Chandogya Upanishad Vierter Prapathaka zwölfter Khanda

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Chandogya Upanishad Vierter Prapathaka zwölfter Khanda: Interpretation von Shivapriya G.L., welche diesen Text für einen Philosophie Arbeitskreis, Schwerpunkt Upanishaden, für eine Studienreihe "Chandogya Upanishad in der Nähe von Frankfurt konzipiert hat.

Verse 1-2 Chandogya Upanishad Vierter Prapathaka zwölfter Khanda

Das zweite Feuer, Anvaharyapachana, stellt eine Beziehung zwischen den Weltengegenden, dem Raum, und dem Mond, der dem Lichtvollen zugeordnet ist, her. Diese Beziehung wird durch das Wasser und durch die Sterne hergestellt. Außerdem wird, wie bereits im letzten Khanda, betont, dass alles nur die Gestalten von Brahman sind. Die eigentliche Identität liegt in dem Mann im Mond, also in dem, was wir im Mond erkennen können.

Was kann uns also helfen, den Raum als Brahman zu erkennen? Satyakama hatte es seinerzeit relativ leicht, er war in der Weite des Raums mit seiner Herde alleine und hatte genügend Zeit, alle Aspekte Brahmans zu erkennen, die sich im Erlebnis des Raumes ausdrücken, in der Weite eben. Sein Schüler dagegen liegt deprimiert am Feuer, wie kann er da die Weite des Raums als göttlich erfassen? Betrachtet man die beiden anderen genannten Gestalten, die Sterne und das Wasser, ergibt sich der entscheidende Hinweis:

Die Sterne stellen für jeden Betrachter einerseits eine Begrenzung des wahrnehmbaren Raums dar, andererseits geben sie Orientierung. Wasser ist eigentlich das genaue Gegenteil von einem begrenzten, unveränderlichen Raum, es ist als fließendes Gewässer oder als Teich, See oder Ozean, selbst als Wasser in einem Trinkgefäß, ständig in Bewegung und es ist ständiger Veränderung unterworfen. Beide „Gestalten“ laufen also eigentlich der Erfahrung von Weite bzw. Raum entgegen. In unserem Alltag erfahren wir aber den Raum genau so: er ist nicht einfach weit und offen, sondern in der Regel begrenzt und wir fühlen uns überhaupt nicht wohl, wenn wir in einem Raum keine Orientierungspunkte, wie z.B. die Sterne haben. In unserem Alltag verändern sich die Räume, in denen wir uns bewegen zudem ständig. Wir räumen unsere Zimmer um oder wechseln den Wohnort oder die Arbeitsstelle. Wir suchen uns neue Spazierwege oder Urlaubsziele]. Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Anregungen und neuen Erlebnissen, wobei alle Erlebnisse mit einem neuen Raum verbunden sind, mit einer neuen Orientierung in diesem Raum, d.h. unser Geist ist beschäftigt mit der Entschlüsselung dieser neuen Räume.

Alle unsere „Raumerfahrungen“ sind eigentlich die mehr oder weniger unbewusste Suche nach der ursprünglichen Erfahrung der Weite als Brahman. Die uns umgebenden oder von uns geschaffenen Räume sind einer ständigen Veränderung unterworfen und sie sind begrenzt und enthalten Orientierungspunkte für uns. Sie sind quasi eine Bühne mit wechselnden Bühnenbildern, in der wir unsere Handlungsmöglichkeiten nutzen können, um unser eigenes Spiel zu durchschauen. Auch wenn wir, wie der deprimierte Schüler, keine Gelegenheit zu einer unmittelbaren Erfahrung von Weite und damit von Brahman haben, können wir doch unsere eigenen Räume mit all ihren Möglichkeiten und Veränderungen nutzen, um zu erkenne, was der Raum und die Weite in Wirklichkeit sind: wir haben unbegrenzte Möglichkeiten unsere Bühne zu gestalten! Wir können unsere Räume düster und gefährlich halten, oder sie zu Orten voll positiver Erkenntnisse machen. Ob weiter, leerer raum oder vollgestopfte Wohnung, überall sind nur Gestalten Brahmans am Werk, die wir formen! Alles, was uns umgibt und was wir erfahren sind nur Gestalten von Brahman, die uns helfen sollen, zu erkennen, wer wir wirklich sind.

