Gandharva Tantra

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Gandharva Tantra (Sanskrit: गन्धर्वतन्त्र, Gandharvatantra) ist eine umfangreiche Schrift des Shaktismus, die die Verehrung von Tripura Sundari mit Mantra, Yantra, Yoga, ritueller Praxis und der Erkenntnis des höchsten Bewusstseins verbindet. In 42 Kapiteln führt sie von der Einführung in die Shrividya über äußere und innere Puja bis zur Einsicht, dass Shiva und Shakti ebenso wenig voneinander zu trennen sind wie der Mond von seinem Licht. Für den spirituellen Weg stellt sie eine grundlegende Frage: Wie können Körper, Atem, Gefühle und Denken zu einer bewussten Hinwendung zum Göttlichen werden? Ihre Antwort verbindet liebevolle Verehrung mit der Erkenntnis des ungeteilten Selbst.

Das Shri Yantra veranschaulicht die geordnete Vielfalt der Kräfte und ihre Sammlung im göttlichen Mittelpunkt.

Für spirituelle Aspiranten ist das Werk besonders dort anregend, wo es das Ritual nach innen öffnet: Der Körper wird zum Ort der Verehrung, die Sinnestätigkeiten werden zur Opfergabe, und Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit werden als Blumen vor der Göttin niedergelegt. Zugleich enthält es ausführliche, an Einweihung gebundene Ritualordnungen. Seine Aussagen erschließen sich am besten, wenn die jeweilige Handlung, die erforderliche innere Haltung und das angestrebte Ziel gemeinsam betrachtet werden. Der Sanskrittext in indischer Schrift steht unter Gandharva Tantra Sanskrit Devanagari. Eine thematische Auswahl bietet Gandharva Tantra 108 Verse und Mantras.

Ein Zugang für das eigene Studium

Das Gandharva Tantra lässt sich als ausführliches Ritualwerk und als Einladung zur inneren Verwandlung lesen. Wer zunächst seine spirituellen Kernlehren kennenlernen möchte, kann mit wenigen überschaubaren Abschnitten beginnen:

  • Hingabe und Vertrauen: Kapitel 6, besonders 6.19–26, betrachtet den Guru als Vermittler von Erkenntnis. Kapitel 26, besonders 26.17–25, ergänzt die Eigenschaften eines vertrauenswürdigen Lehrers und eines aufrichtigen Schülers.
  • Das Herz als Ort der Verehrung: Kapitel 12, besonders 12.31–45, führt von geistiger Puja zur Meditation. Kapitel 36, besonders 36.41–43, zeigt, wie Mitgefühl, Geduld und Wahrhaftigkeit zu inneren Opferblumen werden.
  • Shiva und Shakti im eigenen Erleben: Kapitel 40, besonders 40.4–10 und 40.64–67, verbindet die Einheit der göttlichen Wirklichkeit mit beharrlicher Übung und stiller Betrachtung.
  • Wer bin ich jenseits wechselnder Erfahrungen? Kapitel 39 und Kapitel 42 erschließen die Selbsterkenntnis durch Bilder wie Licht, Traum, Gold und Schmuck.

Lies zunächst einen zusammenhängenden Abschnitt, lasse einen Satz nachklingen und verbinde ihn mit einer konkreten Haltung im Alltag. Die Frage „Wie kann ich heute mit mehr Klarheit und Mitgefühl handeln?“ kann eine ebenso ernsthafte Antwort auf den Text sein wie eine längere Meditation. Die 108 ausgewählten Verse bieten dafür einen thematisch geordneten Einstieg.

Bedeutung und Einordnung

Der Titel verbindet Gandharva mit Tantra, einer systematischen Lehre beziehungsweise Überlieferung. Gandharvas sind himmlische Wesen, die besonders mit Musik und Gesang verbunden werden. Das Werk selbst deutet seinen Namen durch das Besingen des ursprünglichen Grundes aller Tantras (1.12); außerdem erzählt es, Pushpadanta habe die Lehre an die Gandharvas weitergegeben (1.35). Der Titel bezeichnet hier daher keine bloße Musiklehre, sondern eine tantrische Offenbarung mit eigener Überlieferungserzählung. Die Rahmenerzählung beginnt mit Vishvamitra, dessen strenge Askese noch nicht zum erhofften Ziel geführt hat. Dattatreya vermittelt ihm eine von Nandikeshvara empfangene Lehre. Im Mittelpunkt steht anschließend das Gespräch zwischen Parvati und Shiva. Dabei ist die Göttin keineswegs nur Hörerin: In den späteren Kapiteln wird sie selbst zur Lehrerin Shivas und erschließt ihm die Natur des Selbst. Die Verehrung Tripurasundaris, die Behandlung mehrteiliger Shrividya-Mantras, das Shri Chakra und die Nityas bestimmen das Profil des Werkes. Ausdrückliche Kula- und Kaula-Lehren verbinden es mit dem Kaula-Umfeld. Seine Nähe zu Yogini Hridaya, Nitya Shodashikarnava und Vamakeshvara Tantra liegt besonders in der Verbindung von Göttin, Mantra und Chakra. Zur Bedeutung von Einweihung und Guru bietet auch das Kularnava Tantra einen sachlich verwandten Zugang. Diese Beziehungen bedeuten nicht, dass die Texte in allen Ritualfragen übereinstimmen oder unmittelbar voneinander abhängen. Ein genaues Entstehungsdatum lässt sich aus der hier benutzten Überlieferung nicht sicher bestimmen. Die Sanskritausgabe von Ram Chandra Kak und Harabhatta Shastri erschien 1934 in Srinagar; dieses Publikationsdatum ist nicht das Entstehungsdatum des Tantra. Die traditionelle Angabe von zwölftausend Versen am Anfang bezeichnet einen behaupteten größeren Überlieferungsumfang. Die vorliegende 42-Kapitel-Fassung enthält mehr als dreitausend Verse sowie zusätzliche Formeln und unnummerierte Textteile. Traditionelle Selbstdarstellung und historische Aussage

Das erste Kapitel und Teile des 37. Kapitels erklären konkurrierende Lehrsysteme durch eine göttliche Verhüllung der Wahrheit. Solche Aussagen sind Ausdruck des eigenen religiösen Geltungsanspruchs. Sie sind weder neutrale Beschreibungen anderer Traditionen noch eine historische Darstellung der Entstehung von Buddhismus, Nyaya, Samkhya oder Vedanta. Bemerkenswert ist, dass das Gandharva Tantra selbst in seinen späteren Erkenntniskapiteln ausführlich mit vedantischen Unterscheidungen arbeitet.

Aufbau und zentrale Lehren

Kapitel Inhaltlicher Schwerpunkt
1–5 Überlieferung, Göttinnenwissen, Mantraformen, Schutzformeln und Shri Chakra.
6–12 Tagespraxis, Guruverehrung, Reinigung, Nyasa, innere Verehrung und Meditation.
13–21 Äußere Puja, Gefäße und Opfergaben, Verehrung der umgebenden Shaktis, Japa und Abschluss der Rituale.
22–28 Überlieferte Verhaltensregeln, Kumari-Puja, heilige Orte, Guru und Schüler, Einweihung und Purascharana.
29–35 Vertiefte Vidya-Praxis, Mantragruppen, Homa, heilige Ringe, Weihe des Chakra und Kula-Rituale.
36–40 Shakti-Verehrung, innere Opferhandlung, Lebenswind, Nichtdualität und die Unterweisung Shivas durch die Göttin.
41–42 Anuttara, Bewusstsein und Selbsterfassung, Tattvas, Lautentfaltung, Jiva und befreiende Selbsterkenntnis.

Der Aufbau führt nicht geradlinig von „äußerlich“ zu „innerlich“, als müsse jede frühere Stufe verworfen werden. Innere und äußere Formen greifen ineinander. Kapitel 12 beschreibt eine vollständige geistige Verehrung und betont zugleich für den Hausvater die Verbindung mit äußerer Praxis. Andere Abschnitte stellen Meditation oder Erkenntnis besonders heraus. Diese unterschiedlichen Akzente gehören zum vielgestaltigen Lehrcharakter des Werkes.

Shiva, Shakti und spirituelle Praxis

Shiva bezeichnet insbesondere die bewusste, bezeugende Wirklichkeit; Shakti deren Offenbarung und Wirksamkeit. Das Tantra erläutert diese Beziehung mit unterschiedlichen Modellen: mit Purusha und Prakriti, mit Erkenntnis und Einsichtsvermögen, mit Klang und Lautgestalt, mit Linga und Yoni sowie mit Licht und dessen Selbsterfassung. Keine einzelne dieser Zuordnungen erschöpft alle anderen. Die berühmte Mond-Mondlicht-Analogie in 40.5 macht den entscheidenden Punkt anschaulich: Es gibt keine Shakti ohne Shiva und keinen Shiva ohne Shakti. Die Erscheinungswelt ist deshalb nicht grundsätzlich vom Göttlichen abgeschnitten. Auch der Weg aus der Bindung führt nicht zu einem zweiten, anderswo gelegenen Selbst, sondern zu einer anderen Erkenntnis dessen, was schon gegenwärtig ist. Das bedeutet nicht, dass jede Handlung allein durch eine nichtduale Behauptung zur spirituellen Praxis wird. Das Werk verlangt ausdrücklich Freiheit von Gewalttätigkeit und Sorge für das Wohl aller Wesen als Voraussetzung des Studiums (2.18–19). Es unterscheidet rituelle Hingabe von Gier und warnt davor, eine Shakti nur zum Gegenstand eigener Begierde zu machen (37.13–15).

Guru, Mantra und innere Transformation

Der Guru steht für die lebendige Vermittlung einer Praxis, die nicht allein aus der Kenntnis ihrer Silben besteht. Besonders aussagekräftig sind die Anforderungen an ihn: Er soll wahrhaftig, frei von Habgier und Hochmut, mitfühlend, nicht gewalttätig und fähig sein, Zweifel zu lösen (26.17–21). Ein ungeeigneter Lehrer bringt dem Schüler Leid, erklärt der Text ausdrücklich. Geistige Autorität wird damit an erkennbare Eigenschaften gebunden. Die Diksha soll Erkenntnis schenken und das Belastende auflösen. Der Text deutet sie nicht bloß als formale Erlaubnis, sondern als Eintritt in einen Zusammenhang von Unterweisung, Sadhana und Verantwortung. Auch vom Schüler werden Mitgefühl, Beständigkeit, Besonnenheit und Freiheit von Habgier erwartet. Mantra ist hier der erste Leib der Gottheit (40.12). Bei der Verehrung sollen Guru, Mantra, Gottheit und Selbst in ihrer Einheit erkannt werden. Die komplizierten Lauterschließungen der frühen Kapitel verwenden allerdings verschlüsselte Bezeichnungen; ihre Auflösung ist nicht immer eindeutig. Eine überlieferte Bijafolge ist daher nicht automatisch schon ein frei ergänzbares vollständiges Mantra.

Yoga und Meditation

Im Gandharva Tantra verbindet Yoga körperliche Ausrichtung, Prana, innere Sammlung und Erkenntnis. Pranayama, Nadis und Kundalini erscheinen im Zusammenhang mit der Reinigung und Belebung des inneren Verehrungsraumes. Der Aufstieg zum Sahasrara und das Herabfließen von Nektar veranschaulichen die Verbindung der menschlichen Erfahrung mit ihrem göttlichen Grund. Für die Meditation bietet der Text mehrere Zugänge: die lebendige Gegenwart der Göttin im Herzen, die geistige Darbringung von Gaben, die Sammlung im Licht des Bewusstseins und die Unterscheidung des Selbst von Körper, Denken und wechselnden Zuständen. Dharana und Dhyana bezeichnen dabei hilfreiche Begriffe für Sammlung und Versenkung; das Aufgehen begrenzter Vorstellungen wird ausdrücklich mit Samadhi verbunden.

Heutige Übung zum Thema Chakra-Meditation

Das folgende Video ergänzt das Thema mit einer heutigen Yoga-Praxis; es stellt keine Rekonstruktion eines Gandharva-Tantra-Rituals dar.

Die späteren Kapitel verbinden diese Praxis mit Jnana: Wie die Sonne nicht erst durch eine Lampe sichtbar gemacht werden muss, so braucht das Bewusstsein keine zweite Instanz, um gegenwärtig zu sein. Kapitel 41 beschreibt das Wiedererkennen der Welt im höchsten Selbst. Hier ergeben sich sachliche Berührungspunkte mit Pratyabhijnahridaya, Shiva Sutra und Spandakarika, ohne deren jeweilige Terminologie vollständig gleichzusetzen.

Gandharva Tantra – Sanskrit und deutsche Übersetzung

Kapitel 1–5: Offenbarung und Shrividya

Kapitel 1: Überlieferung und Offenbarung

atha
Nun folgt: gandharvatantram |

Das Gandharva Tantra. śivaproktam |

Von Shiva verkündet. prathamaḥ paṭalaḥ |
oṃ namaḥ paradevatāyai |

Om. Verehrung der höchsten Gottheit. 1.1 yaṃ vadantyamalātmānaḥ puruṣaṃ prakṛteḥ param |
cidrūpaṃ paramānandaṃ vande devaṃ vinā[taṃ vighnanā ka pāṭha |]yakam || 1 ||
Ich verehre den Gott Vinayaka, den die Menschen reinen Herzens als Purusha jenseits der Prakriti, als Bewusstsein und höchste Wonne bezeichnen.

1.2 bhartāraṃ guṇavṛddhiśūnyamacalaṃ gatvābhisārakramāṃd dīvyantī kulavartmanaiva guṇavatyānandamātanvatī |
śete suptabhujaṅgapotakuṭilā yā merumūlaṃ gatā sūte(yantra?putra)śatāni tāni murajinmukhyāni pāyādasau || 2 ||
Möge sie uns schützen: die Kraft, die ihren unbewegten, von der Zunahme der Eigenschaften freien Gemahl aufsucht und auf dem Kula-Weg Wonne entfaltet; die am Fuß des Meru zusammengerollt wie eine schlafende junge Schlange ruht und unzählige Gestalten, Vishnu und die übrigen, hervorbringt. Das Wort für das Hervorgebrachte ist unsicher.

1.3 viśvāmitra iti khyāto nṛpaḥ paramadhārmikaḥ |
siddhiṃ dṛṣṭvā vasiṣṭhasya tapastepe suduścaram || 3 ||
Ein höchst rechtschaffener König namens Vishvamitra sah Vasishthas Vollendung und übte äußerst schwere Askese.

1.4 aprāpya tapasaḥ siddhimudīcīṃ diśamāviśat |
gaṅgādvārasamāsīnaṃ muniṃ yogaparāyaṇam || 4 ||
Als er dadurch keine Vollendung erlangte, wandte er sich nach Norden. Bei Gangadvara saß ein dem Yoga ergebener Weiser.

1.5 dattātreyaṃ mahābhāgamabhivādya kṛtāñjaliḥ |
uvācedaṃ vacastasmai vinayānatakandharaḥ || 5 ||
Er verneigte sich vor diesem hochbegnadeten Dattatreya, legte die Hände zusammen und sprach mit demütig gesenktem Haupt.

viśvāmitra uvāca
Vishvamitra sprach: 1.6 nādrā(kṣyaṃ?kṣaṃ) samyagiṣṭvāpi kratubhirbahudakṣiṇaiḥ |
satpātre sarvadānāni kṛtvāpi munisattama || 6 ||
Vishvamitra sprach: Auch durch sorgfältige Opfer mit reichen Gaben und durch das Darbringen aller Spenden an würdige Empfänger habe ich es nicht erkannt, bester Weiser.

1.7 mahāvidyāṃ prajapyātha puraskriyāpuraḥsarām |
bhavābdhestaraṇopāyaṃ tapastaptvā suduścaram || 7 ||
Auch nachdem ich die Mahavidya mit vorbereitender Purascharana wiederholt und schwere Askese geübt habe, fand ich keinen Weg über das Meer des Werdens.

1.8 sarvāgamaikatattvajña brahmaniṣṭha tapodhana |
kiṃ kariṣyāmyahaṃ deva kutra yāsyāmi tadvada || 8 ||
Du kennst die eine Wahrheit aller Agamas, bist in Brahman gegründet und reich an Askese. Was soll ich tun, Herr, wohin soll ich gehen? Sage es mir.

dattātreya uvāca
Dattatreya sprach: 1.9 mā viṣīda nṛpaśreṣṭha sarvathā tvaṃ sthiro bhava |
yacchrutvā(di?dhi) gataṃ pūrvamasmābhirnandikeśvarāt |
9 ||
Dattatreya sprach: Verzweifle nicht, bester König; bleibe ganz standhaft. Was wir früher von Nandikeshvara hörten und empfingen,

1.10 tadaśeṣaṃ pravakṣyāmi guhyād guhyataraṃ param |
sāramuddhṛtya bhagavān yāmalādapi sarvataḥ || 10 ||
das werde ich dir vollständig erklären, das Höchste, geheimer als das Geheime. Der Erhabene zog aus den Yamala-Schriften und anderen Lehren ihren Wesenskern zusammen.

1.11 tantraṃ dvādaśasāhasryaṃ bhogamokṣaikasādhanam |
pārvatyai kathayāmāsa tantraṃ gandharvasaṃjñakam || 11 ||
Das Tantra mit zwölf Tausend Versen, das Erfahrung und Befreiung vermittelt, lehrte er Parvati: das unter dem Namen Gandharva bekannte Tantra.

1.12 gīyate sarvatantrāṇāmakhilādyo yatastviha |
tenāyaṃ nṛpaśārdūla tantro gandharva ucyate || 12 ||
Weil hier der allen Tantras voranstehende ursprüngliche Grund besungen wird, nennt man dieses Tantra Gandharva, bester König. Die Namensdeutung stellt eine traditionelle Verbindung zum Singen her.

nandikeśvara uvāca
Nandikeshvara sprach: 1.13 kailāsaśikharārūḍhaṃ devadevaṃ jagadgurum |
pañcavaktraṃ mahākāyaṃ jaṭājūṭavibhūṣitam || 13 ||
Nandikeshvara sprach: Auf dem Gipfel des Kailasa befand sich der Gott der Götter, der Weltenlehrer, fünfgesichtig, von mächtiger Gestalt und mit hochgebundenem verfilztem Haar geschmückt.

1.14 cārucandrakalāyuktaṃ mūrdhni vyālaughabhūṣitam |
bāhubhirdaśabhiryuktaṃ vyāghracarmadharaṃ śubham || 14 ||
Er trug die schöne Mondsichel, Schlangenscharen auf dem Haupt, zehn Arme und ein Tigerfell, glückverheißend anzusehen.

1.15 kālakūṭadharaṃ kaṇṭhe nāgahāropaśobhitam |
vibhūtibhūṣaṇaṃ devaṃ prativaktraṃ tribhistribhiḥ || 15 ||
Das Kalakuta-Gift trug er in seiner Kehle, eine Schlangenkette als Schmuck, heilige Asche am Leib und je drei Augen in jedem Gesicht.

1.16 netraistu pañcadaśabhiryuktaṃ sphaṭikasaṃnibham |
śaktitriśūlakhaṭvāṅgavaradābhayakānapi |
16 ||
Mit fünfzehn Augen versehen, einem Kristall gleich, hielt er Speer, Dreizack und Khatvanga und zeigte die Gesten des Segens und der Furchtlosigkeit.

1.17 akṣasūtraṃ bījapūraṃ bhujaṅgaṃ ḍamaruṃ dhanuḥ |
dakṣiṇairdadhataṃ hastairvāmaiḥ [rvāmabhirhastairvṛta ka pāṭha |] koṭīrabhūṣaṇam || 17 ||
Auch Rosenkranz, Zitronatzitrone, Schlange, Trommel und Bogen trug er in den rechten und linken Händen; sein Haupt war gekrönt. Die Verteilung auf die Hände ist in der Lesung unstimmig.

1.18 vṛṣabhoparisaṃsthaṃ tu gajakṛttiparicchadam |
sarvātmanāviṣṭacittaṃ girijāmukhapaṅkaje || 18 ||
Auf dem Stier sitzend und mit Elefantenhaut bekleidet, war sein Geist ganz auf das Lotusantlitz Girijas gerichtet.

1.19 praṇamya parayā bhaktyā kṛtāñjalipuṭā satī |
uvāca pārvatī devī īśvaraṃ parameśvaram || 19 ||
Sati, die Göttin Parvati, verneigte sich mit höchster Hingabe, legte die Hände zusammen und sprach zum höchsten Herrn.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 1.20 devadeva jagannātha bhaktānāmārtināśana |
prasanno yadi māṃ deva brahma kiṃ vā taducyate || 20 ||
Parvati sprach: Gott der Götter, Herr der Welt, Beseitiger des Leids deiner Verehrer: Wenn du mir gnädig bist, sage mir, was Brahman ist.

1.21 yogaṃ kiṃvā śarīraṃ ca brūhi me parameśvara |
smitapūrvaṃ mahādevaḥ pūrṇānandamayo vibhuḥ || 21 ||
Was ist Yoga und was der Körper? Erkläre es mir, höchster Herr. Lächelnd antwortete Mahadeva, der alldurchdringende, von vollkommener Wonne Erfüllte,

1.22 vāmadevākhyavaktreṇa [mantreṇa kha pāṭhaḥ |] pratyuvāca priyāṃ vibhuḥ [prabhu ka pāṭha |] |
īśvara uvāca yallābhānnāparo lābho yatsukhānnāparaṃ sukham || 22 ||
mit seinem Vamadeva genannten Gesicht der Geliebten. Ishvara sprach: Jenes, über dessen Gewinn hinaus es keinen höheren Gewinn und über dessen Glück hinaus kein höheres Glück gibt,

1.23 yajjñānānnāparaṃ jñānaṃ tad brahmetyavadhāraya |
yad dṛśyānnāparaṃ dṛśyaṃ yad dṛṣṭvā na punarbhavaḥ || 23 ||
über dessen Erkenntnis hinaus es keine höhere Erkenntnis gibt: Erkenne das als Brahman. Es gibt nichts Höheres zu schauen; wer es schaut, wird nicht wieder geboren.

1.24 tiryagūrdhvamadhaḥ pūrṇaṃ saccidānandamavyayam |
anantamekaṃ nityaṃ [nta nityameka ka pāṭha |] yat tad brahmetyavadhāraya || 24 ||
Es erfüllt seitwärts, oben und unten alles, ist Sein, Bewusstsein und Wonne, unvergänglich, grenzenlos, eines und ewig. Erkenne dies als Brahman.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 1.25 karmapāśasamābaddho bhogī bhogaparāyaṇaḥ |
kathaṃ mukto bhaveddevaṃ bhogenaiva maheśvara || 25 ||
Parvati sprach: Wie kann ein an die Fesseln des Karma gebundener, dem Genuss zugewandter Mensch gerade durch Genuss frei werden, großer Herr?

1.26 tat sarvaṃ kathayeśāna yadyahaṃ tava vallabhā |
īśvara uvāca śṛṇu devi pravakṣyāmi yad guhyaṃ paramādbhutam || 26 ||
Erkläre mir das alles, wenn ich deine Geliebte bin. Ishvara sprach: Höre, Göttin, ich werde dir das höchste, wunderbare Geheimnis erklären.

1.27 na vaktavyaṃ tvayā kiṃcijjaneṣu kathitaṃ mayā |
apṛthaktvaśarīratvād vakṣyāmi tava suvrate || 27 ||
Nichts von dem, was ich sage, sollst du unterschiedslos unter den Menschen verbreiten. Weil dein Leib von meinem nicht getrennt ist, verkünde ich es dir, du mit dem guten Gelübde.

1.28 yaduktaṃ te mayā tantraṃ trividhaṃ triguṇātmakam |
tāmasaṃ kutra saṃproktaṃ rājasaṃ cāpi kutracit || 28 ||
Das von mir gelehrte Tantra ist dreifach entsprechend den drei Gunas: An manchen Stellen wird Tamas, an anderen Rajas entfaltet.

1.29 sāttvikaṃ tatra kutrāpi dhīmāṃstasmāt taduddharet |
tāmasaṃ narakāyaiva svargāya rājasaṃ priye || 29 ||
Andernorts findet sich Sattva; der Einsichtige soll es herauslösen. Das Tamashafte führt nach dieser Einteilung zur Hölle, das Rajashafte zum Himmel, Geliebte.

1.30 sāttvikaṃ mokṣadaṃ prāhusturīyaṃ niṣphalaṃ śive |
śāstrāṇi caiva girije tāmasāni nibodha me || 30 ||
Das Sattvahafte wird befreiend genannt; das Vierte ist ohne begrenzte Frucht, Shiva. Erkenne nun, Tochter des Berges, welche Lehrschriften ich als tamashaft bezeichne.

1.31 tāmasāni purāṇāni tantrāṇi tāni ca priye |
svargamokṣavihīnāni tāni yatnādvivarjayet || 31 ||
Die so eingeordneten Puranas und Tantras gewähren nach dieser Darstellung weder Himmel noch Befreiung; man soll sie sorgfältig meiden.

1.32 i(ya?ma) marthaṃ purā devi pṛṣṭavān devakīsutaḥ |
māṃ prasādya tapastaptvā bhogena muktisādhanam || 32 ||
Einst fragte mich Devakis Sohn nach ebendiesem Gegenstand. Durch Askese erfreute er mich und bat um das Mittel, durch Erfahrung und Genuss Befreiung zu erlangen.

1.33 tasmai vāpi mayā proktaṃ saṃdehocchedakārakam |
tatastenāpi saṃproktaṃ brahmaṇe haṃsarūpiṇe || 33 ||
Auch ihm erklärte ich die Lehre, die den Zweifel abschneidet. Er wiederum lehrte sie Brahma in Schwanengestalt.

1.34 nandikeśvara etadvai mayoktaṃ punareva hi |
so'pi cābhūtsvayaṃ kartā mama tulyo mahāmatiḥ || 34 ||
Auch Nandikeshvara erklärte ich dies erneut; er wurde selbst zu einem Vollbringenden, mir gleich, von großer Einsicht.

1.35 puṣpadante tataḥ proktaṃ tantrametadvarānane |
gandharvebhyo dadau tena rahasyaṃ paramādbhutam || 35 ||
Dann wurde dieses Tantra Pushpadanta gelehrt, Schönangesichtige; er gab das höchst wunderbare Geheimnis an die Gandharvas weiter.

1.36 brahmaṇā ca tathā prāptaṃ tasmāt te munayaḥ priye |
purandareṇāṅgirasād bhārgavāddaityarāṭ prabhuḥ || 36 ||
Ebenso empfing Brahma die Lehre und von ihm die Weisen. Indra empfing sie von Angiras, der Herr der Daityas vom Nachkommen Bhrigus.

1.37 pulasterapi paulastyāḥ kramādevaṃ mahītale |
namucyādyā mahādaityāḥ purā svāyaṃbhuvāntare || 37 ||
Die Nachkommen Pulastyas empfingen sie von Pulastya; so ging die Überlieferung auf Erden weiter. Einst, im Svayambhuva-Zeitalter, wurden die großen Daityas, Namuci und andere,

1.38 mahābalaparīvārā mahāvīryā mahaujasaḥ |
sarvadharmaratāḥ śuddhāḥ sarvapāpavivarjitāḥ || 38 ||
von mächtigen Scharen begleitet, stark, heldenhaft und strahlend, allen Pflichten ergeben, rein und frei von Verfehlung.

1.39 trayīdharmaratāḥ sarve bhagnā indrapurogamāḥ |
tadākarṇya maheśāni brahmā lokapitāmahaḥ || 39 ||
Die Anhänger der dreifachen vedischen Ordnung mit Indra an der Spitze wurden besiegt. Als Brahma, der Ahnherr der Welt, davon hörte,

1.40 madantikaṃ samāsādya stutibhirmāṃ prasādya ca |
uvācedaṃ vacaścāpi ślakṣṇaṃ madhurayā girā || 40 ||
kam er zu mir und erfreute mich mit Lobpreis. In sanfter, süßer Sprache sagte er folgende Worte.

1.41 brahmovāca sarvajña sarvalokeśa sarvaduḥkhanisūdana |
bhogamokṣaprade tantre tvayā prakāśite prabho || 41 ||
Brahma sprach: Allwissender, Herr aller Welten, Beseitiger allen Leids! Seit du das Tantra offenbart hast, das Erfahrung und Befreiung gewährt,

1.42 tadavāpya mahādeva nararākṣasadānavāḥ |
siddhipradā bhaveyuste prabhunāma kathaṃ caret || 42 ||
erlangen Menschen, Rakshasas und Danavas durch seinen Empfang Vollendung. Wie soll dann die besondere Stellung des Herrn bestehen bleiben? Die Lesung der letzten Frage ist unsicher.

1.43 sarve brahmātmanā deva yadi yāsyanti vidyayā |
kaiva sṛṣṭiḥ kimatrāpi [nnāsti ka pāṭha |] kāryyaṃ syād vada śaṃkara || 43 ||
Wenn alle durch diese Vidya in das Wesen Brahmans eingehen, welche Schöpfung und welche Aufgabe wird dann noch bestehen? Sage es, Shankara.

1.44 iti vijñāpya māṃ brahmā yayau brahmasadaḥ [da ka pāṭha |] prati |
tato'haṃ parameśāni gatvā mandaraparvatam || 44 ||
Nachdem Brahma mir dies vorgetragen hatte, ging er zu seiner Stätte zurück. Ich aber begab mich zum Berg Mandara, höchste Göttin.

1.45 tān viprānatha saṃsmṛtya mantrayitvā ca taiḥ saha |
nandikeśvaramāhūya dvāri saṃsthāpya satvaram || 45 ||
Ich rief jene Brahmanen in Erinnerung, beriet mich mit ihnen, ließ Nandikeshvara kommen und stellte ihn rasch an den Eingang.

1.46 rakṣitavyastvayā bhadra vi(kṣa?ghna) śceha samāgataḥ |
ityādiśya praviṣṭo'haṃ nirjanaṃ paramaṃ mahat || 46 ||
„Wache darüber, Guter, dass hier keine Störung eindringt!“ Nach dieser Weisung zog ich mich in eine große, völlig einsame Stätte zurück.

1.47 mohanārthaṃ paraṃ teṣāṃ daityādīnāṃ viśeṣataḥ |
śāstrāṇi vividhānyatra saṃproktāni dvijaiḥ saha || 47 ||
Um besonders die Daityas und andere zu verwirren, verkündete ich dort zusammen mit den Brahmanen verschiedene Lehrschriften.

1.48 yeṣāṃ śravaṇamātreṇa pātityaṃ jñānināmapi |
yaccintanānmahādevi gotamo munipuṃgavaḥ || 48 ||
Nach dieser polemischen Erzählung konnte schon ihr Hören selbst Wissende zu Fall bringen. Als der große Weise Gotama darüber nachdachte,

1.49 akṣapāda iti khyātaḥ pramatto māṃ vigarhayan |
anubhūya tadāsvādaṃ māmeva śaraṇaṃ yayau || 49 ||
wurde er als Akshapada bekannt, geriet in Verwirrung und tadelte mich. Nachdem er die Folgen erfahren hatte, nahm er bei mir Zuflucht.

1.50 tat kṛpālurahaṃ devi svayamādiṣṭavānidam |
vaiṣṇavaṃ tantramācakṣva vi(ṣṇuya?ṣṇūyaṃ)stu sadā mune || 50 ||
Da war ich voller Mitgefühl und gab ihm selbst die Weisung: „Lehre das vaishnavische Tantra und verehre stets Vishnu, Weiser.“ Die zweite Aufforderung folgt der naheliegenden Lesung.

1.51 prasannako yadā viṣṇustataḥ siddhimavāpsyasi |
yaduktaṃ te mayā tantraṃ kṛṣṇasya paramātmanaḥ || 51 ||
„Wenn Vishnu gnädig ist, wirst du Vollendung erlangen. Das Tantra des höchsten Selbst Krishna, das ich dich gelehrt habe,

1.52 adhītya nāradāt sarvaṃ siddhimāpa munistadā |
prathamaṃ hi mayaivoktaṃ [mayā prokta kha pāṭha |] śaivaṃ pāśupatādikam || 52 ||
studiere vollständig bei Narada.“ So erlangte der Weise Vollendung. Zuerst hatte ich selbst die shaivischen Lehren, Pashupata und andere, verkündet.

1.53 macchaktyāveśitai[vai śatai ka pāṭha |]rvipraiḥ saṃproktāni tataḥ param |
kaṇādena ca saṃproktaṃ śāstraṃ vaiśeṣikaṃ mahat || 53 ||
Danach wurden weitere durch Brahmanen gelehrt, die von meiner Kraft erfüllt waren: Kanada verkündete das große Vaisheshika-System,

1.54 gotamena tathā nyāyaṃ sāṃkhyaṃ tu kapilena tu |
dhiṣa[dhīṣa ka pāṭha |]ṇena tathā proktaṃ cārvākamatigarhitam || 54 ||
Gotama den Nyaya, Kapila das Samkhya und Dhishana die hier scharf getadelte Charvaka-Lehre.

1.55 daityānāṃ nāśanārthāya viṣṇunā buddharūpiṇā |
bauddhaśāstra[stra tathā kha pāṭha |]masat proktaṃ nagnanīlapaṭādikam || 55 ||
Vishnu in Buddhagestalt verkündete, so behauptet diese Erzählung, zur Vernichtung der Daityas eine als unwahr bezeichnete buddhistische Lehre und weitere Lehren der Nackten und Blaugekleideten.

1.56 āpā[āpatya kha pāṭha |](tyaṃ?rthya) śrutivākyānāṃ darśayaṃllokagarhitam |
karmasvarūpatyājya[tādātmya kha pāṭha |]tvamatra vai pratipādyate || 56 ||
Dabei wurde den Worten der Shruti ein nach Auffassung des Textes verfehlter Sinn gegeben und das Aufgeben ritueller Handlungen begründet. Die genaue Lesung ist beschädigt.

1.57 sarvakarmaparibhraṣṭā[ṣṭa klmaṣa kha pāṭha |]d (vaikarma saṃ?vikarmāsat) taducyate |
gautamaproktaśāstrārthaniratāḥ sarva eva hi || 57 ||
Der erste Halbvers beurteilt das Abfallen von den vorgeschriebenen Handlungen; er ist textlich nicht eindeutig. Anschließend heißt es: Alle, die sich ausschließlich dem von Gautama gelehrten System widmeten,

1.58 sārgālīṃ yonimāpannāḥ saṃ(dhi?di)gdhāḥ sarvakarmasu |
sarvasya jagato'pyatra mohanārthaṃ purā śive || 58 ||
gelangten nach dieser polemischen Behauptung zu einer Schakalgeburt und zweifelten an allen Handlungen. Zur Verwirrung der ganzen Welt wurde einst, Shiva,

1.59 vedārthavanmahāśāstraṃ māyāvādamavaidikam |
mayaiva kathitaṃ devi jagatāṃ nāśakāraṇāt || 59 ||
von mir selbst die große, vedisch klingende, hier jedoch als unvedisch getadelte Mayavada-Lehre verkündet, um die Welten aufzulösen.

1.60 dvijanmanā jaimininā pūrvaṃ [sarvaveda kha pāṭha |] vedamapārthataḥ |
nirīśvareṇa vādena kṛtaṃ śāstraṃ mahattaram || 60 ||
Der Zweimalgeborene Jaimini verfasste ein großes System, indem er nach dieser Darstellung den Veda unzutreffend und ohne einen Weltenherrn deutete.

1.61 tatraivāhaṃ mahāmantrān saṃdūṣya doṣavistaraiḥ |
kṛta(vānta?vāṃsta)ntravistāraṃ sasaṃdehapadānvitam || 61 ||
Darin versah ich die großen Mantras mit vielfältigen Fehlern und schuf eine umfangreiche Tantra-Lehre voller zweifelhafter Stellen.

1.62 atha devāśca devyaśca dūṣite mantravigrahe |
abhavan dūṣitāḥ sarve hīnavīryyaparākramāḥ || 62 ||
Als ihre Mantraleiber entstellt waren, wurden auch die Götter und Göttinnen geschwächt und verloren Kraft und Tatvermögen.

1.63 nirbalāstvaṅgahīnāśca atha sarve divaukasaḥ |
viṣṇulokaṃ samāsādya vyasanaṃ tannyavedayan || 63 ||
Kraftlos und ihrer Glieder beraubt, begaben sich alle Himmelsbewohner zu Vishnus Welt und berichteten ihr Unglück.

1.64 viditvā vyasanaṃ viṣṇustattat teṣāṃ divaukasām |
vainateyaṃ samāruhya nandikeśvarasaṃnidhau || 64 ||
Als Vishnu das Leiden der Himmelsbewohner erkannte, bestieg er Garuda, den Sohn Vinatas, und kam zu Nandikeshvara.

1.65 āgato vāritastena maddarśanasamutsukaḥ |
tatra sthitvā maheśāni bhagavāñjagadīśvaraḥ || 65 ||
Obwohl er mich zu sehen wünschte, wurde er von diesem aufgehalten. Dort verweilend, gab der erhabene Weltenherr

1.66 vardhayituṃ [varddha ka pāṭha |] śarīraṃ ca vainateyaṃ samādiśat |
pravṛddhasya khagendrasya sthitvā tasyottamāṅgake || 66 ||
Garuda den Auftrag, seinen Körper zu vergrößern. Auf dem Kopf des groß gewordenen Vogelkönigs stehend,

1.67 sa dṛṣṭvā samupāviṣṭamidamāha smitānanaḥ |
śrībhagavānuvāca akālaṃ pralayaḥ [ya ka pāṭha |] kasmāt kriyate bhavatādhunā || 67 ||
sah er mich dort sitzen und sprach lächelnd. Der Erhabene sagte: „Warum bewirkst du jetzt eine Auflösung vor ihrer Zeit?“

1.68 na yujyate mahādeva kartumevaṃ[va kha pāṭha |] na sāṃpratam |
īśvara uvāca dūṣitā brahmaṇo mantrāḥ saurāścāgnisamudbhavāḥ || 68 ||
„So zu handeln ziemt sich jetzt nicht, Mahadeva.“ Ishvara sprach: „Die Mantras Brahmas, die Sonnenmantras und die aus dem Feuer hervorgegangenen sind entstellt.

1.69 tathā vai dūṣitā yaunyāḥ śriyaścāpīha kecana |
sarasvatyā mahāmantrā vaiṣṇavā api kecana || 69 ||
Ebenso die Yoni-bezogenen und manche Mantras Shris, die großen Mantras Sarasvatis und einige Vishnu-Mantras.

1.70 vaināyakā mahāmantrāḥ prāyeṇa dūṣitā mayā |
śaktitantreṣu ye kecit sasaṃdehapadānvitāḥ || 70 ||
Auch die großen Vinayaka-Mantras habe ich weithin entstellt, ebenso die mit zweifelhaften Formulierungen versehenen Mantras der Shakti-Tantras.“

śrībhagavānuvāca
Der Erhabene sprach: 1.71 jagadvandya kalādhīśa sarvabhūtopakāraka |
nivarttasva mahādeva madvākyaśāsanādibhiḥ || 71 ||
Der Erhabene sprach: „Von der Welt Verehrter, Herr der Kräfte, Wohltäter aller Wesen, halte ein, Mahadeva, auf meine Weisung hin!“

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 1.72 virato'haṃ tadā tasya viṣṇoramitatejasaḥ |
vacanāt parameśasya śaṃkhacakragadābhṛtaḥ || 72 ||
Ishvara sprach: Da hielt ich ein, auf das Wort des unermesslich strahlenden Vishnu, des höchsten Herrn, der Muschel, Diskus und Keule trägt.

1.73 tānyadhītyaiva te sarve mohitā viṣṇumāyayā |
bhaviṣyanti ca saṃdigdhā vāli[vālī kha pāṭha]śatvādanāsthayā || 73 ||
Wer jene Lehren studiert, wird nach dieser Darstellung von Vishnus Maya verwirrt, unsicher und durch Unreife ohne festes Vertrauen sein.

1.74 vivadiṣyanti saṃmūḍhā hetuvādaparāyaṇāḥ |
he(ti?tu)sādhyetivākyācca bhaviṣyanti parāṅmukhāḥ || 74 ||
Die Verwirrten werden, ganz auf Begründungsstreit ausgerichtet, miteinander disputieren und sich durch Rede über Beweisgrund und Beweisziel vom Wesentlichen abwenden.

iti śrīgandharvataṃtre pārvatīśvarasaṃvāde tantraprastāvanānirūpaṇaṃ nāma prathamaḥ paṭalaḥ || 1 ||
Hier endet das 1. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Überlieferung und Offenbarung“.

Kapitel 2: Formen der Vidya

dvitīyaḥ paṭalaḥ |
pārvatyuvāca
Parvati sprach: 2.1 śaktitantraṃ mahādeva saṃdeharahitaṃ kuru |
tathā kathaya deveśa bhogena muktisādhanam || 1 ||
Parvati sprach: Erkläre die Shakti-Lehre frei von Zweifeln, Mahadeva; verkünde, Herr der Götter, das Mittel zur Befreiung durch Erfahrung und Genuss.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 2.2 niḥsaṃdehaṃ mahātantraṃ śrūyatāṃ khalu sāṃpratam |
gopitavyaṃ paśoragre pūrṇacandranibhānane || 2 ||
Ishvara sprach: Höre nun das große Tantra ohne Zweifel. Es soll vor dem noch gebundenen Pashu verborgen bleiben, du mit dem vollmondgleichen Antlitz.

2.3 parātmajīvayoraikyaṃ mayātra pratipādyate |
brahmaṇo'pi paraṃ rūpaṃ nirguṇaṃ vakṣyate mayā || 3 ||
Hier lehre ich die Einheit von höchstem Selbst und individuellem Wesen. Ich werde die höchste, eigenschaftslose Gestalt Brahmans erklären.

2.4 śrūyatāṃ vimale bhadre ātmānamātmanā punaḥ |
praṇamāmi mahādevīṃ turīyāṃ brahmarūpiṇīm || 4 ||
Höre, Reine, Glückverheißende. Mit dem Selbst verehre ich das Selbst: die große Göttin, die Vierte, deren Wesen Brahman ist.

2.5 yasyā smaraṇamātreṇa bhavābdhau na nimajjate |
asyā[tasyā ka pāṭha |]ścārādhanaṃ kṛtvā nānya[nānyadā kha pāṭha |]syārādhanaṃ caret || 5 ||
Schon durch die Erinnerung an sie versinkt man nicht im Meer des Werdens. Wer ihre Verehrung aufgenommen hat, soll seine Ausrichtung nicht auf eine andere Verehrung verlagern.

2.6 anyasya smaraṇād duḥkhaṃ [devi kha pāṭha |] yoginīśāpamālabhet |
apamṛtyurbhavet tasya mṛte ca narakaṃ vrajet || 6 ||
Wer sich stattdessen anderem zuwendet, zieht nach dieser strengen Verpflichtungslehre Leiden und den Fluch der Yoginis auf sich; ihm werden vorzeitiger Tod und danach Hölle angekündigt.

2.7 enāmupāsya deveśi kiṃ na sidhyati bhūtale |
sakṛdenāmupāsyaiva na mātuḥ stanapo bhavet || 7 ||
Was könnte durch ihre Verehrung auf Erden nicht gelingen, Herrin der Götter? Wer sie auch nur einmal wahrhaft verehrt, wird nicht wieder an der Mutterbrust trinken müssen.

2.8 tasmād devi śubhe bhadre turīyāṃ samupāśrayet |
ādau kāmeśvarī jñeyā dvitīyā bhagamālinī || 8 ||
Deshalb nehme man Zuflucht zur Vierten, du reine, glückverheißende Göttin. Als Erste gilt Kameshvari, als Zweite Bhagamalini,

2.9 vajreśvarī tṛtīyā ca turyā tripurasundarī |
trayāṇā[eṣaṇā ka pāṭha |]mapi devānāṃ pracodikā [ditā kha pāṭha |] tripādikā || 9 ||
als Dritte Vajreshvari und als Vierte Tripurasundari. Sie regt die drei Götter an und besitzt eine dreifache Grundlage.

2.10 tripureti samākhyātā kāmadā sā [sāhi ka pāṭha |] kāmeśvarī |
trīn yasmāt purato dadyād durgā sā parameśvarī || 10 ||
Sie heißt Tripura; als Wunscherfüllerin ist sie Kameshvari. Weil sie die Drei voranstellt, ist sie Durga, die höchste Herrin. Dies ist eine traditionelle Namensauslegung.

2.11 tripureti samākhyātā saundaryyātiśayāt tathā |
mayāpi cintyate sā tu tatprasādādahaṃ prabhuḥ || 11 ||
Sie heißt Tripura und ist von überragender Schönheit. Auch ich meditiere über sie; durch ihre Gnade bin ich Herr.

2.12 jagatāmīśvaratvaṃ ca labdhaṃ tadanukampayā |
brahmatvaṃ brahmaṇā prāptaṃ viṣṇutvaṃ viṣṇunā tathā || 12 ||
Die Herrschaft über die Welten habe ich durch ihr Mitgefühl erlangt; durch sie erhielt Brahma sein Brahma-Sein und Vishnu sein Vishnu-Sein.

2.13 surāsuramunīndrāṇāṃ mahattvaṃ tatprasādataḥ |
teneyaṃ mahatī vidyā durlabhā bhuvanatraye || 13 ||
Die Größe der Götter, Asuras und führenden Weisen entsteht durch ihre Gnade. Deshalb ist diese große Vidya in den drei Welten schwer zu erlangen.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 2.14 bhagavan sarvamantrāśca bhavatā me prakāśitāḥ |
mahātripurasundaryyā mantrā ye pūrvasūcitāḥ || 14 ||
Die Göttin sprach: Erhabener, du hast mir alle Mantras offenbart. Kläre nun die früher angedeuteten Mantras der großen Tripurasundari.

2.15 tāṃstānevādhunā nātha saṃdeharahitān [tā ka pāṭha |] kuru |
īśvara uvāca sarvakāryeṣu sarvatra tāntrike vaidike tathā || 15 ||
Mache sie jetzt frei von Zweifeln, Herr. Ishvara sprach: Bei allen Handlungen, tantrischen wie vedischen,

2.16 aviśvāso mahān doṣo yatnatastaṃ vivarjayet |
saṃsiddheḥ kāraṇaṃ devi viśvāsaḥ samudāhṛtaḥ || 16 ||
ist fehlendes Vertrauen ein großer Mangel; man soll sich sorgfältig davor hüten. Vertrauen wird als Ursache der Vollendung bezeichnet, Göttin.

2.17 viditvā rakṣaṇaṃ yattu saguṇaṃ vīryyavardhanam [varddha ka pāṭha |] |
ratneṣu kīlakaṃ yadvad granthirmalayasaṃbhave || 17 ||
Was man erkennt und bewahrt, stärkt die Wirkkraft, wie eine Fassung beim Edelstein oder ein Knoten im Sandelholz. Die genaue Zuordnung dieses Vergleichs ist in der Lesung unsicher.

2.18 āstiko'tha śucirdānto [rdakṣo kha pāṭha |] dvaitahīno jitendriyaḥ |
brahmiṣṭho brahmavādī ca brahmī brahmaparāyaṇaḥ || 18 ||
Wer Vertrauen besitzt, rein und beherrscht ist, frei von Zweiheitsdenken, die Sinne gemeistert hat, in Brahman gegründet ist, über Brahman spricht und ganz auf Brahman ausgerichtet ist,

2.19 sarvahiṃsāvinirmuktaḥ sarvaprāṇihite rataḥ [tā ka pāṭha |] |
so'smiñ śāstre'dhikārī syāt tadanyo bhramasādhakaḥ [tadanyatra na sādhaka kha pāṭha |] || 19 ||
wer jede Gewalttätigkeit aufgegeben hat und am Wohl aller Lebewesen Freude findet, ist für diese Lehre geeignet. Wer diese Voraussetzungen nicht besitzt, verwirklicht nur Verwirrung.

2.20 nāstikāya kuśīlāya dāmbhikāya kadācana |
na vaktavyaṃ paśoragre kuṭile cumbake tathā || 20 ||
Man soll sie nicht einem Vertrauenslosen, Übeltätigen oder Heuchler mitteilen, nicht vor einem Pashu, einem Hinterlistigen oder einem ausbeuterisch Gesinnten.

2.21 śṛṇu devi mahad guhyaṃ mantroddhāraṃ varānane |
ādau pañcadaśī vidyā kathyate vīravandite || 21 ||
Höre nun die große geheime Erschließung der Mantras, Schönangesichtige. Zuerst wird die fünfzehnsilbige Vidya erklärt, du von den Viras Verehrte.

2.22 [kāma ka yoni e turyyasvara ī purandara la bhuvaneśī hrīṃ iti vāgbhavakūṭam |] kāmadevastato yonisturyya[stū ka pāṭha |]svarapurandarau |
bhuvaneśī tataḥ paścāt pañca (rañja[vaktra kha pāṭha |]?varṇa) vibhūṣitaḥ || 22 ||
Die verschlüsselten Lautbezeichnungen lauten Kamadeva, Yoni, vierter Vokal, Purandara und Bhuvaneshi; so ist die erste Gruppe mit fünf Lauten ausgestattet. Die Glosse löst sie als Ka, E, I, La und das Bhuvaneshi-Bija auf.

2.23 ayaṃ sa vāgbhavo devi vāgīśatvapradāyakaḥ |
etajjaptvā mahābījaṃ kiṃ na sidhyati bhūtale || 23 ||
Dies ist der Vagbhava-Teil, Göttin, der Meisterschaft über die Sprache schenkt. Was könnte nach dem Wiederholen dieses großen Bija auf Erden nicht gelingen?

2.24 bālakasya tu jihvāyāṃ tridinābhyantare nyaset |
madhunā śvetadūrvābhiḥ suvarṇasya śalākayā || 24 ||
Innerhalb von drei Tagen nach der Geburt soll nach der Ritualvorschrift mit Honig, weißem Durva-Gras und einem goldenen Stäbchen auf die Zunge des Kindes

2.25 idaṃ vāgbhavakūṭaṃ tu likhedvai jananāntare |
sa eva paṇḍito bhūyānna [bhūtvā kha pāṭhaḥ |] tu mūrkho bhaved dhruvam || 25 ||
dieser Vagbhava-Teil geschrieben werden. Der Text verheißt, das Kind werde dadurch ein Gelehrter und kein Unwissender.

2.26 eta[ida kha pāṭha |]dvāgbhavakūṭaṃ tu vāliśasyāpi mūrdhani |
hastaṃ dattvā paṭhet siddhamaṣṭotaraśataṃ priye || 26 ||
Legt man einem noch Ungebildeten die Hand auf das Haupt und rezitiert den vollendeten Vagbhava-Teil hundertachtmal, Geliebte,

2.27 so'pi ślokānmaheśāni karotyeva na saṃśayaḥ |
satarkapadavākyārthaśabdālaṃkārasāravit || 27 ||
so werde auch dieser Verse dichten, höchste Herrin, kundig in Logik, Wort- und Satzbedeutung sowie sprachlichem Schmuck.

2.28 jihvāyāṃ nyasanād devi mūko'pi sukavirbhavet |
bahunātra kimuktena jalpitenāpi sundari || 28 ||
Durch das Auflegen auf die Zunge werde selbst ein Stummer ein guter Dichter. Wozu noch viele Worte darüber, Schöne?

2.29 vāgīśaṃ spardhate[rddha ka pāṭha |] vākaiḥ sarvajño bhuvi jāyate |
mūko bhavati vāgīśo vācaspatirivāparaḥ || 29 ||
Er werde an Redegewandtheit mit dem Herrn der Sprache wetteifern und auf Erden allwissend werden; der Stumme werde ein zweiter Vachaspati.

2.30 [śiva ha candra sa kāma ka vyoma ha purandara la lajjā hrī iti kāmarājakūṭam |] śivacandrau samudbhṛtya kāmavyomapurandarān |
uddharet parameśāni lajjābījaṃ tataḥ priye || 30 ||
Dann erschließe man die durch Shiva, Mond, Kama, Raum und Purandara bezeichneten Laute; danach das Lajja-Bija, höchste Göttin, Geliebte.

2.31 kāmarājamidaṃ bhadre ṣa[yadva ka pāṭha |]ḍvarṇa sarvaśobhitam |
[candra sa kāma ka indra la mahāmāyā hrī iti śaktikūṭam |] candraḥ kāmastathendraśca mahāmāyā tataḥ param || 31 ||
Dies ist der sechslautige Kamaraja-Teil, Glückverheißende. Für den nächsten Teil werden Mond, Kama, Indra und danach Mahamaya genannt.

2.32 śaktibījaṃ varārohe vedākṣarasamanvitam |
trikūṭeyaṃ mahāvidyā mahātripurasundarī || 32 ||
Das ist das mit vier Lauten versehene Shakti-Bija, Schöne. Diese aus drei Teilen bestehende Mahavidya ist die große Tripurasundari.

2.33 sarvatīrthama(ye?yī) devī sarvadevasvarūpiṇī |
sarvaśāstramayī śuddhā sarvadoṣavivarjitā || 33 ||
Sie verkörpert alle heiligen Pilgerstätten, alle Gottheiten und alle Lehrschriften; sie ist rein und frei von jedem Mangel.

2.34 caturvedamayī sākṣāt sarvasaubhāgyadāyinī |
kāmarājākhyavidyeyaṃ bhogamokṣaphalapradā || 34 ||
Sie ist unmittelbar die vier Veden und gewährt alles Glückverheißende. Diese Kamaraja genannte Vidya schenkt die Früchte von Erfahrung und Befreiung.

2.35 anayā sadṛśī vidyā triṣu lokeṣu durlabhā |
etasyā eva vidyāyāḥ śaktiṃ turyaṃ ca pārvati || 35 ||
Eine ihr gleiche Vidya ist in den drei Welten schwer zu finden. Wenn man bei dieser Vidya die als Shakti und als vierter Vokal bezeichneten Laute

2.36 [uktāyā eva vidyāyā vāgbhavādau śaktiturye eī vihāya śiva ha induḥ sa ityetat dvayamādau niyojya lopāmudropāsitā vidyā bhavati |] hitvā mukhe śivendubhyāṃ lopāmudrā prakāśitā |
[māra ka yoni e kāma ka śakra la īśvaro hrī iti vāgbhavakūṭasthāne vinyasya pūrvavatkāmarājaśaktiyogāt śāṃbhavī vidyā |] mārabījaṃ tato yoniḥ kāmaḥ (śu?śa)kraṃ tatheśvarī || 36 ||
am Anfang durch Shiva und Mond ersetzt, erscheint die Lopamudra-Form. Für die nächste Form werden Mara-Bija, Yoni, Kama, Shakra und Ishvari genannt.

2.37 pūrvavat kāmarājaṃ ca śaktikūṭaṃ tathaiva ca |
savīryyā siddhidā vidyā trailokyavaśakāriṇī || 37 ||
Es folgen wie zuvor Kamaraja- und Shakti-Teil. Diese kraftvolle Vidya verleiht Vollendung und soll die drei Welten zugänglich machen.

2.38 tava snehānmaheśāni mayeyaṃ tu prakāśitā |
etacchāṃbhavamuddiṣṭaṃ śṛṇu śāktamataḥ param [ra ka pāṭha |] || 38 ||
Aus Liebe zu dir, große Göttin, habe ich sie offenbart. Dies ist die Shambhava-Form; höre nun die Shakta-Form.

2.39 [śakti sa maheśa ha kāma k indra la mahāmāyā hrīṃ iti prāguktavidyāyā vāgbhave niyojya śāktī vidyā sapadyate |] śaktirmaheśaḥ kāmaśca indrabījamataḥ param |
mahāmāyā tataḥ paścāt pūrvavadaparaṃ tataḥ || 39 ||
Die Lautangaben lauten Shakti, Mahesha, Kama, Indra-Bija und danach Mahamaya; der übrige Teil bleibt wie zuvor.

2.40 vidyātrayamidaṃ bhadre durlabhaṃ bhuvanatraye |
devyuvāca ṣoḍaśārṇāṃ mahāvidyāṃ trailokyavaśadāyinīm || 40 ||
Diese drei Vidyas, Glückverheißende, sind in den drei Welten schwer zu finden. Die Göttin sprach: Erkläre nun die sechzehnlautige Mahavidya, die Macht über die drei Welten gewährt.

2.41 adhunā kathayeśāna yadyahaṃ tava vallabhā |
īśvara uvāca śṛṇu devi mahāvidyāṃ ṣoḍaśākṣararūpiṇīm || 41 ||
Verkünde sie, Herr, wenn ich deine Geliebte bin. Ishvara sprach: Höre die Mahavidya in sechzehnlautiger Gestalt, Göttin.

2.42 etasyā eva vidyāyā yadādye bhuvaneśvarī |
tadeyaṃ parameśāni ṣoḍaśākṣararūpiṇī || 42 ||
Wird dieser Vidya am Anfang Bhuvaneshvari vorangestellt, so besitzt sie sechzehn Laute, höchste Herrin.

2.43 māyāsthāne (vā?ra) mābījaṃ dattvānyā [bhuvaneśvarī hrī tadādiyutā pūrvoktā vidyā ṣoḍaśārṇā | athavādau ramābījopetā tathā bhavati |] ṣoḍaśī bhavet |
varadā siddhidā vidyā [dyāt ka pāṭha |] kuberāspadadāyinī || 43 ||
Setzt man an die Stelle des Maya-Bija das Rama-Bija, entsteht eine andere Shodashi. Sie gewährt Segen, Vollendung und den Reichtumsbereich Kuberas.

2.44 cintāmaṇiriyaṃ vidyā trailokye cāpi durlabhā |
vedādimaṇḍitā cānyā vidyā mokṣapradāyinī || 44 ||
Diese Vidya ist ein Wunschedelstein und in den drei Welten schwer zu finden. Eine weitere, mit dem Anfang der Veden versehene Form schenkt Befreiung.

2.45 tathaiva hi mahā[māyā kha pāṭha |]bījaṃ ramābījaṃ tathaiva ca |
pañcadaśākṣarīvidyāṃ tathaiva ca samuddharet || 45 ||
Ebenso erschließe man zuerst das große Maya-Bija und das Rama-Bija und danach die fünfzehnsilbige Vidya.

2.46 seyaṃ [samanantaroktā pañcadaśākṣarī māyāramābhyā hrī śrīṃ ityābhyāsādyayojitā saptadaśākṣarī vidyā bhavati |] saptadaśī vidyā sākṣāt jāgratsvarūpiṇī |
devyuvāca tataḥ kathaya deveśa rājarājeśvarīṃ parām || 46 ||
Diese siebzehnsilbige Vidya ist unmittelbar die wache Gestalt. Die Göttin sprach: Erkläre nun die höchste Rajarajeshvari, Herr der Götter,

2.47 ṣoḍaśārṇāṃ mahāvidyāṃ trailokyavaśadāyinīm |
jananīṃ sarvamantrāṇāṃ parabrahmasvarūpiṇīm || 47 ||
die sechzehnlautige Mahavidya, die die drei Welten zugänglich macht, die Mutter aller Mantras und Gestalt des höchsten Brahman.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 2.48 rājarājeśvarīṃ vidyāṃ tathāsyāḥ kavacaṃ priye |
yo jānāti mahīpṛṣṭhe sa devo natu mānuṣaḥ || 48 ||
Ishvara sprach: Wer auf Erden die Rajarajeshvari-Vidya und ihr Kavacha kennt, Geliebte, ist nach diesem Lobpreis ein Gott und kein gewöhnlicher Mensch.

2.49 rājarājeśvarī vidyā kathyate śṛṇu pārvati |
ramābījaṃ samuddhṛtya māyābījaṃ niyojayet || 49 ||
Nun wird die Rajarajeshvari-Vidya erklärt; höre, Parvati. Erschließe das Rama-Bija und füge das Maya-Bija hinzu.

2.50 kāmabījaṃ samālikhya vāgbījaṃ tadanantaram |
caturdaśasvaropetaṃ candraṃ binduyugānvitam || 50 ||
Dann schreibe das Kama-Bija, danach das Sprach-Bija sowie den Mondlaut, versehen mit dem vierzehnten Vokal und dem doppelten Bindu.

2.51 praṇavaṃ bhavuneśānīṃ ramāṃ caiva maheśvari |
pañcadaśākṣarīṃ paścāduddharet parameśvari || 51 ||
Es folgen Pranava, Bhuvaneshani und Rama, große Herrin; danach erschließe die fünfzehnsilbige Vidya.

2.52 vyutkramāt parameśāni pūrvoktabījapañcakam |
ālikhya saṃpuṭīkuryyād vidyeyaṃ dvyaṣṭakūṭakā [ramā śrī māyā hrī kāmabīja klī vāgbīja ai caturdaśasvaropeta savisargaścandrasauḥ praṇava okāra bhuvaneśānī hrīṃ ramā śrī tata pañcadaśākṣarī vyutkramai bījapañcakaiśca sapuṭitā ṣoḍaśakūṭā turīyā vidyā bhavati |] || 52 ||
Die zuvor genannten fünf Bijas schreibe in umgekehrter Reihenfolge dazu und umschließe damit die Formel. Diese Vidya besitzt sechzehn Gruppen; die Glosse erläutert diese Einfassung.

2.53 turīyeyaṃ mahāvidyā kevalātmasvarūpiṇī |
ṣoḍaśārṇā mahāvidyā śrīvidyā kathitā parā || 53 ||
Dies ist die vierte Mahavidya, deren Wesen das alleinige Selbst ist. Als höchste Shrividya wird die sechzehnlautige Mahavidya bezeichnet. Die Begriffe „Laute“ und „Gruppen“ wechseln hier und sind nicht durch eine neue Rekonstruktion vereinheitlicht.

2.54 vaktrakoṭisahasraistu jihvākoṭiśatairapi |
varṇituṃ naiva śakyeyaṃ śrīvidyā ṣoḍaśākṣarī [śakye'ha śrīvidyā ṣoḍaśākṣarīm kha pāṭhaḥ |] || 54 ||
Mit Tausenden Millionen Gesichtern und Hunderten Millionen Zungen lässt sich diese sechzehnlautige Shrividya nicht erschöpfend beschreiben.

2.55 ṣoḍaśārṇā mahāvidyā sarvatantreṣu gopitā |
tava snehānmaheśāni gandharve vai prakāśitā || 55 ||
Die sechzehnlautige Mahavidya wird in allen Tantras verborgen gehalten. Aus Liebe zu dir, höchste Göttin, ist sie im Gandharva offenbart worden.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde vidyābhedoddhāranirūpaṇaṃ nāma dvitīyaḥ paṭalaḥ || 2 ||
Hier endet das 2. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Formen der Vidya“.

Kapitel 3: Panchami-Vidya und ihre Anwendungen

tṛtīyaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 3.1 devadeva jagannātha bhaktānāmārtināśana |
pañcapañcākṣarīṃ vidyāṃ pañcamīṃ sarvakāmadām || 1 ||
Gott der Götter, Weltenherr, Leidbeseitiger der Verehrer! Lehre die fünffach-fünflautige Panchami-Vidya, die alle Wünsche erfüllt.

3.2 adhunā kathayeśāna samagrāṃ pāpanāśinīm |
īśvara uvāca durlabhā pañcamī vidyā pañcakūṭātmikā śubhā || 2 ||
Verkünde sie jetzt vollständig, Herr, die Verfehlung auflösende Lehre. Ishvara sprach: Schwer zu erlangen ist die glückverheißende Panchami-Vidya mit ihren fünf Mantragruppen.

3.3 bhuktimuktipradā śuddhā sukhadā duḥkhanāśinī |
śṛṇu devi pravakṣyāmi yathā sā cintyate parā || 3 ||
Sie ist rein, schenkt Erfahrung und Befreiung, gewährt Glück und beseitigt Leid. Höre, wie diese höchste Göttin betrachtet werden soll.

3.4 gurubhaktena śuddhena sādhakena subuddhinā |
devī pañcātmakaṃ sarvaṃ jagadetaccarācaram || 4 ||
Der reine, verständige und dem Guru ergebene Sadhaka vergegenwärtige sie so: Die ganze bewegliche und unbewegliche Welt ist fünffach.

3.5 pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca |
pṛthivī brāhmaṇī śaktirjalaṃ nārāyaṇī tathā || 5 ||
Ihre Elemente sind Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. Die Erde ist die Shakti Brahmani, das Wasser Narayani.

3.6 tejo rudrasya rudrāṇī vāyurīśasya ceśvarī |
māheśvarī tathākāśaṃ śaktirmaheśvarasya ca || 6 ||
Das Feuer ist Rudrani, die Kraft Rudras; der Wind Ishvari, die Kraft Ishas. Der Raum ist Maheshvari, die Kraft Maheshvaras.

3.7 pañcadevā[vyā kha pāṭha |]tmakaṃ pañca pañcamīpañcaśaktayaḥ |
yā śaktiḥ sarvabhūtānāṃ jagaccaitanyarūpiṇī || 7 ||
Die fünf Kräfte Panchamis verkörpern die fünf Gottheiten. Jene Kraft aller Wesen, deren Gestalt das Bewusstsein der Welt ist,

3.8 sā [sadhyebhāva aiśa evamagrepi bodhyam |)] eva pañcamīvidyā jagadādhārarūpiṇī |
sā eva hi jagatsarvaṃ sā eva paramā kalā || 8 ||
ist eben die Panchami-Vidya, Grundlage der Welt. Sie ist die gesamte Welt und zugleich die höchste Kala.

3.9 nānyat parataraṃ devi vidyate tadbahiṣkṛte |
pañcaviṃśatitattvena kūṭake pañca devatāḥ || 9 ||
Außerhalb ihrer gibt es nichts Höheres, Göttin. In den Mantragruppen stehen die fünf Gottheiten in Beziehung zu den fünfundzwanzig Tattvas.

3.10 ādau kāmeśvarī jñeyā tato vajreśvarī śubhā |
tṛtīyā bhagamālā ca turyyā tripurasundarī || 10 ||
Als Erste gilt Kameshvari, dann die glückverheißende Vajreshvari, als Dritte Bhagamala und als Vierte Tripurasundari.

3.11 śrīmattripurasundaryyāścintanīyā parā kalā |
sā eva pañcamī śaktiḥ parabrahmasvarūpiṇī || 11 ||
Die höchste Kala der ehrwürdigen Tripurasundari ist zu betrachten: Sie ist die fünfte Shakti, deren Wesen das höchste Brahman ist.

3.12 paramānandarūpaṃ yajjagatāṃ kāraṇaṃ mahat |
tasyā devyāstu tadrūpamudayāstavivarjitam || 12 ||
Was höchste Wonne und der große Ursprung der Welten ist, das ist die Gestalt dieser Göttin, frei von Aufgang und Untergang.

3.13 sthūlatve sthūlarūpā sā sūkṣmatve sūkṣmarūpiṇī |
sthūlasūkṣmaprabhedena jagatkāraṇarūpiṇī || 13 ||
Im Groben besitzt sie grobe, im Feinen feine Gestalt. Durch diese beiden Erscheinungsweisen ist sie Ursprung der Welt.

3.14 yo'sau viśveśvaro devo viśvaṃ vyāpya sthitaśca yaḥ |
saiva viśveśvarī devī vyāpakatvena saṃsthitā || 14 ||
Jener göttliche Weltenherr, der alles durchdringt, ist eben die Göttin Vishveshvari, in ihrer alles durchdringenden Gegenwart.

3.15 nityā sā sukharūpā ca mahāsukhaśubhapradā |
tatsvarūpānandamayī1 paramānandarūpiṇī || 15 ||
Ewig und von glückvollem Wesen, schenkt sie großes Glück und Heil. Sie ist von der Wonne ihres eigenen Wesens erfüllt, höchste Wonne selbst.

3.16 kiṃ punaḥ śaktirūpeṇa parabrahmasvarūpiṇī |
tasyāḥ punaḥ punaḥ sṛṣṭirjāyate līyate sadā || 16 ||
Als Shakti ist sie das höchste Brahman. Aus ihr entsteht die Schöpfung immer wieder und löst sich beständig in ihr auf.

3.17 tasmācchaktiḥ pradhānā ca śaktyā vyāptamidaṃ jagat |
sarvadānandahṛdayaścādvaitānandapāragaḥ || 17 ||
Daher ist Shakti das grundlegende Prinzip, und von ihr ist diese Welt durchdrungen. Der Übende sei im Herzen stets von Wonne erfüllt und in nichtdualer Wonne bewandert.

3.18 samayācārasaṃpanno bhogī bhogaparāyaṇaḥ |
sadā jñānaviśuddhātmā gurubhakto jitendriyaḥ || 18 ||
Er halte die überlieferten Verpflichtungen ein, begegne dem Erleben bewusst, sei durch Erkenntnis gereinigt, dem Guru ergeben und Herr seiner Sinne.

3.19 gandharvarūpavān bhūtvā pañcamīṃ samupāsayet |
pṛthivyāṃ māna(vo?vaḥ) śreṣṭho yadi jānāti pañcamīm || 19 ||
In der Haltung eines Gandharva verehre er Panchami. Wenn ein vortrefflicher Mensch auf Erden Panchami kennt,

3.20 śāpabhraṣṭena gandharvo na naro daivayogataḥ |
yo jānāti mahāvidyāṃ pañcakūṭātmikāṃ parām || 20 ||
ist er nach diesem Lobpreis kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein durch einen Fluch herabgekommener Gandharva. Wer die höchste Mahavidya mit fünf Gruppen kennt,

3.21 sa bhavet khacaro devi ṣaṇmāsānnātra saṃśayaḥ |
sadā jñānaviśuddhātmā mokṣabhāgī bhavennaraḥ || 21 ||
werde innerhalb von sechs Monaten ein Himmelswanderer, Göttin, ohne Zweifel. Stets durch Erkenntnis gereinigt, werde der Mensch der Befreiung teilhaftig.

3.22 bhogena labhate muktiṃ yadi jānāti pañcamīm |
pañcapañcākṣarīṃ vidyāṃ yo'sau jānāti sādhakaḥ || 22 ||
Wer Panchami kennt, erlangt durch Erfahrung Befreiung. Der Sadhaka, der die fünffach-fünflautige Vidya kennt,

3.23 sa pūjyaḥ sarvalokeṣu sa devo natu mānuṣaḥ [mānava kha pāṭha |] |
trikūṭameva [ka ka pāṭha |] kūṭeṣu kūṭamekaṃ tripañcakam || 23 ||
ist in allen Welten verehrungswürdig, göttlich und nicht bloß menschlich. Unter den Gruppen bilden die drei mittleren zusammen eine fünfzehnteilige Gruppe.

3.24 pañcapañcākṣarī vidyā trikūṭā pañcakūṭakaiḥ |
pañcaviṃśatitattvena varṇarūpeṇa saṃsthitā || 24 ||
Die fünffach-fünflautige Vidya besteht so aus drei Hauptteilen mit insgesamt fünf Gruppen und verkörpert in Lautgestalt die fünfundzwanzig Tattvas.

3.25 ekavarṇe trikūṭe ca trikūṭe pañca devatāḥ |
ekavarṇe pañcadaśa devatāḥ parikīrtitāḥ || 25 ||
In jedem Laut sind drei Gruppen und in jeder Dreiergruppe fünf Gottheiten; so werden in einem Laut fünfzehn Gottheiten genannt.

3.26 pañcaviṃśatitattvena trikūṭe pañcasaṃkhyayā |
pañcasaptatipūrvāṇi tena tāsāṃ śatatrayam || 26 ||
Durch die fünfundzwanzig Tattvas und die fünfgliedrige Dreierordnung ergeben sich dreihundertfünfundsiebzig. Die knappe Zählung setzt die fünfzehn Gottheiten je Laut voraus.

3.27 pañcakūṭānvitā vidyā parā saubhāgyasundarī |
varṇarūpeṇa sā devī jagadādhārarūpiṇī || 27 ||
Die höchste, fünfgruppige Vidya ist Saubhagyasundari. In Lautgestalt ist die Göttin die Grundlage der Welt.

3.28 akṣarāt sarvamutpannaṃ jagadetaccarācaram |
nityamekākṣaraṃ brahma akṣaraṃ paramaṃ padam [sakṛjjaptvākṣara mantra brahmabhūyāya kalpate | ityadhika kha pāṭha |] || 28 ||
Aus dem unvergänglichen Laut ist die ganze bewegliche und unbewegliche Welt entstanden. Brahman ist ewig, ein einziger unvergänglicher Laut, die höchste Stätte.

3.29 japyamekākṣaraṃ brahma ādikūṭāntamadhyagam |
japtvā tatsādhayet sarvaṃ bahujaptena [jāpyena kha pāṭha |] kiṃ phalam || 29 ||
Zu wiederholen ist dieses einsilbige Brahman, das Anfang, Mitte und Ende der Gruppen durchzieht. Durch seine Wiederholung lässt sich alles verwirklichen; was nützt bloße Vielheit des Rezitierens?

3.30 tadeva paramaṃ guhyaṃ mahāsaubhāgyadāyakam |
tadeva pañcakūṭaṃ tu pañcatattvena pañcamī || 30 ||
Dies ist das höchste Geheimnis, das großes Heil schenkt. Dasselbe ist fünffach gegliedert und heißt aufgrund der fünf Prinzipien Panchami.

3.31 [kāma ka viṣṇuyuto'kāropeta, śakti e māyā ī śakro la mahāmāyā hrī ityetatpañcamīvidyāyā prathama vāgbhavakūṭam] kāmaṃ viṣṇuyutaṃ śaktirmāyā śakraśca pārvati |
paścād devi mahāmāyābījaṃ cānte niyojayet || 31 ||
Die Lauterschließung nennt Kama verbunden mit Vishnu, dann Shakti, Maya und Shakra; am Ende füge man das Mahamaya-Bija hinzu, Parvati.

3.32 [madhyakūṭatraya kāmarājasya | tanna śiva ha śakti sa kāmaḥ ka bhṛ la vyomānaletyādinā hrīṃ, iti kāmarājasya prathama kūṭam |] śivabījaṃ samudhṛtya śaktibījaṃ tadantaram |
tadadhaḥ kāmabījaṃ tu bhūrvyomānalasaṃyutam || 32 ||
Erschließe das Shiva-Bija, danach das Shakti-Bija, darunter das Kama-Bija, ferner Erde und die Verbindung von Raum und Feuer.

3.33 caturthasvarasaṃyuktamarddhendubindubhūṣitam |
prathamaṃ kāmarājasya kūṭaṃ trailokyapūjitam || 33 ||
Mit dem vierten Vokal verbunden und mit Halbmond und Bindu geschmückt, bildet dies die erste Kamaraja-Gruppe, verehrt in den drei Welten.

3.34 madhyakūṭaṃ pravakṣyāmi kāmarājasya madhyagam |
atiguhyataraṃ devi snehād vakṣyāmi kevalam || 34 ||
Nun erkläre ich die mittlere Gruppe im Inneren des Kamaraja-Teils, das überaus verborgene Geheimnis; allein aus Liebe verkünde ich es.

3.35 [viyat ha viṣṇuyutamakāropetam | mādana ka hasa ha indra la viṣṇo padamityādinā hrī, iti kāmarājasya madhyama kūṭam |] viyadviṣṇuyutaṃ devī mādanaṃ tadanantaram |
tadadho haṃsabījaṃ tu indrabījaṃ samuddharet || 35 ||
Raum verbunden mit Vishnu, danach Madana, darunter das Hamsa-Bija und anschließend das Indra-Bija werden erschlossen.

3.36 viṣṇoḥ padaṃ vahniyutaṃ māyābījaṃ samuddharet |
madhyakūṭamidaṃ proktaṃ mahāsaubhāgyadāyakam || 36 ||
Die Stätte Vishnus verbunden mit Feuer ergibt das Maya-Bija. Dies ist die mittlere Gruppe, die großes Heil schenkt.

3.37 turīyaṃ tu pravakṣyāmi śṛṇu devi sudurlabham |
[kāma ka śiva ha vāyu ya indra la viyadityādinā hrī, iti kāmarājasya tṛtīya kūṭam |] kāmabījaṃ maheśāni śivabījaṃ tataḥ param || 37 ||
Nun erkläre ich die vierte, schwer zu erlangende Gruppe. Zuerst das Kama-Bija, danach das Shiva-Bija, höchste Herrin.

3.38 tadadho vāyubījaṃ tu indrabījaṃ niyojayet |
viyad vahnisamāyuktaṃ caturthasvarabhūṣitam || 38 ||
Darunter füge man das Luft-Bija und das Indra-Bija, sodann Raum verbunden mit Feuer und geschmückt mit dem vierten Vokal.

3.39 arddhendubindusaṃyuktaṃ caturthaṃ kūṭamuttamam |
śaktikūṭaṃ pravakṣyāmi śṛṇu devi sudurlabham || 39 ||
Mit Halbmond und Bindu verbunden, bildet dies die vortreffliche vierte Gruppe. Höre nun die schwer zugängliche Shakti-Gruppe.

3.40 yacchrutvā sādhakāḥ sarve labhante muktimuttamām |
[prāṇo ha kāma ka indra la devī sa sāntamityādinā hrī iti śaktikūṭam |] prāṇabījaṃ samuddhṛtya kāmabījaṃ samuddharet || 40 ||
Durch deren Hören erlangen die Sadhakas höchste Befreiung. Erschließe zuerst das Prana-Bija, danach das Kama-Bija.

3.41 indrabījaṃ tathā de(vi?vī) krameṇa viniyojayet |
sāntaṃ vahnisamāyuktaṃ caturthasvarasaṃyutam || 41 ||
Dann füge nacheinander das Indra-Bija und den Göttinnenlaut hinzu; es folgt der bezeichnete Schlusslaut, verbunden mit Feuer und dem vierten Vokal.

3.42 nādabindukalāyuktaṃ śaktikūṭaṃ samuddharet |
phalaṃ cāsyā viśeṣeṇa sādhanaṃ ca varānane || 42 ||
Mit Nada, Bindu und Kala verbunden, wird so die Shakti-Gruppe erschlossen. Ihre besondere Frucht und Praxis, Schönangesichtige,

3.43 kathitavyaṃ mayā [mahādevi ka pāṭha |] devi saṃkṣepāt kathyate'dhunā |
eṣā vidyā mahāvidyā guhyād guhyatamā priye || 43 ||
werde ich nun kurz erklären. Diese Vidya ist die große Lehre, verborgener als das Verborgene, Geliebte.

3.44 bhogadā mokṣadā caiva sarvakāmārthasiddhidā |
vāgbhavaṃ prathamaṃ kūṭaṃ śaktikūṭaṃ tu pañcamam || 44 ||
Sie gewährt Erfahrung, Befreiung und die Erfüllung aller Wünsche. Die erste Gruppe ist Vagbhava, die fünfte die Shakti-Gruppe.

3.45 madhyakūṭatrayaṃ devi kāma(bī?rā)jaṃ manoharam |
kāma(bī?rā)jaṃ pravakṣyāmi kūṭabhedena tacchṛṇu || 45 ||
Die drei mittleren Gruppen bilden den anziehenden Kamaraja-Teil. Höre dessen Erklärung nach den einzelnen Gruppen.

3.46 jñātvā tatsādhayed devi asādhyamapi bhūtale |
saubhāgyaṃ prathamaṃ kūṭaṃ mahāsaubhāgyadāyakam || 46 ||
Wer ihn kennt, vermag selbst schwer Erreichbares auf Erden zu verwirklichen. Die erste Gruppe bedeutet Glückverheißung und schenkt großes Heil.

3.47 trikūṭamekakūṭena kāma(bī?rā)jaṃ mahatparam [dam ka pāṭha |] |
evaṃ kūṭatrayeṇaiva nityā saubhāgyasundarī || 47 ||
Die drei mittleren Gruppen werden zu einem erhabenen Kamaraja-Teil zusammengefasst. So besteht die ewige Saubhagyasundari aus drei Hauptteilen.

3.48 ekatra pañcakūṭena nityaṃ kūṭatrayānvitā |
durlabhā sarvalokeṣu mahāsaubhāgyasundarī || 48 ||
Insgesamt besitzt sie fünf Gruppen und bleibt zugleich dreiteilig: die in allen Welten schwer zu erlangende Mahasaubhagyasundari.

3.49 etasyā eva vidyāyā madhyakūṭasya madhyamam |
japtvānandamayo bhūtvā sarvakāmamupālabhet || 49 ||
Wer die mittlere der mittleren Gruppen dieser Vidya wiederholt, wird von Wonne erfüllt und erlangt die Erfüllung aller Wünsche.

3.50 iyaṃ svapnāvatī nāmnā vidyā trailokyaviśrutā |
ākarṣaṇakarī vidyā jagadāhlādakāriṇī || 50 ||
Diese in den drei Welten bekannte Vidya heißt Svapnavati. Ihr wird die Kraft zugeschrieben, anzuziehen und die Welt zu erfreuen.

3.51 sādhanaṃ ca pravakṣyāmi yasmādākarṣaṇaṃ bhavet |
svarge ma(rte?rtye) ca pātāle nārīṇāṃ puruṣasya ca || 51 ||
Ich erkläre ihre Praxis, durch die Frauen und Männer im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt angezogen werden sollen.

3.52 nāryo vaśyā viśeṣeṇa vaśaṃ (jā?yā)ti jagattrayam |
bhogadā mokṣadā caiṣā vidyā gandharvasevitā || 52 ||
Besonders Frauen und darüber hinaus die drei Welten sollen dadurch gefügig werden. Diese von Gandharvas verehrte Vidya schenkt nach dem Text Erfahrung und Befreiung.

3.53 mahābhogavatī vidyā mahadaiśvaryadāyinī |
tathā madhumatīsiddhirjāyate'syāḥ prasādataḥ || 53 ||
Sie ist reich an Genuss und verleiht große Macht; durch ihre Gunst entsteht auch die Madhumati-Siddhi.

3.54 bṛhattvaṃ ca laghutvaṃ ca darśanādarśane tathā |
praveśaṃ parakāyasya kāmarūpo bhaved dhruvam || 54 ||
Genannt werden Großwerden und Leichtwerden, Sichtbar- und Unsichtbarwerden, das Eingehen in einen anderen Körper und das Annehmen beliebiger Gestalten.

3.55 puṃsāṃ rūpaṃ striyo rūpaṃ yaccānyadrūpamuttamam |
sarvaṃ tat paramaṃ rūpaṃ tasyā eva na saṃśayaḥ || 55 ||
Männliche Gestalt, weibliche Gestalt und jede andere vortreffliche Gestalt sind ohne Zweifel Ausdruck ihrer höchsten Gestalt.

3.56 kāntistuṣṭistathā puṣṭiḥ śraddhā lajjā dayā ghṛṇā |
dhṛtiḥ śāntistathā ṛddhiḥ siddhirbuddhirmatiḥ kṣamā || 56 ||
Glanz, Zufriedenheit, Gedeihen, Vertrauen, Schamhaftigkeit, Mitgefühl, sittliche Scheu, Standhaftigkeit, Frieden, Wohlergehen, Vollendung, Einsicht, Verstand und Geduld,

3.57 mahāmāyā mahābuddhirmahāvidyā mahodayā |
mahāmahatkarī vidyā brahmavidyaiva kevalā || 57 ||
große Maya, große Einsicht, großes Wissen und große Entfaltung: All dies ist jene Vidya, die das Große hervorbringt, allein Brahman-Erkenntnis.

3.58 mahābhūtadine naktaṃ śmaśāne yadi sādhakaḥ |
sahasraikapramāṇena kiṃ na sidhyati bhūtale || 58 ||
Was könnte dem Sadhaka auf Erden nicht gelingen, wenn er in der Nacht des Mahabhuta-Tages auf dem Leichenverbrennungsplatz tausendmal rezitiert?

3.59 yo japet pañcamīṃ vidyāṃ parāṃ trailokyamātṛkām |
sa naro devadeveśo mahādeva ivāparaḥ || 59 ||
Wer die höchste Panchami-Vidya, Mutter der drei Welten, wiederholt, wird nach dem Lobpreis selbst zum Herrn der Götter, einem zweiten Mahadeva gleich.

3.60 bhogātmā labhate bhuktiṃ nānābhogena kevalam |
bhunakti bahulān bhogān rasānnānāvidhānapi || 60 ||
Dem Erleben zugewandt, erlangt er Erfüllung durch vielfältige Erfahrung und genießt vielerlei Freuden und unterschiedliche Geschmäcker.

3.61 yad bruvantyakṣaraṃ loke bhunakti bahulaṃ sukham |
śūnyāgāre vihāre ca cinta(yenno?yanyo) japetparām || 61 ||
Er erfährt reiches Glück aus dem, was als unvergänglicher Laut bezeichnet wird. In einem leeren Haus oder an einem abgeschiedenen Aufenthaltsort vergegenwärtige und rezitiere er die höchste Göttin.

3.62 ākarṣaṇaṃ bhavettasya sarvakāmaṃ tato labhet |
prathamānandahṛdayo dvitīya(ma?mu)pabhogavān || 62 ||
Dadurch soll Anziehung entstehen und jeder Wunsch erfüllt werden. Sein Herz sei an der ersten Wonne beteiligt, die zweite genieße er.

3.63 tṛtīyamupabhogena caturthamapi kāmayet |
pañcamaṃ prathamaṃ puṇyaṃ mantrasiddhikaraṃ param || 63 ||
Durch die Erfahrung des Dritten richte er sein Verlangen auch auf das Vierte. Das Fünfte gilt als vorrangig, heilsam und höchstes Mittel zur Mantravollendung.

3.64 pañcamaṃ tu viśeṣeṇa bhogayet kāmayet sadā |
pañcamābhyasanādvīraḥ pūjāyā labhate phalam || 64 ||
Besonders das Fünfte soll er erfahren und anstreben. Durch seine Einübung erlangt der Vira die Frucht der Verehrung. Der Abschnitt spielt auf die fünf rituellen Elemente an.

3.65 kuṇḍagolodbhavairdravyaiḥ svayaṃbhūkusumena ca |
rocanākuṃkumābhyāṃ ca japamālāṃ pralepayet || 65 ||
Die Gebetskette wird mit Kunda- und Gola-Stoffen, der „selbstentstandenen Blüte“, Rocana und Safran bestrichen. Die verhüllenden Bezeichnungen gehören zum Bereich ritueller Körper- und Sexualsubstanzen.

3.66 karpūrāgurukastūrīrocanākuṃkumena ca |
japamālāmupaskṛtya pratiṣṭhāṃ vidhivaccaret || 66 ||
Mit Kampfer, Aloe, Moschus, Rocana und Safran bereite man die Gebetskette vor und weihe sie nach der vorgeschriebenen Ordnung.

3.67 taddravairakṣatāñchuddhān saṃ(śrā?srā)vya ca punaḥ punaḥ |
vāriṇā śodhitaṃ kṛtvā sindūre nikṣipet tataḥ || 67 ||
Reine, ungebrochene Reiskörner benetze man wiederholt mit jenen Flüssigkeiten, reinige sie mit Wasser und lege sie anschließend in Zinnober.

3.68 paṭe citramaye śuddhe naktaṃ yaḥ pūjayennaraḥ |
japtvā vidyāṃ ca mālāyāṃ sarvakāmamupālabhet || 68 ||
Wer nachts auf einem reinen, bemalten Tuch verehrt und die Vidya mit der Gebetskette rezitiert, erlangt nach der Verheißung alle Wünsche.

3.69 ānīya kanyakāṃ divyāṃ pramadāṃ yauvanonnatām |
ukṣitāṃ mūlamantreṇa suśīlāṃ cāruhāsi(hnīṃ?nīm) || 69 ||
Man bringe eine als göttlich betrachtete, zur Jugendblüte gelangte unverheiratete Frau herbei, mit dem Wurzelmantra besprengt, von gutem Verhalten und schönem Lächeln.

3.70 sarvadānandahṛdayāṃ ghṛṇālajjāvivarjitām |
gurubhaktāṃ suveśāṃ ca devatāpūjane ratām || 70 ||
Ihr Herz sei stets freudig, frei von Abscheu und Befangenheit; sie sei dem Guru ergeben, passend gekleidet und der Götterverehrung zugewandt.

3.71 tasyā gātre nyasenmantrī pañcakāmāñ śarānapi |
pañcakūṭaṃ nyasenmantrī pañcāśanmātṛkāṃ nyaset || 71 ||
An ihrem Körper vollziehe der Mantrakenner den Nyasa der fünf Kama-Gestalten und ihrer Pfeile, der fünf Mantragruppen und der fünfzig Matrika-Laute.

3.72 divyamālāṃ samādāya sādhako vijitendriyaḥ |
sahasraikapramāṇena japet svapnāvatīṃ tataḥ || 72 ||
Der selbstbeherrschte Sadhaka nehme die geweihte Gebetskette und wiederhole anschließend die Svapnavati tausendmal.

3.73 anenaiva vidhānena bhavedākarṣaṇaṃ mahat |
tasyāstu madanāgāre pūjayet parameśvarīm || 73 ||
Hierdurch soll eine starke Anziehung entstehen. Im „Haus der Liebe“ dieser Frau verehre er die höchste Herrin; gemeint ist der weibliche Genitalbereich.

3.74 [tallakṣaṇaṃ- yathā madhyamāmadhyage kṛtvā kaniṣṭhāṅguṣṭharodhite | tarjanyau daṇḍavat kṛtvā madhyamoparyanāmike | kṣobhābhidhānā mudreya sarvasaṃkṣobhakāriṇī || iti | ] sarvasaṃkṣobhiṇīṃ mudrāṃ baddhvā yoniṃ pracālayet |
kāmeśvarīsvarūpāṃ tāṃ cintayet sādhakottamaḥ || 74 ||
Er forme die Sarvasamkshobhini-Mudra und bewege die Yoni. Dabei vergegenwärtige der Sadhaka die Gefährtin als Kameshvari.

3.75 kāmeśvarasvarūpaṃ ca ātmānamapi bhāvayan |
svayamakṣobhito bhūtvā sādhakaḥ pañcamaṃ caran || 75 ||
Sich selbst betrachte er als Kameshvara und bleibe innerlich unerschüttert, während er das fünfte rituelle Element vollzieht.

3.76 tasyāḥ puṣpaṃ svayaṃ yāvad [prāgvat kha pāṭha |] rakṣaṇīyaṃ prayatnataḥ |
tāmbūlagandhapuṣpaiśca pratyahaṃ pūjayecca tām || 76 ||
Bis ihre „Blüte“ von selbst erscheint, soll er sie sorgsam behüten und täglich mit Betel, Duftstoffen und Blumen ehren.

3.77 nānārasānnapānena tṛptimācarya yatnataḥ |
vastrālaṃkārabhūṣādyaistasyāḥ saṃtoṣamānayet || 77 ||
Er sorge für ihre Zufriedenheit mit wohlschmeckenden Speisen und Getränken und erfreue sie durch Kleidung, Schmuck und andere Gaben.

3.78 yathākāle tathā puṣpaṃ svayaṃ tadgopyarūpataḥ |
gṛhītvā tu prayatnena svayaṃbhūkusumaṃ hi tat || 78 ||
Die zu ihrer Zeit von selbst entstehende „Blüte“ nehme er sorgsam und verborgen entgegen; sie heißt Svayambhu-Kusuma, „selbstentstandene Blüte“.

3.79 svayaṃbhūkusumaṃ divyaṃ trailokyeṣvapi durlabham |
prāpnoti sādhakaśreṣṭho durlabhaṃ sādhayedbhuvi || 79 ||
Dieses rituell als göttlich geltende Menstrualblut wird als in den drei Welten schwer zugänglich gepriesen. Wer es erlangt, soll damit schwer Erreichbares verwirklichen.

3.80 svayaṃbhūpuṣpayogena sākṣatena sadārcayet |
vidyāṃ svapnāvatīṃ japtvā kṣipramākarṣaṇaṃ bhavet || 80 ||
Mit dieser „Blüte“ und ungebrochenen Reiskörnern verehre er beständig. Durch Wiederholung der Svapnavati soll rasch Anziehung entstehen.

3.81 devatāśca grahā nāgā dānavā rākṣasāśca ye |
rājānaśca striyaḥ sarvā nityaṃ vaśyā bhavanti hi || 81 ||
Gottheiten, planetare Mächte, Nagas, Danavas, Rakshasas, Könige und alle Frauen sollen dadurch gefügig werden: So lautet die traditionelle Wirkungsverheißung.

3.82 svayaṃbhūkusumaiḥ pūjāṃ pratyahaṃ yaḥ samācaret |
japtvā vai divyamālāyāṃ sarvakāmamupālabhet || 82 ||
Wer täglich mit diesen „selbstentstandenen Blüten“ verehrt und an der geweihten Gebetskette rezitiert, soll alle Wünsche erlangen.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 3.83 purāpyekādaśī vidyā bhavatā kathitā mayi |
nārādhitā mayā yasmāttasmānmṛtyuvaśaṃ gatā || 83 ||
Parvati sprach: Früher hast du mir die elflautige Vidya erklärt. Weil ich sie nicht verehrte, geriet ich unter die Macht des Todes.

3.84 sārātsāratarāṃ vidyāṃ śrotumicchāmi sāṃpratam |
īśvara uvāca ekādaśākṣarī vidyā bhairavyāḥ kathitā purā || 84 ||
Nun möchte ich die innerste Essenz der Vidya hören. Ishvara sprach: Früher wurde die elflautige Vidya Bhairavis gelehrt.

3.85 idānīṃ tava prītyarthaṃ kathayāmi tathā parām |
[mādana ka gotrabhit la sāntetyādinā hrī, iti vāgbhavam | brahmā ka gagana ha śakra la nakulīśa ityādinā hrī, iti kāmarājam | śakti sa mādana ka śakra la hara ityādinā hrī, iti śaktikūṭam | iyamekādaśākṣarī bhairavī vidyā |] mādanaṃ gotrabhi(cchā?tsā)nto rephamāyārdhacandravān || 85 ||
Jetzt erkläre ich dir zu deiner Freude die höchste Form: Madana, Gotrabhid und der bezeichnete Schlusslaut, verbunden mit Ra, Maya und Halbmond,

3.86 nādabindusamāyukto vāgbhavaḥ parameśvari |
brahmā ca gaganaṃ śakro nakulīśo'nalaḥ śaśī || 86 ||
sowie mit Nada und Bindu: Dies ist Vagbhava. Es folgen Brahma, Raum, Shakra, Nakulisha, Feuer und Mond,

3.87 māyā binduḥ sanādena kāma(bī?rā)jaṃ samuddharet |
śaktirmādanaśakraśca haro vahnīndumāyayā || 87 ||
Maya, Bindu und Nada: So erschließt man Kamaraja. Für den letzten Teil werden Shakti, Madana, Shakra und Hara mit Feuer, Mond und Maya verbunden.

3.88 kalānādasamākrāntaḥ kathitaḥ kāmado manuḥ |
yasmai kasmai na dātavyo bāndhavāya ca pārvati || manurvimṛ(ṣya?śya)dātavyo jyeṣṭhaputrāya dhīmate || 88 ||
Mit Kala und Nada ausgestattet, ist dies das wunscherfüllende Mantra. Man gebe es nicht unterschiedslos irgendwem, auch nicht bloß wegen Verwandtschaft. Nach sorgfältiger Prüfung soll man es dem verständigen ältesten Sohn anvertrauen.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde pañcamīvidyoddhāraprayogādinirūpaṇaṃ nāma tṛtīyaḥ paṭalaḥ || 3 ||
Hier endet das 3. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Panchami-Vidya und ihre Anwendungen“.

Kapitel 4: Schutz der großen Tripurasundari

Die große Göttin ist Mittelpunkt der Verehrung und der Schutzanrufungen.

caturthaḥ paṭalaḥ |
pārvatyuvāca
Parvati sprach: 4.1 devadeva mahādeva lokānāṃ hitakāraka |
yatsūcitaṃ purā nātha kimarthaṃ na prakāśitam || 1 ||
Parvati sprach: Gott der Götter, großer Gott, Wohltäter der Welten! Warum hast du das früher Angedeutete noch nicht offenbart?

4.2 rājarājeśvarīdevyāstripurāyāḥ śubhāvaham |
kavacaṃ yadi me prītaḥ kathayasva vṛṣadhvaja || 2 ||
Wenn du mir zugeneigt bist, Stierbannerträger, verkünde das glückverheißende Kavacha der Göttin Rajarajeshvari, Tripura.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 4.3 lakṣavārasahasrāṇi vāritāsi punaḥ punaḥ |
strīsvabhāvānmahādevi punastvaṃ paripṛcchasi || 3 ||
Ishvara sprach: Hunderttausendfach habe ich dich immer wieder zurückgehalten. Dennoch fragst du erneut, große Göttin, deinem weiblichen Wesen folgend.

4.4 atyantaṃ durlabhaṃ guhyaṃ kavacaṃ sarvakāmadam |
tathāpi kathayāmyadya tava prītyā varānane || 4 ||
Überaus schwer zugänglich und geheim ist dieses alle Wünsche erfüllende Kavacha. Trotzdem erkläre ich es heute aus Liebe zu dir, Schönangesichtige.

4.5 trailekyamohanaṃ nāma triṣu lokeṣu durlabham |
sarvasaubhāgyajananaṃ bhogamokṣaphalapradam || 5 ||
Es heißt „Bezauberung der drei Welten“, ist schwer zu erlangen, bringt alles Glückverheißende hervor und gewährt Erfahrung und Befreiung.

4.6 yaddhṛtvā dānavān viṣṇurnijaghāna sudāruṇān |
lokān vitanute brahmā saṃhartāhaṃ yataḥ priye || 6 ||
Durch seinen Schutz besiegte Vishnu die schrecklichen Danavas; durch seine Kraft erschafft Brahma die Welten und bin ich ihr Auflöser.

4.7 dhanādhipaḥ kubero'pi yataḥ sarve digīśvarāḥ [ra ka pāṭha |] |
naitatparataraṃ guhyaṃ pratijāne hi [jānīhi ka pāṭha |] pārvati || 7 ||
Durch es ist Kubera Herr des Reichtums und bestehen die Hüter der Himmelsrichtungen. Ich versichere dir: Es gibt kein höheres Geheimnis, Parvati.

4.8 vedaśāstrapurāṇeṣu sārametadvarānane |
putradārādisahitaṃ śiro [vo ka pāṭha |] deyaṃ kathaṃcana || 8 ||
Es ist die Essenz von Veden, Lehrschriften und Puranas. Eher sollte man selbst das Haupt samt Kindern und Gattin preisgeben,

4.9 na deyaṃ kavacaṃ guhyaṃ prāṇaiḥ kaṇṭhagatairapi |
śṛṇu sarvāṅgasubhage divyaṃ kavacamuttamam || 9 ||
als dieses geheime Kavacha weiterzugeben, auch wenn das Leben bedroht ist. Höre nun den vortrefflichen göttlichen Schutz, ganz und gar Glückverheißende.

4.10 rājarājeśvarīdevyāḥ kavacasya ṛṣiḥ śivaḥ |
chando virāḍ devatā ca mahātripurasundarī || 10 ||
Der Seher des Kavacha der Rajarajeshvari ist Shiva, das Versmaß Viraj, die Gottheit die große Tripurasundari.

4.11 haṃsaḥ śaktiḥ parā bījaṃ ramābījaṃ ca kīlakam |
dharmārthakāmamokṣeṣu viniyogaḥ prakīrtitaḥ || 11 ||
Hamsa ist seine Shakti, Para sein Bija, das Rama-Bija sein Verschluss. Seine Anwendung gilt Dharma, Wohlstand, Erfüllung und Befreiung.

4.12 tripurā trividhā pātu mama sarvārthasiddhaye |
aiṃ klīṃ sauḥ vadane bālā pātu sarvārthasiddhidā || 12 ||
Die dreifache Tripura schütze mich zur Erfüllung aller Ziele. „Aiṃ klīṃ sauḥ“: Bala, die alle Ziele erfüllt, schütze mein Gesicht.

4.13 hasraiṃ [haisra hesrau ka pāṭha |]-hasakalarī-hasrauḥ kaṇṭhe pātu mahādevī śrīmattripurabhairavī hṛdaye'vyānmaheśānī mahātripurasundarī || 13 ||
„Hasraiṃ – hasakalarī – hasrauḥ“: Die große Göttin Tripurabhairavi schütze die Kehle; Maheshani, die große Tripurasundari, behüte das Herz. Die mittlere Lautfolge wird nach der Vorlage wiedergegeben.

4.14 rājarājeśvarīvidyā ṣoḍaśī yā mahodayā |
brahmarandhre sadā pātu kamalā parameśvarī || 14 ||
Die mächtig sich entfaltende sechzehnlautige Rajarajeshvari-Vidya, Kamala, die höchste Herrin, schütze stets die Brahmanöffnung am Scheitel.

4.15 girirājasutā devī pātu nityaṃ ca śīrṣake |
kāmabījaṃ lalāṭe'vyādvāgbījaṃ kaṇṭhadeśake || 15 ||
Die Tochter des Bergkönigs schütze beständig den Kopf; das Kama-Bija die Stirn, das Sprach-Bija den Halsbereich.

4.16 sauḥ pātu [tuta kha pāṭha |] me tathā pārśve praṇavo bāhumūlake |
śaṃbhupriyā sadā pātu bāhvo[huda kha pāṭha |]rdakṣiṇasavyayoḥ || 16 ||
Sauḥ schütze meine Seiten, Om die Achseln. Shambhus Geliebte schütze stets den rechten und linken Arm.

4.17 viṣṇupriyā sadā pātu maṇibandhadvaye tathā |
pārvatīśaḥ kare pātu netre nakṣatravallabhaḥ || 17 ||
Vishnus Geliebte schütze beide Handgelenke; Parvatis Herr die Hände, der Geliebte der Sterne die Augen.

4.18 śrotre ratipriyaḥ pātu ghrāṇe śakraḥ sadāvatu |
pṛṣṭhadeśe sadā pātu pārvatī parameśvarī || 18 ||
Ratis Geliebter schütze die Ohren, Shakra stets die Nase; Parvati, die höchste Herrin, den Rücken.

4.19 hsauḥ [heso ka pāṭha |] śvāse caiva niḥśvāse pātāṃ paramasiddhidau |
kāmaḥ kāme sadā pātu pinākī liṅgagocare || 19 ||
Hsauḥ schütze Ein- und Ausatmen und gewähre höchste Vollendung. Kama schütze das Begehren, der Bogenträger Pinakin den Genitalbereich.

4.20 pṛthvī sarvāṃ(śa?sa)ke pātu hṛllekhā hṛdaye'vatu |
stanau viṣṇupriyā pātu kukṣau ca sa purāntakaḥ || 20 ||
Die Erde schütze alle Körperteile; Hrllekha das Herz, Vishnus Geliebte die Brüste und Purantaka den Bauchraum. Die erste Körperangabe ist unsicher.

4.21 netre vajradharaḥ pātu māyā vai jaṭhare'vatu |
padadvandve ca sauḥ pātu aiṃ jihvānilaye'vatu || 21 ||
Der Donnerkeilträger schütze die Augen, Maya den Leib, Sauḥ beide Füße und Aiṃ die Zunge.

4.22 klīṃkāraḥ sarvadā pātu dantoṣṭhayorvarānane |
śīrṣādipādaparyantaṃ sarvāṅgaṃ bhuvaneśvarī || 22 ||
Klīṃ schütze stets Zähne und Lippen. Bhuvaneshvari behüte den ganzen Körper vom Kopf bis zu den Füßen.

4.23 rakṣāhīnaṃ ca yat sthānaṃ varjitaṃ kavacena tu |
tatsarvaṃ parameśāni pātu [ti kha pāṭhaḥ |] nityaṃ haripriyā || 23 ||
Was ungeschützt blieb und im Kavacha nicht genannt wurde, das alles schütze stets Haris Geliebte, höchste Göttin.

4.24 ādhāre vāgbhavaḥ pātu kāmarājo hṛdi priye |
śaktikūṭaṃ tathā pātu bhruvormadhye ca pārvati || 24 ||
Vagbhava schütze das Wurzelzentrum, Kamaraja das Herz und die Shakti-Gruppe den Raum zwischen den Brauen, Parvati.

4.25 śīrṣe kūṭatrayaṃ pātu lalāṭe sarvamantrakaḥ |
aṣṭāviṃśativarṇeyaṃ mukhavṛtte sadāvatu || 25 ||
Die drei Mantragruppen schützen den Kopf, das gesamte Mantra die Stirn und seine achtundzwanziglautige Form den Umkreis des Gesichts.

4.26 ṣoḍaśīyaṃ mahāvidyā brahmavidyaiva kevalā |
bhogamokṣapradā devī kevalātmasvarūpiṇī || 26 ||
Diese Shodashi-Mahavidya ist allein Brahman-Erkenntnis: die Göttin, die Erfahrung und Befreiung gewährt und das ungeteilte Selbst verkörpert.

4.27 kāmeśvarī lalāṭe'vyānmukhe tu bhagamālinī |
dakṣanetre sadā pātu nityaṃ (dīptā?klinnā) mahodayā || 27 ||
Kameshvari schütze die Stirn, Bhagamalini das Gesicht, die großmächtige Nityaklinna das rechte Auge. Der Name der letzten Göttin ist als alternative Lesung angegeben.

4.28 bhīruṇḍā vāmanetre'vyāt karṇe vai vahnivāsinī |
mahā(vidye?vajre)śvarī pātu vāmakarṇapradeśake || 28 ||
Bherunda schütze das linke Auge, Vahnivasini das rechte Ohr, Mahavajreshvari den Bereich des linken Ohres.

4.29 dakṣanāsāpuṭe pātu śivadūtī maheśvarī |
vāmanāsāpūṭe pātu tvaritā sarvasiddhidā || 29 ||
Shivaduti, die große Herrin, schütze das rechte Nasenloch; Tvarita, die alle Vollendungen gewährt, das linke.

4.30 dakṣagaṇḍe sadā pātu nityaṃ māṃ kulasundarī |
trailokyavimalā pātu vāmagaṇḍapradeśake || 30 ||
Kulasundari schütze stets meine rechte Wange, Trailokyavimala den Bereich der linken.

4.31 oṣṭhe nīlapatākāvyād adhare vijayāvatu |
ūrdhvadante sadā pātu devī māṃ sarvamaṅgalā || 31 ||
Nilapataka schütze die Oberlippe, Vijaya die Unterlippe, die Göttin Sarvamangala stets die oberen Zähne.

4.32 adhodantapradeśe'vyānnityaṃ jvālāṃśumālinī |
vicitrā sarvadā pātu nityaṃ mūrdhani pārvati || 32 ||
Jvalamshumalini schütze beständig die unteren Zähne, Vichitra stets den Scheitel, Parvati.

4.33 āsāṃ pradhānabhūtā yā mahātripurasundarī |
ṣoḍaśī sā sadā pātu mukhe vai parameśvarī || 33 ||
Ihre höchste Herrin, die große Tripurasundari, die sechzehnteilige höchste Göttin, schütze stets das Gesicht.

4.34 pṛṣṭhadeśe sadā pāntu1 guravastrividhāśca te |
pādayoḥ sarvadā pātu tripurā parameśvarī || 34 ||
Die drei Gruppen der Gurus schützen stets den Rücken; Tripura, die höchste Herrin, beide Füße.

4.35 jānudeśe sadā pātu devī māṃ tripureśvarī |
ūrudvaye sadā pātu devī tripurasundarī || 35 ||
Die Göttin Tripureshvari schütze meine Knie, Tripurasundari beide Oberschenkel.

4.36 tripuravāsinī devī kaṭideśe sadāvatu |
tripurāśrīśca māṃ nityaṃ guhyadeśe sadāvatu || 36 ||
Tripuravasini schütze die Hüften; Tripurashri behüte beständig meinen geheimen Körperbereich.

4.37 mūlādhāre sadā pātu devī tripuramālinī |
nābhau tripurasiddhāvyāt tripurā(ca?mbā) sadā hṛdi || 37 ||
Tripuramalini schütze Muladhara, Tripurasiddha den Nabel und Tripuramba stets das Herz.

4.38 brahmarandhre sadā pātu mahātripurasundarī |
āsāṃ tu mantrabījāni proktasthāneṣu vinyaset || 38 ||
Die große Tripurasundari schütze stets die Brahmanöffnung. An diesen Stellen setze man jeweils die Bijas ihrer Mantras ein.

4.39 2pāṣāṇḍagaṇamadhye tu buddho māṃ parirakṣatu |
brahmāvyād brahmasaṃghāte3 śivo māṃ yogasiddhaye || 39 ||
Inmitten abweichender Lehrgemeinschaften schütze mich Buddha, in Brahmas Gemeinschaft Brahma und zur Vollendung des Yoga Shiva.

4.40 jñāne māṃ bhāskaraḥ pātu mokṣe nārāyaṇaḥ prabhuḥ |
yā śaktiḥ sarvabhūtānāṃ vidyāvidyeti gīyate || 40 ||
Bhaskara schütze mich in der Erkenntnis, Narayana in der Befreiung. Jene Kraft aller Wesen, die als Wissen und Unwissenheit besungen wird,

4.41 sā śaktiḥ sarvadā pātu strīputradhanasaṃpadi |
aṇimā paścime pātu laghimā cottare'vatu || 41 ||
schütze mich in der Gemeinschaft mit Frau und Kindern und im Wohlstand. Anima schütze im Westen, Laghima im Norden.

4.42 pūrvataḥ pātu mahimā īśitā [tvā ka pāṭha |] dakṣiṇe'vatu |
vaśitā [tvā ka pāṭha |] vāyunilaye īśe prākāmyasiddhidā || 42 ||
Mahima schütze im Osten, Ishita im Süden, Vashita im Nordwesten und die Prakamya-Siddhi im Nordosten.

4.43 bhuktisiddhistathāgneye pātvicchāsiddhī rākṣase |
adhaḥ pātu prāptisiddhirmokṣasiddhistathordhvake || 43 ||
Bhukti-Siddhi schütze im Südosten, Iccha-Siddhi im Südwesten, Prapti-Siddhi unten und Moksha-Siddhi oben.

4.44 brahmāṇī saṃdhyayoḥ pātu māheśvarī divāvatu |
madhyāhne pātu kaumārī rātrau ca śakravallabhā || 44 ||
Brahmani schütze in den beiden Dämmerungen, Maheshvari am Tag, Kaumari am Mittag und Shakras Geliebte in der Nacht.

4.45 brāhme muhūrtake pātu vaiṣṇavī sarvasiddhidā |
niśīthe pātu vārāhī cāmuṇḍā śa(kra?tru)vigrahe || 45 ||
Vaishnavi, die alle Siddhis schenkt, schütze in Brahma Muhurta, Varahi um Mitternacht und Chamunda beim Zusammentreffen mit Feinden.

4.46 mahotsāhe mahālakṣmīḥ pātu nityaṃ maheśvarī |
śīrṣe saṃkṣobhiṇī pātu (tāri?drāvi)ṇī hṛdaye'vatu || 46 ||
Mahalakshmi schütze bei großen Unternehmungen. Samkshobhini schütze den Kopf, Dravini das Herz; beim zweiten Namen besteht eine unsichere Lesung.

4.47 ākarṣiṇī śikhāyāṃ tu kavace pātu vaśyadā |
unmādinī tathā netre sarvagātre mahāṅkuśā || 47 ||
Akarshini schütze den Haarschopf, Vashyada den Schutzpanzer, Unmadini die Augen und Mahankusha den ganzen Körper.

4.48 trikhaṇḍā bhujayoḥ pātu bīje bījasvarūpiṇī |
khecarī pādayoḥ pātu yonimudrā ca sarvataḥ || 48 ||
Trikhanda schütze die Arme, Bijasvarupini den Keim, Khechari die Füße und die Yoni-Mudra nach allen Seiten.

4.49 (sa?kā)mākarṣaṇarūpāvyāt sadā[kāmā kha pāṭhaḥ |]karṣaṇakarmaṇi |
buddhyākarṣaṇarūpāvyāt parabuddhivikarṣaṇe || 49 ||
Die Kraft, die das Begehren anzieht, schütze bei Anziehungsriten; die Kraft, die den Verstand anzieht, beim Heranziehen fremder Einsicht.

4.50 ahaṃkāre sadā pātu ahaṃkāravikarṣaṇī |
śabdākarṣaṇarūpāvyācchabdākarṣaṇakarmaṇi || 50 ||
Ahamkara-Vikarshini schütze im Bereich der Ichbildung; Shabdakarshini beim Anziehen des Klanges.

4.51 sparśākarṣaṇarūpā māṃ pātu sparśanakarmaṇi |
rūpākarṣaṇarūpāvyāt pararūpavikarṣaṇe || 51 ||
Sparshakarshini schütze mich beim Berühren, Rupakarshini beim Heranziehen einer fremden Gestalt.

4.52 rasākarṣaṇarūpāvyād rase vai parameśvarī |
gandhākarṣaṇarūpā māṃ pātu gandhe ca sarvadā || 52 ||
Rasakarshini schütze im Geschmack, Gandhakarshini stets im Bereich des Geruchs.

4.53 cittākarṣaṇarūpā māṃ pāyādākṛṣṭikarmaṇi |
dhairyākarṣaṇarūpā tu pātu dhairyavidhau sadā || 53 ||
Chittakarshini schütze mich beim Anziehen des Geistes, Dhairyakarshini stets bei der Festigung des Mutes.

4.54 smṛtyākarṣaṇarūpāvyājjñānākarṣaṇakarmaṇi |
nāmākarṣaṇarūpāvyānnāmavyāharaṇe sadā || 54 ||
Smrityakarshini schütze beim Heranziehen von Erkenntnis, Namakarshini stets beim Aussprechen von Namen.

4.55 bījākarṣaṇarūpā māṃ sarvabījapraropaṇe |
parajīvākarṣaṇe pātvātmākarṣaṇarūpiṇī || 55 ||
Bijakarshini schütze mich beim Pflanzen aller Samen, Atmakarshini beim Heranziehen fremder Lebenskraft.

4.56 amṛtākarṣaṇī1 pātu amṛtīkaraṇe2 sadā |
śarīrākarṣaṇī3 pātu sadā śarīrarakṣaṇe || 56 ||
Amritakarshini schütze stets beim Verwandeln in Nektar, Sharirakarshini bei der Bewahrung des Körpers.

4.57 anaṅgakusumā pātu purataḥ sarvakarmaṇi |
anaṅgamekhalā pātu pṛṣṭhataḥ parameśvarī || 57 ||
Anangakusuma schütze mich bei allen Handlungen von vorn; Anangamekhala, die höchste Herrin, von hinten.

4.58 anaṅgamadanā pātu vāmato me maheśvarī |
dakṣiṇe sarvadā pātu anaṅgamadanāturā || 58 ||
Anangamadana schütze meine linke Seite, Anangamadanatura beständig die rechte.

4.59 nityaṃ cānaṅgarekhāvyādūrdhvaṃ mama sadā priye |
anaṅgaveginī pātu adho me parameśvarī || 59 ||
Anangarekha schütze mich stets von oben, Geliebte; Anangavegini, die höchste Herrin, von unten.

4.60 tathānaṅgāṃkuśā nityaṃ pātu māṃ dikṣu sarvadā |
anaṅgamālinī pātu vidikṣu mama sarvadā || 60 ||
Anangankusha schütze mich stets in den Hauptrichtungen, Anangamalini in den Zwischenrichtungen.

4.61 sarvasaṃkṣobhiṇī cordhve pātu māṃ jagadīśvarī |
sarvavidrāviṇī cādho dikṣu sarvavikarṣaṇī || 61 ||
Sarvasamkshobhini, die Weltenherrin, schütze mich oben, Sarvavidravini unten und Sarvavikarshini in den Richtungen.

4.62 sarvāhlādakarī śaktirvidikṣu parirakṣatu |
sarvasaṃmohinī pātu samantāt parameśvarī || 62 ||
Die Kraft Sarvahladakari schütze in den Zwischenrichtungen, Sarvasammohini ringsum.

4.63 antarbahiśca māṃ pātu sarvastambhanakāriṇī [karmaṇi ka pāṭha |] |
tathaiva pātu māṃ nityamākāśe sarvajṛmbhaṇī || 63 ||
Sarvastambhanakarini schütze mich innen und außen, Sarvajrimbhani stets im Raum.

4.64 pātāle caiva māṃ pātu sarvavaśyakarī tathā |
devaloke sadā pātu sarvarañjanakāriṇī || 64 ||
Sarvavashyakari schütze mich in der Unterwelt, Sarvaranjanakarini stets in der Götterwelt.

4.65 sarvonmādanaśaktirmāṃ bhūtale parirakṣatu |
sarvārthasādhanī śaktiḥ pāyādbhūtagaṇālaye || 65 ||
Sarvonmadana-Shakti schütze mich auf Erden, Sarvarthasadhani am Aufenthaltsort der Wesenheiten.

4.66 siddhānāmālaye pātu sarvasaṃpattipūraṇī |
rākṣasānāṃ ca yakṣāṇāṃ sarvamantramayī gṛhe || 66 ||
Sarvasampattipurani schütze in der Welt der Siddhas, Sarvamantramayi im Haus der Rakshasas und Yakshas.

4.67 asurāṇāṃ nivāse tu sarvadvandvakṣayaṃkarī |
sarvasiddhipradā devī pātu rājagṛhe sadā || 67 ||
Sarvadvandvakshayamkari schütze im Wohnbereich der Asuras; Sarvasiddhiprada stets im Königshaus.

4.68 sarvasaṃpatpradā pātu svagṛhe sarvasaṃpadi |
sarvapriyaṅkarī pātu sarvalokeṣu sarvadā || 68 ||
Sarvasampatprada schütze im eigenen Haus und in allem Wohlstand, Sarvapriyamkari stets in sämtlichen Welten.

4.69 sarvamaṅgalakārye'vyāt sarvamaṅgalakāriṇī |
sarvakāmapradā devī sarvakāryeṣu sarvadā || 69 ||
Sarvamangalakarini schütze bei allen glückverheißenden Handlungen, Sarvakamaprada stets bei allen Vorhaben.

4.70 aiśvarye sarvadā pātu sarvaiśvaryapradāyinī [sarvaduḥkhavimocinī ka pāṭhaḥ |] |
sarvamṛtyupraśamanī pāyānnityaṃ mamālaye || 70 ||
Sarvaishvaryapradayini schütze in der Herrschaft und Fülle, Sarvamrityuprashamani beständig mein Haus.

4.71 sarvārambhe sadā pātu sarvavighnavināśinī |
dehasaundaryakāle tu pātu sarvāṅgasundarī || 71 ||
Sarvavighnavinashini schütze bei jedem Anfang, Sarvangasundari bei der Entfaltung körperlicher Schönheit.

4.72 sarvasaubhāgyakāle tu sarvasaubhāgyadāyinī |
sarvajñā ca gṛhe pātu sarvaśaktimayī raṇe || 72 ||
Sarvasaubhagyadayini schütze in allem Glückverheißenden, Sarvajna im Haus und Sarvashaktimayi im Kampf.

4.73 sarvaiśvaryapradā mārge sarvajñānamayī jale |
sarvavyādhiṣu sarvatra sarvavyādhivināśinī || 73 ||
Sarvaishvaryaprada schütze unterwegs, Sarvajnanamayi im Wasser und Sarvavyadhivinashini überall bei Krankheiten.

4.74 parvate pātu prabalā sarvādhārasvarūpiṇī |
sarvapāpaharā pātu sarvakarmasu sarvadā || 74 ||
Die mächtige Sarvadharasvarupini schütze im Gebirge, Sarvapapahara stets bei allen Handlungen.

4.75 sarvānandakarī1 devī nānāghakṛtagocare |
sarvavairibhaye pātu sarvarakṣāsvarūpiṇī || 75 ||
Sarvanandakari schütze im Bereich vielfältiger Verfehlungen, Sarvarakshasvarupini vor jeder Furcht vor Feinden.

4.76 sarvasaṃkalpakāryeṣu sarvepsitaphalapradā |
vaśinī vaśyakārye'vyāt kāmeśī stambhane'vatu || 76 ||
Sarvepsitaphalaprada schütze bei allen beabsichtigten Vorhaben, Vashini bei Beeinflussungsriten und Kameshi beim Stillstellen.

4.77 mohane modinī2 pātu vimaloccāṭane'vatu |
aruṇā pātuṃ māṃ vāde 3jayinī jalpakarmaṇi || 77 ||
Modini schütze beim Bezaubern, Vimala beim Vertreiben, Aruna in der Auseinandersetzung und Jayini beim Redestreit.

4.78 sarveśvarī kāmyakārye kaulinī bhedakarmaṇi |
jṛmbhaṇe sarvadā pā(tu?ntu) śarāḥ pañca maheśvari || 78 ||
Sarveshvari schütze bei wunschbezogenen Handlungen, Kaulini beim Entzweien; die fünf Pfeile schützen stets beim Entfalten und Öffnen.

4.79 dhanurmohavidhau pātu pāśastu vaśyakarmaṇi |
mahātejomayaḥ pātu stambhane māṃ tathāṅkuśaḥ || 79 ||
Der Bogen schütze beim Bezaubern, die Schlinge beim Gefügigmachen und der mächtig strahlende Stachel beim Stillstellen.

4.80 sarvajñā hṛdaye pātu nitya(kṛtā?tṛptiḥ) ca śīrṣake |
anādibodhikā pātu nityaṃ śikhāpradeśake || 80 ||
Sarvajna schütze das Herz, Nityatripti den Kopf, Anadibodhika stets den Haarschopf.

4.81 kavace māṃ svatantrāvyāt netre nityamaluptikā |
acintyaśakti(va?ra)streṣu pāyāt paramasiddhidā || 81 ||
Svatantra schütze den Schutzpanzer, Nityamaluptika die Augen und Achintyashakti, die höchste Vollendung schenkt, im Bereich der Waffen.

4.82 kāmeśvarī ratau pātu yuddhe vajreśvarī tathā |
nityaṃ pātu maheśānī4 śrīkāme bhagamālinī || 82 ||
Kameshvari schütze bei der Liebe, Vajreshvari im Kampf; Bhagamalini, die große Herrin, schütze stets beim Streben nach Glück und Fülle.

4.83 rase rūpe ca gandhe ca śabde5 sparśe ca pātu mām |
sarvānandamayī devī mahātripurasundarī || 83 ||
Im Geschmack, in Gestalt, Duft, Klang und Berührung schütze mich die Göttin voller Wonne, die große Tripurasundari.

4.84 īśāne vaṭukaḥ pātu āgneyyāṃ yoginīgaṇāḥ |
tvagasṛṅmāṃsamedo'sthimajjaśukrāṇi pāntu naḥ || 84 ||
Vatuka schütze im Nordosten, die Yoginis im Südosten. Sie mögen Haut, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und Zeugungsstoff schützen.

4.85 kṣetreśo nairṛte pātu gaṇeśo vāyumandire |
mātaṅgavanitā pātu śeṣikā kulasundarī || 85 ||
Kshetresha schütze im Südwesten, Ganesha im Nordwesten; Matangas Gefährtin, Sheshika und Kulasundari mögen schützen.

4.86 śaktirmāṃ sarvadā pātu mūlādhāranivāsinī |
itīdaṃ kavacaṃ devi triṣu lokeṣu durlabham || 86 ||
Die im Muladhara wohnende Shakti schütze mich stets. Dieses Kavacha, Göttin, ist in den drei Welten schwer zu erlangen.

4.87 yannoktaṃ ḍāmare tantre yannoktaṃ rudrayāmale |
sarvatantreṣu yannoktaṃ gandharve prakaṭīkṛtam || 87 ||
Was weder im Damara-Tantra noch im Rudrayamala und auch nicht in allen anderen Tantras ausgesprochen wurde, ist hier im Gandharva offenbar gemacht.

4.88 tava prītyā mahādevi gopanīyaṃ prayatnataḥ |
tava nāmni smṛte devi sarvayajñaphalaṃ labhet || 88 ||
Aus Liebe zu dir, große Göttin; deshalb ist es sorgsam zu bewahren. Schon die Erinnerung an deinen Namen gewährt die Frucht aller Opfer.

4.89 sarvatraiva jayaprāptirvāñchā sarvatra sidhyati |
nāmnaḥ śataguṇaṃ stotraṃ vyākhyānaṃ cāpi tacchatam || 89 ||
Überall wird Sieg erlangt, überall erfüllt sich das Verlangen. Hundertfach übertrifft ein Lobpreis den Namen, hundertfach die Erläuterung den Lobpreis.

4.90 tasmācchataguṇaṃ dhyānaṃ dhyānācchataguṇo manuḥ |
mantrācchataguṇaṃ devi kavacaṃ te mayoditam || 90 ||
Hundertfach darüber steht Meditation, hundertfach über ihr das Mantra und hundertfach über dem Mantra das von mir gelehrte Kavacha.

4.91 yasmai kasmai na dātavyaṃ sugopyamatidurlabham |
na deyaṃ paraśiṣyāya kṛpaṇāya sureśvari || 91 ||
Es soll nicht unterschiedslos weitergegeben werden, sondern sorgsam verborgen bleiben. Man gebe es keinem fremden Schüler und keinem Geizigen,

4.92 śiṣyāya bhaktihīnāya cumbakāya tathaiva ca |
gurubhaktivihīnāya parahiṃsāratāya ca || 92 ||
keinem Schüler ohne Hingabe, keinem Ausbeuter, keinem dem Guru nicht Ergebenen und keinem, der anderen gern Schaden zufügt,

4.93 nindakāya kuśīlāya dāmbhikāya maheśvari |
abhaktebhyo'bhi putrebhyo dattvā mṛtyumavāpnuyāt || 93 ||
keinem Verleumder, Übeltätigen oder Heuchler. Selbst die Weitergabe an eigene Söhne ohne Hingabe wird hier mit Todesgefahr bedroht.

4.94 yo dadāti niṣiddhebhyaḥ kavacaṃ manmukhāccyutam |
tasya naśyanti deveśi vidyāyuḥkīrttisaṃcayāḥ || 94 ||
Wer dieses aus meinem Mund hervorgegangene Kavacha ungeeigneten Empfängern gibt, verliert nach der Warnung Wissen, Lebenszeit und erworbenen Ruhm.

4.95 taṃ hiṃsanti ca yoginyo madīyaśāsanāt priye |
pare narakamāpnoti janmakoṭiśatāni ca || 95 ||
Auf meine Weisung schädigen ihn die Yoginis; danach gelangt er für unzählige Geburten in die Hölle, Geliebte.

4.96 sarvalakṣaṇayuktāya yantramantraratāya ca |
śiṣyāya śāntacittāya gurubhaktiratāya ca || 96 ||
Einem mit den erforderlichen Eigenschaften ausgestatteten, Yantra und Mantra liebenden Schüler mit friedlichem Geist und tiefer Guru-Hingabe,

4.97 udake lavaṇaṃ līnaṃ yathā bhavati pārvati |
mano bhavati vai līnaṃ pādayoḥ śrīguroḥ priye || 97 ||
dessen Geist sich in den Füßen des ehrwürdigen Gurus auflöst, wie Salz sich im Wasser löst, Parvati,

4.98 tadā deya mahadguhyaṃ kṛpayā cātidurlabham |
guroḥ pādaprasādena śrīvidyā yadi labhyate || 98 ||
gebe man aus Mitgefühl dieses schwer zugängliche große Geheimnis. Wenn durch die Gnade der Guru-Füße Shrividya erlangt wird,

4.99 tathaiva kavacaṃ devi triṣu lokeṣu durlabham |
sa ca devo haraḥ sākṣāt tatpatnī parameśvarī || 99 ||
dann ebenso dieses in den drei Welten schwer zugängliche Kavacha. Der Guru ist unmittelbar Hara, seine Gattin die höchste Göttin.

4.100 pramādādapi deveśi śrīgurornāma nādadet |
yasya bhaktirgurau nityaṃ vartate devavat [ta ka pāṭha |] priye || 100 ||
Selbst aus Unachtsamkeit spreche man den Namen des Gurus nicht respektlos aus. Wer ihm stets wie der Gottheit ergeben ist,

4.101 tasya mantrasya yantrasya siddhirbhavati nānyathā |
kavacasya tathā siddhirguṭikāyāśca sundari || 101 ||
erlangt die Vollendung von Mantra und Yantra, ebenso des Kavacha und des Amuletts, Schöne; anders nicht.

4.102 idaṃ kavacamajñātvā yo japet sundarīṃ parām |
navalakṣaṃ prajaptvāpi [aiśa pāṭha |] tasya vidyā na sidhyati || 102 ||
Wer die höchste Sundari rezitiert, ohne dieses Kavacha zu kennen, erlangt nach dem Text selbst mit neunhunderttausend Wiederholungen keine Vidya-Vollendung.

4.103 śuciḥ samāhito bhūtvā bhaktiśraddhāsamanvitaḥ |
sarvabhūtālaye supte niśāyāmardha[rddha ka pāṭha |]rātrake || 103 ||
Rein, gesammelt und von Hingabe und Vertrauen erfüllt, übe man zur Mitternacht, wenn die Wesen an ihrem jeweiligen Ort schlafen.

4.104 hetuyukto maheśāni nirjane paśuvarjite |
raktāsanopaviṣṭastu raktābharaṇabhūṣitaḥ || 104 ||
An einem einsamen, von Uneingeweihten freien Ort sitze man auf roter Unterlage mit rotem Schmuck und dem rituellen Mittel Hētu, hier einer verhüllenden Bezeichnung für Wein.

4.105 tāmbūlapūritamukho dhūpāmodasugandhitaḥ |
saṃsthāpya vāmabhāge tu śaktiṃ svāmiparāyaṇām || 105 ||
Mit Betel im Mund und vom Duft des Räucherwerks umgeben, lasse man die ihrem Gefährten zugewandte Shakti links Platz nehmen.

4.106 raktavastraparīdhānāṃ śivamantradharāṃ śubhām |
yā śaktiḥ sā mahādevī hararūpastu sādhakaḥ || 106 ||
Sie trage rote Gewänder und das Shiva-Mantra. Die Shakti ist die große Göttin, der Sadhaka hat Haras Gestalt.

4.107 anyonyacintanād devi devatvamupajāyate |
śaktiyukto yajed devīṃ śrīcakre lakṣaṇānvite || 107 ||
Durch dieses wechselseitige Vergegenwärtigen entsteht göttliches Bewusstsein. Mit Shakti verbunden verehre er die Göttin im ordnungsgemäß gestalteten Shri Chakra.

4.108 puṣpāñjalitrayaṃ devyai mūlamantreṇa dāpayet |
bhogaiśca madhuparkādyaistāmbūlādyaiḥ suvāsitaiḥ || 108 ||
Mit dem Wurzelmantra bringe er ihr dreimal eine Handvoll Blumen dar, dazu Genussgaben wie Madhuparka und wohlriechenden Betel.

4.109 pūjayitvā mahādevīṃ pūjā[bhū ka pāṭha |]koṭiphalaṃ labhet |
pūrvokta(syā?nyā)samevāsmin samaye ca pravinyaset || 109 ||
So verehrt, gewährt die große Göttin die Frucht unzähliger Pujas. Zu diesem Zeitpunkt vollziehe man den zuvor gelehrten Nyasa.

4.110 ātmānaṃ paramaṃ dhyāyed divyastrībhiralaṃkṛtam |
divyaṃ mūrdhni mahacchatraṃ sahasradalanirmitam || 110 ||
Man betrachte sich selbst als das Höchste, von göttlichen Frauen umgeben, über dem Haupt den großen göttlichen Schirm aus tausend Lotusblättern.

4.111 sudhāvarṣimukhāmbhojaṃ sasmitaṃ divyavarcasam |
paramānandasaṃdohamuditaṃ paramavyayam || 111 ||
Das lächelnde Lotusantlitz regnet Nektar, strahlt göttlich und ist von höchster Wonne erfüllt: das höchste Unvergängliche.

4.112 divyālaṅkāravastrāḍhyaṃ divyamālyānulepitam |
divyāsanasamāsīnaṃ divyabhogavibhoginam || 112 ||
Mit göttlichem Schmuck, Gewändern, Kränzen und Salben versehen, sitzt man auf göttlichem Sitz und genießt göttliche Gaben.

4.113 sarvagaṃ sarvabhūteśaṃ sṛṣṭisthityantakāriṇam |
nirlepaṃ nirmalaṃ śāntaṃ sarvavyāpinamīśvaram || 113 ||
Man vergegenwärtige den allgegenwärtigen Herrn aller Wesen, der Entstehen, Bestehen und Auflösung bewirkt: unberührt, makellos und friedvoll.

4.114 tato devīṃ hṛda[dā ka pāṭha |]mbhoje dhyāyet tadgatamānasaḥ |
ja(vā?pā)kusumasaṃkāśāṃ bālārkakiraṇāruṇām || 114 ||
Dann meditiere man ganz hingegeben im Herzlotus über die Göttin, rot wie die Hibiskusblüte und die Strahlen der aufgehenden Sonne.

4.115 raktapadmasamāsīnāṃ raktābharaṇabhūṣitām |
raktavastraparīdhānāṃ pūrṇacandranibhānanām [na ka pāṭha |] || 115 ||
Sie sitzt auf rotem Lotus, trägt roten Schmuck und rote Gewänder und besitzt ein vollmondgleiches Antlitz.

4.116 saivāhamityabhedena dvaitahīnaṃ vicintayet |
advaitānandabhāvena sādhakaḥ paramātmanaḥ || 116 ||
„Sie selbst bin ich“: So betrachte der Sadhaka sie ohne Trennung, frei von Zweiheit, in der nichtdualen Wonne des höchsten Selbst.

4.117 chāyayā śoṇayā vyāptaṃ jagadetaccarācaram |
bhāvanāvaśasaṃpanno bhāvayed bhāvanā[ta ka pāṭha | ]paraḥ || 117 ||
Er vergegenwärtige die ganze bewegliche und unbewegliche Welt als von ihrem roten Schimmer durchdrungen, ganz in diese Betrachtung versunken.

4.118 evaṃ cintāparasyāśu siddhayo'ṣṭau bhavanti hi |
saṃprāpya vipulān bhogān rājyāspadaṃ ca bhūtale || 118 ||
Dem so Betrachtenden werden rasch die acht Siddhis zugesprochen. Er erlangt reiche Freuden und Königsherrschaft auf Erden,

4.119 aindraṃ padamavāpyātha viharan nandane vane |
urvaśīpramukhābhiśca svecchayā divyabhoga(dā?vā)n || 119 ||
danach Indras Stätte, wandelt im Nandana-Hain und genießt mit Urvashi und anderen nach seinem Wunsch himmlische Freuden.

4.120 tadāpnoti paraṃ sthānaṃ durāpaṃ tridaśairapi |
tataśca kavacaṃ divyaṃ paṭhedekamanāḥ priye || 120 ||
Schließlich erreicht er die selbst Göttern schwer zugängliche höchste Stätte. Danach rezitiere er das göttliche Kavacha mit einspitzigem Geist.

4.121 tasya sarvārthasiddhiḥ syānnātra kāryā vicāraṇā |
idaṃ rahasyaṃ paramaṃ paraṃ svastyayanaṃ mahat || 121 ||
Ihm werden alle Ziele zuteil; daran soll kein Zweifel bestehen. Dies ist das höchste Geheimnis, eine große, höchste Segensordnung.

4.122 sarveṣāmeva hiṃsrāṇāṃ ḍākinīnāṃ maheśvari |
niśācaragaṇānāṃ ca vāraṇaṃ nāśanaṃ tathā || 122 ||
Es soll alle gewalttätigen Mächte, Dakinis und Scharen nächtlicher Wesen abwehren und vernichten.

4.123 āyurbalapradaṃ nityaṃ tuṣṭipuṣṭiśubhāvaham |
nārīṇāṃ mṛtavatsānāṃ guṇavatsutadāyakam || 123 ||
Es wird als lebens- und kraftspendend, Zufriedenheit, Gedeihen und Heil bringend gepriesen; Frauen, deren Kinder starben, soll es ein tugendhaftes Kind schenken.

4.124 sūtyā(ḥ) sūtigṛhasyāpi bālagrahanivāraṇam |
viṣada(sya?syu)grahāṇāṃ ca sadā śāntivivarddhanam || 124 ||
Es soll Gebärende und Geburtsraum vor kindergefährdenden Wesen, Gift, Räubern und planetaren Mächten schützen und Frieden mehren.

4.125 viṣaśastrāgnirudrāṇāṃ vāraṇaṃ jayadaṃ yudhi |
jale sthale tathākāśe sarvotpāteṣu sarvadā || 125 ||
Es soll Gift, Waffen, Feuer und wilde Mächte abwehren, Sieg im Kampf geben und bei Unglück zu Wasser, auf Erden und im Luftraum schützen.

4.126 trailokyavāsināmeva sarvamaṅgaladāyakam |
sakṛdyastu paṭhed devi kavacaṃ devadurlabham || 126 ||
Allen Bewohnern der drei Welten soll es Heil bringen. Wer dieses selbst Göttern schwer zugängliche Kavacha einmal liest,

4.127 hayamedhaphalaṃ tasya bhavatyeva na saṃśayaḥ |
nityaṃ yastu paṭhed devi śṛṇuyādvā samāhitaḥ || 127 ||
erlangt nach dem Lobpreis die Frucht eines Pferdeopfers. Wer es täglich rezitiert oder gesammelt hört,

4.128 sa sarvāṃllabhate kāmān pare devīpuraṃ vrajet |
saṃgrāme ca jayecchatrūn mātaṅgāniva kesarī || 128 ||
erlangt alle Wünsche und geht schließlich in die Stadt der Göttin ein. Im Kampf besiegt er Feinde wie ein Löwe Elefanten.

4.129 dahet tṛṇaṃ yathā vahnistathā śatrūñjayet sadā |
nāstrāṇi tasya śāstrāṇi śarīre prabhavanti ca || 129 ||
Wie Feuer Gras verbrennt, so besiegt er seine Feinde. Geschosse und Waffen sollen an seinem Körper keine Wirkung entfalten.

4.130 tadgātraṃ prāpya śastrāṇi brahmāstrāṇi ca yāni ca |
mālyāni kusumānīva sukhadāni bhavanti hi || 130 ||
Waffen, selbst Brahmas Waffen, sollen bei der Berührung seines Körpers wohltuend wie Blumengirlanden werden.

4.131 parāḥ parāṅmukhā yānti vi(vā?nā)yuddhena pārvati |
vyādhistasya kadācittu duḥkhaṃ nāsti kadācana || 131 ||
Gegner sollen sich ohne Kampf abwenden, Parvati; Krankheit und Leid sollen ihn niemals treffen.

4.132 gatistasyaiva sarvatra vāyostulyā sadā bhavet |
dīrghāyuḥ kāmabhogī so [eśa pāṭhaḥ |] dhanadhānyasamṛddhimān || 132 ||
Überall soll er sich frei wie der Wind bewegen, lange leben, Wünsche genießen und reich an Geld und Getreide sein.

4.133 jitavyādhī rūpavān syād guṇavānabhijāyate |
cāturvargyaṃ kare tasya bhavatyeva na saṃśayaḥ || 133 ||
Krankheiten überwunden, wird er als schön und tugendhaft beschrieben; die vier Lebensziele liegen in seiner Hand.

4.134 anyasya vallabhaḥ so [aiśa pāṭhaḥ |] vai putradārakulānvitaḥ |
iha loke sukhaṃ bhuktvā pare mukto bhaviṣyati || 134 ||
Anderen lieb, von Kindern, Gattin und Familie umgeben, genießt er in dieser Welt Glück und wird danach befreit.

4.135 na tasya durgatirdevi kadācidapi jāyate |
durgrahāḥ sugrahā yānti vaśaṃ gacchanti mānavāḥ || 135 ||
Kein unheilvolles Schicksal soll ihn treffen. Ungünstige planetare Einflüsse werden günstig, Menschen wenden sich ihm zu.

4.136 na tasya vighno bhavati na śoko bhuvi jāyate |
vetālāśca piśācāśca rākṣasāśca bhayānakāḥ || 136 ||
Weder Hindernis noch Kummer soll ihm entstehen. Furchtbare Vetalas, Pishachas und Rakshasas,

4.137 te sarve vilayaṃ yānti kavacasyāsya kīrttanāt |
tasyaiva śatravo devi cintāmātraprayogataḥ || 137 ||
sie alle verschwinden durch das Verkünden dieses Kavacha. Auch seine Feinde sollen schon durch bloße gedankliche Anwendung

4.138 vinaśyanti na saṃdeho yoginyo bhakṣayanti tān |
śāntikādīnī karmāṇi māraṇoccāṭanāni ca || 138 ||
zugrunde gehen und von Yoginis verzehrt werden. Befriedungsriten, Tötungs- und Vertreibungsriten

4.139 vacomātreṇa deveśi tasya sidhyanti bhūtale |
na pāpairlipyate devi mahograistu sudāruṇaiḥ || 139 ||
sollen ihm allein durch das gesprochene Wort gelingen. Selbst schwere, schreckliche Verfehlungen sollen ihn nicht beflecken.

4.140 na kālasya vaśaṃ gacchenna jarā naca duḥkhitā |
tatra deśe na durbhikṣaṃ naca mārī pravarttate || 140 ||
Er soll weder unter die Macht der Zeit noch unter Alter und Leid fallen; in seiner Gegend sollen weder Hungersnot noch Seuche herrschen.

4.141 na rogāstatra jāyante notpātāḥ prabhavanti ca |
vividhāścaiva yoginyastasya sādhaka [vibhaktilopa aiśa |] saṃnidhau || 141 ||
Dort sollen keine Krankheiten oder Unheilszeichen entstehen. Vielfältige Yoginis stehen dem Sadhaka nahe,

4.142 śāntiṃ caiva prayacchanti rakṣanti putravat sadā |
sarvadā ca sukhaprāptiḥ sarvatīrthaphalaṃ labhet || 142 ||
geben Frieden und schützen ihn stets wie einen Sohn. Er erfährt Glück und die Frucht aller Pilgerstätten.

4.143 nānena sadṛśaḥ kaścit sādhako bhuvi jāyate |
surāsuramanuṣyāṇāṃ tattvarūpaḥ sukhāvahaḥ || 143 ||
Kein anderer Sadhaka auf Erden gleiche ihm: Göttern, Asuras und Menschen erscheint er als Verkörperung der Wirklichkeit und als Glückbringer.

4.144 yena vijñāta[na ka pāṭha |]mātreṇa smṛtenaiva ca sundari |
akṣayāṃllabhate kāmān muktisthānaṃ ca gacchati || 144 ||
Schon durch Kenntnis und Erinnerung daran, Schöne, erlangt man unerschöpfliche Erfüllung und erreicht die Stätte der Befreiung.

4.145 sarvalakṣaṇahīno'pi smaraṇāt kalu[kula ka pāṭha |]ṣāpahaḥ |
aho kavacamāhātmyaṃ paṭhamānasya nityaśaḥ || 145 ||
Selbst wer die erforderlichen Kennzeichen nicht besitzt, wird durch Erinnerung von Befleckung frei. Wunderbar ist die Größe dieses täglich rezitierten Kavacha!

4.146 vināpi yogacaryeṇa yogināṃ samatāṃ vrajet |
bhūrjatvaci samālikhya cakraṃ tattvavinirmitam || 146 ||
Auch ohne Yogapraxis soll man den Yogis gleich werden. Man zeichne das aus den entsprechenden Prinzipien gestaltete Chakra auf Birkenrinde.

4.147 madhyetrikoṇaṃ saṃlikhya sādhyasādhakayorlipim |
tadūrdhve mūlamantraṃ ca mātṛkārṇena veṣṭayet || 147 ||
In der Mitte zeichne man ein Dreieck mit den Schriftzeichen für Zielperson und Übenden; darüber das Wurzelmantra, umgeben von den Matrika-Lauten.

4.148 agurudravamiśreṇa candanena sugandhinā |
etadyantraṃ mahādevi surāsurasudurlabham || 148 ||
Mit wohlriechendem Sandelholz, vermischt mit Aloe-Flüssigkeit, zeichne man dieses selbst Göttern und Asuras schwer zugängliche Yantra.

4.149 rocanākuṅkumenaiva tadbāhye kavacaṃ likhet |
śvetasūtreṇa saṃveṣṭya lākṣayā pariveṣṭayet || 149 ||
Außen schreibe man mit Rocana und Safran das Kavacha, umwickle es mit weißem Faden und umhülle es mit Lack.

4.150 pañcāmṛtaiḥ pañcagavyaiḥ sna[snā ka pāṭha |]payitvā śubhe'hani |
saṃpūjya devīrūpāṃ tāṃ guṭikāṃ sarvakāmadām || 150 ||
An einem günstigen Tag bade man es mit den fünf Nektaren und fünf Kuhprodukten und verehre das wunscherfüllende Amulett als Gestalt der Göttin.

4.151 prāṇapratiṣṭhāmantreṇa [mātre ka pāṭha |] prāṇāṃstatra niveśayet |
cāruṇā śātakumbhena bhūṣitāṃ yonimudrayā || 151 ||
Mit dem Pranapratishtha-Mantra setze man die Lebenskräfte darin ein. Es werde mit schönem Gold ausgestattet und mit der Yoni-Mudra verbunden.

4.152 antaryoniṃ tato dhyātvā tatra saṃsthāpayed budhaḥ |
eṣā tu guṭikā devi kaṇṭhalagnā dhanapradā || 152 ||
Nach der Betrachtung der inneren Yoni bringe der Verständige es dort zur Gegenwart. An der Kehle getragen, soll dieses Amulett Reichtum geben.

4.153 śīrṣe vaśyaka(re?rī) devi kaṭyāṃ stambhanakāriṇī |
baddhā vāmabhuje caiṣā vairipakṣavināśinī || 153 ||
Am Kopf soll es andere günstig stimmen, an der Hüfte stillstellend wirken und am linken Arm die feindliche Seite vernichten.

4.154 jaṭhare rogaśamanī putradā hṛdi saṃsthitā |
vidyākarī lalāṭasthā śikhāyāṃ tu yaśaḥpra(daḥ?dā) || 154 ||
Am Bauch soll es Krankheiten beruhigen, am Herzen Nachwuchs schenken, an der Stirn Wissen und am Haarschopf Ruhm.

4.155 dakṣiṇe bāhumūle vai yadi tiṣṭhati sarvadā |
tadā sarvārthasiddhiḥ syādyadyanmanasi varttate || 155 ||
Wird es stets an der rechten Armwurzel getragen, soll es jedes im Geist gefasste Ziel verwirklichen.

4.156 satyaṃ satyaṃ punaḥ satyaṃ satyaṃ satyaṃ punaḥ punaḥ |
na śaknomi prabhāvaṃ hi [ta ka pāṭha |] kathituṃ [aya ṇijlope aiśa pāṭha |] kavacasya vai || 156 ||
Wahrlich, wahrlich, immer wieder wahrlich: Ich vermag die ganze Wirkmacht des Kavacha nicht auszusprechen.

4.157 etattu kavacenaiva paṭhanaṃ sādhanaṃ priye |
kathitaṃ me tava snehād gopanīyaṃ sadā priye || 157 ||
So habe ich aus Liebe zu dir seine Rezitation und Praxis erklärt, Geliebte. Bewahre diese Lehre stets verborgen.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde mahātripurasundarītrailokyamohanākhyaṃ kavacaṃ nāma caturthaḥ paṭalaḥ || 4 ||
Hier endet das 4. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Schutz der großen Tripurasundari“.

Kapitel 5: Yantra und umgebende Shaktis

pañcamaḥ paṭalaḥ |
pārvatyuvāca
Parvati sprach: 5.1 vinā yantreṇa cet pūjā devatā na prasīdati |
tasmāt kathaya deveśa yantramasyā manoharam || 1 ||
Parvati sprach: Ohne Yantra ist die Göttin durch die Verehrung nicht erfreut. Erkläre deshalb ihr schönes Yantra, Herr der Götter.

5.2 yasya darśanamātreṇa dāridryaṃ naśyati dhruvam |
īśvara uvāca saivamālocya sa[sva ka pāṭha |]rgādau saccidānandarūpiṇī || 2 ||
Schon durch seinen Anblick soll Armut verschwinden. Ishvara sprach: Am Anfang der Schöpfung betrachtete die Göttin, deren Wesen Sein, Bewusstsein und Wonne ist, dies so.

5.3 samastatattvasaṃyogāt smṛtyadhiṣṭhānarūpiṇī |
vyaktīkaroti nityā(vaḥ?yā)prakṛtiḥ paramaḥ pumān || 3 ||
Als Grundlage der Erinnerung und Verbindung aller Tattvas offenbart die ewige Prakriti den höchsten Purusha. Die grammatische Verknüpfung ist textlich unsicher.

5.4 sā tattvasaṃjñā cinmātrā[trā jyo ka pāṭha |]jjyotiṣaḥ saṃnidhestathā |
vicikīrṣuryonibhūtā kvacidabhyeti bindunā || 4 ||
Diese als Wirklichkeit bezeichnete Kraft wird durch die Nähe des reinen Bewusstseinslichtes zum schöpferischen Mutterschoß und verbindet sich mit dem Bindu.

5.5 ativyaktā parāśaktiravinābhāvalakṣaṇā |
akhaṇḍaparacicchaktirvyāptā cidrūpiṇī vibhuḥ || 5 |||
Die höchste Shakti tritt deutlich hervor, untrennbar mit ihm verbunden: ungeteilte höchste Bewusstseinskraft, allgegenwärtig und Bewusstsein selbst.

5.6 samastatattvabhāvena vivarte(tsā?cchā)samanvitā |
prayāti bindubhāvaṃ ca kriyāprādhānyalakṣaṇam || 6 ||
Mit dem Willen zur Entfaltung aller Tattvas geht sie in den Bindu-Zustand ein, dessen Kennzeichen das Vorherrschen der Handlungskraft ist.

5.7 baindavaṃ mātṛcakrasya trirūpatvaṃ punarbhavet |
binduḥ śivātmakastatra bījaṃ śaktyātmakaṃ smṛtam || 7 ||
Der Bindu des Mutter-Chakra wird wiederum dreifach: Bindu hat Shivas Wesen, Bija wird als Wesen der Shakti verstanden.

5.8 tayoryoge bhavennādastebhyo yaccintayāmyaham |
tasmāt tāni ca cakrāṇi tatprakāraḥ prakathyate || 8 ||
Aus ihrer Vereinigung entsteht Nada. Aus diesen entstehen die Chakras, die ich betrachte; ihre Beschaffenheit wird nun erklärt.

