Erwachen

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Das Erwachen bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch die Phase, die die Phase des Schlafs beendet. Das Wort Buddha leitet sich vom Sanscrit budh, 'zum Bewusstsein gelangen', 'erwachen', ab, und bezeichnet im Buddhismus ein Wesen, das die Erleuchtung (bodhi) und insbesondere deren höchsten Grad (Samyaksambodhi) erreicht hat.

Ein schöner Tag

Swami Venkateshananda: Erwache!

Was sind die heiligen Schriften oder Texte? Wo liegt ihr Ursprung und für wen sind sie bestimmt? Diese Frage erscheint banal, aber sie ist sehr interessant, denn die Schriften begleiten uns seit Tausenden von Jahren, doch unser Leben ist unverändert, als ob es die Wahrheit gar nicht gäbe, als ob es nichts gäbe, woran wir uns halten könnten. Was geschieht mit den Schriften? Gewöhnlich schmücken sie unsere Bibliotheken, und kaum jemand wirft je einen Blick hinein.

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass, wenn man jemanden bittet, aus der Bibel oder einem anderen Text zu lesen, er immer zu seinem Lieblingsabschnitt blättert und diesen vorträgt. Dieses Verhalten erinnert an das Tragen von Scheuklappen. Wir sehen nicht die ganze Wahrheit, daher haben die Schriften offenbar keinen sonderlich großen Einfluss auf uns.

Wir hören die Wahrheit so häufig, doch selbst dann, wenn sie von einem Weisen, einem Heiligen, einem Yogi oder einem Buddha verkündet wird, haben wir für diese Wahrheit nicht mehr als ein zustimmendes Nicken. Die folgende Erfahrung habe ich in Indien gemacht: Jemand hörte eine Rede und sagte bewundernd: “Oh, das war großartig, sehr inspirierend!” Es soll aber nicht inspirierend sein, es soll aufrütteln! Ich habe witzige Bemerkungen nach einer Rede gehört, mit der ein Yogi z.B. das Übel des Reichtums erläutert hatte, und der Großteil der Zuhörer waren wohlhabende Leute. Die Rede hat sie überhaupt nicht berührt!

Wie kann es sein, dass trotz dieser großartigen Weisen und ihrer Lehren keine Veränderung in unserem Leben stattgefunden hat? Wir sind immer noch auf dem gleichen Karussell gefangen. Der Grund dafür könnte sein, dass wir eine wesentliche Voraussetzung noch nicht erfüllt haben: Unser inneres Erwachen steht noch aus. Äußerlich scheinen wir ständig wach zu sein, in unserem Inneren jedoch schlafen wir fest. Wir kaufen uns dicke Bücher über verschiedene Schriften und benutzen sie als Kopfkissen in der Hoffnung, die Botschaft möge irgendwie aus dem Bettzeug in unsere Köpfe gelangen. Doch das wird nicht geschehen. Und wenn wir zu Vorträgen großer Menschen gehen, dann dringt der Sinn ihrer Worte nicht zu uns durch und oft schlafen wir auch physisch ein!

Was ist die erste und wichtigste Bedingung oder Qualifizierung dafür, ein wirklicher Anhänger, ein wirklicher Schüler zu sein, oder auch dafür, sich eine Schrift ernsthaft vorzunehmen? Eine sehr schöne Definition finden wir in der wundervollen Schrift mit dem Namen Yoga Vasishtha. Die wesentliche Voraussetzung ist ein klares Verständnis und die Erkenntnis: „Ich bin gefangen, und ich möchte aus meinem Gefängnis befreit werden.“ Wenn diese Erkenntnis nicht gegeben ist, dann haben Schriften und Lektüre keinerlei Wirkung auf uns. Wenn du den Gedanken hegst: „Ich bin gefangen, aber ich denke, ich kann einen Ausweg finden“, dann wird ebenfalls kein Erwachen stattfinden. „Ich bin gefangen“ bedeutet „Ich bin auf jeden Fall gefangen, ohne Erlösung, ohne Fluchtmöglichkeit.“

