Pashupatabrahma Upanishad
Die Pashupatabrahma Upanishad (Sanskrit पाशुपतब्रह्मोपनिषद् Pāśupatabrahmopaniṣad f.), oft kurz Pashupata Upanishad genannt, ist eine Yoga Upanishad des Atharvaveda und steht in der Muktika-Liste an 77. Stelle. Sie verbindet vedische Opferbilder, shivaitische Sprache und nichtdualen Vedanta mit einer Meditation über Om, Haṃsa und so’ham. Ihr Leitgedanke ist die Verinnerlichung: Das eigentliche Opfer findet im Bewusstsein statt, der Atem wird zum Mantra und Pashupati, der „Herr der gebundenen Wesen“, wird als innerer Zeuge erkannt.
Der Text besitzt zwei Teile. Der Purva Khanda ist überwiegend Prosa und wird üblicherweise in 32 Sinnabschnitte gegliedert; der Uttara Khanda umfasst 46 nummerierte Verse. Daraus entsteht die häufig genannte Gesamtzahl von 78 Texteinheiten. Die genaue Datierung ist unsicher. Die Upanishad gehört wahrscheinlich zu den späteren, mittelalterlich geprägten Yoga Upanishaden, in denen Vedanta, Atem- und Klangmeditation sowie eine symbolische Lehre vom Körper zusammengeführt wurden.
Im Mittelpunkt steht der Hamsa. Er bezeichnet den Atem, die wandernde Einzelseele und zugleich das höchste Selbst. In der Formel haṃsa–so’ham – „Ich bin Er“ beziehungsweise „Ich bin Das“ – wird die Trennung von Jīva und Brahman meditativ überwunden. Om gilt als innere Brahma-Schnur, Nādānusandhāna als Opfer des Klangs in seinen stillen Ursprung. Der zweite Teil erklärt, dass Geist, Atem und Sinne durch die Gegenwart des selbstleuchtenden Atman tätig sind, ihn aber nicht wie einen äußeren Gegenstand erfassen können.
Für die Geschichte des Yoga bildet die Upanishad eine Brücke zwischen älterer upanishadischer Selbsterkenntnis und den späteren Haṭha-Yoga-Traditionen. Sie teilt mit Hamsa-, Nadabindu-, Yoga Tattva-, Yoga Shikha-, Yoga Kundalini- und Varaha Upanishad zentrale Motive und steht thematisch auch Yoga Bija, Goraksha Shataka und Hatha Yoga Pradipika nahe. Anders als technische Haṭha-Handbücher beschreibt sie jedoch kaum Asanas, Mudras oder Bandhas; sie erklärt vor allem, warum Atem, Mantra und innere Sammlung zur Befreiung führen sollen.
Für heutige Yoga-Aspiranten erinnert der Text daran, dass Yoga nicht in äußerer Form oder körperlicher Leistung aufgeht. Eine behutsame Praxis kann den natürlichen Atem beobachten, so’ham innerlich begleiten und den Klang in Stille auslaufen lassen. Die Upanishad nennt zugleich Wahrhaftigkeit, Tapas, Brahmacharya, reine Nahrung und geistige Läuterung als Grundlagen. Ihre Aussagen über den Jivanmukta, der jenseits sozialer und religiöser Unterscheidungen steht, sind daher nicht als Freibrief für Beliebigkeit zu lesen, sondern als Beschreibung vollendeter nichtdualer Erkenntnis.
Pashupatabrahma Upanishad – Sanskrit Text, Übersetzung und Worterklärungen
Hinweis zur Zählung: Der Purva Khanda ist Sanskritprosa. Seine 32 Nummern sind redaktionelle Sinnabschnitte nach der in der Fachliteratur verwendeten Zählung. Der Uttara Khanda besitzt 46 ausdrücklich nummerierte Verse. Die Worterklärungen lösen wichtige Einzelwörter auf und fassen eng verbundene Komposita oder syntaktische Gruppen zusammen.
Einleitungsvers Pashupatabrahma Upanishad
pāśupatabrahmavidyāsaṃvedyaṃ paramākṣaram |
paramānandasampūrṇaṃ rāmacandrapadaṃ bhaje ||
Ich verehre den Zustand Ramachandras, das höchste Unvergängliche, das durch die Erkenntnis des Pashupatabrahman erfahren wird und von höchster Glückseligkeit erfüllt ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: pāśupata-brahma-vidyā-saṃvedyam – durch die Erkenntnis des Pashupatabrahman zu erfahren; parama-akṣaram – das höchste Unvergängliche (Akshara); parama-ānanda-sampūrṇam – von höchster Glückseligkeit (Ananda) erfüllt; rāmacandra-padam – Zustand bzw. Stätte Ramachandras; bhaje – ich verehre.
Shanti Mantra
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devāḥ |
bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvāṃsastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ ||
svasti na indro vṛddhaśravāḥ |
svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo ariṣṭanemiḥ |
svasti no bṛhaspatirdadhātu ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Om. Mögen wir mit unseren Ohren Heilsames hören, ihr Götter; mögen wir mit unseren Augen Heilsames sehen, ihr Verehrungswürdigen. Mit festen Gliedern und Körpern wollen wir euch preisen und die uns von den Göttern zugemessene Lebenszeit erfüllen. Indra, der Ruhmreiche, schenke uns Wohlergehen; Pushan, der Allwissende, schenke uns Wohlergehen; Tarkshya mit unversehrtem Rad schenke uns Wohlergehen; Brihaspati schenke uns Wohlergehen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bhadram – Heilsames; karṇebhiḥ śṛṇuyāma – mögen wir mit den Ohren hören; devāḥ – ihr Götter; paśyema akṣabhiḥ – mögen wir mit den Augen sehen; yajatrāḥ – ihr Verehrungswürdigen; sthiraiḥ aṅgaiḥ – mit festen Gliedern; tuṣṭuvāṃsaḥ – preisend; vyaśema – mögen wir erfüllen; deva-hitam yat āyuḥ – die von den Göttern bestimmte Lebenszeit; svasti – Wohlergehen; indraḥ – Indra; pūṣā – Pushan; viśva-vedāḥ – der Allwissende; tārkṣyaḥ ariṣṭa-nemiḥ – Tarkshya mit unversehrtem Rad; bṛhaspatiḥ – Brihaspati; śāntiḥ – Frieden (Shanti).
Purva Khanda – Erster Abschnitt
1.
hariḥ oṃ || atha ha vai svayaṃbhūrbrahmā prajāḥ sṛjānīti kāmakāmo jāyate kāmeśvaro vaiśravaṇaḥ |
Hari Om. Da entstand in dem selbstgeborenen Brahma der Wunsch: „Möge ich Geschöpfe hervorbringen.“ Kameshvara und Vaishravana traten hervor.
Wort-für-Wort-Übersetzung: hariḥ oṃ – Hari Om; svayaṃbhūḥ brahmā – der selbstgeborene Brahma; prajāḥ sṛjāni – „ich will Geschöpfe erschaffen“; kāma-kāmaḥ – vom Schöpfungswunsch erfüllt; jāyate – entsteht; kāmeśvaraḥ – Herr des Begehrens; vaiśravaṇaḥ – Vaishravana.
2.
vaiśravaṇo brahmaputro vālakhilyaḥ svayaṃbhuvaṃ paripṛcchati jagatāṃ kā vidyā kā devatā jāgratturīyayorasya ko devo yāni tasya vaśāni kālāḥ kiyatpramāṇāḥ kasyājñayā ravicandragrahādayo bhāsante kasya mahimā gaganasvarūpa etadahaṃ śrotumicchāmi nānyo jānāti tvaṃ brūhi brahman |
Vaishravana, Brahmas Sohn und der Weise Valakhilya, fragte den Selbstgeborenen: „Was ist die Erkenntnis der Welten, was ihre Gottheit? Wer ist der Gott des Wachzustands und des Turiya? Was steht unter seiner Herrschaft? Welches Maß haben die Zeiten? Auf wessen Geheiß leuchten Sonne, Mond und Planeten? Wessen Größe erscheint als Himmel? Dies möchte ich hören; kein anderer weiß es. Lehre du es, o Brahman!“
Wort-für-Wort-Übersetzung: vaiśravaṇaḥ – Vaishravana; brahma-putraḥ – Sohn Brahmas; vālakhilyaḥ – der Weise Valakhilya; paripṛcchati – fragt ausführlich; jagatām vidyā – Wissen der Welten; devatā – Gottheit; jāgrat – Wachzustand; turīya – der vierte Zustand (Turiya); vaśāni – unter der Herrschaft; kālāḥ – Zeiten; kasyājñayā – auf wessen Geheiß; bhāsante – leuchten; gagana-svarūpaḥ – von der Gestalt des Himmels; śrotum icchāmi – ich möchte hören; brūhi – sprich, lehre.
3.
svayaṃbhūruvāca kṛtsnajagatāṃ mātṛkā vidyā dvitrivarṇasahitā dvivarṇamātā trivarṇasahitā |
Der Selbstgeborene sprach: Die Wissenschaft aller Welten ist die Mātṛkā, die Gesamtheit der Lautzeichen; sie umfasst Zweiheit und Dreiheit, die zweibuchstabige Mutter und die Verbindung der drei Laute.
Wort-für-Wort-Übersetzung: svayaṃbhūḥ uvāca – der Selbstgeborene sprach; kṛtsna-jagatām – aller Welten; mātṛkā vidyā – Wissenschaft der Lautmutter (Matrika); dvi-tri-varṇa-sahitā – aus zwei und drei Lauten zusammengesetzt; dvi-varṇa-mātā – Mutter der zwei Laute; tri-varṇa-sahitā – mit drei Lauten verbunden.
4.
caturmātrātmakoṅkāro mama prāṇātmikā devatā |
Der Om-Laut mit seinen vier Mātrās ist die Gottheit, die mein Lebensprinzip ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: catur-mātrā-ātmakaḥ – aus vier Lautmaßen bestehend; oṃkāraḥ – der Om-Laut (Omkara); mama – mein; prāṇa-ātmikā – den Lebenshauch zum Wesen habend; devatā – Gottheit.
5.
ahameva jagattrayasyaikaḥ patiḥ |
Ich allein bin der eine Herr der drei Welten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: aham eva – ich allein; jagat-trayasya – der drei Welten; ekaḥ patiḥ – der eine Herr (Pati).
6.
mama vaśāni sarvāṇi yugānyapi |
Auch alle Weltzeitalter stehen unter meiner Herrschaft.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mama vaśāni – unter meiner Herrschaft; sarvāṇi yugāni – alle Weltzeitalter (Yuga); api – auch.
7.
ahorātrādayo matsaṃvardhitāḥ kālāḥ |
Tag, Nacht und die übrigen Zeitmaße sind durch mich entfaltet.
Wort-für-Wort-Übersetzung: aho-rātra-ādayaḥ – Tag, Nacht und weitere Zeitmaße; mat-saṃvardhitāḥ – durch mich entfaltet; kālāḥ – Zeiten (Kala).
8.
mama rūpā ravestejaścandranakṣatragrahatejāṃsi ca |
Die Strahlkraft der Sonne sowie der Glanz von Mond, Sternen und Planeten sind meine Gestalten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mama rūpāḥ – meine Gestalten; raveḥ tejaḥ – Strahlkraft der Sonne; candra – Mond; nakṣatra – Sterne; graha – Planeten; tejāṃsi – Lichter, Glanz.
9.
gagano mama triśaktimāyāsvarūpaḥ nānyo madasti |
Der Himmel ist die Gestalt meiner Māyā aus drei Kräften; nichts ist von mir verschieden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: gaganaḥ – Himmel, Raum; tri-śakti – drei Kräfte (Shakti); māyā-svarūpaḥ – Gestalt der Maya; na anyaḥ mat asti – nichts anderes ist von mir verschieden.
10.
tamomāyātmako rudraḥ sātvikamāyātmako viṣṇū rājasamāyātmako brahmā | indrādayastāmasarājasātmikā na sātvikaḥ ko'pi aghoraḥ sarvasādhāraṇasvarūpaḥ |
Rudra verkörpert die tamasische Māyā, Vishnu die sattvische und Brahma die rajasische. Indra und die anderen besitzen tamasische und rajasische Züge; keiner von ihnen ist rein sattvisch. Aghora ist die allen gemeinsame Wesensform.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tamo-māyā-ātmakaḥ rudraḥ – Rudra als tamasische Māyā; sāttvika – sattvisch (Sattva); viṣṇuḥ – Vishnu; rājasa – rajasisch (Rajas); brahmā – Brahma; indra-ādayaḥ – Indra und die anderen; na sāttvikaḥ kaḥ api – keiner ist rein sattvisch; aghoraḥ – Aghora, der Friedvolle; sarva-sādhāraṇa-svarūpaḥ – allen gemeinsame Wesensform.
11.
samastayāgānāṃ rudraḥ paśupatiḥ kartā | rudro yāgadevo viṣṇuradhvaryurhotendro devatā yajñabhug mānasaṃ brahma māheśvaraṃ brahma
Bei allen Opfern ist Rudra als Pashupati der Vollziehende. Rudra ist der Gott des Opfers, Vishnu der Adhvaryu, Indra der Hotṛ und die Gottheit der Genießende des Opfers. Brahman ist der innere Zeuge, das geistige, maheshvarische Brahman.
Wort-für-Wort-Übersetzung: samasta-yāgānām – bei allen Opfern; rudraḥ paśupatiḥ kartā – Rudra-Pashupati ist der Vollziehende; yāga-devaḥ – Opfergott; adhvaryuḥ – vedischer Opferpriester; hotā – Hotṛ-Priester; yajña-bhuk – Genießer des Opfers; mānasam brahma – geistiges Brahman; māheśvaram – zu Maheshvara gehörig.
12.
mānasaṃ haṃsaḥ so'haṃ haṃsa iti | tanmayayajño nādānusandhānam | tanmayavikāro jīvaḥ |
Im Geist erklingt: „Haṃsa – so’ham, ich bin Er.“ Das Sich-Versenken in den inneren Klang ist das Opfer, das ganz von Ihm erfüllt ist; der Jīva wird durch dieses Opfer verwandelt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: mānasam – im Geist; haṃsaḥ – Haṃsa (Hamsa); so'ham – „Ich bin Er“ (Soham); tanmaya-yajñaḥ – das ganz davon erfüllte Opfer; nāda-anusandhānam – Versenkung in den inneren Klang (Nada); jīvaḥ – Einzelseele (Jiva); vikāraḥ – Umwandlung.
