Brahma Upanishad: Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Brahma Upanishad''' ([[Sanskrit]]: ''f''.) ist ein Teil der indischen [[Heilig]]en [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Schriften], die [http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veda] genannt werden. Die Brahma Upanishad gehört zum [[Atharvaveda]] und wird außerdem den [[Sannyasa Upanishaden]] zugeordnet.  
Die '''Brahma Upanishad''' ([[Sanskrit]]: ब्रह्मोपनिषत्, ''Brahmopaniṣat'' ''f''.), die Upanishad über Brahman, ist ein Teil der indischen [[Heilig]]en [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Schriften], die [http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veda] genannt werden. Die Brahma Upanishad gehört zum [[Atharvaveda]] und wird außerdem den [[Sannyasa Upanishaden]] zugeordnet. Sie spricht über die vier [[Zustand|Zustände]] des [[Atman]] und [[Sannyasa]].


[[Datei:Spinnennetz.jpg|thumb|"Gleichwie die Spinne den Faden ausläßt und wieder in sich zieht, so geht im Wachen und Schlafen die Seele aus und wieder ein." Zitat: Brahma Up.]]
[[Datei:Locke Frisur Haar Kopf.JPG|thumb|"Wer wie des Feuers Spitzflamme nur der Erkenntnis Locke trägt, der trägt wirklich die Haarlocke, die anderen tragen Haare nur." Zitat: Brahma Up.]]
 
Die '''Brahma Upanishad''' gehört zu den [[Sannyasa Upanishaden]] und wird in der [[Muktika Upanishad|Muktika-Liste]] als elfte der 108 Upanishaden geführt. Die heute übliche Zuordnung verbindet sie mit dem [[Krishna Yajurveda]]. Eine verbreitete Sanskritfassung schließt jedoch mit einem Kolophon zum [[Atharvaveda]]; diese Abweichung ist Teil ihrer vielgestaltigen Überlieferung. Der Titel bedeutet „Upanishad über [[Brahman]]“ oder „geheime Lehre vom Absoluten“.
 
Die Schrift fragt, was den Körper, den Atem und die Sinne von innen her belebt. Ihre Antwort führt vom [[Prana]] zum [[Atman]] und von den vier Bewusstseinszuständen – [[Jagrat]], [[Svapna]], [[Sushupti]] und [[Turiya]] – zur Erkenntnis des einen, ungeteilten Selbst. Besonders eindrücklich ist die Lehre vom inneren heiligen Faden: Für den verwirklichten Entsagenden sind nicht äußere Zeichen, sondern [[Jnana]], Selbsterkenntnis und die Verankerung in Brahman der wahre Opferfaden und die wahre [[Shikha]].
 
[[Datei:Vedanta-medit.jpg|thumb|Die Brahma Upanishad führt von äußeren Zeichen zur unmittelbaren Erkenntnis des einen Selbst.]]
 
Damit bildet die Brahma Upanishad eine Brücke zwischen älteren upanishadischen Lehren über Atem, Tiefschlaf und Herzraum und der späteren Spiritualität der Entsagung. Ihre [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] ist vor allem eine Verinnerlichung: Der eigene Atman wird zum unteren Reibholz, [[Om]] zum oberen, und durch beharrliche Sammlung soll das verborgene Licht wie Feuer aus dem Holz hervortreten. Für heutige Übende macht sie deutlich, dass [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] nicht in einer äußeren Rolle aufgeht. Entscheidend ist, ob Wissen zu gelebter Wahrhaftigkeit, innerer Freiheit und der Schau des einen Bewusstseins in allen Wesen wird.
 
== Brahma Upanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung ==
 
Die folgende Lesefassung folgt der verbreiteten, in vier Abschnitte gegliederten Sanskritüberlieferung. Die kritische Ausgabe von F. Otto Schrader ordnet denselben Stoff in drei Kapitel. Weil die ersten beiden Abschnitte lange Prosaeinheiten sind, werden sie hier für Übersetzung und Worterklärung redaktionell in kleinere Sinnabschnitte geteilt. Die Buchstaben 1a, 1b usw. sind daher '''keine überlieferten Verszahlen'''. Echte Lücken und unsichere Lesarten werden genannt; sie werden nicht durch scheinbar sichere Rekonstruktionen verdeckt.
 
=== Shanti Mantra ===
 
oṃ saha nāvavatu |<br>
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
'''Om. Möge Brahman uns beide – Lehrenden und Lernenden – beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große geistige Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''oṃ'' – Om; ''saha nau avatu'' – möge es uns beide beschützen; ''saha nau bhunaktu'' – möge es uns beide nähren; ''saha vīryam karavāvahai'' – mögen wir gemeinsam Kraft entfalten; ''tejasvinau adhītam astu'' – möge das von uns Gelernte lichtvoll sein; ''mā vidviṣāvahai'' – mögen wir einander nicht ablehnen; ''śāntiḥ'' – Frieden ([[Shanti]]).
 
=== Erster Abschnitt – Prana, Schlaf und Erwachen ===
 
'''1a. Shaunakas Frage nach dem inneren Lenker'''<br>
oṃ śaunako ha vai mahāśālo’ṅgirasaṃ bhagavantaṃ pippalādamapṛcchat |<br>
divye brahmapure sampratiṣṭhitā bhavanti kathaṃ sṛjanti kasyaiṣa mahimā babhūva yo hyeṣa mahimā babhūva ka eṣaḥ |<br>
 
'''Om. Shaunaka, ein angesehener Hausherr, fragte den verehrungswürdigen Pippalada aus dem Geschlecht der Angiras: „Wie sind sie – die Lebens- und Sinneskräfte – in der göttlichen Brahman-Stadt, dem menschlichen Körper, gegründet? Wie treten sie schöpferisch nach außen? Von wem stammt diese ihre Macht? Wer ist jener, dem diese Macht gehört?“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''oṃ'' – [[Om]]; ''śaunakaḥ'' – Shaunaka; ''mahāśālaḥ'' – angesehener, wohlhabender Hausherr; ''āṅgirasam'' – aus dem Geschlecht des [[Angiras]]; ''bhagavantam'' – den Ehrwürdigen; ''pippalādam'' – [[Pippalada]]; ''apṛcchat'' – fragte; ''divye brahmapure'' – in der göttlichen Brahman-Stadt, sinnbildlich im Körper; ''sampratiṣṭhitāḥ'' – fest gegründet; ''katham sṛjanti'' – wie wirken beziehungsweise treten sie nach außen; ''kasya eṣaḥ mahimā'' – wessen Macht ist dies; ''kaḥ eṣaḥ'' – wer ist dieser?
 
'''1b. Prana und Atman als Ursprung der Kräfte'''<br>
tasmai sa hovāca brahmavidyāṃ variṣṭhām |<br>
prāṇo hyeṣa ātmā | ātmano mahimā babhūva devānāmāyuḥ sa devānāṃ nidhanamanidhanaṃ divye brahmapure virajaṃ niṣkalaṃ śubhramakṣaraṃ yadbrahma vibhāti |<br>
sa niyacchati madhukararājānaṃ mākṣikavaditi |<br>
yathā mākṣikaikena tantunā jālaṃ vikṣipati tenāpakarṣati tathaivaiṣa prāṇo yadā yāti saṃsṛṣṭamākṛṣya |<br>
prāṇadevatāstāḥ sarvā nāḍyaḥ |<br>
 
'''Pippalada verkündete ihm die höchste [[Brahmavidya]]: „Dieser [[Prana]] ist der [[Atman]]. Aus dem Selbst stammt diese Macht. Er ist das Leben der Götter – hier der Sinneskräfte –, ihr Ursprung und ihr Ende. Im göttlichen Brahman-Palast leuchtet das fleckenlose, ungeteilte, reine und unvergängliche Brahman. Es lenkt die Kräfte wie eine Bienenkönigin ihren Schwarm. Wie eine Spinne aus einem einzigen Faden ihr Netz hervorbringt und wieder einzieht, so zieht der Prana beim Rückzug das von ihm Entfaltete wieder an sich. Alle Nadis gehören zu den vom Prana getragenen Kräften.“'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''brahmavidyām variṣṭhām'' – die höchste Erkenntnis Brahmans; ''prāṇaḥ hi eṣaḥ ātmā'' – dieser Prana ist der Atman; ''ātmanaḥ mahimā'' – die Macht des Selbst; ''devānām āyuḥ'' – Leben der Götter beziehungsweise Sinneskräfte; ''nidhanam anidhanam'' – Ende und Nicht-Ende, auch Ursprung; ''virajam'' – frei von Staub und Leidenschaft; ''niṣkalam'' – ohne Teile; ''śubhram'' – rein, licht; ''akṣaram'' – unvergänglich ([[Akshara]]); ''niyacchati'' – lenkt; ''madhukara-rājānam'' – Bienenkönigin beziehungsweise „König der Bienen“; ''tantunā'' – mit einem Faden; ''jālam vikṣipati'' – breitet ein Netz aus; ''apakarṣati'' – zieht es zurück; ''prāṇa-devatāḥ'' – vom Prana getragene Kräfte; ''nāḍyaḥ'' – [[Nadi]]s. Die Bienen-/Spinnenstelle ist in den Handschriften gestört; die Übersetzung folgt dem durch die [[Prashna Upanishad]] gestützten Sinn.
 
'''1c. Tiefschlaf als Rückkehr zum inneren Sitz'''<br>
suṣvape śyenākāśavadyathā khaṃ śyenamāśritya yāti svamālayamevaṃ suṣupto brūte |<br>
yathaivaiṣa devadatto yaṣṭyāpi tāḍyamāno na vettyevamiṣṭāpūrtaiḥ śubhāśubhairna lipyate |<br>
yathā kumāro niṣkāma ānandamupayāti tathaivaiṣa devadattaḥ svapna ānandamabhiyāti |<br>
 
'''Im tiefen Schlaf kehrt der Lebenshauch durch die Nadis zu seinem Sitz zurück, wie ein Falke nach seinem Flug im Raum zum Nest heimkehrt. Ein tief Schlafender nimmt selbst Stockschläge nicht wahr; ebenso wird das Selbst in diesem Zustand nicht von Ritualverdienst und guten oder schlechten Taten berührt. Wie ein Kind ohne berechnendes Begehren Freude erfährt, so gelangt der Mensch im Tiefschlaf zu einer stillen Glückserfahrung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''suṣvape'' – beim tiefen Schlaf; ''śyena'' – Falke; ''ākāśavat'' – wie im Raum; ''svam ālayam yāti'' – geht zu seinem eigenen Sitz; ''suṣuptaḥ'' – tief schlafend ([[Sushupti]]); ''devadattaḥ'' – „Devadatta“, Beispielname für einen Menschen; ''yaṣṭyā api tāḍyamānaḥ'' – selbst mit einem Stock geschlagen; ''na vetti'' – nimmt nicht wahr; ''iṣṭāpūrtaiḥ'' – durch Opfer und verdienstvolle Werke; ''śubha-aśubhaiḥ'' – durch Gutes und Schlechtes; ''na lipyate'' – wird nicht befleckt; ''kumāraḥ'' – Kind; ''niṣkāmaḥ'' – ohne Begehren; ''ānandam upayāti'' – gelangt zu Freude ([[Ananda]]).
 
'''1d. Höchstes Licht, Traum und das Gleichnis der Blutegel'''<br>
veda eva paraṃ jyotiḥ jyotiṣkāmo jyotirānandayate |<br>
bhūyastenaiva svapnāya gacchati jalaukāvat |<br>
yathā jalaukāgramagraṃ nayatyātmānaṃ nayati paraṃ sandhāya | yatparaṃ nāparaṃ tyajati sa jāgradabhidhīyate |<br>
 
'''Er erkennt das höchste Licht; wer dieses Licht sucht, findet Freude im Licht. Auf demselben Weg gelangt er wieder in den Traumzustand, einer Blutegel ähnlich: Sie streckt sich von einem Halt zum nächsten, fasst den neuen und lässt den früheren erst danach los. So verbindet das Bewusstsein die Zustände miteinander; der Übergang zum Wachsein wird auf diese Weise erklärt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''veda'' – er erkennt; ''param jyotiḥ'' – das höchste Licht ([[Jyoti]]); ''jyotiṣ-kāmaḥ'' – nach dem Licht verlangend; ''svapnāya gacchati'' – geht zum Traumzustand ([[Svapna]]); ''jalaukā-vat'' – wie eine Blutegel; ''agram agram nayati'' – führt das Vorderende weiter; ''param sandhāya'' – den nächsten Halt ergriffen habend; ''aparam na tyajati'' – lässt den vorigen nicht vorher los; ''jāgrat'' – Wachzustand ([[Jagrat]]); ''abhidhīyate'' – wird genannt. Die Syntax des überlieferten Übergangs ist knapp und teilweise beschädigt.
 
'''1e. Der erwachte Mensch und die acht Wahrnehmungsorgane'''<br>
yathaivaiṣa kapālāṣṭakaṃ saṃnayati | tameva stana iva lambate vedadevayonaḥ |<br>
yatra jāgrati śubhāśubhaṃ niruktamasya devasya sa samprasādo’ntaryāmī khagaḥ karkaṭakaḥ puṣkaraḥ puruṣaḥ prāṇo haṃsaḥ parāparaṃ brahma ātmā devatā vedayati |<br>
 
'''Wie ein Opfernder acht Opferschalen zusammenführt, so führt das erwachte Selbst die acht Wahrnehmungs- und Handlungsorgane zusammen. Die folgende Wendung über etwas, das wie eine Brustwarze herabhängt und als „Ursprung der Götter“ bezeichnet wird, ist textlich lückenhaft; wahrscheinlich ist – in Anlehnung an die [[Taittiriya Upanishad]] – das Zäpfchen am Gaumen gemeint. Im Erwachen werden Gut und Böse für dieses verkörperte Wesen wirksam. Doch der innerste Lenker ist zugleich vollkommene Stille: Vogel, Krebs, Lotusraum, [[Purusha]], Prana und [[Hamsa]], höheres und niederes Brahman, Atman und die Kraft, die alle Sinne zum Erkennen bringt.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''kapāla-aṣṭakam'' – acht Opferschalen; sinngemäß die acht Erfasser; ''saṃnayati'' – führt zusammen; ''stana iva lambate'' – hängt wie eine Brustwarze herab; ''veda-deva-yoniḥ'' – Ursprung der Veden beziehungsweise Sinnesgötter; ''jāgrati'' – im Wachen; ''śubha-aśubham'' – Gutes und Schlechtes; ''samprasādaḥ'' – vollkommene Ruhe, Klarheit; ''antaryāmī'' – innerer Lenker ([[Antaryamin]]); ''khagaḥ'' – Vogel; ''karkaṭakaḥ'' – Krebs; ''puṣkaraḥ'' – Lotus oder Raum; ''puruṣaḥ'' – geistiges Wesen; ''prāṇaḥ'' – Lebenshauch; ''haṃsaḥ'' – Hamsa; ''parāparam brahma'' – höheres und niederes Brahman; ''vedayati'' – lässt erkennen. In diesem Teil weist der Sanskrittext eine echte Lücke auf.
 
'''1f. Frucht der Erkenntnis'''<br>
ya evaṃ veda sa paraṃ brahmadhāma kṣetrajñamupaiti || 1 ||<br>
 
'''Wer dies erkennt, gelangt zum höchsten Sitz Brahmans und zum [[Kshetrajna]], dem Kenner des Feldes.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yaḥ evam veda'' – wer so erkennt; ''param brahma-dhāma'' – höchster Sitz Brahmans; ''kṣetrajñam'' – den Kenner des Feldes, das Bewusstseinsprinzip; ''upaiti'' – erreicht, gelangt zu.
 
=== Zweiter Abschnitt – Die vier Zustände und der Herzraum ===
 
'''2a. Vier Sitze und vier Bewusstseinszustände'''<br>
athāsya puruṣasya catvāri sthānāni bhavanti nābhirhṛdayaṃ kaṇṭhaṃ mūrdheti |<br>
tatra catuṣpādaṃ brahma vibhāti | jāgaritaṃ svapnaṃ suṣuptaṃ turīyamiti |<br>
jāgarite brahmā svapne viṣṇuḥ suṣuptau rudrasturīyaṃ paramākṣaram |<br>
ādityaśca viṣṇuśceśvaraśca sa puruṣaḥ sa prāṇaḥ sa jīvaḥ so’gniḥ seśvaraśca jāgratteṣāṃ madhye yatparaṃ brahma vibhāti |<br>
 
'''Dieser Purusha besitzt vier Sitze: Nabel, Herz, Kehle und Haupt. In ihnen leuchtet Brahman vierfüßig als Wachen, Traum, Tiefschlaf und [[Turiya]], der „vierte“ Zustand. Im Wachen erscheint es als [[Brahma]], im Traum als [[Vishnu]], im Tiefschlaf als [[Rudra]] und im Turiya als das höchste Unvergängliche. Es ist Sonne, Vishnu und Ishvara, Purusha, Prana, Jiva und das wachende Feuer. Inmitten all dieser Formen leuchtet das höchste Brahman.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''puruṣasya catvāri sthānāni'' – vier Sitze des Purusha; ''nābhiḥ'' – Nabel; ''hṛdayam'' – Herz; ''kaṇṭham'' – Kehle; ''mūrdhā'' – Haupt, Scheitel; ''catuṣpādam brahma'' – Brahman mit vier Füßen; ''jāgaritam'' – Wachen; ''svapnam'' – Traum; ''suṣuptam'' – Tiefschlaf; ''turīyam'' – das Vierte; ''param akṣaram'' – höchstes Unvergängliches; ''ādityaḥ'' – Sonne; ''īśvaraḥ'' – Herr ([[Ishvara]]); ''jīvaḥ'' – Einzelseele; ''agniḥ'' – Feuer; ''teṣām madhye'' – in ihrer Mitte; ''param brahma vibhāti'' – das höchste Brahman leuchtet.
 
'''2b. Brahman jenseits aller Gegensätze'''<br>
svayamamanaskamaśrotramapāṇipādaṃ jyotirvarjitaṃ na tatra lokā nālokā vedā nāvedāḥ devā nādevāḥ yajñā nāyajñāḥ mātā nāmātā pitā nāpitā snuṣā nāsnuṣā cāṇḍālo nācāṇḍālaḥ paulkaso nāpaulkasaḥ śramaṇo nāśramaṇaḥ paśavo nāpaśavastāpaso nātāpasa ityekameva paraṃ brahma vibhāti |<br>
 
'''Aus sich selbst ist das höchste Brahman ohne denkenden Geist, ohne Ohren, Hände und Füße und ohne ein gegenständliches Licht. Dort verlieren die Gegensätze ihren letzten Halt: Welt und Nicht-Welt, Veda und Nicht-Veda, Gott und Nicht-Gott, Opfer und Nicht-Opfer, Mutter und Nicht-Mutter, Vater und Nicht-Vater, gesellschaftlicher Rang und sein Gegenteil, Entsagender und Nicht-Entsagender, Tier und Asket. Allein das eine höchste Brahman leuchtet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''amanaskam'' – ohne begrenzenden Geist; ''aśrotram'' – ohne Ohr; ''apāṇi-pādam'' – ohne Hände und Füße; ''jyotiḥ-varjitam'' – ohne gegenständliches Licht; ''lokāḥ na alokāḥ'' – Welten und Nicht-Welten verlieren ihre Unterscheidung; ''vedāḥ na avedāḥ'' – Veden und Nicht-Veden; ''devāḥ na adevāḥ'' – Götter und Nicht-Götter; ''yajñāḥ na ayajñāḥ'' – Opfer und Nicht-Opfer; ''cāṇḍālaḥ'' / ''paulkasaḥ'' – historische Bezeichnungen gesellschaftlich ausgegrenzter Gruppen; ''śramaṇaḥ'' – Entsagender; ''tāpasaḥ'' – Asket; ''ekam eva'' – nur das Eine; ''param brahma'' – höchstes Brahman. Manche Handschriften lassen mehrere Negationen aus; die Lesart folgt der nichtdualen Parallelstelle der [[Brihadaranyaka Upanishad]].
 
'''2c. Der Raum des Herzens'''<br>
hṛdyākāśe tadvijñānamākāśaṃ tatsuṣiramākāśaṃ tadvedyaṃ hṛdyākāśaṃ yasminnidaṃ sañcarati vicarati yasminnidaṃ sarvamotaṃ protam |<br>
saṃvibhoḥ prajā jñāyeran |<br>
na tatra devā ṛṣayaḥ pitara īśate | pratibuddhaḥ sarvaviditi || 2 ||<br>
 
'''Im Raum des Herzens ist der Raum des Bewusstseins. Dieser feine, erkennbare Herzraum ist zugleich der unermessliche Raum, in dem sich das All bewegt und in den alles wie Kette und Schuss eingewebt ist. Wer den allgegenwärtigen Herrn in allen Wesen erkennt, wird zum höchsten Brahman – das ist Befreiung. Dort herrschen weder Götter noch Seher noch Ahnen über ihn; der Erwachte ist allwissend.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''hṛdi-ākāśe'' – im Raum des Herzens ([[Hridayakasha]]); ''vijñānam ākāśam'' – Raum des Bewusstseins; ''suṣiram'' – Höhlung, feiner Innenraum; ''vedyam'' – zu erkennen; ''yasmin idam sañcarati vicarati'' – worin dieses All sich hin und her bewegt; ''otam protam'' – als Kette und Schuss eingewebt; ''vibhoḥ'' – des allgegenwärtigen Herrn; ''prajāḥ'' – Wesen; ''jñāyeran'' – mögen erkannt werden; ''na īśate'' – herrschen nicht; ''pratibuddhaḥ'' – erwacht; ''sarvavit'' – alles erkennend. Die kurze Wendung ''saṃvibhoḥ prajā jñāyeran'' ist textlich unsicher; die Übersetzung gibt den Zusammenhang der kritischen Ausgabe wieder.
 
=== Dritter Abschnitt – Der innere heilige Faden ===
 
'''3a. Die Götter, Pranas und der dreifache Faden im Herzen'''<br>
hṛdisthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ |<br>
hṛdi prāṇaśca jyotiśca trivṛtsūtraṃ ca yanmahat ||<br>
hṛdi caitanye tiṣṭhati |<br>
 
'''Alle Gottheiten wohnen im Herzen; im Herzen sind alle Lebenskräfte gegründet. Im Herzen sind Prana, Licht und der große dreifach gedrehte Faden. Er ruht im Herzen, im Bewusstsein.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''hṛdisthāḥ devatāḥ'' – die im Herzen wohnenden Gottheiten; ''prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ'' – die Lebenskräfte sind gegründet; ''jyotiḥ'' – Licht; ''trivṛt-sūtram'' – dreifach gedrehter Faden; ''mahat'' – groß; ''hṛdi caitanye tiṣṭhati'' – er ruht im Herzen, im Bewusstsein. Der letzte Satz gilt in der kritischen Forschung wahrscheinlich als alte Glosse, die in den Text gelangte.
 
'''3b. Das Mantra des heiligen Fadens'''<br>
yajñopavītaṃ paramaṃ pavitraṃ prajāpateryatsahajaṃ purastāt |<br>
āyuṣyamagryaṃ pratimuñca śubhraṃ yajñopavītaṃ balamastu tejaḥ ||<br>
 
'''Lege den höchsten, heiligen Opferfaden an, der von alters her mit [[Prajapati]] entstanden ist, der das Leben fördert, rein und vortrefflich ist. Der Opferfaden sei Kraft und Leuchtkraft.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yajñopavītam'' – Opfer- oder Initiationsfaden; ''paramam pavitram'' – höchster Reiniger, überaus heilig; ''prajāpateḥ'' – Prajapatis; ''sahajam purastāt'' – von Anfang an mit ihm entstanden; ''āyuṣyam'' – das Leben fördernd; ''agryam'' – vortrefflich; ''pratimuñca'' – lege an; ''śubhram'' – rein, hell; ''balam'' – Kraft; ''tejaḥ'' – Leuchtkraft ([[Tejas]]).
 
'''3c. Vom äußeren zum inneren Faden'''<br>
saśikhaṃ vapanaṃ kṛtvā bahiḥsūtraṃ tyajedbudhaḥ |<br>
yadakṣaraṃ paraṃ brahma tatsūtramiti dhārayet ||<br>
sūcanātsūtramityāhuḥ sūtraṃ nāma paraṃ padam |<br>
tatsūtraṃ viditaṃ yena sa vipro vedapāragaḥ ||<br>
tena sarvamidaṃ protaṃ sūtre maṇigaṇā iva |<br>
tatsūtraṃ dhārayedyogī yogavittattvadarśivān ||<br>
 
'''Nachdem der Weise Haar und Haarknoten abrasiert hat, soll er den äußeren Faden ablegen und als seinen Faden das unvergängliche höchste Brahman tragen. Er heißt ''Sutra'', weil er auf das Höchste hinweist; Sutra ist der höchste Zustand. Wer diesen Faden kennt, ist ein wahrer Weiser und hat den Veda durchdrungen. Wie Perlen auf einem Faden ist dieses ganze All auf Brahman aufgereiht. Diesen Faden soll der Yogi tragen, der Yoga kennt und die Wahrheit schaut.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''sa-śikham vapanam kṛtvā'' – Haar samt [[Shikha]] abrasiert habend; ''bahiḥ-sūtram tyajet'' – den äußeren Faden ablegen; ''akṣaram param brahma'' – das unvergängliche höchste Brahman; ''dhārayet'' – soll tragen; ''sūcanāt sūtram'' – „Faden“, weil er hinweist; ''param padam'' – höchster Zustand; ''vipraḥ'' – Weiser, Brahmane; ''veda-pāragaḥ'' – einer, der ans andere Ufer des Veda gelangt ist; ''protam'' – aufgefädelt; ''maṇi-gaṇāḥ iva'' – wie Reihen von Perlen; ''yogī'' – Yogi; ''yoga-vit'' – Kenner des Yoga; ''tattva-darśivān'' – die Wirklichkeit schauend.
 
