Kshurika Upanishad: Unterschied zwischen den Versionen

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Das Ziel ist [[Amritatva]], die Erkenntnis der Unsterblichkeit des [[Atman]], und die Freiheit von Wiedergeburt. Für heutige Yogaübende erinnert die Kshurika Upanishad daran, dass geistige Schärfe mit Stille, Atembewusstsein und Nichtanhaftung verbunden sein muss. Intensive Atemhaltepraktiken sollten nur schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden; die feinstoffliche Sprache des Textes ist eine meditative Landkarte und keine Anleitung zu körperlichen Eingriffen.
Das Ziel ist [[Amritatva]], die Erkenntnis der Unsterblichkeit des [[Atman]], und die Freiheit von Wiedergeburt. Für heutige Yogaübende erinnert die Kshurika Upanishad daran, dass geistige Schärfe mit Stille, Atembewusstsein und Nichtanhaftung verbunden sein muss. Intensive Atemhaltepraktiken sollten nur schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden; die feinstoffliche Sprache des Textes ist eine meditative Landkarte und keine Anleitung zu körperlichen Eingriffen.
== Kshurika Upanishad – Sanskrit Text, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung ==
Die Sanskrit-Padas werden vollständig wiedergegeben. Die Wort-für-Wort-Erklärungen gliedern eng verbundene Komposita und Sandhi-Verbindungen in verständliche Sinneinheiten. Das im Text beschriebene „Durchtrennen“ von Marmas und Nadis ist eine meditative Metapher für das Lösen innerer Bindungen und keine Anweisung zu einem körperlichen Eingriff.
=== Eröffnungsvers ===
kaivalyanāḍīkāntasthaparābhūminivāsinam |<br>
kṣurikopaniṣadyogabhāsuraṃ rāmamāśraye ||<br>
'''Übersetzung'''
Ich nehme Zuflucht zu [[Rama]], der auf der höchsten Ebene am Ende der Nadi des [[Kaivalya]] verweilt und durch den Yoga der Kshurika Upanishad erstrahlt.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''kaivalya-nāḍī-kānta-stha'' – am Ende beziehungsweise höchsten Punkt der Nadi des Kaivalya befindlich; ''parā-bhūmi-nivāsinam'' – auf der höchsten Ebene wohnend; ''kṣurikā-upaniṣad-yoga-bhāsuram'' – durch den Yoga der Kshurika Upanishad erstrahlend; ''rāmam āśraye'' – zu Rama nehme ich Zuflucht.
=== Shanti Mantra ===
oṃ sahanāvavatu || saha nau bhunaktu || saha vīryaṃ karavāvahai ||<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai ||<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
'''Übersetzung'''
Om. Möge er uns beide beschützen. Möge er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht feindselig begegnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''oṃ'' – Om; ''saha nau avatu'' – möge er uns beide beschützen; ''saha nau bhunaktu'' – möge er uns beide nähren; ''saha vīryaṃ karavāvahai'' – mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten; ''tejasvinau adhītam astu'' – möge das von uns Studierte lichtvoll sein; ''mā vidviṣāvahai'' – mögen wir einander nicht hassen; ''śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ'' – Frieden, Frieden, Frieden.
=== Die 24 nummerierten Verse ===
'''1.'''<br>
oṃ kṣurikāṃ sampravakṣyāmi dhāraṇāṃ yogasiddhaye |<br>
yaṃ prāpya na punarjanma yogayuktasya jāyate || 1 ||<br>
'''Übersetzung'''
Om. Ich werde nun die als Rasiermesser bezeichnete [[Dharana]] zur Vollendung des [[Yoga]] darlegen. Wer sie verwirklicht und im Yoga fest gegründet ist, wird nicht wiedergeboren.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''oṃ'' – Om; ''kṣurikāṃ sampravakṣyāmi'' – ich werde die Kshurika vollständig darlegen; ''dhāraṇām'' – die Konzentration; ''yoga-siddhaye'' – zur Vollendung des Yoga; ''yaṃ prāpya'' – nachdem man sie erlangt hat; ''na punarjanma'' – keine Wiedergeburt; ''yoga-yuktasya'' – für den im Yoga Gefestigten; ''jāyate'' – entsteht
'''2.'''<br>
vedatattvārthavihitaṃ yathoktaṃ hi svayaṃbhuvā |<br>
niḥśabdaṃ deśamāsthāya tatrāsanamavasthitaḥ || 2 ||<br>
'''Übersetzung'''
Sie ist auf die Bedeutung der Wahrheit des [[Veda]] ausgerichtet, wie sie von [[Svayambhu]], dem Selbstgeborenen, gelehrt wurde. Der Übende sucht einen stillen Ort auf und nimmt dort eine Sitzhaltung ein.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''veda-tattva-artha-vihitam'' – auf die Bedeutung der Wahrheit des Veda ausgerichtet; ''yathā uktam'' – wie es gelehrt wurde; ''hi svayaṃbhuvā'' – wahrlich vom Selbstgeborenen; ''niḥśabdaṃ deśam āsthāya'' – einen stillen Ort aufsuchend; ''tatra āsanam avasthitaḥ'' – dort in einer Sitzhaltung befindlich
'''3.'''<br>
kūrmo’ṅgānīva saṃhṛtya mano hṛdi nirudhya ca |<br>
mātrādvādaśayogena praṇavena śanaiḥ śanaiḥ || 3 ||<br>
'''Übersetzung'''
Wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, zieht er die Sinne zurück und hält den Geist im Herzen fest. Langsam und allmählich verbindet er sich durch zwölf [[Matra]]s mit dem [[Pranava]], Om.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''kūrmaḥ aṅgāni iva saṃhṛtya'' – wie eine Schildkröte ihre Glieder einziehend; ''manaḥ hṛdi nirudhya'' – den Geist im Herzen festhaltend; ''ca'' – und; ''mātrā-dvādaśa-yogena'' – durch die Verbindung mit zwölf Matras; ''praṇavena'' – mit dem Pranava Om; ''śanaiḥ śanaiḥ'' – langsam, allmählich
'''4.'''<br>
pūrayetsarvamātmānaṃ sarvadvāraṃ nirudhya ca |<br>
uromukhakaṭigrīvaṃ kiñcidbhūdayamunnatam || 4 ||<br>
'''Übersetzung'''
Er soll sein ganzes Wesen damit erfüllen und alle Tore des Körpers schließen. Brust, Gesicht, Hüfte, Hals und Herz werden ein wenig angehoben.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''pūrayet'' – er soll erfüllen; ''sarvam ātmānam'' – das ganze Selbst beziehungsweise den ganzen Körper; ''sarva-dvāram nirudhya'' – alle Tore verschließend; ''uraḥ-mukha-kaṭi-grīvam'' – Brust, Gesicht, Hüfte und Hals; ''kiñcit'' – ein wenig; ''bhūdayam'' – überlieferte Lesart, im Zusammenhang als Herz gedeutet; ''unnatam'' – angehoben
'''5.'''<br>
prāṇānsandhārayettasminnāsābhyantaracāriṇaḥ |<br>
bhūtvā tatra gataḥ prāṇaḥ śanairatha samutsṛjet || 5 ||<br>
'''Übersetzung'''
Dort hält er die durch das Innere der Nase strömenden Lebenskräfte fest. Nachdem der [[Prana]] dorthin gelangt ist und darin verweilt hat, lässt er ihn langsam wieder ausströmen.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''prāṇān sandhārayet'' – die Lebenskräfte soll er festhalten; ''tasmin'' – dort; ''nāsā-abhyantara-cāriṇaḥ'' – die im Inneren der Nase strömen; ''bhūtvā tatra gataḥ prāṇaḥ'' – nachdem der Prana dorthin gelangt ist und dort verweilt; ''śanaiḥ'' – langsam; ''atha samutsṛjet'' – dann soll er ihn ausströmen lassen
'''6.'''<br>
sthiramātrādṛḍhaṃ kṛtvā aṅguṣṭhena samāhitaḥ |<br>
dve gulphe tu prakurvīta jaṅghe caiva trayastrayaḥ || 6 ||<br>
'''Übersetzung'''
Gesammelt macht er die Zähleinheit beständig und fest und lenkt sie mithilfe des Daumens. Dann richtet er die dreifache Sammlung auf beide Knöchel und auf beide Unterschenkel.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''sthira-mātrā-dṛḍhaṃ kṛtvā'' – die beständige Zähleinheit fest machend; ''aṅguṣṭhena'' – mit dem Daumen; ''samāhitaḥ'' – gesammelt; ''dve gulphe'' – die beiden Knöchel; ''prakurvīta'' – soll er einbeziehen beziehungsweise ausführen; ''jaṅghe ca eva'' – ebenso an beiden Unterschenkeln; ''trayas trayaḥ'' – jeweils dreifach
