Dakshinamurti

Aus Yogawiki

Dakshinamurti (Sanskrit: दक्षिणामूर्ति Dakṣiṇāmūrti m.; Tamil: தட்சிணாமூர்த்தி Taṭciṇāmūrtti) ist Shiva in seiner Gestalt als höchster Lehrer, als Adi Guru, der ursprüngliche Guru aller Weisheit. Er wird dargestellt als jugendlicher Yogi, der unter einem Banyanbaum sitzt, nach Süden gewandt, die rechte Hand in Chinmudra, umgeben von vier alten Weisen, den Söhnen Brahmas. Ohne Worte, allein durch sein Schweigen, löst er ihre Zweifel und führt sie zur Erkenntnis des Selbst.

Dakshinamurti ist der Lehrer des Yoga, der Musik, der Philosophie und aller Wissenschaften und besonders der Lehrer der Selbsterkenntnis, des Jnana Yoga und des Advaita Vedanta. Mehrere große Guru-Linien Indiens führen ihren Ursprung auf ihn zurück, von der Advaita-Tradition Shankaras bis zum tamilischen Shaiva Siddhanta. In fast jedem Shiva-Tempel Südindiens hat er einen Platz an der Südwand, und jeden Donnerstag, dem „Tag des Guru“, verehren ihn Tausende Menschen. Auch in der Guru-Parampara von Yoga Vidya wird Dakshinamurti als Urbild des Meisters verehrt. Sein Bild mit den vier Schülern ist zum Archetyp des Lehrers geworden, der Wissen an vier Schüler weitergibt.

Dakshinamurti (Sanskrit: दक्षिणामूर्ति Dakṣiṇāmūrti m.) Beiname von Shiva. Hier wird Shivas Aspekt als menschliches Vorbild als großer Lehrer des Yoga, der Musik, Philosophie und Erkenntnis sowie als Meisters der Askese betont. Dieser findet insbesondere in Südindien großen Anklang.

Daksinamurti, (Sanskrit दक्षिणामूर्ति dakṣiṇā-mūrti m.) dessen Gestalt nach Süden gewandt ist, Bezeichnung Śivas als Inbegriff des Advaita-Lehrers.

Shiva

Dakshinamurti auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Dakshinamurti; auch Dakshinamurthy, Dakshinamoorthy
Sanskrit दक्षिणामूर्ति (dakṣiṇāmūrti)
Tamil தட்சிணாமூர்த்தி (Taṭciṇāmūrtti)
Bedeutung „Die nach Süden gewandte Gestalt“; auch „die gnädige, kundige Gestalt“
Wer ist er? Shiva als höchster Lehrer (Adiguru, Jagadguru)
Schüler Die vier Kumaras: Sanaka, Sananda, Sanatana und Sanatkumara
Lehrweise Schweigen (Mouna) und die Handgeste Chinmudra
Darstellung Jugendlicher Yogi unter einem Banyanbaum, nach Süden gewandt, mit vier Armen, den rechten Fuß auf dem Dämon der Unwissenheit
Bedeutende Texte Dakshinamurti Stotra (Shankara zugeschrieben); Dakshinamurti Upanishad
Guru-Linien Advaita Vedanta; Shaiva Siddhanta; Nandinatha-Tradition; Kumara-Sampradaya; Guru-Parampara von Yoga Vidya
Verehrung An der Südwand fast aller Shiva-Tempel Südindiens; besonders an Donnerstagen und an Guru Purnima
Bekannte Tempel Alangudi (Tamil Nadu), Vaikom (Kerala), Pallava-Tempel in Kanchipuram; Mahakaleshwar in Ujjain

Name und Bedeutung

Der Name Dakshinamurti setzt sich aus dakṣiṇa und mūrti zusammen. Mūrti bedeutet „Gestalt, Verkörperung“. Dakṣiṇa hat mehrere Bedeutungen, und die Tradition hat sie alle in diesem Namen wiedergefunden:

  • Süden: Dakshinamurti ist nach Süden gewandt. In der indischen Symbolik ist der Süden die Richtung Yamas, des Todes. Der Lehrer, der nach Süden blickt, schenkt die Erkenntnis, die über Geburt und Tod hinausführt. Eine andere Deutung: Er sitzt am Himalaya, im Norden, und blickt nach Süden, zu den Menschen, die er lehrt.
  • Rechts, geschickt, kundig: Dakṣiṇa bedeutet auch „rechts, gewandt, kundig“. Dakshinamurti ist die „kundige Gestalt“, der Meister aller Wissenschaften.
  • Gnädig, freundlich: Das Wort bezeichnet auch eine gnädige Zuwendung. Dakshinamurti ist die Gestalt Shivas, die sich den Suchenden liebevoll zuwendet.
  • Die Gabe an den Lehrer: Dakṣiṇā ist die Gabe, die ein Schüler seinem Lehrer darbringt. Dakshinamurti ist so auch der Lehrer schlechthin, dem jede Ehrerbietung gebührt.

