Yoga Geschichte seit 1950

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Swami Vishnu umarmt die ganze Welt - Sinnbild für Yoga - Einheit und Harmonie

Yoga Geschichte seit 1950

  • Wie hat sich Yoga seit den 1950er Jahren entwickelt?
  • Was sind die großen Entwicklungsschritte?
  • Was haben die großen Meister damit zu tun?
  • Wie hat sich Yoga im Westen entwickelt?
  • Und wie entwickelt er sich heute in Indien?


Geschichte des Yoga seit 1950

- Ein Vortrag von Sukadev Bretz 2019 -

Om Namah Shivaya und Herzlich Willkommen zu einem weiteren Vortrag über Geschichte des Yoga / Entwicklung des Yoga.

1950er Jahre: Die Welle der Sivananda Schüler

Swami Vishnu Devananda etablierte die Yogalehrer Ausbildung im Westen

In den 1950er Jahren sind einige Yogameister in den Westen gekommen, und damit hat sich nochmal etwas Neues entwickelt. Insbesondere sind seit den 1950er Jahren auch indische Yogameister in den Westen gekommen die Hatha Yoga gelehrt haben, und die dann auch im Westen geblieben sind. Es gab zwar schon einen Yogi Vithaldas, der in den 1930er Jahren einige Jahre in Deutschland verbracht hat, der auch ein Yoga Buch veröffentlich hat. Es gab auch andere, die schon vorher nach Amerika gekommen sind. Aber vermutlich war Swami Vishnu Devananda der erste, der 1957 in den Westen gekommen ist, und im großen Stil Yoga verbreitet hat, die wahrscheinlich erste Yogalehrer Ausbildung im Westen etabliert hat, und so viele Westler auch darin ausgebildet hat Yoga zu unterrichten.

Und so können wir mehrere Wellen von Yogameistern sehen, die in den Westen gekommen sind. Zu aller erst Paramahansa Yogananda und Swami Vivekananda, und dann eben auch deren Schüler, zum Teil indische Schüler die auch in den Westen gekommen sind. Das war so eine wichtige Yoga Welle. Es gab dann auch Westler, die nach Indien gekommen sind und dann im Westen unterrichtet haben. Dann gab es die Schüler von Swami Sivananda. Ich hatte eben erwähnt: Swami Vishnudevananda 1957. Dann gab es auch schon Swami Chidananda, der schon 1960 ein paar Jahre in Amerika und Kanada verbracht hatte. Es gab den Swami Satchidananda, Swami Venkatesananda, Swami Satyananda, die alle in den 1960er Jahren nach Amerika, Australien, Europa gegangen sind und Yoga unterrichtet haben.

So können wir tatsächlich sagen: Die 50er/60er Jahre der Yogaentwicklung sind sehr stark geprägt worden von Schülern von Swami Sivananda, die eben diese Besonderheit hatten Hatha Yoga auch mit Meditation zu verbinden, mit Bhakti Yoga, Jnana Yoga, eben auch Mantra Yoga. Und die sich auch getraut haben Ashrams zu errichten im indischen Vorbild, weil sie nicht wie bei Yogananda und Vivekananda, Ramakrishna Vedanta Society and Self Realisation Fellowship die Versammlungsräume wie christliche Kirchen aussahen, wo Menschen auf Kirchenbänken saßen, sondern Menschen einfach in einer großen Halle auf dem Boden sitzen. Natürlich machte die Betonung auf Hatha Yoga das auch notwendig, dass man im gleichen Raum meditieren kann, Vorträge hören kann, Mantras singen kann, wo man auch Asanas und Pranayama übt.

Die 60er bis 80er Jahre: Maharishi, Osho und Srila Prabhupada

Maharishi Mahesh Yogi trifft in Maastricht ein, um Teilnehmer des World Peace Assembly Course zu treffen

Dann nach dieser Sivananda-Schüler-Welle, kann man sagen, gab es eine Welle von indischen Meistern, die eigene Ansätze von indischer Spiritualität lehrten ohne Hatha Yoga.