13.
paramātmasvarūpo haṃsaḥ | antarbahiścarati haṃsaḥ | antargato'nakāśāntargatasuparṇasvarūpo haṃsaḥ |
Der Haṃsa ist die Wesensform des höchsten Selbst. Er bewegt sich innen und außen. In das Innere eingegangen, ist er wie der edle Vogel Suparṇa im innersten Raum.
Wort-für-Wort-Übersetzung: paramātma-svarūpaḥ – Wesensform des höchsten Selbst (Paramatman); haṃsaḥ – Haṃsa; antar-bahiḥ carati – bewegt sich innen und außen; suparṇa-svarūpaḥ – von der Gestalt des edlen Vogels Suparṇa.
14.
ṣaṇṇavatitattvatantuvadvyaktaṃ citsūtratrayacinmayalakṣaṇaṃ navatattvatrirāvṛtaṃ brahmaviṣṇumaheśvarātmakamagnitrayakalopetaṃ cidgranthibandhanam |
Wie ein Faden durchzieht er die sechsundneunzig Tattvas; gekennzeichnet durch drei Bewusstseinsfäden und reine Geistigkeit, dreifach von neun Prinzipien umwunden, von Brahma, Vishnu und Maheshvara geprägt und mit den Kräften der drei Feuer versehen, wird er durch den Knoten des Bewusstseins gebunden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ṣaṇṇavati-tattva – sechsundneunzig Prinzipien (Tattva); tantu-vat – wie ein Faden; cit-sūtra-traya – drei Bewusstseinsfäden; cinmaya-lakṣaṇam – durch Bewusstsein gekennzeichnet; nava-tattva – neun Prinzipien; brahma-viṣṇu-maheśvara-ātmakam – von Brahma, Vishnu und Maheshvara geprägt; agni-traya – drei Feuer; cit-granthi-bandhanam – Bindung durch den Bewusstseinsknoten.
15.
advaitagranthiḥ yajñasādhāraṇāṅgaṃ bahirantarjvalanaṃ yajñāṅgalakṣaṇabrahmasvarūpo haṃsaḥ |
Der Knoten ist Nichtdualität. Das Opfer besitzt als gemeinsames Merkmal ein äußeres und inneres Leuchten; der Haṃsa ist Brahmansgestalt und kennzeichnet das innere Opfer.
Wort-für-Wort-Übersetzung: advaita-granthiḥ – Knoten der Nichtdualität (Advaita); yajña – Opfer; bahir-antar-jvalanam – äußeres und inneres Leuchten; brahma-svarūpaḥ – Gestalt Brahmans; haṃsaḥ – Haṃsa.
16.
upavītalakṣaṇasūtrabrahmagā yajñāḥ | brahmāṅgalakṣaṇayukto yajñasūtram | tadbrahmasūtram | yajñasūtrasaṃbandhī brahmayajñaḥ |
Äußere Opfer gehören zum Faden des Upavīta. Die mit den Merkmalen der Glieder Brahmans versehene Opferschnur ist in Wahrheit die Brahma-Schnur; mit ihr ist das Brahma-Opfer verbunden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: upavīta – heiliger Faden; yajña-sūtram – Opferschnur; brahma-sūtram – Brahma-Schnur; yajña-sūtra-saṃbandhī – mit der Opferschnur verbunden; brahma-yajñaḥ – Brahma-Opfer.
17.
tatsvarūpo'ṅgāni mātrāṇi mano yajñasya haṃso yajñasūtram | praṇavaṃ brahmasūtraṃ brahmayajñamayam | praṇavāntarvartī haṃso brahmasūtram | tadeva brahmayajñamayaṃ mokṣakramam |
Seine Glieder sind die Mātrās; im geistigen Opfer ist der Haṃsa die Opferschnur. Der Pranava ist die Brahma-Schnur und ganz vom Brahma-Opfer erfüllt. Der im Pranava wohnende Haṃsa ist diese Schnur; dies ist der zur Befreiung führende Weg des inneren Opfers.
Wort-für-Wort-Übersetzung: aṅgāni – Glieder; mātrāṇi – Lautmaße (Matra); manaḥ-yajñasya – des geistigen Opfers; praṇavam – Pranava, Om; brahma-sūtram – Brahma-Schnur; praṇava-antar-vartī – im Pranava wohnend; mokṣa-kramam – Weg zur Befreiung (Moksha).
18.
brahmasandhyākriyā manoyāgaḥ | sandhyākriyā manoyāgasya lakṣaṇam |
Die innere Dämmerungsandacht an Brahman ist das Opfer des Geistes; eben dies kennzeichnet den geistigen Gottesdienst.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-sandhyā-kriyā – innere Dämmerungsandacht an Brahman; mano-yāgaḥ – geistiges Opfer; lakṣaṇam – Kennzeichen.
19.
yajñasūtrapraṇavabrahmayajñakriyāyukto brāhmaṇaḥ | brahmacaryeṇa haranti devāḥ | haṃsasūtracaryā yajñāḥ |
Ein wahrer Brāhmaṇa ist mit Opferschnur, Pranava und dem Vollzug des Brahma-Opfers verbunden. Durch Brahmacharya gelangen die Götter zum Ziel; die Pflege der Haṃsa-Schnur ist das eigentliche Opfer.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yajña-sūtra – Opferschnur; praṇava – Om; brahma-yajña-kriyā – Vollzug des Brahma-Opfers; brāhmaṇaḥ – Brāhmaṇa; brahmacaryeṇa – durch Brahmacharya; devāḥ – Götter; haṃsa-sūtra-caryā – Pflege der Haṃsa-Schnur.
20.
haṃsapraṇavayorabhedaḥ | haṃsasya prārthanāstrikālāḥ | trikālastrivarṇāḥ |
Zwischen Haṃsa und Pranava besteht kein Unterschied. Die drei Zeiten sind die Weisen, in denen der Haṃsa angerufen wird; sie entsprechen den drei Lauten.
Wort-für-Wort-Übersetzung: haṃsa-praṇavayoḥ abhedaḥ – Nichtverschiedenheit von Haṃsa und Pranava; prārthanāḥ – Anrufungen; tri-kālāḥ – drei Zeiten; tri-varṇāḥ – drei Laute.
21.
tretāgnyanusandhāno yāgaḥ | tretāgnyātmākṛtivarṇoṅkārahaṃsānusandhāno'ntaryāgaḥ | citsvarūpavattanmayaṃ turīyasvarūpam |
Die Verbindung mit den drei Feuern ist das Opfer. Das innere Opfer ist die Betrachtung des Haṃsa im Om, dessen Form, Laut und Farbe den drei Feuern entsprechen. Sein Wesen ist Bewusstsein und Turiya.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tretāgni-anusandhānam – Verbindung mit den drei Feuern; yāgaḥ – Opfer; oṃkāra-haṃsa-anusandhānam – Versenkung in Haṃsa als Om; antar-yāgaḥ – inneres Opfer; cit-svarūpa – Bewusstseinsgestalt; turīya-svarūpam – Wesen des vierten Zustands.
22.
antarāditye jyotiḥsvarūpo haṃsaḥ | yajñāṅgaṃ brahmasampattiḥ | brahmapravṛttau tatpraṇavahaṃsasūtreṇaiva dhyānamācaranti |
Im inneren Sonnenprinzip ist der Haṃsa reines Licht. Das Glied des Opfers ist das Erlangen Brahmans; wer sich Brahman zuwendet, meditiert durch die Pranava-Haṃsa-Schnur.
Wort-für-Wort-Übersetzung: antar-āditye – in der inneren Sonne; jyotiḥ-svarūpaḥ – von der Gestalt des Lichts (Jyotis); yajña-aṅgam – Glied des Opfers; brahma-sampattiḥ – Erlangen Brahmans; dhyānam ācaranti – sie üben Meditation (Dhyana).
23.
provāca punaḥ svayaṃbhuvaṃ pratijānīte brahmaputro ṛṣirvālakhilyaḥ | haṃsasūtrāṇi katisaṃkhyāni kiyadvā pramāṇam |
Da fragte der Weise Valakhilya, Brahmas Sohn, den Selbstgeborenen erneut: „Wie viele Haṃsa-Fäden gibt es, und welches Maß besitzen sie?“
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-putraḥ – Brahmas Sohn; ṛṣiḥ vālakhilyaḥ – der Weise Valakhilya; punaḥ – erneut; haṃsa-sūtrāṇi – Haṃsa-Fäden; kati-saṃkhyāni – wie viele an Zahl; kiyat pramāṇam – von welchem Maß.
24.
hṛdyādityamarīcīnāṃ padaṃ ṣaṇṇavatiḥ | citsūtraghrāṇayoḥ svarnirgatā praṇavadhārā ṣaḍaṅguladaśāśītiḥ |
Die Strahlen der Sonne im Herzen werden mit sechsundneunzig angegeben. Der vom Pranava getragene Strom, der aus den Bewusstseinsfäden durch die Nase austritt, wird mit sechsundneunzig Fingerbreiten in Beziehung gesetzt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: hṛdi – im Herzen; āditya-marīcīnām – der Sonnenstrahlen; ṣaṇṇavatiḥ – sechsundneunzig; cit-sūtra – Bewusstseinsfaden; ghrāṇayoḥ – durch die beiden Nasenöffnungen; praṇava-dhārā – Strom des Pranava; ṣaḍ-aṅgula-daśāśītiḥ – sechs plus neunzig Fingerbreiten.
25.
vāmabāhurdakṣiṇakaṭyorantaścarati haṃsaḥ paramātmā brahmaguhyaprakāro nānyatra viditaḥ | jānanti te'mṛtaphalakāḥ |
Zwischen dem linken Arm und der rechten Hüfte bewegt sich im Innern der Haṃsa, das höchste Selbst. Diese verborgene Weise Brahmans ist anderswo unbekannt; wer sie kennt, erlangt die Frucht der Unsterblichkeit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vāma-bāhuḥ – linker Arm; dakṣiṇa-kaṭyoḥ – rechte Hüfte; antaḥ-carati – bewegt sich innen; haṃsaḥ paramātmā – Haṃsa, das höchste Selbst; brahma-guhya-prakāraḥ – geheime Weise Brahmans; amṛta-phalakāḥ – die die Frucht der Unsterblichkeit erlangen.
26.
sarvakālaṃ haṃsaṃ prakāśakam | praṇavahaṃsāntardhyānaprakṛtiṃ vinā na muktiḥ |
Der Haṃsa ist zu jeder Zeit der Erleuchtende. Ohne die innere Meditation, in der Pranava und Haṃsa eins sind, gibt es keine Befreiung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sarva-kālam – zu jeder Zeit; haṃsam prakāśakam – Haṃsa als Erleuchter; praṇava-haṃsa-antar-dhyāna – innere Meditation über Pranava-Haṃsa; vinā – ohne; na muktiḥ – keine Befreiung (Mukti).
27.
navasūtrānparicarcitān | te'pi yadbrahma caranti | antarāditye na jñātaṃ manuṣyāṇām |
Die neun Fäden werden sorgfältig betrachtet; auch durch sie wandelt man in Brahman. Den Menschen ist die innere Sonne jedoch nicht erkannt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: nava-sūtrān – neun Fäden; paricarcitān – gründlich betrachtet; brahma caranti – sie wandeln in Brahman; antar-āditye – in der inneren Sonne; na jñātam – nicht erkannt; manuṣyāṇām – von den Menschen.
28.
jagadādityo rocata iti jñātvā te martyā vibudhāstapanaprārthanāyuktā ācaranti |
Weil Sterbliche und Götter nur die sichtbare Sonne leuchten sehen, üben sie mit Gebeten an die Sonne; die Lehre lenkt ihre Aufmerksamkeit auf den inneren Ursprung dieses Lichtes.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jagat-ādityaḥ – Sonne der Welt; rocate – leuchtet; jñātvā – erkannt habend; martyāḥ – Sterbliche; vibudhāḥ – Götter oder Weise; tapana-prārthanā-yuktāḥ – mit Sonnengebet verbunden; ācaranti – sie üben.
29.
vājapeyaḥ paśuhartā adhvaryurindro devatā ahiṃsā dharmayāgaḥ paramahaṃso'dhvaryuḥ paramātmā devatā paśupatiḥ brahmopaniṣado brahma |
Vājapeya bedeutet hier die Tötung des Opfertiers – der falschen Identifikation. Indra ist der Adhvaryu und die Gottheit; Gewaltlosigkeit ist das Opfer des Dharma. Der Paramahaṃsa ist der Opferpriester, das höchste Selbst die Gottheit, Pashupati das Brahman der Upanishaden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vājapeyaḥ – Vājapeya-Opfer; paśu-hartā – Töter des Opfertiers bzw. der Bindung; adhvaryuḥ – Opferpriester; indraḥ – Indra; ahiṃsā – Gewaltlosigkeit (Ahimsa); dharma-yāgaḥ – Dharma-Opfer; paramahaṃsaḥ – höchster Haṃsa; paramātmā – höchstes Selbst; paśupatiḥ – Herr der gebundenen Wesen (Pashupati).
30.
svādhyāyayuktā brāhmaṇāścaranti |
Die mit Selbststudium verbundenen Brāhmaṇas vollziehen dieses innere Opfer.
Wort-für-Wort-Übersetzung: svādhyāya-yuktāḥ – mit Selbststudium verbunden (Svadhyaya); brāhmaṇāḥ – Brāhmaṇas; caranti – sie üben, wandeln.
31.
aśvamedho mahāyajñakathā | tadrājñā brahmacaryamācaranti | sarveṣāṃ pūrvoktabrahmayajñakramaṃ muktikramamiti brahmaputraḥ provāca |
Der Ashvamedha wird als großes Erkenntnisopfer verstanden. Unter der Herrschaft seines Königs üben sie Brahmacharya. Für alle ist die zuvor erklärte Ordnung des Brahma-Opfers der Weg der Befreiung, sprach Brahmas Sohn.
