Siddha Medizin

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Siddha Medizin,die sich aus dem Sanskrit-Begriff "Siddhar" (Weiser, Vollendeter) herleitet, ist ein indisches Medizinsystem, welches vor allem in Südindien (Tamil Nadu, Karnataka, Andhra Pradesh, Kerala) praktiziert wird. Es geht auf die mytholgischen Heiligen Tamil Nadus, die Siddhars zurück.

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Das Feld der Siddha Medizin ist groß und vielfältig, zuweilen auch widersprüchlich und verwirrend. Ebenso multiperspektivisch ist die Geschichtsschreibung dieses Medizinsystems. Siddha ist das drittgrößte indigene Medizinsystem Indiens. Im gesamten Land gab es im Jahr 2005 insgesamt 238 Siddha-Krankenhäuser mit knapp 2.000 Betten, 350 Siddha-Apotheken und etwa 17.000 staatlich registrierte Siddha-Praktizierende. Es gibt weitaus mehr Praktizierende der nicht-indigenen Systeme der Biomedizin, der Homöopathie, von Ayurveda und Unani als der Siddha-Medizin. Unani ist hauptsächlich im Norden des Landes verbreitet. (Cyranski 2008:21) Siddha dagegen wird vor allem im dravidisch-sprachigen Süden des Landes praktiziert.

Kröger, Larissa (2014): Über den Zusammenhang von tamilischer Identität und Siddha-Medizin (Master-Arbeit). Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Was macht die Siddha Medizin aus?

Grundkostitutionen

Das Medizinsystem vereint Einflüsse aus Ayurveda, Tantra, Yoga und Alchemie in sich. Ähnlich wie im Ayurveda gibt es im Siddha drei Konstitutionstypen oder Energie-Elemente, die Pittam (Galle), Kapam (Schleim) und Vaayu (Luft) genannt werden. In der Siddha Medizin wird Gesundheit als ein idealer Zustand betrachtet, in welchem sich diese drei Energie-Elemente im Gleichgewicht befinden. Vollkommene Gesundheit wird als ein Ideal angesehen, welches niemals erreicht werden kann.

Jeder Mensch hat eine individuelle Grundkonstitution, dass heißt, dass die Elemente bei jedem in unterschiedlichen Anteilen vertreten sind. Kommt es zu einem Ungleichgewicht, also einem An- oder Abstieg eines oder mehrerer der Energie-Elemente, so führt dies zur Erkrankung. Der Siddha-Arzt (Vaidya) leitet dann eine Behandlung ein, um das Gleichgewicht von Pittam, Kapham und Vaayu wiederherzustellen. Verschiedene externe Faktoren wie Wohnort, Ernährung, Wetter oder astrologische Konstellationen beeinflussen das Zusammenspiel von Pittam, Kapham und Vaayu.

Auch soziale Aspekte wie die Kastenzugehörigkeit spielen eine Rolle in der Verteilung der Energie-Elemente. Das Gleichgewicht der drei Elemente kann durch verschiedenste Faktoren gestört werden und der Mensch befindet sich in permanenter Gefahr zu erkranken. So verschieden wie die Ursachen einer Erkrankung ist auch deren Behandlung, die bei ähnlichen Symptomen stark variieren kann (DANIEL 1983: 115). Oft werden astrologische Daten herangezogen (WEISS 2009: 46), um die Therapie optimal auf den Patienten abzustimmen. Zudem werden umfangreiche Berechnungen durchgeführt, um günstige Momente zur Behandlung und Medikamenteneinnahme zu bestimmen (WEISS 2009: 133).

Diagnosesystem

Das Diagnosesystem des Siddha basiert auf der genauen Beobachtung des körperlichen Zustandes des Patienten. Zentral sind die Untersuchung des Pulses, des Urins, der Stimme, der Farbe des Körpers, der Zunge und des Verdauungssystems. Die Pulstastung beider Hände des Patienten ist dabei von besonderer Bedeutung. Der Siddha-Arzt tastet an beiden Händen sechs verschiedene Pulsarten, welche er mit Analogien zu Tieren beschreibt. Durch das Erfühlen und die Beschreibung des Pulses erhält der Vaidya Rückschlüsse auf die Konstitution des Patienten. Durch die Pulsdiagnose kann der Siddha-Arzt präzise ermitteln, wie es um die drei Energie-Elemente im Körper des Patienten bestellt ist und anschließend eine Behandlung einleiten, um ihr Gleichgewicht wiederherzustellen (DANIEL 1983: 115-116).