Sukadev beschreibt Dakshinamurti als „Verkörperung, Murti, von Einweihung und Großartigem“.

Die Geschichte von Dakshinamurti

Auf dem Berg Kailash saß Shiva mit Parvati Devi an Seiner Seite in einem Saal, der wunderschön mit wertvollen Steinen dekoriert war. Es begab sich, dass Devi, die Shiva sehr verehrte, ihn darum bat, den Namen Dakshayani ändern zu dürfen, der ihr früher als Tochter von Daksha gegeben worden war. Dieser Daksha war jedoch wegen seiner Respektlosigkeit und Arroganz von Shiva getötet worden. Als Shiva diese Bitte hörte, entschied er, dass Devi als die Tochter von Parvata Raj geboren werden sollte, der äußerst harte Tapas ausübte und hoffte, deswegen ein Kind zu bekommen. Er sagte zudem zu Parvati, dass er sie zu gegebener Zeit aufsuchen und heiraten würde. Und so geschah es, dass Parvati als das Kind von Parvata Raj geboren wurde und schon mit fünf Jahren anfing, strenge Tapas auszuüben, um eine würdige Braut Shivas werden zu können.

Während der Abwesenheit von Devi, als Shiva allein war, kamen eines Tages die weisen Söhne von Brahma (Sanaka, Sananda, Sanatana und Sanatkumara), um die Lehren von Shiva zu empfangen, und warfen sich vor ihm nieder. Sie flehten Ihn an, ihnen beizubringen, wie sie Avidya (Unwissen) überwinden und Erlösung erlangen könnten. Sie erzählten, dass sie noch keinen inneren Frieden erlangt hätten - trotz intensiver Studien der Schriften - und dass sie dringend die inneren Geheimnisse kennenlernen müssten, die zur Erlösung führen.

Shiva hörte ihr Flehen und sein Herz erweichte. Er nahm die Form von Dakshinamurti an, blieb aber der höchste Guru, und fing an, den Söhnen von Brahma die inneren Geheimnisse beizubringen, indem sie Mouna ausübten (Schweigen) und das Chinmudra Seiner Hand schauten. Die weisen Söhne Brahmas meditierten, sobald Er es ihnen gezeigt hatte, und erreichten den Zustand unbeschreiblicher, unbegrenzter Freude. So geschah es, dass Shiva als Dakshinamurti bekannt wurde. Mögen der Segen von Dakshinamurti uns alle erreichen! Mögen ich und du durch Seine Gnade tief in den ewigen Frieden eintauchen!

Der junge Lehrer und die alten Schüler

Ein berühmter Meditationsvers zum Dakshinamurti Stotra fasst das Wunder dieser Begegnung in zwei Zeilen:

चित्रं वटतरोर्मूले वृद्धाः शिष्या गुरुर्युवा ।
गुरोस्तु मौनं व्याख्यानं शिष्यास्तुच्छिन्नसंशयाः ॥
citraṃ vaṭa-taror mūle vṛddhāḥ śiṣyā gurur yuvā
guros tu maunaṃ vyākhyānaṃ śiṣyās tu chinna-saṃśayāḥ

Welch ein Wunder: Unter dem Banyanbaum sitzen alte Schüler und ein junger Lehrer. Die Unterweisung des Lehrers ist Schweigen, und doch sind die Zweifel der Schüler zerstreut.

Das Bild ist voller Bedeutung. Die Schüler sind alt: Sie haben lange gesucht, studiert und geübt. Der Lehrer ist jung: Die Wahrheit, die er verkörpert, altert nicht. Und seine Unterweisung ist Schweigen: Was er lehrt, liegt jenseits der Worte, im stillen Bewusstsein, aus dem alle Worte hervorgehen. Die vier Kumaras hatten die Schriften gründlich studiert, doch ihre letzten Zweifel ließen sich nicht durch weitere Erklärungen lösen. Erst in der Stille, in der Gegenwart des verwirklichten Lehrers, erkannten sie, was sie suchten.[1]

Sukadev über Dakshinamurti

Dakshinamurti Shiva Skulptur am Südeingang des Madurai Meenakshi Tempels.

