Svacchanda Tantra
Svacchanda Tantra (Sanskrit: स्वच्छन्दतन्त्र svacchandatantra), auch Svacchandabhairava Tantra, ist eine umfangreiche Schrift des tantrischen Shivaismus. Im Mittelpunkt steht Bhairava als Svacchanda, der aus eigener Freiheit wirkende Herr. Das Werk verbindet Mantra, Puja, Homa, Diksha, Yoga und Meditation mit einer ausführlichen Darstellung des Kosmos und der Prinzipien des Daseins, der Tattvas. Die hier zugrunde gelegte Sanskritfassung umfasst fünfzehn Kapitel, Paṭalas.

Svacchanda bedeutet unter anderem „dem eigenen Willen folgend“, „frei“ oder „ungehindert“. Als Gottesname verweist es auf die Unabhängigkeit des höchsten Herrn. Svacchanda Tantra ist die hier gewählte gut lesbare Artikelschreibweise; die wissenschaftliche Zusammenschreibung lautet Svacchandatantra. Weitere Schreibweisen sind Svachchhanda Tantra, Svachchanda Tantra und Swacchanda Tantra.
Das Svacchanda Tantra ist als Gespräch zwischen der Göttin und Bhairava gestaltet. Die Göttin bittet um eine überschaubare Unterweisung für Menschen, deren Lebenszeit, Kraft und Mittel begrenzt sind. Das Werk beantwortet diese Bitte mit einer Zusammenfassung einer mythisch sehr viel umfangreicheren Offenbarung. Die in 1.5 genannten hundert Kotis bezeichnen diesen traditionellen Offenbarungsumfang; sie sind keine Zählung der erhaltenen Verse.
Zwei Ziele durchziehen das Svacchanda Tantra: Bhukti, das Erfahren von Lebensfülle und besonderen Fähigkeiten, und Mukti, die Befreiung. Der Text behandelt daher sowohl wunschbezogene Rituale als auch die Aufhebung von Bindung. Seine spirituelle Mitte liegt in der Verbindung äußerer Verehrung mit innerer Verwandlung: Der Körper wird als Ort göttlicher Gegenwart betrachtet, Mantra als wirksame Gestalt des Bewusstseins, Einweihung als Befreiung von begrenzenden Fesseln.
Hintergrund, Überlieferung und Datierung
Das Svacchanda Tantra gehört zur frühen tantrischen Bhairava-Überlieferung des Mantramarga. Für den kaschmirischen Shivaismus gewann es besondere Bedeutung durch den Kommentar Svacchandoddyota des Kṣemarāja, eines Lehrers aus dem Umfeld Abhinavaguptas. Der überlieferte Grundtext und Kṣemarājas philosophische Auslegung sind auseinanderzuhalten: Diese Datei enthält grundsätzlich den Mūla, den Grundtext, ohne den vollständigen Kommentar. Eine Ausnahme der digitalen Vorlage ist Eintrag 9.110: Er enthält neben einem Vershalbvers bereits einen Satz aus Kṣemarājas Kommentar; diese Vermischung wird ausdrücklich dokumentiert.
Eine jahrgenaue Datierung ist nicht möglich. Als vorsichtige zeitliche Orientierung kann etwa das 8. Jahrhundert n. Chr. dienen. Die UNESCO-Dokumentation zur Niśvāsatattvasaṃhitā nennt diese ungefähre Einordnung und verweist auf Übernahmen älteren Niśvāsa-Materials im Svacchanda Tantra.[1] Die Einordnung bezeichnet einen historischen Rahmen; Entstehung, Erweiterung und Redaktion einzelner Abschnitte müssen damit nicht gleichzeitig erfolgt sein. Kṣemarājas Kommentar gehört in die spätere kaschmirische Rezeptionsgeschichte des frühen 11. Jahrhunderts.
Der kaschmirische Druck mit Kommentar wurde von Madhusudan Kaul Shastri herausgegeben: The Swacchanda-Tantra, with commentary by Kshemaraja, Bombay, Nirnaya-Sagar Press, 1921–1935, sechs Bände in sieben Teilen, Kashmir Series of Texts and Studies 31, 38, 44, 48, 51, 53 und 56.[2] Daneben steht die von V. V. Dvivedi herausgegebene Ausgabe mit dem Kommentar, Delhi: Parimal Publications, 1985, zwei Bände.[3]
Textgrundlage und Zählung
Grundlage dieser Bearbeitung ist die beigefügte GRETIL-Datei sa_svacchandatantra(1).txt, Versionsdatum 31. Juli 2020. Ihr Text wurde 2004 von der shaivistischen Lesegruppe am EFEO in Pondicherry erfasst: Dominic Goodall, Mei Yang, Nibedita Rout, R. Sathyanarayanan und S. A. S. Sarma. Die Kapitel beruhen teils auf Dvivedi, teils unmittelbar auf KSTS; die Datei ist folglich keine durchgehende Abschrift eines einzigen Drucks.[4]
Die tatsächlich gespeicherte Vorlage enthält 3.680 nummerierte Einträge. Nach zwei offengelegten Berichtigungen der Zählung in Kapitel 10 sind dies 3.679 Grundnummern und die zusätzliche Variante 2.187*. Die ebenfalls mit Stern versehenen Verse 13.9*–13.28* stehen an ihren eigenen fortlaufenden Nummern und sind keine zwanzig zusätzlichen Dubletten. Die Bedeutung ihrer Sternmarkierung wird im Quellenkopf nicht erklärt; sie bleibt erhalten. Da einige Einträge mehr oder weniger als die üblichen vier Versviertel enthalten und 9.110 teilweise Kommentarprosa wiedergibt, ist diese Zählung nicht mit einer Berechnung metrischer Śloka-Einheiten gleichzusetzen.
Die folgenden Kapitelbezeichnungen sind redaktionelle Inhaltsangaben, soweit nicht ausdrücklich ein Sanskrit-Kolophon zitiert wird. Sie ersetzen keine überlieferten Kapitelüberschriften.
| Kapitel | Grundnummern | Einträge | Textbasis laut GRETIL | Inhalt |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 1–87 | 87 | Dvivedi | Mantraableitung, Lehrer und Schüler |
| 2 | 1–289 | 290 | KSTS | Verehrung und Feueropfer |
| 3 | 1–214 | 214 | Dvivedi | Vorbereitende Weihe |
| 4 | 1–546 | 546 | KSTS | Einweihung, innerer Aufstieg und Lehrerweihe |
| 5 | 1–88 | 88 | Dvivedi | Tattva-Einweihung und Verpflichtungen |
| 6 | 1–97 | 97 | Dvivedi | Fünffacher Pranava und besondere Anwendungen |
| 7 | 1–331 | 331 | KSTS | Äußere und innere Zeit; Atem und Erkenntnis |
| 8 | 1–39 | 39 | KSTS | Göttliche Anteile und Zuordnungen |
| 9 | 1–110 | 110 | KSTS | Geheime Anwendungen und kosmische Bezüge |
| 10 | 1–1280 | 1280 | KSTS | Der kosmische Weg: Welten und Prinzipien |
| 11 | 1–319 | 319 | Dvivedi | Entstehung und Ordnung des Kosmos |
| 12 | 1–168 | 168 | KSTS | Prinzipien im Körper und Meditation |
| 13 | 1–45 | 45 | Dvivedi | Zusammengefasste Verehrung und Anwendungen |
| 14 | 1–28 | 28 | Dvivedi | Mudras |
| 15 | 1–38 | 38 | Dvivedi | Geheimvokabular und Erkennungszeichen |
| Gesamt | 3.679 | 3.680 | Gemischte Textbasis | 15 Kapitel |
Darstellungsweise: Jeder Texteintrag erhält seine Nummer, den vollständigen IAST-Text und unmittelbar darunter die deutsche Übersetzung. Über mehrere Verse laufende Sätze bleiben als solche erkennbar; es werden keine zusammenfassenden Ersatzübersetzungen für Versgruppen gegeben. Unklare Stellen sind bei der Übersetzung oder in den textkritischen Hinweisen markiert. Danach folgt die vollständige Devanagari-Umschrift der erfassten Sanskritvorlage. Die Sanskritlesungen werden grundsätzlich bewahrt, einschließlich sichtbarer Fehler; redaktionelle Deutungen in der Übersetzung gelten nicht als stillschweigende Emendationen des Sanskrittexts.
Inhalt und geistige Ausrichtung

Gottheit und Mantra. Svacchanda Bhairava wird in Kapitel 2 fünffach, mit insgesamt fünfzehn Augen und achtzehn Armen beschrieben. Seine verschiedenen Gesichter, Kräfte und Begleitgottheiten bilden einen geordneten Verehrungsraum. Bhairavi erscheint auf seinem Schoß. Die Lautanweisungen in Kapitel 1 leiten Mantras aus verschlüsselten Bezeichnungen für Buchstaben und Vokale ab. Solche Anweisungen setzen eine überlieferte Auslegung voraus; eine frei erfundene Auflösung der Keimsilben wäre keine zuverlässige Übersetzung.
Äußere und innere Verehrung. Das Svacchanda Tantra beschreibt die Reinigung von Ort und Körper, die Anordnung des Mandala, den Nyasa, die Darbringung von Blumen und Speisen sowie das Feueropfer. Das geistige Opfer im Herzen erhält dabei grundlegende Bedeutung. In 3.32–3.35 wird der innere Vollzug als Voraussetzung der befreienden äußeren Verehrung herausgestellt. Der Herzlotus bildet einen Ort, an dem Welt, Gottheit und Bewusstsein zusammengeführt werden.

Einweihung und Bindung. Diksha umfasst im Svacchanda Tantra vorbereitende Weihen, Mantraübertragung, ritualisierte Reinigung und die Verbindung des Schülers mit dem höchsten Zustand. Die drei Fesseln werden als individuelle Begrenztheit, karmische Bindung und durch Maya bestimmte Verkörperung behandelt. Die rituelle Schnur vertritt den gebundenen Körper; 3.174 sagt ausdrücklich, dass die Fesseln an diesem Stellvertreter gebunden, durchtrennt und verbrannt werden. Kapitel 4 unterscheidet Einweihungen nach Befreiungsziel, Verwirklichungsziel und Fähigkeit zur Übernahme von Verpflichtungen.
Atem und Bewusstsein. Prana, Nadis, Lautstufen und Zustände des Bewusstseins werden miteinander verknüpft. Der Text verfolgt den Weg von gröberen Wahrnehmungs- und Lautformen zu Bindu, Nada, Shakti, Vyapini, Samana und Unmana. Das Svacchanda Tantra verwendet eigene Ordnungen; seine Systeme dürfen nicht ohne Weiteres mit einem heutigen einheitlichen Sieben-Chakra-Schema gleichgesetzt werden.

Kosmos als Weg. Adhvan bezeichnet hier den aus Welten, Prinzipien, Kalas, Lauten, Wörtern und Mantras bestehenden kosmischen Weg. Kapitel 10 stellt diesen besonders ausführlich dar; Kapitel 11 behandelt Entstehung und Ordnung der Welt, Kapitel 12 die Prinzipien im Körper und ihre meditative Erkenntnis. Die Weltbeschreibung bildet zugleich den Bezugsrahmen der Einweihungsrituale.

Einheit und Anerkennung. In 4.313–4.315 wird die Ausrichtung des Geistes auf Shiva in allem erläutert. In 4.540–4.546 untersagt das Svacchanda Tantra, bei Eingeweihten die frühere Kastenzugehörigkeit hervorzuheben; die gemeinsame Bhairava-Zugehörigkeit erhält Vorrang. Zugleich unterscheidet das Werk weiterhin Einweihungsstufen und enthält an anderen Stellen historische soziale und körperbezogene Ausschlussvorstellungen. Eine sorgfältige Lektüre nimmt beide Seiten wahr.
Bedeutung heute und Praxisanregungen
Das Svacchanda Tantra erschließt eine Verbindung von Bhakti, Mantra Yoga, Ritual, Erkenntnis und innerer Sammlung. Für das heutige Studium ist besonders aufschlussreich, wie es Körper, Sprache, Zeit und Welt als miteinander verbundene Erfahrungsfelder behandelt. Seine nichtdualistischen Aussagen können die Beschäftigung mit Shiva Sutra, Spandakarika, Pratyabhijnahridaya und Tantraloka vertiefen; dabei bleiben die verschiedenen Textgattungen und historischen Lehrzusammenhänge zu beachten.
Die folgenden Anregungen sind eine heutige, einfache Übertragung ausgewählter Motive des Svacchanda Tantra. Sie sind keine Rekonstruktion seiner Einweihung und keine Anweisung zur Durchführung sämtlicher historischer Rituale. Die Übersetzung bewahrt auch Aussagen über Alkohol, Fleisch, Opferstoffe, magische Wirkungen, Krankheit, Körpermerkmale und gesellschaftliche Gruppen. Diese Aussagen werden als Bestandteile des historischen Textes wiedergegeben. Für die heutige Praxis werden hier Mitgefühl, gewaltfreies Handeln, achtsames Studium und ruhige Meditation ausgewählt.
- Beginne mit der inneren Haltung. Lies 1.14–1.15 und 1.18–1.21. Verbinde Sadhana mit Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Mitgefühl und der Bereitschaft zu lernen.
- Verinnerliche eine einfache Gabe. Sitze einige Minuten ruhig. Stelle dir im Herzen eine helle Blume vor und bringe sie innerlich dem Göttlichen dar. Das greift das Motiv der geistigen Verehrung aus Kapitel 2 und 3 auf.
- Verbinde Mantra und Aufmerksamkeit. Wiederhole einen dir vertrauten, angemessen vermittelten Mantra ruhig und regelmäßig. Lass den Atem natürlich fließen; die komplizierten Atemverschlüsse des historischen Einweihungsrituals gehören nicht zu dieser einfachen Anregung.
- Betrachte Bewusstsein im Alltag. Nimm 4.313 als Meditationsimpuls: Wohin sich die Aufmerksamkeit auch richtet, bemerke das Bewusstsein, in dem die Erfahrung erscheint. Verbinde dies mit Achtsamkeit beim Gehen, Zuhören und Handeln.
- Behandle Menschen mit gleicher Achtung. Die Absage an das Hervorheben früherer Kastenzugehörigkeit in 4.543 kann heute als Anlass dienen, eigene gesellschaftliche Vorurteile zu prüfen und andere unabhängig von Herkunft respektvoll zu behandeln.
- Studiere mit Geduld. Das Svacchanda Tantra ist ein langes Lehrwerk. Lies einen begrenzten Versabschnitt, notiere offene Begriffe und unterscheide die wörtliche Aussage von einer späteren Auslegung oder persönlichen Anwendung.

Videos zur ergänzenden Meditationspraxis
Die folgenden Videos stammen aus der vorgegebenen Medienliste. Sie bieten heutige Yoga-Vidya-Meditationen zur Ergänzung des Studiums; sie sind keine Übersetzungen einzelner Kapitel des Svacchanda Tantra.
Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev
3-Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev
Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev
Sanskrittext in IAST mit deutscher Übersetzung
Kapitel 1
1.1
kailāsaśikharāsīnaṃ bhairavaṃ vigatāmayam |
caṇḍanandimahākālagaṇeśavṛṣabhṛṅgibhiḥ || 1.1 ||
Bhairava saß auf dem Gipfel des Kailasa, frei von allem Leid, umgeben von Chanda, Nandin, Mahakala, Ganesha, Vrisha und Bhringin.
1.2
kumārendrayamādityabrahmaviṣṇupuraḥsaraiḥ |
stūyamānaṃ maheśānaṃ gaṇamātṛniṣevitam || 1.2 ||
Kumara, Indra, Yama, Aditya, Brahma, Vishnu und andere priesen den großen Herrn; Scharen seiner Begleiter und die Muttergottheiten dienten ihm.
1.3
sṛṣṭisaṃhārakartāraṃ vilayasthitakārakam |
anugrahakaraṃ devaṃ praṇatārtivināśanam || 1.3 ||
Er bewirkt Schöpfung und Auflösung, Versenkung und Fortbestand; er ist der Gott, der Gnade schenkt und die Not derer vernichtet, die sich vor ihm verneigen.
1.4
muditaṃ bhairavaṃ dṛṣṭvā devī vacanamabravīt |
yattvayā kathitaṃ mahyaṃ svacchandaṃ parameśvara || 1.4 ||
Als die Göttin den freudigen Bhairava sah, sprach sie: „Höchster Herr, das Svacchanda, das du mir gelehrt hast,
1.5
śatakoṭipravistīrṇaṃ bhedānantyavisarpitam |
catuṣpīṭhaṃ mahātantra catuṣṭayaphalodayam || 1.5 ||
ist ein großes Tantra mit vier Bereichen, das die vier Lebensziele hervorbringt; es erstreckt sich über hundert Kotis und entfaltet sich in unzähligen Unterteilungen.
1.6
na śaknuvanti manujā alpavīryaparākramāḥ |
alpāyuṣo 'lpavittāśca alpasattvāśca śaṃkara || 1.6 ||
Die Menschen besitzen jedoch wenig Kraft und Tatvermögen, ein kurzes Leben, geringe Mittel und geringe Standhaftigkeit, o Shankara. Sie vermögen es nicht zu bewältigen.
1.7
tadarthaṃ saṃgrahaṃ tasya svalpaśāstrārthavistaram |
bhuktimuktipradātāraṃ kathayasva prasādataḥ || 1.7 ||
Lehre deshalb aus Gnade eine Zusammenfassung davon, die den Lehrstoff in begrenztem Umfang entfaltet und sowohl Lebensgenuss als auch Befreiung gewährt.
1.8
kīdṛśaṃ vai guruṃ vidyāt sādhakaṃ ca maheśvara |
bhayābhayapradātāraṃ śiṣyaṃ bhūmiṃ ca kīdṛśīm || 1.8 ||
Wie soll man den Guru erkennen und wie den Sadhaka, o Maheshvara? Wie beschaffen ist derjenige, der Furcht oder Furchtlosigkeit gewährt? Wie sollen Schüler und Ritualgrund beschaffen sein?
1.9
mantrāṃścaiva samāsena kālaṃ caiva samāsataḥ |
yajanaṃ havanaṃ caiva adhivāsaṃ rajāṃsi ca || 1.9 ||
Lehre zusammenfassend die Mantras und die geeigneten Zeiten, die Verehrung und das Feueropfer, die vorbereitende Weihe und die Farbpulver,
1.10
pañcagavyaṃ caruṃ caiva dantakāṣṭhaṃ ca maṇḍalam |
dīkṣā cādhvābhiṣekau ca samayānsādhanāni ca || 1.10 ||
die fünf Kuhprodukte, den Opferspeisebrei, das Zahnhölzchen und das Mandala, die Einweihung, den kosmischen Weg, die Weihen, die Verpflichtungen und die Mittel der Verwirklichung.
1.11
kalimāsādya sidhyanti tathā brūhi maheśvara |
sādhu sādhu mahābhāge yattvayā paricoditam || 1.11 ||
Erkläre es so, o Maheshvara, dass die Menschen auch im Kali-Zeitalter Erfolg erlangen.“ — „Gut, sehr gut, du Hochbegnadete! Was du erfragt hast,
1.12
anugrahāya martyānāṃ sāmprataṃ kathayāmi te |
ādau tāvatparīkṣeta ācāryaṃ śubhalakṣaṇam || 1.12 ||
werde ich dir nun zur Begnadung der Sterblichen erklären. Zuerst prüfe man den Lehrer, der günstige Kennzeichen besitzen soll.
1.13
āryadeśasamutpannaṃ sarvāvayavabhūṣitam |
śivaśāstravidhānajñaṃ jñānajñeyaviśāradam || 1.13 ||
Er soll aus dem Land der Aryas stammen, körperlich vollständig ausgestattet sein, die Vorschriften der Shiva-Schriften kennen und in Erkenntnis und Erkenntnisgegenstand bewandert sein.
1.14
devakarmarataṃ śāntaṃ satyavādidṛḍhavratam |
sattvavadvīryasampannaṃ dayādākṣiṇyasaṃyutam || 1.14 ||
Er soll sich dem Gottesdienst widmen, friedvoll sein, die Wahrheit sprechen und fest an seinen Gelübden halten; er soll Standhaftigkeit und Kraft besitzen sowie Mitgefühl und entgegenkommende Güte.
1.15
tyāginaṃ dambhanirmuktaṃ śivaśāstreṣu bhāvitam |
īdṛśaṃ tu guruṃ prāpya siddhimuktī na dūrataḥ || 1.15 ||
Er soll freigebig, frei von Heuchelei und von den Shiva-Schriften durchdrungen sein. Hat man einen solchen Guru gefunden, sind Verwirklichung und Befreiung nicht fern.
1.16
krodhanaścapalaḥ kṣudro dayādākṣiṇyavarjitaḥ |
kekaro danturaḥ kāṇaḥ pāpiṣṭhaḥ śāstravarjitaḥ || 1.16 ||
Ungeeignet ist nach diesen Vorschriften ein zorniger, unsteter, kleinlicher Mensch ohne Mitgefühl und Güte, ein Schielender, einer mit vorstehenden Zähnen, ein Einäugiger, ein Übeltäter oder einer ohne Schriftkenntnis.
1.17
atidīrghastathā hrasvaḥ kṛśaḥ sthūlaḥ kṣayānvitaḥ |
tārkiko dambhasaṃyuktaḥ satyaśaucavivarjitaḥ || 1.17 ||
Ebenso nennt der Text einen übermäßig Großen oder Kleinen, einen Ausgemergelten, einen übermäßig Dicken, einen Schwindsüchtigen, einen bloßen Streitdialektiker, einen Heuchler und einen Menschen ohne Wahrhaftigkeit und Reinlichkeit.
1.18
anyaśāstrarato yastu nāsau muktiphalapradaḥ |
śiṣyo dayānvito dhīro dambhamāyāvivarjitaḥ || 1.18 ||
Wer sich ausschließlich anderen Lehrschriften widmet, vermittelt nicht die Frucht der Befreiung. Der Schüler dagegen soll mitfühlend, standhaft und frei von Heuchelei und Täuschung sein.
1.19
devāgnigurubhaktaśca śāstrabhakto dṛḍhavrataḥ |
guruśuśrūṣaṇaparaḥ suśāntendriyasaṃyutaḥ || 1.19 ||
Er soll Gott, dem Opferfeuer, dem Guru und der Lehre ergeben sein, feste Gelübde halten, dem Lehrer dienen und seine Sinne gut beruhigt haben.
1.20
īdṛśo vai bhavecchiṣ.yaḥ so 'trānugrahabhājanam |
māyānvitaḥ śaṭhaḥ krūro niḥsatyaḥ kalahapriyaḥ || 1.20 ||
So soll ein Schüler beschaffen sein; er ist hier ein Gefäß der Gnade. Wer hingegen täuschend, betrügerisch, grausam, unwahrhaftig und streitsüchtig ist,
1.21
kāmī ca lobhasampannaḥ śivabhaktivivarjitaḥ |
dūṣako guruśāstrāṇāṃ dīkṣito 'pi na muktibhāk || 1.21 ||
wer begierdevoll und habgierig ist, keine Hingabe an Shiva besitzt und Guru und Schriften herabsetzt, wird selbst durch eine Einweihung nicht der Befreiung teilhaftig.
1.22
santāpaṃ krodhane vindyāc capale capalāḥ śriyaḥ |
mantrasiddhiṃ haret kṣudra ācāryastu varānane || 1.22 ||
Bei einem zornigen Lehrer erfährt man Qual; bei einem unsteten ist der Wohlstand unbeständig. Ein kleinlicher Lehrer nimmt einem die Vollendung des Mantras, o Schönangesichtige.
1.23
dayāhīnena daurbhāgyam adakṣe dasyupīḍanam |
kekareṇa bhavedvyādhir danturaḥ kalikārakaḥ || 1.23 ||
Ein Mitleidsloser bringt Unglück, ein Ungeschickter Bedrängnis durch Räuber; einem Schielenden schreibt der Text Krankheit zu, einem Lehrer mit vorstehenden Zähnen Streit.
1.24
kāṇo vidveṣajananaḥ khalvāṭaścārthanāśanaḥ |
śāstrahīne na siddhiḥ syād dīkṣādau vīravandite || 1.24 ||
Ein Einäugiger gilt hier als Ursache von Feindschaft, ein Kahlköpfiger als Ursache von Vermögensverlust. Bei einem Lehrer ohne Schriftkenntnis gibt es bei Einweihung und anderen Riten keinen Erfolg, o von Helden Verehrte.
1.25
dīrghe rājabhayaṃ jñeyaṃ hrasvaḥ putravināśanaḥ |
kṛśaḥ kṣayakaro jñeyaḥ sthūla utpātakārakaḥ || 1.25 ||
Bei einem übermäßig Großen sei Bedrohung durch den König zu erwarten; ein übermäßig Kleiner bringe den Verlust von Söhnen. Ein Ausgemergelter gelte als Ursache von Auszehrung, ein übermäßig Dicker als Ursache von Unheilszeichen.
1.26
kṣayānvitena mṛtyuḥ syāt tārkike vadhabandhanam |
dāmbhikaḥ pāpajanako veditavyo varānane || 1.26 ||
Durch einen Schwindsüchtigen komme der Tod, durch einen Streitdialektiker Tötung und Gefangenschaft. Einen Heuchler soll man als jemanden erkennen, der Unheil hervorbringt, o Schönangesichtige.
1.27
mantāstasya na siddhyanti yaḥ satyādivivarjitaḥ |
sarve te na śubhā devi iha loke paratra ca || 1.27 ||
Die Mantras dessen, dem Wahrhaftigkeit und die übrigen Tugenden fehlen, gelangen nicht zur Vollendung. Alle diese Lehrer sind weder in dieser Welt noch im Jenseits günstig, o Göttin.
1.28
sitaraktapītakṛṣṇāṃ bhūmiṃ plavaviśodhitām |
viśalyāṃ lakṣaṇairyuktāṃ sarvakāmārthasādhikām || 1.28 ||
Man wähle weißen, roten, gelben oder schwarzen Boden, dessen Gefälle geprüft und der gereinigt ist, frei von störenden Fremdkörpern, mit günstigen Kennzeichen versehen und zur Erfüllung aller Wünsche geeignet.
1.29
sugandhigandhasaṃyuktāṃ puṣpaprakaralālitām |
sudhūpāmodabahalāṃ vitānopariśobhitam || 1.29 ||
Er soll angenehm duften, mit einer Fülle von Blumen geschmückt, von wohlriechendem Räucherwerk erfüllt und oben durch einen Baldachin verschönert sein.
1.30
ācāryastu śucirbhūtvā candanāgurucarcitaḥ |
sudhūpitaḥ prasannātmā khaṭikākarasaṃyutaḥ || 1.30 ||
Der Lehrer soll sich reinigen, sich mit Sandelholz und Agaru salben, sich wohlriechend beräuchern lassen und mit heiterem Geist ein Kreidestück in die Hand nehmen.
1.31
prāṅmukhodaṅmukho vāpi ekacittaḥ samāhitaḥ |
mātṛkāṃ prastarettatra ādikṣāntāmanukramāt || 1.31 ||
Nach Osten oder Norden gewandt, gesammelt und auf eines ausgerichtet, trage er dort die Matrika, die Buchstabenfolge von a bis kṣa, der Reihe nach auf.
1.32
ādiḥ ṣoḍaśabhedena sākṣādvai bhairavaḥ smṛtaḥ |
kavargaścaṭavargau ca tapayāḥ śastathaiva ca || 1.32 ||
Die anfängliche Reihe mit ihren sechzehn Unterteilungen gilt als Bhairava selbst. Die ka-, ca- und ṭa-Reihen, ferner ta, pa, ya und śa,
1.33
saṃhāreṇa samopetau yonirvai bhairavī smṛtā |
mātṛkābhairavaṃ devam avargeṇa prapūjayet || 1.33 ||
zusammen mit dem Auflösungslaut bilden sie den Mutterschoß, der als Bhairavi gilt. Den Gott Matrika-Bhairava verehre man mit der a-Reihe. [Kṣemarāja versteht den Auflösungslaut als kṣa; KSTS liest hier samopeto, die TXT-Vorlage samopetau.]
1.34
bhairavī kādinā pūjyā mātṛvargaiḥ prapūjayet |
avarge tu mahālakṣmīḥ kavarge kamalodbhavā || 1.34 ||
Bhairavi ist mit der bei ka beginnenden Folge zu verehren; man verehre sie durch die Reihen der Muttergottheiten. In der a-Reihe befindet sich Mahalakshmi, in der ka-Reihe die Lotusgeborene.
1.35
cavarge tu maheśānī ṭavarge tu kumārikā |
nārāyaṇī tavarge tu vārāhī tu pavargikā || 1.35 ||
In der ca-Reihe ist Maheshani, in der ṭa-Reihe Kumarika, in der ta-Reihe Narayani und in der pa-Reihe Varahi.
1.36
aindrī caiva yavargasthā cāmuṇḍā tu śavargikā |
etāḥ sapta mahāmātṛḥ saptalokavyavasthitāḥ || 1.36 ||
Aindri befindet sich in der ya-Reihe und Chamunda in der śa-Reihe. Diese sieben großen Mütter sind in den sieben Welten angeordnet.
1.37
sarvān kāmānavāpnoti devyevaṃ bhairavo 'bravīt |
ante 'sya uddharenmantrān yathākramaniyogataḥ || 1.37 ||
Wer so handelt, erlangt alle Wünsche: So sprach Bhairava zur Göttin. Anschließend leite man daraus die Mantras entsprechend der vorgeschriebenen Reihenfolge ab.
1.38
trayodaśaṃ binduyutam anantāsanamuttamam |
anena yojayetsarvaṃ somasūryāgnimadhyagam || 1.38 ||
Der dreizehnte Laut, mit Bindu versehen, bildet den vorzüglichen Sitz Ananta. Mit ihm verbinde man alles innerhalb von Mond, Sonne und Feuer.
1.39
brahmaviṣṇumaheśānaṃ śavāntaṃ parikalpayet |
mūrtiṃ haṃsākṣareṇaiva bindubhinnena kalpayet || 1.39 ||
Man stelle sich den Sitz mit Brahma, Vishnu und Maheshana und mit einem Leichnam als oberstem Abschluss vor; die Gestalt bilde man durch den als Haṃsa bezeichneten Laut ha, mit Bindu differenziert.
1.40
ardhacandrakṛtāṭopāṃ svasvanāṃ tuhinaprabhām |
tadūrdhve sakalaṃ devaṃ svacchandaṃ parikalpayet || 1.40 ||
Man stelle sie sich mit dem Schmuck einer Mondsichel, mit ihrem eigenen Klang und mit dem Glanz von Schnee vor. Darüber vergegenwärtige man den Gott Svacchanda in gegliederter Gestalt.
1.41
oṃkāramuccaretpūrvam aghorebhyo anantaram |
tha ghorebhyo samālikhya tato 'nyattu samālikhet || 1.41 ||
Zuerst spreche man oṃ, danach aghorebhyo; dann schreibe man tha ghorebhyo und anschließend den weiteren Teil auf. [Das isolierte tha ist in der Vorlage so überliefert.]
1.42
ghoraghoratarebhyaśca sarvataḥ śarva uccaret |
sarvebhyaḥ padamanyacca namaste rudra eva ca || 1.42 ||
Darauf folgen ghoraghoratarebhyaś ca und sarvataḥ śarva; als weiteres Wort sarvebhyaḥ, sodann namas te rudra.
1.43
rūpebhyaśca samālikhya namaskārāvasānakam |
mantrarājaḥ samākhyātaḥ aghoraḥ surapūjitaḥ || 1.43 ||
Man schreibe rūpebhyaś ca hinzu und lasse die Grußformel den Abschluss bilden. Dies ist der von den Göttern verehrte König der Mantras, Aghora.
1.44
sakṛduccārito devi nāśayet sarvakilbiṣam |
janmakoṭīsahasraistu bhramadbhiḥ samupārjitam || 1.44 ||
Ein einziges Mal ausgesprochen, o Göttin, vernichtet er alles Vergehen, das während des Umherwanderns durch Tausende von Koṭis — jeweils zehn Millionen — von Geburten angesammelt wurde.
1.45
smaraṇānnāśayeddevi tamaḥ sūryodaye yathā |
yakārādivakārāntāḥ saṃhāreṇa samāyutāḥ || 1.45 ||
Schon das Erinnern an ihn vernichtet es, o Göttin, wie der Sonnenaufgang die Dunkelheit. Die bei ya beginnenden und bei va endenden Laute, verbunden mit dem Laut der Auflösung,
1.46
bindumastakasambhinnā bhairavasya mukhāni ca |
brahmabhaṅgyā niyojyāni mūrdhādicaraṇāvadhi || 1.46 ||
und an ihrer Spitze durch Bindu differenziert, sind die Gesichter Bhairavas. Nach der Anordnung der Brahma-Mantras bringe man sie vom Scheitel bis zu den Füßen an.
1.47
punaścordhvaṃ mukhaṃ kalpyaṃ prāgdakṣiṇamathottaram |
aparaṃ kalpayitvā tu kalābhedena vinyaset || 1.47 ||
Dann bilde man das nach oben gerichtete Gesicht sowie das östliche, südliche, nördliche und westliche und bringe sie nach den Unterteilungen der Kalas an.
1.48
pūrvaṃ ca dakṣiṇaṃ caiva uttaraṃ paścimaṃ tathā |
ūrdhvamūrdhnā tu saṃyuktaṃ kṣakāraṃ tvīśarūpiṇam || 1.48 ||
Das östliche, südliche, nördliche und westliche Gesicht verbinde man mit dem oberen Scheitel; kṣa hat dabei die Gestalt des Herrn.
1.49
evaṃ vaktraṃ caturdhā tu vaktreṣveva niyojayet |
pañcamaṃ yadbhavedvaktraṃ kṣakāreṇaiva nirdiśet || 1.49 ||
So ordne man das Gesicht in vierfacher Weise den Gesichtern zu. Das fünfte Gesicht bezeichne man allein durch kṣa.
1.50
hṛdi grīvāṃsapṛṣṭhe tu nābhau ca jaṭhare tathā |
pṛṣṭhe corasi vinyased aghoreṇa yathākramam || 1.50 ||
Am Herzen, an Hals, Schultern und Rücken, an Nabel und Bauch, ferner an Rücken und Brust bringe man der Reihe nach die Zuordnungen des Aghora an.
1.51
guhye tathā gude caiva tathorvorjānunorapi |
jaṅghayośca sphijoḥ kaṭyāṃ pārśvayorubhayorapi || 1.51 ||
Am Geschlechtsteil, am After, an beiden Oberschenkeln, Knien, Unterschenkeln, Gesäßhälften, Hüfte und beiden Körperseiten
1.52
vinyaseccaiva vāmena śarīre tu yathākramam |
pādau hastau tathā nāsāṃ śiraścaiva bhujāvatha || 1.52 ||
bringe man der Reihe nach die Zuordnungen des Vama an. Die Füße, Hände, Nase, den Kopf und beide Arme
1.53
sadyena kalpayeddevi sarvametadyathākramam |
tāsāṃ nāmāni vakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ || 1.53 ||
bilde man durch Sadya, o Göttin, alles in der angegebenen Reihenfolge. Ihre Namen werde ich dir nun richtig und der Reihe nach nennen.
1.54
tārā sutārā taraṇī tārayantī sutāraṇī |
īśānasya kalā pañca nirañjanapadānugā || 1.54 ||
Tara, Sutara, Tarani, Tarayanti und Sutarani sind die fünf Kalas Ishanas; sie folgen dem fleckenlosen Zustand.
1.55
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistathaiva ca |
puruṣasya kalā hyetāś catasraḥ parikīrtitāḥ || 1.55 ||
Nivritti, Pratishtha, Vidya und Shanti werden als die vier Kalas des Purusha genannt.
1.56
tamā mohā kṣudhā nidrā mṛtyurmāyā bhayā jarā |
aghorasya kalā hyetā aṣṭau vai varavarṇini || 1.56 ||
Tama, Moha, Kshudha, Nidra, Mrityu, Maya, Bhaya und Jara sind die acht Kalas Aghoras, o du von herrlicher Erscheinung.
1.57
rajā rakṣā ratiḥ pālyā kāmyā tṛṣṇā matiḥ kriyā |
ṛddhirmāyā ca rātriśca bhrāmiṇī mohanī tathā || 1.57 ||
Raja, Raksha, Rati, Palya, Kamya, Trishna, Mati, Kriya, Riddhi, Maya, Ratri, Bhramini und Mohani,
1.58
manonmanī kalā hyetā vāmadeve trayodaśa |
siddhirṛddhirdyutirlakṣmīr medhā kāntiḥ sudhā sthitiḥ || 1.58 ||
ferner Manonmani: Diese werden als dreizehn Kalas Vamadevas bezeichnet. [Die überlieferte Aufzählung ergibt vierzehn Namen.] Siddhi, Riddhi, Dyuti, Lakshmi, Medha, Kanti, Sudha und Sthiti
1.59
sadyojātakalāstvevam aṣṭau samparikīrtitāḥ |
punaśca sādhako devi sarvāṅgeṣu yathākramam || 1.59 ||
werden als die acht Kalas Sadyojatas genannt. Dann soll der Sadhaka, o Göttin, erneut an allen Gliedern der Reihe nach
1.60
navatattvaṃ tritattvaṃ ca dhruveṇa parikalpayet |
vidyāṅgāni punarnyasya teṣāṃ mantrān śṛṇu priye || 1.60 ||
die neun Tattvas und die drei Tattvas mit dem unveränderlichen Laut, dem Om, anordnen. Nachdem er wiederum die Glieder der Vidya angebracht hat, höre nun ihre Mantras, Geliebte.
1.61
aghorebhyo samālikhya tha ghorebhyo dvitīyakam |
ghoraghoratarebhyaśca tṛtīyaṃ parikalpayet || 1.61 ||
Man schreibe aghorebhyo auf; tha ghorebhyo bilde den zweiten, ghoraghoratarebhyaś ca den dritten Abschnitt.
1.62
sarvataḥ śarva sarvebhyo caturthaṃ parikalpayet |
namaste rudrarūpebhyaḥ pañcamaṃ ca vidhānataḥ || 1.62 ||
Sarvataḥ śarva sarvebhyo bilde den vierten und namas te rudrarūpebhyaḥ vorschriftsgemäß den fünften.
1.63
oṃkāramuccaretpūrvaṃ juṃ saśca tadanantaram |
netratrayaṃ prakalpeta vidyādehasya bhāmini || 1.63 ||
Zuerst spreche man oṃ, danach juṃ und saḥ. So bilde man die drei Augen des aus Vidya bestehenden Körpers, o Strahlende.
1.64
vidyāṅgāni vijānīyāt nāmāni ca nibodha me |
sarvātmā tu brahmaśiro jvālinī piṅgalaṃ tathā || 1.64 ||
Man soll die Glieder der Vidya kennen. Höre auch ihre Namen: Sarvatman, Brahmashiras, Jvalini und Pingala,
1.65
durbhedyaṃ pāśupatyaṃ ca jyotīrūpaṃ tathaiva ca |
kriyā jñānaṃ tathaivecchā tāsāṃ mantrānnibodha me || 1.65 ||
ferner Durbhedya, Pashupatya und Jyotirupa; dazu Kriya, Jnana und Iccha. Höre nun ihre Mantras.
1.66
caturthasvarasaṃyuktaṃ hāntaṃ binduvibhūṣitam |
kriyāśaktiḥ samākhyātā sarvasṛṣṭiprakāśikā || 1.66 ||
Der auf ha folgende Laut kṣa, mit dem vierten Vokal ī verbunden und mit Bindu geschmückt, heißt Kriya Shakti, die die gesamte Schöpfung sichtbar macht. [Die Lautbezeichnungen sind hier nach Kṣemarājas Sanskritkommentar aufgelöst.]
1.67
śakārasya tṛtīyaṃ tu ṣaṣṭhayuktaṃ sabindukam |
jñānaśaktiḥ smṛtā hyeṣā prabodhajananī śubhā || 1.67 ||
Der von śa aus gezählte dritte Laut sa, mit dem sechsten Vokal ū und Bindu versehen, gilt als die glückverheißende Jnana Shakti, welche Erwachen hervorbringt.
1.68
kṣādiṃ dvisvarasambhinnaṃ tripañcena tu mūrchitam |
icchāśaktiḥ samākhyātā bhairavasyāmitātmikā || 1.68 ||
Der vor kṣa stehende Laut ha, mit dem zweiten Vokal ā verbunden und durch den fünfzehnten Vokal, aṃ, zum Erklingen gebracht, heißt Iccha Shakti, die unermessliche Kraft Bhairavas. [Die Ordnungszahlen folgen Kṣemarājas Sanskritkommentar.]
1.69
haṃsākhyo bindusaṃyuktaḥ ṣaṣṭhasvaravibheditaḥ |
bālendunādaśaktyantaḥ svacchando niṣkalaḥ smṛtaḥ || 1.69 ||
Der Haṃsa genannte Laut, mit Bindu verbunden, durch den sechsten Vokal differenziert und in Mondsichel, Nada und Shakti auslaufend, gilt als der ungegliederte Svacchanda.
1.70
asyoccaraṇamātreṇa ye yuktāḥ sarvapātakaiḥ |
śuddhasphaṭikasaṃkāśāḥ padaṃ gacchantyanāmayam || 1.70 ||
Alle, die mit sämtlichen Vergehen beladen sind, werden allein durch sein Aussprechen rein wie Kristall und gelangen zum leidfreien Zustand.
1.71
sāntaṃ dīrghasvaraiḥ ṣaḍbhir bhinnajātivibheditam |
hṛcchiraśca śikhā varma locanāstraṃ prakalpayet || 1.71 ||
Mit dem auf sa folgenden Laut ha, durch sechs lange Vokale und die verschiedenen Abschlussformeln unterschieden, bilde man Herz, Kopf, Haarschopf, Panzer, Augen und Waffe.
1.72
oṃkāro dīpanasteṣām ante jātiṃ prakalpayet |
namaḥ svāhā tathā vauṣaṭ huṃ vaṣaṭ phaṭ krameṇa tu || 1.72 ||
Om dient ihnen zur Belebung; am Ende setze man die jeweilige Abschlussformel: namaḥ, svāhā, vauṣaṭ, huṃ, vaṣaṭ und phaṭ, in dieser Reihenfolge.
1.73
eṣa bhairavarājastu sarvakāmārthasādhakaḥ |
hara īma akāraśca ṅādirosvarasaṃyutaḥ || 1.73 ||
Dieser König Bhairava verwirklicht alle gewünschten Ziele. Man verbinde h und r mit ī und m; darauf folgen a und der vor ṅa stehende Laut gha, verbunden mit o.
1.74
yānta ekārasaṃyuktaḥ ṣādirlāntavibheditaḥ |
lādistrisvarasambhinno haṃso bindusamāyuktaḥ || 1.74 ||
Der auf ya folgende Laut ra wird mit e verbunden, der vor ṣa stehende Laut śa mit dem auf la folgenden va; der vor la stehende Laut ra erhält den dritten Vokal i. Der Haṃsa-Laut ha wird mit Bindu verbunden,
1.75
ṣaṣṭhasvarasamopetaḥ phaṭkārāntavikalpitaḥ |
aghoreśvarīti vikhyātā svacchandotsaṅgagāminī || 1.75 ||
mit dem sechsten Vokal ū versehen und durch phaṭ abgeschlossen. Dies ist die berühmte Aghoreshvari, die auf Svacchandas Schoß ruht.
1.76
bhairavāṅgasamopetā vaktrapañcakasaṃyutā |
hānto yādiryakārānto rādiḥ ṣaṣṭhakalānvitaḥ || 1.76 ||
Sie besitzt die Glieder Bhairavas und fünf Gesichter. Der auf ha folgende Laut kṣa, der vor ya stehende ma, der auf ya folgende ra und der vor ra stehende ya werden mit der sechsten Vokalkala ū verbunden;
1.77
bindunādasamāyogāt kapāleśaḥ prakīrtitaḥ |
sānto binduradho hyagniḥ ṣaṣṭhayuktastu kīrtitaḥ || 1.77 ||
durch die Verbindung mit Bindu und Nada heißt [dieser Mantra] Kapalesha. Der auf sa folgende Laut ha erhält Bindu, darunter den Feuerlaut ra und den sechsten Vokal ū.
1.78
śikhivāhanasaṃjñastu jñātavyo 'sau varānane |
saṃhāraḥ ṣaṣṭhasaṃyuktaḥ ṣaḍantena samanvitaḥ || 1.78 ||
Dieser ist als Shikhivahana zu erkennen, o Schönangesichtige. Der Auflösungslaut kṣa wird mit dem sechsten Vokal ū und dem Schlusslaut der sechs Lautgruppen, ma, verbunden,
1.79
krodharājaḥ samākhyātaḥ - - - - - - - - |
- - - - - - - tathānyaṃ kathayāmi te |
ñādiḥ ṣaṣṭhasvaropetas tripadena samāyutaḥ || 1.79 ||
und heißt Krodharaja. [Hier weist die Vorlage eine Lücke auf, die auch im KSTS-Druck markiert ist.] Nun erkläre ich dir einen weiteren: den vor ña stehenden Laut jha, mit dem sechsten Vokal ū und dem als dreifacher Pfad bezeichneten au verbunden,
1.80
bindumastakasambhinno vikarālo varānane |
sāntaḥ śādyena saṃyuktaḥ ṣaṣṭhasvarayuto 'pyadhaḥ || 1.80 ||
an seiner Spitze durch Bindu differenziert: Dies ist Vikarala, o Schönangesichtige. Der auf sa folgende Laut ha wird mit dem vor śa stehenden va verbunden und unten mit dem sechsten Vokal ū versehen,
1.81
caturdaśasvarākrānto bindunādāntabhūṣitaḥ |
manmathaḥ kathito hyeṣa surasiddhanamaskṛtaḥ || 1.81 ||
vom vierzehnten Vokal au überlagert und am Ende mit Bindu und Nada geschmückt. Dieser wird Manmatha genannt; Götter und Siddhas verneigen sich vor ihm.
1.82
yenedaṃ tu nijaṃ sarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam |
hararādisamāyuktaḥ ūkārādhaḥ sabindukaḥ || 1.82 ||
Durch ihn ist diese ganze Welt mit ihren unbeweglichen und beweglichen Wesen bezwungen. [Übersetzt nach jitaṃ im KSTS-Druck; die gelieferte TXT-Datei liest nijaṃ.] Die Laute ha und ra, verbunden mit dem vor ra stehenden ya, werden unter ū gesetzt und mit Bindu versehen;
1.83
meghanādeśvaro hyeṣa bhairavaḥ samprakīrtitaḥ |
kṣasāntarbindusaṃyuktaḥ pañcamena vibheditaḥ || 1.83 ||
dies wird als der Bhairava Meghanadeshvara bezeichnet. Der zwischen kṣa und sa stehende Laut ha wird mit Bindu verbunden und durch den fünften Vokal u differenziert;
1.84
someśvaraḥ samākhyāto janmamṛtyuvināśanaḥ |
kṣādiryāntasamopeto hāntenādhoniyojitaḥ || 1.84 ||
er heißt Someshvara, der Geburt und Tod vernichtet. Der vor kṣa stehende Laut ha wird mit dem auf ya folgenden ra verbunden; darunter steht der auf ha folgende Laut kṣa,
1.85
bhānto vādirlakārānto rādyo 'dho rudrayojitaḥ |
bindvardhendusamāyukto nādaśaktisamanvitaḥ || 1.85 ||
ferner der auf bha folgende ma, der vor va stehende la, der auf la folgende va und der vor ra stehende ya; darunter wird der als Rudra bezeichnete Vokal ū gesetzt. Mit Bindu, Halbmond, Nada und Shakti ausgestattet,
1.86
vidyārājaḥ samākhyāto mahāpātakanāśanaḥ |
bhairavāṣṭakametaddhi parivāraḥ prakīrtitaḥ || 1.86 ||
heißt Vidyaraja, der schwere Vergehen vernichtet. Diese Gruppe von acht Bhairavas wird als das Gefolge bezeichnet.
1.87
lokapālāṃstathoddhṛtya svanāmapraṇavādikān |
namaskārāvamānāṃśca sāstrānsamparikalpayet || 1.87 ||
Dann leite man die Mantras der Weltenhüter ab, mit Om am Anfang, ihrem jeweiligen Namen und dem Gruß namaḥ am Ende; man vergegenwärtige sie mit ihren Waffen. [KSTS liest namaskārāvasānāṃś ca; die TXT-Datei hat namaskārāvamānāṃś ca.]“
Kapitel 2
2.1
athārcanaṃ pravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ |
śaucaṃ kṛtvā tataḥ snānaṃ kartavyaṃ tu mṛdambhasā || 2.1 ||
Nun werde ich die Verehrung richtig und der Reihe nach erklären. Nach der Reinigung bade man mit Erde und Wasser.
2.2
śucisthānānmṛdaṃ pūrvaṃ gṛhītvāstreṇa śodhitām |
prakṣālya jalatīraṃ tu sthāpayettāṃ varānane || 2.2 ||
Zuerst hole man Erde von einem reinen Ort, reinige sie mit dem Waffenmantra, säubere das Wasserufer und lege sie dort nieder, o Schönangesichtige.
2.3
bhāgadvayaṃ tato 'streṇa kartavyaṃ tu kṛśodari |
bhāgārdhena kaṭiṃ corū jaṅghe pādau tathaiva ca || 2.3 ||
Dann teile man sie mit dem Waffenmantra in zwei Teile, o Schlankhüftige. Mit einer Hälfte wasche man Hüfte, Oberschenkel, Unterschenkel und Füße.
2.4
kṣālayeta yathānyāyaṃ trirantaritayogataḥ |
avaśiṣṭaṃ tu bhāgārdhaṃ gṛhītvāstrābhimantritam || 2.4 ||
Dies geschehe vorschriftsgemäß dreimal mit Zwischenräumen. Von dieser Hälfte nehme man den verbliebenen Rest, bespreche ihn mit dem Waffenmantra
2.5
saptavārānvarārohe arkadīptaṃ tu kārayet |
śiraḥprabhṛti pādāntam āguṣṭhya snānamācaret || 2.5 ||
siebenmal, o du von schönem Wuchs, und lasse ihn in der Vorstellung wie die Sonne leuchten. Damit eingerieben bade man vom Kopf bis zu den Füßen. [āguṣṭhya ist unsicher.]
2.6
uttīryodakamadhyāttu upaspṛśya yathākramam |
saṃdhyāyā vandanaṃ kuryāc chāstradṛṣṭena karmaṇā || 2.6 ||
Aus dem Wasser gestiegen, vollziehe man das vorgeschriebene rituelle Wasserschlürfen und verehre die Sandhya nach der in den Schriften gelehrten Handlung.
2.7
malasnānaṃ bhavedevaṃ vidhisnānaṃ pracakṣmahe |
bhāgārdhaṃ yatsthitaṃ pūrvaṃ tato bhāgatrayaṃ kuru || 2.7 ||
So erfolgt das Bad zur Entfernung des Schmutzes. Nun erklären wir das rituelle Bad: Die zuvor zurückgelegte Hälfte teile in drei Teile.
2.8
vāmahastasya pūrve ca dakṣiṇe cottare kramāt |
pūrvabhāgaṃ tato 'streṇa saptavārāṃstu mantrayet || 2.8 ||
Lege sie der Reihe nach auf die östliche, südliche und nördliche Seite der linken Hand. Den östlichen Teil bespreche siebenmal mit dem Waffenmantra.
2.9
dakṣiṇasthaṃ tathā vaktrair abhimantrya varānane |
uttaraṃ cābhimantryaivaṃ devenāṅgayutena ca || 2.9 ||
Den südlichen Teil bespreche mit den Gesichtsmantras, o Schönangesichtige, den nördlichen ebenso mit dem Mantra des Gottes und seinen Gliedern.
2.10
pūrvabhāgaṃ gṛhītvā tu daśadikṣu vinikṣipet |
uttareṇa tu bhāgena jalaṃ caivābhimantrayet || 2.10 ||
Nimm den östlichen Teil und wirf ihn in die zehn Richtungen. Mit dem nördlichen Teil weihe das Wasser durch das Mantra,
2.11
bāhumātrapramāṇena bhairaveśamanusmaran |
ātmānaṃ guṇṭhayitvā tu dakṣabhāgena suvrate || 2.11 ||
in einem Bereich von einer Armlänge, während du an den Herrn Bhairava denkst. Mit dem rechten Teil bestreiche dich, o Gelübdetreue.
2.12
snāyādrājopacāreṇa sugandhāmalakādibhiḥ |
prāṇāyāmābhiṣekau tu kartavyau bhairaveṇa ca || 2.12 ||
Bade wie bei einer königlichen Ehrung mit duftenden Amalaki-Früchten und anderen Mitteln. Atemregelung und Begießung sind mit dem Bhairava-Mantra auszuführen.
2.13
uttīryodakamadhyāttu tadvāsaḥ parivartayet |
upaspṛśya kṛtanyāso mūlamantramanusmaran || 2.13 ||
Steige aus dem Wasser und wechsle das Gewand. Nach dem rituellen Wasserschlürfen vollziehe den Nyasa und vergegenwärtige den Wurzelmantra.
2.14
tīrthaṃ saṃgṛhya deveśi ātmano 'gre nidhāpayet |
tatrastho vandayetsaṃdhyāṃ mārjanādiranukramāt || 2.14 ||
Ziehe den heiligen Badeort zusammen und stelle ihn vor dir auf, o Herrin der Götter. Dort verehre die Sandhya, beginnend mit der Besprengung und den folgenden Handlungen.
2.15
aghamarṣaḥ prakartavya upasthānaṃ divākare |
japaṃ kṛtvā nivedyaivaṃ praṇamya ca varānane || 2.15 ||
Vollziehe die Tilgung der Verfehlungen und die ehrerbietige Zuwendung zur Sonne. Nach der Mantrawiederholung bringe sie dar und verneige dich, o Schönangesichtige.
2.16
mantrāṇāṃ tarpaṇaṃ kṛtvā devānāmṛṣibhiḥ saha |
sarveṣāṃ bhūtasaṃghānāṃ tatastīrthaṃ tu saṃharet || 2.16 ||
Nachdem du die Mantras, die Götter samt den Rishis und alle Scharen der Wesen durch Wasserspenden gestärkt hast, löse den heiligen Badeort wieder auf.
2.17
mūlamantramanusmṛtya bhasmasnānamataḥ param |
malasnānaṃ prakartavyaṃ bhāvitenāntarātmanā || 2.17 ||
Darauf folgt unter Vergegenwärtigung des Wurzelmantras das Aschebad. Mit innerer Sammlung vollziehe man zunächst das Bad zur Entfernung der Unreinheit.
2.18
parivṛttya tato vāsaḥ saṃdhyāṃ prāgiva vandayet |
vidhisnānaṃ tataḥ kuryād bhairaveśamanusmaran || 2.18 ||
Dann wechsle man die Kleidung und verehre die Sandhya wie zuvor. Anschließend vollziehe man das rituelle Bad in Erinnerung an den Herrn Bhairava.
2.19
śiro vaktraṃ ca hṛdguhyaṃ pādāntaṃ ca vibhāgaśaḥ |
bhairaveṇāṅgayuktena samuddhūlyaṃ yathākramam || 2.19 ||
Kopf, Gesicht, Herz, Genitalbereich und den Körper bis zu den Füßen bestäube man abschnittsweise mit Asche, begleitet vom Bhairava-Mantra und seinen Gliedern.
2.20
abhiṣekaṃ prakurvīta paraṃ tattvamanusmaran |
saṃdhyāyā vandanaṃ kuryād yathāpūrvaṃ varānane || 2.20 ||
Man vollziehe die Weihe unter Vergegenwärtigung des höchsten Prinzips und verehre die Sandhya wie zuvor, o Schönangesichtige.
2.21
tato yāgagṛhaṃ gatvā hastau pādau ca kṣālayet |
śikhāṃ baddhvā śikhāṃ smṛtvā upaspṛśya vidhānataḥ || 2.21 ||
Dann gehe man zum Opferhaus, wasche Hände und Füße, binde den Haarschopf unter Erinnerung an dessen Mantra und schlürfe vorschriftsgemäß Wasser.
2.22
sakalīkṛtadehastu puṣpamādāya suvrate |
diṅmātṛbhyo namaskṛtya dvāraṃ saṃprokṣya yatnataḥ || 2.22 ||
Nachdem man den Körper mit den Mantragliedern ausgestattet hat, nehme man eine Blume, verneige sich vor den Muttergottheiten der Richtungen und besprenge sorgfältig die Tür.
2.23
śivāmbhasāstramantreṇa vighnaproccāṭanaṃ bhavet |
dvāraśākhordhvato devaṃ gaṇeśaṃ ca śriyaṃ tathā || 2.23 ||
Mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra werden Hindernisse vertrieben. Oberhalb der Türpfosten verehre man den Gott Ganesha und Shri,
2.24
saṃpūjya gandhapuṣpādyair dhūpādibhiranukramāt |
arghyapādyopahāraiśca tato dvārasya cottare || 2.24 ||
der Reihe nach mit Duftstoffen, Blumen, Räucherwerk und den weiteren Gaben, mit Ehrenwasser, Fußwaschwasser und Opfergaben. Dann an der Nordseite der Tür
2.25
nandigaṅge samabhyarcya mahākālaṃ ca dakṣiṇe |
kālindīṃ caiva saṃpūjya yathānukramayogataḥ || 2.25 ||
verehre man Nandin und Ganga, an der Südseite Mahakala und Kalindi, jeweils in der richtigen Reihenfolge.
2.26
bhairavāstraṃ samuccārya puṣpaṃ saṃgṛhya bhāvitaḥ |
saptābhimantritaṃ kṛtvā jvaladagniśikhākulam || 2.26 ||
Gesammelt nehme man eine Blume, spreche Bhairavas Waffenmantra siebenmal darüber und stelle sie sich von lodernden Feuerflammen umgeben vor.
2.27
nārācāstraprayogeṇa praviśedgṛhamadhyataḥ |
nivāritaṃ tena sarvaṃ vighnajālamanantakam || 2.27 ||
Mit der Anwendung der Pfeilwaffe betrete man die Mitte des Hauses. Dadurch wird das gesamte endlose Geflecht von Hindernissen abgewehrt.
2.28
tato rakṣārthamantraṃ ca daśadikṣu vinikṣipet |
madhye sampūjya brahmāṇaṃ gandhaiḥ puṣpairanukramāt || 2.28 ||
Danach sende man das Schutzmantra in die zehn Richtungen aus und verehre in der Mitte Brahma mit Duftstoffen und Blumen der Reihe nach.
2.29
dakṣiṇāyāṃ tato mūrtau praṇavāsanasaṃsthitaḥ |
upaviśyāsanaṃ baddhvā svabhyastaṃ vai puraḥsthitam || 2.29 ||
Südlich von der Gestalt nehme man auf dem durch Om gebildeten Sitz Platz und richte sich in der vertrauten Sitzhaltung vor ihr ein.
2.30
gandhadigdhau karau kṛtvā astreṇa pariśodhayet |
kavacenāvaguṇṭhyaitau plāvayedamṛtena tu || 2.30 ||
Man bestreiche die Hände mit Duftstoff, reinige sie mit dem Waffenmantra, umhülle sie mit dem Panzer und überflute sie mit Nektar.
2.31
parāṃ śaktiṃ tu saṃkṣobhya tato 'nantaṃ prakalpayet |
mūrtiṃ nyasyānuvaktrāṇi svacchandaṃ parikalpayet || 2.31 ||
Nachdem man die höchste Shakti in Bewegung versetzt hat, vergegenwärtige man Ananta, bringe die Gestalt und die nachfolgenden Gesichter an und bilde Svacchanda.
2.32
aṅguṣṭhādikaniṣṭhāntaṃ vinyasedaṅgapañcakam |
bhairavānapi saṃkalpya paraṃ tattvamanusmaret || 2.32 ||
Vom Daumen bis zum kleinen Finger bringe man die fünf Glieder an. Auch die Bhairavas vergegenwärtige man und denke an das höchste Prinzip.
2.33
prāṇāyāmatrayaṃ kāryaṃ dehasaṃśuddhikāraṇam |
aśuddhaḥ svamarudrecyaḥ śuddhenāpūrayettanum || 2.33 ||
Zur Reinigung des Körpers sind drei Atemregelungen auszuführen. Die unreine eigene Atemluft atme man aus und fülle den Körper mit reiner Luft.
2.34
kumbhakaṃ recakaṃ kṛtvā vyomnyātmānaṃ nidhāpayet |
khadyotakanibhaṃ sūkṣmaṃ karaṇaistu vivarjitam || 2.34 ||
Nach Atemanhalten und Ausatmen versetze man das Selbst in den Raum: fein wie ein Leuchtkäfer und frei von den Erkenntnis- und Handlungskräften.
2.35
kāryeṇaiva vihīnaṃ ca māyāpradhvastagocaram |
śivīkāryastathātmaiva yathā bhavati tacchṛṇu || 2.35 ||
Es ist auch frei vom Körper als hervorgebrachter Wirkung, und der Bereich der Maya ist aufgehoben. Höre, wie das Selbst so zu Shiva gemacht werden soll.
2.36
paraṃ bhāvaṃ tu saṃgṛhya tataḥ śoṣyā tanuḥ priye |
saṃhāreṇa yabhinnena rudrabījayutena ca || 2.36 ||
Nachdem man den höchsten Zustand erfasst hat, trockne man den Körper aus, Geliebte, mit dem Auflösungslaut, durch ya differenziert und mit Rudras Keimsilbe verbunden.
2.37
tenaiva dahanaṃ kāryam ūrdhvādho 'gniyutena ca |
adho viṣṇusamāyukto vāyuvarṇaḥ sabindukaḥ || 2.37 ||
Mit demselben Laut, oben und unten durch Feuer ergänzt, vollziehe man die Verbrennung. Der Windlaut, unten mit Vishnu verbunden und mit Bindu versehen,
2.38
utpūyanakaro hyeṣa plāvane vāruṇaḥ smṛtaḥ |
bindumastakasaṃbhinnaḥ śaktinyāsastato bhavet || 2.38 ||
bewirkt das Wegwehen; für die Überflutung dient der Wasserlaut, an seiner Spitze durch Bindu differenziert. Danach erfolge das Anbringen der Shakti.
2.39
ānayettaṃ yathānītaṃ plāvayedamṛtena tu |
malapradhvastacaitanyaṃ kalāvidyāsamāśritam || 2.39 ||
Man bringe das Selbst auf demselben Weg zurück und überflute es mit Nektar: sein Bewusstsein ist durch Mala beeinträchtigt, es ist mit Kala und Vidya versehen,
2.40
rāgeṇa rañjitātmāna kālena kalitaṃ tathā |
niyatyā yamitaṃ bhūyaḥ puṃbhāvenopabṛṃhitam || 2.40 ||
durch Raga gefärbt, durch die Zeit bemessen, durch Niyati begrenzt und weiter zur individuellen Person ausgestaltet.
2.41
pradhānāśayasaṃpannaṃ guṇatrayasamanvitam |
buddhitattvasamāsīnam ahaṅkārasamāvṛtam || 2.41 ||
Es ist mit dem Bereich der Urnatur und den drei Gunas ausgestattet, ruht im Buddhi-Prinzip und ist von Ahamkara umhüllt.
2.42
manasā buddhikarmākṣais tanmātraiḥ sthūlabhūtakaiḥ |
praṇavena tu sarvaṃ tac charīrotpattikāraṇam || 2.42 ||
Mit Manas, Erkenntnis- und Handlungssinnen, den feinen Sinnesqualitäten und den groben Elementen bilden all diese die Ursachen der Körperentstehung; mit Om
2.43
nyasetkrameṇa deveśi triṃśadekaṃ ca saṃkhyayā |
ṣaṭtattvī tvātmasaṃbaddhā jñātavyātra varānane || 2.43 ||
bringe man sie der Reihe nach an, o Herrin der Götter, einunddreißig an Zahl. Die Sechsergruppe der Prinzipien soll hier als mit dem Selbst verbunden erkannt werden.
2.44
pradhānāvaniparyantaṃ śarīraṃ ca vinirmitam |
caturviṃśatitattvāni caitanyarahitāni tu || 2.44 ||
Von der Urnatur bis zur Erde ist der Körper gebildet. Diese vierundzwanzig Prinzipien besitzen für sich genommen kein Bewusstsein.
2.45
draṣṭavyāni varārohe puruṣādhiṣṭhitāni tu |
sacetanāni sarvāṇi jñātavyāni sadaiva hi || 2.45 ||
So sind sie zu betrachten, o du von schönem Wuchs; vom Purusha beherrscht, sind sie jedoch stets sämtlich als belebt zu verstehen.
2.46
pañcaviṃśakametacca prākṛtaṃ samudāhṛtam |
tato mūrtiṃ nyaseddevi mūlamantrasulakṣitam || 2.46 ||
Diese Fünfundzwanzigergruppe wird als der naturhafte Bereich bezeichnet. Darauf bringe die Gestalt an, o Göttin, deutlich durch den Wurzelmantra bestimmt.
2.47
sakalaṃ bhairavaṃ nyasya dvātriṃśārṇaṃ sulocane |
mukhāni kalpayetpaścān mūrdhādicaraṇāvadhi || 2.47 ||
Man bringe den gegliederten Bhairava mit seinen zweiunddreißig Lauten an, o Schönäugige, und bilde danach die Gesichter vom Scheitel bis zu den Füßen.
2.48
vaktrāṇi kalpayetpaścād ūrdhvaṃ pūrvaṃ ca dakṣiṇam |
uttaraṃ paścimaṃ caiva yathāvatpravibhāgaśaḥ || 2.48 ||
Anschließend bilde man die Gesichter nach oben, Osten, Süden, Norden und Westen, jeweils richtig voneinander unterschieden.
2.49
kalābhedaṃ yathāpūrvaṃ śodhyādhvānaṃ prakalpayet |
navatattvaṃ tritattvaṃ ca vidyāṅgā locanatrayam || 2.49 ||
Man bilde wie zuvor die Unterteilung der Kalas und den zu reinigenden kosmischen Weg, die neun und die drei Prinzipien, die Glieder der Vidya und die drei Augen.
2.50
vargātītena kṣurikām ūrdhvādho 'gnipradīpitām |
ṣoḍaśāntarhatā sā tu rakṣi"kā vighnanāśikā || 2.50 ||
Mit dem Laut jenseits der Lautgruppen bilde man die Kshurika, die kleine Schneide, oben und unten durch den Feuerlaut entfacht und mit dem sechzehnten Vokal abgeschlossen. Sie schützt und vernichtet Hindernisse. [Kṣemarāja deutet die Lautbezeichnungen als kṣa, ra und Visarga; die TXT-Lesung rakṣi"kā bleibt im Sanskrit erhalten.]
2.51
navakaṃ kalpayetpūrvaṃ mūrdhni vaktre ca kaṇṭhake |
hṛdaye nābhideśe ca guhya ūrvośca jānutaḥ || 2.51 ||
Zuerst bilde man die Neunergruppe am Scheitel, Gesicht, Hals, Herzen, Nabel, Geschlechtsteil, an den Oberschenkeln und Knien,
2.52
pādāntaṃ caiva vinyasya svadhyānaguṇasaṃyutam |
kriyājñāne tathecchā ca dakṣe vāme ca madhyataḥ || 2.52 ||
und bringe sie bis zu den Füßen mit den Eigenschaften ihrer jeweiligen Meditation an. Kriya, Jnana und Iccha ordne man rechts, links und in der Mitte an. [Kṣemarāja ordnet unter Verweis auf den späteren Text Jnana rechts und Kriya links an; die reine Wortfolge wird von ihm insoweit anders zugeordnet.]
2.53
vidyārājaḥ smṛto hyeṣa bhairavo mantranāyakaḥ |
niṣkalaṃ tu tathāvāhya aṅgānyevaṃ yathākramam || 2.53 ||
Dieser Bhairava gilt als Vidyaraja, als Führer der Mantras. Dann rufe man den ungegliederten Gott herbei und ordne die Glieder der Reihe nach an.
2.54
gandhairdhūpaistathā puṣpair vividhairbhakṣyabhojanaiḥ |
pūjayeddevadeveśaṃ manasaiva prakalpitaiḥ || 2.54 ||
Den Herrn der Götter verehre man mit Duftstoffen, Räucherwerk, Blumen und verschiedenen Speisen, die allein im Geist gebildet werden.
2.55
ātmānaṃ bhairavaṃ dhyātvā tato hṛdyāgamācaret |
nābhau kandaṃ samāropya nālaṃ tu dvādaśāṅgulam || 2.55 ||
Nachdem man sich selbst als Bhairava meditiert hat, vollziehe man das Opfer im Herzen. Am Nabel stelle man die Lotusknolle auf und bilde einen zwölf Fingerbreiten langen Stängel
2.56
hṛdantaṃ kalpayedyāvat tatra padmaṃ vicintayet |
aṣṭapatraṃ mahādīptaṃ kesarālaṃ sakarṇikam || 2.56 ||
bis zum Herzen. Dort vergegenwärtige man einen hell leuchtenden Lotus mit acht Blättern, Staubfäden und Samenkapsel.
2.57
kandaṃ śaktimayaṃ tatra nāle vai kaṇṭakāstu ye |
bhuvanāni ca tānyeva rudrāṇāṃ varavarṇini || 2.57 ||
Die Knolle besteht dort aus Shakti; die Dornen am Stängel sind die Welten der Rudras, o du von herrlicher Erscheinung.
2.58
māyātmako bhavedgranthir aśuddhādhvavyavasthitaḥ |
vidyāpadmaṃ mahādīptaṃ karṇikābījarājitam || 2.58 ||
Der Knoten besteht aus Maya und gehört zum unreinen kosmischen Weg. Der leuchtende Lotus der Vidya ist durch Samenkapsel und Samen geschmückt.
2.59
puṣkarāṇi ca deveśi tatra vidyeśvarāḥ smṛtāḥ |
evaṃ dhyātvā mahāpadmaṃ sarvadevamayaṃ śubham || 2.59 ||
Die Lotussamen gelten dort als die Vidyeshvaras, o Herrin der Götter. So meditiere man den großen, glückverheißenden Lotus, der aus allen Göttern besteht.
2.60
śaktinyāso bhavetpūrvaṃ kandaṃ tu tadanantaram |
aṅkuraṃ nālavinyāsam anantaṃ parikalpayet || 2.60 ||
Zuerst bringe man Shakti an, danach die Knolle, den Spross und den Stängel; dann vergegenwärtige man Ananta,
2.61
tejomayaṃ mahāśubhraṃ sphuratkiraṇabhāsvaram |
dharmaṃ jñānaṃ ca vairāgyam aiśvaryaṃ ca kramānnyaset || 2.61 ||
aus Licht bestehend, ganz weiß und von blitzenden Strahlen erhellt. Dharma, Jnana, Vairagya und Aishvarya bringe man der Reihe nach an.
2.62
sitaraktapītakṛṣṇā āgneyyādīśadiggatāḥ |
pādakāḥ siṃharūpāste trinetrā bhīmavikramāḥ || 2.62 ||
Weiß, rot, gelb und schwarz stehen sie von Südosten bis Nordosten in den Zwischenrichtungen: als Löwen gestaltete Füße, dreiäugig und von furchtbarer Kraft.
2.63
śivaśaktimayā mantrā nyastavyā vīravindate |
adharmājñānāvairāgyam anaiśvaryaṃ ca prāgdiśaḥ || 2.63 ||
Die aus Shiva und Shakti bestehenden Mantras sind anzubringen, o von Helden Verehrte. Adharma, Ajnana, Avairagya und Anaishvarya bringe man von Osten
2.64
uttarāntaṃ niveśyaṃ tu gātrakāḥ sitavarṇakāḥ |
saṃdhānakīlakāścaiva atasīpuṣpasaṃnibhāḥ || 2.64 ||
bis Norden an; sie sind die weißen Rahmenteile. Die verbindenden Zapfen gleichen Atasi-Blüten.
2.65
vedā yugāśca te caiva jñātavyāḥ kramaśaḥ priye |
adhaśchādanamūrdhvaṃ ca raktaṃ śuklaṃ vicintayet || 2.65 ||
Diese sind der Reihe nach als die Veden und die Weltzeitalter zu erkennen, Geliebte. Die untere und obere Bedeckung stelle man sich rot und weiß vor.
2.66
madhye tamo vijānīyād guṇāstvete vyavasthitāḥ |
sitaṃ padmaṃ vijānīyāt kesarāṇi vicintayet || 2.66 ||
In der Mitte erkenne man Tamas; so sind die Gunas angeordnet. Der Lotus ist weiß zu denken, seine Staubfäden
2.67
sitaraktaprapītāni mūlamadhyāgradeśataḥ |
karṇikā hemasaṃkāśā bījāni haritāni tu || 2.67 ||
an Wurzel, Mitte und Spitze weiß, rot und tiefgelb. Die Samenkapsel glänzt wie Gold, die Samen sind grün.
2.68
vāmāṃ pūrvadale nyasya jyeṣṭhāṃ vahnidalāśritām |
raudrīṃ dakṣiṇapatre tu kālīṃ nairṛtagocare || 2.68 ||
Vama bringe man auf dem östlichen Blatt an, Jyeshtha im Südosten, Raudri im Süden und Kali im Südwesten.
2.69
kalavikaraṇīṃ devīṃ vinyasyedvāruṇe dale |
balavikaraṇīṃ devīṃ vāyavyadalamāśritām || 2.69 ||
Die Göttin Kalavikarani bringe man auf dem westlichen Blatt an, Balavikarani auf dem nordwestlichen.
2.70
balapramathanīṃ devīm uttare viniyojayet |
sarvabhūtadamanīṃ ca aiśānyāṃ viniyojayet || 2.70 ||
Balapramathani ordne man im Norden an, Sarvabhutadamani im Nordosten.
2.71
madhye manonmanīṃ devīṃ karṇikāyāṃ niveśayet |
śakracāpanibhaṃ devi dhyātavyaṃ śaktimaṇḍalam || 2.71 ||
In der Mitte, auf der Samenkapsel, setze man die Göttin Manonmani ein. Den Kreis der Shaktis meditiere man wie einen Regenbogen, o Göttin.
2.72
madhye sūryasahasrābhāṃ cintayettu manonmanīm |
sūryādhvamaṇḍalaṃ patre somaṃ saṃyojya kesare || 2.72 ||
In der Mitte vergegenwärtige man Manonmani mit dem Glanz von tausend Sonnen. Den Sonnenkreis ordne man den Blättern, den Mond den Staubfäden zu.
2.73
vahnimaṇḍalakaṃ devi karṇikāyāṃ niveśayet |
brahmā viṣṇurharaścaiva maṇḍaleṣvadhipāḥ smṛtāḥ || 2.73 ||
Den Feuerkreis setze man in die Samenkapsel, o Göttin. Brahma, Vishnu und Hara gelten als die Herren dieser Kreise.
2.74
brahmā caturmukho raktaś caturbāhuvibhūṣitaḥ |
kṛṣṇājinottarīyaśca rājīvāsanasaṃsthitaḥ || 2.74 ||
Brahma hat vier Gesichter, ist rot und mit vier Armen ausgestattet; er trägt ein schwarzes Antilopenfell als Obergewand und sitzt auf einem Lotus.
2.75
kamaṇḍaludharo devi daṇḍahastastathaiva ca |
akṣamālādharo devaḥ padmahastaḥ sulocanaḥ || 2.75 ||
Er trägt einen Wassertopf, einen Stab, eine Gebetskette und einen Lotus in den Händen, der schönäugige Gott.
2.76
dhyātvā patreṣu taṃ nyasyet sarvakilviṣanāśanam |
atasīpuṣpasaṃkāśaṃ śaṅkhacakragadādharam || 2.76 ||
So meditiert setze man ihn, der alle Vergehen vernichtet, in die Blätter ein. Sodann meditiere man den, der Atasi-Blüten gleicht, Muschelhorn, Diskus und Keule trägt,
2.77
pītāmbaradharaṃ devaṃ vanamālāvibhūṣitam |
sphuranmukuṭamāṇikyaṃ kiṅkiṇījālamaṇḍitam || 2.77 ||
den gelb gekleideten Gott mit Waldblumengirlande, funkelnden Rubinen an der Krone und einem Netz kleiner Glöckchen.
2.78
divyakuṇḍaladhartāraṃ garuḍāsanasaṃsthitam |
dhyātvā viṣṇuṃ mahātmānaṃ kesareṣu niveśayet || 2.78 ||
Er trägt himmlische Ohrringe und sitzt auf Garuda. So meditiere man den erhabenen Vishnu und setze ihn in die Staubfäden ein.
2.79
śaṅkhakundendudhavalaṃ śūlahastaṃ trilocanam |
daśabāhuṃ viśālākṣaṃ nāgayajñopavītinam || 2.79 ||
Weiß wie Muschel, Jasmin und Mond, mit Dreizack in der Hand, dreiäugig, zehnarmig, großäugig und mit einer Schlange als heiliger Schnur,
2.80
siṃhacarmaparīdhānaṃ śaśāṅkakṛtabhūṣaṇam |
nīlakaṇṭhaṃ vṛṣārūḍhaṃ rudraṃ dhyātvā varānane || 2.80 ||
in Löwenfell gekleidet, mit dem Mond geschmückt, blaukehlig und auf dem Stier reitend: So meditiere man Rudra, o Schönangesichtige,
2.81
niveśayetkarṇikāyāṃ mahāpātakanāśanam |
mahāpretaṃ nyasetpaścāt prahasantaṃ sacetanam || 2.81 ||
und setze ihn, den Vernichter schwerer Vergehen, in die Samenkapsel ein. Dann bringe man den großen Preta an, lachend und mit Bewusstsein versehen,
2.82
raktavarṇaṃ sutejaskaṃ netratrayavibhūṣitam |
praṇavena nyasetsarvam āsanaṃ bhairavasya tu || 2.82 ||
rot, stark leuchtend und mit drei Augen geschmückt. Den gesamten Sitz Bhairavas bringe man mit Om an.
2.83
gandhaiḥ puṣpaiḥ samabhyarcya tato mūrtiṃ prakalpayet |
kadambakusumākārāṃ tuṣārakiraṇatviṣam || 2.83 ||
Nachdem man ihn mit Duftstoffen und Blumen verehrt hat, bilde man die Gestalt: wie eine Kadamba-Blüte geformt und mit dem Glanz des Mondes.
2.84
mūrtyūrdhve bhairavaṃ devaṃ sakalaṃ parikalpayet |
dvātriṃśadvarṇakacitaṃ sphurattaḍidivojjvalam || 2.84 ||
Über dieser Gestalt vergegenwärtige man den gegliederten Gott Bhairava, mit zweiunddreißig Lauten besetzt und hell wie zuckender Blitz.
2.85
vaktrāṇi kalpayeddevi svadhyānena maheśvari |
mūrdhādicaraṇaṃ yāvat praṇavādinamontataḥ || 2.85 ||
Seine Gesichter bilde man mit der ihnen eigenen Meditation, o große Herrin, vom Scheitel bis zu den Füßen; die Formel beginne mit Om und ende mit namaḥ.
2.86
aṣṭātriṃśatkalābhedaṃ śodhyādhvānaṃ prakalpayet |
navatattvaṃ tritattvaṃ ca navakaṃ bhairavābhidham || 2.86 ||
Man bilde die achtunddreißig Kalas und den zu reinigenden kosmischen Weg, die neun und drei Prinzipien sowie die Bhairava genannte Neunergruppe.
2.87
vidyāṅgā locanaṃ caiva kṣurikāṃ ca prakalpayet |
śaktitrayaṃ tato nyasyed dakṣadigvāmagocare || 2.87 ||
Auch die Glieder der Vidya, die Augen und die Kshurika bilde man. Dann bringe man die drei Shaktis rechts, links
2.88
madhyapradeśe deveśi tato rūpamanusmaret |
tripañcanayanaṃ devaṃ jaṭāmukuṭamaṇḍitam || 2.88 ||
und in der Mitte an, o Herrin der Götter. Darauf vergegenwärtige man die Gestalt: den Gott mit dreimal fünf Augen und einer Krone aus verfilztem Haar.
2.89
candrakoṭipratīkāśāṃ candrārdhakṛtaśekharam |
pañcavaktraṃ viśālākṣaṃ sarpagonāsamaṇḍitam || 2.89 ||
Er gleicht zehn Millionen Monden, trägt die Mondsichel auf dem Haupt, besitzt fünf Gesichter und große Augen und ist mit Schlangen und Vipern geschmückt.
2.90
vṛścikairagnivarṇābhair hāreṇa tu virājitam |
kapālamālābharaṇaṃ khaḍgakheṭakadhāriṇam || 2.90 ||
Er strahlt mit einer Kette aus feuerfarbenen Skorpionen, trägt eine Girlande aus Schädeln und hält Schwert und Schild.
2.91
pāśāṅkuśadharaṃ devaṃ śarahastaṃ pinākinam |
varadābhayahastaṃ ca muṇḍakhaṭvāṅgadhāriṇam || 2.91 ||
Der Gott trägt Schlinge und Elefantenhaken, Pfeil und Pinaka-Bogen; seine Hände gewähren Gaben und Furchtlosigkeit, und er trägt Schädel und Khatvanga-Stab.
2.92
vīṇāḍamaruhastaṃ ca ghaṇṭāhastaṃ triśūlinam |
vajradaṇḍakṛtāṭopaṃ paraśvāyudhahastakam || 2.92 ||
Er hält Vina und Sanduhrtrommel, Glocke und Dreizack; Vajra und Stab verleihen ihm majestätischen Glanz, und er trägt eine Axt.
2.93
mudgareṇa vicitreṇa vartulena virājitam |
siṃhacarmaparīdhānaṃ gajacarmottarīyakam || 2.93 ||
Eine kunstvolle runde Keule schmückt ihn. Er trägt Löwenfell als Untergewand und Elefantenhaut als Obergewand.
2.94
aṣṭādaśabhujaṃ devaṃ nīlakaṇṭhaṃ sutejasam |
ūrdhvavaktraṃ maheśāni sphaṭikābhaṃ vicintayet || 2.94 ||
Der Gott besitzt achtzehn Arme, eine blaue Kehle und großen Glanz. Sein oberes Gesicht stelle man sich kristallhell vor, o Maheshani.
2.95
āpītaṃ pūrvavaktraṃ tu nīlotpaladalaprabham |
dakṣiṇaṃ tu vijānīyād vāmaṃ caiva vicintayet || 2.95 ||
Das östliche Gesicht ist gelblich; das südliche hat den Glanz eines blauen Lotusblattes. Das linke Gesicht stelle man sich
2.96
dāḍimīkusumaprakhyaṃ kuṅkumodakasaṃnibham |
candrārbudapratīkāśaṃ paścimaṃ tu vicintayet || 2.96 ||
wie eine Granatapfelblüte und wie Safranwasser vor; das westliche wie hundert Millionen Monde.
2.97
svacchandabhairavaṃ devaṃ sarvakāmaphalapradam |
dhyāyate yastu yuktātmā kṣipraṃ sidhyati mānavaḥ || 2.97 ||
Wer den Gott Svacchanda Bhairava, den Spender aller gewünschten Früchte, mit gesammeltem Selbst meditiert, gelangt als Mensch rasch zur Verwirklichung.
2.98
tataḥ paramabījena paraṃ paramakāraṇam |
suśāntaṃ niṣkalaṃ devaṃ sarvavyāpinirañjanam || 2.98 ||
Danach rufe man mit der höchsten Keimsilbe den höchsten Urgrund an: den vollkommen friedvollen, ungegliederten, alldurchdringenden und fleckenlosen Gott.
2.99
āvāhayetsuhṛṣṭātmā tava devi vadāmyaham |
hṛtkaṇṭhatālubhrūmadhyanādāntāntasamāśritam || 2.99 ||
Voller Freude soll man ihn herbeirufen; so lehre ich dich, o Göttin. Er ruht in Herz, Hals, Gaumen und Brauenmitte bis hin zum Ende des Nada.
2.100
niṣkampaṃ kāraṇātītam āvāhya parameśvaram |
saṃsthāpya vidhivaddevam aṅgaṣaṭkaṃ tato nyaset || 2.100 ||
Nachdem man den unbewegten höchsten Herrn jenseits der Ursachen herbeigerufen und vorschriftsgemäß eingesetzt hat, bringe man die sechs Glieder an.
2.101
pādyamācamanaṃ cārghaṃ svāgataṃ tadanantaram |
saṃnidhānaṃ ca deveśi niṣṭhurayā nirodhayet || 2.101 ||
Fußwaschwasser, Mundspülwasser und Ehrenwasser folgen, dann die Begrüßung. Seine Gegenwart halte man durch die Nishthura fest, o Herrin der Götter.
2.102
gandhaiḥ puṣpaistathā dhūpair dhūpayitvā tamarcayet |
mudrāṃ pradarśayetpaścāt tridhā traikālyakarmaṇi || 2.102 ||
Man verehre ihn mit Duftstoffen und Blumen und beräuchere ihn. Danach zeige man die Mudra dreimal bei der Handlung zu den drei Tageszeiten.
2.103
tataḥ snānādikaṃ karma kṛtvā caiva varānane |
paridhāpya suvastrāṇi netrapaṭṭodbhavāni ca || 2.103 ||
Nach dem Baden und den weiteren Diensten, o Schönangesichtige, bekleide man ihn mit schönen Gewändern, auch aus feinem Netra-Gewebe.
2.104
vilipyāgurukarpūrair mukuṭādyairvibhūṣayet |
puṣpairnānāvidhaiḥ śubhrair arcayedbhūṣayetpunaḥ || 2.104 ||
Man salbe ihn mit Agaru und Kampfer, schmücke ihn mit Krone und anderen Zierden und verehre und schmücke ihn erneut mit vielerlei reinen Blumen.
2.105
arghaṃ dattvā maheśāni punarmudrāṃ pradarśayet |
praṇamya bhairavaṃ devaṃ svacchandaṃ viśvanāyakam || 2.105 ||
Nach Darbringung des Ehrenwassers zeige man wiederum die Mudra, o Maheshani, und verneige sich vor dem Gott Svacchanda Bhairava, dem Lenker des Alls.
2.106
tato hyābharaṇaṃ bāhye viniveśyaṃ varānane |
aiśānyāṃ pūrvato yāmyāṃ uttarāpyāvasānakam || 2.106 ||
Dann ordne man außen den Schmuck beziehungsweise Umkreis an, o Schönangesichtige: im Nordosten, Osten, Süden, Norden und abschließend Westen. [Vorlage: ābharaṇam.]
2.107
vinyasetpañca vaktrāṇi pañcavaktrayutāni ca |
bāhubhirdaśabhiścaiva śaśāṅkamukuṭaiḥ saha || 2.107 ||
Man setze die fünf Gesichter ein, jedes wiederum mit fünf Gesichtern, zehn Armen und einer mondgeschmückten Krone.
2.108
dhyātavyāni svarūpāṇi varābhayakarāṇi tu |
agnīśarakṣovāyavyacaturdikṣu ca taṃ nyaset || 2.108 ||
Ihre Gestalten sind mit den Händen des Gabengewährens und der Furchtlosigkeit zu meditieren. In Südosten, Nordosten, Südwesten und Nordwesten sowie den Hauptrichtungen bringe man
2.109
hṛcchiraśca śikhā varma astraṃ ca pravibhāgaśaḥ |
hṛdayaṃ raktavarṇābhaṃ śiro gorocanaprabham || 2.109 ||
Herz, Kopf, Haarschopf, Panzer und Waffe getrennt an. Das Herz ist rot, der Kopf glänzt wie Gorochana.
2.110
taḍidvalayasaṃkāśāṃ śikhāṃ devīṃ vicintayet |
ādhūmraṃ kavacaṃ vidyāt kapiśaṃ cāstrameva ca || 2.110 ||
Die Göttin des Haarschopfs stelle man sich wie einen Blitzring vor, den Panzer rauchfarben und die Waffe gelbbraun.
2.111
jyotīrūpapratīkāśaṃ netraṃ madhye ca saṃsthitam |
pañcavaktrāḥ smṛtāḥ sarve daśabāhvindubhūṣitāḥ || 2.111 ||
Das Auge hat Lichtgestalt und befindet sich in der Mitte. Alle gelten als fünfgesichtig, zehnarmig und mondgeschmückt.
2.112
nānābharaṇasaṃyuktā nānāsraggandhalepanāḥ |
nānāvastraparīdhānā mukuṭairujjvalaiḥ śubhaiḥ || 2.112 ||
Sie tragen vielfältigen Schmuck, Girlanden, duftende Salben und verschiedene Gewänder, dazu helle, schöne Kronen.
2.113
ratnamālāvanaddhāśca hārakeyūrabhūṣitāḥ |
dviraṣṭavarṣakākārāḥ surūpāḥ sthirayauvanāḥ || 2.113 ||
Mit Edelsteinketten umwunden, mit Halsketten und Armreifen geschmückt, erscheinen sie sechzehnjährig, schön und von beständiger Jugend.
2.114
bhairavādyāḥ smṛtā mantrāḥ pīṭheśāḥ pīṭhamardakāḥ |
yā sā pūrvaṃ mayā khyātā aghorī śaktiruttamā || 2.114 ||
Die bei Bhairava beginnenden Mantras gelten als Herren und Bezwinger der Pithas. Jene höchste Shakti Aghori, die ich zuvor beschrieben habe,
2.115
bhairavaṃ pūjayitvā tu tasyotsaṅge tu tāṃ nyaset |
yādṛśaṃ bhairavaṃ rūpaṃ bhairavyāstādṛgeva hi || 2.115 ||
setze man nach der Verehrung Bhairavas auf seinen Schoß. Bhairavi besitzt dieselbe Gestalt wie Bhairava.
2.116
īṣatkarālavadanāṃ gambhīravipulasvanām |
prasannāsyāṃ sadā dhyāyed bhairavīṃ vismitekṣaṇām || 2.116 ||
Man meditiere Bhairavi stets mit leicht furchterregendem Gesicht, tiefer, weittragender Stimme, freundlichem Antlitz und weit geöffneten, staunenden Augen.
2.117
dvitīyāvaraṇe devi vinyasedbhairavāṣṭakam |
kapālīśaṃ tu pūrvāyām āgneyyāṃ śikhivāhanam || 2.117 ||
Im zweiten Umkreis bringe man die acht Bhairavas an: Kapalisha im Osten, Shikhivahana im Südosten,
2.118
dakṣiṇe krodharājaṃ tu vikarālaṃ tu nairṛte |
manmathaṃ paścime bhāge meghanādeśvaraṃ tathā || 2.118 ||
Krodharaja im Süden, Vikarala im Südwesten, Manmatha im Westen und Meghanadeshvara
2.119
vāyavye devi vinyasya somarājaṃ tathottare |
vidyārājaṃ tathaiśānyāṃ vinyasettu subhāvitaḥ || 2.119 ||
im Nordwesten, o Göttin; Somaraja im Norden und Vidyaraja im Nordosten, jeweils mit tiefer Vergegenwärtigung.
2.120
pañcavaktrāstrinetrāśca daśabāhvinduśekharāḥ |
kapālamālābharaṇāḥ sphuranmāṇikyamaṇḍitāḥ || 2.120 ||
Sie haben fünf Gesichter mit je drei Augen, zehn Arme und den Mond auf dem Haupt; sie sind mit Schädelgirlanden und funkelnden Rubinen geschmückt.
2.121
pūrvaṃ pītaṃ smṛtaṃ devi raktamāgreyagocare |
dakṣiṇe nīlameghābhaṃ nairṛtyāṃ jvalanaprabham || 2.121 ||
Der östliche ist gelb, o Göttin, der südöstliche rot, der südliche wie eine blaue Wolke und der südwestliche feuerhell.
2.122
śyāmaṃ cāparadigbhāge dhūmraṃ vāyavyagocare |
candrabimbaprabhaṃ saumye īśāne sphaṭikaprabham || 2.122 ||
Der westliche ist dunkel, der nordwestliche rauchfarben, der nördliche mondhell und der nordöstliche kristallklar.
2.123
tṛtīye caiva lokeśān sāstrānsaṃparikalpayet |
nāmāni teṣāṃ vakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ || 2.123 ||
Im dritten Umkreis bilde man die Weltenhüter mit ihren Waffen. Ihre Namen werde ich dir richtig und der Reihe nach nennen.
2.124
indrāgniyamanirṛtivaruṇāśca samīraṇaḥ |
somarājaḥ kuberaśca īśānaḥ parameśvaraḥ || 2.124 ||
Indra, Agni, Yama, Nirriti, Varuna und Samirana, ferner Somaraja, Kubera und Ishana, der höchste Herr. [Die Namensreihe ist gegenüber dem folgenden Achtzahl-Schema auffällig.]
2.125
bhairavāṣṭakarūpeṇa dhyātavyāstu varānane |
vajraṃ śaktistathā daṇḍaḥ khaḍgaḥ pāśastathaiva ca || 2.125 ||
Man meditiere sie in der Gestalt der acht Bhairavas, o Schönangesichtige. Vajra, Speer, Stab, Schwert und Schlinge,
2.126
dhvajo gadā triśūlaṃ ca lokapālayudhāni vai |
vajraṃ cānekavarṇāḍhyaṃ śaktiṃ hemasamaprabhām || 2.126 ||
Banner, Keule und Dreizack sind die Waffen der Weltenhüter. Den Vajra stelle man sich vielfarbig, den Speer goldglänzend vor.
2.127
daṇḍaṃ bhinnāñjanābhaṃ ca khaḍgaṃ nīlotpalaprabham |
kiṃśukābhaṃ tathā pāśaṃ dhvajaṃ śuklaṃ vicintayet || 2.127 ||
Den Stab stelle man sich wie zerbrochenen Augenschminkstein vor, das Schwert wie einen blauen Lotus, die Schlinge wie eine Kimshuka-Blüte und das Banner weiß.
2.128
gadāṃ tu vidrumābhāṃ vai śūlaṃ vidyutsamaprabham |
saṃpūjyāvaraṇaṃ sarvaṃ saṃdhānaṃ mantranāyake || 2.128 ||
Die Keule ist korallenrot, der Dreizack blitzhell. Nachdem man den ganzen Umkreis verehrt hat, verbinde man ihn mit dem Führer der Mantras.
2.129
astrāṇi lokapālāśca bhairavāṣṭakameva ca |
pañca brahmānyathāṅgāni etānyāvaraṇāni tu || 2.129 ||
Waffen, Weltenhüter, acht Bhairavas, fünf Brahma-Mantras und die Glieder: Dies sind die Umkreise.
2.130
krameṇoccārayetsarvaṃ yāvattadgarbhamaiśvaram |
mūlamantreṇa kartavyaṃ nāḍīsaṃdhānameva ca || 2.130 ||
Alles lasse man durch fortschreitendes Aussprechen bis in den göttlichen Innenraum aufsteigen. Mit dem Wurzelmantra vollziehe man die Verbindung der Nadis.
2.131
parāntaṃ yāvadābhāvya naivedyāni nivedayet |
ghārikā vaṭakāṃścaiva śaṣkulīrmodakāṃstathā || 2.131 ||
Nachdem man bis zum höchsten Ende vergegenwärtigt hat, bringe man Speisen dar: Gharika, Vatakas, Shashkulis und Modakas,
2.132
khaṇḍalaḍḍuśarāvāṇi bhakṣyāṇi vividhāni ca |
śālyodanaṃ mudgasūpam ājyāktaṃ saṃprakalpayet || 2.132 ||
Kandiszucker, Laddus in Schalen und verschiedene essbare Gaben, ferner gekochten Reis und Mungbohnensuppe mit Ghee.
2.133
kauśalyāṃ maṇḍakāpūpāṃs tathā kṣaudraśirāṃsi ca |
ghṛtāktāṃścillakāṃścaiva lavaṇānparikalpayet || 2.133 ||
Man bereite Kaushalya, Mandaka-Fladen, Apupa-Kuchen und Honigspeisen sowie mit Ghee bestrichene Chillakas und salzige Speisen. [Einzelne Speisennamen sind nicht eindeutig identifiziert.]
2.134
avadaṃśānyanekāni kaṭūni madhurāṇi ca |
rasālāṃ ca dadhi kṣīram āsavaṃ vividhaṃ tathā || 2.134 ||
Dazu vielerlei scharfe und süße Beilagen, Rasala, Dickmilch, Milch und verschiedene vergorene Getränke,
2.135
matsyamāṃsānyanekāni lehyapeyāni yāni ca |
agramāpūrayecchaṃbhor vittaśāṭhyavivarjitaḥ || 2.135 ||
verschiedene Fisch- und Fleischgerichte sowie Speisen zum Lecken und Trinken. Man fülle den Platz vor Shambhu damit und sei nicht geizig mit seinen Mitteln.
2.136
paścādarghaḥ pradātavyaḥ surayā susugandhayā |
mudrāṃ pradarśayetpaścāt tridhā traikālyakarmaṇi || 2.136 ||
Danach bringe man Ehrenwasser aus wohlriechendem alkoholischem Getränk dar und zeige dreimal die Mudra bei der Handlung zu den drei Tageszeiten.
2.137
praṇipātaṃ tataḥ kṛtvā japaṃ paścātsamācaret |
akṣamālāṃ tu saṃgṛhya gandhaiḥ puṣpaiḥ samarcitām || 2.137 ||
Nach der Verneigung vollziehe man Japa; dazu nehme man die mit Duftstoffen und Blumen verehrte Gebetskette.
2.138
vāṅnirudvaḥ sucittātmā rājīvāsanasaṃsthitaḥ |
mūlamantraṃ samuccārya nāde līnaṃ vicintayet || 2.138 ||
Schweigend und mit gut gesammeltem Geist sitze man im Lotussitz, spreche den Wurzelmantra und vergegenwärtige sein Aufgehen im Nada.
2.139
unmīlyākṣāṇi saṃcintya tatastu japamārabhet |
akṣarākṣarasantānaṃ na drutaṃ na vilambitam || 2.139 ||
Man öffne die Augen, vergegenwärtige ihn und beginne die Wiederholung, Laut an Laut anschließend, weder hastig noch schleppend.
2.140
japaḥ prāṇasamaḥ kāryaḥ dinastho muktikāṅkṣibhiḥ |
saṃhāraḥ sa tu vijñeyaḥ śivadhāmaphalapradaḥ || 2.140 ||
Wer Befreiung wünscht, vollziehe die Wiederholung im Einklang mit dem Atem während des inneren Tages. Dies ist als Auflösung zu erkennen; sie gewährt Shivas Zustand.
2.141
vyomni prāpto yadā nādaḥ punareva nivartate |
śarvarī sā tu vijñeyā hṛdabjaṃ yāvadāgataḥ || 2.141 ||
Wenn der Nada den Raum erreicht hat und wieder umkehrt, soll man dies bis zu seiner Rückkehr in den Herzlotus als Nacht erkennen.
2.142
sṛṣṭireṣā samākhyātā sarvasiddhiphalodayā |
ātmano bhairavaṃ rūpaṃ sadā bhāvyaṃ varānane || 2.142 ||
Dies wird Schöpfung genannt; daraus gehen alle Früchte der Verwirklichung hervor. Stets vergegenwärtige man die eigene Gestalt als Bhairava, o Schönangesichtige.
2.143
tasya vighnā vinaśyanti japaśca saphalo bhavet |
japtvā nivedayeddevi bhairavāya varānane || 2.143 ||
Dann verschwinden die Hindernisse, und die Mantrawiederholung trägt Frucht. Nach der Wiederholung bringe man sie Bhairava dar, o Göttin.
2.144
pūrakeṇa prayogeṇa tristhaṃ ca tritayānvitam |
trisiddhisiddhidaṃ devi sarahasyamudāhṛtam || 2.144 ||
Mit der Einatmung bringe man [die Rezitation] dar. Sie vollzieht sich im Aufstieg, im Eintritt und in beiden zusammen und verbindet Sprache, Geist und Atem; sie gewährt die drei Stufen der Siddhi und die befreiende Vollendung, Göttin. So ist sie samt ihrem Geheimnis gelehrt. [Deutung der Dreierbezüge nach Kṣemarāja.]
2.145
śāntike mānaso japya upāṃśuḥ pauṣṭike smṛtaḥ |
saśabdaścābhicāre 'sau prāgudagdakṣiṇāmukhaḥ || 2.145 ||
Für Befriedung gilt geistige Wiederholung, für Gedeihen leise Wiederholung und für schädigende Riten laute Wiederholung; dabei blickt man nach Osten, Norden beziehungsweise Süden.
2.146
ātmā na śṛṇute yaṃ tu mānaso 'sau prakīrtitaḥ |
ātmanā śrūyate yastu tamupāṃśuṃ vijānate || 2.146 ||
Was man selbst nicht hört, heißt geistige Wiederholung. Was man selbst hört, kennt man als leise Wiederholung.
2.147
pare śṛṇvanti yaṃ devi saśabdaḥ sa udāhṛtaḥ |
aṣṭottaraśatenaiva akṣamālā samerukā || 2.147 ||
Was andere hören, o Göttin, wird laut genannt. Die Gebetskette hat hundertacht Perlen und eine Meru-Perle.
2.148
rudrākṣaśaṅkhapadmākṣaputrajīvakamauktikaiḥ |
sphāṭikī maṇiratnotthā sauvarṇī vaidrumī tathā || 2.148 ||
Sie besteht aus Rudraksha, Muschel, Lotussamen, Putrajivaka-Samen, Perlen, Kristall, Schmucksteinen, Edelsteinen, Gold oder Koralle.
2.149
daśākṣamālā deveśi gṛhasthānāṃ prakīrtitāḥ |
sūtraṃ dhyātvā parāṃ śaktim adhvabhāgāṃstato maṇīn || 2.149 ||
Diese zehn Gebetsketten werden für Haushälter genannt, o Herrin der Götter. Den Faden meditiere man als höchste Shakti, die Perlen als Abschnitte des kosmischen Weges.
2.150
vyaktisthānaṃ śivasyādhvā tatastaddharmiṇīṃ smaret |
saptaviṃśatibhiḥ kuryād dviguṇairvā caturguṇaiḥ || 2.150 ||
Der kosmische Weg ist der Ort, an dem Shiva sich offenbart; deshalb denke man die Kette als von dieser Beschaffenheit. Man fertige sie mit siebenundzwanzig, doppelt oder viermal so vielen Perlen.
2.151
samaistu saṃhatairekaṃ śivatattvātmakaṃ mukhe |
na taṃ vilaṅghayedvidvān sṛṣṭisaṃhārakāraṇam || 2.151 ||
Die Perlen seien gleichmäßig und dicht aneinandergereiht; an der Spitze befinde sich eine, die das Shiva-Prinzip verkörpert. Der Kundige überschreite sie nicht, denn sie ist Ursache von Schöpfung und Auflösung.
2.152
vīrasthānaratānāṃ hi vīrāṇāṃ varavarṇini |
mahāśaṅkhākṣasūtraṃ tu sarvakāmaphalapradam || 2.152 ||
Für die Helden, die sich den Stätten der Helden widmen, o du von herrlicher Erscheinung, gewährt eine Gebetskette aus Mahashankha alle gewünschten Früchte. [Mahashankha bezeichnet in diesem Zusammenhang menschlichen Knochen.]
2.153
gṛhasthena na kartavyam udvegajananaṃ param |
tasmāttu sphāṭikī mālā japtavyā sādhakottamaiḥ || 2.153 ||
Ein Haushälter soll sie nicht verwenden; sie verursacht große Beunruhigung. Daher sollen die besten Sadhakas mit einer Kristallkette rezitieren.
2.154
sādhayedvividhānkāmān adhamānmadhyamottamān |
evaṃ hṛdambujāvastho yaṣṭavyo bhairavo vibhuḥ || 2.154 ||
So verwirklicht man verschiedenste Ziele, geringe, mittlere und höchste. Auf diese Weise ist der allgegenwärtige Bhairava im Herzlotus zu verehren.
2.155
sabāhyābhyantaraṃ kṛtvā paścādyajanamārabhet |
tatrārghapātramādau vai sauvarṇaṃ rājataṃ tathā || 2.155 ||
Nachdem man dies innerlich und äußerlich vollzogen hat, beginne man die äußere Verehrung. Zuerst nehme man ein Gefäß für das Ehrenwasser aus Gold oder Silber,
2.156
śāṅkhaṃ śāmbūkaṃ śauktaṃ vā tāmraṃ mṛṇmayameva vā |
padmapatrapalāśotthaṃ gṛhītvā kṣālya vāriṇā || 2.156 ||
aus Muschel, Schneckenschale, Perlmuschel, Kupfer oder Ton, oder aus einem Lotus- beziehungsweise Palasha-Blatt, und wasche es mit Wasser.
2.157
astrajaptena deveśi pralipyāgurucandanaiḥ |
mṛṣṭadhūpena saṃdhūpya vāriṇāpūrayettataḥ || 2.157 ||
Das Wasser sei mit dem Waffenmantra besprochen, o Herrin der Götter. Man bestreiche das Gefäß mit Agaru und Sandelholz, beräuchere es mit gutem Räucherwerk und fülle es mit Wasser,
2.158
vastrapūtena śuddhena tāḍayedastramuccaran |
varmāvaguṇṭhitaṃ kṛtvā yāgaṃ tatraiva vinyaset || 2.158 ||
das rein und durch ein Tuch gefiltert ist. Unter Aussprechen des Waffenmantras beklopfe man es, umhülle es mit dem Panzer und setze den Opferaufbau darin ein.
2.159
pūrvoktena vidhānena prokṣyastena samāsataḥ |
yāgārtho dravyasaṃghātaḥ tato yajanamārabhet || 2.159 ||
Mit ihm besprenge man nach der zuvor gelehrten Vorschrift sämtliche Opfergegenstände. Danach beginne man die Verehrung.
2.160
śaktiṃ nyasya tataścādau vyomākārāṃ sujājvalām |
sakalavyāpikāṃ sūkṣmāṃ śivādhārāṃ tu sarvagām || 2.160 ||
Zuerst bringe man Shakti an: raumgestaltig, hell lodernd, alles durchdringend, fein, Shiva tragend und allgegenwärtig.
2.161
oṃkāradīpitāṃ devīṃ namaskārāvasānikām |
anantaṃ caiva vinyasya dharmaṃ jñānaṃ tathaiva ca || 2.161 ||
Ihr Mantra beginnt belebend mit Om und endet mit dem Gruß. Danach bringe man Ananta, Dharma und Jnana an,
2.162
vairāgyaṃ ca tathaiśvaryam āgneyyādikrameṇa tu |
adharmaṃ ca tathājñānam avairāgyamanaiśvaram || 2.162 ||
ferner Vairagya und Aishvarya, beginnend im Südosten; sodann Adharma, Ajnana, Avairagya und Anaishvarya,
2.163
saṃdhānakīlakāṃścaiva adhaśchādanamūrdhvagam |
padmaṃ sakesaraṃ devi karṇikāṃ puṣkarāṇi ca || 2.163 ||
die verbindenden Zapfen, untere und obere Bedeckung, den Lotus mit Staubfäden, Samenkapsel und Samen, o Göttin,
2.164
maṇḍalatritayaṃ devāñ śaktīścāpi śivāntakam |
mūrtiṃ brahmakalājālaṃ navatattvaṃ tritattvakam || 2.164 ||
die drei Kreise, die Götter und Shaktis bis zu Shiva, die Gestalt, die Gesamtheit der Brahma-Kalas, die neun und die drei Tattvas,
2.165
bhairavāṣṭakavidyāṅgalocanaṃ kṣurikāṃ tathā |
śaktitrayaṃ paraṃ devam aṅgaṣaṭkasamanvitam || 2.165 ||
die acht Bhairavas, die Vidya-Glieder, die Augen, die Kshurika, die drei Shaktis und den höchsten Gott mit seinen sechs Gliedern.
2.166
vinyasya bhāvayeddevi satataṃ vidhipūrvakam |
nirvartya tu yathānyāyaṃ prahṛṣṭenāntarātmanā || 2.166 ||
Nach dem Anbringen vergegenwärtige man alles beständig nach Vorschrift, o Göttin. Man vollende es ordnungsgemäß mit freudigem innerem Selbst.
2.167
svāgataṃ cārdhyapādyaṃ ca sannidhānaṃ tathaiva ca |
rodhaṃ niṣṭhurayā kuryān mūlamantramanusmaran || 2.167 ||
Man bringe Begrüßung, Ehrenwasser und Fußwaschwasser dar, bewirke die Gegenwart und halte sie durch Nishthura fest, den Wurzelmantra vergegenwärtigend.
2.168
pūjā suvipulā kāryā gandhadhūpasragādibhiḥ |
mudrāṃ pradarśayetpaścāt tridhā traikālyakarmaṇi || 2.168 ||
Eine reiche Verehrung ist mit Duftstoffen, Räucherwerk, Girlanden und weiteren Gaben auszuführen. Danach zeige man dreimal die Mudra bei der Handlung zu den drei Tageszeiten.
2.169
tata āvaraṇaṃ bāhye viniveśyaṃ varānane |
īśapūrvayāmyasaumyavaruṇāntaṃ prakalpayet || 2.169 ||
Dann setze man außen den Umkreis ein, o Schönangesichtige, beginnend im Nordosten, dann Osten, Süden, Norden und abschließend Westen.
2.170
vaktrāṇāṃ pañcakaṃ devi svadhyānaguṇasaṃyutam |
āgneyaiśānarakṣaḥsu sāmīraindradiśorapi || 2.170 ||
Man bilde die fünf Gesichter, o Göttin, mit den Eigenschaften ihrer eigenen Meditation. Im Südosten, Nordosten, Südwesten, Nordwesten, Osten
2.171
uttarāntaṃ niveśyaṃ tu aṅgānāṃ pañcakaṃ tathā |
netraṃ tu karṇikāyāṃ vai pūrvasyāṃ diśi saṃsthitam || 2.171 ||
und bis zum Norden bringe man entsprechend die fünf Glieder an. Das Auge befindet sich auf der Samenkapsel auf der östlichen Seite. [Die Richtungsangaben sind nicht ganz eindeutig gegliedert.]
2.172
svamantreṇa tu sarveṣām ardhyaṃ pādyaṃ samāhitaḥ |
mantrasaṃkarapuṣpāṇi na kuryātsādhakaḥ sadā || 2.172 ||
Gesammelt bringe man jedem mit seinem eigenen Mantra Ehrenwasser und Fußwaschwasser dar. Der Sadhaka soll die Mantras und ihre Blumengaben niemals vermischen.
2.173
na bāhuṃ pṛṣṭhato vāpi mantrāṇāṃ parikalpayet |
paripāṭyā tu dātavyaṃ na mantrāṃllaṅghayetkvacit || 2.173 ||
Auch soll er seinen Arm nicht hinter den Mantragottheiten führen. Die Gaben sind in ihrer Folge darzubringen; keine Mantragottheit soll dabei übersprungen werden.
2.174
svamudrāmantrasaṃyuktān yugapatparikalpayet |
ardhyaṃ pādyaṃ ca dhūpaṃ ca nityaṃ tāvatsamācaret || 2.174 ||
Ihre eigenen Mudras und Mantras sind jeweils gemeinsam anzuwenden. Ehrenwasser, Fußwaschwasser und Räucherwerk bringe man stets entsprechend dar.
2.175
sarveṣāmeva mantrāṇāṃ vidhireṣa prakīrtitaḥ |
bhairavāṣṭakalokeśān sāstrānsaṃparikalpayet || 2.175 ||
Diese Vorschrift gilt für sämtliche Mantras. Man bilde die acht Bhairavas und die Weltenhüter mit ihren Waffen.
2.176
bāhye śmaśānavinyāsaṃ praṇavādinamontagam |
pūrvādīśānaparyantaṃ kalpayeta vidhānataḥ || 2.176 ||
Außen ordne man die Leichenstätten an, beginnend im Osten und endend im Nordosten, mit einer Formel, die mit Om beginnt und mit namaḥ endet.
2.177
āmardakaṃ ca pūrvaṃ vai śmaśānādhipatiṃ vibhum |
śmaśānaiḥ sakabandhaiśca saśūlodbandhabhīṣaṇaiḥ || 2.177 ||
Zuerst im Osten Amardaka, den mächtigen Herrn der Leichenstätte; die Stätten enthalten kopflose Leiber und sind durch Gepfählte und Erhängte furchterregend.
2.178
citibhiḥ prajvalantībhiḥ śivārāvaiḥ subhīṣaṇaiḥ |
agnikaṃ dakṣiṇe bhāge kālākhyaṃ paścime tathā || 2.178 ||
Sie sind voller lodernder Scheiterhaufen und schrecklicher Schakalrufe. Im Süden steht Agnika, im Westen der Kala Genannte,
2.179
ekapādaṃ tathā saumye āgneyyāṃ tripurāntakam |
nairṛtyāmagnijihvaṃ tu vāyavyāṃ tu karālinam || 2.179 ||
im Norden Ekapada, im Südosten Tripurantaka, im Südwesten Agnijihva und im Nordwesten Karalin.
2.180
aiśānyāṃ bhīmavaktraṃ tu śmaśāneśāḥ prakīrtitāḥ |
tarpayenmatsyamāṃsādyair āsavairvividhaistathā || 2.180 ||
Im Nordosten steht Bhimavaktra. Damit sind die Herren der Leichenstätten genannt. Man sättige sie mit Fisch, Fleisch und anderen Gaben sowie verschiedenen vergorenen Getränken.
2.181
gandhaṃ puṣpaṃ tathā dhūpaṃ sarveṣāṃ tu pradāpayet |
praṇipātaṃ tataḥ kṛtvā japtvā mantraṃ subhāvitaḥ || 2.181 ||
Allen bringe man Duftstoffe, Blumen und Räucherwerk dar. Nach der Verneigung wiederhole man den Mantra mit tiefer Sammlung.
2.182
recakena prayogena nivedya vidhipūrvakam |
huḍḍuṅkāranamaskārān kṛtvā caiva tato vrajet || 2.182 ||
Mit der Ausatmung bringe man die Wiederholung vorschriftsgemäß dar. Nach dem Huḍḍuṅ-Ruf und den Verneigungen begebe man sich
2.183
agnikuṇḍasamīpaṃ tu arghahastaḥ subhāvitaḥ |
kuṇḍaṃ tu lakṣaṇopetaṃ prokṣayedastravāriṇā || 2.183 ||
zur Feuergrube, gesammelt und das Ehrenwasser in der Hand. Die mit den vorgeschriebenen Merkmalen ausgestattete Grube besprenge man mit dem Wasser des Waffenmantras.
2.184
kavacenāvaguṇṭhyaitad astradarbheṇa collikhet |
uddhṛtya prokṣayetpaścād astramantreṇa bhāmini || 2.184 ||
Man umhülle sie mit dem Panzer und ritze sie mit einem durch das Waffenmantra geweihten Darbha-Halm. Nach dem Herausnehmen besprenge man sie mit dem Waffenmantra, o Strahlende.
2.185
pūraṇaṃ tena kartavyaṃ samīkaraṇameva ca |
secanaṃ kuṭṭanaṃ caiva lepanaṃ tena kārayet || 2.185 ||
Mit demselben Mantra vollziehe man Auffüllen, Einebnen, Befeuchten, Feststampfen und Bestreichen.
2.186
prokṣaṇaṃ śoṣaṇaṃ caiva tathāstreṇaiva kārayet |
pūjanaṃ gandhapuṣpādyaiḥ asinā cābhimantraṇam || 2.186 ||
Ebenso besprenge und trockne man mit dem Waffenmantra; die Verehrung erfolgt mit Duftstoffen und Blumen, die Besprechung mit dem Schwertmantra.
2.187
vajrīkaraṇamastreṇa rekhāḥ pūrvāparāstrayaḥ |
yāmyasaumyamukhī caikā vajrametatprakīrtitam || 2.187 ||
Mit dem Waffenmantra mache man die Grube vajragleich: drei Linien verlaufen von Osten nach Westen und eine von Süden nach Norden. Dies wird Vajra genannt.
2.187*
vajrīkaraṇamastreṇa rekhāstisrastu pūrvagāḥ |
yāmyasaumyamukhā tvekā vajrametatprakīrtitam || 2.187* ||
Mit dem Waffenmantra mache man sie vajragleich: drei Linien weisen nach Osten, eine von Süden nach Norden. Dies wird Vajra genannt. [Zusätzlich überlieferte Variante von 2.187.]
2.188
asinaivāgnikuṇḍaṃ tad darbhaiḥ pūrvāgrasaṃstaraiḥ |
sabāhyābhyantaraṃ chādyaṃ gṛhahetvarthamīśvari || 2.188 ||
Mit dem Schwertmantra bedecke man die Feuergrube innen und außen mit Darbha-Gras, dessen Spitzen nach Osten zeigen, um eine Behausung zu schaffen, o Herrin.
2.189
kuṇḍasya dakṣiṇe bhāge śuṣkagomayamāsanam |
darbheṇa viṣṭaraṃ puṣpaṃ praṇavena prakalpayet || 2.189 ||
Südlich der Grube bilde man einen Sitz aus getrocknetem Kuhdung; mit Om lege man eine Darbha-Unterlage und eine Blume darauf.
2.190
svanāmapadasaṃyuktaṃ svadhyānena namontagam |
āmantraṇapadenaiva brahmāṇaṃ sthāpya pūjayet || 2.190 ||
Mit seiner eigenen Namensformel, seiner Meditation und namaḥ als Abschluss rufe man Brahma an, setze ihn ein und verehre ihn.
2.191
puṣpādibhiḥ sudhūpādyair dhruveṇa tu yathākramam |
catuṣpathaṃ kuṇḍamadhye darbhābhyāṃ praṇavena tu || 2.191 ||
Mit dem unveränderlichen Om verehre man ihn der Reihe nach mit Blumen und Räucherwerk. In der Mitte der Grube bilde man mit zwei Darbha-Halmen und Om ein Wegekreuz,
2.192
pūrvasaubhyāgrabhāgābhyāṃ viṣṭaraṃ tasya copari |
puṣpaṃ tasyopariṣṭāttu hṛdayenaiva pūjayet || 2.192 ||
deren Spitzen nach Osten und Norden zeigen; darüber lege man eine Unterlage und eine Blume. Mit dem Herzmantra verehre man sie.
2.193
vāgīśīṃ ca samāhūya praṇavādinamontagām |
nīlotpaladalaśyāmām ṛtumaccārulocanām || 2.193 ||
Man rufe Vagishi mit Om am Anfang und namaḥ am Ende herbei: dunkel wie das Blatt eines blauen Lotus, in ihrer fruchtbaren Zeit und mit schönen Augen.
2.194
sarvalakṣaṇasaṃpūrṇāṃ sarvāvayavabhūṣitām |
dhyātvā caivaṃvidhāṃ devīṃ sthāpayetkuṇḍamadhyataḥ || 2.194 ||
Sie besitzt alle günstigen Merkmale und ist an sämtlichen Gliedern geschmückt. So meditiere man die Göttin und setze sie in die Mitte der Grube.
2.195
ṛtukāla ivottānāṃ śirasaiśānasaṃsthitām |
pūjayedgaṃdhapuṣpādyair bhavamantramanusmaran || 2.195 ||
Wie zur Zeit der Empfängnisbereitschaft liegt sie auf dem Rücken, den Kopf im Nordosten. Unter Vergegenwärtigung des Bhava-Mantras verehre man sie mit Duftstoffen und Blumen.
2.196
tato mudrāṃ darśayeta saṃnidhānāya mantravit |
tato 'gnipātramādāya śivāmbho 'streṇa prokṣayet || 2.196 ||
Dann zeige der Mantrakundige die Mudra, um ihre Gegenwart zu bewirken. Er nehme das Feuergefäß und besprenge es mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra.
2.197
kavacenāvaguṇṭhyāpi praṇavenaiva pūjayet |
araṇyādisamudbhūtaṃ lokāgnyantaṃ vidhānataḥ || 2.197 ||
Man umhülle es mit dem Panzer und verehre es mit Om. Vorschriftsgemäß nehme man Feuer, das aus Reibhölzern oder anderen zulässigen Quellen bis hin zu gewöhnlichem Feuer entstanden ist.
2.198
agniṃ tu śukravaddhyātvā caitanyaṃ praṇavena tu |
ṣaḍaṅgenaiva saṃpūjya amṛtatvaṃ dhruveṇa tu || 2.198 ||
Man meditiere das Feuer als Samenflüssigkeit und mit Om als Bewusstsein; verehre es mit den sechs Gliedern und mache es durch Om nektargleich.
2.199
ātmānaṃ bhairavaṃ dhyātvā agniṃ dhyātvā tu bījavat |
dhruveṇa kuṇḍabāhye tu tridhābhrāmyāvatārayet || 2.199 ||
Man meditiere sich selbst als Bhairava und das Feuer als Samen. Mit Om führe man es dreimal außen um die Grube und senke es hinein.
2.200
yonau tu bījavatkṣiptvā bhairaveṇa śivāmbhasā |
astramuccārya saṃprokṣya yoniṃ pracchādayedbudhaḥ || 2.200 ||
Nachdem man es wie Samen in die Yoni eingesetzt hat, besprenge man mit Bhairavas Shiva-Wasser unter Aussprechen des Waffenmantras; der Kundige bedecke die Yoni
2.201
darbheṇa dhruvamantreṇa akṣavāṭaṃ tato nyaset |
astreṇaiva caturdikṣu darbhaireva prakalpayet || 2.201 ||
mit Darbha-Gras unter dem Om-Mantra. Dann bilde man ringsum einen Schutzzaun, in den vier Richtungen mit Darbha-Gras und dem Waffenmantra.
2.202
saptavārāstramantreṇa darbheṇaiva tu kaṅkaṇam |
dakṣahaste tu badhnīyād astramantramanusmaran || 2.202 ||
Ein Darbha-Armband bespreche man siebenmal mit dem Waffenmantra und binde es unter Vergegenwärtigung desselben an das rechte Handgelenk.
2.203
rakṣārthamagnigarbhasya garbhādhānamato bhavet |
aparāsyatrirāhutyā pūjanaṃ hṛdayena tu || 2.203 ||
Dies dient dem Schutz des Feuerembryos. Darauf erfolge das Ritual der Empfängnis: drei Opfergaben mit dem westlichen Gesichtsmantra und Verehrung mit dem Herzmantra.
2.204
hṛdā trirāhutiṃ dattvā garbhādhānaṃ kṛtaṃ bhavet |
hṛdā vai jalabinduṃ tu darbhāgreṇātra pātayet || 2.204 ||
Nach drei Opfergaben mit dem Herzmantra ist die Empfängnis vollzogen. Mit demselben lasse man von einer Darbha-Spitze einen Wassertropfen hineinfallen.
2.205
gandhapuṣpādibhiḥ pūjāṃ śikhayā kārayet tataḥ |
trirāhutiṃ cottareṇa śikhayā ca trirāhutim || 2.205 ||
Dann verehre man mit Duftstoffen und Blumen unter dem Haarschopfmantra; drei Opfergaben bringe man mit dem nördlichen Gesichtsmantra und drei mit dem Haarschopfmantra dar.
2.206
puṃsaḥ kalpanamevaṃ hi na strī garbhe tu janyate |
sīmantaṃ dakṣiṇāsyena darbhāgreṇa prakalpayet || 2.206 ||
So wird ein männliches Wesen gebildet; kein weibliches entsteht im Mutterschoß. Den Scheitel bilde man mit dem südlichen Gesichtsmantra und einer Darbha-Spitze.
2.207
grīvāmaṃsau kaṭiṃ caiva bāhū jaṅghe prakalpayet |
pratyaṅgāni ca saṃkalpya sīmantonnayanaṃ bhavet || 2.207 ||
Man bilde Hals, Schultern, Hüfte, Arme und Unterschenkel sowie die übrigen Körperglieder. Damit geschieht das Ritual des Scheitelziehens.
2.208
gandhapuṣpādibhiḥ pūjā śirasā cāhutitrayāt |
pūrvamadhyāparānvahnau trīnbhāgānparikalpayet || 2.208 ||
Mit Duftstoffen und Blumen verehre man und bringe drei Opfergaben mit dem Kopfmantra dar. Im Feuer bilde man drei Abschnitte: vorne, in der Mitte und hinten.
2.209
mukhahṛtpādadeśāṃstu homāttacca tritattvakam |
śirāṃsi pañcāhutyaiva ūrdhvāsyena tribhistribhiḥ || 2.209 ||
Sie entsprechen Gesicht, Herz und Füßen; durch das Opfer werden daraus die drei Prinzipien. Mit je drei Opfergaben des oberen Gesichtsmantras bilde man die fünf Köpfe.
2.210
pañcavaktraṃ tu saṃkalpya madhyaprāgyāmyasaumyakam |
aparaṃ cāpyāhutibhiḥ pūrvāsyena trisaṃkhyayā || 2.210 ||
Man bilde die fünf Gesichter in Mitte, Osten, Süden, Norden und Westen; dazu dienen jeweils drei Opfergaben mit dem östlichen Gesichtsmantra.
2.211
vaktrāṇāṃ niṣkṛtiṃ tadvad āhutīnāṃ trisaṃkhyayā |
netraṃ netreṇa saṃkalpya mukheṣvevaṃ trayaṃ trayam || 2.211 ||
Ebenso erfolgt die Bereinigung der Gesichter mit je drei Opfergaben. Mit dem Augenmantra bilde man in jedem Gesicht drei Augen.
2.212
āhutitritayenaiva tilaiḥ sarvaṃ tu kārayet |
tataḥ kalāsamūhaṃ ca pañca cātha catuṣṭayam || 2.212 ||
Alles vollziehe man mit Sesam und jeweils drei Opfergaben. Dann bilde man die Gesamtheit der Kalas: fünf, vier,
2.213
aṣṭāṅgāni tathā trīṇi daśa cāṣṭāvanukramāt |
śeṣāsyaiḥ saṃprakalpyaivaṃ kalāmūrtistato bhavet || 2.213 ||
acht, dreizehn und acht der Reihe nach, mit den jeweils verbleibenden Gesichtsmantras. So entsteht der aus Kalas bestehende Körper. [aṣṭāṅgāni tathā trīṇi daśa ist syntaktisch ungewöhnlich.]
2.214
aṅgāni vinyasetpaścāt hṛdādyāni yathākramam |
trirāhutiṃ dakṣiṇena śirasā cāhutitrayam || 2.214 ||
Danach bringe man die Glieder, beginnend mit dem Herzen, der Reihe nach an: drei Opfergaben mit dem südlichen Gesichtsmantra und drei mit dem Kopfmantra.
2.215
sīmantonnayanaṃ hyevaṃ jātakarma tvathocyate |
astreṇa vījayedagnim astreṇaiva tu pūjayet || 2.215 ||
So geschieht das Scheitelziehen. Nun wird der Geburtsritus erklärt: Mit dem Waffenmantra fächle man das Feuer an und verehre es damit.
2.216
trirāhutiṃ tu pūrveṇa astreṇaivāhutitrayam |
evaṃ mantradvayenaiva jātakarma kṛtaṃ bhavet || 2.216 ||
Drei Opfergaben bringe man mit dem östlichen Gesichtsmantra und drei mit dem Waffenmantra dar. Durch diese beiden Mantras ist der Geburtsritus vollzogen.
2.217
astreṇa prokṣayetkuṇḍaṃ sadyaḥ sūtakaśuddhaye |
vaktrāṇyuddhāṭayetpaścād vaktreṇaivāhutitrayāt |
vaktrāṇi śodhyānyasinā āhutitrayayogataḥ || 2.217 ||
Zur sofortigen Reinigung von der Geburtsunreinheit besprenge man die Grube mit dem Waffenmantra. Danach öffne man die Gesichter durch drei Opfergaben mit dem Gesichtsmantra und reinige sie durch drei Opfergaben mit dem Schwertmantra.
2.218
vaktrābhighāro vaktraistu vaktre vaktre trayaṃ trayam |
prokṣayetkuṇḍapārśvāni sāstreṇaiva śivāmbhasā || 2.218 ||
Die Übergießung der Gesichter erfolgt mit ihren Mantras, jeweils dreimal. Die Seiten der Grube besprenge man mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra.
2.219
darbhānāstīrya pūrvāgrān dakṣiṇottarasaṃsthitān |
saumyāgrānpūrvavāruṇyoḥ paridhīnviṣṭarāṃstathā || 2.219 ||
Im Süden und Norden breite man Darbha-Gras mit nach Osten gerichteten Spitzen aus, im Osten und Westen mit nach Norden gerichteten Spitzen; ebenso ordne man Umfassungshölzer und Unterlagen an.
2.220
astramantreṇa te sarve brahmāṇaṃ pūrvaviṣṭare |
rudra ca dakṣiṇe sthāpya viṣṇuṃ paścimaviṣṭare || 2.220 ||
Für sie alle verwende man das Waffenmantra. Brahma setze man auf die östliche Unterlage, Rudra auf die südliche und Vishnu auf die westliche.
2.221
sadāśivaṃ cottare 'tha svanāmapadacihnitam |
ādau dhruvaṃ smareddevi namaścānte prakalpayet || 2.221 ||
Sadashiva setze man im Norden ein, mit seinem jeweiligen Namen bezeichnet. Zu Beginn vergegenwärtige man Om, o Göttin, am Ende namaḥ.
2.222
gandhapuṣpādibhiḥ pūjyāḥ svarūpaṃ teṣvanusmaret |
mekhalopari lokeśān pūjayetpraṇavena tu || 2.222 ||
Man verehre sie mit Duftstoffen und Blumen und denke an ihre Gestalt. Auf dem Rand der Grube verehre man die Weltenhüter mit Om.
2.223
rakṣārthaṃ jātabālasya brahmādyāḥ pūjitāstu ye |
tataḥ kaṅkaṇakaṃ muktvā dakṣahastavyavasthitam || 2.223 ||
Brahma und die übrigen sind zum Schutz des neugeborenen Kindes verehrt worden. Dann löse man das Armband am rechten Handgelenk.
2.224
puṣpaṃ saṃgṛhya devena śivāgnernāma kalpayet |
kavacenopacāraṃ tu gandhapuṣpādidhūpakaiḥ || 2.224 ||
Man nehme eine Blume und gebe dem Shiva-Feuer mit dem Gottesmantra seinen Namen. Mit dem Panzermantra vollziehe man den Ehrendienst aus Duftstoffen, Blumen und Räucherwerk.
2.225
ūrdhvāsyenāhutīstisraḥ kavacena trayaṃ punaḥ |
śivanāmāṅkitaṃ vahniṃ janayitvā surāṃstataḥ || 2.225 ||
Drei Opfergaben bringe man mit dem oberen Gesichtsmantra und nochmals drei mit dem Panzermantra dar. Nachdem man das Feuer mit Shivas Namen hervorgebracht hat,
2.226
visarjayettu svasthānaṃ sāvitrīṃ praṇavena tu |
puṣpādibhiḥ samabhyarcya homaireva tribhistribhiḥ || 2.226 ||
entlasse man die Götter an ihre eigenen Orte. Savitri verehre man mit Om, Blumen und weiteren Gaben sowie jeweils drei Feueropfern.
2.227
dhāmnaivedhmāstu hotavyā hastamātrapramāṇataḥ |
caturviṃśatisaṃkhyātāḥ śivāgnestarpaṇāya tu || 2.227 ||
Mit dem Dhama-Mantra sind vierundzwanzig Brennhölzer von je einer Elle Länge zu opfern, um das Shiva-Feuer zu stärken.
2.228
srukstruvau saṃpratāpyāgnau śivāmbho 'streṇa prokṣayet |
kavacenāvaguṇṭhyaitau śivāgnau bhrāmayettridhā || 2.228 ||
Die große und die kleine Opferkelle erhitze man im Feuer, besprenge sie mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra, umhülle sie mit dem Panzer und führe sie dreimal im Shiva-Feuer herum.
2.229
astreṇa mārjayedadbhir darbhāgreṇātha saṃspṛśet |
punaragnau paribhrāmya prokṣayettau śivāmbhasā || 2.229 ||
Man reinige sie mit Wasser unter dem Waffenmantra und berühre sie mit einer Darbha-Spitze. Wieder führe man sie im Feuer herum und besprenge sie mit Shiva-Wasser.
2.230
darbhamadhyena saṃspṛśya bhūyo 'gnau bhrāmya tāpayet |
śivāmbhasā mārjayitvā darbhamūlena saṃspṛśet || 2.230 ||
Man berühre sie mit der Mitte des Darbha-Halms, führe sie erneut im Feuer herum und erhitze sie. Nach dem Reinigen mit Shiva-Wasser berühre man sie mit der Darbha-Wurzel.
2.231
sruksruvābhyāṃ tato mūlaṃ sthāpayettāvadhomukhau |
darbhāṇāṃ pṛṣṭhataḥ pūjyau dakṣiṇe 'gneḥ sadā budhaiḥ || 2.231 ||
Danach bringe man den Wurzelmantra an den Opferkellen an und lege sie mit der Öffnung nach unten. Die Kundigen verehren sie stets hinter dem Darbha-Gras, südlich des Feuers. [Die Konstruktion des ersten Halbverses ist unsicher.]
2.232
ājyasaṃskaraṇaṃ kuryād ājyādhiśrayaṇādikam |
ājyaṃ saṃprokṣya cāstreṇa kavacenāvaguṇṭhayet || 2.232 ||
Man vollziehe die Bereitung des Ghee, beginnend mit seinem Aufsetzen. Man besprenge das Ghee mit dem Waffenmantra und umhülle es mit dem Panzer.
2.233
śivāgnau tāpyamastreṇa udvāsyaṃ kavacena tu |
kuṇḍasya parito devi tridhā bhrāmya tu sthāpayet || 2.233 ||
Im Shiva-Feuer erhitze man es mit dem Waffenmantra, nehme es mit dem Panzermantra heraus, führe es dreimal um die Grube und setze es ab, o Göttin.
2.234
yonisaṃsthaṃ cājyapātraṃ udplavaṃ saṃplavaṃ tataḥ |
darbhāgradvayamādāya prādeśaṃ madhyagranthitam || 2.234 ||
Das Ghee-Gefäß stehe an der Yoni. Darauf folgen Aus- und Einwärtsreinigung: Man nehme zwei Darbha-Spitzen von einer Spanne Länge, in der Mitte verknotet.
2.235
pavaitrametadvihitam utplavaṃ tena saṃplavam |
aṅguṣṭhānāmikābhyāṃ tu gṛhītvaitatpavitrakam || 2.235 ||
Dies ist das vorgeschriebene Reinigungsinstrument. Mit ihm vollziehe man die beiden Reinigungsbewegungen; dazu halte man es mit Daumen und Ringfingern.
2.236
parāṅmukhaṃ tu trīnvārān saṃmukhaṃ trīṃstathaiva ca |
astreṇaiva tu mantreṇa avadyotaḥ śivāgninā || 2.236 ||
Dreimal bewege man es von sich weg und dreimal zu sich hin, mit dem Waffenmantra. Dann erhelle man das Ghee mit dem Shiva-Feuer.
2.237
darbholmukaṃ tu saṃgṛhya ājyapātraṃ nirīkṣayet |
nīrājanaṃ tataḥ kuryāt paryagnikaraṇaṃ tataḥ || 2.237 ||
Man nehme eine brennende Darbha-Fackel und betrachte das Ghee-Gefäß. Dann vollziehe man das Schwenken des Lichtes und das Umgeben mit Feuer.
2.238
dhāmnāstramantramuccārya tamagnāvulmukaṃ kṣipet |
dhāmnaiva vidhinā mantrī prokṣayedastravāriṇā || 2.238 ||
Nach dem Dhama- und Waffenmantra werfe man die Fackel ins Feuer. Nach der Vorschrift des Dhama besprenge der Mantrakundige mit Waffenmantra-Wasser.
2.239
abhimantrya ṣaḍaṅgena amṛtatvaṃ śivena tu |
sakṛduccārayogena pūjayedbhairaveṇa tu || 2.239 ||
Man bespreche mit den sechs Gliedern, verleihe mit Shiva Unsterblichkeitsnatur und verehre mit Bhairava durch einmaliges Aussprechen.
2.240
vaktrasaṃdhānakaṃ vaktrair āhutitritayena tu |
aparāsyena tadvaktrasaṃdhānaṃ tu samācaret || 2.240 ||
Die Verbindung der Gesichter erfolgt mit den Gesichtsmantras und jeweils drei Opfergaben. Mit dem westlichen Gesichtsmantra vollziehe man die betreffende Gesichtsverbindung.
2.241
evaṃ saumyasya vaktrasya saṃdhānaṃ tu kṛtaṃ bhavet |
trirāhutiprayogeṇa dakṣiṇasyāpyayaṃ vidhiḥ || 2.241 ||
So ist die Verbindung des nördlichen Gesichts hergestellt. Durch drei Opfergaben gilt dieselbe Vorschrift auch für das südliche.
2.242
pūrvavaktre 'pyathaivaṃ syād ūrdhvavaktraṃ śivānvitam |
trirāhutiprayogeṇa vaktrasaṃdhiḥ prakīrtitaḥ || 2.242 ||
Ebenso beim östlichen Gesicht; das obere wird mit Shiva verbunden. Die Verbindung der Gesichter ist durch jeweils drei Opfergaben gelehrt.
2.243
mukhyamūrdhvaṃ smṛtaṃ vaktraṃ guṇatvamitareṣu tu |
muktikāmasya dīkṣāyām ūrdhvavaktrasya mukhyatā || 2.243 ||
Das obere Gesicht gilt als das wichtigste, die übrigen als untergeordnet. Bei der Einweihung eines Befreiungssuchenden hat das obere Gesicht Vorrang.
2.244
pādalepāñjanādyā vai siddhīstu vividhāśca yāḥ |
sadāśivāntagāḥ sarvāḥ pūrvavaktre tu homayet || 2.244 ||
Für verschiedene Siddhis wie Fußsalbe und Augensalbe, alle bis hin zum Bereich Sadashivas, opfere man in das östliche Gesicht.
2.245
māraṇoccāṭanādau tu vidveṣe stambhane tathā |
dakṣiṇe caiva vaktre tu homātsiddhiḥ parā bhavet || 2.245 ||
Für Tötungs-, Vertreibungs-, Verfeindungs- und Lähmungsriten verheißt der Text höchste Wirksamkeit durch Opfer im südlichen Gesicht.
2.246
śāntikaṃ pauṣṭikaṃ caiva saubhāgyākarṣaṇāni ca |
saubhāgyārohasiddhiṃ tu uttare homayetsadā || 2.246 ||
Für Befriedung, Gedeihen, Glück und Anziehung sowie die Steigerung des Wohlergehens opfere man stets im nördlichen Gesicht.
2.247
paścime nityakarmāṇi viniyogaḥ prakīrtitaḥ |
ājyabhāgo hi hotavya ūrdhvavaktre tu paścime || 2.247 ||
Für die täglichen Pflichten ist das westliche Gesicht bestimmt. Der Ghee-Anteil ist im oberen beziehungsweise westlichen Gesicht zu opfern.
2.248
ājyapātrasya madhye tu darbho vai bhairaveṇa tu |
nyasitavyo varārohe tato vai vartmakalpanā || 2.248 ||
In die Mitte des Ghee-Gefäßes lege man mit Bhairavas Mantra einen Darbha-Halm, o du von schönem Wuchs. Dann bilde man den Weg.
2.249
uccārya bhairavaṃ pātre saṃpātaṃ pātya vartmanā |
nāḍītrayeṇa yugapat pātre bhāgatrayaṃ nyaset || 2.249 ||
Man spreche Bhairava über dem Gefäß und lasse den Opferrest entlang des Weges hineinfallen. Durch die drei Nadis zugleich bilde man im Gefäß drei Bereiche.
2.250
suṣumnāṃ madhyamārgasthāṃ dakṣe piṅgāṃ prakalpayet |
iḍābhāge tu yattejo vāme saumyaṃ prakalpayet || 2.250 ||
Sushumna liegt auf dem mittleren Weg, rechts bilde man Pingala; links, im Bereich der Ida, stelle man die mondhafte Lichtkraft vor.
2.251
evaṃ tribhāgaṃ saṃkalpya sruvamāpūrya homayet |
bhairaveṇaiva mantreṇāgnaye svāhāntameva ca || 2.251 ||
Nachdem man die drei Bereiche so gebildet hat, fülle man die kleine Opferkelle und opfere mit dem Bhairava-Mantra, gefolgt von agnaye und svāhā.
2.252
agnibhāgāttu saṃgṛhya sruveṇājyāhutiṃ kṣipet |
somabhāgastu somāya svāhetyante samuccaran || 2.252 ||
Aus dem Feuerbereich entnehme man mit der Kelle eine Ghee-Gabe und opfere sie. Aus dem Mondbereich opfere man mit somāya und svāhā am Ende.
2.253
dhāmādipraṇavādyaṃ ca sruveṇājyāhutiṃ kṣipet |
agnīṣometi saṃjñe dve svāhānte dhāma cāditaḥ || 2.253 ||
Die Ghee-Gabe bringe man mit Dhama und Om zu Beginn dar. Die beiden Namen Agni und Soma erhalten svāhā am Ende und Dhama am Anfang.
2.254
praṇavādyājyamadhyāttu sruvamāpūrya homayet |
śuklapakṣe vidhirhyeṣa kṛṣṇapakṣe 'nyathā bhavet || 2.254 ||
Mit Om am Anfang fülle man die Kelle aus der Mitte des Ghee und opfere. Dies gilt in der hellen Mondhälfte; in der dunklen ist es anders.
2.255
somabhāge bhavetsūryo hy agnisaṃjñā tu pūrvavat |
agneḥ sūryasya madhyādvai āhutiṃ pratipādayet || 2.255 ||
Im Mondbereich steht dann die Sonne; die Bezeichnung Agni bleibt wie zuvor. Aus der Mitte zwischen Feuer und Sonne bringe man die Opfergabe dar,
2.256
yataḥ sūryasya madhye vai amāvasyāṃ viśecchaśī |
prāśanārthamato homo vaktrāṇāṃ bhairaveṇa tu || 2.256 ||
weil der Mond am Neumondtag in die Mitte der Sonne eintritt. Zum Speisen der Gesichter erfolgt daher das Opfer mit Bhairavas Mantra.
2.257
cūḍādyā ye tu saṃskārā agnerbālāntasaṃsthitāḥ |
prāpaṇārthāya sarveṣāṃ pūrṇāmekāṃ pradāpayet || 2.257 ||
Für alle Kindheits-Samskaras des Feuers, vom ersten Haarschneiden an, bringe man eine einzige Vollgabe dar, damit sämtliche vollzogen seien.
2.258
bhairavaṃ tu samuccārya śivāgniḥ sarvasiddhidaḥ |
agniṃ tu proddharetpaścāt pātre saṃsthāpya rakṣayet || 2.258 ||
Man spreche Bhairava: Das Shiva-Feuer gewährt alle Siddhis. Danach hebe man Feuer heraus, setze es in ein Gefäß und bewahre es.
2.259
kuṇḍasya cottare bhāge viṣṭarasya ca bāhyataḥ |
praṇītaṃ kalpayettatra camasaṃ vāripūritam || 2.259 ||
Nördlich der Grube, außerhalb der Unterlage, richte man das Pranita-Wasser her: eine mit Wasser gefüllte Schale.
2.260
puṣpākṣatatilairyuktaṃ pavitraṃ tatra vinyaset |
praṇavādi samāvāhya viṣṇunāma tato namaḥ || 2.260 ||
Sie enthalte Blumen, ungebrochene Reiskörner und Sesam; man lege das Reinigungsinstrument hinein. Mit Om zu Beginn rufe man Vishnu bei seinem Namen und mit namaḥ herbei.
2.261
āmantraṇapadenaiva viṣṇuṃ saṃsthāpya pūjayet |
svāgatāsanapādyārghaiḥ tato vijñāpayettu tam || 2.261 ||
Mit der Anrufungsformel setze man Vishnu ein und verehre ihn mit Begrüßung, Sitz, Fußwaschwasser und Ehrenwasser. Dann trage man ihm vor:
2.262
paśvarthaṃ yajña ārabdha ātmārthaṃ vātha sādhakaiḥ |
bhagavaṃstvatprasādena yāge niśchidratāstu naḥ || 2.262 ||
„Das Opfer wurde für die gebundene Seele oder von den Sadhakas für sich selbst begonnen. Erhabener, durch deine Gnade möge unser Opfer lückenlos sein.“
2.263
tato 'gnau yajanaṃ kṛtvā bhairavaṃ tu prapūjayet |
sthaṇḍiloktavidhānena anantādīnprakalpayet || 2.263 ||
Danach vollziehe man die Verehrung im Feuer und verehre Bhairava. Nach der für die Opferfläche gelehrten Vorschrift bilde man Ananta und die übrigen.
2.264
dhyātvā vaktrāṇi pañcādau yena yatkarma vāñchitam |
tanmukhyavaktraṃ saṃkalpya mukhaṃ kuṇḍapramāṇataḥ || 2.264 ||
Zuerst meditiere man die fünf Gesichter; je nach gewünschter Handlung vergegenwärtige man das entsprechende Hauptgesicht, dessen Mund so groß wie die Grube ist.
2.265
bhāvayennava jihvāsatu vaktrevaktre pratiṣṭhitāḥ |
prāgādyaṣṭau madhya ekā kāmyārthe diggatāstu yāḥ || 2.265 ||
In jedem Gesicht vergegenwärtige man neun Zungen: acht von Osten an und eine in der Mitte. Die in den Richtungen dienen besonderen Zielen.
2.266
rājyārthā dāhajananī mṛtyudā śatrukārikā |
vaśīkartryuccāṭanī syād arthadā muktidāyikā || 2.266 ||
Sie gewähren Herrschaft, erzeugen Verbrennung, bringen Tod, schaffen Feindschaft, unterwerfen, vertreiben, spenden Wohlstand und gewähren Befreiung.
2.267
sarvasiddhipradā madhye tasmānmadhye tu homayet |
pūṇā tu bhairaveṇaiva jihvānāṃ kalpanāya ca || 2.267 ||
Die mittlere gewährt alle Siddhis; deshalb opfere man in der Mitte. Eine Vollgabe mit Bhairava dient der Bildung der Zungen.
2.268
punaḥ pūrṇāhutiṃ caiva bhairaveṇa pradāpayet |
jvālāgraṃ tu hṛdāgṛhya vahnicaitanyakalpitam || 2.268 ||
Erneut bringe man mit Bhairava eine Vollgabe dar. Die Flammenspitze erfasse man mit dem Herzmantra als Bewusstsein des Feuers.
2.269
ātmahṛtsthaṃ tu saṃkalpya yogapīṭhaṃ tu kalpayet |
madhyajihvānusāreṇa agninābhau tu kandakam || 2.269 ||
Man vergegenwärtige sie im eigenen Herzen und bilde den Yogasitz. Entlang der mittleren Zunge bilde man die Lotusknolle am Nabel des Feuers.
2.270
nālaṃ hṛdavadhi dhyātvā padmaṃ tatra vicintayet |
patrāṣṭakasamopetaṃ sitavarṇaṃ sutejasam || 2.270 ||
Man meditiere den Stängel bis zum Herzen und dort einen weißen, hell leuchtenden Lotus mit acht Blättern.
2.271
anantaṃ kalpayettatra dharmādicaraṇāntikam |
oṃkāreṇa śivāntaṃ ca agnimūrtiṃ prakalpayet || 2.271 ||
Dort bilde man Ananta und den Sitz mit den Füßen Dharma und den übrigen; mit Om bis hin zu Shiva bilde man den Feuerkörper.
2.272
śikhā hṛdi sthitā yā tu dhruveṇotkīlayetpunaḥ |
recakeṇa kṣipedvahnau sā mūrtirbhairavātmikā || 2.272 ||
Die Flamme, die im Herzen ruht, löse man mit Om wieder los und werfe sie mit der Ausatmung ins Feuer. Diese Gestalt besitzt das Wesen Bhairavas.
2.273
mūrtibhūtaṃ prakalpyaivam aṣṭātriṃśatkalāyutam |
śodhyādhvānaṃ tu vinyasyed dīkṣākāle varānane || 2.273 ||
Nachdem man so die Gestalt mit achtunddreißig Kalas gebildet hat, bringe man zur Einweihungszeit den zu reinigenden kosmischen Weg an, o Schönangesichtige.
2.274
bhairavaṃ pūjayitvā tu śāstradṛṣṭena karmaṇā |
vaktrasaṃdhiśca vaktrabhyāṃ śivavaktrāgnivaktrayoḥ || 2.274 ||
Nach der Verehrung Bhairavas gemäß der Schrift verbinde man durch die beiden Gesichter das Shiva-Gesicht und das Feuer-Gesicht.
2.275
saṃdhāya caivaṃ jihvābhyāṃ nāḍīsaṃdhirato bhavet |
mūlamantraṃ samuccārya agnināsāvinirgatam || 2.275 ||
Nachdem man sie durch die beiden Zungen verbunden hat, geschieht die Nadi-Verbindung. Unter Aussprechen des Wurzelmantras führe man die aus der Nase des Feuers hervortretende Verbindung
2.276
sthaṇḍilasthaśivālīnam ekārthaṃ caiva saṃdhayet |
śuddhājyenāhutiśatam aṣṭotkṛṣṭaṃ varānane || 2.276 ||
in den auf der Opferfläche befindlichen Shiva hinein und verbinde beide zu einem Zweck. Hundertacht Opfergaben reinen Ghee, o Schönangesichtige,
2.277
bhairavasya tu hotavyaṃ vaktrāṅgānāṃ daśāṃśakam |
bhairavāṣṭakalokeśān daśamāṃśena homayet || 2.277 ||
sind für Bhairava zu opfern, für Gesichter und Glieder ein Zehntel davon. Auch den acht Bhairavas und den Weltenhütern opfere man je den zehnten Anteil.
2.278
mūlamantraṃ samuccārya pūrṇāmekāṃ prapātayet |
bhairavāpyāyanārthāya tathā pūrṇāṃ prapātayet || 2.278 ||
Nach Aussprechen des Wurzelmantras lasse man eine Vollgabe fallen. Ebenso bringe man eine Vollgabe zur Stärkung Bhairavas dar.
2.279
punarnyūnātiriktārthaṃ niśchidrakaraṇāya ca |
paścāddhomaḥ prakartavyo yathecchaṃ tu varānane || 2.279 ||
Nochmals opfere man zur Behebung von Mangel und Übermaß und zur Herstellung der Lückenlosigkeit. Danach vollziehe man das Feueropfer nach Wunsch, o Schönangesichtige.
2.280
sarvakāmaprado homas tilaiḥ śasto ghṛtānvitaiḥ |
dhānyairdhanārthasiddhyarthaṃ ghṛtaguggulahomataḥ || 2.280 ||
Ein Opfer mit gheegetränktem Sesam wird zur Erfüllung aller Wünsche gepriesen, eines mit Getreide zur Erlangung von Wohlstand. Durch das Opfer von Ghee und Guggulu
2.281
jāyate vipulā siddhir adhamā madhyamottamā |
śvetāravindairājyāktaiḥ bilvaiśca śriyamāpnuyāt || 2.281 ||
entsteht große Vollendung, geringe, mittlere oder höchste. Mit gheegetränkten weißen Lotussen und Bilva erlange man Wohlstand.
2.282
kśīrāktatilahomena śāntikarma varānane |
sitaraktapītakṛṣṇaiḥ śamanākṛṣṭipauṣṭikam || 2.282 ||
Ein Opfer milchgetränkten Sesams dient der Befriedung, o Schönangesichtige. Mit Weißem, Rotem, Gelbem und Schwarzem ordne man der Reihe nach Befriedung, Anziehung, Gedeihen
2.283
māraṇaṃ ca varārohe krameṇa parikalpayet |
kundapuṣpaiḥ sutārthāya aśokaiḥ priyasaṃgamaḥ || 2.283 ||
und Tötung zu, o du von schönem Wuchs. Kunda-Blüten dienen dem Wunsch nach einem Sohn, Ashoka-Blüten der Vereinigung mit einem geliebten Menschen.
2.284
jātikuṭmalakaiḥ kanyā gāndharvī bakulodbhavaiḥ |
nāgaistu nāgakanyā vai siddhārthaiḥ siddhakanyakā || 2.284 ||
Jasminknospen sollen ein Mädchen gewinnen, Bakula-Blüten eine Gandharvi, Naga-Blüten eine Naga-Jungfrau und Senfkörner eine Siddha-Jungfrau.
2.285
caṇyakaiścāpyapsaraso narendraḥ phalguṣeṇa tu |
ghṛtāktena varārohe samantrī sapurohitaḥ || 2.285 ||
Mit Chanyaka sollen Apsaras gewonnen werden; mit gheegetränktem Phalgusha werde der König mitsamt Minister und Hauspriester,
2.286
rājñī putrasamopetā vaśaṃ yāti varānane |
yakṣiṇī vaśamāyāti puṣpaiścaiva kadambajaiḥ || 2.286 ||
Königin und Sohn gefügig, o Schönangesichtige. Eine Yakshini werde durch Kadamba-Blüten gefügig.
2.287
vidyādharī kuyyakaiśca sādhayennātra saṃśayaḥ |
mṛgīṃ baddhvā tilairhomaḥ padmabilvairadhiṣṭhitam || 2.287 ||
Eine Vidyadhari soll man durch Kuyyaka-Blüten gewinnen, ohne Zweifel. Mit der Mrigi-Mudra erfolgt das Sesamopfer, mit Lotus und Bilva versehen. [Pflanzennamen und Schlusskonstruktion sind teilweise unsicher.]
2.288
bhakṣyairgrāsapramāṇaistu dhanyaiḥ prasṛtisaṃmitaiḥ |
evaṃ homānusāreṇa sādhako vidhisaṃsthitaḥ || 2.288 ||
Essbare Gaben sollen mundgerecht, Getreidegaben eine Prasriti groß sein. So folgt der Sadhaka der Opferordnung und hält sich an die Vorschrift.
2.289
pūjāhomarato nityaṃ yānyānkāmānsamīhate |
tāṃstānsa sādhayatyeva bhairavasya vaco yathā || 2.289 ||
Wer sich beständig der Verehrung und dem Feueropfer widmet, verwirklicht alle Ziele, die er jeweils begehrt: So lautet Bhairavas Wort.
Kapitel 3
3.1
adhivāsaṃ pravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ |
vāriṇā suviśuddhātmā kṛtakṛtyaḥ prasannadhīḥ || 3.1 ||
Nun werde ich die vorbereitende Weihe richtig und der Reihe nach erklären. Durch Wasser gründlich gereinigt, die erforderlichen Pflichten erfüllt und mit heiterem Geist,
3.2
bhasmoddhūlitadehastu mudrālaṅkārabhūṣitaḥ |
jihmajenopavītena savāsā vā digambaraḥ || 3.2 ||
den Körper mit Asche bestäubt, mit den Mudra-Schmuckstücken geziert und mit einer heiligen Schnur aus dem Haar eines Verstorbenen versehen, bekleidet oder nur in die Himmelsrichtungen gehüllt, [Kṣemarāja erklärt jihmaja hier als aus Leichenhaar gefertigt; die frühere Deutung als schlangenartig entfällt.]
3.3
sugandhigandhaliptāṅgaḥ puṣpasragdāmabhūṣitaḥ |
divyābharaṇasampannaḥ suprasannaḥ subhāvitaḥ || 3.3 ||
mit wohlriechenden Duftstoffen gesalbt, mit Blumengirlanden und himmlischem Schmuck ausgestattet, vollkommen heiter und tief gesammelt,
3.4
sudhūpitaḥ sutāmbūlaś candanāgurucarcitaḥ |
mahadvārapradeśe tu sthitvā prāgiva bhāvitaḥ || 3.4 ||
wohl beräuchert, mit gutem Betel versorgt und mit Sandelholz und Agaru bestrichen, stehe man wie zuvor gesammelt am Haupttor.
3.5
dvārādhyakṣān pūjayitvā puṣpaprakṣepaṇaṃ tataḥ |
humphaṭkāraprayogeṇa tālāśabdaṃ vidhāya ca || 3.5 ||
Nachdem man die Türhüter verehrt hat, werfe man eine Blume, wende huṃ phaṭ an und erzeuge Händeklatschen.
3.6
pārṣṇyadhohastasaṃyogād vighnaproccāṭanāya vai |
pārṣṇyā bhūmigatān hanyāt tālayā cāntarikṣagān || 3.6 ||
Durch Ferse und Handbewegung werden Hindernisse vertrieben: Mit der Ferse vertreibe man die auf der Erde befindlichen, durch Klatschen die im Luftraum.
3.7
mantrairdivyān viśodhyaivaṃ yāgaharmyaṃ viśettataḥ |
rakṣāṃ pūrvavadastreṇa paritaḥ parikalpayet || 3.7 ||
Die himmlischen beseitige man durch Mantras. So gereinigt betrete man das Opferhaus und bilde wie zuvor mit dem Waffenmantra ringsum den Schutz.
3.8
varmaṇā māyārūpeṇāc chādyaiva tu makhālayam |
tato dakṣiṇadigbhāge upaviśya varānane || 3.8 ||
Mit dem Panzer in Maya-Gestalt verhülle man das Opferhaus; dann nehme man im südlichen Bereich Platz, o Schönangesichtige.
3.9
karanyāsaṃ yathāpūrvaṃ dahanotpūyane tathā |
plāvanāpyāyane caiva sakalīkaraṇaṃ tathā || 3.9 ||
Wie zuvor vollziehe man den Hand-Nyasa, Verbrennen und Wegwehen, Überfluten und Stärken sowie die Ausstattung mit den Mantragliedern.
3.10
pūrvavanmānasaṃ yāgam antardehe samācaret |
śaktyādhāramanantaṃ ca dharmādicaraṇāvadhi || 3.10 ||
Das geistige Opfer vollziehe man wie zuvor im Körperinneren: den Shakti-Untergrund, Ananta und den Sitz bis zu den Füßen Dharma und den übrigen,
3.11
gātrakāṇi tvadharmādyas tathā sandhānakīlakān |
adhaśchādanamūrdhvaṃ ca padmakesarakarṇikāḥ || 3.11 ||
die Rahmenteile Adharma und die übrigen, die verbindenden Zapfen, die untere und obere Bedeckung, Lotus, Staubfäden und Samenkapsel,
3.12
puṣkarāṇi ca śaktīśca maṇḍalān maṇḍalādhipān |
śivāntamāsanaṃ dadyāt pūrvarūpaṃ dhruveṇa tu || 3.12 ||
die Lotussamen, die Shaktis, die Kreise und deren Herren. Den Sitz bis zu Shiva bringe man mit Om in seiner zuvor beschriebenen Gestalt dar.
3.13
mūrtibrahmakalāvyūhaṃ navatattvaṃ tritattvakam |
dvātriṃśadakṣaraṃ devaṃ bhairavāṣṭakameva ca || 3.13 ||
Dann folgen die Gestalt, die Anordnung der Brahma-Kalas, die neun und drei Prinzipien, der Gott mit zweiunddreißig Lauten und die acht Bhairavas,
3.14
vidyāṅgāni tathā devīṃ kṣurikāṃ locanatrayam |
śaktitrayaṃ paraṃ devam aṅgaṣaṭkasamanvitam || 3.14 ||
die Glieder der Vidya, die Göttin, Kshurika, die drei Augen, die drei Shaktis und der höchste Gott mit seinen sechs Gliedern.
3.15
mudrāmantrāṃśca dravyāṇi yathāsthānaṃ prakalpayet |
saṃkalpya ca yathānyāyaṃ yathāyogaṃ prakalpayet || 3.15 ||
Mudras, Mantras und Opferstoffe ordne man jeweils an ihrem Ort an. Nach richtiger Vergegenwärtigung richte man alles seiner Zuordnung entsprechend ein.
3.16
sadyojātaṃ ca vāmaṃ ca aghoraṃ ca yaduktavān |
puruṣeśau ca devasya dalasthāṃścopakalpayet || 3.16 ||
Sadyojata, Vama und Aghora, von denen ich gesprochen habe, sowie Purusha und Isha bilde man als auf den Lotusblättern befindliche Gestalten des Gottes.
3.17
hṛdayādīṃstataḥ pañca diśāsu vidiśāsu ca |
pūrvato yāvadīśāntaṃ bhairavāvaraṇaṃ bahiḥ || 3.17 ||
Dann bringe man die fünf Glieder, beginnend mit dem Herzen, in Haupt- und Zwischenrichtungen an; außen den Bhairava-Umkreis von Osten bis Nordosten.
3.18
lokapālāṃstadastrāṇi pūrvādīśāntakāvadhi |
astrāṇi lokapālāṃśca bhairavāṣṭakameva ca || 3.18 ||
Die Weltenhüter und ihre Waffen ordne man ebenfalls von Osten bis Nordosten an. Waffen, Weltenhüter, acht Bhairavas,
3.19
pañcabrahmāṇyathāṅgāni etānyāvaraṇāni hi |
krameṇoccārayet sarvān yāvattadgarbhamaiśvaram || 3.19 ||
fünf Brahma-Mantras und die Glieder bilden die Umkreise. Man lasse alle der Reihe nach bis in den göttlichen Innenraum aufsteigen.
3.20
mantrasandhānametaddhi paramīkaraṇaṃ śṛṇu |
uccārayettato devaṃ hrasvadīrghaplutānvitam || 3.20 ||
Dies ist die Verbindung der Mantras. Höre nun die Erhebung zum Höchsten: Man spreche den Gottesmantra mit kurzen, langen und gedehnten Lauten.
3.21
tāvaduccārayenmantraṃ yāvannirvāṇagocaram |
adhaḥśakteryāvadūrdhvaṃ somasūryapathāntarā || 3.21 ||
Man spreche den Mantra so weit, bis der Bereich des Nirvana erreicht ist, von der unteren Shakti aufwärts, zwischen Mond- und Sonnenbahn.
3.22
piṅgalāmadhyamārgeṇa varṇoccārakrameṇa tu |
devatāpañcakaṃ śaktiṃ vyāpinīṃ samanonmane || 3.22 ||
Auf dem mittleren Weg der Pingala durchdringe man durch die fortschreitende Lautäußerung die fünf Gottheiten, Shakti, Vyapini, Samana und Unmana.
3.23
bhedayitvā kramāt sarvaṃ yāvadvai nidhanāntikam |
nistaraṅgaṃ niradhvākhyaṃ sakalavyāpi conmanam || 3.23 ||
Man durchdringe alles der Reihe nach bis zum letzten Ende: wellenlos, jenseits des kosmischen Weges, alles durchdringend und über den Geist hinaus.
3.24
tadadhyāsyānulomyena hṛtpadme viniveśayet |
sarveṣvāvaraṇeṣvevaṃ devi tadvyāpakaṃ nyaset || 3.24 ||
Nachdem man darin verweilt hat, setze man es in vorwärts gerichteter Folge in den Herzlotus ein. So bringe man das alles Durchdringende in sämtlichen Umkreisen an, o Göttin.
3.25
tena cādhiṣṭhitāḥ sarve sarvakāmaphalapradāḥ |
yathā svarūpasaṃsthānavarṇā ye kathitā mayā || 3.25 ||
Von ihm erfüllt, gewähren alle sämtliche gewünschten Früchte. Ihre Gestalten, Anordnungen und Farben sind so, wie ich sie beschrieben habe.
3.26
tathā te viniyoktavyā mānase mānasena tu |
karṇikāyāṃ tu saṃsthāpya dvidhāvasthaṃ ca bhairavam || 3.26 ||
Entsprechend sollen sie im geistigen Opfer geistig eingesetzt werden. Auf der Samenkapsel setze man Bhairava in seiner zweifachen Seinsweise ein,
3.27
śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ sarvamantrairalaṃkṛtam |
tatrāpi parito jñeyam anirdeśyamanāmayam || 3.27 ||
rein wie Kristall und mit allen Mantras geschmückt. Auch dort ist ringsum das Unbezeichenbare und Leidfreie zu erkennen,
3.28
yatra nāsti dvidhābhāvo na mantrādiprakalpanā |
oṃkārabindunādānāṃ vilayaṃ taṃ vinirdiśet || 3.28 ||
in dem keine Zweiheit und keine Bildung von Mantras und dergleichen besteht. Man bezeichne es als das Aufgehen von Om, Bindu und Nada.
3.29
tatsthānaṃ durlabhaṃ matvā sambhavenna kadācana |
yasya nāgraṃ ca mūlaṃ ca diśo vidiśastathā || 3.29 ||
Wer jenen schwer zu erlangenden Zustand erkennt, tritt niemals wieder ins Dasein. Er hat weder Spitze noch Wurzel, weder Haupt- noch Zwischenrichtungen.
3.30
na śabdo nāpi cākāśaṃ dhyātvā tattu vimucyate |
prathamaṃ mānasaṃ yāgaṃ paścāddravyasamanvitam || 3.30 ||
Dort gibt es weder Laut noch Raum; wer ihn meditiert, wird befreit. Zuerst vollziehe man das geistige Opfer, danach das mit materiellen Gaben.
3.31
ya evaṃ satataṃ kuryād daiśiko yāgatatparaḥ |
svahaste sthaṇḍile liṅge maṇḍale caruke tathā || 3.31 ||
Der Lehrer, der sich beständig so dem Opfer widmet und in der eigenen Hand, auf der Opferfläche, im Linga, im Mandala und im Opferbrei,
3.32
jale cāgnau ca sampūjya samyag dīkṣāphalaṃ labhet |
akṛtvā mānasaṃ yāgaṃ yo 'nyaṃ yāgaṃ samārabhet || 3.32 ||
im Wasser und im Feuer verehrt, erlangt die Einweihungsfrucht vollständig. Wer jedoch ohne geistiges Opfer ein anderes Opfer beginnt,
3.33
aśivaḥ sa tu vijñeyo na mokṣāya vidhīyate |
ātmayāge kṛte caiva dehaśuddhiḥ prajāyate || 3.33 ||
ist als noch nicht zu Shiva geworden zu erkennen; dies dient nicht der Befreiung. Ist das Opfer im Selbst vollzogen, entsteht Reinigung des Körpers.
3.34
adhiṣṭhitaṃ śivenaiva tamācāryaṃ vinirdiśet |
ātmanirdahanaṃ caiva mānasaṃ ca yaduktavān || 3.34 ||
Einen solchen Lehrer bezeichne man als von Shiva erfüllt. Die innere Verbrennung und das geistige Opfer, die ich gelehrt habe,
3.35
viditvā samyagācāryaḥ pāśahā sa śivaḥ smṛtaḥ |
yatra yatra sthito deśe yaścaivaṃ tu vidhiṃ yajet || 3.35 ||
soll der Lehrer richtig kennen. Dann gilt er als Shiva, der die Fesseln vernichtet. An welchem Ort auch immer jemand diese Verehrung nach Vorschrift vollzieht,
3.36
brahmahāpi sa mucyeta kiṃ punaḥ śivatatparaḥ |
sarvāvasthāgataścaiva viṣayairanurañjitaḥ || 3.36 ||
wird er selbst als Brahmanentöter befreit — um wie viel mehr einer, der Shiva ergeben ist. In welchem Zustand auch immer, selbst von Sinnesgegenständen gefärbt,
3.37
sakṛt sampūjya mucyeta kiṃ punaryo dine dine |
etattantroktavidhinā yaduktaṃ vidhipūrvakam || 3.37 ||
wird er durch einmalige vollständige Verehrung befreit; um wie viel mehr durch tägliche. Wird nach der in diesem Tantra gelehrten Vorschrift das vollzogen, was mitsamt seiner rituellen Durchführung
3.38
ijyādi cānyatantre 'pi tadvaitat kāmikaṃ bhavet |
nānāsiddhiguṇairyuktaṃ nānākāmaphalapradam || 3.38 ||
auch in einem anderen Tantra an Verehrung und dergleichen gelehrt wird, so erfüllt es die angestrebten Ziele: Es ist mit den Vorzügen vielfältiger Siddhis verbunden und gewährt die Früchte vielfältiger Wünsche.
3.39
yogasiddhiśca jāyeta muktiṃ ca labhate dhruvam |
sadāśivo 'pi jānāti devāścaivāsurādayaḥ || 3.39 ||
Yoga-Vollendung entsteht, und Befreiung wird gewiss erlangt. Dies wissen auch Sadashiva, die Götter, Asuras und die übrigen.
3.40
evaṃ tu mānasaṃ yāgaṃ kṛtvā bāhyaṃ samācaret |
parāṃ vṛttimanudhyāyan dravyāṇyādau vilokayet || 3.40 ||
Nachdem man so das geistige Opfer vollzogen hat, führe man das äußere aus. Den höchsten Zustand meditierend prüfe man zuerst die Opferstoffe.
3.41
sitacandanakarpūraṃ sudhūpaṃ sitavāsasī |
puṣpāṇi divyagandhīni tilavrīhighṛtādikam || 3.41 ||
Weißes Sandelholz, Kampfer, gutes Räucherwerk, zwei weiße Gewänder, himmlisch duftende Blumen, Sesam, Reis, Ghee und dergleichen,
3.42
cūtapallavadarbhāṃstu siddhārthān khaṭikāṃ tathā |
karaṇīṃ kartarīṃ caiva pāśabandhanasūtrakam || 3.42 ||
Mangoblätter und Darbha-Gras, Senfkörner und Kreide, Zeicheninstrument und Schere sowie die Schnur zum Binden der Fesseln,
3.43
vārdhānīṃ śivakumbhaṃ ca tathedhmān paridhīnapi |
samidho dantakāṣṭhaṃ ca carusthālīṃ srucaṃ sruvam || 3.43 ||
die Vardhani-Kanne und den Shiva-Krug, Brennhölzer, Umfassungshölzer, Opferzweige, Zahnhölzchen, Kochtopf für den Opferbrei sowie große und kleine Opferkelle,
3.44
taṇḍulāṃśca tathā kṣīram evamādīnyanekaśaḥ |
tato 'rghapātramādāya kṣālayedastravāriṇā || 3.44 ||
Reiskörner und Milch und viele weitere derartige Dinge bereite man vor. Dann nehme man das Ehrenwassergefäß und wasche es mit Waffenmantra-Wasser.
3.45
kavacenāvaguṇṭhyaiva praṇavena tu pūjayet |
udakādibhiraṣṭāṅgaḥ pūrayettu varānane || 3.45 ||
Man umhülle es mit dem Panzer und verehre es mit Om. Mit den acht Bestandteilen, beginnend mit Wasser, fülle man es, o Schönangesichtige.
3.46
udakaṃ kṣīrakusumaṃ kuśasarṣapataṇḍulāḥ |
praṇavenāsanaṃ sarvaṃ tato mūrtiṃ nyaset priye || 3.46 ||
Wasser, Milch, Blumen, Kusha-Gras, Senfkörner und Reiskörner werden genannt. Mit Om bilde man den ganzen Sitz und bringe danach die Gestalt an, Geliebte. [Die Aufzählung nennt hier nicht acht selbständige Bestandteile.]