Wort-für-Wort-Übersetzung: aśvamedhaḥ – Pferdeopfer; mahā-yajña – großes Opfer; brahmacaryam ācaranti – sie üben Brahmacharya; sarveṣām – für alle; brahma-yajña-kramam – Ordnung des Brahma-Opfers; mukti-kramam – Weg der Befreiung; provāca – sprach.
32.
udito haṃsa ṛṣiḥ | svayaṃbhūstirodadhe | rudro brahmopaniṣado haṃsajyotiḥ paśupatiḥ praṇavastārakaḥ sa evaṃ veda |
Der Seher Haṃsa war offenbar geworden; der Selbstgeborene entzog sich dem Blick. Rudra erkannte: „Das Licht des Haṃsa, Pashupati und der als Retter wirkende Pranava sind die Essenz der Brahma-Upanishaden.“ Wer so erkennt, weiß wahrhaftig.
Wort-für-Wort-Übersetzung: uditaḥ – aufgegangen, offenbar geworden; haṃsaḥ ṛṣiḥ – der Seher Haṃsa; svayaṃbhūḥ tirodadhe – der Selbstgeborene verschwand; rudraḥ – Rudra; brahmopaniṣadaḥ – der Brahma-Upanishaden; haṃsa-jyotiḥ – Licht des Haṃsa; paśupatiḥ – Pashupati; praṇavaḥ tārakaḥ – der rettende Pranava; saḥ evaṃ veda – wer so erkennt.
Uttara Khanda – Zweiter Abschnitt
1.
haṃsātmamālikāvarṇabrahmakālapracoditā |
paramātmā pumāniti brahmasampattikāriṇī || 1 ||
Die Buchstabenfolge, deren Selbst der Haṃsa ist, wird von Brahman und der Zeit angetrieben. Die Erkenntnis „Der höchste Atman ist der Puruṣa“ bewirkt das Erlangen Brahmans.
Wort-für-Wort-Übersetzung: haṃsa-ātma-mālikā-varṇa – Buchstabenfolge mit Haṃsa als Selbst; brahma-kāla-pracoditā – von Brahman und Zeit angetrieben; paramātmā – höchster Atman; pumān – Puruṣa, geistiges Wesen; brahma-sampatti-kāriṇī – das Erlangen Brahmans bewirkend.
2.
adhyātmabrahmakalpasyākṛtiḥ kīdṛśī kathā |
brahmajñānaprabhāsandhyākālo gacchati dhīmatām |
haṃsākhyo devamātmākhyamātmatattvaprajā katham || 2 ||
Wie ist die Gestalt dieser inneren Entfaltung Brahmans? Für die Weisen vergeht die Zeit als Dämmerungslicht der Brahman-Erkenntnis. Wie entsteht aus dem Atman-Prinzip das, was Haṃsa, Gott und Atman genannt wird?
Wort-für-Wort-Übersetzung: adhyātma-brahma-kalpasya – der inneren Entfaltung Brahmans; ākṛtiḥ – Gestalt; kīdṛśī – welcher Art; brahma-jñāna-prabhā – Licht der Brahman-Erkenntnis; sandhyā-kālaḥ – Dämmerungszeit; dhīmatām – der Weisen; haṃsa-ākhyaḥ – Haṃsa genannt; ātma-tattva-prajā – Hervorgehen aus dem Atman-Prinzip.
3.
antaḥpraṇavanādākhyo haṃsaḥ pratyayabodhakaḥ |
antargatapramāgūḍhaṃ jñānanālaṃ virājitam || 3 ||
Der Haṃsa, innerlich als Klang des Pranava bezeichnet, erweckt unmittelbare Erkenntnis. Im Innern erstrahlt der verborgene Erkenntnisstängel.
Wort-für-Wort-Übersetzung: antaḥ-praṇava-nāda-ākhyaḥ – innerlich als Klang des Pranava bezeichnet; haṃsaḥ – Haṃsa; pratyaya-bodhakaḥ – Erkenntnis erweckend; antar-gata – im Innern befindlich; pramā-gūḍham – verborgenes gültiges Erkennen; jñāna-nālam – Erkenntnisstängel; virājitam – erstrahlt.
4.
śivaśaktyātmakaṃ rūpaṃ cinmayānandaveditam |
nādabindukalā trīṇi netraṃ viśvaviceṣṭitam || 4 ||
Seine Gestalt ist Shiva und Shakti; sie wird als Bewusstsein und Glückseligkeit erkannt. Nāda, Bindu und Kalā sind die drei Augen, aus denen die Bewegung des Alls hervorgeht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: śiva-śakti-ātmakam – aus Shiva und Shakti bestehend; rūpam – Gestalt; cinmaya-ānanda – Bewusstseinsglückseligkeit; nāda-bindu-kalā – Klang, Punkt und Kraftteil; trīṇi netram – drei Augen; viśva-viceṣṭitam – Bewegung des Alls.
5.
triyaṅgāni śikhā trīṇi dvitrāṇāṃ saṃkhyamākṛtiḥ |
antargūḍhapramā haṃsaḥ pramāṇānnirgataṃ bahiḥ || 5 ||
Drei sind seine Glieder und drei seine Scheitel; seine Gestalt wird durch Zweiheiten und Dreiheiten bestimmt. Der im Innern verborgene Haṃsa tritt aus seinem Maß nach außen hervor.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tri-aṅgāni – drei Glieder; śikhāḥ trīṇi – drei Scheitel; dvi-trāṇām – der Zweiheiten und Dreiheiten; saṃkhyam – Zahl; ākṛtiḥ – Gestalt; antar-gūḍha – innen verborgen; pramāṇāt nirgatam – aus dem Maß hervorgetreten; bahiḥ – nach außen.
6.
brahmasūtrapadaṃ jñeyaṃ brāhmaṃ vidhyuktalakṣaṇam |
haṃsārkapraṇavadhyānamityukto jñānasāgare || 6 ||
Der Stand der Brahma-Schnur ist als die von der Lehre gekennzeichnete Brahman-Wirklichkeit zu erkennen. Im Ozean der Erkenntnis wird die Meditation über Haṃsa, innere Sonne und Pranava gelehrt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-sūtra-padam – Stand der Brahma-Schnur; jñeyam – zu erkennen; brāhmam – zu Brahman gehörig; vidhi-ukta-lakṣaṇam – durch die Lehre gekennzeichnet; haṃsa-arka-praṇava-dhyānam – Meditation über Haṃsa, Sonne und Pranava; jñāna-sāgare – im Ozean der Erkenntnis.
7.
etadvijñānamatreṇa jñānasāgarapāragaḥ |
svataḥ śivaḥ paśupatiḥ sākṣī sarvasya sarvadā || 7 ||
Schon durch diese unmittelbare Erkenntnis gelangt man ans andere Ufer des Ozeans des Wissens. Shiva, Pashupati, ist aus sich selbst stets der Zeuge von allem.
Wort-für-Wort-Übersetzung: etat-vijñāna-mātreṇa – allein durch diese unmittelbare Erkenntnis (Vijnana); jñāna-sāgara-pāragaḥ – ans andere Ufer des Wissensozeans gelangt; svataḥ śivaḥ – Shiva aus sich selbst; paśupatiḥ – Pashupati; sākṣī – Zeuge (Sakshi); sarvasya sarvadā – von allem, immer.
8.
sarveṣāṃ tu manastena preritaṃ niyamena tu |
viṣaye gacchati prāṇaśceṣṭate vāgvadatyapi || 8 ||
Von ihm gelenkt, richtet sich der Geist aller Wesen gesetzmäßig auf seine Gegenstände; der Lebenshauch bewegt sich und die Rede spricht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sarveṣām manaḥ – Geist aller Wesen; tena preritām – von ihm angetrieben; niyamena – gesetzmäßig; viṣaye gacchati – geht zum Gegenstand; prāṇaḥ ceṣṭate – Prana bewegt sich; vāk vadati – Rede spricht.
9.
cakṣuḥ paśyati rūpāṇi śrotraṃ sarvaṃ śṛṇotyapi |
anyāni kāni sarvāṇi tenaiva preritāni tu || 9 ||
Das Auge sieht Formen und das Ohr hört alle Klänge. Auch sämtliche anderen Organe werden allein von ihm angetrieben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: cakṣuḥ – Auge; paśyati rūpāṇi – sieht Formen; śrotram – Ohr; śṛṇoti – hört; anyāni sarvāṇi – alle übrigen; tena eva preritāni – allein von ihm angetrieben.
10.
svaṃ svaṃ viṣayamuddiśya pravartante nirantaram |
pravartakatvaṃ cāpyasya māyayā na svabhāvataḥ || 10 ||
Unablässig wenden sie sich ihrem jeweiligen Gegenstand zu. Seine antreibende Funktion geschieht jedoch durch Māyā und nicht aufgrund einer eigenen Veränderung seines Wesens.
Wort-für-Wort-Übersetzung: svam svam viṣayam – jeweiliger Gegenstand; pravartante – sie sind tätig; nirantaram – unablässig; pravartakatvam – antreibende Funktion; māyayā – durch Māyā; na svabhāvataḥ – nicht aus dem eigenen Wesen.
11.
śrotramātmani cādhyastaṃ svayaṃ paśupatiḥ pumān |
anupraviśya śrotrasya dadāti śrotratāṃ śivaḥ || 11 ||
Das Hörvermögen ist dem Atman überlagert. Pashupati, der Puruṣa selbst, tritt in das Ohr ein, und Shiva verleiht ihm die Fähigkeit zu hören.
Wort-für-Wort-Übersetzung: śrotram – Hörvermögen; ātmani adhyastam – dem Atman überlagert (Adhyasa); paśupatiḥ pumān – Pashupati als Puruṣa; anupraviśya – eingetreten; śrotratām dadāti – verleiht Hörfähigkeit.
12.
manaḥ svātmani cādhyastaṃ praviśya parameśvaraḥ |
manastvaṃ tasya sattvastho dadāti niyamena tu || 12 ||
Der Geist ist dem eigenen Atman überlagert. Der höchste Herr tritt in ihn ein und verleiht ihm, in seinem Wesen gegenwärtig, gesetzmäßig die Fähigkeit, Geist zu sein.
Wort-für-Wort-Übersetzung: manaḥ – Geist; sva-ātmani adhyastam – dem eigenen Atman überlagert; parameśvaraḥ – höchster Herr; praviśya – eintretend; sattva-sthaḥ – im Wesen gegenwärtig; manastvam dadāti – verleiht Geistigkeit.
13.
sa eva viditādanyastathaivāviditādapi |
anyeṣāmindriyāṇāṃ tu kalpitānāmapīśvaraḥ || 13 ||
Er allein ist verschieden sowohl vom Bekannten als auch vom Unbekannten; dennoch ist er der Herr auch der übrigen, nur vorgestellten Sinnesorgane.
Wort-für-Wort-Übersetzung: saḥ eva – er allein; viditāt anyaḥ – verschieden vom Bekannten; aviditāt api – auch vom Unbekannten; indriyāṇām – der Sinnesorgane (Indriya); kalpitānām – vorgestellten; īśvaraḥ – Herr.
14.
tattadrūpamanu prāpya dadāti niyamena tu |
tataścakṣuśca vākcaiva manaścānyāni khāni ca || 14 ||
Indem er jeweils ihre Gestalt annimmt, verleiht er ihnen gesetzmäßig ihre Fähigkeit. Daher sind Auge, Rede, Geist und die übrigen Sinnesöffnungen von ihm abhängig.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tat-tat-rūpam – jeweilige Gestalt; anuprāpya – annehmend; dadāti – verleiht; niyamena – gesetzmäßig; cakṣuḥ – Auge; vāk – Rede; manaḥ – Geist; khāni – Sinnesöffnungen.
15.
na gacchanti svayaṃjyotiḥsvabhāve paramātmani |
akartṛviṣayapratyakprakāśaṃ svātmanaiva tu || 15 ||
Sie erreichen nicht den höchsten Atman, dessen Wesen selbstleuchtend ist. Dieser innere Glanz ist kein Gegenstand des Handelns; er leuchtet durch den eigenen Atman.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na gacchanti – sie erreichen nicht; svayaṃ-jyotiḥ-svabhāve – im selbstleuchtenden Wesen; paramātmani – im höchsten Atman; akartṛ-viṣaya – kein Gegenstand eines Handelnden; pratyak-prakāśam – innerer Glanz; svātmanā eva – allein durch den eigenen Atman.
16.
vinā tarkapramāṇābhyāṃ brahma yo veda veda saḥ |
pratyagātmā paraṃjyotirmāyā sā tu mahattamaḥ || 16 ||
Wer Brahman ohne Abhängigkeit von Schlussfolgerung und äußerem Beweis erkennt, der erkennt wahrhaftig. Der innere Atman ist das höchste Licht, Māyā dagegen dichteste Finsternis.
Wort-für-Wort-Übersetzung: vinā tarka-pramāṇābhyām – ohne Schlussfolgerung und äußere Beweismittel; brahma yaḥ veda – wer Brahman erkennt; veda saḥ – der erkennt wahrhaftig; pratyag-ātmā – innerer Atman; param jyotiḥ – höchstes Licht; māyā – Māyā; mahat-tamaḥ – dichteste Finsternis.
17.
tathā sati kathaṃ māyāsaṃbhavaḥ pratyagātmani |
tasmāttarkapramāṇābhyāṃ svānubhūtyā ca cidghane || 17 ||
Wie könnte unter diesen Umständen Māyā im inneren Atman entstehen? Daher ist im dichten Bewusstsein durch vernünftige Prüfung und unmittelbare eigene Erfahrung zu erkennen:
Wort-für-Wort-Übersetzung: tathā sati – wenn es so ist; katham – wie; māyā-sambhavaḥ – Entstehung der Māyā; pratyag-ātmani – im inneren Atman; tarka-pramāṇābhyām – durch Vernunft und Erkenntnismittel; sva-anubhūtyā – durch eigene Erfahrung (Anubhava); cid-ghane – im dichten Bewusstsein.