'''7.'''<br>
dve jānunī tathorubhyāṃ gude śiśne trayastrayaḥ |<br>
vāyorāyatanaṃ cātra nābhideśe samāśrayet || 7 ||<br>
'''Übersetzung'''
In gleicher Weise richtet er die dreifache Sammlung auf beide Knie und Oberschenkel sowie auf den Bereich von After und Geschlechtsorgan. Danach wählt er die Nabelgegend als Sitz des Lebenswindes.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''dve jānunī'' – die beiden Knie; ''tathā ūrubhyām'' – ebenso an beiden Oberschenkeln; ''gude śiśne'' – an After und Geschlechtsorgan; ''trayas trayaḥ'' – jeweils dreifach; ''vāyoḥ āyatanam'' – den Sitz des Lebenswindes; ''atra'' – hier; ''nābhi-deśe'' – in der Nabelgegend; ''samāśrayet'' – soll er aufsuchen beziehungsweise wählen
'''8.'''<br>
tatra nāḍī suṣumnā tu nāḍībhirbahubhirvṛtā |<br>
aṇu raktaśca pītāśca kṛṣṇāstāmrā vilohitāḥ || 8 ||<br>
'''Übersetzung'''
Dort verläuft die [[Sushumna]], von zahlreichen feinen Nadis umgeben. Diese werden als rot, gelb, schwarz, kupferfarben und tiefrot beschrieben.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''tatra'' – dort; ''nāḍī suṣumnā'' – die Nadi Sushumna; ''tu'' – nun; ''nāḍībhiḥ bahubhiḥ vṛtā'' – von vielen Nadis umgeben; ''aṇu'' – fein; ''raktāḥ'' – rot; ''pītāḥ'' – gelb; ''kṛṣṇāḥ'' – schwarz; ''tāmrāḥ'' – kupferfarben; ''vilohitāḥ'' – tiefrot
'''9.'''<br>
atisūkṣmāṃ ca tanvīṃ ca śuklāṃ nāḍīṃ samāśrayet |<br>
tatra saṃcārayetprāṇānūrṇanābhīva tantunā || 9 ||<br>
'''Übersetzung'''
Der Übende soll sich auf die äußerst feine, zarte und weiße Nadi ausrichten. Durch sie führt er die Lebenskräfte wie eine Spinne, die sich an ihrem Faden bewegt.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''atisūkṣmām'' – äußerst fein; ''tanvīm'' – zart, dünn; ''śuklām nāḍīm'' – die weiße Nadi; ''samāśrayet'' – soll er als Weg wählen; ''tatra saṃcārayet prāṇān'' – dort soll er die Lebenskräfte entlangführen; ''ūrṇanābhī iva'' – wie eine Spinne; ''tantunā'' – mittels ihres Fadens
'''10.'''<br>
tato raktotpalābhāsaṃ puruṣāyatanaṃ mahat |<br>
daharaṃ puṇḍarīkaṃ tadvedānteṣu nigadyate || 10 ||<br>
'''Übersetzung'''
Danach erreicht er den großen Wohnsitz des [[Purusha]], der einem roten Lotus gleicht. Dieser kleine innere Lotus wird im [[Vedanta]] als [[Dahara Pundarika]] bezeichnet.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''tataḥ'' – danach; ''rakta-utpala-ābhāsam'' – einem roten Lotus gleichend; ''puruṣa-āyatanam mahat'' – der große Wohnsitz des Purusha; ''daharam'' – klein, im inneren Raum befindlich; ''puṇḍarīkam'' – Lotus; ''tat'' – dieser; ''vedānteṣu nigadyate'' – wird in den Vedanta-Schriften gelehrt
'''11.'''<br>
tadbhittvā kaṇṭhamāyāti tāṃ nāḍīṃ pūrayanyataḥ |<br>
manasastu kṣuraṃ gṛhya sutīkṣṇaṃ buddhinirmalam || 11 ||<br>
'''Übersetzung'''
Nachdem er diesen durchdrungen hat, gelangt er zum Hals und erfüllt die betreffende Nadi. Dann ergreift er das Rasiermesser des Geistes, das äußerst scharf und durch klare Erkenntniskraft gereinigt ist.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''tat bhittvā'' – nachdem er diesen durchdrungen hat; ''kaṇṭham āyāti'' – gelangt er zum Hals; ''tām nāḍīm pūrayan'' – diese Nadi erfüllend; ''yataḥ'' – von wo beziehungsweise wodurch; ''manasaḥ kṣuram gṛhya'' – das Rasiermesser des Geistes ergreifend; ''sutīkṣṇam'' – äußerst scharf; ''buddhi-nirmalam'' – durch klare Erkenntniskraft gereinigt
'''12.'''<br>
pādasyopari yanmadhye tadrūpaṃ nāma kṛntayet |<br>
manodvāreṇa tīkṣṇena yogamāśritya nityaśaḥ || 12 ||<br>
'''Übersetzung'''
Mit ihm soll er die benannte innere Gestalt im Bereich oberhalb des Fußes durchtrennen. Dies geschieht beständig durch das scharfe Tor des Geistes und durch die Zuflucht zum Yoga.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''pādasya upari yat madhye'' – was in der Mitte oberhalb des Fußes liegt; ''tat-rūpam nāma'' – die so bezeichnete Gestalt beziehungsweise Stelle; ''kṛntayet'' – soll er durchtrennen; ''mano-dvāreṇa tīkṣṇena'' – durch das scharfe Tor des Geistes; ''yogam āśritya'' – zum Yoga Zuflucht nehmend; ''nityaśaḥ'' – beständig
'''13.'''<br>
indravajra iti proktaṃ marmajaṅghānukīrtanam |<br>
taddhyānabalayogena dhāraṇābhirnikṛntayet || 13 ||<br>
'''Übersetzung'''
Der empfindliche Punkt am Unterschenkel wird [[Indravajra]], „Donnerkeil Indras“, genannt. Durch die Kraft der Meditation soll er ihn mit den Dharanas durchtrennen.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''indravajraḥ iti proktam'' – Indravajra wird es genannt; ''marma-jaṅgha-anukīrtanam'' – Bezeichnung des empfindlichen Punktes am Unterschenkel; ''tat-dhyāna-bala-yogena'' – durch Yoga mit der Kraft der Meditation darüber; ''dhāraṇābhiḥ'' – mittels der Konzentrationen; ''nikṛntayet'' – soll er es durchtrennen
'''14.'''<br>
ūrvormadhye tu saṃsthāpya marmaprāṇavimocanam |<br>
caturabhyāsayogena chindedanabhiśaṅkitaḥ || 14 ||<br>
'''Übersetzung'''
Dann setzt er die Sammlung in der Mitte der Oberschenkel an dem als Ausgang des Prana bezeichneten empfindlichen Punkt fest. Durch vierfache Übung des Yoga soll er ohne Furcht beziehungsweise Zweifel durchtrennen.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''ūrvoḥ madhye'' – in der Mitte der Oberschenkel; ''saṃsthāpya'' – nachdem er die Sammlung festgesetzt hat; ''marma-prāṇa-vimocanam'' – der empfindliche Punkt, an dem Prana austritt; ''catur-abhyāsa-yogena'' – durch Yoga mit vierfacher Übung; ''chindet'' – soll er durchtrennen; ''anabhiśaṅkitaḥ'' – ohne Furcht oder Zweifel
'''15.'''<br>
tataḥ kaṇṭhāntare yogī samūhannāḍisañcayam |<br>
ekottaraṃ nāḍiśataṃ tāsāṃ madhye varāḥ smṛtāḥ || 15 ||<br>
'''Übersetzung'''
Danach sammelt der Yogi im Inneren des Halses das Geflecht der Nadis. Einhundertundeine Nadis werden genannt; unter ihnen gelten einige als besonders wichtig.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''tataḥ'' – danach; ''kaṇṭha-antare'' – im Inneren des Halses; ''yogī'' – der Yogi; ''samūhan'' – sammelnd beziehungsweise zurückziehend; ''nāḍi-sañcayam'' – das Geflecht der Nadis; ''eka-uttaram nāḍi-śatam'' – einhundert und eine Nadis; ''tāsām madhye'' – in ihrer Mitte; ''varāḥ smṛtāḥ'' – die vorzüglichen werden genannt
'''16.'''<br>
suṣumnā tu pare līnā virajā brahmarūpiṇī |<br>
iḍā tiṣṭhati vāmena piṅgalā dakṣiṇena ca || 16 ||<br>
'''Übersetzung'''
Die [[Sushumna]] geht im Höchsten auf; sie ist frei von Unreinheit und von der Natur Brahmans. [[Ida]] befindet sich links und [[Pingala]] rechts.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''suṣumnā'' – Sushumna; ''tu'' – nun; ''pare līnā'' – im Höchsten aufgehend; ''virajā'' – frei von Unreinheit; ''brahma-rūpiṇī'' – von der Gestalt Brahmans; ''iḍā tiṣṭhati vāmena'' – Ida befindet sich links; ''piṅgalā dakṣiṇena'' – Pingala rechts; ''ca'' – und
'''17.'''<br>
tayormadhye varaṃ sthānaṃ yastaṃ veda sa vedavit |<br>
dvāsaptatisahasrāṇi pratināḍīṣu taitilam || 17 ||<br>
'''Übersetzung'''
