Kshurika Upanishad: Unterschied zwischen den Versionen

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Hier endet die Kshurika Upanishad.
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== Inhalt und Bedeutung der Kshurika Upanishad ==
Die '''Kshurika Upanishad''' (Sanskrit: ''Kṣurikā Upaniṣad'', क्षुरिकोपनिषत्) gehört zu den [[Yoga Upanishaden]]. Ihr Name bedeutet „Rasiermesser-Upanishad“ oder „Upanishad vom scharfen Messer“. Das Rasiermesser ist das zentrale Bild des Textes: Der durch [[Buddhi]], Meditation, [[Pranayama]] und [[Vairagya]] geschärfte Geist soll die Bindungen durchtrennen, die den Menschen an Unwissenheit, [[Karma]] und [[Samsara]] fesseln.
Die in der [[Muktika Upanishad|Muktika-Liste]] an 31. Stelle geführte Schrift wird dort dem [[Krishna Yajurveda]] zugeordnet. Einige andere Handschriften und nördliche Sammlungen verbinden sie dagegen mit dem [[Atharvaveda]]. Diese unterschiedliche Vedazugehörigkeit ist bei kleineren Upanishaden nicht ungewöhnlich und zeigt, dass sie in mehreren Überlieferungszusammenhängen weitergegeben wurden.
=== Textgestalt und Verszählung ===
Die hier verwendete Sanskritfassung enthält einen unnummerierten Eröffnungsvers zu [[Rama]], das Shanti Mantra, 24 ausdrücklich nummerierte Verse, einen unnummerierten Schlussvers, das wiederholte Shanti Mantra und den Kolophon. Der Schlussvers beginnt mit ''amṛtatvaṃ samāpnoti'' – „Er erlangt Unsterblichkeit“. Da er metrisch und inhaltlich zur Upanishad gehört, wird die Gesamtlänge häufig mit 25 Versen angegeben. Die vorliegende Ausgabe lässt die ursprüngliche fehlende Nummer sichtbar, bezeichnet ihn aber zur Orientierung als den häufig mitgezählten 25. Vers.
Die genaue Entstehungszeit ist nicht sicher. Die Kshurika Upanishad wird häufig zu den vergleichsweise frühen Yoga-Upanishaden gerechnet. Ihre Lehre verbindet ältere Motive des Zurückziehens der Sinne und der Konzentration auf den Atman mit einer ausgeprägten Nadi-, Prana- und Marma-Lehre. Da Handschriften, Kommentare und Sammlungen aus unterschiedlichen Zeiten stammen, sollte eine präzise Datierung nur mit Vorsicht vertreten werden.
=== Inhalt ===
''' Das Bild des Rasiermessers '''
''Kṣurikā'' bezeichnet ein kleines, scharfes Messer oder Rasiermesser. Der Text verwendet dieses Werkzeug nicht äußerlich, sondern als Bild für eine außerordentlich klare und konzentrierte Erkenntniskraft. In Vers 11 heißt es, der Yogi solle das Rasiermesser des Geistes ergreifen: ''manasas tu kṣuraṃ gṛhya''. Es ist „äußerst scharf“ und durch die [[Buddhi]] gereinigt.
Vers 18 beschreibt seine Schneide als durch Yoga gereinigt und feurig leuchtend. Vers 24 vollendet das Bild: Das Messer wird durch Pranayama geschärft und am Stein der Leidenschaftslosigkeit, [[Vairagya]], gewetzt. Atemlenkung, Meditation und Nichtanhaftung wirken zusammen. Schärfe bedeutet hier nicht Aggressivität, sondern [[Viveka]], die Fähigkeit, Wirkliches und Vergängliches, Selbst und Nicht-Selbst, Freiheit und Bindung klar zu unterscheiden.
''' Ziel der Praxis '''
Bereits der erste nummerierte Vers erklärt das Ziel: Die Kshurika-Dharana wird zur Vollendung des Yoga gelehrt; wer sie verwirklicht, unterliegt nicht mehr der Wiedergeburt. Die Übung ist damit kein Selbstzweck und keine Methode zur Erlangung außergewöhnlicher Kräfte. Sie soll die Unwissenheit und den inneren „Knoten“ lösen, aus dem Anhaftung, Handeln aus Begehren und erneute Geburt entstehen.
Der letzte Vers fasst das Ergebnis zusammen. Unsterblichkeit, [[Amritatva]], wird erreicht, wenn der Mensch sich vom Begehren löst und von allen ''eṣaṇā''s, den drängenden Wünschen und Bestrebungen, frei wird. Unsterblichkeit bedeutet im upanishadischen Sinn nicht die unbegrenzte Fortdauer des physischen Körpers. Sie ist die Erkenntnis des ungeborenen und unvergänglichen [[Atman]].
''' Der stille Ort und die Sitzhaltung '''
Die Praxis beginnt an einem stillen Ort. Der Yogi nimmt eine geeignete Sitzhaltung ein, zieht die Sinne zurück und hält den Geist im Herzen fest. Die Schrift nennt kein bestimmtes Asana. Entscheidend ist eine stabile Haltung, die ein ruhiges Atmen und anhaltende Konzentration ermöglicht.
Das Bild der Schildkröte, die ihre Glieder einzieht, veranschaulicht [[Pratyahara]]. Es ist auch aus der [[Bhagavad Gita]] bekannt: Wie die Schildkröte ihre Glieder zurückzieht, soll der Übende die Sinne von ihren Gegenständen lösen. Dies bedeutet nicht, die Außenwelt zu bekämpfen. Die Aufmerksamkeit wird aus ihrer gewohnheitsmäßigen Zerstreuung zurückgerufen und im inneren Bewusstsein gesammelt.
''' Pranava und Pranayama '''
Der Yogi verbindet die Atem- und Bewusstseinsführung mit dem [[Pranava]], der heiligen Silbe [[Om]]. Der Text spricht von zwölf [[Matra]]s, also zwölf Zeiteinheiten oder Lautmaßen. Alle „Tore“ des Körpers werden geschlossen; Brust, Gesicht, Hüfte, Hals und Herz werden leicht angehoben. Der durch die Nase strömende Prana wird gehalten und anschließend langsam wieder freigegeben.
Die genaue Auslegung der zwölf Matras und einzelner Körperangaben ist in den Kommentaren nicht völlig einheitlich. Die Kshurika Upanishad ist daher kein vollständiges modernes Atemlehrbuch. Sie setzt einen überlieferten Praxiszusammenhang und persönliche Anleitung voraus. Für heutige Übende ist vor allem der Grundsatz wichtig: Der Atem wird langsam, maßvoll und ohne Gewalt geführt. Langes Atemanhalten oder das Verschließen mehrerer Körperöffnungen sollte nicht ohne kompetente Anleitung praktiziert werden.
''' Die Wanderung der Aufmerksamkeit durch den Körper '''
Anschließend führt der Text die Aufmerksamkeit schrittweise durch verschiedene Körperregionen. Genannt werden unter anderem Zehen beziehungsweise Fußbereich, Knöchel, Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Beckenboden, Geschlechtsbereich und Nabel. Die Sammlung von Blick, Geist und Prana wird von einer Stelle zur nächsten geführt.
Diese Praxis ähnelt einer meditativen Reise oder einem inneren Body-Scan, geht aber über eine bloße Entspannungsübung hinaus. Jede Region wird als Durchgangsstelle der Lebensenergie betrachtet. Der Yogi lernt, Aufmerksamkeit und Atem nicht unbewusst zerstreuen zu lassen, sondern bewusst zu bündeln und nach innen zu führen.
''' Marma und Indravajra '''
Die Upanishad nennt empfindliche beziehungsweise vitale Stellen [[Marma]]s. Ein Marma am Unterschenkel wird [[Indravajra]], „Donnerkeil Indras“, genannt. Diese Stellen sollen mit der „Schneide“ der Dharana durchtrennt werden.
Das ist keine Aufforderung, Nerven, Gefäße oder Körpergewebe physisch zu verletzen. „Durchtrennen“ bedeutet im Kontext der Schrift, die Identifikation, die karmische Prägung und den unbewussten Energiefluss an einer Stelle durch konzentrierte Erkenntnis zu lösen. Jede wörtlich-körperliche Anwendung eines Messers oder gewaltsamer Druck auf empfindliche Punkte widerspräche dem meditativen Sinn und wäre gefährlich.
''' Nabel, Herzlotus und Kehle '''
Im Nabelbereich wird der Sitz des Lebenswindes verortet. Dort befindet sich nach der feinstofflichen Körperlehre die [[Sushumna]], umgeben von zahlreichen andersfarbig beschriebenen Nadis. Der Übende soll die äußerst feine, zarte und weiße Zentralnadi wählen und den Prana in ihr nach oben führen, wie eine Spinne sich an ihrem eigenen Faden bewegt.
Danach erreicht die Aufmerksamkeit den inneren Herzlotus. Der Text nennt ihn [[Dahara Pundarika]], den „kleinen Lotus“ beziehungsweise den Lotus im inneren Herzensraum. Diese Bezeichnung verbindet die Yogapraxis mit der upanishadischen Lehre vom ''dahara ākāśa'', dem feinen Raum im Herzen, in dem das ganze Universum und der höchste Atman erkannt werden.
Vom Herzen führt der Weg zur Kehle. Dort wird das Geflecht der Nadis gesammelt und gereinigt. Die Bewegung nach oben ist zugleich körperbezogene Visualisation und Weg der Bewusstseinsverfeinerung: von den äußeren und unteren Bindungen über den Herzensraum zur Erkenntnis des Höchsten.