Medikamente

In der Siddha Medizin kennt man rund 4448 gesundheitliche Störungen und Krankheitsbilder. Am häufigsten werden chronische Erkrankungen (WEISS 2009: 146) mit dem Medizinsystem behandelt. Die Medikamente bestehen zum größten Teil aus pflanzlichen Wirkstoffen, zuweilen werden auch Substanzen mineralischen oder metallischen Ursprungs verwendet. Ein besonderes Präparat ist hierbei eine Zubereitung aus drei verschiedenen Salzen, welches Muppu genannt wird. Die Rezepte für Muppu können teils erheblich variieren. Seine Zubereitung wird in Mythen beschrieben.

In der Verwendung von Muppu wird der alchemistische Charakter der Siddha Medizin besonders deutlich. Kundige sollen mit Hilfe von Muppu unedle Metalle in Gold verwandeln können. Es wird in kleinen Mengen anderen Medikamenten beigefügt und potenziert so deren Wirkung. Muppu wird stark verjüngende Eigenschaften auf den Körper zugeschrieben und soll bei spirituell-übenden Personen die Konzentration verbessern. Mit Hilfe von Muppu fällt es Yogis leichter, Vervollkommnung zu erlangen. Muppu spielt besonders in den historischen Schriften um die Siddha Medizin eine große Rolle (WEISS 2009: 50 ff.).

Körperkonzeption

Die Vorstellung des menschlichen Körpers in der Siddha Medizin weist starke Parallelen zum Tantrismus auf. Ebenso wie in der Körperkonzeption des Tantrismus beschrieben, strömt durch den Körper die Lebensenergie Prana innerhalb eines bestimmten Systems von Meridianen und Energiepunkten. Während der Behandlung eines Patienten versucht der Praktizierende, Blockaden, die das Prana am Fließen hindern, durch Massagen, Meditation und Hatha Yoga Übungen aufzulösen (WEISS 2009: 154). Wie im Tantra, Hatha Yoga und Ayurveda gibt es in der Siddha Medizin die Vorstellung einer feinstofflichen Ebene der Anatomie des menschlichen Körpers, durch welche das Prana fließt.

Sowohl Siddha- als auch Ayurveda-Praktizierende nehmen an, dass 72.000 Nadis oder feinstoffliche Energiekanäle durch den Körper ziehen. Drei dieser Naatis, welche entlang der Wirbelsäule fließen und Sushumna, Ida und Pingala heißen, kommen dabei eine besonders wichtige Stellung zu. An Zweigstellen der Nadis finden sich therapeutisch wichtige Punkte, die so genannten "Marmas", die ähnlich wie Akkupressurpunkte in der Behandlung eines Patienten stimuliert werden, um dessen Energiesystem auszugleichen.

So gibt es bestimmte Energiezentren im menschlichen Körper, die Chakras genannt werden. Auch die Vorstellung der Kundalinikraft ist zentral. Die Kundalini-Shakti windet sich bei Stimulation durch Meditation, Rituale oder der Einnahme von verschiedenen Präparaten entlang der Chakras durch Sushumna-Nadi nach oben und führt so in der Darstellung der Texte zu einer Vereinigung mit dem Göttlichen bzw. der Vervollkommnung (WEISS 2009: 48).

Lehrer und Schüler

Geschichte

In Indien gibt es eine besondere Tradition, in welcher sich Lehrer und Schüler in einer ununterbrochen Linie sehen, die bis auf einen göttlichen Ursprung zurückzuführen ist. Das sogenannte Gurukulasystem macht es deshalb in vielen Fällen schwierig, eine exakte Datierung und Autorenschaft der Siddha-Texte exakt zu bestimmen, da sich die Schüler aus Respekt auf ihre Lehrer oder einen göttlichen Autor beziehen, anstatt ihren eigenen Namen anzugeben. So kommt es, dass die Tradition der Siddha Medizin als eine Jahrtausende alte Lehre dargestellt wird, obwohl Historiker ihren Entstehungszeitraum um das 5. Jahrhundert nach Christus datieren.

Es gibt viele unterschiedliche Darstellungen der Entstehungsgeschichte der Siddha Medizin, einige davon sind im Bereich der Mythologie angesiedelt. Die Narrative um die Entstehung der Siddha Medizin sind von verschiedenen Interessengruppen oft politisch oder religiös gefärbt. Zwischen vielen Konzepten der Siddha Medizin und Themen, die in der tamilischen Gesellschaft verhandelt werden, gibt es komplexe Zusammenhänge. Dennoch gibt es Wissenschaftler wie z.B. David Gordon White (WHITE 1996), die mehr über die Ursprünge des Medizinsystem in Erfahrung gebracht haben.

