Rätsel

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Artikel von Heinrich Zimmer aus seinem Buch "Weisheit Indiens. Märchen und Sinnbilder" 1938 im L.C. Wittich Verlag in Darmstadt erschienen. S. 73-79.

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Märchen sind auf dem Grunde des Wunderbaren aufgebaut, es ist das Element, das ihr Gebäude trägt und seine Zinnen aufrichtet, — das Wunder aber ist dem Alltag ein Rätsel. Darum spielen Rätsel eine so bedeutsame Rolle in allen märchenhaften Begebenheiten: in Rätselfragen ballt sich ihr Schicksal, zieht ihr Verhängnis sich bänglich zusammen, die Lösung des Rätsels aber bringt Schicksalswende, Sieg und gutes Ende. Aber über Frage und Antwort, Rätsel und Lösung hinaus, die wie Knoten greifbar im Fädenspiel des Märchens sitzen, ist sein ganzes Gewebe voller Rätsel: die Aufgaben, die den Weg seiner Gestalten sperren, sind Rätsel, die bewältigt sein wollen, seine Situationen sind Rätsel, die glücklich oder falsch gelöst, Befreiung oder Verhängnis bringen.

Die Prinzessin im gläsernen Sarg ist ein Rätsel, denn sie ist nicht tot trotz ihrer Starre im Sarge, es gilt zu finden, was sie wieder ins Leben bringt. In rätselhaften Schlaf versenkt liegt Dornröschens Schloss, wie konnte es Schlummer befallen? Wie spann sich die undurchdringliche Hecke des Geheimnisses um seinen totenstillen Traum, und wer löst den rätselhaften Bann? Auch das Knusperhäuschen für Hänsl und Gretl ist ein Rätselhaus, — wie kommt dieser vollkommene Kindertraum von Zuckerwerk und Leckereien in den finsteren wilden Wald? Aber seines Rätsels Lösung ist die menschenfresserische Hexe, die Hänsl und Gretl wie Gänse mästen und braten will.

Der Sinn dieser Rätsel ist die Frage: Was ist das Wirkliche, das sich im dargebotenen Schein verbirgt? Was ist's in Wahrheit mit der Prinzessin so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, mit Haaren schwarz wie Ebenholz, ein Abbild des Lebens, das unverweslich und so lange schon im Sarge ruht, von den Zwergen betrauert, — ist sie wirklich auf ewig tot? oder welches Wunder kann sie aus dem scheinbaren Tod, der sich mit dem Schein des Lebens schminkt, ins wirkliche Leben zurückbringen? ist Dornröschens Schlummer die ganze Wirklichkeit, steckt nicht in ihm ein Anderes, Geheimes, wie ein Kern verborgen in Fruchtfleisch und Schale steckt?

Rätsel lösen heißt den Schein zerteilen und aus dem schillernden Ineinander seiner Oberfläche den Kern des Wirklichen hervorholen, den sie verschalt. Dieses Ringen um das Wirkliche, das sein eigener Schein uns ständig verstellt, das wir sich selber immer aufs Neue abgewinnen müssen, aber auch uns selber: unserer Trägheit, dem Hang zur Oberfläche, unserem Genügen am Schein und dem Triebe zum Gewohnten, — dieses Ringen gehört zu den tiefsten sittlichen Aufgaben, die unser Menschsein uns unablässig stellt. Darum haben die Märchen an der Aufgabe dieses Ringens ihre größte Freude, sie geht weit hinaus über Wunder und Witz der Lösung, über die Lust am Scharfsinn und den unstillbaren Sinn für das Merkwürdige.

