Kloster

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Ein Kloster ist ein Ort des Rückzugs zur spirituellen Entwicklung. Oft leben hier Menschen in einer spirituellen Gemeinschaft. Eine indische Form des Klosters ist der Ashram.

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Mein spiritueller Kraftort: ein katholisches Kloster in den Bergen Südindiens

Erfahrungsbericht

Manchmal im Leben weißt du nicht, wieso du irgendwo gelandet bist. Scheinbar ohne Grund wirft dich das Schicksal an einem Ort ab. Wie ein blinder Passagier, der an einem Fallschirm aus dem fliegenden Flugzeug geworfen wird. Dein Verstand hadert noch damit. Seine Versuche zu begreifen und zu begründen, verlieren sich im Nichts. Und doch spürst du, dass du da wo du bist, genau richtig bist. Auch wenn du zunächst noch nicht genau weißt wieso.

Es ist ein warmer Oktobertag, an dem ich in dem kleinen Dorf in den Bergen des größtenteils christlichen Bundesstaates Kerala in Südindien ankomme. Die Sonne scheint und alle Blicke sind auf eine weiße Frau gerichtet, die sich leicht unbeholfen über den Schulhof der High School bewegt. Nur wenige Momente zuvor fühlte sie sich unter der Begrüßung der Schüler umjubelnd begrüßt, wohl zum ersten Mal in ihrem Leben wie ein echter Pop-Star. Ich war gekommen, um in der armen Schule in den Bergen zu unterrichten. Den Tipp hatte ich von einem Bekannten bekommen, der selbst dort aufgewachsen war und nun in Deutschland lebte. Ein Auftrag, der schon lange in mir rief: Geh nach Indien und mach Freiwilligenarbeit! So fand ich mich also in der kleinen Bergschule wieder und da es aufgrund der Armut der Bevölkerung keinen wirklichen Ort gab, an dem ich wohnen konnte, wurde kurzer Hand beschlossen, dass ich in das nahe gelegene katholische Kloster zu den neun Nonnen ziehen sollte. Einige der Schwestern arbeiteten auch in der Schule – „das passte also“, dachten sich mein Bekannter und die männlichen Priester.

Ich wurde freundlich, aber skeptisch von der Obermönchschwester begrüßt. Während der ersten Tage hielt man mich wie eine Straffällige höchster Stufe unter permanenter Beobachtung. Kaum verliert mich eine der Schwestern aus den Augen, wacht rein zufällig das Augenpaar einer weiteren Schwester auf mir. Ich frage mich ob sie befürchten, ich könne ohne Ankündigung den Konvent verlassen? Man klärt mich über die Regeln hier auf und darüber wie sich eine „anständige Frau“ zu verhalten hätte. Das möge ich bitte einhalten, ansonsten würde man schlecht über mich reden, was ich ja definitiv nicht wollen würde. Unabhängig davon, dass ich bis dato ja kein Wort der Landessprache Malayalam sprach und verstand, wollte ich natürlich vor allem ihnen nicht missfallen. So beschloss ich mich möglichst unauffällig wie alle Frauen hier zu verhalten. Was sollte ich auch groß unternehmen? Im kleinen Bergdorf konnte ich ohnehin nur abgepackte Wasserflaschen kaufen. Aber hier gab es einen Brunnen und außerdem war ich ja gekommen, um zu unterrichten.

Aber warum ich eigentlich gekommen war, das zeigte mir das Leben in den nächsten Wochen und Monaten. Das leben im Konvent folgt einer disziplinierten Genauigkeit, einem harschen Stundenplan. Anfangs engte mich das ein, ich spürte einen Widerstand gegen all diese Verpflichtungen und Reglementierungen der Umwelt. „Zeige dich endlich in der Kirche!“, forderten die Schwestern. „Da verstehe ich die Predigt doch gar nicht!“, entgegnete ich. Bis zum Weihnachtsabend, da ging ich sogar freiwillig in die Kirche, schließlich gehörte es sich ja auch bei uns so. Die Messe dauert über drei Stunden, die Stimmung war feierlich und als der Priester zu singen beginnt, durchfährt mich ein Schauer. Etwas passiert in dieser Nacht mit mir.