  • Dazu gehört Maharishi Mahesh Yogi, derjenige, der unter dem Namen TM Meditation im großen Stil lehrte, später auch Ayurveda im Westen populär machte, und der auch verschiedene andere Wissenschaften, die er als vedische Wissenschaften bezeichnete, im Westen populär machen wollte. Maharishi Mahesh Yogi hatte eigentlich einen ganz großen Anspruch: Er wollte die Welt retten, Kriminalität und Kriege aus der Welt verbannen und eine spirituelle Weltregierung irgendwie ermöglichen. Er hatte gerade in den 60er und 70er Jahren einen ganz großen Einfluss auf verschiedene Intellektuelle im Westen. Die Beatles wurden ja auch mit von ihm beeinflusst, obgleich es als historisch gesichert sein kann, dass die Beatles ihre Erst-Anregung zu Yoga und Meditation von Swami Vishnu-devananda hatten, den sie auf den Bahamas während der Dreharbeiten zu einem Film getroffen hatten.
  • Osho, damals erst Rajneesh, machte in den 70er und 80er Jahren Furore.

All diese drei konnten sich begründen zum einen auf dem, was andere schon an Offenheit geschaffen hatten für fern-östliche Traditionen. Dann gab es ja auch die 68er Bewegung, die natürlich die Welt verbessern wollte, Revolution bewirken wollte, und so weiter. Hat dann aber gemerkt, dass sie gescheitert ist, sie hat sich dann letztlich auf Spiritualität gestürzt, letztliche die große Verbreitung des Yoga in den 70er Jahren in Amerika. Swami Vishnus Buch „Complete Illustrated Book of Yoga“, „Das große illustrierte Yogabuch“, wurde in den 60er und 70er Jahren über anderthalb Millionen mal verkauft. Es gab in fast jeder amerikanischen Stadt Yoga Zentren, die sich von seinen Schülern irgendwo eröffneten.

Also es gab schon eine große Yoga Bewegung dort. Aber dann gab es eben diese Maharishi, Osho, Srila Prabhupada, die dann auch manchmal als Sekten verschrien wurden. Sie sind vielleicht im Zuge der 68er Bewegung zu sehr auf den Zug gesprungen alles anders machen zu wollen als andere und sich nicht zu integrieren in die normale Gesellschaft.

Es ist auch hilfreich zu verstehen: Als in den 20er Jahren, und auch Anfang des 20. Jahrhunderts die Vedanta Society von Vivekananda und die Self-Realisation Fellowship gegründet wurde, haben sie sich ganz bemüht in die normale Gesellschaft reinzupassen. Dass letztlich die Häuser ähnlich aussehen, die Veranstaltungsräume ähnlich aussehen, diejenigen, die gesprochen haben, in Anzug und Krawatte gesprochen haben. Also große äußerliche Anpassung um ja nicht andere zu vergrätzen. Auch Swami Vishnu: Man sieht Fotos von ihm Ende der 50er - Anfang der 60er Jahre, wo er mit Anzug und Krawatte dasteht. Zwar dann irgendwie braun, dass es noch halbwegs orange ist, aber man findet ihn sogar irgendwo mit einer blauen Jeanshose. Also er hat sich bemüht dort nicht Anstoß zu erregen, die authentischen Lehren weiterzugeben, aber eben so, dass es nicht verschrien wird.

Dann gab es aber die 68er Bewegung, alles sollte anders sein, dass sie sich bewusst äußerlich abgesetzt haben. Und das haben dann auch Swami Vishnu und andere Sivananda Schüler zum Anlass genommen, dann jetzt die Ashrams klassisch Indisch zu machen, ein Swami kleidet sich wie ein Swami ganz normal orange. Und man singt die Mantras und zündet Räucherstäbchen in der Öffentlichkeit an – in diesem Klima war das ganz normal.

Gut, und in diesem Klima kamen dann die anderen spirituellen Lehrer in den Westen, wurden begeistert empfangen von denen, die kein Spießbürgertum haben wollten, und von dieser Begeisterungs-Welle haben die indischen Meister sich dann eben auch inspirieren lassen alles ziemlich anders zu machen als die normale westliche Gesellschaft. Und das hat sie dann auch in Sekten Verruf gebracht als die 68er Welle zurückgegangen ist und sich dort die Mainstream-Gesellschaft irgendwo wieder normalisiert hat. Aber manche spirituelle Gruppierungen haben sich wieder bemüht sich der Normal-Gesellschaft anzupassen, durchaus bei den Sivananda Schülern und vielen anderen bemerkbar.

