Kiefergelenke

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Kiefergelenke und ihr Einfluss auf den ganzen Körper

Artikel von Christiane Keller-Krische aus: Yoga Vidya Journal Nr. 26, Herbst 2012

Im Yoga spricht man davon, dass alles mit allem verbunden ist. Was für das große Ganze gilt, gilt auch im Kleinen. In unserem Körper ist alles mit allem verbunden und beeinflusst sich gegenseitig, positiv oder negativ. „An einem Zahn hängt ein ganzer Mensch“ hat schon Wilhelm Busch treffend sinnbildlich formuliert. Zähne und Organe sind über energetische Bahnen, die Meridiane, miteinander verbunden. Im Yoga spricht man von Nadis (Energiekanälen). Davon soll der Mensch um die 72.000 haben, die sich bäumchenartig verzweigen. Genaue Verläufe sind nicht explizit dargestellt. Die bekanntesten sind Sushumna, Ida und Pingala.

Meridiane

Die chinesische Medizin legt sich da detaillierter fest. In der Mundhöhle sind laut dieser Lehre alle Meridiane vorhanden. Es gibt unter anderem zwölf Organmeridiane, davon sechs Yin und sechs Yang-Meridiane. Die Organmeridiane lenken die Lebensenergie, das Prana oder Ki, Qi, Chi durch den ganzen Körper. Es ist wie ein Kommunikationsnetz, mit dessen Hilfe alles im Körper miteinander verbunden ist. Die zwölf Organmeridiane heißen Lunge-, Dickdarm-, Magen-, Milz-, Herz-, Dünndarm- , Blasen-, Nieren-, Herz-Kreislauf-, Dreifacher Erwärmer-, Gallenblasen- und Lebermeridian.

Schauen wir uns als Beispiel den Dickdarmmeridian näher an. Er beginnt an der dem Daumen zugewandten Seite der Spitze des Zeigefingers nahe der Nagelwurzel. Er läuft weiter über die Außenseite des Armes, Außenseite des Ellenbogens über den Oberarm zum Schlüsselbein. Dort zieht er sich weiter zu den oberen Halswirbeln, macht dort kehrt und wandert in der Nähe des Brustbeins zurück zum Schlüsselbein. Über Unterkiefer und Mundwinkel geht sein Weg weiter zum Endpunkt neben der Nase. Im inneren Verlauf hat er Kontakt zur Lunge und endet im Dickdarm. Der Lungenmeridian und der Dickdarmmeridian bilden ein Yin–Yang-Paar. In der Literatur werden sie oft zusammen genannt. Der vierte und fünfte Zahn im Oberkiefer und der sechste und siebte Zahn im Unterkiefer werden der Lunge und dem Dickdarm zugeordnet. Gezählt wird beginnend in der Mitte der Frontzähne jeweils nach rechts und links. Doch was haben die Kiefergelenke damit zu tun?

Unser Gebiss hat große Auswirkungen auf den Körper. Es ist stark. Wie viele Kilo kann man mit dem Gebiss halten? 1, 5, 10, 100 kg? Mehr als unglaubliche hundert Kilogramm kann unser Gebiss tragen. Das beweisen die Zirkusartisten, die sich in schwindelerregenden Höhen nur mit dem Gebiss an einem Seil festhalten und dabei auch noch hin und her schwingen. Unser ganzes Knochensystem ist symmetrisch angelegt. Rechte und linke Körperseite verfügen spiegelbildlich über die gleichen Knochen. Interessant ist: Der Unterkiefer ist der einzige Knochen, der die Körpermitte überquert.

Asymmetrische Bewegungen und starres, asymmetrisches Festhalten des Unterkiefers wirken sehr subtil auf andere Körperbereiche wie ein kleiner Hebel. Sind unsere Kiefergelenke verspannt, beißen wir die Zähne aufeinander, zeigen wir Biss, so wirkt sich dies direkt auf den ganzen Körper aus. Die Zähne haben Verbindungen zu den Meridianen, die Meridiane Verbindungen im ganzen Körper und untereinander. Da haben die Yogis schon recht, dem Körper 72.000 Nadis zuzuweisen. Die Verzahnungen und Vernetzungen sind unermesslich vielseitig.