18.
svaprakāśaikasaṃsiddhe nāsti māyā parātmani |
vyāvahārikadṛṣṭyeyaṃ vidyāvidyā na cānyathā || 18 ||
Im höchsten Selbst, das allein durch sein eigenes Licht vollkommen erwiesen ist, gibt es keine Māyā. Die Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen gilt nur aus praktischer Sicht, nicht letztgültig.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sva-prakāśa – selbstleuchtend; eka-saṃsiddhe – allein vollkommen erwiesen; na asti māyā – Māyā besteht nicht; parātmani – im höchsten Selbst; vyāvahārika-dṛṣṭyā – aus praktischer Sicht; vidyā-avidyā – Wissen und Nichtwissen; na anyathā – nicht anders.
19.
tattvadṛṣṭyā tu nāstyeva tattvamevāsti kevalam |
vyāvahārika dṛṣṭistu prakāśāvyabhicāritaḥ || 19 ||
Aus der Sicht der Wahrheit existiert Māyā überhaupt nicht; allein die Wirklichkeit besteht. Die gewöhnliche Sicht beruht auf einem Abweichen vom reinen Licht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: tattva-dṛṣṭyā – aus Sicht der Wahrheit; na asti eva – besteht überhaupt nicht; tattvam eva – allein die Wirklichkeit; vyāvahārika dṛṣṭiḥ – konventionelle Sicht; prakāśa-avyabhicārataḥ – aufgrund eines Abweichens vom Licht.
20.
prakāśa eva satataṃ tasmādadvaita eva hi |
advaitamiti coktiśca prakāśāvyabhicārataḥ || 20 ||
Licht allein besteht immer; daher ist die Wirklichkeit nichtdual. Selbst die Aussage „nichtdual“ wird nur aufgrund eines scheinbaren Abweichens vom Licht gemacht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: prakāśaḥ eva – Licht allein; satatam – immer; tasmāt – daher; advaitaḥ – nichtdual; advaitam iti uktiḥ – die Aussage „nichtdual“; prakāśa-avyabhicārataḥ – wegen scheinbarer Abweichung vom Licht.
21.
prakāśa eva satataṃ tasmānmaunaṃ hi yujyate |
ayamartho mahānyasya svayameva prakāśitaḥ || 21 ||
Licht allein besteht immer; deshalb ist Schweigen die angemessene Haltung. Wem dieser große Sinn sich von selbst offenbart, für den gilt:
Wort-für-Wort-Übersetzung: prakāśaḥ eva – Licht allein; satatam – immer; maunam – Schweigen (Mauna); yujyate – ist angemessen; ayam arthaḥ mahān – dieser große Sinn; svayam prakāśitaḥ – von selbst offenbart.
22.
na sa jīvo na ca brahmā na cānyadapi kiṃcana |
na tasya varṇā vidyante nāśramāśca tathaiva ca || 22 ||
Er ist weder der begrenzte Jīva noch Brahma noch irgendetwas anderes. Für ihn bestehen weder gesellschaftliche Klassen noch Lebensstadien.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na saḥ jīvaḥ – er ist nicht der Jīva; na brahmā – nicht Brahma; na anyat kiṃcana – nichts anderes; varṇāḥ – gesellschaftliche Klassen (Varna); āśramāḥ – Lebensstadien (Ashrama); na vidyante – bestehen nicht.
23.
na tasya dharmo'dharmaśca na niṣedho vidhirna ca |
yadā brahmātmakaṃ sarvaṃ vibhāti tata eva tu || 23 ||
Für ihn gibt es weder Dharma noch Adharma, weder Verbot noch Gebot. Wenn alles von selbst als Brahman erscheint,
Wort-für-Wort-Übersetzung: na dharmaḥ adharmaḥ – weder Dharma noch Adharma; na niṣedhaḥ vidhiḥ – weder Verbot noch Gebot; yadā – wenn; brahma-ātmakam sarvam – alles von Brahmans Wesen; vibhāti – erscheint.
24.
tadā duḥkhādibhedo'yamābhāso'pi na bhāsate |
jagajjīvādirūpeṇa paśyannapi parātmavit || 24 ||
dann erscheint nicht einmal mehr der Schein von Unterschieden wie Leid. Obwohl der Kenner des höchsten Atman die Welt in Gestalten wie Jīva und Welt wahrnimmt,
Wort-für-Wort-Übersetzung: tadā – dann; duḥkha-ādi-bhedaḥ – Unterschiede wie Leid; ābhāsaḥ api – selbst der Schein; na bhāsate – erscheint nicht; jagat-jīva-ādi-rūpeṇa – als Welt, Jīva usw.; paśyan api – obwohl sehend; para-ātma-vit – Kenner des höchsten Atman.
25.
na tatpaśyati cidrūpaṃ brahmavastveva paśyati |
dharmadharmitvavārtā ca bhede sati hi bhidyate || 25 ||
sieht er sie nicht als getrennte Dinge; er sieht allein die Bewusstseinsgestalt, die Wirklichkeit Brahmans. Die Rede von Eigenschaft und Träger der Eigenschaft entsteht nur, wenn Verschiedenheit angenommen wird.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na tat paśyati – er sieht dieses nicht; cit-rūpam – Bewusstseinsgestalt; brahma-vastu eva – allein die Wirklichkeit Brahmans; dharma-dharmitva-vārtā – Rede von Eigenschaft und Träger; bhede sati – wenn Verschiedenheit besteht.
26.
bhedābhedastathā bhedābhedaḥ sākṣātparātmanaḥ |
nāsti svātmātirekeṇa svayamevāsti sarvadā || 26 ||
Für den höchsten Atman gibt es weder Verschiedenheit noch Nichtverschiedenheit noch deren Mischung. Außer dem eigenen Selbst gibt es nichts; es besteht immer aus sich selbst.
Wort-für-Wort-Übersetzung: bheda-abhedaḥ – Verschiedenheit und Nichtverschiedenheit; sākṣāt para-ātmanaḥ – für den unmittelbaren höchsten Atman; na asti – besteht nicht; sva-ātma-atirekeṇa – außerhalb des eigenen Selbst; svayam eva asti – besteht allein aus sich.
27.
brahmaiva vidyate sākṣādvastuto'vastuto'pi ca |
tathaiva brahmavijjñānī kiṃ gṛhṇāti jahāti kim || 27 ||
Brahman allein existiert unmittelbar, als das Wirkliche und als das scheinbar Nichtwirkliche. Was sollte daher der Weise, der Brahman kennt, ergreifen oder aufgeben?
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma eva vidyate – Brahman allein besteht; sākṣāt – unmittelbar; vastutaḥ avastutaḥ api – als Wirkliches und scheinbar Nichtwirkliches; brahma-vit jñānī – Weiser, der Brahman kennt; kim gṛhṇāti – was ergreift er; jahāti kim – was gibt er auf.
28.
adhiṣṭhānamanaupamyamavāṅmanasagocaram |
yattadadreśyamagrāhyamagotraṃ rūpavarjitam || 28 ||
Es ist der unvergleichliche Grund, jenseits von Rede und Geist: unsichtbar, nicht greifbar, ohne Herkunft und ohne Gestalt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: adhiṣṭhānam – Grund, Substrat (Adhishthana); anaupamyam – unvergleichlich; avāk-manas-gocaram – jenseits von Rede und Geist; adreśyam – unsichtbar, nicht wahrnehmbar; agrāhyam – nicht greifbar; agotram – ohne Herkunft; rūpa-varjitam – ohne Gestalt.
29.
acakṣuḥśrotramatyarthaṃ tadapāṇipadaṃ tathā |
nityaṃ vibhuṃ sarvagataṃ susūkhmaṃ ca tadavyayam || 29 ||
Es ist ohne Augen und Ohren, ohne Hände und Füße; ewig, allmächtig, alldurchdringend, überaus fein und unvergänglich.
Wort-für-Wort-Übersetzung: a-cakṣuḥ-śrotram – ohne Augen und Ohren; a-pāṇi-padam – ohne Hände und Füße; nityam – ewig; vibhum – mächtig, alldurchdringend; sarva-gatam – überall gegenwärtig; su-sūkṣmam – überaus fein; avyayam – unvergänglich.
30.
brahmaivedamamṛtaṃ tatpurastād- brahmānandaṃ paramaṃ caiva paścāt |
brahmānandaṃ paramaṃ dakṣiṇe ca brahmānandaṃ paramaṃ cottare ca || 30 ||
Dieses unsterbliche Brahman ist vorn; höchste Brahman-Glückseligkeit ist hinten, rechts und ebenso links.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma eva idam amṛtam – dieses ist das unsterbliche Brahman; purastāt – vorn; paścāt – hinten; dakṣiṇe – rechts; uttare – links/nördlich; brahma-ānandam paramam – höchste Brahman-Glückseligkeit.
31.
svātmanyeva svayaṃ sarvaṃ sadā paśyati nirbhayaḥ |
tadā mukto na muktaśca baddhasyaiva vimuktatā || 31 ||
Furchtlos sieht der Weise stets alles im eigenen Selbst. Dann ist er befreit und zugleich jenseits des Begriffs „befreit“; Befreiung kann nur von einem zuvor Gebundenen ausgesagt werden.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sva-ātmani eva – im eigenen Selbst; svayam sarvam paśyati – sieht alles als sich selbst; sadā – immer; nirbhayaḥ – furchtlos; muktaḥ – befreit (Mukta); na muktaḥ – jenseits des Begriffs befreit; baddhasya eva vimuktatā – Befreiung gilt nur dem Gebundenen.
32.
evaṃrūpā parā vidyā satyena tapasāpi ca |
brahmacaryādibhirdharmairlabhyā vedāntavartmanā || 32 ||
Diese höchste Erkenntnis wird durch Wahrhaftigkeit, Askese, Brahmacharya und andere heilsame Disziplinen auf dem Weg des Vedanta erlangt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: evam-rūpā parā vidyā – höchste Erkenntnis dieser Art; satyena – durch Wahrhaftigkeit (Satya); tapasā – durch Askese (Tapas); brahmacarya-ādibhiḥ dharmaiḥ – durch Brahmacharya und andere Disziplinen; labhyā – zu erlangen; vedānta-vartmanā – auf dem Weg des Vedanta.
33.
svaśarīre svayaṃjyotiḥsvarūpaṃ pāramārthikam |
kṣīṇadoṣaḥ prapaśyanti netare māyayāvṛtāḥ || 33 ||
Diejenigen, deren Fehler geschwunden sind, schauen im eigenen Körper die selbstleuchtende höchste Wirklichkeit; die von Māyā Verhüllten sehen sie nicht.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sva-śarīre – im eigenen Körper; svayaṃ-jyotiḥ-svarūpam – selbstleuchtende Gestalt; pāramārthikam – höchste Wirklichkeit; kṣīṇa-doṣāḥ – jene, deren Fehler geschwunden sind; prapaśyanti – schauen; māyayā āvṛtāḥ – von Māyā verhüllt.
34.
evaṃ svarūpavijñānaṃ yasya kasyāsti yoginaḥ |
kutracidgamanaṃ nāsti tasya sampūrṇarūpiṇaḥ || 34 ||
Für einen Yogi, der diese Erkenntnis des eigenen Wesens besitzt und ganz geworden ist, gibt es keinen Ort mehr, zu dem er gehen müsste.
Wort-für-Wort-Übersetzung: svarūpa-vijñānam – Erkenntnis des eigenen Wesens; yasya yoginaḥ – desjenigen Yogi; kutracit gamanam na asti – kein Gehen irgendwohin; sampūrṇa-rūpiṇaḥ – dessen Gestalt vollständig ist.
35.
ākāśamekaṃ sampūrṇaṃ kutracinna hi gacchati |
tadvadbrahmātmavicchreṣṭhaḥ kutracinnaiva gacchati || 35 ||
Wie der eine, allumfassende Raum nirgends hingeht, so geht auch der höchste Kenner des Atman-Brahman nirgends hin.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ākāśam ekam – der eine Raum (Akasha); sampūrṇam – allumfassend; na gacchati – geht nicht; tadvat – ebenso; brahma-ātma-vit – Kenner von Brahman als Atman; śreṣṭhaḥ – der Höchste.
36.
abhakṣyasya nivṛttyā tu viśuddhaṃ hṛdayaṃ bhavet |
āhāraśuddhau cittasya viśuddhirbhavati svataḥ || 36 ||
Durch das Meiden ungeeigneter Nahrung wird das Herz rein; bei reiner Nahrung wird der Geist von selbst klar.
Wort-für-Wort-Übersetzung: abhakṣyasya nivṛttyā – durch Meiden ungeeigneter Nahrung; viśuddham hṛdayam – reines Herz; āhāra-śuddhau – bei Reinheit der Nahrung (Ahara); cittasya viśuddhiḥ – Reinheit des Geistes (Chitta); svataḥ – von selbst.
37.
cittaśuddhau kramājjñānaṃ truṭyanti granthayaḥ sphuṭam |
abhakṣyaṃ brahmavijñānavihīnasyaiva dehinaḥ || 37 ||
Mit der Reinheit des Geistes entsteht schrittweise Erkenntnis, und die Knoten lösen sich deutlich. Ein Speiseverbot betrifft den verkörperten Menschen, dem die Erkenntnis Brahmans fehlt.
Wort-für-Wort-Übersetzung: citta-śuddhau – bei Reinheit des Geistes; kramāt jñānam – schrittweise Erkenntnis; truṭyanti granthayaḥ – die Knoten lösen sich; abhakṣyam – nicht zu Essendes; brahma-vijñāna-vihīnasya – für den der Brahman-Erkenntnis Entbehrenden; dehinaḥ – verkörperten Menschen.
38.
na samyagjñāninastadvatsvarūpaṃ sakalaṃ khalu |
ahamannaṃ sadānnāda iti hi brahmavedanam || 38 ||
Nicht in gleicher Weise betrifft es den vollkommen Erkennenden, denn für ihn ist alles die eigene Wesensgestalt. „Ich bin stets die Nahrung und ich bin der Esser der Nahrung“ – dies ist Brahman-Erkenntnis.