5.9 tataḥ prāṅmukha āsīnaścakroddhāraṃ samārabhet |
hemarūpyāditāmrāṇāṃ paṭṭe cātimanohare || 9 ||
Nach Osten gewandt beginne man die Zeichnung des Chakra auf einer schönen Platte aus Gold, Silber oder Kupfer.

5.10 caturasre same śuddhe madhyocchūnavibhūṣite |
yugmāṅgamilitaṃ devi paṭṭasyeha samīritam || 10 ||
Sie sei viereckig, gleichmäßig, rein und in der Mitte erhöht. Die anschließende Angabe „mit verbundenen paarigen Gliedern“ zur Plattenform ist nicht eindeutig.

5.11 athavā parameśāni bhūmau cakraṃ samālikhet |
hastamātramite śuddhe gomayenopale[li ka pāṭha |]pite || 11 ||
Oder man zeichne das Chakra auf eine reine, eine Elle große, mit Kuhdung bestrichene Bodenfläche.

5.12 sindūrarajasā tatra kuṅkumenātha vā priye |
ālikheccakrarājaṃ ca lekhanyā haimayā tathā || 12 ||
Mit Zinnoberpulver oder Safran zeichne man dort den König der Chakras mit einem goldenen Zeichenstift, Geliebte.

5.13 athavā kuśamūlena darbhapāṇiḥ samāhitaḥ |
netraramyaṃ yathā cakraṃ tathā kuryādvicakṣaṇaḥ || 13 ||
Oder man benutze eine Kusha-Wurzel, halte Darbha-Gras in der Hand und bleibe gesammelt. Der Verständige gestalte das Chakra augenfällig schön.

5.14 pratīcyagraṃ likhedekaṃ trikoṇaṃ taduparyatha |
pūrvatrikoṇamadhyāgraṃ trikoṇāntaramālikhet || 14 ||
Zuerst zeichne man ein Dreieck mit der Spitze nach Westen; darüber ein weiteres, dessen Spitze zur Mitte des ersten Dreiecks weist.

5.15 atha saṃdhidvaya bhittvā prāgagraṃ vilikhet param |
trikoṇamadhyagaṃ cakramaṣṭakoṇaṃ tathā bhavet || 15 ||
Durch zwei Schnittpunkte hindurch zeichne man ein weiteres, nach Osten gerichtetes Dreieck. So entsteht im Dreiecksgefüge das achtwinklige Chakra.

5.16 tato daśāracakrasya nirmāṇaṃ śṛṇu pārvati |
dakṣiṇottaragā rekhāstisro yāstatra tāsvapi || 16 ||
Höre nun die Herstellung des zehnwinkligen Chakra. Von den drei dort nach Süden und Norden verlaufenden Linien

5.17 madhyarekhāṃ parityajya rekhe dve parivardha[rddha ka pāṭha |]yet |
tena ṣaṭkoṇakaṃ kṛtvā saṃdhibhede catuṣṭayam || 17 ||
lasse man die mittlere unverändert und verlängere die beiden anderen. Dadurch bilde man sechs Winkel und vier Durchschneidungen an den Verbindungsstellen.

5.18 kṛtvā rekhādvayaṃ kuryād daśakoṇaṃ yathā bhavet |
tathānyadaśakoṇasya nirmāṇaṃ parikīrtyate || 18 ||
Dann zeichne man zwei Linien so, dass zehn Winkel entstehen. Nun wird die Herstellung des anderen zehnwinkligen Chakra erklärt.

5.19 dakṣiṇottaragāsvevaṃ rekhāḥ pañca bhavanti yāḥ |
tāsāṃ rekhā(dva?tra)yaṃ madhye hitvā pūrvāparaṃ tu tat || 19 ||
Von den fünf nach Süden und Norden verlaufenden Linien lasse man die drei mittleren unverändert und nehme die äußeren auf beiden Seiten.

5.20 bāhyarekhādvayaṃ devi pūrvavat parivardhayet |
tena ṣaṭkoṇakaṃ kṛtvā saṃdhibhedacatuṣṭayam || 20 ||
Diese beiden Außenlinien verlängere man wie zuvor. Daraus bilde man sechs Winkel und vier Schnittpunkte.

5.21 kṛtvā rekhādvayaṃ kuryād daśakoṇaṃ yathā bhavet |
caturdaśāracakrasya nirmāṇaṃ kathyate'dhunā || 21 ||
Mit zwei weiteren Linien stelle man die zehn Winkel her. Nun wird das vierzehnwinklige Chakra erklärt.

5.22 dakṣiṇottaragāsvevaṃ rekhāḥ sapta bhavanti yāḥ |
tāsāṃ rekhā(dva?tra)yaṃ hitvā bāhye pūrvāparaṃ tataḥ || 22 ||
Von den nun sieben nach Süden und Norden verlaufenden Linien lasse man die drei mittleren unverändert und gehe zu den äußeren Linien über.

5.23 dīrghaṃ rekhādvayaṃ mantrī pūrvavat parivardha[rddha ka pāṭha |]yet |
tena ṣaṭkoṇakaṃ kṛtvā saṃdhibhedacatuṣṭayam || 23 ||
Der Mantrakenner verlängere die beiden langen Linien wie zuvor. Dadurch entstehen sechs Winkel und vier Schnittpunkte.

5.24 daśārīkṛtya tenaiva saṃdhibhedacatuṣṭayāt |
rekhādvayaṃ bahiḥ kuryādrekhāḥ syurnava caiva[mena ka pāṭha |] vai || 24 ||
Nachdem so zehn Winkel entstanden sind, zeichne man von vier Schnittpunkten aus zwei weitere Linien nach außen. Damit liegen neun Linien vor.

5.25 kalpayedatha tasyāgrairanyakoṇacatuṣṭayam |
evaṃ caturdaśāraṃ syādvilocanamanoharam || 25 ||
Aus deren Endpunkten bilde man vier weitere Winkel. So entsteht das anziehende vierzehnwinklige Chakra.

5.26 evaṃ niṣpādite cakre yadbhavati ca tacchṛṇu |
madhye trikoṇameva syāt tanmadhye binduriṣyate || 26 ||
Höre, was in dem auf diese Weise fertiggestellten Chakra enthalten ist: In der Mitte liegt das Dreieck und in dessen Mitte der Bindu.

5.27 caturṇāmapi cakrāṇāṃ bahiragrāstrikoṇakāḥ |
tricatvāriṃśacca guṇitā yonayo'ṣṭau ca śobhanāḥ || 27 ||
Die nach außen gerichteten Dreiecke der vier Chakras ergeben zusammen dreiundvierzig; außerdem werden acht schöne Yoni-Formen gezählt.

5.28 matsyā dvādaśa saṃpannāścatuṣkoṇopaśobhitāḥ |
granthayo'ṣṭādaśāpi syuḥ ṣaṭpathā granthayo'pare || 28 ||
Zwölf vierwinklige Fischformen entstehen sowie achtzehn Knoten mit jeweils sechs einmündenden Linienwegen.

5.29 caturviṃśatisaṃkhyātāḥ śobhanāste catuṣpathāḥ |
aṣṭakoṇagarbhaṃ tu catuṣkoṇatrayaṃ tathā || 29 ||
Vierundzwanzig schöne vierwegige Knoten werden gezählt; im achtwinkligen Inneren liegen außerdem drei Vierecke,

5.30 dakṣiṇottarapūrvāsu dikṣu saṃbhavati kramāt |
dakṣiṇottaragāstatra nava rekhā bhavanti hi || 30 ||
nacheinander im Süden, Norden und Osten. Neun Linien verlaufen dabei nach Süden und Norden.

5.31 nava rekhāstathaivānyā vahnivāyudigāyatāḥ |
na[ka etat padyārdha nāsti |]va rekhāstathaivānyā nairṛteśadigāyatāḥ || 31 ||
Neun weitere Linien verlaufen zwischen Südosten und Nordwesten, neun weitere zwischen Südwesten und Nordosten.

5.32 tatra ye pañca deveśi sādhakābhimukhāgrakāḥ |
trikoṇāste śaktayaḥ syuḥ pañca (ne?ta)tra śubhodayāḥ || 32 ||
Die fünf Dreiecke, deren Spitzen dem Übenden zugewandt sind, gelten als die fünf glückverheißenden Shaktis.

5.33 pūrvāgrā ye tu catvāro vahnayaste prakīrtitāḥ |
evaṃ cakraṃ vinirmāya bāhye vṛttaṃ vilikhya ca || 33 ||
Die vier nach Osten gerichteten Dreiecke heißen Feuer. Nachdem das Chakra so angelegt ist, zeichne man außen einen Kreis.

5.34 tenāṣṭadalapadmasya nirmāṇaṃ tadbahistathā |
vṛttena ṣoḍaśadalaṃ likhet padmaṃ manoharam || 34 ||
Mit diesem bilde man den achtblättrigen Lotus; außerhalb davon zeichne man mit einem weiteren Kreis einen schönen sechzehnblättrigen Lotus.

5.35 vṛttatrayaṃ tu tadbāhye tadbāhye caturasrakam |
trirekhaṃ bhūpuraṃ viddhi caturddhāropaśobhitam || 35 ||
Darum lege man drei Kreise und außen das Viereck. Dieses dreilinige Bhupura ist mit vier Toren versehen.

5.36 evaṃ bhavanti cakrāṇi bindunaiva nava kramāt |
vṛttatrayaṃ maheśāni na pūjāyāṃ nigadyate || 36 ||
Einschließlich des Bindu ergeben sich so neun Chakras. Die drei Kreise werden bei dieser Zählung der Verehrungsbereiche nicht mitgerechnet.

5.37 evametasya cakrasya prabhāvo varṇi(taṃ?tuṃ) mayā |
na śakyate maheśāni kalpakoṭiśatairapi || 37 ||
Die Wirkmacht dieses Chakra könnte ich selbst in Hunderten Millionen Weltaltern nicht vollständig beschreiben, höchste Göttin.

5.38 evametanmahācakraṃ mahāśrītripurāmayam |
yantraṃ śarīramityāhurmantraṃ jñānamakhaṇḍitam || 38 ||
Dieses große Chakra verkörpert die große Shri Tripura. Das Yantra nennt man den Leib, das Mantra die ungeteilte Erkenntnis.

5.39 śarīraṃ trividhaṃ prāhurbhautikaṃ ca manomayam |
paraṃ jñānamayaṃ nityaṃ yadanāśi nirantaram || 39 ||
Der Leib wird dreifach verstanden: stofflich, geistig und als höchste, ewige, unvergängliche, ununterbrochene Erkenntnis.

5.40 mudrāṃ bhautikamityāhuryantraṃ viddhi manomayam [haram ka pāṭha |] |
mantraṃ jñāna[kāma ka pāṭhaḥ |]mayaṃ viddhi evaṃ tridhā vapurbhavet || 40 ||
Mudra heißt die stoffliche Gestalt, Yantra die geistige und Mantra die Erkenntnisgestalt: So ist der Leib dreifach.

5.41 mudrāśarīraṃ me (brūhi?viddhi) aṅgabhūtaṃ tathā param |
yonibhūtā mahāmudrā śarīramiti kīrtitam || 41 ||
Erkenne die Mudra als meinen Leib und als Glied des Höchsten. Die große Yoni-Mudra wird ebenfalls als Leib bezeichnet.

5.42 tasyā rasasamutpannāḥ kāmeśvaryādikāstathā |
binducakraṃ varārohe sarvānandamayaṃ priye || 42 ||
Aus ihrer Essenz entstehen Kameshvari und die übrigen Göttinnen. Das Bindu-Chakra ist ganz von Wonne erfüllt, Schöne.

5.43 saṃvidvedyaṃ mahācakraṃ jñeyaṃ brahmasvarūpakam |
tataḥ paraṃ śivāṅkasthāṃ mahātripurasundarīm || 43 ||
Dieses große Chakra wird durch Bewusstheit erkannt und ist als Brahman zu verstehen. Dann rufe man die große Tripurasundari auf Shivas Schoß herbei.

5.44 samāvāhya yajeddevīṃ parayātha saparyayā |
agnīśāsuravāyavyamadhye dikṣu ca pārvati || 44 ||
Man verehre die Göttin mit höchster Verehrung; sodann in Südosten, Nordosten, Südwesten, Nordwesten, in der Mitte und den zugeordneten Richtungsstellen,

5.45 ṣaḍaṅgayuvatīḥ [sarvajñādiśaktī |] paścāt pūjayitvā vidhānataḥ |
tanmayīścā[ṣva kha pāṭhaḥ |]tha nityāśca yajet saubhāgyakāmukaḥ || 45 ||
die sechs jugendlichen Gliedergöttinnen nach der Ordnung. Danach verehre der nach Heil Strebende die mit ihr wesenseinen Nityas.

5.46 mahātryasraṃ smaret tatra pañcadaśaka[kā kha pāṭhaḥ |]lātmakam |
vāmāvartakrameṇaiva kalāḥ pañcadaśa kramāt || 46 ||
Man vergegenwärtige das große Dreieck als aus fünfzehn Kalas bestehend und ordne diese gegen den Uhrzeigersinn an.

5.47 akārādyā[dyā u kha pāṭha |]mukārāntāṃ[ntā kha pāṭha |] dakṣiṇasyāṃ vicintayet |
tataśca pūrvarekhāyāṃ dīrghakarṇādi [ūkārādi |] pañcakam || 47 ||
Auf der südlichen Linie betrachte man die Laute von A bis U; auf der östlichen die folgende Fünfergruppe, beginnend mit dem langen U.

5.48 vicintyottararekhāyāṃ śaktyā(sī?di) [ekārādi |] paricintayet |
kāmeśvaryādikānityāstathaiva paripūjayet [nitya yathā 1 kāmeśvarī 2 bhagamālinī 3 nityaklinnā 4 bheruṇḍā 5 vahnivāsinī 6 vajreśvarī 6 śivādūtī 8 tvaritā 9 kulasundarī 10 nityā 11 nīlapatākā 12 vijayā 13 sarvamaṅgalā 14 jvālāmālinī 15 citrā || hrīṃ śrīṃ a kāmeśvarīnityāśrīpādukā pūjayāmi tarpayāmi nama ityeva vāmāvartena sapūjayet |] || 48 ||
Auf der nördlichen Linie vergegenwärtige man die mit dem Shakti-Laut beginnende Gruppe. Ebenso verehre man Kameshvari und die übrigen Nityas.

5.49 pratipattithimārabhya paurṇamāsyantamadrije |
ekaikāṃ pūjayennityāṃ tattattithikrameṇa tu || 49 ||
Vom ersten Mondtag bis zum Vollmond verehre man jeweils die Nitya des betreffenden Mondtages, Tochter des Berges.

5.50 ādāvekaikavṛddhyā tu yajet sādhakasattamaḥ |
kṛṣṇapakṣe maheśāni pūjayettu[ttattu kha pāṭhaḥ |] trimaṇḍalam || 50 ||
Zu Beginn vermehre der vortreffliche Sadhaka die Zahl jeweils um eine. In der dunklen Mondhälfte verehre er den dreifachen Kreis.

5.51 vicitrādyā varārohe yāvat kāmeśvarī bhavet |
pūjanīyā vilomena vānyā(ḥ) tathaiva pārvati || 51 ||
Von Vichitra bis Kameshvari gehe die Verehrung in umgekehrter Reihenfolge; ebenso verfahre man mit den übrigen, Parvati.

5.52 ubhayoḥ pakṣayorante yathoktadhyānayogataḥ |
(sva?sa)rgasthāṃ ṣoḍaśīṃ nityāṃ mahātripurasundarīm [pūjayediti śeṣa |] || 52 ||
Am Ende beider Mondhälften verehre man nach der gelehrten Meditation die sechzehnte Nitya, die große Tripurasundari, in der Aussendung gegenwärtig.

5.53 tattadvidyāstathā dhyānaṃ yantrāṇi pūjanāni tu |
homānyanyāni sarvāṇi kāmyāni ca varānane || 53 ||
Die jeweiligen Vidyas, Meditationen, Yantras, Verehrungen, Feueropfer und weiteren wunschbezogenen Riten,

5.54 paṭalaiḥ pañcasaṃkhyaistu paścāt vakṣyāmyahaṃ śive |
atrāṅgāvṛtibhūtānāṃ śṛṇu pūjāṃ varānane || 54 ||
werde ich später in fünf Kapiteln erklären, Shiva. Höre hier zunächst die Verehrung der Kräfte, die ihre Glieder und Umhüllungen bilden.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 5.55 tatra tatra maheśāni samāvāhya vidhānataḥ |
pūjayet sādhako bhaktyā ya(do?tho)ktakramavartma(kā?nā) || 55 ||
Ishvara sprach: An der jeweiligen Stelle rufe der Sadhaka sie ordnungsgemäß herbei und verehre sie mit Hingabe in der gelehrten Reihenfolge.

5.56 mūlādyenaiva tatrādyāṃ haṃsena puṭitena tu |
dvitīyena dvitīyāṃ ca tṛtīyena tṛtīyakam || 56 ||
Die erste verehre man mit dem ersten Laut des Wurzelmantras, von Hamsa umschlossen, die zweite mit dem zweiten und die dritte mit dem dritten.

5.57 caturthena caturthī ca pañcamenaiva pañcamīm |
ṣaṣṭhena tu tathā ṣaṣṭhīṃ saptamena tu saptamīm || 57 ||
Die vierte mit dem vierten, die fünfte mit dem fünften, die sechste mit dem sechsten und die siebte mit dem siebten Laut.

5.58 aṣṭamenāṣṭamīṃ caiva navamīṃ navamena tu |
daśamīṃ daśa(mī?me)naiva ekādaśīṃ tathaiva hi || 58 ||
Die achte verehre man mit dem achten, die neunte mit dem neunten und die zehnte mit dem zehnten; ebenso die elfte

5.59 ekādaśākṣareṇaiva dvādaśīṃ dvādaśena tu |
trayodaśīṃ ca tatraiva trayodaśākṣareṇa tu || 59 ||
mit dem elften Laut, die zwölfte mit dem zwölften und die dreizehnte mit dem dreizehnten.

5.60 caturdaśākṣareṇaiva yajet tatra caturdaśīm |
pañcadaśākṣareṇaiva yajet pañcadaśīṃ tataḥ || 60 ||
Die vierzehnte verehre man mit dem vierzehnten Laut und anschließend die fünfzehnte mit dem fünfzehnten.

5.61 samastena tathā devi ṣoḍaśīṃ paripūjayet |
ādā[ādyā ka pāṭha |]vante ca madhye ca saparyā khalu pārvati || 61 ||
Die sechzehnte verehre man mit dem gesamten Mantra. Am Anfang, in der Mitte und am Ende ist die Verehrung

5.62 mahādevyāḥ samākhyātā nityaiva vihitāgame |
tāmeva pūjayedvāpi mahātripurasundarīm || 62 ||
der großen Göttin nach der Agama-Ordnung beständig vorgeschrieben. Oder man verehre allein die große Tripurasundari,

5.63 yatastasyāḥ samutpannaṃ nityāmaṇḍalamīdṛśam |
athānyat saṃpravakṣyāmi kāmyaṃ kāmārthasiddhaye || 63 ||
weil der ganze Kreis der Nityas aus ihr hervorgegangen ist. Nun erkläre ich einen weiteren wunschbezogenen Ritus zur Erfüllung von Begehren.

5.64 yathoktāṃ kulajāṃ śastāṃ cārulakṣaṇalakṣitām |
svecchāṛtumatīṃ pūrṇa[rṇā ka pāṭha |]yauvanācchanna[cchāditaśai ka pāṭha |]śaiśavām || 64 ||
Man wähle eine Frau der Kula-Tradition mit den genannten günstigen Eigenschaften, freiwillig beteiligt und menstruierend, deren Kindheit durch volle körperliche Reife hinter ihr liegt.

5.65 tatrādyadivase devīṃ pūjayitvā yathāvidhi |
yajet kāmeśvarīmādyāṃ dvitīyāṃ dvitīye tathā || 65 ||
Am ersten Tag verehre man in ihr die Göttin ordnungsgemäß als erste Kameshvari, am zweiten Tag die zweite Nitya.

5.66 tṛtīye'tha tṛtīyāṃ ca caturthe[rthī ka pāṭhaḥ |] ca caturthikām |
pañcame pañcamīṃ caiva ṣaṣṭhīṃ ṣaṣṭhe tathāhani || 66 ||
Am dritten die dritte, am vierten die vierte, am fünften die fünfte und am sechsten die sechste.

5.67 saptame saptamīṃ caiva aṣṭamīmaṣṭame'hani |
navame navamīṃ devīṃ daśame daśamīṃ tathā || 67 ||
Am siebten die siebte, am achten die achte, am neunten die neunte und am zehnten die zehnte Göttin.

5.68 ekādaśīṃ tathā rudre dvādaśīṃ dvādaśe'hani |
trayodaśadine devīṃ trayodaśīṃ krameṇa tu || 68 ||
Am elften Tag die elfte, am zwölften die zwölfte und am dreizehnten nacheinander die dreizehnte Göttin.

5.69 caturdaśīṃ tathā śakre pañcadaśīṃ tato yajet |
ṣoḍaśīṃ ṣoḍaśe pūrṇe yajed (bu?vṛ)ddhikrameṇa tu || 69 ||
Am vierzehnten die vierzehnte, danach die fünfzehnte und am vollendeten sechzehnten Tag die sechzehnte, in zunehmender Ordnung.

5.70 anyāścaiva yajet paścādaparaṃ yat prakīrtitam |
ṣoḍaśarturniśāḥ strīṇāṃ tāsu kramotkramād yajet || 70 ||
Danach verehre man die übrigen entsprechend dem zuvor Gesagten. Der weiblichen Fruchtbarkeitszeit werden sechzehn Nächte zugerechnet; darin übe man in vorwärts- und rückläufiger Folge.

5.71 yathāvidhi krameṇaiva na dinaṃ vyatilaṅghayet |
naiva visarjayet tāṃ tu yāvatsā[syā ka pāṭhaḥ |] syāt phalārthinī || 71 ||
Man befolge die Ordnung und überspringe keinen Tag. Man entlasse sie nicht während dieser Folge; der Text verbindet dies mit ihrem Wunsch nach der Frucht der Praxis.

5.72 phalārthinīṃ viditvaiva visṛjyānyāṃ samāśrayet |
niśāḥ ṣoḍaśaḥ saṃyuktāḥ ṣoḍaśa śaktayastathā || 72 ||
Wenn ihr Wunsch nach Frucht, hier wohl Empfängnis, erkannt wird, entlasse man sie und wende sich einer anderen zu. Sechzehn Nächte entsprechen sechzehn Shaktis. Der Übergang zwischen den beiden Versen ist mehrdeutig.

5.73 ekasmin divase devi labhyante bhāgyayogataḥ |
pūjayettāḥ prayatnena yathāvat pūrvasūcitāḥ || 73 ||
Wenn diese durch glückliche Umstände an einem einzigen Tag zusammenkommen, verehre man sie sorgfältig nach der früher beschriebenen Ordnung.

5.74 rātrau vṛddhyā dine hānyā rase madhye sthito balī |
ṛtumekaṃ krameṇaiva sa bhavet surapādapaḥ || 74 ||
Nachts zunehmend, tagsüber abnehmend, in der Mitte der Essenz beständig: Wer so einen ganzen Zyklus durchläuft, wird einem himmlischen Wunschbaum gleich. Die konkrete rituelle Zuordnung ist unsicher.

5.75 vimalājayinīmadhye guravaḥ [aṣṭāracakre gurukramasaparyā bodhyeti sūcyate |] kathitāstu te |
trailokyamohane cakre buddhaṃ ca paripūjayet || 75 ||
Die Gurus werden zwischen Vimala und Jayini angeordnet. Im Trailokyamohana-Chakra verehre man auch Buddha.

5.76 brahmaviṣṇuśivākhyāstāstisro rekhāśca tannibhāḥ |
tatrādau brahmarekhāyāmaṇimādyāḥ [aṇimā-laghimā-mahimā-īśitva-prākāmya-bhuktisiddhi-icchāsiddhi-rasasiddhi-mokṣasiddhaya ityetā brahmarekhāyā pūjyā |] sthitāḥ priye || 76 ||
Die drei Linien heißen Brahma, Vishnu und Shiva und entsprechen ihnen. Auf der ersten, der Brahma-Linie, befinden sich Anima und die übrigen Siddhis.

5.77 varābhayakarā raktāḥ samīhitaphalapradāḥ |
kaumārī pītavarṇā ca śaktitomaradhāriṇī || 77 ||
Sie sind rot, zeigen Segen und Furchtlosigkeit und gewähren die ersehnte Frucht. Kaumari ist gelb und trägt Speer und Wurfspeer.

5.78 varadābhayahastā ca dhyātavyā parameśvarī |
aṅkuśaṃ tomaraṃ vidyutkuliśau bibhratī karaiḥ || 78 ||
Sie zeigt auch die Gesten von Segen und Furchtlosigkeit. Die nächste Göttin trägt Stachel, Wurfspeer, Blitz und Donnerkeil in ihren Händen.

5.79 indrāṇī gauravarṇā ca dhyeyā sarvasamṛddhidā |
vaiṣṇavī śyāmavarṇā ca śaṃkhacakravarābhayān || 79 ||
Als hellfarbige Indrani ist sie zu betrachten, Geberin allen Gedeihens. Vaishnavi ist dunkel und trägt Muschel und Diskus und zeigt Segen und Furchtlosigkeit

5.80 hastapadmaiśca bibhrāṇā divyabhūṣaṇabhūṣitā |
vārāhī śyāmavarṇā ca potrivaktrasamanvitā || 80 ||
mit ihren lotushaften Händen, geschmückt mit göttlichem Schmuck. Varahi ist dunkel und besitzt das Gesicht eines Ebers.

5.81 halaṃ ca musa[ṣa ka pāṭhaḥ |]laṃ khaḍgaṃ kheṭakaṃ dadhatī karaiḥ |
cāmuṇḍā kṛṣṇavarṇā ca śūlaṃ ḍamarukaṃ tathā || 81 ||
Sie hält Pflug, Keule, Schwert und Schild. Chamunda ist schwarz; Dreizack und kleine Trommel

5.82 khaḍgaṃ vetālakaṃ caiva dadhanā dakṣiṇairbhujaiḥ |
kheṭakaṃ caṣa[sa ka pāṭhaḥ |]kaṃ caiva nāgaṃ ghaṇṭāṃ ca vāmakaiḥ || 82 ||
sowie Schwert und Vetala hält sie rechts, Schild, Trinkschale, Schlange und Glocke links.

5.83 brahmāṇīpramukhāḥ [brahmāṇī-māheśvarī kaumārī-vaiṣṇavī-vārāhī-indrāṇī-cāmuṇḍā-mahālakṣmya ityetā madhyamāyā viṣṇurekhāyāṃ pūjyāḥ |] sarva[ā] viṣṇurekhā samāśritāḥ |
brahmāṇī raktavarṇā ca caturbhiḥ śobhitā mukhaiḥ || 83 ||
Brahmani und die übrigen stehen auf der Vishnu-Linie. Brahmani ist rot und mit vier Gesichtern versehen.

5.84 varadābhayahastā ca kuṇḍi[ṇḍa ka pāṭha |]kākṣalasatkarā |
māheśvarī śvetavarṇā trinetrā śūladhāriṇī || 84 ||
Sie zeigt Segen und Furchtlosigkeit und hält Wassergefäß und Gebetskette. Maheshvari ist weiß, dreiäugig und trägt den Dreizack.

5.85 kṛpāṇame(naṃ?ṇaṃ) paraśuṃ dadhānā pāṇibhiḥ priye |
bhedamasyāḥ paraṃ guhyaṃ saṃkṣepāt kathya[thitā kha pāṭha |]te'dhunā || 85 ||
In ihren Händen trägt sie außerdem Schwert beziehungsweise Gazelle und Axt; die Lesung ist unsicher. Ihre weitere geheime Unterscheidung wird kurz erklärt.

5.86 mahālakṣmīstu pītābhā padme darpaṇameva ca |
mātuluṅgaphalaṃ caiva dadhānā parameśvarī || 86 ||
Mahalakshmi ist gelbleuchtend und hält Lotusblüten, Spiegel und eine Zitronatzitrone, die höchste Herrin.

5.87 śivarekhāṃ samāśritya saṃkṣobhaṇyādikāḥ [sakṣobhaṇyādayo mudrādevya prakaṭayoginyastrailokyamohane cakre caturasrarekhātmake śivarekhāyā sapūjyā |] sthitāḥ |
raktāḥ saṃkṣobhaṇīmukhyāḥ svasvamudrākarānvitāḥ || 87 ||
Auf der Shiva-Linie stehen Samkshobhini und die anderen roten Göttinnen, jede mit ihrer eigenen Mudra.

5.88 etāḥ prakaṭayoginyo dhyeyāḥ sarvasamṛddhaye |
aṇimāpurato devi tripurā cakranāyikā || 88 ||
Diese offenbaren Yoginis sind zur Erlangung allen Gedeihens zu betrachten. Vor Anima steht Tripura, die Herrin des Chakra.

5.89 śuddhasphaṭikasaṃkāśā muktāratnavibhūṣitā[tāḥ ka pāṭha |] |
pustakaṃ cākṣamālāṃ ca kamaladvayamuttamam || 89 ||
Sie gleicht reinem Kristall, ist mit Perlen und Edelsteinen geschmückt und trägt Buch, Gebetskette und zwei vortreffliche Lotusblüten.

5.90 bibhratī siddhaye dhyeyā mahāpātakanāśinī |
trivṛttaṃ [vṛttatrayaṃ maheśāni na pūjāyā nigadyate (5|36) ityuktyā pūjāyā nopayujyate tat |] candrasūryāgnisvarūpaṃ viddhi pārvati || 90 ||
Zur Vollendung betrachte man sie als Vernichterin schwerer Verfehlungen. Die drei Kreise sind Mond, Sonne und Feuer, Parvati.

5.91 sarvāśāpūrake cakre ravivedadalānvite |
brahmāṇaṃ cintayettatra sravatpīyūṣavarṣiṇi[rpite kha pāṭha |] || 91 ||
Im sechzehnblättrigen Sarvashapuraka-Chakra, das Nektar regnet, betrachte man Brahma.

5.92 kāmākarṣaṇikādyāstu ṣoḍaśasvarasaṃyutāḥ |
sṛ[śṛ ka pāṭha |]ṇipāśadharāḥ sarvā rūpeṇāpīha tatsamāḥ || 92 ||
Kamakarshanika und die übrigen sind mit den sechzehn Vokalen verbunden, tragen Stachel und Schlinge und gleichen einander in ihrer Gestalt.

5.93 etāstu gupyayoginyo [tā yathā kāmabuddhyahakāraśabdasparśarūparasagandhacittadhairyasmṛtināmabījātmāmṛtaśarīrākarṣaṇyaḥ iti guptayoginya sarvāśāparipūraka ṣoḍaśadalacakre sapūjyāḥ |] dhyeyāḥ sarvasamṛddhidāḥ |
kāmākarṣaṇikāgre tu tripureśī vyavasthitā || 93 ||
Diese verborgenen Yoginis gewähren alles Gedeihen. Vor Kamakarshanika befindet sich Tripureshi.

5.94 tripurāsadṛśī dhyeyā tripureśī varānane |
aṣṭapatraṃ varārohe japākusumasaṃnibham || 94 ||
Tripureshi ist in einer Tripura ähnlichen Gestalt zu betrachten. Der achtblättrige Lotus leuchtet wie eine Hibiskusblüte,

5.95 sarvasaṃkṣobha(naṃ?ṇaṃ) nāma sarvakāmaphalapradam |
cintayitvā śivaṃ tatra vargāṣṭakasamanvitāḥ || 95 ||
heißt Sarvasamkshobhana und erfüllt alle Wünsche. Darin betrachte man Shiva und die mit den acht Lautgruppen verbundenen Göttinnen.

5.96 anaṅgakusumādyāstu smṛtā guptatarāśca [yathā anaṅgakusumānaṅgamekhalānaṅgamadanānaṅgamadanāturānaṅgarekhānaṅgaveginyanaṅgāṅkuśānaṅgamālinīti etā guptatarayoginyaḥ sarvasakṣobhakārake'ṣṭadalacakre sapūjyāḥ |] tāḥ |
sundarīsadṛśāḥ sarvāḥ sarvakāmaphalapradāḥ || 96 ||
Anangakusuma und die übrigen heißen die noch verborgeneren Yoginis. Sie gleichen Sundari und gewähren die Erfüllung aller Wünsche.

5.97 anaṅgakusumāgre tu dhyeyā tripurasundarī |
sarvālaṅkārasaṃpannā pustakaṃ cākṣamālikām || 97 ||
Vor Anangakusuma betrachte man Tripurasundari mit allem Schmuck, einem Buch und einer Gebetskette,

5.98 varābhayau ca dadhatī bandhūkakusumaprabhā |
sarvasaubhāgyade cakre dāḍimīkusumaprabhe || 68 ||
Segen und Furchtlosigkeit zeigend, leuchtend wie eine Bandhuka-Blüte. Im Sarvasaubhagyada-Chakra, rot wie die Granatapfelblüte,

5.99 caturdaśārake devi bhāskaraṃ paricintayet |
sarvasaṃkṣobhaṇīmukhyāḥ [sarvasaṃkṣobhiṇī-sarvavidrāviṇī-sarvākarṣiṇī-sarvāhlādinī-sarvamohinī-sarvastambhinī-sarvajṛmbhiṇī-sarvavaśaṅkarī-sarvarañjanī-sarvonmādinī-sarvārthasādhanī-sarvasaṃpatpūraṇī-sarvamantramayī-sarvadvandvakṣayakarītyetā saṃpradāyayoginya sarvasaubhāgyadāyake caturdaśāracakre pūjyāḥ |] saṃpradāyāḥ smṛtā imāḥ || 99 ||
mit seinen vierzehn Winkeln, betrachte man Bhaskara. Sarvasamkshobhini und die übrigen heißen die Yoginis der Überlieferung.

5.100 sarvasaṃkṣobhaṇīśakteḥ[kti ka pāṭha |] purastripuravāsinī |
sundaryāḥ sadṛśī dhyeyā sarvakāmaphalapradā || 100 ||
Vor Sarvasamkshobhini steht Tripuravasini, Sundari ähnlich und alle Wünsche erfüllend.

5.101 sarvārthasādhake cakre sarvarakṣākare tathā |
bāhyāradaśakoṇe ca japākusumasannibhe || 101 ||
Im Sarvarthasadhaka- und ebenso im Sarvarakshakara-Chakra, den äußeren und inneren Zehnerkreisen, deren äußerer wie Hibiskus leuchtet,

5.102 nārāyaṇaṃ prapūjyātha bāhyāradaśake tataḥ |
sarvasiddhipradāmukhyāḥ kulakaulā [sarvādaya siddhipradā-saṃpatpradā-priyakarī-maṅgalakāriṇī-kāmapradā-duḥkhavimocinī-mṛtyupraśamanī-vighnavināśinī-aṅgasundarī-saubhāgyadāyinī- ityetāḥ kulakaulayoginyaḥ sarvārthasādhake bahirdaśāracakre pūjyā |] imāḥ smṛtāḥ || 102 ||
verehre man zunächst Narayana. Im äußeren Zehnerkreis stehen Sarvasiddhiprada und die übrigen, die Kulakaula-Yoginis.

5.103 sarvasiddhipradāgre tu tripurā[ra kha pāṭha |]śrīrvyavasthitā |
udyadbhānusahasrābhā divyālaṃkārabhūṣitā || 103 ||
Vor Sarvasiddhiprada steht Tripurashri, strahlend wie tausend aufgehende Sonnen und mit göttlichem Schmuck versehen.

5.104 pustakaṃ japamālāṃ ca dadhatī varadābhaye |
antardaśāracakre ca pūjyāḥ sarvasamṛddhidāḥ || 104 ||
Sie trägt Buch und Gebetskette und zeigt Segen und Furchtlosigkeit. Im inneren Zehnerkreis sind die alles Gedeihen schenkenden Kräfte zu verehren.

5.105 tathā niga[rva?rbha]yoginyaḥ sarvajñā[jñā ka pāṭhaḥ |]pramukhāḥ [sarvajñā-sarvaśakti-sarvaiśvaryapradā-sarvajñānamayī-sarvavyādhivināśinī-sarvādhārasvarūpā-sarvapāpaharā-sarvānandamayī-sarvarakṣāsvarūpiṇī-sarvepsitaphalapradā- ityetā nigarbhayoginyaḥ sarvarakṣākare'ntardaśāracakre pūjanīyā |] priye |
sarvajñāpurato devi sthitā tripuramālinī || 105 ||
Sarvajna und die übrigen heißen hier „Niga-Yoginis“; die Gruppenbezeichnung ist unsicher. Vor Sarvajna befindet sich Tripuramalini.

5.106 indragopaprabhā devī pāśāṅkuśakapālinī |
mahābhīti[ha?ka]rā samyak sādhakānāṃ kṣaṇādiyam || 106 ||
Die Göttin leuchtet wie ein rotes Indragopa-Insekt und trägt Schlinge, Stachel und Schädelschale; augenblicklich nimmt sie den Sadhakas große Furcht. Das betreffende Verb ist beschädigt.

5.107 sarvarogahare cakre bālārka[laka ka pāṭha |]kiraṇāruṇe |
vaśinīpramukhāstatra rahasyayoginīryajet || 107 ||
Im Sarvarogahara-Chakra, rot wie die Strahlen der jungen Sonne, verehre man Vashini und die übrigen geheimen Yoginis.

5.108 vaśinīpramukhā[vaśinī-kāmeśvarī-modinī-vimalā-aruṇā-jayinī-sarveśvarī-kaulinī-vāgdevatā ityetā rahasyayoginyaḥ sarvarogahare vasukoṇacakre sapūjyā |]raktā varābhayakarānvitāḥ |
pustakaṃ japamālāṃ ca dadhānāḥ parameśvari || 108 ||
Vashini und die anderen sind rot, zeigen Segen und Furchtlosigkeit und tragen Buch und Gebetskette.

5.109 vaśinīpurato devi sarvasiddhipradāyinīm |
tathā tripurasiddhāṃ ca dhyāyedviṣavināśinīm || 109 ||
Vor Vashini betrachte man Tripurasiddha, die alle Vollendungen schenkt und Gift auflöst.

5.110 trikoṇāgravibhāgasya dakṣiṇe vāmake priye |
catuṣpathasamāyukte bāṇacāpau prapūjayet || 110 ||
Rechts und links vom vorderen Bereich des Dreiecks verehre man an den vierwegigen Schnittstellen Pfeile und Bogen.

5.111 trikoṇasyordhvabhāgasya vāmadakṣiṇayostathā |
ṣaḍadhvarūpayordevi pāśāṅkuśau vyavasthitau || 111 ||
Links und rechts am oberen Dreiecksbereich befinden sich Schlinge und Stachel, denen die sechs Entfaltungswege zugeordnet werden.

5.112 sarvasiddhiprade cakre trikoṇe parameśvari |
udyatsūryasahasrābhe bandhūkakusumaprabhe || 112 ||
Im Sarvasiddhiprada-Chakra, dem Dreieck, strahlend wie tausend aufgehende Sonnen und eine Bandhuka-Blüte,

5.113 atirahasyayoginyaḥ saṃsthitā vīravandite |
agrakoṇe agnicakre kāmarūpe varānane || 113 ||
stehen die überaus geheimen Yoginis. Im vorderen Winkel, im Feuerkreis am heiligen Ort Kamarupa,

5.114 kāmeśvarī trinetrā ca taruṇāruṇavigrahā |
caṣa[sa ka pāṭha |]kaṃ varadānaṃ ca pāśaṃ cāṅkuśameva ca || 114 ||
befindet sich die dreiäugige Kameshvari, jung und rotleuchtend; sie hält Trinkschale, Schlinge und Stachel und zeigt die Segensgeste.

5.115 dadhatī parameśāniṃ dhyeyā rudrātmaśaktikā |
vāmakoṇe trikoṇasya sūryacakre maheśvari || 115 ||
Man betrachte sie als Rudras eigene Shakti. Im linken Dreieckswinkel, im Sonnenkreis,

5.116 jālandhare mahāpīṭhe vajreśvarī samīritā |
trinetrā pūrṇacandrāsyā bandhūkakusumaprabhā || 116 ||
am großen heiligen Ort Jalandhara, wird Vajreshvari genannt: dreiäugig, vollmondgesichtig und leuchtend wie eine Bandhuka-Blüte.

5.117 pāśāṅkuśau śarāṃścāpaṃ caṣa[sa ka pāṭha |]kaṃ mātuluṅgakam |
dadhatī cārurūpā sā dhyeyā viṣṇvātmaśaktikā || 117 ||
Sie trägt Schlinge, Stachel, Pfeile, Bogen, Trinkschale und Zitronatzitrone. Von schöner Gestalt, ist sie als Vishnus eigene Shakti zu betrachten.

5.118 dakṣakoṇe trikoṇasya (lo?so)macakre varānane |
pūrṇagiryālaye devi kathitā bhagamālinī || 118 ||
Im rechten Dreieckswinkel, im Mondkreis am heiligen Ort Purnagiri, wird Bhagamalini genannt.

5.119 trinetrā taruṇendumastā sindūrāruṇavigrahā |
pustakaṃ japamālāṃ ca pāśāṅkuśakameva ca || 119 ||
Sie ist dreiäugig, trägt den jungen Mond am Haupt, hat einen zinnoberroten Leib und hält Buch, Gebetskette, Schlinge und Stachel.

5.120 dadhatī parameśānī dhyeyā brahmātmaśaktikā |
kāmeśvarī purobhāge tripurā(mnā?mbā) vyavasthitā || 120 ||
Die höchste Herrin ist als Brahmas eigene Shakti zu betrachten. Vor Kameshvari befindet sich Tripuramba.

5.121 mālinīsadṛśī dhyeyā sarvakāmaphalapradā |
athavā raśmayaḥ sarvā devīrūpeṇa cintayet || 121 ||
Sie gleicht Malini und erfüllt alle Wünsche. Oder man betrachte sämtliche Strahlen unmittelbar in der Gestalt der Göttin.

5.122 navāvaraṇaśaktīnāṃ dhyānaṃ devyāḥ samaṃ yataḥ |
niḥsaranti yathā nityaṃ sūryabimbānmarīcayaḥ || 122 ||
Denn die Meditation über die Shaktis der neun Umhüllungen entspricht der Meditation über sie. Wie Strahlen ständig aus der Sonnenscheibe hervorgehen,

5.123 devyastathā samutpannā mahādevyāḥ śarīrataḥ |
uḍyāṇapīṭhake devi brahmacakre varānane || 123 ||
so gehen diese Göttinnen aus dem Leib der großen Göttin hervor. Im Brahman-Chakra am heiligen Ort Uddiyana,

5.124 parāpararahasyākhyā devī brahmasvarūpiṇī |
cakreśīmapi tāmeva pūjayet sādhakottamaḥ || 124 ||
befindet sich die Brahman verkörpernde Göttin, „Geheimnis des Höchsten und Niederen“ genannt. Der vortreffliche Sadhaka verehre dieselbe auch als Chakra-Herrin.

5.125 sthitikrameṇa pūjeyaṃ yantroddhārakrameṇa tu |
sṛṣṭikramaṃ mahadguhyaṃ pūjanaṃ parameśvari || 125 ||
Dies ist die Verehrung in der Ordnung der Erhaltung. Nach der Reihenfolge der Yantra-Entfaltung vollzieht sich die große geheime Verehrung in Schöpfungsordnung.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 5.126 cakramaṇḍalamākhyātaṃ na pūjā tatra maṇḍale |
idānīṃ kathayeśāna pūjākramamanuttamam || 126 ||
Parvati sprach: Das Chakra-Mandala hast du erklärt, nicht aber die Verehrung darin. Verkünde jetzt die höchste Reihenfolge der Puja.

īśvara uvāca |

Ishvara sprach: 5.127 śṛṇu devi pravakṣyāmi pūjākramamanuttamam |
yasya prabodhamātreṇa jīvanmuktaḥ pramodate || 127 ||
Ishvara sprach: Höre die höchste Verehrungsordnung, durch deren bloßes Verstehen man schon zu Lebzeiten befreit in Freude lebt.

5.128 devyā nityoditā pūjā tribhirbhedairvyavasthitā |
parā[aparā ca ka pāṭha |] caivāparā devi tṛtīyā ca parāparā || 128 ||
Die stets gegenwärtige Verehrung der Göttin besteht in drei Formen: höchste, niedere und als dritte höchste-und-niedere.

5.129 cakramadhye samāvāhya pū(ja?jya)te dravyavistaraiḥ |
prathamā sā samākhyātā matā purandarādibhiḥ || 129 ||
Die Göttin wird in die Chakra-Mitte gerufen und mit vielerlei stofflichen Gaben verehrt. Dies ist die zuerst beschriebene, von Indra und anderen vertretene Form.

5.130 mṛ(dā?dvā)sane samāsīnaḥ khagasaṃyamane rataḥ |
samakāyaśirogrīvo nāsālokanatatparaḥ || 130 ||
Auf weichem Sitz, mit gerade ausgerichtetem Körper, Kopf und Hals, widme man sich der Atembeherrschung und richte den Blick auf die Nase.

5.131 vikalparūpasaṃjalpavimukho bhāvatatparaḥ |
mahāpadmavanāntaḥsthāṃ paramānandarūpiṇīm || 131 ||
Von gedanklichem Reden und unterscheidenden Vorstellungen abgewandt, ganz auf die Vergegenwärtigung gerichtet, betrachte man die Göttin im großen Lotuswald, deren Wesen höchste Wonne ist.

5.132 āpyāyitajagadrūpāṃ paramāmṛtavarṣiṇīm |
tattajjñānamaye cakre paramātmasvarūpiṇīm || 132 ||
Sie nährt die Welt und regnet höchsten Nektar. Im erkenntniserfüllten Chakra besitzt sie die Gestalt des höchsten Selbst.

5.133 ardha[rddha ka pāṭha |]mātrā yonirūpāṃ bindutrivalayātmikām |
paramānandapuṣpeṇa pūjayedātmarūpiṇīm || 133 ||
Als halbe Lautdauer, als Yoni, als Bindu mit drei Umkreisungen verehre man sie, das eigene Selbst, mit der Blume höchster Wonne.

5.134 indriyaprīṇanairdravyairvihitaṃ svātmapūjanam |
uttameyaṃ dvitīyā sā mayā niṣpādyate sadā || 134 ||
Die Selbstverehrung geschieht mit Gaben, welche die Sinne erfreuen. Diese zweite, höchste Form vollziehe ich selbst beständig.

5.135 parāparā samākhyātā ubhayaṃ yatra vidyate |
devakīsūnunā ceyaṃ niṣpādyate sadā priye || 135 ||
Höchste-und-niedere heißt die Form, in der beides vorhanden ist. Diese vollzieht Devakis Sohn beständig, Geliebte.

iti śrīpārvatīśvarasaṃvāde gandharvatantre yantroddhārāvaraṇaśaktyarcanaṃ nāma pañcamaḥ paṭalaḥ || 5 ||
Hier endet das 5. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Yantra und umgebende Shaktis“.

Kapitel 6–12: Reinigung und innere Praxis

Kapitel 6: Tagespraxis und Guruverehrung

ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ |
pārvatyuvāca |

Parvati sprach: 6.1 devyāḥ pūjā samākhyātā tṛtīyā yā maheśvara |
kathaya [tā kathaya ka pāṭha |] tāṃ suraśreṣṭha vista[stā ka pāṭha |]reṇādhunā prabho || 1 ||
Parvati sprach: Erkläre mir nun ausführlich jene dritte Form der Göttinnenverehrung, höchster Herr, die du erwähnt hast.

6.2 jñānena karmaṇā ceha dehaśuddhirdvidhā bhavet |
jñānaśuddhistvayā proktā karmaśuddhirna darśitā || 2 ||
Die Reinigung des Körpers geschieht zweifach: durch Erkenntnis und durch Handlung. Die Erkenntnisreinigung hast du erklärt, die Reinigung durch Handlung noch nicht.

6.3 vi(nmu?ṇmū)trapicchalo dehaḥ kathaṃ devamayo bhavet |
tanme vada mahādeva prasādasumukha prabho || 3 ||
Wie kann der von Ausscheidungen verunreinigte Körper göttlich werden? Erkläre mir das mit gnädigem Antlitz, Mahadeva.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 6.4 jñānena karmaṇā vāpi siddhirbhavati nānyathā |
jñānayogaśca vaktavyaḥ karmayogaṃ śṛṇu priye || 4 ||
Ishvara sprach: Durch Erkenntnis oder Handlung entsteht Vollendung, nicht anders. Der Erkenntnisyoga ist noch zu erläutern; höre zunächst den Yoga des Handelns.

6.5 brāhmye mūhūrte utthāya sādhakaḥ sthiramānasaḥ |
padmāsanasamāsīnaḥ prāṇāyāmapuraḥsaraḥ || 5 ||
Der Sadhaka stehe in Brahma Muhurta auf, sammle seinen Geist, nehme den Lotussitz ein und beginne mit Pranayama.

6.6 brahmarandhra[ndhre kha pāṭhaḥ |]sthite padme sahasradalaśobhite |
vimale pūrṇacandrasya maṇḍale cintayed gurum || 6 ||
Im tausendblättrigen Lotus an der Brahmanöffnung, in der reinen Vollmondsphäre, betrachte er den Guru.

6.7 śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ śvetābharaṇabhūṣitam |
tādṛkprasūnamālyādivibhūṣitatanuṃ [ta ka pāṭhaḥ |] tathā || 7 ||
Er gleicht reinem Kristall, trägt weißen Schmuck und ist mit ebenso weißen Blumen und Kränzen geschmückt.

6.8 padmāsanasamāsīnaṃ sarvayoginiṣevitam |
varābhayakaraṃ śāntaṃ dvinetraṃ karuṇāmayam || 8 ||
Er sitzt im Lotussitz, wird von allen Yogis verehrt, zeigt Segen und Furchtlosigkeit und ist friedvoll, zweiäugig und voller Mitgefühl.

6.9 vāmorūgatayā śaktyā raktayā vāmapāṇinā |
dhārayantyotpalaṃ dakṣahastenāliṅgitaṃ vibhum || 9 ||
Auf seinem linken Oberschenkel sitzt die rote Shakti. Links hält sie eine Lotusblüte, mit dem rechten Arm umfasst sie den Herrn.

6.10 paramānandasaṃdohasāndramānasamīśvaram |
ānandasāndraraktākṣaṃ smaret smitamukhāmbujam || 10 ||
Man vergegenwärtige den Herrn, dessen Geist in höchster Wonne ruht, mit wonnegeröteten Augen und lächelndem Lotusantlitz.

6.11 [bālādya ai bhuvaneśānī hrī ramā śrī khecarī hasakhaphre śivo ha candrā0 sa mātṛkānta kṣa kālo ma śakro la ambu vahniḥ ra vāyu0 ya vāmakarṇa0 ū | vakramiti tathā sahakhaphre sahakṣamalavarayīmiti | śivacandrāviti hsau0 candraśivau sahau0 |] bālādyaṃ bhuvaneśānī ramā caivātha khecarī |
śivacandrau mātṛkāntaṃ kālaśakrā(dyu?mbu)vahnayaḥ || 11 ||
Die Lauterschließung nennt den Anfang Balas, Bhuvaneshani, Rama und Khechari, dann Shiva und Mond, den letzten Matrika-Laut, Kala, Shakra, Wasser und Feuer.

6.12 vāyuśca vāmakarṇena yojitā bindunādinaḥ |
[ca?va]kraṃ kṛtvādimaṃ teṣu karṇe vāmākṣi yojayet || 12 ||
Es folgt Luft, verbunden mit dem linken Ohrlaut, Bindu und Nada. Für die umgekehrte Folge wird beim Ohrlaut der linke Augenlaut eingesetzt. Die erste Silbe der Anweisung ist unsicher.

6.13 śivacandrau triśūlāḍhyau bindunā parimaṇḍitau |
candraśivau triśūlāḍhyau [sva?sa]rgavantau maheśvari || 13 ||
Shiva und Mond werden mit Dreizack und Bindu versehen; in umgekehrter Folge Mond und Shiva mit Dreizack und Visarga, höchste Herrin.

6.14 tasmāt svagurunāmānte ānandanātha cālikhet |
tathā śaktipadānte vai ambā[tatropa ka pāṭha |]padamato likhet || 14 ||
An den Namen des eigenen Gurus füge man „Anandanatha“ an, an den Namen seiner Shakti „Amba“.

6.15 pādukāṃ pūjayāmīti vidhinā paripūjayet |
laṃ pṛthivyātmanā brahmaṇā gandhaṃ kalpayāmi gandhatanmātrātmane ghrā(ṇa?ṇendriyāya) gandhaṃ gṛhāṇa svāhā, athāṅguṣṭhakaniṣṭhābhyāṃ yojayedgandhamuttamam || 15 ||
Mit „Ich verehre die Padukas“ vollziehe man die Verehrung. Die Duftformel lautet sinngemäß: „Laṃ. Durch Brahma als Erde bringe ich Duft dar. Du Wesen der Geruchsqualität und des Riechvermögens, nimm Duft an, svāhā.“ Dazu verbinde man Daumen und kleinen Finger.

6.16 haṃ ākāśātmanā sadāśivena puṣpaṃ kalpayāmi śabdatanmātrātmane śrotrendri(ya?yāya) śabdaṃ gṛhāṇa svāhā, aṅguṣṭhatarjanīyogaṃ puṣpadānaṃ tathaiva hi |
yaṃ vāyvātmanā īśvareṇa dhūpaṃ kalpayāmi sparśatanmātrātmane tvagindriyāya sparśaṃ gṛhāṇa svāhā, aṅguṣṭhamadhyamāyogaṃ dhūpadānaṃ tathaiva hi || 16 ||
„Haṃ. Durch Sadashiva als Raum bringe ich eine Blume dar. Du Wesen der Klangqualität und des Hörvermögens, nimm Klang an, svāhā.“ Dazu verbinde man Daumen und Zeigefinger. „Yaṃ. Durch Ishvara als Wind bringe ich Räucherwerk dar. Du Wesen der Berührungsqualität und des Tastsinns, nimm Berührung an, svāhā.“ Dazu verbinde man Daumen und Mittelfinger.

6.17 [vaṃ?raṃ] vahnyātmanā rudreṇa dīpaṃ kalpayāmi rūpatanmātrātmane cakṣurindriyāya rūpaṃ gṛhāṇa svāhā, aṅguṣṭhābhyāṃ maheśāni dīpaṃ dadyāt samāhitaḥ |
vaṃ amṛtātmanā viṣṇunā naivedyaṃ kalpayāmi rasatanmātrātmane jihvendriyāya rasaṃ gṛhāṇa svāhā, aṅguṣṭhānāmikāyogaṃ naivedyaṃ tatpratiṣṭhitam || 17 ||
„Raṃ. Durch Rudra als Feuer bringe ich Licht dar. Du Wesen der Gestaltqualität und des Sehvermögens, nimm Gestalt an, svāhā.“ Die Vorlage erwägt auch Vaṃ; beim Lichtangebot werden beide Daumen eingesetzt. „Vaṃ. Durch Vishnu als Nektar bringe ich Speise dar. Du Wesen der Geschmacksqualität und des Schmeckvermögens, nimm Geschmack an, svāhā.“ Dazu verbinde man Daumen und Ringfinger.

6.18 evaṃ kulaguruṃ devi pūjayitvā vidhānataḥ |
yonimudrāṃ pradarśyātha praṇamet siddhihetave || 18 ||
Nachdem der Kula-Guru so ordnungsgemäß verehrt ist, zeige man die Yoni-Mudra und verneige sich zur Erlangung der Vollendung.

6.19 namaste bhagavannātha śivāya gururūpiṇe |
vidyāvatārasaṃsiddhyai svīkṛtānekavigraha || 19 ||
Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in der Gestalt des Gurus, der du vielerlei Gestalten angenommen hast, um die Herabkunft der Vidya zu vollenden.

6.20 navāya navarūpāya paramātmaikarūpiṇe |
sarvājñānatamobhedabhānave cidghanāya te || 20 ||
Dir, dem stets Neuen, dem Neungestaltigen, dessen einzige Gestalt das höchste Selbst ist; dir, der Sonne, die alle Dunkelheit der Unwissenheit durchbricht, dem verdichteten Bewusstsein.

6.21 svatantrāya dayā[tṛ?kḷ]ptavigrahāya śivātmane |
paratantrāya bhaktānāṃ bhavyānāṃ bhavyarūpiṇe || 21 ||
Dir, dem Freien, der aus Mitgefühl Gestalt angenommen hat und Shivas Wesen besitzt; dir, der sich den Verehrern zuwendet und für die nach Heil Strebenden heilsame Gestalt ist.

6.22 vivekināṃ vivekāya1 vima[rṣā?rśā]ya vima[rṣa?rśi]nām |
prakāśināṃ prakāśāya jñānināṃ jñānarūpiṇe || 22 ||
Dir, der Unterscheidungskraft der Unterscheidenden, der Selbsterfassung der Betrachtenden, dem Leuchten der Leuchtenden und der Erkenntnis der Wissenden.

6.23 purastāt pārśvayoḥ pṛṣṭhe namaskuryāmuparyadhaḥ |
sadā saccittarūpeṇa vidhehi bhavadāsanam || 23 ||
Vorn, seitlich, hinten, oben und unten verneige ich mich. Errichte stets deine Stätte in der Gestalt wahren Bewusstseins.

6.24 ajñānatimirāndhasya jñānāñjanaśalākayā |
cakṣurunmīlitaṃ yena tasmai śrīgurave namaḥ || 24 ||
Dem ehrwürdigen Guru Verehrung, der dem durch die Finsternis der Unwissenheit Erblindeten mit dem Salbenstäbchen der Erkenntnis die Augen geöffnet hat.

6.25 namo'stu gurave tubhyaṃ brahmaviṣṇuśivātmane |
avidyāgrastasaṃsārasāgarottārahetave || 25 ||
Verehrung dir, Guru, dessen Wesen Brahma, Vishnu und Shiva ist und der uns über das von Unwissenheit beherrschte Meer des Werdens führt.

6.26 gururbrahmā gururviṣṇurgurūrdevo maheśvaraḥ |
gurureva paraṃ jñānaṃ gurureva paraṃ tapaḥ || 26 ||
Der Guru ist Brahma, der Guru ist Vishnu, der Guru ist der Gott Maheshvara. Der Guru ist die höchste Erkenntnis und die höchste Askese.

6.27 ataḥ sarvatra deveśi gurupūjā garīyasī |
anyadevasaparyā vā cānyadevasya kīrtanam || 27 ||
Deshalb hat die Guruverehrung überall besonderes Gewicht. Die Verehrung oder der Lobpreis einer anderen Gottheit,

6.28 gurudevaṃ vinā devi tadagre kriyate yadi |
tadā narakamāpnoti satyametadvadāmyaham || 28 ||
vor der gebührenden Verehrung des Guru-Gottes vollzogen, wird hier mit Höllenfolge bedroht; so lautet die strenge Aussage des Textes.

6.29 pūjite gurupāde vai sarva[devaḥ?daiva]sukhī bhavet |
sarveṣāṃ mantratantrāṇāṃ pitāsau yaḥ sadāśivaḥ || 29 ||
Sind die Füße des Gurus verehrt, entsteht umfassendes Glück. Er ist Sadashiva, der Vater sämtlicher Mantras und Tantras.

6.30 yasya bhaktirgurau nityaṃ vartate devavat priye |
tasya sarvārthasiddhiḥ syānnānyathā khalu pārvati || 30 ||
Wer dem Guru beständig wie einer Gottheit ergeben ist, erlangt die Vollendung aller Ziele; anders nicht, Parvati.

6.31 gurupādarajo mūrdhni dhyātvā karma samārabhet |
brahmarandhre sahasrāre karpūradhavalo guruḥ || 31 ||
Man vergegenwärtige den Staub der Guru-Füße auf dem eigenen Haupt und beginne die Handlung. In der Brahmanöffnung, im Sahasrara, erscheint der Guru kampferweiß,

6.32 varābhayakaro nityo brahmarūpī sadānaghaḥ |
jāgarti parameśāni nijasthānaprakāśakaḥ || 32 ||
Segen und Furchtlosigkeit zeigend, ewig, Brahman gleich und stets makellos. Er ist wach und erhellt seine eigene Stätte.

6.33 kulanāthaṃ parityajya ye śāktāḥ pa[ri?ra]sevinaḥ |
teṣāṃ dīkṣā ca yāgaśca hyabhicārāya kalpate [lpya ka pāṭha |] || 33 ||
Die Einweihung und Verehrung jener Shaktas, die den Kula-Herrn verlassen und anderen dienen, werden nach dem Text zu schädigender Ritualpraxis. Die Bezeichnung dieser anderen Lehrer ist unsicher.

6.34 tasmāt sarvaprayatnena kulīnaṃ gurumāśrayet |
kulīnaḥ sarvavidyānāmadhikārīti gīyate || 34 ||
Daher suche man mit aller Sorgfalt einen Guru der Kula-Tradition auf. Ein solcher gilt als zur Vermittlung aller Vidyas befugt.

6.35 dīkṣāprabhuḥ sa evātra sarvatantreṣu nāparaḥ |
gurumaṇḍalapūjāṃ tu kuryāt saptasu parvasu || 35 ||
Er ist hier der Herr der Einweihung in allen Tantras, kein anderer. An den sieben Festzeiten verehre man den Guru-Kreis.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 6.36 vinā yogaṃ na sidhyeta[ddhye ka pāṭha |] kuṇḍalīcaṅkramaḥ prabho |
mūlapadme kuṇḍalinī yāvannidrāyitā prabho || 36 ||
Die Göttin sprach: Ohne Yoga gelingt der Aufstieg der Kundalini nicht. Solange Kundalini im Wurzellotus schläft,

6.37 tāvanna kiṃcit sidhyeta [ddhye ka pāṭha |] mantrayantrārcanādikam |
jāgarti yadi sā devī bahubhiḥ puṇyasaṃcayaiḥ || 37 ||
gelingen Mantra, Yantra, Verehrung und die weiteren Praktiken nicht. Wenn die Göttin durch viel angesammeltes Verdienst erwacht,

6.38 tadā prasādamāyānti mantrayantrārcanādayaḥ |
śivavadviharelloke aṣṭaiśvaryasamanvitaḥ || 38 ||
werden Mantra, Yantra und Verehrung wirksam und gnädig. Mit den acht Machtvollkommenheiten versehen, wandelt man Shiva gleich in der Welt.

6.39 yogayogād bhavenmuktirmantrasiddhirakhaṇḍitā |
siddhe manau parāvāptiriti śāstrārthanirṇayaḥ || 39 ||
Durch die Verbindung mit Yoga entsteht Befreiung und ungebrochene Mantravollendung. Ist das Mantra vollendet, wird das Höchste erreicht: So entscheidet die Lehre.

6.40 yuktātmā yena viharet svarge martye rasātale |
jīvanmuktaśca dehānte paraṃ nirvāṇamāpnuyāt || 40 ||
Dadurch bewegt sich der innerlich Geeinte im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt; zu Lebzeiten frei, erlangt er am Ende des Körpers höchstes Nirvana.

6.41 tat kārtsnyena paraṃ yogaṃ yogaṃ kathayasva mayī[he kha pāṭhaḥ |]śvara |
īśvara uvāca kathayāmi tava snehād yogayogyāsi pārvati || 41 ||
Erkläre mir diesen höchsten Yoga vollständig. Ishvara sprach: Aus Liebe zu dir erkläre ich ihn, Parvati; du bist für Yoga geeignet.

6.42 saṃsārottāraṇaṃ muktiryogaśabdena kathyate |
yogo hi lalitā devī niścitaṃ viddhi pārvati || 42 ||
Das Überqueren des Samsara, die Befreiung, wird mit dem Wort Yoga bezeichnet. Yoga ist die Göttin Lalita selbst; erkenne dies gewiss.

6.43 na yogo nabhasaḥ pṛṣṭhe na bhūmau na rasātale |
aikyaṃ jīvātmanoścā[naścā ka pāṭha |]huryogaṃ yogaviśāradāḥ || 43 ||
Yoga befindet sich weder oberhalb des Himmels noch auf Erden oder in der Unterwelt. Die Kundigen nennen die Einheit von individuellem und höchstem Selbst Yoga.

6.44 kāmakrodhalobhamohamadamātsaryasaṃjñakāḥ [ka ka pāṭha |] |
tatsamūhāḥ ṣaḍākhyātā yogavighnakarā ime || 44 ||
Begehren, Zorn, Habgier, Verblendung, Überheblichkeit und Neid bilden die sechs Hindernisse des Yoga.

6.45 yo[gajñai?gāṅgai]rebhirjitvo tānyogino yogamāpnuyuḥ |
yamaṃ niyamamāsanaprāṇāyāmau tataḥ param || 45 ||
Indem Yogis sie durch die Yogaglieder überwinden, erlangen sie Yoga. Diese Glieder sind Yama, Niyama, Asana, Pranayama,

6.46 pratyāhāraṃ dhāraṇākhyaṃ dhyānaṃ sārdhaṃ[rddha ka pāṭha |] samādhinā |
aṣṭāṅgānyāhuretāni yogino yogasādhane || 46 ||
Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Die Yogis nennen sie die acht Glieder der Yogapraxis.

6.47 ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryaṃ dayārjavam |
kṣamā dhṛ[dhṛtimitāhāraśauca ka pāṭha |]tirmitāhāraḥ śaucaṃ ceti yamā daśa || 47 ||
Die zehn Yamas sind Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Brahmacharya, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Geduld, Standhaftigkeit, maßvolle Ernährung und Reinheit.

6.48 tapaḥ saṃtoṣamāstikyaṃ dānaṃ devasya pūjanam |
siddhāntaśravaṇaṃ caiva hrīrmatiśca japo hutam || 48 ||
Askese, Zufriedenheit, Vertrauen, Freigebigkeit, Gottesverehrung, Hören der verbindlichen Lehre, sittliche Scheu, Einsicht, Mantrawiederholung und Feueropfer:

6.49 daśaite niyamāḥ proktā yogaśāstraviśāradaiḥ |
padmāsanaṃ svastikākhyaṃ bhadraṃ vajrāsanaṃ tathā || 49 ||
Diese zehn nennen die Yogakundigen Niyamas. Als Sitzhaltungen werden Padmasana, Svastikasana, Bhadrasana und Vajrasana

6.50 vīrāsanamiti proktaṃ kramādāsanapañcakam |
ūrvorupari vinyasya samyak pādatale ubhe || 50 ||
sowie Virasana genannt, insgesamt fünf. Man lege beide Füße ordnungsgemäß auf die Oberschenkel

6.51 aṅguṣṭhau ca nibadhnīyād hastābhyāṃ vyutkramāt tataḥ |
padmāsanamiti proktaṃ yogināṃ hṛdayaṅgamam || 51 ||
und ergreife die großen Zehen mit überkreuzten Händen: Dies heißt Padmasana, den Yogis lieb.

6.52 jānū[nu pāṭha |]rvorantare samyak kṛtvā pādatale ubhe |
ṛjukāyo vasedyogī svastikaṃ tatpracakṣate || 52 ||
Man lege die Füße zwischen Knie und Oberschenkel und sitze mit aufrechtem Körper: Dies wird Svastikasana genannt.

6.53 sīva[sema ka pāṭhaḥ |]nyāḥ pārśvayornyasyed gulphayugmaṃ suniścalam |
vṛṣaṇādhaḥ pādapārṣṇiṃ pāṇibhyāṃ paribandhayet || 53 ||
Die Knöchel werden fest zu beiden Seiten des Dammes angelegt; die Fersen befinden sich unter den Hoden, die Füße werden mit den Händen gehalten.

6.54 bhadrāsanaṃ samuddiṣṭaṃ yogibhiḥ parikīrtitam |
ūrvoḥ[u kha pāṭha |] pādau kramānnyasya jānvoḥ pratyaṅmukhāṅgulī[līḥ kha pāṭha |] || 54 ||
Das heißt Bhadrasana. Für die nächste Haltung lege man die Füße auf die Oberschenkel und auf die Knie,

6.55 karau nida[va ka pāṭhaḥ |]dhyādākhyātaṃ vajrāsanamanuttamam |
ekaṃ pādamadhaḥ kṛtvā vinyasyorāvathetaram || 55 ||
mit rückwärts gerichteten Fingern, die Hände: Dies heißt hier Vajrasana. Einen Fuß lege man unten, den anderen auf den Oberschenkel,

6.56 ṛjukāyo vasedyogī vīrāsanamitīritam |
iḍayā karṣayedvāyuṃ bāhyaṃ ṣoḍaśamātrayā || 56 ||
und sitze aufrecht: Dies heißt Virasana. Durch Ida ziehe man die äußere Luft während sechzehn Zeitmaßen ein.

6.57 dhārayet pūritaṃ yogī catuḥṣaṣṭyā ca mātrayā [mātrālakṣaṇa yathāha nārada-kālena yāvatātmīyo hasta sva jānumaṇḍalam | paryeti mātrā tulyā syāt svayā śvāsaṃkamātrayeti || tathā phetkāriṇātantre-jānu pradakṣiṇīkṛtya na vṛta na vilambitam | kriyate cāgulīsphoṭa sā mātrā parikīrtiteti ||] |
suṣumnāmadhyagaṃ samyag dvātriṃśanmātrayā śanaiḥ || 57 ||
Der Yogi halte die eingeatmete Luft vierundsechzig Zeitmaße und führe sie in die Mitte der Sushumna; dann lasse er sie langsam während zweiunddreißig Zeitmaßen

6.58 nāḍyā piṅgalayā caivaṃ recayedyogavittamaḥ |
prāṇāyāmamimaṃ prāhuryogaśāstraviśāradāḥ || 58 ||
durch die Nadi Pingala ausströmen. Dies nennen die Kenner der Yogalehre Pranayama.

6.59 bhūyobhūyaḥ kramāttasya vyatyāsena samācaret |
mātrāvṛddhikrameṇaiva samyag dvādaśa ṣoḍaśa || 59 ||
Man wiederhole es in wechselnder Richtung und steigere die Zeitmaße stufenweise; zwölf und sechzehn werden genannt. Die knappe Stufenangabe ist nicht vollständig erläutert.

6.60 japadhyānādibhiryuktaṃ sagarbhaṃ tadvidurbudhāḥ |
ta[du?da]petaṃ vigarbhaṃ ca prāṇāyāmaṃ paraṃ viduḥ || 60 ||
Mit Japa, Meditation und verwandten Mitteln verbunden heißt es Sagarbha, „mit innerem Gehalt“; ohne diese Verbindung gilt es als Vigarbha.

6.61 kramādabhyasataḥ puṃso dehe svedodgamo'dhamaḥ |
madhyamaḥ ka[lpa?mpa]saṃyukto bhūmityāgaḥ paro mataḥ || 61 ||
Bei fortschreitender Übung gilt Schweißbildung als niedrige, Zittern als mittlere und das Abheben vom Boden als höchste Stufe.

6.62 uttamasya guṇāvāptiryacchīlanakamiṣyate |
indriyāṇāṃ vicaratāṃ viṣayeṣu nirākulam || 62 ||
Angestrebt wird die Erlangung der höchsten Stufe durch Einübung. Wenn die Sinne ungehindert zu ihren Gegenständen wandern,

6.63 balādāharaṇaṃ tebhyaḥ pratyāhāro'yamīritaḥ |
aṅguṣṭhagulphajānuṣu sī[ma?va]nīliṅganābhiṣu || 63 ||
heißt ihr entschlossenes Zurückholen von dort Pratyahara. An großen Zehen, Knöcheln, Knien, Damm, Genitalbereich und Nabel,

6.64 hṛdgrīvākaṇṭhadeśeṣu lambikāyāṃ tato nasi |
bhrūmadhye stanake mūrdhni dvādaśānte yathāvidhi || 64 ||
an Herz, Hals, Kehle, Zäpfchen, Nase, Brauenmitte, Brust, Scheitel und Dvadashanta halte man nach der Ordnung

6.65 dhāraṇaṃ prāṇamarutordhāraṇeti nigadyate |
samāhitena manasā caitanyāntaravartinā || 65 ||
den Lebenswind fest: Dies heißt Dharana. Mit gesammeltem, im Bewusstsein ruhendem Geist

6.66 1 maṇa ka pāṭha |
2 se kha pāṭha |
ātmanyabhīṣṭadevānāṃ dhyānaṃ dhyānamihocyate |
samatvabhāvanā nityaṃ jīvātmaparamātmanoḥ || 66 ||
betrachte man im eigenen Selbst die erwählte Gottheit: Dies heißt hier Dhyana. Die beständige Vergegenwärtigung der Gleichheit von individuellem und höchstem Selbst

6.67 samādhimāhurmunayaḥ proktamaṣṭāṅgalakṣaṇam |
iti te kathitaṃ devi kāmādiṣaṭkanāśanam || 67 ||
nennen die Weisen Samadhi. Damit sind die acht Glieder erklärt, welche die sechs Hindernisse, Begehren und die übrigen, auflösen.

6.68 durlabhaṃ viṣayāsaktaiḥ sulabhaṃ saṃyamātmanām |
samādhiḥ saṃvidutpattiḥ parajīvaikatāṃ prati || 68 ||
Schwer zugänglich für Sinnesgebundene, leicht für Selbstbeherrschte: Samadhi ist das Erwachen der Bewusstheit zur Einheit von höchstem und individuellem Selbst.

6.69 yadi jīvaḥ parādbhinnaḥ kāryyatāmeti suvrate |
[sva?a]cittvaṃ ca prasajyeta[jyaiva kha pāṭhaḥ |] ghaṭavat parameśvari || 69 ||
Wäre der Jiva vom Höchsten verschieden, wäre er etwas Hervorgebrachtes und müsste, wie ein Krug, unbewusst sein. Die Lesung „unbewusst“ ist in der Vorlage als Alternative markiert.

6.70 vināśitvaṃ bhayaṃ caiva dvi[ta?tī]yā[vi?di]ti te śrutiḥ |
nityaḥ sarvagato hyātmā kūṭastho doṣavarjitaḥ || 70 ||
Dann wäre er vergänglich; aus Zweiheit entsteht Furcht, sagt die Shruti. Das Selbst aber ist ewig, allgegenwärtig, unveränderlich und fehlerlos.

6.71 ekaḥ san bhidyate bhrāntyā māyayā na svarūpataḥ |
tasmād dvaitaṃ na me cāsti na prapañco na saṃ[smṛ?sṛ]tiḥ || 71 ||
Obwohl es eines ist, erscheint es durch Irrtum und Maya geteilt, nicht seiner Natur nach. Daher gibt es in mir weder Zweiheit noch gegenständliche Vielheit noch Samsara.

6.72 yathākāśo ghaṭākāśo mahākāśa itīritaḥ |
tathā bhrāntirdvidhā proktā hyātma[tma ka pāṭhaḥ] jīveśvarātmanā || 72 ||
Wie man vom Raum im Krug und vom großen Raum spricht, so erscheint das eine Selbst irrtümlich zweifach als Jiva und Ishvara.

6.73 nāhaṃ deho naca prāṇo nendriyāṇi tathaiva ca |
na mano naiva buddhiśca naiva cittamahaṃkṛtiḥ || 73 ||
Ich bin weder Körper noch Prana noch Sinne, weder Denken noch Verstand, weder Gedächtnisgrund noch Ichbildung.

6.74 nāhaṃ pṛthvī na salilaṃ naca vahnistathānilaḥ |
nacākāśo na śabdaśca naca sparśastathā rasaḥ || 74 ||
Ich bin weder Erde noch Wasser, weder Feuer noch Wind, weder Raum noch Klang, weder Berührung noch Geschmack.

6.75 nahi gandho na rūpaṃ ca na māyāhaṃ na saṃsṛtiḥ |
sadā sākṣisvarūpatvād[pādvā ka kha pāṭhaḥ |] brahma caivāsmi kevalaḥ || 75 ||
Ich bin weder Geruch noch sichtbare Form, weder Maya noch Samsara. Weil mein Wesen stets Zeugenschaft ist, bin ich allein Brahman.

6.76 so'haṃ brahma na saṃsārī na matto'nyat kadācana |
iti vidyāt svamātmānaṃ samādhiḥ parikīrtitaḥ || 76 ||
Ich bin jenes Brahman, nicht das im Samsara wandernde Wesen; niemals besteht etwas anderes als ich. Das eigene Selbst so zu erkennen heißt Samadhi.

6.77 samādhau svasvarūpo'sau turīyasvara eva hi |
turīyāṃśaḥ parāśaktirbindvātmā brahma kevalam || 77 ||
Im Samadhi ruht man in der eigenen Natur, dem vierten Zustand beziehungsweise seinem Laut. Dessen Anteil ist die höchste Shakti; als Bindu ist er allein Brahman.

6.78 prajñātmānaṃ vadantyeke eke'pi brahma kevalam |
jīvamīśvarabhāvena vidyāt so'hamiti dhruvam || 78 ||
Manche nennen ihn das erkennende Selbst, andere allein Brahman. Erkenne den Jiva als Ishvara, gewiss im Bewusstsein „Das bin ich“.

6.79 yathā phenataraṅgādi samudrādutthitaṃ punaḥ [priye kha pāṭhaḥ |] |
samudre līyate tadvajjagadātmani līyate || 79 ||
Wie Schaum und Wellen aus dem Meer entstehen und wieder in ihm aufgehen, so löst sich die Welt im Selbst auf.

6.80 yasyaivaṃ paramātmā[sa?svā]pṛthagbhūtaḥ prakāśitaḥ |
sa yāti paramaṃ bhāvaṃ svayaṃ sākṣāt parāmṛtam || 80 ||
Wem das höchste Selbst als ungetrennt offenbar wird, der erreicht unmittelbar den höchsten Zustand, den höchsten Nektar der Unsterblichkeit.

6.81 yadā manasi caitanyaṃ bhāti sarvātmakaṃ sadā |
yogino'vyavadhānena tadā saṃpadyate svayam || 81 ||
Wenn im Geist des Yogi das Bewusstsein ununterbrochen als das Wesen aller erscheint, verwirklicht sich dies von selbst.

6.82 yadā bhūtāni sarvāṇi svātmanyevābhipaśyati |
sarvabhūteṣu cātmānaṃ brahma saṃpadyate (sa?ta)dā || 82 ||
Wenn er alle Wesen im eigenen Selbst und das Selbst in allen Wesen schaut, verwirklicht er Brahman.

6.83 yadā sarvāṇi bhūtāni samādhistho na paśyati |
ekībhūtaḥ pareṇāsau tadā bhavati kevalaḥ || 83 ||
Wenn der im Samadhi Ruhende die Wesen nicht mehr als getrennte Gegenstände schaut, ist er mit dem Höchsten eins und ganz ungeteilt.

6.84 yadā[tadā ka pāṭhaḥ |] janmajarāduḥkhavyādhīnāmeva bheṣajam |
kevalaṃ brahmavijñānaṃ jāyate'sau tadā śivaḥ || 84 ||
Wenn allein die Brahman-Erkenntnis als Heilmittel gegen Geburt, Alter, Leid und Krankheit aufsteigt, wird er Shiva.

6.85 tasmādvijñānato muktirnānyathā bhavakoṭibhiḥ |
mantrauṣadhibalairyadvajjīryate bhakṣitaṃ viṣam || 85 ||
Daher entsteht Befreiung durch Erkenntnis, nicht anders, selbst in Millionen Geburten. Wie aufgenommenes Gift durch die Kraft von Mantra und Heilmitteln unschädlich gemacht wird,

6.86 tadvat sarvāṇi karmāṇi jīryanti jñāninaḥ kṣaṇāt |
dehābhimāne galite vidite paramātmani || 86 ||
so lösen sich beim Wissenden alle karmischen Bindungen augenblicklich auf. Wenn die Identifikation mit dem Körper gefallen und das höchste Selbst erkannt ist,

6.87 yatra yatra mano yāti tatra tatra samādhayaḥ |
ahaṃ brahma [devi kha pāṭhaḥ |] nacānyo'smi mukto'hamiti bhāvayet || 87 ||
wird jeder Ort, zu dem der Geist sich bewegt, zu Samadhi. Man vergegenwärtige: „Ich bin Brahman und nichts anderes; ich bin frei.“

6.88 saccidānandarūpo'haṃ nityaṃ muktasvabhāvavān |
evaṃ samādhiyukto yaḥ samādhaye sa kalpa[lpya ka pāṭhaḥ |]te || 88 ||
„Ich bin Sein, Bewusstsein und Wonne; mein Wesen ist ewig frei.“ Wer so gesammelt ist, wird zur Vollendung des Samadhi geeignet.

6.89 sadāśivo'hamityuktvā sve[sva ka pāṭhaḥ |]cchayā viharedyatiḥ |
lipyate na sa pāpena badhyate naca karmaṇā || 89 ||
„Ich bin Sadashiva“: In dieser Erkenntnis wandelt der Entsagende frei. Verfehlung befleckt ihn nicht, Karma bindet ihn nicht.

6.90 yathāgnividrutaṃ svarṇaṃ mālinyaṃ dahati kṣaṇāt |
tathā brahmārpitātmāsau sarvakarmāṇi dahyati || 90 ||
Wie im Feuer geschmolzenes Gold rasch seine Unreinheit verliert, so verbrennt der ganz Brahman Hingegebene alle karmischen Bindungen.

6.91 ātmasthāṃ devatāṃ tyaktvā bahirdevānvici(nva?nu)te |
karasthaṃ kaustubhaṃ tyaktvā bhramate kācatṛṣṇayā || 91 ||
Wer die im eigenen Selbst wohnende Gottheit verlässt und außen nach Göttern sucht, gleicht einem, der den Kaustubha-Edelstein in seiner Hand wegwirft und nach Glas umherirrt.

6.92 na yogena na yantreṇa na mantreṇa vinā hi saḥ [?] |
dvayorabhyāsayogena brahma saṃsiddhikāraṇam || 92 ||
Nicht Yoga oder Yantra allein und auch nicht ohne Mantra wird das Ziel erreicht. Die gemeinsame Übung der beiden führt zur Vollendung in Brahman. Welche beiden Formen der Satz genau zusammenfasst, bleibt im Wortlaut offen.

6.93 tamaḥparivṛte gehe ghaṭo dīpena dṛśyate |
evaṃ māyāvṛto hyātmā manunā gocarīkṛtaḥ || 93 ||
In einem dunklen Haus wird ein Krug durch eine Lampe sichtbar; ebenso wird das von Maya verhüllte Selbst durch das Mantra zugänglich.

6.94 etatte kathitaṃ devi brahmajñānamidaṃ mahat |
vijñāya guruto japtvā saṃsārasāgaraṃ taret || 94 ||
Dies ist die große Brahman-Erkenntnis, die ich dir erklärt habe. Vom Guru verstanden und mit Japa verbunden, lässt sie das Meer des Werdens überqueren.

6.95 yatra yatra mṛtaścāyaṃ gaṅgāyāṃ śvapacālaye |
brahmavid brahmabhūyāya kalpa[lpya ka pāṭhaḥ |]te nānyathā priye || 95 ||
Wo der Brahman-Kenner auch stirbt, an der Ganga oder im Haus eines gesellschaftlich Ausgegrenzten: Er gelangt zum Brahman-Sein, Geliebte.

6.96 viśvaṃ śarīramityuktaṃ pañcabhūtātmakaṃ priye |
caṃdrasūryāgnitejobhirjīvabrahmaikarūpakam || 96 ||
Der Körper wird als Welt aus fünf Elementen bezeichnet; durch das Leuchten von Mond, Sonne und Feuer verkörpert er die Einheit von Jiva und Brahman.

6.97 tisraḥ koṭyastadardhe[rddhe ka pāṭhaḥ |]na śarīre nāḍayo matāḥ [ta ka pāṭhaḥ |] |
tāsu mukhyā daśa proktāstāsu tisro vyavasthitāḥ || 97 ||
Dem Körper werden fünfunddreißig Millionen Nadis zugeschrieben. Davon gelten zehn als wichtig, unter ihnen drei als besonders maßgeblich.

6.98 pradhānā merudaṇḍe'tra candrasūryāgnirūpiṇī |
śaktirūpā tu sā nāḍī sākṣādamṛtavigrahā || 98 ||
Sie verlaufen am Merudanda und haben das Wesen von Mond, Sonne und Feuer. Die Shakti-Nadi ist unmittelbar eine Gestalt des Nektars.

6.99 iḍā vāme sthitā nāḍī śuklā tu candrarūpiṇī |
piṅgalākhyā ca yā dakṣe puṃrūpā sūryavigrahā || 99 ||
Ida liegt links, ist weiß und mondartig. Pingala liegt rechts, wird als männlich und sonnenartig beschrieben,

6.100 dāḍimīkusumaprakhyā viṣākhyā cāparā matā |
merumadhyasthitā yā tu mūlādābrahmarandhragā || 100 ||
leuchtet wie eine Granatapfelblüte und heißt hier auch Visha. Die im Inneren des Meru vom Wurzelbereich bis zur Brahmanöffnung verlaufende Nadi

6.101 sarvatejomayī sā tu suṣumnā[mṇā ka pāṭhaḥ |] vahnirūpiṇī |
tasyā madhye vicitrākhyā amṛtasrāviṇī śubhā || 101 ||
ist die aus allem Licht bestehende, feurige Sushumna. In ihrer Mitte liegt die glückverheißende, Nektar verströmende Vichitra.

6.102 sarvadevamayī sā tu yogināṃ hṛdayaṅgamā |
visargādbinduparyantaṃ vyāpya tiṣṭhati tattvataḥ || 102 ||
Sie enthält alle Gottheiten und ist den Yogis vertraut; sie durchdringt den ganzen Weg vom Visarga bis zum Bindu.

6.103 mūlādhāre tripurākhye icchājñānakriyātmake |
madhye svayaṃbhūliṅgaṃ tu koṭisūryasamaprabham || 103 ||
Im Muladhara, hier Tripura genannt und aus Willen, Erkenntnis und Handlung bestehend, steht das selbstentstandene Linga, strahlend wie Millionen Sonnen.

6.104 tadūrdhve[rddhe ka pāṭhaḥ |] tatturīyaṃ tu dhyāyedbandhūkasaṃnibham |
tadūrdhve[rddhe ka pāṭhaḥ |] tacchikhākārā kuṇḍalī raktavigrahā || 104 ||
Darüber betrachte man das vierte Prinzip, einer Bandhuka-Blüte gleich; darüber Kundalini in Flammengestalt mit rotem Leib.

6.105 sā eva hi parā sūkṣmā mahātripurasundarī |
caitanyaṃ sarvabhūtānāṃ śabdabrahma yaducyate || 105 ||
Sie selbst ist die höchste, feine Mahatripurasundari: das Bewusstsein aller Wesen, das als Klang-Brahman bezeichnet wird.

6.106 tatprāpya kuṇḍalīrūpaṃ prāṇināṃ dehamadhyagam |
sarvatejomayaṃ tattu saccidānandamavyayam || 106 ||
Dieses nimmt Kundalini-Gestalt an und wohnt im Inneren der Lebewesen: voller Licht, unvergänglich, Sein, Bewusstsein und Wonne.

6.107 tadbāhye hemavarṇābhaṃ [ra?va]savarṇaṃ [vādisāntavarṇopetamityarthaḥ |] caturdalam |
drutahemasamaprakhyaṃ padmaṃ tatra vibhāvayet || 107 ||
Darum vergegenwärtige man einen goldleuchtenden vierblättrigen Lotus mit seinen Lauten, strahlend wie flüssiges Gold.

6.108 tadūrdhve'gnisamaprakhyaṃ ṣaḍdalaṃ hīrakaprabham |
bādilāntaṣaḍa[ḍva kha pāṭhaḥ |]rṇena yuk [kta ka pāṭhaḥ |] svādhiṣṭhānasaṃjñakam || 108 ||
Darüber liegt Svadhishthana, sechsblättrig, feuer- und diamantgleich leuchtend, mit den sechs Lauten von Ba bis La.

6.109 mūlamādhāraṣaṭkānāṃ mūlādhāraṃ tato viduḥ |
svaśabdena paraṃ liṅgaṃ svādhiṣṭhānaṃ tato viduḥ || 109 ||
Muladhara heißt so als Wurzel der sechs Stützpunkte. Sva bezeichnet das höchste Linga; daher heißt dessen eigene Stätte Svadhishthana.

6.110 tadūrdhve nābhideśe tu maṇipūraṃ mahat puram |
hemābhaṃ vaidyutābhaṃ ca bahutejomayaṃ tathā || 110 ||
Darüber, im Nabelbereich, liegt die große Stadt Manipura, golden, blitzartig und von mächtigem Licht erfüllt.

6.111 maṇivadbhinnaṃ tatpūraṃ[tatpura maṇivadbhinna kha pāṭhaḥ |] maṇipūraṃ tato viduḥ |
daśabhiśca dalairyuktaṃ ḍādiphāntākṣarānvitam || 111 ||
Weil diese Stadt wie ein Edelstein gegliedert ist, heißt sie Manipura. Sie besitzt zehn Blätter mit den Lauten von Da in retroflexer Aussprache bis Pha.

6.112 viṣṇunādhiṣṭhitaṃ padmaṃ viśvālokanakāraṇam |
tadūrdhve'nāhataṃ padmamudyadādityasaṃnibham || 112 ||
Der von Vishnu bewohnte Lotus ermöglicht die Schau der Welt. Darüber liegt Anahata, der aufgehenden Sonne gleich.

6.113 kādiṭhāntākṣa[ntadalai ka pāṭhaḥ |]rairarkapatraiśca samalaṃkṛtam |
tanmadhye bāṇaliṅgaṃ tu sūryāyutasamaprabham || 113 ||
Er trägt zwölf Blätter mit den Lauten von Ka bis zum retroflexen Tha. In seiner Mitte steht das Bana-Linga, strahlend wie zehntausend Sonnen.

6.114 śabda[bdo ka pāṭhaḥ |]brahmamayaḥ śabdo'nāhatastatra dṛśyate |
anāhatākhyaṃ tatpadmaṃ yogibhiḥ parikīrtyate || 114 ||
Dort wird der unangeschlagene Klang erfahren, dessen Wesen Klang-Brahman ist. Deshalb nennen die Yogis diesen Lotus Anahata.

6.115 ānandasadanaṃ tattu puruṣādhiṣṭhitaṃ param |
tadūrdhve tu viśuddhākhyaṃ dalaiḥ ṣoḍaśabhiryutam || 115 ||
Er ist die höchste Wohnstätte der Wonne, von Purusha bewohnt. Darüber liegt Vishuddha mit sechzehn Blättern,

6.116 svaraiḥ ṣoḍaśakairyuktaṃ dhūmravarṇaṃ mahatprabham |
viśuddhiṃ tanute yasmājjīvasya haṃsalokanāt || 116 ||
den sechzehn Vokalen, rauchfarben und von großem Glanz. Weil er durch die Schau des Hamsa die Reinigung des Jiva bewirkt,

6.117 viśuddhaṃ padmamākhyātamākāśākhyaṃ mahādbhutam |
ājñācakraṃ tadūrdhve tu ātmanādhiṣṭhitaṃ param || 117 ||
heißt er Vishuddha, der wunderbare Raumlotus. Darüber liegt das höchste Ajna-Chakra, vom Selbst bewohnt.

6.118 hakṣādidvidalaṃ padmaṃ candreṇādhiṣṭhitaṃ tu tat |
ājñāsaṃkramaṇaṃ tatra gurorājñeti kīrtitam || 118 ||
Dieser zweiblättrige Lotus trägt Ha und Ksha und wird vom Mond erfüllt. Hier wird die Weisung des Gurus vermittelt; deshalb heißt er Ajna.

6.119 kailāsākhyaṃ tadūrdhve tu bodhinī tu tadūrdhvataḥ |
sahasrārāmbujaṃ devi bindusthānaṃ tadūrdhvataḥ || 119 ||
Darüber liegt die Kailasa genannte Stätte, darüber Bodhini, darüber der tausendblättrige Lotus und die Bindu-Stätte.

6.120 ādau pūrakayogena svādhāre yojayenmanaḥ |
guda[de ka pāṭhaḥ |]meḍhrāntare śaktiṃ tāmākuñcya prabodhayet || 120 ||
Zuerst verbinde man durch Einatmung den Geist mit dem eigenen Wurzelzentrum. Die Shakti zwischen After und Genital wecke man durch Zusammenziehen.

6.121 liṅgabhedakrameṇaiva bindusthānaṃ samānayet |
śaṃbhunā tāṃ parāṃ śaktimekī(bhāva?bhūtāṃ)vicintayet || 121 ||
Durch das stufenweise Durchdringen der Lingas führe man sie zur Bindu-Stätte und vergegenwärtige ihre Einheit mit Shambhu.

6.122 tadudbhavāmṛtaṃ vaktradrutaṃ lākṣārasopamam |
pāyayitvā ca tāṃ śaktiṃ parokṣāṃ yogasiddhidām || 122 ||
Der daraus entstehende, vom Mund herabfließende Nektar gleicht flüssigem Lack; mit ihm tränke man die verborgene, Yoga-Vollendung gewährende Shakti.

6.123 ṣaṭcakradevatāstatra saṃtarpyāmṛtadhārayā |
ānayettena mārgeṇa mūlādhāraṃ punaḥ sudhīḥ || 123 ||
Mit diesem Nektarstrom sättige man die Gottheiten der sechs Chakras und führe die Shakti auf demselben Weg wieder zum Muladhara zurück.

6.124 yātāyātakrameṇaiva tatra kuryānmanolayam |
evamabhyasyamānaṃ tu ahanyahani pārvati || 124 ||
Durch dieses Hinauf- und Hinabführen lasse man den Geist darin aufgehen. Tag für Tag geübt,

6.125 jarāmaraṇaduḥkhādyairmucyate bhavabandhanaiḥ |
ityuktaṃ paramaṃ yogaṃ yonimudrāprabandhanam || 125 ||
befreit diese Praxis nach der Verheißung von den Bindungen des Werdens, Alter, Tod und Leid. Dies ist der höchste Yoga in Verbindung mit der Yoni-Mudra.

6.126 athāparaṃ pravakṣyāmi samādhiṃ bhavanāśanam |
athavā parameśāni yathoktadhyānayogataḥ || 126 ||
Nun erkläre ich einen weiteren Samadhi, der das gebundene Werden auflöst. Nach der zuvor gelehrten Meditation

6.127 hṛtpadmakarṇi[li kha pāṭhaḥ |]kāmadhye dhyāyeddevīmananyadhīḥ |
tripurātmakamātmānaṃ bhāvayennyastavigrahaḥ || 127 ||
betrachte man die Göttin einspitzig in der Mitte des Herzlotus. Nach dem Nyasa vergegenwärtige man das eigene Selbst als Tripura.

6.128 aikyaṃ saṃbhāvayennityaṃ svagurudevatātmanām |
ahaṃ devo nacānyo'smi brahmaivāhaṃ na śokabhāk || 128 ||
Stets erkenne man die Einheit von eigenem Guru, Gottheit und Selbst: „Ich bin göttlich und nichts anderes; ich bin allein Brahman, keinem Kummer unterworfen.

6.129 saccidānandarūpo'haṃ śuddhabuddha[dvi ka pāṭhaḥ |]svabhāvavān |
praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya taditi paratastataḥ || 129 ||
Ich bin Sein, Bewusstsein und Wonne, von reiner, erwachter Natur.“ Zuerst vergegenwärtige man Om, danach Tat,

6.130 saditi tu samālocya[bhāṣya kha pāṭhaḥ |] karma kuryādvicakṣaṇaḥ |
smaraṇāt karmaṇāmādye brahmabhūyāya kalpate || 130 ||
dann Sat und vollziehe verständig die Handlung. Durch dieses Erinnern am Anfang der Handlungen wird man zur Brahman-Verwirklichung geeignet.

6.131 sarvamaṅgalasaṃpanno bahirnirgatya sādhakaḥ |
tya(kta?ktvā)mūtrapurīṣe ca karapādau viśodhayet || 131 ||
Von Heil erfüllt gehe der Sadhaka hinaus, entleere Blase und Darm und reinige Hände und Füße.

6.132 mukhaṃ prakṣālya deveśi nāsārandhradvayaṃ tataḥ |
netrāñjanaṃ vidhāyaiva śuddhasthānaṃ samāśrayet || 132 ||
Er wasche Gesicht und beide Nasenöffnungen, trage Augensalbe auf und begebe sich an einen reinen Ort.

6.133 netrāñjanamakṛtvaiva yaḥ paśyet sauramaṇḍalam |
janmārjitaphalaṃ naśyet kā kathā tasya durmateḥ || 133 ||
Wer ohne Augensalbe zur Sonnenscheibe schaut, verliert nach der strengen Aussage die erworbene Frucht seines Lebens; so tadelt der Text dieses Verhalten.

6.134 tritattvena tri(dhā?rā)camya dantadhāvanamācaret |
dantakāṣṭhama(thā?khā)ditvā pūjayedyastu devatām || 134 ||
Nach dreimaligem rituellem Wassernippen mit den drei Tattvas reinige man die Zähne. Wer ohne Gebrauch des Zahnreinigungshölzchens die Gottheit verehrt,

6.135 tatpūjā viphalā devi mṛte ca narakaṃ vrajet |
klīmātmakaṃ kāmadevaṃ sarvānte janamā[rvajanamathā kha pāṭhaḥ |]likhet || 135 ||
dessen Verehrung gilt hier als fruchtlos und wird mit Höllenfolge bedroht. Zur Zahnreinigungsformel werden Klīṃ als Kamadeva und die Wörter „sarva“, „jana“

6.136 priyāya hṛdayānto'yaṃ manurdanta[rdeha kha pāṭhaḥ |]viśuddhaye |
caturdaśasvarairvaktraṃ kṣālayecchu[tsi kha pāṭhaḥ |]ddhihetave || 136 ||
und „priyāya“ genannt, mit dem Herzabschluss Namah. Zur Reinigung spüle man den Mund mit den vierzehn Vokalen.

iti gandharvatantre śrīpārvatīśvarasaṃvāde karmayogādikramanirūpaṇaṃ nāma ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ || 6 ||
Hier endet das 6. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Tagespraxis und Guruverehrung“.

Kapitel 7: Bad und Sandhya

saptamaḥ paṭalaḥ |
śaṃkara uvāca
Shankara sprach: 7.1 prātaḥ snānaṃ tataḥ kuryāt traipuraṃ yojayan kramam |
sugandhisalilaiḥ śuddhaiḥ kulatīrthe'thavā punaḥ || 1 ||
Danach vollziehe man morgens das Bad nach der Ordnung Tripuras, mit reinem, wohlriechendem Wasser oder an einem heiligen Badeplatz des Kula.

7.2 nadyādau vidhivat snāyāt kuladarbhavidhā[ya?ra]kaḥ |
raupyaṃ dakṣiṇatarjanyāmanāmā hemasaṃyutā || 2 ||
Man bade vorschriftsmäßig in einem Fluss oder einem anderen Gewässer und trage das Kula-Darbha: Silber am rechten Zeigefinger, Gold am Ringfinger

7.3 vāmakaniṣṭhikā hemaiḥ kuladarbho'yamīritaḥ |
eṣa eva bhaveddarbho na darbho vanasaṃbhavaḥ || 3 ||
und Gold am linken kleinen Finger. Dies wird Kula-Darbha genannt. Dieses gilt hier als Darbha, nicht das im Wald wachsende Gras.

7.4 aśūnyaṃ tu karaṃ kuryādvahnīndvarkapratiṣṭhayā |
sarvabhūtavaśī sa syānmudrayā cātiśobhayā || 4 ||
Durch die Einsetzung von Feuer, Mond und Sonne lasse man die Hand nicht leer. Mit dieser überaus schönen Mudra erlange man Macht über alle Wesen.

7.5 tritattvena tri[dhā?rā]camya saṃkalpya pāpanuttaye |
kulapātre saratnaṃ ca satilaṃ sajalaṃ tataḥ || 5 ||
Man nehme mit den drei Tattvas dreimal rituell Wasser zu sich und fasse den Entschluss zur Reinigung von Schuld. Dann nehme man ein Kula-Gefäß mit Edelsteinen, Sesam und Wasser

7.6 gṛhītvā kuladevasya prītaye snānamācaret |
asnātasya phalaṃ nāsti tathātarpayataḥ pitṝn || 6 ||
und vollziehe das Bad zur Freude der Kula-Gottheit. Wer nicht badet und die Ahnen nicht mit Wassergaben sättigt, erlangt keine Frucht.

7.7 idaṃ viṣṇubhairavaṃ tu vicakrama itīritam |
mṛdālambhanakṛtye ca nityamevamudīrayet || 7 ||
Beim Aufnehmen der Erde spreche man stets die mit „idaṃ viṣṇuḥ … vicakrame“ bezeichnete Formel. Die überlieferte Bezeichnung als Vishnu-Bhairava ist an dieser Stelle sprachlich unklar.

7.8 kulacakraṃ jale nyasya kula[mbha kha pāṭhaḥ |]mudrāṃ vidhāya ca |
ehi gaṅge namastubhyaṃ sarvatīrthasamanvite || 8 ||
Man setze das Kula-Chakra ins Wasser ein, bilde die Kula-Mudra und spreche: „Komm, Ganga! Verehrung dir, in der alle heiligen Badeplätze vereinigt sind!

7.9 āvāhayāmi devi tvāṃ snānārthamiha sundari |
āvāhyāmbhasi saṃyojya somasūryāgnimaṇḍalam || 9 ||
Göttin, Schöne, ich rufe dich hierher, um zu baden.“ Nach der Anrufung verbinde man im Wasser die Kreise von Mond, Sonne und Feuer.

7.10 saṃcintya mantrī tanmadhye dhyāyet tripurasundarīm |
gāyatryā ca [tryāśca ka pāṭhaḥ |] mahādevyāḥ sundarīmāhvayecchivām || 10 ||
In deren Mitte meditiere der Mantra-Praktizierende über Tripura Sundari. Mit der Gayatri der großen Göttin rufe er die schöne, heilvolle Göttin herbei.

7.11 trivāramaja(janau?jjane)vāri mūlamantreṇa mantrayet |
abhiṣiñcet tato mūrdhni [ddhni ka pāṭhaḥ |] mūlamantraṃ hṛdi smaran || 11 ||
Dreimal bespreche er das Wasser mit dem Wurzelmantra und gieße es dann über seinen Scheitel, während er das Wurzelmantra im Herzen vergegenwärtigt. Die Wendung vor „Wasser“ ist in der Vorlage unsicher.

7.12 tribhistu tripurābījaistridhā majjanamācaret |
tasmādutthāya deveśi nirmuktāśeṣavigrahaḥ || 12 ||
Mit den drei Bija-Silben Tripuras tauche man dreimal unter. Dann steige man, Herrin der Götter, von allen widerstreitenden Belastungen befreit, wieder heraus.

7.13 tryakṣarīṃ ca samuccārya dukūle paridhāpayet |
sakeśaṃ mūṣikākrāntamadhautaṃ bhagnamambaram || 13 ||
Unter Aussprache des dreisilbigen Mantras lege man feine Gewänder an. Kleidung, an der Haare haften, über die Mäuse gelaufen sind, die ungewaschen oder zerrissen ist,

7.14 malinaṃ parakīyaṃ ca paryuṣitaṃ ca varjayet |
tilakaṃ kularūpaṃ ca kṛtvācamya vidhānataḥ || 14 ||
die schmutzig, fremdes Eigentum oder abgestanden ist, meide man. Man bringe das Kula-Tilaka an und vollziehe vorschriftsmäßig das rituelle Trinken von Wasser.

7.15 tataḥ saṃdhyāmupāsīta pāpahānāya sādhakaḥ [hā yena sādhanā ka pāṭhaḥ |] |
snānaṃ ca trividhaṃ proktaṃ saṃdhyā ca trividhā smṛtā || 15 ||
Darauf verrichte der Praktizierende die Sandhya-Verehrung zur Tilgung von Schuld. Das Bad wird dreifach gelehrt, und ebenso gilt die Sandhya als dreifach.

7.16 āntaraṃ ca bhaveddevi bāhyaṃ mānasameva ca |
mānasaṃ vai bhavet snānaṃ yaḥ sadā śuddhamānasaḥ || 16 ||
Göttin, es gibt das innere, das äußere und das geistige Bad. Das geistige Bad vollzieht, wer stets reinen Geistes ist,

7.17 sparśate pāduke devi [sparśalepādike vāpi kha pāṭhaḥ |] nirvikalpaḥ sadaiva hi |
bāhyaṃ mantraiśca [hyamannaiva kha pāṭhaḥ |] saṃproktamāntaraṃ śṛṇu sāṃpratam || 17 ||
die beiden Padukas berührt und stets frei von begrifflicher Zerteilung bleibt. Das äußere Bad ist mit Mantras verbunden; höre nun vom inneren.

7.18 prāguktakramayogena prāṇāyāmaparo budhaḥ |
śaktiṃ paraśivenaiva saṃgamayya [mārdha ka pāṭhaḥ |] vidhānataḥ || 18 ||
Der Verständige widme sich nach der zuvor gelehrten Ordnung dem Pranayama und vereinige die Shakti vorschriftsmäßig mit dem höchsten Shiva.

7.19 tadudbhavāmṛte śaśvannimajya punareva hi |
snāyācca vimale tīrthe puṣkare hṛdayāśrite || 19 ||
Immer wieder tauche er in den daraus hervorgehenden Nektar ein und bade im makellosen heiligen Gewässer, im Lotus seines Herzens.

7.20 bindutīrthe'thavā snātvā punarjanma na vidyate |
ātmānaṃ sarvadā samyag dhyāyeddhyānaparāyaṇaḥ || 20 ||
Oder er bade im heiligen Ort des Bindu; dann gibt es keine Wiedergeburt. Ganz der Meditation hingegeben, betrachte er stets gründlich das eigene Selbst.

7.21 devatābhedataḥ saṃdhyā mānasīyaṃ parā priye |
śivaśaktyoḥ samāyogo yasmin kāle prajāyate || 21 ||
Diese höchste geistige Sandhya, Geliebte, besteht in der Nichtverschiedenheit von der Gottheit. Die Zeit, in der Shiva und Shakti sich vereinigen,

7.22 sā saṃdhyā kulaniṣṭhānāṃ samādhisthaiḥ pratīyate |
aparāṃ kathayāmyatra sarvapāpavināśinīm || 22 ||
ist für die im Kula Verwurzelten die Sandhya; die im Samadhi Ruhenden erkennen sie. Nun lehre ich die andere, alle Schuld vernichtende Form.

7.23 upaviśya śucau deśe tritattvena trirā[dhā ka pāṭhaḥ |]camet |
prāṇāyāmatrayaṃ kṛtvā tribhi[dhā kha pāṭhaḥ |]rbījaistridhāvi(dha?dhi)m || 23 ||
Man setze sich an einen reinen Ort und nehme mit den drei Tattvas dreimal Wasser zu sich. Dann vollziehe man drei Atemregelungen, auf dreifache Weise mit den drei Bijas.

7.24 vāmahaste jalaṃ gṛhya galitodakabindubhiḥ |
saptathā prokṣaṇaṃ kuryānmūrdhni[ddhni ka pāṭhaḥ |] mantramanusmaran || 24 ||
Man nehme Wasser in die linke Hand und besprenge mit den herabtropfenden Tropfen siebenmal den Scheitel, während man den Mantra vergegenwärtigt.

7.25 avaśiṣṭodakaṃ dakṣahaste saṃgṛhya sādhakaḥ |
nāsāmāśliṣya toyena tatastenāghamarṣaṇam || 25 ||
Das übrige Wasser nehme der Praktizierende in die rechte Hand. Er führe es an die Nase und vollziehe damit das Aghamarshana, die Reinigung von Schuld.

7.26 iḍayākṛṣya dehāntaḥ kṣālitaiḥ pāpasaṃcayaiḥ |
kṛṣṇavarṇaṃ tadudakaṃ dakṣa[vāma ka pāṭhaḥ |]nāḍyā virecitam || 26 ||
Durch Ida ziehe er es innerlich ein. Er stelle sich vor, wie es im Körper die angesammelte Schuld abwäscht, dadurch schwarz wird und durch die rechte Nadi wieder austritt.

7.27 dakṣahaste tu tanmantrī pāparūpaṃ vicintya ca [ntayet kha pāṭhaḥ |] |
purato vajrapāṣāṇe pra[ni kha pāṭhaḥ |]kṣipedastramantrataḥ || 27 ||
Dieses Wasser in der rechten Hand betrachte der Mantra-Praktizierende als Verkörperung der Schuld und schleudere es mit dem Astra-Mantra auf einen vor ihm vorgestellten diamantfesten Stein.

7.28 ityaghamarṣaṇaṃ kṛtvā punarācamanaṃ tathā |
abhiṣiñcet tato mūrdhni vidhinā sādhakottamaḥ || 28 ||
Nach diesem Aghamarshana vollziehe der hervorragende Praktizierende erneut das rituelle Trinken und besprenge vorschriftsmäßig seinen Scheitel.

7.29 oṃ āpo devī raso'mṛtaṃ pūtaṃ brahma punīmahe |
jalāñjalitrayaṃ bhūmau mārtaṇḍabhairavāya ca || 29 ||
„Om. Die göttlichen Wasser, der unsterbliche Saft, das reine Brahman – damit reinigen wir uns.“ Für Martanda-Bhairava gieße man drei Hände voll Wasser auf die Erde.

7.30 ūrdhvabāhustato mantrī mārtaṇḍaṃ samupāśrayet || oṃ udutyaṃ jātavedasaṃ devaṃ vahanti ketavaḥ || 30 ||
Dann wende sich der Mantra-Praktizierende mit erhobenen Armen an Martanda: „Om. Hinauf tragen die Strahlen den Gott Jatavedas,

7.31 dṛśe viśvāya mārtaṇḍaśeṣe bhairavamīrayet [sūrya mārtaṇḍaśeṣe deveśi bhairavaṃ padamīrayet kha pāṭhaḥ |] |
sūryamaṇḍalamadhye tu kulacakraṃ vicintayet || 31 ||
damit alle ihn sehen.“ Am Schluss verbinde man „Martanda“ mit „Bhairava“. In der Mitte der Sonnenscheibe stelle man sich das Kula-Chakra vor.

7.32 bālyocitaṃ spṛhantīṃ vai bālikāṃ[kā kha pāṭhaḥ |] cakramadhyataḥ |
bālārkamaṇḍalābhāsaṃ bhānuvahnīndulocanām || 32 ||
Darin betrachte man die Göttin als Mädchen mit kindlichen Wünschen, strahlend wie die Scheibe der jungen Sonne, mit Sonne, Feuer und Mond als Augen.

7.33 pāśāṅkuśau śarāṃścāpaṃ dhārayantīṃ śivāṃ smaret |
madhyāhne cintayed devīṃ navayauvanaśobhitām || 33 ||
Man vergegenwärtige sich die Heilvolle mit Schlinge, Stachel, Pfeilen und Bogen. Mittags betrachte man die Göttin in der Schönheit frischer Jugend.

7.34 sāyāhne cintayed devīṃ trailokyaikaprabhāmayīm |
sarvayauvanasaṃpannāmujjvalāṃ paramāṃ kalām || 34 ||
Abends betrachte man sie als den einzigen Lichtglanz der drei Welten, in voller Jugend, leuchtend als höchste Kala.

7.35 tāmeva cintayedrātrau bhogī bhogaparāyaṇām |
aṣṭottaraśatāvṛttyā gāyatrīṃ ca japet sudhīḥ || 35 ||
Nachts betrachte der dem Genuss Zugewandte dieselbe Göttin als dem Genuss hingegeben. Der Verständige wiederhole die Gayatri 108-mal.

7.36 ravimaṇḍalagāṃ devīṃ praṇipatya samāpayet |
evaṃ saṃdhyāṃ samāpyātha hṛdi vidyāṃ parāmṛ(ṣe?śe)t || 36 ||
Er verneige sich vor der Göttin in der Sonnenscheibe und schließe die Verehrung ab. Nach Vollendung der Sandhya vergegenwärtige er die Vidya im Herzen.

7.37 athavā parameśāni sadaināṃ paricintayet |
devyuvāca idānīṃ śrotumicchāmi kathamatrādhikāritā || 37 ||
Oder, höchste Herrin, er denke stets an sie. Die Göttin sprach: Nun möchte ich hören, wie hierfür die Berechtigung entsteht

7.38 vedavratavihīnānāṃ vratyādīnāṃ kṛtāgasām |
tathaivānupanītānāṃ strīśūdrāṇāṃ bhavecchiva || 38 ||
bei Menschen ohne vedische Gelübde, bei solchen außerhalb der vorgeschriebenen Initiationsordnung und bei Schuldigen, ebenso bei Menschen ohne Upanayana, bei Frauen und Shudras, Shiva.

7.39 kathamete mahādeva muktiṃ gacchantyanuttamām |
na vinā brāhmaṇaṃ mucyeddehaba(ndhyā?ndhā)diti śrutiḥ || 39 ||
Wie gelangen diese, großer Gott, zur unübertrefflichen Befreiung? Denn die Shruti sagt, nur als Brahmane werde man aus der Bindung an den Körper frei. Hier formuliert die Göttin eine traditionelle Zugangsbeschränkung, die Shiva im Folgenden durch die Kraft der Vidya überschreitet.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 7.40 devadāruvane pūrvaṃ brāhmaṇānatidurdhi[kti ka pāṭha |]yaḥ |
vilokya bhagavān viṣṇurmāmabhyetyābhivādya ca || 40 ||
Einst sah der erhabene Vishnu im Zedernwald Brahmanen mit überaus verkehrtem Verständnis. Er kam zu mir, begrüßte mich ehrerbietig

7.41 upaviṣṭastadā devaḥ kāruṇyadrutacetasā |
pṛṣṭavān māṃ mahādevi teṣāṃ mukte[kti ka pāṭhaḥ |]rhi kāraṇam || 41 ||
und setzte sich. Mit einem von Mitgefühl bewegten Herzen fragte mich der Gott, große Göttin, nach dem Mittel zu ihrer Befreiung.

bhagavānuvāca
Der Erhabene sprach: 7.42 ime durmatayaḥ sarve vedācārabahiṣkṛtāḥ |
anyāyamaithune (śa?sa)ktāḥ surāpānaparāyaṇāḥ || 42 ||
Diese Menschen sind alle fehlgeleitet und von der vedischen Lebensordnung abgefallen; sie hängen unerlaubtem Geschlechtsverkehr und dem Trinken berauschender Getränke an.

7.43 ātmajñānavihīnānāṃ yogābhyāsāvahelinām |
kathameṣāṃ bhavenmuktistadupāyaṃ vada prabho || 43 ||
Ihnen fehlt die Erkenntnis des Selbst, und sie verachten die Yoga-Praxis. Wie können sie Befreiung erlangen? Sage mir das Mittel dazu, Herr.

7.44 śūdrādīnāṃ kathaṃ deva dīkṣāyāmadhikāritā |
īśvara uvāca api kṛtvā durācārān patito vedavarjitaḥ || 44 ||
Wie erhalten Shudras und andere, Gott, die Berechtigung zur Einweihung? Ishvara sprach: Auch ein durch schlechtes Verhalten Gefallener, der die Veden aufgegeben hat,

7.45 nārī śūdro'thavā vrātyo yāṃ jñātvā brāhmaṇo bhavet |
yayā vijñāyate brahma saccidānandamavyayam || 45 ||
eine Frau, ein Shudra oder jemand außerhalb der vedischen Initiationsordnung wird durch die Kenntnis dieser Vidya zum Brahmanen. Durch sie erkennt man das unvergängliche Brahman als Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.

7.46 tāmeva kathayāmyadya tavaiva hṛdi saṃsthitām |
caturviṃśatitattvena nirmitāṃ[tā ka pāṭhaḥ |] tatsvarūpiṇīm[ṇī ka pāṭhaḥ |] || 46 ||
Diese in deinem eigenen Herzen wohnende Vidya werde ich dir jetzt lehren. Sie besteht aus vierundzwanzig Prinzipien und ist deren eigentliche Gestalt.

7.47 trikāraṃ campakāpītaṃ brahmaviṣṇuśivātmakam |
śatapatrāsanārūḍhaṃ dhyāyet padmāsanasthitam || 47 ||
Man meditiere über die Silbe „tri“, gelb wie die Champaka-Blüte, wesensgleich mit Brahma, Vishnu und Shiva, auf einem hundertblättrigen Lotus thronend und im Lotussitz ruhend.

7.48 pukāraṃ cintayedevamatasīpuṣpasaṃnibham |
padmamadhyasthitaṃ saumyamupapātakanāśanam || 48 ||
Ebenso betrachte man „pu“, einer Flachsblüte gleichend, sanft inmitten eines Lotus sitzend und die geringeren Verfehlungen vernichtend.

7.49 rakāraṃ kapilaṃ nityaṃ kamalāsanasaṃsthitam |
dhyayecchāntaṃ suraśreṣṭha mahāpātakanāśanam || 49 ||
Über „ra“ meditiere man beständig als gelbbraun, auf einem Lotus sitzend, friedvoll und große Verfehlungen vernichtend, Bester der Götter.

7.50 sukāraṃ cintayedevamindranīlasamaprabham |
nirdahet sarvaduḥkhāni graharogodbhavāni ca || 50 ||
Man betrachte „su“ als saphirgleich leuchtend. Es verbrenne alle Leiden, auch jene, die aus planetarischen Einflüssen und Krankheiten entstehen.

7.51 ndakāraṃ vahnidīptābhaṃ cinta(nā?ye)t puruṣarṣabha |
bhrūṇahatyākṛtaṃ pāpaṃ tatkṣaṇādeva naśyati || 51 ||
„Nda“ betrachte man als flammend wie Feuer, Bester unter den Menschen. Die durch die Tötung einer Leibesfrucht entstandene Schuld vergehe dadurch augenblicklich.

7.52 (ri?ryai)kāraṃ vimalaṃ dhyāyed brahmahatyāvināśanam |
(ri?vi)kāraṃ cintayedvidvān śuddhasphaṭikasaṃnibham || 52 ||
Über „ryai“ meditiere man als makellos und die Schuld der Brahmanentötung vernichtend. Der Kundige betrachte „vi“ als reinem Kristall gleichend. Die Lautlesungen beider Silben sind in der Vorlage mit Varianten versehen.

7.53 pāpaṃ naśyati tatkṣipramagamyāgamanodbhavam |
(su?dma)kāraṃ cintayedyogī śuddhasphaṭikasaṃnibham || 53 ||
Rasch vergehe dadurch die Schuld aus unerlaubtem geschlechtlichem Umgang. Der Yogi betrachte „dma“ als reinem Kristall gleichend; auch diese Silbenlesung ist unsicher überliefert.

7.54 abhakṣyabhakṣaṇaṃ pāpaṃ tatkṣaṇādeva naśyati |
hekāraṃ tārakāvarṇamindu(śeṣa?śīrṣa)vibhūṣitam || 54 ||
Die Schuld aus dem Verzehr verbotener Speisen vergehe augenblicklich. „He“ betrachte man in der Farbe eines Sterns und mit dem Mond geschmückt,

7.55 yogināṃ varadaṃ dhyāyed brahmahatyāvināśanam |
kākāraṃ kṛṣṇavarṇaṃ ca nīlameghasamaprabham || 55 ||
als den Yogis Wünsche gewährend und die Schuld der Brahmanentötung vernichtend. „Ka“ betrachte man als schwarz und dunkel wie eine Regenwolke.

7.56 dhyātvā puruṣaśārdūla pāpaṃ nāśayati dhruvam |
mekāraṃ raktavarṇaṃ ca kamalāsanasaṃsthitam || 56 ||
Diese Betrachtung vernichte gewiss die Schuld, Löwe unter den Menschen. „Me“ sei rot und auf einem Lotus sitzend zu vergegenwärtigen.

7.57 gohatyādikṛtaṃ pāpaṃ nāśayatyeva tatkṣaṇāt |
śva[ya ka pāṭhaḥ |]kāraṃ paramaṃ dhyāyet taptakāñcanasaṃnibham || 57 ||
Es vernichte augenblicklich die Schuld der Kuhtötung und ähnlicher Taten. Über das höchste „shva“ meditiere man als glühendem Gold gleichend,

7.58 kamalāsanamāsīnaṃ mantrī hatyāvimocanam |
(ri?ryai)kāraṃ śuklavarṇaṃ tu jātīpuṣpasamaprabham || 58 ||
im Lotussitz ruhend und von Tötungsschuld befreiend. „Ryai“ betrachte man als weiß, im Glanz einer Jasminblüte.

7.59 guruhatyākṛtaṃ pāpaṃ dhyātvā dahati tatkṣaṇāt |
dhīkāraṃ cintayecchuklaṃ kundapuṣpasamaprabham || 59 ||
Durch diese Betrachtung werde die Schuld der Tötung des Lehrers augenblicklich verbrannt. „Dhi“ betrachte man als weiß, einer Kunda-Blüte gleichend.

7.60 pitṛmātṛvadhāt pāpānmucyate nātra saṃśayaḥ |
makāraṃ padmarāgābhaṃ cintayed dīptatejasam || 60 ||
Dadurch werde man zweifellos von der Schuld der Tötung von Vater und Mutter frei. „Ma“ betrachte man als rubinfarben und von strahlender Kraft.

7.61 pūrvajanmārjitaṃ pāpaṃ tatkṣaṇādeva naśyati |
hikāraṃ śaṅkhavarṇaṃ tu pūrṇacandrasamaprabham || 61 ||
Die in einem früheren Leben angesammelte Schuld vergehe augenblicklich. „Hi“ sei muschelweiß, im Glanz des vollen Mondes,

7.62 aśeṣapāpadahanaṃ dhyāyennityamihācyuta(?) |
tatkāraṃ pāṇḍuraṃ dhyāyet padmasyopari saṃsthitam || 62 ||
und verbrenne sämtliche Verfehlungen; darüber meditiere man beständig, Achyuta. „Tat“ betrachte man als weißlich und auf einem Lotus stehend.

7.63 pratigrahakṛtaṃ pāpaṃ smaraṇādeva naśyati |
naḥkāraṃ raktavarṇaṃ tu indragopasamaprabham || 63 ||
Allein durch die Vergegenwärtigung vergehe die durch unrechtmäßige Annahme von Gaben entstandene Schuld. „Nah“ betrachte man als rot, im Glanz des Indragopa-Insekts.

7.64 dhyātvā prāṇivadhaṃ pāpaṃ nirdahejjagadīśvara |
klinkāraṃ raktavarṇaṃ tu smaredvajrasamaprabham || 64 ||
Durch diese Betrachtung verbrenne man die Schuld der Tötung von Lebewesen, Herr der Welt. Die Silbe „klin“ vergegenwärtige man als rot und diamantgleich strahlend.

7.65 nirdahet sarvapāpāni nānyaiḥ pāpaiḥ pralipyate |
nekāraṃ tu mukhaṃ pūrvamudyadarkasamaprabham || 65 ||
Sie verbrenne alle Verfehlungen; neue Schuld hafte nicht mehr an. „Ne“ sei das nach Osten gewandte Gesicht, leuchtend wie die aufgehende Sonne.

7.66 sakṛddhyātvā suraśreṣṭha sa gacched brahmaṇaḥ padam |
nīlotpaladalaśyāmaṃ prakāraṃ dakṣiṇānanam || 66 ||
Wer es auch nur einmal betrachtet, Bester der Götter, gelange zur Stätte Brahmas. „Pra“ sei das südliche Gesicht, dunkel wie das Blatt eines blauen Lotus.

7.67 sakṛd dhyātvā suraśreṣṭha sa gacchedvaiṣṇavaṃ padam |
saumyaṃ gorocanāpītaṃ cokāraṃ cottarānanam || 67 ||
Wer es einmal betrachtet, gelange zur Stätte Vishnus. „Cho“ sei das nördliche Gesicht, sanft und gelb wie Gorochana.

7.68 sakṛd dhyātvā suraśreṣṭha sa gacchedrudratāṃ punaḥ |
śaraccandranibhaṃ śāntaṃ dakāraṃ paścimānanam || 68 ||
Wer es einmal betrachtet, gelange zum Zustand Rudras. „Da“ sei das westliche Gesicht, friedvoll und dem Herbstmond gleichend.

7.69 sakṛd dhyātvā suraśreṣṭha sa gacchedaiśvaraṃ padam |
yātkāraṃ ca śiraḥ proktamūrdhvā[rddhā ka pāṭhaḥ |]nanamitīritam || 69 ||
Wer es einmal betrachtet, gelange zur Stätte Ishvaras. „Yat“ wird als Haupt und als nach oben gewandtes Gesicht bezeichnet.

7.70 sakṛd dhyātvā suraśreṣṭha sadāśivapuraṃ vrajet |
akṣarāṇāṃ tu sarveṣāṃ vakṣyante devatāḥ kramāt || 70 ||
Wer es einmal betrachtet, Bester der Götter, gelange zur Stadt Sadashivas. Nun werden die Gottheiten sämtlicher Silben der Reihe nach genannt.

7.71 agnivāyusūryavidyudyamā varuṇa eva ca |
bṛhaspatistu[ti tu ka pāṭhaḥ |] parjanya indro gandharva eva ca || 71 ||
Agni, Vayu, Surya, Vidyut, Yama, Varuna, Brihaspati, Parjanya, Indra und Gandharva,

7.72 pūṣā śivaśca tuṣṭā ca va[vā kha pāṭhaḥ |]savaśca maruttathā |
somo'ṅgirā viśvedevā aśvinau ca prajāpatiḥ || 72 ||
Pushan, Shiva, Tushta, die Vasus, Marut, Soma, Angiras, die Vishvedevas, die beiden Ashvins und Prajapati,

7.73 sarvadevaśca rudraśca brahmā viṣṇuśca devatāḥ |
japakāle cintayitvā tāsāṃ sāyujyamāpnuyāt || 73 ||
Sarvadeva, Rudra, Brahma und Vishnu sind die Gottheiten. Indem man sie während des Japa betrachtet, erlange man Vereinigung mit ihnen.

7.74 lalitāyāstribhirbījaistripadīyaṃ[strīpade kha pāṭhaḥ |] trayīmayī |
etajjñātvā tu medhāvī japahomaṃ karoti yaḥ || 74 ||
Diese dreigliedrige Gayatri, die das Wesen der drei Veden trägt, ist mit den drei Bijas Lalitas verbunden. Wer dies verständig erkennt und Japa und Feueropfer vollzieht,

7.75 ṣaḍaṅgamavidhāyādau dhyāyaṃ(tāṃ?stāṃ)paradevatām |
na bhavet sūtakaṃ tasya mṛtakaṃ ca na vidyate || 75 ||
ohne zuvor den sechsfachen Anga-Nyasa auszuführen, jedoch über die höchste Gottheit meditiert, unterliegt weder der Unreinheit durch Geburt noch jener durch einen Todesfall.

7.76 yaścaivaṃ tu na jānāti gāyatrīṃ ca yathāvidhi |
kathitaṃ sūtakaṃ tasya mṛtakaṃ ca mayānagha || 76 ||
Wer dagegen die Gayatri nicht auf diese vorgeschriebene Weise kennt, für den habe ich, Makelloser, die Regeln der Unreinheit durch Geburt und Tod festgelegt.

7.77 naiva dānaphalaṃ tasya naca yajñaphalaṃ labhet |
naca tīrthaphalaṃ proktaṃ tasyaivaṃ sūtake sati || 77 ||
Solange er sich in einer solchen Unreinheit befindet, erlangt er weder die Frucht des Gebens noch die eines Opfers oder einer Pilgerfahrt.

7.78 gāyatryeṣā samākhyātā traipurī sarvasiddhidā |
gāyantaṃ trāyate yasmād gāyatrī tena cocyate || 78 ||
Dies ist die Gayatri Tripuras, die alle Vollendungen gewährt. Weil sie den Singenden schützt, wird sie Gayatri genannt.

7.79 mahāpātakayuktoṃ'pi prajaped daśadhā yadi |
satyaṃ satyaṃ mahādevi mukto bhavati tatkṣaṇāt || 79 ||
Selbst wer mit schweren Verfehlungen beladen ist und sie zehnmal wiederholt, werde augenblicklich frei: Wahrlich, wahrlich, große Göttin!

7.80 aṣṭottarasahasraṃ vai japedenāmananyadhīḥ [śatāvṛttyā gāyatrī japate yadi kha pāṭha |] |
sarvapāpavinirmukto bhavet pūjādhikāravān || 80 ||
Man wiederhole sie mit ungeteilter Aufmerksamkeit 1008-mal. Von aller Schuld befreit, erlange man die Berechtigung zur Verehrung.

7.81 jīvanmukto jāmadagnyaḥ śiṣyo me ghorapātakaiḥ |
vimukto mātṛhatyādyairmīnanāthastathā paraḥ || 81 ||
Mein Schüler Jamadagnya wurde schon zu Lebzeiten befreit und von schweren Verfehlungen wie der Tötung seiner Mutter erlöst; ebenso der erhabene Minanatha.

7.82 jegīṣavyaśca candraśca vāsavaśca vimocitaḥ |
gurutalpagamanādyaistathāgastyaḥ pramocitaḥ || 82 ||
Jaigishavya, Chandra und Vasava wurden von Verfehlungen wie dem Verkehr mit der Frau des Lehrers befreit; ebenso wurde Agastya erlöst.

7.83 abhakṣyabhakṣaṇāt pāpādanayaiva vimocitaḥ |
cāṇḍālagamanādyaiśca vaśiṣṭhaścāpi mocitaḥ || 83 ||
Durch eben diese Gayatri wurde er von der Schuld des Verzehrs verbotener Speisen befreit; Vasishtha von der im damaligen Kastensystem als Verfehlung geltenden Verbindung mit einer Chandala-Frau und ähnlichen Verstößen.

7.84 dattātreyaḥ surāpānājjvalanaḥ sarvabhakṣaṇāt |
ta eva brahmaṇāḥ sarve viṣṇunā prabhaviṣṇunā || 84 ||
Dattatreya wurde vom Trinken berauschender Getränke, das Feuer vom unterschiedslosen Verzehren gereinigt. Alle diese Brahmanen wurden durch den mächtigen Vishnu

7.85 anayaiva mahādevi sarva eva pramocitāḥ |
devyuvāca dhanyā cānugṛhītāsmi tvayā nāthena śaṃkara || 85 ||
mittels eben dieser Gayatri befreit, große Göttin. Die Göttin sprach: Gesegnet bin ich und von dir, meinem Herrn, begnadet, Shankara!

7.86 niḥsaṃśayāsmi deveśa bhramo dvaitaśca me hataḥ |
katidhā sā bhaved deva tadidānīṃ vada prabho || 86 ||
Meine Zweifel sind vergangen, Herr der Götter; Verwirrung und Zweiheit sind in mir zerstört. In wie vielen Formen besteht sie? Sage es mir jetzt, Herr.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 7.87 ekaiva sā mahādevi bahudhā bhinnatāṃ gatā |
saurī ca vaiṣṇavī caiva śāktī brāhmyatha śāṃbhavī || 87 ||
Sie ist nur eine, große Göttin, und hat doch vielerlei Formen angenommen: als Gayatri der Sonne, Vishnus, der Shakti, Brahmas und Shambhus.

7.88 tattantre tāḥ prayoktavyāstraipurīyaṃ prakāśitā |
tarpaṇaṃ ca tridhā proktaṃ sāṃprataṃ tacchṛṇu(sva?ṣva)me || 88 ||
Diese sind jeweils im zugehörigen Tantra anzuwenden; hier wurde diejenige Tripuras offenbart. Auch das Tarpana wird dreifach gelehrt. Höre nun von mir darüber.

7.89 somārkānalasaṃghaṭṭāt skhalitaṃ yat parāmṛtam |
tenāmṛtena divyena tarpayet paradevatām || 89 ||
Der höchste Nektar, der aus der Vereinigung von Mond, Sonne und Feuer hervorströmt: Mit diesem göttlichen Nektar sättige man die höchste Gottheit.

7.90 āntaraṃ tarpaṇaṃ hyetanmānasaṃ śṛṇu sāṃpratam |
ātmānaṃ tanmayaṃ smṛtvā sadā saṃtarpitātmavān || 90 ||
Dies ist das innere Tarpana. Höre nun vom geistigen: Man erkenne das eigene Selbst als ganz von ihr erfüllt und sei dadurch stets innerlich gesättigt,

7.91 sarvadā sarvakāryeṣu saṃtuṣṭaḥ sthiramānasaḥ |
upaviśya śucau deśe tatastarpaṇamārabhet || 91 ||
jederzeit und bei allen Tätigkeiten zufrieden und beständigen Geistes. Dann setze man sich an einen reinen Ort und beginne das äußere Tarpana.

7.92 tarpayitvā gurūnādau mūladevīṃ ca tarpayet |
bījadvayaṃ tato vidyā hutabhugdayitānvitā || 92 ||
Zuerst sättige man die Gurus, dann die Hauptgöttin. Man spreche die beiden Bijas, darauf die Vidya, verbunden mit der „Geliebten des Feuers“, Svaha.

7.93 tato devyāḥ svanāmānte tarpayāmi namaḥpadam |
devān pitṝn ṛṣīṃścaiva tarpayet kulavāriṇā || 93 ||
Nach dem Eigennamen der Göttin füge man „tarpayāmi namaḥ“ hinzu: „Ich sättige; Verehrung!“ Götter, Ahnen und Rishis sättige man mit Kula-Wasser.

7.94 tarpaṇādau prayuñjīta tṛpyatāṃ vṛddhabhairavaḥ |
tathaiva parameśāni viṣṇuṃ rudraṃ prajāpatim || 94 ||
Zu Beginn des Tarpana verwende man die Formel „Möge Vriddha-Bhairava gesättigt werden!“ Ebenso verehre man Vishnu, Rudra und Prajapati, höchste Herrin.

7.95 evaṃ ṛṣīn pratarpyātha pitṝnapi ca bhairavān |
tṛpyatāṃ sundarī mātā pitā bhairavastṛpyatām || 95 ||
Nachdem man so die Rishis gesättigt hat, verehre man auch die Ahnen und Bhairavas: „Möge Mutter Sundari gesättigt werden! Möge Vater Bhairava gesättigt werden!“

7.96 ādau tripurapūrvaṃ ca tarpaṇe viniyojayet |
śrāddhe vivāhe dāne ca snāne cānaṅgapūjane || 96 ||
Bei diesen Tarpana-Formeln stelle man jeweils „Tripura“ voran. Beim Ahnenopfer, bei der Hochzeit, bei Gaben, beim Bad und bei der Verehrung Anangas,

7.97 sarvadā sarvakāryeṣu tāntrike vaidike tathā |
tripurabhairavaṃ caiva smaret tripurasundarīm || 97 ||
jederzeit und bei allen tantrischen ebenso wie vedischen Handlungen vergegenwärtige man Tripura Bhairava und Tripurasundari.

7.98 svavidyāṃ saṃsmaran kuryyāt kriyāṃ sarvatra coditām |
dvijātīnāṃ ca saṃskāro vedoktaḥ samudāhṛtaḥ || 98 ||
Unter Vergegenwärtigung der eigenen Vidya vollziehe man überall die vorgeschriebene Handlung. Für die Zweimalgeborenen sind die vedisch gelehrten Lebenssakramente vorgesehen.

7.99 teṣāṃ tu tatra tatrāpi vidyayā vidhimācaret |
anyeṣāmapi varṇānāṃ vidyayaiva samāpayet || 99 ||
Auch bei ihnen soll man die jeweilige Vorschrift mit der Vidya verbinden. Für Angehörige der anderen gesellschaftlichen Gruppen vollende man die Riten allein mit der Vidya.

7.100 vidyayāṃ saṃskṛto yastu sa eva brāhmaṇo mataḥ |
nidha(no?ne)vidyayā dāho vidyayānyat samācaret || 100 ||
Wer durch die Vidya geheiligt ist, gilt als Brahmane. Bei seinem Tod vollziehe man die Verbrennung mit der Vidya und verrichte auch die übrigen Riten damit.

7.101 tenaiva tanmayī[yāt ka pāṭhaḥ |] siddhiḥ sarvatra bhavati dhruvam |
yāvanna dīyate devi sūryāyārghyaṃ vidhānataḥ || 101 ||
Dadurch wird die mit ihr wesensgleiche Vollendung überall gewiss erlangt. Solange der Sonne nicht vorschriftsmäßig Arghya dargebracht wurde, Göttin,

7.102 vidhinā vihitā pūjā tāvat kena pragṛhyate |
mārtaṇḍabhairavāyārghyaṃ dūrvābhiḥ si[śi ka pāṭhaḥ |]tataṇḍulaiḥ || 102 ||
wer nimmt so lange die nach den Regeln vollzogene Puja entgegen? Martanda-Bhairava bringe man Arghya mit Durva-Gras und weißen Reiskörnern dar,

7.103 raktapuṣpaiścandanaiśca sagaṇāya nivedayet |
[śivetyādinā hrībījoddhāra kṛta |] śivabījaṃ vahnisaṃsthaṃ vāmanetravibhūṣitam || 103 ||
dazu rote Blumen und Sandel, ihm und seinem Gefolge. Das Shiva-Bija setze man auf das Feuerzeichen und schmücke es mit dem Zeichen des linken Auges,

7.104 nādabindukalāyuktaṃ haṃsaḥpadamatho likhet |
mārtaṇḍabhairavāyeti prakāśaśakti cālikhet || 104 ||
verbunden mit Nada, Bindu und Kala. Darauf schreibe man das Wort „haṃsaḥ“, dann „mārtaṇḍabhairavāya“ und „prakāśaśakti“.

7.105 sahitāyeti coktvā vai idamarghyamataḥ param |
vahnijāyānvitaṃ kṛtvā sūryāyārghyaṃ nivedayet || 105 ||
Nach „sahitāya“ spreche man „idam arghyam“, verbinde es mit Svaha und bringe der Sonne das Arghya dar. Die Silbenerschließung des vorangehenden Verses wird hier nicht zu einer unbelegt ergänzten Gesamtformel aufgelöst.

7.106 na dadyādbhāskarāyārghyaṃ śaṃkhatoyairmaheśvari |
sarvadevamayaṃ sūryaṃ sarvadevanamaskṛtam || 106 ||
Der Sonne darf man kein Arghya aus Muschelwasser darbringen, große Herrin. Die Sonne, die alle Götter in sich trägt und von allen Göttern verehrt wird,

7.107 pūjayitvā vidhānena pradakṣiṇamanuvrajan |
praṇamya bhagavantaṃ vai sarvapāpaiḥ pramucyate || 107 ||
verehre man vorschriftsmäßig, umschreite sie nach rechts und verneige sich vor dem Erhabenen. So werde man von aller Schuld befreit.

7.108 yaḥ sadā pūjayed devaṃ dṛṣṭvā vā praṇamet prabhum |
pūjitaṃ daivatatvena brahmāṇḍāntaragocaram || 108 ||
Wer den Gott stets verehrt oder sich beim Anblick des Herrn verneigt, verehrt die Gottheit, die im gesamten Weltenei gegenwärtig ist.

7.109 tisraḥ koṭyo'rddhakoṭī ca tīrthānāṃ yadudāhṛtam |
sakṛt pradakṣiṇaṃ devi dadyāt tatphalamañjasā || 109 ||
Die Frucht der fünfunddreißig Millionen genannten heiligen Badeplätze gewähre schon eine einzige ehrerbietige Umschreitung, Göttin.

7.110 tīrthānāṃ darśane yadyat tattadbhāskaradarśanāt |
sarvatīrthāmṛtaiḥ snāto sa [ya kha pāṭhaḥ |] sadā sūryaraśmibhiḥ || 110 ||
Was immer der Besuch heiliger Orte gewährt, das gewähre der Anblick der Sonne. Von ihren Strahlen werde man stets im Nektar aller heiligen Badeplätze gebadet.

7.111 atha tripuragāyatryā devyai cārghyaṃ nivedayet |
[guptadīkṣāviṣaye idha bodhyam |] sūryamaṇḍalasaṃsthāyai pūrvoktadhyānayogataḥ || 111 ||
Dann bringe man mit der Tripura-Gayatri der in der Sonnenscheibe wohnenden Göttin Arghya dar und verbinde dies mit der zuvor gelehrten Meditation.

7.112 cakrarājaṃ hṛdi dhyātvā tatra devīṃ samānayet |
aṣṭottaraśatāvṛttyā japan vidyāmananyadhīḥ || 122 ||
Man betrachte den König der Chakras im Herzen, führe die Göttin dorthin und wiederhole mit ungeteilter Aufmerksamkeit die Vidya 108-mal.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde snānasaṃdhyopāsanādividhirnāma saptamaḥ paṭalaḥ || 7 ||
Hier endet das 7. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Bad und Sandhya“.

Kapitel 8: Verehrungsraum und Elementreinigung

Äußere Verehrung umfasst die bewusste Gestaltung von Ort, Gaben und innerer Ausrichtung.

aṣṭamaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 8.1 tato mauni viśuddhātmā hṛdi vidyāṃ parāmṛ(ṣe?śe)t |
abahirmānaso yogī yāgabhūmimathāviśet || 1 ||
Danach schweige der innerlich gereinigte Yogi und vergegenwärtige die Vidya im Herzen. Mit einem Geist, der nicht nach außen schweift, betrete er den Ort der Verehrung.

8.2 keśakīṭādisaṃyuktā na snigdhā nātipicchalā |
na rū[ru ka pāṭhaḥ |]kṣā nātinīcā vai nātyuccā[ṣṇā kha pāṭhaḥ |] na vanānvitā || 2 ||
Er sei frei von Haaren und Insekten, weder schmierig noch übermäßig glatt, weder rau noch allzu tief oder hoch gelegen und nicht überwuchert.

8.3 na ca vāyubhirācchannā nānyaprāṇisamākulā |
dhūlikardamasaṃyuktā paśubhirna vilokitā || 3 ||
Er sei weder heftigen Winden ausgesetzt noch von anderen Lebewesen bevölkert, weder staubig noch schlammig und den Blicken der Pashus, der Uneingeweihten, entzogen.

8.4 vṛkṣādibhiranākīrṇā dravavā[dvā kha pāṭhaḥ |]risamākulā |
anāvṛtā caturdikṣu manasastu[sotu ka pāṭhaḥ |]ṣṭikāriṇī || 4 ||
Er sei nicht von Bäumen verstellt, mit fließendem Wasser versehen, nach allen vier Seiten offen und für das Gemüt erfreulich. Die vorangehenden Ortsmerkmale sind teilweise uneinheitlich überliefert.

8.5 ūṣare kṛṣisaṃyukte[kta ka pāṭhaḥ |] sthāne puṇye'pi nārcayet |
yāgabhūmirniṣiddhaiṣā vihitā kathyate'dhunā || 5 ||
Auf salzig-unfruchtbarem Boden und auf bewirtschaftetem Ackerland verehre man nicht, selbst wenn der Ort als heilig gilt. Damit sind ungeeignete Orte genannt; nun werden geeignete beschrieben.

8.6 vāpīkūpasamīpasthā sumanodyānamadhyagā [sadhiraiśaḥ |] |
vicitramaṇḍapairyuktā śuddhavedipari(skṛ?ṣkṛ)tā || 6 ||
Der Ort liege nahe einem Teich oder Brunnen, inmitten eines Blumengartens, mit schön gestalteten Hallen und einem reinen Altar geschmückt.

8.7 patākādhvajasaṃkīrṇā lākṣāruṇaparicchadā |
puṣpaprakarasaṃkīrṇā ghaṇḍācāmarabhūṣitā || 7 ||
Er sei mit Fahnen und Bannern versehen, mit lackroten Behängen ausgestattet, mit Blumen bestreut und durch Glocken und Yakschweifwedel geschmückt.

8.8 dīpadarpaṇasaṃyuktā[tā ka pāṭhaḥ |] vitānopapariṣkṛ[skṛ ka pāṭhaḥ |]tā |
peyairbhakṣyaiḥ samāyuktā karpūrāgurudhūpitā || 8 ||
Lampen, Spiegel und ein Baldachin mögen ihn zieren. Getränke und Speisen seien vorhanden; Kampfer und Aloeholz erfüllen ihn mit Räucherduft.

8.9 bālārkasadṛśī ramyā manaḥsaṃtoṣakāriṇī |
tattadāyudhapūrṇāntarvibhūṣitaprapūjitā || 9 ||
Schön wie die junge Sonne erfreue er das Herz. Mit den jeweiligen Attributen der Gottheiten ausgestattet, sei er geschmückt und geheiligt.

8.10 evameṣā mahādevi yāgabhūmiḥ samīritā |
pūjāvedyā bahiḥ sthitvā caturhastāntare dhiyā || 10 ||
So, große Göttin, wird der Ort der Verehrung beschrieben. Außerhalb des Altars bleibe man in etwa vier Ellen Abstand stehen und sammle sich innerlich.

8.11 gṛhe ced dvāradeśastha ācamya manasā gurūn |
praṇamediṣṭadevīṃ ca dikpālānapi cetasā || 11 ||
Findet die Verehrung im Haus statt, stehe man an der Tür, vollziehe das rituelle Trinken und verneige sich im Geist vor den Gurus, der erwählten Göttin und den Hütern der Himmelsrichtungen.

8.12 indramagniṃ yamaṃ vande nirṛtiṃ varuṇaṃ tathā |
pavanaṃ dhanadaṃ ceśaṃ prajāpatimanantakam || 12 ||
„Ich verehre Indra, Agni, Yama, Nirriti, Varuna, Pavana, Dhanada, Isha, Prajapati und Ananta.

8.13 gaṇeśaṃ caiva kṣetreśaṃ vande dvāraśriyaṃ tathā |
gaṇanāthaṃ ca vaṭukaṃ durgāṃ kṣetraṃ ratiṃ smaram || 13 ||
Ich verehre Ganesha, den Herrn des heiligen Bezirks und den Segen der Schwelle, Gananatha, Vatuka, Durga, Kshetra, Rati, Smara,

8.14 prītiṃ vasantakaṃ caiva śaṅkhapadmanidhī[dhi ka pāṭhaḥ |] tathā |
sarasvatīṃ mahālakṣmīṃ māyāṃ durgāṃ namāmyaham || 14 ||
Priti, Vasanta sowie die Schätze Shankha und Padma. Ich verneige mich vor Sarasvati, Mahalakshmi, Maya und Durga,

8.15 bhadrakālīṃ ca svastiṃ ca svāhāṃ śubhaṃkarī tathā |
gaurīṃ ca lokadhātrīṃ ca vāgīśvarīṃ namāmyaham || 15 ||
vor Bhadrakali, Svasti, Svaha, Shubhankari, Gauri, der Trägerin der Welt, und Vagishvari.

8.16 brahmāṇaṃ vāstupuruṣaṃ praṇamāmi yathākramam |
puṣpāñjalimathaitebhyo bhaktyā paramayā diśet || 16 ||
Der Reihe nach verneige ich mich vor Brahma und dem Vastu-Purusha.“ Ihnen allen bringe man mit höchster Hingabe eine Handvoll Blumen dar.

8.17 maṇḍalaṃ vāmataḥ kṛtvā caturasraṃ maheśvari [jalena caturasrakam kha pāṭhaḥ |] |
ādhāraṃ pūjayet tatra pātraṃ cānnodakānvitam || 17 ||
Links zeichne man ein viereckiges Mandala, große Herrin, verehre dort die Unterlage und darauf ein Gefäß mit Speise und Wasser.

8.18 saṃskṛtya parameśāni sarvabhūtabaliṃ haret |
tāraṃ ca bhuvaneśānīṃ sarvavighnapadaṃ tataḥ || 18 ||
Nachdem man es geheiligt hat, höchste Herrin, bringe man allen Wesen ein Bali dar. Die Formel beginnt mit Om und dem Bija Bhuvaneshvaris; es folgt die Wendung „alle Hindernisse“

8.19 (hṛ?kṛ)dante sarvabhūtebhyo huṃkāraṃ vahnivallabhām |
samuccaran baliṃ dadyānmudrayā tattvasaṃjñayā || 19 ||
mit dem unsicher überlieferten Zusatz „bewirkend“ oder „beseitigend“, dann „allen Wesen“, Hum und Svaha. Unter ihrer Aussprache bringe man das Bali mit der Tattva-Mudra dar.

8.20 aṅguṣṭhānāmikāyogaṃ tattvamudreyamīritā |
bālānte cāstramālikhya ṅentaṃ phaṭkārasaṃyutam || 20 ||
Die Verbindung von Daumen und Ringfinger heißt Tattva-Mudra. An die Bala-Formel füge man „astra“ im Dativ und Phat an.

8.21 astramantraḥ samākhyātaḥ sarvavighnaughanāśakaḥ |
anenaivākṣatān samyak saṃmantrya saptadhā tataḥ || 21 ||
Dies wird Astra-Mantra genannt; er vernichtet die Scharen aller Hindernisse. Damit bespreche man unversehrte Reiskörner siebenmal.

8.22 apasarpantu te bhūtā bhūmau ye cāntari[rī ka pāṭhaḥ |]kṣagāḥ |
divyalokagatā ye ca te naśyantu[nti kha pāṭhaḥ |] śivājñayā || 22 ||
„Mögen die Wesen weichen, die sich auf der Erde und im Zwischenraum aufhalten! Auch jene in den himmlischen Welten mögen durch Shivas Befehl verschwinden!“

8.23 anenaivākṣatāṃstatra vikiredyajñamaṇḍape |
aiṃ klīṃ sauḥ iti mantreṇa pūjā(devyā?vedyāṃ) maheśvari || 23 ||
Mit dieser Formel streue man die Reiskörner in der Opferhalle aus. Mit dem Mantra „aiṃ klīṃ sauḥ“ betrete man den Verehrungsaltar, große Herrin,

8.24 aṅgaṃ saṃkocayan vāmaṃ praviśedda[da ka pāṭhaḥ |]kṣiṇāṅghriṇā |
yāgamandiragāṃstatra vighnānutsārayet tataḥ || 24 ||
wobei man die linke Körperseite zurücknimmt und mit dem rechten Fuß voranschreitet. Dann vertreibe man die im Heiligtum befindlichen Hindernisse.

