Pilger

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Das deutsche Wort Pilger entstammt den lateinischen Begriffen peregrinus und peregrinari (in der Fremde sein; von "pergere": fortfahren bzw. von „per agrum“: „über Land“). Pilger bedeutet wörtlich Fremdling und benennt einen Menschen, der - meist zu Fuß – religiös-bedeutsame Orte (Wallfahrtsorte) aufsucht. Ein Pilger kann sich auch aus einem bestimmten Motiv heraus auf den Weg machen, wie etwa innerer Frieden, Entsagung, Gebet, Buße oder Bitte um Heilung. Die Pilger erfahren auf ihrem Weg meist eine tiefe Verbundenheit mit Gott.

Statue der Heiligen Maria in Lourdes

Der Pilgerort ist ein heiliger Ort wie etwa eine Wallfahrtskirche, ein Tempel, ein Naturheiligtum - etwa ein Berg, eine Quelle oder eine Höhle -, ein Ort göttlicher Erscheinungen (etwa Lourdes als Ort von Marienerscheinungen), ein Kraftort aus alter Zeit oder das Grab eines Heiligen.

"Wir sind hier als vorüberziehende Pilger. Unser Ziel ist Gott."
(Swami Sivananda)

Pilger in Indien

Varanasi

Im Hinduismus ist ein heiliger Ort "Tirtha", von denen es in Indien unzählige gibt. An diesen heiligen Orten sind alle Pilger gleich – egal welcher Kaste sie entstammen. Das Kastensystem ist dort i.d.R. aufgehoben. Die Pilger übernehmen einige Merkmale der Asketen – sie gehen barfuß und fasten.

Tausende Pilger gehen in Indien zu Naturheiligtümern, Inkarnationen der Gottheiten, oder auch Tempelanlagen.

Wichtige Orte für die indischen Pilger sind die heiligen Berge Kailash und Arunachala. Die Pradakshina, die Umrundung bzw. das rituelle Umschreiten eines Heiligtums, ist eine beliebte Art des Pilgerns. An jedem Vollmond zum Beispiel kommen tausende Pilger nach Tiruvannamalai, um Arunachala zu Fuß zu umrunden.

Die Ganga in Rishikesh - ein indischer Pilgerort

Außerdem sind Orte wie Varanasi und Rishikesh an der heiligen Ganga beliebte Ziele der indischen Pilger. Von Rishikesh aus können die Pilger auch weiter nach Norden in den Himalaya reisen, um etwa Badrinath, Kedarnath, Gangotri und Gaumukh, die Quelle eines der beiden Quellflüsse der Ganga, zu besuchen.

Auch Vrindavan, wo Krishna seine Kindheit verbracht haben soll, ist ein sehr bekannter Ort der indischen Pilger.

Parvati, Shiva und die reinigende Kraft der Ganga

Krishna und Arjuna auf Pilgerreise (Auszug)

Krishna und Arjuna

Von Sukadev Volker Bretz: „Krishna und Arjuna gingen einst auf Pilgerreise. Beide waren durchaus machtvolle Kämpfer; Krishna war ein König und eine Inkarnation Gottes und Arjuna ein Prinz. Aber ab und zu gingen sie eben auch auf ganz einfache Pilgerfahrt. Eine Pilgerreise hilft, Abstand zu gewinnen, vom normalen Leben. Man kommt an spirituelle Kraftorte, zu Weisen, die einem Rat geben können, und man lernt, ob man tatsächlich an den Dingen hängt oder nicht. Es gibt verschiedene Arten von Pilgerreisen. Bei der strengsten Form nimmt man kein Geld mit, sondern lebt allein von Bettelgaben. (…) Die beiden waren so den ganzen Tag gewandert, und am Abend waren sie beide sehr müde und hungrig. Da sahen sie, dass in einem Haus von reichen Leuten ein großes Fest im Gang war. (…) Sie klopften an, und sagten: „Wir sind hungrige Pilger. Können wir etwas zu essen bekommen?“ „Verschwindet!“, rief ihnen jedoch der Reiche zu. „Was wollt ihr hier überhaupt? Wenn ihr Essen wollt, dann müsst ihr arbeiten!“ „Es ist aber doch so viel übrig. Wir sind auch mit Resten zufrieden.“ „Verschwindet“, rief der Reiche erneut. Und da die beiden ihn nochmals nach Essen fragten, rief er seine Leibwächter. Diese warfen Krishna und Arjuna in hohem Bogen heraus. Krishna und Arjuna wären natürlich stark genug gewesen, mit einer Hand die Leibwächter zu besiegen, aber sie befanden sich ja auf Pilgerfahrt, und da übten sie sich in Ahimsa. (…)“