'''3d. Erkenntnis als Opferfaden und Haarknoten'''<br>
bahiḥsūtraṃ tyajedvidvānyogamuttamamāsthitaḥ |<br>
brahmabhāvamayaṃ sūtraṃ dhārayedyaḥ sa cetanaḥ ||<br>
dhāraṇāttasya sūtrasya nocchiṣṭo nāśucirbhavet |<br>
sūtramantargataṃ yeṣāṃ jñānayajñopavītinām ||<br>
te vai sūtravido loke te ca yajñopavītinaḥ |<br>
jñānaśikhino jñānaniṣṭhā jñānayajñopavītinaḥ ||<br>
jñānameva paraṃ teṣāṃ pavitraṃ jñānamuttamam |<br>
agneriva śikhā nānyā yasya jñānamayī śikhā ||<br>
sa śikhītyucyate vidvānitare keśadhāriṇaḥ || 3 ||<br>
 
'''Wer in den höchsten Yoga eingetreten ist, soll den äußeren Faden ablegen und den Faden tragen, dessen Wesen Brahman ist. Durch diesen inneren Faden wird er nicht unrein. Nur diejenigen kennen den wahren Faden und tragen das eigentliche Yajnopavita, deren Faden innen ist und deren Opferfaden Erkenntnis heißt. Erkenntnis ist ihr Haarknoten, in Erkenntnis stehen sie fest, Erkenntnis ist ihr Opferfaden und ihr höchster Reiniger. Wessen Shikha wie die Flamme des Feuers ganz aus Erkenntnis besteht, der heißt wahrhaft ein Träger der Shikha; die anderen tragen lediglich Haar.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''uttamam yogam āsthitaḥ'' – in den höchsten Yoga eingetreten; ''brahma-bhāva-mayam sūtram'' – Faden, der aus dem Sein Brahmans besteht; ''cetanaḥ'' – bewusst, einsichtig; ''na ucchiṣṭaḥ na aśuciḥ'' – weder befleckt noch unrein; ''sūtram antargatam'' – der Faden ist nach innen gegangen; ''jñāna-yajñopavītinām'' – derer, deren Opferfaden Erkenntnis ist; ''sūtra-vidaḥ'' – Kenner des wahren Fadens; ''jñāna-śikhinaḥ'' – Menschen mit Erkenntnis als Haarknoten; ''jñāna-niṣṭhāḥ'' – fest in Erkenntnis gegründet ([[Nishtha]]); ''jñānam eva param'' – Erkenntnis allein ist das Höchste; ''agneḥ iva śikhā'' – wie die Flamme des Feuers; ''keśa-dhāriṇaḥ'' – bloße Träger von Haar.
 
=== Vierter Abschnitt – Erkenntnis, Meditation und Einheit ===
 
'''4a. Äußeres Zeichen und innere Verwirklichung'''<br>
karmaṇyadhikṛtā ye tu vaidike brāhmaṇādayaḥ |<br>
taiḥ sandhāryamidaṃ sūtraṃ kriyāṅgaṃ taddhi vai smṛtam ||<br>
śikhā jñānamayī yasya upavītaṃ ca tanmayam |<br>
brāhmaṇyaṃ sakalaṃ tasya iti brahmavido viduḥ ||<br>
idaṃ yajñopavītaṃ tu pavitraṃ yatparāyaṇam |<br>
sa vidvānyajñopavītī syātsa yajñaḥ sa ca yajñavit ||<br>
 
'''Brahmanen und andere, die zur Ausführung vedischer Riten berechtigt sind, sollen den äußeren Faden tragen, denn er gilt als Bestandteil des Rituals. Doch vollständig im wahren Brahman-Sein steht nach den Brahman-Kennern derjenige, dessen Shikha und Opferfaden aus Erkenntnis bestehen. Wer auf diesen höchsten Opferfaden ausgerichtet ist, ist wahrhaft wissend: Er trägt den Opferfaden, er ist selbst das Opfer und kennt das Opfer.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''karmaṇi adhikṛtāḥ'' – zu den Ritualhandlungen berechtigt; ''vaidike'' – im vedischen Bereich; ''brāhmaṇa-ādayaḥ'' – Brahmanen und andere; ''sandhāryam'' – soll getragen werden; ''kriyā-aṅgam'' – Bestandteil des Rituals; ''jñāna-mayī śikhā'' – Haarknoten aus Erkenntnis; ''upavītam tat-mayam'' – ein ebenso aus Erkenntnis bestehender Faden; ''brāhmaṇyam sakalam'' – vollständiges Brahmanen-Sein; ''brahma-vidaḥ'' – Brahman-Kenner; ''yat-parāyaṇam'' – auf das Höchste gerichtet; ''sa yajñaḥ'' – er ist das Opfer; ''yajña-vit'' – Kenner des Opfers.
 
'''4b. Der eine Gott im Innern aller Wesen'''<br>
eko devaḥ sarvabhūteṣu gūḍhaḥ sarvavyāpī sarvabhūtāntarātmā |<br>
karmādhyakṣaḥ sarvabhūtādhivāsaḥ sākṣī cetā kevalo nirguṇaśca ||<br>
eko manīṣī niṣkriyāṇāṃ bahūnāmekaṃ santaṃ bahudhā yaḥ karoti |<br>
tamātmānaṃ ye’nupaśyanti dhīrāsteṣāṃ śāntiḥ śāśvatī netareṣām ||<br>
 
'''Ein Gott ist in allen Wesen verborgen, alldurchdringend und das innere Selbst aller Wesen. Er überwacht die Taten, ist die Wohnstatt aller, Zeuge und Erkennender, allein und ohne Eigenschaften. Der eine Weise macht das Eine unter den vielen scheinbar vielfach. Die Standhaften, die ihn als ihr eigenes Selbst schauen, erlangen ewigen Frieden – nicht die anderen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ekaḥ devaḥ'' – der eine Gott; ''sarva-bhūteṣu gūḍhaḥ'' – in allen Wesen verborgen; ''sarva-vyāpī'' – alldurchdringend; ''sarva-bhūta-antar-ātmā'' – inneres Selbst aller Wesen; ''karma-adhyakṣaḥ'' – Aufseher über die Taten; ''adhivāsaḥ'' – Wohnstatt; ''sākṣī'' – Zeuge ([[Sakshi]]); ''cetā'' – Erkennender; ''kevalaḥ'' – allein; ''nirguṇaḥ'' – ohne Eigenschaften ([[Nirguna]]); ''niṣkriyāṇām'' – unter den Untätigen; ''ekam santam bahudhā karoti'' – macht das eine Seiende scheinbar vielfältig; ''anupaśyanti'' – schauen unmittelbar; ''śāntiḥ śāśvatī'' – ewiger Frieden. Die Strophen entsprechen mit Varianten der [[Shvetashvatara Upanishad]] 6.11–12.
 
'''4c. Meditation als Reiben der Feuerhölzer'''<br>
ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |<br>
dhyānanirmathanābhyāsāddevaṃ paśyennigūḍhavat ||<br>
tileṣu tailaṃ dadhinīva sarpirāpaḥ srotaḥsvaraṇīṣu cāgniḥ |<br>
evamātmā’’tmani gṛhyate’sau satyenainaṃ tapasā yo’nupaśyati ||<br>
 
'''Mache den Atman zum unteren Feuerholz und den [[Pranava]] Om zum oberen. Durch das beständige Reiben der Meditation sollst du das verborgene Göttliche schauen wie das im Holz verborgene Feuer. Wie Öl in Sesamsamen, Butter in Dickmilch, Wasser in Flussläufen und Feuer in den Reibhölzern, so wird der Atman im eigenen Selbst erfasst – von dem, der ihn durch Wahrhaftigkeit und [[Tapas]] schaut.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ātmānam araṇim kṛtvā'' – den Atman zum Feuerholz gemacht; ''praṇavam uttara-araṇim'' – Pranava als oberes Reibholz; ''dhyāna-nirmathana-abhyāsāt'' – durch Übung des Reibens in [[Dhyana]]; ''devam paśyet'' – soll man das Göttliche schauen; ''nigūḍhavat'' – wie etwas Verborgenes; ''tileṣu tailam'' – Öl in Sesamsamen; ''dadhini sarpiḥ'' – Butterfett in Dickmilch; ''āpaḥ srotaḥsu'' – Wasser in Flussläufen; ''araṇīṣu agniḥ'' – Feuer in Reibhölzern; ''ātmani gṛhyate'' – wird im Selbst erfasst; ''satyena'' – durch Wahrhaftigkeit ([[Satya]]); ''tapasā'' – durch geistige Disziplin.
 
'''4d. Spinne, Herzlotus und die vier Zustände'''<br>
ūrṇanābhiryathā tantūnsṛjate saṃharatyapi |<br>
jāgratsvapne tathā jīvo gacchatyāgacchate punaḥ ||<br>
padmakośapratīkāśaṃ suṣiraṃ cāpyadhomukham |<br>
hṛdayaṃ tadvijānīyādviśvasyāyatanaṃ mahat ||<br>
netrasthaṃ jāgrataṃ vidyātkaṇṭhe svapnaṃ vinirdiśet |<br>
suṣuptaṃ hṛdayasthaṃ tu turīyaṃ mūrdhni saṃsthitam ||<br>
 
'''Wie eine Spinne ihre Fäden aus sich hervorbringt und wieder einzieht, so geht der Jiva in Wachen und Traum hinaus und kehrt wieder zurück. Erkenne das Herz als eine nach unten gerichtete, hohle Lotusknospe und als die große Wohnstatt des Weltganzen. Im Wachen ist das Bewusstsein im Auge, im Traum in der Kehle, im Tiefschlaf im Herzen und im Turiya am Scheitel gegründet.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''ūrṇanābhiḥ'' – Spinne; ''tantūn sṛjate saṃharati'' – bringt Fäden hervor und zieht sie zurück; ''jīvaḥ'' – Einzelseele; ''jāgrat-svapne'' – in Wachen und Traum; ''gacchati āgacchati'' – geht und kehrt zurück; ''padma-kośa-pratīkāśam'' – einer Lotusknospe ähnlich; ''suṣiram'' – hohl, einen Innenraum besitzend; ''adho-mukham'' – nach unten gerichtet; ''hṛdayam'' – Herz; ''viśvasya āyatanam mahat'' – große Wohnstatt des Alls; ''netrastham'' – im Auge befindlich; ''kaṇṭhe'' – in der Kehle; ''hṛdayastham'' – im Herzen; ''mūrdhni saṃsthitam'' – am Scheitel gegründet.
 
'''4e. Die verinnerlichte Sandhya'''<br>
yadātmā prajñayātmānaṃ sandhatte paramātmani |<br>
tena sandhyā dhyānameva tasmātsandhyābhivandanam ||<br>
nirudakā dhyānasandhyā vākkāyakleśavarjitā |<br>
sandhinī sarvabhūtānāṃ sā sandhyā hyekadaṇḍinām ||<br>
 
'''Wenn der Atman sich durch klare Einsicht mit dem höchsten Atman verbindet, wird Meditation selbst zur [[Sandhya]], zur heiligen Vereinigung. Darum übt der Entsagende diese innere Dämmerungsandacht. Sie braucht kein Wasser, erschöpft weder Sprache noch Körper und führt alle Wesen in der Einheit zusammen. Das ist die Sandhya der Träger des einen Stabes.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''prajñayā'' – durch Einsicht, Weisheit ([[Prajna]]); ''ātmānam sandhatte paramātmani'' – verbindet das Selbst mit dem höchsten Selbst; ''sandhyā'' – Übergang, Verbindung und Dämmerungsandacht; ''dhyānam eva'' – Meditation allein; ''nirudakā'' – ohne Wasser; ''vāk-kāya-kleśa-varjitā'' – frei von Mühe für Rede und Körper; ''sandhinī sarva-bhūtānām'' – alle Wesen verbindend; ''ekadaṇḍinām'' – der Ein-Stab-Entsagenden ([[Ekadandin]]).
 
'''4f. Die höchste Brahman-Lehre'''<br>
yato vāco nivartante aprāpya manasā saha |<br>
ānandametajjīvasya yaṃ jñātvā mucyate budhaḥ ||<br>
sarvavyāpinamātmānaṃ kṣīre sarpirivārpitam |<br>
ātmavidyātapomūlaṃ tadbrahmopaniṣatparam |<br>
sarvātmaikatvarūpeṇa tadbrahmopaniṣatparamiti || 4 ||<br>
 
'''Wovon Worte gemeinsam mit dem Denken zurückkehren, ohne es zu erreichen – das ist die Glückseligkeit des Jiva; wer sie erkennt, wird frei. Der Atman durchdringt alle Wesen wie Butterfett die Milch. Er ist die Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas. Dies ist die höchste Brahman-Upanishad: die Lehre von der Einheit des einen Selbst in allen Wesen.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''yataḥ vācaḥ nivartante'' – wovon die Worte zurückkehren; ''aprāpya manasā saha'' – ohne es zusammen mit dem Denken zu erreichen; ''ānandam'' – Glückseligkeit; ''yam jñātvā'' – welches erkannt habend; ''mucyate budhaḥ'' – wird der Weise befreit; ''sarva-vyāpinam ātmānam'' – den alldurchdringenden Atman; ''kṣīre sarpiḥ iva arpitam'' – wie Butterfett in Milch enthalten; ''ātma-vidyā-tapo-mūlam'' – Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas; ''brahmopaniṣat param'' – höchste geheime Brahman-Lehre; ''sarva-ātma-ekatva-rūpeṇa'' – in der Gestalt der Einheit des Selbst in allem.
 
=== Abschluss ===
 
ityatharvavede brahmopaniṣatsamāptā ||<br>
 
'''Damit endet die Brahma Upanishad, hier nach dem Kolophon der Atharvaveda-Fassung.'''
 
'''Wort-für-Wort-Erläuterung''': ''iti'' – so, damit; ''atharvavede'' – im Atharvaveda; ''brahmopaniṣat'' – Brahma Upanishad; ''samāptā'' – beendet, vollendet. Die übliche Muktika-Zuordnung zum Krishna Yajurveda wird unten erläutert.
 
oṃ saha nāvavatu |<br>
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
''Das Shanti Mantra wird am Ende wiederholt.''
 
'''Video: Spirituelle Yoga-Perspektiven – Samkhya, Patanjali und Vedanta'''
 
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== Brahma Upanishad: Hintergrund, Datierung, Inhalt und Bedeutung ==
 
=== Name, Einordnung und Überlieferung ===
 
''Brahmopaniṣat'' bedeutet wörtlich „die Upanishad des Brahman“. Gemeint ist nicht der Schöpfergott [[Brahma]], sondern überwiegend [[Brahman]], die höchste, unbedingte Wirklichkeit. Der Text gehört zur Gruppe der [[Sannyasa Upanishaden]], weil er äußere Kennzeichen des vedischen Haus- und Rituallebens – Opferfaden und Haarknoten – im Licht der Entsagung neu deutet. Er ist zugleich eine Schrift über [[Vedanta]], Bewusstseinszustände und innere Meditation.
 
In der Muktika-Liste steht die Brahma Upanishad an elfter Stelle und wird mit dem Krishna Yajurveda verbunden. Das Kolophon der hier verwendeten elektronischen Langfassung nennt dagegen den Atharvaveda. Solche schwankenden Veda-Zuordnungen sind bei kleineren Upanishaden nicht ungewöhnlich und sollten nicht durch eine stillschweigende Vereinheitlichung verdeckt werden. Die im Artikel wiedergegebene Schlussformel bleibt daher quellengetreu erhalten, während die Einleitung die gebräuchliche Muktika-Zuordnung nennt.
 
Auch die Gliederung ist nicht einheitlich. Die verbreitete Langfassung zählt vier große Abschnitte. Schraders kritische Ausgabe und Patrick Olivelles darauf beruhende Übersetzung behandeln den Stoff als drei Kapitel: Der Abschnitt über den inneren Opferfaden wird dort über die Kapitelgrenze hinweg gegliedert. Manche südindischen Ausgaben beginnen erst mit der Lehre von den vier Sitzen des Purusha und lassen den gesamten langen Dialog zwischen Shaunaka und Pippalada aus. Die vorliegende Fassung enthält ausdrücklich '''alle vier Abschnitte einschließlich dieses ersten Prosateils'''.
 
=== Datierung und Textschichten ===
 
Autor, Entstehungsort und genaue Zeit sind unbekannt. Eine punktgenaue Datierung wäre nicht seriös. Die Brahma Upanishad gehört nach Schrader und Sprockhoff zur älteren Gruppe der Sannyasa Upanishaden. Patrick Olivelle weist jedoch darauf hin, dass ihre Diskussion über den ständig getragenen Opferfaden in der erhaltenen Form eher in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung passt. Zugleich können einzelne Bestandteile deutlich älter sein. Am vorsichtigsten lässt sich daher sagen: '''Die heute vorliegende Komposition entstand wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten n. Chr.; ältere Lehrstücke und spätere Überarbeitungen sind möglich.'''
 
Der zusammengesetzte Charakter ist im Text selbst sichtbar. Die Sprache des ersten Kapitels erinnert an frühe Prosa-Upanishaden. Später folgen metrische Strophen und fast wörtliche Übernahmen aus der [[Shvetashvatara Upanishad]]. Manche Übergänge sind abgebrochen, einzelne Sätze nur schwer verständlich. Schraders kritische Ausgabe rekonstruiert beispielsweise einen ausgefallenen Vergleich mit der Bienenkönigin anhand der [[Prashna Upanishad]] 2.4. Eine weitere Lücke betrifft acht Opferschalen, die vermutlich die acht „Erfasser“ – Sinnes- und Handlungsorgane – versinnbildlichen. Solche Unsicherheiten sind kein Mangel dieser Wiki-Ausgabe, sondern Teil der realen Handschriftenüberlieferung.
 
=== Der Körper als Brahmapura ===
 
Die Upanishad beginnt mit dem Bild des Körpers als ''Brahmapura'', als „Stadt Brahmans“. Shaunakas Frage richtet sich nicht nur auf Anatomie. Er will wissen, wodurch Sehen, Hören, Sprechen und alle übrigen Lebensfunktionen ihre Fähigkeit erhalten. Pippaladas Antwort lautet zunächst: [[Prana]] ist der Atman. Dabei ist Prana mehr als Atemluft. Er bezeichnet die einigende Lebenskraft, in die sich die einzelnen Sinnesfunktionen im Schlaf zurückziehen und aus der sie beim Erwachen wieder hervortreten.
 
Der Text greift damit ein großes Motiv der frühen Upanishaden auf: Die Sinneskräfte heißen „Götter“, weil sie die Welt erschließen, doch ihre Macht ist nicht unabhängig. Wie die Bienen ihrem führenden Tier folgen und wie ein Netz aus einem Faden hervorgeht, so hängen die vielen Funktionen an einem inneren Prinzip. Für die Praxis bedeutet dies: Atembeobachtung kann den Geist sammeln, aber der Atem ist nicht das letzte Ziel. Er weist auf jenes Bewusstsein zurück, in dem Atem und Sinne erscheinen.
 
=== Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya ===
 
Die vier Sitze Nabel, Herz, Kehle und Haupt werden mit vier Zuständen verbunden: Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya. Die Gottheiten Brahma, Vishnu und Rudra stehen symbolisch für die ersten drei, während Turiya als das höchste Akshara gilt. Diese Lehre steht der [[Mandukya Upanishad]] nahe, ist aber körperbezogener: Bewusstseinszustände werden zugleich im inneren Raum des Menschen verortet.
 
Der Tiefschlaf besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Dort sind die gewöhnlichen Unterscheidungen zeitweise nicht wirksam; der Mensch erfährt eine wunschlose Ruhe, erkennt sie nach dem Erwachen jedoch meist nicht bewusst. Turiya ist nicht bloß ein noch tieferer Schlaf. Es ist das unveränderliche Bewusstsein, das Wachen, Traum und Tiefschlaf kennt, ohne auf einen dieser Zustände begrenzt zu sein. [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] soll nicht Bewusstlosigkeit erzeugen, sondern diese stets gegenwärtige Grundlage klar erkennen lassen.
 
[[Datei:Meditation_Licht_Herz_Anahata_Chakra_strahlen.jpg|thumb|Der Raum des Herzens ist in der Brahma Upanishad Sinnbild des unbegrenzten Bewusstseins.]]
 
=== Hridayakasha – der Raum des Herzens ===
 
Der [[Hridayakasha]], der Raum im Herzen, ist kein messbarer Hohlraum des Organs. Er ist ein kontemplatives Bild für [[Chidakasha]], den Raum des Bewusstseins. In ihm ist das gesamte Weltgewebe „als Kette und Schuss“ verwoben. Die Upanishad verbindet damit Nähe und Unendlichkeit: Das höchste Brahman muss nicht an einem entfernten Ort gesucht werden, und doch ist es nicht auf den Körper eingeschlossen.
 
Das Herz erscheint später als nach unten gerichtete Lotusknospe und als große Wohnstatt des Alls. Solche Bilder können in einer ruhigen Meditation verwendet werden: nicht als anatomische Behauptung, sondern als Einladung, Aufmerksamkeit, Atem und Gefühl im Herzzentrum zu sammeln und von dort die Grenzen des persönlichen Ichs zu überschreiten. Der entscheidende Schritt bleibt [[Viveka]], die Unterscheidung zwischen wechselnden Erfahrungen und dem unveränderlichen Zeugen.
 
=== Der innere Opferfaden und die Verinnerlichung des Rituals ===
 
Der bekannteste Teil der Brahma Upanishad deutet [[Yajnopavita]] und Shikha neu. Der äußere Opferfaden ist ein Bestandteil vedischer Ritualpraxis. Für den Entsagenden, der diese Praxis verlassen hat, soll Brahman selbst zum Faden werden, auf dem die Welt wie Perlen aufgereiht ist. Erkenntnis ist seine Shikha; Erkenntnis ist sein Opferfaden; Erkenntnis ist sein höchster Reiniger.
 
Diese Aussagen richten sich historisch an männliche brahmanische Entsagende und setzen die damalige Ritualordnung voraus. Sie sind weder eine allgemeine Abwertung religiöser Formen noch eine pauschale soziale Lehre. Der Text bestätigt ausdrücklich, dass Menschen, die vedische Riten vollziehen, den äußeren Faden als Ritualbestandteil tragen. Sein radikaler Punkt lautet vielmehr: Ein Zeichen erfüllt seinen höchsten Sinn erst, wenn es auf gelebte Erkenntnis verweist. Ohne innere Wandlung kann das äußere Symbol Verwirklichung nicht ersetzen.
 
Darin liegt eine zeitübergreifende spirituelle Botschaft. Mala, Kleidung, Titel, Unterrichtszertifikat oder Zugehörigkeit zu einer Tradition können hilfreich sein, doch sie sind nicht mit [[Moksha]] identisch. Ebenso darf jemand die Ablehnung äußerer Formen nicht mit Freiheit verwechseln. Innere Entsagung zeigt sich an geringerem Egoismus, Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Mitgefühl und an der Fähigkeit, das eine Selbst in anderen zu achten.
 
=== Das Feuer der Meditation ===
 
Das Gleichnis der Reibhölzer stammt aus der Shvetashvatara Upanishad: Der Atman ist das untere Holz, Om das obere, und Dhyana ist die beständige Reibung, durch die das verborgene Feuer sichtbar wird. Das Bild verbindet Anstrengung und Gnade. Das Feuer wird nicht von außen hergestellt; es ist bereits verborgen. Dennoch braucht es regelmäßige, ausdauernde Praxis, damit es hervortritt.
 
Die Vergleiche mit Öl im Sesam und Butterfett in der Milch vertiefen denselben Gedanken. [[Brahman]] ist nicht abwesend, nur weil es nicht wie ein Sinnesgegenstand erscheint. Es wird durch Satya, Tapas und Meditation erkannt. Für einen modernen Aspiranten kann daraus eine schlichte Praxis entstehen: einige Minuten ruhig sitzen, den Atem natürlich werden lassen, Om geistig wiederholen, die Aufmerksamkeit im Herzen sammeln und anschließend in wortloser Wachheit verweilen. Die Bilder der Schrift rechtfertigen keine gewaltsame Atemkontrolle und verlangen keine medizinische Deutung feinstofflicher Begriffe.
 
=== Beziehungen zu anderen Upanishaden und Schriften ===
 
Die Brahma Upanishad ist dicht mit älteren Texten verwoben. Das Bild der Sinne als Götter und ihres Rückzugs in den Prana hat Parallelen in [[Brihadaranyaka Upanishad]], [[Chandogya Upanishad]], Prashna Upanishad und [[Kaushitaki Upanishad]]. Der Falke des Tiefschlafs und die Spinne, die ihr Netz aus sich hervorbringt, gehören zu einem weit verbreiteten upanishadischen Bildschatz. Die vier Zustände erinnern an die Mandukya Upanishad. Der „Kenner des Feldes“ verbindet die Lehre mit dem dreizehnten Kapitel der [[Bhagavad Gita]].
 
Der Vers über das Eine, das in allen Wesen verborgen ist, sowie die Feuerholz-, Öl- und Buttergleichnisse stammen mit Varianten aus Shvetashvatara Upanishad 6.11–12 und 1.14–16. Die Wendung, dass Sprache und Geist vor Brahman umkehren, steht der [[Taittiriya Upanishad]] nahe. Das erste Kapitel der Brahma Upanishad wurde später nahezu vollständig als erstes Kapitel der [[Parabrahma Upanishad]] übernommen. So ist der Text zugleich Empfänger älterer Traditionen und Quelle späterer Sannyasa-Literatur.
 
