Staunen
Staunen ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, die entsteht, wenn etwas unsere bisherigen Vorstellungen übersteigt und uns für einen Augenblick aus dem gewohnten Denken heraustreten lässt. Im Yoga, in der Meditation und auf dem spirituellen Weg kann Staunen zu Achtsamkeit, Offenheit und einer unmittelbaren Erfahrung von Verbundenheit führen.
Staunen – wenn das Gewöhnliche außergewöhnlich wird
Was bedeutet Staunen?
Staunen bezeichnet einen Zustand intensiver Aufmerksamkeit, der durch etwas Unerwartetes, Schönes, Großartiges, Geheimnisvolles oder zunächst Unbegreifliches ausgelöst wird. Wer staunt, hält innerlich einen Augenblick inne. Gewohnte Bewertungen treten zurück, während die Wahrnehmung ganz auf das gerichtet ist, was sich gerade zeigt.
Das Wort Staunen kann dabei unterschiedliche Erfahrungen umfassen: die Verwunderung über etwas Überraschendes, die Bewunderung außergewöhnlicher Fähigkeiten, das ehrfürchtige Ergriffensein angesichts der Natur oder des Universums sowie jenes stille Staunen, das keinen besonderen äußeren Anlass benötigt. Ein Mensch kann über einen Sternenhimmel ebenso staunen wie über eine Blüte, den menschlichen Körper, eine wissenschaftliche Erkenntnis oder einen unscheinbaren Augenblick des Alltags.
Staunen unterscheidet sich von bloßer Überraschung dadurch, dass es häufig über den ersten Moment hinausführt. Es weckt Neugier, öffnet Fragen und kann die eigene Sicht auf die Welt verändern.
Staunen – Bedeutung in Psychologie und Philosophie
In der Psychologie wird Staunen häufig im Zusammenhang mit Awe untersucht, einem Begriff, der je nach Kontext mit Staunen, Ehrfurcht oder überwältigender Bewunderung übersetzt werden kann. Gemeint sind Erfahrungen, bei denen ein Mensch mit etwas konfrontiert wird, das größer oder umfassender erscheint als sein gewohntes Bezugssystem.
Dabei muss „Größe“ nicht ausschließlich räumlich gemeint sein. Auch eine außergewöhnliche menschliche Handlung, eine tiefgreifende Erkenntnis, Musik, Kunst oder eine spirituelle Erfahrung können Staunen hervorrufen. Charakteristisch ist, dass vorhandene Denkmuster zunächst nicht ausreichen, um das Erlebte vollständig einzuordnen. Der Geist muss seine bisherigen Vorstellungen erweitern oder neu ordnen.
Auch in der Philosophie besitzt das Staunen eine lange Tradition. Bereits in der antiken griechischen Philosophie wurde das Staunen als wichtiger Ausgangspunkt philosophischen Fragens betrachtet. Wer staunt, nimmt das scheinbar Selbstverständliche nicht länger einfach hin, sondern beginnt zu fragen: Warum ist etwas so? Was bedeutet es? Was liegt hinter dem unmittelbar Sichtbaren?
Damit steht Staunen am Anfang einer Bewegung vom bloßen Wahrnehmen zum tieferen Erkennen.
Formen des Staunens
Staunen besitzt verschiedene Ausdrucksformen, die sich überschneiden können. Die gebräuchlichsten Formen lassen sich danach unterscheiden, wodurch das Staunen ausgelöst wird und welche innere Qualität dabei im Vordergrund steht.
Verwundertes Staunen
Das verwunderte Staunen entsteht durch etwas Unerwartetes. Eine Situation entspricht nicht dem, was der Mensch aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen erwartet hat. Für einen Augenblick wird die gewohnte Ordnung unterbrochen.
Diese Form des Staunens ist eng mit Neugier verbunden. Aus dem inneren „Das hätte ich nicht erwartet“ kann die Frage entstehen: „Wie ist das möglich?“ Verwunderung kann dadurch zu Lernen, Forschung und Selbsterkenntnis führen.
