika, Varaki, Vidari und Putana. [A und B bieten bei einigen Namen unsichere Schreibungen.]
5.52 Der vorzügliche Lehrer verehrt die folgenden Gottheiten in den Richtungen von Osten an, in Gruppen zu je acht. [Die genaue Feldangabe im ersten Halbvers ist unsicher.]
5.53 Im Osten stehen der Reihe nach Ishana, Parjanya, Jayanta, Shakra, Bhaskara, Satya, Vrisha und Antariksha.
5.54 Im Süden stehen Agni, Pushan, Vitatha, Yama, Griharakshaka, Gandharva, Bhringaraja und Mriga.
5.55 Im Westen stehen Nirrti, Dauvarika, Sugriva, Varuna, Pushpadanta, Asura, Shesha und Roga.
5.56 Im Norden, der Richtung Kuberas, stehen Vayu, Naga, Krikala, Soma, Bhallata, Argala, Diti und Aditi. [B hat Mukhya und Akula statt Krikala und Argala; die Lesungen sind nicht vereinheitlicht.]
5.57 Die Felder dieser Gottheiten füllt man mit fünf Arten farbigen Pulvers. Darin bringt man ihnen Bali-Gaben aus Milchreis und anderen Speisen dar.
5.58 Mit süßem Milchreis und Süßigkeiten oder den jeweils zugeordneten Stoffen verehrt sie der Verständige, um Störungen zu besänftigen.
5.59 „Mit Milchreis, gekochtem Reis, gerösteten Körnern, Räucherwerk und Blüten, mit Speisen und Säften sowie Reis mit schwarzen Bohnen ...“ [Die folgende Reihe enthält die gesprochenen Darbringungsformeln.]
5.60 „Nimm diese Gabe an, Brahma, und beseitige die Störung des Ortes. Mit Duftstoffen, Zucker, Gebäck und Milchreis ...“
5.61 „Nimm dies an, Aryaka, und beseitige jede Störung. Mit Sandelholz verehrt, o Herr, mit Kampfer und Adlerholz geschmückt ...“
5.62 „Nimm dies an, Vivasvat, und beseitige jede Störung. Milchreis mit Rohzucker, o Herr, mit Blüten und Licht ...“
5.63 „Nimm diese herzliche Gabe an, Mitra, und schenke mir Frieden. Reis mit schwarzen Bohnen und Fleisch, mit Duftstoffen und Milch ...“
5.64 „Nimm dies an, du großer Empfänger der Speise, und beseitige jede Störung.“ Nach dieser Verehrung der Mitte folgen die Bali-Gaben von Ishana an. [Die Anrede ist unsicher.]
5.65 „Milch mit Zucker, von Blüten geschmückt: Nimm diese herzliche Gabe an und schenke mir Frieden am heiligen Ort.“
5.66 „Diesen Joghurt, mit Rohzucker und Duftstoffen vermischt: Nimm die Gabe an, Vatsa, und beseitige hier das Hindernis.“
5.67 „Wasser mit Blüten und Kusha-Gras, mit Zucker und Adlerholz duftend: Savitra, nimm dies an und schenke hier Frieden.“ [B hat eine andere Anrede.]
5.68 „Gebäck mit Rohzucker, o Herr, mit roten Duftstoffen geschmückt: Nimm diese Gabe an, Surya, und beseitige hier das Hindernis.“
5.69 „Kühle, lebensfördernde Speise mit Blüten: Nimm diese herzliche Gabe an, Indrajaya. Verehrung dir!“ [B beschreibt stattdessen Reis mit Ghee.]
5.70 „Dieses gekochte und ungekochte Fleisch mit Stoffen und Blüten: Nimm die herzliche Gabe an, göttlicher Rudra. Verehrung dir!“
5.71 „Mit Fleisch, in Ghee zubereitet, mit Duftstoffen und Blüten: Nimm dies an, Rudrajaya, und schenke dem Ort Wohlergehen.“
5.72 „Rote Blüten mit Fleisch und roten Stoffen: Nimm dies an, Vidarin, und beseitige die Störung durch dämonische Wesen.“
5.73 „Mit Gelbem und Rotem sowie roten Duftstoffen versehen: Nimm dies an, Putana, und beseitige die dämonische Störung.“ [Die Gabe im ersten Halbvers ist nur unvollständig bezeichnet.]
