Sexualität

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Zum Thema Sexualität in Verbindung mit Spiritualität finden sich weltweit bei verschiedenen Yogameistern unterschiedliche Ansätze. Zwischenmenschliche Sexualität wird in allen Kulturen auch als ein möglicher Ausdruck der Liebe zwischen zwei Personen verstanden. Es gibt verschiedene Konzepte, wie man Sexualität auslebt oder die sexuelle Energie, Apana Vayu, mit Techniken sublimieren kann, um die eigene spirituelle Praxis zu intensivieren.

Die Symbole für Frau und Mann
Zwei Frauen tanzen den Tanz der Liebe

Definition und Überblick

Im biologischen Sinne beschreibt Sexualität zunächst nur unsere Geschlechtlichkeit. Die meisten Menschen werden mit einem klaren biologischen Geschlecht geboren, welches sich an den primären, wie Penis, Vagina und sekundären Geschlechtsmerkmalen, wie Körperbehaarung und Brüsten bestimmen lässt. Weiterhin ist es heute jedoch bekannt, dass die eigentliche Sexualität und persönliche Vorlieben nicht nur von diesen Merkmalen geprägt werden, sondern ebenso durch Genetik und Erziehung. Körperlichkeit und Sexualität sind für uns Menschen von Kindesbeinen an wichtig für die eigene Identitätsentwicklung.

So umfasst sie körperliche, biologische, psycho-soziale und emotionale Aspekte und kann als wichtige Lebensäußerung angesehen werden. Es gibt verschiedene Formen der Sexualität, wie Heterosexualität, Bisexualität, Polysexualität, Pansexualität, Homosexualität und Asexualtität. Sie spielt in jedem Lebensalter in irgendeiner Form eine Rolle, zumal es sich bei Sexualität auch um eine persönliche Ausdrucksmöglichkeit handelt.

So zeigt sich über die eigene Sexualität vieles darüber wie wir unser Menschsein leben, Beispielweise durch Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Lust, Liebe und Geborgenheit. Sie ist somit ein wichtiges Sprachrohr und kann uns stärken, nähren. Leider kann Sexualität sogar Sprache von Gewalt sein, was unter sexuelles Fehlverhalten fällt. Sie zeigt sich allen Lebensphasen als starke Lebensenergie und kann durch Übungen im Yoga und Tantra entsprechend sublimiert und genutzt werden.

Sexuelle Entwicklung

Zeichnung von Otto Müller: Liebespaar Mann Frau

Bereits bei der Befruchtung der Eizelle unserer Mutter beginnt unsere sexuelle Entwicklung. Wir entstehen aus der Geschlechtsgemeinschaft unserer Eltern. Diese sind für uns zum einen unsere biologische Fortpflanzungsstruktur und die Familie stellt gleichzeitig unsere erste Umgebung dar, die auch unseren späteren Umgang mit unserem Körper prägt. Siegmund Freud ist der größte Analytiker, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die bis heute gültigen Theorien über sexuelle Entwicklung aufstellte. Diese ist eine komplexe Entwicklungsgeschichte bei jedem Individuum.

So durchläuft der Mensch von Kindheit an verschiedene Entwicklungsphasen, die seine Sexualität und seinen Charakter maßgeblich beeinflussen. Im Säuglingsalter beginnt die Orale Phase. Hier wird der Mund als primäre Befriedigungsquelle gesehen. In der zweiten Phase, der analen Phase, die vom zweiten bis zum dritten Lebensjahr geht, generiert das Kind durch Ausscheidung und das Lernen des zurück Haltens der Exkremente, Lust. Ab dem dritten Lebensjahr beginnt die ödipale Phase, in der das junge Kind anfängt, sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu identifizieren und den gegengeschlechtlichen Elternteil zu begehren.

Ab dem Grundschulalter schlummert die sexuelle Energie in der sogenannten Latenzperiode und wird kaum noch zum Ausdruck gebracht. In dieser Zeit wird die Energie besonders auf das Lernen verwendet. Ab dem ca. 12. Lebensjahr beginnt die genitale Phase in der auch die Sexualhormone stärker ausgeschüttet werden und sich der Sexualtrieb entwickelt.