Bewunderndes Staunen
Beim bewundernden Staunen richtet sich die Aufmerksamkeit auf etwas, das als außergewöhnlich, schön oder besonders gelungen erlebt wird. Das können menschliche Fähigkeiten, ein Kunstwerk, eine musikalische Darbietung, eine beeindruckende Yogapraxis oder eine außergewöhnliche Handlung sein.
Bewunderung kann inspirieren. Sie zeigt, was möglich ist, sollte jedoch nicht automatisch in Vergleich oder Selbstabwertung übergehen. Aus yogischer Sicht kann bewunderndes Staunen vielmehr dazu anregen, Schönheit und Fähigkeiten wahrzunehmen, ohne sie besitzen zu müssen.
Ästhetisches Staunen
Ästhetisches Staunen entsteht angesichts von Schönheit. Ein Sonnenaufgang, ein Gebirge, ein Tempel, Musik, ein Gemälde oder eine einzelne Blüte können einen Menschen so berühren, dass für einen Moment das analysierende Denken zurücktritt.
Das Besondere dieser Erfahrung liegt häufig darin, dass sie keiner unmittelbaren Erklärung bedarf. Etwas wird zunächst einfach wahrgenommen. In dieser unmittelbaren Wahrnehmung besteht eine Nähe zur Achtsamkeit.
Staunen über die Natur
Eine besonders verbreitete Form ist das Staunen über die Natur. Der Blick in einen klaren Sternenhimmel, das Meer, ein alter Baum, ein Wasserfall, die Vielfalt eines Ökosystems oder die Weite einer Landschaft können das eigene menschliche Maß relativieren.
Naturerfahrungen machen unmittelbar sichtbar, dass der Mensch Teil größerer Zusammenhänge ist. Dadurch können Demut, Dankbarkeit und ein stärkeres Bewusstsein für die Verbundenheit allen Lebens entstehen.
Wissenschaftliches Staunen
Auch Wissenschaft beginnt häufig mit Staunen. Die Frage, warum Sterne leuchten, wie Leben entsteht, wie das Gehirn arbeitet oder warum bestimmte Naturgesetze gelten, kann aus einer zunächst einfachen Verwunderung hervorgehen.
Wissenschaftliches Staunen zeigt, dass Wissen und Staunen keine Gegensätze sein müssen. Eine Erklärung kann das Staunen sogar vertiefen. Wer beispielsweise versteht, welche komplexen Prozesse in einer einzelnen Zelle stattfinden, muss sie deshalb nicht weniger erstaunlich finden.
Philosophisches Staunen
Philosophisches Staunen richtet sich auf grundlegende Fragen des Daseins. Warum gibt es überhaupt etwas? Was ist Bewusstsein? Was bedeutet Wirklichkeit? Was ist Zeit? Wer bin ich?
Solche Fragen müssen nicht sofort beantwortet werden. Philosophisches Staunen besteht gerade darin, die Selbstverständlichkeit vertrauter Annahmen zu durchbrechen und sich einer Frage offen zuzuwenden.
Damit besitzt es eine deutliche Nähe zur yogischen Selbsterforschung.
Ehrfürchtiges Staunen
Beim ehrfürchtigen Staunen begegnet der Mensch etwas, das er als größer empfindet als sich selbst. Das können die Natur, das Universum, Leben und Tod, eine spirituelle Erfahrung oder eine Vorstellung des Göttlichen sein.
Ehrfurcht ist dabei nicht mit Angst gleichzusetzen. Sie verbindet Staunen häufig mit Demut und dem Empfinden, Teil eines umfassenderen Ganzen zu sein.
Spirituelles Staunen
Spirituelles Staunen kann entstehen, wenn die Wirklichkeit für einen Augenblick tiefer oder umfassender erfahren wird als im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein. Ein Mensch kann während einer Meditation, im Satsang, beim Rezitieren eines Mantras, in der Natur oder scheinbar ohne besonderen Anlass eine starke Erfahrung von Gegenwärtigkeit, Verbundenheit oder Heiligkeit erleben.
Eine solche Erfahrung muss nicht spektakulär sein. Spirituelles Staunen kann gerade im Einfachen entstehen: im Atem, in der Stille, im Licht eines Morgens oder in der Begegnung mit einem anderen Menschen.