Dakshinamurti bedeutet Verkörperung, Murti, von Einweihung und Großartigem. Dakshinamurti ist der Name von Shiva in einer Inkarnation, einem Avatar. Chinmudra steht mit diesem Begriff in Verbindung. Chinmudra war die Mudra, mit der Dakshinamurti den Kumaras Vedanta beigebracht hat. Ich erzähle die Geschichte in Kurzform: Es gab vier Brüder, die hießen Kumaras, vier Söhne von Brahma, dem Schöpfer. Brahma, der Schöpfer, hatte diese vier Söhne gebeten, ihm bei der Schöpfung weiter zu helfen. Die vier Kumaras aber wollten wissen: "Was ist überhaupt die Schöpfung? Was ist hinter der Schöpfung? Woher komme ich? Was war vor der Geburt? Was ist nach dem Tod? Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?"

Sie stellten sich diese Fragen und fanden keine Antwort. So erschien Shiva in seiner Gestalt als Dakshinamurti. Shiva manifestierte sich als Yogi, der im Lotussitz unter einem Baum saß, angelehnt an einem Baum oder vor einem Baum. Die vier Kumaras sahen diesen Yogi und sie sahen das Strahlen von Dakshinamurti, sie spürten, da war eine göttliche Kraft. Sie verneigten sich vor ihm und setzen sich fragend vor ihm hin. Dakshinamurti hob die rechte Hand, nahm mit der rechten Hand Chinmudra ein, schaute die vier Kumaras an, senkte die Hand und ging in tiefe Meditation. Die vier Kumaras meditierten darüber, was Dakshinamurti mit dieser Handhaltung, mit dieser Chinmudra, meinte.

Und sie erkannten, Dakshinamurti meinte: Der Zeigefinger ist das Ego. Das Ego ist zusammen mit den drei Gunas symbolisiert, mit den drei Fingern, kleiner Finger, mittlerer Finger, Ringfinger. Wenn das Ego sich verneigt und sich verbindet mit dem Daumen, und damit vor Brahman und damit mit dem Unendlichen und dem Ewigen, dann ist Selbsterkenntnis, Gottverwirklichung erreicht. Dakshinamurti gilt so als der legendäre erste Meister und so ist auch Shiva der Adiguru, der ursprüngliche Guru, einer der Guru-Linien. Zwar nicht unserer Guru-Linie, aber eben einer speziellen Guru-Linie, die sich auf Dakshinamurti bezieht. Es gibt Dakshinamurti-Hymnen, es gibt Dakshinamurti-Mantras, Dakshinamurti gehört auch zur Yoga Vidya Guru Parampara dazu, wird also auch verehrt und in großer Ehrerbietung gehalten. Dakshinamurti – Shiva als großer Lehrer.

Ikonografie: Wie Dakshinamurti dargestellt wird

Dakshinamurti wird meist als jugendlicher, strahlender Yogi dargestellt, der unter einem Banyanbaum (Vata, Ficus benghalensis) auf einem Felsen oder einem Tigerfell sitzt. Der Banyanbaum mit seinen Luftwurzeln, die zu neuen Stämmen werden, gilt in Indien als Sinnbild der Ewigkeit und des Wissens, das sich immer weiter verzweigt.

Er hat meist vier Arme:

  • Die untere rechte Hand zeigt die Chinmudra oder Jnana Mudra: Daumen und Zeigefinger berühren sich zu einem Kreis, die anderen drei Finger sind ausgestreckt. Sie ist das Zeichen der Einheit von individueller Seele und Absolutem.
  • Die untere linke Hand hält ein Buch aus Palmblättern, Sinnbild der heiligen Schriften, oder ist in der Geste der Gnade geöffnet.
  • Die obere rechte Hand hält eine Gebetskette (Mala) aus Rudraksha-Perlen oder eine Trommel (Damaru).
  • Die obere linke Hand hält eine Flamme, eine Schlange oder ein Bündel Kusha-Gras.

Der rechte Fuß ruht auf dem Zwerg Apasmara, dem Dämon der Unwissenheit und des Vergessens, der auch unter dem Fuß des tanzenden Nataraja liegt. Das linke Bein ist angewinkelt. Zu seinen Füßen sitzen die vier Kumaras, oft zusammen mit Tieren des Waldes, etwa Hirschen, die zeigen, dass in seiner Gegenwart alle Wesen friedlich werden. Manchmal sind weitere Weise dargestellt.

