Selbstmitgefühl: Unterschied zwischen den Versionen
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'''Selbstmitgefühl''' ist im [[Yoga]] nicht bloß ein psychologisches Konzept, sondern eine tiefe spirituelle Praxis. Frage dich: Wann hast du das letzte Mal wirklich freundlich mit dir selbst gesprochen? Nicht nach einem Erfolg, nicht dann, wenn alles gut lief, sondern gerade dann, wenn du einen Fehler gemacht hast, wenn du müde warst, wenn du dich schwach gefühlt hast, wenn du viel gegeben hast und dennoch dachtest: „Es reicht nicht.“ Viele Menschen segnen andere, ermutigen andere, beten für andere und wiederholen: ''[[Lokah Samastah Sukhino Bhavantu]]'' – mögen alle Wesen glücklich sein. Aber manchmal vergisst du ein Wesen: dich selbst. Yoga erinnert dich: Auch du bist in diesem Gebet eingeschlossen. Möge auch ich Frieden erfahren. Möge auch ich geführt werden. Möge auch ich von göttlicher Gnade getragen werden. Möge auch ich ein Instrument der Liebe werden. Selbstmitgefühl heißt daher nicht Selbstmitleid, nicht Bequemlichkeit und auch nicht Egoismus. Selbstmitgefühl heißt: Ich höre auf, gegen meine eigene Menschlichkeit Krieg zu führen. Ich erkenne: Auch ich bin ein Geschöpf Gottes. Auch in meinem Herzen wohnt das Göttliche. Auch durch mich will göttliche Kraft wirken. | |||
Im Yoga ist das erste große Prinzip [[Ahimsa]], Nichtverletzen. Meist verstehst du Ahimsa so, dass du anderen nicht schaden sollst. Aber Ahimsa gilt auch nach innen. Wie sprichst du mit dir selbst? Ist deine innere Stimme freundlich, klar, ermutigend? Oder ist sie hart, ungeduldig, verurteilend? Wenn du mit dir selbst härter sprichst, als du jemals mit einem guten Freund sprechen würdest, dann ist Ahimsa noch nicht vollständig. Selbstmitgefühl ist Ahimsa dir selbst gegenüber. Wenn du einen Fehler gemacht hast, musst du nicht sagen: „Ich bin ein Versager.“ Du kannst sagen: „Diese Handlung war nicht richtig. Ich will lernen. Ich will mich reinigen. Ich will neu beginnen.“ Yoga unterscheidet zwischen Handlung und Wesen. Handlungen können falsch sein, Gewohnheiten können transformiert werden, [[Karma]] kann gereinigt werden, aber dein tiefstes Wesen bleibt göttlich. In der [[Vedanta]]-Tradition heißt es: Deine wahre Natur ist [[Sat-Chid-Ananda]] – Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Tief in dir bist du nicht zerbrochen. Du bist nicht nur deine Fehler, nicht nur deine Wunden, nicht nur deine Ängste. Tief in dir bist du [[Atman]], das unsterbliche Selbst, rein, leuchtend, unberührt. Und doch bist du auf der relativen Ebene Mensch: Der Körper wird müde, der Geist wird unruhig, das Herz kann schwer werden. Du willst Gutes tun und machst trotzdem Fehler. Du willst lieben und reagierst manchmal aus Angst. Du willst dienen und fühlst dich manchmal leer. Yoga lehrt dich, beides zu sehen: die ewige Wahrheit des Selbst und die menschliche Wahrheit dieses Augenblicks. | |||