=== Bedeutung für den heutigen Yoga Aspiranten ===
 
Für heutige [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga]-Übende ist die Brahma Upanishad vor allem eine Schule der Verinnerlichung. Sie fordert nicht dazu auf, Pflichten, Beziehungen oder kulturelle Formen vorschnell abzulegen. Sie fragt, was eine Praxis von innen her wahr macht. Atem, Mantra, Studium und Meditation sollen zur Erkenntnis führen, dass Bewusstsein nicht auf das begrenzte Ich reduziert werden kann.
 
Der Satz „Alle Gottheiten wohnen im Herzen“ kann zu einer Haltung der Ehrfurcht führen. Wer das Göttliche im eigenen Innern sucht, sollte es auch in anderen Wesen achten. Nichtdualität ist deshalb kein Rückzug aus ethischer Verantwortung. Sie vertieft [[Ahimsa]], Mitgefühl und Wahrhaftigkeit, weil das Gegenüber nicht mehr als völlig fremd angesehen wird.
 
Gleichzeitig erinnert der Text daran, Studium nicht mit Verwirklichung zu verwechseln. Eine Wort-für-Wort-Übersetzung kann den Zugang öffnen; sie ersetzt aber weder stille Kontemplation noch die Prüfung im Alltag. Ob die Lehre lebendig wird, zeigt sich in Momenten von Kritik, Verlust, Erfolg und Konflikt: Kann der Aspirant Zeuge bleiben, ohne gefühllos zu werden? Kann er handeln, ohne sich ausschließlich mit Rolle und Ergebnis zu identifizieren?
 
=== Bedeutung für Yogalehrer und spirituelle Begleiter ===
 
Ein [[Yogalehrer]] kann die Brahma Upanishad nutzen, um den Zusammenhang von Atem, Bewusstseinszuständen, Mantra und Vedanta zu erklären. Dabei sollte er historische Symbolik von universell anwendbarer Praxis unterscheiden. Die Lehre vom Ablegen des Fadens ist ein Text über Sannyasa, keine Aufforderung, die religiösen Zeichen anderer Menschen abzuwerten. Ebenso ist der Herzraum ein Meditationssymbol und keine naturwissenschaftliche Beschreibung.
 
Ein verantwortungsvoller Lehrer führt von der Form zum Sinn, ohne die Form lächerlich zu machen. Er hilft Schülerinnen und Schülern, [[Om]] nicht mechanisch zu wiederholen, Tiefschlaf nicht mit [[Samadhi]] gleichzusetzen und nichtduale Aussagen nicht zur Umgehung psychischer oder sozialer Verantwortung zu benutzen. Seine Glaubwürdigkeit entsteht weniger durch äußere Kennzeichen als durch Klarheit, Bescheidenheit, Mitgefühl und gelebte Selbstbeherrschung.
 
[[Datei:Swami-Sivananda-Konzentration-und-Meditation.jpg|thumb|Studium, Konzentration und Meditation lassen die Lehre vom inneren Faden praktisch werden.]]
 
=== Bleibende Botschaft ===
 
Die bleibende Botschaft der Brahma Upanishad lässt sich in einem Bild zusammenfassen: Die Welt ist wie eine Reihe von Perlen, Brahman der unsichtbare Faden. Die einzelnen Formen bleiben verschieden, doch sie hängen an einem gemeinsamen Grund. Wer nur auf die Perlen sieht, erlebt Trennung; wer den Faden erkennt, sieht Einheit, ohne die Vielfalt zu leugnen.
 
Der wahre heilige Faden ist daher Bewusstheit. Die wahre Shikha ist Erkenntnis. Das wahre Sandhya-Ritual ist jene Meditation, in der das begrenzte Selbst sich seinem höchsten Ursprung öffnet. So führt die Schrift von Prana zu Atman, vom äußeren Zeichen zum inneren Sinn und von der wechselnden Erfahrung zum stillen Zeugen, der in allen Wesen derselbe ist.
 
== Brahma Upanishad – vollständiger Text in Devanagari ==
 
Die folgende Vollfassung enthält das zugehörige Shanti Mantra, sämtliche vier Abschnitte einschließlich des in manchen südindischen Ausgaben fehlenden ersten Prosateils sowie das überlieferte Kolophon. Eindeutige Schreibfehler der elektronischen Vorlage sind normalisiert; die inhaltlich gestörten Stellen werden nicht stillschweigend zu neuen Versen umgebaut.
 
ॐ सह नाववतु ।<br>
सह नौ भुनक्तु ।<br>
सह वीर्यं करवावहै ।<br>
तेजस्विनावधीतमस्तु मा विद्विषावहै ।<br>
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥<br>
 
हरिः ॐ ॥<br>
 
'''1. Abschnitt'''<br>
ॐ शौनको ह वै महाशालोऽङ्गिरसं भगवन्तं पिप्पलादमपृच्छत् ।<br>
दिव्ये ब्रह्मपुरे सम्प्रतिष्ठिता भवन्ति कथं सृजन्ति कस्यैष महिमा बभूव यो ह्येष महिमा बभूव क एषः ।<br>
तस्मै स होवाच ब्रह्मविद्यां वरिष्ठाम् ।<br>
प्राणो ह्येष आत्मा । आत्मनो महिमा बभूव देवानामायुः स देवानां निधनमनिधनं दिव्ये ब्रह्मपुरे विरजं निष्कलं शुभ्रमक्षरं यद्ब्रह्म विभाति ।<br>
स नियच्छति मधुकरराजानं माक्षिकवदिति ।<br>
यथा माक्षिकैकेन तन्तुना जालं विक्षिपति तेनापकर्षति तथैवैष प्राणो यदा याति संसृष्टमाकृष्य ।<br>
प्राणदेवतास्ताः सर्वा नाड्यः ।<br>
सुष्वपे श्येनाकाशवद्यथा खं श्येनमाश्रित्य याति स्वमालयमेवं सुषुप्तो ब्रूते ।<br>
यथैवैष देवदत्तो यष्ट्यापि ताड्यमानो न वेत्त्येवमिष्टापूर्तैः शुभाशुभैर्न लिप्यते ।<br>
यथा कुमारो निष्काम आनन्दमुपयाति तथैवैष देवदत्तः स्वप्न आनन्दमभियाति ।<br>
वेद एव परं ज्योतिः ज्योतिष्कामो ज्योतिरानन्दयते ।<br>
भूयस्तेनैव स्वप्नाय गच्छति जलौकावत् ।<br>
यथा जलौकाग्रमग्रं नयत्यात्मानं नयति परं सन्धाय । यत्परं नापरं त्यजति स जाग्रदभिधीयते ।<br>
यथैवैष कपालाष्टकं संनयति । तमेव स्तन इव लम्बते वेददेवयोनः ।<br>
यत्र जाग्रति शुभाशुभं निरुक्तमस्य देवस्य स सम्प्रसादोऽन्तर्यामी खगः कर्कटकः पुष्करः पुरुषः प्राणो हंसः परापरं ब्रह्म आत्मा देवता वेदयति ।<br>
य एवं वेद स परं ब्रह्मधाम क्षेत्रज्ञमुपैति ॥ १ ॥<br>
 
'''2. Abschnitt'''<br>
अथास्य पुरुषस्य चत्वारि स्थानानि भवन्ति नाभिर्हृदयं कण्ठं मूर्धेति ।<br>
तत्र चतुष्पादं ब्रह्म विभाति । जागरितं स्वप्नं सुषुप्तं तुरीयमिति ।<br>
जागरिते ब्रह्मा स्वप्ने विष्णुः सुषुप्तौ रुद्रस्तुरीयं परमाक्षरम् ।<br>
आदित्यश्च विष्णुश्चेश्वरश्च स पुरुषः स प्राणः स जीवः सोऽग्निः सेश्वरश्च जाग्रत्तेषां मध्ये यत्परं ब्रह्म विभाति ।<br>
स्वयममनस्कमश्रोत्रमपाणिपादं ज्योतिर्वर्जितं न तत्र लोका नालोका वेदा नावेदाः देवा नादेवाः यज्ञा नायज्ञाः माता नामाता पिता नापिता स्नुषा नास्नुषा चाण्डालो नाचाण्डालः पौल्कसो नापौल्कसः श्रमणो नाश्रमणः पशवो नापशवस्तापसो नातापस इत्येकमेव परं ब्रह्म विभाति ।<br>
हृद्याकाशे तद्विज्ञानमाकाशं तत्सुषिरमाकाशं तद्वेद्यं हृद्याकाशं यस्मिन्निदं सञ्चरति विचरति यस्मिन्निदं सर्वमोतं प्रोतम् ।<br>
संविभोः प्रजा ज्ञायेरन् ।<br>
न तत्र देवा ऋषयः पितर ईशते । प्रतिबुद्धः सर्वविदिति ॥ २ ॥<br>
 
'''3. Abschnitt'''<br>
हृदिस्था देवताः सर्वा हृदि प्राणाः प्रतिष्ठिताः ।<br>
हृदि प्राणश्च ज्योतिश्च त्रिवृत्सूत्रं च यन्महत् ॥<br>
हृदि चैतन्ये तिष्ठति ।<br>
यज्ञोपवीतं परमं पवित्रं प्रजापतेर्यत्सहजं पुरस्तात् ।<br>
आयुष्यमग्र्यं प्रतिमुञ्च शुभ्रं यज्ञोपवीतं बलमस्तु तेजः ॥<br>
सशिखं वपनं कृत्वा बहिःसूत्रं त्यजेद्बुधः ।<br>
यदक्षरं परं ब्रह्म तत्सूत्रमिति धारयेत् ॥<br>
सूचनात्सूत्रमित्याहुः सूत्रं नाम परं पदम् ।<br>
तत्सूत्रं विदितं येन स विप्रो वेदपारगः ॥<br>
तेन सर्वमिदं प्रोतं सूत्रे मणिगणा इव ।<br>
तत्सूत्रं धारयेद्योगी योगवित्तत्त्वदर्शिवान् ॥<br>
बहिःसूत्रं त्यजेद्विद्वान्योगमुत्तममास्थितः ।<br>
ब्रह्मभावमयं सूत्रं धारयेद्यः स चेतनः ॥<br>
धारणात्तस्य सूत्रस्य नोच्छिष्टो नाशुचिर्भवेत् ।<br>
सूत्रमन्तर्गतं येषां ज्ञानयज्ञोपवीतिनाम् ॥<br>
ते वै सूत्रविदो लोके ते च यज्ञोपवीतिनः ।<br>
ज्ञानशिखिनो ज्ञाननिष्ठा ज्ञानयज्ञोपवीतिनः ॥<br>
ज्ञानमेव परं तेषां पवित्रं ज्ञानमुत्तमम् ।<br>
अग्नेरिव शिखा नान्या यस्य ज्ञानमयी शिखा ॥<br>
स शिखीत्युच्यते विद्वानितरे केशधारिणः ॥ ३ ॥<br>
 
'''4. Abschnitt'''<br>
कर्मण्यधिकृता ये तु वैदिके ब्राह्मणादयः ।<br>
तैः सन्धार्यमिदं सूत्रं क्रियाङ्गं तद्धि वै स्मृतम् ॥<br>
शिखा ज्ञानमयी यस्य उपवीतं च तन्मयम् ।<br>
ब्राह्मण्यं सकलं तस्य इति ब्रह्मविदो विदुः ॥<br>
इदं यज्ञोपवीतं तु पवित्रं यत्परायणम् ।<br>
स विद्वान्यज्ञोपवीती स्यात्स यज्ञः स च यज्ञवित् ॥<br>
एको देवः सर्वभूतेषु गूढः सर्वव्यापी सर्वभूतान्तरात्मा ।<br>
कर्माध्यक्षः सर्वभूताधिवासः साक्षी चेता केवलो निर्गुणश्च ॥<br>
एको मनीषी निष्क्रियाणां बहूनामेकं सन्तं बहुधा यः करोति ।<br>
तमात्मानं येऽनुपश्यन्ति धीरास्तेषां शान्तिः शाश्वती नेतरेषाम् ॥<br>
आत्मानमरणिं कृत्वा प्रणवं चोत्तरारणिम् ।<br>
ध्याननिर्मथनाभ्यासाद्देवं पश्येन्निगूढवत् ॥<br>
तिलेषु तैलं दधिनीव सर्पिरापः स्रोतःस्वरणीषु चाग्निः ।<br>
एवमात्माऽऽत्मनि गृह्यतेऽसौ सत्येनैनं तपसा योऽनुपश्यति ॥<br>
ऊर्णनाभिर्यथा तन्तून्सृजते संहरत्यपि ।<br>
जाग्रत्स्वप्ने तथा जीवो गच्छत्यागच्छते पुनः ॥<br>
पद्मकोशप्रतीकाशं सुषिरं चाप्यधोमुखम् ।<br>
हृदयं तद्विजानीयाद्विश्वस्यायतनं महत् ॥<br>
नेत्रस्थं जाग्रतं विद्यात्कण्ठे स्वप्नं विनिर्दिशेत् ।<br>
सुषुप्तं हृदयस्थं तु तुरीयं मूर्ध्नि संस्थितम् ॥<br>
यदात्मा प्रज्ञयात्मानं सन्धत्ते परमात्मनि ।<br>
तेन सन्ध्या ध्यानमेव तस्मात्सन्ध्याभिवन्दनम् ॥<br>
निरुदका ध्यानसन्ध्या वाक्कायक्लेशवर्जिता ।<br>
सन्धिनी सर्वभूतानां सा सन्ध्या ह्येकदण्डिनाम् ॥<br>
यतो वाचो निवर्तन्ते अप्राप्य मनसा सह ।<br>
आनन्दमेतज्जीवस्य यं ज्ञात्वा मुच्यते बुधः ॥<br>
सर्वव्यापिनमात्मानं क्षीरे सर्पिरिवार्पितम् ।<br>
आत्मविद्यातपोमूलं तद्ब्रह्मोपनिषत्परम् ।<br>
सर्वात्मैकत्वरूपेण तद्ब्रह्मोपनिषत्परमिति ॥ ४ ॥<br>
 
इत्यथर्ववेदे ब्रह्मोपनिषत्समाप्ता ॥<br>
 
ॐ सह नाववतु ।<br>
सह नौ भुनक्तु ।<br>
सह वीर्यं करवावहै ।<br>
तेजस्विनावधीतमस्तु मा विद्विषावहै ।<br>
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥<br>
 
== Brahma Upanishad – vollständiger Text in IAST ==
 
oṃ saha nāvavatu |<br>
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
hariḥ oṃ ||<br>
 
'''1. Abschnitt'''<br>
oṃ śaunako ha vai mahāśālo’ṅgirasaṃ bhagavantaṃ pippalādamapṛcchat |<br>
divye brahmapure sampratiṣṭhitā bhavanti kathaṃ sṛjanti kasyaiṣa mahimā babhūva yo hyeṣa mahimā babhūva ka eṣaḥ |<br>
tasmai sa hovāca brahmavidyāṃ variṣṭhām |<br>
prāṇo hyeṣa ātmā | ātmano mahimā babhūva devānāmāyuḥ sa devānāṃ nidhanamanidhanaṃ divye brahmapure virajaṃ niṣkalaṃ śubhramakṣaraṃ yadbrahma vibhāti |<br>
sa niyacchati madhukararājānaṃ mākṣikavaditi |<br>
yathā mākṣikaikena tantunā jālaṃ vikṣipati tenāpakarṣati tathaivaiṣa prāṇo yadā yāti saṃsṛṣṭamākṛṣya |<br>
prāṇadevatāstāḥ sarvā nāḍyaḥ |<br>
suṣvape śyenākāśavadyathā khaṃ śyenamāśritya yāti svamālayamevaṃ suṣupto brūte |<br>
yathaivaiṣa devadatto yaṣṭyāpi tāḍyamāno na vettyevamiṣṭāpūrtaiḥ śubhāśubhairna lipyate |<br>
yathā kumāro niṣkāma ānandamupayāti tathaivaiṣa devadattaḥ svapna ānandamabhiyāti |<br>
veda eva paraṃ jyotiḥ jyotiṣkāmo jyotirānandayate |<br>
bhūyastenaiva svapnāya gacchati jalaukāvat |<br>
yathā jalaukāgramagraṃ nayatyātmānaṃ nayati paraṃ sandhāya | yatparaṃ nāparaṃ tyajati sa jāgradabhidhīyate |<br>
yathaivaiṣa kapālāṣṭakaṃ saṃnayati | tameva stana iva lambate vedadevayonaḥ |<br>
yatra jāgrati śubhāśubhaṃ niruktamasya devasya sa samprasādo’ntaryāmī khagaḥ karkaṭakaḥ puṣkaraḥ puruṣaḥ prāṇo haṃsaḥ parāparaṃ brahma ātmā devatā vedayati |<br>
ya evaṃ veda sa paraṃ brahmadhāma kṣetrajñamupaiti || 1 ||<br>
 
'''2. Abschnitt'''<br>
athāsya puruṣasya catvāri sthānāni bhavanti nābhirhṛdayaṃ kaṇṭhaṃ mūrdheti |<br>
tatra catuṣpādaṃ brahma vibhāti | jāgaritaṃ svapnaṃ suṣuptaṃ turīyamiti |<br>
jāgarite brahmā svapne viṣṇuḥ suṣuptau rudrasturīyaṃ paramākṣaram |<br>
ādityaśca viṣṇuśceśvaraśca sa puruṣaḥ sa prāṇaḥ sa jīvaḥ so’gniḥ seśvaraśca jāgratteṣāṃ madhye yatparaṃ brahma vibhāti |<br>
svayamamanaskamaśrotramapāṇipādaṃ jyotirvarjitaṃ na tatra lokā nālokā vedā nāvedāḥ devā nādevāḥ yajñā nāyajñāḥ mātā nāmātā pitā nāpitā snuṣā nāsnuṣā cāṇḍālo nācāṇḍālaḥ paulkaso nāpaulkasaḥ śramaṇo nāśramaṇaḥ paśavo nāpaśavastāpaso nātāpasa ityekameva paraṃ brahma vibhāti |<br>
hṛdyākāśe tadvijñānamākāśaṃ tatsuṣiramākāśaṃ tadvedyaṃ hṛdyākāśaṃ yasminnidaṃ sañcarati vicarati yasminnidaṃ sarvamotaṃ protam |<br>
saṃvibhoḥ prajā jñāyeran |<br>
na tatra devā ṛṣayaḥ pitara īśate | pratibuddhaḥ sarvaviditi || 2 ||<br>
 
'''3. Abschnitt'''<br>
hṛdisthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ |<br>
hṛdi prāṇaśca jyotiśca trivṛtsūtraṃ ca yanmahat ||<br>
hṛdi caitanye tiṣṭhati |<br>
yajñopavītaṃ paramaṃ pavitraṃ prajāpateryatsahajaṃ purastāt |<br>
āyuṣyamagryaṃ pratimuñca śubhraṃ yajñopavītaṃ balamastu tejaḥ ||<br>
saśikhaṃ vapanaṃ kṛtvā bahiḥsūtraṃ tyajedbudhaḥ |<br>
yadakṣaraṃ paraṃ brahma tatsūtramiti dhārayet ||<br>
sūcanātsūtramityāhuḥ sūtraṃ nāma paraṃ padam |<br>
tatsūtraṃ viditaṃ yena sa vipro vedapāragaḥ ||<br>
tena sarvamidaṃ protaṃ sūtre maṇigaṇā iva |<br>
tatsūtraṃ dhārayedyogī yogavittattvadarśivān ||<br>
bahiḥsūtraṃ tyajedvidvānyogamuttamamāsthitaḥ |<br>
brahmabhāvamayaṃ sūtraṃ dhārayedyaḥ sa cetanaḥ ||<br>
dhāraṇāttasya sūtrasya nocchiṣṭo nāśucirbhavet |<br>
sūtramantargataṃ yeṣāṃ jñānayajñopavītinām ||<br>
te vai sūtravido loke te ca yajñopavītinaḥ |<br>
jñānaśikhino jñānaniṣṭhā jñānayajñopavītinaḥ ||<br>
jñānameva paraṃ teṣāṃ pavitraṃ jñānamuttamam |<br>
agneriva śikhā nānyā yasya jñānamayī śikhā ||<br>
sa śikhītyucyate vidvānitare keśadhāriṇaḥ || 3 ||<br>
 
'''4. Abschnitt'''<br>
karmaṇyadhikṛtā ye tu vaidike brāhmaṇādayaḥ |<br>
taiḥ sandhāryamidaṃ sūtraṃ kriyāṅgaṃ taddhi vai smṛtam ||<br>
śikhā jñānamayī yasya upavītaṃ ca tanmayam |<br>
brāhmaṇyaṃ sakalaṃ tasya iti brahmavido viduḥ ||<br>
idaṃ yajñopavītaṃ tu pavitraṃ yatparāyaṇam |<br>
sa vidvānyajñopavītī syātsa yajñaḥ sa ca yajñavit ||<br>
eko devaḥ sarvabhūteṣu gūḍhaḥ sarvavyāpī sarvabhūtāntarātmā |<br>
karmādhyakṣaḥ sarvabhūtādhivāsaḥ sākṣī cetā kevalo nirguṇaśca ||<br>
eko manīṣī niṣkriyāṇāṃ bahūnāmekaṃ santaṃ bahudhā yaḥ karoti |<br>
tamātmānaṃ ye’nupaśyanti dhīrāsteṣāṃ śāntiḥ śāśvatī netareṣām ||<br>
ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |<br>
dhyānanirmathanābhyāsāddevaṃ paśyennigūḍhavat ||<br>
tileṣu tailaṃ dadhinīva sarpirāpaḥ srotaḥsvaraṇīṣu cāgniḥ |<br>
evamātmā’’tmani gṛhyate’sau satyenainaṃ tapasā yo’nupaśyati ||<br>
ūrṇanābhiryathā tantūnsṛjate saṃharatyapi |<br>
jāgratsvapne tathā jīvo gacchatyāgacchate punaḥ ||<br>
padmakośapratīkāśaṃ suṣiraṃ cāpyadhomukham |<br>
hṛdayaṃ tadvijānīyādviśvasyāyatanaṃ mahat ||<br>
netrasthaṃ jāgrataṃ vidyātkaṇṭhe svapnaṃ vinirdiśet |<br>
suṣuptaṃ hṛdayasthaṃ tu turīyaṃ mūrdhni saṃsthitam ||<br>
yadātmā prajñayātmānaṃ sandhatte paramātmani |<br>
tena sandhyā dhyānameva tasmātsandhyābhivandanam ||<br>
nirudakā dhyānasandhyā vākkāyakleśavarjitā |<br>
sandhinī sarvabhūtānāṃ sā sandhyā hyekadaṇḍinām ||<br>
yato vāco nivartante aprāpya manasā saha |<br>
ānandametajjīvasya yaṃ jñātvā mucyate budhaḥ ||<br>
sarvavyāpinamātmānaṃ kṣīre sarpirivārpitam |<br>
ātmavidyātapomūlaṃ tadbrahmopaniṣatparam |<br>
sarvātmaikatvarūpeṇa tadbrahmopaniṣatparamiti || 4 ||<br>
 
ityatharvavede brahmopaniṣatsamāptā ||<br>
 
oṃ saha nāvavatu |<br>
saha nau bhunaktu |<br>
saha vīryaṃ karavāvahai |<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
 
== Brahma Upanishad – vollständige gut verständliche deutsche Übersetzung ==
 
Die Nummern 1.1–4.6 gliedern die langen Abschnitte nur für die Lesbarkeit; sie sind keine zusätzlichen Verszahlen des Sanskrittextes.
 
'''Shanti Mantra'''
 
Om. Möge Brahman uns beide – Lehrenden und Lernenden – beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große geistige Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
 
'''Erster Abschnitt'''
 
1.1 Om. Shaunaka, ein angesehener Hausherr, fragte den verehrungswürdigen Pippalada aus dem Geschlecht der Angiras: „Wie sind die Lebens- und Sinneskräfte in der göttlichen Stadt Brahmans, dem menschlichen Körper, gegründet? Wie wirken sie nach außen? Von wem stammt ihre Macht? Wer ist dieser innerste Lenker?“
 
1.2 Pippalada lehrte ihn die höchste Erkenntnis Brahmans: „Prana ist der Atman. Aus dem Selbst stammt die Kraft aller Sinne. Der Atman ist ihr Leben, ihr Ursprung und ihr Ende. Im menschlichen Körper leuchtet das fleckenlose, ungeteilte, reine und unvergängliche Brahman. Wie ein Bienenschwarm seinem führenden Tier folgt und wie eine Spinne ihr Netz aus einem einzigen Faden hervorbringt und wieder einzieht, so entfaltet der Prana die Sinneskräfte und zieht sie wieder in sich zurück. Alle Nadis stehen unter seiner Kraft.“
 
1.3 Im Tiefschlaf kehrt die Lebenskraft zu ihrem inneren Sitz zurück, wie ein Falke nach dem Flug zu seinem Nest. Ein tief Schlafender nimmt selbst äußere Schläge nicht wahr. In diesem Zustand ist das Selbst nicht von verdienstvollen oder unheilsamen Taten berührt. Wie ein Kind ohne berechnenden Wunsch Freude kennt, so erfährt der Mensch im Tiefschlaf eine stille Seligkeit.
 
