Mitgefühl

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Mitgefühl bedeutet, sich in die andere Menschen hinein zu versetzen und auch in tätiger Nächstenliebe und Unterstützung, Wohltätigkeit mit zu fühlen. Mitgefühl äußert sich im Zuhören, im Vergeben von kleinen Unfreundlichkeiten und Kränkungen. Mitgefühl drückt sich aus in tröstenden Worten, Umarmungen und dem Wunsch, anderen zu helfen, aus. Im Deutschen wird gerne unterschieden zwischen Mitleid und Mitgefühl. Andere Sprachen machen hier keinen Unterschied.

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Mitgefühl ist die Fähigkeit, mit einem anderen Menschen zu fühlen, ohne ganz in das Leid des anderen mit hineingezogen zu werden. Mitgefühl spielt in allen spirituellen Traditionen und Religionen als Ausdruck spiritueller Erfahrung eine große Rolle. Umgekehrt verhilft die Kultivierung von Mitgefühl zu Herzöffnung,Bewusstseinserweiterung, zu spiritueller Verwirklichung.

Mitgefühl als hilfreiche Tugend

Auszug aus einem Vortrag von Sukadev Bretz

Sukadev Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya, Yogalehrer, Meditationslehrer, spiritueller Lehrer, Seminar- und Ausbildungsleiter, Autor mehrerer Bücher. Sukadev Volker Bretz lernte 12 Jahre bei Swami Vishnu-devananda.

Mitgefühl ist eine wunderbare Fähigkeit des Menschen, der Mensch kann mitfühlen. Und Mitgefühl ist auch etwas, was das Leben der Menschen mit Freude erfüllt. Mitgefühl gehört zum großen Aspekt der Liebe. Und die großen Weltreligionen empfehlen, Mitgefühl zu entwickelt.

Das Schöne ist zunächst mal, dass Mitgefühl schon etwas ist, womit der Mensch auf die Welt kommt. Der Mensch ist eben kein egoistisches Wesen, das nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Schon Babys können ein gewisses Mitgefühl entwickelt. Sie können Stimmungen der Eltern identifizieren und manchmal machen Babys etwas, um Eltern in bessere Laune zu bringen, das ist ganz interessant.

Nicht nur Babys können das, Kleinkinder können es, Erwachsene können es umso mehr. Man sagt, wenn Menschen eine gewisse Sicherheit als Kind hatten, wenn sie Liebe bekommen haben, dann fällt es ihnen leichter, Mitgefühl zu haben. Wer als Kind eher wenig Liebe erfahren hat, dem fällt es schwerer, Mitgefühl zu haben.

Trotzdem, - man kann Mitgefühl weiter lernen. Mitgefühl heißt vom Wörtlichen her, man fühlt mit einem anderen Menschen, man fühlt, was der andere spürt. Und Mitgefühl heißt dann natürlich auch, man handelt, indem man die Gefühle des anderen mit in Betracht zieht.

Mitgefühl ist oft eben auch Mitleid. Man spürt einen Menschen, der leidet, und man will ihm helfen. Man hilft ihm, indem man ihm seine Liebe schenkt, man hilft ihm, indem man vielleicht eine schöne Handlung macht, indem man ihm zulächelt, indem man ihm zunickt, oder was auch immer hilfreich ist.

Was heißt Mitgefühl jetzt in deinem eigenen persönlichen Leben? Wie kannst du mehr Mitgefühl kultivieren? Mitgefühl hängt auch zusammen mit Hilfsbereitschaft. Mitgefühl heißt auch, bewusst anderen zu helfen. Mitgefühl heißt auch, weniger in die eigene Opferrolle zu gehen und zu sagen: "Oh, ich werde nicht richtig behandelt und ich hatte eine schlimme Kindheit usw."

Du magst gute Gründe dafür haben und es gibt Menschen, die hatten schlimmste Dinge, sie sind als Kind missbraucht, misshandelt worden, ihr Vertrauen wurde schlimm missbraucht, auch als Jugendliche. Ich bin ja auch ein Mensch, dem manchmal Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen und es ist schlimm, was Menschen so alles erfahren.

Und natürlich, dieser eine Vortrag über Mitgefühl wird da keine ausreichende Hilfe sein. Glücklicherweise, die meisten Menschen hatten nicht die allerschlimmsten Erfahrungen gemacht und trotzdem sind dann viele einfach in der Opferrolle und machen andere für ihr Elend verantwortlich.