Gerade deshalb ist Selbstmitgefühl ein Weg zur göttlichen Kraft. Glaube nicht, dass Gott nur durch deine Stärke wirken kann. Gott kann auch durch deine Fehler wirken. Manchmal wird das, was wie Scheitern aussieht, zu Demut. Was wie Schwäche aussieht, wird zu Hingabe. Was wie ein Umweg aussieht, wird Teil des göttlichen Weges. Was wie eine Wunde aussieht, wird zu einer Öffnung, durch die Mitgefühl fließen kann. Das Göttliche kann auch durch deine Grenzen wirken, durch deine Unvollkommenheit, durch dein suchendes, ringendes, noch nicht fertiges Menschsein. Du bist nicht zufällig hier. Du bist die richtige Person, am richtigen Ort, in diesem Moment. Vielleicht verstehst du noch nicht warum. Vielleicht fühlst du dich noch nicht bereit. Vielleicht siehst du deine Begrenzungen deutlicher als deine Möglichkeiten. Und doch: Dieser Moment ist dir gegeben. Dieser Atem ist dir gegeben. Dieser Körper, dieser Geist, dieses Herz, dieses Leben – all das ist dein Feld des Yoga. Darum sei mutig. Nicht, weil dein Ego stark ist, sondern weil das Göttliche stark ist. Nicht, weil du alles kontrollierst, sondern weil du ein Instrument werden kannst. Nicht, weil du vollkommen bist, sondern weil göttliche Kraft durch dich fließen kann. In jedem Moment ist das Göttliche bereit, dich zu erfüllen. In jedem Moment ist das Göttliche bereit, dich zu durchströmen. In jedem Moment kannst du dich mit spiritueller Kraft aufladen. Du musst nicht warten, bis alle Zweifel verschwunden sind. Du musst nicht warten, bis alle Wunden geheilt sind. Du musst nicht warten, bis du perfekt bist. Jetzt, in diesem Moment, kannst du dich öffnen. | |||
Vielleicht bist du heute müde. Vielleicht hast du viel gegeben. Vielleicht hast du versucht, stark zu sein für andere. Vielleicht hast du gelächelt, während du innerlich Schmerz getragen hast. Vielleicht hast du für andere gebetet und vergessen, selbst in Gott zu ruhen. Yoga sagt: Du bist nicht allein. Das Göttliche ist nicht fern. Das Göttliche ist in deinem eigenen Herzen. In deinem Herzen ist der Wohnsitz des Göttlichen – nicht nur in Tempeln, nicht nur an heiligen Orten, nicht nur in heiligen Schriften, sondern auch hier, in der Höhle deines eigenen Herzens. Wenn du dich unwürdig fühlst, geh zum Herzen. Wenn du Angst hast, geh zum Herzen. Wenn du dich allein fühlst, geh zum Herzen. Das Göttliche ist näher als deine Gedanken, näher als dein Atem, näher als dein Herzschlag. Selbstmitgefühl heißt: Ich kehre immer wieder zum Herzen zurück. Und Yoga sagt noch etwas sehr Kraftvolles: In dir schläft [[Kundalini Shakti]], die göttliche spirituelle Energie. Vielleicht ist sie verborgen, vielleicht bedeckt von [[Tamas]], von Angst, von alten Eindrücken, von Vergessen. Aber sie ist da. Du bist nicht leer, nicht machtlos, nicht spirituell arm. In dir ist [[Shakti]], in dir ist Licht, in dir ist Mut, in dir ist die Kraft zu lieben, zu dienen, aufzustehen und zu erwachen. Härte verschließt das Herz, Angst zieht das [[Prana]] zusammen, Selbstverurteilung macht den Geist schwer. Aber Hingabe öffnet, Vertrauen öffnet, Gebet öffnet, [[Mantra]] öffnet, [[Sadhana]] öffnet. | |||
Übe deshalb ganz praktisch: Atme ein und spüre, dass göttliches Licht in dich hineinströmt. Atme aus und bringe alles Gott dar. Einatmen: Göttliche Kraft erfüllt mich. Ausatmen: Ich lasse los. Einatmen: Ich werde geführt. Ausatmen: Ich vertraue. Das ist nicht nur Vorstellung, das ist Yogapraxis. Prana folgt der Aufmerksamkeit. Der Geist wird von dem geprägt, worauf er sich richtet. Wenn du ständig Angst betrachtest, wächst Angst. Wenn du das Göttliche betrachtest, erwacht göttliche Kraft. [[Patanjali]] lehrt [[Pratipaksha Bhavana]]: Wenn Gedanken kommen, die dich nach unten ziehen, kultiviere den entgegengesetzten Gedanken. Wenn der Gedanke kommt: „Ich bin nicht gut genug“, antworte: „Das göttliche Licht ist in mir.