''' Sushumna, Ida und Pingala '''
Die Schrift spricht von einhundertundeiner Nadi und nennt unter ihnen die [[Sushumna]] als die höchste. Sie gehe im Höchsten auf, sei frei von Unreinheit und von der Gestalt Brahmans. Links liegt [[Ida]], rechts [[Pingala]]. Zwischen beiden befindet sich der erhabenste Ort; wer ihn kennt, wird als wirklicher Kenner des Veda bezeichnet.
Daneben nennt der Text zweiundsiebzigtausend Nadis. Solche Zahlen sind aus mehreren Yoga-Upanishaden und späteren Hatha-Yoga-Schriften bekannt. Sie bezeichnen die kaum überschaubare Vielfalt feinstofflicher Bewegungs- und Wahrnehmungsbahnen. Nadis sind nicht einfach mit Nerven, Blutgefäßen oder Lymphbahnen gleichzusetzen. Sie gehören zu einer meditativen und energetischen Landkarte, nicht zur modernen Anatomie.
''' Das Durchtrennen der hundert Nadis '''
Von den einhundertundein Hauptbahnen sollen hundert „durchtrennt“ werden; die Sushumna allein bleibt bestehen. Das bedeutet, dass die nach außen und in die Vielheit führenden Bindungen zur Ruhe kommen, während der zentrale Weg zum Höchsten offenbleibt. Der Text denkt diese Lösung nicht als Zerstörung des Körpers, sondern als Beendigung der Identifikation mit den wechselnden Bewegungen des Geistes und Prana.
Der Vergleich mit Sesamöl und Jasminblüten erklärt, wie Prägungen wirken. Neutrales Öl nimmt durch die Verbindung mit Blüten deren Duft an. Ebenso werden Geist und feinstoffliche Bahnen von heilsamen und unheilsamen Eindrücken, [[Samskara]]s und [[Vasana]]s, geprägt. Befreiung verlangt deshalb nicht nur eine einzelne Konzentrationsleistung, sondern eine tiefe Reinigung der Gewohnheiten.
''' Tapas, Nichtanhaftung und Erwartungslosigkeit '''
Der geeignete Yogi hat seinen Geist durch [[Tapas]] gemeistert, lebt zeitweise in Stille, ist ohne Anhaftung und frei von Erwartungen. Diese Bedingungen schützen die Praxis vor falscher Motivation. Wer das „Rasiermesser“ benutzt, um Macht, besondere Erfahrungen oder Überlegenheit zu gewinnen, schärft damit gerade die Ichbindung, die durchtrennt werden soll.
Vairagya ist deshalb der Schleifstein der Erkenntnis. Es bedeutet nicht Gleichgültigkeit oder Lieblosigkeit. Vielmehr verliert das vergängliche Objekt seine Macht, das Bewusstsein zwanghaft zu bestimmen. Der Mensch kann handeln, lieben und Verantwortung übernehmen, ohne seine Freiheit vollständig vom Erfolg, Besitz oder der Anerkennung anderer abhängig zu machen.
''' Der Hamsa und die durchtrennte Fessel '''
Vers 22 verwendet das Bild des [[Hamsa]], des Schwans. Nachdem er seine Fessel durchtrennt hat, steigt er furchtlos in den freien Himmel. Ebenso überquert der Jiva mit gelösten Bindungen den Samsara. Der Himmel steht für die grenzenlose Weite des Bewusstseins; die Fessel für Unwissenheit, Anhaftung und die Vorstellung, nur der begrenzte Körper-Geist zu sein.
Der Hamsa besitzt in der Yogatradition noch eine weitere Bedeutung. Sein Name wird mit dem natürlichen Atemmantra [[Soham]] beziehungsweise ''haṃsa'' verbunden. So treffen sich in diesem Bild Atem, Bewusstsein und Befreiung: Der Atem, der den Menschen gewöhnlich an die Bewegung des Lebens bindet, wird durch Erkenntnis zum Träger der Freiheit.
''' Das Erlöschen der Lampe '''
Vers 23 vergleicht den vollendeten Yogi mit einer Lampe, die ihren Brennstoff verzehrt hat und erlischt. Ebenso werden alle Karmas „verbrannt“, und der Yogi geht in die Auflösung ein. Gemeint ist nicht Vernichtung im nihilistischen Sinn. Wenn der Brennstoff des Begehrens und der falschen Identifikation erschöpft ist, endet die erzwungene Fortsetzung karmischer Bewegung. Was bleibt, ist das unbedingte Sein des Atman.
Das Bild berührt die Bedeutung von [[Nirvana]], wörtlich das Erlöschen oder Verwehen einer Flamme. In der Upanishad ist es mit der Erkenntnis des Brahman und der Befreiung aus Wiedergeburt verbunden.
=== Verhältnis zu anderen Yogaschriften ===
Die Kshurika Upanishad verbindet Motive verschiedener Traditionen:
* Das Bild von der scharfen Rasiermesserschneide erinnert an die [[Katha Upanishad]], die den Weg zur höchsten Wirklichkeit als schwer begehbare Schneide eines Rasiermessers beschreibt.
* Das Einziehen der Sinne wie die Glieder einer Schildkröte entspricht der Lehre der [[Bhagavad Gita]] über Sinnesbeherrschung.
* [[Pratyahara]] und [[Dharana]] verbinden die Schrift mit dem achtgliedrigen Yoga des [[Patanjali]].
* Sushumna, Ida, Pingala, Nadis und die aufsteigende Führung des Prana weisen auf die feinstoffliche Praxis der Yoga-Upanishaden und des späteren [[Hatha Yoga]].
* Die Lehre von Begehrenlosigkeit, Atman und Unsterblichkeit gehört zum Kern des [[Vedanta]].
Trotz ihrer Kürze bildet die Schrift daher eine Brücke zwischen früher upanishadischer Befreiungslehre, meditativer Körpererfahrung und den später systematisierten Methoden des Hatha- und Kundalini Yoga.
===Bedeutung der Kshurika Upanishad===
''' Bedeutung für heutige Yogaübende '''
Für einen modernen [[Yoga Aspirant]]en kann die Kshurika Upanishad mehrere praktische Anregungen geben:
* Schaffe regelmäßig einen stillen Raum, in dem die Aufmerksamkeit nicht ständig nach außen gezogen wird.
* Übe eine stabile und angenehme Sitzhaltung, ohne den Körper zu zwingen.
* Führe den Atem langsam und bewusst; verbinde ihn bei Bedarf sanft mit Om.
* Ziehe die Sinne nicht aus Angst vor der Welt zurück, sondern um die innere Quelle der Wahrnehmung zu erkennen.
* Nutze einen achtsamen Body-Scan, um zerstreute Aufmerksamkeit zu sammeln.
* Schärfe den Geist durch Studium, Selbstreflexion und Meditation.
* Verwende Viveka, um zwischen einem wirklichen Bedürfnis und zwanghaftem Begehren zu unterscheiden.
* Verstehe „Durchtrennen“ als Lösen innerer Identifikationen, nicht als Verdrängung von Gefühlen oder Verletzung des Körpers.
* Miss Fortschritt nicht an Visionen oder Energieerlebnissen, sondern an wachsender Freiheit, Klarheit und Nichtanhaftung.
Die bleibende Botschaft lautet: Der Geist bindet, wenn er unklar und von Begehren beherrscht ist; derselbe Geist wird zum befreienden Rasiermesser, wenn er durch Erkenntnis gereinigt, durch Meditation gesammelt und durch Vairagya geschärft ist.
''' Bedeutung für Yogalehrer und Yoga Meister '''
Für [[Yogalehrer]] und [[Yoga Meister]] ist besonders wichtig, die Bildsprache der Schrift verantwortungsvoll zu erklären. Marma und Nadi sind keine Einladung zu schmerzhaften Manipulationen. Atemanhalten darf nicht leistungsorientiert vermittelt werden. Schüler unterscheiden sich in körperlicher Gesundheit, psychischer Stabilität und Meditationserfahrung.
Ein guter Lehrer verbindet Konzentration mit Entspannung, Pranayama mit sicherer Dosierung und Vairagya mit Mitgefühl. Er macht deutlich, dass die „Schärfe“ des Yoga keine Härte gegen sich selbst bedeutet. Das Rasiermesser ist die klare Einsicht, die Täuschung durchschneidet, während der Mensch selbst mit Geduld und Wohlwollen behandelt wird.
''' Die bleibende Bedeutung der Kshurika Upanishad '''
Die Kshurika Upanishad verdichtet den Yogaweg in einem einzigen starken Symbol. Der Übende zieht sich an einen stillen Ort zurück, sammelt Sinne, Atem und Geist, führt die Aufmerksamkeit durch den inneren Körper und richtet sich auf die Sushumna und den Herzensraum aus. Schließlich durchtrennt er mit dem geschärften Geist die Fesseln von Karma und Begehren.
Der freie Hamsa und die erlöschende Lampe beschreiben zwei Seiten derselben Verwirklichung: grenzenlose Freiheit und das Ende der zwanghaften karmischen Bewegung. Wer von allen drängenden Wünschen frei ist, erkennt die Unsterblichkeit des Atman. Darin liegt die eigentliche Schneide der Kshurika – die klare Erkenntnis, die das Unwirkliche vom Wirklichen trennt und den Menschen zur Freiheit führt.