Sexualtrieb

Die meisten Menschen denken bei ihrem Sexualtrieb an ihren Unterkörper. Das Geschlecht an sich ist in den meisten Kulturen verhüllt und wir sind es gewohnt zwischen dem Unterkörper und Oberkörper zu unterscheiden. Dadurch nimmt das bewusste Erleben der Sexualität im Alltag eine etwas untergeordnete Rolle ein. Es gibt sehr unterschiedliche Ansichten darüber welchen Stellenwert der sexuelle Trieb für uns Menschen hat, jedoch dient er uns, wie allen Säugetieren, auf jeden Fall zur Arterhaltung.

Die allgemeine Auffassung dass Sex unter Eheleuten eine gute Sache ist, wurde unter anderem stark durch Religionen wie zum Beispiel durch das Christentum geprägt. Die Familie ist gesellschaftlich betrachtet noch immer der geeignete Rahmen für Fortpflanzung und damit für die Arterhaltung der menschlichen Rasse. Außerhalb der Ehe oder einer monogamen Partnerschaft ist Sex bis heute etwas sehr Umstrittenes. Da die Ehen heutzutage nicht so lange halten und die Lebenserwartung gestiegen ist, haben vielen Menschen mehrere Ehen und langfristige Partnerschaften. Hierbei spricht man auch von serieller Monogamie.

Das promiske Ausleben von Sexualität wird in unsere Gesellschaft noch immer tabuisiert. Zum anderen ist Sexualität in unserem Alltag, besonders im Internet und Werbung überpräsent. Auch wenn sich nicht immer feste Partnerschaften entwickeln, bildet der persönliche Sexualtrieb des Menschen oft das Streben nach dem Empfinden von Liebe und Einheit ab. Alle Menschen streben nach Selbstausdruck, positivem Feedback, Bestätigung, emotionaler und sexueller Erfüllung. Dahinter steht fast immer die tiefe Sehnsucht nach Verbindung mit dem göttlichen Bewusstsein und der Quelle der Kreativität in uns selbst.

Formen von Sexualität

Noch immer gilt Heterosexualität in unserer Gesellschaft als der Maßstab an dem sich die meisten Menschen orientieren. Betrachtet man jedoch verschiedene Kulturen über die Antike bis heute, erfährt man, dass auch Homosexualität, die gleichgeschlechtliche Liebe kein neuzeitliches Phänomen ist. Genauso wie Bisexualität oder Asexualtität.

Diese unterschiedlichen Arten von gelebter oder nicht ausgelebter Sexualität stellen keine Abweichung von einer Norm dar, sondern eben genauso vorhanden und gleichwertige Form und Ausdruck der eigenen Sexualität. Erst durch die Verbreitung des Christentums, wurde eine "falsche" Sexualethik verbreitet, die die Ehe und Heterosexualität als die Norm bezeichnet. In diesem Zusammenhang spricht man auch von der sogenannten Heteronormativität.

Heteronormativität

Alle Lebensgemeinschaften sind gleichwertig

Der Begriff Heteronormativität wurde in den 90er Jahren von Michael Warner geprägt und wird sein 1995 in Deutschland genutzt. Er beschreibt ein System von Erwartungen und Verhaltensweisen, welches sich auf der falschen Annahme stützt, dass jeder Mensch heterosexuell geboren wird und Beziehungen und Familien diesem Modell folgen sollten. Das Modell selber durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche und viel Kulturen und akzeptiert weder Homosexualität, Intersexualität, Asexualtität noch Transsexualität. Diese Ausprägungen von Sexualität werden teilweise sogar als Krankheiten eingestuft.

Das Konzept der Norm im Allgemeinen gibt vor, dass es Toleranz braucht um die Andersartigkeit zu akzeptieren. Die Menschen, die von der vermeintlichen Norm abweichen werden direkt, subtil oder sogar politisch dazu aufgefordert sich besser anzupassen. Menschen die ihr Geschlecht wechseln wollen, werden als krank bezeichnet und leiden oft unter Mobbing. Dabei sagte bereits Siegmund Freud, der Mensch sei nicht klar heterosexuell, sondern „polymorph pervers“ in verschiedenen Ausprägungen. So ist die Ehe für homosexuelle Paare in Deutschland rechtlich immer noch nicht mit der Hetero-Ehe gleichgestellt, was zu massiven Kämpfen und 2015 zu politischen Diskussionen und Gründung der LGBT-Initiative „Ehe für Alle“ führte.

