Sharada Tilaka Tantra

Aus Yogawiki

Sharada Tilaka Tantra (Sanskrit: शारदातिलक, Śāradātilaka) ist ein bedeutendes Handbuch tantrischer Sadhana von Lakshmanadeshika (Lakṣmaṇadeśika). Es führt Mantra, Nyasa, Yantra, Puja, Homa und Meditation zu einem vielgestaltigen Übungsweg zusammen. Sein abschließendes Yoga-Kapitel eröffnet einen Schlüssel zum Verständnis: Körper, Sprache und Geist werden auf das Göttliche ausgerichtet; Hingabe und Sammlung führen zur Betrachtung des Bewusstseins und der Einheit von Shiva und Shakti.

Shiva und Shakti: Im Sharada Tilaka Tantra verbinden sich Gottheitenverehrung, Mantra und die Suche nach dem höchsten Bewusstsein.

Der Titel bedeutet etwa „Stirnschmuck der Sharada“. Sharada ist ein Name der Saraswati, der Göttin des Wissens und der Sprache. Das Werk ist jedoch keine ausschließlich Saraswati gewidmete Schrift: Es behandelt zahlreiche Gottheiten und verbindet ihre Verehrung mit einer Lehre von Laut, Welt und Bewusstsein. Seine 25 Kapitel zeigen, wie umfassend die tantrische Vorstellung von Praxis ist. Eine Blume, eine Silbe, eine Geste und eine innere Betrachtung können Bestandteile einer Hinwendung zum Göttlichen sein.[1]

Für Yoga-Aspiranten ist besonders anregend, wie selbstverständlich das Werk genaue Übung, Herzenshingabe und Erkenntnis miteinander verbindet. Es fragt nach der Kraft des Mantras und nach der Haltung des Menschen, der ihn wiederholt. Sein Yoga-Weg beginnt bei Wahrhaftigkeit und Mitgefühl und führt bis zu einer Meditation, in der das Selbst als ungetrennt vom höchsten Bewusstsein betrachtet wird (25.7; 25.27).

In diesem Artikel: Einführung und Übersicht über alle 25 Kapitel sowie die vollständige deutsche Übersetzung des Yoga-Kapitels 25 mit 89 Versen und Schlussformel. Die Begleitseiten bieten dasselbe Kapitel in IAST und transliteriertem Devanagari sowie 40 inspirierende Lesestellen und belegte Mantras. Die Kapitel 1–24 sind durch Inhaltsbeschreibungen erschlossen.

Zur Ausgabe: Hauptartikel und deutsche Übersetzung · Sanskrit in IAST · Sanskrit in Devanagari · Inspirierende Verse und Mantras

Was Yoga-Aspiranten aus dem Sharada Tilaka Tantra lernen können

Wer Yoga übt, kennt die Erfahrung, dass äußere Form und innere Haltung zusammenwirken: Ein aufrechter Sitz erleichtert Sammlung; eine regelmäßig wiederholte Silbe erinnert an die gewählte Ausrichtung; eine bewusste Darbringung kann das Herz öffnen. Das Sharada Tilaka Tantra entfaltet diese Verbindung in der Sprache tantrischer Überlieferung. Seine Rituale sind nicht bloß Ausschmückung einer geistigen Lehre. Sie geben dieser Lehre eine körperliche, sprachliche und anschauliche Gestalt.

Zugleich beginnt sein Yoga-Kapitel sehr unmittelbar beim Menschen: Begehren, Zorn, Gier, Verblendung, Überheblichkeit und Neid werden als Ursachen des Leidens benannt (25.3–4). Neben anspruchsvollen Meditationen stehen Ahimsa, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Zufriedenheit und Freigebigkeit (25.7–9). Das verbindet die hohe Sprache von Kundalini und Samadhi mit der Frage, wie wir miteinander umgehen.

Ein besonders hilfreicher Zugang liegt in drei zusammenhängenden Bewegungen: sich sammeln, sich hingeben, erkennen. Der Geist findet einen Gegenstand der Hingabe; Japa und Dhyana machen die Hinwendung beständig; schließlich wird das Göttliche nicht mehr nur als ein Gegenüber betrachtet. Vers 25.27 nennt die beständige Vergegenwärtigung der Einheit des individuellen und höchsten Selbst Samadhi. Die Verse 25.80–81 finden dafür wiederum eine Sprache inniger Zuflucht. Erkenntnis und Bhakti können einander vertiefen.

So lässt sich der Artikel lesen: Für einen ersten Zugang eignen sich die Abschnitte über Mantra, Nyasa und innere Verehrung sowie die fünf Lehren und Praxisanregungen. Wer den Grundtext kennenlernen möchte, findet in 25.7 die ethische Grundlage, in 25.26–27 den Übergang von Meditation zu Samadhi und in 25.54 die Betrachtung von Om. Die Verse 25.64–81 erschließen die bildreiche Verehrung der Kundalini.

Die spirituellen Erläuterungen beziehen diese Aussagen auf heutige Übungserfahrungen. Wo daraus praktische Anregungen entstehen, sind sie als heutige Anwendungen gekennzeichnet.

Verfasser, Zeit und Überlieferung

Der Verfasser wird Lakshmanadeshika, Lakshmanadeshikendra oder Lakshmanacharya genannt. Am Ende des Werkes nennt er seine Lehrer- beziehungsweise Familienlinie: Mahabala, den als Acharya-Pandita gerühmten Nachfolger, Shrikrishna und Lakshmanadeshikendra selbst (25.83–86). Vers 25.87 beschreibt den Anspruch des Buches: Es sammelt die Essenz der Agamas und ordnet sie in Kapitel, deren Zahl auf die Zahl der Tattvas bezogen wird.

Die Datierung ist nicht abschließend gesichert. Die neuere Untersuchung von Gudrun Bühnemann setzt die Entstehung wahrscheinlich ins 12. Jahrhundert. Die ebenfalls verbreitete Frühdatierung ins 8. Jahrhundert ist umstritten. Die Gleichsetzung Lakshmanadeshikas mit Lakshmanagupta, einem Lehrer Abhinavaguptas, wird in dieser Untersuchung zurückgewiesen.[2]

Der besonders einflussreiche Kommentar Padarthadarsha (Padārthādarśa) stammt von Raghavabhatta und wurde 1493 vollendet. Er erläutert die knappen Verse durch zahlreiche Zitate. Solche Zitate sind nicht automatisch Bestandteile des Sharada Tilaka Tantra. Für das Verständnis von Mantra und Ritual ist diese Unterscheidung wesentlich.

Aufbau des Werkes

Das Werk hat 25 Patalas, also Kapitel. Die Gesamtzahl der Verse hängt von der Ausgabe ab: Bühnemann nennt 3.461 Verse für die Avalon-Ausgabe und 3.519 für die Ausgabe von Mukund Jha Bakshi. Die hier enthaltene Versübersetzung erschließt daraus das Yoga-Kapitel.[2]

Die folgende Übersicht nennt Schwerpunkte, keine historischen Kapitelüberschriften. Sie folgt der kapitelweisen Inhaltsdarstellung in der alten Ausgabe.[1]

Kapitel Inhaltlicher Schwerpunkt
1 Entfaltung der Welt, Laut und Bedeutung, Shiva und Shakti, Tattvas und menschlicher Körper.
2 Entstehung und Ordnung der Sprachlaute; Grundlagen der Mantralehre.
3 Vorbereitung der Einweihung: Ort, Ritualraum, Altar und rituelle Anordnung.
4 Diksha und unterschiedliche Formen der Einweihung.
5 Fortsetzung der Einweihungsriten, Feuerverehrung und Reinigung der sechs Adhvas.
6 Matrika, die Buchstabenmutter, und Saraswati.
7 Lautanordnungen, Bhutalipi und weitere Formen der Verehrung der Sprachgöttin.
8 Shri/Lakshmi, ihre Mantras und Verehrungsformen.
9 Bhuvaneshwari, Mantra, Nyasa und Verehrung.
10 Tvarita, die rasch helfende Göttin.
11 Durga und zugehörige Verehrungsformen.
12 Tripura, Mantra, Nyasa und Meditation.
13 Verschiedene Formen des Ganesha.
14 Soma/Chandra und Surya.
15 Vishnu und seine Verehrung.
16 Narasimha und zugehörige Mantrapraxis.
17 Purushottama und weitere Vishnu-bezogene Verehrungsformen.
18 Shiva-Mantras, Nyasa und Meditation.
19 Dakshinamurti und weitere Shiva-Gestalten.
20 Aghora, Pashupata und weitere machtvolle Shiva-Mantras und Anwendungen.
21 Gayatri und tantrische Auslegung vedischer Mantrapraxis.
22 Atidurga und weitere auf bestimmte Wirkungen gerichtete Ritualverfahren.
23 Tryambaka, weitere Mantras, Pranapratishtha, Mudras, Gebetsketten und Ritualanwendungen.
24 Zahlreiche Yantras; anschließend ein Hymnus an die Göttin.
25 Achtgliedriger Yoga, Nadis, Kundalini, Hamsa, Om, Versenkung und abschließende Verehrung der Göttin.