Was diesen genügt: das Sonderbare und Überraschende allein, wird schal im Gang der Zeiten, in Wandel und Wiederholung, ist an Zeiten und geschichtliche Räume gebunden, welkt mit ihnen und verdunkelt sich bis zur Unkenntlichkeit, aber der Kern der Märchen bleibt unvergänglich frisch. Denn diese sittliche Aufgabe: dem Schein immer neu das Wirkliche zu entreißen wie in Begnadung zauberischen Griffs, ist dem Menschen ewig gestellt, wenn er sich erfüllen will und nicht als Schatten seiner selbst zum Tode hin getrieben werden, wie Wildwasser ein Entwurzeltes und Totes wehrlos mit sich schwemmt. Es ist die Aufgabe, vor die der Mensch sich selber gegenüber lebenslang gestellt ist: Wirklich zu sein und den Schein innen und außen zu überwinden. Ihr Abbild in Rätselaufgaben und -situationen der Märchen rührt allerwärts zeitlos an eine rätselvolle geheime Tiefe in dem Menschen, die seinem bewussten Willen wie gläsern entzogen und wie von Dornen umhegt im Scheine eines Schlummers ruht, — wer weckt sie auf? Aber die Zauberkraft des Märchens dringt als Klang hinein und diese Tiefe lauscht. Sie erfaßt, ohne daß wir es recht begreifen, was im Gewande märchenhafter Gestalten und Vorgänge uns vorgerätselt wird, und nährt ihren Traum aus diesem verwandten Stoffe; denn es sind Chiffren ihrer eigenen Rätselsituation, die eine unsichtbare Hand mit Märchen und Mythen dem Menschen an die Wand seines inneren Gehäuses schreibt.

Immer geht es um ein Rätselraten: Das Leben gibt uns jede Stunde Rätsel auf, die wunderbarsten Fragen, deren Lösung uns erhellen und beglückend leiten könnte, umstehen uns, — wenn wir ihre Rätsel nur gewahren und als solche begreifen könnten, aber meist ahnen wir ihre Gegenwart nicht. Und bleiben uns selber immer ein Rätsel und rätseln lebenslang daran herum.

Die Jungfrau ist sich selbst ein Rätsel; da sie noch nicht „vom Manne erkannt" ward, wie die Heilige Schrift es nennt, hat sie sich noch nicht selbst erkannt. Das ist ein Stück Sinn in der Geschichte von Turandot. Die wahrhaft fürstliche Tochter Altun Khans, an Sohnes Statt einzige Erbin des kaiserlichen Drachenthrons von China, kann nur dem Prinzen gehören, der nicht nach Herkunft bloß und Prunk, nein wahrhaft allen Menschen fürstlich überlegen ist: durch Weisheit, durch die Kunst, alle Rätsel zu lösen und den verborgenen Sinn, das Wirkliche im Scheine aufzuspüren.

Mit Rätselfragen, grausam und lächelnd wie die Sphinx des Ödipusmythos, bewahrt sie ihren jungfräulichen Schoß, die Knospe ihres Schicksals, vor dem Verlangen fürstlicher Freier. Nur wer ihr Rätsel löst, darf ihren Gürtel lösen, wie Ödipus, der das Rätsel der Sphinx löste, an Iokaste tat, — wer versagt, verfällt dem Tode wie andere Freier Iokastes, die sich vermaßen, vor das Rätseltier hinzutreten. Es ist als spielte Turandot selbst die Sphinx ihres eigenen Rätsels, indes Iokaste ihr Rätsel in Gestalt der Sphinx vor die Schwelle ihrer Stadt gelagert hält. Mindestens ist Iokaste das Rätsel in Ödipus' ganzem Leben. Wie geht es zu, dass sie ihm Gattin sein mag, die doch seine Mutter war, dass sie ihm Kinder schenkt, die seine Geschwister sind, — das ist das Rätsel seines Lebens und verkörpert sich in ihr. Darum lässt die Sphinx keinen an sich vorüber, dass er Iokastens Gürtel löse und mit ihr, die Thebens Erde verkörpert, Thebens Kronreif und Königsschwert an sich nähme, die nur ihre Hand vergabt; aber als Ödipus kommt, gibt ihm das sphinxhaft verkörperte Rätsel den Weg frei zur Erfüllung seines rätselvollen Schicksals. Da Iokaste das Rätsel seines Lebens ist wie er des ihren, darf er ihren Gürtel lösen, denn der Schoß, den er verwahrt, ist das Geheimnis ihres gemeinsamen maßlos verknoteten Schicksals, er ist der Schicksalsschoß des Ödipus, aus dem sich ihm alles gebiert: alle Erfüllung, alles Verhängnis.