8.25 pārṣṇighātakarasphoṭasamudañcitavaktrakaiḥ[ka ka pāṭhaḥ |] |
tālatrayamidaṃ kṛtvā vighnānsarvānapāharet || 25 ||
Durch Aufstampfen mit der Ferse, Händeklatschen und Anheben des Gesichts vollziehe man den dreifachen Schlag und entferne sämtliche Hindernisse.

8.26 tataḥ punarhuṃphaḍiti pārśvamūrdhva[rddha ka pāṭhaḥ |]madhastathā |
ātmanaḥ krodhadṛṣṭyātha nirīkṣya sumanā bhavet || 26 ||
Dann spreche man wiederum „huṃ phaṭ“, blicke mit zornigem Blick seitwärts, nach oben und nach unten und werde darauf frohen Sinnes.

8.27 vīkṣaṇaṃ (sarva?varma)bījena yajñabhūmeḥ samīritam |
ta(tū?ttu)ryo bindusaṃyuktaḥ kalānādasamanvitaḥ || 27 ||
Das rituelle Betrachten des Opferplatzes geschieht mit dem Schutzpanzer-Bija. Es besteht aus dem vierten Laut der ta-Gruppe, verbunden mit Bindu, Kala und Nada. Die Lauterschließung ist unsicher überliefert.

8.28 ba[dha kha pāṭhaḥ |]rmabījamidaṃ proktaṃ dharmakāmārthasādhanam |
prokṣaṇaṃ cāstramantreṇa yāgabhūmeḥ samācaret || 28 ||
Dieses Schutzpanzer-Bija verwirklicht Dharma, Wunscherfüllung und Wohlergehen. Mit dem Astra-Mantra besprenge man den Ort der Verehrung.

8.29 aśuddhapakṣisaṃyogapakṣiviṣṭāvasecanam |
mūṣikāmaṇḍūkasparśakṛmikīṭādisaṃgamaḥ || 29 ||
Verunreinigungen durch unreine Vögel, Vogelkot, die Berührung durch Mäuse oder Frösche und den Kontakt mit Würmern oder Insekten,

8.30 ajñātadūṣaṇaṃ[tadūṣita kha pāṭhaḥ |] sthānaṃ mārjanādau ca yadbhavet |
evamādīni naśyanti lokanāt sparśanāt priye || 30 ||
unbekannte Verunreinigungen des Ortes sowie solche, die beim Reinigen entstehen: All dies vergehe durch das rituelle Betrachten und Berühren, Geliebte.

8.31 madhukaiṭabhayormedasaṃghātairdṛḍhatāṃ gatā |
medinī sarvadāśuddhā surapūjāsu sarvataḥ || 31 ||
Die Erde erhielt ihre Festigkeit aus der Fettmasse der Dämonen Madhu und Kaitabha; deshalb gilt sie bei der Götterverehrung grundsätzlich als zu reinigen.

8.33 tasya doṣasya mokṣārthaṃ[ṣā ka pāṭhaḥ |] kāmabījaṃ likhet kṣitau |
naivedyādi svayaṃ dhṛtvā va[ma ka pāṭhaḥ |]hninā ca malaṃ dahet |
śrīvatsamudrayā dṛṣṭyā tat sarvamavalokayet || 33 ||
Um diesen Mangel zu beheben, schreibe man das Kama-Bija auf den Boden. Man halte Speisegaben und andere Opferstoffe selbst, verbrenne ihre Unreinheit im vorgestellten Feuer und betrachte alles mit der Shrivatsa-Mudra und dem rituellen Blick.

8.34 yadātmanā na vijñātaṃ samyak puṣpādidūṣaṇam |
asparśanādikaṃ vāpi yadanyāyārjitaṃ bhavet || 34 ||
Verunreinigungen von Blumen und anderen Gaben, die man selbst nicht erkannt hat, unzulässige Berührung oder unrechtmäßige Herkunft,

8.35 tathā nirmālyasaṃsṛṣṭiḥ kīṭādyārohaṇaṃ ca yat [caret ka pāṭhaḥ |] |
tat sarvaṃ nāśamāyāti naivedyādyavalokanāt || 35 ||
Vermischung mit bereits dargebrachten Opferresten oder das Darüberkriechen von Insekten: All dies werde durch das rituelle Betrachten der Opfergaben beseitigt.

8.36 naivedyakādikaṃ yattu puṣpagandhādikaṃ ca yat |
sarvamācchādikaṃ kāryaṃ yāvadāvāhayet parām || 36 ||
Speisegaben, Blumen, Duftstoffe und alles andere halte man bedeckt, bis die höchste Göttin angerufen worden ist.

8.37 āvāhya sthāpayitvā tu nirācchādaṃ prakāśayet |
rākṣasāḥ pratigṛhṇanti nirācchādaṃ yataḥ priye || 37 ||
Erst nach ihrer Anrufung und Einsetzung decke man sie auf. Denn unbedeckte Gaben nehmen die Rakshasas an, Geliebte.

8.38 āsanaṃ ca tataḥ kuryānnātinīcaṃ nacocchritam |
āsanaṃ cārghyapātraṃ ca bhagnamāsādayenna tu || 38 ||
Dann richte man einen weder zu niedrigen noch zu hohen Sitz her. Einen beschädigten Sitz oder ein beschädigtes Arghya-Gefäß verwende man nicht.

8.39 kṛṣṇājine mokṣasiddhiḥ śrīmokṣau vyāghracarmmaṇi |
kāmyārthaṃ kambale caivamabhīṣṭaṃ raktakambale || 39 ||
Ein schwarzes Antilopenfell gewähre Befreiung, ein Tigerfell Wohlergehen und Befreiung. Eine Wolldecke diene bestimmten Wünschen, eine rote Wolldecke dem besonders Ersehnten.

8.40 kuśāsane sarvasiddhirmāraṇe kṛṣṇakambalam |
tripurāpūjane śastaṃ raktakambalamāsanam || 40 ||
Ein Sitz aus Kusha-Gras gewähre sämtliche Vollendungen; für Vernichtungsriten wird eine schwarze Wolldecke genannt. Zur Verehrung Tripuras wird ein Sitz aus roter Wolle empfohlen.

8.41 naitad dvihastato dīrghaṃ sārdhahastā(nu?nna)vistṛtam |
na tryaṅgulāt samucchrāyaṃ pūjākarmmaṇi saṃgrahet || 41 ||
Für die Verehrung nehme man einen Sitz, der nicht länger als zwei Ellen, nicht breiter als anderthalb Ellen und nicht höher als drei Fingerbreiten ist. Die Verneinung bei der Breitenangabe ist textlich unsicher.

8.42 yatheṣṭaṃ cārmmaṇaṃ kuryāt pūrvoktaṃ siddhidāyakam |
na dīkṣito viśejjātu kṛṣṇasārājine gṛhī || 42 ||
Ein Fell darf man nach Bedarf bemessen; die genannten Felle gelten als vollendungverleihend. Ein nicht eingeweihter Haushälter darf niemals auf dem Fell einer schwarzen Antilope sitzen.

8.43 dharaṇyāṃ duḥkhasaṃbhūtirdaurbhā[tido ka pāṭhaḥ |]gyaṃ dārujāsane |
āmranimbakadambānāmāsanaṃ vaṃśa[sarva ka pāṭhaḥ |]nāśanam || 43 ||
Bloßes Sitzen auf der Erde führe zu Leid, ein ungeeigneter Holzsitz zu Unglück. Sitze aus Mango-, Nimba- oder Kadamba-Holz sollen die Familie schädigen.

8.44 bakule kiṃśuke caiva panaseṣu hataśriyaḥ |
vaṃśeṣṭakāśmadharaṇītṛṇapallava[bilvaja kha pāṭhaḥ |]nirmmitam || 44 ||
Bakula-, Kimshuka- und Panasa-Holz sollen Wohlstand vernichten. Sitze aus Bambus, Ziegeln, Stein, Erde, gewöhnlichem Gras oder Blättern

8.45 varjayedāsanaṃ mantrī dāridryavyādhiduḥkhadam |
nārācairvāribhinnaṃ syādviśīrṇaṃ bhagnameva ca || 45 ||
meide der Mantra-Praktizierende, da sie Armut, Krankheit und Leid bringen sollen; ebenso beschädigte, wasserzerstörte, zerfallene oder gebrochene Sitze.

8.46 paryuṣitaṃ pareṣāṃ tadadhautaṃ ca vivarjayet |
gāntā[mbhā kha pāṭhaḥ |]rīnirmmitaṃ śastaṃ nānā[nyaddā kha pāṭhaḥ |]dārumayaṃ śubham || 46 ||
Auch alte, fremde und ungewaschene Sitze meide man. Ein aus Gantari-Holz gefertigter Sitz wird empfohlen; geeignete verschiedene Hölzer gelten als glückbringend. Der Pflanzenname ist nicht sicher bestimmbar.

8.47 na yatheṣṭāsano bhūyāt pūjākarmmaṇi sādhakaḥ |
kāṣṭhādikāsanaṃ kuryānmitameva sadā priye || 47 ||
Bei der Verehrung sitze der Praktizierende nicht beliebig. Sitze aus Holz und dergleichen fertige man stets in den vorgeschriebenen Maßen, Geliebte.

8.48 caturviṃśatyaṅgulena[la hi kha pāṭhaḥ |] dīrghaṃ kāṣṭhāsanaṃ śive |
ṣoḍaśāṅgulavistīrṇamucchrāyāccaturaṅgulam [kambala cārmaṇa śaila mahāmāyāprapūjane | praśastamāsana devi kathita varavarṇini || ityādhika kha pāṭhaḥ |] || 48 ||
Ein Holzsitz sei vierundzwanzig Fingerbreiten lang, sechzehn Fingerbreiten breit und vier Fingerbreiten hoch, Heilvolle.

8.49 tadardhāṅgulaṃ vā kuryānnocchritaṃ cāta ācaret |
dharaṇyā vastrasaṃyogād dāruje kambalasya ca || 49 ||
Man kann ihn auch halb so hoch machen, keinesfalls jedoch höher. Das Verbinden der Erde mit Stoff und eines Holzsitzes mit einer Wolldecke

8.50 kauśeyājinasaṃyogo hanti puṇyaṃ purātanam |
yathāśaktyekato mantrī śastāsanamupāviśet || 50 ||
sowie die Verbindung von Seide und Fell vernichte nach dieser Vorschrift früher erworbenes Verdienst. Nach seinen Möglichkeiten verwende der Praktizierende einen einzelnen geeigneten Sitz.

8.51 pāṇibhyāmāsanaṃ dhṛtvā vihitaṃ vistared bhuvi |
parābījaṃ [pareti hrībījamatra jñeyam |] samuccārya tataścādhārapūrvakam || 51 ||
Mit beiden Händen ergreife man den vorgeschriebenen Sitz und breite ihn auf der Erde aus. Man spreche das Para-Bija und füge zunächst „adhāra“ an,

8.52 śaktipadaṃ samālikhya kamalāsanamālikhet |
ṅentaṃ namaḥpadaṃ kuryādanenaivāsanaṃ yajet || 52 ||
dann „śakti“ und „kamalāsana“, setze die Wendung in den Dativ und füge „namaḥ“ hinzu. Mit dieser Formel verehre man den Sitz.

8.53 mūlaprakṛtiṃ tatraiva kūrmaṃ ca paricintayet |
anantaṃ cāpi saṃpūjya pṛthivyarghyaṃ nivedayet || 53 ||
Dort betrachte man die Urnatur und die Schildkröte als tragende Grundlagen. Man verehre Ananta und bringe der Erde Arghya dar.

8.54 praṇavaṃ pūrvamuccārya pṛthivyai nama ityapi |
pāṇibhyāmāsanaṃ dhṛtvā smaredevaṃ vidhānataḥ || 54 ||
Zuerst spreche man Om, dann „pṛthivyai namaḥ“: „Verehrung der Erde!“ Den Sitz mit beiden Händen haltend, vergegenwärtige man vorschriftsmäßig Folgendes:

8.55 merupṛṣṭha ṛṣiḥ proktaḥ sutalaṃ chanda īritam |
kūrmo vai devatā cātra āsanasyopaveśane || 55 ||
Meruprishtha gilt als Rishi, Sutala als Versmaß und Kurma, die Schildkröte, als Gottheit dieses Mantras.

8.56 viniyogastathā prokta upaviśet samantrakam |
pṛthvi tvayā dhṛtā lokā devi tvaṃ viṣṇunā dhṛtā || 56 ||
Seine Anwendung ist das Einnehmen des Sitzes. Man setze sich mit der Formel: „Erde, von dir werden die Welten getragen; Göttin, du selbst wirst von Vishnu getragen.

8.57 tvaṃ ca dhāraya māṃ nityaṃ pavitramāsanaṃ kuru |
duḥśilpiracitatvādi yadanyāsanadūṣaṇam || 57 ||
Trage auch mich beständig und mache meinen Sitz rein!“ Mängel des Sitzes, etwa durch ungeeignete Herstellung,

8.58 ajñātarūpakaṃ yāti vilayaṃ vidhinā priye |
padadvayaṃ samaṃ samyagūrudvayoparisthitam || 58 ||
auch solche unbekannter Art, werden durch diese Vorschrift aufgehoben, Geliebte. Beide Füße liegen gleichmäßig auf den beiden Oberschenkeln.

8.59 savyaṃ pādamupādāya dakṣiṇopari vinyaset |
viṣṭabhya kaṭyoḥ pārṣṇī tu nāsāgra(gra?nya)stalocanaḥ || 59 ||
Den linken Fuß lege man über den rechten, die Fersen an den Hüften abgestützt; der Blick ruhe auf der Nasenspitze.

8.60 padmāsanaṃ bhavedetat praśastaṃ tripurārcane |
svastikaṃ gomukhaṃ caivamūrdhvasvastikameva vā || 60 ||
Dies ist der Padmasana, der für die Verehrung Tripuras empfohlen wird. Auch Svastika, Gomukha oder Urdhva-Svastika

8.61 paryaṅkamāsanaṃ śastamevaṃ baddhāsanaḥ priye |
paśyannabhīṣṭadevaṃ ca pādadoṣaṃ na paśyati || 61 ||
sowie Paryanka gelten als geeignete Sitze. So in einer festen Sitzhaltung ruhend und die erwählte Gottheit anschauend, begeht man nicht den Fehler eines unangemessenen Zeigens der Füße.

8.62 na yuktamanyathā pādadarśanaṃ surapūjane |
digvibhāgeṣu kauverī dik śivāprītidāyinī || 62 ||
Andernfalls ist das Zeigen der Füße bei der Götterverehrung unangebracht. Unter den Himmelsrichtungen erfreut die Richtung Kuberas, der Norden, die Göttin besonders.

8.63 tasmāt tanmukha āsīnaḥ pūjayet tripurāṃ sadā |
uttarābhimukho bhūtvā yadā devīṃ prapūjayet || 63 ||
Daher verehre man Tripura stets nach Norden gewandt. Wenn man so die Göttin verehrt,

8.64 uttarāśā tadā devi pūrvāśaiva na saṃśayaḥ |
īśānamagnikoṇaṃ syādvāyukoṇaṃ tatheśakam || 64 ||
gilt der Norden im rituellen Bezugssystem als Osten, Göttin. Der Nordosten wird zum Südosten und der Nordwesten zum Nordosten.

8.65 dakṣiṇāśā tadā jñeyā paścimāśā maheśvari |
rākṣasaṃ vāyukoṇaṃ syādā[dagniśca kha pāṭhaḥ |]gneyaṃ rākṣasaṃ bhavet || 65 ||
Der Süden ist dann als Westen anzusehen, große Herrin; der Südwesten wird zum Nordwesten und der Südosten zum Südwesten.

8.66 prākpratyaṅmukhapūjāyāṃ laukikaṃ paścimaṃ smṛtam |
dakṣiṇottarapūjāyāṃ saṃmukhaṃ paścimaṃ smṛtam || 66 ||
Bei einer nach Osten oder Westen gerichteten Verehrung gilt der gewöhnliche Westen als Westen; bei einer nach Süden oder Norden gerichteten Verehrung gilt die gegenüberliegende Richtung als Westen. Diese zusätzliche Orientierungsregel ist im Verhältnis zu den vorherigen Angaben nicht eindeutig.

8.67 yoginīcakrapūjāyāṃ digiyaṃ nānyathā bhavet |
kuṅkumāruṇadehastu raktābharaṇabhūṣitaḥ || 67 ||
Bei der Verehrung des Yogini-Chakra ist diese Richtungsordnung einzuhalten. Der Körper sei mit Kumkuma gerötet und mit rotem Schmuck versehen.

8.68 raktāsanopaviṣṭastu lākṣāruṇagṛhe sthita(m?ḥ) |
tāmbūlarāgavadano dhūpāmodasugandhitaḥ || 68 ||
Man sitze auf einem roten Sitz in einem lackrot ausgestatteten Raum; der Mund sei vom Betelkauen gerötet und der Körper von Räucherduft umgeben.

8.69 karpūrakṣodadigdhāṅgo raktacandanabhūṣitaḥ |
sarvaśṛṅgāraveśāḍhyastripurīkṛtavigrahaḥ || 69 ||
Mit Kampferpulver bestrichen, mit rotem Sandel geschmückt und in allen Zeichen festlicher Schönheit ausgestattet, verwandle man den eigenen Leib in die Gestalt Tripuras.

8.70 manaḥsaṃkalparakto vā sādhakaḥ sthiramānasaḥ |
kṛtāñjalipuṭo bhūtvā mandasmitamukhāmbujaḥ || 70 ||
Oder man vollziehe dieses Rotwerden durch die Vorstellung im Geist. Mit beständigem Bewusstsein, zusammengelegten Händen und sanft lächelndem Gesicht

8.71 vāmakarṇordhva[rddha ka pāṭhaḥ |]bhāge tu guruṃ ca praṇamet tataḥ |
dakṣakarṇordhva[rddha ka pāṭhaḥ |]bhāge tu gaṇeśaṃ praṇamed budhaḥ || 71 ||
verneige man sich vor dem Guru oberhalb des linken Ohres, dann vor Ganesha oberhalb des rechten Ohres.

8.72 durgāṃ namet purobhāge pṛṣṭhataḥ kṣetranāyakam |
svadakṣe vāmato devyā dīpaṃ saṃsthāpayettataḥ || 72 ||
Vorne verehre man Durga, hinten den Hüter des heiligen Bezirks. Die Lampe stelle man rechts von sich und damit links von der Göttin auf.

8.73 tato ramiti mantreṇa śikhāṃ dīpasya saṃspṛśet |
devatīrthena deveśi saṃspṛśya ca vidhānataḥ || 73 ||
Mit dem Mantra „raṃ“ berühre man die Flamme der Lampe, Herrin der Götter, und vollziehe die Berührung vorschriftsmäßig mit dem als Deva-Tirtha bezeichneten Teil der Hand.

8.74 suprakāśo mahādīpaḥ sarvatasmimirāpahā |
sabāhyābhyantaraṃ jyotirdīpo'stu śubhadāyakaḥ || 74 ||
„Die große Lampe leuchtet hell und vertreibt jede Finsternis. Möge ihr Licht außen und innen Glück und Segen schenken!“

8.75 sa tasya śubhado dīpo bhavet sparśanamātrataḥ |
pataṅgakīṭakeśādidāhakravyādasaṅga[saha ka pāṭhaḥ |]taḥ || 75 ||
Schon durch diese Berührung werde die Lampe segensreich. Verunreinigungen durch verbrannte Motten, Insekten oder Haare und durch Berührung mit Fleischfressendem,

8.76 vasāmajjāsthisaṃbhūtiryadādyanupayogi(na?tā) |
ajñātarūpakaṃ sarvaṃ doṣaṃ sparśādvināśayet || 76 ||
durch Fett, Mark oder Knochen sowie andere, auch unbekannte Gründe ihrer Ungeeignetheit beseitige man durch diese rituelle Berührung.

8.77 rocanākuṅkumābhyāṃ ca kastūrīcandanendubhiḥ |
rañjitaṃ cakrarājaṃ ca svayaṃbhūkusumairyutam || 77 ||
Den König der Chakras färbe man mit Gorochana, Kumkuma, Moschus, Sandel und Kampfer, versehe ihn mit Svayambhu-Blüten,

8.78 sindūrarajasākrāntaṃ purataḥ siṃhaviṣṭare |
saṃsthāpya sahasā devi yoginībhiḥ samaṃ tataḥ || 78 ||
bestäube ihn mit Zinnober und stelle ihn vor sich auf einem Löwenthron auf, Göttin, zusammen mit den Yoginis.

8.79 devīrūpaṃ vicintyātha cakre puṣpāñjaliṃ diśet |
aśūnyaṃ[nyaku ka pāṭhaḥ |] kusumaiḥ kuryācchūnye vighnādya[nya kha pāṭhaḥ |]nekaśaḥ || 79 ||
Man betrachte ihn als Gestalt der Göttin und bringe auf dem Chakra eine Handvoll Blumen dar. Man lasse ihn nicht ohne Blumen, denn Leere begünstige vielerlei Hindernisse.

8.80 gandhapuṣpākṣatādīni dakṣabhāge nidhāpayet |
prakṣālanāya karayoḥ pātraṃ paścānnidhāpayet || 80 ||
Duftstoffe, Blumen, unversehrte Reiskörner und andere Gaben stelle man rechts auf; hinter sich ein Gefäß zum Waschen der Hände.

8.81 arghyādikaṃ purobhāge savye kumbhaṃ nidhāpayet |
maṇḍalaṃ vāmataḥ kṛtvā jalena caturasrakam || 81 ||
Arghya und verwandte Gaben stelle man vor sich, den Wasserkrug links. Links zeichne man mit Wasser ein viereckiges Mandala.

8.82 vaha(t?n)karābhyāṃ deveśi tatrādhāraṃ manoharam |
suvarṇaraupyatāmrādivihitaṃ sthāpayet tataḥ || 82 ||
Dorthin trage man mit beiden Händen, Herrin der Götter, eine schöne Unterlage aus Gold, Silber, Kupfer oder einem anderen geeigneten Material und stelle sie auf.

8.83 vahnimaṇḍalarūpaṃ taṃ kalābhiḥ saha pūjayet |
kalaśaṃ hemajaṃ dhanyaṃ [dhā ka pāṭhaḥ |] niśchidraṃ cāpi sundaram || 83 ||
Man verehre sie als Feuerkreis samt seinen Kalas. Ein schöner, unbeschädigter und glückbringender goldener Krug

8.84 vastrapūtairjalaiḥ pūrṇaṃ sagandhairdoṣavarjitaiḥ |
pānīyaṃ ghaṭamadhyasthaṃ vī[kṣan?kṣya] guhyaṃ ca sādhakaḥ || 84 ||
werde mit durch ein Tuch gefiltertem, wohlriechendem, fehlerfreiem Wasser gefüllt. Der Praktizierende nehme das im Krug befindliche Wasser auf; die anschließende Handlungsangabe ist verderbt überliefert.

8.85 vāmena pāṇinā devi tatrādhāre niveśayet |
pūjayet sūryarūpaṃ taṃ kalābhiḥ parameśvari || 85 ||
Mit der linken Hand stelle er den Krug auf die Unterlage, Göttin, und verehre ihn als Gestalt der Sonne samt deren Kalas, höchste Herrin.

8.86 [kalpaṃ taṃ ca?kalaśaṃ taṃ] samabhyarcya viśeṣeṇa varānane |
tatrasthamamṛtaṃ sākṣāccandrarūpaṃ vicintayet || 86 ||
Nach eingehender Verehrung, Schönangesichtige, betrachte er die enthaltene Flüssigkeit unmittelbar als Nektar und als Gestalt des Mondes.

8.87 candramaṇḍalamabhyarcya kalābhiḥ suravandite |
ānandabhairavaṃ tatra yajedānandabhairavīm || 87 ||
Nachdem er den Mondkreis samt seinen Kalas verehrt hat, verehre er darin Ananda-Bhairava und Ananda-Bhairavi, von den Göttern Verehrte.

8.88 yadyanyaddūṣaṇaṃ pātre toye vā[rā ka pāṭhaḥ |]jñānato bhavet |
tatsarvaṃ nāśamāyāti pūjārhaḥ kalaśo bhavet || 88 ||
Jeder unbekannte Mangel des Gefäßes oder des Wassers werde dadurch aufgehoben; der Krug werde für die Verehrung geeignet.

8.89 pātramastrāmbubhiḥ prokṣya dakṣato vahnimaṇḍale [dakṣiṇe sthāpayettataḥ kha pāṭhaḥ |] |
sādhāraṃ sthāpayeddevi pūjayet taṃ yathāvidhi || 89 ||
Man besprenge ein weiteres Gefäß mit Astra-Mantra-Wasser und stelle es samt Unterlage rechts auf den Feuerkreis, Göttin. Dort verehre man es vorschriftsmäßig.

8.90 śuddhodakena saṃpūrṇaṃ [sapūjya kha pāṭhaḥ |] mūla[mantra kha pāṭhaḥ |]vidyā tato japet |
prokṣayettena kalaśaṃ prokṣiṇīsthena vāriṇā || 90 ||
Man fülle es mit reinem Wasser, wiederhole die Wurzelvidya und besprenge den Krug mit dem Wasser dieses Sprenggefäßes.

8.91 vāmatastu tathā śaṅkhaṃ pratiṣṭhāpya vidhānataḥ |
taduttarata evāsmin pādyamācamanīyakam || 91 ||
Links stelle man vorschriftsmäßig die Muschel auf, nördlich davon das Wasser zum Waschen der Füße und zum rituellen Trinken.

8.92 cakropari śivāṃ natvā bhūtaśuddhimathācaret |
svabhāvataḥ sadāśuddhaṃ pañcabhūtātmakaṃ vapuḥ || 92 ||
Nachdem man sich vor der Göttin über dem Chakra verneigt hat, vollziehe man die Bhuta Shuddhi. Der aus den fünf Elementen bestehende Körper gilt seiner gewöhnlichen Beschaffenheit nach als unrein,

8.93 (manaḥ?sadā)pūtisamāyuktaṃ śleṣmaviṇmūtrapicchilam |
tasyaiva hi viśuddhyarthaṃ vāyvagnisalilākṣaraiḥ || 93 ||
von Verweslichkeit geprägt und mit Schleim, Kot und Urin angefüllt. Zu seiner Reinigung verwende man die Silben von Wind, Feuer und Wasser.

8.94 śoṣadāhau tathā bhasmaprotsādo'mṛtavarṣaṇam |
āplāvanaṃ ca kartavyaṃ pūrakumbhakarecakaiḥ || 94 ||
Austrocknung, Verbrennung, Fortblasen der Asche, Nektarregen und Überflutung sind mit Einatmung, Atemanhalten und Ausatmung zu verbinden.

8.95 pañcaśuddhivihīnena kṛtaṃ yadabhicāravat |
viparītaphalaṃ dadyādabhaktyābhyarcanaṃ tathā || 95 ||
Was ohne die fünffache Reinigung vollzogen wird, wirke wie ein schädigender Zauberritus und bringe die entgegengesetzte Frucht; ebenso eine Verehrung ohne Hingabe.

8.96 śarīrākārabhūtānāṃ bhūtānāṃ yadviśodhanam |
avyayabrahmasaṃsparśād bhūtaśuddhiriyaṃ priye || 96 ||
Die Reinigung der Elemente, die den Körper bilden, durch ihre Berührung mit dem unvergänglichen Brahman: Dies ist die Elementreinigung, Geliebte.

8.97 antaḥkaraṇamadhye tu jyotirā[ṣā kha pāṭhaḥ |]tmā pravartate |
liṅga[ḍga kha pāṭhaḥ |]dehaṃ tu taṃ[tat kha pāṭhaḥ |] prāhuryoginastattvavedinaḥ || 97 ||
Im inneren Erkenntnisorgan wirkt das lichtförmige Selbst. Die Yogis, welche die Wirklichkeitsprinzipien kennen, nennen dies den Linga-Körper.

8.98 tasya vai śodhanaṃ caiva sarvaśuddhiḥ prajāyate |
tadeva viśvajananakāraṇaṃ janmakāraṇam || 98 ||
Durch dessen Reinigung entsteht die Reinigung von allem. Er ist die Ursache des Hervortretens der Welt und der individuellen Geburt.

8.99 tatpratītau bhavenmuktirnānyato janmakoṭibhiḥ |
prāṇāyāmatrayaṃ kṛtvā yonimudrāṃ [tallakṣaṇa yathā- mitha kaniṣṭhake baddhvā - tarjanībhyāmanāmike | anāmikordhva saśliṣṭadīrghamadhyamayoradha | aṅguṣṭhāgradvaya nyasedyonimudrayamīritā || iti |] tathā smaret || 99 ||
In seiner Erkenntnis liegt Befreiung; auf andere Weise wird sie auch in Millionen Geburten nicht erlangt. Man vollziehe drei Atemregelungen und vergegenwärtige dann die Yoni Mudra.

8.100 vidyākūṭatrayaṃ devi vahnyarkendumayaṃ dhiyā |
puratraye'tha saṃcintya teṣāmaikyaṃ tataḥ smaret || 100 ||
Die drei Gruppen der Vidya betrachte man, Göttin, als Feuer, Sonne und Mond in den drei Städten; dann vergegenwärtige man ihre Einheit.

8.101 tasmiṃstejomaye (viśve?bimbe) saccidānandadhāmani |
kevalānubhavānande para[ram kha pāṭhaḥ |]brahmaṇi śāśvate || 101 ||
In dieser lichtvollen Gestalt, der Wohnstatt von Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit, im ewigen höchsten Brahman, dessen Wonne reine unmittelbare Erfahrung ist,

8.102 nimajya binduge dhāmni kṣaṇaṃ sthitvā tu cintayet |
bālārkakiraṇāraktaṃ tattattejomayaṃ smaret || 102 ||
tauche man ein. Nachdem man einen Augenblick in der im Bindu ruhenden Lichtstätte verweilt hat, betrachte man ihre verschiedenen Lichtgestalten, gerötet von den Strahlen der jungen Sonne.

8.103 śuddhalākṣāmṛtāmbhodhimadhye cātimanohare[ram ka pāṭhaḥ |] |
navaratnamaye dvīpe taccintāmaṇimaṇḍape || 103 ||
Inmitten eines überaus schönen, klaren, lackroten Nektarmeeres liegt eine Insel aus neun Edelsteinen; darauf befindet sich der Pavillon aus wunscherfüllendem Edelstein.

8.104 ratnasiṃhāsanāmbhoje vahnyarkendusvarūpiṇīm |
bālārkakoṭisaṃkāśāṃ turīyāṃ paramāṃ kalām || 104 ||
Auf dem Lotus eines Edelsteinthrones sitzt die höchste vierte Kala, deren Wesen Feuer, Sonne und Mond ist und die wie Millionen junger Sonnen leuchtet.

8.105 dakṣiṇādhaḥkare bāṇān vāmādho dhanureva ca |
dakṣiṇordhve(śṛ?sṛ)ṇiṃ vāme pāśaṃ cāpi kare [rairdhṛtām kha pāṭhaḥ |] dhṛtam || 105 ||
In ihrer unteren rechten Hand hält sie Pfeile, in der unteren linken den Bogen, in der oberen rechten den Stachel und in der oberen linken die Schlinge.

8.106 aruṇāmaruṇākalpavasanākṣitrayānvitām |
ātmābhedena saṃcintya śuddhajñānasvabhāvinam[nīm kha pāṭhaḥ |] || 106 ||
Sie ist rot, trägt roten Schmuck und rote Gewänder und besitzt drei Augen. Man betrachte sie als vom eigenen Selbst ungetrennt und erkenne dieses als reines Wissen.

8.107 kevalānubhavānandamātmānaṃ paricintayet |
oṃ hrīṃ haṃsastataḥ sohaṃ svāheti manunā śive || 107 ||
Man betrachte das Selbst als Wonne unmittelbarer Erfahrung. Dabei verwende man den Mantra „oṃ hrīṃ haṃsaḥ sohaṃ svāhā“, Heilvolle.

8.108 bālābījatrayasyānte mahātripurasundari |
ātmānaṃ rakṣarakṣeti kuryādrakṣāṃ hṛdi [dra ka pāṭhaḥ |] spṛśan || digbandhaḥ svastriyā(?)caivaṃ choṭikābhiḥ samantataḥ || 108 ||
Nach den drei Bala-Bijas spreche man: „Mahatripurasundari, schütze, schütze mein Selbst!“ Dabei berühre man das Herz und vollziehe den Schutz. Mit Fingerschnippen in alle Richtungen befestige man die Richtungsgrenzen; die nähere Mantrabezeichnung ist unsicher überliefert.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde yāgadhāmārcanabhūtaśuddhyādivarṇanaṃ nāma aṣṭamaḥ paṭalaḥ || 8 ||
Hier endet das 8. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Verehrungsraum und Elementreinigung“.

Kapitel 9: Handreinigung und Matrika-Nyasa

navamaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 9.1 deva eva yajeddevaṃ nādevo devamarcayet |
nyāsaṃ vinā japaṃ prāhurāsuraṃ viphalaṃ śive || 1 ||
Nur als Gottheit verehre man die Gottheit; als Nichtgöttlicher soll man sie nicht verehren. Japa ohne Nyasa wird als dämonisch und fruchtlos bezeichnet, Heilvolle.

9.2 nyāsāttadātmako bhūtvā devo bhūtvā tu taṃ yajet |
prāṇāyāmaistathā dhyānairnyāsairdevaśarīratā || 2 ||
Durch Nyasa werde man mit ihr wesensgleich; zur Gottheit geworden, verehre man sie. Durch Atemregelung, Meditation und Nyasa entsteht der göttliche Leib.

9.3 nyāsavidhiṃ śṛṇu prājñe karaśuddhipuraḥsaram |
mātṛkādyaṃ samuddhṛtya dvitīyaṃ ca sabindukam || 3 ||
Höre, Weise, die Vorschrift des Nyasa, beginnend mit der Reinigung der Hände. Man erschließe den ersten und den zweiten Laut der Matrika, mit Bindu verbunden,

9.4 śāntāntaṃ kā[ntaka ka pāṭhaḥ |]disaṃyuktamekārāntāntayojitam |
evameṣā mahāvidyā karaśuddhikarī [sabindu mātṛkādya a dvitīya ca ā śāntetyādinā sau ityeṣā karaśuddhikarīvidyā |] matā || 4 ||
und verbinde die weiteren, verschlüsselt genannten Laute bis zum Ende der e-Reihe. So wird die große Vidya zur Reinigung der Hände gebildet. Die Lautanweisung ist nicht eindeutig genug, um hier eine vollständige Formel daraus abzuleiten.

9.5 gṛhītvā raktapuṣpaṃ ca sagandhaṃ sādhakastataḥ[kottama kha pāṭhaḥ |] |
anenaiva tu mantreṇa puṣpaṃ hastatalasthitam || 5 ||
Dann nehme der Praktizierende eine rote, duftende Blume. Mit diesem Mantra reibe er die Blume in der Handfläche

9.6 saṃmārjya savyahastena vāmena pāṇinā tataḥ |
nirmañchya kāmabījena jighrapedvāgbhavena tu || 6 ||
mit der rechten Hand; dann streiche er mit der linken Hand unter Aussprache des Kama-Bijas darüber und rieche mit dem Vagbhava-Bija daran.

9.7 aiśānyāṃ niḥkṣipedetaccheṣa[śava kha pāṭhaḥ |]bījena pārvati |
aṅgulyagrāṇi śuddhāni puṣpasya grahaṇādbhavet || 7 ||
Mit dem verbleibenden Bija werfe er sie nach Nordosten, Parvati. Durch das Aufnehmen der Blume werden die Fingerspitzen gereinigt,

9.8 mardanāt karayoḥ śuddhirnirmañchanāttu pṛṣṭhayoḥ |
ghrāṇāddevāśca tuṣyanti tīrthānāṃ ca samāgamaḥ || 8 ||
durch das Reiben die Handflächen, durch das Abstreichen die Handrücken. Das Riechen erfreut die Gottheiten und führt die Kräfte der heiligen Badeplätze zusammen.

9.9 prakṣepāt sarvavighnānāṃ dūrasaṃsthānameva ca |
durgandhocchi[tsṛ ka pāṭhaḥ |]ṣṭasaṃsparśadūṣaṇaṃ karayostu yat || 9 ||
Durch das Fortwerfen werden alle Hindernisse entfernt. Was an den Händen durch üblen Geruch oder die Berührung von Speiseresten verunreinigt ist,

9.10 ajñātarūpaṃ tatsarvaṃ nāśayedvidhināmunā |
karaśuddhiṃ vidhāyādāvṛṣinyāsādikaṃ tataḥ || 10 ||
auch jede unbekannte Verunreinigung, beseitige man durch diese Vorschrift. Nach der Reinigung der Hände vollziehe man den Nyasa des Rishi und der übrigen Mantra-Zuordnungen.

9.11 ṛṣicchandodaivatānāṃ vinyāsena vinā yadā |
japyate sādhite'pyeṣa na tatra tatphalaṃ labhet || 11 ||
Wird ein Mantra ohne Einsetzung seines Rishi, seines Versmaßes und seiner Gottheit wiederholt, so erlangt man seine Frucht nicht, selbst wenn man ihn eingeübt hat.

9.12 ṛṣirasyā maheśāni dakṣiṇāmūrtiravyayaḥ |
paṃkti[ccha ka pāṭhaḥ |]śchandastathā proktaṃ vidyāyāḥ śṛṇu pārvati || 12 ||
Der Rishi dieser Vidya ist der unvergängliche Dakshinamurti, große Herrin. Als Versmaß wird Pankti genannt; höre, Parvati.

9.13 devatā parameśānī mahātripurasundarī |
viniyogaḥ samākhyāto bhuktimuktiprasādhane || 13 ||
Ihre Gottheit ist die höchste Herrin Mahatripurasundari. Ihre Anwendung dient der Verwirklichung von Erfüllung im Leben und Befreiung.

9.14 śirasi mukhavṛtte ca hṛdaye ca pravinyaset |
mātṛkāṃ śṛṇu deveśi sarvapāpavināśinīm || 14 ||
Rishi, Versmaß und Gottheit setze man auf dem Scheitel, am Mund und im Herzen ein. Höre nun von der Matrika, Herrin der Götter, die alle Schuld vernichtet.

9.15 yā brāhmīpramukhā devyo mātaraḥ parikīrtitāḥ |
tāsāṃ mantrāṇi sarvāṇi vyañjanāni sva[su ka pāṭhaḥ |]rāstathā || 15 ||
Die als Mütter bezeichneten Göttinnen, angefangen mit Brahmi: Ihre sämtlichen Mantras sind die Konsonanten und Vokale.

9.16 candrabindusamāyuktāḥ sarvakāmaphalapradāḥ |
ṛṣiḥ saṃmohanaḥ proktaścha[ccha ka pāṭhaḥ |]ndo gāyatramucyate || 16 ||
Verbunden mit Mondzeichen und Bindu gewähren diese die Früchte aller Wünsche. Ihr Rishi heißt Sammohana, ihr Versmaß Gayatri.

9.17 devateyaṃ samuddiṣṭā samastajananī parā |
śaktayastu (su?sva)rā devi bījaṃ vyañjanasaṃcayaḥ || 17 ||
Ihre Gottheit ist die höchste Allmutter. Die Vokale sind ihre Shaktis, Göttin; die Gesamtheit der Konsonanten ist ihr Bija.

9.18 viniyogaḥ samuddiṣṭaḥ samastajanamohane |
svareṇa dīrghayuktena ṣaḍaṅgāni samācaret || 18 ||
Ihre Anwendung dient der Bezauberung aller Menschen. Mit dem jeweils verlängerten Vokal vollziehe man die sechs Angas.

9.19 hṛdayaṃ ca śiro devi śikhā ca kavacaṃ tataḥ |
netrama(ntraṃ?straṃ)nyaset svīyamudrājātiyutaṃ namaḥ || 19 ||
Man setze sie an Herz, Haupt, Haarbüschel, Schutzpanzer, Augen und Waffe ein, Göttin, jeweils mit der zugehörigen Mudra und den Abschlüssen „namaḥ“,

9.20 svāhā vaṣaḍ huṃ ca vauṣaṭ [svāhāvaṣaḍvoṣaḍastra phaḍa ka pāṭhaḥ |] phaḍantaṃ yojayet priye |
ṣaḍaṅgo'yaṃ mātṛkāyāḥ sarvapadottaraḥ śive || 20 ||
„svāhā“, „vaṣaṭ“, „huṃ“, „vauṣaṭ“ und „phaṭ“, Geliebte. So lautet der sechsfache Anga-Nyasa der Matrika, jeweils ergänzt durch das Wort „sarva“.

9.21 bālārkakoṭirucirāṃ sphaṭikākṣamālāṃ kodaṇḍamikṣujanitaṃ [sva?sma]rapañcabāṇān |
vidyāṃ ca hastakamalairdadhatīṃ trinetrāṃ dhyāyet samastajananī navacandracūḍām || 21 ||
Man meditiere über die Allmutter, schön wie Millionen junger Sonnen, mit drei Augen und jungem Mond auf dem Haupt. In ihren Lotushänden hält sie eine Kristallkette, einen Zuckerrohrbogen, fünf Pfeile und die Vidya, das Zeichen des Wissens.

9.22 dvyaṣṭapatrāmbuje kaṇṭhe svarān ṣoḍaśa cintayet |
hṛtpadme dvādaśacchade kādīn dvādaśa vinyaset || 22 ||
Im sechzehnblättrigen Lotus an der Kehle betrachte man die sechzehn Vokale; im zwölfblättrigen Herzlotus setze man die zwölf Laute von ka an ein.

9.23 daśapatrāmbuje nābhau ḍakārādīn nyaseddaśa |
ṣaṭpatre liṅgamadhyasthe bakārādīn nyasecca ṣaṭ || 23 ||
Im zehnblättrigen Lotus am Nabel setze man die zehn Laute von da, dem retroflexen ḍa, an ein; im sechsblättrigen Lotus am Geschlechtsorgan die sechs von ba an.

9.24 ādhāre caturo varṇān vādīn nyaseccaturdale |
hakṣau bhrūmadhyage padme dvidale paricintayet || 24 ||
Im vierblättrigen Wurzellotus setze man die vier Laute von va an ein. Ha und ksha betrachte man im zweiblättrigen Lotus zwischen den Brauen.

9.25 ityantarmātṛkāḥ smṛtvā bahirnyāsaṃ tataścaret [śive ka pāṭhaḥ |] |
[bahirmātṛkānyāsamāha akāretyādinā | klīanamo lalāṭe ityeva jñeyam |] akārādikṣakārāntā mātṛkāḥ parikīrtitāḥ || 25 ||
Nachdem man so die innere Matrika vergegenwärtigt hat, vollziehe man den äußeren Nyasa. Die Laute von a bis ksha werden Matrika genannt.

9.26 pratyekaṃ kāmabījādyāḥ sarvakāmaphalapradāḥ |
candrabindusamāyuktā namontāśca pravinyaset || 26 ||
Jedem Laut stelle man das Kama-Bija voran, verbinde ihn mit Mondzeichen und Bindu und schließe mit „namaḥ“. So eingesetzt, gewähren sie die Früchte aller Wünsche.

9.27 lalāṭe mukhavṛtte ca netrakarṇeṣu pārvati |
nāsāgaṇḍauṣṭhadanteṣu samūrdhāsyeṣu śāṃkari || 27 ||
Man setze sie der Reihe nach an Stirn, Mundumkreis, Augen, Ohren, Nase, Wangen, Lippen, Zähnen, Scheitel und Mund ein, Parvati, Shankari.

9.28 pāṇipādayugasyāntaḥsaṃdhyagreṣu kramācchive |
pārśvadvaye pṛṣṭhanābhijaṭhareṣu kramān nyaset || 28 ||
Dann an den Ansätzen, Gelenken und Enden beider Arme und Beine, an beiden Körperseiten, Rücken, Nabel und Bauch, Heilvolle.

9.29 yādīn sadhātukān devi krameṇaiva tato nyaset |
tvagasṛṅmāṃsamedo'sthimajjā[jja ka pāṭha |]śukrāṇi dhātavaḥ || 29 ||
Darauf setze man die Laute von ya an mit ihren Körperbestandteilen ein: Haut, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark und Samen.

9.30 prāṇātmā ca jīvātmā ca paramātmā tathaiva ca |
hṛdaye bāhumūle ca tathā kaṇṭhapradeśake || 30 ||
Es folgen Pranatman, Jivatman und Paramatman. Ihre Einsetzung beginnt am Herzen, an den Armansätzen und im Halsbereich,

9.31 skandha(kakṣa)yorhṛdayaprānte pāṇipādayuge tathā |
jaṭharānanayordevi sarvāṅgeṣu kramānnyaset || 31 ||
an Schultern beziehungsweise Achseln, vom Herzen aus an beiden Händen und Füßen sowie an Bauch und Gesicht und am ganzen Leib, Göttin. Die genaue Verteilung der letzten Stellen ist textlich gedrängt.

9.32 [mātṛkānyāsamudrā nirdiśati lalāṭe'nāmikāmityādinā |] lalāṭe'nāmikāṃ madhyāṃ vinyasenmukhapaṅkaje |
tarjanīmadhyamānāmāvṛddhā eva tu netrayoḥ || 32 ||
An der Stirn verwende man Ring- und Mittelfinger; am Gesicht Zeige-, Mittel- und Ringfinger, an den Augen die Daumen.

9.33 aṅguṣṭhaṃ karṇayordevi kaniṣṭhāṅguṣṭhakau nasoḥ |
madhyāstisro gaṇḍayośca madhyamāmoṣṭhayoḥ priye || 33 ||
An den Ohren verwende man den Daumen, Göttin, an der Nase kleinen Finger und Daumen, an den Wangen die drei mittleren Finger, an den Lippen den Mittelfinger.

9.34 anāmāṃ dantayordevi madhyamāmuttamāṅgake |
mukhe'nāmāṃ madhyamāṃ ca hastapāde'tha pārśvayoḥ || 34 ||
An den Zähnen verwende man den Ringfinger, am Scheitel den Mittelfinger, am Mund Ring- und Mittelfinger; an Händen, Füßen und Körperseiten

9.35 kaniṣṭhānāmikāmadhyāstāstu pṛṣṭhe'tha pārvati |
tāstu sāṅguṣṭhakā nābhau sarvāḥ kukṣau pravinyaset || 35 ||
kleinen Finger, Ring- und Mittelfinger. Dieselben verwende man am Rücken, Parvati; am Nabel zusammen mit dem Daumen, am Bauch alle Finger.

9.36 hṛdaye ca talaṃ sarvaṃ bāhvoḥ kaṇṭhapradeśake |
skandhayorhṛdayaprānte hastapādayuge tathā || 36 ||
Am Herzen verwende man die ganze Handfläche, ebenso an Armen, Hals, Schultern und von der Herzgegend aus an beiden Händen und Füßen.

9.37 jaṭharāsyayuge devi talameva prakīrtitam |
etāstu mātṛkāmudrāḥ krameṇa parikīrtitāḥ || 37 ||
Auch für Bauch und Gesicht wird die Handfläche genannt. Damit sind die Matrika-Mudras der Reihe nach beschrieben.

9.38 ajñātvā vinyasedyastu nyāsaḥ syāttasya niṣphalaḥ |
anāmayā vā puṣpairvā manasā vā nyaseduta || 38 ||
Wer den Nyasa ohne ihre Kenntnis ausführt, dessen Nyasa bleibt fruchtlos. Alternativ kann man die Einsetzung mit dem Ringfinger, mit Blumen oder im Geist vollziehen.

9.39 evaṃ tu mātṛkānyāsaṃ yaḥ kuryāt parameśvari |
sarvayajñeṣu pūjāsu pūto yogyaśca jāyate || 39 ||
Wer so den Matrika-Nyasa vollzieht, höchste Herrin, wird rein und für alle Opfer und Verehrungsriten geeignet.

9.40 nātaḥ parataro mantro[ra mantra ka pāṭhaḥ |] vidyate kvacideva hi |
ye ye mantrā devatānāmṛṣīṇāmatha rakṣasām || 40 ||
Einen höheren Mantra gibt es nirgends. Welche Mantras auch immer den Gottheiten, Rishis oder Rakshasas zugehören,

9.41 te sarve mātṛkāmantre nityameva pratiṣṭhitāḥ |
sarvamantramayaścāyaṃ sarvadevamayastathā || 41 ||
sie alle gründen beständig im Matrika-Mantra. Er besteht aus sämtlichen Mantras und sämtlichen Gottheiten.

9.42 caturvargapradaścāyaṃ tuṣṭipuṣṭipradāyakaḥ |
sarvapīṭhamayaścāpi mātṛkānyāsa ucyate || 42 ||
Der Matrika-Nyasa gewährt die vier Lebensziele, Zufriedenheit und Gedeihen und umfasst sämtliche heiligen Sitze.

9.43 yaḥ [ya ka pāṭhaḥ |] kuryānmātṛkānyāsaṃ vinaiva surapūjanāt |
tasmādbibheti satataṃ bhūtagrāmaścaturvidhaḥ || 43 ||
Vor jemandem, der den Matrika-Nyasa selbst ohne anschließende Götterverehrung vollzieht, fürchten sich stets die vier Gruppen der Geistwesen.

9.44 taṃ draṣṭumapi devāśca spa(rśa?rdha)yanti mahaujasam |
sa tu sarvaṃ [rva ka pāṭhaḥ |] vaśaṃ kuryānna ca yāti parābhavam || 44 ||
Selbst die Götter wetteifern darum, diesen Kraftvollen zu sehen. Er könne alles unter seinen Einfluss bringen und erleide keine Niederlage.

9.45 puṭitāṃ sarvabījena samastajananīṃ parām |
pañcāśanmātṛkāṃ vidyāṃ japedaṣṭottaraṃ śatam || 45 ||
Die aus fünfzig Matrika-Lauten bestehende Vidya der höchsten Allmutter, vom All-Bija umschlossen, wiederhole man 108-mal.

9.46 vāgdevatāṃ hṛdi dhyātvā mūrdhni sarvākṣarāṇi tu |
dvidhā ca mātṛkāmantraiḥ sakramairvyutkramairapi || 46 ||
Man meditiere über die Göttin der Rede im Herzen und über sämtliche Laute auf dem Scheitel. Mit den Matrika-Mantras in vorwärts und rückwärts laufender Reihenfolge

9.47 mantrayitvā maheśāni prabhāte yaḥ pibejjalam |
sa vāgmī paṇḍito dhīmāñjāyate pravaraḥ kaviḥ || 47 ||
bespreche man Wasser und trinke es morgens, große Herrin. So werde man redegewandt, gelehrt, verständig und ein hervorragender Dichter.

9.48 candrabindusamāyuktān svarān pūrvaṃ paṭhedbudhaḥ |
vyañjanāni tu sarvāṇi kevalāni paṭhet priye || 48 ||
Zuerst spreche der Kundige die Vokale mit Mondzeichen und Bindu, danach sämtliche Konsonanten für sich, Geliebte.

9.49 jalaṃ hastatale gṛhya paṭhitvākṣarasaṃhatim |
abhimantrya ca tattoyaṃ prathamaṃ pū[rva?ra]kaiḥ pibet || 49 ||
Man nehme Wasser in die Handfläche, rezitiere die Lautreihe und bespreche damit das Wasser. Die erste Portion trinke man mit der Einatmung,

9.50 kumbhakena dvitīyaṃ tu tṛtīyaṃ recakena tu |
evaṃ sakṛt trivāraṃ tu pītvā toyaṃ vicakṣaṇaḥ || 50 ||
die zweite mit dem Atemanhalten, die dritte mit der Ausatmung. Wenn der Verständige das Wasser in dieser dreifachen Ordnung trinkt,

9.51 dṛḍhāṅgaḥ paṇḍito bhūyāt putrapautrasamanvitaḥ |
trisaṃdhyamatha pītvaivaṃ mātṛkāmantramantritam || 51 ||
werde sein Körper kräftig, er werde gelehrt und mit Kindern und Enkeln gesegnet. Wer zu den drei Sandhya-Zeiten das mit dem Matrika-Mantra besprochene

9.52 toyaṃ kavitvamāpnoti sarvān kāmāṃstathaiva ca |
satataṃ kurute yastu mātṛkāmantramantritam || 52 ||
Wasser so trinkt, erlange dichterische Begabung und die Erfüllung aller Wünsche. Wer beständig mit dem Matrika-Mantra besprochenes

9.53 toyadā[pā]naṃ mahādevi pūrakumbhakarecakaiḥ |
sa sarvakāmān saṃprāpya putrapautrasamṛddhimān || 53 ||
Wasser in Verbindung mit Einatmung, Atemanhalten und Ausatmung darbringt, große Göttin, erfülle alle Wünsche und erlange Wohlstand durch Kinder und Enkel.

9.54 bhūtvā mahākavirloke balavān satyavikramaḥ |
sarvatra durlabho bhūtvā cānte mokṣamavāpnuyāt || 54 ||
Als großer Dichter in der Welt, kräftig und von wirksamer Tatkraft, werde er überall zu einer seltenen Persönlichkeit und erlange schließlich Befreiung.

9.55 rājānamathavā rājaputraṃ bhāryāṃ ca vā priye |
vaśīkaroti na cirānmātṛkāmantrapālakaḥ || 55 ||
Wer den Matrika-Mantra bewahrt, könne bald einen König, Königssohn oder eine Ehefrau unter seinen Einfluss bringen, Geliebte. Dies ist eine traditionelle Wirkungsverheißung, keine Empfehlung zur Beeinflussung anderer.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde karaśuddhyantarbahirmātṛkānyāsavarṇanaṃ nāma navamaḥ paṭalaḥ || 9 ||
Hier endet das 9. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Handreinigung und Matrika-Nyasa“.

Kapitel 10: Sechsfacher Nyasa

daśamaḥ paṭalaḥ |
śrīdevyuvāca
Die erhabene Göttin sprach: 10.1 ṣoḍhākhyāṃ mātṛkāṃ deva kathayasva vṛṣadhvaja |
īśvara uvāca gaṇeśaiḥ prathamo nyāso dvitīyastu grahairmataḥ || 1 ||
Shri Devi sprach: Lehre mich die sechsfache Matrika, Gott mit dem Stierbanner. Ishvara sprach: Der erste Nyasa geschieht mit den Ganesha-Gestalten, der zweite mit den Planeten,

10.2 nakṣatraiśca tṛtīyaḥ syādyoginībhiścaturthakaḥ |
rāśibhiḥ pañcamo nyāsaḥ ṣaṣṭhaḥ pīṭhairnigadyate || 2 ||
der dritte mit den Mondhäusern, der vierte mit den Yoginis, der fünfte mit den Tierkreiszeichen und der sechste mit den heiligen Sitzen.

10.3 ṣoḍhā nyāsastvayaṃ proktaḥ sarvakāmaphalapradaḥ |
śrīdevyuvāca phalaṃ cāsya prayogaṃ ca viśadīkuru tattvataḥ || 3 ||
Dieser sechsfache Nyasa gewährt die Früchte aller Wünsche. Shri Devi sprach: Erläutere seine Frucht und seine Anwendung ihrem wahren Wesen nach.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 10.4 nārāyaṇo'sya[ṛṣi ka pāṭhaḥ |]rṣi proktaśchandastriṣṭubudāhṛtam |
śivaśaktyātmavarṇa(ṛṣī?rāśi)rdevatā ca sadāśivaḥ || 4 ||
Als sein Rishi gilt Narayana, als Versmaß Trishtubh, als Gottheit Sadashiva, die Gesamtheit der Laute als Wesen von Shiva und Shakti.

10.5 haṃsaḥ śaktiḥ parā bījaṃ śrībījaṃ caiva kīlakam |
puruṣārthaprasādhye ca viniyogaḥ prakīrtitaḥ || 5 ||
Seine Shakti ist Hamsa, sein Bija Para, sein verschließender Schlüssel das Shri-Bija. Seine Anwendung dient der Verwirklichung der menschlichen Lebensziele.

10.6 mūrdhni saṃcintayeddevi śrīguruṃ śivarūpiṇam |
(1) ramābījaṃ paraṃ paścāddhaṃsāt svarādyamīritam || 6 ||
Auf dem Scheitel betrachte man den ehrwürdigen Guru in Shivas Gestalt, Göttin. Danach folgen das Rama-Bija, Para, Hamsa und der erste Vokal.

10.7 vighneśvarāya vai procya śriyai namastataḥ param [avighneśvarāya śriyai namo lalāṭe ityādirūpo nyāso bodhya |] |
vighnarājādikānevaṃ śaktiyuktāṃstathaiva ca || 7 ||
Man spreche „vighneśvarāya“ und dann „śriyai namaḥ“. Ebenso setze man Vighnaraja und die folgenden Ganesha-Gestalten, jeweils mit ihrer Shakti verbunden,

10.8 vinyasenmātṛkāsthāne mātṛkaikānvitaṃ śive |
vighnarājāya deveśi(kri?hri)yai namastataḥ param || 8 ||
an den Orten der Matrika ein, mit jeweils einem Matrika-Laut, Heilvolle. Auf „vighnarājāya“ folgt „hriyai namaḥ“, Herrin der Götter; die Lesung des Shakti-Namens ist unsicher.

10.9 vināyakāya ca tuṣṭyai śāṃtyai śivottamāya ca |
vighnakartre[ha ka pāṭhaḥ kṛte kha pāṭhaḥ |] tathā puṣṭyai nama iti pravinyaset || 9 ||
Es folgen Vinayaka mit Tushti, Shivottama mit Shanti und Vighnakartri mit Pushti, jeweils mit „namaḥ“ einzusetzen.

10.10 vighnahartre sarasvatyai nama iti pravinyaset |
vināyakāya medhāyai pūrvavadatha vinyaset || 10 ||
Vighnahartri mit Sarasvati setze man ein, dann wie zuvor Vinayaka mit Medha.

10.11 ekadantāya kāntyai ca dvidantāya ca yā[kā kha pāṭhaḥ |]minīm |
gajavaktrāya mohinyai nirañjanajaṭe [nirañjanāya jaṭāyai nama iti prayogo bodhyaḥ |] tathā || 11 ||
Es folgen Ekadanta mit Kanti, Dvidanta mit Yamini, Gajavaktra mit Mohini und Niranjana mit Jata.

10.12 kapardine ca tīvrāyai jvālinī dīrghavaktrakaḥ |
śaṅkukarṇāya nandāyai svarasā ca vṛṣadhvajaḥ || 12 ||
Kapardin mit Tivra, Dirghavaktra mit Jvalini, Shankukarna mit Nanda und Vrishadhvaja mit Svarasa.

10.13 gaṇanāthaśca kāminyā gajendraśca śubhā tathā |
jayinī śūrpakarṇaśca satyayā ca trilocanaḥ || 13 ||
Gananatha mit Kamini, Gajendra mit Shubha, Shurpakarna mit Jayini und Trilochana mit Satya.

10.14 lambodarāya vighneśyai mahānandaḥ[ndasva ka pāṭhaḥ |] svarūpiṇī |
kāmadayā caturmūrtiḥ sadāśivastataḥ param || 14 ||
Lambodara mit Vighneshi, Mahananda mit Svarupini, Chaturmurti mit Kamada und anschließend Sadashiva

10.15 madavihvalayā yukta āmodo vikaṭāyutaḥ |
durmukhāya ca ghūrṇāyai sumukho bhūtisaṃyutaḥ || 15 ||
mit Madavihvala; ferner Amoda mit Vikata, Durmukha mit Ghurna und Sumukha mit Bhuti.

10.16 pramadāya tathā bhūmyai ekapādo matistathā |
dvijihvo ramayā yuktaḥ surasenaśca mānuṣī || 16 ||
Pramada mit Bhumi, Ekapada mit Mati, Dvijihva mit Rama und Surasena mit Manushi.

10.17 makaradhvajayā yukto vīraśca parameśvari |
ṣaṇmukhāya vikarṇāyai varado bhṛṅga(?bhruku)ṭīyutaḥ || 17 ||
Vira mit Makaradhvaja, höchste Herrin; Shanmukha mit Vikarna und Varada mit Bhrikuti, deren Name auch anders gelesen wird.

10.18 vāmadevāya lajjāyai dīrghaghoṇāyutastataḥ |
vajratuṇḍo dviraṇḍaśca dhanurdharāyutaḥ priye || 18 ||
Vamadeva mit Lajja, Vajratunda mit Dirghaghona und Dviranda mit Dhanurdhara, Geliebte.

10.19 senānye caiva yāminyai grāmaṇī rātrisaṃyutaḥ |
mattaścandrikayā yukto vimattāya[lāya kha pāṭhaḥ |] śaśiprabhā || 19 ||
Senani mit Yamini, Gramani mit Ratri, Matta mit Chandrika und Vimatta mit Shashiprabha.

10.20 tathaiva parameśāni lolayā mattavāhanaḥ |
jaṭi(le?ne)capalākṣyai [kṣiṇyai ka pāṭhaḥ |] ca muṇḍī ṛddhiyutastathā || 20 ||
Ebenso, höchste Herrin, Mattavahana mit Lola, Jatilin mit Chapalakshi und Mundin mit Riddhi.

10.21 khaḍgī durbhagayā yukto vareṇyaḥ [śu?su]bhagāyutaḥ |
nyastavyaḥ parameśāni śivayā vṛṣaketanaḥ || 21 ||
Khadgin mit Durbhaga, Varenya mit Bhaga und Vrishaketana mit Shiva sind einzusetzen, höchste Herrin.

10.22 bhakta[kṣya kha pāṭhaḥ |]priyāya durgāyai meghanādāya kā[likā kha pāṭhaḥ |]minī |
kālakubjā[jihvā kha pāṭhaḥ |]samāyukto gaṇeśvaraḥ prakīrtitaḥ || 22 ||
Bhaktapriya mit Durga, Meghanada mit Kamini und Ganeshvara mit Kalakubja werden genannt.

10.23 gaṇeśo vighnahāriṇyā nyastavyaḥ sādhakottamaiḥ |
[2] sūryamukhān mahādevi nyaset kāmadughānatha || 23 ||
Ganesha mit Vighnaharini sollen die hervorragenden Praktizierenden einsetzen. Danach setze man die wunscherfüllenden Planeten ein, angefangen mit der Sonne, große Göttin.

10.24 svarān pūrvaṃ samuddhṛtya candrabindusamanvitān |
sūryāya nama uccārya hṛdaye ca pravinyaset || 24 ||
Zuerst erschließe man die Vokale mit Mondzeichen und Bindu, spreche „sūryāya namaḥ“ und setze die Sonne im Herzen ein.

10.25 bhruvormadhye tathā somaṃ [ṣa?ya]vargeṇa pravinyaset |
bhūputraṃ locanadvandve kavargeṇa tathaiva ca || 25 ||
Den Mond setze man mit seiner Lautgruppe zwischen den Brauen ein, den Sohn der Erde, Mars, mit der ka-Gruppe an den beiden Augen.

10.26 budhaṃ ca hṛdaye devi cavargeṇa pravinyaset |
bṛhaspatiṃ tathā kaṇṭhe ṭavargeṇa pravinyaset || 26 ||
Merkur setze man mit der cha-Gruppe im Herzen ein, Göttin, Jupiter mit der retroflexen ta-Gruppe an der Kehle.

10.27 bhārgavaṃ tu gale deśe tavargeṇa tathā priye |
pavargeṇa śaniṃ nābhau rāhuṃ gude śavargakaiḥ || 27 ||
Venus setze man mit der dentalen ta-Gruppe im Halsbereich ein, Saturn mit der pa-Gruppe am Nabel und Rahu mit der sha-Gruppe am After.

10.28 ḻakṣābhyāṃ pādayoḥ ketuṃ nyasedevaṃ vidhānataḥ |
[3] svarādyaṃ ca dvitīyaṃ ca aśvinyai nama ityapi || 28 ||
Ketu setze man mit la, dem besonderen ḻa, und ksha an den Füßen ein. Danach verwende man für Ashvini den ersten und zweiten Vokal und „aśvinyai namaḥ“.

10.29 lalāṭe ca pravinyasya tathānyānapi vinyaset |
iṃyutāṃ bharaṇīṃ devi dakṣanetre pravinyaset || 29 ||
Ashvini setze man an der Stirn ein; ebenso folgen die übrigen Mondhäuser. Bharani mit „iṃ“ setze man am rechten Auge ein.

10.30 īṃ uṃ ūṃ kṛttikāṃ caiva vinyasedvāmanetrake |
ṛṃ ṛṃ ḷṃ ḹṃ yutāṃ devi rohiṇīṃ dakṣakarṇake || 30 ||
Krittika mit „īṃ uṃ ūṃ“ setze man am linken Auge ein, Rohini mit den vokalischen r- und l-Lauten am rechten Ohr. Die Vorlage wiederholt dabei den kurzen r-Laut.

10.31 eṃyutāṃ mṛgaśīrṣāṃ ca vāmakarṇe pravinyaset |
aiṃkāreṇa tathādrāṃ ca dakṣanāsāpuṭe nyaset || 31 ||
Mrigashirsha mit „eṃ“ setze man am linken Ohr ein, Ardra mit „aiṃ“ am rechten Nasenloch.

10.32 oṃ auṃ punarvasuṃ caiva vāmanāsāpuṭe nyaset |
kaṃ yutaṃ[tāṃ ka pāṭhaḥ |] ca nyaset puṣyaṃ[ṣyāṃ ka pāṭhaḥ |] kaṇṭha[ṇṭhe ka pāṭhaḥ |]deśe ca pārvati || 32 ||
Punarvasu mit „oṃ auṃ“ setze man am linken Nasenloch ein, Pushya mit „kaṃ“ am Hals, Parvati.

10.33 khagābhyāṃ ca tathāśleṣāṃ dakṣaskandhe pravinyaset |
ghaṅābhyāṃ ca maghāṃ devi vāmaskandhe pravinyaset || 33 ||
Ashlesha mit kha und ga setze man an der rechten Schulter ein, Magha mit gha und nga an der linken.

10.34 caṃpūrvaphalgunīṃ caiva dakṣakurparake nyaset |
vāmakurparake devi chaṃ jaṃ uttaraphalgu(ṇī?nī)m || 34 ||
Purvaphalguni mit „caṃ“ setze man am rechten Ellenbogen ein, Uttaraphalguni mit „chaṃ jaṃ“ am linken.

10.35 dakṣiṇe maṇibandhe tu jhaṃñaṃ hastaṃ[stāṃ ka pāṭhaḥ |] ca vinyaset |
maṇibandhe tathā vāme ṭaṃṭhaṃ citrāṃ pravinyaset || 35 ||
Hasta mit „jhaṃ ñaṃ“ setze man am rechten Handgelenk ein, Chitra mit „ṭaṃ ṭhaṃ“ am linken.

10.36 ḍaṃkāreṇa tathā svātīṃ [tī ka pāṭhaḥ |] dakṣahastatale nyaset |
ḍhaṇābhyāṃ ca viśākhāṃ vai vāmahastatale tathā || 36 ||
Svati mit „ḍaṃ“ setze man in der rechten Handfläche ein, Vishakha mit dha und na der retroflexen Reihe in der linken.

10.37 tathābhyāmanurādhāṃ ca nyasennābhau samāhitaḥ |
daṃdhaṃ jyeṣṭhāṃ kaṭau dakṣe tribhirmūlāṃ ca vāmataḥ || 37 ||
Anuradha mit ta und tha setze man gesammelt am Nabel ein; Jyeshtha mit „daṃ dhaṃ“ an der rechten Hüfte, Mula mit den drei folgenden Lauten links.

10.38 pūrvāṣāḍhāṃ vakāreṇa dakṣorau vinyaset tataḥ |
bhakāreṇottarāṣāḍhāṃ vāmorau tadanantaram || 38 ||
Purvashadha mit va setze man am rechten Oberschenkel ein, darauf Uttarashadha mit bha am linken. Die überlieferte Lautfolge ist hier nicht ganz regelmäßig.

10.39 dakṣajānupradeśe ca maṃ śravaṇaṃ [ṇā ka pāṭhaḥ |] ca vinyaset |
yaṃraṃyutāṃ dhaniṣṭhāṃ ca vāme jānuni vinyaset || 39 ||
Shravana mit „maṃ“ setze man am rechten Knie ein, Dhanishtha mit „yaṃ raṃ“ am linken.

10.40 śatabhiṣāṃ lakāreṇa dakṣajaṅghāpradeśake |
vaṃśaṃvarṇasthitāṃ vāme pūrvabhādrapadāṃ nyaset || 40 ||
Shatabhisha mit la setze man am rechten Unterschenkel ein, Purvabhadrapada mit „vaṃ śaṃ“ am linken.

10.41 tathaivottarabhādrāṃ[dra ka pāṭhaḥ |] ca ṣasahairdakṣapādataḥ |
ḻakṣābhyāṃ bindu(maddvā?mūrdha)bhyāṃ revatīṃ vinyasettataḥ || 41 ||
Uttarabhadrapada mit sha, sa und ha setze man am rechten Fuß ein, dann Revati mit ḻa und ksha, jeweils mit Bindu. Die Stelle der letzten Einsetzung bleibt hier unausgesprochen.

10.42 [4] raktākṣīṃ ca śvetavarṇāṃ paśubhītika[ha ka pāṭhaḥ |]rāṃ śubhām |
khaḍgaṃ ca caṣakaṃ caiva śūlaṃ khaṭvāṅgameva ca || 42 ||
Man betrachte eine weißfarbige Göttin mit roten Augen, heilvoll und den Pashus furchteinflößend; sie trägt Schwert, Becher, Dreizack und Khatvanga-Stab.

10.43 anugrāmugradaṃṣṭrāṃ ca ekāsyāṃ ripunāśinīm |
pāyasānnaprasa[śa ka pāṭhaḥ |]ktāṃ ca svaraiḥ kalpitavigrahām || 43 ||
Sie ist sanft, besitzt jedoch schreckliche Fangzähne, hat ein Gesicht und vernichtet Feinde. Sie liebt Milchreis, und ihr Leib besteht aus den Vokalen.

10.44 ḍākinīṃ bhāvayeddīvīṃ sarvakāmaprapūraṇīm |
[aṃ āṃ iṃ īṃ uṃ ūṃ ṛṃ ṛṃ ḷṃ ḹṃ eṃ aiṃ oṃ auṃ aṃ aṃ ḍāṃ ḍīṃ ḍamalavarayūṃ ḍākinyai namaḥ ḍākini tvagdhātugate catuṣṣaṣṭilakṣakoṭiyoginī svāmini sarvasattvavaśaṃkari ājñā me dehi mama vicce | iti spaṣṭam |] svarān pūrvaṃ samuddhṛtya candrabindusamanvitān || 44 ||
So vergegenwärtige man die Göttin Dakini, die alle Wünsche erfüllt. Zuerst spreche man die Vokale mit Mondzeichen und Bindu.

10.45 ṭhāntadvayaṃ tataḥ paścāt pāśaturīyabheditam |
nādabindukalāyuktaṃ bījadvayamudīritam || 45 ||
Danach bilde man zwei Bijas aus den verschlüsselt genannten Lauten, verbunden mit Nada, Bindu und Kala. Die Anweisung verwendet das Ende der ṭha-Reihe und eine durch die „Schlinge“ bestimmte Lautverbindung.

10.46 ṭhāntaṃ bhāntaṃ mahībījaṃ vāruṇaṃ vahnivāyavau |
vāmakarṇastato devi nādabindukalāyutaḥ || 46 ||
Es folgen weitere Lautzeichen: das Ende von ṭha und bha, die Bijas von Erde, Wasser, Feuer und Wind sowie das Zeichen des linken Ohres, wiederum mit Nada, Bindu und Kala. Eine eindeutige vollständige Lautfolge ist daraus nicht sicher zu gewinnen.

10.47 ḍākinyai nama ityante saṃbodhya ḍākinīṃ tataḥ |
[dugdhānna?tvagdhātu]gata ityuktvā catuḥṣaṣṭipadaṃ tataḥ || 47 ||
Nach „ḍākinyai namaḥ“ spreche man Dakini unmittelbar an und füge die Wendung „in … weilend“ sowie die Zahl vierundsechzig an. Die Bezeichnung ihres Aufenthaltsortes fehlt in der überlieferten Zeile.

10.48 lakṣakoṭipadasyānte yoginīsvāminīti ca |
sarvasattvavaśaṃ brūyāt ka(vi?ri)śabda(mayaṃ?padaṃ)tataḥ || 48 ||
Danach folgen „Hunderttausend-Koti“ und „Herrin der Yoginis“, ferner „die alle Wesen unter ihren Einfluss bringt“.

10.49 ājñāṃ me dehi tatpaścānmama vi(kri?cce)padadvayam |
viśuddhau vinyaseddevi rākinīṃ cintayet tataḥ || 49 ||
Man spreche: „Gewähre mir deine Weisung“, danach „mama“ und zweimal das unsicher gelesene Abschlusswort. Dies setze man im Vishuddha ein. Dann betrachte man Rakini.

10.50 hṛtpuṇḍarīkamadhyasthāṃ daṃṣṭrābhīmamukhīṃ tathā |
navīnanīradaśyāmāṃ pīnonnatapayodharām || 50 ||
Sie weilt in der Mitte des Herzlotus, mit einem durch Fangzähne furchtbaren Gesicht, dunkel wie eine frische Regenwolke und mit vollen, hohen Brüsten.

10.51 śūlaṃ ḍamarukaṃ caiva dadhatīṃ vajrapadmake [vajrapadme ca dhāriṇīm ka pāṭhaḥ |] |
śuklā(mvāśa?nnāsa)ktacitāṃ ca kaṭhavarṇātmavigrahām || 51 ||
Sie hält Dreizack, kleine Trommel, Donnerkeil und Lotus. Sie liebt weißen Reis; ihre Gestalt besteht aus den Lauten von ka bis tha der retroflexen Reihe.

10.52 kaṭhavarṇāṃstato rephe pūrvavat svarabhedite |
[cā?ṭhā]ntaṃ hitvāgnibījaṃ ca pūrvavat tadanantaram || 52 ||
Man verwende diese Laute und das wie zuvor mit Vokalen differenzierte ra. Die anschließende Anweisung zum Weglassen beziehungsweise Ersetzen von Bijas ist unklar überliefert.

10.53 rākinyai nama ābhāṣya saṃbodhya ca tathā bhavet |
asṛgdhātugate paścād dvātriṃśallakṣakoṭi ca || 53 ||
Nach „rākinyai namaḥ“ spreche man sie unmittelbar an: „Im Blutbestandteil Weilende, Herrin von zweiunddreißig Hunderttausend-Koti

10.54 yoginīsvāmini prānte pūrvavat tadanantaram |
raktavarṇāṃ trinetrāṃ ca devadeveśasaṃyutām || 54 ||
Yoginis“; der Rest ist wie zuvor. Danach betrachte man eine rote, dreiäugige Göttin, die mit dem Herrn der Götter verbunden ist,

10.55 daṃ[ṣṭrīṃ?ṣṭriṇī]mugrarūpābhāṃ vajraṃ [rudraṃ ka pāṭhaḥ |] śaktiṃ varābhayau |
dadhatīṃ cintayet devīṃ guḍabhaktotsukāṃ parām || 55 ||
von schrecklicher, zahnbewehrter Gestalt. Sie trägt Donnerkeil und Speer und zeigt die Gesten des Gewährens und der Furchtlosigkeit; sie liebt mit Rohzucker zubereiteten Reis.

10.56 evaṃ dhyātvā maheśānīṃ ḍaphavarṇātmavigrahām |
ḍaphavarṇāṃstato devi bhūbījadvitayaṃ tathā || 56 ||
So betrachte man die große Herrin, deren Gestalt aus den Lauten von ḍa bis pha besteht. Man verwende diese Laute und die beiden Erd-Bijas.

10.57 vahniṃ hitvā ma[hā?hī]bījaṃ pūrvavadaparaṃ tathā |
(sā?lā)kinyai nama uccārya saṃbodhya ca tathā vrajet [bhavet kha pāṭhaḥ |] || 57 ||
Unter Weglassung des Feuer-Bijas und mit dem im Text nur teilweise bezeichneten weiteren Bija fahre man wie zuvor fort. Nach „lākinyai namaḥ“ spreche man Lakini unmittelbar an.

10.58 māṃsadhātugate paścāt ṣoḍaśalakṣakoṭitaḥ |
pūrvavadaparaṃ sarvaṃ nābhipadme pravinyaset || 58 ||
Es folgen „Im Fleischbestandteil Weilende“ und „sechzehn Hunderttausend-Koti“; alles Übrige ist wie zuvor. Man setze dies im Nabellotus ein.

10.59 svādhiṣṭhānākhyapadme ca kākinīṃ paricintayet |
pītavarṇāṃ mahāmattāṃ gajakumbhopamastanīm || 59 ||
Im Svadhishthana-Lotus betrachte man Kakini, gelb, in großer Verzückung, mit Brüsten wie die Stirnwölbungen eines Elefanten.

10.60 dadhyannā[śa?sa]ktacittāṃ ca surapravaravanditām |
śūlaṃ ḍamarukaṃ caiva pāśaṃ cābhayameva ca || 60 ||
Sie liebt Reis mit Dickmilch und wird von den höchsten Göttern verehrt. Sie trägt Dreizack, kleine Trommel und Schlinge und zeigt die Geste der Furchtlosigkeit.

10.61 vahantīṃ parameśānīṃ bādilāntātmavigrahām |
bādilāntā[nta ka pāṭhaḥ |]stathā kāṃkīṃkamalavarayūṃ tataḥ || 61 ||
Ihre Gestalt besteht aus den Lauten von ba bis la. Es folgen diese Laute sowie „kāṃ kīṃ kamalavarayūṃ“.

10.62 kākinyai nama ityante saṃbodhya caiva kākinīm |
medodhātugate paścāt tathāṣṭa(jala?lakṣa)koṭi ca || 62 ||
Nach „kākinyai namaḥ“ spreche man Kakini unmittelbar an: „Im Fettbestandteil Weilende“, danach „acht Hunderttausend-Koti“

10.63 yoginī[ni ka pāṭhaḥ |]svāminī procya pūrvavadaparaṃ tathā |
pañcavaktrāṃ trinetrāṃ ca vahnibhānusvarūpiṇīm || 63 ||
und „Herrin der Yoginis“; das Weitere ist wie zuvor. Danach betrachte man eine fünfgesichtige, dreiäugige Göttin, deren Wesen Feuer und Sonne ist.

10.64 cāpaṃ bāṇaṃ tathā pāśaṃ sṛ[śṛ ka pāṭhaḥ |]ṇi ca pustakaṃ tathā |
jñānamudrāṃ ca hastābjairdadhatīṃ parameśvarīm || 64 ||
In ihren Lotushänden hält die höchste Herrin Bogen, Pfeil, Schlinge, Stachel und Buch und zeigt die Geste der Erkenntnis.

10.65 mudgānnaprītisaṃyuktāṃ mūlādhāre vicintayet |
vādi[dha?sā]ntā[ntāsta ka pāṭhaḥ |]stathā sāṃsīṃsa[śāśī śa ka pāṭha |]malavarayūṃ tathā || 65 ||
Sie liebt Reis mit Mungbohnen und ist im Muladhara zu betrachten. Man spreche die Laute von va an bis zum bezeichneten Ende sowie „sāṃ sīṃ samalavarayūṃ“.

10.66 [śā?sā]kinyai nama ityante saṃbodhya sā[śā ka pāṭhaḥ |]kinīṃ tataḥ |
asthidhātugate caiva caturlakṣeti koṭi ca || 66 ||
Nach der im Text verkürzt überlieferten Formel „…kinyai namaḥ“ spreche man Sakini an: „Im Knochenbestandteil Weilende“, danach „vier Hunderttausend-Koti“.

10.67 yogi(ni?nī) svāmini prānte varavaradapadaṃ tathā |
bindusthāṃ śuklavarṇāṃ ca hakṣavarṇasvarūpiṇīm || 67 ||
Nach „Herrin der Yoginis“ folgt die Wendung „varavarada“. Dann betrachte man eine weiße Göttin im Bindu, deren Gestalt aus ha und ksha besteht.

10.68 ḍamaruṃ cākṣasūtraṃ ca kapālaṃ khaḍgameva ca |
pustakaṃ jñānamudrāṃ ca dadhatīṃ bāhubhiḥ sadā || 68 ||
Mit ihren Armen trägt sie kleine Trommel, Gebetskette, Schädelschale, Schwert und Buch und zeigt die Geste der Erkenntnis.

10.69 locanatrayasaṃyuktāṃ ṣaḍvaktrāṃ sarvamohinīm |
haridrānnaprasaktā ca madhumadamudānvitām || 69 ||
Sie besitzt drei Augen und sechs Gesichter, bezaubert alle, liebt Kurkumareis und erfreut sich am Rausch des süßen Tranks.

10.70 devendravanditāṃ devīṃ bhāvayeddhākinīṃ parām |
haṃkṣaṃhāṃhīṃ ca deveśi hamalavarayūṃ tathā || 70 ||
Man vergegenwärtige diese höchste Hakini, die von den Götterfürsten verehrt wird. Es folgen „haṃ kṣaṃ hāṃ hīṃ“ und „hamalavarayūṃ“, Herrin der Götter.

10.71 hākinyai nama uccārya saṃbodhya caiva hākinīm |
majjādhātugate paścād dvilakṣakoṭiśabdataḥ || 71 ||
Nach „hākinyai namaḥ“ spreche man Hakini unmittelbar an: „Im Markbestandteil Weilende“, danach „zwei Hunderttausend-Koti“.

10.72 śeṣaṃ[ṣa ka pāṭhaḥ |] pūrvavaduddhṛtya bhruvormadhye pravinyaset |
akārādikṣakārāntāṃ mātṛkāṃ sarvamuccaret || 72 ||
Den Rest bilde man wie zuvor und setze die Formel zwischen den Brauen ein. Danach spreche man die gesamte Matrika von a bis ksha.

10.73 yāṃyīṃ[yāṃ ka pāṭhaḥ |] tu parameśāni yamalavarayūṃ tathā |
yākinyai nama ityante saṃbodhyaiva tu yākinīm || 73 ||
Es folgen „yāṃ yīṃ yamalavarayūṃ“, höchste Herrin, dann „yākinyai namaḥ“ und die unmittelbare Anrede Yakinis.

10.74 śukradhātugate paścāddaśakoṭipadaṃ tataḥ |
pūrvavacca pravinyasya (5) rāśinyāsamataḥ param || 74 ||
„Im Samenbestandteil Weilende“ und „zehn Koti“ folgen; die Einsetzung geschieht wie zuvor. Danach kommt der Nyasa der Tierkreiszeichen.

10.75 [aṃ āṃ iṃ īṃ meṣāya namo dakṣagulphe ityādi jñeyam | vedārṇaiścatubhirakṣarairityarthaḥ |] vedārṇairdakṣagulphe'tha meṣaṃ vinyasya pārvati |
dakṣajānau vṛṣaṃ tryarṇairvṛṣaṇe mithunaṃ tribhiḥ || 75 ||
Widder setze man mit vier Lauten am rechten Knöchel ein, Parvati, Stier mit drei am rechten Knie und Zwillinge mit drei an der rechten Seite der Hoden.

10.76 dvābhyāṃ karkaṭakaṃ kukṣau dvābhyāṃ skandhe'tha siṃhakam |
anusvāravisargābhyāṃ śavargeṇa ca kanyakām || 76 ||
Krebs setze man mit zwei Lauten an der rechten Bauchseite ein, Löwe mit zwei an der Schulter; Jungfrau mit Anusvara, Visarga und der sha-Gruppe

10.77 dakṣiṇe ca śirobhāge vinyasedvīravandite |
tathā vāmaśirobhāge kavargeṇa tulāṃ nyaset || 77 ||
an der rechten Kopfseite, von den Helden Verehrte. Waage setze man mit der ka-Gruppe an der linken Kopfseite ein.

10.78 cavargeṇa tathā skandhe vṛścikaṃ vinyaset tataḥ |
ṭavargeṇa tathā kukṣau dhanvinaṃ vinyaset tataḥ || 78 ||
Skorpion setze man mit der cha-Gruppe an der linken Schulter ein, Schütze mit der retroflexen ta-Gruppe an der linken Bauchseite.

10.79 makaraṃ tu tavargeṇa vṛṣaṇe (dakṣiṇe?vāmake) nyaset |
pavargeṇa tathā kumbhaṃ vāmajānuni vinyaset || 79 ||
Steinbock setze man mit der dentalen ta-Gruppe an der linken Seite der Hoden ein; Wassermann mit der pa-Gruppe am linken Knie.

10.80 yavargeṇa kṣakāreṇa mīnaṃ gulphe tu vāmake |
caturthīnatisaṃyuktaṃ sthāneṣvevaṃ kramānnyaset || 80 ||
Fische setze man mit der ya-Gruppe und ksha am linken Knöchel ein. Die Namen werden jeweils im Dativ mit „namaḥ“ verbunden und der Reihe nach an den genannten Orten eingesetzt.

10.81 [6] atha [pi?pī]ṭhāni vi[va ka pāṭhaḥ |]dhinā yathāsthāne pravinyaset |
parāpūrvaṃ ca sarveṣāṃ mātṛkāṃ ca pṛthak pṛthak || 81 ||
Danach setze man die heiligen Sitze vorschriftsmäßig an ihren jeweiligen Orten ein. Allen stelle man Para und jeweils einen eigenen Matrika-Laut voran.

10.82 caturthīnatiyuktāni mātṛkāvannyaset kramāt |
kāmarūpaṃ mahāpīṭhaṃ vārāṇasīṃ tataḥ param || 82 ||
Mit Dativ und „namaḥ“ setze man sie in der Reihenfolge der Matrika ein: den großen heiligen Sitz Kamarupa, dann Varanasi,

10.83 nepālaṃ [medāna ka pāṭhaḥ |] ca mahāpīṭhaṃ pauṃṇḍravardhanameva ca [paugaṇḍavarddhana tathā kha pāṭhaḥ |] |
purasthiraṃ mahādevi carasthiramataḥ param || 83 ||
den großen Sitz Nepala, Paundravardhana, Purasthira und Charasthira, große Göttin,

10.84 pūrṇaśailaṃ mahāpīṭhamarbudaṃ ca tataḥ param |
kāśmīraṃ ca tathā pīṭhaṃ kānyakubjamatho bhavet || 84 ||
den großen Sitz Purnashaila, Arbuda, Kashmir und Kanyakubja,

10.85 āmrātakeśvaraṃ[dārukeśa mahā kha pāṭhaḥ |] pīṭhamekāmraṃ[gra kha pāṭhaḥ |] ca tataḥ śive |
trisrotaḥ pīṭhamuddiṣṭaṃ kāmakoṭṭa[ṭi kha pāṭhaḥ |]mataḥ param || 85 ||
Amratakeshvara, Ekamra, Heilvolle, Trisrotas und Kamakotta,

10.86 kailāsaṃ bhūtanagaraṃ kedāraṃ pīṭhamuttamam |
śrīpīṭhaṃ ca tathauṃkāraṃ jālandharamataḥ param || 86 ||
Kailasa, Bhutanagara, den hervorragenden Sitz Kedara, Shripitha, Omkara und Jalandhara,

10.87 mālavaṃ[nava ka pāṭhaḥ |] ca kulāntaṃ ca devamātṛkameva ca |
gokarṇaṃ ca tato devi māruteśvarameva ca || 87 ||
Malava, Kulanta, Devamatrika, Gokarna und Maruteshvara, Göttin,

10.88 aṭṭahāsaṃ ca virajaṃ rājagṛhamataḥ param |
pīṭhaṃ kollagiriṃ caiva elāpuramataḥ priye || 88 ||
Attahasa, Viraja, Rajagriha, Kollagiri und Elapura, Geliebte,

10.89 kāleśvaramahāpīṭhaṃ praṇavaṃ ca jayantikā |
pīṭhamujjayinīṃ caiva kṣīrikāpīṭhameva ca || 89 ||
den großen Sitz Kaleshvara, Pranava, Jayantika, Ujjayini und Kshirika,

10.90 hastināpurakaṃ pīṭhaṃ pīṭhamuḍḍīśameva ca |
prayāgaṃ caiva ṣaṣṭhīśaṃ māyāpurajaleśvarau || 90 |||
Hastinapura, Uddisha, Prayaga, Shashthisha, Mayapura und Jaleshvara,

10.91 malayaṃ ca mahāpīṭhaṃ śrīśailamathavāpi ca [ca tathā priye kha pāṭhaḥ |] |
meruṃ giriṃ mahendraṃ ca vāmanaṃ cāpi vinyaset || 91 ||
den großen Sitz Malaya beziehungsweise Shrishaila, Meru, Giri, Mahendra und Vamana,

10.92 hiraṇyapurakaṃ pīṭhaṃ mahālakṣmīpuraṃ ca vai |
uḍḍīyānaṃ mahāpīṭhaṃ chāyāpura[pīṭha kha pāṭhaḥ |]mataḥ param || 92 ||
Hiranyapura, Mahalakshmipura, den großen Sitz Uddiyana und Chhayapura.

10.93 ṣoḍhānyāsastvayaṃ proktaḥ sarvapāpaharaḥ sadā |
ṣoḍhānyāsavihīno yaḥ praṇameddevi sundarīm || 93 ||
Dies ist der sechsfache Nyasa, der stets alle Schuld beseitigt. Wer sich ohne diesen Nyasa vor Sundari verneigt, Göttin,

10.94 so'cirānmṛtyumāpnoti narakaṃ ca prapadyate |
evaṃ nyastaśarīrastu bhaved gaṅgādharaḥ svayam || 94 ||
erleide nach der strengen Warnung des Textes bald den Tod und gelange in die Hölle. Wessen Leib dagegen so mit Nyasa versehen ist, werde selbst zu Gangadhara, Shiva.

10.95 mantrī nacātra saṃdeho nigrahānugrahakṣamaḥ |
na tasya pūjyo loke'smin pitṛmātṛmukho naraḥ || 95 ||
Daran besteht kein Zweifel: Der Mantra-Praktizierende wird fähig zu Zurückweisung und Begnadung. Kein Mensch dieser Welt, selbst Vater oder Mutter, gilt dann als über ihm stehend.

10.96 svayaṃ ca sādhakaśreṣṭho yaṃ kaṃcana na (vindati?vandate) |
sa ma(rtho?rtyo)mṛtyumāpnoti nātra kāryā vicāraṇā || 96 ||
Der hervorragende Praktizierende verneigt sich in diesem Zustand vor niemandem. Der Text verbindet eine Verletzung dieses Zustands mit einer Todeswarnung; die genaue Satzverknüpfung ist unsicher.

10.97 namaskāraṃ na kurvīta jyeṣṭhasyāpi kadācana |
gurorapi na padyeta [vandeta ka pāṭhaḥ |] mriyate nātra saṃśayaḥ || 97 ||
Er soll sich dann auch vor einem Älteren nicht verneigen und selbst vor dem Guru nicht niederfallen; andernfalls drohe ihm nach dieser Ritualvorschrift der Tod.

10.98 tasmāt sarvaprayatnena namaskāraṃ vivarjayet |
kāmaṃ krodhaṃ tathā lobhaṃ māyāhaṃkārameva ca || 98 ||
Deshalb vermeide er während dieses Zustands jede Verneigung. Ebenso vermeide er Begierde, Zorn, Habgier, Täuschung und Ichüberheblichkeit,

10.99 saṃkalpaṃ bhojanālāpaṃ na kuryāt kenacitsaha |
bhoktavyaṃ yoṣitā sārdhaṃ yatkiṃcit tatta[nma ka pāṭhaḥ |]yaiva hi || 99 ||
gedankliche Vorhaben, gemeinsames Essen und Gespräche mit beliebigen Personen. Was immer er genießt, genieße er zusammen mit der rituellen Partnerin.

10.100 vinyaseddevi yuktātmā trikālaṃ ca divā niśi |
yathā sābhyāsayogena sāmarthyaṃ tadvadāmyaham || 100 ||
Gesammelt vollziehe man den Nyasa zu den drei Zeiten, bei Tag und Nacht, Göttin. Ich werde nun sagen, welche Kraft aus seiner beständigen Übung entsteht.

10.101 yatrāyaṃ nivaseddevi ṣoḍhānyāsī ca sādhakaḥ |
divyaṃ kṣetraṃ bhavettatra samantācchatayojanam || 101 ||
Wo ein Praktizierender dieses sechsfachen Nyasa wohnt, wird das Gebiet im Umkreis von hundert Yojanas zu einem göttlichen heiligen Bezirk.

10.102 devāḥ sarve namasyanti taṃ namāmi na saṃśayaḥ |
kṛtvā nyāsamimaṃ devi yatra gacchati sādhakaḥ || 102 ||
Alle Götter verneigen sich vor ihm; auch ich verneige mich vor ihm, daran besteht kein Zweifel. Wohin der Praktizierende nach diesem Nyasa geht,

10.103 tatra yadviṣaye caiva yanmā[ṣaṇmā ka pāṭhaḥ |]naṃ puruṣaiḥ saha |
dyāvāntarikṣabhūśailajalāraṇyanivāsinaḥ || 103 ||
in welches Gebiet und unter welche Menschen auch immer: Die Bewohner von Himmel, Zwischenraum, Erde, Bergen, Gewässern und Wäldern,

10.104 bhūtapretapiśācāśca yakṣakūṣmāṇḍarākṣasāḥ |
paśyanti pāvakārūḍhaṃ ye cānye hiṃsakā janāḥ || 104 ||
Bhutas, Pretas, Pishachas, Yakshas, Kushmandas und Rakshasas sowie andere schädigende Wesen sehen ihn wie auf Feuer thronend.

10.105 śatrusaṃhatisaṃkīrṇe[rṇo ka pāṭhaḥ |] saṃgrāme'thāpadeṣu ca |
na bhayaṃ vidyate tasya paratra śivatāṃ vrajet || 105 ||
Selbst im von Feindesscharen erfüllten Kampf und in Notlagen kennt er keine Furcht; jenseits dieses Lebens erlangt er den Zustand Shivas.

10.106 ye kecit pāpasaṃghātāḥ saptajanmāntarodbhavāḥ |
naśyanti nyāsamātreṇa bhāskareṇa tamo yathā || 106 ||
Alle angesammelten Verfehlungen aus sieben Geburten vergehen schon durch den Nyasa, wie die Finsternis vor der Sonne.

10.107 satatābhyāsayogena ṣaṇmāsena ca mānave[vaḥ ka pāṭhaḥ |] |
dahyate sarvapāpāni brahmahatyādikāni ca |
kiṃcātibahunoktena mama tulyo bhaved dhruvam || 107 ||
Durch sechs Monate beständiger Übung werden alle Verfehlungen, auch Brahmanentötung, verbrannt. Wozu noch viele Worte? Gewiss wird der Übende mir gleich.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde ṣoḍhānyāsakramanirūpaṇaṃ daśamaḥ paṭalaḥ || 10 ||
Hier endet das 10. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Sechsfacher Nyasa“.

Kapitel 11: Nitya-Nyasa und inneres Opfer

ekādaśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 11.1 karaśuddhirṛṣinyāsa[bhūta kha pāṭhaḥ |] āsanaṃ ca tataḥ param [pīṭhanyāsa tathaiva ca kha pāṭhaḥ |] |
karāṅgayoḥ ṣaḍaṅgāni vaśinyādyamataḥ param [mātṛkānyāsameva ca kha pāṭhaḥ |] || 1 ||
Es folgen die Reinigung der Hände, der Rishi-Nyasa, der Sitz-Nyasa, die sechs Angas an Händen und Körper und dann Vashini und die übrigen Göttinnen.

11.2 na(ra?va)yonicaturvyūhatattvanyāsādikaṃ tathā |
mūlavarṇādivinyāsaḥ saṃmohanākhya eva ca || 2 ||
Dazu kommen der Neun-Yoni-Nyasa, die vierfache Entfaltung, der Tattva-Nyasa, die Einsetzung der Laute des Wurzelmantras und der als Sammohana bezeichnete Nyasa.

11.3 etadeva hi nityaṃ syāt kāmyaṃ cānyat prakīrtitam |
karaśuddhikarīpūrvaṃ [a ā sau iti karaśuddhikarīvidyā |] tripureti padaṃ tataḥ || 3 ||
Diese Formen sind täglich zu vollziehen; die übrigen gelten als wunschbezogen. Zuerst spreche man die Handreinigungsformel, dann „Tripura“.

11.4 amṛtārṇavaśabdoparyāsanāya namo manuḥ |
pādayorvinyaset paścādbālānte tripureśvarī || 4 ||
Es folgen „amṛtārṇava“, „āsanāya namaḥ“: Verehrung dem Sitz im Nektarmeer. Dies setze man an den Füßen ein. Danach folgen Bala und „Tripureshvari“.

11.5 potāmbujāsanāyānte namo jānuni vinyaset |
hrīṃklīṃ[drī ka pāṭhaḥ |]saustripuretyuktvā sundarīti padaṃ tataḥ || 5 ||
Mit „potāmbujāsanāya namaḥ“, Verehrung dem Sitz auf dem als Boot dienenden Lotus, setze man die Formel an den Knien ein. Dann spreche man „hrīṃ klīṃ sauḥ“ und „Tripurasundari“.

11.6 ṅentamātmāsanāyānte nama(uccārya?ūrvo pra)vinyaset |
ādyaṃ[di ka pāṭhaḥ |] madhyaṃ tathāntaṃ ca(śa?ku)māryāḥ śivasaṃyutam [bālāyā bījatraye śiveti hakāreṇa sayutam |] || 6 ||
Den Namen in den Dativ setzend, füge man „ātmāsanāya namaḥ“ an und vollziehe den Nyasa an den Oberschenkeln. Darauf verbinde man Anfang, Mitte und Ende der Kumari-Formel mit dem Shiva-Laut.

11.7 tripuravāsinītyuktvā cakrāsanāya hṛttataḥ |
kaṭi[deśe ka pāṭhaḥ |]dvaye pravinyasya śivaṃ somayutaṃ kuru || 7 ||
Es folgen „Tripuravasini“ und „cakrāsanāya namaḥ“, Verehrung dem Chakra-Sitz. Dies setze man an beiden Hüften ein. Dann verbinde man Shiva mit Soma.

11.8 etasyā eva vidyāyā [samanantaroktavidyāyā eva bījatraye śivo hakāra sakāreṇa yuta |] stripura[ra ka pāṭhaḥ |]śrīpadaṃ tataḥ |
sarvamantrāsanāyānte namo guhye pravinyaset || 8 ||
An diese Vidya füge man „Tripurashri“ und „sarvamantrāsanāya namaḥ“, Verehrung dem Sitz aller Mantras, und setze sie am geheimen Ort ein.

11.9 [parā hrīṃ kāmabījaṃ klī | vāruṇa va indraḥ la yoni e sabindu tena ble |] parā ca kāmabījaṃ ca vāruṇaṃ tvindrasaṃyutam |
yoniyuktaṃ sabinduṃ ca tripuramālinī tataḥ || 9 ||
Es folgen Para und das Kama-Bija, das Wasserzeichen mit Indra, verbunden mit Yoni und Bindu, dann „Tripuramalini“.

11.10 sādhyāsanāya mūle ca nama iti pravinyaset |
[māyā hrī ramā śrī bālāyāstṛtīya sau |] māyābījaṃ ramābījaṃ kumāryāśca tṛtīyakam || 10 ||
Mit „sādhyāsanāya namaḥ“ setze man dies an der Wurzel ein. Danach spreche man das Maya-Bija, das Rama-Bija und das dritte Bija Kumaris.

11.11 tathā tripurasiddhānte sā[tripura ka pāṭhaḥ |]dhyasiddhāsanaṃ tataḥ |
nābhideśe pravinyasya hṛdaye ca pravinyaset || 11 ||
Nach „Tripurasiddha“ folgt „sādhyasiddhāsana“, der Sitz des zu Verwirklichenden und Vollendeten. Man setze dies in der Nabelgegend ein; die nächste Einsetzung erfolgt im Herzen.

11.12 [śivacandrau hakārasakārau vahnīti rakārāruḍhau vāgbhavaṃ aiṃ tena hasarai | kāmarājaśaktibījayorapi uktavarṇasayojanayā bījāntare bodhye kevalamantyakūṭe visargasthāne bindu sthāpya | tena hasakalarī | hasarau iti] śivacandrau vahnisaṃsthau vāgbhavaṃ tadanantaram |
kāmarājaṃ kumāryāstu śivacandrānvitaṃ kuru || 12 ||
Shiva und Mond befinden sich auf dem Feuerzeichen; darauf folgt Vagbhava. Das Kamaraja-Bija Kumaris verbinde man ebenfalls mit Shiva und Mond.

11.13 pṛthvībījāttato vahniṃ śaktibīje tataḥ param |
śivavahnī niyojyaiva hitvā sargaṃ tu baindavam || 13 ||
Danach füge man dem Erd-Bija Feuer hinzu und verbinde das Shakti-Bija mit Shiva und Feuer; anstelle des Visarga setze man Bindu.

11.14 saṃyojya parameśāni tripurāmbāpadaṃ tataḥ |
pa[rvaṇa?ryaṅka]śaktipīṭhāya namo hṛdi pravinyaset || 14 ||
Nach dieser Verbindung, höchste Herrin, folgen „Tripuramba“ und „…śaktipīṭhāya namaḥ“. Die Formel setze man im Herzen ein; die Bezeichnung des Shakti-Sitzes ist verkürzt überliefert.

11.15 [vadanyeti saṃpatpradābhairavīvidyā sā yathā hasraiṃ hasakalarīṃ hasrauḥ iti |] vadanyāśeṣabījānte mahātripurabhaira[va?vī] |
sadāśivamahāpretapadmāsanāya cālikhet || 15 ||
Nach den übrigen Bijas spreche man den fragmentarisch erhaltenen Namen „Mahatripurabhaira…“, dann „sadāśivamahāpretapadmāsanāya“: dem Lotussitz auf Sadashiva, dem großen reglosen Träger.

11.16 nama ityaja[baṃddhe?randhre]tu vinyaset sādhakottamaḥ |
[vahni ra varuṇo va śakraṃ la ṣaṣṭhasvaraḥ nādādiyuktaḥ ū tena khalū iti vaśinīvāgdevatāvidyā iti|] vahnirvaruṇasakraṃ ca ṣaṣṭhasvaravibhūṣitam || 16 ||
Mit „namaḥ“ schließe der hervorragende Praktizierende die Einsetzung ab. Die Körperstelle ist hier verderbt überliefert. Dann verbinde man Feuer, Wasser und Indra mit dem sechsten Vokal,

11.17 nādabindukalāyuktaṃ vaśinīti padaṃ tataḥ |
vāgdevatā caturthyantā namaḥ svaraiḥ pravinyaset || 17||
Nada, Bindu und Kala. Es folgt „Vashini“, „Göttin der Rede“ im Dativ und „namaḥ“. Mit den Vokalen vollziehe man die Einsetzung.

11.18 [mādana ka śakreti lakārārūḍha mahāmāyā hrī iti kāmeśvarī |] mādanaṃ śakramārūḍhaṃ mahāmāyā tataḥ param |
iyaṃ kāmeśvarī jñeyā kavargeṇa lalāṭake || 18 ||
Das Madana-Zeichen stehe auf Indra; danach folgt Mahamaya. Dies ist Kameshvari, die mit der ka-Gruppe an der Stirn eingesetzt wird.

11.19 [dhāntaṃ na varuṇa va indra la caturthasvara ī teta navalī |] dhāntaṃ varuṇamindraṃ ca caturthasvarabindukam |
eṣaiva modinī devī bhruvormadhye cavargake || 19 ||
Das Ende der dha-Reihe, Wasser und Indra werden mit dem vierten Vokal und Bindu verbunden. Dies ist die Göttin Modini, mit der cha-Gruppe zwischen den Brauen einzusetzen.

11.20 [vāyuḥ ya purandara la tena blūṃ |] vāyuṃ purandaraṃ devi ṣaṣṭhasvaravibhūṣitam |
nādabindukalāyuktaṃ vimaleyaṃ samīritā || 20 ||
Wind und Indra, Göttin, verbunden mit dem sechsten Vokal, Nada, Bindu und Kala: Dies bezeichnet Vimala.

11.21 nyastavyā kaṇṭhadeśe tu ṭavargeṇaiva pārvati |
[chāntaṃ ja bhānta sa jvalana ra turīyeti caturthasvara ī tena jmrīṃ |] chāntaṃ bhāntaṃ ca jvalanaṃ turīyasvarabindukam || 21 ||
Sie ist mit der retroflexen ta-Gruppe am Hals einzusetzen, Parvati. Dann folgen das Ende der cha- und bha-Reihe, Feuer, vierter Vokal und Bindu.

11.22 aruṇeyaṃ tu vāgdevī tavargeṇa hṛdi smṛtā |
jayinī ca tato devi [nakuli ha somaśakreti sakāralakārau |] nakuliḥ somaśakrakam || 22 ||
Dies ist die Göttin der Rede Aruna, mit der dentalen ta-Gruppe im Herzen zu vergegenwärtigen. Danach folgt Jayini: Nakuli, Soma, Indra,

11.23 [vāruṇa va vāyu ya tathā ṣaṣṭhasvara tena hasalavayūṃ iti|] vāruṇaṃ vāyubījaṃ ca ṣaṣṭhasvaravibhūṣitam |
nābhideśe samākhyātā pavargeṇa varānane || 23 ||
Wasser und Wind-Bija, geschmückt mit dem sechsten Vokal. Sie wird mit der pa-Gruppe in der Nabelgegend eingesetzt, Schönangesichtige.

11.24 [jānta jha bhānta ma repha ra vāyu ya tathā ṣaṣṭhaḥ svaraḥ teta jhamarayū iti |] jāntaṃ bhāntaṃ tato rephaṃ vāyubījasamanvitam |
ṣaṣṭhasvarasamāyuktaṃ nādabindukalāyutam || 24 ||
Das Ende der ja- und bha-Reihe, ra und das Wind-Bija, verbunden mit dem sechsten Vokal, Nada, Bindu und Kala,

11.25 sarveśvarī(ṣa?ya)vargeṇa svādhiṣṭhānākhyapaṅkaje |
[saṃvartaka kṣa kālo ma vahni ra māyā ī tena kṣamrī iti |] saṃvartakaṃ maheśāni kālabījoparisthitam || 25 ||
bezeichnen Sarveshvari, die mit der ya-Gruppe im Svadhishthana-Lotus eingesetzt wird. Dann steht Samvartaka über dem Kala-Bija, große Herrin.

11.26 vahnibījaṃ tato māyā nādabindukalānvitā |
mūlādhāre śavargeṇa kaulinī parikīrtitā || 26 ||
Es folgen Feuer-Bija und Maya mit Nada, Bindu und Kala. Dies ist Kaulini, mit der sha-Gruppe im Muladhara einzusetzen.

11.27 etā vāgdevatā devi vaśinīvat pravinyaset |
mūlavidyādvirāvṛttyā sarvāṅgulitaleṣu ca || 27 ||
Diese Göttinnen der Rede setze man wie Vashini ein, Göttin. Mit zweimaliger Wiederholung der Wurzelvidya setze man an allen Fingern und Handflächen

11.28 ṅenteṣu parameśāni nyasedaṅgāni ṣaṭ kramāt |
namaḥ svāhā vaṣaḍ vauṣaḍ huṃ phaḍiti ṣaḍaṅgakam || 28 ||
der Reihe nach die sechs Angas im Dativ ein, höchste Herrin. Die sechs Abschlüsse werden hier als „namaḥ svāhā vaṣaṭ vauṣaṭ huṃ phaṭ“ aufgeführt.

11.29 karayoratha vinyasya ṣaḍaṅgeṣu tathā nyaset |
namo'ntaṃ hṛdayaṃ[ye ka pāṭhaḥ |] ṅentaṃ svāhāntaṃ ca tathā śiraḥ || 29 ||
Nach der Einsetzung an den Händen vollziehe man sie an den sechs Körperstellen: Herz im Dativ mit „namaḥ“, Haupt mit „svāhā“.

11.30 śi[khare?khā va]ṣaṭ caturthyantā huṃ ṅentaṃ kavacaṃ tataḥ |
netratrayaṃ ca vauṣaṭ ca astraṃ phaḍantamīśvari || 30 ||
Der Haarbüschel wird im Dativ mit Vashat verbunden, der Schutzpanzer mit Hum, die drei Augen mit Vaushat und die Waffe mit Phat, Herrin. Diese nähere Zuordnung weicht in der Reihenfolge von der vorherigen Kurzliste ab.

11.31 [hṛdayamityādinā ṣaḍaṅganyāsamudrā nirdiśati |] hṛdayaṃ madhyamānāmātarjanībhiḥ smṛtaṃ śiraḥ [ta śiva ka pāṭhaḥ |] |
madhyamātarjanībhyāṃ syādaṅguṣṭhena śikhā priye || 31 ||
Am Herzen verwende man Mittel-, Ring- und Zeigefinger, am Haupt Mittel- und Zeigefinger, am Haarbüschel den Daumen, Geliebte.

11.32 daśabhiḥ kavacaṃ proktaṃ tisṛbhirnetramīritam |
tathaivoktāṅgulībhyāṃ ca saśabdamastramīritam || 32 ||
Der Schutzpanzer wird mit allen zehn Fingern gebildet, die Augengeste mit dreien. Die Waffengeste geschieht mit den genannten Fingern und einem hörbaren Schnippen.

11.33 pūjā tapo'rcanaṃ homaḥ siddhamantrakṛtā api |
aṅgavinyāsavidhurā na dāsyanti phalānyamī || 33 ||
Verehrung, Askese und Feueropfer bringen ohne Anga-Nyasa keine Früchte, selbst wenn sie mit einem verwirklichten Mantra vollzogen werden.

11.34 vaśinīpramukhān devi vinyasettadanantaram |
mūlakūṭatrayeṇaivaṃ sthāneṣveṣu kramānnyaset || 34 ||
Danach setze man Vashini und die übrigen ein, Göttin. Mit den drei Gruppen des Wurzelmantras vollziehe man der Reihe nach den Nyasa an folgenden Stellen:

11.35 [navayoninyāsamāha karṇayoriti | mūlabījatrayeṇaivāya kārya |] karṇayościbuke caiva śaṅkhayorvadane punaḥ |
netrayornasi vinyasya aṃśa[aśa ka pāṭhaḥ |]yorjaṭhare tataḥ || 35 ||
an beiden Ohren und Kinn, an beiden Schläfen und Mund, an beiden Augen und Nase, an beiden Schultern und Bauch,

11.36 punaḥ kurparayoḥ kukṣau jānunorliṅgamūrdhani |
pādayorguhyadeśe ca pārśvayorhṛdayāmbuje || 36 ||
an beiden Ellenbogen und Bauchmitte, an beiden Knien und Spitze des Geschlechtsorgans, an beiden Füßen und geheimer Stelle, an beiden Seiten und Herzlotus,

11.37 stanayoḥ kaṇṭhadeśe ca nyasedevaṃ vidhānataḥ |
caturvyūhaṃ tato devi nyaset pīṭhasamanvitam || 37 ||
an beiden Brüsten und Hals. Danach setze man die vierfache Entfaltung zusammen mit den heiligen Sitzen ein, Göttin.

11.38 [spaṣṭa yathā ai agnicakre kāmagiryālaye mitreśanāthātmake kāmeśvarīrudrātmaśaktiśrīpādukāyai nama ādhāre | evamagre'pi bodhyam |] mūlavāgbhavamuccārya agnicakrepadaṃ tataḥ |
kāmagiryālaye paścānmitre[trī ka pāṭhaḥ |]śapadamuddharet || 38 ||
Zuerst spreche man den Vagbhava-Teil des Wurzelmantras, dann „im Feuerchakra“, „im Heiligtum Kamagiri“ und „Mitresha“.

11.39 nāthātmakepadaṃ paścāt kāme[mī ka pāṭhaḥ |]śvarī padaṃ tataḥ |
rudrātmaśaktiśabdācchrīpādukāyai namo nyaset || 39 ||
Es folgen „dessen Wesen der Natha ist“, „Kameshvari“, „die Shakti mit Rudra als Selbst“ und „śrīpādukāyai namaḥ“, Verehrung den ehrwürdigen Padukas.

11.40 ādhāre parameśāni hṛdaye ca tataḥ param |
mūladvi[ta?tī]yamuccārya sūryacakrepadaṃ tataḥ || 40 ||
Dies setze man an der Wurzel ein, höchste Herrin. Dann folgt das Herz: Man spreche den zweiten Teil des Wurzelmantras und „im Sonnenchakra“.

11.41 jālandharapadāt pīṭhe śaṣṭhīśanāthaśabdataḥ |
ātmakepadamābhāṣya vajreśvarīpadaṃ tataḥ || 41 ||
Es folgen „im heiligen Sitz Jalandhara“, „dessen Wesen Shashthishanatha ist“ und „Vajreshvari“.

11.42 viṣṇvātmaśaktiśabdānte pūrvavacca tadīritam |
śaktikūṭaṃ samuccārya somacakrepadaṃ tataḥ || 42 ||
Nach „die Shakti mit Vishnu als Selbst“ endet die Formel wie zuvor. Dann spreche man den Shakti-Teil und „im Mondchakra“.

11.43 pūrṇagiripadānte ca pīṭhepadamataḥ param |
uḍḍīśaparato devi nāthātmakepadaṃ tataḥ || 43 ||
Es folgen „im heiligen Sitz Purnagiri“, Göttin, und „dessen Wesen Uddishanatha ist“.

11.44 tadante yojayeddevi bhagapūrvā ca mālinī |
brahmātmaśaktiśabdānte pūrvavad dvidale nyaset || 44 ||
Danach füge man „Bhagamalini“, „die Shakti mit Brahma als Selbst“ und den früheren Abschluss hinzu. Dies setze man im zweiblättrigen Lotus ein.

11.45 turyabījamathoccārya brahmacakrepadāt tataḥ |
tathaivoḍyānapīṭhe tu [va?ca]ryānāthātmakepadam || 45 ||
Dann spreche man das vierte Bija, „im Brahma-Chakra“, „im heiligen Sitz Uddiyana“ und die unvollständig erhaltene Natha-Zuordnung.

11.46 tadante parameśāni mahātripurasundarī |
para[ra ka pāṭhaḥ |]brahmātmaśaktyante pūrvavad brahmarandhrake || 46 ||
Es folgen „Mahatripurasundari“, höchste Herrin, „die Shakti mit dem höchsten Brahman als Selbst“ und der bekannte Abschluss. Dies setze man im Brahmarandhra ein.

11.47 vinyasyaivaṃ maheśāni tattvanyāsaṃ samācaret |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ mūlāntaṃ punareva hi || 47 ||
Nach diesem Nyasa vollziehe man den Tattva-Nyasa, große Herrin, von der Wurzel bis zum Brahmarandhra und wieder bis zur Wurzel.

11.48 mūlavāgbhavamuccārya ātmatattvapadaṃ tataḥ |
[svā?vyā]pikāyai caturthyantā mahātripurasundarī || 48 ||
Man spreche Vagbhava des Wurzelmantras, dann „Atma-Tattva“ und „Mahatripurasundari“ im Dativ als dessen Verkörperung. Die verbindende Wortform ist beschädigt.

11.49 nama iti pravinyasya kāmarājamataḥ param |
vidyātattvapadāt pūrvaṃ pūrvavad hṛdayāvadhi || 49 ||
Mit „namaḥ“ vollziehe man die Einsetzung. Danach verwende man Kamaraja und „Vidya-Tattva“; die Einsetzung reicht wie zuvor beschrieben bis zum Herzen.

11.50 nyase(ttvātmī?ttārtī)yabījānte śivatattvasvarūpiṇīm |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ tadādibhrūlatāvadhi || 50 ||
Nach dem dritten Bija vergegenwärtige man die Verkörperung des Shiva-Tattva. Die Bewegung reicht von der Wurzel bis zum Brahmarandhra und von dort bis zu den Brauen.

11.51 tato nyasenmahādevi vidyākūṭatrayaṃ pṛthak |
karayormūlamadhyāgramūlahṛddhṛdyugāntare || 51 ||
Dann setze man die drei Mantragruppen einzeln ein, große Göttin: an Ansatz, Mitte und Spitzen der Hände sowie an Wurzel und Herz. Die anschließende Körperstellenfolge ist unsicher überliefert.

11.52 mūlavidyātrayāvṛttyā sthāneṣveṣu kramānnyaset |
brahmarandhre turīyaṃ ca tenaiva vyāpakaṃ nyaset || 52 ||
Mit dreimaligem Durchgang der Wurzelvidya vollziehe man die Einsetzungen an diesen Stellen. Das vierte Bija setze man am Brahmarandhra ein und lasse es den ganzen Leib durchdringen.

11.53 brahmarandhre tathādhāre hṛdi netratraye tathā |
karṇayormukhavṛtte ca bhujayoḥ pṛṣṭhadeśake || 53 ||
Am Brahmarandhra, an der Wurzel, am Herzen, an den drei Augen, beiden Ohren, Mundumkreis, beiden Armen und Rücken,

11.54 jānudvaye tathā nābhau mūlavarṇān pravinyaset |
svayaṃ mantratanurbhūtvā devīṃ mantramayīṃ yajet || 54 ||
an beiden Knien und Nabel setze man die Laute des Wurzelmantras ein. Selbst zum Mantraleib geworden, verehre man die aus Mantra bestehende Göttin.

11.55 trailokyamaruṇaṃ dhyāyañ śrīvidyāṃ manasi smaret |
yonimudrāṃ maheśāni brahmarandhre pravinyaset || 55 ||
Man betrachte die drei Welten als rot leuchtend und vergegenwärtige die Shrividya im Geist. Die Yoni-Mudra setze man am Brahmarandhra ein,

11.56 lalāṭe ca pravinyasya bhruvormadhye ca vinya[pra ka pāṭhaḥ |]set |
mukhe kaṇṭhapradeśe tu hṛdaye tāmanukramāt || 56 ||
dann an Stirn, Brauenmitte, Mund, Hals und Herz, der Reihe nach, große Herrin.

11.57 nyāsaḥ saṃmohanākhyo'yaṃ trailokyamohanakṣamaḥ |
śrīdevyuvāca antaryāgavidhiṃ brūhi bahiryāgavidhiṃ tathā || 57 ||
Dieser Nyasa heißt Sammohana und vermag die drei Welten zu bezaubern. Shri Devi sprach: Lehre mich die innere und ebenso die äußere Verehrung.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 11.58 śṛṇu devi pravakṣyāmi yajanaṃ cāntaraṃ mahat |
manojīvātma(naḥ?noḥ)śuddhiḥ prāṇāyāmena jāyate || 58 ||
Höre, Göttin, ich werde die große innere Verehrung lehren. Durch Pranayama entsteht die Reinigung des Geistes und der individuellen Seele.

11.59 antargataṃ yacca malaṃ tacca śuddhaṃ prajāyate |
prāṇāyāmairvinā devi kṛtaṃ karma nirarthakam || 59 ||
Auch die innere Verunreinigung wird dadurch gereinigt. Ohne Pranayama bleibt eine vollzogene Ritualhandlung ohne Sinn, Göttin.

11.60 prāṇāyāmātparaṃ tattvaṃ prāṇāyāmāt paraṃ tapaḥ |
prāṇāyāmāt paraṃ jñānaṃ prāṇāyāmāt paraṃ padam || 60 ||
Kein Wirklichkeitsprinzip, keine Askese, keine Erkenntnis und kein höchstes Ziel ist erhabener als Pranayama;

11.61 prāṇāyāmātparaṃ yogaṃ prāṇāyāmātparaṃ dhanam |
nāsti nāsti punarnāsti kathitaṃ tava suvrate || 61 ||
kein Yoga und kein Reichtum steht über Pranayama. Es gibt nichts Höheres, wahrlich nichts Höheres: So habe ich es dir gesagt, du mit den guten Gelübden.

11.62 vatsarābhyāsayogena brahma sākṣādbhaved dhruvam |
caitanyāvaraṇaṃ yadvat kṣīyate nātra saṃśayaḥ || 62 ||
Durch ein Jahr beständiger Übung werde Brahman unmittelbar erfahren; die Verhüllung des Bewusstseins schwinde, daran besteht kein Zweifel.

11.63 prāṇāyāmaṃ vinā muktimārge nāsti mayoditam |
prāṇāyāmena munayaḥ siddhimā[hu ka pāṭhaḥ |]purnacānyathā || 63 ||
Ohne Pranayama gibt es nach dieser Lehre keinen Weg zur Befreiung. Durch Pranayama erlangten die Weisen Vollendung, nicht anders.

11.64 prāṇāyāmaparo yogī na yogī śiva eva saḥ |
gamanāgamanaṃ vāyoḥ prāṇasya dhāraṇaṃ tathā || 64 ||
Ein Yogi, der ganz dem Pranayama hingegeben ist, ist nicht bloß ein Yogi, sondern Shiva selbst. Das Ein- und Ausströmen des Windes und das Halten des Lebensatems

11.65 prāṇāyāma iti prokto yogaśāstraviśāradaiḥ |
prāṇo vāyuriti khyāta āyāmastannirodhanam || 65 ||
nennen die Kenner der Yogalehre Pranayama. Prana bezeichnet den Lebenswind, Ayama dessen Zurückhaltung.

11.66 prāṇāyāma iti prokto yogināṃ yogasādhanam |
bāhyādāpūraṇaṃ vāyorudare pūrako bhavet || 66 ||
Pranayama gilt als Mittel der Yogis zur Verwirklichung des Yoga. Das Füllen des Bauches mit von außen einströmender Luft heißt Puraka.

11.67 saṃpūrṇakumbhavadvāyordhāraṇaṃ kumbhako[ka ka pāṭhaḥ |] bhavet |
bahiryadrecanaṃ vāyorudarādrecako bhavet || 67 ||
Das Halten der Luft wie in einem gefüllten Krug heißt Kumbhaka; das Entlassen der Luft aus dem Bauch nach außen heißt Rechaka.

11.68 pūrakaṃ ca yathāśaktyā kumbhakaṃ taccaturguṇam |
kumbhakārdhaṃ bhavedrecaḥ prāṇāyāmo'yamīritaḥ || 68 ||
Die Einatmung erfolge entsprechend der eigenen Fähigkeit; das Halten dauere viermal so lang, die Ausatmung halb so lang wie das Halten. Dies ist die hier gelehrte Atemordnung.

11.69 [prāṇāyāmamudrā nirdiśati kaniṣṭheyādinā |] kaniṣṭhānāmikāṅguṣṭhairyannāsāpuṭadhāraṇam |
prāṇāyāmaḥ[ma ka pāṭhaḥ |] sa vijñeyastarjanīmadhyame vinā || 69 ||
Das Schließen der Nasenlöcher mit kleinem Finger, Ringfinger und Daumen, ohne Zeige- und Mittelfinger, gehört zu diesem Pranayama.

11.70 vāmayā pūrayedvāyuṃ śanaiḥ śanaistu madhyayā |
dhārayeddakṣayā[vāmayā ka pāṭhaḥ |] muñcedaparaṃ tat kramotkramāt || 70 ||
Links atme man ein, halte den Atem sanft in der Mitte und lasse ihn rechts ausströmen; der nächste Durchgang erfolgt in umgekehrter Reihenfolge.

11.71 yāvacchakyaṃ niyamyāsūn manasaiva smaran parām |
mantrasya mukhabījaṃ vā samastaṃ vā japan priye || 71 ||
Man halte den Lebensatem nur so lange wie möglich und vergegenwärtige dabei die höchste Göttin. Im Geist wiederhole man das Anfangs-Bija des Mantras oder den ganzen Mantra, Geliebte.

11.72 mūlādhāre trikoṇākhye koṭisūryasamaprabhe |
dhyāyet kuṇḍalinīṃ nityaṃ kālānala[kāmānanda ka pāṭhaḥ |]śikhopamām || 72 ||
Im dreieckigen Muladhara, strahlend wie Millionen Sonnen, meditiere man beständig über Kundalini, einer Flamme des weltauflösenden Feuers gleich.

11.73 raktāṃ sūkṣmāṃ ca viśvasya sṛṣṭisthitilayātmikām |
viśvātītāṃ jñānarūpāṃ cintayedūrdhvavāhinīm || 73 ||
Rot und fein, ist sie Schöpfung, Erhaltung und Auflösung der Welt. Als die Welt überschreitende Gestalt der Erkenntnis betrachte man sie aufwärtsströmend.

11.74 hūṃkāroccāraṇenaiva samutthā(ya?pya)parāṃ śive |
ṣaṭcakraṃ ca vinirbhidya prāpayitvā paraṃ śivam || 74 ||
Durch Aussprache von Hum erwecke man die höchste Shakti, Heilvolle, lasse sie die sechs Chakras durchdringen und zum höchsten Shiva gelangen.

11.75 parā[ramā ka pāṭhaḥ |]nandena saṃyojya paramānandarūpiṇīm |
tadabhedasamāpannāmanākulamanāḥ smaret || 75 ||
Man vereinige die Verkörperung höchster Glückseligkeit mit der höchsten Wonne und vergegenwärtige sie mit ungestörtem Geist als in die Nichtverschiedenheit eingegangen.

11.76 [śrā?srā]vayitvā su[rā?dhā]dhārāṃ prāpayecchaktimaṇḍalam |
tenaiva cakrabhedena mūlādhāraṃ samānayet || 76 ||
Einen Nektarstrom ergießend, führe man sie zum Shakti-Kreis und durch dieselbe Folge der Chakras wieder zum Muladhara zurück. Das erste Verb ist unvollständig überliefert.

11.77 mūlādibrahmarandhrāntaṃ bisatantusvarūpiṇīm |
udyatsūryasahasrābhāṃ dhyāyenmantrātmadevatām || 77 ||
Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra betrachte man die Mantra-Gottheit als fein wie einen Lotusfaden und leuchtend wie tausend aufgehende Sonnen.

11.78 kuṇḍalīṃ trividhāṃ tatra tathā bījatrayaṃ tridhā |
turīyāṃ kuṇḍalīṃ mūrdhni mahātripurasundarīm || 78 ||
Man betrachte dort die dreifache Kundalini mit den drei Bijas; auf dem Scheitel die vierte Kundalini als Mahatripurasundari.

11.79 vāgbhavaṃ mūladeśe ca dravatsvarṇanibhaṃ smaret |
mūlādihṛdayaṃ yāvad vahnikuṇḍalinīṃ tathā || 79 ||
Vagbhava vergegenwärtige man an der Wurzel, glänzend wie flüssiges Gold, und die Feuer-Kundalini von der Wurzel bis zum Herzen.

11.80 hṛdaye kāmarājaṃ ca sūryakoṭisamaprabham |
sūryakuṇḍalinīṃ tatra sūryakoṭisamaprabhām || 80 ||
Im Herzen betrachte man Kamaraja, strahlend wie Millionen Sonnen, und ebenso die Sonnen-Kundalini in diesem Glanz.

11.81 hṛdayādgalaparyantaṃ dhyāyedanākulaḥ śive |
bhrūmadhye śaktibījaṃ tu candrakoṭisamaprabham || 81 ||
Von Herzen bis Kehle meditiere man ungestört über sie, Heilvolle. In der Brauenmitte betrachte man das Shakti-Bija, leuchtend wie Millionen Monde.

11.82 bhrūmadhyād brahmarandhrāntaṃ candrakuṇḍalinīṃ śive |
candrakoṭisamaprakhyāṃ(śra?sra)vadamṛtavigrahām || 82 ||
Von der Brauenmitte bis zum Brahmarandhra betrachte man die Mond-Kundalini, glänzend wie Millionen Monde und aus ihrem Leib Nektar verströmend.

11.83 bījatrayamayīṃ bindau turyāṃ[rīyā ka pāṭhaḥ |] bindutrayātmikām |
deśakālānavacchinnāṃ sarvatejomayīṃ smaret || 83 ||
Im Bindu vergegenwärtige man die vierte Gestalt, die drei Bijas und drei Bindus in sich trägt, jenseits der Begrenzung durch Raum und Zeit und ganz aus Licht bestehend.

11.84 turyakuṇḍalinīṃ tadvatkevalaṃ jñānavigrahām |
evaṃ dhyātvā punarvidyāṃ saṃpūrṇāṃ manasā smaret || 84 ||
So betrachte man die vierte Kundalini als reine Erkenntnisgestalt. Nach dieser Meditation vergegenwärtige man erneut die vollständige Vidya im Geist,

11.85 cidānandamayīṃ svacchāmekātmakatayā priye |
sudhāvṛṣṭyābhipatantyā tarpayet paradevatām || 85 ||
klar, aus Bewusstsein und Glückseligkeit bestehend und als das eine Selbst, Geliebte. Mit dem herabströmenden Nektarregen sättige man die höchste Gottheit.

11.86 dhyātvā dhyātvā punardhyātvā sahajānandavigrahām |
bindu(śru?sru)tasudhābhistu[dbhistu kha pāṭhaḥ |] tarpayecca punaḥ punaḥ || 86 ||
Immer wieder meditiere man über ihre Gestalt angeborener Wonne und sättige sie wieder und wieder mit dem aus dem Bindu strömenden Nektar.

11.87 antaryāga iti prokto jīvato muktidāyakaḥ |
munīnāṃ ca mumukṣūṇāmadhikāro'tra kevalam || 87 ||
Dies heißt inneres Opfer und gewährt Befreiung schon im Leben. Hierzu sind allein die Weisen und die ernsthaft nach Befreiung Verlangenden berechtigt.

11.88 prātaḥ sāyaṃ carennityaṃ ṣoḍaśa prāṇasaṃyamān [mam ka pāṭhaḥ |] |
nāśayet sarvapāpāni tṛṇarāṇimivānalaḥ || 88 ||
Morgens und abends vollziehe man regelmäßig sechzehn Atemregelungen. Sie sollen alle Verfehlungen vernichten, wie Feuer einen Grashaufen verbrennt.

11.89 sarveṣāmeva pāpānāṃ prāyaścittamidaṃ smṛtam |
svadehasthaṃ yathā sarpaścarmotsṛjya nirāmayaḥ || 89 ||
Dies gilt als Sühne für sämtliche Verfehlungen. Wie eine Schlange ihre am eigenen Körper haftende Haut abstreift und unversehrt bleibt,

11.90 prāṇāyāmāttathā muñjedavidyākāmakarmakam |
paropapāpajaṃ pāpaṃ paradravyāpahārajam || 90 ||
so lege man durch Pranayama Unwissenheit, Begehren und Karma ab. Schuld aus schwereren und geringeren Verfehlungen, aus dem Raub fremden Eigentums

11.91 parastrīmaithunotpannaṃ prāṇāyāmaśataṃ dahet |
mahāpātakajātāni brahmahatyādikāni ca || 91 ||
und aus dem Verkehr mit der Frau eines anderen werde durch hundert Atemregelungen verbrannt. Die großen Verfehlungen wie Brahmanentötung

11.92 sarvāṇyetāni dahyante prāṇāyāmacatuḥśataiḥ |
(namaḥ?manaḥ)śaktiḥ samākhyātā pañcāsyāḥ[syā pañca ge ka pāṭhaḥ |] pañca dehagāḥ || 92 ||
würden sämtlich durch vierhundert Atemregelungen getilgt. Der Geist wird als Shakti bezeichnet; es folgt eine gedrängte Angabe über fünf Gesichter beziehungsweise fünf im Körper wohnende Gestalten.

11.93 ekarūpaṃ śivaṃ kṛtvā tadaṅke tāṃ niveśayet |
śūnyarūpe pare sthāpya tāvubhau samamāsthitau || 93 ||
Diese fasse man zu dem einen Shiva zusammen und setze die Shakti auf seinen Schoß. Beide stelle man vereint in das höchste Leere.

11.94 cintayet sādhako natvā nādarūpaṃ tayoḥ kramāt |
tadantarmanasātmānaṃ jyotīrūpaṃ sanātanam || samādhinā samāgatya tyajet saṃsārabandhanam || 94 ||
Nach ehrerbietiger Verneigung betrachte der Praktizierende ihre Einheit als Nada und darin mit dem Geist das eigene ewige Selbst als Licht. In Samadhi darin eingehend, löse er die Bindung an den Samsara.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde nityanyāsāntaryāgavidhinirūpaṇamekādaśaḥ paṭalaḥ || 11 ||
Hier endet das 11. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Nitya-Nyasa und inneres Opfer“.

Kapitel 12: Yoga der Meditation

Der Herzlotus ist ein zentraler Ort der inneren Verehrung.

dvādaśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 12.1 athavā parameśānīṃ līlākalitavigrahām |
hṛtpuṇḍarīkamadhyasthāṃ nigṛhyendriyamāna(saḥ?sam) || 1 ||
Oder man betrachte die höchste Herrin, die spielerisch Gestalt angenommen hat, im Herzlotus und halte Sinne und Geist gesammelt.

12.2 tanmanāḥ sādhakavaro manasā pūjayecchivām |
vāmakarasya tarjanyāṃ dakṣiṇasya kaniṣṭhayā || 2 ||
Ganz auf sie ausgerichtet, verehre der hervorragende Praktizierende die Heilvolle im Geist. Man verbinde den linken Zeigefinger mit dem rechten kleinen Finger,

12.3 tathā dakṣiṇatarjanyāṃ[nyā ka pāṭhaḥ |] vāmāṅguṣṭhena yojayet |
unnataṃ dakṣiṇāṅguṣṭhaṃ vāmasya madhyamādikāḥ || 3 ||
den rechten Zeigefinger mit dem linken Daumen. Der rechte Daumen sei aufgerichtet; die übrigen Finger der linken Hand, vom Mittelfinger an,

12.4 aṅgulīryojayet pṛṣṭhe dakṣiṇasya karasya ca |
vāmasya[syā ka pāṭhaḥ |] pitṛtīrthena madhyamānāmike tathā || 4 ||
lege man auf den rechten Handrücken. Mit dem Pitri-Tirtha der linken Hand verbinde man Mittel- und Ringfinger

12.5 adhomukhe tu te kuryāddakṣiṇasya karasya ca |
raktapuṣpaṃ gṛhītvaivaṃ vidhāya pāṇikacchapam || 5 ||
der rechten Hand, die nach unten zeigen. Man nehme eine rote Blume und bilde so die Schildkrötengestalt der Hände.

12.6 kuryāttad hṛdayāsannaṃ nimīlya[li ka pāṭhaḥ |] nayanadvayam |
samakāyaśirogrīvaṃ kṛtāsanaparigrahaḥ || 6 ||
Diese halte man nahe dem Herzen, schließe beide Augen und nehme einen festen Sitz ein, Körper, Kopf und Hals aufrecht in einer Linie.

12.7 paśyanniva tato devīmekāgramanasā tataḥ |
pratyakṣīkṛ[ta?tya] hṛdaye mānasairupacārakaiḥ || 7 ||
Mit einspitzigem Geist betrachte man die Göttin, als sähe man sie unmittelbar; man lasse sie im Herzen gegenwärtig werden und verehre sie mit geistigen Gaben.

12.8 ṣoḍaśānāṃ prakāraistu hṛdisthāṃ pūjayecchivām |
āsanaṃ prathamaṃ dadyādratnasiṃhāsanaṃ śubham || 8 ||
Mit den sechzehn Formen der Darbringung verehre man die im Herzen wohnende Heilvolle. Zuerst biete man einen glückbringenden Löwenthron aus Edelsteinen an.

12.9 pādyaṃ caraṇayordadyācchirasyarghyaṃ nivedayet |
paramāmṛtapānīyaṃ bhāvapuṣpaiḥ suvāsitam || 9 ||
Man gebe Wasser für ihre Füße und Arghya für ihr Haupt, dann höchstes Nektarwasser, von den Blumen innerer Hingabe duftend.

12.10 svarṇapātre jalaṃ kṛtvā tadyādācamanaṃ mukhe |
madhuparkaṃ tato dadyāt punarācamanaṃ tataḥ || 10 ||
In einem goldenen Gefäß biete man Wasser zum rituellen Trinken an, dann Madhuparka, die Honigmischung, und wiederum Wasser zum Trinken.

12.11 svavāme maṇḍalaṃ kṛtvā paryaṅkaṃ paribhāvayet |
śrīratnapāduke dattvā nītvā tāṃ snānamandire || 11 ||
Links stelle man sich ein Mandala und darin ein Ruhebett vor. Man gebe ihr kostbare Edelstein-Padukas und führe sie in das Badehaus.

12.12 bhadrāsanopaviṣṭāyā udvartanaṃ samācaret |
ghṛtenodvartanaṃ kṛtvā manasā paribhāvayet || 12 ||
Wenn sie auf dem glückbringenden Sitz Platz genommen hat, vollziehe man ihre Einreibung. Man stelle sich vor, sie mit Ghee einzureiben,

12.13 karpūrāgurukastūryā[staryā ka pāṭhaḥ |] tathā mṛgamadena ca |
rocanākuṅkumairmiśrairnānāgandhasamanvitaiḥ || 13 ||
mit Kampfer, Aloeholz, Moschus und weiteren Duftstoffen, vermischt mit Gorochana, Kumkuma und vielerlei Wohlgerüchen.

12.14 sugandhidivyatailaiśca snāpayet parameśvarīm |
devakanyāsahasraistu svarṇakumbhasahasrakaiḥ || 14 ||
Mit himmlischen duftenden Ölen bade man die höchste Herrin. Tausende göttlicher Mädchen halten tausende goldene Krüge.

12.15 nadībhirnadarājaiśca apsarogaṇapannagaiḥ |
siñcatā vāriṇā snātāṃ cintayet paradevatām || 15 ||
Man betrachte die höchste Gottheit, wie sie im Wasser gebadet wird, das Flussgöttinnen, Flusskönige, Apsaras und Nagas über sie ergießen.

12.16 dukūlairmārjitaṃ gātraṃ dukule pari(dhetathā?dhāpya ca) |
kaṃkatīkeśasaṃskāro vidhivadbandhanaṃ tathā || 16 ||
Mit feinen Tüchern trockne man ihren Leib und kleide sie in feine Gewänder. Ihr Haar werde gekämmt, geordnet und vorschriftsmäßig gebunden.

12.17 sūtrāvalīṃ[lī0 ka pāṭhaḥ |] keśapāśe sindūraṃ keśamadhyame |
lalāṭe tilakaṃ dadyādalaktaṃ radanacchade || 17 ||
Man schmücke das Haar mit Schnüren, lege Sindura in den Scheitel, ein Tilaka auf die Stirn und roten Lack auf die Lippen.

12.18 netreṣu hyañjanaṃ[rañjana ka pāṭhaḥ |] kṛtvā gandhairgātrānulepanam |
kāñcanāñcitakañcūlīśobhanaṃ hṛdayopari || 18 ||
Die Augen versehe man mit Schminke, den Körper mit duftender Salbe und die Brust mit einem schönen, goldverzierten Gewand.

12.19 vibhūṣaṇaṃ tato dadyāt suvarṇarajatādinā |
śiraḥkarṇagrīvādoṣasūjjva[dīti ujjva ka pāṭhaḥ |]lābharaṇāni ca || 19 ||
Dann lege man Schmuck aus Gold, Silber und anderen kostbaren Stoffen an, leuchtende Zierden für Kopf, Ohren, Hals und Arme. Die letzte Körperbezeichnung ist fehlerhaft überliefert.

12.20 nūpurau ca tato dadyānmuktahāraṃ [nūpurau tato dadyādānandahāra ka pāṭhaḥ |] samujjvalam |
anyadābharaṇaṃ caiva yatra yena virājate || 20 ||
Man gebe Fußreifen, eine strahlende Perlenkette und weiteren Schmuck, jeweils dort, wo er ihre Schönheit entfaltet.

12.21 śrī[puna śrīra ka pāṭhaḥ |]ratnapāduke dattvā cakramadhye samānayet |
gandhaṃ puṣpaṃ ca dhūpaṃ ca dīpaṃ naivedyameva ca || 21 ||
Mit den Edelstein-Padukas führe man sie in die Mitte des Chakra. Dort biete man Duft, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speise dar.

12.22 hemapātragataṃ divyaṃ paramānnaṃ susaṃskṛtam |
kapilāghṛtasaṃyuktaṃ nānāvyañjanasaṃyutam || 22 ||
In einem goldenen Gefäß reiche man köstlichen, sorgfältig zubereiteten Milchreis mit Ghee einer Kapila-Kuh und zahlreichen Beilagen.

12.23 bhakṣyaṃ[kṣya ka pāṭhaḥ |] bhojyaṃ tathā lehyaṃ peyaṃ coṣyaṃ tathaiva ca |
kṣīrapānīyasaṃyuktaṃ dadhimadhusamanvitam || 23 ||
Feste und weiche Speisen, Leckspeisen, Getränke und Saugbares seien vorhanden, dazu Milch, Wasser, Dickmilch und Honig.

12.24 sakarpūraṃ ca tāmbūlaṃ mānasaṃ parikalpayet |
manasāpi mahādevyai naivedyaṃ dīyate yadi || 24 ||
Auch Betel mit Kampfer stelle man sich im Geist vor. Wird der großen Göttin selbst nur im Geist eine Speisegabe dargebracht,

12.25 yo naro bhaktisaṃyuktaḥ sa dīrghāyuḥ sukhī bhavet |
mālyaṃ padmasahasrasya manasā yaḥ prayacchati || 25 ||
so werde der hingebungsvolle Mensch langlebig und glücklich. Wer ihr im Geist eine Girlande aus tausend Lotusblüten schenkt,

12.26 kalpakoṭisahasrāṇi kalpakoṭiśatāni ca |
sthitvā tava pure śrīmān sārvabhaumo bhavet kṣitau || 26 ||
verweile unermesslich viele Weltalter in deiner Stadt, reich an Glanz, und werde danach ein universaler Herrscher auf Erden.

12.27 manasā tu mahādevyai yaḥ kuryācca pradakṣiṇam |
sa dakṣiṇaṃ yamagṛhaṃ narakānnaiva[ni na ka pāṭhaḥ |] paśyati || 27 ||
Wer die große Göttin im Geist ehrerbietig umschreitet, der sehe weder Yamas südliches Haus noch die Höllen.

12.28 namanaṃ mānasaṃ devyā yo bhaktyā kurute naraḥ |
so'pi lokānvijityaiva naraloke mahīyate || 28 ||
Wer sich mit Hingabe im Geist vor der Göttin verneigt, überwinde die Welten und werde unter den Menschen geehrt.

12.29 mahāmāyāṃ mahādevīṃ samarcayāmi śaktitaḥ |
nānāvidhaistu naivedyairiti cintākulastu yaḥ || 29 ||
Wer von dem Gedanken erfüllt ist: „Nach meinen Kräften verehre ich Mahamaya, die große Göttin, mit vielerlei Speisegaben“,

12.30 naivedyaṃ dehi nitarāmiti yo bhāṣate muhuḥ |
so'pi lokān vibhidyaiva devīloke mahīyate || 30 ||
und immer wieder sagt: „Bringt reichlich Opfergaben!“, der durchdringe die Welten und werde in der Welt der Göttin geehrt.

12.31 bahirvaccakrapūjāṃ ca manasaiva samācaret |
navāvaraṇaśaktīnāṃ pūjanaṃ manasaiva hi || 31 ||
Wie bei der äußeren Verehrung vollziehe man die Chakra-Puja im Geist allein, ebenso die Verehrung der Shaktis der neun Umhüllungen.

12.32 itthamantaḥ samārādhya manasaiva japenmanum |
tadā bhavati siddhīśo devavadviharet kṣitau || 32 ||
Nachdem man so im Inneren verehrt hat, wiederhole man das Mantra geistig. Dann wird man zum Herrn der Vollendungen und wandelt göttergleich auf Erden.

12.33 evameva maheśāni pūjayāmi maheśvarīm |
yogino munayaścaiva pūjayanti sadā priye || 33 ||
Auf eben diese Weise, höchste Göttin, verehre ich die höchste Herrin. Ebenso verehren sie beständig die Yogis und Weisen, Geliebte.

12.34 kevalaṃ mānasenaiva naiva siddho bhavedgṛhī |
sabāhyena tu tenaiva gṛhastho munipuṅgavaḥ || 34 ||
Der im Haushalt Lebende erlangt nach dieser Vorschrift die Vollendung nicht allein durch geistige Verehrung; als Hausvater verbindet er sie mit der äußeren Praxis.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 12.35 dhyānayogaṃ mahādeva śrotumicchāmi he prabho |
saṃpūrṇaṃ kathayeśāna yena siddho bhavet paraḥ[nara ka pāṭhaḥ |] || 35 ||
Parvati sprach: Ich möchte den Yoga der Meditation hören, Mahadeva. Erkläre ihn vollständig, Herr, durch den der Mensch Vollendung erlangt.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 12.36 vinā nyāsairvinā pūjāṃ vinā japya[yye ka pāṭhaḥ |]puraskriyām |
dhyānayogādbhavet siddho nānyathā khalu pārvati || 36 ||
Ishvara sprach: Auch ohne Nyasa, äußere Verehrung, Japa und vorbereitende Purascharana kann man durch meditativen Yoga Vollendung erlangen; hier ist die Meditation selbst entscheidend, Parvati.

12.37 dhyānayogādahaṃ siddho viṣṇuścāpi pitāmahaḥ |
dhyānayogāt paraṃ siddhā[ddho ka pāṭhaḥ |] mānavā api pāpinaḥ || 37 ||
Durch meditativen Yoga bin ich vollendet, ebenso Vishnu und der Ahnherr Brahma. Durch ihn erlangen selbst Menschen mit Verfehlungen höchste Vollendung.

12.38 sarvatantreṣu yadguhyaṃ sarvasiddhipradāyakam |
vinā yena na sidhyanti varṣakoṭiśatairapi || 38 ||
Was in allen Tantras verborgen ist, alle Vollendungen gewährt und ohne das man selbst in Milliarden Jahren nicht zur Vollendung gelangt,

12.39 dhyānayogaṃ pravakṣyāmi sarvatattvapradāyakam |
ekānte vijane ramye kṛtāsanaparigrahaḥ || 39 ||
den Yoga der Meditation, der alle Wirklichkeitsprinzipien erschließt, werde ich lehren. An einem schönen, einsamen, menschenleeren Ort nehme man seinen Sitz ein.

12.40 nivṛttākhilacidvṛttirmudrāmudritavigrahaḥ |
kāraṇānandasaṃdohairbahirantaḥprapūritaḥ || 40 ||
Alle Bewegungen des Geistes seien zur Ruhe gekommen, der Leib durch die Mudra gesammelt; innen und außen sei man von der Fülle ursächlicher Wonne erfüllt.

12.41 gurūn natvā vidhānena so'hamityu[tipa ka pāṭhaḥ |]parodhataḥ |
aikyaṃ saṃbhāvayeddhīmāñjīvasya brahmaṇo'pi ca || 41 ||
Man verneige sich vorschriftsmäßig vor den Gurus und vertiefe sich in „so'ham“, „Ich bin Das“. So vergegenwärtige der Verständige die Einheit der individuellen Seele mit Brahman.

12.42 kāraṇe sarvabhūtānāṃ tattvānyapi ca cintayet |
bījabhāvena līnāni vyutkramāt paramātmani || 42 ||
Im höchsten Selbst, der Ursache aller Wesen, betrachte man die Wirklichkeitsprinzipien als in umgekehrter Reihenfolge in ihren Keimzustand aufgelöst.

12.43 evaṃ vicintya deveśi pārthivāṃśaṃ jale gatam |
jalaṃ tejasi līnaṃ ca tejo vāyau vicintayet [jala ca tejaso rūpa tejorūpa vicintayet | nirvāṇavāyunā vahni vāyunātra vicintayet || iti ka pāṭhaḥ |] || 43 ||
Man stelle sich vor, Herrin der Götter, wie das Erdelement ins Wasser eingeht, Wasser ins Feuer und Feuer in den Wind.

12.44 ākāśe saṃhṛtaṃ vāyu khaṃ ca manasi līyate |
mano'haṃkāravaśagaṃ tathāhaṃ [tathā vai manasi ka pāṭhaḥ |] mahati sthitam || 44 ||
Der Wind löst sich im Raum auf, der Raum im Geist; der Geist geht in den Ichbildner ein, dieser in das große Erkenntnisprinzip Mahat.

12.45 mahāntaṃ prakṛtau līnaṃ cintayet parameśvari |
mumukṣuścintayellīnāṃ prakṛtiṃ paramātmani || 45 ||
Mahat betrachte man als in Prakriti aufgelöst, höchste Herrin; der nach Befreiung Verlangende betrachte Prakriti als in das höchste Selbst eingegangen.

12.46 nāho na rātrirna saṃdhyā na sūryo naiva candramāḥ |
idaṃ tamomayaṃ sarvamāsīdbhuvanavarjitam || 46 ||
Es gibt weder Tag noch Nacht noch Dämmerung, weder Sonne noch Mond. Alles ist dunkel, ohne entfaltete Welten.

12.47 aprajñātamalakṣyaṃ ca prasuptamiva sarvataḥ |
cintayitvā maheśāni na kiṃcidapi bhāvayet || 47 ||
Unerkennbar, ohne Kennzeichen und wie gänzlich im Schlaf versunken: Nachdem man dies betrachtet hat, große Herrin, bilde man keinerlei Vorstellung mehr.

12.48 ekamāsīt paraṃ brahma nityaṃ sūkṣmamatīndriyam |
nityānandamayaṃ dhāma tejorūpaṃ sanātanam || 48 ||
Allein das höchste Brahman ist da: ewig, fein, jenseits der Sinne, eine Lichtstätte beständiger Glückseligkeit, uranfänglich und leuchtend.

12.49 tadeva prakṛtiḥ sā tu tejorūpā sanātanī |
nityānandavapurdevī tadrūpā tatprakāśinī || 49 ||
Dasselbe ist auch Prakriti, die ewige Lichtgestalt. Die Göttin besitzt einen Leib beständiger Wonne; sie ist seine Gestalt und bringt es zum Leuchten.

12.50 tayoryogādabhūdvṛṣṭiḥ paramāmṛtarūpiṇī |
paripūrṇamidaṃ devi samastaṃ plāvayet tathā || 50 ||
Aus ihrer Vereinigung entsteht ein Regen aus höchstem Nektar. Er erfüllt und überflutet das All, Göttin.