“ Wenn der Gedanke kommt: „Ich habe versagt“, antworte: „Auch dadurch kann Gott mich führen.“ Wenn der Gedanke kommt: „Ich bin allein“, antworte: „Das Göttliche ist mit mir, in mir, um mich herum und wirkt durch mich.“ In der [[Bhagavad Gita]] heißt es: ''uddhared ātmanātmānaṃ'' – erhebe dich durch dich selbst, ziehe dich nicht hinunter, werde dein eigener Freund. Dein eigener Freund zu werden heißt nicht, alles zu entschuldigen. Es heißt: Ich stelle mich auf die Seite meines höchsten Selbst. Ich unterstütze meine Schwächen nicht, aber ich hasse mich nicht dafür. Ich leugne meine Fehler nicht, aber ich identifiziere mich nicht mit ihnen. Ich übernehme Verantwortung und bleibe offen für Gnade. Das ist wahres Selbstmitgefühl: Liebe verbunden mit Mut, Demut verbunden mit Vertrauen, Hingabe verbunden mit Energie. | |||
So kannst du Selbstmitgefühl als spirituelle Praxis leben. Manchmal bedeutet Selbstmitgefühl Ruhe, manchmal Disziplin, manchmal Schweigen, manchmal mutiges Handeln, manchmal Vergebung, manchmal aufstehen und tun, was getan werden muss. Durch [[Jnana Yoga]] erinnerst du dich: Ich bin nicht der begrenzte [[Geist]], ich bin das unsterbliche Selbst. Durch [[Raja Yoga]] machst du den Geist ruhig, klar und sattwig. Durch [[Bhakti Yoga]] öffnest du dich für [[Liebe]], [[Gnade]] und göttliche Gegenwart. Durch [[Karma Yoga]] bringst du deine Handlungen dem Wohl aller Wesen dar. Durch [[Hatha Yoga]] harmonisierst du Körper, Prana und Geist und erweckst die göttliche Shakti in dir. Und durch all diese Wege lernst du: Ich kann freundlich mit mir sein und trotzdem wachsen. Ich kann diesen Moment annehmen und mich trotzdem transformieren. Ich kann mir vergeben und trotzdem Verantwortung übernehmen. Ich kann meine Grenzen sehen und trotzdem mutig sein. Ich kann Mensch sein und trotzdem ein Instrument des Göttlichen werden. Vielleicht kannst du heute, nur für einen Moment, aufhören, gegen dich selbst zu kämpfen. Du musst nicht perfekt sein, um geliebt zu sein. Du musst nicht fertig sein, um wertvoll zu sein. Du musst deine Wunden nicht verstecken, um spirituell zu sein. [https://www.yoga-vidya.de/yoga/ Yoga] sagt: Beginne dort, wo du bist – mit diesem Atem, mit diesem Körper, mit diesem Geist, mit diesem Herzen. Dieser Moment genügt, um neu zu beginnen. Wiederhole innerlich: Ich bin ein Kind des Göttlichen. In meinem Herzen wohnt das Göttliche. Göttliche [[Shakti]] ist in mir. Licht ist in mir. Liebe ist in mir. Kraft ist in mir. Auch durch meine Fehler kann Gott mich führen. Ich bin die richtige Person, am richtigen Ort, in diesem Moment. Ich öffne mich für göttliche Kraft. Ich bringe mich dar zum Wohl aller Wesen. | |||
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Aktuelle Version vom 13. Juni 2026, 13:37 Uhr

Selbstmitgefühl - Selbstmitgefühl ist nach einer Definition von Kristin Neff - Professorin für pädagogische Psychologie - eine Ausweitung des Mitgefühls auf sich selbst bei wahrgenommenen Schwächen, Scheitern und allgemeinem Leiden. Selbstmitgefühl besteht aus den Bestandteilen Selbstliebe, der Annahme von eigenen Unzulänglichkeiten wie Scheitern und Versagen und Achtsamkeit.