Wie eingangs beschrieben, ist das Siddha Medizinsystem von der Philosophie des Yoga und den Praktiken des Tantrismus, Konzepten der Ayurveda und Alchemie beeinflusst. Die Unterschiede zum Ayurveda waren ursprünglich kaum vorhanden, einzig die Zubereitung der Medikamente war nicht dieselbe. Erst später differenzierten sich die Systeme stärker aus (WEISS 2009: 101). David Gordon White zeigt, dass Siddha aus diversen philosophischen Strömungen hervorgegangen ist und seinen Ursprung, ähnlich der Ayurveda, in West- und Zentralindien hat. Erst später gelangte die Siddha Medizin nach Südindien (WHITE 1996: 85-87).

Schriften

Die literarische Grundlage bildeten insbesondere in Südindien tamilische Schriften, wobei das "Tirumantiram" von Tirumular aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. das vermutlich älteste unter ihnen darstellt (WEISS 2009: 58). Ein weiteres wichtiges Textwerk sind die gesammelten Rimalingars (Tiruvarupta) aus dem 19. Jahrhundert n. Chr.. Die Autoren setzen sich neben medizinischen Inhalten auch mit Religion, Astrologie, Yoga und Alchemie auseinander (ALEX 2010: 102).

Eine besondere Stellung nehmen die Verfasser der Schriften ein, welche "Siddhars" genannt werden und dem Medizinsystem seinen Namen gaben. Siddhar bedeutet „Vollendeter“ und bezieht sich auf die übernatürlichen yogischen Kräfte, „Siddhis“ genannt, welche durch Askese, yogische Übungen und Pflanzenzubereitungen erlangt werden (WEISS 2009: 54). Die Siddhars strebten vollkommene Gesundheit des Körpers und ein besonders langes Leben an, um ihre spirituellen Ziele zu erreichen (WEISS 2009: 55). Die Gesundheitserhaltung und Verjüngung des Körpers durch medizinische Maßnahmen diente also der spirituellen Vervollkommnung.

Die Siddhars entwickelten verschiedene Methoden, um die spirituelle Vervollkommnung zu erreichen. Einige von ihnen, wie zum Beispiel Tirumular und Agastya, legen ihren Schwerpunkt auf die Gesunderhaltung des Körpers durch Pflanzen, Kräuter und eine besondere Ernährung, aus welchem sich die Siddha Medizin entwickelte. Auch durch die Schulung des Geistes (Jnana Yoga) kann der Yogi Vervollkommnung erreichen. Einige Siddhars des Jnana Yoga setzten sich mit Philosophie und Politik auseinander.

Insbesondere Sivavakkiyar verfasste sozialkritische Schriften, in welchen er das Kastensystem kritisiert und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern fordert (Weiss 2009: 120). Streng genommen beschreibt Siddha somit mehr als ein Medizinsystem, sondern - ähnlich dem Yoga - ein komplexes philosophisches System verschiedenster Strömungen. Aus welcher Perspektive über das Medizinsystem berichtet wird, hängt daher maßgeblich von der Einstellung und Schwerpunktsetzung des Autors ab.

Quellen

  • ALEX, GABRIELE (2010): Medizinische Diversität im postkolonialen Indien – Dynmaik und Perzeption von Gesundheitsangeboten in Tamil Nadu. Berlin: Weißensee Verlag.
  • ALTER, JOSEPH (2004): Yoga in Modern India: The Body Between Science and Philosophy. Princeton: Princeton University Press.
  • BODE, MAARTEN (2008): Taking Traditional Knowledge to the Market: The Modern Image of the Ayurveda and Unani Industry 1980-2000. Hyderabad: Orient Longman.
  • CYRANSKI, CHRISTOPH (2008): HIV/AIDS und 'traditionelle' Medizin in Indien: Dynamiken des Spannungsfelds von globaler Epidemie und lokalem Handeln (Diplomarbeit, Magisterarbeit), Rupprechts-Karls-Universität Heidelberg: Online Ressource. (http://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=66647926, Zugriff am 16.10.2014)
  • DANIEL, E. VALENTINE (1983): The Pulse as an Icon in Siddha Medicine. In: Contributions to Asian Studies XVII: 115–125.
  • DANIEL, E. VALENTINE (1984): Fluid Signs- Being a Person the Tamil Way. Berkeley and Los Angeles: University of California Press
  • WEISS, RICHARD S. (2009): Recipes for Immortality: Medicine, Religion, and Community in South India. Oxford: Oxford University Press.
  • WHITE, DAVID GORDON (1996): The Alchemical Body: Siddha Traditions in Medieval India. Chicago: University of Chicago Press.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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