Wort-für-Wort-Übersetzung: na samyak-jñāninaḥ – nicht für den vollkommen Erkennenden; svarūpam sakalam – alles ist die eigene Wesensgestalt; aham annam – ich bin Nahrung; sadā anna-adaḥ – stets Esser der Nahrung; brahma-vedanam – Brahman-Erkenntnis.
39.
brahmavidgrasati jñānātsarvaṃ brahmātmanaiva tu |
brahmakṣatrādikaṃ sarvaṃ yasya syādodanaṃ sadā || 39 ||
Der Kenner Brahmans nimmt durch Erkenntnis alles als Brahman und als den eigenen Atman in sich auf. Für ihn sind Brahman, königliche Macht und alles Übrige gleichsam stets Speise.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-vit – Kenner Brahmans; grasati – nimmt in sich auf; jñānāt – durch Erkenntnis; sarvam brahma-ātmanā – alles als Brahman und Atman; brahma-kṣatra-ādikam – Brahman, Herrschermacht und anderes; odanam – gekochte Speise.
40.
yasyopasecanaṃ mṛtyustaṃ jñānī tādṛśaḥ khalu |
brahmasvarūpavijñānājjagadbhojyaṃ bhavetkhalu || 40 ||
Der Tod ist ihm die Beigabe; so ist der Erkennende beschaffen. Durch Erkenntnis der Gestalt Brahmans wird die Welt gleichsam zum Gegenstand innerer Aneignung.
Wort-für-Wort-Übersetzung: upasecanam – Beigabe, Würze; mṛtyuḥ – Tod; jñānī – Erkennender; brahma-svarūpa-vijñānāt – durch Erkenntnis der Gestalt Brahmans; jagat – Welt; bhojyam – zu Genießendes.
41.
jagadātmatayā bhāti yadā bhojyaṃ bhavettadā |
brahmasvātmatayā nityaṃ bhakṣitaṃ sakalaṃ tadā || 41 ||
Wenn die Welt als Atman erscheint, wird sie auf diese Weise „Speise“. Weil Brahman ewig als das eigene Selbst besteht, ist dann alles im Selbst aufgenommen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: jagat-ātmatayā – als Atman der Welt; bhāti – erscheint; bhojyam bhavet – wird genießbar; brahma sva-ātmatayā – Brahman als eigenes Selbst; nityam – ewig; bhakṣitam sakalam – alles aufgenommen.
42.
yadābhāsena rūpeṇa jagadbhojyaṃ bhaveta tat |
mānataḥ svātmanā bhātaṃ bhakṣitaṃ bhavati dhruvam || 42 ||
Was als Erscheinungsform Welt genannt wird, wird auf diese Weise angeeignet. Was durch Erkenntnis als eigener Atman leuchtet, ist gewiss im Selbst aufgenommen.
Wort-für-Wort-Übersetzung: ābhāsena rūpeṇa – als Erscheinungsform; jagat – Welt; bhojyam – genießbar; mānataḥ – durch Erkenntnis/Ermessen; sva-ātmanā bhātam – als eigener Atman leuchtend; bhakṣitam – aufgenommen; dhruvam – gewiss.
43.
svasvarūpaṃ svayaṃ bhuṅkte nāsti bhojyaṃ pṛthak svataḥ |
asti cedastitārūpaṃ brahmaivāstitvalakṣaṇam || 43 ||
Das Selbst genießt seine eigene Gestalt; es gibt keinen davon getrennten Gegenstand. Falls etwas als seiend erscheint, ist es Brahman selbst, dessen Merkmal Sein ist.
Wort-für-Wort-Übersetzung: sva-svarūpam – eigene Gestalt; svayam bhuṅkte – genießt selbst; na asti bhojyam pṛthak – kein getrennter Gegenstand; astitā-rūpam – Gestalt des Seins; brahma eva – Brahman allein; astitva-lakṣaṇam – durch Sein gekennzeichnet.
44.
astitālakṣaṇā sattā sattā brahma na cāparā |
nāsti sattātirekeṇa nāsti māyā ca vastutaḥ || 44 ||
Wirklichkeit ist durch Sein gekennzeichnet; dieses Sein ist Brahman und nichts anderes. Außerhalb des Seins gibt es nichts, und Māyā besitzt in Wahrheit keine selbstständige Wirklichkeit.
Wort-für-Wort-Übersetzung: astitā-lakṣaṇā sattā – Wirklichkeit mit dem Merkmal Sein; sattā brahma – Sein ist Brahman; na aparā – nichts anderes; sattā-atirekeṇa – außerhalb des Seins; māyā na asti vastutaḥ – Māyā besteht in Wahrheit nicht.
45.
yogināmātmaniṣṭhānāṃ māyā svātmani kalpitā |
sākṣirūpatayā bhāti brahmajñānena bādhitā || 45 ||
Für Yogis, die im Atman gegründet sind, ist Māyā im eigenen Selbst nur vorgestellt. Sie erscheint als Gegenstand des Zeugen und wird durch Brahman-Erkenntnis aufgehoben.
Wort-für-Wort-Übersetzung: yoginām ātma-niṣṭhānām – für im Atman gegründete Yogis (Nishtha); māyā – Māyā; sva-ātmani kalpitā – im eigenen Selbst vorgestellt; sākṣi-rūpatayā bhāti – erscheint als Gegenstand des Zeugen; brahma-jñānena bādhitā – durch Brahman-Erkenntnis aufgehoben.
46.
brahmavijñānasampannaḥ pratītamakhilaṃ jagat |
paśyannapi sadā naiva paśyati svātmanaḥ pṛthak || 46 ||
Wer mit vollkommener Brahman-Erkenntnis begabt ist, sieht zwar jederzeit die ganze erscheinende Welt, sieht sie jedoch niemals als vom eigenen Atman verschieden. So lautet die Upanishad.
Wort-für-Wort-Übersetzung: brahma-vijñāna-sampannaḥ – mit vollkommener Brahman-Erkenntnis begabt; pratītam akhilam jagat – die ganze erscheinende Welt; paśyan api – obwohl sehend; na paśyati – sieht nicht; sva-ātmanaḥ pṛthak – getrennt vom eigenen Atman; iti upaniṣat – so lautet die Upanishad.
Abschluss
ityupaniṣat ||
So lautet die Upanishad.
Wort-für-Wort-Übersetzung: iti – so; upaniṣat – Upanishad, geheime Lehre (Upanishad).
Das abschließende Shanti Mantra entspricht dem oben wiedergegebenen Eröffnungsmantra.
Pashupatabrahma Upanishad: Hintergrund, Lehre und Bedeutung
Die Pashupatabrahma Upanishad (Sanskrit: Pāśupatabrahmopaniṣad), häufig verkürzt Pashupata Upanishad genannt, gehört zu den sogenannten Yoga Upanishaden. In der Muktika-Liste der 108 Upanishaden steht sie an 77. Stelle und wird dem Atharvaveda zugeordnet. Ihr Thema ist nicht in erster Linie ein System äußerer Übungen, sondern die Verinnerlichung des vedischen Opfers: Atem, Om, Haṃsa, Bewusstsein und Selbsterkenntnis werden als Bestandteile eines inneren Yajña verstanden. Der Text verbindet yogische Meditation, vedische Ritualsymbolik, nichtdualen Vedanta und eine shivaitische Sprache um Pashupati, den „Herrn der gebundenen Wesen“.
Der gebräuchliche Kurztitel „Pashupata Upanishad“ darf nicht zu einer Verwechslung führen. Der überlieferte Titel lautet Pāśupatabrahma Upanishad. Der Text berührt shivaitische Vorstellungen, ist aber kein systematisches Handbuch der historischen Pāśupata-Sekte. Ebenso ist er von der Jabali Upanishad, der Atharvashiras Upanishad und der Panchabrahma Upanishad zu unterscheiden. Sein besonderer Akzent liegt auf dem Pashupati im Innern, dem Haṃsa und der Erkenntnis Brahmans.
Textgestalt und Datierung
Die Upanishad besteht aus zwei Teilen, Purva Khanda und Uttara Khanda. Der erste Teil ist überwiegend Prosa. Moderne Darstellungen zählen ihn häufig als 32 Abschnitte; der zweite Teil enthält 46 metrisch nummerierte Verse. So ergibt sich die verbreitete Angabe von 78 Texteinheiten. Eine Ausgabe, die den gesamten ersten Teil unterschiedslos als „Verse“ bezeichnet, verdeckt daher eine wichtige formale Besonderheit. Die vorliegende Wiki-Fassung bezeichnet ihn bewusst als Prosabschnitte und den zweiten Teil als Verse.
Autor und genaues Entstehungsdatum sind unbekannt. Sprachform, Lehrmischung und Stellung innerhalb der Yoga Upanishaden sprechen für einen vergleichsweise späten Text. Er wird gewöhnlich dem mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Milieu zugerechnet, in dem ältere vedantische Motive mit Yoga, innerer Klangmeditation und einer hatha-yogisch geprägten Körper- und Atemsymbolik neu verbunden wurden. Eine präzise Jahreszahl lässt sich aus dem Text nicht seriös ableiten. Sicherer ist eine relative Aussage: Die Pashupatabrahma Upanishad gehört zu den späteren Yoga Upanishaden und steht am Ende einer langen Entwicklung der Verinnerlichung von Ritual, Atem und Klang.
Aufbau und zentrale Lehren
Zu Beginn fragt Vaishravana den selbstgeborenen Brahma nach der Erkenntnis und Gottheit der Welten, nach Wachzustand und Turiya, nach Zeit, Sonne, Mond, Planeten und Himmel. Brahmas Antwort führt von der Mātṛkā, der Matrix der Laute, zu Om. Der vierteilige Om-Laut ist Lebensprinzip und kosmische Gottheit. Sonne, Mond und Sterne erscheinen als Ausdruck desselben einen Bewusstseinsgrundes; Brahma, Vishnu und Rudra werden mit den drei Guṇas verbunden.
Anschließend deutet der Text das äußere Opfer in ein inneres um. Opferherr, Priester, Opfergabe und Zeuge werden zu Funktionen des Bewusstseins. Die Formel Haṃsa–so’ham, „Ich bin Er“ oder „Ich bin Das“, ist nicht bloß ein gesprochenes Mantra. Sie bezeichnet die Bewegung des Atems und zugleich eine Erkenntnis: Der Jīva ist in seinem Grund nicht vom Paramatman verschieden. Nādānusandhāna, die Versenkung in den inneren Klang, wird zum eigentlichen Opfer.
Eine besonders dichte Passage setzt die äußere Opferschnur mit einer inneren Brahma-Schnur in Beziehung. Der Haṃsa ist dieser Bewusstseinsfaden. Die Mātrās von Om, die drei Zeiten, die drei Feuer und die drei Bewusstseinszustände werden in einer inneren Liturgie zusammengeführt. Der Sinn der Symbolik liegt nicht in einer anatomisch exakten Beschreibung, sondern in der Umkehrung der Aufmerksamkeit: Was äußerlich als Ritual vollzogen wird, soll als Prozess von Atem, Geist, Klang und Erkenntnis im eigenen Innern erkannt werden.
Der Uttara Khanda verschiebt den Schwerpunkt weiter zum nichtdualen Wissen. Pashupati ist der Zeuge, durch dessen Gegenwart Geist, Atem, Rede, Auge und Ohr ihre Funktionen ausüben. Die Sinnesorgane erreichen diesen Zeugen jedoch nicht als äußeres Objekt. Brahman ist selbstleuchtend und wird nicht durch bloße Schlussfolgerung hergestellt. Māyā besitzt aus der letztgültigen Sicht keine eigenständige Realität; aus praktischer Sicht bleiben Wissen, Nichtwissen, Übung und Unterscheidung dennoch sinnvoll.
Die Verse über den Jivanmukta sind radikal formuliert. Für den Erkennenden verlieren Unterscheidungen von Varṇa und Ashrama, Gebot und Verbot sowie Dharma und Adharma ihre letztgültige Bedeutung, weil alles als Brahman erscheint. Dies ist keine einfache Erlaubnis zu Beliebigkeit. Derselbe Text nennt Wahrhaftigkeit, Tapas, Brahmacharya, reine Nahrung und Reinigung des Geistes als Voraussetzungen. Er unterscheidet daher zwischen der Ebene der Praxis, auf der ethische Ordnung unverzichtbar ist, und der Ebene vollendeter Erkenntnis, auf der keine Zweiheit mehr erfahren wird.
Auch die Aussagen über „verbotene Nahrung“ und das Motiv „Ich bin die Nahrung und der Esser der Nahrung“ sind in diesem Sinn zu lesen. Der Text empfiehlt zunächst Reinheit der Nahrung und des Geistes. Erst dann beschreibt er die Schau des Brahmankenners, für den das Universum nicht länger ein ihm äußerer Gegenstand ist. „Essen“ ist hier eine Metapher für das Aufgehen aller Erfahrung im einen Selbst, nicht eine praktische Aufhebung gesundheitlicher, ethischer oder sozialer Verantwortung.
Verhältnis zu anderen Yoga Schriften
Verhältnis zu den Yoga Sutras
Mit Patanjalis Yoga Sutra teilt die Upanishad die Bedeutung der Sammlung des Geistes, der ethischen Vorbereitung und einer Erkenntnis, die nicht auf gewöhnlicher Sinneswahrnehmung beruht. Beide Traditionen unterscheiden die wechselnden Tätigkeiten des Geistes vom sehenden Prinzip. Dennoch ist ihr philosophischer Akzent verschieden. Patanjalis klassischer Yoga hält Puruṣa und Prakṛti grundsätzlich auseinander; die Pashupatabrahma Upanishad deutet den inneren Zeugen in einer nichtdualen Sprache als Brahman und Paramatman. Wo Patanjali vor allem den Stillstand der mentalen Bewegungen und die Unterscheidungserkenntnis entfaltet, beschreibt diese Upanishad Om, Haṃsa und inneres Opfer als Wege zur Identität von Atman und Brahman.
Verhältnis zu anderen Yoga Upanishaden
Die engsten Nachbarn sind die Hamsa Upanishad sowie die Nāda-, Bindu- und Dhyāna-Upanishaden. Mit der Hamsa Upanishad verbindet sie die Deutung des Atems als Haṃsa beziehungsweise so’ham. Mit Nadabindu, Dhyanabindu und Amritanada teilt sie die Wendung vom hörbaren Laut zum subtilen inneren Nāda. Die Amritabindu Upanishad steht ihr durch die Konzentration auf die Läuterung und Auflösung des Geistes nahe.