Wie ich mit mir umgehe, so gehe ich auch mit anderen um. Von daher ist Selbstmitgefühl wichtig für eine friedvolle Welt. Selbstmitgefühl kann dich von vor Perfektionismus und seinen schädlichen Auswirkungen bewahren. Das Kultivieren von Selbstmitgefühl verbessert Beziehungen und das emotionale Wohlbefinden. Gleichzeitig werden Ängste, Sorgen und Depressionen weniger.
Selbstmitgefühl

- Ein Beitrag aus dem Yoga Vidya Journal Nr. 41, II/2020 von Shambavi Mareike Hansen -
„Wenn du beginnst, dein Herz zu berühren oder es berühren zu lassen, dann beginnst du zu entdecken, dass es bodenlos ist, dass es keine Grenzen hat, dass dieses Herz riesig, unendlich und grenzenlos ist. Du beginnst zu entdecken, wie viel Wärme, Freundlichkeit und Platz es dort gibt.“ (Pema Chödrön)
Selbstmitgefühl ist die Fähigkeit, mit sich selbst liebevoll umzugehen
Ein kleines Mädchen fragte mich: „Was arbeitest du?“ „Ich helfe Menschen dabei, sich wieder lieb zu haben“, war meine Antwort. Seit knapp 20 Jahren begleite ich Menschen auf dem Weg der Selbstwerdung und der Heilung. Das Vermitteln der Fähigkeit, mit sich selbst liebevoll, einfühlsam und nachsichtig umzugehen, ist für viele Menschen der erste Schritt, eine stabile Basis, auf die viele andere Wachstumsschritte aufbauen können.
Menschliche Wesen sind mit der Fähigkeit zu lieben geboren, dem göttlichen Funken in uns, der erweckt werden möchte. Erst, wenn ich gelernt habe, mich selbst zu lieben, kann ich ein Licht für andere sein, bin fähig, bedingungslos zu lieben. Im Lauf der Zeit kann ich diese bedingungslose Liebe auf alle Wesen übertragen. Selbstmitgefühl hat nichts mit Egoismus zu tun. Es geht um Wachstum und Selbstwerdung. Letztlich wird das „Ich“ sogar zur Nebensache, denn wo Liebe ist, da gibt es kein „Ich“. „Wende dich niemals von der Liebe ab, nicht einmal von der Liebe in Menschenform, denn die Liebe allein wird dich von dir selbst befreien.“ (Sufi-Heiliger Jami)
Selbstmitgefühl bedeutet, tatkräftig Verantwortung für die eigene Entwicklung zu übernehmen, mit dem Ziel, die Person zu werden, die wir wirklich sind. Du kannst dich jetzt entscheiden, dorthin zu wachsen. Für die Etablierung dieser Haltung bedarf es einige Wochen täglicher Praxis.
Mit Selbstmitgefühl fühle ich mich verbunden
Selbstmitgefühl, ich mag dieses Gefühl, wenn mein Herz, mein ganzes Wesen, wie von einem warmen Mantel umhüllt ist und ich mich verbunden fühle mit allen Wesen.
Dieses Gefühl kann ich in mir selbst aufbauen: Ich stelle mir vor, mein geistiger Lehrer oder der liebste Mensch der Welt sitzt mir gegenüber und blickt mich mit Augen voller bedingungsloser Liebe an. Während er mich so anschaut, versuche ich das Gefühl im Herzen zu spüren und zu halten, mein Herz badet in diesem Gefühl.
Meine tägliche Übungspraxis, die Basis für einen guten Tag, ist die Wunschmeditation der liebenden Güte: „Möge ich stets von liebender Güte umhüllt sein, möge ich mich in Körper und Geist wohlfühlen, möge ich von äußeren und inneren Gefahren geschützt sein, möge ich zufrieden und glücklich sein.“ Diese Meditation verbinde ich mit dem Mantra „Om mani padme hum“. Das bedeutet, „Das Göttliche wohnt im Zentrum meines geöffneten Herzens“. Es ist das Mantra des Buddhas des Mitgefühls, Avalokiteshvara .
Mich und andere besingen ist mein kraftvollstes und heilsames Geschenk. Der Klang verändert die eigene Chemie und wirkt auf den Emotionalkörper. Der Körper schüttet das „Liebeshormon“ Oxytocin aus.