Kindliches Staunen
Kinder begegnen vielem zum ersten Mal. Deshalb gehört kindliches Staunen zu den ursprünglichsten Formen des Staunens. Ein Käfer, eine Schneeflocke, der Mond oder ein Regenbogen können die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen.
Bei Erwachsenen verschwindet diese Fähigkeit nicht zwangsläufig, wird jedoch häufig von Gewohnheit und Vorwissen überlagert. Eine achtsame Lebensweise kann dazu beitragen, Bekanntes wieder unmittelbarer wahrzunehmen.
Stilles Staunen
Beim stillen Staunen tritt die sichtbare emotionale Reaktion in den Hintergrund. Es ist weniger ein „Wow!“ als ein tiefes Innehalten. Gedanken werden für einen Moment nebensächlich und die Wahrnehmung wird weit.
Gerade diese Form besitzt eine besondere Nähe zu Meditation und Stille. Staunen wird hier nicht zum Gegenstand des Denkens, sondern zu einer Weise des gegenwärtigen Erlebens.
Staunen und Überraschung – was ist der Unterschied?
Überraschung ist zunächst eine unmittelbare Reaktion auf etwas Unerwartetes. Sie kann angenehm, unangenehm oder neutral sein und klingt häufig schnell wieder ab. Staunen kann aus Überraschung entstehen, geht aber meist darüber hinaus.
Wer überrascht ist, reagiert auf eine Abweichung von einer Erwartung. Wer staunt, richtet seine Aufmerksamkeit auf das Unerwartete und lässt sich davon berühren. Deshalb besitzt Staunen häufig eine kontemplative Qualität.
Auch Verwunderung, Bewunderung und Ehrfurcht sind mit Staunen verwandt, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Verwunderung fragt eher nach dem Unerwarteten, Bewunderung nach dem Außergewöhnlichen und Ehrfurcht nach einer erfahrenen Größe oder Tiefe.
Warum Menschen die Fähigkeit zum Staunen verlieren können
Was häufig erlebt wird, wird selbstverständlich. Der erste Blick auf ein Gebirge kann überwältigend sein; wer täglich daran vorbeifährt, nimmt es möglicherweise irgendwann kaum noch wahr. Dieser Gewöhnungseffekt ist für den Alltag nützlich, weil der Mensch nicht jeden Reiz ständig neu verarbeiten muss.
Gleichzeitig kann Gewöhnung dazu führen, dass das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen übersehen wird. Hinzu kommen Zeitdruck, Stress, permanente Ablenkung und die schnelle Folge digitaler Reize. Wer fortwährend neue Eindrücke konsumiert, hat möglicherweise viele Reize, aber wenig Zeit, sich von einem einzelnen Eindruck wirklich berühren zu lassen.
Staunen benötigt daher nicht unbedingt mehr außergewöhnliche Erlebnisse. Manchmal benötigt es weniger Ablenkung und mehr Aufmerksamkeit.
Staunen und Achtsamkeit
Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Augenblick bewusst wahrzunehmen. Darin liegt eine unmittelbare Verbindung zum Staunen. Wer aufmerksam betrachtet, entdeckt häufig Einzelheiten, die im automatisierten Alltag unbemerkt bleiben.
Eine einfache Blüte kann beispielsweise hinsichtlich ihrer Farbe, Form, Struktur und ihres Duftes betrachtet werden. Je genauer die Wahrnehmung wird, desto weniger selbstverständlich erscheint das scheinbar Gewöhnliche.
Staunen kann deshalb eine natürliche Folge von Achtsamkeit sein. Umgekehrt verstärkt Staunen die Aufmerksamkeit: Was uns erstaunt, betrachten wir genauer.
Staunen im Yoga
Yoga wird häufig mit Körperübungen, Asanas, Pranayama und Meditation verbunden. In einem umfassenderen Verständnis ist Yoga jedoch auch ein Weg der bewussten Wahrnehmung und Selbsterkenntnis.
Wer eine Yogapraxis über längere Zeit vertieft, kann über scheinbar einfache Vorgänge neu staunen: darüber, wie eng Atem und Gemütszustand zusammenhängen, wie Gedanken den Körper beeinflussen, wie sich die Wahrnehmung in der Stille verändert oder wie unterschiedlich dieselbe Asana an verschiedenen Tagen erlebt werden kann.