So ist Turandot, die Rätselreiche, das Schicksal des fremden Prinzen, Timurs Sohn, der unerkannt durch die Lande zieht, —: „Tod oder Turandot" ist seine Losung, seit er ihr Bild erblickt hat und von ihrem Spiel mit den Häuptern ihrer Freier weiß. Aber Kalaf ist auch ihr Schicksal, denn er vermag als Einziger ihr Rätsel zu lösen. Schönheit und Wert will nicht nur angebetet und grenzenlos genossen sein, — das verhieß Turandots Reiz ihr von jedem Freier, der seinen Kopf um ihren Preis zu wagen kam; Schönheit will nicht nur beglücken und spenden, sie will in ihrer Überlegenheit bezwungen, im Geheimnis ihrer Kraft erkannt sein. So gibt sich Brunhild am Isenstein nur dem Helden zu eigen, der ihr überlegen ist in Speerwurf, Steinstoß und Sprung, sie will nicht nur bewundert sein in manngleichem Tun und begehrt als heldisches Weib, — alles was sie vermag soll ihr der Held zuvortun, der sie haben will, dass kein Geheimnis überlegener Kraft an ihr unausgeschöpft von ihm bleibe: ohnmächtig und in ihrer Ohnmacht offenbar, mit keinem Wunder ihrer Kraft geheimnisvoll ihm überlegen, will sie ihm verfallen.

In nordischer Vorzeit ist Wunder und Rätsel am Weibe die heldische Manneskraft, im China voll alter Weisheit liegt das Wunder im Geist, der ein Höheres anerkennen will als den allweisen Witz, in den er sich verrätselt. Aber wie Turandot ihr Rätsel gelöst sehen will, um sich hingeben zu können, will auch Kalaf, der ihre Rätsel spielend löst, mit dem seinen aufgelöst sein; er stellt es ihr großmütig zur Probe, sich freizuraten von dem Recht, das er auf sie gewann. Der Unbekannte will erkannt sein als der er ist, denn er ist nicht nur ein Prinz aus fremdem Land, wunderbaren Wegs zu Turandot geführt, ein Prinz wie andere, — er ist er selbst, und das meint etwas Einziges: sein Geheimnis wie seine Wirklichkeit. Dieses erkennen heißt ihn bezwingen, wie er Turandot bezwang. Nur wer das Geheimnis des anderen umfasst aus der taucht, in das er wieder untertauchen kann und aus dem er lebt, hat Macht, ihn zu binden. Zwei Mächte aufeinander wirkend und beider Spannung in schwebendem Gleichgewicht: Das ist Liebe, die sich täglich neu erfüllt, sich immer neu aneinander entzündet. Freilich das Geheimnis des Anderen durchschauen heißt seine Macht brechen; was völlig erklärt ist, bannt nicht mehr, was sich benennen lässt, verliert die Magie, den Zauber des Unbekannten, das sich entziehen kann und unser spotten. Wie Turandot sich wider Willen in Kalafs Hand gab, da er ihr Rätsel löste, gibt er ihr die Möglichkeit der Freiheit wieder, wenn sie imstande ist, sein Geheimnis zu lüften. Sagt sie seinen Namen, ist er wie ein Dämon, den man bei seinem Namen beschwört, — wie Rumpelstilzchen im Märchen — geheimnislos und machtlos. Der Bann der Liebe, der zwei Menschen aneinander kettet, dass sie zueinander müssen, nicht voneinander können, ist, dass sie über allem Wissen um den anderen immer einander unauslotbare Tiefe bleiben. Könnte einer vom anderen ganz aussagen, wer und was er sei, so könnte er ihn verlassen, um einem anderen Geheimnisvollen nachzuziehen. In der baren Wiederholung des Bekannten, sei es immer liebenswert und achtungheischend, ist Lebensgemeinschaft in Pflicht und Gewohnheit möglich, aber nicht Eros, den nur das Geheime anzieht: das Geheime des Leibes und das Unsagbare des Wesens, — Eros, der flügelschnelle, den ein Strahl aus Psyches Lampe verscheucht.