Mitgefühl heißt auch, herauszutreten aus der Opferrolle oder sie einfach zu ignorieren. Und statt in seinem eigenen Saft zu schmoren, zu überlegen: "Was kann ich für andere tun?" Mitgefühl ist auch der Gegenpol zu Egoismus und einem Leistungstrieb, wo man zeigen will, dass man so viel besser ist als andere.

Mitgefühl ist also ein Gegenpol zu vielem anderen, was Menschen so haben. Mitgefühl kann konkret heißen, wenn du morgens aufwachst, einen Moment zu überlegen, was braucht dein Partner. Statt gleich deinem Kind zu sagen, "steh endlich auf und was soll das Ganze und lerne endlich", habe stattdessen Mitgefühl und spüre was dein Kind möchte und überlege: "Was könnte ich vielleicht tun?"

Mitgefühl kann heißen, wenn du aus dem Haus gehst und wenn du dort eine alte Frau siehst, einen Moment ihr zunicken, vielleicht ein freundliches Wort. Mitgefühl kann heißen, wenn du einem U-Bahn-Schaffner begegnest, anstatt ihm einfach nur die Karte zu zeigen, einen Moment lang zu schauen, ihm in die Augen schauen und ihm einen schönen Tag wünschen.

Mitgefühl kann heißen, wenn dort ein Bettler an der Straße sitzt und du siehst, das ist jetzt kein Profi-Bettler, sondern er braucht tatsächlich etwas, ihm etwas zu geben und zuzunicken. Mitgefühl kann heißen, gegenüber Kollegen, und ich glaube, du hast jetzt die Essenz verstanden, ich muss es nicht endlos weiter erzählen.

Mitgefühl kannst du entwickeln. Mitgefühl ist also etwas Praktisches. Natürlich, es gibt auch im Yoga die so genannte Maitri Bhavana Meditation, im Buddhismus ist daraus das Pali-Wort "Metta Bhavana" entstanden. Bhavana heißt hier die Erzeugung des Gefühls von Maitri, von Mitgefühl. Und diese Meditationen, Maitri Bhavana, werden auch Meditationen der liebenden Güte genannt.

Und das Konzept dahinter ist, man kann in der Meditation ein Gefühl der Liebe und des Mitgefühl erzeugen. Und wenn du in der Meditation dieses Gefühl erzeugst, dann kannst du es auch im Alltag mehr spüren. Dann gilt es nur noch, mehr aus Mitgefühl heraus zu handeln.

Denke jetzt selbst darüber nach, lebst du Mitgefühl im Alltag oder solltest du etwas auf Mitgefühl achten? Komme aus der Opferrolle heraus, komme aus der Leistungs- und Anspruchsgesellschaft heraus, komme aus einem gewissen Egoismus heraus, indem du Mitgefühl entwickelst.

Mitgefühl als Grundlage für Gelassenheit

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Niederschrift eines Podcasts (2014) von Sukadev The media player is loading...

Ich halte wenig davon, die Welt in Gutes und Böses einzuteilen. Gutes und Böses, diese dualistische Weltanschauung, hat viel Schlimmes bewirkt. Viel hilfreicher ist es, zu erkennen, es gibt nur das Gute, und es gibt nur das Hilfreiche. Diese uralte Form, die Welt zu sehen, speist sich aus mehreren Quellen. Es gibt Bhakti Yoga, alles ist Gott. Adwaita Vedanta, alles ist eine Manifestation von Brahman. Und die moderne Sichtweise der Biologie, Evolutionsbiologie, Evolutionspsychologie, Paläoanthropologie, die letztlich sagt, alles menschliche Verhalten hat in irgendeinem Kontext Sinn gemacht. Es gibt also nichts Böses. Menschen tun das Böse nicht, um Böses zu bewirken, sondern um des Guten willen. Mensch ist am glücklichsten, wenn er andere glücklich macht.