Staunen unterstützt dabei eine Haltung des Nicht-schon-Wissens. Statt jede Erfahrung sofort einzuordnen, kann der Praktizierende beobachten: Was geschieht tatsächlich?
Diese offene Aufmerksamkeit ist sowohl für die Yogapraxis als auch für Meditation und Selbsterkenntnis wertvoll.
Staunen in der Meditation
In der Meditation richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen oder auf einen bestimmten Meditationsgegenstand. Dabei können alltägliche Vorgänge plötzlich erstaunlich erscheinen.
Schon die Beobachtung des Atems kann Fragen aufwerfen: Der Atem geschieht fortwährend, ohne dass er normalerweise bewusst gesteuert werden muss. Gedanken tauchen auf und verschwinden wieder. Körperempfindungen verändern sich. Stille kann wahrgenommen werden, obwohl gleichzeitig Geräusche vorhanden sind.
Meditatives Staunen bedeutet nicht, nach außergewöhnlichen Erfahrungen zu suchen. Gerade die Erwartung besonderer Zustände kann der Meditation im Weg stehen. Es geht vielmehr darum, auch dem Bekannten mit einer gewissen Offenheit zu begegnen.
Staunen und der Anfängergeist
In verschiedenen kontemplativen Traditionen findet sich die Vorstellung eines Anfängergeistes: einer Haltung, in der eine Erfahrung nicht ausschließlich durch bereits vorhandene Vorstellungen betrachtet wird.
Auch im Yoga kann diese Haltung hilfreich sein. Wer glaubt, eine Asana, ein Mantra oder eine Meditation vollständig zu kennen, nimmt möglicherweise nur noch das wahr, was er erwartet. Wer dagegen mit Offenheit übt, kann selbst nach vielen Jahren neue Aspekte entdecken.
Der Anfängergeist bedeutet nicht, vorhandenes Wissen abzulehnen. Er bedeutet, Wissen nicht mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln.
Staunen und Jnana Yoga
Im Jnana Yoga, dem Yoga des Wissens und der Erkenntnis, spielen Fragen nach der eigenen Identität und der Wirklichkeit eine zentrale Rolle. Die klassische Frage „Wer bin ich?“ kann zunächst einfach erscheinen, führt bei genauer Betrachtung jedoch tief in die Erforschung des Bewusstseins.
Wer bin ich jenseits meiner Rollen, Erinnerungen, Gedanken und wechselnden Gefühle? Was ist dasjenige, das all diese Veränderungen wahrnimmt?
Hier begegnen sich philosophisches und spirituelles Staunen. Die Frage wird nicht nur intellektuell beantwortet, sondern kann zum Gegenstand von Vichara, der tiefen Selbsterforschung, werden.
Staunen und Bhakti Yoga
Im Bhakti Yoga, dem Yoga der Hingabe, kann Staunen die Wahrnehmung des Göttlichen begleiten. Die Schönheit der Natur, ein Kirtan, ein Mantra, eine Puja oder die Erfahrung tiefer Liebe können als Ausdruck einer Wirklichkeit erlebt werden, die das individuelle Ich übersteigt.
Staunen kann hier in Hingabe, Dankbarkeit und Verehrung übergehen. Das Göttliche wird nicht nur als philosophischer Begriff gedacht, sondern als etwas erfahren, dessen Größe sich dem vollständigen begrifflichen Erfassen entzieht.
In diesem Sinne besitzt Staunen eine Nähe zu Bhakti: Der Mensch muss nicht alles erklären können, um sich davon berühren zu lassen.
Staunen und Vedanta
Im Vedanta wird die alltägliche Identifikation mit Körper, Persönlichkeit und Gedanken grundlegend hinterfragt. Die Frage nach Atman, dem wahren Selbst, und Brahman, der absoluten Wirklichkeit, führt zu einer Perspektive, in der die gewöhnliche Vorstellung eines getrennten Individuums untersucht wird.