3.47
bhairavāvaraṇairyuktāṃ pūjayettāṃ yathākramam |
gandhaiḥ puṣpaistathā dhūpair mantrasandhānapūrvakam || 3.47 ||
Mit den Bhairava-Umkreisen versehen, verehre man sie der Reihe nach durch Duftstoffe, Blumen und Räucherwerk, nachdem die Mantras verbunden wurden.
3.48
mantavyaṃ paramaṃ tattvaṃ tataścaivāmṛtībhavet |
pātrāṇāṃ tritayaṃ kalpyaṃ nirodhārthe vidhau tathā || 3.48 ||
Das höchste Prinzip ist zu vergegenwärtigen; dadurch wird alles nektargleich. Drei Gefäße sind zu bilden: zur Festhaltung, für die rituelle Handlung
3.49
paśvarghe ca prakalpyaivaṃ śivahastaṃ prakalpayet |
mantrasandhānakaṃ prāgvan nāḍīsandhānameva ca || 3.49 ||
und für das Ehrenwasser der gebundenen Seele. Dann bilde man die Shiva-Hand. Wie zuvor erfolgen die Verbindung der Mantras und die Verbindung der Nadis.
3.50
mūlamantramanusmṛtya hṛtkaṇṭhatālumadhyagam |
bhrūmadhyaṃ śabdakūṭaṃ tat turyasthānaṃ vibhedayet || 3.50 ||
Man vergegenwärtige den Wurzelmantra, der durch Herz, Hals und Gaumenmitte geht, und durchdringe die Brauenmitte, den Lautgipfel, den Ort des vierten Zustands.
3.51
vāmadakṣiṇamadhye tu viṣuvatsthena bhedayet |
dvādaśāntaṃ paraṃ nītvā karastho mantravigrahaḥ || 3.51 ||
Links, rechts und in der Mitte durchdringe man mit dem in der Gleichgewichtsstelle ruhenden Atem. Nachdem man zum höchsten Dvadashanta geführt hat, befindet sich der Mantrakörper in der Hand.
3.52
tasyāpyanena nyāyena vilomena viśeddhṛdi |
ātmano recakenaiva pūrakeṇa viśeddhṛdi || 3.52 ||
Auf demselben Wege trete man umgekehrt in sein Herz ein: durch die eigene Ausatmung; durch Einatmung gehe man in das eigene Herz zurück. [Die Pronomenbezüge sind im Ritualzusammenhang zu ergänzen.]
3.53
nāḍīsandhānametaddhi śivena parikīrtitam |
vyāpakaṃ tu śivaṃ dhyāyen mantramūrtimadhiṣṭhitam || 3.53 ||
Dies hat Shiva als Verbindung der Nadis gelehrt. Man meditiere den alldurchdringenden Shiva als den, der die Mantragestalt erfüllt.
3.54
darbhaṃ saṃgṛhya cāstreṇa saptavārābhimantritam |
pañcagavyāya pātraṃ tu śodhayettu śivāmbhasā || 3.54 ||
Man nehme einen Darbha-Halm, der siebenmal mit dem Waffenmantra besprochen wurde, und reinige das Gefäß für die fünf Kuhprodukte mit Shiva-Wasser.
3.55
astreṇa kṣālayettacca kavacenāvaguṇṭhayet |
darbhāsanaṃ dhruveṇaiva maṇḍalaṃ tu prakalpayet || 3.55 ||
Mit dem Waffenmantra wasche man es, mit dem Panzer umhülle man es. Mit Om bilde man einen Darbha-Sitz und ein Mandala.
3.56
tasyopari nyaset pātraṃ gomayādīni cāharet |
pṛthakpātrasthitānyeva prokṣyāstreṇa śivāmbhasā || 3.56 ||
Darauf setze man das Gefäß und hole Kuhdung und die übrigen Stoffe. Sie stehen in getrennten Gefäßen und werden mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra besprengt.
3.57
gomayaṃ tu hṛdāmantrya gomūtraṃ śirasā dadhi |
śikhayā varmaṇā kṣīram astreṇājyaṃ kuśodakam || 3.57 ||
Kuhdung bespreche man mit dem Herzmantra, Kuhurin mit dem Kopfmantra, Dickmilch mit dem Haarschopfmantra, Milch mit dem Panzermantra, Ghee mit dem Waffenmantra und Kusha-Wasser
3.58
dhāmnā ca mantrayet paścād gomayādīni yojayet |
pūrvasaṃskṛtapātre tu svamantrairgomayādikam || 3.58 ||
mit Dhama. Danach vereinige man Kuhdung und die übrigen Stoffe im zuvor bereiteten Gefäß, jeden mit seinem eigenen Mantra.
3.59
saṃyojya mantrayetpaścāt taireva hṛdayādibhiḥ |
praṇavena tu saṃkalpya anantaṃ mūrtivigraham || 3.59 ||
Nach der Vereinigung bespreche man sie erneut mit denselben Mantras, beginnend mit dem Herzen. Mit Om bilde man Ananta und den Gestaltkörper.
3.60
dhāmāṅgāni ca bāhye tu sampūjyāvaraṇasthitim |
mantrasandhānakaṃ kṛtvā amṛtīkaraṇaṃ tathā || 3.60 ||
Dhama und die Glieder ordne man außen an und verehre die Umkreise. Man vollziehe die Mantraverbindung und die Umwandlung in Nektar.
3.61
śivāmṛtaṃ tatsaṃcintya sampūjya sthāpayettataḥ |
astrābhimantritaṃ darbhaṃ gṛhītvollekhanaṃ kuru || 3.61 ||
Man denke dies als Shiva-Nektar, verehre es und stelle es ab. Dann nehme man den mit dem Waffenmantra besprochenen Darbha-Halm und ritze den Boden.
3.62
yāvadbhūmau samantāttu saumyāsyo dakṣiṇe sthitaḥ |
tataścaivoddharecchalyam ājalāntaṃ vyavasthitam || 3.62 ||
Im Süden stehend und nach Norden gewandt bearbeite man den Boden ringsum. Dann entferne man störende Fremdkörper bis hinunter zur wasserführenden Schicht.
3.63
recitaṃ bhāvayecchuddhaṃ mauktikādyaiḥ prapūrayet |
samīkaraṇamastreṇa kavacena tu secanam || 3.63 ||
Man stelle den ausgehobenen Raum als rein vor und fülle ihn mit Perlen und weiteren Gaben. Mit dem Waffenmantra einebnen, mit dem Panzermantra befeuchten,
3.64
ākoṭanamathāstreṇa tato mārjanalepane |
astreṇa pañcagavyena gandhatoyena copari || 3.64 ||
mit dem Waffenmantra feststampfen; dann reinigen und bestreichen, ebenfalls mit dem Waffenmantra, mit den fünf Kuhprodukten und darüber mit Duftwasser.
3.65
śivāmbhasāstrayuktena vikirāṇyabhimantrayet |
saptakṛtvo 'stramantreṇa sthitvā mantre tu prāgdiśaḥ || 3.65 ||
Mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra bespreche man das Streugut siebenmal. Im Osten stehend und im Mantra ruhend,
3.66
ūrdhvādho vikireddhānyāny astrabhūtāni cintayet |
cāmareṇa suśubhreṇa astramantreṇa saṃharet || 3.66 ||
streue man die Körner nach oben und unten und denke sie als Waffen. Mit einem ganz weißen Fliegenwedel sammle man sie unter dem Waffenmantra wieder ein,
3.67
aiśānyabhimukhānyeva nairṛtyā yāvadaiśvaram |
pañcagavyena samprokṣya gandhāmbhobhiḥ śivāmbhasā || 3.67 ||
vom Südwesten bis zum Nordosten nach Nordosten hin. Man besprenge mit den fünf Kuhprodukten, Duftwasser und Shiva-Wasser.
3.68
dhruveṇa śriyamāvāhya padmahastāṃ sulocanām |
śuklapuṣpāṇi muñcantīṃ sarvalakṣaṇasaṃyutām || 3.68 ||
Mit Om rufe man Shri herbei, schönäugig, einen Lotus in der Hand, weiße Blumen verstreuend und mit allen günstigen Kennzeichen versehen.
3.69
nīlotpaladalaśyāmāṃ yāgaharmyāvalokinīm |
brahmasthānopaviṣṭāṃ tu dvārābhimukhabhadradām || 3.69 ||
Sie ist dunkel wie ein blaues Lotusblatt, blickt auf das Opferhaus, sitzt auf dem Brahma-Platz, schaut zum Tor und gewährt Heil.
3.70
gandhapuṣpādibhiḥ pūjya śivakumbhaṃ prakalpayet |
aiśānīṃ diśamāśritya pañcagavyena maṇḍalam || 3.70 ||
Nach ihrer Verehrung mit Duftstoffen und Blumen richte man den Shiva-Krug ein. In der nordöstlichen Richtung bilde man mit den fünf Kuhprodukten ein Mandala.
3.71
gandhodakena saṃlipya śivāmbho 'streṇa prokṣayet |
anantādyāsanaṃ dattvā dhruveṇāmaṇḍalāvadhi || 3.71 ||
Man bestreiche mit Duftwasser und besprenge mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra. Mit Om gebe man den Sitz von Ananta bis zu den Kreisen.
3.72
sarvadoṣavinirmuktaṃ kumbhaṃ candanalepitam |
svastikādyaiścārcayitvā yavasiddhārthadūrvabhiḥ || 3.72 ||
Den völlig fehlerfreien, mit Sandelholz bestrichenen Krug verehre man mit Svastika-Zeichen und dergleichen sowie Gerste, Senfkörnern und Durva-Gras.
3.73
sitasūtreṇa saṃveṣṭya vastrapūtena cāmbhasā |
sampūrya sarvataśchannaṃ cūtāśvatthādipallavaiḥ || 3.73 ||
Man umwickle ihn mit weißem Faden, fülle ihn mit durch ein Tuch gefiltertem Wasser und bedecke ihn ringsum mit Mango-, Ashvattha- und anderen Blättern.
3.74
ratnagarbhauṣadhīyuktaṃ sahadevādibhirgaṇaiḥ |
prokṣya cāstreṇa saṃgṛhya kavacenāvaguṇṭhitam || 3.74 ||
Er enthält Edelsteine und Gruppen von Kräutern, beginnend mit Sahadeva. Man besprenge ihn mit dem Waffenmantra, nehme ihn und umhülle ihn mit dem Panzer.
3.75
āsanasyopari nyasyen mūlamantramanusmaran |
kalādhvabhairavādīni nyasyārghādīn prakalpayet || 3.75 ||
Unter Vergegenwärtigung des Wurzelmantras setze man ihn auf den Sitz. Man bringe Kalas, kosmischen Weg, Bhairava und die übrigen an und bereite Ehrenwasser und weitere Gaben.
3.76
mudrāṃ baddhvā hṛdādīni pūjyānyagnidalādiṣu |
gandhapuṣpapavitrādyaiḥ sitavastreṇa bhūṣayet || 3.76 ||
Nach Bildung der Mudra verehre man Herz und die übrigen auf den Blättern von Südosten an, mit Duftstoffen, Blumen und Reinigungsringen; man schmücke mit weißem Gewand.
3.77
vāmabhāge tu kumbhasya pañcagavyena maṇḍalam |
śivāmbhasā tu samprokṣya praṇavenāsanaṃ nyaset || 3.77 ||
Links vom Krug bilde man mit den fünf Kuhprodukten ein Mandala, besprenge es mit Shiva-Wasser und bringe mit Om einen Sitz an.
3.78
samprokṣya ca śivāmbhobhir vārdhānīṃ maṅgalānvitām |
kumbhavaccārcayitvā tām āsanasyopari nyaset || 3.78 ||
Die glückverheißende Vardhani-Kanne besprenge man mit Shiva-Wasser, verehre sie wie den Krug und setze sie auf den Sitz.
3.79
gandhapuṣpapavitrādyaiḥ pūjayitvā tu vārdhanīm |
uccāryāstraṃ krameṇāgre dravyāṇāṃ vārdhanīṃ nayet || 3.79 ||
Nach ihrer Verehrung mit Duftstoffen, Blumen und Reinigungsringen trage man die Vardhani unter fortlaufendem Aussprechen des Waffenmantras an den Opferstoffen vorbei.
3.80
acchinnāmanulomena jaladhārāṃ tu pātayan |
tatsthānāttu samuddhṛtya yāvatkoṇaṃ tu śāṅkaram || 3.80 ||
Dabei lasse man einen ununterbrochenen Wasserstrahl in rechter Umlaufrichtung fließen und führe sie von ihrem Platz bis zur nordöstlichen Ecke.
3.81
ācāryaḥ kalaśaṃ paścād bhairaveṇa samuddharet |
nayedvārdhānimārgeṇa tasmin saṃsthāpayetpunaḥ || 3.81 ||
Danach hebe der Lehrer den Krug mit dem Bhairava-Mantra, trage ihn auf dem Weg der Vardhani und stelle ihn wieder dort auf.
3.82
vārdhānīṃ sthāpayetpaścād astramantramanusmaran |
viśeṣapūjāmubhayor gandhapuṣpapavitrakaiḥ || 3.82 ||
Anschließend stelle man die Vardhani unter Vergegenwärtigung des Waffenmantras ab. Beide erhalten besondere Verehrung mit Duftstoffen, Blumen und Reinigungsringen.
3.83
mantrasandhānakaṃ kuryān nāḍīsandhimathobhayoḥ |
vikirān saṃhitān pūrvaṃ vārdhānyāḥ kalpayedadhaḥ || 3.83 ||
Man vollziehe die Mantra- und Nadi-Verbindung beider. Das zuvor gesammelte Streugut lege man unter die Vardhani.
3.84
akṣatāstrāṇyanekāni śarakuntāsimudgarāḥ |
cakrapaṭṭisavajrāditriśūlāntānyanekaśaḥ || 3.84 ||
Die ungebrochenen Körner denke man als viele Waffen: Pfeile, Lanzen, Schwerter, Keulen, Diskusse, Pattisha-Klingen, Vajras und Dreizacke.
3.85
yogauko vyāpya sarvaṃ tu tiryagūrdhvamadhaḥ sthitāḥ |
vārdhānyastrasya sarve te raśmibhūtā vyavasthitāḥ || 3.85 ||
Sie durchdringen das ganze Yogahaus, quer, nach oben und unten; alle bestehen als Strahlen der Waffe in der Vardhani.
3.86
śiṣyasya dakṣiṇe haste vārdhānyastraṃ tu saṃhitam |
tenaitaṃ yajñarakṣārthaṃ yāgādau kalaśaṃ nyaset || 3.86 ||
Die Vardhani-Waffe ist mit der rechten Hand des Schülers verbunden. Zum Schutz des Opfers stelle man deshalb diesen Krug zu Beginn der Verehrung auf.
3.87
naivedyaṃ vividhaṃ dattvā nutvā vijñāpayedvibhum |
bhagavaṃstvatprasādena yāgaṃ nirvartayāmyaham || 3.87 ||
Nach Darbringung verschiedener Speisen preise man den allgegenwärtigen Herrn und erkläre: „Erhabener, durch deine Gnade vollende ich das Opfer.
3.88
sannidhānaṃ sadā tubhyam avighnārthaṃ sadā bhava |
anujñātotthito yāyād arghahasto digīśvarān || 3.88 ||
Deine Gegenwart möge beständig sein; sei stets da, damit keine Hindernisse entstehen.“ Nach erteilter Erlaubnis erhebe man sich und gehe mit dem Ehrenwasser zu den Richtungsherren.
3.89
svanāmapadavinyāsān oṃkārādinamontagān |
gandhapuṣpapavitrādyaiḥ pūjayettān prayatnataḥ || 3.89 ||
Mit ihren eigenen Namen, Om zu Beginn und namaḥ am Ende, verehre man sie sorgfältig mit Duftstoffen, Blumen und Reinigungsringen.
3.90
indrādyanantaparyantāṃl lokapālān prapūjayet |
tato maṇḍalakaṃ madhye yāgabhūmau prakalpayet || 3.90 ||
Man verehre die Weltenhüter von Indra bis Ananta. Danach bilde man in der Mitte des Opfergrundes ein Mandala.
3.91
pañcagavyena liptvādau gandhatoyena copari |
śivāmbhasāstramantreṇa samprokṣya tvavaguṇṭhayet || 3.91 ||
Zuerst bestreiche man es mit den fünf Kuhprodukten und darüber mit Duftwasser, besprenge es mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra und umhülle es.
3.92
brahmasthānasya pūrveṇa gurūn pūjya vināyakam |
vāyavye pūjayeddevi gandhapuṣpairanukramāt || 3.92 ||
Östlich vom Brahma-Platz verehre man die Gurus; Vinayaka verehre man im Nordwesten, o Göttin, der Reihe nach mit Duftstoffen und Blumen.
3.93
athaitāṃstu namaskṛtya ājñāṃ dattāṃ vibhāvayet |
tatastu madhyadeśasthaṃ yogapīṭhaṃ prakalpayet || 3.93 ||
Nach der Verneigung vor ihnen vergegenwärtige man die erteilte Erlaubnis. Dann bilde man in der Mitte den Yogasitz.
3.94
pūrvoktena vidhānena bhairaveśaṃ varānane |
pūjayitvā pavitrādyais trirāvaraṇasaṃyutam || 3.94 ||
Nach der zuvor beschriebenen Vorschrift verehre man den Herrn Bhairava mit Reinigungsringen und weiteren Gaben, versehen mit den drei Umkreisen, o Schönangesichtige.
3.95
svadhyānaguṇasaṃyuktaṃ mudrālaṅkārabhūṣitam |
mantrasandhānakaṃ pūrvaṃ nāḍīsandhānameva ca || 3.95 ||
Er besitzt die Eigenschaften seiner eigenen Meditation und ist mit Mudras und Schmuck geziert. Zuerst vollziehe man die Mantraverbindung, dann die Nadi-Verbindung.
3.96
paramīkaraṇaṃ kuryād vyāpakena pareṇa tu |
naivedyān vividhākārān dattvā mudrāṃ pradarśayet || 3.96 ||
Durch das alldurchdringende Höchste vollziehe man die Erhebung zum Höchsten. Man bringe verschiedenartige Speisen dar und zeige die Mudra.
3.97
praṇipātaṃ japaṃ kṛtvā nivedya vidhipūrvakam |
paścādbaliḥ pradātavyo mātṛṇāṃ bhūtasaṃhate || 3.97 ||
Nach Verneigung und Mantrawiederholung bringe man diese vorschriftsgemäß dar. Anschließend gebe man Bali-Gaben an die Mütter und die Scharen der Wesen,
3.98
bhūteśvarāṇāṃ deveśi kṣetrapālasya sarvataḥ |
tataḥ snāyādathoddhūlya athavācamya suvrate || 3.98 ||
an die Herren der Wesen und ringsum an den Feldhüter, o Herrin der Götter. Dann bade man, bestäube sich mit Asche oder vollziehe das rituelle Wasserschlürfen, o Gelübdetreue.
3.99
tato 'gnikuṇḍaṃ gatvā tu pūrvavacchodhanaṃ tathā |
bhairavaṃ pūjayettatra vidhidṛṣṭena karmaṇā || 3.99 ||
Man gehe zur Feuergrube, reinige sie wie zuvor und verehre dort Bhairava nach der vorgeschriebenen Handlung.
3.100
agneḥ santarpaṇaṃ kuryāt sahasreṇa śatena vā |
tataścaruṃ ca śrapayet sthālīṃ saṃgṛhya nirvraṇām || 3.100 ||
Man stärke das Feuer durch tausend oder hundert Opfergaben. Dann koche man den Opferbrei; dazu nehme man einen unbeschädigten Topf.
3.101
śivāmbhasā tu prakṣālya kavacenāvaguṇṭhayet |
candanādyairvilimpettāṃ mṛṣṭadhūpena dhūpayet || 3.101 ||
Man wasche ihn mit Shiva-Wasser, umhülle ihn mit dem Panzer, bestreiche ihn mit Sandelholz und anderen Stoffen und beräuchere ihn mit gutem Räucherwerk.
3.102
sūtreṇa veṣṭayet kaṇṭhe varmabhūtena suvrate |
darbheṇāstrasvarūpeṇa kalpayenmaṇḍalaṃ priye || 3.102 ||
Um seinen Hals winde man einen als Panzer gedachten Faden, o Gelübdetreue. Mit Darbha-Gras in Gestalt der Waffe bilde man ein Mandala, Geliebte.
3.103
prokṣya caiva śivāmbhobhiḥ kavacenāvaguṇṭhayet |
āsanaṃ tatra vinyasyed anantādiśivāntakam || 3.103 ||
Man besprenge es mit Shiva-Wasser, umhülle es mit dem Panzer und setze dort den Sitz von Ananta bis Shiva ein.
3.104
mūrtibhūtāṃ nyasetsthālīṃ tatrasthaṃ bhairavaṃ yajet |
trirāvaraṇasaṃyuktaṃ gandhapuṣpairanukramāt || 3.104 ||
Den Topf bringe man als göttliche Gestalt an und verehre darin Bhairava mit drei Umkreisen, der Reihe nach mit Duftstoffen und Blumen.
3.105
mānasena prayogeṇa bhāvapuṣpairvarānane |
cullīṃ samprokṣya cāstreṇa kuṇḍavaccārcayettataḥ || 3.105 ||
Dies erfolgt geistig, mit Blumen der inneren Vergegenwärtigung, o Schönangesichtige. Den Herd besprenge man mit dem Waffenmantra und verehre ihn wie die Grube.
3.106
tatra sthālīṃ samāropya paścādagniṃ nyasedadhaḥ |
kṣīraṃ prokṣya śivāmbhobhis taṇḍulāṃśca samāsataḥ || 3.106 ||
Darauf setze man den Topf und lege Feuer darunter. Milch und Reiskörner besprenge man mit Shiva-Wasser.
3.107
mantreṇāṣṭaśatenaiva prakṣipya pācayecchanaiḥ |
mūlamantreṇa deveśi ekacittaḥ samāhitaḥ || 3.107 ||
Nach hundertacht Wiederholungen des Mantras gebe man sie hinein und koche langsam, o Herrin der Götter, auf den Wurzelmantra ausgerichtet und gesammelt.
3.108
cālanodghāṭanādīni astramantreṇa kārayet |
taptābhidhāraṃ susvinne aṅgaiścaiva prakalpayet || 3.108 ||
Umrühren, Öffnen und weitere Handlungen vollziehe man mit dem Waffenmantra. Ist alles gut gekocht, gebe man mit den Gliedmantras den heißen Ghee-Aufguss.
3.109
tribhistribhirghṛtenaiva sruveṇa juhuyāt priye |
bhūmau maṇḍalakaṃ kṛtvā praṇavenāvatārayet || 3.109 ||
Mit der kleinen Kelle opfere man je dreimal Ghee, Geliebte. Nach Bildung eines Mandalas auf dem Boden nehme man den Topf mit Om herunter.
3.110
sthālīmājyopaliptāṃ tu śītāghāraṃ ca homayet |
bhairaveṇa ṣaḍaṅgena vaṣaḍjātiyutena ca || 3.110 ||
Der Topf wird mit Ghee bestrichen; dann opfere man den kalten Aufguss mit Bhairava und den sechs Gliedern, verbunden mit der Abschlussformel vaṣaṭ.
3.111
maṇḍalaṃ kuṇḍasāmīpye kṛtvā darbhāsanaṃ nyaset |
sthālyāṃ tasyopari nyasya sampātaṃ mantrasaṃhitām || 3.111 ||
Nahe der Grube bilde man ein Mandala und einen Darbha-Sitz. Darauf setze man den Topf und lasse den mit Mantras verbundenen Opferrest hineinfallen.
3.112
japannekaikayāhutyā pātayed bhairaveṇa tu |
aṣṭotkṛṣṭaśatenaiva parāmṛtamanusmaran || 3.112 ||
Bei jeder einzelnen Opfergabe geschehe dies unter Wiederholung Bhairavas, hundertachtmal, wobei man den höchsten Nektar vergegenwärtigt.
3.113
rajasyādau tato devi kartaryāṃ karaṇau tathā |
khaṭikātilājyasampātaṃ mūlamantreṇa kārayet || 3.113 ||
Danach vollziehe man die Besprengung mit Opferresten für Farbpulver, Schere, Zeicheninstrument, Kreide, Sesam und Ghee mit dem Wurzelmantra.
3.114
tribhāgaṃ kalpayitvā taṃ caruṃ sthālyāṃ tu saṃsthitam |
śivāgnisādhakebhyaśca śivāyāgraṃ nivedayet || 3.114 ||
Den im Topf befindlichen Opferbrei teile man in drei Anteile für Shiva, Feuer und Sadhakas. Den ersten bringe man Shiva dar.
3.115
dvitīyaṃ homayedagnau sādhakebhyastṛtīyakam |
caruṃ pātre tu saṃgṛhya pūjayedbhairaveṇa tu || 3.115 ||
Den zweiten opfere man im Feuer, der dritte ist für die Sadhakas. Man nehme den Opferbrei in einem Gefäß und verehre ihn mit Bhairava.
3.116
puṣpadhūpādibhirnītvā dhāmnaitaṃ vinivedayet |
hṛdādyāvaraṇasthānāṃ daśamāṃśaṃ nivedayet || 3.116 ||
Mit Blumen, Räucherwerk und weiteren Gaben bringe man ihn herbei und überreiche ihn mit Dhama. Den im Umkreis befindlichen Herz- und übrigen Mantras gebe man den zehnten Anteil.
3.117
kalaśe 'pyevamevaṃ tu agnau homyaścaruḥ srucā |
bhairavasya śataṃ homyam aṅgānāṃ tu daśāṃśakam || 3.117 ||
Ebenso verfahre man am Krug. Im Feuer ist der Opferbrei mit der großen Kelle zu opfern: hundert Gaben für Bhairava und ein Zehntel für die Glieder.
3.118
sādhakebhyastu yaccheṣaṃ pidhāya sthāpayet priye |
vināyake śataṃ homyaṃ bhūparigrahaṇe tathā || 3.118 ||
Was für die Sadhakas bleibt, bewahre man zugedeckt auf, Geliebte. Für Vinayaka sind hundert Opfergaben bestimmt, ebenso bei der Inbesitznahme des Bodens.
3.119
adhivāse tathaiveha aṣṭottaraśataṃ hutiḥ |
prāyaścittanimittaṃ tu anulomavilomake || 3.119 ||
Auch hier bei der vorbereitenden Weihe sind hundertacht Opfergaben vorgesehen. Zur Sühne bei Fehlern in Vorwärts- und Rückwärtsfolge
3.120
nyūnātirikte deveśi aṣṭottaraśataṃ hutiḥ |
bhairavaṃ pūjayitvātha prārthyānujñāṃ varānane || 3.120 ||
sowie bei Mangel und Übermaß, o Herrin der Götter, bringe man hundertacht Gaben dar. Nach der Verehrung Bhairavas bitte man um Erlaubnis, o Schönangesichtige.
3.121
śiśoḥ karma prakartavyaṃ yathā bhavati tacchṛṇu |
dvāre maṇḍalakaṃ kṛtvā darbhaṃ tasyopari nyaset || 3.121 ||
Nun ist die Handlung am Einweihungskind auszuführen; höre, wie sie geschieht. Am Tor bilde man ein Mandala und lege Darbha-Gras darauf.
3.122
praṇavenāsanaṃ kalpyaṃ śiṣyaṃ tasminniveśayet |
samapādaṃ stabdhakāyaṃ saumyānanakṛtāñjalim || 3.122 ||
Mit Om bilde man einen Sitz und lasse den Schüler darauf stehen: die Füße nebeneinander, den Körper aufrecht, nach Norden gewandt, mit heiterem Gesicht und gefalteten Händen.
3.123
guruḥ pūrvamukho 'streṇa prokṣayettaṃ śivāmbhasā |
bhasmanā tāḍayenmūrdhni astramantreṇa cālabhet || 3.123 ||
Nach Osten gewandt besprenge der Guru ihn mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra, berühre seinen Scheitel mit Asche und bestreiche ihn unter dem Waffenmantra.
3.124
nābhyūrdhvaṃ trīṃstathā vārān nabhyadhastrīn prakalpayet |
śivaṃ nyāsāṅgasahitaṃ pūjayedbhairaveṇa tu || 3.124 ||
Oberhalb des Nabels vollziehe man dies dreimal, unterhalb ebenso dreimal. Man verehre Shiva mit Nyasa und Gliedern durch Bhairavas Mantra.
3.125
vastraṃ samprokṣya cāstreṇa kavacenāvaguṇṭhayet |
pūjayedbhairaveṇaiva mukhaṃ pracchādayettathā || 3.125 ||
Ein Tuch besprenge man mit dem Waffenmantra, umhülle es mit dem Panzer, verehre es mit Bhairava und bedecke damit das Gesicht des Schülers.
3.126
hastābhyāṃ taṃ gṛhītvātha viśejjavanikāntaram |
devasyābhimukhaṃ kṛtvā puṣpaṃ prāṇau pradāpayet || 3.126 ||
Man ergreife ihn mit beiden Händen, trete hinter den Vorhang, wende ihn dem Gott zu und gebe ihm eine Blume in die Hand. [Die Übersetzung folgt dem im KSTS-Druck belegten pāṇau; die TXT-Vorlage hat prāṇau.]
3.127
prakṣepayettato dhāmnā mukhamudghāṭya darśayet |
vidyāmantragaṇaiḥ sārdhaṃ kāraṇaṃ sasadāśivam || 3.127 ||
Mit Dhama lasse man ihn die Blume werfen, enthülle sein Gesicht und zeige ihm den Urgrund samt Sadashiva und den Scharen der Vidya-Mantras.
3.128
ajñānapaṭanirmuktaḥ prabuddhaḥ paśurīkṣate |
daṇḍavaddharaṇīṃ gatvā praṇipatya punaḥ punaḥ || 3.128 ||
Von der Hülle des Nichtwissens befreit, erwacht die gebundene Seele und sieht. Sie legt sich wie ein Stab auf die Erde und verneigt sich wieder und wieder.
3.129
kṛtakṛtyaḥ prahṛṣṭātmā prahṛṣṭanayanaṃ śiśum |
utthāpya hastān saṃgṛhya dakṣiṇāṃ mūrtimānayet || 3.129 ||
Der Lehrer, dessen Aufgabe erfüllt ist und dessen Inneres sich freut, richte das Kind mit den freudigen Augen auf, ergreife seine Hände und führe es zur Südseite der Gestalt.
3.130
tatra maṇḍalakaṃ kṛtvā puṣpeṇa praṇavāsanam |
tasyopari śiśuṃ nyasya ūrdhvakāyamudaṅmukham || 3.130 ||
Dort bilde man ein Mandala und mit einer Blume einen Om-Sitz. Darauf stelle man das Kind aufrecht und nach Norden gewandt.
3.131
guruḥ pūrvānanaḥ sthitvā prokṣaṇādīni kārayet |
upaveśya tataḥ kṛtvā sakalīkaraṇe vidhim || 3.131 ||
Der Guru stehe nach Osten gewandt und vollziehe Besprengung und die übrigen Handlungen. Dann lasse er es sitzen und vollziehe die Ausstattung mit den Mantragliedern.
3.132
viśeṣaphalasiddhyarthaṃ mumukṣoḥ sādhakasya vā |
gandhadigdhau karau kṛtvā astreṇa pariśodhayet || 3.132 ||
Damit der Befreiungssuchende oder Sadhaka seine besondere Frucht erlangt, bestreiche man die Hände mit Duftstoff und reinige sie mit dem Waffenmantra.
3.133
kavacenāvaguṇṭhyaitau plāvayedamṛtena tu |
anantamāsanaṃ kalpyaṃ bhairavāṅgāni vinyaset || 3.133 ||
Man umhülle sie mit dem Panzer und überflute sie mit Nektar. Man bilde Ananta als Sitz und bringe Bhairavas Glieder an.
3.134
vyomnyātmānaṃ yojayitvā śiśoḥ śoṣyā tanuḥ priye |
āgneyīṃ dhāraṇāṃ dhyātvā nirdahyāstreṇa taṃ śiśum || 3.134 ||
Nachdem man das Selbst mit dem Raum verbunden hat, trockne man in der Vorstellung den Körper des Kindes aus, Geliebte; durch Meditation der Feuer-Dharana verbrenne man es mit dem Waffenmantra.
3.135
dhūmajvālāvinirmuktaṃ dagdhakāyaṃ vibhāvayet |
bhasmībhūtaṃ tataḥ śāntaṃ plāvayedamṛtena tu || 3.135 ||
Man vergegenwärtige den verbrannten Körper frei von Rauch und Flammen, zu Asche geworden und dann beruhigt; man überflute ihn mit Nektar.
3.136
vyomavaccintayeddehaṃ caitanyaṃ kanakāgnivat |
śaktinyāsaṃ nyasetpūrvaṃ kamalaṃ praṇavena tu || 3.136 ||
Den Körper denke man raumgleich, das Bewusstsein wie Goldfeuer. Zuerst bringe man Shakti an, dann mit Om den Lotus.
3.137
tasyopari tadātmānaṃ dhyāyejjyotirmayaṃ śubham |
mūrtimantraṃ samuccārya mūrtibhūtaṃ prakalpayet || 3.137 ||
Darauf meditiere man dessen Selbst als glückverheißendes Licht. Man spreche den Gestaltmantra und bilde einen verkörperten Zustand.
3.138
pūrvoddhṛtena mantreṇa plāvayedamṛtena tu |
mantranyāso yathāpūrvam aṣṭātriṃśatkalāvadhi || 3.138 ||
Mit dem zuvor abgeleiteten Mantra überflute man mit Nektar. Der Mantra-Nyasa erfolgt wie zuvor bis zu den achtunddreißig Kalas.
3.139
kalādhvānaṃ nyaset paścāc chāntyatītādyanukramāt |
sphaṭikābhā tathā kṛṣṇā raktā śuklā ca pītakā || 3.139 ||
Danach bringe man den Kala-Weg an, beginnend mit Shantyatita: kristallhell, schwarz, rot, weiß und gelb.
3.140
śāntyatītādikā jñeyās tattvabhūtāstu tāḥ kalāḥ |
dhāmnāvāhya tathāṅgāni nyasyāntaḥkaraṇaṃ bhavet || 3.140 ||
So sind Shantyatita und die übrigen zu erkennen, die als Prinzipien bestehenden Kalas. Mit Dhama rufe man herbei und bringe die Glieder an; so entsteht die innere Einrichtung.
3.141
ātmāntaḥkaraṇe yadvat tadvatpūjāṃ samārabhet |
dhāma proccārya sandadhyāt sabāhyābhyantaraṃ punaḥ || 3.141 ||
Wie beim inneren Vollzug am eigenen Selbst beginne man die Verehrung. Unter Aussprechen von Dhama verbinde man erneut das Äußere und Innere.
3.142
śivahaste vibhuṃ dhyātvā mantragrāmaṃ sujājvalam |
dhāmoccārya ca sandhāya śiṣyamūrdhni karaṃ nyaset || 3.142 ||
In der Shiva-Hand meditiere man den allgegenwärtigen Herrn als hell leuchtende Gesamtheit der Mantras. Mit Dhama verbinde man und lege die Hand auf den Scheitel des Schülers.
3.143
adhomukhena hṛtpṛṣṭhe śivahastena cālabhet |
utthāpya dattvā puṣpaṃ tu añjalau bhairaveṇa tu || 3.143 ||
Mit der abwärts gerichteten Shiva-Hand berühre man Herz und Rücken. Dann richte man ihn auf und gebe mit Bhairava eine Blume in seine gefalteten Hände.
3.144
praveśyābhyarcayecchambhuṃ śivamuccārya nikṣipet |
nirgatya vandayeddevaṃ daṇḍavat triḥ pradakṣiṇam || 3.144 ||
Man führe ihn hinein, lasse ihn Shambhu verehren und die Blume unter Aussprechen Shivas darbringen. Wieder herausgekommen verneige er sich lang ausgestreckt und umschreite den Gott dreimal rechtsherum.
3.145
śivakumbhāgnimadhyasthaṃ sthaṇḍilasthaṃ ca vandayan |
śivapūjāgnikāryādau sakalīkṛtavigrahaḥ || 3.145 ||
Dabei verehre er Shiva im Krug, im Feuer und auf der Opferfläche. Bei Shiva-Verehrung, Feuerhandlung und anderem soll sein Körper mit den Mantragliedern ausgestattet sein.
3.146
nānyathā prāksvarūpeṇa pūjanārho bhavettu saḥ |
nītvā kuṇḍasamīpaṃ taṃ śiṣyahastāviyogataḥ || 3.146 ||
In seiner früheren, unveränderten Gestalt ist er zur Verehrung nicht geeignet. Ohne seine Hände loszulassen führe man den Schüler nahe an die Grube.
3.147
ātmasavye 'tha digbhāge maṇḍalaṃ praṇavena tu |
praṇavenāsanaṃ dattvā tasyopari śiśuṃ nyaset || 3.147 ||
Zur eigenen linken Seite bilde man mit Om ein Mandala, gebe mit Om einen Sitz und setze das Kind darauf.
3.148
upaveśya kare darbhaṃ bhairaveṇa samarpayet |
mūlaṃ śiṣyasya hastasthaṃ sāgramācāryajaṅghayoḥ || 3.148 ||
Nachdem es sitzt, lege man ihm mit Bhairava einen Darbha-Halm in die Hand: dessen Wurzel liegt in der Schülerhand, die Spitze an den Unterschenkeln des Lehrers.
3.149
piṅgalā madhyamā nāḍī śiṣyadehādvinirgatā |
saivātra darbhabhūtā tu gurunāḍyāṃ layaṃ gatā || 3.149 ||
Die hier Pingala genannte mittlere Nadi tritt aus dem Schülerkörper; sie nimmt dabei die Gestalt des Darbha-Halms an und geht in die Nadi des Gurus ein. [Diese Benennung der mittleren Nadi ist im Text beabsichtigt und wird von Kṣemarāja bereits zu 2.250–251 erläutert.]
3.150
nāḍīsandhānahetvarthaṃ bhairaveṇāhutitrayam |
tayā nāḍyā praveṣṭavyaṃ śiṣyasya hṛdaye sakṛt || 3.150 ||
Zur Nadi-Verbindung bringe man drei Opfergaben mit Bhairava dar. Durch diese Nadi trete man einmal in das Herz des Schülers ein.
3.151
grahaṇākarṣaṇārthaṃ tu gṛhṇan muñcan punaḥ punaḥ |
dīkṣākāle yataścaivaṃ tadarthaṃ nāḍisaṃhatiḥ || 3.151 ||
Zum Erfassen und Heranziehen ergreife und entlasse man wiederholt. Weil dies bei der Einweihung geschieht, dient dazu die Vereinigung der Nadis.
3.152
śiṣyasyātha śirobhūmau bhairaveṇa vidhāya tu |
sampātaṃ sarvamantraistu dhruveṇājyāhutiṃ kṣipet || 3.152 ||
Dann vollziehe man mit Bhairava und sämtlichen Mantras die Opferrestspende auf dem Scheitel des Schülers; mit Om bringe man eine Ghee-Gabe dar.
3.153
mūlamantraṃ samuccārya svā ityagnau prapātayet |
heti śiṣyasya śirasi sampātaḥ śivacoditaḥ || 3.153 ||
Man spreche den Wurzelmantra und lasse bei svā die Gabe ins Feuer fallen, bei hā den Opferrest auf den Kopf des Schülers: So hat Shiva es angeordnet.
3.154
śiṣ.yadehe tu ye mantrāḥ sabāhyābhyantaraṃ sthitāḥ |
kuṇḍasthāḥ pūjitā ye tu dhāmādyāvaraṇāntagāḥ || 3.154 ||
Die Mantras, die im Schülerkörper außen und innen bestehen, und jene, die in der Grube verehrt sind, von Dhama bis zu den äußeren Umkreisen,
3.155
yugapattarpaṇaṃ teṣāṃ sampātastena kīrtitaḥ |
ekaikasyātra mantrasya āhutitritayena tu || 3.155 ||
werden dabei gleichzeitig gestärkt; deshalb heißt dies Sampata, Zusammenfall. Für jeden einzelnen Mantra sind hier drei Opfergaben vorgesehen.
3.156
utthāpya ca tataḥ śiṣyaṃ tadarthaṃ mantratarpaṇam |
bhairavāya śataṃ hutvā hṛdādau daśakaṃ hutiḥ || 3.156 ||
Danach richte man den Schüler auf und stärke zu seinem Wohl die Mantras. Nach hundert Opfergaben für Bhairava bringe man für Herz und die übrigen je zehn dar.
3.157
dhāmnā cotthāya hotavyaṃ pūrṇāhutyānutarpayet |
mantrāṇāṃ dīpanaṃ kuryād dhāmādyastrāvadhi kramāt || 3.157 ||
Mit Dhama erhebe man sich und opfere; mit einer Vollgabe stärke man weiter. Dann belebe man die Mantras der Reihe nach von Dhama bis zur Waffe.
3.158
huṃkāradvayamadhye tu mūlamantraṃ samuccaran |
praṇavādiphaḍantena āhutīḥ pratipādayet || 3.158 ||
Den Wurzelmantra spreche man zwischen zweimal huṃ, mit Om am Anfang und phaṭ am Ende, und bringe die Opfergaben dar.
3.159
hṛdādīnāṃ ca sarveṣāṃ jātiruktātra dīpane |
pāśānāṃ bandhanārthāya mantrāṇāṃ dīpanaṃ smṛtam || 3.159 ||
Für Herz und alle übrigen ist hier die entsprechende Abschlussformel zur Belebung gelehrt. Die Belebung der Mantras dient dem Binden der Fesseln.
3.160
mantrāḥ karaṇabhūtāstu paśukāryasya sādhane |
ācāryaḥ karaṇaṃ proktaḥ śivarūpo yataḥ smṛtaḥ || 3.160 ||
Die Mantras sind die Werkzeuge beim Vollzug der Einweihung der gebundenen Seele. Der Lehrer wird als der Handelnde bezeichnet, weil er als Shiva-gestaltig gilt. [Kṣemarāja erklärt das auch im KSTS-Druck stehende karaṇam beim Lehrer ausdrücklich im Sinne von kartṛ, Handelnder.]
3.161
krūrakārye tu kartavye mantrān sandīpya yojayet |
krūrajātyanurūpeṇa vācakān yojayet sadā || 3.161 ||
Ist eine furchterregende Handlung zu vollziehen, belebe und verwende man die Mantras. Ihre Lautformen verbinde man stets mit den entsprechenden furchterregenden Abschlussformeln.
3.162
bhrukuṭīkarālavadanān vācyarūpān vicintayet |
saumyajātiyutān saumye saumyarūpān vicintayet || 3.162 ||
Die bezeichneten Gottheiten denke man mit gerunzelten Brauen und furchtbaren Gesichtern. Bei friedvollen Handlungen denke man sie mit friedvollen Abschlussformeln und friedlicher Gestalt.
3.163
pāśakarma tato vakṣye kanyākartitasūtrakam |
triguṇaṃ triguṇīkṛtya pāśabandhanasūtrakam || 3.163 ||
Nun erkläre ich die Handlung an den Fesseln. Einen von einem Mädchen gesponnenen Faden mache man dreifach und wiederum dreifach: die Schnur zum Binden der Fesseln.
3.164
śivāmbho 'streṇa samprokṣya kavacenāvaguṇṭhayet |
pūjayitvā vidhānena gandhapuṣpādidhūpakaiḥ || 3.164 ||
Man besprenge sie mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra, umhülle sie mit dem Panzer und verehre sie vorschriftsgemäß mit Duftstoffen, Blumen und Räucherwerk.
3.165
prasārayedgṛhītvā tan mūrdhādyaṅguṣṭhakāvadhi |
śiṣyasya stabdhadehasya nāḍībhūtaṃ vicintayet || 3.165 ||
Man nehme sie, spanne sie vom Scheitel bis zur großen Zehe des aufrecht stehenden Schülers und denke sie als Nadi.
3.166
suṣumnā madhyamā nāḍī sarvanāḍīsamanvitā |
oṃkārādi svanāmnā tu namaskārāvasānakam || 3.166 ||
Sie ist Sushumna, die mittlere Nadi, die alle Nadis in sich trägt. Mit Om am Anfang, ihrem eigenen Namen und dem Gruß am Ende
3.167
śiṣyadehasthitāṃ nāḍīṃ sūtre saṃgṛhya yojayet |
gandhapuṣpādibhiḥ pūjya kavacenāvaguṇṭhayet || 3.167 ||
erfasse man die im Schülerkörper befindliche Nadi und verbinde sie mit dem Faden. Man verehre sie mit Duftstoffen und Blumen und umhülle sie mit dem Panzer.
3.168
sannidhānāhutīstisraḥ svanāmapadajātikāḥ |
śivāmbho 'streṇa samprokṣya śiṣyasya hṛdayaṃ punaḥ || 3.168 ||
Zur Bewirkung der Gegenwart bringe man drei Opfergaben mit ihrem Namen und der Abschlussformel dar. Nach Besprengung mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra
3.169
tāḍayedastrapuṣpeṇa hṛdi citsaṃhṛtā bhavet |
huṃkāroccārayogena recakena viśeddhṛdi || 3.169 ||
berühre man erneut das Herz des Schülers mit der Waffenblume; sein Bewusstsein werde im Herzen gesammelt. Mit huṃ und der Ausatmung trete man in sein Herz ein.
3.170
nāḍīrandhreṇa gatvā tu caitanyaṃ bhāvayecchiṣoḥ |
kadambagolakākāraṃ sphurattārakasannibham || 3.170 ||
Durch die Höhlung der Nadi gelangend vergegenwärtige man das Bewusstsein des Kindes: rund wie eine Kadamba-Blütenkugel und einem funkelnden Stern gleich.
3.171
hṛtsthaṃ chittvāstrakhaḍgena humphaṭkārāntajātinā |
dhāmnā cāṅkuśarūpeṇa karṣecchaktyavadhi kramāt || 3.171 ||
Das im Herzen Ruhende löse man mit dem Waffenschwert, dessen Formel mit huṃ phaṭ endet, und ziehe es mit dem hakenförmigen Dhama schrittweise bis zur Shakti hinauf.
3.172
dvādaśāntaṃ tu saṃgṛhya sampuṭya hṛdayena tu |
saṃhāramudrayā yojyaṃ sūtre nāḍīprakalpite || 3.172 ||
Man erfasse es am Dvadashanta, umschließe es mit dem Herzmantra und verbinde es durch die Auflösungs-Mudra mit dem als Nadi gebildeten Faden.
3.173
vyāpakaṃ bhāvayitvā tu kavacenāvaguṇṭhayet |
bhairaveṇāhutīstisraḥ sannidhānasya hetave || 3.173 ||
Man denke es als alldurchdringend und umhülle es mit dem Panzer. Zur Bewirkung seiner Gegenwart bringe man drei Opfergaben mit Bhairava dar.
3.174
dvitīyaḥ sūtradehastu pāśā yatra sthitāstvime |
bandyāścedyāstathā dāhyāḥ sūtrasthāne na vigrahe || 3.174 ||
Dies ist ein zweiter Körper aus Faden, in dem diese Fesseln liegen. Sie sind dort zu binden, zu durchtrennen und zu verbrennen — am Faden, nicht am leiblichen Körper.
3.175
pāśāstu trividhā bhāvyā māyīyāṇavakarmajāḥ |
caitanyarodhakāstvete kāryakāraṇarūpiṇaḥ || 3.175 ||
Die Fesseln sind als dreifach zu vergegenwärtigen: aus Maya, aus individueller Begrenztheit und aus Karma entstanden. Sie hemmen das Bewusstsein und bestehen als Ursachen und Wirkungen.
3.176
malaḥ karma nimittaṃ tu naimittikamataḥ param |
ādhārarūpaṃ naimittaṃ śarīrabhuvanādikam || 3.176 ||
Mala und Karma bilden die Ursache; das Weitere ist ursächlich bedingt. Das Bedingte hat die Form einer Grundlage: Körper, Welten und dergleichen.
3.177
nimittamabhilāṣākhyaṃ vicitrairheturūpakaiḥ |
tāṃścāvalokayet sūtre bandhyabandhanahetutaḥ || 3.177 ||
Die als Verlangen bezeichnete Ursache erscheint in verschiedenen ursächlichen Formen. Man betrachte diese am Faden als Grund von Gebundensein und Bindung.
3.178
pāśānāṃ tāḍanaṃ kāryaṃ humphaṭkārāntajātinā |
svanāmapraṇavādyena śāntyatītādyanukramāt || 3.178 ||
Das Berühren der Fesseln geschehe mit Om und ihrem jeweiligen Namen am Anfang, huṃ phaṭ als Abschluss, in der Folge von Shantyatita an.
3.179
puṣpeṇa tāḍayenmūrdhni grāhyaṃ hūmādi yojayet |
huṃpha.kārāntayogenāgṛhya saṃhāramudrayā || 3.179 ||
Mit einer Blume berühre man den Scheitel und verbinde das zu Erfassende mit huṃ am Anfang. Mit huṃ phaṭ am Ende erfasse man es durch die Auflösungs-Mudra. [Vorlage: huṃpha.kārānta.]
3.180
dhāmnā tu yojayet sūtre namaskārāntayoginā |
evaṃ śāntyādikān pāśān sthānāt saṃgṛhya yojayet || 3.180 ||
Mit Dhama, verbunden mit dem abschließenden Gruß, setze man es in den Faden ein. So erfasse man auch Shanti und die übrigen Fesseln an ihren Orten und verbinde sie.
3.181
bhāvayettrividhān pāśān pañcatattvādhvavyāpakān |
trayāṇāṃ vyāpikā śaktiḥ kriyākhyā pārameśvarī || 3.181 ||
Man vergegenwärtige die drei Fesseln als den Weg der fünf Prinzipien durchdringend. Die alle drei durchdringende Kraft des höchsten Herrn heißt Kriya.
3.182
śāntyatītādibhedena pañcasaṃjñāpratiṣṭhitā |
ādheyagraha ādhāraṃ gṛhītaṃ bhāvayet paśoḥ || 3.182 ||
Nach den Unterscheidungen von Shantyatita an ist sie unter fünf Namen eingesetzt. Beim Ergreifen des Getragenen denke man auch die Grundlage der gebundenen Seele als ergriffen.
3.183
gandhapuṣpādibhiḥ pūjya sūtre pāśāṃśtu tarpayet |
śāntyatītākrameṇaiva āhutīnāṃ trayaṃ trayam || 3.183 ||
Nach der Verehrung mit Duftstoffen und Blumen stärke man die Fesseln im Faden durch jeweils drei Opfergaben, in der Folge von Shantyatita an.
3.184
sannidhānāya pāśānām ataḥ pāśāṃstu dīpayet |
svanāmajātiphaṭkāradhāmabhiśca trayaṃ trayam || 3.184 ||
Dies bewirkt die Gegenwart der Fesseln. Danach belebe man sie mit ihrem Namen, Abschlussformel, phaṭ und Dhama, jeweils dreimal.
3.185
viśleṣakaraṇārthaṃ tu pāśānāṃ dīpanaṃ bhavet |
dīptāḥ pāśāstato bandhyās tāḍanagrahaṇādinā || 3.185 ||
Die Belebung der Fesseln dient ihrer Ablösung. Die belebten Fesseln sind sodann durch Berühren, Erfassen und weitere Handlungen zu binden.
3.186
sūtrasthāṃstāḍayetpuṣpaiḥ svadehasthāniva kramāt |
dhāmnā ca sampuṭīkṛtya svanāmnā ca sakṛtsakṛt || 3.186 ||
Die im Faden befindlichen berühre man der Reihe nach mit Blumen, als befänden sie sich im eigenen Körper. Mit Dhama und ihrem jeweiligen Namen umschließe man jede einzeln.
3.187
bandhane tu prayogo 'yaṃ sūtre granthīn pradāpayet |
bandhane parimāṇaṃ ca karmaṇo viṣayasya ca || 3.187 ||
Dies ist die Anwendung zum Binden: Man knüpfe Knoten in den Faden. Die Bindung begrenzt den Bereich von Karma und Erfahrung.
3.188
ṣaṭtriṃśattattvamadhyastho bhuṅkte bhogaṃ na cānyathā |
pāśān saṃsthāpya pātre tu saṃpātaṃ juhuyāt sakṛt || 3.188 ||
Innerhalb der sechsunddreißig Tattvas erfährt die Seele ihre Erfahrungen, sonst nicht. Man lege die Fesseln in ein Gefäß und vollziehe einmal die Opferrestspende.
3.189
pātrasampuṭamadhyasthān sthaṇḍile vinivedayet |
nītvā samarpayet kumbhe pāśān saṃrakṣa he vibho || 3.189 ||
Die in einem geschlossenen Gefäß befindlichen Fesseln bringe man auf der Opferfläche dar, trage sie zum Krug und übergebe sie: „Bewahre die Fesseln, o Allgegenwärtiger!“
3.190
darbhaṃ vimocayecchiṣyaṃ puṣpaṃ pāṇau pradāpayet |
shtaṇḍile śivakumbhe ca śivāgnau ca prapūjayet || 3.190 ||
Man löse den Schüler vom Darbha-Halm, gebe ihm eine Blume in die Hand und lasse ihn Shiva auf der Opferfläche, im Shiva-Krug und im Shiva-Feuer verehren.
3.191
tataḥ pradakṣiṇaṃ kṛtvā daṇḍavannipatedbhuvi |
utthāpya pañcagavyādīn dadyādvai bhairaveṇa tu || 3.191 ||
Dann umschreite er rechtsherum und werfe sich lang ausgestreckt auf die Erde. Man richte ihn auf und gebe ihm mit Bhairava die fünf Kuhprodukte und die folgenden Gaben.
3.192
gomayena śucau deśe kāryaṃ maṇḍalakatrayam |
ekasmin maṇḍale viṣṭaḥ pañcagavyaṃ śiśuḥ pibet || 3.192 ||
An einem reinen Ort sind mit Kuhdung drei Mandalas anzulegen. Im ersten sitzend trinke das Kind die fünf Kuhprodukte.
3.193
upaviśya dvitīye tu carukaṃ prāśayedbudhaḥ |
ācamya dantakāṣṭhaṃ tu tṛtīye maṇḍale sthitaḥ || 3.193 ||
Im zweiten sitzend nehme es den Opferbrei zu sich. Nach dem Wasserschlürfen benutze es im dritten Mandala das Zahnhölzchen.
3.194
bhakṣayitvā ca deveśi tataścaiva vinikṣipet |
pūrvaṃ paścāttathaiśordhvaṃ cottarasyāṃ ca śobhanam || 3.194 ||
Nachdem es darauf gekaut hat, o Herrin der Götter, werfe es das Hölzchen weg. Günstig ist seine Lage nach Osten, Westen, Nordosten, nach oben oder nach Norden. [Wie die nach oben gerichtete Lage des gefallenen Hölzchens genau zu verstehen ist, bleibt hier offen.]
3.195
anyasyāmaśubhaṃ viddhi tasya homaḥ śataṃ bhavet |
ācāryo juhuyāt paścāt prāyaścittaṃ śivena tu || 3.195 ||
Eine andere Richtung erkenne man als ungünstig; dafür sind hundert Opfergaben vorgesehen. Danach opfere der Lehrer mit Shiva zur Sühne.
3.196
vidhernyūnātiriktasya cittavikṣepakarmaṇi |
aṣṭottaraśataṃ hutvā prāyaścittād viśuddhyati || 3.196 ||
Wegen Auslassung oder Übermaß im Ritus und wegen geistiger Zerstreuung bringe man hundertacht Opfergaben dar; durch diese Sühne wird man gereinigt.
3.197
paścātsantarpayeddhomasahasreṇa śatena vā |
mantrāṃśca daśabhāgena vahnau naivedyadāpanam || 3.197 ||
Danach stärke man durch tausend oder hundert Feueropfer, die übrigen Mantras mit dem zehnten Anteil; im Feuer bringe man Speisen dar.
3.198
viśeṣapūjanaṃ cārghaṃ mudrābandhaṃ varānane |
stotraṃ vādyaṃ tataḥ kṛtvā caruṃ prāśya visarjayet || 3.198 ||
Besondere Verehrung, Ehrenwasser und Mudra folgen, o Schönangesichtige. Nach Lobgesang und Instrumentalmusik esse man Opferbrei und vollziehe die Entlassung.
3.199
nirodhārgheṇa cārghaṃ tu dattvā caiva varānane |
recakena tu saṃgṛhya bhairavaṃ tamanusmaran || 3.199 ||
Man gebe Ehrenwasser aus dem zur Festhaltung bestimmten Gefäß, o Schönangesichtige, und nehme Bhairava innerlich auf, um ihn mit der Ausatmung ins Feuer zu übertragen; dabei vergegenwärtige man ihn.
3.200
muṣṭinā pūritaṃ nītvā pūjayitvā varānane |
agniṣṭhaṃ vai pūrakeṇa gṛhītvā sthāpayet punaḥ || 3.200 ||
Durch Aussenden führe man den mit der Einatmung Aufgenommenen dorthin und verehre ihn, o Schönangesichtige. Den im Feuer Befindlichen erfasse man dann mit der Einatmung und setze ihn wieder ein. [Die Übersetzung folgt KSTS sṛṣṭinā statt TXT muṣṭinā; pūritam wird im Kommentar auf die Einatmung bezogen.]
3.201
tatrasthaṃ pūjayitvā ca kalaśe tu vinikṣipet |
kusumādibhirabhyarcya kumbha eva tu bhairavam || 3.201 ||
Nachdem man den dort Befindlichen verehrt hat, setze man ihn in den Krug. Bhairava im Krug verehre man mit Blumen und weiteren Gaben.
3.202
prakṣipya caiva nirmālyaṃ gomayena spṛśet priye |
śivāmbhasā tu samprokṣya śiṣye śayyāṃ prakalpayet || 3.202 ||
Man entferne die gebrauchten Opfergaben und bestreiche den Platz mit Kuhdung, Geliebte. Nach Besprengung mit Shiva-Wasser bereite man dem Schüler ein Lager.
3.203
gṛhiṇo darbhaśayyāṃ tu yatervai bhasmanā priye |
pūrvāśirā gṛhī kāryo yatirvai dakṣiṇāśirāḥ || 3.203 ||
Für einen Haushälter ein Lager aus Darbha-Gras, für einen Entsagenden eines aus Asche, Geliebte. Der Haushälter liege mit dem Kopf nach Osten, der Entsagende nach Süden.
3.204
tatra sthitasya śiṣyasya śikhābandhaṃ varānane |
siddhārtharocanādyaiśca rakṣāṃ kuryādasiṃ smaran || 3.204 ||
Dem dort liegenden Schüler binde man den Haarschopf, o Schönangesichtige. Mit Senfkörnern, Gorochana und weiteren Stoffen bilde man Schutz, den Schwertmantra vergegenwärtigend.
3.205
bhasmanā rocanādyaiśca astraprākāracintanam |
kavacenāvaguṇṭhyaiva śiṣyaṃ tu svāpayettataḥ || 3.205 ||
Mit Asche, Gorochana und den übrigen Stoffen stelle man einen Waffenwall vor. Man umhülle den Schüler mit dem Panzer und lasse ihn schlafen.
3.206
tataścaiva tu nirgatya balikarma samārabhet |
balistu kalpitaḥ pūrvaṃ sarvabhūteṣvathādarāt || 3.206 ||
Danach gehe man hinaus und beginne die Bali-Handlung. Die Bali-Gabe ist schon zuvor ehrerbietig für alle Wesen bereitet worden.
3.207
taṃ tu saṃgṛhya deveśi pūrvādīśāntakaṃ kṣipet |
bhūtā ye vividhākārā divyabhaumāntarikṣagāḥ || 3.207 ||
Man nehme sie, o Herrin der Götter, und streue sie von Osten bis Nordosten: für die verschieden gestalteten Wesen im Himmel, auf der Erde und im Luftraum,
3.208
pātālatalasaṃsthāśca śivayāge subhāvitāḥ |
dhruvādisarvabhūtāśca aindrādyāśāsthitāśca ye || 3.208 ||
auch für die in den Tiefen der Unterwelt, die sich dem Shiva-Opfer zugewandt haben, für sämtliche Wesen von der Dhruva-Welt an und für jene, die von Osten an in den Himmelsrichtungen wohnen. [Kṣemarāja liest zugleich eine Anweisung mit: Die Anrufung beginnt mit Om.]
3.209
svāhākārasamāyogāt tṛpyantūccārayan kṣipet |
namaskāreṇa sampūjya gandhairdhūpairanukramāt || 3.209 ||
Mit svāhā verbunden spreche man „Mögen sie gesättigt werden!“ und streue die Gabe. Mit Gruß, Duftstoffen und Räucherwerk verehre man sie der Reihe nach.
3.210
pūrvādīśānaparyantam adhaścordhvaṃ samantataḥ |
koṇasthān kṣetrapālāṃśca patitāñchvapacānapi || 3.210 ||
Von Osten bis Nordosten, unten, oben und ringsum bedenke man auch die Feldhüter in den Ecken sowie Ausgestoßene und Angehörige der als Hundekocher bezeichneten Gruppen.
3.211
baliṃ dattvā tu sarvebhya ācamya ca varānane |
sakalīkaraṇaṃ kṛtvā krameṇa prāśayeccarum || 3.211 ||
Nachdem man allen die Bali-Gabe gegeben hat, schlürfe man Wasser, o Schönangesichtige, statte sich mit den Mantragliedern aus und esse der Reihe nach den Opferbrei.
3.212
sahāyaiḥ sahito vīra ekacittaḥ samāhitaḥ |
prāṅmukha udaṅmukho vā maṇḍalasthaḥ pṛthakpṛthak || 3.212 ||
Der Held und seine Helfer seien auf eines ausgerichtet und gesammelt, nach Osten oder Norden gewandt, jeder auf seinem eigenen Mandala.
3.213
pañcagavyaṃ pibet pūrvaṃ carukaṃ dantadhāvanam |
prāśyaivaṃ sakalīkṛtya rakṣāṃ pūrvavadeva ca || 3.213 ||
Zuerst trinke man die fünf Kuhprodukte, dann nehme man den Opferbrei und vollziehe die Zahnreinigung. Danach statte man sich mit den Mantragliedern aus und bilde Schutz wie zuvor.
3.214
yāgabūmau svapet pāścāc chiṣyaiḥ saha varānane |
bhairavadhyānayogena samādhau jāgradeva vā || 3.214 ||
Darauf schlafe man mit den Schülern auf dem Opfergrund, o Schönangesichtige, oder bleibe in Samadhi wach, durch die Meditation auf Bhairava gesammelt.
Kapitel 4
4.1
pratyūṣe vimale kṛtvā śaucādyān purrvavatkramāt |
sakalīkaraṇaṃ kṛtvā pūrvavat praviśedgṛham || 4.1 ||
Beim klaren Tagesanbruch vollziehe man wie zuvor der Reihe nach Reinigung und weitere Pflichten, statte sich mit den Mantragliedern aus und betrete das Haus wie zuvor.
4.2
śiṣyaśca śucirācāntaḥ puṣpahastaḥ (...) guruṃ tataḥ |
praṇamya śirasā (...) hṛṣṭo guroḥ svapnānnivedayet || 4.2 ||
Der gereinigte Schüler, der Wasser geschlürft hat und eine Blume hält, [Textlücke] verneige sich mit dem Kopf vor dem Guru [Textlücke] und berichte ihm freudig seine Träume.
4.3
śubhān svapnān pravakṣyāmi aśubhāṃśca varānane |
svapneṣu madirāpānam āmamāṃsasya bhakṣaṇam || 4.3 ||
Ich werde günstige und ungünstige Träume erklären, o Schönangesichtige. Im Traum Wein zu trinken und rohes Fleisch zu essen,
4.4
krimiviṣṭhānulepaṃ ca rudhireṇābhiṣecanam |
bhakṣaṇaṃ dadhibhaktasya śvetavastrānulepanam || 4.4 ||
sich mit Würmern und Kot zu bestreichen, mit Blut übergossen zu werden, Reis mit Dickmilch zu essen sowie weiße Kleidung und weiße Salbe zu tragen,
4.5
śvetātapatraṃ mūrdhasthaṃ śvetasragdāma bhūṣaṇam |
siṃhāsanaṃ rathaṃ yānaṃ dhvajaṃ rājyābhiṣecanam || 4.5 ||
einen weißen Schirm über dem Kopf, weiße Blumengirlanden und Schmuck, einen Löwenthron, Wagen, Fahrzeuge, ein Banner oder eine Königsweihe zu sehen,
4.6
ratnāṅgābharaṇādīni tāmbūlaṃ phalameva ca |
darśanaṃ śrīsarasvatyoḥ śubhanāryavagūhanam || 4.6 ||
Edelsteinschmuck, Betel und Früchte zu erlangen, Shri und Sarasvati zu sehen und von einer glückverheißenden Frau umarmt zu werden,
4.7
narendrairṛṣibhirdevaiḥ siddhavidyādharairgaṇaiḥ |
ācāryaiḥ saha saṃvādaṃ kṛtvā svapne prasiddhyati || 4.7 ||
oder im Traum mit Königen, Rishis, Göttern, Siddhas, Vidyadharas, Götterscharen und Lehrern zu sprechen: Dadurch wird Vollendung angezeigt.
4.8
nadīsamudrataraṇam ākāśagamanaṃ tathā |
bhāskarodayanaṃ caiva prajvalantaṃ hutāśanam || 4.8 ||
Flüsse und Meer zu überqueren, durch den Himmel zu gehen, den Sonnenaufgang und loderndes Opferfeuer zu sehen,
4.9
grahanakṣatratārāṇāṃ candrabimbasya darśanam |
harmyasyārohaṇaṃ caiva prāsādaśikhare 'pi vā || 4.9 ||
Planeten, Mondhäuser, Sterne und die Mondscheibe zu erblicken, ein hohes Haus oder die Spitze eines Palastes zu besteigen,
4.10
narāśvavṛṣapotebhataruśailāgrarohaṇam |
vimānagamanaṃ caiva siddhamantrasya darśanam || 4.10 ||
auf Menschen, Pferde, Stiere, Boote, Elefanten, Bäume und Berggipfel zu steigen, in einem Himmelswagen zu fahren und einen verwirklichten Mantra zu sehen,
4.11
lābhaḥ siddhacaroścaiva devādīnāṃ ca darśanam |
guṭikāṃ dantakāṣṭhaṃ ca khaḍgapādukarocanāḥ || 4.11 ||
Siddha-Opferbrei zu erhalten, Götter und andere zu sehen, ferner Pillen, Zahnhölzchen, Schwert, Sandalen und Gorochana,
4.12
upvītāñjanaṃ caiva amṛtaṃ pāratauṣadhīḥ |
śaktiṃ kamaṇḍaluṃ padmam akṣasūtraṃ manaḥśilām || 4.12 ||
heilige Schnur, Augensalbe, Nektar, Quecksilber und Heilkräuter, Speer, Wassertopf, Lotus, Gebetskette und Manahshila,
4.13
prajvalatsiddhadravyāṇi gairikāntāni yāni ca |
dṛṣṭvā siddhyati svapnānte kṣitilābhaṃ vraṇaṃ tathā || 4.13 ||
oder leuchtende Siddhi-Stoffe bis hin zu rotem Ocker zu sehen, führt nach dem Traum zur Vollendung. Ebenso Landgewinn, eine Wunde,
4.14
kṣatajārṇavasāṃgrāmataraṇaṃ vijayaṃ raṇe |
jvalatpitṛvanaṃ ramyaṃ vīravīreśibhirvṛtam || 4.14 ||
das Durchqueren eines Blutmeeres oder einer Schlacht, Sieg im Kampf und eine schöne lodernde Leichenstätte, umgeben von Helden und ihren Herrinnen,
4.15
vīravetālasiddhaiśca mahāmāṃsasya vikrayam |
mahāpāśoḥ saṃvibhāgaṃ labdhvā devebhya ādarāt || 4.15 ||
von Helden, Vetalas und Siddhas, der Verkauf von Menschenfleisch oder der ehrerbietige Empfang eines Anteils am großen Opfertier von den Göttern,
4.16
ātmanā pūjayan devaṃ japan dhyāyan stuvannapi |
suhutaṃ cānalaṃ dīptaṃ pūjitaṃ vā prapaśyati || 4.16 ||
das eigene Verehren Gottes, Mantrawiederholen, Meditieren und Preisen sowie ein hell brennendes Feuer, in das gut geopfert wurde oder das verehrt ist,
4.17
haṃsasārasacakrāhvamayūraśavarohaṇam |
mātṛbhirbhairavaścaiva mātṛrudragaṇaiḥ saha || 4.17 ||
das Reiten auf Gänsen, Kranichen, Chakravaka-Vögeln, Pfauen oder einem Leichnam, ferner Bhairava mit den Müttern und den Scharen der Mütter und Rudras,
4.18
bhairavaṃ bhairavīṃ dṛṣṭvā siddhyatyatra na saṃśayaḥ |
śubhāḥ svapnā mayākhyātā aśubhāṃśca nibodha me || 4.18 ||
oder der Anblick von Bhairava und Bhairavi: Dadurch wird hier ohne Zweifel Vollendung angezeigt. Die günstigen Träume habe ich genannt; höre nun die ungünstigen.
4.19
tailābhyaṅgastathā pānaṃ viśanaṃ ca rasātale |
andhakūpe ca patanam atha paṅke nimajjanam || 4.19 ||
Sich mit Öl einzureiben oder Öl zu trinken, in die Unterwelt einzudringen, in einen finsteren Brunnen zu fallen oder im Schlamm zu versinken,
4.20
vṛkṣavāhanayānebhyaḥ patanaṃ harmyaparvatāt |
kartanaṃ karṇanāsābhyām atha vā hastapādayoḥ || 4.20 ||
von Bäumen, Reittieren, Fahrzeugen, Häusern oder Bergen zu stürzen, das Abschneiden von Ohren, Nase, Händen oder Füßen,
4.21
patanaṃ dantakośānām ṛkṣavānaradarśanam |
vetālakrūrasatvānāṃ tathaiva kālapūruṣāḥ || 4.21 ||
das Ausfallen der Zähne, der Anblick von Bären und Affen, von Vetalas und grausamen Wesen sowie dunklen Todesgestalten,
4.22
kṛṣṇordhvakeśā malināḥ kṛṣṇamālyāmbaracchadāḥ |
raktākṣī strī ca yaṃ svapne puruṣaṃ tvavagūhayet || 4.22 ||
oder wenn eine schwarze, schmutzige Frau mit aufgerichtetem Haar, schwarzen Girlanden und Gewändern und roten Augen im Traum einen Mann umarmt:
4.23
mriyate nātra saṃdeho yadi śāntiṃ na kārayet |
gṛhaprasādabhedaṃ ca śayyāvastrāsaneṣu ca || 4.23 ||
Dann stirbt er nach der Aussage des Textes, wenn kein Befriedungsritus vollzogen wird. Ungünstig sind ferner das Zerbrechen von Haus, Palast, Bett, Kleidung oder Sitz,
4.24
ātmano 'bhibhavaṃ saṃkhya ātmadravyāpahāraṇam |
kharoṣṭraśvasṛgāleṣu kaṅkagṛdhrabakeṣu ca || 4.24 ||
die eigene Niederlage im Kampf, der Raub des Eigentums, das Reiten auf Eseln, Kamelen, Hunden, Schakalen, Kanka-Vögeln, Geiern, Reihern,
4.25
mahiṣolūkakākeṣu rohaṇam ca pravartanam |
bhakṣaṇam pakvamāṃsasya raktamālyānulepanam || 4.25 ||
Büffeln, Eulen und Krähen und das Umherziehen auf ihnen; das Essen gekochten Fleisches und das Tragen roter Girlanden und Salben,
4.26
kṛṣṇaraktāni vastrāṇi vikṛtātmā prapaśyati |
hasanaṃ valganaṃ svapne mlānasragdāmadhāraṇam || 4.26 ||
schwarze oder rote Gewänder zu sehen, sich selbst entstellt zu sehen, im Traum zu lachen und zu springen sowie welke Girlanden zu tragen,
4.27
svamāṃsotkartanaṃ bandhaṃ kṛṣṇasarpeṇa bhakṣaṇam |
udvāhaṃ ca tathā svapne dṛṣṭvā naiva prasidhyati || 4.27 ||
das Herausschneiden des eigenen Fleisches, Gefangenschaft, von einer schwarzen Schlange gefressen zu werden und eine Hochzeit im Traum zu sehen: All dies zeigt keinen Erfolg an.
4.28
aśubhā hyevamākhyātā vijñeyā deśikottamaiḥ |
śubhāstatrānumedyāstu aśubheṣu tu homayet || 4.28 ||
So sind die ungünstigen Träume beschrieben; die besten Lehrer sollen sie kennen. Günstige sind zu billigen, bei ungünstigen soll man opfern.
4.29
aṣṭottaraśataṃ dhāmnā prāyaścittādviśuddhyati |
pūrvavat sakalīkṛtya vighnoccāṭanarakṣaṇam || 4.29 ||
Durch hundertacht Opfergaben mit Dhama wird man mittels Sühne gereinigt. Wie zuvor vollziehe man die Ausstattung mit Mantragliedern, Hindernisvertreibung und Schutz.
4.30
veṣṭanaṃ pūrvavat kuryāc chivambhaḥ śivahastakam |
lokapālāṃstu saṃpūjya śivakumbhaṃ ca sthaṇḍilam || 4.30 ||
Wie zuvor bilde man die Umhüllung, Shiva-Wasser und Shiva-Hand. Man verehre die Weltenhüter, den Shiva-Krug und die Opferfläche.
4.31
agnikāryaṃ yathāpūrvaṃ pūrṇāhutiprapātanam |
prāyaścittaṃ tataḥ paścād dusvapnārthaṃ yaduktavān || 4.31 ||
Die Feuerhandlung und das Darbringen der Vollgabe erfolgen wie zuvor. Danach die Sühne für schlechte Träume, wie ich sie gelehrt habe.
4.32
evaṃ pūjādikaṃ kṛtvā visṛjya sthaṇḍilacchivam |
nirmālyāpanayaṃ kṛtvā bhūmiṃ saṃśodhya pūrvavat || 4.32 ||
Nach diesen Verehrungshandlungen entlasse man Shiva von der Opferfläche, entferne die gebrauchten Opfergaben und reinige den Boden wie zuvor.
4.33
nityakarma tataḥ kuryāt pūjāhomajapādikam |
nityāhnike samāpte tu naimittikamathācaret || 4.33 ||
Dann vollziehe man die täglichen Pflichten wie Verehrung, Feueropfer und Japa. Sind diese Tagespflichten beendet, führe man den besonderen Anlassritus aus.
4.34
upalipya śivāmbhobhir bramhmasthānaṃ prapūjayet |
bhāvena gandhapuṣ.pādyaiḥ tato maṇḍalamālikhet || 4.34 ||
Nach dem Bestreichen und mit Shiva-Wasser verehre man den Brahma-Platz innerlich mit Duftstoffen und Blumen. Dann zeichne man das Mandala.
4.35
karaṇīṃ khaṭikāṃ caiva bhairaveṇa prapūjayet |
dhāmnā tu rajasāṃ pātaḥ sitādyaśvāgamoditaḥ || 4.35 ||
Zeicheninstrument und Kreide verehre man mit Bhairava. Mit Dhama streue man die Farbpulver, beginnend mit Weiß, wie im Agama gelehrt. [śvāgamoditaḥ ist in der Vorlage auffällig.]
4.36
niṣpanne maṇḍale snātvā nityakarma samācaret |
nityakarmasamāptau tu kuryānnaimittikaṃ budhaḥ || 4.36 ||
Ist das Mandala vollendet, bade man und vollziehe die täglichen Pflichten. Nach deren Abschluss führe der Kundige den Anlassritus aus.
4.37
snānādi pūrvamantraiḥ sakalīkaraṇādikam |
ātmarakṣāstraprākāradvārapālādipūjanam || 4.37 ||
Baden, Ausstattung mit Mantragliedern und die weiteren Handlungen geschehen mit den zuvor genannten Mantras, ebenso Selbstschutz, Waffenwall und Verehrung der Türhüter.
4.38
vighnoccāṭanadigbandhau bhūpātālakhavāsinām |
astraprākāramāropya kavacenāvaguṇṭhanam || 4.38 ||
Man vertreibe die Hinderniswesen auf Erde, in Unterwelt und Himmel, verschließe die Richtungen, errichte den Waffenwall und umhülle alles mit dem Panzer.
4.39
udaṅmukhaṃ tūpaviṣṭaḥ karaśuddhyādi pūrvavat |
śivāmbhaḥ śivahastaṃ ca arghatrayaprakalpanam || 4.39 ||
Nach Norden gewandt sitze man und vollziehe Handreinigung und die übrigen Handlungen wie zuvor, Shiva-Wasser, Shiva-Hand und die Bereitung der drei Ehrenwassergefäße.
4.40
lokapālāṃstu saṃpūjya śivakumbhaṃ prapūjayet |
maṇḍalasyāgrato bhūtvā maṇḍalaṃ prokṣya cāsinā || 4.40 ||
Nach der Verehrung der Weltenhüter verehre man den Shiva-Krug. Vor dem Mandala stehend besprenge man es mit dem Schwertmantra.
4.41
varmaṇā veṣṭayet paścāt praṇavenābhimantrayet |
aṣṭottaraśataṃ dhāmnā rajodoṣairviśuddhyati || 4.41 ||
Danach umhülle man es mit dem Panzer und bespreche es mit Om. Hundertacht Wiederholungen des Dhama reinigen von Fehlern der Farbpulver.
4.42
caturdikṣvastraṃ saṃpūjya dvāre gandhādibhiḥ kramāt |
prākāraṃ bhāvayedastraṃ maṇḍalaṃ praviśet tataḥ || 4.42 ||
In den vier Richtungen verehre man die Waffe, am Tor der Reihe nach mit Duftstoffen und weiteren Gaben. Man denke die Waffe als Schutzwall und betrete dann das Mandala.
4.43
gurūn saṃpūjya vighneśaṃ puṣpādyaiḥ praṇavena tu |
anantamāsanaṃ prāgvac chivāntaṃ praṇavena tu || 4.43 ||
Gurus und den Herrn der Hindernisse verehre man mit Blumen und Om. Mit Om bilde man wie zuvor den Sitz von Ananta bis Shiva.
4.44
mūrtyādi pūrvannyasyed dhṛdādyāvaraṇāntagam |
pūrvoktavidhinā pūjya naivedyāni nivedayet || 4.44 ||
Wie zuvor bringe man die Gestalt und alles Weitere bis zu den Umkreisen der Herz- und übrigen Mantras an. Nach der vorgeschriebenen Verehrung bringe man Speisen dar.
4.45
nirodhārgheṇa cārdhaṃ tu datvā caiva nirodhayet |
japadhyānādikaṃ kṛtvā agniṣṭhaṃ bhairavaṃ yajet || 4.45 ||
Man gebe Ehrenwasser aus dem Festhaltungsgefäß und halte die Gegenwart fest. Nach Japa, Meditation und weiteren Handlungen verehre man Bhairava im Feuer.
4.46
nāḍīsaṃdhānakaṃ triṣṭhaṃ kṛtvā saṃtarpayedvibhum |
ātmano niṣkaloccāraṃ kṛtvā kumbhe niveśayet || 4.46 ||
Man vollziehe die Nadi-Verbindung der drei Orte und stärke den allgegenwärtigen Herrn. Den ungegliederten Lautaufstieg vollziehe man in sich und setze ihn in den Krug ein.
4.47
kalaśasthasya vāmena rocayet pūrayettataḥ |
maṇḍalasthasya savyena punarvāmena rocayet || 4.47 ||
Den im Krug befindlichen lasse man links ausatmen; sodann lasse man den im Mandala befindlichen rechts einatmen und erneut links ausatmen. [Die Übersetzung folgt dem KSTS-Druck mit recayet an beiden Stellen; die TXT-Vorlage schreibt rocayet.]
4.48
agniṣṭhasya tu tattejo dakṣiṇena viśan smaret |
evaṃ sādhanakaṃ kṛtvā tatastarpaṇamārabhet || 4.48 ||
Man denke dessen Lichtkraft rechts in den im Feuer befindlichen eintretend. Nach dieser Verbindung beginne man die Stärkung.
4.49
daśabhāgavibhāgena hutvā pūrṇāhutiṃ kṣipet |
prāyaścittaviśuddhyarthaṃ kuryādaṣṭottaraṃ śatam || 4.49 ||
Nach den Opfergaben in Zehntelanteilen bringe man eine Vollgabe dar. Zur Sühnereinigung vollziehe man hundertacht Opfergaben.
4.50
vidheḥ pūrṇātiriktasya dhāmnā pūrṇāhutiṃ tataḥ |
ācāryoṭhārdhahastastu maṇḍalaṃ praviśettataḥ || 4.50 ||
Für Abweichungen im Ritus folge dann eine Vollgabe mit Dhama. Der Lehrer betrete darauf das Mandala, das Ehrenwasser in der Hand. [pūrṇātiriktasya ist auch im KSTS-Druck auffällig; die genauere Bedeutung von pūrṇa bleibt hier offen. Der Druck klärt ācāryo 'thārghahastastu gegenüber TXT ācāryoṭhārdhahastastu.]
4.51
saṃpūjya parameśānaṃ puṣpādyairardhapaścimam |
mudrāṃ baddhvā praṇamyādau jānubhyāmavaniṃ gataḥ || 4.51 ||
Mit Blumen und weiteren Gaben, zuletzt Ehrenwasser, verehre man den höchsten Herrn, bilde die Mudra und verneige sich zuerst, die Knie auf der Erde.
4.52
vijñāpayeta paśvarthaṃ prārabdhyoyaṃ makhottamaḥ |
snānādhivāsanādyaṃ yan maṇḍale 'gnau ca yatkṛtam || 4.52 ||
Man erkläre: „Dieses höchste Opfer ist für die gebundene Seele begonnen worden. Was an Baden, vorbereitender Weihe und weiteren Handlungen im Mandala und im Feuer vollzogen wurde,
4.53
vidhānaṃ puṣkalaṃ samyak tvatprasādādihāstu tat |
idānīṃ śiṣyadehe tu sakalīkaraṇādikā || 4.53 ||
möge hier durch deine Gnade richtig und vollständig sein. Nun möge die Handlung am Schülerkörper, von der Ausstattung mit den Mantragliedern an,
4.54
yojanyantādhvaśuddhistu tvatprasādāt prasiddhyatu |
evamastvityanujñātaḥ parameśena vīrarāṭ || 4.54 ||
bis zur Vereinigung und Reinigung des kosmischen Weges durch deine Gnade gelingen.“ Vom höchsten Herrn mit „So sei es!“ ermächtigt,
4.55
labdhānujñaḥ prahṛṣṭātmā niṣkrāmenmaṇḍalādbahiḥ |
paśvarthāya kṛtaṃ yattu tadgṛhītvārdhapātrakam || 4.55 ||
trete der König der Helden freudig aus dem Mandala hinaus. Er nehme das für die gebundene Seele bereitete Ehrenwassergefäß.
4.56
dhāmnastu dakṣiṇe bhāge kārayenmaṇḍalaṃ guruḥ |
praṇavāsanaṃ kuśairnyasya śuciṃ śiṣyaṃ niveśayet || 4.56 ||
Rechts vom Dhama richte der Guru ein Mandala her, lege mit Kusha-Gras einen Om-Sitz an und stelle den reinen Schüler darauf.
4.57
śivāmbho 'streṇa saṃtāḍya bhasmanā ca kuśaiḥ kramāt |
maṇḍale kalpite śiṣyaṃ mūrtibhūtaṃ prakalpayet || 4.57 ||
Mit Shiva-Wasser und dem Waffenmantra, dann mit Asche und Kusha-Gras berühre man ihn der Reihe nach. Im bereiteten Mandala vergegenwärtige man den Schüler als göttlichen Körper.
4.58
upaviśya karanyāsaṃ nirdāhādyastrapūrvakam |
sabāhyābhyantaraṃ nyāsaṃ mantrasaṃdhānameva ca || 4.58 ||
Man setze sich und vollziehe den Hand-Nyasa, das innere Verbrennen und die übrigen mit dem Waffenmantra beginnenden Handlungen, den äußeren und inneren Nyasa und die Mantraverbindung.
4.59
śivahastaḥ pradātavyo dhyātvā devaṃ sujājvalam |
mūrdhni saṃpātayettejaḥ pāśāṅkuravināśanam || 4.59 ||
Die Shiva-Hand ist aufzulegen, nachdem man den Gott hell leuchtend meditiert hat. Auf den Scheitel lasse man die Lichtkraft fallen, die die Keime der Fesseln vernichtet.
4.60
utthāpya ca tato nītvā maṇḍalaṃ tu praveśayet |
vastraṃ saṃprokṣya toyena kavacenāvaguṇṭhayet || 4.60 ||
Dann richte man ihn auf, führe ihn herbei und lasse ihn das Mandala betreten. Ein Tuch besprenge man mit Wasser und umhülle es mit dem Panzer.
4.61
pūjayedgandhapuṣpādyair bhairaveṇābhimantrayet |
netre baddhā tu netreṇa puṣpaṃ pāṇau pradāpayet || 4.61 ||
Man verehre es mit Duftstoffen und Blumen, bespreche es mit Bhairava, verbinde ihm die Augen mit dem Augenmantra und gebe ihm eine Blume in die Hand.
4.62
akāmānnikṣipetpuṣpaṃ devasyābhimukhaṃ sthitaḥ |
puṣpapātavaśānnāma kuryādvai sādhakasya ca || 4.62 ||
Dem Gott zugewandt werfe er die Blume ohne persönliche Absicht. Nach dem Ort ihres Niederfallens gebe man dem Sadhaka seinen Namen.
4.63
mumukṣorgururicchātaḥ nāma vai sādhakasya vā |
mukhamudghāṭya taṃ śiṣyaṃ śivāya praṇipātayet || 4.63 ||
Dem Befreiungssuchenden oder auch dem Sadhaka kann der Guru nach seinem Ermessen den Namen geben. Man enthülle das Gesicht und lasse den Schüler sich vor Shiva verneigen.
4.64
pradakṣiṇamataḥ kṛtvā maṇḍalegnau praṇamya ca |
agnikuṇḍasamīpe tu ācāryaḥ paśunā saha || 4.64 ||
Nach der Rechtsumschreitung und Verneigung im Mandala und am Feuer begebe sich der Lehrer mit der gebundenen Seele zur Feuergrube.
4.65
ātmasavyetha digbhāge maṇḍalaṃ praṇavena tu |
pūrvannāḍisaṃdhānaṃ tad arthaṃ cāhutitrayam || 4.65 ||
Zu seiner Linken bilde er mit Om ein Mandala, vollziehe die Nadi-Verbindung wie zuvor und bringe dafür drei Opfergaben dar.
4.66
saṃpātābhihutiṃ kṛtvā aṇutarpaṇameva ca |
pūrṇāhutiṃ tato dattvā prāyaścittāni homayet || 4.66 ||
Nach der Opferrestspende und der Stärkung der Seele bringe man die Vollgabe dar und opfere die Sühnegaben.
4.67
dhāmnā cāṣṭaśataṃ paścāt pātayedāhutitrayam |
jātyuddhāre dhruveṇaiva dvijatvāpādane tathā || 4.67 ||
Nach hundertacht Opfergaben mit Dhama bringe man jeweils drei mit Om dar: zur Aufhebung der bisherigen Geburtszugehörigkeit und zur Herstellung des Zweimalgeborenseins.
4.68
bījāhāre tathā deśabhāvaśuddhau dvijo bhavet |
praṇavenāhutīstisro rudrāṃśāpādane tathā || 4.68 ||
Durch Reinigung von Samen, Nahrung, Herkunftsort und innerer Verfassung wird er zweimalgeboren. Drei Opfergaben mit Om dienen ebenso dazu, ihm Rudra-Anteil zu verleihen.
4.69
astreṇa prokṣayecchiṣyaṃ puṣpayuktena tāḍayet |
recakena tato gatvā śiṣyadehe viśeddhṛdi || 4.69 ||
Man besprenge den Schüler mit dem Waffenmantra und berühre ihn mit der zugehörigen Blume. Mit der Ausatmung gehe man in den Schülerkörper und trete in sein Herz ein.
4.70
oṃkārādi śivaṃ japtvā astramantraṃ phaḍantagam |
viśleṣakaraṇaṃ kṛtvā caitanyasya vidhānataḥ || 4.70 ||
Nach Wiederholung Shivas mit Om am Anfang und des Waffenmantras mit phaṭ am Ende vollziehe man vorschriftsgemäß die Ablösung seines Bewusstseins.
4.71
chedayedastramantreṇa kavacenāvaguṇṭhayet |
aṅkuśena samākṛṣya dvādaśānte tu kārayet || 4.71 ||
Mit dem Waffenmantra löse man es ab, mit dem Panzer umhülle man es, mit dem Haken ziehe man es heran und bringe es zum Dvadashanta.
4.72
tatrasthaḥ pudgalo grāhyaḥ saṃpuṭyaiva dhruveṇa tu |
saṃhāramudrayā samyak pūrakeṇa viśeddhṛdi || 4.72 ||
Das dort befindliche individuelle Selbst ist zu erfassen und mit Om zu umschließen. Durch die Auflösungs-Mudra und Einatmung führe man es richtig ins eigene Herz.
4.73
saṃskubhya sarasīkṛtya recayetpudgalaṃ punaḥ |
tyajantaṃ devatāṣaṭkaṃ tataścāpi svakaṃ padam || 4.73 ||
Man bewege das individuelle Selbst, lasse es mit dem eigenen Selbst eins werden und atme es wieder aus; dabei lässt es die sechs Gottheiten hinter sich und gelangt zu seinem eigenen Ort.
4.74
tatrasthaṃ pudgalaṃ gṛhya saṃpuṭya ca bhavena tu |
saṃhāramudrayoddhṛtya śiṣyasya hṛdi yojayet || 4.74 ||
Man erfasse das dort befindliche Selbst, umschließe es mit Bhava, hebe es mit der Auflösungs-Mudra heraus und verbinde es mit dem Herzen des Schülers.
4.75
bhairaveṇābhimantrya evam upavītaṃ śiśordadet |
ādhānādyāvadantyeṣṭiṃ dvijatve saṃskṛto bhavet || 4.75 ||
So mit Bhairava besprochen gebe man dem Kind die heilige Schnur. Von der Empfängnis bis zum Bestattungsritus gilt es damit als zum Zweimalgeborensein geweiht.
4.76
piṇḍasyāpādanaṃ jāteḥ āhutitritayena tu |
caitanyasyāpi saṃskāram ādhānāntyeṣṭitaḥ param || 4.76 ||
Durch jeweils drei Opfergaben erfolgt die Bildung des Körpers und seiner Geburtszugehörigkeit; auch die Weihe des Bewusstseins, von der Empfängnis bis über die Bestattung hinaus,
4.77
sūkṣmavijñānataḥ kṛtvā dvijatve saṃskṛto bhavet |
śatahomaṃ sahasraṃ vā hutvā pūrṇāhutiṃ tataḥ || 4.77 ||
vollziehe man durch feine Erkenntnis. So ist es zum Zweimalgeborensein geweiht. Nach hundert oder tausend Opfergaben folgt die Vollgabe.
4.78
samayī saṃskṛto hyevaṃ vacaneṣyārhatā bhavet |
śravaṇe 'dhyayane home pūjanādau tathaiva ca || 4.78 ||
So ist der Samayin geweiht und erhält Berechtigung zum Sprechen der Lehre, zum Hören, Studieren, Feueropfer und zur Verehrung.
4.79
caryādhyānaviśuddhātmā labhate padamaiśvaram |
atha dīkṣādhvaśuddhyarthaṃ bhuktimuktiphalārthinām || 4.79 ||
Durch Lebensführung und Meditation innerlich gereinigt erlangt er den göttlichen Zustand. Nun wird für diejenigen, die Genuss oder Befreiung wünschen,
4.80
vidhānamucyate sūkṣmaṃ pāśavicchattikārakam |
guruḥ saṃpṛcchate śiṣyaṃ dvividhaṃ phalakāṅkṣiṇam || 4.80 ||
die feine Vorschrift der Einweihung zur Reinigung des kosmischen Weges erklärt, die die Fesseln durchtrennt. Der Guru befrage den Schüler nach diesen beiden Arten gewünschter Frucht:
4.81
phalamākāṅkṣase yādṛk tādṛk sādhanamārabhe |
vāsanābhedataḥ prāptiḥ sādhyamantrapracoditā || 4.81 ||
„Welche Frucht du begehrst, deren Verwirklichung beginne ich.“ Das Erreichen wird durch die unterschiedliche innere Ausrichtung und den zu verwirklichenden Mantra bestimmt.
4.82
mantramudrādhvadravyāṇāṃ homaḥ sādhāraṇaḥ smṛtaḥ |
vāsanābhedato bhinnaḥ śiṣyāṇāṃ ca gurostathā || 4.82 ||
Das Opfer mit Mantras, Mudras, kosmischem Weg und Stoffen gilt als gemeinsam; verschieden ist es durch die innere Ausrichtung der Schüler und des Gurus.
4.83
sādhako dvividhastatra śivadharmyekataḥ sthitaḥ |
śivamantraviśuddhādhvā sādhyamantraniyojitaḥ || 4.83 ||
Der Sadhaka ist dabei zweifach. Der eine folgt dem Shiva-Weg; sein kosmischer Weg ist durch Shiva-Mantras gereinigt, und er ist dem zu verwirklichenden Mantra zugeordnet.
4.84
jñānavāṃścābhiṣiktaśca mantrārādhanatatparaḥ |
trividhāyāstu siddhervai so 'trārhaḥ śivasādhakaḥ || 4.84 ||
Er besitzt Wissen, ist geweiht und widmet sich der Mantraverehrung. Dieser Shiva-Sadhaka ist hier zur dreifachen Siddhi berechtigt.
4.85
dvitīyo lokamārgastha iṣṭāpūrtavidhau rataḥ |
karmakṛtphalamākāṅkṣañ śubhaikastho 'śubhojjhitaḥ || 4.85 ||
Der zweite steht auf dem weltbezogenen Weg, widmet sich Opfer- und gemeinnützigen Werken, handelt in Erwartung der Frucht und hält sich an das Gute, das Ungute meidend.
4.86
tasya kāryaṃ sadā mantrair aśubhāṃśavināśanam |
gṛhastho vā yatirvāsāv āśramaikatamasthitaḥ || 4.86 ||
Für ihn ist stets durch Mantras der ungünstige Anteil zu vernichten. Er kann Haushälter oder Entsagender sein, in einem der Lebensstände lebend.
4.87
mumukṣurdvividhaḥ prokto nirbījo bījavānpunaḥ |
bālabāliśavṛddhastrībhogabhugvyādhitātmanām || 4.87 ||
Der Befreiungssuchende wird zweifach genannt: ohne verbleibenden Samen oder mit Samen. Für Kinder, geistig wenig Befähigte, Alte, Frauen, Genießende und Kranke
4.88
eṣāṃ nirbījikā dīkṣā samayadivivarjitā |
vidvaddvandvasahānā tu sabījā kīrtitā priye || 4.88 ||
ist die samenlose Einweihung bestimmt, ohne die Einweihungsverpflichtungen. Für Kundige, die Gegensätze ertragen können, wird die Einweihung mit Samen gelehrt, Geliebte.
4.89
dīkṣānugrāhikā teṣāṃ samayācārasaṃyutā |
viśeṣasamayācārā mantrākhye ye prakīrtitāḥ || 4.89 ||
Ihre begnadende Einweihung ist mit Verpflichtungen und entsprechender Lebensführung verbunden. Die besonderen Verpflichtungen und Verhaltensregeln, die im Mantra-Zusammenhang gelehrt sind,
4.90
te 'tra pālyāḥ prayatnena mokṣasiddhimabhīpsatā |
sabījā sā tuvijñeyā putrakācāryayoḥ sthitā || 4.90 ||
sollen von dem, der Befreiung und Vollendung begehrt, sorgfältig gewahrt werden. Diese gilt als Einweihung mit Samen; sie betrifft Putraka und Acharya.
4.91
gṛhastho vāśramī vātha yatiḥ saṃkalpya dīkṣayet |
pāśasūtrakamādāya śiṣyadehe 'valambayet || 4.91 ||
Man bestimme, ob jemand Haushälter, einem Lebensstand Zugehöriger oder Entsagender ist, und weihe entsprechend ein. Die Fesselschnur nehme man und lasse sie am Schülerkörper herabhängen.
4.92
adhvānaṃ saṃdhayedagnau dhāmnā caiva vicakṣaṇaḥ |
kumbhamaṇḍalavahnisthaś cādhvātmasthaḥ śiśośca yaḥ || 4.92 ||
Mit Dhama verbinde der Kundige den kosmischen Weg im Feuer: den im Krug, Mandala und Feuer, den in ihm selbst und im Kind,
4.93
sūtrasthaścāpi caikatra adhvasaṃdhiḥ prakīrtitaḥ |
ṣaḍvidhasyādhvamārgasya sādhāraṇagatasya tu || 4.93 ||
und auch den im Faden zu einem einzigen. Dies wird Verbindung des kosmischen Weges genannt. Den gemeinsam anwesenden sechsfachen Weg
4.94
kuṇḍe saṃkalpya saṃśodhyamadhvasaṃdhau tu homayet |
mūlamantrāṣṭaśatikamadhvasaṃdhānahetutaḥ || 4.94 ||
vergegenwärtige man in der Grube als zu reinigen. Für seine Verbindung opfere man hundertachtmal mit dem Wurzelmantra.
4.95
adhvāvalokanaṃ paścād vyāpyavyāpakabhedataḥ |
bhuvanavyāptitā tattveṣv anantādiśivāntake || 4.95 ||
Danach betrachte man den Weg nach Durchdrungenem und Durchdringendem: Die Welten sind in den Prinzipien von Ananta bis Shiva enthalten.
4.96
vyāpakāni ca ṣaṭtriṃśat mantravarṇapadātmakāḥ |
tattvāntarbhāvinaḥ sarve vācyavācakayogataḥ || 4.96 ||
Die sechsunddreißig Prinzipien sind durchdringend; alle Mantras, Laute und Wörter sind durch das Verhältnis von Bezeichnetem und Bezeichnendem in ihnen enthalten.
4.97
kalāntarbhāvinaste vai nivṛttyādyāśca tāḥ smṛtāḥ |
hṛdādyā vācakāstāsāṃ bījāmantrāḥ prakīrtitāḥ || 4.97 ||
Diese wiederum sind in den Kalas enthalten, die Nivritti und die übrigen heißen. Herz und die folgenden Keimmantras werden als ihre sprachlichen Bezeichnungen gelehrt.
4.98
ekikasyāḥ kalāyāśca pṛthagvyāptiṃ vibhāvayet |
pṛthivyādikalā jñeyā brahmādyāḥ kāraṇāśca te || 4.98 ||
Die besondere Reichweite jeder Kala vergegenwärtige man gesondert. Die Kalas beginnen mit Erde; ihre Ursachen sind Brahma und die übrigen.
4.99
evaṃ vyāptiṃ bhāvayitvā adhvopasthāpanaṃ bhavet |
trirāhutiṃ dhruveṇaiva adhvaśuddhirato bhavet || 4.99 ||
Nach dieser Vergegenwärtigung der Reichweite erfolgt die Gegenwärtigsetzung des Weges mit drei Opfergaben durch Om. Darauf geschieht seine Reinigung.
4.100
agnau tu pūjite deve adhvanyāse kṛte sati |
tadeva pādādārabhya pṛthivyādikramānnyaset || 4.100 ||
Ist der Gott im Feuer verehrt und der Nyasa des Weges vollzogen, bringe man ihn dort von den Füßen an in der Reihenfolge von Erde aufwärts an.
4.101
dhāmādhiḥ praṇavādiśca nivṛttyai ca namaḥ punaḥ |
upasthāpanamantro 'yaṃ vyāptiṃ dhyātvādhvasaṃsthitām || 4.101 ||
Dhama und Om stehen am Anfang, darauf nivṛttyai und namaḥ. Dies ist das Gegenwärtigsetzungsmantra, wobei man die im Weg bestehende Reichweite meditiert.
4.102
nivṛttyabhyantare pṛthvī śatakoṭipravistarā |
tasyāṃ ca bhuvanānāṃ ca śatamaṣṭottarāvadhi || 4.102 ||
Innerhalb Nivrittis liegt die Erde, über hundert Kotis ausgedehnt; in ihr befinden sich hundertacht Welten.
4.103
aṣṭāviṃśatiḥ padāni varṇa eko 'tra saṃsthitaḥ |
mantrau dvāveva vijñeyau adhvaṣaṭkaṃ vibhāvayet || 4.103 ||
Achtundzwanzig Wörter, ein Laut und zwei Mantras sind dort zu erkennen. So vergegenwärtige man den sechsfachen Weg.
4.104
puṣpagandhādinā pūjya saṃnidhāvāhutitrayam |
māyīyā bhuvanākārā malāḥ karma ca saṃsthitāḥ || 4.104 ||
Nach der Verehrung mit Blumen, Duftstoffen und anderem bringe man drei Gaben zur Gegenwärtigsetzung dar. Dort bestehen die Maya-Fesseln in Gestalt der Welten sowie Mala und Karma.
4.105
śarīrabhuvanākārā māyīyāḥ parikīrtitāḥ |
bhogahetuśca karma syād abhilāṣo malo 'tra tu || 4.105 ||
Die Maya-Fesseln werden als Körper und Welten beschrieben. Karma ist Ursache der Erfahrung; Mala bezeichnet hier das Verlangen.
4.106
evaṃ pāśatrayaṃ bhāvyaṃ dīkṣāyāmadhvasaṃsthitam |
tadviśuddhyai ca dīkṣā ca kriyate sā yathāvidhi || 4.106 ||
So vergegenwärtige man bei der Einweihung die drei Fesseln im kosmischen Weg. Zu ihrer Reinigung wird die Einweihung nach Vorschrift vollzogen.
4.107
ādau śaktiṃ nyaseddevi kalātattvasamanvitām |
hṛdā saṃkalpya vāgīśīṃ vyāpikāṃ sarvayoniṣu || 4.107 ||
Zuerst bringe man Shakti mit Kalas und Tattvas an, o Göttin. Mit dem Herzmantra bilde man Vagishi als alle Mutterschöße durchdringend.
4.108
śatarudrādyanantāntaṃ yonayo vividhāḥ sthitāḥ |
samakālamṛtutvena vāgīśīṃ saṃnidhāpayet || 4.108 ||
Von den hundert Rudras bis Ananta bestehen verschiedene Geburtsstätten. In allen mache man Vagishi gleichzeitig als empfängnisbereit gegenwärtig.
4.109
dhruveṇa pūjayetpuṣpair gandhadhūpairanukramāt |
oṃkāreṇāhutistisro vāgīśīsaṃnidhāpane || 4.109 ||
Mit Om verehre man sie durch Blumen, Duftstoffe und Räucherwerk der Reihe nach. Drei Opfergaben mit Om bewirken die Gegenwart Vagishis.
4.110
śiṣyaṃ saṃprokṣya cāstreṇa tāḍayedastramuccaran |
recakenātmano gatvā chindyāttasyāsinā hṛdaḥ || 4.110 ||
Den Schüler besprenge man mit dem Waffenmantra und berühre ihn unter dessen Aussprechen. Mit der eigenen Ausatmung eintretend löse man mit dem Schwertmantra sein Selbst aus dem Herzen.
4.111
dhāmnākṛṣya tadātmānaṃ dvādaśānte nidhāpayet |
dhruveṇa tatsthaṃ saṃpuṭya caitanyaṃ mudrayātmani || 4.111 ||
Mit Dhama ziehe man dieses Selbst heran und setze es am Dvadashanta ab. Dort umschließe man das Bewusstsein mit Om und führe es mittels Mudra in sich hinein.
4.112
pūrayedbhairaveṇaiva kumbhayedrecayettataḥ |
dvādaśāntāttu saṃgṛhya yojayedbhavamudrayā || 4.112 ||
Mit Bhairava atme man es ein, halte es an und atme es wieder aus. Vom Dvadashanta erfasse man es und verbinde es durch die Entstehungs-Mudra.
4.113
ātmānamīśvaraṃ dhyātvā māyāṃ vāgīśvarīmapi |
saṃyojya tasyāṃ caitanyaṃ śarīrāṇyadhvani sṛjet || 4.113 ||
Man meditiere sich selbst als Ishvara und Maya als Vagishvari. In sie setze man das Bewusstsein ein und erschaffe Körper im kosmischen Weg.
4.114
prākkarmavāsanāśeṣaphalabhogatvahetave |
yugapadbhinnabhogāni deśakālaśarīrataḥ || 4.114 ||
Dies dient dem Erleben sämtlicher Früchte der Prägungen früheren Karmas: gleichzeitig verschiedene Erfahrungen, unterschieden nach Ort, Zeit und Körper.
4.115
mantraśaktyā vipacyante pudgalāśca tathāvidhāḥ |
bhinādehā visṛjyante garbhe vāgīśiyoniṣu || 4.115 ||
Durch die Kraft des Mantras reifen solche individuellen Verkörperungen heran; unterschiedliche Körper werden im Mutterschoß, in den Geburtsstätten Vagishis, hervorgebracht.
4.116
dhāmnā ca yojayitvā ca juhuyādāhutitrayam |
yugapatsarvagarbheṣu dehā vividharūpakāḥ || 4.116 ||
Nach der Verbindung mit Dhama bringe man drei Opfergaben dar. Gleichzeitig entstehen in allen Mutterschößen Körper verschiedenster Gestalt.
4.117
bhairavecchāsusaṃpannaḥ śatarudrādyanantagāḥ |
garbheṣu garbhaniṣpatti bhairaveṇāhutitrayam || 4.117 ||
Durch Bhairavas Willen sind sie vollständig entstanden, vom Bereich der hundert Rudras bis Ananta. Zur Vollendung der Embryonen bringe man drei Gaben mit Bhairava dar.
4.118
hutvā tu jananaṃ kāryaṃ punastenāhutitrayāt |
sarvayoniṣu dehāste yugapadvṛddhimāgatāḥ || 4.118 ||
Nach dem Opfer bewirke man die Geburt durch nochmals drei Opfergaben mit ihm. Diese Körper sind in allen Geburtsstätten gleichzeitig herangewachsen.
4.119
bhoganiṣpattaye karma vyāparasahakāraṇam |
tadabhāvānna bhogaḥ syāt tadarthaṃ mārjanaṃ smṛtam || 4.119 ||
Zur Entstehung der Erfahrung ist Karma eine mitwirkende Ursache der Tätigkeit. Ohne dieses gäbe es keine Erfahrung; deshalb ist das entsprechende Bereiten vorgesehen. [Vorlage mārjanam.]
4.120
arjite [ārjite] sati bhoktavyo bhogo duḥkhasukhātmakaḥ |
layaḥ paramayā prītyā sukhaduḥkhādike 'pyalam || 4.120 ||
Ist etwas erworben beziehungsweise angesammelt, muss die daraus bestehende Erfahrung von Leid und Freude erlebt werden. Aufgehen geschieht durch höchste Sättigung: mit Freude, Leid und anderem ist es genug. [Vorlage arjite mit Variante ārjite.]
4.121
tisṛbhistisṛbhirhomaṃ dhāmnaiva triṣu kārayet |
āhutīnāṃ śataṃ homyaṃ dhāmnā niṣkṛtaye punaḥ || 4.121 ||
Für die drei Vorgänge bringe man mit Dhama jeweils drei Opfergaben dar. Für die karmische Abgeltung opfere man anschließend hundertmal mit Dhama.
4.122
yatkarmabhogyarūpaṃ tu jātyāyurbhogalakṣaṇam |
niṣkṛtyante viśuddhyettad bhūlokasamavasthitam || 4.122 ||
Was als erfahrbares Karma durch Geburt, Lebensdauer und Erleben bestimmt ist und im irdischen Bereich besteht, wird am Ende der Abgeltung gereinigt.
4.123
saṃsārā daśacatvāraḥ saṃskārā aṣṭabhiḥ saha |
catvāriṃśad dvijatvāya vakṣyante bhuvanādhvani || 4.123 ||
Die vierzehn Daseinsformen sowie die achtundvierzig Samskaras zum Zweimalgeborensein werden beim Weltenweg erklärt. [saṃsārā im ersten Ausdruck ist auffällig.]
4.124
yonirbījaṃ tathā bhāva āhāro deśa eva ca |
eteṣāṃ śodhanaṃ devi rudrāṃśāpādanaṃ tathā || 4.124 ||
Mutterschoß, Samen, innere Verfassung, Nahrung und Herkunftsort: Diese werden gereinigt, o Göttin, ebenso erfolgt das Verleihen des Rudra-Anteils.
4.125
atrāvalokanaṃ kṛtvā niṣ.kṛtyāmeva śuddhyati |
viṣayā bhuvanākārā ye kecidbhogyarūpiṇaḥ || 4.125 ||
Nach entsprechender Betrachtung geschieht die Reinigung in der Abgeltung selbst. Welche Gegenstände auch immer in Weltengestalt als Erfahrbares bestehen,
4.126
bhuktakarmaphalāśeṣā niṣkṛtistena sā smṛtā |
viśleṣo niṣkṛterbhogāt bhogābhāve sa hi smṛtaḥ || 4.126 ||
deren Karmafrüchte werden restlos erlebt; daher heißt der Vorgang Abgeltung. Ablösung besteht nach der Abgeltung in der Freiheit von Erfahrung, wenn diese aufgehört hat.
4.127
bhoktṛtvaṃ viṣayāsaktir malakāryaṃ prakīrtitam |
bhoktṛtvābhāvastatraiva śarīreṇa tu yatkṛtam || 4.127 ||
Erfahrendsein und Anhaften an Gegenständen werden als Wirkung von Mala beschrieben. Ist jenes Erfahrendsein aufgehoben, so wird das, was durch den Körper bewirkt wurde,
4.128
viśleṣaḥ kriyate tasya paśormantraiḥ śivājñayā |
dhāmnā cāhutayastisro viśleṣakaraṇāya ca || 4.128 ||
für die gebundene Seele durch Mantras auf Shivas Geheiß abgelöst. Drei Opfergaben mit Dhama dienen dieser Ablösung.
4.129
āhutitritayaṃ dhāmnā pāśacchede 'pi dāpayet |
pāśā dehe tu māyīyāḥ kalādyā bhūtakāvadhi || 4.129 ||
Auch zum Durchtrennen der Fesseln gebe man drei Opfergaben mit Dhama. Die Maya-Fesseln im Körper reichen von Kala bis zu den Elementen.
4.130
śarīrakaraṇākārāḥ puruṣārthaprasiddhaye |
bhogābhāvādvipadyante śarīrāṇi sahasradhā || 4.130 ||
Sie haben die Gestalt von Körper und Werkzeugen und dienen der Verwirklichung der Zwecke der Seele. Wenn keine Erfahrung mehr aussteht, zerfallen die Körper tausendfach.
4.131
pāśacchede vidhistasya mantraiśca vidhicoditaiḥ |
evaṃ pāśatrayasyāpi viśleṣo dīkṣayocyate || 4.131 ||
Für ihr Durchtrennen gilt die Vorschrift mit den angeordneten Mantras. So wird durch Einweihung die Ablösung auch der drei Fesseln gelehrt.
4.132
śarīraśeṣabhaṅgena ekacaitanyabhāvanā |
pūrṇāhutiṃ śivenaiva vauṣaḍjātiyutena ca || 4.132 ||
Mit dem Zerbrechen aller Körperreste vergegenwärtige man ein einziges Bewusstsein. Man bringe eine Vollgabe mit Shiva und der Abschlussformel vauṣaṭ dar.
4.133
śuddhatattvāgrasaṃsthaṃ tac caitanyaṃ kanakaprabham |
uddhārāyāhutīstisraḥ punardhāmnā tu dāpayet || 4.133 ||
Dieses Bewusstsein steht goldglänzend am oberen Ende des gereinigten Prinzips. Zu seiner Heraushebung gebe man erneut drei Opfergaben mit Dhama.
4.134
tasmāt tattvādgṛhītvā tu caitanyaṃ malasaṃyutam |
mudrayā prāgvidhānena ātmasthaṃ pūrayedddhṛdi || 4.134 ||
Aus diesem Prinzip nehme man das noch mit Mala verbundene Bewusstsein und atme es mit der Mudra nach der früheren Vorschrift in das eigene Herz ein.
4.135
kumbhitvā recya saṃgṛhya dvādaśāntād dhruveṇa tu |
śiṣyadehe niveśyaitan nāḍīrandhreṇa pūrvavat || 4.135 ||
Nach Anhalten und Ausatmen erfasse man es vom Dvadashanta mit Om und setze es wie zuvor durch die Höhlung der Nadi in den Schülerkörper ein.
4.136
tatsthīkaraṇahetvarthaṃ dhāmnā caivāhutitrayam |
kalāśuddhyavasāne tu brahmāṇaṃ kāraṇādhipam || 4.136 ||
Zu seiner Festigung dort bringe man drei Opfergaben mit Dhama dar. Am Ende der Kala-Reinigung rufe man Brahma, den Herrn der Ursache,
4.137
svanāmapraṇavāhvānapūrvaṃ saṃtarpya cārpayet |
śabdasparśo tyajet tasmin dhruvādyau nāmasaṃyutau || 4.137 ||
mit seinem Namen und Om herbei, stärke ihn und bringe ihm dar. Laut und Berührung lasse man bei ihm zurück, mit Om beginnend und ihren Namen verbunden.
4.138
svāhākāraprayogena tau brahmaṇi nivedayet |
tisṛbhistisṛbhirhomāt puryaṣṭāṃśaṃ nivedayet || 4.138 ||
Mit svāhā bringe man beide Brahma dar. Durch jeweils drei Opfergaben übergebe man ihm den entsprechenden Anteil der achtgliedrigen feinen Struktur.
4.139
āmantraṇavibhaktyā tu śrāvaṇāṃ tasya kārayet |
brahmāṇaṃ pūjayitvā tu homaṃ kṛtvā visarjayet || 4.139 ||
Mit der Anredeform teile man ihm den Auftrag mit. Nach Verehrung Brahmas und Feueropfer entlasse man ihn.
4.140
dhruveṇābhyarcya vāgīśīṃ saṃtarpya ca visarjayet |
hutvāvalokayettatra viśuddhaṃ pāśajālakam || 4.140 ||
Vagishi verehre man mit Om, stärke und entlasse sie. Nach dem Opfer betrachte man dort das gereinigte Netz der Fesseln.
4.141
prākkarmabhāvikasyātha abhāvaṃ bhāvayettadā |
mumukṣornirapekṣatvāt prārabdhrekaṃ na śodhayet || 4.141 ||
Dann vergegenwärtige man die Abwesenheit früheren und zukünftigen Karmas. Für den Befreiungssuchenden, der nichts mehr erwartet, reinige man allein das bereits wirksam gewordene Karma nicht.
4.142
sādhakasya tu bhūtyarthaṃ prākkarmaikaṃ tu śodhayet |
prākkarmāgāmi caikasthaṃ bhāvayitvā ca dīkṣayet || 4.142 ||
Für den Sadhaka reinige man zur Erlangung von Kräften vom früheren Karma den einen Anteil. Früheres und künftiges Karma vergegenwärtige man zusammen und weihe ihn ein. [Kṣemarāja bezieht den ersten Satz auf den unguten Anteil des bereits körperwirksamen Karmas. Das sonstige frühere und künftige Karma wird gereinigt, wobei die für die Mantraverehrung erforderlichen Handlungen erhalten bleiben.]
4.143
śivadharmiṇyasau dīkṣā lokadharmiṇyato 'nyathā |
prāktanāgamikasyāpi adharmakṣayakāriṇī || 4.143 ||
Dies ist die Einweihung des Shiva-Weges. Anders die des weltbezogenen Weges: Sie vernichtet das Unrechte im früheren und im zukünftigen Karma.
4.144
lokadharmiṇyasau jñeyā mantrārādhanavarjitā |
prārabdhadehabhede tu bhuṅkte sa hyaṇimādikān || 4.144 ||
Als weltbezogen gilt diese Einweihung ohne Mantraverehrung. Beim Zerfall des durch begonnenes Karma getragenen Körpers genießt der Eingeweihte Anima und die übrigen Kräfte.
4.145
bhuktvā vrajedūrdhvaṃ guruṇā yatra yojitaḥ |
sakale niṣkale vāpi śiṣyācāryavaśādbhaved || 4.145 ||
Nach deren Genuss steigt er dorthin auf, wohin ihn der Guru verbunden hat: zum gegliederten oder ungegliederten Zustand, je nach Schüler und Lehrer.
4.146
nirvāṇe 'pi sabījāyāṃ karmābhāvādvipadyate |
samayācārapāśaṃ hi dīkṣitaḥ pālayettu yaḥ || 4.146 ||
Auch bei der auf Nirvana gerichteten Einweihung mit Samen gerät der Eingeweihte durch das Unterlassen der vorgeschriebenen Handlungen zu Fall. Deshalb soll er die bindenden Verpflichtungen und Verhaltensregeln bewahren. [Kṣemarāja versteht karma hier als die auszuführenden Pflichthandlungen und vipadyate als zeitweiligen Rückfall.]
4.147
taṃ pāśaṃ naiva śuddhyeta sā sabījā prakīrtitā |
samayācārapāśaṃ tu nirbījāyāṃ viśodhayet || 4.147 ||
Diese Fessel wird dabei nicht gereinigt; daher heißt sie Einweihung mit Samen. Bei der samenlosen reinige man auch die Fessel der Verpflichtungen und Lebensregeln.
4.148
dīkṣāmātreṇa muktiḥ syād bhakrimātrādguroḥ sadā |
sadyonirvāṇadā dīkṣā nirbījā sā dvitīyakā || 4.148 ||
Durch die Einweihung allein, verbunden mit beständiger Hingabe an den Guru, erfolgt Befreiung. Eine zweite samenlose Einweihung gewährt unmittelbares Nirvana.
4.149
atītanāgatārabdhapāśatrayaviyojikā |
dīkṣāvasāne śuddhiḥ syād dehatyāge paraṃ padam || 4.149 ||
Sie trennt von den drei Fesseln vergangenen, zukünftigen und bereits begonnenen Karmas. Mit Abschluss der Einweihung erfolgt Reinigung, beim Verlassen des Körpers der höchste Zustand.
4.150
evaṃ bhāvānusāreṇa śiṣyāṇāṃ guruṇā sadā |
phalaṃ tu vividhākāraṃ niṣpādyeta sudīkṣayā || 4.150 ||
So soll der Guru entsprechend der inneren Ausrichtung der Schüler durch eine richtig vollzogene Einweihung jeweils unterschiedliche Früchte hervorbringen.
4.151
acintyā mantraśaktirvai parameśamukhodbhavā |
kriyā kāle prayoktavyā guruṇā bhaktipūrvikā || 4.151 ||
Unfassbar ist die Kraft des Mantras, die dem Mund des höchsten Herrn entspringt. Zur rechten Zeit soll der Guru die Handlung mit Hingabe anwenden.
4.152
viṣāṇamiva pāśānāṃ mantraiḥ kavalanaṃ dhruvam |
karoti mantratattvajñaḥ śivāveśī guruḥ kṣaṇāt || 4.152 ||
Wie Gifte verschlingt der von Shiva erfüllte Guru, der die Wahrheit des Mantras kennt, mittels Mantras die Fesseln gewiss in einem Augenblick. [Die Übersetzung folgt KSTS viṣāṇām, Gifte; die TXT-Vorlage hat viṣāṇam.]
4.153
kalāsaṃdhānakaṃ kuryāc chuddhāśuddhadvirūpagam |
śuddhamuccārayedhrasvam aśuddhaṃ dīrghameva ca || 4.153 ||
Man vollziehe die Verbindung der Kalas in ihrer reinen und unreinen Gestalt. Die reine spreche man kurz, die unreine lang aus.
4.154
ekatvaṃ bhāvayitvā tu līnaṃ śuddhaṃ vibhāvayet |
praṇavādinivṛttistu pratiṣṭhā tadanantaram || 4.154 ||
Man vergegenwärtige die Einheit und denke den gereinigten Anteil als aufgegangen. Nach Om nenne man Nivritti, danach Pratishtha,
4.155
namaskārastadante tu kalāsaṃdhānakaṃ smṛtam |
āvāhya sthāpya saṃpūjyāhutīstisraḥ prapātayet || 4.155 ||
am Ende den Gruß: Dies ist die Verbindung der Kalas. Man rufe herbei, setze ein, verehre und bringe drei Opfergaben dar.
4.156
kalāsaṃdhānametaddhi vyāptiṃ tasyāvalokayet |
gulphādārabhya nābhyantaṃ śiṣyadehe 'dhvakalpanam || 4.156 ||
Dies ist die Kala-Verbindung; man betrachte ihre Reichweite. Im Schülerkörper bilde man den kosmischen Weg von den Knöcheln bis zum Nabel.
4.157
pratiṣṭhāyā bhavedvyāptiś caturviṃśatitattvikā |
ṣaṭpañcāśadbhuvanikā trayoviṃśativarṇikā || 4.157 ||
Pratishtha umfasst vierundzwanzig Prinzipien, sechsundfünfzig Welten und dreiundzwanzig Laute.
4.158
jñeyaikaviṃśatipadā trimantrā ca vidhīyate |
mukhyā hyete smṛtāḥ pāśāḥ sūkṣmānantarvibhāvayet || 4.158 ||
Sie hat einundzwanzig Wörter und drei Mantras. Diese gelten als die Hauptfesseln; die feinen vergegenwärtige man darin.
4.159
anyattantraprasiddhiṃ tu tanmātrendriyaśodhanam |
ṣaṭkośānviṣayān pañca tadantarbhāvayetsadā || 4.159 ||
Auch die in anderen Tantras gelehrte Reinigung der feinen Sinnesqualitäten und Sinne, die sechs Hüllen und die fünf Gegenstände denke man stets darin enthalten.
4.160
viśeṣasthāpanaṃ kṛtvā pūjyā gandhādibhistataḥ |
bhairaveṇāhutīstisraḥ tasyā vāgīśikalpanā || 4.160 ||
Nach der besonderen Einsetzung verehre man mit Duftstoffen und weiteren Gaben. Drei Opfergaben mit Bhairava dienen ihr; dann bilde man Vagishi für sie.
4.161
svanāmāvāhanādyasya ardhahomādi pūrvavat |
prokṣaṇaṃ tāḍanaṃ cheda ākarṣagrahaṇe tathā || 4.161 ||
Anrufung mit ihrem Namen, Ehrenwasser, Feueropfer und anderes geschehen wie zuvor, ebenso Besprengen, Berühren, Durchtrennen, Heranziehen und Erfassen.
4.162
dhāmnāpūrya kumbhayitvā chittvātha grāhayetpunaḥ |
yojanaṃ garbhadhāritvaṃ jananaṃ pūrvavatkramāt || 4.162 ||
Mit Dhama atme man ein und halte an; nach dem Ablösen erfasse man erneut. Verbindung, Schwangerschaft und Geburt erfolgen wie zuvor der Reihe nach.
4.163
aiśvarīṃ mūrtimāsthāya tāḍanādīni kārayet |
adhikārasthathā bhogo layo niṣkṛtireva ca || 4.163 ||
In der Gestalt Ishvaras vollziehe man Berühren und die übrigen Handlungen; Übernahme der Zuständigkeit, Erfahrung, Aufgehen und Abgeltung
4.164
śivarūpeṇa kartavyāḥ niṣkṛtiḥ śirasā punaḥ |
viśleṣaśca hṛdā homyaḥ pāśacchedastathāsinā || 4.164 ||
sind in Shiva-Gestalt auszuführen. Die Abgeltung erfolgt wiederum mit dem Kopfmantra, die Ablösung durch Opfer mit dem Herzmantra, das Durchtrennen der Fesseln mit dem Schwert.
4.165
pūrṇāhutisamuddhāraṃ pūrvavadbhairaveṇa tu |
sadāśivatanau sthitvā viśleṣādīni kārayet || 4.165 ||
Vollgabe und Heraushebung geschehen wie zuvor mit Bhairava. Im Körper Sadashivas stehend vollziehe man Ablösung und die weiteren Handlungen.
4.166
ātmasthaṃ pūrakeṇaiva tatsthaṃ recakavṛttitaḥ |
svanāmnoccārayedviṣṇuṃ dhyātvāvāhya tu sthāpayet || 4.166 ||
Durch Einatmung setze man in sich ein, durch Ausatmung an dessen Ort. Vishnu rufe man mit seinem Namen, meditiere ihn, rufe ihn herbei und setze ihn ein.
4.167
pūjayetpuṣpagandhādyaiḥ tarpaṇāhutitrayam |
rasaṃ puryaṣṭakāṃśaṃ tu arpayedviṣṇave sadā || 4.167 ||
Man verehre ihn mit Blumen und Duftstoffen und stärke ihn mit drei Opfergaben. Den Geschmack, einen Anteil der achtgliedrigen feinen Struktur, übergebe man Vishnu.
4.168
visarjayettato viṣṇuṃ vāgīśīṃ ca visarjayet |
kalāsaṃdhiryathāpūrvaṃ hrasvadīrghaprayogataḥ || 4.168 ||
Dann entlasse man Vishnu und Vagishi. Die Verbindung der Kalas geschieht wie zuvor durch kurze und lange Aussprache.
4.169
abhāvaṃ bhāvayettasmin pāśajāle tvanantake |
kalādvayavinirmuktaḥ paśurūrdhvagamotsukaḥ || 4.169 ||
Man vergegenwärtige das Nichtmehrbestehen des endlosen Fesselnetzes. Die Seele, von zwei Kalas befreit, strebt nach dem Aufstieg.
4.170
tasyedānīṃ tṛtīyasyāṃ vidyāyāṃ yojya śodhayet |
sthāpayitvā saṃpūjya juhuyādāhutitrayam || 4.170 ||
Nun verbinde man sie mit der dritten, Vidya, und reinige sie. Nach Einsetzung und Verehrung bringe man drei Opfergaben dar.
4.171
evaṃ tu saṃmukhīkṛtya prāgivādhvāvalokanam |
puṃstattvādyāvanmāyāntaṃ vidyāyā vyāptiriṣyate || 4.171 ||
So zugewandt betrachte man den kosmischen Weg wie zuvor. Vidyas Reichweite gilt vom Purusha-Prinzip bis zur Maya.
4.172
sapta tattvāni bhuvanasaptaviṃśatireva ca |
padaviṃśatirākhyātā varṇāḥ sapta prakīrtitāḥ || 4.172 ||
Sie umfasst sieben Prinzipien, siebenundzwanzig Welten, zwanzig Wörter und sieben Laute.
4.173
mantrau dvau ṣaḍvidhādhvānaṃ jñātvā vāgīśikalpanam |
praṇavena samāvāhya vyāpinīṃ sarvayoniṣu || 4.173 ||
Dazu zwei Mantras. Nach Erkenntnis des sechsfachen Weges bilde man Vagishi und rufe sie mit Om als alle Geburtsstätten durchdringend herbei.
4.174
samakālamṛtutvena dhyātvā saṃpūjya tarpayet |
tataḥ śivāmbhasā śiṣyaṃ prokṣya cāstreṇa tāḍayet || 4.174 ||
Man meditiere sie überall gleichzeitig als empfängnisbereit, verehre und stärke sie. Dann besprenge man den Schüler mit Shiva-Wasser und berühre ihn mit dem Waffenmantra.
4.175
tenaiva cāstrabhūtena huṃphaṭkārayutena tu |
ātmano revakenaiva śiṣyadehe viśeddhṛdi || 4.175 ||
Mit demselben, als Waffe gedachten und mit huṃ phaṭ verbundenen Mantra trete man durch die eigene Ausatmung in den Schülerkörper und sein Herz ein.
4.176
astramantreṇa saṃchedya viśeṣāśleṣyāstreṇa karṣayet |
dvādaśāntāttu saṃgṛhya ātmasthaṃ pūrvavatkuru || 4.176 ||
Mit dem Waffenmantra löse man ab und ziehe mit der besonderen anhaftenden Waffe heran. Vom Dvadashanta erfasse man und setze wie zuvor in sich selbst ein. [viśeṣāśleṣyāstreṇa ist unsicher.]
4.177
pūrakeṇātha saṃkumbhya recayitvā tu yojayet |
pūrvavaddvyāpakaṃ tasya caitanyaṃ sarvayoniṣu || 4.177 ||
Nach Einatmung und Anhalten atme man aus und verbinde. Wie zuvor denke man sein Bewusstsein als alle Geburtsstätten durchdringend.
4.178
yogādyaṃ layaparyantaṃ dhāmnā caivātra pūrvavat |
śikhayā śatahomāttu vidyāyā niṣkṛtirbhavet || 4.178 ||
Von der Verbindung bis zum Aufgehen geschehe alles wie zuvor mit Dhama. Hundert Opfergaben mit dem Haarschopfmantra bewirken die Abgeltung in Vidya.
4.179
praṇavādi tato rudram āvāhya sthāpya pūjayet |
tato 'sya vinyaseddevi gandharūpe dhruvāhutī || 4.179 ||
Danach rufe man Rudra mit Om zu Beginn herbei, setze ihn ein und verehre ihn. Geruch und Gestalt bringe man ihm durch Om-Opfergaben dar, o Göttin.
4.180
puryaṣakāṃśaṃ vinyasya visarjya rudradevatām |
vāgīśīṃ ca visarjyaivaṃ kalāsaṃdhiśca pūrvavat || 4.180 ||
Nach Übergabe dieses Anteils der achtgliedrigen Struktur entlasse man Rudra und Vagishi. Dann erfolgt die Kala-Verbindung wie zuvor.
4.181
hrasvadīrghavibhāgena vidyāṃ śāntau niyojayet |
saṃdhānārthaṃ tu mūlena juhuyādāhutitrayam || 4.181 ||
Mit kurzer und langer Aussprache verbinde man Vidya mit Shanti. Für die Verbindung bringe man drei Opfergaben mit dem Wurzelmantra dar.
4.182
svanāmnāvāhanaṃ śānter vidhipūrvaṃ nivedanam |
prameyabhāvanāṃ kṛtvā pūjayet kusumādibhiḥ || 4.182 ||
Shanti rufe man vorschriftsgemäß mit ihrem Namen herbei und bringe dar. Nachdem man den Erkenntnisgegenstand vergegenwärtigt hat, verehre man mit Blumen.
4.183
trirāhutiṃ tu mūlena vidyātattvātsadāśivam |
tattvānāṃ tritaye vyāptir varṇānāṃ traya eva ca || 4.183 ||
Drei Opfergaben erfolgen mit dem Wurzelmantra. Die Reichweite umfasst von Vidya bis Sadashiva drei Prinzipien und ebenso drei Laute.
4.184
padaikādaśikā jñeyā purāṇi daśa sapta ca |
mantrau dvau ṣaḍvidho 'dhvaivaṃ mukhyāḥ pāśā ime smṛtāḥ || 4.184 ||
Elf Wörter, siebzehn Welten und zwei Mantras sind zu erkennen. So besteht der sechsfache Weg; dies sind die Hauptfesseln.
4.185
sūkṣmapāśānanekāṃśca tadantarbhāvayetsadā |
vagīśīṃ kalpayettatra pūrveṇa vidhināhutiḥ || 4.185 ||
Zahlreiche feine Fesseln vergegenwärtige man stets darin. Dort bilde man Vagishi; die Opfergabe folgt der früheren Vorschrift.
4.186
pūjanaṃ mūlamantreṇa tataḥ prokṣaṇatāḍanam |
chedākarṣagrahaṃ caiva yogadhāritvajanma ca || 4.186 ||
Nach der Verehrung mit dem Wurzelmantra folgen Besprengen, Berühren, Durchtrennen, Heranziehen, Erfassen, Verbindung, Schwangerschaft und Geburt.
4.187
adhikārastathā bhogo layo vai pūrvavadbhavet |
sarve te mūlamantreṇa āhutitritayena tu || 4.187 ||
Zuständigkeit, Erfahrung und Aufgehen geschehen wie zuvor, alles mit dem Wurzelmantra und jeweils drei Opfergaben.
4.188
niṣkṛtau śatahomaṃ tu kavacena tu kārayet |
viśleṣaṃ pāśachedaṃ tu kuryādastreṇa daiśikaḥ || 4.188 ||
Für die Abgeltung opfere man hundertmal mit dem Panzermantra. Ablösung und Durchtrennen der Fesseln vollziehe der Lehrer mit dem Waffenmantra.
4.189
uddhārakaraṇātmasthatatsthīkārānbhavena tu |
svanāmnā praṇavādyena īśamāvāhya pūjayet || 4.189 ||
Herausheben, Einsetzen in sich und an dessen Ort geschehen mit Bhava. Isha rufe man mit seinem Namen und Om zu Beginn herbei und verehre ihn.
4.190
saṃpūjya hutvā saṃtarpya buddhyahaṃkṛtidyaṃśakam |
svanāmnā praṇavādyaṃ tu svāhānte buddhimarpayet || 4.190 ||
Nach Verehrung, Opfer und Stärkung übergebe man die beiden Anteile Buddhi und Ahamkara. Buddhi bringe man mit Om, ihrem Namen und svāhā dar.
4.191
ahaṃkāraṃ tathāpyevaṃ hutvedaṃ kṣamayettataḥ |
vāgīśīṃ pūjayitvā tu tarpayitvā visarjayet || 4.191 ||
Ebenso Ahamkara. Nach diesem Opfer bitte man um Nachsicht. Vagishi verehre und stärke man und entlasse sie.
4.192
kalāsaṃdhānakaṃ pūrvaṃ śāntyatīte tu yojayet |
hrasvadīrghavibhāgena juhuyādāhutitrayam || 4.192 ||
Die Kala-Verbindung erfolge wie zuvor, nun mit Shantyatita. Mit kurzer und langer Aussprache bringe man drei Opfergaben dar.
4.193
dhruveṇa tattvasaṃdhānaṃ kartavyaṃ vidhivedinā |
kalopasthāpanaṃ paścād dhruveṇa juhuyātpriye || 4.193 ||
Der Vorschriftskundige soll die Verbindung der Prinzipien mit Om vollziehen. Danach folgt die Gegenwärtigsetzung der Kala durch Opfer mit Om, Geliebte.
4.194
trirāhutiprayogeṇa svanāmapadamuccaran |
śāntyatītāṃ samāvāhya sthāpayetpūjayetpunaḥ || 4.194 ||
Mit drei Opfergaben und ihrem eigenen Namen rufe man Shantyatita herbei, setze sie ein und verehre sie erneut.
4.195
vyāptimālokya cādhvasthāṃ śivatattvagatāśca ye |
bindurnādastathā śaktiḥ śivatattve vyavasthitāḥ || 4.195 ||
Man betrachte ihre im kosmischen Weg bestehende Reichweite und das zum Shiva-Prinzip Gehörende: Bindu, Nada und Shakti sind im Shiva-Prinzip enthalten.
4.196
padamekaṃ mantra eko varṇāḥ ṣoḍaśa kīrtitāḥ |
bhuvanāni tu sūkṣmāṇi śāntyatīte tu bhāvayet || 4.196 ||
Ein Wort, ein Mantra und sechzehn Laute werden genannt. Die feinen Welten vergegenwärtige man in Shantyatita.
4.197
śodhanīyā varārohe yāvatte śivaraśmayaḥ |
śivasyordhve śivo jñeyo yatra yukto na jāyate || 4.197 ||
Shivas Strahlen sind zu reinigen, soweit sie reichen, o du von schönem Wuchs. Oberhalb dieses Shiva ist Shiva zu erkennen, mit dem verbunden man nicht wieder geboren wird.
4.198
ṣaḍadhvā caikato jñeyaḥ tasya saṃkhyāṃ punaḥ śṛṇu |
kalāśca pañca vijñeyās tattvaṣaṭtriśadeva tu || 4.198 ||
Den sechsfachen Weg soll man als Einheit erkennen. Höre nochmals seine Zahlen: fünf Kalas und sechsunddreißig Tattvas,
4.199
sacaturviṃśati jñeyaṃ bhuvanānāṃ śatadvayam |
ekāśītipadānyatra varṇārdhaśatikā smṛtā || 4.199 ||
zweihundertvierundzwanzig Welten, einundachtzig Wörter und fünfzig Laute.
4.200
mantrā ekādaśā jñeyā ityetaccādhvamaṇḍalam |
etasmiñśuddhimāpane muktimāpnoti dīkṣitaḥ || 4.200 ||
Elf Mantras sind zu erkennen: Dies ist der Kreis des kosmischen Weges. Ist er gereinigt, erlangt der Eingeweihte Befreiung.
4.201
dhruveṇāvāhya vāgīśīṃ vinyaset pūrvavaddhutiḥ |
saṃpūjya kusumādayistu tadyonau pūrvavatpaśum || 4.201 ||
Man rufe Vagishi mit Om herbei und setze sie ein; das Opfer geschehe wie zuvor. Nach Verehrung mit Blumen setze man die Seele wie zuvor in ihren Mutterschoß.
4.202
dhruveṇa sarvaṃ kartavyaṃ jananādilayāntakam |
niṣ.kṛtau śatahomaṃ tu mūlamantreṇa kalpayet || 4.202 ||
Alles von Geburt bis Aufgehen ist mit Om auszuführen. Für die Abgeltung bringe man hundert Opfergaben mit dem Wurzelmantra dar.
4.203
viśleṣapāśacchedābhyāṃ prāgvatkuryāddhruveṇa tu |
graheṇātmasthatatsthatvaṃ praṇavena paśoḥ smṛtam || 4.203 ||
Ablösen und Durchtrennen der Fesseln vollziehe man wie zuvor mit Om. Erfassen und Einsetzen der Seele in sich sowie an deren eigenen Ort geschehen mit Om.
4.204
sadāśivamathāvāhya mūlamantraṃ samuccaran |
namaskāreṇa saṃsthāpya puṣpaiḥ saṃpūjya tarpayet || 4.204 ||
Dann rufe man Sadashiva unter Aussprechen des Wurzelmantras herbei, setze ihn mit dem Gruß ein, verehre ihn mit Blumen und stärke ihn.
4.205
manaḥ puryaṣṭakāṃśaṃ tu vinyasetkāraṇeśvare |
praṇavādi samuccārya manaḥsaṃjñāṃ namastathā || 4.205 ||
Manas, den Anteil der achtgliedrigen Struktur, setze man beim Herrn der Ursache ein; man spreche Om, den Namen Manas und namaḥ.
4.206
vinyasya pūjayetpaścāt saṃjñāsvāhāntameva ca |
āhutitritayaṃ hutvā puryaṣṭāṃśādviśuddhyati || 4.206 ||
Nach dem Einsetzen verehre man; dann spreche man den Namen mit svāhā am Ende. Durch drei Opfergaben erfolgt Reinigung von diesem Anteil der achtgliedrigen Struktur.
4.207
tato visarjayeddevaṃ kāraṇaṃ ca sadāśivam |
puṣpādibhiḥ samabhyarcya vāgīśīṃ tadanantaram || 4.207 ||
Dann entlasse man den Gott Sadashiva als Ursache. Anschließend verehre man Vagishi mit Blumen und weiteren Gaben.
4.208
tā tu saṃpūjya saṃtarpya vijñāpyā bhaktibhāvitā |
kṣamasva devadeveśi paśvarthaṃ kheditā mayā || 4.208 ||
Nach Verehrung und Stärkung richte man voller Hingabe an sie die Bitte: „Verzeih, Herrin der Götter; für die gebundene Seele habe ich dich bemüht.
4.209
idānīṃ noparoddhavyaṃ gaccha devi svaviṣṭapam |
visarjyaivaṃ kalā bhāvyā śāntyatītā layaṃ gatā || 4.209 ||
Nun sollst du nicht länger aufgehalten werden. Gehe, Göttin, an deinen eigenen Ort.“ Nach dieser Entlassung denke man Shantyatita als aufgegangen.
4.210
svaśaktyādhāraparyante susūkṣmābhāvasaṃsthite |
ātmatattvavibhāgena dhāmnā vai juhuyācchatam || 4.210 ||
Bis an die Grenze ihrer eigenen Shakti-Grundlage ruht sie im überaus feinen Zustand jenseits gegenständlicher Bestimmung. Für den Atma-Tattva-Bereich opfere man hundertmal mit Dhama.
4.211
saśaboccārayogena ātmatattve tu homayet |
māyātattvāvadhi jñeyaṃ daiśikena mahādhvare || 4.211 ||
Im Atma-Tattva vollziehe man das Opfer mit hörbarem Aussprechen. Im großen Opfer soll der Lehrer diesen Bereich als bis zur Maya reichend erkennen.
4.212
vidhivaikalyakarmārthaṃ prāyaścittaviśuddhaye |
vidyātatve tu hotavyaṃ śatamaṣṭottaraṃ priye || 4.212 ||
Zur Reinigung durch Sühne für Fehler im rituellen Vollzug sind im Vidya-Tattva hundertacht Gaben zu opfern, Geliebte.
4.213
upāṃśūccarayogena vidyātattve tu homayet |
sadāśivāntamadhvānaṃ vidyātattvaṃ vinirdiśet || 4.213 ||
Im Vidya-Tattva opfere man mit leiser Aussprache. Den kosmischen Weg bis Sadashiva bezeichne man als Vidya-Tattva.
4.214
mantroccaravolomena prāyaścittaṃ tu yadbhavet |
tadviśuddhyai sa homaḥ syād vidyātattve tu yaḥ kṛtaḥ || 4.214 ||
Welche Sühne wegen verkehrter Mantra-Aussprache nötig ist, deren Reinigung dient das im Vidya-Tattva vollzogene Opfer.
4.215
manovijñānavaikalyāt prāyaścittaṃ tu yadbhavet |
tacchuddhyarthaṃ śive tattve mūlamantreṇa homayet || 4.215 ||
Welche Sühne wegen Mängeln des Denkens und Erkennens nötig ist, zu deren Reinigung opfere man im Shiva-Tattva mit dem Wurzelmantra,
4.216
mānasena prayogena śaktyante 'dhvani saṃsthitam |
tattvatrayaviśuddhyante śikhācchedaṃ tu kalpayet || 4.216 ||
und zwar geistig, im kosmischen Weg bis zum Ende der Shakti. Nach Reinigung der drei Prinzipien bereite man das Abschneiden des Haarschopfs vor.
4.217
adhvāntasthāṃ parāṃ śāntām anaupamyāmanāmayām |
vyāpinīṃ sarvatattvānāṃ sarvakāraṇakāraṇam || 4.217 ||
Man meditiere die am Ende des kosmischen Weges ruhende höchste, friedvolle, unvergleichliche, leidfreie Kraft, die alle Prinzipien durchdringt und Ursache aller Ursachen ist,
4.218
dhyātvā śiśoḥ śikhāgre tu puṣpāgre jalabinduvat |
kartarīṃ śikhayāmantrya śikhayā cchedayecchikhām || 4.218 ||
an der Spitze des Haarschopfs des Kindes wie einen Wassertropfen an einer Blütenspitze. Die Schere bespreche man mit dem Haarschopfmantra und schneide damit den Haarschopf ab.
4.219
śikhāṃ samarpya cānyasya nirgacchetsa saśiṣyakaḥ |
snānaṃ samācarecchiṣyaḥ gurorācamanaṃ bhavet || 4.219 ||
Diesen gebe man einem anderen und gehe mit dem Schüler hinaus. Der Schüler soll baden, der Guru rituell Wasser schlürfen.
4.220
snānamuddhūlanaṃ vātha ācaretsvecchayā guruḥ |
praviśya sakalīkṛtya pūrṇayā juhuyācchikhām || 4.220 ||
Nach eigenem Ermessen kann der Guru auch baden oder sich mit Asche bestäuben. Wieder eingetreten statte er sich mit Mantragliedern aus und opfere den Haarschopf mit der Vollgabe.
4.221
hutvā nirgamya cācamyākṣālya sruksruvakartarīḥ |
praviśya sakalīkṛtya śivahastānupūjanam || 4.221 ||
Nach dem Opfer gehe er hinaus, schlürfe Wasser und wasche Opferkellen und Schere. Wieder eingetreten vollziehe er die Mantraglieder-Ausstattung und Verehrung der Shiva-Hand.
4.222
tatastu maṇḍale paścāt pūjayetparameśvaram |
puṣpādibhiraśeṣaistu tato vijñāpayecchivam || 4.222 ||
Danach verehre er im Mandala den höchsten Herrn mit sämtlichen Blumengaben und erkläre Shiva:
4.223
bhagavaṃstvatprasādena adhvaṣṭakavyavasthitam |
paśuṃ saṃgṛhya saṃśodhya śikhācchedāvasānakam || 4.223 ||
„Erhabener, durch deine Gnade habe ich die im sechsfachen Weg befindliche gebundene Seele erfasst und gereinigt bis zum Abschneiden des Haarschopfs.
4.224
tvanmukhoktavidhānaṃ tu leśato vartitaṃ mayā |
tvacchaktyaiva tu gantavyam āśu dhruvapadaṃ śivam || 4.224 ||
Die aus deinem Mund hervorgegangene Vorschrift habe ich in begrenztem Maß vollzogen. Durch deine Kraft allein ist der beständige, heilvolle Zustand rasch zu erreichen.
4.225
idānīṃ yojane karma tavājñānuvidhāyinaḥ |
ājñā me dīyatāṃ nātha śiṣyaṃ saṃyojayāmyaham || 4.225 ||
Nun folgt die Handlung der Vereinigung für den, der deinem Gebot folgt. Gib mir die Erlaubnis, Herr, damit ich den Schüler vereinige.“
4.226
labdhānujñātamātmānaṃ prahṛṣṭo nirgataḥ purāt |
ardhahasto vrajedagnim śiṣyamāhūya prokṣayet || 4.226 ||
Sich als ermächtigt wissend gehe er freudig aus dem heiligen Bezirk zum Feuer, Ehrenwasser in der Hand; er rufe den Schüler herbei und besprenge ihn.
4.227
pūrvavaccāsanasthasya sakalīkaraṇādikam |
antaḥkaraṇavinyāsaṃ nāḍīsaṃdhānapūrvakam || 4.227 ||
Am auf seinem Sitz befindlichen Schüler vollziehe er wie zuvor die Ausstattung mit Mantragliedern und die innere Anordnung, beginnend mit der Nadi-Verbindung.
4.228
pūjanaṃ tarpaṇaṃ cāgnau mantrāṇāṃ ca śivasya ca |
daśabhāgavibhāgena yathā dravyānusārataḥ || 4.228 ||
Verehrung und Stärkung Shivas und der Mantras im Feuer erfolgen mit den Zehntelanteilen, entsprechend den verfügbaren Opferstoffen.
4.229
mantrānsaṃśodhayetpaścāt sakalīkaraṇe sthitān |
sakṛdāhutiyogena adhikāro vivarjyatām || 4.229 ||
Dann reinige man die Mantras, die bei der Ausstattung mit Mantragliedern eingesetzt wurden, durch jeweils eine Opfergabe: Ihre Zuständigkeit soll aufgehoben werden.
4.230
sakalīkaraṇatvena na kadācitpaśoḥ punaḥ |
yojanīyaṃ prayogaṃ tu adhunā kathayāmi te || 4.230 ||
Sie sollen die Seele nicht nochmals als gegliederten Körper bestimmen. Nun erkläre ich dir die Anwendung zur Vereinigung.
4.231
jñātvā cārapramāṇaṃ tu prāṇasaṃcārameva ca |
ṣaḍvidhādhvavibhāgaṃ tu prāṇaikatra yathāsthitam || 4.231 ||
Man kenne das Maß des Verlaufs, die Bewegung des Prana und die Gliederung des sechsfachen kosmischen Weges, wie er im einen Prana besteht.
4.232
haṃsoccāraṃ tu varṇaiśca kāraṇatyāgameva ca |
śūnyaṃ samarasaṃ jñeyaṃ tyāgaṃ saṃyogamudbhavam || 4.232 ||
Man kenne die Haṃsa-Lautäußerung mit den Lauten, das Verlassen der Ursachen, die Leere und die Gleichheit des Geschmacks, das Loslassen, die Verbindung und das Hervorgehen,
4.233
bhedanaṃ ca padārthānāṃ bhāvaprāptivaśātpunaḥ |
ātmavidyāśivavyāptim evaṃ jñātvā tu yojayet || 4.233 ||
das Durchdringen der Bedeutungsstufen entsprechend dem Erlangen der Zustände sowie die Reichweite von Atma, Vidya und Shiva. In dieser Kenntnis vollziehe man die Vereinigung.
4.234
tadvibhāgaṃ pravakṣyāmi yathā jñāyeta tattvataḥ |
ṣaṭtriṃśadaṅgulaścāro hṛtpadmādyāvaśaktitaḥ || 4.234 ||
Ihre Gliederung werde ich erklären, damit sie wahrheitsgemäß erkannt wird. Der Verlauf misst sechsunddreißig Fingerbreiten, vom Herzlotus bis zur Shakti.
4.235
tuṭiṣoḍaśamānena kālena kalitaḥ priye |
saṃcarantaṃ vibhāgena yathāvattaṃ śṛṇuṣva me || 4.235 ||
Er wird durch eine Zeit von sechzehn Trutis bemessen, Geliebte. Höre von mir richtig, wie er sich gegliedert bewegt.
4.236
hṛtpadmādyāvadayanaṃ bhāgamekaṃ tyajettu saḥ |
nāsikāgre dvitīyaṃ tu śaktyante tu tṛtīyakam || 4.236 ||
Vom Herzlotus bis zum als Ayana bezeichneten Gaumenbereich lege Prana den ersten Abschnitt zurück, bis zur Nasenwurzel den zweiten und bis zum Ende der Shakti den dritten. [Kṣemarāja erläutert ayana hier als Gaumenbereich und nāsikāgra als Nasenwurzel beziehungsweise Brauenmitte; die Angaben bezeichnen die innere Atembahn.]
4.237
tatrastho vinivarteta yāvattattvaṃ na vindati |
vidite tu pare tattve tatrastho 'pi na bādhyate || 4.237 ||
Dort kehrt er um, solange er das höchste Prinzip nicht erkennt. Ist das höchste Prinzip erkannt, wird er selbst dort ruhend nicht gebunden.
4.238
śaktyā cādho yadā gacched abudhastu tadā bhavet |
hṛdgataḥ punaruttiṣṭhed budhyamānaḥ sa ucyate || 4.238 ||
Geht er von der Shakti abwärts, heißt er unerwacht. Im Herzen angelangt steigt er wieder auf und wird erwachend genannt.
4.239
śaktiṃ prāpya budho jñeyaḥ vyāpinyaṃśe prabuddhatā |
atītaḥ suprabuddhastu unmanastvaṃ tadā bhavet || 4.239 ||
An der Shakti angelangt gilt er als erwacht, im Anteil Vyapinis als voll erwacht. Darüber hinaus ist er vollkommen erwacht; dann besteht der Zustand jenseits des Geistes.
4.240
na kālo na kalā cāro na tattvaṃ naca kāraṇam |
sunirvāṇaṃ paraṃ śuddhaṃ gurupāramparāgatam || 4.240 ||
Dort gibt es weder Zeit noch Kala, weder Verlauf noch begrenztes Prinzip noch Ursache: vollkommenes, höchstes, reines Nirvana, durch die Guru-Überlieferung vermittelt.
4.241
tadvoditvā vimucyeta gatvā bhūyo na jāyate |
adhvaṣṭkaṃ yathā prāṇe saṃsthitaṃ kathayāmi te || 4.241 ||
Wer es erkennt, wird befreit; dorthin gelangt, wird er nicht wieder geboren. Nun erkläre ich dir, wie der sechsfache Weg im Prana besteht.
4.242
āpādānmūrdhaparyantaṃ citeḥ saṃvedanaṃ hi yat |
bhuvanādhvā sa vijñeyas tattvādhvā ca tathaiva hi || 4.242 ||
Das Gewahrsein des Bewusstseins von den Füßen bis zum Scheitel ist als Weltenweg zu erkennen und ebenso als Prinzipienweg.
4.243
kalākalitasaṃtānaḥ prāṇaḥ saṃcarate sadā |
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca adhobhāge pravartike || 4.243 ||
Prana bewegt sich stets in einer durch Kalas gegliederten Folge. Nivritti und Pratishtha wirken im unteren Abschnitt,
4.244
vidyā śāntistathā cordhve śāntyatītā tvadhiṣṭhikā |
tadatītaḥ paro bhāvaḥ tadūrdhvam. padamavyayam || 4.244 ||
Vidya und Shanti im oberen; Shantyatita liegt darüber. Jenseits davon besteht der höchste Zustand, darüber die unvergängliche Stätte.
4.245
evaṃ bindukalā jñeyā nādaśaktyātmikāśca yāḥ |
vyāpinyādyātmikā yāśca vyāpyavyāpakabhedataḥ || 4.245 ||
Ebenso sind die Kalas des Bindu sowie jene aus Nada und Shakti und jene von Vyapini an nach Durchdrungenem und Durchdringendem zu erkennen.
4.246
prāṇaikasaṃsthitāḥ sarvāḥ ṣaṭtyāgātsaptame layaḥ |
kalādhvaivaṃ samākhyāto varṇādhvānaṃ nibodha me || 4.246 ||
Alle ruhen im einen Prana. Durch das Verlassen von sechs erfolgt das Aufgehen im siebten. So ist der Kala-Weg erklärt; höre den Lautweg.
4.247
varṇāḥ śabdātmakāḥ sarve jagatyasmiṃścarācare |
sthitāḥ pañcaśatā bhedaiḥ śāstreṣvānantyakoṭiṣu || 4.247 ||
Alle Laute bestehen aus Klang in dieser Welt des Beweglichen und Unbeweglichen. In fünfzig Grundformen entfalten sie sich in unzähligen Kotis von Schriften. [Eine Koti entspricht zehn Millionen. Die Zahl fünfzig folgt KSTS pañcāśatā; die TXT-Vorlage hat pañcaśatā.]
4.248
śabdātprāṇaḥ samākhyātas tasmādvarṇāstu prāṇataḥ |
utpadyante layaṃ yānti yatra śabdo layaṃ gataḥ || 4.248 ||
Prana wird aus dem Klang hergeleitet; aus Prana entstehen daher die Laute. Sie gehen dort auf, wo der Klang zum Aufgehen gelangt ist.
4.249
śabdātīto varārohe tattvena saha yujyate |
yuktaḥ sarvagato devi dharmādharmavivarjitaḥ || 4.249 ||
Jenseits des Klanges, o du von schönem Wuchs, vereinigt man sich mit der Wirklichkeit. Vereinigt ist man allgegenwärtig, o Göttin, frei von rechtem und unrechtem Handeln.
4.250
nādho nirīkṣate bhūyaḥ śivatattvaṃ gato yadā |
adho vai yātyadharmeṇa dharmeṇordhvaṃ vrajetpunaḥ || 4.250 ||
Wer zum Shiva-Prinzip gelangt ist, blickt nicht wieder hinab. Durch unrechtes Handeln geht man abwärts, durch rechtes wieder aufwärts.
4.251
vijñānena dvayaṃ tyaktvā sarvagastu bhavediha |
varṇādhvaivaṃ samākhyātaḥ padādhvā procyate 'dhunā || 4.251 ||
Wer durch Erkenntnis beides hinter sich lässt, wird hier allgegenwärtig. So ist der Lautweg erklärt; nun wird der Wortweg gelehrt.
4.252
ekāśītipadānyeva vidyārājasthitānyapi |
varṇātmakāni tānyatra varṇāḥ prāṇātmakāḥ sthitāḥ || 4.252 ||
Die einundachtzig Wörter, die auch im Vidyaraja bestehen, sind hier aus Lauten gebildet; die Laute bestehen aus Prana.
4.253
tasmādevaṃ padānyatra tāni prāṇakrameṇa tu |
padādhvaivaṃ samākhyātaḥ mantrādhvānaṃ nibodha me || 4.253 ||
Deshalb folgen diese Wörter hier der Folge des Prana. So ist der Wortweg erklärt; höre den Mantraweg.
4.254
mantrikādaśikā yā tu sā ca haṃse vyavasthitā |
padikādaśikā sā ca prāṇe carati nityaśaḥ || 4.254 ||
Die Elfergruppe der Mantras ruht im Haṃsa. Diese Elfergruppe von Stufen bewegt sich beständig im Prana.
4.255
akāraśca ukāraśca makāro bindureva ca |
ardhacandro nirodhī ca nādo nādānta eva ca || 4.255 ||
A, u, m, Bindu, Halbmond, Nirodhin, Nada und Nadanta,
4.256
śaktiśca vyāpinī caiva samanaikādaśī smṛtā |
unmanā ca tato 'tītā tadatītaṃ nirāmayam || 4.256 ||
Shakti, Vyapini und als elfte Samana werden genannt. Unmana liegt darüber, jenseits davon das Leidfreie.
4.257
mantrā evaṃ sthitāḥ prāṇe haṃsoccārastathocyate |
hakārastu smṛtaḥ prāṇaḥ svapravṛtto halākṛtiḥ || 4.257 ||
So bestehen die Mantras im Prana. Nun wird die Haṃsa-Lautäußerung erklärt: Ha gilt als Prana, aus eigenem Antrieb tätig und von Pfluggestalt.
4.258
akāreṇa yadā yukta ukāracaraṇena tu |
makāramātrayā yukto varṇoccāro bhavetsphuṭaḥ || 4.258 ||
Wenn es mit a, mit u als Fuß und mit dem Lautmaß des m verbunden ist, entsteht eine deutliche Lautäußerung.
4.259
binduḥ śiraḥsamāyogāt susvaratvaṃ prapadyate |
nādo 'sya vadanaṃ proktaḥ vadanaṃ śabdamīrayet || 4.259 ||
Durch Verbindung mit Bindu als Kopf erlangt es guten Klang. Nada wird sein Mund genannt; der Mund lässt den Laut hervortreten.
4.260
anenaiva ca yogena haṃsaḥ puruṣa ucyate |
brahmaviṣṇvīśamārgeṇa caranvai sarvajantuṣu || 4.260 ||
Durch eben diese Verbindung wird Haṃsa Purusha genannt; auf dem Weg von Brahma, Vishnu und Isha bewegt er sich in allen Lebewesen.
4.261
śaktitattve layaṃ yāti vijñānenordhvatāṃ vrajet |
vyāpinīṃ samanāṃ tyaktvā vrajedunmanayā śivam || 4.261 ||
Er geht im Shakti-Prinzip auf; durch Erkenntnis steigt er höher. Vyapini und Samana hinter sich lassend gelangt er durch Unmana zu Shiva.
4.262
śivatattvagato haṃso na caret vyāpako bhavet |
haṃsoccāraḥ samākhyātaḥ kāraṇaiśca samanvitaḥ || 4.262 ||
Im Shiva-Prinzip bewegt sich Haṃsa nicht mehr, sondern ist alldurchdringend. So ist die Haṃsa-Lautäußerung samt den Ursachen erklärt.
4.263
hakāraḥ prāṇaśaktyātmā akāro brahmavācakaḥ |
hṛdi tyāgo bhavettasya ukāro viṣṇuvācakaḥ || 4.263 ||
Ha besteht aus der Kraft des Prana, a bezeichnet Brahma; dessen Verlassen geschieht im Herzen. U bezeichnet Vishnu.
4.264
kaṇṭhe tyāgo bhavettasya makāro rudravācakaḥ |
tālumadhye tyajettaṃ tu binduścaiveśvaraḥ svayam || 4.264 ||
Dessen Verlassen geschieht am Hals. M bezeichnet Rudra; ihn lasse man in der Gaumenmitte zurück. Bindu ist Ishvara selbst.
4.265
tyāgastatra bhruvormadhye nāde vācyaḥ sadāśivaḥ |
lalāṭānmūrdhaparyantaṃ tyāgastasya vidhīyate || 4.265 ||
Dessen Verlassen geschieht zwischen den Brauen. Nada bezeichnet Sadashiva; sein Verlassen wird vom Stirnbereich bis zum Scheitel vollzogen.
4.266
śaktivyāpinīsamanās tāsāṃ vācyaḥ śivo 'vyayaḥ |
mūrdhamadhye tyajecchaktiṃ tadūrdhve vyāpinīṃ tyajet || 4.266 ||
Shakti, Vyapini und Samana bezeichnen den unvergänglichen Shiva. In der Scheitelmitte lasse man Shakti zurück, darüber Vyapini.
4.267
samanāṃ unmanāṃ tyaktvā ṣaṭtyāgātsaptame layaḥ |
sūkṣmasūkṣmatarairbhāvair evamevaṃ tyajetpriye || 4.267 ||
Nach dem Verlassen von Samana und Unmana erfolgt durch das Verlassen von sechs das Aufgehen im siebten. So lasse man mit immer feineren Zuständen los, Geliebte.
4.268
sthūlasthūlatarairbhāvair nānāsiddhiphalapradaiḥ |
sūkṣmo 'tyantaṃ paro bhāvas tv abhāvaḥ sa vidhīyate || 4.268 ||
Den gröberen und noch gröberen Zuständen gehören unterschiedliche Siddhi-Früchte an. Der überaus feine höchste Zustand wird Abhava, Jenseits gegenständlichen Seins, genannt.
4.269
unmanā tvaparo bhāvaḥ sthūlastasyāparo mataḥ |
tasyāparaṃ punaḥ śūnyaṃ saṃsparśaṃ ca tato 'param || 4.269 ||
Unmana ist ein niedrigerer Zustand; gröber gilt der darunterliegende. Darunter folgt wiederum Leere, darunter Berührung,
4.270
śabdo jyotiḥ tato mantrāḥ kāraṇā bhuvanāni ca |
pañcabhūtātmabhuvanaṃ kāraṇaiḥ samadhiṣṭhitam || 4.270 ||
dann Klang, Licht, Mantras, Ursachen und Welten: die aus fünf Elementen bestehende Welt, von den Ursachen beherrscht.
4.271
bhuvanaṃ cintayedyastu vakṣyamāṇaikarūpakam |
bhuvaneśatvamāpnoti śivaṃ dhyātvā tu tanmayaḥ || 4.271 ||
Wer eine Welt in ihrer noch zu beschreibenden Gestalt meditiert, erlangt Herrschaft über diese Welt; wer Shiva meditiert, wird von ihm erfüllt.
4.272
brahmādikāraṇānāṃ ca sādhane vigrahaṃ smaran |
pūrvoktalakṣaṇaṃ yaśca tanmayatvamavāpnuyāt || 4.272 ||
Wer bei der Verwirklichung Brahmas und der übrigen Ursachen an deren zuvor beschriebene Gestalt denkt, erlangt deren Wesensart.
4.273
mantriśca mantrasiddhistu japahomārcanādbhavet |
pūrvoktarūpakadhyānāt siddhyantyatra na saṃśayaḥ || 4.273 ||
Mantra-Vollendung entsteht für Mantrapraktizierende durch Japa, Feueropfer und Verehrung. Durch Meditation der zuvor beschriebenen Gestalten gelangen sie hier ohne Zweifel zur Vollendung.
4.274
jyotirdhyānāttu yogīndro yogasiddhimavāpnuyāt |
tanmayatvaṃ yadāpnoti yogināmadhipo bhavet || 4.274 ||
Durch Lichtmeditation erlangt der Herr der Yogis Yoga-Vollendung. Wenn er von ihr ganz erfüllt wird, wird er Herr der Yogis.
4.275
śabdadhyānācca śabdātmā vāṅmayāpūrako bhavet |
sparśadhyānācca sparśātmā jagataḥ kāraṇaṃ bhavet || 4.275 ||
Durch Klangmeditation wird er klanggestaltig und erfüllt die Welt der Sprache. Durch Meditation der Berührung wird er berührungsgestaltig und zur Ursache der Welt.
4.276
śūnyadhyānācca śūnyātmā vyāpī sarvagato bhavet |
samanadhyānayogena yogī sarvajñatāṃ vrajet || 4.276 ||
Durch Meditation der Leere wird er leerheitsgestaltig, alldurchdringend und allgegenwärtig. Durch Meditation auf Samana gelangt der Yogi zur Allwissenheit.
4.277
unmanyā tu paraṃ sūkṣmam abhāvaṃ bhāvayetsadā |
sarvendriyamanotītas tv alakṣyo 'bhāva ucyate || 4.277 ||
Durch Unmana vergegenwärtige man stets den höchsten, feinen Abhava. Jenseits sämtlicher Sinne und des Geistes, nicht als Gegenstand erfassbar, wird er Abhava genannt.
4.278
abhāvaṃ bhāvyaṃ bhāvena bhāvaṃ kṛtvā nirāśrayam |
sarvopādhivinirmuktam abhāvaṃ labhate padam || 4.278 ||
Man vergegenwärtige Abhava durch innere Sammlung und mache diese Sammlung ohne Stütze. Von allen begrenzenden Bestimmungen frei erlangt man den Abhava-Zustand.
4.279
eṣa te kāraṇatyāgaḥ kālatyāgaṃ nibodha me |
tuṭiṣoḍaśasaṃyuktaḥ prāṇastu samudāhṛtaḥ || 4.279 ||
Dies ist das Verlassen der Ursachen. Höre nun das Verlassen der Zeit: Prana wurde als mit sechzehn Trutis verbunden beschrieben.
4.280
tuṭadvayaṃ samāśritya ekaiko bhairavaḥ sthitaḥ |
ahorātravibhāgena kurvantyudayameva te || 4.280 ||
Je ein Bhairava ruht in zwei Trutis. Nach der Unterscheidung von Tag und Nacht bewirken sie ihr Aufgehen.
4.281
navamastu paro devaḥ tejasastūdayanti te |
sarvaṃ kālaṃ tyajetprāṇe yathāvatkathayāmi te || 4.281 ||
Der neunte ist der höchste Gott; aus seiner Lichtkraft gehen sie hervor. Wie man im Prana alle Zeit hinter sich lässt, erkläre ich dir richtig.
4.282
tuṭayaḥ ṣoḍaśaivoktāḥ kālasya karaṇaṃ tu tāḥ |
tadādiḥ saṃsthitaḥ kālaḥ sarvaṃ carati vāṅmayam || 4.282 ||
Sechzehn Trutis sind genannt; sie bilden die Grundlage der Zeit. Mit ihnen beginnt die Zeit, und die gesamte sprachliche Offenbarung bewegt sich darin.
4.283
tuṭirlavo nimeṣaśca kāṣṭhā caiva kalā tathā |
muhūrtaścāpyahorātraḥ pakṣo māsa ṛtustathā || 4.283 ||
Truti, Lava, Nimesha, Kashtha, Kala, Muhurta, Tag und Nacht, Mondhälfte, Monat und Jahreszeit,
4.284
ayanaṃ vatsaraścaiva yugaṃ manvantaraṃ tathā |
kalpaścaiva mahākalpaḥ śaktyante taṃ parityajet || 4.284 ||
Halbjahr, Jahr, Yuga, Manvantara, Kalpa und Mahakalpa: Diese lasse man am Ende der Shakti zurück.
4.285
vyāpinyante paraḥ kālaḥ sa tadaṅgī tyajettu tam |
sa ca saptadaśo jñeyaḥ parārdhaparataḥ sthitaḥ || 4.285 ||
Am Ende Vyapinis liegt die höhere Zeit als ihr Träger; auch sie lasse man zurück. Sie gilt als die siebzehnte, jenseits eines Parardha bestehend.
4.286
so 'pi cāṣṭādaśo devi samanānte tu taṃ tyajet |
sarvakālaṃ tu kālasya vyāpakaḥ paramo 'vyayaḥ || 4.286 ||
Auch eine achtzehnte gibt es, o Göttin; sie lasse man am Ende Samanas zurück. Der höchste Unvergängliche durchdringt alle Zeiten und die Zeit selbst.
4.287
unmanyante pare yojyo na kālastatra vidyate |
nityo nityodito vyāpī ādirūpaṃ na saṃtyajet || 4.287 ||
Am Ende Unmanas vereinige man mit dem Höchsten; dort gibt es keine Zeit. Ewig, stets offenbar und alldurchdringend gibt er seine ursprüngliche Natur nicht auf.
4.288
taṃ ca nityoditaṃ prāpya tanmayo jāyate sadā |
kālatyāgo bhavedevaṃ śūnyabhāvastvathocyate || 4.288 ||
Hat man den stets Offenbaren erreicht, wird man für immer von ihm erfüllt. So geschieht das Verlassen der Zeit. Nun wird der Zustand der Leere erklärt.
4.289
ūrdhvaśūnyamadhaḥśūnyaṃ madhyaśūnyaṃ tṛtīyakam |
śūnyatrayaṃ calaṃ hyetat tadadho madhya ūrdhvataḥ || 4.289 ||
Obere Leere, untere Leere und als dritte mittlere Leere: Diese drei sind beweglich, unten, in der Mitte und oben.
4.290
caturthaṃ vyāpinīśūnyaṃ samanāyāṃ ca pañcamam |
unmanāyāṃ tathā ṣaṣṭhaṃ ṣaḍete sāmayāḥ sthitāḥ || 4.290 ||
Die vierte ist die Leere Vyapinis, die fünfte liegt in Samana, die sechste in Unmana. Diese sechs bestehen noch mit begrenzenden Bedingungen.
4.291
tattvenādhiṣṭhitāḥ sarve sāmayā api siddhidāḥ |
ṣaṭ śūnyāni parityajya saptame tu layaṃ kuru || 4.291 ||
Alle sind von der Wirklichkeit erfüllt und gewähren selbst als bedingte Zustände Siddhi. Die sechs Leeren lasse zurück und gehe in der siebten auf.
4.292
tacchūnyaṃ tu paraṃ sūkṣmaṃ sarvāvasthāvivarjitam |
aśūnyaṃ śūnyamityuktaṃ śūnyaṃ cābhāva ucyate || 4.292 ||
Diese Leere ist höchst fein und frei von allen Zustandsbestimmungen. Sie wird nichtleere Leere genannt; die Leere heißt auch Abhava.
4.293
abhāvaḥ sa samuddiṣṭo yatra bhāvāḥ kṣayaṃ gatāḥ |
sattāmātraṃ paraṃ śāntaṃ tatpadaṃ kimapi sthitam || 4.293 ||
Als Abhava ist bezeichnet, worin die einzelnen Seinszustände erloschen sind. Jene unaussprechliche Stätte besteht als reines Sein, höchst friedvoll.
4.294
yatra yatra ca nādādisthūlā anye 'pi saṃsthitāḥ |
tatra tatra paraṃ śūnyaṃ sarvaṃ vyāpya vyavasthitam || 4.294 ||
Wo auch immer Nada und andere gröbere Zustände bestehen, dort besteht die höchste Leere, alles durchdringend.