Das Buch entwickelt somit einen weiten Bogen: von der Entstehung der Welt und der Sprache über die Ordnung der Verehrung bis zur inneren Verwirklichung. Es enthält zugleich zweckgebundene Riten. Nicht jede Handlung verfolgt unmittelbar Moksha; manche zielt auf Wohlergehen, Schutz oder Einfluss. Eine spirituelle Lektüre darf diese Unterschiede erkennen, ohne das ganze Werk auf einen einzigen Zweck zu reduzieren.

Mantra und Bija

Im Sharada Tilaka Tantra gehören Laut und Wirklichkeit eng zusammen. Die Anfangskapitel behandeln die Entfaltung des Wortes; die mittleren Kapitel verbinden bestimmte Mantras mit Gottheiten, Körperzuordnungen und Ritualen; das letzte Kapitel führt die Betrachtung des Lautes bis zum Pranava, zu Om, und zum Atman (25.50–57).

Ein Mantra gehört hier zu einer überlieferten Form der Gottesverehrung. Zu ihm werden der Seher (Rishi), das Versmaß (Chandas), die Gottheit (Devata) und seine Anwendung angegeben. Ein Bija, eine „Samensilbe“, verdichtet eine solche Zuordnung. Eine Samensilbe hat deshalb nicht notwendig eine wörtliche Übersetzung wie ein gewöhnlicher Satz. Auch ist nicht jede im Werk benannte Silbe als frei kombinierbares Mantra gedacht.

Formeln werden häufig durch Umschreibungen ihrer Buchstaben angegeben. Eine solche Mantraableitung heißt mantroddhāra: Der Wortlaut erschließt sich erst durch Kenntnis der verwendeten Lautnamen und Zuordnungen. Das erklärt, weshalb ein Mantrahandbuch Unterweisung voraussetzt. Die ausdrücklich behandelte Folge Haṃsa – So’ham – Pranava aus Kapitel 25 wird im Mantraabschnitt erläutert.

Zur allgemeinen Vertiefung: Sukadev erläutert Bija-Mantras. Der Vortrag ergänzt die Lektüre um allgemeine Grundlagen.

Klang und Bewusstsein

Vers 25.54 lädt dazu ein, Om als ungetrennt vom eigenen Selbst zu betrachten. Darin liegt eine Wendung von großer Tiefe: Das aufmerksame Hören des Lautes wird zum Anlass, den wahrnehmenden Grund selbst zu betrachten: das Bewusstsein, in dem Klang und Stille erfahren werden. Die folgenden Verse sprechen vom Selbst als innerem Bewusstsein und als Ozean der Glückseligkeit. Ihre Sprache richtet sich auf geistige Erfahrung und die Erkenntnis des Selbst.

Der Pranava, Om, steht im Yoga-Kapitel für eine Meditation über Bewusstsein und das Selbst.

Guru und Diksha

Die Kapitel 3–5 stellen Einweihung in einen geordneten Zusammenhang von Vorbereitung, Ritual und Übermittlung. In Kapitel 4 begegnen verschiedene Einweihungsformen: Kriyavati, Varnamayi, Kala und Vedha. Ihre Unterschiede zeigen, dass Diksha nicht auf eine einzige äußere Handlung beschränkt wird.[1]

Der Guru vermittelt Mantra und Praxis in einer lebendigen Überlieferung. Die alte Inhaltsdarstellung hebt für Kapitel 4 die Meditation über die Einheit von Guru, Mantra und Gottheit hervor, die weiter zur Einbeziehung des eigenen Selbst führt. Das macht verständlich, weshalb Unterweisung und inneres Erfassen zusammengehören: Eine Formel zu kennen ist noch nicht dasselbe, wie ihren Platz in der Sadhana zu verstehen.

Für heutige Aspiranten liegt darin eine Einladung zum aufmerksamen Lernen. Eine gute Unterweisung hilft, Bedeutung, Aussprache und Übungsweise zusammenzuführen. Fragen, Üben und Verstehen dürfen miteinander wachsen. So kann Vertrauen zu einer bewussten, tragfähigen Beziehung zur Praxis werden.

Nyasa – der Körper als heiliger Raum

Nyasa bedeutet ein Setzen oder Niederlegen. In der tantrischen Verehrung werden Mantras beziehungsweise ihre Laute bestimmten Körperstellen zugeordnet. Das Sharada Tilaka Tantra beschreibt verschiedene Nyasas innerhalb der Gottheitenkapitel, etwa bei Bhuvaneshwari in Kapitel 9 und bei Shiva in Kapitel 18. Die alte Inhaltsdarstellung nennt bei 9.5 die Erlangung von devatābhāva, einer von der Gottheit bestimmten Seins- oder Bewusstseinshaltung, als Ziel.[1]

Der Körper wird dabei in eine heilige Ordnung einbezogen. Seine Lebendigkeit wird in die Verehrung aufgenommen. Hände, Herz, Kopf und weitere Bereiche erhalten ihre Bedeutung aus dem jeweiligen Ritualzusammenhang. Nyasa verbindet Berührung, Laut und Vorstellung zu einer bestimmten Form der Gottheitenverehrung.

Spirituell gelesen lädt dieser Zusammenhang dazu ein, den Körper mit Achtung wahrzunehmen. Für eine heutige einfache Übung kann man vor dem Japa einige Augenblicke aufrecht sitzen und Körper, Sprache und Geist bewusst der Praxis widmen. Diese heutige Form der Sammlung kann eine Haltung der Ehrfurcht vorbereiten; ein überlieferter Nyasa hat darüber hinaus seine eigene genaue Ordnung.

Dhyana und Bhavana

Dhyana wird in 25.26 als Meditation über die erwählten Gottheiten mit einem gesammelten, im Bewusstsein verweilenden Geist beschrieben. Das äußere Bild und die innere Gegenwart gehören zusammen. Eine Gottheit wird nicht lediglich wie ein Gegenstand betrachtet; der Geist soll sich in ihrer Gegenwart sammeln.

Bhavana bezeichnet die anhaltende innere Vergegenwärtigung. Sie ist stärker als ein flüchtiger Gedanke. In 25.27 steht die beständige Vergegenwärtigung der Einheit des individuellen und höchsten Selbst im Zentrum der Erklärung von Samadhi. In 25.54 richtet sie sich auf den Pranava als Bewusstsein und Glückseligkeit.

Die vielen Farben, Lotosblüten, Schmuckstücke und Gesten der späteren Verse schaffen eine anschauliche Sprache für diese Sammlung. Die Göttin erscheint etwa als Licht, als Mutter der Sprachlaute und als eine Kraft, die die Lotoszentren mit Nektar benetzt. Diese Bilder geben der Aufmerksamkeit etwas Anschauliches: Licht kann betrachtet, eine göttliche Gestalt innerlich gegenwärtig gehalten, eine Geste der Zuflucht nachempfunden werden. Ihre Bedeutung erschließt sich innerhalb der jeweiligen Meditation.

Yantra und Mandala

Ein Yantra gibt der Verehrung eine sichtbare Ordnung; ein Mandala entfaltet einen geordneten heiligen Raum. Das Sharada Tilaka Tantra behandelt rituelle Anordnungen bereits bei der Vorbereitung der Einweihung. Später werden sie mit bestimmten Gottheiten verbunden; Kapitel 24 enthält eine umfangreiche Sammlung von Yantras.[1]

Punkt, Linie, Dreieck, Kreis und Lotos gehören in solchen Zusammenhängen zu einem bestimmten Ritual. Ihre Funktion ergibt sich aus Gottheit, Mantra und Verehrungsfolge. Deshalb wäre es irreführend, jedes Yantra des Werkes mit dem Shri Yantra gleichzusetzen oder jede geometrische Form mit derselben Bedeutung zu versehen.

Für die innere Sammlung ist der Grundgedanke dennoch zugänglich: Eine klare Form hilft, die Aufmerksamkeit zu ordnen. Wer ein überliefertes Yantra betrachtet, kann lernen, genau hinzusehen und bei einer Ausrichtung zu bleiben. Die konkrete rituelle Verwendung verlangt darüber hinaus Kenntnis des zugehörigen Verfahrens.

Puja und innere Verehrung

Puja umfasst äußere Handlungen und innere Vergegenwärtigung. Blumen, Duft, Licht und andere Gaben erhalten ihren Sinn durch die Hinwendung zur Gottheit. Der Zusammenhang der Gottheitenkapitel mit dem Yoga-Kapitel zeigt, dass die äußere Form nicht vom inneren Ziel getrennt werden muss.

Besonders eindrucksvoll wird die Verehrung in 25.64 und 25.74 nach innen gewendet: Kundalini ehrt Shiva mit Amrita, dem Nektar der Unsterblichkeit. Der Körper erscheint als Raum einer inneren Darbringung. Dabei bleibt die Sprache des Rituals erhalten; sie wird auf den Weg der Shakti durch die inneren Zentren bezogen.

Eine heutige meditative Anwendung dieses Bildes kann darin bestehen, eine einfache Gabe mit ungeteilter Aufmerksamkeit darzubringen. Eine Blume kann Dankbarkeit ausdrücken; ein Licht kann daran erinnern, mit Klarheit und Güte zu handeln. In dieser heutigen Betrachtung wird die Gabe zum Ausdruck einer Haltung: Ich bringe meine Aufmerksamkeit, meine Zeit und mein Herz in die Verehrung ein.

Gottheiten und Shakti

Das Werk entfaltet eine große Vielfalt: Saraswati, Lakshmi, Bhuvaneshwari, Tvarita, Durga und Tripura stehen neben Ganesha, Sonne, Mond, Vishnu und Shiva. Es lässt sich deshalb nicht angemessen als ausschließlich einer Gottheit gewidmetes Ritualbuch beschreiben.