Christliche Pilgerwege

Der hl. Franziskus von Assisi - Gemälde von Rubens
Ich möchte viele Pilger sein
Du Gott, ich möchte viele Pilger sein,
um so, ein langer Zug, zu dir zu gehn,
und um ein großes Stück von dir zu sein:
du Garten mit den lebenden Alleen.
Wenn ich so gehe wie ich bin, allein, -
wer merkt es denn? Wer sieht mich zu dir gehn?
Wen reißt es hin? Wen regt es auf, und wen
bekehrt es dir? Als wäre nichts geschehn,
- lachen sie weiter. Und da bin ich froh,
dass ich so gehe wie ich bin; denn so
kann keiner von den Lachenden mich sehn.
(Rainer Maria Rilke)

Neben dem Jerusalemweg und dem Weg zum Heiligtum von Lourdes kann man zum Beispiel auch auf dem Franziskusweg nach Assisi (Cammino di Assisi) pilgern.

Der wohl bekannteste christliche Pilgerweg in heutiger Zeit ist der Jakobsweg, der auf vielen Wegen aus ganz Europa nach Santiago de Compostela führt.

Petersdom in Rom

Im Mittelalter gab es drei Hauptpilgerstätten: Rom, Santiago de Compostela und Jerusalem. Die Pilger gingen dorthin, um die als solche anerkannten Gräber von Jesus (Jerusalem) und der Apostel Petrus (Rom) und Jakobus des Älteren (spanisch: Santiago) zu besuchen. Die Pilger kamen aus jedem Stand. Sie pilgerten für das Seelenheil, um Buße zu tun, aufgrund eines Gelübdes oder auch aus Dankbarkeit und um andere Länder kennen zu lernen. Im Spätmittelalter konnte eine gerichtlich verordnete Strafpilgerreise nach Santiago de Compostela die Pilger sogar vor der Todesstrafe bewahren. Die Pilger konnten zollfrei reisen und wurden kostenlos verpflegt und untergebracht. Im Spätmittelalter entwickelten sich sogenannte Berufspilger, die die Pilgerschaft im Namen eines Auftraggebers unternahmen und dafür bezahlt wurden. Martin Luther vergleicht das Pilgern wohl deshalb auch mit dem Ablasshandel und bezeichnet es als "Narrenwerk". Deshalb gab es während der Reformationszeit nur wenige Pilger.

Der Felsendom in Jerusalem

Die Via Francigena (deutsch: Frankenweg) ist der älteste christliche Pilgerweg Europas. Er führt von Canterbury über Frankreich und die Schweiz nach Rom zum Grab des heiligen Petrus und wurde im Jahr 876 erstmals schriftlich erwähnt. 989 verfasste der Bischof von Canterbury eine vollständige Wegbeschreibung der Via Francigena, die er in jenem Jahr zurücklegte, um in Rom seine Bischofswürde zu erhalten. Während der Kreuzzüge war die Via Francigena der Hauptweg der Pilger und Ritterorden von Nordeuropa nach Jerusalem.

Jerusalem ist sowohl für jüdische als auch für christliche und muslimische Pilger einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte.

Pilger heute

Seit den 1980er Jahren wird das Pilgern von vielen Menschen wiederentdeckt. Im Gegensatz zu damals, als die meisten Menschen keine andere Wahl hatten und zu Fuß unterwegs sein mussten, bewegt heute die Sehnsucht nach Einfachheit die Menschen dazu, die Pilgerstrecke zu Fuß zurückzulegen. Die Pilger sind unterwegs - auf der Suche nach sich selbst und nach Gott.