Zwischen beiden liegt der erhabenste Ort. Wer ihn kennt, ist ein wirklicher Kenner des Veda. Zweiundsiebzigtausend Nadis werden genannt; die folgende Aussage vergleicht ihre Prägung mit der Aufnahme eines Duftes durch Sesamöl.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''tayoḥ madhye'' – zwischen beiden; ''varam sthānam'' – der erhabenste Ort; ''yaḥ tam veda'' – wer ihn kennt; ''saḥ veda-vit'' – der ist ein Kenner des Veda; ''dvāsaptati-sahasrāṇi'' – zweiundsiebzigtausend; ''prati-nāḍīṣu'' – in beziehungsweise hinsichtlich der einzelnen Nadis; ''taitilam'' – Sesamöl, eine textlich schwierige Überleitung zum Vergleich in Vers 19
'''18.'''<br>
chidyate dhyānayogena suṣumnaikā na chidyate |<br>
yoganirmaladhāreṇa kṣureṇānalavarcasā || 18 ||<br>
'''Übersetzung'''
Durch [[Dhyana Yoga]] werden die übrigen Bindungen durchschnitten; allein die Sushumna wird nicht durchschnitten. Das geschieht mit dem feurig leuchtenden Rasiermesser, dessen Schneide durch Yoga gereinigt ist.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''chidyate dhyāna-yogena'' – wird durch den Yoga der Meditation durchschnitten; ''suṣumnā ekā'' – die eine Sushumna; ''na chidyate'' – wird nicht durchschnitten; ''yoga-nirmala-dhāreṇa'' – mit einer durch Yoga gereinigten Schneide; ''kṣureṇa'' – mit dem Rasiermesser; ''anala-varcasā'' – von feurigem Glanz
'''19.'''<br>
chindennāḍīśataṃ dhīraḥ prabhāvādiha janmani |<br>
jātīpuṣpasamāyogairyathā vāsyati taitilam || 19 ||<br>
'''Übersetzung'''
Der standhafte Übende soll durch dessen Kraft noch in diesem Leben die hundert Nadis durchtrennen. Ihre Prägung gleicht Sesamöl, das durch die Verbindung mit Jasminblüten deren Duft annimmt.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''chindet nāḍī-śatam'' – er soll die hundert Nadis durchtrennen; ''dhīraḥ'' – der Standhafte; ''prabhāvāt'' – durch dessen Kraft; ''iha janmani'' – in diesem Leben; ''jātī-puṣpa-samāyogaiḥ'' – durch die Verbindung mit Jasminblüten; ''yathā vāsyati'' – wie es Duft annimmt; ''taitilam'' – Sesamöl
'''20.'''<br>
evaṃ śubhāśubhairbhāvaiḥ sā nāḍīti vibhāvayet |<br>
tadbhāvitāḥ prapadyante punarjanmavivarjitāḥ || 20 ||<br>
'''Übersetzung'''
So soll er erkennen, wie eine Nadi von heilsamen und unheilsamen inneren Prägungen beeinflusst wird. Wer durch diese Erkenntnis vollständig verwandelt ist, gelangt zur Freiheit von weiterer Geburt.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''evam'' – so; ''śubha-aśubhaiḥ bhāvaiḥ'' – durch heilsame und unheilsame Prägungen; ''sā nāḍī iti vibhāvayet'' – so soll er diese Nadi verstehen beziehungsweise betrachten; ''tat-bhāvitāḥ'' – von dieser Erkenntnis durchdrungen; ''prapadyante'' – sie gelangen; ''punarjanma-vivarjitāḥ'' – frei von Wiedergeburt
'''21.'''<br>
tapovijitacittastu niḥśabdaṃ deśamāsthitaḥ |<br>
niḥsaṅgatattvayogajño nirapekṣaḥ śanaiḥ śanaiḥ || 21 ||<br>
'''Übersetzung'''
Der Übende hat seinen Geist durch [[Tapas]] gemeistert und hält sich an einem stillen Ort auf. Ohne Anhaftung, in der Wahrheit des Yoga kundig und frei von Erwartungen schreitet er allmählich voran.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''tapaḥ-vijita-cittaḥ'' – dessen Geist durch Tapas gemeistert ist; ''tu'' – nun; ''niḥśabdam deśam āsthitaḥ'' – an einem stillen Ort verweilend; ''niḥsaṅgaḥ'' – ohne Anhaftung; ''tattva-yoga-jñaḥ'' – die Wahrheit des Yoga kennend; ''nirapekṣaḥ'' – frei von Erwartungen; ''śanaiḥ śanaiḥ'' – allmählich
'''22.'''<br>
pāśaṃ chittvā yathā haṃso nirviśaṅkaṃ khamutkramet |<br>
chinnapāśastathā jīvaḥ saṃsāraṃ tarate sadā || 22 ||<br>
'''Übersetzung'''
Wie ein [[Hamsa|Schwan]], der seine Fessel durchtrennt hat, furchtlos in den Himmel aufsteigt, so überquert der [[Jiva]], dessen Bindungen durchschnitten sind, den [[Samsara]].
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''pāśam chittvā'' – die Fessel durchtrennend; ''yathā haṃsaḥ'' – wie ein Schwan; ''nirviśaṅkam'' – furchtlos; ''kham utkramet'' – in den Himmel aufsteigt; ''chinna-pāśaḥ'' – dessen Fesseln durchschnitten sind; ''tathā jīvaḥ'' – ebenso der Jiva; ''saṃsāram tarate'' – überquert den Samsara; ''sadā'' – endgültig beziehungsweise immer
'''23.'''<br>
yathā nirvāṇakāle tu dīpo dagdhvā layaṃ vrajet |<br>
tathā sarvāṇi karmāṇi yogī dagdhvā layaṃ vrajet || 23 ||<br>
'''Übersetzung'''
Wie eine Lampe zur Zeit ihres Erlöschens ausbrennt und in die Auflösung eingeht, so verbrennt der Yogi alle [[Karma]]s und geht in die vollkommene Ruhe ein.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''yathā nirvāṇa-kāle'' – wie zur Zeit des Erlöschens; ''dīpaḥ'' – eine Lampe; ''dagdhvā'' – ausgebrannt; ''layam vrajet'' – in die Auflösung eingeht; ''tathā'' – ebenso; ''sarvāṇi karmāṇi'' – alle Karmas; ''yogī dagdhvā'' – nachdem der Yogi sie verbrannt hat; ''layam vrajet'' – geht er in die Auflösung ein
'''24.'''<br>
prāṇāyāmasutīkṣṇena mātrādhāreṇa yogavit |<br>
vairāgyopalaghṛṣṭena chittvā taṃ tu na badhyate || 24 ||<br>
'''Übersetzung'''
Der Yogakenner durchtrennt die Bindung mit dem Rasiermesser, das durch [[Pranayama]] äußerst scharf, auf das richtige Maß gegründet und am Schleifstein des [[Vairagya]] geschärft wurde. Danach wird er nicht mehr gebunden.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''prāṇāyāma-sutīkṣṇena'' – durch Pranayama äußerst scharf gemacht; ''mātrā-ādhāreṇa'' – auf das richtige Maß beziehungsweise die heilige Lautdauer gegründet; ''yoga-vit'' – der Kenner des Yoga; ''vairāgya-upala-ghṛṣṭena'' – am Schleifstein der Leidenschaftslosigkeit geschärft; ''chittvā tam'' – nachdem er diese Bindung durchschnitten hat; ''tu na badhyate'' – wird er nicht mehr gebunden
'''25. Vers Kshurika Upanishad – in der Sanskritquelle unnummerierter Schlussvers'''
amṛtatvaṃ samāpnoti yadā kāmātsa mucyate |<br>
sarveṣaṇāvinirmuktaśchittvā taṃ tu na badhyata ityupaniṣat ||<br>
'''Übersetzung'''
Wenn der Mensch sich vom Begehren löst, erlangt er [[Amritatva]], Unsterblichkeit. Vollständig frei von allen Wünschen und Bestrebungen, durchtrennt er die Bindung und wird nicht mehr gefesselt. So lautet die Upanishad.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''amṛtatvaṃ samāpnoti'' – er erlangt Unsterblichkeit; ''yadā kāmāt saḥ mucyate'' – wenn er sich vom Begehren löst; ''sarva-eṣaṇā-vinirmuktaḥ'' – vollständig frei von allen Wünschen und Bestrebungen; ''chittvā tam'' – nachdem er diese Bindung durchschnitten hat; ''tu na badhyate'' – wird er nicht mehr gebunden; ''iti upaniṣat'' – so lautet die Upanishad.
=== Shanti Mantra ===
oṃ sahanāvavatu || saha nau bhunaktu || saha vīryaṃ karavāvahai ||<br>
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai ||<br>
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||<br>
'''Übersetzung'''
Om. Möge er uns beide beschützen. Möge er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht feindselig begegnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.
'''Wort-für-Wort-Übersetzung'''
''oṃ'' – Om; ''saha nau avatu'' – möge er uns beide beschützen; ''saha nau bhunaktu'' – möge er uns beide nähren; ''saha vīryaṃ karavāvahai'' – mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten; ''tejasvinau adhītam astu'' – möge das von uns Studierte lichtvoll sein; ''mā vidviṣāvahai'' – mögen wir einander nicht hassen; ''śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ'' – Frieden, Frieden, Frieden.
|| iti kṣurikopaniṣatsamāptā ||<br>
'''Übersetzung des Kolophons'''
Hier endet die Kshurika Upanishad.