Yoga Tattva, Yoga Shikha, Yoga Kundalini und Varaha Upanishad entwickeln eine stärker systematisierte Verbindung von Vedanta und yogischer Praxis. Dort treten häufig Aṣṭāṅga Yoga, Mudrā, Bandha, Kundalini, Nāḍī und Prāṇāyāma ausführlicher hervor. Die Pashupatabrahma Upanishad ist demgegenüber weniger ein technisches Übungshandbuch. Ihre Stärke liegt in der theologischen und kontemplativen Deutung: Atem und Klang werden zu einem Brahma-Yajña, der Körper zum Ort der Offenbarung und das Bewusstsein zum inneren Opferfeuer.
Verhältnis zur Amritasiddhi und zu frühen Hatha-Yoga-Texten
Die buddhistisch geprägte Amritasiddhi und verwandte frühe Haṭha-Traditionen behandeln Atem, Bindu, innere Kanäle und die Umkehrung gewöhnlicher Lebensprozesse in technisch ausgearbeiteter Weise. Die Pashupatabrahma Upanishad kennt ebenfalls Nāda, Bindu, Kalā, Prāṇa und einen inneren Bewusstseinsfaden, doch verwendet sie diese Begriffe stärker in einer vedantisch-rituellen Symbolsprache. Eine direkte literarische Abhängigkeit lässt sich nicht aus einzelnen gemeinsamen Begriffen beweisen. Historisch aussagekräftiger ist, dass beide Textwelten zu einem breiten mittelalterlichen Milieu gehören, in dem der menschliche Körper nicht mehr nur als Hindernis, sondern als Ort einer inneren Soteriologie verstanden wird.
Verhältnis zu Goraksha Shataka, Goraksha Paddhati und Yoga Bija
Goraksha Shataka und Goraksha Paddhati stellen Prāṇāyāma, Nāḍīs, Mudrās, Bandhas und die Lenkung der Lebensenergie wesentlich technischer dar. Das Yoga Bija verbindet ähnliche Praxislehren mit einem shivaitischen Dialog und erklärt das Zusammenspiel von Yoga und Erkenntnis. Die Pashupatabrahma Upanishad steht diesen Werken vor allem durch die innere Deutung des Atems, den Haṃsa, den Pranava und die Vorstellung nahe, dass Befreiung im verkörperten Leben verwirklicht werden kann. Sie liefert weniger Übungsdetails, dafür einen metaphysischen Rahmen: Die Praxis ist letztlich ein Opfer des begrenzten Selbstverständnisses im Licht des Pashupati.
Eine lineare Entwicklung von genau einem Text zum anderen sollte dabei nicht behauptet werden. Die Überlieferungen greifen auf gemeinsame Motive zurück, verändern sie und setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Die Pashupatabrahma Upanishad ist deshalb am besten als ein Knotenpunkt zu lesen, an dem vedisches Ritual, Advaita, shivaitische Gottesrede sowie Atem- und Klangyoga zusammentreffen.
Verhältnis zu Hatha Yoga Pradipika, Shiva Samhita und Gheranda Samhita
Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt den Haṃsa-Atem, Prāṇāyāma und Nāda als Teile einer gestuften Praxis, die in Raja Yoga beziehungsweise Samādhi mündet. Besonders ihr vierter Abschnitt über Nādānusandhāna bietet eine praktische Parallele zur inneren Klangversenkung der Upanishad. Die Shiva Samhita verbindet nichtduale Metaphysik mit einem subtilen Körper und konkreten Yogaübungen. Die Gheranda Samhita ordnet den Weg als siebenfache Schulung von Reinigung, Festigkeit, Standhaftigkeit, Ruhe, Leichtigkeit, unmittelbarer Wahrnehmung und Samādhi.
Gegenüber diesen späteren Haṭha-Handbüchern bleibt die Pashupatabrahma Upanishad absichtlich verdichtet. Sie nennt keine vollständige Asana-Reihe und gibt keine detaillierte Bandha- oder Mudrā-Anweisung. Ihr Beitrag ist die Deutungsebene: Technik erhält ihren Sinn erst, wenn Atem, Mantra und Aufmerksamkeit zur Erkenntnis des inneren Zeugen führen. Für die Praxisgeschichte ist der Text daher weniger als Übungsanleitung, sondern als Brücke zwischen upanishadischer Selbsterkenntnis und körperbezogenem Yoga bedeutsam.
Bedeutung der Pashupatabrahma Upanishad
Bedeutung für die frühere Yogapraxis
Für frühere Aspiranten bot die Upanishad eine Möglichkeit, vedische Identität und yogische Innenschau zusammenzuführen. Das äußere Yajñopavīta, die Feuer, die Priesterrollen und die Opferhandlungen wurden nicht einfach verworfen, sondern auf eine innere Ebene übertragen. Ein Praktizierender konnte so die Kontinuität mit dem Veda bewahren und zugleich Atem, Om und Meditation zum Mittelpunkt machen. Die Lehre stärkte außerdem das Ideal des Jivanmukta: Befreiung ist nicht erst nach dem Tod möglich, sondern als Erkenntnis des Selbst im eigenen Körper.
Bedeutung für heutige Yoga-Aspiranten
Für moderne Übende ist zunächst die Grundbewegung des Textes wertvoll: vom Äußeren zum Inneren, von der Technik zur Bewusstheit und von religiösen Symbolen zu gelebter Selbsterkenntnis. Eine einfache, dem Text entsprechende Praxis kann darin bestehen, den natürlichen Atem ohne Zwang zu beobachten, beim Ein- und Ausatmen Haṃsa oder so’ham innerlich wahrzunehmen und den Klang schließlich in stiller Aufmerksamkeit ausklingen zu lassen. Om wird dabei nicht nur rezitiert, sondern als Weg vom hörbaren Laut in die Stille erfahren.
Zugleich schützt die Upanishad vor einem verbreiteten Missverständnis des modernen Yoga: Körpertechniken allein sind nicht das Ziel. Sie sollen Klarheit, Sammlung, Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbsterkenntnis fördern. Fortgeschrittene Atemlenkung, Kumbhaka oder intensive Nāda-Praxis sollten nicht aus kurzen Textstellen improvisiert, sondern unter sachkundiger Anleitung erlernt und bei gesundheitlichen Risiken angepasst werden.
Die radikale Nichtdualität des Textes kann auch heute befreiend wirken, wenn sie ethisch verstanden wird. Wer denselben Atman in allen Wesen erkennt, hat keinen metaphysischen Grund für Herabsetzung oder Gewalt. Die Überschreitung von sozialen Unterscheidungen ist dann nicht Flucht vor Verantwortung, sondern eine vertiefte Grundlage für Gleichachtung. Auf der Ebene des Alltags bleiben Verantwortung, Einwilligung, Fürsorge und klare Grenzen bestehen.
Bedeutung für Yogalehrende und Yoga-Meister
Für Yogalehrende ist die Pashupatabrahma Upanishad ein Prüfstein für die Integration von Technik und Erkenntnis. Sie erinnert daran, Atem und Mantra nicht als isolierte Leistungsinstrumente zu vermitteln. Ein Meister oder eine Meisterin sollte zwischen einer vorbereitenden Praxis, einer symbolischen Deutung und einer behaupteten höchsten Erfahrung unterscheiden können. Besonders die Aussagen über die Freiheit des Jivanmukta dürfen nicht zur Selbstermächtigung, zur Umgehung ethischer Regeln oder zur Immunisierung gegen Kritik dienen.
Gute Vermittlung macht außerdem die Textschichten transparent. Haṃsa kann Atemmantra, wandernde Einzelseele, inneres Licht und höchstes Selbst bedeuten; Pashupati kann Shiva und zugleich den inneren Herrn bezeichnen; Yajña kann äußeres Ritual und innere Transformation heißen. Diese Mehrdeutigkeit ist keine Schwäche, sondern die eigentliche pädagogische Kraft des Textes. Sie erlaubt, eine Brücke von traditionellen Symbolen zu reflektierter moderner Praxis zu schlagen, ohne historische Unterschiede einzuebnen.
Bleibende Bedeutung
Die bleibende Botschaft der Pashupatabrahma Upanishad lautet: Das höchste Heiligtum ist nicht fern. Es ist das selbstleuchtende Bewusstsein, durch das Atem, Sinneswahrnehmung und Denken überhaupt möglich werden. Das wahre Opfer besteht darin, jede Wahrnehmung, jeden Klang und schließlich die Vorstellung eines getrennten Ich in diesen Ursprung zurückzuführen. Haṃsa und so’ham fassen diesen Weg in der Sprache des Atems zusammen: Das Gesuchte ist bereits als innerster Zeuge gegenwärtig.
Textgrundlage und Hinweise
- Sanskrittext: Sanskrit Documents – Pashupatabrahma Upanishad.
- Vergleich und traditionelle englische Erläuterung: T. R. Srinivasa Ayyangar, The Yoga Upanishads, Adyar Library, 1938, S. 181–197; Digitalisat.
- Die deutsche Übersetzung dieser Wiki-Fassung wurde am Sanskrittext geprüft und unter Einbeziehung der traditionellen Erläuterungen neu formuliert. Bei besonders verdichteten oder textkritisch unsicheren Stellen bleibt sie bewusst nah am Wortlaut und vermeidet spekulative Eindeutigkeit.
Pashupatabrahma Upanishad Sanskrit Text - Devanagari und Umschrift
Auch Pashupata Upanishad genannt – vollständige Textfassung in Devanagari und IAST
Textzählung dieser Ausgabe: Purva Khanda mit 32 redaktionell abgegrenzten Prosabschnitten und Uttara Khanda mit 46 im Sanskrit nummerierten Versen; zusammen 78 Texteinheiten. Die Abschnittszahlen des Purva Khanda stehen nur in den Überschriften, da der überlieferte Sanskrittext dort Prosa ist.
Einleitungsvers Pashupatabrahma Upanishad
पाशुपतब्रह्मविद्यासंवेद्यं परमाक्षरम् ।
परमानन्दसम्पूर्णं रामचन्द्रपदं भजे ॥
pāśupatabrahmavidyāsaṃvedyaṃ paramākṣaram |
paramānandasampūrṇaṃ rāmacandrapadaṃ bhaje ||
Shanti Mantra
ॐ भद्रं कर्णेभिः शृणुयाम देवाः ।
भद्रं पश्येमाक्षभिर्यजत्राः ।
स्थिरैरङ्गैस्तुष्टुवांसस्तनूभिर्व्यशेम देवहितं यदायुः ॥
स्वस्ति न इन्द्रो वृद्धश्रवाः ।
स्वस्ति नः पूषा विश्ववेदाः ।
स्वस्ति नस्तार्क्ष्यो अरिष्टनेमिः ।
स्वस्ति नो बृहस्पतिर्दधातु ॥
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devāḥ |
bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvāṃsastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ ||
svasti na indro vṛddhaśravāḥ |
svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo ariṣṭanemiḥ |
svasti no bṛhaspatirdadhātu ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Purva Khanda – Erster Abschnitt
1.
हरिः ॐ ॥ अथ ह वै स्वयंभूर्ब्रह्मा प्रजाः सृजानीति कामकामो जायते कामेश्वरो वैश्रवणः ।
hariḥ oṃ || atha ha vai svayaṃbhūrbrahmā prajāḥ sṛjānīti kāmakāmo jāyate kāmeśvaro vaiśravaṇaḥ |
2.
वैश्रवणो ब्रह्मपुत्रो वालखिल्यः स्वयंभुवं परिपृच्छति जगतां का विद्या का देवता जाग्रत्तुरीययोरस्य को देवो यानि तस्य वशानि कालाः कियत्प्रमाणाः कस्याज्ञया रविचन्द्रग्रहादयो भासन्ते कस्य महिमा गगनस्वरूप एतदहं श्रोतुमिच्छामि नान्यो जानाति त्वं ब्रूहि ब्रह्मन् ।
vaiśravaṇo brahmaputro vālakhilyaḥ svayaṃbhuvaṃ paripṛcchati jagatāṃ kā vidyā kā devatā jāgratturīyayorasya ko devo yāni tasya vaśāni kālāḥ kiyatpramāṇāḥ kasyājñayā ravicandragrahādayo bhāsante kasya mahimā gaganasvarūpa etadahaṃ śrotumicchāmi nānyo jānāti tvaṃ brūhi brahman |
3.
स्वयंभूरुवाच कृत्स्नजगतां मातृका विद्या द्वित्रिवर्णसहिता द्विवर्णमाता त्रिवर्णसहिता ।
svayaṃbhūruvāca kṛtsnajagatāṃ mātṛkā vidyā dvitrivarṇasahitā dvivarṇamātā trivarṇasahitā |
4.
चतुर्मात्रात्मकोङ्कारो मम प्राणात्मिका देवता ।
caturmātrātmakoṅkāro mama prāṇātmikā devatā |
5.
अहमेव जगत्त्रयस्यैकः पतिः ।
ahameva jagattrayasyaikaḥ patiḥ |
6.
मम वशानि सर्वाणि युगान्यपि ।
mama vaśāni sarvāṇi yugānyapi |
7.
अहोरात्रादयो मत्संवर्धिताः कालाः ।
ahorātrādayo matsaṃvardhitāḥ kālāḥ |
8.
मम रूपा रवेस्तेजश्चन्द्रनक्षत्रग्रहतेजांसि च ।
mama rūpā ravestejaścandranakṣatragrahatejāṃsi ca |
9.
गगनो मम त्रिशक्तिमायास्वरूपः नान्यो मदस्ति ।
gagano mama triśaktimāyāsvarūpaḥ nānyo madasti |
10.
तमोमायात्मको रुद्रः सात्विकमायात्मको विष्णू राजसमायात्मको ब्रह्मा । इन्द्रादयस्तामसराजसात्मिका न सात्विकः कोऽपि अघोरः सर्वसाधारणस्वरूपः ।
tamomāyātmako rudraḥ sātvikamāyātmako viṣṇū rājasamāyātmako brahmā | indrādayastāmasarājasātmikā na sātvikaḥ ko'pi aghoraḥ sarvasādhāraṇasvarūpaḥ |
11.