Aus dieser Sicht kann bereits die Tatsache des Bewusstseins zum Gegenstand des Staunens werden. Menschen beschäftigen sich gewöhnlich mit dem, was sie wahrnehmen – mit Gedanken, Dingen, Ereignissen und Empfindungen. Vedanta lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Frage nach demjenigen, der all dies wahrnimmt.
Das Staunen richtet sich damit nicht nur auf die Welt, sondern auf die grundlegende Erfahrung des eigenen Seins.
Adbhuta Rasa – Staunen in der indischen Ästhetik
In der klassischen indischen Ästhetik besitzt Staunen einen besonderen Platz. Adbhuta Rasa bezeichnet die ästhetische Erfahrung des Wunderbaren oder Erstaunlichen. Adbhuta kann unter anderem wunderbar, erstaunlich oder außergewöhnlich bedeuten.
Die Lehre von den Rasas beschreibt unterschiedliche Grundqualitäten ästhetischen Erlebens. Adbhuta Rasa entsteht dort, wo etwas Verwunderung und Staunen hervorruft und die Wahrnehmung über das Alltägliche hinausführt.
Damit zeigt sich, dass Staunen innerhalb der indischen Tradition nicht nur eine beiläufige Emotion ist, sondern als eigenständige Qualität menschlicher Erfahrung erkannt wurde.
Staunen und das Wunderbare
Staunen ist eng mit der Erfahrung des Wunderbaren verbunden. Dabei muss ein Wunder nicht als Durchbrechung von Naturgesetzen verstanden werden. Auch etwas vollständig natürlich Erklärbares kann wunderbar erscheinen.
Dass aus einem Samen ein Baum entsteht, dass ein menschlicher Organismus aus unzähligen miteinander kommunizierenden Zellen besteht oder dass Licht eines weit entfernten Sterns nach langer Reise das menschliche Auge erreicht, verliert durch eine naturwissenschaftliche Erklärung nicht zwangsläufig seinen erstaunlichen Charakter.
Staunen und Wissen können sich daher ergänzen: Wissen erklärt Zusammenhänge, Staunen hält die Fähigkeit lebendig, ihre Außergewöhnlichkeit wahrzunehmen.
Staunen - Ein Vortrag von Sukadev Bretz

Staunen eine Tugend. Was ist die Bedeutung des Begriffs Staunen? Was will man mit diesem Begriff sagen? Wozu ist Staunen ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal. Welche weiteren Persönlichkeitsmerkmale stehen in Verbindung mit Staunen? Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Charakters, gehört zu den wichtigen Aufgaben eines Menschen.
Staunen ist die emotionale Reaktion auf etwas Unerwartetes, es kann mit Verwunderung, aber auch mit Respekt und Hochachtung verbunden sein. Staunen führt zu einer Mischung aus innerer Erregung, Freude und Konzentriertheit. Staunen reißt einen aus dem Alltagsbewusstsein heraus.
Daher wird in der Mystik Staunen als eine wichtige spirituelle Praxis angesehen. In der Bhagavad Gita wird ein ganzes Kapitel als "Der Yoga des Staunens" (Vibhuti Pada, 10. Kapitel) bezeichnet: Man kann die Fähigkeit des Staunens bewusst kultivieren als Mittel der Bewusstseinserweiterung und der Gotteserfahrung.
Staunen als spirituelle Praxis
Wenn du staunst, öffnet sich dein Herz. Wenn du staunst, nimmst du ein Göttliches wahr. Staunen ist letztlich eine wichtige spirituelle Praxis.
- Wenn du vor einem Baum stehst, dann staune über die Schönheit des Baumes: Wie der Baum gewachsen ist. Fühle diesen Baum, spüre das Staunen.
- Wenn du einen Sonnenuntergang anschaust, staune. So viel Schönheit. Wenn du den Sonnenuntergang anschaust, mag dir das Herz vor Freude zerbrechen.
- Wenn du einen Menschen anschaust, staune auch dort. Auch der Mensch, eine so großartige Kreatur.
- Wenn du deinem Kind beim Spielen zuschaust, staune nur.
- Wenn du isst, staune auch hier. Was musste alles passieren, damit du jetzt essen kannst. Wenn du schluckst und die Nahrung in deinem Bauch spürst, staune. Wie großartig ist es, dass du diese Nahrung verdauen kannst?