Zwar war in den Ashrams eine eigene Welt aber es wurde immer gesagt: „Wenn du außerhalb bist dann kleide dich normal, sprich normal, deine eigene Praxis ist deine Praxis aber gehe im Umgang mit anderen so damit um, dass die anderen etwas damit anfangen können. Sei ethisch, engagiere dich für die gute Sache, lass deine Ausstrahlung wirken, aber versuche nicht andere zu Missionieren.“

1980er Jahre: Mysore Yoga School

TKV Desikachar, T. Krishnamacharya und Indra Devi

Seit den 1980er Jahren, noch mehr 1990er Jahren, gab es eine andere Yoga Richtung die im Westen populär wurde: Aus der Mysore Yoga School, aus der Tradition von Krishnamacharya. Schüler von ihm, Iyengar, Pattabhi Jois und Desikachar, reisten in den Westen. Iyengar ist natürlich bekannt für Iyengar Yoga, Patthabhi Jois für Ashtanga Vinyasa Yoga, aus dem sich auch Power Yoga entwickelt hatte und Desikachar: Viniyoga. Das sind drei Namen die in den Westen gekommen sind und die, obgleich sie selbst alle spirituell waren, aber das Hatha Yoga losgelöst vom Spirituellen unterrichtet haben.

Und so kann man sagen das waren die ersten Yogameister die in den Westen gegangen sind die, obgleich sie selbst spirituell waren, Yoga recht säkular unterrichtet haben und das Hatha Yoga abgetrennt haben von der Meditation und dem Spirituellen.

Diese Richtung will ich jetzt so kurz stehen lassen. Aber wenn man der Yoga Bewegung der 70er, 80er, 90er und ab den 2000ern/2010ern gerecht werden will, dann bräuchte es ein 10-Bändiges Yoga Lexikon um ja niemand wichtiges zu vergessen. Und vermutlich könnte man eine ganze Yoga Enzyklopädie machen, und wir sind ja auch dabei das zu machen.

Vielleicht an der Stelle: Wenn du irgendeinen Yogalehrer, irgendeinen Yogameister kennst von dem du denkst, der sollte mal erwähnt werden, schreib doch einen Artikel, schicke ihn an wiki@yoga-vidya.de und dann kommt er in unser Yoga Wiki. Wir wollen tatsächlich jeden Yogameister, jede Yogameisterin, jeden Yogalehrer, jede Yogalehrerin in unserem Wiki erwähnen. Also der Appell: Schreibe etwas darüber und schicke es an wiki@yoga-vidya.de. Der Artikel muss nicht perfekt sein, schreib irgendwas. Wenn es jemandem nicht gefällt dann wird er hoffentlich eine Korrektur schicken. Und so kann sich das dann auch weiterentwickeln.

Jedenfalls: 50er bis 90er Jahre, Entwicklung durch immer mehr Yogameister aus Indien die in den Westen gegangen sind. Mit der Erfindung des Flugs, und der Erfindung, dass man auch vom Westen nach Indien fliegen kann, das klingt heute so selbstverständlich, aber vor dem Zweiten Weltkrieg gab es das nicht, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging das auch nicht sofort. Erst seit den 60er Jahren kann man zuverlässig nach Indien fliegen und seit den 80er Jahren ist das etwas, was man sich leisten kann. Seitdem kommen immer mehr Menschen in den Westen. Die Inder haben selbst das Konzept der Yogalehrer Ausbildung aufgenommen. Es gab ja die ersten Yogalehrer Ausbildungen auch nicht in Indien, sondern die gab es in Kanada von Swami Vishnu. Manche sagen auch, dass Indra Devi auch im Westen zum gleichen Zeitpunkt wie Swami Vishnu eine Yogalehrer Ausbildung entwickelt hat, aber im kleineren Stil.

Jedenfalls gibt es jede Menge Yogalehrer Ausbildungen in Indien, auch Kurzausbildungen, und so gehen westliche Übende nach Indien, lernen dort und unterrichten es hier. Indische Yogameister gehen in den Westen. Und inzwischen gibt es auch immer mehr Westler, die von Westlern gelernt haben und Yoga weitergeben. Und es gibt auch immer mehr Westler, die ihre Ausbildung von einem Westler gemacht haben, der von einem Westler gelernt hat, die dann jetzt selbst Ausbildungen geben.

Yoga hat inzwischen ein Eigenleben bekommen und man findet verschiedene Richtungen im Yoga und es gibt eine weite und breite Yoga Szene, Yoga Traditionen, Yoga Arten und Yoga Stile.