समस्तयागानां रुद्रः पशुपतिः कर्ता । रुद्रो यागदेवो विष्णुरध्वर्युर्होतेन्द्रो देवता यज्ञभुग् मानसं ब्रह्म माहेश्वरं ब्रह्म
samastayāgānāṃ rudraḥ paśupatiḥ kartā | rudro yāgadevo viṣṇuradhvaryurhotendro devatā yajñabhug mānasaṃ brahma māheśvaraṃ brahma
12.
मानसं हंसः सोऽहं हंस इति । तन्मययज्ञो नादानुसन्धानम् । तन्मयविकारो जीवः ।
mānasaṃ haṃsaḥ so'haṃ haṃsa iti | tanmayayajño nādānusandhānam | tanmayavikāro jīvaḥ |
13.
परमात्मस्वरूपो हंसः । अन्तर्बहिश्चरति हंसः । अन्तर्गतोऽनकाशान्तर्गतसुपर्णस्वरूपो हंसः ।
paramātmasvarūpo haṃsaḥ | antarbahiścarati haṃsaḥ | antargato'nakāśāntargatasuparṇasvarūpo haṃsaḥ |
14.
षण्णवतितत्त्वतन्तुवद्व्यक्तं चित्सूत्रत्रयचिन्मयलक्षणं नवतत्त्वत्रिरावृतं ब्रह्मविष्णुमहेश्वरात्मकमग्नित्रयकलोपेतं चिद्ग्रन्थिबन्धनम् ।
ṣaṇṇavatitattvatantuvadvyaktaṃ citsūtratrayacinmayalakṣaṇaṃ navatattvatrirāvṛtaṃ brahmaviṣṇumaheśvarātmakamagnitrayakalopetaṃ cidgranthibandhanam |
15.
अद्वैतग्रन्थिः यज्ञसाधारणाङ्गं बहिरन्तर्ज्वलनं यज्ञाङ्गलक्षणब्रह्मस्वरूपो हंसः ।
advaitagranthiḥ yajñasādhāraṇāṅgaṃ bahirantarjvalanaṃ yajñāṅgalakṣaṇabrahmasvarūpo haṃsaḥ |
16.
उपवीतलक्षणसूत्रब्रह्मगा यज्ञाः । ब्रह्माङ्गलक्षणयुक्तो यज्ञसूत्रम् । तद्ब्रह्मसूत्रम् । यज्ञसूत्रसंबन्धी ब्रह्मयज्ञः ।
upavītalakṣaṇasūtrabrahmagā yajñāḥ | brahmāṅgalakṣaṇayukto yajñasūtram | tadbrahmasūtram | yajñasūtrasaṃbandhī brahmayajñaḥ |
17.
तत्स्वरूपोऽङ्गानि मात्राणि मनो यज्ञस्य हंसो यज्ञसूत्रम् । प्रणवं ब्रह्मसूत्रं ब्रह्मयज्ञमयम् । प्रणवान्तर्वर्ती हंसो ब्रह्मसूत्रम् । तदेव ब्रह्मयज्ञमयं मोक्षक्रमम् ।
tatsvarūpo'ṅgāni mātrāṇi mano yajñasya haṃso yajñasūtram | praṇavaṃ brahmasūtraṃ brahmayajñamayam | praṇavāntarvartī haṃso brahmasūtram | tadeva brahmayajñamayaṃ mokṣakramam |
18.
ब्रह्मसन्ध्याक्रिया मनोयागः । सन्ध्याक्रिया मनोयागस्य लक्षणम् ।
brahmasandhyākriyā manoyāgaḥ | sandhyākriyā manoyāgasya lakṣaṇam |
19.
यज्ञसूत्रप्रणवब्रह्मयज्ञक्रियायुक्तो ब्राह्मणः । ब्रह्मचर्येण हरन्ति देवाः । हंससूत्रचर्या यज्ञाः ।
yajñasūtrapraṇavabrahmayajñakriyāyukto brāhmaṇaḥ | brahmacaryeṇa haranti devāḥ | haṃsasūtracaryā yajñāḥ |
20.
हंसप्रणवयोरभेदः । हंसस्य प्रार्थनास्त्रिकालाः । त्रिकालस्त्रिवर्णाः ।
haṃsapraṇavayorabhedaḥ | haṃsasya prārthanāstrikālāḥ | trikālastrivarṇāḥ |
21.
त्रेताग्न्यनुसन्धानो यागः । त्रेताग्न्यात्माकृतिवर्णोङ्कारहंसानुसन्धानोऽन्तर्यागः । चित्स्वरूपवत्तन्मयं तुरीयस्वरूपम् ।
tretāgnyanusandhāno yāgaḥ | tretāgnyātmākṛtivarṇoṅkārahaṃsānusandhāno'ntaryāgaḥ | citsvarūpavattanmayaṃ turīyasvarūpam |
22.
अन्तरादित्ये ज्योतिःस्वरूपो हंसः । यज्ञाङ्गं ब्रह्मसम्पत्तिः । ब्रह्मप्रवृत्तौ तत्प्रणवहंससूत्रेणैव ध्यानमाचरन्ति ।
antarāditye jyotiḥsvarūpo haṃsaḥ | yajñāṅgaṃ brahmasampattiḥ | brahmapravṛttau tatpraṇavahaṃsasūtreṇaiva dhyānamācaranti |
23.
प्रोवाच पुनः स्वयंभुवं प्रतिजानीते ब्रह्मपुत्रो ऋषिर्वालखिल्यः । हंससूत्राणि कतिसंख्यानि कियद्वा प्रमाणम् ।
provāca punaḥ svayaṃbhuvaṃ pratijānīte brahmaputro ṛṣirvālakhilyaḥ | haṃsasūtrāṇi katisaṃkhyāni kiyadvā pramāṇam |
24.
हृद्यादित्यमरीचीनां पदं षण्णवतिः । चित्सूत्रघ्राणयोः स्वर्निर्गता प्रणवधारा षडङ्गुलदशाशीतिः ।
hṛdyādityamarīcīnāṃ padaṃ ṣaṇṇavatiḥ | citsūtraghrāṇayoḥ svarnirgatā praṇavadhārā ṣaḍaṅguladaśāśītiḥ |
25.
वामबाहुर्दक्षिणकट्योरन्तश्चरति हंसः परमात्मा ब्रह्मगुह्यप्रकारो नान्यत्र विदितः । जानन्ति तेऽमृतफलकाः ।
vāmabāhurdakṣiṇakaṭyorantaścarati haṃsaḥ paramātmā brahmaguhyaprakāro nānyatra viditaḥ | jānanti te'mṛtaphalakāḥ |
26.
सर्वकालं हंसं प्रकाशकम् । प्रणवहंसान्तर्ध्यानप्रकृतिं विना न मुक्तिः ।
sarvakālaṃ haṃsaṃ prakāśakam | praṇavahaṃsāntardhyānaprakṛtiṃ vinā na muktiḥ |
27.
नवसूत्रान्परिचर्चितान् । तेऽपि यद्ब्रह्म चरन्ति । अन्तरादित्ये न ज्ञातं मनुष्याणाम् ।
navasūtrānparicarcitān | te'pi yadbrahma caranti | antarāditye na jñātaṃ manuṣyāṇām |
28.
जगदादित्यो रोचत इति ज्ञात्वा ते मर्त्या विबुधास्तपनप्रार्थनायुक्ता आचरन्ति ।
jagadādityo rocata iti jñātvā te martyā vibudhāstapanaprārthanāyuktā ācaranti |
29.
वाजपेयः पशुहर्ता अध्वर्युरिन्द्रो देवता अहिंसा धर्मयागः परमहंसोऽध्वर्युः परमात्मा देवता पशुपतिः ब्रह्मोपनिषदो ब्रह्म ।
vājapeyaḥ paśuhartā adhvaryurindro devatā ahiṃsā dharmayāgaḥ paramahaṃso'dhvaryuḥ paramātmā devatā paśupatiḥ brahmopaniṣado brahma |
30.
स्वाध्याययुक्ता ब्राह्मणाश्चरन्ति ।
svādhyāyayuktā brāhmaṇāścaranti |
31.
अश्वमेधो महायज्ञकथा । तद्राज्ञा ब्रह्मचर्यमाचरन्ति । सर्वेषां पूर्वोक्तब्रह्मयज्ञक्रमं मुक्तिक्रममिति ब्रह्मपुत्रः प्रोवाच ।
aśvamedho mahāyajñakathā | tadrājñā brahmacaryamācaranti | sarveṣāṃ pūrvoktabrahmayajñakramaṃ muktikramamiti brahmaputraḥ provāca |
32.
उदितो हंस ऋषिः । स्वयंभूस्तिरोदधे । रुद्रो ब्रह्मोपनिषदो हंसज्योतिः पशुपतिः प्रणवस्तारकः स एवं वेद ।
udito haṃsa ṛṣiḥ | svayaṃbhūstirodadhe | rudro brahmopaniṣado haṃsajyotiḥ paśupatiḥ praṇavastārakaḥ sa evaṃ veda |
Uttara Khanda – Zweiter Abschnitt
1.
हंसात्ममालिकावर्णब्रह्मकालप्रचोदिता ।
परमात्मा पुमानिति ब्रह्मसम्पत्तिकारिणी ॥ १ ॥
haṃsātmamālikāvarṇabrahmakālapracoditā |
paramātmā pumāniti brahmasampattikāriṇī || 1 ||
2.
अध्यात्मब्रह्मकल्पस्याकृतिः कीदृशी कथा ।
ब्रह्मज्ञानप्रभासन्ध्याकालो गच्छति धीमताम् ।
हंसाख्यो देवमात्माख्यमात्मतत्त्वप्रजा कथम् ॥ २ ॥
adhyātmabrahmakalpasyākṛtiḥ kīdṛśī kathā |
brahmajñānaprabhāsandhyākālo gacchati dhīmatām |
haṃsākhyo devamātmākhyamātmatattvaprajā katham || 2 ||
3.
अन्तःप्रणवनादाख्यो हंसः प्रत्ययबोधकः ।
अन्तर्गतप्रमागूढं ज्ञाननालं विराजितम् ॥ ३ ॥
antaḥpraṇavanādākhyo haṃsaḥ pratyayabodhakaḥ |
antargatapramāgūḍhaṃ jñānanālaṃ virājitam || 3 ||
4.
शिवशक्त्यात्मकं रूपं चिन्मयानन्दवेदितम् ।
नादबिन्दुकला त्रीणि नेत्रं विश्वविचेष्टितम् ॥ ४ ॥
śivaśaktyātmakaṃ rūpaṃ cinmayānandaveditam |
nādabindukalā trīṇi netraṃ viśvaviceṣṭitam || 4 ||
5.
त्रियङ्गानि शिखा त्रीणि द्वित्राणां संख्यमाकृतिः ।
अन्तर्गूढप्रमा हंसः प्रमाणान्निर्गतं बहिः ॥ ५ ॥
triyaṅgāni śikhā trīṇi dvitrāṇāṃ saṃkhyamākṛtiḥ |
antargūḍhapramā haṃsaḥ pramāṇānnirgataṃ bahiḥ || 5 ||
6.
ब्रह्मसूत्रपदं ज्ञेयं ब्राह्मं विध्युक्तलक्षणम् ।
हंसार्कप्रणवध्यानमित्युक्तो ज्ञानसागरे ॥ ६ ॥
brahmasūtrapadaṃ jñeyaṃ brāhmaṃ vidhyuktalakṣaṇam |
haṃsārkapraṇavadhyānamityukto jñānasāgare || 6 ||
7.
एतद्विज्ञानमत्रेण ज्ञानसागरपारगः ।
स्वतः शिवः पशुपतिः साक्षी सर्वस्य सर्वदा ॥ ७ ॥
etadvijñānamatreṇa jñānasāgarapāragaḥ |
svataḥ śivaḥ paśupatiḥ sākṣī sarvasya sarvadā || 7 ||
8.
सर्वेषां तु मनस्तेन प्रेरितं नियमेन तु ।
विषये गच्छति प्राणश्चेष्टते वाग्वदत्यपि ॥ ८ ॥
sarveṣāṃ tu manastena preritaṃ niyamena tu |
viṣaye gacchati prāṇaśceṣṭate vāgvadatyapi || 8 ||
9.
चक्षुः पश्यति रूपाणि श्रोत्रं सर्वं शृणोत्यपि ।
अन्यानि कानि सर्वाणि तेनैव प्रेरितानि तु ॥ ९ ॥
cakṣuḥ paśyati rūpāṇi śrotraṃ sarvaṃ śṛṇotyapi |
anyāni kāni sarvāṇi tenaiva preritāni tu || 9 ||
10.
स्वं स्वं विषयमुद्दिश्य प्रवर्तन्ते निरन्तरम् ।
प्रवर्तकत्वं चाप्यस्य मायया न स्वभावतः ॥ १० ॥
svaṃ svaṃ viṣayamuddiśya pravartante nirantaram |
pravartakatvaṃ cāpyasya māyayā na svabhāvataḥ || 10 ||
11.
श्रोत्रमात्मनि चाध्यस्तं स्वयं पशुपतिः पुमान् ।
अनुप्रविश्य श्रोत्रस्य ददाति श्रोत्रतां शिवः ॥ ११ ॥
śrotramātmani cādhyastaṃ svayaṃ paśupatiḥ pumān |
anupraviśya śrotrasya dadāti śrotratāṃ śivaḥ || 11 ||
12.
मनः स्वात्मनि चाध्यस्तं प्रविश्य परमेश्वरः ।
मनस्त्वं तस्य सत्त्वस्थो ददाति नियमेन तु ॥ १२ ॥
manaḥ svātmani cādhyastaṃ praviśya parameśvaraḥ |
manastvaṃ tasya sattvastho dadāti niyamena tu || 12 ||
13.