1.4 Dort erkennt er das höchste Licht und ruht in seiner Freude. Auf demselben Weg kehrt er in Traum und Wachen zurück. Wie eine Blutegel zuerst den nächsten Halt ergreift und erst dann den früheren loslässt, so verbindet das Bewusstsein die verschiedenen Zustände miteinander.
 
1.5 Beim Erwachen führt das Selbst die Wahrnehmungs- und Handlungsorgane zusammen, wie ein Opfernder die Opferschalen bereitstellt. Die Überlieferung ist an dieser Stelle lückenhaft und verweist wahrscheinlich auf das Zäpfchen am Gaumen als „Ursprung der Sinnesgötter“. Im Wachzustand werden gute und schlechte Taten wirksam. Der innerste Lenker bleibt jedoch vollkommene Klarheit. Er wird Vogel, Krebs, Lotusraum, Purusha, Prana, Hamsa, höheres und niederes Brahman und Atman genannt. Durch ihn können die Sinne überhaupt erkennen.
 
1.6 Wer dies erkennt, gelangt zum höchsten Sitz Brahmans, zum Kshetrajna, dem inneren Kenner des Feldes.
 
'''Zweiter Abschnitt'''
 
2.1 Der Purusha hat vier Sitze: Nabel, Herz, Kehle und Haupt. In ihnen leuchtet Brahman als Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya. Im Wachen erscheint es als Brahma, im Traum als Vishnu, im Tiefschlaf als Rudra und im vierten Zustand als das höchste Unvergängliche. Es ist Sonne, Ishvara, Purusha, Prana, Jiva und das stets wache Feuer. Inmitten all dieser Erscheinungen leuchtet das höchste Brahman.
 
2.2 Das höchste Brahman ist nicht auf Denken, Hören, Hände, Füße oder ein sichtbares Licht begrenzt. In ihm verlieren alle Gegensätze ihre letzte Gültigkeit: Welt und Nicht-Welt, Veda und Nicht-Veda, Gott und Nicht-Gott, Opfer und Nicht-Opfer, Mutter und Nicht-Mutter, Vater und Nicht-Vater, hoher und niedriger sozialer Rang, Entsagender und Nicht-Entsagender. Dort leuchtet allein das eine höchste Brahman.
 
2.3 Im Raum des Herzens ist der Raum des Bewusstseins. Dieser feinste innere Raum ist zugleich grenzenlos. In ihm bewegt sich das ganze Universum, und in ihn ist alles wie Kette und Schuss eingewebt. Wer den allgegenwärtigen Herrn in allen Wesen erkennt, wird zum höchsten Brahman – das ist Befreiung. Über den Erwachten herrschen weder Götter noch Seher noch Ahnen; er erkennt den einen Grund in allem.
 
'''Dritter Abschnitt'''
 
3.1 Alle Gottheiten wohnen im Herzen; dort sind auch alle Lebenskräfte gegründet. Im Herzen sind Prana, Licht und der große dreifache Faden. Er ruht im Bewusstsein.
 
3.2 Lege den höchsten, heiligen Opferfaden an, der von Anfang an mit Prajapati entstand. Er fördere das Leben und schenke Kraft und Leuchtkraft.
 
3.3 Der Weise, der in die Entsagung eintritt, rasiert Haar und Haarknoten und legt den äußeren Faden ab. Als seinen wahren Faden soll er das unvergängliche höchste Brahman tragen. Er heißt Sutra, weil er auf das Höchste hinweist. Wer diesen Faden kennt, hat den Veda durchdrungen. Auf ihm ist das ganze All wie eine Reihe von Perlen aufgefädelt. Diesen Faden trägt der Yogi, der Yoga kennt und die Wahrheit schaut.
 
3.4 Wer in den höchsten Yoga eingetreten ist, trägt den Faden aus Brahman-Bewusstsein. Nur wer den inneren Faden besitzt und Erkenntnis als Opferfaden trägt, kennt dessen tiefsten Sinn. Erkenntnis ist seine Shikha, Erkenntnis sein Opferfaden und Erkenntnis sein höchster Reiniger. Wessen Shikha wie eine Feuerflamme ganz aus Erkenntnis besteht, trägt die wahre Shikha; ein äußerer Haarknoten allein genügt nicht.
 
'''Vierter Abschnitt'''
 
4.1 Menschen, die vedische Rituale ausführen, sollen den äußeren Faden als Bestandteil dieser Handlungen tragen. Doch der volle Sinn des Brahmanen-Seins ist nach den Kennern Brahmans dort verwirklicht, wo Shikha und Opferfaden aus Erkenntnis bestehen. Ein solcher Wissender ist selbst das Opfer und kennt das Opfer.
 
4.2 Ein Gott ist in allen Wesen verborgen. Er durchdringt alles und ist das innere Selbst aller. Er ist Zeuge, Erkennender und Wohnstatt aller Wesen, allein und ohne begrenzende Eigenschaften. Der Eine erscheint als die vielen. Wer ihn als das eigene Selbst schaut, erlangt ewigen Frieden.
 
4.3 Mache den Atman zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Reibe sie beständig durch Meditation, bis du das verborgene Göttliche erkennst wie Feuer, das im Holz verborgen liegt. Wie Öl im Sesamsamen, Butterfett in der Milch, Wasser im Flusslauf und Feuer im Reibholz, so ist der Atman in dir gegenwärtig. Durch Wahrhaftigkeit, Tapas und innere Schau wird er erkannt.
 
4.4 Wie eine Spinne ihre Fäden hervorbringt und wieder einzieht, so geht der Jiva in Wachen und Traum hinaus und kehrt wieder zurück. Erkenne das Herz als eine nach unten gerichtete, hohle Lotusknospe und als die große Wohnstatt des Alls. Im Wachen wirkt das Bewusstsein durch die Augen, im Traum durch die Kehle, im Tiefschlaf ruht es im Herzen und im Turiya ist es am Scheitel gegründet.
 
4.5 Wenn das Selbst sich durch klare Erkenntnis mit dem höchsten Selbst verbindet, wird Meditation selbst zur heiligen Sandhya. Diese innere Andacht braucht kein Wasser und erschöpft weder Rede noch Körper. Sie führt alle Wesen in der Einheit zusammen.
 
4.6 Worte und Denken kehren von Brahman zurück, ohne es als Gegenstand erfassen zu können. Es ist die Glückseligkeit des Lebens; wer es erkennt, wird frei. Der Atman durchdringt alle Wesen wie Butterfett die Milch. Er ist die Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas. Dies ist die höchste Brahman-Lehre: die Erkenntnis der Einheit des Selbst in allem.
 
Damit endet die Brahma Upanishad. Om. Möge Brahman uns beide beschützen und nähren. Möge unser gemeinsames Studium lichtvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
 
== Die fünf wichtigsten Empfehlungen der Brahma Upanishad für ernsthafte Aspiranten ==
 
'''1. Suche den inneren Lenker hinter Atem und Sinnen.'''<br>
Beobachte täglich für einige Minuten den natürlichen Atem. Spüre, dass Prana die Sinne sammelt und trägt. Bleibe dann nicht beim Atem stehen, sondern frage still: „Wer nimmt den Atem wahr?“ Lass diese Frage zur unmittelbaren Hinwendung zum [[Atman]] werden.
 
'''2. Erkenne den Zeugen in allen vier Bewusstseinszuständen.'''<br>
Erinnere dich morgens daran, dass Wachen, Traum und Tiefschlaf wechseln, während das Bewusstsein, dem sie bekannt werden, nicht mit ihnen kommt und geht. Übe tagsüber [[Sakshi Bhava]]: Nimm Gedanken und Gefühle aufmerksam wahr, ohne dich vollständig mit ihnen gleichzusetzen.
 
'''3. Trage den inneren heiligen Faden.'''<br>
Äußere Zeichen, Rituale und spirituelle Rollen können dich erinnern, aber sie können die Verwirklichung nicht ersetzen. Mache [[Jnana]] zu deinem Faden: Verbinde Studium, Selbstbefragung und ethisches Handeln. Frage dich abends, ob dein Wissen heute in mehr Wahrhaftigkeit, Güte und Selbstbeherrschung sichtbar geworden ist.
 
'''4. Entfache das verborgene Feuer durch regelmäßige Meditation.'''<br>
Mache dein eigenes Selbst zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Wiederhole Om ruhig, sammle den Geist im Herzen und gehe anschließend in die Stille. Wenige Minuten täglich mit Beständigkeit sind wertvoller als seltene, dramatische Anstrengungen.
 
'''5. Sieh das eine Selbst in allen Wesen.'''<br>
Lass [[Advaita]] zu Mitgefühl werden. Behandle Menschen nicht nach äußerem Rang, Herkunft, Kleidung oder spirituellem Titel. Ehre das Bewusstsein in jedem Wesen. So wird Nichtdualität vom philosophischen Gedanken zur lebendigen Praxis von [[Ahimsa]] und Liebe.


==Brahma Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==
==Brahma Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==
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Die Brahma Upanishad<ref>Zur Anordnung. Als Übergang von den Vedanta- und Yoga-Upanishaden zu den im Sannyasa das höchste Ziel sehenden Texten kann, mit Rücksicht auf ihren dritten Teil, die Brahma Upanishad betrachtet werden. An sie reihen sich, in der Ordnung der Liste Colebrookes und Narayanas, zwei Gruppen von Sannyasa Upanishaden, 1) Sannyasa, Arvneyi, Kanthacruti, welche sich alle drei durch ihre fragmentarische Form und trümmerhafte Überlieferung auszeichnen, und 2) Paramahamsa, Jabala, Asrama, deren Darstellung geordneter ist, und deren späte Stellung im Kanon noch kein Beweis für ihre Posteriorität sein dürfte. Nur die letztgenannte wird wohl, um ihres systematisierenden Charakters willen, an das Ende der ganzen Entwicklungsreihe zu stellen sein.</ref>besteht nach Narayana aus vier Teilen<ref>Die Bestimmung derselben rührt teilweise von uns her, da die Einteilungen in der Kalkuttaer und den beiden Punaer Ausgaben (mit Narayanas und Samkaranandas Kommentar) teils verwirrt, teils ganz unzweckmäßig sind. Im Telugudruck ist unsere Upanishad in zwei sehr verschiedenen Rezensionen vorhanden, ohne den ersten Teil als Brahma Upanishad, und mit demselben als Parabrahma Upanishad.</ref>, zweien in Prosa von mehr altertümlicher Haltung und zweien in Versen, die nach Form und Inhalt einen mehr modernen Charakter zeigen.
Die Brahma Upanishad<ref>Zur Anordnung. Als Übergang von den Vedanta- und Yoga-Upanishaden zu den im Sannyasa das höchste Ziel sehenden Texten kann, mit Rücksicht auf ihren dritten Teil, die Brahma Upanishad betrachtet werden. An sie reihen sich, in der Ordnung der Liste Colebrookes und Narayanas, zwei Gruppen von Sannyasa Upanishaden, 1) Sannyasa, Arvneyi, Kanthacruti, welche sich alle drei durch ihre fragmentarische Form und trümmerhafte Überlieferung auszeichnen, und 2) Paramahamsa, Jabala, Asrama, deren Darstellung geordneter ist, und deren späte Stellung im Kanon noch kein Beweis für ihre Posteriorität sein dürfte. Nur die letztgenannte wird wohl, um ihres systematisierenden Charakters willen, an das Ende der ganzen Entwicklungsreihe zu stellen sein.</ref>besteht nach Narayana aus vier Teilen<ref>Die Bestimmung derselben rührt teilweise von uns her, da die Einteilungen in der Kalkuttaer und den beiden Punaer Ausgaben (mit Narayanas und Samkaranandas Kommentar) teils verwirrt, teils ganz unzweckmäßig sind. Im Telugudruck ist unsere Upanishad in zwei sehr verschiedenen Rezensionen vorhanden, ohne den ersten Teil als Brahma Upanishad, und mit demselben als Parabrahma Upanishad.</ref>, zweien in Prosa von mehr altertümlicher Haltung und zweien in Versen, die nach Form und Inhalt einen mehr modernen Charakter zeigen.


1. Im ersten Teil beantwortet [[Pippalada]] "der [[Angiras]]" (vgl. hingegen den Eingang von Atharvasikha) vier Fragen des [[Saunaka]] dadurch, daß er auf den [[Prana]] (den [[Atman]], das [[Brahman]]) als Lebensprinzip der Organe hinweist und sein Verhalten in [[Tiefschlaf]], [[Traum]]schlaf und [[Wachen]] in der Weise der alten [[Upanishad]]en und mit vielfachen Anklängen an dieselben (namentlich an Brih. 4,3-4) charakterisiert. Der
1. '''Im ersten Teil''' beantwortet [[Pippalada]] "der [[Angiras]]" (vgl. hingegen den Eingang von Atharvasikha) vier Fragen des [[Saunaka]] dadurch, daß er auf den [https://www.yoga-vidya.de/prana/ Prana] (den [[Atman]], das [[Brahman]]) als Lebensprinzip der Organe hinweist und sein Verhalten in [[Tiefschlaf]], [[Traum]]schlaf und [[Wachen]] in der Weise der alten [[Upanishad]]en und mit vielfachen Anklängen an dieselben (namentlich an Brih. 4,3-4) charakterisiert. Der
Stil ist äußerst abrupt und erinnert an die Manier der [[Sutra]]s, durch ein hingeworfenes Wort auf einen, dem Leser bekannten Zusammenhang hinzuweisen. Dieser ganze Abschnitt fehlt in den meisten Handschriften; Samkaranandas Kommentar übergeht ihn, und auch Narayana erwähnt, ohne dies seinerseits zu billigen (p. 239,10), daß manche die Upanishad mit dem zweiten Teil anfangen ließen. Wahrscheinlich ließen sie den ersten Teil weg, weil der Stil so lapidar und die Überlieferung dabei so unsicher ist, daß es nur mit Anstrengung gelingt, ihm einen, problematisch bleibenden, Sinn abzugewinnen.
Stil ist äußerst abrupt und erinnert an die Manier der [[Sutra]]s, durch ein hingeworfenes Wort auf einen, dem Leser bekannten Zusammenhang hinzuweisen. Dieser ganze Abschnitt fehlt in den meisten Handschriften; Samkaranandas Kommentar übergeht ihn, und auch Narayana erwähnt, ohne dies seinerseits zu billigen (p. 239,10), daß manche die Upanishad mit dem zweiten Teil anfangen ließen. Wahrscheinlich ließen sie den ersten Teil weg, weil der Stil so lapidar und die Überlieferung dabei so unsicher ist, daß es nur mit Anstrengung gelingt, ihm einen, problematisch bleibenden, Sinn abzugewinnen.


2. Der zweite Teil erwähnt die vier Körpersitze und (ohne Verteilung auf dieselben) die vier Zustände des Atman, um sodann bei der völligen Negativität desselben sowie bei seinem Wohnen im Herzensraume zu verweilen, welcher mit Berufung auf den [[Veda]] ([[Vaidya]] : [[Vaidika]]), d.h. wohl auf Chand. 8,1,3, dem Weltraum ([[Sushira]]m [[Akasa]]m, neutr.) gleichgesetzt wird.
2. '''Der zweite Teil''' erwähnt die vier Körpersitze und (ohne Verteilung auf dieselben) die vier Zustände des Atman, um sodann bei der völligen Negativität desselben sowie bei seinem Wohnen im Herzensraume zu verweilen, welcher mit Berufung auf den [[Veda]] ([[Vaidya]] : [[Vaidika]]), d.h. wohl auf Chand. 8,1,3, dem Weltraum ([[Sushira]]m [[Akasa]]m, neutr.) gleichgesetzt wird.


3. Am eigentümlichsten und den Sannyasa Upanishaden auf das nächste verwandt ist der dritte modernere Teil in Versen, welcher dem Brahmanwissenden empfiehlt, auf die [[Sikha]] (das Haarbüschel, welches aus religiösen Gründen nicht mitabgeschoren wird) und das [[Yajnopavita]]m (die heilige Opferschnur) zu verzichten und die Erkenntnis allein als Sikha und Yajnopavitam zu tragen.
3. Am eigentümlichsten und den Sannyasa Upanishaden auf das nächste verwandt ist '''der dritte modernere Teil''' in Versen, welcher dem Brahmanwissenden empfiehlt, auf die [[Sikha]] (das Haarbüschel, welches aus religiösen Gründen nicht mitabgeschoren wird) und das [[Yajnopavita]]m (die heilige Opferschnur) zu verzichten und die Erkenntnis allein als Sikha und Yajnopavitam zu tragen.


4. Als Nachtrag folgt eine Reihe von Versen, welche, wie es scheint, zur Erläuterung der Prosateile dienen sollen. Die ersten vier sind aus Svet. 6,11. 6,12. 1,14. 1,15 entnommen. Dann folgen drei Verse zur Erläuterung des Bildes von der [[Spinne]], des [[Herz]]ens als [[Lotos]]blume, die das [[Brahman]] befaßt, und der vier Orte des Brahman, welche hier mit den vier [[Zustand|Zuständen]] parallelisiert werden, zu welchem Zwecke jedoch [[Nabhi]] durch [[Netra]]m ersetzt wird. Die folgenden beiden Slokas empfehlen die [[Sandhya]] als Symbol der [[Einheit]] mit [[Gott]] und der Einheit aller [[Wesen]], wobei mit den Worten [[Sandha]] und Sandhya in schwer wiederzugebender Weise gespielt wird. - Eine Erinnerung an Taitt. 2,4 und der Vers Svet. 1,16 beschließen das aus so mancherlei Bestandteilen zusammengekittete Ganze.
4. Als '''Nachtrag''' folgt eine Reihe von Versen, welche, wie es scheint, zur Erläuterung der Prosateile dienen sollen. Die ersten vier sind aus Svet. 6,11. 6,12. 1,14. 1,15 entnommen. Dann folgen drei Verse zur Erläuterung des Bildes von der [[Spinne]], des [[Herz]]ens als [[Lotos]]blume, die das [[Brahman]] befaßt, und der vier Orte des Brahman, welche hier mit den vier [[Zustand|Zuständen]] parallelisiert werden, zu welchem Zwecke jedoch [[Nabhi]] durch [[Netra]]m ersetzt wird. Die folgenden beiden Slokas empfehlen die [[Sandhya]] als Symbol der [[Einheit]] mit [[Gott]] und der Einheit aller [[Wesen]], wobei mit den Worten [[Sandha]] und Sandhya in schwer wiederzugebender Weise gespielt wird. - Eine Erinnerung an Taitt. 2,4 und der Vers Svet. 1,16 beschließen das aus so mancherlei Bestandteilen zusammengekittete Ganze.
   
   
===Die Brahma Upanishad===
===Die Brahma Upanishad===
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Da erklärte er ihm die allervortrefflichste Brahmanlehre und sprach:
Da erklärte er ihm die allervortrefflichste Brahmanlehre und sprach:


Es ist der [[Prana]], ist der [[Atman]]; von dem Atman rührt ihre Macht her; er ist die Lebenskraft der Götter [der Lebensorgane], er ist der Götter Vergang und Nichtvergang.
Es ist der [https://www.yoga-vidya.de/prana/ Prana], ist der [[Atman]]; von dem Atman rührt ihre Macht her; er ist die Lebenskraft der Götter [der Lebensorgane], er ist der Götter Vergang und Nichtvergang.


Er, der in der himmlischen Brahmanstadt als das staublose, unteilbare reine, unvergängliche Brahman erglänzt (vgl. Mund. 2,2,9), regiert sie, [und sie folgen ihm] wie dem Bienenkönige die Bienen.<ref>Nach Prasna 2,4, mit welcher Stelle Makshikavat gelesen werden muß. Die Korruption ist durch das folgende Yatha Makshika entstanden.</ref> — Und wie die Fliegenvertilgerin [die Spinne] aus einem Faden ihr Netz ausbreitet und es an ebendemselben wieder in sich hereinzieht (nach Mund. 1,1,7), so auch der Prana, wenn er [in die [[Ader]]n] eingeht, das Ausgebreitete in sich hereinziehend. Denn den Prana erkennen als [[Gottheit]] alle die Adern an [in die er eingeht] im [[Tiefschlaf]], [wobei es sich zuträgt] wie mit dem Falken und dem Luftraum (Hindeutung auf Brih. 4,3,19). Nämlich wie der Falke, nachdem er in den [[Äther]] aufgestiegen, zu seinem Nest geht, also auch der Tiefschlafende. Denn er sagt es [nach dem Erwachen: "Ich habe schön geschlafen". Comm.].
Er, der in der himmlischen Brahmanstadt als das staublose, unteilbare reine, unvergängliche Brahman erglänzt (vgl. Mund. 2,2,9), regiert sie, [und sie folgen ihm] wie dem Bienenkönige die Bienen.<ref>Nach Prasna 2,4, mit welcher Stelle Makshikavat gelesen werden muß. Die Korruption ist durch das folgende Yatha Makshika entstanden.</ref> — Und wie die Fliegenvertilgerin [die Spinne] aus einem Faden ihr Netz ausbreitet und es an ebendemselben wieder in sich hereinzieht (nach Mund. 1,1,7), so auch der Prana, wenn er [in die [[Ader]]n] eingeht, das Ausgebreitete in sich hereinziehend. Denn den Prana erkennen als [[Gottheit]] alle die Adern an [in die er eingeht] im [[Tiefschlaf]], [wobei es sich zuträgt] wie mit dem Falken und dem Luftraum (Hindeutung auf Brih. 4,3,19). Nämlich wie der Falke, nachdem er in den [[Äther]] aufgestiegen, zu seinem Nest geht, also auch der Tiefschlafende. Denn er sagt es [nach dem Erwachen: "Ich habe schön geschlafen". Comm.].
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Wie aber irgendein [Tiefschlafender, z. B.] [[Devadatta]], solange er nicht mit dem Stock oder dergleichen geschlagen wird [lies: Yashti adina Atadyamana, mit Rücksicht auf Kaush. 4,19], sich nicht regt, so wird er auch durch [[Opfer]] und fromme Werke, durch Gutes und Böses nicht befleckt. Wie aber ein [[Kind]], weil es noch keine [[Wunsch|Wünsche]] hat, in [[Wonne]] lebt, so auch lebt ein jeder Devadatta während des [Tief-] Schlafes in Wonne. Denn er weiß dann das höchste [[Licht]], und weil er das Licht liebt, darum ist es ihm zur Wonne.
Wie aber irgendein [Tiefschlafender, z. B.] [[Devadatta]], solange er nicht mit dem Stock oder dergleichen geschlagen wird [lies: Yashti adina Atadyamana, mit Rücksicht auf Kaush. 4,19], sich nicht regt, so wird er auch durch [[Opfer]] und fromme Werke, durch Gutes und Böses nicht befleckt. Wie aber ein [[Kind]], weil es noch keine [[Wunsch|Wünsche]] hat, in [[Wonne]] lebt, so auch lebt ein jeder Devadatta während des [Tief-] Schlafes in Wonne. Denn er weiß dann das höchste [[Licht]], und weil er das Licht liebt, darum ist es ihm zur Wonne.


Weiter geht er mit eben diesem [höchsten Atman] in den Traumschlaf über, wie eine Raupe, - nämlich wie die Raupe von Blattspitze zu Blattspitze ihr Selbst fortbewegt, indem sie das Vorderteil fortbewegt und das Hinterteil nachzieht (lies Samdhayati Aparam), nicht aber das Hinterteil im Stich läßt. Und er [der Atman] ist es auch, welcher der Wachende genannt wird; und wie einer [der opfern will] acht Schalen zugleich trägt, so trägt er den [Leib mit seinen Organen]; er hängt gleichsam an seinem Busen [vgl. Brih. 4,3,21 Yatha Priyaya Striya Samparishvakto, und Culika Up. 3-6, oben S. 639], er, der der [[Veda]]s und der [[Götter]] Ursprung ist.<ref>Nach Narayana: "es (das Tiefschlafen, Träumen, Wachen) hängt an ihm (dem Atman) wie eine Weiberbrust; er ist der Vedas und der Götter Ursprung" (vgl. S. 728 Anm.). - Der Sinn des ganzen (im Original äußerst dunklen) Abschnittes scheint zu sein, daß der höchste Atman ganz und ungeteilt den Menschen durch alle drei Zustände des Tiefschlafens, Träumens und Wachens begleitet.</ref>
Weiter geht er mit eben diesem [höchsten Atman] in den Traumschlaf über, wie eine Raupe, - nämlich wie die Raupe von Blattspitze zu Blattspitze ihr Selbst fortbewegt, indem sie das Vorderteil fortbewegt und das Hinterteil nachzieht (lies Samdhayati Aparam), nicht aber das Hinterteil im Stich läßt. Und er [der Atman] ist es auch, welcher der Wachende genannt wird; und wie einer [der opfern will] acht Schalen zugleich trägt, so trägt er den [Leib mit seinen Organen]; er hängt gleichsam an seinem Busen [vgl. Brih. 4,3,21 Yatha Priyaya Striya Samparishvakto, und Culika Up. 3-6, oben S. 639], er, der der [[Veda]]s und der [[Götter Namen Liste von A-Z|Götter]] Ursprung ist.<ref>Nach Narayana: "es (das Tiefschlafen, Träumen, Wachen) hängt an ihm (dem Atman) wie eine Weiberbrust; er ist der Vedas und der Götter Ursprung" (vgl. S. 728 Anm.). - Der Sinn des ganzen (im Original äußerst dunklen) Abschnittes scheint zu sein, daß der höchste Atman ganz und ungeteilt den Menschen durch alle drei Zustände des Tiefschlafens, Träumens und Wachens begleitet.</ref>


Wenn die Menschen wachen, so ist ihr Gutes und Böses eine Äußerung [Sichtbarmachung] dieses Gottes, welcher als Weltausgangspunkt [wenn nicht Samprasada zu lesen ist, Chand. 8,12,3], als innerer Lenker (Brih. 3,7), als Vogel, Krebs<ref>Der Vergleich des Atman mit einem Krebs (Karkataka) gibt keinen besonderen Sinn und steht in der Upanishad-Literatur isoliert da.</ref>, [[Lotos]]blume, [[Purusha]], Prana, Nichtschädigung, höheres und niederes Brahman, als Atman die Götter [der Sinnesorgane] zu bewußten macht.
Wenn die Menschen wachen, so ist ihr Gutes und Böses eine Äußerung [Sichtbarmachung] dieses Gottes, welcher als Weltausgangspunkt [wenn nicht Samprasada zu lesen ist, Chand. 8,12,3], als innerer Lenker (Brih. 3,7), als Vogel, Krebs<ref>Der Vergleich des Atman mit einem Krebs (Karkataka) gibt keinen besonderen Sinn und steht in der Upanishad-Literatur isoliert da.</ref>, [[Lotos]]blume, [[Purusha]], Prana, Nichtschädigung, höheres und niederes Brahman, als Atman die Götter [der Sinnesorgane] zu bewußten macht.


