Schaf

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Das Schaf

Indische Geschichte aus einer Nacherzählung von Heinrich Zimmer aus seinem Buch "Weisheit Indiens. Märchen und Sinnbilder" 1938 im L.C. Wittich Verlag in Darmstadt erschienen. S. 27/28.

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Ein wandernder Heiliger kam ins Dorf. Die Leute nahmen ihn mit Ehrfurcht auf und erbauten sich an seinen Worten. Sie brachten ihm ihre Sorgen und Fragen und gingen getröstet von ihm. Ein Mann blieb zurück und wartete stumm. Der Heilige sah ihn fragend an, da sagte der Mensch: „Herr, belehre mich."

Der Heilige lehrte ihn: „Liebe Gott von ganzem Herzen und ganzer Seele."

Der Mensch erwiderte: „Ich habe Gott nie gesehen. Ich weiß nichts von ihm. Wie kann ich ihn lieben ?"

Der Heilige fragte ihn: „Was liebst du denn?" — Der Mensch antwortete: „Ich habe niemanden. Niemanden, den ich liebhabe und für den ich sorgen muss. Ich habe bloß ein Schaf. Es ist das einzige Wesen, das ich gern habe."

Da sagte der Heilige: „Dann liebe dein Schaf und hege es. Liebe es von ganzem Herzen und ganzer Seele und denke immer dabei: Gott wohnt in deinem Schaf."

Der Mensch dankte dem Heiligen, und der heilige Mann wanderte weiter.

Der Mensch aber wandte alle seine Liebe auf das Schaf und hegte es und dachte immer dabei: Gott wohnt in meinen Schaf.

Viel Zeit ging hin, da kam der wandernde Heilige wieder einmal in das Dorf. Er suchte jenen Menschen und fragte ihn: „Wie geht es?"

Der Mensch begrüßte ihn ehrfürchtig und sagte: „Meister, es geht mir gut — dank der Lehre, die du mir gabst. Viel Gutes ist mir zuteil geworden auf dem Wege, den du mir gewiesen hast. Zuweilen sehe ich eine herrliche Gestalt mit einem Diadem und vier Armen in der Gestalt meines Schafes und finde in ihrem Anschauen meine Seligkeit."

Siehe auch

Literatur