Turandot gelangt in den Besitz von Kalafs Namen. Eine gefangene Fürstentochter in ihrem Gefolge, die den Prinzen eifersüchtig liebt und ihn gewinnen will, mit ihr nächtlich aus der Gefangenschaft zu fliehen, spiegelt ihm vor, Turandot lasse ihn am nächsten Morgen auf dem Gange zum Zeremoniell ihrer Antwort eher ermorden, ehe sie ohne seinen Namen vor ihn träte. Da lauscht sie dem Ausbruch seiner Enttäuschung über die Geliebte den Ausruf seines Namens ab, und als Kalaf ihren Fluchtplan verschmäht, verrät sie seinen Namen an Turandot. Nun weiß Turandot um Kalafs Namen und Geheimnis. Aber das Geheimnisvolle an ihm ist noch ein Anderes, es ist durch eben dieses Geschehen ein Anderes, Tieferes geworden. Dass er seinem gewissen Tode entgegenschreitet durch alle Höfe und Hallen des Palastes, von jeder Wache, jedem Schwert- und Würdenträger, die seinen Weg einsäumen, seinen Schritt begleiten, mit Tod bedroht, in seinem Nacken jeden Augenblick den Mordstahl wähnend, der ihn sucht, in jedem Blick, der ihn trifft oder unter gesenkten Lidern sich birgt, das Auge des Mörders witternd, — dass er so mit jedem Schritt vielfältig sich preisgebend einem Ziel entgegenschreitet, das sich tödlich ihm entzieht, indes es ihn herankommen lässt, das ihm den Tod gibt, indem es als verdiente Erfüllung des Lebens ihm winkt. Diese über allen Sinn hinausgewachsene Treue zu seinem SchicksalTod oder Turandot", dieses Unbedingte ist das Geheimnis seines Wesens und bleibt als zauberhaftes Wunder unerschöpf bar ein Leben lang.

Ihm ist aus der Tiefe seines Wesens bestimmt, von Turandot nicht zu lassen, gerade wenn er sie nicht besitzen soll, und wenn er um seines Rechtes und um seiner Großmut willen unverdient, verräterisch und undankbar von ihrer Hand sterben sollte. Dass sie nicht bloß dank seiner ihr Rätsel lösenden Kraft ihm vom Schicksal bestimmt und verfallen ist, sondern weil er sein Schicksal „Tod oder Turandot" unbedingt zu erfüllen bereit ist, das ist sein stärkster Zauber, der ihren dämonischen Widerstand bricht. Hier spricht kein Ohnmächtiger vermessen das gefährliche Wort, wie alle Freier vor ihm, aber ein Berufener. Diese Formel kehrte sich gegen die anderen, wie Magie sich gegen jeden kehrt, der kein Recht hat, sie zu gebrauchen; den ohnmächtigen Zauberlehrling verschlingt die Macht, die er rief; an allen anderen Freiem geht das Schicksalswort auch in Erfüllung, aber Kalaf allein beschwört das Schicksal mit ihm in dem glücklichen Sinne, den alle für sich meinten.

Kalafs Rätsel, das Geheimnis seines Wesens, ist über dem Geheimnis seines Namens, ist unsagbar. Aber auch Turandots Wesen ist über der Formel, in der Kalaf es begriff, als er glaubte, sie sänne auf seine Ermordung. Der Mund der ränkevollen Fürstentochter, die in enttäuschter Liebe sich selbst den Tod gibt, sagt es aus: Turandot plante keinen Verrat; und sie will nicht die Freiheit, die das Wissen um Kalafs Namen ihr gibt. Sie gibt sich ihm, bezwungen von seiner unendlichen Bereitschaft, sein Schicksal zu erfüllen und — Tod oder Turandot — um sie zu sterben ohne sie zu besitzen. Sie werden einander immer bekannt und rätselvoll bleiben, einander wahlverwandt und ebenbürtig in der Unergründlichkeit ihrer Naturen, in der Unbedingtheit zu sich selbst und ihrem Wesen. Darum ist ein Bund zwischen ihnen möglich, hinter jedem Begreifen des Anderen leuchtet seine Tiefe als ein Wunderbares, Unergründliches auf.

Wie Turandot ihres Prinzen bedürfen wir alle eines Anderen, um unser Rätsel aufzulösen. Wann aber kommt, wer uns aus dem Banne erlöst, aus dem Banne unseres Wesens, der Turandot zwang, Tod zu atmen statt Liebe? Dornröschen schläft den langen Schlaf, Schneewittchen schläft, ihre mythische Schwester Brunhild schlummert flammenumhegt; geschlossenen Auges atmen sie ihrer Bestimmung entgegen, der Wirklichkeit, die sie aus dem Schein des Todes ins wahre Leben ruft. Was solche Märchen unserer Seele als lichten Helden und Prinzen gestalten, der aus der Welt des Lebens in den Bann verwunschenen Schattendaseins bricht, hat viele Gestalten. Dass es ein Prinz sein müsse, der ein Mädchen wachküsst, ist der Wunschtraum jungfräulicher Seele. Ein schuldiges Herz weiß es anders, — ihm kann das Erweckende als Gespenst begegnen.

Siehe auch

Literatur