Kreta

Aus Yogawiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Meer.jpg

Yoga Vidya auf Kreta

Artikel von Daniela Hirt aus: Yoga Vidya Journal Nr. 26, Herbst 2012

Gibt es im Sommerurlaub ein Leben abseits von Beach, Fun und Entertainment? Sollte sich eine sonnenhungrige Klientel wirklich auf das Abenteuer Yoga einlassen, wenn nur wenige Meter entfernt der Strand lockt? Die ersten Hotels in Europas sonnigem Süden wagten das Experiment. Und wir haben Anlass zu der Hoffnung, dass es Yoga in absehbarer Zeit schaffen könnte, in die Phalanx der etablierten Freizeitaktivitäten im Sommerurlaub einbrechen zu können. Eine Yogalehrerin schildert ihre Erfahrungen. Es war Frühjahr 2011, als meine Ausbilderin Manamohini vom Yoga Vidya Zentrum Oldenburg, eine E-Mail an unsere Ausbildungsgruppe weiterleitete. Eine Agentur in Köln suchte Yogalehrerinnen und Yogalehrer für einen Einsatz in 5-Sterne-Hotels in einigen Teilen der Welt - gegen eine Vermittlungspauschale. Flug, Kost und Logis sollten frei sein. Wochenlang liebäugelte ich mit dieser E-Mail in meinem Postfach, bis ich in besagter Agentur anrief, um zu erklären, dass ich just im 2. Ausbildungsjahr einer 2jährigen Yogalehrerausbildung sei, und ob ich dennoch solch einen Einsatz machen könnte. Na klar! Der Kölner Vermittler schien recht froh über mein Interesse zu sein und erklärte mir alle Modalitäten ausführlich.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Wahl zwischen einem einwöchigen oder mehrwöchigen Einsatz in Spanien, Griechenland oder Ägypten. Ich entschied mich für eine Woche in einem 5-Sterne-Hotel im Süden Kretas, organisierte die Betreuung meiner drei Kinder und reichte meinen Urlaubsantrag auf meiner Arbeitsstelle ein.

Schließlich konnte ich den Vertrag für den Yogaeinsatz unterzeichnen. In diesem Vertrag war meine tägliche Arbeitszeit (3 Std.) geregelt. Ferner was zu tun sei, wenn niemand an meinem „Entspannungsangebot“ Interesse habe (nämlich gar nichts); An- und Abflugbedingungen (drei Werktage vor dem Einsatz würde ich erfahren von wo ich abfliege); dass ich keinen Anspruch hätte im Hotel untergebracht zu werden, sollte dies voll belegt sein; unterrichten sollte ich auf Deutsch…halt, stopp: flugs ein Telefonat mit Köln…doch, doch erklärte mir der nun gehetzt klingende Kölner: selbstverständlich würde ich auf Deutsch unterrichten.

Nun hatte ich also die Vorstellung eines vollklimatisierten mit Deutschen belegten Hotels, in dem alle ganz wild darauf sind, täglich Yoga unter freiem Himmel mit Blick auf das Mittelmeer zu praktizieren. Ich war zumindest mehr als bereit und zählte die Tage … Dann war es soweit: die Touristikfirma, in deren Auftrag die Kölner Agentur tätig ist, zeigte sich sehr entgegenkommend und bot mir kurzfristig an, einen Tag eher als geplant zu fliegen, damit ich aus dem Norden anstatt aus dem Süden abfliegen konnte. Da saß ich nun mit meinem Koffer gefüllt mit gelben T-Shirts, weißen Hosen, Yogalehrerhandbuch, Meditationskissen, GaneshaMurti, Zimbeln, Segenswünschen von lieben Menschen und Bikini in der Straßenbahn auf dem Weg zum Flughafen.

Noch schnell den charakteristischen Kaffeeduft in Bremen geschnuppert, dreimal das Om Tryambakam gesungen, und da saß ich auch schon im Flieger nach Heraklion/Kreta. Dreieinhalb Stunden später empfing mich die Sonne Kretas mit milden 28 Grad, das Mittelmeer, die Berge und eine warmherzige Dame, die mich zum Taxi brachte. Im (tatsächlich vollklimatisierten) Hotel wurde ich zwar nett, aber auch belustigt („Aha, die Yoga-Tante“) empfangen und in die Personalunterkunft gebracht. Am nächsten Tag sollte ich einen Text für meine Yogastunden verfassen und dann am Nachmittag die erste Stunde unterrichten. Die Personalunterkunft hat mich auf allen Ebenen sehr gefordert. Ich habe versucht mit der extremen Verschmutzung des Zimmers, den aus der Matratze herausragenden Federn, den 1000 Mücken, der Hitze und der nicht vorhandenen Lüftungsmöglichkeit in Frieden und vor allem in den Schlaf zu kommen. Spät nachts ist mir das gelungen, mit all den Strategien aus dem Yoga, die in mir Gleichmut erzeugten.