Eine Möglichkeit ist der Mann im Mond, der ist ich und ich bin er, eine interessante Formulierung, da nicht gesagt wird, der Mann im Mond ist Brahman. Da das Feuer die Erklärung gibt, ist also der Mann im Mond das Feuer, das für das Lichtvolle und damit wieder für Brahman steht. Der Umweg in der Argumentation und die auffällige Formulierung macht erst dann Sinn, wenn man berücksichtigt, das die Beschreibung ICH immer zu einer Identifikation beiträgt. Das Feuer ist einerseits der Unterweisung gebende Lehrer, gleichzeitig der Mann im Mond, der ein Ausdruck des Lichtvollen und damit von Brahman ist. Der Mann im Mond muss aber als solcher erkannt werden, er muss gesehen werden. Das Sehen kann jeder, da jeder ein ICH hat, das wahrnehmen kann. Und jedes ICH nimmt ständig Identifikationen vor, ich bin dick, dünn, schlau dumm oder ungeduldig. Jedes ICH kann sich also auch mit dem Mann im Mond identifizieren ICH bin er und er ist ICH. Damit sagt uns das Feuer: Wir sind identisch mit dem Brahman und alles was uns umgibt sind nur Gestalten, die zwar auch wieder Ausdruck Brahmans sind, aber nicht dessen wahre Natur darstellen, diese geht über die Bühne, die wir uns zu Erfahrungszwecken schaffen, hinaus, sie betrifft unseren wahren inneren Kern, das erkennende ICH.

Da der 2. Vers mit dem aus dem Elften Khanda identisch ist, wird seine Bedeutung unterstrichen. Dieser Vers beleuchtet die Aussagen von Vers 1 des zwölften Khandas ebenso wie die des elften Khandas. Wir alle leiden ständig, weil wir glauben, andere oder das Schicksal spielt uns übel mit. Werden die Aussagen aus dem jeweiligen Vers 1 aber tatsächlich verstanden und ernst genommen, kann es für uns keine Übeltaten mehr geben, denn wir sind frei, unsere Welt selbst zu gestalten und unsere Erfahrungen selbst zu bestimmen, wir gestalten unsere Bühnen!

3. Vers Chandogya Upanishad Vierter Prapathaka zwölfter Khanda

Damit ist die Unterweisung der Feuer zu Ende, sie fassen ihre Lehre lediglich nochmal zusammen, indem sie Upakosala sagen: „nun weißt du…die Lehre vom Atman.“ Sehr tröstlich ist, dass zwischen dem Wissen und dem Weg zur Verwirklichung des Wissens unterschieden wird. Die Suchenden zu allen Zeiten haben zweifellos ein jeweils großes individuelles Wissen angehäuft, da man zu allen Zeiten auf „die Feuer hören konnte“ bzw. das Absolute erkennen kann, wenn man sich selbst und die Welt bewusst wahrnimmt. Wissen alleine reicht aber nicht zur Selbstverwirklichung. Man muss dieses Wissen auch durch einen konkreten Weg umsetzen und leben. Dazu braucht Upakosala seinen Lehrer. Doch als der zurück kommt, versucht er zuerst zu verheimlichen, dass er bereits ein neues Wissen erlangt hat. Auch dieses Verhalten ist Schülern aller Zeiten vertraut: wenn man zugibt, etwas gelernt zu haben, muss man es auch beweisen und das Wissen anwenden, egal um welches Wissen es sich handelt. Und diese Anwendung ist in jedem Fall unbequem, eine Herausforderung und hat mit Sicherheit Konsequenzen für den Rest des Lebens, denn man kann hinter das eigene Wissen nie wieder zurück treten und so tun, als wüsste man nicht um die neu gewonnene Erkenntnis. Also ist es eine beliebte Taktik erst einmal den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als wüsste man von nichts. Aber jeder gute Lehrer durchschaut dieses Versteckspiel und findet einen Weg, den Schüler auf seinen Weg zu bringen, so auch hier. Er bringt ihn dazu, ihm zu zeigen, wer sich noch verändert hat, nämlich die Feuer und so erzählt Upakosala schließlich, was er gelernt hat.