12.51 tatrāmbhasi svamātmānaṃ cintayet sādhakottamaḥ |
budbudaṃ cintayettatra prakṛtiṃ cintayet parām || 21 ||
In diesem Wasser betrachte der hervorragende Praktizierende das eigene Selbst. Dort stelle er sich eine Blase vor und darin die höchste Prakriti.

12.52 prakṛtirhi mahāntaṃ vai ahaṃ ca mahatastathā |
ahaṅkārānmanaścaiva manasaḥ khaṃ samutthitam || 52 ||
Aus Prakriti entsteht Mahat, aus Mahat der Ichbildner, aus diesem der Geist und aus dem Geist der Raum.

12.53 ākāśādvāyumu[mākṛ kha pāṭhaḥ |]tkṛṣya vāyostejaḥ samutthitam |
tejaso jalamāsādya jalācca pṛthivīṃ smaret || 53 ||
Aus dem Raum tritt Wind hervor, aus Wind Feuer, aus Feuer Wasser und aus Wasser Erde: So vergegenwärtige man die Entfaltung.

12.54 bahiṣkṛtya yathāsthānaṃ niveśya vidhinā tataḥ |
haimaṃ brahmāṇḍamebhiḥ syād bhūbījena dṛḍhaṃ smaret || 54 ||
Man lasse sie hervortreten und ordne sie vorschriftsmäßig ihren Orten zu. Aus ihnen bilde sich ein goldenes Weltenei, das man mit dem Erd-Bija festige.

12.55 praṇavena dvidhā kṛtvā jalaughaiḥ paripūrayet |
brahmāṇḍābhyantare toyaṃ tadadho bhekamavyayam || 55 ||
Mit Om teile man es in zwei Hälften und fülle es mit Wasserfluten. Im Inneren des Welteneis ist Wasser; darunter betrachte man den unvergänglichen Frosch.

12.56 tasya pṛṣṭhe mahādevi kālāgnirudrarūpakam |
ādhāraśaktiṃ tatraiva mūlaprakṛtirūpiṇīm || 56 ||
Auf dessen Rücken betrachte man die Gestalt Kalagni-Rudras, große Göttin, und dort die tragende Shakti in Gestalt der Urnatur.

12.57 brahmaśilāsamārūḍhāṃ kūrmākārāṃ śaśiprabhām |
padmadvayadharāṃ devīṃ mūrdhani kūrmadhāriṇīm [karma ca mūrdhni dhāriṇīm ka pāṭhaḥ |] || 57 ||
Sie ruht auf dem Brahma-Stein, ist schildkrötenförmig und mondhell. Die Göttin hält zwei Lotusblüten und trägt eine Schildkröte auf ihrem Haupt.

12.58 nīlābhaṃ cintayet kūrmamanantaṃ kundasaṃnibham |
tasya mūrdhni sthitaṃ devi śvetaṃ vārāharūpakam || 58 ||
Die Schildkröte betrachte man als blau, Ananta als weiß wie die Kunda-Blüte; auf seinem Haupt steht die weiße Ebergestalt, Göttin.

12.59 tamālaśyāmalāṃ dante dhārayantaṃ vasundharām |
tāṃ ca saṃcintayettatra nīlendīvaradhāriṇīm || 59 ||
Auf seinem Hauer trägt der Eber die Erdgöttin, dunkel wie ein Tamala-Blatt. Sie hält einen blauen Lotus.

12.60 cintayet salilaiḥ pūrṇāṃ catuḥsāgaramekhalām |
tanmadhye cintayeddevi sudhāsāgaramadbhutam || 60 ||
Man betrachte sie als wasserreich, von den vier Meeren umgürtet. In ihrer Mitte stelle man sich ein wunderbares Nektarmeer vor.

12.61 raktābhamamṛtaṃ tatra śuddhalākṣārasopamam |
tanmadhye cintayeddevi dvīpaṃ vidrumasaṃnibham || 61 ||
Sein Nektar leuchtet rot wie reiner Lacksaftextrakt. In seiner Mitte betrachte man eine korallengleiche Insel, Göttin.

12.62 girirājaśatākīrṇaṃ paritekṣuvanaṃ [aiśa pāṭha |] mahat |
girau svarṇagiriṃ caiva kalpodyānaṃ girestaṭe || 62 ||
Sie ist von hundert mächtigen Bergen erfüllt und von einem großen Zuckerrohrwald umgeben. Unter den Bergen ist ein goldener Berg; an seinem Hang liegt ein Garten der Wunscherfüllung.

12.63 campakāśokapunnāgapāṭalaiḥ kuṭajaistathā |
lavaṅgamādhavībilva-devadārunamerubhiḥ || 63 ||
Champaka, Ashoka, Punnaga, Patala, Kutaja, Gewürznelke, Madhavi, Bilva, Zeder und Nameru wachsen dort.

12.64 mandārapārijātādyaiḥ kalpavṛkṣaiḥ supuṣpitaiḥ |
sarvato'laṃkṛtaṃ divyairnityapuṣpaphaladrumaiḥ || 64 ||
Mandara, Parijata und andere reich blühende Wunschbäume schmücken ihn ringsum: göttliche Bäume, die ständig Blüten und Früchte tragen.

12.65 candanaiḥ karṇikāraiśca mātuluṅgaiḥ karañjakaiḥ |
drākṣekṣurambhājambūbhirmadhukairāmrakairapi || 65 ||
Sandel, Karnikara, Zitronatzitrone, Karanja, Weinreben, Zuckerrohr, Bananen, Jambu, Madhuka und Mango,

12.66 dāḍimīcūtapanasaiḥ pūgaiḥ karpūrakairapi |
kadalīkundakharjūranārikelairalaṃkṛtam || 66 ||
Granatapfel, weitere Mangobäume, Jackfrucht, Betelnusspalmen, Kampferbäume, Bananenstauden, Kunda, Dattel- und Kokospalmen zieren ihn.

12.67 kadambaiḥ karavīraiśca tagarairnāgakesaraiḥ |
yā[pā kha pāṭhaḥ |]vantīsvarṇayūthī[thi ka pāṭhaḥ |]bhirvajrairdamanakairapi || 67 ||
Kadamba, Oleander, Tagara, Nagakeshara, Yavanti, Goldjasmin, Vajra und Damanaka wachsen dort. Einzelne Pflanzennamen lassen sich nicht sicher botanisch zuordnen.

12.68 mālatīmallikājātīketakīśatapatrakaiḥ |
anyaiḥ sugandhipuṣpādyaiḥ śobhitaṃ yūthikādibhiḥ || 68 ||
Malati-, Mallika- und Jati-Jasmin, Ketaki, hundertblättrige Blüten und andere duftende Blumen wie Yuthika schmücken den Garten.

12.69 anyonyāsaktavallībhirvṛkṣaṣaṇḍaiśca maṇḍitam |
sarvartukusumopetairnamadbhirupaśobhitam || 69 ||
Ineinander verschlungene Ranken und Baumgruppen zieren ihn; die Bäume tragen die Blüten sämtlicher Jahreszeiten und neigen sich unter ihrer Fülle.

12.70 mandamārutasaṃbhinnakusumāmodadiṅmukham |
utphullakusumāmodaprahṛṣyadbhṛṅgasaṃkulam || 70 ||
Ein sanfter Wind verbreitet den Blütenduft in alle Richtungen. Schwärme von Bienen erfreuen sich am Duft der voll erblühten Blumen.

12.71 kūjatkokilasaṃghena[hena ka pāṭhaḥ |] vācālitadigantaram |
kālameghasamālokanṛtyadbarhikadambakam || 71 ||
Rufende Kuckucksscharen erfüllen die Himmelsrichtungen mit Klang; Pfauengruppen tanzen beim Anblick dunkler Regenwolken.

12.72 śārikāśukabahulaiḥ kūjatkalaravairyutam |
dvandvabhāvaṃ prakurvadbhirmṛgairnānāvidhairapi || 72 ||
Viele Beos und Papageien lassen ihre lieblichen Rufe hören; Tiere verschiedenster Arten leben dort paarweise zusammen.

12.73 saritsarobhira[rā ka pāṭhaḥ |]cchodaiḥ śobhitaṃ kumudotpalaiḥ |
teṣu saraḥsu vipulaṃ mahārasarasāmṛtam || 73 ||
Klare Flüsse und Seen, geschmückt mit Wasserlilien und Lotusblüten, durchziehen den Garten. Unter den Seen liegt ein weiter See voll Nektar höchsten Wohlgeschmacks.

12.74 sarvato'laṃkṛtaṃ divyaṃ lasatkāñcanapaṅkajam |
mattaṣaṭpadani(ryya?rju)ṣṭaṃ śakuntaiśca kalasvanaiḥ || 74 ||
Göttlich und allseits geschmückt, trägt er leuchtende goldene Lotusblüten. Verzückte Bienen und lieblich singende Vögel bevölkern ihn.

12.75 haṃsakāraṇḍavākīrṇaṃ cakrāhvaiḥ sārasairapi |
tanmahāsaraḥpuline ratnasopānamaṇḍite || 75 ||
Schwäne, Wildenten, Chakravaka-Vögel und Kraniche erfüllen ihn. Am Ufer dieses großen Sees, geschmückt mit Edelsteintreppen,

12.76 mahārasarasāndolavīcivikṣepaśītale |
sarvakāmadughaṃ divyaṃ sarvaratnasamanvitam || 76 ||
gekühlt von den versprühenden Wellen seines kostbaren Saftes, stehe ein göttlicher, alle Wünsche erfüllender Baum, mit sämtlichen Edelsteinen geschmückt.

12.77 mauktikaiḥ kusumaiḥ sragbhirdukūlaiḥ svarṇatoraṇaiḥ |
smaret kalpataruṃ tatra tadadho ratnabhūmikām || 77 ||
Mit Perlen, Blumen, Girlanden, feinen Gewändern und goldenen Torbögen betrachte man diesen Wunschbaum. Unter ihm liegt ein Edelsteinboden,

12.78 vistīrṇaṃ sumanovyāptāṃ [mahadvyā ka pāṭhaḥ |] tanmadhye ratnamaṇḍapam |
paritaḥ pārijātāḍhyaṃ bhāsvaraṃ śaśiśītalam || 78 ||
weit und blumenbedeckt; in seiner Mitte ein Edelsteinpavillon, rings von Parijata-Bäumen umgeben, strahlend und mondkühl.

12.79 udyadādityasaṃkāśaṃ ratnasopānamaṇḍitam |
śatayojanavistīrṇaṃ caturdvārasamanvitam || 79 ||
Er leuchtet wie die aufgehende Sonne, ist mit Edelsteinstufen geschmückt, hundert Yojanas weit und mit vier Toren versehen.

12.80 dvārṣu vidrumadehalyābhātaṃ vajrakavāṭakam |
ratnasaṃkḷptasaṃśobhikavāṭāṣṭakasaṃyutam || 80 ||
Seine Tore besitzen Korallenschwellen und diamantene Türflügel; insgesamt acht Türflügel strahlen in ihrem Edelsteinschmuck.

12.81 nānāratnaviśobhāḍhya[ḍya ka pāṭhaḥ |]ratnaprākāramaṇḍitam |
navaratnasamākḷptatuṅgaprākāratoraṇam || 81 ||
Eine mit vielerlei Edelsteinen geschmückte Umfassungsmauer umgibt ihn; hohe Mauern und Torbögen bestehen aus den neun Edelsteinen.

12.82 tatra tatra viniḥkṣiptanānāratnopaśobhitam |
mahāmarakatasthalyā juṣṭaṃ [yuṣṭa ka pāṭhaḥ |] vidrumavedibhiḥ || 82 ||
Überall leuchten eingelassene Juwelen. Große Smaragdflächen und Altäre aus Korallen schmücken ihn.

12.83 śikhareṣvindranīleṣu hemakumbhairalaṃkṛtam |
cakṣuṣmatpadmarāgāgrairvajrabhittiṣu nirgataiḥ || 83 ||
Goldene Krüge zieren seine Saphirspitzen; aus diamantenen Wänden ragen leuchtende Rubinspitzen hervor, Augen gleich.

12.84 juṣṭaṃ [yu ka pāṭhaḥ |] vicitravaitānairmahā(rghyai?rghai)rhematoraṇaiḥ |
sarvarddhyupacayairarkamaṇistambhairvirājitam || 84 ||
Kostbare bunte Baldachine und goldene Torbögen schmücken ihn; Säulen aus Sonnenstein und jede Fülle von Wohlstand lassen ihn erstrahlen.

12.85 hemadaṇḍaśikhālambidhvajāvalipariṣkṛtam [skṛtam ka pāṭhaḥ |] |
svasvasthāna(sthi?kṛ)tāvasthairlokapālairadhiṣṭhitam || 85 ||
Fahnenreihen hängen von goldenen Stangen. Die Hüter der Weltrichtungen nehmen jeweils ihren eigenen Platz ein.

12.86 siddhacāraṇagandharvairvidyādharamahoragaiḥ |
kinnarairapsarobhiśca krīḍadbhi(rdu?rju)ṣṭadiṅmukham || 86 ||
Siddhas, Charanas, Gandharvas, Vidyadharas, große Nagas, Kinnaras und Apsaras spielen in allen Richtungen.

12.87 nṛtyasaṃgītaniratairamarastrīgaṇairyutam |
navaratnasamābaddhastambharājivirājitam || 87 ||
Gruppen himmlischer Frauen widmen sich Tanz und Musik. Reihen von Säulen, mit den neun Edelsteinen besetzt, strahlen.

12.88 taptahāṭakasaṃkḷptavātāyanamanoharam |
nānāratnāṃśukodbaddhasuvarṇaśatakoṭibhiḥ || 88 ||
Fenster aus glühend wirkendem Gold machen ihn lieblich; unzählige goldene Verzierungen sind mit verschiedenartigen Edelsteinbehängen verbunden.

12.89 kiṃki(nī?ṇī)maṇisaṃnaddhapatākābhiralaṃkṛtam |
mahāmāṇikyavaidūryaratnacāmarabhūṣitam || 89 ||
Banner mit Glöckchen und Juwelen sowie Yakschweifwedel mit großen Rubinen und Vaidurya-Steinen schmücken ihn.

12.90 jātarūpamayai ratnaiścitritairativistṛtaiḥ |
māṇikyaratnavaidūryasvarṇamālāvalīyutaiḥ || 90 ||
Weite Baldachine aus Gold, mit Edelsteinen durchwirkt und mit Reihen von Rubin-, Vaidurya- und Goldgirlanden besetzt,

12.91 antarāntarasaṃbaddharatnairdṛṣṭimanoharaiḥ |
vicitritaiścitravarṇairvitānairupaśobhitam || 91 ||
dazwischen augenentzückende Juwelen, vielfarbig und kunstvoll gestaltet, machen ihn prächtig.

12.92 sthūlamuktāphaloddāmalambamānairalaṃkṛtam |
uparyupari vinyastanilayeṣu pṛthak pṛthak || 92 ||
Herabhängende Schnüre großer Perlen zieren ihn. Auf den übereinanderliegenden Ebenen sind jeweils eigene Räume eingerichtet.

12.93 kḷptaiḥ kaśi(mbu?pu)bhiḥ kāntaṃ paryaṅkavyajanāsanaiḥ |
divyopakaraṇopetaṃ sarvakālasukhāvaham || 93 ||
Kissen, Ruhebetten, Fächer und Sitze machen diese Räume behaglich. Göttliche Gerätschaften gewähren zu jeder Zeit Wohlbefinden.

12.94 dukūlakṣaumakau(ṣe?śe)yairnānāvarṇairvirājitam |
sragbhirvicitrapuṣpābhirmañjuśiñja[jjaṣa ka pāṭhaḥ |]tṣaḍaṅghribhiḥ || 94 ||
Feine Stoffe, Leinen und Seide in vielen Farben strahlen; an Girlanden aus bunten Blüten summen lieblich die Bienen.

12.95 candanāgurukarpūramṛganābhivilepitam |
candanāgurukarpūradhūpitaṃ [pradhūpitam ka pāṭhaḥ |] sumanoharam || 95 ||
Sandel, Aloeholz, Kampfer und Moschus dienen als Salben; Sandel, Aloeholz und Kampfer erfüllen alles mit angenehmem Räucherduft.

12.96 nānākusumasaurabhyavāhigandhavahānvitam |
nandanodyānamadhyasthamadhaḥ kalpatarorapi || 96 ||
Ein Wind trägt den Duft vieler Blumen. Der Pavillon liegt im Nandana-Garten unter dem Wunschbaum.

12.97 evaṃ saṃcintya manasā maṇḍapaṃ sumanoharam |
tanmadhye sphuritaṃ dhyāyenmahāmāṇikyamaṇḍapam || 97 ||
Nachdem man diesen überaus schönen Pavillon im Geist betrachtet hat, meditiere man in seiner Mitte über einen strahlenden Pavillon aus großen Rubinen.

12.98 śaraccandranibhacchatraṃ muktāmāṇikyamaṇḍitam |
hemadaṇḍaśikhālambi śvetacāmarabhūṣitām || 98 ||
Ein Schirm, hell wie der Herbstmond, mit Perlen und Rubinen geschmückt, hängt an einer goldenen Stange; weiße Yakschweifwedel zieren ihn.

12.99 tadadhaḥsthāṃ smaredraktāṃ mahāmāṇikyavedikām |
udyadarkendukiraṇāṃ caturasropaśobhitam || 99 ||
Darunter betrachte man einen roten Altar aus großen Rubinen, viereckig und strahlend wie die aufgehende Sonne und der Mond.

12.100 vedikā vedikāsthāne siṃhāsanaṃ tatopari [aiśa pāṭhaḥ |] |
tasyāgneyādikoṇeṣu dharmādikāṃstu saṃsmaret || 100 ||
An der Altarstelle steht auf der Plattform ein Löwenthron. An dessen Ecken, beginnend im Südosten, vergegenwärtige man Dharma und die weiteren tragenden Kräfte.

12.101 dikṣvadharmādikāṃstatra cintayedgātrarūpiṇaḥ |
raktaśyāmaharidrendranīlābhān pādarūpiṇaḥ || 101 ||
In den Hauptrichtungen betrachte man Adharma und die weiteren Gegenkräfte als Körperteile des Thrones. Seine Füße erscheinen rot, dunkel, gelb und saphirblau.

12.102 vṛṣake(śavibhṛ?saribhū)tebharūpān dharmādikān smaret |
prasūnatūlikāṃ tatra siṃhāsanasya madhyame || 102 ||
Dharma und die übrigen Kräfte betrachte man in Gestalt von Stier, Löwe, Geistwesen und Elefant; die Tierfolge ist mit einer Lesungsunsicherheit überliefert. Inmitten des Löwenthrones liegt ein Blumenpolster.

12.103 tanmadhye paramaṃ dhyāyet sarvatattvātmakāmbujam |
ānandakandamevātra saṃvinnālaṃ tathaiva ca || 103 ||
Darin meditiere man über den höchsten Lotus, der aus allen Wirklichkeitsprinzipien besteht. Seine Wurzel ist Wonne, sein Stängel Bewusstsein.

12.104 prakṛtivikārarūpadvātriṃśatpatrakesaram |
pañcāśadvarṇabījāḍhyakarṇikāparimaṇḍitam || 104 ||
Seine zweiunddreißig Blütenblätter und Staubfäden verkörpern Prakriti und ihre Entfaltungen. Sein Fruchtboden ist mit den fünfzig Lautkeimen ausgestattet.

12.105 karṇikāyāṃ smaret sūryaṃ tanmadhye somamaṇḍalam |
[somamaṇḍalamadhye tu saṃsmaredvahnimaṇḍalam] || 105 ||
Auf dem Fruchtboden betrachte man die Sonne und in ihrer Mitte den Mondkreis. Der zweite Halbvers ist in der Vorlage nicht ausgeführt.

12.106 vahnimaṇḍalamadhyasthe tu sattvaṃ ca paricintayet |
rajaśca tatra saṃcintya tamo'pi ca tanmadhyataḥ || 106 ||
Im Feuerkreis betrachte man Sattva, darin Rajas und in dessen Mitte auch Tamas.

12.107 jñānatattvātmanaścaiva māyātattvātmanastathā |
vidyātattvātmano devi kalātattvātmano yajet || 107 ||
Man verehre das Wesen des Jnana-Tattva, des Maya-Tattva, des Vidya-Tattva und des Kala-Tattva, Göttin.

12.108 brahmā viṣṇuśca rudraśca īśvaraśca sadāśivaḥ |
ete pañca mahāpretāścaturdiṅmadhyasaṃsthitāḥ || 108 ||
Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Sadashiva sind die fünf großen reglosen Träger, in den vier Richtungen und in der Mitte aufgestellt.

12.109 sadāśivoparigataṃ triśṛṅgajyotiravyayam |
tasya madhye mahāpadmaṃ pīyūṣaparipūritam || 109 ||
Über Sadashiva befindet sich ein unvergängliches dreispitziges Licht; in dessen Mitte ein großer, mit Nektar gefüllter Lotus.

12.110 sudhārṇavāsane tatra tripurāṃ prakaṭeśvarīm |
potāmbujāsane tadvaccintayet tripureśvarīm || 110 ||
Auf dem Sitz des Nektarmeeres betrachte man Tripura als Herrin der offenbaren Yoginis; auf dem Lotusbootsitz Tripureshvari.

12.111 cintayet sādhako bhaktyā guptayoginyadhīśvarīm |
ātmāsanagatāṃ tatra smaret tripurasundarīm || 111 ||
Hingebungsvoll betrachte der Praktizierende die Herrin der verborgenen Yoginis. Auf dem Selbst-Sitz vergegenwärtige er Tripurasundari,

12.112 guptatareśvarīṃ devīṃ cakrāsane vicintayet |
tripuravāsinīṃ devīṃ saṃpradāyagaṇeśvarīm || 112 ||
die Göttin und Herrin der noch verborgeneren Yoginis. Auf dem Chakra-Sitz betrachte er Tripuravasini, die Herrin der Überlieferungsgruppe.

12.113 sarvamaṃtrāsane devi cintayet tripura[rāśri kha pāṭhaḥ |]śriyam |
kulakauleśvarīṃ devīṃ sādhyāsanagatāṃ tataḥ || 113 ||
Auf dem Sitz aller Mantras betrachte man Tripurashri, Göttin, die Herrin der Kula-Kaulas; dann auf dem Sadhya-Sitz

12.114 tripuramālinīṃ prājñe nigarbhayoginīśvarīm |
siddhāsane tataḥ paścāt siddhāṃ tripurapūrvikām || 114 ||
Tripuramalini, Weise, die Herrin der Nigarbha-Yoginis. Darauf betrachte man Tripurasiddha auf dem Siddha-Sitz.

12.115 paryaṅkaśaktipīṭhe tu tripurāmbāṃ vicintayet |
kāmeśvarāṅkaparyaṅkasamāsīnāṃ parāṃ kalām || 115 ||
Auf dem Shakti-Ruhesitz betrachte man Tripuramba, die höchste Kala, die auf dem Schoß Kameshvaras wie auf einem Ruhebett sitzt.

12.116 raktapadmanibhāṃ devīṃ bālārkakiraṇāruṇām |
japākusumasaṃkāśāṃ dāḍimīkusumaprabhām [mopamām ka pāṭhaḥ |] || 116 ||
Die Göttin gleicht einem roten Lotus, gerötet von den Strahlen der jungen Sonne; sie leuchtet wie Hibiskus- und Granatapfelblüten.

12.117 padmarāgapratīkāśāṃ kuṅkumodakasaṃnibhām |
sphuranmukuṭamāṇikyakiṅkiṇījālamaṇḍitām || 117 ||
Sie gleicht einem Rubin und rotem Kumkuma-Wasser. Leuchtende Rubine in ihrer Krone und Netze kleiner Glöckchen schmücken sie.

12.118 kālālikulasaṃkāśakuṭilālakapallavām |
pratyagrāruṇasaṃkāśavadanāmbhojamaṇḍalām || 118 ||
Ihre lockigen Haarsträhnen gleichen Schwärmen dunkler Bienen; ihr Lotusgesicht erstrahlt wie die frische Morgenröte.

12.119 kiṃcidardhendukuṭilalalāṭamṛdupaṭṭikām |
pinākadhanurākārasubhruvaṃ [bhrūlatā ka pāṭhaḥ |] parameśvarīm || 119 ||
Ihre weiche Stirn ist leicht wie ein Halbmond gebogen; die schönen Brauen der höchsten Herrin gleichen Shivas Pinaka-Bogen.

12.120 ānandamuditollolalīlāndolita[lalita kha pāṭhaḥ |]locanām |
sphuranmayūkhasaṃghātavilasaddhemakuṇḍalām || 120 ||
Ihre Augen bewegen sich spielerisch, von freudiger Wonne erfüllt; goldene Ohrringe strahlen in Bündeln aufblitzender Lichtstrahlen.

12.121 [lalita ka pāṭhaḥ |]sugaṇḍamaṇḍalābhogajitendvamṛtamaṇḍalām [ndusutalocanām ka pāṭhaḥ |] |
viśvakarmavini[dini ka pāṭhaḥ |]rmāṇasūtrasu[vi kha pāṭhaḥ |]spaṣṭanāsikām || 121 ||
Die Fülle ihrer schönen Wangen übertrifft den Nektarglanz des Mondes. Ihre Nase ist vollkommen geformt, als nach Vishvakarmas genauem Entwurf gestaltet.

12.122 tāmra[rakta kha pāṭhaḥ |]vidrumabimbābharaktoṣṭhī[ntarbimboṣṭhī ka pāṭhaḥ |]mamṛtopamām |
dāḍimībījavajrābhadantapaṅktivirājitām [suśobhitām ka pāṭhaḥ |] || 122 ||
Ihre roten Lippen gleichen Kupfer, Korallen und Bimba-Früchten und sind wie Nektar. Ihre Zahnreihen leuchten wie Granatapfelkerne und Diamanten.

12.123 ratnadvīpasamudbhāsijihvāṃ madhurabhāṣiṇīm [sphuradbhāṣajihvāmūlavirājitām kha pāṭhaḥ | ida padyārdha ka pāṭhe nāsti |] |
smitamādhuryavijitamādhuryarasasāgarām || 123 ||
Ihre Zunge leuchtet wie eine Edelsteininsel; sie spricht süß. Die Lieblichkeit ihres Lächelns übertrifft ein Meer süßen Wohlgeschmacks.

12.124 anaupamyaguṇopetacibukoddeśaśobhitām |
kambugrīvāṃ mahādevīṃ mṛṇālalalitairbhujaiḥ || 124 ||
Ihr Kinn besitzt unvergleichliche Schönheit; ihr Hals gleicht einer Muschel. Die Arme der großen Göttin sind anmutig wie Lotusstängel,

12.125 maṇikaṅkaṇakeyūrabhārakhinnaiḥ praśobhitām [bhūṣaṇai pariśobhitām ka pāṭhaḥ |] |
raktotpaladalākārasukumārakarāmbujām || 125 ||
vom Gewicht juwelenbesetzter Armreifen und Oberarmspangen beschwert. Ihre zarten Lotushände gleichen roten Lotusblättern.

12.126 karāmbujanakhajyotsnā[tirvi kha pāṭhaḥ |]virājitanabhaḥsthalām [līm ka pāṭhaḥ |] |
muktāhāralatopetapīnonnata[samunna ka pāṭhaḥ |]payodharām [pīnavṛttonnatakucā tanumadhyena śobhitāmityadhikaḥ pāṭhaḥ kha |] |
trivalīvalanāyuktamadhyadeśasuśobhitām || 126 ||
Das Mondlicht ihrer Fingernägel erhellt den Raum. Perlenketten schmücken ihre vollen, hohen Brüste; drei zarte Hautfalten zieren ihre schöne Taille.

12.127 lāvaṇyasaridāvarttākāranābhivibhūṣitām [suśobhitām ka pāṭhaḥ |] |
anargha[rghya ka pāṭhaḥ |]ratnaghaṭitakāñcīyuktanitambinīm || 127 ||
Ihr Nabel gleicht einem Wirbel im Strom der Schönheit. Ein Gürtel aus unschätzbaren Edelsteinen umgibt ihre Hüften.

12.128 nitambabimbadviradaromarājīvarāṅkuśām |
kadalīlalitastambhasukumārorumīśvarīm || 128 ||
Die Haarlinie gleicht einem feinen Elefantenstachel über der Fülle ihrer Hüften. Die Oberschenkel der Herrin sind zart und anmutig wie Bananenstämme.

12.129 lāvaṇyakandalī[kadalī kha pāṭhaḥ |]tulyajaṅghāyugalamaṇḍitām |
gūḍhagulphapadadvandvaprapadājitakacchapām || 129 ||
Ihre Unterschenkel gleichen jungen Sprossen der Schönheit; die Knöchel sind wohl verborgen, und der Schwung ihrer Fußrücken übertrifft den Schildkrötenpanzer.

12.130 nūpurairvilasatpādapaṅkajātimanoharām |
brahmaviṣṇuśiroratnanirghṛṣṭacaraṇāmbujām || 130 ||
Ihre mit Fußreifen geschmückten Lotusfüße sind überaus lieblich; die Edelsteine auf den Häuptern Brahmas und Vishnus berühren sie bei deren Verneigung.

12.131 tanudīrghāṅgulībhāsvannakhacandravirājitām |
śītāṃśuśatasaṃkāśakāntisaṃtānahāsinīm || 131 ||
Schlanke, lange Zehen mit mondgleich strahlenden Nägeln schmücken sie. Ihr Lächeln verströmt Glanz wie hundert kühle Monde.

12.132 lauhityajitasindūrajapādāḍimarāgiṇīm |
raktavastraparīdhānāṃ raktābharaṇabhūṣitām || 132 ||
Ihre Röte übertrifft Zinnober, Hibiskus und Granatapfelblüten. Sie trägt rote Gewänder und roten Schmuck.

12.133 icchāśaktimayaṃ pāśamaṅkuśaṃ jñānarūpiṇam |
kriyāśaktimaye bāṇadhanuṣī dadhatīṃ parām || 133 ||
Ihre Schlinge besteht aus Willenskraft, ihr Stachel aus Erkenntnis; Pfeile und Bogen bestehen aus Handlungskraft. So trägt die Höchste die drei Shaktis als ihre Attribute.

12.134 karpūraśakalonmiśratāmbūlapūritānanām |
mahāmṛgamadoddāmakuṅkumāruṇavigrahām || 134 ||
Ihr Mund ist mit Betel und Kampferstückchen gefüllt; ihr Leib ist durch kräftigen Moschus und Kumkuma gerötet.

12.135 sarvaśṛṅgāraveśāḍhyāṃ sarvālaṃkārabhūṣitām |
jagadāhlādajananīṃ jagadrañjanakāriṇīm || 135 ||
Sie trägt die ganze Pracht liebevoller Schönheit und allen Schmuck. Sie gebiert die Freude der Welt und erfüllt die Welt mit Entzücken.

12.136 jagadākarṣaṇakarīṃ jagatkāraṇa[sthāpana kha pāṭhaḥ |]rūpiṇīm |
sarvadeva[mantra ka pāṭhaḥ |]mayīṃ devīṃ sarvamantramayīṃ parām [saubhāgyasundarīm kha pāṭhaḥ |] || 136 ||
Sie zieht die Welt an und ist die Ursache der Welt. Die höchste Göttin besteht aus allen Gottheiten und allen Mantras.

12.137 sarvalakṣmīmayīṃ sākṣā[nityā kha pāṭhaḥ |]tparamānandarūpiṇīm [sundarīm kha pāṭhaḥ |] |
nirlepaṃ nirguṇaṃ śuddhamātmānaṃ tripurāmayam || 137 ||
Sie trägt sämtliches Glück in sich und verkörpert unmittelbar höchste Wonne. Das Selbst betrachte man als unbefleckt, eigenschaftslos, rein und ganz Tripura.

12.138 ātmābhedena saṃcintya yāti tanmayatāṃ naraḥ |
[so kha pāṭhaḥ |]sāhamityasya satataṃ cintanāttanmayo bhavet || 138 ||
Wer sie als ungetrennt vom eigenen Selbst betrachtet, geht in ihr Wesen ein. Durch beständiges Vergegenwärtigen von „Ich bin sie“ wird man ganz von ihr erfüllt.

12.139 tāmeva cintayeddevi nānyat kiṃcittayā vinā |
tattejobhiridaṃ sarvaṃ paripūrṇaṃ vibhāvayet || 139 ||
Allein sie betrachte man, Göttin, nichts von ihr Getrenntes. Man erkenne das gesamte All als von ihrem Licht erfüllt.

12.140 evaṃ bhāvanayāviṣṭo[dṛṣṭo kha pāṭhaḥ |] devavadviharet kṣitau |
dhyānayogaparasyāsya pūjyo nāstīha kaścana || 140 ||
Von dieser Betrachtung durchdrungen, lebe man auf Erden wie eine Gottheit. Für den ganz im Meditationsyoga Ruhenden gibt es niemanden als ein von ihm getrenntes höheres Verehrungsobjekt.

12.141 sa eva sukṛtī loke sa pūjyo natu pūjakaḥ |
yogātmā yogavijjñānī sa devo natu mānuṣaḥ || 141 ||
Er ist wahrhaft gesegnet in der Welt, selbst verehrungswürdig und nicht bloß Verehrer. Sein Wesen ist Yoga; er kennt Yoga und Erkenntnis und wird als Gottheit statt als gewöhnlicher Mensch angesehen.

12.142 saṃnyāsī sa ca vinyāsī yuktātmā sa munirmataḥ |
nāsādhyaṃ vartate tasya sa siddho yogipuṅgavaḥ || 142 ||
Er gilt als Entsagender, als Vollzieher des Nyasa, als gesammelter Weiser. Nichts bleibt für ihn unverwirklichbar; er ist vollendet, ein hervorragender Yogi.

12.143 indriyaprīṇanairdravyaistoṣayed bhūṣayet sadā |
ātmānameva satataṃ pūjayed devatādhiyā || 143 ||
Mit sinnenfreundlichen Gaben erfreue und schmücke man sich beständig; das eigene Selbst verehre man stets im Bewusstsein seiner Göttlichkeit.

12.144 devavadviharennityaṃ kāla[dhyāna ka pāṭhaḥ |]yogaparāyaṇaḥ |
yat paśyati yacchṛṇoti gītanṛtyādikaṃ ca yat || 144 ||
Ganz dem Yoga der Zeit hingegeben, lebe man stets wie eine Gottheit. Was immer man sieht und hört, Gesang, Tanz und anderes,

12.145 paridadhāti yatkiṃcit svayaṃ yadanulimpati |
hastyaśvarathakhaṭvādi yadārohati sādhakaḥ || 145 ||
was man anzieht oder womit man sich salbt, ob man einen Elefanten, ein Pferd, einen Wagen oder ein Ruhebett besteigt,

12.146 yat karoti yadaśnāti tat sarvaṃ devatādhiyā |
viṣayān viṣayī bhuṅkte yāneva svamanorathān || 146 ||
was man tut oder isst: Alles geschehe im Bewusstsein der Gottheit. Welche Sinnesgegenstände man entsprechend seinen Wünschen erfährt,

12.147 tattat samagramāsādya tatsarvaṃ devatādhiyā |
jāgradādi suṣuptyantaṃ sarvaṃ taddevatādhiyā || 147 ||
all dies nehme man in diesem Bewusstsein auf. Vom Wachzustand bis zum Tiefschlaf werde alles im Bewusstsein der Gottheit erfahren.

12.148 divya eva bhavettatra na caivānyaḥ kadācana |
tasmād divyaparo yastu devīmānandarūpiṇīm || 148 ||
Dazu eignet sich allein ein Mensch göttlicher innerer Haltung, kein anderer. Wer auf dieses Göttliche ausgerichtet ist,

12.149 pūjayet satataṃ bhaktyā mahātripurasundarīm |
mokṣārthī labhate mokṣaṃ dhyānayogaparāyaṇaḥ || 149 ||
verehre beständig und hingebungsvoll Mahatripurasundari, die Wonne verkörpernde Göttin. Wer Befreiung sucht und dem Meditationsyoga hingegeben ist, erlangt Befreiung.

12.150 tāṃ tu yaścintayedrātrau bhogī dhyānaparāyaṇaḥ |
kāmeśvarāṅkaparyaṅkasamāsīnāṃ parāṃ kalām || 150 ||
Wer dagegen Erfüllung im Genuss sucht, meditiere nachts über sie, die höchste Kala, auf dem Schoß Kameshvaras sitzend.

12.151 sarvāṅgasundarīṃ hṛdyāṃ prasādasumukhekṣaṇām |
sakāraṇā[karuṇā kha pāṭhaḥ |]mabhidhyāyet sarvāṅgeṣu mano dadhat || 151 ||
Man betrachte sie als an allen Gliedern schön und herzerfreuend, mit gnädigem Gesicht und Blick, zusammen mit dem rituellen Karana-Trank, und richte den Geist auf ihre ganze Gestalt.

caturvargaṃ kare tasya jīvanmuktaḥ sa eva hi |

Die vier Lebensziele liegen in seiner Hand; er ist wahrhaft schon im Leben befreit. iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde dhyānayoganirūpaṇaṃ dvādaśaḥ paṭalaḥ || 12 ||
Hier endet das 12. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Yoga der Meditation“. Ergänzende heutige Herzchakra-Meditation

Kapitel 13–21: Äußere Verehrung

Kapitel 13: Vorbereitung der äußeren Verehrung

trayodaśaḥ paṭalaḥ |
śrīpārvatyuvāca
Shri Parvati sprach: 13.1 bahiryāgavidhiṃ brūhi sāṅgena parameśvara |
viśeṣārghasya[rghyasya ka pāṭhaḥ |] saṃsthānaṃ nityā(ja?ya)janameva ca || 1 ||
Lehre die äußere Verehrung mit ihren Gliedern, höchster Herr, die Aufstellung des besonderen Arghya und die tägliche Verehrung.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 13.2 tādṛśīmambikāṃ dhyatvā tridhātmānaṃ ca tanmayam |
tenaiva mūlamantreṇa śirodeśe tadeva hi || 2 ||
Nachdem man Ambika in der beschriebenen Weise betrachtet und sich dreifach als von ihr erfüllt erkannt hat, verwende man den Wurzelmantra und lege auf den eigenen Scheitel

13.3 svakīye kusumaṃ dadyādaṅganyāsaṃ punastathā |
caitanyaṃ sarvabhūtānāṃ yad brahmaṃ[hmā ka pāṭhaḥ |] so'hamīśvaraḥ || 3 ||
eine Blume. Dann vollziehe man erneut den Anga-Nyasa: „Das Brahman, welches das Bewusstsein aller Wesen ist, bin ich, der Herr.“

13.4 so'hamityasya satataṃ cintanād devarūpatā |
ātmano jāyate samyagbhāvanānnātra saṃśayaḥ || 4 ||
Durch beständiges Vergegenwärtigen von „Ich bin Das“ entsteht die göttliche Gestalt des eigenen Selbst. Dies geschieht durch rechte innere Betrachtung, daran besteht kein Zweifel.

13.5 pūjopakaraṇasyāpi devatvamiha jāyate |
sarveṣāṃ devatādṛṣṭyā jāyate śuddhatāpi ca || 5 ||
Auch die Gegenstände der Verehrung erlangen dadurch Göttlichkeit. Indem man alles als Gottheit schaut, entsteht Reinheit.

13.6 ahaṃ devo'tha naivedyaṃ puṣpagandhādikaṃ ca yat |
devādhāro hyahaṃ devo na devo matparaḥ kvacit || 6 ||
„Ich bin die Gottheit; ebenso sind es Speisegaben, Blumen, Duftstoffe und alles andere. Ich bin die göttliche Grundlage der Gottheiten; es gibt keine von mir getrennte höhere Gottheit.

13.7 devameva yaje cāhaṃ devadevo'hameva ca |
yadi bāhyārcana[nā ka pāṭhaḥ |]dravyasaṃpattirapi vidyate || 7 ||
Die Gottheit allein verehre ich, und ich selbst bin die Gottheit der Götter.“ Sind die Mittel zur äußeren Verehrung vorhanden,

13.8 viśeṣārghyādikaṃ devi tadā kuryādatandritaḥ |
pūjārghyapātraṃ naivaidyādyādhārapānapātrakam || 8 ||
bereite man aufmerksam das besondere Arghya und die übrigen Gaben, Göttin. Die Gefäße für Verehrung, Arghya und Speisegaben, ihre Unterlagen und die Trinkgefäße,

13.9 sarvaṃ tāmramayaṃ kuryādyatkiṃcidiha pūjane |
tāmre devāḥ pramodante tāmre devāḥ sthitāḥ sadā || 9 ||
alles, was bei dieser Verehrung gebraucht wird, fertige man aus Kupfer. Im Kupfer erfreuen sich die Gottheiten, im Kupfer wohnen sie stets.

13.10 devīprītikaraṃ tāmraṃ tasmāt tāmraṃ prayojayet |
śaṅkhaśuktirajata[jatsva ka pāṭhaḥ |]svarṇairdivyānāṃ pātramiṣyate || 10 ||
Kupfer erfreut die Göttin; deshalb verwende man Kupfer. Für Praktizierende göttlicher Haltung gelten Muschel, Perlmuschel, Silber und Gold als geeignete Gefäßstoffe.

13.11 mahāśaṅkhaistu vīrāṇāṃ phalajaṃ vanavāsinām |
aṣṭāṅgulasya na nyūnaṃ nādhikaṃ sārdhapāṇitaḥ || 11 ||
Für die Viras werden „große Muscheln“, rituell Schädelschalen, genannt, für Waldbewohner Fruchtschalen. Gefäße seien nicht kleiner als acht Fingerbreiten und nicht größer als anderthalb Handspannen.

13.12 sarveṣāmeva pātrāṇāṃ mānamevaṃ vidhīyate |
pañcaratnairmahādevyāḥ pañca pātrāṇi kārayet || 12 ||
Dieses Maß wird für alle Gefäße vorgeschrieben. Für die große Göttin lasse man fünf Gefäße mit fünf Edelsteinen fertigen.

13.13 sāmānyaṃ ca viśeṣaṃ ca pādyamācamanīyakam |
kumbhaṃ cāpi prayatnena ratnaiḥ kuryādvibhūtaye || 13 ||
Das allgemeine und das besondere Arghya-Gefäß, das Fußwassergefäß, das Trinkwassergefäß und den Krug versehe man zur Entfaltung von Wohlergehen sorgfältig mit Edelsteinen.

13.14 ratnaṃ gaganasaṃjñaṃ ca svargaratnaṃ tathaiva ca |
martyapātālaratne ca nāgaratnaṃ tathaiva ca || 14 ||
Die Steine werden als Himmelsstein, Himmelsweltstein, Menschenweltstein, Unterweltstein und Naga-Stein bezeichnet.

13.15 gāruḍaṃ caiva māṇikyaṃ vajraṃ vaidūryameva ca |
nīlaṃ ca kramato vidyāt pañca ratnāni yojayet || 15 ||
Darunter verstehe man der Reihe nach Garuda-Stein, Rubin, Diamant, Vaidurya und Saphir. Diese fünf Edelsteine füge man hinzu.

13.16 bījapañcakameteṣāṃ kramādvakṣye sudurlabham |
gasau ca (sa?pa)manāḥ paścādindrasthāḥ [indrasthā iti lakārasthā tena glūṃ slūṃ plūṃ mlūṃ nlūṃ iti |] kramataḥ priye || 16 ||
Ihre fünf schwer zugänglichen Bijas werde ich der Reihe nach lehren: ga, sa und die mit Varianten überlieferten weiteren Laute pa, ma und na, jeweils auf Indra gesetzt,

13.17 nādabindukalāyuktā vāmakarṇavibhūṣitāḥ |
tarpaṇārthaṃ viśeṣeṇa cakrapūjānivedane || 17 ||
mit Nada, Bindu und Kala verbunden und mit dem Zeichen des linken Ohres geschmückt. Besonders für Tarpana und die Darbringung bei der Chakra-Verehrung

13.18 śrīpātraṃ sādhayeddhīmān vidhinā sādhakottamaḥ |
yonimudrāṃ vidhāyādau kuryādarghyasya sādhanam || 18 ||
bereite der verständige, hervorragende Praktizierende vorschriftsmäßig das Shri-Gefäß. Zuerst bilde man die Yoni-Mudra, dann bereite man das Arghya.

13.19 ātmaśrīcakrayormadhye caturasraṃ tu kārayet |
tanmadhye caiva ṣaṭkoṇaṃ tanmadhye vṛttamuttamam || 19 ||
Zwischen sich und dem Shri Chakra zeichne man ein Quadrat, darin ein Sechseck und darin einen wohlgeformten Kreis.

13.20 trikoṇaṃ tatra saṃlikhya candanena varānane |
maṇḍalaṃ taṃ samabhyarcya sādhayedāsanaṃ tataḥ || 20 ||
Darin zeichne man mit Sandel ein Dreieck, Schönangesichtige. Nachdem man dieses Mandala verehrt hat, bereite man die Unterlage.

13.21 bālābījatrayaṃ devi tatastripurasundarī |
arghyapātrāsanaṃ caiva sādhayāmīti sādhayet || 21 ||
Man spreche die drei Bala-Bijas, Göttin, dann „Tripurasundari“ und „Ich bereite den Sitz des Arghya-Gefäßes“.

13.22 tathaivāstreṇa tu tathā [yutayā iti ka pāṭhaḥ |] sāmānyārghyodakena tu |
prakṣālya parameśāni maṇḍale sthāpayettataḥ || 22 ||
Man reinige die Unterlage mit dem Astra-Mantra und mit Wasser des allgemeinen Arghya und stelle sie auf das Mandala, höchste Herrin.

13.23 vahnimaṇḍalarūpaṃ taṃ kalābhiḥ saha pūjayet |
pūrvavat parameśāni pātraṃ prakṣālya sādhakaḥ || 23 ||
Man verehre sie als Feuerkreis samt seinen Kalas. Dann reinige der Praktizierende wie zuvor das Gefäß, höchste Herrin.

13.24 viśeṣārghyapadāt pātraṃ pratiśabdādanantaram |
sthāpayāmīti manunā saṃsthāpya tadanantaram || 24 ||
Mit der Formel „Ich stelle das besondere Arghya-Gefäß auf“ setze man es auf die Unterlage.

13.25 sūryamaṇḍalarūpaṃ taṃ kalābhiḥ saha pūjayet |
pūjayettaṃ vidhānena bindu[śru?sru]tasudhāmayaiḥ || 25 ||
Man verehre es als Sonnenkreis samt seinen Kalas und bringe vorschriftsmäßig nektargleiche Tropfen dar.

13.26 mātṛkāṃ pra[kāprati ka pāṭhaḥ |]tilomena mūlābhimantritāmṛtaiḥ |
ādimaiḥ pūrayedvāpi tathā puṣpāsavairapi || 26 ||
Mit der rückwärts gesprochenen Matrika und dem Wurzelmantra bespreche man den Nektar und fülle das Gefäß mit dem ersten Ritualstoff oder mit Blütenwein.

13.27 kapilāyāstathā kṣīrairnārikelāmṛtairapi |
ikṣurasaiḥ sugandhaiśca madhuratritayena vā || 27 ||
Auch Milch einer Kapila-Kuh, Kokoswasser, wohlriechender Zuckerrohrsaft oder die drei süßen Stoffe können verwendet werden.

13.28 pūrayet tanmahāpātraṃ nānādravyaiḥ kadācana |
adhikāriprabhedena dravyabhedā bhavanti hi || 28 ||
Man fülle das große Gefäß jeweils mit geeigneten Stoffen. Die Verschiedenheit der Stoffe richtet sich nach der unterschiedlichen Berechtigung der Praktizierenden.

13.29 svayaṃbhūkusumaṃ tatra karpūrāgurucandanaiḥ |
rocanākuṅkumairmiśraṃ kastūrīparibhāvitam || 29 ||
Svayambhu-Blüte, vermischt mit Kampfer, Aloeholz, Sandel, Gorochana und Kumkuma und mit Moschus durchduftet,

13.30 nikṣipet parameśāni śarkarāṃ madhusaṃyutām |
pūrvoktamaṇḍalaṃ tatra saṃcintya sādhakottamaḥ || 30 ||
gebe man hinein, höchste Herrin, ferner Zucker mit Honig. Der hervorragende Praktizierende vergegenwärtige darin das zuvor beschriebene Mandala.

13.31 aṅkuśamudrayā paścāt tīrthaṃ vai prārthayet tataḥ |
ṛjumadhyāmadhyaparvākrāntā tarjanyadhomukhī || 31 ||
Dann erbitte man mit der Ankusha-Mudra die Gegenwart des heiligen Wassers. Der Mittelfinger ist gerade; der Zeigefinger liegt an dessen Mittelgelenk und zeigt nach unten.

13.32 vijñeyāṅkuśamudreyaṃ kuñcitā madhyaparvataḥ |
sauramaṇḍalataḥ paścāt tīrthamāvāhayet tathā || 32 ||
Am Mittelgelenk gekrümmt bildet er die Ankusha-Mudra, die Haken- oder Stachelgeste. Dann rufe man aus dem Sonnenkreis die heiligen Wasser herbei.

13.33 gaṅgāvatāramantreṇa sarvaistīrthagaṇaiḥ saha |
gaṅgāpi yamunāyāti pūjāpātrajalaṃ prati || 33 ||
Mit dem Mantra des Herabkommens der Ganga kommen Ganga und Yamuna zusammen mit allen heiligen Gewässern zum Wasser des Verehrungsgefäßes.

13.34 mīnamudrāṃ vidhāyātha hastābhyāṃ pātramuttamam |
ācchādya parameśāni cinmayaṃ tīrthamāgatam || 34 ||
Man bilde die Fisch-Mudra und bedecke das kostbare Gefäß mit beiden Händen, höchste Herrin. So ist das heilige Wasser als reines Bewusstsein gegenwärtig.

13.35 adhomukhāvubhau hastau svasvopari ca saṃsthitau |
pārśvadvayagatāṅguṣṭhau mīnamudreyamīritā || 35 ||
Beide Hände liegen mit den Flächen nach unten übereinander, die Daumen ragen seitlich hervor. Dies heißt Fisch-Mudra.

13.36 māṇikyaṃ mauktikaṃ devi vidrumaṃ gāruḍaṃ tathā |
puṣparāgaṃ tathā vajraṃ nīlaṃ gomedakaṃ śubham || 36 ||
Rubin, Perle, Koralle, Garuda-Stein, gelber Edelstein, Diamant, Saphir, glückbringender Gomedaka

13.37 vaidūryaṃ navaratnāni tatrāmbhasi niyojayet |
ratneśīṃ pūjayettatra sarvapāpapraṇāśinīm || 37 ||
und Vaidurya: Diese neun Edelsteine gebe man ins Wasser. Darin verehre man Ratneshi, die alle Schuld vernichtet.

13.38 śrībījaṃ ca parābījaṃ tathaiva bījapañcakam |
pūrvabīje vilomena [tu kha pāṭhaḥ |] tatpaścādviniyojayet || 38 ||
Man spreche Shri-Bija, Para-Bija und die fünf bereits genannten Bijas; die beiden ersten setze man danach in umgekehrter Reihenfolge an den Schluss.

13.39 dravyadoṣaharā devī ratneśīyaṃ navākṣarī |
ṣaḍaṅgāni ca ṣaṭkoṇe pūrvoktāni prapūjayet || 39 ||
Dies ist die neunsilbige Ratneshi, welche die Mängel der Ritualstoffe beseitigt. Im Sechseck verehre man die zuvor genannten sechs Angas.

13.40 tanmadhye ca pareśāni [parameśāni kha pāṭhaḥ |] vṛttaṃ pūrṇendusaṃnibham |
candramaṇḍalarūpaṃ tamamṛtaṃ paricintayet || 40 ||
In dessen Mitte betrachte man den Kreis als vollen Mond und den Nektar als Gestalt des Mondkreises, höchste Herrin.

13.41 kalābhistaṃ prapūjyātha cintayenmadhyamaṇḍalam |
akathāditrirekhāḍhyaṃ ha[ijñā ka pāṭhaḥ |]kṣābhyantaramadhyagam || 41 ||
Nach seiner Verehrung mit den Kalas betrachte man das mittlere Mandala: drei Linien, beginnend mit a, ka und tha, mit ha und ksha im Innern.

13.42 tadagre kāmarūpaṃ ca jālandharaṃ ca vāmataḥ |
dakṣe pūrṇagiriṃ caiva madhye caivoḍḍiyānakam || 42 ||
An seiner Spitze ist Kamarupa, links Jalandhara, rechts Purnagiri und in der Mitte Uddiyana.

13.43 tatra tatra yajed devīṃ caturvyūhasvarūpiṇīm |
sūryakoṭipratīkāśaṃ candrakoṭyayutaprabham || 43 ||
An jeder Stelle verehre man die Göttin in ihrer vierfachen Entfaltung. Dann betrachte man den Gott, strahlend wie Millionen Sonnen und unzählige Millionen Monde,

13.44 tathā daśabhujaṃ devaṃ pañcavaktraṃ trilocanam |
khaḍgakhaṭvāṅga[kheṭaka ka pāṭhaḥ |]paṭṭīśamudgaraṃ śūlakuntakam [dantakam ka pāṭhaḥ |] || 44 ||
mit zehn Armen, fünf Gesichtern und drei Augen. Er trägt Schwert, Khatvanga, Pattisha, Keule, Dreizack und Lanze,

13.45 bibhrataṃ kheṭakaṃ śaktiṃ varadābhayapāṇi(na?ka)m |
tasyotsaṅge (svadhāṃ?surāṃ)devīṃ candrakoṭyayutaprabhām || 45 ||
dazu Schild und Speer und zeigt die Gesten des Gewährens und der Furchtlosigkeit. Auf seinem Schoß sitzt die als Sura oder Svadha gelesene Göttin, leuchtend wie unzählige Millionen Monde,

13.46 himakundendudhavalāṃ pūrvāyudhakarodyatām |
prahasantīṃ viśālākṣīṃ devadevasya saṃmukhīm[khe ka pāṭhaḥ |] || 46 ||
weiß wie Schnee, Kunda-Blüten und Mond, mit den genannten Waffen in ihren Händen, lachend und großäugig, dem Gott der Götter zugewandt.

13.47 evaṃ dhyātvā samāvāhya kulākulamayīṃ vibhuḥ |
amṛtīkaraṇaṃ kuryānmudrayā dhenusaṃjñayā || 47 ||
Nachdem man sie so betrachtet und als Einheit von Kula und Akula angerufen hat, vollziehe man mit der Dhenu-Mudra die Verwandlung in Nektar.

13.48 avaguṇṭhya tato mantrī nīrajāyatalocane |
sakalīkaraṇaṃ kuryāt ṣaḍaṅgena ca pūrvavat || 48 ||
Dann verhülle der Mantra-Praktizierende das Gefäß rituell, Lotusäugige, und vollziehe wie zuvor mit den sechs Angas die vollständige Ausgestaltung.

13.49 paramīkaraṇaṃ kuryānmahāmudrikayā tataḥ |
mu(ṣa?sa)lamudrikāṃ yoniṃ gālinīṃ ca pradarśayet || 49 ||
Mit der großen Mudra vollziehe man die Erhebung zur höchsten Gestalt und zeige dann Musala-, Yoni- und Galini-Mudra.

13.50 vāmamuṣṭyantare'ṅguṣṭhe dakṣiṇe sa(vaśā?ralā)ṅgulīḥ |
vāmāṅguṣṭhaṃ spṛśedagre yojitā dakṣiṇādadhaḥ (?) || 50 ||
Der Daumen liegt in der linken Faust; die rechten Finger werden ausgestreckt und berühren die Spitze des linken Daumens. Die weitere Handverbindung dieser Zeile ist unsicher überliefert.

13.51 muṣṭī kṛtvā tu hastābhyāṃ vāmasyopari dakṣiṇam |
kuryānmu(ṣa?sa)lamudreyaṃ sarvavighnavināśinī || 51 ||
Man bilde mit beiden Händen Fäuste und halte die rechte über die linke. Dies ist die Musala-Mudra, die Stößelgeste, welche alle Hindernisse vernichtet.

13.52 kaniṣṭhāṅguṣṭhakau bhugnau [śaktau ka pāṭhaḥ |] karayoritaretaram |
tarjanīmadhyamānāmāḥ saṃhatā bhugnavarjitāḥ || 52 ||
Kleine Finger und Daumen beider Hände werden gegeneinander gekrümmt; Zeige-, Mittel- und Ringfinger liegen vereint und ungekrümmt.

13.53 mudreyaṃ gālinī proktā paramāmṛtadāyinī |
[śivacandrau hasau mātṛkānta kṣa kālo ma śakro la ambu va vahni ra vāyu ya vāmakarṇa ū tena hasakṣamalavarayū ānandabhairavāya vauṣaṭ | iti] śivacandrau mātṛkāntaṃ kālaśakrā(dyu?mbu)vahnayaḥ || 53 ||
Diese Mudra heißt Galini und gewährt höchsten Nektar. Es folgen Shiva, Mond, das Ende der Matrika, Kala, Indra, Wasser und Feuer

13.54 vāyuśca vāmakarṇena yojitā bindunādinaḥ |
bījametat samuccārya tathā cānandabhairavam || 54||
sowie Wind, mit dem Zeichen des linken Ohres, Bindu und Nada verbunden. Man spreche dieses Bija und danach „Ananda-Bhairava“.

13.55 ṅentaṃ śikhāmantrayutaṃ punarbījāni saṃlikhet |
[uktamantrasyādau sakāra hitvā vāmakarṇasthāne vāmākṣi īmiti yojyam | tena sahakṣamalavarayī surādevyai vauṣaṭ iti | vastutastu hitveti sthāne kṛtveti spaṣṭa0 pāṭho gurusaṃpradāyādanumantavya0 tena sakāramādita kṛtveti jñeya tata sahakṣametyādimantra0 |] candraṃ hitvā[dina kha pāṭhaḥ |]di (na?taḥ)kuryātkarṇe vāmākṣi yojayet || 55 ||
Den Namen setze man in den Dativ und verbinde ihn mit dem Shikha-Mantra. Dann schreibe man erneut die Bijas, lasse am Anfang den Mond weg und ersetze das Ohrzeichen durch das linke Auge.

13.56 (svadhā?surā)devyai tato vauṣaṭ iyamānandabhairavī |
anena tau tu saṃyojya paramānandananditau || 56 ||
Nach „Sura-Devī“ beziehungsweise „Svadha-Devī“ folgt Vaushat. Dies ist Ananda-Bhairavi. Mit diesen Formeln vereinige man beide, die sich höchster Wonne erfreuen.

13.57 tadāmṛte tayoryogādamṛtaṃ kṣarate'ciram |
tayoḥ pañcopacāreṣu ṛcaḥ pañca niyojayet || 57 ||
Durch ihre Vereinigung strömt alsbald weiterer Nektar in den Nektar des Gefäßes. Für die fünf Darbringungen an sie verwende man fünf vedische Verse.

13.58 prathama[ma ka pāṭhaḥ |]prakṛterhaṃsaḥ pra tadviṣṇuranantaram |
traiyambakastṛtīyaḥ syāccaturthastatpadādikaḥ || 58 ||
Der erste beginnt mit „haṃsaḥ“, der zweite mit „pra tad viṣṇuḥ“, der dritte ist der Tryambaka-Vers, der vierte beginnt mit „tat“.

13.59 viṣṇuryoniṃ-padādistu pañcamaḥ parikīrtitaḥ |
daśadhā prajapedvidyāṃ saṃspṛśyāmṛtamadrije || 59 ||
Der fünfte beginnt mit „viṣṇur yonim“. Man berühre den Nektar und wiederhole die Vidya zehnmal, Bergestochter.

13.60 vāgbhavaṃ kāmabījaṃ ca sargavān manuyug bhṛguḥ |
tathāmṛtepadaṃ brūyāt paścādamṛtodbhave tathā || 60 ||
Man spreche Vagbhava, Kama-Bija und das verschlüsselt bezeichnete Bhrigu-Zeichen mit Visarga; dann „amṛte“, „amṛtodbhave“,

13.61 amṛteśvari tathetyuktvā paścādamṛtavarṣiṇi |
amṛtaṃ(śrā?srā)vayayugaṃ vahnijāyāvadhirmanuḥ [spaṣṭa yathā ai klī sau amṛte amṛtodbhave amṛteśvari amṛtavarṣiṇi amṛta sravaya 2 svāhā |] || 61 ||
„amṛteśvari“, „amṛtavarṣiṇi“ und zweimal „amṛtaṃ srāvaya“, „Lass Nektar strömen!“ Der Mantra endet mit Svaha.

13.62 vāgbhavaṃ vadayugmaṃ ca vāgvādini ca [tu kha pāṭhaḥ |] vāgbhavam |
kāmabījaṃ klinne [klīnnetyu ka pāṭhaḥ |] coktvā kledini kledayeti ca || 62 ||
Dann folgen Vagbhava, zweimal „vada“, „vāgvādini“, erneut Vagbhava, Kama-Bija, „klinne“, „kledini“ und „kledaya“.

13.63 mahākṣobhaṃ kuruyugaṃ kāmabījamataḥ param |
tārtīyaṃ mokṣamityuktvā kuruyugmaṃ vadettataḥ || 63 ||
Man spreche „mahākṣobhaṃ“, zweimal „kuru“, wiederum Kama-Bija, das dritte Bija, „mokṣaṃ“ und nochmals zweimal „kuru“.

13.64 śaktibījaṃ punaścānte saṃdīpanamanuḥ [ai vadavada vāgvādini aiṃ klī klenne kledini kledaya mahākṣobha kuru 2 klī sau0 mokṣa kuru 2 sau iti saṃdīpinīvidyā |] priye |
saṃdīpanādikaṃ kṛtvā bodhinyā bodhayet tataḥ || 64 ||
Am Ende folgt erneut das Shakti-Bija. Dies ist der entzündende Mantra, Geliebte. Nach dieser Belebung erwecke man die Kraft mit der Bodhini-Formel.

13.65 kṛtāñjalipuṭo bhūtvā smarenmantraṃ [pūrvalikhita brahmāṇḍakhaṇḍasaṃbhūtamityādi mayi citsphuraṇā kuru ityantam iti paryāyarūpeṇādhika pāṭho dṛśyate |] varānane |
evaṃ pātracatuṣkaṃ ca vaṭukādeḥ punarbhavet || 65 ||
Mit zusammengelegten Händen vergegenwärtige man den Mantra, Schönangesichtige. Auf dieselbe Weise bereite man vier Gefäße für Vatuka und die anderen.

13.66 gurūṇāṃ ca trayaṃ caikamekamevātmano bhavet |
evaṃ bhavanti pātrāṇi navaiva hyuttamāni ca || 66 ||
Hinzu kommen drei Gefäße für die Gurus, eines für die Göttin und eines für sich selbst. So ergeben sich neun hervorragende Gefäße; die knappe Vorlage benennt das zusätzliche Einzelgefäß nicht ausdrücklich.

13.67 pañcapātraṃ bhavenmadhye madhyamaṃ tvekapātrakam |
gurave guru(pā?pu)trāya tatpatnyai tat samarpayet || 67 ||
Fünf Gefäße bilden eine mittlere Anordnung; auch eine Anordnung mit nur einem Gefäß wird genannt. Man reiche es dem Guru, dem Sohn des Gurus und seiner Frau.

13.68 (va?vī)raśaktyai (varaṃ?vīra)pātraṃ nivedyātmani yojayet |
evamevārcanād devi bhavedamṛtamuttamam || 68 ||
Der Vira-Shakti bringe man das Vira-Gefäß dar und verwende es anschließend selbst. Durch diese Verehrung, Göttin, wird der Inhalt zu höchstem Nektar.

13.69 kuśāgreṇa samādāya amṛtaṃ sarvapāvanam |
gurutrayaṃ ca saṃtarpya vaṭukādīn pratarpya ca || 69 ||
Mit der Spitze eines Kusha-Halms nehme man den alles reinigenden Nektar auf und sättige damit die drei Gurus sowie Vatuka und die übrigen Mächte.

13.70 pralayānalasaṃkāśe cidagnau juhuyāt tataḥ [ayamatra mantra- ārdra jvalati jyotirevāhaṃ brahmāhamasmi sāhamasmi ahamevāha mā juhomi svāhā ||] |
ātmanaḥ kuṇḍalinyāśca hutvā vai brahmarandhrake || 70 ||
Danach opfere man ihn im Bewusstseinsfeuer, das dem Feuer der Weltauflösung gleicht, im Brahmarandhra des eigenen Selbst und der Kundalini.

13.71 bījatrayeṇa triḥ prāśya mudrayā tattvasaṃjñayā |
viśuddhāntarmanāḥ pūto yogyaḥ syādyāgakarmaṇi || 71 ||
Mit den drei Bijas und der Tattva-Mudra koste man dreimal davon. Innerlich gereinigt werde man geeignet für die Verehrung.

13.72 amṛtatvaṃ kavitvaṃ ca prāśyāmṛtaṃ labhennaraḥ |
bhraṃśanādasya pātrasya bhūmau bindunipātanāt || 72 ||
Durch das Kosten dieses Nektars erlange der Mensch Unsterblichkeit und dichterische Kraft. Wenn das Gefäß verrutscht oder ein Tropfen auf die Erde fällt,

13.73 aśubhaṃ syāt tadā tasya homācchāntirnacānyataḥ |
prokṣayet tena cātmānaṃ mūlena vāruṇena vā || 73 ||
gilt dies als ungünstig; die Befriedung erfolgt durch ein Feueropfer. Mit dem Nektar besprenge man sich unter Verwendung des Wurzelmantras oder des Wasser-Bijas.

13.74 pūjopakaraṇaṃ cāpi trirabhyukṣya tathaiva hi |
amṛtaiḥ prokṣitaṃ yattu sarvaṃ brahmamayaṃ bhavet || 74 ||
Ebenso besprenge man die Gegenstände der Verehrung dreimal. Alles, was mit diesem Nektar besprengt ist, wird als ganz von Brahman erfüllt betrachtet.

13.75 yadanyad dīyate dravyamalaṃkārādikaṃ ca yat |
varuṇasyaiva bījena teṣāṃ prokṣaṇamācaret || 75 ||
Andere dargebrachte Gegenstände, etwa Schmuck, besprenge man mit dem Bija Varunas.

13.76 sarveṣāṃ devamuccārya mūlamuccārya pūrvataḥ |
arghyapātrasthatoyena pratināmnā nivedayet || 76 ||
Zuerst spreche man den Wurzelmantra und die Gottheitsbezeichnung, dann bringe man jede Gabe unter ihrem eigenen Namen mit Wasser aus dem Arghya-Gefäß dar.

13.77 anyatoyaistu saṃsṛṣṭamarghyapātrasthitetaraiḥ |
tanna gṛhṇātīṣṭadevī dattaṃ vidhiśatairapi || 77 ||
Was mit anderem Wasser statt dem Wasser des Arghya-Gefäßes verbunden ist, nimmt die erwählte Göttin nach dieser Vorschrift selbst bei hundertfältigem Ritualvollzug nicht an.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde bahiryāgavidhau viśeṣārghyapātrādisādhanakramanirūpaṇaṃ trayodaśaḥ paṭalaḥ || 13 ||
Hier endet das 13. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Vorbereitung der äußeren Verehrung“.

Kapitel 14: Äußere Puja

caturdaśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 14.1 ādhāraśaktimārabhya kāmeśvarāntamadrije |
pūjayet sādhako bhaktyā pīṭhaṃ mantramayaṃ puraḥ || 1 ||
Von der tragenden Shakti bis zu Kameshvara verehre der Praktizierende hingebungsvoll den vor ihm befindlichen, aus Mantra bestehenden heiligen Sitz, Bergestochter.

14.2 oṃkārabindumadhyasthaṃ nāmadheyādyamakṣaram |
devatānāṃ svabījaṃ tatpūjāyāmṛddhisiddhidam || 2 ||
Der Anfangslaut des Namens einer Gottheit, zwischen Om und Bindu gestellt, ist ihr eigenes Bija; bei der Verehrung gewährt es Gedeihen und Vollendung.

14.3 kāmapīṭhaṃ tato dhyātvā pūjayet sādhakastathā |
devaṃ kāmeśvaraṃ tatra hyekavaktraṃ caturbhujam || 3 ||
Nachdem man den Kama-Pitha betrachtet hat, verehre man darin den Gott Kameshvara mit einem Gesicht und vier Armen.

14.4 bhasmā(śru?ñci)taṃ madhyahṛdi raktāraktaṃ ca kuṅkumaiḥ |
triśūlaṃ ca pinākaṃ ca vāmahastadvaye dhṛtam || 4 ||
Er ist mit Asche bestrichen, in der Brustmitte von Kumkuma gerötet. In den beiden linken Händen trägt er Dreizack und Pinaka-Bogen,

14.5 utpalaṃ bījapūraṃ ca dakṣiṇadvitaye tathā |
śvetapadmoparisthaṃ ca dhyātvā madhye prapūjayet || 5 ||
in den beiden rechten einen Lotus und eine Zitronatzitrone. Auf einem weißen Lotus sitzend, sei er in der Mitte zu betrachten und zu verehren.

14.6 śaktyā yukto yadā devi sādhakaḥ paricintayet |
āyudhā(nāma?nāṃ sva)rūpaṃ ca mūladevyāṃ [vyā ka pāṭhaḥ |] samaṃ niśi || 6 ||
Wenn der Praktizierende nachts mit seiner Shakti vereint meditiert, Göttin, betrachte er seine Waffen in derselben Gestalt wie die der Hauptgöttin.

14.7 śāṃbhavena [vākhyena ka pāṭhaḥ |] yajed devaṃ pūrvoktena ca sādhakaḥ |
saptamyā mūlamuccārya mahātripurasundarī || 7 ||
Mit dem zuvor gelehrten Shambhava-Mantra verehre er den Gott. Danach spreche er den Wurzelmantra und die im Lokativ gebildete Bezeichnung Mahatripurasundaris.

14.8 amṛtapadamuccārya caitanyamūrtimāditaḥ |
kalpayāmīti manunā mūrti saṃcintayet tathā || 8 ||
Mit den Worten „Ich gestalte die nektargleiche Bewusstseinsgestalt“ stelle er ihre Gestalt vor sich her.

14.9 devīṃ kāmeśvarāṅkasthāṃ paramānandananditām |
sādhakāya prayacchantīṃ puruṣārthacatuṣṭayam || 9 ||
Die Göttin sitzt auf Kameshvaras Schoß, erfreut sich höchster Wonne und gewährt dem Praktizierenden die vier Lebensziele.

14.10 ānandālasayā dṛṣṭyā vīkṣantīṃ karuṇārdrayā |
nārācamudrayā paścādrakṣāṃ mantreṇa kārayet || 100 ||
Ihr Blick ist von Wonne sanft geworden und von Mitgefühl erfüllt. Danach vollziehe man mit der Naracha-Mudra und dem zugehörigen Mantra den Schutz.

14.11 avaguṇṭhya tato mantrī kuryād digbandhanaṃ tataḥ |
prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā gṛhṇīyāt kusumāñjalim || 11 ||
Man verhülle rituell, befestige die Richtungsgrenzen und vollziehe Pranayama. Dann nehme man eine Handvoll Blumen.

14.12 puṣpāñjaliṃ vinā devīṃ nāvāhayet kadācana |
tato dhyāyenmahādevīṃ yathoktāṃ parameśvarīm || 12 ||
Niemals rufe man die Göttin ohne Blumen in den zusammengelegten Händen an. Man meditiere über die große höchste Herrin in der beschriebenen Weise.

14.13 pratyakṣīkṛtya hṛdaye jitaprāṇo'tha sādhakaḥ |
aikyaṃ saṃcintayed devyā bāhyāntarmūrtiyugmayoḥ || 13 ||
Der Praktizierende beherrsche den Atem, mache sie im Herzen unmittelbar gegenwärtig und vergegenwärtige die Einheit ihrer äußeren und inneren Gestalt.

14.14 tatastu vāyubījena vahannāsāpuṭena tu |
taccaitanyaṃ viniḥsārya puṣpāñjalau niveśayet || 14 ||
Mit dem Wind-Bija lasse er dieses Bewusstsein durch die Nasenlöcher hervortreten und in die Blumen seiner Hände eingehen.

14.15 nāsikāvāyuniḥsārāt puṣpasthā devatā bhavet |
yāvat saṃsthāpayed devīṃ svahastaṃ na viyojayet || 15 ||
Durch das Ausströmen des Atems wird die Gottheit in den Blumen gegenwärtig. Bis zu ihrer Einsetzung löse man die Hand nicht von ihnen.

14.16 kṛte viyoge hastasya puṣpāt tasmānmaheśvari |
gandharvaiḥ pūjyate devī pūjakairnāpyate phalam || 16 ||
Trennt sich die Hand von den Blumen, große Herrin, so wird die Göttin von den Gandharvas verehrt, während der menschliche Verehrer keine Frucht erlangt.

14.17 trikhaṇḍāmudrayā tasmāt tāmāvāhanavidyayā |
nirgamayyātidīptābhāṃ śrīpīṭhāntarnidhārayet || 17 ||
Deshalb führe man die hell strahlende Göttin mit der Trikhanda-Mudra und der Anrufungsvidya heraus und setze sie im Shri-Pitha ein.

14.18 pāṇidvayaṃ samaṃ samyak parivartanayogataḥ |
yojayitvā tarjanībhyāmanāme dhārayet tataḥ || 18 ||
Beide Hände werden gleichmäßig gegeneinander gedreht und verbunden; die Ringfinger werden mit den Zeigefingern gehalten.

14.19 madhyame yojayenmadhye kaniṣṭhe tadadhastataḥ |
aṅguṣṭhāvapi saṃyojyau tridhā yugmakrameṇa tu || 19 ||
Die Mittelfinger verbinde man in der Mitte, die kleinen Finger darunter und auch die Daumen paarweise, sodass eine dreifache Anordnung entsteht.

14.20 trikhaṇḍeyaṃ mahāmudrā tripurāhvānakarmaṇi |
hasa[hasa ka pāṭhaḥ |]bījasamārūḍhā bālā cāgnyāsanasthitā || 20 ||
Dies ist die große Trikhanda-Mudra zur Anrufung Tripuras. Die Bala-Formel ist dabei auf das Hasa-Bija und den Feuersitz gesetzt.

14.21 anayā[hasraiṃ hasakalarī hassrau iti trikhaṇḍāvidyā |]mūlamuccārya mudrayā ca trikhaṇḍayā |
mahāpadmavanāntaḥsthe kāraṇānandavigrahe || 21 ||
Mit dieser Formel, dem Wurzelmantra und der Trikhanda-Mudra rufe man: „Du im großen Lotuswald, Verkörperung ursächlicher Wonne,

14.22 sarvabhūtahite mātarehyehi parameśvari |
deveśi bhaktisulabhe parivārasamanvite || 22 ||
Mutter, die allen Wesen wohlgesinnt ist, komm, komm, höchste Herrin! Herrin der Götter, durch Hingabe leicht erreichbar, mit deinem Gefolge,

14.23 asyāṃ(mūrtau)samāgaccha sthitiṃ matkṛpayā kuru |
ehi devi prabhāvāt te śubhade bhayanāśini || 23 ||
komm in diese Gestalt und verweile hier aus Erbarmen mit mir. Komm, Göttin, kraft deiner Macht, Segensreiche, Vernichterin der Furcht!

14.24 yāvat tvāṃ pūjayiṣyāmi tāvat tvaṃ susthirā bhava |
kāmeśi tvamihāgaccha sarvaiḥ parikaraiḥ saha || 24 ||
Solange ich dich verehre, bleibe hier fest gegenwärtig. Kameshi, komm hierher mit allen deinen Begleitern!

14.25 pūjākarmaṇi sāṃnidhyamiha kalpaya kāminī |
kāmeśvari samāgaccha kāmeśāṅkaniṣeduṣi || 25 ||
Geliebte, schenke bei dieser Verehrung deine Gegenwart. Kameshvari, die du auf Kameshas Schoß sitzt, komm!

14.26 avyucchinnāṃ matiṃ śuddhāṃ vācaṃ kaṇṭhasya dehi me |
evaṃ kṛte mahādevi sthitistasyāḥ prajāyate || 26 ||
Gewähre mir ununterbrochene Sammlung und reine Rede in meiner Kehle.“ Wenn dies vollzogen ist, große Göttin, wird ihre Gegenwart hergestellt.

14.27 samyak saṃpūritaḥ puṣpaiḥ karābhyāṃ kalpito'ñjaliḥ |
āvāhanī samākhyātā mudrā sarvārthasādhikā || 27 ||
Die mit beiden Händen gebildete und ganz mit Blumen gefüllte Schale heißt Avahani-Mudra, Anrufungsgeste, die alle Ziele verwirklicht.

14.28 adhomukhīkṛtā saiva tadā vai sthāpanī bhavet |
militaṃ muṣṭiyugalaṃ saṃnidhāpanarūpiṇī || 28 ||
Nach unten gewandt heißt dieselbe Geste Sthapani, Einsetzung. Zwei zusammengeführte Fäuste bilden die Geste des Herbeiführens der Nähe.

14.29 antaraṅguṣṭhamuṣṭyā tu saṃnirodhanarūpiṇī |
etasyā eva mudrāyāstarjanyau (savane?prasṛte) yadā || 29 ||
Mit in den Fäusten eingeschlossenen Daumen entsteht die Geste des Festhaltens. Werden aus dieser Haltung die Zeigefinger ausgestreckt,

14.30 avaguṇṭhanamudreyaṃ sarvarakṣākarī matā |
amṛtīkaraṇaṃ kuryāt sādhako dhenumudrayā || 30 ||
entsteht die Avagunthana-Mudra, die verhüllende Geste, die umfassenden Schutz gewährt. Mit der Dhenu-Mudra vollziehe man die Verwandlung in Nektar.

14.31 parivartya karau paścāt tarjanīmadhyame yuge |
kaniṣṭhānāmikāyugmaṃ parasparayutaṃ kuru || 31 ||
Man drehe die Hände gegeneinander und verbinde wechselseitig Zeige- mit Mittelfingern sowie kleine Finger mit Ringfingern.

14.32 dhenumudreyamākhyātā amṛtīkaraṇe priye |
aṅgamantrān nyaset devi devyaṅge sādhakottamaḥ || 32 ||
Dies heißt Dhenu-Mudra und dient der Nektarisierung, Geliebte. Der hervorragende Praktizierende setze die Anga-Mantras an den Gliedern der Göttin ein.

14.33 sakalīkaraṇaṃ nāma mudreyaṃ vyāptirūpiṇī |
anyonyagrathitāṅguṣṭhā prasāritaparāṅguliḥ || 33 ||
Dies heißt Sakalikarana, vollständige Ausgestaltung, eine Geste des Durchdringens. Sind die Daumen miteinander verschränkt und die übrigen Finger ausgestreckt,

14.34 mahāmudreyamākhyātā paramīkaraṇe śive |
tato'vaguṇṭhayed devīmavaguṇṭhanamudrayā || 34 ||
entsteht die große Mudra zur Erhebung in die höchste Gestalt, Heilvolle. Danach verhülle man die Göttin mit der Verhüllungsgeste.

14.35 āvāhanaṃ bhaved devi dūrādāhvānameva ca |
saṃsthāpanaṃ bhaved devi niścalatvopapādakam || 35 ||
Avahana bedeutet das Herbeirufen aus der Ferne, Göttin; Samsthapana das Herstellen unbeweglicher Gegenwart.

14.36 naikaṭyāvasthititvaṃ ca saṃnidhānamitīritam |
ananyacittatvayā(cchā?cñā)saṃnirodhanamucyate || 36 ||
Sannidhana bedeutet das Verweilen in unmittelbarer Nähe; Sannirodhana die Bitte um ungeteilte Hinwendung.

14.37 saṃpūrṇāvasthiteryā(ccha?cñā)sakalīkaraṇaṃ priye |
ayogyadṛṣṭyaviṣaya[yatā pā ka pāṭhaḥ |]pā(do?da)namavaguṇṭhanam || 37 ||
Sakalikarana ist die Bitte um vollständige Gegenwart, Geliebte; Avagunthana entzieht die Gottheit ungeeigneten Blicken.

14.38 ānandapūrṇāva(sthiti?stha)tvamamṛtīkaraṇaṃ śive |
sarvāparādhajātānāṃ sahiṣṇutvaprakāśakam || 38 ||
Amritikarana bedeutet einen Zustand voller Glückseligkeit, Heilvolle. Das Offenbaren der Bereitschaft, sämtliche Verfehlungen nachsichtig zu tragen,

14.39 paramīkaraṇaṃ nāma saṃprārthanamihocyate |
saṃmukhamudrayā devīṃ saṃmukhaṃ prārthayet tataḥ || 39 ||
wird hier als die Bitte des Paramikarana bezeichnet. Danach bitte man mit der Sammukha-Mudra die Göttin, sich einem zuzuwenden.

14.40 muṣṭidvayasthitāṅguṣṭhau saṃmukhau ca parasparam |
saṃśliṣṭāvucchritau kuryā[cchreya?tseyaṃ]saṃmukhamudrikā || 40 ||
Die aus beiden Fäusten aufgerichteten Daumen werden einander zugewandt und aneinandergelegt. Dies ist die Sammukha-Mudra.

14.41 mūlavidyāṃ samuccārya mahātripurasundarī |
śrīpādukāṃ tataḥ paścāt pūjayāmīti bhaktitaḥ || 41 ||
Man spreche hingebungsvoll die Wurzelvidya, „Mahatripurasundari“, „Shri-Paduka“ und „pūjayāmi“, „ich verehre“.

14.42 devīpādāmbujadvandve puṣpāñjalitrayaṃ diśet |
tathaiva tarpayāmyante mudrayā tarpayet tridhā || 42 ||
An den beiden Lotusfüßen der Göttin bringe man dreimal Blumen dar. Ebenso sättige man sie dreimal mit der Tarpana-Mudra und dem Abschluss „tarpayāmi“.

14.43 prārthanamudrayā paścādabhyarthayedanena tu |
prasādasaṃmukhe devi prasannā bhava sundari || 43 ||
Mit der Gebetsgeste bitte man danach: „Göttin, deren Antlitz Gnade ist, sei mir wohlgesinnt, Schöne!

14.44 pūjābhāgaṃ gṛhāṇemaṃ māmakaṃ bhaktavatsale |
ahaṃ yadyapi deveśi durbalo'pyalpasādhanaḥ || 44 ||
Nimm diesen meinen Anteil der Verehrung an, du den Hingebungsvollen Zugewandte! Auch wenn ich schwach bin und nur geringe Mittel besitze, Herrin der Götter,

14.45 bhaktyā karomi pūjāṃ te kṛpayānugṛhāṇa mām |
prasṛtāṅgulikau hastau mithaḥśliṣṭau ca saṃmukhau || 45 ||
verehre ich dich mit Hingabe. Begnade mich aus Mitgefühl!“ Beide Hände mit ausgestreckten Fingern werden einander zugewandt aneinandergelegt

14.46 kāryau ca hṛdaye seyaṃ mudrā prārthanasaṃjñikā |
saṃdarśayet svasvabījapūrvaṃ mu(drāṃ ta?drāsta)to nava || 46 ||
und vor das Herz gehalten: Dies ist die Gebetsgeste. Danach zeige man die neun Mudras, jeweils mit ihrem eigenen Bija beginnend.

14.47 saṃkṣobhadrāvaṇākarṣavaśyonmādamahāṅkuśāḥ |
khecarībījayonyākhyā nava mudrāstataḥ kramāt || 47 ||
Erschütterung, Erweichung, Anziehung, Beherrschung, Verzückung, großer Stachel, Khechari, Bija und Yoni: Dies sind die neun Mudras in ihrer Reihenfolge.

14.48 etā mudrā maheśāni ba[ndha?ndhū]kakuṅkumaprabhāḥ |
svasvamudrā[drā ka pāṭhaḥ |]karāḥ sarvāḥ śrīvidyāsaṃmukhī(ḥ)smaret || 48 ||
Man betrachte diese Mudra-Göttinnen, große Herrin, weiß oder kumkumarot, jeweils ihre eigene Geste bildend und der Shrividya zugewandt.

14.49 athaivaṃ parameśānyā upacārān nivedayet |
bhaktyaivaite kṛtā devi sādhakaṃ devasaṃnidhim || 49 ||
So bringe man der höchsten Herrin die Upacharas dar. Werden sie hingebungsvoll vollzogen, Göttin, führen sie den Praktizierenden

14.50 cārayanti yatastasmāducyante copacārakāḥ |
samīpe cāraṇādvāpi[kalā?bāli]kānte tathoditāḥ || 50 ||
in die Nähe der Gottheit. Daher heißen sie Upacharas, naheführende Dienste, Geliebte.

14.51 namontamāsanaṃ dadyāt svāgataṃ darśanaṃ bhavet |
namontaṃ pādayoḥ pādyamarghya [śivo?namo]ntameva ca || 51 ||
Den Sitz gebe man mit „namaḥ“; die Begrüßung geschieht beim Erscheinen. Wasser für die Füße bringe man mit „namaḥ“ dar, ebenso Arghya; dessen Abschluss ist in der Vorlage verkürzt.

14.52 svadhetyācamanaṃ [prājñi?proktaṃ] madhuparkastathaiva ca |
tenaiva manunācāmaṃ namontaṃ snānameva ca || 52 ||
Wasser zum rituellen Trinken und die Honigmischung bringe man mit „svadhā“ dar, dann erneut Trinkwasser mit derselben Formel. Das Bad endet mit „namaḥ“.

14.53 namonte vāsasī prokte tathāṅgābharaṇāni ca |
namontamarpayet(kundaṃ?gandhaṃ)puṣpaṃ ca [ca nāsti ka pāṭhaḥ |] vauṣaḍantakam || 53 ||
Beide Gewänder und der Körperschmuck werden mit „namaḥ“ dargebracht, ebenso Duftstoffe; Blumen mit „vauṣaṭ“.

14.54 puṣpaṃ samarpayed devyai mudrayā jñānasaṃjñayā |
aṅguṣṭhatarjanīyogāj jñānamudreyamīritā || 54 ||
Der Göttin reiche man Blumen mit der Jnana-Mudra. Diese Erkenntnisgeste entsteht durch die Verbindung von Daumen und Zeigefinger.

14.55 namontaṃ ca tathā dhūpaṃ dīpaṃ [pamā ka pāṭhaḥ |] mālāṃ tathaiva ca |
naivedyaṃ ca tato dadyādyathoktaṃ vai caturvidham || 55 ||
Räucherwerk, Lampe und Girlande bringe man mit „namaḥ“ dar. Dann reiche man die zuvor beschriebenen vier Arten von Speisegaben.

14.56 pānārthaṃ madhuraṃ vāri dadyādācamanaṃ punaḥ |
karpūrasahitaṃ devyai tāmbūlaṃ ca nivedayet || 56 ||
Zum Trinken gebe man süßes Wasser, danach Wasser zur Mundreinigung und der Göttin Betel mit Kampfer.

14.57 tarpaṇāni punardadyāt tripurātattvamudrayā |
aṅguṣṭhānāmikāyogāt [ga ka pāṭhaḥ |] tattvamudreyamīritā || 57 ||
Dann bringe man erneut Tarpana mit der Tripura-Tattva-Mudra dar. Diese entsteht aus der Verbindung von Daumen und Ringfinger.

14.58 aṅguṣṭhaṃ śivamityāhuranāmā śaktirucyate |
tarpaṇaṃ tu tayoryogādamṛtairvāmapāṇinā || 58 ||
Der Daumen wird Shiva genannt, der Ringfinger Shakti. Durch ihre Vereinigung bringe man mit der linken Hand Nektar als Tarpana dar.

14.59 yonimudrāṃ pradarśyātha mudrāḥ saṃdarśayet kramāt |
stutvā praṇamya vidhivajjapedvidyāmananyadhīḥ || 59 ||
Nach der Yoni-Mudra zeige man die weiteren Mudras der Reihe nach. Man preise die Göttin, verneige sich vorschriftsmäßig und wiederhole die Vidya mit ungeteilter Aufmerksamkeit.

14.60 japānte juhuyādagniṃ homānte balimutsṛjet |
balidānāvasāne tu nivedyāni nivedayet || 60 ||
Nach dem Japa opfere man ins Feuer, nach dem Feueropfer bringe man Bali dar, nach dem Bali weitere Speisegaben.

14.61 daśāṅgādyaistato dhūpaiḥ punardevīṃ pradhūpayet |
dīpamālāḥ pradarśyātha pādāllalāṭakāvadhi || 61 ||
Mit zehnteiligen und anderen Räuchermischungen beräuchere man die Göttin erneut und führe Lampenreihen vor ihr von den Füßen bis zur Stirn.

14.62 vīreśvarāya vauṣaṭ ca [ṣaḍiti ka pāṭhaḥ |] sindūraṃ dāpayedatha |
aṅgarāgeṣu sindūraṃ pāneṣu madirāṃ tathā || 62 ||
Mit „vīreśvarāya vauṣaṭ“ bringe man Zinnober dar. Unter den Körperfarben erfreut Zinnober, unter den Getränken Wein,

14.63 vastreṣu raktakauśeyaṃ[ṣeya ka pāṭhaḥ |] tripurāprītidāyakam |
netrāñjanaṃ nivedyātha darśayed darpaṇaṃ tathā || 63 ||
unter den Gewändern rote Seide Tripura besonders. Nach Augenschminke zeige man ihr einen Spiegel.

14.64 mūrdhni cchatraṃ nidhāyātha bījayedraktacāmaraiḥ |
sitairvā parameśānīṃ natu kṛṣṇaiḥ kadācana || 64 ||
Über ihrem Haupt halte man einen Schirm und fächere der höchsten Herrin mit roten oder weißen Yakschweifwedeln, niemals mit schwarzen.

14.65 vādaye[yañcha ka pāṭhaḥ |]cchaṅkhaghaṇṭe ca punaḥ punaḥ pradhūpayet |
tataḥ saṃtoṣayed devīṃ gītavāditraniḥsvanaiḥ || 65 ||
Muschel und Glocke sollen erklingen; immer wieder bringe man Räucherduft dar. Dann erfreue man die Göttin mit Gesang und Instrumentalmusik,

14.66 vādyairnānāvidhairdevi krīḍākautukamaṅgalaiḥ |
naṭanartakasaṃghai[hai ka pāṭhaḥ |]śca veśyābhirapi pārvati |
ātmanā sarvabhāvena nivedya tanmayo bhavet || 66 ||
mit vielerlei Instrumenten, Spielen und festlichen Darbietungen, mit Schauspielern, Tänzern und auch Kurtisanen, Parvati. Indem man sich selbst mit dem ganzen Wesen hingibt, werde man ganz von ihr erfüllt.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde bahiryāgavidhinirūpaṇaṃ caturdaśaḥ paṭalaḥ || 14 ||
Hier endet das 14. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Äußere Puja“.

Kapitel 15: Opfergaben und ihre Bedeutung

pañcadaśaḥ paṭalaḥ |
śrīdevyuvāca
Die erhabene Göttin sprach: 15.1 upacārān kathaṃ deva phalaṃ teṣāṃ ca kīdṛśam |
yacca priyatamaṃ devyāstat sarvaṃ vada śaṃkara || 1 ||
Wie beschaffen sind die Darbringungen, Gott, und welche Früchte tragen sie? Was liebt die Göttin besonders? Sage mir all dies, Shankara.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 15.2 upacārān pravakṣyāmi śṛṇu ṣoḍaśa pārvati |
yaiḥ sākṣāt [syāt kha pāṭhaḥ |] tuṣyate devī vidhānairvihite[riḍite ka pāṭhaḥ |]rvi(duḥ bhuḥ) || 2 ||
Höre, Parvati, ich werde die sechzehn Darbringungen lehren, durch deren vorschriftsmäßigen Vollzug die Göttin unmittelbar erfreut wird.

15.3 sauvarṇa rājataṃ vāstraṃ tathā ratnavinirmitam |
āsanaṃ prathamaṃ dadyāt pauṣpaṃ dāravameva vā || 3 ||
Zuerst gebe man einen Sitz aus Gold, Silber, Stoff, Edelsteinen, Blumen oder Holz.

15.4 na patramāsanaṃ dadyāt kadācidiha pūjane |
yathoktavidhinā devyai raktakambalameva vā || 4 ||
Niemals gebe man bei dieser Verehrung einen Blättersitz; auch eine rote Wolldecke kann nach der genannten Vorschrift der Göttin angeboten werden.

15.5 [sva ka pāṭhaḥ |]sumerupādapīṭhānte padmakalpita āsane [tamāsanam kha pāṭhaḥ |] |
bhogamokṣaprade mātastiṣṭhasva parameśvari || 5 ||
„Auf dem am Fußsockel des Sumeru als Lotus gestalteten Sitz verweile, Mutter, höchste Herrin, die Genuss und Befreiung gewährt!“

15.6 anenaivāsanaṃ devyai yo dadyādvihitaṃ śive |
bhuktimuktī kare tasya sarvatra sthānavān bhavet || 6 ||
Wer mit dieser Formel den vorgeschriebenen Sitz darbringt, Heilvolle, hält Erfüllung und Befreiung in der Hand und findet überall einen würdigen Platz.

15.7 pā(dyā?dā)rthamudakaṃ pādyaṃ candanāgurusaṃyutam |
suśītalaṃ[niveditamitiśeṣa |] mayā devi sukhāya tava pādayoḥ || 7 ||
„Dieses kühlende Wasser mit Sandel und Aloeholz ist das Wasser für deine Füße, Göttin; ich bringe es zum Wohl deiner Füße dar.“

15.8 tattaijasena pātreṇa śaṅkhenātha pradāpayet |
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ saṃsthānaṃ pādya[da ka pāṭhaḥ |]miṣyate || 8 ||
Man reiche es in einem Metallgefäß oder einer Muschel. Das Fußwasser gilt als Träger von Dharma, Wohlergehen, Wunscherfüllung und Befreiung.

15.9 pādyamantro mayā prokta(ma?stva)nenaiva nivedayet |
arghyeṇa labhate kāmānarghyeṇa labhate dhanam || 9 ||
Dies ist der Mantra des Fußwassers; mit ihm bringe man es dar. Durch Arghya erlange man die Erfüllung von Wünschen und Reichtum.

15.10 putrāyuḥ sukhamokṣā(ṇi?di) dānāda(rgha?rghya)sya vai labhet |
pūrvasaṃsthāpitenaiva śaṅkhena vidhinā svayam || 10 ||
Auch Kinder, langes Leben, Glück und Befreiung gewähre die Arghya-Gabe. Mit der zuvor aufgestellten Muschel vollziehe man sie vorschriftsmäßig.

15.11 śvetasarṣapamudgābhyāṃ tilakṣīraistathā yavaiḥ |
raktacandanapu(ṣpe ca? ṣpaiśca) tripurāyai maheśvari || 11 ||
Weißer Senf, Mungbohnen, Sesam, Milch, Gerste, roter Sandel und Blumen werden für Tripura verwendet, große Herrin.

15.12 nidhāya purato dadyādarghyamantreṇa sādhakaḥ |
arghyamarghyamidaṃ devi mayā bhaktyā niveditam || 12 ||
Man stelle die Gabe vor sich und reiche sie mit dem Arghya-Mantra: „Dieses verehrungswürdige Arghya bringe ich dir hingebungsvoll dar, Göttin.

15.13 sajalaṃ śaṅkhapātrastha gṛhītvā mūrdhni yojaya |
udakaṃ dīyate ya[stu?ttu]sagandhaṃ phenavarjitam || 13 ||
Nimm es mit dem Wasser im Muschelgefäß an und führe es an dein Haupt.“ Wohlriechendes, schaumfreies Wasser,

15.14 ācamanā(dya?rthaṃ)devāya tadācamanamucyate |
karpūravāsitairvāpi kālāgurupradhūpitaiḥ || 14 ||
das der Gottheit zur Mundreinigung dargebracht wird, heißt Achamana. Es sei mit Kampfer durchduftet oder mit schwarzem Aloeholz beräuchert,

15.15 yathā tathā sagandhairvā prasannaiḥ [ka?phe]navarjitaiḥ |
dadyādācamanīyaṃ tu sagandhasalilaiḥ śubhaiḥ || 15 ||
oder auf andere Weise wohlriechend, klar und schaumfrei. Solches reine, duftende Wasser reiche man als Achamana.

15.16 taijasena tu pātreṇa śaṅkhenāpyathavā priye |
āyurbalayaśovṛddhiṃ pradāyācamanīyakam || 16 ||
Man reiche es in einem Metallgefäß oder einer Muschel, Geliebte. Durch diese Gabe erlange der Praktizierende Wachstum an Lebensdauer, Kraft und Ansehen

15.17 labhate sādhako nityaṃ[sa?kā]māṃścaiva yathepsitān [tam ka pāṭhaḥ |] |
sagandhācamanaṃ devi mayā bhaktyā niveditam || 17 ||
sowie die Erfüllung seiner Wünsche. „Dieses duftende Wasser zur Mundreinigung bringe ich dir mit Hingabe dar, Göttin.

15.18 āyurbalayaśovṛddhyai tadidaṃ pratigṛhyatām |
dadhi sarpirjalaṃ kṣaudraṃ sitābhiścāpi[pakṣabhiḥ?sekṣubhiḥ] || 18 ||
Nimm es an, damit Lebensdauer, Kraft und Ansehen wachsen.“ Dickmilch, Ghee, Wasser, Honig und Zucker

15.19 procyate madhuparkastu [rka tu ka pāṭhaḥ |] devīprītipradāyaka |
jalaṃ ca nārikelotthaṃ sitā dadhi ghṛtaṃ samam || 19 ||
bilden Madhuparka, die Honigmischung, welche die Göttin erfreut. Kokoswasser, Zucker, Dickmilch und Ghee nehme man zu gleichen Teilen,

15.20 sarveṣāmadhikaṃ kṣaudraṃ madhuparke prayojayet |
taddadyāt kāṃsyapātreṇa ropyapātreṇa vā punaḥ || 20 ||
Honig in größerer Menge als jeden der anderen Bestandteile. Man reiche die Mischung in einem Gefäß aus Bronze oder Silber.

15.21 jyotiṣṭhomāśvamedhādau yat puṇyaṃ labhate naraḥ |
sarvaṃ tat parameśāni madhuparke pratiṣṭhitam || 21 ||
Das gesamte Verdienst, das ein Mensch durch Jyotishtoma, Pferdeopfer und andere große Opfer gewinnt, ist in Madhuparka enthalten, höchste Herrin.

15.22 ājyaṃ dadhi madhūnmiśraṃ jalaṃ cāpi saśarkaram |
madhuparkaṃ ropyapātre [rauṣma ka pāṭhaḥ |] gṛhītvā bhuṅkṣva sundari || 22 ||
„Nimm diese Honigmischung aus Ghee, Dickmilch, Honig und Zuckerwasser im silbernen Gefäß an und genieße sie, Schöne!“

15.23 madhuparkaṃ vinā pūjā sādhakakṣayakāriṇī |
madhuparkamadṛṣṭvaiva sādhakaṃ bhakṣayet parā || 23 ||
Eine Verehrung ohne Madhuparka schädige den Praktizierenden; wenn die höchste Göttin es nicht erblickt, verschlinge sie ihn. Dies ist die drastische Ritualwarnung des Textes.

15.24 karpūrāgurukastūrīrocanākuṅkumaṃ tathā |
nārikelajalaṃ kṣaudraṃ tathekṣurasamuttamam || 24 ||
Kampfer, Aloeholz, Moschus, Gorochana, Kumkuma, Kokoswasser, Honig und köstlicher Zuckerrohrsaft,

15.25 sitā [tā kā pāṭhaḥ |] ca pañcagavyaṃ ca sarvauṣadhigaṇaṃ tathā |
prānte toyamiti proktaṃ snānīyaṃ tripurāpriyam || 25 ||
Zucker, die fünf Kuhprodukte, sämtliche Heilkräuter und zum Schluss Wasser gelten als Tripura erfreuende Badegaben.

15.26 bhṛṅgāreṇāthavā śaṅkhaistripurāyai nivedayet |
sādhakaḥ snānadānāttu hayamedhaphalaṃ labhet || 26 ||
Man bringe sie Tripura mit einem Gießgefäß oder mit Muscheln dar. Die Gabe des Bades gewähre die Frucht eines Pferdeopfers.

15.27 dīrghāyuḥ kāmabhogī ca mahāpātakahā bhavet |
pratyekaṃ sarvavastūnāṃ sahasrapalamānataḥ || 27 ||
Der Praktizierende werde langlebig, genieße die Erfüllung seiner Wünsche und vernichte schwere Verfehlungen. Tausend Pala eines jeden Stoffes

15.28 mahāsnānaṃ bhaveddevi madhyaṃ palaśatena tu |
kaniṣṭhaṃ vai bhavet snānaṃ pa(lānāṃ?laiḥ) daśabhirīritam || 28 ||
bilden ein großes Bad, Göttin; hundert Pala ein mittleres, zehn Pala ein kleines.

15.29 miśrīkṛtaistu sarveṣāṃ snāmānaṃ na vidyate |
sna[snā ka pāṭhaḥ |]payet prathamaṃ devīṃ tripāditi ṛcā punaḥ || 29 ||
Werden alle Stoffe gemischt, ist kein bestimmtes Gesamtmaß festgelegt. Zuerst bade man die Göttin mit dem durch „tripād“ bezeichneten vedischen Vers,

15.30 mūlenāpi tataḥ paścādamunā ca nivedayet |
tvamāpaḥ pṛthivī [vī ka pāṭhaḥ |] caiva jyoti(staṃ?stvaṃ)vāyureva ca || 30 ||
dann mit dem Wurzelmantra und bringe das Bad mit dieser Formel dar: „Du bist Wasser und Erde, du bist Licht und Wind.

15.31 kevalaṃ bhaktibhāvena devi tvāṃ snapayāmyaham |
sna[snā ka pāṭhaḥ |]payitvā mahādevīṃ vastra yadi na dāpayet || 31 ||
Allein aus Hingabe bade ich dich, Göttin.“ Wer die große Göttin badet und ihr danach keine Kleidung gibt,

15.32 sa nirlajjaḥ paraḥ pāpaḥ prapate(da?dvṛ)jinārṇave |
vastrābhāve tato dadyādraktapadmaṃ tathā ja(vāḥ?pāḥ) || 32 ||
gilt als schamlos und schwer schuldig und fällt ins Meer der Verfehlungen. Fehlen Gewänder, bringe man rote Lotus- oder Hibiskusblüten dar.

15.33 snapayitvā mahādevīṃ vastrayugmaṃ pradāpayet |
vastreṇa hriyate lajjā vastreṇa hriyate tvagham || 33 ||
Nach dem Bad gebe man der großen Göttin ein Gewänderpaar. Kleidung nimmt die Scham und entfernt Unheil.

15.34 sarvabhūṣaṇavargeṣu vastramuttamamucyate |
devīprītikaraṃ vastraṃ caturvargapradaṃ śubham || 34 ||
Unter allen Arten des Schmucks gilt Kleidung als vorzüglich. Sie erfreut die Göttin, bringt Segen und gewährt die vier Lebensziele.

15.35 nirdaśaṃ malinaṃ jīrṇaṃ chinnaṃ gātrāvaliṅgitam |
parakīyaṃ hyā(thu?khu)daṣṭaṃ sūcīviddhaṃ tathoṣitam || 35 ||
Stoff ohne Saum, schmutzige, alte, zerrissene, bereits getragene, fremde, von Mäusen benagte, durchstochene oder lange gelagerte Kleidung meide man.

15.36 satpatākā(ri?vi)tānādau sūcividdhaṃ prayojayet |
keśānvitamadhautaṃ ca śleṣmamūtrādidūṣitam || 36 ||
Mit Nadeln durchstochener Stoff darf für Fahnen, Baldachine und dergleichen verwendet werden. Stoff mit Haaren, ungewaschener oder durch Schleim, Urin und Ähnliches verunreinigter Stoff

15.37 vahnidagdhaṃ kucailaṃ ca mahādevyai na dāpayet |
citravastraṃ dukūlaṃ ca devīprītikaraṃ param || 37 ||
sowie verbrannte oder schäbige Kleidung darf der großen Göttin nicht gegeben werden. Bunte Stoffe und feine Gewänder erfreuen sie besonders.

15.38 sarvasiddhipradaṃ vastraṃ vahniṣṭomaphalapradam |
vidyātantusamāyukte mantravarṇasamanvite || 38 ||
Kleidung gewähre sämtliche Vollendungen und die Frucht des Agnishtoma-Opfers. „Mit Fäden der Vidya gewoben und mit Mantralauten versehen,

15.39 vidyāvidye ja(vā?pā)śoṇavāsasī tava sundari |
udyadādityasaṃkāśaṃ vāsoyugmaṃ sunirmalam || 39 ||
sind Wissen und Nichtwissen deine hibiskusroten Gewänder, Schöne. Dieses reine Gewänderpaar, leuchtend wie die aufgehende Sonne,

15.40 nūtanaṃ gātrasukhadaṃ paridhatsva sureśvari |
kirīṭaṃ ca śiroratnaṃ kuṇḍalaṃ ca lalāṭikā || 40 ||
neu und angenehm für den Leib, lege an, Herrin der Götter!“ Krone, Kopfschmuck, Ohrringe und Stirnzier,

15.41 tālapatraṃ ca hāraśca [ra ka pāṭhaḥ |] graiveyakamathormikā |
sūtrāvalī keśapāśe tā(ḍa?ṭa)ṅkavalayā(ndadau?ṅgadāḥ) || 41 ||
blattförmiger Ohrschmuck, Halskette, Halsreif, Fingerring, Haarschnüre, Ohrscheiben, Armreifen und Oberarmspangen,

15.42 pādāṅgu(rī?lī)yakaṃ sūtraṃ nūpuraṃ kṣudraghaṇṭikāḥ |
alaṃkārāḥ samākhyātā alaṃkāreṣu ṣoḍaśa || 42 ||
Zehenringe, Schmuckschnur, Fußreifen und kleine Glöckchen werden als die sechzehn Schmuckarten genannt.

15.43 caturvargapradaṃ nityaṃ bhūṣaṇaṃ sarvasaukhyadam |
tuṣṭipuṣṭikaraṃ devyai [nitya ka pāṭhaḥ |] yathāśaktyā nivedayet || 43 ||
Schmuck gewährt die vier Lebensziele und jegliches Glück, Zufriedenheit und Gedeihen. Nach seinen Möglichkeiten bringe man ihn der Göttin dar.

15.44 navaratnasamāyuktā drutahāṭakakalpitāḥ |
gātrāṇi śobhayantvete alaṃkārāstu sundari || 44 ||
„Diese aus geschmolzenem Gold gefertigten und mit den neun Edelsteinen besetzten Schmuckstücke mögen deine Glieder zieren, Schöne!

15.45 kāmeśi kāmarūpe tvaṃ sarvakāmaphalaprade |
bhūṣaṇaṃ gṛhṇa cārvaṅgi mayā bhaktyā niveditam || 45 ||
Kameshi, Gestalt des Begehrens, die alle Wünsche erfüllt, nimm den Schmuck an, den ich dir hingebungsvoll darbringe, Schönleibige!“

15.46 cūrṇīkṛto vā ghṛṣṭo vā dāhākarṣita eva vā |
rasaḥ saṃmardajo [samardaja ka pāṭhaḥ |] vāpi prāṇyaṅgodbhava eva vā || 46 ||
Pulverisierte, zerriebene, durch Erhitzen gewonnene, ausgepresste oder aus tierischen Körperteilen stammende Duftstoffe

15.47 gandhaḥ pañcavidhaḥ prokto devīprītipradāyakaḥ |
praśastagandhayu[ktā?ktyā]tu gandhacūrṇāni yāni ca || 47 ||
bilden die fünf Arten des die Göttin erfreuenden Duftes. Wohlriechende Duftpulver

15.48 tāni gandhāhvayāni syuḥ sa gandhaḥ prathamaḥ smṛtaḥ |
ghṛṣṭo malayajo gandhaḥ [sa?śa]balaśca nameruṇā || 48 ||
sind die erste Art. Geriebener Sandel aus Malaya sowie die mit Nameru genannten Stoffe bilden die zweite Art;

15.49 agurupra[bhū?bhṛ]tiścāpi yasya paṅkaḥ pradīyate |
agurude[rurde ka pāṭhaḥ |]vadārvādi yo dagdhvā gṛhyate rasaḥ || 49 ||
auch Aloeholz und andere Stoffe, die als Paste dargebracht werden, gehören dazu. Der durch Erhitzen von Aloeholz, Zedernholz und Ähnlichem gewonnene Extrakt

15.50 sa dāhākarṣito gandhastṛtīyaḥ parikīrtitaḥ |
sagandhagandhinībilvatilakaṃ śatapatrikām || 50 ||
heißt hitzegewonnener Duft und bildet die dritte Art. Aus duftenden Pflanzen, Gandhini, Bilva, Tilaka und hundertblättrigen Blüten

15.51 niṣpīḍya gṛhyate yo'sau saṃmardajaḥ sa ucyate |
mṛganābhisamudbhūtastatkośodbhava [ṣodbhava ka pāṭhaḥ |] eva vā || 51 ||
durch Pressen gewonnener Saft heißt ausgepresster Duft. Duft aus der Moschusdrüse des Hirsches oder ihrem Beutel

15.52 gandhaḥ prāṇyaṅgajaḥ proktaḥ pañcamastu sa ucyate |
gandhasya vistaro bhedo diṅmātraṃ samudāhṛtam || 52 ||
gilt als tierischen Ursprungs und bildet die fünfte Art. Die Duftarten sind zahlreich; hier sind nur ihre Grundrichtungen genannt.

15.53 sarveṣu gandhajāteṣu praśasto malayodbhavaḥ |
tasmāt sarvaprayatnena dadyānmalayajaṃ sadā || 53 ||
Unter allen Duftstoffen wird Sandel aus Malaya besonders empfohlen. Deshalb bringe man nach Möglichkeit stets diesen Sandel dar.

15.54 kuṅkumāgurukastūrīkarpūramalayodbhavaiḥ |
samīkṛtaistu yo gandhastripurāprītidāyakaḥ || 54 ||
Eine Mischung gleicher Teile von Kumkuma, Aloeholz, Moschus, Kampfer und Sandel aus Malaya erfreut Tripura.

15.55 kucandanaṃ [śi?si]taṃ caiva kālīyakasamanvitam |
anulepanamukhyaṃ tu devyāḥ prītikaraṃ param |
55 ||
Roter Sandel mit Kaliyaka gilt ebenfalls als vorzügliche Salbe und erfreut die Göttin sehr.

15.56 alaktaṃ nakharāgeṣu devīprītikaraṃ tathā |
gandhena labhate kāmān gandho dharmapradaḥ sadā || 56 ||
Roter Lack für die Nägel erfreut sie ebenso. Durch Duft erlange man Wunscherfüllung; Duft gewähre stets Dharma.

15.57 a[mvā?ṅgā]nāṃ sādhako gandho mokṣe cāpi pratiṣṭhitaḥ |
śarīraṃ te na jānāmi ceṣṭāṃ[cai?ścai]va maheśvari || 57 ||
Duft fördere auch die übrigen Ziele und gründe in Befreiung; die erste Zeile ist beschädigt. „Deinen Leib und deine Bewegungen kenne ich nicht, große Herrin.

15.58 mayā niveditān gandhān pratigṛhya vilipyatām |
gandhaiḥ sutoṣitā devī caturvargapradā bhavet || 58 ||
Nimm die von mir dargebrachten Duftstoffe an und salbe dich damit!“ Durch Duft erfreut, gewährt die Göttin die vier Lebensziele.

15.59 anenaiva maheśāni gandhān devyai nivedayet |
ghṛtatailādiyogena svarṇādau dīpavahninā || 59 ||
Mit dieser Formel bringe man ihr die Duftstoffe dar, große Herrin. Mit Ghee oder Öl und der Flamme einer Lampe gewinne man auf Gold oder einem anderen geeigneten Träger

15.60 yadañjanaṃ prajāyeta kṛtvā karpūramiśritam |
dharmārthakāmamokṣāya tripurāyai nivedayet || 60 ||
Augenschminke, vermische sie mit Kampfer und bringe sie Tripura für Dharma, Wohlergehen, Wunscherfüllung und Befreiung dar.

15.61 vidhavā nā(ccha?ñja)naṃ kuryānmahāmāyārthamadrije |
na mṛtpātre gataṃ kuryāt sādhako netrarañjanam || 61 ||
Nach der sozialen Ritualvorschrift des Textes soll eine Witwe diese Augenschminke für Mahamaya nicht herstellen, Bergestochter. Der Praktizierende bereite sie nicht in einem Tongefäß.

15.62 na pūjāphalamāpnoti mṛtpātre vihitāñja(laiḥ?naiḥ) |
parakīyāṃstathā ghrātān steyaṃ kṛ(tyā?tvā)bhimarditān || 62 ||
Bei Verwendung von in Ton hergestellter Schminke bleibe die Verehrungsfrucht aus. Fremde, bereits berochene, gestohlene oder zerdrückte

15.63 puṣpaṃ dhūpaṃ ca gandhaṃ ca nopaca[rān?ret] tathāparān |
ghrātān nivedya deveśi naro namakamāpnuyāt || 63 ||
Blumen, Räucherstoffe und Düfte bringe man nicht dar. Wer der Göttin schon berochene Gaben reicht, gelange nach der Warnung des Textes in die Hölle.

15.64 naiva paryuṣitaiḥ puṣpaiḥ patraiścāpi maheśvarīm |
pūjayet parameśāni mahātripurasundarīm || 64 ||
Mit abgestandenen Blumen und Blättern verehre man Mahatripurasundari nicht, höchste Herrin.

15.65 sarvaṃ paryuṣitaṃ varjyaṃ patraṃ puṣpaṃ phalaṃ tathā |
padmāni sitaraktāni kumudānyutpalāni ca || 65 ||
Abgestandene Blätter, Blumen und Früchte sind zu meiden. Für weiße und rote Lotusblüten, Kumuda und Utpala

15.66 eṣāṃ paryuṣitāśaṅkā kāryā pañcadinordhvataḥ [rddhvataḥ ka pāṭhaḥ |] |
anyeṣāṃ kusumānāṃ ca yāvadgandhaviparyayaḥ || 66 ||
beginnt die Bedenklichkeit erst nach fünf Tagen; für andere Blumen dann, wenn sich ihr Duft verändert.

15.67 bilvapatre maheśāni nāsti paryuṣitātmatā |
bakulaṃ kesaraṃ vajraṃ mālyaṃ [lā kha pāṭhaḥ |] kundaṃ ca śālmalam || 67 ||
Bei Bilva-Blättern gilt keine solche Alterungsfrist, große Herrin. Bakula, Kesara, Vajra, Malya, Kunda und Shalmala,

15.68 karavīraṃ cārkapuṣpaṃ bandhūkakamale tathā |
mālatī mallikā jātī yūthikā mādhavī tathā || 68 ||
Oleander, Arka-Blüten, Bandhuka, Lotus, Malati, Mallika, Jati, Yuthika und Madhavi,

15.69 tagaraḥ karṇikāraśca droṇaścotpalacampakau |
aśokaḥ kumudaścaiva śephālikākadambhakau || 69 ||
Tagara, Karnikara, Drona, Utpala, Champaka, Ashoka, Kumuda, Shephalika und Kadamba,

15.70 ketakī vanamālā ca kusumbhakiṃśukau tathā |
kahlārabakule caiva lavaṅganāgakesarau || 70 ||
Ketaki, Vanamala, Kusumbha, Kimshuka, Kahlara, Bakula, Gewürznelke und Nagakeshara:

15.71 sarveṣu puṣpajāteṣu tripurāyāḥ sadaiva hi |
etānyeva priyāṇi syurna patrairarcayecchivām || 71 ||
Unter den Blumen liebt Tripura besonders diese. Mit beliebigen Blättern soll man die Heilvolle nicht verehren.

15.72 patreṣu bilvapatraṃ ca tathā madanapallavam |
dūrvāṅkuraṃ tathā pro(ktā?ktaṃ) nānyat patraṃ prayojayet || 72 ||
Als geeignete Blätter gelten Bilva-Blätter, junge Madana-Blätter und Durva-Sprossen; andere Blätter soll man nach dieser engeren Vorschrift nicht verwenden.

15.73 mallikā mālatī kundo droṇaścātha sitāmbujam |
śuklapakṣe mahādevi tripurāyai nivedayet || 73 ||
Mallika, Malati, Kunda, Drona und weißen Lotus bringe man Tripura in der hellen Monatshälfte dar, große Göttin.

15.74 sarveṣāṃ puṣpajātīnāṃ raktapadmaṃ tathā ja(vā?pā) |
devīprītikaraṃ prājñe sarvakāmaphalapradam || 74 ||
Unter sämtlichen Blumen erfreuen roter Lotus und Hibiskus die Göttin besonders und gewähren die Früchte aller Wünsche, Weise.

15.75 ratnapuṣpaṃ ca deveśi tathā svarṇādinirmitam |
raktapadmena vajreṇa tulāṃ nāyāti karhicit || 75 ||
Selbst Blumen aus Edelsteinen oder Gold kommen dem roten Lotus und der als Vajra bezeichneten Blume nicht gleich, Herrin der Götter.

15.76 eteṣāṃ puṣpajātānāṃ yena kena vinirmitām |
mālāṃ kṛtvā mahādevyai yat phalaṃ labhate naraḥ || 76 ||
Welche Frucht ein Mensch gewinnt, der aus einer dieser Blumenarten eine Girlande fertigt und der großen Göttin darbringt,

15.77 api vaktrasahasraistadvaktuṃ[stu kha pāṭhaḥ |] nālaṃ tataḥ prabhuḥ |
puṣpamūle vased brahmā puṣpamadhye tu keśavaḥ || 77 ||
kann selbst der Herr mit tausend Mündern nicht beschreiben. Am Ansatz der Blume wohnt Brahma, in ihrer Mitte Keshava.

15.78 puṣpāgre'haṃ sthito nityaṃ sarve devāḥ sthitā dale |
carācarāśca sakalāḥ sadā puṣpavasāḥ smṛtāḥ || 78 ||
An ihrer Spitze wohne ich beständig; auf ihren Blättern wohnen alle Götter. Alles Bewegliche und Unbewegliche gilt als stets in der Blume gegenwärtig.

15.79 paraṃ jyotiḥ puṣpagataṃ puṣpeṇaiva prasīdati |
bhogamokṣapradaṃ puṣpaṃ tuṣṭiśrīpuṣṭimodadam || 79 ||
Das höchste Licht ist in der Blume und wird durch Blumen erfreut. Blumen gewähren Erfüllung und Befreiung, Zufriedenheit, Glück, Gedeihen und Freude.

15.80 puṣpairdevī prasannā syād dharmakāmārthadāyinī |
tasmāt puṣpairyajed devīṃ nityaṃ bhaktiyuto naraḥ || 80 ||
Durch Blumen erfreut, schenkt die Göttin Dharma, Wunscherfüllung und Wohlergehen. Deshalb verehre man sie täglich hingebungsvoll mit Blumen.

15.81 brahmaviṣṇuśivādīnāṃ puṣpameva sadā priyam |
tatte mātaḥ prayacchāmi pavitraṃ pratigṛhyatām || 81 ||
„Brahma, Vishnu, Shiva und den anderen sind Blumen stets lieb. Diese reine Blume gebe ich dir, Mutter; nimm sie an!“

15.82 ugragandhamagandhaṃ ca kṛmikeśādidūṣitam |
aśuddhapātrapāṇisthaṃ vāsobhiḥ kutsitātmabhiḥ || 82 ||
Blumen mit stechendem oder ohne Duft, durch Würmer oder Haare verunreinigt, in unreinen Gefäßen, Händen oder schmutzigen Gewändern getragen,

15.83 ānītaṃ nārpayed devyai pramādādapi doṣakṛt |
snā(tvā?tā)nītaiḥ paryuṣitairyācitaiḥ kṛṣṇavarṇakaiḥ || 83 ||
bringe man nicht dar; auch Unachtsamkeit bewirkt einen Fehler. Die nächste Liste nennt mit unsicherer Lesung nach dem Bad herbeigebrachte, ferner abgestandene, erbettelte und schwarze Blumen.

15.84 svayaṃ vikā(śi?si)tairmuktaiḥ svayaṃ ca pātitairbhuvi |
nārcayet kalikābhiśca vinā campakapaṅkajaiḥ || 84 ||
Gewaltsam geöffnete, abgefallene oder selbst auf den Boden geworfene Blumen verwende man nicht; ebenso keine Knospen, ausgenommen Champaka und Lotus.

15.85 puṣpaṃ vā yadivā patraṃ phalaṃ neṣṭamadhomukham |
duḥkhadaṃ tat samākhyātaṃ yathotpannatathārpaṇam || 85 ||
Blumen, Blätter und Früchte sollen nicht verkehrt herum dargebracht werden; dies gelte als leidbringend. Man reiche sie in ihrer natürlichen Wuchsrichtung.

15.86 citrapūjāsu sarvāsu na viruddhaṃ na dūṣaṇam |
adhomukhāparṇaṃ neṣṭaṃ puṣpāñjalividhiṃ vinā || 86 ||
Bei kunstvollen Gesamtanordnungen gilt dies nicht als Widerspruch oder Fehler. Außer beim Darbringen einer Handvoll Blumen ist eine nach unten gewendete Gabe unerwünscht.

15.87 kiṃcātibahunoktena sāmānyenedamucyate |
uktā(nmu?nu)ktaistathā puṣpairjalajaiḥ sthalajairapi || 87 ||
Doch wozu viele Worte? Allgemein gilt: Mit genannten oder ungenannten Blumen, aus Wasser oder vom Land,

15.88 patraiḥ sarvairyathālābhaṃ bhaktimān satataṃ yajet |
puṣpābhāve yajet patraiḥ patrālābhe ca tatphalaiḥ || 88 ||
mit allen verfügbaren Blättern verehre man stets hingebungsvoll. Fehlen Blumen, verwende man Blätter; fehlen Blätter, deren Früchte.

15.89 akṣatairvā jalairvāpi na pūjāṃ vyatilaṅghayet |
eteṣāmapyalābhe tu mānasīṃ bhaktimāśrayet || 89 ||
Auch unversehrte Reiskörner oder Wasser sind möglich; man unterlasse die Verehrung nicht. Fehlt selbst dies, nehme man Zuflucht zur Hingabe im Geist.

15.90 dahyamānasya kāṣṭhādernistāpo yasya jāyate |
nāsādirandhrasukhadaḥ sagandho'timanoharaḥ || 90 ||
Was beim Verbrennen von Holz und anderen Stoffen duftend, angenehm und ohne störende Hitze aufsteigt und Nase und Sinne erfreut,

15.91 sa dhūpa iti vijñeyo devīprītipradāyakaḥ |
patraṃ [putra ka pāṭhaḥ |] mustaṃ nakhaṃ kuṣṭhaṃ jaṭā māṃsī ca śailajam || 91 ||
heißt Räucherwerk und erfreut die Göttin. Blattgewürz, Musta, Nakha, Kushtha, Jata, Mamsi und Shailaja,

15.92 saralaṃ devakāṣṭhaṃ ca jatu sarjasacandanam |
kapilāghṛta-karpūra-śarkarāgarumiśritam || 92 ||
Sarala, Zedernholz, Harz, Sarja und Sandel, vermischt mit Ghee einer Kapila-Kuh, Kampfer, Zucker und Aloeholz,

15.93 ṣoḍaśāṅgo mahādhūpaḥ ṣoḍaśīprītidāyakaḥ |
na bhūmau vitared dhūpaṃ nāsane kalaśe natu || 93 ||
bilden das sechzehnteilige große Räucherwerk, das Shodashi erfreut. Räucherwerk lege man weder auf den bloßen Boden noch auf den Sitz oder den Krug.

15.94 yathā tathādhāragataṃ kṛtvā taṃ tu nivedayet |
vanaspatirasotpanno gandhāḍhyo gandha uttamaḥ || 94 ||
Man lege es auf eine geeignete Unterlage und bringe es dar: „Aus dem Saft der Bäume entstanden, reich an Duft, vorzüglicher Wohlgeruch,

15.95 āghreyaḥ sarvadevānāṃ dhūpo'yaṃ pratigṛhyatām |
atha dīpaṃ pravakṣyāmi jyotiṣṭomaphalapradam || 95 ||
von allen Gottheiten einzuatmen: Nimm dieses Räucherwerk an!“ Nun lehre ich die Lampe, welche die Frucht des Jyotishtoma-Opfers gewährt.

15.96 ghṛtadīpastu[ṣu ka pāṭhaḥ |] prathamastilatailodbhavastataḥ |
sārṣapaścādhamaḥ proktastadanyo ninditaḥ smṛtaḥ || 96 ||
Eine Ghee-Lampe ist die beste, danach kommt eine mit Sesamöl. Senföl gilt als geringwertig, andere Öle werden hier missbilligt.

15.97 padmasūtrabhavā cādyā kārpāsasaṃbhavā parā |
darbhagarbhabhavā cāpi vartikā parikīrtitā || 97 ||
Ein Docht aus Lotusfasern steht an erster Stelle, danach einer aus Baumwolle; auch Darbha-Fasern werden genannt.

15.98 ko[ṣa?śa]jaṃ romajaṃ vāstraṃ tūlaṃ [malina ka pāṭhaḥ |] paryuṣitaṃ tathā |
vartikārthaṃ na cādadyāt sādhako bhūtimicchukaḥ || 98 ||
Stoff aus Seide oder Tierhaar sowie alte Watte nehme der nach Wohlergehen strebende Praktizierende nicht für Dochte. Das erste Materialwort ist beschädigt überliefert.

15.99 taijasaṃ pārthivaṃ lauhaṃ dīpapātraṃ praśasyate |
dīpavṛkṣāśca kartavyāstaijasādyāḥ pṛthak pṛthak || 99 ||
Lampengefäße aus Metall, Ton oder Eisen werden empfohlen. Auch verzweigte Lampenständer fertige man aus Metall und anderen geeigneten Stoffen.

15.100 vṛkṣe dīpaḥ pradātavyo natu bhūmau kadācana |
kurvantaṃ pṛthivītāpaṃ yo dīpamutsṛjennaraḥ || 100 ||
Die Lampe stelle man auf einen Ständer, niemals unmittelbar auf die Erde. Wer eine Lampe so aufstellt, dass sie den Erdboden erhitzt,

15.101 tāmisraṃ narakaṃ ghoramāpnotyeva na saṃśayaḥ |
netrāhlādakaraḥ svarcirdūratāpavivarjitaḥ || 101 ||
gelange nach der Warnung des Textes in die schreckliche Tamisra-Hölle. Die Flamme sei für die Augen erfreulich und verbreite keine lästige Hitze.

15.102 saśikhaḥ śabdarahito nirdhūmo nātihrasvakaḥ |
dīpavṛkṣasthite pātre śuddhasnehaprapūrite || 102 ||
Sie brenne mit deutlicher Flamme, lautlos, rauchfrei und nicht zu klein, in einem auf einem Ständer stehenden Gefäß voller reinen Brennstoffs.

15.103 dakṣiṇāvartavartyā vai cārudīptaḥ pradīpakaḥ |
uttamaḥ procyate so'tra tripurāprītidāyakaḥ || 103 ||
Ein nach rechts gedrehter Docht lasse sie schön leuchten. Eine solche Lampe gilt als vorzüglich und erfreut Tripura.

15.104 vṛkṣeṇa varjito dīpo madhyamaḥ parikīrtitaḥ |
vihīnaḥ pātratailābhyāma[dhya?dha]maḥ parikīrtitaḥ || 104 ||
Eine Lampe ohne Ständer gilt als mittelmäßig; eine ohne geeignetes Gefäß und Öl als geringwertig.

15.105 dīpamālā prakartavyā naikadīpaḥ kadācana |
trayo dīpāḥ pradātavyāḥ pañca vā parameśvari || 105 ||
Man bereite eine Lampenreihe, niemals nur eine einzelne Lampe. Drei oder fünf Lampen sollen dargebracht werden, höchste Herrin.

15.106 ito nyūnaṃ na dātavyaṃ tripurāyai kadācana |
naiva dīpaḥ pradātavyo vidhūtaḥ śrīvivṛddhaye || 106 ||
Weniger gebe man Tripura niemals. Eine unruhig geschwenkte oder erschütterte Lampe soll nicht zur Mehrung des Glücks dargebracht werden; die nähere Bedeutung von „vidhūta“ bleibt offen.

15.107 na miśrīkṛtya dadyāt tu dīpasnehān ghṛtādikān |
kṛtvā miśrīkṛtasnehaṃ rauravaṃ narakaṃ vrajet || 107 ||
Brennstoffe wie Ghee und Öl soll man nicht vermischen. Für gemischten Brennstoff droht der Text die Raurava-Hölle an.

15.108 naiva nirvāpayed dīpaṃ devārthamapi kalpitam |
dīpahartā bhave[dga?da]ndhaḥ kā[no?ṇo]nirvāpako bhavet || 108 ||
Eine für die Gottheit bestimmte Lampe lösche man nicht aus. Wer sie entwendet, werde blind; wer sie auslöscht, einäugig.

15.109 na tena vyavahāro'pi kartavyaḥ sādhakottamaiḥ |
sūryācandramasorjyotirvidyu[da?to']gnestathaiva ca || 109 ||
Hervorragende Praktizierende sollen mit einem solchen Menschen keinen Umgang pflegen. „Das Licht von Sonne und Mond, von Blitz und Feuer bist du.

15.110 tvameva jyotiṣāṃ jyotirdīpo'yaṃ pratigṛhyatām |
dīpaṃ dakṣiṇato devyāḥ purato natu vāmataḥ || 110 ||
Du bist das Licht aller Lichter. Nimm diese Lampe an!“ Die Lampe stelle man rechts von der Göttin oder vor ihr auf, nicht links.

15.111 vāmatastu tathā dhūpamagre vā natu dakṣiṇe |
nivedayet purobhāge gandhaṃ puṣpaṃ ca bhūṣaṇam || 111 ||
Räucherwerk stelle man links oder vor ihr auf, nicht rechts. Duft, Blumen und Schmuck bringe man vor ihr dar.

15.112 naivedyaṃ dakṣiṇe vāme purato vā na pṛṣṭhataḥ |
gātre dātuṃ ca yadyogyaṃ yantreṣveva nivedayet || 112 ||
Speisegaben stelle man rechts, links oder vorne, nicht hinten auf. Was sich zur Darbringung am Körper eignet, gebe man unmittelbar auf das Yantra.

15.113 dadyādayogyaṃ purato naivedyaṃ bhojanādikam |
madirāṃ pṛṣṭhato dadyādanyapānaṃ tu vāmataḥ || 113 ||
Was dazu ungeeignet ist, etwa Speisen, stelle man davor. Wein stelle man hinten auf, andere Getränke links.

15.114 yā vidyā ceha deveśi śrīvidyāyāmanāsavā[yī ka pāṭhaḥ |] |
phalahīnā samākhyātā sābhicārāya kalpate || 114 ||
Eine Shrividya-Verehrung ohne den vorgeschriebenen gegorenen Trank wird hier als fruchtlos bezeichnet und mit schädigenden Riten verglichen. Die folgenden Verse schränken seine Verwendung nach Berechtigung und innerer Haltung ein.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde pūjopacāratatphalavarṇanaṃ pañcadaśaḥ paṭalaḥ saṃpūrṇaḥ || 15 ||
Hier endet das 15. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Opfergaben und ihre Bedeutung“.

Kapitel 16: Früchte der Verehrung

Die Göttin wird durch unterschiedliche Gaben und Formen der Hingabe verehrt.

ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 16.1 ikṣurasaṃ samādāya paryuṣitaṃ susaṃskṛtam |
sahakārarasaṃ tatra nikṣipenmadhunā saha || 1 ||
Man nehme gut zubereiteten, gelagerten Zuckerrohrsaft und gebe Mangosaft mit Honig hinzu.

16.2 bādaraṃ jāmbavaṃ caiva rasaṃ khārjūrameva ca |
nārikelodbhavaṃ tatra drākṣārasamanuttamam || 2 ||
Dazu kommen Säfte von Jujube, Jambu, Dattel und Kokosnuss sowie vorzüglicher Traubensaft.

16.3 mohinīphalajaṃ cūrṇaṃ jātīkoṣarajastathā |
kanakabījacūrṇaṃ ca jātīphalasamudbhavam || 3 ||
Ferner nennt die historische Rezeptur Pulver aus Mohini-Früchten, Muskatblüte, Kanaka-Samen und Muskatnuss. Die Identität einzelner Stoffe ist unsicher; Kanaka kann eine giftige Pflanze bezeichnen. Dies ist keine Anleitung zur Zubereitung eines Getränks.

16.4 trijātaṃ trisugandhiṃ ca trikaṭuṃ triphalānvitam |
tathānyeṣāṃ ca dravyāṇāṃ sugandhīnāṃ rajaḥ śive || 4 ||
Trijata, die drei Duftgewürze, Trikatu und Triphala sowie Pulver weiterer wohlriechender Stoffe werden ebenfalls genannt, Heilvolle.

16.5 kiṃcit kiṃcicca nikṣipya karpūrairadhi[ścā kha pāṭhaḥ |]vāsayet |
svarṇe vā rājate pātre kā(ṭa?ca)puṭe'thavā priye || 5 ||
Von jedem gibt man wenig hinzu und durchduftet die Mischung mit Kampfer. Sie wird in einem goldenen oder silbernen Gefäß oder einem Glasbehälter aufbewahrt, Geliebte.

16.6 sthāpayitvā sitāṃ tatra nikṣipet parameśvari |
nikṣipya lohitairdevi vastrairācchādya yatnataḥ || 6 ||
Man fügt Zucker hinzu, höchste Herrin, und bedeckt das Gefäß sorgfältig mit roten Tüchern.

16.7 saptarātroṣitaṃ tattu jāyate hyamṛtopamam |
candanāgurukarpūrairdhūpayitvā nivedayet || 7 ||
Nach sieben Nächten gelte der Inhalt als nektargleich. Mit Sandel, Aloeholz und Kampfer beräuchert, wird er dargebracht.

16.8 eṣā sarvottamā proktā devīpriyatamā sadā |
madireti samākhyātā paramānandadāyinī || 8 ||
Dieser als vorzüglich und der Göttin besonders lieb bezeichnete Trank heißt Madira und gilt als Spender höchster Wonne.

16.9 enāṃ nivedya sundaryai sarvasiddhimupālabhet |
devīloke ciraṃ sthitvā tato rājā kṣitau bhavet || 9 ||
Wer ihn Sundari darbringt, erlange sämtliche Vollendungen, verweile lange in der Welt der Göttin und werde danach König auf Erden.

16.10 tatrāpi cānayārādhya[dhyā ka pāṭhaḥ |] kaivalyaṃ muktimāpnuyāt |
savikalpasya deveśi vihitaiṣā na cānyathā || 10 ||
Verehrt er sie auch dort damit, erlange er die Befreiung der vollkommenen Einheit. Diese besondere Zubereitung ist für den noch unterscheidend Denkenden vorgeschrieben, Herrin der Götter.

16.11 nirvikalpasya deveśi surai(ra?va)vihitāgame |
amṛtaṃ ca tadeva syānma(dā?dyaṃ)cāpi tadeva hi || 11 ||
Für den von begrifflicher Trennung Freien wird im Agama Sura selbst zugelassen. Für ihn ist dasselbe sowohl Nektar als auch berauschender Trank.

16.12 nāpadyapi dvijo madyaṃ dadyād devyai kadācana |
mohādyadi dadenmadyaṃ brāhmaṇyādeva hīyate || 12 ||
Ein Zweimalgeborener soll der Göttin nach der folgenden engeren Regel selbst in Not niemals Alkohol darbringen. Tut er dies aus Verblendung, verliert er seinen Brahmanenstatus.

16.13 brahmaghātī sa eva syāttasmānmadyaṃ vivarjayet |
madyameva purāsevyamāsīt kamalalocane || 13 ||
Er gelte als Brahmanentöter; deshalb meide er Alkohol. Einst war dieser Trank jedoch gebräuchlich, Lotusäugige.

16.14 pītvā madyaṃ purā śukra ātmānaṃ cāpi(vismṛtaḥ?vyasmarat) |
pītvā matto niśānāthaḥ patnīṃ tāṃ jagṛhe guroḥ || 14 ||
Nachdem Shukra einst getrunken hatte, vergaß er sich selbst. Der Mondgott, vom Trank berauscht, nahm die Frau seines Lehrers.

16.15 atastenāpi muninā śāpo dattaḥ sudāruṇaḥ |
brahmā ca munibhiḥ sārdhamidameva purā jagau || 15 ||
Deshalb sprach jener Weise einen sehr schweren Fluch aus. Auch Brahma verkündete damals zusammen mit den Weisen:

16.16 mahādevyai dvijo madyaṃ yo dadyājjñānavihvalaḥ |
paśubhāve sthito yaśca sa mahāpātakī bhavet || 16 ||
„Ein Zweimalgeborener, der in verwirrtem Verständnis der großen Göttin Alkohol darbringt und noch in der Haltung des Pashu verharrt, begeht eine schwere Verfehlung.“

16.17 śeṣayorvihitaṃ madyaṃ nirvikalpakayoḥ punaḥ |
nādyasya vihitaṃ tena brahmaghātī bhavecca saḥ || 17 ||
Für die beiden übrigen Gruppen ist der Trank zugelassen, wenn sie frei von unterscheidender Fixierung sind; für die zuerst genannte Gruppe nicht. Andernfalls gelte man als Brahmanentöter. Die Gruppen sind hier nicht ausdrücklich erneut benannt.

16.18 tenedaṃ pṛthivīkṣetre varjyamāsīt sulocane |
jñānināṃ siddhidā ceyamamṛtatvapradāyinī || 18 ||
So wurde der Trank in der irdischen Ordnung zu etwas zu Meidendem, Schönäugige. Für Erkennende gilt er dagegen als vollendung- und unsterblichkeitsverleihend.

16.19 jñānena saṃskṛtā ceyaṃ mahāpātakanāśinī |
brahmahatyā-surāpāna-svarṇasteyādipātakān || 19 ||
Durch Erkenntnis geheiligt, vernichte er schwere Verfehlungen wie Brahmanentötung, Alkoholkonsum und Golddiebstahl.

16.20 nāśayet pūjanā(ddheri?ddevi)nirvikalpo bhavedyadi |
nirvikalpo yadā madyaṃ mahādevyai nivedayet || 20 ||
Durch die Verehrung tilge er diese, sofern der Übende frei von begrifflicher Trennung ist. Wenn ein solcher Mensch der großen Göttin den Trank darbringt,

16.21 aśvamedhasahasrasya agni[vahniṣṭo ka pāṭhaḥ |]ṣṭomaśatasya ca |
rājasūyaśatasyāpi phalamāpnotyasaṃśayam || 21 ||
erlange er zweifellos die Frucht von tausend Pferdeopfern, hundert Agnishtoma- und hundert Rajasuya-Opfern.

16.22 aṇimādyaṣṭasiddhīnāṃ nāyako jāyate'cirāt |
savikalpo yadā devi pāpabhāṅ nātra saṃśayaḥ || 22 ||
Bald werde er Herr der acht Siddhis, angefangen mit Anima. Bleibt er dagegen im unterscheidenden Denken befangen, wird er schuldig, Göttin.

16.23 sure cānaghadhāmāsi svā(dhā?hā)tvaṃ ca divaukasām |
svadhā tvaṃ pitṛmukhyānāṃ manuṣyāṇāṃ ca siddhidā || 23 ||
„Sura, du bist eine makellose Stätte, Svaha für die Götter, Svadha für die Ahnen und Vollendungsspenderin für Menschen.

16.24 kṣīrā(bdhi)matha[khane ka pāṭhaḥ |]ne pūrvamuddhṛtā devasaṃsadi |
ānandabhairavī sārdhamānandabhairaveṇa tu || 24 ||
Einst wurdest du beim Quirlen des Milchozeans vor der Versammlung der Götter hervorgebracht, Ananda-Bhairavi zusammen mit Ananda-Bhairava.

16.25 tvayi pra[sanna?sādaṃ]yātāyaṃ siddhireva na saṃśayaḥ |
vimukhī cettadā tasya kulajñānavināśinī || 25 ||
Wer in dich eingeht, erlangt gewiss Vollendung. Wendest du dich von ihm ab, vernichtest du seine Kula-Erkenntnis.

16.26 prasannā khalu devānāṃ gandharvāṇāṃ tathaiva ca |
vimukhī tvaṃ ca daityānāmasakṛt sarvanāśinī || 26 ||
Den Göttern und Gandharvas bist du wohlgesinnt; von den Daityas abgewandt, hast du sie wiederholt ganz vernichtet.

16.27 tvāṃ(ma?da)dyāṃ va[da?ra]de devyai mayi citsphuraṇaṃ kuru |
evaṃ stutvā surāṃ[rādavyai ka pāṭhaḥ |] devyai pūrvoktena ca saṃskṛtām || 27 ||
Dich bringe ich der großen Göttin dar: Lass Bewusstsein in mir aufleuchten!“ So preise man Sura, die auf die zuvor beschriebene Weise geheiligt wurde.

16.28 tripurāyai nivedyaiva nigrahānugrahakṣamaḥ |
carvyaṃ coṣyaṃ tathā lehyaṃ peyaṃ ceti caturvidham || 28 ||
Indem man sie Tripura darbringt, werde man fähig zu Zurückweisung und Begnadung. Die Speisegaben sind vierfach: zu kauen, zu saugen, zu lecken und zu trinken.

16.29 sarvayajñamayaṃ nityaṃ naivedyaṃ sarvatuṣṭidam |
jñānadaṃ kāmadaṃ puṇyaṃ balārogyamayaṃ tathā || 29 ||
Speisegaben umfassen alle Opfer, schenken umfassende Zufriedenheit, Erkenntnis, Wunscherfüllung, Verdienst, Kraft und Gesundheit.

16.30 naivedyena labhet svargaṃ naivedyenāmṛtaṃ bhavet |
dharmārthakāmamokṣāśca[kṣaśca ka pāṭhaḥ |] naivedyeṣu pratiṣṭhitāḥ[ta ka pāṭhaḥ |] || 30 ||
Durch sie erlange man den Himmel und Unsterblichkeit. Dharma, Wohlergehen, Wunscherfüllung und Befreiung gründen in den Speisegaben.

16.31 tasmāt sarvaprayatnena naivedyaṃ khalu dāpayet |
manasāpi mahādevyai naivedyaṃ dīyate yadi || 31 ||
Deshalb bemühe man sich um ihre Darbringung. Selbst wenn man der großen Göttin nur im Geist eine Speisegabe darbringt,

16.32 yo naro bhaktisaṃyukto dīrghāyuḥ sa sukhī bhavet |
haviḥ susaṃskṛtaṃ divyamājyayuktaṃ saśarkaram || 32 ||
werde der hingebungsvolle Mensch langlebig und glücklich. Die Opferkost sei gut zubereitet, köstlich, mit Ghee und Zucker versehen,

16.33 śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ candrabimbasamaprabham |
lasatta(ntu?ṇḍu)lajaṃ devi cārugandhasahaṃ mṛdu || 33 ||
klar wie Kristall, leuchtend wie die Mondscheibe, aus schönen Reiskörnern, weich und angenehm duftend.

16.34 sugandhiśā(dvi?li)jaṃ cā(tvaṃ?ru) madhumāṃsasamanvitam |
apūpapāyasaṃ kṣīramannaṃ devyāḥ praśasyate || 34 ||
Duftender Reis, auch mit Honig und Fleisch verbunden, Kuchen, Milchreis, Milch und gekochte Speisen werden für die Göttin empfohlen.

16.35 balidāneṣu vihitā ya eva mṛgapakṣiṇaḥ |
teṣāṃ māṃsāni matsyāni deyāni vividhāni ca || 35 ||
Fleisch jener Tiere und Vögel, die für Bali zugelassen sind, sowie verschiedene Fische werden als Gaben genannt.

16.36 sarvaṃ surabhigandhāḍhyaṃ vyañjanaṃ sumanoharam |
yathā yathā bhavedbhakṣyaṃ yatnaṃ[yatnāt ka pāṭhaḥ |](dravyaṃ?deyaṃ) tathā tathā || 36 ||
Alle Beilagen sollen angenehm duften und appetitlich sein. Was als Nahrung geeignet ist, bereite man sorgfältig entsprechend seiner Art zu.

16.37 saṃskṛtya veśavārādyairmahādevyai nivedayet |
yatpūtigandhasaṃyuktaṃ dagdhaṃ[dugdha ka pāṭhaḥ |] bhogabahiṣkṛtam || 37 ||
Mit Gewürzzubereitungen und anderen Zutaten zubereitet, bringe man es der großen Göttin dar. Faulig riechende, verbrannte oder zum Verzehr ungeeignete Nahrung

16.38 taduktamapi(yo?na)dadyāt tripurāyai kadācana |
kālaśākaṃ kalāyaṃ ca pālakaṃ cāpi potikām || 38 ||
gebe man Tripura niemals, selbst wenn ihre Art sonst zugelassen ist. Kala-Gemüse, Erbsen, Palaka und Potika,

16.39 sārṣapaṃ mūlakaṃ cāpi vāstūkaṃ ca kalambikām |
śākānetān mahādevyai yo dadyādbhaktisaṃyutaḥ || 39 ||
Senfgrün, Rettich, Vastuka und Kalambika: Wer solche Gemüse der großen Göttin hingebungsvoll darbringt,

16.40 so'tulāṃ śriyamāpnoti devīloke mahīyate |
māṣamu(gda?dga)masūrādyairvyañjanaṃ lavaṇānvitam || 40 ||
erlange unvergleichlichen Wohlstand und werde in ihrer Welt geehrt. Gerichte aus schwarzen Bohnen, Mungbohnen, Linsen und Ähnlichem, mit Salz,

16.41 hiṅgujīramarīcādyairārdrakaiścāpi saṃskṛtam |
tintiḍīkhaṇḍasaṃyuktaṃ bhaktiyukto nivedya ca || 41 ||
Asafoetida, Kreuzkümmel, Pfeffer, Ingwer und Tamarindenstückchen zubereitet, bringe man hingebungsvoll dar.

16.42 jyotiṣṭomaphalaṃ labdhvā devīlokamavāpnuyāt |
nānāvidhāni peyāni vyañjanāni bahūnyapi || 42 ||
So erlange man die Frucht des Jyotishtoma und die Welt der Göttin. Auch vielerlei Getränke und zahlreiche Beilagen werden genannt,

16.43 kṣīrādīnyatha gavyāni māhiṣāṇi ca sarvaśaḥ |
āmikṣāṃ parameśānyai dadhi cāpi saśarkaram || 43 ||
Milch und sämtliche anderen Erzeugnisse von Kuh und Büffel, Frischkäse sowie Dickmilch mit Zucker für die höchste Herrin,

16.44 pāyasaṃ śarkarāpūpaṃ kapilāghṛtasaṃyutam |
pakvānnamatimiṣṭaṃ ca sitākarpūrasādhitam || 44 ||
Milchreis und Zuckerkuchen mit Ghee einer Kapila-Kuh, süße gekochte Speisen mit Zucker und Kampfer,

16.45 śarkarālolitān kṛtvā vaṭakān kuṅkumāruṇān |
saśarkaraṃ pakvadugdhaṃ kadalyādiphalānvitam || 45 ||
in Zucker gewälzte, kumkumarote Bällchen sowie gesüßte gekochte Milch mit Bananen und anderen Früchten.

16.46 sitopadaṃśaṃ madyaṃ ca svarṇapātre nivedayet |
athavā raupyapātre ca tāmrapātre'thavā punaḥ || 46 ||
Den Trank mit einer süßen Beigabe reiche man in einem goldenen, silbernen oder kupfernen Gefäß.

16.47 abhāvāt padmapatre vā anyathā narakaṃ vrajet |
āmamannaṃ mahādevyai naiva dadyāt kadācana || 47 ||
Fehlt ein solches, verwende man ein Lotusblatt; für ungeeignete Darbringung droht der Text die Hölle an. Rohe Speise gebe man der großen Göttin niemals.

16.48 mantrakālāviśuddhāni naivedyāni kadācana |
devebhyo nopayuñjīta[gurorvāme?puro vā sva]hiterataḥ || 48 ||
Speisegaben, die hinsichtlich Mantra oder Zeitpunkt nicht gereinigt sind, soll der um das Wohl Bemühte den Gottheiten nicht anbieten. Die Schlusswendung ist verkürzt überliefert.

16.49 sitāsaṃmiśritāṃ dattvā surāṃ madhusamanvitām |
devīloke ciraṃ sthitvā kaivalyaṃ muktimāpnuyāt || 49 ||
Wer mit Zucker und Honig vermischte Sura darbringt, verweile lange in der Welt der Göttin und erlange danach die Befreiung der vollkommenen Einheit.

16.50 āmikṣayā samaṃ dattvā salilaṃ nārikelajam |
kṣīrā[dya?jya]madhukarpūrasitādadhisamanvitam || 50 ||
Kokoswasser mit Frischkäse, Milch, Honig, Kampfer, Zucker und Dickmilch,

16.51 trijātatrikaṭūnāṃ ca lavaṅgena dvayorapi |
tathānyeṣāṃ ca vastūnāṃ cūrṇairgandhavatīṃ śive || 51 ||
mit Trijata, Trikatu, Gewürznelke und Pulvern weiterer wohlriechender Stoffe verbunden, Heilvolle,

16.52 sādhayitvā prakāreṇa vāsi(ta?tāṃ) gandhareṇubhiḥ |
yastaijasena pātreṇa peyaṃ devyai nivedayet || 52 ||
bereite man entsprechend zu und durchdufte es mit Duftpulvern. Wer der Göttin ein solches Getränk in einem Metallgefäß darbringt,

16.53 bhaktipravaṇa[ṇava ka pāṭhaḥ |]cittena tasya puṇyaphalaṃ śṛṇu |
kalpakoṭisahasrāṇi kalpakoṭiśatāni ca || 53 ||
mit einem Herzen voller Hingabe, dessen Verdienst höre: Für unermesslich viele Weltalter

16.54 sthitvā devīpure śrīmān sārvabhaumo bhavet kṣitau |
tataḥ paraṃ tu kaivalyamāpnoti ca yathecchayā || 54 ||
verweile er glücklich in der Stadt der Göttin, werde danach Weltherrscher auf Erden und erlange schließlich nach Wunsch vollkommene Befreiung.

