Bhavana Upanishad

Aus Yogawiki

Bhavana Upanishad (Sanskrit: भावनोपनिषद्, Bhāvanopaniṣad), auch Shri Chakra Upanishad (श्रीचक्रोपनिषद्, Śrīcakropaniṣad) genannt, ist eine kurze, außergewöhnlich dichte Upanishad der Shri-Vidya-Tradition. Ihre Einladung ist radikal und zugleich lebensnah: Erkenne den eigenen Körper als heiligen Kosmos und die Kräfte des Wahrnehmens, Denkens und Handelns als Ausdruck der Shakti. Das Shri Chakra ist dabei nicht nur ein heiliges Diagramm außerhalb des Menschen. Es wird zum Bild des eigenen Daseins, in dessen Mitte die Göttin Tripura Sundari als Fülle des Bewusstseins gegenwärtig ist.

Das Shri Chakra beziehungsweise Shri Yantra: Die Bhavana Upanishad erschließt seine Verehrung als innere Vergegenwärtigung von Körper, Welt und Bewusstsein.

Bhavana bedeutet hier meditative Vergegenwärtigung: Eine geistige Wahrheit wird aufmerksam betrachtet, bis sie die eigene Wahrnehmung durchdringt. Die äußere Puja mit Sitz, Wasser, Blüten, Licht und Darbringungen erhält dadurch eine innere Bedeutung. Die Blume wird zur gesammelten Aufmerksamkeit, der Duft zur Erinnerung an die Fülle des Seins und die Verneigung zum Ruhen im Bewusstsein. Der Text führt die Verehrung nicht von der Welt weg, sondern tiefer in ihren göttlichen Grund.

Traditionell gehört die Schrift zu den Shakta-Upanishaden und wird dem Atharvaveda zugeordnet. In der Muktika-Zählung wird sie als 84. der 108 Upanishaden geführt; andere Sammlungen ordnen sie anders ein.[1] Diese traditionelle Veda-Zuordnung ist von der historischen Entstehungszeit zu unterscheiden. Die Schrift gehört zum späteren, tantrisch geprägten Upanishaden-Schrifttum; eine genaue Datierung wird hier nicht vorausgesetzt.

Für heutige Yoga-Aspiranten liegt ihre Kraft in der Verbindung von Hingabe und Selbsterkenntnis. Studium, meditative Sammlung und eine bewusste Lebensführung können einander dabei stärken. Wer Yoga übt, kann den Körper als Ort wacher Gegenwart ehren. Wer Meditation praktiziert, kann untersuchen, ob der Erkennende und die erkannte Welt tatsächlich so getrennt sind, wie sie zunächst erscheinen. Die besondere Sprache der Shri Vidya bleibt dabei wichtig: Die Göttin ist im Text mehr als ein psychologisches Sinnbild, und das Shri Chakra mehr als eine Entspannungshilfe.

Hintergrund und spirituelle Einordnung

Shri Vidya, Tripura Sundari und die Upanishaden

Sri Vidya verbindet die Verehrung der göttlichen Mutter als Lalita beziehungsweise Tripura Sundari mit Mantra, heiligem Diagramm, ritueller Überlieferung und nichtdualistischer Erkenntnis. Die Bhavana Upanishad verdichtet diese Verbindung zu einer Folge kurzer Lehrsätze. Sie setzt viele Namen und Ritualbegriffe voraus, erklärt aber deren inneren Zusammenhang: Der verehrte Guru, die Kräfte des eigenen Leibes, die Göttinnen des Chakra und das eigene Selbst gehören einer umfassenden göttlichen Wirklichkeit an.

Tripura Sundari: Ihre Blumenpfeile, der Zuckerrohrbogen, die Schlinge und der Haken werden im Text mit Sinneserfahrung, Denken, Anhaften und Abneigung verbunden.

Damit steht die Schrift an der Begegnung von Tantra und Upanishaden-Tradition. Die tantrische Seite zeigt sich in den Göttinnenkreisen, der Körperkosmologie, den Nityas und den Kadi- und Hadi-Lehren. Der upanishadische Schwerpunkt liegt in der Erkenntnis der Einheit und in Jivanmukti, der Befreiung zu Lebzeiten. Man sollte weder die Ritualwelt aus dem Text entfernen noch seine Lehre auf eine Sammlung komplizierter Zuordnungen reduzieren.

Die Verbindung zur vedantischen Frage nach dem Selbst ist deutlich, doch die eigene Sprache der Shri Vidya bleibt erhalten. Nichtdualität ist hier keine bloße Behauptung „Alles ist eins“. Der Text beschreibt einen Weg der Sammlung und inneren Verehrung, auf dem diese Einsicht das Erleben verändern soll.

Die Shri-Vidya-Überlieferung ist ein Lehr- und Einweihungszusammenhang. Guru und Diksha haben dort ihren eigenen Stellenwert. Das verständige Studium der Upanishad, die Betrachtung ihrer Grundgedanken und eine schlichte Meditation verlangen jedoch nicht, ihre besonderen Mantrarituale auf eigene Faust nachzubilden.

Video: Tripura Sundari – Bedeutung des göttlichen Namens, mit Sukadev.

Bhavana und der Körper als Mandala

Bhavana ist ein bewusstes Vergegenwärtigen. Es verbindet Verstehen, innere Anschauung und beharrliche Aufmerksamkeit. Ein Mandala wird dadurch nicht bloß vorgestellt: Seine Ordnung wird als Sinnzusammenhang des eigenen Erlebens betrachtet. Der Körper erscheint als Edelsteininsel; Wünsche und Entschlüsse werden zu Bäumen; Geschmacksarten zu Jahreszeiten; Lebenskräfte zu Göttinnenkreisen.

Diese Sprache ist weder Anatomielehrbuch noch beliebige Fantasie. Sie ist eine religiöse Lehre von Entsprechungen. Ihr Ziel ist, die Trennung zwischen dem verehrten Heiligen und dem vermeintlich gewöhnlichen eigenen Dasein zu durchschauen. Der Körper wird dabei nicht mit dem gesamten Atman gleichgesetzt: Gerade die späteren Sätze führen über ausschließliche Körperidentifikation hinaus.

Name und historische Einordnung

Bhāvanā bezeichnet das innere Vergegenwärtigen und meditative Vertiefen. Der gebräuchliche zusammengesetzte Titel lautet Bhāvanopaniṣad; am Satzende begegnet die Schreibweise Bhāvanopaniṣat. Der alternative Titel Śrīcakropaniṣad hebt den Gegenstand der Betrachtung hervor. Es handelt sich hier um Bezeichnungen derselben Schrift.

Ihre ausgebildete Shri-Vidya-Symbolik unterscheidet sie von den alten großen Upanishaden. Das Alter einzelner Lehrgedanken, die Entstehung einer Textfassung und ihre Aufnahme in spätere Sammlungen sind auseinanderzuhalten. Die verwendete elektronische Ausgabe bietet keine ausreichende Grundlage für eine jahrgenaue Datierung. Die traditionelle Zuordnung zum Atharvaveda beschreibt ihre Stellung innerhalb der heiligen Überlieferung.

Textgrundlage und Leseweise

Der Sanskrittext folgt der ausführlichen elektronischen Fassung von Sanskrit Documents, die selbst auf mehrere Textgestalten hinweist. Sie enthält sowohl die Zuordnungen des Körpers zum Shri Chakra als auch die längere Deutung der inneren Puja. Ihre eingeklammerten Lesarten und Zusatzpassagen bleiben kenntlich. Es handelt sich um eine Studien- und Lesefassung, nicht um eine neue kritische Edition.[1]

Der Haupttext ist überwiegend Prosa. Die folgenden 33 Abschnitte sind redaktionelle Sinneinheiten, keine angeblich ursprünglichen Versnummern. Der vorangestellte Verehrungsvers, die Friedensgebete und der Kolophon werden zusätzlich vollständig wiedergegeben. So bleiben ganze Sätze beieinander, auch wenn andere Ausgaben anders zählen.

In den Worterklärungen werden Sanskritverbindungen nach ihren sinntragenden Bestandteilen aufgelöst. Die deutsche Übersetzung und die anschließenden Erläuterungen sind neu formuliert. Runde Klammern im Sanskrit kennzeichnen Zusätze beziehungsweise Alternativen der Vorlage; eckige Klammern im Deutschen bezeichnen notwendige Ergänzungen oder Unsicherheit. Einige offensichtliche Schreibfehler sind berichtigt und an der Stelle dokumentiert. Mehrdeutige oder beschädigte Stellen bleiben ausdrücklich als solche erkennbar. IAST und Devanagari geben denselben Textbestand wieder.

Ein Weg durch die Unterweisung

Drei Bewegungen helfen, den Zusammenhang der kurzen Lehrsätze zu erkennen:

  • Vom Körper zum heiligen Kosmos (Abschnitte 1–16): Selbst, Guru, Elemente, Sinne und Lebenskräfte werden mit dem Shri Chakra verbunden. Abschnitt 6 nennt den Schlüssel: Erkennender, Erkennen und Erkanntes sind in ihrem Grund nicht verschieden.
  • Von der göttlichen Mitte zur inneren Puja (Abschnitte 17–30): Die Betrachtung von Bewusstsein und Glückseligkeit führt zur inneren Bedeutung der Darbringungen. Äußere Gesten werden in Sammlung, Hingabe und Erkenntnis erschlossen.
  • Von Bhavana zur Befreiung (Abschnitte 31–33): Die Schrift beschreibt die Frucht dieser Vergegenwärtigung als Einheit von Gottheit und Selbst und als Befreiung zu Lebzeiten.

Beim Lesen lohnt es sich, drei Ebenen zu unterscheiden: den überlieferten Wortlaut, seine religiös-symbolische Bedeutung und die eigene heutige Anwendung. So bleibt beispielsweise das Feueropfer als Ritualbegriff verständlich, seine innere Deutung als Auflösen begrifflicher Gegensätze erkennbar und eine daraus gewonnene Meditationsanregung als heutige Anwendung ausgewiesen.

Vollständiger Text in IAST mit deutscher Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung

Vorangestellter Verehrungsvers

IAST:
svāvidyāpadatatkāryaṃ śrīcakropari bhāsuram |
bindurūpaśivākāraṃ rāmacandrapadaṃ bhaje ||

Deutsche Übersetzung: Ich verehre die Stätte Rāmacandras, die über dem Shri Chakra erstrahlt, die Gestalt Shivas als Bindu besitzt und [mit] dem Bereich der eigenen Unwissenheit und deren Wirkung [in einem nicht eindeutig bezeichneten Verhältnis steht].

Wort-für-Wort:

  • svāvidyā – eigene Unwissenheit
  • pada – Stätte, Bereich, auch Fuß
  • tat-kāryam – deren Wirkung
  • śrīcakra-upari – über dem Shri Chakra
  • bhāsuram – leuchtend
  • bindu-rūpa – in Gestalt des Punktes
  • śiva-ākāram – von der Gestalt Shivas
  • rāmacandra-padam – Stätte beziehungsweise Füße Rāmacandras
  • bhaje – ich verehre

Erläuterung: Dieser metrische Verehrungsvers steht in der Textgrundlage vor der eigentlichen Upanishad. Das erste Kompositum ist in dieser Lesung syntaktisch unklar. Insbesondere steht dort kein eindeutiges Wort für „jenseits“ oder „vernichtend“; eine solche Ergänzung wäre bereits Auslegung. Rāmacandra wird hier mit Shiva in Bindu-Gestalt verbunden. Der Vers wird als überlieferter Rahmen wiedergegeben, nicht als sicher bestimmbarer ursprünglicher Anfang der Upanishad.

Einleitendes Shanti-Mantra

IAST:
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devā | bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvām̐sastanūbhiḥ | vyaśema devahitaṃ yadāyuḥ |
svasti na indro vṛddhaśravāḥ | svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo'riṣṭanemiḥ | svasti no bṛhaspatirdadhātu |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Deutsche Übersetzung: Om. Ihr Götter, mögen wir mit unseren Ohren Heilvolles hören. Mögen wir mit unseren Augen Heilvolles sehen, ihr Verehrungswürdigen. Euch preisend, mögen wir mit festen Gliedern und kräftigen Leibern die von den Göttern zugemessene Lebenszeit durchleben. Indra, dessen Ruhm groß ist, gewähre uns Wohlergehen; Pushan, der alles kennt, gewähre uns Wohlergehen; Tarkshya, dessen Radkranz unversehrt ist, gewähre uns Wohlergehen; Brihaspati gewähre uns Wohlergehen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort:

  • oṃ – heilige Silbe Om
  • bhadram – Heilvolles, Gutes
  • karṇebhiḥ – mit den Ohren
  • śṛṇuyāma – mögen wir hören
  • devāḥ – ihr Götter
  • paśyema – mögen wir sehen
  • akṣabhiḥ – mit den Augen
  • yajatrāḥ – ihr Verehrungswürdigen
  • sthiraiḥ – mit festen, beständigen
  • aṅgaiḥ – Gliedern
  • tuṣṭuvāṃsaḥ – preisend
  • tanūbhiḥ – mit den Leibern
  • vyaśema – mögen wir durchleben
  • deva-hitam – von den Göttern zugemessen, zum göttlichen Wohl bestimmt
  • yat āyuḥ – welche Lebensspanne
  • svasti – Wohlergehen
  • naḥ – uns
  • indraḥ – Indra
  • vṛddha-śravāḥ – von großem Ruhm
  • pūṣā – Pushan, der Nährende
  • viśva-vedāḥ – der alles kennt
  • tārkṣyaḥ – Tarkshya
  • ariṣṭa-nemiḥ – mit unversehrtem Radkranz
  • bṛhaspatiḥ – Brihaspati
  • dadhātu – möge gewähren
  • śāntiḥ – Frieden

Erläuterung: Die Schreibungen na, nas und no geben hier durch Sandhi verändertes naḥ, „uns“, wieder; sie bedeuten nicht „nicht“. Das vedische Nasalzeichen in tuṣṭuvām̐saḥ ist eine Schreibvariante. Das Mantra gehört zum liturgischen Rahmen und kehrt am Schluss wieder.

Abschnitt 1 – Das selbstleuchtende Selbst

IAST:
atha bhāvanopaniṣat | hariḥ oṃ |
ātmānamakhaṇḍamaṇḍalākāramavṛtya sakalabrahmāṇḍamaṇḍalaṃ svaprakāśaṃ dhyāyet |

Deutsche Übersetzung: Nun die Bhavana Upanishad. Hari, Om. Man meditiere über das Selbst als selbstleuchtend, von der Gestalt eines ungeteilten Ganzen, [das] den gesamten Weltenkreis [umfasst].