Der Lehrer erklärt Upakosala daraufhin, was er noch lernen muss. Dabei wird wieder die zentrale Bedeutung des jeweiligen Vers 2 unterstrichen. Der Lehrer macht klar, dass sich das Wissen nur auf die Weltenräume, also die Äußerlichkeiten der uns umgebenden Welt bezieht. Er wird dem Schüler aber einen Weg zeigen, bei dem keine üble Tat an dem Schüler haften bleiben kann, so wenig wie Wasser an einem Lotusblatt haften kann. Diese Formulierung ist doppeldeutig. Einerseits kann der Schüler mit der neuen Erkenntnis nicht von üblen Taten der Welt an ihm beeinflusst werden, andererseits kann aber der Schüler selbst auch keine üble Tat in die Welt setzen. Um es im Sinne der Bhagavat Gita auszudrücken: verhaftungsfreies Handeln erzeugt kein Karma. Erst nach diesem Hinweis ist der Schüler bereit, sich auf den Weg zu machen und dem Lehrer zu folgen.

4. Vers Chandogya Upanishad Vierter Prapathaka zwölfter Khanda

Der Lehrer kommt gleich zur Sache: er geht gleich auf den Mann ein, den man im Auge sieht und den er als Atman, das wahre innere Selbst identifiziert. Man kann sich leicht vorstellen, dass er mit diesem Ansatz die Erfahrung umschreibt, dass man in den Augen eines Menschen seinen wahren Charakter erkennen kann. Das, was wir im Auge des Gegenüber erkennen, ist das, was den Menschen ausmacht, es ist unsterblich, es ist das, was ohne Furcht im Menschen ist, d.h. das Wissende im Menschen, es ist das Brahman. Damit wird eine klare Definition des Atman gegeben: Atman ist Brahman.

Der zweite Teil von Vers 1 scheint dieser klaren, eher theoretischen Aussage einen profanen praktischen Teil entgegen zu stellen. Spritz Wasser oder Fett ins Auge, laufen die Flüssigkeiten nach außen ab. Nichts kann also das Bild, das wir in unseren Augen anderen zeigen und das wir in den Augen der anderen wahrnehmen können, drüben. Schauen wir hin, sehen wir immer Atman, egal, ob die Welt versucht, das Bild von Atman in unseren Augen oder den Augen der anderen Menschen zu verschleiern oder nicht. Die Augen sind der Spiegel der Seele.

In den folgenden Versen wird dann erklärt, was Atman ist. Atman ist der Liebeshort, d.h. der Ort in uns, in dem alle Liebe aufgehäuft ist. Wer weiß, dass er einen solchen Hort, einen solchen Schatz in sich trägt, der wird selbst zu einem Hort allen Liebens in der Welt, d.h. er kann Liebe verströmen. Atman ist der Liebesfürst. Das erinnert sehr an das Bild von Jesus als dem Lichtträger und dem Bringer der Liebe. Ein Liebesführer ist zwar ein ungewohntes Wort, die Bedeutung ist aber beeindruckend: Wenn Atman die Liebe führt, gibt es keine Liebe außerhalb von Atman. Atman kann dann zwar die Liebe in die Welt bringen, aber ohne ihn gibt es keine Liebe, da er alle Liebe führt. Das heißt aber auch umgekehrt, dass alles, was uns in der Welt in der Gestalt der Liebe begegnet, Atman, unser wahres inneres Selbst ist. Wer das verstanden hat, wird selbst zu einem Führer der Liebe, d.h. kann selbst die Liebe in die Welt bringen.

Atman ist auch der Glanzfürst, weil er glänzt. Das wird schnell verständlich, wenn man sich daran erinnert, dass Menschen, die ganz voll Liebe sind, z.B. weil sie frisch verliebt sind, regelrecht strahlen und von innen heraus glänzen. Wenn wir also den großen Schatz an Liebe in uns entdecken und diese Liebe auch in die Welt bringen, dann strahlen und glänzen wir und werden selbst zur Liebe, d.h. zu Atman. Zusammengefasst ergibt sich damit die klare Aussage: Atman ist Liebe!