Im Yoga-Kapitel wird Kundalini ausdrücklich als höchste Gottheit und Selbst von allem angesprochen (25.36). Sie ist Mutter, Licht und Kraft der Entfaltung. Zugleich wird sie in ihrer Beziehung zu Shiva dargestellt: Sie steigt zu ihm auf und kehrt mit Nektar zurück (25.64–66). Die Schlussverse verehren die Göttin als die weibliche Hälfte Ardhanarishvaras. Das Bild bewahrt die Unterscheidbarkeit der beiden Aspekte und zeigt sie doch als ungetrennte Gestalt.

Die erotische und körperliche Bildsprache der Hymnen gehört zur überlieferten Gottesdarstellung. Schönheit, Leiblichkeit und geistige Erkenntnis finden darin eine gemeinsame Sprache. Die Übersetzung lässt diese Bilder bestehen, damit die sinnliche Fülle der Hymnen erfahrbar bleibt.

Homa und rituelle Darbringung

Homa, die Darbringung ins heilige Feuer, spielt sowohl bei der Einweihung als auch in der Mantrapraxis eine Rolle. Kapitel 5 behandelt die Weihe des Feuers und weitere Einweihungshandlungen. Bemerkenswert ist, dass 25.8 auch die Feuerdarbringung unter die Niyamas aufnimmt. Im Yoga dieses Werkes stehen Ritual und innere Sammlung somit nicht in getrennten Welten.

Die äußere Handlung besitzt genaue Regeln. Menge, Stoff, Zeit und Formel sind in rituellen Vorschriften nicht beliebig austauschbar. Zugleich kann das Bild des Darbringens für die persönliche Betrachtung fruchtbar werden: Was kann ich heute in Hingabe tun, ohne alles auf den eigenen Vorteil zu beziehen? Als heutige Reflexion kann diese Frage die Bereitschaft stärken, auch Arbeit, Hilfe und aufmerksames Zuhören als Gabe zu verstehen.

Mantra-Sadhana und spirituelle Transformation

Japa kann den Geist immer wieder zur gewählten Ausrichtung zurückführen. Das Werk stellt diese Wiederholung in einen größeren Zusammenhang: Körperhaltung, Atem, Vorstellung, Ritual und Erkenntnis greifen ineinander. In 25.20 unterscheidet es Pranayama mit Japa und Dhyana von einer Atemübung ohne diese Begleitung.

Den inneren Wandel bemisst das Yoga-Kapitel nicht allein an außergewöhnlichen Erfahrungen. Es beginnt mit den leidbringenden inneren Kräften und mit ethischer Übung. Wer eindrucksvolle Energieerlebnisse sucht, findet hier deshalb zugleich eine Erinnerung an Wahrhaftigkeit, Maß und Mitgefühl. Der Text selbst benennt auch außergewöhnliche Zeichen wie innere Klänge oder das Verlassen des Bodens. Diese Aussagen werden in der Übersetzung als traditionelle Aussagen wiedergegeben, nicht als garantierte Ergebnisse einer heutigen Übung.

Regelmäßiger Japa kann Aufmerksamkeit und Hingabe verbinden. Das Sharada Tilaka Tantra ordnet ihn in eine umfassende Sadhana ein.

Haṃsa, So’ham und Ajapa

Die Verse 25.50–54 verbinden Hamsa, Ajapa Japa, So’ham und Om. Der Text deutet Haṃ und Saḥ als männliches Prinzip und Prakriti. Ihre Einheit wird in einer meditativen Lautauslegung zu So’ham und schließlich zum Pranava geführt. Das ist eine tantrische Betrachtung der Laute, keine gewöhnliche wortgeschichtliche Ableitung.

Die spirituelle Bewegung dieses Abschnitts führt vom Zusammenspiel zweier Prinzipien zur Ungetrenntheit. Für eine ruhige Lektüre ist dabei wichtiger, den Gedankengang zu erfassen, als eine zusätzliche Atemtechnik aus den knappen Versen abzuleiten.

Kundalini und die inneren Zentren

Die Verse 25.28–38 beschreiben einen subtilen Körper mit Ida, Pingala, Sushumna und Chitra. Vers 25.33 erkennt ausdrücklich unterschiedliche Auffassungen über die inneren Stützpunkte an. Man sollte daher nicht jede Aussage vorschnell in ein einziges modernes Chakra-Schema einpassen.

Später meditiert der Text über sechs Lotoszentren und über den Weg der Göttin zur höchsten Stätte. Der Aufstieg ist dabei nur ein Teil der Bewegung: Wiederholt wird auch ihre Rückkehr in die eigene Wohnstätte genannt (25.64–66). Das Bild verbindet höchste Vereinigung mit erneuter Belebung des verkörperten Lebens.

Als heutige spirituelle Betrachtung kann diese Rückkehr daran erinnern, dass Sammlung sich auch im Alltag bewähren darf. Freundlichkeit, Klarheit und Verlässlichkeit geben einer inneren Erfahrung Ausdruck. So kann das Bild der Rückkehr eine heutige Betrachtung anregen: Was in der Stille aufleuchtet, darf im Umgang mit anderen Gestalt gewinnen.

Ergänzender Vortrag über Kundalini: Das folgende Video dient der allgemeinen Einführung.

Befreiung und spirituelles Ziel

Das Sharada Tilaka Tantra umfasst weltbezogene Ziele und den Weg zur Befreiung. Im Yoga-Kapitel tritt das befreiende Ziel besonders deutlich hervor. Atman und Paramatman werden in ihrer Einheit betrachtet (25.27); Om wird als ungetrennt vom Selbst vergegenwärtigt (25.54); schließlich ruht der Yogi im höchsten Shiva, jenseits von Raum, Zeit und äußerem Halt (25.82).

In 25.62–63 unterscheidet der Text zwischen Yoga „mit Samen“ und Yoga „ohne Samen“. Die Begrifflichkeit gehört hier zu einem Zusammenhang von Kundalini, Hamsa, Bindu und dem Aufgehen in Shiva. Sie sollte nicht ohne Erläuterung mit jeder Verwendung derselben Wörter in anderen Yoga-Schriften gleichgesetzt werden.

Die Schlussbewegung des Kapitels ist zugleich eine Darbringung: Das Buch selbst wird zur Blumengabe für Parvati (25.89). Wissen endet hier nicht bei einem Besitzanspruch. Es kann zur Gabe werden. Darin liegt eine schöne Haltung für das Schriftenstudium: verstehen wollen, sorgfältig üben und das Erkannte dem Leben zugutekommen lassen.

Die acht Glieder des Yoga im Sharada Tilaka Tantra

Die Namen der acht Glieder sind vielen Yoga-Übenden vertraut. Das Sharada Tilaka Tantra füllt sie mit einer eigenen, deutlich von Mantra und Gottheitenverehrung geprägten Bedeutung. Die folgende Übersicht erleichtert den Einstieg in Kapitel 25.

Glied Bedeutung im Yoga-Kapitel Fundstelle
Yama Zehn ethische Haltungen, darunter Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit und maßvolles Essen. 25.7
Niyama Zehn Übungen und Ausrichtungen, darunter Zufriedenheit, Geben, Gottheitenverehrung, Hören der Lehre, Japa und Feuerdarbringung. 25.8–9
Asana Fünf erläuterte Sitzhaltungen für die Übung. Ihre historischen Namen entsprechen nicht durchgehend dem heutigen Gebrauch. 25.9–16
Pranayama Ordnung des Atems; ausdrücklich auch in Verbindung mit Mantra-Wiederholung und Meditation. 25.16–22
Pratyahara Das Zurückholen der Sinne von den Gegenständen, unter denen sie umherwandern. 25.23
Dharana Festhalten des Lebensatems an bestimmten inneren beziehungsweise körperlichen Stützpunkten. 25.24–25
Dhyana Meditation über die erwählte Gottheit mit einem im Bewusstsein gesammelten Geist. 25.26
Samadhi Beständige Vergegenwärtigung der Einheit des individuellen und höchsten Selbst. 25.27

Auffällig ist die Verbindung von Ethik und Verehrung: Mitgefühl steht neben Sammlung, Freigebigkeit neben Mantra-Wiederholung. Für eine spirituelle Lektüre eröffnet sich damit ein weiter Maßstab. Zur Reifung der Praxis gehört auch, wie aufmerksam, wahrhaftig und großzügig ein Mensch lebt.

Fünf zentrale Lehren

  1. Sammlung braucht eine ethische Grundlage. Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl gehören ausdrücklich zum Yoga-Weg. Die Arbeit an Zorn, Gier und Neid ist Teil der Praxis (25.3–9).
  2. Körper, Atem, Laut und Geist wirken zusammen. Die acht Yoga-Glieder und die Verbindung von Pranayama mit Japa und Dhyana zeigen einen umfassenden Übungsweg (25.5–6; 25.20).
  3. Gottheitenmeditation kann zur Bewusstseinserkenntnis führen. Dhyana wird mit einem im Bewusstsein gesammelten Geist geübt; Samadhi wird als Vergegenwärtigung der Einheit des Selbst erklärt (25.26–27).
  4. Shakti ist lebendige Gegenwart des Göttlichen. Kundalini wird als höchste Gottheit und Selbst von allem verehrt; ihre Bewegung verbindet die inneren Zentren mit Shiva (25.36; 25.64–66).
  5. Die höchste Ausrichtung überschreitet das bloße Streben nach Wirkungen. Der Text beschreibt ein Aufgehen in Shiva ohne Abhängigkeit von einem erstrebten Ergebnis und eine Frucht des Yoga jenseits von Raum und Zeit (25.63; 25.82).