==Kshurika Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==
==Kshurika Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==

Version vom 27. August 2026, 14:15 Uhr

Kshurika Upanishad (Sanskrit Kṣurikā Upaniṣad f.) ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Sie gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Yoga Upanishaden zugeordnet. Kshurika bedeutet Messer. Die kurze Kshurika Upanishad gibt an, wie ein Yogi den Kreislauf von Geburt und Tod überwinden kann, indem er mittles seines Geistes (Manas) seine Körperteile "abschneidet" und somit die Identifikation mit dem Körper löst.

Einleitung

"Ich will, zur Yogavollbringung die schneidhafte Fixierung hier verkünden, wer sie als Yogin erlangt, wird nicht geboren mehr." Einleitungsankündigung der Kshurika Up.

Die Kshurika Upanishad (Sanskrit: Kṣurikā Upaniṣad) gehört zu den Yoga Upanishaden und wird in der Muktika-Liste an 31. Stelle dem Krishna Yajurveda zugeordnet. Ihr Name bedeutet „Rasiermesser-Upanishad“. Gemeint ist das scharfe Rasiermesser des gereinigten Geistes, das Unwissenheit, Karma, Anhaftung und die Fesseln des Samsara durchtrennt. Die verwendete Fassung enthält einen unnummerierten Eröffnungsvers, 24 ausdrücklich nummerierte Verse und einen unnummerierten Schlussvers, der häufig als 25. Vers gezählt wird.

Die Schrift beschreibt einen stillen Meditationsort, eine stabile Sitzhaltung, das Zurückziehen der Sinne, die Verbindung von Pranayama und Om sowie die schrittweise Führung von Aufmerksamkeit und Prana durch den Körper. Im Mittelpunkt stehen der innere Herzlotus, die Sushumna sowie Ida und Pingala. Das „Durchtrennen“ von Marmas und Nadis ist dabei nicht körperlich gemeint: Es bezeichnet das Lösen innerer Identifikationen und karmischer Prägungen durch Dharana, Dhyana, klare Buddhi und Vairagya.

Das Ziel ist Amritatva, die Erkenntnis der Unsterblichkeit des Atman, und die Freiheit von Wiedergeburt. Für heutige Yogaübende erinnert die Kshurika Upanishad daran, dass geistige Schärfe mit Stille, Atembewusstsein und Nichtanhaftung verbunden sein muss. Intensive Atemhaltepraktiken sollten nur schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden; die feinstoffliche Sprache des Textes ist eine meditative Landkarte und keine Anleitung zu körperlichen Eingriffen.

Kshurika Upanishad – Sanskrit Text, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung

Die Sanskrit-Padas werden vollständig wiedergegeben. Die Wort-für-Wort-Erklärungen gliedern eng verbundene Komposita und Sandhi-Verbindungen in verständliche Sinneinheiten. Das im Text beschriebene „Durchtrennen“ von Marmas und Nadis ist eine meditative Metapher für das Lösen innerer Bindungen und keine Anweisung zu einem körperlichen Eingriff.

Eröffnungsvers

kaivalyanāḍīkāntasthaparābhūminivāsinam |
kṣurikopaniṣadyogabhāsuraṃ rāmamāśraye ||

Übersetzung

Ich nehme Zuflucht zu Rama, der auf der höchsten Ebene am Ende der Nadi des Kaivalya verweilt und durch den Yoga der Kshurika Upanishad erstrahlt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

kaivalya-nāḍī-kānta-stha – am Ende beziehungsweise höchsten Punkt der Nadi des Kaivalya befindlich; parā-bhūmi-nivāsinam – auf der höchsten Ebene wohnend; kṣurikā-upaniṣad-yoga-bhāsuram – durch den Yoga der Kshurika Upanishad erstrahlend; rāmam āśraye – zu Rama nehme ich Zuflucht.

Shanti Mantra

oṃ sahanāvavatu || saha nau bhunaktu || saha vīryaṃ karavāvahai ||
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Übersetzung

Om. Möge er uns beide beschützen. Möge er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht feindselig begegnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Übersetzung

oṃ – Om; saha nau avatu – möge er uns beide beschützen; saha nau bhunaktu – möge er uns beide nähren; saha vīryaṃ karavāvahai – mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten; tejasvinau adhītam astu – möge das von uns Studierte lichtvoll sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht hassen; śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ – Frieden, Frieden, Frieden.

Die 24 nummerierten Verse

1.
oṃ kṣurikāṃ sampravakṣyāmi dhāraṇāṃ yogasiddhaye |
yaṃ prāpya na punarjanma yogayuktasya jāyate || 1 ||

Übersetzung

Om. Ich werde nun die als Rasiermesser bezeichnete Dharana zur Vollendung des Yoga darlegen. Wer sie verwirklicht und im Yoga fest gegründet ist, wird nicht wiedergeboren.

Wort-für-Wort-Übersetzung

oṃ – Om; kṣurikāṃ sampravakṣyāmi – ich werde die Kshurika vollständig darlegen; dhāraṇām – die Konzentration; yoga-siddhaye – zur Vollendung des Yoga; yaṃ prāpya – nachdem man sie erlangt hat; na punarjanma – keine Wiedergeburt; yoga-yuktasya – für den im Yoga Gefestigten; jāyate – entsteht

2.
vedatattvārthavihitaṃ yathoktaṃ hi svayaṃbhuvā |
niḥśabdaṃ deśamāsthāya tatrāsanamavasthitaḥ || 2 ||

Übersetzung

Sie ist auf die Bedeutung der Wahrheit des Veda ausgerichtet, wie sie von Svayambhu, dem Selbstgeborenen, gelehrt wurde. Der Übende sucht einen stillen Ort auf und nimmt dort eine Sitzhaltung ein.

Wort-für-Wort-Übersetzung

veda-tattva-artha-vihitam – auf die Bedeutung der Wahrheit des Veda ausgerichtet; yathā uktam – wie es gelehrt wurde; hi svayaṃbhuvā – wahrlich vom Selbstgeborenen; niḥśabdaṃ deśam āsthāya – einen stillen Ort aufsuchend; tatra āsanam avasthitaḥ – dort in einer Sitzhaltung befindlich

3.
kūrmo’ṅgānīva saṃhṛtya mano hṛdi nirudhya ca |
mātrādvādaśayogena praṇavena śanaiḥ śanaiḥ || 3 ||

Übersetzung

Wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, zieht er die Sinne zurück und hält den Geist im Herzen fest. Langsam und allmählich verbindet er sich durch zwölf Matras mit dem Pranava, Om.

Wort-für-Wort-Übersetzung

kūrmaḥ aṅgāni iva saṃhṛtya – wie eine Schildkröte ihre Glieder einziehend; manaḥ hṛdi nirudhya – den Geist im Herzen festhaltend; ca – und; mātrā-dvādaśa-yogena – durch die Verbindung mit zwölf Matras; praṇavena – mit dem Pranava Om; śanaiḥ śanaiḥ – langsam, allmählich

4.
pūrayetsarvamātmānaṃ sarvadvāraṃ nirudhya ca |
uromukhakaṭigrīvaṃ kiñcidbhūdayamunnatam || 4 ||

Übersetzung

Er soll sein ganzes Wesen damit erfüllen und alle Tore des Körpers schließen. Brust, Gesicht, Hüfte, Hals und Herz werden ein wenig angehoben.