Yoga Traditionen

Swami Sivananda und enge Schüler

Was auch eine gewisse Rolle spielt ist jetzt auch diese, dass man die verschiedenen Yoga Traditionen irgendwo ehrt. Traditionen sind letztlich Schüler-Lehrer-Beziehungen die über einen langen Zeitraum gehen. Es gibt die weiteren Traditionen, zum Beispiel wir bei Yoga Vidya, wir können uns sagen wir sind Teil der Vedanta Tradition, die zurückgeht bis in die Bhagavad Gita. Wir sagen von dieser Zeit an sind die verschiedenen Yogas zusammengeführt. Man könnte aber auch sagen wir sind in der Sivananda Tradition. Swami Sivananda hat eben Hatha Yoga, Gesundheit, Geisteskraft, Tipps für Erfolg und die ganzen spirituellen Yoga Wege wie Raja Yoga, Bhakti Yoga, Karma Yoga und Hatha Yoga, Kundalini Yoga, Mantra Yoga und vieles andere zusammengefasst. Und aus der Sivananda Tradition gibt es dann eben die Sivananda-Yoga-Vedanta-Zentren, die Human-Life-Society, Integral Yoga nach Swami Satchidananda, es gibt die Bihar School of Yoga, Satyananda Yoga, es gibt Purna Yoga von Yogi Hari, und ich habe eine ganze Menge vergessen die es noch in der Sivananda Tradition gibt. Es gibt eben die Krishnamacharya Mysore School Tradition, es gibt die Kaivalyadham Tradtion, die recht früh auch schon wissenschaftliche Studien gemacht hat.

Und es gibt dann auch noch andere Traditionen, die zunächst kein Hatha Yoga kannten, wie zum Beispiel die Hari Krishna Bewegung, die aber inzwischen auch Hatha Yoga unterrichtet. Und es gibt auch solche, die keiner Tradition mehr angehören, und die ihren eigenständigen Yoga entwickelt haben.

Yoga Arten

Dann können wir sprechen von verschiedenen Yoga Arten, manchmal auch als Yoga Wege bezeichnet.

Zunächst mal: Ein Yoga Weg ist ein Weg, der zur Gottverwirklichung führen will. Da gibt es die großen Wege:

wie sie Swami Vivekananda genannt hat. Ich sage gerne: Heute ist

so wichtig, dass man sie als eigenständige Yoga Wege nehmen kann, somit sind wir bei den sechs Yoga Wegen. Und wiederum andere finden noch mehr Yoga Wege.

Yoga Stile

Der Bogen - entwickelt Selbstvertrauen, erhebt den Geist und steht für Verbindung

Dann gibt es die so genannten Yoga Stile. Yoga Stile heißt bestimmte Formen Hatha Yoga zu unterrichten. Das sage ich jetzt bewusst so, denn manche nennen Hatha Yoga einen Yoga Stil. Aber vom grundsätzlichen ist Hatha Yoga körperbetonter Yoga, und alle Yoga Stile sind letztlich Formen der Körperübungen, die mindestens lose etwas mit Yoga zu tun haben.

Die Yoga Stile – ich finde es gut, dass es dieses Konzept jetzt gibt, das gab es nämlich zum Beispiel in den 80ern, Anfang der 90er Jahre nicht. Da hat man immer überlegt: Was ist die einzig selig-machende Weise den Kopfstand zu machen, oder darf man überhaupt den Kopfstand machen? Muss bei der Vorwärtsbeuge der Rücken gerade sein, oder darf er krumm sein? Müssen die Füße zusammen sein, dürfen sie auseinander sein? Müssen die Oberschenkel angespannt sein oder nicht? Und dann gab es große Auseinandersetzungen, zum Teil ganz turbulente Leserbriefe. Und heutzutage hat sich das Ganze etwas beruhigt. Man fragt: In welchen Yoga Stil? Wenn die Frage ist: Muss der Rücken gerade sein in der Vorwärtsbeuge? Fragt man: In welchem Yoga Stil? Im Iyengar Yoga muss der Rücken gerade sein, im Yin Yoga muss der Rücken entspannt sein und ist dabei typischerweise stark gebeugt. Bei der Kobra: Muss dort das Gesäß angespannt sein und die Versen zusammen? Dann wird man sagen: In dem Yoga Stil muss es sein, in einem anderen Hauptsache entspannt.