4.295
tadeva bhavati sthūlaṃ sthūlopādhivaśātpriye |
sthūlasūkṣmaprabhedena tadekaṃ saṃvyavasthitam || 4.295 ||
Durch grobe Begrenzungen erscheint eben sie als grob, Geliebte. Nach grob und fein unterschieden besteht dennoch jenes Eine.
4.296
tatprāpya tanmayatvaṃ ca labhate nātra saṃśayaḥ |
śūnyabhāvaḥ samākhyātaḥ sāmarasyaṃ nibodha me || 4.296 ||
Wer es erreicht, erlangt ohne Zweifel dessen Wesensart. Der Zustand der Leere ist erklärt; höre nun Samarasya, die Einheit des Geschmacks.
4.297
ātmanyekaḥ samaraso mantre jñeyo dvitīyakaḥ |
tṛtīyaṃ nāḍigaṃ kuryāc chaktau kuryāccaturthakam || 4.297 ||
Die erste Gleichwerdung geschieht im Selbst, die zweite im Mantra; die dritte vollziehe man in der Nadi, die vierte in der Shakti.
4.298
vyāpinyāṃ pañcamaṃ proktaṃ samanāyāṃ tu ṣaṣṭhakam |
tātvaḥ samaraso devi saptamastu vidhīyate || 4.298 ||
Die fünfte ist in Vyapini gelehrt, die sechste in Samana; die siebte, o Göttin, betrifft die Wirklichkeit selbst.
4.299
śiṣyātmānaṃ tu saṃgṛhya pūrvoktavidhinā kramāt |
paścādātmani saṃyojya lolībhūtaṃ vicintayet || 4.299 ||
Man erfasse das Selbst des Schülers der Reihe nach gemäß der früheren Vorschrift, verbinde es danach mit sich selbst und denke es als verschmolzen.
4.300
pūrakaṃ kumbhakaṃ kṛtvā samānena nirodhayet |
yāvatyo nāḍayo devi tiryagūrdhvamadhaḥsthitāḥ || 4.300 ||
Nach Einatmung und Atemanhalten halte man durch Samana fest. Alle Nadis, o Göttin, die quer, aufwärts und abwärts verlaufen,
4.301
samānena samākṛṣṭā ekībhūtā bhavanti tāḥ |
tāsu ye vāyavaste 'pi prāṇe samarasīgatāḥ || 4.301 ||
werden durch Samana zusammengezogen und zu einer Einheit. Auch die Winde in ihnen gehen im Prana in Gleichheit auf.
4.302
nāḍayastu suṣumnāyām ekībhūtā vyavasthitāḥ |
tato vai uccarenmantraḥ nāde līnaṃ vicintayet || 4.302 ||
Die Nadis bestehen in Sushumna zu einer Einheit geworden. Dann lasse man den Mantra aufsteigen und denke sein Aufgehen im Nada.
4.303
mantra ātmā tathā nāḍī evaṃ samarasībhavet |
vāmadakṣiṇamadhye tu tato nādaṃ pramocayet || 4.303 ||
Mantra, Selbst und Nadi werden so von einem Geschmack. Dann lasse man Nada zwischen links und rechts in der Mitte frei.
4.304
setubandhaṃ ca taṃ mārgaṃ yatra gatvā na jāyate |
brahmā viṣṇuśca rudraśca īśvaraḥ śiva eva ca || 4.304 ||
Dieser Weg ist der Brückenbau; wer ihn gegangen ist, wird nicht wieder geboren. Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Shiva
4.305
ete 'tra samatāṃ yānti anyathā tu pṛthak pṛthak |
tasminsamuccarennādaṃ yāvacchaktau layaṃ gataḥ || 4.305 ||
gelangen hier zur Gleichheit, während sie sonst gesondert bestehen. Auf diesem Weg lasse man Nada aufsteigen, bis er in Shakti aufgeht.
4.306
śaktimadhyagato nādaḥ śaktyātmā tu vidhīyate |
sarvaṃ śaktimayaṃ tatra sarvaṃ samarasībhavet || 4.306 ||
Der in Shakti eingegangene Nada gilt als Shakti selbst. Dort besteht alles aus Shakti; alles wird von einem Geschmack.
4.307
tadūrdhvaṃ vyāpinīṃ prāpya sarvaṃ tanmayatāṃ vrajet |
samantādvyāpnuyādyasmād vyāpinītyabhidhīyate || 4.307 ||
Darüber erreicht man Vyapini, und alles wird von ihr erfüllt. Weil sie nach allen Seiten durchdringt, heißt sie Vyapini, die Durchdringende.
4.308
tadūrdhvaṃ samanāṃ vyāpya tanmayatvaṃ vrajetpunaḥ |
sā ca sarvagatā jñeyā sāmarasyena saṃsthitā || 4.308 ||
Darüber durchdringe man Samana und erlange wiederum deren Wesensart. Sie ist als allgegenwärtig und in gleicher Wesensnatur bestehend zu erkennen.
4.309
ṣaṣṭhaṃ samarasaṃ tyaktvā saptamaṃ tu tato vrajet |
taṃ prāpya tanmayatvaṃ hi nātra kāryā vicāraṇā || 4.309 ||
Die sechste Gleichwerdung hinter sich lassend gelange man zur siebten. Wer sie erreicht, wird von ihr erfüllt; daran soll kein Zweifel bestehen.
4.310
sa ca sarveṣu bhūteṣu bhāvatatvendriyeṣu ca |
sthāvaraṃ jaṅgamaṃ caiva cetanācetanasthitam || 4.310 ||
Sie besteht in allen Wesen, Seinszuständen, Prinzipien und Sinnen, in Unbeweglichem und Beweglichem, Bewusstem und Unbewusstem.
4.311
adhvānaṃ vyāpya sarvaṃ tu sāmarasyena saṃsthitaḥ |
prasahya cañcalītyeva yogināmapi yanmanaḥ || 4.311 ||
Den gesamten kosmischen Weg durchdringend ruht sie in gleicher Wesensnatur. Selbst der Geist der Yogis wird sonst gewaltsam in Unruhe versetzt.
4.312
yasya jñeyamayo bhāvaḥ sthiraḥ pūrṇaḥ samantataḥ |
mano na calate tasya sarvāvasthāgatasya tu || 4.312 ||
Wessen innerer Zustand jedoch aus der zu erkennenden Wirklichkeit besteht, fest und ringsum erfüllt, dessen Geist schwankt in keinem Zustand.
4.313
yatra yatra mano yāti jñeyaṃ tatraiva cintayet |
calitvā yāsyate kutra sarvaṃ śivamayaṃ yataḥ || 4.313 ||
Wohin der Geist auch geht, dort vergegenwärtige man eben die zu erkennende Wirklichkeit. Wohin könnte er abschweifend gelangen, da alles aus Shiva besteht?
4.314
viṣayeṣu ca sarveṣu indriyārtheṣu ca sthitaḥ |
yatra yatra nirūpyeta nāśivaṃ vidyate kvacit || 4.314 ||
In sämtlichen Gegenständen und Sinnesbereichen besteht sie. Wo auch immer man genau hinschaut, gibt es nirgends etwas, das nicht Shiva wäre.
4.315
evāṃ samarasaṃ jñātvā nāsau muhyet kadācana |
yasyaivaṃ sarvato bhāvaḥ so 'pi sarvagato bhavet || 4.315 ||
Wer diese Einheit des Geschmacks erkennt, gerät niemals in Verblendung. Wessen innerer Zustand so allseitig ist, wird selbst allgegenwärtig.
4.316
evaṃ samarasaḥ prokto viṣuvattu nibodha me |
prathamaṃ prāṇaviṣuvan mātraṃ jñeyaṃ dvitīyakam || 4.316 ||
So ist die Gleichwerdung erklärt. Höre nun Vishuvat, den Ausgleichspunkt: zuerst den des Prana, als zweiten den des Mantras. [Vorlage mātraṃ; der Folgetext erläutert māntram.]
4.317
tṛtīyaṃ nāḍiviṣuvat praśāntaṃ ca caturthakam |
pañcamaṃ śaktiviṣuvat ṣaṣṭhaṃ vai kāla ucyate || 4.317 ||
Der dritte ist der Ausgleichspunkt der Nadi, der vierte der befriedete, der fünfte der Shakti-Ausgleichspunkt und der sechste jener der Zeit.
4.318
saptama tattvaviṣuvat pravibhāgastvathocyate |
ātmānaṃ ca manaḥ prāṇe saṃyojya viṣuvadbhavet || 4.318 ||
Der siebte ist der Ausgleichspunkt der Wirklichkeit. Nun wird die Gliederung erklärt: Verbindet man Selbst und Geist mit Prana, entsteht der Ausgleichspunkt.
4.319
prāṇe viṣuvadākhyātaṃ māntraṃ viṣuvaducyate |
mantramuccārayettāvad yāvannānyamanā bhavet || 4.319 ||
So ist der Prana-Ausgleichspunkt erklärt. Der Mantra-Ausgleichspunkt wird nun gelehrt: Man lasse den Mantra so lange aufsteigen, bis der Geist auf nichts anderes mehr gerichtet ist.
4.320
parāparavibhāgena mantrātmā tu taducyate |
māntraṃ viṣuvadityuktaṃ nāḍisthaṃ tannibodha me || 4.320 ||
Nach höherer und niedrigerer Stufe unterschieden wird dies als Mantra-Wesen bezeichnet. Dies heißt Mantra-Ausgleichspunkt; höre nun den in der Nadi.
4.321
sarvāsāmeva nāḍīnāṃ madhye yā saṃvyavasthitā |
suṣumnā nāma sā jñeyā nābheḥ śaktyā śivaṃ gatā || 4.321 ||
Diejenige, die in der Mitte aller Nadis besteht, ist als Sushumna zu erkennen; sie reicht vom Nabel durch Shakti bis zu Shiva.
4.322
tatra pravāhayennādaṃ nāḍīviṣuvaducyate |
praśāntaṃ viṣuvaccaivam adhunā kathayāmi te || 4.322 ||
Darin lasse man Nada fließen: Dies heißt Nadi-Ausgleichspunkt. Nun erkläre ich dir den befriedeten Ausgleichspunkt.
4.323
ayane ṣaḍaṅgulaścāraḥ kāraṇānyaṅgule 'ṅgule |
tānyadhastātparityajya kāraṇāni ṣaḍeva tu || 4.323 ||
In der Bahn beträgt der Verlauf sechs Fingerbreiten, mit je einer Ursache auf jeder Fingerbreite. Die sechs Ursachen lasse man unten zurück.
4.324
saptame tu praśāntaṃ vai praśāntendriyagocaram |
praśāntaḥ stimito jñeyaḥ stimito niścalaḥ smṛtaḥ || 4.324 ||
In der siebten liegt das Befriedete, der Bereich beruhigter Sinne. Befriedet bedeutet still; still gilt als unbewegt.
4.325
niścalo nistaraṅgaśca sthiraḥ pūrṇaḥ samantataḥ |
evaṃbhāvaṃ samāsthāya dīkṣā kāryā tu daiśikaiḥ || 4.325 ||
Unbewegt, wellenlos, fest und ringsum erfüllt: In einem solchen Zustand sollen die Lehrer die Einweihung vollziehen.
4.326
etatpraśāntaviṣuvat śaktyupādhiṃ nibodha me |
śaktimadhyagato nādo nādordhvaṃ ca caredyadā || 4.326 ||
Dies ist der befriedete Ausgleichspunkt. Höre den durch Shakti bestimmten: Wenn Nada in Shakti eingegangen ist und darüber hinaus aufsteigt,
4.327
tāvattu śaktiviṣuvat kālākhyaṃ tu nibodha me |
tuṭiḥ ṣoḍaśakā yā tu prāṇānte saṃvyavasthitā || 4.327 ||
reicht bis dahin der Shakti-Ausgleichspunkt. Höre nun den der Zeit: Die sechzehnte Truti liegt am Ende des Prana.
4.328
kālo bhrūkṣepamātrastu tatrānte kīrtito mayā |
taṃ parāparabhāgena punareva tridhā kuru || 4.328 ||
Ihre Dauer habe ich dort als ein bloßes Zucken der Braue gelehrt. Teile sie erneut dreifach nach höherer, niedrigerer und mittlerer Stufe.
4.329
aparaḥ ṣoḍaśo yāvat kālaḥ saptadaśaḥ paraḥ |
parāparastu yaḥ kālaḥ sa priye 'ṣṭādaśaḥ prabhuḥ || 4.329 ||
Die niedrigere Zeit reicht bis zur sechzehnten, die höhere ist die siebzehnte; die höhere und niedrigere verbindende Zeit ist die achtzehnte, Geliebte.
4.330
prāṇa evaṃ tridhā kālaṃ kṛtvā caiva tyajetpunaḥ |
aparaḥ śaktimūrdhastho vyāpinyāṃ ca dvitīyakaḥ || 4.330 ||
Nachdem man die Zeit im Prana so dreifach gebildet hat, lasse man sie wieder zurück: die niedrigere am Scheitel der Shakti, die zweite in Vyapini,
4.331
tṛtīyaḥ samanāsthāne tatkālaviṣuvatsmṛtam |
etatṣaṣṭhaṃ samākhyātaṃ saptamaṃ tātvvamucyate || 4.331 ||
die dritte am Ort Samanas. Dies gilt als Zeit-Ausgleichspunkt. Damit ist der sechste erklärt; nun folgt der siebte, der die Wirklichkeit betrifft.
4.332
unmanā parato devi tatrātmānaṃ niyojayet |
tasminyuktastato hyātmā tanmayaśca prajāyate || 4.332 ||
Unmana liegt darüber, o Göttin. Dort verbinde man das Selbst. So verbunden wird das Selbst davon erfüllt.
4.333
tattvākhyaṃ viṣuvaddevi sarveṣāṃ parataḥ sthitam |
viṣuvadevaṃvidhaṃ jñātvā ko na mucyeta bandhanāt || 4.333 ||
Der als Wirklichkeit bezeichnete Ausgleichspunkt, o Göttin, liegt jenseits aller anderen. Wer einen solchen Ausgleichspunkt kennt, sollte der nicht von Bindung frei werden?
4.334
viṣuvatte samākhyātaṃ padārthabhedanaṃ śṛṇu |
tyāgaṃ cānubhavaṃ caiva yojanaṃ ca pare pade || 4.334 ||
Die Ausgleichspunkte sind erklärt. Höre das Durchdringen der Bedeutungsstufen, das Loslassen, das Erfahren und die Vereinigung mit der höchsten Stätte.
4.335
padārthaikādaśī jñeyā unmanāntaḥ paro bhavet |
bhedayejjñānaśūlena jñānaṃ jñeyasya jñāpakam || 4.335 ||
Elf Bedeutungsstufen sind zu erkennen; die höchste liegt am Ende Unmanas. Man durchdringe mit dem Erkenntnisdreizack; Erkenntnis macht das zu Erkennende bekannt.
4.336
jñāpakaṃ bodhamatulaṃ dīpavadyotanaṃ yataḥ |
dīpahasto yathā kaścid dravyamālokya cāharet || 4.336 ||
Dieses Bekanntmachen ist unvergleichliches Erkennen, denn es erhellt wie eine Lampe. Wie jemand mit einer Lampe in der Hand einen Gegenstand sieht und an sich nimmt,
4.337
evaṃ jñānena ca jñeyaṃ tasmin kuryāttu saṃsthitam |
jñānaṃ vai lakṣaṇaṃ proktaṃ jñeyatatvasya suvrate || 4.337 ||
so erkenne man durch Erkenntnis das zu Erkennende und lasse es darin bestehen. Erkenntnis gilt als Kennzeichen der zu erkennenden Wirklichkeit, o Gelübdetreue.
4.338
lakṣaṇaṃ guṇa ākhyātaḥ kalā tattvasya sarvadā |
na guṇena vinā tattvaṃ na tattvena vinā guṇaḥ || 4.338 ||
Das Kennzeichen wird Eigenschaft genannt, stets eine Kala der Wirklichkeit. Ohne Eigenschaft gibt es keine Wirklichkeit, ohne Wirklichkeit keine Eigenschaft.
4.339
guṇaṃ gṛhṇanti sarvatra na tattvaṃ gṛhyate kvacit |
gṛhyate hyanumānena pratyak.ānubhavena ca || 4.339 ||
Überall erfasst man die Eigenschaft; die Wirklichkeit wird als solche nirgends unmittelbar ergriffen. Sie wird durch Schlussfolgerung und unmittelbare Erfahrung erfasst. [Vorlage pratyak.ānubhavena.]
4.340
arthipratyarthibhāvena āgamena tu labhyate |
āgamo jñānamiyuktam anantāḥ śāstrakoṭayaḥ || 4.340 ||
Durch die Überlieferung, die sich zwischen einem Fragenden und einem seine Zweifel klärenden Antwortenden entfaltet, wird die Wirklichkeit erlangt. Die Überlieferung heißt Erkenntnis; unendlich sind die Kotis von Schriften.
4.341
śāstraṃ śabdātmakaṃ sarvaṃ śabdo haṃsaḥ prakīrtitaḥ |
haṃsayogaḥ purākhyātaḥ mātrāsaṃkhyā tvathocyate || 4.341 ||
Jede Schrift besteht aus Laut; Laut wird Haṃsa genannt. Haṃsa-Yoga wurde zuvor erklärt; nun folgt die Zahl der Lautmaße.
4.342
mātrāyogo yathā cāsya pramāṇaṃ hṛdayādis.u |
nābherūrdhvaṃ vitastyante kaṇṭhādhastātṣaḍaṅgule || 4.342 ||
Auch ihre Verbindung und ihre Ausdehnung an Herz und weiteren Orten werden erläutert: eine Spanne oberhalb des Nabels, sechs Fingerbreiten unterhalb des Halses,
4.343
hṛdayaṃ madhyadeśe tu caturaṅgulasaṃmitam |
caturviṃśatitattvaistu brahmā tatra vyavasthitaḥ || 4.343 ||
liegt das Herz in der Mitte, vier Fingerbreiten messend. Dort besteht Brahma mit vierundzwanzig Prinzipien.
4.344
kaṇṭhamaṣṭāṅgulaṃ viddhi viṣṇustatra vyavasthitaḥ |
tattvāṣṭakena saṃyuktaḥ tadūrdhvaṃ caturaṅgulam || 4.344 ||
Den Hals erkenne als acht Fingerbreiten messend; dort befindet sich Vishnu mit acht Prinzipien. Darüber, vier Fingerbreiten messend,
4.345
māyātattvaṃ samāśritya rudrastālutale sthitaḥ |
aṅguladvayamānaṃ tu bhruvormadhyaṃ prakīrtitam || 4.345 ||
ruht Rudra im Gaumenbereich im Maya-Prinzip. Die Mitte zwischen den Brauen wird mit zwei Fingerbreiten angegeben.
4.346
tatreśvaraḥ sthito devi tattvadvayasamanvitaḥ |
ekādaśāṅgule caiva mūrdhvaṃ devaḥ sadāśivaḥ || 4.346 ||
Dort besteht Ishvara mit zwei Prinzipien, o Göttin. Elf Fingerbreiten aufwärts befindet sich der Gott Sadashiva,
4.347
tattvadvayasamāyukto yāvadbrahmabilaṃ gataḥ |
tadūrdhvaikāṅgulā śaktiḥ śivastatra vyavasthitaḥ || 4.347 ||
mit zwei Prinzipien verbunden, bis zur Brahma-Öffnung reichend. Eine Fingerbreite darüber liegt Shakti; dort besteht Shiva.
4.348
tvakcheṣe vyāpinī proktā samanā conmanā tataḥ |
tatparaṃ tu paraṃ tattvaṃ pramāṇaparivarjitam || 4.348 ||
Im verbleibenden Hautbereich wird Vyapini gelehrt, danach Samana und Unmana. Jenseits davon ist die höchste Wirklichkeit, frei von jedem Maß.
4.349
mātrāsaṃkhyā ca yogaścādhunā haṃsasya kathyate |
akāraśca hakāraśca dvāvetāvekataḥ sthitau || 4.349 ||
Nun werden Zahl und Verbindung der Lautmaße des Haṃsa erklärt: A und ha, diese beiden, bestehen zusammen.
4.350
vibhaktirnānayorasti mārutāmbarayoriva |
ekamātraḥ sa vijñeyo hṛdayātsaṃpravartate || 4.350 ||
Zwischen ihnen gibt es keine Trennung, wie zwischen Wind und Raum. Als ein Lautmaß sind sie zu erkennen; vom Herzen nehmen sie ihren Ausgang.
4.351
ukārastu dvimātro vai kaṇṭhasthāne samuccaret |
trimātrastu makāro vai tālumadhyagataścaret || 4.351 ||
U ist zweimatrig und soll am Hals aufsteigen; m ist dreimatrig und bewegt sich in der Gaumenmitte.
4.352
binduścaivārdhamātrastu mātrārdhaṃ hi sa ucyate |
bhruvormadhye sa uccāras tasya devi vidhīyate || 4.352 ||
Bindu hat ein halbes Lautmaß und wird deshalb Halbmaß genannt. Seine Lautäußerung ist zwischen den Brauen vorgesehen, o Göttin.
4.353
taccheṣāccārdhacandrastu pādamātrastvasau bhavet |
nirodhī cārdhapādastu lalāṭānte samuccaret || 4.353 ||
Vom verbleibenden Anteil hat der Halbmond ein Viertelmaß, Nirodhin ein Achtelmaß; diese steigt am Ende der Stirn auf.
4.354
nādaḥ ṣoḍaśakāṃśastu mūrdhāntaṃ yāvaduccaret |
dvātriṃśadaṃśā śaktistu ṣaṭtriṃśānte samuccaret || 4.354 ||
Nada hat ein Sechzehntelmaß und steigt bis zum Scheitel auf. Shakti hat ein Zweiunddreißigstelmaß und steigt bis zum Ende der sechsunddreißig Fingerbreiten.
4.355
vyāpinī catuḥṣaṣṭyaṃśā śaktestu parataḥsthitā |
samanā conmanā cordhvam amātraḥ paramo 'vyayaḥ || 4.355 ||
Vyapini hat ein Vierundsechzigstelmaß und liegt jenseits der Shakti; darüber Samana und Unmana. Der höchste Unvergängliche ist ohne Lautmaß.
4.356
mātrāsaṃkhyā ca yogaśca pramāṇaṃ parikīrtitam |
evaṃ jñātvā varārohe padārthān bhedayettataḥ || 4.356 ||
Zahl, Verbindung und räumliches Maß der Lautmaße sind erklärt. In dieser Kenntnis, o du von schönem Wuchs, durchdringe man die Bedeutungsstufen.
4.357
bhedayenmatraśūlena mudrābhāvayutena ca |
mantro vai jñānaśaktiśca mudrā caiva kriyātmikā || 4.357 ||
Man durchdringe sie mit dem Mantradreizack, verbunden mit Mudra und innerer Vergegenwärtigung. Der Mantra ist Erkenntniskraft, die Mudra besteht aus Handlungskraft.
4.358
bhāvaśca mana ityuktaṃ tanmano buddhipūrvakam |
paraśca manasā gamya icchāśaktyā tvadhiṣṭhitaḥ || 4.358 ||
Die innere Vergegenwärtigung wird Geist genannt; dieser Geist setzt unterscheidende Erkenntnis voraus. Das Höchste ist durch den Geist zugänglich, der von Willenskraft erfüllt ist.
4.359
yatra yatra bhavedicchā jñānaṃ tatra pravartate |
kriyākaraṇasaṃbandhāt tattvasyoccāraṇaṃ bhavet || 4.359 ||
Wo Wille besteht, dort wirkt Erkenntnis. Durch die Verbindung von Handlung und Werkzeug kommt das Aufsteigen des Prinzips zustande.
4.360
kriyākaraṇahīnasya na caivoccāraṇaṃ bhavet |
kriyā karaṇabhedena sā caiva trividhā smṛtā || 4.360 ||
Ohne Handlung und Werkzeug findet kein Aufsteigen statt. Die Handlung gilt nach der Unterscheidung ihrer Werkzeuge als dreifach.
4.361
ekenoccārayettattvaṃ karaṇena vicakṣaṇaḥ |
nāḍīścātha dvitīyena dvārāṇi ca nirodhayet || 4.361 ||
Mit dem ersten Werkzeug lasse der Kundige das Prinzip aufsteigen, mit dem zweiten verschließe er Nadis und Öffnungen.
4.362
tṛtīyaṃ karaṇaṃ divyaṃ kṛtvā vai tattvamuccaret |
pūrakaṃ kumbhakaṃ kṛtvā sarvadvārāṇi rodhayet || 4.362 ||
Nach Ausführung des dritten, göttlichen Werkzeugs lasse er das Prinzip aufsteigen. Nach Einatmung und Atemanhalten verschließe er alle Öffnungen.
4.363
gudadvāreṇa ruddhena ruddhānyatra bhavanti hi |
dvāramekaṃ tataścordhve pravahattadvicintayet || 4.363 ||
Ist die Afteröffnung verschlossen, gelten hier die übrigen als verschlossen. Man vergegenwärtige dann eine einzige obere Öffnung, durch die es fließt.
4.364
nāḍayo granthipadmāśca ye 'dhomukhagatāḥ priye |
te kumbhakena saṃruddhā vikasanti samantataḥ || 4.364 ||
Die Nadis, Knoten und Lotusse, die nach unten gerichtet sind, Geliebte, werden durch Kumbhaka angehalten und entfalten sich nach allen Seiten.
4.365
karaṇaṃ tu tataḥ kṛtvā lakṣaṇaṃ tasya vai śṛṇu |
jihvā tu tāluke yojyā kiṃcidūrdhvaṃ na saṃspṛśet || 4.365 ||
Dann bilde man das Werkzeug; höre seine Merkmale: Die Zunge ist dem Gaumen zuzuordnen, soll ihn etwas oberhalb jedoch nicht berühren. [Die genaue Zungenstellung ist sprachlich nicht eindeutig.]
4.366
īṣatprasārya vaktraṃ tu kiṃcidoṣṭhau na saṃspṛśet |
dantapaṅktī tathaiveha dṛṣṭiścādhordhvavarjitā || 4.366 ||
Man öffne den Mund leicht, ohne die Lippen einander berühren zu lassen; ebenso die Zahnreihen. Der Blick sei weder nach unten noch nach oben gerichtet.
4.367
kāyaṃ samunnataṃ kṛtvā karaṇaṃ divyamucyate |
divyaṃ ca karaṇaṃ kṛtvā tattvasyoccāraṇaṃ kuru || 4.367 ||
Der Körper wird aufgerichtet: Dies heißt das göttliche Werkzeug. Nach dessen Herstellung vollziehe man das Aufsteigen des Prinzips.
4.368
kumbhitaścaiva yaḥ prāṇo recayettaṃ śanaiḥ śanaiḥ |
nāḍayo granthipadmāśca dehe yāḥsaṃvyavasthitāḥ || 4.368 ||
Den angehaltenen Prana atme man sehr langsam aus. Die im Körper befindlichen Nadis, Knoten und Lotusse
4.369
recakena samākṣiptā ūrdhvasroto bhavanti te |
tato vai jñānaśūlena granthīnbhindan samuccaret || 4.369 ||
werden durch die Ausatmung emporgezogen und erhalten einen aufwärts gerichteten Strom. Dann steige man auf, mit dem Erkenntnisdreizack die Knoten durchdringend.
4.370
bhitvā hṛtpadmagranthiṃ tu tataḥ śabdaḥ prajāyate |
yadākāśasamāyogāt ghoṣaśabdopamo bhavet || 4.370 ||
Nach Durchdringung des Herzlotusknotens entsteht ein Laut; durch die Verbindung mit dem Raum gleicht er einem Widerhall.
4.371
kaṇṭhastho viramecchabdaḥ kaṇṭhaṃ prāpya varānane |
bhindataḥ kaṇṭhadeśaṃ tu śabdo dhugadhugāyate || 4.371 ||
Am Hals angelangt ruht der Laut dort, o Schönangesichtige. Beim Durchdringen des Halsbereichs klingt er dhuga-dhuga.
4.372
tālumadhyagataḥ prāṇo yadā bhavati suvrate |
bindatastālugranthiṃ tu śabdo ghumaghumāyate || 4.372 ||
Wenn Prana in die Gaumenmitte gelangt, o Gelübdetreue, klingt es beim Durchdringen des Gaumenknotens ghuma-ghuma.
4.373
evaṃ te 'nubhavāḥ proktāḥ prāṇe carati suvrate |
trayaste 'ṣṭakalāḥ proktā uparyuparitaḥ kramāt || 4.373 ||
So sind diese Erfahrungen beim Fließen des Prana beschrieben, o Gelübdetreue. Die drei werden als jeweils acht Kalas umfassend gelehrt, der Reihe nach aufwärts.
4.374
tiṣṭhetsa yatra vai prāṇa ātmā tadgatimāpnuyāt |
tattadrūpaṃ bhavettasya sthānabhāvānurūpataḥ || 4.374 ||
Wo Prana verweilt, dessen Zustand erlangt das Selbst. Je nach Ort und innerer Verfassung nimmt es die entsprechende Gestalt an.
4.375
bhruvormadhyaṃ yadā gacchet sphoṭaśabdastu jāyate |
binduṃ bhedayato devi śabdo dhumadhumāyate || 4.375 ||
Gelangt es zwischen die Brauen, entsteht ein Knalllaut. Beim Durchdringen des Bindu, o Göttin, klingt es dhuma-dhuma.
4.376
kapirvai nārikīlena ācāryaḥ saha bindunā |
abhinnena kuto mokṣaṃ sabāhyābhyantaraṃ priye || 4.376 ||
Wie ein Affe mit einer Kokosnuss, so der Lehrer mit dem Bindu: Wie sollte Befreiung entstehen, solange es äußerlich und innerlich nicht aufgebrochen ist, Geliebte?
4.377
bhitvā binduṃ tato devi ardhacandraṃ vibhedayet |
bhidyataścārdhacandrasya lalāṭe jhimijhimāyate || 4.377 ||
Nach dem Durchdringen des Bindu durchdringe man den Halbmond, o Göttin. Beim Durchdringen des Halbmondes klingt es an der Stirn jhimi-jhimi.
4.378
ardhacandraṃ tu bhittvā vai bhedayettu nirodhinīm |
tasyāstu bhidyamānāyāḥ śabdaḥ simisimāyate || 4.378 ||
Nach dem Durchdringen des Halbmondes durchdringe man Nirodhini. Wird sie durchdrungen, klingt es simi-simi.
4.379
sthanatrayamidaṃ devi pañcapañcakalānvitam |
prāṇasya caratastatra yasminsthāne sa tiṣṭhati || 4.379 ||
Diese drei Orte, o Göttin, besitzen jeweils fünf Kalas. Wenn Prana dort fließt, nimmt das Selbst je nach dem Ort seines Verweilens
4.380
tattadrūpo bhavedātmā tāṃ tāṃ gatimavāpnuyāt |
nirodhinīṃ bhedayitvā tato nādaṃ vrajedbudhaḥ || 4.380 ||
die entsprechende Gestalt an und erreicht den entsprechenden Zustand. Nach dem Durchdringen Nirodhinis gelange der Kundige zum Nada.
4.381
vaṃśaśabdasamaḥ śabdas tatra sūkṣmaḥ prajāyate |
bhedayennādasaṃsthānaṃ brahmarandhraṃ sudurbhidam || 4.381 ||
Dort entsteht ein feiner Laut wie Flötenklang. Man durchdringe den Ort des Nada, die schwer zu durchdringende Brahma-Öffnung.
4.382
bhidyato brahmarandhrasya śabdaḥ śumaśumāyate |
śaktimadhyagataḥ prāṇo vaṃśanādāntasaṃnibhaḥ || 4.382 ||
Beim Durchdringen der Brahma-Öffnung klingt es śuma-śuma. Prana in der Mitte der Shakti gleicht dem Verklingen eines Flötentons.
4.383
tāṃ vai tu bhedayecchaktiṃ durbhedyāṃ sarvayoginām |
bhidyate ca yadā śaktiḥ śāntaḥ śumaśumastataḥ || 4.383 ||
Diese für alle Yogis schwer zu durchdringende Shakti durchdringe man. Wird Shakti durchdrungen, verstummt darauf das śuma-śuma.
4.384
śaktiṃ bhitvā tato devi yaccheṣaṃ vyāpinī bhavet |
anubhāvo bavettatra sparśo yadvatpipīlikā || 4.384 ||
Nach Durchdringung der Shakti, o Göttin, ist das Verbleibende Vyapini. Dort entsteht eine Berührungsempfindung wie von einer Ameise.
4.385
sthānatrayamidaṃ devi pañcapañcakalānvitam |
yatra yatra caretprāṇas tattadrūpamavāpnuyāt || 4.385 ||
Diese drei Orte besitzen jeweils fünf Kalas, o Göttin. Wo Prana jeweils fließt, nimmt man die entsprechende Gestalt an.
4.386
yatra yatrāvatiṣṭheta tāṃ tāṃ gatimavāpnuyāt |
tasmādvai suprayatnena bhitvā yāti parāṃ gatim || 4.386 ||
Wo es jeweils verweilt, erlangt man den entsprechenden Zustand. Deshalb durchdringe man mit großer Sorgfalt und gelange zur höchsten Stätte.
4.387
bhitvā vai vyāpinīṃ devi samanāyāṃ manastyajet |
manasā tu manastyaktvā jīvaḥ kevalatāṃ vrajet || 4.387 ||
Nach Durchdringung Vyapinis, o Göttin, lasse man den Geist in Samana zurück. Mit dem Geist den Geist loslassend gelangt die individuelle Seele zur Alleinheit.
4.388
jīvo vai kevalastatra ātmajñānakriyānvitaḥ |
bandhanāśeṣanirmuktaḥ sattāmātrasvarūpakaḥ || 4.388 ||
Die Seele ist dort allein, mit ihrer eigenen Erkenntnis und Handlungskraft versehen, von sämtlichen Fesseln frei und ihrem Wesen nach reines Sein.
4.389
samastādhvapadātītaḥ śuddhavijñānakevalaḥ |
gṛhāṇāti nāparaṃ bhāvaṃ na paraṃ ca śivātmakam || 4.389 ||
Jenseits aller Stufen des kosmischen Weges ist sie allein reines Erkennen. Sie erfasst weder einen niederen Zustand noch den höchsten Shiva-Zustand.
4.390
parāparavinirmuktaḥ svātmanyātmā vyavasthitaḥ |
ātmavyāptirbhavedeṣā śivavyāptirataḥ param || 4.390 ||
Frei von höher und niedriger ruht das Selbst in sich selbst. Dies ist die Reichweite des Selbst; darüber hinaus liegt die Reichweite Shivas.
4.391
bandhanāśeṣabhāvena sarvādhvopādhivarjitā |
aviditvā paraṃ tattvaṃ śivatvaṃ kalpitaṃ tu yaiḥ || 4.391 ||
Sie ist frei von jeder Fessel und von den Begrenzungen des gesamten kosmischen Weges. Diejenigen, die ohne Kenntnis der höchsten Wirklichkeit Shiva-Sein nur annehmen,
4.392
ta ātmopāsakāḥ śaive na gacchanti paraṃ śivam |
ātmatattvagatiṃ yānti ātmatattvānurañjitāḥ || 4.392 ||
sind Verehrer des Selbst innerhalb des Shiva-Weges; sie gelangen nicht zum höchsten Shiva. Vom Selbst-Prinzip geprägt erreichen sie dessen Zustand.
4.393
tasmādātmā parityājyo yadīcchecchivamātmanaḥ |
ātmatattvaṃ tatastyājyaṃ vidyātatve niyojayet || 4.393 ||
Daher ist auch das Selbst loszulassen, wenn man Shiva für sich erlangen will. Das Atma-Tattva ist zurückzulassen und mit dem Vidya-Tattva zu verbinden.
4.394
unmanā sā tu vijñeyā manaḥ saṃkalpa ucyate |
saṃkalpaḥ kramato jñānam unmānaṃ yugapatsthitam || 4.394 ||
Dieses ist als Unmana zu erkennen. Geist bedeutet begriffliche Vorstellung; solche Vorstellung ist schrittweises Erkennen, Unmana dagegen besteht gleichzeitig.
4.395
tasmāt sā tu parā vidyā yasmādanyā na vidyate |
vindate hyatra yugapat sārvajñyādiguṇān parān || 4.395 ||
Daher ist sie das höchste Wissen, da kein anderes darüber besteht. Hier erlangt man zugleich die höchsten Eigenschaften wie Allwissenheit.
4.396
vedanānādidharmasya paramātmatvabodhanā |
varjanā paramātmatve tasmādvidyeti socyate || 4.396 ||
Sie ergründet die anfangslose Wesensnatur, lässt das Selbst als höchstes Selbst erkennen und schließt aus, was nicht höchstes Selbst ist; deshalb heißt sie Vidya. [Die Übersetzung folgt Kṣemarājas Deutung von varjanā aparamātmatve. Die Worttrennung varjanā paramātmatve der TXT-Vorlage verdeckt diesen Sinn.]
4.397
tatrastho vyañjayettejaḥ paraṃ paramakāraṇam |
parasmiṃstejasi vyakte tatrasthaḥ śivatāṃ vrajet || 4.397 ||
Dort ruhend offenbare man das höchste Licht, den höchsten Urgrund. Ist das höchste Licht offenbar, gelangt man dort zu Shiva-Sein.
4.398
supradīpte yathā vahnau śikhā dṛśyeta cāmbare |
dehaprāṇasthito hyātmā tadvallīyeta tatpade || 4.398 ||
Wie bei einem hell lodernden Feuer die Flamme im Raum sichtbar wird, so gehe das im Körper und Prana befindliche Selbst in jener Stätte auf.
4.399
tadvadevābhimānastu kartavyo daiśikottamaiḥ |
ahameva paro haṃsaḥ śivaḥ paramakāraṇam || 4.399 ||
Entsprechend sollen die besten Lehrer die Identifikation vollziehen: „Ich selbst bin der höchste Haṃsa, Shiva, der höchste Urgrund.
4.400
matprāṇe sa tu paśvātmā līnaḥ samarasīgataḥ |
mantrakaraṇakriyāyogād yojayāmi pare śive || 4.400 ||
In meinem Prana ist das Selbst der gebundenen Seele aufgegangen und von einem Geschmack geworden. Durch Mantra, Werkzeug und Handlung vereinige ich es mit dem höchsten Shiva.“
4.401
evaṃ yo vetti tattvena agnivaddehamadhyataḥ |
yadvadvahniśikhātītā tadvadyojayate pare || 4.401 ||
Wer dies wahrheitsgemäß erkennt, vereinigt aus dem Körper heraus mit dem Höchsten, wie das Feuer über seine Flamme hinausreicht.
4.402
tasminyuktaḥ pare tattve sārvajñyādiguṇānvitaḥ |
śiva eko bhaveddevi avibhāgena sarvataḥ || 4.402 ||
Mit der höchsten Wirklichkeit vereinigt und mit Allwissenheit und den übrigen Eigenschaften ausgestattet, wird man der eine Shiva, o Göttin, allseits ohne Trennung.
4.403
tattvatrayaṃ paraṃ khyātam aparaṃ cādhvamadhyagam |
bhedanaṃ tu padārthānāṃ tyāgānubhavayojanam || 4.403 ||
Die höchste Dreiheit der Prinzipien ist erklärt und die niedrigere innerhalb des kosmischen Weges, ebenso das Durchdringen der Bedeutungsstufen, Loslassen, Erfahren und Vereinigung.
4.404
pūrvoktaṃ ca idaṃ sarvaṃ jñātvā tattve niyojayet |
saṃkṣepeṇa tu tattvasya vyāptiṃ śṛṇu sureśvari || 4.404 ||
Nachdem man all dies zuvor Gelehrte erkannt hat, vereinige man mit der Wirklichkeit. Höre zusammenfassend deren Reichweite, o Herrin der Götter.
4.405
vidyātattvāspadaṃ baddhvā bindutattvāsane sthitaḥ |
nādaśaktitanuścaiva vyāpinīkaraṇānvitaḥ || 4.405 ||
Man begründe den Vidya-Tattva-Stand und ruhe auf dem Sitz des Bindu-Tattva, mit Nada und Shakti als Körper und Vyapini als Werkzeug.
4.406
sarvajñatvāvabodhena samanāntaścarā tu sā |
tritatvaṃ yatparaṃ proktaṃ tena cāpūritā tanuḥ || 4.406 ||
Durch das Erwachen zur Allwissenheit ist sie Samana, die im Inneren wirkt. Von der zuvor als höchst bezeichneten Dreiheit der Prinzipien ist der Körper erfüllt. [Kṣemarāja trennt samanā antaścarā; die frühere Deutung als „bis zum Ende Samanas“ entfällt.]
4.407
aparā sā tanuḥ sthūlā ṣaṭviṃśattattvakalpitā |
tattvatrayaṃ paraṃ yacca sarvatattvādhvavarjitam || 4.407 ||
Der niedrigere grobe Körper ist aus sechsunddreißig Prinzipien gebildet. Die höchste Dreiheit der Prinzipien liegt jenseits aller Prinzipien und des kosmischen Weges. [Die Übersetzung folgt KSTS ṣaṭtriṃśat, sechsunddreißig; TXT ṣaṭviṃśat ergäbe sechsundzwanzig.]
4.408
tena cāpūritāśeṣaṃ sā tattvādhvaparā tanuḥ |
evamācarate yastu ācāraṃ tu śivātmakam || 4.408 ||
Von ihr restlos erfüllt ist jener Körper jenseits des Prinzipienweges. Wer so die Shiva-hafte Lebensweise vollzieht,
4.409
śivena sahacāritvād ācāryastena cocyate |
tasya darśanasaṃbhāṣāsparśanātsmaraṇādapi || 4.409 ||
heißt Acharya, weil er mit Shiva einhergeht. Durch seinen Anblick, das Gespräch mit ihm, seine Berührung oder selbst die Erinnerung an ihn
4.410
bhavatyevaiśvarī vyāptir na bhavettadadhogatiḥ |
tena saṃyojito jantuḥ brahmahāpi śivo bhavet || 4.410 ||
entsteht göttliche Durchdringung; ein Abstieg erfolgt nicht. Ein von ihm vereinigtes Wesen wird selbst als Brahmanentöter Shiva.
4.411
tatastena samo nāsti jagatyasmiṃścarācare |
śiva ācāryarūpeṇa lokānugrahakārakaḥ || 4.411 ||
Daher gibt es in dieser beweglichen und unbeweglichen Welt niemanden, der ihm gleich wäre. Shiva selbst begnadet die Welt in der Gestalt des Acharya.
4.412
tasmānna mānavīṃ buddhiṃ kārayeddeśakaṃ prati |
ācāryasya ca mantrasya śivajñāne śivasya ca || 4.412 ||
Deshalb soll man den Lehrer nicht bloß als gewöhnlichen Menschen betrachten. Zwischen Acharya, Mantra, Shiva-Erkenntnis und Shiva
4.413
nānātvaṃ naiva kurvanti vidyeśāścakranāyakāḥ |
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdrā vai vīravandite || 4.413 ||
machen die Vidyeshvaras, die Herren der Kreise, keine Trennung. Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras, o von Helden Verehrte,
4.414
ācāryatve niyuktā ye te sarve tu śivāḥ smṛtāḥ |
anyathā prāksvarūpeṇa ye paśyanti narādhamāḥ || 4.414 ||
die zum Acharya-Amt eingesetzt sind, gelten alle als Shiva. Wer sie dagegen nach ihrer früheren sozialen Gestalt betrachtet, gilt hier als verwerflich.
4.415
narake te prapacyante sādākhyaṃ vatsaratrayam |
na tena saha saṃbhāṣā kartavyā tu śivārthinā || 4.415 ||
Solche Menschen werden nach dem Text drei Sadakhya-Jahre in der Hölle gequält. Wer Shiva sucht, soll sich mit ihnen nicht unterhalten.
4.416
kṛtvā saṃbhāṣaṇaṃ tena narakaṃ so 'pi gacchati |
tasmācchivasamāḥ sarve draṣṭavyā muktimicchatā || 4.416 ||
Wer sich mit einem solchen Menschen unterhält, geht ebenfalls in die Hölle. Daher soll der Befreiungssuchende alle diese Lehrer als Shiva gleich betrachten.
4.417
bhuktimuktiphalāvāptir bhavatyeva tadājñayā |
ācāryaḥ svajānānāṃ ca kulakoṭisahasraśaḥ || 4.417 ||
Durch ihr Gebot werden Genuss und Befreiung erlangt. Der Acharya wird aus dem Kreis seiner Angehörigen Tausende von Kotis an Familienlinien
4.418
jñānajñeyaparijñānāt samastāstārayiṣyati |
evamuktavidhānajño bhāvajñaścāpi daiśikaḥ || 4.418 ||
durch die vollständige Kenntnis von Erkenntnis und Erkenntnisgegenstand insgesamt hinüberführen. Ein Lehrer, der diese Vorschrift und die innere Vergegenwärtigung kennt,
4.419
pūrṇāhutyaikayaivāsau paśūnyojayate pare |
pūrṇāhutiprayogaṃ tu kathayāmyadhunā tava || 4.419 ||
vereinigt die gebundenen Seelen mit einer einzigen Vollgabe mit dem Höchsten. Nun erkläre ich dir die Anwendung der Vollgabe.
4.420
ūrdhvakāya ṛjugrīvaḥ samapādo vyavasthitaḥ |
nābhisthāne sruco mūlam uttānāgramukhaṃ samam || 4.420 ||
Mit aufrechtem Körper, geradem Hals und geschlossenen Füßen stehe man; die Basis der großen Opferkelle liegt auf Nabelhöhe, ihre Öffnung zeigt gleichmäßig nach oben.
4.421
srucyupari sruvaṃ devi kṛtvā caivamadhomukham |
puṣpaṃ dattvā srugagre tu darbheṇa sahitau karau || 4.421 ||
Über die große Kelle lege man die kleine mit der Öffnung nach unten, o Göttin. Auf die Spitze der großen gebe man eine Blume; beide Hände halten auch Darbha-Gras.
4.422
muṣṭinā caiva hastābhyāṃ gṛhītvā yatnato 'pi ca |
agrato dakṣiṇaṃ hastaṃ vāmaṃ vai pṛṣṭataḥ priye || 4.422 ||
Mit beiden zu Fäusten geschlossenen Händen fasse man sorgfältig zu, die rechte Hand vorne, die linke dahinter, Geliebte.
4.423
muṣṭibhyāṃ saṃgṛhītvā vai uttānakarayogataḥ |
tato ghṛtena saṃplāvya abhimānaṃ tu kārayet || 4.423 ||
Mit beiden Fäusten bei aufwärts gewendeten Händen halte man fest. Dann fülle man Ghee ein und vollziehe die Identifikation:
4.424
ahameva paraṃ tattvaṃ parāparavibhāgataḥ |
tattvamekaṃ hi sarvatra nānyaṃ bhāvaṃ tu kārayet || 4.424 ||
„Ich selbst bin die höchste Wirklichkeit, nach höherer und niedrigerer Erscheinung unterschieden.“ Überall besteht eine einzige Wirklichkeit; man bilde keine andere Vorstellung.
4.425
yatkumbhe 'dhvātra vinyastaḥ ṣaṭprakāro varānane |
maṇḍale 'gnau śiśorantaḥ sādhāraṇavikalpitaḥ || 4.425 ||
Der sechsfache Weg, der im Krug eingesetzt ist, o Schönangesichtige, und im Mandala, im Feuer und im Inneren des Kindes gemeinsam vergegenwärtigt wurde,
4.426
srucyadhvānaṃ tamāropya prāṇasthaṃ nāḍimadhyagam |
prāṇadhāre samīkṛtya srucā dhārāṃ vinikṣipet || 4.426 ||
werde auf die Opferkelle übertragen: im Prana ruhend, in der Nadi-Mitte. Man gleiche ihn dem Prana-Strom an und lasse mit der Kelle einen Strom ausfließen.
4.427
vasudhāraprayogeṇa prakṣipejjātavedasi |
nābhisthāne sruco mūlaṃ nayannāsāntagocaram || 4.427 ||
Als beständigen Gabenstrom gieße man ihn in das Feuer, während man die Basis der Kelle vom Nabel bis zur Nasenspitze hebt.
4.428
yathā yathā tyajeddhārāṃ tathā prāṇaṃ samuccaret |
prāṇo 'pi varṇatāṃ yāti ṣaḍvidhādhvamayastu saḥ || 4.428 ||
Wie man den Strom ausfließen lässt, so lasse man Prana aufsteigen. Auch Prana wird dabei zur Lautfolge; es besteht aus dem sechsfachen Weg.
4.429
ṣaḍvidhedhvani nāto 'nyaḥ prameyo vidyate kvacit |
tasmānmāntre parāmarśe heyopādeyataḥ sthitāḥ || 4.429 ||
Außerhalb dieses sechsfachen Weges gibt es keinen weiteren Erkenntnisgegenstand. Deshalb bestehen im bewussten Erfassen durch den Mantra das Loszulassende und das Anzunehmende.
4.430
varṇaiḥ kāraṇaṣaṭkaṃ tu ṣaṭtyāgātsaptame layaḥ |
akāraśca ukāraśca makāro bindureva ca || 4.430 ||
Durch die Laute werden die sechs Ursachen erfasst; durch das Verlassen von sechs erfolgt Aufgehen im siebten: a, u, m und Bindu,
4.431
ardhacandro nirodhī ca nādaścaivordhvagāminī |
śaktiśca vyāpinī hyetāḥ samanā ca tataḥ param || 4.431 ||
Halbmond, Nirodhin, Nada, die Aufwärtsgehende, Shakti, Vyapini und darüber Samana. [Die Aufwärtsgehende ist nach Kṣemarāja die Nadanta-Stufe.]
4.432
samanāntaṃ varārohe pāśajālamanantakam |
kāraṇaiḥ ṣaḍbhirākrāntaṃ mantrasthaṃ heyalakṣaṇam || 4.432 ||
Bis zum Ende Samanas reicht das endlose Fesselnetz, o du von schönem Wuchs, von den sechs Ursachen bestimmt, im Mantra enthalten und als loszulassen gekennzeichnet.
4.433
atra pāśopari hyātmā vyomavadbindu[ccitsu]nirmalaḥ |
śivatattvaguṇāmodāc chivadharmāvalokakaḥ || 4.433 ||
Hier steht das Selbst über den Fesseln, durch Bewusstsein vollkommen rein wie der Raum; von den Eigenschaften des Shiva-Prinzips erfreut betrachtet es Shivas Wesensart. [TXT bindu[ccitsu]nirmalaḥ bleibt als beschädigte beziehungsweise überlagerte Lesung erhalten. Auch der KSTS-Druck bietet eine Klammerlesung; die Übersetzung folgt der Erklärung citā suṣṭhu nirmalaḥ im Kommentar.]
4.434
pāśāvalokanaṃ tyaktvā svarūpālokanaṃ hi yat |
ātmavyāptirbhavedeṣā śivavyāptistato 'nyathā || 4.434 ||
Das Absehen von den Fesseln und Betrachten des eigenen Wesens ist die Reichweite des Selbst. Die Reichweite Shivas ist davon verschieden.
4.435
sarvajñyādiguṇā ye 'rthā vyāpakānbhāvayedyadā |
śivavyāptirbhavedeṣā caitanye heturūpiṇī || 4.435 ||
Wenn man Allwissenheit und die übrigen Eigenschaften als alldurchdringende Wirklichkeiten vergegenwärtigt, ist dies Shivas Reichweite, die im Bewusstsein als Ursache wirkt.
4.436
ato dharmisvabhāvo hi śivaḥ śāntaśca paṭhyate |
unmanāśca manogrāhyaḥ ātmabodhe sthitonmanāḥ || 4.436 ||
Daher wird Shiva als Träger dieser Eigenschaften und als friedvoll bezeichnet. Er ist jenseits des Geistes und dessen Zugriff entzogen; auch das Selbst ruht, über den Geist hinausgegangen, im reinen Erkennen. [Die Übersetzung folgt dem Kommentar. Das im Vers überlieferte manogrāhyaḥ, durch den Geist erfassbar, steht dazu in Spannung; diese Leseschwierigkeit bleibt offen.]
4.437
vyāpāraṃ mānasaṃ tyaktvā bodharūpeṇa yojayet |
tadā śivatvamāyāti paśurmukto bhavārṇavāt || 4.437 ||
Nachdem man geistige Tätigkeit aufgegeben hat, vereinige man in der Gestalt reinen Erkennens. Dann gelangt die Seele, vom Meer des Werdens befreit, zu Shiva-Sein.
4.438
pare caiva niyuktasya sruvamāpūrayetpunaḥ |
sruco randhreṇa taddravyaṃ yāvadvahnau prayujyate || 4.438 ||
Für den mit dem Höchsten Vereinigten fülle man die kleine Opferkelle erneut. Solange der Stoff durch die Öffnung der großen Kelle ins Feuer fließt,
4.439
bahisthāṃ kumbhakaṃ tāvat pare tattve tu bhāvayet |
bahirnirodhabhāvena sāmarasyaṃ śivena ca || 4.439 ||
vergegenwärtige man äußeres Atemanhalten in der höchsten Wirklichkeit. Durch dieses äußere Stillhalten geschieht die Einheit des Geschmacks mit Shiva.
4.440
anyathā na bhaveddevi nadīvega ivārṇave |
sthitaḥ sa sāgaredbhistu sindhuḥ samarasībhavet || 4.440 ||
Anders geschieht es nicht, o Göttin: Wie der Strom eines Flusses im Meer mit dem Meerwasser von einem Geschmack wird,
4.441
punarvibhāgaṃ nāpnoti tathātmā tu śivārṇave |
srucastu pūraṇaṃ yāvat tāvatkālaṃ samādiśet || 4.441 ||
und keine erneute Trennung erfährt, so das Selbst im Meer Shivas. Als Dauer bestimme man die Zeit des Füllens der Opferkelle. [Kṣemarāja bezieht die Zeitangabe auf die Durchführung der Vollgabe im Feuer.]
4.442
anenaiva tu kālena bahiḥ kumbhakavṛttinā |
ātmā samarasatvena śivībhavati sarvagaḥ || 4.442 ||
Während eben dieser Zeit des äußeren Atemanhaltens wird das Selbst durch Wesenseinheit zum alldurchdringenden Shiva.
4.443
guṇānāpādayetpaścāt ṣaṭ aṅgaparimāhutīn |
yathā nṛpatve saṃprāpte kalaśaiścābhiṣicyate || 4.443 ||
Danach verleihe man die sechs Eigenschaften durch die Glied-Opfergaben. Wie jemand nach Erlangung der Königswürde mit Krügen geweiht wird,
4.444
vandibhiśca guṇāste 'pi khyāpyante vasudhātale |
tathā śivatve saṃprāpte guṇānāpādayedbudhaḥ || 4.444 ||
und seine Eigenschaften von Lobrednern auf Erden verkündet werden, so verleihe der Kundige nach Erlangung des Shiva-Seins die Eigenschaften.
4.445
sarvajño vai bhava svāhā paritṛptastathaiva ca |
anādibodho bhava ca tataḥ svātantryaśaktikaḥ || 4.445 ||
„Sei allwissend, svāhā! Sei vollkommen erfüllt! Sei von anfangslosem Erkennen! Sei mit der Kraft der Freiheit ausgestattet!
4.446
tathā tvaluptaśaktiścānantaśaktistataḥ punaḥ |
guṇānāpādya sarvāṃstān mūlamantramanusmaret || 4.446 ||
Sei von unverminderter Kraft! Sei von unendlicher Kraft!“ Nach Verleihung aller dieser Eigenschaften vergegenwärtige man den Wurzelmantra.
4.447
oṃhūmātmapadopetaṃ sarvajñāyetyapaścimam |
svāhākāraprayogeṇa āhutīḥ pratipādayet || 4.447 ||
Mit oṃ hūṃ und dem Wort Atman verbunden, gefolgt von sarvajñāya und svāhā, bringe man die Opfergaben dar.
4.448
tisraḥ pañca daśaikā vā tilairvātha ghṛtena vā |
dadyāt tato 'bhiṣekaṃ tu mūlamantreṇa suvrate || 4.448 ||
Drei, fünf, zehn oder eine Gabe aus Sesam oder Ghee gebe man. Danach vollziehe man die Weihe mit dem Wurzelmantra, o Gelübdetreue.
4.449
paraṃ śaktyamṛtaṃ kṣobhya śiṣyamūrdhni nipātayet |
turyadvāraṃ viśettaddhi sabāhyābhyantaraṃ smaret || 4.449 ||
Man bewege den höchsten Shakti-Nektar und lasse ihn auf den Schülerkopf fallen. Er tritt durch das Tor des vierten Zustands ein; man denke ihn außen und innen.
4.450
mantraśaktibhirugrābhiḥ śeṣanirdahanādibhiḥ |
śarīraṃ śoṣyate tābhis tadarthamabhiṣecanam || 4.450 ||
Durch die heftigen Mantrakräfte beim Verbrennen der Reste und anderen Handlungen wird der Körper ausgetrocknet. Deshalb erfolgt die Begießungsweihe.
4.451
dīkṣānirvartanātpūrvaṃ puṣpaṃ pāṇau pradāpayet |
darbhaṃ vimocayitvā ca śivāgnau kalaśe gurau || 4.451 ||
Vor Abschluss der Einweihung gebe man eine Blume in die Hand und löse den Darbha-Halm. Shiva-Feuer, Krug und Guru
4.452
pradakṣiṇatrayaṃ kṛtvā daṇḍavannipatedbhuvi |
kṛtakṛtyaḥ prahṛṣṭātmā bhavottīrṇaḥ sunirmalaḥ || 4.452 ||
umschreite man dreimal rechtsherum und werfe sich lang ausgestreckt auf die Erde. Die Aufgabe ist erfüllt, das Innere freudig, das Werden überschritten und völlige Reinheit erreicht.
4.453
protphullanayanaḥ śāntas tṛptātmānaṃ tu bhāvayet |
iyaṃ nairvāṇakī dīkṣā nirbījā vā sabījikā || 4.453 ||
Mit weit geöffneten Augen und friedvoll denke man sich als innerlich erfüllt. Dies ist die Nirvana-Einweihung, ohne Samen oder mit Samen.
4.454
yeṣāṃ sabījikā dīkṣā kuryātteṣvabhiṣecanam |
śrutaśīlasamācārān deśakatve niyojayet || 4.454 ||
Für diejenigen mit Einweihung mit Samen vollziehe man die Begießungsweihe. Wer Wissen, guten Charakter und rechte Lebensführung besitzt, werde zum Lehrer eingesetzt.
4.455
athābhiṣeka ācārye śivayogādanantaram |
pañcabhiḥ kalaśairbhadre sitacandanalepitaiḥ || 4.455 ||
Nun folgt die Acharya-Weihe unmittelbar nach der Vereinigung mit Shiva: mit fünf Krügen, o Gütige, die mit weißem Sandelholz bestrichen sind.
4.456
śivakumbhavadabhyarcya ratnagarbhāmbupūritaiḥ |
ṛddhivṛddhyādibhiḥ pūtair oṣadhyakṣatapūritaiḥ || 4.456 ||
Man verehre sie wie den Shiva-Krug; sie sind mit Wasser und Edelsteinen gefüllt, durch Riddhi-, Vriddhi- und andere Kräuter gereinigt und enthalten Kräuter und ungebrochene Reiskörner.
4.457
sitapadmamukhodgāraiś cūtapallavasaṃyutaiḥ |
pṛthivyādīni tattvāni pañca pañcasu vinyaset || 4.457 ||
Weiße Lotusse ragen aus ihren Öffnungen, Mangoblätter sind beigefügt. Die fünf Prinzipien von Erde an bringe man in den fünf Krügen an.
4.458
kalaśeṣu mahādevi punaścaiva kalā nyaset |
nivṛttyādyāḥ kalāḥ pañca teṣu caivātra vinyaset || 4.458 ||
Dann bringe man erneut die fünf Kalas von Nivritti an in ihnen an, o große Göttin.
4.459
ekaikakalaśo vyāpyo hy anantādiśivāntakaḥ |
pūjayedbhairavaṃ devaṃ sarvasaṃbhārakaiḥ kramāt || 4.459 ||
Jeder einzelne Krug ist vom Bereich Ananta bis Shiva zu durchdringen. Man verehre den Gott Bhairava der Reihe nach mit allen Opfergaben,
4.460
ṣaḍaṅgāvaraṇopetaṃ mantrasaṃdhānasaṃyutam |
bhairaveṇābhimantreta ekaikaṃ kalaśaṃ priye || 4.460 ||
versehen mit sechs Gliedern und Umkreisen sowie der Mantraverbindung. Jeden Krug bespreche man mit Bhairava, Geliebte,
4.461
aṣṭottaraśatenaiva paratattvamanusmaran |
vāruṇyāṃ saumyayamyāyam endryāmaiśyāṃ tathaiva ca || 4.461 ||
hundertachtmal, das höchste Prinzip vergegenwärtigend. Im Westen, Norden, Süden, Osten und Nordosten
4.462
saṃpūjyaivaṃ vidhānena abhiṣekaṃ samācaret |
yāgaharmyasya aiśānyāṃ pīṭhaṃ saṃkalpyayebudhaḥ || 4.462 ||
verehre man so nach Vorschrift und vollziehe die Weihe. Im Nordosten des Opferhauses bilde der Kundige ein Podest.
4.463
tatra maṇḍalakaṃ kṛtvā svastikādivibhūṣitam |
vitānoparisaṃchannaṃ dhvajaiśca pariśobhitam || 4.463 ||
Dort lege man ein Mandala an, mit Svastikas und weiteren Zeichen geschmückt, oben von einem Baldachin bedeckt und mit Bannern verschönert.
4.464
tatrāsanaṃ nyaseddevi śrīparṇīcandanodbhavam |
tatrānantāsanaṃ nyasya mūrtibhūtaṃ śiśuṃ nyaset || 4.464 ||
Darauf setze man einen Sitz aus Shriparni- oder Sandelholz, o Göttin. Darin bringe man den Ananta-Sitz an und setze das Kind als göttliche Gestalt darauf.
4.465
pūrvavatsakalīkṛtya aiśānyabhimukhaṃ sthitam |
gandhapuṣpādinābhyarcya nirbhartsyaḥ kāñcikaudanaiḥ || 4.465 ||
Wie zuvor statte man es mit Mantragliedern aus, nach Nordosten gewandt. Man verehre es mit Duftstoffen und Blumen und vollziehe Abwehr mit saurem Reiswasser und gekochtem Reis,
4.466
mṛdbhasmagomayaiḥ piṇḍair dūrvāṅkurasamāśritaiḥ |
siddhārthadadhitoyaiśca nirājanasamanvitaiḥ || 4.466 ||
mit Klumpen aus Erde, Asche und Kuhdung, versehen mit Durva-Sprossen, ferner mit Senfkörnern, Dickmilch und Wasser, verbunden mit dem Schwenken von Lichtern.
4.467
nirbhartsyaivaṃ vidhānena abhiṣekaṃ pradāpayet |
pṛthivyādighaṭāsayirvā dhāmānusmṛtya secayet || 4.467 ||
Nach dieser vorschriftsgemäßen Abwehr gebe man die Weihe. Aus den Krügen von Erde an oder mit den Gesichtsmantras gieße man unter Vergegenwärtigung des Dhama.
4.468
kramāddhyātvā kalaśeṣu ācāryaḥ susamāhitaḥ |
abhiṣikto 'nyavāsastu paridhāpyācanettataḥ || 4.468 ||
Der Lehrer meditiere gesammelt die Krüge der Reihe nach. Nach der Begießung lasse man den Geweihten andere Kleidung anlegen und Wasser schlürfen.
4.469
praviśya dakṣiṇāṃ mūrtiṃ yogapīṭhaṃ prakalpayet |
saṃsthāpya sakalīkṛtya adhikāraṃ prakalpayet || 4.469 ||
Man trete hinein, bilde südlich der Gestalt einen Yogasitz, setze ihn ein, statte ihn mit Mantragliedern aus und verleihe die Zuständigkeit.
4.470
uṣṇīṣaṃ mukuṭādyāṃśca chatraṃ pādukamāsanam |
hastyaśvaśivikādyāṃśca rājāṅgāni hyaśeṣataḥ || 4.470 ||
Turban, Krone und weitere Insignien, Schirm, Sandalen, Sitz, Elefant, Pferd, Sänfte und alle übrigen königlichen Zeichen,
4.471
karaṇīṃ kartarīṃ khaṭikāṃ sruksruvau darbhapustakam |
akṣasūtrādikaṃ dattvā caturāśramasaṃsthitāḥ || 4.471 ||
Zeicheninstrument, Schere, Kreide, große und kleine Opferkelle, Darbha-Gras, Buch, Gebetskette und anderes übergebe man. Die Angehörigen der vier Lebensstände
4.472
dīkṣyānugrahamārgeṇa dīkṣā vyākhyā tvayā sadā |
adyaprabhṛti kartavyety adhikāraḥ śivājñayā || 4.472 ||
sind auf dem Weg der Gnade einzuweihen: „Von heute an sollst du stets Einweihung und Auslegung vollziehen.“ So wird durch Shivas Gebot die Zuständigkeit verliehen.
4.473
utthāpya hastau saṃgṛhya maṇḍale tu praveśayet |
jānubhyāṃ dharaṇīṃ gatvā saṃpūjya bhairavaṃ tataḥ || 4.473 ||
Man richte ihn auf, ergreife seine Hände und führe ihn ins Mandala. Mit den Knien auf der Erde verehre man Bhairava.
4.474
vijñāpya bhagavannevam abhiṣiktastvadājñayā |
ācāryapadasaṃsthena tavānujñāvidhāyinā || 4.474 ||
Man erkläre: „Erhabener, so wurde er auf dein Geheiß geweiht. Als im Acharya-Amt Stehender folgt er deiner Erlaubnis.
4.475
kartavyaṃ yattadāyātam adhikāraṃ tu deśake |
śivatattvārthakathanaṃ śivasya purataḥ shitaḥ || 4.475 ||
Was zu tun ist, diese Zuständigkeit ist nun auf den Lehrer übergegangen: die Darlegung des Sinnes der Shiva-Wirklichkeit, vor Shiva stehend.“
4.476
nirgatya bhavanādaganau kalādhvānaṃ tu homayet |
mantratarpaṇakaṃ kṛtvā kalānāṃ pañca cāhutīḥ || 4.476 ||
Nach Verlassen des Hauses opfere man den Kala-Weg im Feuer. Nach Stärkung der Mantras bringe man für die Kalas Opfergaben dar,
4.477
pañca pañcasu sarvāsu hutvā pūrṇāhutiṃ guruḥ |
arghapūjādikaṃ kṛtvā praṇamya khyāpayetprabhoḥ || 4.477 ||
für jede der fünf jeweils fünf. Dann gebe der Guru eine Vollgabe, vollziehe Ehrenwasser und Verehrung, verneige sich und erkläre dem Herrn:
4.478
abhiṣikto mayācāryas tadarthaṃ mantratarpaṇam |
hṛdādyaiḥ pañcabhiścāṅgair dakṣiṇaṃ lāñchayetkaram || 4.478 ||
„Der Acharya wurde von mir geweiht; zu diesem Zweck erfolgt die Stärkung der Mantras.“ Mit den fünf Gliedern von Herz an kennzeichne man seine rechte Hand.
4.479
darbholmukaṃ śivāgnau tu kānīyasyādi lāñchayet |
puṣpaṃ pāṇau pradadyāttu maṇḍalāgnau prapātayet || 4.479 ||
Mit einer im Shiva-Feuer entzündeten Darbha-Fackel kennzeichne man beginnend beim kleinen Finger. Man gebe eine Blume in seine Hand und lasse sie im Mandala und am Feuer darbringen.
4.480
bhairavaṃ kalaśaṃ cāgniṃ namaskṛtya tu daṇḍavat |
labdhādhikāro hṛṣṭātmā dṛṣṭādṛṣṭaphalānvitaḥ || 4.480 ||
Nach der lang ausgestreckten Verneigung vor Bhairava, Krug und Feuer besitzt er die Zuständigkeit, freudigen Geist sowie sichtbare und unsichtbare Frucht.
4.481
sa guruḥ śivatulyastu śivadhāmaphalapradaḥ |
śāntyante bhūtidīkṣā ca sadāśivapadātmikā || 4.481 ||
Dieser Guru ist Shiva gleich und gewährt die Frucht von Shivas Zustand. Die Einweihung zur Erlangung von Kräften endet bei Shanti und hat Sadashivas Stätte zum Ziel.
4.482
śivadharmiṇyasau jñeyā lokadharmiṇyatoṇyathā |
śivadharmiṇyasau yeṣāṃ sādhakānāṃ prakīrtitā || 4.482 ||
Sie ist als Einweihung des Shiva-Weges zu erkennen; die des weltbezogenen Weges ist anders. Für jene Sadhakas, denen die Einweihung des Shiva-Weges gelehrt ist,
4.483
teṣāṃ kṛtvābhiṣekaṃ tu sādhakatve niyojayet |
sādhakasyābhiṣeko 'yaṃ vidyādīkṣāta uttaraḥ || 4.483 ||
vollziehe man die Begießungsweihe und setze sie in den Sadhaka-Stand ein. Diese Sadhaka-Weihe folgt auf die Vidya-Einweihung.
4.484
vidyādīkṣā bhavetsā tu vāsanābhedataḥ sthitā |
karmabhedo na vidyeta sarvatrādhvani saṃsthitaḥ || 4.484 ||
Die Vidya-Einweihung unterscheidet sich durch die innere Ausrichtung. Ein Unterschied der Handlungen besteht im gesamten kosmischen Weg nicht.
4.485
kṛtāni yāni karmāṇi sarvāṇyadhvagatāni tu |
tāni saṃśodhya vidhivat kalāpañcasthitāni tu || 4.485 ||
Alle vollbrachten karmischen Handlungen liegen im kosmischen Weg. Man reinige sie vorschriftsgemäß als in den fünf Kalas enthalten.
4.486
yojanyavasare bhedo vimarśaḥ sādhakasya tu |
prārabdaṃ karma pāścātyaṃ na caikasthaṃ tu bhāvayet || 4.486 ||
Bei der Vereinigung liegt der Unterschied in der bewussten Ausrichtung des Sadhaka. Seine bereits begonnenen und späteren Handlungen der Mantraverehrung soll man nicht mit dem zu tilgenden Karma zusammenfassen. [Diese Einschränkung erläutert Kṣemarāja.]
4.487
sādhakasya tu bhūtyarthaṃ prāk karmaikaṃ tu śodhayet |
dhāma proccārya sakalaṃ sadāśivatanau nyaset || 4.487 ||
Für die Kraftentfaltung des Sadhaka reinige man das frühere Karma. Man spreche das gegliederte Dhama und setze ihn in den Körper Sadashivas ein. [Nach Kṣemarājas Rückverweis auf 4.142 wird auch das übrige künftige Karma einbezogen; die in 4.486 genannten Handlungen der Mantraverehrung bleiben ausgenommen.]
4.488
vidyādehasvarūpeṇa dhyātvā devaṃ sadāśivam |
pūrṇāhutiprayogena aṇimādiguṇairyutam || 4.488 ||
Den Gott Sadashiva meditiere man als Vidya-Körper, mit Anima und den übrigen Eigenschaften ausgestattet, und vollziehe die Vollgabe.
4.489
aṇimādiguṇāvāptau mūlamantrasvasaṃjñayā |
aṣṭāvevāhutīrdattvā abhiṣiñcettu sādhakam || 4.489 ||
Zur Erlangung von Anima und den übrigen Eigenschaften bringe man mit Wurzelmantra und jeweiligem Namen acht Opfergaben dar; dann weihe man den Sadhaka durch Begießung.
4.490
kalaśaiḥ pañcabhiḥ kuryāt nivṛtyādyāstriṣu nyaset |
śāntyatītāṃ pañcame ca śāntiṃ paścāccaturthake || 4.490 ||
Dies geschehe mit fünf Krügen. Nivritti und die folgenden bringe man in den ersten drei an, Shantyatita im fünften und Shanti im vierten.
4.491
śāntyā tu saṃpuṭīkṛtya pṛthivyādyaiśca pañcabhiḥ |
ekaikakalaśe paścāt sādhyamantraṃ tu vinyaset || 4.491 ||
Mit Shanti und den fünf Prinzipien von Erde an umschließe man sie. Danach setze man in jeden Krug den zu verwirklichenden Mantra ein.
4.492
vidyāṅgaiḥ sakalīkṛtya vidyāṅgāvaraṇaṃ nyaset |
saṃmantryāṣṭaśatenaiva ekaikaṃ kalaśaṃ tataḥ || 4.492 ||
Mit den Vidya-Gliedern statte man aus und bringe ihren Umkreis an. Dann bespreche man jeden einzelnen Krug hundertachtmal.
4.493
bahirmaṇḍalake nyasya āsanaṃ praṇavena tu |
sādhakaṃ tatra saṃsthāpya sakalīkaraṇaṃ tataḥ || 4.493 ||
In einem äußeren Mandala bringe man mit Om einen Sitz an, setze den Sadhaka darauf und statte ihn mit Mantragliedern aus.
4.494
nirbhatsya pūrvavatsarvaiḥ sādhyamantreṇa secayet |
nivṛtyāditribhiḥ kumbhaiḥ snāpayetpūrvadiṅmukham || 4.494 ||
Nach der Abwehr mit allen zuvor genannten Mitteln begieße man ihn mit dem zu verwirklichenden Mantra. Mit den drei Krügen von Nivritti an bade man ihn, nach Osten gewandt.
4.495
śāntyatītaṃ ghaṭaṃ paścād gṛhītvā secayecchiśum |
śāntiṃ paścāttu gṛhṇīyāt saṃpuṭenābhiṣecayet || 4.495 ||
Danach nehme man den Shantyatita-Krug und begieße das Kind. Anschließend nehme man Shanti und begieße abschließend umschließend.
4.496
sādhakasyābhiṣeko 'yam anulomavilomataḥ |
abhiṣicya praveśyainaṃ dakṣiṇāṃ mūrtimāsthitam || 4.496 ||
Dies ist die Sadhaka-Weihe in Vorwärts- und Rückwärtsfolge. Nach der Weihe führe man ihn hinein an die Südseite der Gestalt.
4.497
praṇavenāsanaṃ dattvā sakalīkaraṇaṃ bhavet |
sādhakasyādhikārārtham akṣamālādi kalpayet || 4.497 ||
Man gebe ihm mit Om einen Sitz und vollziehe die Ausstattung mit Mantragliedern. Für seine Sadhaka-Zuständigkeit bereite man Gebetskette und weitere Gegenstände.
4.498
mantrakalpākṣasūtraṃ ca khaṭikāṃ chatrapāduke |
uṣṇīṣarahitaṃ datvā praviśya śivasaṃnidhau || 4.498 ||
Man gebe Mantrahandbuch, Gebetskette, Kreide, Schirm und Sandalen, jedoch keinen Turban, und trete vor Shiva.
4.499
vijñāpya parameśānaṃ sādhako 'yaṃ mayā kṛtaḥ |
bhūyātsiddhistvadājñātas triprakārasya bhaktitaḥ || 4.499 ||
Man erkläre dem höchsten Herrn: „Diesen habe ich zum Sadhaka gemacht. Durch dein Gebot und seine Hingabe möge ihm die dreifache Vollendung zuteilwerden.“
4.500
sādhyamantraṃ dadetpaścāt puṣpodakasamanvitam |
tasya haste samarpyeta siddhyarthaṃ sādhakasya tu || 4.500 ||
Dann übergebe man den zu verwirklichenden Mantra zusammen mit Blumen und Wasser in seine Hand, zur Verwirklichung des Sadhaka.
4.501
praṇamyobhau gṛhītvā tu mantraṃ hṛdi niveśayet |
prahṛṣṭavadanaḥ śiṣyo guruścāpi praharṣavān || 4.501 ||
Nach der Verneigung vor beiden nehme der Schüler den Mantra an und setze ihn ins Herz. Sein Gesicht sei freudig, und auch der Guru freue sich.
4.502
agnyāgāre sāvadhānau tarpayenmantrasaṃhitām |
sahasraṃ vā śataṃ vāpi sādhyamantrasya tarpaṇam || 4.502 ||
Im Feuerhaus stärken beide aufmerksam die Mantragesamtheit. Die Stärkung des zu verwirklichenden Mantras erfolgt durch tausend oder hundert Opfergaben.
4.503
evaṃ saṃtarpayitvā tu puṣpaṃ pāṇau pradāpayet |
tristhaṃ saṃpūjya devaṃ tu tato 'pi triḥpradakṣiṇam || 4.503 ||
Nach dieser Stärkung gebe man eine Blume in die Hand. Man verehre den Gott an den drei Orten und umschreite ihn dreimal rechtsherum.
4.504
praṇamya bhaktiyuktātmā aṇimādiphalaṃ labhet |
utthāpya sādhakaṃ brūyāt samayānpāhi yatnataḥ || 4.504 ||
Nach hingebungsvoller Verneigung erlangt man Anima und die übrigen Früchte. Man richte den Sadhaka auf und sage: „Bewahre sorgfältig die Verpflichtungen!“
4.505
dīkṣāvasāne te devi śrāvaṇīyā vipaścitā |
evaṃ dīkṣāṃ tu nirvartya sarvadaiva varānane || 4.505 ||
Diese sollen ihm am Ende der Einweihung vom Kundigen verkündet werden, o Göttin. Nachdem man die Einweihung so vollendet hat, o Schönangesichtige,
4.506
ātmatyāgaḥ prakartavyo yathā bhavati tacchruṇu |
vaijñānakī prākṛtī vā ācāryasya yadṛcchayā || 4.506 ||
ist die Selbsthingabe zu vollziehen; höre, wie sie geschieht. Sie kann erkenntnisbezogen oder mit äußeren Mitteln erfolgen, nach Ermessen des Lehrers.
4.507
vaijñānikīṃ susūkṣmāṃ tu vidhinānena kārayet |
tilājyādisamāyuktā adhvavāgīśikalpanā || 4.507 ||
Die überaus feine erkenntnisbezogene Form vollziehe man so: mit Sesam, Ghee und weiteren Gaben und der Vergegenwärtigung von kosmischem Weg und Vagishi.
4.508
kalābhiḥ pañcabhirvyāptam adhvānaṃ yugapannyaset |
pūjāhomopacārādyān kṛtvātmānaṃ niyojayet || 4.508 ||
Den von den fünf Kalas durchdrungenen Weg bringe man gleichzeitig an. Nach Verehrung, Feueropfer und Ehrendienst verbinde man das eigene Selbst.
4.509
śiṣyacaitanyavat yogād adhvānaṃ yugapannyaset |
puṣpādyaiḥ pūjayitvā taṃ yogārthamāhutitrayam || 4.509 ||
Wie beim Bewusstsein des Schülers setze man durch die Verbindung den Weg gleichzeitig ein. Nach Verehrung mit Blumen bringe man drei Opfergaben für die Verbindung dar.
4.510
garbhadhāritvajanane arjane bhogatallaye |
yugapaddhomayeddevi mūlamantreṇa suvrataḥ || 4.510 ||
Schwangerschaft, Geburt, karmischen Erwerb, Erfahrung und deren Aufgehen opfere man gleichzeitig, o Göttin, mit dem Wurzelmantra und gelübdestreu.
4.511
āhutīnāṃ trayaṃ homyaṃ pratikarma varānane |
hotavyā niṣkṛtirbhinnā pañcasthānakalātmasu || 4.511 ||
Für jede Handlung sind drei Opfergaben darzubringen, o Schönangesichtige. Die Abgeltung wird jedoch gesondert für die Kalas der fünf Orte geopfert.
4.512
śatamekaṃ tadarthaṃ vā niṣkṛtiḥ parikīrtitā |
viśleṣapāśacchedādye dhāmnaiva yugapaddhutiḥ || 4.512 ||
Oder es gilt ein einziges Hundert Opfergaben dafür als Abgeltung. Für Ablösung, Fesseldurchtrennung und die weiteren Handlungen opfere man gleichzeitig mit Dhama.
4.513
uddhāre cātmatattvasthe pūrṇāhutiṃ tu pātayet |
ātmānaṃ yojayettattve śive paramakāraṇe || 4.513 ||
Bei der Heraushebung und beim Verweilen im Selbst-Prinzip bringe man eine Vollgabe dar. Das eigene Selbst verbinde man mit der Wirklichkeit Shiva, dem höchsten Urgrund.
4.514
guṇān pūrvavadāpādya amṛtānpūrvavat kuru |
ātmadīkṣā samāptau tu prāyaścittanivṛttaye || 4.514 ||
Nach Verleihung der Eigenschaften wie zuvor mache man nektargleich. Nach Abschluss der Selbsteinweihung folgt die Aufhebung von Sühnemängeln.
4.515
atha vijñānarūpeṇa sakṛduccāralakṣaṇā |
heyopādeyapāśānāṃ yugapadbhairaveṇa tu || 4.515 ||
Dann geschieht erkenntnisgestaltig, durch einmaliges Lautaufsteigen mit Bhairava zugleich, die Behandlung der loszulassenden und anzunehmenden Bindungen.
4.516
śāśvatī saṃsthitiḥ paścāt sūkṣmadīkṣā prakīrtitā |
viśeṣapūjanaṃ homaṃ yathāśakti prakalpayet || 4.516 ||
Danach besteht der dauerhafte Zustand. Dies wird feine Einweihung genannt. Besondere Verehrung und Feueropfer vollziehe man nach Vermögen.
4.517
vādyagītasunṛtyādyaiḥ stutibhiḥ pūjayeddharam |
triḥ pradakṣiṇamāvartya kalaśāgnisamaṇḍalam || 4.517 ||
Mit Instrumentalmusik, Gesang, schönem Tanz und Lobpreis verehre man Hara und umschreite Krug, Feuer und Mandala dreimal rechtsherum.
4.518
aṣṭāṅgapatanaṃ kṛtvā vijñapetparameśvaram |
bhagavanpaśuhetvarthaṃ yenmayāvāhito bhavān || 4.518 ||
Nach der Verneigung mit acht Körpergliedern erkläre man dem höchsten Herrn: „Erhabener, dass ich dich um der gebundenen Seele willen herbeigerufen habe,
4.519
tatkṣantavyaṃ sadā deva vidhisthasya mama prabho |
vidhinyūnamakāmasya pūjā śāstoditā yathā || 4.519 ||
das verzeihe mir stets, Gott und Herr, der ich mich an die Vorschrift halte. Was am Ritus des Absichtslosen unvollständig ist und an der schriftgemäß gelehrten Verehrung,
4.520
na bhavedatibhūyiṣṭhā prākṛtairdravyasaṃcayaiḥ |
avalambya bhaktimātraṃ vidhānaṃ yatkṛtaṃ mayā || 4.520 ||
was durch die Menge äußerer Stoffe nicht überreich werden konnte: Die Vorschrift, die ich allein auf Hingabe gestützt vollzogen habe,
4.521
tatsarvaṃ saphalaṃ me 'stu suprasanne vibho tvayi |
prasannavadano hṛṣṭo varaṃ dattaṃ vibhāvayet || 4.521 ||
möge für mich ganz fruchtbar sein, da du gnädig bist, Allgegenwärtiger.“ Mit heiterem, freudigem Gesicht vergegenwärtige man die gewährte Gabe.
4.522
upaviśya tato yāgaṃ saṃhareta kramāt priye |
agraṃ saṃprārthya gṛhṇīyāt sthāpayeccāstrarakṣitam || 4.522 ||
Dann setze man sich und löse das Opfer der Reihe nach auf, Geliebte. Man erbitte den ersten Speiseanteil, nehme ihn und stelle ihn unter Waffenschutz ab.
4.523
viśeṣapūjanaṃ cārdhaṃ praṇipātaṃ tataḥ punaḥ |
nirodhārdhaṃ tato gṛhya ardhaṃ savyāpasavyataḥ || 4.523 ||
Es folgen besondere Verehrung, Ehrenwasser und erneute Verneigung. Dann nehme man das Ehrenwasser der Festhaltung und bringe es rechts- und linksherum dar.
4.524
datvā visarjayeddevaṃ dhāmamantramanusmaran |
ātmano recakaṃ kṛtvā puṣpaṃ devāya ni.kṣipet || 4.524 ||
Unter Vergegenwärtigung des Dhama-Mantras entlasse man den Gott. Mit der eigenen Ausatmung bringe man ihm eine Blume dar.
4.525
saṃhāriṇyā ca saṃgṛhya mantrān pārśvavyavasthitān |
vidyudvaccalitān dhyātvā dhāmadehe tu vinyaset || 4.525 ||
Mit der Auflösungs-Mudra erfasse man die seitlich angeordneten Mantras, meditiere sie blitzartig bewegt und setze sie in den Dhama-Körper ein.
4.526
vidyādehaṃ bhairavasya tallīnaṃ binduvigrahe |
binduṃ tu nādaśaktisthaṃ śaktirūpaṃ tu grāhayet || 4.526 ||
Den Vidya-Körper Bhairavas denke man in der Bindu-Gestalt aufgegangen, Bindu in Nada und Shakti; man erfasse die Shakti-Gestalt.
4.527
śaktirūpaṃ vyapakena praṇavobhayasaṃpuṭam |
saṃhāriṇyā tu saṃgṛhya dvādaśāte tu yojayet || 4.527 ||
Die Shakti-Gestalt umschließe man durch den alldurchdringenden Mantra mit Om auf beiden Seiten. Mit der Auflösungs-Mudra erfasse man sie und verbinde sie am Dvadashanta.
4.528
pūrakeṇa hṛdi nyasya svasthānasthaṃ tu bhāvayet |
sakalaṃ niṣkalaṃ rūpaṃ tathā sakalaniṣkalam || 4.528 ||
Mit der Einatmung setze man sie ins Herz und denke sie an ihrem eigenen Ort: in gegliederter, ungegliederter und zugleich gegliederter wie ungegliederter Gestalt.
4.529
bhinnāvasthaṃ tu mantreṣu hṛtsthaṃ tatsaṃsmaretpriye |
visarjanavidhirhyevaṃ agnāvevaṃ prapūjayet || 4.529 ||
Nach den verschiedenen Zuständen in den Mantras vergegenwärtige man sie im Herzen, Geliebte. So ist die Entlassungsvorschrift; ebenso verehre man im Feuer.
4.530
aṣṭottaraśataṃ hutvā pūrṇāhutiṃ prapātayet |
ardhāmācamanaṃ datvā praṇipatya kṣamāpayet || 4.530 ||
Nach hundertacht Opfergaben bringe man die Vollgabe dar, gebe Ehrenwasser und Mundspülwasser, verneige sich und bitte um Verzeihung.
4.531
maṇḍalasthaprayogena recakāpūrakeṇa tu |
saṃgṛhya mantrasaṃghātaṃ yathāsthānaṃ prakalpayet || 4.531 ||
Nach der beim Mandala angewandten Weise erfasse man durch Ausatmung und Einatmung die Mantragesamtheit und ordne sie an ihrem jeweiligen Ort an.
4.532
jāgarayettadāgniṃ tu nityakarmanimittataḥ |
nirmālyanayanaṃ kuryād rajāṃsyapaharetpriye || 4.532 ||
Das Feuer halte man für die täglichen Pflichten wach. Man entferne die gebrauchten Opfergaben und nehme die Farbpulver fort, Geliebte.
4.533
tataḥ praviśya vasudhāṃ prokṣayettaṃ śivāmbhasā |
bahirnirgatya bhūtānāṃ balikarma tu pūrvavat || 4.533 ||
Dann trete man ein und besprenge den Boden mit Shiva-Wasser. Wieder hinausgegangen vollziehe man die Bali-Handlung für die Wesen wie zuvor.
4.534
ācamya sakalīkṛtya liṅginastarpayettataḥ |
guruṃ saṃpūjayecchiṣyo yathāvibhavavistaraiḥ || 4.534 ||
Nach Wasserschlürfen und Ausstattung mit Mantragliedern stärke man die religiösen Asketen. Der Schüler verehre den Guru entsprechend seinem Vermögen.
4.535
deśādhyakṣo grāmaśataṃ maṇḍaleśastadardhakam |
śatabhukpañca vai dadyād grāmaṃ viṃśatibhuktathā || 4.535 ||
Ein Landesherr gebe hundert Dörfer, ein Bezirksfürst die Hälfte; wer hundert Dörfer innehat, gebe fünf, wer zwanzig innehat, ein Dorf.
4.536
dadyāttu grāmabhuk kṣetraṃ kṣetrabhoktā tu viṃśatim |
yena yena gurustuṣyet tatsarvaṃ vinivedayet || 4.536 ||
Wer ein Dorf innehat, gebe ein Feld, ein Feldbesitzer einen zwanzigsten Anteil. Alles, wodurch der Guru zufrieden wird, bringe man dar. [Kṣemarāja erläutert viṃśatim als viṃśatitamaṃ bhāgam, einen zwanzigsten Teil.]
4.537
tatastvanṛṇatāṃ yāti vittaśāṭhyavivarjitaḥ |
tatastu samayāñśrāvyas tantre bhairavanirgate || 4.537 ||
Ohne Geiz mit seinen Mitteln wird man so von der Schuld frei. Danach sollen die im von Bhairava hervorgegangenen Tantra gelehrten Verpflichtungen verkündet werden.
4.538
carukaṃ prāśayetpaścāc cumbakaḥ sādhakaiḥ saha |
vāṅniruddhaḥ prasannātmā pṛthak pātravyavasthitaḥ || 4.538 ||
Anschließend esse der Chumbaka, der einweihende Lehrer, mit den Sadhakas den Opferbrei, schweigend und heiter, jeder mit einem eigenen Gefäß.
4.539
anukrameṇa dātavyaḥ tataḥ siddhimavāpnuyāt |
anenaiva vidhānena dīkṣitā ye varānante || 4.539 ||
Er ist der Reihe nach auszuteilen; dadurch erlangt man Vollendung. Diejenigen, die nach dieser Vorschrift eingeweiht sind, o Schönangesichtige,
4.540
brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdraścānye 'thavā priye |
sarve te samadharmāṇaḥ śivadharme niyojitāḥ || 4.540 ||
seien sie Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas, Shudras oder andere, Geliebte, haben alle dieselbe religiöse Ordnung und sind dem Shiva-Weg zugeordnet.
4.541
sarve jaṭādharāḥ proktā bhasmoddhūlitavigrahāḥ |
ekapaṅktibhujaḥ sarve samayinastu varānane || 4.541 ||
Alle werden als Träger verfilzten Haares und mit Asche bestäubter Körper beschrieben. Sämtliche Samayins essen in einer gemeinsamen Reihe, o Schönangesichtige.
4.542
putrakāṇāṃ bhavedekā sādhakānāṃ tathā bhavet |
cumbakānāṃ bhavedekā na prāgjātivibhedataḥ || 4.542 ||
Eine Reihe gibt es für die Putrakas, ebenso für die Sadhakas und eine für die Chumbakas; die Unterscheidung erfolgt nach diesen Stufen, nicht nach der früheren Geburtszugehörigkeit.
4.543
ekaiva sā smṛtā jātir bhairavīyā śivāvyayā |
tantrametatsamāśritya prāgjātiṃ na hyudīrayet || 4.543 ||
Als eine einzige gilt ihre Geburtsgemeinschaft: die Bhairavas, die Shiva-hafte, unvergängliche. Wer sich auf dieses Tantra stützt, soll die frühere Kastenzugehörigkeit nicht hervorheben.
4.544
putrakāṇāṃ sādhakānāṃ tathā samayināmapi |
prāgjātyudīraṇāddevi prāyaścittī bhavennaraḥ || 4.544 ||
Wer die frühere Kastenzugehörigkeit von Putrakas, Sadhakas oder Samayins nennt, o Göttin, wird sühnpflichtig.
4.545
dinatrayaṃ tu rudrasya pañcāhaṃ keśavasya ca |
pitāmahasya pakṣaikaṃ narake pacyate tu saḥ || 4.545 ||
Nach dem Text wird er drei Tage Rudras, fünf Tage Keshavas und eine halbe Monatszeit Brahmas in der Hölle gequält.
4.546
avivekī bhavettasmād yadīccheduttamāṃ gatim |
avivekena deveśi siddhirmuktirdhruvaṃ bhavet || 4.546 ||
Deshalb soll man solche Unterschiede nicht machen, wenn man den höchsten Zustand begehrt. Durch dieses Nichtunterscheiden entstehen gewiss Vollendung und Befreiung, o Herrin der Götter.
Kapitel 5
5.1
kalādīkṣā sureśāna kathitā parameśvara |
tattvadīkṣā samāsena kathayasva prasādataḥ || 5.1 ||
„Die Kala-Einweihung wurde erklärt, o Herr der Götter, höchster Herr. Lehre nun aus Gnade zusammenfassend die Tattva-Einweihung.“
5.2
samāsāt kathayiṣyāmi tvatpriyārthaṃ varānane |
ṣaṭtriṃśattattvamukhyāni yathā śodhyāni pārvati || 5.2 ||
„Zu deiner Freude werde ich zusammenfassend erklären, o Schönangesichtige, wie die sechsunddreißig Hauptprinzipien zu reinigen sind, Parvati.
5.3
pṛthivyādiśivāntāni svavyāptyānuguṇaiḥ saha |
yathā śuddhyānti deveśi tathā te kathayāmyaham || 5.3 ||
Wie die Prinzipien von Erde bis Shiva mit ihrer jeweiligen Reichweite und ihren zugehörigen Eigenschaften gereinigt werden, so erkläre ich es dir, o Herrin der Götter.
5.4
vidyārājasya ye varṇā navasaṃkhyopalakṣitāḥ |
vācakāste ca tattvānāṃ kathayāmyanupūrvaśaḥ || 5.4 ||
Die neun Laute des Vidyaraja bezeichnen diese Prinzipien. Ich werde sie der Reihe nach erläutern.
5.5
dharitryādipradhānāntam ūkāro vācakaḥ smṛtaḥ |
puruṣasya yakāro vai rāgatattvānvitasya ca || 5.5 ||
Ū gilt als Bezeichnung des Bereichs von Erde bis Urnatur. Ya bezeichnet Purusha mitsamt dem Raga-Prinzip.
5.6
niyāmikāṃ vakāreṇa vidyātattvasamanvitām |
kālaṃ kalāṃ lakāreṇa kalpayettu varānane || 5.6 ||
Die regelnde Niyati mit dem begrenzten Wissen bilde man durch va; Zeit und Kala bilde man durch la, o Schönangesichtige.
5.7
māyātattvaṃ makāreṇa vidyātattvaṃ kṣakārataḥ |
repheṇa caiśvaraṃ tattvaṃ hakāreṇa sadāśivaḥ || 5.7 ||
Das Maya-Prinzip durch ma, das Vidya-Prinzip durch kṣa, das Ishvara-Prinzip durch ra und Sadashiva durch ha.
5.8
praṇavena tathā śaktir nyasitavyā varānane |
vyāpinīṃ samanāṃ cordhvaṃ tatraiva tu viśodhayet || 5.8 ||
Shakti ist mit Om anzubringen, o Schönangesichtige. Vyapini und Samana darüber reinige man ebenfalls dort.
5.9
śodhayitvā krameṇaiva mūlamantreṇa suvrate |
yojya ātmā pare tattve unmanātītasarvage || 5.9 ||
Nach der Reinigung der Reihe nach mit dem Wurzelmantra, o Gelübdetreue, ist das Selbst mit der höchsten, alldurchdringenden Wirklichkeit jenseits Unmanas zu verbinden.
5.10
nirābhāse pare śānte īśāne cāvyaye tvaje |
ṣaṭtriṃśattattvamākhyātaṃ navatattvaṃ pracakṣmahe || 5.10 ||
Sie ist ohne gegenständlichen Schein, höchst friedvoll, herrschend, unvergänglich und ungeboren. Die sechsunddreißig Prinzipien sind erklärt; wir erläutern nun die Neunergruppe.
5.11
prakṛtiḥ puruṣaścaiva niyatiḥ kāla eva ca |
māyā vidyā tatheśaśca sadāśivaśivau tathā || 5.11 ||
Prakriti, Purusha, Niyati, Kala als Zeit, Maya, Vidya, Isha, Sadashiva und Shiva.
5.12
śodhayitvā tu vidhivad vyāptyātmānaṃ niyojayet |
pañcatattvī yadā śodhyā vaktramantrāstu vācakāḥ || 5.12 ||
Nach ihrer vorschriftsgemäßen Reinigung verbinde man das Selbst durch die Durchdringung. Soll die Fünfergruppe gereinigt werden, dienen die Gesichtsmantras als Bezeichnungen.
5.13
dharitryādi khaparyantaṃ śodhayet tatkrameṇa tu |
kalānāṃ yāvatī vyāptis tattvānāṃ tāvadeva hi || 5.13 ||
Von Erde bis Raum reinige man der Reihe nach. So weit die Reichweite der Kalas reicht, so weit auch diejenige der Prinzipien.
5.14
tritattvamadhunā vakṣye yathā śodhyaṃ varānane |
akāra ātmatattvasya vācakaḥ parikīrtitaḥ || 5.14 ||
Nun erkläre ich die drei Prinzipien und ihre Reinigung, o Schönangesichtige. A wird als Bezeichnung des Atma-Tattva gelehrt.
5.15
māyāntaṃ tadvijānīyāt vidyākhyasyāpyukārakaḥ |
sakalāvadhi tajjñeyaṃ śivasya tu makārakaḥ || 5.15 ||
Dieses erkenne man als bis Maya reichend; u bezeichnet den Vidya-Bereich, der bis zum gegliederten Gott reicht. M bezeichnet Shiva.
5.16
khasvaraḥ khasvarūpasya śivatattvasya vācakaḥ |
śodhayitvā krameṇaiva pare tattve niyojayet || 5.16 ||
Der Raumlaut bezeichnet das raumgestaltige Shiva-Prinzip. Nach der Reinigung der Reihe nach verbinde man mit der höchsten Wirklichkeit.
5.17
tattvadīkṣā samākhyātā caturbhedavyavasthitā |
paradīkṣāṃ pravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ || 5.17 ||
So ist die vierfach gegliederte Tattva-Einweihung erklärt. Die höhere Einweihung werde ich nun richtig und der Reihe nach darlegen.
5.18
vidyārāje tu ye varṇā navasaṃkhyopalakṣitāḥ |
pṛthagbhedena teṣāṃ tu vinyāsaṃ kathayāmi te || 5.18 ||
Die neun Laute des Vidyaraja und ihre getrennte Anordnung werde ich dir erklären.
5.19
navanābhaṃ puraṃ kṛtvā navapadmopalakṣitam |
navahastaṃ likhedveśma aṣṭaparvādhikaṃ budhaḥ || 5.19 ||
Man bilde einen Bezirk mit neun Mittelpunkten, durch neun Lotusse gekennzeichnet. Der Kundige zeichne ein Haus von neun Ellen, um acht Fingergliedmaße erweitert.
5.20
saptabhāgīkṛtaṃ tattu dakṣiṇottarabhājitam |
caturaśraṃ vibhajyādau matsyaiścaivātra cihnitam || 5.20 ||
Dieses teile man siebenfach in Nord-Süd-Richtung; zuerst gliedere man das Quadrat, hier durch fischförmige Schnittfiguren markiert.
5.21
koṣṭhakaikonapañcāśat sūtreṇa tu samālikhet |
madhyame koṣṭhake sūtraṃ dvātriṃśāṅgulasammitam || 5.21 ||
Mit der Schnur zeichne man neunundvierzig Felder. Im mittleren Feld lege man eine zweiunddreißig Fingerbreiten messende Schnur an.
5.22
samālikhya mahādevi caturbhāgavibhājite |
prathame karṇikāṃ kuryāt kesarāṇi dvitīyake || 5.22 ||
Nach dem Zeichnen, o große Göttin, teile man vierfach: Im ersten Bereich bilde man die Samenkapsel, im zweiten die Staubfäden.
5.23
tṛtīye dalasandhīṃśca dalāgrāṇi caturthake |
dikṣu rekhāṣṭakaṃ dattvā pratidikṣu tathaiva ca || 5.23 ||
Im dritten die Blattverbindungen, im vierten die Blattspitzen. In den Hauptrichtungen und entsprechend den Zwischenrichtungen lege man acht Linien an.
5.24
bhrāmayeccaturo vṛttāṃś caturaṅgulasammitān |
dvābhyāṃ pratidigrekhābhyāṃ madhye sūtraṃ nidhāpya tat || 5.24 ||
Man ziehe vier Kreise mit einem Maß von vier Fingerbreiten. Zwischen je zwei Linien der Zwischenrichtungen setze man die Schnur an.
5.25
sūtrāgraṃ tu tato bhrāmyam ardhacandravidhānataḥ |
madhyasūtraṃ ca dātavyaṃ kiñjalkasthaṃ vipaścitā || 5.25 ||
Ihre Spitze lasse man halbmondförmig kreisen. Der Kundige lege auch die mittlere Schnur im Bereich der Staubfäden an.
5.26
pūrvapatraṃ prasādhyavam itarāṇyevameva hi |
kesarāṇi ca saṃlikhya caturviṃśatisaṃkhyayā || 5.26 ||
So vollende man das östliche Blatt und ebenso die übrigen. Vierundzwanzig Staubfäden zeichne man ein.
5.27
patrāgrato nyasellekhāṃ vartulāṃ tu suśobhanām |
tasyāntaṃ caturaśraṃ tu kartavyaṃ tatpramāṇataḥ || 5.27 ||
Vor den Blattspitzen zeichne man eine schöne kreisförmige Linie. Um deren Grenze bilde man ein Quadrat nach entsprechendem Maß.
5.28
pūrvaṃ brahma prasādhyaṃ tu viṣuvatsthena helinā |
pūrvapaścāttataṃ sūtraṃ śaṅkunā sādhayet priye || 5.28 ||
Zuerst bestimme man die Ost-West-Grundrichtung mithilfe der Sonne zur Tagundnachtgleiche. Eine nach Osten und Westen gespannte Schnur richte man mit dem Schattenstab aus, Geliebte.
5.29
dvādaśāṅgulamānena madhye śaṅkuṃ praropya tam |
pārśveṣu bhrāmayedrekhāṃ ṣoḍaśāṅgulasammitām || 5.29 ||
Einen zwölf Fingerbreiten hohen Stab setze man in die Mitte und ziehe ringsum einen Kreis von sechzehn Fingerbreiten.
5.30
pūrvāhne grāhayecchāyām aparasthāṃ sucihnitām |
aparasthena sūryeṇa prākchāyāṃ lāñchayet priye || 5.30 ||
Am Vormittag markiere man deutlich den westlichen Schatten; bei westlich stehender Sonne kennzeichne man den östlichen Schatten, Geliebte.
5.31
dhruveṇottaradakṣasthāṃ lāñchayettu varānane |
tataḥ samālikhet padmam aṣṭapatraṃ sakarṇikam || 5.31 ||
Am Polarstern bestimme man die Nord-Süd-Richtung, o Schönangesichtige. Dann zeichne man den achtblättrigen Lotus mit seiner Samenkapsel.
5.32
dikkoṣṭhakāṃśca saṃgṛhya aṣṭasaṃkhyopalakṣitam |
śeṣā lopyā varārohe ekāntaritayogataḥ || 5.32 ||
Man wähle die acht Felder der Richtungen aus; die übrigen lasse man weg, o du von schönem Wuchs, jeweils mit einem Zwischenfeld.
5.33
padmāṣṭakaṃ tato dikṣu bāhye dvārāṇi cālikhet |
vīthyardhasammitāṃ devi śobhāṃ caiva prakalpayet || 5.33 ||
Dann zeichne man acht Lotusse in den Richtungen und außen die Tore. Die Schmuckzone bilde man halb so breit wie den Umlaufweg, o Göttin.
5.34
upaśobhāṃ ca tanmānāṃ kapolāntaṃ samālikhet |
tathā kaṇṭhaṃ ca tanmānaṃ dvārametatprakīrtitam || 5.34 ||
Die Nebenschmuckzone zeichne man im gleichen Maß bis zu den seitlichen Wangen; ebenso den Hals. Dies ist die Toranlage.
5.35
dvārāṣṭakavibhāgena navanābhaṃ puraṃ smṛtam |
snātvā tu vidhivad devi praviśedbhavanaṃ guruḥ || 5.35 ||
Durch die Gliederung in acht Tore heißt der Bezirk Neunmittelpunkt-Bezirk. Nach vorschriftsgemäßem Baden betrete der Guru das Haus, o Göttin.
5.36
pūrvoktena vidhānena sakalīkaraṇādikam |
tataḥ sampūjayeddevaṃ bhairavaṃ parameśvaram || 5.36 ||
Er vollziehe die zuvor gelehrte Ausstattung mit Mantragliedern und die übrigen Handlungen. Dann verehre er den Gott Bhairava, den höchsten Herrn.
5.37
praṇavenāsanaṃ dattvā śivāntaṃ varavarṇini |
madhye sampūjayeddevaṃ svacchandaṃ parameśvaram || 5.37 ||
Mit Om gebe er den Sitz bis Shiva, o du von herrlicher Erscheinung. In der Mitte verehre er den Gott Svacchanda, den höchsten Herrn.
5.38
pūrvoktena vidhānena aṅgaṣaṭkasamanvitam |
patrāṣṭake nyasedvarṇān pūrvādīśāṃśtataḥ kramāt || 5.38 ||
Dies geschehe nach der früheren Vorschrift, mit den sechs Gliedern. Auf den acht Blättern bringe man die Laute von Osten bis Nordosten der Reihe nach an.
5.39
sadāśivaṃ hakāreṇety evamādi varānane |
prakṛtyantaṃ vijānīyān madhye pīṭheśakalpanā || 5.39 ||
Sadashiva durch ha und so weiter, o Schönangesichtige, bis zur Urnatur; in der Mitte bilde man den Herrn des Pitha.
5.40
dikpadmakarṇikāsaṃsthān aṣṭau devān prapūjayet |
tatsthāne bhairavaḥ pūjyaḥ śeṣā varṇairyathākramam || 5.40 ||
Die acht Götter auf den Samenkapseln der Richtungslotusse verehre man. An der jeweiligen Stelle ist Bhairava zu verehren, die übrigen der Reihe nach durch die Laute.
5.41
śodhayecca prakṛtyādiśivāntaṃ surasundari |
īśānadiśa ārabhya madhyapīṭhaṃ viśodhayet || 5.41 ||
Man reinige von Prakriti bis Shiva, o göttlich Schöne. Im Nordosten beginnend reinige man bis zum mittleren Pitha.
5.42
yojayettu pare tattve śive paramakāraṇe |
evaṃ varṇāstathā mantrān bhuvanāni viśodhayet || 5.42 ||
Man vereinige mit der höchsten Wirklichkeit, Shiva, dem höchsten Urgrund. Ebenso reinige man Laute, Mantras und Welten.
5.43
kālāgnyādi śivāntaṃ tu kalāvidhi samāśrayet |
samayān śrāvayetpaścāt tantrāmnāyotthitān priye || 5.43 ||
Von Kalagni bis Shiva folge man der Kala-Vorschrift. Danach verkünde man die aus der Tantra-Überlieferung hervorgegangenen Verpflichtungen, Geliebte.
5.44
na nindedbhairavaṃ devaṃ śāstraṃ vānyasamudbhavam |
sāṃkhyaṃ yogaṃ pāñcarātraṃ vedāṃścaiva na nindayet || 5.44 ||
Man soll weder Bhairava noch eine aus anderer Überlieferung entstandene Schrift herabsetzen. Sankhya, Yoga, Pancharatra und die Veden soll man nicht verachten.
5.45
yataḥ śivodbhavāḥ sarve hy apavargaphalapradāḥ |
smārtaṃ dharmaṃ na nindettu ācārapathadarśakam || 5.45 ||
Denn alle sind aus Shiva hervorgegangen und gewähren die Frucht der Befreiung. Auch die auf Erinnerungstradition beruhende religiöse Ordnung soll man nicht verachten; sie zeigt den Weg rechten Verhaltens.
5.46
brahmādidevatā yāśca mātaraścumbako giriḥ |
vīrāścaiva bhaginyaśca gāvo bhūtagaṇāstathā || 5.46 ||
Die Gottheiten von Brahma an, die Mütter, den Chumbaka-Lehrer, den als Giri bezeichneten Sadhaka, die Helden und Schwestern, die Kühe und die Scharen der Wesen
5.47
devadravyaṃ na hiṃsyāttu siddhānte yadvyavasthitam |
gurorannaṃ na bhuñjīta adattaṃ parameśvari || 5.47 ||
soll man nicht verletzen, ebenso wenig das Eigentum der Gottheit, wie es in der Lehre festgelegt ist. Speise des Gurus esse man nicht, wenn sie nicht gegeben wurde, o höchste Herrin.
5.48
madyaṃ māṃsaṃ tathā matsyān anyāni ca varānane |
sācārāśca nirācārāṃl liṅgino na jugupsayet || 5.48 ||
Dies gilt auch für Wein, Fleisch, Fisch und anderes, o Schönangesichtige. Träger religiöser Kennzeichen verabscheue man nicht, ob sie die Verhaltensregeln halten oder nicht.
5.49
carukaṃ prāśayannityaṃ gurūn sampūjayet sadā |
upaskarān mahādevi pādena tu na saṃspṛśet || 5.49 ||
Man nehme regelmäßig den Opferbrei zu sich und verehre stets die Gurus. Ritualgeräte berühre man nicht mit dem Fuß, o große Göttin.
5.50
saṃhitāṃ cintayennityaṃ bhaktānāṃ śrāvayet sadā |
āhnikaṃ na vilumpettu sandhyākarma varānane || 5.50 ||
Man bedenke täglich die Samhita und lasse die Ergebenen sie stets hören. Die täglichen Pflichten und die Sandhya-Handlung soll man nicht vernachlässigen, o Schönangesichtige.
5.51
adīkṣitānāṃ purato noccarecchāstrapaddhatim |
trikālaṃ pūjayeddevaṃ japadhyānarataḥ sadā || 5.51 ||
Vor Uneingeweihten trage man die rituelle Lehrordnung nicht vor. Dreimal täglich verehre man den Gott, stets der Mantrawiederholung und Meditation ergeben.
5.52
samayān pālayannityam ubhayārthaphalepsayā |
ato vijñānadīkṣāṃ tu pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ || 5.52 ||
Man wahre beständig die Verpflichtungen im Wunsch nach den beiden Früchten. Nun werde ich der Reihe nach die Erkenntniseinweihung erklären,
5.53
adhyātmagaticāreṇa kevalena viśodhikām |
śiṣyātmānaṃ gṛhītvā tam ātmaprāṇe niyojayet || 5.53 ||
die allein durch den inneren Verlauf reinigt. Man erfasse das Selbst des Schülers und verbinde es mit dem eigenen Prana.
5.54
abhimānaṃ tathoccārya kuryādvai pūrvavattadā |
udghātaiśca tato 'dhvānaṃ śiṣyasya tu viśodhayet || 5.54 ||
Die Identifikation vollziehe man wie zuvor unter der entsprechenden Lautäußerung. Dann reinige man den kosmischen Weg des Schülers durch die aufsteigenden Impulse, die Udghatas.
5.55
tataḥ samuccaraṃstattvaṃ pṛthivyādyaṃ tu suvrate |
bhinnābhinnasvarūpeṇa ekaikaṃ tu yathākramam || 5.55 ||
Darauf lasse man die Prinzipien von Erde an aufsteigen, o Gelübdetreue, jedes der Reihe nach in unterschiedener und ununterschiedener Gestalt.
5.56
sasvaraṃ hyakṣaroccāraṃ devatābhiḥ samanvitam |
bindunā śaktisaṃyogād udghātaḥ prathamaḥ smṛtaḥ || 5.56 ||
Die hörbare Lautäußerung mit den Gottheiten, durch Bindu mit Shakti verbunden, gilt als der erste Udghata.
5.57
devatātrayanirmuktaḥ caturthāntasamanvitaḥ |
udghātaḥ sa tu deveśi dvitīyaḥ parikīrtitaḥ || 5.57 ||
Frei von den drei Gottheiten und bis zum Ende der vierten reichend wird der zweite Udghata genannt, o Herrin der Götter.
5.58
haṃsākṣarasamuccāraḥ sudīrgho bindusaṃyutaḥ |
ardhacandrānnirodhinyām udghātastu tṛtīyakaḥ || 5.58 ||
Die stark gedehnte Haṃsa-Lautäußerung mit Bindu, vom Halbmond bis Nirodhini, bildet den dritten Udghata.
5.59
bhinnodghātau yadā devi nādāntastu tadā bhavet |
udghātaḥ sa tu deveśi caturthaḥ parikīrtitaḥ || 5.59 ||
Wenn die beiden Impulse unterschieden sind, o Göttin, reicht es bis Nadanta. Dies wird als der vierte Udghata bezeichnet. [bhinnodghātau ist auslegungsbedürftig.]
5.60
sa eva cākṣaroccāro vyāpinyante vyavasthitaḥ |
udghātaḥ sa tu deveśi pañcamaḥ parikīrtitaḥ || 5.60 ||
Dieselbe Lautäußerung, bis zum Ende Vyapinis reichend, wird der fünfte Udghata genannt, o Herrin der Götter.
5.61
pañcodghātāṃstato dattvā pṛthivīṃ śodhayedbudhaḥ |
akārokāramakārāntam evaṃ śuddhyati nānyathā || 5.61 ||
Durch fünf Udghatas reinige der Kundige die Erde. Bis zum Ende von a, u und m erfolgt so die Reinigung, nicht anders.
5.62
śuddhe 'tha pārthive tattve cintitavyaṃ tu yogibhiḥ |
jalībhūtaṃ tadevaitad ātmanā saha yogataḥ || 5.62 ||
Ist das Erdprinzip gereinigt, sollen die Yogis es durch die Verbindung mit dem Selbst als zu Wasser geworden betrachten.
5.63
jalībhūte punarmantrī tadeva caturuccaret |
bindvantaṃ dhāraṇāyuktaṃ śiṣyādātmani cintayet || 5.63 ||
Ist es Wasser geworden, lasse der Mantrapraktizierende es viermal bis Bindu aufsteigen, mit Konzentration verbunden; vom Schüler her denke er es in sich.
5.64
śodhite toyasaṃghāte tejobhūtaṃ vicintayet |
tejodghātāstrayasteṣu nirodhyantamavasthitāḥ || 5.64 ||
Ist die Wassermasse gereinigt, vergegenwärtige man sie als Feuer. Dafür gibt es drei Feuer-Udghatas bis zum Ende Nirodhins.
5.65
nāsti tejastato vāyur udghātadvayaśodhitaḥ |
ākāśe līyamānaṃ tam udghātena tu cintayet || 5.65 ||
Dann besteht Feuer nicht mehr; es wird zu Wind, durch zwei Udghatas gereinigt. Man denke diesen durch einen Udghata im Raum aufgehend.
5.66
naṣṭe vāyau tataḥ śūnyam udghātaikena yojayet |
vyāpinī sā tu vijñeyā pañcamānte vyavasthitā || 5.66 ||
Ist der Wind vergangen, verbinde man die Leere durch einen Udghata. Sie ist als Vyapini zu erkennen, die am Ende der fünften Stufe besteht.
5.67
samanāyāṃ tato hyātmā tattvavyāpī sa ucyate |
ātmavyāpī tataścordhvaṃ sarvavyāpī tataḥ punaḥ || 5.67 ||
Dann heißt das Selbst in Samana die Prinzipien durchdringend. Darüber ist es das Selbst durchdringend, danach wiederum alles durchdringend.
5.68
tattvāntasaṃsthito hyātmā udghātaikena yogavit |
yojayetparame tattve unmanātītasarvage || 5.68 ||
Das am Ende der Prinzipien stehende Selbst verbinde der Yogakundige durch einen Udghata mit der höchsten, allgegenwärtigen Wirklichkeit jenseits Unmanas.
5.69
yojanāṃ tu pare tattve śṛṇu devi vadāmyaham |
mantramuccārayeddevi hrasvaṃ dīrghaṃ plutaṃ param || 5.69 ||
Höre die Vereinigung mit der höchsten Wirklichkeit, o Göttin; ich erkläre sie dir. Man lasse den Mantra kurz, lang, gedehnt und darüber hinaus aufsteigen,
5.70
parāparavibhāgena yāvattattvaṃ paraṃ gatam |
tridevaṃ bindusaṃyuktam ardhacandraṃ nirodhikām || 5.70 ||
nach höherer und niedrigerer Stufe unterschieden, bis die höchste Wirklichkeit erreicht ist: die drei Götter, mit Bindu verbunden, Halbmond und Nirodhika,
5.71
nādaṃ ca śaktisaṃyuktaṃ vyāpinīsamanonmanāḥ |
unmanā ca paraścaiva sarvavyāpī śivo 'vyayaḥ || 5.71 ||
Nada mit Shakti, Vyapini, Samana und Unmana; Unmana und das Höchste, der alldurchdringende, unvergängliche Shiva.
5.72
jñātvā sarvamaśeṣeṇa vidhimeṣāṃ yathākramam |
tadā tu yojayenmantrī anyathā naiva yojayet || 5.72 ||
Erst nachdem man alles restlos und die Vorschrift für diese Stufen der Reihe nach erkannt hat, soll der Mantrakundige vereinigen; anders soll er es nicht tun.
5.73
bindusthaṃ tritayaṃ śabde caturtho bindureva hi |
brahmā viṣṇustathā rudraḥ trimāṇaṃ varṇa ucyate || 5.73 ||
Die Dreiheit im Laut ruht im Bindu; als viertes besteht Bindu selbst. Brahma, Vishnu und Rudra bilden die drei Maße des Lautes.
5.74
īśvaro bindudevastu kaṇṭhe śabdaḥ pravartate |
tatra śabdaḥ kriyāntasthaḥ kriyāśaktiriti smṛtā || 5.74 ||
Ishvara ist die Bindu-Gottheit. Am Hals setzt sich der Laut in Bewegung; dort steht er im Bereich des Handelns und heißt Handlungskraft.
5.75
sa śabdastāluke devi īritaḥ sampravartate |
tasya kiṃcidgataḥ śabdo nāsikānte pravartate || 5.75 ||
Dieser Laut, o Göttin, wird im Gaumen angeregt und tritt hervor; ein wenig weiter gelangt er bis zum Ende der Nase.
5.76
jñānaśaktistuvijñeyā yatnataḥ parameśvari |
mūrdhasthānagataḥ śabdo lalāṭāntamavasthitaḥ || 5.76 ||
Dies ist sorgfältig als Erkenntniskraft zu erkennen, o höchste Herrin. Der zum Scheitelbereich gehende Laut besteht bis zum Ende der Stirn.
5.77
varṇaḥ śabdagataḥ teṣām udghātaḥ sa tu kīrtitaḥ |
tatrasthā vinivartante śivajñānavivarjitāḥ || 5.77 ||
Der in ihrem Klang enthaltene Laut wird Udghata genannt. Diejenigen, denen Shiva-Erkenntnis fehlt, kehren von dort wieder um.
5.78
pañcadhāvasthito bindur ardhacandro nirodhikā |
tasyātīto bhavennādaḥ avicchinnastvasau bhavet || 5.78 ||
Bindu besteht fünffach, ebenso Halbmond und Nirodhika. Darüber liegt Nada; dieser ist ununterbrochen.
5.79
īṣatprasārite vaktre devadevaḥ sadāśivaḥ |
caturvidho bhavecchabdo yaḥ suvegavahaḥ smṛtaḥ || 5.79 ||
Bei leicht geöffnetem Mund besteht Sadashiva, der Gott der Götter. Der als rasch strömend bezeichnete Laut ist vierfach.
5.80
pañcamo na vahecchabdaḥ ūrdhvagāminyasau smṛtā |
tasyātītā bhavecchaktiḥ pañcadhā tu vyavasthitā || 5.80 ||
Der fünfte Laut strömt nicht; er gilt als aufwärts gerichtet. Darüber liegt Shakti, fünffach bestehend.
5.81
sparśastatra bhaveddevi ātmavittatra pūrvavat |
vyāpinī parataścaiva pañcadhā tu vyavasthitā || 5.81 ||
Dort gibt es eine Berührungsempfindung, o Göttin; der Selbstkundige ist dort wie zuvor. Darüber liegt Vyapini, ebenfalls fünffach.
5.82
vālāgramāśritaṃ sparśaṃ kadācidvetti vā na vā |
vyāpinī sā samuddiṣṭā na jñānaṃ parameśvari || 5.82 ||
Eine Empfindung, die einer Haarspitze gleicht, bemerkt man bisweilen oder auch nicht. Dies heißt Vyapini; es ist noch nicht die höchste Erkenntnis, o Herrin.
5.83
tasyāpi samanātītā manastatra na kārayet |
unmanāpadamārohan śuddhātmā tu tato bhavet || 5.83 ||
Darüber liegt Samana; dort soll man keine geistige Vorstellung bilden. Zum Unmana-Zustand aufsteigend wird man reinen Selbstes.
5.84
śiṣyātmānaṃ guruvara unmanyante niyojayet |
tatra yuktaḥ pare śānte mahāśāntimavāpnuyāt || 5.84 ||
Der vortreffliche Guru verbinde das Selbst des Schülers am Ende Unmanas. Mit dem höchsten Frieden verbunden erlangt es den großen Frieden.
5.85
gurupāramparāyātaḥ sampradāyaḥ prakāśitaḥ |
yojane tu pare tattve upāyaḥ kathitastava || 5.85 ||
Die durch die Guru-Folge vermittelte Überlieferung ist offenbart. Der Weg zur Vereinigung mit der höchsten Wirklichkeit wurde dir gelehrt.
5.86
evaṃ jñātvā varārohe sarvakarmāṇi kārayet |
tattvādhvānaṃ kalādhvānaṃ bhuvanādhvānameva ca || 5.86 ||
In dieser Kenntnis vollziehe man alle Handlungen, o du von schönem Wuchs: den Prinzipienweg, den Kala-Weg und den Weltenweg,
5.87
varṇamantrapadādhvānaṃ kṛtvaivaṃ śuddhyati priye |
eṣā vai dhāraṇādīkṣā kartavyā yoginātra tu || 5.87 ||
den Laut-, Mantra- und Wortweg. So vollzogen geschieht Reinigung, Geliebte. Dies ist die Konzentrationseinweihung, die hier ein Yogi ausführen soll.
5.88
mantrasiddhena vā devi kṛtā vai sukṛtā bhavet || 5.88 ||
Oder ein im Mantra Vollendeter, o Göttin: Von ihm vollzogen ist sie richtig vollzogen.“
Kapitel 6
6.1
samayācārayuktasya sādhakasya varānane |
jāyate vividhā siddhiḥ girigahvaramāśrite || 6.1 ||
Dem Sadhaka, der Verpflichtungen und Lebensregeln wahrt und sich in einer Berghöhle aufhält, erwachsen verschiedene Vollendungen, o Schönangesichtige.
6.2
suśuddhe bhūpradeśe tu sarvaśalyavivarjite |
pracchanne vijane ramye bhairavaṃ tatra pūjayet || 6.2 ||
An einem ganz reinen, von störenden Fremdkörpern freien Bodenplatz, verborgen, einsam und angenehm, verehre er Bhairava.
6.3
japitvākṣaralakṣaṃ tu bahurūpasya suvrate |
pañcapraṇavasaṃyogāj japataḥ siddhyate dhruvam || 6.3 ||
Nach hunderttausend Wiederholungen je Laut des Bahurupa-Mantras, o Gelübdetreue, erlangt der Rezitierende durch die Verbindung mit den fünf Pranavas gewiss Vollendung.
6.4
mucyate na tu sandeho bhedanāt praṇavasya tu |
hrasvaṃ dīrghaṃ plutaṃ sūkṣmam atisūkṣmaṃ paraṃ śivam || 6.4 ||
Durch das Durchdringen des Pranava wird man ohne Zweifel befreit: kurz, lang, gedehnt, fein und überaus fein ist er auf den höchsten Shiva ausgerichtet.
6.5
praṇavaṃ pañcadhā jñātvā bhittvā mokṣo na saṃśayaḥ |
praṇavaḥ pañcadhāvasthaḥ haṃsena saha saṃyuktaḥ || 6.5 ||
Wer den Pranava fünffach kennt und durchdringt, erreicht ohne Zweifel Befreiung. Der fünffach bestehende Pranava ist mit Haṃsa verbunden.
6.6
yatkiñcidvāṅmayaṃ loke śivajñāne pratiṣṭhitam |
śivajñānaṃ ca tatrasthaṃ haṃsaḥ praṇavasaṃyutaḥ || 6.6 ||
Alles Sprachliche in der Welt gründet in Shiva-Erkenntnis. Auch Shiva-Erkenntnis besteht darin; Haṃsa ist mit Pranava verbunden.
6.7
vinā praṇavasaṃyogāj jīva eko vyavasthitaḥ |
yathāprakṛti saṃyukto na ca tiṣṭhati caikataḥ || 6.7 ||
Ohne die Verbindung mit Pranava besteht die Seele allein; mit der ihr entsprechenden Natur verbunden bleibt sie nicht an einem einzigen Ort.
6.8
tathā ṣaṣṭhena sambhinno dehe jīvaḥ pravartate |
coditastu yadā tena tadā cordhvaṃ pravartate || 6.8 ||
So durch den sechsten Laut differenziert wirkt die Seele im Körper. Wird sie von ihm angeregt, bewegt sie sich aufwärts.
6.9
pratyakṣamapi tattattvaṃ mahāmāyāvimohitāḥ |
kathitaṃ nābhijānanti vinā śāstreṇa codanām || 6.9 ||
Obwohl jene Wirklichkeit unmittelbar gegenwärtig ist, erkennen die von Mahamaya Verblendeten das Gelehrte ohne die Weisung der Schrift nicht.
6.10
ṣaṣṭhaścordhvavaho jñeyaḥ svabhāvamukhasaṃsthitaḥ |
aprakāśaḥ svadehastho guṇabhūtaḥ pravartate || 6.10 ||
Der sechste Laut ist als aufwärtsführend zu erkennen, an der Öffnung seiner eigenen Natur bestehend. Im eigenen Körper verborgen wirkt er als untergeordnete Bestimmung.
6.11
nirguṇastu yadā deva ekākī kālavarjitaḥ |
vijñātavyaṃ na kiñcitsyāt kevalo niṣkalastu saḥ || 6.11 ||
Wenn der Gott jedoch ohne Eigenschaften, allein und frei von Zeit ist, bleibt nichts gesondert zu erkennen; er ist allein und ungegliedert.
6.12
tasya rūpaṃ śarīraṃ ca nāsti varṇaḥ kriyā tathā |
sa kathaṃ gṛhyate sūkṣma agrāhyo nityamavyayaḥ || 6.12 ||
Er besitzt weder Gestalt noch Körper, weder Farbe beziehungsweise Laut noch Tätigkeit. Wie wird der feine, nicht zu ergreifende, ewige Unvergängliche erfasst?
6.13
etasmātkāraṇāddevi ṣaṣṭhaṃ bījaṃ niyojitam |
pañcapañcakasaṃyukto dehe sakalaniṣkalaḥ || 6.13 ||
Aus diesem Grund, o Göttin, wird die sechste Keimsilbe eingesetzt. Mit fünf Fünfergruppen verbunden ist er im Körper gegliedert und ungegliedert.
6.14
grahaṇaṃ tu yadā tasya yogī yogavicintakaḥ |
yogenāvāhitasyāpi bhāvamātraṃ tu bhāvayet || 6.14 ||
Wenn der über Yoga nachsinnende Yogi ihn erfasst, soll er den durch Yoga Herbeigerufenen allein als innere Gegenwart vergegenwärtigen.
6.15
yadā karoti sṛṣṭiṃ ca ūrdhvaṃ binduḥ pravartate |
bindūpari ca yacchāntaḥ śivaḥ paramakāraṇam || 6.15 ||
Wenn er die Schöpfung vollzieht, bewegt sich Bindu aufwärts. Oberhalb Bindus ist der friedvolle Shiva, der höchste Urgrund.
6.16
tatra bindurlayaṃ yāti tatsthānaṃ durlabhaṃ suraiḥ |
ṣaṣṭhasvarasamāyogād abhyāsādacirāllabhet || 6.16 ||
Dort geht Bindu auf; diese Stätte ist selbst für Götter schwer erreichbar. Durch Verbindung mit dem sechsten Vokal und Übung erlangt man sie bald.
6.17
ṣaṣṭhaśca pañcamaścaiva tasya devi guṇāḥ smṛtāḥ |
saguṇaḥ sakalo jñeyo nirguṇo niṣkalaḥ śivaḥ || 6.17 ||
Der sechste und der fünfte Laut gelten als seine Eigenschaften, o Göttin. Mit Eigenschaften ist er gegliedert, ohne Eigenschaften der ungegliederte Shiva.
6.18
sakalo grahasaṃyukto niṣkalo bhāvamāśritaḥ |
sakale japyamāne tu japto bhavati niṣkalaḥ || 6.18 ||
Der gegliederte ist mit Erfassbarkeit verbunden, der ungegliederte ruht in innerer Vergegenwärtigung. Wird der gegliederte rezitiert, wird zugleich der ungegliederte rezitiert.
6.19
surāsurāṇāṃ devena yajanopāyahetunā |
rūpaṃ tu sakalaṃ tasya dvidhāvasthaṃ prakāśitam || 6.19 ||
Um Göttern und Asuras einen Weg der Verehrung zu geben, hat der Gott seine gegliederte Gestalt in zweifacher Weise offenbart.
6.20
prathamaṃ prākṛtaṃ rūpaṃ vikṛtaṃ ca dvitīyakam |
prakṛtirvikṛtiścaiva ubhe ṣaṣṭhena saṃyute || 6.20 ||
Die erste Gestalt ist die Grundform, die zweite die abgewandelte. Grundform und Abwandlung sind beide mit dem sechsten Laut verbunden.
6.21
ye padārthāḥ purā proktās tatrāsāvucchvasan muhuḥ |
pravartate ca etena punastena nivartate || 6.21 ||
In den zuvor gelehrten Bedeutungsstufen atmet er immer wieder auf. Durch dieses tritt er hervor, durch jenes kehrt er wieder zurück.
6.22
praṇavaḥ pañcadhāvasthaḥ trivarṇaśca tridaivataḥ |
bindunādasamāyuktaḥ praṇavaḥ paripaṭhyate || 6.22 ||
Der fünffache Pranava besitzt drei Laute und drei Gottheiten und ist mit Bindu und Nada verbunden: So wird Pranava gelehrt.
6.23
akāraśca ukāraśca makāraśca tṛtīyakaḥ |
varṇatrayamidaṃ proktaṃ brahmādyā devatāstrayaḥ || 6.23 ||
A, u und als drittes m: Dies sind die drei Laute; die drei Gottheiten beginnen mit Brahma.
6.24
bindunādasamāyogād īśvaraśca sadāśivaḥ |
ete vai praṇavāḥ pañca haṃsaḥ prāṇayutaḥ sadā || 6.24 ||
Durch Bindu und Nada kommen Ishvara und Sadashiva hinzu. Dies sind die fünf Pranavas; Haṃsa ist stets mit Prana verbunden.
6.25
paramātmā śivo haṃsas tv apareṇa samanvitaḥ |
parataḥ praṇavān pañca punareva vadāmyaham || 6.25 ||
Shiva, das höchste Selbst, ist Haṃsa, mit dem niedrigeren Bereich verbunden. Nun nenne ich erneut die fünf höheren Pranavas.
6.26
śaktiśca vyāpinī caiva samanātmā ca niṣkalaḥ |
unmanā ca tathā devi praṇavāḥ pañca kīrtitaḥ || 6.26 ||
Shakti, Vyapini, Samana, das ungegliederte Selbst und Unmana, o Göttin, werden als die fünf Pranavas genannt.
6.27
parataḥ paramo haṃsaḥ sarvaṃ vyāpya vyavasthitaḥ |
ete vai praṇavāḥ pañca parāparavibhāgaśaḥ || 6.27 ||
Darüber besteht der höchste Haṃsa, alles durchdringend. Dies sind die fünf Pranavas, nach höherer und niedrigerer Stufe unterschieden.
6.28
parāpareṇa haṃsena nityameva praṇāmitāḥ |
pravartante hi sarvatra bhuktimuktiphalapradāḥ || 6.28 ||
Vom höheren und niedrigeren Haṃsa beständig in Bewegung gesetzt, wirken sie überall und gewähren Genuss und Befreiung.
6.29
pañcabhistu yutastvebhiḥ sa pañcapraṇavātmakaḥ |
tatrasthaḥ ekarūpastu niṣkalastattvataḥ smṛtaḥ || 6.29 ||
Mit diesen fünf verbunden besteht er aus den fünf Pranavas. Darin von einer Gestalt gilt er seinem Wesen nach als ungegliedert.
6.30
tadyogādapi tadbījaṃ sarvabījaprarohakam |
pravartate 'yato yasmād devāsuraniketanam || 6.30 ||
Durch diese Verbindung wirkt auch jene Keimsilbe, die alle Keime aufgehen lässt, aus sich heraus; sie ist die Stätte der Götter und Asuras.
6.31
tatra mantrāśca varṇāśca pratiṣṭhāṃ yānti nānyathā |
tasya boddhādvimucyante ahikañcukavat priye || 6.31 ||
Darin finden Mantras und Laute ihren Grund, sonst nicht. Durch ihre Erkenntnis wird man befreit wie eine Schlange von ihrer abgestreiften Haut, Geliebte.
6.32
tāvadbhramati saṃsāre yāvattattvaṃ na vindati |
vidite tu pure tattve na bhūyo jāyate kvacit || 6.32 ||
So lange wandert man im Samsara umher, bis man die Wirklichkeit erkennt. Ist die höchste Wirklichkeit erkannt, wird man nirgends wieder geboren.
6.33
akṛtārtho narastāvad yāvaddhaṃsaṃ na vindati |
praṇavena samāyuktaṃ kṛtārtha iti nirdiśet || 6.33 ||
Ein Mensch hat sein Ziel noch nicht erreicht, solange er Haṃsa nicht erkennt. Wer ihn mit Pranava verbunden erkennt, gilt als einer, dessen Aufgabe erfüllt ist.
6.34
uccāraṃ ca tato jñātvā uccarettaṃ varānane |
uccārastrividho devi haṃsasya samudāhṛtaḥ || 6.34 ||
Nachdem man den Lautaufstieg erkannt hat, vollziehe man ihn, o Schönangesichtige. Dreifach ist der Lautaufstieg des Haṃsa gelehrt, o Göttin.
6.35
hakārokārasaṃyuktabindvante tu tṛtīyakaḥ |
sṛṣṭinyāsena tūccāraḥ saṃhārayoga ucyate || 6.35 ||
Die Lautäußerung verbindet h mit a und u; am Ende beim Bindu tritt als dritter Laut m hinzu. In der Schöpfungsanordnung werden sie unterschieden; ihre Zusammenführung heißt Auflösungsverbindung. [Diese Wiedergabe folgt Kṣemarājas Erläuterung der stark verkürzten Laut- und Ritualangaben.]
6.36
evamādikrameṇaiva mantramuccārayedbudhaḥ |
bindusthaṃ tritayaṃ kṛtvā vaktramudghāṭayettataḥ || 6.36 ||
In dieser Folge lasse der Kundige den Mantra aufsteigen. Nachdem man die Dreiheit in Bindu gesetzt hat, öffne man den Mund.
6.37
īṣadudghāṭite vaktre tadā nādaṃ vijānata |
nādasthaṃ pañcadhā caiva śaktisthaṃ pañcadhā punaḥ || 6.37 ||
Bei leicht geöffnetem Mund erkenne man Nada. Im Nada besteht die Fünffachheit, in Shakti wiederum Fünffachheit,
6.38
vyāpinyāṃ pañcadhā caiva samanāniṣkalātmanoḥ |
unmanā ca paraṃ tattvaṃ sarvaṃ vyāpya vyavasthitam || 6.38 ||
in Vyapini ebenso; darüber Samana, das ungegliederte Selbst, Unmana und die höchste Wirklichkeit, die alles durchdringt.
6.39
evaṃ jñātvā vimucyante śivatattvavido janāḥ |
anyathā naiva mucyante bindvante ye vyavasthitāḥ || 6.39 ||
In solcher Erkenntnis werden die Kenner der Shiva-Wirklichkeit befreit. Anders werden diejenigen, die am Ende Bindus stehen bleiben, nicht befreit.
6.40
jyotīrūpaṃ tu bindusthaṃ nādasthaṃ śabdarūpakam |
śaktisthaṃ sparśagaṃ caiva tadūrdhvaṃ śūnyarūpakam || 6.40 ||
Im Bindu ist Lichtgestalt, im Nada Klanggestalt, in Shakti Berührung; darüber besteht die Gestalt der Leere.
6.41
brahmādipañcakaṃ yacca teṣāṃ śūnyaṃ ca tatpadam |
parāparavibhāgena te sarvatra vyavasthitāḥ || 6.41 ||
Die Fünfergruppe von Brahma an hat jene Leere zur Stätte. Nach höherer und niedrigerer Stufe unterschieden bestehen sie überall.
6.42
śūnyātītā tu samanā śuddhātmā tūnmanā tathā |
sarvātītaṃ paraṃ tattvaṃ sarvaṃ vyāpya vyavasthitam || 6.42 ||
Jenseits der Leere liegen Samana, das reine Selbst und ebenso Unmana. Die höchste Wirklichkeit besteht jenseits von allem und durchdringt alles.
6.43
mantrarūpāśca vijñeyā bindudharmāttu devatāḥ |
tatrasthā sarvakarmāṇi sādhayanti na saṃśayaḥ || 6.43 ||
Die Gottheiten sind durch ihre Bindu-Beschaffenheit als Mantragestalten zu erkennen. Darin bestehend vollbringen sie ohne Zweifel alle Handlungen.
6.44
tattvaṃ ca unmanātmā tu samanā śūnyameva ca |
sparśaścaiva tathā śabdo rūpaṃ ca tadanantaram || 6.44 ||
Die Wirklichkeit, Unmana, das Selbst, Samana, Leere, Berührung, Klang und anschließend Gestalt:
6.45
mantrātmani sthitāḥ sarve jñātavyā daiśikena tu |
tatrasthā jñānayogaṃ ca prayacchanti varānane || 6.45 ||
Alle bestehen im Wesen des Mantras; dies soll der Lehrer wissen. Darin bestehend gewähren sie Erkenntnis und Yoga, o Schönangesichtige.
6.46
karmakāle tu sakalān śiraḥ pāṇyādibhiryutān |
japet tu sakalān devi niṣkalena samanvitān || 6.46 ||
Zur Zeit ritueller Handlungen rezitiere man die gegliederten Gottheiten, mit Kopf, Händen und weiteren Gliedern ausgestattet, o Göttin, zugleich mit dem Ungegliederten verbunden.
6.47
dhyāyejjyotirmayān sarvān śabdasiddhipradāyakān |
śaktisthāḥ śaktidāḥ proktāḥ śūnyasthā vyāpakāḥ smṛtāḥ || 6.47 ||
Man meditiere alle als lichtgestaltig und Klangvollendung gewährend. In Shakti befindlich geben sie Kraft, in der Leere gelten sie als alldurchdringend.
6.48
kramājjñānapradāste vai samanāsthā varānane |
kaivalyadāstataścordhve sarvajñāśconmane pade || 6.48 ||
In Samana gewähren sie der Reihe nach Erkenntnis, o Schönangesichtige. Darüber gewähren sie Alleinheit; im Unmana-Zustand sind sie allwissend.
6.49
tattvena vedhitāḥ sarve ye mayā parikīrtitāḥ |
tajjñātvā siddhidāḥ sarve muktidāśca na saṃśayaḥ || 6.49 ||
Alle von mir genannten sind von der Wirklichkeit durchdrungen. Wer dies erkennt, dem gewähren sie sämtlich Vollendung und ohne Zweifel Befreiung.
6.50
pañcapraṇavasaṃyuktaṃ tattvaṃ te kathitaṃ mayā |
pañcapraṇavapūrveṇa oṃkārādyayutena tu || 6.50 ||
Die mit den fünf Pranavas verbundene Wirklichkeit habe ich dir erklärt. Mit den fünf Pranavas vorangestellt, mit Om zu Beginn
6.51
namaskārāvasānena bahurūpeṇa suvrate |
japataḥ siddhimāpnoti lakṣenākṣarasaṃkhyayā || 6.51 ||
und dem Gruß am Ende rezitiere man Bahurupa, o Gelübdetreue. Durch hunderttausend Wiederholungen je Laut erlangt man Vollendung.
6.52
praṇavādyena saṃyuktaṃ mantramevaṃ japet sadā |
japānte tu punarhomaṃ daśamāṃśena kārayet || 6.52 ||
So wiederhole man stets den mit Om zu Beginn verbundenen Mantra. Nach der Wiederholung vollziehe man ein Feueropfer im Umfang eines Zehntels.
6.53
nṛmāṃsaṃ purasaṃyuktaṃ ghṛtena ca pariplutam |
tataḥ siddhimavāpnoti adhamāṃ madhyamottamam || 6.53 ||
Der Text nennt dafür Menschenfleisch mit Pura-Harz, von Ghee durchtränkt. Danach werde die niedrige, mittlere und höchste Vollendung erlangt. [Kṣemarāja versteht die drei Vollendungen hier gemeinsam.]
6.54
triguṇena tu japyena svacchandasadṛśo bhavet |
brahmaviṣṇvindradevānāṃ siddhadaityorageśinām || 6.54 ||
Durch die dreifache Zahl von Wiederholungen werde man Svacchanda gleich. Für Brahma, Vishnu, Indra, die Götter, Siddhas, Daityas und Schlangenherren
6.55
bhayadātā ca hartā ca śāpānugrahakṛd bhavet |
darpaṃ harati kālasya pātayed bhūdharānapi || 6.55 ||
werde man zum Geber und Nehmer von Furcht, fähig zu Fluch und Gnade. Man breche den Stolz der Zeit und könne selbst Berge zu Fall bringen.
6.56
sphoṭayedbilvayantrāṇi diggajānapi cālayet |
brahmarākṣasavetālān krūragrahavināyakān || 6.56 ||
Man sprenge Bilva-Vorrichtungen und bewege selbst die Richtungselefanten. Brahmarakshasas, Vetalas, grausame Besessenheitsmächte und Vinayakas [Was bilvayantra hier bezeichnet, bleibt ungesichert; die Benennung wird nicht durch eine vermutete Lesung ersetzt.]
6.57
smaraṇānnāśayeddevi avadhyastridaśairapi |
prākṛtānyapi karmāṇi siddhyanti japalakṣataḥ || 6.57 ||
vernichte man allein durch Erinnerung, o Göttin, und sei selbst für die Götter unverwundbar. Auch gewöhnliche rituelle Wirkungen gelängen durch hunderttausend Wiederholungen.
6.58
tāni samyakpravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ |
mohanā sahadevā ca bhūdhātrī cakralāñchanā || 6.58 ||
Diese werde ich richtig und der Reihe nach erklären: Mohana, Sahadeva, Bhudhatri und Chakralanchana
6.59
rāmavallyā sahaikatra ātmabījena poṣayet |
bhakṣe pāne ca dātavyaṃ vaśīkaraṇamuttamam || 6.59 ||
zusammen mit Ramavalli nähre man mit dem eigenen Samen. In Speise oder Getränk gegeben wird dies als vorzüglicher Unterwerfungszauber bezeichnet.
6.60
uttavāraṇimūlaṃ tu puṣyarkṣeṇa tu grāhayet |
ātmendriyeṇa saṃyuktaṃ vaśīkaraṇamuttamam || 6.60 ||
Die Wurzel der Uttavarani hole man unter dem Mondhaus Pushya. Mit dem eigenen Geschlechtssekret verbunden gilt sie als vorzüglicher Unterwerfungszauber.
6.61
śravaṇākṣimalaṃ lālā rudhirendriyasaṃyutam |
bhūkadambasamopetaṃ dātavyaṃ payasā niśi || 6.61 ||
Ohr- und Augenschmutz, Speichel, Blut und Geschlechtssekret, mit Bhukadamba verbunden, sollen nachts mit Milch gegeben werden.
6.62
apravāse pradātavyaṃ mriyate viraheṇa sā |
ṣaṣṭiṃ kanakabījāni ṣoḍaśa maṇicandrikāḥ || 6.62 ||
Dies solle gegeben werden, wenn keine Abreise bevorsteht; die Frau sterbe sonst vor Trennungsschmerz. Sechzig Kanaka-Samen und sechzehn Manichandrikas
6.63
naragodantasaṃyuktāḥ pradadyādyasya bhāminī |
eṣa kāpāliko yogo gacchantamanugacchati || 6.63 ||
mit Menschen- und Kuhzähnen verbunden, seien zu verabreichen. Die Frau folge ihm, wenn er fortgeht: Dies ist die Kapalika-Zubereitung. [Der Empfängerbezug der Gabe bleibt im verkürzten Satz unsicher; Kṣemarāja ergänzt für das Folgen „sie ihm“. Maṇicandrikā erklärt er als Raktikā; die Stoff- beziehungsweise Maßdeutung wird hier nicht weiter festgelegt.]
6.64
śvetārkamūlaṃ mañjiṣṭhā caṭakasya śirastathā |
gṛhodbhavasya kuṣṭhaṃ ca svaraktendriyasaṃyutam || 6.64 ||
Die Wurzel des weißen Arka, Manjishtha, der Kopf einer Maus und Kushtha, verbunden mit eigenem Blut und Geschlechtssekret, [Kṣemarāja deutet den im Vers genannten „im Haus entstandenen Caṭaka“ als Maus; die wörtliche Deutung als Haussperling wird damit ausdrücklich verlassen.]
6.65
bhakṣye pāne pradātavyaṃ vaśīkaraṇamuttamam |
mohanā caiva kāntārī mayūraśikhayā yutā || 6.65 ||
sollen in Speise oder Getränk gegeben werden; dies gilt als vorzüglicher Unterwerfungszauber. Mohana und Kantari, mit Mayurashikha verbunden,
6.66
ātmalālendriyairyuktaṃ vaśīkaraṇamuttamam |
lajjālukā ca gorambhā caṇḍālīkarmakaṃ tathā || 6.66 ||
und mit eigenem Speichel und Geschlechtssekret versehen, gelten ebenfalls als vorzüglicher Unterwerfungszauber. Lajjaluka, Gorambha und Chandalikarmaka,
6.67
nāgendrapadamiśraṃ tad ātmabījasamanvitam |
eṣa yogavaro divyo dīyate yasya suvrate || 6.67 ||
mit Nagendrapada und eigenem Samen verbunden, bilden eine als göttlich und vorzüglich bezeichnete Zubereitung. Wem sie gegeben wird, o Gelübdetreue,
6.68
madhureṇa samāyukto yāvadāyurvaśī sa tu |
caṇakā māṣamudgāśca apānena vinirgatāḥ || 6.68 ||
mit Süßem verbunden, der bleibe lebenslang gefügig. Kichererbsen, schwarze Bohnen und Mungbohnen, die mit der Ausscheidung abgegangen sind,
6.69
vāntaṃ ghṛtaṃ tathā retaḥ strīrajo hṛnmalaṃ tathā |
mūtraṃ raktaṃ tathā keśo lālā caiva varānane || 6.69 ||
erbrochenes Ghee, Samenflüssigkeit, Menstrualblut, Herzschmutz, Urin, Blut, Haare und Speichel, o Schönangesichtige,
6.70
putrajāniḥ kṛtāhvā ca nāgendrapadasaṃyutā |
mohanā viṣṇukrāntā ca dhātrī caivaikataḥ sthitā || 6.70 ||
Putrajani, Kritahva und Nagendrapada, Mohana, Vishnukranta und Dhatri werden gemeinsam verwendet.
6.71
puṣyarkṣeṇa niyuñjīta garvitānāṃ varānane |
bhakṣye pāne pradātavyo yogastridaśapūjitaḥ || 6.71 ||
Unter Pushya wende man dies bei Hochmütigen an, o Schönangesichtige. Die als götterverehrt bezeichnete Zubereitung solle in Speise oder Getränk gegeben werden.
6.72
uccāṭanaṃ pravakṣyāmi śatrūṇāṃ garvitātmanām |
kākolūkasya pakṣāṃśca kharoṣṭramūtramṛttikā || 6.72 ||
Nun werde ich die Vertreibung hochmütiger Feinde erklären: Federn von Krähe und Eule sowie mit Esel- und Kamelurin verbundene Erde.
6.73
kṛtvā pratikṛtiṃ prājñaḥ kākaraktena lepayet |
kākolūkasya pakṣāṃśca gude tasya vinikṣipet || 6.73 ||
Der Kundige bilde daraus ein Abbild und bestreiche es mit Krähenblut. Krähen- und Eulenfedern setze er in dessen After ein.
6.74
tāṃ catuṣpathe nikhanet śmaśānāgnimathopari |
prajvālya homayettatra kākapakṣāṃśca suvrate || 6.74 ||
Man vergrabe es an einer Wegkreuzung, entzünde darüber Leichenstättenfeuer und opfere darin Krähenfedern, o Gelübdetreue,
6.75
udbhrāntapatrasahitān kharamūtreṇa bhāvitān |
yasya nāma samuddiśya yakārādyantarodhitam || 6.75 ||
zusammen mit im Wirbelwind umhergetriebenen Blättern, mit Eselurin getränkt. Man nenne den Namen des Betroffenen, zwischen ya am Anfang und ya am Ende eingeschlossen,
6.76
mantrāvasāne vinyastaṃ visargāntaṃ pracāṭayet |
bhramate kākavat pṛthvīṃ śatrurvyādhinipīḍitaḥ || 6.76 ||
am Ende des Mantras eingesetzt und mit Visarga abgeschlossen. Dies solle vertreiben; der Feind irre, von Krankheit bedrängt, wie eine Krähe auf der Erde umher.
6.77
piṇyākaṃ nimbapattrāṇi mṛtkiṇvaṃ tu tuṣāṇi ca |
śatroḥ pratikṛtiṃ kṛtvā akṣapuṣpaistu veṣṭitām || 6.77 ||
Aus Ölkuchen, Nimba-Blättern, Erde, Gärstoff und Spelzen bilde man ein Feindabbild, mit Aksha-Blüten umwunden.
6.78
śmaśāne nikhanettāṃ tu vahniṃ prajvālya copari |
puṣpairvibhītatarujair yasya nāmnā tu homayet || 6.78 ||
Man vergrabe es auf der Leichenstätte und entzünde Feuer darüber. Unter Nennung des betreffenden Namens opfere man Blüten des Vibhitaka-Baumes.
6.79
vidviṣṭo vai bhavecchatruḥ kāmadevasamo 'pi yaḥ |
priyaṅgulatikāmiśraṃ gugguluṃ ghṛtavedhitam || 6.79 ||
Der Feind werde dann verhasst, selbst wenn er Kamadeva gleicht. Guggulu, mit Priyangu-Ranken und Ghee verbunden,
6.80
hṛtvā tvaṣṭaśataṃ devi subhagaḥ samprajāyate |
jātikuṭmalakairmiśrais trimadhvaktaistilairhutaiḥ || 6.80 ||
opfere man hundertachtmal, o Göttin; dadurch werde man anziehend. Durch Opfer von Sesam mit Jasminknospen, in die drei süßen Stoffe getaucht,
6.81
subhagatvamavāpnoti rūpahīno 'pi yo naraḥ |
tilairlavaṇasammiśrais trimadhvaktairhutaiḥ priyaiḥ || 6.81 ||
erlange selbst ein unansehnlicher Mensch Anziehungskraft. Durch Opfer von Sesam mit Salz, in die drei süßen Stoffe getaucht,
6.82
saptāhādvaśamāyāti yā strī rūpeṇa garvitā |
rājikā lavaṇaṃ caiva madhukṣīraghṛtaplutam || 6.82 ||
werde innerhalb von sieben Tagen eine auf ihre Schönheit stolze Frau gefügig. Schwarze Senfkörner und Salz, mit Honig, Milch und Ghee durchtränkt,
6.83
homayennāmasammiśraṃ yasyākarṣettu taṃ drutam |
narasya rocanāṃ gṛhya dviradasya madena tu || 6.83 ||
opfere man unter Beimischung des Namens; dadurch ziehe man den Betroffenen rasch heran. Man nehme ferner menschliche Rochana und tränke sie mit Elefanten-Brunstsekret.
6.84
bhāvayitvābhimantryaitan mantreṇāṣṭaśataṃ japet |
snāne vilepane madye gandhe vā yasya dīyate || 6.84 ||
Nach dem Durchtränken bespreche man dies mit hundertacht Mantrawiederholungen. Wem es im Bad, in Salbe, Wein oder Duftstoff gegeben werde,
6.85
sa vaśyo bhavati kṣipraṃ dhanadaḥ prāṇadastathā |
athavā mārayetkṣipraṃ śatruṃ niścitamātmanaḥ || 6.85 ||
der werde rasch gefügig und gebe Vermögen und Leben hin. Oder man töte rasch den eigenen erklärten Feind,
6.86
apakāraśatairyuktaṃ kṛtaghnaṃ duṣṭacetasam |
kapāladvayamādāya nāma śatroḥ samālikhet || 6.86 ||
der hundertfach geschadet habe, undankbar und übelgesinnt sei: Man nehme zwei Schädel und schreibe den Namen des Feindes auf.
6.87
kapālasampuṭasthaṃ tad viṣāṅgāreṇa bhāvitam |
rudhireṇa samāyuktaṃ humphaṭkāravidarbhitam || 6.87 ||
In die Schädelkapsel eingesetzt werde dies mit Gift und Kohle getränkt, mit Blut verbunden und von huṃ phaṭ durchsetzt.
6.88
mahāpretavanaṃ gatvā svacchandaṃ pūjayettataḥ |
kṛṣṇamālyopahāraiśca tataḥ karma samārabhet || 6.88 ||
Man gehe zur großen Leichenstätte und verehre Svacchanda mit schwarzen Girlanden und Gaben. Danach beginne man die Handlung.
6.89
vijñāpya bhairavaṃ devaṃ śatruṃ me vinipātaya |
anujñātastu devena gṛhittvā tacchirodvayam || 6.89 ||
Man bitte den Gott Bhairava: „Bringe meinen Feind zu Fall.“ Vom Gott ermächtigt nehme man die beiden Schädel.
6.90
tatra gatvā mahādevi kapālāsanasaṃsthitaḥ |
tatrastho roṣasampūrṇo dakṣiṇābhimukhaḥ sthitaḥ || 6.90 ||
Dort angelangt, o große Göttin, sitze man auf einem Schädelsitz, voller Zorn und nach Süden gewandt.
6.91
ātmano bhairavaṃ rūpaṃ jñātvā ghoraṃ subhīṣaṇam |
kruddhaḥ samuccarenmantrī dvātriṃśākṣarasammitam || 6.91 ||
Man erkenne die eigene Gestalt als den schrecklichen, überaus furchterregenden Bhairava. Zornig spreche der Mantrakundige den zweiunddreißiglautigen Mantra
6.92
vilomena mahābhāge śatrunāma tato 'ntagam |
humphaḍdvayaṃ samuccārya kādye cāsphālayedbhṛśam || 6.92 ||
in umgekehrter Folge, o Hochbegnadete, mit dem Feindnamen am Ende. Zweimal huṃ phaṭ aussprechend schlage man heftig darauf. [kādye ist unklar.]
6.93
khaṇḍaśaścūrṇite yāvat tāvacchaturvinaśyati |
saptarātreṇa deveśi prayogastvanivartakaḥ || 6.93 ||
Sobald es in Stücke zerschlagen und zermahlen sei, gehe der Feind zugrunde. Innerhalb von sieben Nächten wirke die Anwendung, o Herrin der Götter, ohne Rückkehr.
6.94
evaṃ śatasahasrāṇi anyakalpotthitāni ca |
prayogāṇāṃ karotyeṣa mantrarājeśvareśvaraḥ || 6.94 ||
So vollbringt dieser höchste Herr der Mantrakönige Hunderttausende von Anwendungen, auch solche aus anderen Ritualhandbüchern.
6.95
anulomagataṃ devaṃ vauṣatkārāntasaṃsthitam |
kṣīraṃ tu homayeddevi śāntyarthe hitakārakam || 6.95 ||
Den Gottesmantra in gewöhnlicher Folge, mit vauṣaṭ am Ende, verwende man, um Milch zu opfern, o Göttin: zur Befriedung und zum Wohlergehen.
6.96
vaṣadāpyāyane śastaṃ svāhāntaṃ vaśakarmaṇi |
mantrāṇāṃ tarpaṇārthaṃ ca natyantaṃ cārcane smṛtam || 6.96 ||
Vaṣaṭ wird zur Stärkung gepriesen, svāhā als Abschluss bei Unterwerfungsriten und zur Stärkung der Mantras; die Grußformel als Abschluss dient der Verehrung.
6.97
etaddhi kathitaṃ devi sādhakasya sumedhasaḥ |
kriyākālāṃśayuktasya akleśāttu sukhāvaham || 6.97 ||
Dies wurde für den verständigen Sadhaka gelehrt, o Göttin, der Handlung, Zeit und Zuordnung kennt; es soll ohne Mühsal Glück bringen.
Kapitel 7
7.1
kriyā jñātā mayā deva tvatprasādānmaheśvara |
kālāṃśakaṃ ca deveśa kathayasva prasārataḥ || 7.1 ||
Durch deine Gnade habe ich die Rituale kennengelernt, o Gott, großer Herr. Erkläre mir nun ausführlich auch die Gliederung der Zeit, Herr der Götter.
7.2
kālo dvidhātra vijñeyaḥ sauraścādhyātmikaḥ priye |
suvārakaraṇe lagne suyoge sudine priye || 7.2 ||
Die Zeit ist hier als zweifach zu verstehen, Geliebte: als Sonnenzeit und als innere Zeit. [Zur Sonnenzeit gehören] günstiger Wochentag, Karaṇa, Aszendent, günstige Konstellation und günstiger Tag.
7.3
tejo 'pacayarāśau tu dakṣiṇāyanamuttaram |
grahaṇaṃ candrasūryābhyāṃ kālaśca ṛtavastathā || 7.3 ||
[Ebenso gehören dazu] das Tierkreiszeichen der Kraftabnahme, der südliche und nördliche Sonnenlauf, Mond- und Sonnenfinsternis, Zeitabschnitte und Jahreszeiten; [Kṣemarāja versteht das Zeichen der Kraftabnahme als Steinbock und nennt ergänzend Krebs als Gegenstück der Kraftzunahme.]
7.4
pakṣo māsaśca velā viṣuvadrāśyantaraṃ tathā |
puṇyāpuṇyodayo devi saura eṣa prakīrtitaḥ || 7.4 ||
die Monatshälfte, der Monat, die Tageszeit, die Tagundnachtgleiche und der Wechsel des Tierkreiszeichens sowie das Aufkommen günstiger und ungünstiger Wirkungen. Dies heißt Sonnenzeit, Göttin.
7.5
ādhyātmikaṃ punardevi kathayāmi nibodha me |
ṣāṭkośikastu yo deho bhūtatanmātrasaṃyutaḥ || 7.5 ||
Nun erkläre ich dir die innere Zeit, Göttin; höre mir zu. Der aus sechs körperlichen Bestandteilen bestehende Leib ist mit Elementen und feinen Sinnesqualitäten verbunden.
7.6
sa manobuddhyahaṅkārabuddhikarmendriyairguṇaiḥ |
sarvatattvaistathā devaiḥ samadhiṣṭhitavigrahaḥ || 7.6 ||
Mit Denken, Unterscheidungsvermögen, Ichbewusstsein, Erkenntnis- und Handlungsorganen sowie den Guṇas ist er ausgestattet; alle Wirklichkeitsprinzipien und Gottheiten haben in seiner Gestalt ihren Sitz.
7.7
tatrātmā prabhuśaktiśca vāyurvai nāḍibhiścaran |
nābhyadhomeḍhrakande ca sthitā vai nābhimadhyataḥ || 7.7 ||
Darin befinden sich das Selbst, die Kraft des Herrn und der durch die Kanäle ziehende Lebenswind. [Ihr Ausgangspunkt] liegt unterhalb des Nabels, im Wurzelknollen beim Geschlechtsorgan, von der Nabelmitte aus [Lagebeschreibung syntaktisch unsicher].
7.8
tasmādvinirgatā nāḍyas tiryagūrdhvamadhaḥ priye |
cakravat saṃsthitāstatra pradhānā daśa nāḍayaḥ || 7.8 ||
Von dort gehen die Nāḍīs seitwärts, aufwärts und abwärts aus, Geliebte. Wie ein Rad sind sie angeordnet; zehn Kanäle sind die wichtigsten.
7.9
dvāsaptatisahasrāṇi nāḍyastābhyo vinirgatāḥ |
punarvinirgatāścānyā ābhyo 'pyanyāḥ punaḥ punaḥ || 7.9 ||
Aus ihnen gehen zweiundsiebzigtausend Kanäle hervor. Aus diesen entstehen wiederum andere und aus diesen immer weitere.
7.10
yāvatyo romakoṭyastu tāvatyo nāḍayaḥ smṛtāḥ |
yathā parṇa palāśasya vyāptaṃ sarvatra tantubhiḥ || 7.10 ||
So viele Haaröffnungen es gibt, so viele Kanäle werden angenommen. Wie das Blatt des Palāśabaumes überall von Fasern durchzogen ist,
7.11
śarīraṃ sarvajantūnāṃ tadvadvyāptaṃ tu nāḍibhiḥ |
mārutāpūritāḥ sarvā ātmaśakticarāḥ sadā || 7.11 ||
so ist der Körper aller Lebewesen von Kanälen durchzogen. Alle sind mit Lebenswind erfüllt; stets bewegt sich die Kraft des Selbst in ihnen.
7.12
pṛthagvṛttiprabhedena bhinnāścāraprabhedataḥ |
cāravṛttiprabhedena saṃjñābhedo varānane || 7.12 ||
Sie unterscheiden sich nach ihren besonderen Aufgaben und Bewegungsweisen. Aus den Unterschieden von Bewegung und Tätigkeit ergeben sich verschiedene Namen, Schönangesichtige.
7.13
nāḍināṃ caiva vāyūnāṃ bhedo jñeyaḥ sahasraśaḥ |
pradhānā daśa yāḥ proktā nāḍayaśca varānane || 7.13 ||
Die Unterschiede der Kanäle und Lebenswinde sind zu Tausenden zu verstehen. Als die wichtigsten wurden zehn Kanäle genannt, Schönangesichtige.
7.14
tāsāṃ madhye tu deveśi vāyavo ye vyavasthitāḥ |
nāḍīnāṃ caiva vāyūnāṃ saṃjñāvṛttīrnibodha me || 7.14 ||
Höre nun von mir die Namen und Aufgaben der Kanäle und der Lebenswinde, die in ihnen ihren Ort haben, Herrin der Götter.
7.15
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā ca tṛtīyakā |
gāndhārī hastijihvā ca pūṣā caiva yaśasvinī || 7.15 ||
Iḍā, Piṅgalā und als dritte Suṣumnā, Gāndhārī, Hastijihvā, Pūṣā und Yaśasvinī,
7.16
alambusā kuhūścaiva śaṃkhinī daśamī smṛtā |
etāḥ prāṇavahāḥ proktāḥ pradhānā daśa nāḍayaḥ || 7.16 ||
Alambusā, Kuhū und als zehnte Śaṃkhinī: Diese werden die zehn wichtigsten, den Lebensatem führenden Kanäle genannt.
7.17
prāṇo 'pānaḥ samānaśca udāno vyāna eva ca |
nāgaḥ kūrmo 'tha kṛkaro devadatto dhanañjayaḥ || 7.17 ||
Prāṇa, Apāna, Samāna, Udāna und Vyāna, ferner Nāga, Kūrma, Kṛkara, Devadatta und Dhanañjaya [sind die zehn Lebenswinde].
7.18
vāyavo nāḍayaścaiva cakravatsaṃsthitāḥ priye |
tāsu saṃcarataḥ siddhiṃ yogaṃ caiva varānane || 7.18 ||
Die Lebenswinde und Kanäle sind wie ein Rad angeordnet, Geliebte. Wer sich in diesen bewegt, [erlangt] Vollendung und Yoga, Schönangesichtige;
7.19
japataśca varārohe japasiddhimavāpnuyāt |
daśānāṃ tu paraṃ devi nāḍītrayamudāhṛtam || 7.19 ||
wer dabei rezitiert, erlangt die Vollendung der Rezitation, Schönhüftige. Über die zehn hinaus werden insbesondere drei Kanäle hervorgehoben, Göttin.
7.20
bindunādātmake dve vai madhye śaktyātmikā smṛtā |
hṛccakre tu samākhyātāḥ sādhakānāṃ hitāvahāḥ || 7.20 ||
Zwei bestehen ihrem Wesen nach aus Bindu und Nāda; die mittlere gilt als von Śakti erfüllt. Sie werden im Herzrad beschrieben und bringen den Übenden Nutzen.
7.21
prāṇo vai carate tāsu ahorātravibhāgataḥ |
tathā te kathayiṣyāmi pravibhajya yathāsphuṭam || 7.21 ||
In ihnen bewegt sich der Lebensatem entsprechend der Einteilung in Tag und Nacht. Dies werde ich dir nun deutlich gegliedert erklären.
7.22
prabhuśaktisamākṛṣṭā marutprāṇātmasaṃsthitāḥ |
traya ete 'vibhāgena saṃcarante samantataḥ || 7.22 ||
Durch die Kraft des Herrn angezogen, befinden sich Lebenswind, Lebensatem und Selbst [zusammen]; diese drei bewegen sich ungetrennt überallhin.
7.23
adha ūrdhvaṃ vahedyasmāt sarvanāḍīḥ pravāhayan |
vṛttisaṃjñāprabhedena varṇarūpāṇyanekadhā || 7.23 ||
Weil [der Atem] nach unten und oben strömt und alle Kanäle durchfließt, entstehen entsprechend den verschiedenen Tätigkeiten und Namen vielfältige Laute und Gestalten.
7.24
dvāsaptatisahasrebhyo jāyante daśa vai priye |
koṭidhāto varārohe sa ekaḥ saṃvyavasthitaḥ || 7.24 ||
Aus den zweiundsiebzigtausend ergeben sich die zehn, Geliebte. Auch wenn er sich millionenfach entfaltet, bleibt er als einer bestehen, Schönhüftige.
7.25
prāṇāpānamayaḥ prāṇo visargāpūraṇaṃ prati |
nityamāpūrayanneva prāṇināmurasi sthitaḥ || 7.25 ||
Der aus Prāṇa und Apāna bestehende Lebensatem bewirkt Ausströmen und Füllen. In der Brust der Lebewesen ansässig, erfüllt er sie beständig.
7.26
prāṇanaṃ kurute yasmāt tasmāt prāṇaḥ prakīrtitaḥ |
ahorātragatiṃ prāṇe adhunā kathayāmi te || 7.26 ||
Weil er das Leben erhält, heißt er Prāṇa. Nun erkläre ich dir den Verlauf von Tag und Nacht innerhalb des Lebensatems.
7.27
tuṭayaḥ ṣoḍaśa prāṇe pūrvaṃ hi kathitā mayā |
bāhye naiva tu kālena te lavāḥ parikīrtitāḥ || 7.27 ||
Sechzehn Tuṭis innerhalb des Lebensatems habe ich zuvor gelehrt. Nach dem äußeren Zeitmaß werden diese als Lavas bezeichnet. [Die Übersetzung folgt KSTS bāhyenaiva tu kālena; die TXT-Worttrennung bāhye naiva erzeugt eine hier unzutreffende Verneinung.]
7.28
tābhiścatasṛbhirdevi prāṇe yāmo vidhīyate |
taireva praharairdevi caturbhistu dinaṃ bhavet || 7.28 ||
Vier von ihnen ergeben im Lebensatem eine Nacht- oder Tageswache, Göttin. Vier solche Wachen bilden einen Tag.
7.29
rātriścaturbhirvijñeyā ahorātrastvato 'ṣṭabhiḥ |
śivo dharmeṇa haṃsastu sūryā haṃsaḥ prabhānvitaḥ || 7.29 ||
Die Nacht ist ebenfalls als vier Wachen zu verstehen, Tag und Nacht also als acht. Seinem Wesen nach ist Śiva der Haṃsa; die Sonne ist der lichtbegabte Haṃsa [überlieferte Formulierung uneben].
7.30
ātmā vai haṃsa ityuktaḥ prāṇo haṃsasamanvitaḥ |
tasyodayātkaletkālaḥ grahāṇāmudayo bhavet || 7.30 ||
Das Selbst wird Haṃsa genannt, und der Lebensatem ist mit Haṃsa verbunden. Aus seinem Aufgang wird die Zeit bemessen; daraus ergibt sich der Aufgang der Planeten.
7.31
ṛkṣāṇi rāśayaścaiva tārāstvaṃśāstathaiva ca |
prāṇe vai udayantyete ahorātreṇa suvrate || 7.31 ||
Mondstationen, Tierkreiszeichen, Sterne und deren Abschnitte: Sie alle gehen innerhalb eines Tages und einer Nacht im Lebensatem auf, du mit den guten Gelübden.
7.32
ahorātrodayastyaiva vibhāgaṃ kathayāmi te |
hṛdayordhve tu kaṇṭhādho yāvadvai pravahet priye || 7.32 ||
Ich erkläre dir die Einteilung seines Aufgangs in Tag und Nacht. Soweit er über dem Herzen und unterhalb der Kehle strömt, Geliebte,
7.33
aṅgulena vihīne tu prathamaḥ praharaḥ smṛtaḥ |
dvitīya ūrdhve vijñeyo madhyāhnastālumadhyataḥ || 7.33 ||
bis zu einer um einen Fingerbreit verminderten Strecke, gilt dies als erste Wache. Die zweite ist darüber anzusetzen; der Mittag liegt in der Mitte des Gaumens.
7.34
atra homo japo dhyānaṃ kṛtaṃ vai mokṣadaṃ bhavet |
nāsāgryatryaṅgulordhve tu yāvatprāptastu suvrate || 7.34 ||
Feueropfer, Rezitation und Meditation, die hier vollzogen werden, sollen Befreiung verleihen. Wenn er bis drei Fingerbreiten oberhalb der Nasenwurzel, also der Brauenmitte, gelangt ist, [So erläutert Kṣemarāja den hier verwendeten Ausdruck nāsāgrya.]
7.35
praharastu tṛtīyo 'sau bhavedvai varavarṇini |
śaktyante ca caturthastu praharo 'haḥ prakīrtitam || 7.35 ||
ist dies die dritte Wache, du von schöner Gestalt. Die vierte liegt am Ende der Śakti; damit ist der Tag beschrieben.