Wort-für-Wort:

  • atha – nun
  • bhāvanopaniṣat – Upanishad der inneren Vergegenwärtigung
  • hariḥ – Hari, Gottesname
  • oṃ – Om
  • ātmānam – das Selbst
  • akhaṇḍa – ungeteilt
  • maṇḍala – Kreis, Ganzes
  • ākāram – von der Gestalt
  • avṛtya – hier unklare Form, vermutlich für āvṛtya, umhüllend
  • sakala – ganz, vollständig
  • brahmāṇḍa-maṇḍalam – Kreis des Weltalls
  • sva-prakāśam – aus sich selbst leuchtend
  • dhyāyet – man meditiere

Erläuterung: Die Vorlage liest avṛtya statt des zu erwartenden āvṛtya. Die Übersetzung des Umfassens ist daher ausdrücklich sinngemäß. Der Satz ist ein einleitender Meditationssatz der ausführlichen Fassung.

Abschnitt 2 – Guru, Körper und Shri Chakra

IAST:
oṃ śrīguruḥ sarvakāraṇabhūtā śaktiḥ | tena navarandhrarūpo dehaḥ | navaśaktirūpaṃ śrīcakram |

Deutsche Übersetzung: Om. Der verehrte Guru ist Shakti, die allem zugrunde liegende Ursache. Durch diese [Kraft besteht] der Körper in der Gestalt mit neun Öffnungen. Das Shri Chakra hat die Gestalt der neun Kräfte.

Wort-für-Wort:

  • śrī-guruḥ – der verehrte spirituelle Lehrer
  • sarva – alles
  • kāraṇa-bhūtā – zur Ursache geworden, als Ursache bestehend
  • śaktiḥ – göttliche Kraft
  • tena – dadurch, durch diese
  • nava-randhra – neun Öffnungen
  • rūpaḥ – die Gestalt besitzend
  • dehaḥ – Körper
  • nava-śakti-rūpam – die Gestalt von neun Kräften habend
  • śrī-cakram – das heilige Shri Chakra

Erläuterung: Die neun gewöhnlichen Körperöffnungen sind zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenöffnungen, Mund, After und Geschlechtsöffnung. Die neun Kräfte werden im Zusammenhang der neun Umfassungen des Shri Chakra gelesen. Die Gleichsetzung des Guru mit Shakti beschreibt seine Funktion als Vermittler der Erkenntnis.

Abschnitt 3 – Elternkräfte, Ozeane und Edelsteininsel

IAST:
vārāhī pitṛrūpā | kurukullā balidevatā mātā | puruṣārthāḥ sāgarāḥ | deho navaratnadvīpaḥ |

Deutsche Übersetzung: Varahi hat die Gestalt des Vaters. Kurukulla, die Gottheit der Bali-Darbringung, ist die Mutter. Die menschlichen Lebensziele sind die Ozeane. Der Körper ist die Insel der neun Edelsteine.

Wort-für-Wort:

  • vārāhī – Varahi, eine Göttin
  • pitṛ-rūpā – in Vatergestalt
  • kurukullā – Kurukulla, Göttinnenname
  • bali-devatā – Gottheit der Bali-Darbringung
  • mātā – Mutter
  • puruṣa-arthāḥ – menschliche Lebensziele
  • sāgarāḥ – Ozeane
  • dehaḥ – Körper
  • nava-ratna-dvīpaḥ – Insel der neun Edelsteine

Erläuterung: Die traditionelle Vierzahl der Purushartha umfasst Dharma, Artha, Kama und Moksha. Die Vaterrolle Varahis ist eine symbolische Zuordnung des Textes, keine Verwechslung der Göttin mit einem männlichen Gott. Bali bezeichnet hier eine Darbringung; daraus allein ergibt sich keine bestimmte Opfermaterie.

Abschnitt 4 – Wunschbäume und sechs Jahreszeiten

IAST:
tvagādisaptadhātubhiranekaiḥ saṃyuktāḥ saṅkalpāḥ kalpataravaḥ | tejaḥ kalpakodyānam | rasanayā bhāvyamānā madhurāmlatiktakaṭukaṣāyalavaṇabhedāḥ ṣaḍrasāḥ ṣaḍṛtavaḥ |

Deutsche Übersetzung: Die vielfältig mit den sieben körperlichen Bestandteilen, beginnend mit der Haut, verbundenen Vorstellungen und Entschlüsse sind die Wunschbäume. Die Leuchtkraft ist ihr Garten. Die sechs von der Zunge erfahrenen Geschmacksarten – süß, sauer, bitter, scharf, zusammenziehend und salzig – sind die sechs Jahreszeiten.

Wort-für-Wort:

  • tvak-ādi – mit der Haut beginnend
  • sapta-dhātubhiḥ – mit den sieben Bestandteilen
  • anekaiḥ – mit vielfältigen
  • saṃyuktāḥ – verbunden
  • saṅkalpāḥ – Vorstellungen, Entschlüsse
  • kalpa-taravaḥ – wunscherfüllende Bäume
  • tejaḥ – Leuchtkraft, Energie
  • kalpaka-udyānam – Garten der Wunschbäume
  • rasanayā – durch die Zunge
  • bhāvyamānāḥ – erfahren, vergegenwärtigt
  • madhura – süß
  • amla – sauer
  • tikta – bitter
  • kaṭu – scharf
  • kaṣāya – zusammenziehend
  • lavaṇa – salzig
  • bhedāḥ – Unterschiede, Arten
  • ṣaḍ-rasāḥ – sechs Geschmacksarten
  • ṣaḍ-ṛtavaḥ – sechs Jahreszeiten

Erläuterung: Die Aufzählung der sieben dhātu wird hier nicht ausgeführt. „Mit der Haut beginnend“ sollte nicht unbesehen durch die anders ansetzende ayurvedische Standardliste ersetzt werden. Rasa bedeutet an dieser Stelle Geschmack; im folgenden Zusammenhang bezeichnet dasselbe Wort Erlebnis- oder Gefühlsqualitäten.

Abschnitt 5 – Die drei Kräfte der Göttin

IAST:
kriyāśaktiḥ pīṭham | kuṇḍalinī jñānaśaktirgṛham | icchāśaktirmahātripurasundarī |

Deutsche Übersetzung: Die Kraft des Handelns ist der heilige Sitz. Kundalini, die Kraft der Erkenntnis, ist die Wohnstätte. Die Kraft des Wollens ist Mahatripurasundari.

Wort-für-Wort:

  • kriyā-śaktiḥ – Handlungskraft
  • pīṭham – Sitz, Heiligtum
  • kuṇḍalinī – Kundalini, die gewundene Kraft
  • jñāna-śaktiḥ – Erkenntniskraft
  • gṛham – Haus, Wohnstätte
  • icchā-śaktiḥ – Willenskraft
  • mahā-tripura-sundarī – die große Schöne der drei Städte beziehungsweise Welten

Erläuterung: Kundalini, Jnana und Wille werden nicht als voneinander unabhängige Fähigkeiten behandelt, sondern als Aspekte des einen göttlichen Geschehens.

Abschnitt 6 – Erkenntnis als Opfer und Verehrung

IAST:
jñātā hotā jñānamagniḥ (jñānamarghyam) jñeyaṃ haviḥ | jñātṛjñānajñeyānāmabhedabhāvanaṃ śrīcakrapūjanam |

Deutsche Übersetzung: Der Erkennende ist der Opferpriester; die Erkenntnis ist das Feuer – nach der beigefügten Lesart: die Ehrengabe –; das zu Erkennende ist die Opfergabe. Die meditative Vergegenwärtigung der Nichtverschiedenheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem ist die Verehrung des Shri Chakra.

Wort-für-Wort:

  • jñātā – der Erkennende
  • hotā – der darbringende Opferpriester
  • jñānam – Erkenntnis
  • agniḥ – Feuer
  • arghyam – Ehrengabe, Ehrenwasser
  • jñeyam – das zu Erkennende
  • haviḥ – Opfergabe
  • jñātṛ-jñāna-jñeyānām – von Erkennendem, Erkennen und Erkanntem
  • abheda – Nichtverschiedenheit
  • bhāvanam – meditative Vergegenwärtigung
  • śrīcakra-pūjanam – Verehrung des Shri Chakra

Erläuterung: Dies ist ein Schlüsselsatz des Werkes. Jñānam arghyam ist in der Vorlage als alternative Lesart beigefügt; Feuer und Ehrenwasser sind nicht dasselbe Ritualelement. Die Aussage über die Einheit bleibt in beiden Lesarten bestehen.

Abschnitt 7 – Gefühle, Siddhis und acht Mutterkräfte

IAST:
niyatisahitāḥ śṛṅgārādayo nava rasā aṇimādayaḥ | kāmakrodhalobhamohamadamātsaryapuṇyapāpamayā brāhmyādyaṣṭaśaktayaḥ | (ādharanavakam mudrāśaktayaḥ |)

Deutsche Übersetzung: Die neun Erlebnisqualitäten, beginnend mit der Liebe, zusammen mit der bestimmenden Ordnung Niyati, sind die Kräfte, beginnend mit Anima. Die acht Shaktis, beginnend mit Brahmi, bestehen aus Begehren, Zorn, Gier, Verblendung, Überheblichkeit, Missgunst, Verdienst und Verfehlung. [Zusatz der Vorlage:] Die Neunheit der Stützpunkte sind die Mudra-Kräfte.

Wort-für-Wort:

  • niyati-sahitāḥ – mit Niyati, der bestimmenden Ordnung, verbunden
  • śṛṅgāra-ādayaḥ – mit Liebe beziehungsweise erotischer Empfindung beginnend
  • nava rasāḥ – neun Erlebnisqualitäten
  • aṇimā-ādayaḥ – mit Anima, dem Kleinwerden, beginnend
  • kāma – Begehren
  • krodha – Zorn
  • lobha – Gier
  • moha – Verblendung
  • mada – Überheblichkeit
  • mātsarya – Missgunst
  • puṇya – Verdienst
  • pāpa – Verfehlung
  • mayāḥ – bestehend aus
  • brāhmī-ādi-aṣṭa-śaktayaḥ – acht Kräfte, beginnend mit Brahmi
  • ādhara-navakam – Neunheit der Stützpunkte, Lesung der Vorlage
  • mudrā-śaktayaḥ – Kräfte der rituellen Siegel beziehungsweise Gesten

Erläuterung: Ādhara ist in der Vorlage vermutlich für ādhāra geschrieben. Die kurze Zusatzzeile benennt die neun Stützpunkte nicht. Die symbolische Zuordnung von Zorn oder Gier zu Göttinnen ist keine Aufforderung, ihnen ungehemmt zu folgen.

Abschnitt 8 – Die sechzehn Kräfte

IAST:
pṛthivyaptejovāyvākāśaśrotratvakcakṣurjihvāghrāṇavākpāṇipādapāyūpasthamanovikārāḥ (kāmākarṣiṇyādi) ṣoḍaśa śaktayaḥ |

Deutsche Übersetzung: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum; Gehör, Haut, Auge, Zunge und Geruchssinn; Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Geschlechtsorgan sowie die Tätigkeit des Denkorgans sind die sechzehn Kräfte – [laut Zusatz:] beginnend mit Kamakarshini.

Wort-für-Wort:

  • pṛthivī – Erde
  • ap – Wasser
  • tejas – Feuer
  • vāyu – Luft
  • ākāśa – Raum
  • śrotra – Gehör
  • tvak – Haut, Tastsinn
  • cakṣus – Auge, Sehen
  • jihvā – Zunge
  • ghrāṇa – Geruchssinn
  • vāc – Sprache
  • pāṇi – Hand
  • pāda – Fuß
  • pāyu – Ausscheidungsorgan
  • upastha – Geschlechtsorgan
  • mano-vikāra – Tätigkeit beziehungsweise Veränderung des Denkorgans
  • kāma-ākarṣiṇī – die das Begehren anziehende Göttin
  • ādi – beginnend mit
  • ṣoḍaśa – sechzehn
  • śaktayaḥ – Kräfte

Abschnitt 9 – Die acht Kräfte des Handelns

IAST:
vacanādānagamanavisargānandahāno(pādāno)pekṣā(khya)buddhayo'naṅgakusumādiśaktayo'ṣṭau |

Deutsche Übersetzung: Die Tätigkeiten beziehungsweise Einstellungen des Sprechens, Ergreifens, Gehens, Ausscheidens, Genießens, Zurückweisens, [Annehmens] und Gleichmütig-Betrachtens sind die acht Kräfte, beginnend mit Anangakusuma.

Wort-für-Wort:

  • vacana – Sprechen
  • ādāna – Ergreifen
  • gamana – Gehen
  • visarga – Ausscheiden, Entlassen
  • ānanda – Freude, hier auch geschlechtliches Genießen
  • hāna – Zurückweisen
  • upādāna – Annehmen, in der Vorlage eingeklammert
  • upekṣā – gleichmütiges Betrachten, Nicht-Eingreifen
  • ākhya – so genannt, im Zusatz der Vorlage verkürzt als khya
  • buddhayaḥ – Einstellungen, bewusste Tätigkeiten
  • anaṅga-kusuma – „Blüte des Körperlosen“, Göttinnenname
  • ādi – und die folgenden
  • śaktayaḥ aṣṭau – acht Kräfte

Erläuterung: Die Klammern im Sanskrit stammen aus der Vorlage; mit dem dort eingeschobenen upādāna ergibt sich die angekündigte Achtzahl. Offensichtliches bhuddhayaḥ wurde zu buddhayaḥ berichtigt. Die ungewöhnliche Klammerung von khya bleibt sichtbar und wird nicht als eigenständiges Sanskritwort verstanden.

Abschnitt 10 – Vierzehn Nadis

IAST:
alambusā kuhūrviśvodarī varuṇā hastijihvā yaśasvatyaśvinī gāndhārī pūṣā śaṅkhinī sarasvatīḍā piṅgalā suṣumnā ceti caturdaśa nāḍyaḥ | sarvasaṃkṣobhiṇyādicaturdaśāragā devatāḥ |

Deutsche Übersetzung: Alambusa, Kuhu, Vishvodari, Varuna, Hastijihva, Yashasvati, Ashvini, Gandhari, Pusha, Shankhini, Sarasvati, Ida, Pingala und Sushumna sind die vierzehn Nadis. Sie sind die Gottheiten im Kreis der vierzehn Dreiecke, beginnend mit Sarvasamkshobhini.