5.74 „Fleischreis mit Ghee, mit Stoffen und Duftstoffen geschmückt: Nimm die Gabe an, Sarvesha, und beseitige die dämonische Störung.“
5.75 „Fleisch mit Blüten, auf Fleischreis gelegt: Nimm diese Gabe an, Skanda, und beseitige die dämonische Störung.“
5.76 „Mit fleischhaltigem Gebäck und Brühe von gekochtem Fleisch: Nimm dies an, Aryaman, und beseitige die dämonische Störung.“
5.77 „Reis mit Blut und Fleisch sowie Fisch, mit Duftstoffen und Räucherwerk: Nimm dies an, Jambhaka, und beseitige die dämonische Störung.“ [Die Verbindung raktamāṃsa kann auch „rotes Fleisch“ bedeuten.]
5.78 „Ungebrochene Reiskörner bzw. Speise mit Ghee, mit Stoffen und Düften geschmückt: Nimm diese Gabe an, Herr, welche die Störung des Ortes hinwegnehmen soll.“ [Lesung unsicher in der Speisenbezeichnung.]
5.79 „Wasserlilien mit Milchreis und Stoffgaben: Nimm diese herzliche Gabe an und beseitige die Störung des Ortes.“
5.80 „Eine fünf Ellen lange gelbe Fahne, mit Speisegaben versehen: Nimm diese herzliche Gabe an, Vishnuprabha. Verehrung dir!“ [Die Anrede ist in A beschädigt; B hat Vishnusuta.]
5.81 „Reis mit roten Blüten und roten Duftstoffen: Nimm diese herzliche Gabe an, Bhaskara. Verehrung dir!“
5.82 „Ein rauchfarbener Baldachin, mit Duftstoffen geschmückt und mit Rot versehen: Nimm diese Gabe an, Satya. Verehrung dir!“ [rakta kann hier auch Blut bezeichnen; der Gegenstand ist nicht eindeutig.]
5.83 „Dieser Fleischreis, mit Stoffen und Düften ehrfürchtig dargebracht: Nimm die herzliche Gabe an und beseitige die Störung des Ortes.“
5.84 „Dieses Fleisch mit weiteren Speisegaben: Nimm die herzliche Gabe an und schenke mir Frieden im Raum.“ [Lesung unsicher: śāḍvala bzw. śādvala als nähere Bestimmung des Fleisches ist nicht zuverlässig geklärt.]
5.85 „Gold und Gebäck mit Stoffen und Duftgaben, dazu Ghee: Nimm dies an, Siebenzüngiger. Verehrung dir!“
5.86 „Mit Milch, geröstetem Korn und Fleisch sowie roten Blüten: Nimm diese herzliche Gabe an, göttlicher Pushan. Verehrung dir!“
5.87 „Mit Joghurt, Düften und gelben Blüten: Nimm die Gabe an, Soma, und beseitige jede Störung.“
5.88 „Reis mit Ghee, Duftstoffen und Blüten: Nimm diese herzliche Gabe an, Bhallataka. Verehrung dir!“ [Anrede nach der Kontrollquelle ergänzt.]
5.89 „Fleischspeise mit Ghee, Düften und Blüten: Nimm diese herzliche Gabe an. Verehrung dir!“ [Der angerufene Name ist in A nicht lesbar; der entsprechende Vers ist in B nicht als eigener zusätzlicher Vers erkennbar.]
5.90 „Fleischspeise mit Ghee, Düften und Blüten: Nimm diese herzliche Gabe an, Argala. Verehrung dir!“ [B hat Akula statt Argala.]