Verschiedene Formen

Die Tradition kennt mehrere Formen Dakshinamurtis:

  • Jnana Dakshinamurti oder Vyakhyana Dakshinamurti: der Lehrer der Weisheit, mit Chinmudra, die häufigste Form.
  • Yoga Dakshinamurti: der Meister des Yoga, in tiefer Meditation, oft mit einem Yoga-Band (Yogapatta) um die Knie.
  • Vina Dakshinamurti oder Vinadhara Dakshinamurti: der Lehrer der Musik, der die Vina spielt.
  • Medha Dakshinamurti: der Geber von Intelligenz und Gedächtnis, besonders von Schülern und Studierenden verehrt.

Shiva als Lehrer von Musik, Yoga und anderen Wissenschaften

Dakshinamurti als Inkarnation von Shiva repräsentiert das endgültige Wissen und Bewusstsein. Er wird als Gott der Weisheit verehrt. Das Bild von Dakshinamurti kann man an der Südwand der inneren Rundpassage aller Shiva Tempel in Südindien sehen. Er ist der Aspekt Shivas als Lehrer von Musik, Yoga und anderen Wissenschaften. Nach den Shaiviten verleiht er Erkenntnis. Das Wort "dakshina" bedeutet im Sanskrit Süden. Die Skulptur dieser Gottheit zeigt deshalb in den meisten Tempeln in südliche Richtung.

Meistens wird er gezeigt in Form eines Lehrers der Schriften und unter einem Feigenbaum auf einem Tigerfell sitzend. Die rechte Hand des Gottes ist im "Jnana Mudra" und die Spitzen der Zeigefinger und des Daumens sollten sich so berühren, dass sie einen Ring formen. Ein Dämon namens Apasmara Purusha, der Unwissenheit symbolisiert, wird unter seinen Füßen gezeigt.

Es gibt eine berühmte Stellung des Gottes Dakshinamurti, die in der yogischen Form ist. Ein Tempel der Pallava Ära in Kanchipuram, Tamil Nadu repräsentiert den Yoga Dakshinamurti. Die anderen beiden Tempel, in denen er in einer ähnlichen Stellung gezeigt wird, sind der Shiva Tempel in Tiruvottriyurm, Chennau und bei Nanjangodu in Karnataka. Er ist auch bekannt unter dem Namen Vinadhara Dakshinamurti, als Lehrer sowohl des Gesangs als auch von Instrumentalmusik. Schöne Stücke von Vinadhara Dakshinamurti kann man in Tamil Nadu finden. Man nennt ihn auch "Guru Vaaram", da er als exzellenter Lehrer angesehen wird.

Shiva in Meditation: Sinnbild stiller Sammlung und der Lehre durch Schweigen.

Dakshinamurti als Begründer der Guru-Linien

Dakshinamurti gilt in Indien als Adi Guru, als der erste und ursprüngliche Lehrer. Mehrere der großen spirituellen Traditionen führen ihre Lehrerfolge (Guru Parampara oder Sampradaya) auf ihn zurück. In ihnen ist Dakshinamurti nicht nur der erste Lehrer in einer langen Reihe, sondern der eine Guru, der in jedem wahren Lehrer gegenwärtig ist.

Advaita Vedanta und die Linie Shankaras

In der Tradition des Advaita Vedanta ist Dakshinamurti das Urbild des Lehrers der Nichtdualität. Die Guru-Parampara der Advaita-Mönche wird traditionell mit einem Vers verehrt, der mit Shiva beginnt:

सदाशिवसमारम्भां शङ्कराचार्यमध्यमाम् ।
अस्मदाचार्यपर्यन्तां वन्दे गुरुपरम्पराम् ॥
sadāśiva-samārambhāṃ śaṅkarācārya-madhyamām
asmad-ācārya-paryantāṃ vande guru-paramparām

Ich verneige mich vor der Kette der Lehrer, die mit Sadashiva beginnt, in deren Mitte Shankaracharya steht und die bis zu meinem eigenen Lehrer reicht.

Shankara selbst wird in der Tradition als Verkörperung Shivas, ja als Dakshinamurti in menschlicher Gestalt verehrt. Ihm wird der berühmteste Hymnus an Dakshinamurti zugeschrieben, das Dakshinamurti Stotra. In den Klöstern, die auf Shankara zurückgehen, etwa in Sringeri und Kanchipuram, hat die Verehrung Dakshinamurtis einen besonderen Platz. Auch die Linie Swami Sivanandas gehört zum Saraswati-Orden der Dashanami-Mönche, die sich auf Shankara zurückführen.