Wort-für-Wort-Übersetzung

pūrayet – er soll erfüllen; sarvam ātmānam – das ganze Selbst beziehungsweise den ganzen Körper; sarva-dvāram nirudhya – alle Tore verschließend; uraḥ-mukha-kaṭi-grīvam – Brust, Gesicht, Hüfte und Hals; kiñcit – ein wenig; bhūdayam – überlieferte Lesart, im Zusammenhang als Herz gedeutet; unnatam – angehoben

5.
prāṇānsandhārayettasminnāsābhyantaracāriṇaḥ |
bhūtvā tatra gataḥ prāṇaḥ śanairatha samutsṛjet || 5 ||

Übersetzung

Dort hält er die durch das Innere der Nase strömenden Lebenskräfte fest. Nachdem der Prana dorthin gelangt ist und darin verweilt hat, lässt er ihn langsam wieder ausströmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇān sandhārayet – die Lebenskräfte soll er festhalten; tasmin – dort; nāsā-abhyantara-cāriṇaḥ – die im Inneren der Nase strömen; bhūtvā tatra gataḥ prāṇaḥ – nachdem der Prana dorthin gelangt ist und dort verweilt; śanaiḥ – langsam; atha samutsṛjet – dann soll er ihn ausströmen lassen

6.
sthiramātrādṛḍhaṃ kṛtvā aṅguṣṭhena samāhitaḥ |
dve gulphe tu prakurvīta jaṅghe caiva trayastrayaḥ || 6 ||

Übersetzung

Gesammelt macht er die Zähleinheit beständig und fest und lenkt sie mithilfe des Daumens. Dann richtet er die dreifache Sammlung auf beide Knöchel und auf beide Unterschenkel.

Wort-für-Wort-Übersetzung

sthira-mātrā-dṛḍhaṃ kṛtvā – die beständige Zähleinheit fest machend; aṅguṣṭhena – mit dem Daumen; samāhitaḥ – gesammelt; dve gulphe – die beiden Knöchel; prakurvīta – soll er einbeziehen beziehungsweise ausführen; jaṅghe ca eva – ebenso an beiden Unterschenkeln; trayas trayaḥ – jeweils dreifach

7.
dve jānunī tathorubhyāṃ gude śiśne trayastrayaḥ |
vāyorāyatanaṃ cātra nābhideśe samāśrayet || 7 ||

Übersetzung

In gleicher Weise richtet er die dreifache Sammlung auf beide Knie und Oberschenkel sowie auf den Bereich von After und Geschlechtsorgan. Danach wählt er die Nabelgegend als Sitz des Lebenswindes.

Wort-für-Wort-Übersetzung

dve jānunī – die beiden Knie; tathā ūrubhyām – ebenso an beiden Oberschenkeln; gude śiśne – an After und Geschlechtsorgan; trayas trayaḥ – jeweils dreifach; vāyoḥ āyatanam – den Sitz des Lebenswindes; atra – hier; nābhi-deśe – in der Nabelgegend; samāśrayet – soll er aufsuchen beziehungsweise wählen

8.
tatra nāḍī suṣumnā tu nāḍībhirbahubhirvṛtā |
aṇu raktaśca pītāśca kṛṣṇāstāmrā vilohitāḥ || 8 ||

Übersetzung

Dort verläuft die Sushumna, von zahlreichen feinen Nadis umgeben. Diese werden als rot, gelb, schwarz, kupferfarben und tiefrot beschrieben.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tatra – dort; nāḍī suṣumnā – die Nadi Sushumna; tu – nun; nāḍībhiḥ bahubhiḥ vṛtā – von vielen Nadis umgeben; aṇu – fein; raktāḥ – rot; pītāḥ – gelb; kṛṣṇāḥ – schwarz; tāmrāḥ – kupferfarben; vilohitāḥ – tiefrot

9.
atisūkṣmāṃ ca tanvīṃ ca śuklāṃ nāḍīṃ samāśrayet |
tatra saṃcārayetprāṇānūrṇanābhīva tantunā || 9 ||

Übersetzung

Der Übende soll sich auf die äußerst feine, zarte und weiße Nadi ausrichten. Durch sie führt er die Lebenskräfte wie eine Spinne, die sich an ihrem Faden bewegt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

atisūkṣmām – äußerst fein; tanvīm – zart, dünn; śuklām nāḍīm – die weiße Nadi; samāśrayet – soll er als Weg wählen; tatra saṃcārayet prāṇān – dort soll er die Lebenskräfte entlangführen; ūrṇanābhī iva – wie eine Spinne; tantunā – mittels ihres Fadens

10.
tato raktotpalābhāsaṃ puruṣāyatanaṃ mahat |
daharaṃ puṇḍarīkaṃ tadvedānteṣu nigadyate || 10 ||

Übersetzung

Danach erreicht er den großen Wohnsitz des Purusha, der einem roten Lotus gleicht. Dieser kleine innere Lotus wird im Vedanta als Dahara Pundarika bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tataḥ – danach; rakta-utpala-ābhāsam – einem roten Lotus gleichend; puruṣa-āyatanam mahat – der große Wohnsitz des Purusha; daharam – klein, im inneren Raum befindlich; puṇḍarīkam – Lotus; tat – dieser; vedānteṣu nigadyate – wird in den Vedanta-Schriften gelehrt

11.
tadbhittvā kaṇṭhamāyāti tāṃ nāḍīṃ pūrayanyataḥ |
manasastu kṣuraṃ gṛhya sutīkṣṇaṃ buddhinirmalam || 11 ||

Übersetzung

Nachdem er diesen durchdrungen hat, gelangt er zum Hals und erfüllt die betreffende Nadi. Dann ergreift er das Rasiermesser des Geistes, das äußerst scharf und durch klare Erkenntniskraft gereinigt ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tat bhittvā – nachdem er diesen durchdrungen hat; kaṇṭham āyāti – gelangt er zum Hals; tām nāḍīm pūrayan – diese Nadi erfüllend; yataḥ – von wo beziehungsweise wodurch; manasaḥ kṣuram gṛhya – das Rasiermesser des Geistes ergreifend; sutīkṣṇam – äußerst scharf; buddhi-nirmalam – durch klare Erkenntniskraft gereinigt

12.
pādasyopari yanmadhye tadrūpaṃ nāma kṛntayet |
manodvāreṇa tīkṣṇena yogamāśritya nityaśaḥ || 12 ||

Übersetzung

Mit ihm soll er die benannte innere Gestalt im Bereich oberhalb des Fußes durchtrennen. Dies geschieht beständig durch das scharfe Tor des Geistes und durch die Zuflucht zum Yoga.

Wort-für-Wort-Übersetzung

pādasya upari yat madhye – was in der Mitte oberhalb des Fußes liegt; tat-rūpam nāma – die so bezeichnete Gestalt beziehungsweise Stelle; kṛntayet – soll er durchtrennen; mano-dvāreṇa tīkṣṇena – durch das scharfe Tor des Geistes; yogam āśritya – zum Yoga Zuflucht nehmend; nityaśaḥ – beständig

13.
indravajra iti proktaṃ marmajaṅghānukīrtanam |
taddhyānabalayogena dhāraṇābhirnikṛntayet || 13 ||

Übersetzung

Der empfindliche Punkt am Unterschenkel wird Indravajra, „Donnerkeil Indras“, genannt. Durch die Kraft der Meditation soll er ihn mit den Dharanas durchtrennen.

Wort-für-Wort-Übersetzung

indravajraḥ iti proktam – Indravajra wird es genannt; marma-jaṅgha-anukīrtanam – Bezeichnung des empfindlichen Punktes am Unterschenkel; tat-dhyāna-bala-yogena – durch Yoga mit der Kraft der Meditation darüber; dhāraṇābhiḥ – mittels der Konzentrationen; nikṛntayet – soll er es durchtrennen

14.
ūrvormadhye tu saṃsthāpya marmaprāṇavimocanam |
caturabhyāsayogena chindedanabhiśaṅkitaḥ || 14 ||

Übersetzung

Dann setzt er die Sammlung in der Mitte der Oberschenkel an dem als Ausgang des Prana bezeichneten empfindlichen Punkt fest. Durch vierfache Übung des Yoga soll er ohne Furcht beziehungsweise Zweifel durchtrennen.

Wort-für-Wort-Übersetzung

ūrvoḥ madhye – in der Mitte der Oberschenkel; saṃsthāpya – nachdem er die Sammlung festgesetzt hat; marma-prāṇa-vimocanam – der empfindliche Punkt, an dem Prana austritt; catur-abhyāsa-yogena – durch Yoga mit vierfacher Übung; chindet – soll er durchtrennen; anabhiśaṅkitaḥ – ohne Furcht oder Zweifel

15.
tataḥ kaṇṭhāntare yogī samūhannāḍisañcayam |
ekottaraṃ nāḍiśataṃ tāsāṃ madhye varāḥ smṛtāḥ || 15 ||

Übersetzung

Danach sammelt der Yogi im Inneren des Halses das Geflecht der Nadis. Einhundertundeine Nadis werden genannt; unter ihnen gelten einige als besonders wichtig.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tataḥ – danach; kaṇṭha-antare – im Inneren des Halses; yogī – der Yogi; samūhan – sammelnd beziehungsweise zurückziehend; nāḍi-sañcayam – das Geflecht der Nadis; eka-uttaram nāḍi-śatam – einhundert und eine Nadis; tāsām madhye – in ihrer Mitte; varāḥ smṛtāḥ – die vorzüglichen werden genannt

16.
suṣumnā tu pare līnā virajā brahmarūpiṇī |
iḍā tiṣṭhati vāmena piṅgalā dakṣiṇena ca || 16 ||

Übersetzung

Die Sushumna geht im Höchsten auf; sie ist frei von Unreinheit und von der Natur Brahmans. Ida befindet sich links und Pingala rechts.