5.91 „Putika mit Honig, mit Stoffen und Duftgaben: Nimm diese herzliche Gabe an, Mutter der Götter. Verehrung dir!“ [Die Pflanzen- bzw. Stoffbezeichnung Putika ist hier nicht eindeutig bestimmbar.]
5.92 „Mit Milch und Zucker, von vielerlei Blüten geschmückt: Nimm dies an, Mutter der Daityas, und beseitige jede Störung.“
5.93 „Die Gottheiten des Ortes im Himmel, in der Unterwelt und auf Erden mögen diese herzliche Gabe annehmen und zufrieden in ihre Wohnstätten zurückkehren.“
5.94 „Die Mütter, Geister, Vetalas und anderen, die Bali-Gaben ersehnen, sowie Vishnus Gefolge mögen diese Gabe ebenfalls annehmen.“
5.95 Nachdem den Ahnen und den Hütern des Ortes reichlich Gaben dargebracht wurden, verehre man, falls die genannten Stoffe fehlen, mit Kusha-Gras, Blüten und Ähnlichem.“
So endet das 5. Kapitel des Gautamiya Tantra.
6. Kapitel – Opferpavillon, Feuergrube und Aussaat
Die Vorbereitung des heiligen Raumes umfasst Bauformen, Maße und symbolische Zuordnungen. Anschließend beschreibt das Kapitel die Aussaat von Samen in geweihten Gefäßen. Ihre Pflege begleitet das Ritual; die Deutung der Keime gehört zur historischen Omenlehre des Textes. Mehrere technische Maßangaben bleiben aufgrund beschädigter Lesungen offen.
6.1 „Nach dieser Reinigung des Bodens errichtet man den Opferpavillon mit sechzehn Säulen, von denen vier in der Mitte stehen.
6.2 Die mittleren sind acht Ellen hoch, unversehrt, gleichmäßig und mit Fahnen versehen. Zwölf Säulen von fünf Ellen Höhe werden ringsum aufgestellt.
6.3 Der Tantra-Kundige versenkt ein Fünftel davon in der Erde. Der Pavillon wird nach Ermessen neun, fünf oder sieben Ellen groß angelegt.
6.4 Die Länge des mittleren Gliedes am Mittelfinger der rechten Hand des Auftraggebers wird als Messfingerbreite, mānāṅgula, bezeichnet.
6.5 Für Gebäude, Feuergruben, Mandalas und Altäre soll diese Messfingerbreite verwendet werden, kein anderes Maß.
6.6 Auch für die Herstellung von Götterbildern wird die Messfingerbreite genannt. Für Stufenbrunnen, Brunnen, Teiche, Wasserbecken und Dämme ...
6.7 ... verwendet der Verständige das als muṣṭyaṅgula bezeichnete Maß, um die gewünschte Frucht zu erlangen. Für Wagen, die als golikā bezeichnete Konstruktion, Boote und Karren ... [Die genaue Bedeutung von golikā ist hier unsicher.]
6.8 ... wird das lambāṅgula-Maß verwendet, kein anderes. Sämtliche Maße, die als muṣṭyaṅgula und ähnlich angegeben werden, ...
6.9 ... beziehen sich auf den Auftraggeber des Rituals, nicht auf eine andere Person. Man errichtet einen sorgfältig geglätteten Bau mit sechzehn Säulen.
6.10 Vier stehen in der Mitte, zwölf darum herum. Der Bau besitzt vier Tore und vier Ecken.
6.11 Nach Vishvakarmans Baukunst wird er schön ausgestattet. In den acht Richtungen stehen acht Fahnen in den Farben der jeweiligen Richtungshüter.
6.12 Blumengirlanden, Baldachine und weiterer Schmuck machen ihn wundervoll und anziehend. Davor oder nördlich davon errichtet man den eigentlichen Opferpavillon.
6.13 Am entsprechenden Ort schafft man eine Feuergrube und eine mittlere Verehrungsplattform, deren Oberfläche glatt wie ein Spiegel ist. [Die Zuordnung von Raum und Feuergrube ist in A nicht ganz eindeutig.]