Shaiva Siddhanta: Die Kailasa-Parampara

Auch der tamilische Shaiva Siddhanta führt seine Lehrerlinie auf Dakshinamurti zurück. Nach dieser Überlieferung gab Dakshinamurti auf dem Berg Kailash die Lehre an Nandi weiter, den göttlichen Torhüter Shivas. Nandi lehrte Sanatkumara, einen der vier Kumaras, dieser Satyajnana Darshini, dieser Paranjoti Munivar. Diese vier heißen die Aga Santana Kuravar, die „inneren“ oder himmlischen Lehrer. Paranjoti Munivar kam auf die Erde und wurde der Lehrer von Meykandar, dem ersten der vier menschlichen Lehrer, der Pura Santana Kuravar: Meykandar, Arulnandi Shivacharya, Marai Jnana Sambandar und Umapati Shivacharya.[2]

Weil diese Linie vom Kailash ausgeht, tragen die großen Shaiva-Klöster in Tamil Nadu, die sich auf sie berufen, wie Tiruvavaduturai und Dharmapuram, den Beinamen Kailasa Parampara, „Linie vom Kailash“. Bemerkenswert ist, dass sich das Bild Dakshinamurtis in dieser Linie wiederholt: Auch Meykandar war nach der Überlieferung ein sehr junger Lehrer, als der ältere Gelehrte Arulnandi Shivacharya sein Schüler wurde, der junge Guru und der alte Schüler, wie unter dem Banyanbaum.

Die Nandinatha-Tradition und Tirumular

Eine weitere shivaitische Tradition, die Nandinatha-Sampradaya, führt sich über Nandi auf Shiva zurück. Nach dem Tirumantiram des tamilischen Siddhas Tirumular lehrte Nandi acht Schüler, darunter die vier Kumaras, Patanjali, den Begründer des Raja Yoga, Vyaghrapada und Tirumular selbst. So verbindet sich die Linie Dakshinamurtis auch mit der Geschichte des Yoga.

Die Kumara-Sampradaya

Auch in der vishnuitischen Tradition haben die vier Kumaras ihren Platz. Die Kumara-Sampradaya, eine der vier großen Lehrtraditionen des Vishnuismus, die mit dem Philosophen Nimbarka verbunden ist, führt sich auf die vier Kumaras zurück. So wirken die Schüler Dakshinamurtis über die Grenzen der Traditionen hinaus.

Dakshinamurti in der Guru-Parampara von Yoga Vidya

Wie Sukadev in seinem Vortrag erklärt, gehört Dakshinamurti auch zur Guru-Parampara von Yoga Vidya und wird in großer Ehrerbietung gehalten. In der Linie von Swami Sivananda und Swami Vishnudevananda steht er als Urbild des Meisters am Anfang: als der eine Guru, der sich in allen wahren Lehrern zeigt. Die Chinmudra, mit der viele Yoga-Übende in der Meditation sitzen, ist die Geste Dakshinamurtis und erinnert in jeder Meditation an seine Lehre.

Der Lehrer mit den vier Schülern: Ein Archetyp

Das Bild Dakshinamurtis mit den vier Kumaras ist zu einem Urbild geworden, das in der indischen Geistesgeschichte immer wiederkehrt: der Meister, der seine Lehre an vier Schüler weitergibt, die sie dann in die Welt tragen.

Shankaracharya und seine vier Schüler

Das bekannteste Beispiel ist Shankara, der große Lehrer des Advaita Vedanta im 8. Jahrhundert, der selbst als Verkörperung Dakshinamurtis gilt. Er hatte vier Hauptschüler: Padmapada, Sureshvara, Hastamalaka und Totaka. Nach der Überlieferung gründete Shankara in den vier Himmelsrichtungen Indiens vier Klöster (Mathas), in Sringeri im Süden, Dwarka im Westen, Puri im Osten und Jyotirmath im Norden, und setzte seine vier Schüler als deren erste Leiter ein. Wie die Kumaras zu den Füßen Dakshinamurtis sitzen Shankaras vier Schüler in vielen Darstellungen um ihren Meister. Sureshvara verfasste übrigens den berühmtesten Kommentar zum Dakshinamurti Stotra, das Manasollasa.

Chaitanya Mahaprabhu und das Pancha Tattva

Auch in der Bhakti-Tradition Bengalens begegnet dieses Bild. Chaitanya Mahaprabhu (1486–1534), auch Gauranga genannt, der große Heilige der Krishna-Liebe, wird im sogenannten Pancha Tattva, den „fünf Wahrheiten“, gemeinsam mit seinen vier engsten Gefährten verehrt: Nityananda, Advaita Acharya, Gadadhara und Shrivasa. Die Darstellung Chaitanyas in der Mitte seiner vier Gefährten gehört zu den bekanntesten Bildern der Gaudiya-Tradition.