In diesem Sinne kann man sagen: Die Yoga Szene hat sich weit spezialisiert, wie allgemein im Westen: So viele Menschen haben verschiedene Weisen Yoga zu üben. Und dann gibt es verschiedene Yoga Stile. Es ist auch immer schwierig einen Yoga Stil von anderen zu trennen. Es gibt ja auch den Yoga Vidya Stil, der ein sehr breit angelegter Stil ist, auf dessen Grundlage auch andere Stile praktiziert werden können. Es gibt ja auch Yoga Vidya Acro Yoga, Yoga Vidya Air Yoga, Yoga Vidya Hormon Yoga, Yoga Vidya Yin Yoga, Yoga Vidya Mantra Yoga, Yoga Vidya Klang Yoga und so weiter.

Man könnte jetzt sagen: Klang Yoga, Mantra Yoga, Viniyoga, Yin Yoga, Power Yoga, Fitness Yoga sind alles eigene Yoga Stile. Aber es gibt eben auch übergeordnete Yoga Stile wie Yoga Vidya, die verschiedene Sub-Stile haben.

Ein Appell an den Pragmatismus

Also: Yoga Stil ist eine bestimme Form des Hatha Yoga, mindestens würde ich es gerne so definieren. Und anstatt dass wir über andere Yoga Stile schimpfen sollten wir einfach davon ausgehen: Es gibt unterschiedliche Yoga Stile, unterschiedliche Weisen Yoga zu unterrichten. Und ich sag immer wenn ein Yoga Stil länger als 10-20 Jahre existiert, dann muss es ein paar Menschen geben, die davon positive Wirkungen haben, sonst hätten sie längst damit aufgehört. Also gilt es, diesen Stilen Respekt zu zeigen. Hier bin ich vielleicht etwas geprägt von dem Yoga Pragmatismus.

Ich hatte in einem anderen Vortrag auch den Pragmatismus von William James genannt: Wir können Religionen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen, aber wir können schauen – welche Auswirkungen hat eine Religion auf einen Menschen? Und wenn eine Religion, oder eine religiöse Praxis, einen Menschen gesünder macht, glücklicher macht, vielleicht sogar erfolgreicher, das wäre jetzt der amerikanische Pragmatismus, sozialer, mitfühlender und engagierter für das Wohl in der Gesellschaft, und wenn der Mensch dabei in der Lage ist zufriedenstellende Beziehungen zu anderen zu entwickeln, dann ist diese religiöse Praxis offensichtlich gut.

Und genauso kann man sagen, bei verschiedenen Yoga Stilen: Wenn Menschen einen bestimmten Yoga Stil üben und dabei gesünder werden als vorher, wenn es ihnen Freude bereitet, wenn sie ein subjektives Glücksgefühl haben, wenn sie dadurch vielleicht auch Energie bekommen Gutes zu bewirken in der Welt, dann wird das sicher etwas Gutes sein.

Und ich halte jetzt gar nicht mal so viel davon zu sagen: Das ist aber nicht wirklich Yoga, das entspricht nicht der Hatha Yoga Pradipika, das steht nicht in den Veden. Denn wenn wir ehrlich sind: Wenn wir uns die Hatha Yoga Pradipika genau anschauen, kenne ich keinen Yogalehrer, der genau so unterrichtet wie es in der Hatha Yoga Pradipika steht. Und wenn wir uns die Veden anschauen, dann sind wir glücklich, dass große Teile der Veden heutzutage in der Yoga Szene nicht beachtet werden, ignoriert werden, und man sie gar nicht kennt.

In diesem Sinne: So ist die Entwicklung der Yoga Stile, und hier auch der große Appell dafür, andere Yoga Stile und Traditionen mit Respekt zu behandeln, sofern sie nicht ungesund sind, sofern sie Menschen nicht fanatisch machen, sofern sie Menschen nicht ins Unglück stürzen. Und hier sollte man schon einen offenen Geist haben. Nicht im Sinne von: „Das muss doch ungesund sein!“, sondern fragen: „Ist es ungesund oder nicht?“. Man bräuchte letztlich eine wissenschaftliche Studie, um das ausreichend zu überprüfen, und vorher übe man sich in Demut.

Noch zwei letzte Aspekte für die Entwicklungen von Yoga. Zum einen möchte ich jetzt etwas noch über Entwicklungen in Indien sagen.