Auch werden Kinder, die sich mit anderer Geschlechtsidentität auf die Welt kommen, oft nicht ausreichend ermutigt sich frei zu fühlen und auszudrücken. Im Gegenteil werden Kindern in der Erziehung weiterhin diverse Genderstereotype aufgezwungen, wie zum Beispiel, dass Mädchen rosa Kleidung tragen und mit Puppen spielen sollten. Global wird immer wieder diskutiert, ob homosexuelle Paare ein Kind aufziehen sollten, weil dem Kind dann die Mutter fehle. Solche Denkansätze mögen erstmal richtig erscheinen, was letztendlich selbst ein Beweis für Unbewusstheit ist.

Sie implizieren uns, dass eine optimale Form von Kindererziehung selber gäbe und diskriminiert und stigmatisiert somit ebenso geschiedene Eltern, Patchworkfamilien, konzeptlose Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende. So schadet Heteronormativität schadet allen Menschen. Analog dazu kann betrachtet werden, wie die Menschheit sich über die Richtigkeit einzelner Religionen streitet, obwohl das Göttliche Bewusstsein, welches in uns wohnt selbst keine Religion kennt. Ebenso ist Sexualität als Ausdruck des Einheitsbewusstsein nicht formbar, sondern einfach nur existent.

Das „dritte Geschlecht“ im alten Indien

Die Geschichte der Homosexualität, hat historisch überliefert zwar ihren Urspung im alten Griechenland und doch gibt es aus Indien Belege für deren Existenz, die bis 1200 vor Christus zurückreichen. So existierte im vedischen Indien die Kultur der „tritiya prakriti“ die sowohl Homosexualität, Transgender wie auch Intersexualität umfassen.

In der vedischen Astrologie deutete das dritte Geschlecht auf eine hohe spirituelle Kraft hin, weshalb viele dieser Gebürtigen im Zölibat und als Mönche lebten. Sogar der Mahabharata finden sich Passagen in dehnen Arjuna zur Strafe einige Zeit selbst als Haremstänzer des dritten Geschlechts leben musste. Folgt man den vedischen Schriften, so wurden Homosexuelle Menschen dort verehrt. Im klassischen Kastensystem werden sie zwar diskriminiert, wobei sich die Forschung einig ist, dass es sich hier die ehemalige Akzeptanz und Toleranz der Veden verdrängt wurde und hier Einflüsse aus dem Christentum und Islam in dem Hinduismus unmerklich miteinander verwoben wurden.

Safer Sex

Kondome schützen in allen Farben

Sexualität dient zwar der Fortpflanzung, wurde aber auch immer schon für Freude ausgelebt. Sie ist ein wichtiger Bestandteil im Leben vieler Menschen. Um eine ungewünschte Empfängnis zu verhüten und Geschlechtskrankheiten vorzubeugen, ist verantwortungsvoller Safer Sex sehr wichtig. Hier helfen Kondome am besten. Diese haben keine Nebenwirkungen und sind einfach anzuwenden. Bereits in der Antike wurden ähnliche Hilfsmittel genutzt. Die Deutsche AIDS Hilfe informiert auf ihren Seiten über die korrekte Anwendung.

Sexismus

Sexismus bezeichnet ein System von Diskriminierung aufgrund des körperlichen oder sozial empfundenen Geschlechts. Hierbei wird aufgrund eines historisches und teilweise sozial aktuell fortgesetzten Machtungleichgewichts vorausgesetzt, dass Männer gegenüber den Frauen privilegiert sind. Das Patriachat entwickelte sich aus der Herrschaft von Vätern. Eine andere Betrachtung ist, dass die Shakti-Energie hingegen das herrschende Prinzip im Universum ist und klar dem Weiblichen zugeordnet wird. Im Tantrismus sind Shiva und Shakti gleichwertig und letztendlich nur gemeinsam Eins.

Leider werden in vielen Teilen der Welt, Frauen noch immer benachteiligt und leiden unter den Folgen von Sexismus. Solche Strukturen beginnen schon in der Kindheit, wo Männern gesagt wird, sie dürften ihre Weiblichkeit nicht leben und nicht weich und sensibel sein während junge Mädchen in rosa gekleidet werden. So sind die Männer und Frauen selbst von falschen Normen und Rollenbildern betroffen. Die Bewusstheit und Achtsamkeit hierfür prägt eine neue junge positive Feminismus-Bewegung.