7.36
caturthānte tu deveśi prāṇasūryaḥ sadāstagaḥ |
tato 'stamayasandhyātra tuṭyardhaṃ tu bhavet priye || 7.36 ||
Am Ende der vierten Wache geht die Sonne des Lebensatems stets unter, Herrin der Götter. Darauf liegt dort die Abenddämmerung, eine halbe Tuṭi lang.
7.37
tatkālaṃ tu vilambyaivaṃ punaścādhaḥ pravartate |
sa ca candrodayo devi rajanī ca vidhīyate || 7.37 ||
Nachdem er so für diesen Zeitraum verweilt hat, beginnt er sich wieder abwärts zu bewegen. Dies ist der Mondaufgang, Göttin, und wird als Nacht bestimmt.
7.38
pūrvoktakramayogena yāmeṣvevaṃ caratyasau |
tāluke cārdharātrastu punarevaṃ vidhīyate || 7.38 ||
In der zuvor genannten Reihenfolge durchläuft er entsprechend die Wachen. Die Mitternacht wird wiederum am Gaumen angesetzt.
7.39
hṛtpadmaṃ tu yadā prāptaḥ prabhātasamayastadā |
tuṭyardhaṃ tu varārohe pūrvasaṃdhyā bhavettataḥ || 7.39 ||
Wenn er den Herzlotus erreicht hat, ist die Zeit des Morgengrauens gekommen. Anschließend liegt dort die Morgendämmerung, eine halbe Tuṭi lang, Schönhüftige.
7.40
tasmātsamudayaścaiva sūryasya sa bhavetpunaḥ |
pūrvavat kramayogena sa careddhi sadā śubhe || 7.40 ||
Von dort steigt die Sonne erneut auf. In der zuvor beschriebenen Reihenfolge bewegt sie sich stets, du Segensreiche.
7.41
vāsare tu caretsūryo dhārāyāṃ saṃcarecchaśī |
candrasūryodayo hyeṣa mayā te parikīrtitaḥ || 7.41 ||
Am Tag bewegt sich die Sonne; im nächtlichen Rückstrom bewegt sich der Mond. Damit habe ich dir den Aufgang von Mond und Sonne beschrieben.
7.42
bhaumādyāśca grahā hyevaṃ caranti pravibhāgaśaḥ |
prāṇe cāpyudayantyete prahare prahare priye || 7.42 ||
Ebenso bewegen sich die Planeten, angefangen mit Mars, nach ihren Einteilungen. Auch sie gehen im Lebensatem auf, in jeder einzelnen Wache, Geliebte.
7.43
velā vāro bhavedyasya sa caretpraharadvayam |
rāhuścarati somena ketuścarati bhāsvatā || 7.43 ||
Derjenige, dem die betreffende Tageszeit und der Wochentag gehören, durchläuft zwei Wachen. Rāhu bewegt sich mit dem Mond, Ketu mit der Sonne.
7.44
ye grahāste ca vai nāgā lokapālāṣṭakaṃ ca te |
mūrtayaścaiva te cāṣṭāv aṣṭau te ca gaṇeśvarāḥ || 7.44 ||
Diese Planeten sind zugleich die Nāgas und die acht Weltenhüter; sie sind die acht Gestalten und die acht Herren der Gefolgschaften.
7.45
te ca pañcāṣṭakā rudrās tathā yogāṣṭakāḥ pare |
anantādiśikhaṇḍyantās te ca vidyeśvarāṣṭakāḥ || 7.45 ||
Sie sind auch die fünf Achtergruppen der Rudras und die weiteren Achtergruppen des Yoga; ebenso die acht Vidyeśvaras von Ananta bis Śikhaṇḍin.
7.46
sakalādyāni tattvāni sthitāni paratastviha |
pūrvoktā bhairavāścāṣṭau sarve te ca vyavasthitāḥ || 7.46 ||
Die darüber befindlichen Wirklichkeitsstufen, angefangen mit Sakala [Bezeichnung hier erklärungsbedürftig], sowie die zuvor genannten acht Bhairavas sind alle darin angeordnet.
7.47
grahādīnsamadhiṣṭhāya sarveṣūdayakārakāḥ |
rāśibhiḥ saha nakṣatrais ta udyanti aharniśam || 7.47 ||
Sie überwalten die Planeten und das Übrige und bewirken überall das Aufgehen. Zusammen mit Tierkreiszeichen und Mondstationen gehen sie Tag und Nacht auf.
7.48
madhyāhne cārdharātre ca udayo 'bhijito bhavet |
abhīpsitaṃ phalaṃ tatra sādhakānāṃ bhavediha || 7.48 ||
Am Mittag und um Mitternacht erfolgt der Aufgang Abhijits. Dabei soll den Übenden die ersehnte Frucht zuteilwerden.
7.49
ahorātravibhāgo 'yam evaṃ te kathito mayā |
adhunā pakṣamāsāṃśca varṣāṇi kathayāmi te || 7.49 ||
So habe ich dir diese Gliederung von Tag und Nacht erklärt. Nun erläutere ich die Monatshälften, Monate und Jahre.
7.50
ādhyātmikāhorātreṇa bāhye kāṣṭhā vidhīyate |
māsenādhyātmikenaiva bāhye caiva kalā bhavet || 7.50 ||
Ein innerer Tag mit Nacht entspricht äußerlich einer Kāṣṭhā; ein innerer Monat entspricht äußerlich einer Kalā.
7.51
tatra triṃśadahorātrā māsastu varavarṇini |
māsaidvadaśabhiścaiva bāhye 'tha ghaṭikā bhavet || 7.51 ||
Dabei bilden dreißig Tage mit ihren Nächten einen Monat, du von schöner Gestalt. Zwölf Monate ergeben äußerlich eine Ghaṭikā.
7.52
śatāni trīṇyahotrātrāḥ ṣaṣṭireva tathādhikā |
varṣametat samākhyātaṃ bāhye vai ghaṭikā ca sā || 7.52 ||
Dreihundertsechzig Tage mit Nächten werden als ein Jahr bezeichnet; äußerlich entspricht dies einer Ghaṭikā.
7.53
ghaṭikāḥ ṣaṣṭistvahorātre bāhye tu pravahanti vai |
tā evāntaracāreṇa ṣaṣṭiḥ saṃvatsarāḥ smṛtāḥ || 7.53 ||
Sechzig Ghaṭikās vergehen während eines äußeren Tages mit Nacht. Im inneren Verlauf gelten eben diese als sechzig Jahre.
7.54
prāṇasaṃkhyāṃ punasteṣu kathayāmyadhunā tava |
ṣaṭ śatāni varārohe sahasrāṇyekaviṃśatiḥ || 7.54 ||
Nun nenne ich dir die Zahl der Atemzüge darin: sechshundert und einundzwanzigtausend, Schönhüftige.
7.55
ahorātreṇa bāhyena adhyātmaṃ tu saradhipe |
prāṇasaṃkhyā samākhyātā jñātavyā sādhakena tu || 7.55 ||
Diese Zahl der inneren Atemzüge während eines äußeren Tages mit Nacht ist angegeben worden, Herrin [Lesung saradhipe beschädigt]; der Übende soll sie kennen.
7.56
praṇahaṃse sadā līnaḥ sādhakaḥ paratattvavit |
tasyāyaṃ japa uddiṣṭaḥ siddhimuktiphalapradaḥ || 7.56 ||
Der Übende, der das höchste Prinzip kennt, ist stets in den Haṃsa des Lebensatems versunken. Dies wird als seine Rezitation gelehrt, die als Frucht Vollendung und Befreiung verleiht.
7.57
adhaḥ pravahaṇe siddhir hṛtpadmaṃ yāvadāgataḥ |
muktiścaiva bhavedūrdhve paratattve tu suvrate || 7.57 ||
Beim Abwärtsströmen bis zum Herzlotus liegt Vollendung; oben dagegen, im höchsten Prinzip, liegt Befreiung, du mit den guten Gelübden.
7.58
mano 'pyanyatra nikṣiptaṃ cakṣuranyatra pātitam |
yathā pravartate prāṇas tv ayatnādeva sarvadā || 7.58 ||
Auch wenn der Geist anderswohin gerichtet und der Blick auf etwas anderes gefallen ist, bewegt sich der Lebensatem doch immer ohne besondere Anstrengung.
7.59
nāsyoccārayitā kaścit pratihantā na vidyate |
svayamuccarate haṃsaḥ prāṇināmurasi sthitaḥ || 7.59 ||
Niemand bringt ihn eigens zum Ertönen, und niemand hemmt ihn [im hier beschriebenen natürlichen Verlauf]. Von selbst ertönt der Haṃsa, der in der Brust der Lebewesen wohnt.
7.60
māsavatsarasaṃkhyā tu eṣā te kathitā mayā |
candrasūryoparāgaṃ tu kathayāmi tataḥ param || 7.60 ||
Damit habe ich dir die Zählung von Monaten und Jahren erklärt. Anschließend erläutere ich die Verfinsterung von Mond und Sonne.
7.61
ahorātrastu yaḥ proktaḥ prāṇe 'sminsurasundari |
sa eva pakṣadvitayaṃ māsaṃ ca kathayāmi te || 7.61 ||
Was in diesem Lebensatem als Tag und Nacht bezeichnet wurde, schöne Göttin, erkläre ich dir nun zugleich als zwei Monatshälften und als Monat.
7.62
tuṭyardhaṃ cāpyadhaścordhvaṃ viśramaḥ parikīrtitaḥ |
madhye pañcadaśoktā yās tithayastāḥ prakīrtitāḥ || 7.62 ||
Unten und oben wird jeweils eine halbe Tuṭi als Ruhepunkt beschrieben. Die fünfzehn dazwischen genannten [Tuṭis] werden als Mondtage bezeichnet.
7.63
prathamodaye tu hṛtpadmāt tuṭyardhaṃ tu dinaṃ bhavet |
dvitīye caiva tuṭyardhe yadā carati śarvarī || 7.63 ||
Beim ersten Aufsteigen aus dem Herzlotus gilt eine halbe Tuṭi als Tag; in der zweiten halben Tuṭi verläuft die Nacht.
7.64
rāśayo grahanakṣatrāṇy udayanti yathākramam |
asminnevamahorātre pūrvavacca varānane || 7.64 ||
Tierkreiszeichen, Planeten und Mondstationen gehen darin der Reihe nach auf, ebenso wie zuvor innerhalb eines Tages mit Nacht, Schönangesichtige.
7.65
tuṭibhiḥ pañcadaśabhiḥ pakṣaḥ sa tu vidhīyate |
tithicchede ṛṇaṃ jñeyaṃ vṛddhau caiva dhanaṃ bhavet || 7.65 ||
Fünfzehn Tuṭis bilden eine Monatshälfte. Beim Ausfall eines Mondtages ist ein Fehlbetrag anzusetzen, bei einer Verlängerung ein Zuwachs.
7.66
ṛṇaṃ caiva bhavetkāso niḥśvāso dhana ucyate |
kṛṣṇapakṣordhvacāreṇa saṃhāraḥ saṃkṣayo bhavet || 7.66 ||
Als Fehlbetrag gilt das Husten, als Zuwachs das Seufzen. Mit dem Aufwärtsgang der dunklen Monatshälfte erfolgen Einziehung und Abnahme.
7.67
krūrakarmāṇi vai tatra kurvansiddhimavāpnuyāt |
śubhakarmāṇi kṛṣṇe ca na ca siddhyanti suvrate || 7.67 ||
Wer dann grausame Rituale vollzieht, soll dabei Erfolg erlangen. Günstige Handlungen dagegen gelingen in der dunklen Hälfte nicht, du mit den guten Gelübden.
7.68
śaktiṃ vai viśati prāṇe yā tuṭistu vidhīyate |
amāvasyā tu sā jñeyā kṛṣṇapakṣe varānane || 7.68 ||
Die Tuṭi, in der der Lebensatem in die Śakti eingeht, ist als Neumond der dunklen Monatshälfte zu verstehen, Schönangesichtige.
7.69
śaktermadhyordhvabhāge tu tuṭyardhaṃ yatprakīrtitam |
pakṣasaṃdhistvasau jñeyo 'māvasyārdhapratipadā || 7.69 ||
Die genannte halbe Tuṭi in der Mitte und im oberen Teil der Śakti ist als Übergang der Monatshälften zu verstehen: [je eine Hälfte von] Neumond und erstem Mondtag.
7.70
tithicchedena vai tatra sūryasya grahaṇaṃ bhavet |
ravibimbāntare devi candrabimbaṃ tadā bhavet || 7.70 ||
Durch das Ausfallen eines Mondtages entsteht dort eine Sonnenfinsternis. Dann befindet sich die Mondscheibe innerhalb der Sonnenscheibe, Göttin.
7.71
tadantare bhavedrāhur amṛtārthī varānane |
amṛtaṃ sravate candro rāhuśca grasate tu tam || 7.71 ||
Darin befindet sich Rāhu, der nach Unsterblichkeitsnektar verlangt, Schönangesichtige. Der Mond lässt den Nektar fließen, und Rāhu verschlingt ihn.
7.72
pītvā tyajati tadlimbaṃ tadā muktaḥ sa ucyate |
ādityagrahaṇaṃ caiva loke tadupadiśyate || 7.72 ||
Nachdem er getrunken hat, lässt er diese Scheibe los; dann heißt sie befreit. In der Welt wird dies als Sonnenfinsternis gelehrt [tadlimbaṃ wohl fehlerhaft für tadbimbaṃ].
7.73
rāhurādityacandrau ca traya ete grahā yadā |
dṛśyante samavāyena tanmahāgrahaṇaṃ bhavet || 7.73 ||
Wenn diese drei Himmelskörper, Rāhu, Sonne und Mond, gemeinsam wahrgenommen werden, ist dies die große Finsternis.
7.74
sa kālaḥ sarvalokānāṃ mahāpuṇyatamo bhavet |
tatra snānaṃ tathā dānaṃ pūjāhomajapādikam || 7.74 ||
Diese Zeit soll für alle Welten außerordentlich verdienstvoll sein. Baden, Gaben, Verehrung, Feueropfer, Rezitation und anderes,
7.75
yatkṛtaṃ sādhakairdevi tadanantaphalaṃ bhavet |
tāṃ caivārdhatuṭiṃ tyaktvā śuklapakṣodayo bhavet || 7.75 ||
was die Übenden dann vollziehen, Göttin, soll unendliche Frucht bringen. Sobald jene halbe Tuṭi vergangen ist, beginnt die helle Monatshälfte.
7.76
śaktigarbhādadhaḥ sṛṣṭis tasmādvṛddhiḥ prajāyate |
tadārabhya ca karmāṇi śubhānyabhyudayāni ca || 7.76 ||
Aus dem Inneren der Śakti erfolgt die Schöpfung nach unten; daraus entsteht Wachstum. Von da an [gelingen] günstige und förderliche Handlungen
7.77
dhyānamantrādiyuktasya siddhinte nātra saṃśayaḥ |
prāṇahaṃso yadā prāptas tv adhastāṃ prathamāṃ tuṭim || 7.77 ||
demjenigen, der mit Meditation, Mantra und den weiteren Mitteln verbunden ist; daran besteht kein Zweifel. Wenn der Haṃsa des Lebensatems unten jene erste Tuṭi erreicht hat,
7.78
pūrvamardhaṃ tvahaḥ proktaṃ tuṭyardhamaparaṃ niśā |
rāśayo graha ṛksāṇi yogāśca karaṇāni ca || 7.78 ||
gilt ihre erste Hälfte als Tag, die zweite halbe Tuṭi als Nacht. Tierkreiszeichen, Planeten, Mondstationen, Yogas und Karaṇas
7.79
pūrvavatkramayogena tānyudyanti tvaharniśam |
pratipatsā tu vijñeyā candraścaikakalo bhavet || 7.79 ||
gehen darin Tag und Nacht in der zuvor beschriebenen Reihenfolge auf. Dies ist als erster Mondtag zu verstehen; der Mond besitzt dann einen Anteil.
7.80
dvitīyāyāṃ dvitīyā tu vṛddhimeti krameṇa tu |
tithayaścaivamārabhya yāvatpañcadaśī tuṭi || 7.80 ||
Am zweiten Mondtag wächst ihm der zweite Anteil zu, und so geht es der Reihe nach weiter: die Mondtage beginnend [mit dem ersten] bis zur fünfzehnten Tuṭi.
7.81
paurṇamāsī tu vijñeyā tithirvai sādhakena tu |
tatra pūjā japo dhyānaṃ saṃpūrṇaṃ saphalaṃ bhavet || 7.81 ||
Diese soll der Übende als Vollmondtag erkennen. Verehrung, Rezitation und Meditation werden dann vollständig und fruchtbar.
7.82
saṃpūrṇaśca bhavettasyāṃ candro vai cārulocane |
tasyāścārdhatuṭiryā tu pakṣasaṃdhyā tu sā smṛtā || 7.82 ||
An diesem Tag ist der Mond voll, du mit den schönen Augen. Die anschließende halbe Tuṭi gilt als Übergang zwischen den Monatshälften.
7.83
tasyārdhaṃ paurṇamāsī tu pratipadardhena saṃsthitā |
hṛtpadmasaṃdhimadhye tu somasya grahaṇaṃ bhavet || 7.83 ||
Ihre eine Hälfte gehört zum Vollmond, die andere zum ersten Mondtag. Inmitten des Übergangs beim Herzlotus ereignet sich die Mondfinsternis.
7.84
ādityena vinā loke somagrahaṇamucyate |
tatraiva ca mahatpuṇyaṃ dhyānahomajapādibhiḥ || 7.84 ||
Ohne [sichtbare Beteiligung] der Sonne spricht man in der Welt von Mondfinsternis. Auch dort liegt großes Verdienst in Meditation, Feueropfer, Rezitation und anderem.
7.85
pakṣadvaye 'pi deveśi grahaṇaṃ candrasūryayoḥ |
nānādiddhipradaṃ hyetat sādhakasyābhiyoginaḥ || 7.85 ||
In beiden Monatshälften, Herrin der Götter, verleiht diese Verfinsterung von Mond und Sonne dem eifrig Übenden vielfältige Vollendungen [Vorlage nānādiddhi statt erwartetem nānāsiddhi].
7.86
mokṣaścaiva punarbhadre pakṣadvayasamujjhitaḥ |
pakṣadvayaṃ parityajya pūvoktakaraṇena tu || 7.86 ||
Befreiung dagegen, du Gütige, liegt jenseits beider Monatshälften. Nachdem man beide Monatshälften mittels des zuvor beschriebenen Verfahrens verlassen hat,
7.87
unmanyante sthito nityaṃ paravṛttyavalambakaḥ |
parityajya tvadhaḥ sarvaṃ dhyānamāsthāya yojayet || 7.87 ||
soll man stets am Ende von Unmanī verweilen und sich auf die höchste Bewegung stützen. Alles Unterhalbene aufgebend, soll man sich durch Meditation vereinigen.
7.88
tasya muktirna saṃdehas tv anyathā siddhibhāgbhavet |
pakṣadvaye 'pi grahaṇaṃ bhavedvai sarvadehinām || 7.88 ||
Für einen solchen besteht an der Befreiung kein Zweifel; andernfalls erlangt er Vollendungen. In beiden Monatshälften findet die Finsternis bei allen Verkörperten statt.
7.89
evametatsamākhyātaṃ yāvadāyurvarānane |
atraivādhyātmāhorātre tv athābdodaya ucyate || 7.89 ||
So wurde dies erklärt; es dauert während der ganzen Lebenszeit, Schönangesichtige. Nun wird innerhalb eben dieses inneren Tages mit Nacht der Beginn des Jahres gelehrt.
7.90
hṛtpadmādūrdhvaparyantaṃ rāśayaḥ ṣaḍ vyavasthitāḥ |
aṅgulaiḥ ṣaḍbhirekaiko hṛtpadmādyāva śaktitaḥ || 7.90 ||
Vom Herzlotus bis zum oberen Ende sind sechs Tierkreiszeichen angeordnet; jedes umfasst sechs Fingerbreiten, vom Herzlotus bis zur Śakti.
7.91
aṅgule aṅgule hyatra tithayaḥ pañca saṃsthitāḥ |
tasyāpyardhaṃ dinaṃ pūrvam aparārdhaṃ niśā bhavet || 7.91 ||
In jeder einzelnen Fingerbreite liegen fünf Mondtage. Auch hierbei ist jeweils die erste Hälfte Tag und die andere Hälfte Nacht.
7.92
ṣaṭpañcakāstithīnāṃ ye te ḥorātrāstu māsikāḥ |
triṃśatā tairahorātrair dvipakṣo māsa ucyate || 7.92 ||
Die sechs Fünfergruppen von Mondtagen entsprechen den Tagen mit Nächten eines Monats. Dreißig solcher Tage mit Nächten heißen ein Monat aus zwei Hälften.
7.93
māsi rāśyudaye hyeṣa adhordhvaprāṇasaṃcare |
hṛdayādudayasthānāt saṃkrāntirmakare sthitā || 7.93 ||
So erfolgt monatlich der Aufgang der Tierkreiszeichen im auf- und absteigenden Lebensatem. Am Ausgangspunkt im Herzen liegt der Eintritt in den Steinbock.
7.94
ṣaḍaṅgulānyadhastyaktvā kumbhe saṃkramate punaḥ |
kaṇṭhordhve dvyaṅgulaṃ tyaktvā mīne saṃkramate punaḥ || 7.94 ||
Nachdem sechs Fingerbreiten darunter zurückgelassen sind, erfolgt der Eintritt in den Wassermann. Wenn zwei Fingerbreiten oberhalb der Kehle zurückgelegt sind, folgt der Eintritt in die Fische.
7.95
galordhvādyāvattālvantaṃ tyaktvā meṣe 'tha saṃkramet |
nāsāntaṃ yāvatsaṃkrāntir aṅgulāni ṣaḍeva hi || 7.95 ||
Nach Durchmessen der Strecke von oberhalb der Kehle bis zum Ende des Gaumens tritt er in den Widder ein. Der anschließende Übergang reicht bis zur Nasenwurzel: genau sechs Fingerbreiten.
7.96
eṣā vai viṣusaṃkrāntir uttare saṃvyavasthitā |
japahomārcanadhyānān mahābhyudayakārikā || 7.96 ||
Dies ist der Übergang zur Tagundnachtgleiche auf dem nördlichen Weg. Durch Rezitation, Feueropfer, Verehrung und Meditation bewirkt er großes Gedeihen.
7.97
nāsāgraṃ tu parityajya prāṇahaṃso vṛṣe caret |
ṣaḍaṅgulāni saṃtyajya saṃkramenmithune punaḥ || 7.97 ||
Nachdem der Haṃsa des Lebensatems die Nasenwurzel verlassen hat, bewegt er sich im Stier. Nach weiteren sechs Fingerbreiten tritt er in die Zwillinge ein.
7.98
śaktyantaṃ yāvadadhvānaṃ saṃkrāntirmithune smṛtā |
makarācca samārabhya mithunāntaṃ ca suvrate || 7.98 ||
Die Strecke bis zum Ende der Śakti gilt als Übergang in die Zwillinge. Vom Steinbock angefangen bis zum Ende der Zwillinge,
7.99
uttarayaṇamatraitad aihikīsiddhivarjitam |
snānaṃ dhyānaṃ tathā dānaṃ pūjāhomajapādikam || 7.99 ||
ist dies hier der nördliche Sonnenlauf; er ist ohne diesseitige Vollendung. Baden, Meditation, Gaben, Verehrung, Feueropfer, Rezitation und anderes,
7.100
sādhakādyaiḥ kṛtaṃ yacca sahastrānekadhā bhavet |
iha janmani nāpnoti paratraivopatiṣṭhate || 7.100 ||
was die Übenden und die übrigen Berechtigten vollziehen, bringt viele tausendfache Frucht. In diesem Leben erlangt man sie nicht; sie stellt sich erst jenseits ein.
7.101
dināni tatra vardhante makarānmithunāntikam |
tatkāle saṃharedvīryaṃ jagatyasmiṃścarācare || 7.101 ||
Vom Steinbock bis zu den Zwillingen nehmen die Tage zu. In dieser Zeit zieht [die Sonne] die Kraft aus dieser Welt der beweglichen und unbeweglichen Wesen ein.
7.102
haṃso raśmibhirākṛṣya garbhasthaṃ kārayettu tam |
garbhasthānekadhārūpaṃ yadgṛhītaṃ purātanam || 7.102 ||
Der Haṃsa zieht sie mit seinen Strahlen an sich und versetzt sie in den verborgenen Innenraum. Was zuvor aufgenommen wurde, nimmt dort vielfältige Gestalten an.
7.103
karkaṭādeḥ samārabhya sarvaṃ varṣati tatpunaḥ |
tasmādārabhya makarād dhyānahomajapādikam || 7.103 ||
Vom Krebs angefangen regnet er dies alles wieder aus. Deshalb bringen Meditation, Feueropfer, Rezitation und anderes, die mit dem Steinbock beginnen,
7.104
paralokanimittāya tadanantaphalaṃ bhavet |
puraścaryānimittāya mantragrahavrataṃ ca yat || 7.104 ||
unendliche Frucht für die jenseitige Welt. Die vorbereitende Mantrapraxis und das Gelübde zur Übernahme eines Mantras
7.105
mīnādāvārabhetsarvaṃ mantrasiddhyarthamātmanaḥ |
bāhye 'pi taravo loke ṛtuṣaṭkasamīritam || 7.105 ||
soll man hingegen sämtlich beim Beginn der Fische aufnehmen, um die eigene Mantravollendung zu erreichen. Auch äußerlich gelangen die Bäume der Welt, durch den Kreislauf der sechs Jahreszeiten angeregt,
7.106
kusumānandamāyānti kusumāyudhadīpakam |
mantrāḥ kālānurūpeṇa vratacaryādineritāḥ || 7.106 ||
zur Freude des Blühens, die den blumenbewaffneten Liebesgott entflammt. Die Mantras werden entsprechend der Zeit durch Gelübde, Lebensführung und anderes angeregt;
7.107
jñeyabodhapradīptāśca siddhimuktiprasādhakāḥ |
adhyātmaśabdarūpātmā ṣaḍrasāsvādaneritaḥ || 7.107 ||
durch die Erkenntnis des zu Erkennenden erhellt, bewirken sie Vollendung und Befreiung. Im Inneren wird [der Haṃsa], dessen Wesen Laut und Gestalt ist, durch das Schmecken der sechs Geschmacksarten angeregt.
7.108
haṃsabodhapradīptastu galake mīnamāśritaḥ |
śabdasaṃvedanaṃ tasya sphuṭaṃ tatra bhavedyataḥ || 7.108 ||
Durch das Bewusstsein des Haṃsa erhellt, befindet er sich in der Kehle im Zeichen der Fische. Weil dort die Wahrnehmung des Lautes deutlich wird,
7.109
tadārabhya japāttasya sarvameva pravartate |
mithunāntaṃ ca deveśi tataḥ siddhiḥ prajāyate || 7.109 ||
setzt von da an durch seine Rezitation alles ein. Bis zum Ende der Zwillinge, Herrin der Götter, entsteht daraus die Vollendung.
7.110
sahaṃso binduśaktisthaḥ siddhidvārairadhomukhaḥ |
karkaṭādau sa varṣettu tulāntaṃ tālukāntare || 7.110 ||
Dieser Haṃsa befindet sich in Bindu und Śakti und ist durch die Tore der Vollendung nach unten gerichtet. Vom Beginn des Krebses bis zum Ende der Waage im Bereich des Gaumens lässt er [Nektar] herabregnen.
7.111
kaṇṭhādadhastato dehī hṛtpadmātsarvato vrajet |
tasmādihātmasiddhyarthaṃ puṣṭyarthaṃ caiva sādhayet || 7.111 ||
Darauf zieht der Verkörperte unterhalb der Kehle vom Herzlotus aus überallhin. Deshalb soll man hier zur eigenen Vollendung und zur Stärkung praktizieren,
7.112
dakṣiṇāyanaje kāle yasmātsṛṣṭiḥ prajāyate |
śaktyadho hṛdaye haṃsaḥ saṃkrametkarkaṭe priye || 7.112 ||
und zwar während des südlichen Sonnenlaufs, weil dann die Schöpfung erfolgt. Unterhalb der Śakti tritt der Haṃsa auf dem Weg zum Herzen in den Krebs ein, Geliebte.
7.113
ṣaḍaṅgulāni saṃtyajya siṃhe vai saṃkrametpunaḥ |
ṣaḍaṅgulaiḥ punastyaktaiḥ kanyāṃ saṃkramate punaḥ || 7.113 ||
Nach sechs Fingerbreiten tritt er in den Löwen ein. Nach weiteren sechs Fingerbreiten tritt er wiederum in die Jungfrau ein.
7.114
nāsikāgrāttu tālvantaṃ tyaktvaivaṃ viṣuvadbhavet |
tulāsaṃkrāntireṣoktā dakṣiṇaṃ viṣuvadbhavet || 7.114 ||
Nachdem so die Strecke von der Nasenwurzel bis zum Gaumenende zurückgelegt ist, erfolgt die Tagundnachtgleiche. Dies heißt Eintritt in die Waage, die südliche Tagundnachtgleiche.
7.115
sādhanaṃ yat kṛtaṃ tatra iha janmani kāmadam |
mṛtyorjayaṃ tathā śāntiṃ puṣṭiṃ tasmātsamārabhet || 7.115 ||
Die dann vollzogene Praxis erfüllt Wünsche in diesem Leben. Deshalb soll man dort mit der Überwindung des Todes sowie mit befriedenden und stärkenden Handlungen beginnen.
7.116
tasmātsa ṣaḍrasāhāro galādhaḥ prīṇayettanum |
ṣaḍaṅgulāni tyaktvā tu vṛścike kramate punaḥ || 7.116 ||
Darum nährt [der Haṃsa] durch Nahrung mit den sechs Geschmacksarten den Körper unterhalb der Kehle. Nach sechs Fingerbreiten tritt er wiederum in den Skorpion ein.
7.117
kaṇṭhordhvaṃ dvyaṅgulaṃ tyaktvā kaṇṭhādhaścaturaṅgulam |
vṛścikaṃ tu parityajya dhanvisaṃkrāntirucyate || 7.117 ||
Nachdem zwei Fingerbreiten oberhalb und vier unterhalb der Kehle zurückgelegt sind, wird das Verlassen des Skorpions als Eintritt in den Schützen bezeichnet.
7.118
ṣaḍaṅgulādadhastāttu dhanvisthaścarate hṛdi |
hṛtpadmāntaṃ tu vai haṃsaś caritvā ūrdhvagodayaḥ || 7.118 ||
Sechs Fingerbreiten tiefer bewegt er sich, im Schützen befindlich, im Herzen. Nachdem der Haṃsa bis zum Ende des Herzlotus gezogen ist, beginnt erneut sein Aufstieg.
7.119
makarādiṣu saṃkrāntau dvādaśaivaṃ caretsadā |
amunoktakrameṇaiva āyurvai sarvadehinām || 7.119 ||
So durchläuft er stets die zwölf Übergänge, beginnend mit dem Steinbock. In dieser beschriebenen Reihenfolge verläuft das Leben aller Verkörperten.
7.120
aihikāmuṣmikī siddhir adhamā madhyamottamā |
ayanadvayamākhyātaṃ mokṣasiddhirdvayojjhitā || 7.120 ||
Die diesseitige und jenseitige Vollendung ist niedrig, mittel oder hoch. Die beiden Sonnenläufe sind erklärt; die Vollendung der Befreiung liegt jenseits beider.
7.121
ayanadvayaparyanta unmanyante sadā sthitaḥ |
tatrastho vai japadhyānān mokṣasiddhimavāpnuyāt || 7.121 ||
Wer am äußersten Ende beider Sonnenläufe stets am Ende der Unmanī verweilt, erlangt dort durch Rezitation und Meditation die Vollendung der Befreiung.
7.122
mokṣaṃ gatvā tu nāgacchet pratijñā bhairavasya tu |
asminnabdodaye bhūyo dvādaśābdodayaṃ śṛṇu || 7.122 ||
Wer die Befreiung erreicht hat, kehrt nicht zurück: Dies ist die Zusage Bhairavas. Höre nun innerhalb dieses Jahresaufgangs auch vom Aufgang eines Zwölfjahreszeitraums.
7.123
caitrasaṃvatsare yasmān māsānāmudayo bhavet |
tadādi sādhakaistasmāt kartavyaṃ mantrasādhanam || 7.123 ||
Weil mit dem Caitra-Jahr die Monate beginnen, sollen die Übenden von diesem Anfang an die Mantrapraxis vollziehen.
7.124
dvādaśābdaḥ sa vijñeyaś caitramāsādvarānane |
lakṣaṇaṃ tasya vakṣyāmi prāṇo 'sminpravibhāgaśaḥ || 7.124 ||
Dieser Zwölfjahreszeitraum ist vom Monat Caitra an zu verstehen, Schönangesichtige. Ich werde seine Merkmale erklären: Der Lebensatem ist darin gegliedert.
7.125
tatra saṃvatsareṇaiva amunoktena suvrate |
ahorātrastu yaḥ prokto dvādaśāṃśaṃ bhajetpriye || 7.125 ||
Bei dem soeben beschriebenen Jahr, du mit den guten Gelübden, soll man den dort genannten Tag mit Nacht in zwölf Teile teilen, Geliebte.
7.126
dvādaśa te ahorātrā dvādaśābde bhavanti vai |
pañcabhistāṃstu saṃguṇya dvādaśābda ṛturbhavet || 7.126 ||
Diese zwölf ergeben im Zwölfjahreszyklus zwölf Tage mit ihren Nächten. Mit fünf multipliziert ergeben sie darin eine Jahreszeit.
7.127
tameva dviguṇaṃ kṛtvā kālastu sa vidhīyate |
triguṇenaitadayane vatsaraḥ ṣaṅguṇena tu || 7.127 ||
Verdoppelt man diese, wird daraus ein Kāla-Zeitabschnitt; verdreifacht entsteht ein Sonnenhalbjahr, versechsfacht ein Jahr.
7.128
saṃkrāntayo dvādaśātra yadvadabde prakīrtitāḥ |
dvādaśābdodaye prāṇe vatsarāste prakīrtitāḥ || 7.128 ||
Die zwölf Übergänge, die für das Jahr beschrieben wurden, werden beim Aufgang des Zwölfjahreszyklus im Lebensatem als Jahre bezeichnet.
7.129
dvādaśābde tvahorātrāḥ teṣāṃ saṅkhyāṃ nibodha me |
sahasrāṇi tu catvāri triśatī viṃśatistathā || 7.129 ||
Höre nun die Zahl der Tage mit Nächten im Zwölfjahreszyklus: viertausenddreihundertzwanzig.
7.130
dvādaśābdodaye devi prāṇe 'sminkathitā mayā |
ṣaṣṭyabdodayamatraiva punaśca kathayāmi te || 7.130 ||
Sie habe ich dir für den Zwölfjahresaufgang in diesem Lebensatem genannt, Göttin. Nun erkläre ich dir darin auch den Aufgang von sechzig Jahren.
7.131
ānandādyāstu te jñeyāḥ ṣaṣṭyabdāstu varānane |
te cādha ūrdhvage prāṇe ekasminsurasundari || 7.131 ||
Die sechzig Jahre sind als die mit Ānanda beginnende Folge zu verstehen, Schönangesichtige. Sie befinden sich in einem einzigen ab- und aufsteigenden Lebensatem, schöne Göttin.
7.132
caranti pravibhāgena tathā te kathayāmyaham |
ānandaprabhṛterdevi mantramārādhayettu yaḥ || 7.132 ||
Sie verlaufen darin nach ihren Einteilungen; das erkläre ich dir. Wer vom Ānanda[-Jahr] an einen Mantra verehrt, Göttin,
7.133
tasyānandastu deveśi mantreṇa saha jāyate |
dvādaśābde tvahorātraṃ pañcadhā bhedayecca tam || 7.133 ||
dem entsteht zusammen mit dem Mantra Freude, Herrin der Götter. Den Tag mit Nacht des Zwölfjahreszyklus soll man fünffach teilen.
7.134
ṣaṣṭyabde te tvahorātrāḥ pañcaiva parikīrtitāḥ |
te vai ṣaṅguṇitāstatra māsa ekaḥ prakīrtitaḥ || 7.134 ||
Diese fünf werden im Sechzigjahreszyklus als Tage mit Nächten bezeichnet. Mit sechs multipliziert heißen sie dort ein Monat.
7.135
taiśca dvādaśabhirdevi varṣamekaṃ vidhīyate |
aṅgule tu sapañcāṃśe mānametatprakīrtitam || 7.135 ||
Zwölf solche Monate bilden ein Jahr, Göttin. Dieses Maß ist bei einer Fingerbreite samt einem Fünftel angesetzt.
7.136
ṣaḍaṅgulaistu pañcābdāḥ ṣaṣṭyabda udayanti te |
hṛtpadmādyāva śaktyūrdhvaṃ triṃśadabdodayo bhavet || 7.136 ||
Auf sechs Fingerbreiten gehen im Sechzigjahreszyklus fünf Jahre auf. Vom Herzlotus bis oberhalb der Śakti erfolgt der Aufgang von dreißig Jahren.
7.137
śaktyadho yāvaddhṛtpadmaṃ triṃśadabdodayo bhavet |
ṣaṣṭyabde ye tvahorātrāḥ saṅkhyāṃ teṣu vadāmyaham || 7.137 ||
Von unterhalb der Śakti bis zum Herzlotus gehen weitere dreißig Jahre auf. Nun nenne ich dir die Zahl der Tage mit Nächten innerhalb der sechzig Jahre.
7.138
viṃśatistu sahasrāṇi sahasraṃ ṣaṭśatādhikam |
ahorātrāstu ṣaṣṭyabde saṅkhyātāstu varānane || 7.138 ||
Einundzwanzigtausendsechshundert Tage mit Nächten werden im Sechzigjahreszyklus gezählt, Schönangesichtige.
7.139
ṣaṣṭyabdodaya ākhyātaḥ prāṇa ekatra te mayā |
candrasūryoparāge ca pakṣamāsāyaneṣu ca || 7.139 ||
Damit habe ich dir den Aufgang von sechzig Jahren in einem einzigen Lebensatem erklärt. Bei Mond- und Sonnenfinsternissen, Monatshälften, Monaten und Sonnenhalbjahren,
7.140
yugādiṣu yugānteṣu yacca saṃvatsare 'pyatha |
varṣadvādaśake caiva ṣaṣṭyabde 'tha varānane || 7.140 ||
bei Beginn und Ende der Weltalter, im Jahr, im Zwölfjahreszeitraum und im Sechzigjahreszyklus, Schönangesichtige,
7.141
snānadānena yajñaiśca pūjāhomajapena ca |
jñānayogādibhiścaiva bāhye kāle tu yatkṛtam || 7.141 ||
was äußerlich zur jeweiligen Zeit durch Baden, Gaben, Opfer, Verehrung, Feueropfer, Rezitation, Erkenntnis, Yoga und anderes vollzogen wird,
7.142
amunokte varārohe tatphalaṃ labhate mahat |
prāṇahaṃsagatiṃ cāre jñātvaikasmiṃstu tadbhajet || 7.142 ||
dessen große Frucht erlangt man auch auf die hier beschriebene Weise, Schönhüftige. Kennt man den Bewegungsverlauf des Atem-Haṃsa, so soll man dies in einem einzigen [Atemverlauf] üben.
7.143
svasaṃvedyo bhaveccāro nāḍīcārajayātsphuṭam |
athavā sa japādevam atyarthamupabṛṃhitaḥ || 7.143 ||
Durch die Beherrschung des Kanäleverlaufs wird die Bewegung unmittelbar und deutlich selbst erfahrbar. Oder [der Übende] wird durch derartige Rezitation außerordentlich gestärkt.
7.144
mantrī yogaṃ vijānāti jñātvā sarvajñatāṃ vrajet |
punareva pravakṣyāmi nāḍitrayavibhāgataḥ || 7.144 ||
Der Mantrapraktizierende erkennt den Yoga; nachdem er ihn erkannt hat, gelangt er zur Allwissenheit. Nun erkläre ich [dies] nochmals nach der Gliederung der drei Kanäle.
7.145
dakṣinottarasaṃkrāntau viṣuvaccāratastathā |
yathā caratyasau haṃso jagatyasmiṃścarācare || 7.145 ||
[Ich erkläre] die südlichen und nördlichen Übergänge und den Verlauf der Tagundnachtgleiche: wie dieser Haṃsa sich in der Welt der beweglichen und unbeweglichen Wesen bewegt,
7.146
antaḥsthaḥ kālarūpeṇa kalābhiḥ kalayañjagat |
nāḍitrayakṛtādhāro mārgatrayavyavasthitaḥ || 7.146 ||
im Inneren als Zeit anwesend und mit seinen Teilen die Welt bemessend, auf die drei Kanäle gestützt und auf drei Wegen angeordnet,
7.147
guṇatrayasamāviṣṭas tridhāvasthāvyavasthitaḥ |
kāraṇaiḥ ṣaḍbhirākrāntaḥ śaktitritayasaṃyutaḥ || 7.147 ||
von den drei Guṇas erfüllt, in drei Bewusstseinszuständen befindlich, von den sechs Ursachen durchdrungen und mit drei Kräften verbunden,
7.148
icchājñānakriyāviddhaḥ somasūryāgnimadhyagaḥ |
dakṣanāsāpuṭe caiva nāḍī vai piṅgalā smṛtā || 7.148 ||
von Wollen, Erkennen und Handeln durchzogen, inmitten von Mond, Sonne und Feuer. Im rechten Nasenloch wird der Kanal Piṅgalā angesetzt;
7.149
iḍā caiva tu vāmena suṣumnā madhyataḥ sthitā |
dakṣiṇe devamārgastu pitṛmārgastathottare || 7.149 ||
links liegt Iḍā, in der Mitte Suṣumnā. Rechts verläuft der Weg der Götter, auf der anderen Seite der Weg der Ahnen.
7.150
madhyamaḥ śivamārgastu tatra gatvā na jāyate |
dakṣiṇe sattvajāgratsthaḥ svapnastho vāmato rajaḥ || 7.150 ||
Der mittlere ist der Weg Śivas; wer dorthin gelangt, wird nicht wiedergeboren. Rechts befinden sich Sattva und der Wachzustand, links Rajas im Traumzustand.
7.151
madhye tamastu vijñeyaṃ suṣuptāvastha eva ca |
brahmeśvaraśca dakṣastho vāme viṣṇusadāśivau || 7.151 ||
In der Mitte sind Tamas und der Tiefschlafzustand zu verstehen. Rechts befinden sich Brahmā und Īśvara, links Viṣṇu und Sadāśiva.
7.152
madhye rudraśivau proktau sarvātītaḥ paraḥ śivaḥ |
jyeṣṭhājñāne ca dakṣe ca kriyā vāmā tathottare || 7.152 ||
In der Mitte werden Rudra und Śiva angesetzt; der höchste Śiva ist jenseits von allem. Rechts liegen Jyeṣṭhā und Erkenntnis, links Handlung und Vāmā.
7.153
raudrī cecchā ca madhyasthā parā śaktiḥ parāparā |
dakṣiṇo tu sthitaḥ sūryo vāme somo virājate || 7.153 ||
Raudrī und Wille befinden sich in der Mitte; die höchste Kraft umfasst die höhere wie die niedrigere Erscheinungsform. Rechts steht die Sonne, links leuchtet der Mond.
7.154
pāke prakāśakatve ca madhyasthaścaiva pāvakaḥ |
pācayetsarvapākaṃ hi somādiguṇasambhavam || 7.154 ||
In Bezug auf Verdauung und Erhellung befindet sich das Feuer in der Mitte. Es vollzieht jede Verarbeitung, die aus den Eigenschaften des Mondes und der übrigen [Kräfte] hervorgeht.
7.155
prakāśayetsvasāmarthyāt paratattvamanāmayam |
rāśayaśca grahāḥ sarve ṛkṣayogādayaśca ye || 7.155 ||
Aus eigener Kraft erhellt es das unversehrte höchste Prinzip. Sämtliche Tierkreiszeichen und Planeten, Mondstationen, Yogas und die übrigen [Zeitfaktoren]
7.156
candrasūryapathenaiva te carantyanupūrvaśaḥ |
sūryasomau ca te sarve bhuñjate kramaśaḥ priye || 7.156 ||
bewegen sich der Reihe nach auf dem Weg von Mond und Sonne. Sie alle herrschen der Reihe nach über Sonne und Mond, Geliebte. [Kṣemarāja versteht bhuñjate hier als Überwalten.]
7.157
somasūryātmakāste vai pathitrayavyavasthitāḥ |
vāyati tapati sūryaḥ somo varṣati cāmṛtam || 7.157 ||
Sie bestehen aus Mond und Sonne und sind auf den drei Wegen angeordnet. Die Sonne weht und erhitzt; der Mond lässt Unsterblichkeitsnektar regnen.
7.158
somasūryātmakaṃ yasmāj jagatsthāvarajaṅgamam |
sauro dakṣiṇamārgastu uttarāyaṇasaṃjñitaḥ || 7.158 ||
Denn die Welt der unbeweglichen und beweglichen Wesen besteht aus Mond und Sonne. Der rechte, solare Weg trägt die Bezeichnung nördlicher Sonnenlauf.
7.159
vāmaḥ saumyastu yaḥ proktas tatra vai dakṣiṇāyanam |
somasūryātma viṣuvat puṭadvayaviniḥsṛtam || 7.159 ||
Auf dem als lunar beschriebenen linken Weg liegt der südliche Sonnenlauf. Die aus Mond und Sonne bestehende Tagundnachtgleiche tritt aus beiden Nasenlöchern hervor.
7.160
udaksaṃkrāntayaḥ pañca pañca vai dakṣiṇāyane |
dakṣiṇottarayormadhye saṃkrāntyā viṣuvaddvayam || 7.160 ||
Es gibt fünf Übergänge im nördlichen und fünf im südlichen Sonnenlauf; bei den Übergängen zwischen dem südlichen und nördlichen liegen die beiden Tagundnachtgleichen.
7.161
sauraśca dakṣiṇo mārgas tv abhicāraprasiddhidaḥ |
āpyāyane tathā puṣṭau śāntike saumya uttaraḥ || 7.161 ||
Der rechte, solare Weg bewirkt den Erfolg schädigender Rituale. Der linke, lunare Weg dient der Auffüllung, Stärkung und Befriedung.
7.162
dakṣiṇāduttaraṃ yāti uttaraddakṣiṇaṃ yadā |
dakṣiṇottarasaṃkrāntiḥ sā caivaṃ saṃvidhīyate || 7.162 ||
Wenn [der Atem] von rechts nach links oder von links nach rechts wechselt, wird dies entsprechend als südlicher beziehungsweise nördlicher Übergang bestimmt.
7.163
dakṣiṇasyāṃ yadā nāḍyaṃ saṃkrāmettu yadottaram |
yāvadardhaṃ tu tatrasthaṃ madhyenottarato vahet || 7.163 ||
Wenn er aus dem rechten Kanal in den linken hinüberwechselt, solange dabei die Hälfte dort verbleibt und [die andere] durch die Mitte nach links fließt,
7.164
tāvattadviṣuvatproktam uttaraṃ tūttarāyaṇe |
uttarāddakṣiṇāyāṃ tu saṃkrāmansa varānane || 7.164 ||
so lange heißt dies Tagundnachtgleiche: die nördliche beim nördlichen Sonnenlauf. Wenn er von links in den rechten [Kanal] hinüberwechselt, Schönangesichtige,
7.165
yāvadardhaṃ vahettatra ardhaṃ dakṣiṇato vahet |
viṣuvaddakṣiṇaṃ tāvad dakṣiṇāyanajaṃ priye || 7.165 ||
solange dort eine Hälfte und rechts die andere Hälfte strömt, dauert die südliche Tagundnachtgleiche des südlichen Sonnenlaufs, Geliebte.
7.166
tatra pūjā japo homo yatkṛtaṃ muktidaṃ bhavet |
dhyānayogena dīkṣāyāṃ tatstho vai mocayedguruḥ || 7.166 ||
Was dort an Verehrung, Rezitation und Feueropfer vollzogen wird, soll Befreiung verleihen. Während der Einweihung soll der Guru in diesem Zustand durch meditative Verbindung befreien.
7.167
bāhye caiva tvahorātre adhyātmaṃ tu varānane |
caturviṃśatisaṃkrāntīḥ prāṇahaṃsastu saṃkramet || 7.167 ||
Während eines äußeren Tages mit Nacht durchläuft der Haṃsa des Lebensatems im Inneren vierundzwanzig Übergänge, Schönangesichtige.
7.168
ahani dvādaśa proktā rātrau vai dvādaśa smṛtāḥ |
pūrvāhṇe viṣuvattvekaṃ madhyāhne tu dvitīyakam || 7.168 ||
Zwölf werden für den Tag und zwölf für die Nacht angesetzt. Eine Tagundnachtgleiche liegt am Vormittag, die zweite am Mittag,
7.169
tṛtīyaṃ cāparāhṇe vai ardharātre caturthakam |
caturdhā viṣuvatproktam ahorātreṇa muktidam || 7.169 ||
die dritte am Nachmittag und die vierte um Mitternacht. Vierfach wird damit die befreiende Tagundnachtgleiche innerhalb eines Tages mit Nacht gelehrt.
7.170
caturviṃśatisaṃkrāntyaḥ samadhātoḥ svabhāvataḥ |
śatāni nava vai haṃsa ekāmekāṃ vahetsadā || 7.170 ||
Bei natürlichem Gleichgewicht der körperlichen Bestandteile erfolgen vierundzwanzig Übergänge. Der Haṃsa durchläuft jeden einzelnen mit jeweils neunhundert [Atemzügen].
7.171
etanmānaṃ samākhyātaṃ anyathā pravahedyadā |
iṣṭaṃ caivāpyaniṣṭaṃ ca tadā saṃsūcayettu saḥ || 7.171 ||
Dieses Maß ist erklärt worden. Strömt er anders, soll er dadurch Erwünschtes oder Unerwünschtes anzeigen.
7.172
ātmārthaṃ vā parārthaṃ vā tasmādyogī nirūpayet |
pūrvodaye tu saṃprāpte bhāskarasya varānane || 7.172 ||
Daher soll der Yogi es für sich oder andere untersuchen. Wenn der erste Aufgang der Sonne erreicht ist, Schönangesichtige,
7.173
jīvitaṃ maraṇaṃ caiva tadārabhya vicārayet |
susaṃyatamanā yogī vīro yogāsanasthitaḥ || 7.173 ||
soll er von da an Leben und Tod prüfen. Der heldenhafte Yogi sitze mit gut gezügeltem Geist in einer Yogahaltung,
7.174
saṃsmarannātmajaṃ prāṇaṃ suṣumnāntargataṃ priye |
supraśāntastadā tiṣṭhet prāṇaikagatamānasaḥ || 7.174 ||
vergegenwärtige sich den aus ihm selbst hervorgehenden Lebensatem innerhalb der Suṣumnā, Geliebte, und verweile völlig beruhigt, den Geist ausschließlich auf den Atem gerichtet.
7.175
prāṇasaṃkrāntikālo vai piṅgalaikasthito vahet |
pravāhe viṣuvaddevi jñātvā kālaṃ samādiśet || 7.175 ||
Nachdem er den morgendlichen Ausgleichspunkt erkannt hat, beobachte er, ob der Lebensatem anschließend ausschließlich in Pingala strömt; anhand eines solchen anhaltenden Stroms bestimme er die Zeit. [Diese Satzanordnung folgt Kṣemarājas Erklärung.]
7.176
ekābdaṃ jīvitaṃ jñeyam ahorātreṇa suvrate |
abdadvayaṃ sa jīvettu ahorātradvayena tu || 7.176 ||
Bei einem Tag mit Nacht [eines solchen Stroms] sei ein Jahr Lebenszeit anzunehmen, du mit den guten Gelübden; bei zwei Tagen mit Nächten lebe er zwei Jahre.
7.177
tryabdaṃ tu tribhirevātra caturbhiścaturabdakam |
pañcābdaṃ pañcadivasaiḥ ṣaḍbhiḥ ṣaḍvarṣameva ca || 7.177 ||
Bei drei seien es drei Jahre, bei vier vier Jahre, bei fünf Tagen fünf Jahre und bei sechs sechs Jahre.
7.178
saptabhiḥ sapta varṣāṇi jīvedaṣṭāṣṭabhirdinaiḥ |
navabhirnavavarṣāṇi daśabhirdaśa eva ca || 7.178 ||
Bei sieben Tagen lebe er sieben Jahre, bei acht acht Jahre; bei neun neun Jahre und bei zehn zehn Jahre.
7.179
dinaikādaśakenaiva varṣaikādaśakaṃ priye |
dinairdvādaśabhiryogī jīvedvarṣāṇi dvādaśa || 7.179 ||
Bei elf Tagen seien es elf Jahre, Geliebte. Bei zwölf Tagen lebe der Yogi zwölf Jahre.
7.180
saptayāmapravāheṇa ṣaṇmāsānatha jīvati |
praharānṣaḍvahedyasya māsāṃstrīnvai sa jīvati || 7.180 ||
Bei einem Strom von sieben Wachen lebe er sechs Monate; bei sechs Wachen lebe er drei Monate.
7.181
pañcapraharavāhena dvayardhamāsāyurva saḥ |
caturbhiḥ praharaidevi māsamekaṃ sa jīvati || 7.181 ||
Bei einem Strom von fünf Wachen betrage die Lebenszeit zweieinhalb Monate; bei vier Wachen lebe er einen Monat, Göttin.
7.182
praharatrayavāhena māsārdhaṃ caiva jīvati |
praharadvayaṃ vahedyasya dinānyaṣṭau sa jīvati || 7.182 ||
Bei einem Strom von drei Wachen lebe er einen halben Monat; bei zwei Wachen lebe er acht Tage.
7.183
caturaḥ praharāñjīvet praharaṃ tu vahedyadā |
praharārdhaṃ vahedyasya sa jīvetpraharadvayam || 7.183 ||
Wenn [der Atem] eine Wache lang so strömt, lebe er vier Wachen; bei einer halben Wache lebe er zwei Wachen.
7.184
sadyo mṛtyurbhavettasya yasya haṃsastrimārgagaḥ |
yadārabhya nirūpyeta prāṇe vai kālamīśvaram || 7.184 ||
Unmittelbarer Tod trete bei dem ein, dessen Haṃsa drei Wege zugleich durchläuft. Von dem Zeitpunkt an, da man den Herrn als Zeit im Lebensatem untersucht,
7.185
māsaḥ pakṣo dinaṃ varṣaṃ tadahaḥ prabhṛti priye |
saṃlakṣyaivaṃ prayatnena tatkāle niścayo bhavet || 7.185 ||
[sind] Monat, Monatshälfte, Tag und Jahr ab jenem Tag [zu zählen], Geliebte. Durch sorgfältiges Beobachten soll sich die betreffende Zeit bestimmen lassen.
7.186
uttarāyaṇaje kāle evaṃ te kathitaṃ mayā |
ayuktasyāpi ca prāṇe mṛtyujñānaṃ nibodha me || 7.186 ||
So habe ich dir dies für die Zeit des nördlichen Sonnenlaufs erklärt. Höre nun von mir die Todeserkenntnis auch für jemanden, der im Lebensatem ungeübt ist.
7.187
karṇarandhrakṛtāṅguṣṭho ghoṣaṃ na śṛṇute yadā |
maraṇaṃ tasya deveśi ṣaṇmāsena vinirdiśet || 7.187 ||
Wenn jemand die Daumen an die Ohröffnungen legt und das innere Geräusch nicht hört, soll man seinen Tod nach sechs Monaten vorhersagen, Herrin der Götter.
7.188
ghoṣamadhye paraṃ śabdaṃ cīravākciñcinīravam |
māsamekaṃ sa jīvettu na śṛṇoti yadā priye || 7.188 ||
Wenn er mitten in diesem Geräusch den höheren Laut nicht hört, ein zirpendes oder klingelndes Tönen [cīravākciñcinīravam unsicher], so lebe er noch einen Monat, Geliebte.
7.189
utpāṭaṃ caiva kāṇaṃ ca mṛtyuyogaṃ ca me śṛṇu |
saṃkrāntipañcakaṃ prāṇo mukharandhre vahedyadā || 7.189 ||
Höre von mir auch die Konstellationen namens Utpāṭa, Kāṇa und Tod. Wenn der Lebensatem fünf Übergänge lang durch die Mundöffnung strömt,
7.190
tamutpāṭaṃ vadedyogaṃ sthānātsthānāntaraṃ vrajet |
vittanāśastathodvego rogavṛddhiśca jāyate || 7.190 ||
soll man diese Konstellation Utpāṭa nennen: Er müsse von Ort zu Ort ziehen; Vermögensverlust, Unruhe und zunehmende Krankheit träten ein.
7.191
suhṛdgṛhavināśaśca tejohāniśca jāyate |
dakṣiṇe puṭa ekasmin dakṣiṇāyanavarjite || 7.191 ||
Es komme zum Verlust von Freunden und Haus sowie zur Abnahme der Ausstrahlung. Wenn [der Atem] nur im rechten Nasenloch, außerhalb des südlichen Sonnenlaufs,
7.192
saṃkrāntyaṣṭakavāhena kāṇayogo bhaveddhi saḥ |
bhagandharo 'nugranthaśca netrarogaśca kāmalā || 7.192 ||
acht Übergänge lang strömt, liege die Kāṇa-Konstellation vor: Analfistel, Knotenbildung, Augenkrankheit und Gelbsucht,
7.193
śūlaṃ visphoṭikā duḥkham urodoṣā bhavanti ca |
vāmanāsāpuṭenaiva saṃkrāntīśca trayodaśa || 7.193 ||
Schmerzen, Blasen oder Ausschläge, Leiden und Beschwerden der Brust träten ein. [Strömt er] dreizehn Übergänge lang allein durch das linke Nasenloch,
7.194
jvaraḥ śiro 'rtiḥ śūlaṃ ca arśāsi stambha eva ca |
mūtrakṛcchraṃ pramehaśca pāṇḍurogaśca jāyate || 7.194 ||
entstünden Fieber, Kopfschmerz, stechender Schmerz, Hämorrhoiden, Erstarrung, erschwertes Wasserlassen, Harnleiden und Blässekrankheit.
7.195
iḍāsthaḥ śleṣmaṇā vyādhiṃ prakopayati suvrate |
yasmiṃścāre nirūpyeta tatkāladivase pare || 7.195 ||
In Iḍā befindlich, verschlimmere er Erkrankungen durch Schleim, du mit den guten Gelübden. Zu welcher Zeit man den Verlauf beobachte, am entsprechenden folgenden Tag
7.196
vyādhibhiḥ pīḍyate sarvair vāmavāmetaretare |
athānyatsparśavijñānaṃ nāsādhastāttathopari || 7.196 ||
werde man von allen diesen Krankheiten bedrängt, je nach linkem oder anderem Verlauf [Satzanschluss unklar]. Nun folgt eine andere Erkenntnis aus der Berührung unterhalb und oberhalb der Nase.
7.197
ūrdhvena spṛśataścordhvaṃ rugdoṣāḥ prākpracoditāḥ |
vācākrośābhibhavanaṃ dakṣiṇena vahedyadā || 7.197 ||
Wenn [der Atem] oben nach oben hin berührt, [treten] die zuvor genannten Krankheitsstörungen [auf]. Strömt er rechts, [drohen] Beschimpfung und Überwältigung durch Worte.
7.198
madhye madhyapuṭasparśī parābhibhavatāṃ vrajet |
itaścetaśca bahudhā saṃkrāntyekā vahedyadā || 7.198 ||
Berührt er in der Mitte den mittleren Steg im Naseninneren, gerate man unter die Herrschaft anderer. Verläuft ein Übergang vielfach hierhin und dorthin, [Kṣemarāja erläutert den mittleren Bereich als inneren Nasensteg.]
7.199
pūjanaṃ bahusaṃmānaṃ lābhastasya bhavettadā |
mandacāre suṣumnāyāṃ prāṇahaṃso vahedyadā || 7.199 ||
erhalte man Verehrung, große Achtung und Gewinn. Wenn der Atem-Haṃsa sich langsam in der Suṣumnā bewegt,
7.200
bhūlābho dharma aiśvaryaṃ bhaveccātra priyāgamaḥ |
dvādaśaiva tu saṃkrāntīr vahedviṣuvataikataḥ || 7.200 ||
komme es zu Landgewinn, Verdienst, Herrschaft und dem Eintreffen eines geliebten Menschen. Strömt er zwölf Übergänge ausschließlich im Zustand der Tagundnachtgleiche,
7.201
tadaikavatsareṇaiva maraṇaṃ tu samādiśet |
hrasetsaṃkrāntirekaikā māsa eko hrasettadā || 7.201 ||
soll man den Tod innerhalb eines Jahres vorhersagen. Verringere sich dies um jeweils einen Übergang, verringere sich auch [die Frist] um einen Monat.
7.202
saṃkrāntyekā varārohe triṃśatprāṇakṣayodayā |
dine dine vahedbāhye yāvattriṃśaddināni tu || 7.202 ||
Ein einzelner Übergang mit einem Rückgang um dreißig Atemzüge [Lesung und Berechnung unsicher], Schönhüftige, ströme äußerlich Tag für Tag bis zu dreißig Tagen.
7.203
māsānte tu bhavenmṛtyuḥ sadya eva varānane |
mṛtyuyogaḥ samākhyāto mayā te varavarṇini || 7.203 ||
Am Monatsende trete dann unmittelbar der Tod ein, Schönangesichtige. Damit habe ich dir die Todeskonstellation erklärt, du von schöner Gestalt.
7.204
abdaṃ māsaṃ tathā pakṣaṃ tithiṃ velāṃ yadābhyaset |
yatkālāttu samārabhya tatkālaṃ tu samādiśet || 7.204 ||
Wenn man Jahr, Monat, Monatshälfte, Mondtag und Tageszeit untersucht, soll man die vorhergesagte Zeit von dem Zeitpunkt an bestimmen, an dem man begonnen hat.
7.205
iḍāsuṣumnāmārgeṇa prāṇacāraṃ vidurbudhāḥ |
dakṣiṇāyanaje kāle evaṃ te kathitaṃ śubham || 7.205 ||
Die Kundigen kennen den Atemverlauf auf dem Weg von Iḍā und Suṣumnā. So habe ich dir die günstige [Lehre] für die Zeit des südlichen Sonnenlaufs erklärt.
7.206
evaṃ śarīraje kāle mṛtyuṃ cāśubhameva ca |
jñātvā yogī jayenmṛtyum aśubhānyapyaśeṣataḥ || 7.206 ||
Wenn der Yogi auf diese Weise Tod und Ungünstiges in der körperlichen Zeit erkannt hat, soll er den Tod und alles Ungünstige vollständig überwinden.
7.207
dhyātvā kāleśasvacchandaṃ haṃsaṃ vā sakaleśvaram |
nāsikārandhramārgasthaḥ sa sṛjetsaṃharejjagat || 7.207 ||
Er meditiere über Svacchanda, den Herrn der Zeit, oder über Haṃsa, den Herrn des gegliederten Ganzen. Auf dem Weg der Nasenöffnung befindlich, erschafft und zieht dieser die Welt ein.
7.208
tatrasthaḥ kalayetsarvaṃ sarvabhūteṣvavasthitaḥ |
tatsthaṃ dhyātvā jayenmṛtyuṃ nākalasthaṃ kaletprabhuḥ || 7.208 ||
Dort befindlich, bemisst er alles und wohnt in allen Wesen. Indem man über ihn dort meditiert, soll man den Tod besiegen; den im Zeitlosen Befindlichen vermag der Herr [der Zeit] nicht zu bemessen [Lesung unsicher].
7.209
dhyānayuktasya ṣaṇmāsāt sarvajñatvaṃ pravartate |
kālatrayaṃ vijānāti kālayuktastu yogavit || 7.209 ||
Für den der Meditation Verbundenen soll nach sechs Monaten Allwissenheit einsetzen. Der Yogakundige, der sich mit der Zeit verbunden hat, erkennt die drei Zeiten.
7.210
kālahaṃsaṃ sa tu japan dhyāyanvāpi maheśvari |
sa bhavetkālarūpī vai svacchandaḥ kālavaccaret || 7.210 ||
Wenn er den Zeit-Haṃsa rezitiert oder über ihn meditiert, große Göttin, wird er selbst zur Gestalt der Zeit und bewegt sich als Svacchanda wie die Zeit.
7.211
hatamṛtyurjarāṃ tyaktvā rogaiḥ sarvabhayojjhitaḥ |
vijñānaṃ śravaṇaṃ dūrān mananaṃ cāvalokanam || 7.211 ||
Er hat den Tod vernichtet, das Alter abgelegt und ist von Krankheiten und allen Ängsten frei. Erkenntnis, Fernhören, gedankliches Erfassen und Fernschauen
7.212
sarvaiśvaryaguṇāvāptir bhavetkālajayātsadā |
dakṣanāsāpuṭe dhyātvā brāhmaiśvaryamavāpnuyāt || 7.212 ||
sowie die Erlangung sämtlicher Eigenschaften der Herrschaft entstehen durch die Überwindung der Zeit. Durch Meditation im rechten Nasenloch erlange man die Herrschaft Brahmās,
7.213
tadāyustatsamaṃ vīryaṃ bhūtakālaṃ ca vettyataḥ |
bhaviṣyajjño bhavedvāme viṣṇutulyabalaśca saḥ || 7.213 ||
seine Lebensdauer und eine ihm gleiche Kraft; dadurch erkenne man die Vergangenheit. Links werde man kundig der Zukunft und erhalte eine Viṣṇu gleiche Stärke.
7.214
tatsamaṃ caitadaiśvaryaṃ tadāyuryogirāḍbhavet |
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyacca sarvaṃ jānāti madhyataḥ || 7.214 ||
Der König der Yogis erlange dessen Herrschaft und Lebensdauer. Von der Mitte aus erkenne er alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige.
7.215
nityaṃ vai dhyānayogena rudrasya samatāṃ vrajet |
āyuṣā balavīryeṇa rūpaiśvaryeṇa tatsamaḥ || 7.215 ||
Durch beständigen meditativen Yoga gelange er zur Gleichheit mit Rudra: gleich an Lebensdauer, Stärke, Wirkkraft, Gestalt und Herrschaft.
7.216
brahmaṇaḥ parabhāvena aiśvaraṃ padamāpnuyāt |
viṣṇoḥ sadāśivaiśvaryaṃ parabhāvādavāpnuyāt || 7.216 ||
Durch die über Brahmā hinausgehende Seinsstufe erlange er den Rang Īśvaras; durch die über Viṣṇu hinausgehende Seinsstufe erlange er die Herrschaft Sadāśivas.
7.217
rudrasya yaḥ paro bhāvo dhyātvā taṃ tu śivo bhavet |
evaṃ mṛtyujayaḥ khyātaḥ amṛtaṃ dhyāyato jayaḥ || 7.217 ||
Wer über die Rudra übersteigende Seinsstufe meditiert, werde Śiva. So ist die Überwindung des Todes beschrieben. [Nun folgt] die Überwindung durch Meditation über Unsterblichkeitsnektar.
7.218
nāḍibhinnālarandhrasthaṃ hṛtpadmaṃ ṣoḍaśacchadam |
dhyātvā sitaṃ suvikacaṃ kalāṣoḍaśakānvitam || 7.218 ||
Man stelle sich den sechzehnblättrigen Herzlotus vor, der im Hohlraum des von Kanälen durchzogenen Stängels liegt: weiß, völlig entfaltet und mit sechzehn Anteilen ausgestattet;
7.219
saṃpūrṇāvayavaṃ candraṃ karṇikākāravigraham |
tanmadhye cintyamātmānaṃ śuddhasphaṭikanirmalam || 7.219 ||
dazu den in allen Teilen vollen Mond, dessen Gestalt den Fruchtboden bildet. In seiner Mitte stelle man sich das eigene Selbst vor, makellos wie reiner Kristall,
7.220
śrīrāmṛtārṇavāvasthakallolāmṛtapūritam |
upariṣṭāddvitīyābjaṃ śaktāmṛtamahodadhau || 7.220 ||
erfüllt vom Nektar der Wogen eines Milchnektarmeeres [Vorlage śrīrāmṛtārṇava wohl beschädigt]. Darüber liegt ein zweiter Lotus im großen Nektarmeer der Śakti.
7.221
taccādho mukhapadmaṃ tu paripūrṇendukarṇikam |
tanmadhye cintayeddhaṃsam adho binduśikhānvitam || 7.221 ||
Dieser Lotus ist nach unten geöffnet; sein Fruchtboden ist der Vollmond. In seiner Mitte stelle man sich Haṃsa vor, nach unten mit der Spitze des Bindu versehen.
7.222
varṣantamamṛtaṃ divyaṃ samantātsaṃvicintayet |
ātmordhvarandhramārgeṇa praviṣṭaṃ tacca cintayet || 7.222 ||
Man stelle sich vor, wie er ringsum göttlichen Nektar regnen lässt und wie dieser durch die eigene obere Körperöffnung eintritt.
7.223
sitaṃ subahulaṃ sāndram amṛtaṃ mṛtyunāśanam |
tenāplāvitamātmānaṃ pūryamāṇaṃ vicintayet || 7.223 ||
Der Nektar ist weiß, überaus reichlich, dicht und todvernichtend. Man stelle sich vor, wie das eigene Selbst davon überflutet und erfüllt wird.
7.224
padmanālanibaddhaiśca nāḍīrandhramukhaiḥ sadā |
amṛtāpūritaṃ dehaṃ sarvameva vicintayet || 7.224 ||
Man stelle sich vor, wie der gesamte Körper durch die Öffnungen der mit dem Lotusstängel verbundenen Kanäle beständig mit Nektar gefüllt wird.
7.225
evaṃ vai nityayuktātmā amṛteśasamo bhavet |
vyādhīnmṛtyuṃ jarāṃ tyaktvā krīḍate tvaṇimādibhiḥ || 7.225 ||
Wer auf diese Weise ständig gesammelt ist, werde dem Herrn des Nektars gleich. Krankheiten, Tod und Alter zurücklassend, spiele er mit den Kräften wie dem Kleinwerden.
7.226
evaṃ tasyāmṛtadhyānāt kālamṛtyujayo bhavet |
athavā paratattvasthaḥ sarvakālairna bādhyate || 7.226 ||
Durch diese Nektarmeditation soll er Zeit und Tod überwinden. Oder: Wer im höchsten Prinzip verweilt, wird durch keinerlei Zeiten bedrängt.
7.227
cintayetparamaṃ tattvaṃ kālacāravivarjitam |
kalākalaṅkanirmuktaṃ niṣkalaṃ paramaṃ padam || 7.227 ||
Man meditiere über das höchste Prinzip, frei vom Verlauf der Zeit, frei vom Makel der Teilung: die ungeteilte höchste Stätte.
7.228
niṣkalaṃ cātmatattvaṃ tu kalaṅko deha ucyate |
saṃyuktaḥ kāraṇaiḥ ṣaḍbhiḥ sarvatattvasamanvitaḥ || 7.228 ||
Das Prinzip des Selbst ist ungeteilt; als Makel wird der Körper bezeichnet. Dieser ist mit den sechs Ursachen verbunden und umfasst alle Wirklichkeitsprinzipien.
7.229
varṇo bindustathā nādo vyāpinīśaktisaṃyutaḥ |
samanāvadhiparyantaḥ kalaṅkādhāra ucyate || 7.229 ||
Der Laut, Bindu und Nāda, verbunden mit Vyāpinī und Śakti, bis hin zur Grenze der Samanā: Dies wird als Träger des Makels bezeichnet.
7.230
ādheyaḥ paramo hyātmā tatparāpyunmanā smṛtā |
tasyāścānte paraṃ tattvaṃ sakalākalavarjitam || 7.230 ||
Das darin Getragene ist das höchste Selbst; darüber wird auch Unmanā angesetzt. An deren Ende liegt das höchste Prinzip, frei von gegliedertem und ungegliedertem Zustand.
7.231
vyāpakaṃ sarvatobhadraṃ sarvāntaḥ sarvatomukham |
pañcapañcakatattvastham aṣṭādaśaguṇānvitam || 7.231 ||
Es ist allgegenwärtig, überall heilvoll, in allem enthalten und nach allen Seiten gewandt; es besteht in den fünf Fünfergruppen und in den Wirklichkeitsprinzipien und ist mit achtzehn Eigenschaften verbunden.
7.232
yadyasmiṃstu paraṃ vetti tadā mucyeta bandhanāt |
kāraṇāni ca mantrāśca nivṛttyādyāḥ kalāstathā || 7.232 ||
Wenn man in einem jeden [dieser Bereiche] das Höchste erkennt, wird man von Bindung befreit. Die Ursachen, die Mantras, die Kalās von Nivṛtti an,
7.233
binduścaivārdhacandraśca nirodhī nāda ūrdhvargaḥ |
śaktiśca vyāpinī caiva samanātmā tathonmanā || 7.233 ||
Bindu, Halbmond, Nirodhi, Nada, der Aufsteigende, Shakti, Vyapini, Samana, das Selbst und Unmana: [Der Aufsteigende bezeichnet hier wie in 4.431 die Nadanta-Stufe.]
7.234
pañcapañcakametaddhi kathitaṃ te varānane |
tattvānyeva tu ṣaṭtriṃśat guṇāṃścaiva nibodha me || 7.234 ||
Diese Fünfundzwanzig habe ich dir genannt, Schönangesichtige. Die Wirklichkeitsprinzipien selbst sind sechsunddreißig. Höre nun auch von den Eigenschaften.
7.235
ahaṃkāro dhīrmanaśca indriyārthāstathaiva ca |
grahaṇaṃ sparśa ādhāraḥ śaktiścaivāṣṭamī smṛtā || 7.235 ||
Ichbewusstsein, Unterscheidungsvermögen, Denken, Sinnesgegenstände, Erfassen, Berührung, Grundlage und als achte die Kraft:
7.236
ete cāṣṭau guṇāḥ aṣṭau bhairavā bhairavāvṣṭakam |
prāṇahaṃsastathā śaktiḥ guṇā aṣṭādaśa tvime || 7.236 ||
Dies sind acht Eigenschaften; [hinzu kommen] die acht Bhairavas, die Bhairava-Achtergruppe, der Atem-Haṃsa und Śakti. Dies sind die achtzehn Eigenschaften [bhairavāvṣṭakam ist beschädigt überliefert].
7.237
eteṣu tatparaṃ tattvam uccārālambanādṛte |
akṣarākṣaranirmuktaṃ paraṃ tattvamanakṣaram || 7.237 ||
In diesen liegt das höchste Prinzip, unabhängig von lautlichem Aufstieg und dessen Stütze. Frei von den bezeichnenden Lauten und den durch sie bezeichneten Formen ist das höchste Prinzip ohne Silben. [Diese Wiedergabe folgt Kṣemarājas zweiter Deutung von akṣarākṣaranirmuktam; die Wortbildung bleibt mehrdeutig.]
7.238
akṣareṣu kuto mokṣa ākāśo kusumaṃ kutaḥ |
yāvaduccāryate vācā yāvallekhye 'pi tiṣṭhati || 7.238 ||
Wie könnte Befreiung in Buchstaben liegen? Wie könnte es eine Blume im Himmel geben? Solange etwas mit der Stimme ausgesprochen wird oder in Schrift bestehen bleibt,
7.239
tāvatsa sakalo jñeyo niṣkalo bhedavarjitaḥ |
sṛṣṭisaṃhāranirmuktaḥ kriyākālavivarjitaḥ || 7.239 ||
so lange ist es als gegliedert zu verstehen. Das Ungeteilte ist ohne Unterschiede, frei von Schöpfung und Einziehung, ohne Handlung und Zeit.
7.240
adhaścāre bhavetsṛṣṭir ūrdhve saṃhāra ucyate |
adhaścāreṇa jāto 'sau urdhve caiva mṛto bhavet || 7.240 ||
Im Abwärtsgang liegt die Schöpfung, im Aufwärtsgang die Einziehung. Durch den Abwärtsgang wird man geboren, durch den Aufwärtsgang stirbt man.
7.241
sūtakaṃ mṛtakaṃ tyaktvā tiṣṭhedvai tattvavṛttitaḥ |
tattvavṛttiśca vyākhyātā sarvādhvopādhivarjitā || 7.241 ||
Man lasse die Verunreinigung durch Geburt und Tod zurück und verweile gemäß der Bewegung des wahren Prinzips. Diese Bewegung wurde als frei von den Begrenzungen sämtlicher Wirklichkeitswege erklärt.
7.242
tattvādhvadharmanirmukhtaḥ kāraṇaiśca vivarjitaḥ |
tattvavṛttau sthito yogī sarvārambhavivarjitaḥ || 7.242 ||
Der in dieser Bewegung verweilende Yogi ist frei von den Bestimmungen der Prinzipien und Wirklichkeitswege, frei von den Ursachen und frei von allen Unternehmungen.
7.243
rāgadveṣavinirmukto viṣādānandavarjitaḥ |
nākāṅkṣenna ca nindettu viṣayāṃśca kadācana || 7.243 ||
Von Anhaftung und Abneigung befreit, ohne Niedergeschlagenheit und Hochgefühl, soll er Sinnesgegenstände weder begehren noch jemals verurteilen.
7.244
samaḥ śatrau ca mitre ca brāhmaṇe śvapace samaḥ |
tulyadarśī bhavennityaṃ sarvaṃ śivamayaṃ smaret || 7.244 ||
Er sei gleich gegenüber Feind und Freund, gleich gegenüber Brahmane und Hundefleischesser. Stets sehe er mit gleichem Blick und vergegenwärtige sich alles als von Śiva erfüllt.
7.245
ātmānaṃ ca tathaivaivaṃ sarvathaiva sadā smaret |
sarvatattvāni bhūtāni varṇā mantrāśca ye smṛtāḥ || 7.245 ||
Ebenso soll er sich das eigene Selbst stets und in jeder Hinsicht vorstellen. Alle Wirklichkeitsprinzipien, Wesen, Laute und überlieferten Mantras
7.246
nityaṃ tasya vaśāste vai śivabhāvanayānayā |
nacāsau kurute puṇyaṃ naiva pāpaṃ ca suvrate || 7.246 ||
stehen ihm durch diese Vergegenwärtigung Śivas beständig zur Verfügung. Er schafft dabei weder Verdienst noch Sünde, du mit den guten Gelübden.
7.247
kṛtakṛtyaḥ prasannātmā kṛtyaṃ cāsya na vidyate |
iha loke parasmiṃśca paripūrṇastu sarvadā || 7.247 ||
Er hat das zu Tuende getan, ist innerlich klar, und für ihn gibt es nichts mehr zu vollbringen. In dieser und in jener Welt ist er stets vollkommen erfüllt.
7.248
dharmādharmavinirmuktaḥ puṇyapāpavivarjitaḥ |
na cāsya bhakṣyābhakṣyaṃ hi na peyāpeyameva ca || 7.248 ||
Frei von Recht und Unrecht, frei von Verdienst und Sünde, kennt er für sich weder erlaubte noch verbotene Speise, weder erlaubten noch verbotenen Trank.
7.249
nāpavitraṃ hi tasyāsti na pavitraṃ hi suvrate |
nirapekṣo hyasau nityaṃ sarvāpekṣāvivarjitaḥ || 7.249 ||
Für ihn gibt es weder Unreines noch Reines, du mit den guten Gelübden. Er ist stets unabhängig und von allen Erwartungen frei.
7.250
nāsya kṣetraṃ nāsya tīrthaṃ niyamo yama eva ca |
kṣetraṃ tasya parā śaktir yataḥ sarvaṃ prasūyate || 7.250 ||
Für ihn gibt es weder heilige Stätte noch Wallfahrtsort, weder besondere Regel noch Selbstzucht. Seine heilige Stätte ist die höchste Śakti, aus der alles hervorgeht,
7.251
sarvādhvāno yato devi tatrasthāḥ pracaranti vai |
tīrthaṃ caiva paraṃ śāntaṃ nityaṃ cānandaviśvagam || 7.251 ||
aus der sämtliche Wirklichkeitswege stammen und in der sie sich bewegen, Göttin. Sein Wallfahrtsort ist das höchste Friedvolle, das ewige, freudvolle und alldurchdringende [Prinzip],
7.252
yena vyāptamidaṃ viśvam anantaṃ viśvaśaktibhiḥ |
nityaṃ viraktiḥ saṃsārād yamo 'yam parikīrtitaḥ || 7.252 ||
durch dessen unendliche Weltkräfte dieses ganze All durchdrungen ist. Beständige Loslösung vom Saṃsāra wird hier als Selbstzucht bezeichnet.
7.253
niyamo bhāvanā nityaṃ paratattvaikatānatā |
nātmano bhāvayejjātiṃ na kulaṃ na ca bāndhavān || 7.253 ||
Die Regel ist die beständige Vergegenwärtigung, die ununterbrochene Ausrichtung auf das höchste Prinzip. Man soll sich weder die eigene Geburtengruppe noch Familie oder Verwandte als Bestimmung des Selbst vorstellen.
7.254
ācaretsarvavarṇatvaṃ na ca varṇeṣu vartayet |
parabhāvanayā nityaṃ paradharmeṇa vartayet || 7.254 ||
Man verhalte sich als zu allen Gesellschaftsgruppen gehörig und lasse sich nicht durch eine solche Gruppe bestimmen. Durch die Vergegenwärtigung des Höchsten soll man stets nach dem höchsten Wesen leben.
7.255
sarvajñaḥ paritṛptaśca paripūrṇaḥ svabhāvataḥ |
svatantro 'luptasāmarthyas tv anādinidhanāśritaḥ || 7.255 ||
Allwissend, vollkommen befriedigt und von Natur aus vollständig, selbstbestimmt und von unverminderter Wirkkraft, ruht man im Anfangs- und Endlosen.
7.256
anādibodho hyatulaḥ kālavelāvivarjitaḥ |
cāroccāravinirmuktas tv ahorātravivarjitaḥ || 7.256 ||
Die Erkenntnis ist anfangslos und unvergleichlich, frei von Zeit und Zeitabschnitten, frei von Bewegung und lautlichem Aufstieg sowie von Tag und Nacht.
7.257
na divā jāgaraṃ kuryān na ca rātrau svapetkvacit |
svabhāvenaiva saṃtiṣṭhad dinarātrivivarjitaḥ || 7.257 ||
Man soll weder am Tage [im gewöhnlichen Sinn] wachen noch nachts irgendwo schlafen, sondern im eigenen Wesen verweilen, frei von Tag und Nacht [Beschreibung eines transzendierenden Zustands].
7.258
evaṃ vai vartate yogī pareṇa samatāṃ vrajet |
na ca taṃ kalayetkālaḥ kalpakoṭiśatairapi || 7.258 ||
Der so lebende Yogi gelangt zur Gleichheit mit dem Höchsten. Die Zeit vermag ihn auch in Hunderten von Kotis an Weltperioden nicht zu bemessen.
7.259
jīvanneva vimukto 'sau yasyaiṣā bhāvanā sadā |
śivo hi bhāvito nityaṃ na kālaḥ kalayecchivam || 7.259 ||
Wer diese Vergegenwärtigung beständig besitzt, ist schon zu Lebzeiten befreit. Stets wird Śiva vergegenwärtigt, und die Zeit vermag Śiva nicht zu bemessen.
7.260
yogī svacchandayogena svacchandagaticāriṇā |
sa svacchandapade yuktaḥ svacchandasamatāṃ vrajet || 7.260 ||
Durch den Svacchanda-Yoga, der sich in frei selbstbestimmter Bewegung vollzieht, ist der Yogi mit der Stätte Svacchandas verbunden und gelangt zur Gleichheit mit Svacchanda.
7.261
svacchandaścaiva svacchandaḥ svacchando vicaretsadā |
evaṃ vai mṛtyuliṅgāni riṣṭānyanyāni yāni ca || 7.261 ||
Svacchanda ist frei selbstbestimmt; frei selbstbestimmt soll er sich stets bewegen. Auf diese Weise [erkennt er] die Todeszeichen und die übrigen Unheilszeichen,
7.262
yogājjānāti yogīndro nādajāntargatāni ca |
nirjityaitāni yogena evamuktavrameṇa tu || 7.262 ||
und durch Yoga erkennt der Herr der Yogis auch jene, die im inneren Laut entstehen. Nachdem er sie durch Yoga in der beschriebenen Reihenfolge überwunden hat,
7.263
ayogī yāni jānāti ayukto vāpi suvrate |
bahirliṅgāni tānyatra aṅgāriṣṭāni me śṛṇu || 7.263 ||
[hört man nun von] den Zeichen, die auch ein Nichtyogi oder Ungeübter erkennt, du mit den guten Gelübden. Höre von mir diese äußeren Zeichen und körperlichen Unheilszeichen.
7.264
śuṣkatālvoṣṭhakaṇṭhaśced akasmāddhūsaracchaviḥ |
skandhau ca bhaṅgamāyātaḥ ṣaṇmāsānmṛtyumāpnuyāt || 7.264 ||
Wenn Gaumen, Lippen und Kehle trocken werden, die Haut unvermittelt grau erscheint und beide Schultern zusammensinken, soll der Tod nach sechs Monaten eintreten.
7.265
sunīlaṃ maṇḍalaṃ vyomni yaḥ paśyati dine dine |
sitaṃ haritakṛṣṇaṃ ca vatsarārdhānmriyeta saḥ || 7.265 ||
Wer Tag für Tag am Himmel einen tiefblauen, weißen, grünen oder schwarzen Kreis sieht, soll nach einem halben Jahr sterben.
7.266
viraśmiṃ paśyati raviṃ somaṃ vai lakṣmavarjitam |
tārāṃ jyotsnāṃ ca kṛṣṇāṃ vai paśyetṣaṇmāsajīvitaḥ || 7.266 ||
Wer die Sonne ohne Strahlen, den Mond ohne seine Zeichnung, die Sterne und das Mondlicht schwarz sieht, soll noch sechs Monate leben.
7.267
hiraṇyavarṇaṃ puruṣaṃ piṅgalaṃ kṛṣṇameva ca |
svapne saṃpaśyate yo vai ṣaṇmāsānso 'pi jīvati || 7.267 ||
Wer im Traum einen goldfarbenen, gelbbraunen oder schwarzen Mann sieht, soll ebenfalls noch sechs Monate leben.
7.268
ātmano hyaśiracchāyāṃ paśyetṣaṇmāsajīvitaḥ |
tailābhyaṅgaṃ tathā pānaṃ raktasraganulepanam || 7.268 ||
Wer den eigenen Schatten ohne Kopf sieht, soll noch sechs Monate leben. Salbung mit Öl und dessen Trinken, rote Kränze und Salben,
7.269
raktāmbarāṇi kṛṣṇāni svapne paśyati vai yadā |
pretaiḥ piśācai rakṣobhiḥ śvagomāyukasūkaraiḥ || 7.269 ||
rote und schwarze Gewänder: Wenn man im Traum sieht, [wie man damit versehen] von Totengeistern, Piśācas, Rākṣasas, Hunden, Schakalen und Schweinen
7.270
vṛtaṃ yātaṃ gṛddhrakākair mahiṣairuṣṭragardabhaiḥ |
aṅgabhakṣaṇamudvāhaṃ nagnaṃ cātīva vihvalam || 7.270 ||
sowie Geiern, Krähen, Büffeln, Kamelen und Eseln umgeben fortgeführt wird, wie Glieder gefressen werden, eine Hochzeit [stattfindet] oder wie man nackt und völlig verstört ist,
7.271
svapne ca paśyate yo vai varṣamekaṃ sa jīvati |
śaṃkhāvarte bhujāmadhye gulphayormarmasandhiṣu || 7.271 ||
wer solches im Traum sieht, soll noch ein Jahr leben. An den Schläfen, in der Mitte der Arme, an den Knöcheln und an den Gelenken der empfindlichen Körperstellen:
7.272
so 'vaśyaṃ vadhamāyāti yasyaitatspandanaṃ na hi |
somārkamaṇḍalaṃ dehe dhruvaṃ caiva tvarundhatīm || 7.272 ||
Wer dort keinen Puls hat, soll unweigerlich sterben. Die Scheibe von Mond und Sonne im Körper, den Polarstern und Arundhatī
7.273
na paśyati mahāyānaṃ so 'vaśyaṃ mriyate naraḥ |
tālurandhragato dhūmo mahāyānaṃ taducyate || 7.273 ||
sowie das Große Fahrzeug: Wer diese nicht sieht, soll unweigerlich sterben. Als Großes Fahrzeug wird der Rauch in der Gaumenöffnung bezeichnet.
7.274
jihvā tvarundhatītyuktā nāsāgraṃ dhruva ucyate |
netrānte karajākrānte maṇḍalaṃ somasūryayoḥ || 7.274 ||
Die Zunge heißt Arundhatī, die Nasenspitze Polarstern. Die Scheiben von Mond und Sonne [zeigen sich], wenn die Augenwinkel mit den Fingernägeln gedrückt werden.
7.275
na paśyedgagane 'pyetat so 'vaśyaṃ mriyate naraḥ |
sthūlo 'kasmācca jāyeta akasmādvai bhavetkṛśaḥ || 7.275 ||
Wer dies auch im Himmel nicht sieht, soll unweigerlich sterben. Wer unvermittelt dick oder unvermittelt mager wird,
7.276
atikruddho 'tibhītaśca varṣamekaṃ sa jīvati |
kṛṣṇāmbaradharaṃ kṛṣṇaṃ lohadaṇḍakarodyatam || 7.276 ||
übermäßig zornig oder übermäßig ängstlich ist, soll noch ein Jahr leben. [Wer im Traum] einen schwarzen Mann in schwarzem Gewand sieht, mit erhobener Hand einen Eisenstab haltend,
7.277
naraṃ cābhimukhaṃ svapne dṛṣṭvā māsatrayāyuṣam |
hṛdayaṃ śuṣyate yasya snātamātrasya tatkṣaṇāt || 7.277 ||
der ihm entgegenkommt, soll noch drei Monate leben. Wessen Herzgegend unmittelbar nach dem Baden sogleich trocken wird,
7.278
gātraṃ caivāpyanuṣṇaṃ ca ṛtumekaṃ sa jīvati |
dhanurniśi divā colkā vyabhre vidyutpradarśanam || 7.278 ||
und dessen Körper keine Wärme aufweist, soll noch eine Jahreszeit leben. Wer nachts einen Regenbogen, am Tag einen Meteor oder Blitze bei wolkenlosem Himmel sieht,
7.279
digdāho 'pluṣṭadeśe 'pi māsamekaṃ sa jīvati |
cakṣuṣī sravato yasya śabdaṃ na śṛṇuyāt sphuṭam || 7.279 ||
und einen Flammenschein in einer Himmelsrichtung, obwohl dort nichts brennt, soll noch einen Monat leben. Wessen Augen tränen, wer Laute nicht deutlich hört,
7.280
nāghrāti gandhaṃ vāgjāḍyaṃ māsamekaṃ gatāyuṣaḥ |
raktapadmopamaṃ vaktraṃ jihvā kṛṣṇā ca yasya vai || 7.280 ||
keinen Geruch wahrnimmt und dessen Sprache schwerfällig ist, dessen Lebenszeit soll nach einem Monat enden. Wessen Gesicht einem roten Lotus gleicht und dessen Zunge schwarz ist,
7.281
gātre varṇānyanekāni hṛdayaṃ yasya roditi |
tālukampo 'tha nābheśca ardhamāsaṃ sa jīvati || 7.281 ||
wessen Körper viele Farben zeigt, dessen Herz klagt und dessen Gaumen und Nabel zittern, der soll noch einen halben Monat leben.
7.282
pratyakṣakākanāsīro dīpadhūmaṃ na jighrati |
pūrvadṛṣṭaṃ na jānāti caturmāsaṃ sa jīvati || 7.282 ||
Wer vor Augen eine Krähenschar sieht [kākanāsīra unsicher], den Lampenrauch nicht riecht und früher Gesehenes nicht erkennt, soll noch vier Monate leben.
7.283
binduṃ yastu na paśyettu nityaṃ vaktrānugaṃ hitam |
nityaṃ vahati hikkāṃ tu varṣamekaṃ sa jīvati || 7.283 ||
Wer den stets dem Gesicht folgenden Bindu nicht sieht [Beobachtungsgegenstand unklar] und fortwährend Schluckauf hat, soll noch ein Jahr leben.
7.284
bahirliṅgāni caitāni aṅgāriṣṭāni yāni ca |
pūjayā japahomena dhyānadhāraṇayā priye || 7.284 ||
Diese äußeren Zeichen und körperlichen Unheilszeichen werden durch Verehrung, Rezitation, Feueropfer, Meditation und Konzentration, Geliebte,
7.285
kṛtarakṣāvidhānena jīyante nātra saṃśayaḥ |
nāḍīnāṃ śodhanaṃ caiva vāyūnāṃ ca jayaḥ katham || 7.285 ||
sowie durch ein vollzogenes Schutzritual überwunden; daran bestehe kein Zweifel. [Die Göttin fragt:] Wie erfolgen die Reinigung der Kanäle und die Beherrschung der Lebenswinde?
7.286
sthānaṃ rūpaṃ ca śabdaṃ ca karma brūhi mama prabho |
paramo yogasadbhāvo guhyādguhyataraḥ priye || 7.286 ||
Nenne mir ihren Ort, ihre Gestalt, ihren Laut und ihre Tätigkeit, Herr. [Bhairava antwortet:] Die höchste Wesenslehre des Yoga ist geheimer als das Geheime, Geliebte.
7.287
yo na kasyacidākhyātas taṃ yogaṃ śṛṇu tattvataḥ |
supraśaste bhūpradeśe nāgnitoyasamīpataḥ || 7.287 ||
Höre diesen Yoga wahrheitsgemäß, den ich noch niemandem erklärt habe. An einem vorzüglichen Platz auf der Erde, nicht nahe bei Feuer oder Wasser,
7.288
vālukāśarkarāhīne śuṣkavṛkṣavivarjite |
niḥśabdakīṭavalmīke ītibhiḥ parivarjite || 7.288 ||
ohne Sand und Kiesel, ohne trockene Bäume, frei von Lärm, Ungeziefer, Ameisenhügeln und Plagen,
7.289
puṇye dharmiṣṭhasaṃvāse tatra yogaṃ samabhyaset |
devadevaṃ samabhyarcya bhairavaṃ savināyakam || 7.289 ||
an einem heiligen Ort unter rechtschaffenen Menschen soll man Yoga üben. Man verehre den Gott der Götter, Bhairava, zusammen mit Vināyaka,
7.290
pūrvācāryānnamaskṛtya yukto dhyānaparāyaṇaḥ |
āsanaṃ svastikaṃ baddhvā padmakaṃ bhadrameva vā || 7.290 ||
verneige sich vor den früheren Lehrern und widme sich gesammelt der Meditation. Man nehme Svastika-, Padma- oder Bhadra-Sitz ein,
7.291
sāpāśrayaṃ sārdhacandraṃ yogapaṭṭaṃ yathāsukham |
dahanotpūyane kṛtvā plāvayedamṛtena ca || 7.291 ||
einen Sitz mit Stütze, eine Halbmondhaltung oder einen Yogagurt, wie es angenehm ist. Nach dem [inneren] Verbrennen und Ausreinigen überflute man [den Körper] mit Nektar.
7.292
sabāhyābhyantareṇaiva sakalīkaraṇaṃ tataḥ |
antaryāgaṃ yathāpūrvam uccāryaṃ ca paraṃ tathā || 7.292 ||
Darauf vollziehe man außen und innen die Ausstattung mit den Mantragliedern, das innere Opfer wie zuvor und ebenso den höchsten lautlichen Aufstieg.
7.293
daśadhā yogamārgeṇa haṃsasvacchandamabhyaset |
mantraṃ bindumatītaṃ tu nādāntajyotirākṛtim || 7.293 ||
Auf dem zehnfachen Yogaweg übe man Haṃsa-Svacchanda: den Mantra, der Bindu überschreitet und am Ende des Nāda die Gestalt von Licht hat.
7.294
saṃkalpya kalpanālakṣyaṃ dhyāyedvai tena sarvagam |
apasavyena pūryeta savyenaiva virecayet || 7.294 ||
Nachdem man ihn vergegenwärtigt hat, meditiere man über den Alldurchdringenden, der durch Vorstellungen nicht zu erfassen ist. Links soll eingeatmet, rechts ausgeatmet werden. [Kṣemarāja deutet kalpanālakṣyam als kalpanā-alakṣyam und erklärt apasavya hier als links, savya als rechts.]
7.295
nāḍīsaṃśodhanaṃ caitan mokṣamārgapathasya ca |
recanātpūraṇādrodhāt prāṇāyāmasridhā smṛtaḥ || 7.295 ||
Dies ist die Reinigung der Kanäle und des Weges zur Befreiung. Durch Ausatmen, Einatmen und Anhalten wird Prāṇāyāma als dreifach bezeichnet.
7.296
sāmānyā bahirete tu punaścābhyantare trayaḥ |
ābhyantareṇa recyeta pūryetābhyantareṇa tu || 7.296 ||
Diese gewöhnlichen Formen sind äußerlich; im Inneren gibt es wiederum drei. Man entleere den Atem im Inneren und fülle ihn im Inneren.
7.297
niṣkampaṃ kumbhakaṃ kṛtvā kāryāścābhyantarāstrayaḥ |
nābhyāṃ hṛdayasaṃcārān manaścendriyagocarāt || 7.297 ||
Man vollziehe ein unbewegtes Anhalten: So sind die drei inneren [Formen] auszuführen. [Jenseits] der Bewegung in Nabel und Herz sowie des Bereichs von Geist und Sinnen
7.298
prāṇāyāmaścaturthastu supraśānta iti śrutaḥ |
prāṇarodhe tu saṃpūrṇe nābhau nītvā samucchvasan || 7.298 ||
wird ein vierter Prāṇāyāma namens Völligberuhigter überliefert. Wenn das Atemanhalten vollständig ist, führe man [den Atem] zum Nabel und lasse ihn aufsteigen.
7.299
śanairvimocayedvāyuṃ vāmanāsāpuṭena tu |
vāyavī dhāraṇāṅguṣṭhe āgneyī nābhimadhyataḥ || 7.299 ||
Langsam lasse man den Lebenswind durch das linke Nasenloch frei. Die Konzentration auf Luft liegt an der großen Zehe, die auf Feuer in der Nabelmitte,
7.300
māheyī kaṇṭhadeśe tu vāruṇī ghaṇṭikāśrayā |
ākāśadhāraṇā mūrdhni sarvasiddhikarī smṛtā || 7.300 ||
die auf Erde in der Kehlregion, die auf Wasser am Zäpfchen; die Konzentration auf Raum am Scheitel gilt als Spenderin aller Vollendungen.
7.301
ekadvitricatuṣpañcasaṃkhyoddhātaiḥ prasiddhyati |
saṃniruddhe tu vai prāṇe mūrdhni gatvā nivartate || 7.301 ||
Durch jeweils einen, zwei, drei, vier und fünf Aufstöße wird [die entsprechende Konzentration] vollendet. Ist der Lebensatem angehalten, steigt er zum Scheitel und kehrt zurück.
7.302
sa udghāta iti prokto jñātavyo yogibhiḥ sadā |
rāgadveṣau prahīyete prāṇāyāmaiḥ sudhāritaiḥ || 7.302 ||
Dies heißt Aufstoß und soll den Yogis stets bekannt sein. Durch gut aufrechterhaltene Atemregelungen werden Anhaftung und Abneigung aufgegeben.
7.303
dhāraṇābhirdahetpāpaṃ pratyāhāre 'kṣasaṃyamaḥ |
hṛdgude nābhikaṇṭhe ca sarvasandhau tathaiva ca || 7.303 ||
Durch Konzentrationen verbrenne man Verfehlungen; beim Zurückziehen erfolgt die Zügelung der Sinne. In Herz, After, Nabel, Kehle und allen Gelenken
7.304
prāṇādyāḥ saṃsthitā hyete rūpaṃ śabdaṃ ca me śṛṇu |
drutatāranibho rakta indragopakasaṃnibhaḥ || 7.304 ||
befinden sich die [Lebenswinde] von Prāṇa an. Höre von ihrer Gestalt und ihrem Laut: wie geschmolzenes Silber, rot, wie ein Indragopa-Insekt,
7.305
kṣīrābhaḥ sphaṭikābhaśca pañcānāṃ rūpalakṣaṇaṃ |
ghaṇṭākaṃsābdamadhuro gajanādo mahādhvaniḥ || 7.305 ||
milchfarben und kristallgleich sind die Gestaltmerkmale der fünf. Glocke, Bronzegefäß, liebliches Wolkentönen, Elefantenruf und großes Getöse
7.306
prāṇādināṃ tu pañcānām ayaṃ śabda udāhṛtaḥ |
jalpitaṃ hasitaṃ gītaṃ nṛttaṃ yuddhagatiḥ kalāḥ || 7.306 ||
werden als Laute der fünf von Prāṇa an angegeben. Sprechen, Lachen, Singen, Tanzen, Bewegung im Kampf und die Künste,
7.307
śilpaṃ ca sarvakarmāṇi prāṇasyaiva viceṣṭitam |
praveśayedannapānaṃ tanmalaṃ srāvayedadhaḥ || 7.307 ||
Handwerk und sämtliche Tätigkeiten sind Bewegungen des Prāṇa. [Apāna] führt Speise und Trank hinein und lässt deren Abfall nach unten ausfließen.
7.308
andhatvaṃ śrotrarogaṃ ca apānastu kariṣyati |
aśitaṃ līḍhapītaṃ ca samānaḥ samatāṃ nayet || 7.308 ||
Apāna bewirke Blindheit und Ohrenleiden [so der Text]. Samāna bringt Gegessenes, Gelecktes und Getrunkenes ins Gleichgewicht.
7.309
kṣobho hikkā tathā chikkā udānasya viceṣṭitam |
svedaśca romaharṣaśca śūlaṃ dāho 'ṅgabhañjanam || 7.309 ||
Erschütterung, Schluckauf und Niesen sind Bewegungen Udānas. Schweiß, Gänsehaut, stechender Schmerz, Brennen und Gliederschmerz
7.310
vyānasyaitāni karmāṇi sparśaṃ caiva sa vindati |
aṅguṣṭhajānuhṛdaye locane mūrdhni saṃsthitāḥ || 7.310 ||
sind Tätigkeiten Vyānas; auch die Berührung nimmt er wahr. An der großen Zehe, am Knie, im Herzen, im Auge und am Scheitel
7.311
nāgādyāḥ bahurūpāśca karma tveṣāṃ nibodha me |
āhlādodvegajanakaḥ śoṣaṇastrāsanastathā || 7.311 ||
befinden sich Nāga und die übrigen, die viele Gestalten haben. Höre ihre Tätigkeiten: Freude und Unruhe hervorrufen, austrocknen und erschrecken.
7.312
nāgaḥ kūrmaśca kṛkaro devadattaśca pañcamaḥ |
atinidrākaraścānyo yojakaśca dhanaṃjayaḥ || 7.312 ||
Nāga, Kūrma, Kṛkara und Devadatta werden genannt; zu Devadatta gehört das Hervorrufen starker Schläfrigkeit, während der fünfte, Dhanañjaya, die Verbindung bewirkt. [Die Funktionszuordnung ist aus der Reihenfolge erschlossen. Die Stellung von pañcamaḥ im Grundtext bleibt syntaktisch uneben; Kṣemarāja erklärt Dhanañjayas Verbindung als Verbindung mit einem anderen Körper.]
7.313
śvāsasaṃkocanacchedā ghurghurotkramaṇaṃ tathā |
nāgādīnāṃ tu pañcānāṃ mṛtyukāle viceṣṭitam || 7.313 ||
Atem, Zusammenziehen, Unterbrechen, Röcheln und Austreten sind die Bewegungen der fünf von Nāga an beim Tod.
7.314
na caiva yāti cotkrāntau tanuṃ tyaktvā dhanañjayaḥ |
ākuñcayati vai kūrmaḥ śoṣayecca kalevaram || 7.314 ||
Beim Austritt verlässt Dhanañjaya den Körper nicht. Kūrma zieht ihn zusammen und trocknet den Leichnam aus.
7.315
prāṇameva jayetpūrvaṃ jite prāṇe jitaṃ manaḥ |
jite manasi śāntasya paraṃ tattvaṃ prakāśate || 7.315 ||
Zuerst soll man den Prāṇa beherrschen; ist Prāṇa beherrscht, ist der Geist beherrscht. Ist der Geist beherrscht, offenbart sich dem Friedvollen das höchste Prinzip.
7.316
prāṇāpānaṃ gude dhyāyet prāṇasamānaṃ nābhitaḥ |
prāṇodānaṃ tu kaṇṭhe tu prāṇavyānaṃ tu sarvagam || 7.316 ||
Man meditiere über Prāṇa-Apāna am After, Prāṇa-Samāna am Nabel, Prāṇa-Udāna in der Kehle und Prāṇa-Vyāna als überall anwesend.
7.317
nāgādyāḥ prāṇasaṃyuktāḥ svasthāneṣu nirodhayet |
niruddhasya ca yaḥ kālas taṃ vakṣyāmi nibodha me || 7.317 ||
Nāga und die übrigen halte man, mit Prāṇa verbunden, an ihren jeweiligen Orten an. Höre nun: Ich werde die Dauer dieses Anhaltens nennen.
7.318
tālātprabhṛti taṃ dhyāyed yāvatpañcaśataṃ gatam |
jito 'nilo bhavatyeva saṃkrāntyutkrāntikarmaṇi || 7.318 ||
Man meditiere über ihn, beginnend mit einem Tala, bis fünfhundert erreicht sind. So werde der Lebenswind für das Übergehen und das Austreten beherrscht. [Tala bezeichnet hier ein Zeitmaß; Kṣemarāja erläutert es durch die Dauer einer Fingerbewegung um das Knie.]
7.319
divyā kāntiḥ śubho gandhaḥ prajñā cāsya vivardhate |
divyā dṛṣṭiśca śravaṇaṃ divyā vākca prajāyate || 7.319 ||
Göttlicher Glanz, angenehmer Duft und Einsicht nähmen zu; göttliches Sehen und Hören sowie göttliche Rede entstünden.
7.320
vāyuvadvicarellokān siddhāndevāṃśca paśyati |
manasā cintitāvāptiḥ pravarteta guṇāṣṭakam || 7.320 ||
Man ziehe wie der Wind durch die Welten und sehe Siddhas und Götter. Gedanklich Gewünschtes werde erreicht, und die acht Kräfte träten hervor.
7.321
sarvakāmasusaṃpūrṇaḥ sarvadvandvavivarjitaḥ |
saṃsārabandhanirmuktaḥ śivatulyaśca jāyate || 7.321 ||
Mit allen Wünschen vollkommen erfüllt, frei von allen Gegensatzpaaren, aus der Bindung an den Saṃsāra gelöst, werde man Śiva gleich.
7.322
prāṇāpānau tu saṃyojya hrasvakoṭisamanvitau |
nābhyādhāre ca yogīndraḥ svedaḥ kampaśca jāyate || 7.322 ||
Wenn der Herr der Yogis Prāṇa und Apāna am Nabelgrund verbindet, zusammen mit dem kurzen Endpunkt [des Mantralautes], entstehen Schweiß und Zittern.
7.323
punareva tu hṛtsthau hi prāṇāpānau nirodhayet |
dīrghakoṭisamāyogāt tatkṣaṇācca patedbhuvi || 7.323 ||
Er halte Prāṇa und Apāna wiederum im Herzen an. Durch die Verbindung mit dem langen Endpunkt falle er sogleich zu Boden.
7.324
kaṇṭhasthaṃ ca tathaiveha prāṇameva nirodhayet |
plutakoṭisamāyogāt svapnavṛttistato bhavet || 7.324 ||
Ebenso halte er den Lebensatem in der Kehle an. Durch die Verbindung mit dem überlangen Endpunkt entstehe ein traumartiger Zustand.
7.325
bhrūmadhye binduyogena prāṇarodhaṃ tu kārayet |
suṣuptaṃ jāyate tatra kṣaṇāccaiva prabuddhyate || 7.325 ||
Zwischen den Brauen vollziehe er das Atemanhalten in Verbindung mit Bindu. Dort entstehe Tiefschlaf, aus dem er augenblicklich wieder erwache.
7.326
mūrdhadvāraṃ samāśritya niṣkalaṃ dhyānamārabhet |
evamabhyasatastasya pratyayastu tadā bhavet || 7.326 ||
Am Scheiteltor beginne er die Meditation über das Ungeteilte. Wenn er so übt, stellt sich folgende Erfahrung ein:
7.327
pipīlakaṇṭakāvedho mūrdhvadvāraṃ vibhindataḥ |
bhittvā krameṇa sarvaṇi unmanyantāni yāni tu || 7.327 ||
beim Durchdringen des Scheiteltors ein Stechen wie von Ameisen oder Dornen. Nachdem er schrittweise alles bis hinauf zur Unmanī durchdrungen
7.328
pūrvoktalakṣṇairdevi tyaktvā svacchandatāṃ vrajet |
jāyate unmanastvaṃ hi dehenānena sādhake || 7.328 ||
und entsprechend den zuvor genannten Merkmalen zurückgelassen hat, Göttin, gelangt er zur Freiheit Svacchandas. Schon in diesem Körper entsteht beim Übenden der Zustand jenseits des Denkens.
7.329
saṃkrāmetparadeheṣu kṣuttṛṣṇābhyāṃ na bādhyate |
atītānāgataṃ caiva trailokye yatpravartate || 7.329 ||
Er könne in fremde Körper übergehen und werde von Hunger und Durst nicht bedrängt. Alles Vergangene und Zukünftige, das in den drei Welten geschieht,
7.330
pratyakṣaṃ tadbhavettasya sarvajñatvaṃ ca jāyate |
prasaṅge 'dhyātmakālasya jñānaṃ vijñānameva ca || 7.330 ||
werde ihm unmittelbar gegenwärtig, und Allwissenheit entstehe. Im Zusammenhang mit der inneren Zeit sind Erkenntnis und erfahrendes Wissen
7.331
sarvametatsamākhyātam aṃśakāṃśca nibodha me || 7.331 ||
damit vollständig erklärt worden. Höre nun auch von den Anteilen.
Kapitel 8
8.1
aṃśakaṃ ṣaḍvidhaṃ devi kathayāmyanupūrvaśaḥ |
bhāvāṃśakaḥ svabhāvāṃśaḥ puṣpapātāṃśa eva ca || 8.1 ||
Ich erkläre dir der Reihe nach die sechsfache Zuordnung zu einem Anteil, Göttin: den Anteil nach innerer Neigung, nach angeborener Eigenart und nach dem Fall einer Blume,
8.2
mantrāṃśakaḥ smṛtaścānyas tv aṃśakāpādanaṃ dvidhā |
devānusmaraṇaṃ bhāvaḥ sahajaṃ taṃ vijānata || 8.2 ||
ferner den Mantraanteil und die zweifache Herstellung einer solchen Zuordnung. Die innere Neigung ist das Gedenken an eine Gottheit; man verstehe es als angeboren.
8.3
svabhāvaśca bhavecceṣṭā kathayāmyanupūrvaśaḥ |
brahmāṃśo vedabhaktastu rudrāṃśaṃ ca nibodha me || 8.3 ||
Die Eigenart zeigt sich im Verhalten; ich erkläre es der Reihe nach. Wer einen Anteil Brahmās hat, ist dem Veda ergeben. Höre nun vom Anteil Rudras.
8.4
rudrabhaktaḥ suśīlaśca śivaśāstrarataḥ sadā |
viṣṇvaṃśo viṣṇubhaktaśca candrāṃśaḥ priyadarśanaḥ || 8.4 ||
Ein solcher ist Rudra ergeben, von gutem Wesen und stets den Schriften Śivas zugewandt. Wer einen Anteil Viṣṇus hat, ist Viṣṇu ergeben; wer einen Anteil des Mondes hat, ist angenehm anzusehen,
8.5
sarvadevarataḥ śānto yakṣāṃśo dhanasaṃgrahī |
lubdho garvitamṛṣṭāśī vātāṃśaścapalaḥ smṛtaḥ || 8.5 ||
allen Göttern zugetan und friedvoll. Wer einen Yakṣa-Anteil hat, häuft Reichtum an, ist habgierig und hochmütig und isst gern feine Speisen. Ein Anteil des Windes gilt als ruhelos.
8.6
sarpavisrambhagāmī syān nāgāṃśo dīrghaśāyyatha |
dīrgharoṣaḥ pūtivaktro gurukṣīraruciḥ sadā || 8.6 ||
Wer einen Nāga-Anteil hat, bewegt sich auf schlangenhaft gemächliche Weise [sarpavisrambhagāmī mehrdeutig], schläft lange, zürnt lange, hat übelriechenden Atem und liebt stets schwere [Speisen] und Milch.
8.7
gāndharvo gāyano nityaṃ śivabhakto varānane |
vidyādharāṃśakaḥ prāṇī daityāṃśo dveṣaṇaḥ smṛtaḥ || 8.7 ||
Wer einen Gandharva-Anteil hat, singt stets. Ein Wesen mit Vidyādhara-Anteil ist Śiva ergeben, Schönangesichtige; wer einen Daitya-Anteil hat, gilt als feindselig.
8.8
kāmāṃśo rūpavāṃścaiva subhago gaṇikāpriyaḥ |
rakṣoṃśaḥ krūranistriṃśo devadveṣī dvijeṣu ca || 8.8 ||
Wer einen Anteil Kāmas hat, ist schön, anziehend und den Kurtisanen zugetan. Ein Rākṣasa-Anteil ist grausam und erbarmungslos, voller Hass gegen Götter und Zweimalgeborene.
8.9
piśācāṃśaśchalānveṣī vāsare bhīrukātaraḥ |
agnyaṃśaḥ paruṣastīvra uṣṇādaḥ piṅgalastathā || 8.9 ||
Wer einen Piśāca-Anteil hat, sucht nach Gelegenheiten zur Täuschung und ist am Tag furchtsam und verzagt. Ein Anteil des Feuers ist rau, heftig, isst Heißes und hat gelbbraune Färbung.
8.10
savitraṃśaśca tejasvī pūrtadharmarataḥ sadā |
iṣṭāni kurute nityaṃ dayāluḥ śivabhāvitaḥ || 8.10 ||
Wer einen Anteil der Sonne hat, ist strahlend und stets wohltätigen Verdiensten zugewandt. Er vollzieht beständig Opfer, ist mitfühlend und von der Vergegenwärtigung Śivas erfüllt.
8.11
svasiddheḥ phaladāḥ sarve svadhyānajapahomataḥ |
bhairavāṅgasamālabdhāḥ sarve devā varānane || 8.11 ||
Alle verleihen durch die jeweils eigene Meditation, Rezitation und das Feueropfer die Frucht ihrer besonderen Vollendung. Sämtliche Götter sind aus den Gliedern Bhairavas hervorgegangen, Schönangesichtige.
8.12
bhairavāstu smṛtāḥ sarve sarvasiddhiphalapradāḥ |
svabhāvāṃśaḥ samākhyātaḥ sādhakānāṃ hitāya vai || 8.12 ||
Alle gelten als Bhairavas und verleihen die Früchte sämtlicher Vollendungen. Damit ist der Anteil nach der Eigenart zum Nutzen der Übenden erklärt.
8.13
puṣpapātavaśānnāma kartavyaṃ surasundari |
sa mantraḥ siddhyate tasya tamevārādhayedyadi || 8.13 ||
Entsprechend dem Fall der Blume soll der Name festgelegt werden, schöne Göttin. Dieser Mantra gelingt ihm, sofern er gerade ihn verehrt.
8.14
aṃśakāpādanaṃ devi kathayāmi samāsataḥ |
vaihāyasaṃ dhvaja caiva homayedyastu sādhakaḥ || 8.14 ||
Nun erläutere ich kurz die Herstellung eines Anteils, Göttin. Der Übende, der Fleisch eines Erhängten und Fleisch eines Gepfählten opfert [Deutung der verschlüsselten Bezeichnungen vaihāyasa und dhvaja nach Kṣemarāja],
8.15
sa mantraḥ siddhyate tasya aryanto 'pi hi suvrate |
anaṃśako 'pi yo mantro jñātacihnairvarānane || 8.15 ||
dem gelingt jener Mantra, selbst wenn er zur feindlichen Kategorie gehört, du mit den guten Gelübden. Auch wenn ein Mantra nach den bekannten Kennzeichen keinen passenden Anteil besitzt, Schönangesichtige,
8.16
tadā yāgaṃ purā kṛtvā agnau homaṃ tu kārayet |
śiṣyasya pūrvavatkarma kṛtvā tu vidhipūrvakam || 8.16 ||
soll man zuvor das Opfer vollziehen und dann im Feuer opfern. Nachdem die Handlungen am Schüler vorschriftsmäßig wie zuvor ausgeführt sind,
8.17
pūrṇāhutiprayogeṇa yojayecchāśvate pade |
paratattvamabhidhyāyan sādhayenmanasepsitam || 8.17 ||
verbinde man ihn durch die Vollopfergabe mit der ewigen Stätte. Über das höchste Prinzip meditierend, soll man das innerlich Gewünschte verwirklichen.
8.18
mantrāṃśaṃ gaṇayitvā tu gṛhṇīyātsuvicāritam |
hīnamadhyasamutkṛṣṭaṃ kathayāmi samāsataḥ || 8.18 ||
Man berechne den Mantraanteil und übernehme [den Mantra] nach sorgfältiger Prüfung. Kurz erkläre ich den niedrigen, mittleren und ausgezeichneten [Grad].
8.19
hīnaṃ śatruṃ vijānīyān madhyamaṃ sādhyarūpiṇam |
siddhaṃ caiva susiddhaṃ ca uttamaṃ parikīrtitam || 8.19 ||
Den niedrigen erkenne man als feindlich, den mittleren als erst zu verwirklichen. Als höchsten bezeichnet man den bereits vollendeten und den besonders gut vollendeten.
8.20
mantrākṣaraṃ tu viśleṣya mātrābindusamanvitam |
ātmanāmākṣaraṃ tadvad adhobhāge 'sya yojayet || 8.20 ||
Man zerlege den Mantralaut einschließlich Vokalzeichen und Bindu; darunter ordne man in gleicher Weise die Buchstaben des eigenen Namens an.
8.21
ātmavarṇātsamārabhya yāvanmantrārṇamāgatam |
yasminsa nipateddevi tamāyaṃ parikalpayet || 8.21 ||
Vom eigenen Buchstaben beginnend zähle man bis zum Mantrabuchstaben. Wo dieser hinfällt, Göttin, dort bestimme man die entsprechende Zuordnung.
8.22
rekhāṅguligataṃ taṃ tu kathayāmi samāsataḥ |
parvaṇi prathame siddhaḥ sādhyaścaiva dvitīyake || 8.22 ||
Kurz erläutere ich die Zuordnung zu den Fingerlinien: Am ersten Gelenk liegt „vollendet“, am zweiten „zu verwirklichen“,
8.23
tṛtīye tu susiddhaḥ syād arirjñeyaścaturthake |
arisādhyau parityajya dātavyaścumbakena tu || 8.23 ||
am dritten „gut vollendet“, am vierten „feindlich“. Der einweihende Lehrer soll „feindlich“ und „zu verwirklichen“ ausschließen und [die anderen] übertragen.
8.24
siddharūpaḥ susiddhaśca bhuktimuktiphalapradaḥ |
yastvaṃśakaviśuddhaḥ syād bhairavo 'tra varānane || 8.24 ||
„Vollendet“ und „gut vollendet“ verleihen als Frucht Genuss und Befreiung. Den Bhairava, der hinsichtlich des Anteils als rein festgestellt ist, Schönangesichtige,
8.25
taṃ madhyamasthaṃ saṃpūjya tatsthāne madhyamaṃ nyaset |
yataḥ sarvagato devaḥ sarveṣvantargataḥ smṛtaḥ || 8.25 ||
soll man in der Mitte verehren und an seine Stelle den mittleren [Bhairava] setzen. Denn der Gott ist allgegenwärtig und wird als in allen enthalten verstanden.
8.26
tatsiddhimuktidātāsau na varṇāḥ paramārthataḥ |
kathitaṃ sarahasyaṃ te guhyādguhyataraṃ param || 8.26 ||
Er ist es, der Vollendung und Befreiung verleiht; im höchsten Sinn sind es nicht die Buchstaben. Damit ist dir dies samt seinem Geheimnis erklärt, das Höchste, geheimer als das Geheime.
8.27
atastantrāvatārārthaṃ kathayāmi samāsataḥ |
adṛṣṭavigrahāyātaṃ śivātparamakāraṇāt || 8.27 ||
Nun erläutere ich kurz die Herabkunft des Tantra. Es kam aus Śiva hervor, der höchsten Ursache, dessen Gestalt nicht sichtbar ist,
8.28
dhvanirūpaṃ susūkṣmaṃ tu suśuddhaṃ suprabhānvitam |
tadevāpararūpeṇa śivena paramātmanā || 8.28 ||
als überaus feiner Laut, vollkommen rein und voll klaren Glanzes. Eben dieses wurde von Śiva, dem höchsten Selbst, in seiner niederen Erscheinungsform,
8.29
mantrasiṃhāsanasthena pañcamantramahātmanā |
puruṣārthaṃ vicāryāśu sādhanāni pṛthak pṛthak || 8.29 ||
der auf dem Mantrathron sitzt und dessen großes Wesen aus fünf Mantras besteht, nach Betrachtung der menschlichen Lebensziele und der einzelnen Mittel zu deren Verwirklichung,
8.30
laukikādiśivāntāni parāparavibhūtaye |
tadanugrahayogyānāṃ sve sve viṣayagocare || 8.30 ||
von den weltlichen bis hin zu Śiva, zur höheren und niederen Entfaltung der Gnadenfähigen in ihren jeweiligen Erfahrungsbereichen,
8.31
anuṣṭupchandasā baddhaṃ koṭyarbudasahasradhā |
guruśiṣyapade sthitvā svayaṃ devaḥ sadāśivaḥ || 8.31 ||
in Anuṣṭubh-Verse gefasst, in Tausenden von Kotis und Arbudas [mythischer Umfang: Koti = zehn Millionen, Arbuda = hundert Millionen]. Der Gott Sadāśiva selbst nahm dabei die Stellung von Lehrer und Schüler ein.
8.32
pūrvottarapadairvākyais tantramādhārabhedataḥ |
tajjñānamīśvare 'dāttad īśvareṇa śivecchayā || 8.32 ||
Mit Fragen und Antworten entsprechend den unterschiedlichen Empfängern [lehrte er] das Tantra. Dieses Wissen gab er an Īśvara; Īśvara wiederum lehrte es auf Śivas Wunsch
8.33
vidyāyāḥ kathitaṃ pūrvaṃ vidyeśebhyastathādarāt |
māyāniyatiparyantais tasmādrudrairavāpi tat || 8.33 ||
zuerst der Vidyā und mit Achtung den Vidyeśvaras. Von dort empfingen es die Rudras in den Bereichen von Māyā bis Niyati.
8.34
śrīkaṇṭheneśvarātprāptaṃ jñānaṃ paramadurlabham |
tenāpi tadadhaḥ proktaṃ rudrāṇāmīśvarecchayā || 8.34 ||
Śrīkaṇṭha erhielt von Īśvara dieses äußerst schwer zugängliche Wissen. Auch er lehrte es auf Wunsch Īśvaras nach unten an die Rudras weiter,
8.35
pradhānācchatarudrāntaṃ dīkṣayitvā vidhānataḥ |
mamāpi ca purā dīkṣā tathā caivābhiṣecanam || 8.35 ||
von Pradhāna bis zu den hundert Rudras, nachdem er sie vorschriftsmäßig eingeweiht hatte. Auch mir wurden einst Einweihung und Weiheguss
8.36
śrīkaṇṭhena purā dattaṃ tantraṃ sarvārthasādhakam |
mayāpi tava deveśi sādhikāraṃ samarpitam || 8.36 ||
von Śrīkaṇṭha verliehen, dazu das alle Ziele verwirklichende Tantra. Ich habe es nun dir, Herrin der Götter, mit der Befugnis [zur Weitergabe] übergeben.
8.37
tvamapi skandarudrebhyo dadasva vidhipūrvakam |
brahmaviṣvindradevānāṃ vasumātṛdivākṛtām || 8.37 ||
Gib auch du es vorschriftsmäßig an Skanda und die Rudras weiter, an die Götter Brahmā, Viṣṇu und Indra, an Vasus, Mütter und Sonnen[götter].
8.38
loke saṃgṛhya nāgānāṃ yakṣāṇāṃ parameśvari |
kathayasva ṛṣīṇāṃ ca ṛṣibhyo manujeṣvapi || 8.38 ||
Fasse es für die Welt der Nāgas und Yakṣas zusammen, höchste Göttin, und lehre es auch den Ṛṣis; von den Ṛṣis [gelange es] zu den Menschen.
8.39
evaṃ tantravaraṃ divyaṃ siddharatnakaraṇḍakam |
tvayā guptataraṃ kāryaṃ na deyaṃ yasya kasyacit || 8.39 ||
Dieses vortreffliche göttliche Tantra, ein Schatzkästchen vollkommener Juwelen, sollst du auf diese Weise streng geheim halten. Es darf nicht unterschiedslos jedem gegeben werden.
Kapitel 9
9.1
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi rahasyamidamuttamam |
yanna kasyacidākhyātaṃ tatte vakṣyāmi suvrate || 9.1 ||
Nun werde ich dieses höchste Geheimnis erklären. Was ich noch niemandem mitgeteilt habe, werde ich dir sagen, du mit den guten Gelübden.
9.2
mahābhairavadevasya krīḍamānasya bhāmini |
sṛṣṭisaṃhārakartāraṃ hṛdayāttu vinirgataḥ || 9.2 ||
Aus dem Herzen des spielenden großen Gottes Bhairava ging, du Strahlende, der Schöpfer und Einzieher [der Welt] hervor [Kasuswechsel der Vorlage].
9.3
kalpāntavahnivapuṣaṃ pralayāmbudaniḥsvanam |
taḍitpuñjanibhoddaṃṣṭraṃ jaṭājvālāsamaprabham || 9.3 ||
Sein Leib gleicht dem Feuer am Ende einer Weltperiode, sein Tönen der Gewitterwolke der Auflösung; seine aufragenden Hauer gleichen Blitzmassen, sein Haar ist hell wie Flammen.
9.4
candrasūryāgninayanaṃ koṭarākṣaṃ subhīṣaṇam |
bṛhadvakṣaḥ sthalābhogaṃ nāgayajñopavītinam || 9.4 ||
Seine Augen sind Mond, Sonne und Feuer; mit tiefen Augenhöhlen ist er überaus furchterregend. Seine Brust ist weit und mächtig; als heilige Schnur trägt er eine Schlange.
9.5
sphuranmāṇikyamukuṭaṃ sarpakuṇḍalabhūṣitam |
sarpahārakṛtāṭopaṃ sarpakaṅkaṇanūpuram || 9.5 ||
Er trägt eine funkelnde Juwelenkrone und Schlangen als Ohrringe; Schlangenketten geben ihm schreckliche Pracht, und Schlangen sind seine Arm- und Fußreifen.
9.6
siṃhacarmaparīdhānaṃ sarpamekhalamaṇḍitam |
gajacarmāvṛtapaṭaṃ śaśāṅkakṛtaśekharam || 9.6 ||
Er ist in Löwenfell gekleidet, mit einem Schlangengürtel geschmückt, von einem Elefantenfell umhüllt und mit der Mondsichel gekrönt.
9.7
pañcavaktraṃ śavārūḍhaṃ daśabāhuṃ trilocanam |
kapālamālābharaṇaṃ khaḍgakheṭakadhāriṇam || 9.7 ||
Fünfgesichtig, auf einem Leichnam stehend, zehnarmig und dreiäugig, trägt er eine Schädelgirlande und hält Schwert und Schild.
9.8
pāśāṅkuśadharaṃ devaṃ śaraśārṅgāvatānitam |
kapālakhaṭvāṅgadharaṃ varadābhayapāṇikam || 9.8 ||
Der Gott hält Schlinge und Elefantenhaken, spannt Pfeil und Bogen und trägt Schädelschale und Khaṭvāṅga-Stab; seine Hände zeigen Gewährung und Furchtlosigkeit.
9.9
bhinnāñjanacayaprakhyaṃ sphuritādharabhāsvaram |
brahmendraviṣṇunamitaṃ tridaśairapi durlabham || 9.9 ||
Er gleicht einer Masse zerstoßenen schwarzen Augenschminks, leuchtet mit zuckender Unterlippe, wird von Brahmā, Indra und Viṣṇu verehrt und ist selbst den Göttern schwer zugänglich.
9.10
evaṃ taṃ bhairavaṃ devaṃ svacchandaṃ parikīrtayet |
smaraṇānnāśayeddevaḥ pāpasaṃghātamulbaṇam || 9.10 ||
So soll man den Gott Bhairava als Svacchanda beschreiben. Schon durch das Gedenken soll der Gott eine gewaltige Ansammlung von Verfehlungen vernichten.
9.11
asya mantraḥ purākhyāto dvātriṃśākṣarasaṃmitaḥ |
pañcapraṇavapūrvāntaṃ tatra līnaṃ japenmanum || 9.11 ||
Sein aus zweiunddreißig Silben bestehender Mantra wurde zuvor gelehrt. Man rezitiere ihn, an Anfang und Ende von fünf Praṇavas umgeben, und gehe ganz in ihm auf.
9.12
tasya kalpaṃ pravakṣyāmi samāsānna tu vistarāt |
pūrvoktabhūpradeśe ca viśuddhe śubhalakṣaṇe || 9.12 ||
Seine Verfahrensordnung erläutere ich kurz, nicht ausführlich. Auf einem zuvor beschriebenen, reinen und günstig beschaffenen Platz,
9.13
puṣpaprakarasaṃkīrṇe gandhadhūpādhivāsite |
tatra maṇḍalamālikhya pūrvoktairvarṇakaiḥ śubhaiḥ || 9.13 ||
mit ausgestreuten Blumen und von Düften und Räucherwerk durchzogen, zeichne man mit den zuvor genannten günstigen Farben ein Maṇḍala.
9.14
ekahastaṃ dvihastaṃ vā caturhastāṣṭahastakam |
susūtritaṃ samaṃ kṛtvā caturasraṃ samantataḥ || 9.14 ||
Es messe eine, zwei, vier oder acht Ellen; mit sorgfältig gespannten Messschnüren mache man es ebenmäßig und nach allen Seiten quadratisch.
9.15
pūrvavatsādhayitvā tu digbhāgāṃstu varānane |
caturdvārasamopetam aṣṭapatraṃ sakarṇikam |
madhye padmaṃ samālikhya kesarairupalakṣitam || 9.15 ||
Die Richtungen bestimme man wie zuvor, Schönangesichtige. Man versehe es mit vier Toren und zeichne in seiner Mitte einen achtblättrigen Lotus mit Fruchtboden und Staubfäden.
9.16
dvātriṃśadakṣaraṃ bāhye cakramālikhya śobhanam |
evaṃ susūtritaṃ kṛtvā bāhye caiva tu vartulam || 9.16 ||
Außen zeichne man ein schönes Rad mit zweiunddreißig Silben. Nach dieser sorgfältigen Vermessung lege man außen eine Kreisform an.
9.17
caturasraṃ tadāsannaṃ bāhye vīthiṃ prakalpayet |
madhyapadmapramāṇena dvāraṃ kalpyeta pūrvavat || 9.17 ||
Unmittelbar daran schließe sich ein Quadrat an; außen gestalte man einen Umgang. Das Tor soll wie zuvor entsprechend dem Maß des mittleren Lotus angelegt werden.
9.18
bhasmoddhūlitadehastu mudrālaṅkārabhūṣitaḥ |
keśayajñopavītī ca digvāsāḥ saṃyatendriyaḥ || 9.18 ||
Mit aschebestäubtem Körper, mit rituellen Schmuckzeichen geschmückt, einer heiligen Schnur aus Haaren, unbekleidet und mit gezügelten Sinnen,
9.19
śaṅkhārghapātrahastastu sakalīkṛtavigrahaḥ |
parito 'straṃ pravinyasya bhairavaṃ pūjayetpriye || 9.19 ||
mit Muschel und Gefäß für die Begrüßungsgabe in der Hand und mit den Mantragliedern ausgestattet, ordne man ringsum den Waffenmantra an und verehre Bhairava, Geliebte.
9.20
praṇavāsanasaṃsthaṃ tu mūrtiṃ haṃsākṣareṇa tu |
tameva sakalaṃ devaṃ svacchandaṃ parameśvaram || 9.20 ||
Auf dem Praṇava-Sitz [stelle man] mittels der Silbe Haṃsa seine Gestalt her: den gegliederten Gott Svacchanda, den höchsten Herrn.
9.21
yattatparamanirbhāsam anāmayamarūpakam |
tena cāvāhayeddevi hṛcchiraśca śikhāṃ tathā || 9.21 ||
Mit jenem höchsten, unversehrten und formlosen Aufleuchten rufe man ihn herbei, Göttin; Herz, Haupt und Haarspitze,
9.22
varma netre tathāstraṃ ca tenaiva parikalpayet |
sthāpanaṃ saṃnidhānaṃ ca nirodhārdhādipūjanam || 9.22 ||
Schutzpanzer, Augen und Waffe bilde man ebenfalls damit. Aufstellung, Vergegenwärtigung, Festhaltung, Begrüßungsgabe und weitere Verehrung
9.23
sarvaṃ tenaiva kartavyam uktānuktaṃ varānane |
madhyasthaṃ bhairavaṃ pūjyam aṅgaṣaṭkasamanvitam || 9.23 ||
sind sämtlich damit zu vollziehen, das Genannte und das Ungenannte, Schönangesichtige. In der Mitte ist Bhairava zusammen mit seinen sechs Gliedern zu verehren.
9.24
tataḥ patrasthitā devīr dvātriṃśārṇairniveśayet |
pūrvārakātsamārabhya yāvadante vyavasthitāḥ || 9.24 ||
Dann setze man mit den zweiunddreißig Silben die Göttinnen auf die Blätter, beginnend mit der östlichen Speiche bis zur letzten.
9.25
tāsāṃ nāmāni vakṣyāmi dvatriṃśatparisaṃkhyayā |
aruṇā ghoṣā devī ca revatī bhogadāyikā || 9.25 ||
Ich nenne ihre Namen, zweiunddreißig an der Zahl: Aruṇā, die Göttin Ghoṣā, Revatī und Bhogadāyikā,
9.26
sthāpanī ghorasaṃjñā ca rakṣā bhārabhareti ca |
ghorarūpā ravā ghoṇā ratistārātha rūpiṇī || 9.26 ||
Sthāpanī, die Ghora Genannte, Rakṣā, Bhārabharā, Ghorarūpā, Ravā, Ghoṇā, Rati, Tārā und Rūpiṇī,
9.27
bhayahānistu caṇḍā vai sarvadā ca tathā varā |
takṣakī ca tathā śārvī barbarā sarvagā tathā || 9.27 ||
Bhayahāni, Caṇḍā, Sarvadā, Varā, Takṣakī, Śārvī, Barbarā und Sarvagā,
9.28
raudrī ca bhrāmaṇī caiva nāginī ca manoharā |
stambhanī roṣaṇī caiva drāvā rudrā praśāsinī || 9.28 ||
Raudrī, Bhrāmaṇī, Nāginī, Manoharā, Stambhanī, Roṣaṇī, Drāvā, Rudrā und Praśāsinī.
9.29
bhayāpahāriṇī devī jñeyā dvātriṃśa tatkramāt |
praṇavādistato varṇo devīnāma natistathā || 9.29 ||
Als zweiunddreißigste ist der Reihe nach die Göttin Bhayāpahāriṇī zu verstehen. Praṇava am Anfang, dann der jeweilige Laut, der Göttinnenname und die Verneigungsformel:
9.30
sarvāsāṃ tu vidhirhyeṣa kartavyo vidhivedinā |
hemābhaṃ prākcatuṣkaṃ tad indracāpasamaprabham || 9.30 ||
Diese Vorschrift soll der Ritualkundige bei allen anwenden. Die östliche Vierergruppe stelle er sich goldfarben vor, strahlend wie ein Regenbogen,
9.31
caturmukhaṃ caturbāhu vajrahastaṃ sugarvitam |
kapālamālābharaṇaṃ prahasattu vicintayet || 9.31 ||
viergesichtig, vierarmig, mit einem Vajra in der Hand, voll stolzer Kraft, mit Schädelgirlanden geschmückt und lachend.
9.32
āgneyaṃ raktavarṇābhaṃ śaktihastaṃ sadā smaret |
daṇḍahastaṃ smaredyāmyāṃ kṛṣṇavarṇaṃ subhīṣaṇam || 9.32 ||
Die südöstliche Gruppe stelle man sich stets rot und mit einem Speer vor; die südliche schwarz, sehr furchterregend und mit einem Stab in der Hand.
9.33
nīlamindīvarābhāsaṃ nairṛtaṃ khaḍgahastakam |
śyāmaṃ vāruṇadigbhāge pāśahastaṃ vicintayet || 9.33 ||
Die südwestliche ist blau wie eine blaue Wasserlilie und hält ein Schwert. Im Westen stelle man sie sich dunkel und mit einer Schlinge vor.
9.34
dhūmraṃ sāmīradigbhāge dhvajahastaṃ sucañcalam |
uttaraṃ dhavalaṃ jñeyaṃ gadākheṭakadhāri ca || 9.34 ||
Im Nordwesten ist sie rauchfarben, trägt eine Fahne und ist sehr beweglich. Die nördliche ist als weiß zu verstehen und trägt Keule und Schild.
9.35
sphaṭikābhaṃ tathaiśānyāṃ triśūlāyudhapāṇikam |
evaṃ dhyānaparo yastu cakrametatsadābhyaset || 9.35 ||
Im Nordosten ist sie kristallgleich und trägt einen Dreizack als Waffe. Wer sich so der Meditation widmet und dieses Rad beständig übt,
9.36
vatsarārdhādvarārohe tasya siddhistridhā bhavet |
mahendre malaye sahye pāriyātre 'rbude tathā || 9.36 ||
dem soll nach einem halben Jahr dreifache Vollendung zuteilwerden, Schönhüftige. Auf Mahendra, Malaya, Sahya, Pāriyātra und Arbuda,
9.37
vindhye śrīparvate caiva tathā kolagirau priye |
gaṅgāyamunāsaṃbādhe kurukṣetre varānane || 9.37 ||
auf Vindhya, Śrīparvata und Kolagiri, Geliebte, im Gebiet zwischen Gaṅgā und Yamunā, in Kurukṣetra, Schönangesichtige,
9.38
gaṅgādvāre prayoge ca brahmāvarte samāsthitaḥ |
antarvedyāṃ supuṇyāyāṃ narmadāyāṃ tathaiva ca || 9.38 ||
in Gaṅgādvāra, Prayāga [Vorlage prayoge], Brahmāvarta, im sehr heiligen Antarvedī und ebenso an der Narmadā,
9.39
susnigdhadeśe bhūbhāge padmaṣaṇḍairmanorame |
yeṣu yeṣu pradeśeṣu svayaṃbhūrbhagavāñchivaḥ || 9.39 ||
auf einem wohlbewässerten, von Lotusgruppen bezaubernden Landstück oder an den Orten, an denen der erhabene Śiva selbsterschienen ist,
9.40
teṣu sthāneṣu deveśi niyamastho jitendriyaḥ |
vāṅniruddhaḥ prasannātmā lakṣākṣarajape rataḥ || 9.40 ||
an solchen Orten soll [der Übende] Regeln einhalten, die Sinne beherrschen, schweigen, heiteren Sinnes sein und den Mantra je hunderttausendmal für jeden seiner Laute rezitieren [nach Kṣemarāja insgesamt 3,2 Millionen Wiederholungen].
9.41
śākabhakṣaḥ phalāhārī nīvārādyaśane rātaḥ |
trikālapūjānirato 'thāgnikāryaparāyaṇaḥ || 9.41 ||
Er esse Gemüse und Früchte sowie wilden Reis und ähnliche Nahrung, widme sich der dreimal täglichen Verehrung und der Handlung am Feuer.
9.42
bhāvitātmā mahāsattvo rakṣāyāśca vidhānavīt |
tasya mantraḥ prasiddhyettu sādhayetsacarācaram || 9.42 ||
Wenn er innerlich durchdrungen, von großer Standhaftigkeit und im Schutzverfahren kundig ist, soll sein Mantra gelingen, und er soll das Bewegliche und Unbewegliche meistern.
9.43
kālāgnirnarakāścaiva pātālā hāṭakeśvaraḥ |
saptalokaṃ sabrahmāṇḍaṃ pañcāṣṭakamataḥ param || 9.43 ||
Das Zeitfeuer, die Höllen, Unterwelten und Hāṭakeśvara, die sieben Welten mitsamt dem Weltei, darüber die fünf Achtergruppen,
9.44
devayonyaṣṭakaṃ caiva pradhānapuruṣāntakam |
niyatiḥ kālatattvaṃ ca rāgo vidyā kalā tathā || 9.44 ||
die acht göttlichen Geburtsklassen, die Bereiche bis zu Pradhāna und Puruṣa, Niyati, das Zeitprinzip, Rāga, Vidyā und Kalā,
9.45
māyā vidyeśvaraṃ tattvaṃ sādākhyaṃ śaktigocaram |
sarvaṃ siddhyatyanāyāsān mantrarājaprabbhāvataḥ || 9.45 ||
Māyā, die Prinzipien Vidyā und Īśvara, die Sādākhya genannte Stufe [Sadāśiva] und der Bereich der Śakti: All dies werde mühelos durch die Macht des Königs der Mantras gemeistert.
9.46
pūrvoktaṃ karma vai kṣipram adhamaṃ madhyamottamam |
sādhayennātra saṃdeho bhairavasya vaco yathā || 9.46 ||
Die zuvor genannten niederen, mittleren und höchsten Handlungen soll man rasch vollenden; daran bestehe kein Zweifel, wie Bhairavas Wort besagt.
9.47
athaikavīramāśritya aṅgaṣaṭkasamanvitam |
jātiyogayutaṃ kṛtvā aṣṭapatre kuśeśaye || 9.47 ||
Oder man nehme den Einzelhelden, versehen mit seinen sechs Gliedern, und verbinde ihn mit der entsprechenden Abschlussformel. Auf einem achtblättrigen Lotus
9.48
pūjayetpūrvavidhinā japahomārcane rataḥ |
dhyāyanneva mahādevi svacchandaṃ parameśvaram || 9.48 ||
verehre man ihn nach der früheren Vorschrift, der Rezitation, dem Feueropfer und der Anbetung zugewandt. Allein durch Meditation über Svacchanda, den höchsten Herrn, große Göttin,
9.49
prāpnoti cintitānkāmān devi nāstyatra saṃśayaḥ |
atha rakṣāvidhāneṣu aghoraṃ yojayedyathā || 9.49 ||
erlangt man die gewünschten Gegenstände; daran besteht kein Zweifel, Göttin. Nun [erkläre ich], wie Aghora bei Schutzverfahren anzuwenden ist.
9.50
tathāhaṃ kathayiṣyāmi tadekāgramanāḥ śṛṇu |
dvātriṃśadarasaṃyuktaṃ cakramālikhya bhāmini || 9.50 ||
Das werde ich darlegen; höre mit gesammeltem Geist. Man zeichne ein Rad mit zweiunddreißig Speichen, du Strahlende,
9.51
nābhikesarasaṃyuktaṃ susamaṃ tu varānane |
gorocanāṃ tu saṃgṛhya siddhālaktakasaṃyutām || 9.51 ||
mit Nabe und Staubfäden, völlig ebenmäßig, Schönangesichtige. Man nehme Gorocanā, verbunden mit zubereitetem rotem Lack.
9.52
dūrvākāṇḍena deveśi haritena samālikhet |
vidyārājaṃ karṇikāsthaṃ bindunādasamanvitam || 9.52 ||
Mit einem grünen Dūrvā-Stängel zeichne man, Herrin der Götter, den König der Vidyās in den Fruchtboden, verbunden mit Bindu und Nāda,
9.53
śaktyavasānaṃ deveśi tasminsādhyaṃ samālikhet |
kaṣamadhye varārohe nayanādyantarodhitam || 9.53 ||
bis zur Śakti reichend. Darin zeichne man die betreffende Person [ihren Namen], zwischen ka und ṣa innerhalb des Schriftzeichens kṣa, an Anfang und Ende mit dem Augenmantra umschlossen.
9.54
īkāraveṣṭitaṃ kṛtvā arakasthā niveśayet |
pūrvoktadevatā devi tadgarbhe sādhyamālikhet || 9.54 ||
Man umgebe dies mit ī und setze auf die Speichen die zuvor genannten Gottheiten, Göttin; in ihr Inneres schreibe man den Namen der betreffenden Person.
9.55
bhavagarbhe tu tatkṛtvā īkārākhyena veṣṭayet |
trīnvārāṃstu varārohe dhyānayogasamāśritaḥ || 9.55 ||
Nachdem man es in das Innere Bhavas eingesetzt hat, umgebe man es dreimal mit dem ī genannten Laut, Schönhüftige, in meditativer Sammlung.
9.56
ūrdhve caiva tu saṃrodhya kroṃkāreṇa varānane |
indunācchuritaṃ kṛtvā puṣpadhūpaiḥ prapūjayet || 9.56 ||
Oben schließe man es mit kroṃ ab, Schönangesichtige. Mit dem Mondzeichen versehen, verehre man es mit Blumen und Räucherwerk.
9.57
veṣṭayeccaiva tadbhūrjam arandhraṃ nirvraṇaṃ samam |
pañcaraṅgakasūtreṇa veṣṭayitvā varānane || 9.57 ||
Dann falte man die Birkenrinde zusammen, die keine Löcher oder Schäden aufweisen und eben sein soll, und umwickle sie mit einem fünffarbigen Faden.
9.58
sikthena muṭayetpaścāt kṣaudramadhye nidhāpayet |
yadā mṛtyuvaśāghrātaṃ kālena kalitaṃ priye || 9.58 ||
Anschließend versiegle man sie mit Wachs und lege sie in Honig. Wenn man erkennt, dass jemand vom Tod erfasst, von der Zeit bemessen,
9.59
ariṣṭacihnitaṃ jñātvā rakṣāmetāṃ samālikhet |
tasya mṛtyurna jāyeta ityevaṃ bhairavo 'bravīt || 9.59 ||
und mit Unheilszeichen versehen ist, soll man diesen Schutz zeichnen. Für ihn trete kein Tod ein: So sprach Bhairava.
9.60
kapālīśasya garbhe tu nāma yasya samālikhet |
bhūrjapatre varārohe rocanāyā rasena tu || 9.60 ||
Wessen Namen man im Inneren des Kapālīśa auf Birkenrinde mit dem Saft der Rocanā zeichnet, Schönhüftige,
9.61
oṃkārapuṭamadhyasthaṃ rodhitaṃ nayanākṣaraiḥ |
vauṣaḍjātiprayogeṇa tasya mṛtyurna jāyate || 9.61 ||
in einer Umhüllung aus Oṃ und mit den Augenmantra-Silben eingeschlossen, bei Anwendung der Abschlussformel vauṣaṭ, für den trete kein Tod ein.
9.62
śikhyāhvena tu deveśi sādhyanāma vidarbhayet |
analārṇamadhaścordhve sādhyārṇeṣu niyojayet || 9.62 ||
Man durchsetze den Namen der betreffenden Person mit [dem Mantra] Śikhivāhanas, Herrin der Götter; unter und über den Namensbuchstaben ordne man den Feuerlaut an.
9.63
tasya vai jāyate dāhaḥ phaṭkārādyantarodhitam |
jvalantaṃ cintayetsādhyaṃ dinānāṃ saptakaṃ yadi || 9.63 ||
Dann entstehe bei ihr Brennen. An Anfang und Ende durch phaṭ eingeschlossen, stelle man sich die betreffende Person sieben Tage lang brennend vor;
9.64
tatkṣaṇājjāyate dāho bhairavasya vaco yathā |
krodharājaniruddhaṃ tu śmaśānapaṭamadhyagam || 9.64 ||
dann entstehe augenblicklich ein Brandgefühl, wie Bhairavas Wort besagt. Mit dem Zornkönig eingeschlossen und auf einem Tuch vom Verbrennungsplatz
9.65
śmaśānādalinā lekhyaṃ viṣaraktānvitena tu |
yasya nāma varārohe huṃphaṭkāravidarbhitam || 9.65 ||
soll der Name mit Kohle vom Verbrennungsplatz, vermischt mit Gift und Blut, geschrieben werden, durchsetzt mit huṃ und phaṭ, Schönhüftige [śmaśānādali nach Kṣemarāja: Verbrennungsplatzkohle].
9.66
mārayetisamāyogāt krūrajātisamanvitam |
mriyate saptarātreṇa yo rakṣābhiḥ surakṣitaḥ || 9.66 ||
Verbunden mit „töte“ und der grausamen Abschlussformel, sterbe [die Zielperson] innerhalb von sieben Nächten, auch wenn sie durch Schutzmittel gut geschützt ist.
9.67
vikarālo mahādevi ūrdhvādhaḥ pāśasaṃsthitaḥ |
sādhyanāmnastu deveśi huṃphaṭkāravidarbhiṇaḥ || 9.67 ||
Vikarāla, große Göttin, befindet sich oberhalb, unterhalb und seitlich vom Namen der betreffenden Person, der mit huṃ und phaṭ durchsetzt ist [räumliche Deutung nach dem Kommentar; pāśa in der Vorlage bleibt auffällig].
9.68
na kṣāmayatyayatnena tasya śatrorbhayaṃ bhavet |
manmathena yutaṃ kṛtvā sādhyanāma varānane || 9.68 ||
Er duldet [den Feind] nicht: Ohne Mühe soll Furcht bei diesem Feind entstehen [Deutung von na kṣāmayati nach dem Kommentar; ungewöhnliche Verbform]. Man verbinde den Namen der betreffenden Person mit Manmatha, Schönangesichtige,
9.69
dhruvādyaṃ svāhayāntena raktadhyānasamanvitam |
amuko 'tra varārohe taddiśo 'bhimukhaḥ sthitaḥ || 9.69 ||
mit Dhruva am Anfang und svāhā am Ende, verbunden mit einer roten Visualisierung. In die betreffende Richtung gewandt, [spreche man:] „Der Genannte hier,
9.70
amukasya vaśaṃ yātu japahomau samācaret |
saptāhādvaśamāyāti iti śāstrasya niścayaḥ || 9.70 ||
möge unter die Gewalt des Genannten gelangen“, und vollziehe Rezitation und Feueropfer. Nach sieben Tagen gerate er unter dessen Gewalt: Dies ist die Feststellung der Schrift.
9.71
meghanādāvasāne tu nāma yasya samālikhet |
yakārādyantasaṃruddhaṃ mantraṃ phaḍdvitayānvitam || 9.71 ||
Wessen Namen man am Ende von Meghanāda aufschreibt, den Mantra an Anfang und Ende durch ya eingeschlossen und mit zweimal phaṭ versehen,
9.72
pretasthāne nidhāpyaitad bhairavaṃ tatra pūjayet |
akṣapuṣpairvarārohe taddiśo 'bhimukhaḥ sthitaḥ || 9.72 ||
[für den] lege man dies an einem Totenplatz nieder und verehre dort Bhairava mit Blüten des Vibhītaka-Baumes, in die betreffende Richtung gewandt.
9.73
tamuccāṭayate kṣipraṃ devi nāstyatra saṃśayaḥ |
somarājena deveśi ādimadhyāntasaṃyutam || 9.73 ||
Dies vertreibe ihn rasch, Göttin; daran bestehe kein Zweifel. Mit Somarāja an Anfang, Mitte und Ende, Herrin der Götter,
9.74
nāma yasya samālikhya vaṣaḍjātisamanvitam |
saṃnidhāpya trimadhure sthāpayetsurasundari || 9.74 ||
schreibe man den Namen der betreffenden Person auf, verbunden mit der Abschlussformel vaṣaṭ, und lege ihn in die drei süßen Stoffe, schöne Göttin.
9.75
saptarātraprayogeṇa trikālāṣṭaśatena ca |
asādhyaṃ sādhayatyāśu dhanaṃ ca vipulaṃ labhet || 9.75 ||
Durch Anwendung während sieben Nächten und jeweils 108 [Rezitationen] zu den drei Tageszeiten werde das Unerreichbare rasch erreicht und großer Reichtum gewonnen [aṣṭaśata hier in der rituellen Zählweise als 108 verstanden].
9.76
pañcāṅgena piśācasya krodharājāvasānikām |
saṃjñāṃ samuccareddevi krūrajātisamanvitām || 9.76 ||
Mit den fünf Gliedern des Piśāca spreche man den Namen, der mit dem Zornkönig endet, Göttin, versehen mit der grausamen Abschlussformel.
9.77
unmatto jāyate sādyo homena ca japena ca |
mṛtyunñjayaṃ pravakṣyāmi tamekāgramanāḥ śṛṇu || 9.77 ||
Durch Feueropfer und Rezitation werde [die Zielperson] sofort wahnsinnig. Nun erkläre ich die Überwindung des Todes; höre mit gesammeltem Geist.
9.78
bhūrjapatraṃ samādāya nīrandhraṃ nirvraṇaṃ samam |
tasminsamālikhetpadmam aṣṭapatraṃ sakarṇikam || 9.78 ||
Man nehme ein ebenes, unbeschädigtes und lochfreies Birkenrindenblatt und zeichne darauf einen achtblättrigen Lotus mit Fruchtboden.
9.79
tasminvai karṇikāmadhye sādhyanāma samālikhet |
saṃveṣṭayāṣṭau diśo devi svacchandena kṛśodari || 9.79 ||
In die Mitte des Fruchtbodens schreibe man den Namen der betreffenden Person. Umgebe ihn in den acht Richtungen mit Svacchanda, Göttin, du Schlanktaillige.
9.80
praṇavena tu saṃveṣṭya patreṣvevaṃ samālikhet |
patrāṣṭake 'pyaghorasya nāmādhastātsamālikhet || 9.80 ||
Nach der Umfassung mit Praṇava schreibe man entsprechend auf die Blätter. Auf den acht Blättern schreibe man [die Namen] Aghoras unter den Namen [Zuordnung syntaktisch unklar].
9.81
vaktavyaṃ deva saṃrakṣa śaraṇaṃ tvāmupāgatam |
ādau tryakṣaravinyāsaṃ svacchandaṃ tadanantaram || 9.81 ||
Man spreche: „Gott, schütze den, der bei dir Zuflucht gesucht hat.“ Zuerst setze man die drei Silben, unmittelbar danach Svacchanda.
9.82
janmanāma tu sādhyasya akṣarāntaritaṃ likhet |
punastryakṣaravinyāsaṃ vaṣaḍantaṃ niyojayet || 9.82 ||
Den Geburtsnamen der betreffenden Person schreibe man mit eingestreuten Silben; erneut ordne man die drei Silben an, mit vaṣaṭ am Ende.
9.83
muṭitvā sikthakenaiva kṣīramadhye tu prakṣipet |
jāyate paramā śāntiḥ punaranyannibodha me || 9.83 ||
Man versiegle es mit Wachs und lege es in Milch; daraus entstehe höchste Befriedung. Höre nun ein weiteres [Verfahren].
9.84
juṃsaḥ saṃpuṭamadhyasthaṃ praṇavobhayasaṃyutam |
nāma kṛtvā varārohe prakṣipenmadhuratraye || 9.84 ||
Man setze den Namen in eine Umhüllung aus juṃ und saḥ, auf beiden Seiten mit Praṇava versehen, Schönhüftige, und lege ihn in die drei süßen Stoffe.
9.85
parāṃ śāntimavāpnoti mṛtyurogairna bādhyate |
bhūrjapatraṃ samādāya rocanāyā varānane || 9.85 ||
Man erlange höchste Befriedung und werde von Tod und Krankheiten nicht bedrängt. Man nehme Birkenrinde und schreibe mit Rocanā, Schönangesichtige,
9.86
mātṛkāntaritaṃ nāma dūrvākāṇḍena cālikhet |
tadabhyantaragarbhe tu svarairantarītaṃ kuru || 9.86 ||
mittels eines Dūrvā-Stängels den mit den Buchstaben der Mātṛkā durchsetzten Namen. Im Inneren mache man ihn mit Vokalen durchsetzt.
9.87
punargarbhe samālikhya sādhyanāma varānane |
dhruveṇa veṣṭayetpaścād vakāreṇa tataḥ priye || 9.87 ||
Im Inneren schreibe man wiederum den Namen der betreffenden Person, Schönangesichtige; anschließend umgebe man ihn mit Dhruva, danach mit va, Geliebte.
9.88
sakāraṃ ca kṣakāraṃ ca likhecca tadanantaram |
punarveṣṭaya ṭhakāreṇa māyābījena suvrate || 9.88 ||
Darauf schreibe man sa und kṣa; erneut umgebe man es mit ṭha und dem Māyā-Bīja, du mit den guten Gelübden.
9.89
aṅkuśena niruddhyeta rakṣāṃ mṛtyuvināśinīm |
svacchandasahitāṃ devi praṇavenādiyojitām || 9.89 ||
Mit dem Haken[mantra] schließe man dieses todvernichtende Schutzmittel ein, Göttin, verbunden mit Svacchanda und mit Praṇava am Anfang,
9.90
vaṣaḍjātisamopetāṃ karpūrakṣodacarcitām |
gandhapuṣpādinā pūjya prakṣipenmadhuratraye || 9.90 ||
versehen mit der Abschlussformel vaṣaṭ und mit Kampferpulver bestreut. Nach Verehrung mit Duft, Blumen und anderem lege man es in die drei süßen Stoffe.
9.91
jāyate paramā śāntir nātra kāryā vicāraṇā |
athavā guṭikāṃ kṛtvā kaṇṭhe bāhau ca dhārayet || 9.91 ||
Es entstehe höchste Befriedung; daran sei nicht zu zweifeln. Oder man forme daraus ein Amulett und trage es an Hals oder Arm.
9.92
tasya vyādhirna jāyeta ityevaṃ bhairavo 'bravīt |
tryakṣaraṃ mūlamantraṃ ca vaṣaḍjātisamanvitam || 9.92 ||
Bei seinem Träger entstehe keine Krankheit: So sprach Bhairava. Den dreisilbigen [Augenmantra] und den Wurzelmantra, verbunden mit der Abschlussformel vaṣaṭ,
9.93
bhojanodakapāne tu mantrayitvāśnataḥ sadā |
na tasya jāyate mṛtyur bhairavasya vaco yathā || 9.93 ||
spreche man stets über Essen, Wasser und Trank, bevor man sie zu sich nimmt. Für einen solchen trete kein Tod ein, wie Bhairavas Wort besagt.
9.94
athā hinā mahādevi dūṣitaḥ sādhako yadā |
mūlamantrasamopetam aghoraṃ tatra yojayet || 9.94 ||
Wenn aber ein Übender durch eine Schlange vergiftet wurde, große Göttin, soll man dort Aghora zusammen mit dem Wurzelmantra anwenden.
9.95
ātmano bhairavaṃ rūpaṃ kṛtvā caiva sudāruṇam |
daṃṣṭrākarālavikaṭaṃ jvālāmālopaśobhitam || 9.95 ||
Man gebe sich selbst die überaus schreckliche Gestalt Bhairavas, mit furchtbaren Hauern und einer Flammengirlande geschmückt,
9.96
sarpairlalallambamānaiḥ khaḍgahastaṃ subhīṣaṇam |
pūrvarūpasamopetaṃ sūryakoṭisamaprabham || 9.96 ||
mit sich bewegenden, herabhängenden Schlangen, das Schwert in der Hand, überaus furchterregend, von der zuvor beschriebenen Gestalt und strahlend wie Millionen Sonnen.
9.97
tenākrāntaṃ mahādevi daṣṭakaṃ tu vicintayet |
tajjvālābhiḥ sudīptābhir dagdhaṃ saṃcintayedviṣam || 9.97 ||
Man stelle sich vor, wie der Gebissene davon durchdrungen wird, große Göttin, und wie die hell lodernden Flammen das Gift verbrennen.
9.98
tatkṣaṇāddevadeveśi nirviṣaḥ sa tu jāyate |
graheṣvevaṃ vidhaṃ dhyānaṃ yaḥ kuryānmocayetkṣaṇāt || 9.98 ||
Augenblicklich werde er giftfrei, Herrin der Götter. Wer eine solche Meditation bei Besessenheit vollzieht, soll [den Betroffenen] sofort befreien.
9.99
atha dhyāne hyakuśalo yadā kaścinnaro bhavet |
tadāgadairmahādevi nirviṣaṃ kurute kṣaṇāt || 9.99 ||
Wenn aber jemand in der Meditation ungeübt ist, große Göttin, soll er durch Gegengifte augenblicklich Giftfreiheit herstellen [historische Heilaussage des Textes].
9.100
kumāridvitayaṃ gṛhya nāginyā tu sahaikataḥ |
gokarṇikāsitaṃ mūlaṃ somāhvāmūlasaṃyutam || 9.100 ||
Man nehme die beiden Arten der Kumārī zusammen mit Nāginī; ferner die weiße Wurzel von Gokarṇikā zusammen mit der Wurzel der Somā genannten [Pflanze. Kṣemarāja unterscheidet zwei Rezepturen; botanische Identitäten nicht durchgehend gesichert].
9.101
āmagokṣīrasaṃpiṣṭaṃ bhakṣayennirviṣo bhavet |
gonimbasya ca mūlena nirviṣatvaṃ prajāyate || 9.101 ||
Mit roher Kuhmilch zermahlen und eingenommen, solle dies giftfrei machen. Auch durch die Wurzel von Gonimba soll Giftfreiheit entstehen.
9.102
aśvamārasya mūlaṃ tu udakena tu peṣayet |
pāne nasye pradātavyaṃ tadā bhavati nirviṣaḥ || 9.102 ||
Die Wurzel von Aśvamāra soll mit Wasser zermahlen und als Trank oder durch die Nase verabreicht werden; dadurch werde man giftfrei [ungeprüfte und potenziell gefährliche historische Vorschrift].
9.103
āragvadhasya mūlaṃ tu udakena ca peṣayet |
pāne nasye pradātavyaṃ tadā bhavati nirviṣaḥ || 9.103 ||
Die Wurzel von Āragvadha soll mit Wasser zermahlen und als Trank oder durch die Nase verabreicht werden; dadurch werde man giftfrei.
9.104
madhukasya tu sāraṃ yan nasye pāne prayojayet |
nirviṣastu prajāyeta bhairavasya vaco yathā || 9.104 ||
Die innere Substanz von Madhuka soll durch die Nase oder als Trank angewandt werden; dadurch werde man giftfrei, wie Bhairavas Wort besagt [sāra nach Kṣemarāja der innere Teil; die Identifizierung von Madhuka ist auch im Kommentar nicht einheitlich].
9.105
jambulāsikamūlaṃ tu pāne nasye prayojayet |
nirviṣastu bhaveddevi nātra kāryā vicāraṇā || 9.105 ||
Die Wurzel von Jambulāsika soll als Trank oder durch die Nase angewandt werden; dadurch werde man giftfrei, Göttin, daran sei nicht zu zweifeln.
9.106
ṣaḍbindupaṭakharjūrasūkṣmacūrṇaṃ tu kārayet |
mayūrapittasaṃyuktaṃ guṭikāṃ kārayetpriye || 9.106 ||
Aus Ṣaḍbindu und Paṭakharjūra soll man ein feines Pulver herstellen und es mit Pfauengalle zu einer Amulettkugel formen, Geliebte [Kṣemarāja bezeichnet Ṣaḍbindu als Tierart und Paṭakharjūra als Hundertfüßer; keine sichere Artbestimmung].
9.107
trilohaveṣṭitāṃ kṛtvā kare kaṇṭhe nidhāpayet |
na viṣaṃ kramate tasya yaśca daṣṭo mahoragaiḥ || 9.107 ||
Mit drei Metallen umhüllt, soll man es an Hand oder Hals anbringen. Das Gift dringe bei dessen Träger nicht vor, selbst wenn er von großen Schlangen gebissen wurde.
9.108
agadānghṛtasaṃyuktān pibedvai viṣadūṣitaḥ |
na viṣaṃ kramate tasya iti śāstrasya niścayaḥ || 9.108 ||
Der Vergiftete soll die mit Ghee verbundenen Gegengifte trinken. Das Gift dringe bei ihm nicht vor: Dies ist die Feststellung der Schrift.
9.109
evamanye 'pi ye yogāḥ svacchandena vinirmitāḥ |
kālāgnirnarakāścaiva pātālā hāṭakeśvaraḥ || 9.109 ||
Ebenso [verhält es sich mit] den anderen Anwendungen, die Svacchanda geschaffen hat. Das Zeitfeuer, die Höllen, die Unterwelten und Hāṭakeśvara [die zweite Vershälfte wiederholt 9.43 und steht auch im KSTS-Druck an dieser auffälligen Stelle; sie gehört thematisch zur Kosmologie des folgenden Kapitels].
9.110
[pradadyādbhāvitātmā ca siddhyante nātra saṃśayaḥ |
svacchandeneti sarvaṃ hi parameśvareṇa pravartitam] || 9.110 ||
[Innerlich durchdrungen soll man sie verabreichen; sie gelingen, daran besteht kein Zweifel. „Von Svacchanda“ bedeutet: Denn alles wurde vom höchsten Herrn in Gang gesetzt.] Der gesamte Eintrag steht in der Sanskritvorlage in eckigen Klammern. Im KSTS-Druck bildet der erste Satz einen unnummerierten Vershalbvers; der zweite Satz ist bereits Kṣemarājas Prosaerklärung.
Kapitel 10
10.1
adhvāyaṃ tu mahādeva sūcito na tu varṇitaḥ |
kathayasva prasādena sādhakānāṃ hitāya tam || 10.1 ||
Dieser Wirklichkeitsweg ist angedeutet, aber noch nicht beschrieben worden, großer Gott. Erkläre ihn aus Gnade zum Nutzen der Übenden.
10.2
adhvānaṃ saṃpravakṣyāmi sādhakānāṃ hitāya vai |
atha kālāgnirudrādhaḥ kaṭāhaḥ saṃvyavasthitaḥ || 10.2 ||
Ich werde den Wirklichkeitsweg zum Nutzen der Übenden darlegen. Unterhalb Kālāgnirudras befindet sich die [kosmische] Schale.
10.3
koṭiyojanabāhulyaḥ tasyordhve bhuvanāni tu |
navanavatikoṭyaścāpy aṇḍānāṃ tu sahasrakam || 10.3 ||
Ihre Dicke beträgt zehn Millionen Yojanas; darüber liegen die Welten. Neunundneunzig Koṭis und tausend Welteier,
10.4
koṭīnāṃ saptatirlakṣāṇy ayutānāṃ sahasrakam |
arbudānyatha vṛndāni kharvāṇi ca tathaiva ca || 10.4 ||
siebzig Koṭis, Lakṣas, tausend Ayutas, Arbudas, Vṛndas und Kharvas,
10.5
padmāni cāpyasaṃkhyānīty evamādīnyanekaśaḥ |
teṣāṃ vai nāyako hyatra tv anantaḥ parameśvaraḥ || 10.5 ||
Padmas und unzählige weitere [große Zahlenordnungen werden genannt; der genaue Zahlenanschluss ist unklar]. Ihr Herrscher ist hier Ananta, der höchste Herr.
10.6
tena śuddhena śuddhāni tv aṇḍānyatrohakaiḥ saha |
śaktyādhārāśrayaireva dvātriṃśatparisaṃkhyayā || 10.6 ||
Wenn er gereinigt ist, sind auch die Welteier gereinigt, mitsamt den tragenden [Kräften], zweiunddreißig an der Zahl, die auf Śakti als Grundlage ruhen [Lesung atrohakaiḥ unklar].
10.7
koṭikoṭiparīvārās tv anaupamyaguṇānvitāḥ |
divyāṅgānaughasaṃkīrṇā bhrūbhaṅgalalitekṣaṇaiḥ || 10.7 ||
Ihre Gefolgschaften zählen Koṭis über Koṭis; sie sind mit unvergleichlichen Eigenschaften versehen und erfüllt von Scharen göttlicher Frauen mit spielerischen Blicken und bewegten Brauen.
10.8
sūryāyutapratīkāśās toraṇāṭṭālamaṇḍitāḥ |
na tatra diḥkhitaḥ kaścin muktvā diḥkhamanaṅgajam || 10.8 ||
Sie strahlen wie zehntausend Sonnen und sind mit Torbögen und Türmen geschmückt. Dort ist niemand unglücklich, außer durch den Schmerz des Liebesgottes.
10.9
ramante tatra vai vīrā nārībhiḥ saha līlayā |
bhuvaneṣu vicitreṣu yonyākāreṣu saṃsthitāḥ || 10.9 ||
Dort vergnügen sich die Helden spielerisch mit Frauen und wohnen in vielfältigen, yoniartig gestalteten Welten.
10.10
bhuvanānyevamuktāni bhuvanāntaravāsinām |
sarvāṇi śuddhimāyānti tānyanante viśodhite || 10.10 ||
So sind die Welten ihrer Bewohner beschrieben. Sie alle werden gereinigt, wenn Ananta gereinigt ist.
10.11
athopariṣṭātkālāgniḥ śrīkaṇṭhena niveśitaḥ |
adhikāraṃ prakurute tadājñānuvidhāyakaḥ || 10.11 ||
Darüber ist Kālāgni von Śrīkaṇṭha eingesetzt worden. Er versieht sein Amt und folgt dessen Befehl.
10.12
anekarudrakoṭībhir upetastiṣṭhati priye |
adhunā saṃpravakṣyāmi pramāṇaṃ śivanirmitam || 10.12 ||
Er verweilt dort umgeben von vielen Millionen Rudras, Geliebte. Nun erkläre ich das von Śiva geschaffene Maß.
10.13
yojanānāṃ varārohe yathā bhavati tacchṛṇu |
avyaktāddaśabhirbhāgair mahānsthūlo vibhāvyate || 10.13 ||
Höre, Schönhüftige, wie sich das Maß der Yojanas ergibt. Gegenüber dem Unmanifesten wird Mahat als zehnmal gröber vorgestellt.
10.14
dvipañcabhāgo mahato bhūtādiḥ sthūla ucyate |
bhūtādeḥ parimāṇaṃ ca bhāvagrāhyaṃ na cākṣuṣam || 10.14 ||
Bhūtādi gilt als gegenüber Mahat zehnfach gröber. Das Maß Bhūtādis ist nur gedanklich, nicht mit den Augen erfassbar.