Es gibt so viele Möglichkeiten des Staunens. Im Staunen leuchtet Gott auf.
Kultiviere das Staunen - nähere dich dem Mysterium des Lebens
Aus einem Vortrag von Sukadev Bretz
Staunen ist ein sehr wichtiges Wort im Yoga. Es gibt sogar ein ganzes Kapitel in der Bhagavad Gita, das nennt sich Vibhuti Yoga. Man kann es übersetzen als "der Yoga der Hochachtung, der Yoga der göttlichen Herrlichkeit", ich übersetze es gerne als "der Yoga des Staunens".
Indem du lernst, zu staunen, indem du lernst, das Wunder des Lebens immer wieder zu sehen und zu bemerken, bekommst du eine tiefe Hochachtung, eine tiefe Hochschätzung und auch Liebe. Der Mensch hat die Fähigkeit, zu staunen. Und gerade durch das Staunen ist er in der Lage, das Göttliche wahrzunehmen.
Man könnte sogar sagen, die einfachste und intensivste Weise, Gott zu erfahren, ist durch Staunen. Indem du die Fähigkeit des Staunens kultivierst, entwickelst du Liebe. Staunen ist ein wichtiger Faktor in der Gottesliebe. Indem du vom Herzen her die göttliche Gegenwart spürst, indem du vom Herzen her immer wieder hinter allem das Göttliche siehst, kommt Staunen.
Und umgekehrt, wenn du den Himmel anschaust, zum Beispiel den Sonnenaufgang, oder Sonnenuntergang, kommt Staunen. Und aus dem Staunen kommt eine Liebe zum Göttlichen. Wenn du die Schönheit der Bäume anschaust, spürst du Staunen. Auch manchmal wenn du siehst, was Menschen so alles machen, wenn du dein Handy genauer analysierst, kommt Staunen.
Oder wenn du überhaupt merkst, du liest jetzt diesen Vortrag von Sukadev, der das vielleicht vor ein paar Monaten, Jahren aufgenommen hat, du kannst es jetzt hören, da kann man doch schon staunen. Also, diese Art Staunen kann etwas sehr Hilfreiches sein. Und dann kannst du überlegen: "Bin ich jemand, der gut staunen kann?"
Und jetzt kommt es zur Liebe, die Liebe nicht nur zu Gott, sondern Liebe zu deinem Partner, Liebe zu deinen Kindern. Eltern haben dieses Staunen bei ihrem Baby. Wenn das Baby lacht, wenn das Baby was Neues lernt, wenn das Baby etwas Neues begreift, dann kann man nur staunen, wie schnell das Baby lernt, wie schnell das Kleinkind lernt. Und in diesem Staunen ist immer auch Liebe.
Genauso auch, wenn du deinen Partner siehst, staune über die Schönheit des Gesichtes deines Partners, über das Angenehme der Berührung durch einen Partner, staune, wie das Lächeln deines Partners dich immer noch fasziniert, staune über die vielen besonderen Fähigkeiten deines Partners. Nimm dir Momente des Staunens.
Wenn dein Partner noch schläft, während du wach wirst, schaue ihn an, staune über diese Schönheit deines Partners, staune, wie er dort so einfach vollkommen entspannt da liegt. Oder wenn dein Partner tätig ist, deine Partnerin kocht, dein Partner gerade ein Gemüse zubereitet, staune, wie wunderbar er oder sie das macht, mit wie viel Liebe und Hingabe.
Nutze die Fähigkeit zu staunen, Staunen ist ein wichtiger Aspekt der Liebe. Aus Liebe kommt Staunen, aus Staunen kommt Liebe. Und du kannst bewusst auch dir Zeit nehmen für Staunen. Gefühle kommen nicht einfach nur und gehen, du kannst etwas tun, dass diese Gefühle entstehen, du kannst selbst überlegen: "Habe ich heute schon gestaunt? Habe ich gestern gestaunt? Nehme ich mir Zeit für Staunen? Und könnte ich meine Liebe zu Gott, meine Liebe zu meinen Kindern, meine Liebe zum Partner vertiefen, indem ich mir Momente nehme des Staunens?"