Fünf Anregungen für Yoga-Aspiranten

Die folgenden Anregungen sind heutige Anwendungen der genannten Lehren; sie sind keine verkürzte tantrische Einweihung oder wörtliche Ritualübersetzung.

  1. Verbinde Japa mit einer klaren Haltung. Beginne deine vertraute Mantrapraxis mit dem Wunsch, wahrhaftig und mitfühlend zu handeln. So stehen Wiederholung und Lebensführung miteinander in Beziehung.
  2. Nimm dir Zeit für das Ankommen. Setze dich bequem und aufrecht hin. Spüre den natürlichen Atem, bevor du die Aufmerksamkeit auf dein Mantra oder deine erwählte Gottheit richtest. Aus den historischen Atemanhaltepassagen sollte ohne persönliche Anleitung kein eigenes Übungsprogramm abgeleitet werden.
  3. Lies einen Vers langsam. Wähle etwa 25.26, 25.27 oder 25.54. Lies ihn, schließe kurz die Augen und lasse die Aussage in der Stille nachklingen. Nimm eine Aussage mit in den Tag und beobachte, welche Bedeutung sie in einer konkreten Begegnung gewinnt.
  4. Vereinfache eine Darbringung. Bringe ein Licht oder eine Blume mit ungeteilter Aufmerksamkeit dar. Nimm wahr, wie sich dieselbe äußere Handlung verändert, wenn Dankbarkeit sie trägt.
  5. Führe die Sammlung in den Alltag zurück. Wähle nach der Meditation eine konkrete Handlung: aufmerksam zuhören, eine Pflicht sorgfältig erfüllen oder einem Menschen helfen. So erhält die innere Ausrichtung einen sichtbaren Ausdruck.

Deutsche Übersetzung des Sharada Tilaka Tantra

Umfang und Lesehinweise

Die folgende Übersetzung umfasst Kapitel 25 vollständig: Verse 25.1–25.89 und Kolophon. Sie ist eine eigene deutsche Übersetzung des Sanskritgrundtextes. Die Verszählung und der zugrunde gelegte Sanskrittext folgen der Textbearbeitung von Bühnemann 2011, S. 215–224.

Die Versgrenzen stimmen nicht immer mit den Satzgrenzen überein. Ein Gedankenstrich am Ende beziehungsweise Anfang einer Übersetzung zeigt einen Satz an, der im nächsten Vers weitergeht. Die Erläuterungen nach dem Kapitel erklären schwierige Begriffe und benennen unsichere Deutungen.

Die Verse geben eine historische Lehr- und Ritualwelt wieder. Insbesondere lange Atemhaltezeiten, das Verschließen der Atemöffnungen und die auf Schädigung gerichteten Riten in 25.43–44 sind keine heutigen Praxisempfehlungen dieses Artikels. Traditionelle Aussagen über Körpermaße, subtile Kanäle und außergewöhnliche Fähigkeiten bleiben als solche erkennbar.

Kapitel 25

Yoga, Ethik und acht Glieder

25.1 Nun werde ich den Yoga mit seinen Gliedern darlegen, der Bewusstseinserkenntnis schenkt. Die Yogakundigen nennen die Einheit des individuellen Selbst mit dem höchsten Selbst Yoga.

25.2 Andere verstehen darunter die Erkenntnis, dass Shiva und das Selbst nicht verschieden sind. Die Kenner der Agamas haben Yoga als Erkenntnis beschrieben, deren Wesen Shiva und Shakti sind.

25.3 Andere Kundige nennen ihn die Erkenntnis des ursprünglichen, ewigen Wesens. Nachdem man zunächst die inneren Feinde, angefangen mit dem Begehren, überwunden hat, soll man Yoga üben.

25.4 Begehren und Zorn, Gier und Verblendung, ferner Überheblichkeit und Neid: Diese Leiden verursachenden Kräfte nennt man die Gruppe der sechs Feinde des Selbst.

25.5 Indem die Yogis diese durch die acht Glieder des Yoga überwinden, können sie die Vereinigung erreichen. Die Glieder sind Yama und Niyama, Asana und Pranayama; danach folgen –

25.6 – Pratyahara, das als Dharana bezeichnete Glied und Dhyana zusammen mit Samadhi. Diese nennen die Yogis die acht Glieder der Yoga-Praxis.

25.7 Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, sexuelle Enthaltsamkeit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Geduld und Vergebung, Standhaftigkeit, maßvolles Essen und Reinheit: Das sind die zehn Yamas.

25.8 Askese, Zufriedenheit, Vertrauen in die heilige Überlieferung, Geben, Verehrung der Gottheit, Hören der Lehrsätze, sittliches Schamgefühl, Einsicht, Mantra-Wiederholung und Darbringung ins Feuer –

25.9 – diese zehn haben die Kenner der Yoga-Lehre als Niyamas bezeichnet. Als Sitzhaltungen werden der Lotossitz, der Svastika-Sitz, der Bhadra-Sitz, der Vajra-Sitz –

Sitzhaltungen und Atem

25.10 – und der Vira-Sitz genannt; damit sind die fünf Sitzhaltungen der Reihe nach aufgeführt. Nachdem man beide Fußsohlen richtig auf die Oberschenkel gelegt hat, –

25.11 – soll man sodann beide großen Zehen mit den über Kreuz geführten Händen festhalten. Dies wird als Lotossitz bezeichnet, der den Yogis lieb ist.

25.12 Nachdem der Yogi beide Fußsohlen richtig zwischen Knie und Oberschenkel gelegt hat, soll er mit aufrechtem Körper sitzen. Dies nennt man den Svastika-Sitz.

25.13 Man soll beide Knöchel fest an die Seiten der Dammnaht legen und die beiden Fersen unterhalb des Hodensacks mit den Händen festhalten.

25.14 Dies wird als Bhadra-Sitz gelehrt, den die Yogis besonders verehren. Man lege die Füße der Reihe nach auf die Oberschenkel; auf die Knie, mit nach innen gerichteten Fingern, –

25.15 – lege man die Hände. Das wird der vortreffliche Vajra-Sitz genannt. Nachdem man einen Fuß unten abgelegt und den anderen auf den Oberschenkel gelegt hat, –

25.16 – soll der Yogi mit aufrechtem Körper sitzen. Dies heißt Vira-Sitz. Durch Ida soll man die äußere Luft während sechzehn Zeiteinheiten einziehen.

25.17 Der Yogi soll die eingeatmete Luft, die in die Mitte der Sushumna gelangt ist, für vierundsechzig Zeiteinheiten richtig halten. Während zweiunddreißig Zeiteinheiten soll er sie langsam –

25.18 – durch den Kanal Pingala ausatmen, kundig im Yoga. Dies nennen die Kenner der Yoga-Lehre Pranayama.

25.19 Wieder und wieder soll man es schrittweise auch in umgekehrter Ordnung ausführen, unter allmählicher Zunahme der Zeiteinheiten, richtig zwölf- oder sechzehnmal.

25.20 Pranayama ist zweifach: mit innerem Gehalt und ohne solchen Gehalt. Die Weisen nennen den mit Mantra-Wiederholung, Meditation und ähnlichen Übungen verbundenen Pranayama „mit innerem Gehalt“.

25.21 Den davon freien Pranayama kennen andere als „ohne inneren Gehalt“. Bei einem Menschen, der schrittweise übt, gilt das Auftreten von Schweiß am Körper als die unterste Stufe.

25.22 Die mittlere Stufe ist mit Zittern verbunden; die höchste wird als Verlassen des Bodens angesehen. Die Übung soll fortgesetzt werden, bis die Eigenschaften der höchsten Stufe erlangt sind.

Sammlung und Versenkung

25.23 Die Sinne bewegen sich ungehindert unter ihren Gegenständen. Sie mit Entschiedenheit von diesen zurückzuholen, wird Pratyahara, Zurückziehen der Sinne, genannt.

25.24 An den großen Zehen, Knöcheln, Knien und Oberschenkeln, an Damm, Geschlechtsorgan und Nabel, in den Bereichen von Herz, Nacken und Kehle, am Gaumenzäpfchen und dann an der Nase –

25.25 – zwischen den Augenbrauen, am Kopf, am Scheitel und am Dvadashanta den Lebensatem nach der vorgeschriebenen Weise festzuhalten: Das wird Dharana, Konzentration, genannt.

25.26 Mit gesammeltem Geist, der im Inneren des Bewusstseins verweilt, über die eigenen erwählten Gottheiten zu meditieren: Das wird hier Dhyana genannt.

25.27 Die beständige Vergegenwärtigung der Gleichheit des individuellen Selbst und des höchsten Selbst nennen die Weisen Samadhi. Damit sind die Merkmale des achtgliedrigen Yoga dargelegt.

Der subtile Körper und Kundalini

25.28 Der Körper misst sechsundneunzig Fingerbreiten und hat ein zweifaches Wesen. Zwischen After und Geschlechtsorgan kennt man den Kanda, die wurzelartige Verdickung, mit einer Höhe von zwei Fingerbreiten.