Parsvottanasana als Übung für Lunge und Dickdarm

Eine Übung, die den Energiefluss im Lungen-Dickdarm Meridian anregt, ist der Brustexpander (Parsvottanasana). Wir beginnen mit der Bergstellung (Tadasana), geben dann die Beine hüftbreit auseinander, führen die Arme hinter den Rücken und verhaken die Daumen miteinander. Der Lungenmeridian endet an der Wurzel des Daumennagels. Die anderen Finger werden weit gestreckt,die Arme gerade angehoben und gedehnt. Dann wird der Oberkörper langsam waagerecht nach vorne gebeugt. Übung macht den Meister. Anfänglich können Menschen oft kaum die Arme vom Körper hinter dem Rücken abheben. Doch das ändert sich rasch durch regelmäßiges Üben. Diese Haltung hält man einige Atemzüge lang. Der Übende wird angehalten, während der Stellung zu den Zähnen und zum Kiefergelenk zu spüren und dort ganz bewusst loszulassen, zu entspannen, die „Ruheschwebelage“ einzunehmen. Würde man die Wahrnehmung nicht auf den Kieferbereich lenken, könnte es sein, dass der Übende die Zähne zusammenbeißt, sich durch diese Übung durchbeißt, ehrgeizig probiert, das Maximum an Dehnung zu erreichen. Mit dieser Übung erfahren wir das Wechselspiel zwischen gelöst und gedehnt. Diese Erfahrung ist übertragbar auf Kieferspannungen und unsere Wahrnehmung dafür. Nehmen wir als zweites Beispiel den Nierenmeridian. Er bildet eine Yin-Yang-Beziehung mit dem Blasenmeridian. Beide Meridiane verlaufen dicht neben der Körpermitte in der Längsachse des Körpers, sehr einfach ausgedrückt. Die Zahnbeziehungen sind die beiden oberen und unteren Schneidezähne.

Paschimottanasana als Übung für Niere und Blase

Eine hilfreiche Übung zur Aktivierung des Nieren-Blasenmeridians ist die Vorbeuge im Sitzen (Paschimottanasana) oder die stehende Vorwärtsbeuge (Pada Hastasana). Hier wird die ganze Rückseite des Körpers gedehnt. Die Dehnung erstreckt sich von den Zehen über die Rückseite der Beine, über den Rücken bis zum Hinterkopf. Alle Yogaübungen, bei denen die Rückseite des Körpers gedehnt wird, kommen in Frage. Emotional kommt beim Nieren- und Blasenmeridian neben anderen das Thema Beziehungen zum Zuge. Die Niere und Blase sind für unseren Wasserhaushalt zuständig. Unser Körper besteht zu einem hohen Anteil aus Wasser. Ist das Prana, die Lebensenergie im Körper, im Fluss, haben wir Energie, fühlen uns wach, belastbar und munter. Wenn Menschen sich treffen, trinken sie meistens etwas miteinander. Damit erhöhen sie die Flüssigkeitsversorgung des Körpers. Die Kommunikation fließt leichter und besser. Ist die Energie nicht im Fluss, kriegen wir die Zähne nicht auseinander, sagen nicht, was uns berührt, beißen die Zähne zusammen.

Drehübungen

Die Eckzähne im Ober- und Unterkiefer an dritter Stelle haben Bezug zum Leber- und Gallenblasenmeridian. Das emotionale Thema ist neben anderen Ärger, Wut, aber auch Depression und Müdigkeit, „sich die Zähne ausbeißen“, „verbissen an etwas arbeiten“, „bissig sein“. Den Gallenblasenmeridian erreicht man durch alle Yogaübungen, in denen der Körper eine Eigendrehung erfährt, zum Beispiel die gedrehte Vorwärtsbeuge (Janu Sirshasana), seitliche Vorwärtsbeuge (Upavistha Konasana) und gedrehtes Dreieck (Parvritti Trikonasana). Niere-Blasenmeridian und Leber-Gallenblasenmeridian gleichzeitig erreicht man durch gedrehte Vorwärtsbeugen mit gespreizten Beinen im Stehen, Sitzen oder Liegen. Die Yogatraditionen, aus denen die Übungen kommen, spielen da keine wesentliche Rolle. Die Sivananda-Tradition ist sehr gut geeignet, mit ihrer klassischen Übungsreihe alle Meridianbeziehungen im Körper zu erreichen.