5./6. Vers Chandogya Upanishad Vierter Prapathaka zwölfter Khanda

Wer Atman erkannt und verwirklicht hat, so wird weiter ausgeführt, der wird nach seinem Tod zu einem Strahl. Wirklich bemerkenswert ist die Feststellung, dass dieses Ereignis unabhängig von der Tatsache stattfindet, ob jemand bestattet wird oder nicht. In der Zeit der Upanishaden dürfte das eine große Ungeheuerlichkeit gewesen sein, da das Leben mit Sicherheit weit stärker von Ritualen und religiösen Vorstellungen geprägt war wie unsere moderne Zivilisation. Damit ist diese Aussage auch ein wichtiger Hinweis darauf, dass es nicht auf diese Rituale und Vorstellungen ankommt, wie man nur zu schnell glauben mag. Rituale und die Vorstellungsmuster können leicht dazu verführen, diese Hilfsmittel mit der Wahrheit zu verwechseln. Man kann sich dann bequem zurück lehnen, man muss den eigentlichen Weg nicht gehen, denn man ist ja dem Ritual oder dem Vorstellungsmuster gefolgt und muss deshalb nicht mehr selbst aktiv werden! Hier wird aber gesagt, völlig unabhängig von Bestattungsritualen führt die Erkenntnis des Atman dazu, dass man nach dem Tod in einen Strahl eingeht. Aus dem Strahl geht man dann ein in einen Tag, und aus dem tag in die lichte Hälfte des Monats, aus dem in ein Halbjahr mit nordwärts ziehender Sonne und daraus in ein Jahr und aus dem Jahr in die Sonne und aus der Sonne in den Mond und aus dem Mond in den Blitz und in dem ist dann ein Wesen, dass kein Mensch ist.

Diese Abfolge kann man mit einem Reifungsprozess vergleichen. Verlässt man den Körper, bleibt man als Strahl, als reine Energie vorhanden, diese taucht dann ein in eine Abfolge bestimmter Erfahrungen. Der Rhythmus wird immer länger, vom Tag bis zum Jahr. Wenn man sich vorstellt, dass das was beschrieben wird, reales Erleben ist, kann man sich sehr gut vorstellen, dass man zunächst als Strahl ziemlich aufgewühlt ist in seiner neuen Existenzform. Man erlebt alles ganz schnell, so schnell, wie ein Tag vergeht. Hat man sich ein bisschen eingewöhnt, kann man seine Handlungen und Aktionen etwas umsichtiger planen, man kann die Zeit etwas ausführlicher nutzen, eben wie Wochen. Mit fortschreitender Erkenntnis stellt sich Ruhe ein, die eigene Rhythmik wird länger, eben wie ein Halbjahr und schließlich wie ein Jahr. Ein anderes Bild ist die Vorstellung eines Steins, der ins Wasser fällt und eine Abfolge von unterschiedlich großen Kreisen auf der Oberfläche eines Sees erzeugt, die immer flacher und ruhiger werden, je weiter sie vom Zentrum des Ereignisses entfernt sind. Schließlich verschmelzen die Ringe wieder mit dem Wasser und im benutzten Bild geht der Strahl in die Sonne ein, d.h. wird Teil der Sonne. Da wir wissen, dass die Sonne für das Absolute steht, wird also Atman, das eigene, wahre innere Selbst wieder zu Brahman, dem Absoluten. Aber aus der Sonne geht der Strahl in den Mond und aus dem Mond in den Blitz und wird hier als der Mann, das Wesen im Blitz wahrgenommen. Wir werden also durch den Reifungsprozess, den wir durchlaufen, durch die neuen Erfahrungen nach unserem körperlichen Tod, Teil des Brahman. Wir werden aber auch gleichzeitig zu dem Bild, das von anderen Menschen als Mann im Blitz wahrgenommen werden kann. Damit haben wir eine weitere Definition, was Atman ist: Atman ist der Teil von Brahman, der von anderen als Brahman erkannt werden kann.

Schließlich erklärt der Lehrer noch, dass dies der Weg des Brahmanen ist, der gleichzeitig der Weg der Götter ist: die Suche nach der Antwort auf die Frage: Wer ist Atman? Wer bin ich?

Die Antwort auf diese Frage ist unsere Aufgabe:

Wir sollen Atman als das Absolute verwirklichen, Liebe in die Welt zu bringen und der Strahl der Erkenntnis auf dem Weg anderer Suchender zu sein – was für eine Herausforderung!


Hari Om Tat Sat



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