Wenden wir uns beispielsweise dem Problem der Einsamkeit und Langeweile zu. Was tun wir, um Langeweile und Einsamkeit zu überwinden? Wir versuchen, uns in etwas zu flüchten, das uns unsere Einsamkeit nur bestätigt. Wir suchen uns einen Freund (zu dem wir keine Bindung aufbauen können) und beginnen eine Beziehung. Nun haben wir gemeinsam Langeweile und sind zusammen einsam. Oder wir stellen den Kassettenrecorder oder Plattenspieler an, aber das nimmt uns nicht die Langeweile. Wir verstecken unsere Langeweile, unsere Einsamkeit, und versuchen, ihr zu entfliehen. Doch so gelangen wir nur in eine tiefere, gefährlichere, tödliche Falle. Wenn einem das nicht klar ist, kann kein inneres Erwachen stattfinden.

Können wir sehen, dass wir in der Falle sind, was auch immer wir tun? Alles, was unser Geist erschafft, ist eine Falle. Wenn das innere Erwachen kommt, dann werden wir von den Schriften und von unserer Lektüre profitieren - wenn wir nicht völlig beschränkt sind und nicht erleuchtet. Das sind die Voraussetzungen. Sehr beschränkte Menschen haben keine Probleme und erleuchtete ebenfalls nicht. Wir zwei, du und ich, sind die, die irgendwo dazwischen liegen und von Problemen heimgesucht werden.

Völlige Beschränktheit kann unterschiedliche Formen annehmen, doch eine typische Eigenschaft ist die Fähigkeit, wie ein intelligenter Mensch zu funktionieren. Diese Menschen scheuen davor zurück, die richtigen Fragen zu stellen und können alle falschen beantworten. Sie sind Philosophen, die einen intelligenten Eindruck erwecken können, ohne intelligent zu sein. Doch was sind die richtigen Fragen? Das ist der entscheidende Punkt. „Wohin ich auch schaue und wie immer ich es wende, ich bin gefangen. Von Tagesanbruch bis in die Nacht strebe ich nach Glück und finde nur Unglück.“ Die bloße Tatsache, dass wir nach Glück suchen, zeigt, dass wir unglücklich sind. Stelle dich dieser Tatsache. Was auch immer wir tun, um unser Glück zu fördern, zerstört es doch nur.

Und doch fahren auch intelligente Menschen mit ihrer Suche fort. Sie wünschen sich Frieden des Geistes und kämpfen dafür. Dieser Kampf lässt jedoch den Geist zerbrechen. Dann erhaschen sie ein kleines Stück und denken, sie seien im Frieden! Das ist der ganze Witz. Ist das intelligent? Warum spielen wir dieses Spiel weiter, obwohl wir doch die Abfolge unglücklicher Ereignisse begriffen haben?

Wenn feststeht, dass es unmöglich ist, Frieden und Glück zu erlangen, gib auf. Ist das möglich? Nein. Immer noch regt sich etwas in unserem Inneren: „Ich bin gefangen, es muss möglich sein, da raus zu kommen, ich will da raus!“ Wenn dieser doppelte Sog da ist, und du nicht völlig beschränkt oder erleuchtet bist, dann kannst du beim Studium der Schriften im Verständnis weiter vordringen. Und wenn die Schrift einmal für dich nicht aussagekräftig ist, kannst du sie dir von einem Lehrer erläutern lassen.

In der Katha Upanishad findest du einen sehr schönen Ausdruck: uttishthata jagrata – Erwache! Niemand anders kann dies für dich tun. Du kannst der Schüler von Gott dem Allmächtigen selbst sein, aber nicht einmal er kann dir das Erwachen abnehmen. Wenn du Hunger hast, musst du selbst essen. Der Guru wird nicht für dich essen. Er wird dir Anweisungen geben, doch sie umzusetzen ist dein Problem. Und erst wenn du erkennst, dass es dein Problem ist, erwachst du, dann kannst du dich wachen Sinnes mit dem Problem befassen.

Daher ist für einen Yoga-Praktizierenden die Erkenntnis immens wichtig, dass niemand verantwortlich ist für den Zustand, in dem er sich befindet. Niemand kann das spirituelle Erwachen in dir hervorrufen. Zwar kann dir jemand helfen, jeder kann dir helfen, doch tun musst du es selbst. Das Leben selbst bringt das spirituelle Erwachen mit sich, doch selbst für das durch unser Leben herbeigeführte Erwachen sind ein gewisses Maß an Gnade und eine gewisse innere Wachsamkeit notwendig.