„Pilgern heißt: Auf Zeit loslassen, was umtreibt und hetzt; verzichten auf den gewohnten Luxus; üben, von falschen Wünschen und Bedürfnissen Abschied zu nehmen; erfahren, was der Mensch wirklich braucht und was überflüssig ist; durchhalten lernen, auch wenn der Weg mühsam ist. (…) Pilger lernen das Fasten und das Schweigen und kehren aus dem Schweigen verändert zurück.“ (Hans-Albrecht Pflästerer)

Peace Pilgrim

Peace Pilgrim, eine amerikanische Pilgerin, wanderte allein und ohne Geld oder Gepäck jahrelang durch die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko. Peace Pilgrim sagte: „Ein Pilger ist ein Wanderer mit einer bestimmten Absicht. Eine Pilgerreise kann zu einem bestimmten Ort führen – das ist die bekannteste Art – sie kann aber auch für eine bestimmte Sache unternommen werden. Dies ist bei mir der Frieden, deshalb bin ich eine Friedenspilgerin.“ Ihre Botschaft trug sie in Hauptstädte, Kleinstädte, Dörfer, in Ghettos und Wüstengebiete. Sie sprach an Universitäten, auf Versammlungen, vor Bürgerinitiativen und in Kirchen: „Wenn genug von uns inneren Frieden finden, dann werden unsere Institutionen friedlicher werden, und es wird keine Gelegenheit mehr zu einem Krieg geben.“

Pilger im Judentum

Die Klagemauer in Jerusalem

Auch im Judentum ist das Pilgern fest verankert. Viele Personen des Alten Testaments sind unterwegs: die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, Propheten, Könige und einfache Leute. Sie erleben auf ihrem Weg Gottes Gegenwart.

Das wichtigste Ziel der jüdischen Pilger ist heute die Klagemauer. Die frühere Westmauer des Jerusalemer Tempels ist einer der meistbesuchten Orte Israels und für die Juden ein Symbol für den Bund Gottes mit dem Volk Israel. Dort beten die Pilger laut und stecken ihre Gebetszettel in die Ritzen der Mauer.

Schon in der Antike sollte jeder Einwohner Israels einmal im Jahr zum Tempel nach Jerusalem pilgern. 70 n. Chr. wurde der Tempel durch die Römer zerstört. Erst 1967, durch die israelische Eroberung von Jerusalem, wurde die Klagemauer auch für Juden wieder zugänglich.

Pilger im Buddhismus

Mahabodhi-Baum in Bodhgaya, unter dem der Buddha die Erleuchtung erlangte

Im Buddhismus gibt es viele traditionelle Pilgerorte. Die vier wichtigsten, mit dem Leben von Siddharta Gautama (der erste Buddha) verbundenen sind:

  • Bodhgaya: Unter einem Baum, dem Bodhi-Baum, erlangte Siddharta Gautama hier die Erleuchtung. Auch der Mahabodi Tempel, der zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert errichtet wurde, ist Anziehungspunkt vieler Pilger.
  • Lumbini: Hier wurde Siddharta Gautama 563 v. Chr. geboren, erkannte später die „Vier Zeichen“, Altern, Krankheit, Tod und Schmerz, und entschied sich mit 29 Jahren für die Askese.
  • Sarnath: Hier lehrte der Buddha zum ersten Mal die „Vier Edlen Wahrheiten“. Diese erste Predigt wird heute als Dharmachakra Pravartan oder „Drehen des Rades des Gesetzes“ bezeichnet. Auch gründete sich hier die erste Sangha, die buddhistische Gemeinschaft.
  • Kushinagar, der Ort des vollkommenen Verlöschens (Parinirvana): Hier starb Buddha 483 v. Chr., am Ort der Mahaparinirvana Stupa, und wurde hier auch beigesetzt.
  • Des Weiteren gibt es noch Borobudur, eine der größten Tempelanlagen der Buddhisten.

Die Pilgerorte sind Orte von historischer Bedeutung. Sie sollen dem Pilger ein Gefühl davon geben, wo die Wurzeln des Buddhismus liegen. „Ne“ ist das tibetische Wort für einen heiligen Ort und pilgern heißt Ne-Khor. Khor bedeutet Kreis und bezieht sich auf das traditionelle Umschreiten (Parikrama or Pradakshina) eines heiligen Ortes, wie etwa eine Stupa, ein Schrein, ein Berg oder ein See. Die Umrundung erfolgt fast immer im Uhrzeigersinn.

"Obwohl die Wahrheitsnatur wie der Raum alles durchdringt, können Stellen und Dinge Kraftfelder halten, die die Bewusstseinsebene der Wesen verändern können. Da Buddhas einziges Ziel war, die Illusionen der Wesen zu entfernen, sind all die Stellen, die er mit seiner erleuchteten Weisheit segnete, überaus kraftvoll."
(Lama Ole Nydahl)
Stupas in Borobudur

Die äußere Reise ist auch eine Reise nach innen, um etwa mehr Weisheit und Mitgefühl zu entwickeln und mit den Augen des Buddha sehen zu lernen.