10.15
bhūtāderyaddaśaguṇam aṇīyo dṛśyate rajaḥ |
jālāntaragate bhānau paramāṇuḥ sa ucyate || 10.15 ||
Der winzige Staub, der gegenüber Bhūtādi zehnmal gröber ist und im durch ein Fenster einfallenden Sonnenlicht sichtbar wird, heißt Paramāṇu [Deutung des Größenverhältnisses nach Kṣemarāja].
10.16
aṣṭānāṃ paramāṇūnāṃ samavāyastu yo bhavet |
trasareṇuḥ sa vikhyātaḥ tatpadmaraja ucyate || 10.16 ||
Die Verbindung von acht Paramāṇus heißt Trasareṇu; dies wird auch Lotusstaub genannt.
10.17
trasareṇavaśca yetvaṣṭau vālāgraṃ tu vidhīyate |
vālāgrāṇi tathātvaṣṭau likṣeti parikīrtitā || 10.17 ||
Acht Trasareṇus bilden eine Haarspitze; acht Haarspitzen wiederum heißen ein Nissenei.
10.18
likṣāścāṣṭau viduryūkāṃ yūkāścāṣṭau yavo bhavet |
aṣṭau yavā varārohe parvāṅguṣṭhamathāṅgulam || 10.18 ||
Acht Nisseneier gelten als eine Laus; acht Läuse ergeben ein Gerstenkorn. Acht Gerstenkörner entsprechen einem Daumenglied beziehungsweise einer Fingerbreite, Schönhüftige.
10.19
dvādaśāṅgulamānena vitastistāla ucyate |
tāladvayaṃ bhaveddhastaś caturviṃśatikāṅgulaḥ || 10.19 ||
Zwölf Fingerbreiten heißen eine Spanne oder Tāla. Zwei Tālas ergeben eine Elle, also vierundzwanzig Fingerbreiten.
10.20
caturhasto dhanurdaṇḍo nālikā yūpa eva ca |
dhanuḥ sahasre dve pūrṇe krośaḥ samabhidhīyate || 10.20 ||
Vier Ellen heißen Bogen, Stab, Nālikā oder Opferpfosten. Zweitausend vollständige Bogenlängen heißen ein Krośa.
10.21
krośadvayena gavyūtir gavyūtī dve tu yojanam |
anena parimāṇena yojanānāṃ yaśasvini || 10.21 ||
Zwei Krośas ergeben eine Gavyūti, zwei Gavyūtis ein Yojana. Nach diesem Maß der Yojanas, Ruhmreiche,
10.22
siṃhāsanaṃ mahādīptaṃ sahasradvayavistṛtam |
sahasramucchritaṃ tasya mahāpīṭheṣu suvrate || 10.22 ||
ist [Kālāgnis] prächtig strahlender Thron zweitausend breit und tausend hoch, auf seinen großen Sockeln, du mit den guten Gelübden.
10.23
tiṣṭhate tatra deveśaḥ kālo dvādaśalocanaḥ |
sitaraktapītakṛṣṇaś caturvaktro mahābalaḥ || 10.23 ||
Dort sitzt der Herr der Götter als Kāla mit zwölf Augen, vier Gesichtern in Weiß, Rot, Gelb und Schwarz und großer Stärke.
10.24
raktāṅgo 'tha karālaśca piṅgabhrūśmaśrulocanaḥ |
vaktrajvālā jaṭājvālā lomajvālāḥ sujājvalāḥ || 10.24 ||
Sein Leib ist rot und furchtbar, Brauen, Bart und Augen sind gelbbraun. Hell lodern die Flammen seines Mundes, seiner Haarflechten und seiner Körperhaare.
10.25
jvalantyasyāyudhajvālāḥ sutīvrāḥ karamadhyagāḥ |
jvalatparvatavaddīpto jvalajjvālābhirājitaḥ || 10.25 ||
Heftig brennen die Flammen der Waffen in seinen Händen. Er leuchtet wie ein brennender Berg, von lodernden Flammen umgeben.
10.26
daśabāhurmahātmā vai khaḍgakheṭakadhārakaḥ |
śaraśārṅgavihastaśca pāśāṅkuśadharastathā || 10.26 ||
Der Großmächtige hat zehn Arme und trägt Schwert und Schild, Pfeil und Bogen sowie Schlinge und Elefantenhaken,
10.27
kapālakhaṭvāṅgadharo varadābhayapāṇibhṛt |
daśayojanalakṣāṇi śarīraṃ bhāti bhāsvaram || 10.27 ||
Schädelschale und Khaṭvāṅga-Stab; seine Hände zeigen Gewährung und Furchtlosigkeit. Sein strahlender Körper misst eine Million Yojanas.
10.28
koṭiyojanamānena bhuvanaṃ cāsya jājvalam |
saṃbhṛtaṃ rudrakanyābhī rudrairjvalitaśūlibhiḥ || 10.28 ||
Seine lodernde Welt misst zehn Millionen Yojanas und ist erfüllt von Rudra-Mädchen und Rudras mit flammenden Dreizacken.
10.29
nānārūpavimānaiśca prajvaladbhiḥ samāvṛtam |
jvālāstasya viniṣkrāntāḥ koṭayo daśacordhvataḥ || 10.29 ||
Sie ist von verschieden gestalteten, lodernden Himmelswagen umgeben. Seine Flammen ragen hundert Millionen [Yojanas] empor.
10.30
tasyopariṣṭāddeveśi pañcakoṭyo varānane |
na kaścinnavasatyatra dhūmoṣmaparivāritaḥ || 10.30 ||
Darüber liegen fünfzig Millionen [Yojanas], Herrin der Götter, Schönangesichtige. Dort wohnt niemand; der Bereich ist von Rauch und Hitze umgeben.
10.31
ataḥ paraṃ varārohe narakāḥ parikīrtitāḥ |
pañcāśatkoṭayo devi kathitāhyanupūrvaśaḥ || 10.31 ||
Darauf folgen die Höllen, Schönhüftige. Fünfhundert Millionen werden der Reihe nach genannt, Göttin.
10.32
pradhānaṃ saṃpravakṣyāmi śataṃ tatra varānane |
catvāriṃśatsamopetaṃ kathitaṃ nāmataḥ śṛṇu || 10.32 ||
Von ihnen werde ich die hundertvierzig wichtigsten erklären, Schönangesichtige. Höre sie bei ihren Namen.
10.33
avīcī rauravaścaiva mahāraurava eva ca |
tāmisraścāndhatāmisraḥ saṃjīvanasujīvanau || 10.33 ||
Avīci, Raurava, Mahāraurava, Tāmisra, Andhatāmisra, Saṃjīvana und Sujīvana;
10.34
padmaścaiva mahāpadmaḥ kālasūtrastathaiva ca |
sūcīmukhaḥ mahākāyaḥ kṣuradhāro 'siparvataḥ || 10.34 ||
Padma, Mahāpadma, Kālasūtra, Sūcīmukha, Mahākāya, Kṣuradhāra und Asiparvata;
10.35
asistālo drumaścaiva drumamastaka eva ca |
drumārāmaśca vikhyātaḥ kumbhīpākastathaiva ca || 10.35 ||
Asistāla, Druma, Drumamastaka, der bekannte Drumārāma und Kumbhīpāka;
10.36
ambareṣo 'ṅgārarāśiḥ tīkṣṇatuṇḍastathaiva ca |
vajratuṇḍaśca śakuniḥ mīnodarakharodarau || 10.36 ||
Ambareṣa, Aṅgārarāśi, Tīkṣṇatuṇḍa, Vajratuṇḍa, Śakuni, Mīnodara und Kharodara;
10.37
sandaṃśaḥ vajrakāyaśca medakaśca varānane |
uṣṭragrīvo mahākāyo vetālo vaḍavāmukhaḥ || 10.37 ||
Sandaṃśa, Vajrakāya, Medaka, Schönangesichtige, Uṣṭragrīva, Mahākāya, Vetāla und Vaḍavāmukha;
10.38
asṛkpūyahradaścaiva bhramaro maṣakastathā |
saṃgrahaśca kapālaśca taptakavaca eva ca || 10.38 ||
Asṛkpūyahrada, Bhramara, Maṣaka, Saṃgraha, Kapāla und Taptakavaca;
10.39
gajapādo mahāvaktraḥ kūrmākhyonakulastathā |
pīḍanaścaivakumbhīraḥ krakacaḥ śūlameva ca || 10.39 ||
Gajapāda, Mahāvaktra, der Kūrma Genannte, Nakula, Pīḍana, Kumbhīra, Krakaca und Śūla;
10.40
anaṅgaścāṅgārodgāraḥ pradīptastrimukhastathā |
pañcavaktraḥ śatāsyaśca jalauko biladhūmakaḥ || 10.40 ||
Anaṅga, Aṅgārodgāra, Pradīpta, Trimukha, Pañcavaktra, Śatāsya, Jalauka und Biladhūmaka;
10.41
sutapto jatupaṅkaśca ghorarūpo 'tidāruṇaḥ |
asthibhaṅgaḥ pūtimāṃsaḥ dravyaścaiva tvamedhyakaḥ || 10.41 ||
Sutapta, Jatupaṅka, Ghorarūpa, Atidāruṇa, Asthibhaṅga, Pūtimāṃsa, Dravya und Amedhyaka;
10.42
ulūkaḥ paraśurdaṇḍaḥ kākākhyaśca tathaiva ca |
socchvāsaśca nirucchvāsaḥ vṛkāsyaśca tathaiva ca || 10.42 ||
Ulūka, Paraśu, Daṇḍa, der Kāka Genannte, Socchvāsa, Nirucchvāsa und Vṛkāsya;
10.43
aśvāsyo gopalādaśca aloko dahanastathā |
śvavaktro 'tha davāgniśca kṣārakūpastathā tamaḥ || 10.43 ||
Aśvāsya, Gopalāda, Aloka, Dahana, Śvavaktra, Davāgni, Kṣārakūpa und Tamas;
10.44
ahīnāṃ nicayaścaiva taptapāṣāṇa eva ca |
virūpo rūpavāṃścaiva citrī citradharastathā || 10.44 ||
Ahīnāṃnicaya, Taptapāṣāṇa, Virūpa, Rūpavat, Citrin und Citradhara;
10.45
kṛṣṇapiṅgalaraktāsyaḥ mahiṣo rākṣasastathā |
kubjaḥ uttaptatailākhyaḥ aśanī vṛṣṭimudgarau || 10.45 ||
Kṛṣṇapiṅgalaraktāsya, Mahiṣa, Rākṣasa, Kubja, der Uttaptataila Genannte, Aśani, Vṛṣṭi und Mudgara;
10.46
musalaḥ anātapaścaiva yamalādristathaiva ca |
krimikūṭaḥ bahuśākhaḥ śalmaliśca phaḍistathā || 10.46 ||
Musala, Anātapa, Yamalādri, Krimikūṭa, Bahuśākha, Śalmali und Phaḍi [letzter Name unsicher];
10.47
nigaḍo loharajjuśca lohapañjara eva ca |
tanubhedaścoragaśca vṛścikaḥ kāla eva ca || 10.47 ||
Nigaḍa, Loharajju, Lohapañjara, Tanubheda, Uraga, Vṛścika und Kāla;
10.48
vajrakaṇaḥ kaṭāhaśca paṭṭaḥ saṃkula eva ca |
ghoraścājagaraścaiva mahāvaitaraṇī tathā || 10.48 ||
Vajrakaṇa, Kaṭāha, Paṭṭa, Saṃkula, Ghora, Ajagara und Mahāvaitaraṇī;
10.49
gṛddhraśca kuraraścaiva kukkuṭaśca pramardakaḥ |
kardamaḥ durduraścaiva lamboṣṭho vajranāsikaḥ || 10.49 ||
Gṛddhra, Kurara, Kukkuṭa, Pramardaka, Kardama, Durdura, Lamboṣṭha und Vajranāsika;
10.50
cipiṭaḥ khañjarīṭaśca śavalo nīla eva ca |
kākaḥ kaṅkumamukhaścaiva śivārāvastataḥ paraḥ || 10.50 ||
Cipiṭa, Khañjarīṭa, Śavala, Nīla, Kāka, Kaṅkumamukha und danach Śivārāva;
10.51
gajanādo mahānādaḥ siṃhanādastathaiva ca |
mahāgrāhastathā nakro mūṣikākīṭasāgaraḥ || 10.51 ||
Gajanāda, Mahānāda, Siṃhanāda, Mahāgrāha, Nakra und Mūṣikākīṭasāgara;
10.52
avākśirāḥ trirāvartaḥ cakrapīḍanakastathā |
trapulepastrapukūpaḥ ikṣuyantraḥ girerlatā || 10.52 ||
Avākśiras, Trirāvarta, Cakrapīḍanaka, Trapulepa, Trapukūpa, Ikṣuyantra und Girerlatā [Namenssegmentierung teilweise unsicher];
10.53
kaṭaṅkaṭaścavikhyātaḥ taptavāluka eva ca |
ete 'tighorā narakās trikoṇāḥ parikīrtitāḥ || 10.53 ||
der bekannte Kaṭaṅkaṭa und Taptavāluka. Diese überaus furchtbaren Höllen werden als dreieckig beschrieben.
10.54
asatkarmaratānāṃ ca prāṇināṃ pātanāya tu |
nistriṃśakarmakartṝṇāṃ śaṭhānāṃ pāpināṃ tathā || 10.54 ||
Sie dienen zum Sturz der Lebewesen, die üblen Handlungen ergeben sind, der Urheber grausamer Taten, der Betrüger und Sünder,
10.55
nirdayādhamajātīnāṃ parahiṃsāratātmanām |
paradāraratānāṃ ca śivaśāstrasya dūṣiṇām || 10.55 ||
der Erbarmungslosen und der Menschen von als niedrig geltender Geburt, die anderen Gewalt zufügen, fremde Ehepartner begehren und die Lehre Śivas verunglimpfen,
10.56
devadravyāpahartṝṇāṃ brahmaghnapitṛghātinām |
goghnānāṃ ca kṛtaghnānāṃ mitravisrambhaghātinām || 10.56 ||
der Entwender von Göttereigentum, Brahmanentöter und Vatermörder, Kuhtöter, Undankbaren und derjenigen, die das Vertrauen von Freunden verraten,
10.57
suvarṇabhūmihartṝṇāṃ śaucācāranivartinām |
dayādākṣiṇyahīnānāṃ paiśunyānṛtacetasām || 10.57 ||
der Räuber von Gold und Land, der von Reinheit und gutem Verhalten Abgewichenen, derer ohne Mitgefühl und Entgegenkommen sowie mit verleumderischem und unwahrhaftigem Sinn.
10.58
narakāstu samākhyātās tv akarmapathavartinām |
śubhakarmaratā lokā narake na patanti hi || 10.58 ||
Für die auf dem Weg verkehrter Taten Gehenden sind die Höllen erklärt. Menschen, die guten Handlungen ergeben sind, fallen dagegen nicht in die Hölle.
10.59
tatsamāsena vakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ |
satyaṃ kṣāntirahiṃsā ca śaucaṃ snānamakalkatā || 10.59 ||
Dies werde ich kurz, sachgemäß und der Reihe nach darlegen: Wahrheit, Geduld, Nichtverletzen, Reinheit, Baden und Lauterkeit,
10.60
dayālaulyaṃ ca yasyāsau narakānnādhigacchati |
śānto dāntaḥ suhṛṣṭātmā tv anahaṃkāravānsamaḥ || 10.60 ||
Mitgefühl und Freiheit von Gier: Wer sie besitzt, gelangt nicht in die Höllen. Friedvoll, beherrscht, innerlich froh, ohne Ichüberhebung und gleichmütig,
10.61
adrohī cānasūyaśca paraiśvarye ca niḥspṛhaḥ |
amātsaryamamānitvaṃ śivabhaktiracāpalam || 10.61 ||
ohne Feindseligkeit und Missgunst, ohne Verlangen nach fremder Macht; Neidlosigkeit, Bescheidenheit, Hingabe an Śiva und Unerschütterlichkeit,
10.62
japadhyānaratiḥ sthairyaṃ kārpaṇyasya ca varjanam |
vratāni niyamāścaiva svādhyāyaśca tridaṃdhyatā || 10.62 ||
Freude an Rezitation und Meditation, Beständigkeit, Vermeidung von Kleinmut, Gelübde, Regeln, eigenes Schriftstudium und die drei täglichen Andachtszeiten [Vorlage tridaṃdhyatā beschädigt],
10.63
sarvatra śraddadhānatvam ārjavaṃ hrīrmanasvitā |
tejaḥ praśāntiḥ saṃtoṣo 'priyavākyavivarjanam || 10.63 ||
allseitiges Vertrauen, Aufrichtigkeit, Schamgefühl, Geistesstärke, Ausstrahlung, Ruhe, Zufriedenheit und das Vermeiden verletzender Rede,
10.64
samīkṣyakāritā nityaṃ manohaṃkāranigrahaḥ |
adambhitvamamāyitvam akalko jñānaśīlatā || 10.64 ||
stets überlegtes Handeln, Zügelung von Geist und Ichbewusstsein, Freiheit von Heuchelei und Täuschung, Lauterkeit und Ausrichtung auf Erkenntnis,
10.65
pitṛdevārcane bhaktir gobrāhmaṇa śaraṇyatā |
agnau homo gururdānaṃ jñānināṃ paryupāsanam || 10.65 ||
Hingabe bei der Verehrung der Ahnen und Götter, Schutz für Kühe und Brahmanen, Feueropfer, Gaben an den Guru und das Aufsuchen von Wissenden [KSTS: gurordānam; Vorlage gururdānaṃ],
10.66
ekānte ca ratirdhyānam ātmanyeva ca tuṣṭatā |
avyāpāraḥ parārtheṣu audāsīnyamanāgasaḥ || 10.66 ||
Freude an der Abgeschiedenheit, Meditation und Genügen im eigenen Selbst, Nichtbegehren fremden Eigentums, Unparteilichkeit und Schuldlosigkeit,
10.67
akrodhitvamanālasyām ete dharmāḥ prakīrtitāḥ |
yastvetānbhajate bhāvān so 'mṛtatvāya kalpate || 10.67 ||
Freiheit von Zorn und Trägheit: Diese werden als Tugenden gelehrt. Wer sich ihnen widmet, wird für die Unsterblichkeit geeignet.
10.68
naśyanti pauruṣāḥ pāśā ye 'pyanantāḥ prakīrtitāḥ |
śivācāraratānāṃ tu dhārmikāṇāṃ hi dehinām || 10.68 ||
Die persönlichen Fesseln, die als unendlich beschrieben werden, vergehen bei rechtschaffenen Verkörperten, die Śivas Lebensordnung ergeben sind.
10.69
tasmādevaṃ tu vijñāya mano dharme niyojayet |
yasya cittamasaṃbhrāntaṃ nirvikalpamakalmaṣam || 10.69 ||
Darum soll man dies erkennen und den Geist auf das Rechte richten. Wessen Bewusstsein unverwirrt, frei von begrifflicher Spaltung und unbefleckt ist,
10.70
sa yāti paramāṃllokān narakāṃśca na paśyati |
yasya buddhirasaṃmūḍhā sarvabhūteṣvapātakī || 10.70 ||
der gelangt in die höchsten Welten und sieht keine Höllen. Wessen Einsicht ungetrübt ist, wer gegen kein Wesen sündigt,
10.71
akalkavānsattvavānyo narakānsa na paśyati |
jitāni yenendriyāṇi mano yasya vaśe sthitam || 10.71 ||
lauter und standhaft ist, sieht keine Höllen. Wer die Sinne besiegt hat und dessen Geist seiner Herrschaft untersteht,
10.72
tajjayena jitaṃ sarvaṃ trailokyaṃ sacarācaram |
svakārye parakārye vā yasya buddhiḥ sthirā bhavet || 10.72 ||
hat mit diesem Sieg die gesamten drei Welten samt allem Beweglichen und Unbeweglichen besiegt. Wenn jemand in eigenen und fremden Angelegenheiten beständige Einsicht besitzt,
10.73
etadeva hi pāṇḍityaṃ śeṣāḥ pustakavācakāḥ |
ityeṣa tāntriko nyāyaḥ kathitastu samāsataḥ || 10.73 ||
so ist gerade dies Gelehrsamkeit; die übrigen sind bloß Leser von Büchern. Damit ist diese tantrische Lehre kurz erklärt.
10.74
atāntrikāṇāmanyeṣāṃ parisaṃkhyā na vidyate |
śivaśāstraratā ye tu gurubhaktiparāyaṇāḥ || 10.74 ||
Die anderen, außerhalb des Tantra stehenden [Lehren] sind zahllos. Wer aber den Schriften Śivas und der Hingabe an den Guru ergeben ist,
10.75
paratattvavido ye tu na teṣāṃ duritaṃ bhavet |
eteṣāṃ narakāṇāṃ tu pradhānāni nibodha me || 10.75 ||
und wer das höchste Prinzip kennt, für den soll kein Unheil entstehen. Höre nun die wichtigsten dieser Höllen.
10.76
pañcatriṃśattu narakāḥ caturbhedāḥ prakīrtitāḥ |
catvāriṃśacchataṃhyetat samāsātparikīrtitam || 10.76 ||
Fünfunddreißig Höllen werden mit jeweils vier Unterteilungen gelehrt. Daraus ergeben sich die kurz genannten hundertvierzig.
10.77
tairviśuddhairviśuddhyanti pañcāśatkoṭayastu tāḥ |
pañcatriṃśadyadā vaite dvātriṃśadvā viśodhitāḥ || 10.77 ||
Sind diese gereinigt, werden jene fünfhundert Millionen gereinigt. Wenn die fünfunddreißig beziehungsweise zweiunddreißig gereinigt sind,
10.78
catvāriṃśacchataṃ śuddhaṃ tadetatsyādvarānane |
tribhiḥ śuddhaistu dvātriṃśac chuddhā eva bhavanti hi || 10.78 ||
sind damit die hundertvierzig gereinigt, Schönangesichtige. Durch die Reinigung von drei werden die zweiunddreißig gereinigt.
10.79
teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi trayāṇāṃ varavarṇini |
avīciścaiva vikhyātaḥ kumbhīpākaśca dāruṇaḥ || 10.79 ||
Ich nenne dir die Namen dieser drei, du von schöner Gestalt: die bekannte Avīci, die furchtbare Kumbhīpāka
10.80
mahārauravarājaśca sthānaṃ teṣāṃ nibodha me |
adhomadhyordhvabhāgeṣu saṃsthitāste yathākramam || 10.80 ||
und die königliche Mahāraurava. Höre von ihren Orten: Sie befinden sich der Reihe nach unten, in der Mitte und oben.
10.81
vyāptiṃ teṣāṃ pravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ |
narakaikādaśagatam avīciṃ śodhayetpriye || 10.81 ||
Ich werde ihre Reichweite sachgemäß der Reihe nach erklären. Man reinige Avīci innerhalb der Gruppe von elf Höllen, Geliebte.
10.82
ātmanā dvādaśaṃ devi kumbhīpākaṃ viśodhayet |
mahārauravasaṃjñaṃ cāpy evameva na saṃśayaḥ || 10.82 ||
Kumbhīpāka, die sich selbst als zwölfte einschließt, soll man reinigen, Göttin; ebenso die Mahāraurava Genannte, ohne Zweifel.
10.83
pañcatriṃśatpravakṣyāmi samāsena varānane |
avīciḥ kriminicayo nadī vaitaraṇī tathā || 10.83 ||
Kurz nenne ich die fünfunddreißig, Schönangesichtige: Avīci, die Ansammlung von Würmern, und der Fluss Vaitaraṇī,
10.84
lohaśca śalmaliścaivāpy asiparvata eva ca |
socchvāsaśca nirucchvāsaḥ pūtimāṃsaḥ parastathā || 10.84 ||
Loha, Śalmali, Asiparvata, Socchvāsa, Nirucchvāsa und als weitere Pūtimāṃsa,
10.85
taptatrapuḥ kṣārakūpo jatulepastathaiva ca |
antarbhūtā avīcau tu kumbhīpākasya śrūyatām || 10.85 ||
Taptatrapu, Kṣārakūpa und Jatulepa sind in Avīci enthalten. Höre nun die zu Kumbhīpāka gehörenden.
10.86
asthibhaṅgaḥ krakacachedaḥ kūpaścāpi kaṭaṅkaṭaḥ |
vasāmiśrohyayastuṇḍas trapulepaḥ prakīrtitaḥ || 10.86 ||
Asthibhaṅga, Krakacacheda, Kūpa, Kaṭaṅkaṭa, Vasāmiśra, Ayastuṇḍa und Trapulepa werden genannt;
10.87
kumbhīpākaśca vijñeyas tīkṣṇāsiśca tathaiva ca |
tapralohaśca vijñeyaḥ kṣuradhārapathastathā || 10.87 ||
Kumbhīpāka, Tīkṣṇāsi, Taptaloha [Vorlage tapraloha] und Kṣuradhārapatha,
10.88
aśaniśca sutaptaśca dvādaśaite prakīrtitāḥ |
ekādaśāntarvijñeyāḥ kumbhīpākasya dāruṇāḥ || 10.88 ||
Aśani und Sutapta: Diese werden als zwölf bezeichnet [die überlieferte Aufzählung ergibt bei dieser Segmentierung dreizehn]. Elf furchtbare sind als innerhalb Kumbhīpākas befindlich zu verstehen.
10.89
mahārauravarāje ca ata ūrdhvaṃ nibodha me |
kālasūtro mahāpadmaḥ kumbhaḥ saṃjīvanekṣukau || 10.89 ||
Höre nun weiter von der königlichen Mahāraurava: Kālasūtra, Mahāpadma, Kumbha, Saṃjīvana und Ikṣuka,
10.90
pāśo 'mbareṣakaścaiva ayaḥpaṭṭastathaiva ca |
daṇḍayantrastvamedhyaśca ghorarūpastathāparaḥ || 10.90 ||
Pāśa, Ambareṣaka, Ayaḥpaṭṭa, Daṇḍayantra, Amedhya und als weitere Ghorarūpa.
10.91
mahāraurava eteṣām upariṣṭādvyavasthitaḥ |
avīcau kṛminarakān kumbhīpāke sudāruṇān || 10.91 ||
Mahāraurava ist oberhalb dieser angeordnet. Man stelle sich die Wurmhöllen als in Avīci enthalten vor, die überaus grausamen in Kumbhīpāka,
10.92
mahārauravake 'medhyān antarbhūtānvicintayet |
dvātriṃśannarakāṇāṃ ca mānaṃ caiva nibodha me || 10.92 ||
und die unreinen in Mahāraurava. Höre nun das Maß der zweiunddreißig Höllen.
10.93
navanavatirlakṣāṇi ekaikasyocchrayaḥ smṛtaḥ |
lakṣamātrāntarā jñeyā dvātriṃśaccāpyanukramāt || 10.93 ||
Die Höhe jeder einzelnen wird auf neun Millionen neunhunderttausend [Yojanas] angesetzt. Die zweiunddreißig sind der Reihe nach jeweils hunderttausend voneinander entfernt.
10.94
eteṣāmupariṣṭāttu prabhutvena varānane |
yogaiśvaryaguṇopetaḥ kūṣmāṇḍādhipatiḥ sthitaḥ || 10.94 ||
Über ihnen befindet sich als Herrscher, Schönangesichtige, der Herr der Kūṣmāṇḍas, versehen mit den Kräften yogischer Herrschaft.
10.95
navanavatirlakṣāṇi puraṃ tasya prakīrtitam |
tasyopariṣṭātpātālān kathayāmi samāsataḥ || 10.95 ||
Seine Stadt wird mit neun Millionen neunhunderttausend [Yojanas] angegeben. Darüber erläutere ich kurz die Unterwelten.
10.96
ābhāsaṃ varatālaṃ ca śarkaraṃ ca gabhastimat |
mahātalaṃ ca sutalaṃ rasātalamataḥ param || 10.96 ||
Ābhāsa, Varatāla, Śarkara, Gabhastimat, Mahātala, Sutala und danach Rasātala.
10.97
sauvarṇamaṣṭamaṃ jñeyaṃ sarvakāmasamanvitam |
ābhāsādyāvatsauvarṇaṃ pramāṇaṃ kathayāmi te || 10.97 ||
Als achte ist Sauvarṇa zu verstehen, ausgestattet mit allen Genüssen. Ich nenne dir die Maße von Ābhāsa bis Sauvarṇa.
10.98
sahasranavakotsedham ekaikaṃ tu purottamam |
ekaikasyāntaraṃ jñeyaṃ sahasraparisaṃkhyayā || 10.98 ||
Jede dieser vorzüglichen Städte ist neuntausend hoch. Der Abstand zwischen je zweien ist mit tausend anzusetzen.
10.99
chatrākārāṇi sarvāṇi teṣāṃ vai bhuvanāni tu |
sarvakāmaiḥ sametāni guṇaiḥ sarvairyutāni tu || 10.99 ||
Alle ihre Welten haben die Form eines Schirmes, sind mit allen Genüssen ausgestattet und besitzen sämtliche Vorzüge.
10.100
hemaprākāraśikharaiś chatradhvajasamākulaiḥ |
kiṅkiṇījālamukharais toraṇāṭṭālamaṇḍitaiḥ || 10.100 ||
Mit goldenen Mauern und Türmen, dicht besetzt mit Schirmen und Fahnen, erklingend von Netzen kleiner Glöckchen, geschmückt mit Torbögen und Wachtürmen,
10.101
nirgamaiḥ sagavākṣaiśca divyavastravibhūṣitaiḥ |
tantrīmurajavādyaiśca geyatūryaravākulaiḥ || 10.101 ||
mit Ausgängen und Fenstern, geschmückt mit göttlichen Stoffen, erfüllt vom Klang der Saiteninstrumente und Trommeln, von Gesang und Instrumentalmusik,
10.102
nānābhuvanapaṅktyoghaiḥ sarvaratnasamujjvalaiḥ |
prāsādaistuṅgaśikharaiś candrātapasamaprabhaiḥ || 10.102 ||
mit Reihen vielfältiger Wohnstätten, die von allen Juwelen strahlen, und Palästen mit hohen Spitzen, leuchtend wie Mondlicht,
10.103
rathyāmārgavarārāmaiḥ sadāpuṣpaphalānvitaiḥ |
kokilārāvamadhuraiḥ śikhiṣaṭpadasevitaiḥ || 10.103 ||
mit Straßen, Wegen und herrlichen Gärten, stets mit Blüten und Früchten versehen, lieblich durch Kuckucksrufe, von Pfauen und Bienen besucht,
10.104
haṃsakāraṇḍavākīrṇaiś cakravākopaśobhitaiḥ |
sārasārāvasaṃghuṣṭapadminīṣaṇḍamaṇḍitaiḥ || 10.104 ||
voller Gänse und Enten, geschmückt mit Cakravāka-Vögeln und Lotusgruppen, die von Kranichrufen widerhallen,
10.105
taḍāgaiḥ svacchatoyāḍhyair dīrghikābhiryutāni tu |
puruṣaiśca mahākāyair mahābalaparākramaiḥ || 10.105 ||
mit Teichen voll klaren Wassers und langgestreckten Wasserbecken; [dort leben] Männer von großen Leibern, großer Stärke und Tapferkeit,
10.106
sarvaiśvaryasvarūpāḍhyaiḥ sarvalakṣaṇasaṃyutaiḥ |
divyavastraiḥ sutāmbūlair divyagandhānulepanaiḥ || 10.106 ||
reich an sämtlichen Formen der Herrschaft und mit allen günstigen Merkmalen versehen, mit göttlichen Kleidern, feinem Betel und göttlichen duftenden Salben,
10.107
divyābharaṇasaṃyuktair mukuṭai ratnamaṇḍitaiḥ |
śivārādhanasaktā ye tatprasādena sādhakāḥ || 10.107 ||
mit göttlichem Schmuck und juwelenbesetzten Kronen. Die Übenden, die Śivas Verehrung ergeben sind, gelangen durch seine Gnade,
10.108
te viśanti mahādevi pātālaṃ siddhasevitam |
rasaṃ rasāyanaṃ divyaṃ siddhadravyaṃ labhanti te || 10.108 ||
große Göttin, in die von Siddhas besuchte Unterwelt. Dort erlangen sie Elixier, göttliche Verjüngungsmittel und vollendete Substanzen.
10.109
krīḍanti cānye satataṃ divyānāṃ yoṣitāṃ gaṇaiḥ |
kāminaḥ kāmarūpaistu mattamātaṅgagāmibhiḥ || 10.109 ||
Andere Liebende vergnügen sich dort beständig mit Scharen göttlicher Frauen, die jede gewünschte Gestalt annehmen und wie berauschte Elefanten schreiten,
10.110
sarvābharaṇasaṃyuktaiḥ kāmaśāstrasupeśalaiḥ |
divyavastraparīdhānaiḥ stanabhārasamānataiḥ || 10.110 ||
mit allem Schmuck versehen, in der Liebeskunst sehr geschickt, in göttliche Gewänder gekleidet und vom Gewicht ihrer Brüste leicht geneigt,
10.111
madhyakṣāmaiḥ prasannāsyais taralāyatalocanaiḥ |
sakiṅkiṇīnitambaiśca hārakeyūraśobhitaiḥ || 10.111 ||
mit schlanken Taillen, heiteren Gesichtern, beweglichen länglichen Augen, klingelnden Gürteln an den Hüften und Schmuck aus Halsketten und Armreifen,
10.112
sugandhigandhaliptāṅgaiḥ kāñcīmekhalamaṇḍitaiḥ |
evaṃ te kathitā devi pātālāntaravāsinaḥ || 10.112 ||
mit wohlriechenden Salben am Körper und geschmückten Hüftgürteln. Damit sind dir die Bewohner der Unterwelten beschrieben, Göttin.
10.113
trayo 'surāstathā nāgā rākṣasāśca vibhāgataḥ |
ekaikatra ca pātāle kathitāste varānane || 10.113 ||
Je drei [Herrscher], ein Asura, ein Nāga und ein Rākṣasa, werden gesondert für jede Unterwelt genannt, Schönangesichtige.
10.114
pātālasaptake jñeyās tathānye bhuvanādhipāḥ |
balohyatibalaścaiva balavānbalavikramaḥ || 10.114 ||
In den sieben Unterwelten sind noch andere Weltenherren zu kennen: Bala, Atibala, Balavat und Balavikrama,
10.115
subalo balabhadraśca balādhyakṣaśca kīrtitāḥ |
etaiḥ śuddhairime śuddhāḥ saptapātālavāsinaḥ || 10.115 ||
Subala, Balabhadra und Balādhyakṣa werden genannt. Durch ihre Reinigung werden die Bewohner der sieben Unterwelten gereinigt.
10.116
yadūrdhve caiva sauvarṇaṃ pātālaṃ parikīrtitam |
tatra vasatyasau devo hāṭakaḥ parameśvaraḥ || 10.116 ||
In der darüber beschriebenen Unterwelt Sauvarṇa wohnt der Gott Hāṭaka, der höchste Herr.
10.117
purakoṭisahasraistu samantātparivāritaḥ |
siddhairudragaṇairdivyair bhaginīmātṛbhirvṛtaḥ || 10.117 ||
Er ist ringsum von Tausenden von Kotis Städten umgeben, von göttlichen Siddhas, Rudra-Gefolgschaften, Schwestern und Müttern,
10.118
yoginīyogakanyābhī rudraiścaiva sakanyakaiḥ |
siddhadravyasamairmantraiś cintāmaṇirasāyanaiḥ || 10.118 ||
von Yoginīs, Yogamädchen und Rudras mitsamt ihren Mädchen, von Mantras, die vollendeten Substanzen gleichen, von Wunschjuwelen und Lebenselixieren.
10.119
siddhavidyāsamṛddhaṃ vai hāṭakeśasya mandiram |
haṭhatpraveśayellokāṃ stadbhāvagatamānasān || 10.119 ||
Hāṭakeśas Wohnstätte ist reich an vollendeten Vidyās. Mit Macht lässt er die Menschen eintreten, deren Geist sich in seinen Zustand versetzt hat.
10.120
tenāsau hāṭakaḥ prokto devadevo maheśvaraḥ |
tasyordhve tu sahasrāṇi yojanānāṃ tu viṃśatiḥ || 10.120 ||
Deshalb heißt dieser Gott der Götter, der große Herr, Hāṭaka [Wortspiel mit haṭha, Macht]. Darüber liegen zwanzigtausend Yojanas.
10.121
bhūkaṭāhaḥ samuddiṣṭaḥ samantāttu varānane |
ato bhagavatī pṛthvī nānājanapadākulā || 10.121 ||
Als Erdschale wird [dieser Bereich] ringsum bezeichnet, Schönangesichtige. Darauf liegt die erhabene Erde, voller verschiedener Länder.
10.122
tasyā madhye mahāmeruḥ sauvarṇaśca varānane |
tasyācalasya vistāram ūrdhvādhaḥ kathayāmi te || 10.122 ||
In ihrer Mitte liegt der große goldene Meru, Schönangesichtige. Seine Ausdehnung nach oben und unten werde ich dir nennen.
10.123
yojanānāṃ sahasrāṇi caturaśītirucchritaḥ |
ṣoḍaśaiva sahasrāṇi adhobhāge praropitaḥ || 10.123 ||
Er ragt vierundachtzigtausend Yojanas empor; sechzehntausend sind nach unten eingesenkt.
10.124
tānyeva mūlavistāraḥ dviguṇo mūrdhavistaraḥ |
tasyordhve tu sabhā divyā nāmnā caiva manovatī || 10.124 ||
So breit ist auch sein Fuß; seine Gipfelbreite ist doppelt so groß. Oben auf ihm befindet sich die göttliche Versammlungshalle namens Manovatī.
10.125
caturdaśasahasrāṇi yojanānāṃ pramāṇataḥ |
sarvaratnasuśobhāḍhyā strīsahasrasamanvitā || 10.125 ||
Sie misst vierzehntausend Yojanas, ist reich am Glanz aller Juwelen und mit Tausenden Frauen bevölkert,
10.126
sarvabhogagaṇopetā brahmaṇastu mahātmanaḥ |
siddhavidyādharākīrṇā ṛṣibhiḥ parivāritā || 10.126 ||
mit sämtlichen Genüssen ausgestattet, die Halle des großen Brahmā, erfüllt von Siddhas und Vidyādharas und von Ṛṣis umgeben.
10.127
tasyā īśānadigbhāge jyotiṣkaṃ śikharaṃ smṛtam |
sūryakoṭipratīkāśaṃ gaṇaprathamasevitam || 10.127 ||
Nordöstlich von ihr wird der Gipfel Jyotiṣka angesetzt, strahlend wie Millionen Sonnen und von den führenden Gefolgschaften besucht.
10.128
sarvartukusumopetaṃ devagandharvasevitam |
strīsahasrasamākīrṇaṃ sarvaiśvaryasamanvitam || 10.128 ||
Er trägt Blumen aller Jahreszeiten, wird von Göttern und Gandharvas besucht, ist mit Tausenden Frauen bevölkert und besitzt sämtliche Herrlichkeit.
10.129
tatrāste bhagavāndevas tryambakaḥ parameśvaraḥ |
lokapālairvṛto 'sau hi brahmaviṣṇvindranāyakaḥ || 10.129 ||
Dort sitzt der erhabene dreiäugige Gott, der höchste Herr, umgeben von den Weltenhütern, als Anführer Brahmās, Viṣṇus und Indras.
10.130
mamāṃśaṃ taṃ vijānīyāḥ surasiddhanamaskṛtam |
adhikāraṃ prakurute parecchāsaṃpracoditaḥ || 10.130 ||
Du sollst ihn als einen Anteil von mir verstehen, von Göttern und Siddhas verehrt. Durch den höchsten Willen angetrieben, übt er sein Amt aus.
10.131
sabhāyā brahmaṇo 'dhastāt sahasrāṇi caturdaśa |
yojanānāṃ parityajya cakravāṭaḥ samantataḥ || 10.131 ||
Vierzehntausend Yojanas unterhalb der Halle Brahmās liegt ringsum ein kreisförmiger Wall.
10.132
svargāṣṭakaṃ samuddiṣṭaṃ tatra tiṣṭanti lokapāḥ |
pūrveṇendrasya vikhyātā purī nāmnāmarāvatī || 10.132 ||
Dort wird eine Achtergruppe von Himmeln angesetzt; dort wohnen die Weltenhüter. Im Osten liegt Indras berühmte Stadt namens Amarāvatī.
10.133
tejovatī tathāgneyyāṃ citrabhānoḥ prakīrtitā |
dakṣiṇe yamarājasya nāmnā saṃyamanī purī || 10.133 ||
Im Südosten wird Tejovatī als Stadt des Feuergottes genannt; im Süden liegt die Stadt des Königs Yama namens Saṃyamanī.
10.134
kṛṣṇāṅgārā tu naiṛtyāṃ rākṣaseśasya kīrtitā |
paścimena jaleśasya nāmnā śuddhavatī smṛtā || 10.134 ||
Im Südwesten wird Kṛṣṇāṅgārā als Stadt des Rākṣasa-Herrn genannt; im Westen liegt die Stadt des Wasserherrn namens Śuddhavatī.
10.135
vāyavyāṃ tu purī vāyor nāmnā gandhavahā priye |
uttareṇāpi somasya purī nāmnā mahodayā || 10.135 ||
Im Nordwesten liegt die Stadt des Windes namens Gandhavahā, Geliebte; im Norden Somas Stadt namens Mahodayā.
10.136
aiśānyāmīśarājasya purī nāmnā yaśovatī |
etāsāmuttare devi śṛṇu ṣaḍviṃśatiṃ purīḥ || 10.136 ||
Im Nordosten liegt Īśarājas Stadt namens Yaśovatī. Höre nun von sechsundzwanzig weiteren Städten jenseits dieser, Göttin.
10.137
dakṣiṇenāmarāvatyāḥ kāmavatyapsaraḥ purī |
sauvarṇī siddhasaṅghānāṃ tasyā vai dakṣiṇena tu || 10.137 ||
Südlich von Amarāvatī liegt Kāmavatī, die Stadt der Apsaras; südlich davon Sauvarṇī, die Stadt der Siddha-Scharen.
10.138
tasyā vai dakṣiṇenānyā padmarāgopaśobhitā |
ādityānāṃ purīkhyātā nāmnācāṃśumatī śubhā || 10.138 ||
Noch weiter südlich liegt die mit Rubinen geschmückte, glückhafte Stadt der Ādityas namens Aṃśumatī.
10.139
sādhyānāṃ rājatī divyā khyātā vai kusumāvatī |
vahneḥ paścimadigbhāge viśveṣāṃ revatī purī || 10.139 ||
Die göttliche silberne Stadt der Sādhyas ist als Kusumāvatī bekannt. Westlich vom Feuer[gott] liegt Revatī, die Stadt der Viśve-Götter.
10.140
tasyāstu paścime devi divyā vai viśvakarmaṇaḥ |
paścime dharmarājasya mātṛnandā purī smṛtā || 10.140 ||
Westlich davon liegt die göttliche [Stadt] Viśvakarmans, Göttin. Westlich von Dharmarāja wird die Stadt Mātṛnandā angesetzt.
10.141
krīḍanti mātarastatra madhupānavighūrṇitāḥ |
rudrāṇāṃ paścime tasyā rohitā nāma kāñcanī || 10.141 ||
Dort spielen die Mütter, vom Trinken berauschender Getränke schwankend. Westlich davon liegt die goldene Stadt der Rudras namens Rohitā.
10.142
tatra śūladharā rudrā yamasya paricārakāḥ |
tasyāḥ paścimato jñeyā nāmnā guṇavatī purī || 10.142 ||
Dort leben die dreizacktragenden Rudras als Diener Yamas. Westlich davon ist die Stadt namens Guṇavatī zu kennen,
10.143
ekādaśānāṃ rudrāṇāṃ vajraprākāratoraṇā |
nirṛteḥ pūrvabhāge tu piṅgalā nāma vai purī || 10.143 ||
die Stadt der elf Rudras, mit diamantenen Mauern und Torbögen. Östlich von Nirṛti liegt die Stadt namens Piṅgalā.
10.144
svakarmasaṃjñā deveśi piśācāstatra saṃsthitāḥ |
nairṛtyuttarasāmīpye purī kṛṣṇāvatī smṛtā || 10.144 ||
Dort wohnen die nach ihrer eigenen Tätigkeit benannten Piśācas, Herrin der Götter. Nahe nördlich des Südwestbereichs liegt die Stadt Kṛṣṇāvatī.
10.145
nistriṃśā nāma tatraiva vasanti rākṣasāḥ sadā |
tasyā apyuttare bhāge purī haimī sukhāvatī || 10.145 ||
Dort wohnen stets die Nistriṃśa genannten Rākṣasas. Nördlich davon liegt die goldene Stadt Sukhāvatī.
10.146
mitro vasati tatraiva bahubhṛtyajanāvṛtaḥ |
tasyā apyuttare haimī gāndharvī nāma viśṛtā || 10.146 ||
Dort wohnt Mitra, umgeben von zahlreichen Dienern. Noch weiter nördlich liegt die berühmte goldene Stadt Gāndharvī.
10.147
vasanti tatra gandharvā divyakanyāsamāvṛtāḥ |
daśakoṭisahasrāṇi teṣāṃ saṃkhyā prakīrtitā || 10.147 ||
Dort wohnen Gandharvas, umgeben von göttlichen Mädchen. Ihre Zahl wird mit zehntausend Koṭis angegeben.
10.148
bhūtānāṃ siddhasenā tu varuṇasya tu dakṣiṇe |
hemasaṃjñā vasūnāṃ tu varuṇasyāpi cottare || 10.148 ||
Südlich von Varuṇa liegt Siddhasenā, die Stadt der Bhūtas; nördlich von Varuṇa die Hema genannte Stadt der Vasus.
10.149
tasyāstūttarato devi nāmnā siddhavatī purī |
sarvavidyādharāṇāṃ tu sā purī parikīrtitā || 10.149 ||
Nördlich davon liegt die Stadt namens Siddhavatī, Göttin. Sie wird als Stadt sämtlicher Vidyādharas beschrieben.
10.150
vāyordakṣiṇato devi siddhā nāmnā purī smṛtā |
vasanti kinnarāstatra purairhemārkasaprabhaiḥ || 10.150 ||
Südlich von Vāyu liegt die Stadt namens Siddhā, Göttin. Dort wohnen Kinnaras in Wohnstätten, die wie Gold und Sonne glänzen.
10.151
vāyoḥ pūrveṇa gāndharvī haimī citrarathasya tu |
gandharvarājamukhyasya divyagandharvanāditā || 10.151 ||
Östlich von Vāyu liegt die goldene Gāndharvī des Citraratha, des vornehmsten Gandharva-Königs; sie widerhallt von göttlicher Gandharva-Musik.
10.152
āste bhagavatī sākṣāt saprasvaravibhūṣitā |
grāmatrayaparīdhānā jātimekhalamaṇḍitā || 10.152 ||
Dort ist die erhabene [Göttin] unmittelbar gegenwärtig, geschmückt mit den sieben Tönen [Vorlage saprasvara beschädigt], mit den drei Tonsystemen bekleidet und mit einem Gürtel aus Melodietypen versehen,
10.153
mūrcchanātānacitrāṅgī nānātālakalodayā |
lakṣaṇavyañjanopetā madhyamenāvaguṇṭhitā || 10.153 ||
deren Leib durch Tonleitern und Tonfolgen vielfältig gestaltet ist, in der verschiedene Rhythmen und Zeiteinheiten hervortreten, versehen mit Kennzeichen und Ausdrucksformen und vom Madhyama[-Ton] verhüllt.
10.154
gandharvairgīyamānā sā tatra devī sarasvatī |
nāradādyaiśca ṛṣibhir nāgakinnarasevitā || 10.154 ||
Dort wird die Göttin Sarasvatī von Gandharvas und Ṛṣis wie Nārada besungen und von Nāgas und Kinnaras verehrt.
10.155
tasyāḥpūrveṇa citrā vai tumbururnāradasya ca |
somasya paścātpramadā guhyakānāṃ purī smṛtā || 10.155 ||
Östlich davon liegt Citrā, [die Stadt] Tumburus und Nāradas. Hinter Soma wird Pramadā als Stadt der Guhyakas angesetzt.
10.156
pūrveṇaiva tu somasya nāmnā citravatī purī |
sarvadhātumayī citrā kuberasya mahātmanaḥ || 10.156 ||
Östlich von Soma liegt die Stadt namens Citravatī des großen Kubera, vielfältig und aus allen Metallen bestehend.
10.157
ṣaḍviṃśatisahasraistu koṭīnāṃ parivāritaḥ |
yakṣāṇāmuttamaḥ śrīmān āste bhogairanuttamaiḥ || 10.157 ||
Dort verweilt der herrliche Beste der Yakṣas, umgeben von sechsundzwanzigtausend Koṭis [Yakṣas] und von unübertrefflichen Genüssen.
10.158
tasyā pūrve śubhā nāmnā jāmbūnadamayī purī |
tatra vai karmadevāstu devatvaṃ karmaṇā gatāḥ || 10.158 ||
Östlich davon liegt die Stadt namens Śubhā aus Jāmbūnada-Gold. Dort wohnen die Karmadevas, die durch Handeln Göttlichkeit erlangt haben.
10.159
paścimeneśarājasya viṣṇorvai śrīmatī purī |
tatrāste śrīpatiḥ śrīmān atasīpuṣpasannibhaḥ || 10.159 ||
Westlich von Īśarāja liegt Viṣṇus Stadt Śrīmatī. Dort sitzt der herrliche Gatte Śrīs, einer Atasī-Blüte gleich,
10.160
śaṅkhacakragadāpāṇiḥ pītavāsā janārdanaḥ |
īśasya dakṣiṇebhāge nāmnā padmavatī purī || 10.160 ||
Janārdana, mit Muschel, Diskus und Keule in den Händen, in gelbe Gewänder gekleidet. Südlich von Īśa liegt die Stadt namens Padmavatī.
10.161
mahāpadmopaviṣṭasya padmamālādharasya tu |
padmapatrāyatākṣasya brahmaṇaḥ padmajanmanaḥ || 10.161 ||
[Sie gehört] dem lotusgeborenen Brahmā, der auf einem großen Lotus sitzt, eine Lotusgirlande trägt und Augen so lang wie Lotusblätter hat.
10.162
tasyā dakṣiṇato devi nāmnā kāmasukhāvatī |
aśvinau tatra deveśi tathā dhanvantariḥ sthitaḥ || 10.162 ||
Südlich davon liegt Kāmasukhāvatī, Göttin. Dort befinden sich die beiden Aśvins und Dhanvantari, Herrin der Götter.
10.163
uttaretvamarāvatyā mahāmegheti viśrutā |
vināyakānāṃ sā divyā vasatistatra kalpitā || 10.163 ||
Nördlich von Amarāvatī liegt die berühmte Mahāmeghā. Dort ist die göttliche Wohnstätte der Vināyakas angelegt.
10.164
daśakoṭisahasrāṇi vīryavantaḥ śubhāstathā |
vināyakā mahādīptā agnijvalitatejasaḥ || 10.164 ||
Zehntausend Koṭis kraftvoller, glückhafter und hell strahlender Vināyakas, deren Glanz wie Feuer lodert,
10.165
asurāṇāṃ vadhārthāya aṅguṣṭhānnirmitā mayā |
evaṃvidhairadhaścordhvaṃ meruḥ puravarairvṛtaḥ || 10.165 ||
habe ich aus meinem Daumen zur Tötung der Asuras geschaffen. Von solchen herrlichen Städten ist Meru unten und oben umgeben.
10.166
puryaśca yāḥ samākhyātā meroścaiva samantataḥ |
purakoṭisahasraistu sarvāstāḥ saṃbhṛtāḥ priye || 10.166 ||
Alle rund um Meru genannten Städte enthalten Tausende von Kotis weiterer Städte, Geliebte.
10.167
sarvaiśvaryasusaṃpūrṇāḥ sarvaratnasamujjvalāḥ |
divyastrībhiḥ samākīrṇā divyapuṃbhiḥ samākulāḥ || 10.167 ||
Sie sind mit sämtlicher Herrlichkeit vollkommen erfüllt, strahlen von allen Juwelen und sind dicht bevölkert mit göttlichen Frauen und Männern.
10.168
ānandaḥ satataṃ devi devānāṃ ca pure pure |
vimānanagarārāmaiś caturodyānamaṇḍapaiḥ || 10.168 ||
In jeder einzelnen Stadt herrscht für die Götter beständig Freude, Göttin: mit Himmelswagen, Stadtgärten, vier Gartenanlagen und Hallen,
10.169
chatradhvajapatākābhir gajavājisamākulaiḥ |
dvandvabhīnandiśabdaiśca śaṅkhakāhalaniḥsvanaiḥ || 10.169 ||
mit Schirmen, Fahnen und Bannern, dicht besetzt mit Elefanten und Pferden, mit Trommeln, Jubelrufen sowie dem Klang von Muscheln und Trompeten.
10.170
gītanṛttaistathākīrṇaṃ devānāṃ mandiraṃ sadā |
iṣṭāpūrtaratā devi ye narā puṇyabhārate || 10.170 ||
Stets sind die Wohnstätten der Götter von Gesang und Tanz erfüllt. Die Menschen im verdienstvollen Bhārata, die Opfern und wohltätigen Werken ergeben sind,
10.171
tryambakaṃ sakṛdarcanti meruṃ gacchanti te narāḥ |
gaṅgātoyasusaṃsiktāḥ krīḍanti surasattamāḥ || 10.171 ||
und Tryambaka auch nur einmal verehren, gelangen zum Meru. Vom Wasser der Gaṅgā besprengt, spielen sie als vorzügliche Götter.
10.172
kathaṃ gaṅgāsamutpannā surasiddhanamaskṛtā |
kathayasva prasādena samāsātsurasattama || 10.172 ||
[Die Göttin fragt:] Wie entstand die von Göttern und Siddhas verehrte Gaṅgā? Erkläre es aus Gnade kurz, Bester der Götter.
10.173
gaṅgāyāśca samutpattiṃ kathayiṣyāmi suvrate |
jaganmātā mahādevi mama patnī purā hi sā || 10.173 ||
[Bhairava antwortet:] Ich werde die Entstehung Gaṅgās erklären, du mit den guten Gelübden. Die Weltenmutter, große Göttin, war einst meine Gemahlin.
10.174
mamanetrodakaṃ caiva karajaiśchādite mama |
punarudghāṭite netre jaganmātaḥ purā tvayā || 10.174 ||
[Gaṅgā ist] das Wasser meiner Augen: Als du einst, Weltenmutter, meine Augen mit den Fingern bedeckt und dann wieder geöffnet hattest,
10.175
mannetrebhyo 'sravattoyaṃ tvadīyāṅgulibhiḥ priye |
daśadhā niḥsṛtā gaṅgā kapālāvaraṇe mama || 10.175 ||
floss Wasser aus meinen Augen über deine Finger, Geliebte. Zehnfach trat Gaṅgā in den Umkreis meines Schädels hervor.
10.176
saptaiva saṃsthitāstatra ekā viṣṇupure sthitā |
dvitīyā brahmalokordhve tṛtīyā satyalokagā || 10.176 ||
Sieben [Ströme] blieben dort. Einer befindet sich in Viṣṇus Stadt, ein zweiter oberhalb der Brahmāwelt und ein dritter in Satyaloka.
10.177
svarge caivapunaḥ sā vai saṃsthitā somamaṇḍale |
somāccaiva viniḥ sṛtya purakāśe vyavasthitā || 10.177 ||
Im Himmel befindet sie sich wiederum in der Mondsphäre. Aus dem Mond hervorgegangen, verweilt sie im Raum vor [der Stadt; purakāśe unklar].
10.178
tato 'haṃ saṃstuto devi brahmaviṣṇupuraḥsaraiḥ |
gaṅgānadīṃ mahāpuṇyāṃ martyānāṃ hitakāmyayā || 10.178 ||
Dann wurde ich von den Göttern unter Führung Brahmās und Viṣṇus gepriesen, Göttin. Zum Wohl der Sterblichen [baten sie]: „Den höchst heiligen Fluss Gaṅgā
10.179
avatārya mahādeva martyalokaṃ visarjaya |
tato mayā sureśāni proktā sā tvaparājitā || 10.179 ||
lass herabsteigen, großer Gott, und entsende ihn in die Welt der Menschen.“ Darauf sprach ich zu der Unbesiegbaren, Herrin der Götter:
10.180
lokānāṃ tu hitārthāya āgaccha surasundari |
āgatya mama mūrdhānaṃ merumūrdhni punargatā || 10.180 ||
„Komm zum Wohl der Welten, schöne Göttin.“ Sie kam auf meinen Scheitel und ging von dort weiter auf Merus Gipfel.
10.181
tasmānnirgatya deveśi caturdikṣūdadhiṃ gatā |
pūrve sītā samuddiṣṭā suvahā dakṣiṇena tu || 10.181 ||
Von dort ausgehend, gelangte sie in den vier Himmelsrichtungen zum Meer. Im Osten heißt sie Sītā, im Süden Suvahā,
10.182
sunandā paścime bhāge bhadrasomā tathottare |
mandarastu mahādevi gandhamādanasaṃjñakaḥ || 10.182 ||
im Westen Sunandā und im Norden Bhadrasomā. Mandara, große Göttin, der Gandhamādana Genannte,
10.183
vipulaśca supārśvaśca pūrvādyā uttarāntakāḥ |
viṣkambhāśca samākhyātāḥ varṇāṃścaiva nibodha me || 10.183 ||
Vipula und Supārśva liegen vom Osten bis zum Norden und werden als Stützberge bezeichnet. Höre nun ihre Farben.
10.184
sitaṃ caiva haridrābhaṃ nīlaṃ dāḍimasaprabham |
prāgviṣkambhasamīpe tu nāmnā citrarathaṃ vanam || 10.184 ||
Weiß, kurkumafarben, blau und wie eine Granatapfel[blüte]. Nahe dem östlichen Stützberg liegt der Wald namens Citraratha.
10.185
tatrāruṇodakaṃ nāma taḍāgaṃ padmamaṇḍitam |
gandhamādanasāmīpye nandanaṃ tu mahāvanam || 10.185 ||
Dort befindet sich der lotusgeschmückte Teich namens Aruṇodaka. Nahe Gandhamādana liegt der große Wald Nandana.
10.186
tasyamadhye 'mbujacchannaṃ mānasaṃ tu sarovaram |
vipulasya samīpe tu vaibhrājaṃ tu mahāvanam || 10.186 ||
In dessen Mitte liegt der lotusgedeckte See Mānasa. Nahe Vipula liegt der große Wald Vaibhrāja.
10.187
sitodaṃ tasya madhye tu taḍāgaṃ vimalodakam |
vanaṃ pitṛvanaṃ nāma svapārśvasya samīpataḥ || 10.187 ||
In seiner Mitte befindet sich der Teich Sitoda mit klarem Wasser. Nahe Supārśva [Vorlage svapārśva] liegt der Wald namens Pitṛvana.
10.188
tasyāntastu mahābhadraṃ taḍāgaṃ ca manoramam |
kalpadrumāṃśca caturaḥ kathayāmi nibodha tān || 10.188 ||
Darin liegt der bezaubernde große Teich Mahābhadra. Ich nenne nun die vier Wunschbäume; höre sie.
10.189
mandare 'tha kadambaṃ syān mastake tu vyavasthitam |
sahasrayojanāyāmaṃ śākhāpañcaśatocchritam || 10.189 ||
Auf Mandaras Gipfel steht ein Kadamba-Baum, tausend Yojanas ausgedehnt, dessen Äste fünfhundert emporragen.
10.190
puṣpaiḥ kumbhapramāṇaiśca bhrājate tatsupuṣpitam |
tatpramāṇā smṛtā jambūr gandhamādanamūrdhani || 10.190 ||
Er ist voll erblüht und leuchtet mit Blüten von der Größe eines Kruges. Von gleichem Maß ist der Jambū-Baum auf Gandhamādanas Gipfel.
10.191
tasyāḥ phalasamūhottho raso jñeyo 'mṛtopamaḥ |
tena jambūnadī jātā priye vegavatī bhṛśam || 10.191 ||
Der aus seinen vielen Früchten entstehende Saft ist als nektargleich zu verstehen. Aus ihm entsteht der äußerst reißende Jambū-Fluss, Geliebte.
10.192
meruṃ pradakṣiṇīkṛtya jambūmūlaṃ viśetsvakam |
tatsaṃparkātsamutpannaṃ kanakaṃ devabhūṣaṇam || 10.192 ||
Nachdem er Meru rechtsläufig umrundet hat, tritt er in die Wurzel seines Jambū-Baumes ein. Durch seine Berührung entsteht Gold als Schmuck der Götter.
10.193
tena jāmbūnadaṃ loke jñāyate bhūṣaṇottamam |
tatra vṛkṣālatāgulmāḥ pakṣiṇaḥ śvāpadādayaḥ || 10.193 ||
Deshalb ist es in der Welt als Jāmbūnada, vorzügliches Schmuckgold, bekannt. Bäume, Ranken, Büsche, Vögel, wilde Tiere
10.194
jāmbūnadamayāḥ sarve ye cānye tatravāsinaḥ |
vipule 'pi tathāśvatthaḥ ketumāla iti śrutaḥ || 10.194 ||
und alle übrigen Bewohner dort bestehen aus Jāmbūnada-Gold. Auf Vipula steht entsprechend ein Aśvattha-Baum namens Ketumāla.
10.195
tasyendreṇāsurāñjitvā ratnamālā pralambitā |
tenāsau ketumāleti khyātaḥ siddhaniṣevitaḥ || 10.195 ||
Nachdem Indra die Asuras besiegt hatte, hängte er eine Juwelengirlande an ihn. Deshalb ist er als Ketumāla berühmt und wird von Siddhas besucht.
10.196
nyagrodhaśca supārśve tu tattulyaḥ parikīrtitaḥ |
anekaguṇasaṃpanno meruḥ khyātaḥ samāsataḥ || 10.196 ||
Auf Supārśva wird ein ebenso großer Nyagrodha-Baum beschrieben. Damit ist Meru mit seinen vielen Vorzügen kurz erklärt.
10.197
tatpārśvasthānpriye deśān kāthayāmi samāsataḥ |
merumadhyāccaturdikṣu lakṣārdhaṃ tu samāsataḥ || 10.197 ||
Nun erläutere ich kurz die seitlich von ihm gelegenen Länder, Geliebte. Von Merus Mitte erstreckt sich in jeder der vier Richtungen fünfzigtausend [Yojanas]
10.198
lavaṇodadhiparyantaṃ jambudvīpaṃ samantataḥ |
parvatāntaritāstatra nava bhāgā bhavanti hi || 10.198 ||
weit bis zum Salzmeer ringsum Jambūdvīpa. Darin liegen neun durch Berge voneinander getrennte Landesteile.
10.199
dakṣiṇe caiva digbhāge trayo jñeyā mahīdharāḥ |
niṣadho hemakūṭaśca himavāniti te trayaḥ || 10.199 ||
Im Süden sind drei Berge zu kennen: Niṣadha, Hemakūṭa und Himavat.
10.200
uttare cāpi merustu nīlaḥ śveto 'tha śṛṅgavān |
prāk paścimāyātā hyete ṣaḍeva tu mahīdharāḥ || 10.200 ||
Nördlich von Meru liegen Nīla, Śveta und Śṛṅgavat [Vorlage merustu syntaktisch uneben]. Diese sechs Berge erstrecken sich von Osten nach Westen.
10.201
nīlaśca niṣadhaścaiva lakṣayāmau prakīrtitau |
śvetaśca hemakūṭaśca sahasranavatiḥ smṛtau || 10.201 ||
Nīla und Niṣadha werden als hunderttausend lang beschrieben; Śveta und Hemakūṭa als neunzigtausend.
10.202
himavān śṛṅgavāṃścaiva sahasrāśītireva tu |
lavaṇodadhiparyantāḥ sahasradvayavistṛtāḥ || 10.202 ||
Himavat und Śṛṅgavat sind achtzigtausend [lang]. Sie reichen bis zum Salzmeer und sind zweitausend breit.
10.203
kailāsayukto himavāṃs triśṛṅgaśca sajārudhiḥ |
śṛṅgavāṃścandrakanibhaḥ sitaḥ śveto virājate || 10.203 ||
Himavat ist mit Kailāsa verbunden, Triśṛṅga mit Jārudhi [Aufzählung unklar]. Śṛṅgavat gleicht dem Mond; Śveta leuchtet weiß.
10.204
nīlaratnamayo nīlo niṣadhaḥ padmarāgabhaḥ |
sauvarṇo hemakūṭaśca himābho himavāniti || 10.204 ||
Nīla besteht aus blauen Edelsteinen, Niṣadha glänzt wie Rubin; Hemakūṭa ist golden und Himavat schneeweiß.
10.205
pūrveṇa mālyavānmeroḥ parvatastu virājate |
catustriṃśatsahasrāṇi yojanānāṃ sureśvari || 10.205 ||
Östlich von Meru leuchtet der Berg Mālyavat. Vierunddreißigtausend Yojanas, Herrin der Götter,
10.206
yāmyottarāyato bhāti sahasraṃ tasya vistṛtiḥ |
tathaivāparadigbhāge tattulyo gandhamādanaḥ || 10.206 ||
erstreckt er sich von Süden nach Norden; seine Breite beträgt tausend. Ebenso liegt im Westen der gleich große Gandhamādana.
10.207
nīlaśca niṣadhaścaiva mālyavāngandhamādanaḥ |
catvāriṃśatsahasrāṇi yojanānāṃ samucchritāḥ || 10.207 ||
Nīla, Niṣadha, Mālyavat und Gandhamādana sind vierzigtausend Yojanas hoch.
10.208
caturdikṣu gatau meror dvau dvau sīmāntaparvatau |
jaṭharo hemakūṭastu pūrvabhāge vyavasthitau || 10.208 ||
In den vier Richtungen Merus liegen jeweils zwei Grenzberge: Jaṭhara und Hemakūṭa befinden sich im Osten,
10.209
kailāso himavāṃścaiva dakṣabhāge vyavasthitau |
niṣadhaḥ pāriyātraśca apareṇa mahīdharau || 10.209 ||
Kailāsa und Himavat im Süden, die Berge Niṣadha und Pāriyātra im Westen,
10.210
jārudhiḥ śṛṅgavāṃścaiva uttareṇa vyavasthitau |
meroḥ samantato ramyam ilāvṛtamudāhṛtam || 10.210 ||
Jārudhi und Śṛṅgavat im Norden. Rings um Meru wird das liebliche Ilāvṛta angesetzt.
10.211
adhastāccakravāṭasya navasāhasravistṛtam |
yojanānāṃ caturdikṣu caturaśraṃ samantataḥ || 10.211 ||
Es liegt unterhalb des Kreiswalls, ist in allen vier Richtungen neuntausend Yojanas breit und durchweg quadratisch.
10.212
nātapo bhānujastatra na ca somasya raśmayaḥ |
prabhavanti hi lokānāṃ merorbhāsā prabhāsitam || 10.212 ||
Dort wirken weder die Wärme der Sonne noch die Strahlen des Mondes auf die Bewohner; alles wird durch Merus Glanz erhellt.
10.213
pratyagrāmbujapatrābhā janāścātīva komalāḥ |
jambūrasaphalāhārā jarāmṛtyuvivarjitāḥ || 10.213 ||
Die Menschen gleichen frischen Lotusblättern und sind überaus zart. Sie ernähren sich von Jambū-Saft und -Früchten und sind frei von Alter und Tod [während der angegebenen Lebensspanne].
10.214
trayodaśābdasāhasraṃ teṣāmāyuḥ prakīrtitam |
devagandharvasiddhāśca ṛṣayo 'tha vināyakāḥ || 10.214 ||
Ihre Lebensdauer wird mit dreizehntausend Jahren angegeben. Götter, Gandharvas, Siddhas, Ṛṣis und Vināyakas,
10.215
gaṇamātṛbhaginyaśca vetālā rākṣasādayaḥ |
evamādyairasaṃkhyātair vṛtaṃ caitadilāvṛtam || 10.215 ||
Gefolgschaften, Mütter, Schwestern, Vetālas, Rākṣasas und andere: Von unzähligen solchen Wesen ist Ilāvṛta bevölkert.
10.216
gandhamādanavāruṇyāṃ samudrasya ca pūrvataḥ |
ketumālamiti khyātaṃ varṣaṃ sarvaguṇottamam || 10.216 ||
Westlich von Gandhamādana und östlich vom Meer liegt das als Ketumāla bekannte Land, ausgezeichnet durch alle Vorzüge.
10.217
nīlotpaladalaśyāmā janāstatra suśobhanāḥ |
panasasya rasaṃ pītvā jīvantyayutameva ca || 10.217 ||
Seine Menschen sind schön und dunkel wie Blätter der blauen Wasserlilie. Vom Trinken des Jackfruchtsaftes leben sie zehntausend Jahre.
10.218
jayanto vardhamānaśca aśoko hariparvataḥ |
viśālaḥ kambalaḥ kṛṣṇas tatra sapta kulādrayaḥ || 10.218 ||
Jayanta, Vardhamāna, Aśoka, Hariparvata, Viśāla, Kambala und Kṛṣṇa sind dort die sieben Hauptgebirge.
10.219
mālyavatpūrvabhāgena samudrasyāpareṇa tu |
varṣaṃ bhadrāśvasaṃjñaṃ ca tatrāpi tvayutāyuṣaḥ || 10.219 ||
Östlich von Mālyavat und westlich vom Meer liegt das Bhadrāśva genannte Land. Auch dort beträgt die Lebensdauer zehntausend Jahre.
10.220
janāścandrapratīkāśāḥ kālāmraphalabhojanāḥ |
kaurañjaḥ śvetaparṇaśca nīlo mālāgrakastathā || 10.220 ||
Die Menschen gleichen dem Mond und essen Kāla-Mango-Früchte. Kaurañja, Śvetaparṇa, Nīla, Mālāgraka
10.221
padmaścaiva samākhyātās tatra pañca kulādrayaḥ |
dvātriṃśattu sahasrāṇi pūrvapaścāyate smṛte || 10.221 ||
und Padma werden als die fünf Hauptgebirge dort genannt. [Diese Länder] werden als zweiunddreißigtausend in Ost-West-Richtung ausgedehnt beschrieben,
10.222
catustriṃśatsahasrāṇi dakṣiṇodaksamāyate |
varṣe dve tu samākhyāte kuruvarṣanivāsinaḥ || 10.222 ||
und vierunddreißigtausend von Süden nach Norden. Damit sind die beiden Länder erklärt. [Nun zu] den Bewohnern des Landes Kuru:
10.223
kuravonāmalokāste kuruvṛkṣaphalāśinaḥ |
trayodaśasaharāṇi jīvanti sthirayauvanāḥ || 10.223 ||
Die Kurus genannten Menschen essen Früchte des Kuru-Baumes und leben dreizehntausend Jahre in unveränderlicher Jugend.
10.224
yugmaṃ yugmaṃ prasūyante viyogabhayavarjitāḥ |
śyāmāpuṣpanibhāḥ snigdhāḥ surūpāḥ puruṣāḥ striyaḥ || 10.224 ||
Sie werden jeweils als Paar geboren, frei von der Furcht vor Trennung. Männer und Frauen sind schön, anmutig und gleichen der Śyāmā-Blüte.
10.225
sarvaratnamayī bhūmir himavālukayā citā |
navayojanasāhasraṃ dhanvākāraṃ prakīrtitam || 10.225 ||
Die Erde besteht aus allen Juwelen und ist mit schneeweißem Sand bedeckt [hima möglicherweise abweichend überliefert]. Sie wird als neuntausend Yojanas groß und bogenförmig beschrieben.
10.226
sūryakāntendukāntau ca dvau tatra kulaparvatau |
kalpavṛkṣaḥ kururnāma tatraiva kusumojjvalaḥ || 10.226 ||
Sūryakānta und Indukānta sind dort die beiden Hauptberge. Dort steht der Wunschbaum namens Kuru, leuchtend vor Blüten.
10.227
tasya nāmnā tu tajjñeyaṃ kuruvarṣaṃ suśobhanam |
tasyacottaradigbhāge praviśya lavaṇodadhim || 10.227 ||
Nach seinem Namen ist dieses herrliche Land als Kuruvarṣa zu kennen. Nördlich davon, im Salzmeer,
10.228
pañcayojanasāhasraṃ candradvīpaṃ prakīrtitam |
tathā vāyavyadigbhāge praviśya lavaṇodadhim || 10.228 ||
wird die fünftausend Yojanas [große oder entfernte] Mondinsel genannt. Ebenso, in nordwestlicher Richtung in das Salzmeer hinein,
10.229
yojanānāṃ sahasrāṇi catvāryeva varānane |
daśayojanasāhasraṃ dvīpaṃ bhadraṃ prakīrtitam || 10.229 ||
viertausend Yojanas [entfernt], Schönangesichtige, wird die zehntausend Yojanas [große] Insel Bhadra beschrieben.
10.230
bhadrākāramiti jñeyaṃ sarvakāmaphalapradam |
ayutāyuṣo janāstatra divyāmṛtaphalāśinaḥ || 10.230 ||
Sie ist als glückhaft gestaltet zu verstehen und verleiht alle gewünschten Früchte. Ihre Menschen leben zehntausend Jahre und essen göttliche Nektarfrüchte.
10.231
candrākhye 'pyayutaṃ cāyur jīvanti phalabhojinaḥ |
śvetaśṛṅgavatoścaiva madhye jñeyaṃ hiraṇmayam || 10.231 ||
Auch auf der Mondinsel leben die Früchte essenden Menschen zehntausend Jahre. Zwischen Śveta und Śṛṅgavat ist Hiraṇmaya zu kennen.
10.232
lakucasya phalaṃ prāśya janāstatrendusannibhāḥ |
jīvantyabdasahasrāṇi mānenārdhatrayodaśa || 10.232 ||
Dort essen die mondgleichen Menschen Lakuca-Früchte und leben zwölfeinhalbtausend Jahre.
10.233
nīlasyottaradigbhāge tathā śvetasya dakṣiṇe |
ramyakaṃ nāma varṣaṃ tu nyagrodhaphalabhojanāḥ || 10.233 ||
Nördlich von Nīla und südlich von Śveta liegt das Land namens Ramyaka. [Seine Bewohner] essen Nyagrodha-Früchte,
10.234
nīlotpaladalaśyāmā jarārogavivarjitāḥ |
dvādaśābdasahasrāṇi teṣāmāyuḥ prakīrtitam || 10.234 ||
sind dunkel wie Blätter der blauen Wasserlilie und frei von Alter und Krankheit. Ihre Lebensdauer wird mit zwölftausend Jahren angegeben.
10.235
navasāhasravistāraṃ ramyakaṃ ca hiraṇmayam |
hemakūṭasya saumyena dakṣiṇe niṣadhasya tu || 10.235 ||
Ramyaka und Hiraṇmaya sind neuntausend breit. Nördlich von Hemakūṭa und südlich von Niṣadha
10.236
harivarṣaṃ samākhyātaṃ raupyābhāstatra jantavaḥ |
dvādaśaiva sahasrāṇi jīvantīkṣurasāśinaḥ || 10.236 ||
liegt das Harivarṣa genannte Land. Dort sind die Lebewesen silberglänzend und leben zwölftausend Jahre von Zuckerrohrsaft.
10.237
atīva śobhanaṃ tacca navasāhasravistṛtam |
hemakūṭasya yāmyena himavatastvathottare || 10.237 ||
Dieses überaus schöne Land ist neuntausend breit. Südlich von Hemakūṭa und nördlich von Himavat
10.238
varṣaṃ kiṃpuruṣaṃ nāma tatrahemanibhā janāḥ |
navavarṣasahasrāṇi jīvanti plakṣabhojanāḥ || 10.238 ||
liegt das Land namens Kiṃpuruṣa. Dort sind die Menschen goldgleich und leben neuntausend Jahre von Plakṣa-Früchten.
10.239
navaiva tu sahasrāṇi vistārastatra kīritaḥ |
yāmye himācalendrasya uttare lavaṇodadheḥ || 10.239 ||
Seine Breite wird ebenfalls mit neuntausend angegeben. Südlich vom König der Schneeberge und nördlich vom Salzmeer
10.240
bhārataṃ nāma varṣaṃ tu tatra cālpaṃ sukhaṃ smṛtam |
janā rogabhayatrastā duḥkhitā mandasaṃpadaḥ || 10.240 ||
liegt das Land namens Bhārata. Dort gilt das Glück als gering; die Menschen sind von Krankheit und Furcht bedrängt, leidend und mit geringem Wohlstand versehen.
10.241
surūpā mandarūpāśca subhagā durbhagāḥ pare |
bhogino mandabhogāśca tathānye 'tyantaduḥkhitāḥ || 10.241 ||
Manche sind schön, andere wenig schön, manche vom Glück begünstigt, andere unglücklich; manche genießen viel, andere wenig, und wieder andere leiden außerordentlich.
10.242
gaurāḥ śyāmāstathā kṛṣṇā babhravaḥ śvetapiṅgalāḥ |
varṇajātiprabhedena nānākarmānurūpataḥ || 10.242 ||
Hell, dunkelbraun, schwarz, braun, weiß oder gelbbraun: Entsprechend den Unterschieden von Gesellschaftsgruppe und Geburt und den vielfältigen Handlungen
10.243
caturvarṇā antyajāśca jāyante bhāratāhvaye |
svadeśabhāṣāyuktāni dvīpadvīpāntarāṇi ca || 10.243 ||
werden die vier Gesellschaftsgruppen und die außerhalb Stehenden in dem Bhārata genannten Land geboren; auch die verschiedenen Inselgebiete besitzen ihre eigenen Landessprachen.
10.244
paṇḍitāśca tathā mūrkhāḥ śilpavijñāninastathā |
yogino jñāninaścaiva dharmiṣṭhāḥ pāpino 'pare || 10.244 ||
Dort gibt es Gelehrte und Unwissende, Handwerkskundige, Yogis und Wissende, Rechtschaffene und andere, die sündig sind.
10.245
yācakāścāpi jāyante dātāraścāpare janāḥ |
preṣyā dāsāśca bahavo mānavāḥ satataṃ priye || 10.245 ||
Manche Menschen werden zu Bittenden, andere zu Gebenden; viele sind Diener und Unfreie, stets, Geliebte.
10.246
guṇastvekaḥ sthitastatra śubhāśubhaphalārjanam |
naṣṭāsu vidyate kācid yugatrayamayī sthitiḥ || 10.246 ||
Ein besonderer Vorzug besteht dort: Man kann die Früchte guter und schlechter Handlungen erwerben. In den [anderen] acht besteht dies nicht; dort herrscht der Zustand der drei Weltalter [Vorlage naṣṭāsu beschädigt].
10.247
caturyugavatī jñeyā bhāratākhye varānane |
tatraiva yatkṛtaṃ karma śubhaṃ vā yadi vāśubham || 10.247 ||
In Bhārata ist dagegen ein Zustand mit vier Weltaltern zu kennen, Schönangesichtige. Was dort an guten oder schlechten Handlungen vollbracht wird,
10.248
vasanti tena lokāśca śivādyavīcimadhyagāḥ |
mahākālastathaikāmram evamādi varānane || 10.248 ||
dadurch wohnen die Menschen in den Welten zwischen Śiva und Avīci. Mahākāla, Ekāmra und weitere [heilige Orte], Schönangesichtige,
10.249
tīrthānāṃ koṭiruddiṣṭā mahāpuṇyaphalodayā |
gaṅgādīnāṃ nadīnāṃ ca tatra pañca śatāni ca || 10.249 ||
werden als zehn Millionen Wallfahrtsstätten mit großer verdienstvoller Frucht angegeben. Fünfhundert Flüsse, angefangen mit Gaṅgā, liegen dort.
10.250
navayojanasāhasraṃ dhanvākāraṃ nibodha tam |
nava bhedāḥ smṛtāstatra sāgarāntaritāḥ priye || 10.250 ||
Verstehe es als neuntausend Yojanas groß und bogenförmig. Neun durch Meere getrennte Teile werden darin angesetzt, Geliebte.
10.251
ekaikasya tu dvīpasya sahasraṃ parikīrtitam |
śatāni pañca vijñeyaṃ sthalaṃ pañca jalaṃ tathā || 10.251 ||
Für jede Insel werden tausend angegeben: fünfhundert sind als Land und fünfhundert als Wasser zu verstehen.
10.252
parasparamagamyāste teṣāṃ nāmāni me śṛṇu |
indradvīpaṃ kaśeruṃ ca tāmravarṇaṃ gabhastimat || 10.252 ||
Sie sind voneinander aus nicht erreichbar. Höre ihre Namen: Indradvīpa, Kaśeru, Tāmravarṇa, Gabhastimat,
10.253
nāgadvīpaṃ ca saumyaṃ ca gāndharvaṃ vāruṇaṃ tathā |
dvīpaṃ kumārikākhyaṃ ca navamaṃ parikīrtitam || 10.253 ||
Nāgadvīpa, Saumya, Gāndharva, Vāruṇa und als neunte die Kumārikā genannte Insel.
10.254
bindusaraḥ prabhṛtyeva kumāryāhvaṃ prakīrtitam |
yojanānāṃ sahasraṃ tu nānāvarṇāśramānvitam || 10.254 ||
Von Bindusaras angefangen wird [das Gebiet] Kumārī genannt, tausend Yojanas groß und mit verschiedenen Gesellschaftsgruppen und Lebensständen versehen.
10.255
ye pūrvoktā guṇā loke bhārate varavarṇini |
te tatraiva sthitā loke kumārīsaṃjñake priye || 10.255 ||
Die zuvor genannten Eigenschaften der Welt Bhārata, du von schöner Gestalt, befinden sich gerade in dieser Kumārī genannten Welt, Geliebte.
10.256
bhūdharāḥ sapta vijñeyās tatraiva tu suśobhanāḥ |
mahendro malayaḥ sahyaḥ śaktimānṛkṣaparvataḥ || 10.256 ||
Dort sind sieben herrliche Berge zu kennen: Mahendra, Malaya, Sahya, Śaktimat und Ṛkṣaparvata,
10.257
vindhyaśca pāriyātraśca bhāntyete kulaparvatāḥ |
dakṣasāgaramadhyasthāny upadvīpāni ṣaṭ priye || 10.257 ||
Vindhya und Pāriyātra leuchten als diese Hauptgebirge. Im südlichen Meer liegen sechs Nebeninseln, Geliebte.
10.258
aṅgadvīpaṃ yavākhyaṃ ca malayaṃ śaṅkhasaṃjñakam |
kumudaṃ ca varāhaṃ ca ityevaṃ parikīrtitam || 10.258 ||
Aṅgadvīpa, die Yava genannte, Malaya, die Śaṅkha genannte, Kumuda und Varāha werden so bezeichnet.
10.259
kathito malayadvīpe malayo nāma parvataḥ |
tasyapāde trikūṭo vai laṅkā tasyoparisthitā || 10.259 ||
Auf Malayadvīpa wird ein Berg namens Malaya beschrieben. An seinem Fuß liegt Trikūṭa; auf diesem befindet sich Laṅkā.
10.260
cāmīkaramayī śubhrā catvārodyānamaṇḍitā |
citraprākāraracitā vajravaiḍūryamaṇḍitā || 10.260 ||
Sie ist aus Gold, strahlend, mit vier Gärten geschmückt, mit kunstvollen Mauern erbaut und mit Diamanten und Beryllen verziert.
10.261
anantavibhavāstatra rākṣasā devakanyakāḥ |
ramante kanyakāsaktā mahābalaparākramāḥ || 10.261 ||
Dort leben Rākṣasas von unendlichem Reichtum und großer Stärke und Tapferkeit; den Mädchen zugetan, vergnügen sie sich mit göttlichen Mädchen [Satzfügung uneben].
10.262
agastyaśikharaṃ tatra malaye bhūdharottame |
tatrāśramo mahāpuṇya āgastyaḥ sphāṭikaprabhaḥ || 10.262 ||
Auf Malaya, dem vorzüglichen Berg, liegt Agastyas Gipfel. Dort befindet sich Agastyas hochheiliger, kristallglänzender Āśrama.
10.263
tatrānyonyaviruddhāstu sattvāḥ krīḍantyaśaṅkitāḥ |
na tatra jāyate mārī nākālaḥ saṃpravartate || 10.263 ||
Dort spielen selbst sonst miteinander verfeindete Wesen unbesorgt. Keine Seuche entsteht, und kein vorzeitiges Unheil tritt ein.
10.264
na jarā na ca śokaśca nopasargabhayaṃ kvacit |
na vadatyanṛtaṃ kaścid rāgadveṣau na kutracit || 10.264 ||
Es gibt weder Alter noch Kummer noch Furcht vor Bedrängnis. Niemand spricht Unwahrheit; Anhaftung und Abneigung finden sich nirgends.
10.265
agastyasya prabhāveṇa tv ajñānaṃ dūrato gatam |
tatra vai ṛṣayo vīrā jñānayogakṛtāśramāḥ || 10.265 ||
Durch Agastyas Macht ist Unwissenheit weit vertrieben. Dort [leben] heldenhafte Ṛṣis, die sich um Erkenntnis und Yoga bemühen,
10.266
japādhyayana homādi pūjāstutiparāyaṇāḥ |
tryambakasya mahādevi nityamārādhane ratāḥ || 10.266 ||
der Rezitation, dem Studium, Feueropfer, Verehrung und Lobpreis ergeben, stets der Anbetung Tryambakas zugewandt, große Göttin.
10.267
agastyasahitāḥ sarve mokṣābhyudayavādinaḥ |
tiṣṭhanti bhāvitātmānaḥ śāpānugrahakāriṇaḥ || 10.267 ||
Zusammen mit Agastya verweilen sie alle innerlich durchdrungen, lehren Befreiung und Gedeihen und besitzen die Macht zu Fluch und Gnade.
10.268
lakṣayojanavistīrṇaṃ jambudvīpaṃ samantataḥ |
lakṣayojanavistīrṇaṃ lavaṇāmbhaḥ sthitaṃ bahiḥ || 10.268 ||
Jambūdvīpa ist ringsum hunderttausend Yojanas breit. Außen liegt das ebenfalls hunderttausend Yojanas breite Salzmeer.
10.269
triguṇaṃ pariṇāhena sthitaṃ vai maṇḍalākṛti |
vṛtrāribhayasaṃtrastāḥ praviṣṭāstatra parvatāḥ || 10.269 ||
Sein Umfang beträgt das Dreifache; es ist kreisförmig. In dieses sind die Berge eingetreten, erschrocken aus Furcht vor Indra, dem Feind Vṛtras.
10.270
dvādaśaiva mahāvīryās tānbravīmi samāsataḥ |
vṛṣabho dundubhirdhūmraḥ praviṣṭāḥ pūrvabhāgataḥ || 10.270 ||
Zwölf kraftvolle [Berge] sind es; ich nenne sie kurz. Vṛṣabha, Dundubhi und Dhūmra traten von Osten ein;
10.271
candraḥ kaṅkastathā droṇaḥ praviṣṭā uttareṇa tu |
aśoko 'tha varāhaśca nandanaśca tṛtīyakaḥ || 10.271 ||
Candra, Kaṅka und Droṇa von Norden. Aśoka, Varāha und als dritter Nandana
10.272
apareṇa nagāstatra praviṣṭā lavaṇodadhim |
cakro mainākasaṃjñaśca tṛtīyastu balāhakaḥ || 10.272 ||
traten von Westen in das Salzmeer ein. Cakra, der Maināka Genannte und als dritter Balāhaka
10.273
dakṣiṇena varārohe praviṣṭāścaiva bhūdharāḥ |
cakramainākayormadhye tiṣṭhedve vaḍavāmukhaḥ || 10.273 ||
traten von Süden ein, Schönhüftige. Zwischen Cakra und Maināka befindet sich das untermeerische Feuer Vaḍavāmukha.
10.274
jambūdvīpaṃ samākhyātaṃ prabhavastvadhunocyate |
svāyaṃbhuvo manurnāma tasya putraḥ priyavrataḥ || 10.274 ||
Jambūdvīpa ist beschrieben; nun folgt seine Herkunft. Es gab einen Manu namens Svāyaṃbhuva; sein Sohn war Priyavrata.
10.275
tasyātha daśa putrā vai jātā vīryabalotkaṭāḥ |
agnīdhraścāgnibāhuśca medhā medhātithirvapuḥ || 10.275 ||
Diesem wurden zehn Söhne von gewaltiger Kraft und Stärke geboren: Agnīdhra, Agnibāhu, Medhas, Medhātithi, Vapus,
10.276
jyotiṣmān dyutimān havyaḥ savanaḥ satra eva ca |
medhāḥ satro 'gnibāhuśca ete pravrajitāstrayaḥ || 10.276 ||
Jyotiṣmat, Dyutimat, Havya, Savana und Satra. Medhas, Satra und Agnibāhu, diese drei, gingen in die Entsagung.
10.277
saptadvīpeṣu ye śeṣā abhiṣiktā mahābalāḥ |
jambudvīpe tathāgnīdhrāḥ tasya putrā nava smṛtāḥ || 10.277 ||
Die übrigen großen Helden wurden als Herrscher über die sieben Inseln geweiht. Agnīdhra [herrschte] über Jambūdvīpa; neun Söhne werden ihm zugeschrieben:
10.278
nābhiḥ kiṃpuruṣaścaiva hariścaiva ilāvṛtaḥ |
bhadrāśvaḥ ketumālaśca ramyakaśca hiraṇmayaḥ || 10.278 ||
Nābhi, Kiṃpuruṣa, Hari, Ilāvṛta, Bhadrāśva, Ketumāla, Ramyaka und Hiraṇmaya,
10.279
navamastu kururnāma navavarṣādhipāḥ smṛtāḥ |
agnīdhratastu jātā vai śūrāścātibalotkaṭāḥ || 10.279 ||
und als neunter Kuru. Sie gelten als Herren der neun Länder, geboren von Agnīdhra, heldenhaft und von übergroßer Kraft.
10.280
teṣāṃ nāmāṅkitānīha navavarṣāṇi pārvati |
nābheḥ putro mahāvīryo vṛṣabho dharmatatparaḥ || 10.280 ||
Nach ihren Namen sind hier die neun Länder benannt, Pārvatī. Nābhis Sohn war der sehr kraftvolle und dem Recht ergebene Vṛṣabha.
10.281
tasyāpi hi suto jñeyo bharatastu pratāpavān |
tannamnaiva tu vijñeyaṃ bhārataṃ varṣamuttamam || 10.281 ||
Dessen Sohn ist als der mächtige Bharata zu kennen. Nach seinem Namen ist das vortreffliche Land Bhārata zu verstehen.
10.282
tasyāpyaṣṭau punaḥ putrā jātā kanyāparā priye |
bhārate tvaṣṭadvīpe 'tra aṣṭau putrā niveśitāḥ || 10.282 ||
Ihm wurden wiederum acht Söhne und außerdem eine Tochter geboren, Geliebte. Über acht Inseln Bhāratas setzte er die acht Söhne ein.
10.283
navamastu kumāryāhvaḥ kumāryāḥ pratipāditaḥ |
teṣāṃ nāmnā tu te dvīpā bharatena prakīrtitāḥ || 10.283 ||
Die neunte, Kumārī genannte, wurde der Tochter übertragen. Bharata benannte diese Inseln nach ihren Namen.
10.284
jambudvīpaṃ ca śākaṃ ca kuśaṃ krauñcaṃ ca śālmalim |
gomedaṃ puṣkaraṃ caiva sapta dvīpāni pārvati || 10.284 ||
Jambūdvīpa, Śāka, Kuśa, Krauñca, Śālmali, Gomeda und Puṣkara sind die sieben Inseln, Pārvatī.
10.285
adhunā saṃpravakṣyāmi samudrāṃstava suvrate |
kṣāraḥ kṣīraṃ dadhi ghṛtaṃ tathā ikṣuraso 'pi ca || 10.285 ||
Nun werde ich dir die Meere nennen, du mit den guten Gelübden: Salz, Milch, Sauermilch, Ghee, Zuckerrohrsaft,
10.286
madirodaśca svādūdaḥ samudrāḥ sapta kīrtitāḥ |
jambudvīpaṃ smṛtaṃ lakṣaṃ yojanānāṃ pramāṇataḥ || 10.286 ||
Wein und Süßwasser werden als die sieben Meere bezeichnet. Jambūdvīpas Maß wird mit hunderttausend Yojanas angegeben.
10.287
parimaṇḍalato jñeyaḥ kṣārodastatsamo bahiḥ |
evaṃ dviguṇavṛddhyātra samudrā dvīpasaṃsthitāḥ || 10.287 ||
Es ist als rund zu verstehen; außen ist das Salzmeer ebenso groß. Bei der Folge von Inseln und Meeren verdoppelt sich das Maß jeweils von einem Insel-Meer-Paar zum nächsten.
10.288
agnīdhraśca samākhyāto jambudvīpe varānane |
śāke medhātithirnāma vapuṣmān kuśasaṃjñake || 10.288 ||
Agnīdhra wurde für Jambūdvīpa genannt, Schönangesichtige; Medhātithi für Śāka und Vapuṣmat für die Kuśa genannte [Insel].
10.289
rājā krauñce 'tha jyotiṣmān śālmalau dyutimānsmṛtaḥ |
gomede havyanāmā tu savanaḥ puṣkare tathā || 10.289 ||
König Jyotiṣmat [herrscht] auf Krauñca, Dyutimat auf Śālmali, der Havya Genannte auf Gomeda und Savana auf Puṣkara.
10.290
tretāyugasamaḥ kālaḥ śākagomedavāsinām |
tathā varṇāśramācārā jñeyāstatra nivāsinām || 10.290 ||
Für die Bewohner von Śāka bis Gomeda gleicht die Zeit dem Tretā-Weltalter. Ebenso ist dort eine Lebensordnung nach Gesellschaftsgruppen und Lebensständen zu verstehen.
10.291
medhātitheḥ sapta putrāḥ śākadvīpe 'bhiṣecitāḥ |
śānto 'bhayastvaśiśiraḥ sukhado nandakaḥ śivaḥ || 10.291 ||
Sieben Söhne Medhātithis wurden auf Śākadvīpa geweiht: Śānta, Abhaya, Aśiśira, Sukhada, Nandaka, Śiva,
10.292
kṣemakaśca dhruvaśceti varṣanāmnā tu te 'ṅkitāḥ |
varṣāṇi sapta khyātāni parvatāṃśca nibodha me || 10.292 ||
Kṣemaka und Dhruva [acht Namen bei angekündigten sieben]. Die Länder sind nach ihnen benannt. Sieben Länder werden genannt; höre nun von den Bergen.
10.293
gomedaścandrasaṃjñaśca nārado dundubhistathā |
somaka ṛṣabhaścaiva vaibhrājaśca kulādrayaḥ || 10.293 ||
Gomeda, der Candra Genannte, Nārada, Dundubhi, Somaka, Ṛṣabha und Vaibhrāja sind die Hauptgebirge.
10.294
sukṛtā cānasūyā ca sumukhī ca tṛtīyakā |
vipāśā tridivā kumbhī tathā cāmṛtanālikā || 10.294 ||
Sukṛtā, Anasūyā, als dritte Sumukhī, Vipāśā, Tridivā, Kumbhī und Amṛtanālikā:
10.295
etā eva mahānadyo giriṣveteṣu nirgatāḥ |
pūrvādārabhya niṣkrāntāḥ praviṣṭāḥ kṣīrasāgaram || 10.295 ||
Diese großen Flüsse entspringen in jenen Bergen. Von Osten angefangen fließen sie hervor und münden in das Milchmeer.
10.296
śākadvīpe tu ye lokāḥ kṣīrāhārāḥ phalāśinaḥ |
candrakāntasamāḥ sarve surūpāḥ priyadarśanāḥ || 10.296 ||
Die Menschen auf Śākadvīpa nähren sich von Milch und Früchten. Alle gleichen dem Mondstein, sind wohlgestaltet und lieblich anzusehen.
10.297
krīḍanti divyanārībhiḥ sarvaiśvaryasamanvitāḥ |
kuśe vapuṣmatā pūrvaṃ sapta putrā niveśitāḥ || 10.297 ||
Mit sämtlicher Herrlichkeit versehen, vergnügen sie sich mit göttlichen Frauen. Auf Kuśa setzte Vapuṣmat einst sieben Söhne ein:
10.298
śvetalohitajīmūtā harito vaidyutastathā |
mānasaḥ suvrataśceti varṣanāmnaiva cāṅkitāḥ || 10.298 ||
Śveta, Lohita, Jīmūta, Harita, Vaidyuta, Mānasa und Suvrata; nach ihnen sind die Länder benannt.
10.299
kumudaścorvadaścaiva vārāho droṇakaṅkatau |
mahiṣaḥ kusumaścaiva sapta sīmantaparvatāḥ || 10.299 ||
Kumuda, Urvada, Vārāha, Droṇa, Kaṅkata, Mahiṣa und Kusuma sind die sieben Grenzgebirge.
10.300
śvetatoyā tathā kṛṣṇā candrā śuklā ca locanī |
vīvṛtā ca vivṛndā ca saptaitāstu saridvarāḥ || 10.300 ||
Śvetatoyā, Kṛṣṇā, Candrā, Śuklā, Locanī, Vīvṛtā und Vivṛndā sind diese sieben vorzüglichen Flüsse.
10.301
dadhyudakaṃ praviṣṭāstā nimnagāḥ pāvanodakāḥ |
janāstu sukhinastatra dadhnāmṛtaphalāśinaḥ || 10.301 ||
Mit reinigendem Wasser münden sie in das Sauermilchmeer. Die Menschen dort sind glücklich und nähren sich von Sauermilch und Nektarfrüchten.
10.302
divyabhogaratāḥ sarve krīḍantyete sayoṣitaḥ |
jyotiṣmatā sapta putrāḥ krauñcadvīpe niveśitāḥ || 10.302 ||
Alle genießen göttliche Freuden und spielen mit ihren Frauen. Jyotiṣmat setzte auf Krauñcadvīpa sieben Söhne ein:
10.303
udbhijjaśca samākhyāto veṇurmaṇḍala eva ca |
rathakāraśca lavaṇo dhṛtimānsuprabhākaraḥ || 10.303 ||
Udbhijja, Veṇu, Maṇḍala, Rathakāra, Lavaṇa, Dhṛtimat und Suprabhākara,
10.304
kapilaśceti rājāno varṣanāmnā ca te 'ṅkitāḥ |
vaidrumo hemanābhaśca dyutimān puṣpadantakaḥ || 10.304 ||
und Kapila [acht statt der angekündigten sieben]. Diese Könige geben den Ländern ihre Namen. Vaidruma, Hemanābha, Dyutimat und Puṣpadantaka,
10.305
kuśalo harimardaśca saptaite tu kulādrayaḥ |
mahī dhātā śivāpāpā pavitrā saṃtatadyutiḥ || 10.305 ||
Kuśala und Harimarda sind die sieben Hauptgebirge [nur sechs Namen sind sicher abtrennbar]. Mahī, Dhātā, Śivā, Apāpā, Pavitrā und Saṃtatadyuti,
10.306
dambhā ceti samākhyātāḥ saptaitāḥ saritaḥ srutāḥ |
ghṛtodaṃ praviśantyetāḥ sarvāḥ pāpaharāḥ priye || 10.306 ||
und Dambhā werden genannt: Diese sieben Flüsse strömen dahin. Sie alle münden, Verfehlungen tilgend, in das Gheemeer, Geliebte.
10.307
janāstadvāsinaḥ sarve surūpāstejasotkaṭāḥ |
ghṛtāmṛtaphalāhārāḥ sutṛptāḥ smarapīḍitāḥ || 10.307 ||
Alle dort wohnenden Menschen sind schön und von gewaltigem Glanz. Sie nähren sich von Ghee und Nektarfrüchten, sind wohlgesättigt und von Liebe bedrängt.
10.308
krīḍanti vanitāyuktāḥ padmapatrāyatekṣaṇāḥ |
sapta dyutimatā putrāḥ śālmalāvabhiṣecitāḥ || 10.308 ||
Mit Augen lang wie Lotusblätter vergnügen sie sich zusammen mit Frauen. Dyutimat weihte auf Śālmali sieben Söhne zu Herrschern:
10.309
manonugastathoṣṇaśca pāvano hyandhakārakaḥ |
munirdundubhināmā ca kuśalaśceti te smṛtāḥ || 10.309 ||
Manonuga, Uṣṇa, Pāvana, Andhakāraka, Muni, den Dundubhi Genannten und Kuśala.
10.310
varṣanāmāni teṣāṃ vai saptānāṃ sapta tu kramāt |
krauñco 'tha vāmanaścaivāpy andhakāro divākṛtiḥ || 10.310 ||
Die sieben Länder tragen der Reihe nach ihre sieben Namen. Krauñca, Vāmana, Andhakāra und Divākṛti,
10.311
dvibinduḥ puṇḍarīkaśca dundubhiśca kulādrayaḥ |
pauṇḍarī kauśikī gaurī siddhā caiva kumudvatī || 10.311 ||
Dvibindu, Puṇḍarīka und Dundubhi sind die Hauptgebirge. Pauṇḍarī, Kauśikī, Gaurī, Siddhā, Kumudvatī,
10.312
sandhyā rātrī ca vikhyātā samāsātparikīrtitāḥ |
nadyastāḥ śailaniṣkrāntā gacchantīkṣurasārṇavam || 10.312 ||
Sandhyā und die berühmte Rātrī sind kurz genannt. Diese Flüsse entspringen den Bergen und fließen in das Zuckerrohrsaftmeer.
10.313
pibantīkṣurasaṃ tatra ye janāstannivāsinaḥ |
divyakāntiyutāḥ śāntāḥ surūpāḥ priyavādinaḥ || 10.313 ||
Die dort lebenden Menschen trinken Zuckerrohrsaft, besitzen göttliche Schönheit, sind friedvoll, wohlgestaltet und freundlich in ihrer Rede,
10.314
nānānārīsamākīrṇāḥ sarvakāmasukhodayāḥ |
havyarājaḥ sutānsapta gomode cābhyaṣecayat || 10.314 ||
von vielen Frauen umgeben und aller gewünschten Freuden teilhaftig. König Havya weihte auf Gomeda sieben Söhne:
10.315
jaladaśca kumāraśca sukumāro marīcakaḥ |
kumudaśconnataścaiva mahābhadra iti smṛtāḥ || 10.315 ||
Jalada, Kumāra, Sukumāra, Marīcaka, Kumuda, Unnata und Mahābhadra.
10.316
teṣāṃ nāmnā ca varṣāṇi aṅkitāni svamānataḥ |
udayaḥ kesaraścaiva jaṭharo 'tha suraivataḥ || 10.316 ||
Nach ihren Namen sind die Länder jeweils benannt. Udaya, Kesara, Jaṭhara und Suraivata,
10.317
śyāmo 'mbikeyo meruśca śailāḥ sīmantagāstvime |
gabhastī sukumārī ca kumārī nālinī tathā || 10.317 ||
Śyāma, Ambikeya und Meru sind die Grenzberge. Gabhastī, Sukumārī, Kumārī und Nālinī,
10.318
veṇukā cāpyathekṣū ca dhenuketi saridvarāḥ |
madirodaṃ vahantyetāḥ puṇyāḥ puṇyajalodvahāḥ || 10.318 ||
Veṇukā, Ikṣu und Dhenukā sind die vorzüglichen Flüsse. Heilig und heiliges Wasser führend, strömen sie in das Weinmeer.
10.319
amṛtopamāni svādūni phalānyatra varānane |
bhakṣayanti ca tallokāḥ pibanti madirāmṛtam || 10.319 ||
Die Menschen dort essen süße, nektargleiche Früchte, Schönangesichtige, und trinken nektargleichen Wein.
10.320
sarvakāmasamṛddhāśca surūpā vyādhivarjitāḥ |
nānāyuvativṛndaiśca rūpayauvanagarvitaiḥ || 10.320 ||
Mit allen Genüssen reich ausgestattet, schön und frei von Krankheit, [vergnügen sie sich] mit vielerlei Gruppen junger Frauen, stolz auf Schönheit und Jugend.
10.321
madālasaiḥ pānamattair amante satataṃ priye |
ataśca puṣkarākhye ca savanastatra nāyakaḥ || 10.321 ||
Mit diesen liebesmüden, vom Trank berauschten [Frauen] vergnügen sie sich beständig, Geliebte [Vorlage amante beschädigt]. Auf der Puṣkara genannten Insel ist Savana der Herrscher.
10.322
dvau putrau tena vikhyātau puṣkarākhye niveśitau |
parvato valayākāro mānasottarasaṃjñitaḥ || 10.322 ||
Er setzte dort auf Puṣkara seine beiden berühmten Söhne ein. Ein ringförmiger Berg trägt den Namen Mānasottara.
10.323
pañcāśaducchrayastasya vistāraḥ pañcaviṃśatiḥ |
yojanānāṃ varārohe sarvaratnasamanvitaḥ || 10.323 ||
Seine Höhe beträgt fünfzig, seine Breite fünfundzwanzig Yojanas, Schönhüftige. Er ist mit allen Juwelen versehen.
10.324
dhātakī madhyame rājā mahavīto bahirnṛpaḥ |
īrṣyayā rāgatṛṣṇābhir ītibhiśca vivarjitāḥ || 10.324 ||
Dhātakī ist König im inneren Bereich, Mahāvīta im äußeren. Frei von Neid, Anhaftung, Durst und Plagen
10.325
sarve te sukhinastatra tasminvarṣadvaye janāḥ |
cakrākārastu boddhavyo mānasastu varānane || 10.325 ||
sind dort alle Menschen in den beiden Ländern glücklich. Der Mānasa[-Berg] ist als kreisförmig zu verstehen, Schönangesichtige.
10.326
caturṇāṃ lokapālānāṃ purīstvatra bravīmi te |
harervasvekasārākhyā yāmyā saṃyaminī purī || 10.326 ||
Hier nenne ich dir die Städte der vier Weltenhüter: Indras Stadt namens Vasvekasārā, Yamas Stadt Saṃyaminī,
10.327
sukhāhvā vāruṇī caiva somasya tu vibhāvarī |
puṣkaradvīpaguṇitaḥ svādūdo 'nte vyavasthitaḥ || 10.327 ||
Varuṇas Stadt namens Sukhā und Somas Vibhāvarī. Am äußeren Ende liegt das Süßwassermeer, ebenso breit wie Puṣkaradvīpa [nach Kṣemarāja 6,4 Millionen Yojanas].
10.328
pañcāśattu sahasrāṇi tripañcāśattathaiva ca |
yojanānāṃ tu lakṣāṇi koṭidvitayameva ca || 10.328 ||
Fünfzigtausend, dreiundfünfzig Lakṣas und zwei Koṭis Yojanas,
10.329
mervardhādyāvatsvādūdaṃ pramāṇaṃ parikīrtitam |
tato hemamayī bhūmir daśakoṭyo varānane || 10.329 ||
also 25.350.000, werden als Maß von Merus Mitte bis zum Süßwassermeer angegeben. Dann folgt goldene Erde von hundert Millionen [Yojanas], Schönangesichtige,
10.330
devānāṃ krīḍanārthāya lokālokastvataḥ param |
parvato valayākāro yojanāyutavistṛtaḥ || 10.330 ||
zum Spiel der Götter. Darauf folgt Lokāloka, ein ringförmiger Berg von zehntausend Yojanas Breite.
10.331
lakṣamātrasamutsedho yojanānāṃ varānane |
sarvaratnasamopeto hemavarṇaḥ prakīrtitaḥ || 10.331 ||
Er ist hunderttausend Yojanas hoch, Schönangesichtige, mit allen Juwelen versehen und als goldfarben beschrieben.
10.332
tasyāntarbhāsayedbhānur na bahiḥ surasundari |
lokapālāḥ sthitāstatra rudrāścāmoghaśaktayaḥ || 10.332 ||
Die Sonne erhellt seinen inneren Bereich, nicht den äußeren, schöne Göttin. Dort befinden sich Weltenhüter, Rudras von unfehlbarer Kraft:
10.333
virujo vasudhāmā ca śaṃkhapāt kardamastathā |
hiraṇyaromā parjanyaḥ ketumān bhājanastathā || 10.333 ||
Viruja, Vasudhāman, Śaṃkhapāt, Kardama, Hiraṇyaroman, Parjanya, Ketumat und Bhājana.
10.334
jāmbūnadamaye śubhre siddhāmaraniveśane |
pūrvādārabhya kramaśo yāvadīśānagocaraḥ || 10.334 ||
In einer strahlenden, aus Jāmbūnada-Gold bestehenden Wohnstätte von Siddhas und Göttern, vom Osten der Reihe nach bis zum Nordosten,
10.335
lokapālāḥ sthitāste vai pālayanta imāḥ prajāḥ |
asya madhye varārohe yonayastu caturdaśa || 10.335 ||
stehen diese Weltenhüter und beschützen die Geschöpfe. Innerhalb dieses [Bereichs] befinden sich die vierzehn Geburtsklassen, Schönhüftige.
10.336
ceṣṭante vividhākārāḥ svakarmaparirañjitāḥ |
lokālokopariṣṭāttu saviturdakṣiṇāyanam || 10.336 ||
Sie bewegen sich in vielfältigen Formen, geprägt von ihrem eigenen Handeln. Oberhalb Lokālokas verläuft der südliche Lauf der Sonne,
10.337
tathottarāyaṇaṃ tatra uttareṇa prakīrtitam |
ardharātro 'marāvatyām astameti yamasya ca || 10.337 ||
und auf der Nordseite wird entsprechend der nördliche Lauf angesetzt. Wenn in Amarāvatī Mitternacht ist, geht sie bei Yama unter;
10.338
madhyāhnaścaiva vāruṇyāṃ saumye sūryodayaḥ smṛtaḥ |
yadaiva cāmarāvatyām udayastasya dṛśyate || 10.338 ||
in Varuṇas Stadt ist Mittag, in Somas Stadt Sonnenaufgang. Wenn ihr Aufgang in Amarāvatī gesehen wird,
10.339
tadāstameti vāruṇyām ityādityagatāgatam |
suvīthī uttare tasya ajavīthī ca dakṣiṇe || 10.339 ||
geht sie in Varuṇas Stadt unter: So verläuft das Kommen und Gehen der Sonne. Nördlich von ihr liegt Suvīthī, südlich Ajavīthī.
10.340
pitṛdevapathohyeṣa kathitastu mayā tava |
asya bāhye tamo ghoraṃ duḥprekṣyaṃ jīvavarjitam || 10.340 ||
Damit habe ich dir den Weg der Ahnen und Götter erklärt. Außerhalb davon liegt furchtbare, schwer zu durchschauende und unbelebte Finsternis.
10.341
pañcatriṃśatsmṛtāḥ koṭyo lakṣāṇekonaviṃśatiḥ |
catvāriṃśatsahasrāṇi yojanānāṃ varānane || 10.341 ||
Ihr Maß beträgt fünfunddreißig Koṭis, neunzehn Lakṣas und vierzigtausend Yojanas, also 351.940.000, Schönangesichtige.
10.342
saptasāgaramānaṃ tu garbhodastatsamaḥ smṛtaḥ |
brahmaṇo 'ṇḍakaṭāhena yuktā vai merumadhyataḥ || 10.342 ||
Dem Maß der sieben Meere entspricht das innere Urwasser. Zusammen mit der Schale von Brahmās Weltei, von Merus Mitte gerechnet,
10.343
pañcāśatkoṭayo jñeyā daśadikṣu samantataḥ |
evametacchataṃ jñeyaṃ koṭīnāṃ pārthivaṃ mahat || 10.343 ||
sind ringsum in den zehn Richtungen fünfzig Koṭis anzusetzen. So ist das große Erdganze als hundert Koṭis [Yojanas] zu verstehen.
10.344
ata ūrdhvaṃ pravakṣyāmi pramāṇaṃ varavarṇini |
atha vātra mahādevi paripāṭyā samantataḥ || 10.344 ||
Nun werde ich die Maße nach oben erklären, du von schöner Gestalt. Zuvor aber, große Göttin, [erläutere ich] hier in durchgängiger Reihenfolge
10.345
dīkṣākāle tu saṃskārāḥ kramaṃ teṣāṃ nibodha me |
śaktiṃ tattvaṃ ca bhuvanaṃ yoniṃ caiva niveśayet || 10.345 ||
die Reinigungsriten während der Einweihung; höre ihre Abfolge. Man setze Śakti, das Prinzip, die Welt und den Geburtsort ein.
10.346
teṣāṃ gandhopacāraṃ tu kṛtvā caiva yathākramam |
anantaṃ caiva kālāgniṃ narakāṃśca yathākramam || 10.346 ||
Nachdem sie der Reihe nach mit Duftgaben verehrt wurden, [reinige man] Ananta, Kālāgni und die Höllen in der entsprechenden Folge.
10.347
pātālāni tataścordhve śodhayedanupūrvaśaḥ |
upasthānaṃ tataḥ kuryād bhuvarlokasya varānane || 10.347 ||
Darauf reinige man die darüber liegenden Unterwelten nacheinander. Anschließend vollziehe man die Herbeiführung der Bhuvar-Welt, Schönangesichtige.
10.348
tato vāgīśvarī devī saṃpūjya kusumādibhiḥ |
tataḥ paśustu saṃprokṣya stāḍyo viśleṣya eva ca || 10.348 ||
Dann verehre man die Göttin Vāgīśvarī mit Blumen und anderem; anschließend besprenge, berühre und löse man den gebundenen Schüler.
10.349
chedanaṃ ca tathākarṣo grahaṇaṃ yojanaṃ tataḥ |
garbhadhāritvajanane adhikāraṃ tathaiva ca || 10.349 ||
Darauf folgen Durchtrennung, Heranziehen, Erfassen, Verbinden, Empfängnis, Austragung, Geburt und Befugnis,
10.350
yogaṃ bhogaṃ layaṃ caiva tato yoniviśodhanam |
caturdaśa samāsena kathayāmyanupūrvaśaḥ || 10.350 ||
Verbindung, Erfahrung, Auflösung und die Reinigung der Geburtsklassen. Ich erkläre die vierzehn kurz der Reihe nach.
10.351
paiśācaṃ rākṣasaṃ yākṣaṃ gāndharvaṃtvaindrameva ca |
saumyaṃ tathā ca prājeśaṃ brāhmaṃ caivāṣṭamaṃ viduḥ || 10.351 ||
Die Klasse der Piśācas, Rākṣasas, Yakṣas, Gandharvas, die Indras, Somas, Prajāpatis und als achte die Brahmās:
10.352
saṃhārakramayogena śodhanīyāḥ śivādhvare |
paśupakṣimṛgāścaiva tathānye ca sarīsṛpāḥ || 10.352 ||
Sie sind beim Opfer Śivas in der Reihenfolge der Einziehung zu reinigen. Haustiere, Vögel, Wildtiere und ferner Kriechtiere,
10.353
sthāvaraṃ pañcamaṃ caiva ṣaṣṭhaṃ mānuṣayonikam |
devayonisamāyuktaṃ proktaṃ saṃsāramaṇḍalam || 10.353 ||
als fünfte die unbeweglichen Wesen und als sechste die menschliche Geburtsklasse: Zusammen mit den göttlichen Geburtsklassen wird dies als Kreis des Saṃsāra bezeichnet.
10.354
caturdaśavidhaṃ caiva bhūrloke tu viśodhayet |
ātmā saṃsaratihyatra māyādyavanigocare || 10.354 ||
Diesen vierzehnfachen [Kreis] reinige man in der Bhūr-Welt. Das Selbst wandert hier im Bereich von Māyā bis zur Erde.
10.355
saṃsāraḥ procyate tasmāt paryaṭetsa yatastataḥ |
sukhaṃ duḥkhaṃ tathā mohaṃ bhuṅkte caivādhvamadhyagaḥ || 10.355 ||
Weil es von hier nach dort umherzieht, heißt dies Saṃsāra. Inmitten des Wirklichkeitswegs erfährt es Glück, Leid und Verblendung,
10.356
bandhatrayasamāyukto vāmaśaktyātvadhiṣṭhitaḥ |
īśvareṇa nimittena sṛṣṭisaṃhāravartmani || 10.356 ||
mit den drei Bindungen verbunden, von der Vāmā-Kraft beherrscht, mit Īśvara als wirkender Ursache, auf dem Weg von Schöpfung und Einziehung.
10.357
punaḥ punaścādhvamadhye yujyate sa śubhāśubhaiḥ |
adhvamadhye tu ye pāśā jñeyāścānantakoṭayaḥ || 10.357 ||
Immer wieder wird es inmitten dieses Weges mit Gutem und Schlechtem verbunden. Die Fesseln innerhalb des Wirklichkeitswegs sind als unendliche Millionen zu verstehen,
10.358
pradhānaguṇabhedena yāvaccānāśritaṃ padam |
tasmādevaṃ vijānīyāt adhvā bandhasya kāraṇam || 10.358 ||
unterschieden in hauptsächliche und untergeordnete, bis hin zur Anāśrita-Stätte. Daher soll man erkennen: Der Wirklichkeitsweg ist Ursache der Bindung.
10.359
caturdaśavidhaṃ yacca proktaṃ saṃsāramaṇḍalam |
tasya bhedāhyanantāśca bhidyante karmabhedataḥ || 10.359 ||
Der als vierzehnfach beschriebene Kreis des Saṃsāra besitzt unendliche Unterteilungen, die sich gemäß den Unterschieden der Handlungen ergeben.
10.360
karmavallyohyanantāśca karmeśānādikārakāḥ |
ātmanā badhyatehyātmā muñcennātmānamātmanā || 10.360 ||
Unendlich sind die Ranken des Karma, und [ihre] Verursacher [reichen] vom Herrn des Karma an [Satzbezug unklar]. Das Selbst wird durch sich selbst gebunden; es kann sich nicht durch sich selbst befreien.
10.361
kośakāro yathā kīṭa ātmānaṃ veṣṭayeddṛḍham |
nacodveṣṭayituṃ śakta ātmānaṃ sa punaryathā || 10.361 ||
Wie die kokonbildende Raupe sich selbst fest einhüllt und sich dann nicht wieder aus dieser Hülle lösen kann,
10.362
tathā saṃsāriṇaḥ sarve baddhāḥ svaireva bandhanaiḥ |
na ca mocayituṃ śaktāḥ paśavaḥ pāśabandhanāḥ || 10.362 ||
so sind alle im Saṃsāra Wandernden durch ihre eigenen Fesseln gebunden. Als gefesselte Wesen vermögen sie nicht,
10.363
svayameva svamātmānaṃ yāvadvai nekṣate śivaḥ |
śivaśaktinipātāttu mucyante pāśabandhanāt || 10.363 ||
sich selbst aus eigener Kraft zu befreien, solange Śiva sie nicht anblickt. Durch das Herabkommen von Śivas Kraft werden sie aus der Fesselbindung gelöst.
10.364
anyathā naiva jānanti svarūpaṃ yatsunirmalam |
yattatsvābhijanaṃ śuddham anaupamyamanāmayam || 10.364 ||
Andernfalls erkennen sie ihr vollkommen reines eigenes Wesen nicht, ihre reine ursprüngliche Herkunft, unvergleichlich und unversehrt.
10.365
mohitā malamohena baddhāḥ karmakalādinā |
nigūḍhāstatra tiṣṭhanti kāṣṭhe vahniryathā tathā || 10.365 ||
Durch die Verblendung des Makels getäuscht und durch Karma, Kalā und anderes gebunden, bleiben sie dort verborgen wie Feuer im Holz.
10.366
uddhṛtastu yathā vahnir manthakasya vaśātsphuṭam |
svasvarūpaṃ prapaśyeta bhāsvaraṃ yatsunirmalam || 10.366 ||
Wie aber das durch den Feuerquirler deutlich hervorgebrachte Feuer seine eigene helle und völlig reine Gestalt zeigt,
10.367
anyeṣāmapi jantūnāṃ timirākrāntacakṣuṣām |
prakāśayati vastūni hatvā vai raśmibhistamaḥ || 10.367 ||
und auch anderen Lebewesen, deren Augen von Dunkelheit bedeckt sind, die Dinge erhellt, indem es mit seinen Strahlen das Dunkel vertreibt,
10.368
tathātmā tu vijānāti yatsvarūpamanādimat |
manthakasya vaśāddevi nānyathā tu kathaṃcana || 10.368 ||
so erkennt das Selbst sein anfangsloses eigenes Wesen durch die Macht des Quirlenden, Göttin, und auf keinerlei andere Weise.
10.369
manthakastviha deveśi svayameva sadāśivaḥ |
ācāryatanumāsthāya sadā cānugrahe sthitaḥ || 10.369 ||
Der Quirlende ist hier, Herrin der Götter, Sadāśiva selbst, der die Gestalt des Lehrers angenommen hat und stets Gnade übt.
10.370
mantrā manthanavajjñeyā adhvā cātrāraṇiryathā |
vāgīśī yonisaṃsthānā dhūmo jñeyo malādivat || 10.370 ||
Die Mantras sind als Quirlbewegung zu verstehen, der Wirklichkeitsweg als Reibholz. Vāgīśī nimmt die Gestalt des Geburtsortes ein; der Rauch entspricht dem Makel und den übrigen [Bindungen].
10.371
ātmā vai vahnivajñeyo bodhakastu paraḥ śivaḥ |
udbodhito yathā vahnir nirmalo 'tīva bhāsvaraḥ || 10.371 ||
Das Selbst ist wie Feuer zu verstehen, der Erweckende als höchster Śiva. Wie das erweckte Feuer rein und sehr hell ist,
10.372
na bhūyaḥ praviśetkāṣṭhaṃ tathātmādhvana uddhṛtaḥ |
malakarmakalādyaistu nirmukto vigataklamaḥ || 10.372 ||
und nicht wieder in das Holz eintritt, so [kehrt] das aus dem Wirklichkeitsweg herausgehobene Selbst [nicht in die Bindung zurück], frei von Makel, Karma, Kalā und anderem, ohne Ermüdung.
10.373
tatrastho 'pi na badhyeta yato 'tīva sunirmalaḥ |
rasavahnisamāyogāt tāmraṃ kālikayā yathā || 10.373 ||
Selbst wenn es dort verweilt, wird es nicht gebunden, weil es vollkommen rein ist. Wie Kupfer durch die Verbindung mit Quecksilber und Feuer von seiner schwarzen Verunreinigung
10.374
viśleṣitaṃ tu tattvajñair hematvaṃ pratipadyate |
na bhūyastāmratāṃ yāti tathātmā na kadācana || 10.374 ||
durch Sachkundige getrennt wird, Goldsein erlangt und nicht wieder zu Kupfer wird, so [kehrt] auch das Selbst niemals [in seinen alten Zustand zurück].
10.375
rasavanmantraśaktistu kriyā jñeyā tu vahnivat |
tajjñaścaiva śivo jñeya ācāryatanuvigrahaḥ || 10.375 ||
Die Mantrakraft entspricht dem Quecksilber, die rituelle Handlung dem Feuer. Der Sachkundige ist Śiva in der leiblichen Gestalt des Lehrers.
10.376
ātmā vai hemavajjñeyo malo jñeyastu kālikā |
mantradravyakriyāyogād vahnyādhāre tathā priye || 10.376 ||
Das Selbst ist als Gold zu verstehen, der Makel als schwarze Verunreinigung. Durch die Verbindung von Mantra, Stoffen und Handlung auf der Grundlage des Feuers, Geliebte,
10.377
guruṇā tantraviduṣā hy ātmā vai nirmalīkṛtaḥ |
na bhūyo malatāṃ yāti śivatvaṃ yāti nirmalam || 10.377 ||
wird das Selbst durch den tantrakundigen Guru gereinigt. Es fällt nicht wieder in Befleckung, sondern gelangt zur makellosen Śiva-Natur.
10.378
evaṃ jñātvā varārohe dīkṣā kāryā yathā purā |
śodhayenmukhyapāśāṃśca ye proktāste mayā purā || 10.378 ||
Mit diesem Verständnis soll die Einweihung wie zuvor vollzogen werden, Schönhüftige. Man reinige die Hauptfesseln, die ich früher genannt habe.
10.379
guṇabhūtāstu ye pāśās te 'pi śuddhyanti tadvaśāt |
caturdaśavidhaṃ caiva yaduktaṃ tu mayā purā || 10.379 ||
Durch deren [Reinigung] werden auch die untergeordneten Fesseln gereinigt. Der von mir zuvor beschriebene vierzehnfache
10.380
saṃsāramaṇḍalaṃ devi śoddhyaṃ tadavanītale |
tadvakṣyāmi kramātsarvaṃ yathā śodhyaṃ śivādhvare || 10.380 ||
Kreis des Saṃsāra ist auf der Erdfläche zu reinigen, Göttin. Ich werde vollständig der Reihe nach erklären, wie er im Opfer Śivas gereinigt werden soll.
10.381
brahmādistambhaparyantaṃ prādhānyena viśodhayet |
brāhmaṃ caiva tu prājeśaṃ saumyamaindraṃ tathaiva ca || 10.381 ||
Von Brahmā bis zum Grasbüschel reinige man die hauptsächlichen [Vertreter]: die Klasse Brahmās, Prajāpatis, Somas und Indras,
10.382
gāndharvaṃ cāparaṃ yākṣaṃ rākṣasaṃ ca tathāparam |
paiśācaṃ kramataḥ śodhyaṃ sthāvaraṃ mānuṣaṃ tathā || 10.382 ||
ferner die der Gandharvas, Yakṣas, Rākṣasas und Piśācas der Reihe nach, ebenso die unbeweglichen und menschlichen [Wesen].
10.383
saptacchadaṃ sthāvarāṇāṃ sarpāṇāṃ vāsukiṃ tathā |
pakṣiṇāṃ garuḍaṃ caiva mṛgāṇāṃ siṃhameva ca || 10.383 ||
Unter den unbeweglichen Wesen [reinige man] Saptacchada, unter den Schlangen Vāsuki, unter den Vögeln Garuḍa und unter den Wildtieren den Löwen.
10.384
paśūnāṃ caiva goyoniṃ manuṣyāṃśca viśodhayet |
antyajāñchūdraviṭ kṣatra brāhmaṇāṃśca viśodhayet || 10.384 ||
Unter den Haustieren reinige man die Rinderklasse, dann die Menschen: Außenstehende, Śūdras, Vaiśyas, Kṣatriyas und Brahmanen.
10.385
pañcabhirbrahmabhirdevit vadhikārānviśodhayet |
daśāhutiprayogeṇa antyajān brāhmaṇāvadhi || 10.385 ||
Mit den fünf Brahmamantras reinige man ihre Befugnisse, Göttin; durch jeweils zehn Opfergaben [reinige man] von den Außenstehenden bis zu den Brahmanen.
10.386
brāhmaṇasyādhikārāṣṭau catvāriṃśatameva ca |
garbhaḥ puṃsavanaṃ caiva sīmanto jātakarma ca || 10.386 ||
Für einen Brahmanen gibt es achtundvierzig Befähigungsriten: Empfängnis, Ritus für männliche Nachkommenschaft, Scheitelziehen und Geburtsritus,
10.387
nāma niṣkramaṇaṃ caiva annaprāśanacūḍakam |
anenaiva varārohe śodhyāstvaṣṭau prakīrtitāḥ || 10.387 ||
Namensgebung, erster Ausgang, erste feste Nahrung und Haarschur. Auf diese Weise sind die acht genannten [Riten] zu reinigen, Schönhüftige.
10.388
etairnivartitairdevi tato 'sau jāyate dvijaḥ |
navamo vratabandhastu sa cāṅgī parikīrtitaḥ || 10.388 ||
Wenn diese vollzogen sind, Göttin, wird er ein Zweimalgeborener. Der neunte ist die Bindung an das Schülergelübde; er wird als der Ritus mit Gliedern bezeichnet.
10.389
aṅgāni saṃpravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ |
mekhalā dantakāṣṭhaṃ ca ajinaṃ tryāyuṣaṃ tathā || 10.389 ||
Seine Glieder werde ich sachgemäß der Reihe nach nennen: Gürtel, Zahnreinigungsholz, Antilopenfell und die Tryāyuṣa[-Formel],
10.390
saṃdhyāṃ vahnerupāsāṃ ca bhikṣāṃ vai saptamaṃ viduḥ |
niyantṝṇi ca dṛṣṭāni dīkṣākāle varānane || 10.390 ||
Andacht zu den Tagesübergängen, Feuerverehrung und als siebtes Bettelgang. Sie werden bei der Einweihung als regelnde [Handlungen] betrachtet, Schönangesichtige.
10.391
bhauteśaṃ pāśupatyaṃ ca gāṇaṃ gāṇeśvaraṃ tathā |
unmattakāsidhāraṃ ca ghṛteśaṃ saptamaṃ viduḥ || 10.391 ||
Bhauteśa, Pāśupatya, Gāṇa, Gāṇeśvara, Unmattaka, Asidhāra und als siebtes Ghṛteśa:
10.392
saptaitāni tu dṛṣṭāni vratāni brahmacāriṇām |
caryāvratāni bodhyāni aṅgatve kīrtitāni tu || 10.392 ||
Diese sieben werden als Gelübde der Brahmacārins angesehen. Sie sind als Verhaltensgelübde zu verstehen und werden als Glieder bezeichnet.
10.393
ebhistu sahitaṃ hyekaṃ navamaṃ vratabandhanam |
tasyāntarbhūtamevaitat kathitaṃ vratasaptakam || 10.393 ||
Zusammen mit diesen bildet die neunte Gelübdebindung einen einzigen [Hauptritus]. Die genannte Siebenergruppe von Gelübden ist darin enthalten.
10.394
caturdaśa vratānyevaṃ hotavyāni varānane |
vedavratāni catvāri hotavyāni na saṃśayaḥ || 10.394 ||
So sind vierzehn Gelübde durch Feueropfer zu behandeln, Schönangesichtige. Auch die vier Vedagelübde sind unzweifelhaft durch Opfer zu behandeln.
10.395
aiṣṭikaṃ pārvikaṃ caiva bhautikaṃ saumikaṃ tathā |
vrateśvarāstu catvāro brahmacāriniyāmakāḥ || 10.395 ||
Aiṣṭika, Pārvika, Bhautika und Saumika sind die vier Gelübdeherren, die den Brahmacārin regeln.
10.396
trayodaśavijānīyāt tato vai vedabhājanam |
tato bhavati godānaṃ taccaturdaśakaṃ priye || 10.396 ||
Damit ist [die Zahl] dreizehn zu verstehen; dann wird er zum Träger des Veda. Danach folgt Godāna, der vierzehnte [Ritus], Geliebte.
10.397
snāta udvāhayedbhāryāṃ jñānasiddhaḥ kumārikām |
kṛtvā darbhamayīṃ patnīṃ tayā saha yajetkratūn || 10.397 ||
Nach Abschluss der Schülerzeit heirate er eine Frau, ein junges Mädchen. Wer durch Erkenntnis vollendet ist, bilde eine Frau aus Darbha-Gras und opfere mit ihr die Opfer.
10.398
tajjñeyaṃ pañcadaśamaṃ tataḥ pākamakhāḥ kramāt |
naimittikāṃśa tānāhuḥ pravakṣyamyanupūrvaśaḥ || 10.398 ||
Dies ist als fünfzehntes zu verstehen. Danach folgen die Speiseopfer der Reihe nach; sie heißen anlassgebunden. Ich werde sie einzeln nennen.
10.399
aṣṭakāḥ pārvaṇī śrāddhaṃ śrāvaṇyāgrāyaṇī tathā |
caitrī cāśvayujī ceti sapta pākamakhāḥ kramāt || 10.399 ||
Aṣṭakā, Pārvaṇī, Śrāddha, Śrāvaṇī, Āgrāyaṇī, Caitrī und Āśvayujī sind der Reihe nach die sieben Speiseopfer.
10.400
etaiḥ saha vijānīyād dvāviṃśatparisaṃkhyayā |
āgneyaṃ cāgnihotraṃ ca darśaṃ caiva tataḥ param || 10.400 ||
Mit ihnen ist die Zahl zweiundzwanzig zu verstehen. Āgneya, Agnihotra und danach Darśa,
10.401
paurṇamāsī tathā jñeyā cāturmāsyaṃ tathaiva ca |
paśubandhaḥ samuddiṣṭaḥ sautrāmaṇirataḥ param || 10.401 ||
ferner Paurṇamāsī, Cāturmāsya, das Tieropfer und danach Sautrāmaṇi:
10.402
haviryajñāḥ samākhyātāḥ saptaite pāvanāḥ priye |
ebhiḥ saha vijānīyāt saṃskāraikonatriṃśakam || 10.402 ||
Diese sieben reinigenden Speisegabenopfer sind genannt, Geliebte. Mit ihnen zählt man neunundzwanzig Saṃskāras.
10.403
agniṣṭomātyagniṣṭomau ukthaḥ ṣoḍaśikā tathā |
vājapeyo 'tirātrastu āptoryāmastu saptamaḥ || 10.403 ||
Agniṣṭoma, Atyagniṣṭoma, Uktha, Ṣoḍaśikā, Vājapeya, Atirātra und als siebtes Āptoryāma
10.404
somasaṃsthāḥ samākhyātāḥ ṣaṭtriṃśatparisaṃkhyayā |
hiraṇyapādaḥ prathamas tathā guhyahiraṇyadhṛt || 10.404 ||
werden als die Somaopferformen genannt; damit ergibt sich die Zahl sechsunddreißig. Zuerst Hiraṇyapāda, dann Guhyahiraṇyadhṛt,
10.405
hiraṇyameḍhro hiraṇyanābhir hiraṇyagarbha eva ca |
hiraṇyaśrotro hiraṇyatvag ghiraṇyākṣastathaiva ca || 10.405 ||
Hiraṇyameḍhra, Hiraṇyanābhi, Hiraṇyagarbha, Hiraṇyaśrotra, Hiraṇyatvac und Hiraṇyākṣa,
10.406
hiraṇyajihvastacchṛṅgo daśa yajñāḥ prakīrtitāḥ |
śatena tu ghṛtaṃ cātra ekaikaṃ tu vijāyate || 10.406 ||
Hiraṇyajihva und Hiraṇyaśṛṅga: Zehn Opfer werden genannt. Mit jeweils hundert Ghee[-Opfergaben] wird hier jedes einzelne vollzogen.
10.407
ete sarve sahasreṇa śuddhyante saptatriṃśakaḥ |
aśvamedhaṃ tataḥ paścāj juhuyāttu yathākramam || 10.407 ||
Mit tausend [Gaben] werden sie alle gereinigt; gemeinsam bilden sie den siebenunddreißigsten [Ritus]. Danach opfere man der Reihe nach das Pferdeopfer.
10.408
evaṃ kṛtaistu taiḥ sarvais tataścaiva gṛhī bhavet |
aṣṭātriṃśattamaṃ taṃ tu vānaprasthaṃ tato bhavet || 10.408 ||
Wenn alle diese [Handlungen] vollzogen sind, wird er Hausvater. Das [Pferdeopfer] ist als achtunddreißigster [Ritus] zu verstehen. Darauf werde er Waldeinsiedler,
10.409
pārivrājyaṃ tato 'nteṣṭim evaṃ brāhmaṇyamāpnuyāt |
ata ātmaguṇānaṣṭau kathayāmi samāsataḥ || 10.409 ||
dann Wandermönch; zuletzt [folgt] das Totenopfer. So erlangt er Brahmanentum. Nun erkläre ich kurz die acht Eigenschaften des Selbst [Kṣemarāja zählt Waldleben und Wandermönchtum als 39. und 40. Saṃskāra; das Totenopfer zählt er hier nicht gesondert].
10.410
dayā sarveṣu bhūteṣu kṣāntiścāpyanasūyatā |
śaucaṃ caivamanāyāso maṅgalaṃ cāpyataḥ param || 10.410 ||
Mitgefühl mit allen Wesen, Geduld, Freiheit von Missgunst, Reinheit, Unangestrengtheit und Glückhaftigkeit,
10.411
akārpaṇyaṃ cāspṛhā cety aṣṭāvātmaguṇāḥ smṛtāḥ |
catvāriṃśadathāṣṭau tu saṃskārāśca samāsataḥ || 10.411 ||
Großherzigkeit und Wunschlosigkeit gelten als die acht Eigenschaften des Selbst. Damit sind die achtundvierzig Saṃskāras kurz genannt.
10.412
etaiḥ śuddhaistu śuddhyanti asaṃkhyā ye 'pi suvrate |
ato 'nteṣṭiṃ tu hutvā vai guṇānāpādayecchiśoḥ || 10.412 ||
Wenn diese gereinigt sind, werden auch die ungezählten übrigen gereinigt, du mit den guten Gelübden. Nachdem das Totenopfer dargebracht ist, übertrage man dem Schüler die Eigenschaften.
10.413
pañca pañcāhutīrhutvā brahmabhiścāpyanukramāt |
tilairghṛtena vātāṃśca ūrdhve tu viniyojayet || 10.413 ||
Mit den Brahmamantras opfere man der Reihe nach jeweils fünf Gaben aus Sesam oder Ghee und ordne sie dem oberen [Bereich] zu.
10.414
ūrdhvaśabdena cāśuddhaṃ yatkarma parikīrtitam |
tasmin saṃyojanaṃ kāryaṃ nacānyatra vidhīyate || 10.414 ||
Mit „oben“ wird die noch ungereinigte Handlung bezeichnet. Mit dieser soll die Verbindung hergestellt werden; anderswo ist sie nicht vorgeschrieben.
10.415
tasmānnoddharaṇaṃ kāryaṃ na cāpi nayanaṃ kvacit |
yattatra paripāṭyā tu karma tatra niyojayet || 10.415 ||
Deshalb soll kein Herausheben und kein Hinführen an einen anderen Ort erfolgen. Die dort jeweils anstehende Handlung vollziehe man an ihrem Platz.
10.416
tato 'ṇimādirāpādyo brahmabhiścāpyanukramāt |
pañcāhutiprayogeṇa bhogārthaṃ caivamātmanaḥ || 10.416 ||
Darauf verleihe man der Reihe nach die Kräfte des Kleinwerdens und die übrigen mit den Brahmamantras durch jeweils fünf Opfergaben, zur Erfahrung des Selbst.
10.417
ūrdhvaśabdena tajñeyaṃ yadbhūrlokaṃ samāśritam |
tasminyuktasya kartavyaṃ nacānyasminkadācana || 10.417 ||
Als „oben“ ist das zur Bhūr-Welt Gehörige zu verstehen. Dies ist für den damit Verbundenen zu vollziehen und niemals für einen anders Verbundenen.
10.418
anuddhṛte kathaṃ yogaḥ yāvat karma na bhujyate |
tasmāttu yogaśabdena tattatkarmaikacintanā || 10.418 ||
Wie könnte Verbindung stattfinden, solange [das Selbst] nicht herausgehoben und das Karma nicht erfahren ist? Deshalb bezeichnet „Verbindung“ die ausschließliche Vergegenwärtigung der jeweiligen Handlung.
10.419
nivartyate mahādevi niṣkṛtiṃ juhuyāttataḥ |
śivenāṣṭaśatāhutyā tatastu bhuvanādhipān || 10.419 ||
So wird sie abgegolten, große Göttin. Anschließend opfere man zur Tilgung mit dem Śiva-Mantra 108 Gaben [aṣṭaśata in der rituellen Zählweise]; darauf [reinige man] die Weltenherren
10.420
bhuvanāntarnivāsāṃśca bhuvanānāṃ yathākramam |
homenaiva tu saṃśodhya viśleṣaṃ chedanaṃ tathā || 10.420 ||
und die Bewohner der Welten der Reihe nach durch Feueropfer. Nach dieser Reinigung [folgen] Loslösung und Durchtrennung,
10.421
pūrṇaṃ caiva samuddhāraṃ tatsthatvaṃ cāpyanukramāt |
prāyaścittaṃ tato hutvā nyūnādhikanimittataḥ || 10.421 ||
Vollopfergabe, Herausheben und Verweilen dort der Reihe nach. Dann opfere man zur Sühne für zu wenig oder zu viel Vollzogenes.
10.422
evamādikrameṇaiva dhāmāntaṃ ca viśodhayet |
bhūrlokastu samākhyāto bhuvolokaṃ nibodha me || 10.422 ||
In dieser Reihenfolge reinige man bis zum Ende des Bereichs. Die Bhūr-Welt ist erklärt; höre nun von der Bhuvar-Welt.
10.423
bhūpṛṣṭhadyāvadādityaṃ lakṣamekaṃ pramāṇataḥ |
daśa vāyupathā madhye tv ayutāyutasaṃkhyayā || 10.423 ||
Von der Erdoberfläche bis zur Sonne beträgt das Maß hunderttausend. Dazwischen liegen zehn Windwege von jeweils zehntausend.
10.424
ādye vāyupathe meghān kathayāmi yathāsthitān |
pañcāśadyojanādūrdhvam ṛtarddhirnāma mārutaḥ || 10.424 ||
Ich erkläre die Wolken des ersten Windweges an ihren jeweiligen Orten. Über fünfzig Yojanas liegt der Wind namens Ṛtarddhi.
10.425
yo vivardhayate puṣṭim oṣadhīnāṃ balaṃ tathā |
bṛṃhayecca mahīṃ sarvām āpyāyayati cāvyayaḥ || 10.425 ||
Er vermehrt Gedeihen und Kraft der Pflanzen, lässt die ganze Erde wachsen und füllt sie unerschöpflich auf.
10.426
divā haṃsaḥ sa vai vāyur manujānāṃ sukhāvahaḥ |
yato gṛddhrāndhārayati tena gṛddhradharaḥ smṛtaḥ || 10.426 ||
Am Tag heißt dieser Wind Haṃsa und bringt den Menschen Wohlbehagen. Weil er Geier trägt, wird er Gṛddhradhara genannt.
10.427
prācetaso nāma vāyuḥ pracetobhivinirmitaḥ |
sa vai nāśayate vṛkṣān kadācitsaṃpravartayet || 10.427 ||
Ein Wind namens Prācetasa wurde von den Pracetas geschaffen. Er vernichtet Bäume und lässt sie bisweilen [wieder] wachsen oder sich bewegen [Verb mehrdeutig].
10.428
agniḥ prācetaso nāma tenaiva saha tiṣṭhati |
yadā dahati veśmāni tadāsau samudāhṛtaḥ || 10.428 ||
Das Prācetasa genannte Feuer befindet sich zusammen mit ihm. Wenn es Häuser verbrennt, wird es so bezeichnet.
10.429
sukhī samudre vasati sa jalānnopaśāmyati |
yojanānāṃ śatādūrdhvaṃ senānīrvāyurucyate || 10.429 ||
Es wohnt unbeschwert im Meer und wird durch Wasser nicht gelöscht. Hundert Yojanas darüber wird der Wind Senānī genannt.
10.430
vidyudvanto mūkameghā vasantyasmiṃśca mārute |
te bhuvaḥ krośamātreṇa tiṣṭhanto 'pasṛjantyapaḥ || 10.430 ||
In diesem Wind wohnen blitzführende, stumme Wolken. Sie stehen nur einen Krośa über der Erde und lassen Wasser herab.
10.431
yojanānāṃ śatādūrdhvaṃ meghāḥ sattvavahāḥ smṛtāḥ |
matsyamaṇḍūkakūrmāṃśca varṣantyete ca durdine || 10.431 ||
Hundert Yojanas darüber liegen die Sattvavaha genannten Wolken. Bei schlechtem Wetter regnen sie Fische, Frösche und Schildkröten.
10.432
yojanānāṃ śatādūrdhvaṃ vāyuroghaḥ prakīrtitaḥ |
tasmiṃstu rogadā meghā varṣanti ca viṣodakam || 10.432 ||
Hundert Yojanas darüber wird der Wind Ogha genannt. Darin regnen krankheitbringende Wolken giftiges Wasser.
10.433
tenopasargā jāyante mārakāḥ sarvadehinām |
tasmādūrdhvaṃ tu tāvadbhyo devyamoghaḥ sthito marut || 10.433 ||
Dadurch entstehen tödliche Plagen für alle Verkörperten. Ebenso weit darüber liegt der Wind Amogha, Göttin.
10.434
tasmiṃste mārakā meghā amoghe saṃpratiṣṭhitāḥ |
vajrāṅgo nāma vai vāyuḥ pañcāśadyojanasthitaḥ || 10.434 ||
In Amogha sind jene tödlichen Wolken aufgestellt. Der Wind namens Vajrāṅga liegt fünfzig Yojanas [darüber].
10.435
tasmiṃstūpalakā nāma meghāstūpalavarṣiṇaḥ |
tāvadbhiryojanaireva tato vai vaidyuto 'nilaḥ || 10.435 ||
In ihm befinden sich die Upalaka genannten, Hagel regnenden Wolken. Ebenso viele Yojanas darüber liegt der Wind Vaidyuta.
10.436
meghāśca vaidyutāstasmin nivasanti tu vaidyute |
aśanirvāyusaṃkṣobhāt teṣvasau jāyate mahān || 10.436 ||
In Vaidyuta wohnen die Blitzwolken. Durch die Erschütterung des Windes entsteht in ihnen der große Blitzschlag.
10.437
tadūrdhvaṃ yojanānāṃ ca pañcāśadraivataḥ smṛtaḥ |
tasminpuṣṭivaho nāma puṣṭiṃ varṣati dehinām || 10.437 ||
Fünfzig Yojanas darüber wird Raivata angesetzt. Darin regnet die Puṣṭivaha genannte [Wolke] Stärkung für die Verkörperten.
10.438
saṃvarte rogadā meghās te rogodakavarṣiṇaḥ |
pañcāśadyojane te vai tasmiṃstiṣṭhanti toyadāḥ || 10.438 ||
In Saṃvarta befinden sich krankheitbringende Wolken, die krankmachendes Wasser regnen. Diese Wolken stehen dort fünfzig Yojanas [darüber].
10.439
viṣāvarto nāma vāyuḥ pañcāśadupari sthitaḥ |
tasminkrodhodakā nāma meghā vai saṃpratiṣṭhitāḥ || 10.439 ||
Der Wind namens Viṣāvarta liegt fünfzig [Yojanas] höher. In ihm befinden sich die Krodhodaka genannten Wolken.
10.440
te krodharāgabahulaṃ saṃgrāmabahulaṃ tathā |
rājñāṃ kṣayakaraṃ caiva prajānāṃ kṣayadaṃ tathā || 10.440 ||
Sie bewirken reichlich Zorn und Leidenschaft, viele Kämpfe, den Untergang von Königen und den Untergang der Bevölkerung:
10.441
varṣaṃ caivātra kurvanti yadā varṣanti te ghanāḥ |
aghopyamegho vajrāṅgo vaidyuto raivatastathā || 10.441 ||
Solchen Regen erzeugen sie, wenn diese Wolken regnen. Ogha, Amogha, Vajrāṅga und Vaidyuta sowie Raivata [Anfang der überlieferten Liste beschädigt],
10.442
saṃvartaśca viṣāvarto vāyavo ghoraveginaḥ |
agho vasanti vai divyāḥ piśācāḥ skandadehajāḥ || 10.442 ||
Saṃvarta und Viṣāvarta sind Winde von schrecklicher Gewalt. In Ogha wohnen göttliche Piśācas, die aus Skandas Leib entstanden sind.
10.443
triṃśatkoṭisahasrāṇi skandasyānucarāḥ smṛtāḥ |
te vai divyaiśca kusumair arcayanti harātmajam || 10.443 ||
Dreißigtausend Koṭis gelten als Skandas Gefolge. Sie verehren Haras Sohn mit göttlichen Blumen.
10.444
amoghe vināyakā ghorā mahādevasamudbhavāḥ |
triṃśatkoṭisahasrāṇi tasmin vāyau pratiṣṭhitāḥ || 10.444 ||
In Amogha befinden sich schreckliche Vināyakas, aus dem großen Gott hervorgegangen; dreißigtausend Koṭis stehen in diesem Wind.
10.445
ye haranti kṛtaṃ karma narāṇāmakṛtātmanām |
vajrāṅge 'pi tathā vāyau mātaṅgāḥ krūrakarmiṇaḥ || 10.445 ||
Sie nehmen den innerlich Unvollendeten die Frucht ihrer Handlungen. Im Wind Vajrāṅga wohnen ebenso grausam handelnde Mātaṅgas,
10.446
bhinnāñjananibhā ghorās tāpanā nāma viśrutāḥ |
vidyādharāṇāmadhamā manaḥ pavanagāminaḥ || 10.446 ||
schrecklich und wie zerstoßener schwarzer Augenschmink, bekannt als Tāpanas, die niedrigsten Vidyādharas, die sich mit Gedanken- und Windgeschwindigkeit bewegen.
10.447
ye vidyāpauruṣe ye ca vaitālādīñśmaśānataḥ |
sādhayitvā tataḥ siddhās te 'smin vāyau pratiṣṭhitāḥ || 10.447 ||
Wer durch die Kraft einer Vidyā auf dem Verbrennungsplatz Vetālas und anderes bezwungen und dadurch Vollendung erlangt hat, befindet sich in diesem Wind.
10.448
vaidyute 'psarasastasmin vāsavena prayojitāḥ |
tiṣṭhanti sarvadā tatra pṛthivīpurapālane || 10.448 ||
In Vaidyuta stehen Apsaras, von Indra eingesetzt; sie befinden sich dort stets zum Schutz der Erdenstadt.
10.449
bhṛgo vahnau jale vāpi saṃgrāmeṣvanivartakāḥ |
gograhe bandimokṣe vā mriyante puruṣottamāḥ || 10.449 ||
Die vortrefflichen Männer, die am Abgrund, im Feuer, im Wasser, ohne Umkehr im Kampf, bei der Rückgewinnung von Rindern oder der Befreiung Gefangener sterben,
10.450
te vrajanti tatastūrdhvaṃ vimānairmaṇicihnitaiḥ |
patākādīrghikākīrṇair divyaghaṇṭānināditaiḥ || 10.450 ||
ziehen von dort empor in juwelenverzierten Himmelswagen, mit langen Bannern versehen und vom Klang göttlicher Glocken erfüllt.
10.451
strīsahasraparīvārair vimānaistānnayanti tāḥ |
raivate tu mahātmānaḥ siddhā vai saṃpratiṣṭhitāḥ || 10.451 ||
In Himmelswagen mit Tausenden Frauen als Gefolge führen jene [Apsaras] sie fort. In Raivata befinden sich großmächtige Siddhas.
10.452
gorocanāñjane bhasma pāduke ajinādi ca |
sādhayitvā mahātmānaḥ siddhāste kāmarūpiṇaḥ || 10.452 ||
Nachdem sie Gorocanā, Augensalbe, Asche, Sandalen, Antilopenfell und Ähnliches zur Wirksamkeit gebracht haben, sind diese Großmächtigen vollendet und können jede gewünschte Gestalt annehmen.
10.453
te vasanti mahātmāno divyāṃ siddhimavasthitāḥ |
saṃvarte 'pi mahāvāyau vidyādharagaṇāḥ smṛtāḥ || 10.453 ||
Dort wohnen diese Großmächtigen, in göttlicher Vollendung ruhend. Im großen Wind Saṃvarta werden Scharen von Vidyādharas angesetzt,
10.454
daśa triṃśacca koṭyaste divyābharaṇa bhūṣitāḥ |
divyagandhānuliptāste divyasragdhāmabhūṣitāḥ || 10.454 ||
zehn und dreißig Koṭis [vierzig Koṭis], geschmückt mit göttlichem Schmuck, mit göttlichen Düften gesalbt und mit göttlichen Blumengirlanden versehen.
10.455
āgneyā dhūmajā meghāḥ śītadurdinadāḥ smṛtāḥ |
viṣāvartaṃ nāvamiva te vāyuṃ yānti miśritāḥ || 10.455 ||
Die feurigen, aus Rauch entstandenen Wolken gelten als Bringer kalten Unwetters. Vermischt betreten sie den Wind Viṣāvarta wie ein Schiff.
10.456
tatra gandharvakuśalā gandharvasahadharmiṇaḥ |
vaṃśavīṇāvidhijñāśca pakṣiṇaḥ kāmarūpiṇaḥ || 10.456 ||
Dort [leben] in der Gandharva-Kunst Kundige, von gleichem Wesen wie Gandharvas, Kenner des Flöten- und Vīṇā-Spiels sowie Vögel, die beliebige Gestalten annehmen.
10.457
brahmajā nāma vai meghā brahmaniḥśvāsasaṃbhavāḥ |
upariṣṭādyojanaśatād durjayasyopari sthitāḥ || 10.457 ||
Die Brahmaja genannten Wolken entstanden aus Brahmās Atem. Hundert Yojanas darüber befinden sie sich oberhalb von Durjaya.
10.458
tatra vai durjayā nāma indrasya parirakṣakāḥ |
parāvahābhidhaṃ vāyuṃ te samāśritya saṃsthitāḥ || 10.458 ||
Dort befinden sich die Durjaya genannten Beschützer Indras; sie stützen sich auf den Wind namens Parāvaha.
10.459
mahāvīryabalopetā daśa koṭyaḥ prakīrtitāḥ |
puṣkarāvartakā nāma meghā vai padmajodbhavāḥ || 10.459 ||
Mit großer Kraft und Stärke versehen, werden sie als hundert Millionen angegeben. Die Puṣkarāvartaka genannten Wolken sind aus dem Lotusgeborenen entstanden,
10.460
śakreṇa pakṣā ye cchinnāḥ parvatānāṃ mahātmanām |
parāvahastānvahati manujāniva vāraṇaḥ || 10.460 ||
[und sind] die Flügel der großen Berge, die Indra abschnitt [Satzanschluss unsicher]. Parāvaha trägt sie wie ein Elefant Menschen.
10.461
tasminvāyugamā nāma gandharvā gaganālayāḥ |
ekādaśa tu vai koṭyas teṣāṃ tu samudāhṛtāḥ || 10.461 ||
Darin wohnen himmelsbeheimatete Gandharvas namens Vāyugama. Ihre Zahl wird mit elf Koṭis angegeben.
10.462
jīmūtā nāma ye meghā devebhyo jīvasaṃbhavāḥ |
dvitīyamāvahaṃ vāyuṃ meghāste ca samāśritāḥ || 10.462 ||
Die Jīmūta genannten Wolken, aus dem Leben der Götter entstanden, stützen sich auf den zweiten Wind Āvaha.
10.463
tasmiñjīmūtakā nāma vidyādharagaṇā daśa |
āvahastu tato vāyur yatra droṇāḥ samāśritāḥ || 10.463 ||
In ihm wohnen zehn Scharen von Vidyādharas namens Jīmūtaka. Darauf folgt der Wind Āvaha, in dem die Droṇas ihren Sitz haben [gleicher Windname wiederholt].
10.464
tasmindroṇāḥ samākhyātā meghānāṃ parirakṣakāḥ |
hitārthaṃ tu prajānāṃ vai nirmitāste mayā purā || 10.464 ||
In ihm werden Droṇas als Beschützer der Wolken genannt. Ich habe sie einst zum Wohl der Geschöpfe geschaffen.
10.465
upariṣṭātkapālotthāḥ saṃvartānāma vai ghanāḥ |
mahāparivaho nāma vāyusteṣāṃ samāśrayaḥ || 10.465 ||
Darüber befinden sich die aus der Schale entstandenen Wolken namens Saṃvarta. Der Wind namens Mahāparivaha ist ihre Stütze.
10.466
ādye vāyupathehyevaṃ meghā vai vāyubhiḥ saha |
siddhāśca patayaścaiva kathitā meghacāriṇaḥ || 10.466 ||
So sind im ersten Windweg die Wolken mitsamt ihren Winden, die Siddhas und ihre Herren, die sich in den Wolken bewegen, erklärt.
10.467
dvitīye vāyupathe jñeyā agnikanyāśca mātaraḥ |
tā vasanti guṇopetā rudraśaktyātvadhiṣṭhitāḥ || 10.467 ||
Im zweiten Windweg sind die Feuermädchen und Mütter zu kennen. Dort wohnen sie, mit Kräften versehen und von Rudras Śakti überherrscht.
10.468
tṛtīye vāyupathe caiva vasante siddhacāraṇāḥ |
svakarmabhogasaṃsiddhāḥ sarvasiddhairadhiṣṭhitāḥ || 10.468 ||
Im dritten Windweg wohnen Siddhas und Cāraṇas, durch die Erfahrung ihres eigenen Handelns vollendet und von allen Siddhas überherrscht.
10.469
caturthe pathi caivātra vasantyāyudhadevatāḥ |
nārācacakracāparṣṭi śūlaśaktīṣumudgarāḥ || 10.469 ||
Im vierten Weg wohnen die Waffengottheiten: eiserne Pfeile, Diskus, Bogen, Speer, Dreizack, Lanze, Pfeil und Hammer.
10.470
pañcame pathi deveśi vasantyairāvatādayaḥ |
airāvato 'ñjanaścaiva vāmanaśca mahāgajaḥ || 10.470 ||
Im fünften Weg wohnen Airāvata und die übrigen, Herrin der Götter: Airāvata, Añjana, Vāmana, der große Elefant,
10.471
supratīko gajendraśca puṣpadantastathaiva ca |
kumudaḥ puṇḍarīkaśca sārvabhaumo 'pi cāṣṭamaḥ || 10.471 ||
Supratīka, der Elefantenkönig, Puṣpadanta, Kumuda, Puṇḍarīka und als achter Sārvabhauma.
10.472
diggajā iti vikhyātāḥ svasu dikṣu vyavasthitāḥ |
ṣaṣṭhe vāyupathe devi pakṣirājo mahābalaḥ || 10.472 ||
Sie sind als Richtungselefanten bekannt und in ihren jeweiligen Richtungen aufgestellt. Im sechsten Windweg, Göttin, [wohnt] der große starke König der Vögel,
10.473
garutmāniti vikhyāto durjayo 'tīva vīryavān |
saptame vyomagaṅgā tu nānājalacarānugā || 10.473 ||
bekannt als Garutmat, unbezwingbar und überaus kraftvoll. Im siebten liegt die Himmels-Gaṅgā, begleitet von vielerlei Wasserwesen.
10.474
divyāmṛtajalā puṇyā tridhā sā parikīrtitā |
sā bhrāntā nabhaso madhye samantātparimaṇḍalā || 10.474 ||
Sie führt göttliches Nektarwasser, ist heilig und wird als dreifach beschrieben. Sie zieht inmitten des Himmels ringsum im Kreis.
10.475
ākāśagaṅgā prathitā devānāṃ satatotsavā |
puṣpamāleva sā bhāti nabhasaḥ śirasi sthitā || 10.475 ||
Als Himmels-Gaṅgā ist sie berühmt, ein immerwährendes Fest der Götter. Wie eine Blumengirlande leuchtet sie am Scheitel des Himmels.
10.476
tatra siddhairmahābhāgair vidyādharagaṇaistathā |
gandharvairapsarobhiśca sādhyairviśvairmarudgaṇaiḥ || 10.476 ||
Dort [wird sie besucht] von hochbegnadeten Siddhas und Vidyādhara-Scharen, Gandharvas und Apsaras, Sādhyas, Viśve-Göttern und Marut-Scharen,
10.477
rudrairvasubhirādityaiḥ pitṛdevamaharṣibhiḥ |
rakṣobhirguhyakaiścaiva divyastutiparāyaṇaiḥ || 10.477 ||
von Rudras, Vasus, Ādityas, Ahnen, Göttern und großen Ṛṣis, von Rākṣasas und Guhyakas, alle göttlichem Lobpreis ergeben,
10.478
stuvadbhiśca japadbhiśca gāyadbhiśca mahātmabhiḥ |
nṛtyadbhirvalgamānaiśca divyadundubhiniḥsvanaiḥ || 10.478 ||
von Großmächtigen, die preisen, rezitieren, singen, tanzen und springen, unter dem Klang göttlicher Trommeln,
10.479
bherīmṛdaṅgavādyaiśca vallakīnāṃ ca niḥsvanaiḥ |
vaṃśavāditranādaiśca manovāyusamīritaiḥ || 10.479 ||
mit Kesseltrommeln, Mṛdaṅgas, Lautenklängen, Flötenmusik und Tönen, die vom Wind des Geistes bewegt werden.
10.480
vaidūryanālaiḥ kamalair hemapatraiḥ sugandhibhiḥ |
kesaraiḥ padmarāgaiśca mahācakrapramāṇakaiḥ || 10.480 ||
[Sie ist geschmückt] mit duftenden Lotussen, deren Stängel aus Beryll, Blätter aus Gold und Staubfäden aus Rubin bestehen, groß wie mächtige Räder.
10.481
nṛtyantīva saricchreṣṭhā vimānaśatamaṇḍitā |
maṇḍitā ca vanairdivyair dharmādhārā mahānadī || 10.481 ||
Die vorzüglichste der Flüsse scheint zu tanzen, geschmückt mit Hunderten Himmelswagen und göttlichen Wäldern: der große Strom als Grundlage des Dharma.
10.482
mama netrādviniṣkrāntā kriyāśaktiḥ parā hi sā |
mahāmandākinī devī tridaśaiḥ paryupāsitā || 10.482 ||
Aus meinem Auge hervorgegangen, ist sie die höchste Handlungskraft. Die Göttin Mahāmandākinī wird von den Göttern verehrt.
10.483
mahāvimānakoṭībhir nirantaramavasthitaiḥ |
śobhitāsau bhagavatī nityamāste nabhastale || 10.483 ||
Geschmückt mit Millionen großer, lückenlos aneinandergereihter Himmelswagen, verweilt diese Erhabene stets im Himmelsraum.
10.484
tatraiṣā meruśirasi mama vai mastakāccyutā |
papāta dharaṇīpṛṣṭhe lokānāṃ hitakāmyayā || 10.484 ||
Dort gelangte sie von meinem Haupt auf Merus Gipfel und fiel auf die Erdoberfläche, um den Welten Gutes zu tun.
10.485
akṣobhyā sāpyasau gaṅgā tiṣṭhatyaniladhāritā |
yojanānāṃ śataṃ pūrṇaṃ vistāro 'syāḥ prakīrtitaḥ || 10.485 ||
Diese unerschütterliche Gaṅgā steht, vom Wind getragen. Ihre Breite wird mit vollen hundert Yojanas angegeben.
10.486
pariṇāhastataḥ koṭyaḥ mahāvegavatī śubhā |
sā bhramantīva saṃtiṣṭhet samantātparimaṇḍalā || 10.486 ||
Ihr Umfang beträgt Millionen [genaue Zahl fehlt]. Die glückhafte, sehr rasch strömende [Gaṅgā] steht ringsum kreisförmig, als drehte sie sich.
10.487
dhruvamāpūrya sā devī tv atyadbhutamavasthitā |
divyāmṛtavahā puṇyā sarvapāpapraṇāśinī || 10.487 ||
Bis Dhruva erfüllend [āpūrya auslegungsbedürftig], steht die Göttin überaus wunderbar da, göttlichen Nektar führend, heilig und alle Verfehlungen vernichtend.
10.488
aṣṭame vṛṣarājastu sapatnīkaḥ sanandanaḥ |
vasati tvapratīghātaḥ pratyakṣo dharma eva saḥ || 10.488 ||
Im achten [Windweg] wohnt ungehindert der Stierkönig mit Gemahlin und Nachkommen; er ist der Dharma selbst in sichtbarer Gestalt.
10.489
navame pathi cātrāste dakṣo nāma prajāpatiḥ |
brahmaiva sākṣādvasati brahmaśaktyā tvadhiṣṭhitaḥ || 10.489 ||
Im neunten Weg befindet sich der Prajāpati namens Dakṣa. Als Brahmā selbst wohnt er dort, von Brahmās Kraft beherrscht.
10.490
daśame vāyupathe devi vasurudradivākarāḥ |
atra cāṅgārakaḥ sarpir nairṛtaḥ sadasatpatiḥ || 10.490 ||
Im zehnten Windweg, Göttin, [wohnen] Vasus, Rudras und Sonnen[götter]. Dort sind Aṅgāraka, Sarpis, Nairṛta, Sadasatpati,
10.491
budhaśca dhūmaketuśca vikhyātaśca jvarastathā |
ajaśca bhuvaneśaśca mṛtyuḥ kāpālikastathā || 10.491 ||
Budha, Dhūmaketu, der bekannte Jvara, Aja, Bhuvaneśa, Mṛtyu und Kāpālika.
10.492
ekādaśa smṛtā rudrāḥ sarvakāmaphalodayāḥ |
dhātā dhruvaśca somaśca varuṇaścānilo 'nalaḥ || 10.492 ||
Sie gelten als elf Rudras, aus denen die Früchte aller Wünsche entstehen. Dhātṛ, Dhruva, Soma, Varuṇa, Anila und Anala,
10.493
pratyūṣaśca pradoṣaśca vasavo 'ṣṭau prakīrtitāḥ |
vasavaḥ kathitāhyete ādityāṃśca nibodha me || 10.493 ||
Pratyūṣa und Pradoṣa werden als die acht Vasus genannt. Diese Vasus sind erklärt; höre nun die Ādityas.
10.494
aryamā indravaruṇau pūṣā viṣṇurgabhastimān |
mitraścaiva samākhyātas tv ajaghanyo jaghanyakaḥ || 10.494 ||
Aryaman, Indra, Varuṇa, Pūṣan, Viṣṇu, Gabhastimat, Mitra, Ajaghanya und Jaghanyaka,
10.495
vivasvāṃścaiva parjanyo dhātā vai dvādaśaḥ smṛtaḥ |
kāśyapeyānvidustvetān teṣāṃ tejonidheratha || 10.495 ||
Vivasvat, Parjanya und als zwölfter Dhātṛ: Sie gelten als Nachkommen Kaśyapas. [Nun folgt der Wagen] ihres Lichtschatzes.
10.496
amṛtodbhavo 'rtho divyaḥ sarvadevasamanvitaḥ |
yajñaścakraṃ rathe tasmin sarvajñānamayī ca dhūḥ || 10.496 ||
Der göttliche, aus Nektar entstandene Wagen [Vorlage „amṛtodbhavo 'rtho“ wohl beschädigt] enthält alle Götter. Das Opfer ist sein Rad, und seine Deichsel besteht aus allem Wissen.
10.497
saptāśvāśca svarāḥ sapta vedahūṃkāraniḥsvanāḥ |
nāgā yoktrāṇi teṣāṃ vai aruṇaścaiva sārathiḥ || 10.497 ||
Seine sieben Pferde sind die sieben Töne, widerhallend vom Huṃ-Laut des Veda. Nāgas sind ihr Geschirr, und Aruṇa ist der Wagenlenker.
10.498
satyaṃ ca mañcakaṃ tasya vāyurvego rathasya tu |
navayojanasāhasro vigraho bhāskarasya tu || 10.498 ||
Wahrheit ist seine Sitzbank, der Wind die Geschwindigkeit des Wagens. Der Körper der Sonne misst neuntausend Yojanas.
10.499
triguṇaṃ maṇḍalaṃ tasya trailokye bhāti bhāsvaram |
jñānaśaktiḥ parāhyeṣā tapatyādityavigrahā || 10.499 ||
Ihre Scheibe ist dreimal so groß und erstrahlt in den drei Welten. Dies ist die höchste Erkenntniskraft, die in Sonnengestalt Wärme ausstrahlt.
10.500
māsavāraprayogeṇa saṃcaranti śivecchayā |
ahorātraṃ bhramantyete bhuvarlokaṃ samantataḥ || 10.500 ||
Monatsweise im Wechsel bewegen sich [die zwölf Sonnenformen] auf Śivas Wunsch. Tag und Nacht umkreisen sie die Bhuvar-Welt.
10.501
tataḥ somastu lakṣeṇa ādityoparisaṃsthitaḥ |
āpyāyayañjagatsarvaṃ sudhādhārāpravarṣaṇaiḥ || 10.501 ||
Der Mond befindet sich hunderttausend über der Sonne und erfüllt die ganze Welt durch das Herabregnen von Nektarströmen.
10.502
candrarūpeṇa tapati kriyāśaktiḥ śivasya tu |
indūrdhve lakṣamātreṇa sthitaṃ nakṣatramaṇḍalam || 10.502 ||
Śivas Handlungskraft strahlt in Mondgestalt. Hunderttausend über dem Mond liegt die Sphäre der Mondstationen.
10.503
lakṣadvayena tasyordhvaṃ saṃsthito bhūminandanaḥ |
lakṣadvayena tasyordhve saṃsthitaḥ somanandanaḥ || 10.503 ||
Zweihunderttausend darüber steht der Erdsohn Mars; zweihunderttausend darüber der Mondsohn Merkur.
10.504
surācāryo 'pi tasyordhve dvilakṣeṇaiva saṃsthitaḥ |
tasyordhve 'pi dvilakṣeṇa tiṣṭhate bhṛgunandanaḥ || 10.504 ||
Zweihunderttausend darüber steht der Götterlehrer Jupiter; zweihunderttausend darüber Bhṛgus Sohn Venus.
10.505
tasyopari dvilakṣeṇa sauriḥ sarpati līlayā |
lakṣamātreṇa tu ṛṣīn kathayāmi samāsataḥ || 10.505 ||
Zweihunderttausend darüber zieht Saturn spielerisch dahin. Hunderttausend [weiter oben befinden sich] die Ṛṣis; ich nenne sie kurz.
10.506
atriścaiva vasiṣṭhaśca pulastyaḥ pulahaḥ kratuḥ |
bhṛgvaṅgirāmarīciśca ṛṣayaḥ saṃprakīrtitāḥ || 10.506 ||
Atri, Vasiṣṭha, Pulastya, Pulaha, Kratu, Bhṛgu, Aṅgiras und Marīci werden als Ṛṣis genannt [acht Namen; 10.513 spricht von sieben].
10.507
yamaniyamatohyete śāpānugrahakārakāḥ |
bhītāśca parapīḍāyāḥ śūrāḥ śāstravicāraṇe || 10.507 ||
Durch Selbstzucht und Regeln besitzen sie Macht zu Fluch und Gnade. Sie scheuen es, anderen Leid zuzufügen, und sind tapfer in der Untersuchung der Schriften.
10.508
jñānakhaḍgodyatāḥ sarve tv ajñānapaṭalāpahāḥ |
mantrayogakriyācāryā saṃnaddhā duratikramāḥ || 10.508 ||
Alle erheben das Schwert der Erkenntnis und beseitigen den Schleier der Unwissenheit. Mit Mantra, Yoga, Ritual und religiöser Lebensführung sind sie gerüstet und schwer zu überwinden [KSTS: caryā; Vorlage cāryā].