Weitere Beispiele

  • Im tamilischen Shaiva Siddhanta werden, wie oben beschrieben, die vier himmlischen und die vier irdischen Lehrer (Santana Kuravar) verehrt.
  • Die vier großen Heiligen der tamilischen Shiva-Verehrung, Appar, Sambandar, Sundarar und Manikkavacakar, werden gemeinsam als Nalvar, „die Vier“, verehrt.
  • Die Überlieferung der vier Veden wird in der Tradition auf vier Schüler des Weisen Vyasa zurückgeführt: Paila, Vaishampayana, Jaimini und Sumantu.

Die Bedeutung der Zahl Vier

Die Zahl Vier steht in der indischen Symbolik für Vollständigkeit: die vier Himmelsrichtungen, die vier Veden, die vier Lebensziele, die vier Lebensstadien. Der Lehrer mit vier Schülern ist deshalb ein Bild dafür, dass die Wahrheit, die aus der Stille der Mitte kommt, in alle Richtungen ausstrahlen soll. In der Bhagavad Gita (7.16) spricht Krishna zudem von vier Arten von Menschen, die sich Gott zuwenden: der Leidende, der Wissbegierige, der nach Erfüllung Strebende und der Weise. Auch sie finden sich zu Füßen des einen Lehrers.

Das Licht der Erkenntnis im Herzen: Dakshinamurti ist der innere Lehrer in jedem Menschen.

Texte über Dakshinamurti

Das Dakshinamurti Stotra

Der bedeutendste Text ist das Dakshinamurti Stotra, ein Hymnus aus zehn Strophen, der traditionell Shankara zugeschrieben wird. In kunstvollen Bildern fasst er die ganze Lehre des Advaita Vedanta zusammen. Jede Strophe endet mit der Verneigung vor Dakshinamurti als der Verkörperung des Guru.

Einige Bilder des Hymnus:

  • Die Stadt im Spiegel: Wie eine ganze Stadt in einem Spiegel erscheint, ohne dass dort wirklich eine zweite Stadt gebaut wäre, und wie im Traum eine ganze Welt erscheint, so erscheint die Welt im Bewusstsein. Beim Erwachen zur Erkenntnis des Selbst wird ihre wahre Natur erkannt.
  • Die Lampe im Gefäß: Wie das Licht einer Lampe durch die Öffnungen eines Gefäßes nach außen scheint, so scheint das eine Bewusstsein durch die verschiedenen Sinne. Die Strahlen sind viele, die Quelle ist eine.
  • Das Selbst, das immer da ist: Der Hymnus weist auf das Bewusstsein, das in Kindheit, Jugend und Alter, im Wachen, Träumen und Tiefschlaf gleich bleibt, und das Dakshinamurti durch seine Chinmudra zeigt.

Der Philosoph Sureshvara, ein Schüler Shankaras, verfasste dazu den Kommentar Manasollasa. Ramana Maharshi übertrug den Hymnus ins Tamil.

Die Dakshinamurti Upanishad

Die Dakshinamurti Upanishad gehört zu den kleineren Upanishaden, die sich Shiva widmen. Sie beschreibt Dakshinamurti als Verkörperung des höchsten Bewusstseins und gibt Anweisungen für seine Meditation und die Wiederholung seines Mantras.

Der Gebetsvers an Dakshinamurti

Einer der bekanntesten Verse, mit dem Dakshinamurti verehrt wird, lautet:

गुरवे सर्वलोकानां भिषजे भवरोगिणाम् ।
निधये सर्वविद्यानां दक्षिणामूर्तये नमः ॥
gurave sarva-lokānāṃ bhiṣaje bhava-rogiṇām
nidhaye sarva-vidyānāṃ dakṣiṇāmūrtaye namaḥ

Verehrung Dakshinamurti, dem Lehrer aller Welten, dem Arzt derer, die an der Krankheit des weltlichen Daseins leiden, dem Schatz allen Wissens.

Die Verehrung Dakshinamurtis heute

In den Tempeln Südindiens

In fast allen Shiva-Tempeln Südindiens findet sich Dakshinamurti in einer Nische an der Südwand des Hauptheiligtums, nach Süden blickend. Die Gläubigen, die den Tempel im Uhrzeigersinn umschreiten, bleiben vor ihm stehen, verneigen sich und bitten um Weisheit, Klarheit und Führung. Für viele Menschen, besonders Schüler und Studierende vor Prüfungen, ist dies ein fester Teil des Tempelbesuchs.