16.55 kevalaṃ nārikelāmbu dattvā devyai maheśvari |
a[vahni ka pāṭhaḥ |]gniṣṭhomaphalaṃ labdhvā naraloke mahīyate || 55 ||
Wer der Göttin auch nur Kokoswasser darbringt, große Herrin, erlange die Frucht des Agnishtoma und werde unter den Menschen geehrt.

16.56 grāmyāraṇyaiḥ phalairdevīṃ sakalaiḥ paripūjayet |
balipriyaṃ ca naivedyaṃ kaśerukaviṣādikam || 56 ||
Mit den Früchten aus Siedlung und Wald verehre man die Göttin; auch als Bali beliebte Speisen wie Kasheruka und Lotusfasern werden genannt. Das letzte Wort ist unsicher überliefert.

16.57 ṛte śleṣmātakaṃ bilvaṃ śaunakaṃ ca viśeṣataḥ |
phalānyayatnapakvāni nisargamadhurāṇi ca || 57 ||
Ausgenommen werden insbesondere Shleshmataka, Bilva und Shaunaka. Früchte sollen ohne künstliches Nachreifen gereift und von Natur aus süß sein,

16.58 supakvāni sugandhīni manoharāṇi yāni ca |
evametāni śastāni nānyāni śubhadāni ca || 58 ||
wohlreif, duftend und ansprechend. Solche werden empfohlen und gelten als segensreich, andere nicht.

16.59 sauvarṇe rājate vāpi tāmre vā prastare'pi ca |
padmapatre'thavā dadyānnaivedyaṃ tripurāpriyam || 59 ||
In einem goldenen, silbernen, kupfernen oder steinernen Gefäß oder auf einem Lotusblatt bringe man die Tripura erfreuende Speise dar.

16.60 nirācchādaṃ samālokya bhaktiśraddhāsamanvitaḥ |
vāyubījena saṃśoṣya saṃdahedvahninā tathā || 60 ||
Mit Hingabe und Vertrauen betrachte man sie unbedeckt, trockne sie innerlich mit dem Wind-Bija aus und verbrenne ihre Unreinheit mit dem Feuer-Bija.

16.61 vāruṇena [sva?su]dhāvṛ[tyā?ṣṭyā]plāvayeddhenumudrayā |
astramantreṇa saṃrakṣya mūlenaivābhiṣicya tu || 61 ||
Mit dem Wasser-Bija und der Dhenu-Mudra überflute man sie mit Nektar, schütze sie durch den Astra-Mantra und besprenge sie mit dem Wurzelmantra.

16.62 mūladevyāḥ svanāmānte naivedyamiti coccaret |
gṛhāṇa vahnijāyānto naivedyamanurīritaḥ || 62 ||
Nach dem Eigennamen der Hauptgöttin spreche man „naivedyam“, „gṛhāṇa“ und Svaha: „Nimm die Speisegabe an!“ Dies ist die Darbringungsformel.

16.63 annaṃ caturvidhaṃ devi rasaiḥ ṣaḍbhiḥ samanvitam |
mayā niveditaṃ bhaktyā tadidaṃ pratigṛhyatām || 63 ||
„Vierfache Nahrung mit den sechs Geschmacksrichtungen bringe ich dir hingebungsvoll dar, Göttin. Nimm sie an!

16.64 lehyacoṣyānupānādibhakṣya[tohyā?bhojyā]ni yāni ca |
mayāhṛtāni yatnena [rū?kṛ]payā devi bhujyatām || 64 ||
Leck- und Saugspeisen, Getränke, feste und weiche Speisen habe ich sorgfältig herbeigebracht. Genieße sie, Göttin!

16.65 jātīlavaṅgakakkolavāsitaṃ svardhunījalam |
mukhavāsakaraṃ puṇyaṃ gṛhītvācāma sundari || 65 ||
Dieses Wasser der himmlischen Ganga, mit Muskat, Gewürznelke und Kakkola durchduftet, erfrischt den Mund. Nimm es an und reinige deinen Mund, Schöne!“

16.66 mūlamantreṇa deveśi hunet pañcāhutīḥ kramāt |
prāṇāpānau tathā vyānamudānaṃ ca samānakam || 66 ||
Mit dem Wurzelmantra bringe man der Reihe nach fünf Opfergaben dar, Herrin der Götter: für Prana, Apana, Vyana, Udana und Samana.

16.67 etatsvarūpaṃ jānīyādāhutīnāṃ ca pañcakam |
pañcāṅgulībhireva syāt kramāt pañcāhutīḥ priye || 67 ||
Diese fünf Lebenswinde sind das Wesen der fünf Opfergaben. Mit den fünf Fingern vollziehe man die fünf Darbringungen der Reihe nach, Geliebte.

16.68 punarācamanaṃ dattvā mukhavāsaṃ nivedayet |
tāmbūlaṃ gandhasaṃyuktaṃ karpūrādisuvāsitam || 68 ||
Erneut gebe man Wasser zur Mundreinigung und danach eine duftende Munderfrischung: Betel, mit Kampfer und weiteren Duftstoffen versehen.

16.69 saṃskṛtya vividhairdravyairgandhavadbhirnivedayet |
stuvan nānāvidhaiḥ stotrairbhaktibhāvasamanvitaḥ || 69 ||
Mit verschiedenen wohlriechenden Zutaten zubereitet, bringe man ihn dar und preise die Göttin mit vielerlei Hymnen und hingebungsvollem Herzen.

16.70 praṇamet parameśānīṃ [ni ka pāṭhaḥ |] vidhinā sādhakottamaḥ |
devamānuṣagandharvā yakṣarākṣasapannagāḥ || 70 ||
Der hervorragende Praktizierende verneige sich vorschriftsmäßig vor der höchsten Herrin. Götter, Menschen, Gandharvas, Yakshas, Rakshasas und Nagas,

16.71 namaskāreṇa tuṣyanti mahātmānaḥ samantataḥ |
namaskāreṇa labhate caturvargaṃ mahodayam || 71 ||
die großen Wesen überall, werden durch Verneigung erfreut. Durch Verneigung erlangt man die vier Lebensziele und großen Aufstieg.

16.72 sarvatra sarvasiddhyarthaṃ natireva [tirekā pravartate kha pāṭhaḥ |] praśasyate |
natvā vijayate lokān natvā dharmaḥ pravartate || 72 ||
Zur Erlangung jeder Vollendung wird die Verneigung empfohlen. Durch sie überwindet man die Welten; durch sie entfaltet sich Dharma.

16.73 namaskāreṇa dīrghāyuracchinnā labhate prajāḥ |
caturvargaṃ labhedbhakto na cirādeva sādhakaḥ || 73 ||
Durch Verneigung erlange man langes Leben und eine ununterbrochene Nachkommenschaft. Der hingebungsvolle Praktizierende erreiche bald die vier Lebensziele.

16.74 namaskāro mahāyajñaḥ prītidaḥ sarvataḥ sadā |
namaskuru mahādevīṃ pradakṣiṇaṃ ca bhaktitaḥ || 74 ||
Verneigung ist ein großes Opfer, das überall und stets Freude schenkt. Verneige dich vor der großen Göttin und umschreite sie hingebungsvoll nach rechts.

16.75 manasāpi mahādevyā yo bhaktyā kurute natim |
so'pi lokān vinirjitya devīloke mahīyate || 75 ||
Wer sich selbst nur im Geist mit Hingabe vor ihr verneigt, überwinde die Welten und werde in der Welt der Göttin geehrt.

16.76 kāyiko vāgbhavaścaiva mānasastrividhaḥ smṛtaḥ |
namaskārāśca vijñeyā uttamādhamamadhyamāḥ || 76 ||
Verneigung ist dreifach: körperlich, sprachlich und geistig. Jede Art besitzt eine vorzügliche, mittlere und geringere Form.

16.77 kāyikaistu namaskārairdevāstuṣyanti sarvataḥ [sarvadā kha pāṭhaḥ |] |
namaskāreṣu sarveṣu kāyikaḥ prathamaḥ smṛtaḥ || 77 ||
Durch körperliche Verneigungen werden die Gottheiten umfassend erfreut. Unter allen Verneigungen gilt die körperliche als vorrangig.

16.78 jānubhyāmavanīṃ gatvā saṃspṛśya śirasā kṣi[ta?ti]m |
kriyate yo namaskāraḥ sa eva kāyikaḥ smṛtaḥ [procyate kāyikastu sa kha pāṭhaḥ |] || 78 ||
Man gehe mit beiden Knien auf die Erde und berühre sie mit dem Kopf: Dies ist die volle körperliche Verneigung.

16.79 puṭīkṛtya karau śīrṣe namaskāraḥ pradīyate |
aspṛṣṭvā jānuśīrṣābhyāṃ kṣitiṃ so'dhama ucyate || 79 ||
Die Hände über dem Kopf zusammenzulegen, ohne mit Knien oder Kopf die Erde zu berühren, gilt als ihre geringere Form.

16.80 jānubhyāṃ kṣitimaspṛṣṭvā śirasāspṛśya medinīm |
kriyate yo namaskāro madhyamaḥ kāyikastu saḥ || 80 ||
Den Kopf zur Erde zu bringen, ohne dass die Knie sie berühren, gilt als mittlere körperliche Verneigung.

16.81 paurāṇikaistāntrikairvā mūlamantreṇa vā punaḥ |
pradakṣiṇaṃ praṇāmaṃ ca kuryāddharmārthasādhanam || 81 ||
Mit puranischen, tantrischen oder dem Wurzelmantra vollziehe man Umschreitung und Verneigung zur Verwirklichung von Dharma und Wohlergehen.

16.82 prasārya dakṣiṇaṃ hastaṃ svayaṃ namraśirāḥ punaḥ |
dakṣiṇaṃ darśayan pārśvaṃ bhaktiśraddhāsamanvitaḥ || 82 ||
Man strecke die rechte Hand aus, neige den Kopf und wende der Gottheit die rechte Körperseite zu, erfüllt von Hingabe und Vertrauen.

16.83 sakṛt pradakṣiṇaṃ kṛtvā vartulākṛti sādhakaḥ |
sa ca pradakṣiṇo jñeyaḥ sarvadevaugha[ka kha pāṭhaḥ |]tuṣṭidaḥ || 83 ||
Eine vollständige kreisförmige Umschreitung in dieser Weise heißt Pradakshina und erfreut sämtliche Gottheiten.

16.84 aṣṭottaraśataṃ yastu devyāḥ kuryāt pradakṣiṇam |
sa sarvakāmā[mamā kha pāṭhaḥ |]nāsādya paścānmokṣamavāpnuyāt || 84 ||
Wer die Göttin 108-mal umschreitet, erlange sämtliche Wünsche und schließlich Befreiung.

16.85 trikoṇamatha ṣaṭkoṇamardhacandraṃ pradakṣiṇam |
daṇḍamaṣṭāṅgamugraṃ ca saptadhā natilakṣaṇam || 85 ||
Dreieck, Sechseck, Halbmond, kreisförmige Umschreitung, Stab, achtgliedrige und strenge Verneigung: So werden sieben Formen unterschieden.

16.86 dakṣiṇādvāyavīṃ gatvā diśaṃ tasmācca śāṃbhavīm |
tato'pi dakṣiṇāṃ [da?ga]tvā namaskārastrikoṇavat || 86 ||
Vom Süden gehe man nach Nordwesten, von dort nach Nordosten und zurück nach Süden. So entsteht die dreieckige Verneigung.

16.87 trikoṇākhyo namaskārastripurāprītidāyakaḥ |
dakṣiṇādvāyavīṃ gatvā vāyavyāḥ śāṃbhavīṃ tathā || 87 ||
Diese Dreiecksform erfreut Tripura. Für die nächste Form gehe man vom Süden nach Nordwesten und weiter nach Nordosten,

16.88 tato'pi dakṣiṇāṃ gatvā tāṃ tyaktvāgnau praviśya ca |
agnito rākṣasīṃ gatvā kauberīṃ ca tato viśet || 88 ||
dann zurück nach Süden, von dort nach Südosten, weiter nach Südwesten und nach Norden,

16.89 āgneyīṃ ca tato gatvā namaskāraḥ prakīrtitaḥ |
ṣaṭkoṇākhyo namaskāro durgāyāḥ prītidāyakaḥ || 89 ||
schließlich wieder nach Südosten. Diese sechseckige Verneigung erfreut Durga.

16.90 dakṣiṇādvāyavīṃ gatvā tasmādvyāvṛtya dakṣiṇam |
gatvā yo'sau namaskāraḥ so'rdhacandro mama priyaḥ || 90 ||
Vom Süden gehe man nach Nordwesten und auf demselben Weg zurück nach Süden. Diese halbmondförmige Verneigung ist mir lieb.

16.91 namaskāreṣu jānīyādāsāṃ prākṛtamadrije |
tyaktvā svamāsanasthānaṃ paścādgatvā namaskṛtaḥ || 91 ||
Für diese Verneigungen gelten die gewöhnlichen Himmelsrichtungen, Bergestochter. Man verlasse seinen Sitzplatz und gehe nach hinten,

16.92 nipatya daṇḍavad bhūmau nipatya hṛdayena ca |
tathaiva daṇḍavad bhūmau daṇḍa ityucyate budhaiḥ || 92 ||
dann lege man sich stabgleich auf die Erde, auch mit der Brust den Boden berührend. Die Kundigen nennen dies Danda, die Stabverneigung.

16.93 cibukena mukhenātha nāsayā hanukena ca |
cakṣuṣā vātha karṇābhyāṃ brahmarandhreṇa caiva hi || 93 ||
Kinn, Mund, Nase, Kiefer, Auge, beide Ohren und Scheitel

16.94 tadaṣṭāṅmiti proktaṃ yadbhūmiṃ spṛśate kramāt |
brahmarandhreṇa saṃsparśaḥ kṣiteryasyā namaskṛteḥ || 94 ||
berühren dabei der Reihe nach die Erde: Dies heißt hier achtgliedrige Verneigung. Eine Verneigung, bei der der Scheitel allein die Erde berührt,

16.95 sa ugra iti vijñeyo viṣṇostuṣṭipradāyakaḥ |
yat [yāsva kha pāṭhaḥ |] svayaṃ gadyapadyābhyāṃ [ga?gha]ṭitābhyāṃ namaskṛtiḥ || 95 ||
heißt Ugra, die strenge Form, und erfreut Vishnu. Wird die Verehrung mit selbst verfasster Prosa oder Dichtung

16.96 kriyate bhaktiyuktena vācikastūttamaḥ smṛtaḥ |
paurāṇikairvaidikairvā tāntrikaiḥ kriyate natiḥ || 96 ||
hingebungsvoll ausgesprochen, gilt sie als vorzügliche sprachliche Verneigung. Mit puranischen, vedischen oder tantrischen Texten

16.97 sa madhyamo namaskāro bhavedvācanikaḥ [dācārata kha pāṭhaḥ |] sadā |
pareṣāṃ gadyapadyābhyāṃ namaskāro yadā bhavet || 97 ||
vollzogen, gilt sie als mittlere sprachliche Verneigung. Wird sie mit Prosa oder Dichtung anderer Menschen ausgeführt,

16.98 sa vāciko'dhamo jñeyo namaskāreṣu sarvataḥ |
iṣṭa[dhāmā?madhyā]niṣṭagatairmanobhistrividhaṃ bhavet || 98 ||
gilt sie als geringere sprachliche Form. Die geistige Verneigung wird entsprechend der auf Erwünschtes, Unerwünschtes oder Gleichgültiges gerichteten Haltung dreifach unterschieden; die Zeile ist verkürzt überliefert.

16.99 namanaṃ mānasaṃ proktamuttamādhamamadhyamam |
trividhe ca namaskāre kāyikaścottamaḥ smṛtaḥ || 99 ||
So gibt es auch geistig eine vorzügliche, mittlere und geringere Verneigung. Unter den drei Hauptarten wird hier die körperliche als vorzüglich angesehen.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde upacāraphalavidhinirūpaṇaṃ ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ || 16 ||
Hier endet das 16. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Früchte der Verehrung“.

Kapitel 17: Verehrung der Göttinnen des Chakra

saptadaśaḥ paṭalaḥ |
śrīdevyuvāca
Die erhabene Göttin sprach: 17.1 prakaṭādyāḥ kathaṃ deva pūjyante parameśvara |
tat sarvaṃ kathayeśāna mudrāviracanaṃ tathā || 1 ||
Wie werden die offenbaren und die übrigen Yoginis verehrt, Gott, höchster Herr? Lehre dies alles sowie die Bildung der Mudras.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 17.2 tāstu prapūjayedbhaktyā sṛṣṭisthitilayakramaiḥ |
mohanaṃ kṣobhaṇaṃ cakraṃ dakṣāvartakramādyajet || 2 ||
Man verehre sie hingebungsvoll nach den Ordnungen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. Das bezaubernde und das erschütternde Chakra verehre man rechtsherum.

17.3 vāmāvartakrameṇaiva śeṣacakrāṇi pūjayet |
ārabhya paścimād devi vāyavyantaṃ samāpayet || 3 ||
Die übrigen Chakras verehre man linksherum, beginnend im Westen und endend im Nordwesten, Göttin.

17.4 raśmivṛndāni te devi pūjayāmi vidhānataḥ |
ājñāpaya jaganmātaryata[sta?stva]meva tāni(va?ca) || 4 ||
„Die Scharen deiner Strahlen verehre ich vorschriftsmäßig, Göttin. Erteile mir dazu deine Weisung, Mutter der Welt!“ Die letzte Wendung der Formel ist unsicher überliefert.

17.5 kṛtāñjalirmaheśāni devyājñāṃ sādhakottamaḥ |
gṛhītvā pūjayet tuṣṭaḥ [ṣṭo ka pāṭhaḥ |] prāguktakramayogataḥ || 5 ||
Mit zusammengelegten Händen empfange der hervorragende Praktizierende die Erlaubnis der Göttin und verehre froh nach der zuvor gelehrten Ordnung.

17.6 pūjāvaraṇaśaktīnāṃ gandhapuṣpādbhirakṣataiḥ |
jñānamudrānvitairdevi tarpaṇaṃ tattvamudrayā || 6 ||
Die Shaktis der Umkreise verehre man mit Duft, Blumen, Wasser und unversehrtem Reis, verbunden mit der Jnana-Mudra; Tarpana vollziehe man mit der Tattva-Mudra.

17.7 (1) mahāyogīśvaraṃ devaṃ yoginaṃ karuṇāmayam |
vāruṇaṃ pūrvamuddhṛtya dakṣakarṇendubhūṣitam || 7 ||
Zuerst betrachte man den großen Yogaherrn, den göttlichen Yogi voller Mitgefühl. Man erschließe das Wasser-Bija, geschmückt mit rechtem Ohr und Mondzeichen.

17.8 buddhāya nama ityuktvā pūjayejjagadīśvaram |
paścimādicaturdikṣu pūjayeda(ni?ṇi)mādikā || 8 ||
Mit „buddhāya namaḥ“ verehre man diesen Weltenherrn. In den vier Richtungen, beginnend im Westen, verehre man Anima und die folgenden Siddhis.

17.9 vāyavyādiṣu koṇeṣu vaśitvapramukhā[n?khāḥ]yajet |
prāptisiddhimadhobhāge sarvakāmāṃ [mā ka pāṭhaḥ |] tathorddhvake || 9 ||
In den Ecken, beginnend im Nordwesten, verehre man Vashitva und die übrigen, unten Prapti und oben Sarvakama.

17.10 māyālakṣmīsamāyogaṃ kṛtvā pūrvaṃ maheśvari |
tathaiva siddhiśabdānte śrīpādukāṃ tato vadet || 10 ||
Zuerst verbinde man Maya- und Lakshmi-Bija, große Herrin. Nach dem jeweiligen Siddhi-Namen spreche man „Shri-Paduka“

17.11 pūjayāmīti manunā pūjayeduktamārgataḥ |
tathā dvitīyarekhāyāṃ brahmāṇyādyāḥ prapūjayet || 11 ||
und „pūjayāmi“, „ich verehre“, und vollziehe die Verehrung wie angegeben. Auf der zweiten Linie verehre man Brahmani und die weiteren Mütter.

17.12 asitāṅgaṃ ruruṃ caiva caṇḍaṃ krodhaṃ tathaiva ca |
unmattaṃ ca tathā devi bhairavaṃ ca kapālinam || 12 ||
Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, Unmatta, Kapalin,

17.13 bhīṣaṇaṃ caiva saṃhāraṃ tābhiḥ saha prapūjayet |
sarvasaṃkṣobhiṇīmukhyāstathā tṛtīyarekhagāḥ || 13 ||
Bhishana und Samhara verehre man als Bhairavas zusammen mit ihnen. Auf der dritten Linie folgen Sarvasamkshobhini und die übrigen.

17.14 karaśuddhikarīṃ pūrve [rīpūrvā ka pāṭhaḥ |] pūjayeccakranāyikām |
dakṣiṇe pūjayed devyā mudrā saṃkṣobhakāriṇīm || 14 ||
Im Osten verehre man mit der Handreinigungsvidya die Herrin des Chakra. Rechts von ihr verehre man die erschütternde Mudra-Göttin.

17.15 a[ni?ṇi]māṃ pūjayedvāme buddhaṃ tasyāḥ puraḥ punaḥ |
madhyame madhyataḥ kṛtvā kaniṣṭhe'ṅguṣṭha[bo?ro]dhite || 15 ||
Links verehre man Ama, vor ihr wiederum Buddha. Zur Mudra lege man die Mittelfinger in die Mitte und halte die kleinen Finger mit den Daumen.

17.16 tarjanyau daṇḍavat kṛtvā madhyamoparyanāmike |
eṣā tu prathamā mudrā sarvasaṃkṣobhakāriṇī || 16 ||
Die Zeigefinger seien stabförmig ausgestreckt, die Ringfinger über den Mittelfingern. Dies ist die erste Mudra, die alles erschüttert.

17.17 (khā?thā)ntaṃ [thāntamityādinā drāṃ iti bījoddhāraḥ kṛta |] vahnisamārūḍhaṃ dvitīyasvarabhūṣitam |
nādabindukalāyuktaṃ bījaṃ tasyāḥ prakīrtitam || 17 ||
Ihr Bija wird aus dem unsicher gelesenen Ende der kha- beziehungsweise tha-Reihe auf dem Feuerzeichen, mit zweitem Vokal, Nada, Bindu und Kala gebildet.

17.18 ādāya dakṣahastena viśeṣārghyodakaṃ tataḥ |
bījadvayaṃ samābhāṣya tathaitāḥ prakaṭāstataḥ || 18 ||
Man nehme mit der rechten Hand Wasser des besonderen Arghya, spreche die beiden Bijas und dann: „Diese offenbaren

17.19 yoginyaśca samudrāśca sasiddhayaśca sāyudhāḥ |
tathā saparivārāśca sarvopacārakaistathā || 19 ||
Yoginis, mit ihren Mudras, Siddhis, Waffen und ihrem Gefolge, mögen durch sämtliche Darbringungen

17.20 trailokyamohane cakre tripurādhiṣṭhite tathā |
pūjitāstarpitāḥ santu devyā haste nivedayet || 20 ||
im Trailokyamohana-Chakra, über das Tripura herrscht, verehrt und gesättigt sein.“ Dies übergebe man der Göttin in die Hand.

17.21 evamakhilacakrasthayoginīnāṃ mahaujasām |
yathāva[daha?dukta]vākyena cakrapūjāṃ nivedayet || 21 ||
So bringe man die Verehrung der machtvollen Yoginis jedes Chakra mit der jeweils passenden Formel dar.

17.22 (1) māyālakṣmīkalābhistā nityāḥ kalāḥ prapūjayet |
brahmā kamaṇḍaludharaścaturvakraścaturbhujaḥ || 22 ||
Mit Maya, Lakshmi und den Kalas verehre man die ewigen Nitya-Kräfte. Dann betrachte man Brahma mit Wasserkrug, vier Gesichtern und vier Armen.

17.23 rājahaṃsasamāsīnaḥ prāṃśustuṅgāṃsa [śa ka pāṭhaḥ |] unnataḥ |
sāvitrī vāmapārśvasthā dakṣiṇe ca sarasvatī || 23 ||
Er sitzt auf einem königlichen Schwan, hochgewachsen und mit hohen Schultern. Savitri steht links, Sarasvati rechts.

17.24 sarve devāḥ sthitāstvagre vedāḥ sarve'grataḥ sthitāḥ |
varṇena raktagaurāṅgo japamā[na?lā]lasatkaraḥ || 24 ||
Vor ihm stehen sämtliche Götter und Veden. Sein Leib ist rötlich-hell; in einer Hand trägt er eine Gebetskette.

17.25 varābhayaprado devaḥ sarvalokapitāmahaḥ |
praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya brahmaṇe nama ālikhet || 25 ||
Er zeigt Gewährung und Furchtlosigkeit, der Stammvater aller Welten. Zuerst spreche man Om, danach „brahmaṇe namaḥ“.

17.26 anena manunā devi brahmāṇaṃ paripūjayet |
bālayā yojitāṃ kṛtvā pūjayeccakranāyikām || 26 ||
Mit diesem Mantra verehre man Brahma, Göttin. Danach verehre man die Chakra-Herrin mit der entsprechenden Bala-Verbindung.

17.27 darśayed(bhā?drā)viṇīṃ mudrāṃ tattadbījapuraskṛtām |
(khā?thā)ntaṃ [thāntamityādinā drī iti drāviṇīmudrāyā bījoddhāraḥ |] vahnisamārūḍhaṃ turyasvaravibhūṣitam || 27 ||
Man zeige die Dravini-Mudra mit ihrem Bija: das Ende der tha-Reihe auf Feuer, mit dem vierten Vokal,

17.28 nādabindukalāyuktaṃ drāviṇībījamuttamam |
sarvasaṃkṣobhamudrāyā madhyame sa[va?ra]le yadā || 28 ||
Nada, Bindu und Kala verbunden. Dies ist das vorzügliche Dravini-Bija. Werden in der alles erschütternden Mudra die beiden Mittelfinger gerade gehalten,

17.29 kriyete parameśāni sarvavidrāviṇī tadā |
(3) śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ pañcavaktraṃ trilocanam || 29 ||
entsteht die alles erweichende Mudra, höchste Herrin. Danach betrachte man Shiva, klar wie Kristall, mit fünf Gesichtern und drei Augen.

17.30 vyāghracarmasthite padme padmāsanagataṃ sadā |
saṃśliṣyantamumāṃ devīṃ cāmarotpaladhāriṇīm || 30 ||
Auf einem Lotus über einem Tigerfell sitzt er im Lotussitz und umarmt Uma, die Yakschweifwedel und Lotus trägt.

17.31 dvibhujāṃ svarṇagaurāṅgīṃ saumyātisaumyarūpiṇīm |
līlārabindaṃ[rā?vā]me[ṇa?na]pāṇinā bibhratīṃ sadā || 31 ||
Sie ist zweiarmig, goldhell und überaus sanft. In der linken Hand hält sie spielerisch einen Lotus.

17.32 śuklaṃ tu cāmaraṃ [da?dhṛ]tvā śivasyāṅge'tha dakṣiṇe |
vinyasya dakṣiṇaṃ hastaṃ tiṣṭhantīṃ [ntī ka pāṭhaḥ |] paricintayet || 32 ||
Nachdem sie den weißen Wedel abgelegt hat, ruht ihre rechte Hand an Shivas rechter Körperseite: So stelle man sie sich vor. Die genaue Handlung ist verkürzt überliefert.

17.33 trailokyajananīṃ devīṃ trailokyajanakaṃ śivam |
umāmaheśvaraṃ dhyātvā mohayejjagatīmimām || 33 ||
Die Göttin ist Mutter der drei Welten, Shiva deren Vater. Wer über Uma-Maheshvara meditiert, könne diese Welt bezaubern.

17.34 kāmaṃ śakraṃ tathākāśaṃ [śatu ka pāṭhaḥ |] turīyamanubhūṣitam |
nādabindukalāyuktaṃ dvayaṃ bījaṃ tayoḥ kramāt || 34 ||
Kama, Indra und Raum, mit dem vierten Vokal, Nada, Bindu und Kala verbunden, bilden die beiden Bijas in der genannten Reihenfolge.

17.35 umā ṅentā [ntota ka pāṭhaḥ |] tathā ṅento maheśvaro hṛda[mvi?nvi]taḥ |
mantrarājaḥ samākhyātaścaturvargaphalapradaḥ || 35 ||
Uma und Maheshvara stehen im Dativ, abgeschlossen durch „namaḥ“. Dieser Mantrakönig gewährt die vier Lebensziele.

17.36 anena tau samabhyarcya sarvasaṃkṣobhake tataḥ |
anaṅgakusumāṃ pūrve kavargeṇaiva pūjayet || 36 ||
Nachdem man beide damit verehrt hat, verehre man im Sarvasamkshobhana-Chakra im Osten Anangakusuma mit der ka-Gruppe.

17.37 cavargeṇa ca deveśi dakṣiṇe'naṅgamekhalām |
anaṅgamadanāṃ devi ṭavargeṇa ca paścime || 37 ||
Mit der cha-Gruppe verehre man im Süden Anangamekhala, mit der retroflexen ta-Gruppe im Westen Anangamadana, Göttin.

17.38 tavargeṇottare bhāge pūjayenmadanāturām |
tathaivānaṅgare[khāsu?khāṃ tu] pavargeṇa hutāśane || 38 ||
Mit der dentalen ta-Gruppe verehre man im Norden Madanatura, mit der pa-Gruppe im Südosten die hier nur verkürzt als Ananga bezeichnete Göttin.

17.39 yavargeṇa ca deveśi nairṛte'naṅgaveginī(m) |
śavargeṇa ca vāyavye'naṅgāṅkuśāṃ ca pūjayet || 39 ||
Mit der ya-Gruppe verehre man im Südwesten Anangavegini, mit der sha-Gruppe im Nordwesten Anangankusha.

17.40 ḻakṣābhyāṃ parameśāni īśe cānaṅgamālinīm |
proktasthāne samāvāhya pūjayeccakranāyikām || 40 ||
Mit ḻa und ksha verehre man im Nordosten Anangamalini, höchste Herrin. Dann rufe man die Herrin des Chakra an ihrem genannten Ort an und verehre sie.

17.41 kāmabījaṃ puraskṛtya mudrāṃ saṃdarśayet tataḥ |
madhyamānāmikābhyāṃ tu kaniṣṭhānāmike same || 41 ||
Mit dem Kama-Bija beginne man und zeige die anziehende Mudra. Kleine Finger und Ringfinger werden gleichmäßig angeordnet,

17.42 aṅkuśākārarūpābhyāṃ madhyame parameśvari |
iyamākarṣiṇī mudrā trailokyākarṣakāriṇī || 42 ||
während die Mittelfinger eine Hakenform bilden. Die Fingeranweisung ist teilweise verderbt. Dies ist die Akarshini-Mudra, welche die drei Welten anzieht.

17.43 [4] sarvasaubhāgyade cakre bhāskaraṃ paricintayet |
padmarāgapratīkāśaṃ kirīṭāṅgadabhūṣaṇam || 43 ||
Im Sarvasaubhagyada-Chakra betrachte man den Sonnengott, rubingleich, mit Krone und Oberarmspangen geschmückt.

17.44 padmāsanasamāsīnaṃ svaśaktyāliṅgitaṃ vibhum |
dadhānaṃ bāhubhirdevaṃ raktapadme [dmava ka pāṭhaḥ |] varābhayau || 44 ||
Er sitzt im Lotussitz, von seiner Shakti umarmt. Mit seinen Armen hält er zwei rote Lotusblüten und zeigt Gewährung und Furchtlosigkeit.

17.45 prāguktena tu mantreṇa bhāskaraṃ paripūjayet |
saṃpradāyāḥ prapūjyaiva pūjayeccakranāyikām || 45 ||
Mit dem zuvor genannten Mantra verehre man die Sonne, dann die Sampradaya-Yoginis und die Herrin des Chakra.

17.46 vāruṇaṃ [vāra kha pāṭhaḥ |] [vaśyamudrāyā bījamuddharati vāruṇamiti vrūṃ** iti |] cendrabījasthaṃ (dakṣa?vāma)karṇavibhūṣitam |
nādabindukalāyuktaṃ bījaṃ vaśyakaraṃ mahat || 46 ||
Das Wasserzeichen auf dem Indra-Bija, geschmückt mit dem linken Ohrzeichen, Nada, Bindu und Kala, bildet das große beherrschende Bija.

17.47 puṭākārau karau kṛtvā tarjanyaṅkuśarūpiṇī |
parivartakrameṇaiva madhyame tadadhogate || 47 ||
Man forme beide Hände zu Schalen, die Zeigefinger hakenförmig. Durch wechselseitiges Drehen lege man die Mittelfinger darunter,

17.48 krameṇa devi tenaiva kaniṣṭhānāmike api |
saṃyojya niviḍāḥ kāryāḥ sarvā aṅguṣṭhadeśataḥ || 48 ||
ebenso kleine Finger und Ringfinger. Alle werden im Bereich der Daumen fest miteinander verbunden, Göttin.

17.49 mudraiṣā parameśāni sarvavaśyakarī matā |
(5) sarvārthasādhake cakre bāhye daśārake tataḥ || 49 ||
Diese Mudra gilt als alles beherrschend, höchste Herrin. Danach folgt im äußeren Zehn-Dreiecke-Kreis das Sarvarthasadhaka-Chakra.

17.50 maṇimayama(had?hā)ratnapaṅkaje'timanohare |
pīṭhe tasminniviṣṭasya pradyotanaśatadyuteḥ || 50 ||
Auf einem überaus schönen Edelsteinlotus befindet sich ein Sitz; dort ist ein Träger, leuchtend wie hundert Sonnen,

17.51 taptakāñcanavarṇā[bhāvanato?bhavainate]yasya pārvati |
āsīnamunnatāṃse ca viṣṇuṃ vidrumasaṃnibham || 51 ||
goldfarben, Parvati. Auf seinen hohen Schultern sitzt Vishnu, korallengleich. Die Bezeichnung des Trägers ist in der Vorlage ausgefallen.

17.52 svavāmorugatāṃ padmāṃ śliṣyantamaruṇekṣaṇam |
pītavastraparīdhānaṃ (ca?sa)smitaṃ cārubhūṣaṇam || 52 ||
Er umarmt Padma auf seinem linken Oberschenkel, hat rote Augen, trägt gelbe Gewänder, lächelt und ist schön geschmückt.

17.53 śaṅkhacakragadāpadmaṃ dadhānaṃ bāhubhiḥ sadā |
cintayitvā maheśāni pūjayejjagadīśvaram [rīm ka pāṭhaḥ |] || 53 ||
In seinen Händen trägt er Muschel, Diskus, Keule und Lotus. So betrachte und verehre man den Herrn der Welt, große Herrin.

17.54 mantrama(syāḥ?sya) pravakṣyāmi caturvargapradāyakam |
kāmabījaṃ samuddhṛtya hṛṣīkeśamataḥ param || 54 ||
Seinen die vier Lebensziele gewährenden Mantra werde ich lehren: Zuerst das Kama-Bija, dann „Hrishikesha“

17.55 ṅentaṃ ca natisaṃyuktamanena taṃ prapūjayet |
kulakaulāḥ prapūjyaiva pūjayeccakranāyikām || 55 ||
im Dativ mit „namaḥ“. Damit verehre man ihn. Nach den Kula-Kaula-Yoginis verehre man die Herrin des Chakra.

17.56 sarvonmādakarīṃ mudrāṃ darśayedbījapūrvikām |
sasargo [bhṛgu sa sasargo visargasahita | iti sarvotmādinībījoddhāraḥ |] bhṛguretasyā bījametadudāhṛtam || 56 ||
Man zeige die alles verzückende Mudra mit ihrem Bija. Als dieses gilt das Bhrigu-Zeichen mit Visarga.

17.57 saṃmukhau tu karau kṛtvā madhyamāmadhyage'ntyaje [me madhyame yajet ka pāṭhaḥ |] |
anāmike tu sarale tadbahistarjanīdvayam || 57 ||
Die Hände werden einander zugewandt; die kleinen Finger liegen zwischen den Mittelfingern, die Ringfinger gerade, die Zeigefinger außen.

17.58 daṇḍākārau tato'ṅguṣṭhau madhyamānakhadeśagau |
mudraiṣonmādinī nāmnā kledinī sarvayoṣitām || 58 ||
Die Daumen sind stabförmig und reichen an die Nägel der Mittelfinger. Diese Unmadini-Mudra soll alle Frauen erotisch erregen; dies ist die Wirkungsbehauptung des Ritualtextes.

17.59 [6] sarvarakṣākare cakre tathāntardaśakoṇake |
trailokyamohanaṃ viṣṇuṃ dhyāyedbandhūkasaṃnibham || 59 ||
Im inneren Zehn-Dreiecke-Kreis, dem Sarvarakshakara-Chakra, betrachte man den die drei Welten bezaubernden Vishnu, rot wie Bandhuka-Blüten,

17.60 ja(vā?pā)kusumasaṃkāśaṃ dāḍimīkusumaprabham |
udyadādityasaṃkāśaṃ ratnasiṃhāsane'mbuje || 60 ||
wie Hibiskus und Granatapfelblüten, strahlend wie die aufgehende Sonne, auf einem Lotus über einem Edelsteinthron.

17.61 padmāsanasamāsīnaṃ bhujaiścaturbhirāyataiḥ |
pāśāṅkuśau ca dadhataṃ puṣpabāṇekṣukārmukam || 61 ||
Er sitzt im Lotussitz und hält mit vier langen Armen Schlinge, Stachel, Blütenpfeile und Zuckerrohrbogen.

17.62 aruṇāyatalolākṣiyugalaṃ madaghūrṇitam |
sarvaśṛṅgāraveśāḍhyaṃ kirīṭāṅgadabhūṣitam || 62 ||
Seine langen roten Augen bewegen sich in Verzückung. Er trägt die ganze Pracht liebevoller Schönheit, Krone und Oberarmspangen.

17.63 raktamālāmbaradharaṃ raktagandhānulepinam |
svavāmorugatāṃ śaktiṃ śliṣyantīṃ dakṣapāṇinā || 63 ||
Rote Girlanden und Gewänder schmücken ihn, roter Duftstoff salbt ihn. Seine Shakti sitzt auf seinem linken Oberschenkel und umarmt ihn mit der rechten Hand.

17.64 vāmena pāṇinā padmaṃ dhārayantīṃ śucismitām |
rucirāṅgadabhūṣāḍhyāṃ śuddhakṣomavirājitām || 64 ||
Mit der linken hält sie einen Lotus; sie lächelt rein, trägt schöne Armspangen und Schmuck und strahlt in reinem Leinen.

17.65 madanottaptahṛdayāṃ klidyadyoniṃ pareśvarīm |
kalākalitama(ā)dhu(rāṃ?ryāṃ)taruṇīṃ yauvanānvitām || 65 ||
Ihr Herz ist von Liebe entflammt, ihre Yoni feucht. Die junge höchste Herrin besitzt volle Jugend und die Süße aller Künste.

17.66 sakārmukabhujenaiva śliṣyantaṃ sṛdṛḍhaṃ tathā |
ta[rja?jja]nitaparānandananditaṃ parameśvaram || 66 ||
Mit dem den Bogen tragenden Arm umarmt er sie fest, der höchste Herr, erfreut durch die von ihr entfaltete höchste Wonne. Die entsprechende Wortform ist beschädigt.

17.67 nāgagandharvadevānāmaṅga[lā?nā]bhiḥ samāvṛtam |
madanollalitāṅgābhirbhūṣitābhirvibhūṣaṇaiḥ || 67 ||
Frauen der Nagas, Gandharvas und Götter umgeben ihn, von Liebe bewegt und mit Schmuck geziert.

17.68 ātma(ā)bhedena yo dhyāyed devadevaṃ jagadgurum |
trailokyamohanaṃ viṣṇuṃ trailokyamohano bhavet || 68 ||
Wer diesen Gott der Götter und Weltenlehrer, Vishnu als Bezauberer der drei Welten, als ungetrennt vom eigenen Selbst betrachtet, werde selbst zum Bezauberer der drei Welten.

17.69 bījamasya pravakṣyāmi lakṣmīnārāyaṇātmakam |
[brahmā ka purandaro la māyāsvara ī nādādyupeta tena klīṃ iti |] brahmā purandaraḥ paścānmāyāsvaramataḥ param || 69 ||
Sein Bija werde ich lehren, das Wesen von Lakshmi-Narayana: Brahma, danach Indra und der Maya-Vokal,

17.70 nādabindukalāyuktaṃ bījaṃ trailokyapūjitam |
śrutiṣu mathitasāraṃ devatākaṇṭa[hārakaṃ?kāriṃ] tribhuvana[śaṃkarī?śakāraṃ]śrīdhanādyarthakā[rakaṃ?ram] śamanabhayavināśaṃ sarvaśaṅkāpraṇāśaṃ bhavajaladhiviśoṣaṃ mānasā[ndha?ndhya]prakāśam [ida padya prakṣiptamiti pratibhāti |] anena taṃ samabhyarcya niga(rva?rbha)yogi(nīṃ?nīḥ)yajet || 70 ||
verbunden mit Nada, Bindu und Kala. Dieses in den drei Welten verehrte Bija wird in einer beschädigten Lobstrophe als Essenz der Shruti, Vernichter von Todesfurcht und Zweifeln, Austrockner des Samsara-Meeres und inneres Licht gepriesen. Damit verehre man ihn, danach die Nigarbha-Yoginis.

17.71 nāyikāṃ tatra saṃpūjya mudrāṃ saṃdarśayet tathā |
ta[asyā ka pāṭhaḥ |][smāda?syāstva]nāmikāyugmamadhaḥ kṛtvāṅkuśākṛti || 71 ||
Nach der Verehrung ihrer Herrin zeige man die Mudra: Die beiden Ringfinger werden nach unten hakenförmig gehalten,

17.72 tarjanyāvapi tenaiva kramena viniyojayet |
iyaṃ mahāṅkuśā mudrā sarvakāryārthasādhikā || 72 ||
die Zeigefinger auf entsprechende Weise angeordnet. Dies ist die Mahankusha-Mudra, die alle Vorhaben verwirklicht.

17.73 [rephārūḍa kāmadeva kra | yodaśa svara tena kro iti |] kāmadevo'gnimārūḍho bindunādakalānvitaḥ |
trayodaśasvaropeto mudrābījamitīritam || 73 ||
Kamadeva auf dem Feuerzeichen, mit Bindu, Nada, Kala und dem dreizehnten Vokal verbunden, bildet ihr Bija.

17.74 [7] aṣṭakoṇe maheśāni rahasyayoginīryajet |
vaśinīpramukhāḥ sarvāḥ pūrvavadbījasaṃyutāḥ || 74 ||
Im Achteck verehre man die geheimen Yoginis, große Herrin: Vashini und die übrigen, mit denselben Bijas wie zuvor.

17.75 pādukāṃ pūjayāmīti nyāsādeva viśeṣataḥ |
cakreśvarīṃ [jñānātmikā ka pāṭhaḥ |] yajecchaktiṃ (bha?bhu)ktisiddhiṃ ca vāmataḥ || 75 ||
Gegenüber dem Nyasa füge man ausdrücklich „pādukāṃ pūjayāmi“, „ich verehre die Padukas“, hinzu. Man verehre die Chakra-Herrin und links die Bhukti-Siddhi, die Vollendung des Genusses.

17.76 ta(daṅke?ddakṣe)khecarīmudrāṃ tāṃ ca saṃdarśayet tataḥ |
savyaṃ dakṣiṇadeśe tu dakṣiṇaṃ vāmadeśataḥ || 76 ||
Rechts verehre man die Khechari-Mudra und zeige sie. Der linke Arm wird nach rechts, der rechte nach links geführt.

17.77 bāhuṃ kṛtvā maheśāni hastau saṃparivartya ca |
kaniṣṭhānāmike devi yu(ktā?ktvā)tena krameṇa tu || 77 ||
Man drehe die Hände gegeneinander und verbinde kleine Finger und Ringfinger auf die angegebene Weise, Göttin.

17.78 tarjanībhyāṃ samākrānte sarvordhvamapi madhyame |
aṅguṣṭhau ca maheśāni kārayet saralāviha || 78 ||
Die Zeigefinger greifen darüber; die Mittelfinger ragen oben heraus. Beide Daumen halte man gerade, große Herrin.

17.79 iyaṃ sā khecarī mudrā nāmnā sarvottamā priye |
raciteyaṃ mahāmudrā sarvatejopahāriṇī || 79 ||
Dies ist die vorzügliche Khechari-Mudra, Geliebte. Vollzogen, zieht diese große Mudra alle Strahlkraft an sich.

17.80 [śiva ha candra sa kānta kha pānta pha vahni repha ekādaśa svara e rthāt nādakalādiyuta tena hasakhaphre iti khecarīvidyā |] śivaṃ candraṃ tathā kāntaṃ pāntaṃ vahnisamanvitam |
ekādaśasvaropetaṃ bījaṃ tasyāḥ prakīrtitam [ta ka pāṭhaḥ |] || 80 ||
Shiva, Mond, das Ende der ka- und pa-Reihe sowie Feuer, verbunden mit dem elften Vokal, bilden ihr Bija.

17.81 (8) madhyatrikoṇacakre ca agradakṣottare śive |
tā eva pūjayeddevi vinyāsoktavidhānataḥ || 81 ||
Im mittleren Dreieck verehre man an Spitze, rechter und linker beziehungsweise nördlicher Ecke die bereits genannten Göttinnen nach der Nyasa-Vorschrift, Heilvolle.

17.82 pādukāṃ pūjayāmīti viśeṣo'tra prakāśitaḥ |
tripurā[pāṃ?mbāṃ]tu cakreśīmicchāsiddhiṃ ca vāmataḥ || 82 ||
Der besondere Zusatz lautet auch hier „pādukāṃ pūjayāmi“. Man verehre Tripura als Chakra-Herrin und links die Iccha-Siddhi, die Vollendung des Willens.

17.83 parivartya karau spaṣṭāvardhacandrākṛtī priye |
tarjanyaṅguṣṭhayugalaṃ yugapat kārayet tataḥ || 83 ||
Man drehe beide Hände zu einer deutlichen Halbmondgestalt und verbinde beide Zeigefinger und Daumen paarweise, Geliebte.

17.84 adhaḥ kaniṣṭhāvaṣṭabdhe madhyame viniyojayet |
tathaiva kuṭile yojye sarvādhastādanāmike || 84 ||
Darunter lege man die Mittelfinger an die kleinen Finger; die gekrümmten Ringfinger werden ganz unten verbunden.

17.85 bījamudreyamākhyātā parā trailokyamātṛkā |
sadāśivasya bījāḍhyā [hsauṃ iti sadāśivabījam |] darśayitvā vidhānataḥ || 85 ||
Dies ist die höchste Bija-Mudra, Mutter der drei Welten. Mit dem Bija Sadashivas zeige man sie vorschriftsmäßig.

17.86 [9] sarvānandamaye cakre brahmaviṣṇvīśarūpiṇīm |
pūjayitvā vidhānena cakreśīmapi bhairavīm || 86 ||
Im Sarvanandamaya-Chakra verehre man die Göttin als Gestalt Brahmas, Vishnus und Ishas sowie Bhairavi als Herrin des Chakra,

17.87 jñānecchādikriyārūpāṃ mokṣasiddhiṃ ca vāmataḥ |
siṃhaṃ ca purato devyā jagadādhāramarcitam || 87 ||
deren Wesen Erkenntnis-, Willens- und Handlungskraft ist; links die Moksha-Siddhi. Vor der Göttin verehre man den Löwen als Träger der Welt.

17.88 pūjayet satataṃ bhaktyā paśyantamambikāmukham |
vāgbījaṃ pūrvamuddhṛtya yonimudrāṃ pradarśayet || 88 ||
Hingebungsvoll verehre man ihn, wie er Ambikas Gesicht anschaut. Dann spreche man das Vag-Bija und zeige die Yoni-Mudra.

17.89 anāmikāyugaṃ devi parivartanayogataḥ |
aṅkuśākārarūpābhyāṃ tarjanībhyāṃ tu dhārayet || 89 ||
Die Ringfinger werden gegeneinander gedreht und mit den hakenförmigen Zeigefingern gehalten, Göttin.

17.90 madhyame kuru tanmadhye kaniṣṭhike tathāvidhe |
daṇḍākārau tato'ṅguṣṭhau kaniṣṭhoparisaṃsthitau || 90 ||
Die Mittelfinger lege man in die Mitte, die kleinen Finger entsprechend dazu; die Daumen ruhen stabförmig über den kleinen Fingern.

17.91 yonimudreyamākhyātā parā trailokyamātṛkā |
atrapadaṃ samābhāṣya sarvānandamayāt tataḥ || 91 ||
Dies heißt die höchste Yoni-Mudra, Mutter der drei Welten. Danach spreche man „hier“, „im ganz aus Wonne bestehenden“

17.92 cakrarājapadasyānte brahmasvarūpamālikhet |
saṃvi(detya?nmaya)padaṃ brūyādbinducakre tataḥ param || 92 ||
„König der Chakras“, „dessen Wesen Brahman ist“, „aus Bewusstsein bestehend“ und „im Bindu-Chakra“.

17.93 eṣā parāparaśabdādrahasyayoginī tataḥ |
brahmasvarūpiṇī paścānmahātripurasundarī || 93 ||
Es folgt: „Diese höchste und zugleich im Relativen gegenwärtige geheime Yogini, deren Wesen Brahman ist, Mahatripurasundari,

17.94 samudrā sāyudhā caiva savāhanā tathaiva ca |
tathā saparivārānte sarvopacārakaistathā || 94 ||
mit ihren Mudras, Waffen, ihrem Reittier und ihrem Gefolge, durch sämtliche Darbringungen

17.95 pūjitāstu tathā devī tarpitāstviti [tamīti kha pāṭhaḥ |] pūrvavat |
puṣpāñjalibhirabhyarcya tarpayedvidhinā tataḥ || 95 ||
sei verehrt und gesättigt!“ Wie zuvor verehre man sie mit Blumen in den zusammengelegten Händen und vollziehe vorschriftsmäßig Tarpana.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde prakaṭāprakaṭādidevīpūjanakramanirūpaṇaṃ saptadaśaḥ paṭalaḥ || 17 ||
Hier endet das 17. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Verehrung der Göttinnen des Chakra“.

Kapitel 18: Japa und weitere Verehrung

aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 18.1 prasādasumukhīṃ devīṃ bhāvayan prajapenmanum |
sarvayajñeṣu sarvatra japayajñaḥ praśasyate || 1 ||
Man vergegenwärtige die Göttin mit gnädigem Antlitz und wiederhole den Mantra. Unter allen Opfern wird überall das Japa-Opfer gepriesen.

18.2 japāttuṣyanti devāśca japāt sidhyanti sādhakāḥ [kaḥ ka pāṭhaḥ |] |
tasmāt sarvaprayatnena japaniṣṭhāparo bhavet || 2 ||
Durch Japa werden die Gottheiten erfreut, durch Japa gelangen die Praktizierenden zur Vollendung. Deshalb widme man sich mit aller Sorgfalt der beständigen Wiederholung.

18.3 japaḥ syādakṣarāvṛttiradrutaṃ na vilambitam |
pūjā dhyānaṃ japo homa iti dharmacatuṣṭayam || 3 ||
Japa ist die Wiederholung der Laute, weder hastig noch schleppend. Verehrung, Meditation, Japa und Feueropfer bilden die vierfache Übungsordnung.

18.4 pratyahaṃ sādhakaḥ kuryāt svayaṃ cet siddhimicchati |
japasyānte śivaṃ dhyāyed dhyānasyānte punarjapet || 4 ||
Wer Vollendung erstrebt, vollziehe sie täglich selbst. Am Ende des Japa meditiere man über Shiva; am Ende der Meditation wiederhole man erneut den Mantra.

18.5 japadhyānasamāyuktaḥ śīghraṃ sidhyati mantravit |
japarūpā śivā śaktirdhyānarūpaḥ sadāśivaḥ || 5 ||
Der Mantrakundige, der Japa und Meditation verbindet, gelangt rasch zur Vollendung. Die heilvolle Shakti ist Japa, Sadashiva ist Meditation.

18.6 tayoryogādbhavet siddhirnānyathā khalu pārvati |
saṃyuktaṃ saṃyutaṃ kṛtvā yadayuktaṃ na yojayet || 6 ||
Aus ihrer Vereinigung entsteht Vollendung, nicht anders, Parvati. Was zusammengehört, verbinde man; Unzusammengehöriges verbinde man nicht.

18.7 yathā siddhistathā mālā mālāṅgaṃ japakarmaṇi |
mālayā japato nityaṃ siddhireva na saṃśayaḥ || 7 ||
Entsprechend der angestrebten Vollendung wähle man die Mala; sie ist ein Glied der Japa-Praxis. Wer regelmäßig mit ihr wiederholt, erlangt gewiss Vollendung.

18.8 āśusiddhikarī [ddhi ka pāṭhaḥ |] mālā varṇamayī samīritā |
anulomavilomārṇairmātṛkāyāḥ sabindukaiḥ || 8 ||
Die aus Lauten bestehende Mala gilt als rasch vollendend. Sie besteht aus den mit Bindu versehenen Matrika-Lauten in aufsteigender und absteigender Folge.

18.9 (su?sa)merukaiḥ sadā kāryā mālā sarvasamṛddhi[jāḥ?dā] |
aṣṭādhi(ke?kā)ṣṭavargaistu punareva samāpayet || 9 ||
Mit dem Meru als Wendepunkt bilde man diese alles Gedeihen gewährende Kette. Acht weitere Wiederholungen mit den acht Lautgruppen schließen sie ab.

18.10 varṇenāntaritamastraṃ kṛtvā ja(pyeta?pettu)sādhakaḥ |
mālābhāve tataḥ svāsu aṅgulīṣu japedbudhaḥ || 10 ||
Zwischen die Laute setze der Praktizierende den Mantra und wiederhole ihn. Fehlt eine Mala, zähle der Kundige an den eigenen Fingern.

18.11 nityaṃ japaṃ kare kuryānnatu kāmyaṃ kadācana |
ārabhyānāmikāmadhyāt prādakṣi(ṇe?ṇye)na vai kramāt || 11 ||
Tägliches Japa darf an der Hand gezählt werden, wunschbezogenes dagegen nicht. Beginnend am mittleren Glied des Ringfingers gehe man rechtsherum vor,

18.12 tarjanīmūlaparyantaṃ japennavasu parvasu |
tarjanyagre tathā madhye yo japet (tantra?mati)mānnaraḥ || 12 ||
bis zum Grundglied des Zeigefingers, über neun Fingerglieder. Wer an Spitze oder Mittelglied des Zeigefingers zählt,

18.13 catvāri tasya naśyanti āyurvidyā yaśo balam |
anāmāmadhyaparvaṃ tu meruṃ [ru kha pāṭhaḥ |] kṛtvā na laṅghayet || 13 ||
verliert nach der Warnung des Textes Lebensdauer, Wissen, Ansehen und Kraft. Das mittlere Ringfingerglied mache man zum Meru und überschreite es nicht.

18.14 meruṃ pradakṣiṇaṃ kurvannanāmāmūlaparvataḥ |
aṅgulīparvabhirmantraṃ japan rekhāṃ na saṃspṛśet || 14 ||
Vom Grundglied des Ringfingers aus gehe man rechts um den Meru. Beim Zählen berühre man die Gelenklinien nicht.

18.15 aṅgulīrnāpayuñjīta kiṃcidākuñcitā(ḥ) tale |
aṅgulīnāṃ viyoge tu cchidreṇa (śra?sra)vate japaḥ || 15 ||
Die Finger halte man leicht zur Handfläche gekrümmt und nicht auseinander. Durch Zwischenräume zwischen den Fingern entweiche die Japa-Kraft.

18.16 sphaṭikādibhirapyatra mālā japasamṛddhidā |
nidhāya purato mālāṃ savyahastagatāṃ ca vā || 16 ||
Auch eine Mala aus Kristall oder anderen geeigneten Stoffen fördert Japa. Man lege sie vor sich oder halte sie in der linken Hand.

18.17 japādau pūjayenmālāṃ toyairabhyukṣya yatnataḥ |
iṣṭamantreṇa mālāyāḥ prokṣaṇaṃ parikīrtitam || 17 ||
Vor Beginn verehre man die Mala und besprenge sie sorgfältig mit Wasser unter Verwendung des Mantras der erwählten Gottheit.

18.18 aiṃ māṃ māle mahāmāle sarvaśaktisvarūpiṇi |
caturvargastvayi nyastastasmānme siddhidā bhava || 18 ||
„Aiṃ māṃ. Mala, große Mala, Gestalt aller Shaktis! In dir ruhen die vier Lebensziele; deshalb gewähre mir Vollendung!“

18.19 candracandanakastūrī-rocanāgurukuṅkumaiḥ |
pūjayitvā tato mālāṃ gṛhṇīyād dakṣapāṇinā || 19 ||
Mit Kampfer, Sandel, Moschus, Gorochana, Aloeholz und Kumkuma verehre man sie, dann nehme man sie in die rechte Hand.

18.20 bījaṃ gaṇapateḥ pūrvamuccārya tadanantaram |
avighnaṃ kuru māle tvaṃ gṛhṇīyādityanena tu || 20 ||
Zuerst spreche man das Bija Ganapatis, dann: „Mala, mache die Übung hindernisfrei!“ Mit dieser Formel nehme man sie auf.

18.21 yathā hastānna cyavate japataḥ (śra?sra)k tathācaret |
hastāccyu[stacyu kha pāṭhaḥ |]tāyāṃ vighnaṃ syācchinnāyāṃ maraṇaṃ bhavet || 21 ||
Beim Japa achte man darauf, dass sie nicht aus der Hand gleitet. Ihr Herabfallen gilt als Hinderniszeichen, ihr Reißen als Todeszeichen.

18.22 yatnāt saṃgopayedenāṃ bhramayenna vi(dhā?dhū)nayet |
guruṃ prakāśayennaiva yantraṃ mantraṃ kadācana || 22 ||
Man halte sie sorgfältig verborgen, schwinge und schüttle sie nicht. Guru, Yantra und Mantra mache man nicht öffentlich bekannt.

18.23 akṣamālāṃ ca mudrāṃ ca gurave'pi na darśayet |
bhūtarākṣasavetālāḥ siddhagandharvacāraṇāḥ || 23 ||
Die eigene Zählkette und Mudra zeige man nach dieser Geheimhaltungsvorschrift selbst dem Guru nicht. Bhutas, Rakshasas, Vetalas, Siddhas, Gandharvas und Charanas

18.24 haranti prakaṭaṃ yasmāt tasmādguptaṃ japet sadā |
mālāṃ svahṛdayāsannāṃ dakṣiṇasya karasya ca || 24 ||
entziehen offen vorgezeigter Praxis ihre Frucht; deshalb übe man Japa stets verborgen. Man halte die Mala nahe am Herzen in der rechten Hand,

18.25 madhyamāyā madhyabhāge varjayitvā tu tarjanīm |
anāmikākaniṣṭhābhyāṃ yutāyā namrabhāgataḥ || 25 ||
auf dem mittleren Abschnitt des Mittelfingers, ohne den Zeigefinger zu verwenden. Ringfinger und kleiner Finger liegen unterstützend an.

18.26 sthāpayitvā tatra mālāmaṅguṣṭhāgreṇa tadgatam |
pratyekaṃ bījamādāya kuryādvāmena na spṛśet || 26 ||
Dort lege man die Mala auf und ziehe jede einzelne Perle mit der Daumenspitze weiter; die linke Hand berühre sie nicht.

18.27 prativāraṃ paṭhenmantraṃ śanairoṣṭhaṃ na cālayet |
tarjanyā na spṛśenmālāṃ muktito gaṇanākramaḥ || 27 ||
Bei jeder Perle wiederhole man den Mantra ruhig, ohne die Lippen zu bewegen. Der Zeigefinger berühre die Mala nicht; so zählt man für Befreiung.

18.28 aṅguṣṭhaparvamadhyasthāparivarttaṃ samācaret |
aṅguṣṭhena vinā karma kṛtaṃ bhavati niṣphalam || 28 ||
Das Weiterbewegen geschehe im Bereich des mittleren Daumengelenks. Eine ohne Daumen vollzogene Zählhandlung bleibe fruchtlos.

18.29 aṅguṣṭhaṃ mokṣadaṃ devi tarjanī śatrunāśinī |
madhyamā dhanasiddhau syācchāntikarmaṇyanāmikā || 29 ||
Der Daumen gewährt Befreiung, Göttin, der Zeigefinger dient der Feindvernichtung, der Mittelfinger dem Wohlstand, der Ringfinger befriedenden Riten.

18.30 kaniṣṭhākarṣaṇe jñeyā japakarmaṇi siddhidā |
mālābījaṃ tu japtavyaṃ spṛśennahi parasparam || 30 ||
Der kleine Finger dient der Anziehung und der Vollendung entsprechender Japa-Riten. Die Perlen sollen beim Wiederholen nicht aneinanderschlagen.

18.31 pūrvabījaṃ japan yastu parabījaṃ tu saṃspṛśet |
aṅguṣṭhena bhavetta(sya?tra)niṣphalastasya tajjapaḥ || 31 ||
Wer beim Japa an der vorherigen Perle schon mit dem Daumen die nächste berührt, macht diese Wiederholung fruchtlos.

18.32 kiṭiśabdānvitā mālā cchinnabhinnāpivā bhavet |
vāmorau dakṣapādaṃ ca vinyasya parameśvari || 32 ||
Die Mala soll weder klappern noch gerissen oder beschädigt sein. Man lege den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel, höchste Herrin,

18.33 baddhavīrāsano mantrī diśaścānavalokayan |
gurudaivatamantrāṇā[mekaṃ?maikyaṃ] saṃbhāvayan dhiyā || 33 ||
nehme den festen Virasana ein und blicke nicht umher. Innerlich vergegenwärtige man Guru, Gottheit und Mantra als Einheit; die entsprechende Wortverbindung ist verkürzt.

18.34 athavā cintayenmūrdhni guruṃ varṇādibhedataḥ |
mantraṃ ca kaṇṭhato dhyātvā cintayan hṛdi devatām || 34 ||
Oder man betrachte den Guru entsprechend seiner Farbe und Gestalt auf dem Scheitel, den Mantra in der Kehle und die Gottheit im Herzen.

18.35 nigadenopāṃśunā vā [vāpi ka pāṭhaḥ |] mānasenāthavā priye |
japārambhaṃ sudhīḥ kuryād devatābhāvatatparaḥ || 35 ||
Hörbar, leise oder rein geistig beginne der Verständige das Japa, ganz auf das Wesen der Gottheit ausgerichtet, Geliebte.

18.36 niḥśaṅkaḥ parameśāni spaṣṭavācā nigadyate |
avyaktaḥ prasphuradvakra upāṃśuḥ parikīrtitaḥ || 36 ||
Deutlich ausgesprochene Rede heißt hörbares Japa. Undeutliches Murmeln mit leichter Mundbewegung heißt Upamshu.

18.37 dhiyā yadakṣaraśreṇīṃ varṇasvarapadātmikām |
uccaredanusaṃsmṛtya sa(bha?pro)kto mānaso japaḥ || 37 ||
Wenn man die Folge aus Lauten, Akzenten und Wörtern im Geist vergegenwärtigt und innerlich ausspricht, heißt dies geistiges Japa.

18.38 sauṣumnādhvanyuccaritaṃ dhvanimātraṃ vibhāvayet |
mantrākṣarāṇi cicchaktau protāni ca vibhāvayan || 38 ||
Man vergegenwärtige den in der Sushumna aufsteigenden reinen Klang und die Mantralaute als in die Bewusstseinskraft eingewoben.

18.39 tāmeva parame vyomni paramāmṛtabṛṃhitaḥ |
darśayatyātmasadbhāvaṃ pūjāhomādibhirvinā || 39 ||
Diese Kraft im höchsten inneren Raum offenbart, durch höchsten Nektar genährt, das wahre Selbst auch ohne äußere Verehrung und Feueropfer.

18.40 manaḥ saṃhṛtya viṣayānma[dra?ntrā]rthagatamānasaḥ |
na drutaṃ na vilambaṃ ca japenmauktikapaṅktivat || 40 ||
Man ziehe den Geist von den Sinnesgegenständen zurück und richte ihn auf die Mantrabedeutung. Weder schnell noch langsam wiederhole man gleichmäßig, wie eine Perlenreihe.

18.41 nigadena tu yajjaptaṃ lakṣamātraṃ varānane |
upāṃśūccāraṇaikena tulyaṃ bhavati śailaje || 41 ||
Hunderttausend hörbare Wiederholungen entsprechen einer einzigen leisen Wiederholung, Schönangesichtige, Bergestochter.

18.42 upāṃśulakṣamātraṃ tu yajjaptaṃ kamalekṣaṇe |
mānasoccāraṇāttulyamekena varavarṇini || 42 ||
Hunderttausend leise Wiederholungen entsprechen einer einzigen geistigen, Lotusäugige, Schönste.

18.43 viśeṣāt tripurātantre praśasto mānaso japaḥ |
manasā ca smaret stotraṃ vacasā vā japenmanum || 43 ||
Besonders im Tantra Tripuras wird geistiges Japa empfohlen. Einen Hymnus nur im Geist zu erinnern oder einen Mantra laut zu wiederholen,

18.44 ubhayaṃ niṣphalaṃ tasya bhinnabhāṇḍodakaṃ yathā |
uttamo daśasāhasraḥ sahasro madhyamaḥ smṛtaḥ || 44 ||
gilt in dieser besonderen Gegenüberstellung als fruchtlos wie Wasser in einem zerbrochenen Gefäß. Zehntausend Wiederholungen sind vorzüglich, tausend mittelmäßig.

18.45 adhamastu vijānīyādaṣṭottaraśataṃ śive |
ito nyūnaṃ maheśāni na śastaṃ japakarmaṇi || 45 ||
Als geringere Anzahl gelten 108, Heilvolle. Weniger wird für diese Japa-Ordnung nicht empfohlen, große Herrin.

18.46 yathāśakti japaṃ kuryāt saṃkhyayaiva prayatnataḥ |
asaṃkhyātaṃ ca(sa?ya)jjaptaṃ tatsarvaṃ niṣphalaṃ bhavet || 46 ||
Nach eigener Fähigkeit übe man sorgfältig und mit festgehaltener Zahl. Ungezählte Wiederholungen gelten hier als fruchtlos.

18.47 gṛhṇanti rākṣasā (ye?te)na gaṇayet sarvathā budhaḥ |
naikavāsā japenmantraṃ bahuvastrākulo'pi vā || 47 ||
Ihre Frucht nehmen die Rakshasas; deshalb zähle der Kundige stets. Man wiederhole weder in nur einem Kleidungsstück noch in übermäßig vielen Gewändern.

18.48 aprāvṛtakaro vāpi śirasā prāvṛto'pivā |
cintāvyākulacitto vā kruddho vāpi tvarānvitaḥ || 48 ||
Auch nicht mit unbedeckter Zählhand oder verhülltem Kopf, sorgenvoll zerstreut, zornig oder hastig.

18.49 nirbodho'prītacitto na na rugno na kṣudhānvitaḥ |
tathā cānyamanā bhūtvā pralapanna japenmanum || 49 ||
Nicht verständnislos, freudlos, krank oder hungrig, nicht mit anderweitig beschäftigtem Geist und nicht schwatzend wiederhole man den Mantra.

18.50 anāsīnaḥ śayāno vā gacchan bhuñjāna eva ca |
yathāvidhi japaṃ kṛtvā mantreṇārghyodakena ca || 50 ||
Ebenso nicht stehend, liegend, gehend oder essend. Nach vorschriftsmäßigem Japa bringe man es mit Mantra und Arghya-Wasser

18.51 japaṃ taṃ ca mahādevyā vāmahaste samarpayet |
tejorūpaṃ japaphalaṃ śivayā svīkṛtaṃ smaret || 51 ||
in die linke Hand der großen Göttin dar. Man stelle sich die Frucht des Japa als Licht vor, das die Heilvolle annimmt.

18.52 śrībījenaiva pāṇibhyāmavatā(rārṇa?rya sva)śīrṣataḥ |
sārasvatena bījena hastābhyāṃ sthāpayet tataḥ || 52 ||
Mit dem Shri-Bija führe man die Mala mit beiden Händen vom eigenen Kopf herab; mit dem Sarasvati-Bija lege man sie mit beiden Händen ab. Die erste Bewegungsangabe ist textlich unsicher.

18.53 japakarmaṇi mālāyāḥ pratipattiriyaṃ priye |
evaṃ yaḥ kurute mālāṃ jāpyaṃ ca sādhakaḥ priye || 53 ||
Dies ist der Umgang mit der Mala beim Japa, Geliebte. Wer Mala und Wiederholung so behandelt,

18.54 sa prāpnotīpsitaṃ devi hīnasyāyurviparyayaḥ |
niḥsetuṃ ca yathā toyaṃ kṣaṇānnimnaṃ prasarpati || 54 ||
erlangt das Ersehnte, Göttin; wer die Ordnung vernachlässigt, gefährdet nach dem Text seine Lebensdauer. Wie Wasser ohne Damm augenblicklich abwärts fließt,

18.55 mantrastathaiva niḥsetuḥ kṣaṇāt kṣarati (naṃ?ma)ntriṇām |
tasmāt sarveṣu mantreṣu sarve varṇā dvijādayaḥ || 55 ||
so entweicht ein Mantra ohne schützenden Damm. Deshalb sollen Praktizierende aller gesellschaftlichen Gruppen, angefangen mit den Zweimalgeborenen,

18.56 pārśvayoḥ setumāda(dhyāt?dhyuḥ)japakarmaṇi sādhakāḥ [ka ka pāṭhaḥ |] |
akāraṃ cāpyukāraṃ ca makāraṃ ca prajāpatiḥ || 56 ||
jeden Mantra beim Japa an beiden Seiten mit einem solchen Damm versehen. Prajapati entnahm a, u und m

18.57 vedatrayāt samuddhṛtya praṇavaṃ nirmame purā |
japādau japakarmānte praṇavaṃ seturūpakam || 57 ||
den drei Veden und bildete daraus einst Om. Zu Beginn und am Ende des Japa dient Om als schützender Damm.

18.58 niyojayenmaheśāni sarvakāryārthasiddhaye |
japānte juhuyādagniṃ daśāṃśaṃ japamānataḥ || 58 ||
Man füge es zur Verwirklichung aller Ziele hinzu, große Herrin. Nach dem Japa bringe man Feueropfer in Höhe eines Zehntels der Wiederholungszahl dar.

18.59 tattu devyāḥ purobhāge sādhakaḥ parameśvarīm |
homayet saṃskṛte vahnau tatra devīṃ dhiyā smaran || 59 ||
Vor der Göttin opfere der Praktizierende der höchsten Herrin im geheiligten Feuer und vergegenwärtige sie darin.

18.60 idaṃ tasyai samābhāṣya mūlamantreṇa sundari |
svāhāntena ca hotavyaṃ pāyasairmadhurāplutaiḥ || 60 ||
Mit „Dies ist für sie“, dem Wurzelmantra und Svaha opfere man Milchreis, der mit süßen Stoffen getränkt ist, Schöne.

18.61 vyastāvyastaṃ tato hutvā saṃbhave cānyadevatāḥ |
ṣaḍāhutīḥ ṣaḍaṅgena nityahomo'yamīritaḥ || 61 ||
Nach getrennten und gemeinsamen Gaben verehre man, soweit möglich, auch die anderen Gottheiten. Sechs Opfergaben mit den sechs Anga-Mantras bilden das tägliche Homa.

18.62 ekataḥ sarvakarmāṇi caikato japaho(nadhe?makam) |
sarvādhikaṃ homakarma homāt kiṃvā na sādhyate || 62 ||
Alle anderen Handlungen stehen auf der einen Seite, Japa und Homa auf der anderen. Das Feueropfer überragt alles: Was ließe sich durch Homa nicht verwirklichen?

18.63 anayā dīkṣito mantro yadi homavivarjitaḥ |
trividhaṃ duḥkhamāpnoti nityahomaparo bhavet || 63 ||
Wer in diese Vidya eingeweiht ist, aber das Feueropfer unterlässt, erfahre dreifaches Leid. Deshalb widme man sich dem täglichen Homa.

18.64 akurvatāmagnihotramagnirbhūtvā maheśvarī [rīm ka pāṭhaḥ |] |
dhanāni śīghraṃ grasati gṛhakṣetrapaśūnapi || 64 ||
Bei Menschen, die das Feueropfer unterlassen, werde die große Herrin selbst zum Feuer und verschlinge rasch Besitz, Häuser, Felder und Tiere.

18.65 bahuduḥkhenārjitāni saṃcitānyacireṇa tu |
ātmaprāṇādhikānyāśu bhū(tāgniṃ?tvāgniḥ)grasatīśvarī || 65 ||
Was mit großer Mühe erworben und angesammelt wurde und teurer als das eigene Leben ist, verschlinge die Herrin schnell als Feuer.

18.66 agnihotraṃ sadā kuryāt [ta?ya]smādagnimayīśvarī |
agnihotravidhānena saṃpadāṃ bhājanaṃ bhavet || 66 ||
Deshalb vollziehe man stets das Feueropfer, denn die Herrin ist Feuer. Durch seine Ordnung werde man zum Gefäß des Wohlergehens.

18.67 agnihotraparasyeha vahnirbhavati śītalaḥ |
gṛhakṣetrādivitteṣu vardhate jāṭharaḥ paraḥ || 67 ||
Für den dem Feueropfer Hingegebenen werde Feuer kühl gegenüber Haus, Feld und Besitz; das innere Verdauungsfeuer dagegen wachse.

18.68 agnireva mukhaṃ devyāstasmādagnau hunet sadā |
pakṣato māsato vāpi varṣato vā yathāvidhi || 68 ||
Feuer ist der Mund der Göttin; deshalb opfere man regelmäßig darin, oder vorschriftsmäßig vierzehntäglich, monatlich oder jährlich.

18.69 homāśaktau japedvidyāṃ homadviguṇasaṃkhyayā |
stuvannānāvidhaiḥ stotraiḥ praṇamet sapradakṣiṇam || 69 ||
Ist ein Homa nicht möglich, wiederhole man die Vidya in der doppelten Zahl der vorgesehenen Opfergaben. Man preise sie mit Hymnen, verneige sich und umschreite sie.

18.70 evaṃ nānāvidhairdevīṃ saṃtoṣya sādhakottamaḥ |
bhaktipravaṇa[praṇava ka pāṭhaḥ |]cittena nivedyāni nivedayet || 70 ||
Nachdem der hervorragende Praktizierende die Göttin auf vielfältige Weise erfreut hat, bringe er mit hingebungsvollem Herzen weitere Gaben dar:

18.71 anulepaṃ ca sindūraṃ netrāñjanamanuttamam |
dhūpāmodaṃ pradīpāṃśca darpaṇaṃ vyajanaṃ tathā || 71 ||
Salben, Zinnober, vorzügliche Augenschminke, Räucherduft, Lampen, Spiegel und Fächer,

18.72 chatraṃ ca cāmaraṃ caiva ghaṇṭānādamanuttamam |
vādyaṃ gītaṃ tathā nṛtyaṃ krīḍākautukamaṅgale || 72 ||
Schirm, Yakschweifwedel, schönen Glockenklang, Instrumentalmusik, Gesang, Tanz, Spiele, Darbietungen und Glücksriten,

18.73 nirmañchanaṃ ca siddhyarthai[ddhārthai ka pāṭhaḥ |]rdīpāvalibhireva ca |
dūrvārpaṇaṃ śirodeśe sākṣataṃ ca śanaiḥ śanaiḥ || 73 ||
reinigendes Umkreisen mit Lampenreihen zur Vollendung sowie sanftes Darbringen von Durva und unversehrtem Reis am Haupt.

18.74 bhaktipravaṇacittaṃ[ttena kha pāṭhaḥ |] ca dāsya[syāmyā ka pāṭhaḥ |]mātmanivedanam |
evaṃ nivedayed devyai nivedyāni tathā budhaḥ || 74 ||
Dazu ein der Hingabe geneigtes Herz, dienende Haltung und Selbsthingabe. So bringe der Kundige der Göttin seine Gaben dar.

18.75 sa dhanyaḥ sarvalokānāṃ nānyaḥ pūjyaśca bhūtale |
devatānāmṛṣīṇāṃ ca daityānāmatha rakṣasām || 75 ||
Ein solcher Mensch ist unter allen Weltenbewohnern gesegnet und auf Erden besonders verehrungswürdig: für Götter, Rishis, Daityas und Rakshasas,

18.76 gandharvāṇāmaśeṣāṇāṃ nāgādīnāṃ mahātmanām |
asmākaṃ cāpi sarveṣāṃ mānanīyaḥ surāsuraiḥ || 76 ||
sämtliche Gandharvas, die großen Nagas und auch uns alle; Götter und Asuras ehren ihn.

18.77 sārvabhaumapadaṃ labdhvā kaivalyaṃ labhate tataḥ |
anulipya mahādevīṃ vāsayejjagatīmimām || 77 ||
Nachdem er die Würde eines Weltherrschers erlangt hat, gewinnt er vollkommene Befreiung. Wer die große Göttin salbt, durchduftet diese Welt.

18.78 sindūraistilakaṃ devyai vaśyāḥ sarvāśca yoṣitaḥ |
divyajñānaṃ bhavettasya(dehā?dattvā)ñjanamanuttamam || 78 ||
Wer ihr ein Zinnober-Tilaka darbringt, könne alle Frauen beeinflussen; wer vorzügliche Augenschminke darbringt, erlange göttliche Erkenntnis. Dies sind die traditionellen Wirkungsverheißungen.

18.79 mālyādīnāṃ pradānena mahālakṣmīḥ sthirā gṛhe |
tāmbūlasya pradānena pānīyasyāpi śobhane || 79 ||
Durch Girlanden und andere Gaben bleibe Mahalakshmi beständig im Haus. Durch Betel und Trinkwasser, Schöne,

18.80 sadānandamayo bhūyātsa[ma?dā] duḥkhavivarjitaḥ |
dhūpaiḥ pradhūpitā devī dīpaiścāpi nirājitā || 80 ||
werde man stets von Wonne erfüllt und frei von Leid. Die mit Räucherduft und Lampen verehrte Göttin

18.81 dadāti vittaṃ putrāṃśca dharāṃ bhūtimarogitām |
dhānyaṃ [dhanyaścā kha pāṭhaḥ |]cāpyakhilān kāmānmatiṃ dharme tathā śubhām || 81 ||
schenke Besitz, Kinder, Land, Wohlstand, Gesundheit, Getreide, alle Wünsche und einen guten, dem Dharma zugewandten Geist.

18.82 darpaṇaṃ darśayitvaiva sārūpyaṃ labhate vibhoḥ |
vyajanaiścāmarairvāpi vyajayitvā maheśvarīm || 82 ||
Wer ihr einen Spiegel zeigt, erlange Gleichgestaltigkeit mit der Gottheit. Wer die große Herrin mit Fächern oder Yakschweifwedeln fächelt,

18.83 taṃ vyajayenmahālakṣmīścāmaradvayadhāriṇī |
nimeṣārdhaṃ mahādevyāśchatraṃ copari dhārayet || 83 ||
dem fächle Mahalakshmi mit zwei Wedeln. Wer auch nur einen halben Augenblick einen Schirm über die große Göttin hält,

18.84 tasyopari mahacchatraṃ paripūrṇendusodaram |
lokapālaiḥ sahāgatya dhārayet tridaśeśvaraḥ [sarvajit tridaśāpati ka pāṭhaḥ |] || 84 ||
über den halte der Götterherr selbst, begleitet von den Welthütern, einen großen Schirm, der dem vollen Mond gleicht.

18.85 ghaṇṭāśaṅkhanidānena toṣayedyo maheśvarīm |
bherīdundubhivādyaiśca marutvāṃstamanuvrajet || 85 ||
Wer die große Herrin mit Glocken- und Muschelklang erfreut, dem folge Indra mit Pauken und Trommeln.

18.86 (apā?yo'pi)no vādayed ghaṇṭāṃ śaṅkhaṃ vā svayameva hi |
sa nirlajjaḥ kathaṃ brūte pūjayāmi maheśvarīm || 86 ||
Wer nicht einmal selbst Glocke oder Muschel erklingen lässt, wie kann er schamlos behaupten: „Ich verehre die große Herrin“?

18.87 brahmā viṣṇurharaścānye sarve śaṅkhādivādinaḥ |
śaṅkhaghaṇṭādi[ṇṭāmayasta ka pāṭhaḥ |]kāṃstasmād vādayeddevasaṃnidhau || 87 ||
Brahma, Vishnu, Hara und die anderen spielen alle Muschel und andere Instrumente. Deshalb lasse man sie in Gegenwart der Gottheit erklingen.

18.88 vādyaṃ yaḥ kārayeddevyai gītaṃ nṛtyaṃ tathaiva ca |
tumbarurnāradaścaiva hāhā hūhūstathaiva ca || 88 ||
Wer für die Göttin Instrumentalmusik, Gesang und Tanz veranstaltet, den erfreuen Tumburu, Narada, Haha und Huhu,

18.89 prasādayanti taṃ nityaṃ vidyādha(rā?ryo)'psarādayaḥ |
suvāsinyo madaproḍhā veśayitvā yathāvidhi || 89 ||
Vidyadharis und Apsaras beständig. Verheiratete Frauen in festlicher Freude kleide man vorschriftsmäßig ein;

18.90 veśyāstvalaṃkṛtāḥ sarvāḥ krīḍayeyuralaṃ yadi |
devīmuddiśya puratastasya puṇyaphalaṃ śṛṇu || 90 |

Wenn geschmückte Kurtisanen vor der Göttin Darbietungen geben, höre die verdienstvolle Frucht davon.

18.91 urvaśīpramukhāstaṃ [khā veśyāsta ka pāṭhaḥ |] ca krīḍayeyuralaṃ mudā |
kautukaṃ kārayeddevyai hāsyānandāya yadbhavet || 91 ||
Urvashi und die übrigen himmlischen Frauen erfreuen den Verehrer freudig. Man veranstalte für die Göttin Darbietungen, die Lachen und Freude wecken.

18.92 tena pramudito nityaṃ devīloke mahīyate |
maṅgalāni mahādevyai kārayitvā yathāvidhi || 92 ||
Dadurch erfreut, werde man in der Welt der Göttin geehrt. Wer für die große Göttin vorschriftsmäßig Glücksriten vollzieht,

18.93 vimānavaramāruhya brahmaviṣṇupuraḥsaram |
sarvakāmasukhaṃ divyaṃ sarvaratnasamanvitam [tā ka pāṭhaḥ |] || 93 ||
besteige ein vorzügliches himmlisches Fahrzeug, Brahma und Vishnu voran, das alle himmlischen Wunschfreuden und sämtliche Edelsteine enthält.

18.94 anuvra[jaṃ?ji]tamindrādyaiḥ sapatnīkaiḥ savāhanaiḥ |
devīloke samāyāntaṃ samāgatya surāṅganāḥ || 94 ||
Indra und die anderen begleiten ihn mit ihren Frauen und Reittieren. Wenn er in der Welt der Göttin ankommt, treten die himmlischen Frauen heran:

18.95 arundhatyatha sāvitrī tamahalyā śacī tathā |
anusūyāditiścaiva mātaraśca [māraścaiva ka pāṭhaḥ |] sahānugāḥ || 95 ||
Arundhati, Savitri, Ahalya, Shachi, Anasuya, Aditi und die Mütter mit ihrem Gefolge.

18.96 nirmañchya mauktikairdivyai ratnadīpairnivedya ca |
akṣayaṃ maṅgalaṃ śīrṣe tarpayanti mudānvitāḥ || 96 ||
Sie vollziehen mit himmlischen Perlen und Edelsteinlampen den Empfangsritus und bringen ihm freudig unvergänglichen Segen über dem Haupt dar.

18.97 gośṛṅgopari yatkālaṃ tiṣṭhetsarṣapamarpitam |
tāvaccitte mahādevyai bhaktiṃ kṛtvā naraḥ priye || 97 ||
So kurz, wie ein auf ein Kuhhorn gelegtes Senfkorn darauf verweilt: Wer auch nur so lange im Herzen Hingabe an die große Göttin erweckt, Geliebte,

18.98 (punāti?pūyate)sarvapāpebhyaḥ pāpātmā pāpakṛdyadi |
pitṛmātṛkulaiḥ sārdhaṃ svargaloke mahīyate || 98 ||
werde von allen Verfehlungen gereinigt, selbst wenn er schuldhaft gelebt hat, und mit den Familien von Vater und Mutter im Himmel geehrt.

18.99 tataḥ punarihāgatya cireṇa bhaktimān prabhuḥ |
sārvabhaumapadaṃ labdhvā kaivalyamāpnuyāt tataḥ || 99 ||
Nach langer Zeit wieder hierher zurückgekehrt, werde er hingebungsvoll und mächtig, erlange die Würde eines Weltherrschers und danach vollkommene Befreiung.

18.100 prācuryādatha bhaktestu jaganmā(taḥ?tuḥ) padaṃ prati |
anumeyamanenaiva bahunā vacasā ca kim || 100 ||
Was erst aus großer Hingabe an die Füße der Weltenmutter entsteht, lässt sich daraus ermessen. Wozu weitere Worte?

18.101 bhaktiḥ [kti ka pāṭhaḥ |] punarmaheśāni yadihānanyacittatā |
bhajanaṃ sarvabhāvena sevya[vyā ka pāṭhaḥ |]sevakavartmanā || 101 ||
Hingabe bedeutet hier ungeteilte Ausrichtung des Geistes: Verehrung mit dem ganzen Wesen in der Beziehung zwischen dem Verehrten und dem Dienenden.

18.102 jaganmāturmahādevyā dāso'hamiti bhāṣate |
sakṛdya[dyasya ta ka pāṭhaḥ |]stasya bhṛtyāste purandarasukhāḥ surāḥ || 102 ||
Wer auch nur einmal sagt: „Ich bin Diener der großen Göttin, der Mutter der Welt“, dessen Diener werden die Götter, angefangen mit Indra.

18.103 pitṛmātṛmukhān viprān gāśca bhṛtyānanekaśaḥ |
hatvā nivedayedyastu ātmānaṃ tatpadāmbuje || 103 ||
Selbst wer Vater, Mutter, Brahmanen, Kühe und viele Diener getötet hätte und darauf sein Selbst ihren Lotusfüßen hingäbe,

18.104 śuddhā guṇamayaṃ dehaṃ paraṃ brahmādhigacchati |
ahaṃ punaridaṃ viśvaṃ brahmāṇḍaṃ brahmaṇā saha || 104 ||
reinige den aus den Gunas bestehenden Leib und gelange zum höchsten Brahman. Die drastische Aussage preist die verwandelnde Kraft der Hingabe; sie erlaubt keine Gewalttat. Ich selbst werde dieses All, das Weltenei samt Brahma,

18.105 bhittvā cchittvā tathā lokān saṃtoṣya parameśvarīm |
tasyai nivedya cātmānaṃ yāsyāmi brahma śāśvatam || 105 ||
bei der Weltauflösung durchbrechen und die Welten auflösen, die höchste Herrin erfreuen, mich ihr hingeben und in das ewige Brahman eingehen.

18.106 tasmādyat kriyate karma mameti ca yadā bhavet |
ātmānaṃ tatpadāmbhoje mahāmantreṇa cārpayet || 106 ||
Deshalb bringe man jede Handlung und alles, was man als „mein“ betrachtet, zusammen mit sich selbst durch den großen Mantra ihren Lotusfüßen dar.

18.107 tarpaṇāni punardattvā navamudrāḥ pradarśayet |
mudaṃ rānti ca tā yasmāt tena mudrāḥ prakīrttitāḥ || 107 ||
Nach erneutem Tarpana zeige man die neun Mudras. Weil sie Freude schenken, werden sie Mudras genannt.

18.108 kāmaṃ mokṣaṃ tathā dharmamarthaṃ mudrānvitā svayam |
dadāti sādhakāyāśu devī gantuṃ samutsukā || 108 ||
Durch die Mudras erfreut und zum Aufbruch bereit, schenkt die Göttin dem Praktizierenden rasch Wunscherfüllung, Befreiung, Dharma und Wohlergehen.

18.109 saṃkṣobhadrāviṇyā[ṇīka kha pāṭhaḥ |]karṣavaśyonmādamahāṅkuśāḥ |
khecarībījayonyākhyā nava mudrā smṛtāḥ kramāt || 109 ||
Erschütterung, Erweichung, Anziehung, Beherrschung, Verzückung, großer Stachel, Khechari, Bija und Yoni heißen die neun Mudras der Reihe nach.

18.110 darśitāsvāsu mudrāsu bhavet pūjāsamāpanam |
svasvabījena mudrāyā bandhanaṃ parikīrttitam || 110 ||
Mit ihrem Zeigen wird die Verehrung abgeschlossen. Jede Mudra wird mit ihrem eigenen Bija gebildet.

18.111 darśanaṃ mūlamantreṇa tyāgaḥ krodhodbhavena ca |
mudrānuṣṭhānamajñātvā yo mudrāṃ dhārayedbudhaḥ || 111 ||
Mit dem Wurzelmantra wird sie gezeigt, mit dem Zorn-Mantra gelöst. Wer eine Mudra zeigt, ohne ihre Ausführung zu kennen,

18.112 viphalaṃ tasya tatsarvaṃ jīvahīnaṃ vapuryathā |
pūjādau darśitāsvāsu devyāstu saṃnidhirbhavet || 112 ||
dessen Handlung ist fruchtlos wie ein Leib ohne Leben. Werden diese Mudras am Beginn der Verehrung gezeigt, entsteht die Gegenwart der Göttin.

18.113 bhakteḥ prācuryamatraiva śraddhayābhyarcanaṃ tathā |
nirjanaścātmaśuddhiśca doṣarāhityatā tathā || 113 ||
Große Hingabe, vertrauensvolle Verehrung, Abgeschiedenheit, Selbstreinigung und das Vermeiden von Fehlern,

18.114 pūjopakaraṇasyeha bāhulyaṃ ca pavitratā |
saurabheṇātisaurabhyāccamatkārakṛtistathā || 114 ||
Fülle und Reinheit der Ritualgegenstände, besonders angenehme Düfte und eine Staunen erweckende Gestaltung,

18.115 saṃsthānaṃ [napau ka pāṭhaḥ |] pauruṣeṇaiva manohāritvamātmanaḥ |
sau(makasya?mukhyaṃ ca)suveśaśca[śa ca ka pāṭhaḥ |] yaṣṭuḥ kākūktireva ca || 115 ||
sorgfältige Anordnung, persönliche Anmut, ein freundliches Gesicht, schöne Kleidung und die innige Stimme des Verehrers,

18.116 pūjāvidhiṣu [mudākṣya kha pāṭhaḥ |] dākṣyaṃ ca tathaivānanyacittatā |
stutirnatirjapaścaiva baliḥ peyaṃ tathaiva ca || 116 ||
Geschick im Ritual, ungeteilte Aufmerksamkeit, Lobpreis, Verneigung, Japa, Bali und der dargebrachte Trank:

18.117 heturatra samākhyāto devīsāṃnidhyakārakaḥ |
madyaṃ (śrā?srā)vyaṃ tu sindūre [ra kha pāṭhaḥ |] svāṃgarāgeṣu kuṃkumam || 117 ||
Diese werden als Ursachen der Gegenwart der Göttin genannt. Die anschließende Wendung verbindet Trank, Zinnober und Kumkuma, ist aber sprachlich beschädigt.

18.118 iti yo yatra saṃprokto viśeṣastripurārcane |
ebhirviśeṣaiḥ sahitaṃ tripurātantragocaram || 118 ||
Was jeweils als Besonderheit der Tripura-Verehrung gelehrt wurde, gehört zusammen mit diesen Merkmalen zum Bereich des Tripura-Tantra.

iti pārvatīśvarasaṃvāde śrīgandharvatantre japādividhinirūpaṇaṃ aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ || 18 ||
Hier endet das 18. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Japa und weitere Verehrung“.

Kapitel 19: Bali für Vatuka und weitere Mächte

ekonaviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 19.1 atha vakṣye maheśāni vaṭukādividhiṃ śṛṇu |
yenānuṣṭhitamātreṇa sādhakaḥ siddhimāpnuyāt || 1 ||
Höre nun, große Herrin, die Ordnung für Vatuka und die übrigen Mächte, durch deren Vollzug der Praktizierende Vollendung erlangen soll.

19.2 balibhistarpitā hyete pūjitā yasya suvrate |
siddhayaḥ sakalāstasya karasthā nātra saṃśayaḥ || 2 ||
Werden sie durch Bali gesättigt und verehrt, du mit den guten Gelübden, liegen sämtliche Siddhis in seiner Hand.

19.3 anyathā ruṣitaistairhi sa vighnaiḥ paribhūyate |
tasmāt tebhyaḥ prayatnena baliṃ kurvīta hetunā || 3 ||
Andernfalls werden sie zornig, und Hindernisse überwältigen ihn. Deshalb bringe man ihnen sorgfältig die entsprechenden Bali-Gaben dar.

19.4 māṃsena sādhitaṃ bhaktaṃ khaṇḍaṃ dadhi sapiṣṭakam |
māṃsāni vividhānyatra sudugdhaṃ mīnameva ca || 4 ||
Genannt werden mit Fleisch zubereiteter Reis, Zucker, Dickmilch mit Mehlgebäck, verschiedene Fleischarten, gute Milch und Fisch.

19.5 śrīcakramabhito devi maṇḍalānāṃ catuṣṭayam |
īśāna-vahni-nairṛtyavāyukoṇeṣu pārvati || 5 ||
Rings um das Shri Chakra zeichne man vier Mandalas, Göttin: im Nordosten, Südosten, Südwesten und Nordwesten, Parvati.

19.6 dhyeyo devyāstadā viṣṇuḥ putro'yaṃ vaṭurūpadhṛk |
vaṭukaḥ kamalākṣastu svarṇagauraścaturbhujaḥ || 6 ||
Als Sohn der Göttin betrachte man Vishnu in Knabengestalt: Vatuka, lotusäugig, goldhell und vierarmig.

19.7 gadāṃ śaṅkhaṃ ca padmaṃ ca cakraṃ cāpi dadhatkaraiḥ [karerdhṛtam ka pāṭhaḥ |] |
vidrutaḥ [ta ka pāṭhaḥ |] purato devyāḥ(gaje?khage)ndrāsanasaṃsthitaḥ || 7 ||
Er trägt Keule, Muschel, Lotus und Diskus und sitzt vor der Göttin auf dem König der Vögel; die Vorlage erwägt auch eine Elefantenlesung.

19.8 [vāruṇaṃ va śakra la caturdaśa svara au candrabindusahita tena klau vaṭukāya namaḥ iti |] vāruṇaṃ śakrayuktaṃ ca caturdaśasvarānvitam |
sahitaṃ candrabindubhyāṃ vaṭukāya namo'ntataḥ || 8 ||
Das Wasserzeichen mit Indra, vierzehntem Vokal, Mondzeichen und Bindu, danach „vaṭukāya namaḥ“, bildet seine Formel.

19.9 anena manunā devi gandhādyaiḥ pūjayettataḥ |
tadagre parameśāni pātraṃ cānnodakānvitam || 9 ||
Mit diesem Mantra verehre man ihn durch Duft und andere Gaben, Göttin. Vor ihm stelle man ein Gefäß mit Speise und Wasser auf,

19.10 kṛtvā ca vidhivattatra baliṃ mantreṇa dāpayet |
[ehyehi devīputravaṭukanāthakapilajaṭābhārabhāsvaratrinetrajvālāmukha sarvavighnān nāśaya nāśaya sarvopacārasahita bali gṛhṇa 2 svāheti balimantra |] ehyehi devī[vi ka pāṭhaḥ |]putrāntānte vaṭukānte'tha nātha ca || 10 ||
und bringe vorschriftsmäßig Bali dar: „Komm, komm, Sohn der Göttin, Herr Vatuka,

19.11 kapilānte jaṭābhārabhāsvarānte trinetra ca |
jvālāmu[khyaṃ?kha] ca sarvānte vighnānnāśaya nāśaya || 11 ||
mit leuchtender Masse brauner Haarflechten, Dreiäugiger, Flammen…! Vernichte, vernichte alle Hindernisse!“ Ein Teil der Flammenanrede ist ausgefallen.

19.12 sarvopacārasahitaṃ baliṃ gṛhṇadvidhāpadam |
vahnijāyānvito mantro vaṭukasya udāhṛtaḥ || 12 ||
Es folgt: „Nimm, nimm dieses Bali mit allen Darbringungen an!“ Die Formel endet mit Svaha und ist der Mantra Vatukas.

19.13 vāmāṅguṣṭhānāmikābhyāṃ baliṃ tasmai nivedayet |
asyaivārādhanaṃ kṛtvā mandabhāgyo'pi suvrate || 13 ||
Mit linkem Daumen und Ringfinger bringe man ihm Bali dar. Durch seine Verehrung werde selbst ein Unglücklicher, du mit den guten Gelübden,

19.14 sarvabādhāvinirmuktaḥ saṃpadāṃ bhājanaṃ bhavet |
yajanaṃ cāsya devasya sāṃgena kathitaṃ purā || 14 ||
von allen Bedrängnissen frei und zum Gefäß des Wohlergehens. Seine vollständige Verehrung wurde früher gelehrt.

19.15 balipradānamātraṃ tu prasaṃgātkathitaṃ śive |
ḍākinīpramukhāḥ paścādbalinā tarpayet tataḥ || 15 ||
Hier wurde im Zusammenhang nur die Bali-Darbringung erklärt, Heilvolle. Danach sättige man Dakini und die übrigen Yoginis durch Bali.

19.16 tathaiva vāmato devyā maṇḍale yoginīḥ smaret |
athavā cintayedetā yoginyaḥ sarvasiddhidāḥ || 16 ||
Links von der Göttin vergegenwärtige man die Yoginis im Mandala. Oder man betrachte diese alle Vollendungen gewährenden Yoginis folgendermaßen:

19.17 yoginyaḥ kāmarūpāśca taptakāñcanabhāsvarāḥ |
mattāḥ kaṃkālamālāḍhyāḥ kaṭītaṭabharānatā || 17 ||
Sie nehmen jede gewünschte Gestalt an, leuchten wie glühendes Gold, sind verzückt, tragen Skelettgirlanden und sind von der Fülle ihrer Hüften leicht geneigt.

19.18 galadrudhiragandhāḍhyā raktavastrottarīyakāḥ |
liṃgaṃ pāśaṃ kapālaṃ ca bibhratyaśca[śṛ?sṛ]ṇiṃ [śṛṇi cāpi dhṛtā ka pāṭhaḥ |] karaiḥ || 18 ||
Sie duften nach fließendem Blut und tragen rote Gewänder. In den Händen halten sie Linga, Schlinge, Schädelschale und ein beschädigt bezeichnetes weiteres Attribut.

19.19 svabhaktānāmabhimataṃ saṃdadānā [dīyamānā ka pāṭhaḥ |] mudānvitāḥ |
gandhādibhiḥ samabhyarcya baliṃ mantreṇa dāpayet || 19 ||
Freudig gewähren sie ihren Verehrern das Ersehnte. Nach der Verehrung mit Duft und anderen Gaben bringe man ihnen mit dem Mantra Bali dar.

19.20 yāmātmakaṃ samuccārya yoginībhyastataḥ param |
bhyasantaṃ [svāhānte ka pāṭhaḥ |] sarvavarṇānte yoginīpadamālikhet || 20 ||
Man spreche das Ya-Bija, dann „den Yoginis“ und „den Yoginis aller Farben beziehungsweise Lautklassen“.

19.21 kavacaṃ cāstramālikhya vahnijāyāṃ punarlikhet |
anena manunā vāpi yoginīnāṃ baliṃ haret || 21 ||
Es folgen Schutzpanzer- und Waffenmantra sowie Svaha. Auch mit dieser Formel kann man den Yoginis Bali darbringen.

19.22 aṅguṣṭhamadhyamānāmā yonyākāreṇa[kara kha pāṭhaḥ |] yojayet |
kṛtāñjalistato devi saṃprārthayedanena tu || 22 ||
Daumen, Mittel- und Ringfinger verbinde man in Yoni-Form. Mit zusammengelegten Händen bete man dann, Göttin:

19.23 ūrdhvaṃ brahmāṇḍato vā divi gaganale bhūtale nistale vā pātāle(vānale)vā salilapavanayoryatrakutra sthitā vā |
kṣetre pīṭhopapīṭhādiṣu ca kṛtapadā dhūpadīpādikena prītā devyaḥ sadā naḥ śubhabalividhinā pāntu vīrendravandyāḥ [devendravatya ka pāṭhaḥ |] || 23 ||
„Ob über dem Weltenei, im Himmel, im Luftraum, auf der Erde, in der Tiefe, Unterwelt, im Feuer, Wasser oder Wind, wo immer ihr wohnt; ob in heiligen Bezirken, Pithas oder Nebenpithas: Ihr von den Vira-Herren verehrten Göttinnen, durch Räucherwerk, Lampen und segensreiche Bali-Gaben erfreut, schützt uns stets!“

19.24 kṣetrapālaṃ mahādevyā vāmataḥ paricintayet |
aparājitavallībhirveṣṭitasya mahātmanaḥ || 24 ||
Links von der großen Göttin betrachte man Kshetrapala. Unter einem mächtigen Tamarinden-Wunschbaum, von Aparajita-Ranken umwunden,

19.25 āraktavarṇaiḥ[varṇa kha pāṭhaḥ |] satataṃ kusumairupaśobhite |
tintiḍīkalpavṛkṣasya sacchāye ratnabhūṣite || 25 ||
stets mit roten Blüten geschmückt, in seinem schönen Schatten und von Edelsteinen umgeben,

19.26 nīlāñja(la?na)cayaprakhyaṃ[kṣa ka pāṭhaḥ |] dadhānaṃ karapaṅkajaiḥ |
kṛpāṇaṃ ca kapālaṃ ca śūlaṃ ḍamarumeva ca || 26 ||
steht er dunkel wie eine Masse schwarzer Augenschminke. In seinen Lotushänden trägt er Messer, Schädelschale, Dreizack und kleine Trommel.

19.27 dhyāyecca samamatyarthaṃ daṃṣṭrābhinnādharaṃ param |
pūjayitvā vidhānena baliṃ mantreṇa dāpayet || 27 || [yā yoginibhya sarvavarṇayoginībhyo haphaṭsvāheti balimantraḥ |]
Man betrachte den Höchsten mit von Fangzähnen durchbrochener Lippe. Nach vorschriftsmäßiger Verehrung bringe man mit dem Mantra Bali dar.

19.28 ṣaḍdīrghasvarasaṃbhinnaṃ kṣakāraṃ vilikhet priye |
tataḥ kṣetrapadaṃ pāla dhūpadīpādi vā likhet || 28 ||
Dann bilde man ksha mit den sechs langen Vokalen, Geliebte, und füge „Kshetrapala“, „mit Räucherwerk, Lampen und anderen Gaben“ hinzu.

19.29 sahitaṃ balimālikhya gṛhṇa gṛhṇa tato vadet |
vahnijāyānvito mantraḥ [kṣāṃ kṣīṃ kṣūṃ kṣaiṃ kṣauṃ kṣaḥ kṣetrapāla dhūpadīpādisahitaṃ bali gṛhṇa 2 svāhā iti niṣkarṣa |] kṣetrapālasya pārvati || 29 ||
Es folgen „Bali“, zweimal „nimm“ und Svaha. Dies ist der Mantra Kshetrapalas, Parvati.

19.30 vāmamuṣṭiṃ vidhāyādau tarjanīṃ saralāṃ kuru |
anayā mudrayā devi baliṃ tasmai nivedayet || 30 ||
Man bilde die linke Faust und strecke den Zeigefinger gerade aus. Mit dieser Mudra bringe man ihm Bali dar, Göttin.

19.31 caturthamaṇḍale devyāḥ purato dakṣabhāgataḥ |
navīnanīradaśyāmaṃ sarvābharaṇabhūṣitam || 31 ||
Im vierten Mandala, vor der Göttin zu ihrer Rechten, betrachte man Ganesha, dunkel wie eine frische Regenwolke und mit allem Schmuck versehen,

19.32 tundinaṃ gajavaktraṃ ca caturbāhuṃ digambaram |
vāmadakṣordhvapāṇibhyāṃ pāśāṅkuśa[va?dha]raṃ vibhum || 32 ||
dickbäuchig, elefantengesichtig, vierarmig und unbekleidet. In den oberen linken und rechten Händen trägt er Schlinge und Stachel.

19.33 dakṣiṇādhaḥkareṇaiva madhupūrṇakapālakam |
sindūrasadṛśākārāmuddāmamadavihvalām || 33 ||
In der unteren rechten hält er eine mit süßem Trank gefüllte Schädelschale. Seine Partnerin ist zinnoberrot und von großer Verzückung erfüllt.

19.34 dhṛtaraktotpalāmanyapāṇinā taddhvajaspṛśa[śā ka pāṭhaḥ |]m |
āliṅgya vāmahastena tasyā madanamandiram || 34 ||
Sie hält einen roten Lotus und berührt mit der anderen Hand sein erigiertes Glied. Mit der linken Hand umarmt er sie und berührt ihre Yoni.

19.35 spṛśantaṃ parameśānaṃ dhyātvā taṃ paripūjayet |
gāṃ gīṃ gūṃ trayamālikhya ṅentaṃ gaṇapatiṃ tataḥ || 35 ||
So betrachte und verehre man den höchsten Herrn. Man spreche „gāṃ gīṃ gūṃ“, dann „Ganapati“ im Dativ,

19.36 varānte varadānte ca sarvānte janamālikhet |
me vaśaṃ cānaya procya baliṃ gṛhṇa dvidhāpadam || 36 ||
„Vortrefflicher, Wunschgewährender, führe alle Menschen unter meinen Einfluss“, danach zweimal „Nimm das Bali an!“

19.37 vahnijāyānvito mantro gaṇapasya [gā gī gū gaṇapataye varavarada sarvajana me vaśamānaya bali gṛhṇa 2 svāheti balimantra |] udāhṛtaḥ |
muṣṭimadhyasthitāṃ devi aṅgulīṃ daṇḍavat kuru || 37 ||
Der mit Svaha endende Mantra gehört Ganapati. Aus der Faust strecke man einen Finger stabförmig aus, Göttin.

19.38 gajatuṇḍā mahāmudrā gaṇapasya sadā priyā |
etadante maheśāni sarvabhūtabaliṃ haret || 38 ||
Diese große Elefantenrüssel-Mudra ist Ganapati stets lieb. Danach bringe man allen Wesen Bali dar, große Herrin.

19.39 surā narāśca pitaro yakṣarakṣaḥpiśācakāḥ |
ete bhūtāḥ samuddiṣṭā balibhistān pratarpayet || 39 ||
Götter, Menschen, Ahnen, Yakshas, Rakshasas und Pishachas sind diese Wesen. Man sättige sie durch Bali.

19.40 balibhistarpitāstvete yānti yajñe sahāyatām |
atarpitā yadā tasmiṃste vai vighnasvarūpiṇaḥ || 40 ||
Dadurch gesättigt, werden sie Helfer beim Opfer; ungesättigt erscheinen sie als Hindernisse.

19.41 ātmānaṃ ca kriyāḥ sarvā mahāmantreṇa pārvati |
tato brahmasvarūpiṇyai viśeṣeṇa samarpayet || 41 ||
Dann bringe man sich selbst und sämtliche Handlungen mit dem großen Mantra ausdrücklich der Göttin dar, deren Wesen Brahman ist, Parvati.

19.42 vāratrayamitaḥ pūrvaṃ prāṇabuddhi tataḥ param |
dehadharmādhikārānte jāgratsvapnasuṣuptiṣu || 42 ||
Die Formel beginnt mit dreimal „von hier an“ beziehungsweise „zuvor“, dann: „Durch Lebensatem, Verstand, Leib und die Zuständigkeit meiner Lebensordnung, im Wachen, Träumen und Tiefschlaf,

19.43 manasā ca tato vācā karmaṇā ca tataḥ param |
hastābhyāṃ ca tataḥ padbhyāmudareṇa tataḥ param || 43 ||
mit Geist, Rede und Tat, mit beiden Händen, beiden Füßen und dem Bauch,

19.44 śiśnā ca yat smṛtaṃ paścādyaduktaṃ yatkṛtaṃ bhavet |
māṃ madīyaṃ tato devi sakalaṃ ca tataḥ param || 44 ||
mit dem Geschlechtsorgan: Was immer ich gedacht, gesagt und getan habe, mich selbst und alles Meinige,

19.45 tathaiva tvayi-śabdānte brahmaṇyarpitamastviti |
svāhānto manurityukto mantraḥ [ita pūrva prāṇabuddhidahadharmādhikārajāgratsvapnasuṣuptiṣu manasā vācā karmaṇā hastābhyāṃ padbhyāmudareṇa śiśnā ca yatsmṛta yadukta yatkṛta mā madīya sakala tvayi brahmaṇyarpitamastu svāhati svātmasamarpaṇamantraḥ | māmiti asminmanau vibhaktipratirūpakamavyaya bodhyam |] svātmasamarpaṇe || 45 ||
alles sei dir, Brahman, dargebracht. Svaha!“ Dies ist der Mantra zur Hingabe des eigenen Selbst.

19.46 etadante mahāmantrā(na?ni)yataḥ samudīrayet |
āvāhanaṃ na jānāmi na jānāmi visarjanam || 46 ||
Danach spreche man gesammelt die großen Gebetsformeln: „Ich kenne die Anrufung nicht, ich kenne die Verabschiedung nicht.

19.47 pūjābhāgaṃ na jānāmi tvaṃ gatiḥ parameśvari |
satyaṃ satyaṃ punaḥ satyamutkṣipya bhujamucyate || 47 ||
Ich kenne die rechte Art der Verehrung nicht. Du bist meine Zuflucht, höchste Herrin! Wahrlich, wahrlich, nochmals wahrlich, mit erhobenem Arm erkläre ich:

19.48 kāyena manasā vācā tvatto nānyā gatirmama |
antaścāreṇa bhūtānāmantastvameva saṃsthitā || 48 ||
Mit Leib, Geist und Rede habe ich keine andere Zuflucht als dich. Du bist im Innern aller Wesen gegenwärtig.

19.49 yaddataṃ bhaktimātreṇa patraṃ puṣpaṃ phalaṃ jalam |
āveditaṃ ca naivedyaṃ tadgṛhāṇānukampayā || 49 ||
Was allein aus Hingabe gegeben wurde, Blatt, Blume, Frucht, Wasser und die dargebrachte Speise, nimm aus Mitgefühl an!

19.50 vidhihīnaṃ kriyāhīnaṃ bhaktihīnaṃ yadarcitam |
yadakṣara[ra ka pāṭhaḥ |]paribhraṣṭaṃ mātrāhīnaṃ ca yadbhavet || 50 ||
Was ohne rechte Vorschrift, Handlung oder Hingabe verehrt wurde, welche Laute ausgelassen wurden oder welche Silbenmaße fehlten,

19.51 anaṅgavyavadhānādi aparādhaśatāti ca |
kṣantumarhasi me devi tvameva śaraṇaṃ yataḥ || 51 ||
fehlende Glieder, Unterbrechungen und hunderte weitere Verfehlungen: Vergib sie mir, Göttin, denn du allein bist meine Zuflucht!

19.52 tvayi me hṛdayaṃ cāstu tvayi cittaṃ manastvayi |
tvatpūjāyāṃ mahāmāye saṃvardhantāṃ prayojitāḥ || 52 ||
Mein Herz sei in dir, mein Bewusstsein und mein Geist seien in dir. Mögen die deiner Verehrung gewidmeten Kräfte wachsen, Mahamaya!

19.53 ye punarvighnakartāraste naśyantu tvadājñayā |
mantreṣu paṭhiteṣveṣu sva(raṃ?yaṃ)devī prasīdati || 53 ||
Die Verursacher von Hindernissen mögen auf deinen Befehl weichen!“ Werden diese Formeln gesprochen, wird die Göttin selbst gnädig.

19.54 dātuṃ[datte kha pāṭhaḥ |] devī caturvargamityetannātra saṃśayaḥ |
evaṃ saṃprārthya deveśi stutvā nutvāti[bhi kha pāṭhaḥ |]bhaktitaḥ || 54 ||
Sie gewährt die vier Lebensziele, daran besteht kein Zweifel. Nach dieser Bitte, Lobpreis und tief hingebungsvoller Verneigung, Herrin der Götter,

19.55 pradhānadevatāmūrtau parivārān samarpayet |
tasyā eva maheśānyāḥ śarīre sarvadevatāḥ || 55 ||
lasse man das Gefolge in die Gestalt der Hauptgottheit eingehen. Sämtliche Gottheiten lösen sich im Leib der großen Herrin auf.

19.56 vilīnāḥ santu mūlena de(vā?vya)ṅge mīlitāḥ smaret |
atha kāmakalārūpamātmānaṃ paricintayet || 56 ||
Mit dem Wurzelmantra stelle man sich vor, dass sie alle in ihren Leib eingegangen sind. Dann betrachte man sich selbst als Gestalt der Kamakala.

19.57 tatastāṃ parameśānīṃ visṛjed hṛdayāmbuje |
jñānato'jñānato vāpi yanmayā kriyate śive || 57 ||
Darauf entlasse man die höchste Herrin in den Herzlotus: „Was ich wissentlich oder unwissentlich tue, Heilvolle,

19.58 tava kṛtyamidaṃ sarvamiti mātaḥ kṣamasva me |
udvāsya parameśānīṃ khecaryātmani yojayet || 58 ||
ist alles dein Wirken. Mutter, vergib mir!“ Nach der äußeren Verabschiedung vereinige man sie durch Khechari mit dem eigenen Selbst.

19.59 anenaiva tu mantreṇa dhyāyaṃstāṃ sthāpayed hṛdi |
tiṣṭha devi pare sthāne svasthāne parameśvari || 59 ||
Mit dieser Formel meditiere man und setze sie ins Herz: „Verweile, Göttin, an der höchsten Stätte, an deinem eigenen Ort, höchste Herrin!“

19.60 visṛjyaivaṃ maheśānīṃ tataḥ pūrakavāyunā |
saṃhāramudrayādāya samāghrāya gurūktayā || 60 ||
Nach dieser Verabschiedung nehme man sie mit der vom Guru gelehrten Samhara-Mudra und der Einatmung auf, indem man den Blumenduft einatmet.

19.61 taccaitanyaṃ[sa?sva]mūlena mūla eva niveśayet |
prāṇāyāmaistu saṃtarpya yajennirmālyadhāriṇīm || 61 ||
Dieses Bewusstsein setze man mit dem Wurzelmantra wieder an der Wurzel ein. Nach Sättigung durch Atemregelungen verehre man die Empfängerin der Opferreste.

19.62 nirmālyaṃ nikṣipedbhūmau nītvā tāṃ citkalāṃ purā |
asyā jaganmayī saiva sai cai[vāśo?va śe]ṣikā parā || 62 ||
Erst nachdem man die Bewusstseinskraft aufgenommen hat, lege man die Blumenreste auf die Erde. Die weltumfassende Göttin selbst ist diese höchste Sheshika.

19.63 tatparaṃ nahi va[vā ka pāṭhaḥ |]stve[ha?va]tattvajñānādahaṃ prabhuḥ |
mahāpadmavanāntaḥsthaśṛṅgāṭodarasaṃsthitām || 63 ||
Nichts steht über dieser Wirklichkeit; durch ihre Erkenntnis bin ich Herr. Die im Innern des großen Lotuswaldes, im innersten Gipfelraum wohnende

19.64 devīṃ parāṃ samālokya ātmānaṃ tu vicintayet |
unmanyante śivo bhūtvā tiṣṭhedānandanirbharaḥ || 64 ||
höchste Göttin schaue man und betrachte das eigene Selbst. Am Ende des gedankenfreien Zustands werde man Shiva und verweile voller Wonne.

19.65 śivenaikyaṃ samāsādya yāvadante [anta yāvatma ka pāṭhaḥ |] manolayaḥ |
nivartitasamādhistu gurave mūrdhavāsine || 65 ||
Man bleibe in Einheit mit Shiva, bis der Geist vollständig zur Ruhe gekommen ist. Aus dem Samadhi zurückgekehrt, verneige man sich vor dem auf dem Scheitel wohnenden Guru.

19.66 ālalāṭaṃ namaskuryānnivedyārghyaṃ tadājñayā |
aiśānyāṃ maṇḍalaṃ kṛtvā dvārapadmavivarjitam || 66 ||
Die Hände bis zur Stirn führend, bringe man ihm Arghya dar. Auf seine Weisung zeichne man im Nordosten ein Mandala ohne Tore und Lotusblätter.

19.67 śeṣikāṃ sundarīṃ tatra nirmālyena prapūjayet |
lehyacoṣyā[ṣā ka pāṭhaḥ |]nnapānādi tāmbūlamanu[sragvile kha pāṭhaḥ |]lepanam || 67 ||
Darin verehre man Sheshika-Sundari mit den Opferresten: „Leck- und Saugspeisen, Nahrung, Getränke, Betel und Salben,

19.68 nairmālyaṃ bhojanaṃ tubhyaṃ dadāmi śrīśivājñayā |
anena manunā devyā yajennirmālyadhāriṇīm || 68 ||
die als geheiligte Reste verbleiben, gebe ich dir auf Shri Shivas Befehl als Speise.“ Mit dieser Formel verehre man die Göttin als Empfängerin der Opferreste.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde vaṭukādibalividhinirūpaṇaṃ ekonaviṃśaḥ paṭalaḥ || 19 ||
Hier endet das 19. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Bali für Vatuka und weitere Mächte“. Ergänzende heutige Meditation über drei Chakras

Kapitel 20: Sheshika-Vidya

Die Matrika verbindet die Sanskritlaute mit der schöpferischen Kraft.

viṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 20.1 kathaṃ sā parameśānī śeṣikā pū[ji?jya]te śiva |
kīdṛśī sā mahādevī tadaśeṣaṃ vada prabho || 1 ||
Wie wird die höchste Herrin Sheshika verehrt, Shiva? Wie ist diese große Göttin beschaffen? Lehre dies vollständig, Herr.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 20.2 śeṣikāṃ sundarīṃ vakṣye devīṃ guhyatamāṃ priye |
ucchiṣṭapūrvikāṃ devīṃ mātaṅgīṃ sarvasiddhidām || 2 ||
Ich werde Sheshika-Sundari lehren, die geheimste Göttin, Geliebte, Matangi mit dem vorangestellten Namen Ucchishta, die alle Vollendungen gewährt.

20.3 sarvāpattāriṇīṃ vidyāṃ sarvadoṣavivarjitām |
yayā vijñātayā devi kṣayaṃ gacchanti cāpadaḥ || 3 ||
Ihre Vidya rettet aus allen Nöten und ist frei von allen Mängeln. Wird sie erkannt, Göttin, schwinden die Bedrängnisse.

20.4 sthāvaraṃ jaṅgamaṃ caiva kṛtrimaṃ cāṅgajaṃ tathā [viṣam kha pāṭhaḥ |] |
vidyeyaṃ nāśayed devi svaparāṅgasamāśritam || 4 ||
Pflanzliche, tierische, künstliche und im Körper entstandene Gifte oder schädigende Einflüsse im eigenen oder fremden Leib soll diese Vidya vernichten. Das Bezugswort ist im Vers nicht ausdrücklich genannt.

20.5 iyaṃ vidyā mahāvidyā sarvapāpāpahāriṇī |
svargadā mokṣadā ceyaṃ rājyasaubhāgyadā tathā || 5 ||
Diese große Vidya nimmt alle Schuld, gewährt Himmel und Befreiung, Königsherrschaft und Glück.

20.6 iyaṃ devī mayā pūrvaṃ sādhitā devi nirjane |
sakṛduccā[cca ka pāṭhaḥ |]ritā vidyā brahmahatyāvināśinī || 6 ||
Ich selbst habe diese Göttin einst in Abgeschiedenheit verwirklicht. Einmal ausgesprochen, soll ihre Vidya die Schuld der Brahmanentötung tilgen.

20.7 ya ucchi[yadyu kha pāṭhaḥ |]ṣṭamukho bhūtvā smared devīṃ kadācana |
tadācānto bhaved devi vinaivācamane kṛte [aiśo'ya pāṭha ācamana vinetyartha, evamagrepi bodhyam |] || 7 ||
Wer mit ungereinigtem Mund nach dem Essen an sie denkt, Göttin, gilt als gereinigt, ohne das rituelle Trinken vollzogen zu haben.

20.8 nirdhano dhanamāpnoti mūrkho vidyāmavāpnuyāt |
mantraṃ śṛṇu mahādevyā yathāvat kathayāmi te || 8 ||
Ein Armer erlange Wohlstand, ein Unwissender Wissen. Höre den Mantra der großen Göttin; ich werde ihn dir in seiner Ordnung lehren.

20.9 ucchiṣṭaśabdamuccārya tathā caṇḍālinīti ca |
sumukhīti tato devi mahāpiśācinīti ca || 9 ||
Man spreche „Ucchishta“, „Chandalini“, „Sumukhi“ und „Mahapishachini“, Göttin.

20.10 māyābījaṃ tataḥ paścāt ṭhakāradvitayaṃ tathā |
savisargaṃ [ucchiṣṭacaṇḍālini sumukhi devi mahāpiśācini hrī ṭha ṭha iti |] mahādevi sarvasiddhipradāyakam || 10 ||
Danach folgen das Maya-Bija und zweimal ṭha mit Visarga. Diese Formel gewährt nach dem Text sämtliche Vollendungen, große Göttin.

20.11 athānyaṃ saṃpravakṣyāmi mantraṃ paramadurlabham |
vāṅmāyākamalābījaṃ namo bhagavatīti ca || 11 ||
Nun lehre ich einen weiteren, sehr schwer zugänglichen Mantra: die Bijas von Rede, Maya und Kamala, dann „namo bhagavati“.

20.12 mātaṅgeśvari sarvānte janavaśaṃkarīti ca |
vahnijāyānvito mantraḥ [ai hrī śrī namo bhagavati mātaṅgeśvari sarvajanavaśakari svāhā | iti mantrāntaram |] sarvasiddhipradāyakaḥ || 12 ||
Es folgen „mātaṅgeśvari“, „sarvajanavaśaṃkari“ und Svaha. Auch dieser Mantra wird als alle Vollendungen gewährend bezeichnet.

20.13 nāridoṣo'tra deveśi na vighno niyamastathā |
aṅganyāsakaranyāsau nāṅgī caivāsya devatā || 13 ||
Hier gelten weder die Unverträglichkeit zwischen Mantra und Übendem noch Hindernisregeln oder besondere Observanzen; weder Anga-Nyasa noch Hand-Nyasa ist vorgeschrieben, noch eine gesonderte Angi-Gottheit.

20.14 yasya tiṣṭhati mantro'yaṃ sa bhavet surapādapaḥ |
dhyānamasyāḥ pravakṣyāmi yathāvadakhileśvari || 14 ||
Wer diesen Mantra besitzt, werde selbst zu einem himmlischen Wunschbaum. Seine Meditation werde ich genau lehren, Herrin des Alls.

20.15 śavopari samāsīnā raktāmbaraparicchadā |
raktālaṃkārabhūṣāḍhyā guñjāhāravirājitā || 15 ||
Sie sitzt auf einem Leichnam, trägt rote Gewänder und roten Schmuck und strahlt mit einer Kette aus Gunja-Samen.

20.16 navayauvanasaṃpannā pīnonnatapayodharā |
kapālakartṛkāhastā paramajyotīrūpiṇī || 16 ||
Sie besitzt frische Jugend und volle, hohe Brüste, hält Schädelschale und Messer und ist die Gestalt des höchsten Lichtes.

20.17 vidhānaṃ cātra vakṣyāmi śṛṇu devi manoharam |
bhojanānantaraṃ devi vinaivācamane kṛte || 17 ||
Höre nun ihre eindrucksvolle Ritualordnung, Göttin. Nach dem Essen, ohne die rituelle Mundreinigung zu vollziehen,

20.18 baliṃ kṛtvā prathamato mūlamantreṇa sādhakaḥ |
tato mantraṃ japed dhyātvā japedayutamānataḥ || 18 ||
bringe der Praktizierende zuerst mit dem Wurzelmantra Bali dar. Nach der Meditation wiederhole er den Mantra zehntausendmal.

20.19 ucchiṣṭenaiva kartavyo japo'syāḥ siddhimicchatā |
aparaṃ ca pravakṣyāmi śṛṇu devi phalapradam || 19 ||
Wer ihre Vollendung erstrebt, vollziehe dieses Japa im Zustand der Speiserest-Unreinheit. Nun höre weitere Anwendungen und ihre behaupteten Früchte, Göttin.

20.20 homasaṃtarpaṇaṃ caiva sarvakāryārthasiddhaye |
sthaṇḍile maṇḍalaṃ kṛtvā caturasraṃ sabindukam || 20 ||
Zur Verwirklichung verschiedener Vorhaben wird Homa-Tarpana gelehrt. Auf dem Opferboden zeichne man ein Quadrat mit Mittelpunkt.

20.21 pūjayenmaṇḍalaṃ devyā mūlamantreṇa sādhakaḥ |
tatra devīṃ samāvāhya vahnirūpavyavasthitām || 21 ||
Der Praktizierende verehre dieses Mandala mit dem Wurzelmantra der Göttin und rufe sie darin in Feuergestalt an.

20.22 saṃpūjyaiva careddhomaṃ dadhisiddhārthataṇḍulaiḥ |
sahasraikavidhānena rājā bhavati vaśyagaḥ || 22 ||
Nach ihrer Verehrung wird ein Homa mit Dickmilch, weißem Senf und Reis genannt. Tausend Gaben sollen einen König unter Einfluss bringen.

20.23 mārjārasya tu māṃsena devyai homaṃ samācaran |
sa prāpnoti parāṃ vidyāṃ śastraśāstravaśīkṛtām || 23 ||
Ein Homa mit Katzenfleisch soll höchste Kenntnis von Waffen und Schriften verleihen.

20.24 kuryācchāgasya māṃsena homaṃ madhughṛtānvitam |
sahasraikapramāṇena bhavanti phalasiddhayaḥ || 24 ||
Ein Homa mit Ziegenfleisch, Honig und Ghee in tausend Gaben soll die gewünschten Früchte verwirklichen.

20.25 vidyākāmaścared homaṃ madhunā saha sarpiṣā |
ayu[ktai?tai]kapramāṇena siddhiriṣṭā bhaved dhruvam || 25 ||
Wer Wissen begehrt, opfert nach dieser Vorschrift Honig mit Ghee zehntausendmal; die gewünschte Vollendung werde dadurch gewiss erlangt.

20.26 sadyo mārjāramāṃsena ghṛtena madhunā saha |
cāṇḍālakeśayuktena bhavedākarṣaṇaṃ mahat || 26 ||
Frisches Katzenfleisch mit Ghee, Honig und Haaren eines Chandala wird als Mittel starker Anziehung genannt.

20.27 śaśakasya tu māṃsena madhunāloḍitena ca |
kṛtvā homamavāpnoti vidyāvasuvarastriyaḥ || 27 ||
Ein Homa mit in Honig getauchtem Hasenfleisch soll Wissen, Besitz und schöne Frauen verschaffen.

20.28 dhattū[dhūstū ka pāṭhaḥ |]rakāṣṭhayogena citāvahnau tu mantravit |
kokilākākapakṣaiśca homaiḥ śatrūn vināśayet || 28 ||
Datura-Holz im Leichenfeuer sowie Federn von Kuckuck und Krähe werden für einen gegen Feinde gerichteten Vernichtungsritus genannt.

20.29 uccāṭanāya śatrūṇāṃ homaṃ kuryācca mantravit |
pūrvoktena vidhānena citākāṣṭhahutāśane || 29 ||
Zur Vertreibung von Feinden wird dieselbe Ordnung mit Feuer aus Scheiterhaufenholz beschrieben.

20.30 ulūkakākapakṣābhyāṃ kṛtvā homaṃ nirantaram |
dveṣayed dviṣṭamanyonyakalahākulasaṃkulam || 30 ||
Ein wiederholtes Homa mit Eulen- und Krähenfedern soll Feindschaft, Streit und Verwirrung zwischen den Zielpersonen hervorrufen.

20.31 ulūkapakṣahomena garbhapāto bhavet striyāḥ |
bilvapatraiḥ su[sa ka pāṭhaḥ |]madhvaktairmāsamekaṃ niranta(ra?)m || 31 ||
Ein Homa mit Eulenfedern wird als Mittel zur Auslösung einer Fehlgeburt behauptet. Danach folgt eine entgegengesetzte Fruchtbarkeitsverheißung: Bilva-Blätter, mit Honig bestrichen, einen Monat lang

20.32 sahasraikapramāṇena kṛtvā homaṃ samāhitaḥ |
api vandhyā labhet putraṃ cirajīvinamuttamam || 32 ||
gesammelt in tausend Opfergaben dargebracht, sollen selbst einer unfruchtbaren Frau einen vortrefflichen, langlebigen Sohn verschaffen. Diese widersprüchlichen Ritualbehauptungen sind keine medizinischen Verfahren.

20.33 bandhūkakusumaṃ hutvā raktaṃ madhusitānvitam |
durbhagā caiva yā nārī subhagā sā na saṃśayaḥ || 33 ||
Rote Bandhuka-Blüten, mit Honig und Zucker geopfert, sollen einer unglücklichen Frau Glück in der Partnerschaft geben.

20.34 [iḍā?haṭhā]dāgatya kāmārtā balādāliṅgyanti tam |
iyaṃ devī maheśānī vāmācāra[rā ka pāṭhaḥ |]phalapradā || 34 ||
Frauen würden liebeserfüllt herbeikommen und den Übenden heftig umarmen; der Anfang der Zeile ist beschädigt. Diese große Herrin gewährt die Früchte des Vamachara.

20.35 dakṣiṇācārayogena na bhavet phaladāyinī |
bhojanānantaraṃ cāsyā baliṃ dadyād dine dine || 35 ||
Bei Anwendung des Dakshinachara gewährt sie nach dieser speziellen Lehre keine Frucht. Täglich bringe man ihr nach dem Essen Bali dar.

20.36 ucchiṣṭena japenmantraṃ śatamaṣṭottaraṃ śive |
uṭaje [uñjaṭe ka pāṭhaḥ |] vā śmaśāne vā śūnyāgāre catu(ṣṭayaṃ?ṣpathe) || 36 ||
Im Zustand der Speiserest-Unreinheit wiederhole man den Mantra 108-mal, Heilvolle. In einer Hütte, auf einem Verbrennungsplatz, in einem leeren Haus oder an einer Kreuzung

20.37 balipradānato devī pratyakṣā bhavati dhruvam |
anayaivābhisaṃmantrya oṣadhyaḥ sarvasiddhidāḥ || 37 ||
soll die Göttin durch Bali-Darbringung unmittelbar sichtbar werden. Mit ihrer Formel besprochene Pflanzen sollen sämtliche Vollendungen gewähren.

20.38 candrī cakrī tathā vajrī triśūlā muddhayī tathā |
dehasthā samare puṃsāṃ sarvāyudhavi[dhā?dā]riṇī || 38 ||
Chandri, Chakri, Vajri, Trishula und die unsicher gelesene Muddhayi, am Körper getragen, werden als Schutz vor Waffen im Kampf beschrieben.

20.39 gṛhītaṃ puṣyanakṣatre apāmārgasya mūlakam |
lepamātreṇa dhīrāṇāṃ sarvāyudhanivāraṇam || 39 ||
Die unter dem Mondhaus Pushya gesammelte Apamarga-Wurzel soll als Salbe sämtliche Waffen abwehren.

20.40 arjunaṃ ca nārajaṃ ca campakonmattakaḥ kuhūḥ |
lepamātrājjayī yuddhe vajradeho bhavennaraḥ || 40 ||
Arjuna, Naraja, Champaka, Unmattaka und Kuhu werden als Salbenstoffe genannt, die im Kampf Sieg und einen diamantfesten Leib verleihen sollen. Mehrere Pflanzennamen bleiben unsicher.

20.41 kharjūrī mukhamadhyasthā kaṭībaddhā ca ketakī |
bhujadaṇḍasthitastālaḥ sarvāyudhanivāraṇaḥ || 41 ||
Dattelpalmenmaterial im Mund, Ketaki am Gürtel und Tala am Arm sollen alle Waffen abwehren.

20.42 dakṣabāhusthitaścārko vāme tu hṛdaye'thavā |
rudraḥ puṣpagato yuddhe vajradeho bhavennaraḥ || 42 ||
Arka am rechten Arm oder links beziehungsweise am Herzen und der mit einer Blüte verbundene „Rudra“ sollen den Leib im Kampf diamantfest machen. Die Pflanzenzuordnung ist unklar.

20.43 trilohaveṣṭitaṃ kṛtvā rasaṃ vajrābhasaṃyutam |
raṇasthasya karasthaṃ ca sarvāyudhanivāraṇam || 43 ||
Eine in drei Metalle eingeschlossene Verbindung von Quecksilber und einem als diamantgleich bezeichneten Stoff, in der Hand getragen, wird als weiterer Waffenschutz genannt.

20.44 girikarṇīṃ śamīṃ dūrvāṃ guñjāṃ śvetāṃ samāharet |
candanenānvitāḥ sarvāstilakādvijayī raṇe || 44 ||
Girikarni, Shami, Durva und weiße Gunja werden mit Sandel zu einem Stirnzeichen verbunden, das Sieg im Kampf bewirken soll.

20.45 adhaḥpuṣpā śikhī caiva śvetā ca girikarṇikā |
gorocanāsamāyuktā tilakaṃ śatrumohanam || 45 ||
Adhahpushpa, Shikhi und weiße Girikarnika mit Gorochana bilden ein Stirnzeichen zur Verwirrung von Feinden.

20.46 kanakārko[?]vahnirindradruḥ pañcamastathā |
karoti tilakaṃ yastu paśyettaṃ pañcadhā ripuḥ || 46 ||
Kanaka, Arka, Vahni und Indradru werden in einer als fünfgliedrig bezeichneten, aber unvollständigen Liste genannt. Ein daraus gefertigtes Stirnzeichen soll den Träger dem Feind fünffach erscheinen lassen.

20.47 kṛṣṇasarpakarālaṃ tu rasaṃ mṛttikayānvitam |
sitaguñjāṃ vapet tatra tasyā mūlaṃ samāharet || 47 ||
Ein unsicher bezeichnetes Material einer schwarzen Schlange wird mit Erde verbunden; darin werden weiße Gunja-Samen gesät und später ihre Wurzel gesammelt.

20.48 harītakyā samāyuktaṃ tilakaṃ śatrumohanam |
kṛtatilakaṃ bhaṭaṃ dṛṣṭvā paśyet svaṃ śvāvṛtaṃ ripuḥ || 48 ||
Mit Haritaki verbunden, soll diese Wurzel ein feindverwirrendes Stirnzeichen ergeben. Beim Anblick des so bezeichneten Kriegers meine der Feind, von Hunden umringt zu sein.

20.49 śva[kha ka pāṭhaḥ |]gaṇairbha(kṣa?kṣya)māṇastu patatyeva tato bhuvi |
chāyā yasya jale yāti saṃgrāhyaḥ kāsamarddakaḥ || 49 ||
Er stelle sich vor, von den Hunden gefressen zu werden, und falle zu Boden. Danach wird Kasamardaka genannt, dessen Schatten auf Wasser fällt.

20.50 anena tilakenāriḥ kūpavāpīṃ prapaśyati |
brahmadaṇḍī ca kaumārī īśvarī vaiṣṇavī tathā || 50 ||
Ein daraus gefertigtes Stirnzeichen soll den Feind Brunnen und Teiche sehen lassen. Brahmadandi, Kaumari, Ishvari, Vaishnavi,

20.51 vārāhī vajriṇī cāndrī mahālakṣmīstathaiva ca |
etāścauṣadhayo divyāstathaitā mātaraḥ smṛtāḥ || 51 ||
Varahi, Vajrini, Chandri und Mahalakshmi heißen weitere göttliche Pflanzen; zugleich gelten sie als Mütter.

20.52 kṛtatāḍī kare baddhā[ddhvā kha pāṭhaḥ |] sarvaśatrunivāriṇī |
bahunā tu kimuktena saṃkṣepāt kathyate'dhunā || 52 ||
Zu einem Bündel verbunden und am Arm getragen, sollen sie alle Feinde abwehren. Wozu viele Worte? Zusammenfassend heißt es:

20.53 ṣaṭkarmaśālinī vidyā prayogāt sarvasiddhidā |
mūlavidyāprayogena siddhihānirbhaved dhruvam || 53 ||
Diese Vidya umfasst die sechs magischen Handlungen und gewährt durch Anwendung alle Vollendungen. Die Hauptvidya für solche Anwendungen zu verwenden, führt dagegen zum Verlust ihrer Vollendung.

20.54 prayogecchā yadā devi tadaināṃ ca prayojayet |
anayākhilakarmāṇi sādhayet sādhakottamaḥ || 54 ||
Wer eine solche Anwendung wünscht, Göttin, soll daher diese Nebenvidya verwenden. Mit ihr vollziehe der hervorragende Praktizierende die entsprechenden Handlungen.

prasaṅgāt kathitaṃ devi gopanīyaṃ prayatnataḥ |

Im Zusammenhang habe ich dies gelehrt, Göttin; es ist sorgfältig vertraulich zu bewahren. iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde śeṣikāvidyāprayogakramanirūpaṇaṃ viṃśaḥ paṭalaḥ || 20 ||
Hier endet das 20. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Sheshika-Vidya“.

Kapitel 21: Vollendung der Puja

ekaviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 21.1 tato vai mūlamantreṇa maheśānīṃ dhiyā smaran |
aprāśya caiva nirmālyaṃ pādodakapuraḥsaram || 1 ||
Danach vergegenwärtige man die große Herrin mit dem Wurzelmantra und nehme zuerst das Fußwasser und die geheiligten Reste zu sich. Die Verneinungsform am Anfang ist im Zusammenhang unsicher überliefert.

21.2 śirasā dhārayedyastu bhūmau bindūṃstu pātayet [mau vā bindu pātayet kha pāṭhaḥ |] |
brahmahā sa tu vijñeyo yadbhaktyā cātmasā(dga?tkṛ)tam || 2 ||
Wer sie bloß auf dem Kopf trägt, dabei aber Tropfen auf die Erde fallen lässt, gilt nach der strengen Vorschrift als Brahmanentöter. Hingebungsvoll seien sie anzunehmen.

21.3 śivaṃ gandhaṃ samādāya śaṃkhatoye vilokayet |
savyahaste samādāya dakṣahastena mantravit || 3 ||
Man nehme die heilvolle Duftsalbe und betrachte sie im Muschelwasser. Der Mantrakundige halte das Gefäß links und verwende die rechte Hand,

21.4 saptadhā mantritaṃ kṛtvā sarvatīrthamayaṃ smaret |
prokṣayet tena cātmānaṃ mūladevīṃ hṛdi smaran || 4 ||
bespreche es siebenmal und betrachte es als Vereinigung aller heiligen Gewässer. Damit besprenge er sich und vergegenwärtige die Hauptgöttin im Herzen.

21.5 pādodakaṃ pived bhaktyā śeṣaṃ mūrdhani yojayet |
sarvāṅgalepanaṃ kṛtvā yantralepādikaṃ ca yat || 5 ||
Hingebungsvoll trinke man das Fußwasser und gebe den Rest auf den Scheitel. Mit den Salben des Yantra und anderen geheiligten Stoffen salbe man den ganzen Leib.

21.6 nirmañchet kāmabījena mūlamantreṇa cātmanaḥ |
anāmikāgraparveṇa lalāṭamapi saṃspṛśet || 6 ||
Mit Kama-Bija und Wurzelmantra vollziehe man die reinigende Berührung und berühre mit dem obersten Glied des Ringfingers die Stirn.

21.7 nirmālyaṃ śirasā dhārya sarvāṅgeṣvanulepanam |
mantreṇa bhāskarāyārghyamacchidrārthaṃ nivedayet || 7 ||
Die Blumenreste trage man auf dem Haupt, die Salbe am ganzen Leib. Der Sonne bringe man mit dem Mantra Arghya dar, damit die Verehrung lückenlos werde.

21.8 jānubhyāmavanīṃ gatvā paṭhitvā mantramīritam |
ekāgramanasā vāgbhiracchidramavadhārayet || 8 ||
Man knie auf die Erde, spreche die gelehrte Formel und bekräftige mit einspitzigem Geist die Vollständigkeit.

21.9 yajñacchidraṃ tapaśchidraṃ yacchidraṃ pūjane mama |
sarvaṃ tadacchidramastu mārtaṇḍasya prasādataḥ || 9 ||
„Welche Lücke in meinem Opfer, meiner Askese oder meiner Verehrung geblieben ist: Durch Martandas Gnade werde alles lückenlos!“

21.10 mārtaṇḍabhairavaṃ paścāt praṇamya ca vilokayet |
ādāvante ca devasya namaskāravilokane || 10 ||
Danach verneige man sich vor Martanda-Bhairava und schaue ihn an. Zu Beginn und am Ende vollziehe man Verneigung und Betrachtung des Gottes

21.11 kuryācca sarvadā bhaktyā dharmakāmārthasiddhaye |
yajñādhikāritā cā[mā ka pāṭhaḥ |]dau paścāt saṃpūrṇatā vidheḥ || 11 ||
stets mit Hingabe zur Verwirklichung von Dharma, Wunscherfüllung und Wohlergehen. Zu Beginn entsteht die Berechtigung zum Opfer, am Ende seine Vollständigkeit.

21.12 vidherviparyayāt tasya kṛtaṃ haranti rākṣasāḥ |
tamudyantaṃ vilokyaiva yajedastamitaṃ tataḥ || 12 ||
Bei Umkehrung dieser Ordnung entwenden Rakshasas die Frucht. Man betrachte die aufgehende Sonne und verehre danach die untergehende.

21.13 ubhayorekatāṃ matvā tamudyantaṃ punastataḥ |
sa evādau sa cāntasthaḥ so'nanto hyanta eva saḥ || 13 ||
Beide als eins erkennend, betrachte man wiederum die aufgehende. Derselbe ist am Anfang und am Ende; er ist unendlich und zugleich das Ende.

21.14 ādyamantaṃ vidityaiva sarvakarmaphalaṃ labhet |
tatastu puṣpanaivedyatoyapātrādikaṃ ca yat || 14 ||
Wer Anfang und Ende so erkennt, erlangt die Frucht aller Handlungen. Dann betrachte man Blumen, Speisegaben, Wassergefäße und alle übrigen Gegenstände

21.15 māyābījena tatsarvaṃ punareva vilokayet |
hastena cakṣuṣā vāpi yatra yaśca kṛtaḥ purā || 15 ||
erneut mit dem Maya-Bija. Was zuvor durch Hand oder Blick eingesetzt worden war,

21.16 pātranyāsastasya tasya visṛṣṭiramunā bhavet |
toyairabhyukṣya tatsthānaṃ mārjayet tadanantaram || 16 ||
dessen rituelle Einsetzung wird dadurch gelöst. Man besprenge den Ort mit Wasser und reinige ihn anschließend.

21.17 udake tarumūle vā nirmālyaṃ tatra saṃtyajet |
naivedyādīni sarvāṇi gurave guruśaktaye || 17 ||
Blumenreste lege man ins Wasser oder an eine Baumwurzel. Die Speisegaben bringe man dem Guru und der Guru-Shakti dar,

21.18 samarpyopāyanaṃ bhaktyā śivāya [śivayā ka pāṭhaḥ |] gururūpiṇe |
jānubhyāmavanīṃ gatvā praṇamed daṇḍavat priye [meva ca ka pāṭhaḥ |] || 18 ||
hingebungsvoll als Gabe an Shiva in Gurugestalt. Man knie nieder und verneige sich lang ausgestreckt, Geliebte.

21.19 ādāya guruṇā dattaṃ svīkuryāttu vidhānataḥ |
tayorabhāvato dadyāt kumārībhyo yathāvidhi || 19 ||
Was der Guru zurückgibt, nehme man vorschriftsmäßig an. Sind Guru und Guru-Shakti nicht anwesend, gebe man die Gaben vorschriftsmäßig den Kumaris.

21.20 amṛtaṃ bhakṣayed devo bhuktvā devatvamālabhet |
amṛtaṃ tadvijānīyādutsṛṣṭaṃ daivatena [ta tu ka pāṭhaḥ |] yat || 20 ||
Als Gottheit genieße man den Nektar; durch seinen Genuss erlange man Göttlichkeit. Was die Gottheit als geheiligten Rest zurücklässt, ist als Nektar zu erkennen.

21.21 paradaivatanairmālyaṃ vinānyat svīkṛtaṃ nahi |
anivedya śivāyaiva yatkiṃcit svīkṛtaṃ priye || 21 ||
Ohne den Opferrest der höchsten Gottheit nehme man nichts anderes an. Was ohne Darbringung an Shiva verzehrt wird, Geliebte,

21.22 (sa?tat)ca paśurmṛtaṃ bhuṅkte lokadvayayutaṃ priye |
purā sarve manuṣyādyā bhuktvā mṛtami(ye?daṃ) natu || 22 ||
genießt der Pashu als tote Nahrung, die ihm beide Welten entfremdet. Einst aßen Menschen und andere solche tote Nahrung,

21.23 devatvaṃ(nobhavet?cālabhan) yasmāttannaiva bhakṣayet kvacit [tu kvacit kvacit ka pāṭhaḥ |] |
divyabhāvaviśuddhātmā bhakṣayedamṛtaṃ yadi || 23 ||
ohne dadurch Göttlichkeit zu erlangen; deshalb genieße man sie nicht auf diese Weise. Wer dagegen durch göttliche Haltung gereinigt den Nektar genießt,

21.24 nityamabhyāsayogena devagāmī bhavennaraḥ |
amṛtopastaraṃ kṛtvā pidhānamapi tena vai || 24 ||
gelangt durch beständige Übung zur Göttlichkeit. Mit Nektar schaffe man die Unterlage und ebenso den abschließenden Schutz.

21.25 baliśeṣaṃ samādāya juhuyāccaiva pūrvavat |
hutvāmṛtaṃ tato bhaktyā prāśayed bhāvaśuddhitaḥ || 25 ||
Den Rest der Bali-Gabe nehme man auf und opfere ihn wie zuvor. Nach diesem inneren Nektaropfer koste man hingebungsvoll und mit reiner Haltung.

21.26 bhuktvāmṛtaṃ tadā devi hastaṃ mūrdhani vinyaset |
tritattvena tridhācamya ṣaḍaṅgāni pravinyaset || 26 ||
Nach dem Genuss lege man die Hand auf den Scheitel, Göttin, vollziehe mit den drei Tattvas dreimal Achamana und setze die sechs Angas ein.

21.27 śivo dātā ca [bha?bho]ktā ca śivaḥ sarvamidaṃ jagat |
śivo jayati sarvatra yaḥ śivaḥ so'hameva ca || 27 ||
Shiva ist der Gebende und der Genießende; Shiva ist diese ganze Welt. Shiva triumphiert überall. Jener Shiva bin ich selbst.

21.28 śaktīralaṃkṛtavaktrāḥ [tu kvacit kvacit ka pāṭhaḥ |] suveśāḥ sumanoharāḥ |
paśyettu devatādṛṣṭyā tā eva devatā yataḥ || 28 ||
Die Shaktis mit geschmückten Gesichtern, schön gekleidet und lieblich, betrachte man als Göttinnen, denn sie sind selbst die Gottheiten.

21.29 tathaiva brahmaṇān paśyedbhūdevāñ śuddhamānasān |
bhaktyā natvā pramuditastataḥ svānavalokayet || 29 ||
Ebenso betrachte man die Brahmanen reinen Geistes als irdische Götter. Nach hingebungsvoller Verneigung sehe man freudig die eigenen Angehörigen an.

21.30 anena vidhinā devi saṃpūjya parameśvarīm |
tatkṛpālabdhavijñānapūrṇo'hamiva bhūtale [labdhirahita sahitasyāhameva vā ka pāṭhaḥ |] || 30 ||
Wer die höchste Herrin nach dieser Ordnung verehrt, Göttin, wird durch ihre Gnade von Erkenntnis erfüllt und lebt auf Erden wie ich.

21.30b bhāvanāvaśasaṃpanno virahet tu tadicchayā || 30 ||
Von der Kraft der inneren Betrachtung erfüllt, wandle er nach ihrem Willen.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 21.31 ka[sya?thaṃ] vā kriyate pūjā [na?nu]gṛhyeta niveditā [tāt kha pāṭhaḥ |] |
kathaṃ vā pratyayaṃ cetastadupāyaṃ vada prabho || 31 ||
Wie wird die Verehrung vollzogen, wie wird das Dargebrachte angenommen, und wie gewinnt das Herz Gewissheit? Lehre das Mittel dazu, Herr. Die Frage ist im Wortlaut beschädigt.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 21.32 sādhu pṛṣṭaṃ tvayā bhadre smaraṇānmuktidāyakam |
śiva[śa ka pāṭhaḥ |]rūpaṃ paraṃ brahma anuttarapadaṃ mahat || 32 ||
Gut hast du gefragt, Segensreiche. Schon das Erinnern daran gewährt Befreiung: Das höchste Brahman in Shivas Gestalt ist die große, unübertreffliche Stätte.

21.33 tadantaḥsthaṃ paraṃ brahma jyotīrūpaṃ sanātanam |
svayaṃ prakāśate hyātmā meghāpāyeṃ'śumāniva || 33 ||
Dieses ewige, lichtförmige Brahman wohnt im Innern. Das Selbst leuchtet aus sich, wie die Sonne nach dem Weichen der Wolken.