Wort-für-Wort-Übersetzung

suṣumnā – Sushumna; tu – nun; pare līnā – im Höchsten aufgehend; virajā – frei von Unreinheit; brahma-rūpiṇī – von der Gestalt Brahmans; iḍā tiṣṭhati vāmena – Ida befindet sich links; piṅgalā dakṣiṇena – Pingala rechts; ca – und

17.
tayormadhye varaṃ sthānaṃ yastaṃ veda sa vedavit |
dvāsaptatisahasrāṇi pratināḍīṣu taitilam || 17 ||

Übersetzung

Zwischen beiden liegt der erhabenste Ort. Wer ihn kennt, ist ein wirklicher Kenner des Veda. Zweiundsiebzigtausend Nadis werden genannt; die folgende Aussage vergleicht ihre Prägung mit der Aufnahme eines Duftes durch Sesamöl.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tayoḥ madhye – zwischen beiden; varam sthānam – der erhabenste Ort; yaḥ tam veda – wer ihn kennt; saḥ veda-vit – der ist ein Kenner des Veda; dvāsaptati-sahasrāṇi – zweiundsiebzigtausend; prati-nāḍīṣu – in beziehungsweise hinsichtlich der einzelnen Nadis; taitilam – Sesamöl, eine textlich schwierige Überleitung zum Vergleich in Vers 19

18.
chidyate dhyānayogena suṣumnaikā na chidyate |
yoganirmaladhāreṇa kṣureṇānalavarcasā || 18 ||

Übersetzung

Durch Dhyana Yoga werden die übrigen Bindungen durchschnitten; allein die Sushumna wird nicht durchschnitten. Das geschieht mit dem feurig leuchtenden Rasiermesser, dessen Schneide durch Yoga gereinigt ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung

chidyate dhyāna-yogena – wird durch den Yoga der Meditation durchschnitten; suṣumnā ekā – die eine Sushumna; na chidyate – wird nicht durchschnitten; yoga-nirmala-dhāreṇa – mit einer durch Yoga gereinigten Schneide; kṣureṇa – mit dem Rasiermesser; anala-varcasā – von feurigem Glanz

19.
chindennāḍīśataṃ dhīraḥ prabhāvādiha janmani |
jātīpuṣpasamāyogairyathā vāsyati taitilam || 19 ||

Übersetzung

Der standhafte Übende soll durch dessen Kraft noch in diesem Leben die hundert Nadis durchtrennen. Ihre Prägung gleicht Sesamöl, das durch die Verbindung mit Jasminblüten deren Duft annimmt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

chindet nāḍī-śatam – er soll die hundert Nadis durchtrennen; dhīraḥ – der Standhafte; prabhāvāt – durch dessen Kraft; iha janmani – in diesem Leben; jātī-puṣpa-samāyogaiḥ – durch die Verbindung mit Jasminblüten; yathā vāsyati – wie es Duft annimmt; taitilam – Sesamöl

20.
evaṃ śubhāśubhairbhāvaiḥ sā nāḍīti vibhāvayet |
tadbhāvitāḥ prapadyante punarjanmavivarjitāḥ || 20 ||

Übersetzung

So soll er erkennen, wie eine Nadi von heilsamen und unheilsamen inneren Prägungen beeinflusst wird. Wer durch diese Erkenntnis vollständig verwandelt ist, gelangt zur Freiheit von weiterer Geburt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

evam – so; śubha-aśubhaiḥ bhāvaiḥ – durch heilsame und unheilsame Prägungen; sā nāḍī iti vibhāvayet – so soll er diese Nadi verstehen beziehungsweise betrachten; tat-bhāvitāḥ – von dieser Erkenntnis durchdrungen; prapadyante – sie gelangen; punarjanma-vivarjitāḥ – frei von Wiedergeburt

21.
tapovijitacittastu niḥśabdaṃ deśamāsthitaḥ |
niḥsaṅgatattvayogajño nirapekṣaḥ śanaiḥ śanaiḥ || 21 ||

Übersetzung

Der Übende hat seinen Geist durch Tapas gemeistert und hält sich an einem stillen Ort auf. Ohne Anhaftung, in der Wahrheit des Yoga kundig und frei von Erwartungen schreitet er allmählich voran.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tapaḥ-vijita-cittaḥ – dessen Geist durch Tapas gemeistert ist; tu – nun; niḥśabdam deśam āsthitaḥ – an einem stillen Ort verweilend; niḥsaṅgaḥ – ohne Anhaftung; tattva-yoga-jñaḥ – die Wahrheit des Yoga kennend; nirapekṣaḥ – frei von Erwartungen; śanaiḥ śanaiḥ – allmählich

22.
pāśaṃ chittvā yathā haṃso nirviśaṅkaṃ khamutkramet |
chinnapāśastathā jīvaḥ saṃsāraṃ tarate sadā || 22 ||

Übersetzung

Wie ein Schwan, der seine Fessel durchtrennt hat, furchtlos in den Himmel aufsteigt, so überquert der Jiva, dessen Bindungen durchschnitten sind, den Samsara.

Wort-für-Wort-Übersetzung

pāśam chittvā – die Fessel durchtrennend; yathā haṃsaḥ – wie ein Schwan; nirviśaṅkam – furchtlos; kham utkramet – in den Himmel aufsteigt; chinna-pāśaḥ – dessen Fesseln durchschnitten sind; tathā jīvaḥ – ebenso der Jiva; saṃsāram tarate – überquert den Samsara; sadā – endgültig beziehungsweise immer

23.
yathā nirvāṇakāle tu dīpo dagdhvā layaṃ vrajet |
tathā sarvāṇi karmāṇi yogī dagdhvā layaṃ vrajet || 23 ||

Übersetzung

Wie eine Lampe zur Zeit ihres Erlöschens ausbrennt und in die Auflösung eingeht, so verbrennt der Yogi alle Karmas und geht in die vollkommene Ruhe ein.

Wort-für-Wort-Übersetzung

yathā nirvāṇa-kāle – wie zur Zeit des Erlöschens; dīpaḥ – eine Lampe; dagdhvā – ausgebrannt; layam vrajet – in die Auflösung eingeht; tathā – ebenso; sarvāṇi karmāṇi – alle Karmas; yogī dagdhvā – nachdem der Yogi sie verbrannt hat; layam vrajet – geht er in die Auflösung ein

24.
prāṇāyāmasutīkṣṇena mātrādhāreṇa yogavit |
vairāgyopalaghṛṣṭena chittvā taṃ tu na badhyate || 24 ||

Übersetzung

Der Yogakenner durchtrennt die Bindung mit dem Rasiermesser, das durch Pranayama äußerst scharf, auf das richtige Maß gegründet und am Schleifstein des Vairagya geschärft wurde. Danach wird er nicht mehr gebunden.

Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāyāma-sutīkṣṇena – durch Pranayama äußerst scharf gemacht; mātrā-ādhāreṇa – auf das richtige Maß beziehungsweise die heilige Lautdauer gegründet; yoga-vit – der Kenner des Yoga; vairāgya-upala-ghṛṣṭena – am Schleifstein der Leidenschaftslosigkeit geschärft; chittvā tam – nachdem er diese Bindung durchschnitten hat; tu na badhyate – wird er nicht mehr gebunden

25. Vers Kshurika Upanishad – in der Sanskritquelle unnummerierter Schlussvers amṛtatvaṃ samāpnoti yadā kāmātsa mucyate |
sarveṣaṇāvinirmuktaśchittvā taṃ tu na badhyata ityupaniṣat ||

Übersetzung

Wenn der Mensch sich vom Begehren löst, erlangt er Amritatva, Unsterblichkeit. Vollständig frei von allen Wünschen und Bestrebungen, durchtrennt er die Bindung und wird nicht mehr gefesselt. So lautet die Upanishad.

Wort-für-Wort-Übersetzung

amṛtatvaṃ samāpnoti – er erlangt Unsterblichkeit; yadā kāmāt saḥ mucyate – wenn er sich vom Begehren löst; sarva-eṣaṇā-vinirmuktaḥ – vollständig frei von allen Wünschen und Bestrebungen; chittvā tam – nachdem er diese Bindung durchschnitten hat; tu na badhyate – wird er nicht mehr gebunden; iti upaniṣat – so lautet die Upanishad.

Shanti Mantra

oṃ sahanāvavatu || saha nau bhunaktu || saha vīryaṃ karavāvahai ||
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Übersetzung

Om. Möge er uns beide beschützen. Möge er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht feindselig begegnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Übersetzung

oṃ – Om; saha nau avatu – möge er uns beide beschützen; saha nau bhunaktu – möge er uns beide nähren; saha vīryaṃ karavāvahai – mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten; tejasvinau adhītam astu – möge das von uns Studierte lichtvoll sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht hassen; śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ – Frieden, Frieden, Frieden.

|| iti kṣurikopaniṣatsamāptā ||

Übersetzung des Kolophons

Hier endet die Kshurika Upanishad.