Donnerstag: Der Tag des Guru

Dakshinamurti wird jeden Donnerstag in vielen Shiva Tempeln verehrt. Einige Tempel führen spezielle Pujas in der Nacht von Guru Purnima aus, das als angemessene Zeit betrachtet wird, um Shiva zu verehren. Es gibt nur wenige Tempel, wo Dakshinamurti die Hauptgottheit ist. In Mahakaleshwar, Ujjain ist Dakshinamurti einer der zwölf Jyotirlingas. Andere berühmte Tempel sind der Vaikom Mahadeva Tempel, Kerala und Alangudi in Tamil Nadu.

Der Donnerstag heißt im Sanskrit Guruvara, „Tag des Guru“. Er ist dem Planeten Jupiter geweiht, der in der indischen Astrologie ebenfalls Guru heißt, und zugleich Dakshinamurti als dem höchsten Guru. In Tamil Nadu bringen viele Menschen am Donnerstag Dakshinamurti gelbe Blumen, gelbe Tücher und Girlanden aus Kichererbsen dar und entzünden Lampen mit Ghee. Dabei werden Dakshinamurti und der Planetengott Brihaspati im Volksglauben oft miteinander verbunden, obwohl sie in der Tradition unterschieden werden: Brihaspati ist der Lehrer der Götter, Dakshinamurti der höchste Lehrer, Shiva selbst.

Besondere Tempel

  • Alangudi bei Kumbakonam in Tamil Nadu: Der Apatsahayeswarar-Tempel gilt als einer der wichtigsten Orte der Dakshinamurti- und Guru-Verehrung und gehört zu den neun Planetentempeln (Navagraha Sthalas) des Kaveri-Deltas.
  • Vaikom in Kerala: Im Vaikom-Mahadeva-Tempel wird Shiva am Morgen in einer seiner Formen als Dakshinamurti verehrt.
  • Mahakaleshwar in Ujjain: Der Lingam dieses berühmten Tempels, eines der zwölf Jyotirlingas, ist nach Süden ausgerichtet (dakshinamukha), was ihn in besonderer Weise mit Dakshinamurti verbindet.
  • Kanchipuram: In den Pallava-Tempeln von Kanchipuram finden sich einige der ältesten und schönsten Darstellungen des Yoga Dakshinamurti.

Guru Purnima

Am Vollmondtag im Monat Ashadha (Juni oder Juli) feiert man in ganz Indien Guru Purnima, den Tag der Verehrung des Guru. An diesem Tag wird neben Vyasa und dem eigenen Lehrer besonders auch Dakshinamurti als Adi Guru verehrt, auch in den Ashrams und Zentren von Yoga Vidya.

Die Bedeutung Dakshinamurtis für Yoga und Meditation

Die Lehre durch Schweigen

Die wichtigste Botschaft Dakshinamurtis ist, dass die höchste Wahrheit jenseits der Worte liegt. Worte, Studium und Nachdenken sind wichtig, sie bereiten den Geist vor. Doch die letzte Erkenntnis geschieht in der Stille, wenn der Geist zur Ruhe kommt und das Bewusstsein sich selbst erkennt. Deshalb spielt Mouna, das Schweigen, in der Yoga-Tradition eine so große Rolle: an Schweigetagen, in stillen Retreats und in der täglichen Meditation.

Ramana Maharshi, der große Weise von Tiruvannamalai, wurde von seinen Schülern oft mit Dakshinamurti verglichen, weil auch er vor allem durch Schweigen lehrte. Viele Menschen erlebten in seiner stillen Gegenwart, wie ihre Fragen sich auflösten, ganz wie die Kumaras unter dem Banyanbaum.

Chinmudra: Die Geste der Erkenntnis

Die Chinmudra, die Handgeste Dakshinamurtis, begleitet viele Yoga-Übende in jeder Meditation. Der Zeigefinger, das Ego, verneigt sich vor dem Daumen, dem Göttlichen, und verbindet sich mit ihm. Die drei anderen Finger stehen für die drei Gunas, die drei Eigenschaften der Natur, die der Erkennende hinter sich lässt. Wer in Chinmudra sitzt, sitzt gewissermaßen selbst unter dem Banyanbaum Dakshinamurtis.

Der innere Guru

Dakshinamurti ist nicht nur ein Bild in Tempeln, sondern auch Sinnbild des inneren Lehrers, der in jedem Menschen wohnt. In der Vedanta-Tradition heißt es, dass der äußere Guru dem Schüler hilft, den inneren Guru, das eigene Selbst, zu erkennen. Wenn wir in der Stille nach innen lauschen, begegnen wir Dakshinamurti in uns selbst.