Von diesem System profitiert auf Dauer keines der Geschlechter. Ein ausgeglichener Mensch hat seine weiblichen und männlichen Anteile in sein Bewusstsein auf gesunde Weise integriert und haftet diesen Rollenbildern nicht mehr an. Hier kann auch die Yogapraxis und Reflexion zur Integration beider Seiten und zu innerer Ausgeglichenheit führen.

Sexuelle Objektifizierung

Die sexuelle Objektifizierung, insbesondere von Frauen und zunehmend auch von Männern, ist in unserem Alltag so überpräsent, dass wir diese als solche gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Aus humanistischer Sicht steht die sexuelle Objektifizierung entgegen der Wahrnehmung und Achtung des Individuums in seiner komplexen Persönlichkeit. Objektifizierung definiert sich immer dadurch, dass ein Mensch reduziert wird, auf seine Körperlichkeit oder seine sexuelle Funktion für andere Menschen. Dies findet sich besonders im Internet, Pornografie, käuflicher Liebe, Zeitschriften und Werbung wider.

Hier wird mit Genderstereotypen gespielt, Menschen werden zu Objekten der Lustbefriedigung und ihr Wert wird daran gemessen. Die erzeugt massive Unzufriedenheit für alle Betroffenen. In einem oberflächlichen Kontext und durch die ständige Konfrontation mit diesen Idealbildern im Internet, es wird für manche Menschen zunehmend erstrebenswert, sich sogar selbst zum perfekten Sexobjekt zu entwickeln. Durch die massive Verbreitung solcher Inhalte im Internet entwickelte sich im letzten Jahrzehnt die Bodyshaming Kultur und die entsprechende Gegenbewegung.

Viele Menschen fixieren sich leider zu stark auf ihre äußere Hülle, der Anamyaya Kosha, die in der Sthula Sharira, dem grobstofflichem Körper sitzt. Dieser Körper wird im Yoga der Träger oder Fahrzeug der Seele genannt. Wir Menschen manifestieren uns aber als ganzheitliches Energiesystem, wobei es keinem Menschen oder Lebewesen gerecht wird, ihn nur als sexuelles Objekt zu betrachten oder zu benutzen.

Nur die Illusion der Dualität vermittelt den Eindruck, dass Menschen Objekte zur Lustbefriedigung sind. Das Oberste Sein ist eine Nicht-Dualität, die ist erfahrbar, aber nicht unmittelbar mitteilbar oder fassbar. Da es keine Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen gibt, sondern alles Brahman ist, gibt es auf höherer Seelenebene nicht mal eine seelische Unterscheidung in der Geschlechtlichkeit.

Mit diesem vedantisch geprägten Verständnis von Sexualität, entsteht die Erkenntnis, dass absolut niemand von sexueller Objektifizierung profitiert. Hierbei ist die Bewusstmachung dieser Konzepte wichtig, um sowohl Männer als auch Frauen und zukünftige Generationen zu schützen.

Liebe in Bezug auf Sexualität

Es ist häufig so, dass Sexualität mit einem festen Partner gelebt wird. Auf eine Art bezeichnet Liebe auch Einssein und Einheit mit dem göttlichen Bewusstsein. Da das göttliche Bewusstsein in jedem Menschen innewohnt ist, der Sexualakt an sich die Verbindung mit dem göttlichen Bewusstsein im jeweiligen Partner. So ist es nicht einfach ein körperlicher Akt, sondern eine seelische und energetische Vereinigung. Dennoch ist die Sexualität in einer Partnerschaft sehr wandelbar, was völlig normal ist. Eine rein sexuelle Anziehung ist zwar auch eine Form von Liebe, wird aber langfristig nicht für eine Partnerschaft ausreichen.

Sattwige Sexualität

Eine gute Partnerschaft unterstützt uns auf dem spirituellem Weg

Da es bei Sexualität immer um individuelle Bedürfnisbefriedigung geht ist es wichtig, dass wir unsere Sexualität im Sinne des Gunas Sattwa ausleben. Das Ausleben der Energie Apana Vayu gehört zum ersten der vier Purusharthas. Diese Wunscherfüllung und Befriedigung der Sinne nennt man Kama.