==Kshurika Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==
==Kshurika Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen==

Version vom 27. August 2026, 14:11 Uhr

Kshurika Upanishad (Sanskrit Kṣurikā Upaniṣad f.) ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Sie gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Yoga Upanishaden zugeordnet. Kshurika bedeutet Messer. Die kurze Kshurika Upanishad gibt an, wie ein Yogi den Kreislauf von Geburt und Tod überwinden kann, indem er mittles seines Geistes (Manas) seine Körperteile "abschneidet" und somit die Identifikation mit dem Körper löst.

Einleitung

"Ich will, zur Yogavollbringung die schneidhafte Fixierung hier verkünden, wer sie als Yogin erlangt, wird nicht geboren mehr." Einleitungsankündigung der Kshurika Up.

Die Kshurika Upanishad (Sanskrit: Kṣurikā Upaniṣad) gehört zu den Yoga Upanishaden und wird in der Muktika-Liste an 31. Stelle dem Krishna Yajurveda zugeordnet. Ihr Name bedeutet „Rasiermesser-Upanishad“. Gemeint ist das scharfe Rasiermesser des gereinigten Geistes, das Unwissenheit, Karma, Anhaftung und die Fesseln des Samsara durchtrennt. Die verwendete Fassung enthält einen unnummerierten Eröffnungsvers, 24 ausdrücklich nummerierte Verse und einen unnummerierten Schlussvers, der häufig als 25. Vers gezählt wird.

Die Schrift beschreibt einen stillen Meditationsort, eine stabile Sitzhaltung, das Zurückziehen der Sinne, die Verbindung von Pranayama und Om sowie die schrittweise Führung von Aufmerksamkeit und Prana durch den Körper. Im Mittelpunkt stehen der innere Herzlotus, die Sushumna sowie Ida und Pingala. Das „Durchtrennen“ von Marmas und Nadis ist dabei nicht körperlich gemeint: Es bezeichnet das Lösen innerer Identifikationen und karmischer Prägungen durch Dharana, Dhyana, klare Buddhi und Vairagya.

Das Ziel ist Amritatva, die Erkenntnis der Unsterblichkeit des Atman, und die Freiheit von Wiedergeburt. Für heutige Yogaübende erinnert die Kshurika Upanishad daran, dass geistige Schärfe mit Stille, Atembewusstsein und Nichtanhaftung verbunden sein muss. Intensive Atemhaltepraktiken sollten nur schrittweise und unter kompetenter Anleitung geübt werden; die feinstoffliche Sprache des Textes ist eine meditative Landkarte und keine Anleitung zu körperlichen Eingriffen.

Kshurika Upanishad – Sanskrit Text, deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung

Die Sanskrit-Padas werden vollständig wiedergegeben. Die Wort-für-Wort-Erklärungen gliedern eng verbundene Komposita und Sandhi-Verbindungen in verständliche Sinneinheiten. Das im Text beschriebene „Durchtrennen“ von Marmas und Nadis ist eine meditative Metapher für das Lösen innerer Bindungen und keine Anweisung zu einem körperlichen Eingriff.

Eröffnungsvers

kaivalyanāḍīkāntasthaparābhūminivāsinam |
kṣurikopaniṣadyogabhāsuraṃ rāmamāśraye ||

Übersetzung

Ich nehme Zuflucht zu Rama, der auf der höchsten Ebene am Ende der Nadi des Kaivalya verweilt und durch den Yoga der Kshurika Upanishad erstrahlt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

kaivalya-nāḍī-kānta-stha – am Ende beziehungsweise höchsten Punkt der Nadi des Kaivalya befindlich; parā-bhūmi-nivāsinam – auf der höchsten Ebene wohnend; kṣurikā-upaniṣad-yoga-bhāsuram – durch den Yoga der Kshurika Upanishad erstrahlend; rāmam āśraye – zu Rama nehme ich Zuflucht.