10.509
yogaiśvaryaguṇopetāḥ śivārādhanatatparāḥ |
tebhyo lakṣādhruvo devi tārakāḥ sa caturdaśa || 10.509 ||
Sie besitzen yogische Herrschaftskräfte und widmen sich Śivas Verehrung. Hunderttausend über ihnen liegt Dhruva, Göttin; vierzehn Sterne
10.510
śarīraṃ ghaṭitaṃ tābhir dhruvasya varavarṇini |
brahmaivāpararūpeṇa brahmasthāne niyojitaḥ || 10.510 ||
bilden seinen Körper, du von schöner Gestalt. Brahmā selbst ist in einer weiteren Gestalt an der Brahmā-Stätte eingesetzt.
10.511
tasyajyotirgaṇo devi nibaddhobhramate sadā |
niścalaḥ sa tu vijñeyaḥ śivaśaktyātvadhiṣṭhitaḥ || 10.511 ||
An ihn gebunden dreht sich die Schar der Himmelslichter stets, Göttin. Er selbst ist als unbeweglich zu verstehen, von Śivas Kraft beherrscht.
10.512
daśapañca ca lakṣāṇi dhruvāntaṃ bhūmimaṇḍalāt |
vāyuskandhānsthitāṃstvatra kathayāmi samāsataḥ || 10.512 ||
Fünfzehnhunderttausend [Yojanas] reichen von der Erdfläche bis Dhruva. Ich nenne kurz die dort befindlichen Windschichten.
10.513
āmeghādbhāskarātsomān nakṣatrādgrahamaṇḍalāt |
ṛṣisaptakanirdeśād ādhruvāntaṃ ca saptamaḥ || 10.513 ||
Bis zu den Wolken, zur Sonne, zum Mond, zu den Mondstationen, zur Planetensphäre, zum Bereich der sieben Ṛṣis und als siebte bis Dhruva.
10.514
ādityādighruvāntaśca svarlokaḥ parikīrtitaḥ |
atra rājā mahendro vai tiṣṭhate surapūjitaḥ || 10.514 ||
Von der Sonne bis Dhruva wird die Svar-Welt angesetzt. Dort verweilt König Mahendra, von den Göttern verehrt,
10.515
ṛṣidevaiḥ sagandharvair vṛtaścāpsarasāṃ gaṇaiḥ |
agnihotraṃ kratūnvāpi kṛtvā jñānavivarjitāḥ || 10.515 ||
umgeben von Ṛṣis, Göttern, Gandharvas und Apsaras-Scharen. Menschen, die Agnihotra oder andere Opfer vollziehen, jedoch keine Erkenntnis besitzen,
10.516
svarlokaṃ tu narā yānti punarāyānti mānuṣam |
svarlokasyoparisṭāttu dve koṭī yojanāni tu || 10.516 ||
gelangen in die Svar-Welt und kehren wieder in den menschlichen Zustand zurück. Oberhalb der Svar-Welt, zwei Koṭis
10.517
pañcāśītiśca lakṣāṇi maharloko varānane |
ṛṣayaścaiva siddhāśca mārkaṇḍādyā vasanti vai || 10.517 ||
und fünfundachtzig Lakṣas Yojanas [28.500.000], liegt Maharloka, Schönangesichtige. Dort wohnen Ṛṣis und Siddhas wie Mārkaṇḍa.
10.518
koṭyaṣṭakaṃ mahādevi yojanānāṃ varānane |
maharlokopariṣṭāttu janalokovyavasthitaḥ || 10.518 ||
Achtzig Millionen Yojanas über Maharloka liegt Janaloka, große Göttin, Schönangesichtige.
10.519
ekapādo 'tha jahnuśca kapilaścāsuristathā |
bhautiko vāḍvaliścaiva janalokanivāsinaḥ || 10.519 ||
Ekapāda, Jahnu, Kapila, Āsuri, Bhautika und Vāḍvali sind die Bewohner Janalokas.
10.520
dvādaśaiva tathā koṭyo janalokordhvataḥ priye |
tapolokaḥ samākhyāta ṛṣiyogeśvarākulaḥ || 10.520 ||
Hundertzwanzig Millionen über Janaloka, Geliebte, liegt die als Tapoloka bezeichnete Welt, voller Ṛṣis und Yogaherren.
10.521
sanakaścasanandaśca sanatkumāraḥ sanandanaḥ |
śaṅkuścaiva triśaṅkuśca tapolokanivāsinaḥ || 10.521 ||
Sanaka, Sananda, Sanatkumāra, Sanandana, Śaṅku und Triśaṅku sind die Bewohner Tapolokas.
10.522
padmāḥ ṣaṭpañcapañcāśat koṭyo lakṣāṇi viṃśatiḥ |
bhūrlokāntaṃ samārabhya yāvatsatyaṃ varānane || 10.522 ||
Sechs Padmas, fünfundfünfzig Koṭis und zwanzig Lakṣas, vom Ende der Bhūr-Welt bis Satya, Schönangesichtige,
10.523
iyaṃ saṃkhyā samākhyātā bhuvanānāṃ varānane |
koṭyaḥ ṣoḍaśamānena tapolokordhvataḥ priye || 10.523 ||
werden als Zahl der Welten angegeben, Schönangesichtige. Hundertsechzig Millionen über Tapoloka, Geliebte,
10.524
satyalokaḥ samākhyāto yatra brahmā svayaṃ sthitaḥ |
krīḍate bhagavāndevo vṛta ātmasamairdvijaiḥ || 10.524 ||
liegt die als Satyaloka bezeichnete Welt, in der Brahmā selbst weilt. Der erhabene Gott spielt dort, umgeben von ihm gleichen Zweimalgeborenen,
10.525
karmajñānena saṃsiddhā advaitapariniṣṭhitāḥ |
ānandapadasaṃprāptā ānandapadamāgatāḥ || 10.525 ||
die durch Handeln und Erkenntnis vollendet und fest in Nichtzweiheit gegründet sind, zur Stätte der Freude gelangt und im Zustand der Freude angekommen.
10.526
ṛgvedomūrtimāṃstasminn indranīlasamadyutiḥ |
divyagandhaviliptāṅgo divyābharaṇabhūṣitaḥ || 10.526 ||
Dort [steht] der verkörperte Ṛgveda, strahlend wie Saphir, mit göttlichen Düften gesalbt und mit göttlichem Schmuck versehen,
10.527
saṃsthitaḥ pūrvatastasya dīpyamānaḥ svatejasā |
uttareṇa yajurvedaḥ śuddhasphaṭikasaṃnibhaḥ || 10.527 ||
östlich von ihm, leuchtend aus eigener Kraft. Im Norden steht der Yajurveda, reinem Kristall gleich,
10.528
divyakuṇḍaladhārī ca mahākāyomahābhujaḥ |
sthitaḥ paścimadigbhāge sāmavedaḥ sanātanaḥ || 10.528 ||
mit göttlichen Ohrringen, großem Leib und mächtigen Armen. Im Westen steht der ewige Sāmaveda,
10.529
raktāmbaradharaḥ śrīmān padmarāgasamaprabhaḥ |
sragdāmadhārakaścitram ālābhūṣaṇabhūṣitaḥ || 10.529 ||
in rote Gewänder gekleidet, herrlich und rubingleich, Girlanden tragend und mit vielfältigen Ketten und Schmuck verziert.
10.530
atharvāñjanavacchyāmaḥ sthito dakṣiṇatastathā |
piṅgākṣo lohitagrīvo harikeśo mahātanuḥ || 10.530 ||
Der Atharvaveda steht im Süden, dunkel wie Augenschmink, gelbbraunäugig, rothalsig, mit gelblichgrünem Haar und großem Leib.
10.531
ṣaḍaṅgānītihāsāśca purāṇānyakhilāni tu |
vedopaniṣadaścaiva mīmāṃsāraṇyakaṃ tathā || 10.531 ||
Die sechs Vedaglieder, die Geschichtsüberlieferungen, sämtliche Purāṇas, die Upaniṣaden des Veda, Mīmāṃsā und Āraṇyaka,
10.532
svāhākāravaṣaṭkārau rahasyāni tathaiva ca |
gāyatrī ca sthitā tatra yatra devaścaturmukhaḥ || 10.532 ||
die Formeln svāhā und vaṣaṭ, die Geheimlehren und Gāyatrī befinden sich dort, wo der viergesichtige Gott ist.
10.533
bhogasthānaṃ brahmaṇaḥ syāt paraṃ brahma tato vrajet |
koṭiyojanamānena satyalokordhvataḥ priye || 10.533 ||
Dies ist Brahmās Genussstätte; von dort gelangt er zum höchsten Brahman. Zehn Millionen Yojanas oberhalb Satyalokas, Geliebte,
10.534
brahmāsanamitikhyātaṃ japāsindūrasaprabham |
raktendīvaramadhyasthaḥ padmarāgasamaprabhaḥ || 10.534 ||
liegt das als Brahmāsana Bekannte, leuchtend wie Hibiskus und Zinnober. Inmitten einer roten Wasserlilie, rubingleich,
10.535
caturmukhaścaturvedaś caturyugavaśānugaḥ |
brahmavidbhiḥ samākīrṇo brahmā muniniṣevitaḥ || 10.535 ||
[wohnt] Brahmā, viergesichtig, mit vier Veden; die vier Weltalter unterstehen ihm. Er ist von Kennern des Brahman umgeben und wird von Weisen verehrt.
10.536
aiśvaryāṣṭakasaṃyuktaḥ ṣaḍvidhasṛṣṭikārakaḥ |
dharmādiphalasaṃbandhapradātā ca yuge yuge || 10.536 ||
Mit den acht Herrschaftskräften versehen, bewirkt er die sechsfache Schöpfung und verleiht in jedem Weltalter die Verbindung mit den Früchten von Dharma und anderem.
10.537
tiryaṅnārakisattvānāṃ divyānāṃ manujaiḥ saha |
sraṣṭā ca sarvabhūtānāṃ sadevāsuramānuṣe || 10.537 ||
Er erschafft Tiere, Höllenwesen, göttliche Wesen und Menschen, alle Lebewesen mitsamt Göttern, Asuras und Menschen.
10.538
koṭidvayaṃ tadūrdhve tu yojanānāṃ varānane |
nīlendīvarasaṃkāśā indranīlasamaprabhā || 10.538 ||
Zwanzig Millionen Yojanas darüber, Schönangesichtige, [liegt eine Stadt], einer blauen Wasserlilie gleich und wie Saphir strahlend,
10.539
brahmalokātparatvena viṣṇoścaiva purīsmṛtā |
sarvakāmasamopetā sarvaratnasamujjvalā || 10.539 ||
als Viṣṇus Stadt oberhalb der Brahmāwelt beschrieben, mit allen Genüssen ausgestattet und von allen Juwelen leuchtend,
10.540
marakatastambhasopānā nīladhvajasamākulā |
ghaṇṭāvitānavistīrṇā cārucāmaraśobhitā || 10.540 ||
mit Smaragdsäulen und -treppen, voller blauer Fahnen, mit weitgespannten Glockenbaldachinen und schönen Wedeln geschmückt,
10.541
nīlotpaladalaprakhyaiḥ kanyāvṛndaiḥ samāvṛtā |
kāmakārmukanirghoṣavitrastamṛgalocanaiḥ || 10.541 ||
umgeben von Mädchenscharen, dunkel wie blaue Lotusblätter, mit Rehaugen, erschreckt vom Klang des Bogens des Liebesgottes,
10.542
nūpurārāvamukharaiḥ skhaladbhirmṛduvibhramaiḥ |
manobhavaśarāyāsa nipātaśatajarjaraiḥ || 10.542 ||
deren Fußreifen erklingen, die mit sanften, schwankenden Bewegungen gehen und von den hundertfachen Treffern der Liebespfeile erschöpft sind.
10.543
sughūrṇitamadāyāsaviloladhavalekṣaṇaiḥ |
saṃsevyate sa bhagavān viṣṇuḥ kamalalocanaḥ || 10.543 ||
Mit weißen, unruhig rollenden Augen, von Rausch und Erregung bewegt, dienen sie dem erhabenen lotusäugigen Viṣṇu.
10.544
indranīlasamākāro nilotpaladalaprabhaḥ |
caturbhujo mahākāyaḥ pīnavakṣā gadādharaḥ || 10.544 ||
Er ist saphirgleich, glänzt wie ein blaues Lotusblatt, hat vier Arme, einen großen Leib und eine mächtige Brust und trägt eine Keule,
10.545
kirīṭīkuṇḍalīśaṅkhī prajāpālanatatparaḥ |
saṃsevyate sa bhagavān nikāyairātmavikramaiḥ || 10.545 ||
Krone, Ohrringe und Muschel und widmet sich dem Schutz der Geschöpfe. Dem Erhabenen dienen Scharen von gleicher Tapferkeit wie er.
10.546
viṣṇubhaktāśca ye nityaṃ dhyānapūjājape ratāḥ |
te tu gacchanti tatsthānaṃ viṣṇoramitavikramāḥ || 10.546 ||
Die Viṣṇu-Verehrer, die stets Meditation, Verehrung und Rezitation ergeben sind, gelangen zu dieser Stätte Viṣṇus, von unermesslicher Kraft.
10.547
saptakoṭyastadūrdhvaṃ vai rudraloko vyavasthitaḥ |
śuddhasphaṭikasaṃkāśaś catvarodyānamaṇḍitaḥ || 10.547 ||
Siebzig Millionen darüber liegt Rudraloka, reinem Kristall gleich, mit Plätzen und Gärten geschmückt,
10.548
sahasrabhūmikābhiśca harmyamālābhirūrjitaḥ |
vimānaiḥ puṣpakairyukto haṃsakundendunirmalaiḥ || 10.548 ||
reich an Palastreihen mit tausend Geschossen und versehen mit Puṣpaka-Himmelswagen, rein wie Gänse, Jasmin und Mond.
10.549
vanopavanaṣaṇḍaiśca sarvartukusumojjvalaiḥ |
mārutāḥsukhasaṃsparśā vartikarpūragandhayaḥ || 10.549 ||
[Es ist geschmückt] mit Wäldern, Hainen und Gehölzen, leuchtend von Blumen aller Jahreszeiten; die Winde berühren angenehm und duften nach Duftdochten und Kampfer.
10.550
nadīnadahradākīrṇaḥ padminīṣaṇḍamaṇḍitaḥ |
vareṇyāvaradācaiva variṣṭhā varavarṇinī || 10.550 ||
[Es ist] von Flüssen, Strömen und Seen durchzogen und mit Lotusgruppen geschmückt. Vareṇyā, Varadā, Variṣṭhā, Varavarṇinī,
10.551
vasiṣṭhā ca varāhā ca varārohā ca saptamī |
gaṅgāhyetāḥ samākhyātā rudralokavahāḥ sadā || 10.551 ||
Vasiṣṭhā, Varāhā und als siebte Varārohā werden als die Gaṅgās genannt, die stets in Rudraloka fließen.
10.552
lakṣapatradalāḍhyaiśca sitapadmairvibhūṣitāḥ |
indranīlanibhairnālair yojanāyatagandhibhiḥ || 10.552 ||
Sie sind mit weißen Lotussen geschmückt, reich an hunderttausend Blättern, mit saphirgleichen Stängeln und einem Duft, der ein Yojana weit reicht.
10.553
strīsahasrakadambāḍhyāḥ puṣpaprakaradhūsarāḥ |
śaradindunibhānāryo navanītasukomalāḥ || 10.553 ||
Sie sind reich an Gruppen von Tausenden Frauen und von ausgestreuten Blumen bedeckt. Die Frauen gleichen dem Herbstmond und sind zart wie frische Butter,
10.554
subhrūlalāṭavadanāḥ kṛśodaryo madālasāḥ |
alipuñjanibhaiḥ keśair mṛgāmodasugandhibhiḥ || 10.554 ||
mit schönen Brauen, Stirnen und Gesichtern, schlanken Taillen und rauschmüden Bewegungen; ihr Haar gleicht Bienenschwärmen und duftet nach Moschus.
10.555
pralambaśravaṇādhārāḥ padmapatrāyatekṣaṇāḥ |
dāḍimīpuṣpasaṃkāśair oṣṭhairutpalagandhibhiḥ || 10.555 ||
Sie haben lange Ohren und Augen lang wie Lotusblätter; ihre Lippen gleichen Granatapfelblüten und duften nach Wasserlilien.
10.556
rambhānibhābhirjaṅghābhir bāhubhirbisakomalaiḥ |
aśokapallavākāraiḥ pādaiḥ padmadalopamaiḥ || 10.556 ||
Ihre Beine gleichen Bananenstämmen, ihre Arme sind zart wie Lotusfasern; ihre Füße gleichen Aśoka-Sprossen und Lotusblättern.
10.557
nakhaiśca ketakīprakhyair daśanairmauktikojjvalaiḥ |
svabhāvasusugandhāḍhyaiḥ prasravadbhirivāmṛtam || 10.557 ||
Ihre Nägel gleichen Ketakī-Blüten, ihre Zähne leuchten wie Perlen; sie besitzen natürlichen Wohlgeruch, als ließen sie Nektar fließen.
10.558
hārakeyūrakaṭakaiḥ sīmantamaṇijālakaiḥ |
kāñcīḍoraiḥ suraktaiśca kusumairbhūṣitāḥ sadā || 10.558 ||
Mit Halsketten, Oberarm- und Armreifen, Juwelennetzen am Scheitel, roten Gürtelschnüren und Blumen sind sie stets geschmückt.
10.559
tārakumbhanibhākārair unnataiśca payodharaiḥ |
suvṛttaiḥ pīnapārśvaiśca pīnakaṇṭhasamāśritaiḥ || 10.559 ||
Ihre Brüste gleichen silbernen Krügen, hoch, wohlgerundet und an den Seiten voll, von kräftigen Hälsen überragt.
10.560
guruśreṇībharākrāntā muktāvalivirājitāḥ |
rājahaṃsagatispardhi mattamātaṅgavibhramāḥ || 10.560 ||
Mit schweren Hüften [Vorlage śreṇī statt erwartetem śroṇī] und leuchtenden Perlenketten wetteifert ihr Gang mit dem der Königsgans; sie bewegen sich wie berauschte Elefanten.
10.561
nūpurārāvamukharapraskhalanmṛduvikramāḥ |
hāsyalāsyavilāsāḍhyabhrūbhaṅgataralekṣaṇāḥ || 10.561 ||
Bei ihren sanften, schwankenden Schritten erklingen die Fußreifen; Lachen, Tanz und anmutiges Spiel begleiten ihre bewegten Brauen und flinken Blicke.
10.562
hlādayantīva gātrāṇi rudrāṇāṃ tannivāsinām |
kāmagrahagrahāviṣṭā ghūrṇantyo madavihvalāḥ || 10.562 ||
Sie scheinen die Glieder der dort wohnenden Rudras zu erfreuen; vom Dämon der Liebe ergriffen, schwanken sie, vom Rausch überwältigt.
10.563
pariṣvajanamātreṇa modayantyo gaṇeśvarān |
yadyapyevaṃvidhānāryaḥ nijabhartṛbhayāturāḥ || 10.563 ||
Schon durch eine Umarmung erfreuen sie die Herren der Gefolgschaften. Obwohl diese Frauen solcherart sind, empfinden sie Furcht vor ihren eigenen Gatten.
10.564
vitrastamṛganetrāstu bharturutsaṅgamāgatāḥ |
avagūhya ca sarvāṅgair āpīya vadanairmukham || 10.564 ||
Mit den Augen erschreckter Rehe kommen sie auf den Schoß des Gatten, umschlingen ihn mit allen Gliedern und trinken mit ihren Mündern seinen Mund.
10.565
krīḍantirudrabhavane rudrakanyāḥ sarudrakāḥ |
rudrāścaivaṃvidhākārā jñānayogabalotkaṭāḥ || 10.565 ||
So spielen die Rudra-Mädchen mit den Rudras in Rudras Welt. Die Rudras besitzen entsprechende Gestalten und gewaltige Erkenntnis- und Yogakraft.
10.566
mukuṭaiḥ kuṇḍalaiścitrair mahāratnasamujjvalaiḥ |
keyūrakaṭakairḍoraiḥ puṣpavastravibhūṣaṇaiḥ || 10.566 ||
Mit vielfältigen Kronen und Ohrringen, leuchtend von großen Juwelen, mit Oberarmreifen, Armreifen, Schnüren, Blumen, Kleidern und Schmuck,
10.567
muktāphalāvalīhārair brahmasūtrottarīyakaiḥ |
mahākāyā mahoraskās trinetrāḥ śūlapāṇayaḥ || 10.567 ||
mit Perlenketten, heiligen Schnüren und Obergewändern [sind sie versehen], großleibig, breitbrüstig, dreiäugig und dreizacktragend.
10.568
candrāyutapratīkāśāḥ karpūrakṣodadhūsarāḥ |
surasiddhanutāḥsarve suprasanna varapradāḥ || 10.568 ||
Sie gleichen zehntausend Monden und sind mit Kampferpulver bestäubt. Alle werden von Göttern und Siddhas gepriesen, sind gnädig und verleihen Gaben.
10.569
haralabdhavarāstṛptā daśabāhvindumaulayaḥ |
na tatra mṛtyurna jarā na śoko 'sti viyogajaḥ || 10.569 ||
Von Hara mit Gaben beschenkt und befriedigt, haben sie zehn Arme und den Mond auf dem Haupt. Dort gibt es weder Tod noch Alter noch Trennungsschmerz.
10.570
krīḍantisārdhaṃkanyābhiḥ saṃsārabhayavarjitāḥ |
adhikārakṣaye rudrā rudrakanyāsamāvṛtāḥ || 10.570 ||
Frei von der Furcht des Saṃsāra spielen sie mit den Mädchen. Wenn ihr Amt endet, [gehen] die Rudras, von Rudra-Mädchen umgeben,
10.571
śrīkaṇṭhasyecchayā sarve śivaṃyāntitanukṣaye |
gatvā bhūyo na jāyante kalpakoṭiśatairapi || 10.571 ||
auf Śrīkaṇṭhas Wunsch beim Ende ihres Körpers alle zu Śiva. Dort angelangt, werden sie auch in Hunderten von Kotis Weltperioden nicht wiedergeboren.
10.572
evaṃvidhairasaṃkhyātair vimānarathagāmibhiḥ |
mahāvṛṣagajārūḍhaiḥ siṃhavājisuvāhanaiḥ || 10.572 ||
Von unzähligen solchen [Rudras], die in Himmelswagen und Wagen fahren, große Stiere und Elefanten reiten und Löwen und Pferde als herrliche Reittiere haben,
10.573
lakṣāyutasahasraistu rudrakoṭibhirāvṛtam |
tanmadhyesarvatobhadraṃ siṃhadvāraiḥ sutoraṇaiḥ || 10.573 ||
von Hunderttausenden, Zehntausenden und Tausenden Koṭis von Rudras umgeben, [liegt] in der Mitte der allseitig glückhafte [Palast], mit Löwentoren und schönen Torbögen,
10.574
svacchamauktikasaṃkāśaprākāraśikharāvṛtam |
nandīśvaramahākāla dvārapālagaṇairvṛtam || 10.574 ||
umgeben von Mauern und Türmen wie klare Perlen und von Gefolgschaften der Torhüter Nandīśvara und Mahākāla,
10.575
kiṃkiṇījālamukharaiḥ patākādhvajasaṃkulaiḥ |
vitānacchatraṣaṇḍaiśca muktāhārapralambitaiḥ || 10.575 ||
mit klingenden Glöckchennetzen, voller Banner und Fahnen, mit Scharen von Baldachinen und Schirmen, an denen Perlenketten herabhängen,
10.576
ghaṇṭācāmaraśobhāḍyaṃ darpaṇaiścopaśobhitam |
kalaśairdvāranyastaiśca ratnapallavasaṃyutaiḥ || 10.576 ||
reich geschmückt mit Glocken, Wedeln und Spiegeln sowie Krügen an den Toren, die Juwelenzweige tragen.
10.577
racitaiścitraśāstrajñair atnacūrṇasamujjvalaiḥ |
svastikaiḥ patravalyāḍhyaiś citritaṃ bhuvanājiram || 10.577 ||
Der Hof der Welt ist mit Swastikas und Blattgirlanden aus leuchtendem Juwelenpulver verziert, gestaltet von Kennern der Bildkunst [Vorlage atnacūrṇa beschädigt].
10.578
śatasiṃhāsanākīrṇaṃ vedikāratnabhūṣitam |
gopurāṭṭālarathakair vīthībhiśca bhramāntrakaiḥ || 10.578 ||
Er ist voller Hunderter Throne, mit juwelenbesetzten Terrassen, Torbauten, Türmen, Vorsprüngen, Straßen und inneren Umgängen,
10.579
sarvaratnavicitrāḍhyair dvārabaddhaiḥ suśobhanam |
nirgamaiḥsugavākṣaiśca viṭaṅkaiḥsphaṭikaprabhaiḥ || 10.579 ||
überaus schön durch Türen, die reich an vielerlei Juwelen sind, mit Ausgängen, herrlichen Fenstern und kristallglänzenden Dachvorsprüngen,
10.580
stambhaiḥsopānabaddhaiśca vajravaiḍūryasaprabhaiḥ |
pūrṇacandranibhākārair aṇḍaiḥ śikharamaṇḍitaiḥ || 10.580 ||
mit Säulen und angebauten Treppen, leuchtend wie Diamant und Beryll, mit vollmondgleichen Kuppeln, die die Spitzen schmücken,
10.581
muktāphalaprabhābhiśca bhūmibhiśca sahasraśaḥ |
nāṭyaśālaiḥ suśobhāḍhyair nṛttagītaravākulaiḥ || 10.581 ||
mit Tausenden perlenglänzenden Geschossen und prächtigen Theatersälen, erfüllt vom Klang von Tanz und Gesang,
10.582
maṇḍapairatnacitrāḍhyaiḥ sabhāmaṇḍalanirbharaiḥ |
āsīnairudravṛndaiśca rudrakanyākadambakaiḥ || 10.582 ||
mit Hallen voller kunstvoller Juwelenarbeit und Versammlungsräumen, in denen Rudra-Scharen und Gruppen von Rudra-Mädchen sitzen,
10.583
mattavāraṇakai ramyaiś candraśālāsuśobhanaiḥ |
dhūpitaṃ dhūpavartībhiḥ kuṅkumodakasecitam || 10.583 ||
mit schönen Balkonen und prächtigen Mondpavillons, durchräuchert von Räucherdochten und mit Safranwasser besprengt,
10.584
citrapaṭṭaistu saṃchannaṃ puṣpaprakarasaṃkulam |
tūryaśabdajayadhvānakāhalākūjitena ca || 10.584 ||
mit buntgewebten Stoffen bedeckt und voller ausgestreuter Blumen. Durch Instrumentenklang, Siegesrufe und Trompetenschall,
10.585
vaṃśavīṇāmṛdaṅgaiśca gomukhairmukhavādanaiḥ |
paṇavaistālavādyaiśca śaṅkhabherīraveṇa ca || 10.585 ||
durch Flöten, Vīṇās, Mṛdaṅgas, Gomukha-Hörner und Mundinstrumente, Paṇava-Trommeln, Rhythmusinstrumente, Muscheln und Kesseltrommeln,
10.586
dundubhīnādaśabdena murajasphālanena ca |
karasphoṭamahāśabdaiḥ siṃhanādapraguñjitaiḥ || 10.586 ||
durch den Klang der Dundubhis und das Schlagen der Murajas, lautes Händeklatschen und widerhallende Löwenrufe,
10.587
garjadbhirgaṇavṛndaiśca meghastanitaniḥsvanaiḥ |
vandināṃstotraśabdena sāmavedaraveṇa ca || 10.587 ||
durch brüllende Gefolgschaften, deren Stimmen wie Wolkendonner tönen, durch den Lobgesang der Barden und den Klang des Sāmaveda,
10.588
huḍuṅkārāṭṭahāsaiśca geyajhaṃkārayojitaiḥ |
vṛṣananditaśabdena gajavājiraveṇa ca || 10.588 ||
durch Huḍuṅ-Laute, schallendes Lachen, Gesang und Saitenklang, durch das freudige Brüllen der Stiere sowie Elefanten- und Pferdelaute,
10.589
kāñcīnūpuraśabdena nadatīva mahatpuram |
sarvasaṃpatkaraṃ śrīmacchaṅkarasya tu mandiram || 10.589 ||
durch Gürtel- und Fußreifklang scheint die große Stadt selbst zu tönen: Śaṃkaras herrliche Wohnstätte, die alles Gedeihen verleiht.
10.590
atrāsaubhagavānrudro brahmaviṣṇvindrapūjitaḥ |
gaṅgāyāsnapitonityaṃ divyavastrāmbaracchadaḥ || 10.590 ||
Dort ist der erhabene Rudra, von Brahmā, Viṣṇu und Indra verehrt, stets von Gaṅgā gebadet und mit göttlichen Gewändern bekleidet,
10.591
pṛthivyāgandhaliptāṅgaḥ śriyāpuṣpaiḥ supūjitaḥ |
saptasvarapramukhyaiśca sarasvatyā ca saṃstutaḥ || 10.591 ||
von der Erde mit Duft gesalbt, von Śrī mit Blumen verehrt und von Sarasvatī mit den sieben Haupttönen gepriesen.
10.592
pūrṇendurātapatraṃ ca svayameva vyavasthitaḥ |
gaṅgātūttarikācchatre sarvādityāśca dīpakāḥ || 10.592 ||
Der Vollmond selbst steht als Sonnenschirm über ihm; Gaṅgā bildet das Tuch am Schirm, und alle Sonnen sind seine Lampen.
10.593
puṣpadantagaṇeśādyair āsanaṃ tasya saṃvṛtam |
kapilaḥ karkaṭaścaiva vimardaḥ kaṅkaṭastathā || 10.593 ||
Sein Sitz ist von Puṣpadanta, Gaṇeśa und den übrigen umgeben. Kapila, Karkaṭa, Vimarda und Kaṅkaṭa,
10.594
vikramaścadṛḍhaścaiva niṣkampo niṣkalastathā |
aṣṭau te harayaḥproktās trinetrā bhūrivikramāḥ || 10.594 ||
Vikrama, Dṛḍha, Niṣkampa und Niṣkala werden als die acht Löwen genannt, dreiäugig und von großer Tapferkeit.
10.595
siṃharūpāḥsutejaskāḥ saṭāvikaṭabhāsvarāḥ |
śaktirūpadharairmantrair yogaiśvaryasamanvitaiḥ || 10.595 ||
Sie sind löwengestaltig, voller Glanz und mit mächtigen, leuchtenden Mähnen. Von Mantras in Kraftgestalt, mit yogischer Herrschaft versehen,
10.596
āsanaṃvivṛtaṃtaistu mahotsāhairbalotkaṭaiḥ |
tatrabhadrāsane rudraḥ sthitaścandrārdhaśekharaḥ || 10.596 ||
von diesen sehr tatkräftigen und mächtigen [Wesen] wird der Sitz getragen oder entfaltet [vivṛta unklar]. Auf diesem glückhaften Thron sitzt Rudra mit der Mondsichel auf dem Haupt,
10.597
sarvalakṣaṇasaṃpūrṇaḥ sarvābharaṇabhūṣitaḥ |
tryakṣodaśabhujodevo jaṭāmukuṭamaṇḍitaḥ || 10.597 ||
mit allen günstigen Merkmalen und allem Schmuck versehen, dreiäugig, zehnarmig, mit einer Krone aus Haarflechten geschmückt,
10.598
pīnavakṣaḥsthaloruśca pīnaskandho mahābhujaḥ |
baddhapadmāsanāsīnaḥ karpūrakṣodadhūsaraḥ || 10.598 ||
mit mächtiger Brust, kräftigen Schenkeln und Schultern und großen Armen, im gebundenen Lotussitz sitzend und mit Kampferpulver bestäubt.
10.599
varadābhayapāṇiśca sarvāyudhadharastathā |
śatapatrāṅkitaiścaiva hastapādaiḥ sukomalaiḥ || 10.599 ||
Seine Hände zeigen Gewährung und Furchtlosigkeit und tragen alle Waffen; seine sehr zarten Hände und Füße sind mit Lotuszeichen versehen,
10.600
candrabimbanakhābhābhir aṅgulībhiralaṃkṛtaiḥ |
suśliṣṭajānugulphaiśca pādaiścaiva samunnataiḥ || 10.600 ||
geschmückt mit Fingern und Zehen, deren Nägel wie Mondscheiben glänzen; Knie und Knöchel sind wohlgefügt, die Füße hochgewölbt,
10.601
pūjitairgaṇarudraiśca brahmaviṣṇvindravanditaiḥ |
cāmaravyajanokṣepai rudrastrībhiḥ samantataḥ || 10.601 ||
verehrt von den Rudras der Gefolgschaften und gegrüßt von Brahmā, Viṣṇu und Indra. Ringsum werden ihm von Rudra-Frauen Wedel und Fächer zugewinkt.
10.602
vījatastu sadā śrīmāṃś candrakoṭisamaprabhaḥ |
jñānāmṛtasutṛptātmā yogaiśvaryapradāyakaḥ || 10.602 ||
So wird der Herrliche stets gefächelt, strahlend wie Millionen Monde, innerlich vom Erkenntnisnektar gesättigt und yogische Herrschaft verleihend.
10.603
dhyāto vai yogibhirnityaṃ prasannavadanekṣaṇaḥ |
prahasansa ivābhāti nirmalajñānaraśmibhiḥ || 10.603 ||
Die Yogis meditieren stets über ihn mit heiterem Gesicht und Blick. Er scheint zu lachen und mit den Strahlen reiner Erkenntnis,
10.604
ajñānatimiraṃ hatvā darśayetparamaṃ vapuḥ |
sarvasaukhyapradātā ca rudramātṛgaṇāvṛtaḥ || 10.604 ||
nach Vernichtung des Dunkels der Unwissenheit, die höchste Gestalt zu zeigen. Er verleiht alles Glück, umgeben von Rudras, Müttern und Gefolgschaften.
10.605
tasyotsaṅgagatā devī taptakāñcanasuprabhā |
pūjitā yoginīvṛndaiḥ sādhakaiḥ surakinnaraiḥ || 10.605 ||
Auf seinem Schoß sitzt die Göttin, leuchtend wie geschmolzenes Gold, verehrt von Yoginī-Scharen, Übenden, Göttern und Kinnaras,
10.606
sarvalakṣaṇasaṃpūrṇā sarvābharaṇabhūṣitā |
yogasiddhipradā nityaṃ mokṣābhyudayadāyikā || 10.606 ||
mit allen günstigen Merkmalen und allem Schmuck versehen, stets Yogavollendung verleihend und Befreiung wie Gedeihen spendend.
10.607
devasyābhimukhī nityam umā tu lalitekṣaṇā |
śaktiścāpararūpeṇa śaktimāṃśca harastathā || 10.607 ||
Umā mit ihren spielerischen Blicken ist stets dem Gott zugewandt. Sie ist Śakti in ihrer niederen Gestalt, Hara entsprechend der Kraftbesitzer.
10.608
brahmāṇḍe sṛṣṭisaṃhārau karoti ca śivecchayā |
dīkṣājñānavihīnā ye liṅgārādhanatatparāḥ || 10.608 ||
Auf Śivas Wunsch vollzieht er Schöpfung und Einziehung im Weltei. Diejenigen, die ohne Einweihung und Erkenntnis der Verehrung des Liṅga ergeben sind,
10.609
te prayānti harasthānaṃ sarvaiśvaryasukhāvaham |
jarāmaraṇanirmuktā vyādhiśokavivarjitāḥ || 10.609 ||
gelangen zu Haras Stätte, die alle Herrschaftsfreuden gewährt, frei von Alter und Tod, ohne Krankheit und Kummer.
10.610
nādhoyānti punardevi saṃsāre duḥkhasāgare |
śivaṃyānti tataścordhvaṃ śrīkaṇṭhenasamīkṣitāḥ || 10.610 ||
Sie fallen nicht wieder hinab in den Saṃsāra, das Meer des Leidens, Göttin. Von Śrīkaṇṭha angeblickt, gelangen sie von dort hinauf zu Śiva.
10.611
rudralokaḥ samākhyātas tataścordhvamume śṛṇu |
uttarottaravṛddhyā ca bhuvanaṃ bhuvanaṃsthitam || 10.611 ||
Rudraloka ist beschrieben. Höre nun, Umā, was darüber liegt. Jede folgende Welt ist gegenüber der vorherigen größer.
10.612
brahmāṇḍasyāpyadhobhāge rudralokasyacordhvataḥ |
daṇḍapāṇeḥ puraṃjñeyaṃ nānārudragaṇāvṛtam || 10.612 ||
Unterhalb [der oberen Schale] des Welteis und oberhalb Rudralokas ist Daṇḍapāṇis Stadt zu kennen, umgeben von vielfältigen Rudra-Gefolgschaften.
10.613
daṇḍapāṇistu bhagavān yogaiśvaryabalānvitaḥ |
daṇḍaḥ pāṇitalenaiva dhṛtoyena śivecchayā || 10.613 ||
Der erhabene Daṇḍapāṇi besitzt die Kraft yogischer Herrschaft. Auf Śivas Wunsch hält er den Stab in seiner Handfläche,
10.614
vivṛṇoti ca brahmāṇḍe mokṣamārgaṃ sudurbhidam |
vidhinārādhitaścaiva anudhyānācchivecchayā || 10.614 ||
und öffnet im Weltei den sehr schwer zu durchdringenden Befreiungsweg, wenn er vorschriftsmäßig verehrt und meditativ vergegenwärtigt wird, nach Śivas Wunsch.
10.615
saptalokeṣu ye rudrā kathayāmi samāsataḥ |
śarvorudrastathā bhīmo bhava ugrastathaiva ca || 10.615 ||
Ich nenne kurz die Rudras in den sieben Welten: Śarva, Rudra, Bhīma, Bhava und Ugra,
10.616
mahādevastatheśāno rudralokādhipastvamī |
brahmalokesthitobrahmā viṣṇurvai vaiṣṇave pure || 10.616 ||
Mahādeva und Īśāna: Diese Rudras sind die Herren der [sieben] Welten. Brahmā wohnt in Brahmaloka, Viṣṇu in der Viṣṇu-Stadt.
10.617
rudralokesthitorudraḥ sarveṣāṃ nāyakaḥ smṛtaḥ |
kālāgner daṇḍapāṇyantam aṣṭānavatikoṭayaḥ || 10.617 ||
Rudra wohnt in Rudraloka und gilt als Herr aller. Von Kālāgni bis Daṇḍapāṇi sind es achtundneunzig Koṭis,
10.618
yojanānāṃvarārohe tv adhvāyamupavarṇitaḥ |
kaṭāhastu adhaścordhvaṃ brahmāṇḍasya varānane || 10.618 ||
also 980 Millionen Yojanas, Schönhüftige: So wurde dieser Wirklichkeitsweg beschrieben. Die untere und obere Schale des Welteis, Schönangesichtige,
10.619
koṭiyojanamānena ghanākāreṇasaṃsthitaḥ |
pañcāśatkoṭayaścordhvaṃ bhūpṛṣṭhāttu varānane || 10.619 ||
besitzen jeweils eine Dicke von zehn Millionen Yojanas. Fünfzig Koṭis liegen oberhalb der Erdoberfläche,
10.620
pañcāśacca adhojñeyā yojanānāṃ samantataḥ |
evaṃ koṭiśataṃ jñeyaṃ pārthivaṃ tattvamucyate || 10.620 ||
fünfzig Koṭis sind unterhalb ringsum anzusetzen. So ist das hundert Koṭis [eine Milliarde Yojanas] umfassende Erdprinzip zu verstehen.
10.621
śatarudrāvadhijñeyaṃ sauvarṇaṃ parivartulam |
vajrasārādhikasāraṃ durbhedyaṃ tridaśairapi || 10.621 ||
Bis zu den hundert Rudras ist es golden und rund, härter als Diamant und selbst für die Götter schwer zu durchbrechen.
10.622
huṃphaṭkāraprayogeṇa bhedayettu varānane |
śatarudrānato vakṣye samāsena kṛśodari || 10.622 ||
Durch Anwendung von huṃ und phaṭ soll man es durchbrechen, Schönangesichtige. Nun nenne ich kurz die hundert Rudras, Schlanktaillige.
10.623
daśa daśakrameṇaiva daśadikṣu samantataḥ |
pūrvādikramayogena kathayāmyanupūrvaśaḥ || 10.623 ||
Jeweils zehn befinden sich in den zehn Richtungen ringsum. Vom Osten angefangen erkläre ich sie der Reihe nach.
10.624
kapālīśohyajobadhno vajradehaḥ pramardanaḥ |
vibhūtiravyayaḥ śāstā pinākī tridaśādhipaḥ || 10.624 ||
Kapālīśa, Aja, Badhna [überliefert ajobadhno, Segmentierung unsicher], Vajradeha, Pramardana, Vibhūti, Avyaya, Śāstṛ, Pinākin und Tridaśādhipa.
10.625
indrasyabalamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ |
vicarantimahādevā indreṇa ca supūjitāḥ || 10.625 ||
Indras Kraft durchdringend, versehen mit der Kraft des Herrn, bewegen sich diese großen Götter, von Indra hoch verehrt.
10.626
agnirudrohutāśī ca piṅgalaḥ khādako haraḥ |
jvalanodahanobabhrur bhasmāntakakṣayāntakau || 10.626 ||
Agnirudra, Hutāśin, Piṅgala, Khādaka, Hara, Jvalana, Dahana, Babhru, Bhasmāntaka und Kṣayāntaka.
10.627
agnerbalaṃsamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ |
vicarantimahādevā agnirājasupūjitāḥ || 10.627 ||
Die Kraft des Feuers durchdringend, versehen mit der Kraft des Herrn, bewegen sich diese großen Götter, vom Feuerkönig hoch verehrt.
10.628
yāmyomṛtyurharodhātā vidhātākartṛsaṃjñakaḥ |
saṃyoktā ca viyoktā ca dharmo dharmapatistathā || 10.628 ||
Yāmya, Mṛtyu, Hara, Dhātṛ, Vidhātṛ, der Kartṛ Genannte, Saṃyoktṛ, Viyoktṛ, Dharma und Dharmapati.
10.629
yamasya balamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ |
vicarantimahādevā yamarājasupūjitāḥ || 10.629 ||
Yamas Kraft durchdringend, versehen mit der Kraft des Herrn, bewegen sich diese großen Götter, von König Yama hoch verehrt.
10.630
nairṛtomarutohantā krūradṛṣṭirbhayānakaḥ |
ūrdhvakeśovirūpākṣo dhūmalohitadaṃṣṭrakau || 10.630 ||
Nairṛta, Marut, Hantṛ, Krūradṛṣṭi, Bhayānaka, Ūrdhvakeśa, Virūpākṣa, Dhūma und Lohitadaṃṣṭra [nur neun Namen sicher abtrennbar].
10.631
nairṛtaṃbalamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ |
vicarantimahādevā nairṛtendrasupūjitāḥ || 10.631 ||
Die Kraft Nirṛtis durchdringend, versehen mit der Kraft des Herrn, bewegen sich diese großen Götter, vom König der Nairṛtas hoch verehrt.
10.632
balohyatibalaścaiva pāśahasto mahābalaḥ |
śveto 'tha jayabhadraśca dīrghabāhurjalāntakaḥ || 10.632 ||
Bala, Atibala, Pāśahasta, Mahābala, Śveta, Jayabhadra, Dīrghabāhu und Jalāntaka,
10.633
meghanādī sunādī ca samāsātparikīrtitāḥ |
vāruṇaṃbalamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ || 10.633 ||
Meghanādin und Sunādin sind kurz genannt. Die Kraft Varuṇas durchdringend und mit der Kraft des Herrn versehen,
10.634
vicarantimahādevā varuṇendrasupūjitāḥ |
śīghrolaghurvāyuvegaḥ sūkṣmastīkṣṇo bhayānakaḥ || 10.634 ||
bewegen sich diese großen Götter, von König Varuṇa hoch verehrt. Śīghra, Laghu, Vāyuvega, Sūkṣma, Tīkṣṇa und Bhayānaka,
10.635
pañcāntakaḥ pañcaśikhaḥ kapardī meghavāhanaḥ |
vāyostu balamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ || 10.635 ||
Pañcāntaka, Pañcaśikha, Kapardin und Meghavāhana: Die Kraft des Windes durchdringend und mit der Kraft des Herrn versehen,
10.636
vicarantimahādevā vāyurājasupūjitāḥ |
nidhīśorūpavāndhanyaḥ sau,yadeho jaṭādharaḥ || 10.636 ||
bewegen sich diese großen Götter, vom Windkönig hoch verehrt. Nidhīśa, Rūpavat, Dhanya, Saumyadeha [Vorlage sau,yadeho] und Jaṭādhara,
10.637
lakṣmīratnadharaḥkāmī prasādaśca prabhāsakaḥ |
saumyasya balamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ || 10.637 ||
Lakṣmī, Ratnadhara, Kāmin, Prasāda und Prabhāsaka: Somas Kraft durchdringend und mit der Kraft des Herrn versehen,
10.638
vicarantimahādevāḥ somarājasupūjitāḥ |
vidyādhipo 'tha sarvajño jñānadṛgvedapāragaḥ || 10.638 ||
bewegen sich diese großen Götter, von König Soma hoch verehrt. Vidyādhipa, Sarvajña, Jñānadṛś und Vedapāraga,
10.639
śarvaḥ sureśo jyeṣṭhaśca bhūtapālo baliḥpriyaḥ |
īśānānumatā devāś ceṣṭante surapūjitāḥ || 10.639 ||
Śarva, Sureśa, Jyeṣṭha, Bhūtapāla, Bali und Priya [letzte Namensgrenze unsicher]: Von Īśāna ermächtigt, wirken diese Götter, von den Göttern verehrt.
10.640
vicarantimahādevā īśaśaktyātvadhiṣṭhitāḥ |
vṛṣovṛṣadharo 'nantaḥ krodhano mārutāhvayaḥ || 10.640 ||
Diese großen Götter bewegen sich, von Īśas Kraft beherrscht. Vṛṣa, Vṛṣadhara, Ananta, Krodhana und der Māruta Genannte,
10.641
grasanoḍambareśau ca phaṇīndro vajradaṃṣṭrakaḥ |
viṣṇostubalamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ || 10.641 ||
Grasana, Ḍambareśa, Phaṇīndra und Vajradaṃṣṭraka [mit dem vorigen Vers nur neun sichere Namen]: Viṣṇus Kraft durchdringend und mit der Kraft des Herrn versehen,
10.642
vicarantimahādevā anantena supūjitāḥ |
śaṃbhurvibhurgaṇādhyakṣas tryakṣaśca tridaśeśvaraḥ || 10.642 ||
bewegen sich diese großen Götter, von Ananta hoch verehrt. Śaṃbhu, Vibhu, Gaṇādhyakṣa, Tryakṣa und Tridaśeśvara,
10.643
saṃvāhaścavivāhaśca nalolipsustrilocanaḥ |
brahmaṇobalamākramya prabhuśaktisamanvitāḥ || 10.643 ||
Saṃvāha, Vivāha, Nala, Lipsu und Trilocana: Brahmās Kraft durchdringend und mit der Kraft des Herrn versehen,
10.644
vicarantimahādevā brahmaṇaiva supūjitāḥ |
ekaikasya sahasraṃ tu parivāro 'bhidhīyate || 10.644 ||
bewegen sich diese großen Götter, von Brahmā selbst hoch verehrt. Für jeden wird eine Gefolgschaft von tausend angegeben.
10.645
śatarudrā iti khyātā brahmāṇḍaṃvyāpyasaṃsthitāḥ |
asaṃkhyātāḥ sahasrāṇi ye ca ūrdhvādidiggatāḥ || 10.645 ||
Als die hundert Rudras sind sie bekannt und durchdringen das Weltei. Unzählige Tausende befinden sich in den oberen und übrigen Richtungen.
10.646
svacchandāviśvagā devāḥ kalpamanvantareṣvapi |
pūrvādidaśadigrudrāḥ sthitā daśa daśaiva tu || 10.646 ||
Diese frei selbstbestimmten, alldurchdringenden Götter [bestehen] auch in Weltperioden und Manu-Zeiträumen. In den zehn Richtungen vom Osten an stehen jeweils zehn Rudras.
10.647
ekaikamadhipaṃcaiva kathayāmi varānane |
sthito vai pūrvato 'ṇḍasya śveto vai nāma nāmataḥ || 10.647 ||
Den jeweiligen Oberherrn nenne ich dir, Schönangesichtige. Im Osten des Welteis steht einer mit dem Namen Śveta,
10.648
rudrāṇāṃ tu śatairyukto mahāvīryaparākramaḥ |
dīptimadbhirmahātīvrair mayūkhairiva bhāskaraḥ || 10.648 ||
mit Hunderten Rudras verbunden, von großer Kraft und Tapferkeit, [umgeben] von strahlenden, überaus heftigen [Rudras] wie die Sonne von ihren Strahlen.
10.649
āgneyyāmagnisaṃkāśo vaidyuto nāma viśrutaḥ |
so 'pi vidyutprabhairudra śataistu parivāritaḥ || 10.649 ||
Im Südosten steht der als Vaidyuta Berühmte, feuerähnlich. Auch er ist von Hunderten Rudras umgeben, die wie Blitze glänzen.
10.650
yāmye 'ṇḍasya mahākālo yugāntānalasaṃnibhaḥ |
śatarudrairvṛto devi tiṣṭhatyamitavikramaiḥ || 10.650 ||
Südlich des Welteis steht Mahākāla, dem Feuer am Ende eines Weltalters gleich, Göttin, umgeben von hundert Rudras von unermesslicher Tapferkeit.
10.651
nairṛto vikaṭonāma śatenaparivāritaḥ |
saṃtiṣṭhate mahātejā dvitīya iva bhāskaraḥ || 10.651 ||
Im Südwesten steht der Vikata Genannte, von hundert umgeben, voller Glanz wie eine zweite Sonne.
10.652
paścime 'ṇḍasya yo rudro mahāvīrya iti śrutaḥ |
śatarudrairvṛtaḥ so 'pi tiṣṭhatyamitavikramaḥ || 10.652 ||
Der Rudra im Westen des Welteis heißt Mahāvīrya. Auch er steht, von hundert Rudras umgeben, von unermesslicher Tapferkeit.
10.653
vāyavyadiśicāṇḍasya vāyuvego mahābalaḥ |
śatena ca vṛtaḥ śrīmāṃs tiṣṭhatyatra mahābalaḥ || 10.653 ||
Im Nordwesten des Welteis steht der mächtige Vāyuvega, von hundert umgeben, herrlich und sehr stark.
10.654
subhadranāmottarataḥ śatenaparivāritaḥ |
mahāvīryabalopetas tiṣṭhatyatra mahābalaḥ || 10.654 ||
Im Norden steht der Subhadra Genannte, von hundert umgeben, voller großer Kraft und Stärke.
10.655
pariviṣṭo marīcībhis tatratiṣṭhati vīryavān |
vidyādharo nāma rudra aiśānyāṃ vai pratiṣṭhitaḥ || 10.655 ||
Dort steht der Kraftvolle, von Strahlen umgeben. Im Nordosten ist der Rudra namens Vidyādhara aufgestellt.
10.656
śatarudrairvṛtaḥ so 'pi pariviṣṭa ivoḍurāṭ |
mahāvīryabalopetas tiṣṭhate 'nantavikramaḥ || 10.656 ||
Auch er ist von hundert Rudras umgeben, wie der Mond von einem Hof, voller großer Kraft und Stärke, von unbegrenzter Tapferkeit.
10.657
adhaḥ kālāgnirudro 'nyaḥ sthitastvatra dvitīyakaḥ |
samāvṛto rudraśataiḥ sthitaistvatra varānane || 10.657 ||
Unten befindet sich ein weiterer, zweiter Kālāgnirudra, umgeben von den dort stehenden Rudra-Hunderten, Schönangesichtige.
10.658
śataiḥ samāvṛto rudra mayūkhairiva bhāskaraḥ |
vīrabhadro vṛtorudrair uparyaṇḍasya saṃsthitaḥ || 10.658 ||
Von Hunderten Rudras umgeben wie die Sonne von Strahlen, steht Vīrabhadra oberhalb des Welteis,
10.659
ekādaśo mahākāyai rudrakrodhasamudbhavaiḥ |
evaṃte 'tramahātmāna ekaikaṃ tu śatena ca || 10.659 ||
als elfter [so die Vorlage], umgeben von großleibigen [Rudras], die aus Rudras Zorn entstanden sind. So sind diese Großmächtigen jeweils von hundert umgeben.
10.660
daśaite veṣṭitādevi śatarudraiśca suvrate |
eṣāmaparisaṃkhyeyaḥ parivāro mahātmanām || 10.660 ||
Diese zehn sind von hundert Rudras umringt, Göttin, du mit den guten Gelübden [Zählung widerspricht dem „elften“ in 10.659]. Die Gefolgschaft dieser Großmächtigen ist unzählbar.
10.661
āvṛtyāṇḍaṃ sthitāhyete madhu yadvanmadhuvratāḥ |
kadambakusumaṃyadvat kesaraiḥ parivāritam || 10.661 ||
Sie stehen um das Weltei wie Bienen um Honig. Wie eine Kadamba-Blüte von Staubfäden umgeben ist,
10.662
parivāritaṃ tathāhyaṇḍaṃ rudrairamitavikramaiḥ |
gṛhaiḥ satoraṇāṭṭālair nānāratnavicitritaiḥ || 10.662 ||
so ist das Weltei von Rudras unermesslicher Tapferkeit umgeben, mit Häusern, Torbögen und Türmen, kunstvoll mit vielen Juwelen gestaltet,
10.663
jāmbūnadamayaiścitraiḥ samantātsamalaṃkṛtam |
divyanārībhirākīrṇaṃ sarvakāmasamanvitam || 10.663 ||
ringsum geschmückt mit bunten Bauten aus Jāmbūnada-Gold, voller göttlicher Frauen und sämtlicher Genüsse.
10.664
brahmāṇḍametadākhyātaṃ pāśajālāvatāritam |
janmavyādhijarāmṛtyumahodadhipariplutam || 10.664 ||
Dieses Weltei ist beschrieben: in ein Netz von Fesseln eingelassen und vom großen Meer aus Geburt, Krankheit, Alter und Tod überflutet,
10.665
guṇatrayamalacchannaṃ nānājātisamākulam |
paśujñānaparikrāntaṃ gatitrayasamākulam || 10.665 ||
vom Makel der drei Guṇas bedeckt, voller verschiedener Geburtsklassen, vom begrenzten Wissen der Gebundenen durchzogen und mit drei Daseinswegen erfüllt.
10.666
anityā eva gatayaḥ sarveṣāmeva vādinām |
parāparavibhāgaṃ tu naivajānanti mohitāḥ || 10.666 ||
Die Ziele sämtlicher Lehrvertreter sind vergänglich. Verblendet erkennen sie die Unterscheidung zwischen Höherem und Niederem nicht.
10.667
hemāṇḍaṃ tu purāsṛṣṭaṃ kṣayātma bhuvanākṛti |
īśamāyāsamāviṣṭasyātmavargasya bhūtaye || 10.667 ||
Das goldene Ei wurde einst geschaffen, vergänglich und als Gestalt der Welten, zum Dasein der Seelenschar, die von der Māyā des Herrn erfüllt ist.
10.668
athopariṣṭāttattvāni udakādiśivāntakam |
uttarottarayogena daśadhā saṃsthitāni tu || 10.668 ||
Darüber befinden sich die Prinzipien von Wasser bis Śiva, jedes gegenüber dem vorhergehenden in zehnfacher [Ausdehnung].
10.669
ahaṃkāraḥ tadūrdhvaṃ tu buddhistu śatadhāsthitā |
ūrdhvaṃ sahasradhā jñeyaṃ pradhānaṃ varavarṇini || 10.669 ||
[Bis zum] Ichbewusstsein [gilt dies]; darüber liegt die Buddhi hundertfach. Noch höher ist Pradhāna als tausendfach zu verstehen, du von schöner Gestalt.
10.670
pauruṣaṃ daśasāhasraṃ niyatirlakṣadhā smṛtā |
tadūrdhvaṃ daśalakṣāṇi kalā yāvattu suvrate || 10.670 ||
Das Puruṣa-Prinzip ist zehntausendfach, Niyati hunderttausendfach. Darüber [reicht es] millionenfach bis Kalā, du mit den guten Gelübden.
10.671
māyā tu koṭidhāvyāpya sthitā sarvaṃ carācaram |
daśakoṭiguṇā vidyā māyāṃvyāpya vyavasthitā || 10.671 ||
Māyā durchdringt zehnmillionenfach alles Bewegliche und Unbewegliche. Vidyā steht hundertmillionenfach da und durchdringt Māyā.
10.672
śatakoṭiguṇenaiva vyāptāsāvīśvareṇa tu |
sādākhyaṃ koṭisāhasraṃ bindunādaṃ tadūrdhvataḥ || 10.672 ||
Sie wird von Īśvara milliardenfach durchdrungen. Sādākhya [Sadāśiva] ist tausend Kotis, also zehnmilliardenfach; darüber liegen Bindu und Nāda.
10.673
yojanānāṃ tu vṛndaṃ vai śaktirvyāpya vyavasthitā |
vyāpinī sarvamadhvānaṃ vyāpyadevi vyavasthitā || 10.673 ||
Śakti durchdringt eine Vṛnda-Zahl von Yojanas [große traditionelle Zahlenordnung]. Vyāpinī durchdringt den gesamten Wirklichkeitsweg, Göttin.
10.674
aprameyaṃ tato jñeyaṃ śivatattvaṃ varānane |
bhuvanāni pravakṣyāmi aptattvādāvanukramāt || 10.674 ||
Darüber ist das Śiva-Prinzip als unermesslich zu verstehen, Schönangesichtige. Ich nenne nun die Welten der Reihe nach, angefangen mit dem Wasserprinzip.
10.675
ākāraṃ vibhavaṃ caiva bhuvanānekavistaram |
yanna dṛṣṭaṃ paśujñānaiḥ kupathabhrāntadṛṣṭibhiḥ || 10.675 ||
[Ihre] Gestalt, Herrlichkeit und die Ausdehnung der vielen Welten [erkläre ich], die von den begrenzten Erkenntnissen der Gebundenen mit ihrem auf Irrwegen schweifenden Blick nicht gesehen wird,
10.676
yanna sāṃkhyairna yogairvā na caiva pāñcarātrikaiḥ |
svabhāvavādibhirnāpi na ca karmapravādibhiḥ || 10.676 ||
nicht von Sāṃkhya-Anhängern, Yogalehrern oder Pāñcarātrikas, nicht von Vertretern einer Lehre der Eigennatur und nicht von Verfechtern einer Lehre des Karma,
10.677
nāpi saṃśayavādaiśca nagnakṣapaṇakādibhiḥ |
na bhūtavādibhiścaiva nāpi syāllokikairapi || 10.677 ||
nicht von Zweifelslehrern, nackten Asketen und anderen, nicht von Vertretern einer Elementenlehre und nicht von weltlich Denkenden,
10.678
na cātmacintakairvāpi na ca tarkapravādibhiḥ |
na ca vaiśeṣikairvā.api ṣaṭpadārthaparāyaṇaiḥ || 10.678 ||
nicht von Selbst-Theoretikern oder Argumentationslehrern und nicht von Vaiśeṣikas, die den sechs Kategorien ergeben sind [Vorlage vā.api beschädigt],
10.679
na cāpi nyāyavādaiśca hetudṛṣṭāntavādibhiḥ |
nāpyekajanmavādaiśca nacāpyekatvavādibhiḥ || 10.679 ||
nicht von Nyāya-Lehrern, die Gründe und Beispiele anführen, nicht von Vertretern nur einer Geburt und nicht von Einheitslehrern.
10.680
na dhūrtavādairlokairvā suparijñātamaiśvaram |
ityevaṃvādināṃ teṣāṃ vādānāṃ tu śatatrayam || 10.680 ||
Weder durch spitzfindige Lehren noch durch weltliche Menschen wird die Wirklichkeit des Herrn vollständig erkannt. So gibt es dreihundert Lehren dieser Lehrvertreter
10.681
triṣaṣṭiradhikāścānye vādināṃ bhrāntacetasām |
ajñānatimirādhānām unmīlanakṛduttamam || 10.681 ||
und noch dreiundsechzig weitere, deren Vertreter verwirrten Geistes sind. [Diese Lehre] öffnet aufs Beste die Augen derer, die vom Dunkel der Unwissenheit geblendet sind.
10.682
saṃsārapaṅkamagnānāṃ naurivottāraṇaṃ param |
mahāmohatamo 'ndhānāṃ tamonudamidaṃ param || 10.682 ||
Für die im Schlamm des Saṃsāra Versunkenen ist sie wie ein Boot die höchste Rettung; für die durch das große Dunkel der Verblendung Erblindeten ist sie die höchste Vertreiberin des Dunkels.
10.683
parameśamukhodbhūtaṃ yanmayā prāptamadbhutam |
jñānāmṛtamidaṃ divyaṃ nanabhuvanavistaram || 10.683 ||
Aus dem Mund des höchsten Herrn hervorgegangen und von mir als Wunder empfangen, ist dies der göttliche Erkenntnisnektar, der die vielen Welten entfaltet [Vorlage nanabhuvana uneben].
10.684
śṛṇuṣvaikamanā devi vicitrākāramadbhutam |
ananto bhuvanavrātas tv avyucchedādvyavasthitaḥ || 10.684 ||
Höre mit einspitzigem Geist, Göttin, dieses wunderbar vielgestaltige [Wissen]. Ununterbrochen besteht die unendliche Schar der Welten,
10.685
madhukośajālakavat tathā bhūricayāvṛtiḥ |
mīnaśaṃkhakulāyābhaṃ dāṣimībījavatsthitam || 10.685 ||
wie ein Geflecht von Honigwaben, eine Umfassung durch große Mengen, wie Ansammlungen von Fischen, Muscheln oder Nestern [Vergleich mehrdeutig], wie Granatapfelkerne angeordnet [Vorlage dāṣimī beschädigt].
10.686
kadambakesaranibhaṃ purāṇāṃ tu samūhakam |
mahāsenāvāsakavad vane tarusamūhavat || 10.686 ||
Die Ansammlung der Städte gleicht den Staubfäden einer Kadamba-Blüte, dem Lager eines großen Heeres oder der Baummenge in einem Wald.
10.687
nirantaramanantāni bhuvanāni varānane |
nānākārāṇi citrāṇi sarvaratnamayāni ca || 10.687 ||
Lückenlos stehen die unendlichen Welten, Schönangesichtige, mit vielerlei wunderbaren Formen und aus allen Juwelen bestehend:
10.688
parimaṇḍalāni dīrghāṇy ardhacandrākṛtīni ca |
puruṣākṛtīni cānyāni nandyāvartākṛtīni ca || 10.688 ||
rund, länglich, halbmondförmig; andere menschgestaltig oder wie ein Nandyāvarta-Zeichen gestaltet,
10.689
parvatākṛtirūpāṇi gajayuthākṛtīni ca |
śarāvākṛtīni cānyāni jvālārūpākṛtīni ca || 10.689 ||
berggestaltig, wie Elefantenherden, andere schalenförmig oder in Flammengestalt,
10.690
mahāvimānarūpāṇi triśūlākṛtimanti ca |
murajākṛtīni cānyāni tryaśrākṛtipurāṇi ca || 10.690 ||
wie große Himmelswagen oder Dreizacke, andere trommelförmig oder als dreieckige Städte,
10.691
mahāpuruṣarūpāṇi śataśṛṅgākṛtīni ca |
sahasraśṛṅgāvartāni tathānyāni varānane || 10.691 ||
in der Gestalt großer Menschen, mit hundert Spitzen, andere mit tausend Spitzen und Windungen, Schönangesichtige,
10.692
koṭiśṛṅgāṇi cānyāni asaṃkhyaśikharāṇi ca |
vṛttāni caturaśrāṇi trikoṇānyaparāṇi ca || 10.692 ||
andere mit Millionen Spitzen und ungezählten Gipfeln, rund, viereckig und wiederum dreieckig,
10.693
divyacitrapatākāni divyaghaṇṭādhvajāni ca |
bherinādasvarāḍhyāni divyagītadhvanīni ca || 10.693 ||
mit göttlichen bunten Bannern, göttlichen Glocken und Fahnen, reich am Klang der Kesseltrommeln und göttlichen Gesangs,
10.694
divyadundubhinādāni mahāveṇusvanāni ca |
nānāvāditraghoṣāṇi bhuvanāni ca sarvadā || 10.694 ||
mit göttlichem Trommeldonner und großen Flötenklängen: Stets erklingen in den Welten vielerlei Instrumente.
10.695
śuklāni sphaṭikābhāni padmarāgākṛtīni ca |
candrakāntasavarṇāni muktādāmanibhāni ca || 10.695 ||
Sie sind weiß, kristallgleich, rubingleich, von der Farbe des Mondsteins oder wie Perlengirlanden;
10.696
lākṣārasasavarṇāni kānicidvaravarṇini |
indragopakavarṇāni indranīlanibhāni ca || 10.696 ||
manche von der Farbe des Lacksaftes, du von schöner Gestalt, andere von der Farbe des roten Indragopa-Insekts oder saphirgleich,
10.697
nīlotpalasavarṇāni vidyutpuñjanibhāni ca |
bālādityasavarṇāni padmagarbhanibhāni ca || 10.697 ||
von der Farbe blauer Wasserlilien, blitzmassenähnlich, von der Farbe der jungen Sonne oder wie das Innere eines Lotus,
10.698
candraprabhāni cānyāni candrakoṭinibhāni ca |
madhyāhnārkasavarṇāni sūryakoṭinibhāni ca || 10.698 ||
andere mondhell oder wie Millionen Monde, von der Farbe der Mittagssonne oder wie Millionen Sonnen,
10.699
aśokastavakābhāni haritālanibhāni ca |
śakracāpasavarṇāni gokṣīradhavalāni ca || 10.699 ||
wie Aśoka-Blütenbüschel, wie gelbes Haritāla, regenbogenfarben oder weiß wie Kuhmilch,
10.700
sindūrakuṅkumābhāni gorocananibhāni ca |
taptahemasavarṇāni nirdhūmāgninibhāni ca || 10.700 ||
wie Zinnober und Safran, wie Gorocanā, von der Farbe geschmolzenen Goldes oder wie rauchloses Feuer.
10.701
śaṅkhapāṇḍuravarṇāni kānicidbhuvanāni ca |
nānāvarṇāni cānyāni nānārūpākṛtīni ca || 10.701 ||
Manche Welten sind blassweiß wie Muscheln; andere haben vielerlei Farben und vielfältige Gestalten.
10.702
eteṣāṃ parato devi vyāpakaṃ paramaṃ padam |
aprameyamasaṃkhyeyam agamyaṃ sarvavādinām || 10.702 ||
Jenseits dieser liegt die alldurchdringende höchste Stätte, Göttin, unermesslich, unzählbar und allen Lehrstreitenden unzugänglich.
10.703
vinā prasādādīśasya jñānametanna labhyate |
nacāpi bhāvo bhavati dīkṣāmaprāpya dehinām || 10.703 ||
Ohne die Gnade des Herrn wird diese Erkenntnis nicht erlangt. Auch entsteht bei den Verkörperten der entsprechende Zustand nicht, wenn sie keine Einweihung empfangen haben.
10.704
yadā tu kāraṇācchaktir bhavennirvāṇakārikā |
śivecchayā prapadyeta dīkṣāṃ jñānamayīṃ śubhām || 10.704 ||
Wenn aber durch die [höchste] Ursache die befreiende Kraft wirksam wird, empfängt man auf Śivas Wunsch die glückhafte, aus Erkenntnis bestehende Einweihung,
10.705
mantrayogātmikā divyāṃ tato mokṣaṃ vrajetpaśuḥ |
nānyathā mokṣamāyāti api jñānaśatairapi || 10.705 ||
göttlich und ihrem Wesen nach Mantra-Yoga. Darauf gelangt das gebundene Wesen zur Befreiung; anders erreicht es sie nicht, selbst durch Hunderte Erkenntnislehren.
10.706
yasya prakāśitaṃ sarvaṃ śivenānantarūpiṇā |
sa eva mokṣaṃ vrajati śivaḥ sarvamaheśvaraḥ || 10.706 ||
Wem Śiva in seiner unendlichen Gestalt alles offenbart hat, der allein gelangt zur Befreiung: [Er wird] Śiva, der große Herr von allem.
10.707
tenedaṃ jñānamukhyaṃ tu purā proktaṃ mayā tava |
saṃsārārṇavamagnānāṃ naurivottāraṇaṃ param || 10.707 ||
Deshalb habe ich dir zuvor dieses vorzügliche Wissen gelehrt, das die im Meer des Saṃsāra Versunkenen wie ein Boot aufs Beste hinüberführt,
10.708
mahāmāyāñjanātītaṃ ajñātaṃ paśugocare |
anantaṃ pāramakṣobhyaṃ subodhaṃ parameśvaram || 10.708 ||
jenseits der Färbung durch die große Māyā, im Bereich der Gebundenen unbekannt, unendlich, höchst, unerschütterlich, klare Erkenntnis und höchster Herr [überlieferter Satz ohne eindeutige Gliederung].
10.709
parameśamukhodgīrṇaṃ yan mayā prāptamadbhutam |
vakṣye jñānāmṛtamidaṃ śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 10.709 ||
Aus dem Mund des höchsten Herrn hervorgegangen, habe ich diesen wunderbaren Erkenntnisnektar empfangen. Ich werde ihn darlegen; höre mit gesammeltem Geist, Geliebte.
10.710
ūrdhvaṃ vai brahmaṇo 'ṇḍasya puraikādaśakaṃ sthitam |
ekādaśānāṃ rudrāṇāṃ yugāntāgnisamatviṣām || 10.710 ||
Oberhalb von Brahmās Ei liegen elf Städte der elf Rudras, deren Glanz dem Feuer am Ende des Weltalters gleicht.
10.711
athordhve bhuvanaṃ devyāḥ kathayāmi varānane |
indranīlamayaṃ divyaṃ samantātparimaṇḍalam || 10.711 ||
Darüber erläutere ich die Welt der Göttin, Schönangesichtige: göttlich, aus Saphir und ringsum rund.
10.712
tasminbhagavatī devī bhadrakālī vyavasthitā |
vasatīndīvaraśyāmā snigdhakaṅkuṣṭasaprabhā || 10.712 ||
Darin befindet sich die erhabene Göttin Bhadrakālī, dunkel wie eine blaue Wasserlilie und glänzend wie schimmerndes Kaṅkuṣṭa [Farbvergleich uneinheitlich].
10.713
sūryamaṇḍalarūpābhyāṃ kuṇḍalābhyāmalaṅkṛtā |
paurṇamāsyāṃ yathā sandhyā candrarkābhyāṃ virājate || 10.713 ||
Sie trägt zwei Ohrringe in Gestalt von Sonnenscheiben, wie die Abenddämmerung am Vollmondtag durch Mond und Sonne erstrahlt.
10.714
rājate ca mahāhāraḥ stanābhyāmantare sthitaḥ |
asitāñjanaśailābhyāṃ madhye srotovahā yathā || 10.714 ||
Zwischen ihren Brüsten leuchtet eine große Halskette wie ein Fluss zwischen zwei schwarzen Augenschminkbergen.
10.715
caturbhiśca dhṛtaṃ pīṭhaṃ siṃhairamitavikramaiḥ |
sarvavajramaye divye divyaratnavibhūṣite || 10.715 ||
Vier Löwen von unermesslicher Tapferkeit tragen ihren Sitz. Auf diesem göttlichen, ganz aus Diamant bestehenden und mit göttlichen Juwelen geschmückten,
10.716
āsane suprabhe devī jātyañjanasamaprabhā |
śukle himavataḥ śṛṅge nīlamegha iva sthitā || 10.716 ||
hell leuchtenden Thron sitzt die Göttin, glänzend wie feinster schwarzer Augenschmink, wie eine blaue Wolke auf einem weißen Gipfel des Himavat.
10.717
sarvaratnamayī divyā raśanāsyā virājate |
pītamālyāṃśukavatī śarvarīvāruṇodaye || 10.717 ||
Ihr göttlicher, aus allen Juwelen bestehender Gürtel leuchtet. Mit gelben Girlanden und Gewändern gleicht sie der Nacht beim Anbruch der Morgenröte.
10.718
tṛtīyaṃ nayanaṃ tasyā lalāṭasthaṃ virājate |
udayastha ivādityo raśmijālavibhūṣitaḥ || 10.718 ||
Ihr drittes Auge leuchtet auf der Stirn wie die aufgehende Sonne, geschmückt mit einem Netz von Strahlen.
10.719
ucchritenātapatreṇa sā śvetena virājate |
kṛṣṇameghoparisthena candreṇeva vibhāvarī || 10.719 ||
Mit dem hoch aufgerichteten weißen Schirm erstrahlt sie wie die Nacht durch den Mond über einer schwarzen Wolke.
10.720
koṭikoṭisahasreṇa strīṇāṃ tu parivāritā |
āvṛtā candralekheva nakṣatraistu nabhastale || 10.720 ||
Sie ist von Tausenden von Koṭis über Koṭis Frauen umgeben wie die Mondsichel von den Sternen am Himmel.
10.721
kumudotpalavarṇāśca hemaśyāmāśca yoṣitaḥ |
priyaṅgukalikāśyāmāś candragauryaḥ sayauvanāḥ || 10.721 ||
Die Frauen sind von der Farbe weißer und blauer Wasserlilien, goldfarben oder dunkel, dunkel wie Priyaṅgu-Knospen oder mondhell, voller Jugend,
10.722
padmāvadātarūpiṇyaḥ pīnaśroṇipayodharāḥ |
hāvabhāvavidhijñāstu nṛttagītaviśāradāḥ || 10.722 ||
mit lotusreinen Gestalten, vollen Hüften und Brüsten, kundig in Gebärden und Gefühlsausdruck, geschickt in Tanz und Gesang.
10.723
vīṇāveṇumṛdaṅgādyair vaṃśavāditraniḥsvanaiḥ |
upāsīnāstu tāṃ devīṃ ramante tatra yoṣitaḥ || 10.723 ||
Mit Vīṇā, Flöte, Mṛdaṅga und anderen Instrumenten dienen sie der Göttin und vergnügen sich dort.
10.724
evaṃ viddhi jayaṃ nāma bhuvanaṃ tu varānane |
yā durgeti smṛtā loke brahmāṇḍodaravartinī || 10.724 ||
Erkenne diese Welt als Jaya, Schönangesichtige. Die in der Welt als Durgā bekannte [Göttin], die im Inneren des Welteis wirkt,
10.725
viṣṇunā tapasā pūrvam ārādhya parameśvaram |
avatāritā vadhārtāya mahiṣasya mahātmanaḥ || 10.725 ||
wurde von Viṣṇu herabgebracht, nachdem er durch Askese den höchsten Herrn verehrt hatte, um den mächtigen Mahiṣa zu töten.
10.726
yena caikena śṛṅgeṇa bhagavān himavān giriḥ |
śuṣkaparṇamiva kṣiptaḥ bhagavatyā vināśitaḥ || 10.726 ||
Dieser hatte mit nur einem Horn den erhabenen Berg Himavat wie ein trockenes Blatt fortgeschleudert; er wurde von der Göttin vernichtet.
10.727
sā taṃ vināśāyeddevī tamaḥ sūrya ivotthitaḥ |
sā devī sarvadevīnāṃ nāmarūpaiśca tiṣṭhati || 10.727 ||
Die Göttin vernichtet ihn wie die aufgehende Sonne das Dunkel. Sie besteht in den Namen und Gestalten aller Göttinnen.
10.728
yogamāyāpraticchannā kumārī lokabhāvinī |
acintyā cāprameyā ca anyatra paripaṭhyate || 10.728 ||
Von ihrer Yogamāyā verhüllt, ist sie die Jungfrau, die die Welt entstehen lässt; als undenkbar und unermesslich wird sie andernorts beschrieben.
10.729
viṣṇunā sahitā devī kalpe kalpe punaḥ punaḥ |
bhaginītvena cāyāti nāmarūpaviparyayaiḥ || 10.729 ||
Die Göttin kommt in jeder Weltperiode immer wieder zusammen mit Viṣṇu als dessen Schwester, unter wechselnden Namen und Gestalten,
10.730
manvantare manvantare tathā caiva yuge yuge |
rakṣaṇārthaṃ hi lokānāṃ māteva hitakāriṇī || 10.730 ||
in jedem Manu-Zeitraum und jedem Weltalter, zum Schutz der Welten, wie eine Mutter ihr Wohl bewirkend.
10.731
ityākhyātaṃ tu bhuvanaṃ jayaṃ nāma varānane |
tadbhaktāstatra gacchanti tasyā maṇḍaladīkṣitāḥ || 10.731 ||
Damit ist die Welt namens Jaya erklärt, Schönangesichtige. Ihre Verehrer gelangen dorthin, die in ihr Maṇḍala eingeweiht wurden.
10.732
nacaitattapasā prāpyaṃ nayajñairbhūridakṣiṇaiḥ |
na dānairvividhaiścāpi śakyaṃ prāptuṃ varānane || 10.732 ||
Dies ist nicht durch Askese, nicht durch Opfer mit großen Priestergaben und nicht durch verschiedene Spenden erreichbar, Schönangesichtige.
10.733
prasādāddevadevasya śaśāṅkāṅkitamaulinaḥ |
dīkṣāṃ prāpya prāpnuvanti maṇḍalaṃ cakravartinām || 10.733 ||
Durch die Gnade des Gottes der Götter, dessen Haupt der Mond schmückt, empfangen sie Einweihung und erreichen den Kreis der Weltherrscher.
10.734
nirbījadīkṣayā mokṣaṃ dadāti khalu dehinām |
sā muktidīkṣā paramā vidhivatparikīrtitā || 10.734 ||
Durch die keimlose Einweihung verleiht [der Herr] den Verkörperten Befreiung. Diese höchste Befreiungseinweihung ist vorschriftsmäßig gelehrt.
10.735
vidyeśāvaraṇe dīkṣā yavatī kriyate nṛṇām |
tāvatīṃ gatimāpnoti bhuvane 'tra varānane || 10.735 ||
In welchem Umfang Menschen die Einweihung in den Umkreis der Vidyeśas erhalten, eine entsprechende Stufe erlangen sie in dieser Welt, Schönangesichtige.
10.736
bhuvanāni tadīśāṃśca saṃsthānāni yathākramam |
kathayiṣyāmi te sarvaṃ śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 10.736 ||
Die Welten, ihre Herren und ihre Gestaltungen werde ich dir vollständig der Reihe nach erklären. Höre mit gesammeltem Geist, Geliebte.
10.737
bhadrakālyāṃ paro devo rudrakrodhasamudbhavaḥ |
koṭimātreṇa deveśi yugāntāgnisamaprabhaḥ || 10.737 ||
Zehn Millionen [Yojanas] oberhalb Bhadrakālīs [Welt befindet sich] ein weiterer Gott, aus Rudras Zorn entstanden, Herrin der Götter, strahlend wie das Feuer am Ende des Weltalters,
10.738
yugāntāmbudavṛndotthagarjitadhvaniniḥsvanaḥ |
śatabāhurmahātejā divyābharaṇabhūṣitaḥ || 10.738 ||
mit einer Stimme wie das Donnern der Wolkenmassen am Weltende, hundertarmig, voller Glanz und mit göttlichem Schmuck versehen.
10.739
śirasīndudharaḥ śyāmo nīlāñjanasamadyutiḥ |
śikhikaṇṭhanibhaḥ kiñcit kiñcidāpāṇḍulohitaḥ || 10.739 ||
Er trägt den Mond auf dem Haupt, ist dunkel und glänzt wie blauer Augenschmink; teils gleicht er einem Pfauenhals, teils ist er blassrot,
10.740
cāṣajīmūtavarṇaśca atasīpuṣpasaṃnibhaḥ |
indranīlanibhaḥ kiñcit kiñcidbhṛṅganibhākṛtiḥ || 10.740 ||
von der Farbe eines Cāṣa-Vogels oder einer Wolke, einer Atasī-Blüte gleich, teils saphirgleich, teils wie eine schwarze Biene,
10.741
jātyañjananibhākāro rudraikādaśikānvitaḥ |
yutaṃ koṭisahasreṇa rudrāṇāṃ ca mahātmanām || 10.741 ||
wie feinster schwarzer Augenschmink gestaltet und mit den elf Rudras verbunden. [Seine Welt ist] mit tausend Koṭis großer Rudras versehen.
10.742
bhuvanaṃ tasya devasya vijayaṃ nāma viśrutam |
indranīlanibhaṃ divyaṃ sarvavajranibhaṃ mahat || 10.742 ||
Die Welt dieses Gottes ist unter dem Namen Vijaya berühmt, göttlich, saphirgleich, groß und ganz diamantenähnlich.
10.743
daśakoṭisahasrāṇi rudrāṇāṃ varavarṇini |
antarbhuvanasaṃghātair anyaiśca parivāritam || 10.743 ||
Von zehntausend Koṭis Rudras, du von schöner Gestalt, und weiteren Ansammlungen innerer Welten ist sie umgeben.
10.744
nīlotpaladalaśyāmaiḥ śikhikaṇṭhanibhaistathā |
rudrairdivyairmahāvīryaiḥ samantātparivāritam || 10.744 ||
Ringsum stehen göttliche Rudras von großer Kraft, dunkel wie Blätter blauer Wasserlilien und von der Farbe des Pfauenhalses.
10.745
stutibhirmaṅgalairgītair nṛttāvāditravāditaiḥ |
paṇavairveṇuvīṇābhir bherījhallari gomukhaiḥ || 10.745 ||
[Es erklingen] Lobpreis, Segensgesänge, Lieder, Tanz- und Instrumentalmusik, Paṇavas, Flöten, Vīṇās, Kesseltrommeln, Jhallarīs und Gomukha-Hörner,
10.746
paṭahaiḥ kāhalaiścaiva śaṅkhadundubhipīlukaiḥ |
mṛddalaistaṭṭarībhiśca tālakairmurajaistathā || 10.746 ||
Paṭahas, Trompeten, Muscheln, Dundubhis, Pīlukas, Mṛddalas, Taṭṭarīs, Tālas und Murajas,
10.747
maundakāhalaṭaṅkaiśca tamiladraghaṭādibhiḥ |
vāditrairvalgitaistālai roṭanairmukhamṛddalaiḥ || 10.747 ||
Maunda-Kāhalas, Ṭaṅkas, Tamila, Draghaṭa und weitere [Instrumente; mehrere Namen sind unsicher], Instrumentalmusik, Sprünge, rhythmische Schläge, Rufe und Mundtrommelklänge.
10.748
bhūtairbhūtagaṇai rudrair jalpitaiḥ paṭhitaistathā |
dhyāyādbhiśca japadbhiśca dhāvadbhiśceṣṭitaistathā || 10.748 ||
Von Bhūtas, Bhūta-Gefolgschaften und Rudras, die sprechen und Texte vortragen, meditieren, rezitieren, laufen und sich bewegen,
10.749
mayūrakokilārāvān muñcadbhiśca tathāparaiḥ |
nānārutavilāsaiśca vikurvadbhirmahātmabhiḥ || 10.749 ||
von anderen, die Pfauen- und Kuckucksrufe ausstoßen, von Großmächtigen, die sich in vielerlei Lauten und Spielen verwandeln,
10.750
āvṛtastairmahātejā mayūkhairiva bhāskaraḥ |
gajavaktraiḥ siṃhavaktrair aśvavaktraiḥ śubhānanaiḥ || 10.750 ||
ist der Glanzvolle umgeben wie die Sonne von Strahlen. Von Elefanten-, Löwen- und Pferdegesichtigen und solchen mit schönen Gesichtern,
10.751
gokarṇairgomukhaiścānyair dvīpiṛkṣamukhaistathā |
vyāghravānaravakaiś ca bhagavānparyupāsyate || 10.751 ||
von Kuhohrigen, Kuhgesichtigen, Leoparden- und Bärengesichtigen sowie Tiger- und Affengesichtigen wird der Erhabene verehrt [vānaravakaiś beschädigt].
10.752
vīrabhadro mahātejā yugāntāgnisamaprabhaḥ |
āsanaṃ tasya devasya sarvavajramayaṃ mahat || 10.752 ||
Vīrabhadra ist voller Glanz, dem Feuer am Ende des Weltalters gleich. Der große Sitz dieses Gottes besteht ganz aus Diamant,
10.753
daśayojanavistīrṇaṃ caturasrānalaprabham |
rājate 'trāṣṭabhiḥ siṃhair vṛtaṃ bhīmaparākramaiḥ || 10.753 ||
ist zehn Yojanas breit, viereckig und feuerhell. Dort leuchtet er, von acht Löwen schrecklicher Tapferkeit umgeben.
10.754
atra te puṇyakarmāṇaḥ ye smaranti maheśvaram |
jale marutsvathāgnau vā śiraśchedena vā mṛtāḥ || 10.754 ||
Die Menschen guter Taten, die des großen Herrn gedenken und im Wasser, in den Winden, im Feuer oder durch Enthauptung gestorben sind,
10.755
te yānti caiśvaraṃ bodhaṃ vīrabhadraṃ mahādyutim |
bhuvanasyāsya deveśi hy uparyāvaraṇaṃ mahat || 10.755 ||
gelangen zu der herrschaftlichen Erkenntnis, [zu] Vīrabhadra von großem Glanz [Verbindung unklar]. Oberhalb dieser Welt liegt eine große Hülle, Herrin der Götter,
10.756
ammayaṃ tu ghanaṃ cāpi śakracāpamiva sthitam |
vitānamiva tadbhadram antare samavasthitam || 10.756 ||
aus Wasser bestehend und dicht, wie ein Regenbogen aufgespannt. Wie ein glückhafter Baldachin ist sie dazwischen angeordnet.
10.757
tatra cāste mahātmāsāv aṅguṣṭhāgrapramāṇakaḥ |
tatra yojanakoṭirvai viṣkambhādūrdhvamucyate || 10.757 ||
Dort weilt jener Großmächtige, von der Größe einer Daumenspitze. Nach oben vom Querdurchmesser aus wird dort eine Koṭi Yojanas angegeben.
10.758
tiryaktriguṇavistāram āpyamāvaraṇaṃ priye |
āvṛtaṃ tena tatsarvaṃ mahāmbhodhivisāriṇā || 10.758 ||
Seitwärts ist die Wasserhülle dreimal so weit ausgedehnt, Geliebte. Alles ist von ihr umgeben, die sich als großes Meer ausbreitet.
10.759
rudrāṇḍa iti vikhyātaṃ rudrāloka iti priye |
vīrabhadraniketaśca bhadrakālyālayastathā || 10.759 ||
Als Rudras Ei und als Rudras Welt ist es bekannt, Geliebte; es enthält Vīrabhadras Wohnstätte und Bhadrakālīs Sitz.
10.760
trayodaśabhiranyaiśca bhuvānairupaśobhitam |
nānārudragaṇairdivyair nirantaramalaṃkṛtam || 10.760 ||
Mit diesen dreizehn und weiteren Welten ist es geschmückt und lückenlos mit vielfältigen göttlichen Rudra-Gefolgschaften versehen.
10.761
aṇḍaṃ vai vīrabhadrasya brahmāṇḍasadṛśaṃ priye |
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi dharitryā bhuvanaṃ mahat || 10.761 ||
Vīrabhadras Ei gleicht Brahmās Ei, Geliebte. Nun werde ich die große Welt der Erde erläutern.
10.762
dhātrī yasminbhagavatī dharāloke sanātanī |
hairaṇyamatulaṃ prāptā ādhāraṃ yatra saṃsthitā || 10.762 ||
In dieser Erdwelt hat die ewige erhabene Trägerin einen unvergleichlichen goldenen Grund erreicht, auf dem sie steht.
10.763
cakravartivimānaiśca bahubhiḥ parivāritam |
āvṛtaṃ bhūtasaṃghātair ācāryaistatparāyaṇaiḥ || 10.763 ||
[Die Welt ist] von vielen Himmelswagen der Weltherrscher umgeben, von Scharen von Wesen und von Lehrern, die ihr ergeben sind,
10.764
divyagītaninādāḍhyair vāditraśataniḥsvanaiḥ |
antarbhuvanasaṃghātai rudrāṇāṃ parivāritam || 10.764 ||
reich an göttlichem Gesang und dem Klang Hunderter Instrumente, umgeben von Ansammlungen innerer Rudrawelten.
10.765
bhuvanasyāsya madhye tu udayādityasaṃnibhaḥ |
raktotpalanibho divya aśokastabakacchaviḥ || 10.765 ||
In der Mitte dieser Welt [steht etwas], der aufgehenden Sonne und einer roten Wasserlilie gleich, göttlich, mit dem Glanz eines Aśoka-Blütenbüschels:
10.766
padmarāgamayo divyaḥ prāsādo bahubhūmikaḥ |
tasya madhye bhagavatī dharitrī lokadhāriṇī || 10.766 ||
ein göttlicher, vielgeschossiger Palast aus Rubin. In seiner Mitte [steht] die erhabene Erde, die Trägerin der Welt,
10.767
mālayā raktapuṣpasya lambayā nityabhūṣitā |
candrārkamaṇḍalākārakapolatalabhūṣitā || 10.767 ||
stets mit einer langen Girlande roter Blumen geschmückt, deren Wangenflächen wie Mond- und Sonnenscheiben geschmückt sind,
10.768
pītahemāṃśukavatī mahāhāravibhūṣitā |
śatayojanavistīrṇe kūrmapṛṣṭhe vyavasthitā || 10.768 ||
in gelbgoldene Gewänder gehüllt und mit einer großen Halskette versehen, auf dem Rücken einer hundert Yojanas breiten Schildkröte stehend,
10.769
caturvaktrā cāṣṭabhujā divyābharaṇabhūṣitā |
rūpayauvanasaṃpannā nṛttagītaviśāradāḥ || 10.769 ||
viergesichtig, achtarmig und mit göttlichem Schmuck versehen. Frauen voller Schönheit und Jugend, kundig in Tanz und Gesang,
10.770
parivāryopāsate tāṃ divyā vai mānasāḥ striyaḥ |
triṃśatkoṭyastu tāsāṃ vai divyābharaṇabhūṣitāḥ || 10.770 ||
göttlich und geistgeboren, umgeben und verehren sie. Dreihundert Millionen sind es, mit göttlichem Schmuck versehen,
10.771
utpāditāstu śarveṇa tadarthaṃ hitamicchatā |
taptajāmbūnadanibhā divyābharaṇaśobhitāḥ || 10.771 ||
von Śarva zu diesem Zweck geschaffen, der ihr Wohl wollte, geschmolzenem Jāmbūnada-Gold gleich und von göttlichem Schmuck leuchtend.
10.772
ucchritenātapatreṇa dhriyamāṇena śobhitāḥ |
puraḥsthito mahātejā yo 'sau merurmahāgiriḥ || 10.772 ||
[Sie oder die Göttin] sind von einem hoch gehaltenen Schirm geschmückt [Numerus der Vorlage mehrdeutig]. Vor ihr steht der große glanzvolle Berg Meru.
10.773
upāsīnastu tāṃ devīṃ tatrāste sa nagādhipaḥ |
nīlotpaladalaśyāmo nīlajīmūtasaṃnibhaḥ || 10.773 ||
Dieser Bergkönig verweilt dort und verehrt die Göttin. Dunkel wie ein blaues Lotusblatt und einer blauen Regenwolke gleich,
10.774
nīlo nāma mahāśailaḥ pītavāsā mahādyutiḥ |
atikāntena rūpeṇa kaiṭabhāririvāparaḥ || 10.774 ||
[steht] der große Berg namens Nīla, in Gelb gekleidet und von großem Glanz, durch seine höchst anziehende Gestalt wie ein zweiter Viṣṇu,
10.775
upāsyamāno divyābhir nagarībhirnagādhipaḥ |
tasyottare candranibho nānālaṃkārabhūṣitaḥ || 10.775 ||
als Bergkönig von göttlichen Bergfrauen verehrt. Nördlich von ihm [steht ein Berg], mondgleich und mit vielerlei Schmuck versehen,
10.776
śvetātapatrī tejasvī śveto nāma mahāgiriḥ |
tasyottareṇa sūryābho mukuṭādivibhūṣitaḥ || 10.776 ||
mit weißem Schirm und voller Glanz: der große Berg namens Śveta. Nördlich von ihm [steht ein weiterer], sonnengleich, mit Krone und anderem geschmückt,
10.777
pītāmbaradharaḥ śrīmān śṛṅgavāniti viśrutaḥ |
atikāntena rūpeṇa kusumāstra ivāparaḥ || 10.777 ||
in gelbe Gewänder gekleidet, herrlich und als Śṛṅgavat berühmt, durch seine überaus anziehende Gestalt wie ein zweiter Liebesgott.
10.778
dakṣiṇenāpi vakṣyāmi śṛṇuṣvāvahitā priye |
candrāvadātadīptaujā divyābharaṇabhūṣitaḥ || 10.778 ||
Nun nenne ich auch die im Süden; höre aufmerksam, Geliebte. Mit mondweißem Glanz und göttlichem Schmuck versehen,
10.779
śuklāmbaradharaḥ śrīmān niṣadho nāma viśrutaḥ |
taptahemapratīkāśo divyābharaṇabhūṣitaḥ || 10.779 ||
in weiße Gewänder gekleidet und herrlich, ist [der Berg] namens Niṣadha bekannt. Geschmolzenem Gold gleich und mit göttlichem Schmuck versehen,
10.780
atiśubhreṇa dehena pitāmaha ivāparaḥ |
pītāmbaradharaḥ śrīmān pītamālyānulepanaḥ || 10.780 ||
mit überaus strahlendem Leib wie ein zweiter Brahmā, in gelbe Gewänder gekleidet, herrlich, mit gelben Girlanden und Salben,
10.781
hemakūṭo mahātejās tejasāmiva saṅgrahaḥ |
rājate bhagavān śailaḥ sandhyāvṛta ivāṃśumān || 10.781 ||
[steht] Hemakūṭa voller Glanz, wie eine Sammlung aller Lichtkräfte. Der erhabene Berg strahlt wie die von der Dämmerung umgebene Sonne.
10.782
pāṇḍurābhrapratīkāśaḥ śaṅkhagokṣīrasaṃnibhaḥ |
śuklāmbaradharaḥ śrīmān divyakuṇḍalabhūṣitaḥ || 10.782 ||
Wie eine helle Wolke, wie Muschel und Kuhmilch, in weiße Gewänder gekleidet, herrlich und mit göttlichen Ohrringen geschmückt,
10.783
ātapatreṇa mahatā dhriyamāṇena mūrdhani |
himavāniti vikhyāto dvitīya iva bhāskaraḥ || 10.783 ||
mit einem großen Schirm über dem Haupt, [steht] der als Himavat Berühmte wie eine zweite Sonne.
10.784
indragopakasaṃkāśaḥ paścime gandhamādanaḥ |
raktāmbaradharaḥ śrīmān astādristha ivāṃśumān || 10.784 ||
Im Westen [steht] Gandhamādana, rot wie ein Indragopa-Insekt, in rote Gewänder gekleidet, herrlich wie die Sonne auf dem Untergangsberg.
10.785
śuddhasphaṭikasaṃkāśaḥ śuklāmbaradharaḥ śubhaḥ |
kirīṭī kuṇḍalī śrīmān mālyavānnāma parvataḥ || 10.785 ||
Wie reiner Kristall, in weiße Gewänder gekleidet, glückhaft, mit Krone und Ohrringen und voller Herrlichkeit [steht] der Berg namens Mālyavat.
10.786
ityevamādibhiścānyaiḥ parvataiḥ parivāritā |
lokālokāvasānaiśca tathānyaiḥ kulaparvataiḥ || 10.786 ||
Von diesen und weiteren Bergen, bis hin zu Lokāloka und anderen Hauptgebirgen, ist sie umgeben,
10.787
divyarūpadharā devī tanurvai pārameśvarī |
dhāraṇāṃ gandhatanmātre prāṇāṃstyaktvā tu yoginaḥ || 10.787 ||
die Göttin in göttlicher Gestalt, der Leib des höchsten Herrn. Die Yogis, die sich auf die feine Geruchsqualität konzentrieren und ihre Lebensatemkräfte verlassen,
10.788
te yānti tādṛśīṃ mūrtiṃ dharitryāḥ paramāṃ tanum |
ataḥ parataraṃ devi sāmudraṃ bhuvanaṃ mahat || 10.788 ||
gelangen zu einer solchen Gestalt, dem höchsten Leib der Erde. Darüber liegt die große Meereswelt, Göttin,
10.789
sarvavajramayaṃ divyaṃ nānāścaryaśatānvitam |
nīlotpalasamacchāyaṃ sarvataḥ parimaṇḍalam || 10.789 ||
göttlich und ganz aus Diamant, mit Hunderten Wundern versehen, von der Farbe einer blauen Wasserlilie und ringsum rund.
10.790
madhye tu bhuvanasyāsya maṇḍalaṃ candrasaṃnibham |
śatayojanasāhasraṃ samantātparimaṇḍalam || 10.790 ||
Inmitten dieser Welt liegt ein mondgleicher Kreis von hunderttausend Yojanas, ringsum rund.
10.791
tasya madhye tu puruṣo rukmavarṇo mahādyutiḥ |
kirīṭī kuṇḍalī sragvī divyābharaṇabhūṣitaḥ || 10.791 ||
In seiner Mitte befindet sich ein goldfarbener Mann von großem Glanz, mit Krone, Ohrringen, Girlanden und göttlichem Schmuck versehen:
10.792
apāṃ nidherbhagavato varuṇasya parā tanuḥ |
taṃ tu devaṃ mahātmānaṃ parivārya samantataḥ || 10.792 ||
die höchste Gestalt des erhabenen Wasserherrn Varuṇa. Diesen großen Gott umgeben ringsum
10.793
rūpayauvanasaṃpannāḥ satataṃ paryupāsate |
śuklāmbaradharā devī śuklagandhānulepanā || 10.793 ||
[Wesen] voller Schönheit und Jugend und dienen ihm beständig. Eine Göttin in weißen Gewändern, mit weißer duftender Salbe,
10.794
śuklayajñopavītā ca śuklahāropaśobhitā |
śuklainaivātapatreṇa dhriyamāṇena mūrdhani || 10.794 ||
mit weißer heiliger Schnur und weißer Halskette geschmückt und mit einem weißen Schirm über dem Haupt,
10.795
gaṅgā hyuttaratastasya sthitā vai paramā tanuḥ |
nīlāmbaradharā devī nīlagandhānulepanā || 10.795 ||
steht nördlich von ihm: Gaṅgā in ihrer höchsten Gestalt. Die Göttin in blauen Gewändern, mit blauer duftender Salbe,
10.796
nīlasragdāmakaṇṭhā ca yamunā tasya dakṣiṇe |
evamādyā mahānadyaḥ parivārya mahādyutim || 10.796 ||
mit einer blauen Girlande um den Hals ist Yamunā an seiner Südseite. Solche großen Flüsse umgeben den sehr Glanzvollen,
10.797
samudrāṣṭakaṃ ca deveśi svanadībhiḥ samāvṛtam |
upāsate sadā bhaktyā vāruṇīṃ paramāṃ tanum || 10.797 ||
und auch die acht Meere, jeweils von ihren eigenen Flüssen umgeben, Herrin der Götter, verehren stets hingebungsvoll die höchste Gestalt Varuṇas.
10.798
nānāsarāṃsi tīrthāni tadbhaktāścāpi saṃsthitāḥ |
rasatanmātra atraiva kṛtvā samyaktu dhāraṇām || 10.798 ||
Verschiedene Seen, heilige Wasserstellen und ihre Verehrer befinden sich dort. Wer hier die Konzentration auf die feine Geschmacksqualität richtig vollzogen hat,
10.799
apāṃ yoniṃ parāṃ prāptāḥ vāruṇī sā parā tanuḥ |
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi bhuvanaṃ varavarṇini || 10.799 ||
gelangt zum höchsten Ursprung der Wasser; dies ist die höchste Gestalt Varuṇas. Nun beschreibe ich die nächste Welt, du von schöner Gestalt,
10.800
śrīniketa iti khyātaṃ padmagarbha iti śrutam |
vimānaśatasaṃghātair nirantaramavasthitaiḥ || 10.800 ||
bekannt als Śrīniketa und als Padmagarbha bezeichnet, mit Ansammlungen Hunderter Himmelswagen, die lückenlos aneinandergereiht stehen.
10.801
śobhitaṃ bhuvaneśaiśca rudrai rudragaṇaistathā |
sarobhirmānasairdivyair dīrghikābhiśca śobhitam || 10.801 ||
[Diese Welt ist] mit Weltenherren, Rudras und Rudra-Gefolgschaften geschmückt sowie mit göttlichen geistgeschaffenen Seen und langen Wasserbecken,
10.802
rathacakrapramāṇaiśca maṇikāñcanamaṇḍitaiḥ |
vaidūryanālaiḥ kamalair divyagandhasugandhibhiḥ || 10.802 ||
mit Lotussen von der Größe von Wagenrädern, mit Juwelen und Gold verziert, mit Beryllstängeln und göttlichem Wohlgeruch,
- Zählung redaktionell: Vorlage SvaT_10.804; Stellung zwischen den benachbarten Versen. Kein Abgleich dieser Nummer mit dem Druck behauptet.
10.803
mṛdubhiḥ kāntimadbhiśca candramaṇḍalasaṃnibhaiḥ |
saṃśobhitaṃ vicitraistair vikacairvajrakesaraiḥ || 10.803 ||
zart, leuchtend und mondscheibengleich: Mit diesen vielfältigen, entfalteten [Lotussen] mit diamantenen Staubfäden ist sie geschmückt.
10.804
udyānairvividhaiścāpi nānāvihagakūjitaiḥ |
nānākāmapradairvṛkṣaiḥ samantātsamalaṅkṛtam || 10.804 ||
Ringsum ist sie mit verschiedenen Gärten verziert, die von vielerlei Vögeln widerhallen, und mit Bäumen, die vielfältige Wünsche erfüllen.
10.805
nānāmaṇimayairdivyaiḥ krīḍāśailaiśca mānasaiḥ |
mānasībhiśca nārībhir divyayauvanakāntibhiḥ || 10.805 ||
Mit göttlichen, geistgeschaffenen Spielbergen aus verschiedenen Juwelen und geistgeschaffenen Frauen von göttlicher Jugend und Schönheit,
10.806
hāvabhāvavilāsāḍhyadivyastrībhiralaṃkṛtam |
vicitrairmaṇipadmaiśca sitapatraiśca suvrate || 10.806 ||
mit göttlichen Frauen reich an Gesten, Gefühlen und anmutigem Spiel ist sie geschmückt, mit vielfältigen Juwelenlotussen und weißen Blättern, du mit den guten Gelübden.
10.807
vibhūṣitaṃ gajendrasthaiḥ stutimaṅgalavādibhiḥ |
gāyadbhiścātha nṛtyadbhir divyastraiṇaiḥ samākulam || 10.807 ||
Sie ist mit auf großen Elefanten Sitzenden geschmückt, die Lob und Segen sprechen, und voller göttlicher Frauenscharen, die singen und tanzen.
10.808
tasmiṃstu bhuvane divye padmagarbhasamaprabhe |
śaradindunibhaṃ divyaṃ maṇḍalaṃ raśmisaṃkulam || 10.808 ||
In dieser göttlichen Welt, die wie das Innere eines Lotus glänzt, liegt ein göttlicher, herbstmondgleicher Kreis, dicht von Strahlen erfüllt.
10.809
tasya madhye bhagavatī śrī svayaṃ lokabhāvinī |
candrakoṭisahasrāṇāṃ yā kāntimativartate || 10.809 ||
In seiner Mitte befindet sich die erhabene Śrī selbst, die die Welt entstehen lässt und den Glanz Tausender von Kotis Monden übertrifft.
10.810
ekatra yugapattejas tejasāṃ tu virājate |
nirvāṇamiva yā śāntā sarvānandamanoharā || 10.810 ||
Der Glanz aller Lichtkräfte leuchtet gleichzeitig an einem Ort. Friedvoll wie Nirvāṇa, bezaubert sie durch alle Freude.
10.811
rūpiṇī paramā devī mūrtiravyabhicāriṇī |
śatayojanavistīrṇe uditādityasaprabhe || 10.811 ||
Sie ist die verkörperte höchste Göttin, die unwandelbare Gestalt. Auf einem hundert Yojanas breiten, wie die aufgehende Sonne strahlenden,
10.812
candrakāntamaye padme vajrakesarakarṇike |
koṭipatre mahādivye gandhapuṣpaguṇānvite || 10.812 ||
aus Mondstein bestehenden Lotus mit diamantenen Staubfäden und Fruchtboden, mit zehn Millionen Blättern, überaus göttlich und mit Duft- und Blumenvorzügen versehen,
10.813
padmāsane bhagavatī padmagarbhasamaprabhā |
upaviṣṭātra sā nityaṃ vibhūtyā parayā yutā || 10.813 ||
auf diesem Lotussitz sitzt die Erhabene stets, glänzend wie das Lotusinnere und mit höchster Herrlichkeit verbunden.
10.814
mahāratnaiśca sragdhāma pralambamurasā śubham |
vahantī sā tu śuśubhe jyotsneva tripathāpatham || 10.814 ||
Mit einer glückhaften, aus großen Juwelen bestehenden Girlande, die über ihre Brust herabhängt, strahlt sie wie Mondlicht auf dem Weg der dreifachen Gaṅgā.
10.815
sphuranmayūkhacalane kapolatalamaṇḍale |
sūryamaṇḍalasaṃkāśe dhārayantī ca kuṇḍale || 10.815 ||
Sie trägt zwei Ohrringe, Sonnenscheiben gleich, deren funkelnde Strahlen sich an ihren runden Wangen bewegen.
10.816
sphuranmayūkhasaṃghātāṃ raśanāṃ sā tu bibhratī |
hemābhā pītavasanā mahāhāravibhūṣitā || 10.816 ||
Sie trägt einen Gürtel aus dicht funkelnden Strahlen, ist goldglänzend, in Gelb gekleidet und mit einer großen Halskette geschmückt.
10.817
candrābbhenātapatreṇa dhriyamāṇena rājitā |
upagītā ca gandharvair mānasai rudrasambhavaiḥ || 10.817 ||
Ein über ihr gehaltener mondgleicher Schirm schmückt sie. Geistgeborene Gandharvas, aus Rudra entstanden, besingen sie.
10.818
parivāritā bhagavatī sā tanuḥ pārameśvarī |
yā prāptā tapasārādhya viṣṇunā prabhaviṣṇunā || 10.818 ||
So umgeben ist die Erhabene die Gestalt des höchsten Herrn. Der mächtige Viṣṇu erlangte sie durch asketische Verehrung.
10.819
dattā prītena rudreṇa viṣṇorurasi vāhinī |
ardhena sā bhagavatī viṣṇoraṅge pratiṣṭhātā || 10.819 ||
Vom erfreuten Rudra wurde sie ihm verliehen und befindet sich auf Viṣṇus Brust. Mit einer Hälfte ist die Erhabene in Viṣṇus Leib gegenwärtig,
10.820
pādenendrasya devasya pādārdhena divi sthitā |
tadardhena punardevi pārthiveṣu vyavasthitā || 10.820 ||
mit einem Viertel in Gott Indra, mit einem Achtel im Himmel; mit dessen Hälfte wiederum befindet sie sich in den Königen, Göttin,
10.821
tadardhena manuṣyeṣu yā sthitā vyāpya mūrtibhiḥ |
svarūpā kāmarūpā ca dvidhā sā parikīrtitā || 10.821 ||
und mit dessen Hälfte in den Menschen, ihre Gestalten durchdringend. Als eigene Gestalt und als wunschgemäße Gestalt wird sie zweifach beschrieben.
10.822
acalā sā tanuḥ sūkṣmā akṣobhyā tatra tiṣṭhati |
rudrakrīḍāvatāreṣu prayāgādiṣu suvrate || 10.822 ||
Ihre feine Gestalt steht dort unbeweglich und unerschütterlich. An den Stätten von Rudras spielerischer Herabkunft, in Prayāga und anderen, du mit den guten Gelübden,
10.823
śrīgirau ca viśeṣeṇa mṛtastadbhuvanaṃ vrajet |
satsvanyeṣvapi bhāgeṣu tv iyaṃ sā gaditā gatiḥ || 10.823 ||
besonders auf Śrīgiri, gelangt ein dort Verstorbener in ihre Welt. Obwohl weitere Teilbereiche bestehen, wird dies als jener Daseinsweg angegeben.
10.824
prāpya tāmīdṛśīṃ devīm aiśvaryamaṇimādikam |
bhūtvā tu sāṣṭadhā divyā deveṣvapi ca tiṣṭhati || 10.824 ||
Wer eine solche Göttin erlangt, [erlangt] Herrschaftskräfte wie das Kleinwerden. Göttlich und achtfach geworden, befindet sie sich auch in den Göttern.
10.825
siddheṣvapi ca sā devī uttamā siddhirucyate |
yadarthaṃ tārakādyaiśca saṃgrāmastridaśeśvaraiḥ || 10.825 ||
Auch bei den Siddhas heißt diese Göttin höchste Vollendung. Um ihretwillen wurde von Tāraka und anderen sowie den Götterherren
10.826
kṛto ghorastvasaṃkhyeyaḥ tāṃ śriyaṃ prāptumicchubhiḥ |
asaṅkhyeyāśca saṃgrāmāḥ kṛtā vai cakravartibhiḥ || 10.826 ||
unermesslich furchtbarer Kampf geführt, weil sie diese Śrī erlangen wollten. Auch Weltherrscher führten unzählige Kämpfe.
10.827
sā bandha evamuktānām abudhānāṃ parā smṛtā |
śrīpuraṃ tu samākhyātaṃ yathāvacca varānane || 10.827 ||
Für die solcherart beschriebenen Unverständigen gilt sie als höchste Bindung. Damit ist Śrīpura sachgemäß erklärt, Schönangesichtige.
10.828
ata ūrdhvaṃ pravakṣyāmi bhuvanaṃ ca nibodha me |
sārasvatamiti khyātaṃ gāndharvamiti ca smṛtam || 10.828 ||
Höre nun von mir die darüber liegende Welt, bekannt als Sārasvata und auch als Gāndharva bezeichnet.
10.829
padmagarbhapuraṃ cāpi koṭimātreṇa suvrate |
yojanānāṃ samākhyātaṃ pramāṇena samantataḥ || 10.829 ||
[Sie liegt über] Padmagarbha-Stadt; ihr Maß wird mit zehn Millionen Yojanas ringsum angegeben, du mit den guten Gelübden [räumlicher Anschluss mehrdeutig].
10.830
sārvaratnamayaṃ divyaṃ sarvaiśvaryasamanvitam |
vimānairvividhākārair nānāratnamayaiḥ śubhaiḥ || 10.830 ||
Sie ist göttlich, besteht aus allen Juwelen und besitzt alle Herrlichkeit, mit vielfältig gestalteten, schönen Himmelswagen aus verschiedenen Juwelen,
10.831
gāndharvairmānasaiścāpi gāyadbhiścāpyanekadhā |
nṛtyadbhiśca tathānyaiśca gaṇaiḥ pārśvagataistathā || 10.831 ||
mit geistgeborenen Gandharvas, die auf vielerlei Weise singen, mit anderen, die tanzen, und seitlich stehenden Gefolgschaften,
10.832
strībhiḥ surūpiṇībhiśca gandharvaiśca samākulam |
tasya madhye tu deveśi śaraccandranibhaṃ śubham || 10.832 ||
voller schöner Frauen und Gandharvas. In ihrer Mitte, Herrin der Götter, [liegt] ein glückhafter, dem Herbstmond gleicher,
10.833
raśmimālākulaṃ divyaṃ maṇḍalaṃ parimaṇḍalam |
tasya madhye bhagavatī sthitā sākṣātsarasvatī || 10.833 ||
göttlicher runder Kreis, erfüllt von Strahlenkränzen. In seiner Mitte steht die erhabene Sarasvatī selbst.
10.834
śaraccandrasahasrasya yā kāntimativartate |
pītāmbaradharā devī padmapatrāyatekṣaṇā || 10.834 ||
Sie übertrifft den Glanz von tausend Herbstmonden. Die Göttin trägt gelbe Gewänder und hat Augen lang wie Lotusblätter.
10.835
nīlotpaladalaśyāmā divyābharaṇabhūṣitā |
hemapaṭṭaparīdhānā divyakuṇḍaladhāriṇī || 10.835 ||
Sie ist dunkel wie ein blaues Lotusblatt, mit göttlichem Schmuck versehen, trägt goldene Seide und göttliche Ohrringe.
10.836
urasā tu mahāhāram udvahantī śaśiprabham |
sphuranmayūkhasaṃghātakuṇḍaladvayamaṇḍitā || 10.836 ||
Auf ihrer Brust trägt sie eine große mondglänzende Halskette; zwei Ohrringe voller funkelnder Strahlen schmücken sie.
10.837
grāmatrayavalīmadhyā saptasvaratanuḥ śubhā |
tānamūrdhāruhā devī mūrcchanāṅgaruhodvahā || 10.837 ||
Ihre drei Bauchfalten sind die drei Tonsysteme, ihr glückhafter Leib die sieben Töne; ihre Kopfhaare sind Tonfolgen, ihre Körperhaare Tonleitern.
10.838
padāsanā tālapādā gītavarṇaprabhāvatī |
aṅgulyaḥ sandhayaścaiva lakṣaṇāni varānane || 10.838 ||
Ihr Sitz sind die Wörter, ihre Füße die Rhythmen, ihr Glanz die Tonfärbungen des Gesangs; ihre Finger und Gelenke sind die [musikalischen] Kennzeichen, Schönangesichtige.
10.839
āsane parame divye vṛtā bhūtagaṇeśvaraiḥ |
sthitā sthitirivābhāti sarvasya jagataḥ śubhā || 10.839 ||
Auf einem höchsten göttlichen Sitz, umgeben von Herren der Geisterscharen, steht die Glückhafte und leuchtet wie die Erhaltung der gesamten Welt selbst.
10.840
mānasībhiśca nārībhir gandharvairmānasairvṛtā |
hāhā hūhūścitrarathas tumbururnāradastathā || 10.840 ||
Sie ist von geistgeborenen Frauen und Gandharvas umgeben. Hāhā, Hūhū, Citraratha, Tumburu und Nārada,
10.841
viśvāvasurviśvarathaḥ divyagītavicakṣaṇāḥ |
saṃyojya manasātmānaṃ tyaktvā karmaphalaspṛhām || 10.841 ||
Viśvāvasu und Viśvaratha sind kundig im göttlichen Gesang. Nachdem sie sich geistig verbunden und das Verlangen nach Handlungsfrüchten aufgegeben haben,
10.842
te vai sārasvataṃ sthānaṃ prāptā vai surapūjite |
ye ca vāgdhāraṇāṃ dhyātvā prāṇānmuñcanti dehinaḥ || 10.842 ||
erlangten sie Sarasvatīs Stätte, du von den Göttern Verehrte. Die Verkörperten, die über die Konzentration auf Rede meditieren und ihre Lebensatemkräfte freigeben,
10.843
te vai sārasvataṃ lokaṃ prāpnuvanti narottamāḥ |
eṣā sarasvatī devī mūrtirvai pārameśvarī || 10.843 ||
erreichen als vortreffliche Menschen die Welt Sarasvatīs. Diese Göttin Sarasvatī ist die Gestalt des höchsten Herrn.
10.844
yā sthitāparabhāvena brahmāṇḍodaravartinām |
brahmaloke ca sā devī pādenaikena tiṣṭhati || 10.844 ||
In niederer Form befindet sie sich bei den Bewohnern des Welteis. Mit einem Viertel steht die Göttin in Brahmaloka,
10.845
śākre cāpi tadardhena gandharveṣu tadardhataḥ |
siddheṣu ca tadardhena kinnareṣu tadardhataḥ || 10.845 ||
mit dessen Hälfte in Indras Bereich, mit deren Hälfte bei den Gandharvas, wiederum zur Hälfte bei den Siddhas und zur Hälfte davon bei den Kinnaras,
10.846
tadardhena ca nāgeṣu yakṣeṣvardhena vai punaḥ |
piśāceṣu tadardhena sā vai tiṣṭhati bhāgaśaḥ || 10.846 ||
mit deren Hälfte bei den Nāgas, wiederum zur Hälfte bei den Yakṣas und zur Hälfte davon bei den Piśācas. So ist sie anteilig gegenwärtig.
10.847
piśācebhyaḥ sahasrāṃśān mānuṣeṣu ca tiṣṭhati |
taistu taptvā tapo ghoram ārādhya ca pinākinam || 10.847 ||
Mit einem Tausendstel des Piśāca-Anteils befindet sie sich in den Menschen. Nachdem diese strenge Askese geübt und Pinākin verehrt hatten,
10.848
avatāritā tu sā devī rūpiṇī svarabhūṣitā |
svarāṃstu smaratastasya kalpādau brahmaṇaḥ purā || 10.848 ||
wurde die Göttin herabgebracht, verkörpert und mit Tönen geschmückt. Als Brahmā einst zu Beginn der Weltperiode die Töne vergegenwärtigte,
10.849
svarebhyastu viniṣkrāntā tena sā tu sarasvatī |
sā sthitā sarvaśāstreṣu kavīnāṃ kāvyamāsthitā || 10.849 ||
trat sie aus den Tönen hervor; daher heißt sie Sarasvatī. Sie befindet sich in allen Schriften und im dichterischen Werk der Dichter.
10.850
yā vālmīkau sthitā devī vyāse caiva nirantaram |
ṛṣīṇāṃ caiva sarveṣāṃ medhābudhivivardhinī || 10.850 ||
Die Göttin wohnt ununterbrochen in Vālmīki und Vyāsa und vermehrt die Gedächtniskraft und Einsicht aller Ṛṣis.
10.851
sarvajñānadharī sā tu sarvajñā devapūjitā |
merorvāyavyadigbhāge puraṃ tasyāḥ prakīrtitam || 10.851 ||
Sie trägt alles Wissen, ist allwissend und von den Göttern verehrt. Ihre Stadt wird im Nordwesten Merus angesetzt.
10.852
idaṃ tu paramaṃ devyā mayā te parikīrtitam |
sārasvataṃ tu bhuvanaṃ kīrtitaṃ paramā tanuḥ || 10.852 ||
Hier aber habe ich dir die höchste [Welt] der Göttin erläutert. Damit sind die Sārasvata-Welt und ihre höchste Gestalt beschrieben.
10.853
atraiva tvāpyatattve tvaṃ śṛṇu vai bhuvanottamam |
amareśaṃ prabhāsaṃ ca puṣkaraṃ naimiṣaṃ tathā || 10.853 ||
Höre nun in eben diesem Wasserprinzip von den vorzüglichen Welten: Amareśa, Prabhāsa, Puṣkara, Naimiṣa,
10.854
āṣāḍhiṃ ḍiṇḍimuṇḍiṃ ca bhārabhūtiṃ ca lākulam |
guhyāṣṭakamiti khyātaṃ jalāvaraṇagaṃ priye || 10.854 ||
Āṣāḍhi, Ḍiṇḍimuṇḍi, Bhārabhūti und Lākula. Als geheime Achtergruppe ist dies bekannt, in der Wasserhülle gelegen, Geliebte.
10.855
tejastattvamataścordhvaṃ kathayāmi samāsataḥ |
agnestu bhuvanaṃ tatra kathayāmi varānane || 10.855 ||
Darüber erläutere ich kurz das Feuerprinzip. Die Welt des Feuers darin beschreibe ich, Schönangesichtige.
10.856
aśokastavakānāṃ ca sarvato dīptimudvahat |
utphullakiṃśukacchāyaṃ japākusumasaṃnibham || 10.856 ||
Sie trägt ringsum den Glanz von Aśoka-Blütenbüscheln, gleicht voll erblühten Kiṃśuka-Blüten und Hibiskusblumen.
10.857
bhuvanasyāsya madhye tu uditārkasamaprabham |
parimaṇḍalamāgneyaṃ tejomaṇḍalamucyate || 10.857 ||
Inmitten dieser Welt liegt ein runder feuriger Lichtkreis, der aufgehenden Sonne gleich.
10.858
tasya madhye tu bhagavāñ śivāgniḥ kāraṇaṃ param |
yo 'vatīryāṇḍamadhye tu sthito nityaṃ tridhā tridhā || 10.858 ||
In seiner Mitte befindet sich der erhabene Śiva-Agni als höchste Ursache. In das Weltei herabgestiegen, ist er stets in je dreifacher Form gegenwärtig.
10.859
vaktre tu dakṣiṇe tasya rudrasya paramātmanaḥ |
sthito jihvāsvarūpeṇa svayaṃbhūrnīlalohitaḥ || 10.859 ||
Im rechten Mund Rudras, des höchsten Selbst, steht der selbstentstandene Nīlalohita in Gestalt der Zunge.
10.860
sa eva tu mahādevi kālāgniḥ parameśvaraḥ |
tasya rūpaṃ pravakṣyāmi śṛṇuṣvāvahitā priye || 10.860 ||
Eben dieser ist Kālāgni, der höchste Herr, große Göttin. Ich werde seine Gestalt beschreiben; höre aufmerksam, Geliebte.
10.861
raktapadmadalacchāyaḥ padmarāgasamadyutiḥ |
raktāmbaradharaḥ śrīmān raktamālyānulepanaḥ || 10.861 ||
Er gleicht einem roten Lotusblatt, strahlt wie Rubin, trägt rote Gewänder, ist herrlich und mit roten Girlanden und Salben versehen.
10.862
arkabhābhyāṃ kuṇḍalābhyām alaṃkṛtaśubhānanaḥ |
mahāhāreṇa dīptena uraḥsthena virājate || 10.862 ||
Zwei sonnengleiche Ohrringe schmücken sein schönes Gesicht. Eine große leuchtende Halskette auf seiner Brust lässt ihn erstrahlen.
10.863
kirīṭī kuṇḍalī dīpto devānāmāsyamucyate |
sarvavajramaye pīṭhe upaviṣṭaḥ svayaṃ prabhuḥ || 10.863 ||
Mit Krone und Ohrringen leuchtet er und heißt Mund der Götter. Auf einem ganz diamantenen Thron sitzt der Herr selbst,
10.864
dāvāgniriva śailāgre veṇugharṣātsamutthitaḥ |
daśakoṭisahasrāṇi āgneyāstu gaṇeśvarāḥ || 10.864 ||
wie ein Waldfeuer auf einer Bergspitze, entstanden durch das Aneinanderreiben von Bambus. Zehntausend Koṭis feuriger Gefolgschaftsherren
10.865
dakṣiṇāsyādviniṣkrāntāḥ śvasato 'sya svayambhuvaḥ |
hitāya sarvalokānāṃ rudrā vai sūryavarcasaḥ || 10.865 ||
traten beim Atmen dieses Selbstentstandenen aus seinem rechten Mund hervor, sonnenglänzende Rudras zum Wohl aller Welten.
10.866
tena te 'gniṃ mahātmāno nityaśaḥ paryupāsate |
nāryaśca vividhā divyā divyagītavicakṣaṇāḥ || 10.866 ||
Deshalb dienen diese Großmächtigen beständig dem Feuer, ebenso vielerlei göttliche Frauen, kundig im göttlichen Gesang,
10.867
gaṇā rudrā bhūtagaṇāḥ kiṅkarāśca sahasrasaḥ |
sa vai śivāgniḥ paṭhitaḥ sarvahomeśvaraḥ paraḥ || 10.867 ||
Gefolgschaften, Rudras, Geisterscharen und Tausende Diener. Er wird als Śiva-Agni, der höchste Herr aller Feueropfer, beschrieben.
10.868
agnikāryavidhāneṣu hūyate tadvidaiḥ sadā |
tamagnimaiśvaraṃ yānti kṛtvāgneyīṃ tu dhāraṇām || 10.868 ||
Bei den Feuerhandlungen wird ihm von den Kundigen stets geopfert. Nach Vollzug der Feuerkonzentration gelangt man zu diesem herrschaftlichen Feuer.
10.869
sa ekadhā sa bahudhā vyāpya sarvaṃ vyavasthitaḥ |
sa tejastejasāṃ yoniḥ tasmājjajñe divākaraḥ || 10.869 ||
Als Einer und als Vieler durchdringt er alles. Er ist das Licht, der Ursprung der Lichtkräfte; aus ihm entstand die Sonne.
10.870
bahudhā vyajyate cāsau kalpamanvantarādiṣu |
bhinnaśca janmabhedaiśca pañcāśadbhiśca bhūtale || 10.870 ||
Vielfältig offenbart er sich in Weltperioden, Manu-Zeiträumen und anderem; auf der Erde ist er durch fünfzig verschiedene Entstehungsformen gegliedert.
10.871
tadevaṃ kīrtitaṃ samyag āgneyaṃ bhuvanaṃ mahat |
bhuvanādhipāṃśca bhuvane kathayāmi tvataḥ param || 10.871 ||
Damit ist die große Feuerwelt richtig erklärt. Nun nenne ich die Weltenherren in dieser Welt.
10.872
hariścandraṃ ca śrīśailaṃ jalpamāmrātakeśvaram |
mahākālaṃ madhyamaṃ ca kedāraṃ bhairavaṃ tathā || 10.872 ||
Hariścandra, Śrīśaila, Jalpa, Āmrātakeśvara, Mahākāla, Madhyama, Kedāra und Bhairava.
10.873
atiguhyaṃ samākhyātaṃ pūrveśāntamanukramāt |
athordhve vāyvāvaraṇaṃ tatrastho vāyuravyayaḥ || 10.873 ||
Dies ist als die äußerst geheime [Achtergruppe] beschrieben, der Reihe nach vom Osten bis zum Nordosten. Darüber liegt die Lufthülle; darin befindet sich der unvergängliche Wind.
10.874
prāṇasya bhuvanaṃ tatra vāyostu varavarṇini |
śaṅkhagokṣiradhavalaṃ śaratkundendusaprabham || 10.874 ||
Dort liegt die Welt Prāṇas, des Lebenswindes, du von schöner Gestalt, weiß wie Muschel und Kuhmilch, glänzend wie herbstlicher Jasmin und Mond.
10.875
tasmiṃstu bhuvane divye divyāścaryaśatairyute |
madhye tu maṇḍalaṃ divyaṃ śaraccandrasamaprabham || 10.875 ||
In dieser göttlichen Welt mit Hunderten göttlicher Wunder liegt in der Mitte ein göttlicher Kreis, dem Herbstmond gleich,
10.876
raśmimālākulaṃ divyaṃ dyotayadvai diśodaśa |
tasya madhye tu deveśi vāyostu paramā tanuḥ || 10.876 ||
voller Strahlenkränze, göttlich und die zehn Richtungen erhellend. In seiner Mitte steht die höchste Gestalt Vāyus, Herrin der Götter,
10.877
kirīṭī kuṇḍalī dīpto hārakeyūrabhūṣitaḥ |
nānābharaṇacitrāṅgaś citramālyānulepanaḥ || 10.877 ||
mit Krone und Ohrringen, leuchtend, mit Halskette und Oberarmreifen geschmückt, am Leib mit vielerlei Schmuck, Girlanden und Salben versehen,
10.878
citrāmbaradharaḥ śrīmān mahāhāravibhūṣitaḥ |
mārutā nāma vai devāḥ śatakoṭyo mahābalāḥ || 10.878 ||
in bunte Gewänder gekleidet, herrlich und mit einer großen Halskette geschmückt. Eine Milliarde großer starker Götter namens Mārutas
10.879
upāsate mahātmānaṃ vāyumūrtiṃ mahādyutim |
yo vyāpayeccharīrāṇi ekadhā pañcadhā vibhuḥ || 10.879 ||
verehren den großmächtigen, sehr glanzvollen Windgestaltigen. Als allgegenwärtiger Herr durchdringt er die Körper einfach und fünffach,
10.880
saptadhā saptadhā caiva tiryaggo dviguṇo vibhuḥ |
svamaṇḍalasya sā divyair vibhātyekā parā tanuḥ || 10.880 ||
je siebenfach und als seitwärts Bewegter doppelt [Zahlenbezug unklar]. Seine eine göttliche höchste Gestalt leuchtet mit den göttlichen [Wesen] seines Kreises.
10.881
tametamekaṃ daśadhā prāṇātmānaṃ tu yoginaḥ |
dhyātvā tyaktvā tu vai prāṇān kṛtvā tasminstu dhāraṇām || 10.881 ||
Die Yogis meditieren über diesen einen, zehnfachen Prāṇa als Selbst, vollziehen die Konzentration auf ihn und verlassen ihre Lebensatemkräfte.
10.882
taṃ viśanti mahātmāno vāyubhūtāḥ khamūrtayaḥ |
iti prāṇasya bhuvanam ākhyātaṃ tava suvrate || 10.882 ||
Als Großmächtige gehen sie in ihn ein, zu Wind geworden und von Raumgestalt. Damit ist dir die Welt Prāṇas erklärt, du mit den guten Gelübden.
10.883
bhuvaneśāṃstatra rudrān kathayāmyanupūrvaśaḥ |
gayāṃ caiva kurukṣetraṃ nākalaṃ kanakhalaṃ tathā || 10.883 ||
Die Rudras als Weltenherren darin nenne ich der Reihe nach: Gayā, Kurukṣetra, Nākala, Kanakhala,
10.884
vimalaṃ cāṭṭahāsaṃ ca māhendra bhīmamaṣṭamam |
guhyādguhyataraṃ hy etad veditavyaṃ prayatnataḥ || 10.884 ||
Vimala, Aṭṭahāsa, Māhendra und als achter Bhīma. Diese geheimere als geheime [Gruppe] ist sorgfältig zu kennen.
10.885
ākāśe tu yathākāśaṃ śuddhasphaṭikanirmalam |
sūkṣmarūpo 'vyayo nityo madhyadeśe vyavasthitaḥ || 10.885 ||
Im Raum, wie der Raum selbst makellos wie reiner Kristall, befindet sich in der Mitte [der Herr], feingestaltig, unvergänglich und ewig.
10.886
ākāśadhāraṇāyukto yogī yujyate tatpade |
atrākāśe pravakṣyāmi ye rudrāḥ saṃvyavasthitāḥ || 10.886 ||
Der Yogi, der mit der Raumkonzentration verbunden ist, wird mit seiner Stätte vereinigt. Ich nenne nun die Rudras, die hier im Raum angeordnet sind.
10.887
vastrāpadaṃ rudrakoṭim avimuktaṃ mahālayam |
gokīrṇaṃ bhadrakarṇaṃ ca svarṇākṣaṃ sthāṇumaṣṭamam || 10.887 ||
Vastrāpada, Rudrakoṭi, Avimukta, Mahālaya, Gokīrṇa, Bhadrakarṇa, Svarṇākṣa und als achter Sthāṇu.
10.888
pavitrāṣṭakametaddhi samāsena prakīrtitam |
asya bāhye ahaṃkāraḥ tatra rudrānnibodha me || 10.888 ||
Damit ist die reinigende Achtergruppe kurz genannt. Außerhalb davon liegt das Ichbewusstsein; höre von den Rudras darin.
10.889
chagalāṇḍaṃ duraṇḍaṃ ca mākoṭaṃ maṇḍaleśvaram |
kālañjaraṃ śaṅkukarṇaṃ sthūleśvarasthaleśvarau || 10.889 ||
Chagalāṇḍa, Duraṇḍa, Mākoṭa, Maṇḍaleśvara, Kālañjara, Śaṅkukarṇa, Sthūleśvara und Sthaleśvara.
10.890
sthāṇvaṣṭakaṃ samākhyātaṃ pūrvādīśānagocaram |
madhyadeśesthito rudras tv ahaṃkāreśvaraḥ prabhuḥ || 10.890 ||
Als Sthāṇu-Achtergruppe wird sie beschrieben, vom Osten bis zum Nordosten. In der Mitte steht Rudra, der Herr des Ichbewusstseins.
10.891
śvetaṃ raktaṃ tathā pītaṃ kṛṣṇaṃ sphaṭikasaprabham |
pañcāṣṭakeṣu ye varṇāḥ samāsātkathitāstava || 10.891 ||
Weiß, Rot, Gelb, Schwarz und kristallhell sind die Farben der fünf Achtergruppen; sie sind dir kurz genannt.
10.892
sitā raktāstathā kṛṣṇā nīlāḥ śyāmā balāhakāḥ |
pītāḥ śuklāśca vijñeyāḥ adhastu dhūmravarcasaḥ || 10.892 ||
Weiß, Rot, Schwarz, Blau, Dunkel, Wolkenfarbe, Gelb und Weiß sind zu kennen; unten sind sie rauchglänzend.
10.893
śatarudrāḥ samākhyātās trinetrāḥ śūlapāṇayaḥ |
candrārdhamaulayaḥ sarve rudrāṇībhiḥ samanvitāḥ || 10.893 ||
[So] wurden die hundert Rudras beschrieben, dreiäugig und mit Dreizack in der Hand; alle tragen die Mondsichel auf dem Haupt und sind mit Rudrāṇīs verbunden.
10.894
padmākṛtīni jñeyāni citraratnayutāni ca |
śatarudrabhuvanāni bhogaiśvaryayutāni ca || 10.894 ||
Die Welten der hundert Rudras sind als lotusförmig, mit bunten Juwelen ausgestattet und voller Genuss und Herrschaft zu verstehen.
10.895
pañcāṣṭake purāṇi syuḥ kūrmākārāṇi sarvataḥ |
ākāśāvaraṇādūrdhvam ahaṃkārādadhaḥ priye || 10.895 ||
Die Städte der fünf Achtergruppen sind ringsum schildkrötenförmig. Oberhalb der Raumhülle und unterhalb des Ichbewusstseins, Geliebte,
10.896
bhuvanāni pravakṣyāmi śṛṇuṣvaikamanāḥ punaḥ |
ādau tu gandhatanmātraṃ vistīrṇaṃ maṇḍalaṃ mahat || 10.896 ||
werde ich die Welten nennen; höre erneut mit gesammeltem Geist. Zuerst liegt die feine Geruchsqualität als großer ausgedehnter Kreis,
10.897
sthitaṃ vitānavaddevi yojanānekakoṭayaḥ |
śuklaraktasitāpītaharitaṃ sphaṭikaprabham || 10.897 ||
wie ein Baldachin, Göttin, viele Millionen Yojanas weit, weiß, rot, hell, gelb, grün und kristallglänzend.
10.898
vitānamiva deveśi sarvataḥ parimaṇḍalam |
śarvo hyadhipatistatra eka eva varānane || 10.898 ||
Wie ein Baldachin ist er ringsum rund, Herrin der Götter. Śarva allein ist dort der Oberherr, Schönangesichtige.
10.899
tasmāttu jāyate pṛthvī śarveśena pracoditā |
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ rasatanmātramaṇḍalam || 10.899 ||
Aus ihm entsteht die Erde, von Śarveśa angeregt. Über diesem Kreis liegt der Kreis der feinen Geschmacksqualität,
10.900
haritaṃ marakataśyāmaṃ cāṣapakṣanibhaṃ priye |
bhavo hyadhipatistatra eka eva varānane || 10.900 ||
grün, smaragddunkel und den Flügeln des Cāṣa-Vogels gleich, Geliebte. Bhava allein ist dort der Oberherr, Schönangesichtige.
10.901
tasmādāpo viniṣkrāntā bhaveśena pracoditāḥ |
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ rūpatanmātramaṇḍalam || 10.901 ||
Aus ihm gehen die Wasser hervor, von Bhaveśa angeregt. Über diesem Kreis liegt der Kreis der feinen Gestaltqualität,
10.902
sphuratsūryāṃśudīptābhaṃ padmarāgasamaprabham |
rudraḥ paśupatistatra eka evāvatiṣṭhate || 10.902 ||
hell von funkelnden Sonnenstrahlen und rubingleich. Rudra Paśupati allein verweilt dort.
10.903
tasmāttejo viniṣkrāntaṃ tadvai paśupatīcchayā |
tattejaḥ sarvalokānāṃ vyāpakaṃ parameśvari || 10.903 ||
Aus ihm geht das Feuer hervor, auf Paśupatis Wunsch. Dieses Licht durchdringt alle Welten, höchste Göttin.
10.904
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ sparśatanmātramaṇḍalam |
sandhyāruṇasamacchāyaṃ vāyavyaṃ maṇḍalaṃ priye || 10.904 ||
Über diesem Kreis liegt der Kreis der feinen Berührungsqualität, von der Farbe der Abendröte, der zur Luft gehörige Kreis, Geliebte,
10.905
vitānākārasadṛśaṃ samantātparimaṇḍalam |
tatraiva maṇḍale devi tv īśānaḥ saṃvyavasthitaḥ || 10.905 ||
baldachinförmig und ringsum rund. In eben diesem Kreis befindet sich Īśāna, Göttin.
10.906
tasmādvāyurviniṣkrānta īśecchāpreritaḥ priye |
tasmātprāṇādayaḥ pañca vāyostadvyāpakaḥ paraḥ || 10.906 ||
Aus ihm tritt der Wind hervor, von Īśas Willen bewegt, Geliebte. Aus diesem Wind entstehen die fünf von Prāṇa an; der Höchste durchdringt sie.
10.907
saptadhā saptadhā so 'pi sa eko bahudhā gataḥ |
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ śabdatanmātramaṇḍalam || 10.907 ||
Je siebenfach entfaltet sich auch er; der Eine ist vielfältig geworden. Über diesem Kreis liegt der Kreis der feinen Lautqualität,
10.908
nīlotpaladalaśyāmaṃ svacchodakasamaprabham |
vitānasadṛśākāraṃ samantātparimaṇḍalam || 10.908 ||
dunkel wie ein blaues Lotusblatt, glänzend wie klares Wasser, baldachinförmig und ringsum rund.
10.909
bhīmastatrādhipatyena eka evāvatiṣṭhate |
tasmānnabho viniṣkrāntaṃ bhīmecchācoditaṃ mahat || 10.909 ||
Bhīma allein steht dort als Oberherr. Aus ihm geht der große Raum hervor, von Bhīmas Willen angeregt,
10.910
vyāpakaṃ sarvalokānāṃ parāparagataṃ priye |
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ sūryamaṇḍalamucyate || 10.910 ||
alle Welten durchdringend, im Höheren und Niederen gegenwärtig, Geliebte. Über diesem Kreis wird der Sonnenkreis angesetzt,
10.911
sahasrādityasaṃkāśaṃ dīpyamānaṃ samantataḥ |
vitānavadraśmidīptaṃ samantātparimaṇḍalam || 10.911 ||
tausend Sonnen gleich, ringsum leuchtend, wie ein strahlenheller Baldachin, nach allen Seiten rund.
10.912
rudro hyadhipatistatra tv eka evāvatiṣṭhate |
sūryāstasmādviniṣkrāntāḥ kalpe kalpe varānane || 10.912 ||
Rudra allein befindet sich dort als Oberherr. Aus ihm treten in jeder Weltperiode die Sonnen hervor, Schönangesichtige.
10.913
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ somamaṇḍalamucyate |
candrakoṭisahasrāṇāṃ tejasā tulyamaṇḍalam || 10.913 ||
Über diesem Kreis wird der Mondkreis angesetzt, dessen Glanz dem Tausender von Kotis Monden gleicht.
10.914
adhipatistu mahādeva eka evāvatiṣṭhate |
tasmāccandrādime candrā mahādevena coditāḥ || 10.914 ||
Mahādeva allein steht dort als Oberherr. Aus diesem Mond [treten] die hiesigen Monde [hervor], von Mahādeva angeregt,
10.915
asaṃkhyātāḥ sahasrāṇi kalpe kalpee vinirgatāḥ |
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ vedamaṇḍalamucyate || 10.915 ||
unzählige Tausende in jeder Weltperiode. Über diesem Kreis wird der Vedakreis angesetzt,
10.916
candrakoṭisamacchāyaṃ samantātparimaṇḍalam |
vitānavatsthitaṃ divyam ugreśasamadhiṣṭhitam || 10.916 ||
von der Helligkeit von zehn Millionen Monden, ringsum rund, göttlich wie ein Baldachin stehend und von Ugreśa überherrscht.
10.917
saṃruddhaṃ vāmayā tattu tasmādvai nirgatāni tu |
yajamānasahasrāṇi kalpe kalpe sthitāni hi || 10.917 ||
Er ist von Vāmā eingeschlossen; aus ihm gehen Tausende Opferherren hervor, die in jeder Weltperiode bestehen.
10.918
brahmaṇastapasogreṇa ugreśena pracoditāt |
vedayajñāśca vividhā brahmaṇo 'nantavartmanaḥ || 10.918 ||
Aus der strengen Askese Brahmās, von Ugreśa angeregt, [entstehen] vielfältige Veden und Opfer des Brahmā mit unendlichem Weg.
10.919
tasmādete pravartante yajñā yajñaphalāni ca |
tapodānādibhiḥ sārdhaṃ vāmaśaktyā niyantritāḥ || 10.919 ||
Daraus gehen diese Opfer und Opferfrüchte hervor, zusammen mit Askese, Gaben und anderem, durch die Vāmā-Kraft geregelt.
10.920
ityeṣṭau tanavastvetāḥ parā vai saṃprakīrtitāḥ |
aparā brahmaṇo 'ṇḍaṃ vai vyāpya sarvaṃ vyavasthitāḥ || 10.920 ||
So sind diese acht höchsten Gestalten erklärt. Ihre niederen [Formen] bestehen, indem sie das gesamte Weltei Brahmās durchdringen.
10.921
ebhyaḥ parataraṃ cāpi maṇḍalaṃ karaṇātmakam |
śuklaraktāsitaṃ pītaṃ haritaṃ cāpi varṇataḥ || 10.921 ||
Über diesen liegt noch ein Kreis, dessen Wesen die Handlungsorgane sind, farblich weiß, rot, schwarz, gelb und grün.
10.922
pañcādhipāstu tiṣṭhanti maṇḍale karaṇātmake |
karmadevāḥ pravartante tasmādvai sarvadehinām || 10.922 ||
Fünf Herren stehen in diesem Kreis der Handlungsorgane. Daraus gehen die Handlungsgötter sämtlicher Verkörperten hervor:
10.923
vākpāṇipādapāyuśca upasthaśceti pañcamaḥ |
ebhyaḥ prakāśakaṃ nāma parataḥ sūryasaṃnibham || 10.923 ||
Rede, Hände, Füße, Ausscheidungsorgan und als fünftes Geschlechtsorgan. Darüber liegt der Prakāśaka genannte [Kreis], sonnengleich.
10.924
tasmādvai saṃpravartante pañca buddhīndriyāṇi tu |
śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā nāsikā ca yathākramam || 10.924 ||
Aus ihm gehen die fünf Erkenntnisorgane hervor: Gehör, Haut, Augen, Zunge und Nase der Reihe nach.
10.925
viṣayālocanaṃ vṛttiḥ tejomaṇḍalasaṃsthitāḥ |
svākyādhipatayo nityaṃ teṣveva praticodakāḥ || 10.925 ||
Ihre Tätigkeit ist das Erfassen der Gegenstände. In diesem Lichtkreis befinden sich ihre jeweils benannten Herren und regen sie beständig an.
10.926
ebhyaḥ parataraṃ cāsti candramaṇḍalasannibham |
vistārātpariṇāhācca sarvato raśmimaṇḍalam || 10.926 ||
Darüber liegt noch ein mondscheibengleicher [Kreis], nach Breite und Umfang ringsum ein Strahlenkreis.
10.927
tasmādvai saṃpravartante pañcārthāḥ sarvadehinām |
śabdaḥ sparśastathā rūpaṃ raso gandhaśca pañcamaḥ || 10.927 ||
Aus ihm gehen für alle Verkörperten die fünf Gegenstände hervor: Laut, Berührung, Gestalt, Geschmack und als fünfter Geruch.
10.928
ebhyaḥ parataraṃ cāpi saumyaṃ somasya maṇḍalam |
tasmānmano viniṣkrāntaṃ raśmibhirdarśapañcabhiḥ || 10.928 ||
Darüber liegt der milde Kreis des Mondes. Aus ihm geht das Denken mit fünfzehn Strahlen hervor [Vorlage darśapañcabhiḥ beschädigt].
10.929
cittaṃ ceto manaśceti śabdādyakṣapravartakam |
tasyādhipo mahātejāś candramāḥ saumyatejasā || 10.929 ||
Bewusstsein, Sinn und Denken genannt, setzt es die auf Laut und anderes gerichteten Sinne in Bewegung. Sein Oberherr ist der große glanzvolle Mond mit sanftem Licht.
10.930
tasmāttu maṇḍalādūrdhvaṃ parato maṇḍalaṃ mahat |
japākusumasaṃkāśam aruṇādityasaṃnibham || 10.930 ||
Über diesem Kreis liegt weiter ein großer Kreis, hibiskusgleich und der rötlichen Sonne ähnlich,
10.931
pūrvavacca pramāṇenna samantātparimaṇḍalam |
tasmāttu maṇḍalāddevi sandhyāruṇasamadyutiḥ || 10.931 ||
von einem Maß wie zuvor und ringsum rund. Aus diesem Kreis, Göttin, [entsteht] mit dem Glanz der Abendröte,
10.932
sadhūmo 'gnirivāsau vai ahaṃkāraḥ pravartate |
antaḥkaraṇamātmasthaṃ yenedaṃ raṃjitaṃ jagat || 10.932 ||
wie rauchendes Feuer, das Ichbewusstsein: ein im Selbst befindliches inneres Organ, durch das diese Welt gefärbt wird.
10.933
mattadvipa ivāndhastu dāvāgnirupasarpati |
tasyādhidevo rudro vai yenāyaṃ preryate sadā || 10.933 ||
Blind wie ein berauschter Elefant nähert [sich das gebundene Wesen] dem Waldfeuer [Subjektbezug unklar]. Sein Oberherr ist Rudra, von dem es stets angetrieben wird.
10.934
chagalāṇḍādayo devi pūrvaṃ te kathitā mayā |
ahaṃkārādathordhvaṃ tu buddhyāvaraṇamucyate || 10.934 ||
Chagalāṇḍa und die übrigen habe ich dir zuvor genannt, Göttin. Oberhalb des Ichbewusstseins wird die Buddhi-Hülle angesetzt,
10.935
sūryakoṭisahasrāṇāṃ tejasā tulyavarcasam |
aṣṭānāṃ devayonīnām atraiva bhuvanaṃ śṛṇu || 10.935 ||
an Glanz gleich Tausenden von Kotis Sonnen. Höre hier von den Welten der acht göttlichen Geburtsklassen.
10.936
kakubhaṃ nāma bhuvanaṃ sandhyāruṇasamaprabham |
mānasībhistu tatstrībhir muditābhiḥ samākulam || 10.936 ||
Die Welt namens Kakubha glänzt wie die Abendröte und ist voller freudiger, geistgeborener Frauen.
10.937
sthitāstatra piśācāstu sandhyāruṇasamaprābhāḥ |
daśakoṭisahasrāṇi teṣāṃ tatra nivāsinām || 10.937 ||
Dort wohnen Piśācas, ebenfalls mit dem Glanz der Abendröte. Die Zahl ihrer dortigen Bewohner beträgt zehntausend Koṭis.
10.938
svanando nāma vikrāntaḥ piśāceṣvīśvaro mahān |
sandhyāruṇasamacchāyo bandhūkakusumākṛtiḥ || 10.938 ||
Svananda heißt der tapfere große Herr unter den Piśācas; er hat die Farbe der Abendröte und gleicht einer Bandhūka-Blüte,
10.939
kuṇḍalābharaṇopeto hārakeyūrabhūṣitaḥ |
kirīṭī cāṅgadī maulī hemacīnāmbaraḥ śubhaḥ || 10.939 ||
mit Ohrringen, Halsketten und Oberarmreifen geschmückt, mit Krone, Armreifen und Kopfschmuck, in goldene chinesische Seide gekleidet, glückhaft,
10.940
parivṛto bhūtagaṇaiḥ prabhūtaiḥ pārśvagaistathā |
nānārūpadharairdivyair divyābharaṇabhūṣitaiḥ || 10.940 ||
umgeben von zahlreichen Geisterscharen und seitlich stehenden [Gefolgschaften], göttlich, vielerlei Gestalten tragend und mit göttlichem Schmuck versehen,
10.941
divyamālyānulepaistu divyaiśvaryasamanvitaiḥ |
parivṛto mahātejā gaṇairiva mahāgaṇaḥ || 10.941 ||
mit göttlichen Girlanden und Salben und göttlicher Herrschaft ausgestattet. Von ihnen ist der Glanzvolle umgeben wie der große Gefolgschaftsherr von seinen Scharen.
10.942
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi rākṣāsaṃ bhuvanaṃ mahat |
kokilākaṇṭhasadṛśaṃ nīlajīmutasaṃnibham || 10.942 ||
Nun erläutere ich die darüber liegende große Rākṣasa-Welt, einem Kuckuckshals und einer blauen Regenwolke gleich.
10.943
tasmistu bhuvane divye divyaiśvaryasamanvite |
karālo rākṣaseśo vai jātyañjananibho mahān || 10.943 ||
In dieser göttlichen, mit göttlicher Herrschaft ausgestatteten Welt [wohnt] Karāla, der große Rākṣasa-Herr, feinster schwarzer Augenschminke gleich.
10.944
kiriṭī kuṇḍalī dīptaḥ śobhate tu mahādyutiḥ |
jātyañjananibhaḥ śrīmān dāvāgniriva parvate || 10.944 ||
Mit Krone und Ohrringen leuchtet der überaus Glanzvolle. Wie feinster schwarzer Augenschmink ist der Herrliche und [leuchtet] wie ein Waldfeuer auf einem Berg.
10.945
daśakoṭisahasrāṇi muditā nāma rākṣasāḥ |
bhṛṅgajīmūtavarṇābhā vasantyatra mahāprabhāḥ || 10.945 ||
Zehntausend Koṭis Rākṣasas namens Mudita wohnen dort, von der Farbe schwarzer Bienen und Regenwolken, von großem Glanz.
10.946
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi yākṣaṃ vai bhuvanaṃ mahat |
jāmbūnadamayaṃ sarvaṃ divyaratnasamujjvalam || 10.946 ||
Nun erläutere ich die darüber liegende große Yakṣa-Welt, ganz aus Jāmbūnada-Gold, von göttlichen Juwelen strahlend,
10.947
bhogaiśvaryasamutpannaṃ samantātparimaṇḍalam |
tasmiṃstu bhuvane bhadre subhadro nāma yakṣarāṭ || 10.947 ||
voll Genuss und Herrschaft, ringsum rund. In dieser glückhaften Welt [wohnt] der Yakṣa-König namens Subhadra,
10.948
taptakāñcanavarṇābho makuṭādivibhūṣitaḥ |
śatakoṭisahasraistu yakṣairamitavikramaiḥ || 10.948 ||
von der Farbe geschmolzenen Goldes, mit Krone und anderem geschmückt, [umgeben] von hunderttausend Koṭis Yakṣas unermesslicher Tapferkeit.
10.949
tairvṛto bhrājate sarvaiḥ śarvaḥ sarvagaṇairiva |
ata ūrdhvaṃ pravakṣyāmi gāndharvaṃ bhuvanaṃ mahat || 10.949 ||
Von ihnen allen umgeben, strahlt er wie Śarva mit seinen sämtlichen Gefolgschaften. Nun erläutere ich die darüber liegende große Gandharva-Welt,
10.950
pītakauśītakīprakhyaṃ campakaistu samacchavi |
tasmiṃstu bhuvane divye surūpo nāma vai priye || 10.950 ||
gelber Kauśītakī und Campaka-Blüten gleich. In dieser göttlichen Welt [wohnt] der Surūpa Genannte, Geliebte,
10.951
gandharvadevādhipati gandhamādanasannibhaḥ |
taptajāmbūnadanibhas taruṇādityasaprabhaḥ || 10.951 ||
der Herr der Gandharva-Götter, Gandhamādana gleich, wie geschmolzenes Jāmbūnada-Gold und wie die junge Sonne strahlend,
10.952
divyagandhānuliptāṅgo divyābharaṇabhūṣitaḥ |
daśakoṭisahasraistu gandharvaiḥ parivāritaḥ || 10.952 ||
am Leib mit göttlichen Düften gesalbt und mit göttlichem Schmuck versehen, umgeben von zehntausend Koṭis Gandharvas,
10.953
manaḥ śilābhaṅganibhair haritālanibhaistathā |
svakāntā nāma gandharvāś citramālyānulepanāḥ || 10.953 ||
wie zerbrochenes rotes Manaḥśilā oder gelbes Haritāla. Diese Gandharvas heißen Svakānta und tragen bunte Girlanden und Salben.
10.954
citrāmbaradharāḥ sarve citrābharaṇabhūṣitāḥ |
tasmātparataraṃ vakṣye sthānam aindraṃ ca pārvati || 10.954 ||
Alle tragen bunte Gewänder und vielfältigen Schmuck. Nun erkläre ich die darüber liegende Stätte Indras, Pārvatī.
10.955
bṛhadbhogamiti khyātaṃ tadūrdhvaṃ sarvakāmadam |
śaṅkhagokṣīradhavalaṃ śaratkundendusannibham || 10.955 ||
Als Bṛhadbhoga ist sie bekannt, über jener gelegen und alle Wünsche gewährend, weiß wie Muschel und Kuhmilch, wie herbstlicher Jasmin und Mond.
10.956
tasmiṃstu bhuvane divye divyāścaryaśatairyute |
vibhūtirnāma bhagavān mahendro bhuvaneśvaraḥ || 10.956 ||
In dieser göttlichen Welt mit Hunderten göttlicher Wunder [wohnt] der erhabene Mahendra namens Vibhūti als Weltenherr,
10.957
candramaṇḍalasaṅkāśo muktāhāravibhūṣitaḥ |
śuklāmbaradharaḥ śrīmāñc chuklamālyānulepanaḥ || 10.957 ||
einer Mondscheibe gleich, mit Perlenketten geschmückt, in weiße Gewänder gekleidet, herrlich und mit weißen Girlanden und Salben versehen,
10.958
jvalatkirīṭo dīptābhyāṃ kuṇḍalābhyāmalaṃkṛtaḥ |
hārakeyūravāñchvetaḥ śvetoṣṇīṣavibhūṣitaḥ || 10.958 ||
mit leuchtender Krone und zwei strahlenden Ohrringen, mit Halskette und Oberarmreifen, weiß und mit weißem Turban geschmückt.
10.959
bhūtijā nāma vai devā vibhūtyā parayā yutāḥ |
kirīṭinaḥ kuṇḍalino divyamālyavibhūṣitāḥ || 10.959 ||
Die Bhūtija genannten Götter besitzen höchste Herrlichkeit, tragen Kronen und Ohrringe und sind mit göttlichen Girlanden geschmückt.
10.960
daśakoṭisahasrāṇi devāścendrāḥ prakīrtitāḥ |
tairāvṛto mahātejā nakṣatrairiva candramāḥ || 10.960 ||
Zehntausend Koṭis dieser zu Indra gehörigen Götter werden genannt. Von ihnen ist der Glanzvolle umgeben wie der Mond von Sternen.
10.961
manojaṃ nāma bhuvanaṃ śaraccandranibhaṃ śubham |
śuklābhrakanibhaṃ dīptaṃ muktāhārasuvarcasam || 10.961 ||
Die glückhafte Welt namens Manoja gleicht dem Herbstmond, ist hell wie eine weiße Wolke und glänzt wie eine Perlenkette.
10.962
amṛto nāma vai tatra candramāḥ paramaḥ sthitaḥ |
śuddhasphaṭikasaṃkāśaḥ śrīmāñcchuklāmbarodvahaḥ || 10.962 ||
Dort befindet sich der höchste Mond namens Amṛta, reinem Kristall gleich, herrlich und in weiße Gewänder gekleidet.
10.963
kuṇḍalairdīptisaṃkāśair bhūṣitastu virājate |
divyagandhānuliptāṅgo divyābharaṇabhūṣitaḥ || 10.963 ||
Mit strahlenden Ohrringen geschmückt, leuchtet er; sein Leib ist mit göttlichen Düften gesalbt und mit göttlichem Schmuck versehen.
10.964
tatra vai raśmayo nāmnā raśmivyūhasamaprabhāḥ |
divyāḥ saumyāstu te jñeyāḥ somatejaḥ samudbhavāḥ || 10.964 ||
Dort [wohnen Wesen] namens Raśmi, leuchtend wie Strahlenscharen. Sie sind als göttliche Mondwesen zu verstehen, aus Somas Licht entstanden.
10.965
daśakoṭisahasrāṇi teṣāṃ vai saumyatejasām |
ata ūrdhvaṃ tu deveśi prājeśāṃ bhuvanaṃ mahat || 10.965 ||
Zehntausend Koṭis sind diese von sanftem Glanz. Darüber liegt die große Welt Prajāpatis, Herrin der Götter.
10.966
tasmiṃstu bhuvane divye prajeśastvamitadyutiḥ |
viśvarūpo viśvavarṇo viśvālaṃkārabhūṣitaḥ || 10.966 ||
In dieser göttlichen Welt befindet sich Prajeśa von unermesslichem Glanz, allgestaltig, allfarbig und mit allem Schmuck versehen.
10.967
viśvarūpaparairdevair viśvātmā parivāritaḥ |
daśakoṭisahasrāṇi viśvānāṃ bhūritejasām || 10.967 ||
Als Selbst von allem ist er von Göttern umgeben, die der Allgestalt ergeben sind. Zehntausend Koṭis sehr glanzvoller Viśva[-Götter]
10.968
parivārya mahātmānaṃ śobhane paryupāsate |
brāhmaṃ caivamato jñeyaṃ śaṅkhagokṣīrasannibham || 10.968 ||
umgeben den Großmächtigen und dienen ihm, du Schöne. Darüber ist die Brahmā-Welt als muschel- und kuhmilchgleich zu verstehen.
10.969
pitāmaho yatra devaḥ śuklapadmasthasaumyadṛk |
śuklāmbaradharaḥ śrīmāñ chuklamālyānulepanaḥ || 10.969 ||
Dort [wohnt] Gott Brahmā, der Ahnherr, mit sanftem Blick auf einem weißen Lotus, in weiße Gewänder gekleidet, herrlich und mit weißen Girlanden und Salben versehen,
10.970
śuklayajñopavītī ca mahāhāravibhūṣitaḥ |
daśakoṭisahasraistu candrabimbasamaprabhaiḥ || 10.970 ||
mit weißer heiliger Schnur und großer Halskette geschmückt, umgeben von zehntausend Koṭis mondscheibengleicher
10.971
brāhmairdevaiḥ parivṛtaḥ śāradābhrairivāṃśumān |
paiśācaṃ rākṣāsaṃ yākṣaṃ gāndharvaṃ tvaindrameva ca || 10.971 ||
Brahmā-Götter, wie die Sonne von Herbstwolken. Die Piśāca-, Rākṣasa-, Yakṣa-, Gandharva- und Indra-Welt,
10.972
saumyaṃ tathaiva prājeśaṃ brāhmaṃ vai bhuvanaṃ priye |
etāni surayonīnāṃ sthānānyeva purāṇi tu || 10.972 ||
die Soma-, Prajāpati- und Brahmā-Welt, Geliebte: Dies sind die ursprünglichen Stätten der göttlichen Geburtsklassen.
10.973
avatīryātmajanmānaṃ dhyāyantaḥ saṃbhavanti hi |
parameśaniyogācca codyamānāśca māyayā || 10.973 ||
Indem sie herabsteigen und ihre eigene Geburt vergegenwärtigen, entstehen sie [in der unteren Welt], auf Befehl des höchsten Herrn und von Māyā angetrieben,
10.974
niyamitā niyatyā ca brahmaṇo vyaktajanmanaḥ |
vyajyante te ca sargādau nāmarūpairanekadhā || 10.974 ||
von Niyati geregelt, aus Brahmās offenbarter Geburt [Satzfügung unklar]. Zu Beginn der Schöpfung offenbaren sie sich vielfältig in Namen und Gestalten,
10.975
aṃśenaiva varārohe na tyajanti niketanam |
puryaṣṭakendriyaiḥ sārdham ātmā mantrairviśodhayet || 10.975 ||
nur mit einem Anteil, Schönhüftige; sie verlassen ihre Wohnstätte nicht. Man reinige das Selbst mit Mantras zusammen mit der achtteiligen subtilen Stadt und den Sinnen.
10.976
pañcāṣṭakaṃ mūrtayo 'ṣṭau buddhitattvamanukramāt |
viśodhyaivaṃ prayatnena krodhāṣṭakamataḥ param || 10.976 ||
Die fünf Achtergruppen, die acht Gestalten und das Buddhi-Prinzip reinige man so sorgfältig der Reihe nach. Darüber liegt die Zorn-Achtergruppe:
10.977
saṃvartastvekavīraśca kṛtānto jananāśakaḥ |
mṛtyuhantā ca raktākṣo mahākrodhaśca durjayaḥ || 10.977 ||
Saṃvarta, Ekavīra, Kṛtānta, Jananāśaka, Mṛtyuhantṛ, Raktākṣa, Mahākrodha und Durjaya.
10.978
nīlotpaladalābhāni teṣāṃ vai bhuvanāni tu |
ekaikasya parīvāraḥ koṭirdaśasahasrakam || 10.978 ||
Ihre Welten gleichen blauen Lotusblättern. Jeder besitzt eine Gefolgschaft von einer Koṭi und zehntausend.
10.979
krodheśvarāṣṭakādūrdhvaṃ sthitaṃ tejoṣṭakaṃ mahat |
balādhyakṣo gaṇādhyakṣas tridaśastripurāntakaḥ || 10.979 ||
Über der Achtergruppe der Zornherren steht die große Licht-Achtergruppe: Balādhyakṣa, Gaṇādhyakṣa, Tridaśa und Tripurāntaka,
10.980
sarvarūpaśca śāntaśca nimeṣonmeṣa eva ca |
sahasraiḥ pañcadaśabhiḥ parivāro 'bhidhīyate || 10.980 ||
Sarvarūpa, Śānta, Nimeṣa und Unmeṣa. Ihre Gefolgschaft wird mit fünfzehntausend angegeben.
- Zählung redaktionell: Vorlage SvaT_10.780; Stellung zwischen den benachbarten Versen. Kein Abgleich dieser Nummer mit dem Druck behauptet.
10.981
agnirudrāḥ smṛtā hyate tejasā kṛṣṇavarṇakāḥ |
kūrmākārāṇi citrāṇi teṣāṃ vai bhuvanāni tu || 10.981 ||
Sie gelten als Feuerrudras und sind in ihrem Glanz schwarzfarben. Ihre vielfältigen Welten haben Schildkrötengestalt.
10.982
ata ūrdhvaṃ samākhyātaṃ yogāṣṭakamanuttamam |
akṛtaṃ ca kṛtaṃ caiva raibhavaṃ brāhmameva ca || 10.982 ||
Darüber wird die unübertreffliche Yoga-Achtergruppe angesetzt: Akṛta, Kṛta, Raibhava, Brāhma,
10.983
vaiṣṇavaṃ tvatha kaumāram aumaṃ śraikaṇṭhameva ca |
krīḍanti yoginastatra bhuvanaiḥ sphaṭikaprabhaiḥ || 10.983 ||
Vaiṣṇava, Kaumāra, Auma und Śraikaṇṭha. Dort spielen Yogis in kristallglänzenden Welten.
10.984
tataḥ sākṣādbhagavatī jaganmātā vyavasthitā |
umā tvameyā viśvasya viśvayoniḥ svayambhavā || 10.984 ||
Darüber befindet sich die erhabene Weltenmutter selbst: Umā, unermesslich, Ursprung des Alls und selbstentstanden.
10.985
taptajāmbūnadanibhā hy udayādityasaprabhā |
mahāpīṭhe maṇimaye siṃhāṣṭakayute śubhe || 10.985 ||
Sie gleicht geschmolzenem Jāmbūnada-Gold und strahlt wie die aufgehende Sonne. Auf einem großen glückhaften Juwelenthron mit acht Löwen,
10.986
śatayojanavistīrṇe divyasragdhāmalālite |
divyakuṇḍalinī devī mahāhāravibhūṣitā || 10.986 ||
hundert Yojanas breit und von göttlichen Girlanden geschmückt, [sitzt] die Göttin mit göttlichen Ohrringen und einer großen Halskette.
10.987
vijayāgre mahābhāgā śrīrivottamarūpiṇī |
jayā ca padmagarbhābhā sarvālaṃkārabhūṣitā || 10.987 ||
Vijayā steht vorn, hochbegnadet und von vorzüglicher Schönheit wie Śrī; Jayā gleicht dem Lotusinneren und trägt allen Schmuck.
10.988
nandā ca padmapatrākṣī hārakeyūrabhūṣitā |
sarvābharaṇacitrāṅgī sunandā ca manoharā || 10.988 ||
Nandā hat Lotusblattaugen und ist mit Halskette und Oberarmreifen geschmückt; Sunandā ist bezaubernd und am Leib mit vielfältigem Schmuck versehen.
10.989
parivārya pratīhāryaḥ sarvataḥ samupasthitāḥ |
triṃśatkoṭisahasrāṇi triṃśatkoṭiśatāni ca || 10.989 ||
Die Torhüterinnen umgeben sie und stehen ringsum bereit. Dreißigtausend Koṭis und dreitausend Koṭis
10.990
mānasyo divyanāryastās tāṃ sadā paryupāsate |
vimānakoṭirekā ca rudrāṇāṃ bhūritejasām || 10.990 ||
geistgeborener göttlicher Frauen dienen ihr stets; dazu eine Koṭi Himmelswagen sehr glanzvoller Rudras.
10.991
aumā iti samākhyātāḥ vaimānā iti te 'nyathā |
upāsate tu tāṃ devīṃ mātaraṃ tanayā iva || 10.991 ||
Diese heißen Aumas, anders auch Vaimānas genannt. Sie dienen der Göttin wie Söhne ihrer Mutter.
10.992
sāvatīryāṇḍamadhye tu mayā sārdhaṃ varānane |
anugrahārthaṃ lokānāṃ prādurbhūtā sanātanī || 10.992 ||
Zusammen mit mir stieg sie in das Weltei hinab, Schönangesichtige; die Ewige offenbarte sich, um den Welten Gnade zu erweisen.
10.993
kalpe pūrve jaganmātā jagadyonirdvitīyake |
tṛtīye śāmbhavī nāma caturthe viśvarūpiṇī || 10.993 ||
In der ersten Weltperiode [hieß sie] Jaganmātā, in der zweiten Jagadyoni, in der dritten Śāmbhavī und in der vierten Viśvarūpiṇī,
10.994
pañcame nandinī nāma ṣaṣṭhe caiva gaṇāmbikā |
vibhūtiḥ saptame kalpe subhūtiścāṣṭame tathā || 10.994 ||
in der fünften Nandinī, in der sechsten Gaṇāmbikā, in der siebten Vibhūti und in der achten Subhūti,
10.995
ānandā navame kalpe daśame vāmalocanā |
ekādaśe varārohā dvādaśe ca sumaṅgalā || 10.995 ||
in der neunten Ānandā, in der zehnten Vāmalocanā, in der elften Varārohā und in der zwölften Sumaṅgalā.
10.996
kalpe trayodaśe devi mahātanurudāhṛtā |
kalpe caturdaśe caiva anantā nāma kīrtitā || 10.996 ||
In der dreizehnten Weltperiode wird sie Mahātanu genannt, Göttin, in der vierzehnten wird der Name Anantā gelehrt,
10.997
bhūtamātā pañcadaśe ṣoḍaśe cottamā smṛtā |
sahasradhārā saptadaśe satī cāṣṭadaśe purā || 10.997 ||
in der fünfzehnten Bhūtamātā, in der sechzehnten Uttamā, in der siebzehnten Sahasradhārā und einst in der achtzehnten Satī.
10.998
cākṣuṣasya manoḥ kalpe dakṣasya duhitā śubhā |
avamānācca dakṣasya svāṃ tanuṃ tvajahāḥ purā || 10.998 ||
In der Weltperiode des Manu Cākṣuṣa [warst du] Dakṣas glückhafte Tochter. Wegen Dakṣas Missachtung gabst du einst deinen Leib auf.
10.999
amāṃ kalāṃ tu candrasya punarāpūrya saṃsthitā |
punarhimavatārādhya duhitā tvātmanaḥ kṛtā || 10.999 ||
Dann erfülltest du die Amā-Kalā des Mondes und verweiltest dort. Nachdem Himavat dich verehrt hatte, wurdest du wiederum seine Tochter.
10.1000
tvaṃ devi sādbhutaṃ taptvā tapaḥ paramaduścaram |
māṃ bhartāraṃ punaḥ prāpya jātāsyaṅgaruhā priye || 10.1000 ||
Du, Göttin, übtest wunderbare, äußerst schwere Askese und erlangtest mich erneut als Gatten; du wurdest aus meinem Leib hervorgegangen, Geliebte [aṅgaruhā im Zusammenhang unsicher].
10.1001
kailāsanilayaścāhaṃ tvayā sārdhaṃ varānane |
tvaṃ tanurvāmabhāgasya matto naiva viyujyase || 10.1001 ||
Ich wohne auf Kailāsa zusammen mit dir, Schönangesichtige. Du bist die Gestalt meiner linken Hälfte und wirst niemals von mir getrennt.
10.1002
dakṣādhvare punarjātā bhadrakālīti nāmataḥ |
ekānaṃśāparā mūrtiḥ satīśānādviniḥsṛtā || 10.1002 ||
Bei Dakṣas Opfer wurdest du erneut unter dem Namen Bhadrakālī geboren. Als ungeteilte Eine gingst du in einer weiteren Gestalt aus Īśāna hervor [zugleich Anspielung auf die Göttin Ekānaṃśā].
10.1003
idaṃ caturyugaṃ prāpya dvāpare viṣṇunā saha |
mahiṣasya vadhārthāya utpannā kṛṣṇapiṅgalā || 10.1003 ||
In diesem Vier-Weltalter-Zyklus wurdest du im Dvāpara zusammen mit Viṣṇu als Kṛṣṇapiṅgalā geboren, um Mahiṣa zu töten.
10.1004
kātyāyanīti durgeti vividhairnāmaparyayaiḥ |
manuṣyāṇāṃ tu bhaktānāṃ varadā bhaktavatsalā || 10.1004 ||
Als Kātyāyanī, Durgā und unter vielerlei anderen Namen verleihst du deinen menschlichen Verehrern Gaben und liebst die dir Ergebenen.
10.1005
pūrvamavāvatīrṇāsi vindhyaparvatamūrdhani |
ata ūrdhvaṃ pravakṣyāmi bhuvanaṃ varavarṇini || 10.1005 ||
Schon zuvor warst du auf den Gipfel des Vindhya-Berges herabgestiegen. Nun erkläre ich die darüber liegende Welt, du von schöner Gestalt.