Um damit gut arbeiten zu können, beziehe ich mich dann auf das Raja Yoga System. "Raja" heißt "König". Dieses Raja Yoga System ist aber gemeint im Sinne von, König mit Ministern, die alle berechtigte Anliegen haben. Es ist eben auch gespeist von modernen Ansätzen aus der Psychologie. Besonders wichtig hier Ansätze aus der Systemtheorie, systemischen Psychologie, systemischen Hypnotherapie von Gunther Schmidt und aus der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg. Diese und andere Autoren gehen ja von Ähnlichem aus, wie ich das in diesem Buch beschreibe. Man kann sagen, auf das Zwischenmenschliche bezogen heißt dieses nicht-dualistische Weltbild: Jeder will das Gute. Jeder hat berechtigte Anliegen. Auch wenn jeder das Gute will, ist er sehr oft ungeschickt darin. Gewalt und Auseinandersetzungen sind Ausdruck von misslungener Kommunikation.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Es ist möglich, zu jedem Menschen Liebe zu spüren, zumindest als Grundgefühl. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, ist keine Illusion, sondern eine tatsächliche Möglichkeit für den Alltag. Und es ist möglich, mit Menschen geschickter zu kommunizieren. Und selbst wenn es mal nicht möglich ist, durch Kommunikation Meinungsunterschiede auszuräumen, und man sich durchsetzen muss zum Wohl der guten Sache, ist und bleibt der andere liebenswert. Er hat unsere Achtung, unsere Liebe verdient, allein dadurch, dass er da ist. Auf das Staatliche bezogen heißt dieses Weltbild, alle Gruppen haben berechtigte Interessen. Diese gilt es abzuwägen. Man kann sagen, dass der Rechtsstaat auch Ausdruck davon ist. Es geht um das Abwägen von Interessen, es geht um Versuche, verschiedene Interessen abzuwägen und auszugleichen, auch wenn vermutlich der Rechtsstaat mit seinem Belohnungs- und Bestrafungssystem nicht oft geschickt vorgeht. Aber die Grundlage erst mal ist durchaus richtig.

Das gilt natürlich auch für das Zwischenmenschliche: Man kann es lernen, gut und geschickt zu kommunizieren. Darauf beruht ja die gesamte Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Auf das Zwischenstaatliche bezogen heißt das auch, jeder Staat hat seine Berechtigung. Kriege sind Ausdruck misslungener Konfliktlösung. Es gilt, Mechanismen zu finden, um Interessenskonflikte zu lösen. Übergeordnete Instanzen wie die UNO sind dabei hilfreich, aber auch im zweistaatlichen Bereich können die Diplomaten und die Staatsmänner davon ausgehen, dass jeder Staat hat - auch seine Berechtigung und es sind viele Menschen da, sie alle wohlmeinen. Und auch wenn vorübergehend ein tyrannisches Regime dort herrscht, auch die schlimmsten Tyrannen - haben ihre menschliche Seite. Sie mögen tyrannisch sein, vielleicht aus innerem Leiden, vielleicht aus Kränkung, vielleicht weil sie dem dualistischen Weltbild unterliegen und sie meinen, sie müssen das Böse unterdrücken, aber auch sie sind letztlich Menschen und an sie kann appelliert werden.

Es ist schon oft genug passiert, dass schlimme Diktatoren sich geändert haben. Gut, und in manchen Fällen mag es auch notwendig sein, Diktatoren zu stürzen, vorzugsweise gewaltlos. In jedem Fall, jetzt auf das Zwischenstaatliche bezogen, jeder Staat hat seine Berechtigung, die Bürger von jedem Staat sind liebenswert. Und es gilt, Mechanismen zu finden, um Interessenskonflikte zu lösen. Auf das Innermenschliche bezogen heißt das, es gibt nichts Schlechtes im Menschen, alles ist Ausdruck berechtigter Anliegen. Jede Emotion, auch die scheinbar zerstörerischen, ist Ausdruck eines berechtigten Anliegens. Alles macht von einer Warte aus Sinn. Innere Konflikte, geistige Unruhe, psychische Probleme, sind Ausdruck von nicht gelungenem Umgang mit den inneren Kräften. Auf das Subtile und das Feinstoffliche, auch das Religiöse bezogen, gibt es keine negativen Kräfte, es gibt nicht das Böse, das gegen das Gute kämpft. Es gibt nur die Liebe Gottes. Niemand braucht sich gegen das Böse, das Negative zu schützen.