Shanti Mantra

oṃ sahanāvavatu || saha nau bhunaktu || saha vīryaṃ karavāvahai ||
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Übersetzung

Om. Möge er uns beide beschützen. Möge er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht feindselig begegnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Übersetzung

oṃ – Om; saha nau avatu – möge er uns beide beschützen; saha nau bhunaktu – möge er uns beide nähren; saha vīryaṃ karavāvahai – mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten; tejasvinau adhītam astu – möge das von uns Studierte lichtvoll sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht hassen; śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ – Frieden, Frieden, Frieden.

Die 24 nummerierten Verse

1.
oṃ kṣurikāṃ sampravakṣyāmi dhāraṇāṃ yogasiddhaye |
yaṃ prāpya na punarjanma yogayuktasya jāyate || 1 ||

Übersetzung

Om. Ich werde nun die als Rasiermesser bezeichnete Dharana zur Vollendung des Yoga darlegen. Wer sie verwirklicht und im Yoga fest gegründet ist, wird nicht wiedergeboren.

Wort-für-Wort-Übersetzung

oṃ – Om; kṣurikāṃ sampravakṣyāmi – ich werde die Kshurika vollständig darlegen; dhāraṇām – die Konzentration; yoga-siddhaye – zur Vollendung des Yoga; yaṃ prāpya – nachdem man sie erlangt hat; na punarjanma – keine Wiedergeburt; yoga-yuktasya – für den im Yoga Gefestigten; jāyate – entsteht

2.
vedatattvārthavihitaṃ yathoktaṃ hi svayaṃbhuvā |
niḥśabdaṃ deśamāsthāya tatrāsanamavasthitaḥ || 2 ||

Übersetzung

Sie ist auf die Bedeutung der Wahrheit des Veda ausgerichtet, wie sie von Svayambhu, dem Selbstgeborenen, gelehrt wurde. Der Übende sucht einen stillen Ort auf und nimmt dort eine Sitzhaltung ein.

Wort-für-Wort-Übersetzung

veda-tattva-artha-vihitam – auf die Bedeutung der Wahrheit des Veda ausgerichtet; yathā uktam – wie es gelehrt wurde; hi svayaṃbhuvā – wahrlich vom Selbstgeborenen; niḥśabdaṃ deśam āsthāya – einen stillen Ort aufsuchend; tatra āsanam avasthitaḥ – dort in einer Sitzhaltung befindlich

3.
kūrmo’ṅgānīva saṃhṛtya mano hṛdi nirudhya ca |
mātrādvādaśayogena praṇavena śanaiḥ śanaiḥ || 3 ||

Übersetzung

Wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, zieht er die Sinne zurück und hält den Geist im Herzen fest. Langsam und allmählich verbindet er sich durch zwölf Matras mit dem Pranava, Om.

Wort-für-Wort-Übersetzung

kūrmaḥ aṅgāni iva saṃhṛtya – wie eine Schildkröte ihre Glieder einziehend; manaḥ hṛdi nirudhya – den Geist im Herzen festhaltend; ca – und; mātrā-dvādaśa-yogena – durch die Verbindung mit zwölf Matras; praṇavena – mit dem Pranava Om; śanaiḥ śanaiḥ – langsam, allmählich

4.
pūrayetsarvamātmānaṃ sarvadvāraṃ nirudhya ca |
uromukhakaṭigrīvaṃ kiñcidbhūdayamunnatam || 4 ||

Übersetzung

Er soll sein ganzes Wesen damit erfüllen und alle Tore des Körpers schließen. Brust, Gesicht, Hüfte, Hals und Herz werden ein wenig angehoben.

Wort-für-Wort-Übersetzung

pūrayet – er soll erfüllen; sarvam ātmānam – das ganze Selbst beziehungsweise den ganzen Körper; sarva-dvāram nirudhya – alle Tore verschließend; uraḥ-mukha-kaṭi-grīvam – Brust, Gesicht, Hüfte und Hals; kiñcit – ein wenig; bhūdayam – überlieferte Lesart, im Zusammenhang als Herz gedeutet; unnatam – angehoben

5.
prāṇānsandhārayettasminnāsābhyantaracāriṇaḥ |
bhūtvā tatra gataḥ prāṇaḥ śanairatha samutsṛjet || 5 ||

Übersetzung

Dort hält er die durch das Innere der Nase strömenden Lebenskräfte fest. Nachdem der Prana dorthin gelangt ist und darin verweilt hat, lässt er ihn langsam wieder ausströmen.

Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇān sandhārayet – die Lebenskräfte soll er festhalten; tasmin – dort; nāsā-abhyantara-cāriṇaḥ – die im Inneren der Nase strömen; bhūtvā tatra gataḥ prāṇaḥ – nachdem der Prana dorthin gelangt ist und dort verweilt; śanaiḥ – langsam; atha samutsṛjet – dann soll er ihn ausströmen lassen

6.
sthiramātrādṛḍhaṃ kṛtvā aṅguṣṭhena samāhitaḥ |
dve gulphe tu prakurvīta jaṅghe caiva trayastrayaḥ || 6 ||

Übersetzung

Gesammelt macht er die Zähleinheit beständig und fest und lenkt sie mithilfe des Daumens. Dann richtet er die dreifache Sammlung auf beide Knöchel und auf beide Unterschenkel.

Wort-für-Wort-Übersetzung

sthira-mātrā-dṛḍhaṃ kṛtvā – die beständige Zähleinheit fest machend; aṅguṣṭhena – mit dem Daumen; samāhitaḥ – gesammelt; dve gulphe – die beiden Knöchel; prakurvīta – soll er einbeziehen beziehungsweise ausführen; jaṅghe ca eva – ebenso an beiden Unterschenkeln; trayas trayaḥ – jeweils dreifach

7.
dve jānunī tathorubhyāṃ gude śiśne trayastrayaḥ |
vāyorāyatanaṃ cātra nābhideśe samāśrayet || 7 ||

Übersetzung

In gleicher Weise richtet er die dreifache Sammlung auf beide Knie und Oberschenkel sowie auf den Bereich von After und Geschlechtsorgan. Danach wählt er die Nabelgegend als Sitz des Lebenswindes.

Wort-für-Wort-Übersetzung

dve jānunī – die beiden Knie; tathā ūrubhyām – ebenso an beiden Oberschenkeln; gude śiśne – an After und Geschlechtsorgan; trayas trayaḥ – jeweils dreifach; vāyoḥ āyatanam – den Sitz des Lebenswindes; atra – hier; nābhi-deśe – in der Nabelgegend; samāśrayet – soll er aufsuchen beziehungsweise wählen

8.
tatra nāḍī suṣumnā tu nāḍībhirbahubhirvṛtā |
aṇu raktaśca pītāśca kṛṣṇāstāmrā vilohitāḥ || 8 ||

Übersetzung

Dort verläuft die Sushumna, von zahlreichen feinen Nadis umgeben. Diese werden als rot, gelb, schwarz, kupferfarben und tiefrot beschrieben.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tatra – dort; nāḍī suṣumnā – die Nadi Sushumna; tu – nun; nāḍībhiḥ bahubhiḥ vṛtā – von vielen Nadis umgeben; aṇu – fein; raktāḥ – rot; pītāḥ – gelb; kṛṣṇāḥ – schwarz; tāmrāḥ – kupferfarben; vilohitāḥ – tiefrot

9.
atisūkṣmāṃ ca tanvīṃ ca śuklāṃ nāḍīṃ samāśrayet |
tatra saṃcārayetprāṇānūrṇanābhīva tantunā || 9 ||