Ehrfurcht und Untersuchung

Die Hingabe an Dakshinamurti verbindet Ehrfurcht und Untersuchung. Man verneigt sich vor dem Lehrer und prüft zugleich die eigene Erfahrung. Das Schweigen des Meisters wird fruchtbar, wenn es uns nicht stumpf macht, sondern offen: für Wahrheit, für die Grenzen des eigenen Wissens und für die stille Würde anderer Menschen.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Meditation unter dem Banyanbaum: Setze dich in Meditationshaltung, die Hände in Chinmudra. Stelle dir vor, du sitzt zu Füßen Dakshinamurtis unter einem großen Banyanbaum. Stelle ihm innerlich eine Frage, die dich bewegt, und dann lausche einfach in die Stille, ohne eine Antwort zu erwarten.
  • Wer nimmt wahr?: Sitze einige Minuten ruhig und bemerke, was sich verändert: Gedanken, Gefühle, Geräusche. Frage dich dann, wodurch du die Veränderungen wahrnimmst. Ruhe in diesem Gewahrsein, dem Licht der Lampe, das durch alle Sinne scheint.
  • Ein Tag des Schweigens: Übe an einem Tag der Woche oder einige Stunden lang Mouna, das Schweigen, wie es viele Yogis tun. Beobachte, wie still der Geist dadurch wird.
  • Dakshinamurti-Gebet am Donnerstag: Rezitiere am Donnerstag den Vers Gurave sarva-lokānāṃ … und danke deinen Lehrerinnen und Lehrern, die dir auf deinem Weg geholfen haben.
  • Einer Frage Raum geben: Gönne einer wichtigen Frage einen stillen Raum, bevor du die nächste fertige Antwort suchst. So wird der Yoga im Alltag lebendig.

Häufige Fragen zu Dakshinamurti

Wer ist Dakshinamurti?
Dakshinamurti ist Shiva in seiner Gestalt als höchster Lehrer, der Adi Guru. Er wird als jugendlicher Yogi unter einem Banyanbaum dargestellt, der durch Schweigen und die Handgeste Chinmudra vier alte Weise zur Erkenntnis des Selbst führt.

Was bedeutet Dakshinamurti?
Dakshinamurti bedeutet „die nach Süden gewandte Gestalt“. Dakṣiṇa bedeutet außerdem „kundig, gnädig, rechts“, sodass der Name auch als „die kundige, gnädige Gestalt“ verstanden wird.

Wer sind die Schüler von Dakshinamurti?
Die vier Kumaras, die geistgeborenen Söhne Brahmas: Sanaka, Sananda, Sanatana und Sanatkumara.

Was bedeutet die Chinmudra von Dakshinamurti?
Bei der Chinmudra berührt der Zeigefinger, das Ego, den Daumen, das Göttliche. Die drei anderen Finger stehen für die drei Gunas. Die Geste zeigt die Einheit von Einzelseele und Absolutem.

Welche Guru-Linien führen sich auf Dakshinamurti zurück?
Unter anderem die Advaita-Tradition Shankaras, der tamilische Shaiva Siddhanta mit seiner „Linie vom Kailash“, die Nandinatha-Tradition und über die vier Kumaras auch die vishnuitische Kumara-Sampradaya. Auch in der Guru-Parampara von Yoga Vidya wird Dakshinamurti verehrt.

Wann wird Dakshinamurti verehrt?
Besonders am Donnerstag, dem „Tag des Guru“, und an Guru Purnima, dem Vollmondtag der Guru-Verehrung.

Was ist das Dakshinamurti Stotra?
Ein Hymnus aus zehn Strophen, der traditionell Shankara zugeschrieben wird und die Lehre des Advaita Vedanta in Bildern wie der Stadt im Spiegel und der Lampe im Gefäß zusammenfasst.

Dakshinamurti दक्षिणामूर्ति Dakṣiṇā-mūrti Aussprache

Hier kannst du hören, wie das Sanskritwort Dakshinamurti, दक्षिणामूर्ति, Dakṣiṇā-mūrti ausgesprochen wird:

Weitere Videos zur Vertiefung

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Siehe auch

Literatur

Quellen

  1. ↑ Dakshinamurti Stotra mit Dhyana-Shlokas, Sanskrittext.
  2. ↑ Shaivam.org: Santana Kuravar, zur Lehrerlinie des Shaiva Siddhanta mit Dakshinamurti als erstem Guru.

Weblinks

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