Es mag feinstoffliche Energien geben, welche förderlicher sind für die eigene Schwingung und solche, die es weniger sind. Aber es gibt auch auf feiner Ebene nur das Gute, auf das man sich einstimmen kann, und es gibt das, was vielleicht momentan schwingungsmäßig nicht so förderlich ist. Dieser Erkenntnisprozess war für mich ein Prozess über mehrere Jahrzehnte, aber er war letztlich befreiend, unglaublich befreiend, denn es gibt nichts zu bekämpfen, es gibt nichts zu verdammen, es gibt nichts, vor dem man Angst zu haben braucht. Diese Erkenntnis verband sich dann mit Konzepten aus mehreren Yogarichtungen zu einem ganzen Konzept: Jnana Yoga sagt, alles ist Manifestation des einen unendlich Ewigen. Bhakti Yoga sagt, hinter allem steckt das Wirken Gottes und Gott wirkt auch durch dich. Karma Yoga sagt, dass das Leben einen Sinn macht. Wir wachsen durch alle Erfahrungen, auch Leid hat seinen Sinn.

Der Mensch meint es grundsätzlich gut

Die Reinkarnationslehre macht das Annehmen auch noch leichter. Das verbunden mit systemischen Konzepten und mit evolutionsbiologischen Konzepten, gibt dann das Konzept des Raja Yoga, der Königsweg der Gelassenheit. Überlege für dich: Macht das für dich Sinn, was ich so gesagt hatte, davon auszugehen, jeder Mensch meint es gut, jeder Anteil in dir meint es eigentlich gut? Die ganzen Gruppen von Menschen meinen es grundsätzlich gut. Auch Staaten meinen es grundsätzlich gut. Und auch wenn Menschen sich ungeschickt verhalten, vielleicht aus Unwissenheit irregeleitet sind, aus Schmerzen und Selbstverteidigung und vorweggenommener Angriff als Verteidigung, auch wenn sie schlimme Sachen machen, tief im Inneren meinen es alle Menschen gut.

Du kannst auch überlegen, gibt es in deiner Umgebung vielleicht Menschen, die du nicht als so angenehm empfindest. Vielleicht hast du einen unangenehmen Chef. Vielleicht hast du einen Kollegen, der dich anscheinend mobbt. Vielleicht hast du eine ganze Gruppe von Menschen, die dich anscheinend mobbt. Vielleicht hast du Kunden, die dich immer nerven. Vielleicht hast du einen Chef, der dich anscheinend auf dem Kieker hat. Vielleicht hast du einen Vermieter, der unfreundlich ist. Vielleicht hast du rücksichtslose Nachbarn. Vielleicht bist du schon mal ausgeraubt worden. Vielleicht hast du einen Steuerprüfer, der unfreundlich ist. Vieles kann tatsächlich passiert sein. Also, ich bezweifle nicht, dass Menschen übel mitgespielt wird. Aber es hilft, wenn du dir bewusst machst, es könnte sein, dass alle Menschen es gut meinen. Und es könnte auch sein – das wäre eine weitere Sache, die ich anregen will – eins der vielen Anliegen, die sich in fast allem Menschsein ausdrücken, ist, jeder Mensch will Liebe schenken, jeder Mensch will Liebe erfahren.

Der Mensch möchte Liebe schenken und empfangen

Du könntest für die nächste Woche mal mit der Arbeitshypothese herumlaufen: „Angenommen, es wäre richtig, dass jeder Mensch mit jeder seiner Handlung Liebe zeigen will, und angenommen, jeder Mensch will mit jeder seiner Handlung Liebe empfangen, wie könnte ich das erklären?“ Ein Ehemann mag zur Arbeit gehen und sich abends bei seiner Frau erst sehr spät melden. Die Frau denkt: „Er liebt mich nicht.“ Und der Ehemann denkt: „Ich opfere mich auf für die Familie.“ Die Frau mag den Ehemann schimpfen, dass er so spät kommt, der Ehemann mag das nicht als berechtigt ansehen und denkt: „Meine Frau wertschätzt nicht, was ich für die Familie tue.“ Aber die Frau macht das aus Liebe. Die Frau schimpft den Mann und sagt dabei eigentlich nur: „Ich liebe dich, und ich würde gerne deine Liebe empfangen.“ Und der Mann, der so spät nach Hause kommt, will eigentlich sagen: „Ich liebe dich und daher tue ich alles für dich.“

Oder jemand, der viel Geld ansammelt, er will sich Anerkennung damit kaufen, er will sich Liebe kaufen. Keine sehr geschickte Strategie. Sehr häufig sind die Strategien, um Liebe zu geben und zu schenken, nicht sehr geschickt. Aber du kannst es so sehen, dass ein Mensch viel Geld anhäufen will, um irgendwo Anerkennung und Liebe zu kaufen und vielleicht auch zu geben, weil er dann denkt, „dann kann ich irgendwann geben“, und er macht dann irgendwelche Spenden und will dafür geliebt werden. Oder jemand kauft sich ein riesiges Auto. Kann man auch sehen, er will irgendwo geliebt werden, vielleicht will er auch jemandem, den er liebt, eine Freude machen. Oder selbst jemand, der Verbrechen begeht ... oft kann man auch sehen, irgendwo ist selbst da ein Anteil Liebe dabei.