Wort-für-Wort:

  • alambusā, kuhūḥ, viśvodarī, varuṇā, hastijihvā, yaśasvatī, aśvinī, gāndhārī, pūṣā, śaṅkhinī, sarasvatī, iḍā, piṅgalā, suṣumnā – vierzehn Eigennamen der feinstofflichen Bahnen
  • ca iti – und so
  • caturdaśa – vierzehn
  • nāḍyaḥ – Nadis, feinstoffliche Bahnen
  • sarva-saṃkṣobhiṇī-ādi – beginnend mit der alles in Bewegung versetzenden Göttin
  • caturdaśa-āra-gāḥ – im vierzehngliedrigen Dreieckskreis befindlich
  • devatāḥ – Gottheiten

Erläuterung: Die Vorlage liest Aśvinī; andere verbreitete Aufzählungen nennen an dieser Stelle Payasvinī. Hier wird der Name nicht stillschweigend ersetzt. Nadi ist in diesem Zusammenhang nicht einfach mit anatomischer Arterie oder Nerv gleichzusetzen.

Abschnitt 11 – Zehn Lebenskräfte

IAST:
prāṇāpānavyānodānasamānanāgakūrmakṛkaradevadattadhanañjayā iti daśa vāyavaḥ | sarvasiddhipradā devyo bahirdaśāragā devatāḥ |

Deutsche Übersetzung: Prana, Apana, Vyana, Udana, Samana, Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya sind die zehn Lebenswinde. Sie sind die Göttinnen des äußeren Kreises aus zehn Dreiecken, die alle Vollendungen gewähren.

Wort-für-Wort:

  • prāṇa, apāna, vyāna, udāna, samāna – die fünf hauptsächlichen Lebenswinde
  • nāga, kūrma, kṛkara, devadatta, dhanañjaya – fünf weitere Lebenswinde
  • iti – so
  • daśa – zehn
  • vāyavaḥ – Winde, Lebenskräfte
  • sarva-siddhi-pradāḥ – alle Vollendungen gewährend
  • devyaḥ – Göttinnen
  • bahir-daśāra-gāḥ – im äußeren Zehnerkreis befindlich
  • devatāḥ – Gottheiten

Abschnitt 12 – Fünf Wirkweisen des inneren Feuers

IAST:
etadvāyudaśakasaṃsargopādhibhedena recakapūrakaśoṣakadāhaplāvakā (recakaḥ pācakaḥ śoṣako dāhakaḥ plāvakā iti) prāṇamukhyatvena pañcadho'sti (jaṭharāgnirbhavati) |

Deutsche Übersetzung: Durch die unterschiedlichen Bedingungen seiner Verbindung mit diesen zehn Lebenswinden besteht [das innere Feuer] unter dem Vorrang des Prana in fünf Formen: ausleitend, füllend, trocknend, brennend und überflutend. Die beigegebene Lesart nennt: ausleitend, verdauend, trocknend, brennend und überflutend, und ergänzt ausdrücklich: „Es wird zum Verdauungsfeuer.“

Wort-für-Wort:

  • etat-vāyu-daśaka – diese Gruppe von zehn Lebenswinden
  • saṃsarga – Verbindung
  • upādhi-bhedena – durch Unterschiede der Bedingungen
  • recaka – ausleitend
  • pūraka – füllend
  • śoṣaka – trocknend
  • dāha – Brennen
  • plāvaka – überflutend
  • pācaka – verdauend, garend
  • dāhaka – brennend
  • iti – so
  • prāṇa-mukhyatvena – unter dem Vorrang von Prana
  • pañcadhā – fünffach
  • asti – ist
  • jaṭhara-agniḥ – Verdauungsfeuer
  • bhavati – wird, besteht

Erläuterung: Die Vorlage hat im Kompositum upādhibhedhena; berichtigt ist der klare Schreibfehler zu upādhibhedena. Ihre Formen pañcadho ’sti und plāvakā bleiben erhalten. Pūraka und pācaka sind echte unterschiedliche Lesungen. Die Passage erklärt symbolische Körperfunktionen; sie ist keine Anleitung zu Atemverhalten oder Atemanhalten.

Abschnitt 13 – Weitere Feuerfunktionen und Nahrung

IAST:
kṣārako dārakaḥ kṣobhako mohako jṛmbhaka ityapālanamukhyatvena pañcavidho'sti | tena manuṣyāṇāṃ mohako dāhako (nāgaprādhānyena pañcavidhāste manuṣyāṇāṃ dehagā) bhakṣyabhojyaśoṣyalehyapeyātmakaṃ caturvidhamannaṃ (pañcavidhamannaṃ) pācayati |

Deutsche Übersetzung: Auflösend, spaltend, aufwühlend, benebelnd und Gähnen bewirkend: so besteht [das Feuer] fünffach, unter dem Vorrang eines in der Vorlage unklar bezeichneten Vorgangs. Dadurch verdaut es beim Menschen – hier als benebelnd und brennend bezeichnet – die Nahrung in Gestalt des zu Kauenden, zu Essenden, [zu Saugenden], zu Leckenden und zu Trinkenden. Die Vorlage nennt sie „vierfach“, die beigefügte Lesart „fünffach“. Ein weiterer Zusatz lautet: „Unter dem Vorrang von Naga sind jene fünf im menschlichen Körper vorhanden.“

Wort-für-Wort:

  • kṣārakaḥ – auflösend, ätzend
  • dārakaḥ – spaltend
  • kṣobhakaḥ – aufwühlend
  • mohakaḥ – benebelnd
  • jṛmbhakaḥ – Gähnen hervorrufend
  • apālana-mukhyatvena – unklare Lesung der Vorlage
  • pañca-vidhaḥ – fünffach
  • asti – ist
  • tena – dadurch
  • manuṣyāṇām – der Menschen
  • dāhakaḥ – brennend
  • nāga-prādhānyena – unter dem Vorrang von Naga
  • te – jene
  • deha-gāḥ – im Körper befindlich
  • bhakṣya – zu Kauendes
  • bhojya – zu Essendes
  • śoṣya – wörtlich zu Trocknendes, hier wohl für coṣya, zu Saugendes
  • lehya – zu Leckendes
  • peya – zu Trinkendes
  • ātmakam – bestehend aus
  • catur-vidham – vierfach
  • pañca-vidham – fünffach
  • annam – Nahrung
  • pācayati – verdaut

Erläuterung: Die Lesung apālana ist nicht sicher erklärbar; eine Gleichsetzung mit Apana wird deshalb nicht in den Sanskrittext eingesetzt. Auch śoṣya ist im Nahrungskontext auffällig. Die Übersetzung „zu Saugendes“ ist eine kenntlich gemachte Deutung. Der klare Schreibfehler pañcabidhāḥ im Zusatz wurde zu pañcavidhāḥ berichtigt. Die Widersprüche der Zählung werden nicht verdeckt.

Abschnitt 14 – Zehn Feuerkräfte und acht Erfahrungsqualitäten

IAST:
etā daśa vahnikalāḥ sarvajñatvādyantardaśāragā devatāḥ | śītoṣṇasukhaduḥkhecchāsattvarajastamoguṇā vaśinyādiśaktayo'ṣṭau |

Deutsche Übersetzung: Diese zehn Teilkräfte des Feuers sind die Gottheiten des inneren Kreises aus zehn Dreiecken, beginnend mit Allwissenheit. Kälte, Wärme, Wohlgefühl, Leid, Verlangen sowie die Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas sind die acht Kräfte, beginnend mit Vashini.

Wort-für-Wort:

  • etāḥ – diese
  • daśa – zehn
  • vahni-kalāḥ – Teilkräfte des Feuers
  • sarvajñatva-ādi – beginnend mit Allwissenheit
  • antar-daśāra-gāḥ – im inneren Zehnerkreis befindlich
  • devatāḥ – Gottheiten
  • śīta – Kälte
  • uṣṇa – Wärme
  • sukha – Wohlgefühl
  • duḥkha – Leid
  • icchā – Verlangen
  • sattva – Klarheit
  • rajas – Aktivität, Unruhe
  • tamas – Trägheit, Verdunkelung
  • guṇāḥ – Eigenschaften
  • vaśinī-ādi – beginnend mit Vashini, der Beherrschenden
  • śaktayaḥ aṣṭau – acht Kräfte

Erläuterung: Die fehlerhafte Schreibung aṣtau wurde zu aṣṭau berichtigt. Die Namen göttlicher Kräfte und die ihnen zugeordneten Erfahrungsqualitäten sind als symbolische Entsprechungen zu lesen.

Abschnitt 15 – Die Attribute der Göttin

IAST:
śabdasparśarūparasagandhāḥ pañcatanmātrāḥ pañcapuṣpabāṇā mana ikṣudhanuḥ | vaśyo vāṇo rāgaḥ pāśaḥ | dveṣo'ṅkuśaḥ |

Deutsche Übersetzung: Klang, Berührung, sichtbare Gestalt, Geschmack und Geruch sind die fünf feinen Sinnesqualitäten und die fünf Blumenpfeile. Das Denkorgan ist der Bogen aus Zuckerrohr. [Die zusätzliche Wendung „vaśyo vāṇo“ ist unsicher; ungefähr: „der zu beherrschende Pfeil“.] Zuneigung beziehungsweise Anhaften ist die Schlinge. Abneigung ist der Stachelhaken.

Wort-für-Wort:

  • śabda – Klang
  • sparśa – Berührung
  • rūpa – sichtbare Gestalt
  • rasa – Geschmack
  • gandha – Geruch
  • pañca-tanmātrāḥ – fünf feine Sinnesqualitäten
  • pañca-puṣpa-bāṇāḥ – fünf Blumenpfeile
  • manas – Denkorgan
  • ikṣu-dhanuḥ – Zuckerrohrbogen
  • vaśyaḥ – zu beherrschen, gefügig
  • vāṇaḥ – hier offenbar für bāṇaḥ, Pfeil
  • rāgaḥ – Zuneigung, Anhaften
  • pāśaḥ – Schlinge
  • dveṣaḥ – Abneigung
  • aṅkuśaḥ – Stachelhaken zum Lenken eines Elefanten

Erläuterung: Die isolierte Wendung vaśyo vāṇo wird nicht zu einer vermeintlich sicheren Lehre ausgebaut. Sicher verständlich ist die Folge Blumenpfeile – Bogen – Schlinge – Haken. Diese Attribute verbinden die Gestalt Tripura Sundaris mit Wahrnehmen, Denken, Anziehung und Abstoßung.

Abschnitt 16 – Das innerste Dreieck

IAST:
avyaktamahattattvamahadahaṅkāra iti kāmeśvarīvajreśvarībhagamālinyo'ntastrikoṇāgragā devatāḥ |

Deutsche Übersetzung: Das Unmanifestierte, das große Prinzip Mahat und der große Ichbildner Ahamkara sind die Gottheiten Kameshvari, Vajreshvari und Bhagamalini an den Spitzen des inneren Dreiecks.

Wort-für-Wort:

  • avyakta – das Unmanifestierte
  • mahat-tattva – das große Prinzip, kosmische Intelligenz
  • mahad-ahaṅkāra – der große Ichbildner
  • iti – so
  • kāmeśvarī – Herrin des Begehrens
  • vajreśvarī – Vajreshvari, Göttinnenname
  • bhagamālinī – Bhagamalini, Göttinnenname
  • antar-trikoṇa – inneres Dreieck
  • agra-gāḥ – an den Spitzen befindlich
  • devatāḥ – Gottheiten

Abschnitt 17 – Kameshvara und Lalita: Zusatz der Textgrundlage

IAST:
(nirupādhikasaṃvideva kāmeśvara | sadānandapūrṇa svātmeva paradevatā lalitā | lauhityametasya sarvasya vimarśa | ananyacittatvena ca siddhiḥ | bhāvanāyāḥ kriyā upacaraḥ |

Deutsche Übersetzung: Das von begrenzenden Bedingungen freie Bewusstsein selbst ist Kameshvara. Das eigene, von immerwährender Glückseligkeit erfüllte Selbst ist die höchste Gottheit Lalita. Die Röte dieses Ganzen ist Vimarsha, das sich selbst erfassende Bewusstsein. Durch ungeteilte Sammlung des Geistes kommt Vollendung. Die Betätigung der inneren Vergegenwärtigung ist der verehrende Dienst.

Wort-für-Wort:

  • nirupādhika – frei von begrenzenden Bedingungen
  • saṃvit – Bewusstsein
  • eva – allein, selbst
  • kāmeśvara – Kameshvara
  • sadā-ānanda-pūrṇa – von immerwährender Glückseligkeit erfüllt
  • sva-ātmā – das eigene Selbst
  • para-devatā – höchste Gottheit
  • lalitā – Lalita, die spielerisch Schöne
  • lauhityam – Röte
  • etasya sarvasya – dieses Ganzen
  • vimarśa – reflexives Sich-Erfassen des Bewusstseins
  • ananya-cittatvena – durch ungeteilte Geistessammlung
  • ca – und
  • siddhiḥ – Vollendung
  • bhāvanāyāḥ – der inneren Vergegenwärtigung
  • kriyā – Betätigung
  • upacaraḥ – hier für upacāraḥ, verehrender Dienst

Erläuterung: Die in Abschnitt 17 geöffnete und am Ende von Abschnitt 18 geschlossene Klammer umfasst einen zusammenhängenden Zusatz der Vorlage. Mehrere Wortendungen sind dort verkürzt; sie bleiben im Sanskrit sichtbar. Vimarśa meint hier mehr als analytisches Nachdenken: das lebendige Sich-selbst-Erkennen des Bewusstseins.

Abschnitt 18 – Inneres Feueropfer und Labung: Fortsetzung des Zusatzes

IAST:
ahaṃ tvamasti nāsti kartavyamakartavyamupāsitavyamiti vikalpānāmātmani vilāpanam homaḥ | bhavanāviṣayāṇāmabhedabhavanā tarpaṇam |)

Deutsche Übersetzung: Das Auflösen der begrifflichen Unterscheidungen „Ich“, „Du“, „es ist“, „es ist nicht“, „es ist zu tun“, „es ist nicht zu tun“ und „es ist zu verehren“ im Selbst ist das Feueropfer. Die Vergegenwärtigung der Nichtverschiedenheit der Gegenstände der Meditation ist die labende Darbringung.