Yoga im Indien 80er-90er Jahre

In den 80ern, vermutlich bis in die erste Hälfte der 90er Jahre, gab es mehr Europäer und Amerikaner die Hatha Yoga geübt haben als in Indien. Aber seit den 1990er Jahren, noch dazu seit den 2000ern, gibt es wie eine große Hatha Yoga Bewegung in Indien.

Dort gibt es einen Guru, Baba Ramdev, der eine große Yoga Fernsehshow hat, und ganze Sportstadien füllt, wo dann 10-20.000 Menschen gleichzeitig Yoga üben. Ich kann mich noch erinnern: Im Jahr 2003 haben wir noch gedacht wir machen jetzt den Yoga Weltrekord für die Yogastunde mit den meisten Teilnehmern, denn ich kannte das, dass es auch in Indien nicht viele Teilnehmer gab. Da haben wir dann versucht anzumelden: 1000 Menschen im Kurpark von Bad Meinberg haben gleichzeitig Yoga geübt, einschließlich Bürgermeister. Habe dann ein bisschen im Internet gesurft und dann stand dort es gab gerade eine Yogastunde mit 10.000 Menschen, da wusste ich okay, der Zug ist abgefahren.

Narendra Modi - Indischer Premierminister

Also darauf aufbauend gibt es dann eine Reihe von Yoga Lehrenden, und dann letztlich mit der Wahl von Narendra Modi zum indischen Premierminister und der Einrichtung eines Ministeriums für Yoga und Ayurveda, das AYUSH Ministerium, erfährt Yoga im großen Stil auch staatliche Förderung. Yoga wird immer mehr in den Schulunterricht aufgenommen, in immer mehr Gefängnissen wird Yoga unterrichtet. In immer mehr Polizei Ausbildungen, auch in der Militär Ausbildung, wird Yoga unterrichtet.

Also in Indien gibt es eine breite Yoga Bewegung, es gibt den 21. Juni als International Day of Yoga, Weltyogatag. Der wurde zwar von einem portugiesischen Yogameister namens Amrita Suryananda initiiert, und mit großem Durchhaltevermögen auch propagiert. Aber man hat letztlich auch Narendra Modi davon überzeugt, dass dieser von der UNO deklariert werden soll. Narendra Modi hat dann den Welt-Yoga-Tag auch etabliert, von der UNO anerkennen lassen als International Day of Yoga der Vereinten Nationen. Hat dann auch in der UNESCO Yoga als immaterielles Welt-Kulturerbe anerkennen lassen, und bemüht sich auch den 21. Juni von allen indischen Staatlichen Organisationen fördern zu lassen, um Yoga mehr in den Vordergrund zu bringen.

Auf der einen Seite klingt das sehr gut, auf der anderen Seite ist Modi aber auch Teil einer nationalistischen Bewegung in Indien. Auch einer der durchaus mit hinduistischen Bewegungen in Kontakt ist, die eben nicht in der klassischen Yoga Tradition Einheit der Weltreligionen ist, sondern eher den Hinduismus fördern will. Und so gilt es, ob sich inmitten dieser Yoga Bewegung sich jetzt nicht plötzlich Hindu-Nationalismus breit macht. Wenn ich also in einem vorherigen Vortrag meiner Sorge Ausdruck gegeben habe, dass sich im Westen, und auch insbesondere im Deutschen Yoga Bewegungen über Verschwörungstheorien, Kapitalismus Kritik mit rechtem Gedankengut infizieren lassen, gibt es diese Bedenken durchaus auch unter Yoga Übenden selbst, und unter Sivananda Schülern und Kaivalyadham Schülern und vielen anderen, mit denen ich gesprochen habe gibt es auch die Sorge, dass jetzt nicht Yoga in Indien missbraucht wird von Hindu Nationalbewegungen. Ich hoffe allerdings, dass Yoga transformierende Kraft hat, und dass Yoga das Mitgefühl in Menschen erweckt, und dass Menschen diese Maitri Bhava, Mitgefühl, Ahimsa, Nicht-Verletzen, das Konzept im Yoga der Einheit aller Menschen unabhängig von Hautfarbe, Körpergröße, Geschlecht, soziale Zugehörigkeit und Religion, dass diese tiefen Ideale des Yoga, die ja Jahrtausende alt sind, und von den großen Yogameistern des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder geprägt wurden, dass diese weiter bestehen. Und das auch Mahatma Gandhi, der ja auch ein großer Yogameister war, selbst auch Pranayama geübt hat, ich habe sogar mal gelesen, dass er selbst auch Asanas geübt hat, zwar nicht täglich aber regelmäßig, also dass diese Ideale weiter dauern und das Yoga tatsächlich ein wichtiger Bestandteil der entstehenden Weltkultur werden wird, die die Menschen zu friedvollem Zusammenleben, ökologischem Bewusstsein und Mitgefühl führen wird.