Inhalt und Bedeutung der Kshurika Upanishad

Die Kshurika Upanishad (Sanskrit: Kṣurikā Upaniṣad, क्षुरिकोपनिषत्) gehört zu den Yoga Upanishaden. Ihr Name bedeutet „Rasiermesser-Upanishad“ oder „Upanishad vom scharfen Messer“. Das Rasiermesser ist das zentrale Bild des Textes: Der durch Buddhi, Meditation, Pranayama und Vairagya geschärfte Geist soll die Bindungen durchtrennen, die den Menschen an Unwissenheit, Karma und Samsara fesseln.

Die in der Muktika-Liste an 31. Stelle geführte Schrift wird dort dem Krishna Yajurveda zugeordnet. Einige andere Handschriften und nördliche Sammlungen verbinden sie dagegen mit dem Atharvaveda. Diese unterschiedliche Vedazugehörigkeit ist bei kleineren Upanishaden nicht ungewöhnlich und zeigt, dass sie in mehreren Überlieferungszusammenhängen weitergegeben wurden.

Textgestalt und Verszählung

Die hier verwendete Sanskritfassung enthält einen unnummerierten Eröffnungsvers zu Rama, das Shanti Mantra, 24 ausdrücklich nummerierte Verse, einen unnummerierten Schlussvers, das wiederholte Shanti Mantra und den Kolophon. Der Schlussvers beginnt mit amṛtatvaṃ samāpnoti – „Er erlangt Unsterblichkeit“. Da er metrisch und inhaltlich zur Upanishad gehört, wird die Gesamtlänge häufig mit 25 Versen angegeben. Die vorliegende Ausgabe lässt die ursprüngliche fehlende Nummer sichtbar, bezeichnet ihn aber zur Orientierung als den häufig mitgezählten 25. Vers.

Die genaue Entstehungszeit ist nicht sicher. Die Kshurika Upanishad wird häufig zu den vergleichsweise frühen Yoga-Upanishaden gerechnet. Ihre Lehre verbindet ältere Motive des Zurückziehens der Sinne und der Konzentration auf den Atman mit einer ausgeprägten Nadi-, Prana- und Marma-Lehre. Da Handschriften, Kommentare und Sammlungen aus unterschiedlichen Zeiten stammen, sollte eine präzise Datierung nur mit Vorsicht vertreten werden.

Inhalt

Das Bild des Rasiermessers

Kṣurikā bezeichnet ein kleines, scharfes Messer oder Rasiermesser. Der Text verwendet dieses Werkzeug nicht äußerlich, sondern als Bild für eine außerordentlich klare und konzentrierte Erkenntniskraft. In Vers 11 heißt es, der Yogi solle das Rasiermesser des Geistes ergreifen: manasas tu kṣuraṃ gṛhya. Es ist „äußerst scharf“ und durch die Buddhi gereinigt.

Vers 18 beschreibt seine Schneide als durch Yoga gereinigt und feurig leuchtend. Vers 24 vollendet das Bild: Das Messer wird durch Pranayama geschärft und am Stein der Leidenschaftslosigkeit, Vairagya, gewetzt. Atemlenkung, Meditation und Nichtanhaftung wirken zusammen. Schärfe bedeutet hier nicht Aggressivität, sondern Viveka, die Fähigkeit, Wirkliches und Vergängliches, Selbst und Nicht-Selbst, Freiheit und Bindung klar zu unterscheiden.

Ziel der Praxis

Bereits der erste nummerierte Vers erklärt das Ziel: Die Kshurika-Dharana wird zur Vollendung des Yoga gelehrt; wer sie verwirklicht, unterliegt nicht mehr der Wiedergeburt. Die Übung ist damit kein Selbstzweck und keine Methode zur Erlangung außergewöhnlicher Kräfte. Sie soll die Unwissenheit und den inneren „Knoten“ lösen, aus dem Anhaftung, Handeln aus Begehren und erneute Geburt entstehen.

Der letzte Vers fasst das Ergebnis zusammen. Unsterblichkeit, Amritatva, wird erreicht, wenn der Mensch sich vom Begehren löst und von allen eṣaṇās, den drängenden Wünschen und Bestrebungen, frei wird. Unsterblichkeit bedeutet im upanishadischen Sinn nicht die unbegrenzte Fortdauer des physischen Körpers. Sie ist die Erkenntnis des ungeborenen und unvergänglichen Atman.

Der stille Ort und die Sitzhaltung

Die Praxis beginnt an einem stillen Ort. Der Yogi nimmt eine geeignete Sitzhaltung ein, zieht die Sinne zurück und hält den Geist im Herzen fest. Die Schrift nennt kein bestimmtes Asana. Entscheidend ist eine stabile Haltung, die ein ruhiges Atmen und anhaltende Konzentration ermöglicht.

Das Bild der Schildkröte, die ihre Glieder einzieht, veranschaulicht Pratyahara. Es ist auch aus der Bhagavad Gita bekannt: Wie die Schildkröte ihre Glieder zurückzieht, soll der Übende die Sinne von ihren Gegenständen lösen. Dies bedeutet nicht, die Außenwelt zu bekämpfen. Die Aufmerksamkeit wird aus ihrer gewohnheitsmäßigen Zerstreuung zurückgerufen und im inneren Bewusstsein gesammelt.

Pranava und Pranayama

Der Yogi verbindet die Atem- und Bewusstseinsführung mit dem Pranava, der heiligen Silbe Om. Der Text spricht von zwölf Matras, also zwölf Zeiteinheiten oder Lautmaßen. Alle „Tore“ des Körpers werden geschlossen; Brust, Gesicht, Hüfte, Hals und Herz werden leicht angehoben. Der durch die Nase strömende Prana wird gehalten und anschließend langsam wieder freigegeben.

Die genaue Auslegung der zwölf Matras und einzelner Körperangaben ist in den Kommentaren nicht völlig einheitlich. Die Kshurika Upanishad ist daher kein vollständiges modernes Atemlehrbuch. Sie setzt einen überlieferten Praxiszusammenhang und persönliche Anleitung voraus. Für heutige Übende ist vor allem der Grundsatz wichtig: Der Atem wird langsam, maßvoll und ohne Gewalt geführt. Langes Atemanhalten oder das Verschließen mehrerer Körperöffnungen sollte nicht ohne kompetente Anleitung praktiziert werden.

Die Wanderung der Aufmerksamkeit durch den Körper

Anschließend führt der Text die Aufmerksamkeit schrittweise durch verschiedene Körperregionen. Genannt werden unter anderem Zehen beziehungsweise Fußbereich, Knöchel, Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Beckenboden, Geschlechtsbereich und Nabel. Die Sammlung von Blick, Geist und Prana wird von einer Stelle zur nächsten geführt.

Diese Praxis ähnelt einer meditativen Reise oder einem inneren Body-Scan, geht aber über eine bloße Entspannungsübung hinaus. Jede Region wird als Durchgangsstelle der Lebensenergie betrachtet. Der Yogi lernt, Aufmerksamkeit und Atem nicht unbewusst zerstreuen zu lassen, sondern bewusst zu bündeln und nach innen zu führen.

Marma und Indravajra

Die Upanishad nennt empfindliche beziehungsweise vitale Stellen Marmas. Ein Marma am Unterschenkel wird Indravajra, „Donnerkeil Indras“, genannt. Diese Stellen sollen mit der „Schneide“ der Dharana durchtrennt werden.

Das ist keine Aufforderung, Nerven, Gefäße oder Körpergewebe physisch zu verletzen. „Durchtrennen“ bedeutet im Kontext der Schrift, die Identifikation, die karmische Prägung und den unbewussten Energiefluss an einer Stelle durch konzentrierte Erkenntnis zu lösen. Jede wörtlich-körperliche Anwendung eines Messers oder gewaltsamer Druck auf empfindliche Punkte widerspräche dem meditativen Sinn und wäre gefährlich.

Nabel, Herzlotus und Kehle

Im Nabelbereich wird der Sitz des Lebenswindes verortet. Dort befindet sich nach der feinstofflichen Körperlehre die Sushumna, umgeben von zahlreichen andersfarbig beschriebenen Nadis. Der Übende soll die äußerst feine, zarte und weiße Zentralnadi wählen und den Prana in ihr nach oben führen, wie eine Spinne sich an ihrem eigenen Faden bewegt.

Danach erreicht die Aufmerksamkeit den inneren Herzlotus. Der Text nennt ihn Dahara Pundarika, den „kleinen Lotus“ beziehungsweise den Lotus im inneren Herzensraum. Diese Bezeichnung verbindet die Yogapraxis mit der upanishadischen Lehre vom dahara ākāśa, dem feinen Raum im Herzen, in dem das ganze Universum und der höchste Atman erkannt werden.

Vom Herzen führt der Weg zur Kehle. Dort wird das Geflecht der Nadis gesammelt und gereinigt. Die Bewegung nach oben ist zugleich körperbezogene Visualisation und Weg der Bewusstseinsverfeinerung: von den äußeren und unteren Bindungen über den Herzensraum zur Erkenntnis des Höchsten.