In einer guten Beziehung, ob heterosexuell, homosexuell oder bei anderen Formen des Zusammenlebens helfen sich die Partner ihre Bedürfnisse auf sattwige Art und Weise auszuleben. Sexualität bildet eine Grundlage in der Partnerschaft. Durch sie wird die Liebe auf allen Ebenen des Seins ermöglicht. Denn nach der körperlichen Liebe entwickelt sich die geistige Liebe, die spirituelle Liebe und emotionale Liebe.

Bestenfalls wird die Liebe in der Partnerschaft irgendwann unbegrenzt und wir lernen uns für den anderen noch tiefer zu öffnen und ihn trotz dessen, dass einem nicht alles am Partner gefällt zu sehen und anzunehmen. Dabei lernen wir auf die Bedürfnisse des Partners genauso achtsam einzugehen, wie auf die eigenen. Das Paar bildet so zusammen eine Reflexionsgemeinschaft bei der sie sich gemeinsam auf ihrem spirituellen Weg entwickeln. Da letztendlich alles Brahman ist, üben wir hierbei immer gleichzeitig, uns selbst anzunehmen.

Auch die anderen drei Purusharthas kommen in einer Partnerschaft zur Geltung. Das Bedürfnis des Artha wird erfüllt, weil jede Partnerschaft auch immer eine Wirtschaftsgemeinschaft darstellt und ein Paar Güter und Sicherheiten miteinander teilt. Dies ist in Kulturen wie Indien heute noch ganz natürlich, nimmt in der westlichen Welt ab. Dank des Aspekts des Dharmas lernt ein Paar auch für andere Menschen und Lebewesen da zu sein. Dies kann dazu führen, dass sie eine Familie gründen oder sich für das Gemeinwohl engagieren. Der Aspekt von Moksha kommt zur Geltung dadurch, dass sich die Egos zweier Menschen in einer Partnerschaft immer wieder aneinander reiben. So sind beide Partner immer wieder Gurus füreinander, lernen voneinander und können sich beim Wachstum unterstützen.

Sexuelles Fehlverhalten

Auf dem spirituellen Weg ist sexuelles Fehlverhalten strikt zu vermeiden. Dieses definiert sich durch unterschiedliche Kriterien und diese Auflistung bewegt sich in einen sensiblen Grenzbereich, der subjektiv von verschiedenen Menschen und Kulturkreisen anders empfunden werden kann und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit.

  • Alle sexuellen Handlungen, die sich nicht im Rahmen der jeweiligen Gesetze eines Landes bewegen, wobei eben zu beachten ist, dass diese je nach Kulturkreis stark variieren, weshalb sie als Beurteilungskriterium nicht ausreichen. Ein Verständliches Beispiel zu beachten sind beispielsweise in Deutschland, die Altersgrenzen für Sexualität.
  • Darüber hinaus wichtig sind die europäischen Menschenrechte, die besagen, dass das Individuum in seinem Selbstausdruck frei leben sollte und ihm nicht geschadet werden darf. So sind und sollten Menschen überall auf dem Globus frei in ihrem Selbstausdruck und damit ihrer Geschlechtlichkeit und Lebensform sein.
  • Weiterhin ist Selbst oder Fremdgefährdung in jeglicher Form sexuelles Fehlverhalten. Hier gilt der Grundsatz von Ahimsa.
  • Aus yogischer Sicht ist jeder sexuelle Handlung die nicht im vollen Bewusstsein stattfindet, ist zu vermeiden, dies wäre Beispielsweise Sex unter Einfluss von Drogen.
  • Jede Form von sexueller Objektifizierung eines Menschen beschränkt ihn in seiner Würde gilt als sexuelles Fehlverhalten.
  • Auch moderne Phänomene wie Bodyshaming bewegen sich im Bereich des Fehlverhaltens.
  • Alles was den Rahmen einer vorab klar definierten Partnerschaft überschreitet, gilt als sexuelles Fehlverhalten. Dies wäre nicht Sattwa und damit ein klares Fehlverhalten. Ein Beispiel wäre Untreue in einer monogamen Partnerschaft. Wenn eine Partnerschaft nicht monogam gestaltet wird, bedarf es guter Regeln, großer Bewusstheit und viel Achtsamkeit und Austausch und auch ein verbindliches Bild von der gemeinsamen Beziehung. Wenn jemand diesen Rahmen sprengt und unachtsam wird, wäre es ebenso sexuelles Fehlverhalten.