Danach ändert sich vieles: Von nun an gehe ich jeden Tag in die kleine St. Marys Kirche, lasse mich vom Gesang des Priesters und der anderen Kirchengänger verzaubern und mit dem Universum verbinden. Und das, obwohl ich kein Wort verstehe und obwohl der Gottesdienst um 7 Uhr morgens ist. Wüssten das meine Freunde zu hause, sie würden mich wohl für verrückt erklären. Ich schmunzele deswegen, denn selten war ich klarer. Ich spürte damals, ich muss länger hier bleiben und „beten“. Als ich dies den Schwestern mitteile, haben sie vollstes Verständnis. Die Priester gucken zunächst ein wenig irritiert, als die noch vor kurzem „atheistische Weiße“ von nun an zur Musterschülerin avanciert. Aber nicht zuletzt bin ich ein Paradebeispiel für die Bevölkerung hier, von der ein regelmäßiger Kirchengang erwartet wird. Mehr und mehr meditiere ich auch mit den Schwestern in ihrer hauseigenen Kapelle, nehme an ihrem eng gestrickten Alltag teil, koche und arbeite mit ihnen und unterrichte weiterhin. Im laufe der Zeit begreife ich, dass ich nicht nur eine von ihnen bin, sondern acht neue Schwestern und eine Mutter habe. Das berührt mich sehr. Außerdem lese ich mich durch die christliche Klosterbibliothek, und beginne unter liebevollen Erklärungen der Schwestern, die Bibel wirklich zu verstehen. Ich schlafe viel: Das Bett ist zwar hart und das Zimmer simpel ohne viel Schnickschnack, aber selten habe ich so gut und tief genächtigt. Und: Ich esse viel und gut. Zusammen mit den Nonnen kochen wir köstliche Gerichte aus den Zutaten des heimischen Gartens.

Was macht diesen Ort für mich zu einem persönlichen Ort der Kraft und des Spirituellen? Seine Besonderheit liegt auch in der Einfachheit. Als ich zuerst kam, fühlte ich nach dem Tod meines Vaters, das Bedürfnis nach Ruhe und sich Sortierens. So lebhaft der indische Schulalltag auch war, im Kloster fand ich in dem stillen und disziplinierten, aber auch sehr einfachen Alltag der Nonnen die Ruhe und auch die Abwechselung, die ich brauchte. Die wunderschöne grüne Natur; die Berge, die Palmen, die reichhaltigen Obst- und Fruchtplantagen waren überwältigend üppig, lebendig und beschwingend. In dieser Natur empfand ich Geborgenheit und Lebendigkeit, konnte mich sowohl erden als auch „dem Himmel nahe“ fühlen. Auf dem Dach des Klosters mitten in der grünen Natur, fühlte ich mich inspiriert und begann wieder Gedichte und Geschichte zu schreiben. Der regelmäßige Kirchengang, das Zusammensein mit den Schwestern und Priestern, überhaupt die Spiritualität und einfache Herzlichkeit der Menschen – vor allem auch der Kinder – dort, haben mich unbemerkt „verwandelt“: Ich beginne wieder zu beten und viel zu meditieren. So wird dieser kleine Konvent in den Bergen für mich zu einem Ort des Rückzugs und der Verbindung mit dem Universum: Ich kann in eine Energie eintauchen, die mich sowohl Gott (der universellen Kraft) als auch mir selber näher bringt. Als ich das Kloster knapp vier Monate später verlasse als ich eigentlich vorhatte, fühle ich mich gereinigt. Ich fühle mich friedlich und bei mir wie nie zuvor. Eigentlich ist gar nicht so viel „passiert“ und doch fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Ich weiß, meine Erfahrungen der letzten Monate haben nur dazu beigetragen, diesen Ort in mir selber aufzutun. Und trotzdem: Mein Herz ist voller Dankbarkeit für diese Menschen und diesen Ort. Noch heute spüre ich ein tiefes Gefühl der Verbundenheit zu den Schwestern, aber auch allgemein zu diesem Stück Erde. Häufig reise ich in Gedanken dorthin, lasse vom Dach des Hauses meinen Blick über die grünen Berge schweifen, höre das Singen der Kokospalmen und der Nonnen und Priester im Kloster und in der Kirche und spüre die Stille und den Frieden in mir.

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