21.34 abhyased bahuśastatra śrutidarśitavartmanā |
varṇarūpaṃ tu śabdasya tanmayyastatkriyāstathā || 34 ||
Darin übe man sich häufig auf dem von der Shruti gewiesenen Weg. Die Laute sind die Gestalt des Klanges, und die zugehörigen Handlungen bestehen aus derselben Kraft.

21.35 japtvā kṛtvā bhavet siddhi[ddhebho ka pāṭhaḥ |]rbhogamokṣamayī tataḥ [mayāstu ta ka pāṭhaḥ |] |
yāvanmano layaṃ yāti tasmin svātmani cinmaye || 35 ||
Durch Wiederholung und Vollzug entsteht die Vollendung von Erfüllung und Befreiung. Solange der Geist nicht in diesem eigenen, bewusstseinsförmigen Selbst aufgegangen ist,

21.36 tāvadiṣṭamanuṃ mantrī japahomaiḥ samācaret |
ataḥ paraṃ na kiṃcit tu kṛtyama(si?sti)tadātmanaḥ || 36 ||
pflege der Praktizierende den Mantra seiner erwählten Gottheit durch Japa und Homa. Darüber hinaus bleibt für den in ihr Ruhenden nichts mehr zu tun.

21.37 vidite parame tattve samastairniyamairalam |
tālavṛntena kiṃ kāryaṃ labdhe malayamārute || 37 ||
Ist die höchste Wirklichkeit erkannt, bedarf es der Gesamtheit der Regeln nicht mehr. Wozu ein Palmblattfächer, wenn der duftende Malaya-Wind weht?

21.38 avaśyaṃ ca bhāvi phalaṃ tadāptau tatkaroti yaḥ |
āstikaḥ sa tu vijñeyaḥ kramānmokṣe pratiṣṭhitaḥ || 38 ||
Wer mit der Gewissheit, dass die Frucht eintreten wird, die dazu führende Handlung vollzieht, gilt als vertrauender Mensch und gelangt schrittweise zur Befreiung.

21.39 prāpya nyasettadā tasmin kṛtvā tadrahitaṃ nyaset |
ubhayātmakaṃ tu vinyasya sa saṃnyāsī munirmataḥ || 39 ||
Das Erlangte lege man in ihr nieder, ebenso das Vollzogene und das davon Freie. Wer beide Seiten hingibt, gilt als Entsagender und Weiser. Die gedrängte Anweisung bleibt mehrdeutig.

21.40 yantraṃ śarīramatroktaṃ viditvā kamalekṣaṇe |
kṛtvā cāhaṃmatiṃ tatra [kṛtvāvahamara tatra ka pāṭhaḥ |] yajedbhaktyā samāhitaḥ || 40 ||
Das Yantra wird hier als Körper bezeichnet, Lotusäugige. Dies erkennend und sich selbst darin vergegenwärtigend, verehre man hingebungsvoll und gesammelt.

21.41 yadrūpaṃ parameśānyā ni[ṣā?ṣka]laṃ saka[lārṇa?laṃ ca]vā |
ātma(ā)bhedena saṃpūjya ātmānaṃ priyamīśvarīm || 41 ||
Welche Gestalt die höchste Herrin besitzt, ohne Form oder mit Form – die betreffende Wendung ist beschädigt –, man verehre sie als ungetrennt vom eigenen Selbst, die geliebte Herrin als Selbst.

21.42 tadānandamayaṃ dhāma yāti paścānna saṃśayaḥ |
evaṃ sā pañcamī proktā pañcadhā prathitavigrahā || 42 ||
Danach gelange man zweifellos in ihre wonnevolle Lichtstätte. So wurde Panchami gelehrt, deren Gestalt sich fünffach entfaltet.

21.43 pañcatattvātmake dehe pratyakṣīkriyate hi taiḥ |
nānyatra vai bhaved vyaktā vinātmani vicintanam || 43 ||
Im aus fünf Tattvas bestehenden Körper wird sie durch diese unmittelbar gegenwärtig. Ohne Betrachtung im eigenen Selbst wird sie nirgendwo anders offenbar.

21.44 anumānaṃ maheśānyā ātmanyeva naca kvacit |
anumīya paraṃ caiva sarvamātmavadācaret || 44 ||
Die höchste Herrin erschließt sich im eigenen Selbst, nirgends sonst. Von dort aus erkenne man das Höchste und behandle alles wie das eigene Selbst.

21.45 vastūnāṃ gandhamātreṇa saurūpyadarśanāt tathā |
tuṣyanti devatāḥ śreṣṭhāḥ stutyā labhyāśca[bhyā ca ka pāṭhaḥ |] pārvati || 45 ||
Die höchsten Gottheiten werden schon durch den Duft der Gaben und den Anblick ihrer Schönheit erfreut; durch Lobpreis sind sie erreichbar, Parvati.

21.46 bhūtapretapiśācāśca yakṣarākṣasapannagāḥ |
upabhogena tuṣyanti manuṣyādyāśca jantavaḥ || 46 ||
Bhutas, Pretas, Pishachas, Yakshas, Rakshasas, Nagas sowie Menschen und andere Lebewesen werden durch tatsächlichen Genuss erfreut.

21.47 guroḥ śarīramāsthāya kumārīṇāṃ viśeṣataḥ |
brāhmaṇānāṃ gavāṃ caiva bhuñjate devatāḥ parāḥ || 47 ||
Die höchsten Gottheiten nehmen im Körper des Gurus, besonders der Kumaris, der Brahmanen und der Kühe die Gaben zu sich.

21.48 tasmāttāṃśca prayatnena bhojayet toṣayet sadā |
tuṣṭeṣveṣu mahādevī parituṣṭā jaganmayī || 48 ||
Deshalb speise und erfreue man diese sorgfältig. Sind sie zufrieden, ist die große weltumfassende Göttin vollkommen zufrieden.

21.49 brāhmaṇānāṃ śarīrasthā bhuñjate pitarastathā |
anaṅgavyavadhānaṃ syādaṅgahīnaṃ tu yadbhavet || 49 ||
Auch die Ahnen nehmen im Körper der Brahmanen Nahrung an. Fehlende Ritualglieder, Unterbrechungen und andere Unvollständigkeiten

sāṅgaṃ bhavati tat sarvaṃ miṣṭānnairviprabhojanāt |

All dies wird durch die Speisung der Brahmanen mit wohlschmeckender Nahrung vollständig. iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde pūjāsaṃpūraṇādyupāyavidhinirūpaṇaṃ ekaviṃśaḥ paṭalaḥ || 21 ||
Hier endet das 21. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Vollendung der Puja“.

Kapitel 22–28: Lebensführung und Einweihung

Kapitel 22: Samayachara und geheime Zeichen

dvāviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 22.1 hṛdisthaṃ paramātmānaṃ vihāyānyat samīhate |
aho mūḍho varārohe bahiryanmṛgyate'ndhavat || 1 ||
Wer das höchste Selbst im Herzen verlässt und anderes sucht, ist wahrlich verwirrt, Schöne: Wie ein Blinder sucht er draußen.

22.2 vijñāya hṛdayāntaḥsthaṃ paraṃ(ya?pra)kṛtigocaram |
tanniṣṭhakarmaṇā cainamātmanyevaṃ pratīyate [daivādikasya īḍgatau ityasya dhāto kartari aya prayoga |] || 2 ||
Man erkenne das Höchste im Herzen als Grundlage der Natur. Durch darauf gegründetes Handeln erfährt man es im eigenen Selbst.

22.3 tatpratītau bhavet siddho nānyathā khalu pārvati |
ahaṃ viṣṇuḥ svayaṃbhūśca svāyaṃbhavā ime vayam || 3 ||
In dieser Erfahrung liegt Vollendung, nicht anders, Parvati. Ich, Vishnu und der Selbstgeborene sind aus diesem Selbst hervorgegangen.

22.4 tadanubhūya dehe'smiṃstadeva samupāsmahe |
tadantaḥsthaṃ samāhūya tadevaṃ tu yajāmahe || 4 ||
Nachdem wir es in diesem Leib erfahren haben, verehren wir allein dieses. Wir rufen das im Innern Wohnende herbei und opfern ihm.

22.5 udvāsya ca tadātmānaṃ sthāpayitvā nije hṛdi |
niveditaṃ tu tatprītyai tasminneva nivedayet || 5 ||
Nach der äußeren Verabschiedung setzen wir dieses Selbst ins eigene Herz ein. Was zu seiner Freude dargebracht wurde, bringen wir wiederum ihm dar.

22.6 vināmṛtaṃ na cānyat tu kāṅkṣante devatāgaṇāḥ |
amṛtenaiva tatpūjā amṛtaṃ tu nivedayet || 6 ||
Die Gottheiten verlangen nichts anderes als Nektar. Mit Nektar geschieht ihre Verehrung; deshalb bringe man Nektar dar.

22.7 amṛtatvaṃ labhedvīraḥ svīkṛtyātmaniveditam |
iti te kathitaṃ devi śeṣikā[matṛ?mṛta]muttamam || 7 ||
Der Vira erlangt Unsterblichkeit, indem er das dem Selbst Dargebrachte annimmt. So habe ich dir die vorzügliche Lehre von Sheshika erklärt, Göttin.

22.8 sthūlasūkṣmavibhedena jñāyate kṛpayā guroḥ |
nityaṃ naimittikaṃ[karma?kāmyaṃ]ceti teṣāṃ pṛthak pṛthak || 8 ||
Durch die Gnade des Gurus erkennt man ihre grobe und feine Bedeutung. Tägliche, anlassgebundene und wunschbezogene Handlungen sind gesondert zu unterscheiden.

22.9 trividhaṃ traipuraṃ karma kramatastat samācaret |
yaduktaṃ tāmasaṃ tyaktvā tat sarva yatnataścaret || 9 ||
Die dreifache Praxis Tripuras vollziehe man in ihrer Ordnung. Unter Meidung des als tamasisch Bezeichneten führe man alles sorgfältig aus.

22.10 dainandinamato nityaṃ pātakamavi[ka yadavi ka pāṭhaḥ |]dhānataḥ |
māsikaṃ tithikṛtyaṃ ca vārṣikaṃ phaladāyakam || 10 ||
Täglich zu Vollziehendes ist Nitya; seine Unterlassung führt zu Schuld. Monatliche, an Mondtagen fällige und jährliche Handlungen tragen ihre jeweiligen Früchte.

22.11 laṅghanānnirayo yasya nityaṃ śraddhāvi[dhāna?ghāta]taḥ |
naimittikaṃ vijānīyācchraddhayā tatsamācaret || 11 ||
Was bei Unterlassung eine schwere Folge nach sich zieht, ist verbindlich. Anlassgebundene Handlungen erkenne man als Naimittika und vollziehe sie vertrauensvoll. Die Abgrenzung ist im Vers sprachlich gedrängt.

22.12 phalamātraśrutiryasya śrutismṛtipracoditā[tam kha pāṭhaḥ |] |
kāmyaṃ tattu vijānīyāt pūjitaṃ tatra gocare || 12 ||
Was Shruti und Smriti allein durch die Verheißung einer bestimmten Frucht anregen, erkenne man als wunschbezogen, Kamya.

22.13 vidadhyāt tatprayatnena yat punarlokapūjitam |
dharmamapi tyajet sādhu yat puna[rya ka pāṭhaḥ |]rlokagarhitam || 13 ||
Was in der Welt als gut angesehen wird, vollziehe man sorgfältig. Selbst eine als Dharma geltende Handlung lasse man, wenn sie von der Gemeinschaft mit Recht getadelt wird.

22.14 nityaṃ sāttvikamevātra naimittikaṃ tu rājasam |
tāmasaṃ kāmyamevātra kuryāt phalavitṛṣṇayā || 14 ||
Tägliche Praxis gilt hier als sattvisch, anlassgebundene als rajasisch, wunschbezogene als tamasisch. Man handle ohne Gier nach der Frucht.

22.15 tṛṣṇāṃ tāṃ dūratastyaktvā manaḥ pūrṇaṃ vicintayet |
pūrṇe mana[si?sya]tṛṣṇe ca pūrṇaṃ sarvamidaṃ jagat || 15 ||
Man lasse diese Gier weit hinter sich und betrachte den Geist als erfüllt. Ist der Geist erfüllt und frei von Durst, ist die ganze Welt erfüllt.

22.16 upānadgūḍhapādasya nanu carmāvṛtaiva bhūḥ |
phalavirahitaṃ kāmyaṃ nityaṃ naimittikaṃ tathā || 16 ||
Für den Menschen mit Schuhen an den Füßen ist gleichsam die ganze Erde mit Leder bedeckt. Wunschbezogene, tägliche und anlassgebundene Handlungen,

22.17 kriyate tripurāprītyai kṛtvā ta[smai?syai]nivedanam |
sāttvikaṃ tadvijānīyād bhogamokṣaphalapradam || 17 ||
die ohne Verlangen nach der Frucht allein zu Tripuras Freude vollzogen und ihr hingegeben werden, gelten als sattvisch und gewähren Erfüllung und Befreiung.

22.18 yasya yadvihitaṃ karma trividhaṃ tatra gocare |
śrutismṛtyuditaṃ cāpi manasāpi na hārayet || 18 ||
Die jeweils vorgeschriebenen drei Arten von Handlung sowie die Gebote von Shruti und Smriti verwerfe man nicht einmal im Geist.

22.19 karmalopādadhoyonau jāyate sādhakādhamaḥ |
śivaśaktimayaṃ viśvaṃ viditvā sadguroḥ priye || 19 ||
Durch Vernachlässigung seiner Aufgaben werde ein unwürdiger Praktizierender in niedriger Daseinsform geboren. Vom wahren Guru erkenne man das All als Shiva und Shakti, Geliebte.

22.20 sthūlasūkṣmavibhedena pitṛmātṛsvarūpataḥ |
karmabhistoṣayet tau tu tadbhāvamāśritaḥ sadā || 20 ||
In grober und feiner Gestalt erscheinen sie als Vater und Mutter. In diesem Bewusstsein erfreue man beide stets durch seine Handlungen.

22.21 ubhayātmā bhavet siddhyai naikātmā jñānavarjitaḥ |
jñānacakṣustayoraikyaṃ viditvā śrīguroḥ kramāt || 21 ||
Zur Vollendung umfasse man beide, statt unwissend nur eine Seite festzuhalten. Mit dem Auge der Erkenntnis erkenne man ihre Einheit nach der Überlieferung des Gurus.

22.22 anubhūya tadānandaṃ tadātmā tatra saṃviśet |
mātuḥ pituryathā bālo vyutpattiṃ labhate kramāt || 22 ||
Man erfahre ihre Wonne, werde mit ihnen wesensgleich und gehe darin ein. Wie ein Kind von Mutter und Vater schrittweise Verständnis gewinnt,

22.23 tayoḥ samatvasaṃdhānād vyutpanno jñānamālabhet |
devatāḥ śaktirityāhuḥ pitaraḥ śiva eva ca || 23 ||
so erlangt der Gereifte durch die Betrachtung ihrer Gleichheit Erkenntnis. Die Gottheiten gelten als Shakti, die Ahnen als Shiva.

22.24 etāvubhau tāṃstu sarvān suhṛdaḥ pūrvasūcitān |
balibhistarpayet tāṃstu suhṛdbhiśca hato'nyathā || 24 ||
Beide sowie die zuvor genannten befreundeten Mächte sättige man durch Bali; andernfalls werde man gerade von diesen Verbündeten geschädigt.

22.25 teṣāṃ baliṃ puraskṛtya tāvubhau paritoṣayet |
paścāt tebhyo nivedyaiva suhṛdbhirviharenmudā || 25 ||
Nach ihren Bali-Gaben erfreue man Shiva und Shakti. Danach bringe man den Verbündeten ihren Anteil dar und lebe freudig mit ihnen.

22.26 svāhāntena ca devebhyo manuṣye hantakārataḥ [ṣyebhyo'nta eva ca ka pāṭhaḥ |] |
svadhāntena pitṛbhyastu tebhyo labhyantagena[?]tu || 26 ||
Den Göttern gebe man mit Svaha, Menschen mit dem darreichenden Wort „hanta“, Ahnen mit Svadha. Die abschließende Wendung ist beschädigt.

22.27 nirāśāḥ pitarastasya yāsyanti khalu pārvati |
suhṛdo jñātayaścāpi vāṅmātreṇāpi nārcitāḥ || 27 ||
Sonst gehen die Ahnen enttäuscht fort, Parvati; ebenso Freunde und Verwandte, wenn sie nicht einmal durch ein gutes Wort geehrt werden.

22.28 suhṛdo varṣma khādanti jñātayaḥ karma saṃcitam |
aihikaṃ svapitā hanti svamātā pāralaukikam || 28 ||
Freunde zehren dann am Leib, Verwandte am angesammelten Verdienst; der eigene Vater beeinträchtigt das diesseitige, die Mutter das jenseitige Wohlergehen.

22.29 lokadvayavihīnastu naiva siddhiṃ pravindate [prayacchati ka pāṭhaḥ |] |
ayaṣṭvā pitaraṃ yajñe yajenmātaramambikām || 29 ||
Wer beider Welten verlustig geht, erlangt keine Vollendung. Wer im Opfer Mutter Ambika verehrt, ohne zuvor den Vater zu ehren,

22.30 vidhiśatairapi yajñaṃ nānugṛhṇāti śāśvatī |
ādāvante pitustasmāt kuryāt tarpaṇamādarāt || 30 ||
dessen Opfer nimmt die Ewige auch bei hundertfacher Ritualordnung nicht an. Deshalb sättige man den Vater zu Beginn und am Ende ehrerbietig.

22.31 adattaṃ nopatiṣṭheta dadyāt tasmādataḥ param |
gobhūhiraṇyavastrādi bhakṣyabhojyāni yāni ca || 31 ||
Was nicht gegeben wird, steht einem nicht zu Gebote; deshalb gebe man. Kühe, Land, Gold, Kleidung sowie feste und weiche Speisen

22.32 vāsinībhyo dvijebhyaśca dīnāndhakṛpaṇāya ca |
tyaktvā cāvaśyakaṃ karma laukikaṃ bhāvatatparaḥ || 32 ||
schenke man verheirateten Frauen, Brahmanen, Bedürftigen, Blinden und Hilflosen. Nicht notwendige weltliche Tätigkeiten lasse man und richte sich auf die innere Haltung aus.

22.33 yogakṣeme hitaṃ yattu kuryāt tadanuśāsanāt |
samartho[rtha kha pāṭhaḥ |] jīvayet snehāt svakīyānanujīvinaḥ || 33 ||
Was Erwerb und Bewahrung des Lebensunterhalts fördert, tue man nach dieser Weisung. Wer dazu fähig ist, ernähre liebevoll die von ihm Abhängigen.

22.34 duṣṭobhyo duṣṭacitebhyo hiṃsra[hisrebhya ka pāṭhaḥ |]sāhasikāt tathā |
balibhyo dhanamattebhyaḥ kāyasthebhyo viśeṣataḥ || 34 ||
Vor Böswilligen, Gewalttätigen, Rücksichtslosen, Mächtigen, durch Reichtum Überheblichen und besonders missbräuchlich handelnden Schreibern beziehungsweise Beamten

22.35 rakṣayet pālayet sādhuḥ putrāniva (ni?pi)taurasān |
lokāṃśca trividhānmatvā lālayet pālayet sadā || 35 ||
schütze und bewahre sie der Gute wie ein Vater seine leiblichen Kinder. Die Menschen in ihren unterschiedlichen Verhältnissen umsorge und schütze er beständig.

22.36 vadhyān vadhyāttathā daṇḍyān daṇḍayecchāstradarśanāt |
avadhyasya vadhe yāvāṃstathādaṇḍyasya [daṇḍastasya tu ka pāṭhaḥ |] daṇḍane || 36 ||
Nach der historischen Herrscherethik des Textes sollen Todeswürdige hingerichtet und Strafwürdige bestraft werden, entsprechend der Schrift. So schwer die Schuld unberechtigter Tötung und Bestrafung,

22.37 daṇḍyasyādaṇḍane pāpastāvān vadhyasya rakṣaṇe |
iti vijñāya yogātmā yogakṣemaṃ samācaret || 37 ||
so schwer gilt die Schuld unterlassener gerechter Bestrafung oder unberechtigten Schutzes eines Verurteilten. Dies erkennend, sorge der im Yoga Ruhende für Erwerb und Bewahrung des Wohls.

22.38 vibhūtīrātmanaḥ paśyet tatprāptyā tannivedayet |
vibhūtīrātmano yastu mahādevyai pradarśayet || 38 ||
Man erkenne die eigenen Kräfte und bringe das durch sie Erlangte dar. Wer der großen Göttin seine Fähigkeiten zeigt,

22.39 tābhireva yuto bhūyādaṇimādivibhūtibhiḥ |
muhūrttatrayamātraṃ tu kuryāt tanuvicinta(yeta?nam) || 39 ||
werde mit Kräften wie Anima ausgestattet. Drei Muhurtas widme man der Betrachtung der Gestalt.

22.40 cintayet paramaṃ brahma madhyāhne samupāgate |
muhūrtatrayamātraṃ tu nidrayā samupāsayet || 40 ||
Zur Mittagszeit betrachte man das höchste Brahman. Drei Muhurtas lang verehre man die Göttin auch durch Schlaf.

22.41 tato buddhvā[ddhyā ka pāṭhaḥ |] yathākāle tāmeva samupāsayet |
lalitāni ca nṛtyāni gītāni madhurāṇi ca || 41 ||
Danach erwache man und verehre sie zur rechten Zeit erneut. Anmutige Tänze und süße Gesänge

22.42 darśayecchrāvayed devyai bhāvātmā tadvilokayet |
nṛtyeṣu gītaniyatā devyaḥ srakcandanārcitāḥ || 42 ||
zeige und lasse man die Göttin hören und betrachte sie mit entsprechender innerer Haltung. Die in Tanz und Gesang tätigen Göttinnen seien mit Girlanden und Sandel verehrt,

22.43 bhūṣitāścārubhūṣābhirvi[duve?hare]t tābhireva ca |
tato madhye svayaṃ devaḥ kāmeśvara ivāparaḥ || 43 ||
mit schönem Schmuck versehen; mit ihnen erfreue man sich. In ihrer Mitte sei man selbst wie ein zweiter Kameshvara.

22.44 kāmeśvarī1yuto bhūtvā yajet kāmeśvarīṃ tataḥ |
brahmacintāparāmodamudito rājyacintakaḥ || 44 ||
Mit Kameshvari vereint verehre man Kameshvari. Erfreut an der höchsten Freude der Brahman-Betrachtung, erfülle man zugleich die Sorge für die Herrschaft.

22.45 muhūrtatrayamātraṃ tu nidrayā samupāsayet |
divā dadyāt pitṛbhyastu mātṛbhyo niśi tatparaḥ || 45 ||
Drei Muhurtas verehre man durch Schlaf. Tagsüber gebe man den Vätern, nachts den Müttern seine hingebungsvolle Verehrung.

22.46 mātā rātriḥ samākhyātā pitā divasa eva ca |
ubhayorekatāṃ matvā siddho bhavati nānyathā || 46 ||
Die Nacht heißt Mutter, der Tag Vater. Nur durch Erkenntnis ihrer Einheit erlangt man Vollendung.

22.47 somaḥ śaktiḥ śivaḥ sūryo niśā śaktirdivā śivaḥ |
yadā sa bhagavān devo mahātripurabhairavaḥ || 47 ||
Der Mond ist Shakti, die Sonne Shiva; Nacht ist Shakti, Tag Shiva. Wenn der erhabene Gott Mahatripura-Bhairava,

22.48 parāparāyaṇo'nantaḥ paranānandanirbharaḥ |
parāpararahasyākhyāṃ yoginīṃ brahmarūpiṇīm || 48 ||
unendlich, dem Höchsten zugewandt und voller höchster Wonne, die als höchstes und relatives Geheimnis bezeichnete Yogini, deren Wesen Brahman ist,

22.49 śivānandānandamayīṃ mahātripurasundarīm |
ākṛṣyordhvaṃ yadā tiṣṭhet tadahaḥ parikī(rta?rtya)te || 49 ||
Mahatripurasundari, die Wonne Shivas verkörpernd, emporzieht und so verweilt, wird dies Tag genannt.

22.50 śaktibhairavasaṃyogādānandānandanirbha(yā?rā)t |
bhairavānanda[namrā?magrā]ntarlīlā sā paramā kalā || 50 ||
Aus der Vereinigung von Shakti und Bhairava, erfüllt von höchster Wonne, entfaltet sich die höchste Kala als inneres Spiel der Bhairava-Wonne.

22.51 madhyāhnaṃ tadvijānīyānmuhūrtatrayalakṣitam |
tau tadā samabhāgena tiṣṭhetāṃ śaktibhairavau || 51 ||
Dies erkenne man als Mittag, durch drei Muhurtas bestimmt. Dann ruhen Shakti und Bhairava in gleichem Anteil.

22.52 pūrvāparau tadā jñeyāvetaddviguṇalakṣitau |
parasparādvaitepsantau prāptadvaitau tu madhyataḥ || 52 ||
Die davor und danach liegenden Abschnitte haben jeweils die doppelte Dauer. Beide streben nach wechselseitiger Nichtdualität und erreichen sie in der Mitte.

22.53 abhijinnāma jānīyāt tatkālaṃ suravandite |
tattattejobhirākīrṇaṃ[rṇā ka pāṭhaḥ |] tayoraikyaṃ tadā bhavet || 53 ||
Diese Zeit heißt Abhijit, von den Göttern Verehrte. Dann besteht ihre Einheit in der Fülle ihrer jeweiligen Lichtkräfte.

22.54 sūryakoṭipratīkāśaṃ candrakoṭyayutaprabham |
tadā daśabhujo devaḥ pañcavaktrastrilocanaḥ || 54 ||
Der Gott leuchtet wie Millionen Sonnen und unzählige Millionen Monde, mit zehn Armen, fünf Gesichtern und drei Augen.

22.55 śuklāmbaradharaḥ śuklaḥ śuklamālyānulepanaḥ |
tasyotsaṅge mahādevī candrakoṭyayutaprabhā || 55 ||
Er ist weiß, trägt weiße Gewänder, Girlanden und Salben. Auf seinem Schoß sitzt die große Göttin, leuchtend wie unzählige Millionen Monde.

22.56 prahasantī viśālākṣī paramānandananditā |
tadrūpatāmabhīpsantī tadrūpekṣaṇalālasā || 56 ||
Sie lacht, großäugig und von höchster Wonne erfreut, verlangt nach seiner Gestalt und sehnt sich danach, ihn zu schauen.

22.57 śuklaveśaṃ vinā devi nānyat tatprītaye tadā |
tatrānyadrūpamāpanne sādhake daivacodite || 57 ||
Zu dieser Zeit erfreut sie ausschließlich weiße Kleidung, Göttin. Tritt der Praktizierende aus ungünstigem Geschick in anderer Erscheinung auf,

22.58 kruddhā bhagavatī tasya śāpaṃ dadyāt sudāruṇam |
sarvaiḥ śuklamayairdravyaiḥ śuklaveśairyajet tadā || 58 ||
werde die Erhabene zornig und spreche einen schweren Fluch. Deshalb verehre man dann mit weißen Gaben und weißer Kleidung.

22.59 divi devī bhaved dṛśyā[śyā ka pāṭhaḥ |] śaraccandranibhānanā [nibhopamā ka pāṭhaḥ |] |
tatra pūjā sadā kāryā viśeṣeṇa varānane || 59 ||
Die Göttin erscheine dabei himmlisch, mit einem Gesicht wie der Herbstmond. Zu dieser Zeit vollziehe man besonders sorgfältig ihre Verehrung, Schönangesichtige.

22.60 peyaṃ co[ṣaṃ?ṣyaṃ] tathā lehyaṃ carvyaṃ bhakṣyaṃ [kṣa ka pāṭhaḥ |] ca tarpaṇaiḥ |
nivedayet sadā bhaktyā yatpunaḥ sumanoharam || 60 ||
Getränke, Saug- und Leckspeisen, Kaubares und andere Kost bringe man mit Tarpana hingebungsvoll dar, alles, was angenehm ist.

22.61 upacārairyajet prātarmadhye rasyā[sā ka pāṭhaḥ |]nnapānakaiḥ |
gītanṛtyādinā sākaṃ rātrau yāgapuraḥsaram || 61 ||
Morgens verehre man mit den rituellen Diensten, mittags mit schmackhaften Speisen und Getränken, nachts mit Gesang, Tanz und dem vorausgehenden Opfer.

22.62 prāṅmukho hi yajet prātarmadhyāhne dakṣiṇāmukhaḥ |
sāyaṃ pratyaṅmukho bhūtvā rā(hu?trā)vudaṅmukhaḥ sadā || 62 ||
Morgens verehre man nach Osten gewandt, mittags nach Süden, abends nach Westen und nachts stets nach Norden.

22.62b tatra śāṃbhavabhedena japedvidyāmananyadhīḥ || 62 ||
Dabei wiederhole man die Vidya in ihrer Shambhava-Form mit ungeteilter Aufmerksamkeit.

22.63 varjayecchaktibhedaṃ tu yadīcchedātmano hitam |
aruṇakiraṇācchannaṃ yatpūrvaṃ bhairavodayāt || 63 ||
Wer sein eigenes Wohl erstrebt, vermeide in diesem Zusammenhang die Shakti-Variante. Der vor Bhairavas Sonnenaufgang von roten Strahlen erfüllte Zustand

22.64 ardhanārīśvaraṃ jñeyaṃ tatra pūjā(ca?kri)yāḥ samāḥ |
upacāraistadā kuryāt saparyāṃ [kāryā saparyā kha pāṭhaḥ |] vidhinā tathā || 64 ||
ist als Ardhanarishvara zu erkennen. Dort sind die Verehrungshandlungen ausgeglichen; mit den vorgeschriebenen Darbringungen vollziehe man den Dienst.

22.65 varivasyāṃ gṛhī samabhāgena saṃsthitau yadi |
ānandapāramicchantau sadānandavivardhinau || 65 ||
Wenn beide in gleichem Anteil ruhen, nach dem anderen Ufer der Wonne verlangend und beständig ihre Wonne mehrend, vollziehe der Haushälter die Verehrung.

22.66 pūrvāparau mahāpuṇyau yadā tau samarūpiṇau |
cintayet satataṃ bhaktyā tau tatkālavidhānataḥ || 66 ||
Die frühere und spätere Zeit sind überaus heilig, wenn beide gleichgestaltig sind. Dann betrachte man sie stets hingebungsvoll entsprechend der Zeitordnung.

22.67 śaktiśāṃbhavabhedena japedvidyāmananyadhīḥ |
śuklāmbaro bhavet tatra śuklamālyānulepanaḥ || 67 ||
Man wiederhole die Vidya in Shakti- und Shambhava-Form mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Dabei trage man weiße Gewänder, Girlanden und Salben.

22.68 raktāmbaradharāḥ paśyed raktamālyānulepanāḥ |
diśaśca vidiśaścaiva raktā dṛśyā manīṣibhiḥ |
lākṣāruṇamayaṃ viśvaṃ svayaṃ ca tatra tadbhavet || 68 ||
Dann betrachte man die Gestalten in roten Gewändern, mit roten Girlanden und Salben. Alle Haupt- und Zwischenrichtungen erscheinen rot; das ganze All ist lackrot, und man selbst werde ebenso.

22.69 padmarāgapratīkāśaḥ [surarājasamannibha ka pāṭhaḥ |] koṭisūryasamadyutiḥ |
nāthaḥ kāmeśvarastatra hyekavaktraścaturbhujaḥ || 69 ||
Der Herr Kameshvara gleicht einem Rubin, strahlt wie Millionen Sonnen und besitzt ein Gesicht und vier Arme.

22.70 raktapadmanibhā [bhā devī ka pāṭhaḥ |] devī bālārkakiraṇāruṇā[ṇām ka pāṭhaḥ |] |
icchaṃstadrūpatāṃ prāptuṃ tadrūpā taṃ [pā tā ka pāṭhaḥ |] viśantyataḥ || 70 ||
Die Göttin gleicht einem roten Lotus und der jungen Morgenröte. Er verlangt danach, ihre Gestalt anzunehmen; sie geht in ihrer Gestalt in ihn ein. Die grammatische Zuordnung ist gedrängt.

22.71 anubhūya tadābandhaṃ bhairavānandasaṃkulam |
viparītamabhīpsantī tadākramaṇalālasā || 71 ||
Nachdem sie diese von Bhairava-Wonne erfüllte Bindung erfahren hat, verlangt sie nach der umgekehrten Stellung und danach, ihn zu übersteigen.

22.72 tadā sa[ro?mo]bhavet kālaḥ sāyaṃsaṃdhyeti gīyate |
śoṇitaiśca samākrāntāṃ pratīcīmavalokayan || 72 ||
Diese Zeit wird Abenddämmerung genannt. Während der Praktizierende den blutrot gefärbten Westen betrachtet,

22.73 pūjayet sādhako bhaktyā copacārairyathāvidhi |
yadā sā paramā śaktiḥ svecchayā viśvarūpiṇī || 73 ||
verehre er hingebungsvoll mit den vorgeschriebenen Gaben. Wenn die höchste, weltgestaltige Shakti aus eigenem Willen

22.74 adhaḥ kṛtvā tu puruṣaṃ(varṇa?rantu)micchā bhavedyadā |
tadākramya svayaṃ devī bhairavoparisaṃsthitā || 74 ||
den Purusha unter sich legt und mit ihm spielen will, steigt die Göttin selbst auf und ruht über Bhairava.

22.75 sahajānandasaṃdohairnijānandapravardhinī |
tadā naijaṃ bhavedviśvaṃ tatra pūjā mahodayā || 75 ||
Durch die Fülle angeborener Wonne mehrt sie ihre eigene Glückseligkeit. Dann wird die Welt zu ihrem eigenen Wesen; die Verehrung zu dieser Zeit gewährt großen Aufstieg.

22.76 tattaddṛ(ṣṭu?ṣṭi)mayairdīpai(rbhā?rbho)gaiśca vividhaiḥ sadā |
lākṣāruṇamayaṃ sarvaṃ svayaṃ tāvattathā bhavet || 76 ||
Mit Lampen als Gestalten ihres Blicks und vielfältigen Genüssen verehre man sie. Alles ist lackrot, und man selbst nehme dieselbe Gestalt an.

22.77 śaktibhedātmikāṃ vidyāṃ haṃsabījapuṭīkṛtām |
praṇavāntaritāṃ śuddhāṃ nādalīlāṃ tadātmikām || 77 ||
Die Vidya in Shakti-Form, vom Hamsa-Bija umschlossen und durch Om gegliedert, betrachte man als rein, als Spiel des Nada und mit ihr wesensgleich.

22.78 mūlādibrahmarandhrāntāṃ viṣatantutanīyasīm |
adharā[dṛrāmbuva ka pāṭhaḥ |]mburuhahaṃsīṃ susthirāmiva cañcalām || 78 ||
Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra reicht sie, feiner als ein Lotusfaden, eine Schwänin im unteren Lotus, scheinbar unbewegt und doch lebendig schwingend.

22.79 saṃ(śna?sra)vantīṃ sudhādhārāṃ śuddhalākṣārasopamām |
āvāhya pūjayitvā svaṃ kamalāṅkapurāntare || 79 ||
Sie verströmt einen Nektarstrom wie reinen roten Lacksaftextrakt. Man rufe sie in der inneren Lotusstadt an und verehre dort das eigene Selbst.

22.80 vinirji(ta?tye)ndriyamano japedānandarūpiṇīm |
madhyaṃ mukhaṃ [sukha ka pāṭhaḥ |] vijānīyāt pūrvāparau stanadva(yau?yam) || 80 ||
Mit beherrschten Sinnen und Geist wiederhole man die wonnevolle Vidya. Die mittlere Zeit erkenne man als ihr Gesicht, die frühere und spätere als ihre beiden Brüste.

22.81 ardhamātrāṃ [trā ka pāṭhaḥ |] paraṃ rūpaṃ niśāmadhyaṃ tayoradhaḥ |
anantaphaladaṃ puṇyaṃ bhogamokṣaphalapradam || 81 ||
Die halbe Silbeneinheit ist ihre höchste Gestalt; Mitternacht liegt unter diesen beiden. Diese Ordnung ist heilig und gewährt unendliche Früchte, Erfüllung und Befreiung.

22.82 saṃdhyācatuṣṭayaṃ bhadre kathitaṃ bhuvi durlabham |
caturbhujaṃ mahādevyā jñeyaṃ kālacatuṣṭayam || 82 ||
Damit sind die vier auf Erden schwer zugänglichen Sandhya-Zeiten erklärt, Segensreiche. Sie entsprechen den vier Armen der großen Göttin.

22.83 ātmā sā parameśānī parameśvara eva ca |
yadaṅgaṃ tu vihīyeta tadaṅgacchedanaṃ tayoḥ || 83 ||
Sie, die höchste Herrin, und der höchste Herr sind das eigene Selbst. Wird ein Glied dieser Praxis aufgegeben, gilt dies als Abtrennen eines ihrer Glieder.

22.84 tatra yat kriyate karma maṅgalyaṃ maṅgalaṃ param |
dhyānaṃ pūjā japaścaiva homo nyāsaśca tarpaṇam || 84 ||
Jede zu diesen Zeiten ausgeführte Handlung ist höchst segensreich: Meditation, Verehrung, Japa, Homa, Nyasa und Tarpana.

22.85 atra vai pūjitā devī pūrayet tanmanorathān |
atra yat puṇyamanaghe bhaktiśraddhāsamanvite || 85 ||
Zu diesen Zeiten verehrt, erfüllt die Göttin die Wünsche. Das Verdienst eines solchen vertrauensvollen, hingebungsvollen,

22.86 vidhinā vihite yajñe paramānandasaṃkule |
vaktrakoṭisahasraistu hyananto vaktumakṣamaḥ || 86 ||
vorschriftsmäßig vollzogenen und von höchster Wonne erfüllten Opfers kann selbst Ananta mit unzähligen Mündern nicht aussprechen.

22.87 amṛtāñjali[mapya kha pāṭhaḥ |]rapyatra (sudhābdhitulanopamaḥ[sudhāsāgaratulanām ka pāṭhaḥ |]) |
atra yo nārcayed devīṃ jalenāpīha pārvati || 87 ||
Selbst eine Handvoll Nektar gleicht dann einem Nektarmeer. Wer zu dieser Zeit die Göttin nicht einmal mit Wasser verehrt, Parvati,

22.88 na namedvā gurūn bhaktyā brahmahā sa nigadyate |
atra nidrāparā yānti mahākālapuraṃ priye || 88 ||
oder sich nicht hingebungsvoll vor den Gurus verneigt, gilt nach der strengen Mahnung als Brahmanentöter. Wer dann nur schläft, gelange in Mahakalas Stadt, Geliebte.

22.89 dambhaṃ mohaṃ tathā nidrāmālasyaṃ bāhyacintanam |
kāmaṃ krodhaṃ tathā lobhaṃ hiṃsāṃ mātsaryameva ca || 89 ||
Heuchelei, Verblendung, Schlafträgheit, Faulheit, äußere Zerstreuung, Begierde, Zorn, Habgier, Gewalt und Neid

22.90 varjayitvā prayatnena vidyāmeva samabhyaset |
durvāsanāṃ parityajya koṭijanmasamadbhavām [vān kha pāṭhaḥ |] || 90 ||
lasse man sorgfältig hinter sich und übe allein die Vidya. Die ungünstigen Prägungen aus Millionen Geburten gebe man auf.

22.91 ekena janmanā muktiṃ yāti bhogī na saṃśayaḥ |
śaktermukhaṃ vinā nānyat paśyedvai karhicittadā || 91 ||
So erlangt selbst der im Genuss Lebende innerhalb eines einzigen Lebens Befreiung. Zu dieser Zeit schaue man nichts anderes als das Gesicht der Shakti.

22.92 paśavo dūratastyājyāḥ puruṣāścānyapūjakāḥ |
atrānyacintanādyānti mlechayoniṃ patantyadhaḥ || 92 ||
Uneingeweihte und Verehrer anderer Gottheiten halte man während dieser besonderen Praxis fern. Für anderweitige Zerstreuung droht der Text einen sozialen und spirituellen Abstieg an.

22.93 yānti cordhvaṃ paraṃ dhāma cintanād brahma śāśvatam |
nāsti puraskriyā teṣāṃ kāyakleśapurassarā || 93 ||
Durch Betrachtung des ewigen Brahman gelangt man dagegen zur höchsten Stätte. Für solche Übenden bedarf es keiner vorbereitenden Übung mit körperlicher Quälerei.

22.94 nityaṃ puraskriyāyuktāsta eva parikīrtitāḥ |
taṃ tu devā namasyanti kiṃ punarna(va?ra)markaṭāḥ || 94 ||
Sie gelten als beständig in der Vorbereitungspraxis ruhend. Selbst die Götter verehren sie, um wie viel mehr gewöhnliche Menschen.

22.95 devīkalā bhavettatra sarvalokavaśaṃkarī |
amartyā a(rpi?pi)taṃ ma(nya?rtya)mīhante kulavallabham || 95 ||
Die Kraft der Göttin werde in ihnen gegenwärtig und ziehe alle Welten an. Selbst Unsterbliche verlangten nach einem solchen Kula-geliebten Menschen.

22.96 dṛ[tadṛ ka pāṭhaḥ |]ṣṭvā yuvatayaḥ sarvāḥ kli[dyānmā?dyadyo]nyo mudānvitāḥ |
śaradinduprabhaṃ devaṃ pūrṇendupratimānanam || 96 ||
Alle jungen Frauen würden beim Anblick dieses Gottes voller Freude erregt; er leuchte wie der Herbstmond und habe ein Gesicht wie der Vollmond.

22.97 nānāvaidagdhyacāturyasnigdhapīyūṣabhāṣiṇam |
api cettatsamā nārī tatsamaḥ puruṣo'sti cet || 97 ||
Seine Rede sei sanft wie Nektar und voll vielerlei Bildung und Geschick. Selbst eine ihm ebenbürtige Frau oder ein ebenbürtiger Mann

22.98 narendraṃ naraśārdūlaṃ dṛṣṭvā kṣubdha[bdhaṃ ka pāṭhaḥ |]manā bhavet |
pūrve yad dīyate vastu pare tasmāccaturguṇam || 98 ||
werde beim Anblick dieses hervorragenden Menschen innerlich bewegt. Was man in der früheren Zeit darbringt, gebe man in der folgenden vierfach.

22.99 nānāvidhopahārāṇi mahādevyai nivedayet |
rājopacāraṃ dattvānte stutvā nutvā visarjayet || 99 ||
Vielerlei Gaben bringe man der großen Göttin dar. Nach königlichen Ehrendiensten, Lobpreis und Verneigung verabschiede man sie.

22.100 kālatraye'pyaśaktaśceccaturthe sarvathā priye |
anaśnan pūjayedrātrau bhayanidrāparāṅmukhaḥ || 100 ||
Ist man zu den drei ersten Zeiten nicht fähig, verehre man sie jedenfalls zur vierten, Geliebte: nachts, nüchtern, frei von Furcht und Schläfrigkeit.

22.101 prātarhomaṃ prakurvīta tathā madhyandine'thavā |
nidrākālaṃ pravakṣyāmi sādhakānāṃ hitāya ca || 101 ||
Das Feueropfer vollziehe man morgens oder mittags. Nun lehre ich zum Wohl der Praktizierenden die Schlafzeit.

22.102 divāniśormahādevi nava muhūrtāstataḥ param |
muhūrtatrayamānaṃ tu nidrā devyāḥ samīritā [tā kha pāṭhaḥ |] || 102 ||
Nach neun Muhurtas des Tages beziehungsweise der Nacht werden jeweils drei Muhurtas als Schlaf der Göttin bezeichnet, große Göttin.

22.103 atra nidrāparāṃ devīṃ nidrayā samupāsayet |
nidrākāle japedyastu pūjayedvā vimohitaḥ || 103 ||
Dann verehre man die schlafende Göttin durch eigenen Schlaf. Wer verblendet zu ihrer Schlafzeit Japa oder Puja vollzieht,

22.104 svāpakālaṃ vinā devi sva(pe?pyā)danyatra yo'budhaḥ |
catvāri tasya naśyanti āyurvidyā yaśo balam || 104 ||
oder außerhalb der vorgesehenen Schlafzeit schläft, dem schwinden nach der Warnung Lebensdauer, Wissen, Ansehen und Kraft.

22.105 tasmāt sarvaprayatnena bodhakāle prabodhayet |
darśanaṃ cāvalokaṃ ca saṃbhāṣaṃ cānyalokanam || 105 ||
Deshalb wecke man sie sorgfältig zur Zeit des Erwachens. Erscheinen, Anschauen, Gespräch, Schauen anderer Ebenen

22.106 svayamāveśanaṃ caiva mantrāṇāṃ pañcalakṣaṇam |
viditvā prajapenmantraṃ sarvasiddhimupālabhet || 106 ||
und eigener Eintritt in die göttliche Gegenwart sind fünf Merkmale der Mantraverwirklichung. Sie kennend, wiederhole man den Mantra und erlange die Vollendungen.

22.107 vedasaṃdhyaṃ trisaṃdhyaṃ vā dvisaṃdhyaṃ vātha suvrate |
yogātmā yogavijñānī yogamudrāsamanvitaḥ || 107 ||
Zu vier, drei oder zwei Sandhya-Zeiten übe man, du mit den guten Gelübden, im Yoga ruhend, Yoga und Erkenntnis kennend und mit der Yoga-Mudra verbunden.

22.108 abdamekaṃ japedyastu brahmacaryavrate sthitaḥ |
sahasraṃ prajapedādāvante'pi ca sahasrakam || 108 ||
Ein Jahr lang bleibe man im Gelübde des Brahmacharya und wiederhole: tausendmal zu Beginn und tausendmal am Ende,

22.109 madhyayoḥ [madhye'pi kha pāṭhaḥ |] prajapedvidyāṃ śeṣaṃ ya(ccha?tsa)mabhāgataḥ |
lakṣamekaṃ bhaved devi triṃśadabhyantare tathā || 109 ||
den übrigen Anteil gleichmäßig zu den beiden mittleren Zeiten. So ergeben sich innerhalb von dreißig Tagen hunderttausend Wiederholungen, Göttin.

22.110 astabdhākuñcitaṃ kāryaṃ na drutaṃ na vilambitam |
akṣarākṣarasaṃcāridhvanimātraṃ vibhāvayet || 110 ||
Die Übung sei weder starr noch verkrampft, weder hastig noch schleppend. Man vergegenwärtige den reinen Klang, der von Laut zu Laut wandert.

22.111 mayāpyetad vratasthena japyate'dyāpi sundari |
trisaṃdhyaṃ japyate brahma tatpadaprāptisiddhaye || 111 ||
Auch ich halte dieses Gelübde und wiederhole noch heute, Schöne. Zu den drei Sandhya-Zeiten wird Brahman wiederholt, um seine Stätte zu verwirklichen.

22.112 evaṃ kramādbhavet siddho bhogī bhogaparāyaṇaḥ |
evaṃ māsamṛtuṃ caiva vatsaraṃ yugameva ca || 12 ||
So gelangt der dem bewussten Genuss Zugewandte schrittweise zur Vollendung. Auf diese Weise lasse man Monat, Jahreszeit, Jahr und Weltalter

22.113 gamayet parameśāni yadvā ma(nna?nva)ntarādikam |
etadrahasyaṃ paramaṃ na prakāśyaṃ kadācana |
samayācārasaṃketaṃ bhogamokṣaphalapradam || 113 ||
oder sogar ein Manvantara verstreichen, höchste Herrin. Dieses höchste Geheimnis, die Zeichen und Regeln des Samayachara, gewährt Erfüllung und Befreiung und soll nicht öffentlich preisgegeben werden.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde samayācārasaṃketavarṇanaṃ dvāviṃśaḥ paṭalaḥ || 22 ||
Hier endet das 22. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Samayachara und geheime Zeichen“.

Kapitel 23: Verehrung der Kumari

trayoviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 23.1 homādikaṃ tu viphalaṃ kumārīpūjanaṃ vinā |
kumārī pūjitā yena trailokyaṃ tena pūjitam || 1 ||
Ohne Kumari-Verehrung gelten Feueropfer und andere Riten als fruchtlos. Wer eine Kumari verehrt, verehrt damit die drei Welten.

23.2 brahmā viṣṇuśca rudraśca ṛṣayo vā[va kha pāṭhaḥ |]savastathā |
pitaraścaiva dikpālā gandharvāpsaraso'surāḥ || 2 ||
Brahma, Vishnu, Rudra, die Rishis, Indra, die Ahnen, die Welthüter, Gandharvas, Apsaras und Asuras,

23.3 devapatnyastathā nāgā mātaraḥ siddhacāraṇāḥ |
viśvedevāḥ sayakṣāśca rākṣasāścaiva devatāḥ || 3 ||
die Frauen der Götter, Nagas, Mütter, Siddhas, Charanas, Vishvedevas, Yakshas, Rakshasas und Gottheiten,

23.4 sthāvarā jaṅgamāścaiva sarvabhūtāni jantavaḥ |
sarve te tṛptimāyānti kumāryo yatra pūjitāḥ || 4 ||
alles Unbewegliche und Bewegliche, sämtliche Wesen und Lebewesen werden dort gesättigt, wo Kumaris verehrt werden.

23.5 bahvīnāmapyalābhe tu ekaiva[kaika kha pāṭhaḥ |] varavarṇinī |
pramadā yauvanonmattā sā bhavet sundarī parā || 5 ||
Sind mehrere nicht verfügbar, genügt eine schöne weibliche Gestalt. Der zweite Halbvers bezeichnet eine erwachsene Frau in voller Jugend als höchste Sundari; der Abschnitt verbindet damit unterschiedliche Formen weiblicher Göttinnenrepräsentation.

23.6 aṣṭābdāvadhi pañcābdāt pūjitavyā vidhānataḥ |
kumāryai yajjalaṃ dattaṃ tajjalaṃ sāgaropamam || 6 ||
Für die hier eigens genannte Kumari-Verehrung wird ein Alter von fünf bis einschließlich acht Jahren vorgeschrieben. Ihr dargebrachtes Wasser gleiche einem Ozean.

23.7 yadannaṃ dīyate tasyai kulācalasamaṃ priye |
kumārīpūjanaṃ devi kumārīmanunā bhavet || 7 ||
Ihr dargebrachte Speise gleiche einem mächtigen Weltberg, Geliebte. Die Kumari-Verehrung geschieht mit dem Kumari-Mantra.

23.8 yathā vā pūjyate devī pūjitavyāsta[vyāta kha pāṭhaḥ |]thā tathā |
hetunā bhojitavyā[ṇijlopa aiśa |]stāḥ pāyasairmadhurānvitaiḥ || 8 ||
Wie die Göttin verehrt wird, so seien auch sie zu verehren. Man speise sie mit süßem Milchreis

23.9 bālapriyaiśca naivedyaistripurasundarīdhiyā |
stutyā natvātha saṃtoṣya svābhīṣṭaṃ prārthayettataḥ || 9 ||
und Speisen, die Kindern Freude machen, und betrachte sie als Tripurasundari. Nach Lobpreis, Verneigung und erfreuender Fürsorge erbitte man das Ersehnte.

23.10 pūjitāyāśca tuṣṭāyā hastādbhaktiyuto naraḥ |
śirasā pratigṛhṇīyādāśīrvādayutākṣatān || 10 ||
Aus der Hand der verehrten und zufriedenen Kumari empfange man hingebungsvoll gesegnete Reiskörner auf dem eigenen Haupt.

23.11 yadyadvadati saṃtuṣṭā tattadbhavati niścitam |
iti te kathitaṃ devi rahasyaṃ paramādbhutam || 11 ||
Was sie zufrieden ausspricht, soll gewiss eintreten. Damit habe ich dir ein höchst wunderbares Geheimnis gelehrt, Göttin.

23.12 vinā tena maheśāni na pūjāphalabhāgbhavet |
nityārcāyāṃ ca dīkṣāyāṃ puraścaryādikeṣu ca || 12 ||
Ohne diese Verehrung erlangt man nach dem Text die Puja-Frucht nicht, große Herrin. Bei täglicher Verehrung, Einweihung und Purascharana

23.13 ādau pūrṇe ca madhye ca lakṣe pūrṇe viśeṣataḥ |
kumāryaḥ pūjitavyāśca kumārīrnārcayedyadi || 13 ||
sollen Kumaris am Beginn, in der Mitte und am Abschluss verehrt werden, besonders nach Vollendung von hunderttausend Wiederholungen.

23.14 tasya pūjāphalaṃ sarvaṃ nīyate yakṣarākṣasaiḥ |
na pūjayati cet kanyāstadā [tadvi ka pāṭhaḥ |] vighnaiḥ pra[pari ka pāṭhaḥ |]bhūyate || 14 ||
Werden sie nicht verehrt, entwenden Yakshas und Rakshasas die gesamte Verehrungsfrucht, und Hindernisse überwältigen den Übenden.

23.15 pūrvārjitaphalaṃ naśyet kā kathā parajanmani |
tasmāt sarvaprayatnena yadīcchedātmano hitam || 15 ||
Selbst früher erworbene Früchte würden schwinden; was wäre dann von einer künftigen Geburt zu erwarten? Deshalb bemühe man sich um diese Verehrung, wenn man sein Wohl erstrebt.

23.16 pūjitavyā mahābhāgāḥ kumāryaḥ parameśvari |
prātarutthāya pūjāyāṃ snānakāle'thavā punaḥ || 16 ||
Die glückverheißenden Kumaris sind zu ehren, höchste Herrin: morgens nach dem Aufstehen, bei der Puja oder zur Badezeit.

23.17 saṃskṛtāsaṃskṛtā [te ka pāṭhaḥ |] vāpi hīnajātyudbhavāstathā |
namasyāḥ sādhakendrāṇāṃ kulīnānāṃ parārcane || 17 ||
Ob eingeweiht oder nicht, auch aus niedrig bewerteter Herkunft: Für hervorragende Kula-Praktizierende sind sie bei der Verehrung der Höchsten ehrwürdig.

23.18 brahmaṇyarpitacittānāṃ nāstīha bhinnatā kvacit |
kulapūjāṃ vinā devi kuladevī parāṅmukhī || 18 ||
Wer sein Bewusstsein Brahman hingegeben hat, kennt hier keine trennende Rangordnung. Ohne Kula-Verehrung wendet sich die Kula-Göttin ab, Göttin.

23.19 parayoṣā yadā bhadre svayaṃ tāsāṃ gururbhavet |
brāhmaṇī kṣatriyā vaiśyā śūdrā ca kulabhūṣaṇā || 19 ||
Danach behandelt der Text erwachsene Frauen in der Shakti-Verehrung. Bei einer nicht zur eigenen Partnerschaft gehörenden Frau übernimmt der Verehrer die Rolle ihres rituellen Lehrers. Brahmanin, Kshatriya-, Vaishya- oder Shudra-Frau kann Zierde des Kula sein.

23.20 veśyā nāpitakanyā ca rajakī [naṭakī kha pāṭhaḥ |] yoginī tathā |
nānāvaidagdhyakuśalāḥ kalārūpaguṇānvitāḥ || 20 ||
Auch eine Kurtisane, die Tochter eines Barbiers, eine Wäscherin oder Yogini, kundig in vielerlei Fertigkeiten und mit Kunstsinn, Schönheit und guten Eigenschaften versehen,

23.21 tāsāṃ rūpaṃ ca bhāvaṃ ca vilokyāmarṣaceṣṭitam |
brāhmaṇyādyaṣṭaśaktīnāṃ nāmabhiḥ kṛtaśabditāḥ [sajñakā kha pāṭhaḥ |] || 21 ||
wird entsprechend ihrer Gestalt, Haltung und Ausdrucksweise mit einem der Namen der acht Shaktis, angefangen mit Brahmani, benannt.

23.22 āsanaṃ prathamaṃ tābhyaḥ svāgataṃ ca punaḥ punaḥ |
arghyaṃ pādyaṃ ca pānīyaṃ madhuparkācamanīyakam || 22 ||
Zuerst biete man ihnen Sitze und wiederholte freundliche Begrüßung, dann Arghya, Fußwasser, Trinkwasser, Honigmischung und Wasser zur Mundreinigung.

23.23 sna[snā kha pāṭhaḥ |]payed gandhapuṣpādbhiḥ keśasaṃskārameva ca |
dhūpayitvā tathā keśān kauśeyaṃ[ṣeyaṃ ka pāṭhaḥ |] ca nivedayet || 23 ||
Man bade sie mit duftendem Blumenwasser, ordne und beräuchere ihr Haar und reiche Seidengewänder.

23.24 tataḥ sthānāntare nītvā pīṭhamāstīrya bhaktitaḥ |
saṃveśayedvidhānena pūrvādikramayogataḥ || 24 ||
Danach führe man sie an einen anderen Ort, bereite hingebungsvoll die Sitze und lasse sie vorschriftsmäßig vom Osten an Platz nehmen.

23.25 nānālaṃkārabhūṣādyairbhūṣayitvānulepanaiḥ |
gandhaṃ puṣpaṃ tathā dhūpaṃ dīpaṃ naivedyameva ca || 25 ||
Mit vielerlei Schmuck und Salben geschmückt, empfangen sie Duft, Blumen, Räucherwerk, Lampen und Speisegaben,

23.26 dugdhaṃ dadhi ghṛtaṃ takraṃ navanītaṃ saśarkaram |
nārikelaṃ kapitthaṃ ca nāgaraṅgakamuttamam || 26 ||
Milch, Dickmilch, Ghee, Buttermilch, Butter mit Zucker, Kokosnüsse, Kapittha und vorzügliche Orangen,

23.27 piṣṭakaṃ pāyasaṃ caiva nānārasasamanvitam |
dattvā saṃpūjya vidhivat stutibhistoṣayettataḥ || 27 ||
Gebäck und Milchreis mit verschiedenen Geschmacksrichtungen. Nach diesen Gaben und der Verehrung erfreue man sie mit Lobpreis.

23.28 mātardevi [ṅgeśvari ka pāṭhaḥ |] namastubhyaṃ brahmarūpadhare'naghe |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 28 ||
„Mutter, Göttin, Verehrung dir, Makellose, die Brahmas Gestalt trägt! Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.29 māheśi varade devi paramānandarūpiṇi [ṇī kha pāṭhaḥ |] |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 29 ||
Maheshi, wunschgewährende Göttin, Gestalt höchster Wonne! Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.30 kaumāri sarvavidyeśi kumārakrīḍane pare |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 30 ||
Kaumari, Herrin allen Wissens, dem Spiel Kumaras hingegeben! Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.31 vaiṣṇavi viṣṇurūpāsi sarvavighnavināśinī [viṣṇurūpadhare devi vinatāsutavāhini kha pāṭhaḥ |] |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 31 ||
Vaishnavi, du bist Vishnus Gestalt und vernichtest alle Hindernisse. Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.32 vārāhi varade devi paramānandarūpiṇi [daṣṭedvṛtavasundhare kha pāṭhaḥ |] |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 32 ||
Varahi, wunschgewährende Göttin, Gestalt höchster Wonne! Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.33 indrāṇi varade devi gajaskandhasthitā hyasi [śakrarūpadhare devi śakrādisurapūjite kha pāṭhaḥ |] |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 33 ||
Indrani, wunschgewährende Göttin, du sitzt auf dem Rücken des Elefanten. Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.34 cāmuṇḍe muṇḍamālāsrakcarcite bhayanāśini [vighnanāśini kha pāṭhaḥ |] |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 34 ||
Chamunda, mit einer Schädelgirlande geschmückt, Vernichterin der Furcht! Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.35 mahālakṣmi mahāmoha[mahotsāhe kha pāṭhaḥ |]kṣobhasaṃtānahāriṇi |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 35 ||
Mahalakshmi, die du große Verblendung und fortgesetzte Erschütterung beseitigst! Beseitige gnädig meine Hindernisse und gewähre mir Mantravollendung!

23.36 mi[i ka pāṭhaḥ |]timātṛmayi[ye ka pāṭhaḥ |] devi mi[sa ka pāṭhaḥ |]timātṛbahi[s?ṣ]kṛte |
eke bahutare devi viśvarūpe namo'stu te || 36 ||
Göttin, du bist Erkenntnis und Erkennende und zugleich jenseits beider. Eine und Vielfache, Göttin in Weltgestalt, Verehrung dir!“

23.37 etat stotraṃ paṭhedyastu karmārambheṣu saṃyataḥ |
vidagdhāśca [gdhā vā kha pāṭhaḥ |] samālokya tasya vighnaṃ na jāyate || 37 ||
Wer diesen Hymnus gesammelt zu Beginn seiner Handlungen spricht und die kundigen Frauen mit ehrfürchtigem Blick betrachtet, dem entsteht kein Hindernis.

23.38 ācamya mukhavāsena tāmbūlaṃ ca nivedayet |
tato dadyāt punarmālyaṃ gandhacandanapaṅkilama || 38 ||
Nach Wasser zur Mundreinigung reiche man duftenden Betel, danach erneut Girlanden, mit Duft und Sandelpaste versehen.

23.39 yadi krīḍāparāstāstu bhavanti bhāgyayogataḥ |
krī(ḍāya?ḍaye)t krīḍanaiḥ sarvāḥ krīḍārasaparāyaṇaḥ || 39 ||
Sind sie erfreulicherweise zum Spielen aufgelegt, unterhalte man alle mit Spielen und widme sich der Freude daran.

23.40 tasmāt sarvaprayatnena rakṣitavyāḥ sadā priye |
yathā tu namitāḥ prājñe bhaktibhāvaparāyaṇaiḥ || 40 ||
Deshalb sind sie stets sorgfältig zu schützen, Geliebte, und von hingebungsvollen Menschen ehrerbietig zu behandeln, Weise.

23.41 svecchāṛtumatī yā syādgṛhītvā raktamuttamam |
rocanācandrakāśmīrakastūryagurusaṃyutam || 41 ||
Für die folgende spezielle Verehrung nennt der Text Menstrualblut einer aus eigenem Willen teilnehmenden erwachsenen Frau, verbunden mit Gorochana, Kampfer, Safran, Moschus und Aloeholz.

23.42 svayaṃbhūkusumaṃ divyaṃ phalaṃ vā divyameva ca |
gṛhītvā pūjayed devīṃ mahātripurasundarīm || 42 ||
Diese sogenannte göttliche Svayambhu-Blüte oder göttliche Frucht nehme man zur Verehrung Mahatripurasundaris.

23.43 kuṇḍagolodbhavaṃ vāpi nānyatra kusumaṃ bhavet |
madyaṃ māṃsaṃ mudrā śaktiḥ svayaṃbhūkusumaṃ tathā || 43 ||
Auch die mit Kunda und Gola bezeichneten Herkunftsformen werden genannt; andere gelten hier nicht als diese „Blüte“. Wein, Fleisch, Mudra, Shakti und Svayambhu-Blüte

23.44 ebhireva maheśāni pratyakṣīkriyate parā |
dravyasaṃśodhanaṃ kṛtvā śaktiśodhanasaṃbhavaiḥ || 44 ||
machen nach dieser initiationsgebundenen Lehre die Höchste unmittelbar erfahrbar. Nach der Reinigung der Ritualstoffe und den zur Shakti-Weihe gehörenden Handlungen

23.45 saṃpūjya tripurāṃ devīmasādhyamapi sādhayet |
anyā yadi na gacchanti nijakanyānujātmanaḥ [tmajā ka pāṭhaḥ |] || 45 ||
verehre man Tripura und verwirkliche selbst schwer Erreichbares. Sind andere Frauen nicht verfügbar, können für die ehrende Puja eigene Tochter, jüngere Schwester,

23.46 agrajā mātulānī tu mātā vā tatsapatnikā |
vayasā jātito vāpi hīnā rakṣyāḥ svasā yathā || 46 ||
ältere Schwester, Tante, Mutter oder eine weitere Frau des Vaters genannt werden. Auch hinsichtlich Alter oder gesellschaftlichem Rang Benachteiligte sind wie eine Schwester zu schützen.

23.47 pūjyāḥ kulavaraiḥ sarvairnijāhaṃkāravarjitaiḥ |
svayamakṣobhito bhūtvā mūlayoga na cācaret || 47 ||
Alle seien von guten Kula-Angehörigen ohne Ichüberheblichkeit zu verehren. Man bleibe selbst unerregt und vollziehe ausdrücklich keine geschlechtliche Vereinigung mit ihnen.

23.48 mūlayogakṛtāmāyuḥsiddho'pi naśyati dhruvam |
sarvābhāve hyekatarā pūjanīyā prayatnataḥ || 48 ||
Wer in diesem Zusammenhang dennoch eine solche Vereinigung vollzieht, dessen Lebensdauer und Vollendung werden nach dem Text zerstört. Fehlen alle anderen, verehre man sorgfältig eine einzelne geeignete Frau.

23.49 saṃskṛtāsaṃskṛtā vāpi bandhakī vātha niṣpatiḥ |
pūrvāṃbhāve parā jñeyā tadaṃśā yoṣito yataḥ || 49 ||
Ob eingeweiht oder nicht, gesellschaftlich gebunden oder ohne Ehemann: Fehlt die zuvor Genannte, gilt die Nächste als geeignet, denn Frauen sind Anteile der Göttin.

23.50 ekā cet kulaśāstrajñā labhyā [bhyate ka pāṭhaḥ |] kulaviśāradaiḥ |
pūjārhā sā ta(rā?dā)devi bhogamokṣaprasādhikā || 50 ||
Finden Kula-Kundige eine einzelne Frau, die die Kula-Lehre kennt, ist sie der Verehrung würdig und vermittelt Erfüllung und Befreiung, Göttin.

23.51 ekā ca yuvatī yatra pūjitā cāvalokitā |
tadā devyaśca sarvāśca pūjitaṃ sarvadaivatam || 51 ||
Wo eine erwachsene Frau verehrt und als Göttin betrachtet wird, sind damit sämtliche Göttinnen und Gottheiten verehrt.

iti te kathitaṃ devi na prakāśyaṃ kadācana |

So habe ich es dir gelehrt, Göttin; es soll nicht unterschiedslos preisgegeben werden. iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde kumārīpūjanavidhānanirūpaṇaṃ trayoviṃśaḥ paṭalaḥ || 23 ||
Hier endet das 23. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Verehrung der Kumari“.

Kapitel 24: Bedeutung und Anwendung der Kumari-Puja

caturviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 24.1 evaṃ yaḥ kurute pūjāṃ nityaṃ bhaktiyuto budhaḥ |
kandarpasadṛśaḥ strīṣu gaurīpatirivāparaḥ || 1 ||
Der Verständige, der diese Verehrung täglich hingebungsvoll vollzieht, erscheint Frauen wie der Liebesgott und wie ein zweiter Gemahl Gauris.

24.2 sa eva sukṛtī loke sa eva kulabhūṣaṇam [ṇa kha pāṭhaḥ |] |
dhanyā ca jananī tasya dhanyastasya pitā khalu || 2 ||
Er ist gesegnet in der Welt und eine Zierde des Kula; gesegnet sind seine Mutter und sein Vater.

24.3 daivī kalā bhavet tatra mama tulyo mahāmatiḥ |
aṇimādyaṣṭasiddhīśo jāyate nātra saṃśayaḥ || 3 ||
Die göttliche Kraft wird in ihm gegenwärtig; verständig wird er mir gleich und Herr der acht Siddhis, angefangen mit Anima.

24.4 vahniriva riporhantā induriva sukhapradaḥ |
pitṛdevasamaḥ śāstā śucau śucisamaḥ khalu || 4 ||
Wie Feuer vernichtet er Feindschaft, wie der Mond schenkt er Freude; als Lehrer gleicht er einem göttlichen Vater, in Reinheit dem reinigenden Feuer.

24.5 bṛhaspatisamo vaktā dharaṇīsadṛśaḥ kṣamī |
vaktre sarasvatī tasya lakṣmīstasya sadā gṛhe || 5 ||
Er spricht wie Brihaspati und ist geduldig wie die Erde. Sarasvati wohnt in seinem Mund, Lakshmi stets in seinem Haus.

24.6 tīrthāni tasya dehe vai naca tasya punarbhavaḥ |
dhanena dhananāthaḥ syāt tejasā bhāskaropamaḥ || 6 ||
Die heiligen Badeplätze wohnen in seinem Leib; für ihn gibt es keine Wiedergeburt. An Reichtum gleicht er Kubera, an Glanz der Sonne.

24.7 balena pavano hyeṣa dānena vāsavopamaḥ |
gānena tumburuḥ sākṣānnityaṃ yena samarcitā || 7 ||
An Kraft gleicht er dem Wind, im Geben Indra, im Gesang Tumburu: So wird gepriesen, wer sie täglich verehrt.

24.8 ekāhamapi deveśi mahātripurasundarīm |
na pūjayettathā(nasyāt?tasmāt) prāyaścittaṃ samācaret || 8 ||
Wer Mahatripurasundari auch nur einen Tag nicht verehrt, Herrin der Götter, soll eine Sühne vollziehen.

24.9 upoṣyaiva cādhivāsaṃ kṛtvā pūjāṃ pare'hani |
guruṃ saṃpūjya vidhivat tadā pūjāṃ samāpayet || 9 ||
Nach Fasten und vorbereitender Weihe verehre man sie am folgenden Tag. Man verehre den Guru vorschriftsmäßig und vollende dann die Puja.

24.10 kumāryai bhojanaṃ dattvā viprānapi ca bhojayet |
ata ūrdhva punardīkṣāṃ lakṣajāpaṃ samācaret || 10 ||
Man speise eine Kumari und Brahmanen. Bei weitergehender Unterbrechung vollziehe man erneut Einweihung und hunderttausend Mantrawiederholungen.

24.11 mahātripurasundaryā yoginīnāṃ tathaiva ca |
dvyahaṃ vātha tryahaṃ vāpi pūjāśūnyaṃ karoti yaḥ || 11 ||
Wer die Verehrung Mahatripurasundaris und der Yoginis zwei oder drei Tage aussetzt,

24.12 siddhihānirbhavet tasya yoginīśāpamālabhet |
catvāri tasya naśyanti āyurvidyā yaśo balam || 12 ||
verliere nach der Warnung seine Vollendung und ziehe den Fluch der Yoginis auf sich. Lebensdauer, Wissen, Ansehen und Kraft würden schwinden.

24.13 tasya māṃsaṃ ca śukraṃ ca rūpaśoṇitameva ca |
abhīṣṭānapi kāmāṃśca hiṃsanti yoginīgaṇāḥ || 13 ||
Die Yogini-Scharen schädigten Fleisch, Samen, Schönheit und Blut sowie die ersehnten Lebensgüter.

24.14 bandhubhiḥ kalaho ghoraḥ kalatraiśca viśeṣataḥ |
sasyaśūnyā bhavedurvī vighnastasya pade pade || 14 ||
Schwere Streitigkeiten mit Verwandten und besonders mit dem Ehepartner entstünden; das Land bliebe ohne Ernte, und Hindernisse träten auf Schritt und Tritt auf.

24.15 satyaṃ satyaṃ bhavedrogī daridraścopajāyate |
ihaiva duḥkhamāpnoti trividhaṃ lomaharṣaṇam || 15 ||
Man werde krank und arm und erfahre schon hier dreifaches, erschütterndes Leid.

24.16 pare svargāt paribhraṣṭaḥ kṣitau kṣitipa[lā?nā]yakaḥ |
atulāṃ bhaktimāsādya kaivalyaṃ labhate tataḥ || 16 ||
Später, aus dem Himmel wieder auf die Erde gelangt, wird in einer beschädigten Zeile erneut eine Herrscherstellung erwähnt. Durch unvergleichliche Hingabe erlange man schließlich Befreiung.

24.17 brahmacintāpravṛtto yaḥ so'pahāya ca daivatam |
vinā(la?na)yā pravarteta brahmaghātī sa eva tu || 17 ||
Wer sich der Brahman-Betrachtung zuwendet, dabei aber die Gottheit aufgibt und ohne sie vorangeht, wird hier scharf als Brahmanentöter getadelt.

24.18 japadhyānaparo mantrī yogakṣemaparāyaṇaḥ |
svayaṃ yadi bhavenmūḍho guruṃ tatra niyojayet || 18 ||
Der Mantra-Praktizierende widme sich Japa, Meditation und der Bewahrung seiner Lebensgrundlage. Ist er selbst unkundig, beauftrage er den Guru.

24.19 jñānakarmaparaḥ śuddhaḥ sarvadevamayaḥ prabhuḥ |
siddhayaḥ sakalāstasya gururyasya hite rataḥ || 19 ||
Rein, Erkenntnis und Handlung verbunden und alle Gottheiten verkörpernd wird jener Herr der Vollendungen, dessen Guru um sein Wohl bemüht ist.

24.20 māsato varṣato vāpi svayaṃ puṇyāhayogataḥ |
kuryādvai mahatīṃ pūjāṃ saṃpannāṅgavibhūṣitām || 20 ||
Monatlich oder jährlich vollziehe man selbst an einem glückverheißenden Tag eine große Puja, reich an vollständig ausgeführten Gliedern,

24.21 upahārairbahuvidhairalaṃkṛtasuvigrahām |
nityamevārcanaṃ devyā nityameva samācaret || 21 ||
mit vielerlei Gaben und schön geschmückter Gestalt. Die tägliche Verehrung der Göttin vollziehe man jedoch täglich.

24.22 nityācāraparo mantrī naimittikavi(dhaṃ?dhiṃ) caret |
nityanaimittikaparaḥ sādhuḥ kāmyaṃ vicintayet || 22 ||
Wer in der täglichen Ordnung gefestigt ist, führe auch anlassgebundene Riten aus; erst dann erwäge der Gute wunschbezogene Handlungen.

24.23 kāmyānnaimittikaṃ nityaṃ nityaṃ naimittikāt param |
nityācāravilopī yaḥ kāmyaṃ naimittikaṃ [kameva vā kha pāṭhaḥ |] ca vā || 23 ||
Anlassgebundene Praxis steht über wunschbezogener, tägliche über anlassgebundener. Wer die tägliche Ordnung vernachlässigt und dennoch wunschbezogene oder anlassgebundene

24.24 karoti sa ca durmedhā nāpnoti tasya tatphalam |
nityācāramanādṛtya yadanyattu samīhate || 24 ||
Riten ausführt, handelt unverständig und erlangt deren Frucht nicht. Was man unter Missachtung der täglichen Ordnung sonst erstrebt,

24.25 niṣphalaṃ tasya tatkarma vandhyāstrīmaithunaṃ yathā |
api puṣpaphalairvāpi pūjayeccakradevatāḥ || 25 ||
bleibt fruchtlos, wie Geschlechtsverkehr mit einer unfruchtbaren Frau keine Zeugung bewirkt. Wenigstens mit Blumen und Früchten verehre man die Chakra-Gottheiten.

24.26 aṅgahīnaṃ tu puruṣo na samyagyājñiko bhavet |
aṅgahīnā tathā pūjā na samyakphaladāyinī || 26 ||
Wie nach der historischen Opferordnung ein Mensch mit fehlenden Gliedern nicht als vollständiger Opferpriester gilt, so bringt eine Puja mit fehlenden Gliedern nicht ihre volle Frucht.

24.27 dhyānaṃ pūjā japo homa iti hastacatuṣṭayam |
śarīraṃ nyāsajālaṃ tu ātmā tajjñānameva ca || 27 ||
Meditation, Verehrung, Japa und Homa sind ihre vier Arme; das Geflecht der Nyasas ist ihr Leib, Erkenntnis ihr Selbst.

24.28 bhaktiḥ śiro'tra hṛcchraddhā kauśalaṃ netramīritam |
evaṃ yajñaśarīraṃ tu matvā sādhakasattamaḥ || 28 ||
Hingabe ist ihr Haupt, Vertrauen ihr Herz, Geschick ihr Auge. So erkenne der hervorragende Praktizierende den Opferleib.

24.29 yajñaṃ samāpayennityaṃ sāṅmameva [sāṅgenaiva kha pāṭhaḥ |] khalu priye |
aṅgahīne mahān doṣastato'ṅgaṃ nāvadhīrayet || 29 ||
Täglich vollende er das Opfer mit seinen Gliedern, Geliebte. Ein fehlendes Glied gilt als erheblicher Mangel; deshalb vernachlässige man keines.

24.30 sarvāṅgapūrṇapuruṣo yajñākhyaḥ [pūrṇayajñaḥ ka pāṭhaḥ |] sarvasiddhidaḥ |
tattadīhāparā śaktiḥ siddhiḥ saṃyogatastayoḥ || 30 ||
Der vollständige Mensch namens Opfer gewährt alle Vollendungen; die auf seine Ausführung gerichtete Kraft ist Shakti. Aus ihrer Vereinigung entsteht Siddhi.

24.31 śrīmattripurasundaryāḥ pūrṇe yajñaśarīrake |
aṅgabādhe yathā doṣo nānyasya hi tathā bhavet || 31 ||
Am vollständigen Opferleib Shri Tripurasundaris wiegt die Beeinträchtigung eines Gliedes besonders schwer, mehr als in anderen Ritualordnungen.

24.32 svavibhavā(nna?nu)rūpā vai pūjā kāryā vibhūtaye |
vyatikramāt tu hīnaḥ syād brahmahatyāmavāpnuyāt || 32 ||
Die Verehrung gestalte man entsprechend den eigenen Mitteln, damit Wohlergehen wächst. Abweichung wird mit Verlust und schwerer Schuld bedroht.

24.33 nādhikaṃ naiva ca nyūnamubhayaṃ pāpadāyakam |
caturdaśyāmathāṣṭamyāṃ pūrṇāyāṃ māsamadhyataḥ || 33 ||
Weder übertreibe noch untertreibe man; beides gilt als fehlerhaft. Am vierzehnten oder achten Mondtag, bei Vollmond in der Monatsmitte

24.34 mahābhūtadine vāpi yajed vibhavavistaram |
kṛṣṇayātha caturdaśyā yuktaṃ kujadinaṃ yadā || 34 ||
oder am großen Geistertag verehre man entsprechend der Fülle der eigenen Mittel. Fällt der vierzehnte Tag der dunklen Monatshälfte auf einen Dienstag,

24.35 mahābhūtadinaṃ tattu sarvabhūtavaśaṃkaram |
yadi puṣyo [ṣyā kha pāṭhaḥ |] bhavet tatra tadānantaphalapradam || 35 ||
heißt dies Mahabhuta-Tag, der alle Geistwesen beeinflussen soll. Kommt das Mondhaus Pushya hinzu, gilt seine Frucht als unbegrenzt.

24.36 mantraṃ yadi śmaśāne tu śavopari yathāvidhi |
athavā prajaped devīṃ mātṛkāṃ nīlarūpiṇīm || 36 ||
Auf einem Verbrennungsplatz über einem Leichnam wiederhole man nach der historischen Vorschrift den Mantra oder die Vidya der blauen Matrika-Göttin.

24.37 kṛtvā japtvā tadā kuryād bhūtapretapiśācakān |
tān vaśīkṛtya talloke tatheha taiḥ sahā(sa?ga)taḥ || 37 ||
Durch Ritual und Japa sollen Bhutas, Pretas und Pishachas unter Einfluss gebracht werden; mit ihnen verkehre man in ihrer Welt und hier.

24.38 vaśīkṛtya śriyā yukto modate putrapautrakaiḥ |
yathā tathā gṛhe bāhye kṛtvā japtvā naro budhaḥ || 38 ||
So gewinne man Wohlstand und Freude mit Kindern und Enkeln. Wer entsprechend außerhalb des Hauses Ritual und Japa vollzieht,

24.39 rākṣasān kiṃnarān kṛtvā talloke ca tatheha ca |
taiśca pramudito bhogī bhogān bhuṅkte yathecchayā || 39 ||
bringe Rakshasas und Kinnaras unter Einfluss und genieße mit ihnen in ihrer Welt und hier nach Wunsch vielerlei Freuden.

24.40 nijagṛhe sadā yastu pavitre sumanohare |
kṛtvā japtvā naraḥ prājño yakṣān sarvān vaśaṃ nayet || 40 ||
Wer im eigenen reinen und schönen Haus Ritual und Japa vollzieht, bringe alle Yakshas unter Einfluss.

24.41 bhuktvā ca mudito loke dhanī dhanaviśāradaḥ |
dhanaprāṇo dhanātmā ca sukhaṃ tadanucintanāt || 41 ||
Reich und im Umgang mit Vermögen erfahren, erfreue er sich an Besitz, richte Leben und Denken darauf und erfahre daraus Glück.

24.42 anubhūya tadānandaṃ tadihāpi virājite |
nadīnadasamīpe tu pitṛpīṭhe'thavā priye || 42 ||
Nachdem er jene Freude erfahren hat, strahle er auch hier. An Flüssen oder an einem heiligen Sitz der Ahnen, Geliebte,

24.43 kṛtvā japtvā ca talloke tatheha taiḥ pramoditaḥ |
kāmātmā kāmarūpī ca kāmī kāmamanoharaḥ || 43 ||
vollziehe man Ritual und Japa und erfreue sich mit ihnen dort und hier. Von Begehren erfüllt, begehrensgestaltig und anziehend,

24.44 kāmayitvākhilān kāmān kāmarāja ivāparaḥ |
rājate satataṃ rājā rājabhiścaiva vājibhiḥ || 44 ||
erfülle man alle Wünsche wie ein zweiter Liebesgott und strahle als König, umgeben von Königen und Pferden.

24.45 puṇyakṣetre mahāpīṭhe puṇyavṛkṣasamīpake |
kṛtvā japtvā naro mānī mānyo'yaṃ yamalokarāṭ || 45 ||
Wer an einem heiligen Ort, großen Pitha oder bei einem heiligen Baum übt, werde geehrt und als Herr in Yamas Welt angesehen.

24.46 sarvadā[yuñjate?yaṃ jayī]loke rājate siddhi[ddha kha pāṭhaḥ |]bhūmiṣu |
mānuṣatvaṃ vinā siddhiḥ punaḥ paramadurla[bhaṃ?bhā] || 46 ||
Er strahle in den Welten und auf den Ebenen der Vollendung. Ohne menschliche Geburt ist Vollendung überaus schwer erreichbar.

24.47 yasmāt tat sarvalokānāṃ bhogapratyakṣadāyakam |
praphullakusumākīrṇe udyāne'timanohare || 47 ||
Denn sie vermittelt unmittelbare Erfahrung der Freuden aller Welten. In einem überaus schönen Garten voller geöffneter Blüten,

24.48 praphullakundasaṃmodaprapūritadigantare |
vṛkṣamūle'thavā japtvā kṛtvā hastaṃ svamastake || 48 ||
dessen Umgebung vom Duft blühender Kunda erfüllt ist, oder unter einem Baum vollziehe man Japa und lege die Hand auf den eigenen Kopf.

24.49 gandharvarūpavān bhūtvā gītanṛtyaviśāradaḥ |
gandharvān kiṃnarān kṛtvā talloke ca tatheha taiḥ || 49 ||
Man erlange die Gestalt eines Gandharva und Meisterschaft in Gesang und Tanz; Gandharvas und Kinnaras werden zu Begleitern in ihrer Welt und hier.

24.50 ānandaṃ paramaṃ labdhvā gītanṛtyādigocaram |
tadānandamaye ramye modate tatprasādataḥ || 50 ||
Die höchste Freude an Gesang, Tanz und verwandten Künsten erlangend, erfreue man sich durch ihre Gnade an dieser schönen Wonnestätte.

24.51 nāgalokasaṃdhibhūmau vane giriguhāsu ca |
kṛtvā japtvā sadā devīṃ nāgān sarvān vaśaṃ nayet || 51 ||
An Übergängen zur Naga-Welt, in Wäldern und Berghöhlen verehre und wiederhole man die Göttin; dadurch sollen alle Nagas unter Einfluss kommen.

24.52 taiḥ saha [tai sa pramu kha pāṭhaḥ |] muditaḥ prājñastalloke ca tatheha ca |
bhuṅkte bahuvidhān bhogān nāgalokapratiṣṭhitān || 52 ||
Mit ihnen erfreut, genieße der Verständige dort und hier die vielfältigen Freuden der Naga-Welt.

24.53 parakīye yadā yatra paśyannacchavilokite(?) |
kṛtvā japtvā naro dharmādākṣaraṃ lokamāpnuyāt || 53 ||
Die nächste Ortsanweisung ist stark beschädigt. Sie verbindet Übung an einem fremden Ort mit dem Erreichen einer als „akshara“ bezeichneten Welt durch Dharma.

24.54 tāneva vaśagān kṛtvā talloke ca tatheha ca |
modate satataṃ vīraḥ surāsuraviceṣṭitaiḥ || 54 ||
Ihre Bewohner unter Einfluss bringend, erfreue sich der Vira stets an den Lebensformen von Göttern und Asuras.

24.55 yatra kutra mahāpīṭhe saure sūryavilokane |
kṛtvā japtvā mahātejā bhavarogatamopahaḥ || 55 ||
Wer an einem großen Sonnen-Pitha beim Anblick der Sonne Ritual und Japa vollzieht, werde überaus strahlend und vertreibe die Finsternis der Daseinskrankheit.

24.56 udeti savitā sūryaḥ sūryaloke tatheha ca |
vane sarvān vaśe kṛtvā vaśī vaśaṃ nayejjagat || 56 ||
Wie die Sonne gehe er in der Sonnenwelt und hier auf; alles unter Einfluss bringend, könne er die Welt lenken. Der Bezug auf den Wald ist in der Zeile unklar.

24.57 puṇyanadyā [puṇyānadī kha pāṭhaḥ |] jalānte yastadanta[nte vā kha pāṭhaḥ |]rvā nirantaram |
sadā puṇyaja(na?la)snāyī tatpāyī tadvihāravān || 57 ||
Wer am oder im Wasser eines heiligen Flusses lebt, beständig darin badet, davon trinkt und dort verweilt,

24.58 kṛtvā japtvā naraḥ prājño brahmarṣilokasaṃjñake |
brahmarṣibhirmudā tatra tatheha ta[te pra kha pāṭhaḥ |]tprasādataḥ || 58 ||
und als Verständiger Ritual und Japa vollzieht, gelange in die Welt der Brahmarshis und erfreue sich dort und hier ihrer Gnade.

24.59 bhogān bhuṅkte sa [bhakte savipra bhogān kha pāṭhaḥ |] viprarṣibrahma[brāhmayā kha pāṭhaḥ |]ghoṣapuraḥsarān |
mahatyā ca(pri?śri)yā yukto brāhmyā caivātiśuddhayā || 59 ||
Er genieße Freuden, begleitet vom Brahman-Gesang der weisen Rishis, und besitze große, überaus reine brahmische Herrlichkeit.

24.60 rājate satataṃ rājā (rā?vā)jirājavihāravān |
devatāyatane [dha?pu]ṇye nityapūjāgṛhe tathā || 60 ||
Stets strahle er königlich, mit königlichen Reittieren. Ebenso nennt der Text heilige Gotteshäuser und Räume täglicher Verehrung.

24.61 devatāḥ pratigṛhṇanti devatāyatane kṛ(tāḥ?tām) |
udyāne svasa(māṃ?mī)pasthe gṛhe cātimanohare || 61 ||
Die Gottheiten nehmen die in ihren Heiligtümern vollzogene Verehrung an. Auch in einem nahen Garten oder einem überaus schönen Haus

24.62 nityamāvāhayet tatra madhuparkādibhiryajet |
devāṃstatra vijānīyāt teṣāṃ sāṃnidhyayogataḥ || 62 ||
rufe man sie täglich an und verehre sie mit Honigmischung und weiteren Gaben. Durch ihre Gegenwart erkenne man diese Orte als göttliche Stätten.

24.63 devatābhavanaistulye śobhite devaśobhayā |
nirjane cātiśuddhe ca gandhadhūpotkare śubhe || 63 ||
Ein solcher Ort gleiche einem Götterhaus, geschmückt mit göttlicher Schönheit, abgeschieden, überaus rein und voller Duft und Räucherwerk,

24.64 dīpadarpaṇaghaṇṭādikusumotkarabhūṣite |
devapīṭhe mahāpuṇye maha(du?tyu)ccagṛhe tathā || 64 ||
mit Lampen, Spiegeln, Glocken, Blumen und einem heiligen Gottessitz versehen; auch ein großes, hoch gelegenes Haus wird genannt.

24.65 kṛtvā japtvā naro devi kārayedvaśagān sadā |
bhāvanāvaśasaṃpanno naro di(vyo?vi)tatheha ca || 65 ||
Wer dort Ritual und Japa vollzieht, Göttin, erlange Einfluss und werde durch die Kraft der Betrachtung im Himmel und hier göttlich.

24.66 dīvyate devavad devo devabhoga[gī ka pāṭhaḥ |]vihāravān |
divyadarśī divyarūpī divyabhogavihāravān || 66 ||
Als Gottheit spiele er wie die Götter, genieße göttliche Freuden, schaue Göttliches und besitze göttliche Gestalt.

24.67 devaiḥ saṃmānito mānī devavadviharet kṣitau |
vimānagāmibhiryānairgajavājipuraḥsaraiḥ || 67 ||
Von Göttern geehrt, wandle er wie eine Gottheit auf Erden, mit Himmelsfahrzeugen, Elefanten und Pferden.

24.68 śivālaye śivakṣetre śivaliṅgasamīpake |
kṛtvā japtvā śivāmodī śivaloke tatheha ca || 68 ||
Wer im Shiva-Tempel, in einem Shiva-Bezirk oder nahe einem Shiva-Linga übt, erfreue sich an Shiva, in dessen Welt und hier.

24.69 modate satataṃ yogī yuktaḥ śivadakiṃkaraiḥ |
viṣṇukṣetre mahāpuṇye viṣṇugehe tadantike || 69 ||
Der Yogi lebe stets freudig mit den heilbringenden Dienern Shivas. In einem überaus heiligen Vishnu-Bezirk oder nahe seinem Heiligtum

24.70 vaiṣṇavaṃ bhāvamāśritya kṛtvā japtvātha sādhakaḥ |
vaiṣṇavān vaśagān kṛtvā viṣṇuloke tatheha ca || 70 ||
übe der Praktizierende in Vishnu-Haltung. Die Vishnu-Kräfte an sich bindend, erfreue er sich in Vishnus Welt und hier.

24.71 modate satataṃ śuddhaṃ svayaṃ viṣṇurivāparaḥ |
viṣṇupīṭhe parā siddhiḥ sadyo devatvadāyinī || 71 ||
Rein lebe er wie ein zweiter Vishnu. Die höchste Vollendung an einem Vishnu-Pitha gewähre unmittelbar Göttlichkeit.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde kumārīpūjāmahima-prayogādimāhātmyanirūpaṇaṃ caturviṃśaḥ paṭalaḥ || 24 ||
Hier endet das 24. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Bedeutung und Anwendung der Kumari-Puja“.

Kapitel 25: Heilige Orte und Verehrung in Notlagen

pañcaviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 25.1 puṇyakṣetrāṇi vakṣyante śṛṇu prādhānyato mama |
puṇyakṣetraṃ nadītīraṃ guhāparvatamastakam || 1 ||
Höre nun die wichtigsten heiligen Orte: heilige Bezirke, Flussufer, Höhlen und Berggipfel,

25.2 tīrthapradeśāḥ sindhūnāṃ saṃgamaḥ pāvanaṃ vanam |
udyānāni viviktāni bilvamūlaṃ taṭaṃ gireḥ || 2 ||
Pilgerstätten, Zusammenflüsse, reinigende Wälder, einsame Gärten, der Fuß eines Bilva-Baums und Berghänge,

25.3 tulasīkānanaṃ goṣṭhaṃ vṛṣaśūnyaṃ śivālayam |
aśvatthāmalakīmūlaṃ gośālā jalamadhyataḥ || 3 ||
Tulasi-Haine, Rinderweiden, ein Shiva-Heiligtum ohne Stier, der Fuß von Ashvattha- oder Amalaki-Bäumen, Kuhställe und Stellen mitten im Wasser,

25.4 devatāyatanaṃ kūlaṃ samudrasya nijaṃ gṛham |
gurūṇāṃ saṃnidhānaṃ ca cittaikāgrasthalaṃ tathā || 4 ||
Gotteshäuser, Meeresufer, das eigene Haus, die Nähe der Gurus und jeder Ort, an dem der Geist einspitzig wird.

25.5 sarveṣāmuttamaṃ proktaṃ nirjanaṃ paśuvarjitam |
yatra tatra naraḥ pūjāṃ nirjane kurute tu yaḥ || 5 ||
Am besten gilt ein abgeschiedener Ort, frei von Pashus, also nicht zur Praxis gehörenden Uneingeweihten. Wer an irgendeinem einsamen Ort verehrt,

25.6 tasyai datte śubhaṃ devi patraṃ puṣpaṃ phalaṃ jalam |
śraddhābha(ktā?ktyo)śca bāhulyāt pūjādravyasya vistarāt || 6 ||
dem gewähre die Göttin Segen durch Blatt, Blume, Frucht und Wasser. Große Hingabe und Vertrauen, reichliche Opfermittel

25.7 devyāḥ saṃnidhiratra syānnirjane pūjanāt tathā |
vārāṇasyāṃ sadā pūjā saṃpūrṇaphaladāyinī || 7 ||
und Verehrung in Abgeschiedenheit bewirken ihre Gegenwart. In Varanasi gewährt die Puja stets ihre volle Frucht.

25.8 tatastu dviguṇā proktā puruṣottamasaṃnidhau |
tato'pi dviguṇā proktā dvāravatyāṃ viśeṣataḥ || 8 ||
In der Nähe Purushottamas gilt sie als doppelt wirksam, in Dvaravati wiederum als doppelt so wirksam.

25.9 sarvakṣetreṣu pīṭheṣu pūjā dvāravatīsamā |
vindhye śataguṇā proktā gaṅgāyāmapi tatsamā || 9 ||
An sämtlichen heiligen Bezirken und Pithas gilt sie wie in Dvaravati; im Vindhya hundertfach, ebenso an der Ganga.

25.10 āryāvarte madhyadeśe brahmāvarte [hmadeśe ka pāṭhaḥ |] tathaiva ca |
vindhyavat phaladā pūjā prayāge puṣkare tathā || 10 ||
In Aryavarta, Madhyadesha und Brahmavarta, in Prayaga und Pushkara gewährt sie dieselbe Frucht wie im Vindhya.

25.11 tataścaturguṇā proktā karatoyānadījale |
tasmāccaturguṇaphalā nandikuṇḍe ca pārvati || 11 ||
Im Wasser der Karatoya gilt sie als viermal so wirksam, im Nandi-Kunda wiederum vierfach, Parvati.

25.12 tataścaturguṇā proktā jalpī[lpe kha pāṭhaḥ |]śeśvarasaṃnidhau |
tatra siddheśvarīyonau tato'pi dviguṇā matā || 12 ||
Bei Jalpisheshvara wird erneut die vierfache Frucht genannt, dort an der Yoni Siddheshvaris die doppelte.

25.13 tataścaturguṇā proktā lauhityanadapāthasi |
tatsamā kāmarūpe ca sarvatraiva jale sthale || 13 ||
Im Wasser des Lauhitya-Flusses gilt sie nochmals vierfach. Dieselbe Frucht gilt überall in Kamarupa, im Wasser und auf dem Land.

25.14 sarvaśreṣṭho yathā viṣṇurlakṣmīḥ sarvottamā yathā |
devīpūjā tathā śastā kāmarūpe surālaye || 14 ||
Wie Vishnu als hervorragend und Lakshmi als höchste gilt, so wird die Göttinnenverehrung im Göttersitz Kamarupa gepriesen.

25.15 devīkṣetraṃ kāmarūpaṃ vidyate'nyanna tatsamam |
anyatra viralā devī kāmarūpe gṛhe gṛhe || 15 ||
Kamarupa ist der Bezirk der Göttin; kein anderer kommt ihm gleich. Anderswo ist ihre Gegenwart selten, in Kamarupa findet sie sich Haus für Haus.

25.16 tataḥ śataguṇā proktā nīlakūṭasya mastake |
tato'pi dviguṇā proktā hārake śivaliṅgake || 16 ||
Auf dem Gipfel Nilakutas gilt die Frucht als hundertfach, am als Haraka bezeichneten Shiva-Linga als doppelt so groß.

25.17 tato'pi dviguṇā proktā dākṣāyaṇyāḥ svayoniṣu |
tataḥ śataguṇā proktā [rṇa prekta kha pāṭhaḥ |] kāmākhyāyonimaṇḍale |
kāmākhyāyāṃ mahādevīpūjāṃ yaḥ kṛtavān sakṛt || 17 ||
An Dakshayanis eigenen Yoni-Stätten nochmals doppelt, im Yoni-Mandala Kamakhyas hundertfach. Wer die große Göttin auch nur einmal in Kamakhya verehrt,

25.18 sa ceha labhate kāmān paratra śivarūpatā(m) |
na tasya sadṛśo'nyo'sti ripustasya na vidyate || 18 ||
erlangt hier die gewünschten Güter und jenseits Shivas Gestalt. Niemand gleiche ihm, und kein Feind könne ihm widerstehen.

25.19 vāñchitaṃ samavāpnoti cirāyurabhijāyate |
vāyoriva gatistasya bhavedanyairabādhitā || 19 ||
Er erlange das Gewünschte und langes Leben; sein Fortkommen sei wie der Wind von niemandem aufzuhalten.

25.20 saṃgrāme śāstravāde ca durjayaḥ sa hi jāyate |
mūlamūrtirmahādevyā yonirūpā nigadyate || 20 ||
Im Kampf und im gelehrten Streit werde er schwer zu überwinden. Die ursprüngliche Gestalt der großen Göttin wird als Yoni bezeichnet.

25.21 tatra saṃpūjya tāṃ devīṃ punarjanma na vidyate |
puṇyakṣetramiti proktaṃ na prakāśyaṃ kadācana || 21 ||
Wer sie dort verehrt, erfährt keine Wiedergeburt. Damit sind die heiligen Orte erklärt; diese Lehre soll nicht beliebig veröffentlicht werden.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 25.22 saṃgrāme sūtake caiva rogabhītau tathāpadi |
tadā kiṃ syānmahādeva tadiha kathayasva me || 22 ||
Was gilt im Krieg, bei geburts- oder todesbedingter Unreinheit, bei Krankheit, Furcht und Not? Erkläre mir dies, großer Gott.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 25.23 aśaucaṃ sādhakendrāṇāṃ nāsti rogabhayaṃ tathā |
śucīnāṃ dharmacaryāṇāmāpadāmudbhavaḥ kutaḥ || 23 ||
Für hervorragende Praktizierende gibt es nach der idealisierenden Lehre keine Unreinheit oder Krankheitsfurcht. Wie sollten bei reinen, dem Dharma folgenden Menschen Nöte entstehen?

25.24 yadi vighno bhaved devi pūrvakarmanibandhanāt |
tadaivaṃ parameśāni vidhiṃ kuryādvicakṣaṇaḥ || 24 ||
Entsteht dennoch durch früheres Karma ein Hindernis, Göttin, so vollziehe der Verständige folgende Ordnung.

25.25 gandhaṃ puṣpaṃ ca dhūpaṃ ca dīpaṃ naivedyameva ca |
etairhīnā tu yā pūjā na sā kalyāṇadāyinī || 25 ||
Duft, Blumen, Räucherwerk, Lampe und Speisegabe: Eine Puja ohne diese gilt gewöhnlich als nicht segenspendend.

25.26 puṣpāñjaliṃ vidhāyātha pūjayeccakradevatāḥ |
aṣṭakoṇaṃ trikoṇaṃ vā baindavaṃ paripūjayet || 26 ||
Man bringe eine Handvoll Blumen dar und verehre die Chakra-Gottheiten; man beschränke sich auf das Achteck, das Dreieck oder den Bindu.

25.27 evaṃ kṛtvā japedvidyāṃ samarpya ca visarjayet |
kumāryai bhojanaṃ dattvā saṃpūrṇaphalabhāg bhavet || 27 ||
Danach wiederhole man die Vidya, bringe die Frucht dar und verabschiede die Göttin. Durch Speisung einer Kumari erlange man die volle Frucht.

25.28 athavādvaitabhāvena ātmānaṃ tanmayaṃ smaret |
advaitabhāvasaṃpannastripurīkṛtavigrahaḥ [he kha pāṭhaḥ |] || 28 ||
Oder man vergegenwärtige in nichtdualer Haltung das eigene Selbst als ganz von ihr erfüllt. In dieser Nichtdualität werde der eigene Leib zu Tripura.

25.29 ātmanyeva yajed devīmupacārairyathāvidhi |
nijadehākhyayantraṃ tu sarvayantrāt paraṃ śivam || 29 ||
Im eigenen Selbst verehre man die Göttin mit den vorgeschriebenen Diensten. Das Yantra namens eigener Körper ist heilvoller und höher als alle anderen Yantras.

25.30 ānandahṛdayaṃ kṛtvā sa(donnā?dā nyā)sena mānavaḥ |
gurūn nutvā vidhānena japedvidyāmananyadhīḥ || 30 ||
Durch Nyasa mache man das Herz wonnevoll, verneige sich vorschriftsmäßig vor den Gurus und wiederhole die Vidya mit ungeteilter Aufmerksamkeit.

25.31 sugandhipuṣpamālābhiḥ svarṇālaṃkārabhūṣaṇaiḥ |
snigdhaṃ sumadhuraṃ yantraṃ kāmarūpaṃ manoharam || 31 ||
Mit duftenden Blumengirlanden und goldenem Schmuck gestalte man dieses körperliche Yantra angenehm, schön, wunschgestaltig und herzerfreuend.

25.32 kṛtvā sumaṅgalaṃ dehe mṛdubhāṣaṇasasmitam |
ahiṃsāvṛttimāśritya sarvaprāṇihite rataḥ || 32 ||
Den Leib glückverheißend schmückend, spreche man sanft und lächle. Man lebe in Ahimsa und sei dem Wohl aller Lebewesen zugewandt.

25.33 nijabhāve sadā tiṣṭhed devavadviharet kṣitau |
duḥkheṣvanudvignamanāḥ sukheṣu vigataspṛhaḥ || 33 ||
Stets ruhe man im eigenen wahren Wesen und lebe auf Erden wie eine Gottheit: im Leid unerschüttert, im Glück frei von gierigem Verlangen,

25.34 vītarāgabhayakrodho mano'haṃkāravarjitaḥ |
yoṣidante puraścaryā kāryā rātrau nacānyathā || 34 ||
frei von Anhaftung, Furcht, Zorn und Ichüberheblichkeit. Die besondere vorbereitende Praxis mit einer erwachsenen Partnerin wird hier der Nacht zugeordnet.

25.35 manastuṣṭau samutpā(nne?te) siṃhavyāghrasamākule |
parasainyāgame vāpi kuryānmānasapūjanam || 35 ||
Bei innerer Bedrängnis oder einem unheilvollen Ereignis – die erste Wendung ist unsicher –, bei Gefahr durch Löwen und Tiger oder beim Einmarsch eines feindlichen Heeres vollziehe man geistige Verehrung.

25.36 kārāgāranibandhe vā pūjādravyavihīnakaḥ |
idaṃ rahasyaṃ paramamidaṃ svastyayanaṃ mahat || 36 ||
Ebenso in Gefangenschaft oder ohne Ritualmittel. Dies ist ein höchstes Geheimnis und ein großes Mittel des Segens.

25.37 mantravedamayaṃ śuddhaṃ pūjākramamanuttamam |
gopayed yatnato divyaṃ sarvasiddhipradāyakam || 37 ||
Diese reine, Mantra und Veda umfassende, unübertreffliche Verehrungsordnung bewahre man sorgfältig; sie gilt als göttlich und alle Vollendungen gewährend.

25.38 jñānadaṃ kāmadaṃ śreṣṭhaṃ sadyaḥ pratyayakārakam |
yasmai kasmai na dātavyaṃ nāstikāya kadācana || 38 ||
Sie gewährt Erkenntnis und Wunscherfüllung und vermittelt unmittelbare Gewissheit. Sie soll nicht wahllos oder an Verächter der Lehre weitergegeben werden.

25.39 etajjñānāt paraṃ jñānī sadyo bhavati tatkṣaṇāt |
devyuvāca kathaṃ tanmānuṣe loke lokānāṃ darśanaṃ bhavet || 39 ||
Wer sie erkennt, wird unmittelbar ein Erkennender des Höchsten. Die Göttin sprach: Wie zeigen sich diese Welten innerhalb der Menschenwelt?

25.40 tatkathaya mahādeva lokadeśavibhedataḥ |
īśvara uvāca mānuṣe[ṣa kha pāṭhaḥ |] bhārataṃ śreṣṭhaṃ tatra ca puṇyadeśakam || 40 ||
Erkläre dies nach den Unterschieden von Welten und Orten, großer Gott. Ishvara sprach: Unter den Menschengebieten wird Bharata besonders geschätzt und darin ein heiliger Lebensraum.

25.41 lokāḥ puṇyaparāḥ śreṣṭhāsteṣāṃ jñānī viśiṣyate |
jñānapuṇyavihīnāstu piśācā bhogatatparāḥ || 41 ||
Menschen, die dem Guten ergeben sind, gelten als hervorragend; unter ihnen zeichnet sich der Erkennende aus. Ohne Erkenntnis und Verdienst, nur dem Genuss hingegeben, werden Menschen mit Pishachas verglichen.

25.42 paśuprāyajanā mlecchāḥ pretalokanivāsinaḥ |
tadastīti pramāṇena jānāti [nanti kha pāṭhaḥ |] na samīhate || 42 ||
Die historisch abwertend als Mlecchas und tierhaft bezeichneten Menschen werden der Preta-Welt zugeordnet. Wer zwar um eine höhere Wirklichkeit weiß, sich aber nicht darum bemüht,

25.43 bhuṅkte bahuvidhān bhogān bhūtalokapramāṇakaḥ |
bhakṣyābhakṣyaṃ na jānānti kāryākāryamathāpi vā || 43 ||
sondern vielerlei Genuss sucht, repräsentiert die Bhuta-Welt. Wer weder erlaubte von unerlaubter Nahrung noch angemessenes von unangemessenem Handeln unterscheidet,

25.44 vartante'vidhinā yajñe bhogairmadhupuraskṛtaiḥ |
te punariha deveśi niśācarapramāṇakāḥ || 44 ||
beim Opfer ohne Ordnung handelt und den Trank an die Spitze des Genusses stellt, repräsentiert hier die Nachtgeister, Herrin der Götter.

25.45 jīvanaṃ dhanamevātra dhanacintārāpayaṇaḥ(parāyaṇaḥ?) [ṇā kha pāṭhaḥ | ] |
dhanasaṃcayakārī ca dānabhogabahiṣkṛtaḥ || 45 ||
Wer Vermögen für das ganze Leben hält, nur an Reichtum denkt, ihn anhäuft und weder gibt noch sinnvoll genießt,

25.46 śiśnodarasu[mu ka pāṭhaḥ |]khe yastu kevalaṃ vartate janaḥ |
yakṣalokapramāṇī ca yakṣaloke mahīyate || 46 ||
und lediglich dem Wohl von Geschlechtsorgan und Bauch lebt, repräsentiert die Yaksha-Welt und werde dort geehrt.

25.47 sadācāramaye deśe sadācāravihāravān |
arogo rūpavān bhogī pitṛloke mahīyate || 47 ||
Wer in einer Umgebung guter Lebensführung selbst gut lebt, gesund, schön und genussfähig ist, werde in der Ahnenwelt geehrt.

25.48 madhyadeśe mahāpuṇye devanadīsamanvite |
pūjyapūjakabhāvena yajñāyajñaviśāradaḥ || 48 ||
Im heiligen Madhyadesha mit seinen göttlichen Flüssen lebt der Kenner von Opfer und Nichtopfer in der Beziehung zwischen Verehrer und Verehrtem.

25.49 śuddhāntaḥkaraṇo vijño mānuṣa[ṣo kha pāṭhaḥ |]lokasūcakaḥ |
bhogamokṣaprade śuddhe kṛṣṇamṛgaviceṣṭite || 49 ||
Innerlich rein und verständig, repräsentiert er die Menschenwelt. In einem reinen Land, das Erfüllung und Befreiung gewährt und in dem schwarze Antilopen leben,

25.50 kartavyamiti sarvāṇi śrutismṛtimayāni ca |
kurute satataṃ bhogī dānabhogaparāyaṇaḥ || 50 ||
vollzieht er die Gebote von Shruti und Smriti als seine Pflicht, genießt und gibt freigebig.

25.51 devavad viharelloke devalokapramāṇakaḥ |
atha triguṇarūpiṇyāḥ pīṭhe traiguṇyahāriṇī [nistraiguṇyadāyake ka pāṭhaḥ |] || 51 ||
Wie ein Gott lebt er in der Welt und repräsentiert die Götterwelt. Am heiligen Sitz der dreifach-gunahaften Göttin, welche die drei Gunas überschreiten lässt,

25.52 mahādevyā mahāpuṇye guhye vā prakaṭe'pi ca |
nirānandairathā[thavā ka pāṭhaḥ |]nandairdakṣiṇottararūpakaiḥ || 52 ||
am großen, heiligen, verborgenen oder offenbaren Pitha, durch freudlose oder freudvolle, rechts- oder linksgerichtete Formen der Praxis,

25.53 atadātmā tadātmā ca yogī vā bhogasaṃyutaḥ |
nistraiguṇyo bhaved devi mahādevīprasādataḥ || 53 ||
noch nicht oder bereits mit ihr wesensgleich, als Yogi oder im Genuss lebend: Durch die Gnade der großen Göttin überschreitet man die drei Gunas.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde puṇyapīṭha-āpatkālapūjādividhinirūpaṇaṃ pañcaviṃśaḥ paṭalaḥ || 25 ||
Hier endet das 25. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Heilige Orte und Verehrung in Notlagen“.

Kapitel 26: Guru, Schüler und Einweihung

Shiva und Parvati erscheinen im Tantra als Gesprächspartner und wechselseitige Lehrer.

ṣaḍviṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 26.1 kīdṛśo vā bhavecchiṣyaḥ kīdṛśo vā bhavedguruḥ |
kīdṛśī vā bhaved dīkṣā kathaṃ kuryādvada prabho || 1 ||
Wie soll ein Schüler beschaffen sein, wie ein Guru? Wie ist die Einweihung und wie wird sie vollzogen? Sage es, Herr.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 26.2 atha dīkṣāṃ pravakṣyāmi mantriṇāṃ hitakāmyayā |
vinānayā na caiva syāt sarvamantraphalaṃ yataḥ || 2 ||
Zum Wohl der Mantra-Praktizierenden werde ich die Einweihung lehren, denn ohne sie entsteht nicht die volle Frucht der Mantras.

26.3 jñānaṃ divyaṃ yato dadyāt kuryāt pāpakṣayaṃ yataḥ |
ato dīkṣeti sā proktā guruśiṣyau vadāmi te || 3 ||
Weil sie göttliche Erkenntnis schenkt und Verfehlungen schwinden lässt, wird sie Diksha, Einweihung, genannt. Nun beschreibe ich dir Guru und Schüler.

26.4 ādau vidyāvatāro'yaṃ dakṣiṇāmūrtiravyayaḥ |
gururbhūtvaiva bhagavān mahāvidyāṃ dadāti vai || 4 ||
Am Anfang dieser Vidya-Überlieferung steht der unvergängliche Dakshinamurti. Als Guru gibt der Erhabene selbst die große Vidya.

26.5 divyo gururṛṣiḥ so'tha divyāṃ vidyāṃ prakāśya ca |
divyaughān akarocchiṣyān vakṣye'tha śṛṇu pārvati |
prakāśo'tha vimarṣo(rśo)'nyastvānando'para ityapi || 5 ||
Er ist göttlicher Guru und Rishi. Nachdem er die göttliche Vidya offenbart hatte, machte er die Lehrer des göttlichen Stromes zu Schülern. Höre ihre Namen, Parvati: Prakasha, Vimarsha und Ananda.

26.6 nāmabhedādahaṃ loke'kalpayaṃ divyarūpataḥ |
trayastebhyaḥ samutpannāḥ siddhāśca traya eva te || 6 ||
Unter diesen verschiedenen Namen ließ ich mich in göttlicher Gestalt in der Welt erscheinen. Aus diesen dreien gingen drei vollendete Lehrer hervor.

26.7 jñānaṃ satyaṃ pūrṇa iti śrīmukhāste samīritāḥ |
divyā madantike nityaṃ siddhā bhūmāvihāpi ca || 7 ||
Sie heißen Jnana, Satya und Purna, jeweils mit ehrendem „Shri“. Die göttlichen Lehrer weilen stets bei mir, die Siddhas auch auf Erden.

26.8 nivasanti tatastebhyaḥ samabhūvaṃstrayastathā |
svabhāvaḥ pratibhastadva[sva ka pāṭhaḥ |]t subhagaśceti nāmataḥ || 8 ||
Aus ihnen entstanden drei weitere: Svabhava, Pratibha und Subhaga.

26.9 te bhūmāveva satataṃ nivasanti madātmakāḥ |
prasannavadanāḥ sarve varābhayakarānvitāḥ || 9 ||
Diese wohnen stets auf Erden und sind meines Wesens. Alle haben freundliche Gesichter und zeigen Gewährung und Furchtlosigkeit.

26.10 dvinetrā dvibhujā ete lalitākārasaṃyutāḥ |
māyālakṣmyādikāstadvadākhyā ānandanāthagāḥ || 10 ||
Sie sind zweiäugig, zweiarmig und anmutig. Ihren Namen gehen Maya und Lakshmi voraus; „Anandanatha“ wird angefügt.

26.11 navānāṃ navanāmāni navārṇāni pṛthak pṛthak |
tāni saptākṣarīyogāt pratyekaṃ ṣoḍaśākṣaram || 11 ||
Die neun Namen besitzen in dieser Bildung jeweils neun Silben; mit einer siebensilbigen Ergänzung werden daraus sechzehnsilbige Formeln.

26.12 nityāṣoḍaśarūpāṇi tāni jñeyānyanukramāt |
vimalā jayinī madhye pūjyā evaṃ varānane || 12 ||
Diese sind der Reihe nach als Gestalten der sechzehn Nityas zu erkennen. Vimala und Jayini werden in der Mitte verehrt, Schönangesichtige.

26.13 nāma paryāyataḥ prāptaṃ kālāvāptamiti dvayam |
prasiddhaṃ bāhyato'nyacca trīṇi nāmāni sādhake || 13 ||
Ein Name wird durch die Überlieferungsfolge empfangen, ein anderer zur entsprechenden Zeit; dazu kommt der öffentlich bekannte Name. So hat der Praktizierende drei Namen.

26.14 manuṣyarūpasaṃprāptaḥ sarvatantrārthatattvavit |
mantratantrāvatā(votha?rāya)vicarāmyahameva saḥ || 14 ||
In Menschengestalt und das Wesen aller Tantras kennend, wandere ich selbst als solcher Lehrer, um Mantra und Tantra herabzubringen.

26.15 guruḥ śākto bhaved ṛddhyai tadanyo viparītadaḥ |
guruḥ sarvaguṇopeto doṣairaspṛṣṭamānasaḥ || 15 ||
Für Gedeihen in dieser Tradition soll der Guru Shakta sein; ein anders ausgerichteter Lehrer könne das Gegenteil bewirken. Der Guru sei mit guten Eigenschaften versehen und innerlich von Fehlern unberührt.

26.16 arogī nātivṛddhaśca(sa?su)vacā mi(sva?ṣṭa)bhāṣaṇaḥ |
sundaraḥ sumukhaḥ svacchastvalobhī[sulabho kha pāṭhaḥ |] bahumantravit || 16 ||
Er sei gesund, nicht übermäßig alt, rede klar und freundlich, sei ansprechend, heiter, lauter, frei von Habgier und kundig in vielen Mantras.

26.17 asaṃśayaḥ saṃśayacchinnigrahānugrahe prabhuḥ |
nirdvando nirahaṃkāraḥ satyavādī dṛḍhavrataḥ || 17 ||
Der Guru ist frei von Zweifel und vermag Zweifel zu lösen; er kann begrenzen und Gnade gewähren. Er ist frei von innerem Zwiespalt und Ichsucht, wahrhaftig und fest in seinen Gelübden.

26.18 āśramyāśramadharmajño mātsaryarahitaḥ śuciḥ |
abahumantrado vāgmī japapūjāparāyaṇaḥ || 18 ||
Er steht in einer Lebensordnung und kennt deren Pflichten, ist frei von Neid und rein. Er verteilt nicht wahllos viele Mantras, spricht gewandt und widmet sich Japa und Verehrung.

26.19 sarvatantrārthavettā ca dayāvān naca hiṃsakaḥ |
yadṛcchālābhasaṃtuṣṭaḥ śānto niyamavānṛjuḥ || 19 ||
Er kennt den Sinn aller Tantras, ist mitfühlend und nicht gewalttätig, zufrieden mit dem, was ihm zukommt, friedvoll, diszipliniert und aufrichtig.

26.20 smerapūrvābhibhāṣitvaṃ svacchatā'ji(kṣa?hma)vṛttitā |
saṃtoṣitvamagarvitvamalobhitvamaninditā || 20 ||
Er spricht mit einem Lächeln, ist klar und ohne Hinterlist im Verhalten, zufrieden, nicht hochmütig, nicht habgierig und ohne tadelnswertes Verhalten.

26.21 apakṣatva[nairapekṣya ka pāṭhaḥ |]mavittecchā gurutvaṃ hitavāditā |
evaṃvidho gururjñeyastvitaraḥ śiṣyaduḥkhadaḥ || 21 ||
Unparteilichkeit, Freiheit vom Verlangen nach Besitz, geistiges Gewicht und heilsames Sprechen zeichnen ihn aus. Als Guru erkenne einen solchen Menschen; ein anderer bringt dem Schüler Leid.

26.22 yathāyogyaguṇaiḥ pūrvairyuktaścātipriyaṃvadaḥ |
viśuddhadehavadanaḥ śuddhāmbaradharaḥ śuciḥ || 22 ||
Der Schüler sei mit den zuvor genannten, für ihn angemessenen Eigenschaften versehen, spreche freundlich, halte Leib und Gesicht rein und trage saubere Kleidung.

26.23 vimukhaḥ paranindāsu devatādarśaneṣu ca |
parānnavanitābhūmipīḍāsu vigataspṛhaḥ || 23 ||
Er sei der Verleumdung anderer abgeneigt; die anschließende Wendung über Gottheitsanschauungen ist textlich unklar. Er begehre weder fremde Speise, Frauen oder Land noch die Schädigung anderer.

26.24 dayānvitaḥ sarvajane prekṣākārī jitendriyaḥ |
āstiko gurubhaktaśca śuddhi(vā?mā)n susthirāśayaḥ || 24 ||
Der Schüler ist allen Menschen gegenüber mitfühlend, handelt überlegt, beherrscht die Sinne, besitzt Vertrauen, ist dem Guru ergeben, rein und von beständigem innerem Entschluss.

26.25 alubdhaḥ sthiramaitraśca guruvākyapramāṇakaḥ |
sarvadā dṛḍhabhaktiśca gurau mantre sadaivate || 25 ||
Er ist nicht habgierig, hält Freundschaft beständig, achtet das Wort des Gurus und besitzt stets feste Hingabe an Guru, Mantra und Gottheit.

26.26 evaṃvidho bhavecchiṣyastvitaro duḥkhakṛdguroḥ |
dīkṣākālaṃ viniścitya muhūrte doṣavarjite || 26 ||
So soll der Schüler beschaffen sein; ein anderer bereitet dem Guru Leid. Nach Bestimmung einer fehlerfreien günstigen Einweihungszeit

26.27 guruṃ samāśrayecchiṣyaḥ prasādāya samāhitaḥ |
prasīda nātha deveti tatheti ca kṛtādaraḥ || 27 ||
nähere sich der Schüler gesammelt dem Guru, um dessen Gnade zu empfangen: „Sei mir gnädig, Herr und Gott!“ Ehrfürchtig nehme er dessen Zustimmung an.

26.28 praṇamyopaviśet pārśve tathā gacchedanujñayā |
mukhāvalokī seveta kuryādādiṣṭamādarāt || 28 ||
Nach der Verneigung setze er sich seitlich und gehe nur mit Erlaubnis. Auf das Gesicht des Lehrers achtend, diene er und erfülle ehrerbietig dessen Anweisung.

26.29 asatyaṃ na vadedagre na bahu pralapedapi |
kāmaṃ krodhaṃ tathā lobhaṃ mānaṃ prahasanaṃ stutim || 29 ||
Vor ihm spreche er weder Unwahrheit noch geschwätzig. Begierde, Zorn, Habgier, Überheblichkeit, spöttisches Lachen und schmeichlerischen Lobpreis

26.30 cāpalāni ca ji(kṣā?hmā)ni kāryāṇi paridevanam |
ṛṇadānaṃ tathādānaṃ vastūnāṃ krayavikrayam || 30 ||
sowie Unbeständigkeit, Hinterlist, Klagen, Geldverleih und Geldaufnahme, Kauf und Verkauf von Gegenständen

26.31 na kuryād guruṇā sārdhaṃ śiṣyo'pi ca kadācana |
yato guruḥ śivaḥ sākṣāttaṃ stuvan praṇaman(tya?bha)jet || 31 ||
betreibe der Schüler nicht mit dem Guru. Denn der Guru gilt als Shiva selbst; ihn verehre man durch Lobpreis und Verneigung.

26.32 yathā deve tathā mantre yathā mantre tathā gurau |
yathā gurau tathā cātmanyevaṃ bhaktikramaḥ priye || 32 ||
Wie die Hingabe an die Gottheit, so sei sie an das Mantra; wie an das Mantra, so an den Guru; wie an den Guru, so an das eigene Selbst. Dies ist die Folge der Hingabe, Geliebte.

26.33 avamanya gurorvākyaṃ svabuddhyā kurute tu yaḥ |
na kadācidbhavet siddhirmantrairdevaprapūjanaiḥ || 33 ||
Wer das Wort des Gurus missachtet und nur nach eigenem Gutdünken handelt, erlangt nach dieser Überlieferungsregel durch Mantra und Verehrung keine Vollendung.

26.34 mantreṇa tasya niyataṃ pūjāṃ kuryādyathoditam |
āsanaṃ śayanaṃ vastraṃ bhūṣaṇaṃ pādukāṃ tathā || 34 ||
Mit seinem Mantra verehre man den Guru regelmäßig nach Vorschrift. Sein Sitz, Bett, Gewand, Schmuck und seine Padukas,

26.35 chāyā kalatramanyacca yad gurostat prapūjayet |
gu[ru?roḥ]śayyāsanaṃ pīṭhamupānacchatrapādukām || 35 ||
sein Schatten, seine Partnerin und alles ihm Zugehörige seien ehrwürdig. Über Bett, Sitz, Podest, Schuhe, Schirm und Padukas des Gurus,

26.36 snānodakaṃ tathā chāyāṃ laṅghayenna kadācana |
guruṃ dṛṣṭvā bhaved hṛṣṭaḥ paramānandanirbharaḥ || 36 ||
über sein Badewasser und seinen Schatten steige man niemals hinweg. Beim Anblick des Gurus sei man froh und von höchster Wonne erfüllt.

26.37 bhītabhītaḥ padāmbhojaṃ paśyeccakitalocanaḥ |
(uo?u)padīkṛtya sarvasvaṃ tadādiṣṭaṃ mudānvitaḥ || 37 ||
Mit ehrfürchtiger Scheu schaue man seine Lotusfüße an. Man bringe alles als Gabe dar und erfülle freudig seine Weisung,

26.38 kuryāt sarvaprayatnena yathā tuṣṭo bhavet tu saḥ |
sakṛt praṇamya daṇḍavadiṣṭadevadhiyā gurum || 38 ||
sorgfältig darauf bedacht, ihn zu erfreuen. Wer sich auch nur einmal lang ausgestreckt vor dem Guru als seiner erwählten Gottheit verneigt,

26.39 pulakāñcitasarvāṅgaḥ pūjākoṭiphalaṃ labhet |
yadyat priyatamaṃ vastu bhaktyā tasmai nivedayet || 39 ||
den ganzen Leib von freudigem Schauer erfüllt, erlangt die Frucht von Millionen Pujas. Was einem besonders lieb ist, bringe man ihm hingebungsvoll dar.

26.40 adattvā gurave vastu yatkiṃcidiha bhūtale |
ātmasāt kurute yastu sa bhavedyoginīpa(tiḥ?śuḥ) || 40 ||
Wer irgendeinen Gegenstand auf Erden für sich beansprucht, ohne ihn zuvor dem Guru darzubringen, wird in der unsicheren Lesung als Pashu der Yoginis bezeichnet.

26.41 yade[dai ka pāṭhaḥ |]va labhyate vastu bhikṣayā vānyaceṣṭayā |
tannivedya tadādiṣṭaṃ svayaṃ bhuñjīta sādaram || 41 ||
Was durch Betteln oder andere Tätigkeit erlangt wird, bringe man dar und genieße es selbst ehrerbietig nach seiner Weisung.

26.42 idameva hi sacchiṣyaiḥ kartavyaṃ guruniṣkṛtiḥ |
yena viśuddhabhāvena sarvathātmārpaṇaṃ gurau || 42 ||
Dies gilt als Dank guter Schüler an den Guru: sich ihm in ganz reiner Haltung umfassend hinzugeben.

26.43 gurutā śiṣyatā caiva tayorvatsarakālataḥ |
dāpayet svakṛtaṃ doṣaṃ patnī pāpaṃ svabhartari || 43 ||
Guru- und Schülerbeziehung werden nach einem Jahr der Erprobung bestätigt. Wie nach der historischen Vorstellung die Schuld einer Ehefrau ihren Mann betrifft,

26.44 tathā śiṣyārjitaṃ pāpaṃ gurumāpnoti niścitam |
sadguruḥ svāśrame śiṣyaṃ varṣamekaṃ parīkṣya vai || 44 ||
so trifft die vom Schüler erworbene Schuld auch den Guru. Deshalb prüfe der wahre Guru den Schüler ein Jahr lang in seinem Ashram.

26.45 dīkṣākālaṃ tataḥ prājño bhāvayet susamāhitaḥ |
śaratkāle ca vaiśākhe dīkṣā śreṣṭhaphalapradā || 45 ||
Dann bestimme der Verständige gesammelt die Einweihungszeit. Im Herbst und im Monat Vaishakha gilt die Einweihung als besonders fruchtbar.

26.46 phālgune mārgaśīrṣe ca jyaiṣṭhe dīkṣā ca madhyamā |
āṣāḍho māghamāsaśca kaniṣṭhau sadbhirādṛtau || 46 ||
In Phalguna, Margashirsha und Jyeshtha gilt sie als mittelmäßig, in Ashadha und Magha als geringer, aber noch anerkannt.

26.47 ninditaḥ śrāvaṇaścaitraḥ pauṣo bhādrapadastathā |
ninditeṣvapi māseṣu dīkṣoktā grahaṇe śubhā || 47 ||
Shravana, Chaitra, Pausha und Bhadrapada werden missbilligt. Auch in diesen Monaten gilt eine Einweihung während einer Finsternis als günstig.

26.48 viṣuvāyanayordvandve āṣāḍhe madanotsave |
grahaṇe'rkasya cendrorvā dinaṃ tatphaladaṃ bhavet || 48 ||
Tagundnachtgleichen, Sonnenwenden, Ashadha, das Liebesfest sowie Sonnen- und Mondfinsternisse werden als fruchtbare Zeiten genannt.

26.49 mantrārambhaṃ sudhīḥ kuryācchuklapakṣe śubhe'hani |
ravau gurau site some kartavyaṃ budhavāsare || 49 ||
Der Verständige beginne die Mantrapraxis an einem günstigen Tag der hellen Monatshälfte: Sonntag, Donnerstag, Freitag, Montag oder Mittwoch.

26.50 pūrṇimā pañcamī caiva dvitīyā saptamī tathā |
trayodaśī ca daśamī praśastā sarvakāmadā || 50 ||
Vollmond, fünfter, zweiter, siebter, dreizehnter und zehnter Mondtag werden als günstig und wunscherfüllend gepriesen.

26.51 pañcāṅgaśuddhadivase svodaye rāśitārayoḥ |
guruśukrodaye śuddhe lagne dvādaśaśobhite || 51 ||
Der Tag sei nach den fünf Kalendergliedern rein, Tierkreiszeichen und Mondhaus günstig, Jupiter und Venus sichtbar, der Aszendent und die zwölf Häuser wohlgestellt.

26.52 candratārānukūle ca sthire dīkṣā śubhā priye |
trividhā sā bhaved dīkṣā māntrī śāktī ca śāṃbhavī || 52 ||
Bei günstigem Mond und Sternbild sowie festem Aszendenten gilt die Einweihung als segensreich, Geliebte. Sie ist dreifach: Mantri, Shakti und Shambhavi.

26.53 mantrārcanāsanasthānadhyānayogādibhiḥ kṛtā |
māntrī dīkṣā ca sā proktā yathāśāstroktarūpiṇī || 53 ||
Die mit Mantra, Verehrung, Sitz, Ort, Meditation, Yoga und weiteren schriftgemäßen Mitteln vollzogene Einweihung heißt Mantri.

26.54 siddhaiḥ svaśaktimālokya tayā kevalayā śiśoḥ |
nirupāyakṛtā dīkṣā śā[kteyo?ktīyaṃ]parikīrtitā || 54 ||
Wenn Vollendete ihre eigene Shakti erkennen und allein durch sie den Schüler ohne weitere Mittel einweihen, heißt dies Shakti-Einweihung; der Name ist in der Vorlage verkürzt.

26.55 abhisaṃdhiṃ vinācāryaśiṣyayorubhayorapi |
deśikānugraheṇaiva śivatāvyaktikāriṇī || 55 ||
Ohne vorherige Absicht von Lehrer oder Schüler, allein durch die Gnade des Meisters, kann Shivas Wesen offenbar werden.

26.56 śiṣṭā [śeṣaṃ ka pāṭhaḥ |] tu śāṃbhavī dīkṣā śivāveśanakāriṇī |
ajñānād viśvavijñānaṃ trāṇaṃ saṃsārabandhanāt || 56 ||
Diese verbleibende Form heißt Shambhavi-Einweihung und bewirkt den Eintritt in Shiva. Was aus Unwissenheit umfassende Erkenntnis und Schutz vor der Samsara-Bindung schafft,

26.57 yataḥ karoti saṃsiddhyai mantra ityucyate tadā |
bhūme parigrahaṃ kuryādyathoktaṃ te mayā purā || 57 ||
heißt deshalb Mantra und dient der Vollendung. Nun bereite man den Boden vor, wie ich dir zuvor erklärt habe.

26.58 śalyādiśodhanaṃ kuryāt yājñe [yājñī ka pāṭhaḥ |] vidhividhānataḥ |
viprāśi[rā?ṣā] vedaghoṣairmaṅgalācārapūrvakam || 58 ||
Man entferne störende Fremdkörper nach der Opferordnung, begleitet von Segensworten der Brahmanen, Veda-Rezitation und glückverheißenden Handlungen.

26.59 vāstorbaliṃ prakurvīta maṇḍalaṃ racayet tathā |
sarvamaṅgalasaṃpattyai vidadhyādaṅkurārpaṇam || 59 ||
Man bringe dem Vastu-Purusha Bali dar, zeichne das Mandala und vollziehe zur Vollständigkeit des Segens das Aussäen der Keime.

26.60 guruḥ kālaṃ viniścitya prāgeva sapta vāsarān |
śiṣyānukūlamantreṇa pūjayet paradevatām || 60 ||
Nach Festlegung des Termins verehre der Guru sieben Tage zuvor die höchste Gottheit mit einem für den Schüler geeigneten Mantra.

26.61 praṇavādyairnamo'ntaiśca rātrau rātrīśanāmabhiḥ |
pro(kta?ktān)balīṃstu teṣāṃ vai vitaredvidhinā guruḥ || 61 ||
Nachts bringe er den Herren der jeweiligen Nacht ihre vorgeschriebenen Bali-Gaben dar, mit Namen zwischen Om und Namah.

26.62 pūjāṃ rātrau prakurvīta dīkpālānapi pūjayet |
tattad dhvajamadhiṣṭhāya tattadvarṇavirājitam || 62 ||
Nachts vollziehe man die Verehrung und ehre auch die Welthüter, jeweils bei ihrem Banner in der entsprechenden Farbe.

26.63 pāyasānnairbaliṃ tebhyo dattvā tān prārthayed guruḥ |
dhārāyuktaṃ vāripātraṃ tattanmantrānumantritam || 63 ||
Der Guru bringe ihnen Milchreis als Bali dar und bete zu ihnen. Ein Gießgefäß mit Wasser, mit dem jeweiligen Mantra besprochen,

26.64 śirasyādhāya deveśi pradakṣiṇamanuvrajet |
yajñaṃ saṃrakṣayed divyamādau gururananyadhīḥ || 64 ||
trage er auf dem Kopf und umschreite den Opferplatz nach rechts. So schütze der Guru zu Beginn gesammelt das göttliche Opfer.

26.65 śakrādisahitā devāḥ pūjitāstarpitāstathā |
ma(thaṃ?khaṃ)rakṣantu saṃtuṣṭā lokapālā namo'stu vaḥ || 65 ||
„Ihr Welthüter mit Indra und den übrigen Göttern, verehrt und gesättigt, schützt zufrieden das Opfer! Verehrung euch!“

26.66 ma(the?kha)grahaṇapūrvedyuḥ sāyameva nivāsanam |
gurvādisahito vāso rātrau niyamapūrvakam || 66 ||
Am Abend vor dem Opferbeginn beginnt das vorbereitende Verweilen; die Nacht verbringe man mit dem Guru unter den vorgeschriebenen Regeln.

26.67 vidhivanmaṇḍapaṃ cāruvedikāmadhyaśobhitam |
patākādhvajasaṃkīrṇaṃ vitānādivibhūṣitam || 67 ||
Die Halle sei vorschriftsmäßig gestaltet, mit einem schönen Altar in der Mitte, Fahnen, Bannern und Baldachinen.

26.68 nirdhūmaśāntasaṃbuddhadīpāvalibhirañcitam |
puṣpākṣataphalaiḥ kumbhairlājairarcirbhira[ravi kha pāṭhaḥ |]rcitam || 68 ||
Rauchfreie, ruhig und hell brennende Lampenreihen, Blumen, Reis, Früchte, Krüge und geröstete Körner schmücken sie.

26.69 tarupallavamālābhiḥ sarvataḥ samalaṃkṛtam |
saṃvṛtaṃ [ntai kha pāṭhaḥ |] kadalīstambhaiḥ pūgopetai[pātrai kha pāṭhaḥ |]ralaṃkṛtam || 69 ||
Girlanden aus jungen Baumblättern zieren sie ringsum; Bananenstämme und Betelpalmen bilden ihren Rahmen.

26.70 pañcagavyena tadgehaṃ cakrarājaṃ śiśuṃ tathā |
śodhayenmūlamantreṇa mantritena varānane || 70 ||
Mit den fünf Kuhprodukten, durch den Wurzelmantra besprochen, reinige man Raum, Shri Chakra und Schüler, Schönangesichtige.

26.71 samānaṃ pañcagavyānāṃ kṛtvā bhāgaṃ viśodhayet |
mūlamantreṇa saṃmantrya kuśāgreṇaiva śodhayet || 71 ||
Man mische die fünf Kuhprodukte zu gleichen Teilen, bespreche sie mit dem Wurzelmantra und vollziehe die Reinigung mit einer Kusha-Spitze.

26.72 tena sarvaviśuddhiḥ syāt sarvapāpanikṛntanam |
mahāpātakajātāni kṛtvā gavyaṃ pibedyadi || 72 ||
Dies gilt als umfassende Reinigung und Tilgung von Schuld. Selbst nach schweren Verfehlungen soll das Trinken dieser Mischung

26.73 nāśayet pānamātreṇa ityāhurvedave[vā ka pāṭhaḥ |]dinaḥ |
susnātaṃ śuddhaveśaṃ ca śiṣyaṃ susthiramānasam || 73 ||
nach Aussage der Vedakundigen die Schuld beseitigen. Der Schüler sei gut gebadet, rein gekleidet und beständigen Geistes.

26.74 ārāt (stho'yaṃ?saṃsthāpya)vidhivad yajedanudinaṃ guruḥ |
homayet saṃskṛte vahnau pāyasairmadhurāplutaiḥ || 74 ||
Ihn in der Nähe aufstellend, verehre der Guru täglich vorschriftsmäßig und opfere im geheiligten Feuer mit süßen Stoffen getränkten Milchreis.

26.75 ācāryaḥ kuṇḍe vidhivat saṃpūjya paradevatām |
mūlenaiva śikhāṃ baddhvā tataḥ śayyāgataṃ śiśum || 75 ||
Nach der Verehrung der höchsten Gottheit am Feuerbecken binde der Lehrer mit dem Wurzelmantra den Haarbüschel des Schülers und führe ihn zur Schlafstätte.

26.76 svapnamānavamāśritya (svāda?svāpa)yet pūrvamastakam |
tāro hilidvayaṃ śūlapāṇaye dvi(ja?ṭha) īritaḥ || 76 ||
Mit dem Svapnamanava-Mantra lasse er ihn mit dem Kopf nach Osten schlafen. Die Formel wird als Om, zweimal „hili“, „śūlapāṇaye“ und ein unsicher gelesener zweifacher Abschluss erschlossen.

26.77 svapnamānavamantro'yaṃ śayane parikīrtitaḥ |
namo'jāya trinetrāya piṅgalāya mahātmane || 77 ||
Dies heißt der Svapnamanava-Mantra für das Schlafengehen. „Verehrung dem Ungeborenen, Dreiäugigen, Gelbbraunen, Großbeseelten,

26.78 rāmāya viśvarūpāya svapnādhipataye namaḥ |
svapne kathaya me tathyaṃ sarvakāryeṣvaśeṣataḥ || 78 ||
dem Erfreuenden, Weltgestaltigen, dem Herrn der Träume! Sage mir im Traum die Wahrheit über alle Vorhaben vollständig.

26.79 kriyāsiddhiṃ vidhāsyāmi tvatprasādānmaheśvara |
mantreṇa svāpa[svapi kha pāṭhaḥ |]kāle tu devaṃ prārthya tataḥ svapet || 79 ||
Durch deine Gnade will ich die Handlung vollenden, großer Herr!“ Mit dieser Formel bete man beim Schlafengehen zum Gott und schlafe dann.

26.80 svapne śubhāśubhaṃ dṛṣṭaṃ pṛcchet prātaḥ śiśuṃ guruḥ |
guruṇā vārcanaṃ kṛtvā upavāsī jitendriyaḥ || 80 ||
Morgens frage der Guru den Schüler nach günstigen und ungünstigen Traumbildern. Nach der Verehrung durch den Guru bleibe der Schüler fastend und sinnenbeherrscht,

26.81 darbhaśayyāgato rātrau dṛṣṭvā svapnaṃ nivedayet |
kanyāṃ chatraṃ rathaṃ dīpaṃ prāsādaṃ (maṅga?kama)laṃ nadīm || 81 ||
liege nachts auf einer Darbha-Unterlage und berichte seinen Traum. Mädchen, Schirm, Wagen, Lampe, Palast, Lotus und Fluss,

26.82 ku(kumaṃkṛṣayaṃ?ñjaraṃ vṛṣabhaṃ)mālyaṃ svarṇaṃ ca phalinaṃ drumam |
parvataṃ ca hayaṃ medhyamāmamāṃsaṃ surāsavam || 82 ||
Elefant, Stier, Girlande, Gold, fruchttragender Baum, Berg, opferreines Pferd, rohes Fleisch und berauschender Trank

26.83 evamādīni sarvāṇi [spṛ?dṛ]ṣṭvā siddhimavāpnuyāt |
cāṇḍālaṃ gardabhaṃ kākaṃ gartaṃ śūnyamamaṅgalam || 83 ||
gelten als günstige Zeichen der Vollendung. Chandala, Esel, Krähe, Grube, Leere und andere als unheilvoll bewertete Bilder,

26.84 tailābhyaktaṃ naraṃ nagnaṃ śuṣkavṛkṣaṃ sakaṇṭhakam |
prāsādama[ṅga?ta]laṃ dṛṣṭvā naro rogamavāpnuyāt || 84 ||
ein ölbeschmierter nackter Mann, ein trockener Dornenbaum oder die Verunreinigung eines Palastes gelten als Krankheitszeichen.

26.85 dṛṣṭvā duḥsvapnakaṃ caiva homāt siddhimavāpnuyāt |
śubhe śubhaṃ vadet tasya juhuyādaśubhe(śubha?śatam) |
astreṇeti kramāt prokto vidhiḥ śiṣyā[śayyā ka pāṭhaḥ |]dhivāsa[ra?ne] || 85 ||
Nach einem ungünstigen Traum soll ein Homa die Vollendung sichern. Bei Gutem verkünde man Gutes; bei Ungünstigem opfere man hundertmal mit dem Astra-Mantra. So lautet die Ordnung der vorbereitenden Schülerweihe.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde gurvādilakṣaṇadīkṣānirūpaṇaṃ ṣaḍviṃśaḥ paṭalaḥ || 26 ||
Hier endet das 26. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Guru, Schüler und Einweihung“.

Kapitel 27: Ordnung der Einweihung

saptaviṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 27.1 atha pūrvānusāreṇa nityaṃ prātaḥ samāpya ca |
devān pitṝn samabhyarcya vastrālaṃkārabhūṣaṇaiḥ || 1 ||
Nachdem man morgens die tägliche Ordnung wie zuvor vollendet und Götter und Ahnen verehrt hat, ehre man mit Gewändern und Schmuck

27.2 ācāryaṃ vṛṇuyād bhaktyā brāhmaṇānapi to[bhū ka pāṭhaḥ |]ṣayet |
śiṣyaḥ [sā?sva]laṃkṛto maunī puṣpacandanabhūṣitaḥ || 2 ||
den hingebungsvoll gewählten Lehrer und erfreue die Brahmanen. Der Schüler sei geschmückt, schweigend und mit Blumen und Sandel versehen.

27.3 nānāmaṅgalavādyaiśca brahmaghoṣapuraḥsaram |
nārīṇāṃ maṅgalāśīrbhirbrāhmaṇānāṃ tathaiva ca || 33 ||
Glückverheißende Instrumente und Veda-Gesang erklingen, begleitet von Segenswünschen der Frauen und Brahmanen.

27.4 jayaśabdānvitaiḥ stotraiḥ saṃtuṣṭaḥ śuddhamānasaḥ |
dīpamālāvalīramyaṃ nānādhūpapradhūpitam || 4 ||
Mit Siegesrufen und Hymnen, zufrieden und reinen Geistes, nähere man sich der von Lampenreihen erhellten und vielerlei Räucherwerk durchdufteten Halle.

27.5 maṇḍapaṃ vidhivad devi pūrvavat praviśed guruḥ |
pūrvavadaparaṃ kṛtvāsane samupaviśya ca || 5 ||
Der Guru betrete sie vorschriftsmäßig wie zuvor, Göttin, vollziehe die vorbereitenden Handlungen und nehme seinen Sitz ein.

27.6 tathāparaṃ ca nirvartya kuṅkumena varānane |
vedikāyāṃ varārohe sindūrarajasāthavā || 6 ||
Nach den weiteren Vorbereitungen zeichne man mit Kumkuma oder Zinnober auf den Altar, Schönangesichtige,

27.7 cakrarāje [ja ka pāṭhaḥ |] tu likhite [ta ka pāṭhaḥ |] tanmadhye darbhavistṛte |
sauvarṇaṃ rājataṃ tāmraṃ maṇikaṃ [mārtika ka pāṭhaḥ |] ca sulakṣaṇam || 7 ||
den König der Chakras. In dessen mit Darbha ausgelegter Mitte stelle man einen wohlgeformten goldenen, silbernen, kupfernen oder kostbaren Krug auf.

27.8 dvātriṃśadaṅgulaṃ kumbhaṃ vistāronnatiśālinam |
kṣālayitvāstra(taṃ?ma)ntreṇa kumbhaṃ samyak sureśvari || 8 ||
Der Krug sei zweiunddreißig Fingerbreiten weit und entsprechend hoch. Man wasche ihn gründlich mit dem Astra-Mantra, Herrin der Götter.

27.9 candanāgurukarpūrarocanākuṅkumairapi |
divyairdravyaistu saṃpūrṇaṃ vāsoyugmena veṣṭitam || 9 ||
Er werde mit Sandel, Aloeholz, Kampfer, Gorochana, Kumkuma und weiteren göttlichen Stoffen gefüllt und mit einem Gewänderpaar umwickelt.

27.10 nūtanaṃ netraramyaṃ ca puṣpamālādyalaṃkṛtam |
dadhicandanasaṃliptaṃ kṣi(ptā?ptvā)ntarnavaratnakam || 10 ||
Neu und augenerfreuend, mit Blumengirlanden geschmückt, mit Dickmilch und Sandel bestrichen, enthalte er die neun Edelsteine.

27.11 madayantīṃ sahadevīṃ dūrvāṃ bhasma tathaiva ca |
mṛtikāḥ sapta vinyastaṃ pallavaiḥ pañcabhiryutam || 11 ||
Madayanti, Sahadevi, Durva, Asche, sieben Erdarten und fünf Arten junger Blätter werden hinzugefügt.

27.12 parito veṣṭitaṃ sūtrai raktaiścātimanoharaiḥ |
yavānāstīrya puṣpāṇi[sa?su]radrumadhiyā guruḥ || 12 ||
Schöne rote Fäden umwinden ihn. Der Guru streue Gerste und Blumen aus; die anschließende Vorstellungsanweisung ist beschädigt.

27.13 mūlamantreṇa saṃsthāpya yajedādhārapūrvakam |
vahnimaṇḍalarūpaṃ taṃ kalābhiḥ saha pūjayet || 13 ||
Mit dem Wurzelmantra setze er den Krug ein und beginne bei der Unterlage. Diese verehre er als Feuerkreis samt seinen Kalas.

27.14 tathā sūryamayaṃ kumbhaṃ kalābhistatra pūjayet |
jalaṃ somamayaṃ tadvat kalābhiśca samarcayet || 14 ||
Den Krug verehre er als Sonne mit ihren Kalas, das Wasser als Mond mit seinen Kalas.

27.15 tejastrayamidaṃ proktaṃ jvalattadātmakaṃ smṛtam |
puṣpaira(ñjāla?ñjali)māpūrya tasminneva pradāpayet || 15 ||
Diese drei Lichter sind die strahlende Grundlage. Eine mit Blumen gefüllte Handschale bringe man dort dar.

27.16 paścimottatarudrendre puṣpapātaḥ śubho'śubhe |
aṣṭottaraśataṃ śāntyai juhuyādastramantrataḥ || 16 ||
Fallen die Blumen nach Westen, Norden, Nordosten oder Osten, gilt dies als günstig. Bei ungünstigem Fall opfere man zur Befriedung 108-mal mit dem Astra-Mantra.

27.17 atha prāguktavidhinā yathākramamanuttamam |
kṛtvā saṃpūjya vidhivadiṣṭvā devadhiyā guruḥ || 17 ||
Danach vollziehe der Guru die zuvor gelehrte vollständige Ordnung und verehre im Bewusstsein der Gottheit.

27.18 aṅgāvṛtīḥ samabhyarcya śrapayitvā caruṃ tataḥ |
bhāgamekaṃ mahādevyai śeṣamagnau hunettataḥ || 18 ||
Nach Verehrung der Angas und Umkreisgöttinnen koche man die Opferkost. Einen Anteil gebe man der großen Göttin, den Rest opfere man ins Feuer.

27.19 aṣṭottaraśataṃ sājyaṃ madhuratritayānvitam |
samiddhe'gnau mahādevīṃ dhyātvā samyak pradhānataḥ || 19 ||
Mit Ghee und den drei süßen Stoffen bringe man 108 Gaben im gut entflammten Feuer dar und meditiere dabei besonders über die große Göttin.

27.20 yo'narciṣi juhotyagnāvasamiddhe ca mānavaḥ |
sa mandāgniḥ sāmayo vā alpāyuścopajāyate || 20 ||
Wer in flammenloses oder ungenügend entfachtes Feuer opfert, werde verdauungsschwach, krank oder kurzlebig.

27.21 tasmāt samiddhe hotavyaṃ nāsamiddhe kathaṃcana |
ārogyamicchatāyuśca śriyamātyantikīṃ tathā || 21 ||
Wer Gesundheit, langes Leben und dauerhaftes Wohlergehen wünscht, opfere daher nur in gut entflammtes Feuer.

27.22 tathābudhaḥ sadhūme ca juhuyādyo hutāśane |
yajamāno bhavedandhaḥ saputraśca vinaśyati || 22 ||
Wer unverständig in rauchendes Feuer opfert, werde nach der drastischen Warnung blind und gehe mit seinen Kindern zugrunde.

27.23 a(tha?pra)dīpte na hotavyaṃ madhyame nāpyanedhite |
pradīpte lelihāne'gnau hotavyaṃ karmasiddhaye || 23 ||
Nicht in schwaches, mittelmäßiges oder unentzündetes Feuer opfere man, sondern zur Vollendung in hell brennendes, flammenzüngelndes Feuer.

27.24 hutvā sā(jñā?ṅgāṃ) maheśānīṃ samāpya tadanantaram |
karma pūrvoktamā(cā?ca)ryya taruṇollāsavān guruḥ || 24 ||
Nachdem der Guru der großen Herrin samt ihren Gliedern geopfert und die zuvor beschriebenen Handlungen vollendet hat, sei er von frischer Freude erfüllt.

27.25 śiṣyamāhūya yatnena vāsasācchādya tanmukham |
viśe(ṣyā?ṣā)rghyodakenaiva tamavo[ve ka pāṭhaḥ |]kṣya vidhānataḥ || 25 ||
Er rufe den Schüler sorgfältig herbei, bedecke dessen Gesicht mit einem Tuch und besprenge ihn vorschriftsmäßig mit dem besonderen Arghya-Wasser.