Autor/Sprecher: Sukadev Bretz, Seminarleiter zu Kundalini Yoga und Chakras.
Staunen Audio Vortrag
Hier die Audiospur des oberen Videos zu Staunen :
Staunen - Antonyme, Synonyme undandere Persönlichkeitsmerkmale
Hier einige Erläuterungen, wie man die Eigenschaft der Staunen in Beziehung zu anderen Fähigkeiten und Verhaltensweisen sowie in Bezug auf Laster sehen kann:
Ähnliche Eigenschaften wie Staunen - Synonyme
Ähnliche Eigenschaften wie Staunen, also Synonyme zu Staunen sind zum Beispiel bewundern, erstaunen, sprachlos sein, verwundern, überrascht sein.
Ausgleichende Eigenschaften
Jede Eigenschaft, jede Tugend, die übertrieben wird, wird zu einer Untugend, zu einem Laster, einer nicht hilfreichen Eigenschaft. Staunen übertrieben kann ausarten zum Beispiel in glotzen, anstarren, gaffen, Stielaugen machen. Daher braucht Staunen als Gegenpol die Kultivierung von ruhen, in sich gekehrt sein, rational, unbeeindruckt, unberührt sein
Gegenteil von Staunen - Antonyme
Zu jeder Eigenschaft gibt es ein Gegenteil. Hier Möglichkeiten für Gegenteil von Staunen, Antonyme zu Staunen :
- Positive Gegenteile von Staunen, man könnte diese auch als Gegenpole bezeichnen: ruhen, in sich gekehrt sein, rational, unbeeindruckt, unberührt sein
- Negative Gegenteile von Staunen, also Laster, negative Eigenschaften, sind zum Beispiel Desinteresse, Gleichgültigkeit, Abgestumpftheit, Trägheit
Staunen Antonyme
Antonyme Staunen sind zum Beispiel ruhen, in sich gekehrt sein, rational, unbeeindruckt, unberührt sein, Desinteresse, Gleichgültigkeit, Abgestumpftheit, Trägheit.
Staunen und die großen Temperamentgruppen
- Staunen gehört zur Tugendgruppe 7 Gottesliebe, Naturliebe. Die wichtigsten Tugenden dieser Tugendgruppe sind [[Gottesliebe], Hoffnung] und Vertrauen
- Im Kontext des Persönlickeitsmodell der Big Five gehört Staunen zum Persönlichkeitsfaktor O1 Offenheit hoch: neugierig, erfinderisch, experimentierfreudig
- Im Persönlichkeitsmodell DISG gehört Staunen zur Grundverhaltenstendenz I - Initiative, Extravertiertheit, Enthusiasmus
- Im Ayurveda zählt man Staunen zum Vata Temperament beziehungsweise Dosha.
Entwicklung von Staunen
Staunen ist eine Tugend, die man stärken kann. Vielleicht willst du ja Staunen als Fähigkeit in dir zu stärken. Hierzu einige Tipps:
- Nimm dir vor, eine Woche lang diese Eigenschaft der Staunen zu stärken.
- Du kannst dir zum Beispiel vornehmen: "Während der nächsten Woche will ich die Fähigkeit Staunen ganz besonders kultivieren. Ich freue mich darauf, in einer Woche ein staunenderer Mensch zu sein."
- Nimm dir vor, jeden Tag mindestens etwas zu tun, was Staunen ausdrückt. Tue jeden Tag etwas, was du sonst nicht tun würdest, was aber diese Tugend zum Ausdruck bringt.
- Wenn du morgens aufwachst, dann sage eine Affirmation, zum Beispiel: "Ich entwickle Staunen."
- Am Tag wiederhole immer wieder eine Autosuggestion, Affirmation wie zum Beispiel: Ich bin staunend."
Affirmationen zum Thema Staunen
Hier einige Affirmationen für mehr Staunen. Unter dem Stichwort "Affirmation" und "Wunderaffirmationen" erfährst du mehr zu Funktion und Wirkungsweise von Affirmationen. Nicht alle unten aufgeführten Affirmationen passen - nutze diejenigen, die für dich stimmig erscheinen.