6.14 Sie nimmt ein Drittel des Innenraums ein, ist eine Faust hoch und mit allen erforderlichen Merkmalen ausgestattet.
6.15 Nun wird die Feuergrube angelegt. Höre ihre Merkmale: Eine eine Elle lange Schnur wird von Osten nach Westen gespannt ...
6.16 ... an ihren Enden zeichnet man deutlich zwei fischförmige Schnittfiguren. Nach der Halbierung legt man die Schnur von Süden nach Norden.
6.17 Auch an deren Enden werden die Schnittfiguren klar gezeichnet. Entsprechend dem Maß spannt man in den vier Richtungen vier Schnüre.
6.18 So entsteht eine quadratische Feuergrube mit den erforderlichen Merkmalen, die von Brahmanen, Kshatriyas und Vaishyas für ihre eigene Ritualausführung angelegt wird.
6.19 Sie gilt als für alle sechs Ritualarten von der Befriedung an geeignet. Nach diesem Grundverfahren gestaltet der Mantrakundige die weiteren Feuergruben.
6.20 Der mit der Vorschrift vertraute Mantra-Übende gräbt nun die Feuergrube. Dabei meidet er sorgfältig Körper und Kopf der vorgestellten Bodenschlange.
6.21 Ein Treffen ihres Kopfes wird als Todeszeichen gedeutet, ein Treffen des Körpers als körperliche Schädigung, des Schwanzes als Leid; im Bereich ihres Schoßes dagegen soll die Ausführung alle Ziele fördern. [Historische Vastu-Symbolik.]
6.22 Die Tiefe der Grube soll ihrer Breite entsprechen. Nach einem Rand von einer Fingerbreite werden drei umlaufende Stufen vorgesehen.
6.23 Die Stufen sind quadratisch und wohlgestaltet; ihre Maße werden mit „Veden“, „Feuer“ und „Augen“, also vier, drei und zwei Fingerbreiten, bezeichnet. [Lesung unsicher im Bezug des ersten Halbverses auf das Grubenmaß.]
6.24 Vor dem Opfernden liegt die Yoni, der rituelle Ausguss. Genannt werden Maße von sechs, fünf, vier und zwei Fingerbreiten. [Lesung unsicher: Formbeschreibung und Zuordnung der einzelnen Zahlen zu Länge, Breite und Höhe sind in A beschädigt.]
6.25 Die Yoni wird hier als vier Fingerbreiten breit und zwei hoch beschrieben. [Der vorausgehende Maß- bzw. Formausdruck ist nicht zuverlässig lesbar.]
6.26 Vom Rand aus führt ein Kanal; eine Öffnung mitten durch die Yoni soll es nicht geben. Der Kanal ist am Anfang bzw. Auslauf schmal und an der Wurzel breit. [Der genaue räumliche Bezug von „Spitze“ und „Wurzel“ bleibt prüfbedürftig.]
6.27 In der Mitte der Yoni schafft man eine Vertiefung, den „Ghee-Empfänger“. [Der zweite Halbvers über Nabel bzw. Mittelteil und dessen Form ist in A nicht vollständig lesbar.]
6.28 Ein Bereich wird als vier Fingerbreiten breit angegeben. Die Spitze der Yoni gestaltet man um eine halbe Fingerbreite leicht abwärts geneigt. [Lesung unsicher im ersten Halbvers.]
6.29 Eine weitere Angabe nennt die Breite zweier Gerstenkörner. Der Rand bzw. Hals wird dem Maß der Grube entsprechend gestaltet. [Lesung unsicher: Die vollständige Maßvorschrift ist nicht rekonstruierbar.]
6.30 Mit dem Diagonalmaß wird die zwei Ellen große Grube bestimmt. Bei allen Feuergruben werden die Schnüre nach dieser Vorschrift angelegt.
6.31 Die Feuergrube wird als Prakriti, die Naturkraft mit ihren Merkmalen, verstanden. Ihre beiden Füße und Hände bilden die vier Ecken.