Regeln

Ich will nicht sagen, dass wir alles gutheißen sollen. Ich bin ja selbst in einer Situation, dass ich der Leiter eines Yogaashrams bin und da gibt es Regeln. Zum Beispiel darf im Ashram nicht geraucht werden, es darf kein Alkohol getrunken werden, darf kein Fleisch gegessen werden. Es gibt immer wieder Menschen, die dagegen verstoßen, und dann müssen wir ihnen sagen: „Das geht so nicht.“ Es ist sogar schon passiert, dass wir jemandem gesagt haben, „du, die Regel bei einer Yogalehrerausbildung ist, dass du keinen Alkohol trinken kannst“, und der Mensch dann totunglücklich war, dass er schließlich von der Ausbildung ausgeschlossen wurde. So was kann passieren. Oder ich hatte mal den Fall gehabt, dass jemand bei einer Yogalehrerausbildung gesagt hat, er will lieber morgens spazieren gehen, statt zu meditieren. Er würde sich Gott viel näher fühlen, wenn er am Bach entlang spazieren geht, anstatt Meditation zu praktizieren.

Ich musste ihm natürlich sagen: „Das kann ich voll nachvollziehen, manchmal mache ich auch früh morgens schöne Spaziergänge und fühle mich über die Natur Gott sehr nahe.“ Da konnte ich sagen: „Ja, das kann ich gut verstehen. Und wenn du wechseln willst, kannst du ja in eine Yogaferienwoche überwechseln, und dann kannst du deine morgendlichen Spaziergänge zur Meditationszeit genießen. Und wenn du die Yogalehrerausbildung mitmachen willst, dann geht das leider nicht.“

Oder wir hatten auch schon verschiedene andere unangenehme Erfahrungen gehabt. Bei all dem gilt es aber zu erkennen, nicht die Menschen sind böse, sondern ihr Verhalten ist ungeschickt. Es ist alles eine Frage des Schenkens von Liebe oder des Wunsches, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Überlege das während der nächsten Woche. Schaue dir all deine Mitmenschen an, alles was sie tun, Eigenartiges und Angenehmes und Unangenehmes, und prüfe: „Könnte ich das erklären vor dem Hintergrund, dass Menschen Liebe geben oder Empfangen wollen?“

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Ich will nochmals sprechen über Liebe und Mitgefühl als Hilfe für ein gelassenes Leben oder umgekehrt - gelassenes Leben als Hilfe zur Entwicklung von Liebe und Mitgefühl. Liebe ist ein ganz starkes Motiv ist. Der Mensch strebt danach, Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Man kann geradezu sagen, ein Mensch wird durch Liebe gemacht und besteht aus Liebe, er gibt die Liebe weiter. Wie könntest du jede Handlung eines Menschen deuten als Wunsch, Liebe zu geben oder um Liebe zu bitten?

Menschen sind oft ungeschickt darin, Liebe auszudrücken oder um Liebe zu bitten. Ein Beispiel: Der Ehemann bleibt länger bei der Arbeit, um mehr Geld zu verdienen, um die Familie zu stützen und um ein Vorbild für seinen Sohn zu sein. Die Ehefrau deutet das als "meinem Mann ist die Karriere wichtiger als die Familie." Aus Liebe zu ihrem Mann bittet sie ihn, früher nach Hause zu kommen, mehr Zeit mit ihr und dem Sohn zu verbringen und macht ihm Vorwürfe. Beide handeln aus Liebe, beide fühlen sich vom anderen abgelehnt. Wenn beide erkennen würden, dass ihr Verhalten sich aus Liebe füreinander und aus Liebe für ihren Sohn oder ihre Kinder erklärbar ist, dann könnten sie einen guten Weg finden.