Enthaltsamkeit Brahmacharya

Das Gegenteil zu dem Modell der Partnerschaft ist der Weg des Brahmacharya, bei dem komplett auf Liebe und Sexualität verzichtet wird. Die Energie Apana Vayu wird vollständig in Ojas, der reinen spirituellen Energie umgewandelt. Diese Art zu leben ist für wenige Menschen interessant, einfach und natürlich. Meist sind es Menschen, die insgesamt wenig sexuelles Interesse haben. Sie können dann Swami, Mönch oder Nonne werden.

Es wird gesagt, dass von ihnen eine große Herzenswärme ausgeht. Manche Menschen geben den Weg später wieder auf, wenn sie merken, dass die körperlichen Bedürfnisse irgendwann zurückkehren. Brahmacharya bedeutet jedoch nicht nur sexuelle Enthaltsamkeit, sondern eigentlich auch die Kräfte für die Meditation und für höhere Zwecke zu konservieren. Auch im Ausleben der Sinne, wie Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Berühren sollte sich der Aspirant mit reinen Dingen beschäftigen.

Tantra

Shiva und Shakti in Vereinigung

Begriff Tantra kommt aus dem Sanskrit und wird mit Gewebe oder Zusammenhang übersetzt. Es ist religionsübergreifend und es nicht ganz klar, woher es ursprünglich kommt. Tantra geht immer von der Einheit des Universums aus und unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse oder Hell und Dunkel. Meist ist Tantra die Verehrung des Göttlichen in der weiblichen Form.

Schwarzes Tantra

Bei schwarzem Tantra geht es um Macht und egoistische Ziele. Es werden Yantras als Amulette getragen und Mantras rezitiert. In bestimmten Teilen Indiens werden Tantriker mit schwarzen Magiern verglichen.

Man kann auch sagen. das Menschen welche dem schwarzen Tantra angehören, eher dazu bereit sind andere Menschen auszunutzen bzw sich ausnutzen zu lassen. Man findet hier also ein sehr niedriges Bewusstsein an. Diese menschen haben entweder keine Ahnung ihrer wahren Natur oder noch schlimmer sie negieren diese bewusst. deswegen nennt man es ja auch schwarzes Tantra. Die vorherrschende Guna hier ist Tamas.

Rotes Tantra

Rotes Tantra beruht auf der Shiva-Shakti-Philosophie bei der Shiva für reines Bewusstsein steht und die Shakti für die kosmische Schöpferenergie die sich überall ausdrückt. Ziel ist hier die Vereinigung der beiden Aspekte, die zum reinen Bewusstsein zurückführen soll. Im roten Tantra wird über die körperliche Vereinigung transzendentale Einheit erfahren. So wird das Ausleben von Sexualität als spirituelle Praxis verstanden, die mittels Atmen- und Konzentrationsübungen intensiviert wird. Hierbei wird mit dem Konzept der Pole gearbeitet, so liegen der positive Pol der Frau im Brustbereich und der negative Pol im Geschlechtsbereich. Beim Mann ist es genau umgekehrt. Beim Geschlechtsverkehr verbinden sich diese Pole miteinander zu einem Kreislauf in dem die Energie frei fließen kann. Die Energie soll hierbei keinesfalls verloren gehen, weshalb der Mann auch nicht zwingend ejakulieren sollte beim Akt, weil er dabei zu viel Energie verliert.

Es ist unter Yogis umstritten ob durch diese Techniken ein intensiver spiritueller Fortschritt entsteht. Im Yoga Vidya Yogastil nach Swami Sivananda bei Yoga Vidya wird kein rotes Tantra praktiziert. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem weißen Tantra.

Weißes Tantra

Im weißen Tantra liegt der Schwerpunkt darauf das eigene Energielevel zu erhöhen und ein Instrument Gottes zu werden. Hierdurch verstärkt sich die eigene Liebesfähigkeit. Es wird viel Hingabe in Rituale wie Pujas, Homas oder ähnliche Zeremonien gelegt. Die göttliche Mutter wird besonders verehrt. Jenseits von religiös gebundenen Formen, zählen Praktiken aus dem Kundalini Yoga auch als weißes Tantra.