6.32 Die Grube und ihre Yoni werden als ursächliche Gestalt betrachtet. Die Opfergaben werden in Übereinstimmung mit diesem Wesen angeordnet. [Zwei Verbindungen in A sind nicht zuverlässig lesbar.]
6.33 So bringt das Ritual seine Frucht; andernfalls bleibt es fruchtlos. Die erste umlaufende Stufe entspricht Sattva, die zweite Rajas.
6.34 Die dritte entspricht Tamas. Damit sind die Merkmale der Grube erklärt. Im nördlichen Bereich des Pavillons wird eine von Osten nach Westen verlaufende erhöhte Einfassung angelegt ...
6.35 ... schön gestaltet und für alle Blicke anziehend. Fünf Schnüre werden von Osten nach Westen gezogen ... [Die erste Formbeschreibung ist beschädigt.]
6.36 ... wobei man Zwischenlinien ausspart, sodass zwölf Felder entstehen. Diese Felder werden mit Pulver in fünf Farben ausgefüllt.
6.37 Dort stellt man Palika-Gefäße, fünföffnige Gefäße und Schalen auf. [Lesung unsicher: Die Höhenangaben erscheinen als zwölf, acht und vierundzwanzig; der Zahlwortzusammenhang muss am Druckbild geprüft werden.]
6.38 Ihre Öffnungen und oberen Teile werden entsprechend bemessen. Die Gefäße gelten als Gestalten Narayanas, Maheshas und Brahmas. [Die Maßbezeichnung ist unsicher.]
6.39 Die Palikas, fünföffnigen Gefäße und Schalen werden gereinigt und durch Mantra geheiligt.
6.40 Sie werden mit dreifachen heiligen Fäden umwunden und mit Erde, Sand und getrocknetem Dung gefüllt.
6.41 Nachdem die zugehörigen Gottheiten verehrt und die Gefäße von Westen an angeordnet sind, nimmt man Reis, Shyama-Hirse, Priyangu und Senf ... [Eine Pflanzenbezeichnung in der Aufzählung ist unklar.]
6.42 ... Mungbohnen, schwarze Bohnen, weitere Hülsenfrüchte, Kulattha, Adhaki und Yavasa. Sie werden in reinem Wasser gewaschen. [Die Pflanzenliste bleibt in Einzelheiten prüfbedürftig.]
6.43 Ihre Gottheiten werden verehrt und die Samen mit dem Wurzelmantra geheiligt. Unter Segensworten der Brahmanen und Instrumentalklängen werden sie hervorgebracht.
6.44 Man besprengt sie mit Kurkumawasser, verneigt sich wiederholt und bedeckt sie anschließend mit einem neuen Tuch.
6.45 Morgens und abends werden sie mit reinem Wasser begossen. So hält man es sieben oder neun Nächte lang.
6.46 Man stellt sie auf und sät aus; in der Nacht erfolgen die Bali-Gaben. Geröstetes Korn, Sesam, Kurkuma, geröstetes Mehl und Joghurt ... [Die Formulierung zum nächtlichen Zeitpunkt ist unsicher.]
6.47 ... dienen in der ersten Nacht als Gabe für die Bhutas. In der zweiten werden den Ahnen Sesam und Reis dargebracht.
6.48 In der dritten Nacht gibt man den Yakshas geröstetes Korn, Joghurt und Mehl. In der vierten folgt die Gabe an die Nagas ...
6.49 ... angenehm zubereitetes Mehl mit Kokoswasser. In der fünften Nacht bringt man Brahma Lotusblüten und ungebrochene Reiskörner dar.
6.50 In der sechsten gibt man Sharva Gebäck und Speise, in der siebten Vishnu Reis mit Rohzucker.
6.51 Der Opfermantra beginnt mit Om, enthält den jeweiligen Gottesnamen in der vierten Fallendung und endet mit namaḥ. Entsprechend werden auch Anrufung und Verabschiedung vollzogen.