10.1006
sucārviti tu vikhyātaṃ sahasrādityakāntimat |
kailāsaśikharākāraṃ śuddhasphaṭikasaprabham || 10.1006 ||
Sie ist als Sucāru bekannt, besitzt den Glanz von tausend Sonnen, gleicht Kailāsas Gipfel und strahlt wie reiner Kristall.
10.1007
mahāvimānakoṭībhir āvṛtaṃ cakravartinām |
tasmiṃstu bhuvane divye sūryakoṭisamadyutiḥ || 10.1007 ||
Sie ist von Millionen großer Himmelswagen der Weltherrscher umgeben. In dieser göttlichen Welt [sitzt einer], strahlend wie Millionen Sonnen,
10.1008
sahasrabāhucaraṇaḥ sahasravadanekṣaṇaḥ |
umāpatirjagannāthaḥ sarvānugrahakṛdvaraḥ || 10.1008 ||
mit tausend Armen und Füßen, tausend Gesichtern und Augen: Umāpati, der Herr der Welt, der Vorzügliche, der allen Gnade erweist.
10.1009
bhogasthānaṃ samastaṃ vai tatrasthaṃ vāmabhāgataḥ |
śatayojanavistīrṇe nānāratnavibhūṣite || 10.1009 ||
Der gesamte Bereich des Genusses befindet sich dort an seiner linken Seite. Auf einem hundert Yojanas breiten, mit vielen Juwelen geschmückten,
10.1010
divyāstaraṇasaṃchanne ādityaśatasannibhe |
āsane parame divye ratnapadmavicitrite || 10.1010 ||
mit göttlichen Decken bedeckten und hundert Sonnen gleichen, höchsten göttlichen Thron, kunstvoll mit Juwelenlotussen verziert,
10.1011
upaviṣṭo mahātejā vṛṣabhairaṣṭabhirvṛtaḥ |
hemacīnāmbaradharo hārakeyūrabhūṣitaḥ || 10.1011 ||
sitzt der Glanzvolle, umgeben von acht Stieren, in goldene chinesische Seide gekleidet, mit Halskette und Oberarmreifen geschmückt,
10.1012
dhārayansupradīpte ca sūryamaṇḍalasannibhe |
sphuranmayūkhasaṃghāte kuṇḍale raśmisaṃkule || 10.1012 ||
zwei überaus helle, sonnenscheibengleiche Ohrringe tragend, voll funkelnder Strahlen und dichtem Licht,
10.1013
dhārayanmakuṭaṃ mūrdhni divyaratnavicitritam |
dedīpyamānamatyugraṃ kailāsaśikharopamam || 10.1013 ||
auf dem Haupt eine mit göttlichen Juwelen gestaltete Krone tragend, außerordentlich hell und mächtig wie Kailāsas Gipfel.
10.1014
pralambo 'sya mahāhāraḥ prabhavadraśmisaṃkulaḥ |
gāṅgo himavataḥ śṛṅgāt patito nirjharo yathā || 10.1014 ||
Seine große Halskette hängt herab, voller hervorquellender Strahlen, wie ein Gaṅgā-Wasserfall, der von einem Gipfel Himavats stürzt.
10.1015
triṃśatkoṭisahasraistu triṃśatkoṭiśataistathā |
śūlibhirjaṭibhistryakṣair divyābharaṇabhūṣitaiḥ || 10.1015 ||
Von dreißigtausend Koṭis und dreitausend Koṭis [Rudras], dreizacktragend, mit Haarflechten, dreiäugig und mit göttlichem Schmuck versehen,
10.1016
nānārūpadharair rudrair vṛto bhūtagaṇaistathā |
divyābhirmānasībhiśca nārībhiḥ parivāritaḥ || 10.1016 ||
von diesen vielgestaltigen Rudras und Geisterscharen ist er umgeben, ebenso von göttlichen geistgeborenen Frauen.
10.1017
vimānaśatakoṭībhir āvṛtaḥ sarva eva tu |
mātaraḥ sapta rūpiṇyo nānālaṃkārabhūṣitāḥ || 10.1017 ||
Gänzlich ist er von hundert Koṭis Himmelswagen umringt. Die sieben Mütter, verkörpert und mit vielerlei Schmuck versehen,
10.1018
parivārya mahātmānaṃ samantātparyavasthitāḥ |
brāhmī kamalapatrābhā divyābharaṇabhūṣitā || 10.1018 ||
stehen ringsum und umgeben den Großmächtigen. Brāhmī gleicht einem Lotusblatt und ist mit göttlichem Schmuck versehen.
10.1019
āgneyyāṃ diśi deveśi sthitā vai śrīrivāparā |
śaṅkhagokṣīrasaṃkāśā tv aiśānyāṃ tu varānane || 10.1019 ||
Im Südosten steht sie, Herrin der Götter, wie eine zweite Śrī. Muschel und Kuhmilch gleich, steht im Nordosten, Schönangesichtige,
10.1020
māheśvarī mahātejās tiṣṭhate surapūjitā |
kaumārī padmagarbhābhā hārakeyūrabhūṣitā || 10.1020 ||
Māheśvarī voller Glanz, von den Göttern verehrt. Kaumārī gleicht dem Lotusinneren und trägt Halskette und Oberarmreifen,
10.1021
diśyuttarasyāṃ deveśi kāminīparyupāsitā |
snigdhanīlotpalanibhā hārakuṇḍalamaṇḍaitā || 10.1021 ||
in nördlicher Richtung, Herrin der Götter, von Frauen verehrt. Einer glänzenden blauen Wasserlilie gleich, mit Halskette und Ohrringen geschmückt,
10.1022
dakṣiṇasyāṃ diśi tu sā upāste parameśvaram |
vaiṣṇavīti ca vikhyātā śivena paramātmanā || 10.1022 ||
verehrt die als Vaiṣṇavī Bekannte in südlicher Richtung den höchsten Herrn; von Śiva, dem höchsten Selbst, [ist sie so benannt oder eingesetzt].
10.1023
nīlajīmūtasaṃkāśā sarvābharaṇabhūṣitā |
vāruṇyāṃ diśi deveśi vārāhī paryupasthitā || 10.1023 ||
Einer blauen Regenwolke gleich und mit allem Schmuck versehen, steht Vārāhī im Westen bereit, Herrin der Götter.
10.1024
śaṅkhakundendudhavalā hārakuṇḍalamaṇḍitā |
aindryāṃ diśi ca sā devī indrāṇī paryupasthitā || 10.1024 ||
Weiß wie Muschel, Jasmin und Mond, mit Halskette und Ohrringen geschmückt, steht die Göttin Indrāṇī im Osten bereit.
10.1025
karālavadanā dīptā sarvābharaṇabhūṣitā |
nairṛtyāṃ diśi cāmuṇḍā upāste parameśvaram || 10.1025 ||
Mit furchtbarem Gesicht, leuchtend und mit allem Schmuck versehen, verehrt Cāmuṇḍā im Südwesten den höchsten Herrn.
10.1026
na tyajanti hi tā devaṃ sarvabhāvasamanvitam |
aṃśena mānuṣaṃ lokaṃ brahmaṇā cāvatāritāḥ || 10.1026 ||
Sie verlassen den Gott, der mit allen Seinsformen verbunden ist, nicht. Mit einem Anteil wurden sie von Brahmā in die Menschenwelt herabgebracht,
10.1027
asurāṇāṃ vadhārthāya manuṣyāṇāṃ hitāya ca |
tapastaptvā mahāghoraṃ brahmaṇā lokadhāriṇā || 10.1027 ||
zur Tötung der Asuras und zum Wohl der Menschen, nachdem Brahmā, der Weltenträger, überaus strenge Askese geübt hatte.
10.1028
ruroścaiva vadhārthāya mayāpi tvavatāritāḥ |
svacchandāstu parāścānyāḥ paravyomni vyavasthitāḥ || 10.1028 ||
Auch ich ließ sie zur Tötung Rurus herabsteigen. Andere, höhere, frei selbstbestimmte [Mütter] befinden sich im höchsten Raum,
10.1029
svacchandaṃ paryupāsīnāḥ parāparavibhāgataḥ |
umaiva saptadhā bhūtvā nāmarūpaviparyayaiḥ || 10.1029 ||
und verehren Svacchanda nach der Gliederung in Höheres und Niederes. Umā selbst wurde durch Wechsel von Namen und Gestalten siebenfach.
10.1030
evaṃ sa bhagavāndevo mātṛbhiḥ parivāritaḥ |
āste paramayā lakṣmyā tatrastho dyotayañjagat || 10.1030 ||
So sitzt der erhabene Gott, von den Müttern umgeben, in höchster Herrlichkeit und erhellt von dort die Welt.
10.1031
asyopari tathā cāṣṭau mūrtayastasya dhīmataḥ |
śarvo bhavaśca bhagavān rudraḥ paśupatistathā || 10.1031 ||
Darüber befinden sich die acht Gestalten dieses Weisen: Śarva, Bhava, der erhabene Rudra und Paśupati,
10.1032
īśānaścaiva bhīmaśca mahādevogra eva ca |
etābhiḥ kurute śarvo mūrtibhiḥ sṛṣṭimuttamām || 10.1032 ||
Īśāna, Bhīma, Mahādeva und Ugra. Durch diese Gestalten vollzieht Śarva die vorzügliche Schöpfung.
10.1033
bhūmirāpo 'nalo vāyur ākāśaṃ sūrya eva ca |
somaśca yajamānaścety aṣṭau sṛṣṭiriyaṃ smṛtā || 10.1033 ||
Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum, Sonne, Mond und Opferherr gelten als diese achtfache Schöpfung.
10.1034
sarvātmanā tu te tasminn anyatraikāṃśataḥ sthitāḥ |
evamasminsthito devo brahmalokordhvatastathā || 10.1034 ||
Mit ihrem ganzen Wesen sind sie in ihm, anderswo nur mit einem Anteil. So befindet sich der Gott hier und ebenso oberhalb der Brahmāwelt,
10.1035
merośca mūrdhanīśāno yogāṣṭakamatheṣyate |
śrīkaṇṭha iti nāmnā ca kailāsanilayastathā || 10.1035 ||
als Īśāna auf Merus Gipfel, [im] Yoga-Achterkreis und unter dem Namen Śrīkaṇṭha, ebenso als Bewohner Kailāsas [Satzanschluss uneben].
10.1036
śarvādyābhiśca tanubhir aṣṭābhirvyāpya tiṣṭhati |
ye tu māheśvaraṃ yogaṃ saguṇaṃ paryupāsate || 10.1036 ||
Mit den acht Gestalten von Śarva an durchdringt er alles. Wer den mit Eigenschaften versehenen Yoga des großen Herrn übt,
10.1037
bhaktyā ca brahmacaryeṇa satyena ca damena ca |
dṛṣṭvā dehasthamātmānaṃ te 'tra yānti manīṣiṇaḥ || 10.1037 ||
mit Hingabe, Keuschheit, Wahrheit und Selbstbeherrschung, und das im Körper befindliche Selbst schaut, gelangt als Einsichtiger hierher.
10.1038
dṛṣṭvā ca maṇḍalaṃ tasya bhaktyā ca parayā bhṛśam |
muktadvaitā yatātmānas tatra yānti manīṣiṇaḥ || 10.1038 ||
Die Einsichtigen, die seinen Kreis gesehen haben und mit höchster Hingabe erfüllt sind, von Zweiheit frei und selbstbeherrscht, gelangen dorthin.
10.1039
teṣāṃ caivopariṣṭāttu suśivā dvādaśa sthitāḥ |
vāmo bhīmastatheśaśca śivaḥ śarvastathaiva ca || 10.1039 ||
Darüber befinden sich zwölf Suśivas: Vāma, Bhīma, Īśa, Śiva und Śarva,
10.1040
vidyānāmadhipaścaiva ekavīraḥ pracaṇḍadhṛt |
īśānaścāpyumābhartā ajeśo 'nanta eva ca || 10.1040 ||
der Herr der Vidyās, Ekavīra, Pracaṇḍadhṛt, Īśāna, Umābhartṛ, Ajeśa und Ananta,
10.1041
tathā ekaśivaścāpi suśivā dvādaśa smṛtāḥ |
sarve kuṅkumasaṃkāśāḥ sūryakoṭisamaprabhāḥ || 10.1041 ||
und ebenso Ekaśiva gelten als zwölf Suśivas [die überlieferte Liste ergibt dreizehn Namen]. Alle gleichen Safran und strahlen wie Millionen Sonnen.
10.1042
bhuvaneṣu vicitreṣu śaṅkhākāreṣu saṃsthitāḥ |
ata ūrdhvaṃ vīrabhadro maṇḍalādhipatiḥ prabhuḥ || 10.1042 ||
Sie befinden sich in vielfältigen muschelförmigen Welten. Darüber ist Vīrabhadra als Herr des Kreises.
10.1043
tatsāyujyamanuprāpya tenaiva saha modate |
ata ūrdhvaṃ mahādevi mahādevāṣṭakaṃ viduḥ || 10.1043 ||
Wer die Vereinigung mit ihm erreicht, erfreut sich gemeinsam mit ihm. Darüber kennt man die Mahādeva-Achtergruppe, große Göttin.
10.1044
mahādevo mahātejā vāmadevabhavodbhavau |
ekapiṅgekṣaṇeśānau bhuvaneśapuraḥsarāḥ || 10.1044 ||
Mahādeva, Mahātejas, Vāmadeva und Bhavodbhava, Ekapiṅgekṣaṇa und Īśāna, mit Bhuvaneśa als Führer,
10.1045
aṅguṣṭhamātrasahitā mahādevāṣṭake śivāḥ |
māyāñjanavinirmuktāḥ parameśānasaṃmatāḥ || 10.1045 ||
zusammen mit Aṅguṣṭhamātra: Diese Śivas der Mahādeva-Achtergruppe sind frei von Māyās Färbung und vom höchsten Īśāna anerkannt.
10.1046
buddhitattve samāsane bhuvaneśā mayoditāḥ |
athordhvaṃ guṇatattvaṃ tu tasmiṃścaiva vyavasthitam || 10.1046 ||
Damit habe ich die Weltenherren im Buddhi-Prinzip kurz genannt. Darüber liegt das Guṇa-Prinzip, und darin befinden sich
10.1047
gurupaṅktitrayaṃ divyaṃ guṇairantaritaṃ sthitam |
prathamā tamasaḥ paṅktir upariṣṭādvyavasthitā || 10.1047 ||
drei göttliche Lehrerreihen, durch die Guṇas voneinander getrennt. Die erste Reihe ist oberhalb von Tamas angeordnet.
10.1048
teṣāṃ nāmāni kathyante yathāvadanupūrvaśaḥ |
śivaḥ prabhurvāmadevaś caṇḍaścaiva pratāpavān || 10.1048 ||
Ihre Namen werden sachgemäß der Reihe nach genannt: Śiva, Prabhu, Vāmadeva und der mächtige Caṇḍa,
10.1049
prahlādaścottamo bhīmaḥ karālaḥ piṅgalastathā |
mahendro dinakṛccaiva pratodo dakṣa eva ca || 10.1049 ||
Prahlāda, Uttama, Bhīma, Karāla, Piṅgala, Mahendra, Dinakṛt, Pratoda und Dakṣa,
10.1050
kalevaraśca vikhyātas tathā caiva kaṭaṅkaṭaḥ |
ambuhartā ca nārīśaḥ śveta ṛgveda eva ca || 10.1050 ||
der bekannte Kalevara, Kaṭaṅkaṭa, Ambuhartṛ, Nārīśa, Śveta und Ṛgveda,
10.1051
yajurvedaḥ sāmavedas tv atharvā suśivastathā |
virūpākṣastathā jyeṣṭho vipro nārāyaṇastathā || 10.1051 ||
Yajurveda, Sāmaveda, Atharvan, Suśiva, Virūpākṣa, Jyeṣṭha, Vipra und Nārāyaṇa,
10.1052
gaṇḍo naro yamo mālī gahaneśaśca pīḍanaḥ |
prathamā paṅktiruddiṣṭā rudrairdvātriṃśatā smṛtā || 10.1052 ||
Gaṇḍa, Nara, Yama, Mālin, Gahaneśa und Pīḍana. Die erste Reihe gilt als zweiunddreißig Rudras [bei der naheliegenden Segmentierung ergeben sich vierunddreißig].
10.1053
rajasaścopariṣṭāttu dvitīyā paṅktirucyate |
śuklo dāsaḥ sudāsaśca lokākṣaḥ sūrya eva ca || 10.1053 ||
Oberhalb von Rajas wird die zweite Reihe angesetzt: Śukla, Dāsa, Sudāsa, Lokākṣa und Sūrya,
10.1054
suhotra ekapādaśca gṛhaścaiva śiveśvaraḥ |
gautamaścaiva yogīśo dadhibāhustathāparaḥ || 10.1054 ||
Suhotra, Ekapāda, Gṛha, Śiveśvara, Gautama, Yogīśa und ferner Dadhibāhu,
10.1055
ṛṣabhaścaiva gokarṇo devaścaiva maheśvaraḥ |
guhyeśānaḥ śikhaṇḍī ca jaṭī mālī tathograkaḥ || 10.1055 ||
Ṛṣabha, Gokarṇa, Deva, Maheśvara, Guhyeśāna, Śikhaṇḍin, Jaṭin, Mālin und Ugraka,
10.1056
bhṛguḥ śikhi tathā śūlī sugatiśca supālanaḥ |
aṭṭahāso dārukaśca lāṅgaliścātidaṇḍakaḥ || 10.1056 ||
Bhṛgu, Śikhin, Śūlin, Sugati, Supālana, Aṭṭahāsa, Dāruka, Lāṅgalin und Atidaṇḍaka,
10.1057
bhavanaśca tathā bhavyo lakuleśastathaiva ca |
triṃśadrudrāḥ samākhyātā dvitīyā paṅktiruttamā || 10.1057 ||
Bhavana, Bhavya und Lakuleśa. Dreißig Rudras werden genannt: die vorzügliche zweite Reihe [die überlieferte Liste lässt mehr als dreißig Namen abtrennen].
10.1058
sattvasya copariṣṭāttu tṛtīyā paṅktirucyate |
devo 'ruṇo dīrghabāhur atibhūtiśca sthāṇukaḥ || 10.1058 ||
Oberhalb von Sattva wird die dritte Reihe angesetzt: Deva, Aruṇa, Dīrghabāhu, Atibhūti und Sthāṇuka,
10.1059
sadyojātastathā jhiṇṭhi ṣaṇmukhaścaturānanaḥ |
cakrapāṇiśca kūrmākhyas tv ardhanārīśvarastathā || 10.1059 ||
Sadyojāta, Jhiṇṭhi, Ṣaṇmukha, Caturānana, Cakrapāṇi, der Kūrma Genannte und Ardhanārīśvara,
10.1060
kapālī bhūrbhuvaścaiva vaṣaṭkārastathaiva ca |
vauṣaṭkārastathā svāhā svadhā ca parikīrtitaḥ || 10.1060 ||
Kapālin, Bhūḥ, Bhuvaḥ, Vaṣaṭkāra, Vauṣaṭkāra, Svāhā und Svadhā,
10.1061
saṃvartakaśca bhasmeśaḥ kāmanāśana eva ca |
ekaviṃśatirudrāstu paṅktireṣā tṛtīyakā || 10.1061 ||
Saṃvartaka, Bhasmeśa und Kāmanāśana. Als einundzwanzig Rudras gilt diese dritte Reihe [bei der hier gewählten Segmentierung zweiundzwanzig].
10.1062
jñānayogabalopetāḥ krīḍante daiśikottamāḥ |
saṃsārapāśanirmuktāḥ mahāmohavivarjitāḥ || 10.1062 ||
Mit der Kraft von Erkenntnis und Yoga versehen, spielen diese vorzüglichen Lehrer, frei von den Fesseln des Saṃsāra und von großer Verblendung.
10.1063
trinetrā guravaḥ sarve śuddhasphaṭikanirmalāḥ |
sarvajñāḥ sarvagāścaiva lokānugrahakārakāḥ || 10.1063 ||
Alle Lehrer sind dreiäugig, makellos wie reiner Kristall, allwissend und allgegenwärtig und erweisen den Welten Gnade.
10.1064
gajākārāṇi divyāni sarveṣāṃ bhuvanāni tu |
buddheḥ prakṛtiparyante ye rudrāstānnibodha me || 10.1064 ||
Ihre sämtlichen göttlichen Welten haben Elefantengestalt. Höre nun von den Rudras zwischen Buddhi und Prakṛti.
10.1065
śatadvayaṃ saptakaṃ ca bhuvanānāṃ varānane |
antarbhūtāḥ sthitāścānye ye te noktā varānane || 10.1065 ||
Zweihundertsieben Welten [werden genannt], Schönangesichtige. Andere, die ich nicht genannt habe, sind darin enthalten.
10.1066
guṇānāmupariṣṭāttu pradhānaṃ parikīrtitam |
tatra ye saṃsthitā rudrāḥ kathayāmi samāsataḥ || 10.1066 ||
Oberhalb der Guṇas wird Pradhāna angesetzt. Die dort befindlichen Rudras nenne ich kurz:
10.1067
krodheśvaraśca saṃvarto jyotiḥ piṅgalakrūradṛk |
pañcāntakaikavīrau ca śikhedasahiteśvarāḥ || 10.1067 ||
Krodheśvara, Saṃvarta, Jyotis, Piṅgala, Krūradṛś, Pañcāntaka und Ekavīra sowie die mit Śikheda verbundenen Herren [letzte Wortgruppe unsicher].
10.1068
tattve tu prākṛte rudra mahāvīryāḥ prakīrtitāḥ |
guṇānāṃ yā parākāṣṭhā tatpradhānamihocyate || 10.1068 ||
Im Prakṛti-Prinzip werden diese sehr kraftvollen Rudras angesetzt. Die äußerste Stufe der Guṇas wird hier Pradhāna genannt.
10.1069
ataḥ puruṣatattve tu bhuvanāni nibodha me |
ambā ca salilā oghā vṛṣṭiḥ sārdhaṃ ca tārayā || 10.1069 ||
Höre nun von den Welten im Puruṣa-Prinzip: Ambā, Salilā, Oghā, Vṛṣṭi zusammen mit Tārā,
10.1070
sutārā ca sunetrā ca kumārī ca tataḥ param |
uttamāmbhasikā caiva tuṣṭayo nava kīrtitāḥ || 10.1070 ||
Sutārā, Sunetrā, Kumārī und danach Uttamāmbhasikā werden als die neun Zufriedenheiten genannt.
10.1071
tārā caiva sutārā ca tārayantī pramodikā |
pramoditā modamānā ramyakā ca tataḥ param || 10.1071 ||
Tārā, Sutārā, Tārayantī, Pramodikā, Pramoditā, Modamānā und danach Ramyakā,
10.1072
sadāpramudikā caiva siddhyaṣṭakamudāhṛtam |
aṇimā laghimā caiva mahimā prāptireva ca || 10.1072 ||
und Sadāpramudikā werden als Achtergruppe der Vollendungen genannt. Kleinheit, Leichtigkeit, Größe und Erreichung,
10.1073
prākāmyaṃ ca tatheśitvaṃ vaśitvaṃ yadudāhṛtam |
yatrakāmāvasāyitvam aṇimādyaṣṭakaṃ smṛtam || 10.1073 ||
ungehindertes Wünschen, Herrschaft, Beherrschung und Bestimmung nach eigenem Wunsch gelten als die acht Kräfte vom Kleinwerden an.
10.1074
athordhvaṃ guruśiṣyāṇāṃ paṅktitrayamataḥ śṛṇu |
maskarī pūraṇaḥ kṛtsnaḥ kapilaḥ kāśa evaca || 10.1074 ||
Höre nun darüber die drei Reihen von Lehrern und Schülern: Maskarin, Pūraṇa, Kṛtsna, Kapila und Kāśa,
10.1075
sanatkumāragautamav asiṣṭhādyāṃśakāstathā |
kaśyapo nāsiketuśca gālavo bhautikastathā || 10.1075 ||
Sanatkumāra, Gautama, Vasiṣṭha und die von ihnen stammenden Anteile, Kaśyapa, Nāsiketu, Gālava und Bhautika [Worttrennung im ersten Halbvers unklar],
10.1076
śākalyaśca samākhyāto durvāsāḥ paramas tv ṛṣiḥ |
vālmīkiśca guruśreṣṭhaḥ saparāśaragālavaḥ || 10.1076 ||
der genannte Śākalya, Durvāsas als höchster Ṛṣi, Vālmīki als vorzüglicher Lehrer zusammen mit Parāśara und Gālava,
10.1077
pippalādāśca saumitrir vāyuputro bhadantakaḥ |
maskaryādibhadantāntā dṛṣṭādṛṣṭasya vādinaḥ || 10.1077 ||
Pippalāda, Saumitri, Vāyuputra und Bhadantaka. Von Maskarin bis Bhadanta [reichen] die Vertreter des Sichtbaren und Unsichtbaren.
10.1078
dvāviṃśatirguruvarāḥ prathamā paṅktiriṣyate |
jahnuśca tṛṇabinduśca munistārkṣyastathaiva ca || 10.1078 ||
Zweiundzwanzig vorzügliche Lehrer bilden die erste Reihe [die genaue Namenszählung ist in der Vorlage nicht gesichert]. Jahnu, Tṛṇabindu, Muni und Tārkṣya,
10.1079
dhyānāśrayo 'tha dīrghaśca hotā jāgara eva ca |
agastyo vasubhaumaśca upādhyāyaśca kīrtitaḥ || 10.1079 ||
Dhyānāśraya, Dīrgha, Hotṛ, Jāgara, Agastya, Vasu und Bhauma sowie Upādhyāya werden genannt,
10.1080
śukro bhṛgvagirā rāmo jamadagnisuto 'dhvagaḥ |
sthūlaśirā bālakhilyo manuśceti prakīrtitaḥ || 10.1080 ||
Śukra, Bhṛgu und Aṅgiras, Rāma als Sohn Jamadagnis, Adhvaga, Sthūlaśiras, Bālakhilya und Manu [Vorlage bhṛgvagirā; KSTS bhṛgvaṅgirā],
10.1081
vajrātreyo viśuddhaśca śivaścārurathānugaḥ |
jahnvādicāruparyantā dvitīyā paṅktiriṣyate || 10.1081 ||
Vajra und Ātreya, Viśuddha, Śiva und anschließend Cāru [Namensgliederung im Anschluss an die angekündigte Fünfundzwanzigzahl; anuga als Beiwort verstanden]. Von Jahnu bis Cāru wird die zweite Reihe angesetzt.
10.1082
haro jhiṇṭhī pratodaśca amareśaścaturthakaḥ |
kṛṣṇapiṅgeśarudraśca indrajidvṛṣakaḥ śivaḥ || 10.1082 ||
Hara, Jhiṇṭhin, Pratoda und als vierter Amareśa, Kṛṣṇapiṅgeśa und Rudra, Indrajit, Vṛṣaka und Śiva,
10.1083
yamaḥ krūraśca vikhyāto gaṅgādhara umāpatiḥ |
bhūteśvaraḥ kapālīśaḥ śaṅkaraśca tathaiva ca || 10.1083 ||
Yama, der bekannte Krūra, Gaṅgādhara, Umāpati, Bhūteśvara, Kapālīśa und Śaṅkara,
10.1084
ardhanārīśvaraścaiva piṅgalaśca tathāparaḥ |
mahākālaśca saṃvarto maṇḍalī tvekavīrakaḥ || 10.1084 ||
Ardhanārīśvara, ferner Piṅgala, Mahākāla, Saṃvarta, Maṇḍalin und Ekavīraka,
10.1085
tathā cānyaśca vikhyāto bhārabhūteśvaro dhruvaḥ |
jahnvādicāruparyantā ṛṣayaḥ pañcaviṃśatiḥ || 10.1085 ||
ferner der bekannte Bhārabhūteśvara und Dhruva. Die Ṛṣis von Jahnu bis Cāru werden als fünfundzwanzig gezählt.
10.1086
harādayo dhruvāntāśca guravo viṃśatiḥ smṛtāḥ |
paṅktitrayaṃ samākhyātam ṛṣīṇāṃ guruśiṣyayoḥ || 10.1086 ||
Die Lehrer von Hara bis Dhruva gelten als zwanzig [die überlieferte Liste lässt mehr Namen abtrennen]. Damit sind die drei Reihen von Ṛṣis, Lehrern und Schülern beschrieben.
10.1087
nāḍīvidyāṣṭakaṃ devi kathayāmi tvataḥ param |
iḍā ca candriṇī gaurī śāntiḥ śāntikarī tathā || 10.1087 ||
Nun nenne ich die Achtergruppe der Kanal-Vidyās, Göttin: Iḍā, Candriṇī, Gaurī, Śānti und Śāntikarī,
10.1088
mālā ca mālinī caiva svāhā caiva svadhā tathā |
athopariṣṭāddeveśi vigrahāṣṭakamucyate || 10.1088 ||
Mālā, Mālinī, Svāhā und Svadhā [neun Namen bei angekündigten acht]. Darüber, Herrin der Götter, wird die Achtergruppe der Gestalten genannt:
10.1089
kāryaṃ ca karaṇaṃ caiva sukhaduḥkhakaraṃ tathā |
jñānaṃ sādhyaṃ ca vikhyātaṃ sādhanaṃ kāraṇaṃ tathā || 10.1089 ||
Wirkung, Werkzeug, das Glückbewirkende, das Leidbewirkende, Erkenntnis, das zu Verwirklichende, das Mittel und die Ursache.
10.1090
dehapāśānato vakṣye dharmaṃ ca daśadhoditam |
ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryamakalkatā || 10.1090 ||
Nun erläutere ich die körperlichen Fesseln und den zehnfach gelehrten Dharma: Nichtverletzen, Wahrheit, Nichtstehlen, Keuschheit und Lauterkeit,
10.1091
akrodho guruśuśrūṣā śaucaṃ santoṣa ārjavam |
evaṃ daśavidho dharmo yenokto dharmakṛnnaraḥ || 10.1091 ||
Zornlosigkeit, Dienst am Guru, Reinheit, Zufriedenheit und Aufrichtigkeit. Dies ist der zehnfache Dharma; wer mit ihm verbunden ist, heißt rechtschaffener Mensch.
10.1092
vikārānṣoḍaśākhyāsye parabhāvena saṃsthitān |
raso gandhaśca rūpaṃ ca sparśaḥ śabdastathaivaca || 10.1092 ||
Ich nenne die sechzehn Umgestaltungen, die in einer höheren Seinsform bestehen: Geschmack, Geruch, Gestalt, Berührung und Laut
10.1093
tanmātrapañcakaṃ khyātam indriyāṇi nibodha me |
vākpāṇipādaṃ pāyuśca upasthaḥ karmasaṃjñakam || 10.1093 ||
werden als die fünf feinen Qualitäten genannt. Höre nun die Organe: Rede, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Geschlechtsorgan heißen Handlungsorgane.
10.1094
śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā nāsikā pañcamī smṛtā |
buddhīndriyāṇi deveśi manaḥ ṣoḍaśakaṃ smṛtam || 10.1094 ||
Gehör, Haut, Augen, Zunge und als fünfte Nase sind die Erkenntnisorgane, Herrin der Götter. Das Denken gilt als sechzehntes.
10.1095
dehapāśāḥ samākhyātāḥ atobuddhiguṇānviduḥ |
dharmojñānaṃ ca vairāgyam aiśvaryaṃ ca tataḥ param || 10.1095 ||
Damit sind die körperlichen Fesseln erklärt. Nun kennt man als Eigenschaften der Buddhi: Dharma, Erkenntnis, Leidenschaftslosigkeit und Herrschaft,
10.1096
adharmaśca tathājñānam avairāgyamanīśitā |
ahaṃkāraṃ ca trividhaṃ pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ || 10.1096 ||
Unrecht, Unwissenheit, fehlende Leidenschaftslosigkeit und Ohnmacht. Das dreifache Ichbewusstsein werde ich der Reihe nach erklären:
10.1097
vaikārikaṃ taijasaṃ ca bhūtādiṃ ca yathākramam |
dīkṣākāle yathā śuddhis tathā caiṣāṃ nibodha me || 10.1097 ||
Vaikārika, Taijasa und Bhūtādi in dieser Reihenfolge. Höre nun, wie ihre Reinigung bei der Einweihung erfolgt.
10.1098
tamo rajastathā sattvaṃ śodhayedanupūrvaśaḥ |
śabdaḥ sparśastathā rūpaṃ raso gandhaśca pañcamaḥ || 10.1098 ||
Tamas, Rajas und Sattva soll man der Reihe nach reinigen. Laut, Berührung, Gestalt, Geschmack und als fünfter Geruch
10.1099
viṣayāśca samākhyātāḥ śodhanīyāḥ prayatnataḥ |
kāmaḥ krodhaśca lobhaśca mohaḥ paiśunyameva ca || 10.1099 ||
werden als Gegenstände bezeichnet; sie sind sorgfältig zu reinigen. Begehren, Zorn, Gier, Verblendung und Verleumdung,
10.1100
janmamṛtyujarāvyādhikṣuttṛṭtṛṣṇāstathaiva ca |
viṣādaśca bhayaṃ caiva mado harṣaṇameva ca || 10.1100 ||
Geburt, Tod, Alter, Krankheit, Hunger, Durst und Verlangen, Niedergeschlagenheit, Furcht, Übermut und Hochgefühl,
10.1101
rāgo dveṣaśca vaicittyaṃ kupitānṛtadrohitā |
māyā mātsaryadharmaśca adharmaścāsvatantratā || 10.1101 ||
Anhaftung, Abneigung, Zerstreutheit, Erregung, Unwahrheit, Feindseligkeit, Täuschung, Neid, Recht, Unrecht und Unselbstständigkeit
10.1102
āgantukāśca bodhavyāḥ gaṇapāśānnibodha me |
devī nandimahākālau gaṇeśo vṛṣabhastathā || 10.1102 ||
sind als hinzugekommene [Fesseln] zu verstehen. Höre nun die Fesseln der Gefolgschaft: die Göttin, Nandin, Mahākāla, Gaṇeśa und Vṛṣabha,
10.1103
bhṛṅgī caṇḍīśvaraścaiva kārtikeyo 'ṣṭamaḥ smṛtaḥ |
anantastritanuḥ sūkṣmaḥ śrīkaṇṭhaśca śivottamaḥ || 10.1103 ||
Bhṛṅgin, Caṇḍīśvara und als achter Kārttikeya. Ananta, Tritanu, Sūkṣma, Śrīkaṇṭha und Śivottama,
10.1104
śikhaṇḍī caikanetraśca ekarudrastathāparaḥ |
vidyeśvarātmakānpāśān dīkṣākāle viśodhayet || 10.1104 ||
Śikhaṇḍin, Ekanetra und ferner Ekarudra: Die Fesseln in Gestalt der Vidyeśvaras sind bei der Einweihung zu reinigen.
10.1105
uktānuktāśca ye cātra anyatantroktalakṣaṇāḥ |
pauruṣeye tu śodhyāste tato mucyeta pudgalaḥ || 10.1105 ||
Die genannten und ungenannten [Fesseln] hier, auch jene, deren Merkmale andere Tantras lehren, sind im Puruṣa-Prinzip zu reinigen; dann wird das Individuum befreit.
10.1106
athordhve niyatirjñeyā tasyāṃ rudrānnibodha me |
vāmadevastathā śarvas tathā caiva bhavodbhavau || 10.1106 ||
Darüber ist Niyati zu kennen. Höre von den Rudras darin: Vāmadeva, Śarva, Bhava und Udbhava,
10.1107
vajradehaḥ prabhuścaiva dhātā ca kramavikramau |
suprabhedaśca daśamo niyatyāṃ śaṅkarāḥ smṛtāḥ || 10.1107 ||
Vajradeha, Prabhu, Dhātṛ, Krama und Vikrama sowie als zehnter Suprabheda gelten als Śaṃkaras in Niyati.
10.1108
yattaddhṛdi sthitaṃ padmam ātmā tatra vyavasthitaḥ |
niyatidalamahaṅkāra kesaraṃ buddhikarṇikam || 10.1108 ||
In dem im Herzen befindlichen Lotus wohnt das Selbst; seine Blätter sind Niyati, seine Staubfäden das Ichbewusstsein und sein Fruchtboden die Buddhi.
10.1109
kālatattve śivā jñeyā kathayāmi samāsataḥ |
śuddho buddhaḥ prabuddhaśca praśāntaḥ paramākṣaraḥ || 10.1109 ||
Die Śivas im Zeitprinzip sind zu kennen; ich nenne sie kurz: Śuddha, Buddha, Prabuddha, Praśānta und Paramākṣara,
10.1110
śivaśca suśivaścaiva dhruvaścākṣaraśambhurāṭ |
daśaite tu śivā jñeyāḥ kālatattve varānane || 10.1110 ||
Śiva, Suśiva, Dhruva, Akṣara und Śaṃbhurāj. Diese zehn Śivas sind im Zeitprinzip zu kennen, Schönangesichtige.
10.1111
hemābhāḥ śaṅkarāḥ proktāḥ śivaḥ sphaṭikasannibhāḥ |
ekaikasya vinirdiṣṭā parivāro yaśasvini || 10.1111 ||
Die Śaṃkaras werden als goldglänzend beschrieben, die Śivas als kristallgleich. Für jeden wird die Gefolgschaft angegeben, Ruhmreiche:
10.1112
koṭirekā tathānyāni sahasrāṇi tu ṣoḍaśa |
kūrmākārāṇi sarveṣāṃ proktāni bhuvanāni tu || 10.1112 ||
eine Koṭi und weitere sechzehntausend. Sämtliche ihrer Welten werden als schildkrötenförmig beschrieben.
10.1113
ata ūrdhvaṃ hariharau rāgatattve nibodha me |
suhṛṣṭaḥ suprahṛṣṭaśca surūpo rūpavardhanaḥ || 10.1113 ||
Höre darüber von Hari und Hara im Rāga-Prinzip. Suhṛṣṭa, Suprahṛṣṭa, Surūpa und Rūpavardhana,
10.1114
manonmano mahādhīraḥ vīreśāḥ parikīrtitāḥ |
rāgatattve pravakṣyāmi ye 'nye rudrā vyavasthitāḥ || 10.1114 ||
Manonmana und Mahādhīra werden als Vīreśas genannt. Ich erkläre die weiteren Rudras, die im Rāga-Prinzip angeordnet sind.
10.1115
kalyāṇaḥ piṅgalo babhrur vīraśca prabbhavastathā |
medhātithiścchandakaśca dāhakaḥ śāstrakāriṇaḥ || 10.1115 ||
Kalyāṇa, Piṅgala, Babhru, Vīra, Prabhava, Medhātithi, Chandaka, Dāhaka und die Verfasser von Schriften [Namensgrenzen unklar]:
10.1116
pañcaśiṣyāstathācāryā daśaite saṃvyavasthitāḥ |
vidyātattvamataścordhvaṃ tasminvai bhuvanaṃ śṛṇu || 10.1116 ||
fünf Schüler und ebenso [fünf] Lehrer, diese zehn sind dort angeordnet. Darüber liegt das Vidyā-Prinzip; höre von seiner Welt.
10.1117
vāmo jyeṣṭhaśca raudraśca kalo vikaraṇastathā |
balavikaraṇaścaiva balapramathanastathā || 10.1117 ||
Vāma, Jyeṣṭha, Raudra, Kala, Vikaraṇa, Balavikaraṇa und Balapramathana,
10.1118
sarvabhūtadamanaśca tathā caiva manonmanaḥ |
kalātattve mahādevi mahādevatrayaṃ sthitam || 10.1118 ||
Sarvabhūtadamana und Manonmana [befinden sich dort]. Im Kalā-Prinzip, große Göttin, steht eine Dreiergruppe von Mahādevas:
10.1119
mahādevo mahātejā mahājyotiḥ pratāpavān |
kalātattvaṃ samākhyātaṃ samāsena varānane || 10.1119 ||
Mahādeva, Mahātejas und der mächtige Mahājyotis. Damit ist das Kalā-Prinzip kurz erklärt, Schönangesichtige.
10.1120
ete rudrā mahādevi trinetrāścandraśekharāḥ |
rudrakoṭisahasraistu samantātparivāritāḥ || 10.1120 ||
Diese Rudras, große Göttin, sind dreiäugig und mondgekrönt, ringsum von Tausenden von Kotis Rudras umgeben.
10.1121
śuddhasphaṭikasaṅkāśāḥ yogaiśvaryabalānvitāḥ |
rāge raktāstu vijñeyā jñānayogabalotkaṭāḥ || 10.1121 ||
Sie gleichen reinem Kristall und besitzen die Kraft yogischer Herrschaft. Diejenigen in Rāga sind als rot zu verstehen, von gewaltiger Erkenntnis- und Yogakraft.
10.1122
chatrākārāstu teṣāṃ vai gṛhā ratnavicitritāḥ |
upariṣṭādbhavenmāyā kathayāmi samāsataḥ || 10.1122 ||
Ihre Wohnstätten sind schirmförmig und kunstvoll mit Juwelen verziert. Darüber liegt Māyā; ich werde sie kurz erklären.
10.1123
vyāpya yā vai tvadhodhvānaṃ vaiśvarūpyeṇa saṃsthitā |
tatra rudrā mahābhāgā dvādaśaiva mahābalāḥ || 10.1123 ||
Sie durchdringt den unteren Wirklichkeitsweg und besteht in Allgestalt. Dort befinden sich zwölf hochbegnadete, sehr starke Rudras:
10.1124
gahanaśca asādhyaśca tathā hariharaḥ prabhuḥ |
daśeśānaśca deveśi trigalo gopatistathā || 10.1124 ||
Gahana, Asādhya, der Herr Harihara, Daśeśāna, Herrin der Götter, Trigala und Gopati,
10.1125
adhaḥpuṭe tu vijñeyā māyātattve varānane |
kṣemeśo brahmaṇaḥ svāmī vidyeśānastathaiva ca || 10.1125 ||
sie sind in der unteren Hülle des Māyā-Prinzips zu kennen, Schönangesichtige. Kṣemeśa, der Herr Brahmās und Vidyeśāna,
10.1126
vidyeśaśca śaivaścaiva anantaḥ ṣaṣṭha ucyate |
ūrdhvamāyāpuṭasthāstu rudrā ete prakīrtitāḥ || 10.1126 ||
Vidyeśa, Śaiva und als sechster Ananta: Diese Rudras werden als Bewohner der oberen Māyā-Hülle bezeichnet.
10.1127
eṣāṃ madhye tu bhagavān ananteśo jagatpatiḥ |
udbhavaṃ bhāvayitvā tu svecchayā kurute prabhuḥ || 10.1127 ||
Unter ihnen befindet sich der erhabene Ananteśa, der Herr der Welt. Nachdem er das Entstehen vergegenwärtigt hat, verwirklicht er es nach eigenem Willen.
10.1128
sarvajñaḥ sarvakartā ca nigrahānugrahe rataḥ |
prathamena tu bhedena rudrā dvādaśa kīrtitāḥ || 10.1128 ||
Allwissend und alles bewirkend, widmet er sich Beschränkung und Begnadigung. Nach der ersten Einteilung sind zwölf Rudras genannt.
10.1129
asmiṃstu ye yathā rudrā māyātattve vyavasthitāḥ |
tathāhaṃ kathayiṣyāmi bhedatrayavibhāgaśaḥ || 10.1129 ||
Wie die Rudras in diesem Māyā-Prinzip angeordnet sind, werde ich nun gemäß einer Dreiteilung erklären.
10.1130
gopatiśca tato devi adhogranthau vyavasthitaḥ |
granthyūrdhve saṃsthito viśvas trikalaḥ kṣema eva ca || 10.1130 ||
Gopati befindet sich am unteren Knoten, Göttin. Oberhalb des Knotens stehen Viśva, Trikala und Kṣema,
10.1131
brahmaṇo 'dhipatiścaiva śivaśceti sa pañcamaḥ |
adha ūrdhvamanantastu pāśāścaivātra saṃsthitāḥ || 10.1131 ||
der Herr Brahmās und als fünfter Śiva. Unten und oben steht Ananta. Die dort befindlichen Fesseln
10.1132
pūrvaṃ vai kathitā devi ato ṛṣikulaṃ bhavet |
yonirvāgīśvarī caiva yasyāṃ jāto na jāyate || 10.1132 ||
habe ich zuvor genannt, Göttin. Darauf folgt das Geschlecht der Ṛṣis und der Geburtsort Vāgīśvarī; wer in ihr geboren wird, wird nicht wiedergeboren.
10.1133
oṃkārasādhyadhātāro damaneśastataḥ param |
dhyānaṃ bhasmeśamevāhuḥ pramāṇāni tadūrdhvataḥ || 10.1133 ||
Oṃkāra, Sādhya und Dhātṛ, danach Damaneśa; die Meditation wird Bhasmeśa genannt, darüber die Erkenntnismittel [die Liste ist syntaktisch und in ihren Namensgrenzen unsicher].
10.1134
pañcārthaṃ guhyamevāhū rudrāṅkuśamataḥ param |
hṛdayaṃ lakṣaṇaṃ caiva vyuhamākarṣameva ca || 10.1134 ||
Pañcārtha und Guhya werden genannt, danach Rudrāṅkuśa, Hṛdaya, Lakṣaṇa, Vyūha und Ākarṣa,
10.1135
ādarśaṃ ca tathaiveha aṣṭamaṃ parikīrtitam |
ete parivṛtā devi rudrakoṭisahasrakaiḥ || 10.1135 ||
und ebenso Ādarśa als achter. Diese sind von Tausenden von Kotis Rudras umgeben, Göttin.
10.1136
nānāvarṇavicitrāśca nānābbharaṇabhūṣitāḥ |
nānānārīsahasraistu ramante patyuricchayā || 10.1136 ||
Vielfarbig und mit vielerlei Schmuck versehen, vergnügen sie sich auf Wunsch des Herrn mit Tausenden verschiedener Frauen.
10.1137
trinetrāḥ śūlinaḥ sarve jaṭācandrakīrīṭinaḥ |
aluptaśaktivibhavā māyātattvādhikāriṇaḥ || 10.1137 ||
Alle sind dreiäugig, dreizacktragend und tragen Haarflechten, Mond und Krone. Ihre Kraft und Herrlichkeit sind unvermindert; sie verwalten das Māyā-Prinzip.
10.1138
bhuvaneṣu vicitreṣu yonyākāreṣu saṃsthitāḥ |
ataḥ paraṃ bhavenmāyā sarvajantuvimohinī || 10.1138 ||
Sie befinden sich in vielfältigen, yoniartig gestalteten Welten. Darüber liegt Māyā, die alle Lebewesen verblendet.
10.1139
nirvairaparipanthinyā tayā bhramitabuddhayaḥ |
idaṃ tattvamidaṃ neti vivadantīha vādinaḥ || 10.1139 ||
Durch diese ohne persönliche Feindschaft hemmende [Macht] ist die Einsicht der Lehrstreitenden verwirrt; hier streiten sie: „Dies ist die Wahrheit, dies nicht.“
10.1140
satpathaṃ tu parityajya nayati drutamutpatham |
gurudevāgniśāstrasya ye na bhaktā narādhamāḥ || 10.1140 ||
Sie lässt den rechten Weg verlassen und führt rasch auf den Irrweg. Die niedriggesinnten Menschen, die Guru, Gott, Feuer und Schrift nicht ergeben sind,
10.1141
asadyuktivicārajñāḥ śuṣkatarkāvalaṃbinaḥ |
bhramayatyeva tānmāyā hy amokṣe mokṣalipsayā || 10.1141 ||
die sich auf schlechte Begründungen und dürre Logik stützen, lässt Māyā umherirren, indem sie Befreiung in dem suchen, was keine Befreiung ist.
10.1142
śivadīkṣāsinā cchinnā na prarohettu sā punaḥ |
athopari mahāvidyā sarvavidyābhavodbhavā || 10.1142 ||
Durch das Schwert der Śiva-Einweihung abgeschnitten, wächst sie nicht wieder nach. Darüber liegt Mahāvidyā, Ursprung des Entstehens sämtlicher Vidyās,
10.1143
jagataḥ pralayotpattivibhūtinidhiravyayā |
sā eva paramā devī vāgīśīti nigadyate || 10.1143 ||
unvergänglicher Schatz der Macht über Auflösung und Entstehung der Welt. Diese höchste Göttin selbst wird Vāgīśī genannt.
10.1144
aṣṭavargavibhinnā ca vidyā sā mātṛkaiva tu |
bhuvanāni pravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ || 10.1144 ||
In acht Lautgruppen gegliedert, ist diese Vidyā die Mātṛkā. Ihre Welten werde ich sachgemäß der Reihe nach nennen.
10.1145
vāmā jyeṣṭhā tathā raudrī kālī vikaraṇī tathā |
balavikaraṇī caiva balapramathanī tāthā || 10.1145 ||
Vāmā, Jyeṣṭhā, Raudrī, Kālī, Vikaraṇī, Balavikaraṇī und Balapramathanī,
10.1146
damanī sarvabhūtānāṃ tathā caiva manonmanī |
taptacāmīkarākārāḥ pañcavaktrāstrilocanāḥ || 10.1146 ||
die Bezwingerin aller Wesen und Manonmanī: Sie gleichen geschmolzenem Gold, sind fünfgesichtig und dreiäugig,
10.1147
amoghavīryāḥ sarvajñāḥ sarvataḥ sarvadā sthitāḥ |
sarvajñānugatāḥ sarvāḥ sarvābharaṇabhūṣitāḥ || 10.1147 ||
von unfehlbarer Kraft, allwissend, stets überall gegenwärtig, sämtlich dem Allwissenden folgend und mit allem Schmuck versehen,
10.1148
sarvalakṣaṇasampannaḥ sarvaiśvaryasamanvitāḥ |
pradhānāḥ sapta koṭyastu mantrāṇāṃ yā vyavasthitāḥ || 10.1148 ||
mit allen günstigen Merkmalen und aller Herrschaft ausgestattet. Als hauptsächlich sind siebzig Millionen Mantras angeordnet.
10.1149
ekaikasya parīvāro lakṣāyutasahasraśaḥ |
padmākāreṣu divyeṣu krīḍanti bhuvaneṣu te || 10.1149 ||
Jeder besitzt Gefolgschaften zu Hunderttausenden, Zehntausenden und Tausenden. Sie spielen in göttlichen lotusförmigen Welten.
10.1150
triguṇī brahmavetālī sthāṇumatyambikā parā |
rūpiṇī mardinī jvālā saptasaṅkhyāstadīśvarāḥ || 10.1150 ||
Triguṇī, Brahmavetālī, Sthāṇumatī, die höchste Ambikā, Rūpiṇī, Mardinī und Jvālā sind die sieben Herrinnen [parā als Beiwort verstanden].
10.1151
vidyārājñyaḥ samākhyātāḥ dīkṣākāle viśodhayet |
bāhye tasyaiśvaraṃ tattvaṃ bhuvanānyatra me śṛṇu || 10.1151 ||
Sie werden als Königinnen der Vidyās bezeichnet und sind bei der Einweihung zu reinigen. Außerhalb davon liegt das Īśvara-Prinzip; höre von seinen Welten.
10.1152
aṣṭavidyeśvarairyukto vītamāyo nirañjanaḥ |
sthitisaṃhārakartā vai mokṣaiśvaryapradāyakaḥ || 10.1152 ||
Mit den acht Vidyeśvaras verbunden, frei von Māyā und Befleckung, bewirkt [Īśvara] Erhaltung und Einziehung und verleiht Befreiung und Herrschaft.
10.1153
tasyāsanaṃ tu vistīrṇaṃ sahasradalasammitam |
tisraḥ koṭyo 'rdhakoṭiśca mantrāstasyāsane sthitāḥ || 10.1153 ||
Sein ausgedehnter Sitz besitzt tausend Blätter. Fünfunddreißig Millionen Mantras befinden sich auf seinem Sitz.
10.1154
tatrastha īśvaro devo varadaḥ sārvatomukhaḥ |
pañcavaktraḥ sutejasko daśabāhustrilocanaḥ || 10.1154 ||
Dort sitzt Gott Īśvara, Gaben verleihend und nach allen Seiten gewandt, fünfgesichtig, voller Glanz, zehnarmig und dreiäugig,
10.1155
gokṣīradhavalaḥ saumyo nāgayajñopavītavān |
divyāmbaradharo devo divyagandhānulepanaḥ || 10.1155 ||
weiß wie Kuhmilch, sanft, mit einer Schlange als heiliger Schnur, in göttliche Gewänder gekleidet und mit göttlichen Düften gesalbt,
10.1156
sarvalakṣaṇasaṃpūrṇaḥ sarvābharaṇabhūṣitaḥ |
triśūlapāṇīndumaulir jaṭāmukuṭamaṇḍitaḥ || 10.1156 ||
mit allen günstigen Merkmalen und allem Schmuck versehen, mit Dreizack in der Hand und Mond auf dem Haupt, gekrönt von Haarflechten.
10.1157
prasannavadanaḥ kānto yogaiśvaryapradāyakaḥ |
varadābhayahastaśca dhyeyo 'sāvīśayogibhiḥ || 10.1157 ||
Mit heiterem Gesicht, anziehend, yogische Herrschaft verleihend, mit Händen in Gewährungs- und Furchtlosigkeitsgeste ist er von den Īśa-Yogis zu meditieren.
10.1158
tasyotsaṅgagatā vidyā sarvavidyāsamāsritā |
divyavastraparīdhānā divyamālyānulepanā || 10.1158 ||
Auf seinem Schoß sitzt Vidyā, in der alle Vidyās ruhen, in göttliche Gewänder gekleidet und mit göttlichen Girlanden und Salben versehen,
10.1159
divyasragdāmamālābhir muktāhārairvibhūṣitā |
muktāphalapratīkāśā pañcavaktrā trilocanā || 10.1159 ||
mit göttlichen Blumenketten und Perlenketten geschmückt, einer Perle gleich, fünfgesichtig und dreiäugig.
10.1160
ārādhitā vidhānena vedayejjñāninaḥ sadā |
prahasantīva sā bhāti maheśavadanekṣaṇāt || 10.1160 ||
Vorschriftsmäßig verehrt, lässt sie die Wissenden stets erkennen. Sie scheint zu lachen, indem sie auf Maheśas Gesicht blickt.
10.1161
vidyeśvarānato vakṣye pūrvādīśāntagānkramāt |
anantaścaiva sūkṣmaśca tathā caiva śivottamaḥ || 10.1161 ||
Nun nenne ich die Vidyeśvaras, vom Osten bis zum Nordosten der Reihe nach: Ananta, Sūkṣma und Śivottama,
10.1162
ekanetraikarudrau ca trinetraśca prakīrtitaḥ |
śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca jñeyā vidyeśvarāḥ kramāt || 10.1162 ||
Ekanetra, Ekarudra, Trinetra, Śrīkaṇṭha und Śikhaṇḍin sind der Reihe nach als Vidyeśvaras zu kennen.
10.1163
ato rūpamavasthānaṃ tatra rudrānnibodha me |
dharmo jñānaṃ ca vairāgyam aisvaryaṃ ca caturthakam || 10.1163 ||
Darauf [folgt] Rūpāvasthāna; höre von den Rudras darin: Dharma, Jñāna, Vairāgya und als vierter Aiśvarya.
10.1164
sūkṣmāvaraṇamūrdhve 'taḥ tatra śaktitrayaṃ viduḥ |
vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca śaktayaḥ samudāhṛtāḥ || 10.1164 ||
Darüber liegt die feine Hülle. Darin kennt man drei Kräfte: Vāmā, Jyeṣṭhā und Raudrī werden als Śaktis genannt.
10.1165
parivārastu tāsāṃ vai koṭyo 'nekāstu saṅkhyayā |
sarve sarvagatā mantrāḥ sarvajñāḥ sarvakāmadā || 10.1165 ||
Ihre Gefolgschaft umfasst viele Millionen. Alle Mantras sind allgegenwärtig, allwissend und gewähren alle Wünsche,
10.1166
śūddhasphaṭikasaṅkāśās trinetrāḥ śūlapāṇayaḥ |
sarvalakṣaṇasaṃpannāḥ sarvābharaṇabhūṣitāḥ || 10.1166 ||
reinem Kristall gleich, dreiäugig, mit Dreizack in der Hand, mit allen günstigen Merkmalen und allem Schmuck versehen,
10.1167
sarvaiśvaryasusampūrṇāś cārucandrārdhaśekharāḥ |
śatapatrābjabhākāraiḥ śuddhahārenduraśmibhiḥ || 10.1167 ||
vollkommen mit aller Herrschaft ausgestattet und mit einer schönen Mondsichel gekrönt. [Ihre Welten haben] die Gestalt hundertblättriger Lotusse, mit reinen Ketten und Mondstrahlen,
10.1168
nānāratnojjvalaiścitraiḥ prākāraistoraṇākulaiḥ |
īśvarānugatāḥ sarve tiṣṭhanti bhuvaneṣu te || 10.1168 ||
mit bunten, von vielerlei Juwelen leuchtenden Mauern und zahlreichen Torbögen. Īśvara folgend, wohnen sie alle in diesen Welten.
10.1169
tamārādhayituṃ devaṃ pūjyante sarvakarmasu |
vrataṃ pāśupataṃ divyaṃ ye caranti jitendriyāḥ || 10.1169 ||
Um jenen Gott zu verehren, werden sie bei sämtlichen Handlungen verehrt. Diejenigen, die mit besiegten Sinnen das göttliche Pāśupata-Gelübde üben,
10.1170
bhasmaniṣṭhā japadhyānās te vrajantyeśvaraṃ padam |
tatreśvarastu bhagavān devadevo nirañjanaḥ || 10.1170 ||
der Asche, Rezitation und Meditation ergeben, gelangen zu Īśvaras Stätte. Dort versieht der erhabene Īśvara, der unbefleckte Gott der Götter,
10.1171
adhikāraṃ prakurute śivecchāvidhicoditaḥ |
daśa pañca ca śodhyāni bhuvanānīśvare kramāt || 10.1171 ||
sein Amt, vom Gebot des Willens Śivas angetrieben. Fünfzehn Welten sind im Īśvara[-Bereich] der Reihe nach zu reinigen.
10.1172
tālukordhve vijānīyād dīkṣākāle varānane |
śuddhāvaraṇamūrdhvaṃ tu tasmiñcchaktidvayaṃ smṛtam || 10.1172 ||
Bei der Einweihung sind sie oberhalb des Gaumens anzusetzen, Schönangesichtige. Darüber liegt die reine Hülle; darin werden zwei Kräfte genannt:
10.1173
jñānaṃ kriyā ca vikhyātaṃ dve vidye cāpyataḥ param |
bhāvasaṃjñāpyabhāvākhyā tasmiñcchaktidvaye smṛte || 10.1173 ||
Erkenntnis und Handlung. Darüber liegen zwei Vidyās namens Bhāva und Abhāva, die diesen beiden Kräften zugeordnet werden.
10.1174
tejeśaśca dhruveśaśca pramāṇānāṃ paraṃ padam |
pramāṇāvaraṇe cordhve kathayāmi ca mānataḥ || 10.1174 ||
Tejeśa und Dhruveśa [bilden] die höchste Stätte der Erkenntnismittel. Die darüber liegende Pramāṇa-Hülle werde ich ihrem Maß nach erläutern:
10.1175
brahmā rudraḥ pratodaśca anantaśca caturthakaḥ |
suśuddhāvaraṇaṃ cordhve tatra rudratrayaṃ viduḥ || 10.1175 ||
Brahmā, Rudra, Pratoda und als vierter Ananta. Darüber liegt die sehr reine Hülle; darin kennt man drei Rudras:
10.1176
ekākṣaḥ piṅgalo haṃsaḥ kathitaṃ tu samāsataḥ |
śivāvaraṇamūrdhvaṃ tu tatraiko dhruvasaṃjñakaḥ || 10.1176 ||
Ekākṣa, Piṅgala und Haṃsa sind kurz genannt. Darüber liegt die Śiva-Hülle, darin einer namens Dhruva.
10.1177
saṃsthito rudrarājasya mokṣāvaraṇamūrdhvataḥ |
ekādaśaiva rudrāṃśca kathayāmi samāsataḥ || 10.1177 ||
[Darüber] liegt die Befreiungshülle des Rudrakönigs [Satzfügung unklar]. Ich nenne kurz die elf Rudras.
10.1178
brahmadankidiṇḍimuṇḍāḥ saurabhaśca tathaivaca |
janmamṛtyuharaścaiva praṇītaḥ sukhaduḥkhadaḥ || 10.1178 ||
Brahman, Daṇḍin, Ḍiṇḍin, Muṇḍa, Saurabha, Janmahara, Mṛtyuhara, Praṇīta, Sukhada und Duḥkhada,
10.1179
vijṛmbhitaḥ samākhyātā stālūrdhve tu vyavasthitāḥ |
punarūrdhve dhruvaṃ jñeyaṃ nirañjanapadaṃ śubham || 10.1179 ||
und Vijṛmbhita werden als oberhalb des Gaumens befindlich genannt. Darüber ist wieder Dhruva, die glückhafte makellose Stätte, zu kennen.
10.1180
īśaśaktitrayaṃ mūrdhni kathitaṃ cānupūrvaśaḥ |
icchāśaktyabhidhānāyāḥ antarbhūtāḥ prakīrtitāḥ || 10.1180 ||
Die Dreiergruppe von Īśas Kräften am Scheitel ist der Reihe nach erklärt. Sie werden als in der Willenskraft enthalten bezeichnet.
10.1181
prabuddhāvaraṇaṃ cordhve kathayāmi samāsataḥ |
prītaḥ pramuditaścaiva pramodaśca pralambakaḥ || 10.1181 ||
Die darüber liegende erwachte Hülle erläutere ich kurz: Prīta, Pramudita, Pramoda und Pralambaka,
10.1182
viṣṇurmadana evātha gahanaḥ prathitastathā |
rudrāṣṭakaṃ samākhyātaṃ vijñeyaṃ prāgdiśaḥ kramāt || 10.1182 ||
Viṣṇu, Madana, Gahana und Prathita. Diese Rudra-Achtergruppe ist vom Osten an der Reihe nach zu kennen.
10.1183
samayāvaraṇaṃ cordhve kathayāmi samāsataḥ |
prabhavaḥ samayaḥ kṣudro vimalaśca śivastathā || 10.1183 ||
Die darüber liegende Samaya-Hülle nenne ich kurz: Prabhava, auch Samaya genannt, der Kleine, und Vimalaśiva [Namensgliederung nach Kṣemarāja].
10.1184
tato ghanaḥ samākhyāto nirañjanastataḥ param |
rudroṅkārastu pañcaite tālūrdhve tu vijānata || 10.1184 ||
Danach wird Ghana genannt, darüber Nirañjana und Rudroṃkāra. Diese fünf sind oberhalb des Gaumens zu kennen.
10.1185
ekonaṣaṣṭirbhuvanaṃ jñānaśaktyāditaḥ kramāt |
rudroṅkārāntamityetad dīkṣākāle viśodhayet || 10.1185 ||
Neunundfünfzig Welten, beginnend mit der Erkenntniskraft bis hin zu Rudroṃkāra, soll man bei der Einweihung der Reihe nach reinigen.
10.1186
ekaikasya parīvāraḥ koṭyo 'nekāḥ sahasraśaḥ |
trinetrā varadāḥ sarve śuddhasāmarthyavigrahāḥ || 10.1186 ||
Jeder besitzt eine Gefolgschaft von vielen Tausenden von Kotis. Alle sind dreiäugig, gewähren Gaben und haben reine Wirkkraft als Gestalt.
10.1187
śuddhasphaṭikasaṅkāśā daśabāhvinduśekharāḥ |
triśūlapāṇayaḥ sarve jaṭāmukuṭamaṇḍitāḥ || 10.1187 ||
Sie gleichen reinem Kristall, haben zehn Arme und den Mond auf dem Haupt; alle halten einen Dreizack und tragen eine Krone aus Haarflechten.
10.1188
sarve sarvaguṇopetāḥ sarvajñāḥ sarvadeśvarāḥ |
sārvalakṣaṇasaṃpūrṇāḥ sarvābharaṇabhūṣitāḥ || 10.1188 ||
Alle besitzen sämtliche Vorzüge, sind allwissend und allzeit Herren, mit allen günstigen Merkmalen und allem Schmuck versehen.
10.1189
rudrakanyāsamākīrṇā divyairūpairmanoharaiḥ |
saṃkriḍante puravaraiḥ śivecchāvidhicoditāḥ || 10.1189 ||
Von Rudra-Mädchen umgeben, spielen sie in göttlichen, bezaubernden Gestalten in vorzüglichen Städten, vom Gebot des Willens Śivas angetrieben.
10.1190
īśvarasya tathordhve tu adhaścaiva sadāśivāt |
suśivāvaraṇaṃ cordhve tasmiñjñeyaḥ sadāśivaḥ || 10.1190 ||
Oberhalb Īśvaras und unterhalb Sadāśivas [liegt] die Suśiva-Hülle; darin ist Sadāśiva zu kennen [Stufenabgrenzung erläuterungsbedürftig].
10.1191
tripañcanayano devaś candrārdhakṛtaśekharaḥ |
vaktrapañcakasaṃyukto daśabāhurmahābalaḥ || 10.1191 ||
Der Gott hat fünfzehn Augen, die Mondsichel auf dem Haupt, fünf Gesichter, zehn Arme und große Stärke.
10.1192
śuddhasphaṭikasaṅkāśaḥ sphuranvai dīptatejasā |
siṃhāsanopaviṣṭastu śvetapadmāsanasthitaḥ || 10.1192 ||
Er gleicht reinem Kristall, funkelnd mit hellem Glanz, sitzt auf einem Löwenthron und befindet sich auf einem weißen Lotus.
10.1193
pañcabrahmāṅgasahitaḥ sakalādyaiḥ samanvitaḥ |
daśabhiśca śivairyukto rudrāṣṭādaśakānvitaḥ || 10.1193 ||
Mit den fünf Brahmamantras und den Gliedern versehen, von Sakala und den übrigen umgeben, ist er mit zehn Śivas und achtzehn Rudras verbunden.
10.1194
sakalo niṣkalaḥ śūnyaḥ kalāḍhyaḥ khamalaṅkṛtaḥ |
kṣapaṇaśca kṣayāntasthaḥ kaṇṭhyauṣṭhyaścāṣṭamaḥ smṛtaḥ || 10.1194 ||
Sakala, Niṣkala, Śūnya, Kalāḍhya, Khamalaṅkṛta, Kṣapaṇa, Kṣayāntastha und als achter Kaṇṭhyauṣṭhya werden genannt.
10.1195
bhruvormadhye tu vijñeyo devadevaḥ sadāśivaḥ |
sakalādyairvṛto devaḥ oṃkāreśādibhiḥ kramāt || 10.1195 ||
Zwischen den Brauen ist Sadāśiva, der Gott der Götter, anzusetzen, umgeben von Sakala und den übrigen sowie der Reihe nach von Oṃkāreśa und den weiteren.
10.1196
oṃkāreśaḥ śivo dīptaḥ kāraṇeśo daśeśakaḥ |
suśivaścaiva kāleśaḥ sūkṣmarūpaḥ sutejasaḥ || 10.1196 ||
Oṃkāreśa, Śiva, Dīpta, Kāraṇeśa, Daśeśaka, Suśiva, Kāleśa, Sūkṣmarūpa und Sutejas,
10.1197
śarvaśca daśamaḥ proktaḥ ūrdhvāntaṃ saṃvyavasthitāḥ |
rudrāścāṣṭādaśa bahiḥ teṣāṃ nāmāni vai śṛṇu || 10.1197 ||
und als zehnter Śarva werden genannt; sie sind bis zum oberen Ende angeordnet. Außen befinden sich achtzehn Rudras; höre ihre Namen.
10.1198
vijayastvatha niḥśvāsaḥ svayambhūścāgnivīrarāṭ |
rauravo mukuṭo visaraś candro bimbaḥ pragītavān || 10.1198 ||
Vijaya, Niḥśvāsa, Svayambhū, Agnivīrarāj, Raurava, Mukuṭa, Visara, Candra, Bimba und Pragītavat,
10.1199
lalitaḥ siddharudraśca santānaḥ śarva eva ca |
paraśca kiraṇaścaiva pārameśvara eva ca || 10.1199 ||
Lalita, Siddharudra, Santāna, Śarva, Para, Kiraṇa und Pārameśvara [siebzehn sicher abtrennbare Namen; die folgende Strophe beginnt mit Sādākhya].
10.1200
sādākhyastu samākhyātaḥ sakalo mantravigrahaḥ |
sarvakāraṇamadhyakṣaḥ sṛṣṭisaṃhārakārakaḥ || 10.1200 ||
Sādākhya wird als gegliedert und von Mantragestalt beschrieben, Oberherr aller Ursachen und Bewirker von Schöpfung und Einziehung.
10.1201
bhuktimuktipradātā ca sādhakānāṃ kriyāvatām |
koṭayaḥ saptamantrāṇām āsane tasya saṃsthitāḥ || 10.1201 ||
Er verleiht Genuss und Befreiung den ritualtätigen Übenden. Siebzig Millionen Mantras befinden sich auf seinem Sitz.
10.1202
āsanaṃ lakṣapatrāḍhyaṃ candrakoṭyayutaprabham |
vāmādyairvibhupūrvaiśca pañcavaktraistrilocanaiḥ || 10.1202 ||
Der Sitz besitzt hunderttausend Blätter und strahlt wie zehntausend Koṭis Monde; [er ist umgeben] von Vāmā und den übrigen sowie Vibhu und den weiteren, fünfgesichtig und dreiäugig,
10.1203
tārādyaiḥ śaktibhedaiśca prāgdiśaḥ parivāritam |
jñānaśaktiḥ kriyāśaktir vāme dakṣiṇataḥ sthite || 10.1203 ||
und von den Kraftgestalten von Tārā an, beginnend im Osten. Erkenntniskraft und Handlungskraft stehen links und rechts.
10.1204
icchāśaktiḥ parādevi yayā sarvamadhiṣṭhitam |
utpattisthitisaṃhārāṃs tirobhāvamanugraham || 10.1204 ||
Die Willenskraft ist die höchste Göttin, durch die alles überherrscht wird. Entstehung, Erhaltung, Einziehung, Verhüllung und Begnadigung
10.1205
yayā karoti deveśaḥ sarvadā sarvamadhvani |
tasyotsaṅgagatā sā tu nityaṃ caivātmavartinī || 10.1205 ||
vollzieht der Herr der Götter durch sie jederzeit im gesamten Wirklichkeitsweg. Sie sitzt auf seinem Schoß und besteht stets in seinem eigenen Selbst.
10.1206
sā cecchā devadevasya śivasya paramātmanaḥ |
sa evāpararūpeṇa pañcamantramahātanuḥ || 10.1206 ||
Sie ist der Wille Śivas, des Gottes der Götter und höchsten Selbst. Er selbst ist in niederer Form der große Leib aus fünf Mantras,
10.1207
icchārūpadharaḥ śrīmān devadevaḥ sadāśivaḥ |
śaktayastasya yāḥ proktāḥ tathā vai mantranāyakāḥ || 10.1207 ||
Sadāśiva, der herrliche Gott der Götter, der die Gestalt des Willens trägt. Seine genannten Kräfte und die Führer der Mantras
10.1208
ekaikaṃ parito devi padmairarbudakoṭibhiḥ |
tathā kharvanikharvaiśca pratirūpairmahābalaiḥ || 10.1208 ||
sind jeweils ringsum, Göttin, von Padmas, Arbudas, Koṭis, Kharvas und Nikharvas [großen Zahlenordnungen] gleichgestaltiger, sehr mächtiger [Wesen umgeben],
10.1209
vidyārūpaiḥ svarūpāḍhair aprameyaguṇānvitaiḥ |
sarvalakṣaṇasaṃpannaiḥ sarvābharaṇabhūṣitaiḥ || 10.1209 ||
in Vidyā-Gestalt, reich an eigener Schönheit, mit unermesslichen Vorzügen, allen günstigen Merkmalen und sämtlichem Schmuck versehen,
10.1210
hāsyalāsyavilāsāḍhyair bhrūkṣeponmadavibhramaiḥ |
candrakoṭiśataprakhyaiḥ prasravadbhirivāmṛtam || 10.1210 ||
reich an Lachen, Tanz und anmutigem Spiel, mit erhobenen Brauen und berauschten Bewegungen, hundert Koṭis Monden gleich, als strömte aus ihnen Nektar.
10.1211
tābhiḥ sārdhaṃ sadā rudrāḥ prakīḍantīcchayā prabhoḥ |
puravaraiḥ sarvatobhadraiś candrakoṭisamaprabhaiḥ || 10.1211 ||
Mit ihnen spielen die Rudras stets nach dem Willen des Herrn in allseitig glückhaften vorzüglichen Städten, die wie Millionen Monde strahlen.
10.1212
māyādharmavinirmuktā nirmalā vigatajvarāḥ |
adhikāraṃ prakurvanti sarvajñāmoghaśaktayaḥ || 10.1212 ||
Frei von Māyās Bestimmungen, rein und ohne Bedrängnis, versehen sie ihr Amt, allwissend und von unfehlbarer Kraft.
10.1213
adhikārakṣaye śāntā jāyante sarvagāḥ śivāḥ |
parapreryāḥ punarbhūyo na bhavanti kadācana || 10.1213 ||
Wenn ihr Amt endet, werden sie friedvolle, allgegenwärtige Śivas. Niemals wieder werden sie von einem anderen angetrieben.
10.1214
suśivāvaraṇaṃ khyātaṃ mantragarbhaṃ varānane |
bindvāvaraṇamūrdhve 'taś candrakoṭisamaprabham || 10.1214 ||
Die Suśiva-Hülle, die Mantras im Inneren trägt, ist erklärt, Schönangesichtige. Darüber liegt die Bindu-Hülle, strahlend wie Millionen Monde.
10.1215
tatra padmaṃ mahādīptaṃ daśakoṭisamanvitam |
tatra padme sthito devaḥ śāntyatīto mahādyutiḥ || 10.1215 ||
Darin liegt ein sehr heller Lotus mit zehn Koṭis [Blättern]. Auf diesem Lotus sitzt der sehr glanzvolle Gott Śāntyatīta.
10.1216
pañcavaktro viśālākṣo daśabāhustrīlocanaḥ |
taḍitsahasrapuñjābhaḥ sphuranmāṇikyamaṇḍitaḥ || 10.1216 ||
Er ist fünfgesichtig, großäugig, zehnarmig und dreiäugig, gleicht einer Masse von tausend Blitzen und ist mit funkelnden Rubinen geschmückt.
10.1217
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistathaiva ca |
parivāraḥ smṛtastasya śāntyatītasya suvrate || 10.1217 ||
Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā und Śānti gelten als Gefolge dieses Śāntyatīta, du mit den guten Gelübden.
10.1218
tasya vāme tu digbhāge śāntyatītā vyavasthitā |
pañcavaktrāḥ smṛtāḥ sarvā daśabāhvinduśekharāḥ || 10.1218 ||
Zu seiner Linken befindet sich Śāntyatītā. Alle werden als fünfgesichtig, zehnarmig und mondgekrönt beschrieben.
10.1219
bindutattvaṃ samākhyātaṃ purakoṭyarbudairvṛtam |
ardhacandrastadūrdhve tu tadūrdhve tu nirodhikā || 10.1219 ||
Damit ist das Bindu-Prinzip erklärt, umgeben von Koṭis und Arbudas von Städten. Darüber liegt der Halbmond, darüber Nirodhikā.
10.1220
ete dve tu mahāsthāne pañcapañcakalānvite |
jyotsnā jyotsnāvatī kāntiḥ suprabhā vimalā śivā || 10.1220 ||
Diese beiden großen Stätten sind mit jeweils fünf Kalās versehen. Jyotsnā, Jyotsnāvatī, Kānti, Suprabhā und die glückhafte Vimalā
10.1221
ardhacandre sthitāhyetā nirodhinyāṃ śṛṇu priye |
rundhanī rodhanī raudrī jñānabodhā tamopahā || 10.1221 ||
befinden sich im Halbmond. Höre die in Nirodhinī, Geliebte: Rundhanī, Rodhanī, Raudrī, Jñānabodhā und Tamopahā.
10.1222
ardhamātraḥ smṛto binduḥ svarūpaśca catuṣkalaḥ |
tasyāpyardhamardhacandras tv aṣṭāṃśaśca nirodhikā || 10.1222 ||
Bindu gilt als eine halbe Lautzeiteinheit und seinem Wesen nach als vierteilig. Die Hälfte davon ist der Halbmond; ein Achtel ist Nirodhikā.
10.1223
nirodhayati devānsā brahmādyāṃstu varānane |
nirodhinīti vikhyātā tāṃ bhittvā tu varānane || 10.1223 ||
Sie hält die Götter von Brahmā an zurück, Schönangesichtige; deshalb ist sie als Nirodhinī bekannt. Nachdem man sie durchbrochen hat, Schönangesichtige,
10.1224
sādākhyaparabhāvena pañcamantrakahātanuḥ |
tasyordhve tu smṛto nādaḥ sa kiñjalkarajaḥ prabhaḥ || 10.1224 ||
[gelangt man] durch das höhere Wesen Sādākhyas zur großen Gestalt aus fünf Mantras [Vorlage kahātanuḥ beschädigt]. Darüber wird Nāda angesetzt, glänzend wie Blütenstaub.
10.1225
mahadbhiḥ puruṣairvyāptaḥ sūryakoṭyayutaprabhaiḥ |
teṣāṃ vai nāyikā vaksye bhuvane pañcasaṅkhyayā || 10.1225 ||
Er ist von großen Wesen erfüllt, die wie zehntausend Koṭis Sonnen strahlen. Ich nenne ihre fünf Führerinnen in dieser Welt.
10.1226
indhikā dīpikā caiva rocikā mocikā tathā |
ūrdhvagā tu samākhyātā kalātveṣā tu pañcamī || 10.1226 ||
Indhikā, Dīpikā, Rocikā, Mocikā und Ūrdhvagā werden genannt; die letzte ist die fünfte Kalā.
10.1227
tasminpadmaṃ suvistīrṇaṃ ūrdhvageśaḥ sthitaḥ prabhuḥ |
candrārbudapratīkāśaḥ pañcavaktrastrilocanaḥ || 10.1227 ||
Darin liegt ein weit ausgedehnter Lotus, auf dem Herr Ūrdhvageśa sitzt, Arbudas von Monden gleich, fünfgesichtig und dreiäugig,
10.1228
candrārdhaśekharaḥ śānto daśabāhurmahātanuḥ |
indhikādivṛto devaḥ śūlapāṇirjaṭādharaḥ || 10.1228 ||
mit Mondsichel gekrönt, friedvoll, zehnarmig und großleibig, von Indhikā und den übrigen umgeben, dreizacktragend und mit Haarflechten.
10.1229
ūrdhvagā tu kalā tasya nityamutsaṅgagāminī |
tataḥ suṣumṇābhuvanaṃ suṣumṇā tatra saṃsthitā || 10.1229 ||
Seine Kalā Ūrdhvagā sitzt stets auf seinem Schoß. Darauf folgt die Suṣumṇā-Welt; darin befindet sich Suṣumṇā.
10.1230
suṣumṇeśaḥ sthitastatra candrakoṭyayutaprabhaḥ |
daśabāhustrinetraśca śvetapadmoparisthitaḥ || 10.1230 ||
Dort sitzt Suṣumṇeśa, strahlend wie zehntausend Koṭis Monde, zehnarmig und dreiäugig, auf einem weißen Lotus.
10.1231
śaśāṅkaśekharaḥ śrīmān pañcavaktro mahātanuḥ |
iḍā ca piṅgalā caiva vāmadakṣiṇataḥ sthite || 10.1231 ||
Er trägt den Mond auf dem Haupt, ist herrlich, fünfgesichtig und großleibig. Iḍā und Piṅgalā stehen links und rechts.
10.1232
suṣumṇā tu varārohe tuṣārakaṇadhūsarā |
śvetapadmakarā devī padmamālāvibhūṣitā || 10.1232 ||
Suṣumṇā, Schönhüftige, ist blass wie von Reifkörnern bestäubt, hält einen weißen Lotus in der Hand und trägt eine Lotusgirlande.
10.1233
pañcavaktrā suśobhāḍhyā trinetrā śūladhāriṇī |
tasyotsaṅgagatā devī dhyātavyā sādhakādibhiḥ || 10.1233 ||
Die Göttin ist fünfgesichtig, sehr schön, dreiäugig und dreizacktragend. Auf seinem Schoß sitzend, soll sie von den Übenden und den übrigen Berechtigten meditiert werden.
10.1234
grathitastu tayā sarvas tv adhvāyamadha ūrdhvagaḥ |
nāḍyādhārastu nādo vai bhittvā sarvamidaṃ jagat || 10.1234 ||
Durch sie ist dieser gesamte auf- und absteigende Wirklichkeitsweg zusammengeflochten. Der Nāda, dessen Grundlage der Kanal ist, durchdringt diese ganze Welt.
10.1235
adhaḥśaktyā vinirgataya yāvadbrahmāṇamūrdhvataḥ |
nāḍyā brahmabile līnas tv avyaktadhvanirakṣaraḥ || 10.1235 ||
Aus der unteren Śakti hervorgegangen, [reicht er] nach oben bis Brahmā. Im Brahmahohlraum des Kanals verborgen, als unartikulierter, unvergänglicher Laut,
10.1236
nadate sarvabhūteṣu śivaśaktyā tvadhiṣṭhitaḥ |
evaṃ jñātvā varārohe śodhayettaṃ śivādhvare || 10.1236 ||
ertönt er in allen Wesen, von Śivas Kraft beherrscht. Mit diesem Verständnis soll man ihn im Opfer Śivas reinigen, Schönhüftige.
10.1237
tato brahmabilaṃ jñeyaṃ rudrakoṭyarbudānvitam |
tatra brahmā paro jñeyaḥ śaśāṅkaśatasaprabbhaḥ || 10.1237 ||
Darauf ist der Brahmahohlraum zu kennen, versehen mit Koṭis und Arbudas Rudras. Dort ist der höchste Brahmā anzusetzen, hundert Monden gleich,
10.1238
daśabāhustrinetraśca pañcavaktrenduśekharaḥ |
triśūlapāṇirbhagavāñ jaṭāmukuṭamaṇḍitaḥ || 10.1238 ||
zehnarmig, dreiäugig, fünfgesichtig und mondgekrönt, der Erhabene mit Dreizack in der Hand und einer Krone aus Haarflechten.
10.1239
brahmāṇi tu parā śaktir yā sā mokṣapathe sthitā |
dvāraṃ yā mokṣamārgasya rodhayitvā vyavasthitā || 10.1239 ||
Brahmāṇī ist die höchste Kraft, die am Befreiungsweg steht und das Tor des Befreiungswegs verschlossen hält.
10.1240
mokṣamārgapradātrī ca brahmotsaṅge ca saṃsthitā |
tāṃ bhittvātra varārohe gantavyamūrdhvataḥ priye || 10.1240 ||
Sie verleiht auch den Befreiungsweg und sitzt auf Brahmās Schoß. Sie soll man hier durchdringen und weiter nach oben gehen, Schönhüftige, Geliebte.
10.1241
ata ūrdhvaṃ sthitā śaktiḥ prasuptabhujagākṛtiḥ |
ādhāro bhuvanānāṃ sā tāṃ pravakṣyāmi suvrate || 10.1241 ||
Darüber liegt Śakti in Gestalt einer schlafenden Schlange. Sie ist die Grundlage der Welten; ich werde sie erklären, du mit den guten Gelübden.
10.1242
sūkṣmā caiva susūkṣmā ca tathā cānyāmṛtāmitā |
vyāpinī madhyato jñeyā śeṣāḥ pūrvāditaḥ kramāt || 10.1242 ||
Sūkṣmā, Susūkṣmā, ferner Amṛtā und Amitā [stehen dort]; Vyāpinī ist in der Mitte anzusetzen, die übrigen der Reihe nach vom Osten an.
10.1243
pañcavaktrāstrinetrāśca sutejaskā mahābalāḥ |
śaktitattvaṃ samākhyātaṃ śivatattvaṃ śṛṇu priye || 10.1243 ||
Sie sind fünfgesichtig, dreiäugig, sehr glanzvoll und mächtig. Damit ist das Śakti-Prinzip erklärt. Höre vom Śiva-Prinzip, Geliebte.
10.1244
puraśreṣṭhairanekaistu samantātparivāritam |
hemaprākāraracitaṃ ratnamāṇikyamaṇḍitam || 10.1244 ||
Es ist ringsum von vielen vorzüglichen Städten umgeben, mit goldenen Mauern erbaut und mit Juwelen und Rubinen geschmückt,
10.1245
aśeṣabhogasampannaṃ sarvakāmaguṇodayam |
bhuvanāni pravakṣyāmi tatraiva saṃsthitāni tu || 10.1245 ||
mit sämtlichen Genüssen ausgestattet und Ursprung aller erwünschten Vorzüge. Ich werde die Welten nennen, die darin liegen.
10.1246
vyāpakaṃ vyomarūpaṃ ca anantānāthanāśritam |
kāraṇānāṃ pañcakaṃ ca śivatattve vyavasthitam || 10.1246 ||
Vyāpaka, Vyomarūpa, Ananta, Anātha und Anāśrita: Diese Fünfergruppe von Ursachen befindet sich im Śiva-Prinzip.
10.1247
tatra padmaṃ suvisthīrṇam anantānantasambhavam |
tasya padmasya madhyastho devaścāyamanāśritaḥ || 10.1247 ||
Dort liegt ein weit ausgedehnter Lotus, der unendlich viele unendliche [Welten] hervorbringt. In dessen Mitte sitzt dieser Gott Anāśrita,
10.1248
pañcavaktradharaḥ śāntaḥ sarvajñaḥ parameśvaraḥ |
daśabāhurmahādīptaḥ sṛṣṭisaṃhārakārakaḥ || 10.1248 ||
fünfgesichtig, friedvoll, allwissend, höchster Herr, zehnarmig, sehr hell und Schöpfung wie Einziehung bewirkend,
10.1249
sarvānugrahakartā ca praṇatārtivināśanaḥ |
bhuktimuktipradātā ca sūryakoṭyarbudaprabhaḥ || 10.1249 ||
allen Gnade erweisend, die Not der sich Verneigenden vernichtend, Genuss und Befreiung verleihend, strahlend wie Koṭis und Arbudas Sonnen.
10.1250
sphuranmukuṭamāṇikyaḥ samantādupaśobhitaḥ |
divyāmbaradharo devo divyagandhānulepanaḥ || 10.1250 ||
Seine Kronenrubine funkeln, und ringsum ist er geschmückt. Der Gott trägt göttliche Gewänder und göttliche duftende Salben.
10.1251
padmāsanonnatoraskaḥ śaśāṅkakṛtaśekharaḥ |
ābaddhamaṇiparyaṅkaś cāmarotkṣepavījitaḥ || 10.1251 ||
Im Lotussitz mit aufrechter Brust trägt er den Mond auf dem Haupt; auf einem gefügten Juwelensitz wird er von erhobenen Wedeln gefächelt.
10.1252
rudrakoṭyarbudānīkaiḥ samantādupaśobhitaḥ |
vyāpinī vyomarūpā cānantānāthātvanāśritā || 10.1252 ||
Scharen von Koṭis und Arbudas Rudras schmücken ihn ringsum. Vyāpinī, Vyomarūpā, Anantā, Anāthā und Anāśritā
10.1253
pañcavaktrā mahāvīryā daśabāhvinduśekharāḥ |
trinetrāḥ śūlahastāśca kāraṇaiśca samanvitāḥ || 10.1253 ||
sind fünfgesichtig, sehr kraftvoll, zehnarmig und mondgekrönt, dreiäugig, mit Dreizack in der Hand und mit den Ursachen verbunden.
10.1254
pūrvādyuttaraparyantā etāścaiva vyavasthitāḥ |
anāśrito madhyagastu saṃsthitaḥ prabhuravyayaḥ || 10.1254 ||
Sie sind vom Osten bis zum Norden angeordnet [Anāśritā folgt gesondert]. Anāśrita, der unvergängliche Herr, befindet sich in der Mitte.
10.1255
anāśritakalā devī tasyotsaṅge ca saṃsthitā |
evaṃ vai śivatattvaṃ tu kathitaṃ tava sundari || 10.1255 ||
Die Göttin Anāśrita-Kalā sitzt auf seinem Schoß. So ist dir das Śiva-Prinzip erklärt, Schöne.
10.1256
śodhayitvā tataścordhvaṃ śaktiścaiva parā smṛtā |
samanā nāma sā jñeyā manaścordhvaṃ na jāyate || 10.1256 ||
Nach seiner Reinigung wird darüber die höchste Śakti angesetzt. Sie ist unter dem Namen Samanā zu kennen; oberhalb entsteht kein Denken.
10.1257
paripāṭyā sthitānāṃ tu pṛthivyādiśivāvadhau |
sarveṣāṃ kāraṇānāṃ ca kartṛbhūtā vyavasthitā || 10.1257 ||
Sie steht als Wirkerin aller Ursachen da, die der Reihe nach von der Erde bis Śiva angeordnet sind.
10.1258
bibhartyaṇḍānyanekāni śivena samadhiṣṭhitā |
tatrāruḍhastu kurute śivaḥ paramakāraṇam || 10.1258 ||
Von Śiva überherrscht, trägt sie viele Welteier. Auf ihr ruhend, vollzieht Śiva als höchste Ursache
10.1259
sṛṣṭisthitisamāhāraṃ tirobhāvamanugraham |
hetukartā maheśānaḥ sarvakāraṇakāraṇam || 10.1259 ||
Schöpfung, Erhaltung, Einziehung, Verhüllung und Begnadigung. Der große Herr ist bewirkende Ursache und Ursache aller Ursachen.
10.1260
samanā nāma yā śaktiḥ sā tasya karaṇaṃ smṛtam |
tayādhitiṣṭheddeveśo hy adhaḥkāraṇapañcakam || 10.1260 ||
Die Samanā genannte Kraft gilt als sein Werkzeug. Durch sie überherrscht der Gott der Götter die darunter liegende Fünfergruppe von Ursachen.
10.1261
anāśritasya devasya kāraṇaṃ seyamāśritā |
sa vai prerayate bhūyas tv anāthaṃ tu jagatpatim || 10.1261 ||
Sie steht dem Gott Anāśrita als ursächliche Kraft zur Verfügung. Dieser regt wiederum Anātha, den Weltenherrn, an.
10.1262
anāthaścāpyananteśam ananto vyomarūpiṇam |
vyomavyāpī mahādevo vyāpinaṃ bodhayetprabhum || 10.1262 ||
Anātha [regt] Ananteśa [an], Ananta den Vyomarūpin; der raumdurchdringende große Gott erweckt den Herrn Vyāpin.
10.1263
vyāpinī karaṇaṃ tasya kartā vai vyāpyasau prabhuḥ |
karmarūpā sthitā māyā yadadhaḥ śaktikuṇḍalī || 10.1263 ||
Vyāpinī ist dessen Werkzeug, und Herr Vyāpin der Handelnde. Unter ihm steht Māyā in Gestalt der gewundenen Śakti als Gegenstand seines Wirkens [Deutung nach Kṣemarāja].
10.1264
nādabindvātmakaṃ kāryam ityādijagadudbhavaḥ |
yatsadāśivaparyantaṃ pārthivādyaṃ ca suvrate || 10.1264 ||
Die Wirkung besteht aus Nāda und Bindu; so beginnt die Entstehung der Welt. Was von der Erde bis zu Sadāśiva reicht, du mit den guten Gelübden,
10.1265
tatsarvaṃ prākṛtaṃ jñeyaṃ vināśotpattisaṃyutam |
yā sā śaktiḥ purā proktā samanā tvadhvamūrdhani || 10.1265 ||
ist insgesamt als zum Hervorgebrachten gehörig zu verstehen, mit Vernichtung und Entstehung verbunden. Die zuvor genannte Śakti Samanā am Scheitel des Wirklichkeitswegs,
10.1266
sphuratsūryasahasrābhakiraṇānantabhāsvarā |
dhyātvā caitāṃ samāvāhya sthāpayettu vidhānavit || 10.1266 ||
hell von unendlichen Strahlen wie tausend funkelnde Sonnen, soll der Ritualkundige meditieren, herbeirufen und aufstellen.
10.1267
upacāraṃ tataḥ kṛtvā vāgīśyāvāhanaṃ tathā |
sthāpanaṃ pūjanaṃ caiva paśoryāgaṃ tathaiva ca || 10.1267 ||
Dann vollziehe er die Verehrung, ebenso die Herbeirufung Vāgīśīs, ihre Aufstellung und Verehrung sowie das Opfer für das gebundene Wesen,
10.1268
garbhadhāritvajanane adhikāraṃ tathaiva ca |
yogaṃ bhogaṃ layaṃ caiva niṣkṛtiṃ tadanantaram || 10.1268 ||
Empfängnis, Austragung, Geburt, Befugnis, Verbindung, Erfahrung, Auflösung und anschließend die Abgeltung.
10.1269
bhuvanādhipahomaṃ ca bhuvanādhipavāsinām |
bhuvanānāṃ yathāyogaṃ homaṃ kṛtvā varānane || 10.1269 ||
Nach dem Opfer für die Weltenherren, ihre Bewohner und die Welten, jeweils in angemessener Weise, Schönangesichtige,
10.1270
tritattvaṃ śadhayeccāto 'vayavāṃśca yathākramam |
viśleṣapāśacchedau ca kṛtvā pūrṇāṃ tu pātayet || 10.1270 ||
reinige er darauf die drei Prinzipien und ihre Glieder der Reihe nach. Nach Loslösung und Durchtrennung der Fesseln lasse er die Vollopfergabe fallen.
10.1271
prāyaścittaṃ tato hutvā kartarīmabhimantrayet |
śikhāṃ cchitvā samarpyaitāṃ śiśuṃ saṃsnāpayedguruḥ || 10.1271 ||
Nachdem er zur Sühne geopfert hat, bespreche er die Schere. Der Guru schneide die Haarlocke ab, bringe sie dar und lasse den Schüler baden.
10.1272
ācāryaḥ prayato bhūtvā sakalīkaraṇādikam |
sruco 'gre tu śikhāṃ kṛtvā hutvā snāyādanantaram || 10.1272 ||
Der Lehrer werde rein und vollziehe die Ausstattung mit den Mantragliedern und das Weitere; die Haarlocke auf die Spitze des Opferlöffels gelegt und geopfert, bade er anschließend.
10.1273
sakalīkaraṇaṃ kṛtvā ācāryastu varānane |
śiśorapi vidhiṃ kṛtvā śivakumbhaṃ samarcayet || 10.1273 ||
Nach erneuter Ausstattung mit den Mantragliedern vollziehe der Lehrer, Schönangesichtige, auch das Verfahren für den Schüler und verehre den Śiva-Krug.
10.1274
bhairavaṃ madhyadeśasthaṃ bhairavāgniṃ samarcayet |
pūrṇāṃ sampūrya vidhivad vāmamantramanusmaran || 10.1274 ||
Er verehre den Bhairava in der Mitte und das Bhairava-Feuer. Die Vollopfergabe fülle er vorschriftsmäßig, während er den Vāma-Mantra vergegenwärtigt.
10.1275
pūrvoktalakṣaṇenaiva proccarettaṃ prayatnataḥ |
heyādhvānamadhaḥ kurvan necayettaṃ varānane || 10.1275 ||
Entsprechend den zuvor genannten Merkmalen lasse er ihn sorgfältig aufsteigen. Den aufzugebenden Wirklichkeitsweg unter sich lassend, führe er [das Selbst] hinauf, Schönangesichtige [Vorlage necayet beschädigt].
10.1276
yāvatsā samanā śaktiḥ tadūrdhve conmanā smṛtā |
nātra kālaḥ kalāścāro na tattvaṃ na ca devatāḥ || 10.1276 ||
Bis dorthin reicht die Śakti Samanā; darüber wird Unmanā angesetzt. Dort gibt es weder Zeit, Kalās oder Bewegung noch Prinzipien oder Gottheiten.
10.1277
sunirvāṇaṃ paraṃ śuddhaṃ guruvaktraṃ taducyate |
tadatītaṃ varārohe paraṃ tattvamanāmayam || 10.1277 ||
Als vollkommenes, höchstes, reines Nirvāṇa wird dies „Mund des Guru“ genannt. Darüber liegt das höchste unversehrte Prinzip, Schönhüftige.
10.1278
guruvaktraprayogeṇa tasminyojyeta śāśvate |
niṣkampe kāraṇātīte viraje nirmale śubhe || 10.1278 ||
Durch das Verfahren des Guru-Mundes soll man [das Selbst] mit diesem Ewigen vereinigen, dem Unerschütterlichen, jenseits der Ursachen, staubfreien, makellosen und glückhaften,
10.1279
sarvajñe parame tattve vyomātīte hyatīndriye |
ityadhvā caiṣa vai proktaḥ samāsena mayānaghe || 10.1279 ||
allwissenden höchsten Prinzip, jenseits des Raumes und jenseits der Sinne. So habe ich diesen Wirklichkeitsweg kurz erklärt, du Makellose.
10.1280
jñātvā caivaṃ mahādevi prayāti paramaṃ padam |
dehe deve ca śiṣye ca kalaśe hyagnimadhyataḥ |
evaṃ jñātvā varārohe mucyate mocayatyapi || 10.1280 ||
Wer ihn so erkennt, große Göttin, gelangt zur höchsten Stätte. Im Körper, im Gott, im Schüler, im Krug und im Feuer: Wer ihn dort so erkennt, Schönhüftige, wird befreit und befreit auch andere.
Kapitel 11
11.1
adhvāyaṃ tu mayā jñātas tvatprasādāt surādhipa |
jagatsṛṣṭistvayā deva sūcitā na tu varṇitā || 11.1 ||
Durch deine Gnade habe ich diesen Wirklichkeitsweg erkannt, Herr der Götter. Die Erschaffung der Welt hast du angedeutet, Gott, aber noch nicht beschrieben.
11.2
adhvasṛṣṭiṃ mahādeva kathayasva prasādataḥ |
yo 'sau sūkṣmaḥ paro devaḥ kāraṇaṃ sarvagaḥ śivaḥ || 11.2 ||
Erkläre aus Gnade die Erschaffung des Wirklichkeitswegs, großer Gott. [Bhairava antwortet:] Jener feine höchste Gott, der allgegenwärtige Śiva als Ursache,
11.3
nimittakāraṇaṃ so 'tra kathitastava suvrate |
akāmātsaṃsṛjetsarvaṃ jagat sthāvarajaṅgamam || 11.3 ||
wurde dir hier als wirkende Ursache genannt, du mit den guten Gelübden. Ohne eigennütziges Verlangen erschafft er die gesamte Welt der beweglichen und unbeweglichen Wesen.
11.4
svatejasā varārohe vyoma saṃkṣobhya līlayā |
upādānaṃ tu tatproktaṃ saṃkṣubdhaṃ samavāyataḥ || 11.4 ||
Mit seinem eigenen Glanz versetzt er spielerisch den Raum in Bewegung, Schönhüftige. Dieser wird als Stoffursache bezeichnet, durch innige Verbindung in Bewegung versetzt.
11.5
tasmācchūnyaṃ samutpannaṃ śūnyātsparśasamudbhavaḥ |
tasmānnādaḥ samutpannaḥ pūrvaṃ vai kathitastava || 11.5 ||
Daraus entsteht die Leere; aus der Leere entsteht Berührung. Daraus entsteht Nāda, den ich dir zuvor erklärt habe.
11.6
aṣṭadhā sa tu deveśi vyaktaḥ śabdaprabhedataḥ |
ghoṣo rāvaḥ svanaḥ śabdaḥ sphoṭākhyo dhvanireva ca || 11.6 ||
Dieser entfaltet sich achtfach nach den Lautunterschieden, Herrin der Götter: Ghoṣa, Rāva, Svana, Śabda, der Sphoṭa Genannte und Dhvani,
11.7
jhāṅkāro dhvaṅkṛtaścaiva aṣṭau śabdāḥ prakīrtitāḥ |
navamastu mahāśabdaḥ sarveṣāṃ vyāpakaḥ smṛtaḥ || 11.7 ||
Jhāṅkāra und Dhvaṅkṛta werden als die acht Laute bezeichnet. Als neunter gilt der große Laut, der alle durchdringt.
11.8
nadatyasau sadā yasmāt sarvabhūteṣvavasthitaḥ |
tasmāt sadāśivo devo vyakto vai dṛkkriyātmakaḥ || 11.8 ||
Weil er stets ertönt und in allen Wesen wohnt, wird daraus Gott Sadāśiva offenbar, dessen Wesen Erkennen und Handeln ist.
11.9
nādādbinduḥ samutpannaḥ sūryakoṭisamaprabhaḥ |
sa caiva daśadhā jñeyo daśatattvaphalapradaḥ || 11.9 ||
Aus Nāda entsteht Bindu, strahlend wie Millionen Sonnen. Er ist als zehnfach zu verstehen und verleiht die Früchte der zehn Prinzipien.
11.10
daśadhā varṇarūpeṇa daśadaivatasaṃyutaḥ |
bindoḥ sadāśivo jñeyaḥ so 'ṣṭabhedāṅgasaṃyutaḥ || 11.10 ||
Zehnfach nach Laut und Gestalt, ist er mit zehn Gottheiten verbunden. Aus Bindu ist Sadāśiva zu erkennen, verbunden mit achtfach gegliederten Teilen.
11.11
pañcabrahmakalābhiśca vidyāṅgaiḥ śaktibhiryutaḥ |
pañcabhiśca mahājñānair mūrtibhiśca samanvitaḥ || 11.11 ||
Er ist mit den Kalās der fünf Brahmamantras, den Vidyā-Gliedern und Kräften, den fünf großen Erkenntnissen und den Gestalten versehen.
11.12
sa evāpararūpeṇa paramātmā śivo 'vyayaḥ |
dvidhāvasthaḥ sa ca jñeyaḥ soccāroccāravarjitaḥ || 11.12 ||
Er selbst ist in niederer Gestalt das höchste Selbst, der unvergängliche Śiva. Zweifach ist sein Zustand zu kennen: mit lautlichem Aufstieg und ohne ihn.
11.13
mudrāmantrasvarūpeṇa sa eva ca punardvidhā |
kriyājñānasvarūpeṇa icchārūpasvarūpataḥ || 11.13 ||
Wiederum ist er zweifach in Gestalt von Mudrā und Mantra, in Gestalt von Handlung und Erkenntnis sowie dem Wesen der Willensgestalt nach,
11.14
śabdāvabodharūpeṇa vasturūpasvarūpataḥ |
sthūlaḥ sūkṣmaḥ paraścaiva parātīto nirañjanaḥ || 11.14 ||
in Gestalt von Laut und Verstehen sowie von Gegenstand und eigenem Wesen. Grob, fein, höchst und jenseits des Höchsten ist er unbefleckt,
11.15
vyomarūpasvarūpeṇa samanonmana eva ca |
unmanātīto deveśi śivo jñeyaḥ śivāgame || 11.15 ||
in Raumgestalt sowie als Samanā und Unmanā. Als jenseits von Unmanā ist Śiva im Śiva-Āgama zu verstehen, Herrin der Götter.
11.16
unmanāsamanāsthānaṃ śivena samadhiṣṭhitam |
pañcakāraṇarūpeṇa tadadhaḥ punareva saḥ || 11.16 ||
Die Stätte von Unmanā und Samanā ist von Śiva überherrscht. Darunter ist er wiederum in Gestalt der fünf Ursachen.
11.17
kāraṇaṃ pañcakaṃ devi adhiṣṭhāya tvadhastataḥ |
vyāpakaḥ śaktimūrdhastho biladvāramanāśritaḥ || 11.17 ||
Die Fünfergruppe der Ursachen überherrschend, Göttin, [erscheint er] darunter: Vyāpaka steht am Scheitel der Śakti, Anāśrita am Höhlentor;
11.18
anantaśca suṣumneśas tv anāthaścordhvagastathā |
vyomarūpī mahādevi bindvīśaḥ parikīrtitaḥ || 11.18 ||
Ananta ist Suṣumneśa, Anātha der Aufwärtsgehende, Vyomarūpin wird als Bindvīśa bezeichnet, große Göttin.
11.19
anāśritaḥ svayaṃ brahmā samadhiṣṭhāya saṃsthitaḥ |
anātho viṣṇurityuktas tv ananto rudra eva ca || 11.19 ||
Anāśrita steht als Brahmā selbst überherrschend da. Anātha wird Viṣṇu genannt, Ananta ist Rudra.
11.20
vyomarūpīśvaraḥ prokto vyāpī caiva sadāśivaḥ |
vyāpakaśca punardevi hāṭakaḥ parameśvaraḥ || 11.20 ||
Vyomarūpin heißt Īśvara, Vyāpin Sadāśiva. Wiederum ist Vyāpaka, Göttin, Hāṭaka, der höchste Herr,
11.21
vidyāmantragaṇairyuktaḥ saptapātālanāyakaḥ |
anantaścaiva deveśi rudraḥ kālāgnivigrahaḥ || 11.21 ||
mit Vidyā- und Mantrascharen verbunden, der Herr der sieben Unterwelten. Ananta ist Rudra in der Gestalt des Zeitfeuers, Herrin der Götter.
11.22
anātho 'nantarūpeṇa sthitaścādhvani dhārakaḥ |
anāśrito mahādevi sthito vai hūhukaḥ prabhuḥ || 11.22 ||
Anātha steht in Anantas Gestalt als Träger des Wirklichkeitswegs. Anāśrita steht als Herr Hūhuka, große Göttin.
11.23
svaśaktyāśritaḥ sa bhavāṃs tena gītastvanāśritaḥ |
tasyāśritaṃ jagatsarvam unmanyantaṃ varānane || 11.23 ||
Da er auf seiner eigenen Kraft ruht, wird er als Anāśrita, der von anderem Unabhängige, besungen. Auf ihm ruht die gesamte Welt bis hinauf zu Unmanī, Schönangesichtige.
11.24
saṃsthitaścāmbhaso mūrdhni śaktyādhārastu hūhukaḥ |
aptattvaṃ caiva tadadha āgneyaṃ tadanantaram || 11.24 ||
Hūhuka steht oberhalb des Wassers, auf Śakti als Grundlage. Darunter liegt das Wasserprinzip, danach das Feuerprinzip,
11.25
vāyavyaṃ nābhasaṃ caiva tanmātrāṇīndriyāṇi ca |
viṣayāśca manaścaiva ahaṃkārastvanukramāt || 11.25 ||
das Luft- und Raumprinzip, die feinen Sinnesqualitäten, Organe, Gegenstände, das Denken und das Ichbewusstsein der Reihe nach,
11.26
bauddhaṃ gauṇaṃ ca deveśi prākṛtaṃ pauruṣaṃ tathā |
niyatiḥ kālarāgau ca vidyā caiva kalā tathā || 11.26 ||
das Buddhi- und Guṇa-Prinzip, Herrin der Götter, Prakṛti und Puruṣa, Niyati, Zeit, Anhaftung, Vidyā und Kalā,
11.27
māyātattvaṃ tathā vidyā īśvaraśca sadāśivaḥ |
bindvardhendunirodhī ca nādo nāḍī tvataḥ param || 11.27 ||
das Māyā-Prinzip, Vidyā, Īśvara und Sadāśiva, Bindu, Halbmond, Nirodhī, Nāda und danach der Kanal,
11.28
adho brahmabilaṃ devi śaktitattvaṃ tataḥ param |
pañcakāraṇasaṃyuktā vyāpinī ca tataḥ param || 11.28 ||
darunter der Brahmahohlraum, Göttin, danach das Śakti-Prinzip und darüber Vyāpinī mit den fünf Ursachen [die Richtungsangabe „darunter“ wird auch von Kṣemarāja ausdrücklich verteidigt],
11.29
samanā unmanā caiva prakriyāṇḍairyutā priye |
evaṃ vai prakriyāṇḍaṃ tu adhordhvaṃ saṃvyavasthitam || 11.29 ||
Samanā und Unmanā, mit den kosmischen Entfaltungseiern verbunden, Geliebte. So ist das Ei der Weltentfaltung nach unten und oben angeordnet.
11.30
evaṃvidhānyadho 'dho vai ūrdhvordhvaṃ ca samantataḥ |
yathā ātmāṇavo devi asaṃkhyātā vyavasthitāḥ || 11.30 ||
Solche [Eier liegen] immer weiter unten und oben, ringsum. Wie die individuellen Seelen unzählbar vorhanden sind, Göttin,
11.31
evaṃ vai prakriyāṇḍāni tv asaṃkhyeyānyanekaśaḥ |
ekena varṇiteneha sarvo 'dhvā varṇitaḥ priye || 11.31 ||
so gibt es unzählbar viele Eier der Weltentfaltung. Durch die Beschreibung eines einzigen ist hier der ganze Wirklichkeitsweg beschrieben, Geliebte.
11.32
yathā hyekaṃ tathā sarvaṃ prakriyāṇḍaṃ sthitaṃ priye |
sarveṣāṃ prakriyāṇḍānāṃ svasvarūpeṇa suvrate || 11.32 ||
Wie eines, so ist jedes Ei der Weltentfaltung angeordnet, Geliebte. In sämtlichen solchen Eiern ist seinem eigenen Wesen nach,
11.33
vyāpakastu śivaḥ sūkṣmaḥ sabāhyābhyantaraṃ sthitaḥ |
sarvātiśayanirmuktaḥ sarvakāraṇavarjitaḥ || 11.33 ||
innen wie außen, der feine Śiva alldurchdringend gegenwärtig, frei von jeder überbietbaren Besonderheit und von sämtlichen Ursachen,
11.34
sṛṣṭisaṃhāranirmuktaḥ prapañcātītagocaraḥ |
nirmalo vimalaḥ śāntas tv adha ūrdhvaṃ vyavasthitaḥ || 11.34 ||
frei von Schöpfung und Einziehung, sein Bereich jenseits der Vielheitsentfaltung, makellos, rein und friedvoll, unten wie oben gegenwärtig.
11.35
ākāśasya yathā nordhvaṃ na madhyaṃ nāpyadhaḥ kvacit |
evaṃ sarvagato devaḥ śivaḥ paramakāraṇam || 11.35 ||
Wie der Raum nirgends ein Oben, eine Mitte oder ein Unten hat, so ist Gott Śiva, die höchste Ursache, allgegenwärtig.
11.36
vyāpya devi jagatsarvaṃ vyomasu vyomavatsthitaḥ |
evaṃ jñātvā varārohe na bhūyo janmabhāg bhavet || 11.36 ||
Er durchdringt die gesamte Welt, Göttin, und steht in den Räumen wie der Raum selbst. Wer dies so erkennt, Schönhüftige, wird nicht wieder geboren.
11.37
kāraṇānāṃ punarvyāptiṃ kathayāmi samāsataḥ |
tattve tu pārthive brahmā adhiṣṭhātā vyavasthitaḥ || 11.37 ||
Nun erkläre ich kurz die Reichweite der Ursachen. Im Erdprinzip befindet sich Brahmā als überherrschender [Gott].
11.38
aptattve tu sthito viṣṇū rudrastejasi saṃsthitaḥ |
īśvaro vāyutattve tu ākāśe tu sadāśivaḥ || 11.38 ||
Im Wasserprinzip steht Viṣṇu, im Feuer Rudra, im Luftprinzip Īśvara und im Raum Sadāśiva.
11.39
ādityaśca smṛto brahmā somo viṣṇuśca suvrate |
grahāṇāmadhipo rudro nakṣatrāṇāṃ tatheśvaraḥ || 11.39 ||
Die Sonne gilt als Brahmā, der Mond als Viṣṇu, du mit den guten Gelübden; Rudra ist der Herr der Planeten, Īśvara der Mondstationen.
11.40
yajamānastu deveśi svayaṃ devaḥ sadāśivaḥ |
sadyojātastu vai brahmā vāmo viṣṇuḥ prakīrtitaḥ || 11.40 ||
Der Opferherr ist Gott Sadāśiva selbst, Herrin der Götter. Sadyojāta ist Brahmā, Vāma wird als Viṣṇu beschrieben.
11.41
aghoro rudra ityuktas tathā puruṣa īśvaraḥ |
īśānastu varārohe svayaṃ devaḥ sadāśivaḥ || 11.41 ||
Aghora wird Rudra genannt, Puruṣa Īśvara. Īśāna ist Gott Sadāśiva selbst, Schönhüftige.
11.42
sadyojātastu ṛgvedo vāmadevo yajuḥ smṛtaḥ |
aghoraḥ sāmavedastu puruṣo 'tharva ucyate || 11.42 ||
Sadyojāta ist der Ṛgveda, Vāmadeva gilt als Yajurveda, Aghora ist der Sāmaveda, Puruṣa heißt Atharvaveda.
11.43
īśānaśca suraśreṣṭhaḥ sarvavidyātmakaḥ smṛtaḥ |
laukikaṃ devi vijñānaṃ sadyojātādvinirgatam || 11.43 ||
Īśāna, der Beste der Götter, gilt als das Wesen aller Wissenslehren. Weltliches Wissen, Göttin, ging aus Sadyojāta hervor,
11.44
vaidikaṃ vāmadevāttu ādhyātmikamaghorataḥ |
puruṣāccātimārgākhyaṃ nirgataṃ tu varānane || 11.44 ||
vedisches aus Vāmadeva, Wissen über das innere Selbst aus Aghora; aus Puruṣa ging die als Atimārga bezeichnete [Lehre] hervor, Schönangesichtige.
11.45
mantrākhyaṃ tu mahājñānam īśānāttu vinirgatam |
tathā tattvavibhāgena punaśca śṛṇu suvrate || 11.45 ||
Das große, Mantra genannte Wissen ging aus Īśāna hervor. Höre nun auch die Gliederung nach Wirklichkeitsprinzipien, du mit den guten Gelübden.
11.46
caturviṃśatitattvāni brahmā vyāpya vyavasthitaḥ |
pradhānāntaṃ tu deveśi pauruṣaṃ tu janārdanaḥ || 11.46 ||
Brahmā durchdringt die vierundzwanzig Prinzipien bis Pradhāna, Herrin der Götter; Janārdana durchdringt das Puruṣa-Prinzip.
11.47
niyateratha māyāntaṃ rudro vyāpya vyavasthitaḥ |
vidyā tathaiśvaraṃ tattvaṃ vyāptaṃ caiveśvareṇa tu || 11.47 ||
Von Niyati bis Māyā steht Rudra alles durchdringend da. Vidyā und das Īśvara-Prinzip sind von Īśvara durchdrungen.
11.48
ūrdhvaṃ sadāśivo devaḥ sarvaṃ vyāpya vyavasthitaḥ |
tattvatrayavibhāgena punarvakṣyāmi suvrate || 11.48 ||
Darüber durchdringt Gott Sadāśiva alles. Nun erkläre ich es erneut nach der Dreiteilung der Prinzipien, du mit den guten Gelübden.
11.49
ātmatattve tu vai brahmā māyānte ca vyavasthitaḥ |
vidyātattve tathā viṣṇur yāvat sādākhyagocaram || 11.49 ||
Im Ātma-Prinzip bis zum Ende der Māyā steht Brahmā; im Vidyā-Prinzip bis zum Bereich Sādākhyas steht Viṣṇu.
11.50
śivatattve tathā rudro vijñeyastu varānane |
sādākhyamūrdhvamadhvānaṃ sarvaṃ vyāpya vyavasthitaḥ || 11.50 ||
Im Śiva-Prinzip ist entsprechend Rudra zu kennen, Schönangesichtige. Er durchdringt den gesamten Wirklichkeitsweg oberhalb Sādākhyas.
11.51
raudryā adhiṣṭhitātmā vai sa rudraḥ parikīrtitaḥ |
vyāptaśca vāmayā viṣṇur jyeṣṭhayā ca pitāmahaḥ || 11.51 ||
Weil sein Wesen von Raudrī überherrscht ist, wird er Rudra genannt. Viṣṇu ist von Vāmā durchdrungen, Brahmā von Jyeṣṭhā.
11.52
jñānaśaktiḥ smṛto brahmā kriyāśaktirjanārdanaḥ |
icchāśaktiḥ paro rudraḥ sa śivaḥ parigīyate || 11.52 ||
Brahmā gilt als Erkenntniskraft, Janārdana als Handlungskraft. Der höchste Rudra ist Willenskraft; er wird als Śiva besungen.
11.53
viṣṇuḥ sadāśivo devo brahmā caiveśvarastathā |
sadāśivaḥ śivāddevi utpannaḥ prabhurīśvaraḥ || 11.53 ||
Viṣṇu ist Gott Sadāśiva, Brahmā entsprechend Īśvara. Aus Śiva entstand Sadāśiva, Göttin, [aus diesem] Herr Īśvara.
11.54
tasmādvidyā tato māyā vidyāyāḥ punarīśvaraḥ |
jñānaśaktikarāgreṇa svecchayā parameśvaraḥ || 11.54 ||
Daraus [entsteht] Vidyā, daraus Māyā. Aus Vidyā erschafft Īśvara, der höchste Herr, wiederum nach eigenem Willen mit der Hand seiner Erkenntniskraft
11.55
sapta koṭīstu mantrāṇāṃ sṛjejjñānakriyātmikāḥ |
te ca sādākhyaparyante pārthivādye tu suvrate || 11.55 ||
siebzig Millionen Mantras, die aus Erkenntnis und Handlung bestehen. Diese [wirken] von der Erde bis zum Ende Sādākhyas, du mit den guten Gelübden.
11.56
anugrahaṃ prakurvanti dehināṃ bhuvane sthitāḥ |
śivaśaktisamāviṣṭās trinetrāścandramaulayaḥ || 11.56 ||
In den Welten befindlich, erweisen sie den Verkörperten Gnade, von Śivas Kraft erfüllt, dreiäugig und mondgekrönt.
11.57
rudramūrtibhireko 'sau śivaḥ paramakāraṇam |
jagadvyāpya sthito māyī śūlapāṇiranekadhā || 11.57 ||
Der eine Śiva, die höchste Ursache und Herr der Erscheinungsmacht, durchdringt in Rudra-Gestalten vielfältig die Welt, mit Dreizack in der Hand.
11.58
jñānaśaktyā punaścaiva samālokya varānane |
icchāśaktyā samāviṣṭaḥ kriyāśaktyā tu suvrate || 11.58 ||
Nachdem er mit der Erkenntniskraft hingeblickt hat, Schönangesichtige, und von Willenskraft erfüllt ist, [bewegt er] durch die Handlungskraft,
11.59
māyātattvaṃ jagadbījaṃ nityaṃ vibhutayāvyayam |
tatsthaṃ kṛtvātmavargaṃ tu yugapat kṣobhayetprabhuḥ || 11.59 ||
das Māyā-Prinzip, den ewigen und aufgrund seiner Allgegenwart unvergänglichen Weltkeim. Der Herr setzt die Seelenschar hinein und versetzt sie gleichzeitig in Bewegung.
11.60
helādaṇḍāhatāyāśca badaryā vā phalāni tu |
tiryagūrdhvamadhastācca nirgacchanti samāsataḥ || 11.60 ||
Wie die Früchte eines spielerisch mit einem Stab geschlagenen Jujubenbaumes fallen sie auseinander: seitwärts, nach oben und nach unten.
11.61
muktestu bhājanaṃ ye 'tra anudhyātāḥ śivena tu |
ūrdhvaṃ gacchanti te sarve śivaṃ paramanirmalam || 11.61 ||
Diejenigen, die für Befreiung geeignet und von Śiva meditativ erfasst sind, gehen alle hinauf zum höchsten makellosen Śiva.
11.62
vidyāyā bhājanaṃ tiryaṅmantrarūpā bhavanti vai |
saṃsārabhājanaṃ ye tu malakarmakalānvitāḥ || 11.62 ||
Die für Vidyā Geeigneten [gehen] seitwärts und werden zu Mantragestalten. Diejenigen, die dem Saṃsāra zugehören und mit Makel, Karma und Kalā verbunden sind,
11.63
adhastātte vrajantyatra ghore 'dhvanyatidāruṇe |
tasmātkalā samutpannā vidyā rāgastathaiva ca || 11.63 ||
gehen nach unten in den furchtbaren, überaus grausamen Wirklichkeitsweg. Aus [Māyā] entstehen Kalā, Vidyā und Rāga,
11.64
kālo niyatitattvaṃ ca puṃstattvaṃ prakṛtistathā |
sattvaṃ rajastamaścaiva prakṛtestu guṇāstrayaḥ || 11.64 ||
Zeit, Niyati, das Puruṣa-Prinzip und Prakṛti. Aus Prakṛti [entstehen] die drei Guṇas Sattva, Rajas und Tamas.
11.65
sattvaṃ prakāśajanakaṃ pravṛttijanakaṃ rajaḥ |
tamo 'vaṣṭambhakaṃ proktaṃ vijñeyaṃ tu guṇatrayam || 11.65 ||
Sattva erzeugt Erhellung, Rajas Tätigkeit, Tamas wird als Hemmung beschrieben. So sind die drei Guṇas zu verstehen.
11.66
sattvaṃ brahmā rajo viṣṇus tamo rudraḥ prakīrtitaḥ |
brahmatve sṛjate lokān viṣṇutve sthitikārakaḥ || 11.66 ||
Sattva ist Brahmā, Rajas Viṣṇu, Tamas wird Rudra genannt. Als Brahmā erschafft [Śiva] die Welten, als Viṣṇu bewirkt er ihre Erhaltung.
11.67
rudratve saṃharet sarvaṃ jagadetaccarācaram |
jāgratsvapnasuṣuptaṃ ca tisro 'vasthāśca tadgatāḥ || 11.67 ||
Als Rudra zieht er diese ganze Welt der beweglichen und unbeweglichen Wesen ein. Wachen, Traum und Tiefschlaf sind die drei ihnen zugehörigen Zustände.
11.68
guṇebhyo dhiṣaṇā jātā bhāvabhedaiḥ samanvitā |
brahmā tatrādhipatyena buddhitattve vyavasthitaḥ || 11.68 ||
Aus den Guṇas entsteht die Einsicht, mit unterschiedlichen Zuständen versehen. Brahmā befindet sich dort als Oberherr im Buddhi-Prinzip.
11.69
sarvajñaṃ ca tamevāhur bauddhānāṃ paramaṃ padam |
guṇeṣvārahatānāṃ ca pradhānaṃ vedavādinām || 11.69 ||
Eben ihn nennen sie den Allwissenden, die höchste Stätte der Buddhisten [polemische Zuordnung des Textes]. Die [Stätte] der Arhat-Anhänger liegt in den Guṇas, die der Veda-Vertreter ist Pradhāna.
11.70
pauruṣaṃ caiva sāṃkhyānāṃ sukhaduḥkhādivarjitam |
ṣaḍviṃśakaṃ ca deveśi yogaśāstre paraṃ padam || 11.70 ||
Die der Sāṃkhyas ist das Puruṣa-Prinzip, frei von Glück, Leid und anderem. Das sechsundzwanzigste [Prinzip] ist in der Yogalehre die höchste Stätte, Herrin der Götter.
11.71
vrate pāśupate proktam aiśvaraṃ paramaṃ padam |
mausule kāruke caiva māyātattvaṃ prakīrtitam || 11.71 ||
Beim Pāśupata-Gelübde wird die Īśvara-Stufe als höchste Stätte gelehrt; bei Mausula und Kāruka wird das Māyā-Prinzip angesetzt.
11.72
kṣemeśo brahmaṇaḥ svāmī teṣāṃ tatparamaṃ padam |
tejeśo vaimalānāṃ ca pramāṇe ca dhruvaṃ padam || 11.72 ||
Kṣemeśa und Brahmās Herr sind ihre höchsten Stätten. Tejeśa [ist die Stätte] der Vaimalas, und im Pramāṇa[-Bereich] liegt die Dhruva-Stätte.
11.73
dīkṣājñānaviśuddhātmā dehāntaṃ yāva caryayā |
kapālavratamāsthāya svaṃ svaṃ gacchati tatpadam || 11.73 ||
Wer durch Einweihung und Erkenntnis gereinigt ist und bis zum Tod die Lebensführung des Schädelgelübdes einhält, gelangt jeweils zu seiner entsprechenden Stätte.
11.74
japabhasmakriyāniṣṭhās te vrajantyaiśvaraṃ padam |
sarvādhvāno viniṣkrāntaṃ śaivānāṃ tu paraṃ padam || 11.74 ||
Wer Rezitation, Asche und Ritual ergeben ist, gelangt zur Īśvara-Stätte. Die höchste Stätte der Śaivas aber liegt jenseits sämtlicher Wirklichkeitswege.
11.75
buddhitattvādahaṅkāraḥ punarjātastridhā priye |
sāttviko rājasaścaiva tāmasaśca prakīrtitaḥ || 11.75 ||
Aus dem Buddhi-Prinzip entsteht das Ichbewusstsein wiederum dreifach, Geliebte: als sattvisch, rajasisch und tamasisch.
11.76
bhūtādirvaikṛtaścaiva taijasaśca tridhā sthitaḥ |
tanmātrāṇyatha bhūtādes tebhyo bhūtānyajījanat || 11.76 ||
Als Bhūtādi, Vaikṛta und Taijasa besteht es dreifach. Aus Bhūtādi [entstehen] die feinen Sinnesqualitäten; aus ihnen brachte [der Herr] die groben Elemente hervor.
11.77
śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca raso gandhaśca pañcamaḥ |
etāni pañca khyātāni tanmātrāṇi krameṇa tu || 11.77 ||
Laut, Berührung, Gestalt, Geschmack und als fünfter Geruch werden der Reihe nach als diese fünf feinen Qualitäten genannt.
11.78
śabdādvyoma samutpannaṃ sparśadvāyustathā punaḥ |
rūpāttejaḥ samutpannam āpo jātā rasāt punaḥ || 11.78 ||
Aus Laut entsteht Raum, aus Berührung Luft, aus Gestalt Feuer und aus Geschmack Wasser.
11.79
gandhāttu pṛthivī jātā samāsāt kathitaṃ tava |
karmendriyāṇi jātāni tasmādvaikārikādatha || 11.79 ||
Aus Geruch entsteht Erde: Dies ist dir kurz erklärt. Aus dem Vaikārika[-Ichbewusstsein] entstehen die Handlungsorgane:
11.80
vākpāṇipādaṃ pāyuśca upasthaśceti pañcamam |
buddhīndriyāṇi pañcaiva taijasāttu bhavantyatha || 11.80 ||
Rede, Hände, Füße, Ausscheidungsorgan und als fünftes Geschlechtsorgan. Aus Taijasa entstehen die fünf Erkenntnisorgane:
11.81
śrotraṃ tvakcakṣuṣau jihvā nāsikā caiva pañcamī |
ubhayātma manaḥ proktaṃ vyāptṛ sarvendriyāṇi tu || 11.81 ||
Gehör, Haut, Augen, Zunge und als fünfte Nase. Das Denken wird als zu beiden Arten gehörig bezeichnet und durchdringt alle Sinne.
11.82
ātmopakārakāṇyeva kathitāni yathārthataḥ |
ātmā caivāntarātmā ca bāhyātmā caiva sundari || 11.82 ||
Sie sind als dem Selbst dienend sachgemäß erklärt worden. Das Selbst, das innere Selbst und das äußere Selbst, Schöne,
11.83
nirātmā parātmātmaitān kathayāmi samāsataḥ |
abudhaśca budhaścaiva budhyamānastathaiva ca || 11.83 ||
das entblößte Selbst und das höchste Selbst: Diese erkläre ich kurz [Wortfügung der Vorlage beschädigt]. Der Unbewusste, der Bewusste und der Erwachende,
11.84
prabuddhaḥ suprabuddhaśca punaśca kathayāmi te |
pradhānasāmyamāśritya sukhaduḥkhavivarjitaḥ || 11.84 ||
der Erwachte und der Vollerwachte: Auch diese erkläre ich dir. Wenn [das Individuum] im Gleichgewicht Pradhānas ruht, frei von Glück und Leid,
11.85
yadā tasmin sthitvā devi tadātmā tu sa ucyate |
puryaṣṭakasamāyogāt paryaṭet sarvayoniṣu || 11.85 ||
und dort verweilt, Göttin, heißt es „Selbst“. In Verbindung mit der achtteiligen subtilen Stadt wandert es durch alle Geburtsklassen.
11.86
antarātmā sa vijñeyo nibaddhastu śubhāśubhaiḥ |
buddhikarmendriyairyukto mahābhūtaiḥ samāvṛtaiḥ || 11.86 ||
Dann ist es als inneres Selbst zu verstehen, durch gute und schlechte [Taten] gebunden. Mit Erkenntnis- und Handlungsorganen verbunden und von den großen Elementen umgeben,
11.87
bāhyātmā tu tadā devi bhuṅkte 'sau viṣayān sadā |
bhūtabhāvavinirmuktas tattvadharmakalojjhitaḥ || 11.87 ||
heißt es äußeres Selbst, Göttin, und erfährt ständig die Gegenstände. Frei vom Zustand der Elemente, ohne die Kalās der Prinzipienbestimmungen,
11.88
maladharmaikayuktātmā māyādharmatiraskṛtaḥ |
nirātmā tu tadā jñeyaḥ paramātmātha kathyate || 11.88 ||
nur mit der Beschaffenheit des Makels verbunden und von Māyā als verhüllender Kraft eingeengt, ist es dann als Nirātman zu kennen. Nun wird das höchste Selbst erklärt [Māyā bezeichnet hier nach Kṣemarāja die verhüllende Kraft, nicht das Māyā-Tattva].
11.89
malakarmakalādyaistu nirmuktaśca yadā priye |
sarvādhvasamatītaśca māyāmohojjhitaśca yaḥ || 11.89 ||
Wenn jemand von Makel, Karma, Kalā und den übrigen [Bindungen] frei ist, Geliebte, den gesamten Wirklichkeitsweg überschritten und Māyās Verblendung aufgegeben hat,
11.90
nirmalatvaṃ yadā yāti padaṃ paramamavyayam |
paramātmā tadā devi procyate prabhuravyayaḥ || 11.90 ||
wenn er zur Makellosigkeit, zur höchsten unvergänglichen Stätte gelangt, dann heißt er höchstes Selbst, Göttin, der unvergängliche Herr.
11.91
abudhaṃ ca punardevi kathayāmi samāsataḥ |
tattvabhūtātmasaṃhāre kalākṣityantagocare || 11.91 ||
Nun erkläre ich kurz den Unbewussten, Göttin. Bei der Einziehung von Prinzipien, Elementen und Seelen im Bereich von Kalā bis zur Erde,
11.92
māyāsāmyaniśāyāṃ vai saṃhṛtya parameśvaraḥ |
nirvyāpāro bhavettāvad yāvadvai nodaya punaḥ || 11.92 ||
in der Nacht des Gleichgewichts der Māyā, zieht der höchste Herr [alles] ein und bleibt ohne Tätigkeit bis zum erneuten Aufgang.
11.93
sukhaduḥkhādyabhāvaśca hy ātmavargasya karmaṇaḥ |
malanidrāvimūḍhātmā ruddhacaitanyadṛkkriyaḥ || 11.93 ||
Glück, Leid und die übrigen [Karmawirkungen] fehlen für die Seelenschar. Vom Schlaf des Makels verwirrt, sind ihre bewusste Erkenntnis und Handlung gehemmt.
11.94
na vijānāti śabdādīn ātmānaṃ ca varānane |
kāraṇaṃ na vijānāti na ca sthānaṃ svakaṃ priye || 11.94 ||
Sie erkennt weder Laut und die übrigen [Gegenstände] noch sich selbst, Schönangesichtige; sie kennt weder die Ursache noch ihren eigenen Ort, Geliebte.
11.95
sarvametanna jānati yato luptākṣadṛkkriyaḥ |
abudhastiṣṭhate tatra yāvanmāyā aharmukham || 11.95 ||
Nichts davon erkennt sie, weil Sinneserkenntnis und Handlung erloschen sind. Unbewusst bleibt sie dort bis zum Tagesanbruch der Māyā.
11.96
abudhastu samākhyātaḥ budhaṃ caiva nibodha me |
paripākagate karmaṇīśvarecchākaroddhṛte || 11.96 ||
Der Unbewusste ist erklärt. Höre nun vom Bewussten. Wenn das Karma gereift und durch die Hand des Willens Īśvaras herausgehoben ist,
11.97
prakāśaṃ nāyanaṃ yadvad anugṛhṇāti bhāskaraḥ |
karaṇānyanugṛhṇāti tadvadīśvara ātmanām || 11.97 ||
wie die Sonne die Sehkraft des Auges unterstützt, so unterstützt Īśvara die Organe der Seelen.
11.98
kalonmīlitacaitanyo vidyādarśitagocaraḥ |
rāgo 'sya rañjakatvena viṣayānandalakṣaṇaḥ || 11.98 ||
Kalā öffnet sein Bewusstsein, Vidyā zeigt ihm seinen Erfahrungsbereich; Rāga färbt ihn und hat die Freude an Gegenständen als Merkmal.
11.99
kālo vai kalayatyenaṃ tuṭyādipralayāvadhiḥ |
niyatirniścitaṃ nityaṃ yojayecca śubhāśubhe || 11.99 ||
Die Zeit bemisst ihn von der Tuṭi bis zur Weltauflösung. Niyati verbindet ihn stets bestimmt mit Gutem und Schlechtem,
11.100
paramāṇusahasrāṃśān na ca nyūnaṃ na cādhikam |
pumbhāvaṃ tamanuprāpya tattve ca puruṣāhvaye || 11.100 ||
um nicht einmal ein Tausendstel eines Atoms zu wenig oder zu viel. So erlangt er das Personsein im Puruṣa genannten Prinzip.
11.101
puraṃ pradhānamityuktaṃ prapañcānekasaṃkulam |
tatpuraṃ poṣayedyasmāt tasmādvai puruṣaḥ smṛtaḥ || 11.101 ||
Pradhāna heißt die Stadt, erfüllt von vielfältiger Entfaltung. Weil er diese Stadt nährt, gilt er als Puruṣa [etymologisches Wortspiel].
11.102
yataḥ śrīkaṇṭhanāthastu niyatyā karmataḥ paśum |
pradhānapāśajāleva veṣṭayedasamañjasam || 11.102 ||
Denn Herr Śrīkaṇṭha umhüllt mittels Niyati und entsprechend dem Karma das gebundene Wesen in unangemessener Weise mit dem Netz der Pradhāna-Fesseln [KSTS: pradhānapāśajālena; Vorlage: pradhānapāśajāleva].
11.103
buddhistriguṇabandhena buddhvā vaikārikeṇa tu |
tanmātrendriyabandhena dṛḍhaṃ bhūtaiśca veṣṭitaḥ || 11.103 ||
Gebunden durch die Fessel der drei Guṇas, durch die Buddhi und das Ichbewusstsein in seinen Formen von Vaikārika an, durch die Fesseln der feinen Qualitäten und Sinne und von den Elementen fest umhüllt [Übersetzung nach KSTS baddhas triguṇabandhena buddhyā; die Vorlage hat buddhis … buddhvā],
11.104
baddhaḥ saṃcarati hyevaṃ māyādyavanigocare |
saṃsārī procyate tasmāt saṃsaredyat punaḥ punaḥ || 11.104 ||
wandert es so gebunden im Bereich von Māyā bis zur Erde. Weil es immer wieder umherwandert, heißt es Saṃsārin.
11.105
śadbādiviṣayā yasmād vidyante viṣayī tataḥ |
viṣayāḥ paramityāha nānābhedairvisarpitāḥ || 11.105 ||
Weil Laut und die anderen Gegenstände vorhanden sind, heißt es Gegenstandserfahrender. Es erklärt die in vielerlei Unterschieden ausgebreiteten Gegenstände für das Höchste [Vorlage śadbādi; gemeint śabdādi, auch im KSTS-Druck].
11.106
nānākarmavipākaiśca bhuṅkte tadbhāvabhāvitaḥ |
evaṃ bhuṅkte tu vai yasmāt tasmādbhoktā sa ucyate || 11.106 ||
Je nach den vielfältigen Reifungen seiner Handlungen erfährt es sie, von ihrem Zustand geprägt. Weil es so erfährt, heißt es Erfahrender.
11.107
tasmiṃstajjño varārohe kṣetre vai kārṣako yathā |
mahābilāṣamālokya kṛṣedvai lobhalāṅgalaiḥ || 11.107 ||
Als Kenner dieses Bereichs, Schönhüftige, gleicht es einem Bauern auf dem Feld: Den großen Ertrag erhoffend, pflügt es mit den Pflügen der Gier.
11.108
vapecca mohabhāvena manovākkāyikaṃ sadā |
dharmādharmamayaṃ bījaṃ pravikīrya samantataḥ || 11.108 ||
In Verblendung sät es stets mit Geist, Rede und Körper und verstreut ringsum den Samen aus Recht und Unrecht.
11.109
tasmādvai aṅkurotpattiḥ sukhaduḥkhaphalodayā |
vardhate kāmakrodhena siktā rāgāmbunā bhṛśam || 11.109 ||
Daraus entsteht der Keim, der Früchte von Glück und Leid hervorbringt. Er wächst durch Begehren und Zorn, reichlich mit dem Wasser der Anhaftung begossen.
11.110
yasmin deśe ca kāle ca vayasā yādṛśena ca |
uptaṃ śubhāśubhaṃ karma tatkāle labhate phalam || 11.110 ||
An welchem Ort, zu welcher Zeit und in welchem Lebensalter gutes oder schlechtes Handeln gesät wurde, zu entsprechender Zeit erlangt man seine Frucht.
11.111
bhuṅkte tu vividhākāraṃ pūrvakarmavaśādbudhaḥ |
yasmādevaṃ vijānāti tasmāt kṣetrajña ucyate || 11.111 ||
Gemäß früherem Karma erfährt der Bewusste vielfältige Formen. Weil er auf diese Weise erkennt, heißt er Feldkenner.
11.112
viṣayānbudhyate yasmād budhastasmāt prakīrtitaḥ |
tadevāniṣṭarūpeṇa yadā bhāvayate pumān || 11.112 ||
Weil er die Gegenstände erkennt, wird er Budha, der Bewusste, genannt. Wenn ein Mensch dasselbe als unerwünscht betrachtet,
11.113
budhyamānastu sa tadā adhunā kathayāmi te |
yadā jugupsate bhogān śubhāṃścaivāśubhāṃstathā || 11.113 ||
ist er ein Erwachender; dies erkläre ich dir nun. Wenn er gute ebenso wie schlechte Genüsse verabscheut,
11.114
kṛtrimāneva manyeta paraṃ vairāgyamāśritaḥ |
māyādyavaniparyantam indrajālaṃ tu budhyate || 11.114 ||
sie nur als künstlich hergestellt ansieht und sich auf höchste Loslösung stützt, erkennt er alles von Māyā bis Erde als Zauberspiel.
11.115
putramitrakalatrāṇi suhṛtsvajanabāndhavāḥ |
yadarjitaṃ mayā dravyaṃ śubhenāpyaśubhena vā || 11.115 ||
„Söhne, Freunde, Ehepartner, Wohlgesinnte, Angehörige und Verwandte: Den Besitz, den ich durch gute oder schlechte Mittel erworben habe,
11.116
tadbhokṣyante tvime sarve nirātaṅkā nirākulāḥ |
ekākī cāhamevaiṣa yāsyāmi yamasādanam || 11.116 ||
werden sie alle unbesorgt und ungestört genießen. Ich allein werde in Yamas Haus gehen.
11.117
tasmācca na śubhā hyete vairiṇo 'narthakāriṇaḥ |
svāmīyamapyayaṃ dehaṃ nityameva jugupsate || 11.117 ||
Daher sind sie [als Gegenstand meiner Bindung] nicht heilvoll, sondern Feinde, die Unheil bewirken.“ Auch seinen eigenen Leib betrachtet er ständig mit Abscheu,
11.118
śukraśoṇitasambhūtaṃ viṣayoragadūṣitam |
nānāvyādhisamākīrṇaṃ jarāmṛtyubhayākulam || 11.118 ||
aus Samen und Blut entstanden, von den Schlangen der Sinnesgegenstände vergiftet, voller verschiedener Krankheiten und bedrängt von Furcht vor Alter und Tod.
11.119
so 'hamasmi malākīrṇe kathamatra ramāmyaham |
nityamudvignacittastu cintayedvai punaḥ punaḥ || 11.119 ||
„Ich befinde mich in diesem von Unreinheit Erfüllten; wie könnte ich mich hier erfreuen?“ Stets beunruhigten Geistes bedenkt er immer wieder:
11.120
kathaṃ muktirbhavedasmāt saṃsārādduratikramāt |
evaṃ prabuddho deveśi tallayastatparāyaṇaḥ || 11.120 ||
„Wie könnte ich aus diesem schwer zu überwindenden Saṃsāra befreit werden?“ So erwacht, Herrin der Götter, geht er darin [im Befreiungsziel] auf und ist ihm ergeben.
11.121
sarvārambhavinirmuktaḥ pramuktaḥ procyate tadā |
prabuddhastu samākhyātaḥ suprabuddhaṃ tu me śṛṇu || 11.121 ||
Von allen Unternehmungen frei, heißt er dann ein Befreiter [hier vorläufige Stufe]. Der Erwachte ist erklärt; höre nun vom Vollerwachten.
11.122
dīkṣājñānena yogena caryayāpyatha suvrate |
yadā prāptaḥ paraṃ sthānam adhvātītaṃ nirāmayam || 11.122 ||
Wenn er durch Einweihung, Erkenntnis, Yoga und Lebensführung, du mit den guten Gelübden, die höchste unversehrte Stätte jenseits des Wirklichkeitswegs erreicht,
11.123
virajo vimalaṃ śāntaṃ prapañcātītagocaram |
niṣkampaṃ kāraṇātītaṃ sarvajñaṃ sarvatomukham || 11.123 ||
staubfrei, makellos, friedvoll, jenseits der Vielheitsentfaltung, unerschütterlich, jenseits der Ursachen, allwissend und nach allen Seiten gewandt,
11.124
sutṛptānādisambuddhaṃ svatantraṃ nityameva hi |
aluptaśaktivibhavaṃ suprabuddhaṃ sanātanam || 11.124 ||
völlig befriedigt, anfangslos erwacht, selbstbestimmt und ewig, von unverminderter Kraft und Herrlichkeit, vollkommen erwacht und immerwährend,
11.125
tasmin yuktastadātmā vai tadguṇaistu samanvitaḥ |
suprabuddhaḥ sa evokto bhairavasya vaco yathā || 11.125 ||
ist das Selbst damit vereinigt und mit dessen Eigenschaften versehen. Eben dieses heißt Vollerwachter, wie Bhairavas Wort besagt.
11.126
na cādhikāritā dīkṣāṃ vinā yogo 'sti śāṅkare |
adhunā kathayiṣyāmi bhāvabhedān varānane || 11.126 ||
Ohne Einweihung gibt es keine Befugnis und keine Verbindung mit Śaṃkara. Nun werde ich die Unterschiede der Zustände erklären, Schönangesichtige.
11.127
karaṇāni daśa trīṇi kāryaṃ ca daśadhā priye |
ekādaśendriyavadhā ahaṅkārastu vai tridhā || 11.127 ||
Die Werkzeuge sind dreizehn, die Wirkungen zehnfach, Geliebte; die Schädigungen der Organe sind elf, das Ichbewusstsein ist dreifach,
11.128
buddhiraṣṭavidhā caiva pañcadhā tu viparyayaḥ |
nāmānyeṣāṃ vibhāgena kathayāmi yathākramam || 11.128 ||
die Buddhi achtfach und die Fehlauffassung fünffach. Ihre Namen nenne ich, entsprechend gegliedert, der Reihe nach.
11.129
pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca || 11.129 ||
Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. Die Vorlage überliefert hier nur einen Halbvers.
11.130
gandho rasaśca tanmātre rūpatanmātrameva ca |
sparśaḥ śabdaśca pañcaiva tanmātrāṇīritāni tu || 11.130 ||
Geruch und Geschmack als feine Qualitäten, ebenso die feine Gestaltqualität, Berührung und Laut: Diese fünf feinen Qualitäten sind genannt.
11.131
etatte daśadhā kāryaṃ kīrtitaṃ nāmasaṃkhyayā |
vākpāṇipādaṃ pāyuṃ ca upasthaṃ ca tathā viduḥ || 11.131 ||
Damit sind dir die zehnfachen Wirkungen nach Namen und Zahl erklärt. Rede, Hände, Füße, Ausscheidungsorgan und Geschlechtsorgan
11.132
śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā nāsikā ceti kīrtitam |
bahiṣkaraṇakaṃ devi daśadhā saṃvyavasthitam || 11.132 ||
sowie Gehör, Haut, Augen, Zunge und Nase werden genannt: Das äußere Instrumentarium besteht zehnfach, Göttin.
11.133
manohaṃkārabuddhyākhyaṃ tridhāntaḥkaraṇaṃ smṛtam |
mūkatā kauṇyapaṅgutvaṃ tathānutsargatāpi ca || 11.133 ||
Denken, Ichbewusstsein und Buddhi gelten als dreifaches inneres Organ. Stummheit, Verkrümmung der Hände, Lahmheit, Unfähigkeit zur Ausscheidung,
11.134
nirānandaśca vijñeyo badhiratvaṃ tathaiva ca |
śīrṇatā caiva gātrasya tathā cāndhatvameva ca || 11.134 ||
fehlende [geschlechtliche] Lust, Taubheit, Zerrüttung des Körpers [als Störung des Tastsinns] und Blindheit,
11.135
anāsvādastvagandhaśca anavasthā manasyatha |
itīndriyavadhāḥ khyātā ekādaśa tu tatkramāt || 11.135 ||
fehlender Geschmack, fehlender Geruch und Unbeständigkeit des Denkens: Dies sind die elf Schädigungen der Organe in ihrer Reihenfolge.
11.136
taijaso vaikṛtākhyaśca bhūtādiśca tṛtīyakaḥ |
ahaṅkārastridhā prokto mayā ta varavarṇini || 11.136 ||
Taijasa, das Vaikṛta Genannte und als drittes Bhūtādi: So habe ich dir das Ichbewusstsein dreifach erklärt, du von schöner Gestalt.
11.137
dharmo jñānaṃ ca vairāgyam aiśvaryaṃ ca caturthakam |
adharmaṃ ca tathājñānam avairāgyamanaiśvaram || 11.137 ||
Dharma, Erkenntnis, Loslösung und als vierte Herrschaft, Unrecht, Unwissenheit, fehlende Loslösung und Ohnmacht:
11.138
aṣṭāvete samākhyātā buddherdharmādayo guṇāḥ |
tamo moho mahāmohas tāmisro 'nyo viparyayaḥ || 11.138 ||
Diese acht Eigenschaften der Buddhi, angefangen mit Dharma, sind genannt. Dunkelheit, Verblendung, große Verblendung, ferner Tāmisra als Fehlauffassung,
11.139
andhatāmisramityāhur evaṃ pañca viparyayāḥ |
bhāvabhedāḥ samākhyātāḥ pañcāśatte yathākramam || 11.139 ||
und Andhatāmisra werden als die fünf Fehlauffassungen bezeichnet. So sind dir die fünfzig Zustandsunterschiede der Reihe nach erklärt.
11.140
punaścāṣṭau tu ye buddher bhedā dharmādayaḥ sthitāḥ |
teṣāṃ bhedā yathā bhinnās tathāhaṃ kathayāmi te || 11.140 ||
Wie die acht Buddhi-Zustände von Dharma an weiter unterteilt sind, werde ich dir nun darlegen.
11.141
badhnāti saptadhā sā tu puṃsaḥ saṃsāravartmani |
mocayejjñānabhāvena sāṃkhyajñānaratānnarān || 11.141 ||
Sie bindet den Menschen siebenfach auf dem Weg des Saṃsāra; in Gestalt der Erkenntnis befreit sie die dem Sāṃkhya-Wissen ergebenen Menschen.
11.142
jñānaṃ ca sāttvikaṃ proktaṃ trayo 'nye rājasāḥ smṛtāḥ |
tāmasāścāpyadharmādyāś catvāro vai varānane || 11.142 ||
Erkenntnis wird als sattvisch bezeichnet, die drei anderen [positiven Zustände] als rajasisch. Die vier von Unrecht an sind tamasisch, Schönangesichtige.
11.143
dharmaśca daśadhā prokto jñānaṃ caivāṣṭadhā smṛtam |
vairāgyaṃ navadhā caivam aiśvaryaṃ cāṣṭadhā viduḥ || 11.143 ||
Dharma wird zehnfach beschrieben, Erkenntnis achtfach, Loslösung neunfach und Herrschaft achtfach.
11.144
eta eva viparyastā adharmādyāḥ prakīrtitāḥ |
akrodho guruśuśrūṣā śaucaṃ santoṣa ārjavam || 11.144 ||
Ihre Gegenteile werden als Unrecht und die übrigen [negativen Zustände] bezeichnet. Zornlosigkeit, Dienst am Guru, Reinheit, Zufriedenheit und Aufrichtigkeit,
11.145
ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryamakalkatā |
evaṃ daśavidho dharmaḥ kathitastu varānane || 11.145 ||
Nichtverletzen, Wahrheit, Nichtstehlen, Keuschheit und Lauterkeit: So ist der zehnfache Dharma erklärt, Schönangesichtige.
11.146
tāraṃ sutāraṃ taraṇaṃ tārakaṃ ca pramodakam |
pramuditaṃ ramyakaṃ ca sadāpramuditaṃ tathā || 11.146 ||
Tāra, Sutāra, Taraṇa, Tāraka, Pramodaka, Pramudita, Ramyaka und Sadāpramudita:
11.147
etaj jñānaṃ samākhyātaṃ samāsāt parameśvari |
ambhā ca salilā odhā vṛṣṭisaṃjñā tathāparā || 11.147 ||
Damit ist die Erkenntnis kurz genannt, höchste Göttin. Ambhā, Salilā, Oghā [Vorlage odhā] und die Vṛṣṭi Genannte,
11.148
sutārā ca supārā ca sunetrā ca parā smṛtā |
aṣṭamī ca kumārī syād uttamāmbhasikā tathā || 11.148 ||
Sutārā, Supārā, Sunetrā, als achte Kumārī und Uttamāmbhasikā:
11.149
vairāgyaṃ navadhā caiva kathitaṃ tu mayā tava |
aṇimā laghimā caiva mahimā prāptireva ca || 11.149 ||
So habe ich dir die Loslösung neunfach erklärt. Kleinheit, Leichtigkeit, Größe und Erreichung,
11.150
prākāmyaṃ ca tatheśitvaṃ vaśitvaṃ ca tathā param |
yatrakāmāvasāyitvam aṣṭamaṃ parikīrtitam || 11.150 ||
ungehindertes Wünschen, Herrschaft, Beherrschung und als achtes die Bestimmung nach eigenem Wunsch:
11.151
aiśvaryamaṣṭadhā caiva kathitaṃ tu varānane |
krodhaścāguruśuśrūṣā aśaucaṃ ca tataḥ param || 11.151 ||
Damit ist die achtfache Herrschaft erklärt, Schönangesichtige. Zorn, fehlender Dienst am Guru und Unreinheit,
11.152
asantoṣo 'nārjavaṃ ca hiṃsā cāsatyameva ca |
steyamabrahmacaryaṃ ca tathā caiva sakalkatā || 11.152 ||
Unzufriedenheit, Unaufrichtigkeit, Verletzen, Unwahrheit, Stehlen, Unkeuschheit und Unlauterkeit:
11.153
evameṣa samākhyāto daśadhādharmasaṃgrahaḥ |
atāramasutāraṃ ca atāraṇamathāpi ca || 11.153 ||
So ist die zehnfache Zusammenfassung des Unrechts erklärt. Nicht-Tāra, Nicht-Sutāra und Nicht-Tāraṇa,
11.154
atārakaṃ ca deveśi caturthaṃ parikīrtitam |
apramodo 'pramuditam aramyakamathāpi ca || 11.154 ||
als viertes Nicht-Tāraka, Herrin der Götter, Nicht-Pramoda, Nicht-Pramudita und Nicht-Ramyaka,
11.155
asadāpramuditaṃ tad ajñānaṃ caivamaṣṭadhā |
anambhā asalilā ca anoghāvṛṣṭireva ca || 11.155 ||
und Nicht-Sadāpramudita: So ist Unwissenheit achtfach. Nicht-Ambhā, Nicht-Salilā, Nicht-Oghā und Nicht-Vṛṣṭi,
11.156
asutāramasupāram asunetramataḥ param |
akumārī ca vijñeyān uttamāmbhasikā tathā || 11.156 ||
Nicht-Sutāra, Nicht-Supāra, Nicht-Sunetra, Nicht-Kumārī und Nicht-Uttamāmbhasikā sind [als fehlende Loslösung] zu verstehen.
11.157
anaṇimālaghimā caivāmahimā maheśvari |
aprāptiraprākāmyaṃ cānīśitvaṃ ca tathaiva ca || 11.157 ||
Fehlende Kleinheit, fehlende Leichtigkeit, fehlende Größe, große Göttin, fehlende Erreichung, fehlende Wunscherfüllung und fehlende Herrschaft,
11.158
avaśitvaṃ tathā caivāyatrakāmāvasāyitā |
anaiśvaryaṃ ca deveśi aṣṭadhā parikīrtitam |
anaiśvaryādibhiścaite paiśācādyā adhiṣṭhitāḥ || 11.158 ||
fehlende Beherrschung und fehlende Bestimmung nach eigenem Wunsch: So wird Ohnmacht achtfach beschrieben, Herrin der Götter. Die Klassen von Piśāca an werden durch Ohnmacht und die übrigen [Zustände] bestimmt.
11.159
yathā krameṇa teṣvaṣṭau saṃsthitān kathayāmi te |
anaiśvaryaṃ hi paiśāce avairāgyaṃ ca rākṣase || 11.159 ||
Wie die acht darin der Reihe nach angeordnet sind, erkläre ich dir: Ohnmacht in der Piśāca-Klasse, fehlende Loslösung in der Rākṣasa-Klasse,
11.160
yākṣe caiva tadajñānaṃ gāndharve 'dharma eva ca |
dharmaṃ caiva tathaindre tu jñānaṃ saumye pratiṣṭhitam || 11.160 ||
Unwissenheit in der Yakṣa-Klasse, Unrecht bei den Gandharvas, Dharma in Indras Klasse und Erkenntnis bei den Mondwesen.
11.161
prājāpatye tu vairāgyam aiśvaryaṃ brahmaṇi sthitam |
catuṣṣaṣṭiguṇaṃ caitat pade brāhme vyavasthitam || 11.161 ||
Bei Prajāpati liegt die Loslösung, bei Brahmā die Herrschaft. Diese besteht auf der Brahmā-Stufe vierundsechzigfach.
11.162
ṣaṭpañcāśadguṇaṃ tacca prājāpatye vyavasthitam |
aṣṭacatvāriṃśadguṇaṃ saumye vai parikīrtitam || 11.162 ||
Auf der Prajāpati-Stufe besteht sie sechsundfünfzigfach, auf der Mondstufe wird sie achtundvierzigfach beschrieben.
11.163
catvāriṃśadguṇaṃ caiva māhendraiśvaryamucyate |
dvātriṃśadguṇitaṃ devi gāndharvaiśvaryamucyate || 11.163 ||
Indras Herrschaft heißt vierzigfach, die Gandharva-Herrschaft zweiunddreißigfach, Göttin.
11.164
caturviṃśaguṇaṃ yākṣaṃ ṣoḍaśaṃ rākṣasaṃ smṛtam |
aiśvaryamaṣṭaguṇitaṃ paiśācaṃ parikīrtitam || 11.164 ||
Die Yakṣa-Herrschaft gilt als vierundzwanzigfach, die Rākṣasa-Herrschaft als sechzehnfach und die Piśāca-Herrschaft als achtfach.
11.165
evaṃ sthitaṃ tadaiśvaryaṃ devayoniṣu suvrate |
anye saptasvarūpeṇa saṃsthitā devayoniṣu || 11.165 ||
So ist diese Herrschaft in den göttlichen Geburtsklassen angeordnet, du mit den guten Gelübden. Die anderen sieben [Buddhi-Zustände] bestehen ebenfalls in den göttlichen Klassen.
11.166
eta eva susaṃkīrṇā mānuṣeṣu vyavasthitāḥ |
pradhānaguṇabhāvena sthāvarāntaṃ vyavasthitāḥ || 11.166 ||
Eben diese sind bei den Menschen stark vermischt. Als hauptsächlich oder untergeordnet reichen sie bis zu den unbeweglichen Wesen.
11.167
guṇatrayasya vyāptiṃ vai kathayāmi yathāsthitām |
sattvenādhiṣṭhitā devā brahmādyā maghavāntakāḥ || 11.167 ||
Ich erkläre die Reichweite der drei Guṇas entsprechend ihrer Verteilung. Von Sattva beherrscht sind die Götter von Brahmā bis Indra.
11.168
gandharvayakṣamanujā daityāścaiva tu rājasāḥ |
yātudhānāḥ piśācāśca tāmasāḥ parikīrtitāḥ || 11.168 ||
Gandharvas, Yakṣas, Menschen und Daityas sind rajasisch; Yātudhānas und Piśācas werden als tamasisch bezeichnet.
11.169
rajaḥsattvotkaṭā jñeyā ṛṣayaḥ saṃśitavratāḥ |
anyonyābhibhavāste ca pṛthivyāṃ saṃvyavasthitāḥ || 11.169 ||
Die Ṛṣis mit strengen Gelübden sind als stark von Rajas und Sattva geprägt zu verstehen. Auf der Erde bestehen diese [Guṇas] in wechselseitiger Überwältigung.
11.170
atyantatamasāviṣṭāḥ sthāvarāśca sarīsṛpāḥ |
pādapādavihīnāśca tāmasāḥ parikīrtitāḥ || 11.170 ||
Unbewegliche Wesen und Kriechtiere sind überaus von Tamas erfüllt. Wesen mit Beinen und ohne Beine gelten als tamasisch,
11.171
sarīsṛpādyā vijñeyāḥ sthāvarāntāstu suvrate |
eṣāmantargatāścānyā anantā eva yonayaḥ || 11.171 ||
von den Kriechtieren bis zu den unbeweglichen Wesen, du mit den guten Gelübden. In diesen sind unendlich viele weitere Geburtsklassen enthalten.
11.172
mānuṣeṣu tathānantā bhedānantyavyavasthayā |
na śakyā gadituṃ tā vai karmānantyaprabhedataḥ || 11.172 ||
Auch bei den Menschen sind sie aufgrund unendlicher Unterschiede unendlich. Wegen der unendlichen Verschiedenheit des Karma können sie nicht sämtlich genannt werden.
11.173
guṇāstu mānuṣe loke dharmādyā eva saṃsthitāḥ |
dharmādyeṣu nibaddhāni yāni jñānāni suvrate || 11.173 ||
In der Menschenwelt befinden sich die Eigenschaften von Dharma an. Welche Wissenslehren an Dharma und die übrigen [positiven Zustände] gebunden sind,
11.174
adharmādyeṣu yāni syus tāni te kathayāmyaham |
hetuśāstraṃ ca yalloke nityānityaviḍambakam || 11.174 ||
und welche an Unrecht und die weiteren [negativen Zustände], werde ich dir nennen. Die in der Welt verbreitete Lehre von Gründen, die mit Ewigkeit und Vergänglichkeit ihr Spiel treibt,
11.175
vādajalpavitaṇḍābhiḥ vivadante hyaniścitāḥ |
hetuniṣṭhāni vākyāni vastuśūnyāni suvrate || 11.175 ||
[in der] Unentschiedene mit Erörterung, Streit und Widerlegung gegeneinander reden: Ihre Aussagen hängen an Begründungen, sind aber leer an wirklicher Sache, du mit den guten Gelübden,
11.176
jñānayogavihīnāni devatārahitāni tu |
dharmārthakāmamokṣeṣu niścayo naiva jāyate || 11.176 ||
ohne Erkenntnis-Yoga und ohne Gottheit. In Bezug auf Dharma, Wohlstand, Begehren und Befreiung entsteht daraus keine Gewissheit.
11.177
ajñānena nibaddhāni tv adharmeṇa nimittataḥ |
nirayaṃ te pragacchanti ye tatrābhiratā narāḥ || 11.177 ||
Sie sind an Unwissenheit gebunden und haben Unrecht zur Ursache. Die Menschen, die sich ihnen hingeben, gelangen in die Hölle [polemische Bewertung des Textes].
11.178
avairāgyādanaiśvaryaṃ bhuñjate niraye sadā |
catvāraste varārohe duḥkhadā narake sadā || 11.178 ||
Aufgrund fehlender Loslösung erfahren sie in der Hölle stets Ohnmacht. Diese vier bringen dort beständig Leiden, Schönhüftige,
11.179
mohakāḥ sarvajantūnāṃ yataste tāmasāḥ smṛtāḥ |
dharmeṇaikena deveśi baddhaṃ jñānaṃ hi laukikam || 11.179 ||
und verblenden alle Lebewesen, weil sie als tamasisch gelten. Weltliches Wissen ist nur an Dharma gebunden, Herrin der Götter.
11.180
dharmajñānanibaddhaṃ tu pāñcarātraṃ ca vaidikam |
bauddhamārahataṃ caiva vairāgyeṇaiva suvrate || 11.180 ||
Pāñcarātra und vedisches Wissen sind an Dharma und Erkenntnis gebunden; buddhistisches und Arhat-Wissen an Loslösung, du mit den guten Gelübden.
11.181
jñānavairāgyasambaddhaṃ sāṃkhyajñānaṃ hi pārvati |
jñānaṃ vairāgyamaiśvaryaṃ yogajñānapratiṣṭhitam || 11.181 ||
Sāṃkhya-Wissen ist mit Erkenntnis und Loslösung verbunden, Pārvatī. Erkenntnis, Loslösung und Herrschaft sind im Yoga-Wissen gegründet.
11.182
atītaṃ buddhibhāvānām atimārgaṃ prakīrtitam |
lokātītaṃ tu tajjñānam atimārgamiti smṛtam || 11.182 ||
Als Atimārga wird das bezeichnet, was jenseits der Buddhi-Zustände liegt. Weil dieses Wissen die weltlichen Bereiche überschreitet, heißt es Atimārga.
11.183
lokāśca paśavaḥ proktāḥ sṛṣṭisaṃhāravartmani |
teṣāmatītāste jñeyā ye 'timārge vyavasthitāḥ || 11.183 ||
Die Weltbewohner werden als gebundene Wesen auf dem Weg von Schöpfung und Einziehung bezeichnet. Die im Atimārga Gegründeten sind als über sie hinausgelangt zu verstehen.
11.184
kapālavratino ye ca tathā pāśupatāśca ye |
sṛṣṭirna vidyate teṣāṃ īśvare ca dhruve sthitāḥ || 11.184 ||
Für die Träger des Schädelgelübdes und die Pāśupatas gibt es keine erneute Schöpfung; sie sind in den Stätten Īśvara und Dhruva gegründet.
11.185
yasmānmokṣaṃ gamiṣyanti apunarbhavakāraṇam |
laukikānāṃ punaḥ sṛṣṭiḥ punaḥ saṃhāra eva ca || 11.185 ||
weil sie zur Befreiung gelangen werden, der Ursache des Nichtwiederwerdens. Für die Weltlichen dagegen gibt es erneute Schöpfung und erneute Einziehung.
11.186
saṃsāracakramārūḍhā bhramanti ghaṭayantravat |
dharmādyarakasaṃyuktam aṣṭāraṃ cakrakaṃ priye || 11.186 ||
Auf das Rad des Saṃsāra gestiegen, kreisen sie wie ein Wasserschöpfrad. Dieses Rad besitzt acht Speichen aus Dharma und den übrigen [Buddhi-Zuständen], Geliebte.
11.187
īśvarādhiṣṭhitaṃ devi nityatyādaṇḍakāhatam |
malakarmakalāviddhaṃ bhramate kālavegataḥ || 11.187 ||
Von Īśvara überherrscht, Göttin, durch den Stab der Niyati angetrieben [Vorlage nityatyā beschädigt], von Makel, Karma und Kalā durchzogen, dreht es sich durch die Macht der Zeit.
11.188
laukikādyeṣu jñāneṣu ye teṣvabhiratāḥ priye |
hetuśāstraparā ye tu ye cānye pāpakarmiṇaḥ || 11.188 ||
Diejenigen, die sich weltlichem und anderem Wissen hingeben, Geliebte, die der Begründungslehre ergeben sind und die sonst schlechte Taten vollbringen,
11.189
te sarve cāsya cakrasya nāntaṃ paśyanti mohitāḥ |
laukikādyeṣu ye sādhyā atimārgāntagocare || 11.189 ||
sehen allesamt, verblendet, kein Ende dieses Rades. Was durch Wissenslehren vom weltlichen Bereich bis zum Ende des Atimārga zu verwirklichen ist,
11.190
līlayā sādhayet sarvān śivajñāne mahodaye |
na sarvaiḥ sādhyate tadvai yato 'tīva sunirmalam || 11.190 ||
kann man im mächtig aufleuchtenden Śiva-Wissen spielerisch insgesamt verwirklichen. Dieses selbst aber wird nicht durch alle [anderen Lehren] erreicht, weil es vollkommen rein ist.
11.191
yato yojayate devi abhāve parame pade |
abhāvaṃ bhāvanātītaṃ prapañcātītagocaram || 11.191 ||
Denn es verbindet, Göttin, mit Abhāva, der höchsten Stätte: dem Nichtgegenständlichen, jenseits der Vorstellung, dessen Bereich die Vielheitsentfaltung überschreitet,
11.192
manobuddhyādinirmuktaṃ hetuvādavivarjitam |
pratyakṣādipramāṇaiśca vyatītaṃ prabhu cāvyayam || 11.192 ||
frei von Denken, Buddhi und anderem, ohne Begründungsstreit, jenseits der Erkenntnismittel wie Wahrnehmung, herrschaftlich und unvergänglich,
11.193
sarvatarkāgamātītaṃ pāśamantravivarjitam |
sarvajñaṃ sarvagaṃ śāntaṃ nirmalaṃ nirupaplavam || 11.193 ||
jenseits sämtlicher Logik und Überlieferung, ohne Fesseln und Mantras, allwissend, allgegenwärtig, friedvoll, makellos und ungestört,
11.194
sarvaśaktyātmakaṃ hyekaṃ svatantrānāthanādimat |
sarvātiśayanirmuktam anādibhavavarjitam || 11.194 ||
das eine Wesen aller Kräfte, selbstbestimmt, ohne übergeordneten Herrn und anfangslos, frei von jeder überbietbaren Besonderheit und von anfangslosem Werden.
11.195
sarvajñānapadātītaṃ śaivaṃ jñānaṃ paraṃ smṛtam |
evaṃ sṛṣṭāni tattvāni jñānāni ca varānane || 11.195 ||
Als jenseits sämtlicher Wissensstufen gilt das höchste Śiva-Wissen. So sind die Prinzipien und die Wissenslehren erschaffen, Schönangesichtige.
11.196
tattvairetairjagatsarvaṃ visṛṣṭaṃ sacarācaram |
bhuvanāni vicitrāṇi śataśo 'tha sahasraśaḥ || 11.196 ||
Durch diese Prinzipien wurde die gesamte Welt mit allem Beweglichen und Unbeweglichen entfaltet, mit Hunderten und Tausenden vielfältiger Welten,
11.197
tattvābhyantarasaṃsthāni śāstrāṇi vividhāni ca |
vijñānaṃ kuhakaṃ śilpaṃ siddhisandohalakṣaṇam || 11.197 ||
die innerhalb der Prinzipien liegen, sowie vielerlei Schriften, praktisches Wissen, Zauberkunst, Handwerk und die Merkmale der Gesamtheit der Vollendungen.
11.198
sarvaṃ tattveṣu boddhavyaṃ sarvatattveṣu dṛśyate |
prakriyā śivadīkṣā ca tattvairetairhi labhyate || 11.198 ||
Alles ist in den Prinzipien zu verstehen und in ihnen zu finden. Durch diese Prinzipien werden die kosmische Ordnung und die Śiva-Einweihung zugänglich.
11.199
nāsti dīkṣāsamo mokṣo na vidyā mātṛkā parā |
na prakriyāparaṃ jñānaṃ nāsti yogastvalakṣakaḥ || 11.199 ||
Es gibt keine der Einweihung gleiche Befreiung, keine höhere Vidyā als Mātṛkā, kein die Weltordnung übertreffendes Wissen und keinen Yoga ohne Ziel oder Kennzeichen.
11.200
tatsarvaṃ kathitaṃ devi śivajñānamahodadhau |
evaṃ sṛṣṭiḥ samākhyātā sthitiḥ saṃhāra ucyate || 11.200 ||
Dies alles ist im großen Meer des Śiva-Wissens erklärt, Göttin. Die Schöpfung ist beschrieben; nun werden Bestehen und Einziehung erläutert.
11.201
mānuṣākṣinimeṣasya aṣṭamāṃśaḥ kṣaṇaḥ smṛtaḥ |
kṣaṇadvayaṃ tuṭirjñeyā taddvayaṃ tu lavaḥ smṛtaḥ || 11.201 ||
Ein Achtel eines menschlichen Augenblinzelns gilt als Kṣaṇa. Zwei Kṣaṇas sind als Tuṭi zu verstehen; zwei davon heißen Lava.
11.202
lavadvayaṃ nimeṣastu jñātavyo gaṇitakramāt |
daśa pañca nimeṣāśca kāṣṭhā caiva prakīrtitā || 11.202 ||
Zwei Lavas sind nach der Rechenfolge als Nimeṣa zu kennen. Fünfzehn Nimeṣas werden als Kāṣṭhā bezeichnet.
11.203
triṃśatkāṣṭhāḥ kalā jñeyā muhūrtastriṃśadeva tāḥ |
muhūrtastu punastriṃśad ahorātrastu mānuṣaḥ || 11.203 ||
Dreißig Kāṣṭhās bilden eine Kalā; dreißig Kalās einen Muhūrta. Dreißig Muhūrtas wiederum bilden einen menschlichen Tag mit Nacht.
11.204
ahorātraśataiścaiva tribhiḥ ṣaṣṭyadhikaiḥ priye |
saṃvatsarastu vijñeyo mānuṣaḥ kamalekṣaṇe || 11.204 ||
Dreihundertsechzig Tage mit Nächten ergeben ein menschliches Jahr, Geliebte, Lotusäugige.
11.205
saṃvatsaraśataṃ pūrṇam āyurjñeyaṃ tu mānuṣam |
daśa pañca tvahorātrāḥ pakṣastu parikīrtitaḥ || 11.205 ||
Volle hundert Jahre sind als menschliche Lebensdauer zu verstehen. Fünfzehn Tage mit Nächten werden als Monatshälfte bezeichnet.