Am nächsten Morgen formulierte ich (müde, zerstochen und dennoch heiteren Gemütes) meinen Ankündigungstext für die Yogastunden, der dann in ergänzter Form am schwarzen Brett in der Hotellobby hing. Die Ergänzung las sich dann so: „Ganz im Trend und auch noch gesund: unser kostenloser Event diesen Sommer 2011: Gesundheits- und Entspannungsgymnastik mit Einheiten aus den Bereichen Yoga, Anti-Stress-Training, Muskelentspannung nach Jacobsen und Dance Aerobic. Genießen Sie diesen beliebten Kurs diesen Sommer unter professioneller Leitung!“ Mein etwas ratloser Einwand, dass ich weder Dance Aerobic talentiert sei, noch den Begriff Gymnastik sonderlich passend finde, wurde von einem der Manager mit den Worten, dass man das ja nicht so ernst nehmen müsse, beantwortet. Aha!

Ich nahm meine Aufgabe jedoch ernst und bereitete mich auf eine offene Stunde vor, für Menschen mit und ohne Vorerfahrung. Ich erkundete die Sonnenterrasse, auf der die erste Stunde um 17.00 Uhr und an den Folgetagen jeweils um 11.00 und 17.00 Uhr stattfinden sollten. Die Sonnenterrasse bot einen fantastischen Blick auf das türkisgrüne Mittelmeer, war im Schatten gelegen, und es wehte dort ein laues Lüftchen. Es waren sechs sehr leichte Matten vorhanden. Nachdem ich mich an dem Ausblick und dem hervorragenden Büffet gelabt hatte, welches vegetarische Kost in Hülle und Fülle bereithielt, hüpfte ich in das 20 Grad warme Meer und konnte mein Glück kaum fassen. Ich hatte die Chance, meine Unterrichtspraxiserfahrung unter so besonderen Umständen zu erweitern und bekam noch eine Woche Sommer dazu geschenkt!

Der ranghöchste Hotelmanager mit prägnanter Sonnenbrille (in dem Hotel gab es unglaublich viele Manager) stellte sich mir im Laufe des Nachmittages vor. Er erzählte mir, dass er ein begeisterter Ashtanga Yogi sei und regelmäßig nach Heraklion fahren würde, um dort zu praktizieren. Deshalb freue er sich besonders, dass wieder eine Yogalehrerin im Hotel sei. Die vorherige Yogalehrerin sei am Tag ihrer Ankunft wieder abgereist, als sie die Personalunterkunft sah (was ich durchaus nachvollziehen konnte!). Fortan grüßten wir uns, es erscholl dann ein „Namasté‘“ quer durch die Pool-Landschaft, und er schaute manches Mal bei den Yogastunden zu.

Dann war es soweit: die erste Yogastunde um 17.00 Uhr, Treffpunkt Sonnenterrasse zwischen Tischtennisplatte und Clubsesseln. Vor mir saßen acht Menschen, die nie zuvor Yoga gemacht hatten, kein Wort Deutsch sprachen, sondern Italienisch, Französisch und Englisch durcheinander redeten. Und alle waren hoch motiviert Yoga zu praktizieren. Ich atmete erst einmal tief in den Bauch (mehrere Runden), lächelte und begann dann auf Englisch mich vorzustellen, nach wessen Tradition ich unterrichte, was Yoga bedeutet und inwieweit Hatha Yoga im täglichen Leben eine Hilfe sein kann. Es floss aus mir heraus, als hätte ich nie in einer anderen Sprache unterrichtet. Die folgenden 90 Minuten waren sehr intensiv, da ich weniger Worte gebrauchte als sonst. Ich habe sehr viel über Mimik und Gestik vermittelt, habe die Menschen mehr berührt. Körperlich, aber auch über Herzensverbindungen. Ich werde niemals die Yogastunde vergessen, in der ich eine belgische Lady unterrichtet habe, die niemals zuvor Yoga gemacht hatte und kein Wort Englisch oder Deutsch sprach. Es war für mich die schönste und berührendste Yogastunde, die ich jemals unterrichten durfte.