Wer solches weiß, der begreift, daß die Lokalseele (Kshetrajna) die höchste Brahmanbehausung ist, - der begreift, daß die Lokalseele die höchste Brahmanbehausung ist (vgl. Mund. 3,2,1).
Wer solches weiß, der begreift, daß die Lokalseele (Kshetrajna) die höchste Brahmanbehausung ist, - der begreift, daß die Lokalseele die höchste Brahmanbehausung ist (vgl. Mund. 3,2,1).
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Es selbst aber ist ohne [[Manas]], ohne [[Ohr]], ohne [[Hand]] und ohne [[Fuß]] und des [[Licht]]es ermangelnd; in ihm sind nicht<ref>Das Folgende ist ein Zitat aus Brih. 4,3,22, welches jedoch durch das vorgesetzte Na (nicht) einen völlig anderen Sinn gewonnen hat: weder die Dinge noch ihr kontradiktorisches Gegenteil läßt sich dem Brahman zuschreiben. (Anders Samkarananda.)</ref>
Es selbst aber ist ohne [[Manas]], ohne [[Ohr]], ohne [[Hand]] und ohne [[Fuß]] und des [[Licht]]es ermangelnd; in ihm sind nicht<ref>Das Folgende ist ein Zitat aus Brih. 4,3,22, welches jedoch durch das vorgesetzte Na (nicht) einen völlig anderen Sinn gewonnen hat: weder die Dinge noch ihr kontradiktorisches Gegenteil läßt sich dem Brahman zuschreiben. (Anders Samkarananda.)</ref>
Welten und Nichtwelten,
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[[Götter]] und Nichtgötter,
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:Der eine [[Gott]], verhüllt in allen [[Wesen]],
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:Durchdringend alle, aller inn're [[Seele]],
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:Ist Endziel der Upanishad,
:Ist Endziel der Upanishad,
:- ist Endziel der Upanishad.
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===Fußnoten===
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==Siehe auch==
==Siehe auch==
Ähnliche und thematisch verwandte [[Upanishaden]]: [[Aruneya Upanishad]], [[Jabala Upanishad]], [[Kathashruti Upanishad]], [[Paramahamsa Upanishad]], [[Parabrahma Upanishad]], [[Sannyasa Upanishad]], [[Shvetashvatara Upanishad]], [[Mandukya Upanishad]]
*[[Brahma]]
*[[Brahma]]
*[[Sadhana]]
*[[Sadhana]]
*[[Sannyasa Upanishaden]]
*[[Upanishad]]
*[[Upanishad]]
*[[Veden]]
*[[Veden]]
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*[[Erkenntnis]]
*[[Erkenntnis]]
*[[Meditation]]
*[[Meditation]]
* [[Atman]]
* [[Brahman]]
* [[Vedanta]]
* [[Jnana Yoga]]
* [[Sannyasa]]
* [[Prana]]
* [[Turiya]]
* [[Hridayakasha]]


==Literatur==
==Literatur==
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*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p927_Vedanta-fuer-Anfaenger/ Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p927_Vedanta-fuer-Anfaenger/ Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda]
*Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens, Suhrkamp, 2001
*Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens, Suhrkamp, 2001
*F. Otto Schrader (Hrsg.): ''The Minor Upaniṣads. Vol. I: Saṃnyāsa-Upaniṣads''. Adyar Library, Madras 1912. Kritische Sanskritausgabe.
*Patrick Olivelle: ''Saṃnyāsa Upaniṣads: Hindu Scriptures on Asceticism and Renunciation''. Oxford University Press, New York/Oxford 1992.
*Joachim Friedrich Sprockhoff: ''Saṃnyāsa: Quellenstudien zur Askese im Hinduismus''. Wiesbaden 1976.
*Paul Deussen: ''Sechzig Upanishad's des Veda''. Leipzig 1905.
*K. Narayanasvami Aiyar: ''Thirty Minor Upanishads''. Madras 1914.
*[https://sanskritdocuments.org/doc_upanishhat/brahma_upan.html Brahma Upanishad bei Sanskrit Documents – Sanskrittext]
*[https://archive.org/details/SamnyasaUpanishads Patrick Olivelle: Samnyasa Upanishads – Digitalisat]
*[https://www.wisdomlib.org/hinduism/book/thirty-minor-upanishads/d/doc217035.html K. Narayanasvami Aiyars englische Übersetzung – online]
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/krishnananda/upanishaden/ Kostenloses Online-Buch Upanishaden von Swami Krishnananda]
*[https://www.yoga-vidya.de/yoga-buch/andere-autoren/upanishaden/ Klassische Upanishaden – Die Weisheit des Yoga von Paul Deussen]
*[https://www.yoga-vidya.de/shop/product_info.php?info=p927_Vedanta-fuer-Anfaenger/ Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda]


==Weblinks==
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==Seminare==
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===Yoga und Meditation Intensiv-Praxis===
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==Multimedia==
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'''Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas'''
'''Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas'''
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'''Jnana Yoga und Vedanta Einführung'''
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'''Vom Begrenzten zum Unendlichen - Geschichten aus den Upanishaden'''
'''Vom Begrenzten zum Unendlichen - Geschichten aus den Upanishaden'''
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'''111 Geschichten aus den Upanishaden'''
'''111 Geschichten aus den Upanishaden'''
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Aktuelle Version vom 30. August 2026, 18:35 Uhr

Die Brahma Upanishad (Sanskrit: ब्रह्मोपनिषत्, Brahmopaniṣat f.), die Upanishad über Brahman, ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Die Brahma Upanishad gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Sannyasa Upanishaden zugeordnet. Sie spricht über die vier Zustände des Atman und Sannyasa.

"Wer wie des Feuers Spitzflamme nur der Erkenntnis Locke trägt, der trägt wirklich die Haarlocke, die anderen tragen Haare nur." Zitat: Brahma Up.

Die Brahma Upanishad gehört zu den Sannyasa Upanishaden und wird in der Muktika-Liste als elfte der 108 Upanishaden geführt. Die heute übliche Zuordnung verbindet sie mit dem Krishna Yajurveda. Eine verbreitete Sanskritfassung schließt jedoch mit einem Kolophon zum Atharvaveda; diese Abweichung ist Teil ihrer vielgestaltigen Überlieferung. Der Titel bedeutet „Upanishad über Brahman“ oder „geheime Lehre vom Absoluten“.

Die Schrift fragt, was den Körper, den Atem und die Sinne von innen her belebt. Ihre Antwort führt vom Prana zum Atman und von den vier Bewusstseinszuständen – Jagrat, Svapna, Sushupti und Turiya – zur Erkenntnis des einen, ungeteilten Selbst. Besonders eindrücklich ist die Lehre vom inneren heiligen Faden: Für den verwirklichten Entsagenden sind nicht äußere Zeichen, sondern Jnana, Selbsterkenntnis und die Verankerung in Brahman der wahre Opferfaden und die wahre Shikha.

Die Brahma Upanishad führt von äußeren Zeichen zur unmittelbaren Erkenntnis des einen Selbst.

Damit bildet die Brahma Upanishad eine Brücke zwischen älteren upanishadischen Lehren über Atem, Tiefschlaf und Herzraum und der späteren Spiritualität der Entsagung. Ihre Meditation ist vor allem eine Verinnerlichung: Der eigene Atman wird zum unteren Reibholz, Om zum oberen, und durch beharrliche Sammlung soll das verborgene Licht wie Feuer aus dem Holz hervortreten. Für heutige Übende macht sie deutlich, dass Yoga nicht in einer äußeren Rolle aufgeht. Entscheidend ist, ob Wissen zu gelebter Wahrhaftigkeit, innerer Freiheit und der Schau des einen Bewusstseins in allen Wesen wird.

Brahma Upanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung

Die folgende Lesefassung folgt der verbreiteten, in vier Abschnitte gegliederten Sanskritüberlieferung. Die kritische Ausgabe von F. Otto Schrader ordnet denselben Stoff in drei Kapitel. Weil die ersten beiden Abschnitte lange Prosaeinheiten sind, werden sie hier für Übersetzung und Worterklärung redaktionell in kleinere Sinnabschnitte geteilt. Die Buchstaben 1a, 1b usw. sind daher keine überlieferten Verszahlen. Echte Lücken und unsichere Lesarten werden genannt; sie werden nicht durch scheinbar sichere Rekonstruktionen verdeckt.

Shanti Mantra

oṃ saha nāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Möge Brahman uns beide – Lehrenden und Lernenden – beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große geistige Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – Om; saha nau avatu – möge es uns beide beschützen; saha nau bhunaktu – möge es uns beide nähren; saha vīryam karavāvahai – mögen wir gemeinsam Kraft entfalten; tejasvinau adhītam astu – möge das von uns Gelernte lichtvoll sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht ablehnen; śāntiḥ – Frieden (Shanti).

Erster Abschnitt – Prana, Schlaf und Erwachen

1a. Shaunakas Frage nach dem inneren Lenker
oṃ śaunako ha vai mahāśālo’ṅgirasaṃ bhagavantaṃ pippalādamapṛcchat |
divye brahmapure sampratiṣṭhitā bhavanti kathaṃ sṛjanti kasyaiṣa mahimā babhūva yo hyeṣa mahimā babhūva ka eṣaḥ |

Om. Shaunaka, ein angesehener Hausherr, fragte den verehrungswürdigen Pippalada aus dem Geschlecht der Angiras: „Wie sind sie – die Lebens- und Sinneskräfte – in der göttlichen Brahman-Stadt, dem menschlichen Körper, gegründet? Wie treten sie schöpferisch nach außen? Von wem stammt diese ihre Macht? Wer ist jener, dem diese Macht gehört?“

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃOm; śaunakaḥ – Shaunaka; mahāśālaḥ – angesehener, wohlhabender Hausherr; āṅgirasam – aus dem Geschlecht des Angiras; bhagavantam – den Ehrwürdigen; pippalādamPippalada; apṛcchat – fragte; divye brahmapure – in der göttlichen Brahman-Stadt, sinnbildlich im Körper; sampratiṣṭhitāḥ – fest gegründet; katham sṛjanti – wie wirken beziehungsweise treten sie nach außen; kasya eṣaḥ mahimā – wessen Macht ist dies; kaḥ eṣaḥ – wer ist dieser?

1b. Prana und Atman als Ursprung der Kräfte
tasmai sa hovāca brahmavidyāṃ variṣṭhām |
prāṇo hyeṣa ātmā | ātmano mahimā babhūva devānāmāyuḥ sa devānāṃ nidhanamanidhanaṃ divye brahmapure virajaṃ niṣkalaṃ śubhramakṣaraṃ yadbrahma vibhāti |
sa niyacchati madhukararājānaṃ mākṣikavaditi |
yathā mākṣikaikena tantunā jālaṃ vikṣipati tenāpakarṣati tathaivaiṣa prāṇo yadā yāti saṃsṛṣṭamākṛṣya |
prāṇadevatāstāḥ sarvā nāḍyaḥ |

Pippalada verkündete ihm die höchste Brahmavidya: „Dieser Prana ist der Atman. Aus dem Selbst stammt diese Macht. Er ist das Leben der Götter – hier der Sinneskräfte –, ihr Ursprung und ihr Ende. Im göttlichen Brahman-Palast leuchtet das fleckenlose, ungeteilte, reine und unvergängliche Brahman. Es lenkt die Kräfte wie eine Bienenkönigin ihren Schwarm. Wie eine Spinne aus einem einzigen Faden ihr Netz hervorbringt und wieder einzieht, so zieht der Prana beim Rückzug das von ihm Entfaltete wieder an sich. Alle Nadis gehören zu den vom Prana getragenen Kräften.“

Wort-für-Wort-Erläuterung: brahmavidyām variṣṭhām – die höchste Erkenntnis Brahmans; prāṇaḥ hi eṣaḥ ātmā – dieser Prana ist der Atman; ātmanaḥ mahimā – die Macht des Selbst; devānām āyuḥ – Leben der Götter beziehungsweise Sinneskräfte; nidhanam anidhanam – Ende und Nicht-Ende, auch Ursprung; virajam – frei von Staub und Leidenschaft; niṣkalam – ohne Teile; śubhram – rein, licht; akṣaram – unvergänglich (Akshara); niyacchati – lenkt; madhukara-rājānam – Bienenkönigin beziehungsweise „König der Bienen“; tantunā – mit einem Faden; jālam vikṣipati – breitet ein Netz aus; apakarṣati – zieht es zurück; prāṇa-devatāḥ – vom Prana getragene Kräfte; nāḍyaḥNadis. Die Bienen-/Spinnenstelle ist in den Handschriften gestört; die Übersetzung folgt dem durch die Prashna Upanishad gestützten Sinn.

1c. Tiefschlaf als Rückkehr zum inneren Sitz
suṣvape śyenākāśavadyathā khaṃ śyenamāśritya yāti svamālayamevaṃ suṣupto brūte |
yathaivaiṣa devadatto yaṣṭyāpi tāḍyamāno na vettyevamiṣṭāpūrtaiḥ śubhāśubhairna lipyate |
yathā kumāro niṣkāma ānandamupayāti tathaivaiṣa devadattaḥ svapna ānandamabhiyāti |

Im tiefen Schlaf kehrt der Lebenshauch durch die Nadis zu seinem Sitz zurück, wie ein Falke nach seinem Flug im Raum zum Nest heimkehrt. Ein tief Schlafender nimmt selbst Stockschläge nicht wahr; ebenso wird das Selbst in diesem Zustand nicht von Ritualverdienst und guten oder schlechten Taten berührt. Wie ein Kind ohne berechnendes Begehren Freude erfährt, so gelangt der Mensch im Tiefschlaf zu einer stillen Glückserfahrung.

Wort-für-Wort-Erläuterung: suṣvape – beim tiefen Schlaf; śyena – Falke; ākāśavat – wie im Raum; svam ālayam yāti – geht zu seinem eigenen Sitz; suṣuptaḥ – tief schlafend (Sushupti); devadattaḥ – „Devadatta“, Beispielname für einen Menschen; yaṣṭyā api tāḍyamānaḥ – selbst mit einem Stock geschlagen; na vetti – nimmt nicht wahr; iṣṭāpūrtaiḥ – durch Opfer und verdienstvolle Werke; śubha-aśubhaiḥ – durch Gutes und Schlechtes; na lipyate – wird nicht befleckt; kumāraḥ – Kind; niṣkāmaḥ – ohne Begehren; ānandam upayāti – gelangt zu Freude (Ananda).

1d. Höchstes Licht, Traum und das Gleichnis der Blutegel
veda eva paraṃ jyotiḥ jyotiṣkāmo jyotirānandayate |
bhūyastenaiva svapnāya gacchati jalaukāvat |
yathā jalaukāgramagraṃ nayatyātmānaṃ nayati paraṃ sandhāya | yatparaṃ nāparaṃ tyajati sa jāgradabhidhīyate |

Er erkennt das höchste Licht; wer dieses Licht sucht, findet Freude im Licht. Auf demselben Weg gelangt er wieder in den Traumzustand, einer Blutegel ähnlich: Sie streckt sich von einem Halt zum nächsten, fasst den neuen und lässt den früheren erst danach los. So verbindet das Bewusstsein die Zustände miteinander; der Übergang zum Wachsein wird auf diese Weise erklärt.

Wort-für-Wort-Erläuterung: veda – er erkennt; param jyotiḥ – das höchste Licht (Jyoti); jyotiṣ-kāmaḥ – nach dem Licht verlangend; svapnāya gacchati – geht zum Traumzustand (Svapna); jalaukā-vat – wie eine Blutegel; agram agram nayati – führt das Vorderende weiter; param sandhāya – den nächsten Halt ergriffen habend; aparam na tyajati – lässt den vorigen nicht vorher los; jāgrat – Wachzustand (Jagrat); abhidhīyate – wird genannt. Die Syntax des überlieferten Übergangs ist knapp und teilweise beschädigt.

1e. Der erwachte Mensch und die acht Wahrnehmungsorgane
yathaivaiṣa kapālāṣṭakaṃ saṃnayati | tameva stana iva lambate vedadevayonaḥ |
yatra jāgrati śubhāśubhaṃ niruktamasya devasya sa samprasādo’ntaryāmī khagaḥ karkaṭakaḥ puṣkaraḥ puruṣaḥ prāṇo haṃsaḥ parāparaṃ brahma ātmā devatā vedayati |

Wie ein Opfernder acht Opferschalen zusammenführt, so führt das erwachte Selbst die acht Wahrnehmungs- und Handlungsorgane zusammen. Die folgende Wendung über etwas, das wie eine Brustwarze herabhängt und als „Ursprung der Götter“ bezeichnet wird, ist textlich lückenhaft; wahrscheinlich ist – in Anlehnung an die Taittiriya Upanishad – das Zäpfchen am Gaumen gemeint. Im Erwachen werden Gut und Böse für dieses verkörperte Wesen wirksam. Doch der innerste Lenker ist zugleich vollkommene Stille: Vogel, Krebs, Lotusraum, Purusha, Prana und Hamsa, höheres und niederes Brahman, Atman und die Kraft, die alle Sinne zum Erkennen bringt.

Wort-für-Wort-Erläuterung: kapāla-aṣṭakam – acht Opferschalen; sinngemäß die acht Erfasser; saṃnayati – führt zusammen; stana iva lambate – hängt wie eine Brustwarze herab; veda-deva-yoniḥ – Ursprung der Veden beziehungsweise Sinnesgötter; jāgrati – im Wachen; śubha-aśubham – Gutes und Schlechtes; samprasādaḥ – vollkommene Ruhe, Klarheit; antaryāmī – innerer Lenker (Antaryamin); khagaḥ – Vogel; karkaṭakaḥ – Krebs; puṣkaraḥ – Lotus oder Raum; puruṣaḥ – geistiges Wesen; prāṇaḥ – Lebenshauch; haṃsaḥ – Hamsa; parāparam brahma – höheres und niederes Brahman; vedayati – lässt erkennen. In diesem Teil weist der Sanskrittext eine echte Lücke auf.

1f. Frucht der Erkenntnis
ya evaṃ veda sa paraṃ brahmadhāma kṣetrajñamupaiti || 1 ||

Wer dies erkennt, gelangt zum höchsten Sitz Brahmans und zum Kshetrajna, dem Kenner des Feldes.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yaḥ evam veda – wer so erkennt; param brahma-dhāma – höchster Sitz Brahmans; kṣetrajñam – den Kenner des Feldes, das Bewusstseinsprinzip; upaiti – erreicht, gelangt zu.

Zweiter Abschnitt – Die vier Zustände und der Herzraum

2a. Vier Sitze und vier Bewusstseinszustände
athāsya puruṣasya catvāri sthānāni bhavanti nābhirhṛdayaṃ kaṇṭhaṃ mūrdheti |
tatra catuṣpādaṃ brahma vibhāti | jāgaritaṃ svapnaṃ suṣuptaṃ turīyamiti |
jāgarite brahmā svapne viṣṇuḥ suṣuptau rudrasturīyaṃ paramākṣaram |
ādityaśca viṣṇuśceśvaraśca sa puruṣaḥ sa prāṇaḥ sa jīvaḥ so’gniḥ seśvaraśca jāgratteṣāṃ madhye yatparaṃ brahma vibhāti |

Dieser Purusha besitzt vier Sitze: Nabel, Herz, Kehle und Haupt. In ihnen leuchtet Brahman vierfüßig als Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya, der „vierte“ Zustand. Im Wachen erscheint es als Brahma, im Traum als Vishnu, im Tiefschlaf als Rudra und im Turiya als das höchste Unvergängliche. Es ist Sonne, Vishnu und Ishvara, Purusha, Prana, Jiva und das wachende Feuer. Inmitten all dieser Formen leuchtet das höchste Brahman.

Wort-für-Wort-Erläuterung: puruṣasya catvāri sthānāni – vier Sitze des Purusha; nābhiḥ – Nabel; hṛdayam – Herz; kaṇṭham – Kehle; mūrdhā – Haupt, Scheitel; catuṣpādam brahma – Brahman mit vier Füßen; jāgaritam – Wachen; svapnam – Traum; suṣuptam – Tiefschlaf; turīyam – das Vierte; param akṣaram – höchstes Unvergängliches; ādityaḥ – Sonne; īśvaraḥ – Herr (Ishvara); jīvaḥ – Einzelseele; agniḥ – Feuer; teṣām madhye – in ihrer Mitte; param brahma vibhāti – das höchste Brahman leuchtet.

2b. Brahman jenseits aller Gegensätze
svayamamanaskamaśrotramapāṇipādaṃ jyotirvarjitaṃ na tatra lokā nālokā vedā nāvedāḥ devā nādevāḥ yajñā nāyajñāḥ mātā nāmātā pitā nāpitā snuṣā nāsnuṣā cāṇḍālo nācāṇḍālaḥ paulkaso nāpaulkasaḥ śramaṇo nāśramaṇaḥ paśavo nāpaśavastāpaso nātāpasa ityekameva paraṃ brahma vibhāti |

Aus sich selbst ist das höchste Brahman ohne denkenden Geist, ohne Ohren, Hände und Füße und ohne ein gegenständliches Licht. Dort verlieren die Gegensätze ihren letzten Halt: Welt und Nicht-Welt, Veda und Nicht-Veda, Gott und Nicht-Gott, Opfer und Nicht-Opfer, Mutter und Nicht-Mutter, Vater und Nicht-Vater, gesellschaftlicher Rang und sein Gegenteil, Entsagender und Nicht-Entsagender, Tier und Asket. Allein das eine höchste Brahman leuchtet.

Wort-für-Wort-Erläuterung: amanaskam – ohne begrenzenden Geist; aśrotram – ohne Ohr; apāṇi-pādam – ohne Hände und Füße; jyotiḥ-varjitam – ohne gegenständliches Licht; lokāḥ na alokāḥ – Welten und Nicht-Welten verlieren ihre Unterscheidung; vedāḥ na avedāḥ – Veden und Nicht-Veden; devāḥ na adevāḥ – Götter und Nicht-Götter; yajñāḥ na ayajñāḥ – Opfer und Nicht-Opfer; cāṇḍālaḥ / paulkasaḥ – historische Bezeichnungen gesellschaftlich ausgegrenzter Gruppen; śramaṇaḥ – Entsagender; tāpasaḥ – Asket; ekam eva – nur das Eine; param brahma – höchstes Brahman. Manche Handschriften lassen mehrere Negationen aus; die Lesart folgt der nichtdualen Parallelstelle der Brihadaranyaka Upanishad.

2c. Der Raum des Herzens
hṛdyākāśe tadvijñānamākāśaṃ tatsuṣiramākāśaṃ tadvedyaṃ hṛdyākāśaṃ yasminnidaṃ sañcarati vicarati yasminnidaṃ sarvamotaṃ protam |
saṃvibhoḥ prajā jñāyeran |
na tatra devā ṛṣayaḥ pitara īśate | pratibuddhaḥ sarvaviditi || 2 ||

Im Raum des Herzens ist der Raum des Bewusstseins. Dieser feine, erkennbare Herzraum ist zugleich der unermessliche Raum, in dem sich das All bewegt und in den alles wie Kette und Schuss eingewebt ist. Wer den allgegenwärtigen Herrn in allen Wesen erkennt, wird zum höchsten Brahman – das ist Befreiung. Dort herrschen weder Götter noch Seher noch Ahnen über ihn; der Erwachte ist allwissend.

Wort-für-Wort-Erläuterung: hṛdi-ākāśe – im Raum des Herzens (Hridayakasha); vijñānam ākāśam – Raum des Bewusstseins; suṣiram – Höhlung, feiner Innenraum; vedyam – zu erkennen; yasmin idam sañcarati vicarati – worin dieses All sich hin und her bewegt; otam protam – als Kette und Schuss eingewebt; vibhoḥ – des allgegenwärtigen Herrn; prajāḥ – Wesen; jñāyeran – mögen erkannt werden; na īśate – herrschen nicht; pratibuddhaḥ – erwacht; sarvavit – alles erkennend. Die kurze Wendung saṃvibhoḥ prajā jñāyeran ist textlich unsicher; die Übersetzung gibt den Zusammenhang der kritischen Ausgabe wieder.

Dritter Abschnitt – Der innere heilige Faden

3a. Die Götter, Pranas und der dreifache Faden im Herzen
hṛdisthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ |
hṛdi prāṇaśca jyotiśca trivṛtsūtraṃ ca yanmahat ||
hṛdi caitanye tiṣṭhati |

Alle Gottheiten wohnen im Herzen; im Herzen sind alle Lebenskräfte gegründet. Im Herzen sind Prana, Licht und der große dreifach gedrehte Faden. Er ruht im Herzen, im Bewusstsein.