Etabliert sich Selbstmitgefühl, wird deine Grundhaltung positiv sein, du bewältigst Krisen besser und spürst deutlich mehr Lebensfreude.
Alle Gefühle zuzulassen ist auf dem Weg der Heilung wichtig
Auf dem Weg der Heilung ist es wichtig, alle Gefühle zuzulassen, mit dem Wissen, dass es keine schlechten Gefühle gibt. Sie sind alle unsere Lehrer und begleiten uns eine Zeit lang.
Schmerzvolle biografische Erfahrungen führen dazu, dass wir Schutzwälle (Blockaden) in unserem Körper aufbauen. Ähnlich wie im Märchen vom eisernen Heinrich. Liebe und andere Gefühle können nicht mehr frei fließen, wir schneiden uns regelrecht vom Lebensfluss ab.
Es ist nicht möglich, unerwünschte Gefühle dauerhaft zu unterdrücken, sie brauchen Raum und unsere Fürsorge. Das Leid, die Depression, die Trauer: „Bewirte sie wie Gäste in einem Gasthaus und frage sie, was sie brauchen“, würde der Dichtermystiker Rumi dazu sagen. Ich rege an, mit den Gefühlen ins Zwiegespräch zu gehen. Selbstmitgefühl schließt Selbstannahme ein, die radikale Akzeptanz unseres Seins, mit allen vermeintlichen Schwächen und den Aufbau von Fehlertoleranz. Denn wenn Liebe auf Leid trifft, entsteht Mitgefühl.
Oft ist es so, dass wir in den Angriff oder den Rückzug gehen, wenn wir verletzt worden sind. Selbstmitgefühl erfordert eine neue, tatkräftige Haltung. Ich bin Tröster und zu Tröstende zugleich: Selbstmitgefühl bedeutet, liebevoll mit sich selbst zu sprechen, so wie ein guter Freund das tun würde.
Sich selbst umarmen, wenn es besonders schlimm ist. Mir hilft das folgende Mantra: „Dies ist ein Moment des Leidens. Leiden gehört zum Leben. Möge ich in diesem Moment liebevoll zu mir sein. Möge ich mir selbst das Mitgefühl schenken, das ich brauche.“
„Wenn du gut mit Leid umgehen kannst, hast Du es leichter im Leben“, hat mich mein Lehrer gelehrt.
Die Gedanken bestimmen das Sein und sind die mächtigste Kraft im Universum
In Leistungsgesellschaften ist die Stimme des inneren Kritikers oder des Perfektionisten weit verbreitet:
„Ich bin nicht liebenswert, nicht gut genug“, sind klassische Sätze des inneren Kritikers. Sie lösen negative Gefühle aus. Das Umformulieren derartiger „Giftsätze“ ist der Ausweg aus der Spirale: Jeden Giftsatz streiche ich gedanklich mit einem schwarzen Stift durch. Einen neuen, wertschätzenden Satz halte ich schriftlich fest. So wird meine „Festplatte“ neu „programmiert“.
Wenn die kritische Stimme ruhig ist, kommst du in Kontakt mit deiner Einzigartigkeit, deinen vielen Fähigkeiten und Potentialen, Beziehungen zu anderen Menschen werden intensiver.
Konkurrenzdenken ist heute weit verbreitet. An dieser Stelle kannst du entscheiden, was dir wichtiger ist, Perfektionismus oder Menschlichkeit? Viele Menschen, die ich beim Wachstum begleitete, haben folgendes Mantra erhalten: „Ich bin richtig, ich bin wichtig und ich bin es wert geliebt zu werden.“ Nach drei Monaten Übung wurde dieser Satz für viele Wirklichkeit.
Du kannst dich jetzt entscheiden, bedingungslos zu lieben. Dein Geschenk für diese Welt.