Übersetzung

Der Übende soll sich auf die äußerst feine, zarte und weiße Nadi ausrichten. Durch sie führt er die Lebenskräfte wie eine Spinne, die sich an ihrem Faden bewegt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

atisūkṣmām – äußerst fein; tanvīm – zart, dünn; śuklām nāḍīm – die weiße Nadi; samāśrayet – soll er als Weg wählen; tatra saṃcārayet prāṇān – dort soll er die Lebenskräfte entlangführen; ūrṇanābhī iva – wie eine Spinne; tantunā – mittels ihres Fadens

10.
tato raktotpalābhāsaṃ puruṣāyatanaṃ mahat |
daharaṃ puṇḍarīkaṃ tadvedānteṣu nigadyate || 10 ||

Übersetzung

Danach erreicht er den großen Wohnsitz des Purusha, der einem roten Lotus gleicht. Dieser kleine innere Lotus wird im Vedanta als Dahara Pundarika bezeichnet.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tataḥ – danach; rakta-utpala-ābhāsam – einem roten Lotus gleichend; puruṣa-āyatanam mahat – der große Wohnsitz des Purusha; daharam – klein, im inneren Raum befindlich; puṇḍarīkam – Lotus; tat – dieser; vedānteṣu nigadyate – wird in den Vedanta-Schriften gelehrt

11.
tadbhittvā kaṇṭhamāyāti tāṃ nāḍīṃ pūrayanyataḥ |
manasastu kṣuraṃ gṛhya sutīkṣṇaṃ buddhinirmalam || 11 ||

Übersetzung

Nachdem er diesen durchdrungen hat, gelangt er zum Hals und erfüllt die betreffende Nadi. Dann ergreift er das Rasiermesser des Geistes, das äußerst scharf und durch klare Erkenntniskraft gereinigt ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tat bhittvā – nachdem er diesen durchdrungen hat; kaṇṭham āyāti – gelangt er zum Hals; tām nāḍīm pūrayan – diese Nadi erfüllend; yataḥ – von wo beziehungsweise wodurch; manasaḥ kṣuram gṛhya – das Rasiermesser des Geistes ergreifend; sutīkṣṇam – äußerst scharf; buddhi-nirmalam – durch klare Erkenntniskraft gereinigt

12.
pādasyopari yanmadhye tadrūpaṃ nāma kṛntayet |
manodvāreṇa tīkṣṇena yogamāśritya nityaśaḥ || 12 ||

Übersetzung

Mit ihm soll er die benannte innere Gestalt im Bereich oberhalb des Fußes durchtrennen. Dies geschieht beständig durch das scharfe Tor des Geistes und durch die Zuflucht zum Yoga.

Wort-für-Wort-Übersetzung

pādasya upari yat madhye – was in der Mitte oberhalb des Fußes liegt; tat-rūpam nāma – die so bezeichnete Gestalt beziehungsweise Stelle; kṛntayet – soll er durchtrennen; mano-dvāreṇa tīkṣṇena – durch das scharfe Tor des Geistes; yogam āśritya – zum Yoga Zuflucht nehmend; nityaśaḥ – beständig

13.
indravajra iti proktaṃ marmajaṅghānukīrtanam |
taddhyānabalayogena dhāraṇābhirnikṛntayet || 13 ||

Übersetzung

Der empfindliche Punkt am Unterschenkel wird Indravajra, „Donnerkeil Indras“, genannt. Durch die Kraft der Meditation soll er ihn mit den Dharanas durchtrennen.

Wort-für-Wort-Übersetzung

indravajraḥ iti proktam – Indravajra wird es genannt; marma-jaṅgha-anukīrtanam – Bezeichnung des empfindlichen Punktes am Unterschenkel; tat-dhyāna-bala-yogena – durch Yoga mit der Kraft der Meditation darüber; dhāraṇābhiḥ – mittels der Konzentrationen; nikṛntayet – soll er es durchtrennen

14.
ūrvormadhye tu saṃsthāpya marmaprāṇavimocanam |
caturabhyāsayogena chindedanabhiśaṅkitaḥ || 14 ||

Übersetzung

Dann setzt er die Sammlung in der Mitte der Oberschenkel an dem als Ausgang des Prana bezeichneten empfindlichen Punkt fest. Durch vierfache Übung des Yoga soll er ohne Furcht beziehungsweise Zweifel durchtrennen.

Wort-für-Wort-Übersetzung

ūrvoḥ madhye – in der Mitte der Oberschenkel; saṃsthāpya – nachdem er die Sammlung festgesetzt hat; marma-prāṇa-vimocanam – der empfindliche Punkt, an dem Prana austritt; catur-abhyāsa-yogena – durch Yoga mit vierfacher Übung; chindet – soll er durchtrennen; anabhiśaṅkitaḥ – ohne Furcht oder Zweifel

15.
tataḥ kaṇṭhāntare yogī samūhannāḍisañcayam |
ekottaraṃ nāḍiśataṃ tāsāṃ madhye varāḥ smṛtāḥ || 15 ||

Übersetzung

Danach sammelt der Yogi im Inneren des Halses das Geflecht der Nadis. Einhundertundeine Nadis werden genannt; unter ihnen gelten einige als besonders wichtig.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tataḥ – danach; kaṇṭha-antare – im Inneren des Halses; yogī – der Yogi; samūhan – sammelnd beziehungsweise zurückziehend; nāḍi-sañcayam – das Geflecht der Nadis; eka-uttaram nāḍi-śatam – einhundert und eine Nadis; tāsām madhye – in ihrer Mitte; varāḥ smṛtāḥ – die vorzüglichen werden genannt

16.
suṣumnā tu pare līnā virajā brahmarūpiṇī |
iḍā tiṣṭhati vāmena piṅgalā dakṣiṇena ca || 16 ||

Übersetzung

Die Sushumna geht im Höchsten auf; sie ist frei von Unreinheit und von der Natur Brahmans. Ida befindet sich links und Pingala rechts.

Wort-für-Wort-Übersetzung

suṣumnā – Sushumna; tu – nun; pare līnā – im Höchsten aufgehend; virajā – frei von Unreinheit; brahma-rūpiṇī – von der Gestalt Brahmans; iḍā tiṣṭhati vāmena – Ida befindet sich links; piṅgalā dakṣiṇena – Pingala rechts; ca – und

17.
tayormadhye varaṃ sthānaṃ yastaṃ veda sa vedavit |
dvāsaptatisahasrāṇi pratināḍīṣu taitilam || 17 ||

Übersetzung

Zwischen beiden liegt der erhabenste Ort. Wer ihn kennt, ist ein wirklicher Kenner des Veda. Zweiundsiebzigtausend Nadis werden genannt; die folgende Aussage vergleicht ihre Prägung mit der Aufnahme eines Duftes durch Sesamöl.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tayoḥ madhye – zwischen beiden; varam sthānam – der erhabenste Ort; yaḥ tam veda – wer ihn kennt; saḥ veda-vit – der ist ein Kenner des Veda; dvāsaptati-sahasrāṇi – zweiundsiebzigtausend; prati-nāḍīṣu – in beziehungsweise hinsichtlich der einzelnen Nadis; taitilam – Sesamöl, eine textlich schwierige Überleitung zum Vergleich in Vers 19

18.
chidyate dhyānayogena suṣumnaikā na chidyate |
yoganirmaladhāreṇa kṣureṇānalavarcasā || 18 ||

Übersetzung

Durch Dhyana Yoga werden die übrigen Bindungen durchschnitten; allein die Sushumna wird nicht durchschnitten. Das geschieht mit dem feurig leuchtenden Rasiermesser, dessen Schneide durch Yoga gereinigt ist.