Wort-für-Wort:

  • aham – ich
  • tvam – du
  • asti – es ist
  • na asti – es ist nicht
  • kartavyam – zu tun
  • akartavyam – nicht zu tun
  • upāsitavyam – zu verehren
  • iti – so
  • vikalpānām – der begrifflichen Unterscheidungen
  • ātmani – im Selbst
  • vilāpanam – Auflösen
  • homaḥ – Feueropfer
  • bhavanā-viṣayāṇām – der Gegenstände der Vergegenwärtigung, verkürzte Schreibung für bhāvanā
  • abheda-bhavanā – Vergegenwärtigung der Nichtverschiedenheit
  • tarpaṇam – Labung, sättigende Darbringung

Erläuterung: Der Text spricht vom Aufgehen begrifflicher Gegensätze in der Meditation. Daraus folgt keine Aufhebung ethischer Verantwortung im Handeln. Die zweimalige Kurzvokalschreibung bhavanā wird als Lesung der Vorlage belassen.

Abschnitt 19 – Zeit, Vertrauen und Kameshvari

IAST:
pañcadaśatithirūpeṇa kālasya pariṇāmāvalokanasthitiḥ pañcadaśanityāḥ | śraddhānurūpā dhīrdevatā | tayoḥ kāmeśvarī sadānandaghanā paripūrṇasvātmaikyarūpā devatā |

Deutsche Übersetzung: Das beständige Betrachten des Wandels der Zeit in Gestalt der fünfzehn Mondtage entspricht den fünfzehn Nityas. Die dem Vertrauen entsprechende geistige Einsicht ist die Gottheit. In diesem Zusammenhang ist Kameshvari die Gottheit, ganz verdichtet zu immerwährender Glückseligkeit, deren Gestalt die vollkommene Einheit mit dem eigenen Selbst ist.

Wort-für-Wort:

  • pañcadaśa – fünfzehn
  • tithi-rūpeṇa – in Gestalt der Mondtage
  • kālasya – der Zeit
  • pariṇāma – Wandel
  • avalokana – Betrachtung
  • sthitiḥ – Verweilen, Beständigkeit
  • nityāḥ – die Ewigen, Nitya-Göttinnen
  • śraddhā-anurūpā – dem Vertrauen entsprechend
  • dhīḥ – geistige Einsicht
  • devatā – Gottheit
  • tayoḥ – von diesen beiden
  • kāmeśvarī – Kameshvari
  • sadā-ānanda-ghanā – ganz aus immerwährender Glückseligkeit bestehend
  • paripūrṇa – vollkommen
  • sva-ātma-aikya-rūpā – von der Gestalt der Einheit mit dem eigenen Selbst

Erläuterung: Die Nitya-Göttinnen werden mit den fünfzehn Tagen einer Mondhälfte verbunden. Das Bezugswort von tayoḥ, „von diesen beiden“, ist in dieser Textgestalt nicht eindeutig; die Übersetzung gibt den Anschluss daher vorsichtig wieder.

Abschnitt 20 – Innere Haltung und Verehrungsdienst

IAST:
salilamiti lauhityakāraṇaṃ sattvam | kartavyamakartavyamiti bhāvanāyukta upacāraḥ | asti nāstīti kartavyatānūpacāraḥ |

Deutsche Übersetzung: Das als „Wasser“ Bezeichnete ist Sattva beziehungsweise das Sein, die Ursache der Röte. Verehrender Dienst ist mit der Vergegenwärtigung „zu tun – nicht zu tun“ verbunden. Die anschließende Wendung über „es ist – es ist nicht“ und das Zu-tun-Sein beziehungsweise den Verehrungsdienst ist in der überlieferten Lesung nicht eindeutig übersetzbar.

Wort-für-Wort:

  • salilam – Wasser
  • iti – so bezeichnet
  • lauhitya-kāraṇam – Ursache der Röte
  • sattvam – Sein, Wesen, auch die Qualität Sattva
  • kartavyam – zu tun
  • akartavyam – nicht zu tun
  • bhāvanā-yuktaḥ – mit Vergegenwärtigung verbunden
  • upacāraḥ – Verehrungsdienst
  • asti – es ist
  • nāsti – es ist nicht
  • kartavyatā – das Zu-tun-Sein, Verpflichtung
  • anūpacāraḥ – in dieser Verbindung unklare Form der Vorlage

Erläuterung: Diese drei Sätze gehören zu den unsicheren Stellen der ausführlichen Fassung. Eine glatte Aussage wie „Alles ist göttlich, deshalb gibt es nichts mehr zu tun“ lässt sich aus ihnen nicht zuverlässig übersetzen. Die Begriffe werden vollständig wiedergegeben, ohne eine fehlende Eindeutigkeit zu erfinden. Die folgenden Sätze entfalten wieder klarer die innere Bedeutung einzelner Puja-Gaben.

Abschnitt 21 – Einladung und Sitz

IAST:
bāhyābhyantaḥkaraṇānāṃ rūpagrahaṇayogyatāsttvityāvāhanam | tasya bāhyābhyantaḥkaraṇānāmekarūpaviṣayagrahaṇamāsanam |

Deutsche Übersetzung: Die Einladung der Gottheit besteht darin, dass die äußeren und inneren Erkenntniswerkzeuge zur Wahrnehmung ihrer Gestalt geeignet sein mögen. Der Sitz besteht darin, dass diese äußeren und inneren Werkzeuge denselben Gegenstand als einheitliche Gestalt erfassen.

Wort-für-Wort:

  • bāhya – äußerlich
  • abhyantaḥ-karaṇānām – der inneren Werkzeuge
  • rūpa-grahaṇa – Erfassen der Gestalt
  • yogyatā – Eignung
  • astu iti – „möge sein“, sinngemäße Auflösung der beschädigten Wortverbindung
  • āvāhanam – Einladung, Herbeirufen der Gottheit
  • tasya – dessen, dafür
  • eka-rūpa – von einer Gestalt, einheitlich
  • viṣaya-grahaṇam – Erfassen des Gegenstandes
  • āsanam – Sitz

Erläuterung: Das Ende yogyatāsttviti ist in der Vorlage beschädigt; die Übersetzung „geeignet sein mögen“ setzt sinngemäß yogyatā astu iti voraus. Asana bezeichnet hier den der Gottheit angebotenen Sitz, keine Körperstellung.

Abschnitt 22 – Fußwasser, Ehrengabe und Mundspülung

IAST:
raktaśuklapadaikīkaraṇaṃ pādyam | ujjvaladāmodānandāsanadānamarghyam | svacchaṃ svataḥsiddhamityācamanīyam |

Deutsche Übersetzung: Die Vereinigung des roten und des weißen Bereichs ist das Wasser für die Füße. Die Darreichung eines Sitzes strahlender Freude ist die Ehrengabe [der mittlere Teil des Sanskritkompositums ist unsicher]. Das Bewusstsein „klar und aus sich selbst begründet“ ist das Wasser zur rituellen Mundspülung.

Wort-für-Wort:

  • rakta – rot
  • śukla – weiß
  • pada – Stelle, Bereich, auch Fuß
  • ekīkaraṇam – Vereinigung
  • pādyam – Wasser zum Waschen der Füße
  • ujjvala – strahlend
  • dāmoda – nicht sicher deutbarer Wortteil in dieser Lesung
  • ānanda – Freude, Glückseligkeit
  • āsana-dānam – Darreichung eines Sitzes
  • arghyam – Ehrengabe, Ehrenwasser
  • svaccham – klar, rein
  • svataḥ-siddham – aus sich selbst erwiesen beziehungsweise bestehend
  • iti – so
  • ācamanīyam – Wasser zur rituellen Mundspülung

Erläuterung: Rot und Weiß stehen im Shri-Vidya-Kontext für komplementäre göttliche Kräfte. Ujjvaladāmodānandāsanadānam lässt sich in der vorliegenden Gestalt nicht vollständig sicher zerlegen. Die deutsche Fassung übersetzt die erkennbaren Bestandteile und lässt den unsicheren Teil ausdrücklich offen.

Abschnitt 23 – Bad und Gewand

IAST:
ciccandramayīti sarvāṅgasravaṇaṃ snānam | cidagnisvarūpaparamānandaśaktisphuraṇaṃ vastram |

Deutsche Übersetzung: Das Bad ist das Überströmen aller Glieder in der Vergegenwärtigung des Bewusstseinsmondes. Das Gewand ist das Aufleuchten der Kraft höchster Glückseligkeit, deren Wesen das Feuer des Bewusstseins ist.

Wort-für-Wort:

  • cit-candra-mayī – aus dem Mond des Bewusstseins bestehend
  • iti – so vergegenwärtigt
  • sarva-aṅga – alle Glieder
  • sravaṇam – Strömen, Fließen
  • snānam – Bad
  • cit-agni-svarūpa – vom Wesen des Bewusstseinsfeuers
  • parama-ānanda – höchste Glückseligkeit
  • śakti – Kraft
  • sphuraṇam – Aufleuchten, lebendige Offenbarung
  • vastram – Gewand

Erläuterung: Die weibliche Form mayī hat im knappen Satz kein ausdrücklich genanntes Bezugswort. Das Bild des kühlenden Bewusstseinsmondes wird deshalb sinngemäß wiedergegeben, ohne einen zusätzlichen Sanskritsatz zu ergänzen.

Abschnitt 24 – Die heilige Schnur

IAST:
pratyekaṃ saptaviṃśatidhā bhinnatvenecchājñānakriyātmakabrahmagranthimadrasatantubrahmanāḍī brahmasūtram |

Deutsche Übersetzung: Die Brahmanadi, als Faden aus Essenz gedacht und mit dem Brahma-Knoten aus Wollen, Erkennen und Handeln versehen, die jeweils in siebenundzwanzig Formen unterschieden sind, ist die heilige Brahma-Schnur.

Wort-für-Wort:

  • pratyekam – jeweils
  • sapta-viṃśati-dhā – siebenundzwanzigfach
  • bhinnatvena – durch Unterschiedenheit
  • icchā – Wollen
  • jñāna – Erkennen
  • kriyā – Handeln
  • ātmaka – daraus bestehend
  • brahma-granthi-mat – mit einem Brahma-Knoten versehen
  • rasa-tantu – Faden aus Essenz beziehungsweise Lebenssaft
  • brahma-nāḍī – Brahmanadi, zentrale heilige Bahn
  • brahma-sūtram – Brahma-Schnur, heilige Schnur

Erläuterung: Der Satz ist ein stark verdichtetes Kompositum. Er nennt die siebenundzwanzig Unterteilungen nicht einzeln. Brahmasūtra meint hier die heilige Schnur als Verehrungsgabe, nicht das gleichnamige philosophische Sutrawerk.

Abschnitt 25 – Schmuck und Duft

IAST:
svavyatiriktavastusaṅgarahitasmaraṇāṃ vibhūṣaṇam | saccitsukhaparipūrṇatāsmaraṇaṃ gandhaḥ |

Deutsche Übersetzung: Das Erinnern, frei von Anhaften an etwas, das vom eigenen Selbst getrennt wäre, ist der Schmuck. Das Erinnern an die vollkommene Fülle von Sein, Bewusstsein und Glück ist der Duft.

Wort-für-Wort:

  • sva-vyatirikta – vom eigenen Selbst verschieden
  • vastu – Gegenstand, Wirklichkeit
  • saṅga-rahita – frei von Anhaften
  • smaraṇāṃ – auffällige Form der Vorlage, hier als smaraṇam, Erinnern, verstanden
  • vibhūṣaṇam – Schmuck
  • sat – Sein
  • cit – Bewusstsein
  • sukha – Glück
  • paripūrṇatā – vollkommene Fülle
  • smaraṇam – Erinnern
  • gandhaḥ – Duft, duftende Salbe

Abschnitt 26 – Blume und Räucherwerk

IAST:
samastaviṣayāṇāṃ manasaḥ sthairyeṇānusaṃdhānaṃ kusumam | teṣāmeva sarvadā svīkaraṇaṃ dhūpaḥ |

Deutsche Übersetzung: Das beständige innere Vergegenwärtigen aller Gegenstände mit einem ruhigen Geist ist die Blume. Sie immer wieder anzunehmen ist das Räucherwerk.

Wort-für-Wort:

  • samasta-viṣayāṇām – aller Gegenstände der Erfahrung
  • manasaḥ – des Geistes
  • sthairyeṇa – mit Beständigkeit, Ruhe
  • anusandhānam – aufmerksames inneres Verbinden, Vergegenwärtigen
  • kusumam – Blume
  • teṣām eva – eben dieser
  • sarvadā – immer
  • svīkaraṇam – Annehmen, Sich-zu-eigen-Machen
  • dhūpaḥ – Räucherwerk

Erläuterung: Im Zusammenhang der Nichtverschiedenheit ist hier die Einbeziehung der Erfahrungswelt in das Bewusstsein gemeint. Die Stelle ist nicht als Aufforderung zu wahllosem Konsum oder zum Gutheißen jeder Handlung zu lesen.

Abschnitt 27 – Licht und Speisegabe

IAST:
pavanāvacchinnordhvajvalanasaccidulkākāśadeho dīpaḥ | samastayātāyātavarjyaṃ naivedyam |

Deutsche Übersetzung: Das Licht ist der aus Raum bestehende Leib als aufwärts brennende Leuchtflamme von Sein und Bewusstsein, vom Lebenswind begrenzt. Die Speisegabe ist das Freisein von allem Hin und Her.

Wort-für-Wort:

  • pavana – Wind, Lebenswind
  • avacchinna – begrenzt, umgrenzt
  • ūrdhva-jvalana – aufwärts brennend
  • sat-cit – Sein und Bewusstsein
  • ulkā – Flamme, Feuerbrand
  • ākāśa-dehaḥ – aus Raum bestehender Leib
  • dīpaḥ – Licht, Lampe
  • samasta – alles
  • yāta-āyāta – Hin- und Hergehen
  • varjyam – zu meidendes beziehungsweise ausgeschlossenes
  • naivedyam – dargebrachte Speise

Erläuterung: Das graphisch beschädigte otdhva der Vorlage wurde hier als ūrdhva, „aufwärts“, gelesen und entsprechend auch in Devanagari berichtigt. Die lange Zusammensetzung lässt unterschiedliche syntaktische Nuancen zu. Das Bild verbindet Lebenswind, Leuchten und den räumlich nicht festzuhaltenden Bewusstseinsleib.

Abschnitt 28 – Betelgabe und innere Umschreitung

IAST:
avasthātrayāṇāmekīkaraṇaṃ tāmbūlam | mūlādhārādābrahmarandhraparyantaṃ brahmarandhrādāmūlādhāraparyantaṃ gatāgatarūpeṇa prādakṣiṇyam |

Deutsche Übersetzung: Die Vereinigung der drei Bewusstseinszustände ist die Betelgabe. Das innere Hinauf- und Hinabgehen vom Muladhara bis zum Brahmarandhra und vom Brahmarandhra zurück bis zum Muladhara ist die ehrende Umschreitung.