27.26 kāruṇyā(vinaye?mbunidhe)devi sarvasaṃpattisaṃśraye |
śaraṇye vatsa(lo?le)mātaḥ kṛpāmasmiñ śiśau kuru || 26 ||
„Göttin, Meer des Mitgefühls, Stätte allen Wohlergehens, Zuflucht und liebevolle Mutter, erweise diesem Kind Gnade!

27.27 (aśi?āṇa)vapramukhaiḥ pāśaiḥ pāśitasya sureśvari |
dīnasyāsya dayādhāre kuru kāruṇyamīśvari || 27 ||
Herrin der Götter, er ist durch die Fesseln, angefangen mit der Begrenzung des individuellen Selbst, gebunden. Erbarme dich dieses Bedürftigen, du Grundlage des Mitgefühls!

27.28 aihikāmuṣmikairbhaugairabhisaṃ(bu?ba)ddhyatāmasau |
svabhaktiḥ sakalā cāsmai dīyatāṃ niṣkalāśraye || 28 ||
Lass ihn diesseitige und jenseitige Erfüllung erlangen und schenke ihm umfassende Hingabe an dich, du Grundlage des Ungeteilten!“

27.29 evaṃ prārthya mahādevīmu(drā?dvā)sya hṛdayāmbuje |
śiṣyāya śrāvayed divyaḥ śivo'hamiti bhāvayan || 29 ||
Nach diesem Gebet lasse der Guru die große Göttin in den Herzlotus eingehen und unterweise den Schüler im Bewusstsein „Ich bin Shiva“.

27.30 antastamopahaṃ divyaṃ siddhāntaṃ śrāvayed guruḥ |
(yat?ṣaṭ)triṃśattattvabha(vi?ri)taṃ viśvaṃ sthāvarajaṅgamam || 30 ||
Er lehre die göttliche, innere Finsternis vertreibende Erkenntnis: „Das bewegliche und unbewegliche All ist von sechsunddreißig Tattvas erfüllt.

27.31 śarīraṃ cāpi ta(tro?ttvo)tthaṃ tasminneva dvidhā śivaḥ |
kañcukitaḥ śivo jīvo niṣkañcukaḥ paraḥ śivaḥ || 31 ||
Auch der Körper entsteht aus diesen Prinzipien. Darin ist Shiva zweifach: von Begrenzungshüllen umgeben als Jiva, ohne Hüllen als höchster Shiva.

27.32 ātmajñānamātmavidbhiḥ puruṣārthaḥ samīritaḥ |
varṇātmakaṃ maheśāni nityāḥ śabdāḥ prakīrtitāḥ || 32 ||
Die Kenner des Selbst nennen Selbsterkenntnis das Ziel des Menschen. Die ewigen Klänge besitzen die Gestalt der Laute, große Herrin.

27.33 acintyastviha mantrāṇāṃ prabhāvaḥ samudāhṛtaḥ |
saṃpradāyaparijñānaṃ gurūṇāṃ siddhidāyakam || 33 ||
Die Wirkkraft der Mantras gilt als unermesslich. Kenntnis der Lehrerüberlieferung gewährt Vollendung.

27.34 viśvāsādguruvākyānāṃ sarvasiddhiritīritā |
prāmāṇyaṃ cātra svaniṣṭhaṃ viśvāsaḥ samudāhṛtaḥ || 34 ||
Aus Vertrauen in die Worte des Gurus entstehen die Vollendungen. Vertrauen bedeutet hier eine in der eigenen Erfahrung verwurzelte Gewissheit.

27.35 gurūṇāṃ caiva mantrāṇāṃ devānāmapi pārvati |
manaḥpavanayoścaivamekatvena vibhāvanāt || 35 ||
Guru, Mantra, Gottheiten, Geist und Lebenswind als Einheit zu betrachten,

27.36 antarātmaparijñānamiti jānīhi pārvati |
ānandaṃ brahmaṇo rūpaṃ tacca dehe[ha ka pāṭhaḥ |] vibhāvayet || 36 ||
erkenne als Wissen um das innere Selbst, Parvati. Wonne ist die Gestalt Brahmans; man vergegenwärtige sie im Körper.

27.37 tasyābhivyañjakāḥ pañca makārādyāḥ prakīrtitāḥ |
taireva yajanaṃ tasya guptyā siddhirnacānyathā || 37 ||
Die fünf mit ma beginnenden Ritualstoffe gelten als ihre Offenbarungsmittel. Mit ihnen geschieht die Verehrung; Vollendung verlangt dabei Vertraulichkeit.

27.38 prākaṭyācca[prakṭā ca ka pāṭhaḥ |](va?bha)yaṃ yasmād gopayenmātṛjāravat |
abhedabhāvanādārḍhyādājñāsiddhiḥ samīritā || 38 ||
Weil öffentliche Zurschaustellung Gefahren bringt, bewahre man sie so diskret wie ein Familiengeheimnis. Aus gefestigter Betrachtung der Nichtverschiedenheit entsteht die Wirksamkeit der Weisung.

27.39 na ninded dakṣiṇaṃ vāmaṃ na ninded darśanāni ca |
nindādrohādikartṝṇāṃ gaṇanāṃ naiva kārayet || 39 ||
Man verachte weder den rechten noch den linken Weg und keine philosophische Anschauung. Menschen, die verleumden und Feindschaft stiften, gebe man kein Gewicht.

27.40 rahasyakathanaṃ devi sacchiṣya[ṣyāyai kha pāṭhaḥ |] eva nāpare |
sadā vidyānusaṃdhānaṃ śivabhāvena tatparaḥ || 40 ||
Geheimlehren teile man guten Schülern mit, nicht beliebigen anderen. Stets verbinde man sich mit der Vidya und ruhe ganz in Shiva-Haltung.

27.41 kāmaṃ krodhaṃ tathā lobhaṃ madamohau tathaiva ca |
hiṃsāṃ steyaṃ ca mātsaryaṃ yallokeṣu vigarhitam || 41 ||
Begierde, Zorn, Habgier, Überheblichkeit, Verblendung, Gewalt, Diebstahl, Neid und was sonst zu Recht getadelt wird,

27.42 strīvidveṣādikaṃ caiva varjayenmatimān sadā |
eka eva gururdevastasyaivopāsanaṃ sadā || 42 ||
auch Frauenhass, meide der Verständige stets. Der Guru sei ihm die eine Gottheit; dessen Verehrung pflege er beständig.

27.43 asaṃśayastu sarvatra niṣparigrahatā matā |
phalavirahitaṃ karma tyajedanityameva tat || 43 ||
Freiheit von Zweifel und Besitzgier wird gefordert. Fruchtloses, nicht verpflichtendes Handeln lasse man.

27.44 pañcānāmapyalābhe tu nityaṃ kramavima[rṣa?rśa]nam |
nirbhayatvaṃ ca sarvasmājjñeyaṃ sarva ha[ri?viḥ]priye || 44 ||
Fehlen die fünf Ritualstoffe, unterlasse man dennoch nicht die tägliche Ordnung; die Zeile ist beschädigt. Man bewahre Furchtlosigkeit gegenüber allem, Geliebte.

27.45 svayameva hi hotātra ātmā śi[śa ka pāṭhaḥ |]vastu pāvakaḥ |
ātmalābhātparaṃ nāsti phalaṃ kvāpi ca suvrate || 45 ||
Man selbst ist der Opfernde, das Selbst als Shiva das Feuer. Keine Frucht steht über dem Gewinnen des eigenen Selbst, du mit den guten Gelübden.

27.46 saiṣājñā paramā śaivī kathitā tava pārvati |
vedādisakalā vidyā veśyā iva prakāśitāḥ || 46 ||
Dies ist die höchste Weisung Shivas, Parvati. Die Veden und anderen Wissenszweige sind öffentlich zugänglich, nach dem drastischen Vergleich des Textes wie Kurtisanen.

27.47 sarveṣu darśaneṣveva vidyeyaṃ khalu gopitā |
dhīmāstatraiva dīkṣeta sarvathātmavibhūtaye || 47 ||
Diese Vidya dagegen bleibt in allen Lehrsystemen verborgen. Darin lasse sich der Verständige zur vollständigen Entfaltung des Selbst einweihen.“

27.48 atha śiṣyaśirodeśe [varu?cara]ṇaṃ raktaśuklayoḥ |
bhāvayitvā vapustasya kṣālitaṃ māṃ[mā kha pāṭhaḥ |]sabṛhitam || 48 ||
Dann betrachte der Guru über dem Haupt des Schülers die rote und weiße Kraft; der Anfang der Bildanweisung ist beschädigt. Dessen Leib werde gereinigt und neu gestärkt.

27.49 tadamṛtaiḥ[śra?sra]vadbhiśca kuryād gururudāradhīḥ |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ jvalantīṃ jvalanacchavim || 49 ||
Mit den herabströmenden Nektarfluten vollziehe dies der großherzige Guru. Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra betrachte er die Höchste als flammendes Licht,

27.50 pratīśaṣaharīṃ[?]koṭisūryaprakāśinīṃ parām |
candrakoṭiprabhāṃ śuddhāmajñānendhanadāhikām || 50 ||
strahlend wie Millionen Sonnen und Monde, rein und den Brennstoff der Unwissenheit verbrennend. Eine weitere Eigenschaft ist beschädigt überliefert.

27.51 tattadraśmibhirevāsya pāpapāśāṃstu saṃdahet |
śivo'hamiti niścitya vīkṣet karuṇayā dṛśā [ttaṃ karuṇadravā kha pāṭhaḥ |] || 51 ||
Mit ihren Strahlen verbrenne er die Schuld-Fesseln des Schülers. Fest im Bewusstsein „Ich bin Shiva“, schaue er ihn mit mitfühlendem Blick an.

27.52 sarvapāpavinirmuktaṃ sarvadoṣavivarjitam |
punaḥ svayaṃ śivo bhūtvā asaṃdigdhamanā guruḥ || 52 ||
Der Schüler sei von aller Schuld und allen Fehlern befreit. Erneut selbst Shiva geworden, berühre der Guru ohne Zweifel

27.53 śivahastena śiṣyasya mantraṃ śirasi saṃspṛśet |
japoktakramato yogī śiṣyadehaṃ praviśya tu || 53 ||
mit seiner Shiva-Hand den Kopf des Schülers und übertrage den Mantra. Nach der beim Japa gelehrten Yoga-Ordnung gehe er in dessen Leib ein.

27.54 gṛhītvā tasya cātmānamātmanā yojayed guruḥ |
svayaṃ mantratanurbhūtvā saṃkrāmenmana[sā]darāt || 54 ||
Er nehme dessen Selbst auf und vereinige es mit seinem eigenen. Selbst zum Mantraleib geworden, übertrage er den Mantra ehrerbietig.

27.55 hsauḥvarṇakarṇike śi[kṣya?ṣyaṃ]svaradvandvāṣṭakesare |
digaṣṭakasthitavaṃṭhaṃvargāṣṭayuktadigdale || 55 ||
Der Schüler wird auf das Matrika-Yantra gesetzt: „hsauḥ“ auf dem Fruchtboden, acht Vokalpaare als Staubfäden, „vaṃ ṭhaṃ“ in den acht Richtungen und die acht Lautgruppen auf den Richtungsblättern. Teile der Lautangabe sind beschädigt.

27.56 caturasrāsane śuddhe mātṛkāyantrarājake [kā ka pāṭhaḥ |] |
niveśya sādaraṃ devi kalaśāmṛtadhārayā || 56 ||
Auf diesem reinen viereckigen Sitz, dem König der Matrika-Yantras, setze man ihn ehrerbietig nieder und übergieße ihn mit dem Nektarstrom des Kruges.

27.57 sna[snā ka pāṭhaḥ |]payenmūlavidyābhistri[bhaṅgo?raṅgaiḥ] deśikottamaḥ |
paridhāpya dukūle ca candanādyairvilepayet || 57 ||
Dreimal bade ihn der hervorragende Lehrer mit der Wurzelvidya, bekleide ihn mit feinen Gewändern und salbe ihn mit Sandel und weiteren Stoffen.

27.58 alaṃkṛtya yathālābhaṃ samānaṃ śiṣyaputrakam |
prasannaṃ śāntacittaṃ ca pārśve niveśya deśikaḥ || 58 ||
Nach Möglichkeit schmücke er den wie einen Sohn angenommenen Schüler, freundlich und ruhigen Geistes, und lasse ihn neben sich sitzen.

27.59 tadaṅge mātṛkāṃ nyasya vidyāṅganyāsamācaret |
vimuktamukhavastrasya haste tasya guruḥ svayam || 59 ||
Er setze die Matrika an dessen Leib ein und vollziehe den Anga-Nyasa der Vidya. Nachdem das Gesichtstuch entfernt ist, gebe der Guru ihm in die Hand

27.60 yathādhikāramālocya dravyabhedān prakāśayet |
anyathā sarvahāniḥ syādayogyeṣu prakāśanāt || 60 ||
die Ritualstoffe entsprechend seiner Berechtigung und erläutere ihre Unterschiede. Offenbarung an Ungeeignete führe sonst zum Verlust der Wirksamkeit.

27.61 bhojanaṃ tattvamantraistu kārayed grā[ma?sa]mudrayā |
atha guruḥ prasannātmā pūrvoktāmātmanaḥ parām || 61 ||
Mit den Tattva-Mantras und der entsprechenden Mudra lasse er ihn die Gaben genießen. Dann vermittle der freundlich gestimmte Guru seine zuvor gelehrte höchste

27.62 bālānvitāṃ vidhāyādau pādukāṃ vinivedayet |
dakṣakarṇe diśedbālāṃ paścādiṣṭaṃ nivedayet || 62 ||
Paduka-Formel, zunächst mit Bala verbunden. Ins rechte Ohr lehre er Bala, danach den Mantra der erwählten Gottheit.

27.63 svakīyacaraṇaṃ mūrdhni śiśornikṣipya pārvati |
sarvān mantrān sakṛdvāpi krameṇaiva yathāvidhi || 63 ||
Seinen Fuß lege er auf den Scheitel des Schülers, Parvati, und spreche alle Mantras wenigstens einmal in der vorgeschriebenen Reihenfolge.

27.64 yathādhikāramāvartya svāṅgeṣu ca śiśoḥ karam |
sparśayitvā kimapyaṅgaṃ tadaṅgamātṛkādikam || 64 ||
Entsprechend der Berechtigung wiederhole er sie und lasse die Hand des Schülers einen Teil seines eigenen Leibes berühren. Mit dem diesem Körperteil zugeordneten Matrika-Anfang

27.65 dvyakṣaraṃ tryakṣaraṃ vāpi caturakṣarameva vā |
ānandanāthaśabdāntaṃ nāma kuryādguruḥ pitā || 65 ||
bilde der Guru als geistiger Vater einen zwei-, drei- oder viersilbigen Namen und füge „Anandanatha“ an.

27.66 ācārānanuśiṣyātha [nvaśiṣyartha ka pāṭhaḥ |] hṛccaitanyaṃ parāmṛ(ṣa?śe)t |
tribhiḥ kūṭaistadaṅgaṃ ca triḥ [vipra ka pāṭhaḥ |] pramṛjya guruḥ svayam || 66 ||
Danach unterweise er ihn im Verhalten und vergegenwärtige das Bewusstsein im Herzen. Mit den drei Mantragruppen streiche er dreimal über den Leib des Schülers.

27.67 parirabhya tathā mūrdhni samupā[grā?ghrā]ya sādaram |
ātmarūpaṃ tataḥ kṛtvā śiṣyaṃ [ṣya pūṇī ka pāṭhaḥ |] pūrṇaṃ vibhāvayet || 67 ||
Er umarme ihn, rieche liebevoll an seinem Scheitel, erkenne ihn als sein eigenes Selbst und betrachte ihn als vollkommen.

27.68 aṣṭottarasahasraṃ svaśaktihānyanavāptaye |
prasannātmā japedvidyā tato gururudāradhīḥ || 68 ||
Damit die eigene Kraft nicht geschwächt werde, wiederhole der großherzige, frohe Guru die Vidya 1008-mal.

27.69 kṛtārthaḥ kṛtakṛtyastu yathāvibhavavistaraiḥ |
vittaśāṭhyaṃ parityajya dambhamohau ca ji[mbha?hma]tām || 69 ||
Der nun erfüllte Schüler gebe entsprechend seinen Mitteln, ohne finanzielle Hinterlist, Heuchelei oder Verblendung.

27.70 hastyaśvarathayānādyairdāsadāsībhireva ca |
gobhūhiraṇyavastrādyaistoṣayed gurumātmanaḥ || 70 ||
Die historische Liste nennt Elefanten, Pferde, Wagen, Dienerinnen und Diener, Kühe, Land, Gold und Kleidung als Gaben zur Zufriedenheit des Gurus.

27.71 kumbhādikarṇe yad dravyaṃ sarvamaṇḍapa eva ca |
arthaṃ prāṇāñ śarīraṃ ca sarvaṃ tasmai nivedya ca || 71 ||
Alles beim Krugritual und in der Halle verwendete Gut sowie Besitz, Lebensatem und Leib bringe er ihm dar.

27.72 patitvā pādayormūle daṇḍavad bhuvi mānavaḥ |
namaste bhagavannātha śivāya gururūpiṇe || 72 ||
Lang ausgestreckt falle er vor seinen Füßen auf die Erde: „Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in Gurugestalt!

27.73 prasīda karuṇādhāma[n]mayi dīnatvatāpite |
kāyena manasā vācā tvatto nānyā gatirmama || 73 ||
Sei mir gnädig, Stätte des Mitgefühls, mir von Hilflosigkeit Bedrängtem. Mit Leib, Geist und Rede habe ich keine andere Zuflucht als dich.“

27.74 prasannāstu parā devī bhogamokṣavidhā[pradā kha pāṭhaḥ |]yinī |
tanmanā bhava he putra [tvā?tā]meva tvaṃ sadā smara || 74 ||
Der Guru antworte: „Die höchste Göttin, die Erfüllung und Befreiung gewährt, sei dir gnädig. Richte deinen Geist auf sie, Sohn, und erinnere dich stets an sie.

27.75 dvaitabhāva ca te māstu pūrṇānandamayo bhava |
(vaktraiḥ?uktvo)ttiṣṭheti pīyūṣavacobhirabhi(va?na)ndyatam || 75 ||
Möge in dir keine Vorstellung der Zweiheit sein; sei von vollkommener Wonne erfüllt!“ Mit diesen nektargleichen Worten spreche er: „Steh auf!“

27.76 hastābhyāṃ ca tamutthāpya prasanno'haṃ sadā priya[ye kha pāṭhaḥ |] |
siddhayaḥ sakalāstūrṇaṃ santu te matprasādataḥ || 76 ||
Mit beiden Händen richte er ihn auf: „Ich bin dir stets wohlgesinnt, Lieber. Durch meine Gnade mögen alle Vollendungen rasch dein sein.“

27.77 prasannātmā tathā śiṣyo viditākhilavedyakaḥ |
bhaktiśraddhāsamāyukto bhojayed vai (ddhamāvi?kumāri)kāḥ || 77 ||
Der erfreute Schüler, der alles zu Erkennende verstanden hat, speise hingebungsvoll und vertrauensvoll die Kumaris; die Bezeichnung ist mit einer Lesungsunsicherheit überliefert.

27.78 brāhmaṇān paritoṣyātha dīnāndhakṛpaṇānapi |
pakvānnairatimiṣṭaiśca jñātīnapi ca bhojayet || 78 ||
Er erfreue Brahmanen, Bedürftige, Blinde und Hilflose und speise auch seine Verwandten mit wohlschmeckenden gekochten Speisen.

27.79 gandhairnānāvidhaiḥ puṣpairmālyairapi ca toṣayet |
tebhya āśiṣa ādāya samarthīyā [yān ka pāṭhaḥ |] jayāvahāḥ [ha ka pāṭhaḥ |] || 79 ||
Mit verschiedenen Düften, Blumen und Girlanden erfreue er sie und empfange ihre kraftvollen, segensreichen Wünsche.

27.80 sadgurorāhitadīkṣo mahāvidyādharo mahān |
sarvamantrādhikārī syāt sarvajño bhuvi jāyate || 80 ||
Vom wahren Guru eingeweiht und Träger der großen Vidya, wird er für die Mantrapraxis berechtigt und als umfassend Wissender auf Erden gepriesen.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde dīkṣāvidhānanirūpaṇaṃ saptaviṃśaḥ paṭalaḥ || 27 ||
Hier endet das 27. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Ordnung der Einweihung“.

Kapitel 28: Purascharana

aṣṭāviṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 28.1 puraścaryāvidhiṃ brūhi vidyāsiddhirbhavedyathā |
īśvara uvāca atha vakṣye vidhānāni pauraścaraṇake vidhau || 1 ||
Die Göttin sprach: Lehre die Purascharana-Ordnung, durch die die Vidya vollendet wird. Ishvara sprach: Nun erkläre ich diese vorbereitende Vertiefung,

28.2 vinā yena na siddhaḥ syānmantro varṣaśatairapi |
yathāvidhi gurordīkṣāṃ gṛhītvā sādhakottamaḥ || 2 ||
ohne die ein Mantra selbst nach hundert Jahren nicht vollendet wird. Der hervorragende Praktizierende empfange zunächst vorschriftsmäßig die Einweihung vom Guru.

28.3 tathaiva tu yajed devīṃ nityaṃ prātarananyadhīḥ |
ātmānaṃ tanmayaṃ smṛtvā bhaktiśraddhāsamanvitaḥ || 3 ||
Dann verehre er die Göttin täglich morgens mit ungeteilter Aufmerksamkeit, sich selbst als von ihr erfüllt erkennend, voller Hingabe und Vertrauen.

28.4 aṣṭottarasahasraṃ vā lakṣārdhaṃ yāvadeva hi |
tāvadeva manuṃ japtvā puraścaryāṃ samācaret || 4 ||
Täglich wiederhole er eine festgelegte Zahl zwischen 1008 und fünfzigtausend und vollziehe so die Purascharana.

28.5 nyūnātiriktadoṣāṇāṃ śāntāvaṣṭādhikaṃ japet |
gurorājñāṃ samādāya śuddhāntaḥkaraṇo naraḥ || 5 ||
Zur Befriedung von Zählfehlern füge man acht Wiederholungen hinzu. Nach Empfang der Erlaubnis des Gurus führe man mit reinem innerem Wesen

28.6 yatnāt puraskriyāṃ kuryāt svavidyāsiddhikāṅkṣayā |
sarveṣāmeva mantrāṇāṃ vidyānāṃ caiva pārvati || 6 ||
sorgfältig die Vorbereitung durch, im Wunsch nach Vollendung der eigenen Vidya. Für sämtliche Mantras und Vidyas, Parvati,

28.7 gurorājñaiva mūlaṃ syāt siddhiryasmāt tadājñayā |
aśraddhā caiva nāstikyaṃ pūrvajanmakṛtā[tā kha pāṭhaḥ |]śubham || 7 ||
ist die Erlaubnis des Gurus Grundlage, denn durch sie entsteht Vollendung. Mangelndes Vertrauen, Verneinung der Lehre und ungünstiges Karma früherer Geburt

28.8 pratibandhatrayaṃ devi mantrasiddhau nigadyate |
yatnāt puraścarenmantrī pratibandhavināśane || 8 ||
heißen die drei Hindernisse der Mantravollendung, Göttin. Zu ihrer Beseitigung vollziehe der Praktizierende sorgfältig Purascharana.

28.9 lakṣmīmadādanādṛtya mantraṃ tathā naiva puraskriyām || 9 ||
Wer aus Überheblichkeit über seinen Wohlstand den Mantra missachtet und die Vorbereitung unterlässt – der Vers ist verkürzt –,

28.10 sa mantrasya ṛṇī jñeyo bha[ya kha pāṭhaḥ |]janaṃ tasya śāntaye |
jīvahīno yathā dehaḥ[ho ka pāṭhaḥ |] sarvakarmasu na kṣamaḥ || 10 ||
gilt als Schuldner des Mantras; Verehrung dient der Begleichung. Wie ein lebloser Körper zu keiner Handlung fähig ist,

28.11 puraścaraṇahīno'pi tathā mantraḥ prakīrtitaḥ |
tat kuryāt sarvathā mantrī guruṃ vā kārayedbudhaḥ || 11 ||
so gilt ein Mantra ohne Purascharana. Deshalb vollziehe sie der Kundige selbst oder lasse sie vom Guru ausführen.

28.12 gurorabhāve vipro'sya sarvaprāṇihite rataḥ |
śuddhāntaḥkaraṇaḥ snigdho vāsobhiśca viśeṣataḥ || 12 ||
Fehlt der Guru, kann ein Brahmane, der allen Wesen wohlgesinnt, innerlich rein, freundlich und sauber gekleidet ist,

28.13 kulajñaḥ kulaśāstrajñaḥ punarguruḥ puraskriyām |
kārayitvā punarvidyāṃ labdhvā tu [ti ka pāṭhaḥ |] viniyojayet || 13 ||
der Kula und seine Schriften kennt, als weiterer Lehrer die Vorbereitung vollziehen. Danach empfange man die Vidya erneut und wende sie an.

28.14 ādau puraskriyāṃ kartuṃ puṇyakṣetraṃ samāśrayet |
caturdaśyāmathāṣṭamyāmamāvasyāmuhūrtake || 14 ||
Zu Beginn suche man einen heiligen Ort auf. Am vierzehnten oder achten Mondtag oder zur Neumondzeit

28.15 devyāḥ puraskriyārambhaḥ kartavyaḥ sādhakottamaiḥ [maḥ ka pāṭhaḥ |] |
atha pūrvamupoṣyātha kṛtanityakriyaḥ śuciḥ || 15 ||
sollen hervorragende Praktizierende die Vorbereitung der Göttin beginnen. Zuvor faste man, vollende die tägliche Ordnung und sei rein.

28.16 dvijān devān gurūn bhaktyā saṃpūjya parameśvari |
gaṇeśaṃ mātṛkā[kā cai ka pāṭhaḥ |]ścaiva pitṝṃścaiva prapūjayet || 16 ||
Man verehre hingebungsvoll Brahmanen, Gottheiten und Gurus, höchste Herrin, ebenso Ganesha, die Mütter und die Ahnen.

28.17 grāme vā nagare deśe pure vā pattane tathā |
kṣetrādhipasya nāmnā tu dīpasthānaṃ vicārayet || 17 ||
In Dorf, Stadt, Land, Festung oder Hafen bestimme man den Lampenplatz nach dem Namen des Gebietsherrn.

28.18 śaktikṣetre śivakṣetre dīpasthānaṃ vicintayet |
vartulaṃ racayed devi kūrmākṛti sulocane || 18 ||
Auch in Shakti- und Shiva-Bezirken bestimme man den Lampenplatz. Man zeichne einen Kreis in Schildkrötenform, Göttin, Schönäugige.

28.19 tanmadhye nava koṣṭhāni kṛtvā varṇān samālikhet |
svarān yugmakrameṇaiva dikṣu cāṣṭadaleṣu ca || 19 ||
Darin lege man neun Felder an und schreibe die Laute hinein; die Vokale paarweise in die acht Richtungsblätter.

28.20 avargaḥ kathito devi kavargādikasaptakam |
pūrvādikramato devi kuberāntaṃ likhettataḥ || 20 ||
Die Vokalgruppe und die sieben Konsonantengruppen von ka an werden von Osten bis Norden angeordnet, Göttin.

28.21 ḻakṣavarṇa śaṃbhukoṇe vilikhet kūrmasaṃjñake |
yasmin koṣṭhe kṣetranāma tanmukhaṃ viddhi pārvati || 21 ||
In die nordöstliche Ecke schreibe man ḻa und ksha. Das Feld mit dem Anfangslaut des Ortsnamens ist das Gesicht der Schildkröte, Parvati.

28.22 aṅgeṣu pārśvayoḥ pāṇiyugmaṃ jānīhi sundari |
tataḥ pārśvadvayaṃ devi kukṣisthānaṃ nigadyate || 22 ||
Die beiden seitlich angrenzenden Glieder sind ihre Hände, Schöne; die nächsten beiden Seitenfelder ihre Bauchgegend.

28.23 tataḥ pādadvayaṃ devi cānte pucchaṃ prakīrtitam |
mukhe kāryāṇi sidhyanti manorathaśatāni ca || 23 ||
Dann folgen beide Füße und zuletzt der Schwanz. Am Gesicht gelingen Handlungen und hunderte Wünsche.

28.24 kaṇṭhasthāne maheśāni sarvakāryavināśakṛt |
udare duḥkhadāridryaṃ pādayorhānirucyate || 24 ||
Am Hals drohe Vereitelung aller Vorhaben, große Herrin, am Bauch Leid und Armut, an den Füßen Verlust.

28.25 pucche tu dhanahāniḥ syādityevaṃ kathitaṃ mayā |
dīpasthānaṃ samāśritya japapūjāṃ samācaret || 25 ||
Am Schwanz drohe Vermögensverlust. So habe ich es erklärt. Am festgelegten Lampenplatz vollziehe man Japa und Puja.

28.26 pūrvoktavidhisaṃpannaṃ guruṃ natvā vidhānataḥ |
akṣamālāṃ samāśritya mātṛkāṃ varṇarūpiṇīm || 26 ||
Nach der früher gelehrten Vorbereitung und der Verneigung vor dem Guru verwende man die Zählkette als lautgestaltige Matrika,

28.27 mantrasiddhipradāṃ śuddhāṃ sarvapāpaughanāśinīm |
praṇavo mātṛkā devī māyā caivāmṛtatrayam || 27 ||
rein, Mantravollendung gewährend und alle Schuld tilgend. Om, die Göttin Matrika und Maya sind die drei Nektare.

28.28 amṛtatrayasaṃyogād duṣṭamantro'pi sidhyati |
atha muktāphalamayī vāṅmokṣaphaladāyinī || 28 ||
Durch ihre Verbindung kann selbst ein beeinträchtigter Mantra vollendet werden. Eine Perlenkette gewährt Redekraft und Befreiung,

28.29 sarvasiddhipradā nityaṃ sarvalokavaśaṃkarī |
yathā muktāphalamayī sphāṭikī ca tathā bhavet || 29 ||
sämtliche Vollendungen und Einfluss in allen Welten. Eine Kristallkette gilt wie eine Perlenkette.

28.30 rudrākṣamālikā bhogamokṣānantaphalapradā |
pravālamālā vaśye tu sarvakāryārthasādhikā || 30 ||
Eine Rudraksha-Kette gewährt Genuss, Befreiung und unbegrenzte Früchte; eine Korallenkette dient der Einflussgewinnung und der Verwirklichung aller Ziele.

28.31 [malinā?māṇikya]racitā mālā sāmrājyaphaladāyinī |
putrajīvodbhavā mālā putrapautrapradāyinī || 31 ||
Eine im Text ohne Materialangabe genannte Kette gewährt Königsherrschaft; eine Putrajiva-Kette Kinder und Enkel.

28.32 padmākṣamālayā lakṣmīrjāyate mahatī yaśaḥ |
raktacandanamālā tu vaśye sarvasamṛddhidā || 32 ||
Eine Lotus-Samenkette gewährt großes Glück und Ansehen; eine Kette aus rotem Sandel Einfluss und umfassendes Gedeihen.

28.33 mahāśaṅkhamayī mālā māraṇoccāṭanādiṣu |
vīrāṇāṃ śasyate sā hi śeṣayorna śubhapradā || 33 ||
Eine Kette aus „großer Muschel“, hier Knochen- beziehungsweise Schädelmaterial, wird für Vernichtungs- und Vertreibungsriten der Viras empfohlen, nicht für die beiden anderen Praktizierendengruppen.

28.34 pañcāśadbhiḥ śataiḥ kuryādaṣṭāviṃśati [reva?bhiśca] vā |
na nyūnairnādhikaiḥ kāryā bījādyairna vibhūtaye || 34 ||
Man fertige sie mit fünfzig, hundert oder achtundzwanzig Perlen; die Zahlenangabe ist grammatisch unregelmäßig. Für Wohlergehen soll sie weder weniger noch mehr enthalten.

28.35 eko merustatra deyaḥ sarvebhyaḥ sthūlasaṃbhavaḥ |
ādyaṃ sthūlaṃ tato [tatastasmāt kha pāṭhaḥ |] nyūnaṃ nyūnaṃ nyūnataraṃ tataḥ || 35 ||
Ein Meru werde eingefügt, größer als die übrigen Perlen. Auf die größte Perle folgen schrittweise kleinere.

28.36 vinyaset kramatastasmāt sarpākārā [vi?pya[ca sā yata ka pāṭhaḥ |]]nāyatā |
brahmagranthiyutaṃ kuryāt pratibījaṃ tathāsthitam || 36 ||
So entstehe eine langgestreckte Schlangenform. Zwischen jeder Perle binde man einen Brahma-Knoten.

28.37 anyathā viphalā mālā saṃskṛtā japakarmaṇi |
rudrākṣairyadi japyeta indrākṣaiḥ sphāṭikaistathā || 37 ||
Andernfalls bleibe die Mala beim Japa trotz Weihe fruchtlos. Werden Rudraksha, Indraksha oder Kristall verwendet,

28.38 nānyanmadhye prayoktavyaṃ putrajīvādikaṃ tu yat |
yadā1nyattu prayuñjīta mālāyāṃ japakarmaṇi || 38 ||
mische man keine anderen Materialien wie Putrajiva hinein. Eine solche Mischung beim Japa

28.39 miśrībhāvaṃ tadā yāti caṇḍālaiḥ pāpakarmabhiḥ |
ekajātīyabījena yaḥ kuryānmālikāṃ sadā || 39 ||
wird im historischen Reinheitsdenken mit sozialer Vermischung gleichgesetzt. Wer stets eine Kette aus einheitlichem Material fertigt,

28.40 janmāntare jāyate sa vedavedāṅgapāragaḥ |
pūrvoktena vidhānena gṛhītvā divyamālikām || 40 ||
werde in einer späteren Geburt ein Kenner von Veda und Vedangas. Nach der zuvor gelehrten Ordnung nehme man die göttliche Mala auf

28.41 japaṃ samārabhet paścāt proktayogasamanvitaḥ |
tatra sthitvā japedvidyāṃ lakṣamātraṃ sadā śuciḥ || 41 ||
und beginne mit dem beschriebenen Yoga das Japa. An diesem Ort wiederhole man rein die Vidya hunderttausendmal.

28.42 dadhi kṣīraṃ ghṛtaṃ gavyamaikṣavaṃ guḍavarjitam |
tilāścaiva sitā mudgāḥ kandaḥ kemukavarjitaḥ || 42 ||
Als geeignete Nahrung gelten Dickmilch, Milch, Kuh-Ghee, Zuckerrohrerzeugnisse außer Rohzucker, Sesam, weiße Mungbohnen und Wurzeln außer Kemuka,

28.43 nārikelaphalaṃ caiva kadalī lava(ṇī?lī) tathā |
āmramāmalakaṃ caiva panasaṃ ca harītakī || 43 ||
Kokosnuss, Banane, Lavali, Mango, Amalaki, Jackfrucht und Haritaki.

28.44 vratāntarapraśastaṃ ca haviṣyaṃ manyate budhaiḥ |
avaiṣṇavamalabhyaṃ ca yadaśastaṃ vratāntare || 44 ||
Was in anderen Gelübden empfohlen wird, erkennen die Kundigen als geeignete Opferkost an. Nicht anerkannte, nicht verfügbare oder in anderen Gelübden missbilligte Nahrung

28.45 tyājyameva tu tat sarvaṃ yadīcchet siddhimātmanaḥ |
kṣāraṃ ca lavaṇaṃ māṃsaṃ gṛñjanaṃ kāṃsya2bhojanam || 45 ||
meide man, wenn man Vollendung erstrebt: Laugen, Salz, Fleisch, Grinjana und Essen aus Bronzegefäßen,

28.46 māṣāḍhakīmasūrāṃśca kodravāṃścaṇakānapi |
tāmbūlaṃ ca dvibhaktaṃ ca duḥsaṃvādaṃ pramattatām || 46 ||
schwarze Bohnen, Straucherbsen, Linsen, Kodrava-Hirse, Kichererbsen, Betel, zwei Mahlzeiten täglich, Streitgespräche und Unachtsamkeit.

28.47 śrutismṛtiviruddhaṃ ca japaṃ rātrau vivarjayet |
bhūśayyā brahmacāritvaṃ maunaṃ cāpyanasūyatā || 47 ||
Was Shruti und Smriti widerspricht sowie nächtliches Japa meide man in dieser besonderen Disziplin. Schlafen auf dem Boden, Brahmacharya, Schweigen und Neidlosigkeit,

28.48 nityaṃ triṣavaṇasnānaṃ kṣudrakarmavivarjanam |
nityapūjā nityadānaṃ deva3tāstutikīrtanam || 48 ||
täglich dreimaliges Baden, Verzicht auf niedere Magie, tägliche Puja und Freigebigkeit, Lobpreis der Gottheit,

28.49 naimittikārcanaṃ caiva viśvāso gurudevayoḥ |
japaniṣṭhā dvādaśaite dharmāḥ syurmantrasiddhidāḥ || 49 ||
anlassgebundene Verehrung, Vertrauen in Guru und Gottheit sowie Beständigkeit im Japa: Diese zwölf Regeln gewähren Mantravollendung.

28.50 strīśūdrapatitavrātya[patito?nāstiko]cchiṣṭabhāṣaṇam |
asatyabhāṣaṇaṃ ji(kṣa?hma)bhāṣaṇaṃ parivarjayet || 50 ||
Unwahre und hinterlistige Rede vermeide man. Die historische Vorschrift schränkt außerdem Gespräche mit Frauen, Shudras, sozial Ausgeschlossenen und rituell Unreinen ein; die Aufzählung ist teilweise beschädigt.

28.51 sa(tyai?bhyai)rapi na bhāṣeta japahomārcanādiṣu |
anyathānuṣṭhitaṃ sarvaṃ bhavatyeva nirarthakam || 51 ||
Bei Japa, Homa und Puja spreche man selbst mit achtbaren Menschen nicht nebenher. Sonst werde die gesamte Übung bedeutungslos.

28.52 vāṅmanaḥkarmabhirnityaṃ niḥspṛhāvān bhavet sadā |
varjayed gīta[nṛtyā?vādyā]diśravaṇaṃ nṛtyadarśanam || 52 ||
In Rede, Geist und Handlung bleibe man frei von Verlangen. Man meide das Hören von Liedern und anderen Darbietungen sowie Tanzaufführungen.

28.53 mālyaṃ ca gandhalepaṃ ca puṣpadhāraṇameva ca |
maithunaṃ tatkathālāpaṃ tadgoṣṭhīṃ parivarjayet || 53 ||
Girlanden, Duftsalben, Blumenschmuck, Geschlechtsverkehr, Gespräche darüber und entsprechende Gesellschaft meide man während dieser Disziplin.

28.54 kauṭilyaṃ kṣauramabhyaṅgamaniveditabhojanam |
prāṇihiṃsāṃ na kurvīta puraścaraṇakṛnnaraḥ || 54 ||
Ebenso Hinterlist, Rasieren, Ölmassagen und nicht dargebrachte Nahrung. Wer Purascharana vollzieht, verletze kein Lebewesen.

28.55 asnātāṃśca dvijāñ śūdrān striyo naiva spṛśettathā |
asaṃkalpitakṛtyaṃ ca varjayenmardanādikam || 55 ||
Nach den historischen Reinheitsregeln berühre man keine ungewaschenen Brahmanen, Shudras oder Frauen. Nicht im Gelübde vorgesehene Tätigkeiten wie Massagen unterlasse man.

28.56 tyajeduṣṇodakasnānaṃ sugandhāmalakādikam |
śivāṅgaṃ pañjagavyena kṣālayed bahirantaram || 56 ||
Heiße Bäder und duftende Amalaki-Zubereitungen meide man. Den als Shiva-Leib betrachteten Körper reinige man innen und außen mit den fünf Kuhprodukten.

28.57 snāyācca pañcagavyena kevalāmalakena vā |
apavitrakaro [apavrakaralagno vā śi ka pāṭhaḥ |] nagnaḥ śirasi prāvṛto'pivā || 57 ||
Man bade mit dieser Mischung oder einfachem Amalaki. Mit unreiner Hand, nackt oder verhülltem Kopf,

28.58 nirāsanaḥ śayāno vā gacchannutthita eva vā |
rathyāyāmaśiva[māśaba ka pāṭhaḥ |]sthāne na japet timirālaye || 58 ||
ohne Sitz, liegend, gehend, stehend, auf der Straße, an unheiligen Orten oder in dunklen Räumen vollziehe man dieses Japa nicht.

28.59 pralapan vā japed yāvat tāvanniṣphalamucyate |
sukṛduccārite śabde praṇavaṃ samudīrayet || 59 ||
Solange man beim Japa nebenher redet, gilt es als fruchtlos. Nach einem einzelnen gesprochenen Wort rezitiere man Om.

28.60 prokte pāmaraśabde tu prāṇāyāmaṃ sakṛccaret |
bahupralāpe cācamya nyasyāṅgāni tato japet || 60 ||
Nach einem groben Wort vollziehe man einmal Pranayama; nach längerem Reden Achamana und Anga-Nyasa, dann setze man das Japa fort.

28.61 patitānāmantyajānāṃ darśane bhāṣaṇe śrute |
kṣute'dhovāyugamane jṛmbhaṇe japamutsṛjet || 61 ||
Beim Sehen, Ansprechen oder Hören sozial Ausgeschlossener sowie beim Niesen, Entweichen von Darmwind oder Gähnen unterbreche man nach dieser historischen Regel das Japa.

28.62 kṛtvācamya japeccheṣaṃ yadvā sūryādidarśanam |
śayīta kuśaśayyāyāṃ śucivastradharaḥ sadā || 62 ||
Nach Achamana oder dem Anschauen der Sonne setze man den Rest fort. Stets sauber gekleidet schlafe man auf einer Kusha-Unterlage.

28.63 pratyahaṃ kṣālayecchayyāmekākī nirbhayaḥ svapet |
evamādīṃśca niyamān puraścaraṇakṛccaret || 63 ||
Die Schlafstätte reinige man täglich und schlafe allein und furchtlos. Solche Regeln befolge der Purascharana-Übende.

28.64 evamuktavidhānena vilambatvaritaṃ vinā |
uktasaṃkhyājapaṃ kuryāt puraścaraṇasiddhaye || 64 ||
Nach dieser Ordnung wiederhole man ohne Hast oder Schleppen die vorgeschriebene Zahl, um Purascharana zu vollenden.

28.65 devatāgurumantrāṇāmaikyaṃ saṃbhāvayan dhiyā |
japedekamanāḥ prātaḥkālānmadhyaṃdināvadhi || 65 ||
Gottheit, Guru und Mantra innerlich als Einheit betrachtend, übe man einspitzig vom Morgen bis zum Mittag.

28.66 yatsaṃ(khyāmā?khyayā)samārabdhaṃ tacca kuryyāddine dine |
yadi nyūnādhikaṃ kuryād vratabhraṣṭo bhavennaraḥ || 66 ||
Die anfänglich festgelegte Anzahl halte man täglich ein. Weniger oder mehr gilt als Verletzung des Gelübdes.

28.67 nairantaryavidhiḥ prokto na dinaṃ vyatilaṅghayet |
divasātikramāt (teṣāṃ?puṃsaḥ) siddhihāniḥ prajāyate || 67 ||
Ununterbrochene Fortführung wird vorgeschrieben; keinen Tag lasse man aus. Durch Auslassen eines Tages werde die Vollendung beeinträchtigt.

28.68 mantraṃ japtvāmbu pānīyaiḥ sulocanamabhojanam (?) |
kuryādyathoktavidhinā trisaṃdhyaṃ devamarcayet || 68 ||
Die erste Zeile über Mantrawiederholung, Wasser und Nahrung ist verderbt. Man vollziehe die zuvor gelehrte Ordnung und verehre die Gottheit zu den drei Sandhya-Zeiten.

28.69 ekasaṃdhyaṃ dvisaṃdhyaṃ vā na mantraṃ kevalaṃ japet |
ekagrāme sthito gatvā vandeta kevalaṃ gurum || 69 ||
Auch ein- oder zweimalige Sandhya-Verehrung wird zugelassen; man betreibe nicht bloß isoliertes Japa. Wohnt der Guru im selben Dorf, suche man ihn zur Verneigung auf.

28.70 praṇāmo'ṣṭāṅga evātra devatāvandanaṃ tathā |
nityaṃ naimittikaṃ kuryāt saṅgaṃ ca sādhubhiḥ saha || 70 ||
Die Verneigung sei achtgliedrig, ebenso die Verehrung der Gottheit. Man erfülle tägliche und anlassgebundene Pflichten und pflege Gemeinschaft mit guten Menschen.

28.71 śaktau triṣavaṇasnānaṃ dve sakṛdvā tathā caret |
parakīyatare toye snānaṃ pūrvaṃ samācaret || 71 ||
Wenn möglich, bade man dreimal, sonst zweimal oder einmal. Bei fremden Wasserstellen vollziehe man zunächst die vorgeschriebene Vorbereitung; die Zeile ist unklar.

28.72 saṃkhyāpūrtau nijairdravyairjapasaṃkhyādaśāṃśataḥ |
yathoktavihite kuṇḍe juhuyāt saṃskṛte'nale || 72 ||
Nach Vollendung der Zahl opfere man mit eigenen Mitteln ein Zehntel der Japa-Zahl im vorschriftsmäßigen Feuerbecken und geheiligten Feuer.

28.73 athavā pratyahaṃ japtvā juhuyāttaddaśāṃśataḥ |
tathā homadaśāṃśaṃ tu jale saṃpūjya devatām || 73 ||
Oder man opfere täglich nach dem Japa dessen zehnten Teil. Danach verehre man die Gottheit im Wasser und vollziehe Tarpana in einem Zehntel der Homa-Zahl.

28.74 tarpayāmīti mantrānte proktādbhirmūrdhni tarpayet |
japo homastarpaṇaṃ ca (pū?mṛ)jā brāhmaṇabhojanam || 74 ||
Mit dem Abschluss „tarpayāmi“ bringe man das vorgeschriebene Wasser am Haupt dar. Japa, Homa, Tarpana, Besprengung und Brahmanenspeisung

28.75 pūrvapūrvadaśāṃśena kuryāt pañcāṅgasaṃyutam |
svābhiṣekāghamarṣau ca sūryārghyaṃ jalapānakam || 75 ||
bilden die fünf Glieder, jeweils in einem Zehntel der vorangehenden Zahl. Hinzu kommen Selbstbesprengung, Aghamarshana, Sonnen-Arghya und rituelles Wassertrinken,

28.76 prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryāt pūrvapūrvadaśāṃśataḥ |
daśāṅgopāsanaṃ bhaktyā puraścaraṇamucyate || 76 ||
danach Pranayama, jeweils nach derselben Zehntelordnung. Diese hingebungsvolle zehnteilige Verehrung heißt Purascharana.

28.77 tatpuraścaraṇaṃ nāma mantrasiddhyarthamātmanaḥ |
yathoktaṃ niyamaṃ kṛtvā svakalpoktajapasya hi || 77 ||
Purascharana dient der eigenen Mantravollendung. Unter Einhaltung der vorgeschriebenen Regeln vollziehe man die im eigenen Ritualtext angegebene Japa-Zahl.

28.78 karaṇaṃ vijayāntaṃ tatproktaṃ deśikasattamaiḥ |
tadante mahatīṃ pūjāṃ kuryād brāhmaṇabhojanam || 78 ||
Die hervorragenden Lehrer nennen dies eine bis zum Erfolg durchgeführte Übung. Am Ende veranstalte man eine große Puja und speise Brahmanen.

28.79 guruṃ saṃtoṣayedevaṃ mantrāḥ sidhyanti mantriṇaḥ |
homakarmaṇyaśa[sa ka pāṭhaḥ |]ktānāṃ viprāṇāṃ dviguṇo japaḥ || 79 ||
Man erfreue den Guru; so gelangen die Mantras zur Vollendung. Brahmanen, die kein Homa vollziehen können, ersetzen es durch die doppelte Japa-Zahl.

28.80 itareṣāṃ tu varṇānāṃ triguṇādiḥ samīritaḥ |
ekamaṅgaṃ vihīyeta tato neṣṭamavāpnuyāt || 80 ||
Für andere gesellschaftliche Gruppen wird die dreifache und weiter erhöhte Zahl genannt. Fehlt ein Glied, werde das erwünschte Ziel nicht erreicht.

28.81 aṅgahīnaṃ bhavedyadyat tattanne[nna ka pāṭhaḥ |]ṣṭārthasādhanam |
sarvathā bhojayedviprān kṛtasāṅgatvasiddhaye || 81 ||
Was unvollständig ist, verwirklicht das Ersehnte nicht. Jedenfalls speise man Brahmanen zur Ergänzung der Vollständigkeit.

28.82 viprārādhanamātreṇa vyaṅgaṃ sāṅgaṃ bhavedyataḥ |
nyūnātiriktakarmāṇi na phalanti manorathān || 82 ||
Durch ihre Ehrung werde ein unvollständiger Ritus vollständig. Handlungen mit Mangel oder Übermaß erfüllen die Wünsche nicht.

28.83 tānyevaṃ pūrṇatāṃ yānti samastāni bhavanti cet |
ato yatnena viduṣo bhojayet sarvakarmasu || 83 ||
Durch diese Ergänzung erlangen sie Vollständigkeit. Deshalb speise man bei allen Riten sorgfältig die Wissenden.

28.84 niyatānyapi karmāṇi hīnāni dvijabhojanaiḥ |
nirarthakāni tāni syurbījānyūṣaragāṇi ca || 84 ||
Selbst fest vorgeschriebene Handlungen bleiben ohne diese Speisung fruchtlos wie Samen auf unfruchtbarem Boden.

28.85 athavānyaprakāreṇa puraścaraṇamucyate |
grahaṇe'rkasya cendorvā śuciḥ pūrvamupoṣitaḥ || 85 ||
Nun eine andere Purascharana-Form: Bei Sonnen- oder Mondfinsternis sei man rein und habe zuvor gefastet.

28.86 nadyāṃ samudragāminyāṃ nābhimātrodake [ka kha pāṭhaḥ |] sthitaḥ |
grahaṇādivimokṣāntaṃ japenmantraṃ samāhitaḥ || 86 ||
In einem zum Meer fließenden Fluss stehe man bis zum Nabel im Wasser und wiederhole gesammelt vom Beginn bis zum Ende der Finsternis den Mantra.

28.87 anantaraṃ daśāṃśena kramāddhomādikaṃ caret |
homasya tu daśāṃśena tarpaṇa samupācaret || 87 ||
Danach vollziehe man Homa und die weiteren Glieder in der Zehntelfolge; Tarpana beträgt ein Zehntel des Homa.

28.88 abhiṣekadaśāṃśena kuryād brāhmaṇabhojanam |
tadante mahatīṃ pūjāṃ kuryāt sādhakasattamaḥ || 88 ||
Die Brahmanenspeisung beträgt ein Zehntel der Besprengungen. Anschließend vollziehe der hervorragende Praktizierende eine große Puja.

28.89 gurave dakṣiṇāṃ dadyādbhaktyā viprān pratarpayet |
tataśca mantrasiddhiḥ syād devatā ca prasīdati || 89 ||
Dem Guru gebe man Dakshina und sättige hingebungsvoll die Brahmanen. So werde der Mantra vollendet und die Gottheit gnädig.

28.90 tatastu mantrasiddhyarthaṃ guruṃ saṃpūjya toṣayet |
athavā devatārūpaṃ guruṃ bhaktyā pratoṣayet || 90 ||
Zur Mantravollendung verehre und erfreue man daher den Guru. Oder man erfreue allein den Guru hingebungsvoll als Gestalt der Gottheit.

puraścaraṇahīno'pi mantrasiddhirasaṃśayaḥ |

Dann ist die Mantravollendung selbst ohne Purascharana gewiss. iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde puraścaryāvidhinirūpaṇaṃ aṣṭāviṃśaḥ paṭalaḥ || 28 ||
Hier endet das 28. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Purascharana“. Ergänzende heutige Chakra-Leiter-Meditation

Kapitel 29–35: Vertiefte Ritualpraxis

Kapitel 29: Vertiefung der Vidya-Praxis

ekonatriṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 29.1 pūrvoktavidhinā devi lakṣārdhaṃ prajapet tathā |
rātrau tāmbūlapūrṇā[rāsya kha pāṭhaḥ |]syastathaivoktavidhānataḥ || 1 ||
Nach der zuvor gelehrten Ordnung wiederhole man fünfzigtausendmal, Göttin; nachts mit Betel im Mund, wie beschrieben.

29.2 kāmarūpaṃ vapuḥ kṛtvā kāminyeva[nī kha pāṭhaḥ |] mahāniśi |
kulayukto japellakṣaṃ niśāyā madhyabhāgataḥ || 2 ||
In wunschgestaltigem Leib, mit einer erwachsenen Partnerin im Kula-Ritual verbunden, vollziehe man um Mitternacht hunderttausend Wiederholungen.

29.3 atra yat kriyate karma tadanantaphalapradam |
mūlādhāre mahādevi liṅgaṃ svayaṃbhūvācakam || 3 ||
Was in diesem Zusammenhang vollzogen wird, gilt als unendlich fruchtbar. Im Muladhara befindet sich das Svayambhu-Linga, große Göttin.

29.4 jyotīrūpaṃ tu yonisthaṃ tatraiva manasā japet |
dhyāyet kuṇḍalinīṃ devi tadvidyākṣararūpiṇīm || 4 ||
Es ist lichtförmig und ruht in der Yoni. Dort vollziehe man geistiges Japa und meditiere über Kundalini als Gestalt der Vidya-Laute.

29.5 hṛdi trikoṇamadhye ca bāṇaliṅge ca tejasi |
tatra saṃcintya manasā japellakṣa samāhitaḥ || 5 ||
Im Dreieck des Herzens betrachte man das leuchtende Bana-Linga und wiederhole dort gesammelt hunderttausendmal im Geist.

29.6 mūrdhni trikoṇamadhye tu itaraṃ paścimāmukham |
tatra sthitvā japellakṣaṃ yatra kutra samāhitaḥ || 6 ||
Im Dreieck am Scheitel befindet sich das andere, nach hinten beziehungsweise Westen gewandte Linga. Dort gesammelt verweilend, wiederhole man hunderttausendmal, unabhängig vom äußeren Ort.

29.7 evaṃ lakṣatraye siddhe yadbhāvastūpajāyate |
tamupāśritya bhāvena yathā devastathā (rave?bhavet) || 7 ||
Sind diese dreihunderttausend vollendet, stütze man sich auf die entstehende innere Haltung und werde entsprechend der betrachteten Gottheit.

29.8 navalakṣaṃ japedvidyāmiha bhogasamṛddhaye |
na dhyāna naca vinyāso na pūjā na puraskriyā || 8 ||
Neunhunderttausendmal wiederhole man die Vidya zur Fülle diesseitiger Erfahrung. Ohne zusätzliche Meditation, Nyasa, Puja oder vorbereitende Riten

29.9 kevalaṃ japamātreṇa siddhayaḥ siddhikāṅkṣiṇām |
koṭijāpe tu saṃpūrṇe mano mantrātmakaṃ bhavet || 9 ||
entstehen durch Japa allein die erstrebten Vollendungen. Nach zehn Millionen Wiederholungen werde der Geist selbst zum Mantra.

29.10 yāvattāvaddhi japtavyaṃ manasaiva nacānyathā |
mantramātrasvarūpe ca siddhe manasi pārvati || 10 ||
Bis dahin wiederhole man rein geistig, nicht anders. Ist der Geist als reine Mantragestalt vollendet, Parvati,

29.11 dhyānamātraṃ manaḥ kṛtvā dhyānaṃ brahmaṇi cārpayet |
vidite brahmaṇaḥ kṣetre viditaḥ sarvavit prabhuḥ || 11 ||
mache man ihn ganz zur Meditation und gebe diese in Brahman hin. Ist die Sphäre Brahmans erkannt, wird man als Herr und umfassend Wissender offenbar.

29.12 nava sthānāni kathyante śṛṇu sāvahitā priye |
jyotīrūpaṃ tadādhāre meḍhrasthāne śikhāprabham || 12 ||
Nun werden neun Orte gelehrt; höre aufmerksam, Geliebte. An der Wurzel ist die Gestalt Licht, am Geschlechtsort flammenhell,

29.13 nābhisthaṃ sūryabimbābhaṃ taruṇādityavarccasam |
hṛdi jyotiḥśikhākāraṃ kaṇṭhe dīpaśikhāprabham || 13 ||
am Nabel wie die Sonnenscheibe und die junge Sonne, im Herzen wie eine Lichtflamme, an der Kehle wie eine Lampenflamme.

29.14 bhrūmadhye ratnasaṅkāśaṃ tadūrdhve bhāskaraprabham |
lambike candrabimbābhaṃ tato vaidūryasaṃnibham || 14 ||
Zwischen den Brauen gleicht sie einem Edelstein, darüber der Sonne; am Gaumenzäpfchen dem Mond und danach dem Vaidurya-Stein.

29.15 navame viśvatejā hi ghaṇṭāvaidūryyasaṃnibhaḥ |
liṅgarūpī hyahaṃ devi nava niṅgāni yāni ca || 15 ||
Am neunten Ort ist sie das Licht des Alls, mit einer unsicher gelesenen Glocken- und Edelsteinmetapher. Ich selbst bin in diesen neun Lingas gegenwärtig, Göttin.

29.16 nava sthānāni mantreṇa kramāt saṃbhidya kuṇḍalīm |
visaṃjñāmamṛtaṃ pītvā punarādhāramānayet || 16 ||
Mit dem Mantra lasse man Kundalini die neun Orte der Reihe nach durchdringen. Nach dem Trinken des Nektars führe man die begriffsfrei gewordene Kraft wieder zur Wurzel zurück.

29.17 mūlasthānagataṃ mantraṃ smaredevaṃ krameṇa tu |
navalakṣapramāṇaṃ tu japtvā tripurasundarīm || 17 ||
So vergegenwärtige man den an der Wurzel ruhenden Mantra in dieser Ordnung. Wer Tripurasundari neunhunderttausendmal

29.18 vidhivajjāyate devi rudramūrttirivāparaḥ |
mantrāṇāṃ nava lakṣāṇi kṛtvā liṅgani vai nava || 18 ||
vorschriftsmäßig wiederholt, werde wie eine weitere Gestalt Rudras, Göttin. Die neun Linga-Orte mit der entsprechenden Mantrawiederholung verbindend,

29.19 navaiva parijapyātha navalakṣaphalaṃ labhet |
jātasūtakamādau syād vṛtte ca mṛtasūtakam1 || 19 ||
erlange man die Frucht der neunhunderttausend Wiederholungen. Am Beginn eines Mantras wird „Geburtsunreinheit“, am Ende „Todesunreinheit“ angenommen.

29.20 sūtakadvayasaṃyukto yo mantraḥ sa na sidhyati |
svayaṃ tadrahitaṃ kṛtvā mantraṃ yāvajjapeddhiyā || 20 ||
Ein mit beiden Unreinheiten belasteter Mantra wird nicht vollendet. Man befreie ihn davon und wiederhole ihn im Geist.

29.21 sūtakadvayanirmuktaḥ sa mantraḥ sarvasiddhidaḥ |
satkulasthānajātīnāṃ śucīnāṃ śrīmatāṃ satām || 21 ||
Von beiden Unreinheiten frei, gewährt der Mantra alle Vollendungen. Selbst unter Menschen guter Herkunft, reinen, wohlhabenden und rechtschaffenen,

29.22 niyatamagnihotṝṇāṃ bhikṣāśino(śanā) grajanmanām |
eṣāṃ madhye tu yaḥ kaścidgururvā śiṣya eva vā || 22 ||
unter beständigen Feueropferern und von Almosen lebenden Brahmanen: Wer als Guru oder Schüler

29.23 mantrārthaṃ2 mantracaitanyaṃ yonimudrāṃ na vetti ca |
kathitaṃ sūtakaṃ tasya japāt siddhirna jāyate || 23 ||
weder Mantrabedeutung noch Mantrabewusstsein noch Yoni-Mudra kennt, für den gilt diese Unreinheit; sein Japa führt nicht zur Vollendung.

29.24 guptabī(jā?ryā)śca ye mantrā na dāsyanti phalaṃ priye |
mantrāścaitanyasaṃyuktāḥ sarvasiddhikarāḥ smṛtāḥ || 24 ||
Mantras, deren Kraft verborgen und unerschlossen bleibt, gewähren keine Frucht, Geliebte. Mit lebendigem Bewusstsein verbundene Mantras dagegen verleihen sämtliche Vollendungen.

29.25 caitanyarahitā mantrāḥ proktā varṇāstu kevalam |
phalaṃ naiva prayacchanti lakṣakoṭijapādapi || 25 ||
Bewusstseinslose Mantras sind bloße Laute; auch millionen- und milliardenfache Wiederholung lässt sie keine Frucht tragen.

29.26 mantroccāre kṛte yādṛk svarūpaṃ prathamaṃ bhavet |
śate sahasre lakṣe vā koṭijāpe na tatphalam || 26 ||
Die unmittelbar bei lebendigem Mantra-Aussprechen aufscheinende Erfahrung lässt sich nicht durch hundert, tausend, hunderttausend oder Millionen bloß mechanische Wiederholungen ersetzen.

29.27 hṛdaye granthibhedaśca sarvāvayavavardhanaḥ |
mantrārthaḥ[rdha kha pāṭhaḥ |] kathyate devi śṛṇu tatprathamaṃ priye || 27 ||
Der Herzknoten wird gelöst, alle Glieder werden gekräftigt. Nun erkläre ich zuerst die Bedeutung des Mantras, Göttin, Geliebte.

29.28 bhāvārthaḥ saṃpradāyārtho niga(rvā?rbhā)khyaśca kaulikaḥ |
tathā sarvarahasyārtho mahātattvārtha eva ca || 28 ||
Es gibt die Bedeutung der inneren Haltung, der Überlieferung, die verborgene, die Kaula-Bedeutung, die allgeheime und die Bedeutung der großen Wirklichkeit.

29.29 a(tyantā?kṣarā)rtho hi bhāvārthaḥ kevalaṃ parameśvari |
śivaśaktisamāyogājjanito mantrarājakaḥ || 29 ||
Die Bhava-Bedeutung erschließt zunächst die Laute, höchste Herrin. Der Mantrakönig wird aus der Vereinigung von Shiva und Shakti geboren.

29.30 tanmayīṃ paramānandananditāṃ mantrarūpiṇīm |
ni[saṃjña?sarga] sundarīṃ devī jñātvā svairamupāsate || 30 ||
Als ganz davon erfüllt, von höchster Wonne erfreut und mantragestaltig erkenne man die Göttin Sundari und verehre sie frei und unmittelbar.

29.31 śivaśaktyātmasaṃ[yantra?ghaṭṭa]rūpiṇī brahmarūpiṇī |
tatprathāprasarāśleṣabhuvi tvindropalakṣite || 31 ||
Sie verkörpert Shiva und Shakti und ist Brahman. Die weitere Zeile beschreibt ihre Entfaltung und Verbindung im durch Indra bezeichneten Bereich, ist jedoch beschädigt.

29.32 jñāturjñānamayākārakaraṇānmantrarūpiṇī |
madhyabinduvi[sargāntaḥ]samā[masthā kha pāṭhaḥ |]sthānamaye pare || 32 ||
Indem sie den Erkennenden zur Gestalt der Erkenntnis macht, ist sie mantragestaltig. Die Aussage über den mittleren Bindu und dessen höchste Stätte ist nur teilweise erhalten.

29.33 kuṭilārūpake tasyāḥ pratirūpe[bimba ka pāṭhaḥ |] viyatkale |
madhyaprāṇaprathārūpaspandavyomni sthitā punaḥ || 33 ||
Ihre gebogene Kraftgestalt hat ihre Entsprechung in der Raum-Kala; sie ruht im Schwingungsraum der Entfaltung des mittleren Lebensatems.

29.34 madhyame mantrapiṇḍe tu tṛtīye piṇḍake punaḥ |
[bāhya?rāhu]kūṭadvayasphūrjacca[rūdbhā?lattā]saṃsthitasya tu || 34 ||
Dies wird auf die mittlere Mantragruppe bezogen, danach auf die dritte. Die Beschreibung des in den beiden Mantragruppen aufleuchtenden Zustands ist beschädigt.

29.35 dharmādharmasya vācyasya [vīrā?viṣā]mṛtamayasya ca |
vācakākṣarasaṃyukteḥ prathitā [tā ka pāṭhaḥ |] viśvarūpiṇī [ṇīm ka pāṭhaḥ |] || 35 ||
Durch die Verbindung der bezeichnenden Laute mit Dharma, Adharma und dem nektargleichen Bezeichneten erscheint sie als Weltgestalt. Mehrere Wörter dieser Zeile fehlen.

29.36 teṣāṃ samastarūpeṇa parāśaktistu mātṛkā |
kūṭatrayātmikā devī [kā devī ka pāṭhaḥ |] samaṣṭivyaṣṭirūpiṇī [ṇīm ka pāṭhaḥ |] || 36 ||
In der Gesamtgestalt all dessen ist die höchste Shakti Matrika. Die dreigruppige Göttin ist zugleich Gesamtheit und Einzelentfaltung.

29.37 kūṭatraye tu hrīṃkāraṃ devyā netratrayaṃ śubham |
hakārastvagnirū[ḍha?pa]tvāt saṃharedbhedasaṃtatim || 37 ||
Die drei Hrim-Silben in den drei Gruppen sind die drei heilvollen Augen der Göttin. Ha löst als Feuer die fortgesetzte Trennung auf.

29.38 rephaḥ kālāgnirū[ḍha?pa]tvāt pāpaughakṣayakārakaḥ |
tayorvimarśa īkāro bindunā triguṇātmanā || 38 ||
Ra vernichtet als Weltauflösungsfeuer die Schuldmassen. I ist die bewusste Selbstbezüglichkeit beider; mit dem die drei Gunas tragenden Bindu

29.39 amṛtatvaṃ karotīnduḥ kāmaḥ kāmānaśeṣataḥ |
sampradāyo mahābodharūpo gurumukhe sthitaḥ || 39 ||
verleiht der Mond Unsterblichkeit, Kama sämtliche Wünsche. Die Überlieferungsbedeutung ist große Erkenntnis, die im Mund des Gurus lebt.

29.40 viśvākāraprathāyāstu mahattvaṃ ca (sa?ya)dāśrayam |
śivaśaktyādyayā [tmanā ka pāṭhaḥ |] mūlavidyayā parameśvari || 40 ||
Die ganze Erscheinung der Welt gründet in dieser Größe. Durch die Wurzelvidya, beginnend mit Shiva und Shakti, höchste Herrin,

29.41 jagatkṛtsnaṃ tayā vyāptaṃ śṛṇuṣvāvahitā priye |
pañcabhūtamayaṃ viśvaṃ tanmayī sā sanātanī || 41 ||
wird das gesamte All durchdrungen. Höre aufmerksam, Geliebte: Die Welt besteht aus den fünf Elementen, und die Ewige ist deren Wesen.

29.42 tanmayī mūlavidyā ca tathāpi kathayāmi te |
hakārādvyoma saṃbhūtaṃ (ha?ka)kārāttu prabhañjanaḥ || 42 ||
Ebenso besteht die Wurzelvidya daraus. Ich erkläre es: Aus ha entsteht Raum, aus ka Wind; beim zweiten Laut bietet die Vorlage eine Variante.

29.43 rephādagniḥ sakārācca jalatattvasya sambhavaḥ |
lakārāt pṛthivī jātā tasmādviśvamayī ca sā || 43 ||
Aus ra entsteht Feuer, aus sa Wasser, aus la Erde. Daher ist sie weltumfassend.

29.44 guṇāḥ pañcadaśa proktā bhūtānāṃ tanmayī śubhā |
yasya yasya padārthasya yā yā śaktirudīritā || 44 ||
Fünfzehn Eigenschaften der Elemente werden gezählt; die Heilvolle trägt sie alle. Welche Kraft auch immer einem Gegenstand zugeschrieben wird,

29.45 saiva sarveśvarī devī sa ca sarvo maheśvaraḥ |
vyāptyā pañcadaśārṇaiḥ sā pañcabhūta[stṛ?gu]ṇātmikā [kām ka pāṭhaḥ |] || 45 ||
sie ist die allherrschende Göttin, und der Gegenstand selbst ist der große Herr. Durch ihre fünfzehn Silben umfasst sie die Eigenschaften der fünf Elemente.

29.46 pañcabhiśca tathā ṣaḍbhiścaturbhirapi cākṣaraiḥ |
svaravyañjanabhedena saptatriṃśatprabhedinī [prathamabīje'kāracatuṣṭayamīkāraśceti pañca svarā vyañjanapaṭaka ceti evamekādaśa dvitīyabīje'kārapañcakamīkāraśceti ṣaṭ svarā sapta vyañjanāni eva trayodaśa | tṛtīyabīje'kāratrayamīkāraśceti catvāra svarā pañca vyañjanāni eva nava | evaṃ vibhajane trayastriṃśat | bījatrayānte bindavasraya iti ṣaṭtriṃśat | etatsamaṣṭirekā | eva saptatriṃśatprabhedinī vidyeti |] || 46 ||
Die drei Gruppen bestehen aus fünf, sechs und vier Silben. Nach Vokalen und Konsonanten weiter aufgeschlüsselt, wird sie siebenunddreißigfach.

29.47 saptatriṃśatprabhedena ṣaṭtriṃśattattvarūpiṇī |
tattvātītasvabhāvā ca vidyeyaṃ bhāvyate sadā || 47 ||
In dieser siebenunddreißigfachen Gliederung verkörpert die Vidya die sechsunddreißig Tattvas und das sie überschreitende Wesen. So werde sie stets betrachtet.

29.48 pṛthivyādiṣu bhūteṣu vyāpakaṃ cottarottaram |
bhūtaṃ[laṃ sastalaṃ?tvadhastanaṃ]vyāpyaṃ tadguṇā vyāpakāśrayāḥ || 48 ||
Unter den Elementen von Erde an durchdringt jeweils das feinere das gröbere. Das durchdrungene Element und seine Eigenschaften gründen im durchdringenden.

29.49 vyāpyeṣvavasthitā devi sthūlasūkṣmavibhedataḥ |
tasmādvyomaguṇaḥ śabdo vāyvādīn vyāpya saṃsthitaḥ || 49 ||
Sie sind entsprechend grober und feiner Erscheinung ineinander gegenwärtig, Göttin. Deshalb durchdringt Klang als Eigenschaft des Raumes Wind und die folgenden Elemente.

29.50 vyomabījaistu vidyā[dyai?sthai]rlakṣaye[tu ca?cchabda] pañcakam |
teṣā kāraṇarūpeṇa sthitaṃ vyomamaya [dhvanimaya kha pāṭhaḥ |] param || 50 ||
In den Raum-Bijas der Vidya ist eine Fünfergruppe zu erkennen; die Zeile ist beschädigt. Als ihre Ursache steht darüber die höchste Raumgestalt.

29.51 bhave[jjvalu?dguṇa]vatāṃ bījaṃ guṇānāmapi vācakam |
kāryakāraṇabhāvena tayoraikyavivakṣayā || 51 ||
Das Bija der Elemente bezeichnet zugleich ihre Eigenschaften, weil Ursache und Wirkung als Einheit gemeint sind.

29.52 mahāmāyātrayeṇāpi kāraṇena ca bindunā |
vāyvagnijalabhūmīnāṃ sparśānāṃ ca catuṣṭayam || 52 ||
Durch die drei Mahamaya-Silben und den ursächlichen Bindu entstehen die vier Formen der Berührung in Wind, Feuer, Wasser und Erde.

29.53 utpannaṃ bhāvayed devi sthūlasūkṣmavibhedataḥ |
rūpāṇāṃ tritayaṃ ta[ttvaṃ?dvat]tribhī rephairvibhāvitam || 53 ||
So betrachte man sie in grober und feiner Gestalt, Göttin. Die drei Formen des Sichtbaren werden durch drei ra-Laute vergegenwärtigt.

29.54 pradhānaṃ tejaso rūpaṃ tadbījena hi janyate |
vidyāsthaiścandrabījaistu sthūlaḥ sūkṣmo rasaḥ smṛtaḥ || 54 ||
Die Haupteigenschaft des Feuers ist sichtbare Form und wird durch sein Bija hervorgebracht. Die Mond-Bijas der Vidya bezeichnen groben und feinen Geschmack.

29.55 sambandho vidito loke rasasyāpyamṛtasya ca |
vasundharāguṇo gandhasta[dviddhi?llipiḥ]gandhavācikā || 55 ||
Der Zusammenhang zwischen Geschmack und Nektar ist bekannt. Geruch ist die Eigenschaft der Erde; der entsprechende Erdlaut bezeichnet ihn.

29.56 bhuvanatrayasaṃ[buddhyā?bandhāt] tridhātvaṃ tu maheśvari |
aśuddha[stattva?śuddha] miśrāṇāṃ pramātṝṇāṃ paraṃ vapuḥ || 56 ||
Die drei Welten werden mit einer Dreiteilung verbunden, große Herrin. Die höchste Gestalt der unreinen, reinen und gemischten Erkenntnissubjekte wird angesprochen; die Aufzählung ist beschädigt.

29.57 krodhīśatritayenātha vidyāsthena prakāśyate |
śrīka[śca?ṇṭha] daśakaṃ tadvadavyaktasya hi1 vācakam || 57 ||
Sie wird durch die drei Krodhisha-Zeichen in der Vidya ausgedrückt. Eine ebenfalls beschädigte Wendung ordnet eine Zehnergruppe dem Unmanifesten zu.

29.58 prāṇarūpasthito devi ta (ttvame?dvade)kādaśaḥ (punaḥ?paraḥ) |
ekaḥ sanneva puruṣo bahudhā jāyate hi saḥ || 58 ||
Als Lebensatem steht das elfte Prinzip, Göttin. Obwohl der Purusha einer ist, erscheint er vielfach.

29.59 rudreśvarasadeśākhyā devatā mita2vigrahāḥ |
bindu(krame?traye)ṇa kathitā amitāmita3vigrahāḥ || 59 ||
Rudra, Ishvara und Sadashiva werden durch die drei Bindus bezeichnet, mit begrenzter und unbegrenzter Gestalt; der genaue Gegensatz ist unsicher überliefert.

29.60 śāntiḥ śaktiśca śaṃbhuśca nādatritayabodhanāḥ4 |
vā[gbhavo?gurā] mūlavalaye sūtrādyāḥ kavalīkṛtāḥ || 60 ||
Shanti, Shakti und Shambhu werden durch die drei Nadas erschlossen. Die anschließende Aussage über die Aufnahme der weiteren Prinzipien in den Wurzelkreis ist beschädigt.

29.61 tathā mantrāḥ samastāśca vidyāyā(ya?ma)tra saṃsthitāḥ |
gurukrameṇa saṃprāptaḥ saṃpradāyārtha īritaḥ || 61 ||
Sämtliche Mantras sind in dieser Vidya enthalten. Dies heißt die durch die Guru-Reihe empfangene Überlieferungsbedeutung.

29.62 niga[rvo?rbho]'pi ca deveśi śivagurvā[tha?tma] gocaraḥ [gaurava ka pāṭhaḥ |] |
tatprakāraṃ ca deveśi diṅmātreṇa vadāmi te || 62 ||
Die verborgene Bedeutung betrifft Shiva, Guru und Selbst, Herrin der Götter. Ihre Art werde ich dir nur andeutungsweise erklären.

29.63 śivagurvātmanāmaikyānusaṃdhānāt tadātmakam |
niṣkalatvaṃ śive buddhvā tadrūpatvaṃ gurorapi |
tannirīkṣaṇasāmarthyādātmanaśca śivātmatām || 63 ||
Durch beständiges Erkennen der Einheit von Shiva, Guru und Selbst werde man mit ihnen wesensgleich. Man erkenne Shivas Ungeteiltheit, ebenso die des Gurus und durch die Kraft seines Blickes das eigene Selbst als Shiva.

29.64 bhāvayedbhaktinamrastu śaṅkonmeṣākalaṅkitaḥ |
kaulikaṃ kathayiṣyāmi cakra[me?de]vatayorapi || 46 ||
Hingebungsvoll und demütig betrachte man dies, ungetrübt vom Aufkommen des Zweifels. Nun lehre ich die Kaula-Bedeutung in Bezug auf Chakra und die zugehörigen Gestalten.

29.65 vidyāgurvātmanāmaikyaṃ tatprakāraḥ pradarśyate [dṛśyate ka pāṭhaḥ |] |
tathā mantrātmakaṃ cakraṃ devatāyāḥ paraṃ vapuḥ || 65 ||
Es geht um die Einheit von Vidya, Guru und Selbst. Das mantragestaltige Chakra ist der höchste Leib der Gottheit.

29.66 ekādaśādhikaśata[ta ka pāṭhaḥ |]devatātmatayā sthitam |
lakāraiścaturasrāṇi vṛttatritayasaṃyutam || 66 ||
Es besteht aus hundertelf Gottheiten. Die la-Laute bilden die viereckige Umgrenzung samt den drei Kreisen.

29.67 saroruhadvayaṃ (śakto?śāktai)ragnī(so?ṣo)mātmakaṃ priye |
hṛllekhātrayasambhū[tyai?tai]rakṣarairnavasaṃkhyakaiḥ || 67 ||
Die beiden Lotuskränze bestehen aus den Shakti-Zeichen und verkörpern Feuer und Mond, Geliebte. Aus den neun Lauten der drei Hrim-Silben,

29.68 bindutrayayutairjātaṃ navayonyātmakaṃ priye |
maṇḍalatrayasaṃyuktaṃ cakraṃ śaktyanalātmakam || 68 ||
verbunden mit den drei Bindus, entsteht das aus neun Yonis bestehende Chakra, mit drei Kreisen versehen und aus Shakti und Feuer gebildet.

29.69 vyomabījatrayeṇāpi pramātṛtritayātmakam |
icchā[dinā?jñāna]kriyārūpamādanatrayasaṃyutam || 69 ||
Die drei Raum-Bijas verkörpern die drei Erkenntnissubjekte; die drei Madana-Zeichen sind mit Willens-, Erkenntnis- und Handlungskraft verbunden. Die Erkenntniskraft ist in der Vorlage nicht ausdrücklich erhalten.

29.70 sarvavarṇātmakaṃ binducakraṃ sadyaḥ śivātmakam |
gaṇeśatvaṃ mahādevyāḥ sasomaravipāvakaiḥ || 70 ||
Das Bindu-Chakra umfasst alle Laute und ist unmittelbar Shiva. Die Göttin besitzt auch Ganesha-Wesen; mit Mond, Sonne und Feuer,

29.71 icchājñānakriyābhiśca guṇatrayayutaiḥ punaḥ |
graharūpā parā devī jñānakarmendriyairapi || 71 ||
mit Wille, Erkenntnis und Handlung sowie den drei Gunas verkörpert sie die Planeten. Durch die Erkenntnis- und Handlungsorgane,

29.72 ta(dutthai?darthai)reva deveśi karaṇairāntaraiḥ punaḥ |
prakṛtyā ca guṇenāpi puṃstvabandhena cātmanā || 72 ||
ihre Gegenstände, die inneren Erkenntniswerkzeuge, Prakriti, Guna, Purusha-Bindung und Selbst

29.73 nakṣatravigrahā jātā yoginīnāmathocyate |
tvagādidhātunāthābhirḍākinyādibhirapyasau || 73 ||
nimmt sie die Gestalt der Mondhäuser an. Nun zur Yogini-Gestalt: Mit Dakini und den übrigen Herrinnen der Körperbestandteile von der Haut an,

29.74 vargāṣṭakaniviṣṭābhiryoginī(bhya?bhi)stu saṃyutā |
yoginīrūpamāsthāya krīḍate viśvarūpiṇī || 74 ||
den in den acht Lautgruppen wohnenden Yoginis verbunden, spielt die Weltgestaltige in Yogini-Form.

29.75 prāṇo'pānaḥ samānaśca vyānodānau tathā punaḥ |
nāgaḥ kūrmo'tha kṛkaro devadatto dhanañjayaḥ || 75 ||
Prana, Apana, Samana, Vyana, Udana, Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya,

29.76 jīvātmā paramātmā ca taireva [bali?rāśi]rūpiṇī |
akathāditripaṃktyātmatārtīyādikrameṇa1 sā || 76 ||
dazu Jivatman und Paramatman: Durch diese zwölf besitzt sie Tierkreisgestalt. Ihre drei Lautreihen beginnen mit a, ka und tha.

29.77 [jananā?gaṇeśo']bhūnmahāvidyā parāvāgādivāṅmayī |
bījabindudhvanīnāṃ ca trikūṭeṣu grahātmikā || 77 ||
Die große Vidya besteht aus Para und den weiteren Sprachebenen. Durch Bija, Bindu und Klang in den drei Mantragruppen ist sie planetengestaltig.

29.78 hṛllekhātrayasambhūtaistithisaṃkhyairathākṣaraiḥ |
anyairdvādāśabhi[rvyaktai?rvarṇai]reṣā nakṣatrarūpiṇī || 78 ||
Die fünfzehn aus den drei Hrim-Silben entfalteten Laute und die zwölf übrigen ergeben ihre Gestalt der siebenundzwanzig Mondhäuser.

29.79 vidyāntarbhūtaśaktyādyaiḥ śākraiḥ[ktai kha pāṭhaḥ |] ṣadbhirathākṣaraiḥ |
yoginī[varṇa?tvaṃ ca]vidyāyā rāśitvaṃ cāntyavarjitaiḥ || 79 ||
Die sechs in der Vidya enthaltenen Shakti- und Indra-Zeichen werden den Yoginis zugeordnet; ohne die Schlussglieder wird ihre Tierkreisgestalt beschrieben. Die Lautauflösung ist nicht vollständig eindeutig.

29.80 evaṃ viśvaprathākāracakrarūpā maheśva(ri?rī) |
devīdeho yathā devi gurudehastathaiva ca || 80 ||
So ist die große Herrin das Chakra als Gestalt der Welterscheinung. Wie der Leib der Göttin, so ist auch der Leib des Gurus.

29.81 tatprasādācca śiṣyo'pi tadrūpaḥ samprakāśate |
sahasradalamadhye tu trikoṇaṃ paricintayet || 81 ||
Durch seine Gnade erscheint auch der Schüler in dieser Gestalt. In der Mitte des tausendblättrigen Lotus betrachte man ein Dreieck.

29.82 tatraiva mādanaṃ bījaṃ bindumāśritya dīpayet |
koṭicandrapratīkāśaṃ cidānandamayaṃ param || 82 ||
Darin lasse man das Madana-Bija auf dem Bindu erstrahlen, wie Millionen Monde, höchstes Bewusstsein und Wonne.

29.83 anuttarapadaṃ guhyaṃ lalāṭordhve vyavasthitam |
bhagamādhārasaṃsthānaṃ trikoṇapuramāśritam || 83 ||
Die geheime unübertreffliche Stätte liegt oberhalb der Stirn. Die Yoni an der Wurzel ruht in der dreieckigen Stadt.

29.84 mṛṇālatanturūpā [pa kha pāṭhaḥ |] hi viśvotpatteśca kāraṇam |
icchājñānakriyārūpā caturthī hṛdaye sthitā || 84 ||
Fein wie ein Lotusstängelfaden ist die Ursache des Weltentstehens. Die vierte Kraft ruht im Herzen als Wille, Erkenntnis und Handlung.

29.85 śakraṃ lalāṭamadhye tu dīpābhaṃ paricintayet |
vidyutkoṭipratīkāśaṃ pañcamaṃ netranāsike || 85 ||
Indra betrachte man in der Stirnmitte wie eine Lampe; das fünfte Zeichen an Augen und Nase wie Millionen Blitze.

29.86 śivo nādākhyasaṃyuktastriṣu śūnyeṣu saṃsthitaḥ |
sūryakoṭipratīkāśo mahāpadmoparisthitaḥ || 86 ||
Shiva ist mit Nada verbunden, ruht in den drei Leeräumen und strahlt wie Millionen Sonnen über dem großen Lotus.

29.87 sakāraṃ mukhamadhye tu bālārkasadṛśaṃ param |
mādanaṃ jaṭhare devi varābhaṃ paricintayet || 87 ||
Sa betrachte man in der Mundmitte wie die junge Sonne, das Madana-Zeichen im Bauch mit vorzüglichem Glanz, Göttin.

29.88 hakāraṃ prāṇavāyau ca haṃsā [bhi?bhaṃ] paricintayet |
kalāṣoḍaśapatre ca indramoṃkārarūpakam || 88 ||
Ha betrachte man im Lebensatem als Hamsa, Indra im sechzehnblättrigen Kala-Lotus als Om-Gestalt.

29.89 hrīṃkāraṃ hṛdaye padme koṭisūryasamaprabham |
bindudvaye kuca1yugme yavā2bhe cārdhacandrakam || 89 ||
Hrim betrachte man im Herzlotus, strahlend wie Millionen Sonnen; die beiden Bindus an den Brüsten und den Halbmond in der feinen gerstenkorngleichen Gestalt. Die letzte Zuordnung ist unsicher.

29.90 nādabindustadagre tu śivaśaktisamanvite |
kāmarājaṃ maheśāni ākarṣaṇakaraṃ param || 90 ||
Davor liegen Nada und Bindu, mit Shiva und Shakti verbunden. Kamaraja, große Herrin, ist die höchste anziehende Kraft.

29.91 nābhipadme trikoṇe ca dāḍimābhaṃ sakārakam |
pādadvaye maheśāni mādanaṃ dīpasaṃnibham || 91 ||
Im Dreieck des Nabellotus betrachte man sa granatapfelrot, an den beiden Füßen Madana lampenhell.

29.92 pṛṣṭhoparisthitaṃ devi indraṃ3 tejaḥsvarūpiṇam |
caturthaṃ yonimadhye tu dīpābhaṃ paricintayet || 92 ||
Oberhalb des Rückens betrachte man Indra als Lichtgestalt; das vierte Zeichen in der Yoni-Mitte als Lampenlicht.

29.93 śivena liṅgarūpeṇa tadbinduyugalena ca |
vidyābījatrayaṃ devi yonitve paricintayet || 93 ||
Mit Shiva in Linga-Gestalt und den beiden Bindus betrachte man die drei Vidya-Bijas als Yoni-Gestalt, Göttin.

29.94 liṅgaṃ yoniṃ ca sattvaṃ ca caturthaṃ kathitaṃ mayā |
[5] atha sarvarahasyārthaṃ kathayāmi tavānaghe || 94 ||
Linga, Yoni und Sattva wurden als vierte Bedeutung erklärt. Nun lehre ich die allgeheime Bedeutung, Makellose.

29.95 mūlādhāre jvala4drūpe vāgbhavākāra[taddhi?tāṃ] gate |
aṣṭātriṃśatkalāyuktapañcāśadvarṇavigrahā || 95 ||
Im flammenden Muladhara in Vagbhava-Gestalt besitzt die Vidya achtunddreißig Kalas und die Gestalt der fünfzig Laute.

29.96 vidyā kuṇḍalinīrūpā maṇḍalatrayabhedinī |
taḍitkoṭiprabhāprakhyā biṣatantunibhākṛtiḥ || 96 ||
Sie ist Kundalini, durchdringt die drei Kreise, strahlt wie Millionen Blitze und ist fein wie ein Lotusfaden.

29.97 vyomendumaṇḍalāsaktā [sva?su]dhāsrotaḥsvarūpiṇī |
sadāvyāptajagatkṛtsnā sadānandasvarūpiṇī || 97 ||
Mit dem Mondkreis im inneren Raum verbunden, ist sie ein Nektarstrom, durchdringt beständig das gesamte All und ist immerwährende Wonne.

29.98 eṣā svātmeti buddhistu rahasyārtho parameśvari |
[6] mahātattvārtha iti yattacca devi bravīmi te || 98 ||
Die Einsicht „Diese ist mein eigenes Selbst“ ist die geheime Bedeutung, höchste Herrin. Nun erkläre ich die Bedeutung der großen Wirklichkeit.

29.99 niṣkale parame sūkṣme nirlipte [nirlakṣye kha pāṭhaḥ |] bhāvavarjite |
vyomātīte pare tattve prakāśānandavigrahe || 99 ||
In der ungeteilten, höchsten, feinen, unbefleckten Wirklichkeit, frei von begrenzten Zuständen, jenseits des Raumes und von Licht und Wonne gebildet,

29.100 viśvottīrṇe viśvamaye tattve svātmaniyoja[yet?nam] |
tadā prakāśamānatvāt tejasāṃ tamasāmapi || 100 ||
zugleich weltüberschreitend und weltumfassend, vereinige man das eigene Selbst. Dann werden Licht und Dunkelheit gleichermaßen offenbar.

29.101 avinābhāvarūpatvaṃ tasmādviśvasya sarvataḥ |
prakāśate mahātattvaṃ divyakrīḍāraso[sodbale kha pāṭhaḥ |]jjvale || 101 ||
Dadurch erkennt man die untrennbare Zusammengehörigkeit des Alls. Die große Wirklichkeit leuchtet auf, strahlend im Geschmack göttlichen Spiels.

29.102 nirastasarvasaṃkalpavikalpasthitipūrvakaḥ |
rahasyārtho mayā proktaḥ sadyaḥ pratyayakārakaḥ || 102 ||
Alle festhaltenden Vorstellungen und unterscheidenden Konstruktionen kommen zuvor zur Ruhe. So habe ich die geheime Bedeutung gelehrt, die unmittelbar Gewissheit schafft.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde vidyāsādhananirṇayo ekonatriśaḥ paṭalaḥ || 29 ||
Hier endet das 29. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Vertiefung der Vidya-Praxis“.

Kapitel 30: Die drei Mantragruppen

Die Mantragruppen und das Shri Chakra gehören zur Shrividya-Verehrung.

triṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 30.1 akathyamapi deveśi tava snehādvadāmyaham |
trikūṭānte haṃsabījaṃ bindunādavibhūṣitam || 1 ||
Obwohl dies nicht öffentlich auszusprechen ist, lehre ich es dir aus Liebe, Herrin der Götter: An das Ende der drei Mantragruppen setze man das Hamsa-Bija mit Bindu und Nada,

30.2 viparītena vā devi durlabhaṃ pāpacetasām |
hakāraḥ prāṇarūpastu sakāro jīva ucyate || 2 ||
oder seine umgekehrte Form, Göttin. Für ein schuldverstricktes Bewusstsein ist dies schwer zugänglich. Ha ist Prana, sa heißt Jiva.

30.3 ubhau jīveti vikhyātau trailokye sacarācare |
hakāraṃ śuklavarṇāḍhyaṃ candrakoṭisamaprabham || 3 ||
Beide zusammen gelten als Leben in den drei Welten, im Beweglichen und Unbeweglichen. Ha betrachte man als weiß und wie Millionen Monde leuchtend,

30.4 sakāraṃ raktavarṇāḍhyaṃ koṭisūryasamaprabham |
bhāvanaṃ tvasya mantrasya japamātraṃ na vidyate || 4 ||
sa als rot und wie Millionen Sonnen strahlend. Bei diesem Mantra geht es um Vergegenwärtigung, nicht um bloße Wiederholung.

30.5 ajapā tena vikhyātā śivaśaktisamanvitā |
nyāsamantrasya vidyāyā hakāraḥ prāṇa ucyate || 5 ||
Deshalb heißt er Ajapa, die nicht eigens vollzogene Wiederholung, vereint aus Shiva und Shakti. Im Nyasa-Mantra der Vidya bezeichnet ha den Lebensatem.

30.6 sakāro [sakāra jīvamākhbāta jīva kāmena maṇḍitam ka pāṭhaḥ |] jīva ākhyāto jīvaḥ kāmena maṇḍitaḥ |
mādanaṃ prāṇarūpaṃ tu vi(marṣa?kāsaḥ) śiva ucyate || 6 ||
Sa bezeichnet die individuelle Seele, die mit Kama verbunden ist. Madana besitzt Lebensatemgestalt; Entfaltung beziehungsweise Selbstreflexion heißt Shiva.

30.7 sakārasthaḥ paro jñeyaḥ saṃkocaḥ śaktirūpavān |
saṃkocaḥ paramā śaktirvi(marṣa?kāsaḥ) paramaḥ śivaḥ || 7 ||
Das in sa ruhende Höchste ist als Zusammenziehung in Shakti-Gestalt zu erkennen. Zusammenziehung ist höchste Shakti, Entfaltung höchster Shiva.

30.8 saṃkocaśca vikāsaśca hasa ityakṣaradvayam |
tayorasvararūpeṇa [ka?ha]varṇe bilva(ndu)mālinī || 8 ||
Zusammenziehung und Entfaltung sind die beiden Laute ha und sa. In ihrer vokallosen Gestalt erscheint die mit Bindu geschmückte Lautkraft; die Zeile ist beschädigt.

30.9 prāṇo binduriti proktaḥ sāhacaryādvarānane |
sapūrvamuditaṃ mantraṃ śaṃbhuśaktyaikyavācakam || 9 ||
Aufgrund ihres Zusammenwirkens wird der Lebensatem Bindu genannt, Schönangesichtige. Der mit sa beginnende Mantra bezeichnet die Einheit von Shambhu und Shakti.

30.10 jīvaśaktyaikyasiddhyarthaṃ gaditaṃ surapūjite |
asminmantre varārohe kālakarmāntavartmanā || 10 ||
Er wurde zur Verwirklichung der Einheit von individueller Seele und Shakti gelehrt, von den Göttern Verehrte. Wer bei diesem Mantra, Schöne, die Ordnung von Zeit und Handlung

30.11 vartate yastu yuktātmā asādhyamapi sādhayet |
tvaṃ ca jīvaikyasiddhyarthamuditaṃ mantranāyakam || 11 ||
gesammelt einhält, verwirklicht selbst schwer Erreichbares. Dieser Mantraführer ist zur Einheit der individuellen Seele mit dem Höchsten gelehrt.

30.12 tathyaṃ madvākyato(devi?viddhi) phalāphalaspṛhāṃ tyaja |
asminmantre mahābhāge same japte vadāmyaham || 12 ||
Erkenne dies als Wahrheit meines Wortes und lasse das Verlangen nach Frucht oder Nichtfrucht los. Wird dieser Mantra gleichmäßig wiederholt, Glückliche,

30.13 sarve mantrāḥ prasidhyanti jīvanti ca punanti ca |
prāṇanti ca mahābhāge satyaṃ satyaṃ vadāmyaham || 13 ||
werden alle Mantras wirksam, lebendig, reinigend und vom Lebensatem erfüllt. Wahrlich, wahrlich, so sage ich dir.

30.14 so'haṃbhāvena bhāvena bhāvanaṃ bhāvanaṃ matam |
so'haṃbhāvena bhāvaṃ tu uktalakṣaṇa(kṣyate?kṣitam) || 14 ||
Die Betrachtung im Bewusstsein „so'ham“, „Ich bin Das“, gilt als wirkliche Vergegenwärtigung. Man gestalte die innere Haltung entsprechend den genannten Merkmalen.

30.15 kṛtvāhaṃbhāvamutsṛjya so'haṃbhāve sthirībhavet |
śaṃbhubhāve sthirībhūte binduṃ śaṃbhau vibhāvayet || 15 ||
Den begrenzten Ichgedanken lasse man los und werde fest in „Ich bin Das“. In Shambhu-Haltung gefestigt, betrachte man den Bindu in Shambhu.

30.16 saccitsukhamayaḥ śaṃbhustrirūpaḥ sarvakarmaṇi |
sarvadā bhā(ṣa?vya)te yasmāttanmayaṃ tvakhilaṃ tataḥ || 16 ||
Shambhu ist Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit, dreifach in allem Wirken. Weil er stets so betrachtet wird, erscheint alles als von ihm erfüllt.

30.17 satsaṃnidhisamajñeṣu śaṃbhuścaiva prakāśate |
kāmaḥ kāmayate [yato bhedamiti tadrūpatāmati ka pāṭhaḥ |] bhedameti tadrūpatāṃ matiḥ || 17 ||
Wo Sein und Gegenwart erkannt werden, leuchtet Shambhu auf. Begehren richtet sich auf Unterschiede, und das Denken nimmt deren Gestalt an. Die erste Wendung ist textlich unsicher.

30.18 yatra [atra citsattvaye rvyāptirya ka pāṭhaḥ |] citsattayorvyāptistatrānando'mijāyate |
yatrānando bhavedbhāve tatra citsatta[ttva ka pāṭhaḥ |]yoḥ sthitiḥ || 18 ||
Wo Bewusstsein und Sein einander durchdringen, entsteht Wonne. Wo Wonne in einer Erfahrung erscheint, sind Bewusstsein und Sein gegenwärtig.

30.19 yā citsattaiva sā proktā yā[a ka pāṭhaḥ |] sattā sā ciducyate |
evaṃ citsatta[ttva ka pāṭhaḥ |]yoraikye sthirībhūte varānane || 19 ||
Was Bewusstsein ist, ist Sein; was Sein ist, heißt Bewusstsein. Ist ihre Einheit fest erkannt, Schönangesichtige,

30.20 ānandena samāveśo'sucirādeva jāyate |
tadānandamayaṃ viśvaṃ svātmābhedaṃ prakāśate || 20 ||
entsteht bald das völlige Eintauchen in Wonne. Dann erscheint das All als wonnevoll und vom eigenen Selbst ungetrennt.

30.21 evaṃ śaṃbhumaye bhāve sarvataḥ prabhave śive |
sarvaśaktyupabhoge tu jīvanmukto mahīṃ vaset || 21 ||
In dieser allseits schöpferischen, heilvollen Shambhu-Haltung lebe man, alle Shaktis bewusst erfahrend, als schon im Leben Befreiter auf Erden.

30.22 bhāvadyā ? vastubhūtāyā hasau . . . |
prāṇā svarāḥ samākhyātā bindusa[ṅgau?rgau]ca cetanā || 22 ||
Der Anfang des Verses über die wirkliche innere Haltung und ha-sa ist nur bruchstückhaft erhalten. Die Vokale heißen Lebensatem; Bindu wird mit Bewusstsein verbunden.

30.23 anyānyāvayavāni syuranyāni parameśvari |
tena tadyuktito mantrāḥ prasīdanti nacānyathā || 23 ||
Die übrigen Laute bilden die weiteren Glieder, höchste Herrin. Erst durch die Verbindung mit den belebenden Kräften werden die Mantras wirksam.

30.24 bindusargau[sagau ka pāṭhaḥ |] hasau turyasvaraśceti ca pañcamam |
bhavatyā mātṛkādehe viddhi caitanyajṛmbhaṇam || 34 ||
Bindu, Visarga, ha, sa und als fünftes der vierte Vokal: Erkenne darin das Aufblühen des Bewusstseins in deinem Matrika-Leib.

30.25 tena tairhīnarūpāstu mantrā vidyāstathā pare |
niṣprāṇadehavatkāryakaraṇeṣvakṣamāḥ smṛtāḥ || 25 ||
Mantras und Vidyas, denen diese Kräfte fehlen, gelten wie leblose Körper als unfähig, ihre Wirkungen hervorzubringen.

30.26 ramāṃ māyāṃ haṃsabījaṃ vāgbha[vatye?vādye]niyojayet |
śaktyante parameśāni so'haṃ māyāṃ ramāṃ tathā || 26 ||
Vor Vagbhava setze man Rama, Maya und Hamsa-Bija; nach dem Shakti-Teil „so'ham“, Maya und Rama, höchste Herrin.

30.27 kāmārājāhvaye devi krodhīśaṃ śakrasaṃyutam |
māyābindusamāyuktaṃ koṭisūryasamaprabham || 27 ||
Im Kamaraja-Teil betrachte man Krodhisha mit Indra, Maya und Bindu verbunden, strahlend wie Millionen Sonnen,

30.28 sphurat trikoṇamadhyasthaṃ kiraṇānekasaṃvṛtam |
etatprāṇaṃ mahābhāge guptaṃ granthe prakāśitam || 28 ||
inmitten eines leuchtenden Dreiecks und von vielen Strahlen umgeben. Dies ist der Lebensatem, Glückliche, im Text verborgen offenbart.

30.29 bodhinyā bodhayedvidyāṃ saṃdīpanyā ca dīpayet |
tāramāyāramāyogo ma(no?nu)rdīpanamucyate || 29 ||
Mit Bodhini erwecke man die Vidya, mit Sandipani entzünde man sie. Die Verbindung von Om, Maya und Rama heißt der entzündende Mantra.

30.30 jīvanyā jīvayedvidyāmamṛtairamṛtaṃ caret |
pṛthagvidhaṃ tu tasyāpi sādhanaṃ śṛṇu pārvati || 30 ||
Mit Jivani belebe man die Vidya, mit Nektar verwandle man sie in Nektar. Höre nun ihre gesonderten Übungsformen, Parvati.

30.31 vāgbhavabījarūpāṃ[paṃ ka pāṭhaḥ |] tu dīpābhāṃ tanturūpiṇīṃ |
gacchantīṃ brahmamārgeṇa liṅgabhedakrameṇa tu || 31 ||
Die lampenhelle, fadenfeine Gestalt des Vagbhava-Bijas steigt durch den Brahman-Weg auf und durchdringt der Reihe nach die Lingas.

30.32 viśe[viśadasthā ka pāṭhaḥ |]dacchāmṛtaṃ divyaṃ kṣīradhāropamaṃ[madravam ka pāṭhaḥ |] dravat |
pītvākulāmṛtaṃ devi punareva viśet kulam || 32 ||
Sie tritt in den klaren göttlichen Nektar ein, der wie ein Milchstrom fließt. Nach dem Trinken des Akula-Nektars kehrt sie in Kula zurück.

30.33 punarevākulaṃ gacched dvādaśānte varānane |
sahasrāre mahāpadme vāgbhavaṃ pūrṇacandrakam || 33 ||
Wieder steige sie zu Akula am Dvadashanta auf, Schönangesichtige. Im großen tausendblättrigen Lotus betrachte man Vagbhava als vollen Mond.

30.34 brahmagranthiṃ tato bhittvā [vahniviṣādhāradvayamadhyavartina śāktākhyamādhāra bhittvetyartha0 |] saptaṣaṣṭyākhyadhārayā ? |
nāsikārandhramārgeṇa tvātmamūlaṃ praveśayet || 34 ||
Nach Durchbrechen des Brahma-Knotens führe man die Kraft durch einen unsicher als „siebenundsechzig“ bezeichneten Strom über den Nasenweg zur eigenen Wurzel zurück.

30.35 jihvāmāpūrya bho devi mātṛkāvarṇarūpiṇīm |
bahirgatāṃ tu vāgrūpāṃ jihvāgre dīparūpiṇīm || 35 ||
Sie erfülle die Zunge als Gestalt der Matrika-Laute und trete als Rede hervor, an der Zungenspitze wie eine Lampe leuchtend, Göttin.

30.35b āmūlādbrahmarandhrāntaṃ tasmājjihvāvadhi priye |
vāgbhavabījarūpāṃ tāṃ dīpaśikhāṃ vibhāvayet || 35 ||
Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra und von dort bis zur Zunge betrachte man sie als Lampenflamme in Gestalt des Vagbhava-Bijas, Geliebte.

30.36 lakṣamekamidaṃ japtvā sarvapāpaharo bhavet |
avyāhatamatiḥ śāstre vijayī vākpaterapi || 36 ||
Hunderttausend Wiederholungen sollen sämtliche Schuld tilgen. Das Verständnis der Schriften werde ungehindert; selbst Brihaspati könne im Redestreit übertroffen werden.

30.37 vāde sadasi vākyasya stambhakaḥ prativādinaḥ |
satpaṇḍitaghaṭāṭopa[jāta?jetā]'pratihatapra[bhu?bhaḥ] || 37 ||
Im Streitgespräch und in der Versammlung könne der Übende die Rede des Gegners zum Stillstand bringen; seine Ausdruckskraft widerstehe selbst dem Auftreten großer Gelehrter. Der Schluss ist beschädigt.

30.38 padagumphairmahākāvyakartā sa(trā?jā)yate śive |
iti te kathitaṃ devi vāgbhavasyāpi sādhanam || 38 ||
Durch kunstvolle Wortverbindungen werde er Schöpfer großer Dichtungen, Heilvolle. Damit ist die Übung des Vagbhava erklärt.

30.39 atha kāmakalābījasvarūpāṃ cintayet parām |
udyadādityasaṃkāśāṃ sphuraddīpaśikhānibhām || 39 ||
Nun betrachte man die höchste Göttin als Kamakala-Bija, leuchtend wie die aufgehende Sonne und eine flackernde Lampenflamme.

30.40 gacchantīṃ brahmamārgeṇa brahmarandhrāvadhi priye |
pra[patadbhirbi ka pāṭhaḥ |]patadbindudhārābhiḥ śuddhalākṣārasopamam[mai ka pāṭhaḥ |] || 40 ||
Sie steigt durch den Brahman-Weg bis zum Brahmarandhra, Geliebte, und verströmt herabfallende Tropfen wie reinen roten Lacksaftextrakt.

30.41 samastabhuvanābhogakavalīkṛtajīvanām |
mahā[tma?sva]mahimākrāntidhvastāhaṃkṛtibhūmikām || 41 ||
Sie umfasst die Lebenskraft sämtlicher Welten und zerbricht durch ihre große Macht die Grundlage des begrenzten Ichbewusstseins.

30.42 cintayitvā maheśāni vaśayejjagatīmimām |
cintayedyoṣitāṃ yonau cala[jjvā?jja]lendusaṃnibhām || 42 ||
Durch diese Betrachtung soll man die Welt beeinflussen, große Herrin. Der Text lokalisiert die Kraft ferner in der Yoni einer erwachsenen Frau, einem bewegten Mond gleich.

30.43 taddṛṣṭi[vaśagā ka pāṭhaḥ |]pathagā nārī daivī vāpyathavāsurī |
niveditātmasarvasvā vaśagā devi jāyate || 43 ||
Eine göttliche oder asurische Frau, die in den Blickbereich des Übenden tritt, würde ihm nach dieser Wirkungsverheißung ihr ganzes Selbst hingeben und unter seinen Einfluss geraten.

30.45 atha vakṣye maheśāni śaktikūṭasya sādhanam |
ādhārādbrahmarandhrāntaṃ vidyudagnisamaprabham || 45 ||
Nun lehre ich die Übung des Shakti-Teils, große Herrin: Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra leuchtet er wie Blitz und Feuer.

30.46 sravatsudhāmayaṃ devi śaktikūṭaṃ vicintayet |
dehināmamṛtānandavarṣadhārārasopamam || 46 ||
Man betrachte ihn als strömenden Nektar, Göttin, als Regenstrom unsterblicher Wonne für die verkörperten Wesen.

30.47 sarpāṇāṃ darśanādeva (uḍī?jaḍī)karaṇakārakaḥ |
sthirajaṅga[makālākhya ka pāṭhaḥ |]maśaṃkākhyaviṣaghātavināśakaḥ [viṣopaviṣanāśānaḥ kha pāṭhaḥ |] || 47 ||
Dadurch soll der Übende Schlangen allein durch seinen Blick lähmen und pflanzliche, tierische sowie durch Furcht vorgestellte Giftwirkungen aufheben. Dies sind traditionelle Schutzbehauptungen.

30.48 mahāroga[raudra ka pāṭhaḥ |]pīḍitānāṃ śaraccandrakaropamaḥ |
devyuvāca |
kathaṃ kāmakalā deva sūcitā na prakāśitā || 48 ||
Für schwer Erkrankte werde er wie ein Strahl des Herbstmondes. Die Göttin sprach: Was ist Kamakala, Gott? Du hast sie angedeutet, aber nicht vollständig erklärt.

30.49 yasyāḥ smaraṇamātreṇa sāyujyaṃ labhate naraḥ |
īśvara uvāca |
tattraividhyaṃ śṛṇu prājñe sarvatantreṣu gopitam || 49 ||
Durch bloßes Erinnern an sie soll man Vereinigung erlangen. Ishvara sprach: Höre ihre dreifache, in allen Tantras verborgene Gestalt, Weise.

30.50 sthūlaṃ samaṃ tathā nāma sūkṣmaṃ mantratanuṃ tathā |
nabhomahābindumukhī candrasūryastanadvayā || 50 ||
Grobe, ausgeglichene und feine Mantragestalt werden genannt; die Formulierung ist unsicher. In der kosmischen Gestalt ist der große Raumbindu ihr Gesicht, Mond und Sonne sind ihre beiden Brüste.

30.51 sumeruhārdhakalayā śobhamānā mahī yadā |
pātālatalavinyastā [nyāsāt kha pāṭhaḥ |] trilokīyaṃ kalātmikā || 51 ||
Sumeru und die Hārdha-Kala schmücken die Erde; die Unterwelt bildet ihre untere Grundlage. So bestehen die drei Welten aus ihren Kalas.

30.52 lalitāyāstribhirbījaiḥ prakāśārtho ya īryate |
tasyavima(rṣa?rśa)īkāro bindunā tattridhā gatam || 52 ||
Die drei Bijas Lalitas bezeichnen ihre Lichtentfaltung; ī ist deren bewusste Selbstbezüglichkeit. Durch Bindu erscheint dies dreifach.

30.53 tatturīyasvarūpārṇaṃ bindutritayavadīritam |
īkārordhvagato bindurmukhaṃ bhānuradhogatau || 53 ||
Das vierte Lautzeichen wird mit drei Bindus beschrieben. Der Bindu über ī ist das Gesicht und die Sonne; die beiden unteren

30.54 stanau dahanaśītāṃśū yonirhārdhakalā bhavet |
tadātmaka(stu?tva)davyāstu[ste kha pāṭhaḥ |] sādhakasya ca tadbhavet || 54 ||
sind die Brüste, Feuer und kühler Mond. Die Hārdha-Kala ist die Yoni. Weil die Göttin dieses Wesen besitzt, soll auch der Praktizierende so betrachtet werden.

30.55 tadudbhavaṃ śṛṇu prājñe mahodayakaraṃ param |
ūrdhvabindvātmakaṃ vaktramadhobindudvayātmakam || 55 ||
Höre ihre höchste, großen Aufstieg gewährende Entfaltung, Weise: Der obere Bindu bildet das Gesicht,

30.56 kucadvayaṃ tu taccheṣaiḥ śeṣāṅgāni vibhāvayet |
iti te kathitā kāmakalāyā bāhyabhāvanā || 56 ||
die beiden unteren die Brüste; aus den übrigen Zeichen betrachte man die übrigen Glieder. Dies ist die äußere Vergegenwärtigung der Kamakala.

30.57 tāmeva tvāṃ punarvakṣye bhāvanāmāntarā[likīn kha pāṭhaḥ |]tmikām |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ sphuradvidyullatākṛtim || 57 ||
Nun erkläre ich dieselbe Betrachtung im Innern: Von der Wurzel bis zum Brahmarandhra erstreckt sich eine aufblitzende Blitzranke.

30.58 dhyāyet kuṇḍalinīṃ devi tadvidyāsvarūpiṇīm |
ṣaṭcakrabhedinīṃ devīṃ bindutrayātmikāṃ parām || 58 ||
Als solche meditiere man über Kundalini, Göttin, die Gestalt der Vidya, welche die sechs Chakras durchdringt und aus drei Bindus besteht.

30.59 tāṃ ca hārdhakalārūpāṃ cintayetpadmamadhyagām |
evaṃ kāmakalārūpā jāgarti sacarācare || 59 ||
Man betrachte sie als Hārdha-Kala inmitten des Lotus. So wacht sie als Kamakala im Beweglichen und Unbeweglichen.

30.60 sā ca trayīmayī proktā nāsti kiṃcittayā vinā |
sāmnā mukhaṃ samākhyātamṛgyajurbhyāṃ stanadvayam || 60 ||
Sie gilt als Wesen der drei Veden; nichts besteht ohne sie. Der Samaveda ist ihr Gesicht, Rig- und Yajurveda ihre beiden Brüste.

30.61 atharvaṇā samākhyātā hārdharūpā parā kalā |
turīyaṃ parameśāni sākṣādbrahmaiva kevalam || 61 ||
Der Atharvaveda wird als höchste Hārdha-Kala bezeichnet. Das Vierte ist unmittelbar Brahman allein, höchste Herrin.

30.62 etatkāmakalārūpaṃ dhyānaṃ guhyatamaṃ param |
nāśiṣyāya pradātavyaṃ nābhaktāya kadācana || 62 ||
Diese Meditation über Kamakala ist ein höchstes Geheimnis. Sie soll weder Nichtschülern noch Menschen ohne Hingabe weitergegeben werden.

30.63 etatprakāśanaṃ yacca āyuḥkṣayakaraṃ smṛtam |
sādhakasya vināśastu tasmānnaitat prakāśayet || 63 ||
Ihre unbefugte Veröffentlichung gelte als lebensverkürzend und gefährde den Praktizierenden; deshalb bewahre man sie vertraulich.

30.64 lobhānmohācca garvācca vidveṣādvā prakāśayet |
so'cirānmṛtyumāpnoti śastraghātaviṣādibhiḥ || 64 ||
Wer sie aus Habgier, Verblendung, Stolz oder Feindschaft preisgibt, dem droht der Text baldigen Tod durch Waffen, Gift oder Ähnliches an.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde vidyākūṭatrayasādhananirūpaṇaṃ triṃśaḥ paṭalaḥ || 30 ||
Hier endet das 30. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Die drei Mantragruppen“.

Kapitel 31: Feueropfer und Opferstoffe

ekatriṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 31.1 homasya kathayeśāna vidhānaṃ pūrvasūcitam |
īśvara uvāca kiṃśukairhavanaṃ devyāḥ kusumbhakusumairapi || 1 ||
Die Göttin sprach: Lehre die zuvor angedeutete Homa-Ordnung, Herr. Ishvara sprach: Für das Feueropfer der Göttin verwende man Kimshuka- oder Kusumbha-Blüten,

31.2 nāgakesarapuṣpairvā madhūkai raktapadmakaiḥ |
karavīraiḥ (ryavā?rjapā) puṣpairmadhuratrayamiśritaiḥ || 2 ||
Nagakeshara, Madhuka, roten Lotus, Oleander oder Hibiskus, jeweils mit den drei süßen Stoffen verbunden.

31.3 sarvasiddhipradaṃ kuṇḍaṃ caturasraṃ varānane |
kuṇḍaṃ sulakṣaṇaṃ kṛtvā homayet saṃskṛte'nale || 3 ||
Ein viereckiges Feuerbecken gewährt alle Vollendungen, Schönangesichtige. Man fertige es wohlgeformt und opfere im geheiligten Feuer.

31.4 athavā parameśāni sthaṇḍilaṃ racayedbudhaḥ |
nityaṃ naimittikaṃ kuryānna kāmyaṃ sthaṇḍile caret || 4 ||
Oder der Kundige bereite einen ebenen Opferplatz, höchste Herrin. Darauf vollziehe man tägliche und anlassgebundene, jedoch keine wunschbezogenen Homas.

31.5 hastamātraṃ caturasraṃ gomayenopalepitam |
aṅguṣṭhaparvamātroccaṃ vālukāmaṇḍalaṃ tathā || 5 ||
Er sei eine Elle im Quadrat, mit Kuhdung bestrichen; darüber ein Sandfeld von der Höhe eines Daumenglieds.

31.6 tatrāpi le(kha?pa)naṃ kṛtvā tatra homaḥ phalapradaḥ |
yavānāṃ taṇḍulairevamaṅgulaṃ cāṣṭabhirbhavet || 6 ||
Nach entsprechender Bestreichung wird das Homa dort fruchtbar. Acht nebeneinandergelegte Gerstenkörner ergeben eine Fingerbreite,

31.7 adīrghayojitairhastaścaturviṃśatikā[ra ka pāṭhaḥ |]ṅgulaiḥ |
etatpramāṇahastaistu kuṇḍādikaṃ samācaret || 7 ||
vierundzwanzig Fingerbreiten eine Elle. Mit diesem Ellenmaß fertige man das Feuerbecken und die übrigen Einrichtungen.

31.8 tripurāprītido homaḥ kuṇḍe trikoṇasaṃjñake |
paścimāt pūrvāgrāstisro rekhāḥ prādeśa[śapramāṇā ka pāṭhaḥ |]mātrakāḥ || 8 ||
Ein dreieckiges Becken erfreut Tripura besonders. Man zeichne drei nach Osten gerichtete Linien von Westen her, jeweils eine Handspanne lang.

31.9 vilikhya ca mukundendupurandarasvarūpakāḥ |
dakṣiṇāstisro rekhā vai vilikhya tadanantaram || 9 ||
Diese verkörpern Mukunda, den Mond und Indra. Danach zeichne man drei von Süden ausgehende Linien.

31.10 rekhāśca syurvaivasvatabrahmānantasvarūpakāḥ |
trikoṇaṃ madhyato devi kṛtvā bāhye tataḥ param || 10 ||
Sie verkörpern Vaivasvata, Brahma und Ananta. In die Mitte zeichne man ein Dreieck, Göttin, darum

31.11 ṣaṭkoṇaṃ vidhinā caiva kārayedatisundaram |
aṣṭapatraṃ ca tadbāhye vṛttena karṇikā śubhā || 11 ||
ein schönes Sechseck, außen einen achtblättrigen Lotus und einen Kreis als Fruchtboden.

31.12 caturasraṃ caturdvāraṃ maṇḍalaṃ viracya madhye puṣpāñjaliṃ nikṣipya sruvādikamāsādayet |
sruva ājyaṃ dadhi dūrvā samidhaḥ |
ājyasthālīṃ praṇītāprokṣaṇīṃ ca vāmato'smai parikalpyāmbhasā prokṣaṇīmāpūrya vāratrayamutpūya tāni prokṣaṇyabhimukhyāni kṛtvā bālayābhimantrya tayaiva dūrvābhirmūlādagraṃ punaragrānmūlaṃ triḥ parimṛjya dūrvābhiḥ pūrvāgramuttarāgraṃ ca vistaret(?)mūlavidyāṃ samuccaran 'sthaṇḍilāya namaḥ' iti saṃpūjya, trikoṇamadhye kāmeśvarīkāmeśvarau yaṣṭvā tayormithunībhāvaṃ dhyātvā tāvabhyarcya tasyā garbhe, vaiśvānara jātaveda ihāvaha lohitākṣa sarvakarmāṇi sādhaya svāheti mūlodgataṃ saṃvidagniṃ lalāṭanetradvārā nirgataṃ bāhyāgniyuktaṃ pātayet |
oṃ uttiṣṭha puruṣa haripiṅgala lohitākṣa sarvakarmāṇi dehi me dāpaya svāheti vahnimutthāpya, oṃ citpiṅgala hanahana dahadaha pacapaca sarvajñājñāpaya svāheti kāmeśvarīgarbhe dhṛtaṃ dhyātvā, mulamuccaran vauṣaḍiti vahniṃ vilokyāstreṇa saṃrakṣya jvaladagnimādāya sthaṇḍilaṃ dakṣiṇāvartena triḥ paribhrāmya jvaladindhanamekaṃ hūṃphaḍityanena kravyādāgniṃ nairṛtyāṃ tyajet |
jānubhyāmavanīṃ spṛṣṭvā vahniṃ madhye saṃsthāpya klīṃ mahātripurasundarī[rī ka pāṭhaḥ |]vahnimūrtaye nama [namode ka pāṭhaḥ |] iti devīṃ saṃpūjya nābhimaṇḍalādvahannāsāpuṭena tadagninā bāhyāgnimekīkṛtya yajet |
mūlaṃ aiṃ klīṃ sauḥ āṃ so'haṃ vahnicaitanyāya [yai ka pāṭhaḥ |] namaḥ iti kāmeśvarīgarbhe vahniṃ saṃcintya taddehe ṣaḍaṅgāni-sahasrārciṣe hṛdayāya namaḥ, svastipūrṇāya śirase svāhā, uttiṣṭhapuruṣāya śikhāyai vaṣaṭ, dhūmavyāpine kavacāya huṃ, saptajihvāya netrebhyo vauṣaṭ, dhanurdharāyāstrāya phaṭ iti yaṣṭvā taptajāmbūnadaprabhaṃ śaktisvastikadharaṃ varadābhayaśobhitakarapaṅkajaṃ divyālaṃkārabhūṣitakaravigrahamambhojasaṃsthaṃ śuklāmbaradharaṃ trinayanaṃ baddhamauliṃ dhyātvā, cakre saptajihvāśca īśāne yūṃ lohitāṃ, pūrve rūṃ raktāṃ, āgneye nūṃ nīlāṃ, nairṛte vūṃ kṛṣṇāṃ, paścime śūṃ śubhrāṃ, dakṣe karālīṃ, uttare bahurūpāṃ japtvā kāmeśīgarbhodbhavavahneḥ sarvabhāvebhyo nama iti mantrairgarbhādhānapuṃsavanasīmantonnayanajātakarmanāmakaraṇānnaprāśanacūḍopanayanakarma nirvartya, amukāgneramukakarma kalpayāmi iti vidhāya pariṣicya paristīrya paridhāya punardhyātvā agnimantreṇāgniṃ trikoṇe pūjayitvā saptajihvāsu saptāhutī[ti ka pāṭhaḥ |]rhutvā vaiśvānara-uttiṣṭha-citpiṅgalaistridhāhutiṃ vidhāya ṣaḍaṅgāni ṣaṭkoṇeṣu, aṣṭadaleṣu agnaye jātavedase saptajihvāya havyavāhanāya aśvodarajāya vaiśvānarāya kaumāratejase viśvamukhāya devamukhāya nama iti, lokapālāṃśca bhūgṛhe, vahnerdakṣiṇato brahmāṇamārādhya ājyasthālīṃ purato nidhāya bahurūpāyāṃ jihvāyāṃ śrīcakrarājaṃ tadantaḥsthāṃ citkalāmaśeṣaraśmimaṇḍitāmālocya yaṣṭvā nityaṃ hutvā kuṇḍaṃ maṇḍapadhūpairāpūrya dīpairujjvālya samidhaṃ hutvā juhuyādiṣṭameva ca balīnpradāya oṃbhūragnaye ca pṛthivyai ca mahate ca svāhā, oṃbhuvo vāyave cāntarikṣāya ca mahate svāhā, oṃsvarādityāya dive ca mahate ca svāhā, oṃbhūrbhuvaḥsvaścandramase ca nakṣatrebhyaśca svāhā, iti caturbhirmantraivyāhṛtihomaṃ kṛtvā brahmārpaṇamataḥ paraṃ samidhaṃ hutvā devīmabhyarcya visṛjediti || nityahomo mayā proktaḥ kāmyahomamataḥ śṛṇuḥ |
mallikā-mālatījātīkusumairmadhumiśritaiḥ || 12 ||
Man zeichne außen ein Quadrat mit vier Toren, lege Blumen in die Mitte und stelle Opferlöffel, Ghee, Dickmilch, Durva und Brennholz bereit. Links ordne man Ghee-Schale, geweihtes Wasser und Sprenggefäß an. Das Wasser werde dreimal gereinigt; die Geräte stelle man zum Sprenggefäß gewandt auf und bespreche sie mit Bala. Mit Durva streiche man dreimal von der Wurzel zur Spitze und zurück; das Gras lege man mit Spitzen nach Osten und Norden aus. Mit Wurzelvidya und „sthaṇḍilāya namaḥ“ verehre man den Opferplatz. Im Dreieck verehre man Kameshvari und Kameshvara in Vereinigung. Mit „Vaishvanara, Jatavedas, bringe hierher, Rotäugiger, vollende alle Handlungen, Svaha“ führe man das aus der eigenen Wurzel aufsteigende Bewusstseinsfeuer durch das Stirnauge in ihren Schoß und verbinde es mit dem äußeren Feuer. Mit „Om, erhebe dich, Purusha, Goldbrauner, Rotäugiger, gib und gewähre mir alle Wirkungen, Svaha“ richte man das Feuer auf. Mit „Om, bewusstseinsleuchtender Goldbrauner, schlage, schlage; verbrenne, verbrenne; koche, koche; Allwissender, erteile Weisung, Svaha“ betrachte man es in Kameshvaris Schoß. Unter Wurzelmantra und Vaushat schaue man das Feuer an und schütze es mit dem Astra-Mantra. Das brennende Feuer führe man dreimal rechts um den Opferplatz; ein brennendes Holzstück als Anteil des leichenverzehrenden Feuers lege man mit „huṃ phaṭ“ nach Südwesten. Kniend setze man das Feuer in die Mitte. Mit „klīṃ mahātripurasundarīvahnimūrtaye namaḥ“ verehre man die Göttin als Feuer und vereinige das aus dem eigenen Nabel durch die Nase geführte innere Feuer mit dem äußeren. Es folgen Wurzelmantra und „aiṃ klīṃ sauḥ āṃ so'haṃ vahnicaitanyāya namaḥ“, Verehrung dem Feuerbewusstsein. Im Leib des in Kameshvaris Schoß betrachteten Feuers vollziehe man die sechs Angas: „Dem Tausendflammigen, dem Herzen, Namah; dem von Heil Erfüllten, dem Haupt, Svaha; dem sich erhebenden Purusha, dem Haarbüschel, Vashat; dem Rauchdurchdringenden, dem Panzer, Hum; dem Siebenzüngigen, den Augen, Vaushat; dem Bogenträger, der Waffe, Phat.“ Man betrachte ihn goldglänzend, mit Speer und Svastika-Zeichen, Gewährung und Furchtlosigkeit zeigend, göttlich geschmückt, auf einem Lotus, weiß gekleidet, dreiäugig und mit gebundenem Haar. Im Chakra verehre man die sieben Feuerzungen: im Nordosten mit „yūṃ“ Lohita, im Osten mit „rūṃ“ Rakta, im Südosten mit „nūṃ“ Nila, im Südwesten mit „vūṃ“ Krishna, im Westen mit „śūṃ“ Shubhra, im Süden Karali, im Norden Bahurupa. Mit „Verehrung allen Daseinsformen des aus Kameshis Schoß geborenen Feuers“ vollziehe man symbolisch Zeugung, Schwangerschaftsriten, Geburt, Namensgebung, erste feste Nahrung, Haarschnitt und Einführung in die Schülerschaft. Jeweils spreche man: „Für dieses Feuer gestalte ich diesen Ritus.“ Nach Umgießen, Auslegen und Umgrenzen meditiere man erneut, verehre das Feuer mit seinem Mantra im Dreieck, opfere je eine Gabe in die sieben Zungen und je eine mit den drei Formeln Vaishvanara, Uttishtha und Chitpingala. Die sechs Angas verehre man in den sechs Ecken. In den acht Blättern nennt die Vorlage neun Anrufungen: Agni, Jatavedas, Saptajihva, Havyavahana, Ashvodaraja, Vaishvanara, Kaumaratejas, Vishvamukha und Devamukha, jeweils mit Namah. Im äußeren Quadrat verehre man die Welthüter, rechts vom Feuer Brahma. Man stelle die Ghee-Schale vor sich und betrachte in Bahurupas Feuerzunge das Shri Chakra mit der von allen Strahlen umgebenen Bewusstseinskraft. Nach Verehrung und täglichem Homa erfülle man den Raum mit Räucherduft und Lampenlicht, opfere Holz und die gewählten Gaben und bringe Bali dar. Dann folgen vier Vyahriti-Opfer: „Om Bhur, Agni, Erde und dem Großen, Svaha; Om Bhuvah, Vayu, Zwischenraum und dem Großen, Svaha; Om Svar, Aditya, Himmel und dem Großen, Svaha; Om Bhur Bhuvah Svah, dem Mond und den Mondhäusern, Svaha.“ Danach bringe man alles Brahman dar, opfere nochmals Holz, verehre die Göttin und verabschiede sie. Damit ist das tägliche Homa erklärt. Nun höre das wunschbezogene Homa: mit Mallika-, Malati- und Jati-Blüten, mit Honig vermischt,

31.13 ghṛtapūrṇaiḥ (ku?pha)lairvāpi vāgīśatvaṃ prajāyate |
(yavā?japā)puṣpairājyayutaiḥ karavīraistathāvidhaiḥ || 13 ||
oder mit gheegefüllten Früchten werde Herrschaft über die Rede erlangt. Hibiskus und Oleander mit Ghee

31.14 havanānmohayenmantrī lokatrayanivāsinaḥ |
campakaiḥ pāṭalairhutvā śriyamāpnotyanuttamām || 14 ||
sollen durch Homa die Bewohner der drei Welten bezaubern. Champaka- und Patala-Blüten sollen unübertrefflichen Wohlstand verleihen.

31.15 kamalai(rva?ra)ruṇairhomaḥ samyak saṃpattidāyakaḥ |
raktotpalairjagadvaśyaṃ nīlairduṣṭānvaśaṃ nayet || 15 ||
Rote Lotusblüten gewähren Besitzfülle; rote Wasserlilien Einfluss auf die Welt, blaue Einfluss auf Böswillige.

31.16 (sro?śve)totpalaiḥ śriyaṃ rājyaṃ labhate havanātpriye |
kahlārahavanairlakṣmīṃ sarvasaubhāgyameva ca || 16 ||
Weiße Wasserlilien sollen Glück und Herrschaft gewähren, Geliebte; Kahlara-Blüten Lakshmi und umfassendes Wohlergehen.

31.17 bandhūkakusumairhome [hunedvāpi ka pāṭhaḥ māt kha pāṭhaḥ |] sarvasattvān vaśaṃ nayet |
kṣīraṃ dadhi madhu tvājyaṃ pṛthaghutvā varānane || 17 ||
Bandhuka-Blüten sollen alle Wesen beeinflussen. Werden Milch, Dickmilch, Honig und Ghee getrennt geopfert, Schönangesichtige,

31.18 āyurbalamathārogyaṃ samṛddhirjāyate nṛṇām |
rudhirāktena cchāgasya māṃsena niśi homataḥ || 18 ||
sollen Lebensdauer, Kraft, Gesundheit und Gedeihen wachsen. Ein nächtliches Homa mit blutbenetztem Ziegenfleisch,

31.19 madhuratrayayogena guruṇoktavidhānataḥ |
pararāṣṭraṃ vaśaṃ nītvā kāmabhogī bhavennaraḥ || 19 ||
verbunden mit den drei süßen Stoffen und nach Guru-Unterweisung, wird als Mittel zur Unterwerfung eines fremden Reiches und zum Genuss der Wünsche beschrieben.

31.20 drākṣābhirlakṣahomena siddhayo'ṣṭau bhavanti hi |
kadalīphalahomena nārikelaphalaistathā || 20 ||
Hunderttausend Opfergaben aus Trauben sollen die acht Siddhis gewähren. Bananen und Kokosnüsse

31.21 rājāno vaśamāyānti samṛddhiratulā tathā |
jambūphalaiḥ striyaḥ sarvā vaśyā bhavanti niścitam || 21 ||
sollen Könige unter Einfluss bringen und unvergleichlichen Wohlstand geben; Jambu-Früchte entsprechend Einfluss auf Frauen.

31.22 śrīphalairatulā lakṣmīḥ patraiścāpi tathā bhavet |
ikṣukhaṇḍaiḥ sukhāvāptistadrasairvaśagā nṛpāḥ || 22 ||
Shri-Früchte und ihre Blätter sollen unvergleichliches Glück schenken; Zuckerrohrstücke Freude, Zuckerrohrsaft Einfluss auf Könige.

31.23 tilājyahomato devi sarvakāryāṇi sādhayet |
ghṛtapāyasahomena sitājyamadhunā saha || 23 ||
Sesam mit Ghee soll alle Vorhaben verwirklichen, Göttin. Milchreis mit Ghee, Zucker und Honig

31.24 trailokyaṃ vaśamāyāti dhanadhānyamavāpnuyāt |
sopaskāraiśca vaṭakairupasargānvināśayet || 24 ||
soll Einfluss auf die drei Welten sowie Reichtum und Getreide gewähren. Gewürzte Teigbällchen sollen Bedrängnisse beseitigen.

31.25 karpūrasya ca homena vāgveśa [śya ka pāṭhaḥ |] jāyate nṛṇām |
kuṅkumairhomato devi sarvaduḥkhāni nāśayet || 25 ||
Kampfer soll Redekraft schenken; Kumkuma alles Leid beseitigen, Göttin.

31.26 kastūrīhomato devā vaśagā nātra saṃśayaḥ |
candanāguruhomena sarvāṃllokān vaśaṃ nayet || 26 ||
Moschus soll Einfluss auf die Götter, Sandel und Aloeholz Einfluss auf sämtliche Welten verleihen. Dies sind die traditionellen Zuordnungen des Textes.

31.27 śṛṇu devi pravakṣyāmi mānaṃ havanasiddhaye |
puṣpaṃ samagraṃ juhuyācchatasaṃkhyāṃ[khyāstilāstathā ka pāṭhaḥ |]stilāṃsthathā || 27 ||
Höre nun die Mengen für einzelne Opfergaben: Blumen opfere man ganz, Sesam in jeweils hundert Körnern.

31.28 lājā muṣṭipramāṇāḥ syurghṛtaṃ karṣapramāṇakam |
cullukārdhaṃ madhu kṣīramannaṃ grāsamitaṃ bhavet || 28 ||
Geröstete Körner bilden eine Handvoll, Ghee ein Karsha; Honig und Milch je eine halbe hohle Hand, gekochte Nahrung einen Bissen.

31.29 samagraiśca sakhaṇḍaiśca phalānāṃ ca yathecchayā |
rambhāphalaṃ catuḥkhaṇḍaṃ laghu cet khaṇḍitaṃ nahi || 29 ||
Früchte dürfen ganz oder nach Bedarf geteilt sein. Eine Banane teile man in vier Stücke, eine kleine lasse man ungeteilt.

31.30 nārikelasya khaṇḍaṃ tu sthūlaṃ kuryānmanaḥpriyam |
pa[ra?rva]sthāne cekṣudaṇḍaṃ manaḥsaṃtoṣakārakam || 30 ||
Ein Kokosstück sei groß und ansprechend; Zuckerrohr gebe man in geeigneten, erfreulichen Stücken. Die Orts- beziehungsweise Schnittangabe ist beschädigt.

31.31 drākṣāphalaṃ samagraṃ syād guñjāmānaṃ tato bhavet |
karpūrakau(ṣi?śi)kādīnāṃ [kauśiko mṛgamada ādinā ghusṛṇa grāhyam |] manaḥsaṃtoṣakārakam || 31 ||
Trauben bleiben ganz. Für Kampfer und ähnliche Duftstoffe wird die Größe eines Gunja-Samens genannt.

31.32 etadāhutimānaṃ ca kathitaṃ sarvasiddhikṛt |
kiṃśukaiḥ pāpasaṃghā[hā ka pāṭhaḥ |]tanāśakairathavā priye || 32 ||
Damit sind die Mengen der Opfergaben erklärt, die Vollendung gewähren sollen. Auch Kimshuka-Blüten gelten als schuldtilgend, Geliebte.

31.33 nānādravyaiḥ pṛthagbhūtaiḥ saṃgṛhītairvarānane |
yathāśaktyā tu militairhomaṃ kuryādvicakṣaṇaḥ |
sarvavighnasamūhaṃ tannāśayennātra saṃśayaḥ || 33 ||
Mit einzeln gesammelten oder nach Möglichkeit zusammengestellten verschiedenen Stoffen vollziehe der Verständige das Homa, Schönangesichtige. Es soll alle Hindernisscharen beseitigen.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde homataddravyavidhinirūpaṇaṃ nāmaikatriṃśaḥ paṭalaḥ || 31 ||
Hier endet das 31. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Feueropfer und Opferstoffe“.

Kapitel 32: Weihe und Tragen heiliger Ringe

dvātriṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 32.1 vahnīndvarkamayī mudrā pratiṣṭhā ca kathaṃ bhavet |
īśvara uvāca somasūryāgnirūpāḥ syurvarṇā lo(ka?ha)trayaṃ tathā || 1 ||
Die Göttin sprach: Wie wird der Ring als Feuer, Mond und Sonne geweiht? Ishvara sprach: Laute und die drei Metalle besitzen die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer.

32.2 svarāḥ ṣoḍaśa saumyāste saurāḥ syuḥ kādayo'pare |
āgneyāste samuddiṣṭā yādayo daśa cāpare || 2 ||
Die sechzehn Vokale gehören zum Mond, die Konsonanten von ka an zur Sonne, die zehn Laute von ya an zum Feuer.

32.3 raupyamindustathā hema sūryastāmraṃ hutāśanaḥ |
lohabhāgāḥ samuddiṣṭā svarādyakṣarasaṃkhyayā || 3 ||
Silber ist Mond, Gold Sonne, Kupfer Feuer. Die Metallanteile richten sich nach der Anzahl dieser Lautgruppen.

32.4 tairlohaiḥ kārayenmudrāmasaṃkalitasaṃga[sa ka pāṭhaḥ |]tām |
pañcāmṛtaiḥ pañcagavyaiḥ kṣālayitvā śubhe'hani || 4 ||
Aus diesen Metallen lasse man einen verbundenen, nicht ineinander aufgelösten Ring fertigen. An einem günstigen Tag wasche man ihn mit den fünf Nektaren und fünf Kuhprodukten.

32.5 bhānuvāre śubhe lagne pūrvoktamātṛkāmbuje |
madhyādi sthāpayetteṣu patreṣu kalaśānapi || 5 ||
An einem Sonntag bei günstigem Aszendenten stelle man im zuvor beschriebenen Matrika-Lotus, beginnend in der Mitte und dann auf den Blättern, Krüge auf.

32.6 tantubhirveṣṭitāñ śuddhān bahiścandanacarcitān |
sudhūpavāsitāndevi dūrvākṣatasamanvitān || 6 ||
Sie seien sauber, mit Fäden umwickelt, außen mit Sandel bestrichen, angenehm beräuchert und mit Durva und unversehrtem Reis versehen.

32.7 kvāthena pūrayeddevi yathāvadakṣarauṣadhaiḥ |
rocanācandrakāśmīralaghukastūrīkāyutaiḥ || 7 ||
Man fülle sie mit einem Absud der den Lauten zugeordneten Pflanzen, Göttin, mit Gorochana, Kampfer, Safran und etwas Moschus.

32.8 āpūrya gandhatoyaistānveṣṭayedaṃśukaiḥ śubhaiḥ |
muktāmāṇikyavaidūryagomedavajravidrumān || 8 ||
Mit duftendem Wasser gefüllt, umhülle man sie mit schönen Tüchern. Perle, Rubin, Vaidurya, Gomedaka, Diamant und Koralle,

32.9 puṣparāgaṃ marakataṃ nīlaṃ ceti yathākramam |
vinyasetteṣu kumbheṣu ratnāṅkitaphalāni ca || 9 ||
gelben Edelstein, Smaragd und Saphir lege man der Reihe nach in die Krüge; dazu mit Edelsteinen versehene Früchte.

32.10 sthāpayet kumbhavaktreṣu komalāṃścūtapallavān |
madhyakumbhe ca mudrāṃ tāṃ vinyasya bahumaṅgalaiḥ || 10 ||
An die Krugöffnungen lege man zarte Mangoblätter. Den Ring setze man unter glückverheißenden Handlungen in den mittleren Krug.

32.11 bījatrayaṃ tridhā kṛtvā mātṛkāṃ ca tridhā tathā |
vibhajya pūjayeddevi somasūryahutāśanān || 11 ||
Die drei Bijas und die Matrika teile man in drei Gruppen und verehre damit Mond, Sonne und Feuer, Göttin.

32.12 tatrāvāhya yajeddevīṃ saṃmohanīṃ parāṃ tataḥ |
prāṇānāyamya vidhivat pūrvavanmātṛkāṃ nyaset || 12 ||
Darin rufe man die höchste Göttin Sammohani an und verehre sie. Nach Pranayama setze man wie zuvor die Matrika ein.

32.13 (vi?tri)netrāṃ taruṇendvābhāṃ bālārkakiraṇāruṇām |
akṣamālāṅkuśaśarā[dharā ka pāṭhaḥ |]n pāśaṃ padmadvayaṃ tathā || 13 ||
Man betrachte sie dreiäugig, im Glanz des jungen Mondes und der jungen Sonne, mit Gebetskette, Stachel, Pfeilen, Schlinge und zwei Lotusblüten,

32.14 ābibhratīṃ karāmbhojaiḥ puṇḍrekṣucāpapustakam[kān ka pāṭhaḥ |] |
māyāśrīkāmabījādyāṃ nityāṃ varṇamayīṃ bhajet || 14 ||
ferner Zuckerrohrbogen und Buch in den Lotushänden. Mit Maya-, Shri- und Kama-Bija beginnend, verehre man die ewige, lautgestaltige Göttin.

32.15 nānāvidhaistu kusumairdhūpairdīpairmanoharaiḥ |
uccāvacairupahāraiḥ pūjayitvā yathāvidhi || 15 ||
Mit vielerlei Blumen, Räucherwerk, schönen Lampen und Gaben verschiedener Art verehre man sie vorschriftsmäßig.

32.16 śarkarāghṛtasaṃyuktaṃ pāyasaṃ ca nivedayet |
pūjayeddikṣu kumbheṣu vyāpinyādīnyathākramam || 16 ||
Milchreis mit Zucker und Ghee bringe man dar. In den Krügen der Richtungen verehre man der Reihe nach Vyapini und die weiteren Kräfte.

32.17 vyāpinī pālinī paścāt plāvinī kledinī tathā |
dhariṇī mālinī caiva harṣiṇī śāntinī tathā || 17 ||
Vyapini, Palini, Plavini, Kledini, Dharini, Malini, Harshini und Shantini

32.18 vyāpinyaścāṣṭasaṃkhyā vai etāḥ parvatanandini[nī ka pāṭhaḥ |] |
sāgraṃ sahasraṃ saṃjapya spṛṣṭvā tāṃ mudrikāṃ tataḥ || 18 ||
sind die acht durchdringenden Kräfte, Bergestochter. Dann berühre man den Ring und wiederhole den Mantra etwas mehr als tausendmal.

32.19 homayetsaṃskṛte vahnau sahasraṃ haviṣā tathā |
tasyāṃ saṃpātayeddevi vidhināhutiśeṣakam || 19 ||
Im geheiligten Feuer bringe man tausend Opfergaben dar und lasse vorschriftsmäßig den Rest jeder Gabe auf den Ring gelangen, Göttin.

32.20 samohanīṃ samuddiśya gṛhītvājyaṃ sruveṇa tu |
bījatrayayutāṃ devi mātṛkāṃ bindusaṃyutām || 20 ||
Für Sammohani nehme man Ghee mit dem Opferlöffel und spreche die mit den drei Bijas und Bindu verbundene Matrika,

32.21 vahnibhāryānvitāṃ paścāt kṛtvā vai homayettataḥ |
maṇḍale mātṛkādevyāḥ śiṣyaṃ niveśya sādaram || 21 ||
abgeschlossen durch Svaha, und opfere. Dann setze man den Schüler ehrerbietig in das Mandala der Matrika-Göttin.

32.22 surāstvāmiti mantraistu navabhiḥ kalaśaiḥ śubhaiḥ |
abhiṣicya vinītāya dadyāttāṃ mudrikāṃ guruḥ || 22 ||
Mit den neun Krügen und den mit „surās tvām“ beginnenden Mantras übergieße man ihn. Der Guru gebe dem bescheidenen Schüler den Ring.

32.23 iyaṃ rakṣākarī mudrā viṣarogavināśinī |
vyālacauramṛgādibhyo rakṣāṃ kuryādviśeṣataḥ || 23 ||
Dieser Ring gilt als Schutz vor Gift und Krankheit, besonders vor Schlangen, Dieben und wilden Tieren.

32.24 sarvavaśyakarī śuddhā śuddhidāśuddhihāriṇī |
tarjanyāṃ dhārayedenāṃ vidhinā manujeśvaraḥ || 24 ||
Er wird als rein, reinigend und einflussgewährend gepriesen. Der Praktizierende trage ihn vorschriftsmäßig am Zeigefinger.

32.25 yuddhe vijayamāpnoti śriyā paramayā yutaḥ |
vibhajenmātṛkāṃ devi navavargāṃstathoditān || 25 ||
Er soll Sieg im Kampf und höchstes Glück erlangen. Danach teile man die Matrika in die genannten neun Gruppen, Göttin.

32.26 navavargasamutpannā navaratneśvarā grahāḥ |
arkenduvakrajñagurubhṛgumandāhiketavaḥ || 26 ||
Aus diesen gehen die neun Planeten als Herren der neun Edelsteine hervor: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Rahu und Ketu.

32.27 navaratnairmaheśāni mudrāṃ kuryādyathecchayā |
tadratneṣu [teṣu ratneṣu ka pāṭhaḥ |] grahānsarvān pūjayitvā vidhānataḥ || 27 ||
Nach Wunsch fertige man einen Ring mit neun Edelsteinen, große Herrin, und verehre darin die Planeten vorschriftsmäßig.

32.28 āvāhya pūjayeddevīṃ saṃmohanīṃ parāṃ tathā |
japahomādikaṃ sarvaṃ kuryātpūrvoktavartmanā || 28 ||
Dann rufe man die höchste Sammohani an und verehre sie. Japa, Homa und alles Weitere geschehen nach der früheren Ordnung.

32.29 yo mudrāṃ dhārayedenāṃ tasya syurvaśagā grahāḥ |
vardhate tasya saubhāgyaṃ lakṣmīravyāhatā bhavet || 29 ||
Wer diesen Ring trägt, dem sollen die Planeten günstig werden; sein Glück wachse und Lakshmi bleibe ungehindert gegenwärtig.

32.30 [nyā ka pāṭhaḥ |]?????? drohiṇastasya naśyanti naśyanti sakalāpadaḥ |
rakṣobhūtapiśācādyā ne(kṣya?kṣa)nte taṃ bhayāturāḥ || 30 ||
Nach einer ausdrücklich markierten Textlücke heißt es: Seine Widersacher und alle Bedrängnisse vergehen; Rakshasas, Bhutas und Pishachas wagen aus Furcht nicht, ihn anzusehen.

32.31 uparyupari vardhante dhanaratnāni saṃpadaḥ |
vinā pratiṣṭhayā mudrāṃ dhārayitvā patatyadhaḥ |
nāpnoti ca phalaṃ tasmāddhārayedvidhinā priye || 31 ||
Vermögen, Edelsteine und Wohlstand wachsen weiter. Einen ungeweihten Ring zu tragen, führe dagegen zum Abstieg und bleibe fruchtlos; deshalb trage man ihn vorschriftsmäßig, Geliebte.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde mudrādhāraṇavidhinirūpaṇaṃ nāma dvātriṃśaḥ paṭalaḥ || 32 ||
Hier endet das 32. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Weihe und Tragen heiliger Ringe“.

Kapitel 33: Weihe des Shri Chakra

trayastriṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 33.1 cakrarājastvayā proktaḥ pratiṣṭhā na prakāśitā |
īśvara uvāca cakre mūrtau tathā śiṣye pratiṣṭhā trividhocyate || 1 ||
Die Göttin sprach: Du hast den König der Chakras beschrieben, seine Weihe aber noch nicht erklärt. Ishvara sprach: Weihe ist dreifach: am Chakra, am Bild und am Schüler.

33.2 pratiṣṭhitastathā śiṣyo dīkṣayā khalu pārvati |
arcāṃ [arcyā ka pāṭhaḥ |] ratnamayīṃ kṛtvā haimīṃ vā rājatīṃ priye || 2 ||
Der Schüler wird durch die Einweihung geweiht, Parvati. Man fertige ein Kultbild aus Edelsteinen, Gold oder Silber, Geliebte,

33.3 pratiṣṭhāṃ vidhivat kuryāt saṃsthāpya ca gṛhe śubhe |
māsi māsi caredyātrāṃ mahāvibhavavista[rām kha pāṭhaḥ |]rāt || 3 ||
weihe es vorschriftsmäßig und stelle es in einem schönen Haus auf. Monatlich veranstalte man ein Fest mit reichlichen Mitteln.

33.4 catuḥṣaṣṭyupacāraistu pūjāṃ kuryāddine dine |
dīkṣoktavidhinā pūrvamadhivāsādikaṃ caret || 4 ||
Täglich verehre man es mit vierundsechzig Diensten. Die vorbereitende Weihe und weitere Handlungen geschehen nach der Einweihungsordnung.

33.5 vāsobhūṣaṇagandhādyaiḥ kāryatattvārthavidguruḥ |
uktena vidhinā pūrvaṃ kṛtyaṃ nirvartya de[dai kha pāṭhaḥ |]śikaḥ || 5 ||
Der Guru, der Sinn und Durchführung kennt, vollziehe mit Gewändern, Schmuck und Duftstoffen die genannten Vorbereitungen.

33.6 pañcāmṛtaiḥ pañcagavyaiḥ kṣālayeccakrarājakam |
tathāvidhe gṛhe vedyāṃ pūjayitvā yathāvidhi || 6 ||
Den König der Chakras wasche man mit den fünf Nektaren und fünf Kuhprodukten und verehre ihn vorschriftsmäßig auf einem Altar in einem geeigneten Haus.

33.7 nānākusumasaurabhyavāsite'timanohare |
suṣumnāva(rtine?rtmanā)cakraṃ paryaṅke'tha niveśayet || 7 ||
Dieses sei schön und vom Duft vieler Blumen erfüllt. Unter Vergegenwärtigung des Sushumna-Weges lege man das Chakra auf ein Ruhebett.

33.8 kuṅkumāgurukastūrīkarpūrairatha candanaiḥ |
vilipya vividhairgandhaiḥ kuṅkumairapi yojayet || 8 ||
Mit Kumkuma, Aloeholz, Moschus, Kampfer, Sandel und weiteren Düften salbe man es und versehe es mit Kumkuma.

33.9 divyena vāsasācchādya karpūrairadhivāsayet |
dhūpaiḥ sudhūpitaṃ kṛtvā dīpairujjvālya pārvati || 9 ||
Mit einem kostbaren Tuch bedecke man es, durchdufte es mit Kampfer, beräuchere es und erhelle es mit Lampen, Parvati.

33.10 karpūravāsitaistoyaiḥ pūritān kalaśāñ śive |
ekāśītipade tatra sthāpayedvastraveṣṭitān || 10 ||
Auf ein Feld mit einundachtzig Plätzen stelle man mit kampferduftendem Wasser gefüllte, in Tücher gehüllte Krüge, Heilvolle.