Bei Yoga Vidya wird nur weißes Tantra gelehrt. Es mag vielleicht mal Seminare geben bei denen Lehrer von dieser Norm abweichen oder als Gastgruppe im Projekt Shantih unterrichten. So gsehen lehrt Yoga Vidya nur weißes Tantra.

Man kann das auch mit den drei Gunas vergleichen. Tamas ist die Trägheit.Schwarzes Tantra führt zu Trägheit des Opfers. vielleicht sogar zu einem Abhängigkeitsverhältnis. Rotes Tantra wird auf alle Fälle Rajas fördern. Rajas ist die Energiequalität, welche Aktivität und Feuer schürt. Der Mensch identifiziert sich mit den Handlungen und verkennt damit seine wahre göttliche Natur. Im weißen Tantra kultiviert man Sattva. Diese Grundenergie befähigt den Menschen zu handeln und sich dabei als Instrument Gottes wahr zu nehmen. Er unterliegt der Täuschung das ein getrenntes Wesen sei. Viele Menschen hängen dem Sexualtrieb übermäßig oder verklemmt an, nur weil sie damit einen Mangel an Liebe oder eine falsch verstandene Askese ausgleichen wollen.

So kann ein und dieselbe Handlung von Außen betrachtet alles mögliche der drei sein. Nur der Beobachter in Sattva kann all drei unterscheiden.

Kundalini Yoga

Im klassischen Kundalini Yoga wird sich das Sublimieren von sexueller Energie zu Nutze gemacht. Die Apana Vayu, die Energie die für Ausscheidung und Sexualität verantwortlich ist. Sie wird meist zuerst aus dem Muladhara Chakra aktiv. Dort ist sie die Energie der Ausscheidungsorgane. Sobald sie im Swadhisthana Chakra aktiv wird, ist sie eine der mächtigsten Energien. So erschafft sie neues Leben und gilt als Schöpferenergie aber auch als Quelle aller Kreativität.

Ebenso ist eine Energie durch die sich Liebe ausdrückt. Man kann diese Energie zum einem frei ausleben oder eben durch spezielle Praktiken sublimieren und hinlenken in kreative Schaffensprozesse, wie Kunstwerke oder in die Entfaltung von Talenten. Ein aus yogischischer Sicht interessanter Weg ist es, sexuelle Energie in Ojas, also spirituell transformierte Energie umzuwandeln.

Wenn die Kundalini aufsteigt erfahren wir Zustände die intensiver und voller Wonne sind, anders als im kurzfristigen Ausleben sexueller Triebe. Um den Geist in andere Bewusstheitsebenen zu bringen, brauchen wir viel spirituelle Energie, denn diese führt zur Selbstverwirklichung. Übungen die Ojas erzeugen im Kundalini-Yoga sind Pranayama, Mula Bandha (Zusammenziehen des Beckenbodens) Ashwini Mudra, Umkehrhaltungen, langes Halten der Asanas, Meditation und die Wiederholung eines Mantras.

Sexualität und spirituelle Evolution - Auszug aus der Yoga Aktuell 2013

Zum Thema Sexualität und Spiritualität veröffentlichte die Zeitschrift „Yoga Aktuell“ ein Interview mit Ashtanga-Yogalehrer Govinda Kai und befragte ihn über Tantra – den heiligen Tanz zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen.

Seiner Auffassung nach geht es im Yoga hauptsächlich darum, das eigene Selbst zu entdecken und zu befragen, um sich tiefer verstehen und entwickeln zu können sowie möglichst viele Lebensbereiche bewusst wahrzunehmen. Sex bietet sich für diese Übung sehr an, weil Sexualität sehr unterschiedlich und kontrovers ist.

Govinda Kai ermutigt dazu, sich wach und bewusst in neue gefährliche Regionen vorzuwagen, um das eigene Mysterium immer weiter ergründen zu können. Dafür benötigt man zwar eine gewisse Intelligenz und Empathie für sich selbst und andere. Wenn man sich jedoch mit Bewusstheit ungekannten Situationen öffnet, die man vorher vielleicht sogar ungewollt vermieden hatte, kann daraus ein Yoga-Pfad werden. Wichtig dabei ist, mit seinem Bewusstsein oder seinem Herzen identifiziert zu sein und nicht mit seinen Gedanken.