25.29 Seine Breite ist doppelt so groß; seine Gestalt ist kreisförmig. Dort entstehen die Nadis, die feinen Kanäle. Drei werden als die wichtigsten genannt.

25.30 Ida liegt auf der linken Seite, Pingala wird rechts angenommen. Zwischen beiden befindet sich Sushumna, die sich an die Wirbelsäule hält.

25.31 Sie reicht in die beiden großen Zehen, verläuft durch die beiden Wurzeln und weiter durch den Kopf und erreicht den Ort Brahmans. Ihr Wesen sind Mond, Sonne und Feuer.

25.32 In ihrer Mitte befindet sich der Kanal namens Chitra, den Yogis lieb. In ihm kennt man das höchste Brahmarandhra, einem Faden aus Lotosfasern gleich.

25.33 Darin kennt man die Stützpunkte, je nach unterschiedlicher Lehrauffassung, in verschiedener Anzahl und Anordnung. Man nennt dies den göttlichen Weg, der die Glückseligkeit der Unsterblichkeit hervorbringt.

25.34 In Ida bewegt sich der Mond, in Pingala die Sonne. Diejenigen, die den Ursprung ihrer Vereinigung kennen, wissen beide in Sushumna.

25.35 Die Kenner der Agamas beschreiben ein überaus schönes Dreieck in der Mitte des Kanda am Grundzentrum: die göttliche Wohnstätte der Lichtkräfte.

25.36 Dort erstrahlt Kundali, die höchste Gottheit, wie eine Blitzranke. Sie ist das Selbst von allem und hat eine Gestalt, die einer schlafenden Schlange gleicht.

25.37 Die Kundali-Shakti trägt das Selbst, indem sie sich auf Hamsa stützt. Hamsa stützt sich stets auf den Lebensatem; der Lebensatem stützt sich auf die Nadis.

25.38 Der vom Grundzentrum aufsteigende Lebenswind durchdringt bei allen verkörperten Wesen den Körper durch die ihm eigenen Kanäle und tritt seiner Natur entsprechend nach außen –

Mantrapraxis und innere Klänge

25.39 – bis zu einer Entfernung von zwölf Fingerbreiten. Daher heißt er Prana. Auf einem angenehmen, weichen, reinen Sitz mit Tuch, Tierfell und Kusha-Gras –

25.40 – soll der Yogi eine der Sitzhaltungen einnehmen und sich ganz dem Yoga-Weg zuwenden. Nachdem er anhand des Lebensatems vorschriftsmäßig erkannt hat, welches Element im Körper vorherrscht, –

25.41 – soll der Verständige das jeweilige Element durch Rezitation verehren, um Festigkeit des Körpers zu erlangen. Die Bewegung der Erde ist stabförmig; unten an beiden Nasenöffnungen verläuft diejenige –

25.42 – des Wassers. Die Bewegung des Feuers geht nach oben, die der Luft seitwärts; die des Raumes verläuft in der Mitte. So wird das Hervortreten der Elemente überliefert.

25.43 Beim Vorherrschen der Erde soll der Kundige Erstarrungs- und Beherrschungsriten ausführen; zur Zeit des Wassers friedensstiftende und stärkende Handlungen; zur Zeit des Feuers –

25.44 – Tötungsriten und dergleichen, zur Zeit der Luft die Vertreibung von Gegnern und Ähnliches. Beim Vorherrschen des Raumes wird Vernichtung durch Gift und Ähnliches empfohlen. Die letzte Wendung ist mehrdeutig; siehe die Erläuterung zu 25.44.

25.45 Gesammelt soll man die Sinnesorgane mit den Fingern fest verschließen: beide Ohren mit den Daumen, die Augen mit den Zeigefingern –

25.46 – die Nasenöffnungen mit den Mittelfingern und den Mund mit den übrigen Fingern. Nachdem man sie fest verschlossen hat und sich die Einheit von Selbst, Lebensatem und Geist vergegenwärtigt, –

25.47 – soll man den Atem richtig halten. Diese Yoga-Übung ist den Yogis lieb. Bei schrittweiser, fortgesetzter Übung entsteht allmählich der innere Klang.

25.48 Der erste Klang gleicht dem Gesang einer berauschten Biene. Ein weiterer gleicht dem Ton einer Flöte, die der Atem aus dem Mund des Flötenspielers erfüllt.

25.49 Danach gleicht er dem Läuten einer Glocke, dann dem Donner dichter Wolken. Bei einem Menschen, der so übt, entsteht eine Erkenntnis, welche die Finsternis des Daseinskreislaufs vernichtet –

Haṃsa, Ajapa und Pranava

25.50 – eine bisher unbekannte, unvergängliche Erkenntnis, die durch Hamsa gekennzeichnet ist. Bindu und Visarga werden von den Weisen als männliches Prinzip und Prakriti bezeichnet.

25.51 Aus beiden sind der Reihe nach die mit Bindu und Visarga endenden Silben Haṃ und Saḥ hervorgegangen. Sie heißen männliches Prinzip und Prakriti: Haṃ ist das männliche Prinzip; Saḥ ist Prakriti.

25.52 Aus beiden besteht die als Ajapa bezeichnete Rezitation, der sich das individuelle Lebewesen zuwendet. Prakriti bleibt beim Purusha, den sie als ihren eigenen Halt erkennt.

25.53 Wenn diese Ajapa deren Seinsweise erreicht, wird sie zu „So’ham“. Danach soll man den Laut Sa und den Laut Ha weglassen und die Lautverbindung nach der Regel der vorausgehenden Form vollziehen: Dann wird sie zum Pranava.

25.54 Der Yogi soll sich den Pranava stets vergegenwärtigen: erfüllt von höchster Glückseligkeit, ewig, allein vom Wesen des Bewusstseins und ungetrennt vom Selbst.

25.55 Die im Selbst gegründeten Guten schauen das Selbst als den einen Ozean des Nektars der Glückseligkeit. Es ist ursprünglich, weit jenseits der Worte der heiligen Überlieferung, durch eigene unmittelbare Erfahrung erkennbar und vom Wesen des befreienden Lautes.

25.56 Die verdienstvollen Menschen mit beherrschten Sinnen schauen unablässig das Selbst: wirklich, ohne Ursache, Ursprung der Worte der Shruti, Ursache der Welt, alles Bewegliche und Unbewegliche durchdringend, unvergleichlich, das innere Bewusstsein. Sonne, Feuer und Mond sind seine Gestalt; der befreiende Laut ist sein Wesen; es ist die Wohnstätte immerwährender Glückseligkeit.

25.57 Verehrt jenes höchste Licht, den Ozean verdichteten Unsterblichkeitsnektars: Durch die sieben Entfaltungen des befreienden Lautes wird es vertraut; den Erkenntnismitteln bleibt es unzugänglich; stets wird es von den höchsten Aussagen der Shruti gesucht. Es ist Bewusstsein, alldurchdringend, unvergänglich und unwandelbar.

So’ham: Die Betrachtung des Atemmantras führt im Text zur Vergegenwärtigung des Selbst.

Göttliche Gestalten und Formen des Yoga

25.58 Man verehrt den goldenen, leuchtenden, vielfarbigen Purusha, die Wurzel der drei göttlichen Gestalten, den Samen der Veden und anderer heiliger Lehren: daumengroß, reines Bewusstsein, in der Sonnenscheibe verweilend.

25.59 Man meditiert über den Ursprünglichen, der im Milchozean auf den Windungen der Schlange ruht, zusammen mit Kamala. Seine Augen sind wie geöffnete Lotosblüten, seine Farbe gleicht dunklem Augenschmuck; auf dem Lotos aus seinem Nabel sitzt der Viergesichtige.

25.60 Die Verwirklichten schauen den ewigen Purusha, dessen Füße die heilige Überlieferung besingt. Dunkel wie eine Regenwolke, strahlt er mit Shrivatsa-Zeichen, Kaustubha-Juwel, Keule, Lotos, Muschelhorn und Diskus. Im Lotos des Herzens wohnt er, der eine Ursprung der Welt.

25.61 Aus Bindu entsteht Nada. Wenn Nada hervorgetreten ist, erscheint der befreiende Laut, die Ursache der Welt. Möge euch die Gestalt des Feindes der drei Städte schützen, der Ursprung der Glückseligkeit: Ihre Lotosgesichter sind die Wirklichkeitsprinzipien; Scharen von Armen aus Sprachlauten umgeben sie; ihre vier Münder sind die heilige Überlieferung. Sie ist überströmt vom göttlichen Unsterblichkeitsnektar, der aus der Mondsichel ihrer Krone rinnt.

25.62 Pinda ist Kundalini, deren Selbst Shiva ist; Pada ist Hamsa, das innere Selbst von allem. Rupa ist Bindu von unendlichem Glanz; das über die Gestalt Hinausgehende ist die völlige Einheit mit Shiva.

25.63 Den Yoga mit Pinda und den weiteren genannten Formen, der durch die völlige Einheit mit Shiva zustande kommt, nennen die Guten Yoga mit Samen. Die Verbindung der Begriffe ist hier auslegungsbedürftig. Das Aufgehen in Shiva, der mit ewigen Eigenschaften verbunden ist, nennen sie Yoga ohne Samen, ohne Abhängigkeit von einem erstrebten Ergebnis.