In den folgenden Tagen waren die Stunden recht unterschiedlich besucht. Die Anzahl der Teilnehmenden variierte zwischen neun und einer Person. Manchmal trieb der Chef des Animationsteams ein paar Gäste wie eine Schafherde in die Yogastunden. Einige schienen erleichtert, als die Stunde vorüber war und sie sich wieder dem Sonnenbad, dem Tennisspiel oder Sonstigem hingeben konnten, andere haben eine wahre Begeisterung für das Yoga in sich entdeckt.

Wir haben zusammen Mantras und Kirtans gesungen. Wir haben Pranayama praktiziert und die Menschen haben sich mit viel Enthusiasmus in die Asanas hineingegeben. Zwischendrin klingelte immer mal wieder ein IPhone, dann sprang jemand von der Matte auf und entschuldigte sich wortreich für die Gründe des Gehens (Termin im Spa, Verabredung auf dem Tennisplatz, Golfplatz, Bar oder sonstwo). Manches Mal schlappten Hotelgäste mit lauter Sohle durch unsere kleine Schar während der Meditation oder der Endentspannung hindurch, um wahlweise mit dem Tischtennisspielen zu beginnen oder sich in einen Clubsessel zu setzen und uns zuzuschauen.

Nachdem meine erste ungläubige Verzweiflung abgeklungen war, entwickelte sich in mir eine wahrhaftige Erkenntnis. Plötzlich wusste und spürte ich, dass es für mich im Hier und Jetzt keinen spirituelleren Ort als genau diese Sonnenterrasse mit all den Wirrungen, die in „normalen“ Yogastunden in der Form nicht vorkommen, gab. Ich blieb fortan bei mir, tief konzentriert auf die Menschen und den Unterricht. Die Teilnehmenden blieben bei sich, tief konzentriert auf das Praktizieren.

Unvergessen auch der „Seestern“ als Gleichgewichtsübung (habe ich im Nordsee Ashram gelernt: die Beine im Stehen leicht gespreizt auseinander, Füße parallel, beide Arme leicht nach oben ausgestreckt, tief atmen und halten. Dann das Gewicht nach links verlagern, solange bis man nur noch auf dem linken Fuß steht. Halten, zurück zur Mitte und dann mit der rechten Seite wiederholen). Diesen praktizierten die Teilnehmenden mit wachsender Begeisterung und Spaß mit Blick auf das fantastisch grünblau schimmernde Mittelmeer - unterstützt von vielen Augenpaaren aus den Clubsesseln. Nachdem ich drei Tage da war, mich mit der Matratze, dem Schmutz, den Mücken, der Hitze und dem Lärm abgefunden hatte, war das Hotel plötzlich nicht mehr überfüllt, und ich bekam eine Suite mit Meeresblick. Wow!

Ich bekam zudem guten Kontakt zu dem kleinen Animationsteam (eine Schweizerin, eine Lettin, und zwei Italiener), die unter schweren Bedingungen Großartiges in dem Hotel vollbrachten. Abends trank ich meine (sehr leckeren) Fruchtcocktails am Meer und ließ mich sogar eines Karaokeabends dazu hinreißen mit der Schweizerin „99 Luftballons“ von Nena zu singen. Kein Mensch verstand ein Wort oder kannte gar dieses Lied, dennoch ernteten wir in unserer Funktion als „great yoga teacher from Germany“ und „animation lady from Switzerland“ verhaltenen Beifall. Den Tag darauf hatten meine Yogastunden ein bisschen mehr (freiwilligen) Zulauf.

Die Teilnahme am Karaoke schien also eine gute Yoga-Vermarktungsstrategie zu sein! Ich konnte vieles in dieser Woche so gut miteinander verbinden: Die Hatha Yoga Philosophie an Menschen weiter zu vermitteln und selber täglich in tiefer Verbindung mit mir und der Natur zu praktizieren. All dies ließen mich die 7 Tage wie 7 Wochen empfinden. Es war eine Erfahrung, von der ich jetzt noch profitiere und manchmal schleicht sich während ich unterrichte immer noch eine kleine Stimme in meinen Kopf, die sagt: "Inhale and exhale - deeep and slowly."

Daniela Hirt - Diplom-Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin, Pädagogische Rollenspielleiterin, Systemische Paar- und Familientherapeutin und Yogalehrerin, auch Einzel- und Familienberatung, Fortbildungen und Fachvorträge mit Schwerpunkten aus den Bereichen Gesundheit, Jugendhilfe und Selbsthilfe.

Siehe auch

Literatur

Weblinks