Wenn sie sich nur in Vorwürfe ergehen, dann entsteht daraus verletzte Liebe und verletzte Liebe ist auch ein starkes Motiv und nicht für die besten Handlungen und nicht für die besten Gemütszustände. Zwei weitere Beispiele, die zeigen, Liebe als Urmotivation des Menschen und ein erst einmal unverständlicher Ausdruck davon kann auch Jahrzehnte vorher den Grundstock gelegt bekommen haben.

Ein anderes Beispiel: Marta hat in der Kindheit gelernt, dass sie um Aufmerksamkeit zu bekommen, lamentieren und schimpfen muss. Vielleicht hatte Marta Eltern gehabt, die sehr beschäftigt waren, vielleicht waren beide berufstätig oder die Mutter war sehr engagiert in gemeinnützigen Vereinen und jetzt hat sie das gelernt. Und jetzt macht Marta das auch als erwachsener Mensch. Sie lamentiert und schimpft häufig. Die anderen ziehen sich zurück. Sie bittet eigentlich um Liebe, weil die anderen sich zurückziehen, intensiviert Marta ihr schimpfen.

Petra hatte eine Mutter die in der Drogenberatung tätig war. Die Mutter war sehr engagiert, hat sich zusätzlich zu ihrem Job auch in gemeinnützigen Initiativen engagiert. Petra hat gelernt, dass die Mutter sich besonders um die kümmert, die drogensüchtig sind. Also hat Petra Drogen genommen, um endlich die Aufmerksamkeit von der Mutter zu bekommen.

Ein weiteres Beispiel: Peter lernt, dass Krankheit ein Weg ist, die Liebe der Eltern zu bekommen. Als Erwachsener leidet Peter immer wieder an undefinierbaren Krankheiten. Die anderen helfen auch erstmal, ziehen sich dann zurück, und Peter muss wieder neue Krankheiten entwickeln, um die Liebe der anderen zu bekommen. Oft ist für viele Probleme des Zusammenlebens das Ausdrücken und Annehmen von Liebe die Ursache und das Ausdrücken und Annehmen von Liebe wäre auch die Lösung.

Du könntest selbst schauen, ob du, wenn du mit solchen Menschen konfrontiert wirst, die sich komisch verhalten, ihnen einfach Liebe geben kannst oder ihnen danken kannst. Manchmal musst du allerdings gelassen bleiben, irrationales Verhalten der anderen als unabänderlich hinnehmen, liebevoll verstehen und manchmal musst du auch dein eigenes irrationales Verhalten als unabänderlich hinnehmen und liebevoll verstehen. Unabänderlich ist vielleicht zu stark ausgedrückt aber zunächst als nicht änderbar hinzunehmen.

Indem du verstehst, dass dahinter eine gute Motivation steckt, kannst du damit besser umgehen. Enttäuschte Liebe kann auch eine starke Motivation sein und ist häufig die Grundlage von aufgeregtem, ängstlichem und deprimiertem Verhalten, auch aggressivem Verhalten. Kevin hatte einen Übervater der wohlmeinend Kevin in allem bevormundet hat. Kevin musste sich durch Rebellion von seinem Vater absetzen. Er wollte ihm aus Liebe zeigen, dass er selbst ein ganzer Kerl ist, eben indem er anders ist als sein Vater und vielleicht hat sein Vater das sogar anerkannt insgeheim. Zumindest hat Kevin sich das eingebildet. Kevin setzt dieses Verhalten der Rebellion jetzt auch gegenüber seinem Chef und seinen Vermietern fort. Er will durch enttäuschte Liebe von seinem Vater jetzt die Liebe zu seinem Vater zeigen gegenüber Chef und Vermietern.

Kevin hatte einen Vater der gewollt hat, dass Kevin sehr stark ist, aber weil der Vater so dominant war, konnte Kevin sich gegenüber seinem Vater nicht wirklich durchsetzen und sein Vater fand das irgendwo schlecht und fand Kevin memmenhaft. Und so hat sich sein Vater von Kevin etwas zurückgezogen, weil er seinen Sohn irgendwo als nicht ausreichend gut erlebt hat. Zumindest hat Kevin das so erlebt. Vermutlich hat es sein Vater gar nicht so gemeint.