Wort-für-Wort-Erläuterung: hṛdisthāḥ devatāḥ – die im Herzen wohnenden Gottheiten; prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ – die Lebenskräfte sind gegründet; jyotiḥ – Licht; trivṛt-sūtram – dreifach gedrehter Faden; mahat – groß; hṛdi caitanye tiṣṭhati – er ruht im Herzen, im Bewusstsein. Der letzte Satz gilt in der kritischen Forschung wahrscheinlich als alte Glosse, die in den Text gelangte.

3b. Das Mantra des heiligen Fadens
yajñopavītaṃ paramaṃ pavitraṃ prajāpateryatsahajaṃ purastāt |
āyuṣyamagryaṃ pratimuñca śubhraṃ yajñopavītaṃ balamastu tejaḥ ||

Lege den höchsten, heiligen Opferfaden an, der von alters her mit Prajapati entstanden ist, der das Leben fördert, rein und vortrefflich ist. Der Opferfaden sei Kraft und Leuchtkraft.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yajñopavītam – Opfer- oder Initiationsfaden; paramam pavitram – höchster Reiniger, überaus heilig; prajāpateḥ – Prajapatis; sahajam purastāt – von Anfang an mit ihm entstanden; āyuṣyam – das Leben fördernd; agryam – vortrefflich; pratimuñca – lege an; śubhram – rein, hell; balam – Kraft; tejaḥ – Leuchtkraft (Tejas).

3c. Vom äußeren zum inneren Faden
saśikhaṃ vapanaṃ kṛtvā bahiḥsūtraṃ tyajedbudhaḥ |
yadakṣaraṃ paraṃ brahma tatsūtramiti dhārayet ||
sūcanātsūtramityāhuḥ sūtraṃ nāma paraṃ padam |
tatsūtraṃ viditaṃ yena sa vipro vedapāragaḥ ||
tena sarvamidaṃ protaṃ sūtre maṇigaṇā iva |
tatsūtraṃ dhārayedyogī yogavittattvadarśivān ||

Nachdem der Weise Haar und Haarknoten abrasiert hat, soll er den äußeren Faden ablegen und als seinen Faden das unvergängliche höchste Brahman tragen. Er heißt Sutra, weil er auf das Höchste hinweist; Sutra ist der höchste Zustand. Wer diesen Faden kennt, ist ein wahrer Weiser und hat den Veda durchdrungen. Wie Perlen auf einem Faden ist dieses ganze All auf Brahman aufgereiht. Diesen Faden soll der Yogi tragen, der Yoga kennt und die Wahrheit schaut.

Wort-für-Wort-Erläuterung: sa-śikham vapanam kṛtvā – Haar samt Shikha abrasiert habend; bahiḥ-sūtram tyajet – den äußeren Faden ablegen; akṣaram param brahma – das unvergängliche höchste Brahman; dhārayet – soll tragen; sūcanāt sūtram – „Faden“, weil er hinweist; param padam – höchster Zustand; vipraḥ – Weiser, Brahmane; veda-pāragaḥ – einer, der ans andere Ufer des Veda gelangt ist; protam – aufgefädelt; maṇi-gaṇāḥ iva – wie Reihen von Perlen; yogī – Yogi; yoga-vit – Kenner des Yoga; tattva-darśivān – die Wirklichkeit schauend.

3d. Erkenntnis als Opferfaden und Haarknoten
bahiḥsūtraṃ tyajedvidvānyogamuttamamāsthitaḥ |
brahmabhāvamayaṃ sūtraṃ dhārayedyaḥ sa cetanaḥ ||
dhāraṇāttasya sūtrasya nocchiṣṭo nāśucirbhavet |
sūtramantargataṃ yeṣāṃ jñānayajñopavītinām ||
te vai sūtravido loke te ca yajñopavītinaḥ |
jñānaśikhino jñānaniṣṭhā jñānayajñopavītinaḥ ||
jñānameva paraṃ teṣāṃ pavitraṃ jñānamuttamam |
agneriva śikhā nānyā yasya jñānamayī śikhā ||
sa śikhītyucyate vidvānitare keśadhāriṇaḥ || 3 ||

Wer in den höchsten Yoga eingetreten ist, soll den äußeren Faden ablegen und den Faden tragen, dessen Wesen Brahman ist. Durch diesen inneren Faden wird er nicht unrein. Nur diejenigen kennen den wahren Faden und tragen das eigentliche Yajnopavita, deren Faden innen ist und deren Opferfaden Erkenntnis heißt. Erkenntnis ist ihr Haarknoten, in Erkenntnis stehen sie fest, Erkenntnis ist ihr Opferfaden und ihr höchster Reiniger. Wessen Shikha wie die Flamme des Feuers ganz aus Erkenntnis besteht, der heißt wahrhaft ein Träger der Shikha; die anderen tragen lediglich Haar.

Wort-für-Wort-Erläuterung: uttamam yogam āsthitaḥ – in den höchsten Yoga eingetreten; brahma-bhāva-mayam sūtram – Faden, der aus dem Sein Brahmans besteht; cetanaḥ – bewusst, einsichtig; na ucchiṣṭaḥ na aśuciḥ – weder befleckt noch unrein; sūtram antargatam – der Faden ist nach innen gegangen; jñāna-yajñopavītinām – derer, deren Opferfaden Erkenntnis ist; sūtra-vidaḥ – Kenner des wahren Fadens; jñāna-śikhinaḥ – Menschen mit Erkenntnis als Haarknoten; jñāna-niṣṭhāḥ – fest in Erkenntnis gegründet (Nishtha); jñānam eva param – Erkenntnis allein ist das Höchste; agneḥ iva śikhā – wie die Flamme des Feuers; keśa-dhāriṇaḥ – bloße Träger von Haar.

Vierter Abschnitt – Erkenntnis, Meditation und Einheit

4a. Äußeres Zeichen und innere Verwirklichung
karmaṇyadhikṛtā ye tu vaidike brāhmaṇādayaḥ |
taiḥ sandhāryamidaṃ sūtraṃ kriyāṅgaṃ taddhi vai smṛtam ||
śikhā jñānamayī yasya upavītaṃ ca tanmayam |
brāhmaṇyaṃ sakalaṃ tasya iti brahmavido viduḥ ||
idaṃ yajñopavītaṃ tu pavitraṃ yatparāyaṇam |
sa vidvānyajñopavītī syātsa yajñaḥ sa ca yajñavit ||

Brahmanen und andere, die zur Ausführung vedischer Riten berechtigt sind, sollen den äußeren Faden tragen, denn er gilt als Bestandteil des Rituals. Doch vollständig im wahren Brahman-Sein steht nach den Brahman-Kennern derjenige, dessen Shikha und Opferfaden aus Erkenntnis bestehen. Wer auf diesen höchsten Opferfaden ausgerichtet ist, ist wahrhaft wissend: Er trägt den Opferfaden, er ist selbst das Opfer und kennt das Opfer.

Wort-für-Wort-Erläuterung: karmaṇi adhikṛtāḥ – zu den Ritualhandlungen berechtigt; vaidike – im vedischen Bereich; brāhmaṇa-ādayaḥ – Brahmanen und andere; sandhāryam – soll getragen werden; kriyā-aṅgam – Bestandteil des Rituals; jñāna-mayī śikhā – Haarknoten aus Erkenntnis; upavītam tat-mayam – ein ebenso aus Erkenntnis bestehender Faden; brāhmaṇyam sakalam – vollständiges Brahmanen-Sein; brahma-vidaḥ – Brahman-Kenner; yat-parāyaṇam – auf das Höchste gerichtet; sa yajñaḥ – er ist das Opfer; yajña-vit – Kenner des Opfers.

4b. Der eine Gott im Innern aller Wesen
eko devaḥ sarvabhūteṣu gūḍhaḥ sarvavyāpī sarvabhūtāntarātmā |
karmādhyakṣaḥ sarvabhūtādhivāsaḥ sākṣī cetā kevalo nirguṇaśca ||
eko manīṣī niṣkriyāṇāṃ bahūnāmekaṃ santaṃ bahudhā yaḥ karoti |
tamātmānaṃ ye’nupaśyanti dhīrāsteṣāṃ śāntiḥ śāśvatī netareṣām ||

Ein Gott ist in allen Wesen verborgen, alldurchdringend und das innere Selbst aller Wesen. Er überwacht die Taten, ist die Wohnstatt aller, Zeuge und Erkennender, allein und ohne Eigenschaften. Der eine Weise macht das Eine unter den vielen scheinbar vielfach. Die Standhaften, die ihn als ihr eigenes Selbst schauen, erlangen ewigen Frieden – nicht die anderen.

Wort-für-Wort-Erläuterung: ekaḥ devaḥ – der eine Gott; sarva-bhūteṣu gūḍhaḥ – in allen Wesen verborgen; sarva-vyāpī – alldurchdringend; sarva-bhūta-antar-ātmā – inneres Selbst aller Wesen; karma-adhyakṣaḥ – Aufseher über die Taten; adhivāsaḥ – Wohnstatt; sākṣī – Zeuge (Sakshi); cetā – Erkennender; kevalaḥ – allein; nirguṇaḥ – ohne Eigenschaften (Nirguna); niṣkriyāṇām – unter den Untätigen; ekam santam bahudhā karoti – macht das eine Seiende scheinbar vielfältig; anupaśyanti – schauen unmittelbar; śāntiḥ śāśvatī – ewiger Frieden. Die Strophen entsprechen mit Varianten der Shvetashvatara Upanishad 6.11–12.

4c. Meditation als Reiben der Feuerhölzer
ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |
dhyānanirmathanābhyāsāddevaṃ paśyennigūḍhavat ||
tileṣu tailaṃ dadhinīva sarpirāpaḥ srotaḥsvaraṇīṣu cāgniḥ |
evamātmā’’tmani gṛhyate’sau satyenainaṃ tapasā yo’nupaśyati ||

Mache den Atman zum unteren Feuerholz und den Pranava Om zum oberen. Durch das beständige Reiben der Meditation sollst du das verborgene Göttliche schauen wie das im Holz verborgene Feuer. Wie Öl in Sesamsamen, Butter in Dickmilch, Wasser in Flussläufen und Feuer in den Reibhölzern, so wird der Atman im eigenen Selbst erfasst – von dem, der ihn durch Wahrhaftigkeit und Tapas schaut.

Wort-für-Wort-Erläuterung: ātmānam araṇim kṛtvā – den Atman zum Feuerholz gemacht; praṇavam uttara-araṇim – Pranava als oberes Reibholz; dhyāna-nirmathana-abhyāsāt – durch Übung des Reibens in Dhyana; devam paśyet – soll man das Göttliche schauen; nigūḍhavat – wie etwas Verborgenes; tileṣu tailam – Öl in Sesamsamen; dadhini sarpiḥ – Butterfett in Dickmilch; āpaḥ srotaḥsu – Wasser in Flussläufen; araṇīṣu agniḥ – Feuer in Reibhölzern; ātmani gṛhyate – wird im Selbst erfasst; satyena – durch Wahrhaftigkeit (Satya); tapasā – durch geistige Disziplin.

4d. Spinne, Herzlotus und die vier Zustände
ūrṇanābhiryathā tantūnsṛjate saṃharatyapi |
jāgratsvapne tathā jīvo gacchatyāgacchate punaḥ ||
padmakośapratīkāśaṃ suṣiraṃ cāpyadhomukham |
hṛdayaṃ tadvijānīyādviśvasyāyatanaṃ mahat ||
netrasthaṃ jāgrataṃ vidyātkaṇṭhe svapnaṃ vinirdiśet |
suṣuptaṃ hṛdayasthaṃ tu turīyaṃ mūrdhni saṃsthitam ||

Wie eine Spinne ihre Fäden aus sich hervorbringt und wieder einzieht, so geht der Jiva in Wachen und Traum hinaus und kehrt wieder zurück. Erkenne das Herz als eine nach unten gerichtete, hohle Lotusknospe und als die große Wohnstatt des Weltganzen. Im Wachen ist das Bewusstsein im Auge, im Traum in der Kehle, im Tiefschlaf im Herzen und im Turiya am Scheitel gegründet.

Wort-für-Wort-Erläuterung: ūrṇanābhiḥ – Spinne; tantūn sṛjate saṃharati – bringt Fäden hervor und zieht sie zurück; jīvaḥ – Einzelseele; jāgrat-svapne – in Wachen und Traum; gacchati āgacchati – geht und kehrt zurück; padma-kośa-pratīkāśam – einer Lotusknospe ähnlich; suṣiram – hohl, einen Innenraum besitzend; adho-mukham – nach unten gerichtet; hṛdayam – Herz; viśvasya āyatanam mahat – große Wohnstatt des Alls; netrastham – im Auge befindlich; kaṇṭhe – in der Kehle; hṛdayastham – im Herzen; mūrdhni saṃsthitam – am Scheitel gegründet.

4e. Die verinnerlichte Sandhya
yadātmā prajñayātmānaṃ sandhatte paramātmani |
tena sandhyā dhyānameva tasmātsandhyābhivandanam ||
nirudakā dhyānasandhyā vākkāyakleśavarjitā |
sandhinī sarvabhūtānāṃ sā sandhyā hyekadaṇḍinām ||

Wenn der Atman sich durch klare Einsicht mit dem höchsten Atman verbindet, wird Meditation selbst zur Sandhya, zur heiligen Vereinigung. Darum übt der Entsagende diese innere Dämmerungsandacht. Sie braucht kein Wasser, erschöpft weder Sprache noch Körper und führt alle Wesen in der Einheit zusammen. Das ist die Sandhya der Träger des einen Stabes.

Wort-für-Wort-Erläuterung: prajñayā – durch Einsicht, Weisheit (Prajna); ātmānam sandhatte paramātmani – verbindet das Selbst mit dem höchsten Selbst; sandhyā – Übergang, Verbindung und Dämmerungsandacht; dhyānam eva – Meditation allein; nirudakā – ohne Wasser; vāk-kāya-kleśa-varjitā – frei von Mühe für Rede und Körper; sandhinī sarva-bhūtānām – alle Wesen verbindend; ekadaṇḍinām – der Ein-Stab-Entsagenden (Ekadandin).

4f. Die höchste Brahman-Lehre
yato vāco nivartante aprāpya manasā saha |
ānandametajjīvasya yaṃ jñātvā mucyate budhaḥ ||
sarvavyāpinamātmānaṃ kṣīre sarpirivārpitam |
ātmavidyātapomūlaṃ tadbrahmopaniṣatparam |
sarvātmaikatvarūpeṇa tadbrahmopaniṣatparamiti || 4 ||

Wovon Worte gemeinsam mit dem Denken zurückkehren, ohne es zu erreichen – das ist die Glückseligkeit des Jiva; wer sie erkennt, wird frei. Der Atman durchdringt alle Wesen wie Butterfett die Milch. Er ist die Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas. Dies ist die höchste Brahman-Upanishad: die Lehre von der Einheit des einen Selbst in allen Wesen.

Wort-für-Wort-Erläuterung: yataḥ vācaḥ nivartante – wovon die Worte zurückkehren; aprāpya manasā saha – ohne es zusammen mit dem Denken zu erreichen; ānandam – Glückseligkeit; yam jñātvā – welches erkannt habend; mucyate budhaḥ – wird der Weise befreit; sarva-vyāpinam ātmānam – den alldurchdringenden Atman; kṣīre sarpiḥ iva arpitam – wie Butterfett in Milch enthalten; ātma-vidyā-tapo-mūlam – Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas; brahmopaniṣat param – höchste geheime Brahman-Lehre; sarva-ātma-ekatva-rūpeṇa – in der Gestalt der Einheit des Selbst in allem.

Abschluss

ityatharvavede brahmopaniṣatsamāptā ||

Damit endet die Brahma Upanishad, hier nach dem Kolophon der Atharvaveda-Fassung.

Wort-für-Wort-Erläuterung: iti – so, damit; atharvavede – im Atharvaveda; brahmopaniṣat – Brahma Upanishad; samāptā – beendet, vollendet. Die übliche Muktika-Zuordnung zum Krishna Yajurveda wird unten erläutert.

oṃ saha nāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Das Shanti Mantra wird am Ende wiederholt.

Video: Spirituelle Yoga-Perspektiven – Samkhya, Patanjali und Vedanta

Brahma Upanishad: Hintergrund, Datierung, Inhalt und Bedeutung

Name, Einordnung und Überlieferung

Brahmopaniṣat bedeutet wörtlich „die Upanishad des Brahman“. Gemeint ist nicht der Schöpfergott Brahma, sondern überwiegend Brahman, die höchste, unbedingte Wirklichkeit. Der Text gehört zur Gruppe der Sannyasa Upanishaden, weil er äußere Kennzeichen des vedischen Haus- und Rituallebens – Opferfaden und Haarknoten – im Licht der Entsagung neu deutet. Er ist zugleich eine Schrift über Vedanta, Bewusstseinszustände und innere Meditation.

In der Muktika-Liste steht die Brahma Upanishad an elfter Stelle und wird mit dem Krishna Yajurveda verbunden. Das Kolophon der hier verwendeten elektronischen Langfassung nennt dagegen den Atharvaveda. Solche schwankenden Veda-Zuordnungen sind bei kleineren Upanishaden nicht ungewöhnlich und sollten nicht durch eine stillschweigende Vereinheitlichung verdeckt werden. Die im Artikel wiedergegebene Schlussformel bleibt daher quellengetreu erhalten, während die Einleitung die gebräuchliche Muktika-Zuordnung nennt.

Auch die Gliederung ist nicht einheitlich. Die verbreitete Langfassung zählt vier große Abschnitte. Schraders kritische Ausgabe und Patrick Olivelles darauf beruhende Übersetzung behandeln den Stoff als drei Kapitel: Der Abschnitt über den inneren Opferfaden wird dort über die Kapitelgrenze hinweg gegliedert. Manche südindischen Ausgaben beginnen erst mit der Lehre von den vier Sitzen des Purusha und lassen den gesamten langen Dialog zwischen Shaunaka und Pippalada aus. Die vorliegende Fassung enthält ausdrücklich alle vier Abschnitte einschließlich dieses ersten Prosateils.

Datierung und Textschichten

Autor, Entstehungsort und genaue Zeit sind unbekannt. Eine punktgenaue Datierung wäre nicht seriös. Die Brahma Upanishad gehört nach Schrader und Sprockhoff zur älteren Gruppe der Sannyasa Upanishaden. Patrick Olivelle weist jedoch darauf hin, dass ihre Diskussion über den ständig getragenen Opferfaden in der erhaltenen Form eher in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung passt. Zugleich können einzelne Bestandteile deutlich älter sein. Am vorsichtigsten lässt sich daher sagen: Die heute vorliegende Komposition entstand wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten n. Chr.; ältere Lehrstücke und spätere Überarbeitungen sind möglich.

Der zusammengesetzte Charakter ist im Text selbst sichtbar. Die Sprache des ersten Kapitels erinnert an frühe Prosa-Upanishaden. Später folgen metrische Strophen und fast wörtliche Übernahmen aus der Shvetashvatara Upanishad. Manche Übergänge sind abgebrochen, einzelne Sätze nur schwer verständlich. Schraders kritische Ausgabe rekonstruiert beispielsweise einen ausgefallenen Vergleich mit der Bienenkönigin anhand der Prashna Upanishad 2.4. Eine weitere Lücke betrifft acht Opferschalen, die vermutlich die acht „Erfasser“ – Sinnes- und Handlungsorgane – versinnbildlichen. Solche Unsicherheiten sind kein Mangel dieser Wiki-Ausgabe, sondern Teil der realen Handschriftenüberlieferung.

Der Körper als Brahmapura

Die Upanishad beginnt mit dem Bild des Körpers als Brahmapura, als „Stadt Brahmans“. Shaunakas Frage richtet sich nicht nur auf Anatomie. Er will wissen, wodurch Sehen, Hören, Sprechen und alle übrigen Lebensfunktionen ihre Fähigkeit erhalten. Pippaladas Antwort lautet zunächst: Prana ist der Atman. Dabei ist Prana mehr als Atemluft. Er bezeichnet die einigende Lebenskraft, in die sich die einzelnen Sinnesfunktionen im Schlaf zurückziehen und aus der sie beim Erwachen wieder hervortreten.

Der Text greift damit ein großes Motiv der frühen Upanishaden auf: Die Sinneskräfte heißen „Götter“, weil sie die Welt erschließen, doch ihre Macht ist nicht unabhängig. Wie die Bienen ihrem führenden Tier folgen und wie ein Netz aus einem Faden hervorgeht, so hängen die vielen Funktionen an einem inneren Prinzip. Für die Praxis bedeutet dies: Atembeobachtung kann den Geist sammeln, aber der Atem ist nicht das letzte Ziel. Er weist auf jenes Bewusstsein zurück, in dem Atem und Sinne erscheinen.

Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya

Die vier Sitze Nabel, Herz, Kehle und Haupt werden mit vier Zuständen verbunden: Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya. Die Gottheiten Brahma, Vishnu und Rudra stehen symbolisch für die ersten drei, während Turiya als das höchste Akshara gilt. Diese Lehre steht der Mandukya Upanishad nahe, ist aber körperbezogener: Bewusstseinszustände werden zugleich im inneren Raum des Menschen verortet.

Der Tiefschlaf besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Dort sind die gewöhnlichen Unterscheidungen zeitweise nicht wirksam; der Mensch erfährt eine wunschlose Ruhe, erkennt sie nach dem Erwachen jedoch meist nicht bewusst. Turiya ist nicht bloß ein noch tieferer Schlaf. Es ist das unveränderliche Bewusstsein, das Wachen, Traum und Tiefschlaf kennt, ohne auf einen dieser Zustände begrenzt zu sein. Meditation soll nicht Bewusstlosigkeit erzeugen, sondern diese stets gegenwärtige Grundlage klar erkennen lassen.

Der Raum des Herzens ist in der Brahma Upanishad Sinnbild des unbegrenzten Bewusstseins.

Hridayakasha – der Raum des Herzens

Der Hridayakasha, der Raum im Herzen, ist kein messbarer Hohlraum des Organs. Er ist ein kontemplatives Bild für Chidakasha, den Raum des Bewusstseins. In ihm ist das gesamte Weltgewebe „als Kette und Schuss“ verwoben. Die Upanishad verbindet damit Nähe und Unendlichkeit: Das höchste Brahman muss nicht an einem entfernten Ort gesucht werden, und doch ist es nicht auf den Körper eingeschlossen.

Das Herz erscheint später als nach unten gerichtete Lotusknospe und als große Wohnstatt des Alls. Solche Bilder können in einer ruhigen Meditation verwendet werden: nicht als anatomische Behauptung, sondern als Einladung, Aufmerksamkeit, Atem und Gefühl im Herzzentrum zu sammeln und von dort die Grenzen des persönlichen Ichs zu überschreiten. Der entscheidende Schritt bleibt Viveka, die Unterscheidung zwischen wechselnden Erfahrungen und dem unveränderlichen Zeugen.

Der innere Opferfaden und die Verinnerlichung des Rituals

Der bekannteste Teil der Brahma Upanishad deutet Yajnopavita und Shikha neu. Der äußere Opferfaden ist ein Bestandteil vedischer Ritualpraxis. Für den Entsagenden, der diese Praxis verlassen hat, soll Brahman selbst zum Faden werden, auf dem die Welt wie Perlen aufgereiht ist. Erkenntnis ist seine Shikha; Erkenntnis ist sein Opferfaden; Erkenntnis ist sein höchster Reiniger.

Diese Aussagen richten sich historisch an männliche brahmanische Entsagende und setzen die damalige Ritualordnung voraus. Sie sind weder eine allgemeine Abwertung religiöser Formen noch eine pauschale soziale Lehre. Der Text bestätigt ausdrücklich, dass Menschen, die vedische Riten vollziehen, den äußeren Faden als Ritualbestandteil tragen. Sein radikaler Punkt lautet vielmehr: Ein Zeichen erfüllt seinen höchsten Sinn erst, wenn es auf gelebte Erkenntnis verweist. Ohne innere Wandlung kann das äußere Symbol Verwirklichung nicht ersetzen.

Darin liegt eine zeitübergreifende spirituelle Botschaft. Mala, Kleidung, Titel, Unterrichtszertifikat oder Zugehörigkeit zu einer Tradition können hilfreich sein, doch sie sind nicht mit Moksha identisch. Ebenso darf jemand die Ablehnung äußerer Formen nicht mit Freiheit verwechseln. Innere Entsagung zeigt sich an geringerem Egoismus, Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Mitgefühl und an der Fähigkeit, das eine Selbst in anderen zu achten.

Das Feuer der Meditation

Das Gleichnis der Reibhölzer stammt aus der Shvetashvatara Upanishad: Der Atman ist das untere Holz, Om das obere, und Dhyana ist die beständige Reibung, durch die das verborgene Feuer sichtbar wird. Das Bild verbindet Anstrengung und Gnade. Das Feuer wird nicht von außen hergestellt; es ist bereits verborgen. Dennoch braucht es regelmäßige, ausdauernde Praxis, damit es hervortritt.

Die Vergleiche mit Öl im Sesam und Butterfett in der Milch vertiefen denselben Gedanken. Brahman ist nicht abwesend, nur weil es nicht wie ein Sinnesgegenstand erscheint. Es wird durch Satya, Tapas und Meditation erkannt. Für einen modernen Aspiranten kann daraus eine schlichte Praxis entstehen: einige Minuten ruhig sitzen, den Atem natürlich werden lassen, Om geistig wiederholen, die Aufmerksamkeit im Herzen sammeln und anschließend in wortloser Wachheit verweilen. Die Bilder der Schrift rechtfertigen keine gewaltsame Atemkontrolle und verlangen keine medizinische Deutung feinstofflicher Begriffe.