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Sukadev Bretz zum Thema Selbstmitgefühl
Selbstmitgefühl ist im Yoga nicht bloß ein psychologisches Konzept, sondern eine tiefe spirituelle Praxis. Frage dich: Wann hast du das letzte Mal wirklich freundlich mit dir selbst gesprochen? Nicht nach einem Erfolg, nicht dann, wenn alles gut lief, sondern gerade dann, wenn du einen Fehler gemacht hast, wenn du müde warst, wenn du dich schwach gefühlt hast, wenn du viel gegeben hast und dennoch dachtest: „Es reicht nicht.“ Viele Menschen segnen andere, ermutigen andere, beten für andere und wiederholen: Lokah Samastah Sukhino Bhavantu – mögen alle Wesen glücklich sein. Aber manchmal vergisst du ein Wesen: dich selbst. Yoga erinnert dich: Auch du bist in diesem Gebet eingeschlossen. Möge auch ich Frieden erfahren. Möge auch ich geführt werden. Möge auch ich von göttlicher Gnade getragen werden. Möge auch ich ein Instrument der Liebe werden. Selbstmitgefühl heißt daher nicht Selbstmitleid, nicht Bequemlichkeit und auch nicht Egoismus. Selbstmitgefühl heißt: Ich höre auf, gegen meine eigene Menschlichkeit Krieg zu führen. Ich erkenne: Auch ich bin ein Geschöpf Gottes. Auch in meinem Herzen wohnt das Göttliche. Auch durch mich will göttliche Kraft wirken.
Im Yoga ist das erste große Prinzip Ahimsa, Nichtverletzen. Meist verstehst du Ahimsa so, dass du anderen nicht schaden sollst. Aber Ahimsa gilt auch nach innen. Wie sprichst du mit dir selbst? Ist deine innere Stimme freundlich, klar, ermutigend? Oder ist sie hart, ungeduldig, verurteilend? Wenn du mit dir selbst härter sprichst, als du jemals mit einem guten Freund sprechen würdest, dann ist Ahimsa noch nicht vollständig. Selbstmitgefühl ist Ahimsa dir selbst gegenüber. Wenn du einen Fehler gemacht hast, musst du nicht sagen: „Ich bin ein Versager.“ Du kannst sagen: „Diese Handlung war nicht richtig. Ich will lernen. Ich will mich reinigen. Ich will neu beginnen.“ Yoga unterscheidet zwischen Handlung und Wesen. Handlungen können falsch sein, Gewohnheiten können transformiert werden, Karma kann gereinigt werden, aber dein tiefstes Wesen bleibt göttlich. In der Vedanta-Tradition heißt es: Deine wahre Natur ist Sat-Chid-Ananda – Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Tief in dir bist du nicht zerbrochen. Du bist nicht nur deine Fehler, nicht nur deine Wunden, nicht nur deine Ängste. Tief in dir bist du Atman, das unsterbliche Selbst, rein, leuchtend, unberührt. Und doch bist du auf der relativen Ebene Mensch: Der Körper wird müde, der Geist wird unruhig, das Herz kann schwer werden. Du willst Gutes tun und machst trotzdem Fehler. Du willst lieben und reagierst manchmal aus Angst. Du willst dienen und fühlst dich manchmal leer. Yoga lehrt dich, beides zu sehen: die ewige Wahrheit des Selbst und die menschliche Wahrheit dieses Augenblicks.
Gerade deshalb ist Selbstmitgefühl ein Weg zur göttlichen Kraft. Glaube nicht, dass Gott nur durch deine Stärke wirken kann. Gott kann auch durch deine Fehler wirken. Manchmal wird das, was wie Scheitern aussieht, zu Demut. Was wie Schwäche aussieht, wird zu Hingabe. Was wie ein Umweg aussieht, wird Teil des göttlichen Weges. Was wie eine Wunde aussieht, wird zu einer Öffnung, durch die Mitgefühl fließen kann. Das Göttliche kann auch durch deine Grenzen wirken, durch deine Unvollkommenheit, durch dein suchendes, ringendes, noch nicht fertiges Menschsein. Du bist nicht zufällig hier. Du bist die richtige Person, am richtigen Ort, in diesem Moment. Vielleicht verstehst du noch nicht warum. Vielleicht fühlst du dich noch nicht bereit. Vielleicht siehst du deine Begrenzungen deutlicher als deine Möglichkeiten. Und doch: Dieser Moment ist dir gegeben. Dieser Atem ist dir gegeben. Dieser Körper, dieser Geist, dieses Herz, dieses Leben – all das ist dein Feld des Yoga. Darum sei mutig. Nicht, weil dein Ego stark ist, sondern weil das Göttliche stark ist. Nicht, weil du alles kontrollierst, sondern weil du ein Instrument werden kannst. Nicht, weil du vollkommen bist, sondern weil göttliche Kraft durch dich fließen kann. In jedem Moment ist das Göttliche bereit, dich zu erfüllen. In jedem Moment ist das Göttliche bereit, dich zu durchströmen. In jedem Moment kannst du dich mit spiritueller Kraft aufladen. Du musst nicht warten, bis alle Zweifel verschwunden sind. Du musst nicht warten, bis alle Wunden geheilt sind. Du musst nicht warten, bis du perfekt bist. Jetzt, in diesem Moment, kannst du dich öffnen.