Besonders im tibetischen Buddhismus sind Pilgerreisen weit verbreitet. Wenigstens einmal im Leben die heilige Stadt Lhasa zu besuchen oder den Berg Kailash zu umrunden ist der Traum vieler Tibeter. Außerdem gibt es viele weitere heilige Orte, zu denen Pilger reisen, um dort zu meditieren, deren Segen zu erhalten, ihnen ihre Verehrung zu erweisen oder um eine bessere Wiedergeburt zu ermöglichen: Tempel, Klöster, Stupas, Höhlen, Berge, Seen. Die 108-fache Umrundung des Kailash soll zur Erlösung in diesem Leben führen. Die Umrundung des heiligen Manasarovar Sees auf dem traditionellen Pilgerweg umfasst 103 km, für die die Pilger zwischen zwei und vier Tagen benötigen. In tibetischer Sprache heißt er Mapham Yutsho, "unbesiegbarer Türkis-See". Die Pilger legen den Weg meist zu Fuß, zum Teil auch mit Verbeugungen zurück. Dafür streckt der Pilger immer wieder seine Hände in Namaste-Haltung nach oben und wirft sich auf den Boden. Die Bezeichnung für tibetische Pilgerwege ist Kora.

Pilger im Islam

Mekka

Im Islam ist die Pilgerreise nach Mekka zum Heiligtum der Kaaba eine der „Fünf Säulen des Islam“, die Grundpflicht eines jeden Moslems. Wenigstens einmal im Leben soll der Moslem Pilger sein auf dem Weg nach Mekka, dem Geburtsort des Propheten Mohammed. Diese Reise wird Haddsch genannt. Während des Haddsch tragen die Pilger keine gewöhnliche Kleidung, sondern weiße, ungesäumte Tücher, was „die Trennung der Seele von den Gewändern des Egos“ symbolisiert.

Die Riten, die die Pilger in Mekka vollziehen müssen, wurden vom Propheten Mohammed den abrahamitischen Riten entsprechend genau festgelegt und spiegeln das menschliche Streben nach Vervollkommnung. Unter vielen anderen gehört zu den Pflichtriten der Haddsch die Tawaf. Die Pilger umrunden die Kaaba siebenmal gegen den Uhrzeigersinn und preisen dabei Allah. Nach Beendigung der Wallfahrt darf sich der Pilger "Haddschi" nennen - der Ehrentitel für die Person, die den Haddsch auf sich genommen hat. Damit erlangt der Pilger bei seiner Rückkehr besonderes Ansehen.

Der Haddsch muss immer nach Ramadan, dem Fastenmonat der Muslime, in den ersten beiden Wochen des Monats Dhul-Hiddscha durchgeführt werden.

Den Haddsch gibt es nicht erst seit der Entstehung des Islam. Schon die früheren arabischen Stämme pilgerten nach Mekka. Jedoch wurde aus der ursprünglich reinen Form der vom Propheten Abraham gelehrten Haddsch-Riten eine unreine, abergläubische Zeremonie. Einer der Riten der Pilger war etwa das Opfern von Tieren direkt am Heiligtum der Kaaba. Nach der Wiederherstellung der Reinheit der abrahamitischen Riten durch den Propheten Mohammed ist die Kaaba als „Haus Gottes“ das zentrale Heiligtum des Islams. Sie wurde laut Koran von Adam erbaut und von Abraham (Ibrahim) und seinem Sohn Ismael als Pilgerstätte wiedererrichtet. Bei jedem Gebet muss sich der Gläubige der Kaaba zuwenden. Die Kaaba symbolisiert das Herz der muslimischen Welt, das spirituelle Zentrum.

Weitere wichtige Pilgerziele sind Medina, wo sich die "Moschee des Propheten" mit seinem Grab befindet, und Jerusalem. Die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg ist für die Muslime die drittwichtigste Moschee. Der für die Aleviten und Schiiten bedeutende Pilgerort ist Kerbela im Irak.

Imam Dschafar ibn Muhammad al-Sadiq sagte: „Der Pilgernde und der Wallfahrende sind Gäste Allahs. Wenn sie Ihn bitten, dann gibt Er ihnen, und wenn sie Ihn rufen, dann antwortet Er ihnen, und wenn sie um Fürsprache flehen, gibt Er ihnen Fürsprache, und selbst wenn sie schweigen, beginnt Er dennoch, ihnen zu geben.“

Siehe auch

Literatur

  • E. Jungclaussen( Hrsg.), Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers (1974)

Weblinks

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