6.52 Außerhalb der drei Gefäßarten werden in den acht Richtungen sorgfältig Gaben für die Richtungshüter dargebracht.
6.53 In den genannten Gefäßen verehrt man Vishnu, Brahma und Hara. Weitere Zuordnungen verbinden Mung, Priyangu und Nishpava mit Vayu sowie Kulattha mit Agni. [Die Zuordnung des ersten Samendreiers ist im Sanskritzusammenhang unsicher.]
6.54 Adhaki wird mit den Rakshasas verbunden, Sesam mit Vaivasvata, Shyama mit Indra und Rajamasha mit Varuna, o Seher. [Ein Zwischenglied der Aufzählung ist nicht zuverlässig verständlich.]
6.55 Die Samen werden fest in ein Tuch gebunden und mit etwas Wasser versehen. Nach drei Yamas, drei Zeitabschnitten, nimmt man sie heraus und sät sie aus.
6.56 Soma ist die Gottheit der Samen und leuchtet in der Nacht. Deshalb werden die Samen nachts herbeigebracht und ausgesät.
6.57 Nicht jeder soll die aufgegangenen Keime betrachten. Nur der Acharya oder ein Schüler mit seiner Erlaubnis sieht nach ihnen.
6.58 Aus den aufgegangenen Keimen deutet man Günstiges oder Ungünstiges für den Auftraggeber. Dunkle oder schwarze Keime werden als Zeichen von Vermögensverlust und Leid verstanden.
6.59 Verkrümmte, gehemmte oder ungünstig gewachsene Keime gelten als Todesvorzeichen. Der Acharya soll beim Erkennen eines solchen Zeichens nicht unbedacht fortfahren. [Lesung unsicher; die Warnung gehört zur historischen Omenlehre.]
6.59a Er soll in jedem Fall ein befriedendes Ritual ausführen, damit das vom Auftraggeber angestrebte Ziel erreicht wird.“ [Zusätzlicher Schlusshalbvers: Die OCR-Nummer in A erscheint als „५६३“; hier als 59a kenntlich gemacht. B ordnet den Schluss Vers 60 zu.]
So endet das 6. Kapitel des Gautamiya Tantra.
Fünf zentrale Lehren des Gautamiya Tantra
Diese erste Zusammenstellung stützt sich auf das übersetzte Eingangskapitel; sie wird erst nach der Bearbeitung des Gesamtwerkes zur Gesamtschau erweitert.
- Disziplin und Hingabe gehören zusammen. Gautamas Tapas und Svadhyaya sind mit seiner Liebe zum höchsten Wesen verbunden (1.1).
- Die ganze Person kann beten. Verneigung, Stimme, Japa und Herzensmeditation wirken zusammen (1.2).
- Wissen und Bescheidenheit ergänzen einander. Der kundige Gautama bleibt ein Fragender (1.3–1.4).
- Der Mantra-Weg soll zugänglich sein. Gautamas Frage schließt verschiedene gesellschaftliche Stände und Frauen ausdrücklich ein (1.6–1.7).
- Liebe und Befreiung geben der Praxis ihre Tiefe. Die entscheidenden Verheißungen reichen von liebender Bhakti bis zu Nirvana (1.21–1.23).
Fünf Praxisanregungen für heutige Yoga-Aspiranten
Die folgenden Anregungen sind eine heutige spirituelle Anwendung der gelesenen Verse, keine wörtlichen Ritualanweisungen des Werkes.
- Beginne mit einer bewussten Verneigung. Halte einen Augenblick inne und richte dich auf das aus, was dir heilig ist.
- Wiederhole einen vertrauten Mantra. Übe einige Minuten aufmerksam. Wenn die Gedanken abschweifen, kehre freundlich zu deinem Mantra zurück.
- Verbinde die Übung mit Herzenshingabe. Erinnere dich an Krishna oder an deine vertraute göttliche Gestalt. Lass Dankbarkeit in die Wiederholung einfließen.
- Lies einen Vers langsam. Nimm einen Gedanken mit in den Tag, etwa die Verbindung von Kenntnis und Bescheidenheit oder von Japa und Liebe.