Vielleicht bist du heute müde. Vielleicht hast du viel gegeben. Vielleicht hast du versucht, stark zu sein für andere. Vielleicht hast du gelächelt, während du innerlich Schmerz getragen hast. Vielleicht hast du für andere gebetet und vergessen, selbst in Gott zu ruhen. Yoga sagt: Du bist nicht allein. Das Göttliche ist nicht fern. Das Göttliche ist in deinem eigenen Herzen. In deinem Herzen ist der Wohnsitz des Göttlichen – nicht nur in Tempeln, nicht nur an heiligen Orten, nicht nur in heiligen Schriften, sondern auch hier, in der Höhle deines eigenen Herzens. Wenn du dich unwürdig fühlst, geh zum Herzen. Wenn du Angst hast, geh zum Herzen. Wenn du dich allein fühlst, geh zum Herzen. Das Göttliche ist näher als deine Gedanken, näher als dein Atem, näher als dein Herzschlag. Selbstmitgefühl heißt: Ich kehre immer wieder zum Herzen zurück. Und Yoga sagt noch etwas sehr Kraftvolles: In dir schläft Kundalini Shakti, die göttliche spirituelle Energie. Vielleicht ist sie verborgen, vielleicht bedeckt von Tamas, von Angst, von alten Eindrücken, von Vergessen. Aber sie ist da. Du bist nicht leer, nicht machtlos, nicht spirituell arm. In dir ist Shakti, in dir ist Licht, in dir ist Mut, in dir ist die Kraft zu lieben, zu dienen, aufzustehen und zu erwachen. Härte verschließt das Herz, Angst zieht das Prana zusammen, Selbstverurteilung macht den Geist schwer. Aber Hingabe öffnet, Vertrauen öffnet, Gebet öffnet, Mantra öffnet, Sadhana öffnet.
Übe deshalb ganz praktisch: Atme ein und spüre, dass göttliches Licht in dich hineinströmt. Atme aus und bringe alles Gott dar. Einatmen: Göttliche Kraft erfüllt mich. Ausatmen: Ich lasse los. Einatmen: Ich werde geführt. Ausatmen: Ich vertraue. Das ist nicht nur Vorstellung, das ist Yogapraxis. Prana folgt der Aufmerksamkeit. Der Geist wird von dem geprägt, worauf er sich richtet. Wenn du ständig Angst betrachtest, wächst Angst. Wenn du das Göttliche betrachtest, erwacht göttliche Kraft. Patanjali lehrt Pratipaksha Bhavana: Wenn Gedanken kommen, die dich nach unten ziehen, kultiviere den entgegengesetzten Gedanken. Wenn der Gedanke kommt: „Ich bin nicht gut genug“, antworte: „Das göttliche Licht ist in mir.“ Wenn der Gedanke kommt: „Ich habe versagt“, antworte: „Auch dadurch kann Gott mich führen.“ Wenn der Gedanke kommt: „Ich bin allein“, antworte: „Das Göttliche ist mit mir, in mir, um mich herum und wirkt durch mich.“ In der Bhagavad Gita heißt es: uddhared ātmanātmānaṃ – erhebe dich durch dich selbst, ziehe dich nicht hinunter, werde dein eigener Freund. Dein eigener Freund zu werden heißt nicht, alles zu entschuldigen. Es heißt: Ich stelle mich auf die Seite meines höchsten Selbst. Ich unterstütze meine Schwächen nicht, aber ich hasse mich nicht dafür. Ich leugne meine Fehler nicht, aber ich identifiziere mich nicht mit ihnen. Ich übernehme Verantwortung und bleibe offen für Gnade. Das ist wahres Selbstmitgefühl: Liebe verbunden mit Mut, Demut verbunden mit Vertrauen, Hingabe verbunden mit Energie.