Die Institutionalisierung des Yoga seit dem Jahr 2000

Das könnte jetzt das Schlusswort sein, aber ich habe noch etwas vergessen. Man könnte nämlich sagen: Die Institutionalisierung des Yoga seit dem Jahr 2000.

Seit den 1990er Jahren gibt es große Yoga Wellen. In Amerika war das wie eine große Revolution wo bis zu 10% der Erwachsenen Bevölkerung Yoga üben, was letztlich heute heißt 20-25 Millionen Menschen (heute ist 2018), die dann in den 2000er Jahren nach Deutschland übergegangen ist. Zwar gibt es in Deutschland nur erst 3-3,5 Millionen Yoga Übende, was jetzt vielleicht 7% der Erwachsenen Bevölkerung ist, in Amerika 10%, manche sagen sogar 15%. In Deutschland ist also einiges noch zu entwickeln.

Im Zuge von alle dem, und wo auch immer mehr Westler unabhängig von Indern Yoga unterrichten, hat sich die Institutionalisierung des Yoga weiterentwickelt. Es gibt manche Länder in denen die Yogalehrer Ausbildung staatlich reglementiert ist. In Russland brauchen zum Beispiel Institute, die Yogalehrer Ausbildungen anbieten, eine staatliche Genehmigung. Es gibt auch in manchen Westeuropäischen Ländern staatliche Reglementierung von Yogalehrern.

In Deutschland gibt es die Krankenkassen Anerkennung, wo letztlich die gesetzlichen Krankenkassen sagen was ein qualifizierter Yogalehrer ist, und das über eine zentrale Prüfstelle für Prävention prüfen lässt, ob eine bestimme Yogalehrer Ausbildung nach ihrer Ansicht qualifizierte Yogalehrer ausbildet. Und dann gibt es Stundenbilder die davon letztlich auch geprüft werden und anerkannt werden müssen. Also letztlich: Staatliche, oder Halb-Staatliche Institutionen bestimmen was als Yoga unterrichtet werden kann.

Berufsverbände

Dann gibt es Berufsverbände, die verschiedene Yoga Institute zusammen bringen. Die Qualitäts-Richtlinien, Ausbildungs-Richtlinien, Ethik-Richtlinien entwickeln, und dann auch den Yogalehrenden sagen, wie sie zu unterrichten haben.

Und natürlich: Seit den 60er Jahren gibt es Yogalehrer Ausbildungen, die auch versuchen Menschen zu sagen wie sie Yoga zu unterrichten haben. Es gibt Bemühungen Yoga Ausbildungen weltweit zu standardisieren, es gibt die Kalifornische Yoga Association die internationale Standards hat. Die Indische Regierung bemüht sich über das Ayurveda und Yoga Ministerium, das AYUSH Ministerium Standards International zu machen. Es gibt die European Yoga Confederation, und die Europäische Yoga Union, die unabhängig voneinander Standards machen.

Und so gibt es diese Institutionalisierung des Yoga, die sich auf der einen Seite bemüht Standards zu setzten und dafür zu sorgen, dass Yoga gut unterrichtet wird, auf der anderen Seite die Kreativität des Yoga etwas beschränkt, und zum Teil versucht neue Entwicklungen auszustoßen oder mindestens draußen zu halten.

Und was man als Gegenbewegung zu dieser Institutionalisierung und Berufsverbandisierung des Yoga sehen kann ist letztlich die Kreativisierung des Yoga. Yoga macht Menschen kreativ, Yoga hat auch die 68er Generation mitgeprägt und ist von ihr geprägt worden. Und im Grunde genommen gibt es heute immer größere, immer neue Formen des Yoga. Immer mehr Menschen nennen irgendwas das gut ist Yoga und verbinden Yoga mit allem möglichen. Und so wird es kunterbunt, zum Teil auch chaotisch. Und das kann man beklagen oder gutheißen. Es gehört sicherlich zu den modernen Bewegungen des Yoga.