Wort-für-Wort-Übersetzung

chidyate dhyāna-yogena – wird durch den Yoga der Meditation durchschnitten; suṣumnā ekā – die eine Sushumna; na chidyate – wird nicht durchschnitten; yoga-nirmala-dhāreṇa – mit einer durch Yoga gereinigten Schneide; kṣureṇa – mit dem Rasiermesser; anala-varcasā – von feurigem Glanz

19.
chindennāḍīśataṃ dhīraḥ prabhāvādiha janmani |
jātīpuṣpasamāyogairyathā vāsyati taitilam || 19 ||

Übersetzung

Der standhafte Übende soll durch dessen Kraft noch in diesem Leben die hundert Nadis durchtrennen. Ihre Prägung gleicht Sesamöl, das durch die Verbindung mit Jasminblüten deren Duft annimmt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

chindet nāḍī-śatam – er soll die hundert Nadis durchtrennen; dhīraḥ – der Standhafte; prabhāvāt – durch dessen Kraft; iha janmani – in diesem Leben; jātī-puṣpa-samāyogaiḥ – durch die Verbindung mit Jasminblüten; yathā vāsyati – wie es Duft annimmt; taitilam – Sesamöl

20.
evaṃ śubhāśubhairbhāvaiḥ sā nāḍīti vibhāvayet |
tadbhāvitāḥ prapadyante punarjanmavivarjitāḥ || 20 ||

Übersetzung

So soll er erkennen, wie eine Nadi von heilsamen und unheilsamen inneren Prägungen beeinflusst wird. Wer durch diese Erkenntnis vollständig verwandelt ist, gelangt zur Freiheit von weiterer Geburt.

Wort-für-Wort-Übersetzung

evam – so; śubha-aśubhaiḥ bhāvaiḥ – durch heilsame und unheilsame Prägungen; sā nāḍī iti vibhāvayet – so soll er diese Nadi verstehen beziehungsweise betrachten; tat-bhāvitāḥ – von dieser Erkenntnis durchdrungen; prapadyante – sie gelangen; punarjanma-vivarjitāḥ – frei von Wiedergeburt

21.
tapovijitacittastu niḥśabdaṃ deśamāsthitaḥ |
niḥsaṅgatattvayogajño nirapekṣaḥ śanaiḥ śanaiḥ || 21 ||

Übersetzung

Der Übende hat seinen Geist durch Tapas gemeistert und hält sich an einem stillen Ort auf. Ohne Anhaftung, in der Wahrheit des Yoga kundig und frei von Erwartungen schreitet er allmählich voran.

Wort-für-Wort-Übersetzung

tapaḥ-vijita-cittaḥ – dessen Geist durch Tapas gemeistert ist; tu – nun; niḥśabdam deśam āsthitaḥ – an einem stillen Ort verweilend; niḥsaṅgaḥ – ohne Anhaftung; tattva-yoga-jñaḥ – die Wahrheit des Yoga kennend; nirapekṣaḥ – frei von Erwartungen; śanaiḥ śanaiḥ – allmählich

22.
pāśaṃ chittvā yathā haṃso nirviśaṅkaṃ khamutkramet |
chinnapāśastathā jīvaḥ saṃsāraṃ tarate sadā || 22 ||

Übersetzung

Wie ein Schwan, der seine Fessel durchtrennt hat, furchtlos in den Himmel aufsteigt, so überquert der Jiva, dessen Bindungen durchschnitten sind, den Samsara.

Wort-für-Wort-Übersetzung

pāśam chittvā – die Fessel durchtrennend; yathā haṃsaḥ – wie ein Schwan; nirviśaṅkam – furchtlos; kham utkramet – in den Himmel aufsteigt; chinna-pāśaḥ – dessen Fesseln durchschnitten sind; tathā jīvaḥ – ebenso der Jiva; saṃsāram tarate – überquert den Samsara; sadā – endgültig beziehungsweise immer

23.
yathā nirvāṇakāle tu dīpo dagdhvā layaṃ vrajet |
tathā sarvāṇi karmāṇi yogī dagdhvā layaṃ vrajet || 23 ||

Übersetzung

Wie eine Lampe zur Zeit ihres Erlöschens ausbrennt und in die Auflösung eingeht, so verbrennt der Yogi alle Karmas und geht in die vollkommene Ruhe ein.

Wort-für-Wort-Übersetzung

yathā nirvāṇa-kāle – wie zur Zeit des Erlöschens; dīpaḥ – eine Lampe; dagdhvā – ausgebrannt; layam vrajet – in die Auflösung eingeht; tathā – ebenso; sarvāṇi karmāṇi – alle Karmas; yogī dagdhvā – nachdem der Yogi sie verbrannt hat; layam vrajet – geht er in die Auflösung ein

24.
prāṇāyāmasutīkṣṇena mātrādhāreṇa yogavit |
vairāgyopalaghṛṣṭena chittvā taṃ tu na badhyate || 24 ||

Übersetzung

Der Yogakenner durchtrennt die Bindung mit dem Rasiermesser, das durch Pranayama äußerst scharf, auf das richtige Maß gegründet und am Schleifstein des Vairagya geschärft wurde. Danach wird er nicht mehr gebunden.

Wort-für-Wort-Übersetzung

prāṇāyāma-sutīkṣṇena – durch Pranayama äußerst scharf gemacht; mātrā-ādhāreṇa – auf das richtige Maß beziehungsweise die heilige Lautdauer gegründet; yoga-vit – der Kenner des Yoga; vairāgya-upala-ghṛṣṭena – am Schleifstein der Leidenschaftslosigkeit geschärft; chittvā tam – nachdem er diese Bindung durchschnitten hat; tu na badhyate – wird er nicht mehr gebunden

25. Vers Kshurika Upanishad – in der Sanskritquelle unnummerierter Schlussvers amṛtatvaṃ samāpnoti yadā kāmātsa mucyate |
sarveṣaṇāvinirmuktaśchittvā taṃ tu na badhyata ityupaniṣat ||

Übersetzung

Wenn der Mensch sich vom Begehren löst, erlangt er Amritatva, Unsterblichkeit. Vollständig frei von allen Wünschen und Bestrebungen, durchtrennt er die Bindung und wird nicht mehr gefesselt. So lautet die Upanishad.

Wort-für-Wort-Übersetzung

amṛtatvaṃ samāpnoti – er erlangt Unsterblichkeit; yadā kāmāt saḥ mucyate – wenn er sich vom Begehren löst; sarva-eṣaṇā-vinirmuktaḥ – vollständig frei von allen Wünschen und Bestrebungen; chittvā tam – nachdem er diese Bindung durchschnitten hat; tu na badhyate – wird er nicht mehr gebunden; iti upaniṣat – so lautet die Upanishad.

Shanti Mantra

oṃ sahanāvavatu || saha nau bhunaktu || saha vīryaṃ karavāvahai ||
tejasvināvadhītamastu mā vidviṣāvahai ||
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Übersetzung

Om. Möge er uns beide beschützen. Möge er uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten. Möge unser Studium lichtvoll und wirkungsvoll sein. Mögen wir einander nicht feindselig begegnen. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Übersetzung

oṃ – Om; saha nau avatu – möge er uns beide beschützen; saha nau bhunaktu – möge er uns beide nähren; saha vīryaṃ karavāvahai – mögen wir gemeinsam große Kraft entfalten; tejasvinau adhītam astu – möge das von uns Studierte lichtvoll sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht hassen; śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ – Frieden, Frieden, Frieden.

|| iti kṣurikopaniṣatsamāptā ||

Übersetzung des Kolophons

Hier endet die Kshurika Upanishad.

Kshurika Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen

Artikel aus „Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 766 - 770.