So kannst du Selbstmitgefühl als spirituelle Praxis leben. Manchmal bedeutet Selbstmitgefühl Ruhe, manchmal Disziplin, manchmal Schweigen, manchmal mutiges Handeln, manchmal Vergebung, manchmal aufstehen und tun, was getan werden muss. Durch Jnana Yoga erinnerst du dich: Ich bin nicht der begrenzte Geist, ich bin das unsterbliche Selbst. Durch Raja Yoga machst du den Geist ruhig, klar und sattwig. Durch Bhakti Yoga öffnest du dich für Liebe, Gnade und göttliche Gegenwart. Durch Karma Yoga bringst du deine Handlungen dem Wohl aller Wesen dar. Durch Hatha Yoga harmonisierst du Körper, Prana und Geist und erweckst die göttliche Shakti in dir. Und durch all diese Wege lernst du: Ich kann freundlich mit mir sein und trotzdem wachsen. Ich kann diesen Moment annehmen und mich trotzdem transformieren. Ich kann mir vergeben und trotzdem Verantwortung übernehmen. Ich kann meine Grenzen sehen und trotzdem mutig sein. Ich kann Mensch sein und trotzdem ein Instrument des Göttlichen werden. Vielleicht kannst du heute, nur für einen Moment, aufhören, gegen dich selbst zu kämpfen. Du musst nicht perfekt sein, um geliebt zu sein. Du musst nicht fertig sein, um wertvoll zu sein. Du musst deine Wunden nicht verstecken, um spirituell zu sein. Yoga sagt: Beginne dort, wo du bist – mit diesem Atem, mit diesem Körper, mit diesem Geist, mit diesem Herzen. Dieser Moment genügt, um neu zu beginnen. Wiederhole innerlich: Ich bin ein Kind des Göttlichen. In meinem Herzen wohnt das Göttliche. Göttliche Shakti ist in mir. Licht ist in mir. Liebe ist in mir. Kraft ist in mir. Auch durch meine Fehler kann Gott mich führen. Ich bin die richtige Person, am richtigen Ort, in diesem Moment. Ich öffne mich für göttliche Kraft. Ich bringe mich dar zum Wohl aller Wesen.
Siehe auch
- Selbstmitleid
- Selbstverantwortung
- Resilienz
- Entspannung
- Stress
- Yogatherapie
- Psychologische Yogatherapie
Literatur
- Sukadev Bretz: Meditieren lernen in 10 Wochen - Übungsbuch mit MP3-CD
- Sukadev Bretz: Die Yoga Weisheit des Patanjali für Menschen von heute
- Sukadev Bretz, Ulrike Schöber: Der Pfad zur Gelassenheit
- Kristin Neff: Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden
Seminare
Yogalehrer Ausbildung
- 17.07.2026 - 26.07.2026 Yogalehrer Ausbildung Intensivkurs Woche 4
Du möchtest auch Fortgeschrittene in Yoga unterrichten? In Woche 4 der Yogalehrer Ausbildung kannst du als angehender Yogalehrer auch lernen, wie man M…- Maheshwara Mario Illgen, Narayan Zgraggen, Ravi Ott
- 19.07.2026 - 31.07.2026 Yogalehrer Ausbildung Intensivkurs Woche 1+2
Ein Teil der Ausbildung zum Yogalehrer. Lerne, wie du Kurse in Hatha Yoga etc. geben kannst. Woche 1 und 2 der 4-wöchigen Yogalehrer Ausbildung. Hier k…- Dana Oerding, Igor Ewseew