Wort-für-Wort:

  • avasthā-trayāṇām – der drei Zustände
  • ekīkaraṇam – Vereinigung
  • tāmbūlam – Betelgabe
  • mūlādhārāt – vom Wurzelzentrum aus
  • ā-brahmarandhra-paryantam – bis zur Scheitelöffnung
  • brahmarandhrāt – von der Scheitelöffnung aus
  • ā-mūlādhāra-paryantam – bis zum Wurzelzentrum
  • gata-āgata-rūpeṇa – in Gestalt des Hin- und Hergehens
  • prādakṣiṇyam – ehrende Rechtsumschreitung

Erläuterung: Die drei Zustände sind im upanishadischen Verständnis Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Muladhara und Brahmarandhra werden als Endpunkte der inneren Umschreitung genannt. Die Passage gibt keine näheren Atem-, Bandha- oder Visualisationsanweisungen.

Abschnitt 29 – Verneigung und Bali

IAST:
turyāvasthā namaskāraḥ | dehaśūnyapramātṛtānimajjanaṃ baliharaṇam |

Deutsche Übersetzung: Der vierte Bewusstseinszustand ist die Verneigung. Das Eintauchen in das Erkennend-Sein ohne Körperidentifikation ist die Bali-Darbringung.

Wort-für-Wort:

  • turya-avasthā – der vierte Zustand
  • namaskāraḥ – Verneigung, ehrender Gruß
  • deha-śūnya – frei vom Körper, hier von Körperidentifikation
  • pramātṛtā – Erkennend-Sein, Subjektsein
  • nimajjanam – Eintauchen, Versinken
  • bali-haraṇam – Darbringen einer Bali-Gabe

Erläuterung: Turiya bezeichnet das Bewusstsein, das nicht auf Wachen, Träumen oder Tiefschlaf begrenzt ist. „Ohne Körperidentifikation“ bedeutet in dieser inneren Deutung nicht, den Körper zu verletzen oder zu vernachlässigen.

Abschnitt 30 – Feueropfer und vollendete Meditation

IAST:
satyamasti kartavyamakartavyamaudāsīnyanityātmavilāpanaṃ homaḥ | svayaṃ tatpādukānimajjanaṃ paripūrṇadhyānam |

Deutsche Übersetzung: Das Auflösen von „wahr“, „es ist“, „zu tun“, „nicht zu tun“ und Gleichgültigkeit im ewigen Selbst ist das Feueropfer. Das eigene Eintauchen in die Padukas, die heiligen Fußsandalen jener [Gottheit beziehungsweise des Guru], ist vollendete Meditation.

Wort-für-Wort:

  • satyam – wahr, Wahrheit
  • asti – es ist
  • kartavyam – zu tun
  • akartavyam – nicht zu tun
  • audāsīnya – Gleichgültigkeit, Unbeteiligtheit
  • nitya-ātma – ewiges Selbst
  • vilāpanam – Auflösen
  • homaḥ – Feueropfer
  • svayam – selbst
  • tat-pādukā – dessen beziehungsweise deren heilige Fußsandalen
  • nimajjanam – Eintauchen
  • paripūrṇa-dhyānam – vollständige, vollendete Meditation

Erläuterung: Der eindeutige Druckfehler lartavyam der Vorlage wurde zu kartavyam berichtigt. Die Satzverbindung ist knapp; die Übersetzung liest nityātman als Ort des inneren Auflösens. Das Pronomen tat benennt seinen Bezug nicht ausdrücklich. Die Paduka steht im Verehrungskontext für ehrfürchtige Hingabe an die tragende göttliche beziehungsweise lehrende Gegenwart.

Abschnitt 31 – Befreiung zu Lebzeiten

IAST:
evaṃ muhūrtatrayaṃ (muhūrtadvitayaṃ muhūrtamātraṃ vā) bhāvanāparo jīvanmukto bhavati sa eva śivayogīti gadyate |

Deutsche Übersetzung: Wer sich auf diese Weise drei Muhurtas lang – nach dem beigefügten Zusatz: zwei Muhurtas oder auch nur einen Muhurta – ganz der inneren Vergegenwärtigung widmet, wird zu Lebzeiten befreit. Ein solcher wird Shiva-Yogi genannt.

Wort-für-Wort:

  • evam – auf diese Weise
  • muhūrta-trayam – drei Muhurtas
  • muhūrta-dvitayam – zwei Muhurtas
  • muhūrta-mātram – nur einen Muhurta
  • vā – oder
  • bhāvanā-paraḥ – ganz der inneren Vergegenwärtigung hingegeben
  • jīvan-muktaḥ – zu Lebzeiten befreit
  • bhavati – wird
  • saḥ eva – eben dieser
  • śiva-yogī – Shiva-Yogi
  • iti gadyate – wird so genannt

Erläuterung: Ein Muhurta ist in der üblichen Zeiteinteilung ein Dreißigstel des Tages, also ungefähr 48 Minuten; das Wort kann kontextabhängig auch eine Zeitspanne meinen. Es sollte hier nicht unbesehen mit einem Sekundenaugenblick übersetzt werden. Die Stelle ist eine traditionelle Verherrlichung vollendeter Bhavana, kein Zeitversprechen für beliebige Anfängerübungen.

Abschnitt 32 – Die Einheit mit der Gottheit

IAST:
ādimatenāntaścakrabhāvanāḥ | tasya devatātmaikyasiddhiḥ | cintitakāryāṇyayatnena siddhyanti | sa eva śivayogīti kathyate |

Deutsche Übersetzung: Nach der ursprünglichen Lehre [bestehen] die Vergegenwärtigungen des inneren Chakra. Für den so Übenden kommt die Verwirklichung der Einheit von Gottheit und Selbst zustande. Die ins Auge gefassten Vorhaben gelingen ohne Anstrengung. Ein solcher wird Shiva-Yogi genannt.

Wort-für-Wort:

  • ādi-matena – nach der ursprünglichen Lehre
  • antar-cakra-bhāvanāḥ – Vergegenwärtigungen des inneren Chakra
  • tasya – für ihn, dessen
  • devatā-ātma-aikya – Einheit von Gottheit und Selbst
  • siddhiḥ – Verwirklichung
  • cintita-kāryāṇi – gedachte, beabsichtigte Vorhaben
  • ayatnena – ohne Anstrengung
  • siddhyanti – gelingen, erfüllen sich
  • saḥ eva – eben dieser
  • śiva-yogī – Shiva-Yogi
  • iti kathyate – wird so genannt

Erläuterung: Ādimata lässt sich hier allgemein als ursprüngliche Lehre verstehen; die nächstfolgende Stelle nennt Kadi und Hadi ausdrücklich. Die Aussage vom mühelosen Gelingen gehört zum traditionellen Lob der verwirklichten Praxis und ist kein allgemeines Erfolgsversprechen.

Abschnitt 33 – Kadi, Hadi und Schluss der Unterweisung

IAST:
kādihādimatoktena bhāvanā pratipāditā | jīvanmukto bhavati | ya evaṃ veda | ityupaniṣat | (so'tharvaśiro'dhīte |)

Deutsche Übersetzung: Die innere Vergegenwärtigung ist gemäß den Lehren von Kadi und Hadi dargelegt worden. Wer so weiß, wird zu Lebzeiten befreit. So lautet die Upanishad. [Zusatz der Vorlage:] Ein solcher studiert beziehungsweise rezitiert das Atharvashiras.

Wort-für-Wort:

  • kādi – mit ka beginnende Mantratradition
  • hādi – mit ha beginnende Mantratradition
  • mata-uktena – gemäß der Lehraussage
  • bhāvanā – innere Vergegenwärtigung
  • pratipāditā – dargelegt
  • jīvan-muktaḥ – zu Lebzeiten befreit
  • bhavati – wird
  • yaḥ – wer
  • evam – so
  • veda – weiß, erkennt
  • iti upaniṣat – so die Upanishad
  • saḥ – dieser
  • atharva-śiraḥ – Atharvashiras, „Haupt des Atharvaveda“, Schriftbezeichnung
  • adhīte – studiert, rezitiert

Erläuterung: Kadi und Hadi werden genannt, aber ihre vollständigen Mantraformen werden hier nicht ausgeschrieben. Der Atharvashiras-Satz ist eine Schlussformel der Vorlage; er macht die Bhavana Upanishad nicht mit der eigenständigen Atharvashiras Upanishad identisch.

Abschließendes Shanti-Mantra

IAST:
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devā | bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvām̐sastanūbhiḥ | vyaśema devahitaṃ yadāyuḥ |
svasti na indro vṛddhaśravāḥ | svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo'riṣṭanemiḥ | svasti no bṛhaspatirdadhātu |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Deutsche Übersetzung: Om. Ihr Götter, mögen wir mit unseren Ohren Heilvolles hören. Mögen wir mit unseren Augen Heilvolles sehen, ihr Verehrungswürdigen. Euch preisend, mögen wir mit festen Gliedern und kräftigen Leibern die von den Göttern zugemessene Lebenszeit durchleben. Indra, dessen Ruhm groß ist, gewähre uns Wohlergehen; Pushan, der alles kennt, gewähre uns Wohlergehen; Tarkshya, dessen Radkranz unversehrt ist, gewähre uns Wohlergehen; Brihaspati gewähre uns Wohlergehen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort:

  • oṃ – Om
  • bhadram – Heilvolles
  • karṇebhiḥ – mit den Ohren
  • śṛṇuyāma – mögen wir hören
  • devāḥ – ihr Götter
  • paśyema – mögen wir sehen
  • akṣabhiḥ – mit den Augen
  • yajatrāḥ – ihr Verehrungswürdigen
  • sthiraiḥ aṅgaiḥ – mit festen Gliedern
  • tuṣṭuvāṃsaḥ – preisend
  • tanūbhiḥ – mit den Leibern
  • vyaśema – mögen wir durchleben
  • deva-hitam – von den Göttern zugemessen
  • yat āyuḥ – welche Lebensspanne
  • svasti – Wohlergehen
  • naḥ – uns
  • indraḥ – Indra
  • vṛddha-śravāḥ – von großem Ruhm
  • pūṣā – Pushan
  • viśva-vedāḥ – der alles kennt
  • tārkṣyaḥ – Tarkshya
  • ariṣṭa-nemiḥ – mit unversehrtem Radkranz
  • bṛhaspatiḥ – Brihaspati
  • dadhātu – möge gewähren
  • śāntiḥ – Frieden

Kolophon

IAST:
ityatharvaṇavede bhāvanopaniṣatsampūrṇā ||

Deutsche Übersetzung: Hier endet die Bhavana Upanishad im Atharvaveda.

Wort-für-Wort:

  • iti – so endet
  • atharvaṇa-vede – im Atharvaveda
  • bhāvana-upaniṣat – die Bhavana Upanishad
  • sampūrṇā – vollständig, abgeschlossen

Erläuterung: Die Veda-Zuordnung bezeichnet die traditionelle Zugehörigkeit. Sie bedeutet nicht, dass dieser spätupanishadische Text als Abschnitt in der alten Atharvaveda-Samhita steht.


Der menschliche Körper als Shri Chakra

Die Upanishad beginnt nicht mit einer detaillierten Zeichenanleitung für ein Yantra. Sie beginnt mit dem Selbst und dem Guru als Shakti. Erst in diesem Licht werden Körper und Chakra betrachtet. Die Folge der Zuordnungen führt von den grundlegenden Kräften des Daseins über Sinneserfahrung und Lebensenergie bis in die Mitte der göttlichen Gegenwart.

Für das Verständnis ist eine Unterscheidung hilfreich: Die neun Umfassungen des Shri Chakra sind nicht einfach die häufig genannten sieben Körperchakras. Chakra kann einen Verehrungsbereich des Yantra oder ein Zentrum des feinstofflichen Körpers bezeichnen. Die Bhavana Upanishad setzt verschiedene symbolische Ordnungen miteinander in Beziehung; sie erklärt sie nicht unterschiedslos für dasselbe.

Bereich der Vergegenwärtigung Entsprechung im Text Abschnitte dieser Ausgabe
Körper und göttlicher Wohnbereich Neun Öffnungen, neun Kräfte, Edelsteininsel, Wunschbäume 2–4 Wollen, Erkennen und Handeln Mahatripurasundari, Kundalini-Wohnstätte und heiliger Sitz 5 Erkenntnisgeschehen Opferpriester, Feuer beziehungsweise Ehrengabe und Opfergabe 6 Erlebnisqualitäten und innere Regungen Siddhis und Mutterkräfte 7 Elemente, Sinne, Handlungsvermögen und Denken Sechzehn Kräfte 8 Tätigkeiten und Einstellungen Acht Kräfte um Anangakusuma 9 Vierzehn Nadis Göttinnen des vierzehngliedrigen Dreieckskreises 10 Zehn Lebenswinde und zehn Feuerkräfte Äußerer und innerer Kreis aus je zehn Dreiecken 11–14 Sinnesqualitäten und Denkorgan Blumenpfeile und Zuckerrohrbogen 15 Anhaften und Abneigung Schlinge und Haken 15 Unmanifestiertes, Mahat und Ahamkara Drei Göttinnen im innersten Dreieck 16 Bedingungenfreies Bewusstsein und glückseliges Selbst Kameshvara und Lalita 17, als Zusatz überliefert Zeit in Gestalt der Mondtage Fünfzehn Nityas 19

Diese Entsprechungen sind keine Behauptungen über messbare Körperorgane. Sie schulen eine andere Art des Sehens: Das Alltägliche wird im Licht des Heiligen betrachtet. Essen, Wahrnehmen, Entscheiden und Atmen sind dann nicht vom spirituellen Leben abgeschnitten. Zugleich bleibt Unterscheidung nötig. Die Anerkennung einer Kraft als Shakti ist etwas anderes als die unbewusste Unterwerfung unter einen Impuls.

Mikrokosmos und Makrokosmos

Der Mensch erscheint als Mikrokosmos, als kleiner Kosmos, in dem die Ordnung des Ganzen gegenwärtig ist. Die Lebensziele werden zu Ozeanen, der Körper zur Insel, innere Regungen zu göttlichen Kräften und Zeitabschnitte zu Göttinnen. Die äußere Welt liefert dabei nicht nur dekorative Vergleiche. Sie hilft zu begreifen, dass das eigene Erleben in einem größeren Zusammenhang steht.

