Sanskrit Kurs Lektion 74

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Version vom 21. November 2017, 11:38 Uhr von Oliver Hahn (Diskussion | Beiträge) (Sanskrit und Devanagari)

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Konsonantische Nominalstämme (4)

In Lektion 72 und 73 haben wir die acht Fälle des Singulars der konsonantisch auslautenden Stämme auf -in betrachtet. Der folgende Beispielvers enthält drei mit dem Suffix (Pratyaya) -in gebildete Nomina (Naman).

Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem vierten Kapitel (Upadesha), das der Praxis der Meditation und Versenkung (Samadhi) gewidmet ist. Der 95. Vers preist in poetischer Sprache die Bedeutung der Meditation auf den inneren Ton (Nada).


अन्तरङ्गस्य यमिनो वाजिनः परिघायते |
नादोपास्तिरतो नित्यमवधार्या हि योगिना || ४.९५ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
antaraṅgasya yamino vājinaḥ parighāyate |
nādopāstir ato nityam avadhāryā hi yoginā || 4.95 ||


  • vereinfachte Transkription:
antarangasya yamino vajinah parighayate |
nadopastir ato nityam avadharya hi yogina || 4.95 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:


antar-aṅgasya : (in Form) des Geistes (Antaranga, Gen. Sg. n.)
yaminaḥ : eines gezügelten, selbstbeherrschten Yogis (Yamin, Gen. Sg. m.)
vājinaḥ : des Rennpferdes (Vajin, Gen. Sg. m.)
parighāyate : (der unangeschlagene Ton) ist wie ein Riegel (vor der Stalltür, Parighay, Verb)
nādopāstiḥ : die Meditation (Upasti, Nom. Sg. f.) über den unangeschlagenen Klang, Ton (Nada, m.)
ataḥ : deshalb, daher (Atas, adv.)
nityam : täglich ("immer", Nitya, adv.)
avadhāryā : ist zu praktizieren ("sich vertraut zu machen", Avadharya, Nom. Sg. f.)
hi : gewiss (Hi, indekl.)
yoginā : von dem Yogin (Instr. Sg. m.)


  • Übersetzung:
(Der unangeschlagene Ton) ist wie ein Riegel (vor der Stalltür) des einem Rennpferd gleichendem Geistes eines selbstbeherrschten Yogis.
Daher soll die Meditation über den unangeschlagenen Ton von einem Yogi gewiss täglich praktiziert werden.


Erläuterungen

  • Der Genitiv (Shashthi) antar-aṅgasya steht im Sinne eines Dativs (Chaturthi, "für den Geist") und ist ein Kompositum (Samasa) des Typs Tatpurusha, das wörtlich "inneres Glied" Antar-Anga) bedeutet, und den Empfänger (Sampradaya) bzw. das Ziel der Verbalhandlung parighāyate bezeichnet.
  • Der Genitiv yaminaḥ "eines selbstbeherrschten Yogis" bezieht sich auf den Genitiv antar-aṅgasya "für den Geist".
  • Der Genitiv vājinaḥ bezieht sich als Apposition (Visheshana) auf den Genitiv antar-aṅgasya und bezeichnet somit ebenfalls im Sinne eines Dativs den Empfänger bzw. das Ziel der Verbalhandlung parighāyate: "für den Geist, das Rennpferd". Das durch die Verbform ausgedrückte logische Subjekt (Agens, Kartri) dieses Satzes (Pada 1-2), der unangeschlagene Ton (nādaḥ, Nada), ist aus dem vorangehenden Vers 4.94 zu ergänzen (Lektion 53).
  • Der Nominativ (Prathama) nādopastiḥ ist ein Kompositum des Typs Tatpurusha, das wörtlich "Klang-Meditation" Nada-Upasti) bedeutet, und logisches Objekt (Karman) der als Gerundivum erscheinenden Verbalhandlung avadhāryā. Im Sanskrit liegt hier eine passive Konstruktion (Karmani Prayoga) zugrunde, wörtl.: "die Meditation über den unangeschlagenen Ton soll praktiziert werden".
  • Das Adverb ataḥ "daher, deshalb" bezieht sich auf die Aussage im ersten Halbvers.
  • Das Adverb nityam "immer, täglich" ist eine nähere Bestimmung (Kriyavisheshana) zum Gerundivum avadhāryā.
  • Das Gerundivum avadhāryā bezieht sich als Verbaladjektiv auf nādopastiḥ und steht daher auch im Nominativ Singular Femininum. Es erfordert eine passive Konstruktion, bei der das logische Objekt im Nominativ steht (s.o.). Das Gerundivum avadhāryā ist von der Wurzel dhṛ "halten, tragen, bewahren" abgeleitet, die im Kausativ in Verbindung mit dem Verbalpräfix ava "sich vertraut machen" bedeutet.
  • Das Indeklinable (Avyaya) hi steht hier im Sinne einer Bekräftigung: "gewiss".
  • Der Instrumental (Tritiya) yoginā bezeichnet in passiver Konstruktion das logische Subjekt (Agens, Kartri) der als Gerundivum erscheinenden Verbalhandlung avadhāryā, wörtl.: "von dem Yogi soll ... praktiziert werden".
  • Sandhi: Die Formen yamino und ato stehen für yaminaḥ und ataḥ, da auslautendes -aḥ vor stimmhaftem Konsonant (hier: v bzw. n) zu -o wird. Ein auslautendes a verschmilzt mit anlautendem u zu o: nādopāstiḥ (nāda + upāstiḥ). Die Form nādopāstir steht für nādopāstiḥ, da Visarga () nach allen Vokalen außer a/ā vor einem folgenden Vokal zu r wird.


Metrische Analyse des 1. und 2. Pada

Betrachten wir das erste (Prathama) und zweite (Dvitiya) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari न्त ङ्ग स्य मि नो वा जि नः रि घा ते
Transliteration a nta raṅ ga sya yam mi no ji naḥ pa ri ghā ya te
Silbenlänge lang* kurz lang* lang* kurz kurz kurz lang lang kurz lang* kurz kurz lang kurz lang
Symbol υ υ υ υ υ υ υ υ


Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten. Die Positionslänge der 1., 3. und 4. Silbe (Pada 1) ergibt sich durch die Aufteilung in an-ta-raṅ-gas-ya.


Weblinks


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