Sushumna, Ida und Pingala

Die Schrift spricht von einhundertundeiner Nadi und nennt unter ihnen die Sushumna als die höchste. Sie gehe im Höchsten auf, sei frei von Unreinheit und von der Gestalt Brahmans. Links liegt Ida, rechts Pingala. Zwischen beiden befindet sich der erhabenste Ort; wer ihn kennt, wird als wirklicher Kenner des Veda bezeichnet.

Daneben nennt der Text zweiundsiebzigtausend Nadis. Solche Zahlen sind aus mehreren Yoga-Upanishaden und späteren Hatha-Yoga-Schriften bekannt. Sie bezeichnen die kaum überschaubare Vielfalt feinstofflicher Bewegungs- und Wahrnehmungsbahnen. Nadis sind nicht einfach mit Nerven, Blutgefäßen oder Lymphbahnen gleichzusetzen. Sie gehören zu einer meditativen und energetischen Landkarte, nicht zur modernen Anatomie.

Das Durchtrennen der hundert Nadis

Von den einhundertundein Hauptbahnen sollen hundert „durchtrennt“ werden; die Sushumna allein bleibt bestehen. Das bedeutet, dass die nach außen und in die Vielheit führenden Bindungen zur Ruhe kommen, während der zentrale Weg zum Höchsten offenbleibt. Der Text denkt diese Lösung nicht als Zerstörung des Körpers, sondern als Beendigung der Identifikation mit den wechselnden Bewegungen des Geistes und Prana.

Der Vergleich mit Sesamöl und Jasminblüten erklärt, wie Prägungen wirken. Neutrales Öl nimmt durch die Verbindung mit Blüten deren Duft an. Ebenso werden Geist und feinstoffliche Bahnen von heilsamen und unheilsamen Eindrücken, Samskaras und Vasanas, geprägt. Befreiung verlangt deshalb nicht nur eine einzelne Konzentrationsleistung, sondern eine tiefe Reinigung der Gewohnheiten.

Tapas, Nichtanhaftung und Erwartungslosigkeit

Der geeignete Yogi hat seinen Geist durch Tapas gemeistert, lebt zeitweise in Stille, ist ohne Anhaftung und frei von Erwartungen. Diese Bedingungen schützen die Praxis vor falscher Motivation. Wer das „Rasiermesser“ benutzt, um Macht, besondere Erfahrungen oder Überlegenheit zu gewinnen, schärft damit gerade die Ichbindung, die durchtrennt werden soll.

Vairagya ist deshalb der Schleifstein der Erkenntnis. Es bedeutet nicht Gleichgültigkeit oder Lieblosigkeit. Vielmehr verliert das vergängliche Objekt seine Macht, das Bewusstsein zwanghaft zu bestimmen. Der Mensch kann handeln, lieben und Verantwortung übernehmen, ohne seine Freiheit vollständig vom Erfolg, Besitz oder der Anerkennung anderer abhängig zu machen.

Der Hamsa und die durchtrennte Fessel

Vers 22 verwendet das Bild des Hamsa, des Schwans. Nachdem er seine Fessel durchtrennt hat, steigt er furchtlos in den freien Himmel. Ebenso überquert der Jiva mit gelösten Bindungen den Samsara. Der Himmel steht für die grenzenlose Weite des Bewusstseins; die Fessel für Unwissenheit, Anhaftung und die Vorstellung, nur der begrenzte Körper-Geist zu sein.

Der Hamsa besitzt in der Yogatradition noch eine weitere Bedeutung. Sein Name wird mit dem natürlichen Atemmantra Soham beziehungsweise haṃsa verbunden. So treffen sich in diesem Bild Atem, Bewusstsein und Befreiung: Der Atem, der den Menschen gewöhnlich an die Bewegung des Lebens bindet, wird durch Erkenntnis zum Träger der Freiheit.

Das Erlöschen der Lampe

Vers 23 vergleicht den vollendeten Yogi mit einer Lampe, die ihren Brennstoff verzehrt hat und erlischt. Ebenso werden alle Karmas „verbrannt“, und der Yogi geht in die Auflösung ein. Gemeint ist nicht Vernichtung im nihilistischen Sinn. Wenn der Brennstoff des Begehrens und der falschen Identifikation erschöpft ist, endet die erzwungene Fortsetzung karmischer Bewegung. Was bleibt, ist das unbedingte Sein des Atman.

Das Bild berührt die Bedeutung von Nirvana, wörtlich das Erlöschen oder Verwehen einer Flamme. In der Upanishad ist es mit der Erkenntnis des Brahman und der Befreiung aus Wiedergeburt verbunden.

Verhältnis zu anderen Yogaschriften

Die Kshurika Upanishad verbindet Motive verschiedener Traditionen:

  • Das Bild von der scharfen Rasiermesserschneide erinnert an die Katha Upanishad, die den Weg zur höchsten Wirklichkeit als schwer begehbare Schneide eines Rasiermessers beschreibt.
  • Das Einziehen der Sinne wie die Glieder einer Schildkröte entspricht der Lehre der Bhagavad Gita über Sinnesbeherrschung.
  • Pratyahara und Dharana verbinden die Schrift mit dem achtgliedrigen Yoga des Patanjali.
  • Sushumna, Ida, Pingala, Nadis und die aufsteigende Führung des Prana weisen auf die feinstoffliche Praxis der Yoga-Upanishaden und des späteren Hatha Yoga.
  • Die Lehre von Begehrenlosigkeit, Atman und Unsterblichkeit gehört zum Kern des Vedanta.

Trotz ihrer Kürze bildet die Schrift daher eine Brücke zwischen früher upanishadischer Befreiungslehre, meditativer Körpererfahrung und den später systematisierten Methoden des Hatha- und Kundalini Yoga.

Bedeutung der Kshurika Upanishad

Bedeutung für heutige Yogaübende

Für einen modernen Yoga Aspiranten kann die Kshurika Upanishad mehrere praktische Anregungen geben:

  • Schaffe regelmäßig einen stillen Raum, in dem die Aufmerksamkeit nicht ständig nach außen gezogen wird.
  • Übe eine stabile und angenehme Sitzhaltung, ohne den Körper zu zwingen.
  • Führe den Atem langsam und bewusst; verbinde ihn bei Bedarf sanft mit Om.
  • Ziehe die Sinne nicht aus Angst vor der Welt zurück, sondern um die innere Quelle der Wahrnehmung zu erkennen.
  • Nutze einen achtsamen Body-Scan, um zerstreute Aufmerksamkeit zu sammeln.
  • Schärfe den Geist durch Studium, Selbstreflexion und Meditation.
  • Verwende Viveka, um zwischen einem wirklichen Bedürfnis und zwanghaftem Begehren zu unterscheiden.
  • Verstehe „Durchtrennen“ als Lösen innerer Identifikationen, nicht als Verdrängung von Gefühlen oder Verletzung des Körpers.
  • Miss Fortschritt nicht an Visionen oder Energieerlebnissen, sondern an wachsender Freiheit, Klarheit und Nichtanhaftung.

Die bleibende Botschaft lautet: Der Geist bindet, wenn er unklar und von Begehren beherrscht ist; derselbe Geist wird zum befreienden Rasiermesser, wenn er durch Erkenntnis gereinigt, durch Meditation gesammelt und durch Vairagya geschärft ist.

Bedeutung für Yogalehrer und Yoga Meister

Für Yogalehrer und Yoga Meister ist besonders wichtig, die Bildsprache der Schrift verantwortungsvoll zu erklären. Marma und Nadi sind keine Einladung zu schmerzhaften Manipulationen. Atemanhalten darf nicht leistungsorientiert vermittelt werden. Schüler unterscheiden sich in körperlicher Gesundheit, psychischer Stabilität und Meditationserfahrung.

Ein guter Lehrer verbindet Konzentration mit Entspannung, Pranayama mit sicherer Dosierung und Vairagya mit Mitgefühl. Er macht deutlich, dass die „Schärfe“ des Yoga keine Härte gegen sich selbst bedeutet. Das Rasiermesser ist die klare Einsicht, die Täuschung durchschneidet, während der Mensch selbst mit Geduld und Wohlwollen behandelt wird.

Die bleibende Bedeutung der Kshurika Upanishad

Die Kshurika Upanishad verdichtet den Yogaweg in einem einzigen starken Symbol. Der Übende zieht sich an einen stillen Ort zurück, sammelt Sinne, Atem und Geist, führt die Aufmerksamkeit durch den inneren Körper und richtet sich auf die Sushumna und den Herzensraum aus. Schließlich durchtrennt er mit dem geschärften Geist die Fesseln von Karma und Begehren.

Der freie Hamsa und die erlöschende Lampe beschreiben zwei Seiten derselben Verwirklichung: grenzenlose Freiheit und das Ende der zwanghaften karmischen Bewegung. Wer von allen drängenden Wünschen frei ist, erkennt die Unsterblichkeit des Atman. Darin liegt die eigentliche Schneide der Kshurika – die klare Erkenntnis, die das Unwirkliche vom Wirklichen trennt und den Menschen zur Freiheit führt.