Klassische Autosuggestion für Staunen
Hier die klassische Autosuggestion:
- Ich bin staunend.
Im Yoga verbindet man das gerne mit einem Mantra. Denn ein Mantra lässt die Affirmation stärker werden:
- Ich bin staunend. Om Om Om.
- Ich bin ein Staunender, eine Staunende OM.
Entwicklungsbezogene Affirmation für Staunen
Manche Menschen fühlen sich als Scheinheiliger oder als Heuchler, wenn sie sagen "Ich bin staunend " - und sie sind es gar nicht. Dann hilft eine entwicklungsbezogene Affirmation:
- Ich entwickle Staunen.
- Ich werde staunend.
- Jeden Tag werde ich staunender.
- Durch die Gnade Gottes entwickle ich jeden Tag mehr Staunen.
Dankesaffirmation für Staunen
- Ich danke dafür, dass ich jeden Tag staunender werde.
Wunderaffirmationen Staunen
Du kannst es auch mit folgenden Affirmationen probieren:
- Bis jetzt bin ich noch nicht sehr staunend. Und das ist auch ganz verständlich, ich habe gute Gründe dafür. Aber schon bald werde ich Staunen entwickeln. Jeden Tag wird diese Tugend in mir stärker werden.
- Ich freue mich darauf, bald sehr staunend zu sein.
- Ich bin jemand, der staunend ist.
Gebet für Staunen
Auch ein Gebet ist ein machtvolles Mittel, um eine Tugend zu kultivieren. Hier ein paar Möglichkeiten für Gebete für mehr Staunen:
- Lieber Gott, bitte gib mir mehr Staunen.
- Oh Gott, ich verehre dich. Ich bitte dich darum, dass ich ein staunender Mensch werde.
- Liebe Göttliche Mutter, ich danke dir. Ich danke dir dafür, dass ich jeden Tag die Tugend Staunen mehr und mehr zum Ausdruck bringe.
Frage dich: Was müsste ich tun, um Staunen zu entwickeln?
Du kannst dich auch fragen:
- Was müsste ich tun, um Staunen zu entwickeln?
- Wie könnte ich staunend werden?
- Lieber Gott, bitte zeige mir den Weg zu mehr Staunen.
- Angenommen, ich will staunend sein, wie würde ich das tun?
- Angenommen, ich wäre staunend, wie würde sich das bemerkbar machen?
- Angenommen, ein Wunder würde geschehen, und ich hätte morgen Staunen kultiviert, was hätte sich geändert? Wie würde ich fühlen? Wie würde ich denken? Wie würde ich handeln? Als staunender Mensch, wie würde ich reagieren, mit anderen kommunizieren?
Vortragsmitschnitt zu Staunen - Audio zum Anhören
Hier kannst du einen Vortrag von Sukadev Bretz, Gründer von Yoga Vidya, anhören. Dieser Vortrag ist die Audio Version eines Videos zu Staunen, Teil des Yoga Vidya Multimedia Lexikons der Tugenden. Dieses Audio wird später eingefügt. Wir bitten um Verständnis
Siehe auch
Eigenschaften im Alphabet vor Staunen
Eigenschaften im Alphabet nach Staunen
Literatur
- Swami Sivananda: Göttliche Erkenntnis
- Swami Sivananda: Inspirierende Geschichten
- Swami Sivananda, Die Kraft der Gedanken (2012)
- Swami Sivananda: Sadhana - Ein Lehrbuch mit Techniken zur spirituellen Vollkommenheit
- Swami Sivananda: Licht, Kraft und Weisheit
- Swami Sivananda: Japa Yoga
- Swami Sivananda: Die Wissenschaft des Pranayama
- Swami Sivananda: Die Überwindung der Furcht
- Swami Sivananda: Vedanta für Anfänger
- Swami Sivananda: Japa Yoga
- Swami Sivananda: Göttliches Elixier
- Swami Sivananda: Götter und Göttinnen im Hinduismus
Weblinks
- Großes Yoga Portal
- Yoga Community mit Videos, Forum, Fotos und mehr
- Viele Infos über die therapeutischen Wirkungen des Yoga
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