Kundalini und die Verehrung der Göttin

25.64 Man soll sich diese Kundali vergegenwärtigen, die am Grund erwachte Königin der Schlangen: Sie tritt in Sushumna ein, durchdringt rasch die Gruppe der Stützpunkte und gleicht einem leuchtenden Blitz. Mit den Strömen göttlichen Nektars, die aus der Mondscheibe im Himmelslotos fließen, ehrt sie ihren Gemahl und kehrt wieder in ihre eigene Wohnstätte zurück.

25.65 Die Kundalini-Shakti, die Mutter von allem, geht von ihrem Grundzentrum aus und nimmt den ewigen, unendlichen, unvergänglichen Hamsa an die Hand. Sie gelangt in die Wohnstätte Shambhus, erfährt selbst mit ihm das höchste Glück und kehrt in ihren eigenen Sitz zurück. Über sie soll man meditieren: Sie bezaubert die Welt und leuchtet wie zehn Millionen Sonnen.

25.66 Die Kundalini-Shakti, deren Gestalt die drei Gunas sind und die einer Blitzranke gleicht, führt den unmanifesten höchsten Bindu von herrlichem Glanz zur Wohnstätte Shivas. Sie schaut diese Stadt inmitten des Nektars der Glückseligkeit, strahlend wie zehn Millionen Monde und Sonnen, und kehrt in ihre eigene Stadt zurück. Über diese Göttin von untadeligen Eigenschaften soll man meditieren.

25.67 Wir verehren die höchste Gottheit, die auf dem mittleren Weg aufsteigt. Sie überschreitet die Klangfülle, die aus der Erschütterung beim Zusammenstoß der beiden Lebenswinde entsteht, und erhebt sich in einem Licht, das wie zehn Millionen Blitze strahlt. Rot wie frischer Hibiskus, Zinnober und Abendhimmel, ganz aus dem Nektar dichter Glückseligkeit bestehend, hat sie den höchsten Shiva erreicht.

25.68 Möge jene Kundali, geschickt im Aufsteigen und Zurückkehren, die Früchte des Yoga hervorbringen. Erwacht ist sie die wunscherfüllende Kuh des Kula und für ihre Verehrer die Ranke, die ihre Sehnsucht erfüllt.

25.69 Man soll über die aus Bewusstsein bestehende Gottheit meditieren: Sie wohnt im Shakti-Bindu am Grundzentrum, fein wie die Granne eines Wildreiskorns, erfüllt von ewiger Glückseligkeit. Nachdem sie die sechs Lotosblüten auf rechte Weise mit herabfließenden, Erwachen spendenden Schauern höchsten Nektars benetzt hat, erhebt sie sich in der Mitte des Bogens, strahlend wie die rote Bandhujiva-Blüte.

25.70 Mit reinem Verstehen soll man über die Göttin meditieren, die in der Sonnenscheibe des Herzenslotos wohnt und mit dem Glanz eines Blitzes wetteifert. Mit dem roten Licht der jungen Sonne vertreibt sie die Dunkelheit. Als Verkörperung der Laute gelangt sie zu der ewigen, aus Bewusstsein bestehenden Stätte namens Nada, die wie ein Halbmond gebogen ist. Sie ist das allgegenwärtige Licht der Lichter.

25.71 Mit unzerstreutem Geist soll man recht über Ambika meditieren, die aus Bewusstsein besteht. An der Stirn wetteifert sie mit dem Vollmond. Mit einem Glanz wie Schnee und eine Perlenkette übergießt sie den Gott mit unermesslichem Nektar und erfüllt den Körper mit Freude. Sie ist die Mutter der Laute und durchdringt mit deren Gestalt die Welt.

25.72 Möge die ursprüngliche, aus Sprache bestehende Gottheit euch ungeteilte Fülle schenken: die hervorbringende große Herrin, die am Grund, an der Stirn und im Herzen in Gestalt der Laute erstrahlt. Ihre Taille neigt sich unter der Last ihrer vollen, hohen Brüste; in jedem Chakra ist ihr Körper reichlich vom herabfließenden Nektar benetzt.

25.73 Aus ihrer eigenen Wohnstätte steigt die Göttin Kundali spielerisch auf und bringt auf jedem Abschnitt ihres Weges die Lotosblüten zu schönem Lächeln. Sie strahlt wie die junge Sonne. Möge sie durch den Nektar aus Shivas Wohnstätte das Licht des Selbst entzünden.

25.74 Durch Übungen, beginnend mit dem Verschluss am Grundzentrum, erhebt sich Kundalini und verehrt Shiva, den Samen der drei Lichtstätten, mit Nektar. Möge Shivas Gemahlin euch Heil schenken.

25.75 Möge Shambhus Gemahlin unermessliche Fülle schenken: Sie gleicht einer Masse von Zinnober, trägt die Mondsichel als Schmuck und ihr Gesicht leuchtet durch drei von Glückseligkeit erfüllte Augen. Unter ihren vollen, hohen Brüsten neigt sich ihr Leib; in ihr wirkt die Macht des körperlosen Liebesgottes.

25.76 Möge die Gemahlin des Herrn der Uma im Herzen erstrahlen, rot wie die Bandhuka-Blüte. Mit ihren weiten und schmalen Lotosaugen schmückt sie die Himmelsrichtungen; die Spitzen der Kronen der sich verneigenden Götter berühren ihre Lotosfüße. Sie trägt die junge Mondsichel und hat volle, krugförmige Brüste.

25.77 Möge die höchste Gottheit Freude in das Bewusstsein der drei Welten bringen, indem sie die sechs Chakra-Zentren durchdringt. Diese sind der Reihe nach von den Lautgruppen zu vier, sechs, zehn, zwölf, sechzehn und zwei Lauten umgeben: mit den Anfangslauten, den als „Sa und die folgenden“ bezeichneten Lauten sowie Ksha und Ha. Die genaue Zuordnung ist im Vers stark verkürzt. Dakini und die anderen Göttinnen wohnen darin; Brahma und die anderen Gottheiten sind ihnen zugeordnet.

25.78 Man soll sich die glückverheißende Göttin vergegenwärtigen, die rasch aus dem Grundzentrum hervortritt. Ihr Leib ist durch die Windungen der Gunas geschmückt, wie sich der hier mehrdeutige Ausdruck verstehen lässt; sie durchdringt die Lotosblüten und erhebt sich im Erwachen dichter, aus Bewusstsein bestehender Glückseligkeit. Ein Nektarstrom aus dem in Bewegung versetzten Mond des höchsten Bereichs lässt sie aufblühen. Ihre Gestalt gleicht einem mächtigen Blitz.

25.79 Möge Ambikas Gestalt stets Glückverheißendes schenken: die Krone der Glückseligkeit, von den höchsten Aussagen der Shruti gesucht, mit dem Halbmond geschmückt, über alle Welten gebietend. Sie ist die Stätte des Herrn und ganz darauf gerichtet, das Leid ihrer Verehrer zu beseitigen.

25.80 Ich nehme Zuflucht zur linken Hälfte des großen Herrn, deren Fußreifen lieblich klingen: zur Wurzel der Welt, die auch die Wurzel der Sprache ist.

25.81 Wir nehmen Zuflucht zur ungetrennten Hälfte des großen Herrn, die wie ein mächtiger Saphir leuchtet. Unter der Last ihrer Brüste neigt sie sich; glänzende Schmuckstücke entfalten ihre Schönheit. Sie ist die eine Wurzel der Welt, stets von den höchsten Aussagen der Shruti gesucht.

25.82 Nachdem der Yogi die fünf Ursachen zur Auflösung gebracht hat, versenkt er mit unbeweglichem Verstehen das Selbst in den höchsten Shiva: jenseits von Raum und Zeit, reines Bewusstsein, leer und ohne Stütze. Alle seine Sinne sind darin aufgegangen. So erlangt er die Frucht des Yoga, die leicht zugänglich, immer schon offenbar und frei von Tätigkeit ist.

Überlieferung und abschließende Darbringung

25.83 Ich verneige mich vor jenem Mahabala, der durch die Umarmung der Bewusstseinsranke erfrischt ist. Den Zufluchtsuchenden hat er die reife Frucht der Befreiung aus den Zweigen der heiligen Überlieferung dargereicht.

25.84 Aus ihm ging der Elefantenkönig unter allen Lehrern hervor, der freudig im Ozean der sechs rituellen Handlungen verweilte. Sein siegreicher Name war über die drei Welten verbreitet; die Guten rühmen ihn als Acharya-Pandita.

25.85 Dessen Sohn wurde zum Lehrer der Lehrer: Shrikrishna, dessen Herrlichkeit hervorleuchtete. Durch die Weihe mit dem Nektar des Mitgefühls seiner Füße erlangen die Gesegneten höchste Fülle.

25.86 Diesem Herrn, der den Reichtum des Lehrerwissens besaß, wurde Lakshmanadeshikendra geboren. In sämtlichen Wissensgebieten und allen Künsten erlangte er großen Ruhm.

25.87 Dieser Weise nahm die ganze Essenz aus allen Agamas auf und schuf das Tantra mit dem Namen „Shri Sharada Tilaka“. Seine Kapitel entsprechen der Zahl der Wirklichkeitsprinzipien; es soll den Wissenden für lange Zeit Freude bereiten.