Der entscheidende Schritt geht jedoch über bloße Ähnlichkeit hinaus. Abschnitt 6 nennt die Nichtverschiedenheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem das eigentliche Shri-Chakra-Pujana. Aus der Betrachtung von Entsprechungen wird die Frage nach dem Grund aller Erfahrung: In welchem Bewusstsein erscheinen sowohl „mein Inneres“ als auch „die Welt dort draußen“?

Allgemeine Illustration des Menschen als geistig-leiblicher Einheit. Die Bhavana Upanishad betrachtet Körper und Kosmos als miteinander verbundene Bereiche der göttlichen Wirklichkeit.

Wer diesen Gedanken meditativ bewegt, muss die Unterschiede des Alltags nicht leugnen. Ein Baum bleibt ein Baum, ein Mensch bleibt ein Mensch. Die spirituelle Einsicht besteht darin, Verschiedenheit nicht vorschnell mit völliger Getrenntheit gleichzusetzen. So verbindet die Upanishad die Vielfalt der Kräfte mit einem ungeteilten Bewusstseinsgrund.

Tripura Sundari und die innere Göttliche Mutter

Tripura Sundari wird im Text als Willenskraft angesprochen; der als Zusatz überlieferte Abschnitt 17 nennt Lalita das eigene, von Glückseligkeit erfüllte Selbst. Abschnitt 19 beschreibt Kameshvari als vollkommene Einheit mit dem eigenen Selbst. Die Göttin steht damit nicht nur als äußere Gestalt vor den Verehrenden. Ihre Verehrung führt in den Grund des eigenen Seins.

„Innere Göttliche Mutter“ bedeutet hier nicht eine bloß private Vorstellung. Im religiösen Verständnis der Schrift ist die göttliche Kraft die tragende Wirklichkeit, die sich im individuellen Leben offenbart. Hingabe und Selbsterkenntnis vertiefen einander: Die Hingabe löst die Enge des Ichs, und die Erkenntnis öffnet die Verehrung für eine Gegenwart, die nicht auf ein Bild begrenzt ist.

Die Attribute der Göttin machen diesen Zusammenhang anschaulich. Blumenpfeile und Zuckerrohrbogen erinnern an die Macht der Sinne und des Denkens. Schlinge und Haken zeigen, wie Anziehung und Abneigung das Leben lenken. Indem diese Kräfte im Bild der Göttin betrachtet werden, können sie bewusst wahrgenommen und in die spirituelle Sammlung einbezogen werden.

Bhavana – die Kunst der inneren Vergegenwärtigung

Eine Information kann man rasch aufnehmen; eine Einsicht muss man oft lange vertiefen. Bhavana bezeichnet hier diesen Weg vom verstandenen Zusammenhang zur beständigen inneren Gegenwart. Man liest etwa: „Erkenntnis ist das Feuer.“ Dann bleibt man bei der Frage, wie jede Wahrnehmung im Bewusstsein aufleuchtet. Der Satz wird zum Gegenstand von Dhyana, nicht nur zu einer Definition.

Die Upanishad verbindet Bhavana mit ananyacittatva, ungeteilter Sammlung. Gemeint ist keine angestrengte Produktion möglichst eindrucksvoller innerer Bilder. Entscheidend ist, dass die Aufmerksamkeit nicht fortwährend ihre Mitte verliert. Das kann bildhaft geschehen, durch die Betrachtung des Shri Chakra; es kann auch still und begrifflich schlicht werden, wenn die Einheit von Erkennen und Sein im Vordergrund steht.

Eine hilfreiche heutige Annäherung besteht darin, jeweils nur einen gut verstandenen Satz zu betrachten. Die daraus entstehende Ruhe muss nicht bewertet oder festgehalten werden. Sie darf das Denken sammeln und das Handeln klarer machen. Dies ist eine allgemeine Praxisanregung aus der Lehre, kein Ersatz für eine überlieferte Shri-Vidya-Einweihung.

Innere Puja und Meditation

Dreidimensionale Darstellung des Shri Yantra. Die innere Puja überträgt die Darbringungen in Sammlung, Erkenntnis und Hingabe.

Die lange Puja-Passage zeigt, wie eine äußere Verehrungshandlung innerlich durchdrungen werden kann. Der Sitz wird zur Sammlung der Wahrnehmungswerkzeuge auf eine Gestalt. Der Duft erinnert an die Fülle von Sein, Bewusstsein und Glück. Die Blume wird zur standhaften Aufmerksamkeit. Das Licht erscheint als Leuchten des Bewusstseins. Die Verneigung wird mit Turiya verbunden.

Dadurch wird das äußere Ritual nicht einfach wertlos. Seine Gesten können die innere Haltung tragen. Umgekehrt bewahrt die innere Bedeutung davor, dass die Handlung mechanisch wird. Eine tatsächlich dargebrachte Blume und eine gesammelte Aufmerksamkeit können sich entsprechen; sie müssen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Die Schrift geht noch weiter: Im inneren Homa werden die begrifflichen Gegensätze selbst dargebracht. „Ich“ und „Du“, „ist“ und „ist nicht“ verlieren in der Meditation ihren Anspruch, die höchste Wirklichkeit abschließend zu beschreiben. Das ist ein Loslassen der Verengung durch Begriffe, nicht die Aufhebung von Wahrhaftigkeit und Verantwortung.

Video: Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev. Diese allgemeine Yoga-Vidya-Meditation ist eine ergänzende Übung und keine Rezitations- oder Ritualanleitung der Bhavana Upanishad.

Shakti, Bewusstsein und Selbstverwirklichung

Darstellung von Nadis und Chakras. Der Text verbindet feinstoffliche Körpervorstellungen mit der Verehrung der Göttin; die Körperchakras und die Umfassungen des Shri Chakra bleiben unterscheidbare Ordnungen.

Shakti bedeutet Kraft. In diesem Werk ist sie nicht auf Muskelkraft, elektrische Energie oder einen bestimmten Gefühlszustand beschränkt. Sie erscheint als Wollen, Erkennen, Handeln, Lebensbewegung und göttliche Gegenwart. Ihr Grund ist vom Bewusstsein nicht abzulösen.

Im ausdrücklich als Zusatz gekennzeichneten Abschnitt 17 stehen sich Kameshvara als bedingungsfreies Bewusstsein und Lalita als glückseliges Selbst gegenüber, ohne zu zwei getrennten letzten Wirklichkeiten zu werden. Vimarsha bezeichnet hier das lebendige Sich-Erfassen des Bewusstseins. In dieser Perspektive ist Shakti nicht etwas, das dem Bewusstsein erst von außen hinzugefügt werden müsste.

Die Nähe zur upanishadischen Erkenntnis von Atman und Brahman liegt im Durchschauen der vermeintlichen Getrenntheit. Die Bhavana Upanishad entfaltet dies in ihrer eigenen Sprache von Gottheit, Körper und Puja. Selbstverwirklichung bedeutet deshalb nicht, das gewöhnliche Ich mit übergroßen Kräften auszustatten. Sie bedeutet, die begrenzte Selbstauffassung im umfassenderen Bewusstsein zu durchschauen.

Der Schluss spricht von Befreiung zu Lebzeiten. Das Leben muss dafür nicht erst verschwinden. Seine Vielfalt kann im Licht der Einheit erkannt werden. Der Hinweis auf Muhurtas würdigt die Kraft gesammelter Erkenntnis; er gibt keine Garantie, dass nach einer bestimmten Anzahl von Minuten automatisch Befreiung eintritt.

Bedeutung für Yogalehrer und das gemeinsame Schriftstudium

Für Yogalehrer bietet der Text eine Brücke zwischen Körperpraxis, Meditation und Philosophie. Ein guter Einstieg ist Abschnitt 6: Die Gruppe kann zunächst die Rollen von Erkennendem, Erkennen und Erkanntem unterscheiden und anschließend still betrachten, wie sie in einer konkreten Wahrnehmung zusammengehören. So wird die Lehre erfahrungsnah, ohne ihre religiöse Bedeutung auf eine Entspannungstechnik zu verkürzen.

Auch die Blume der inneren Puja in Abschnitt 26 eignet sich für das gemeinsame Nachdenken: Was bedeutet es, Aufmerksamkeit darzubringen? Wie unterscheidet sich gesammelt anwesend zu sein davon, eine Handlung nur zu erledigen? Solche Fragen öffnen den Text für Menschen mit unterschiedlicher Vorerfahrung.

Dabei sollten Lehrende deutlich sagen, ob sie den Sanskrittext übersetzen, eine traditionelle Deutung erläutern oder eine eigene Übungsanregung geben. Die Zuordnungen von Nadis und Gottheiten sind spirituelle Körpervorstellungen; aus ihnen allein folgen keine medizinischen Aussagen. Die Verehrung des Guru als Shakti kann als Dankbarkeit für die Vermittlung von Erkenntnis erschlossen werden und entbindet niemanden von eigenem Unterscheidungsvermögen.

Als heutige Orientierung für die Vertiefung können Geduld, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl dienen. Solche Qualitäten machen sichtbar, ob Studium und Sammlung auch das Miteinander berühren. Sie sind keine zusätzliche Sanskritpassage, sondern eine Anwendung im Geist eines verantwortlichen Yogaunterrichts.

Bhavana Upanishad und verwandte Schriften

Die folgenden Beziehungen sind thematische Vergleiche. Aus ihnen wird keine unbelegte direkte Abhängigkeit zwischen den Werken abgeleitet.

Unter den Shakta-Upanishaden bieten Tripura Upanishad und Tripuratapini Upanishad besonders naheliegende Zugänge zur Tripura-Verehrung. Devi Upanishad und Bahvricha Upanishad vertiefen die Betrachtung der Göttin als umfassende Wirklichkeit. Saubhagyalakshmi Upanishad, Sarasvati Rahasya Upanishad und Sita Upanishad erweitern den Blick auf weitere Gestalten und Lehren der göttlichen Mutter. Gemeinsamkeiten rechtfertigen es nicht, alle diese Texte als einheitliches Ritualsystem zu behandeln.

  • Yogini Hridaya: Entfaltet ausführlich die Zusammengehörigkeit von Chakra, Mantra und Puja. Es bietet einen weiteren Zugang zu jenen inneren Entsprechungen, die die Bhavana Upanishad stark verdichtet.
  • Nitya Shodashikarnava und Vamakeshvara Tantra: Gehören zum zentralen Shri-Vidya-Schrifttum und behandeln die Göttin, Nityas, Mantra und Verehrung in einem umfangreicheren rituellen Zusammenhang. Die Bhavana Upanishad konzentriert sich besonders auf die innere Vergegenwärtigung.
  • Kama Kala Vilasa: Erschließt die schöpferische Einheit von Bewusstsein und Shakti sowie die Bedeutung subtiler Laut- und Punktgestalten. Der Zugang ist stärker auf die Entfaltung der göttlichen Wirklichkeit konzentriert.
  • Lalita Sahasranama: Besingt die Göttin in tausend Namen. Die Namenverehrung und die innere Erkenntnis der Bhavana Upanishad können einander vertiefen; die Upanishad selbst ist jedoch keine Namenslitanei.
  • Tripura Rahasya: Besonders sein Erkenntnisteil entfaltet Bewusstseinslehre und Selbsterkenntnis in Gesprächen und Erzählungen. Die Bhavana Upanishad arbeitet dagegen vor allem mit knappen Gleichsetzungen und Ritualsymbolik.
  • Dakshinamurti Samhita: Steht ebenfalls im Umfeld der Shri-Vidya-Verehrung und behandelt ihre Praxis ausführlicher. Für die Bhavana Upanishad ist der innere Sinn der Verehrung der leitende Schwerpunkt.
  • Tantraloka: Abhinavaguptas umfangreiches Werk gehört zur nichtdualistischen shaivischen Tantra-Tradition. Bewusstsein, Shakti und die Verinnerlichung von Ritualen bilden Vergleichspunkte; das Werk ist keine Shri-Vidya-Upanishad und verwendet einen anderen systematischen Rahmen.

Die Bhagavad Gita verbindet ebenfalls Erkenntnis, Hingabe und Handeln. Ihr Gesprächsrahmen unterscheidet sich von den knappen Zuordnungen dieser Upanishad. Das Yoga Sutra bietet einen Vergleich für die Schulung von Aufmerksamkeit und Sammlung; seine systematische Sprache und sein Verhältnis von Bewusstsein und Natur sind jedoch nicht einfach mit der Shri-Vidya-Lehre gleichzusetzen. Für das Studium von Jnana Yoga kann gerade dieser Vergleich helfen, Gemeinsames wahrzunehmen und Unterschiede zu achten.

Bhavana Upanishad in Devanagari

Der folgende Text entspricht vollständig dem oben übersetzten Bestand einschließlich Verehrungsvers, Friedensgebeten, Varianten, Zusatzpassagen und Kolophon. Die Absätze dienen der Lesbarkeit. Die Klammern entsprechen den gekennzeichneten Zusätzen der Textgrundlage; die wenigen berichtigten Schreibfehler sind oben erläutert.