Letzteres lässt uns glauben, sexuelle Erfüllung im Außen finden zu können, was einem zu einem Bettler macht, der sexuelle Gefühle durch äußere Umstände erhalten möchte und uns abhängig macht von äußeren Formen und Gegebenheiten. Nur durch die Identifikation mit dem Bewusstsein kann man sich selbst als Ursprung für Freude und tiefe Befriedigung erkennen. Angst und Scham lösen sich auf. Durch großzügiges Geben, vervielfacht sich das Reservoir dessen, was man zu geben hat.

Lachen und Liebe dominieren und das eigene Empfinden wird feiner und intensiver. Durch die Erfahrungen, die wir dann in der Sexualität machen können, werden auch andere Bereiche des Lebens sehr intensiv erfahren, so kann zum Beispiel das Trinken eines Glases Orangensaft nahezu extatische Gefühle auslösen o.ä. Dabei kann man sich spontan für einige Zeit im Bewusstsein verlieren – ein schönes Spiel und eine gute Übung für noch mehr Fokus.

Das männliche Shiva-Prinzip von völliger Wachsamkeit und Leere zieht automatisch das weibliche Shakti-Prinzip von Licht und Farbe an und umgekehrt, sofern der Zustand Bewusstheit ist. Solche Menschen werden sich weniger zu potentiellen Partnern hingezogen fühlen, die über das Außen identifiziert sind.

Bisher haben sich die meisten Menschen zwar an der körperlich-materiellen Identifikation orientiert. Es findet aber gerade ein gesellschaftlicher Wandel statt, der die Menschen bewusster werden lässt. Höchste Zeit also, mit der Selbstreflexion zu beginnen und sich selbst neu zu entdecken und erfinden.

Paramahansa Yoganandas Tipp zur Beherrschung des Zeugungstriebes

Manchmal gibt es Phasen im Leben in denen man der Leidenschaft verfällt und sich bezüglich seines Zeugungstriebes mehr verlustigt anstatt sich dort in balance zu befinden.

Eine Methode zur Beherrschung des Zeugungstriebs kommt von dem verehrten Paramahansa Yogananda: "Abends vor dem Schlafengehen reibt alle Körperöffnungen mit einem kalten, nassen Handtuch ab - ebenfalls die Hände, Füße, Achselhöllen, den Nabel und den Nacken hinter dem verlängerten Mark. Tut dies regelmäßig.

Während körperlicher Erregungszustände atmet 5 bis 15 mal tief ein und aus. Dann begebt euch sofort in die Gesellschaft solcher Menschen, vor denen ihr Achtung habt - Menschen die große Selbstbeherrschung haben." Aus dem Buch: Wissenschaftliche Heilmethoden von Paramahansa Yogananda

Siehe auch

Quellen

  • Matthias Beck (2013): „Sexualität und spirituelle Evolution“. Yoga Aktuell Nr. 80, Ausgabe 3/2013, S. 86-89.

Weblinks

Seminare

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Dr. Nalini Sahay,

Zusammenfassung

Es gibt im Yoga unterschiedliche Modelle, wie Spiritualität und Sexualität in Beziehung stehen. Letztlich gilt: Wir alle müssen die Bewusstheit entwickeln eine eigene für uns vertretbare Lebensweise finden. Dies gilt bei der Sexualität, wie bei allen Aspekten des Yoga. Man sollte sich auch davor hüten, Sexualität in Bezug auf Spiritualität überbewerten. Weder kommt man allein durch Enthaltsamkeit zur Selbstverwirklichung, noch führen tantrische Sexualpraktiken sofort zur Erleuchtung.

Wir sind vielmehr dazu eingeladen uns immer wieder selber zu fragen, wie wir alles Teile unseres Lebens spiritualisieren bzw. so leben, dass sie unserer spirituellen Entwicklung förderlich sind. Durch regelmäßige Übung von Asana, Pranayama und Meditation erreichen wir den Zugang zur inneren Intuition, die uns führen wird.