25.88 Anfangs- und endlos ist Shankaras Gemahlin, deren Körper die Hälfte von Shambhus Leib einnimmt. Unablässig bringt sie die Weltgestalt und die verehrungswürdige, sinnvoll erfüllte Sprache hervor. Geneigt unter der Last ihrer Brüste, die Wort und Bedeutung sind, stillt sie die Flut des aus dem Daseinskreislauf entstandenen Leids. Möge sie eurem Gedeihen dienen.

25.89 Möge Parvati uns stets Glück schenken, erfreut durch die Blumengabe dieses Werkes: Sie ist den Gebenden zugeneigt und nimmt die Hälfte von Shankaras Körper ein.

Kolophon: Hier endet das fünfundzwanzigste Kapitel im ehrwürdigen Sharada Tilaka Tantra.

Erläuterungen zur Übersetzung

Yoga und seine inneren Voraussetzungen (25.1–9): Das Kapitel nennt mehrere Erklärungen von Yoga, ohne sie zu einer einzigen Formel zusammenzuzwingen. Die Zuordnung dieser Erklärungen zu bestimmten Schulen wird im Kommentar ausgeführt. Der Grundtext selbst spricht von verschiedenen Kundigen und Agama-Kennern. Auch besteht eine produktive Spannung zwischen 25.3 und 25.5: Die inneren Feinde sollen vor der Yoga-Übung überwunden werden; zugleich werden die Yoga-Glieder als Mittel ihrer Überwindung genannt. Die Übersetzung lässt beides stehen.

Yama und Niyama (25.7–9): Die Listen umfassen jeweils zehn Glieder. Sie stimmen daher nicht einfach mit den beiden Fünferlisten des Yoga Sutra überein. Brahmacarya bezeichnet in dieser Aufzählung sexuelle Enthaltsamkeit. Āstikya meint die Anerkennung der heiligen Überlieferung und ihrer Wirklichkeitsordnung; „positives Denken“ wäre als Übersetzung zu eng und zu modern. Hrī ist ein sittliches Schamgefühl beziehungsweise die Scheu vor unwürdigem Handeln.

Sitz und Atem (25.10–22): Die historischen Asana-Namen sind nicht durchgehend mit den heute gleichnamigen Haltungen identisch. Mātrā ist eine Zeiteinheit der Übung und nicht ohne Weiteres eine Sekunde. Bei 25.19 bleibt die knappe Angabe einer „umgekehrten Ordnung“ auslegungsbedürftig; aus dem Vers allein wird hier keine bestimmte moderne Wechselatmungsanweisung abgeleitet. Das Verlassen des Bodens in 25.22 ist eine traditionelle Siddhi-Aussage, kein zugesicherter Effekt des Pranayama.

Der subtile Körper (25.24–38): Dvadashanta ist ein in tantrischen Traditionen unterschiedlich bestimmter „Zwölfer-Endpunkt“. Kanda bedeutet wörtlich eine knollen- oder wurzelartige Verdickung. Das „zweifache Wesen“ des Körpers in 25.28 bleibt im Grundtext knapp; die Übersetzung ergänzt deshalb nicht eigenmächtig eine einzige Erklärung. Ebenso wird die schwierige Verlaufsbeschreibung in 25.31 nicht anatomisch geglättet. Brahmarandhra in 25.32 steht in einem Zusammenhang innerer Kanäle; das Bild des Lotosfadens kann sowohl die Feinheit als auch die Verbindung der Lotoszentren veranschaulichen.

Elemente und Ritualwirkungen (25.40–44): Bhūtodaya bezeichnet hier das Hervortreten beziehungsweise Vorherrschen der Elemente, das anhand des Atemverlaufs beurteilt wird. Die folgende Verbindung mit Einfluss- und Schädigungsriten gehört zur historischen Ritualwelt des Werkes. Sie wird nicht in eine harmlose Metapher umgeschrieben. Der Ausdruck kṣveḍādināśanam in 25.44 ist mehrdeutig: Er kann als Vernichtung durch Gift und ähnliche Mittel verstanden werden; eine Lesart als Beseitigung von Gift und verwandten Übeln ist sprachlich ebenfalls möglich. Die Stelle ist daher als unsicher gekennzeichnet.

Innerer Klang und Mantra (25.45–57): Die Verse 25.48–49 nennen vier Klangbilder: Biene, Flöte, Glocke und Donner. Eine aus anderen Quellen bekannte Zehnerliste ist nicht der Wortlaut dieser beiden Verse. Bindu und Visarga werden in 25.50–51 zugleich als Lautzeichen und kosmische Prinzipien betrachtet. Tāra, der „hinüberführende“ beziehungsweise befreiende Laut, bezeichnet in 25.55–61 den Pranava. Gemeint ist hier nicht ohne Weiteres die Göttin Tara.

Meditative Bilder und schwierige Lesungen (25.60–82): In 25.60, 25.61, 25.71 und 25.82 folgt diese Ausgabe den redaktionellen Lesungen der verwendeten Sanskritausgabe. Auch 25.50, 25.52 und 25.83 enthalten dort vorgeschlagene Textverbesserungen. Sie sind damit nicht als ausnahmslos gesicherte Handschriftenlesungen auszugeben. In 25.63 ist die Verbindung von „mit Samen“ und „Einheit mit Shiva“ besonders knapp; die Übersetzung bewahrt diesen Zusammenhang, ohne daraus eine umfassende Stufentheorie zu konstruieren.

Lotoszentren und Hymnensprache (25.64–81): „Stadt“, „Haus“ und „Wohnstätte“ sind Bilder innerer Orte. „Bogen“ in 25.69 ist eine traditionelle Ortsbezeichnung der Meditation. Die Laut- und Zahlensprache von 25.77 ist stark verdichtet; ihre Zuordnungen werden hier nicht zu einer eigenständig rekonstruierten Mantraformel erweitert. Guṇavṛtta in 25.78 lässt unterschiedliche Auslegungen zu; „Windungen der Gunas“ ist eine vorsichtige Wiedergabe, keine gesicherte anatomische Bezeichnung. Die Begriffe Sattva, Rajas und Tamas gehören zum Bedeutungsfeld von Guna.

Verfasser und Darbringung (25.83–89): „Frucht der Befreiung“ in 25.83 kann zugleich als Anspielung auf den Werktitel Muktiphala gelesen werden. Vers 25.87 verbindet die Kapitelzahl mit den Tattvas. Der letzte Vers macht aus der Schrift eine Blume für die Göttin: Verfassen, Lesen und Verstehen erhalten damit den Charakter einer Gabe.

Wichtige Mantras des Sharada Tilaka Tantra

Dieser Abschnitt beschränkt sich auf die im hier edierten Yoga-Kapitel belegten Formen. Er ist kein vollständiges Mantraverzeichnis der 25 Kapitel. Haṃ und Saḥ werden als Bestandteile von Haṃsa erläutert, nicht als zusätzlich erschlossene selbständige Gottheitenmantras.

Form in IAST Devanagari Bedeutung und Bezug Fundstelle und Einordnung
haṃsaḥ; in der Zerlegung haṃ und saḥ हंसः; हं und सः Haṃsa bedeutet als Wort Gans beziehungsweise Schwan. Im vorliegenden Mantrazusammenhang deutet der Text Haṃ als männliches Prinzip und Saḥ als Prakriti. Bezug: Purusha und Prakriti, im weiteren Kapitel Shiva und Shakti. 25.37 und 25.50–52. Die beiden Silben bilden die als Ajapa bezeichnete Rezitation. Die symbolische Silbenauslegung ist von der wörtlichen Vogelnamenbedeutung zu unterscheiden.
so ’haṃ सोऽहं „Er bin ich“, im meditativen Verständnis auch „Ich bin Das“. Bezug: das individuelle und höchste Selbst. 25.53. Im Vers wird diese Form ausdrücklich genannt und aus der vorhergehenden Lautbetrachtung entwickelt. Sie ist keine hier ergänzte Formel.
oṃ ॐ; alphabetisch auch ओं Keine gewöhnliche wörtliche Übersetzung. Bezeichnung: Pranava, in den folgenden Versen auch Tāra. Bezug: Atman, Brahman und die im Kapitel verehrten göttlichen Gestalten. 25.53–61, besonders 25.54. Der Vers 25.53 bezeichnet das Ergebnis seiner eigenen Lautauslegung als Pranava; die Standardform Oṃ wird hier als dessen Name erläutert, nicht als zusätzliche lange Mantraformel rekonstruiert.

Spirituelle Einordnung: Die Folge führt von der Betrachtung polarer Prinzipien zur Vergegenwärtigung ihrer Einheit und zum Selbst als Bewusstsein. Die Verse liefern keine Grundlage dafür, sämtliche anderen Gottheitenmantras des Werkes aus bekannten Gebetsbüchern zu ergänzen. Insbesondere die bloße Nennung vedischer Mantras in der Gesamtübersicht ist noch kein Abdruck ihres Wortlauts im Grundtext.

Sharada Tilaka Tantra und andere Tantra Schriften

Das Sharada Tilaka Tantra ist vor allem als systematisch geordnetes Handbuch der Mantra- und Gottheitenpraxis zu lesen. Beim Vergleich mit anderen Texten lohnt es sich, zwischen thematischer Nähe und nachgewiesener Textbeziehung zu unterscheiden.