Beziehungen zu anderen Upanishaden und Schriften

Die Brahma Upanishad ist dicht mit älteren Texten verwoben. Das Bild der Sinne als Götter und ihres Rückzugs in den Prana hat Parallelen in Brihadaranyaka Upanishad, Chandogya Upanishad, Prashna Upanishad und Kaushitaki Upanishad. Der Falke des Tiefschlafs und die Spinne, die ihr Netz aus sich hervorbringt, gehören zu einem weit verbreiteten upanishadischen Bildschatz. Die vier Zustände erinnern an die Mandukya Upanishad. Der „Kenner des Feldes“ verbindet die Lehre mit dem dreizehnten Kapitel der Bhagavad Gita.

Der Vers über das Eine, das in allen Wesen verborgen ist, sowie die Feuerholz-, Öl- und Buttergleichnisse stammen mit Varianten aus Shvetashvatara Upanishad 6.11–12 und 1.14–16. Die Wendung, dass Sprache und Geist vor Brahman umkehren, steht der Taittiriya Upanishad nahe. Das erste Kapitel der Brahma Upanishad wurde später nahezu vollständig als erstes Kapitel der Parabrahma Upanishad übernommen. So ist der Text zugleich Empfänger älterer Traditionen und Quelle späterer Sannyasa-Literatur.

Bedeutung für den heutigen Yoga Aspiranten

Für heutige Yoga-Übende ist die Brahma Upanishad vor allem eine Schule der Verinnerlichung. Sie fordert nicht dazu auf, Pflichten, Beziehungen oder kulturelle Formen vorschnell abzulegen. Sie fragt, was eine Praxis von innen her wahr macht. Atem, Mantra, Studium und Meditation sollen zur Erkenntnis führen, dass Bewusstsein nicht auf das begrenzte Ich reduziert werden kann.

Der Satz „Alle Gottheiten wohnen im Herzen“ kann zu einer Haltung der Ehrfurcht führen. Wer das Göttliche im eigenen Innern sucht, sollte es auch in anderen Wesen achten. Nichtdualität ist deshalb kein Rückzug aus ethischer Verantwortung. Sie vertieft Ahimsa, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit, weil das Gegenüber nicht mehr als völlig fremd angesehen wird.

Gleichzeitig erinnert der Text daran, Studium nicht mit Verwirklichung zu verwechseln. Eine Wort-für-Wort-Übersetzung kann den Zugang öffnen; sie ersetzt aber weder stille Kontemplation noch die Prüfung im Alltag. Ob die Lehre lebendig wird, zeigt sich in Momenten von Kritik, Verlust, Erfolg und Konflikt: Kann der Aspirant Zeuge bleiben, ohne gefühllos zu werden? Kann er handeln, ohne sich ausschließlich mit Rolle und Ergebnis zu identifizieren?

Bedeutung für Yogalehrer und spirituelle Begleiter

Ein Yogalehrer kann die Brahma Upanishad nutzen, um den Zusammenhang von Atem, Bewusstseinszuständen, Mantra und Vedanta zu erklären. Dabei sollte er historische Symbolik von universell anwendbarer Praxis unterscheiden. Die Lehre vom Ablegen des Fadens ist ein Text über Sannyasa, keine Aufforderung, die religiösen Zeichen anderer Menschen abzuwerten. Ebenso ist der Herzraum ein Meditationssymbol und keine naturwissenschaftliche Beschreibung.

Ein verantwortungsvoller Lehrer führt von der Form zum Sinn, ohne die Form lächerlich zu machen. Er hilft Schülerinnen und Schülern, Om nicht mechanisch zu wiederholen, Tiefschlaf nicht mit Samadhi gleichzusetzen und nichtduale Aussagen nicht zur Umgehung psychischer oder sozialer Verantwortung zu benutzen. Seine Glaubwürdigkeit entsteht weniger durch äußere Kennzeichen als durch Klarheit, Bescheidenheit, Mitgefühl und gelebte Selbstbeherrschung.

Studium, Konzentration und Meditation lassen die Lehre vom inneren Faden praktisch werden.

Bleibende Botschaft

Die bleibende Botschaft der Brahma Upanishad lässt sich in einem Bild zusammenfassen: Die Welt ist wie eine Reihe von Perlen, Brahman der unsichtbare Faden. Die einzelnen Formen bleiben verschieden, doch sie hängen an einem gemeinsamen Grund. Wer nur auf die Perlen sieht, erlebt Trennung; wer den Faden erkennt, sieht Einheit, ohne die Vielfalt zu leugnen.

Der wahre heilige Faden ist daher Bewusstheit. Die wahre Shikha ist Erkenntnis. Das wahre Sandhya-Ritual ist jene Meditation, in der das begrenzte Selbst sich seinem höchsten Ursprung öffnet. So führt die Schrift von Prana zu Atman, vom äußeren Zeichen zum inneren Sinn und von der wechselnden Erfahrung zum stillen Zeugen, der in allen Wesen derselbe ist.

Brahma Upanishad – vollständiger Text in Devanagari

Die folgende Vollfassung enthält das zugehörige Shanti Mantra, sämtliche vier Abschnitte einschließlich des in manchen südindischen Ausgaben fehlenden ersten Prosateils sowie das überlieferte Kolophon. Eindeutige Schreibfehler der elektronischen Vorlage sind normalisiert; die inhaltlich gestörten Stellen werden nicht stillschweigend zu neuen Versen umgebaut.

ॐ सह नाववतु ।
सह नौ भुनक्तु ।
सह वीर्यं करवावहै ।
तेजस्विनावधीतमस्तु मा विद्विषावहै ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

हरिः ॐ ॥

1. Abschnitt
ॐ शौनको ह वै महाशालोऽङ्गिरसं भगवन्तं पिप्पलादमपृच्छत् ।
दिव्ये ब्रह्मपुरे सम्प्रतिष्ठिता भवन्ति कथं सृजन्ति कस्यैष महिमा बभूव यो ह्येष महिमा बभूव क एषः ।
तस्मै स होवाच ब्रह्मविद्यां वरिष्ठाम् ।
प्राणो ह्येष आत्मा । आत्मनो महिमा बभूव देवानामायुः स देवानां निधनमनिधनं दिव्ये ब्रह्मपुरे विरजं निष्कलं शुभ्रमक्षरं यद्ब्रह्म विभाति ।
स नियच्छति मधुकरराजानं माक्षिकवदिति ।
यथा माक्षिकैकेन तन्तुना जालं विक्षिपति तेनापकर्षति तथैवैष प्राणो यदा याति संसृष्टमाकृष्य ।
प्राणदेवतास्ताः सर्वा नाड्यः ।
सुष्वपे श्येनाकाशवद्यथा खं श्येनमाश्रित्य याति स्वमालयमेवं सुषुप्तो ब्रूते ।
यथैवैष देवदत्तो यष्ट्यापि ताड्यमानो न वेत्त्येवमिष्टापूर्तैः शुभाशुभैर्न लिप्यते ।
यथा कुमारो निष्काम आनन्दमुपयाति तथैवैष देवदत्तः स्वप्न आनन्दमभियाति ।
वेद एव परं ज्योतिः ज्योतिष्कामो ज्योतिरानन्दयते ।
भूयस्तेनैव स्वप्नाय गच्छति जलौकावत् ।
यथा जलौकाग्रमग्रं नयत्यात्मानं नयति परं सन्धाय । यत्परं नापरं त्यजति स जाग्रदभिधीयते ।
यथैवैष कपालाष्टकं संनयति । तमेव स्तन इव लम्बते वेददेवयोनः ।
यत्र जाग्रति शुभाशुभं निरुक्तमस्य देवस्य स सम्प्रसादोऽन्तर्यामी खगः कर्कटकः पुष्करः पुरुषः प्राणो हंसः परापरं ब्रह्म आत्मा देवता वेदयति ।
य एवं वेद स परं ब्रह्मधाम क्षेत्रज्ञमुपैति ॥ १ ॥

2. Abschnitt
अथास्य पुरुषस्य चत्वारि स्थानानि भवन्ति नाभिर्हृदयं कण्ठं मूर्धेति ।
तत्र चतुष्पादं ब्रह्म विभाति । जागरितं स्वप्नं सुषुप्तं तुरीयमिति ।
जागरिते ब्रह्मा स्वप्ने विष्णुः सुषुप्तौ रुद्रस्तुरीयं परमाक्षरम् ।
आदित्यश्च विष्णुश्चेश्वरश्च स पुरुषः स प्राणः स जीवः सोऽग्निः सेश्वरश्च जाग्रत्तेषां मध्ये यत्परं ब्रह्म विभाति ।
स्वयममनस्कमश्रोत्रमपाणिपादं ज्योतिर्वर्जितं न तत्र लोका नालोका वेदा नावेदाः देवा नादेवाः यज्ञा नायज्ञाः माता नामाता पिता नापिता स्नुषा नास्नुषा चाण्डालो नाचाण्डालः पौल्कसो नापौल्कसः श्रमणो नाश्रमणः पशवो नापशवस्तापसो नातापस इत्येकमेव परं ब्रह्म विभाति ।
हृद्याकाशे तद्विज्ञानमाकाशं तत्सुषिरमाकाशं तद्वेद्यं हृद्याकाशं यस्मिन्निदं सञ्चरति विचरति यस्मिन्निदं सर्वमोतं प्रोतम् ।
संविभोः प्रजा ज्ञायेरन् ।
न तत्र देवा ऋषयः पितर ईशते । प्रतिबुद्धः सर्वविदिति ॥ २ ॥

3. Abschnitt
हृदिस्था देवताः सर्वा हृदि प्राणाः प्रतिष्ठिताः ।
हृदि प्राणश्च ज्योतिश्च त्रिवृत्सूत्रं च यन्महत् ॥
हृदि चैतन्ये तिष्ठति ।
यज्ञोपवीतं परमं पवित्रं प्रजापतेर्यत्सहजं पुरस्तात् ।
आयुष्यमग्र्यं प्रतिमुञ्च शुभ्रं यज्ञोपवीतं बलमस्तु तेजः ॥
सशिखं वपनं कृत्वा बहिःसूत्रं त्यजेद्बुधः ।
यदक्षरं परं ब्रह्म तत्सूत्रमिति धारयेत् ॥
सूचनात्सूत्रमित्याहुः सूत्रं नाम परं पदम् ।
तत्सूत्रं विदितं येन स विप्रो वेदपारगः ॥
तेन सर्वमिदं प्रोतं सूत्रे मणिगणा इव ।
तत्सूत्रं धारयेद्योगी योगवित्तत्त्वदर्शिवान् ॥
बहिःसूत्रं त्यजेद्विद्वान्योगमुत्तममास्थितः ।
ब्रह्मभावमयं सूत्रं धारयेद्यः स चेतनः ॥
धारणात्तस्य सूत्रस्य नोच्छिष्टो नाशुचिर्भवेत् ।
सूत्रमन्तर्गतं येषां ज्ञानयज्ञोपवीतिनाम् ॥
ते वै सूत्रविदो लोके ते च यज्ञोपवीतिनः ।
ज्ञानशिखिनो ज्ञाननिष्ठा ज्ञानयज्ञोपवीतिनः ॥
ज्ञानमेव परं तेषां पवित्रं ज्ञानमुत्तमम् ।
अग्नेरिव शिखा नान्या यस्य ज्ञानमयी शिखा ॥
स शिखीत्युच्यते विद्वानितरे केशधारिणः ॥ ३ ॥

4. Abschnitt
कर्मण्यधिकृता ये तु वैदिके ब्राह्मणादयः ।
तैः सन्धार्यमिदं सूत्रं क्रियाङ्गं तद्धि वै स्मृतम् ॥
शिखा ज्ञानमयी यस्य उपवीतं च तन्मयम् ।
ब्राह्मण्यं सकलं तस्य इति ब्रह्मविदो विदुः ॥
इदं यज्ञोपवीतं तु पवित्रं यत्परायणम् ।
स विद्वान्यज्ञोपवीती स्यात्स यज्ञः स च यज्ञवित् ॥
एको देवः सर्वभूतेषु गूढः सर्वव्यापी सर्वभूतान्तरात्मा ।
कर्माध्यक्षः सर्वभूताधिवासः साक्षी चेता केवलो निर्गुणश्च ॥
एको मनीषी निष्क्रियाणां बहूनामेकं सन्तं बहुधा यः करोति ।
तमात्मानं येऽनुपश्यन्ति धीरास्तेषां शान्तिः शाश्वती नेतरेषाम् ॥
आत्मानमरणिं कृत्वा प्रणवं चोत्तरारणिम् ।
ध्याननिर्मथनाभ्यासाद्देवं पश्येन्निगूढवत् ॥
तिलेषु तैलं दधिनीव सर्पिरापः स्रोतःस्वरणीषु चाग्निः ।
एवमात्माऽऽत्मनि गृह्यतेऽसौ सत्येनैनं तपसा योऽनुपश्यति ॥
ऊर्णनाभिर्यथा तन्तून्सृजते संहरत्यपि ।
जाग्रत्स्वप्ने तथा जीवो गच्छत्यागच्छते पुनः ॥
पद्मकोशप्रतीकाशं सुषिरं चाप्यधोमुखम् ।
हृदयं तद्विजानीयाद्विश्वस्यायतनं महत् ॥
नेत्रस्थं जाग्रतं विद्यात्कण्ठे स्वप्नं विनिर्दिशेत् ।
सुषुप्तं हृदयस्थं तु तुरीयं मूर्ध्नि संस्थितम् ॥
यदात्मा प्रज्ञयात्मानं सन्धत्ते परमात्मनि ।
तेन सन्ध्या ध्यानमेव तस्मात्सन्ध्याभिवन्दनम् ॥
निरुदका ध्यानसन्ध्या वाक्कायक्लेशवर्जिता ।
सन्धिनी सर्वभूतानां सा सन्ध्या ह्येकदण्डिनाम् ॥
यतो वाचो निवर्तन्ते अप्राप्य मनसा सह ।
आनन्दमेतज्जीवस्य यं ज्ञात्वा मुच्यते बुधः ॥
सर्वव्यापिनमात्मानं क्षीरे सर्पिरिवार्पितम् ।
आत्मविद्यातपोमूलं तद्ब्रह्मोपनिषत्परम् ।
सर्वात्मैकत्वरूपेण तद्ब्रह्मोपनिषत्परमिति ॥ ४ ॥

इत्यथर्ववेदे ब्रह्मोपनिषत्समाप्ता ॥

ॐ सह नाववतु ।
सह नौ भुनक्तु ।
सह वीर्यं करवावहै ।
तेजस्विनावधीतमस्तु मा विद्विषावहै ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

Brahma Upanishad – vollständiger Text in IAST

oṃ saha nāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

hariḥ oṃ ||

1. Abschnitt
oṃ śaunako ha vai mahāśālo’ṅgirasaṃ bhagavantaṃ pippalādamapṛcchat |
divye brahmapure sampratiṣṭhitā bhavanti kathaṃ sṛjanti kasyaiṣa mahimā babhūva yo hyeṣa mahimā babhūva ka eṣaḥ |
tasmai sa hovāca brahmavidyāṃ variṣṭhām |
prāṇo hyeṣa ātmā | ātmano mahimā babhūva devānāmāyuḥ sa devānāṃ nidhanamanidhanaṃ divye brahmapure virajaṃ niṣkalaṃ śubhramakṣaraṃ yadbrahma vibhāti |
sa niyacchati madhukararājānaṃ mākṣikavaditi |
yathā mākṣikaikena tantunā jālaṃ vikṣipati tenāpakarṣati tathaivaiṣa prāṇo yadā yāti saṃsṛṣṭamākṛṣya |
prāṇadevatāstāḥ sarvā nāḍyaḥ |
suṣvape śyenākāśavadyathā khaṃ śyenamāśritya yāti svamālayamevaṃ suṣupto brūte |
yathaivaiṣa devadatto yaṣṭyāpi tāḍyamāno na vettyevamiṣṭāpūrtaiḥ śubhāśubhairna lipyate |
yathā kumāro niṣkāma ānandamupayāti tathaivaiṣa devadattaḥ svapna ānandamabhiyāti |
veda eva paraṃ jyotiḥ jyotiṣkāmo jyotirānandayate |
bhūyastenaiva svapnāya gacchati jalaukāvat |
yathā jalaukāgramagraṃ nayatyātmānaṃ nayati paraṃ sandhāya | yatparaṃ nāparaṃ tyajati sa jāgradabhidhīyate |
yathaivaiṣa kapālāṣṭakaṃ saṃnayati | tameva stana iva lambate vedadevayonaḥ |
yatra jāgrati śubhāśubhaṃ niruktamasya devasya sa samprasādo’ntaryāmī khagaḥ karkaṭakaḥ puṣkaraḥ puruṣaḥ prāṇo haṃsaḥ parāparaṃ brahma ātmā devatā vedayati |
ya evaṃ veda sa paraṃ brahmadhāma kṣetrajñamupaiti || 1 ||

2. Abschnitt
athāsya puruṣasya catvāri sthānāni bhavanti nābhirhṛdayaṃ kaṇṭhaṃ mūrdheti |
tatra catuṣpādaṃ brahma vibhāti | jāgaritaṃ svapnaṃ suṣuptaṃ turīyamiti |
jāgarite brahmā svapne viṣṇuḥ suṣuptau rudrasturīyaṃ paramākṣaram |
ādityaśca viṣṇuśceśvaraśca sa puruṣaḥ sa prāṇaḥ sa jīvaḥ so’gniḥ seśvaraśca jāgratteṣāṃ madhye yatparaṃ brahma vibhāti |
svayamamanaskamaśrotramapāṇipādaṃ jyotirvarjitaṃ na tatra lokā nālokā vedā nāvedāḥ devā nādevāḥ yajñā nāyajñāḥ mātā nāmātā pitā nāpitā snuṣā nāsnuṣā cāṇḍālo nācāṇḍālaḥ paulkaso nāpaulkasaḥ śramaṇo nāśramaṇaḥ paśavo nāpaśavastāpaso nātāpasa ityekameva paraṃ brahma vibhāti |
hṛdyākāśe tadvijñānamākāśaṃ tatsuṣiramākāśaṃ tadvedyaṃ hṛdyākāśaṃ yasminnidaṃ sañcarati vicarati yasminnidaṃ sarvamotaṃ protam |
saṃvibhoḥ prajā jñāyeran |
na tatra devā ṛṣayaḥ pitara īśate | pratibuddhaḥ sarvaviditi || 2 ||

3. Abschnitt
hṛdisthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇāḥ pratiṣṭhitāḥ |
hṛdi prāṇaśca jyotiśca trivṛtsūtraṃ ca yanmahat ||
hṛdi caitanye tiṣṭhati |
yajñopavītaṃ paramaṃ pavitraṃ prajāpateryatsahajaṃ purastāt |
āyuṣyamagryaṃ pratimuñca śubhraṃ yajñopavītaṃ balamastu tejaḥ ||
saśikhaṃ vapanaṃ kṛtvā bahiḥsūtraṃ tyajedbudhaḥ |
yadakṣaraṃ paraṃ brahma tatsūtramiti dhārayet ||
sūcanātsūtramityāhuḥ sūtraṃ nāma paraṃ padam |
tatsūtraṃ viditaṃ yena sa vipro vedapāragaḥ ||
tena sarvamidaṃ protaṃ sūtre maṇigaṇā iva |
tatsūtraṃ dhārayedyogī yogavittattvadarśivān ||
bahiḥsūtraṃ tyajedvidvānyogamuttamamāsthitaḥ |
brahmabhāvamayaṃ sūtraṃ dhārayedyaḥ sa cetanaḥ ||
dhāraṇāttasya sūtrasya nocchiṣṭo nāśucirbhavet |
sūtramantargataṃ yeṣāṃ jñānayajñopavītinām ||
te vai sūtravido loke te ca yajñopavītinaḥ |
jñānaśikhino jñānaniṣṭhā jñānayajñopavītinaḥ ||
jñānameva paraṃ teṣāṃ pavitraṃ jñānamuttamam |
agneriva śikhā nānyā yasya jñānamayī śikhā ||
sa śikhītyucyate vidvānitare keśadhāriṇaḥ || 3 ||

4. Abschnitt
karmaṇyadhikṛtā ye tu vaidike brāhmaṇādayaḥ |
taiḥ sandhāryamidaṃ sūtraṃ kriyāṅgaṃ taddhi vai smṛtam ||
śikhā jñānamayī yasya upavītaṃ ca tanmayam |
brāhmaṇyaṃ sakalaṃ tasya iti brahmavido viduḥ ||
idaṃ yajñopavītaṃ tu pavitraṃ yatparāyaṇam |
sa vidvānyajñopavītī syātsa yajñaḥ sa ca yajñavit ||
eko devaḥ sarvabhūteṣu gūḍhaḥ sarvavyāpī sarvabhūtāntarātmā |
karmādhyakṣaḥ sarvabhūtādhivāsaḥ sākṣī cetā kevalo nirguṇaśca ||
eko manīṣī niṣkriyāṇāṃ bahūnāmekaṃ santaṃ bahudhā yaḥ karoti |
tamātmānaṃ ye’nupaśyanti dhīrāsteṣāṃ śāntiḥ śāśvatī netareṣām ||
ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |
dhyānanirmathanābhyāsāddevaṃ paśyennigūḍhavat ||
tileṣu tailaṃ dadhinīva sarpirāpaḥ srotaḥsvaraṇīṣu cāgniḥ |
evamātmā’’tmani gṛhyate’sau satyenainaṃ tapasā yo’nupaśyati ||
ūrṇanābhiryathā tantūnsṛjate saṃharatyapi |
jāgratsvapne tathā jīvo gacchatyāgacchate punaḥ ||
padmakośapratīkāśaṃ suṣiraṃ cāpyadhomukham |
hṛdayaṃ tadvijānīyādviśvasyāyatanaṃ mahat ||
netrasthaṃ jāgrataṃ vidyātkaṇṭhe svapnaṃ vinirdiśet |
suṣuptaṃ hṛdayasthaṃ tu turīyaṃ mūrdhni saṃsthitam ||
yadātmā prajñayātmānaṃ sandhatte paramātmani |
tena sandhyā dhyānameva tasmātsandhyābhivandanam ||
nirudakā dhyānasandhyā vākkāyakleśavarjitā |
sandhinī sarvabhūtānāṃ sā sandhyā hyekadaṇḍinām ||
yato vāco nivartante aprāpya manasā saha |
ānandametajjīvasya yaṃ jñātvā mucyate budhaḥ ||
sarvavyāpinamātmānaṃ kṣīre sarpirivārpitam |
ātmavidyātapomūlaṃ tadbrahmopaniṣatparam |
sarvātmaikatvarūpeṇa tadbrahmopaniṣatparamiti || 4 ||

ityatharvavede brahmopaniṣatsamāptā ||

oṃ saha nāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Brahma Upanishad – vollständige gut verständliche deutsche Übersetzung

Die Nummern 1.1–4.6 gliedern die langen Abschnitte nur für die Lesbarkeit; sie sind keine zusätzlichen Verszahlen des Sanskrittextes.

Shanti Mantra

Om. Möge Brahman uns beide – Lehrenden und Lernenden – beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große geistige Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Erster Abschnitt

1.1 Om. Shaunaka, ein angesehener Hausherr, fragte den verehrungswürdigen Pippalada aus dem Geschlecht der Angiras: „Wie sind die Lebens- und Sinneskräfte in der göttlichen Stadt Brahmans, dem menschlichen Körper, gegründet? Wie wirken sie nach außen? Von wem stammt ihre Macht? Wer ist dieser innerste Lenker?“

1.2 Pippalada lehrte ihn die höchste Erkenntnis Brahmans: „Prana ist der Atman. Aus dem Selbst stammt die Kraft aller Sinne. Der Atman ist ihr Leben, ihr Ursprung und ihr Ende. Im menschlichen Körper leuchtet das fleckenlose, ungeteilte, reine und unvergängliche Brahman. Wie ein Bienenschwarm seinem führenden Tier folgt und wie eine Spinne ihr Netz aus einem einzigen Faden hervorbringt und wieder einzieht, so entfaltet der Prana die Sinneskräfte und zieht sie wieder in sich zurück. Alle Nadis stehen unter seiner Kraft.“

1.3 Im Tiefschlaf kehrt die Lebenskraft zu ihrem inneren Sitz zurück, wie ein Falke nach dem Flug zu seinem Nest. Ein tief Schlafender nimmt selbst äußere Schläge nicht wahr. In diesem Zustand ist das Selbst nicht von verdienstvollen oder unheilsamen Taten berührt. Wie ein Kind ohne berechnenden Wunsch Freude kennt, so erfährt der Mensch im Tiefschlaf eine stille Seligkeit.

1.4 Dort erkennt er das höchste Licht und ruht in seiner Freude. Auf demselben Weg kehrt er in Traum und Wachen zurück. Wie eine Blutegel zuerst den nächsten Halt ergreift und erst dann den früheren loslässt, so verbindet das Bewusstsein die verschiedenen Zustände miteinander.