स्वाविद्यापदतत्कार्यं श्रीचक्रोपरि भासुरम् ।
बिन्दुरूपशिवाकारं रामचन्द्रपदं भजे ॥

ॐ भद्रं कर्णेभिः शृणुयाम देवा । भद्रं पश्येमाक्षभिर्यजत्राः ।
स्थिरैरङ्गैस्तुष्टुवाꣳसस्तनूभिः । व्यशेम देवहितं यदायुः ।
स्वस्ति न इन्द्रो वृद्धश्रवाः । स्वस्ति नः पूषा विश्ववेदाः ।
स्वस्ति नस्तार्क्ष्योऽरिष्टनेमिः । स्वस्ति नो बृहस्पतिर्दधातु ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

अथ भावनोपनिषत् । हरिः ॐ ।
आत्मानमखण्डमण्डलाकारमवृत्य सकलब्रह्माण्डमण्डलं स्वप्रकाशं ध्यायेत् ।

ॐ श्रीगुरुः सर्वकारणभूता शक्तिः । तेन नवरन्ध्ररूपो देहः । नवशक्तिरूपं श्रीचक्रम् ।

वाराही पितृरूपा । कुरुकुल्ला बलिदेवता माता । पुरुषार्थाः सागराः । देहो नवरत्नद्वीपः ।

त्वगादिसप्तधातुभिरनेकैः संयुक्ताः सङ्कल्पाः कल्पतरवः । तेजः कल्पकोद्यानम् । रसनया भाव्यमाना मधुराम्लतिक्तकटुकषायलवणभेदाः षड्रसाः षडृतवः ।

क्रियाशक्तिः पीठम् । कुण्डलिनी ज्ञानशक्तिर्गृहम् । इच्छाशक्तिर्महात्रिपुरसुन्दरी ।

ज्ञाता होता ज्ञानमग्निः (ज्ञानमर्घ्यम्) ज्ञेयं हविः । ज्ञातृज्ञानज्ञेयानामभेदभावनं श्रीचक्रपूजनम् ।

नियतिसहिताः शृङ्गारादयो नव रसा अणिमादयः । कामक्रोधलोभमोहमदमात्सर्यपुण्यपापमया ब्राह्म्याद्यष्टशक्तयः । (आधरनवकम् मुद्राशक्तयः ।)

पृथिव्यप्तेजोवाय्वाकाशश्रोत्रत्वक्चक्षुर्जिह्वाघ्राणवाक्पाणिपादपायूपस्थमनोविकाराः (कामाकर्षिण्यादि) षोडश शक्तयः ।

वचनादानगमनविसर्गानन्दहानो(पादानो)पेक्षा(ख्य)बुद्धयोऽनङ्गकुसुमादिशक्तयोऽष्टौ ।

अलम्बुसा कुहूर्विश्वोदरी वरुणा हस्तिजिह्वा यशस्वत्यश्विनी गान्धारी पूषा शङ्खिनी सरस्वतीडा पिङ्गला सुषुम्ना चेति चतुर्दश नाड्यः । सर्वसंक्षोभिण्यादिचतुर्दशारगा देवताः ।

प्राणापानव्यानोदानसमाननागकूर्मकृकरदेवदत्तधनञ्जया इति दश वायवः । सर्वसिद्धिप्रदा देव्यो बहिर्दशारगा देवताः ।

एतद्वायुदशकसंसर्गोपाधिभेदेन रेचकपूरकशोषकदाहप्लावका (रेचकः पाचकः शोषको दाहकः प्लावका इति) प्राणमुख्यत्वेन पञ्चधोऽस्ति (जठराग्निर्भवति) ।

क्षारको दारकः क्षोभको मोहको जृम्भक इत्यपालनमुख्यत्वेन पञ्चविधोऽस्ति । तेन मनुष्याणां मोहको दाहको (नागप्राधान्येन पञ्चविधास्ते मनुष्याणां देहगा) भक्ष्यभोज्यशोष्यलेह्यपेयात्मकं चतुर्विधमन्नं (पञ्चविधमन्नं) पाचयति ।

एता दश वह्निकलाः सर्वज्ञत्वाद्यन्तर्दशारगा देवताः । शीतोष्णसुखदुःखेच्छासत्त्वरजस्तमोगुणा वशिन्यादिशक्तयोऽष्टौ ।

शब्दस्पर्शरूपरसगन्धाः पञ्चतन्मात्राः पञ्चपुष्पबाणा मन इक्षुधनुः । वश्यो वाणो रागः पाशः । द्वेषोऽङ्कुशः ।

अव्यक्तमहत्तत्त्वमहदहङ्कार इति कामेश्वरीवज्रेश्वरीभगमालिन्योऽन्तस्त्रिकोणाग्रगा देवताः ।

(निरुपाधिकसंविदेव कामेश्वर । सदानन्दपूर्ण स्वात्मेव परदेवता ललिता । लौहित्यमेतस्य सर्वस्य विमर्श । अनन्यचित्तत्वेन च सिद्धिः । भावनायाः क्रिया उपचरः ।

अहं त्वमस्ति नास्ति कर्तव्यमकर्तव्यमुपासितव्यमिति विकल्पानामात्मनि विलापनम् होमः । भवनाविषयाणामभेदभवना तर्पणम् ।)

पञ्चदशतिथिरूपेण कालस्य परिणामावलोकनस्थितिः पञ्चदशनित्याः । श्रद्धानुरूपा धीर्देवता । तयोः कामेश्वरी सदानन्दघना परिपूर्णस्वात्मैक्यरूपा देवता ।

सलिलमिति लौहित्यकारणं सत्त्वम् । कर्तव्यमकर्तव्यमिति भावनायुक्त उपचारः । अस्ति नास्तीति कर्तव्यतानूपचारः ।

बाह्याभ्यन्तःकरणानां रूपग्रहणयोग्यतास्त्त्वित्यावाहनम् । तस्य बाह्याभ्यन्तःकरणानामेकरूपविषयग्रहणमासनम् ।

रक्तशुक्लपदैकीकरणं पाद्यम् । उज्ज्वलदामोदानन्दासनदानमर्घ्यम् । स्वच्छं स्वतःसिद्धमित्याचमनीयम् ।

चिच्चन्द्रमयीति सर्वाङ्गस्रवणं स्नानम् । चिदग्निस्वरूपपरमानन्दशक्तिस्फुरणं वस्त्रम् ।

प्रत्येकं सप्तविंशतिधा भिन्नत्वेनेच्छाज्ञानक्रियात्मकब्रह्मग्रन्थिमद्रसतन्तुब्रह्मनाडी ब्रह्मसूत्रम् ।

स्वव्यतिरिक्तवस्तुसङ्गरहितस्मरणां विभूषणम् । सच्चित्सुखपरिपूर्णतास्मरणं गन्धः ।

समस्तविषयाणां मनसः स्थैर्येणानुसंधानं कुसुमम् । तेषामेव सर्वदा स्वीकरणं धूपः ।

पवनावच्छिन्नोर्ध्वज्वलनसच्चिदुल्काकाशदेहो दीपः । समस्तयातायातवर्ज्यं नैवेद्यम् ।

अवस्थात्रयाणामेकीकरणं ताम्बूलम् । मूलाधारादाब्रह्मरन्ध्रपर्यन्तं ब्रह्मरन्ध्रादामूलाधारपर्यन्तं गतागतरूपेण प्रादक्षिण्यम् ।

तुर्यावस्था नमस्कारः । देहशून्यप्रमातृतानिमज्जनं बलिहरणम् ।

सत्यमस्ति कर्तव्यमकर्तव्यमौदासीन्यनित्यात्मविलापनं होमः । स्वयं तत्पादुकानिमज्जनं परिपूर्णध्यानम् ।

एवं मुहूर्तत्रयं (मुहूर्तद्वितयं मुहूर्तमात्रं वा) भावनापरो जीवन्मुक्तो भवति स एव शिवयोगीति गद्यते ।

आदिमतेनान्तश्चक्रभावनाः । तस्य देवतात्मैक्यसिद्धिः । चिन्तितकार्याण्ययत्नेन सिद्ध्यन्ति । स एव शिवयोगीति कथ्यते ।

कादिहादिमतोक्तेन भावना प्रतिपादिता । जीवन्मुक्तो भवति । य एवं वेद । इत्युपनिषत् । (सोऽथर्वशिरोऽधीते ।)

ॐ भद्रं कर्णेभिः शृणुयाम देवा । भद्रं पश्येमाक्षभिर्यजत्राः ।
स्थिरैरङ्गैस्तुष्टुवाꣳसस्तनूभिः । व्यशेम देवहितं यदायुः ।
स्वस्ति न इन्द्रो वृद्धश्रवाः । स्वस्ति नः पूषा विश्ववेदाः ।
स्वस्ति नस्तार्क्ष्योऽरिष्टनेमिः । स्वस्ति नो बृहस्पतिर्दधातु ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

इत्यथर्वणवेदे भावनोपनिषत्सम्पूर्णा ॥

Bhavana Upanishad – vereinfachte spirituelle Gesamtübersetzung

Die folgende freie Lesefassung führt durch den gesamten überlieferten Text einschließlich seines Rahmens und seiner Zusätze. Sie vereinfacht die Sprache, ersetzt aber nicht die genaue Übersetzung. Wo der Sanskritwortlaut unsicher ist, bleibt das knapp bezeichnet. Die Zwischenüberschriften dienen der Orientierung und gehören nicht zum Sanskrittext.

Verehrung und Frieden

Ich verehre Rāmacandras heilige Stätte: leuchtend über dem Shri Chakra, in der Gestalt Shivas als Mittelpunkt. Auch der Bereich der Unwissenheit und ihrer Wirkungen wird im Eröffnungsvers genannt; sein genauer Bezug bleibt in der überlieferten Form offen.

Om. Mögen unsere Ohren Heilvolles hören und unsere Augen Heilvolles sehen. Mögen wir mit kräftigen Gliedern und einem tragfähigen Leib unser Leben im Lob des Göttlichen erfüllen. Mögen Indra, Pushan, Tarkshya und Brihaspati uns Wohlergehen schenken. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Der heilige Kosmos des eigenen Daseins

Nun beginnt die Unterweisung in der inneren Vergegenwärtigung. Hari, Om. Betrachte das Selbst als ungeteilte, aus sich selbst leuchtende Gegenwart, die das ganze Weltall umfasst.

Der verehrte Lehrer ist die göttliche Kraft, die allem zugrunde liegt. Durch diese Kraft besteht auch der Körper mit seinen neun Öffnungen. Das Shri Chakra ist die Gestalt ihrer neun Kräfte.

Varahi wirkt als väterliche Kraft, Kurukulla als Mutter und Göttin der Darbringung. Die menschlichen Lebensziele sind die Ozeane. Dein Körper ist die Insel der neun Edelsteine. Die mit seinen Bestandteilen verbundenen Vorstellungen und Entschlüsse sind die Wunschbäume, die Leuchtkraft ist ihr Garten. Die sechs Geschmäcke, die deine Zunge erfährt, sind die sechs Jahreszeiten: süß, sauer, bitter, scharf, zusammenziehend und salzig.

Die Kraft des Handelns ist der heilige Sitz. Kundalini als Kraft der Erkenntnis ist das Haus. Die Kraft des Wollens ist Mahatripurasundari selbst.

Wenn Erkenntnis geschieht, ist der Erkennende der Opferpriester. Das Erkennen ist das Feuer; eine andere Lesart nennt es die Ehrengabe. Das Erkannte ist die Opfergabe. Die eigentliche Verehrung des Shri Chakra ist das tiefe Vergegenwärtigen: Erkennender, Erkennen und Erkanntes sind in ihrem Grund nicht getrennt.

Die vielen Kräfte im einen Mandala

Die neun Erlebnisqualitäten, beginnend mit Liebe, sind zusammen mit der bestimmenden Ordnung des Daseins die Kräfte, die mit Anima beginnen. Begehren, Zorn, Gier, Verblendung, Überheblichkeit, Missgunst, Verdienst und Verfehlung entsprechen den acht Mutterkräften um Brahmi. Ein überlieferter Zusatz verbindet die neun Stützpunkte mit den Mudra-Kräften.

Die fünf Elemente, die fünf Vermögen der Sinneserfahrung, die fünf Vermögen des Handelns und die Tätigkeit des Denkens sind die sechzehn Kräfte um Kamakarshini. Sprechen, Greifen, Gehen, Ausscheiden, Genießen, Zurückweisen, Annehmen und gleichmütiges Betrachten bilden die acht Kräfte um Anangakusuma.

Die vierzehn Nadis – Alambusa, Kuhu, Vishvodari, Varuna, Hastijihva, Yashasvati, Ashvini, Gandhari, Pusha, Shankhini, Sarasvati, Ida, Pingala und Sushumna – sind die Göttinnen im Kreis der vierzehn Dreiecke.

Die zehn Lebenswinde heißen Prana, Apana, Vyana, Udana, Samana, Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya. Sie bilden den äußeren Kreis der zehn Dreiecke und erscheinen als vollendungschenkende Göttinnen.

Mit diesen Lebenskräften entfaltet sich das innere Feuer. Es leitet aus, füllt beziehungsweise verdaut, trocknet, brennt und überflutet. Weitere Kräfte lösen auf, spalten, wühlen auf, benebeln und bewirken Gähnen. Sie wirken im menschlichen Körper und verwandeln die Nahrung: das Gekaute und Gegessene, das Gesaugte, Geleckte und Getrunkene. In dieser Passage sind einzelne Bezeichnungen und die Zählung als vier- oder fünffach nicht einheitlich überliefert. Die zehn Feuerkräfte entsprechen den Göttinnen des inneren Zehnerkreises.

Kälte und Wärme, Wohlgefühl und Leid, Verlangen, Klarheit, Unruhe und Trägheit bilden die acht Kräfte um Vashini.

Klang, Berührung, sichtbare Gestalt, Geschmack und Geruch sind die Blumenpfeile der Göttin. Das Denken ist ihr Zuckerrohrbogen. Eine zusätzliche kurze Wendung über den Pfeil bleibt unklar. Anhaften ist ihre Schlinge, Abneigung ihr lenkender Haken.

Das Unmanifestierte, die große kosmische Intelligenz und der Ichbildner erscheinen als Kameshvari, Vajreshvari und Bhagamalini an den Spitzen des inneren Dreiecks.

Die Mitte ist Bewusstsein und Glückseligkeit

Ein ausdrücklich als Zusatz überlieferter Abschnitt führt die Betrachtung in die Mitte: Das von begrenzenden Bedingungen freie Bewusstsein ist Kameshvara. Dein eigenes Selbst, erfüllt von immerwährender Glückseligkeit, ist die höchste Göttin Lalita. Die Röte des Ganzen ist das lebendige Sich-selbst-Erfassen des Bewusstseins. Ungeteilte Aufmerksamkeit führt zur Vollendung; die innere Vergegenwärtigung selbst wird zum verehrenden Dienst.

Wenn „Ich“ und „Du“, „es ist“ und „es ist nicht“, „zu tun“ und „nicht zu tun“ und auch der Gedanke „zu verehren“ im Selbst zur Ruhe kommen, geschieht das innere Feueropfer. Wenn die Gegenstände der Meditation als nicht getrennt erkannt werden, ist dies die labende Darbringung. Hier endet dieser Zusatz.

Betrachte den Wandel der Zeit in den fünfzehn Mondtagen: Darin sind die fünfzehn ewigen Göttinnen gegenwärtig. Die Einsicht entsprechend deinem Vertrauen ist die Gottheit. Kameshvari ist die Fülle immerwährender Glückseligkeit und die vollkommene Einheit mit dem eigenen Selbst.

Der Text verbindet anschließend Wasser, Sein und Röte und spricht vom inneren Verhältnis zwischen Verehrung, Tun und Nichttun, Sein und Nichtsein. Diese knappen Sätze sind in der überlieferten Fassung nicht vollständig eindeutig. Deutlich wird die innere Verehrung wieder in den folgenden Darbringungen.

Die Puja im Inneren

Lass die äußeren Sinne und die inneren Erkenntnisvermögen für die Gegenwart der Gottheit empfänglich werden: Das ist ihre Einladung. Sammeln sie sich auf eine einheitliche Gestalt, so ist dies ihr Sitz.