Eine besonders enge Textbeziehung besteht zum Prapanchasara Tantra. Bühnemann beschreibt dessen teilweise Aufnahme und systematischere Anordnung im Sharada Tilaka Tantra. Sie weist außerdem auf Zitate des Sharada Tilaka Tantra im Kommentar zum Mantramahodadhi hin. Das sind konkrete Überlieferungsbeziehungen; aus bloßen Ähnlichkeiten anderer Texte lässt sich keine entsprechende Abhängigkeit ableiten.[2]

Schrift beziehungsweise Textgruppe Sinnvoller Vergleich beim Lesen
Prapanchasara Tantra Lautentfaltung, Mantras, Gottheitenmeditation und Yoga; besonders enge, in der Forschung untersuchte Textbeziehung.
Mantramahodadhi Systematik der Mantras, rituelle Anwendungen und Gottheitenverehrung. Zum Vergleich eignen sich die Behandlung derselben Gottheit und die jeweilige Einordnung ihrer Praxis.
Kularnava Tantra Guru, Einweihung und Voraussetzungen des Übungsweges. Die Gemeinsamkeit dieser Themen macht die unterschiedlichen Darstellungsabsichten nicht bedeutungslos.
Tantraloka Verhältnis von Ritual, Bewusstsein und Befreiung. Die philosophisch umfassende Darlegung Abhinavaguptas und ein Mantrahandbuch sollten nicht als austauschbare Darstellungen gelesen werden.
Yogini Hridaya, Nitya Shodashikarnava und Vamakeshvara Tantra Vertiefung bestimmter Zusammenhänge der Sri Vidya. Das Sharada Tilaka Tantra behandelt Tripura innerhalb eines erheblich breiteren Gottheitenspektrums.
Kama Kala Vilasa Klang, schöpferische Shakti und symbolische Verdichtung. Ein konzentrierter Lehrtext und ein umfangreiches Ritualhandbuch ermöglichen unterschiedliche Zugänge.
Dakshinamurti Samhita Verwandte Fragen zu Guru, Mantra, Nyasa und innerer Verehrung; die jeweiligen Gottheiten- und Ritualordnungen sind gesondert zu beachten.
Tripura Rahasya Ein ergänzender Zugang zur Bewusstseinserkenntnis. Die ausführliche Ritualsystematik des Sharada Tilaka Tantra bildet dabei einen anderen Schwerpunkt.
Bhavana Upanishad Besonders anregend für den Vergleich von Körper, heiligem Raum und innerer Verehrung. Ihre Körperdeutungen werden nicht stillschweigend in die Nyasas des Sharada Tilaka Tantra übertragen.
Parashurama Kalpasutra Vergleich klar geordneter Ritualwege, vor allem im Umfeld der Sri Vidya. Ähnliche Ritualbegriffe belegen noch keine identischen Verfahren.

Die Tabelle bietet thematische Lesewege. Außer den ausdrücklich genannten Beziehungen zum Prapanchasara Tantra und zum Kommentar des Mantramahodadhi behauptet sie weder direkte Entlehnung noch eine bestimmte historische Abfolge.

Spirituelle Gesamtsynthese

Das Sharada Tilaka Tantra lädt dazu ein, den ganzen Menschen in die Hinwendung zum Göttlichen einzubeziehen. Die Stimme rezitiert, die Hände bringen Gaben dar, der Körper wird als heiliger Raum betrachtet, und der Geist verweilt bei einer geliebten göttlichen Gestalt. Im Yoga-Kapitel führt diese Sammlung bis zur Betrachtung des Selbst als Bewusstsein und Glückseligkeit.

Drei Bilder können nach der Lektüre besonders lange nachklingen. Da ist der Klang, der die Aufmerksamkeit sammelt und in 25.54 als ungetrennt vom Selbst betrachtet wird. Da ist die aufsteigende und zurückkehrende Shakti, die in 25.64–66 die inneren Zentren mit der höchsten Vereinigung verbindet. Und da ist die Blume, zu der das ganze Werk in 25.89 wird: eine Gabe an Parvati.

Für die heutige Praxis können diese Bilder eine stille Frage öffnen: Mit welcher Haltung übe ich? Ein Mantra kann mit wacher Gegenwart wiederholt werden. Eine Darbringung kann Dankbarkeit ausdrücken. Das Studium eines Verses kann helfen, das eigene Handeln klarer zu sehen. Die ethischen Lehren am Anfang des Yoga-Kapitels geben dieser Betrachtung Boden: Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Aufrichtigkeit gehören dazu.

Die letzte Geste des Werkes ist Hingabe. Nach allen Erklärungen, Zuordnungen und Meditationen legt der Verfasser seine Schrift der Göttin wie eine Blume dar. Darin liegt auch für den Leser eine berührende Möglichkeit: Das Verstandene darf zur Gabe werden – in einer aufrichtigen Übung, einem freundlichen Wort und einer Handlung, die dem Leben dient.

Siehe auch

Literatur

  • Lakshmanadeshika: Śāradā-Tilaka Tantra. Mit dem Padārthādarśa des Raghavabhatta. Ausgabe unter Arthur Avalon, Textbearbeitung Atalananda Sarasvati. Calcutta: Sanskrit Press Depository, 1933, zwei Bände; spätere Nachdrucke auch in einem Band. Die Einleitung enthält eine ausführliche kapitelweise Inhaltsübersicht.
  • Lakshmanadeshikendra: Śāradātilakam, mit Raghavabhattas Padārthādarśa. Herausgegeben von Mukund Jha Bakshi. Varanasi: Chaukhambha Sanskrit Sansthan, dritte Auflage 1986. Hier bibliographisch nach Bühnemann genannt, nicht vollständig kollationiert.
  • Gudrun Bühnemann: The Iconography of Hindu Tantric Deities. Volume II: The Pantheons of the Prapañcasāra and the Śāradātilaka. Groningen: Egbert Forsten, 2001. Enthält unter anderem Bearbeitungen der Kapitel 1 und 25; weiterführende Literatur.
  • Gudrun Bühnemann: The Śāradātilakatantra on yoga: A new edition and translation of chapter 25. Bulletin of the School of Oriental and African Studies 74/2, 2011, S. 205–235. DOI: 10.1017/S0041977X11000036. Verwendete Sanskritgrundlage für Kapitel 25.

Weblinks

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Uhrzeit: 18 - 21 Uhr
Ein Chakra ist ein feinstoffliches Kraftzentrum des Körpers, welches wichtige Körperfunktionen steuert und bestimmten Organen zug…
Beate Menkarski

Textgrundlage und Umfang dieser Ausgabe

Gesamtwerk: Die Übersicht über alle 25 Kapitel und die Erläuterungen zu den Ritualthemen stützen sich vor allem auf die kapitelweise Einleitung der Ausgabe von 1933. Diese enthält den Sanskritgrundtext mit Raghavabhattas Kommentar. Ihr zugänglicher automatisch erkannter Sanskrittext ist stark fehlerhaft und wurde nicht als Grundlage einer vollständigen Übersetzung verwendet.

Yoga-Kapitel: Die Verse 25.1–25.89 und der Kolophon folgen dem Sanskrittext bei Bühnemann 2011, S. 215–224. Die deutsche Fassung ist eine eigene Übersetzung dieses Grundtextes. Die vorgeschlagenen Textverbesserungen der verwendeten Edition sind in die Lesefassung übernommen; wesentliche unsichere Stellen werden in den Erläuterungen benannt. Kommentar, Variantenapparat und moderne englische Übersetzung sind vom hier wiedergegebenen Werktext getrennt.

Schriftfassungen: Die IAST-Seite und die Devanagari-Seite enthalten denselben Sanskritumfang. Das Devanagari ist eine Transliteration der IAST-Lesefassung, keine unabhängig kollationierte Druck- oder Handschriftenfassung.

Versauswahl: Die Begleitseite bietet 40 unterschiedliche Lesestellen mit insgesamt 51 Versen aus Kapitel 25 sowie die dort belegten Mantraformen. Zusammenhängende Verse sind teilweise zu einer Lesestelle verbunden. Die Ausgabe enthält keine vollständige Versübersetzung der Kapitel 1–24 und keine Auswahl von 108 Stellen aus dem Gesamtwerk.

Medien und Seminare: Bilderdateien, Videoeinbindungen und Seminarfeed-Adressen sind in den Yoga-Wiki-Artikeln Mantra und Kundalini nachgewiesen. Sie veranschaulichen die Themen und ergänzen die Lektüre.

Einzelnachweise

  1. ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Lakshmanadeshika: Śāradā-Tilaka Tantra, mit Raghavabhattas Kommentar Padārthādarśa, Ausgabe unter Arthur Avalon, bearbeitet von Atalananda Sarasvati, 1933. Für die Übersicht über das Gesamtwerk: englische Einleitung, kapitelweise Inhaltsdarstellung. Digitalisat. Grundtext, Kommentar und Herausgebereinleitung sind unterschiedliche Textebenen.
  2. ↑ 2,0 2,1 2,2 Gudrun Bühnemann: The Śāradātilakatantra on yoga: A new edition and translation of chapter 25. Bulletin of the School of Oriental and African Studies 74/2, 2011, S. 205–235. Verlagsnachweis; Autorenfassung. Sanskrittext des Kapitels: S. 215–224.

Zur Ausgabe: Hauptartikel und deutsche Übersetzung · Sanskrit in IAST · Sanskrit in Devanagari · Inspirierende Verse und Mantras