Was heißt das Ganze jetzt für Yoga Vidya?

gemeinsame Praxis zum Beispiel im Satsang ist gemeinschaftsfördernd

Ich habe es ja auch schon öfters erwähnt: Klassisch, alt-ehrwürdig, traditionell auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sind wir durchaus auf diesen Geistesbewegungen von Aufklärung und von Romantik, Idealismus, also durchaus auch Intellektuell durchdrungen sind unsere Lehren des Yoga. Dann auch stark beeinflusst von diesen Bewegungen, von Neu-Geist Bewegungen, und positiv denken, und heilen durch die Kraft des Geistes, Reformbewegung, Ökologie und Naturheilkunde, Ganzheitlichkeit, und so weiter, Umgang mit Kindern, auch die Reform-Pädagogik, auch Demokratie, Basis-Demokratie, in den Ashrams, was sicher die Kommunen-Bewegung der Reform-Bewegung mit aufgreift. Aber dabei versuchen in Harmonie mit der Gesellschaft zu leben, wie es die frühen Yoga Gemeinschaften immer gemacht haben, zu versuchen anzupassen an die „normale“ Welt.

Dabei auch die Verwissenschaftlichung von Yoga und Meditation seit den 60er Jahren, in Indien eigentlich schon seit den 20er Jahren. Die wissenschaftliche Forschung ins Yoga, auch die haben wir im Yoga.

Ein gewisser Pragmatismus im Sinne von: Was den Menschen gut tut, das können wir gut machen sofern es auch anderen Menschen gut tut, weder Umwelt noch Tieren schadet, dabei hohe ethische Ideale, auch Ahimsa, auch im Sinne von Mitgefühl zu Tieren. Trotzdem alte Yoga Reinheitsideale im Hintergrund: Kein Fleisch, kein Fisch, was auch Mitgefühl ist, aber auch kein Alkohol, Tabak und bewusstseinsverändernde Drogen, eventuell ist das sogar irgendwo buddhistisch seit dem 6. Jahrhundert vor Christus mitgeprägt. Also das sind wichtige Dinge. Wobei man das mit Mitgefühl und ohne Missionarismus weitergeben sollte, um nicht von dem Mainstream ausgestoßen zu werden.

Das Bemühen Verschwörungstheorien nicht zum Opfer zu fallen, sondern das Gute, was auch der westliche Fortschritt bringt irgendwo mitfühlend zu sehen. Die großen Meister zu achten, die verschiedenen Religionen zu achten, Menschen in ihrem individuellen Weg eine große Freiheit zu lassen, und nicht nur Freiheit zu lassen, sondern sie zu befähigen überhaupt individuell frei zu sein. Und von innen zu hören, sich dabei persönlich zu entwickeln, gesünder zu werden, mitfühlender zu werden, Erfolg zu haben wie sie ihn haben wollen und Gott erfahren. Ehre Ideale, nicht immer gelingt alles, aber das ist die Basis von Yoga Vidya, die im Grunde genommen die verschiedensten geschichtlichen Entwicklungen des Yoga mit aufgreift.

Das war es für heute und damit ist erst mal diese Vortragsreihe „Geschichte des Yoga“ abgeschlossen. Die hätte eine hundertteilige Folge werden können. Der Hinweis: In unserem Wiki, erfährst du noch sehr viel mehr. Dort findest du auch die verschiedenen Yogameister beschrieben, auch mit Jahreszahlen. Und du findest auch etwas mehr Konkretes als was ich jetzt hier im Vortrag sagen wollte.

Beim nächsten Mal beginnt eine neue Vortragsreihe „Yoga und Religion“. Es gibt Vorträge über Yoga und Hinduismus, Yoga und Buddhismus, Yoga und Christentum, Yoga und Jainismus.

Bis dahin alles Gute. Mein Name: Sukadev, hinter der Kamera Durgadas, und wenn du immer noch liest, dann klick doch jetzt schnell auf „Gefällt mir“ oder „Daumen hoch“, oder Teile den Link zur Sendung, und wenn du irgendwo was ergänzen willst oder anderer Meinung bist bin ich dankbar für Kommentare.

Danke, Om Shanti.

Video - Yoga Geschichte seit 1950

Hier ein Vortrag zum Thema Yoga Geschichte seit 1950 von und mit Sukadev Bretz aus der Reihe Yoga Vidya Schulung, Vorträge zum ganzheitlichen Yoga.

Siehe auch

Seminare

Yogalehrer Ausbildung

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