- Betrachte am Abend die Wirkung deiner Praxis. Frage dich: War ich heute aufmerksamer, geduldiger oder freundlicher? So erhält die Übung einen Bezug zum Alltag.
Weiterführende Themen
- Krishna, Gopala, Vishnu, Narayana
- Bhakti, Bhakti Yoga, Prema, Mantra, Japa
- Guru, Diksha, Svadhyaya, Tapas
- Puja, Homa, Nyasa, Vrindavan
- Pranayama, Kundalini, Chakra, Sushumna
- Dhyana, Samadhi, Jnana, Moksha
Siehe auch
Die folgenden Links dienen als thematische Orientierung innerhalb der Tantra-Schriften. Ein historisches Abhängigkeitsverhältnis wird damit nicht behauptet.
- Sattvata Samhita
- Ahirbudhnya Samhita
- Jayakhya Samhita
- Lakshmi Tantra
- Vishnu Samhita
- Parama Samhita
- Parameshvara Samhita
- Padma Samhita
- Narada Samhita
- Prapanchasara Tantra
- Sharada Tilaka Tantra
- Mantramahodadhi
Yoga und Meditation
Weiterführende Informationen und Übungsangebote findest du unter Yoga und Meditation.
Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Die Kapitel 2–6 folgen der Nummerierung der Ausgabe von 1977. Die Jyotsnā-Ausgabe wurde zur Klärung zahlreicher Lesungen herangezogen; bei Kapitel 6 erfolgte die Kontrolle bisher gezielt am Anfang und am Schluss. Unterschiede und nicht zuverlässig lesbare Passagen sind an den jeweiligen Stellen benannt. Die zusätzlichen Verse der Kontrollquelle sind noch nicht in einem vollständigen Variantenanhang erschlossen.
Hauptgrundlage ist das von Pt. Bhagiratha Jha herausgegebene Gautamīyatantram, Chowkhamba Sanskrit Series Office, Varanasi, 1977, hier Kapitel 1, Druckseiten 1–2. Zur Kontrolle wurde das erste Kapitel des Gautamīya Mahātantra mit der Hindi-Erklärung Jyotsnā von Śrīnivāsa Śarmā, Chaukhamba Surbharati Prakashan, Varanasi, erste Ausgabe 2015, Druckseiten 1–4, herangezogen. Die deutsche Übersetzung folgt dem Sanskrit; Erläuterungen des Hindi-Kommentars werden nicht als zusätzliche Verse aufgenommen.
Beide überlieferten OCR-Texte enthalten erhebliche Erkennungsfehler. Offensichtliche Verwechslungen sind im vorliegenden ersten Kapitel anhand der Parallelfassung berichtigt. Sanskritlesungen, die dadurch nicht sicher werden, sind kenntlich gemacht. Eine neue kritische Edition liegt nicht vor. Die dritte beigefügte OCR-Fassung ist als ergänzende Quelle vorhanden, wurde für die Lesefassung dieses Kapitels aber nicht systematisch kollationiert.
Die Kapitelzählung reicht in den beiden Hauptquellen bis 32. Daraus folgt keine durchgehende Übereinstimmung der Verszählung: Das Schlusskapitel endet im OCR der Ausgabe von 1977 mit Vers 130, in der Jyotsnā-Ausgabe mit Vers 128. Besonders bei späteren Zitaten müssen deshalb Ausgabe und Nummerierung zusammen angegeben werden.
Hinweise zu Kapitel 1: In Vers 3 bleibt die Sanskritverbindung mantrauṣadhikriyāsamyag auffällig. In Vers 15 ist die erste Aussage nicht hinreichend sicher gelesen. In Vers 21 und 22 ist der Bezug einzelner Aussagen mehrdeutig. In Vers 22 werden die schwierigen Vergleichsformen nicht stillschweigend grammatisch umgeschrieben. Die Verse 10–23 preisen den Krishna-Mantra aus der eigenen religiösen Perspektive des Werkes; Aussagen über Erfolg und übernatürliche Kräfte sind als solche wiedergegeben.