Wunschbaum

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Der Wunschbaum

Indische Geschichte aus einer Nacherzählung von Heinrich Zimmer aus seinem Buch "Weisheit Indiens. Märchen und Sinnbilder" 1938 im L.C. Wittich Verlag in Darmstadt erschienen. S. 20/21.

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Ein Wanderer war von seinem langen Wege durch die schattenlose Wüste erschöpft und am Verschmachten, da sah er sich unvermutet vor einem herrlichen Baum, der wie ein Wunder in der glühenden Öde stand. Er breitete seine Schattenkrone wie ein Fürstenzelt, und sein dunkelndes Laub barg würzige Blüten und schimmernde Früchte beisammen.

Erschöpft warf sich der Wanderer unter sein kühles Dach zu Boden, und unwillkürlich entfuhr es ihm: „Schön wäre es, wenn hier ein Ruhebett mit weichen Kissen stände und ich nicht auf der harten Erde liegen müsste."

Ehe er es sich versah, stand neben ihm ein herrliches Ruhebett mit schwellenden Kissen von leuchtender Seide. Der Baum, unter dem der Wanderer rastete, war wohl solch ein Wunschbaum, wie sie in Götterwelten wachsen und den Seligen augenblicks alle Wünsche gewähren, die sie aussprechen. Aber wer erwartet dergleichen auf Erden zu finden der Wanderer sprang in höchstem Staunen auf und zitterte an allen Gliedern. Ihm war nicht geheuer. Es dauerte eine ganze Weile, bis er seinen Schreck überwunden hatte und wieder Zutrauen zu dem Wunderbaum gewann. Schließlich aber, als weiter nichts Unheimliches geschah, fasste er sich ein Herz und streckte sich auf das verlockende Lager.

Der weiche Pfühl erquickte seinen Leib, und er spürte jetzt erst, wie müde seine Füße waren. „Wenn jetzt ein schönes Mädchen käme", sagte er bei sich, „und mir sanft die Füße kneten wollte!"

Er kam nicht dazu, sich diesen Wunsch auszumalen: Schon saß ein schönes Mädchen unten an seinem Lager und knetete ihm die müden Füße. Er erschrak ein klein wenig, dann ließ er es sich wohlig gefallen. Er fühlte sich recht erfrischt, merkte aber jetzt erst, wie hungrig er war, und sagte: „Ich habe, was ich mir wünsche, — aber wenn ich etwas zu essen bekäme ... !"

Schon stand ein Tisch mit erlesenen Speisen und Getränken vor ihm. Er fiel darüber her und aß nach Herzenslust von allen Schüsseln. Dann streckte er sich behaglich wieder auf sein Lager und sagte, ins Dunkel der Blätterkrone vor sich hin träumend: „Wenn jetzt mit einemmal ein Tiger daherkäme und mich fräße!" — Im gleichen Augenblick sprang ein ungeheurer schwarz und gelb gestreifter Tiger brüllend mit einem fürchterlichen Satze auf sein Lager und machte ihm mit einem einzigen Prankenhiebe den Garaus.

So kam der Wanderer, dem alle Wünsche augenblicks in Erfüllung gingen, um sein Leben.

Siehe auch

Literatur