Ist man sich während dieser Übungsreihe immer auch der Mundhöhle, der Kiefergelenke und der Zahnreihen bewusst, ist schon viel getan für ein entspanntes, gelöstes Kiefergelenk. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Tinnitus, Knieprobleme, Magen-Darm-Beschwerden, Nackenverspannungen und unzählige andere Beschwerden können ebenso ursächlich durch Kieferspannungen entstehen. Die Beeinflussung ist subtil und wechselseitig. Eine gezielte Therapie gegen Kiefergelenkspannungen ist zuallererst immer der Gang zum Zahnarzt. Nur Zähne, die gut aufeinander passen, die einen Gegenpart haben, funktionieren richtig. Der Zahnarzt hat sehr viele Möglichkeiten, den Biss richtig einzustellen und die Zähne in die richtige Form zu bringen.

Kiefergelenke und Gedanken

Danach ist Eigeninitiative gefragt. Haben wir zu viel Stress und Probleme, beißen wir uns durch das Leben, so hilft das Ändern der Gedanken und Einstellungen. Es ist nötig, sich ganz bewusst mit den eigenen Gedanken zu beschäftigen, sie zu erkennen und steuern zu lernen. Gedanken sind wie scheue Rehe, die auf eine Lichtung treten und sofort verschwinden, wenn sie sich beobachtet fühlen. Durch wachsames, geduldiges Beobachten, Innehalten und Üben bekommt man sie irgendwann dann doch zu Gesicht. Das ist eventuell nur mit externer psychologischer Unterstützung, dem Besuch von Yogakursen und Meditationsseminaren möglich. Das bewusste Beschäftigen mit den eigenen Gedanken, das Hinterfragen von Glaubenssätzen und Einstellungen ist ein langwieriger, lohnender Prozess.

Doch wo kommt hier Yoga ins Spiel? Ganz einfach. Yoga schult unsere Wahrnehmung und Achtsamkeit für uns selbst und andere. Wie gehen wir mit uns selbst um, wie gehen wir mit anderen um, wie gehen wir mit der Umwelt um, wo sind unsere Grenzen, wo setzen wir Grenzen? Welche Signale sendet der Körper? Nehmen wir diese richtig wahr? Hören wir hin? Der Körper spricht immer mit uns - wenn wir hinhören. Wir lernen beim Yogaüben auch die Geisteshaltung der „Absichtslosigkeit“ kennen. Absichtslos sein, absichtslos üben. Eine Wirkung wird schon eintreten. Vielleicht nicht die, die wir erwarten. So lernen wir „loslassen“. Irgendwann überträgt sich das auf andere Lebensbereiche, denn es ist ja alles mit allem verbunden. Auch dort, wo wir sonst krampfhaft Stress erzeugen, krampfhaft probieren, etwas in unserem Sinne zu erreichen, durch „Durchbeißen“, lernen wir das Loslassen. "Gestresste gehen auf dem Zahnfleisch, Gesunde dagegen auf ihren Füßen", schreibt Till Schroeder auf www.yogaservice.de. Geübt wird von den Zehen bis zu den Zähnen, denn nicht immer ist die Ursache von Schmerzen im Körper dort wo es weh tut. Es gibt viele Yogaübungen, die Blockaden lösen, den Energiefluss im Körper anregen und die Wahrnehmung für Ungleichgewichte schulen. Durch den Fokus auf entspannte Kiefergelenke während der Übungen verschwinden eventuell unbemerkt andere Wehwehchen. Patienten und sogar vielen Therapeuten ist dieses Zusammenspiel oft unbekannt. Yoga hilft, dieses zu erkennen und bewusst die Balance im Körper wieder herzustellen. Mit vielen Übungen und Entspannungsverfahren können die Kiefergelenke harmonisiert werden. Atemübungen (Pranayama) und die richtige Ernährung gehören dazu. Unwissenheit, sagt man im Yoga, führt zu Leid. Das Wissen über Zusammenhänge, Ursachen und Möglichkeiten beseitigt Leiden. Im Buch „Yoga als Medizin – Nie wieder Zähneknirschen“, findest du über 50 Übungen, Erklärungen zur Bedeutung des Zusammenspiels zwischen Körper, Geist und Seele und was Kieferspannungen dabei auslösen können.

Christiane Keller-Krische ist Heilpraktikerin (Psychotherapie), Yogalehrerin (BYV) und Ayurveda Gesundheitsberaterin (BYVA), Autorin des Buches „Yoga als Medizin“.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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