Aufzuwachen ist einfach, aber wach zu bleiben ist schwer. Diejenigen unter euch, die schon einmal versucht haben, am frühen Morgen aufzustehen, um zu meditieren, werden dies nachvollziehen können. Du stellst dir den Wecker, er klingelt und Du wirst wach. Doch danach auch wach zu bleiben ist gar nicht so einfach. Der Geist schläft viel zu gern. Warum? Weil der Geist sich auf Unwissenheit gründet, liebt er den Schlaf und eine dicke psychologische Decke.

Deshalb wach auf! Es ist dein Problem und du bist verantwortlich, nicht dein Lehrer. Von nun an, sei immer wachsam. Wann immer ich den Begriff ‘wachsam’ verwende, werde ich an Buddhas berühmte Lehren erinnert. In manchen Texten steht, dass Buddha während einer seiner letzten Reden zu seinen Schülern sagte: „Lebt in dieser Welt so, als ob ihr in einem Raum lebtet, vor dessen Tür eine lebende Kobra liegt.“ Kannst du dir das vorstellen? Wenn du dich in einem einzigen kleinen Raum mit nur einer Tür und ohne Fenster befändest, ohne Fluchtmöglichkeit, und du fändest mitten in der Nacht eine Kobra vor deiner Tür – was würdest du tun? Würdest du schlafen? Würdest du auch nur einnicken? Wie wachsam wärest du dann! Solch eine Wachsamkeit sollte auch der Suchende an den Tag legen!

Wir können diese Wachsamkeit entwickeln, wenn wir verstehen, dass wir gefangen sind, und dass wir, was auch immer wir tun, um uns daraus zu befreien, in eine noch größere Falle gehen. Da unser Geist auf Unwissenheit beruht und nicht über sie hinauskommt, kann er nur Ruhelosigkeit erzeugen und unseren Frieden stören. Dann und wann kann er ein Glücksgefühl hervorbringen, doch das ist nur ein Zustand der Verwirrung. (Wenn du jemals 15 Sekunden lang wirkliches Glück verspürt hast, warum hast du es dann aufgegeben? Weil es überhaupt kein Glück war!) Wenn alles, was wir tun, scheiterte, würden wir gar nichts mehr tun. Auf diese Weise führt uns unser Geist von einem Unglück zum nächsten und vermittelt uns manchmal ein Gefühl der Freude. Das ist das Spiel, das der Geist mit uns spielt. Wenn du das zu verstehen beginnst, dann stellt sich Wachsamkeit ein.

Wenn du wach und aufmerksam bist, kannst du dann die Wahrheit des Lebens nicht erkennen? Durch was kann man die Wahrheit entdecken? Gedanken und Geist können nicht die Wahrheit entdecken, weil sie auf Unwissenheit beruhen. Was haben wir sonst noch? Hier ist der Fragende auch schon am Ende angelangt. Wir können uns hinsetzen und nachdenken, aber wir haben bereits festgestellt, dass Denken uns nicht weiter bringt. Wir sind wach, wir sind wachsam, aber nun wissen wir nicht, was wir noch tun können. Wohin können wir uns von hier aus wenden? Wir können zu einer erleuchteten Person gehen und erleuchtet werden. Es ist unsere Aufgabe, zu erwachen, unser Privileg. Erleuchtung ist mit der Hilfe eines Meisters möglich. (Andernfalls besteht die Gefahr, dass wir denken, wir seien erleuchtet, weil unser Geist uns dies vorgaukelt – noch eine Falle.) Das Gebot der Upanishaden ist also: „Uttishthata jagrata - Erwache, bleibe aufmerksam. Gehe zu den Erleuchteten und erlange die Erleuchtung.“

Es gibt eine kleine Geschichte ganz am Anfang der Yoga Vasishtha, die dies erläutert:

Vyasa, ein großer Weiser, hatte einen Sohn namens Suka. Von ihm heißt es, er sei im Moment seiner Geburt zu einem 16jährigen Jungen herangewachsen und fortgegangen. Der alte Weise Vyasa hatte den Jungen sehr gern und lief rufend hinter ihm her. Suka, der als Weiser geborene, antwortete seinem Vater nicht einmal. Der Junge ging seines Weges und die Bäume antworteten auf die Rufe seines Vaters.