Kshurika Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen

Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 766 - 770.

Einleitung

"Die Geheimlehre von der Kshurika sc. Dharana, von der wie ein Messer (Kshura) abschneidenden Fixierung", heißt dieses Stück, welches neben den aus anderen Upanishaden bekannten Zügen der Yoga-Praxis (der Ort und die Art des Sitzens v. 2; die Zurückziehung des Manas von den Sinnendingen und Einschließung desselben im Herzen, v. 3; die drei Arten der Atemregelung, Puraka, Kumbhaka, Recaka, v. 4-5, vgl. unten, S. 650) einen eigentümlichen Gedanken enthält, dessen Einzelheiten bei der Unsicherheit der Lesarten; grammatischen Unkorrektheit der Diktion und Mangelhaftigkeit des Kommentares oft schwer zu deuten sind.

Der Yogin hat sich nicht nur von allen Außendingen, sondern auch von seiner eigenen Leiblichkeit loszulösen, und diese Loslösung erscheint als eine sukzessive Abschneidung der einzelnen Teile des Leibes, welche mittels des Manas als Messer (Kshura, v. 11, - schwer vereinbar mit der Einschließung des Manas im Herzen, v. 3) dadurch vollbracht wird, daß man auf die einzelnen Körperteile seine Aufmerksamkeit fixiert (Dharana) und sich eben dadurch gegen dieselben sukzessive abschließt (Nirodha; in v. 6-7 soll zu Dve ergänzt werden Dharane und zu Trayas, wie der Schol. behauptet, Nirodhah). So löst man sich sukzessive von den großen Fußzehen, den Unterbeinen, Knien, Schenkeln, Anus und Penis los und gelangt zum Nabel; von hier auf der Sushumna (schon Chand. 8,6,6, wenn auch nicht mit diesem Namen, als die 101. Hauptader erwähnt) zum Herzen und weiter in den Hals, wo die Sushumna allen anderen Adern als Unterlage (Taitilam, Kopfkissen) dient und von zweien derselben, Ida und Pingala, speziell umgeben und geschützt wird. Wieder schneidet man mit dem Manas-Messer alle anderen Adern ab und fährt auf der Sushumna aufwärts und hinaus, indem man alle guten und bösen Zustände (Bhava) in ihr zurückläßt, gleichsam das Sushumna-Kissen mit ihnen ausstopft (v. 20; vgl. Samkhyakarika v. 40 Bhavair Adhivasitam Lingam). Indem man in dieser Weise alle Körperteile durch meditierende Fixierung derselben abschneidet, bricht man alle Fesseln des Samsara und braucht nicht mehr wieder geboren zu werden (v. 21-24). - Auffallend ist namentlich der Gebrauch von Dharana, welches sonst Fesselung des Manas, hier aber Konzentration der Aufmerksamkeit auf die einzelnen Körperteile zum Zweck der Losschneidung von ihnen bedeutet, sowie der schon erwähnte, damit zusammenhängende Widerspruch, daß das Manas im Herzen eingeschlossen wird (v. 3) und doch zugleich das Messer (Kshura) sein soll, mit dem man die Körperteile einzeln abschneidet, wovon die ganze Upanishad den Namen erhalten hat.

Die Kshurika Upanishad

"Unsterblichkeit erlangt einer, der sich frei von Begierden macht, wer, von Wünschen sich lossagend, den Strick durchschneidet, bleibt befreit." Zitat: Kshurika Up.

1. Ich will, zur Yogavollbringung

Die schneidhafte Fixierung hier
Verkünden; wer sie als Yogin
Erlangt, wird nicht geboren mehr.

2. Denn dies als Veda-Hauptinhalt

Sprach als Gebot Svayambhu aus:
Einen lautlosen Ort wählend,
Dazu des Sitzens rechte Art,

3. Die Glieder zieht wie Schildkröten

Ein, das Manas ins Herz verschließt;
Der Moren Zwölfheit[1] anwendend
Unter Om-Sagen nach und nach

4. Den ganzen Leib mit Hauch anfüllt,

Alle Pforten desselben schließt,
Zum Herzen mählich hinneigend
Brust, Hüften, Angesicht und Hals.

5. So läßt der Yogin einströmen

Den Hauch, der durch die Nase geht;
Nachdem der Hauch im Leib weilte,
Läßt er ihn langsam wieder aus.
"So läßt der Yogin einströmen den Hauch, der durch die Nase geht, nachdem der Hauch im Leib weilte, läßt er ihn langsam wieder aus." Zitat: Kshurika Up.

6. Durch stet'ge Moren festmachend

Den Hauch, erst in die großen Zehn,
Dann in zwei Knöchel, zwei Waden,
Drei rechte, drei linke[2], vertiefend sich,

7. Dann in die Knie und Schenkel,

Anus und Penis, zweimal drei,
Kehrt endlich in des Hauchs Standort
Er in der Nabelgegend ein.

8. Da ist die Ader Sushumna,

Viele Adern umgeben sie.
Zartrote, gelbe und schwarze,
Und hochrote bis dunkelrot.

9. Er aber in die feinzarte,

Weiße Ader soll schlüpfen ein,
In ihr der Lebenshauch aufwärts,
Wie am Faden die Spinne klimmt.

10. So kommt er zu des Purusha

Rotlotosgleichem, großem Sitz,
Den als "kleine Lotosblüte"
Vedanta-Texte schildern uns.

11. Durch ihn dringend zum Hals steigt er,

Immer in jener Ader, auf.
Dann greift zum Manas als scharfem,
Erkenntnisblankem Messer er,

12. Wetzt es und schneidet von Grund aus

Die Gestalten und Namen ab,
Und gibt durch Manas, das scharfe,
Für ewig sich dem Yoga hin.

13. Wie Indras Donnerkeil, rühmlich,

Preist als fest man Gelenk und Bein,
Bis er durch Denkkraft, durch Yoga,
Durch Fixierung sie schneidet ab.

14. Versetzend sich in die Schenkel,

Löst Hauch er und Gelenke ab,
Durch Yoga, wiederholt vierfach,
Ohne Zaudern sie schneidend ab.

15. Dann versammelt im Halsinnern

Der Yogin seiner Adern Schar,
Von ihnen hundert und eine
Gelten als die vortrefflichsten.

16. Wo zur Linken hält Wacht Ida

Und zur Rechten die Pingala,
Ist der Hauptort zwischen ihnen;
Wer den kennt, vedakundig ist.

17. Sushumna, staublos, einmündend

In Brahman, dem sie ist verwandt,
Ist das Kopfkissen, auf welchem
Die zweiundsiebzigtausend ruh'n.

18. Alles spaltet der Denk-Yoga,

Die Sushumna er spaltet nicht.
Mit der Yogakraft blitzscharfem Messer,
Das wie das Feuer glänzt,

19. Der Adern hundert soll spalten

Wer weise ist hienieden schon.
Und gleichwie mit Jasminblüten
Ein Kopfkissen wird parfümiert,

20. So die Ader mit Zuständen,

Gut-und-bösen, staffier' er aus.
Also bereitet zieht hin er,
Von künftiger Geburt befreit.

21. Darum, im Geist wohl bewußt sich,

Einen lautlosen Ort er wählt,
Befreit von Welthang und Rücksicht,
Wahr-Yoga-kundig nach und nach.

22. Wie der Vogel, den Strick brechend,

Ohne Furcht in die Lüfte steigt,
So die Seele, den Strick brechend,
Übersteigt den Samsara dann.

23. Wie die Flamme, gebrannt habend,

Beim Auslöschen zunichte wird,
So der Yogin, verbrannt habend
Alle Werke, zunichte wird.

24. Wer als Yogin mit dem Messer,

Durch Hauchzwang spitz, durch Moren scharf,
Gewetzt am Stein der Entsagung,
Den Strick durchschneidet, bleibt befreit.

25. Unsterblichkeit erlangt einer,

Der sich frei von Begierden macht,
Wer, von Wünschen sich lossagend,
Den Strick durchschneidet, bleibt befreit.

Fußnoten

  1. Vgl. Nadabindu v. 8-11, unten S. 644.
  2. "Jedesmal drei Hemmungen (Nirodhah) vollziehend" (Schol.).

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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Kundalini Yoga

02.10.2026 - 04.10.2026 Kundalini Yoga Sutra

Ein Leitfaden für die klassischen Energie Techniken des Yoga - Aktiviere deine Lebensenergie mit der Kundalini Yoga Sutra. Während dieser Tage bekomms…
Erkan Batmaz
09.10.2026 - 11.10.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Viveka Wilde, Chandrashekara Witt

Multimedia

Klassische Schriften des Yoga: Veden, Upanishaden, Smritis, Puranas und Itihasas Jnana Yoga und Vedanta Einführung Vom Begrenzten zum Unendlichen - Geschichten aus den Upanishaden 111 Geschichten aus den Upanishaden