11.206
pakṣadvayena māsastu ṛturdviguṇa eva saḥ |
ṛtudvayena kālaḥ syād ayanaṃ ca tribhistribhiḥ || 11.206 ||
Zwei Monatshälften bilden einen Monat, zwei Monate eine Jahreszeit. Zwei Jahreszeiten ergeben einen Kāla-Abschnitt, drei jeweils einen Sonnenhalbjahreslauf.
11.207
tābhyāṃ dvyābhyāṃ varārohe varṣaṃ tu parigīyate |
dakṣiṇaṃ cāyanaṃ rātrir uttaraṃ cāyanaṃ dinam || 11.207 ||
Diese beiden zusammen werden als Jahr besungen, Schönhüftige. Der südliche Sonnenlauf ist Nacht, der nördliche Tag.
11.208
pitṝṇāṃ tadahorātram anenābdastu pūrvavat |
evaṃ daivastvahorātras tatrāpyabdādi pūrvavat || 11.208 ||
Dies ist ein Tag mit Nacht der Ahnen; daraus ergibt sich das Jahr wie zuvor. Ebenso ist der göttliche Tag mit Nacht; auch dort werden Jahre und das Weitere wie zuvor berechnet.
11.209
dvādaśābdasahasrāṇi vijñeyaṃ tu caturyugam |
caturbhistu kṛtaṃ devi sahasraistu yathākramam || 11.209 ||
Zwölftausend [göttliche] Jahre sind als vier Weltalter zu verstehen. Das Kṛta[-Weltalter] umfasst viertausend, Göttin,
11.210
tretā jñeyā tribhirdevi dvābhyāṃ vai dvāparaḥ smṛtaḥ |
sahasreṇaiva varṣāṇāṃ vijñeyastu kaliḥ priye || 11.210 ||
Tretā dreitausend, Dvāpara zweitausend und Kali tausend Jahre, Geliebte.
11.211
sandhyādvayasya mānaṃ tu kathayāmi yuge yuge |
śatāni catvāri kṛte tv ādirantaśca kīrtyate || 11.211 ||
Nun nenne ich das Maß der beiden Übergangszeiten jedes Weltalters. Bei Kṛta werden am Anfang und Ende jeweils vierhundert angegeben,
11.212
trete śatatrayaṃ jñeyaṃ dvāpare tu śatadvayam |
kalau cāpi śataṃ jñeyaṃ sandhyāmānamidaṃ smṛtam || 11.212 ||
bei Tretā jeweils dreihundert, bei Dvāpara zweihundert und bei Kali hundert. Dies gilt als Maß der Übergangszeiten.
11.213
laukikena tu mānena punaśca kathayāmi te |
tricatvāriṃśallakṣāṇi sahasrāṇi ca viṃśatiḥ || 11.213 ||
Nun nenne ich dir das gewöhnliche Zeitmaß: dreiundvierzig Lakṣas und zwanzigtausend [Jahre].
11.214
laukikena tu mānena tv iyaṃ saṃkhyā caturyuge |
ekaikasya punardevi yugasya kathayāmi te || 11.214 ||
Nach gewöhnlicher Zählung beträgt der Vier-Weltalter-Zyklus also 4.320.000 Jahre. Nun erläutere ich jedes Weltalter einzeln, Göttin.
11.215
daśa sapta ca lakṣāṇi sahasrāṇyaṣṭaviṃśatiḥ |
kṛtasyaitadbhavenmānaṃ tretāyāṃ kathayāmi te || 11.215 ||
Siebzehn Lakṣas und achtundzwanzigtausend, also 1.728.000, sind das Maß Kṛtas. Nun nenne ich dir Tretā.
11.216
ṣaṇṇavatiḥ sahasrāṇi lakṣāṇi dvādaśaiva tu |
tretāyugasya mānaṃ tu dvāparasya nibodha me || 11.216 ||
Zwölf Lakṣas und sechsundneunzigtausend, also 1.296.000, sind das Maß des Tretā-Weltalters. Höre nun das Maß Dvāparas.
11.217
catuṣṣaṣṭiḥ sahasrāṇi hy aṣṭau lakṣāṇi suvrate |
dvāparasya tu mānaṃ ca kalestu kathayāmi te || 11.217 ||
Acht Lakṣas und vierundsechzigtausend, also 864.000, sind das Maß Dvāparas, du mit den guten Gelübden. Nun nenne ich Kali.
11.218
dvātriṃśattu sahasrāṇi lakṣāṇāṃ ca catuṣṭayam |
etanmānaṃ kaleḥ proktaṃ samāsāttava suvrate || 11.218 ||
Vier Lakṣas und zweiunddreißigtausend, also 432.000, sind als Maß Kalis kurz erklärt, du mit den guten Gelübden.
11.219
varṣaistu mānavairdevi mānametadyuge yuge |
caturyugaikasaptatyā bhavenmanvantaraṃ punaḥ || 11.219 ||
Dies ist das Maß jedes Weltalters in Menschenjahren, Göttin. Einundsiebzig Vier-Weltalter-Zyklen ergeben einen Manu-Zeitraum.
11.220
sandhyāmānavihīnaṃ tu yugairmānaṃ prakīrtitam |
etaddivyena mānena mānaṃ manvantare smṛtam || 11.220 ||
Dieses Maß des Manu-Zeitraums in Weltaltern ist ohne die [zusätzlichen] Übergangszeiten angegeben. So gilt das Maß des Manu-Zeitraums nach göttlicher Zählung.
11.221
varṣamānaiḥ punaścaiva laukikaiḥ kathayāmi te |
saptaṣaṣṭistu lakṣāṇi triṃśatkoṭyo varānane || 11.221 ||
Nun nenne ich es in gewöhnlichen Jahren: dreißig Koṭis und siebenundsechzig Lakṣas, Schönangesichtige,
11.222
sahasraviṃśatirjñeyaṃ mānaṃ manvantare priye |
caturdaśabhirdeveśi kalpo manvantare bhavet || 11.222 ||
und zwanzigtausend, also 306.720.000, sind das Maß eines Manu-Zeitraums, Geliebte. Vierzehn Manu-Zeiträume ergeben eine Weltperiode, Herrin der Götter.
11.223
manvantare vyatikrānte cānyasmin punarāgate |
pañca varṣasahasrāṇi madhye sandhyā bhavet sadā || 11.223 ||
Wenn ein Manu-Zeitraum vergangen ist und ein anderer beginnt, liegt dazwischen stets eine Übergangszeit von fünftausend [göttlichen] Jahren.
11.224
ādau sahasraṃ sarveṣām ante cāpi punastathā |
kalpo brahmadinaṃ proktaṃ caturyugasahasrakam || 11.224 ||
Am Anfang aller [zusammen] liegt ein Jahrtausend und ebenso am Ende [diese Zählung passt nicht ohne Weiteres zur folgenden Gesamtsumme]. Eine Weltperiode heißt Brahmās Tag und umfasst tausend Vier-Weltalter-Zyklen.
11.225
varṣamānena divyena punaśca kathayāmi te |
koṭirekā tu varṣāṇāṃ lakṣāṇāṃ caiva viṃśatiḥ || 11.225 ||
Nun nenne ich dir die Zählung in göttlichen Jahren: eine Koṭi und zwanzig Lakṣas Jahre,
11.226
divyenaiva tu mānena brahmaṇastu dinaṃ bhavet |
ṣaṇṇavatyā sahasraistu sandhyākālaḥ prakīrtitaḥ || 11.226 ||
also zwölf Millionen göttliche Jahre, ergeben einen Tag Brahmās. Als Übergangszeit werden sechsundneunzigtausend genannt.
11.227
laukikena tu mānena adhunā kathayāmi te |
varṣavṛndāni catvāri tv arbudatrayameva ca || 11.227 ||
Nun nenne ich dir das gewöhnliche Zeitmaß: vier Vṛndas Jahre und drei Arbudas,
11.228
koṭidvayaṃ ca deveśi dinaṃ paitāmahaṃ smṛtam |
sandhyā koṭitrayaṃ caiva pañca lakṣāṇi kīrtitā || 11.228 ||
und zwei Koṭis, also 4.320.000.000 Jahre, gelten als Tag Brahmās. Die Übergangszeit wird mit drei Koṭis und fünf Lakṣas angegeben,
11.229
catvāriṃśattathā ṣaṣṭiḥ sahasrāṇi tathaiva ca |
paścimaḥ sandhirevaṃ hi pūrvasandhyāpi tatsamā || 11.229 ||
ferner vierzig [weitere Lakṣas] und sechzigtausend [insgesamt 34.560.000 gewöhnliche Jahre]. So ist der hintere Übergang; der vordere ist ebenso.
11.230
narakaiḥ saha saptānāṃ pātālānāṃ tathā priye |
lokānāṃ caiva saptānāṃ sthitireṣā prakīrtitā || 11.230 ||
Dies wird als Bestehensdauer der Höllen, der sieben Unterwelten und der sieben Welten beschrieben, Geliebte.
11.231
saṃhāraṃ ca punardevi śṛṇuṣva kathayāmi te |
brahmaṇaḥ svadinānte vai kalpaḥ saṃhāra ucyate || 11.231 ||
Höre nun von der Einziehung, Göttin; ich werde sie erklären. Am Ende von Brahmās eigenem Tag wird die Einziehung einer Weltperiode angesetzt.
11.232
dinenaikena brāhmeṇa indrāścaiva caturdaśa |
rājyaṃ kṛtvā kramādyānti manvantaravyavasthayā || 11.232 ||
Während eines Brahmā-Tages haben vierzehn Indras der Reihe nach ihre Herrschaft ausgeübt und gehen entsprechend der Ordnung der Manu-Zeiträume fort.
11.233
tataḥ saṃharate viśvaṃ saptalokāntagocaram |
supte pitāmahe devi ūrdhvaṃ kālāgnirīkṣate || 11.233 ||
Dann zieht [der Herr] das All bis zum Ende der sieben Welten ein. Wenn Brahmā eingeschlafen ist, Göttin, blickt Kālāgni nach oben.
11.234
tasya vai dakṣiṇaṃ vaktraṃ mahājvālāṃ vinikṣipet |
tasmādvaktrānmahājvālā lakṣayojanavistṛtā || 11.234 ||
Sein rechter Mund stößt eine große Flamme aus. Aus diesem Mund [steigt] eine hunderttausend Yojanas breite große Flamme
11.235
ūrdhvaṃ prayāti sā dīptā tīvravegā suduḥsahā |
lokeṣu ye sthitā lokā ye ca pātālavāsinaḥ || 11.235 ||
aufwärts, leuchtend, heftig und sehr schwer zu ertragen. Die Wesen der Welten und die Bewohner der Unterwelten,
11.236
sukhaduḥkhobhaye kṣīṇe mohaṃ bhūyiṣṭhamāgate |
sattāmātrāstu te sarve bhavanti brahmaviṣṭape || 11.236 ||
bei denen Glück und Leid erschöpft sind und Verblendung überwiegt, werden sämtlich zu bloßer Existenz in Brahmās Reich.
11.237
yāvannodayanaṃ bhūyaḥ sukhaduḥkhādikarmaṇām |
tāvattiṣṭhanti te mūḍhā yāvadbrahmā na budhyate || 11.237 ||
Bis die Handlungen mit ihren Früchten von Glück, Leid und anderem erneut aufgehen, bleiben sie bewusstlos, solange Brahmā nicht erwacht.
11.238
rudralokādhipatayaḥ pātālapatayaśca ye |
kūṣmāṇḍahāṭakādyāstu te tisṭhantyatinirmalāḥ || 11.238 ||
Die Herren der Rudrawelten und der Unterwelten, Kūṣmāṇḍa, Hāṭaka und die übrigen, bleiben dagegen vollkommen rein.
11.239
nirvyāpārāstu te tāvad yāvat sṛṣṭiḥ punarbhavet |
śūnyabhūteṣu lokeṣu jvālā dahati durdharā || 11.239 ||
Ohne Tätigkeit verweilen sie bis zur erneuten Schöpfung. In den leer gewordenen Welten brennt die unbezähmbare Flamme.
11.240
sā dahennarakān devi pātālāni samantataḥ |
trīṃllokāṃścaiva dahati bhūrbhuvaḥsvaḥpadāntikān || 11.240 ||
Sie verbrennt ringsum die Höllen und Unterwelten, Göttin, und die drei Welten Bhūr, Bhuvar und Svar.
11.241
dhūmena ca trayo lokā vinaśyanti varānane |
mahojanastapaḥsaṃjñāḥ satyaloko 'pi suvrate || 11.241 ||
Durch Rauch vergehen die drei Welten namens Mahas, Janas und Tapas, Schönangesichtige; auch Satyaloka [wird erfasst], du mit den guten Gelübden.
11.242
tiṣṭhanti mohitātmāno nidrayā te mṛtopamāḥ |
evaṃ dagdghā jagatsarvaṃ jvālā vaktraṃ viśet punaḥ || 11.242 ||
Vom Schlaf verwirrt stehen ihre Bewohner wie tot da. Nachdem die Flamme die gesamte Welt verbrannt hat, tritt sie wieder in den Mund ein.
11.243
tato vānti mahāvātā brahmaniḥśvāsasambhavāḥ |
nāśayanti ca tadbhasma jagaddāhodbhavaṃ priye || 11.243 ||
Dann wehen große Winde, aus Brahmās Atem entstanden. Sie vernichten die Asche, die beim Weltbrand entstand, Geliebte.
11.244
brahmaprasvedajaṃ vāri tajjagat plāvayet punaḥ |
tenaiva vāriṇā devi jagadekārṇavaṃ bhavet || 11.244 ||
Das aus Brahmās Schweiß entstandene Wasser überflutet die Welt. Durch dieses Wasser wird die Welt zu einem einzigen Meer, Göttin.
11.245
niśākṣaye punaḥ sthitvā sukhaduḥkhaphalodaye |
karmataḥ sarvalokasya brahmā lokapitāmahaḥ || 11.245 ||
Am Ende der Nacht, wenn aufgrund des Karma aller Wesen die Früchte von Glück und Leid aufgehen, [erhebt sich] Brahmā, der Ahnherr der Welten.
11.246
śūnyabhūtāṃ samālokya bhagavān prabhuricchayā |
ṣaḍvidhāṃ kurute sṛṣṭiṃ yathāpūrvavyavasthayā || 11.246 ||
Nachdem der Erhabene [die Welt] leer gesehen hat, vollzieht er auf Wunsch des Herrn die sechsfache Schöpfung gemäß der früheren Ordnung.
11.247
prathamāṃ tāmasīṃ sṛṣṭiṃ karoti tamasotkaṭān |
narakān vividhākārān paśūn vai sthāvarāntagān || 11.247 ||
Zuerst schafft er die tamasische Schöpfung, stark von Tamas geprägt: die verschieden gestalteten Höllen und die gebundenen Wesen bis hinab zu den unbeweglichen.
11.248
tamorajaḥsamāveśān mānavān saṃsṛjet punaḥ |
rajaḥsattvasamāviṣṭaḥ sṛjenmunivareśvaram || 11.248 ||
Unter dem Einfluss von Tamas und Rajas erschafft er die Menschen; von Rajas und Sattva erfüllt, erschafft er die vorzüglichen Weisen.
11.249
gatanidraḥ prabuddhaśca sattvaniṣṭho jagatpatiḥ |
sṛjeddevān salokāṃśca pūrvayaiva vyavasthayā || 11.249 ||
Vom Schlaf frei, erwacht und in Sattva gegründet, erschafft der Weltenherr die Götter samt ihren Welten gemäß der früheren Ordnung.
11.250
tato rudrendrasūryendunakṣatrāṇi graheśvarāḥ |
adhikāraṃ prakurvanti sve sve viṣayagocare || 11.250 ||
Darauf versehen Rudras, Indra, Sonne, Mond, Mondstationen und Planetenherren ihre Ämter in den jeweiligen Erfahrungsbereichen.
11.251
dine dine sṛjatyevaṃ saṃharecca dinakṣaye |
dinamānaṃ ca yatproktaṃ rātrisaṃkhyā ca tāvatī || 11.251 ||
So erschafft er Tag für Tag und zieht am Tagesende ein. Das genannte Maß des Tages gilt ebenso für die Nacht.
11.252
ahorātreṇa cānena abdaṃ vai pūrvavat smṛtam |
abdānāṃ tu śate pūrṇe mahākalpaḥ sa ucyate || 11.252 ||
Mit diesem Tag und dieser Nacht wird das Jahr wie zuvor berechnet. Sind hundert Jahre vollendet, heißt dies eine große Weltperiode.
11.253
brāhme varṣaśate devi divyānyabdāni me śṛṇu |
ekanavatikoṭistu tathā lakṣāṇi viṃśatiḥ || 11.253 ||
Höre die göttlichen Jahre in hundert Jahren Brahmās, Göttin: einundneunzig Koṭis und zwanzig Lakṣas,
11.254
tathā saptaiva kharvāṇi nikharvāṣṭakameva ca |
brāhmaṃ varṣaśataṃ caitaj jñātavyaṃ kālavedinā || 11.254 ||
ferner sieben Kharvas und acht Nikharvas. Dies sind hundert Brahmā-Jahre, wie der Zeitkundige wissen soll [870.912.000.000 göttliche Jahre; nach Kṣemarājas Rechnung einschließlich der gesondert gezählten Übergangszeiten].
11.255
daivikena tu mānena mānamitthaṃ prakīrtitam |
laukikena tu mānena punaścaiva nibodha me || 11.255 ||
So ist das Maß in göttlicher Zählung beschrieben. Höre nun erneut das Maß nach gewöhnlicher Zählung.
11.256
dvātriṃśadabdakoṭyastu tathā kharvāṣṭakaṃ priye |
kharvadvayaṃ ca deveśi nikharvāḥ pañca eva tu || 11.256 ||
Zweiunddreißig Koṭis Jahre, acht Kharvas, Geliebte, und zwei Kharvas, Herrin der Götter, ferner fünf Nikharvas [„acht Kharvas“ steht auch im KSTS-Druck; für die zuvor erläuterte Rechnung wären hier acht Vṛndas nötig, doch dies bleibt eine rechnerisch begründete Konjektur],
11.257
śaṅkutrayaṃ padmamekaṃ sāgaratrayameva ca |
etaddevi samākhyātaṃ jñātavyaṃ ca mumukṣubhiḥ || 11.257 ||
drei Śaṅkus, ein Padma und drei Sāgaras: Dies ist erklärt, Göttin, und soll den Befreiungssuchenden bekannt sein [11.256–257 ergeben wörtlich 313.600.320.000.000 gewöhnliche Jahre; aus 11.253–254 wären dagegen 313.528.320.000.000 zu erwarten. Die Differenz von 72 Milliarden wird nicht stillschweigend ausgeglichen].
11.258
etallaukikamānena brāhmamabdaśataṃ smṛtam |
ekaṃ daśaguṇaṃ pūrvaṃ śataṃ daśaguṇaṃ tu tat || 11.258 ||
Dies gilt nach gewöhnlicher Zählung als hundert Jahre Brahmās. Zuerst eins, zehnmal genommen [zehn], dieses zehnmal [genommen] hundert.
11.259
śataṃ daśaguṇaṃ kṛtvā sahasraṃ parikīrtitam |
sahasraṃ daśaguṇitam ayutaṃ taddhi kīrtitam || 11.259 ||
Hundert mit zehn multipliziert heißt tausend; tausend mit zehn multipliziert heißt Ayuta.
11.260
daśāyutāni lakṣaṃ tu niyutaṃ daśatāni ca |
daśa tāni ca koṭiḥ syād daśa koṭistathārbudam || 11.260 ||
Zehn Ayutas ergeben ein Lakṣa, zehn davon ein Niyuta; zehn davon eine Koṭi, zehn Koṭis ein Arbuda.
11.261
arbudairdaśabhirvṛndaṃ kharvaṃ daśabhireva taiḥ |
daśabhistairnikharvaṃ tu śaṅkuḥ syāddaśa tāni tu || 11.261 ||
Zehn Arbudas ergeben ein Vṛnda, zehn davon ein Kharva; zehn Kharvas ein Nikharva, zehn davon einen Śaṅku.
11.262
śaṅkubhirdaśabhiḥ padmaṃ daśa padmāni sāgaraḥ |
sāgarairdaśabhirmadhyam antyaṃ tairdaśabhiḥ smṛtam || 11.262 ||
Zehn Śaṅkus ergeben ein Padma, zehn Padmas einen Sāgara; zehn Sāgaras ein Madhya, zehn davon ein Antya.
11.263
antyaṃ daśāhataṃ kṛtvā parārdhaṃ parikīrtitam |
evamaṣṭādaśaitāni sthānāni gaṇitasya tu || 11.263 ||
Antya mit zehn multipliziert heißt Parārdha. So gibt es diese achtzehn Stellen der Zahlenrechnung.
11.264
mahākalpasya paryante brahmā yāti pare layam |
viṣṇośca taddinaṃ proktaṃ rātrirvai tatsamā bhavet || 11.264 ||
Am Ende der großen Weltperiode geht Brahmā im Höheren auf. Dies heißt ein Tag Viṣṇus; seine Nacht ist ebenso lang.
11.265
anena parimāṇena tasyābdaṃ tu vidhīyate |
varṣāṇāṃ ca śate pūrṇe so 'pi yāti pare layam || 11.265 ||
Nach diesem Maß wird sein Jahr bestimmt. Sind hundert Jahre vollendet, geht auch er im Höheren auf.
11.266
viṣṇorāyuryadevoktaṃ rudrasyaitaddinaṃ bhavet |
dine dine sṛjatyanyau brahmaviṣṇū prajāpatī || 11.266 ||
Die genannte Lebensdauer Viṣṇus ist ein Tag Rudras. Tag für Tag erschafft er neue Brahmās und Viṣṇus als Herren der Geschöpfe.
11.267
brāhmī ca vaiṣṇavī śaktir adhikārapadaṃ gatā |
yaṃ cādhitiṣṭhatyātmānaṃ tatsaṃjñāṃ sa prapadyate || 11.267 ||
Brahmā- und Viṣṇu-Kraft gelangen in die jeweilige Amtsstellung. Welche Seele sie überherrschen, diese erhält den entsprechenden Namen.
11.268
tadādhikāraṃ kurute icchayā paramātmanaḥ |
brahmaviṣṇvindrarudrāśca vidyeśā īśvarastathā || 11.268 ||
Dann übt sie auf Wunsch des höchsten Selbst dieses Amt aus. Brahmā, Viṣṇu, Indra, Rudra, Vidyeśas und Īśvara,
11.269
lokādhipāśca deveśi tathā ca bhuvanādhipāḥ |
grahādimātaro rudrā yoganakṣatrarāśayaḥ || 11.269 ||
Welten- und Bereichsherren, Herrin der Götter, Planeten, Mütter, Rudras, Yogas, Mondstationen und Tierkreiszeichen:
11.270
śaktiyuktāstu te sarve bhavanti tadadhiṣṭhitāḥ |
tatparākramavīryāstu svakīye tu pade sthitāḥ || 11.270 ||
Sie alle sind mit Kraft verbunden und von ihr überherrscht. Mit deren Tapferkeit und Wirkmacht ausgestattet, stehen sie in ihren eigenen Ämtern.
11.271
śivasyaikā mahāśaktiḥ śivaścaiko hyanādimān |
sā śaktirbhidyate devi bhedairānantyasambhavaiḥ || 11.271 ||
Śiva hat eine einzige große Kraft, und Śiva ist einer, anfangslos. Diese Kraft gliedert sich, Göttin, in unendlich entstehende Unterschiede.
11.272
evaṃ vai kurute sṛṣṭiṃ rudraścaiva dine dine |
saṃhāraṃ ca dinānte vai rātrirvai tatsamā bhavet || 11.272 ||
So vollzieht Rudra Tag für Tag die Schöpfung und am Tagesende die Einziehung. Seine Nacht ist ebenso lang.
11.273
dinarātripramāṇenā-nena syādvatsaro 'sya ca |
vatsarāṇāṃ śate pūrṇe śatarudradinakṣayāt || 11.273 ||
Aus diesem Maß von Tag und Nacht ergibt sich sein Jahr. Sind hundert Jahre vollendet, am Ende eines Tages der hundert Rudras,
11.274
so 'pi yāti paraṃ sthānaṃ yadgatvā niṣkalo bhavet |
tasmin sthāne punaścānyas tatsamaśca prabhurbhavet || 11.274 ||
gelangt auch er zur höchsten Stätte, wo er ungeteilt wird. An seiner Stelle wird wiederum ein anderer, ihm gleicher Herr eingesetzt,
11.275
raudraśaktisamāyogād brahmaviṣṇvindranāyakaḥ |
śatarudrāstu deveśi svābdānāṃ tu śatakṣaye || 11.275 ||
der durch Verbindung mit Rudras Kraft zum Führer von Brahmā, Viṣṇu und Indra wird. Die hundert Rudras wiederum, Herrin der Götter, gelangen am Ende von hundert eigenen Jahren
11.276
te prayānti paraṃ tattvaṃ tato 'ṇḍaṃ tu vinaśyati |
sarvabhūtaguṇādhāraṃ sarvatattvālayālayam || 11.276 ||
zum höchsten Prinzip. Dann vergeht das Weltei, der Träger aller Elemente und Eigenschaften und der Aufenthaltsbereiche sämtlicher Prinzipien,
11.277
saparvatavanodyānadvīpasāgaramaṇḍitam |
vimānamālākulitaṃ grahanakṣatramaṇḍitam || 11.277 ||
geschmückt mit Bergen, Wäldern, Gärten, Inseln und Meeren, voller Himmelswagenreihen und mit Planeten und Mondstationen versehen,
11.278
devadānavagandharvasiddhavidyādharoragaiḥ |
ṛṣibhirmānuṣādyaiśca saptalokanivāsibhiḥ || 11.278 ||
mit Göttern, Dānavas, Gandharvas, Siddhas, Vidyādharas, Schlangen, Ṛṣis, Menschen und den übrigen Bewohnern der sieben Welten,
11.279
narakaiścaiva pātālair yuktaṃ bhuvanamaṇḍitam |
aśeṣabhuvanādhāramaṇḍamapsu pralīyate || 11.279 ||
mit Höllen und Unterwelten verbunden und mit Welten geschmückt. Das Ei als Träger aller Welten löst sich in Wasser auf.
11.280
tataḥ kālāgnirudraśca kālatattve layaṃ vrajet |
aptattvāttu samārabhya yāvanmāyāntagocaram || 11.280 ||
Dann geht Kālāgnirudra im Zeitprinzip auf. Vom Wasserprinzip bis zum Ende der Māyā
11.281
tatsarvaṃ saṃharet kālaḥ svayameva carācaram |
tadūrdhvaṃ śuddhamadhvānaṃ yāvacchaktyantagocaram || 11.281 ||
zieht die Zeit selbst alles Bewegliche und Unbewegliche ein. Den darüber liegenden reinen Wirklichkeitsweg bis zum Ende der Śakti
11.282
tatsarvaṃ saṃharedghoram aghoro ghoranāśanaḥ |
triṣvevaṃ saṃsthito rudraḥ kālarūpī maheśvaraḥ || 11.282 ||
zieht Aghora, der Vernichter des Schrecklichen, vollständig ein. So besteht Rudra als zeitgestaltiger großer Herr in drei [Bereichen].
11.283
tataḥ saṃharate toyam amareśaśatātyaye |
evaṃ bhūtādyāvaraṇapatayaśca śatātyaye || 11.283 ||
Dann wird das Wasser am Ende von Amareśas hundert [Jahren] eingezogen. Ebenso [handeln] die Herren der Hüllen von den Elementen an am Ende ihrer hundert [Jahre].
11.284
saṃharanti ca deveśi sṛjanti ca parasparam |
āpastejasi līyante tattejaścānile punaḥ || 11.284 ||
Sie ziehen der Reihe nach ein und erschaffen wieder, Herrin der Götter. Wasser löst sich in Feuer auf, Feuer wiederum in Luft.
11.285
tathānilo 'mbaraṃ prāpya saha tenaiva līyate |
tanmātreṣu pralīyante yathotpannāni ca kramāt || 11.285 ||
Die Luft erreicht den Raum und löst sich mit ihm auf. [Die Elemente] gehen der Reihe nach in den feinen Qualitäten auf, wie sie aus ihnen entstanden sind.
11.286
tanmātrāṇyapyahaṅkāre sendriyāṇi yathākramam |
sa buddhau sā ca gahane guṇasāmye pralīyate || 11.286 ||
Die feinen Qualitäten samt den Sinnen lösen sich im Ichbewusstsein auf, dieses in der Buddhi und diese im unergründlichen Gleichgewicht der Guṇas.
11.287
guṇasāmyamanirdeśyam apratarkyamanaupamam |
tasmin jagadaśeṣaṃ tu prasuptamiva tiṣṭhati || 11.287 ||
Das Gleichgewicht der Guṇas ist unbeschreibbar, nicht zu erschließen und unvergleichlich. Darin ruht die gesamte Welt wie eingeschlafen.
11.288
paramāṇupramāṇena līnaṃ saṃtiṣṭhate jagat |
ṣaḍviṃśakasya rudrasya caitaddinamiha smṛtam || 11.288 ||
Auf das Maß eines Atoms zusammengezogen, besteht die Welt verborgen. Dies gilt hier als Tag des Rudra des sechsundzwanzigsten [Prinzips].
11.289
prajāḥ prajānāṃ patayaḥ pitaro mānavaiḥ saha |
sāṅkhyajñānena ye siddhāḥ vedena brahmavādinaḥ || 11.289 ||
Geschöpfe, Geschöpfeherren, Ahnen mitsamt den Menschen, die durch Sāṃkhya-Wissen Vollendeten und die durch den Veda Brahman Lehrenden,
11.290
chandaḥ sāmāni coṅkāro buddhistaddevatāḥ priye |
ahni tiṣṭhanti te sarve parameśasya dhīmataḥ || 11.290 ||
Versmaße, Sāman-Gesänge, Oṃ, Buddhi und deren Gottheiten, Geliebte, bestehen alle während des Tages dieses weisen höchsten Herrn.
11.291
dinānte tu pralīyante rātryante viśvasambhavaḥ |
ṣaṭtriṃśattu sahasrāṇi brahmaṇāṃ pralayodbhavāḥ || 11.291 ||
Am Tagesende lösen sie sich auf; am Ende der Nacht entsteht das All. Sechsunddreißigtausend Auflösungen und Entstehungen Brahmās
11.292
avyakte ca dinaṃ proktaṃ rudrāṇāṃ tannivāsinām |
tasmin saṃharate sarvaṃ pradhānasya dinakṣaye || 11.292 ||
gelten als ein Tag im Unmanifesten für die dort wohnenden Rudras [Bezugsgröße erklärungsbedürftig]. Am Tagesende Pradhānas zieht [der Herr] alles darin ein.
11.293
rātryante ca sṛjedbhūyaḥ śrīkaṇṭho viśvanāyakaḥ |
tasyāpyanena nyāyena parimāṇasthitirbhave || 11.293 ||
Am Ende der Nacht erschafft Śrīkaṇṭha, der Weltenführer, es erneut. Auch für ihn gilt die Maßordnung nach derselben Regel.
11.294
yasmāt pralayakoṭyaśca vyatītāśca sahasraśaḥ |
tato niyatikālau ca rāgo vidyā kalā tathā || 11.294 ||
Weil bereits Tausende von Koṭis an Auflösungen vergangen sind, [folgen] Niyati, Zeit, Rāga, Vidyā und Kalā [eine Koṭi entspricht zehn Millionen],
11.295
parasparaṃ layaṃ yānti kramāt sarve svamānataḥ |
kalādyavaniparyantaṃ gahaneśadinakṣaye || 11.295 ||
die alle der Reihe nach gemäß ihrem jeweiligen Maß ineinander aufgehen. Von Kalā bis Erde [geht alles] am Ende von Gahaneśas Tag,
11.296
nānābhuvanavinyāsaracanādivibhūṣitam |
saguṇādhāraparyantarudrakṣetrajñasaṅkulam || 11.296 ||
geschmückt mit der Anordnung und Gestaltung vielfältiger Welten, voller Rudras und Feldkenner bis zu den Grundlagen samt Guṇas,
11.297
gahaneśe layaṃ yāti mūlaprakṛtikāraṇe |
rātryante jāyate bhūyo gahaneśapracodanāt || 11.297 ||
in Gahaneśa als Ursache der Wurzel-Prakṛti auf. Am Ende der Nacht entsteht es durch Gahaneśas Antrieb erneut.
11.298
ahorātrastvayaṃ proktaḥ prākṛtaḥ parameśvari |
pralayaśca sa evokto bhūtānāṃ parameśvari || 11.298 ||
Dies ist der Prakṛti betreffende Tag mit Nacht, höchste Göttin; entsprechend heißt dies die naturhafte Auflösung der Wesen.
11.299
prādhānikaparārdhena daśadhāguṇitena tu |
māyā saṃharate sarvaṃ punaścaiva sṛjejjagat || 11.299 ||
Nach einem zehnfach genommenen Parārdha Pradhānas zieht Māyā alles ein und erschafft die Welt wieder.
11.300
māyākālaparārdhasya śatadhāguṇitasya ca |
īśvaraḥ kurute sṛṣṭiṃ punaśca saṃharejjagat || 11.300 ||
Nach einem hundertfach genommenen Parārdha der Māyā-Zeit vollzieht Īśvara die Schöpfung und zieht die Welt wieder ein.
11.301
tataḥ sadāśivo devaḥ svamānena ca saṃharet |
sṛjate ca punarbhūya ātmīye devyaharmukhe || 11.301 ||
Dann zieht Gott Sadāśiva nach seinem eigenen Zeitmaß ein und erschafft zu Beginn seines eigenen Tages erneut, Göttin.
11.302
mahāpralaya evoktaḥ sādākhye tu dinadvaye |
bindutattve layaṃ yāti pañcamantramahātanuḥ || 11.302 ||
Als große Auflösung wird dies am Tagesende der Sādākhya-Stufe bezeichnet. [Nach Ablauf seiner hundert Jahre] geht der mit den fünf Mantras als großem Leib versehene [Sadāśiva] im Bindu-Prinzip auf [KSTS dinakṣaye, „am Tagesende“; Vorlage dinadvaye, „an zwei Tagen“].
11.303
binduṃ caivārdhacandraṃ tu bhittvā caiva nirodhikām |
nādatattve layaṃ yāti gṛhītvā sacarācaram || 11.303 ||
Bindu und Halbmond durchdringend und Nirodhikā durchbrechend, geht [sie] im Nāda-Prinzip auf und nimmt alles Bewegliche und Unbewegliche mit.
11.304
nādaḥ sauṣumnamārgeṇa bhittvā brahmabilaṃ priye |
śaktitattve layaṃ yāti śaktitattvadinakṣaye || 11.304 ||
Nāda durchdringt auf dem Suṣumnā-Weg den Brahmahohlraum, Geliebte, und geht am Ende des Tages des Śakti-Prinzips in diesem auf.
11.305
parārdhaḥ sa tu vijñeyaḥ kālastu varavarṇini |
tacca śivatattvasthasya vyāpīśasyāpyaharmukham || 11.305 ||
Diese Zeit ist als Parārdha zu verstehen, du von schöner Gestalt. Sie ist zugleich der Tagesbeginn Vyāpīśas, der im Śiva-Prinzip steht.
11.306
tataśca saṃsṛjedbhūyo vyāpī vyomasvarūpiṇi |
līyate so 'pyananteśe so 'nāthe so 'pyanāśrite || 11.306 ||
Darauf erschafft Vyāpin erneut; [dann geht er] in Vyomarūpin [auf]. Dieser löst sich in Ananteśa auf, dieser in Anātha und dieser in Anāśrita.
11.307
śaktikālaparārdhasya koṭidhāguṇitasya ca |
anāśritasya devasya dinametat prakīrtitam || 11.307 ||
Ein zehnmillionenfach genommenes Parārdha der Śakti-Zeit wird als Tag des Gottes Anāśrita bezeichnet.
11.308
anena parimāṇena parārdhaguṇitena tu |
so 'pi yāti paraṃ sthānaṃ kāraṇaṃ svamanāśrayam || 11.308 ||
Nach diesem Maß, mit Parārdha multipliziert, geht auch er zur höchsten Stätte, seiner eigenen von anderem unabhängigen Ursache.
11.309
sa kālaḥ sāmyasaṃjñaśca janmamṛtyubhayāpahaḥ |
tato 'pyūrdhvamameyastu kālaḥ syāt paramāvadhiḥ || 11.309 ||
Diese Zeit heißt Gleichmaß und beseitigt die Furcht vor Geburt und Tod. Darüber liegt eine unermessliche Zeit als höchste Grenze.
11.310
nityo nityodito devi akalyaśca na kalyate |
sa cādhaḥ kalayet sarvaṃ vyāpinyādiṃ dharāvadhim || 11.310 ||
Ewig und stets aufgegangen ist sie, Göttin; sie ist nicht zu bemessen und wird nicht bemessen. Sie bemisst alles darunter von Vyāpinī bis zur Erde,
11.311
tuṭyādibhiḥ kalābhiśca devyadhvānaṃ carācaram |
ūrdhvamunmanaso yacca tatra kālo na vidyate || 11.311 ||
mit den Zeiteinheiten von der Tuṭi an den beweglichen und unbeweglichen Wirklichkeitsweg. Oberhalb von Unmanas gibt es keine Zeit.
11.312
na kalyaḥ kalyate kaścin niṣkalaḥ kālavarjitaḥ |
yaḥ śāṅkaryunmanātītaḥ sa nityo vyāpako 'vyayaḥ || 11.312 ||
Dort wird kein Bemessbares bemessen; [Śiva ist] ungeteilt und ohne Zeit. Wer über Śaṃkaras Unmanā hinausliegt, ist ewig, alldurchdringend und unvergänglich [Wortfügung uneben].
11.313
tasyādau yādṛśaṃ rūpaṃ kalpānte caiva tādṛśam |
arūpā rūpanirmuktaḥ so 'nādirbhavavarjitaḥ || 11.313 ||
Wie sein Wesen am Anfang ist, so ist es am Ende der Weltperiode. Formlos und von Gestalt frei, ist er anfangslos und ohne Werden.
11.314
sarvajñaḥ sarvakartā ca dānādiguṇavarjitaḥ |
sa evāpararūpeṇa unmanyā mūrdhni saṃsthitaḥ || 11.314 ||
Allwissend und alles bewirkend, ist er frei von Eigenschaften wie dem Geben. Er selbst steht in niederer Form am Scheitel der Unmanī [dānādi steht so auch im KSTS-Druck; der Kommentar erläutert allgemeiner die Freiheit von den Eigenschaften der Māyā. Der genaue Bezug von „Geben“ bleibt unsicher],
11.315
devadevo jagannāthaḥ paramātmā śivo 'vyayaḥ |
paryānukramayogena so 'kāmāt sṛjate jagat || 11.315 ||
als Gott der Götter, Weltenherr, höchstes Selbst und unvergänglicher Śiva. Der Reihe nach erschafft er die Welt ohne Begehren.
11.316
akāmasya kriyā nāsti niṣkriyaśca sṛjet katham |
evaṃ praśnavaraṃ guhyaṃ kathayasva prasādataḥ || 11.316 ||
[Die Göttin fragt:] Wer kein Begehren hat, handelt nicht; wie kann der Handlungslose erschaffen? Erkläre aus Gnade diese vorzügliche geheime Frage.
11.317
ādityasya maṇeryadvat tāpitādraviraśmibhiḥ |
vahniḥ saṃjāyate tasmād ravestatra na kāmitā || 11.317 ||
[Bhairava antwortet:] Wie aus einem Sonnenstein, wenn er durch Sonnenstrahlen erhitzt wird, Feuer entsteht, ohne dass die Sonne dabei etwas begehrt,
11.318
maṇerapi na kāmitvaṃ tadvaddevasya ceṣṭitam |
ādityavacchivo jñeyaḥ śaktirmaṇiriva sthitā || 11.318 ||
und ohne dass der Stein Begehren besitzt, so ist das Wirken des Gottes. Śiva ist wie die Sonne zu verstehen, Śakti steht wie der Stein da.
11.319
ṛtukālamitādvṛkṣāt kālo 'ṅkuraniyojakaḥ |
yadvacchivasamāyogāt tadvacchakterjagatsthitiḥ || 11.319 ||
Wie beim Baum, der seine Jahreszeit erreicht hat, die Zeit das Hervortreten des Keims veranlasst, so entsteht durch Śivas Verbindung aus Śakti das Bestehen der Welt.
Kapitel 12
12.1
sṛṣṭiḥ sthitiśca saṃhāras tattvānāṃ kathitastvayā |
jagatsaṃbhavahetuśca tvatprasādācchrutaṃ mayā || 12.1 ||
Du hast die Entstehung, Erhaltung und Einziehung der Prinzipien erklärt. Durch deine Gnade habe ich auch die Ursache des Weltentstehens gehört.
12.2
tattvavijñānamākhyāhi siddhisteṣu yathā bhavet |
pṛthivyādi śivāntaṃ ca kathayāmi samāsataḥ || 12.2 ||
Lehre die erfahrende Erkenntnis der Prinzipien und wie in ihnen Vollendung entsteht. [Bhairava antwortet:] Ich werde dies von der Erde bis Śiva kurz erklären.
12.3
pṛthvī kaṭhinarūpeṇa śṛṇu dehe yathā sthitā |
māṃse 'sthiṣu tathā caiva snāyulomanakheṣu ca || 12.3 ||
Höre, wie die Erde in ihrer festen Gestalt im Körper liegt: in Fleisch, Knochen, Sehnen, Haaren und Nägeln,
12.4
majjāntreṣu ca vijñeyā pṛthvī pañcaguṇotkaṭā |
kaphāsṛgāmamūtreṣu rasasvedavasāsu ca || 12.4 ||
in Mark und Eingeweiden ist die Erde als besonders stark mit fünf Eigenschaften versehen zu kennen. In Schleim, Blut, unverdauter Nahrung, Urin, Körpersaft, Schweiß und Fett,
12.5
śukre ca saṃgrahe caiva sthitā āpaścaturguṇāḥ |
pacane dahane caiva tejasyūṣmaṇi saṃsthitam || 12.5 ||
im Samen und im Zusammenhalt liegen die Wasser mit vier Eigenschaften. Beim Verdauen und Verbrennen, in Glanz und Wärme befindet sich
12.6
tejastvevaṃ sthitaṃ devi prakāśe ca trilakṣaṇam |
vāyurucchvāsaniḥśvāsasparśanavyūhalakṣaṇaḥ || 12.6 ||
das Feuer, Göttin, ebenso in der Erhellung, mit drei Merkmalen. Der Wind hat Ein- und Ausatmen, Berührung und Verteilung als Kennzeichen.
12.7
mūtroccāravisargeṣu annapānapraveśane |
vāyurebhiḥ sthito dehe vijñeyastu dvilakṣaṇaḥ || 12.7 ||
Bei der Ausscheidung von Urin und Kot und der Aufnahme von Speise und Trank liegt der Wind im Körper; er ist mit zwei Merkmalen zu verstehen.
12.8
ekalakṣaṇamākāśaṃ kathayāmi yathā sthitam |
suṣirātmakaṃ tu vijñeyaṃ navadhā cchidralakṣaṇam || 12.8 ||
Ich erkläre, wie der Raum mit einem Merkmal angeordnet ist. Er ist als Hohlraum zu verstehen, gekennzeichnet durch die neun Öffnungen.
12.9
śabdātmakaṃ guṇaṃ h yetat kathitaṃ tava suvrate |
vāgindriyaṃ vadedvāṇīṃ sā ca vāṇī caturvidhā || 12.9 ||
Seine Eigenschaft besteht im Laut; dies ist dir erklärt, du mit den guten Gelübden. Das Sprechorgan äußert Rede; diese Rede ist vierfach:
12.10
saṃskṛtā prākṛtī caiva apabhraṣṭānunāsikā |
chedanaṃ bhedanaṃ dānaṃ vyadhanaṃ śilpayojanam || 12.10 ||
Sanskrit, Prakrit, Apabhraṃśa und nasale Rede. Schneiden, Spalten, Geben, Durchbohren, handwerkliches Arbeiten,
12.11
grahaṇaṃ vijayaścaiva sarvaṃ hastendriye sthitam |
samanimnonnatāścaiva loṣṭakaṇṭakavālukāḥ || 12.11 ||
Ergreifen und Besiegen: All dies liegt im Handorgan. Ebenes, Niedriges und Hohes, Erdklumpen, Dornen und Sand,
12.12
kardamo jaladurgāṇi rathyāṭṭālakaparvatāḥ |
pādendriyeṇa gamyante deśāntaragamāgame || 12.12 ||
Schlamm, schwer zugängliche Wasserstellen, Straßen, Türme und Berge werden mit dem Fußorgan durchquert, beim Gehen und Kommen zwischen Ländern.
12.13
utsarge pardite caiva pāyurvai ceṣṭate sadā |
ānandakṛdupasthaśca gamyāgamyapravartakaḥ || 12.13 ||
Bei Ausscheidung und Windlassen ist stets der After tätig. Das Geschlechtsorgan bewirkt Lust und treibt zum Umgang mit erlaubten wie verbotenen Partnern.
12.14
karmasvetāni vartante tena karmendriyāṇi tu |
buddhīndriyāṇi deveśi vartante buddhiyogataḥ || 12.14 ||
Weil diese in Handlungen tätig sind, heißen sie Handlungsorgane. Die Erkenntnisorgane dagegen wirken durch ihre Verbindung mit Erkennen, Herrin der Götter.
12.15
ṣaḍjākhyarṣabhagāndhāramadhyamāḥ pañcamaḥ priye |
dhaivato niṣadhaścaiva svarāḥ sapta prakīrtitāḥ || 12.15 ||
Ṣaḍja, Ṛṣabha, Gāndhāra, Madhyama, Pañcama, Geliebte, Dhaivata und Niṣadha [üblich Niṣāda] werden als die sieben Töne genannt.
12.16
gāndhāro madhyamaḥ ṣaḍjas trayo grāmāśca pārvati |
saptasvarāstrayo grāmā mūrchanāścaikaviṃśatiḥ || 12.16 ||
Gāndhāra, Madhyama und Ṣaḍja sind die drei Tonsysteme, Pārvatī. Sieben Töne, drei Tonsysteme, einundzwanzig Tonleitern
12.17
tāna ekonapañcāśad ityetatsuramaṇḍalam |
sūkṣmaśabdāḥ smṛtā hyete carācararavasthitāḥ || 12.17 ||
und neunundvierzig Tonfolgen bilden diesen Tonkreis. Diese gelten als feine Laute, enthalten in den Stimmen des Beweglichen und Unbeweglichen.
12.18
sthūlāṃścaiva pravakṣyāmi yathāvattānnibodha me |
bherīpaṭahaśaṅkhottho mṛdaṅgapaṇavotthitaḥ || 12.18 ||
Nun erkläre ich die groben Laute; höre sie sachgemäß: aus Kesseltrommel, Paṭaha und Muschel, aus Mṛdaṅga und Paṇava entstanden,
12.19
veṇugomukhaśabdaśca mandalo darduro dhvaniḥ |
tantrīvādyāni citrāṇi karavādyāni yāni ca || 12.19 ||
Flöten- und Gomukha-Klang, Mandala- und Dardura-Töne, verschiedene Saiteninstrumente und die mit der Hand gespielten Instrumente,
12.20
saṃyogajaviyogotthāḥ kāṣṭhapāṣāṇavārijāḥ |
apabhraṃśo 'nunāsikyaḥ saṃskṛtaḥ prākṛto ravaḥ || 12.20 ||
Laute aus Verbindung und Trennung, aus Holz, Stein und Wasser, Apabhraṃśa, nasale Rede, Sanskrit- und Prakrit-Klang,
12.21
saptasvarapratiṣṭhāni vyaktāvyaktāni caiva hi |
uktānuktāni gṛhṇāti śravaṇendriyayogataḥ || 12.21 ||
in den sieben Tönen gegründet, deutlich oder undeutlich: Das Genannte und Ungenannte erfasst man durch das Gehörorgan.
12.22
śabdo 'sya viṣayo hyeṣa yena budhyeta pudgalaḥ |
mṛduṃ ca kaṭhinaṃ caiva karkaśaṃ śītalaṃ tathā || 12.22 ||
Laut ist dessen Gegenstand, durch den das Individuum erkennt. Weiches, Hartes, Raues, Kühles,
12.23
uṣṇaṃ ca picchilaṃ loṣṭaṃ kardamaṃ vālukāstathā |
śarakuntāsighātādi tāḍanaṃ chedanaṃ tathā || 12.23 ||
Heißes, Schleimiges, Erdklumpen, Schlamm und Sand, Treffer von Pfeilen, Speeren und Schwertern, Schlagen und Schneiden:
12.24
etāni vai vijānāti sparśanaṃ ca tvagindriyam |
sparśo 'sya viṣayo hyeṣa yena budhyeta pudgalaḥ || 12.24 ||
Dies erkennt das Hautorgan als Berührung. Berührung ist dessen Gegenstand, durch den das Individuum erkennt.
12.25
cakṣurindriyakarmāṇi kathyamānāni me śṛṇu |
sitaṃ raktaṃ ca pītaṃ ca kṛṣṇaṃ haritadhūmrakam || 12.25 ||
Höre die Tätigkeiten des Augensinns, die ich erläutere: Weiß, Rot, Gelb, Schwarz, Grün und Rauchfarbe,
12.26
kapilaṃ piṅgalaṃ babhru anyānyapi viśeṣataḥ |
naranārīpaśumṛgāñ jyotiḥ sthāvarajaṅgamam || 12.26 ||
Gelbbraun, Rotbraun, Braun und weitere besondere [Farben], Männer, Frauen, Haustiere, Wildtiere, Licht, Unbewegliches und Bewegliches
12.27
rūpākṛtiviviktāni cakṣuḥ paśyati sarvadā |
rūpākhyo viṣayo hyasya yenātmā pratibuddhyate || 12.27 ||
sieht das Auge stets, nach Farbe und Gestalt unterschieden. Gestalt heißt sein Gegenstand, durch den das Selbst erkennt.
12.28
madhurāmlarasaṃ caiva lavaṇaṃ kaṭu tiktakam |
kaṣāyamiśraṃ svāduṃ ca jihvā vedayate rasam || 12.28 ||
Süß, sauer, salzig, scharf, bitter, zusammenziehend, gemischt und wohlschmeckend erkennt die Zunge als Geschmack.
12.29
raso 'sya viṣayo hyeṣa yena buddhyeta pudgalaḥ |
surabhirdivyagandhaśca durgandhaścāpyanekadhā || 12.29 ||
Geschmack ist ihr Gegenstand, durch den das Individuum erkennt. Wohlgeruch, göttlicher Duft und vielfältiger übler Geruch:
12.30
ubhau jighrati nāsāgre viṣayo gandhasaṃjñitaḥ |
yenāsau budhyate kṣetrī ahaṅkāreṇa mohitaḥ || 12.30 ||
Beides riecht man an der Nasenspitze; der Gegenstand heißt Geruch. Durch ihn erkennt der Feldbewohner, vom Ichbewusstsein verblendet.
12.31
saṃkalpe ca vikalpe ca daśadhākṣeṣu dhāvati |
anivāritasandeham ajayyaṃ sarvadehinām || 12.31 ||
Bei Absicht und Unterscheidung eilt [das Denken] durch die zehn Organe, mit ungehemmtem Zweifel und für alle Verkörperten schwer zu besiegen.
12.32
manaśca kathitaṃ hyetad dharmādharmanibandhakam |
svarūpadharmaṃ vakṣyāmi tanmātrāṇāṃ yathārthataḥ || 12.32 ||
Dieses Denken ist beschrieben, das an Recht und Unrecht bindet. Nun erkläre ich sachgemäß die Wesensbestimmungen der feinen Qualitäten.
12.33
gandhaṃ tu gandhatanmātraṃ nāsikāgreṇa jighrati |
jihvayā rasatanmātraṃ rasaṃ gṛhṇāti saṃsthitam || 12.33 ||
Den Geruch als feine Geruchsqualität riecht man mit der Nasenspitze; mit der Zunge erfasst man den vorhandenen Geschmack als feine Geschmacksqualität.
12.34
cakṣuṣā rūpatanmātraṃ rūpaṃ gṛhṇātyupāgatam |
gṛhṇāti sparśatanmātraṃ tvacā sparśamupāgatam || 12.34 ||
Mit dem Auge erfasst man die begegnende Gestalt als feine Gestaltqualität, mit der Haut die begegnende Berührung als feine Berührungsqualität.
12.35
śabdaṃ ca śabdatanmātraṃ gṛhṇāti śravaṇena tu |
sūkṣmastanmātradharmo 'yaṃ bhūtānāṃ prakṛtikramāt || 12.35 ||
Den Laut als feine Lautqualität erfasst man mit dem Gehör. Dies ist die subtile Bestimmung der feinen Qualitäten entsprechend ihrer Stellung als Ursprung der Elemente.
12.36
vaikārikastataścordhvaṃ budhyate yena pudgalaḥ |
ahaṃ vidvānahaṃ bhogī tv ahaṃ jāto mahākule || 12.36 ||
Darüber liegt Vaikārika, durch das das Individuum erkennt: „Ich bin gelehrt, ich genieße, ich bin in einer großen Familie geboren.
12.37
ahaṃ dātā ca bhoktā ca tejasvī balavānaham |
ahaṃ yoddhā ca saṃgrāme śatravaśca mayā jitāḥ || 12.37 ||
Ich gebe und genieße; ich bin glanzvoll und stark. Ich bin ein Krieger in der Schlacht, und von mir wurden die Feinde besiegt.
12.38
dharmaśīlaśca guṇavān śreyaskartā hyahaṃ param |
ahaṃ pāpī durācāro mūrkhaścāhaṃ durākṛtiḥ || 12.38 ||
Ich bin rechtschaffen und tugendhaft und bewirke höchstes Heil. Ich bin sündig, von schlechtem Wandel, unwissend und hässlich.
12.39
na dattaṃ na mayā bhuktaṃ matsamo nāsti duḥkhitaḥ |
ityahaṅkāracittānāṃ mamatvavaśavartinām || 12.39 ||
Ich habe nichts gegeben und nichts genossen; niemand ist so unglücklich wie ich.“ Menschen mit solchem Ichbewusstsein, unter der Herrschaft des Mein-Gefühls,
12.40
ahaṅkāro nibadhnāti saṃsāre dṛḍhabandhanaiḥ |
trividhasyāpyayaṃ dharmo 'haṅkārasya prakīrtitaḥ || 12.40 ||
bindet das Ichbewusstsein mit festen Fesseln im Saṃsāra. Dies wird als die gemeinsame Bestimmung aller drei Arten des Ichbewusstseins bezeichnet.
12.41
buddhidharmāṃstato vakṣye dharmādīṃstava suvrate |
dharmo jñānaṃ ca vairāgyam aiśvaryaṃ ca catuṣṭayam || 12.41 ||
Nun nenne ich die Eigenschaften der Buddhi von Dharma an, du mit den guten Gelübden: Dharma, Erkenntnis, Loslösung und Herrschaft als Vierergruppe,
12.42
adharmaśca tathājñānam avairāgyamanaiśvaram |
badhnāti saptadhā sā tu jñānabhāvena mohayet || 12.42 ||
Unrecht, Unwissenheit, fehlende Loslösung und Ohnmacht. Sie bindet siebenfach und verblendet in Gestalt der Erkenntnis [mohayet steht auch im KSTS-Druck; Kṣemarāja bezieht dies ausdrücklich auf die Anhänger des Sāṃkhya. Gegenüber 11.141 wird hier die Begrenztheit dieser Erkenntnis betont].
12.43
buddhiścādhyavasāyaṃ ca karoti vividheṣvapi |
dharmādīnāmathāṣṭānāṃ lakṣaṇāni śṛṇu priye || 12.43 ||
Die Buddhi trifft Feststellungen über vielfältige Dinge. Höre die Merkmale der acht [Zustände] von Dharma an, Geliebte.
12.44
upavāso japo maunam akrodho 'steyamārjavam |
satyaṃ śaucaṃ ca dānaṃ ca dayā kṣāntiśca sarvadā || 12.44 ||
Fasten, Rezitation, Schweigen, Zornlosigkeit, Nichtstehlen, Aufrichtigkeit, Wahrheit, Reinheit, Geben, Mitgefühl und beständige Geduld,
12.45
vidyābhyāsaśca lajja ca indriyāṇāṃ ca nigrahaḥ |
iṣṭāpūrtaṃ tīrthasevā pitṛṇāṃ caiva tarpaṇam || 12.45 ||
Wissensübung, Schamgefühl, Zügelung der Sinne, Opfer und wohltätige Werke, Besuch heiliger Orte und Trankspenden für die Ahnen,
12.46
abhayaṃ sarvasattvebhyo jīvitasya ca rakṣaṇam |
dhīguṇaḥ prathamo hyeṣa dharma ityabhidhīyate || 12.46 ||
allen Wesen Furchtlosigkeit gewähren und das Leben schützen: Diese erste Buddhi-Eigenschaft heißt Dharma.
12.47
dharmakarmanibaddhānāṃ saṃsāramanuvartinām |
punarmārtyaṃ punaḥ svargyaṃ tīryak tvaṃ ca punaḥ punaḥ || 12.47 ||
Wer durch Dharma-Handlungen gebunden ist, folgt dem Saṃsāra: immer wieder Menschsein, immer wieder Himmel und wieder und wieder Tiersein.
12.48
dharmabhāvaḥ samākhyātaḥ jñānabhāvaṃ ca me śṛṇu |
caturviṃśatikaḥ piṇḍaḥ karaṇendriyasaṃyutaḥ || 12.48 ||
Der Dharma-Zustand ist erklärt. Höre nun den Erkenntniszustand: „Der Körper aus vierundzwanzig [Prinzipien], mit inneren Werkzeugen und Sinnen verbunden,
12.49
prākṛtaḥ sa tu vijñeyo dharmādharmapravartakaḥ |
akartā nirguṇaścāhaṃ na me bandho 'sti prākṛtaḥ || 12.49 ||
ist als naturhaft zu verstehen und setzt Recht und Unrecht in Gang. Ich aber bin Nichthandelnder und ohne Eigenschaften; eine naturhafte Bindung besteht für mich nicht.
12.50
prakṛtyā kāritaṃ manye vāsanādeva mucyate |
sāṅkhyajñānaṃ mayā proktaṃ prakṛteryena mucyate || 12.50 ||
Ich halte [alles] für durch Prakṛti bewirkt.“ Durch diese geistige Prägung wird man befreit. Damit habe ich das Sāṃkhya-Wissen genannt, durch das man von Prakṛti frei wird.
12.51
muktaṃ prakṛtibandhāttaṃ punarbadhnāti ceśvaraḥ |
baddhaḥ saṃsarate bhūyo yāvaddevaṃ na vindati || 12.51 ||
Doch den von Prakṛtis Bindung Befreiten bindet Īśvara erneut. Gebunden wandert er wieder, solange er den Gott nicht erkennt,
12.52
īśvaraṃ sṛṣṭikartāraṃ sarvajantunibandhakam |
vairāgyātsantyajetputrān dārāniṣṭānsusaṃmatān || 12.52 ||
Īśvara, den Schöpfer und Binder aller Wesen. Aus Loslösung verlässt man Söhne und geliebte, hochgeschätzte Ehepartner,
12.53
hastyaśvarathayānāni suhṛdbhogadhanāni ca |
upavāsaṃ japaṃ tīrthaṃ pañcāgniṃ jalaśāyitām || 12.53 ||
Elefanten, Pferde, Wagen und Fahrzeuge, Freunde, Genüsse und Vermögen. [Man praktiziert] Fasten, Rezitation, Pilgerfahrt, Fünffeueraskese und Liegen im Wasser.
12.54
upāsyaitāni ghorāṇi dehaṃ santyajati kṣaṇāt |
girivṛkṣajalāgnibhyaḥ prahārodbandhanāśanaiḥ || 12.54 ||
Nach diesen strengen Übungen gibt man den Körper rasch auf: durch Berge, Bäume, Wasser, Feuer, Schläge, Erhängen oder Nichtessen [historische Beschreibung selbstzerstörerischer Askese].
12.55
vairāgyaṃ tu samāśritya kurute sāhasānyapi |
aiśvaryabhāvamāpanno dravyaistṛptiṃ na gacchati || 12.55 ||
Auf Loslösung gestützt, vollzieht man sogar gewaltsame Wagnisse. Wer dagegen in den Zustand der Herrschaft eingetreten ist, findet durch Besitz keine Sättigung,
12.56
na dārairna dhanairbhāgaiḥ parivārairna vāhanaiḥ |
tapo vratāni mantrāṃśca aiśvaryārthe tu sādhayet || 12.56 ||
weder durch Ehepartner, Vermögen, Anteile, Gefolge noch Fahrzeuge. Um Herrschaft zu erlangen, vervollkommnet er Askese, Gelübde und Mantras.
12.57
yuddhaṃ dyutaṃ tathā māyāṃ cauryaṃ cānṛtahiṃsanam |
anyānyapi tvayuktāni visrambhacchalaghātitām || 12.57 ||
Krieg, Glücksspiel, Täuschung, Diebstahl, Unwahrheit und Gewalt, weitere ungehörige Dinge und das Verletzen von Vertrauen durch Hinterlist:
12.58
aiśvaryabhāvamāpannaḥ karoti ca bahūnyapi |
prāṇihiṃsārato nityaṃ caurikānṛtadambhavān || 12.58 ||
Vieles davon tut derjenige, der in den Herrschaftszustand eingetreten ist. Stets der Verletzung von Lebewesen zugetan, diebisch, unwahrhaftig und heuchlerisch,
12.59
yācako duḥkhadātā ca bhaveccādharmaceṣṭitam |
nāstidharmo na cādharmaḥ svargaṃ mokṣaṃ ca ko gataḥ || 12.59 ||
fordernd und Leid zufügend: Das ist das Wirken des Unrechts. „Es gibt weder Recht noch Unrecht. Wer ist je in Himmel oder Befreiung gelangt?“
12.60
ajñānabhāvamāpannaḥ sarvaṃ mithyeti bhāṣate |
nityaṃ duḥkhī parapreṣyo bhāraṃ yānaṃ vahannapi || 12.60 ||
Im Zustand der Unwissenheit sagt man: „Alles ist falsch.“ Stets leidend, im Dienst anderer und Lasten oder Fahrzeuge tragend,
12.61
kṛcchrajīvī ca satatam avairāgye na khidyate |
rājyaṃ kṛtvā tu sāmantaḥ sāmantyādgrāmabhugbhavet || 12.61 ||
lebt man dauernd unter Mühen und empfindet doch aus fehlender Loslösung keinen Überdruss. Nach Königsherrschaft wird man Vasall, vom Vasallen zum Dorfherrn.
12.62
grāmādbhraṣṭastadardhena vartate 'sāvanīśvaraḥ |
na śocati na codvignaḥ krīḍate pūrvarājyavat || 12.62 ||
Nach Verlust des Dorfes lebt der Machtlose von der Hälfte davon. Er trauert nicht und ist nicht beunruhigt, sondern spielt wie während seiner früheren Herrschaft.
12.63
anaiśvaryasya bhāvo 'yam evaṃ te samudāhṛtaḥ |
avyaktaṃ triguṇaṃ vakṣye saṃsārasya pravartakam || 12.63 ||
So ist dir der Zustand der Ohnmacht beschrieben. Nun erläutere ich das dreifache Unmanifeste, das den Saṃsāra in Gang setzt.
12.64
yasmācca jagadutpattiḥ prakṛtistena cocyate |
asya dharmaṃ pravakṣyāmi rajaḥ sattvatamo 'bhidham || 12.64 ||
Weil die Welt daraus entsteht, heißt es Prakṛti. Ich werde seine Bestimmungen namens Rajas, Sattva und Tamas erklären.
12.65
prakāśabhāvaḥ sattvaṃ ca dharmaḥ sattvasamāśritaḥ |
saṃvibhāgī ca satataṃ nityaṃ sattvopakārakaḥ || 12.65 ||
Sattva ist das Wesen der Erhellung; Dharma stützt sich auf Sattva. Wer stets teilt und den Lebewesen hilft,
12.66
kṣamādayāsamāyukto jñānavijñānapāragaḥ |
prītirdānaṃ dhṛtirmedhā tapaḥ śaucaṃ damastathā || 12.66 ||
mit Geduld und Mitgefühl verbunden ist und Erkenntnis und erfahrendes Wissen beherrscht; Liebe, Geben, Festigkeit, Einsicht, Askese, Reinheit und Selbstbeherrschung,
12.67
ṛtavāksamadṛṣṭiśca divyabuddhiprabodhanam |
yasminnete sadā dharmā bhavanti puruṣottame || 12.67 ||
wahrhaftige Rede, gleichmütiger Blick und Erweckung göttlicher Einsicht: Der vortreffliche Mensch, bei dem diese Eigenschaften stets vorhanden sind,
12.68
sa sāttvikastu vijñeyaḥ rajodharmāṃśca me śṛṇu |
nistriṃśaścātilobhī ca vidveṣī krodhanastathā || 12.68 ||
ist als sattvisch zu verstehen. Höre nun die Eigenschaften von Rajas: erbarmungslos, überaus gierig, feindselig und zornig,
12.69
kāmī harṣasamāviṣṭo duḥkhārtaḥ paryaṭetsadā |
mānī dambhasamāyukto 'pyahaṅkāre vyavasthitaḥ || 12.69 ||
begehrend, von Hochgefühl erfüllt, von Leid bedrängt umherziehend, stolz und heuchlerisch, im Ichbewusstsein verhaftet,
12.70
nityaṃ yuddharataḥ śūraḥ rājasaṃ guṇalakṣaṇam |
kāmakrodhābhibhūtatvaṃ lobhena ca samanvayaḥ || 12.70 ||
stets kriegslustig und tapfer: Dies kennzeichnet Rajas. Von Begehren und Zorn überwältigt und mit Gier verbunden,
12.71
īrśyā dambho viṣādaśca mada unmāda eva ca |
nidrālasya makarmitvaṃ daurmedhyājñānite tathā || 12.71 ||
Neid, Heuchelei, Niedergeschlagenheit, Übermut, Wahnsinn, Schlaf, Trägheit, Untätigkeit, mangelnde Einsicht und Unwissenheit,
12.72
adharmatābuddhimattvaṃ nāstikyaṃ chalacittatā |
tamaḥ cihnāni caitāni dṛśyante yatra mānave || 12.72 ||
Unrecht, Unverständigkeit, Leugnung und hinterlistiger Sinn: Bei welchem Menschen diese Zeichen von Tamas sichtbar werden,
12.73
tāmasaḥ sa tu vijñeyaḥ puruṣaḥ kaluṣāśayaḥ |
etatriguṇamavyaktaṃ triguṇaṃ sāmudāhṛtam || 12.73 ||
der ist als tamasischer Mensch mit verunreinigter Gesinnung zu verstehen. Dieses dreifache Unmanifeste ist mit seinen drei Guṇas erklärt.
12.74
etatsamyagviditvā tu mucyate prākṛtairguṇaiḥ |
guṇadharmā na caivāhaṃ buddhyahāṃkṛdguṇo nahi || 12.74 ||
Wer dies richtig erkennt, wird von den Eigenschaften der Prakṛti befreit: „Ich bin weder die Bestimmungen der Guṇas noch die Eigenschaften von Buddhi und Ichbewusstsein.
12.75
karaṇendriyahīnaśca bhūtatanmātravarjitaḥ |
akartā nirguṇaścāhaṃ cinmātraḥ puruṣaḥ smṛtaḥ || 12.75 ||
Ohne innere Werkzeuge und Sinne, ohne Elemente und feine Qualitäten, nichthandelnd und ohne Eigenschaften bin ich bloßes Bewusstsein, Puruṣa genannt.
12.76
mānasaṃ vācikaṃ caiva śārīraṃ karma yatkṛtam |
prakṛtyā kāritāṃ manye akartā puruṣaḥ smṛtaḥ || 12.76 ||
Was an Handlungen des Geistes, der Rede oder des Körpers vollzogen wurde, halte ich für von Prakṛti bewirkt; Puruṣa gilt als Nichthandelnder.“
12.77
evaṃ saṃnyasya karmāṇi vartate naca nityaśaḥ |
nāhaṃ kartā na me bandha evaṃ budhyeta yo naraḥ || 12.77 ||
So legt er die Handlungen nieder und handelt nicht fortwährend [Negation der Vorlage auslegungsbedürftig]. Der Mensch, der erkennt: „Ich bin nicht der Handelnde; für mich gibt es keine Bindung“,
12.78
prakṛteḥ sa vimucyeta yāvanna sṛjatīśvaraḥ |
sāṅkhyajñānena saṃmūdho muktirityabhimanyate || 12.78 ||
wird von Prakṛti befreit, solange Īśvara nicht [erneut] erschafft. Vom Sāṃkhya-Wissen getäuscht, hält er dies für Befreiung [Bewertung aus Sicht des Svacchanda Tantra].
12.79
na hi muktirbhavettasya kaṃcitkālaṃ videhatā |
tiṣṭhetprakṛtinirmuktaḥ sṛṣṭisaṃhāravarjitaḥ || 12.79 ||
Doch es ist für ihn keine Befreiung, sondern zeitweilige Körperlosigkeit. Frei von Prakṛti, ohne Schöpfung und Einziehung, verweilt er,
12.80
yāvatkarotyasau sṛṣṭim īśvaraḥ parameśvaraḥ |
tāvatprakṛtibandhena saṃsāre kṣipyate punāḥ || 12.80 ||
bis Īśvara, der höchste Herr, die Schöpfung vollzieht. Dann wird er durch die Prakṛti-Bindung erneut in den Saṃsāra geworfen.
12.81
kṣiptaḥ saṃsarate bhūyaḥ saṃsāre ghorasāgare |
dharmādhārmanibaddhastu sāṅkhyajñānena mohitaḥ || 12.81 ||
Hineingeworfen, wandert er wieder im furchtbaren Meer des Saṃsāra, an Recht und Unrecht gebunden und vom Sāṃkhya-Wissen getäuscht.
12.82
ahaṃ kartā ca bhoktā ca īśvarobalavānaham |
mamatvenaiva saṃmūḍho bhrāmyate ghaṭayantravat || 12.82 ||
„Ich bin der Handelnde und Erfahrende; ich bin Herr und mächtig.“ Vom Mein-Gefühl verblendet, dreht er sich wie ein Wasserschöpfrad.
12.83
sāṅkhyajñānaṃ mayā proktaṃ śṛṇu dhyānādhidaivatam |
pṛthvīṃ kaṭhinarūpeṇa catuḥ sāgaramekhalām || 12.83 ||
Das Sāṃkhya-Wissen ist von mir erläutert. Höre nun von den Gottheiten der Meditation. Die Erde in fester Gestalt, von vier Meeren umgürtet,
12.84
saparvatavanākīrṇāṃ mṛgapakṣisamākulām |
susthitāṃ pītavarṇābhām ūbījena samanvitām || 12.84 ||
mit Bergen und Wäldern, voller Wildtiere und Vögel, fest gegründet und gelbfarben, mit dem Bīja ū verbunden,
12.85
dhyātvā tatsiddhimabhyeti viṣasattvānnivārayet |
acālyaḥ sarvabhūtānāṃ yathaiva vasudhā bhavet || 12.85 ||
Meditierend soll man ihre Vollendung erlangen und Gift sowie [schädigende] Wesen abwehren. Wie die Erde werde man für alle Wesen unerschütterlich.
12.86
jalāpūritasarvāṅgo jaladhyānena pūrayet |
evamabhyasyamānastu viṣasattvānvināśayet || 12.86 ||
Mit allen Gliedern von Wasser erfüllt, fülle man [die Welt] durch die Wassermeditation. Wer so übt, soll Gift und [schädigende] Wesen unschädlich machen.
12.87
tṛṣṇādāhavinirmukta ītibhiśca vivarjitaḥ |
jagadāpūrayetsiddhaḥ pūrvabījasamanvitaḥ || 12.87 ||
Frei von Durst und Brennen und ohne Plagen, erfülle der Vollendete die Welt, mit dem zuvor genannten Bīja verbunden.
12.88
kuryātkarmasahasrāṇi svabījena tu bījitaḥ |
kṛṣṇareṇvātmako vāyur dhyeyo bījena saṃyutaḥ || 12.88 ||
[In der Feuermeditation] vollziehe er Tausende Handlungen, mit dem eigenen Bīja durchdrungen. Der Wind ist als schwarzer Staub zu meditieren, mit seinem Bīja verbunden.
12.89
pūrayedvai jagaddehān siddhaścāścaryakārakaḥ |
suṣirātmakaṃ svadehaṃ tu jagacca suṣirātmakam || 12.89 ||
Der Vollendete erfülle Welt und Körper und bewirke Wunder. Den eigenen Körper und die Welt als hohl
12.90
dhyāyetprakṛtibījena citrakarmāṇi kārayet |
vāgindriye tathā vahnir dhyāto vāksiddhidāyakaḥ || 12.90 ||
meditiere man mit dem Ursprungs-Bīja und vollbringe vielfältige Wirkungen. Ebenso verleiht das im Sprechorgan meditierte Feuer Vollendung der Rede.
12.91
indraḥ pāṇāvabhidhyātaḥ bāhuśālī tvajeyakaḥ |
pādayordūrasaṃcāraṃ dhyāto viṣṇuḥ prayacchati || 12.91 ||
Indra, in den Händen meditiert, [macht] armstark und unbesiegbar. Viṣṇu, in den Füßen meditiert, gewährt weites Wandern.
12.92
pāyau mitraḥ sito dhyātaḥ pāyuvyādhivināśakaḥ |
śiśne prajāpatiṃ śyāmaṃ dhyāyedyuktena cetasā || 12.92 ||
Mitra, weiß im After meditiert, soll dessen Krankheiten vernichten. Im Geschlechtsorgan meditiere man mit gesammeltem Geist über den dunklen Prajāpati.
12.93
jitendriyaśca bhavati tv icchayā ramate śatam |
śrotrendriye diśaścitrā dhyāyedvījena saṃyutāḥ || 12.93 ||
So werde man Herr der Sinne und vergnüge sich nach Wunsch hundertfach. Im Gehörorgan meditiere man über die vielfarbigen Richtungen, mit dem Bīja verbunden.
12.94
sakṛduktaṃ ca gṛhṇāti digyātrā caiva siddhyati |
mārutaṃ kṛṣṇarūpeṇa dhyāyettu tvaci saṃsthitam || 12.94 ||
Man erfasse bereits einmal Gesagtes, und Reisen in die Richtungen gelängen. Man meditiere über den schwarzgestaltigen Wind in der Haut.
12.95
yaḥ sa daṃṣṭrādyabhedyaḥ syāt na kvaciñjāyate vyathā |
ādityaṃ cakṣuṣi dhyāyej jihvāyāṃ varuṇaṃ tathā || 12.95 ||
Dann werde man durch Hauer und Ähnliches unverletzlich, und nirgends entstehe Schmerz. Man meditiere über die Sonne im Auge und Varuṇa auf der Zunge,
12.96
nāsāyāṃ pṛthivīṃ pītāṃ manasīnduṃ tathaiva ca |
pītakaṃ gandhatanmātraṃ rasatanmātrakaṃ sitam || 12.96 ||
über die gelbe Erde in der Nase und den Mond im Denken; die feine Geruchsqualität gelb, die feine Geschmacksqualität weiß,
12.97
raktaṃ tu rūpatanmātraṃ kṛṣṇaṃ tu sparśasaṃjñitam |
arūpaṃ śabdatanmātraṃ dhyātavyaṃ bindurūpi ca || 12.97 ||
die feine Gestaltqualität rot, die feine Berührungsqualität schwarz; die feine Lautqualität soll man als formlos und in Bindu-Gestalt meditieren.
12.98
viṣayeṣvīpsitāṃ siddhiṃ jānāti ca vicintitam |
vaikārike tathā rudro dhyātavyaḥ siddhimicchatā || 12.98 ||
[So erlange man] die gewünschte Vollendung in den Gegenständen und erkenne Gedachtes. Wer Vollendung wünscht, soll entsprechend Rudra in Vaikārika meditieren.
12.99
dhyānātsiddhimavāpnoti muktāhaṅkārabandhanām |
brahmāṇaṃ buddhisaṃsthaṃ tu dhyāyedyuktena cetasā || 12.99 ||
Durch Meditation erlangt man eine Vollendung, die von der Fessel des Ichbewusstseins gelöst ist. Über Brahmā in der Buddhi meditiere man mit gesammeltem Geist.
12.100
smaranvai pūrvabījena jñānaughaḥ saṃpravartate |
divyā ca jāyate buddhiḥ saṃśayocchittikārikā || 12.100 ||
Vergegenwärtigt man ihn mit dem zuvor genannten Bīja, entsteht eine Flut von Erkenntnis; göttliche Einsicht entsteht, die Zweifel abschneidet.
12.101
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyacca pratyakṣaṃ saṃprajāyate |
prakṛtiḥ kṛṣṇavarṇā tu raktaśuklā virājate || 12.101 ||
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden unmittelbar gegenwärtig. Prakṛti ist schwarzfarben und leuchtet zugleich rot und weiß.
12.102
raktaṃ ca hṛdayaṃ tasyāḥ bahupādabhujānanā |
dhyātavyā tattvabījena yadīcchetsiddhimātmanaḥ || 12.102 ||
Ihr Herz ist rot; sie besitzt viele Füße, Arme und Gesichter. Wer für sich Vollendung wünscht, soll sie mit dem Tattva-Bīja meditieren.
12.103
siddhaścaiva svatantraśca divyadṛṣṭiśca jāyete |
ṣaṇmāsābhyāsayogena divyā dṛṣṭiḥ pravartate || 12.103 ||
Man werde vollendet, selbstbestimmt und mit göttlichem Sehen begabt. Durch sechsmonatige Übung soll göttliches Sehen einsetzen.
12.104
trailokye yatpravarteta pratyakṣaṃ tasya jāyate |
eṣa te prākṛto yoga uktaḥ mokṣakaraḥ paraḥ || 12.104 ||
Was in den drei Welten geschieht, werde unmittelbar gegenwärtig. Damit ist dir der auf Prakṛti bezogene Yoga erklärt. Der darüber hinausgehende [Yoga] führt zur Befreiung [Kṣemarāja bezieht dies auf die Erkenntnis der Māyā und ihre Überschreitung].
12.105
ataḥ paraṃ tu puruṣaḥ padmamadhye vyavasthitaḥ |
citsvarūpaśca sarveṣu dehamāpūrya saṃsthitaḥ || 12.105 ||
Darüber befindet sich Puruṣa inmitten des Lotus. Als Bewusstseinsgestalt steht er in allen [Wesen] und erfüllt den Körper.
12.106
sa jīva iti vikhyāto yena jīvati tatpuram |
nirgatena mṛtā yena acetāḥ śīryate tanuḥ || 12.106 ||
Er heißt Jīva, weil durch ihn diese Stadt lebt. Wenn er sie verlassen hat, stirbt der Leib, wird bewusstlos und zerfällt.
12.107
badhyate mucyate 'sau vai sukhaduḥkhāni vetti ca |
na tasya rūpaṃ varṇo vā pramāṇaṃ dṛśyate kvacit || 12.107 ||
Er wird gebunden und befreit und erkennt Glück und Leid. Nirgends sind für ihn Gestalt, Farbe oder Maß wahrzunehmen.
12.108
na śakyaḥ kathituṃ vāpi sūkṣmaścānantavigrahaḥ |
vālāgraśatabhāgasya śatadhā kalpitasya tu || 12.108 ||
Er lässt sich auch nicht beschreiben, ist fein und von unbegrenzter Gestalt. Ein Hundertstel einer Haarspitze, nochmals in hundert Teile geteilt:
12.109
tasya sūkṣmataro jīvaḥ sa cānantyāya kalpate |
ādityavarṇaṃ rukmābham abbindumiva puṣkare || 12.109 ||
Noch feiner ist der Jīva, und doch ist er zur Unendlichkeit befähigt. Sonnenfarben, goldglänzend, wie ein Wassertropfen auf einem Lotusblatt,
12.110
paśyanti tārakamiva yogino divyacakṣuṣā |
rāgavidyākalopetaḥ kālabaddho hi rūpavān || 12.110 ||
wie einen Stern sehen ihn Yogis mit göttlichem Auge. Mit Rāga, Vidyā und Kalā verbunden und durch die Zeit gebunden, ist er gestalttragend.
12.111
śyāmavarṇena vijñeyā sthitā jīvasya devatā |
dakṣiṇena sitāṅgī tu vāmenāsitarūpiṇī || 12.111 ||
Die beim Jīva stehende Gottheit ist als dunkel zu verstehen, rechts weißgliedrig und links schwarzgestaltig.
12.112
tadvarṇāni ca vaktrāṇi maṇḍalāni viśeṣataḥ |
karmabandhena badhnāti sukhaduḥkhaṃ prayacchati || 12.112 ||
Ihre Gesichter und insbesondere ihre Kreise haben entsprechende Farben. Sie bindet durch die Karmafessel und verleiht Glück und Leid.
12.113
niyatiṃ ca vijānīyād anivāryāṃ surāsuraiḥ |
pūrvabījasahadhyānā dvirūpeṇa samanvitā || 12.113 ||
Als Niyati ist sie zu erkennen, von Göttern und Asuras nicht abwendbar. Bei der Meditation mit dem zuvor genannten Bīja ist sie mit der zweifachen Gestalt verbunden.
12.114
dhyānātsiddhimavāpnoti niyateśca vimucyate |
trinetraṃ ca caturvaktraṃ kṛṣṇavarṇaṃ caturbhujam || 12.114 ||
Durch diese Meditation erlangt man Vollendung und wird von Niyati frei. Dreiäugig, viergesichtig, schwarzfarben und vierarmig,
12.115
saṃharantaṃ durādharṣam anantaṃ kālamīśvaram |
svabījadhyānarūpajñaḥ kālena nahi kalyate || 12.115 ||
einziehend, schwer zu überwältigen und unendlich [meditiere man] Kāla als Herrn. Wer dessen Gestaltmeditation mit dem eigenen Bīja kennt, wird von der Zeit nicht bemessen.
12.116
cakravatparivartante kāladhyānavivarjitāḥ |
evaṃ kālaṃ sadā dhyāyet dhyeyasiddhiśca jāyate || 12.116 ||
Ohne Meditation über Kāla dreht man sich wie ein Rad. Deshalb meditiere man stets so über Kāla; dann entsteht die Vollendung des Meditationsziels.
12.117
rāgaṃ tu raktavarṇaṃ vai vidyāṃ śyāmāṃ sulocanām |
sitavarṇāṃ kalāṃ dhyāyec cetanyonmīlinīṃ tu tām || 12.117 ||
Rāga [meditiere man] rot, Vidyā dunkel und schönäugig, Kalā weiß, als diejenige, die das Bewusstsein öffnet.
12.118
kṛṣṇavarṇā ca raktākṣī dīrghadantā sulocanā |
kacordhvapiṅgakeśī ca sthūlakāyā mahodarī || 12.118 ||
Schwarzfarben, rotäugig, mit langen Zähnen und großen Augen, mit aufgerichtetem gelbbraunem Haar, dickleibig und großbäuchig,
12.119
yā pātayati bhūtāni brahmādyāni punaḥ punaḥ |
nirvairaparipanthitvān māyā granthirduruttarā || 12.119 ||
stürzt sie die Wesen von Brahmā an immer wieder hinab. Weil sie ohne Feindschaft hemmt, ist Māyā der schwer zu überwindende Knoten.
12.120
sāṅkhyavedapurāṇajñā anyaśāstravidaśca ye |
na tāṃ laṅghayituṃ śaktā ye cānye mokṣavādinaḥ || 12.120 ||
Kenner von Sāṃkhya, Veda, Purāṇas und anderen Schriften sowie die übrigen Befreiungslehrer vermögen sie nicht zu überschreiten.
12.121
kliśyanti māyayā bhrāntā amokṣe mokṣalipsayā |
svabījadhyānayogena pūrvadhyānasvarūpataḥ || 12.121 ||
Von Māyā verwirrt, leiden sie, weil sie Befreiung im Nichtbefreienden suchen. Durch Verbindung der Meditation mit dem eigenen Bīja in der zuvor genannten Gestalt,
12.122
dīkṣāsinā ca tāṃ chittvā viśanti śivamavyayam |
caturvarṇā bhavedvidyā sā varṇavyāpinī smṛtā || 12.122 ||
und indem sie sie mit dem Schwert der Einweihung durchschneiden, gehen sie in den unvergänglichen Śiva ein. Vidyā ist vierfarbig und gilt als die Laute durchdringend.
12.123
sitaraktapītakṛṣṇā dhyātavyā suṣirātmikā |
ākāśavāyumārūḍhā rūpayauvanaśālinī || 12.123 ||
Weiß, rot, gelb und schwarz soll sie meditiert werden, hohlraumartig, auf dem Wind des Raumes reitend, voller Schönheit und Jugend.
12.124
svabījena tu sā dhyeyā tatsiddhiścaiva jāyate |
divyā siddhiramoghā tu siddhavidyaśca jāyate || 12.124 ||
Man meditiere sie mit ihrem eigenen Bīja; daraus entsteht ihre Vollendung. Die göttliche Vollendung ist unfehlbar, und man wird zur vollendeten Vidyā befähigt.
12.125
veda lokāṃstataḥ sarvān kāmarūpī sa gacchati |
kuṅkumābhaṃ ca nāreśaṃ trinetraṃ tu jaṭādharam || 12.125 ||
Darauf erkennt man alle Welten und bewegt sich in beliebiger Gestalt. Über den menschenherrlichen [Puruṣa], safranfarben, dreiäugig und mit Haarflechten,
12.126
pūrvānanamabhidhyāyet vāyubhakṣasya yatphalam |
tatpuṇyaphalamāpnoti aśvamedhāyutasya ca || 12.126 ||
meditiere man als östliches Gesicht. Man erlangt die verdienstvolle Frucht des Lebens allein von Luft und von zehntausend Pferdeopfern.
12.127
jagacca vaśamāyāti kramate siddhimeti ca |
ṣaḍbhirmāsairasandehaḥ dakṣiṇaṃ ca tathaiva hi || 12.127 ||
Die Welt gerate unter die eigene Herrschaft; man durchschreite sie und erlange unzweifelhaft in sechs Monaten Vollendung. Ebenso [meditiere man] das südliche [Gesicht],
12.128
nīlāmbudapratīkāśaṃ piṅgabhrūśmaśrulocanam |
bhrukuṭīkarālavaktraṃ ca kapālāhi vibhūṣitam || 12.128 ||
einer blauen Wolke gleich, mit gelbbraunen Brauen, Bart und Augen, mit gefurchten Brauen und furchtbarem Gesicht, mit Schädeln und Schlangen geschmückt.
12.129
bahurūpajaṭādhāraṃ dakṣiṇaṃ tasya cintayet |
sukhaduḥkhavināśāya ītijvaravināśanam || 12.129 ||
Über sein südliches [Gesicht], mit vielförmigen Haarflechten, soll man meditieren, um Glück und Leid aufzuheben, als Vernichter von Plagen und Fieber.
12.130
viṣagrahādi sarvaṃ tu dhyānānnāśayate kṣaṇāt |
agnivajjvalate yogī jarāmṛtyuvivarjitaḥ || 12.130 ||
Durch Meditation vernichte man Gift, Besessenheit und alles Weitere im Augenblick. Der Yogi leuchte wie Feuer, frei von Alter und Tod [Heilsversprechen des historischen Textes].
12.131
kramate sarvalokānvai siddhaśca samatāṃ vrajet |
sitaṃ trinayanaṃ devi sākṣāsūtrakamaṇḍalu || 12.131 ||
Er durchschreite sämtliche Welten und gelange als Vollendeter zur Gleichheit [mit dem Gott]. Weiß und dreiäugig, Göttin, mit Gebetskette und Wasserkrug,
12.132
paścimaṃ vadanaṃ dhyāyed divyasiddhipradāyakam |
hatvā prāṇisahasrāṇi paradāraśatāni ca || 12.132 ||
meditiere man das westliche Gesicht, das göttliche Vollendung verleiht. Selbst nach der Tötung Tausender Wesen und [dem Umgang mit] Hunderten fremder Ehefrauen,
12.133
alepako viśuddhātmā siddhiṃ prāpya śivo bhavet |
trinetramuttaraṃ vaktraṃ raktotpalasamadyuti || 12.133 ||
werde man unbefleckt, innerlich rein und nach Erlangung der Vollendung Śiva [radikale rituelle Heilsbehauptung]. Das nördliche Gesicht ist dreiäugig und glänzt wie ein roter Lotus.
12.134
dhyānāttasya jagatsarvaṃ vaśameti na saṃśayaḥ |
tapate varṣate caiva sṛjate saṃharatyapi || 12.134 ||
Durch dessen Meditation gerät die ganze Welt unter die eigene Herrschaft, ohne Zweifel. Man erhitzt, lässt regnen, erschafft und zieht ein.
12.135
īpsitāṃ labhate siddhiṃ yo 'bdamekaṃ tu cintayet |
sitamūrdhvaṃ sadā dhyāyec chūlahastaṃ jaṭādharam || 12.135 ||
Wer ein Jahr darüber meditiert, erlangt die gewünschte Vollendung. Über das obere [Gesicht] meditiere man stets als weiß, dreizacktragend und mit Haarflechten,
12.136
vyāghracarmapārīdhānaṃ sākṣāsūtrakamaṇḍalu |
vīṇāḍamaruhastaṃ ca nāgayajñopavītakam || 12.136 ||
in Tigerfell gekleidet, mit Gebetskette und Wasserkrug, mit Vīṇā und Ḍamaru in den Händen und einer Schlange als heiliger Schnur.
12.137
candramūrdhordhvaliṅgaṃ ca dhyāyennityaṃ maheśvaram |
anenaiva tu dehena sarvajñaḥ kāmarūpavān || 12.137 ||
Stets meditiere man den großen Herrn, mondgekrönt und mit aufgerichtetem Liṅga. Schon in diesem Körper werde man allwissend und könne jede gewünschte Gestalt annehmen.
12.138
ghaṇṭānādasya vā dhyānāt siddhiḥ ṣāṇmāsikī bhavet |
īpsitā martyaloke tu siddhistasya prajāyate || 12.138 ||
Oder durch Meditation über den Glockenklang entstehe innerhalb von sechs Monaten Vollendung. In der Menschenwelt entstehe die gewünschte Vollendung.
12.139
liṅgadhyānaṃ tu yaḥ kuryāt pūrvabījena saṃyutam |
māsenaikena paśyetsa sūkṣmaṃ liṅgaṃ tanūpari || 12.139 ||
Wer eine Liṅga-Meditation vollzieht, verbunden mit dem zuvor genannten Bīja, sieht nach einem Monat das feine Liṅga oberhalb des Körpers.
12.140
śuddhasphaṭikasaṅkāśaṃ taddṛṣṭvā tu vimucyate |
siddhistu mānuṣe loke ṣaṇmāsena prajāyate || 12.140 ||
Es gleicht reinem Kristall; wer es sieht, wird befreit. Vollendung in der Menschenwelt entsteht nach sechs Monaten.
12.141
trailokyadarśane buddhiḥ pratyakṣā tasya jāyate |
ākrāmetsarvalokāṃśca īśvareṇa samo bhavet || 12.141 ||
Seine Einsicht schaut die drei Welten unmittelbar. Er durchdringt sämtliche Welten und wird Īśvara gleich.
12.142
somārkau cakṣuṣī syātāṃ cakre vai dhī rathasya tu |
tanmātrāṇi hayāstasya manaḥ sārathi coditaḥ || 12.142 ||
Mond und Sonne sind seine Augen, die Buddhi die Räder seines Wagens; die feinen Qualitäten sind seine Pferde, das Denken ist als Wagenlenker bestimmt.
12.143
ahaṃkāro bhavedyoddhā guṇaścāsya mahādhanuḥ |
indriyāṇi śarāstasya mṛgo dharmaḥ prakīrtitaḥ || 12.143 ||
Das Ichbewusstsein ist der Kämpfer, der Guṇa sein großer Bogen; die Sinne sind seine Pfeile, Dharma wird als sein Wild bezeichnet.
12.144
evaṃ sa krīḍate yogī paramātmani hṛtsthite |
puṇyapāpairvartamāna icchayā parameśvari || 12.144 ||
So spielt der Yogi, während das höchste Selbst im Herzen ruht, nach eigenem Willen unter Verdienst und Sünde, höchste Göttin.
12.145
nāhaṃ kartā na me bandhaḥ sarvamīśvarakāraṇam |
matvā ceśvaravijñānaṃ sarvakarmaṇi santyajet || 12.145 ||
„Ich bin nicht der Handelnde, für mich gibt es keine Bindung; alles hat Īśvara zur Ursache.“ Mit diesem Wissen um Īśvara soll man alle Handlungen loslassen.
12.146
dharmādharmasya kartṛtve prerako hṛdi saṃsthitaḥ |
tamahaṃ śaraṇaṃ prāpto na me bandho 'sti kaṛtṛtā || 12.146 ||
„Bei der Ausübung von Recht und Unrecht sitzt der Antreiber im Herzen. Zu ihm habe ich Zuflucht genommen; für mich gibt es weder Bindung noch Täterschaft.“
12.147
sadāśivo 'ṣṭabhedena pūrvabījasamanvitaḥ |
dhyeyaḥ pūrvoktarūpeṇa tatsiddhiphalamicchatā || 12.147 ||
Wer die Frucht seiner Vollendung wünscht, soll Sadāśiva achtfach, mit dem zuvor genannten Bīja verbunden und in der früher beschriebenen Gestalt meditieren.
12.148
nādaṃ vai vyāpakaṃ dhyāyed ahorātrāyaneṣu ca |
dakṣiṇottarasaṃkrāntyā viṣuvajjñasya mokṣadaḥ || 12.148 ||
Man meditiere Nāda als alldurchdringend in Tag, Nacht und den beiden Halbjahresläufen. Beim Übergang zwischen südlichem und nördlichem Lauf verleiht er dem Kenner der Tagundnachtgleiche Befreiung [Kṣemarāja bezieht diese Zeitbilder hier auf Atembewegungen, deren rechte und linke Bahnen und ihren ausgeglichenen Übergang].
12.149
vaṃśadhvanisamaprakhyaḥ śāntanādastu sa smṛtaḥ |
sadāśivaḥ sa vijñeyaḥ dhyānātsiddhiphalaṃ śṛṇu || 12.149 ||
Wie Flötenklang gilt er als friedvoller Nāda. Dieser ist als Sadāśiva zu verstehen. Höre die Vollendungsfrucht seiner Meditation.
12.150
māsamātreṇa tejasvī vāgīśastu dvitīyake |
tṛtīye paśyate siddhān divyadṛṣṭiścaturthake || 12.150 ||
Nach einem Monat werde man glanzvoll, im zweiten Herr der Rede, im dritten sehe man Siddhas, im vierten entstehe göttliches Sehen.
12.151
siddhistu mānuṣe loke vatsarārdhe na saṃśayaḥ |
divyāsiddhistathābdena sāyujyaṃ tu dvitīyake || 12.151 ||
Nach einem halben Jahr entstehe unzweifelhaft Vollendung in der Menschenwelt, nach einem Jahr göttliche Vollendung und im zweiten Jahr Vereinigung.
12.152
ṣaṇmukhīkaraṇaṃ kṛtvā dhyāyeddevaṃ sadāśivam |
aṅguṣṭhābhyāṃ śrutī netre tarjanīmadhyamākramāt || 12.152 ||
Man vollziehe das Verschließen der sechs Öffnungen und meditiere Gott Sadāśiva: mit den Daumen die Ohren, mit Zeige- und Mittelfingern die Augen der Reihe nach,
12.153
śeṣābhyāṃ vṛṇuyādghrāṇe ṣaṇmukhe kila baddhadhīḥ |
daśadhā varṇarūpeṇa dṛśyate ca sadāśivaḥ || 12.153 ||
mit den übrigen [Fingern] bedecke man die Nasenöffnungen, den Geist im sechsfach verschlossenen [Bereich] gesammelt. Sadāśiva erscheint zehnfach nach Farbe und Gestalt.
12.154
sitaṃ raktaṃ ca pītaṃ ca kṛṣṇaṃ haritapiṅgalam |
nīlaṃ citrakavarṇaṃ tu sphaṭikābhaṃ manoramam || 12.154 ||
Weiß, rot, gelb, schwarz, grün, gelbbraun, blau, bunt, kristallgleich und bezaubernd [Kṣemarāja zählt „bezaubernd“ als die zehnte Erscheinungsform; sie wird in 12.156 näher beschrieben].
12.155
dṛṣṭvā sarvāṇi rūpāṇi tyajettani vicakṣaṇaḥ |
ekameva tu gṛhṇīyād anye tu guṇarūpakāḥ || 12.155 ||
Nachdem er alle Gestalten gesehen hat, soll der Verständige sie aufgeben und nur die eine ergreifen; die anderen sind Eigenschaftsgestalten.
12.156
candramaṇḍalasaṅkāśaṃ vidyutpuñjanibhekṣaṇam |
tārakācalitākāraṃ bindumevaṃ vilakṣayet || 12.156 ||
Einer Mondscheibe gleich, mit einem Leuchten wie eine Masse von Blitzen und in der Gestalt eines flimmernden Sterns: So erkenne man Bindu [nach Kṣemarājas Erklärung der Bewegung des Sterns; nicht als tārakā-acalita, „unbeweglich“, getrennt].
12.157
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistathaiva ca |
ābhiḥ kalābhiḥ saṃyukto dhyātavyo bindurīśvaraḥ || 12.157 ||
Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā und Śānti: Mit diesen Kalās verbunden ist Bindu als Herr zu meditieren.
12.158
bindudhyānaṃ samākhyātaṃ śaktilakṣaṃ nibodha me |
khaṃ vīkṣya mīlitākṣo yad udyadbhāskarasannibham || 12.158 ||
Die Bindu-Meditation ist erklärt. Höre das Kennzeichen der Śakti. Wenn man in den Raum [nach Kṣemarāja die Brahmaöffnung] geschaut hat und mit geschlossenen Augen [etwas] sieht, der aufgehenden Sonne gleich,
12.159
īkṣate ca mahattejaḥ śaktiḥ prabhvīti sā smṛtā |
pītā raktā tathā kṛṣṇā sphaṭikābhā manoramā || 12.159 ||
ein großes Licht, so gilt dies als die herrschaftliche Śakti. Gelb, rot, schwarz, kristallgleich und bezaubernd
12.160
draṣṭavyā pāramā śaktiḥ tāṃ dṛṣṭvā śivatāṃ vrajet |
vyāpinīṃ ca tataścordhve pañcarūpāṃ vicintayet || 12.160 ||
ist die höchste Kraft zu schauen. Wer sie gesehen hat, gelangt zum Śiva-Sein. Darüber stelle man sich die fünffache Vyāpinī vor,
12.161
kāraṇaiḥ svaiḥ samopetāṃ dhyātvā svacchandatāṃ vrajet |
samanāmunmanāṃ coktāṃ dhyāyedyuktena cetasā || 12.161 ||
mit ihren eigenen Ursachen verbunden; durch ihre Meditation gelangt man zur Freiheit Svacchandas. Mit gesammeltem Geist meditiere man die genannten Samanā und Unmanā.
12.162
dhyānātsiddhimavāpnoti vyāpakaḥ prabhurakhyayaḥ |
tataścordhve śivaḥ śāntaḥ pūrvaṃ vai kathito mayā || 12.162 ||
Durch Meditation erlangt man Vollendung und [wird] zum alldurchdringenden unvergänglichen Herrn [Vorlage akhyayaḥ beschädigt]. Darüber liegt der friedvolle Śiva, den ich zuvor erklärt habe.
12.163
cakṣuṣā yaśca dṛśyeta vāco vā yaśca gocaraḥ |
manaścintayate yāni buddhiryāni vyavasyati || 12.163 ||
Was mit dem Auge gesehen wird, was in den Bereich der Rede fällt, was der Geist denkt und die Buddhi feststellt,
12.164
ahaṃkṛtāni yānyeva yacca vedyatayā sthitam |
yaśca nāsti sa tatraiva tv anveṣṭavyaḥ prayatnataḥ || 12.164 ||
was als Ich angeeignet wird und als Erkennbares besteht: Gerade dort ist sorgfältig jener zu suchen, der [als begrenzter Gegenstand] nicht vorhanden ist.
12.165
yatra tatra sthito deśe yatra tatrāśrame rataḥ |
sukhāsīnaḥ saṃyatātmā ekacittaḥ samāhitaḥ || 12.165 ||
An welchem Ort man auch weilt, welchem Lebensstand man auch folgt: bequem sitzend, selbstbeherrscht, einspitzig und gesammelt,
12.166
svacchandaṃ samanusmṛtya abhāvaṃ bhāvayetsadā |
bhāvanāttasya tattvasya tatsamaścaiva jāyate || 12.166 ||
soll man sich Svacchanda vergegenwärtigen und stets das Nichtgegenständliche meditieren. Durch Vergegenwärtigung dieses Prinzips wird man ihm gleich.
12.167
ye dharmāstasya cākhyātāḥ pūrvaṃ te varavarṇini |
taistu dharmaiḥ samāyukti yogī vai bhavati priye || 12.167 ||
Mit den Eigenschaften, die ich dir zuvor für dieses [Prinzip] genannt habe, du von schöner Gestalt, wird der Yogi verbunden, Geliebte.
12.168
svarūparūpakadhyānaṃ tattvānāṃ kathitaṃ mayā |
evaṃ jñātvā ca dhyātvā ca siddhyate mucyate 'pi ca || 12.168 ||
Die Meditation über das eigene Wesen und die Gestalten der Prinzipien habe ich erklärt. Wer so erkennt und meditiert, erlangt Vollendung und wird auch befreit.
Kapitel 13
13.1
sāraṃ yadasya tantrasya yāgaṃ tu parameśvara |
tamākhyāhi samāsena sādhakānāṃ hitāya vai || 13.1 ||
Erkläre kurz das Opfer, das den Kern dieses Tantra bildet, höchster Herr, zum Nutzen der Übenden.
13.2
mūlabījākṣaraṃ mantranāyakaṃ paramīśvaram |
praṇavāsanamārūḍham aṅgavaktraiḥ samanvitam || 13.2 ||
[Bhairava antwortet:] Den Wurzel-Bīja-Laut als Führer der Mantras und höchsten Herrn, auf dem Praṇava-Sitz befindlich, mit Gliedern und Gesichtern versehen,
13.3
pūrvoktadravyasaṃghātaiḥ pūjayet parameśvaram |
sa eva homavinyāsaḥ dīkṣā saiva prakīrtitaḥ || 13.3 ||
soll man mit den zuvor genannten Stoffgruppen als höchsten Herrn verehren. Dieselbe Anordnung gilt für das Feueropfer, und dieselbe Einweihung wird gelehrt.
13.4
daśalakṣaṃ japedyastu ekacittaḥ samāhitaḥ |
samudragasarittīre sahāyaiḥ parivarjitaḥ || 13.4 ||
Wer eine Million [Rezitationen] vollzieht, einspitzig und gesammelt, am Ufer eines ins Meer fließenden Flusses, ohne Helfer,
13.5
homayennaramāṃsasya lakṣamekaṃ saguggulam |
jitendriyaikacittastu brahmacarye vyavasthitaḥ || 13.5 ||
und hunderttausend Opfergaben aus Menschenfleisch mit Guggulu darbringt, die Sinne besiegt, einspitzig und in Keuschheit gegründet,
13.6
asādhyaṃ sādhayeddevi nātra kāryā vicāraṇā |
yāni kānīha karmāṇi catuṣpīṭhasthitāni ca || 13.6 ||
der soll das Unerreichbare verwirklichen, Göttin; daran sei nicht zu zweifeln. Alle Handlungen, die hier und in den vier Pīṭhas angeordnet sind,
13.7
adhamānyatha madhyāni hy uttamāni varānane |
tāni siddhyanti deveśi bhairavasya vaco yathā || 13.7 ||
die niederen, mittleren und höchsten, Schönangesichtige, sollen gelingen, Herrin der Götter, wie Bhairavas Wort besagt.
13.8
athātaḥ sampravakṣyāmi kārikākośamuttamam |
yaṃ jñātvā devadeveśi vicarantīha sādhakāḥ || 13.8 ||
Nun erkläre ich den vorzüglichen Schatz der Lehrverse. Wer ihn kennt, Herrin der Götter, bewegt sich hier als Übender [mit den beschriebenen Kräften].
13.9*
abhimukhakhaḍgani pātitaśūraśiraḥ śoṣitaṃ samādāya / |
raktālaktakalikhitaṃ sādhyatanau mantrayuktamabhidhānam || 13.9* ||
Man nehme den getrockneten Schädel eines Helden, der durch einen frontalen Schwerthieb gefallen ist. [Darauf zeichne man] mit Blut und rotem Lack die Gestalt der Zielperson und schreibe auf sie deren mit dem Mantra verbundenen Namen [die Satzfügung wird hier nach Kṣemarāja verstanden].
13.10*
pretānale sutaptaṃ vidhāya niśi yatkṛte śataṃ japati / |
asurendracakravartinamasurendraguruṃ vā tamānayatyanilavegāt || 13.10* ||
Auf Totenfeuer stark erhitzt und nachts hundertfach für die betreffende Person besprochen, ziehe dies selbst einen Asura-Weltherrscher oder den Lehrer der Asuras mit Windgeschwindigkeit herbei.
13.11*
pretālaktakalikhitaṃ naraśirasi pretavahnisantaptam / |
yamalokādapyacirādānayati balena pūrvavat sādhyam || 13.11* ||
Mit Blut von einem Leichnam auf einen Menschenschädel geschrieben und im Totenfeuer erhitzt, ziehe es die Zielperson nach dem vorigen Verfahren rasch und gewaltsam selbst aus Yamas Welt herbei [pretālaktaka wird von Kṣemarāja als Blut eines toten Körpers erklärt].
13.12*
mṛtanāryā vāmapadādudbaddhāyāstu pāṃsulīṃ samādāya / |
rudhirālaktakarocanayā sādhyatanuṃ mantrasaṃyuktām || 13.12* ||
Man nehme vom linken Fuß einer toten, erhängten Frau die Pāṃsulī und [zeichne] mit Blut, Lack und Rocanā die mit dem Mantra verbundene Gestalt der Zielperson [Pāṃsulī bleibt als Stoffbezeichnung unsicher; Kṣemarāja nennt die Deutung „Fersenbein“ anderer Ausleger].
13.13*
khadirānale sutaptāṃ rātryardhe sammukho japaśatena / |
ānayati śacīmahalyāmathavā divasasya śatabhāgāt || 13.13* ||
Im Khadira-Feuer stark erhitzt, [soll sie], um Mitternacht von vorn mit hundert Rezitationen bedacht, selbst Śacī oder Ahalyā in einem Hundertstel eines Tages herbeiziehen.
13.14*
udbaddhastrītanuvāmāṅghreḥ pāṃsulīṃ samādāya / |
pretālaktakanijarudhirarocanābhirvilikhya sādhyatanum || 13.14* ||
Man nehme vom linken Fuß des Körpers einer erhängten Frau die Pāṃsulī und zeichne mit Leichenblut, eigenem Blut und Rocanā die Gestalt der Zielperson [Pāṃsulī wie in 13.12 unsicher; mögliche Deutung „Fersenbein“].
13.15*
pretānale sutaptāṃ śatābhijaptāṃ svanāmamantrayutām / |
kṛtvā yakṣasurāsurapannaganārīḥ samānayatyāśu || 13.15* ||
Im Totenfeuer stark erhitzt, hundertfach besprochen und mit dem jeweiligen Namen und Mantra verbunden, ziehe sie rasch Yakṣa-, Götter-, Asura- und Schlangenfrauen herbei.
13.16*
nijavāmakare 'laktakarocanayā sādhyanāma parilikhitam / |
mantravidarbhitametajjapaśatayuktaṃ sutāpitaṃ rātrau || 13.16* ||
Der Name der Zielperson wird mit Lack und Rocanā auf die eigene linke Hand geschrieben, mit Mantra durchsetzt, hundertfach rezitiert und nachts stark erhitzt.
13.17*
khadirānale vidhūme 'suragurumapyānayatyanilavegāt / |
sādhyamabhidhānalikhitaṃ bhūmitale gairikeṇa raktena || 13.17* ||
Im rauchlosen Khadira-Feuer [erwärmt], ziehe dies selbst den Asura-Lehrer mit Windgeschwindigkeit herbei. [Ein weiteres Verfahren:] Den Namen der Zielperson schreibe man mit rotem Ocker auf den Boden.
13.18*
gandhodvartitavāmahastena tu tattvabījayuktena / |
ākramya bhūmilikhitaṃ sādhyābhimukho 'rdharātrakāle tu || 13.18* ||
Mit der durch Duftmittel eingeriebenen linken Hand, verbunden mit dem Tattva-Bīja, bedecke man das auf den Boden Geschriebene, zur Zielperson gewandt, um Mitternacht.
13.19*
kṣitipatimapi sāmātyaṃ cānayati nimeṣaśatabhāgāt / |
nṛkapālamadhyalikhitaṃ rocanayā raktamiśrayā sādhyam || 13.19* ||
Dies ziehe selbst einen König samt seinen Ministern in einem Hundertstel eines Augenblicks herbei. [Nun:] In einen Menschenschädel zeichne man die Zielperson mit blutvermischter Rocanā,
13.20*
nāma ca tasya lalāṭe mantreṇa vidarbhitaṃ samālikhya / |
gandhodakena liptaṃ nṛkapālaṃ vai dvitīyamādāya || 13.20* ||
und schreibe auf deren Stirn den mit dem Mantra durchsetzten Namen. Man nehme einen zweiten Menschenschädel, mit Duftwasser bestrichen,
13.21*
kṛtvā kapālasampuṭamatha mṛtasūtreṇa veṣṭayet samyak / |
khadirāṅgārasutaptaṃ sikthakaliptaṃ tu tatpunaḥ kṛtvā || 13.21* ||
Man bilde daraus eine Schädelkapsel, umwickle sie sorgfältig mit einer Sehne von einem Toten und erhitze sie, mit Wachs bestrichen, auf Khadira-Kohlen [mṛtasūtra nach Kṣemarājas Erklärung der Geheimsprache].
13.22*
yāvat sikthakametat kapālalagnaṃ vilīyate tāvat / |
surapatimapyākarṣati japaśatayogānnimeṣamātreṇa || 13.22* ||
Solange dieses am Schädel haftende Wachs schmilzt, ziehe [das Verfahren] durch hundert Rezitationen in einem Augenblick selbst den Götterherrn herbei.
13.23*
bhittau gairikalikhitaṃ mantrārṇavidarbhitaṃ tadabhidhānam / |
sādhyābhimukho rātrau vāmakarākrāntamatha japan kruddhaḥ || 13.23* ||
Den mit Mantralautelementen durchsetzten Namen schreibe man mit Ocker auf eine Wand. Nachts, zur Zielperson gewandt, bedecke man ihn mit der linken Hand und rezitiere zornig.
13.24*
kroṅkārāṅkuśayogādānayati surāsurān kṣipram / |
raṇaśastraghātapatitaṃ narapiśitaṃ trimadhusaṃyutaṃ juhuyāt || 13.24* ||
Durch Verbindung mit dem Haken kroṃ ziehe dies Götter und Asuras rasch herbei. [Ein weiteres Verfahren:] Man opfere das mit den drei süßen Stoffen verbundene Fleisch eines durch Waffen im Kampf Gefallenen.
13.25*
viparītacakramudrāṃ baddhvā sādhyaṃ tu nikṣipenmadhye / |
sampīḍitakarasampuṭavihvalavaktraṃ karāntare dhyātvā || 13.25* ||
Man bilde die umgekehrte Rad-Mudrā und setze die Zielperson in die Mitte; man stelle sie sich zwischen den Händen vor, das Gesicht durch die zusammengedrückte Handhöhlung bedrängt.
13.26*
ānayati mahāpuruṣaṃ kṣitipatimapi divasaśatabhāgāt / |
śitaśastrapātarahitadhvajanaraśīrṣaṃ pragṛhya lakṣamayutam || 13.26* ||
Dies ziehe selbst einen großen Mann oder König in einem Hundertstel eines Tages herbei. [Ein weiteres Verfahren:] Man nehme den mit [günstigen] Kennzeichen versehenen Schädel eines gepfählten Menschen, der nicht zuvor von einer scharfen Waffe getroffen wurde [Übersetzung nach KSTS lakṣmayutam; die Vorlage lakṣamayutam verleitet zur falschen Lesung als Zahlwörter].
13.27*
tatra trirūpagaditaṃ dhāma likhitvābhipūjayedyastu / |
tasya haripavanakamalajadhanadayamendrāḥ sasiddhagandharvāḥ || 13.27* ||
Wer darauf die dreifach genannte Lichtstätte schreibt und verehrt, dem [gewähren] Viṣṇu, Vāyu, Brahmā, Kubera, Yama und Indra mitsamt Siddhas und Gandharvas
13.28*
vividhavarasiddhijātaṃ vidadhati vicitrāstathāparāḥ siddhīḥ / |
vyaktāvyaktaṃ tathā vyaktamavyaktaṃ tu trirūpakam || 13.28* ||
verschiedene Arten vorzüglicher Vollendungen sowie weitere wunderbare Kräfte. Manifest-Unmanifest, Manifest und Unmanifest bilden die drei Formen [Vers wechselt in die nachfolgende Erklärung].
13.29
dhāmacārādhayet samyak tatra yastu vicakṣaṇaḥ |
jāyate trividhā siddhir girirājatanūdbhave || 13.29 ||
Der Verständige, der dort diese Lichtstätte richtig verehrt, erlangt dreifache Vollendung, Tochter des Bergkönigs.
13.30
suniścitamateḥ samyag girirājasya tasya vai |
raktacandanadhūliṃ tu rājikāṃ lavaṇaṃ tathā || 13.30 ||
[Dies gilt] für jenen Sādhaka mit völlig gefestigter Einsicht, der Girirāja genannt wird. Pulver aus rotem Sandelholz, Senfkörner und Salz,
13.31
pādadhūliṃ tu sādhyasya ekīkṛtya tu peṣayet |
japan svacchandadevaṃ tu nirmathnaṃśca karadvayam || 13.31 ||
und Staub von den Füßen der Zielperson vermische und zermahle man. Dabei rezitiere man Gott Svacchanda und reibe beide Hände.
13.32
citāgnau juhuyāccūrṇaṃ cāṇḍālāgnāvathāpi vā |
sādhyasyābhimukho bhūtvā prayogamimamācaret || 13.32 ||
Das Pulver opfere man im Scheiterhaufenfeuer oder im Feuer eines Caṇḍāla. Zur Zielperson gewandt, vollziehe man diese Anwendung.
13.33
śatamekaṃ japedyāvat tāvadākarṣayennṛpam |
vaśamāyāti bhūnātha ātmanā ca dhanena ca || 13.33 ||
Noch während man hundertmal rezitiert, ziehe man den König herbei. Der Herrscher gerate mit sich selbst und seinem Vermögen unter die eigene Gewalt.
13.34
siddha eṣa prayogastu nānyathā te vadāmyaham |
tāmeva dhūliṃ saṃgṛhya lohacūrṇavimiśritām || 13.34 ||
Diese Anwendung gilt als wirksam; nichts anderes sage ich dir. Man nehme dasselbe Pulver, mit Eisenpulver vermischt,
13.35
śmaśānacīrake baddhvā saptajaptāṃ catuṣpathe |
nikhanyāṣṭāṅgulaṃ bhūmau ripunāmasamanvitām || 13.35 ||
binde es in ein Tuch vom Verbrennungsplatz, bespreche es siebenfach und vergrabe es mit dem Namen des Feindes an einer Kreuzung acht Fingerbreit tief.
13.36
nikṣipedyasya nāmnā tāṃ sa kṣaṇāt stambhito bhavet |
tāmeva dhūliṃ saṃgṛhya pañcakonmattasaṃyutām || 13.36 ||
In wessen Namen man es dort einsetzt, der werde augenblicklich gelähmt. Man nehme dasselbe Pulver, verbunden mit den fünf [Teilen] des Unmatta [Stoffbezeichnung nicht gesichert],
13.37
baddhvā tāṃ pretavastreṇa ripunāmasamanvitām |
śatajaptāṃ tu tāṃ kṛtvā śmaśāne nikhaned drutam || 13.37 ||
binde es mit dem Namen des Feindes in ein Leichentuch, bespreche es hundertfach und vergrabe es rasch auf dem Verbrennungsplatz.
13.38
bhavatyunmattakaḥ sādhya uddhṛtāyāṃ tu mucyate |
uddhṛtaṃ vastramādāya kṣīreṇa pariśodhayet || 13.38 ||
Die Zielperson werde wahnsinnig; wenn es herausgenommen wird, werde sie befreit. Das herausgenommene Tuch reinige man mit Milch.
13.39
pratyānayanametaddhi siddhameva na saṃśayaḥ |
atha raktāśvamārasya kusumāni samāharet || 13.39 ||
Dies gilt als wirksame Rückführung, ohne Zweifel. Nun sammle man Blüten des roten Aśvamāra [historische, potenziell giftige Pflanzenbezeichnung].
13.40
śatamaṣṭottaraṃ teṣāṃ śatajaptaṃ tu kārayet |
sakṛjjaptena puṣpeṇa liṅgamūrdhani tāḍayet || 13.40 ||
Hundertacht davon soll man hundertfach besprechen. Mit einer einmal besprochenen Blüte berühre oder schlage man den Scheitel des Liṅga.
13.41
evaṃ dine dine kuryād daśāhaṃ susamāhitaḥ |
tatastvekādaśaitāni saṃgṛhya kusumāni tu || 13.41 ||
So tue man es Tag für Tag zehn Tage lang, gut gesammelt. Danach, am elften [Tag], sammle man diese Blüten,
13.42
mahānadīṃ tato gatvā tatraikaikaṃ pravāhayet |
ānupūrvyeṇa sarvāṇi sakṛjjaptvā tu mantravit || 13.42 ||
gehe zu einem großen Fluss und lasse sie einzeln dahintreiben. Der Mantrakundige rezitiere jeweils einmal über jede, in der richtigen Reihenfolge.
13.43
yatteṣāṃ paścimaṃ puṣpaṃ pratisrotaḥ prayāti hi |
tadgṛhītvāmbusammiśraṃ dantairaspṛṣṭamāpibet || 13.43 ||
Die letzte dieser Blüten bewege sich gegen den Strom. Man nehme sie und trinke sie mit Wasser, ohne sie mit den Zähnen zu berühren [so die historische Vorschrift; keine sichere Anwendung].
13.44
tato 'śvamārakusumaṃ raktaṃ vai śatamantritam |
tarjanyagre tu tatkṛtvā aṅguṣṭhenākramed budhaḥ || 13.44 ||
Dann nehme der Kundige eine rote Aśvamāra-Blüte, hundertfach besprochen, setze sie auf die Zeigefingerspitze und drücke sie mit dem Daumen.
13.45
bhrāmayet savyataḥ puṣpaṃ yasya nāmnā tu mantravit |
svacchandaṃ japamānastu tamākarṣayate drutam |
apasavyaṃ bhrāmayitvā punastasya visarjanam || 13.45 ||
In wessen Namen der Mantrakundige die Blüte rechtsherum dreht und Svacchanda rezitiert, den ziehe er rasch herbei. Durch Linksherumdrehen erfolge wiederum dessen Entlassung [savya und apasavya hier nach Kṣemarājas ausdrücklicher Zuordnung zur rechten beziehungsweise linken Seite].
Kapitel 14
14.1
mudrāṇaṃ lakṣaṇaṃ vakṣye asmiṃstantre yathāsthitam |
uttānamañjaliṃ kṛtvā kapālaṃ parikīrtitam || 14.1 ||
Ich erkläre die Merkmale der Mudrās, wie sie in diesem Tantra angeordnet sind. Eine nach oben geöffnete Handhöhlung gilt als Schädelschale.
14.2
tiryakkṛtvā karaṃ vāmaṃ kaniṣṭhādyaṅgulitrayam |
aṅguṣṭhenākrameddevi ṛjvīṃ kṛtvā pradeśinīm || 14.2 ||
Man halte die linke Hand quer, drücke die drei Finger vom kleinen Finger an mit dem Daumen nieder, Göttin, und strecke den Zeigefinger gerade aus.
14.3
parāṅmukhaṃ karaṃ kṛtvā skandhadeśe niveśayet |
khaṭvāṅgaṃ kīrtitaṃ hyetat khaḍgamudrāṃ nibodha me || 14.3 ||
Mit der Handfläche nach außen setze man die Hand an die Schulter. Dies heißt Khaṭvāṅga. Höre nun die Schwert-Mudrā.
14.4
aṅguṣṭhenākrameddevi sakaniṣṭhāmanāmikām |
madhyamāṃ tarjanīṃ cordhvaṃ khaḍgamudrā prakīrtitā || 14.4 ||
Mit dem Daumen drücke man Ringfinger und kleinen Finger nieder, Göttin; Mittel- und Zeigefinger stehen nach oben. Dies heißt Schwert-Mudrā.
14.5
muṣṭiṃ baddhvā kaniṣṭhāṃ ca prasāryeta varānane |
ātmanaḥ sammukhaṃ kṛtvā spharaste kathito mayā || 14.5 ||
Man balle eine Faust, strecke den kleinen Finger aus und wende sie sich selbst zu, Schönangesichtige. Damit habe ich dir den Schild erklärt.
14.6
muṣṭiṃ baddhvā tu deveśi tarjanyūrdhvaṃ tu kuñcayet |
aṅkuśaḥ kathito hyeṣa pāśamudrāṃ nibodha me || 14.6 ||
Man balle eine Faust und krümme den Zeigefinger nach oben, Herrin der Götter. Dies heißt Elefantenhaken. Höre nun die Schlingen-Mudrā.
14.7
tarjanīṃ vartulāṃ kṛtvā mūle 'ṅguṣṭhasya yojayet |
pāśastu kathito hyeṣa duṣṭajālanibandhakaḥ || 14.7 ||
Man forme den Zeigefinger zum Kreis und verbinde ihn mit dem Daumenansatz. Dies heißt Schlinge, welche die Schar der Übeltäter bindet.
14.8
muṣṭiṃ baddhvā varārohe samprasārya pradeśinīm |
nārācastu samākhyātaḥ samāsāttava bhairavi || 14.8 ||
Man balle eine Faust und strecke den Zeigefinger aus, Schönhüftige. Damit ist dir der eiserne Pfeil kurz beschrieben, Bhairavī.
14.9
muṣṭiṃ baddhvā prasāryeta tarjanyaṅguṣṭhakaṃ priye |
agre nikuñcayet kiñcit pinākaṃ parikīrtitam || 14.9 ||
Man balle eine Faust, strecke Zeigefinger und Daumen aus, Geliebte, und krümme ihre Spitzen ein wenig. Dies heißt Pināka-Bogen.
14.10
agraprasārito hastaḥ śliṣṭaśākho varānane |
parāṅmukhaṃ tu taṃ kṛtvā tv abhayaḥ parikīrtitaḥ || 14.10 ||
Die Hand wird nach vorn ausgestreckt, die Finger aneinandergelegt, Schönangesichtige. Mit der Handfläche nach außen heißt dies Furchtlosigkeit.
14.11
vāmaṃ bhujaṃ prasāryaiva jānūpari niveśayet |
prasṛtaṃ darśayeddevi varaḥ sarvārthasādhakaḥ || 14.11 ||
Man strecke den linken Arm aus und lege ihn über das Knie; die geöffnete Hand zeige man, Göttin. Dies ist die alle Ziele verwirklichende Gewährungsgeste.
14.12
ghaṇṭākāraṃ karaṃ vāmaṃ kṛtvā caiva tvadhomukham |
dakṣahastasya tarjanyā ghṛṣed ghaṇṭā prakīrtitā || 14.12 ||
Man forme die linke Hand glockenförmig nach unten und reibe sie mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Dies heißt Glocke.
14.13
kaniṣṭhikāṃ samākrāmed aṅguṣṭhena samāhitaḥ |
prasārya cāṅgulīstisras triśūlaṃ parikīrtitam || 14.13 ||
Gesammelt drücke man den kleinen Finger mit dem Daumen nieder und strecke die drei übrigen Finger aus. Dies heißt Dreizack.
14.14
daṇḍo vai muṣṭibandhena vajramudraṃ nibodha me |
vāmahastamadhaḥ kṛtvā uttānaṃ tu samāhitaḥ || 14.14 ||
Eine geballte Faust stellt den Stab dar. Höre die Vajra-Mudrā: Man halte die linke Hand gesammelt unten, mit der Handfläche nach oben,
14.15
dakṣaṃ cādhomukhaṃ kṛtvā tv aṅguṣṭhaṃ ca kaniṣṭhikām |
ubhayorapi saṅghṛṣya vajramudrāṃ pradarśayet || 14.15 ||
die rechte nach unten gewandt. Indem Daumen und kleiner Finger beider Hände aneinandergebracht oder gerieben werden, zeige man die Vajra-Mudrā.
14.16
ḍamaruṃ muṣṭibandhena dakṣahastasya suvrate |
suṣireṇa samāyuktaṃ darśayettu varānane || 14.16 ||
Den Ḍamaru zeige man durch Ballen der rechten Faust, du mit den guten Gelübden, wobei ein Hohlraum verbleibt, Schönangesichtige.
14.17
mudgaraṃ tu pravakṣyāmi hastau dvau samprasārayet |
mudgaraḥ kathito hyeṣa vallakīṃ ca nibodha me || 14.17 ||
Nun erläutere ich den Hammer: Man strecke beide Hände [einander zugewandt und miteinander verbunden] aus. Damit ist der Hammer genannt. Höre nun die Laute.
14.18
hastau prasārayeddevi uttānau tu samāhitaḥ |
anāme kuñcayitvā tu vīṇāmudrā prakīrtitā || 14.18 ||
Gesammelt strecke man beide Hände mit den Handflächen nach oben aus, Göttin, und krümme die Ringfinger. Dies heißt Vīṇā-Mudrā.
14.19
prasārayedaṅgulīstu kaniṣṭhānāmamadhyamāḥ |
aṅguṣṭhenākramedādyāṃ paraśuḥ samudāhṛtāḥ || 14.19 ||
Man strecke kleinen Finger, Ringfinger und Mittelfinger aus und drücke den ersten [Zeigefinger] mit dem Daumen nieder. Dies heißt Axt.
14.20
etā mudrā mahādevi bhairavasya pradarśayet |
āvāhane nirodhe ca tathā caiva visarjane || 14.20 ||
Diese Mudrās soll man Bhairava zeigen, große Göttin, bei Herbeirufung, Festhaltung und Entlassung.
14.21
kapālaṃ caiva khaṭvāṅgam anukteṣu pradarśayet |
kapālaṃ dhavalaṃ jñeyaṃ khaṭvāṅgaṃ ca tathaiva hi || 14.21 ||
Wo nichts Besonderes gesagt ist, zeige man Schädelschale und Khaṭvāṅga. Die Schädelschale ist als weiß zu verstehen, ebenso der Khaṭvāṅga,
14.22
triśūlaṃ caiva nārācaṃ khaḍgo nīlotpalaprabhaḥ |
spharaṃ raktaṃ pinākaṃ ca kṛṣṇaṃ samparikīrtitam || 14.22 ||
der Dreizack und der eiserne Pfeil. Das Schwert glänzt wie eine blaue Wasserlilie; der Schild ist rot, der Pināka-Bogen wird als schwarz beschrieben.
14.23
ghaṇṭā hemaprabhā jñeyāṅ kuśo marakataprabhaḥ |
pāśo bhinnāñjananibhaḥ sphaṭikābho 'bhayaḥ smṛtaḥ || 14.23 ||
Die Glocke ist als goldglänzend zu kennen, der Elefantenhaken als smaragdglänzend. Die Schlinge gleicht zerstoßener schwarzer Augenschminke, die Furchtlosigkeit gilt als kristallhell.
14.24
varaścittaprasādena dhyātavyo varavarṇini |
ḍamaruṃ hemasaṅkāśaṃ vīṇāṃ caitatsamaprabhām || 14.24 ||
Die Gewährungsgeste soll mit heiterem Geist meditiert werden, du von schöner Gestalt. Den Ḍamaru [stelle man sich] goldgleich und die Vīṇā von demselben Glanz vor.
14.25
daṇḍaṃ raktaṃ vijānīyād vajraṃ pītaṃ vicintayet |
rājāvartanibho devi mudgaraḥ paraśustathā || 14.25 ||
Den Stab verstehe man als rot, den Vajra meditiere man gelb. Der Hammer und ebenso die Axt gleichen Rājāvarta-Stein, Göttin.
14.26
mudrāpīṭhaṃ samākhyātaṃ caturvargaphalodayam |
praṇavāsanamārūḍhā oṃkārādyā varānane || 14.26 ||
Damit ist der Mudrā-Pīṭha erklärt, aus dem die Früchte für die vier Gruppen [der Eingeweihten: Samayin, Putraka, Sādhaka und Ācārya] entstehen. Auf dem Praṇava-Sitz befindlich und mit Oṃ beginnend, Schönangesichtige,
14.27
svanāmakṛtavinyāsā namaskārāvasānikāḥ |
sādhayanti mahādevi phalāni vividhāni tu || 14.27 ||
mit ihren eigenen Namen eingesetzt und mit der Verneigungsformel abgeschlossen, verwirklichen sie vielfältige Früchte, große Göttin.
14.28
nirvighnakaraṇaṃ khyātaṃ mudrāṇāṃ lakṣaṇaṃ priye |
veditavyaṃ prayatnena sādhitavyaṃ mahātmanā || 14.28 ||
Damit sind die Hindernisse beseitigenden Merkmale der Mudrās erklärt, Geliebte. Der Großgesinnte soll sie sorgfältig kennenlernen und verwirklichen.
Kapitel 15
15.1
japadhyānādiyuktasya caryāvratadharasya ca |
chummakāḥ sampravakṣyāmi sādhakasya varānane || 15.1 ||
Für den Übenden, der mit Rezitation, Meditation und anderem verbunden ist und Verhaltensgelübde einhält, werde ich die Geheimbezeichnungen erklären, Schönangesichtige.
15.2
bhairavastu smṛto dhāma sarvadastu guruḥ smṛtaḥ |
sādhakastu girirjñeyaḥ putrako vimalaḥ smṛtaḥ || 15.2 ||
Bhairava heißt „Lichtstätte“, der Guru „Allgeber“; der Sādhaka ist als „Berg“, der Putraka als „Makelloser“ zu verstehen.
15.3
samayī kāntadehastu bhaginyo baladarpitāḥ |
madyaṃ tu harṣaṇaṃ jñeyaṃ muditā tu surā smṛtā || 15.3 ||
Der Samayin heißt „Schönleibiger“, die Schwestern „Kraftstolze“. Berauschender Trank heißt „Erfreuer“, Surā „Freudige“.
15.4
matysā jalacarā jñeyā māṃsaṃ ca balavardhanam |
jātaṃ prarūḍhamityāhur mṛtaṃ caiva parāṅmukham || 15.4 ||
Fische heißen „Wasserbewohner“, Fleisch „Kraftmehrer“. Geborenes heißt „Emporgewachsenes“, Gestorbenes „Abgewandtes“.
15.5
raktaṃ tvamṛtamityāhuḥ padmanālo 'ntrasañcayaḥ |
śukraṃ candraḥ samākhyātaḥ snāyuḥ sūtraṃ prakīrtitam || 15.5 ||
Blut nennen sie „Nektar“, das Eingeweidekonvolut „Lotusstängel“. Samen heißt „Mond“, Sehne wird als „Faden“ bezeichnet.
15.6
śmaśānaṃ ḍāmaraṃ jñeyaṃ rākṣasastu bhayaṅkaraḥ |
piśāco romajananaḥ ruhā jñeyā rajasvalā || 15.6 ||
Der Verbrennungsplatz heißt „Ḍāmara“, der Rākṣasa „Furchterregender“, der Piśāca „Haaraufrichter“; eine menstruierende Frau ist als „Ruhā“ zu kennen.
15.7
rātriṃ vai cchādikāṃ viddhi prakāśaśca dinaṃ bhavet |
nayane cañcale jñeye jihvāṃ saṃgrāhikāṃ viduḥ || 15.7 ||
Die Nacht verstehe als „Verhüllerin“, den Tag als „Helligkeit“. Die Augen heißen „Bewegliche“, die Zunge „Sammlerin“.
15.8
karau dhanakarau jñeyau pādau sahacarau viduḥ |
liṅgaṃ santoṣajananaṃ bhagaḥ prītivivardhanaḥ || 15.8 ||
Die Hände heißen „Vermögensmacher“, die Füße „Mitgehende“. Das Geschlechtsglied heißt „Zufriedenheitserzeuger“, die Vulva „Freudenmehrerin“.
15.9
śastraṃ vibhāgajananaṃ kartarī kāryasādhikā |
dūtī saṃvāhikā jñeyā dhūpo hlādana ucyate || 15.9 ||
Eine Waffe heißt „Trennungserzeuger“, die Schere „Aufgabenerfüllerin“. Die Dūtī heißt „Vermittlerin“, Räucherwerk „Erfreuendes“.
15.10
gandhaḥ santoṣajanano rājāno dhārakāḥ smṛtāḥ |
paśurvibodhako jñeyaś carukaḥ sārvakāmikaḥ || 15.10 ||
Duft heißt „Zufriedenheitserzeuger“, die Rājānas heißen „Träger“ [Kṣemarāja deutet Rājānas vorrangig als leuchtende Lampenständer, nennt daneben aber auch die Deutung als Könige]. Das Opfertier heißt „Erwecker“, die Opferbreigabe „Alle-Wünsche-Erfüllende“.
15.11
annaṃ sādhanamityuktaṃ vasā maṇḍamihocyate |
diśāṃ mukhaṃ tu śravaṇaṃ tvak ca saṃvedanī smṛtā || 15.11 ||
Nahrung heißt „Mittel“, Fett wird hier „Rahm“ genannt. Das Gehör heißt „Mund der Richtungen“, die Haut „Wahrnehmende“.
15.12
ghrāṇaṃ susthitamityuktaṃ mukhaṃ tu pravicārakam |
paśu pracāro vijñeyaḥ mātā dhātrīti kathyate || 15.12 ||
Der Geruchssinn heißt „Feststehender“, der Mund „Prüfender“. Paśu ist als „Umhergehen“ zu verstehen [Wortbeziehung unklar]; die Mutter heißt „Trägerin“.
15.13
pitaraṃ sṛṣṭikartāraṃ bhrātaraṃ pālakaṃ viduḥ |
bhaginī śubhakarī jñeyā sakhī sarvārthasādhikā || 15.13 ||
Den Vater nennt man „Schöpfungsmacher“, den Bruder „Beschützer“, die Schwester „Glücksbringerin“, die Freundin „Alle-Ziele-Erfüllerin“.
15.14
mitraṃ guṇānāṃ jananaṃ guṇanāśaṃ ripuṃ viduḥ |
chit sphijau kīrtito devi dṛṣṭiścakṣuḥ prakīrtitam || 15.14 ||
Der Freund heißt „Erzeuger von Vorzügen“, der Feind „Vernichter von Vorzügen“. Die beiden Gesäßhälften heißen „Trenner“ (Chit), Göttin; das Auge heißt „Blick“ [Chit steht auch im KSTS-Druck und wird dort ausdrücklich vom Trennen her erklärt].
15.15
daśanāḥ khaṇḍakā jñeyā ādhāra udaraṃ smṛtam |
hṛdayaṃ guhyamityuktaṃ kaṭhinaṃ tvasthi viddhi hi || 15.15 ||
Die Zähne heißen „Zerkleinerer“, der Bauch „Grundlage“, das Herz „Geheimnis“. „Hartes“ verstehe als Knochen.
15.16
medo vasāṃ vijānīyāt majjā puṣṭikaraḥ smṛtaḥ |
viṣṭhāṃ vidūṣikāṃ viddhi mūtraṃ snāva ihocyate || 15.16 ||
Medas ist als Vasā, Fett, zu verstehen; Mark heißt „Nährender“. Kot heißt „Verunreinigerin“, Urin wird hier „Ausfluss“ genannt.
15.17
kāleyakaṃ tu kusumaṃ dhūmaṃ dhṛtikaraṃ viduḥ |
melakaṃ caiva saṅghātaḥ putraḥ soddyotakaḥ smṛtaḥ || 15.17 ||
Kāleyaka heißt „Blume“, Rauch „Festigkeitgeber“. Das Treffen heißt „Zusammentreffen“, der Sohn „Aufleuchtender“.
15.18
duhitā hlādikā jñeyā kṣubdhaṃ vai calitaṃ viduḥ |
dūṣako jāra ityuktaḥ pītaṃ vanditameva ca || 15.18 ||
Die Tochter heißt „Erfreuerin“, Erregtes „Bewegtes“. Der Liebhaber heißt „Verderber“, Getrunkenes „Verehrtes“.
15.19
bhakṣitaṃ prāptamityāhuś charditaṃ vikṛtīkṛtam |
dūṣitaṃ karṣitaṃ jñeyaṃ sammataṃ samayaṃ viduḥ || 15.19 ||
Gegessenes nennen sie „Erlangtes“, Erbrochenes „Umgestaltetes“, Verdorbenes „Gezerrtes“; Übereinstimmung heißt „Verpflichtung“.
15.20
mahallo rakṣako jñeyaś chagalastu kaniṣṭhakaḥ |
vinayo dehakarma syāt sādhanaṃ tu japaḥ smṛtaḥ || 15.20 ||
Mahalla ist als „Beschützer“, der Ziegenbock als „Jüngster“ zu verstehen. Disziplin heißt „Körperhandlung“, Rezitation „Mittel“.
15.21
homitaṃ siddhijananaṃ vibhāgo rocakaḥ smṛtaḥ |
kadambaṃ vṛndamityāhur viralo 'śliṣṭa ucyate || 15.21 ||
Geopfertes heißt „Vollendungserzeuger“, das Aufteilen [der Opferbreigabe] „Erfreuer“. Eine Gruppe nennen sie „Schar“, Vereinzeltes „Nichtverbundenes“.
15.22
vimalaḥ śiṣya ityukta icchā cājñā prakīrtitā |
devatādarśanaṃ yattat labdhaṃ śastrahataṃ viduḥ || 15.22 ||
Der Schüler heißt „Makelloser“, der Befehl „Wille“. Die Gottheitenschau [bezeichnet man mit] „jenes“; das durch eine Waffe getroffene [Opfertier] nennt man „Erlangtes“ [die Trennung der beiden letzten Aussagen folgt Kṣemarāja].
15.23
niśācaro biḍālaḥ syāt nakhinaśca vidārakāḥ |
ānītaṃ sāritaṃ jñeyaṃ rakṣitaṃ pihitaṃ tathā || 15.23 ||
Der „Nachtwanderer“ heißt „Katze“, die Zerreißer heißen „Krallenträger“ [Kṣemarāja bezieht diese Geheimnamen auf den nachts handelnden Vīra und die Zerleger der Opfertiere]. Herbeigebrachtes heißt „Herangeführtes“, Geschütztes „Bedecktes“.
15.24
śikhāṃ saṃspṛśate yā tu sā tu śaktiṃ vinirdiśet |
śiraḥ pradarśayedyā tu sā ca binduṃ vinirdiśet || 15.24 ||
Diejenige, die ihre Haarspitze berührt, weist damit auf Śakti hin. Diejenige, die ihren Kopf zeigt, weist damit auf Bindu hin.
15.25
lalāṭaṃ darśayedyā tu īśvaraṃ sā vinirdiśet |
tālukaṃ darśayedyā tu tayā rudraḥ prakīrtitaḥ || 15.25 ||
Wer die Stirn zeigt, bezeichnet Īśvara; wer den Gaumen zeigt, bezeichnet Rudra.
15.26
jihvāṃ pradarśayedyā tu vidyāṃ sātha vinirdiśet |
sapta koṭayastu mantrāṇāṃ tasyā jñeyāstu suvrate || 15.26 ||
Wer die Zunge zeigt, weist auf Vidyā hin. Als zu ihr gehörig sind die siebzig Millionen Mantras zu verstehen, du mit den guten Gelübden.
15.27
ghaṇṭikāṃ darśayedyā tu tasyānantaḥ pradarśitaḥ |
kaṇṭhaṃ tu saṃspṛśeyā sā kālatattvaṃ vinirdiśet || 15.27 ||
Wer das Zäpfchen zeigt, weist auf Ananta hin; wer die Kehle berührt, bezeichnet das Zeitprinzip.
15.28
hṛtpadmaṃ darśayedyā tu puruṣaṃ sā vinirdiśet |
nābhiṃ pradarśayedyā tu prakṛtiṃ sā vinirdiśet || 15.28 ||
Wer den Herzlotus zeigt, weist auf Puruṣa hin; wer den Nabel zeigt, bezeichnet Prakṛti.
15.29
tasyādhastād buddhitattvaṃ yadi syāddarśanaṃ priye |
yadā guhyaṃ spṛśeddevi ahaṃkāro 'dhidaivatam || 15.29 ||
Wenn das Zeigen darunter erfolgt, [ist es] das Buddhi-Prinzip, Geliebte. Wenn sie die Genitalregion berührt, Göttin, ist Ichbewusstsein die zugehörige Gottheit.
15.30
kaṭiṃ sandarśayedyā tu vyoma tatrādhidhaivatam |
ūrukau darśayeddevi pavanaṃ sā vinirdiśet || 15.30 ||
Wer die Hüfte zeigt, bezeichnet den Raum als zugehörige Gottheit; wer die Oberschenkel zeigt, Göttin, weist auf den Wind hin.
15.31
jānunī darśayedyā tu tayā tejaḥ prakīrtitam |
jaṅghe pradarśayedyā tu varuṇaṃ sā vinirdiśet || 15.31 ||
Wer die Knie zeigt, bezeichnet das Feuer; wer die Unterschenkel zeigt, weist auf Varuṇa hin.
15.32
śarīraṃ darśayeddevi sarvavedamayaṃ priye |
pūjāgnijapayuktasya dhyānayuktasya mantriṇaḥ || 15.32 ||
[Der Sādhaka] soll seinen Körper zeigen, Göttin, als aus sämtlichen Gottheiten bestehend, Geliebte [KSTS sarvadevamayam; Vorlage sarvavedamayam]. Dem Mantrakundigen, der Verehrung, Feuerhandlung, Rezitation und Meditation übt,
15.33
samayācārayuktasya kālāṃśakavidaḥ priye |
kriyopetasya deveśi yoginyastu varapradāḥ || 15.33 ||
mit der Lebensführung der Verpflichtungen verbunden ist und Zeitabschnitte kennt, Geliebte, dem Ritualtätigen, Herrin der Götter, [gewähren] die Yoginīs Gaben.
15.34
darśayanti mahādhvānaṃ nānābhogasamanvitam |
girirājasya deveśi yaṃ gatvā phalamaśnute || 15.34 ||
Sie zeigen dem Girirāja [dem vorzüglichen Sādhaka] den großen Wirklichkeitsweg mit vielfältigen Genüssen, Herrin der Götter; wer ihn erreicht, genießt die Frucht.
15.35
bhairaveṇa samājñaptāḥ śaktayastu varānane |
anyāśca siddhīrvividhā adhamā madhyamottamāḥ || 15.35 ||
Diese Kräfte sind von Bhairava angewiesen, Schönangesichtige. Auch vielfältige andere Vollendungen, niedere, mittlere und höchste,
15.36
anyatantrasamutthāśca sādhayanti na saṃśayaḥ |
evaṃ saṃkṣepataḥ proktaṃ melakaṃ tu varānane || 15.36 ||
und solche, die aus anderen Tantras stammen, verwirklichen sie ohne Zweifel. So ist das Zusammentreffen kurz erklärt, Schönangesichtige.
15.37
satatābhyāsayogena dadate carukaṃ svakam |
yasya samprāśanāddevi vīreśasadṛśo bhavet || 15.37 ||
Durch beständige Übung geben sie ihre eigene Opferbreigabe. Wer davon isst, Göttin, werde dem Herrn der Helden gleich.
15.38
tasmād dhyānārcane homaṃ japam ca varavarṇini |
kurvanti bhāvitātmānas tataḥ siddhyanti mantriṇaḥ || 15.38 ||
Deshalb vollziehen die innerlich durchdrungenen Mantrapraktizierenden Meditation, Verehrung, Feueropfer und Rezitation, du von schöner Gestalt. Dadurch erlangen sie Vollendung.
Vollständige Devanagari-Fassung der erfassten Vorlage
Kapitel 1 – Devanagari
Den Devanagari Text findest du unter Svacchanda Tantra Sanskrit Devanagari.
Textkritische Hinweise und Bearbeitungsstand
Erfassung und Übersetzungsprüfung sind verschiedene Arbeitsschritte. Die Vollständigkeitskontrolle vergleicht die gespeicherten Versnummern und Sanskritzeilen mit der gelieferten Datei. Eine vollständige Erfassung garantiert weder die Fehlerfreiheit des GRETIL-Texts noch die Richtigkeit jeder deutschen Deutung. Die deutsche Arbeitsübersetzung wurde in einer zweiten, systematischen inhaltlichen Durchsicht vollständig gegen den Sanskrittext gelesen: alle fünfzehn Kapitel und alle 3.680 Einträge. Dabei wurden 215 Verseinträge berichtigt oder präzisiert. Ausgewählte schwierige Stellen wurden zusätzlich mit den KSTS-Drucken und Kṣemarājas Kommentar Svacchandoddyota abgeglichen. Verbleibende Unsicherheiten sind weiterhin ausdrücklich markiert. Diese Durchsicht ist keine vollständige Druck- oder Handschriftenkollation und keine unabhängige externe Fachbegutachtung.
| Kapitel | IAST erfasst | Devanagari erfasst | Deutsche Übersetzungen gespeichert | Prüfung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 87/87 | 87/87 | 87/87 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 2 | 290/290 | 290/290 | 290/290 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 3 | 214/214 | 214/214 | 214/214 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 4 | 546/546 | 546/546 | 546/546 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 5 | 88/88 | 88/88 | 88/88 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 6 | 97/97 | 97/97 | 97/97 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 7 | 331/331 | 331/331 | 331/331 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 8 | 39/39 | 39/39 | 39/39 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 9 | 110/110 | 110/110 | 110/110 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 10 | 1280/1280 | 1280/1280 | 1280/1280 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 11 | 319/319 | 319/319 | 319/319 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 12 | 168/168 | 168/168 | 168/168 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 13 | 45/45 | 45/45 | 45/45 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 14 | 28/28 | 28/28 | 28/28 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| 15 | 38/38 | 38/38 | 38/38 | Nummern und Zuordnung geprüft; zweite inhaltliche Durchsicht abgeschlossen |
| Gesamt | 3.680/3.680 | 3.680/3.680 | 3.680/3.680 | Vollständige Übersetzung; zweite inhaltliche Durchsicht aller Kapitel abgeschlossen |
Zählung, Lücken und auffällige Lesungen
| Stelle | Befund | Behandlung |
|---|---|---|
| 1.20 | bhavecchiṣ.yaḥ | Punkt im Wort erhalten; in der Übersetzung als bhavecchiṣyaḥ verstanden. |
| 1.36 | Sieben Mütter nach einer längeren Zuordnungsreihe | Überlieferte Zahl bewahrt; die gesonderte Stellung Mahalakshmis ist bei der Auslegung zu beachten. |
| 1.41; 1.61 | Isoliertes tha ghorebhyo | Nicht stillschweigend zu einer vertrauten Mantraform ergänzt. |
| 1.57–1.58 | Vierzehn genannte Namen, danach trayodaśa, dreizehn | Zählspannung ausdrücklich in der Übersetzung vermerkt. |
| 1.73–1.85 | Teilweise schwer auflösbare verschlüsselte Lautanweisungen | Überlieferte Bezeichnungen übertragen; keine ungesicherte Herstellung vollständiger Bija-Mantras. |
| 1.79 | Lücke durch Strichfolgen markiert | Striche im Sanskrit erhalten, Lücke in der Übersetzung ausdrücklich genannt. |
| 1.82; 1.87 | nijaṃ; namaskārāvamānāṃś ca | IAST und Devanagari bewahren die Vorlage. Die Übersetzung folgt den im KSTS-Druck bestätigten Lesungen jitaṃ und namaskārāvasānāṃś ca; Belege stehen an den Versen und im Änderungsprotokoll. |
| 2.50 | rakṣi"kā | Auffälliges Anführungszeichen erhalten; Sinn vorsichtig als schützende Kraft übertragen. |
| 2.124 | Neun Namen innerhalb einer achtteiligen Zuordnung | Nicht durch Streichung eines Namens bereinigt. |
| 2.187* | Zweite Fassung von 2.187 | Eigenständig nach 2.187 erhalten und übersetzt; keine neue Grundnummer. |
| 3.46 | Acht angekündigte Bestandteile, verkürzte Aufzählung | Zählproblem vermerkt. |
| 3.126 | prāṇau | KSTS I, S. 210 bestätigt pāṇau, „in die Hand“. Die Übersetzung folgt dem Druck; die gelieferte Sanskritlesung bleibt sichtbar. |
| 3.154; 3.179 | śiṣ.yadehe; huṃpha.kārānta | Sichtbare Übertragungsfehler erhalten; Deutung in der Übersetzung ausgewiesen. |
| 4.2 | Zwei Lücken (...) | Unverändert erhalten; keine Ergänzung aus Vermutung. |
| 4.34; 4.125; 4.202 | puṣ.pādyaiḥ, niṣ.kṛtyām, niṣ.kṛtau | Ungewöhnliche Punkte innerhalb der Wörter erhalten. |
| 4.120 | arjite [ārjite] | Beide Angaben der Vorlage erhalten; keine unmarkierte Auswahl. |
| 4.316; 4.339; 4.342 | mātraṃ, pratyak.ānubhavena, hṛdayādis.u | Auffällige Formen erhalten; gegebenenfalls durch den unmittelbaren Zusammenhang vorläufig gedeutet. |
| 4.433 | bindu[ccitsu]nirmalaḥ | Die überlagerte Klammerlesung bleibt erhalten. Auch KSTS bietet eine Klammerlesung; die Übersetzung folgt Kṣemarājas Erklärung der vollkommenen Reinheit durch Bewusstsein. |
| 4.524 | ni.kṣipet | Punkt im Wort erhalten; als nikṣipet verstanden. |
| 4.536 | viṃśatim ohne ausdrückliches Bezugswort | Kṣemarāja erläutert einen zwanzigsten Anteil, nicht zwanzig unbestimmte Einheiten. Die Übersetzung wurde entsprechend berichtigt. |
| 7.55; 7.72; 7.220; 7.236 | saradhipe, tadlimbaṃ, śrīrāmṛtārṇava, bhairavāvṣṭakam | Auffällige Formen erhalten; vorläufige Deutungen unmittelbar bei den Versen gekennzeichnet. |
| 8.14–8.15 | Verschlüsselte Opferstoffe und schwierige Konstruktion | Kṣemarāja erklärt vaihāyasa und dhvaja als Fleisch eines Erhängten beziehungsweise Gepfählten. Die Aussage in 8.15 betrifft einen der feindlichen Kategorie zugeordneten Mantra. |
| 9.109 | Zweite Vershälfte wiederholt 9.43 | Die Wiederholung steht auch im KSTS-Druck, Band IV, S. 78–79. Sie wird bewahrt; ihre Stellung bleibt auffällig und weist thematisch auf die folgende Kosmologie. |
| 9.110 | Eingeklammerter Eintrag aus Vershalbvers und Kommentarprosa | KSTS IV, S. 78–79 zeigt: Der erste Satz ist ein unnummerierter Vershalbvers; die anschließende Erklärung „von Svacchanda“ gehört zu Kṣemarājas Kommentar. Der gesamte GRETIL-Eintrag bleibt diplomatisch erhalten und übersetzt; er wird nicht als regulärer vollständiger Grundtextvers ausgegeben. |
| 10.496; 10.636 | „amṛtodbhavo 'rtho“; sau,yadeho | Auffällige Formen erhalten; Sinn beziehungsweise Name vorläufig gedeutet. |
| 10.678 | vā.api | Auffällige Punktsetzung erhalten; weitere Prüfung offen. |
| 10.802 | Zwischen 10.801 und 10.803 steht in der Vorlage SvaT_10.804 | Redaktionell als 10.802 geführt; ursprüngliche Nummer direkt am Vers vermerkt. Berichtigung aus der Folge, ohne behaupteten Druckabgleich. |
| 10.980 | Zwischen 10.979 und 10.981 steht SvaT_10.780 | Redaktionell als 10.980 geführt; ursprüngliche Nummer direkt am Vers vermerkt. |
| 10.88; 10.291–10.292; 10.630; 10.1039–10.1041; 10.1087–10.1088; 10.1184 | Zählspannungen in Namenslisten | Bei verschiedenen Listen bleiben Abgrenzungen von Namen und Beiwörtern unsicher; die betreffenden Übersetzungen nennen dies. Andere Fälle wurden mit dem Kommentar geklärt, etwa 10.760, 10.1044, 10.1079–10.1081, 10.1089, 10.1134, 10.1178 und 10.1183–10.1184. Der frühere Vorbehalt zu den fünf Stufen in 10.1184 ist damit erledigt. |
| 10.1224; 10.1275 | kahātanuḥ; necayet | Beschädigte oder ungewöhnliche Formen erhalten und Deutung als vorläufig kenntlich gemacht. |
| 11.129 | Nur eine Vershälfte in der gelieferten Datei | Vollständig so erfasst; keine fehlende Hälfte erfunden. Die Eintragszählung ist deshalb keine metrische Umfangsberechnung. |
| 11.223–11.229; 11.253–11.257 | Kosmische Zahlenreihen | 11.229 übernimmt die Einheit Lakṣa aus 11.228 und ergibt zusammen 34.560.000 gewöhnliche Jahre. 11.253–11.254 ergibt mit den gesonderten Übergangszeiten kohärent 870.912.000.000 göttliche Jahre. Dagegen enthält 11.256 auch im KSTS-Druck „acht Kharvas“; die hierdurch entstehende Differenz von 72 Milliarden gewöhnlichen Jahren ist an 11.256–11.257 ausdrücklich dokumentiert. Die rechnerisch passende Lesung „acht Vṛndas“ bleibt eine Konjektur. |
| 12.42 | mohayet, „verblende“, gegenüber 11.141 | Auch im KSTS-Druck belegt und von Kṣemarāja ausdrücklich auf das begrenzte Sāṃkhya-Wissen bezogen. Die polemische Aussage wird nicht als bloßer Textfehler behandelt. |
| 12.162 | akhyayaḥ | Vorläufig im Sinne des unvergänglichen Herrn verstanden; Sanskrit unverändert. |
| 13.9*–13.28* | Zwanzig fortlaufende Einträge mit Stern | Sterne erhalten. Der Quellenkopf erläutert ihre Bedeutung nicht; sie werden nicht als zusätzliche zwanzig Verse gezählt. |
| 13.26*; 13.30 | dhvajanaraśīrṣaṃ … lakṣamayutam; girirājasya | KSTS VI, S. 102–103 im zweiten Zählabschnitt klärt den Schädel eines Gepfählten und die Lesung lakṣmayutam, „mit Kennzeichen versehen“, ohne vermeintliche Zahl 110.000. Girirāja bezeichnet den Sādhaka, nicht den mythologischen Bergkönig. |
| 15.14; 15.22 | Geheimbezeichnung chit und Satzgrenzen | Chit ist im KSTS-Kommentar ausdrücklich vom Trennen her erklärt. In 15.22 sind Gottheitenschau und das als „Erlangtes“ bezeichnete, von einer Waffe getroffene Opfertier getrennt zu verstehen. Die Erstdeutungen wurden berichtigt. |
| 2.52 | Seitenzuordnung in Grundtext und Kommentar | Die widersprüchliche Zuordnung wurde am Vers dokumentiert, ohne Grundtext und Kommentar stillschweigend zu harmonisieren. |
| 3.200 | Vorlage muṣṭinā; KSTS sṛṣṭinā | Die Übersetzung folgt der im Druck bestätigten Lesung; die originale Sanskritfassung bleibt erhalten. |
| 4.247; 4.407 | Zahlenabweichungen zwischen GRETIL und KSTS | KSTS hat fünfzig statt fünfhundert in 4.247 und sechsunddreißig statt sechsundzwanzig in 4.407. Die deutsche Übersetzung dokumentiert ihre Orientierung am Druck. |
| 4.436 | Spannung zwischen manogrāhya und dem Kommentar | Der Grundtext und die Erläuterung zur Nichtfassbarkeit durch den Geist werden ausdrücklich unterschieden. |
| 6.64; 7.294; 7.318 | Geheimbezeichnung, Atemrichtung und Zeiteinheit | Kṣemarāja erklärt caṭaka hier als Maus. Die Atemrichtung in 7.294 wurde auf links einatmen und rechts ausatmen berichtigt; 7.318 nennt fünfhundert Tālas. |
| 9.40; 9.53; 9.65; 9.106 | Mantrazahl, Ligatur, Schreibstoff und Tiernamen | Der Kommentar klärt 3,2 Millionen Rezitationen, die Stellung zwischen den Teilen von kṣa, Kohle vom Verbrennungsplatz und die Zweiteilung Ṣaḍbindu/Paṭakharjūra. Unsichere biologische Identifikationen bleiben markiert. |
| 10.65; 10.508; 10.1002 | Wortgrenzen und Lesungen | KSTS gurordānam und caryā sowie die Trennung satī īśānāt führen zu berichtigten Übersetzungen; die Vorlage wird nicht umgeschrieben. |
| 10.327; 10.407–10.409; 10.535 | Maß, Ritualzählung und syntaktische Zuordnung | Der Süßwasserozean ist dem Puṣkara-Kontinent gleich groß. Die 48 Saṃskāras ergeben sich aus 40 Riten und acht Tugenden. Die vier Yugas unterstehen Brahmā, nicht umgekehrt. |
| 11.28; 11.88 | Ungewöhnliche Richtungsangabe und Māyā-Begriff | Kṣemarāja verteidigt adho, „darunter“, ausdrücklich. Māyā in 11.88 bezeichnet die verhüllende Kraft und nicht das Māyā-Tattva; deshalb wurde die Aussage nicht in ihr Gegenteil verkehrt. |
| 11.102–11.103; 11.105; 11.302 | Beschädigte beziehungsweise abweichende Lesungen | KSTS hat pradhānapāśajālena, baddhas … buddhyā, śabdādi und dinakṣaye. Die Übersetzung folgt diesen belegten Lesungen; die Abweichungen zur gelieferten Datei werden genannt. |
| 11.314 | dānādi | Auch im KSTS-Druck vorhanden; der genaue Bezug des Gebens bleibt trotz der allgemeinen Kommentarerklärung zur Freiheit von Māyā-Eigenschaften unsicher. |
| 12.77; 12.154; 12.156 | Negation und Bindu-Erscheinungen | Die Negation in 12.77 bleibt auslegungsbedürftig. In 12.154 zählt der Kommentar die bezaubernde Erscheinung als zehnte Form; 12.156 beschreibt einen flimmernden, nicht unbeweglichen Stern. |
| 13.12*; 13.14* | pāṃsulī | Nicht sicher als Staub übersetzt. Kṣemarāja nennt die Deutung als Fersenbein anderer Ausleger; die Stoffbezeichnung bleibt ausdrücklich unsicher. |
| 13.41; 13.45 | Worttrennung und Richtungsangaben | ekādaśe etāni bezeichnet „am elften Tag diese [Blüten]“, nicht elf Blüten. Kṣemarāja ordnet savya ausdrücklich der rechten und apasavya der linken Seite zu. |
| 14.26 | caturvarga | Hier nach Kṣemarāja die vier Gruppen der Eingeweihten, nicht die vier allgemeinen Lebensziele. |
| 15.12; 15.32 | paśu pracāra; sarvavedamayam | Die erste Geheimbezeichnung bleibt in der Übersetzung unsicher. In 15.32 bestätigt KSTS sarvadevamayam, „aus sämtlichen Gottheiten bestehend“, und erläutert eine Antwortgeste des Sādhaka. |
Die Liste verzeichnet ausdrücklich markierte und bei der bisherigen Bearbeitung auffällige Stellen. Sie ist kein vollständiger kritischer Apparat und kein Nachweis, dass alle weiteren Sanskritlesungen bereits am KSTS-Druck kontrolliert wären. Offensichtliche Schreibauffälligkeiten wie purrvavat, bramhma, shtaṇḍile oder kśīra werden in einer quellentreuen Wiedergabe ebenfalls nicht stillschweigend normalisiert. Die geprüften Einzelkorrekturen sind im begleitenden Änderungsprotokoll mit ursprünglicher deutscher Fassung, neuer Fassung, Begründung und Quelle dokumentiert. Die unverändert wiedergegebene IAST-Vorlage und ihre Devanagari-Umschrift sind von diesen redaktionellen Übersetzungsentscheidungen zu unterscheiden.
Unnummerierte Sanskritbestandteile
Die Vorlage enthält zusätzlich Kapitelüberschriften und Kolophone. Sie werden hier vollständig in ihrer ursprünglichen Folge mit Devanagari-Umschrift bewahrt; sie zählen nicht als Verse.
1. iti svacchandatantre mantroddhāraprakāśanaṃ nāma prathamaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे मन्त्रोद्धारप्रकाशनं नाम प्रथमः पटलः
2. dvitīyaḥ paṭalaḥ
द्वितीयः पटलः
3. iti śrīsvacchandatantre dvitīyaḥ paṭalaḥ
इति श्रीस्वच्छन्दतन्त्रे द्वितीयः पटलः
4. tṛtīyaḥ paṭalaḥ
तृतीयः पटलः
5. svacchandatantre 'dhivāsapaṭalastṛtīyaḥ
स्वच्छन्दतन्त्रे ऽधिवासपटलस्तृतीयः
6. caturthaḥ paṭalaḥ
चतुर्थः पटलः
7. svacchandatantre caturthaḥ paṭalaḥ
स्वच्छन्दतन्त्रे चतुर्थः पटलः
8. pañcamaḥ paṭalaḥ
पञ्चमः पटलः
9. iti svacchandatantre tattvadīkṣāprakāśanaṃ nāma pañcamaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे तत्त्वदीक्षाप्रकाशनं नाम पञ्चमः पटलः
10. ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
षष्ठः पटलः
11. iti svacchandatantre pañcapraṇavādhikāraḥ ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे पञ्चप्रणवाधिकारः षष्ठः पटलः
12. saptamaḥ paṭalaḥ
सप्तमः पटलः
13. iti svacchandatantre saptamaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे सप्तमः पटलः
14. aṣṭamaḥ paṭalaḥ
अष्टमः पटलः
15. iti svacchandatantre 'ṃśakādhikāro 'ṣṭamaḥ paṭalaḥ samāptaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे ऽंशकाधिकारो ऽष्टमः पटलः समाप्तः
16. navamaḥ paṭalaḥ
नवमः पटलः
17. iti svacchandatantre navamaḥ paṭalaḥ samāptaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे नवमः पटलः समाप्तः
18. daśamaḥ paṭalaḥ
दशमः पटलः
19. iti svacchandatantre daśamaḥ paṭalaḥ samāptaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे दशमः पटलः समाप्तः
20. ekādaśaḥ paṭalaḥ
एकादशः पटलः
21. iti svacchandatantre ekādaśaḥ paṭalaḥ samāptaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे एकादशः पटलः समाप्तः
22. iti svacchandatantre dvādaśaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे द्वादशः पटलः
23. iti svacchandatantre trayodaśaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे त्रयोदशः पटलः
24. iti svacchandatantre caturdaśaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे चतुर्दशः पटलः
25. iti svacchandatantre pañcadaśaḥ paṭalaḥ
इति स्वच्छन्दतन्त्रे पञ्चदशः पटलः
Siehe auch
- Svacchanda Bhairava
- Bhairava
- Bhairavi
- Tantra
- Tantra Schriften
- Kashmir Shivaismus
- Trika
- Abhinavagupta
- Kshemaraja
- Tantraloka
- Vijnana Bhairava Tantra
- Malinivijayottara Tantra
- Shiva Sutra
- Spandakarika
- Pratyabhijnahridaya
- Diksha
- Mantra
- Nyasa
- Tattva
- Kundalini Yoga
- Indische Schriften
Literatur und Quellen
- Svacchandatantra: vom Auftraggeber bereitgestellte GRETIL-TXT-Datei sa_svacchandatantra(1).txt, Stand 31. Juli 2020; zugrunde liegende Texteingabe durch die shaivistische Lesegruppe am EFEO, Pondicherry, 2004. Grundtext ohne Kommentar. GRETIL-Text und Metadaten.
- Madhusudan Kaul Shastri (Hrsg.): The Swacchanda-Tantra, with commentary by Kshemaraja. Bombay: Nirnaya-Sagar Press, 1921–1935. Kashmir Series of Texts and Studies 31, 38, 44, 48, 51, 53, 56; sechs Bände in sieben Teilen. Digitalisat von Band 1; Gesamttitel im Bibliothekskatalog.
- V. V. Dvivedi (Hrsg.): Svacchandatantra mit dem Kommentar Svacchandoddyota des Kṣemarāja. Zwei Bände. Delhi: Parimal Publications, 1985. Diese Ausgabe liegt laut GRETIL-Quellenkopf den Kapiteln 1, 3, 5, 6, 11 und 13–15 zugrunde.
- Kṣemarāja: Svacchandoddyota, Kommentar zum Svacchanda Tantra; in den vorgenannten Sanskritausgaben enthalten. Für die Auslegung der verschlüsselten Mantras und der Ritualanweisungen grundlegend; in dieser Datei nicht vollständig übersetzt.
- Judit Törzsök: „Women in Early Śākta Tantras: Dūtī, Yoginī and Sādhakī“. Cracow Indological Studies, 2014. Zeitschriftenseite und Bibliographie. Weiterführender historischer Kontext; keine Grundlage einer vollständigen deutschen Übersetzung des Svacchanda Tantra.
- UNESCO, Memory of the World: Nominierungsdossier zur Niśvāsatattvasaṃhitā. Dokument zur relativen Datierung und Textgeschichte.
Für die zweite Durchsicht verwendete KSTS-Digitalisate
Die folgenden historischen Sanskritausgaben enthalten den Grundtext und Kṣemarājas Kommentar. Bei den Bänden I, II, IV, V A und VI wurden ausgewählte Druckseiten auch als Seitenbilder kontrolliert. Für III und V B wurde die maschinenlesbare Texterfassung des Digitalisats herangezogen; deren OCR-Fehler wurden bei der Beurteilung berücksichtigt. Die Druckkontrollen waren gezielt, nicht flächendeckend. Band VI besitzt mehrere Seitenzählabschnitte; die Angaben „zweiter Zählabschnitt“ im Prüfprotokoll beziehen sich auf den Abschnitt mit den Kapiteln 12–15.
| Band / KSTS-Nummer | Enthaltene Kapitel beziehungsweise Abschnitt | Verwendetes Digitalisat |
|---|---|---|
| I / 31 | Kapitel 1–3 | KSTS I |
| II / 38 | Kapitel 4 | KSTS II |
| III / 44 | Kapitel 5–7 | KSTS III |
| IV / 48 | Kapitel 8–9 | KSTS IV |
| V A / 51 | Kapitel 10.1–10.673 | KSTS V A |
| V B / 53 | Kapitel 10.674–10.1280 | KSTS V B |
| VI / 56 | Kapitel 11–15 | KSTS VI |
Quellennachweis der digitalen Vorlage: GRETIL / Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Der gelieferte Quellenkopf nennt Creative Commons Attribution–NonCommercial–ShareAlike 4.0 für die digitale Datei. Die Bearbeitung übernimmt diese Herkunfts- und Lizenzangabe; die urheberrechtliche Stellung des alten Sanskritwerks ist von der Kennzeichnung der verwendeten digitalen Fassung zu unterscheiden. Diese Arbeitsdatei vergibt keine davon abweichende Pauschallizenz.
Bilder und Videos: Sämtliche sechs Bilddateien und drei YouTube-IDs wurden der beigefügten Medienliste entnommen. Die Videos sind ergänzende heutige Meditationen. Bildrechte und Dateibeschreibungen ergeben sich aus den jeweiligen Yoga-Wiki-Dateiseiten.
- ↑ UNESCO, Memory of the World: Nominierungsdossier zur Niśvāsatattvasaṃhitā, Abschnitt zur historischen Bedeutung und relativen Datierung. Die ungefähre Datierung des Svacchanda Tantra ist kein gesichertes Entstehungsjahr.
- ↑ HathiTrust: Katalogaufnahme der KSTS-Ausgabe; Internet Archive: Band 1 der Ausgabe. Die bibliographischen Angaben wurden abgeglichen. Bei der zweiten inhaltlichen Durchsicht wurden ausgewählte Problemstellen in den KSTS-Bänden I–VI und im zugehörigen Kommentar geprüft; eine vollständige Druckkollation ist damit nicht behauptet. Die tatsächlich verwendeten Digitalisate sind im Quellenverzeichnis einzeln aufgeführt.
- ↑ Judit Törzsök: Women in Early Śākta Tantras: Dūtī, Yoginī and Sādhakī, Bibliographie zur Dvivedi-Ausgabe des Svacchandatantra.
- ↑ GRETIL: Svacchandatantra, Text und Quellenkopf; ältere GRETIL-Fassung mit Pada-Markierungen. Maßgeblich für die Erfassung ist die vom Auftraggeber bereitgestellte TXT-Datei.
Seminare
Kundalini Yoga
Das Studium des Svacchanda Tantra lässt sich mit einer angeleiteten Beschäftigung mit Prana, Nadis, Mantra und Meditation verbinden.
Kundalini Yoga Seminare bei Yoga Vidya
Indische Schriften
Gemeinsames Schriftenstudium hilft, Begriffe, Überlieferungszusammenhänge und die Unterschiede zwischen Grundtext und Kommentar zu verstehen.
Seminare zu Indischen Schriften bei Yoga Vidya
Chakras
Seminare über Chakras können den heutigen Erfahrungszugang ergänzen. Die im Svacchanda Tantra beschriebenen Körper- und Lautzuordnungen sollten dabei in ihrem eigenen Textzusammenhang gelesen werden.
Chakra Seminare bei Yoga Vidya
Energiearbeit
Achtsame Energiearbeit, Entspannung und ein ausgeglichener Alltag können das Studium des Svacchanda Tantra begleiten.