Die Vereinigung von Rot und Weiß ist das Wasser für ihre Füße. Die Gabe eines Sitzes strahlender Freude ist das Ehrenwasser; ein Wortteil dieser Formulierung bleibt unsicher. Die innere Gewissheit „klar und aus sich selbst bestehend“ ist das Wasser der Mundspülung.

Wie vom Mond des Bewusstseins überströmt zu sein, ist das Bad. Das Aufleuchten höchster Glückseligkeit im Feuer des Bewusstseins ist das Gewand.

Die Brahmanadi ist die heilige Schnur: ein Faden aus Essenz, geknüpft durch Wollen, Erkennen und Handeln mit ihren jeweils siebenundzwanzig Unterscheidungen. Frei von Anhaften an etwas vermeintlich vom Selbst Getrenntes zu erinnern, ist der Schmuck. Sich der Fülle von Sein, Bewusstsein und Glück zu erinnern, ist der Duft.

Die Blume ist das Vergegenwärtigen aller Erfahrung mit beständiger Aufmerksamkeit. Ihre Annahme ist das Räucherwerk. Das Licht ist die aufwärts leuchtende Flamme von Sein und Bewusstsein, verbunden mit Lebenswind und dem aus Raum bestehenden Leib. Das Ende allen inneren Hin und Hers ist die Speisegabe.

Die Einheit von Wachen, Träumen und Tiefschlaf ist die Betelgabe. Die innere Bewegung vom Wurzelzentrum bis zum Scheitel und zurück ist die ehrende Umschreitung.

Im vierten Bewusstseinszustand zu ruhen, ist die Verneigung. In das Erkennend-Sein einzutauchen, ohne sich auf den Körper zu beschränken, ist die Bali-Darbringung. Die Gedanken über Wahrheit und Sein, Tun und Nichttun, ebenso wie Gleichgültigkeit, im ewigen Selbst aufgehen zu lassen, ist das Feueropfer. Selbst in die heiligen Padukas einzutauchen ist vollendete Meditation.

Befreiung und Abschluss

Wer ganz in solcher Vergegenwärtigung lebt und für drei Muhurtas dabei verweilt – nach einem Zusatz auch für zwei oder einen –, wird zu Lebzeiten befreit und Shiva-Yogi genannt.

Die ursprüngliche Lehre betrachtet das Chakra im Inneren. Ihr Ziel ist die Verwirklichung der Einheit von Gottheit und Selbst. Der Text preist den so Verwirklichten als jemanden, dessen Vorhaben ohne Anstrengung gelingen, und nennt ihn erneut Shiva-Yogi.

So ist Bhavana gemäß den Kadi- und Hadi-Lehren dargelegt. Wer so erkennt, wird zu Lebzeiten befreit. So lautet die Upanishad. Eine zusätzliche Schlussformel sagt: Ein solcher studiert das Atharvashiras.

Om. Mögen wir Heilvolles hören und sehen. Mögen wir, das Göttliche preisend, mit kräftigem Leib die uns zugemessene Lebenszeit erfüllen. Mögen Indra, Pushan, Tarkshya und Brihaspati uns Wohlergehen schenken. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Hier endet die Bhavana Upanishad, die dem Atharvaveda zugeordnet ist.

Fünf Anregungen für Yoga-Aspiranten

Die folgenden Anregungen sind heutige Anwendungen der Grundgedanken. Sie vermitteln keine initiationsgebundenen Shri-Vidya-Spezialrituale.

  1. Betrachte deinen Körper als heiligen Raum. Nimm dir vor der Yogapraxis einen ruhigen Augenblick, um die lebendige Gegenwart im Körper wahrzunehmen. Die Edelsteininsel des Textes kann dich daran erinnern, den Leib weder geringzuschätzen noch zum einzigen Maßstab deines Selbstwerts zu machen. Pflege und Achtsamkeit gehören zusammen.
  2. Verbinde Meditation mit innerer Verehrung. Betrachte deine gesammelte Aufmerksamkeit als eine Blume, die du darbringst. Du musst dafür kein aufwendiges Ritual nachahmen. Eine schlichte, aufrichtige Hinwendung kann helfen, aus bloßer Pflichterfüllung in lebendige Gegenwart zu finden.
  3. Lies das Shri Chakra als Einladung zur Selbsterkenntnis. Betrachte ein geeignetes Bild des Yantra und erinnere dich: Viele Formen gehören zu einer Ordnung. Kehre anschließend zur Kernfrage des Textes zurück: Was verbindet den Wahrnehmenden, das Wahrnehmen und das Wahrgenommene? Du brauchst dafür keine besonderen inneren Erscheinungen zu erzeugen.
  4. Erkenne Shakti im Wollen, Erkennen und Handeln. Beobachte im Alltag, wie ein Wunsch entsteht, wie du ihn prüfst und wie daraus eine Handlung wird. Die drei Kräfte können dich daran erinnern, Tatkraft mit Einsicht und bewusst gewählter Richtung zu verbinden. Auch schwierige Regungen dürfen erkannt werden, ohne dass du ihnen folgen musst.
  5. Lass äußere Formen in innere Stille münden. Bleibe nach einer dir vertrauten Puja, einem Gebet oder deiner Mantrawiederholung einige Minuten still. Lass die Form nachklingen, ohne ein Erlebnis erzwingen zu wollen. Für besondere Shri-Vidya-Mantras und Rituale wende dich an eine dafür qualifizierte Lehrtradition.
Meditative Vergegenwärtigung verbindet Sammlung und Hingabe. Allgemeine Illustration zur heutigen Yogapraxis.

Video: Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev. Eine ergänzende Herzmeditation aus der Yoga-Vidya-Praxis; sie gehört nicht zum Sanskrittext der Upanishad.

Mantras in der Bhavana Upanishad

Der Haupttext ist eine Unterweisung über innere Verehrung, keine Sammlung ausgeschriebener Shri-Vidya-Mantras. Er erwähnt die Kadi- und Hadi-Traditionen, gibt aber weder deren vollständige Mantras noch eine zu rekonstruierende Bija-Folge wieder. Sicher belegt sind die folgenden Rezitationsformeln im überlieferten Rahmen und Textanfang.

Om

IAST: oṃ
Devanagari:
Bedeutung: Die heilige Silbe Om; sie lässt sich nicht angemessen durch ein einzelnes deutsches Wort ersetzen.
Textstelle: Beginn und Ende der Friedensgebete; Abschnitt 2 vor der Aussage über den Guru.
Spirituelle Einordnung: Om eröffnet die heilige Betrachtung und sammelt die Aufmerksamkeit auf den umfassenden göttlichen Grund.

Hari Om

IAST: hariḥ oṃ
Devanagari: हरिः ॐ
Bedeutung: „Hari, Om.“ Hari ist ein Gottesname, besonders Vishnus; die Formel ist eine heilige Anrufung.
Textstelle: Abschnitt 1, unmittelbar nach atha bhāvanopaniṣat.
Spirituelle Einordnung: Die Anrufung gehört zum Eingang der Unterweisung. Sie ist kein Beleg dafür, die gesamte Schrift als vaishnavitischen Ritualtext einzuordnen.

Das vollständige Shanti-Mantra

IAST:
oṃ bhadraṃ karṇebhiḥ śṛṇuyāma devā | bhadraṃ paśyemākṣabhiryajatrāḥ |
sthirairaṅgaistuṣṭuvām̐sastanūbhiḥ | vyaśema devahitaṃ yadāyuḥ |
svasti na indro vṛddhaśravāḥ | svasti naḥ pūṣā viśvavedāḥ |
svasti nastārkṣyo'riṣṭanemiḥ | svasti no bṛhaspatirdadhātu |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Devanagari:
ॐ भद्रं कर्णेभिः शृणुयाम देवा । भद्रं पश्येमाक्षभिर्यजत्राः ।
स्थिरैरङ्गैस्तुष्टुवाꣳसस्तनूभिः । व्यशेम देवहितं यदायुः ।
स्वस्ति न इन्द्रो वृद्धश्रवाः । स्वस्ति नः पूषा विश्ववेदाः ।
स्वस्ति नस्तार्क्ष्योऽरिष्टनेमिः । स्वस्ति नो बृहस्पतिर्दधातु ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

Bedeutung: Om. Mögen wir mit den Ohren Heilvolles hören und mit den Augen Heilvolles sehen, ihr verehrungswürdigen Götter. Mögen wir euch mit festen Gliedern und kräftigen Leibern preisen und die von den Göttern zugemessene Lebenszeit erfüllen. Mögen Indra, der weithin Gerühmte, Pushan, der alles kennt, Tarkshya mit unversehrtem Radkranz und Brihaspati uns Wohlergehen schenken. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Textstelle: Vor der eigentlichen Unterweisung und nach ihrem Ende, vor dem Kolophon.
Spirituelle Einordnung: Das Gebet verbindet wache Sinne, einen tragfähigen Körper, ein erfülltes Leben und Frieden. Es rahmt die Lehre vom heiligen Körper, ohne den Anspruch auf ein beschwerdefreies Leben zu erheben.

Die Schlussformel oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः – bedeutet „Om. Frieden, Frieden, Frieden“. Sie ist als vollständiger Abschluss des Friedensgebets belegt und kein Shri-Vidya-Bija-Mantra.

Heilige Namen und Schlüsselbegriffe

Mahātripurasundarī (महात्रिपुरसुन्दरी, Abschnitt 5), Lalitā (ललिता, Abschnitt 17), Kāmeśvarī (कामेश्वरी, Abschnitte 16 und 19) und Kāmeśvara (कामेश्वर, Abschnitt 17) sind im Text belegte göttliche Namen. Śakti (शक्ति), saṃvit (संविद्), bhāvanā (भावना) und abheda (अभेद) bezeichnen Kraft, Bewusstsein, innere Vergegenwärtigung und Nichtverschiedenheit. Die Wortstämme sind hier als Begriffe angegeben, nicht als zusätzliche Rezitationsformeln.

Der Satz oṃ śrīguruḥ sarvakāraṇabhūtā śaktiḥ in Abschnitt 2 ist eine feierlich eröffnete Lehraussage. Aus den Namen und Aussagen werden hier keine neuen namaḥ-Mantras gebildet. Der vollständig wiedergegebene Rāmacandra-Vers ist ein Verehrungsvers der Textgrundlage; wegen seiner unklaren ersten Wendung wird er nicht zusätzlich als sicher erschlossene Spezialformel empfohlen.

Spirituelle Bedeutung der Bhavana Upanishad

Die Bhavana Upanishad verändert die Richtung des spirituellen Suchens. Sie lässt die Göttin nicht in einer unerreichbaren Ferne stehen. Sie fragt, wie das eigene Sehen, Denken, Wollen und Leben bereits von jener Kraft getragen ist, die man verehrt. Der Körper erscheint so als mehr als Materie: Er ist in dieser geistlichen Sicht ein Ort der Offenbarung, ohne dadurch die ganze Wirklichkeit des Selbst zu begrenzen.

Das Shri Chakra kann als Landkarte des Bewusstseins gelesen werden. Seine vielen Bereiche erinnern daran, dass der Weg zur Einheit die Vielfalt nicht achtlos übergehen muss. Sinne, Empfindungen, Zeit und Lebenskraft werden betrachtet, eingeordnet und auf ihren Grund hin durchschaut. Nicht jede Regung muss ausgelebt werden; keine muss für die Selbsterkenntnis grundsätzlich unbeachtbar bleiben.

Verehrung wird dabei zur Meditation, und Meditation gewinnt die Wärme der Hingabe. Die Blume ist nicht nur ein Gegenstand in der Hand: Sie wird zur Aufmerksamkeit. Das Licht steht nicht nur auf dem Altar: Es erinnert an das Leuchten, durch das jede Erfahrung bekannt wird. Das Opfer betrifft schließlich die Vorstellung eines isolierten Ichs, das dem Göttlichen für immer gegenüberstehen müsste.

Die Frucht dieser Sicht liegt nicht in einer Verachtung des Alltags. Sie liegt darin, die Gegenwart der Shakti im eigenen Dasein zu erkennen und mit größerer Sammlung zu leben. In der Vielheit die Einheit zu erahnen und in der Einheit die Vielheit nicht zu verlieren – darin liegt die stille Größe dieser kurzen Upanishad.

Literatur und Quellen

Verwendete Sanskritgrundlage

  • Bhāvanopaniṣat athavā Śrīcakropaniṣat, Sanskrit Documents. Elektronischer Sanskrittext mit Varianten und Zusätzen; die Metadaten nennen Kannan Subramanian und P. P. Narayanaswami bei Transliteration beziehungsweise Korrektur. Der Anbieter vermerkt zwei bis drei unterschiedliche Textgestalten und den Anschluss an eine Sammlung von 108–120 Upanishaden.
  • ITRANS-Text derselben Ausgabe. Zur Überprüfung der Schrift- und Variantenangaben.

Zur Wiedergabe: Der Textbestand einschließlich der eingeklammerten Erweiterung über Kameshvara und Lalita sowie der längeren inneren Puja ist vollständig berücksichtigt. Zeilenumbrüche und Satzabgrenzungen wurden lesefreundlich gesetzt. Die IAST-Fassung ist eine Transliteration des hier wiedergegebenen Devanagari-Textes, keine unabhängig überlieferte Rezension. Die wenigen berichtigten Schreibfehler und die nicht sicher übersetzbaren Stellen sind jeweils lokal erläutert. Wo die Vorlage ohne genaue Quellenangabe Alternativen bietet, wird ihnen keine erfundene Handschriftenzugehörigkeit zugeschrieben.

Die philologisch schwierigsten Stellen betreffen den vorangestellten Verehrungsvers, einzelne Körperfeuer-Bezeichnungen, vaśyo vāṇo und einige Formulierungen im Beginn der inneren Puja. Ihre Unsicherheit betrifft einzelne Wörter und Satzanschlüsse, nicht das Vorhandensein dieser Passagen. Die zentrale Lehre von der inneren Shri-Chakra-Verehrung und der Nichtverschiedenheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem ist deutlich formuliert.

Weiterführende Lektüre

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Sanskrit Documents: Bhāvanopaniṣat athavā Śrīcakropaniṣat. Sanskrittext mit Varianten und Zusätzen; Metadaten mit der Zählung 84/108, abweichend 87/108 in der genannten Pansikar-Sammlung. Textstand laut Metadaten: 22. April 2018. Abgerufen am 18. September 2026.

Siehe auch

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