1.5 Beim Erwachen führt das Selbst die Wahrnehmungs- und Handlungsorgane zusammen, wie ein Opfernder die Opferschalen bereitstellt. Die Überlieferung ist an dieser Stelle lückenhaft und verweist wahrscheinlich auf das Zäpfchen am Gaumen als „Ursprung der Sinnesgötter“. Im Wachzustand werden gute und schlechte Taten wirksam. Der innerste Lenker bleibt jedoch vollkommene Klarheit. Er wird Vogel, Krebs, Lotusraum, Purusha, Prana, Hamsa, höheres und niederes Brahman und Atman genannt. Durch ihn können die Sinne überhaupt erkennen.

1.6 Wer dies erkennt, gelangt zum höchsten Sitz Brahmans, zum Kshetrajna, dem inneren Kenner des Feldes.

Zweiter Abschnitt

2.1 Der Purusha hat vier Sitze: Nabel, Herz, Kehle und Haupt. In ihnen leuchtet Brahman als Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turiya. Im Wachen erscheint es als Brahma, im Traum als Vishnu, im Tiefschlaf als Rudra und im vierten Zustand als das höchste Unvergängliche. Es ist Sonne, Ishvara, Purusha, Prana, Jiva und das stets wache Feuer. Inmitten all dieser Erscheinungen leuchtet das höchste Brahman.

2.2 Das höchste Brahman ist nicht auf Denken, Hören, Hände, Füße oder ein sichtbares Licht begrenzt. In ihm verlieren alle Gegensätze ihre letzte Gültigkeit: Welt und Nicht-Welt, Veda und Nicht-Veda, Gott und Nicht-Gott, Opfer und Nicht-Opfer, Mutter und Nicht-Mutter, Vater und Nicht-Vater, hoher und niedriger sozialer Rang, Entsagender und Nicht-Entsagender. Dort leuchtet allein das eine höchste Brahman.

2.3 Im Raum des Herzens ist der Raum des Bewusstseins. Dieser feinste innere Raum ist zugleich grenzenlos. In ihm bewegt sich das ganze Universum, und in ihn ist alles wie Kette und Schuss eingewebt. Wer den allgegenwärtigen Herrn in allen Wesen erkennt, wird zum höchsten Brahman – das ist Befreiung. Über den Erwachten herrschen weder Götter noch Seher noch Ahnen; er erkennt den einen Grund in allem.

Dritter Abschnitt

3.1 Alle Gottheiten wohnen im Herzen; dort sind auch alle Lebenskräfte gegründet. Im Herzen sind Prana, Licht und der große dreifache Faden. Er ruht im Bewusstsein.

3.2 Lege den höchsten, heiligen Opferfaden an, der von Anfang an mit Prajapati entstand. Er fördere das Leben und schenke Kraft und Leuchtkraft.

3.3 Der Weise, der in die Entsagung eintritt, rasiert Haar und Haarknoten und legt den äußeren Faden ab. Als seinen wahren Faden soll er das unvergängliche höchste Brahman tragen. Er heißt Sutra, weil er auf das Höchste hinweist. Wer diesen Faden kennt, hat den Veda durchdrungen. Auf ihm ist das ganze All wie eine Reihe von Perlen aufgefädelt. Diesen Faden trägt der Yogi, der Yoga kennt und die Wahrheit schaut.

3.4 Wer in den höchsten Yoga eingetreten ist, trägt den Faden aus Brahman-Bewusstsein. Nur wer den inneren Faden besitzt und Erkenntnis als Opferfaden trägt, kennt dessen tiefsten Sinn. Erkenntnis ist seine Shikha, Erkenntnis sein Opferfaden und Erkenntnis sein höchster Reiniger. Wessen Shikha wie eine Feuerflamme ganz aus Erkenntnis besteht, trägt die wahre Shikha; ein äußerer Haarknoten allein genügt nicht.

Vierter Abschnitt

4.1 Menschen, die vedische Rituale ausführen, sollen den äußeren Faden als Bestandteil dieser Handlungen tragen. Doch der volle Sinn des Brahmanen-Seins ist nach den Kennern Brahmans dort verwirklicht, wo Shikha und Opferfaden aus Erkenntnis bestehen. Ein solcher Wissender ist selbst das Opfer und kennt das Opfer.

4.2 Ein Gott ist in allen Wesen verborgen. Er durchdringt alles und ist das innere Selbst aller. Er ist Zeuge, Erkennender und Wohnstatt aller Wesen, allein und ohne begrenzende Eigenschaften. Der Eine erscheint als die vielen. Wer ihn als das eigene Selbst schaut, erlangt ewigen Frieden.

4.3 Mache den Atman zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Reibe sie beständig durch Meditation, bis du das verborgene Göttliche erkennst wie Feuer, das im Holz verborgen liegt. Wie Öl im Sesamsamen, Butterfett in der Milch, Wasser im Flusslauf und Feuer im Reibholz, so ist der Atman in dir gegenwärtig. Durch Wahrhaftigkeit, Tapas und innere Schau wird er erkannt.

4.4 Wie eine Spinne ihre Fäden hervorbringt und wieder einzieht, so geht der Jiva in Wachen und Traum hinaus und kehrt wieder zurück. Erkenne das Herz als eine nach unten gerichtete, hohle Lotusknospe und als die große Wohnstatt des Alls. Im Wachen wirkt das Bewusstsein durch die Augen, im Traum durch die Kehle, im Tiefschlaf ruht es im Herzen und im Turiya ist es am Scheitel gegründet.

4.5 Wenn das Selbst sich durch klare Erkenntnis mit dem höchsten Selbst verbindet, wird Meditation selbst zur heiligen Sandhya. Diese innere Andacht braucht kein Wasser und erschöpft weder Rede noch Körper. Sie führt alle Wesen in der Einheit zusammen.

4.6 Worte und Denken kehren von Brahman zurück, ohne es als Gegenstand erfassen zu können. Es ist die Glückseligkeit des Lebens; wer es erkennt, wird frei. Der Atman durchdringt alle Wesen wie Butterfett die Milch. Er ist die Wurzel von Selbsterkenntnis und Tapas. Dies ist die höchste Brahman-Lehre: die Erkenntnis der Einheit des Selbst in allem.

Damit endet die Brahma Upanishad. Om. Möge Brahman uns beide beschützen und nähren. Möge unser gemeinsames Studium lichtvoll sein. Mögen wir einander nicht ablehnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Die fünf wichtigsten Empfehlungen der Brahma Upanishad für ernsthafte Aspiranten

1. Suche den inneren Lenker hinter Atem und Sinnen.
Beobachte täglich für einige Minuten den natürlichen Atem. Spüre, dass Prana die Sinne sammelt und trägt. Bleibe dann nicht beim Atem stehen, sondern frage still: „Wer nimmt den Atem wahr?“ Lass diese Frage zur unmittelbaren Hinwendung zum Atman werden.

2. Erkenne den Zeugen in allen vier Bewusstseinszuständen.
Erinnere dich morgens daran, dass Wachen, Traum und Tiefschlaf wechseln, während das Bewusstsein, dem sie bekannt werden, nicht mit ihnen kommt und geht. Übe tagsüber Sakshi Bhava: Nimm Gedanken und Gefühle aufmerksam wahr, ohne dich vollständig mit ihnen gleichzusetzen.

3. Trage den inneren heiligen Faden.
Äußere Zeichen, Rituale und spirituelle Rollen können dich erinnern, aber sie können die Verwirklichung nicht ersetzen. Mache Jnana zu deinem Faden: Verbinde Studium, Selbstbefragung und ethisches Handeln. Frage dich abends, ob dein Wissen heute in mehr Wahrhaftigkeit, Güte und Selbstbeherrschung sichtbar geworden ist.

4. Entfache das verborgene Feuer durch regelmäßige Meditation.
Mache dein eigenes Selbst zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Wiederhole Om ruhig, sammle den Geist im Herzen und gehe anschließend in die Stille. Wenige Minuten täglich mit Beständigkeit sind wertvoller als seltene, dramatische Anstrengungen.

5. Sieh das eine Selbst in allen Wesen.
Lass Advaita zu Mitgefühl werden. Behandle Menschen nicht nach äußerem Rang, Herkunft, Kleidung oder spirituellem Titel. Ehre das Bewusstsein in jedem Wesen. So wird Nichtdualität vom philosophischen Gedanken zur lebendigen Praxis von Ahimsa und Liebe.

Brahma Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen

Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 820 - 828.

Einleitung

Die Brahma Upanishad[1]besteht nach Narayana aus vier Teilen[2], zweien in Prosa von mehr altertümlicher Haltung und zweien in Versen, die nach Form und Inhalt einen mehr modernen Charakter zeigen.

1. Im ersten Teil beantwortet Pippalada "der Angiras" (vgl. hingegen den Eingang von Atharvasikha) vier Fragen des Saunaka dadurch, daß er auf den Prana (den Atman, das Brahman) als Lebensprinzip der Organe hinweist und sein Verhalten in Tiefschlaf, Traumschlaf und Wachen in der Weise der alten Upanishaden und mit vielfachen Anklängen an dieselben (namentlich an Brih. 4,3-4) charakterisiert. Der Stil ist äußerst abrupt und erinnert an die Manier der Sutras, durch ein hingeworfenes Wort auf einen, dem Leser bekannten Zusammenhang hinzuweisen. Dieser ganze Abschnitt fehlt in den meisten Handschriften; Samkaranandas Kommentar übergeht ihn, und auch Narayana erwähnt, ohne dies seinerseits zu billigen (p. 239,10), daß manche die Upanishad mit dem zweiten Teil anfangen ließen. Wahrscheinlich ließen sie den ersten Teil weg, weil der Stil so lapidar und die Überlieferung dabei so unsicher ist, daß es nur mit Anstrengung gelingt, ihm einen, problematisch bleibenden, Sinn abzugewinnen.

2. Der zweite Teil erwähnt die vier Körpersitze und (ohne Verteilung auf dieselben) die vier Zustände des Atman, um sodann bei der völligen Negativität desselben sowie bei seinem Wohnen im Herzensraume zu verweilen, welcher mit Berufung auf den Veda (Vaidya : Vaidika), d.h. wohl auf Chand. 8,1,3, dem Weltraum (Sushiram Akasam, neutr.) gleichgesetzt wird.

3. Am eigentümlichsten und den Sannyasa Upanishaden auf das nächste verwandt ist der dritte modernere Teil in Versen, welcher dem Brahmanwissenden empfiehlt, auf die Sikha (das Haarbüschel, welches aus religiösen Gründen nicht mitabgeschoren wird) und das Yajnopavitam (die heilige Opferschnur) zu verzichten und die Erkenntnis allein als Sikha und Yajnopavitam zu tragen.

4. Als Nachtrag folgt eine Reihe von Versen, welche, wie es scheint, zur Erläuterung der Prosateile dienen sollen. Die ersten vier sind aus Svet. 6,11. 6,12. 1,14. 1,15 entnommen. Dann folgen drei Verse zur Erläuterung des Bildes von der Spinne, des Herzens als Lotosblume, die das Brahman befaßt, und der vier Orte des Brahman, welche hier mit den vier Zuständen parallelisiert werden, zu welchem Zwecke jedoch Nabhi durch Netram ersetzt wird. Die folgenden beiden Slokas empfehlen die Sandhya als Symbol der Einheit mit Gott und der Einheit aller Wesen, wobei mit den Worten Sandha und Sandhya in schwer wiederzugebender Weise gespielt wird. - Eine Erinnerung an Taitt. 2,4 und der Vers Svet. 1,16 beschließen das aus so mancherlei Bestandteilen zusammengekittete Ganze.

Die Brahma Upanishad

1.

Om! Es geschah einmal, daß Saunaka, der sehr reiche, den ehrwürdigen Angiras Pippalada befragte:

In der himmlischen, lieblichen Brahmanstadt [dem Leib] wie sind sie [die Götter der Lebensorgane] gegründet?

Und wie ergießen sie sich [nach außen]?

Und von wem rührt diese ihre Macht her?

Und wer ist der, welcher zu dieser ihrer Macht geworden ist?

Da erklärte er ihm die allervortrefflichste Brahmanlehre und sprach:

Es ist der Prana, ist der Atman; von dem Atman rührt ihre Macht her; er ist die Lebenskraft der Götter [der Lebensorgane], er ist der Götter Vergang und Nichtvergang.

Er, der in der himmlischen Brahmanstadt als das staublose, unteilbare reine, unvergängliche Brahman erglänzt (vgl. Mund. 2,2,9), regiert sie, [und sie folgen ihm] wie dem Bienenkönige die Bienen.[3] — Und wie die Fliegenvertilgerin [die Spinne] aus einem Faden ihr Netz ausbreitet und es an ebendemselben wieder in sich hereinzieht (nach Mund. 1,1,7), so auch der Prana, wenn er [in die Adern] eingeht, das Ausgebreitete in sich hereinziehend. Denn den Prana erkennen als Gottheit alle die Adern an [in die er eingeht] im Tiefschlaf, [wobei es sich zuträgt] wie mit dem Falken und dem Luftraum (Hindeutung auf Brih. 4,3,19). Nämlich wie der Falke, nachdem er in den Äther aufgestiegen, zu seinem Nest geht, also auch der Tiefschlafende. Denn er sagt es [nach dem Erwachen: "Ich habe schön geschlafen". Comm.].

Wie aber irgendein [Tiefschlafender, z. B.] Devadatta, solange er nicht mit dem Stock oder dergleichen geschlagen wird [lies: Yashti adina Atadyamana, mit Rücksicht auf Kaush. 4,19], sich nicht regt, so wird er auch durch Opfer und fromme Werke, durch Gutes und Böses nicht befleckt. Wie aber ein Kind, weil es noch keine Wünsche hat, in Wonne lebt, so auch lebt ein jeder Devadatta während des [Tief-] Schlafes in Wonne. Denn er weiß dann das höchste Licht, und weil er das Licht liebt, darum ist es ihm zur Wonne.

Weiter geht er mit eben diesem [höchsten Atman] in den Traumschlaf über, wie eine Raupe, - nämlich wie die Raupe von Blattspitze zu Blattspitze ihr Selbst fortbewegt, indem sie das Vorderteil fortbewegt und das Hinterteil nachzieht (lies Samdhayati Aparam), nicht aber das Hinterteil im Stich läßt. Und er [der Atman] ist es auch, welcher der Wachende genannt wird; und wie einer [der opfern will] acht Schalen zugleich trägt, so trägt er den [Leib mit seinen Organen]; er hängt gleichsam an seinem Busen [vgl. Brih. 4,3,21 Yatha Priyaya Striya Samparishvakto, und Culika Up. 3-6, oben S. 639], er, der der Vedas und der Götter Ursprung ist.[4]

Wenn die Menschen wachen, so ist ihr Gutes und Böses eine Äußerung [Sichtbarmachung] dieses Gottes, welcher als Weltausgangspunkt [wenn nicht Samprasada zu lesen ist, Chand. 8,12,3], als innerer Lenker (Brih. 3,7), als Vogel, Krebs[5], Lotosblume, Purusha, Prana, Nichtschädigung, höheres und niederes Brahman, als Atman die Götter [der Sinnesorgane] zu bewußten macht.

Wer solches weiß, der begreift, daß die Lokalseele (Kshetrajna) die höchste Brahmanbehausung ist, - der begreift, daß die Lokalseele die höchste Brahmanbehausung ist (vgl. Mund. 3,2,1).

2.

Vier sind der Wohnstätten dieses Purusha: der Nabel, das Herz, die Kehle und der Kopf. In ihnen erglänzt das Brahman mit seinen vier Vierteln [welche da sind]: das Wachen, der Traumschlaf, der Tiefschlaf, das Turiyam (Vierte); im Wachen als Brahma, im Traumschlaf als Visnu, im Tiefschlaf als Rudra, im Turiyam als das höchste Unvergängliche.

Dieses ist Aditya, Visnu und Isvara, ist Purusha, ist Prana, ist Jiva und ist das gotterfüllte Feuer, welches [in der Brahmanstadt des Leibes] Wache hält (Prasna 4,3); in jenen [vier Zuständen] erglänzt das höchste Brahman.

Es selbst aber ist ohne Manas, ohne Ohr, ohne Hand und ohne Fuß und des Lichtes ermangelnd; in ihm sind nicht[6] Welten und Nichtwelten, Götter und Nichtgötter, Veden und Nichtveden, Opfer und Nichtopfer, Mutter und Nichtmutter, Vater und Nichtvater, Schwiegertochter und Nichtschwiegertochter, Candala und Nicht-Candala, Paulkasa und Nicht-Paulkasa, Asket und Nicht-Asket, Tiere und Nicht-Tiere, Büßer und Nichtbüßer, sondern nur das eine höchste Brahman ist es, welches erglänzt.

In dem Raum im Herzen ist das Brahman, als Bewußtsein, der Raum; und eben dieser Raum ist der hohle (Welt-) Raum, denn derselbige ist der vom Veda gelehrte Raum im Herzen (Chand. 8,1,3), und in ihm bewegt sich hin und her der, welchem die ganze Welt eingewoben und verwoben ist (Brih. 3,6). Als sein, des Allmächtigen, Selbst (Svam vibhoh) müssen die Geschöpfe begriffen werden! In ihm herrschen nicht Götter, Welten, Weise, Vorfahren, sondern nur der Erweckte, der Allwissende.

Im Herzen sind alle Götter,
In ihm die Lebenshauche auch,
Im Herzen Leben und Licht ist,
Und des Weltfadens Dreigeflecht.[7]
In dem Herzen, in dem Geistigen befindet sich dieses alles.

3.

Ein Brahmane führt eine Yajna (Feueropfer) durch.
Die Opferschnur, das höchste Läuterungsmittel,
Die mit Prajapati zugleich ward vordem,
Die kraftvoll höchste, reine tue von dir,
Als Opferschnur sei jetzt dir Kraft und Stärke!
Abscherend auch die Haarlocke,
Läßt der Weise die Außenschnur,
Das unvergängliche, höchste
Brahman trag' er als Opferschnur.
Die Schnur heißt so vom Aufschnüren[8],
Drum heißt Schnur auch der höchste Ort,
Wer diese Schnur hat begriffen,
Der ist weise, ist vedafest.
Ihm ist das All eingewoben,
Wie Perlen, an der Schnur gereiht,
Ihn der Yogin als Schnur trage,
Der im Yoga die Wahrheit schaut.
Die Außenschnur läßt der Weise,
Der den Yoga als Höchstes treibt,
Er ist wissend, die Schnur tragend,
Die geflochten aus Brahmansein.
Wer diese Schnur trägt, dem mangelt
Nie die Reinheit noch Reinigung.
Wer, innerlich die Schnur tragend,
Erkenntnis hat als Opferschnur,
Der ist der Weltenschnur kundig,
Der ist Träger der Opferschnur.
Das Wissen ist ihm Haarlocke,
Ist ihm Standort und Opferschnur,
Das Wissen ist für ihn höchste,
Unvergleichliche Läuterung.
Wer wie des Feuers Spitzflamme
Nur der Erkenntnis Locke trägt,
Der trägt wirklich die Haarlocke,
Die anderen tragen Haare nur.
Doch wer bemüht mit Werkdienst ist,
Als Brahmane, mit vedischem,
Der mag die Außenschnur tragen,
Die Zubehör der Werke ist.
Wer Erkenntnis als Haarlocke,
Erkenntnis trägt als Opferschnur,
Der ist der wahre Brahmane,
So lehren Brahmankenner uns.
Wem höchste Opferschnur Wissen,
Wem Wissen ist das höchste Ziel,
Der Weise ist opferschnurhaft,
Opferkundig und Opfer selbst.

4.

"Gleichwie die Spinne den Faden ausläßt und wieder in sich zieht, so geht im Wachen und Schlafen die Seele aus und wieder ein." Zitat: Brahma Up.
Der eine Gott, verhüllt in allen Wesen,
Durchdringend alle, aller inn're Seele,
Des Werks Ausseher, alles Sein durchduftend,
Zuschauer, bloßer Geist und frei von Gunas[9], -
Der eine Weise, der die ewige Einheit
Vervielfacht vieler von Natur Werkloser,
Wer den als Weiser in sich selbst sieht wohnen,
Der hat den ew'gen Frieden und kein anderer.[10]
Sein Selbst machend zum Reibholze,
Und den Om-Laut zum obern Holz,
Schaut man, nach fleiß'ger Denkquirlung,
Verstecktem Feuer gleich, den Gott.[11]
Wie im Ölsamen Öl, in Milch die Butter,
In Strömen Wasser, im Reibholze Feuer,
So findet im eigenen Selbst jenen Atman,
Wer, weise, ihn erschaut durch Wahrheit und Kasteiung.[12]
Gleichwie die Spinne den Faden
Ausläßt und wieder in sich zieht,
So geht im Wachen und Schlafen
Die Seele aus und wieder ein.[13]
Ein Raum, dem Lotoskelch ähnlich,
Dessen Spitze nach unten geht,
Ist das Herz, und es ist, wisse,
Des Weltalls großer Stützepunkt.6[14]
Beim Wachen weilt er im Auge,
In der Kehle beim Traumesschlaf,
Im Herzen weilt beim Tiefschlafe,
Im Haupte als Turiyam er.[15]
Wenn durch Erkenntnis eindämmerte
Das eigene Selbst im höchsten Selbst,
Das ist die Dämmerungsandacht[16],
Drum verehrt in der Dämmerung!
Das Dämmerungsgebet eindämmt[17],
Hält ab des Leibs, der Rede Not,
Dämmt zur Einheit alle Wesen,
So üben Einstabträger[18] es.
Vor dem die Worte umkehren,
Mit dem Manas, nicht findend ihn[19],
Der ist des Lebensgeist's Wonne;
Der Weise kennt ihn und wird frei.
Der alldurchdringende Atman,
Wie Butter in der Milch versteckt,
In Selbstkenntnis, Selbst-Zucht wurzelnd,
Ist Endziel der Upanishad[20];
Ist der Kern der All-Eins-Lehre,
Ist Endziel der Upanishad,
- ist Endziel der Upanishad.

Fußnoten

  1. Zur Anordnung. Als Übergang von den Vedanta- und Yoga-Upanishaden zu den im Sannyasa das höchste Ziel sehenden Texten kann, mit Rücksicht auf ihren dritten Teil, die Brahma Upanishad betrachtet werden. An sie reihen sich, in der Ordnung der Liste Colebrookes und Narayanas, zwei Gruppen von Sannyasa Upanishaden, 1) Sannyasa, Arvneyi, Kanthacruti, welche sich alle drei durch ihre fragmentarische Form und trümmerhafte Überlieferung auszeichnen, und 2) Paramahamsa, Jabala, Asrama, deren Darstellung geordneter ist, und deren späte Stellung im Kanon noch kein Beweis für ihre Posteriorität sein dürfte. Nur die letztgenannte wird wohl, um ihres systematisierenden Charakters willen, an das Ende der ganzen Entwicklungsreihe zu stellen sein.
  2. Die Bestimmung derselben rührt teilweise von uns her, da die Einteilungen in der Kalkuttaer und den beiden Punaer Ausgaben (mit Narayanas und Samkaranandas Kommentar) teils verwirrt, teils ganz unzweckmäßig sind. Im Telugudruck ist unsere Upanishad in zwei sehr verschiedenen Rezensionen vorhanden, ohne den ersten Teil als Brahma Upanishad, und mit demselben als Parabrahma Upanishad.
  3. Nach Prasna 2,4, mit welcher Stelle Makshikavat gelesen werden muß. Die Korruption ist durch das folgende Yatha Makshika entstanden.
  4. Nach Narayana: "es (das Tiefschlafen, Träumen, Wachen) hängt an ihm (dem Atman) wie eine Weiberbrust; er ist der Vedas und der Götter Ursprung" (vgl. S. 728 Anm.). - Der Sinn des ganzen (im Original äußerst dunklen) Abschnittes scheint zu sein, daß der höchste Atman ganz und ungeteilt den Menschen durch alle drei Zustände des Tiefschlafens, Träumens und Wachens begleitet.
  5. Der Vergleich des Atman mit einem Krebs (Karkataka) gibt keinen besonderen Sinn und steht in der Upanishad-Literatur isoliert da.
  6. Das Folgende ist ein Zitat aus Brih. 4,3,22, welches jedoch durch das vorgesetzte Na (nicht) einen völlig anderen Sinn gewonnen hat: weder die Dinge noch ihr kontradiktorisches Gegenteil läßt sich dem Brahman zuschreiben. (Anders Samkarananda.)
  7. Sattvam, Rajas und Tamas.
  8. Wörtlich: "vom Offenbarmachen" (Sucanat Sutram); dieselbe Etymologie Aruneya 3, unten S. 693.
  9. Gleich Svet. 6,11.
  10. Gleich Svet. 6,12 (frei).
  11. Gleich Svet. 1,14.
  12. Gleich Svet. 1,15 (frei).
  13. Erläuterung des Bildes von der Spinne, oben S. 680.
  14. Erläuterung von Teil 2, Schluß (S. 68), : Mahanar. 11,6-7 (Atharva-Rez.) oben S. 251.
  15. Erläuterung des Eingangs von Teil 2 (S. 681) mit Ersetzung des dort genannten Nabels durch das Auge.
  16. Im Original Wortspiel zwischen Samdha verbinden, Samdhin (hier wohl: verbindend) und Samdhya Dämmerungsandacht.
  17. Lies Nirodhaka.
  18. Eine besondere Klasse der Sannyasins, hier wohl für diese im allgemeinen.
  19. Nach Taitt. 2,4.
  20. Gleich Svet. 1,16.

Siehe auch

Ähnliche und thematisch verwandte Upanishaden: Aruneya Upanishad, Jabala Upanishad, Kathashruti Upanishad, Paramahamsa Upanishad, Parabrahma Upanishad, Sannyasa Upanishad, Shvetashvatara Upanishad, Mandukya Upanishad

Literatur

Weblinks

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