स एव विदितादन्यस्तथैवाविदितादपि ।
अन्येषामिन्द्रियाणां तु कल्पितानामपीश्वरः ॥ १३ ॥
sa eva viditādanyastathaivāviditādapi |
anyeṣāmindriyāṇāṃ tu kalpitānāmapīśvaraḥ || 13 ||
14.
तत्तद्रूपमनु प्राप्य ददाति नियमेन तु ।
ततश्चक्षुश्च वाक्चैव मनश्चान्यानि खानि च ॥ १४ ॥
tattadrūpamanu prāpya dadāti niyamena tu |
tataścakṣuśca vākcaiva manaścānyāni khāni ca || 14 ||
15.
न गच्छन्ति स्वयंज्योतिःस्वभावे परमात्मनि ।
अकर्तृविषयप्रत्यक्प्रकाशं स्वात्मनैव तु ॥ १५ ॥
na gacchanti svayaṃjyotiḥsvabhāve paramātmani |
akartṛviṣayapratyakprakāśaṃ svātmanaiva tu || 15 ||
16.
विना तर्कप्रमाणाभ्यां ब्रह्म यो वेद वेद सः ।
प्रत्यगात्मा परंज्योतिर्माया सा तु महत्तमः ॥ १६ ॥
vinā tarkapramāṇābhyāṃ brahma yo veda veda saḥ |
pratyagātmā paraṃjyotirmāyā sā tu mahattamaḥ || 16 ||
17.
तथा सति कथं मायासंभवः प्रत्यगात्मनि ।
तस्मात्तर्कप्रमाणाभ्यां स्वानुभूत्या च चिद्घने ॥ १७ ॥
tathā sati kathaṃ māyāsaṃbhavaḥ pratyagātmani |
tasmāttarkapramāṇābhyāṃ svānubhūtyā ca cidghane || 17 ||
18.
स्वप्रकाशैकसंसिद्धे नास्ति माया परात्मनि ।
व्यावहारिकदृष्ट्येयं विद्याविद्या न चान्यथा ॥ १८ ॥
svaprakāśaikasaṃsiddhe nāsti māyā parātmani |
vyāvahārikadṛṣṭyeyaṃ vidyāvidyā na cānyathā || 18 ||
19.
तत्त्वदृष्ट्या तु नास्त्येव तत्त्वमेवास्ति केवलम् ।
व्यावहारिक दृष्टिस्तु प्रकाशाव्यभिचारितः ॥ १९ ॥
tattvadṛṣṭyā tu nāstyeva tattvamevāsti kevalam |
vyāvahārika dṛṣṭistu prakāśāvyabhicāritaḥ || 19 ||
20.
प्रकाश एव सततं तस्मादद्वैत एव हि ।
अद्वैतमिति चोक्तिश्च प्रकाशाव्यभिचारतः ॥ २० ॥
prakāśa eva satataṃ tasmādadvaita eva hi |
advaitamiti coktiśca prakāśāvyabhicārataḥ || 20 ||
21.
प्रकाश एव सततं तस्मान्मौनं हि युज्यते ।
अयमर्थो महान्यस्य स्वयमेव प्रकाशितः ॥ २१ ॥
prakāśa eva satataṃ tasmānmaunaṃ hi yujyate |
ayamartho mahānyasya svayameva prakāśitaḥ || 21 ||
22.
न स जीवो न च ब्रह्मा न चान्यदपि किंचन ।
न तस्य वर्णा विद्यन्ते नाश्रमाश्च तथैव च ॥ २२ ॥
na sa jīvo na ca brahmā na cānyadapi kiṃcana |
na tasya varṇā vidyante nāśramāśca tathaiva ca || 22 ||
23.
न तस्य धर्मोऽधर्मश्च न निषेधो विधिर्न च ।
यदा ब्रह्मात्मकं सर्वं विभाति तत एव तु ॥ २३ ॥
na tasya dharmo'dharmaśca na niṣedho vidhirna ca |
yadā brahmātmakaṃ sarvaṃ vibhāti tata eva tu || 23 ||
24.
तदा दुःखादिभेदोऽयमाभासोऽपि न भासते ।
जगज्जीवादिरूपेण पश्यन्नपि परात्मवित् ॥ २४ ॥
tadā duḥkhādibhedo'yamābhāso'pi na bhāsate |
jagajjīvādirūpeṇa paśyannapi parātmavit || 24 ||
25.
न तत्पश्यति चिद्रूपं ब्रह्मवस्त्वेव पश्यति ।
धर्मधर्मित्ववार्ता च भेदे सति हि भिद्यते ॥ २५ ॥
na tatpaśyati cidrūpaṃ brahmavastveva paśyati |
dharmadharmitvavārtā ca bhede sati hi bhidyate || 25 ||
26.
भेदाभेदस्तथा भेदाभेदः साक्षात्परात्मनः ।
नास्ति स्वात्मातिरेकेण स्वयमेवास्ति सर्वदा ॥ २६ ॥
bhedābhedastathā bhedābhedaḥ sākṣātparātmanaḥ |
nāsti svātmātirekeṇa svayamevāsti sarvadā || 26 ||
27.
ब्रह्मैव विद्यते साक्षाद्वस्तुतोऽवस्तुतोऽपि च ।
तथैव ब्रह्मविज्ज्ञानी किं गृह्णाति जहाति किम् ॥ २७ ॥
brahmaiva vidyate sākṣādvastuto'vastuto'pi ca |
tathaiva brahmavijjñānī kiṃ gṛhṇāti jahāti kim || 27 ||
28.
अधिष्ठानमनौपम्यमवाङ्मनसगोचरम् ।
यत्तदद्रेश्यमग्राह्यमगोत्रं रूपवर्जितम् ॥ २८ ॥
adhiṣṭhānamanaupamyamavāṅmanasagocaram |
yattadadreśyamagrāhyamagotraṃ rūpavarjitam || 28 ||
29.
अचक्षुःश्रोत्रमत्यर्थं तदपाणिपदं तथा ।
नित्यं विभुं सर्वगतं सुसूख्मं च तदव्ययम् ॥ २९ ॥
acakṣuḥśrotramatyarthaṃ tadapāṇipadaṃ tathā |
nityaṃ vibhuṃ sarvagataṃ susūkhmaṃ ca tadavyayam || 29 ||
30.
ब्रह्मैवेदममृतं तत्पुरस्ताद्- ब्रह्मानन्दं परमं चैव पश्चात् ।
ब्रह्मानन्दं परमं दक्षिणे च ब्रह्मानन्दं परमं चोत्तरे च ॥ ३० ॥
brahmaivedamamṛtaṃ tatpurastād- brahmānandaṃ paramaṃ caiva paścāt |
brahmānandaṃ paramaṃ dakṣiṇe ca brahmānandaṃ paramaṃ cottare ca || 30 ||
31.
स्वात्मन्येव स्वयं सर्वं सदा पश्यति निर्भयः ।
तदा मुक्तो न मुक्तश्च बद्धस्यैव विमुक्तता ॥ ३१ ॥
svātmanyeva svayaṃ sarvaṃ sadā paśyati nirbhayaḥ |
tadā mukto na muktaśca baddhasyaiva vimuktatā || 31 ||
32.
एवंरूपा परा विद्या सत्येन तपसापि च ।
ब्रह्मचर्यादिभिर्धर्मैर्लभ्या वेदान्तवर्त्मना ॥ ३२ ॥
evaṃrūpā parā vidyā satyena tapasāpi ca |
brahmacaryādibhirdharmairlabhyā vedāntavartmanā || 32 ||
33.
स्वशरीरे स्वयंज्योतिःस्वरूपं पारमार्थिकम् ।
क्षीणदोषः प्रपश्यन्ति नेतरे माययावृताः ॥ ३३ ॥
svaśarīre svayaṃjyotiḥsvarūpaṃ pāramārthikam |
kṣīṇadoṣaḥ prapaśyanti netare māyayāvṛtāḥ || 33 ||
34.
एवं स्वरूपविज्ञानं यस्य कस्यास्ति योगिनः ।
कुत्रचिद्गमनं नास्ति तस्य सम्पूर्णरूपिणः ॥ ३४ ॥
evaṃ svarūpavijñānaṃ yasya kasyāsti yoginaḥ |
kutracidgamanaṃ nāsti tasya sampūrṇarūpiṇaḥ || 34 ||
35.
आकाशमेकं सम्पूर्णं कुत्रचिन्न हि गच्छति ।
तद्वद्ब्रह्मात्मविच्छ्रेष्ठः कुत्रचिन्नैव गच्छति ॥ ३५ ॥
ākāśamekaṃ sampūrṇaṃ kutracinna hi gacchati |
tadvadbrahmātmavicchreṣṭhaḥ kutracinnaiva gacchati || 35 ||
36.
अभक्ष्यस्य निवृत्त्या तु विशुद्धं हृदयं भवेत् ।
आहारशुद्धौ चित्तस्य विशुद्धिर्भवति स्वतः ॥ ३६ ॥
abhakṣyasya nivṛttyā tu viśuddhaṃ hṛdayaṃ bhavet |
āhāraśuddhau cittasya viśuddhirbhavati svataḥ || 36 ||
37.
चित्तशुद्धौ क्रमाज्ज्ञानं त्रुट्यन्ति ग्रन्थयः स्फुटम् ।
अभक्ष्यं ब्रह्मविज्ञानविहीनस्यैव देहिनः ॥ ३७ ॥
cittaśuddhau kramājjñānaṃ truṭyanti granthayaḥ sphuṭam |
abhakṣyaṃ brahmavijñānavihīnasyaiva dehinaḥ || 37 ||
38.
न सम्यग्ज्ञानिनस्तद्वत्स्वरूपं सकलं खलु ।
अहमन्नं सदान्नाद इति हि ब्रह्मवेदनम् ॥ ३८ ॥
na samyagjñāninastadvatsvarūpaṃ sakalaṃ khalu |
ahamannaṃ sadānnāda iti hi brahmavedanam || 38 ||
39.
ब्रह्मविद्ग्रसति ज्ञानात्सर्वं ब्रह्मात्मनैव तु ।
ब्रह्मक्षत्रादिकं सर्वं यस्य स्यादोदनं सदा ॥ ३९ ॥
brahmavidgrasati jñānātsarvaṃ brahmātmanaiva tu |
brahmakṣatrādikaṃ sarvaṃ yasya syādodanaṃ sadā || 39 ||
40.
यस्योपसेचनं मृत्युस्तं ज्ञानी तादृशः खलु ।
ब्रह्मस्वरूपविज्ञानाज्जगद्भोज्यं भवेत्खलु ॥ ४० ॥
yasyopasecanaṃ mṛtyustaṃ jñānī tādṛśaḥ khalu |
brahmasvarūpavijñānājjagadbhojyaṃ bhavetkhalu || 40 ||
41.
जगदात्मतया भाति यदा भोज्यं भवेत्तदा ।
ब्रह्मस्वात्मतया नित्यं भक्षितं सकलं तदा ॥ ४१ ॥
jagadātmatayā bhāti yadā bhojyaṃ bhavettadā |
brahmasvātmatayā nityaṃ bhakṣitaṃ sakalaṃ tadā || 41 ||
42.
यदाभासेन रूपेण जगद्भोज्यं भवेत तत् ।
मानतः स्वात्मना भातं भक्षितं भवति ध्रुवम् ॥ ४२ ॥
yadābhāsena rūpeṇa jagadbhojyaṃ bhaveta tat |
mānataḥ svātmanā bhātaṃ bhakṣitaṃ bhavati dhruvam || 42 ||
43.
स्वस्वरूपं स्वयं भुङ्क्ते नास्ति भोज्यं पृथक् स्वतः ।
अस्ति चेदस्तितारूपं ब्रह्मैवास्तित्वलक्षणम् ॥ ४३ ॥
svasvarūpaṃ svayaṃ bhuṅkte nāsti bhojyaṃ pṛthak svataḥ |
asti cedastitārūpaṃ brahmaivāstitvalakṣaṇam || 43 ||
44.
अस्तितालक्षणा सत्ता सत्ता ब्रह्म न चापरा ।
नास्ति सत्तातिरेकेण नास्ति माया च वस्तुतः ॥ ४४ ॥
astitālakṣaṇā sattā sattā brahma na cāparā |
nāsti sattātirekeṇa nāsti māyā ca vastutaḥ || 44 ||
45.
योगिनामात्मनिष्ठानां माया स्वात्मनि कल्पिता ।
साक्षिरूपतया भाति ब्रह्मज्ञानेन बाधिता ॥ ४५ ॥
yogināmātmaniṣṭhānāṃ māyā svātmani kalpitā |
sākṣirūpatayā bhāti brahmajñānena bādhitā || 45 ||
46.
ब्रह्मविज्ञानसम्पन्नः प्रतीतमखिलं जगत् ।
पश्यन्नपि सदा नैव पश्यति स्वात्मनः पृथक् ॥ ४६ ॥
brahmavijñānasampannaḥ pratītamakhilaṃ jagat |
paśyannapi sadā naiva paśyati svātmanaḥ pṛthak || 46 ||
Abschluss der Pashupatabrahma Upanishad
इत्युपनिषत् ॥
ityupaniṣat ||
Shanti Mantra
ॐ भद्रं कर्णेभिः शृणुयाम देवाः ।
भद्रं पश्येमाक्षभिर्यजत्राः ।
स्थिरैरङ्गैस्तुष्टुवांसस्तनूभिर्व्यशेम देवहितं यदायुः ॥
स्वस्ति न इन्द्रो वृद्धश्रवाः ।
स्वस्ति नः पूषा विश्ववेदाः ।
स्वस्ति नस्तार्क्ष्यो अरिष्टनेमिः ।
स्वस्ति नो बृहस्पतिर्दधातु ॥
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥
हरिः ॐ तत्सत् ॥
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devāḥ |
bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvāṃsastanūbhirvyaśema devahitaṃ yadāyuḥ ||
svasti na indro vṛddhaśravāḥ |
svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo ariṣṭanemiḥ |
svasti no bṛhaspatirdadhātu ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
hariḥ oṃ tatsat ||
इति पाशुपतब्रह्मोपनिषत्समाप्ता ॥
iti pāśupatabrahmopaniṣatsamāptā ||
Damit ist die Pashupatabrahma Upanishad beendet.