Einleitung

"Die Geheimlehre von der Kshurika sc. Dharana, von der wie ein Messer (Kshura) abschneidenden Fixierung", heißt dieses Stück, welches neben den aus anderen Upanishaden bekannten Zügen der Yoga-Praxis (der Ort und die Art des Sitzens v. 2; die Zurückziehung des Manas von den Sinnendingen und Einschließung desselben im Herzen, v. 3; die drei Arten der Atemregelung, Puraka, Kumbhaka, Recaka, v. 4-5, vgl. unten, S. 650) einen eigentümlichen Gedanken enthält, dessen Einzelheiten bei der Unsicherheit der Lesarten; grammatischen Unkorrektheit der Diktion und Mangelhaftigkeit des Kommentares oft schwer zu deuten sind.

Der Yogin hat sich nicht nur von allen Außendingen, sondern auch von seiner eigenen Leiblichkeit loszulösen, und diese Loslösung erscheint als eine sukzessive Abschneidung der einzelnen Teile des Leibes, welche mittels des Manas als Messer (Kshura, v. 11, - schwer vereinbar mit der Einschließung des Manas im Herzen, v. 3) dadurch vollbracht wird, daß man auf die einzelnen Körperteile seine Aufmerksamkeit fixiert (Dharana) und sich eben dadurch gegen dieselben sukzessive abschließt (Nirodha; in v. 6-7 soll zu Dve ergänzt werden Dharane und zu Trayas, wie der Schol. behauptet, Nirodhah). So löst man sich sukzessive von den großen Fußzehen, den Unterbeinen, Knien, Schenkeln, Anus und Penis los und gelangt zum Nabel; von hier auf der Sushumna (schon Chand. 8,6,6, wenn auch nicht mit diesem Namen, als die 101. Hauptader erwähnt) zum Herzen und weiter in den Hals, wo die Sushumna allen anderen Adern als Unterlage (Taitilam, Kopfkissen) dient und von zweien derselben, Ida und Pingala, speziell umgeben und geschützt wird. Wieder schneidet man mit dem Manas-Messer alle anderen Adern ab und fährt auf der Sushumna aufwärts und hinaus, indem man alle guten und bösen Zustände (Bhava) in ihr zurückläßt, gleichsam das Sushumna-Kissen mit ihnen ausstopft (v. 20; vgl. Samkhyakarika v. 40 Bhavair Adhivasitam Lingam). Indem man in dieser Weise alle Körperteile durch meditierende Fixierung derselben abschneidet, bricht man alle Fesseln des Samsara und braucht nicht mehr wieder geboren zu werden (v. 21-24). - Auffallend ist namentlich der Gebrauch von Dharana, welches sonst Fesselung des Manas, hier aber Konzentration der Aufmerksamkeit auf die einzelnen Körperteile zum Zweck der Losschneidung von ihnen bedeutet, sowie der schon erwähnte, damit zusammenhängende Widerspruch, daß das Manas im Herzen eingeschlossen wird (v. 3) und doch zugleich das Messer (Kshura) sein soll, mit dem man die Körperteile einzeln abschneidet, wovon die ganze Upanishad den Namen erhalten hat.

Die Kshurika Upanishad

"Unsterblichkeit erlangt einer, der sich frei von Begierden macht, wer, von Wünschen sich lossagend, den Strick durchschneidet, bleibt befreit." Zitat: Kshurika Up.

1. Ich will, zur Yogavollbringung

Die schneidhafte Fixierung hier
Verkünden; wer sie als Yogin
Erlangt, wird nicht geboren mehr.

2. Denn dies als Veda-Hauptinhalt

Sprach als Gebot Svayambhu aus:
Einen lautlosen Ort wählend,
Dazu des Sitzens rechte Art,

3. Die Glieder zieht wie Schildkröten

Ein, das Manas ins Herz verschließt;
Der Moren Zwölfheit[1] anwendend
Unter Om-Sagen nach und nach

4. Den ganzen Leib mit Hauch anfüllt,

Alle Pforten desselben schließt,
Zum Herzen mählich hinneigend
Brust, Hüften, Angesicht und Hals.

5. So läßt der Yogin einströmen

Den Hauch, der durch die Nase geht;
Nachdem der Hauch im Leib weilte,
Läßt er ihn langsam wieder aus.
"So läßt der Yogin einströmen den Hauch, der durch die Nase geht, nachdem der Hauch im Leib weilte, läßt er ihn langsam wieder aus." Zitat: Kshurika Up.

6. Durch stet'ge Moren festmachend

Den Hauch, erst in die großen Zehn,
Dann in zwei Knöchel, zwei Waden,
Drei rechte, drei linke[2], vertiefend sich,

7. Dann in die Knie und Schenkel,

Anus und Penis, zweimal drei,
Kehrt endlich in des Hauchs Standort
Er in der Nabelgegend ein.

8. Da ist die Ader Sushumna,

Viele Adern umgeben sie.
Zartrote, gelbe und schwarze,
Und hochrote bis dunkelrot.

9. Er aber in die feinzarte,

Weiße Ader soll schlüpfen ein,
In ihr der Lebenshauch aufwärts,
Wie am Faden die Spinne klimmt.

10. So kommt er zu des Purusha

Rotlotosgleichem, großem Sitz,
Den als "kleine Lotosblüte"
Vedanta-Texte schildern uns.

11. Durch ihn dringend zum Hals steigt er,

Immer in jener Ader, auf.
Dann greift zum Manas als scharfem,
Erkenntnisblankem Messer er,

12. Wetzt es und schneidet von Grund aus

Die Gestalten und Namen ab,
Und gibt durch Manas, das scharfe,
Für ewig sich dem Yoga hin.

13. Wie Indras Donnerkeil, rühmlich,

Preist als fest man Gelenk und Bein,
Bis er durch Denkkraft, durch Yoga,
Durch Fixierung sie schneidet ab.

14. Versetzend sich in die Schenkel,

Löst Hauch er und Gelenke ab,
Durch Yoga, wiederholt vierfach,
Ohne Zaudern sie schneidend ab.

15. Dann versammelt im Halsinnern

Der Yogin seiner Adern Schar,
Von ihnen hundert und eine
Gelten als die vortrefflichsten.

16. Wo zur Linken hält Wacht Ida

Und zur Rechten die Pingala,
Ist der Hauptort zwischen ihnen;
Wer den kennt, vedakundig ist.

17. Sushumna, staublos, einmündend

In Brahman, dem sie ist verwandt,
Ist das Kopfkissen, auf welchem
Die zweiundsiebzigtausend ruh'n.

18. Alles spaltet der Denk-Yoga,

Die Sushumna er spaltet nicht.
Mit der Yogakraft blitzscharfem Messer,
Das wie das Feuer glänzt,

19. Der Adern hundert soll spalten

Wer weise ist hienieden schon.
Und gleichwie mit Jasminblüten
Ein Kopfkissen wird parfümiert,

20. So die Ader mit Zuständen,

Gut-und-bösen, staffier' er aus.
Also bereitet zieht hin er,
Von künftiger Geburt befreit.

21. Darum, im Geist wohl bewußt sich,

Einen lautlosen Ort er wählt,
Befreit von Welthang und Rücksicht,
Wahr-Yoga-kundig nach und nach.

22. Wie der Vogel, den Strick brechend,

Ohne Furcht in die Lüfte steigt,
So die Seele, den Strick brechend,
Übersteigt den Samsara dann.

23. Wie die Flamme, gebrannt habend,

Beim Auslöschen zunichte wird,
So der Yogin, verbrannt habend
Alle Werke, zunichte wird.

24. Wer als Yogin mit dem Messer,

Durch Hauchzwang spitz, durch Moren scharf,
Gewetzt am Stein der Entsagung,
Den Strick durchschneidet, bleibt befreit.

25. Unsterblichkeit erlangt einer,

Der sich frei von Begierden macht,
Wer, von Wünschen sich lossagend,
Den Strick durchschneidet, bleibt befreit.

Fußnoten

  1. Vgl. Nadabindu v. 8-11, unten S. 644.
  2. "Jedesmal drei Hemmungen (Nirodhah) vollziehend" (Schol.).

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Viveka Wilde, Chandrashekara Witt

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