Wie kam es dazu? Der Grund ist, dass der Junge sich mit dem gesamten Universum identifiziert hatte.

Dieser als Weise geborene wurde von seinem Vater, dem Weisen, in Atma Jnana (Selbsterkenntnis) unterwiesen. Der Junge hatte allein schon die heiligen Schriften studiert und während sein Vater ihm Verschiedenes erläuterte, dachte er: „Ich weiß das bereits.“ Daher sagte er zu seinem Vater: „Vater, worin besteht die Wahrheit unserer Existenz? Was ist die Wahrheit unseres Lebens? Ich fühle die kosmische Einheit und zugleich sind wir so viele.“ Der Vater sagte: „Ja, das scheint mir richtig und so steht es auch in den Schriften. Offenbar weist dein Verständnis in die gleiche Richtung.“

Es gibt einen Grundsatz, der besagt, dass man seinen Ehemann, seine Frau oder seine Kinder nicht erziehen kann - sie werden nicht zuhören. Dem alten Mann war dieses Problem bewusst und er sagte:“ Mein Sohn, dies ist alles, was ich weiß, aber das Wissen ist grenzenlos. Es wäre besser, wenn du ein erleuchtetes Wesen, einen erleuchteten Weisen, um Bestätigung deiner Erkenntnis bittest. Nur dann kann dieser kleine Schatten des Zweifels, der in deinem Geist aufgetaucht ist und um dessentwillen du mit deiner Frage zu mir gekommen bist, vollständig zerstreut werden. Wenn du höchste Erleuchtung erlangen willst, würde ich dir empfehlen, dich an den erleuchteten Herrscher Janaka zu wenden. Er wird dich weiter lehren und dir helfen, deine Erkenntnis zu bestätigen.“

Der Junge ging zum Palast Janakas, stand vor den Toren und ließ durch einen Boten ausrichten, dass Suka, der Sohn des Vyasa, den Segen des Herrschers erbitte. Janaka hörte dies, schickte jedoch weder Antwort noch Willkommensgruß. Vielmehr befahl er seinen Müllsammlern, allen Abfall über dem Kopf des Jungen auszukippen und ihn jeder Art von Demütigung zu unterziehen. Der Junge stand unbeweglich da. „Ich bin gekommen, weil ich von diesem Herrscher, der auch ein Weiser ist, lernen möchte, und das ist alles. Nichts anderes interessiert mich.“

Das nennt man Konzentration, Hingabe, Glaube, Begeisterung.

Eine Woche verging und der Herrscher ließ den Jungen in den Palast bringen. Man führte Tänze auf, Dramen, Musik und vieles mehr und badete ihn in Wasser, das mit duftenden Essenzen versetzt war. Doch wieder zeigte der Junge keine Regung. „Ich bin gekommen, um den Herrscher zu sehen und um atma jnana zu erlangen.“

Das nennt man Erwachen. Warum ist dieses Erwachen so wichtig? Weil es uns zeigt, dass alles, was der Geist erzeugt, zur Knechtschaft führt, ganz gleich, ob diese Knechtschaft Gutes oder Schlechtes bedeutet.

Schließlich, nach Ablauf der zweiten Woche, wurde Suka zum Herrscher geführt und der Herrscher sagte:“ Du strahlst wie ein erleuchtetes Wesen, das bereits das Wissen erlangt hat. Was soll ich dir sagen?“ Der junge Mann erwiderte: „Herr, mein Vater hat mir dies und jenes gesagt, und so habe ich gedacht, und dies stand in den Schriften…“ Der Herrscher antwortete: „Das ist korrekt! Ich sage genau das Gleiche. Und nun geh!“

Nach Sukas zweiwöchiger Qual bestätigte so der Erleuchtete das, was Suka selbst erkannt und was er von seinem Vater und aus den Schriften gelernt hatte. Was ein Erleuchteter sagt ist nicht das Produkt seines Denkens, und daher ist es akzeptabel. Das ist der Prozess der Erleuchtung, und wenn wir diese Methode anwenden, könnte unser Streben durchaus Früchte tragen.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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