Vielleicht hat sein Vater gemeint, dass er sich etwas zurückziehen muss, um Kevin Raum zu geben. Kevin hat gedacht, mein Vater lehnt mich ab, weil ich eine Memme bin. Und so will Kevin durch Rebellion gegenüber Chef und Vermietern vielleicht sogar durch aggressives Verhalten gegenüber seiner Frau oder wechselnden Frauen oder Kindern zeigen: Ja ich tauge etwas. Ich bin stark. Also enttäuschte, verletzte Liebe kann eine starke Motivation sein.

Noch ein Beispiel: Michael ist das mittlere von drei Geschwistern. Er hatte das Gefühl, dass er weniger Liebe von seinen Eltern erfahren hatte als die beiden anderen. Der älteste bekam als Ältester die meiste Aufmerksamkeit, er ist Stammhalter und bleibt nun mal immer der erste Sohn. Die jüngste war das einzige Mädchen und bekam deshalb besondere Aufmerksamkeit. Die Eltern hatten ja gedacht, dass die Brüder vielleicht das Mädchen zu sehr unterdrücken, also bekam die Schwester besondere Aufmerksamkeit. Nach dem Tod der Eltern verwickelt Michael die beiden anderen in Gerichtsprozesse, in Erbstreitigkeiten mit den beiden Geschwistern kämpft er nachträglich verbissen um die gleiche Liebe der Eltern.

Eine Übung: Schau nach, hast du solche Neigungen, deine Bitte um Liebe und dein Befürfnis, Liebe zu geben, irrational auszudrücken? Welche deiner irrationalen Handlungen, Verletzungen und Kränkungen beruhen auf unerfüllter Liebe? Wie oft bist du zornig und ärgerlich gegenüber anderen über das angemessene Maß hinaus, weil da vielleicht irgendwo eine Gekränktheit, eine Verletzung aus unerfüllter Liebe da ist? Wie könntest du geschickter deine Liebe ausdrücken und um Liebe bitten?

Während der nächsten Tage praktiziere das, und überlege es auch immer wieder. Es geht ja auch immer um mehr Bewusstheit im Alltag. Also frage dich immer wieder, welche deiner irrationalen Verletzungsgefühle, Gekränktheiten, Handlungen, Emotionen beruhen auf unerfüllter Liebe? Wie könntest du geschickter deine Liebe ausdrücken und um Liebe bitten? Und wie könnte es dir bewusst sein, dass die Menschen mit denen du jetzt zu tun hast, nicht unbedingt identisch sind mit deiner Mutter, deinem Vater, deinen Geschwistern, deiner Oma, deinem Opa oder wer auch immer sonst wichtig für dich war und auch nicht Ausdruck deiner Ex-Frau, deiner Frau, deines Mannes, deiner früheren Liebschaften, die du hattest. Schau nach, wie kannst du auf den Menschen, der vor dir ist, richtig eingehen und auch diesem Menschen gegenüber deine Liebe und dein Mitgefühl ausdrücken und sein/ihr Leben, Mitgefühl auch annehmen oder auch einfach mal darum bitten?

Mitgefühl und Ahimsa als Aufgaben der sich entwickelnden Weltkultur

Die Entwicklung der Kultur geht seit dem 17. Jahrhundert in Richtung mehr Mitgefühl. Darauf hat auch Yoga entscheidenden Einfluss gehabt, und hat es immer noch. Beim Yoga kommt Mitgefühl nicht nur als Vernunftsethik wie bei Immanuel Kant, so wichtig auch eine Vernunftsethik ist. Yoga führt zum Zugang zu seinem eigenen Herzen, ermöglicht in der Meditation die Erfahrung von Verbundenheit zum anderen Menschen. So wächst der Mensch in Mitgefühl. Das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Tiere (Stichworte Tierschutz, Vegetarismus, Veganismus) und die Umwelt, Ökologie.

Yoga ist auch erlebte, erfahrene Ethik. Yoga glaubt an das Gute im Menschen. Yoga ist das Gegenteil einer dualistischen Glaubensform, Gut und Böse. Vielmehr glaubt Yoga daran, dass in jedem Menschen das Gute ist. Es gibt keinen Kampf Gut gegen Böse. Es gibt ein Ringen des Menschen um den besten Weg. Das anzuerkennen kann Grundlage sein, Gewalt zu überwinden. Mitgefühl ist eine ureigene Eigenschaft des Menschen. Durch Yoga Übungen kommt Mitgefühl ganz von selbst.

Sanskrit Ausdrücke für Mitgefühl

Es gibt verschiedene Sanskrit Ausdrücke für Mitgefühl:

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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