33.11 hemagarbhānsamāñchuddhān puṣpamālādyalaṃkṛtān |
ekāśītipadopetaṃ caturasraṃ tu maṇḍalam || 11 ||
Sie seien gleichartig, rein, enthielten Gold und seien mit Blumengirlanden geschmückt. Das Mandala ist viereckig und in einundachtzig Felder geteilt.

33.12 brahmacārī gurustatra saśiṣyaścāpi saṃviśet |
prātareva tu tatsarvaṃ vinirvartya vidhānataḥ || 12 ||
Der Guru und sein Schüler verbringen dort die Nacht in Enthaltsamkeit. Morgens vollende man zunächst die täglichen Pflichten.

33.13 pūrvoktena vidhānena praviśenmaṇḍape guruḥ |
pūrvavadaparaṃ kṛtvā āsanamupaviśya ca || 13 ||
Nach der zuvor genannten Ordnung betrete der Guru die Halle, verrichte die vorbereitenden Handlungen und nehme seinen Sitz ein.

33.14 tathāsanaṃ ca nirvartya cakramutthāpayet tataḥ |
pañcāmṛtaiḥ pañcagavyaiḥ kṣālayitvā vidhānataḥ || 14 ||
Nach Vollendung des Sitzritus hebe er das Chakra auf und wasche es vorschriftsmäßig mit den fünf Nektaren und fünf Kuhprodukten.

33.15 nidhāya bhadrapīṭhe ca tatra devīṃ vibhāvayet |
kṣaudrājyadugdhaiḥ prathamaṃ nārikelāmbhasā tataḥ || 15 ||
Man stelle es auf einen glückbringenden Sockel und betrachte darin die Göttin. Zuerst übergieße man es mit Honig, Ghee und Milch, dann mit Kokoswasser,

33.16 ikṣurasaistathā toyairabhiṣicya samantrakam |
taireva kalaśaiḥ samyagabhiṣiñcedyathāvidhi || 16 ||
Zuckerrohrsaft und Wasser, jeweils unter Mantra-Rezitation. Danach übergieße man es vorschriftsmäßig aus den vorbereiteten Krügen.

33.17 sarvatīrthāmbupūrṇena bhṛṅgāreṇābhiṣicya vai |
cakraṃ [karābhyāmuddhṛtya taccakra ka pāṭhaḥ |] karābhyāmuddhṛtya sthāpayeddhemapīṭhake || 17 ||
Nach einem weiteren Übergießen aus einem Gefäß mit Wasser aller heiligen Orte hebe man das Chakra mit beiden Händen auf einen goldenen Sockel.

33.18 tato devīṃ hṛdi dhyātvā yathoktadhyānayogataḥ |
āvāhya cakramadhye ca tathaivaikāgracittavān || 18 ||
Man meditiere über die Göttin im Herzen nach der beschriebenen Weise, rufe sie in die Mitte des Chakra und bleibe einspitzig.

33.19 nirvartya vidhinā devi cakraṃ spṛṣṭvā kareṇa ca |
kuṅkumāgurukastūrīrocanācandanendubhiḥ || 19 ||
Nach vorschriftsmäßigem Vollzug berühre man das Chakra mit der Hand und salbe es mit Kumkuma, Aloeholz, Moschus, Gorochana, Sandel und Kampfer.

33.20 vilipyātha punaścakra suvarṇasya śalākayā |
rekhonmī[nme ka pāṭhaḥ |]lanamāpādya yajedādhārapūrvakam || 20 ||
Mit einem goldenen Stift ziehe man seine Linien erneut deutlich nach und verehre es, beginnend mit der tragenden Grundlage.

33.21 prāṇapratiṣṭhāmantreṇa prāṇāṃstatra niveśayet |
[sanādādi kṣīrodadhi āṃ, rephamārūḍho nakulīśo ha māyādinā iṃ bījena lāñchitaḥ | kāmadeva ka agni repha sadyojāta o tena kroṃ, śivabīja sacandrakamiti hasa, | tata sargavānityādinā sohamiti bījoddhāra |] kṣīrodadhiḥ sanādena bindunā parimaṇḍitaḥ || 21 ||
Mit dem Prana-Pratishtha-Mantra setze man die Lebenskräfte ein. Die verschlüsselte Lautbeschreibung beginnt mit „Milchozean“, Nada und Bindu.

33.22 nakulīśo'gnimārūḍho māyānādendulāñchitaḥ |
kāmadevo'gnimārūḍhaḥ sadyojātena bhūṣitaḥ || 22 ||
Nakulisha auf dem Feuerzeichen, geschmückt mit Maya, Nada und Mond, sowie Kamadeva auf Feuer, mit Sadyojata verbunden,

33.23 nādabindukalāyuktaḥ sarvaprāṇapradāyakaḥ |
bījatrayamidaṃ devi śivabījaṃ sacandrakam || 23 ||
Nada, Bindu und Kala, bilden die drei lebenspendenden Bijas, Göttin. Danach folgen das Shiva-Bija mit Mondzeichen

33.24 tadante parameśāni (sva?sa)rgavān bhṛguravyayaḥ |
tato bhū(yāttu?yastu)ṣaṣṭyantā mahātripurasundarī || 24 ||
und das unvergängliche Bhrigu-Zeichen mit Visarga, höchste Herrin. Es folgt „Mahatripurasundari“ im Genitiv.

33.25 kramātprāṇā iha prāṇāstathā jīva iha sthitaḥ |
amuṣyāḥ sarvendriyāṇi bhūyo'muṣyāśca pārvati || 25 ||
Dann spreche man der Reihe nach: „Ihre Lebenskräfte seien hier Lebenskräfte; ihre individuelle Lebenskraft sei hier gegenwärtig; sämtliche Sinne dieser Göttin,

33.26 vāṅmanonayanaśrotraghrāṇaprāṇāstathaiva ca |
paścādihāgatya sukhaṃ cira tiṣṭhantvagnipriyā || 26 ||
Rede, Geist, Augen, Ohren, Geruch und Lebensatem mögen hierherkommen und lange glücklich verweilen. Svaha!“

33.27 ayaṃ prāṇamanuḥ [āṃ hrīṃ kroṃ hasa soha mahātripurasundaryā, prāṇā iha prāṇā 15ṃ jīva iha sthita 15ṃ sarvendriyāṇi 15ṃ vāṅmanonayanaśrotraghrāṇaprāṇā ihāgatya sukha cira tiṣṭhantu svāheti spaṣṭam |] proktaḥ sarvajīvapradāyakaḥ |
anena manunā devyāḥ prāṇāṃstatra niveśya ca || 27 ||
Dies ist der lebenspendende Prana-Mantra. Mit ihm setze man die Lebenskräfte der Göttin hier ein.

33.28 spṛśañjapet karāgreṇa śrīcakraṃ pūjayettataḥ |
upacāraistathā proktaistrisaṃdhyaṃ tridinaṃ yajet || 28 ||
Während man die Oberfläche mit den Fingerspitzen berührt, wiederhole man ihn und verehre das Shri Chakra. Drei Tage lang verehre man es zu den drei Sandhya-Zeiten mit den genannten Diensten.

33.29 tatra tatra mahādevīṃ homayedvidhinā tathā |
aṣṭottaraśataṃ devi pāyasairmadhurāplutaiḥ || 29 ||
Zu jeder dieser Zeiten vollziehe man ein Homa für die große Göttin mit 108 Gaben von süß getränktem Milchreis.

33.30 vādyairnānāvidhairdevi nṛtyagītapuraḥsaraiḥ |
jayaśabdānvitaiḥ stotrairmahotsavamudānvitaḥ || 30 ||
Mit vielerlei Instrumenten, Tanz, Gesang, Siegesrufen und Hymnen veranstalte man freudig ein großes Fest, Göttin.

33.31 kṛtvātha guruve dadyāddakṣiṇāṃ pūrvasūcitām |
pramadāḥ paritoṣyātha brāhmaṇānapi toṣayet || 31 ||
Danach gebe man dem Guru die zuvor bezeichnete Dakshina und erfreue Frauen und Brahmanen.

33.32 evaṃ devi pratiṣṭhāyāṃ devīsāṃnidhyakārakaḥ |
yantre mantre kule caiva kulālaṃkaraṇe tathā || 32 ||
So bewirkt die Weihe die Gegenwart der Göttin. Als Grundlagen der Verehrung werden Yantra, Mantra, Kula und dessen ehrwürdige Verkörperung genannt,

33.33 traipure cāstraśa[śā ka pāṭhaḥ |]stre ca pūjayedvā tathātmāni |
pratimāyāṃ tathā vahnau śivaliṅge tathā gurau || 33 ||
ferner die Tripura-Gestalt, rituelle Waffen, das eigene Selbst, das Kultbild, Feuer, Shiva-Linga und Guru.

33.34 pūjādhārāṇi deveśi kathitāni mayānaghe |
nānyatra pūjayeddevīṃ yadī[di ka pāṭhaḥ |]cchedātmano hitam || 34 ||
Damit habe ich die Grundlagen der Verehrung erklärt, Herrin der Götter, Makellose. Wer sein Wohl erstrebt, verehre die Göttin nicht an ungeeigneten anderen Trägern.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde cakrarājapratiṣṭhānirūpaṇaṃ nāma trayastriṃśaḥ paṭalaḥ || 33 ||
Hier endet das 33. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Weihe des Shri Chakra“.

Kapitel 34: Kula-Verhalten

Kula-Praxis verbindet Verehrung mit überlieferten Regeln des Verhaltens.

catustriṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 34.1 kulācāraṃ śṛṇu prājñe prakīrṇaṃ kathyate mayā |
(amā?vinā mān) dakṣiṇaṃ vāmaṃ no[naivo ka pāṭhaḥ |]poṣya paramāṃ yajet || 1 ||
Höre, Weise, die verstreuten Regeln des Kula-Verhaltens. Die Anfangszeile über rechten und linken Weg ist beschädigt; sie untersagt hier, die Höchste fastend zu verehren.

34.2 prāṇihiṃsāṃ na kurvīta na cātmānaṃ prapīḍayet |
hetudravyamanāsvādya na smaretsundarīṃ śive || 2 ||
Man verletze kein Lebewesen und quäle auch sich selbst nicht. In dieser besonderen Ordnung vergegenwärtige man Sundari nicht, ohne den rituellen Karana-Stoff gekostet zu haben, Heilvolle.

34.3 vinā madyena māṃsena parastrīramaṇaṃ vinā |
yajanaṃ tu mahādevyā agavyaṃ bhojanaṃ yathā || 3 ||
Verehrung ohne Wein, Fleisch und die Verbindung mit einer erwachsenen rituellen Partnerin wird hier mit Nahrung ohne Kuhprodukte verglichen.

34.4 anaikṣavamagavyaṃ ca bhojanaṃ mṛtabhojanam |
upavāsavrataṃ naiva kuryādiha kadācana || 4 ||
Nahrung ohne Zuckerrohr- und Kuhprodukte wird als tote Nahrung bezeichnet. Ein Fastengelübde soll man in dieser besonderen Praxis nicht vollziehen.

34.5 durgandhavadano vāpi virāgavadano'pi ca |
akaulabhūṣaṇo vāpi raktapuṣpavivarjitaḥ || 5 ||
Mit übelriechendem oder farblosem Mund, ohne Kula-Schmuck oder rote Blumen,

34.6 aviśvāsahṛdā yuktaḥ śivasya patradhārakaḥ |
tathā nānyamanā bhūtvā sundarīṃ samupāsayet || 6 ||
mit misstrauischem Herzen, mit Shiva-Blättern geschmückt oder zerstreuten Geistes verehre man Sundari nicht.

34.7 ato na tulasīpuṣpaistatpatrairna yajetparām |
kanyāyoniṃ na vīkṣeta [yu ka pāṭhaḥ |] bībhatsuṃ na vilokayet || 7 ||
Deshalb verehre man die Höchste hier nicht mit Tulasi-Blüten oder -Blättern. Man soll weder den Intimbereich eines Mädchens betrachten noch sich abstoßenden Schauspielen hingeben.

34.8 na nagnāṃ nānyayoṣāṃ ca na vīkṣetprakaṭastanīm |
krīḍākulakumārīṇāṃ darśanādvandanaṃ śive || 8 ||
Man starre keine nackte fremde Frau oder entblößte Brüste an. Sieht man spielende Kumaris, verneige man sich ehrerbietig, Heilvolle.


Textanmerkung der Überlieferung: 2 ca ka pāṭhaḥ |
???? 34.9 na duṣyati mano yena nārīṇāṃ tatsamācaret |
nārīṇāṃ vipriyaṃ kṛtvā siddho'pi naśyati dhruvam || 9 ||
Man verhalte sich so, dass Frauen innerlich nicht verletzt werden. Wer ihnen Leid zufügt, verliert nach dem Text selbst eine bereits erlangte Vollendung.

34.10 naikavāraṃ samaśnīyā(nnahṛtya?nnāhārya)pūtigandhayuk |
svayaṃ hṛdyaṃ sthiraṃ svādu praśastaṃ madhuraṃ tathā || 10 ||
Man beschränke sich nicht auf eine einzige große Mahlzeit und esse nichts Faulig-Riechendes. Die Nahrung sei angenehm, stärkend, wohlschmeckend, geeignet und süß.

34.11 āhā(raṃ?rya)sādhakendrāṇāmalpamalpatara śivam |
kaṭvamlalavaṇānāṃ ca nātipriyataraṃ[ro ka pāṭhaḥ |] bhavet || 11 ||
Für gute Praktizierende seien kleine, eher noch kleinere Mengen heilvoll. Scharfes, Saures und Salziges bevorzuge man nicht übermäßig.

34.12 yadbhuṅkte jīryate śīghraṃ tadaśnīyānna cādhikam |
yadicchā jāyate bhoktuṃ tadaśnīyādapūrṇakam || 12 ||
Man esse, was rasch verdaut wird, nicht zu viel. Wenn Hunger entsteht, esse man, ohne den Bauch ganz zu füllen.

34.13 ekadācchādite vahnau naiva vṛddhiṃ prayāti saḥ |
tasmātsāvahito vahniṃ ba(ndha?rdha)yedbhukta[yuktimānnaraḥ kha pāṭhaḥ |]mā(jña?tra)taḥ || 13 ||
Wird ein Feuer auf einmal zugedeckt, wächst es nicht. Deshalb stärke man das Verdauungsfeuer aufmerksam durch angemessene Nahrungsmengen.

34.14 samāne tu sthite vahnau śarīraṃ syānnirāmayam |
nirāmaye śarīre tu sarvakarmāṇi sādhayet || 14 ||
Ist das Feuer ausgeglichen, bleibt der Körper gesund. Mit gesundem Körper lassen sich die Aufgaben erfüllen.

34.15 viṣamastho yadā vahniḥ śarīraṃ syānnirarthakam |
śarīraṃ tu manuṣyāṇāṃ puruṣārthaikasādhanam || 15 ||
Ist das Feuer gestört, wird der Körper unbrauchbar. Der menschliche Leib ist das zentrale Mittel zur Verwirklichung der Lebensziele.

34.16 tasmāt sarvaprayatnena (śu?śo)dhayettannirāmayam |
devā [daivāttvapi yaja ka pāṭhaḥ |] api jayantyatra kiṃ punarmānavādayaḥ || 16 ||
Deshalb reinige und erhalte man ihn sorgfältig gesund. Selbst die Götter gelangen hierdurch zum Erfolg, um wie viel mehr Menschen.

34.17 bhavābdhestaraṇopāyaṃ taraṇī varṣma cocyate |
nirgadena śarīreṇa sukhaṃ tarati dustaram || 17 ||
Der Leib wird ein Boot genannt, das den Ozean des Werdens überqueren lässt. Mit gesundem Körper überquert man leichter das schwer Überwindbare.

34.18 sarujā va(rtma?rṣma)ṇā devi jīvanaṃ viphalaṃ śive |
dhūmāgāre cāndhakāre cājñāte[ne ka pāṭhaḥ |] pūjanaṃ śive || 18 ||
Ein von Krankheit bedrängtes Leben wird in dieser zugespitzten Mahnung als beeinträchtigt beschrieben, Göttin. Verehrung in rauchigen, dunklen oder unbekannten Räumen

34.19 narakāya mahādevyāḥ pūjanaṃ viddhi pārvati |
satye cāsthigatāḥ prāṇāstretāyāṃ māṃsagā matāḥ || 19 ||
gilt als unheilvoll, Parvati. Im Satya-Yuga ruht der Lebensatem nach der traditionellen Vorstellung in den Knochen, im Treta-Yuga im Fleisch,

34.20 dvāpare tvaggatāḥ prāṇāḥ kalāvannagatā matāḥ |
nirāhāravrataṃ devi kalau tena vivarjitam || 20 ||
im Dvapara-Yuga in der Haut, im Kali-Yuga in der Nahrung. Deshalb wird im Kali-Yuga das völlige Fasten hier verworfen.

34.21 balidānaṃ vinā hisāṃ kalau naivātra kārayet |
na svayaṃ chedayeddevi baliṃ sādhakasattamaḥ || 21 ||
Außerhalb der zugelassenen Bali-Riten soll im Kali-Yuga keine Tötung stattfinden. Selbst bei Bali soll der hervorragende Praktizierende nicht eigenhändig das Tier töten.

34.22 balidānaṃ vinā devyāḥ prītirnānyaistathā bhavet |
prokṣaṇe tu paro mantraḥ so'yameva prakīrtitaḥ || 22 ||
Bali gilt in dieser Ritualordnung als besonders erfreuend für die Göttin. Für die Besprengung des Opfertiers wird folgende Formel genannt:

34.23 udbudhyasva paśo [śostuṣṭi nāparasta ka pāṭhaḥ |] tvaṃ hi nāparastvaṃ śivo'si hi |
śivotkṛtya[śivāyattamida ka pāṭhaḥ |]midaṃ piṇḍamatastvaṃ śivatāṃ vraja || 23 ||
„Erwache, Tier! Du bist kein anderer, du bist Shiva. Diesen Leib Shiva übergebend, gehe in Shivas Wesen ein!“ Die mittlere Wortform ist unsicher.

34.24 bahavo naiva hantavyā yadīcchedātmano hitam |
bahavo yatra hanyante tatra kṛtvā kṣayaṃkarī || 24 ||
Viele Tiere soll man keinesfalls töten, wenn man sein Wohl erstrebt. Wo viele getötet werden, wirkt die Praxis zerstörerisch.

34.25 bhavatyevācireṇaiva bandhanoccāṭanaṃ śive |
ātmaprāṇasamā devi pareṣāmapi sā kathā || 25 ||
Bald entstehen Bindung und Vertreibung, Heilvolle. Wie einem selbst das Leben lieb ist, so auch den anderen Wesen.

34.26 parahiṃsābhavo'dharmaḥ kramāt sarva hariṣyati |
ya ihātmakṛte devi parānni[niṣpādya ka pāṭhaḥ |]ṣpīḍya jīvati || 26 ||
Das aus der Verletzung anderer entstehende Unrecht nimmt schrittweise alles. Wer zum eigenen Vorteil lebt, indem er andere bedrängt,

34.27 nehāpi labhate siddhiṃ paratrāpi kadācana |
yo vā vidhimanādṛtya jantūn hatvā śivāṃ yajet || 27 ||
erlangt weder hier noch jenseits Vollendung. Wer die Vorschrift missachtet, Lebewesen tötet und damit die Göttin verehrt,

34.28 bhavantyeva mahotpātā(ya?sta)tra tasya na saṃśayaḥ |
yajñādiṣu maheśāni hiṃsayā dāruṇājñayā || 28 ||
ruft nach dem Text schwere Unheilsereignisse hervor. Grausam angeordnete Gewalt bei Opfern und ähnlichen Riten,

34.29 parahiṃsābhavo'dharmaḥ pariṇāme'tiduḥkhadaḥ |
tathaiva pratijāne[nīhi kha pāṭhaḥ |]'haṃ mohātkiṃ cā na dṛśyate || 29 ||
das aus der Verletzung anderer entstandene Unrecht, bringt schließlich großes Leid. Dies versichere ich; was wird aus Verblendung nicht alles übersehen!

34.30 kiyatkālasukhāvāpti[pti ka pāṭhaḥ |]kāmyayā kāmukāñ śive |
hantīha paramo mohaḥ paramohaḥ sudāruṇaḥ || 30 ||
Für den Wunsch nach kurzem Glück vernichtet schwere Verblendung die Begehrenden, Heilvolle. Fremdbestimmende Verblendung ist überaus grausam.

34.31 mamatva[tva mamatā ka pāṭhaḥ |]samatā dehe priye cātisudurlabhe |
tasmādeṣu mahadduḥkhaṃ nānyatra khalu pārvati || 31 ||
Die Bindung an den eigenen, geliebten und schwer erlangten Leib ist bei allen gleich. Daher entsteht hier besonders großes Leid, Parvati.

34.32 dehatyāge śuno ya(smā?dva)ttathendracandrayorapi |
āvayorjāyate prītiḥ kāmadā kāmukasya ca || 32 ||
Beim Verlassen des Leibes besteht für Hund, Indra und Mond derselbe grundlegende Vorgang. Die anschließende Aussage über unsere Freude und Wunscherfüllung ist im Zusammenhang schwer bestimmbar.

34.33 na śastaṃ māraṇaṃ karma brahmāptau brahmasādhake |
yadā sarvāṇi bhūtāni svātmaiva paripaśyati || 33 ||
Für einen Brahman-Sucher wird ein Vernichtungsritus nicht empfohlen. Wenn man alle Wesen als das eigene Selbst erkennt

34.34 sarvabhūtamivātmānaṃ brahma saṃpadyate tadā |
śaktirmaheśvaro brahma trayastulyārthavācakāḥ || 34 ||
und das eigene Selbst als alle Wesen, geht man in Brahman ein. Shakti, Maheshvara und Brahman sind drei Bezeichnungen derselben Wirklichkeit.

34.35 strīpuṃnapuṃsako bhedaḥ śabdato na parārthataḥ |
ante siddhirbhavetpuṃsāṃ vaśagā bhogamokṣadā || 35 ||
Der Unterschied von weiblich, männlich und sächlich liegt in den Wörtern, nicht in der höchsten Bedeutung. Für Männer erscheint die Vollendung als weibliche, Erfüllung und Befreiung gewährende Kraft,

34.36 strīṇāmapīha puṃrūpo vaśagaḥ sarvasiddhidaḥ |
napuṃsakātmakaṃ tattu svayameva prakāśate || 36 ||
für Frauen als männliche, alle Vollendungen gewährende Gestalt. Das jenseits beider liegende sächliche Brahman leuchtet aus sich selbst.

34.37 dvayorekatarādvaitayogānmataikabhāvanā |
niṣṭhīvana[vala vara śūkā ka pāṭhaḥ |]ravaṃ chikkāmadhovāyuvisarjanam || 37 ||
Durch nichtduale Vereinigung mit einer der beiden Gestalten entsteht die Betrachtung des Einen. Spucken, lautes Niesen oder Darmwind

34.38 pūjāmadhye tu yaḥ kuryāt sa bhavedyoginīpaśuḥ |
deśānāṃ vyavahārā(ṇi?di)vijñāya matimān sadā || 38 ||
während der Puja wird als störender Verstoß getadelt. Der Verständige kenne stets die Gebräuche der jeweiligen Länder.

34.39 pañcamādiparāma(rṣaḥ?rśa)svatantro na bhavet kvacit |
yatra deśe ya [ca ka pāṭhaḥ |] ācārastatra dharmastu tādṛśaḥ || 39 ||
Bei der fünften Ritualhandlung und verwandten Praktiken handle man nicht eigenmächtig. Welche Lebensordnung an einem Ort gilt, der entspricht dort der Dharma.

34.40 avirodhaḥ saṃśriteṣu devavat puruṣe'pi ca || 40 ||
Gegenüber Menschen, bei denen man Schutz und Gemeinschaft gefunden hat, verhalte man sich friedlich und ehrfürchtig wie gegenüber Gottheiten.

34.41 guruputrakalatrādi guruvadeva saṃśrayet |
parvasu ca viśeṣārcā[rcāt ka pāṭhaḥ |] kulavṛkṣānnapallavaḥ || 41 ||
Sohn und Partnerin des Gurus behandle man wie den Guru. An Festtagen vollziehe man besondere Verehrung; die Wendung über Kula-Bäume und junge Blätter ist beschädigt.

34.42 anicchā mithyāvacane paradāradhaneṣu ca |
svastutau parani(ndeca?ndāyāṃ) ānandaṃ cāpi na spṛśet || 42 ||
Man begehre weder Lüge noch fremde Partnerinnen und fremdes Vermögen und finde keine Freude an Selbstlob oder Herabsetzung anderer.

34.43 saṃbhāṣyābhimukhīṃ śaktiṃ nāsaṃbhāṣya vrajet kvacit |
strīṇāṃ samūhamālokya praṇamedbhāvatatparaḥ || 43 ||
Einer begegnenden Shakti wende man sich freundlich zu; man gehe nicht wortlos an ihr vorbei. Beim Anblick einer Frauengruppe verneige man sich innerlich ehrerbietig.

34.44 puṇḍrekṣudaṇḍajātāni bhakṣayenna kadācana |
prājñenaiva sadā kāryā pūjā sarvasamṛddhidā || 44 ||
Erzeugnisse des symbolisch als Bogen verehrten Zuckerrohrstabs soll man nach dieser besonderen Regel nicht verzehren. Der Verständige vollziehe die alles Gedeihen gewährende Puja.

34.45 āgamoktavidhau dṛṣṭyā tyajeddoṣaṃ[pamapa ka pāṭhaḥ |] tu pañcame |
snāyāt sugandhisalilaiḥ syāddeho nirmalo yathā || 45 ||
Bei der fünften Ritualhandlung lasse man im Rahmen der Agama-Vorschrift die Vorstellung ritueller Befleckung los. Man bade mit duftendem Wasser und halte den Leib rein.

34.46 nirmalaṃ dhārayedvāsaḥ sarvadā nirmalaḥ śuciḥ |
susnigdhadehavadano na rūkṣaḥ syāt kadācana || 46 ||
Man trage saubere Kleidung und sei stets gepflegt und rein. Körper und Gesicht seien geschmeidig, nicht vernachlässigt oder rau.

34.47 kṛtvā sumaṅgalaṃ dehaṃ mṛdubhāṣaṇatatparaḥ |
na bahu pralapedvīro naiva rūkṣaṃ kadācana || 47 ||
Den Leib glückverheißend gestaltend, spreche man sanft. Der Vira sei weder geschwätzig noch grob.

34.48 gandharvarūpavān bhūtvā vīṇāvādanatatparaḥ |
madirāghūrṇanayano madirākṣīsamanvitaḥ || 48 ||
In der anmutigen Erscheinung eines Gandharva, dem Vina-Spiel zugewandt, mit vom Ritualtrank bewegten Augen und einer lieblichen erwachsenen Partnerin verbunden,

34.49 sarvadā devatābhāvaḥ saṃgītarasapāragaḥ |
yatirvā bhūpatirvāpi praśastaḥ sādhakottamaḥ || 49 ||
bewahre er stets das Bewusstsein der Gottheit und verstehe den Geschmack der Musik. Als hervorragender Praktizierender wird sowohl der Entsagende als auch der König anerkannt.

34.50 bhūpatirvyastasaṃbhārairyatirindriyanigrahaiḥ |
caturāśramiṇāṃ madhye hyavadhūtāśramo mahān || 50 ||
Der König verfügt über vielfältige Mittel, der Entsagende über Sinnesbeherrschung. Unter den Lebensständen wird der Avadhuta-Stand besonders hochgestellt.

34.51 khādan māṃsaṃ pivan madyaṃ viṣayī viṣayān (yu?ju)ṣan |
rāmārāmo ramaṇībhirbhūṣitābhirvibhūṣitaḥ || 51 ||
Selbst beim Essen von Fleisch, Trinken von Wein und Erfahren der Sinnesgegenstände, in Gesellschaft schön geschmückter Frauen,

34.52 tattadānandasaṃdohairānanditāntarātmavān |
nispandendriyavān yastu so'vadhūto yatirmahān || 52 ||
innerlich von der jeweiligen Wonne erfüllt, bleibt er in den Sinnen unbewegt: Ein solcher gilt als Avadhuta, als großer Entsagender.


Textanmerkung der Überlieferung: 2 kṣi ka pāṭhaḥ |
?????? 34.53 srak candanaṃ ca vastrādi bhūṣaṇaṃ yadvilepanam |
yadṛcchayopapannaṃ yat tadapyanyairniveditam || 53 ||
Girlanden, Sandel, Kleidung, Schmuck und Salben, die ihm zufällig zukommen oder von anderen dargebracht werden,

34.54 agṛdhnurupayuñjīta na cāsaktamanā bhavet |
ekāntavijane ramye sadā yogaṃ samabhyaset || 54 ||
nutze er ohne Gier und ohne Anhaftung. An einem schönen, einsamen Ort übe er beständig Yoga.

34.55 indriyāṇi yadā bhikṣoścañcalāni mahātmanaḥ |
tadā paryaṭanaṃ kāryaṃ tīrthādiṣu prayatnataḥ || 55 ||
Werden die Sinne eines solchen Bettelmönchs unruhig, soll er sorgfältig Pilgerstätten und andere heilige Orte aufsuchen.

34.56 vibhūtibhūṣaṇo bhikṣāṃ kurvannaikatra [tra cira vaset ka pāṭhaḥ |] saṃvaset |
tvaṃ mātardehi me bhikṣāṃ kuṇḍalīṃ [līsta ka pāṭhaḥ |] tarpayāmyaham || 56 ||
Mit Asche geschmückt, Almosen erbittend, bleibe er nicht an einem Ort: „Mutter, gib mir eine Gabe; ich sättige damit Kundalini.“

34.57 vibhūtimatulāṃ prāpya na matto naiva matsarī [ra ka pāṭhaḥ |] |
saṃpattau ca nirānandaḥ samarūpaguṇānvitaḥ || 57 ||
Auch bei unvergleichlichem Wohlstand sei er weder überheblich noch neidisch. Glückliche Umstände versetzen ihn nicht in Erregung; er bewahrt Gleichmut.

34.58 sarvadānandahṛdayo dānabhogaparāyaṇaḥ |
prāsāde cottame ramye lākṣāruṇasamaprabhe || 58 ||
Stets wonnevollen Herzens, freigebig und bewusst genießend, kann er auch in einem schönen, lackrot strahlenden Palast wohnen,

34.59 divyopakaraṇairyukte maṇikāñcanabhūṣite |
parārdhyāstaraṇe ramye ratnasiṃhāsane śubhe || 59 ||
mit göttlichen Geräten, Edelsteinen und Gold versehen, auf einem schönen Edelsteinthron mit kostbarer Polsterung,

34.60 nānākusumasaurabhyasurabhīkṛtadiṅmukhe |
candanāgurukarpūradhūpaiḥ saṃmoditāntare || 60 ||
von vielerlei Blumenduft umgeben und von Sandel-, Aloeholz- und Kampferrauch erfreut,

34.61 karpūrajvalitairdīpairujjvale ratnasaṃjvale |
śaraccandranibhaṃ chatraṃ muktāmāṇikyamaṇḍitam || 61 ||
erhellt von Kampferlampen und Edelsteinen. Ein Schirm, hell wie der Herbstmond, mit Perlen und Rubinen geschmückt,

34.62 hemadaṇḍaśikhālambi śvetacāmarabhūṣitam |
nidhāyordhve viśet tatra kṛtāsanaparigrahaḥ || 62 ||
hängt an einer goldenen Stange, begleitet von weißen Yakschweifwedeln. Darunter nehme er seinen festen Sitz ein.

34.63 candanāgurukarpūramṛganābhivilepitaḥ |
sarvaśṛṅgāraveśāḍhyo ratnabhūṣāvibhūṣitaḥ || 63 ||
Mit Sandel, Aloeholz, Kampfer und Moschus gesalbt, festlich schön und mit Edelsteinen geschmückt,

34.64 sragbhirvicitrabhūṣābhirbhūṣito'timanoharaḥ |
karpūraśakalonmiśratāmbūlapūritānanaḥ || 64 ||
mit Girlanden und vielfältigen Zierden versehen, den Mund mit Betel und Kampferstückchen gefüllt,

34.65 nirvṛttākhilacidvṛttirmadirāghūrṇalocanaḥ |
vidhāya purataḥ [parita ka pāṭhaḥ |] śaktiṃ suveśāṃ sumanoharām || 65 ||
alle Geistesbewegungen beruhigt und vom Ritualtrank bewegt, stelle er die schön gekleidete, liebliche erwachsene Shakti vor sich auf.

34.66 dukūlakṣaumakauśe[ṣe ka pāṭhaḥ |]yairnānāratnairvirājitām |
nirlepaṃ nirguṇaṃ śuddhamātmānaṃ tripurāmayam || 66 ||
Sie strahlt in feinen Stoffen, Leinen, Seide und Edelsteinen. Das Selbst betrachte man als unbefleckt, eigenschaftslos, rein und ganz Tripura.

34.67 ātmābhedena saṃcintya yāti tanmayatāṃ naraḥ |
bhogena mokṣamāpnoti svayaṃ tripurabhairavaḥ || 67 ||
Sie als ungetrennt vom eigenen Selbst betrachtend, wird man ganz von ihr erfüllt. Durch bewusstes Erfahren erlangt man Befreiung und ist selbst Tripura-Bhairava.

34.68 tata eva samutpannā brahmaviṣṇumaheśvarāḥ |
tadevaite na saṃdehastasmādbhinnaṃ na bhāvayet || 68 ||
Aus eben dieser Wirklichkeit gingen Brahma, Vishnu und Maheshvara hervor. Sie sind nichts anderes; deshalb stelle man sich keine Trennung vor.

34.69 bhedāvabhāṣiṇo[bhāṣino ka pāṭhaḥ |] mūḍhāḥ patantyeva varānane |
sarvadā [dā ka pāṭhaḥ |] sarvadāḥ sarvāstoṣayedbhūṣayet striyaḥ || 69 ||
Wer töricht eine wesentliche Trennung behauptet, falle ab, Schönangesichtige. Frauen erfreue und schmücke man stets,

34.70 vāsobhūṣaṇagandhādyaiḥ peyairbhakṣairmudānvitaḥ |
prathame rājaso bhūtvā dvitīye tāmaso bhavet || 70 ||
freudig mit Gewändern, Schmuck, Duft, Getränken und Speisen. Die anschließende Stufenordnung nennt zuerst Rajas, dann Tamas,

34.71 tṛtīye sāttviko dharmī turye[caturthe ka pāṭhaḥ |] pañcaparāyaṇaḥ |
pūjāhomajapānte'syā balibhiḥ śatrunigrahaiḥ || 71 ||
drittens sattvische, dharmische Haltung und viertens die Hinwendung zu den fünf Tattvas. Nach Puja, Homa und Japa folgen Bali und die Abwehr feindlicher Kräfte.

34.72 dānabhogaistṛtīye ca caturthe sa[ma ka pāṭhaḥ |]matātmanaḥ |
taccitta[ttā ka pāṭhaḥ |]stadgataprāṇo[ṇā ka pāṭhaḥ |] madirāmadavihvalaḥ[lā ka pāṭhaḥ |] || 72 ||
Die dritte Stufe wird mit Geben und bewusstem Genuss verbunden, die vierte mit Gleichheit des Selbst. Geist und Lebensatem ruhen darin; der Ritualtrank begleitet den Zustand.

34.73 sāttviko divyabhāvastu sthirāya jāyate punaḥ |
nāśāya (sai?cai)va bhāvastu tāmasaḥ khalu mānuṣe || 73 ||
Sattvische göttliche Haltung führt zur Beständigkeit; tamasische Haltung beim Menschen dagegen zur Zerstörung.

34.74 viparyayādbhavenmṛtyurakālasaṃbhavaḥ śive |
viṣaśastrajanaiścorairdasyubhirvā varānane || 74 ||
Die verkehrte Anwendung führe zu vorzeitigem Tod durch Gift, Waffen, Gewalttäter oder Räuber, Heilvolle, Schönangesichtige.

34.75 vināśaṃ tasya durbuddheḥ samūlaṃ viddhi pārvati |
putramitrakalatrādisuhṛdbhṛtyādayo'pare || 75 ||
Erkenne darin den grundlegenden Niedergang des Unverständigen, Parvati. Wenn Kinder, Freunde, Partner, Vertraute und Dienende,

34.76 viprā bhrātrādayo yasya vi(sī?ṣī)danti suduḥkhitāḥ |
duścaritrāḥ striyo yasya bhavantyantaḥpure śive || 76 ||
Brahmanen und Geschwister tief bedrückt sind, wenn im Haus untreues oder schädigendes Verhalten herrscht,

34.77 mṛgayābhiratiryasya durodarapriyasya ca |
adbhutāni ca jāyante hāhākārayutāḥ prajāḥ || 77 ||
wenn der Hausherr der Jagd und dem Glücksspiel ergeben ist, entstehen unheilvolle Ereignisse, und die Menschen klagen.

34.78 pīḍitāḥ kleśaviklinnā vipat tasya pade pade |
yasyaite cātisaṃtuṣṭāḥ susthā maṅgalaśaṃsinaḥ || 78 ||
Bedrängnis und Leid führen dann auf Schritt und Tritt zu Not. Sind dagegen alle zufrieden, wohlauf und voller guter Wünsche,

34.79 tasyāyurvardhate nityaṃ mahālakṣmīḥ sthirā gṛhe |
kalaho yasya deveśi vinā kāraṇamāpatet || 79 ||
wächst seine Lebensdauer, und Mahalakshmi bleibt im Haus. Wo grundlos Streit entsteht, Herrin der Götter,

34.80 nāryo'maṅgala (saṃśi?śaṃsi)nyastasya hāniṃ [ni ka pāṭhaḥ |] vinirdiśet |
eteṣāmapi cānyeṣāṃ doṣāṇāṃ grahasaṃkaṭe || 80 ||
und Frauen Unheil beklagen, ist Verlust zu erwarten. Bei solchen und anderen Mängeln sowie bedrängenden Planetenkonstellationen

34.81 āyurvṛddhau tathā śāntyai koṭihomaṃ carennṛpaḥ |
koṭihomāt paraṃ nāsti karma riṣṭivināśane || 81 ||
vollziehe ein König zur Befriedung und Lebensstärkung ein Homa mit zehn Millionen Gaben. Kein Ritus gilt hier als höher zur Abwehr von Unheil.

34.82 na tattulyaṃ tathā rājñāṃ [rājye ka pāṭhaḥ |] mahotpātavināśanam |
puraścaryāṃ prakurvīta saṃdhyāsu japatatparaḥ || 82 ||
Für Könige werde kein gleich wirksames Mittel gegen große Bedrängnisse genannt. Man vollziehe Purascharana und widme sich Japa zu den Sandhya-Zeiten.

34.83 varṣaikena hi tat siddhyet sarvavighnavināśanam |
jñānalopo bhavedyasya madyapānāt sulocane || 83 ||
Innerhalb eines Jahres soll dies alle Hindernisse tilgen. Wer durch Alkoholkonsum sein klares Wissen verliert, Schönäugige,

34.84 vikāraṃ janayedvāpi sa punaryātyadhogatim |
pralāpo[pa ka pāṭhaḥ |] bhraṃśanaṃ hāsyaṃ krodhonmādabhayānakāḥ || 84 ||
oder dessen Wesen sich ungünstig verändert, gerät auf einen absteigenden Weg. Geschwätz, Stürzen, unangemessenes Lachen, Zorn, Wahnsinn und Furcht,

34.85 ālasyaṃ vāticintā ca parāniṣṭapravartanam |
hiṃsāsūyā tatherṣyā ca dambhamohau pramādatā || 85 ||
Trägheit, übermäßiges Grübeln, Schädigung anderer, Gewalt, Missgunst, Eifersucht, Heuchelei, Verblendung und Unachtsamkeit,

34.86 āveśo maraṇaṃ mūrchā vikārāḥ samudīritāḥ |
samatā sarvabhūteṣu mānāpamānayoḥ samaḥ || 86 ||
Besessenheit, Tod und Ohnmacht werden als solche Störungen genannt. Demgegenüber stehen Gleichheit gegenüber allen Wesen und Gleichmut bei Ehre und Kränkung,

34.87 samaḥ śatrau ca mitre ca samaloṣṭhāśmakāñcanaḥ |
brahmacintodbhavānandanivṛttabāhyacittatā || 87 ||
bei Feind und Freund sowie gegenüber Erdklumpen, Stein und Gold. Aus Brahman-Betrachtung entstehende Wonne beendet die Zerstreuung nach außen.

34.88 sarvakāleṣu sarvatra samatvaṃ nirvikāratā |
cakṣuṣoranimeṣatvaṃ madhurasmitabhāṣaṇam || 88 ||
Zu jeder Zeit und überall Gleichmut und Unerschütterlichkeit, ruhiger Blick sowie süße, lächelnde Rede:

34.89 amṛtasya guṇā ete kathitā bhuvi durlabhāḥ |
vairāgyaṃ ca mumukṣutvaṃ tyāgitā sarvavaśyatā || 89 ||
Dies sind die auf Erden seltenen Eigenschaften des Nektars. Nichtanhaftung, Befreiungsverlangen, Loslassen und Selbstbeherrschung,

34.90 aṣṭāṅgayogābhyasanaṃ bhogecchāparivarjanam |
sarvabhūteṣvanukampā sarvajñādiguṇodayaḥ || 90 ||
Übung des achtgliedrigen Yoga, Verzicht auf Genussgier, Mitgefühl für alle Wesen und das Erwachen umfassender Erkenntnis,

34.91 ityādiguṇasaṃpattiḥ siddherlakṣaṇamucyate |
khyātirvāhanabhūṣādilābhaḥ sucirajīvanam || 91 ||
solche Eigenschaften gelten als Zeichen der Vollendung. Ruhm, Fahrzeuge, Schmuck, langes Leben,

34.92 nṛpāṇāmaṅganānāṃ ca rājatvaṃ lokavaśyatā |
mahaiśvaryaṃ dhanitvaṃ ca putradārādisaṃpadaḥ || 92 ||
Einfluss auf Herrscher und Frauen, gesellschaftliche Macht, großer Besitz und eine wohlhabende Familie

34.93 adhamāḥ siddhayaḥ proktā mantriṇāṃ prathamastviha |
siddhayastu su[sva ka pāṭhaḥ |]rāḥ sākṣānmānavānāmasaṃśayaḥ || 93 ||
gelten dagegen als niedere Siddhis der Mantra-Praktizierenden. Die höchste Vollendung macht Menschen unmittelbar göttlich; die Schlusswendung ist gedrängt.

34.94 yatkṛte parameśāni niḥśvasanti kulāṅganāḥ |
sāṃsrupātaṃ vinā pañca gadgadaṃ bhṛśaduḥkhitāḥ || 94 ||
Wenn Frauen des Kula um eines Menschen willen schwer leiden, seufzen, weinen und mit stockender Stimme sprechen, höchste Herrin,

34.95 tasya syurviphalāḥ sarvāḥ kriyāḥ sarvatra coditāḥ |
kāntāsaṃtāpajo vahnirdahatyāsaptamaṃ kulam || 95 ||
werden all seine vorgeschriebenen Handlungen fruchtlos. Das Feuer aus dem Leid einer Partnerin verbrenne die Familie bis zur siebten Generation.

34.96 kāntāḥ saṃtoṣayet tasmādvipriyaṃ na manāk spṛśet |
saṃsiddheḥ kāraṇaṃ kāntā mūlaṃ saṃsāravartmasu || 96 ||
Deshalb erfreue man die Partnerin und füge ihr nicht einmal geringes Leid zu. Sie ist eine Ursache der Vollendung und Grundlage des gemeinsamen Lebenswegs.

34.97 jāyā mukhyatamā proktā yādau pāṇiprapīḍitā |
jāyate svayamevāsyāṃ jāyā tena nigadyate || 97 ||
Als wichtigste Partnerin gilt die Ehefrau, deren Hand zuerst ergriffen wurde. Weil man in ihr selbst wiedergeboren wird, heißt sie Jaya, „die Gebärende“.

34.98 ekā pativratā bhāryā sādhvī cetsahacāriṇī |
kimanyābhirmaheśāni yathaivāhaṃ tvayā prabhuḥ || 98 ||
Hat man eine einzige treue, rechtschaffene und mitgehende Ehefrau, wozu weitere, große Herrin? So bin ich durch dich Herr,

34.99 śriyā viṣṇuḥ sarasvatyā brahmā śacyā puraṃdaraḥ |
ekayā cepsitaṃ (kṛtvā?kāryaṃ) manasākṛṣya pūruṣam || 99 ||
Vishnu durch Shri, Brahma durch Sarasvati, Indra durch Shachi. Mit einer einzigen Partnerin ist das Ersehnte zu verwirklichen, wenn der Mensch sich innerlich sammelt.

34.100 ta(syāpye?smāde)kāṃ[ka kha pāṭhaḥ |] samāsādya nāpyanyāṃ manasā smaret |
jāyā cet kulaṭā gehe svayaṃ kulopacārakaḥ || 100 ||
Hat man eine solche gefunden, denke man nicht begehrlich an eine andere. Ist die eigene Ehe von Untreue geprägt, während man selbst Kula-Riten ausführt,

34.101 mūṣikopahataṃ koṣaṃ tathā tasya tadīritam |
prayatnena vinā devi yā svayamabhikāṅkṣati || 101 ||
gleicht dies nach dem Text einem von Mäusen beschädigten Vorratshaus. Eine erwachsene Frau dagegen, die ohne Drängen von sich aus eine Verbindung wünscht,

34.102 yadā tadā tu sā tasya parakīyā na cocyate |
haṭhādākarṣate yastu pralobhya ca dhanādibhiḥ || 102 ||
wird in dieser besonderen Ritualperspektive nicht als „fremd“ bezeichnet. Wer aber eine andere Frau mit Zwang oder durch Verlockung mit Geld

34.103 parakāntāṃ maheśāni sa yāti cādhamāṃ gatim |
svakāntā parakāntā vā kāmavirahitā śive || 103 ||
an sich zieht, große Herrin, gelangt auf einen niedrigen Weg. Ob eigene oder fremde Partnerin: Ist sie ohne Verlangen,

34.104 yā necchantīpsayāśraddhāṃ tāṃ gatvā ca tathā bhavet |
duḥśīlā tu yadā nārī tyajet tāṃ naiva tāḍayet || 104 ||
will sie nicht oder fehlt ihr Vertrauen, führt eine dennoch erzwungene Verbindung ebenso zum Abstieg. Bei schlechtem Verhalten einer Partnerin trenne man sich, schlage sie niemals.

34.105 atiduṣṭāṃ striyaṃ devi nīcapuruṣagāminīm |
rājadvāri ca digavastrāṃ[gvāsā kha pāṭhaḥ |] tyajet tāṃ naiva saṃśrayet || 105 ||
Eine besonders verwerflich handelnde Frau, die sich nach der historischen Wertung einem niedriggestellten Mann zuwendet, solle man am Königstor unbekleidet zurücklassen und nicht weiter aufnehmen. Diese entwürdigende Strafvorstellung gehört zur historischen Sozialordnung des Textes und ist keine heutige Handlungsempfehlung.

34.106 kulaśāstraṃ kulācārān [ra kula ka pāṭhaḥ |] kāmayāgamanuttamam |
ayogyeṣu prakāśyaiva siddho'pi naśyati dhruvam || 106 ||
Wer Kula-Schrift, Kula-Verhalten und das höchste Kama-Opfer Ungeeigneten offenbart, verliert nach dem Text selbst eine schon erlangte Vollendung.


Textanmerkung der Überlieferung: 2 nya kha pāṭhaḥ |
????? iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde kulācāravarṇanaṃ nāma catustriṃśaḥ paṭalaḥ || 34 ||
Hier endet das 34. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Kula-Verhalten“.

Kapitel 35: Wunscherfüllende Verehrung

pañcatriṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 35.1 sādhakā guptarūpāśca teṣāṃ sādhyaṃ kathaṃ bhavet |
sādhyaṃ ca kīdṛśaṃ deva kāmyaṃ vā kīdṛśaṃ bhavet || 1 ||
Die Praktizierenden wirken im Verborgenen. Wie erreichen sie ihr Ziel, wie ist dieses beschaffen und was gilt als wunschbezogene Praxis, Gott?

35.2 pūjā ca kīdṛśī kāryā tanme vada suvistarāt |
īśvara uvāca atyantaguptarūpeṇa kāmyaṃ kṛtvārcayennaraḥ || 2 ||
Welche Verehrung ist dabei auszuführen? Erkläre es ausführlich. Ishvara sprach: In strenger Vertraulichkeit vollziehe man die wunschbezogene Verehrung.

35.3 tadā tatkāmamāpno(ti ma?tyāna)ndabhāk śaktipūjanāt |
pūjāphalena daurbhāgyaṃ duḥkhadāridryasaṃkulam || 3 ||
Durch Shakti-Verehrung erlangt man den entsprechenden Wunsch und Anteil an Wonne. Unglück, Leid und Armut

35.4 sarvaṃ praśamanaṃ yāti ceśvaro jāyate bhuvi |
atiguptataraṃ yasmāt tasmādrātrau vidhīyate || 4 ||
kommen durch die Verehrung zur Ruhe, und man werde mächtig auf Erden. Weil diese Praxis besonders verborgen ist, wird sie der Nacht zugeordnet.

35.5 prakaṭe kāryahāniḥ syāt kruddhā bhavati sundarī |
gurubhaktivihīnasya viphalaṃ sādhanaṃ priye || 5 ||
Öffentliche Zurschaustellung vereitle das Vorhaben und erzürne Sundari. Ohne Hingabe an den Guru bleibt die Übung fruchtlos, Geliebte.

35.6 ahaṃ guruprasādena sarvagaḥ sarvavit prabhuḥ |
śakteḥ pūjā sadā kāryā prasannā yena sā bhavet || 6 ||
Durch die Gnade des Gurus bin ich allgegenwärtig, allwissend und Herr. Shakti soll stets so verehrt werden, dass sie erfreut ist.

35.7 viphalā śaktirahitā pūjāsava[rva ka pāṭhaḥ |]prasāriṇī |
dhyānamānandarahitaṃ yathā niṣphalamadrije || 7 ||
Eine bloß den Trank ausgießende Verehrung ohne Shakti bleibt fruchtlos, wie Meditation ohne Wonne, Bergestochter.

35.8 śaktau darpaṃ ghṛṇāṃ lajjā varjayet krodhamatsaram |
kadāciddarparūpeṇa puṣpeṇāpi na tāḍayet || 8 ||
Gegenüber der Shakti lasse man Überheblichkeit, Abscheu, beschämende Befangenheit, Zorn und Neid los. Niemals schlage man sie aus Überheblichkeit, nicht einmal mit einer Blume.

35.9 śaktau na vismayaḥ kāryo yasmātsā tatsvarūpiṇī |
vismitā vilayaṃ yānti paśavaḥ śāstramohitāḥ || 9 ||
Ihre Göttlichkeit soll nicht verwundern, denn sie ist deren wirkliche Gestalt. Wer durch bloßes Schriftdenken verwirrt daran Anstoß nimmt, bleibt im begrenzten Zustand.

35.10 su[sva ka pāṭhaḥ |]bhaktyā praṇamedyastu śaktimekāgracetasā |
tasya sarvārthasiddhiḥ syādante mokṣamavāpnuyāt || 10 ||
Wer sich einspitzig und hingebungsvoll vor Shakti verneigt, erlangt die Vollendung seiner Ziele und schließlich Befreiung.

35.11 niścayaṃ muktimāpnoti sahasra[sra kha pāṭhaḥ |]śaktipūjanāt |
śaktipūjāsu vimukhaḥ pāmaraḥ puruṣādhamaḥ || 11 ||
Tausendfache Shakti-Verehrung gewährt nach dem Text gewiss Befreiung. Wer sich von ihr abwendet, wird als unverständiger Mensch getadelt.

35.12 sa nirlajjaḥ kathaṃ brūte pūjayāmi maheśvarīm |
pūjāhomaṃ vinā ceha nādhikāraḥ kathaṃcana || 12 ||
Wie kann er behaupten: „Ich verehre die große Herrin“? Ohne die zugehörige Puja und das Homa besteht keine Berechtigung für diesen besonderen Ritus.

35.13 vinā homaṃ maheśāni śaktiyāgamakāraṇam |
śaktiyāgaṃ vinā homo niṣphalo nātra saṃśayaḥ || 13 ||
Ohne Homa bleibt das Shakti-Opfer unbegründet, große Herrin; ohne Shakti-Opfer bleibt das Homa fruchtlos.

35.14 tasmādbhāvaviśuddhātmā sarvatantrārthakovidaḥ |
sādhako'pi ca tattvajño nityaṃ śaktiṃ samāśrayet || 14 ||
Deshalb nehme der in Haltung reine, tantrakundige und die Wirklichkeitsprinzipien kennende Praktizierende stets Zuflucht zu Shakti.

35.15 madirāyā na vā śaktau jātivṛttiṃ vicārayet |
nānājātiṣu sabhūtāṃ vrajet saṃprāpya na tyajet || 15 ||
Weder beim Ritualtrank noch bei der erwachsenen Shakti beurteile man den Wert nach der gesellschaftlichen Herkunft. Frauen verschiedener Herkunft können teilnehmen; eine angenommene Partnerin weise man nicht deswegen zurück.

35.16 sarvaśaṅkāvinirmuktaḥ sarvajñaḥ sādhakottamaḥ |
śaktiyāgavidhiṃ kṛtvā bhavedbhūmau purandaraḥ || 16 ||
Frei von solchen Bedenken und kundig, vollziehe der hervorragende Praktizierende die Shakti-Verehrung und werde auf Erden wie Indra.

35.17 pūjayedardharātre ca nirjane paśuvarjite |
sarvālaṃkārasubhago gandhacandanabhūṣitaḥ || 17 ||
Um Mitternacht verehre man an einem einsamen, für Uneingeweihte unzugänglichen Ort, festlich geschmückt und mit Duft und Sandel versehen.

35.18 ākṛṣya vimalāṃ śaktiṃ ramaṇīṃ vāmalocanām |
hārā[nānā kha pāṭhaḥ |]laṃkārasubhagāṃ ghṛṇālajjāvivarjitām || 18 ||
Man lade eine reine, liebenswerte erwachsene Shakti ein, schönäugig, mit Halsketten und Schmuck versehen und frei von Abscheu oder beschämender Befangenheit.

35.19 parārdhyāstaraṇe ramye sthāpayet [dāphalo ka kha pāṭhaḥ |] tūlikopari |
sthāpayet surayā pūrṇaṃ kumbhaṃ vāme suvāsitam || 19 ||
Auf einem schönen, kostbaren Polster nehme sie Platz. Links stelle man einen wohlriechenden, mit Ritualtrank gefüllten Krug auf.

35.20 ānandahṛdayaṃ kṛtvā sadyaḥ prasannamānasaḥ |
guruṃ natvā vidhānena hyamṛtaṃ tadvicintayet || 20 ||
Das Herz werde wonnevoll und der Geist freundlich. Nach vorschriftsmäßiger Verneigung vor dem Guru betrachte man den Trank als Nektar.

35.21 māṃsaṃ matsyaṃ tathā mudrāṃ nidhāya purataḥ śive |
arghyapātraṃ tadā vahnisūryasomāmṛtaṃ smaret || 21 ||
Fleisch, Fisch und Mudra lege man vor sich, Heilvolle. Das Arghya-Gefäß betrachte man als Nektar von Feuer, Sonne und Mond.

35.22 sindūreṇa lalāṭe'syāḥ kṛtvā tilakamadrije |
sādhyaṃ ca vilikhettatra mūlavidyāvidarbhitam || 22 ||
Man bringe ein Zinnober-Tilaka auf ihrer Stirn an, Bergestochter, und schreibe darin das angestrebte Ziel, von der Wurzelvidya umschlossen.

35.23 gandhaiḥ puṣpaistathā mālyairbhūṣayitvā tu tāṃ punaḥ |
kṛtvā dhūpena saugandhyaṃ [saghora ka pāṭhaḥ |] dīpānujjvālya pārvati || 23 ||
Erneut schmücke man sie mit Duft, Blumen und Girlanden, erfülle den Raum mit Räucherduft und entzünde die Lampen, Parvati.

35.24 nābheścaraṇaparyantaṃ vāgbhavaṃ kūṭamuttamam |
hṛdayānnābhiparyantaṃ kāmabījaṃ pravinyaset || 24 ||
Von ihrem Nabel bis zu den Füßen setze man den Vagbhava-Teil ein, vom Herzen bis zum Nabel den Kama-Teil.

35.25 śiraso hṛtpradeśāntaṃ tadīyaṃ paribhāvayet |
sarvadevamayaṃ dehaṃ sarvamantramayaṃ vapuḥ || 25 ||
Vom Kopf bis zum Herzen betrachte man den dritten Teil. Ihr Leib sei als aus sämtlichen Gottheiten und Mantras bestehend erkannt.

35.26 cintayetsādhakaḥ śaktiṃ sākṣāt kāmeśvarīṃ puraḥ |
hṛdi hastaṃ samādāya japedaṣṭottaraṃ śatam || 26 ||
Der Praktizierende betrachte die Shakti vor sich unmittelbar als Kameshvari. Die Hand an ihr Herz legend, wiederhole er den Mantra 108-mal.

35.27 ātmānaṃ cintayetkāmaṃ śaktiṃ kāmeśvarīṃ parām |
muhurmuhuḥ pibenmadya śaktijihvāviloḍitam || 27 ||
Sich selbst betrachte er als Kama, die Shakti als höchste Kameshvari. Der Text beschreibt anschließend das wiederholte gemeinsame Kosten des von ihrer Zunge berührten Ritualtranks.

35.28 mantraśuddhaṃ pibenmadyaṃ niḥśabdaṃ [bdahā kha pāṭhaḥ |] hāsyavarjitaḥ |
bhojanānte viṣaṃ pānaṃ pānānte bhojanaṃ viṣam || 28 ||
Man trinke den durch Mantra gereinigten Trank still und ohne unangemessenes Lachen. Trinken erst nach dem Essen beziehungsweise Essen erst nach dem Trinken wird hier als „Gift“ bezeichnet.

35.29 amṛtaṃ tadvijānīyād yadannaṃ surayā saha |
viṣṇunā ca purā pītā[ta ka pāṭhaḥ |] śaṃkareṇa tataḥ param || 29 ||
Als „Nektar“ gilt dagegen die gemeinsam mit dem Trank genossene Nahrung. Die folgende Anrufung erinnert daran, dass Vishnu und danach Shankara ihn tranken,

35.30 śakreṇa ca tathā pītā puṣpadantena caiva hi |
śukreṇa ca purā pītā dattātreyeṇa sevitā || 30 ||
ebenso Indra, Pushpadanta, Shukra und Dattatreya.

35.31 śrīmatā balarāmeṇa samānītātha bhūtale |
tasmādimāṃ surāṃ puṇyāṃ bhaktyā tāṃ ca pibāmyaham || 31 ||
„Der ehrwürdige Balarama brachte ihn auf die Erde. Deshalb trinke ich hingebungsvoll diesen geheiligten Trank.

35.32 paśupāśavināśāya divyajñānopalabdhaye |
idaṃ pavitramamṛtaṃ pibāmi bhavabheṣajam || 32 ||
Zur Lösung der Pashu-Fesseln und zum Erlangen göttlicher Erkenntnis trinke ich diesen reinen Nektar, Heilmittel gegen das Werden.“

35.33 madyaṃ māṃsaṃ tathānyattu yatkiṃcit kulabhūṣaṇam |
śaktyai dattvā punaḥ śeṣamātmanyeva niyojayet || 33 ||
Wein, Fleisch und andere als Kula-Gaben geltende Stoffe reiche man zuerst der Shakti; den verbleibenden Anteil verwende man selbst.

35.34 pāyayitvā punaḥ pānaṃ tanmukhādamṛtaṃ pibet |
tataśca śodhayeddīpaṃ dīpo bhavati nānyathā || 34 ||
Nachdem man sie trinken ließ, beschreibt der Text das Trinken aus ihrem Mund. Danach reinige man die Lampe; nur so gelte sie als rituell vollständig.

35.35 ānandodayaparyantaṃ sādhakaśca pibenmadhu |
karpūra (sa?śa)kalonmiśratāmbūlapūritānanaḥ || 35 ||
Der Praktizierende trinke nach dieser historischen Ordnung bis zum Aufkommen von Wonne und halte Betel mit Kampfer im Mund. Die Grenze zur Bewusstseinstrübung wird in Kapitel 34 ausdrücklich verworfen.

35.36 madirāghūrṇanayano digvāsāḥ kulabhūṣaṇaḥ |
vadet savinayaṃ vākyaṃ siddhide parameśvari || 36 ||
Unbekleidet, mit vom Trank bewegten Augen, spreche er demütig: „Höchste Herrin, Vollendungsspenderin,

35.37 caturvargastvayi nyastastasmānme siddhidā bhava |
iti prasādamāsādya kārayettāṃ digambarām[rīm ka pāṭhaḥ |] || 37 ||
die vier Lebensziele ruhen in dir; gewähre mir Vollendung!“ Nachdem er ihre Zustimmung und Gunst erlangt hat, beginnt der Text die Beschreibung der unbekleideten rituellen Vereinigung Erwachsener.

35.38 trikoṇavadbhagaṃ jñātvā sarvasiddhipradāyakam |
kūṭatrayātmakaṃ smṛtvā sarvānandamayaṃ smaret || 38 ||
Ihre Yoni wird als Dreieck verstanden, alle Vollendungen gewährend, aus den drei Mantragruppen bestehend und ganz von Wonne erfüllt.

35.39 ātmānaṃ devatārūpamadvaitaṃ paricintayan |
pūrṇacandranibhaṃ vaktraṃ pū(rṇeśīṃ?rṇādriṃ) cumbanairyajet || 39 ||
Das eigene Selbst betrachte man als nichtduale Gottheit. Ihr vollmondgleiches Gesicht wird dem Pitha Purnagiri zugeordnet und durch Küsse verehrt; der Ortsname ist unsicher gelesen.

35.40 jālandharaṃ mahāpīṭhaṃ stanadvayamudīritam |
apānamūruyugalaṃ kāmarūpamataḥ param || 40 ||
Die beiden Brüste heißen der große Pitha Jalandhara; der untere Körperbereich und die Oberschenkel werden in der gedrängten Zeile mit Kamarupa verbunden.

35.41 yatpīṭhaṃ brahmaṇo vaktraṃ guptaṃ sarvasukhāvaham |
yato devāśca devyaśca munayaścaiva bhāva[mānave kha pāṭhaḥ |]jāḥ || 41 ||
Dieser verborgene, Freude gewährende heilige Sitz heißt der Mund Brahmans. Aus ihm treten Götter, Göttinnen und die aus geistiger Kraft entstandenen Weisen hervor.

35.42 sarve'pyāvirbhavantyete tena guptaṃ mahītale |
dvividhaṃ caiva tatpīṭhaṃ guptaṃ vyaktaṃ maheśvari || 42 ||
Weil all diese daraus erscheinen, wird er auf Erden geheim gehalten. Der Pitha ist zweifach: verborgen und offenbar, große Herrin.

35.43 vyaktādguptaṃ mahāpuṇyaṃ durāpaṃ paśubhiḥ priye |
guptaṃ sarvatra deveśi labhyate kulapūjakaiḥ || 43 ||
Der verborgene gilt als heiliger als der offenbare und ist Pashus schwer zugänglich, Geliebte. Für Kula-Verehrer ist er überall erreichbar.

35.44 yatra tatra yajeddevīmupacāraistathāvidhaiḥ |
liṅgenākarṣayedyoniṃ mukhe[kheji ka pāṭhaḥ |] jihvāmṛtaṃ pibet || 44 ||
An dieser innerlich erkannten Stätte wird die Göttin durch die entsprechenden Dienste verehrt. Der Text deutet die körperliche Vereinigung und den Austausch des Kusses als rituelle Darbringung.

35.45 nakhadantakṣatānyatra puṣpāṇi vihitāni ca |
āliṅganaṃ tu kastūrīkarpūrāgurucandanam || 45 ||
Spuren von Nägeln und Zähnen werden dabei symbolisch als Blumen bezeichnet, die Umarmung als Moschus, Kampfer, Aloeholz und Sandel.

35.46 cumbanaṃ stavanaṃ devi mathanaṃ ha(ra?va)naṃ śive |
tribhiḥ kūṭaistrighātaṃ syāt trighātairjapamekataḥ || 46 ||
Küssen heißt Lobpreis, die Bewegung der Vereinigung Feueropfer, Heilvolle. Drei Bewegungen werden den drei Mantragruppen zugeordnet und als eine Japa-Einheit verstanden.

35.47 evaṃ kṛtvā maheśāni sa ca kāmeśvaro bhavet |
madyaṃ māṃsaṃ vinā devi kulapūjāṃ yathā caret || 47 ||
Wer dies in der beschriebenen Haltung vollzieht, werde Kameshvara, große Herrin. Eine Kula-Puja ohne die dafür vorgeschriebenen Wein- und Fleischgaben

35.48 janmāntarasahasrasya sukṛtaṃ tasya naśyati |
nivṛttikāle ca punarbhāvapūrṇāmṛtairnijam || 48 ||
vernichte nach der strengen Ritualbehauptung das Verdienst tausender Geburten. Beim Abschluss betrachte man sich erneut als von innerem Nektar erfüllt.

35.49 mukhaṃ binduvadākāraṃ tadadhaḥ ku(la?ca)yugmakam |
sarvavidyāmṛtaiḥ pūrṇaṃ sarvavāgvibhavapradam || 49 ||
Das eigene Gesicht sei ein Bindu, darunter die beiden Brüste; die Gestalt sei vom Nektar aller Vidyas erfüllt und Quelle aller Redekraft.

35.50 sarvārthasādhakaṃ devi sarvarañjanakāraṇam |
tadadhaḥ parameśāni svadehaṃ paricintayet || 50 ||
Sie verwirkliche alle Ziele und erfreue alles, Göttin. Darunter betrachte man den eigenen Leib, höchste Herrin,

35.51 sarvajñānasusaṃpannaṃ sarvavaśyapradāyakam |
dhyātvā yaṣṭvāthavā devi bhavetkāmakalānvitaḥ || 51 ||
als mit aller Erkenntnis versehen und umfassenden Einfluss gewährend. Durch solche Meditation und Verehrung werde man mit Kamakala verbunden.

35.52 kulasya vividhaṃ rūpaṃ jñātvā tatparicintya ca |
kulīno jāyate yasmāt kathaṃ tattu prakāśayet || 52 ||
Wer die vielfältigen Gestalten des Kula erkennt und betrachtet, wird wahrhaft Kula-zugehörig. Wie könnte er dies unterschiedslos preisgeben?

35.53 evamabhyāsayogena siddho bhavati nānyathā |
māsenākarṣaṇī [ṇī siddhi ka pāṭhaḥ |] siddhistrimāsairvākpatirbhavet || 53 ||
Durch beständige Übung entsteht Vollendung, nicht anders. Nach einem Monat wird Anziehungskraft, nach drei Monaten Herrschaft über die Rede verheißen.

35.54 evaṃ catuṣṭaye māsi bhaveddikpālagocaraḥ |
pañcame pañcakāmaḥ[bāṇa0 kha pāṭhaḥ |] syāt ṣaṣṭhe rudro na saṃśayaḥ || 54 ||
Nach vier Monaten werde man den Welthütern zugänglich, im fünften erfülle man die fünf Wünsche, im sechsten werde man Rudra.

35.55 cintanaṃ yoṣitā sārdhaṃ pūjanaṃ ca tayaiva hi |
tayā virahito mantrī na sidhyati kadācana || 55 ||
In diesem besonderen Weg geschehen Betrachtung und Verehrung mit der erwachsenen Partnerin; ohne sie werde der Mantra-Praktizierende nicht vollendet.

35.56 bhāvayedyoṣitā sārdhaṃ juhuyācca tayaiva hi |
tayā virahito mantrī na sidhyati kadācana || 56 ||
Mit ihr vollziehe man die innere Betrachtung und das Opfer; ohne sie werde in dieser Ritualordnung keine Vollendung erlangt.

35.57 striyo devāḥ striyaḥ prāṇāḥ striya eva hi bhūṣaṇam |
strīsaṅginā sadā bhāvyamanyathā svastriyā a[ma kha pāṭhaḥ |]pi || 57 ||
Frauen sind Gottheiten, Lebenskräfte und Schmuck des Lebens. Die besondere Übung sieht eine Partnerin vor; ausdrücklich wird auch die eigene Ehefrau genannt.

35.58 rātrau paryaṭanaṃ kāryaṃ rātrau ca śaktipūjanam |
rātrau kulakathālāpaṃ rātrau cānyat samāpayet || 58 ||
Nächtliches Umhergehen, Shakti-Verehrung, Gespräche über Kula und die weiteren besonderen Handlungen werden der Nacht zugeordnet.

35.59 prātaḥ snānaṃ tato devi devānpitṝnṛṣīṃstathā |
tarpayitvā yajeddevīmupacārairyathāvidhi || 59 ||
Morgens bade man, Göttin, sättige Götter, Ahnen und Rishis und verehre die Göttin mit den vorgeschriebenen Diensten.

35.60 pūrvāhṇavihitāṃ pūjāṃ gṛhṇāti paradevatā |
madhyāhnavihitāṃ devi gṛhṇanti yoginīgaṇāḥ || 60 ||
Die vormittägliche Puja nimmt die höchste Gottheit an, die mittägliche die Yogini-Scharen.

35.61 aparāhṇakṛtā pūjā nīyate yakṣarākṣasaiḥ |
pūrvāhṇe dīyate yatta[ttua ka pāṭhaḥ |]damṛtaṃ samudīritam || 61 ||
Die nachmittägliche Puja werde von Yakshas und Rakshasas aufgenommen. Was vormittags dargebracht wird, heißt Nektar,

35.62 madhyāhne tattu deveśi śoṇitaṃ ca paraṃ smṛtam |
tasmāt sarvaprayatnena bāhyapūjāṃ maheśvari |
prātareva sadā kuryādgṛhastho gṛhiṇīyutaḥ || 62 ||
was mittags gegeben wird, wird hier als Blut bezeichnet, Herrin der Götter. Deshalb vollziehe der Haushälter die äußere Puja mit seiner Ehefrau sorgfältig am Morgen.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde kāmyapūjādividhinirūpaṇaṃ nāma pañcatriṃśaḥ paṭalaḥ || 35 ||
Hier endet das 35. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Wunscherfüllende Verehrung“.

Kapitel 36–40: Shakti und Nichtdualität

Kapitel 36: Shakti-Praxis und inneres Opfer

ṣaṭtriṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 36.1 śaktyantaraṃ pravakṣyāmi savikalpasya sundari |
svaśaktyā paraśaktiṃ ca yathānayati sādhakaḥ || 1 ||
Ishvara sprach: Schöne, ich werde dem noch in Unterscheidungen lebenden Sadhaka eine weitere Shakti-Praxis erklären: wie er durch die eigene Shakti eine andere Shakti heranzieht.

36.2 adīkṣitāṅganāsaṅgāt siddhihānirbhavecchive |
tasmāt sarvaprayatnena dīkṣayennijakaulinīm || 2 ||
Die Verbindung mit einer nicht eingeweihten Frau lässt die Vollendung schwinden, Shiva. Deshalb soll er sich mit aller Sorgfalt um die Einweihung seiner eigenen Kula-Gefährtin bemühen.

36.3 gurusevaikamātreṇa yathā siddhirbhaven nṛṇām |
mahāpadmavanadhyānād yathā siddhīśvaro bhavet || 3 ||
Wie Menschen durch den Dienst am Guru Vollendung erlangen und durch Meditation über den großen Lotuswald Herrschaft über die Siddhis gewinnen,

36.4 tripurādhyānamātreṇa jīvanmukto yathā bhavet |
gaṅgāsmaraṇamātreṇa niṣpāpo jāyate yathā || 4 ||
wie man allein durch Meditation über Tripura schon zu Lebzeiten befreit wird und durch Erinnerung an die Ganga von Verfehlungen frei wird,

36.5 yoṣitsmaraṇamātreṇa tatheyaṃ varadāyinī |
na snānaṃ na tathā pūjā na dhyānaṃ nyāsa[sameva ka pāṭhaḥ |] eva vā || 5 ||
so gewährt diese Göttin durch das Erinnern an die Frau Segnungen. Dafür werden weder Bad noch Verehrung noch Meditation noch Nyasa gefordert.

36.6 mantrasmaraṇamātreṇa yoṣitāṃ varadāyinī |
nijakāntāṃ samānīya suśīlāṃ suyaśasvinīm || 6 ||
Allein durch Erinnerung an das Mantra gewährt sie Frauen Segnungen. Der Sadhaka bringe seine eigene Gefährtin herbei, von gutem Verhalten und gutem Ruf.

36.7 kulabhaktaṃ guruṃ prāpya dīkṣayet kulavidyayā |
dīkṣayitvā gurustāṃ tu nijaputrīvadācaret || 7 ||
Er suche einen dem Kula ergebenen Guru auf und lasse sie in die Kula-Vidya einweihen. Nach der Einweihung behandle der Guru sie wie seine eigene Tochter.

36.8 adya prabhṛti putri tvaṃ kulapūjāratā bhava |
yathopadiṣṭavidhinā svāminaṃ [mivaśya samānaya ka pāṭhaḥ |] vaśyamānaya || 8 ||
„Von heute an, Tochter, sei der Kula-Verehrung zugetan. Nach der gelehrten Ordnung gewinne die Zuwendung deines Mannes.

36.9 hararūpasya tvatpatyurnacānyaṃ [nānya manasā sasmara ka pāṭhaḥ |] manasā smara |
ityājñāṃ [jñā kulaguro ka pāṭhaḥ |] ca gurorlabdhvā praṇameddaṇḍavadbhuvi || 9 ||
Dein Gatte hat die Gestalt Haras; denke nicht an einen anderen.“ Nachdem sie diese Weisung des Gurus empfangen hat, verneige sie sich ausgestreckt auf dem Boden.

36.10 tvatpadāmbhoruhacchāyāṃ mūrdhni dehi yaśodhana |
dīkṣitā naca yoṣā cet kathaṃ syātkulapūjanam || 10 ||
„Lege den Schatten deiner Lotusfüße auf mein Haupt, Ruhmreicher!“ Ist die Frau nicht eingeweiht, wie könnte die Kula-Verehrung stattfinden?

36.11 kulapūjā na ceddevi kulavidyā parāṅmukhī |
divasaṃ prāpya bhautaṃ ca nirjane paśuvarjite || 11 ||
Ohne Kula-Verehrung wendet sich die Kula-Vidya ab, Göttin. An dem genannten günstigen Tag, an einem einsamen, von Uneingeweihten freien Ort,

36.12 aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ pakṣayorubhayopari |
ānīya yatnataḥ śuddhaṃ sindūraṃ ca manoharam || 12 ||
am achten oder vierzehnten Tag beider Mondhälften, beschaffe man sorgfältig reinen, schönen roten Zinnober.

36.13 tena cakraṃ samālikhya surekhaṃ paramojjvalam |
ṣaṭkoṇaṃ padmagarbhasthaṃ śarāve dāhavarjite || 13 ||
Damit zeichne man auf eine ungebrannte Schale ein leuchtendes, mit klaren Linien versehenes sechseckiges Chakra im Inneren eines Lotus.

36.14 tanmadhye pratimāṃ devi sindūreṇa samālikhet |
kapole sādhyamālikhya mūlamantravidarbhitam || 14 ||
In dessen Mitte zeichne man mit Zinnober eine Gestalt. Auf ihre Wange schreibe man den Namen der heranzuziehenden Person, in das Wurzelmantra eingefügt.

36.15 kāmabījaṃ tato devi likhet sarvāṅgasaṃdhiṣu |
puṣpāsavaṃ mukhe dattvā vasantasundarīṃ japet || 15 ||
Dann schreibe man das Kama-Bija an alle Gelenke. Man gebe Blütenwein an den Mund der Figur und wiederhole die Vasanta-Sundari-Vidya.

36.16 [kāma ka indra la turīya bindunādādiyukta īṃ bhuvaneśī hrīṃ eva klīṃ hrīṃ ai nīlasubhage hili hili vicce svāhā- iti vasantasundarī ||] kāmamindraṃ turīyaṃ ca bindunādasamanvitam |
bījaṃ tadbhuvaneśānyā dvādaśasvarabindukam || 16 ||
Die Lautangaben nennen Kama, Indra und den vierten Vokal, verbunden mit Bindu und Nada; danach das Bija Bhuvaneshvaris und den zwölften Vokal mit Bindu. Die beigegebene Glosse bietet eine eigene Lautauflösung.

36.17 tatastu nīlasubhage hilihili tataḥ param |
vicce svāhāpadaṃ dadyādvidyā vasantasundarī || 17 ||
Danach folgen „nīlasubhage“, „hili hili“, „vicce“ und „svāhā“. Diese Vidya heißt Vasanta-Sundari.

36.18 dhyānaṃ kṛtvā tu sundaryā jīvanyāsaṃ ca kārayet |
saṃvidānandahṛdayaḥ sādhakaḥ sthiramānasaḥ || 18 ||
Nach der Meditation über Sundari vollziehe man Jiva-Nyasa. Der Sadhaka sei im Herzen von Bewusstseinswonne erfüllt und von beständigem Geist.

36.19 saṃvidāsavayormadhye saṃvideva garīyasī |
saṃvi(dyāṃ?daṃ) yojayeddevi svayaṃ cāpi kuleṣu ca || 19 ||
Zwischen Samvid und Wein gilt Samvid als gewichtiger; die Bezeichnung kann hier zugleich Bewusstheit und eine rituelle Substanz meinen. Man verbinde sich selbst und den Kula-Kreis damit, Göttin. Die Lesung ist nicht eindeutig.

36.20 tāmbūlapūritamukho raktābharaṇabhūṣitaḥ |
raktāsanopaviṣṭastu svakulaṃ tūlikopari || 20 ||
Mit Betel im Mund, rotem Schmuck und auf einem roten Sitz platziere der Sadhaka seine Kula-Gefährtin auf einem Polster.

36.21 vāmabhāge samāsīnaṃ raktavastravibhūṣitam |
sarvaśṛṅgāraveśāḍhyaṃ sphuraccakitalocanam || 21 ||
Sie sitze zu seiner Linken, mit roten Gewändern geschmückt, in vollständigem Liebesschmuck und mit lebhaften, scheuen Augen.

36.22 jitāmitakucadvandvaviśālakarikumbha[stukam ka pāṭhaḥ |]kam |
tatskandhe bāhumādhāya bhaṅgyā dhṛtakucāñcale || 22 ||
Ihre Brüste werden mit den mächtigen Stirnwölbungen eines Elefanten verglichen; er lege den Arm auf ihre Schulter und halte sie in der beschriebenen Umarmung.

36.23 pratimāyāṃ tato devi pūrvavannyāsamācaret |
pūrvoktavidhinā pūjā kartavyā vīravandite || 23 ||
Dann vollziehe er an der Figur Nyasa wie zuvor. Die Verehrung geschehe nach der früher erklärten Ordnung, du von den Viras Verehrte.

36.24 tāmbūlapūritamukhaṃ kulaṃ tadabhisaṃ(jñi?hi)tam |
dhyānayogena manasā lakṣamekaṃ tadā japet || 24 ||
Die Kula-Gefährtin mit Betel im Mund sei ihm zugewandt. In meditativer Sammlung wiederhole er das Mantra hunderttausendmal.

36.25 śatayojanasaṃsthānāṃ nadīparvatamadhyagām |
dīpāntarasahasreṣu rakṣitāṃ nigaḍādibhiḥ || 25 ||
Die gemeinte Frau mag hundert Yojanas entfernt sein, zwischen Flüssen und Bergen, auf fernen Inseln und durch Fesseln bewacht,

36.26 payodharabhārakṣubdhagamanāṃ śyāmalocanām |
nitambabimbavidhvasta[stā ka pāṭhaḥ |]gurujaghanamaṇḍanām || 26 ||
mit von der Last der Brüste bewegtem Gang, dunklen Augen und üppigen Hüften,

36.27 sādhakākṣi(ta?pta)hṛdayāṃ vivarāntaḥprasarpiṇīm |
kavāṭalauhasaṃbaddhaprākāravivi[hitā kha pāṭhaḥ |]dhāntare || 27 ||
ihr Herz mag zum Sadhaka hingezogen werden, und sie mag sich durch Zwischenräume bewegen, obwohl Tore und eiserne Befestigungen sie umgeben:

36.28 kulākulajapaṃ kṛtvā samānayati sādhakaḥ |
homāntaraṃ pravakṣyāmi yena brahmamayo bhavet || 28 ||
Durch die Wiederholung von Kula und Akula, behauptet der Text, zieht der Sadhaka sie herbei. Nun erkläre ich ein anderes Feueropfer, durch das man Brahman gleich wird.

36.29 śivaśaktimayaṃ viddhi cetanācetanaṃ jagat |
mama jñānaprabhāvena dṛṣṭaṃ yat kathayāmi te || 29 ||
Erkenne die belebte und unbelebte Welt als aus Shiva und Shakti bestehend. Ich sage dir, was ich durch die Kraft meiner Erkenntnis geschaut habe.

36.30 nirjane śuddhadeśe ca śuddhanāḍīgaṇaḥ śive |
sama āsana āsīnaḥ samakāyo yathāsukham || 30 ||
An einem reinen, abgeschiedenen Ort sitze man bequem auf ebener Unterlage, den Körper aufgerichtet und die Nadis gereinigt, Shiva.

36.31 padmāsanasamāsīnaḥ sādhakaḥ śuddhacetanaḥ |
prāṇasya śodhayenmārgaṃ pūrakumbhakarecakaiḥ || 31 ||
Im Lotussitz und mit gereinigtem Bewusstsein reinige der Sadhaka den Weg des Prana durch Einatmen, Atemhalten und Ausatmen.

36.32 hastāvācchādya ādhārayogadaṇḍāvalambinau |
nayane nāsikāprānte nimeṣonmeṣavarjite || 32 ||
Die Hände seien bedeckt und auf die stützende Yogastange gelegt; der Blick ruhe ohne Öffnen und Schließen der Augen an der Nasenspitze.

36.33 bhruvormadhye sthitaścātmā dantairdantāṃstu saṃspṛśet |
oṣṭhena cādharaṃ caiva jihva[hvāyā ka pāṭhaḥ |]yā cātha tālukam || 33 ||
Die Aufmerksamkeit sei zwischen den Brauen gesammelt. Die Zähne berühren einander, die Lippen liegen aufeinander, und die Zunge berührt den Gaumen.

36.34 eṣā tu sundarīmudrā sundarīmodadāyinī |
sahasrāre pare padma ādhārotthena vāyunā || 34 ||
Dies ist die Sundari-Mudra, die Sundari erfreut. Im höchsten tausendblättrigen Lotus soll durch den aus dem Wurzelzentrum aufsteigenden Lebenswind

36.35 kuladīpaśikhākāraṃ saṃkṣobhyāmṛtamaṇḍa(naṃ?lam) |
sudhādhārāṃ smared bhūyaḥ patitāṃ mūlapaṅkaje || 35 ||
die Nektarsphäre bewegt werden, in der Gestalt der Kula-Lampenflamme. Man vergegenwärtige den Nektarstrom, der wieder in den Wurzellotus herabfällt.

36.36 evaṃ ca saptadhā kuryāddevīsāṃnidhyahetave |
mūlena dhyānayogena smṛtvā brahmamayīṃ parām || 36 ||
Dies wiederhole man siebenmal, um die Gegenwart der Göttin zu erfahren. Mit dem Wurzelmantra und meditativer Sammlung vergegenwärtige man die höchste Göttin als Brahman.

36.37 hṛdaye padmamadhye tu bāṇaliṅge tu tejasi |
tatrādyāṃ pūjayeddevīṃ hṛdaye kāmarūpiṇīm || 37 ||
Im Lotus des Herzens, im leuchtenden Bana-Linga, verehre man die ursprüngliche Göttin, die im Herzen die Gestalt des Verlangens annimmt.

36.38 pūrakena samāvāhya saṃsthāpya kumbhakena tu |
dehacakraṃ samāpādya dadyāt pādyādikaṃ mudā || 38 ||
Mit dem Einatmen rufe man sie herbei, mit dem Atemhalten lasse man sie verweilen. Den Körper zum Chakra gestaltend, bringe man freudig Wasser für die Füße und die weiteren Gaben dar.

36.39 kuṇḍalīpātrasaṃsthena paramāmṛtavāriṇā |
pādyaṃ caraṇayordadyāt punaścārghyaṃ pradāpayet || 39 ||
Mit dem höchsten Nektarwasser im Gefäß der Kundalini wasche man ihre Füße und reiche anschließend die Ehrengabe Arghya.

36.40 sahasradalabhṛṅgā(yā?ryāḥ) lulitālulitā[ccyutim ka pāṭhaḥ |]ccyutam |
paramāmṛtapānīyaṃ dadyādācamanaṃ mukhe || 40 ||
Den höchsten Nektartrank, der durch die Bewegung im tausendblättrigen Lotus herabfließt, reiche man ihr als Wasser zum rituellen Mundspülen. Die nähere Bildbezeichnung ist unsicher.

36.41 ṣaṭtriṃśattattvarūpaṃ tu gandhaṃ dadyādvicakṣaṇaḥ |
ahiṃsā paramaṃ puṣpaṃ puṣpamasteyameva ca || 41 ||
Der Einsichtige bringe einen Duftstoff dar, der die sechsunddreißig Tattvas verkörpert. Gewaltlosigkeit ist die höchste Blume, Nichtstehlen ebenfalls eine Blume.

36.42 dayā puṣpaṃ kṣamā puṣpaṃ puṣpamindriyanigraham |
amohaṃ cāpyamātsaryamavidveṣaṃ tathaiva ca || 42 ||
Mitgefühl ist eine Blume, Geduld eine Blume, Beherrschung der Sinne eine Blume; ebenso Freiheit von Verblendung, von Neid und von Hass.

36.43 arāgaṃ ca tathā satyaṃ puṣpāṇyevaṃ vidurbudhāḥ |
etāni bhāvapuṣpāṇi sadaiva vinivedayet || 43 ||
Auch Nichtanhaften und Wahrhaftigkeit erkennen die Weisen als Blumen. Diese Blumen der inneren Haltung soll man beständig darbringen.

36.44 vāyuṃ ca dhūpakaṃ dadyāttejo dīpaṃ nivedayet |
surāmbudhiṃ tathā dadyāddadyācca māṃsaparvatam || 44 ||
Den Lebenswind gebe man als Räucherwerk, die Leuchtkraft als Lampe. Ebenso bringe man ein Meer von Wein und einen Berg von Fleisch dar.

36.45 sūryaṃ ca darpaṇaṃ dadyāccandraṃ ca cchatramuttamam |
ānandābharaṇaṃ dadyādambaraṃ cāmaraṃ tathā || 45 ||
Die Sonne gebe man als Spiegel, den Mond als vortrefflichen Schirm, Wonne als Schmuck und den Raum als Yakschweifwedel.

36.46 anāhatadhvanimayīṃ ghaṇḍāmetāṃ nivedayet |
tataśca sādhakaśreṣṭhaḥ śṛṅgārādirasodbhavaiḥ || 46 ||
Man bringe die Glocke dar, die aus dem unangeschlagenen inneren Klang besteht. Dann erfreue der vortreffliche Sadhaka die höchste Göttin durch die aus Liebe und anderen ästhetischen Stimmungen entspringenden

36.47 nṛtyagītaiśca vādyaiśca toṣayetparameśvarīm |
dhvaninā śabdabhedena tejākāśasaṃkule || 47 ||
Tänze, Gesänge und Instrumentalklänge. Mit Klang und seinen unterschiedlichen Formen, im von Leuchten und Raum erfüllten Bereich,

36.48 sahasradalamadhye tu cintayetsundarīṃ parām |
bhairavānandaliṅgaṃ tu tanmadhye yonisaṃyutam || 48 ||
betrachte er die höchste Sundari in der Mitte des tausendblättrigen Lotus; darin das Linga der Wonne Bhairavas, mit der Yoni verbunden.

36.49 ekī(kāyaṃ?bhāvaṃ) tayoḥ kṛtvā amṛtaṃ (śrā?srā)vayettataḥ |
jihvayā gala[nāla kha pāṭhaḥ |]saṃyogāt pibettadamṛtaṃ tadā || 49 ||
Beide zur Einheit bringend, lasse er den Nektar fließen. Durch die Verbindung von Zunge und Kehle trinke er diesen Nektar. Einzelne Wörter weisen alternative Lesungen auf.

36.50 yogibhiḥ pīyate tattu na madyaṃ gauḍapaiṣṭikam |
pṛthivyantargatā āpastadantaḥ śūnyamadrije || 50 ||
Diesen Nektar trinken die Yogis, keinen aus Zucker oder Mehl bereiteten Alkohol. In der Erde ist Wasser enthalten, darin der Raum, Tochter des Berges.

36.51 śūnyamadhye vasedvāyurvāyvantardhvanirīśvari |
tadantarnāda evāsau nādāntarbindurīśvaraḥ || 51 ||
Im Raum besteht der Lebenswind, in ihm der Klang, Herrin. Darin ist Nada, und in Nada der Bindu als Herr.

36.52 tanmadhye tu paraṃ jyotiḥ śikhā sūkṣmā parātparā |
vidyu(ccāna?ddyota)nasaṃkāśā sahasrādityabhāsvarā || 52 ||
In dessen Mitte ist das höchste Licht, eine feine Flamme jenseits des Höchsten, einem Blitz gleich und leuchtend wie tausend Sonnen.

36.53 sunayanātisūkṣmā ca nirākārā nirālayā |
parānandamayī pūrṇā sā bhavet sundarī parā || 53 ||
Äußerst fein ist sie, gestaltlos und ohne begrenzten Wohnort, vollständig erfüllt von höchster Wonne: Das ist die höchste Sundari. Das Anfangswort ist unsicher.

36.54 pārthive pārthivānāṃ ca layaḥ [ya kārya ka pāṭhaḥ |] kāryaḥ samādhinā |
apsu cāpāṃ [po ka pāṭhaḥ |] layaḥ kāryaḥ śūnye śūnyasya vai tathā || 54 ||
Durch Samadhi lasse man das Irdische in Erde, das Wässrige in Wasser und das Räumliche in Raum aufgehen.

36.55 layo vāyau ca vāyūnāṃ dhvanau dhvaniṃ samarpayet |
jyotiṣāṃ ca layastatra brahmaṇyevaṃ manolayaḥ || 55 ||
Die Lebenswinde gehen in den Wind ein, Klang wird dem Klang übergeben, die Lichter lösen sich dort auf; so geht das Denken in Brahman auf.

36.56 manaḥ karoti pāpāni manaḥ pāpeṣu lipyate |
manasi [syunma ka pāṭhaḥ |] conmanībhūte na dharmo naca pātakam || 56 ||
Das Denken begeht Verfehlungen und wird durch sie befleckt. Ist es in Unmani, den Zustand jenseits des Denkens, eingegangen, gibt es dort weder Verdienst noch Verfehlung.

36.57 evaṃ bhāvanayā hṛ[yāvi kha pāṭhaḥ |]ṣṭaḥ paramānandanirbharaḥ |
saṃsārasāgaraṃ dhīro goṣpadīkurute śive || 57 ||
Durch diese Vergegenwärtigung erfreut und von höchster Wonne erfüllt, macht der Standhafte das Meer des Werdens so klein wie Wasser in einem Kuhhufabdruck, Shiva.

36.58 bhu[bha ka pāṭhaḥ |]ktimuktī kare tasya mama tulyo bhavedbhuvi |
pūjā jñānamayī proktā natu homastu tādṛśaḥ || 58 ||
Erfahrung und Befreiung liegen in seiner Hand; auf Erden wird er mir gleich. Dies wurde als erkenntniserfüllte Verehrung gelehrt; nun folgt das entsprechende Feueropfer.

36.59 tadrūpaṃ viddhi kuṇḍasya bindutrivalayātmakam |
ānandamekhalāramyaṃ mātrāyonivibhūṣitam || 59 ||
Erkenne den Opferherd als aus Bindu und drei Umkreisungen bestehend, schön mit einem Gürtel aus Wonne und geschmückt mit dem Mutterschoß der Lautmaße. Die technische Bildsprache ist mehrdeutig.

36.60 tadbrahma paramaṃ dhyātvā sarvajñānavijṛmbhite |
dīpite'gnau huneddevi prapañcahaviruttamam || 60 ||
Über dieses höchste Brahman meditierend, opfere man die ganze Erscheinungswelt als erhabene Gabe in das entzündete Feuer, in dem alle Erkenntnis sich entfaltet.

36.61 śabdākhyā mātṛkā rūpamakṣaraṃ tu virājitam |
akṣaraṃ ca hutaṃ cātra niḥśabdaṃ brahma jāyate || 61 ||
Die Matrika heißt Klang; ihre offenbarte Gestalt ist der Laut. Wird auch dieser Laut geopfert, tritt das lautlose Brahman hervor.

36.62 puṇyapāpe havirdevi kṛtyākṛtye haviḥ śive |
saṃkalpaśca vikalpaśca dharmādharmau havistathā || 62 ||
Verdienst und Verfehlung sind Opfergaben, ebenso das zu Tuende und das zu Unterlassende; Entschluss und unterscheidende Vorstellung, Dharma und Adharma sind Opfergaben.

36.63 dharmādharma[mau ka pāṭhaḥ |]havirdīpte ātmāgnau manasā srucā |
suṣumnāvartmanā nityamakṣavṛttīrjuhomyaham || 63 ||
„Mit dem Denken als Opferschöpfer opfere ich beständig die Tätigkeiten der Sinne auf dem Weg der Sushumna in das lodernde Feuer des Selbst, dessen Opfergaben Dharma und Adharma sind.“

36.64 prakāśākāśa[marśa ka pāṭhaḥ |]hastābhyāmava(lokyo?lambyo)nmanāsruca[cā kha pāṭhaḥ |]m |
dharmādharmakalāsnehapūrṇāṃ[rṇa ka pāṭhaḥ |] vahnau juhomyaham || 64 ||
„Mit den Händen des Leuchtens und des Raumes ergreife ich den Opferschöpfer des Zustands jenseits des Denkens und opfere in das Feuer, gefüllt mit dem Opferfett der Anteile von Dharma und Adharma.“ Eine Lesart bietet statt Raum die Selbsterfassung, Vimarsha; der Satzbau ist unsicher.

36.65 vahnijāyānvitaṃ prānte mantrābhyāṃ homayecchive |
niṣprapañco yadā devi jāyate mantravittamaḥ || tadā sa cinmayaḥ sākṣātkevalaṃ brahma sādhakaḥ || 65 ||
Mit diesen beiden Mantras opfere man, jeweils am Ende „svāhā“ hinzufügend, Shiva. Wenn der vortreffliche Mantrakenner frei von gegenständlicher Vielheit wird, ist der Sadhaka unmittelbar reines Bewusstsein, allein Brahman.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde śaktyānayanapūjātattvanirūpaṇaṃ nāma ṣaṭtriṃśaḥ paṭalaḥ || 36 ||
Hier endet das 36. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Shakti-Praxis und inneres Opfer“.

Kapitel 37: Shakti, Nichtdualität und Lebenswind

Die feine Shakti wird in Beziehung zu Nadis, Lebenswind und Kundalini beschrieben.

saptatriṃśaḥ paṭalaḥ |
devyuvāca
Die Göttin sprach: 37.1 paradārapariṣvaṅgāt tathā nīcābhisaṃgamāt |
pratilomābhisaṅgācca pātakī jāyate naraḥ || 1 ||
Die Göttin sprach: Durch die Umarmung einer fremden Ehefrau, durch Verbindung mit sozial niedriger Gestellten und durch eine Verbindung entgegen der Kastenordnung gilt ein Mensch als sündig.

37.2 śaktyāsaktaḥ kathaṃ deva muktaḥ syātparameśvara[ra ka pāṭhaḥ |] |
vedaśāstrapurāṇeṣu saiva muktivirodhinī || 2 ||
Wie kann er dann durch die Bindung an Shakti befreit werden, höchster Gott? In Veda, Lehrschriften und Puranas gilt gerade sie als der Befreiung hinderlich.

37.3 śaktirhi jāgato mūlaṃ saiva jagatsvarūpiṇī |
striyaṃ tyaktvā jagattyaktaṃ jagattyaktvā sukhī bhavet || 3 ||
Shakti ist die Wurzel der Welt und hat selbst die Gestalt der Welt. Wer auf die Frau verzichtet, hat auf die Welt verzichtet; durch Weltentsagung soll er glücklich werden.

37.4 sarvā sarvatra deveśa garhitā sarvakarmasu |
kathaṃ tadupayogyaṃ syāditi vedavidāṃ sthitiḥ || 4 ||
Überall wird sie in solchen Handlungsordnungen getadelt, Herr der Götter. Wie könnte sie also hierfür geeignet sein? So lautet die Auffassung der Veda-Kenner.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 37.5 idaṃ punarmaheśāni puraiva pratipāditam |
sūkṣmā gatistu dharmasya mūḍhaistannāvabudhyate || 5 ||
Ishvara sprach: Dies wurde schon früher erklärt, große Herrin. Der Weg des Dharma ist fein; die Unverständigen begreifen ihn nicht.

37.6 jñānāddhi nirmalaṃ viśvamajñānāt samalaṃ priye |
vahnirayaṃ mahādevi sarvagaḥ sarvabhojanaḥ || 6 ||
Durch Erkenntnis ist die Welt rein, durch Unwissenheit befleckt, Geliebte. Das Feuer ist überall wirksam und verzehrt alles, große Göttin.

37.7 sa kathaṃ devatāyajñe vedavidbhirnideśitaḥ |
jalaṃ cāpi tathā proktaṃ tat pūtaṃ kathamadrije || 7 ||
Wie könnte es dann von den Veda-Kennern für das Götteropfer vorgeschrieben sein? Entsprechendes gilt vom Wasser: Wieso wird es dennoch als rein betrachtet, Tochter des Berges?

37.8 bhṛṅgopabhuktapuṣpāṇi makṣikocchi[ṣṭāmada madhu ka pāṭhaḥ |]ṣṭakaṃ madhu |
dūṣaṇīyaṃ surāpānaṃ kathaṃ yajñe nideśitam || 8 ||
Blumen wurden von Bienen besucht, Honig ist eine Hinterlassenschaft der Insekten. Wie kann selbst das sonst getadelte Weintrinken im Opfer vorgeschrieben sein?

37.9 gorasaṃ ca gavāṃ sāraṃ (ma?tai)la ca bījasaṃbhavam |
kathaṃ tadvihitaṃ daive pi[pai ka pāṭhaḥ |]trye karmaṇi pārvati || 9 ||
Milch ist die Essenz der Kuh und Öl entsteht aus Samen. Wie werden diese Mittel für Riten der Götter und Ahnen vorgeschrieben, Parvati?

37.10 bījanāśādanekasya vināśaṃ viddhi suvrate |
jāyāsu caiva sarvāsu tathā jāto janiṣyate[ti ka pāṭhaḥ |] || 10 ||
Erkenne im Vernichten eines Samens die Vernichtung vieler möglicher Wesen, du mit dem guten Gelübde. Ebenso ist alles in Frauen geboren worden oder wird noch darin geboren werden.

37.11 sa sakṛdvaidikairmantraiḥ pūto bhavati pāvakaḥ |
vaidikaistāntrikaiḥ śuddhā pavitreyaṃ tathā surā || 11 ||
Das Feuer wird durch vedische Mantras gereinigt; ebenso wird der Wein durch vedische und tantrische Mantras rein und heilig.

37.12 dūṣaṇaṃ nāsti deveśi mahāvidyāprasādhane |
yasmin yatra ya ācārastatra dharmastu tādṛśaḥ || 12 ||
In der ordnungsgemäßen Praxis der Mahavidya besteht darin kein Fehler, Göttin. Wo ein bestimmter überlieferter Brauch gilt, entspricht ihm der dortige Dharma.

37.13 atra bhramo mahān doṣastasmādbhrāntiṃ tyaja priye |
advaitabhāvarahito dvandvacitto'tha kāmukaḥ || 13 ||
Verwirrung hierüber ist ein großer Fehler; gib sie deshalb auf, Geliebte. Wer die nichtduale Haltung nicht besitzt, im Widerstreit denkt und bloß begierig ist,

37.14 devatābhāvarahito laulyabhāvena vā punaḥ |
paraśaktiṃ samāgacchet sa bhavedgurutalpagaḥ || 14 ||
wer die göttliche Gegenwart nicht vergegenwärtigt und aus Gier zu einer anderen Shakti geht, begeht nach dem Text eine dem Verletzen des Guru-Ehebetts entsprechende Verfehlung.

37.15 saṃsārāmbunidhe pāraṃ karoti vidhinā ca sā |
narakāmbunidhau śaktiḥ kṣipatyavidhinā śive || 15 ||
Nach der rechten Ordnung geleitet Shakti über das Meer des Werdens; ohne diese Ordnung stürzt sie den Menschen in das Meer der Hölle, Shiva.

37.16 vinā śaktiṃ vinā madyamadvaitabhāvanāṃ vinā |
mahāvidyākramo[ma ka pāṭhaḥ |] yadvadyajño[jña ka pāṭhaḥ |] ghṛtavivarjitaḥ[tam ka pāṭhaḥ |] || 16 ||
Die Ordnung der Mahavidya ohne Shakti, ohne Wein und ohne nichtduale Vergegenwärtigung gleicht einem Opfer ohne geklärte Butter.

37.17 dvaitabhāve maheśāni varṇajātivikalpanā |
advaitabhāvamāpanne līne manasi brahmaṇi || 17 ||
In dualistischer Haltung entstehen Unterscheidungen von Stand und Kaste. Wenn aber Nichtdualität erfahren wird und das Denken in Brahman aufgegangen ist,

37.18 kaḥ kāmaḥ ko bhavedindraḥ ko brahmā ko janārdanaḥ |
ko devaḥ ko'suro yakṣaḥ piśācaḥ ko'maraḥ śive || 18 ||
wer ist dann Kama, wer Indra, wer Brahma, wer Vishnu? Wer ist Gott, Dämon, Yaksha, Pishacha oder Unsterblicher, Shiva?

37.19 ko dvijaḥ ko'thavā śūdraḥ ko mlecchaḥ ko'dhamaḥ śive |
kiṃ rūpaṃ kiṃ virūpaṃ vā ko rogī ko'pyanāmayaḥ || 19 ||
Wer ist Zweimalgeborener, wer Shudra, wer Fremder, wer Niedriger? Was ist schön oder unschön, wer krank oder gesund?

37.20 kiṃ ca meghyamameghyaṃ vā kiṃ vā vastvapyavastu ca |
kiṃ mitraṃ kimamitraṃ ca ko vadhyo'vadhya eva vā || 20 ||
Was ist rein oder unrein, wirklich oder unwirklich? Wer ist Freund oder Feind, wer zu töten oder nicht zu töten?

37.21 kiṃ ca bhakṣyamabhakṣyaṃ vā kiṃ vā tava mameti ca |
avidyākalpitaṃ caitadvidyayā cchindi saṃśayam || 21 ||
Was ist essbar oder unessbar, und was bedeutet „dein“ oder „mein“? All dies ist durch Unwissenheit vorgestellt; durch Erkenntnis zerschneide den Zweifel.

37.22 striyaṃ mama parāṃ [mama tarā ka pāṭhaḥ |] vidyāmiti jānīhi pārvati |
eka[kāyā ka pāṭhaḥ |]syā bahudhā kṛtyameka[kāyā ka pāṭhaḥ |]syā bahuvigraham || 22 ||
Erkenne die Frau als meine höchste Vidya, Parvati. Die Eine hat vielfältige Tätigkeiten und vielfältige Gestalten.

37.23 bahurūpāṇi dehāṃśca eka[kāyā ka pāṭhaḥ |]syā eva niścitam |
advaitānandasaṃdoho vidyayaiva prakāśyate || 23 ||
All diese vielen Formen und Körper gehören gewiss der Einen. Die Fülle nichtdualer Wonne wird allein durch Vidya offenbar.

37.24 śaktiyā[yo ka pāṭhaḥ |]geṣu yanmāṃsaṃ tanmāṃsamamṛtopamam |
paśughātastadarthaṃ tu tadvinā brahmahā bhavet || 24 ||
Fleisch im Shakti-Opfer wird als nektargleich bezeichnet; dafür schreibt der Text das Töten eines Opfertieres vor. Außerhalb dieses Zwecks setzt er solches Töten dem Töten eines Brahmanen gleich.

37.25 dvaitān paśūnvijānīyādadvaitān brāhmaṇānviduḥ |
ata[tantravya ka pāṭhaḥ |]jjñaḥ steyapāpena bhunakti bahukilviṣam || 25 ||
Als Pashus gelten hier die in Zweiheit Befangenen, als Brahmanen die in Nichtdualität Gegründeten. Wer diesen Zusammenhang nicht kennt, lädt beim Genießen Schuld auf sich wie durch Diebstahl. Ein Ausdruck des zweiten Halbverses ist unsicher.

37.26 madyapānaṃ tu yajñeṣu tadvinā pātakī bhavet |
pavitraṃ sakalaṃ bhadre vāsanā yadyakutsitā || 26 ||
Weintrinken wird auf Opferhandlungen bezogen; außerhalb davon gilt es als Verfehlung. Alles ist rein, Glückverheißende, wenn die innere Absicht nicht verwerflich ist.

37.27 brahmādistambaparyantaṃ jagat sthāvarajaṅgamam |
śarīraṃ dṛśyate yadyattatkarma prākṛtaṃ śive || 27 ||
Die bewegliche und unbewegliche Welt von Brahma bis zum Grashalm und alles, was als Körper erscheint, gehört zum Wirken der Prakriti, Shiva.

37.28 prakṛtyā kriyate karma sākṣī puruṣa ucyate |
tanmāyāmohitaḥ so'tha kartāhamiti manyate || 28 ||
Prakriti vollzieht die Handlungen; Purusha heißt der Zeuge. Von ihrer Maya verwirrt, meint er jedoch: „Ich bin der Handelnde.“

37.29 na kartā puruṣo devi kartrī prakṛtirucyate |
puruṣe karaṇaṃ nāsti nirguṇatvāt sadā priye || 29 ||
Nicht Purusha handelt, Göttin; Prakriti wird als die Handelnde bezeichnet. Im Purusha gibt es kein Tätigsein, weil er stets frei von Eigenschaften ist, Geliebte.

37.30 tathā ka[kā ka pāṭhaḥ |]raṇakartṛtvaṃ saguṇāyāṃ pratiṣṭhitam |
yadidaṃ puruṣe devi kartṛtvamupalakṣyate || 30 ||
Werkzeug und Täterschaft gründen im Mit-Eigenschaften-Versehenen. Wenn dennoch Täterschaft am Purusha wahrgenommen wird,

37.31 sphaṭike nirmale devi (yavā?japā) rāgamivānaghe |
ahamākāśavatsarva bahirantargato'cyutaḥ || 31 ||
gleicht dies der roten Farbe einer Hibiskusblüte im klaren Kristall, Makellose. Ich bin wie der Raum, innen und außen in allem gegenwärtig und unveränderlich.

37.32 sadā sarvasamaḥ śuddho nisaṅgo nirmalo'calaḥ |
satyaṃ jñānamanantaṃ yatparabrahmāhameva tat || 32 ||
Stets bin ich allem gegenüber gleich, rein, ungebunden, makellos und unbewegt. Jenes höchste Brahman, Wahrheit, Erkenntnis und Unendlichkeit, bin ich selbst.

37.33 brahmaṇyādhāya cittaṃ tu kurvan karma na lipyate |
ubhābhyāmapi śakyaṃ syāttartuṃ bhavapayonidhim || 33 ||
Wer sein Denken in Brahman gründet, wird beim Handeln nicht befleckt. Mit beiden Wegen kann das Meer des Werdens überquert werden.

37.34 dakṣiṇenāpi kaulena duḥkhenāpi sukhena ca |
kumbhasaṃstaraṇaistartuṃ potavaryeṇa vāmbudhim || 34 ||
Mit dem rechten Weg und mit dem Kaula-Weg, unter Mühe oder mit Leichtigkeit: wie man das Meer mit schwimmenden Gefäßen oder mit einem vortrefflichen Schiff überquert.

37.35 tasmā(dimaṃ na?dayaṃ va)raḥ kaulo dakṣiṇādapi suvrate |
kulajñānaṃ vinā devi naiva muktiḥ kadācana || 35 ||
Deshalb gilt hier der Kaula-Weg als dem rechten Weg überlegen. Ohne Kula-Erkenntnis, erklärt der Text, gibt es keine Befreiung.

37.36 māyā balavatī hyeṣā śakti[ktergu ka pāṭhaḥ |]rguṇamayī tu yā |
prakṛtirgīyate sā tu sāṃkhyayogaviśāradaiḥ || 36 ||
Diese mächtige Maya ist die aus den Gunas bestehende Shakti. Die Kundigen in Samkhya und Yoga nennen sie Prakriti.

37.37 vidyāvidyeti sā proktā vedatattvārthadarśibhiḥ |
mahāvidyeti sā kaiścinmahāmāyeti cāparaiḥ || 37 ||
Die Kenner der Bedeutung der Veden nennen sie Wissen und Unwissenheit; manche nennen sie Mahavidya, andere Mahamaya.

37.38 śaktiḥ sā sarvabhūtānāmiti kaiścidupāsyate |
sa[sarve tā samupāsanti ka kha pāṭhaḥ |]mupāsate sarve tāṃ brahmaviṣṇumaheśvarāḥ || 38 ||
Manche verehren sie als die Kraft aller Wesen. Brahma, Vishnu und Maheshvara verehren sie allesamt.

37.39 tasyā eva na me bhedo viṣṇorbrahmaṇa eva vā |
yogabhogatapaḥkleśairānamrairabhinanditā || 39 ||
Zwischen ihr und mir besteht kein Unterschied, ebenso wenig zwischen ihr, Vishnu und Brahma. Mit Yoga, Genuss, Askese und deren Mühen wird sie von den sich Verneigenden geehrt.

37.40 ārādhitā saiva nṛṇāṃ bhogasvargāpavargadā |
paritoṣya vidhānena yena tenaiva sādhakaḥ || 40 ||
Verehrt, schenkt sie Menschen Erfahrung, Himmel und Befreiung. Durch welche ordnungsgemäße Weise der Sadhaka sie auch zufriedenstellt,


Textanmerkung der Überlieferung: 2 sphā ka pāṭhaḥ |
?????? 37.41 saṃsāranigaḍairbaddhaḥ pumān vimucyate tayā |
tasyāstoṣaṃ vinā devi vimuktirnaiva vidyate || 41 ||
durch sie wird der mit den Fesseln des Werdens gebundene Mensch befreit. Ohne ihre Zufriedenheit gibt es keine Befreiung, Göttin.

37.42 tannigṛhītacittānāṃ puṃsāṃ puruṣapūjite |
atastāṃ ca prayatnena puruṣā muktilipsavaḥ || 42 ||
Deshalb suchen Menschen, deren Denken von ihr ergriffen ist und die nach Befreiung verlangen, sorgfältig ihre Zuflucht bei ihr,

37.43 samāśrayanti yogādyairnityānandasvarūpiṇīm |
brahmā viṣṇustathā cāhamātmavatsamupāsmahe || 43 ||
deren Wesen ewige Wonne ist, durch Yoga und andere Mittel. Brahma, Vishnu und auch ich verehren sie als unser eigenes Selbst.

37.44 tapaḥkleśaiśca tāṃ devi paśubhāve sthito vidhiḥ |
saṃtoṣya parayā bhaktyā sāvitrīṃ vedamātaram || 44 ||
Brahma, im Pashu-Zustand, erfreute sie durch Askese und Mühen sowie höchste Hingabe als Savitri, die Mutter der Veden.

37.45 icchāśaktiṃ ca vāgīśīṃ labdhvā sṛṣṭimacīkarat |
tanayāṃ jagṛhe mohādbrahmā paśurudāradhīḥ || 45 ||
Nachdem er sie als Willenskraft und Herrin der Sprache gewonnen hatte, erschuf er die Welt. Doch in Verblendung begehrte Brahma seine eigene Tochter.

37.46 tajjugupsitamanyāyyamadyāpi na nivartate |
paraśaktiṃ paśustasmānmanasāpi na saṃsmaret || 46 ||
Das Verwerfliche und Unrechte daran ist bis heute nicht aufgehoben. Deshalb soll ein Pashu nicht einmal im Denken eine fremde Shakti begehren.

37.47 tadbhāvamāśritā viprāstāmeva samupāsate |
mitrāṇāṃ sarvabhūtānāṃ teṣāṃ madyaṃ ghṛtaṃ payaḥ || 47 ||
Die Brahmanen, die diese Haltung übernommen haben, verehren sie selbst. Sie sind allen Wesen freundschaftlich gesinnt; ihnen werden Wein, geklärte Butter und Milch

37.48 apūpaṃ piṣṭakaṃ māṃsaṃ gṛhṇīyuḥ śaktidāpitam |
apivā saṃvidāsaktā bhaveyuḥ śaktimāśritāḥ || 48 ||
sowie Kuchen, Gebäck und Fleisch von Shakti gereicht und von ihnen angenommen. Oder sie mögen sich, auf Shakti gestützt, der Samvid zuwenden.

37.49 divyabhāvasthito viṣṇurjagatpālanarūpiṇīm |
madhumaireyabhogādyaiḥ saṃtoṣyānandarūpiṇīm || 49 ||
Vishnu, in göttlicher Haltung gegründet, erfreute die Wonnevolle, deren Wesen die Erhaltung der Welt ist, mit Honigwein und anderen Genussgaben.

37.50 jñānaśaktimayīṃ lakṣmīṃ jagadādhārarūpiṇīm |
labdhvā tu jagataḥ so'yaṃ pālako'bhūnnirākulaḥ || 50 ||
Nachdem er Lakshmi gewonnen hatte, die Erkenntniskraft und Grundlage der Welt, wurde er zum ungestörten Erhalter der Welt.

37.51 tadbhāvamāśritā bhūpāstathaiva tāmupāsate |
atha devāśca daityāśca munayo mānuṣāḥ pare || 51 ||
Die Könige, die sich auf diese Haltung stützen, verehren sie ebenso; auch Götter, Daityas, Weise und weitere Menschen

37.52 viṣṇumeva hi satataṃ bhajante bhāvasiddhaye |
sa ca bhāvaviśuddhātmā tadbhāvaṃ tu jugopa ha || 52 ||
verehren beständig Vishnu, um diese Haltung zu vollenden. Er selbst, durch sie gereinigt, hielt sie jedoch verborgen.

37.53 ye(ni?na)ndanti ca tadbhāvaṃ gopayanti ca sarvadā |
te vai priyatamāḥ sarve śaṅkhacakragadābhṛtaḥ || 53 ||
Wer diese Haltung tadelt und dadurch stets verborgen hält, gilt nach dieser paradoxen Darstellung als besonders lieb dem Träger von Muschel, Diskus und Keule.

37.54 tadbhāvādvimukhān kartuṃ lokāṃllokeśvaro hariḥ |
idamādiṣṭavān devi māmeva jagadīśvaraḥ || 54 ||
Um die Menschen von dieser Haltung abzuwenden, gab Hari, der Herr der Welten, mir selbst folgende Weisung.

bhagavānuvāca
Der Erhabene sprach: 37.55 sarve divyā bhaviṣyanti madbhāve hi prakāśite |
paśubhāvaṃ puraskurvan madbhāvaṃ ca vinindakaḥ || 55 ||
Der Erhabene sprach: Wenn meine Haltung offenbart wird, werden alle göttlich werden. Stelle daher den Pashu-Zustand in den Vordergrund und tadle meine Haltung.

37.56 āgamaiḥ kalpitairdeva madbhāvādvimukhān kuru |
īśvara uvāca tadājñāṃ śirasi dhṛtvā viṣṇoramitatejasaḥ || 56 ||
Bringe sie durch eigens entworfene Agamas von meiner Haltung ab, Gott. Ishvara sprach: Die Weisung des unermesslich strahlenden Vishnu ehrfürchtig annehmend,

37.57 tathaivāhaṃ maheśāni kṛtavāṃstantravistaram |
gopayandivyabhāvaṃ ca puraskurvan paśormatam || 57 ||
verbreitete ich auf diese Weise, große Göttin, die Tantras, verbarg die göttliche Haltung und stellte die Auffassung des Pashu voran.

37.58 ata eva maheśāni vaiṣṇave darśane khalu |
pūjitaḥ paśubhāvaśca śaktinindā ca vi(smṛ?stṛ)tā || 58 ||
Deshalb, höchste Herrin, wird in der hier so charakterisierten vaishnavischen Lehre der Pashu-Zustand geehrt und Shakti getadelt. Dies ist eine polemische Selbstdarstellung des Tantra.

37.59 yā śaktiḥ sarvabhūtānāṃ dvidhā bhavati sā punaḥ |
stūlarūpā ca sā devī sūkṣmarūpā ca pārvati || 59 ||
Die Kraft aller Wesen besteht wiederum zweifach: als grobe und als feine Gestalt der Göttin, Parvati.

37.60 sthūlarūpeṇa sā devī sarvametajjagattrayam |
mohayitvā janānsarvān bahurūpā[pān ka pāṭhaḥ |] sukhecchayā || 60 ||
In ihrer groben Gestalt bezaubert die Göttin die drei Welten und alle Menschen; vielfältig erscheint sie, auf Freude gerichtet.

37.61 saṃsthitā parameśāni līlākalitavigrahā |
svabhāvato na jānanti tanmāyāmohitā janāḥ || 61 ||
In spielerisch angenommenen Gestalten ist sie gegenwärtig, höchste Herrin. Die von ihrer Maya verwirrten Menschen erkennen ihr eigentliches Wesen nicht.

37.62 kecittāṃ tu prahārādyaiḥ kaṭūktibhāṣaṇaistathā |
tāḍayanti ca vai mū[ca sumūḍhā ka pāṭhaḥ |]ḍhā janā nirayagāminaḥ || 62 ||
Manche Unverständigen misshandeln sie mit Schlägen und verletzenden Worten; sie gehen dem Höllenzustand entgegen.

37.63 kecittāṃ bhūṣaṇācchādaiḥ saṃbhogairapi sevayā |
pūjayanti hi te dhīrāścaturvargaprasādhakāḥ || 63 ||
Andere verehren sie durch Schmuck, Kleidung, gemeinsame Freude und Dienst. Diese Verständigen verwirklichen die vier Lebensziele.

37.64 teṣāṃ vipriyakartāraḥ patiṣyanti suniścitam |
sūkṣmarūpāṃ ca tāṃ viddhi sarveṣā(ntamada?manta)rasthitām || 64 ||
Wer ihnen feindlich handelt, wird gewiss fallen. Ihre feine Gestalt aber erkenne als im Inneren aller gegenwärtig.

37.65 trailokyajananīṃ devīṃ mukhyena brahmavartmanā |
yojayitvā parānande[nda kha pāṭhaḥ |] paramānandarūpiṇīm || 65 ||
Die Mutter der drei Welten, deren Wesen höchste Wonne ist, verbinde man auf dem zentralen Brahman-Weg mit der höchsten Wonne.

37.66 tayoryogādyadamṛtaṃ tarpayettena yoginīm |
prāṇadhāraṇayā devi śuddhanāḍīmanāḥ[na ka pāṭhaḥ |] sudhīḥ || 66 ||
Mit dem Nektar, der aus ihrer Vereinigung entsteht, sättige man die Yogini. Durch Sammlung des Prana, Göttin, soll der Einsichtige, dessen Nadis und Geist gereinigt sind,

37.67 prāṇānpraveśayennāḍyā tanmukhe caiva tān hunet |
tadvaktre vāyunā bhinne yāti cordhvaṃ pareśvarī || 67 ||
die Lebenskräfte durch die Nadi in ihre Öffnung führen und hineinopfern. Wenn diese Öffnung vom Lebenswind durchdrungen wird, steigt die höchste Herrin auf.

37.68 tasmādākṛṣya tadvāyuṃ kumbhayitvā tu saṃcayet |
saṃcitairvāyubhistāṃ ca kulavartmavihāriṇīm || 68 ||
Dazu ziehe man den Lebenswind zusammen, halte ihn an und sammle ihn. Mit den angesammelten Lebenswinden führe man sie, die sich auf dem Kula-Weg bewegt,

37.69 sahasrāre mahāpadme sitadīdhitimaṇḍale |
samunnīya pare haṃse tayoraikyaṃ[kyadhi ka pāṭhaḥ |] dhiyā smaret || 69 ||
in den großen tausendblättrigen Lotus, in die Sphäre des weißen Mondlichtes, zum höchsten Hamsa empor und vergegenwärtige geistig die Einheit beider.

37.70 homādyaṃ vihitaṃ tatra candrasūryātmakaṃ tayoḥ |
srukasruvau ca samādāya juhuyādavyayaṃ haviḥ || 70 ||
Dort sind Feueropfer und weitere Riten vorgeschrieben. Mit den beiden als Mond und Sonne gedachten Opferlöffeln bringe man die unvergängliche Gabe dar.

37.71 mūlādhāre pare cakre śaktiryā kuṇḍalī śubhā |
tadbhramāvartato'yaṃ ca bahiryāti dine dine || 71 ||
Im höchsten Chakra Muladhara befindet sich die glückverheißende Kundalini-Shakti. Aus ihrem Wirbel heraus tritt dieser Lebenswind täglich nach außen.

37.72 dineśāṅgulimānena tadardhaṃ copavāsataḥ |
dviguṇaṃ ratikāle syāt triguṇaṃ bhojanādbahiḥ || 72 ||
Seine Ausdehnung beträgt zwölf Fingerbreiten, beim Fasten die Hälfte, beim Liebesakt das Doppelte und nach dem Essen das Dreifache.

37.73 ata ūrdhvaṃ vaheddevi tridinaṃ yadi mārutaḥ |
nyūnaṃ vā tadadhaḥ prāṇaḥ śarīraṃ parimuñcati || 73 ||
Strömt der Wind drei Tage über dieses Maß hinaus oder bleibt der Prana unter dem genannten Maß, so verlässt er nach der Aussage des Textes den Körper. Dies ist eine traditionelle Lebenswindlehre.

37.74 yāvatkālaṃ vahedetadvāyuśca jagadīśvaraḥ |
tāvaccalati deho'yaṃ tadvinā cācalaḥ smṛtaḥ || 74 ||
Solange dieser Lebenswind, der Herr der Welt, strömt, bewegt sich der Körper; ohne ihn gilt er als unbewegt.

37.75 niścalaṃ pavanaṃ kṛtvā yogī bhavati sādhakaḥ |
vāyunā nīyate bāhye manastu prāṇināṃ[nā ka pāṭhaḥ |] śive || 75 ||
Indem der Sadhaka den Lebenswind still werden lässt, wird er zum Yogi. Der Lebenswind trägt den Geist der Lebewesen nach außen, Shiva.

37.76 vāyau ca susthirībhūte mano'pi sthiratāṃ vahet |
tayoradvaitabhā[vena ka pāṭhaḥ |]ve tu niścalatvaṃ [tvagatestayo ka pāṭhaḥ |] gate dvayoḥ || 76 ||
Wenn der Lebenswind ganz beständig geworden ist, wird auch der Geist beständig. Wenn beide in nichtdualer Einheit zur Ruhe gekommen sind,

37.77 dehaṃ nirāmaya viddhi saṃtyajya ca kalevaram || 77 ||
erkenne den Körper als frei von Krankheit. Und nachdem er die körperliche Hülle verlassen hat,

37.78 advaitabhāvamāpanno na sa punarihāvrajet |
prasaṅgāt kathitā devi dehasiddhiranuttamā || 78 ||
kehrt der in Nichtdualität Eingegangene nicht hierher zurück. So wurde beiläufig die höchste Vollendung des Körpers erklärt, Göttin.

37.79 yena [anenaiva kha pāṭhaḥ |] tena vidhānena parituṣṭā maheśvarī |
saṃsāranigaḍairbaddhaḥ pumānvimucyate tayā || 79 ||
Auf welche angemessene Weise auch immer die große Herrin erfreut wird: Durch sie wird der an die Fesseln des Werdens gebundene Mensch frei.

37.80 tasyāstoṣaṃ vinā devi vimuktirnaiva vidyate |
ani[tanni ka pāṭhaḥ |]gṛhītacittasya puruṣasya maheśvari || 80 ||
Ohne ihre Zufriedenheit gibt es keine Befreiung, höchste Göttin, für den Menschen, dessen Geist nicht gezügelt ist. Die Lesarten unterscheiden sich in der letzten Bestimmung.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde śaktimāhātmya-dehasiddhivarṇanaṃ nāma saptastriṃśaḥ paṭalaḥ || 37 ||
Hier endet das 37. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Shakti, Nichtdualität und Lebenswind“. Ergänzende heutige Chakra-Konzentration mit Pranayama

Kapitel 38: Wie Shiva Shakti erlangt

aṣṭātriṃśaḥ paṭalaḥ |
īśvara uvāca
Ishvara sprach: 38.1 bahukālaṃ[lapūjitaistu ka pāṭhaḥ |] pūjitā tu tuṣṭā syātsūkṣmarūpiṇī |
yathā tuṣyati bhogena tapoyogaiśca na tathā || 1 ||
Ishvara sprach: Lange verehrt, wird die Göttin in ihrer feinen Gestalt erfreut; nach dieser Lehre erfreuen Askese und Yoga sie jedoch nicht so wie rituell eingebundener Genuss.

38.2 ato bhogena tāṃ toṣya tayā mukto bhavetsukhī |
mayā cāpi purā devi sevitā yogavartmanā || 2 ||
Deshalb erfreue man sie durch solche Erfahrung und werde durch sie frei und glücklich. Auch ich verehrte dich einst auf dem Yogaweg, Göttin.

38.3 parituṣṭā na me devī sūkṣmarūpāntarasthitā |
śaktihīnaṃ ca māṃ vīkṣya vinatāvimukhaṃ tathā || 3 ||
Doch die im Inneren als feine Gestalt gegenwärtige Göttin war nicht zufrieden. Als Brahma mich ohne Shakti und der Zuwendung abgeneigt sah,

38.4 viṣaṇavadano brahmā hṛdayena vidūyatā |
cintāvaśamupā[pavi ka pāṭhaḥ |]viṣṭo brahmā lokapitāmahaḥ || 4 ||
wurde sein Gesicht traurig und sein Herz schmerzerfüllt. Der Ahnherr der Welt versank in Sorge.

38.5 māmāsādya tathā viṣṇuṃ yayau kṣīrapayonidhim |
kṣīrodasyottare tīre ratnadvīpe suśobhite || 5 ||
Er suchte mich und Vishnu auf und ging mit uns zum Milchozean, zu der schönen Edelsteininsel an dessen nördlichem Ufer.

38.6 tatra sthitvāvayormadhye brahmā dhyānaparo'bhavat |
hṛtpuṇḍarīkamadhyasthe devīpādasaroruhe || 6 ||
Dort blieb Brahma zwischen uns und versenkte sich in Meditation. Auf die Lotusfüße der Göttin im Lotus seines Herzens

38.7 mano nidhāya yogātmā devīsūktaṃ paraṃ jagau |
vyatīte bahukāle'tha devī tribhuvaneśvarī || 7 ||
richtete der Yogagesammelte seinen Geist und sang das höchste Devi-Lied. Nach langer Zeit erschien die Göttin, Herrin der drei Welten,

38.8 śūlapāśadharā devī kirīṭādivimaṇḍitā |
caturbhujā trinetrā ca bālārkakiraṇāruṇā || 8 ||
mit Dreizack und Schlinge, mit Krone und Schmuck, vierarmig, dreiäugig und rötlich wie die Strahlen der aufgehenden Sonne.

38.9 darśayāmāsa svaṃ rūpaṃ tasya tuṣṭā tadā śive |
prasannāṃ tāṃ samālokya sraṣṭā sarvajagadguruḥ || 9 ||
Zufrieden zeigte sie ihm ihre Gestalt, Shiva. Als der Schöpfer und Lehrer der Welt sie so gnädig sah,

38.10 bhaktyā vinamravadanastuṣṭāva ca nanāma ca |
brahmovāca tvaṃ sāvitrī ca vāgdevī tvaṃ śrīḥ sarvajagatprasūḥ || 10 ||
Brahma pries und verehrte sie mit in Hingabe gesenktem Haupt. Brahma sprach: Du bist Savitri und die Göttin der Sprache; du bist Shri, die Mutter der ganzen Welt.

38.11 svāhā tvaṃ devayajñeṣu pitṛyajñeṣu ca svadhā |
su[sva ka pāṭhaḥ |]dhā tvaṃ devalokeṣu havistvaṃ khalu mānuṣe || 11 ||
Du bist Svaha bei den Götteropfern und Svadha bei den Ahnenopfern. Du bist Nektar in den Götterwelten und Opfergabe in der Menschenwelt.

38.12 tvaṃ vidyāścaiva mantrāśca vedāstvaṃ hi (su?sva)rātmikā |
ardhamātrātmikā tvaṃ vai yānuccāryā viśeṣataḥ || 12 ||
Du bist die Vidyas und Mantras, du bist die Veden und ihr Klang. Du bist jene halbe Lautdauer, die sich nicht eigens aussprechen lässt.

38.13 tvameva paramā śaktirjagatkāraṇarūpiṇī |
vicāryāṣṭāṅgayogena lakṣaṇādyairmuhurmuhuḥ || 13 ||
Du allein bist die höchste Shakti, deren Gestalt die Ursache der Welt ist. Was durch den achtgliedrigen Yoga, durch Betrachtung und seine jeweiligen Kennzeichen wieder und wieder

38.14 yat sthirīkriyate devi tatte rūpaṃ sanātanam |
yadavyaktamanirdeśyaṃ niṣkalaṃ paramātmanaḥ || 14 ||
zur Beständigkeit gebracht wird, ist deine ewige Gestalt, Göttin. Das unoffenbare, nicht beschreibbare, ungeteilte Wesen des höchsten Selbst

38.15 rūpaṃ tavaiva tat sūkṣmaṃ sakalaṃ ca jaganmaya[yi kha pāṭhaḥ |]m |
yā sṛṣṭiśaktirasmākaṃ sthitiśaktistathā hareḥ || 15 ||
ist deine feine Gestalt; auch die gegliederte Weltgestalt bist du. Was in uns Schöpfungskraft und in Hari Erhaltungskraft ist,

38.16 antaśaktistatheśasya sā tvaṃ śaktiḥ sanātanī |
tvaṃ jātavedogatā śaktirugrā tvaṃ dāhikā sūryakarasya śaktiḥ āhlādikā tvaṃ bahu candrikāyā- stāṃ tvāmahaṃ naumi namāmi cāmbikām || 16 ||
und in Ishvara die Kraft der Auflösung, das bist du, ewige Shakti. Du bist die gewaltige Kraft im Feuer, die brennende Kraft der Sonnenstrahlen und die beglückende Kraft des Mondlichts. Dich, die Mutter, preise und verehre ich.

38.17 yoṣā yoṣitpriyāṇāṃ tvaṃ vidyā tvaṃ cordhvaretasām |
vāñchā tvaṃ sarvajagatāṃ māyā ca tvaṃ tathā hareḥ || 17 ||
Du bist Frau für die Liebenden und Erkenntnis für die ihre Zeugungskraft nach oben Richtenden. Du bist das Verlangen aller Welten und die Maya Haris.

38.18 yayā prakāśyate brahma sā tvaṃ nityā prasīda me |
viśvādistvamanādistvaṃ viśvayonirayonijā || 18 ||
Du bist jene Ewige, durch die Brahman offenbar wird; sei mir gnädig. Du bist der Anfang der Welt und selbst anfanglos, Mutterschoß der Welt und selbst nicht aus einem Mutterschoß geboren.

38.19 anantātsarvajagatastvamevaikāntarūpiṇī |
ekā tvaṃ trividhā bhūtvā[tā kha pāṭhaḥ |] mo(kṣa?ha)saṃhārakāriṇī || 19 ||
Du allein bist die endgültige Gestalt der unermesslichen Welt. Als Eine wirst du dreifach und bewirkst die Aufhebung der Verblendung; die Vorlage bietet hier auch eine abweichende Lesung mit „Befreiung“.

38.20 saṃsārasāgarottārataraṇiḥ sukhamokṣade |
tvaṃ nityā tvamanityā ca tvaṃ carācaramohinī || 20 ||
Du bist das Schiff über das Meer des Werdens, Spenderin von Glück und Befreiung. Du bist das Ewige und das Vergängliche, die Bezaubernde aller beweglichen und unbeweglichen Wesen.

38.21 namaste jagatāṃ mātaḥ sṛṣṭirūpe sanātani |
sthitirūpe namastubhyaṃ namaḥ saṃhārarūpiṇi || 21 ||
Verehrung dir, Mutter der Welten, Ewige in der Gestalt der Schöpfung. Verehrung dir in der Gestalt der Erhaltung; Verehrung dir in der Gestalt der Auflösung.

38.22 evaṃ saṃstūyamānā sā yoganidrā viriñcinā |
āvirbabhūva pratyakṣaṃ brahmaṇaḥ paramātmanaḥ || 22 ||
So von Brahma gepriesen, trat Yoganidra unmittelbar vor ihn, den großen Schöpfer.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 38.23 parituṣṭāsmi lokeśa stotreṇānena te vibho |
varaṃ vṛṇīṣva bhadraṃ me yatte manasi vartate || 23 ||
Die Göttin sprach: Herr der Welt, ich bin durch deinen Lobpreis erfreut. Wähle einen Segen, der in deinem Herzen ist; Heil sei dir.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 38.24 māṃ samīkṣya varaṃ vrave jagatsaṃhārakārakam |
sṛṣṭiśaktiṃ mayi tvaṃ ca viṣṇau pālanarūpiṇīm || 24 ||
Ishvara sprach: Mit Blick auf mich, den Auflöser der Welt, bat Brahma um den Segen: „Gib mir die Schöpfungskraft und Vishnu die Kraft der Erhaltung.

38.25 saṃhāraśaktimīśāne dehi mātarnamo'stu te |
ekaścarati bhūteśo na dvitīyāṃ samīhate || 25 ||
Gib Ishana die Kraft der Auflösung, Mutter; Verehrung dir! Der Herr der Wesen geht allein und begehrt keine Gefährtin.

38.26 tathā mohaya sarveśaṃ dārān[rā ka pāṭhaḥ |] svayaṃ jighṛkṣa[kṣya ka pāṭhaḥ |]ti |
devyuvāca yaduktaṃ bhavatā brahmaṃstacca[tsa ka pāṭhaḥ |] satyaṃ nacānyathā || 26 ||
Bezaubere den Herrn aller so, dass er selbst eine Gattin annehmen will.“ Die Göttin sprach: „Was du gesagt hast, Brahma, wird gewiss so geschehen.“

38.27 mohayitvāhamīśānaṃ satīrūpeṇa śaṃkaram |
saṃhariṣyāmi lokeśa jagadetaccarācaram || 27 ||
In der Gestalt Satis werde ich Ishana, Shankara, bezaubern und diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt auflösen, Herr der Welt.

38.28 tatrāpi tāṃ tanuṃ tyaktvā saṃbhaviṣyāmi pārvati |
iti tasmai samābhāṣya brahmaṇe parameśvarī || 28 ||
Nachdem ich auch jenen Körper aufgegeben habe, werde ich als Parvati geboren werden. So sprach die höchste Herrin zu Brahma.

38.29 vīkṣyamāṇā jagatsraṣṭrā tatraivāntaradhīyata |
tasyāmantarhitāyāṃ ca brahmā lokapitāmahaḥ || 29 ||
Während der Weltschöpfer sie ansah, verschwand sie an eben diesem Ort. Als sie verschwunden war, legte Brahma, der Ahnherr der Welt,

38.30 kṛtāñjalipuṭo bhūtvā viṣṇumāha prajāpatiḥ |
saṃhārakaraṇe yogyaṃ vīrabhāvaṃ ca yadbhavet || 30 ||
die Hände zusammen und sprach zu Vishnu: „Die für das Werk der Auflösung geeignete Vira-Haltung,

38.31 tannideśaya mahādeve viṣṇo lokeṣu durlabham |
iti tadvacanaṃ śrutvā bhagavān harirīśvaraḥ || 31 ||
die in den Welten schwer zu erlangen ist, lehre Mahadeva, Vishnu!“ Nachdem der erhabene Hari diese Worte gehört hatte,

38.32 ādiṣṭavān mayi bhadre vīrabhāvaṃ sudurlabham |
vīrabhāve sthitaḥ so'haṃ mātastvāṃ [tistva ka pāṭhaḥ |] samupāsmahe || 32 ||
lehrte er mich jene schwer erreichbare Vira-Haltung, Glückverheißende. In ihr gegründet, verehre ich dich, Mutter,

38.33 adyāpi parameśāni mātastubhyaṃ namo namaḥ |
prakṛtiḥ [tistva ka pāṭhaḥ |] sarvabhūtānāṃ tvaṃ hi sarvajagatprasūḥ || 33 ||
Noch heute [verehre ich dich], höchste Herrin. Mutter, dir wieder und wieder Verehrung! Du bist die Prakriti aller Wesen, die Gebärerin der gesamten Welt.

38.34 yā (muktiḥ?mūrtiḥ) mama deveśi kṣitirūpā tu gīyate |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satya namo namaḥ || 34 ||
Meine Gestalt, die Erde genannt wird, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.35 yā me mūrtirdvitīyā ca jalamayīti kathyate |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 35 ||
Meine zweite Gestalt, die aus Wasser bestehend genannt wird, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.36 āgneyī yā tṛtīyā me jagatkṣobhaṇakāriṇī |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 36 ||
Meine dritte, feurige Gestalt, die die Welt bewegt, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.37 caturthī vāyavī mūrtiḥ sṛṣṭisaṃhārakāriṇī |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 37 ||
Meine vierte Gestalt aus Wind, die Entstehen und Vergehen bewirkt, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.38 pañcamī yā ca sarveṣāṃ pariṇāmasvarūpiṇī |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 38 ||
Meine fünfte Gestalt, die alles zur Veränderung führt, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.39 ṣaṣṭhī yā sarvadevānāmāpyāyanīti gīyate |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 39 ||
Meine sechste Gestalt, die alle Götter nährt, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.40 saptamī mama mūrtiryā jagadāhlādakāriṇī |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 40 ||
Meine siebte Gestalt, die die Welt erfreut, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.41 aṣṭamī mama mūrtiryā sthitisaṃhārakāriṇī |
sā tvameva na me nāhaṃ mātaḥ satyaṃ namo namaḥ || 41 ||
Meine achte Gestalt, die Erhaltung und Auflösung bewirkt, bist du allein – nicht mein Eigentum und nicht mein getrenntes Ich. Wahrlich, Mutter, dir wieder und wieder Verehrung.

38.42 nacaivāhaṃ na me kiṃcidyadiha jagatītale |
tvayaivedaṃ jagadvyāptaṃ jagat sarvaṃ tvameva hi || 42 ||
Es gibt hier kein getrenntes Ich und nichts, das mir gehört. Von dir ist diese Welt durchdrungen; die ganze Welt bist du selbst.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 38.43 mayā sarvaṃ jagadvyāptaṃ vatsa satyaṃ prabhāṣase |
mamaivaite'vatārāśca matsyakūrmādayo'pare || 43 ||
Die Göttin sprach: Von mir ist die ganze Welt durchdrungen; du sprichst wahr, mein Kind. Auch Fisch, Schildkröte und die anderen Avataras sind meine Erscheinungen.

38.44 tvamevāhaṃ nacānyo'si brahmāhaṃ viṣṇurapyaham |
ahameva jagat sarvaṃ nāsti kiṃcit mayā vinā || 44 ||
Du bist ich selbst, kein anderer. Ich bin Brahma und Vishnu; ich allein bin die ganze Welt, und nichts besteht ohne mich.

38.45 yattu paśyasi he vatsa yat kiṃcijjagatītale |
brahmādistambaparyantamahameva na saṃśayaḥ || 45 ||
Was immer du in dieser Welt siehst, mein Kind, von Brahma bis zum Grashalm, das bin ich allein, ohne Zweifel.

38.46 ihaikasthaṃ jagatkṛtsnaṃ paśyādya sacarācaram |
ityuktvā darśayāmāsa śaṃbhave jagadīśvarī || 46 ||
„Schau heute die ganze bewegliche und unbewegliche Welt hier an einem Ort!“ Mit diesen Worten zeigte die Herrin der Welt Shambhu

38.47 svaśarīre jagatkṛtsnaṃ saṃpraviṣṭamanekadhā |
dṛṣṭvā jaganmayīṃ [jaganmayīṃ tato dṛṣṭvā ka pāṭhaḥ |] prāha śaṃbhurmāyāvimohitaḥ |
māmuddhara jaganmātarmohasāgaramadhyataḥ || 47 ||
die ganze Welt, in mannigfacher Weise in ihren eigenen Leib eingegangen. Als Shambhu die Göttin als Weltgestalt sah, sprach er, von Maya verwirrt: „Mutter der Welt, hebe mich aus dem Meer der Verblendung empor!“

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde śivasya śaktiprāptinirūpaṇaṃ nāma aṣṭātriṃśaḥ paṭalaḥ || 38 ||
Hier endet das 38. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Wie Shiva Shakti erlangt“.

Kapitel 39: Die Erkenntnislehre der Göttin

ūnacatvāriṃśaḥ paṭalaḥ |
jaganmayyuvāca
Die Göttin, deren Wesen die Welt ist, sprach: 39.1 mā viṣīda mahādeva sarvathā tvaṃ sthiro bhava |
kulajñānī kathaṃ tvaṃ hi bhāvajñānī kathaṃ punaḥ || 1 ||
Die Göttin, deren Wesen die Welt ist, sprach: Verzweifle nicht, Mahadeva; bleibe in jeder Hinsicht standhaft. Wie verstehst du die Erkenntnis des Kula und wie die Erkenntnis der inneren Haltung?

39.2 ityevaṃ tvaṃ mayā pṛṣṭastvamātmānaṃ na vismara |
tadānandamayaṃ dhāma svavidyābhedasaṃgatam || 2 ||
So frage ich dich. Vergiss dein eigenes Selbst nicht: jene von Wonne erfüllte Stätte, die mit den Entfaltungen der eigenen Vidya verbunden ist.

39.3 puruṣaḥ prakṛtiścaiva nityau dvau samupasthitau |
saguṇādhibalā devī nirguṇo nirbalaḥ pumān || 3 ||
Purusha und Prakriti bestehen beide ewig. Die Göttin ist mit den Gunas ausgestattet und besitzt überragende Kraft; der Purusha ist eigenschaftslos und ohne eigene Wirkkraft.

39.4 avidyānādyarūpā sā madaṃśā bhedarūpiṇī |
sisṛkṣayāpi nīcāsya savidhe samupasthitā || 4 ||
Die anfanglose Unwissenheit ist ein Anteil von mir und erscheint als Verschiedenheit. Vom Wunsch zu erschaffen bewegt, tritt sie an seine Seite. Die Lesung des zweiten Halbverses ist unsicher.

39.5 sisṛkṣayā mayā pūrvaṃ prārthitaḥ puruṣaḥ khalu |
māmānandaya sānandamityuktvā dharṣitaḥ prabhuḥ || 5 ||
Als ich erschaffen wollte, bat ich den Purusha: „Erfreue mich voller Wonne!“ Mit diesen Worten drängte ich den Herrn.

39.6 mayā dharṣitamātro'sau babhūva saguṇo vibhuḥ |
tattadānandasaṃdohai(rā?ḥ sā)nandāhaṃ punaḥ punaḥ || 6 ||
Sobald ich ihn berührend bedrängte, nahm der alldurchdringende Herr Eigenschaften an; durch die Fülle jener Wonnen wurde auch ich immer wieder von Freude erfüllt.

39.7 jaḍatvādubhayordeva śūnyabhāvamupāgatam |
athānandātmanorjātā śaktirādyā sanātanī || 7 ||
Weil beide für sich unbewegt waren, stellte sich ein Zustand der Leere ein. Aus den beiden, deren Wesen Wonne ist, entstand dann die ursprüngliche, ewige Shakti.

39.8 guṇatrayamayī sā tu bindutrayasvarūpiṇī |
adhaḥ kṛtvā tu puruṣaṃ hakārārdhasvarūpiṇī || 8 ||
Sie besteht aus den drei Gunas und hat die Gestalt dreier Bindus. Sie nimmt die Gestalt eines halben Ha-Lautes an und bringt den Purusha unter sich.

39.9 viparītena ramate vahnīndvarkasvarūpiṇī |
aśiraskahakārāntya[ntyame ka pāṭhaḥ |]maśeṣākārasaṃsthitam || 9 ||
Sie vereinigt sich mit ihm in umgekehrter Stellung und hat das Wesen von Feuer, Mond und Sonne. Das Ende des kopflosen Ha-Lautes ist in allen Gestalten gegenwärtig.

39.10 antaścaramajasraṃ taṃ svamātmānamupāsmahe |
bindutraye mahādeva sargametat pratiṣṭhitam || 10 ||
Dieses unablässig im Inneren wirkende eigene Selbst verehren wir. In den drei Bindus, Mahadeva, ist diese Schöpfung gegründet.

39.11 brahmādistambaparyantaṃ jagat sthāvarajaṅgamam |
pañcabhūtamayaṃ viddhi cāsatyaṃ satyavadbhramaḥ || 11 ||
Wisse: Die ganze bewegliche und unbewegliche Welt, von Brahma bis zum Grashalm, besteht aus den fünf Elementen. Dass das Unbeständige als unbedingt wirklich erscheint, ist Täuschung.

39.12 pṛthivīyaṃ mahādeva prā[pra ka pāṭhaḥ |]kṛtī natu (kasturī?vāstavī) |
brāhmaṇī naiva cāṇḍālī naiva daivī na mānuṣī || 12 ||
Diese Erde gehört zur Prakriti, Mahadeva; sie besitzt keine eigenständige letzte Wirklichkeit. Sie ist weder Brahmanin noch Angehörige einer ausgegrenzten Kaste, weder göttlich noch menschlich.

39.13 rasamātraṃ jalaṃ viddhi na dvijaṃ naca pukka[śam ka pāṭhaḥ |]sam |
rūpamātraṃ tu yattejastatra kiṃ jātikalpanā || 13 ||
Erkenne Wasser als den Bereich des Geschmacks: Es ist weder brahmanisch noch ausgestoßen. Feuer ist der Bereich sichtbarer Gestalt; wie sollte darin eine Kasteneinteilung bestehen?

39.14 sparśamātraṃ tu yadvāyurnottamo nādhamaḥ khalu |
śabdamātraṃ yadākāśaṃ vibhostasya mahātmanaḥ || 14 ||
Luft ist der Bereich der Berührung, weder höher noch niedriger. Raum ist der Bereich des Klanges jenes alldurchdringenden großen Selbst.

39.15 nīcatāṃ kalpate devi mūḍho'jñānavijṛmbhitaḥ |
ebhiḥ pañcabhirārabdhaṃ dehaṃ sthāvarajaṅgamam || 15 ||
Nur der durch Unwissenheit verwirrte Mensch stellt sich Niedrigkeit vor. Aus diesen fünf Elementen sind die Körper der beweglichen und unbeweglichen Wesen aufgebaut.

39.16 pañcānāṃ saṃnipātaṃ yat na brāhmaṇaṃ na pukkasa[śa ka pāṭhaḥ |]m |
tadasatyaṃ vijānīyāt satyaṃ brahma na tanna tat || 16 ||
Eine Verbindung dieser fünf ist weder Brahmane noch Ausgestoßener. Erkenne sie als nicht letztgültig wirklich: Wahr ist Brahman, nicht diese oder jene begrenzte Erscheinung.

39.17 dehādbhinnaḥ śivo dehī paramānandarūpavān |
tadbrahmeti ca yo vidyāt sa eva brāhmaṇo mataḥ || 17 ||
Der im Körper Wohnende ist vom Körper verschieden: Er ist Shiva, dessen Wesen höchste Wonne ist. Wer ihn als Brahman erkennt, gilt als wahrer Brahmane.

39.18 yadidaṃ lakṣyate[kṣase ka pāṭhaḥ |] deva pañcabhūtātmavigrahe |
vāyubhirindriyagrāme prerite pañcabhiḥ śivam || 18 ||
Was du, Gott, in einem aus fünf Elementen bestehenden Körper wahrnimmst, während die fünf Lebenswinde die Gruppe der Sinne antreiben, ist Shiva.

39.19 kartṛtvamātmano deva tadavidyābhramo mahān |
vyāpṛteṣvindriyeṣvātmā vyāpārī[vivekī cā ka pāṭhaḥ |]vāvivekinām || 19 ||
Dem Selbst Täterschaft zuzuschreiben, ist die große Täuschung der Unwissenheit. Während die Sinne tätig sind, erscheint das Selbst den Unterscheidungslosen als tätig.

39.20 dṛśyate'bhreṣu dhāvatsu dhāvanniva yathā śaśī |
ātmacaitanyamāśritya dehendriyamanodhiyaḥ || 20 ||
Wie der Mond zu laufen scheint, wenn Wolken vorbeiziehen, so verhält es sich hier. Körper, Sinne, Denken und Verstand stützen sich auf das Bewusstsein des Selbst.

39.21 svakīyārtheṣu vartante sūryālokaṃ yathā janāḥ |
dehendriyaguṇān karmāṇyamale saccidātmani || 21 ||
Sie beschäftigen sich mit ihren jeweiligen Gegenständen, wie Menschen im Sonnenlicht ihren Tätigkeiten nachgehen. Ihre Eigenschaften und Handlungen werden dem makellosen Selbst aus Sein und Bewusstsein zugeschrieben.

39.22 adhyāsyātmā[tmavi ka pāṭhaḥ |]vivekena gagane nīlatāmiva[vat ka pāṭhaḥ |] |
ajñānānmānasopādheḥ kartṛtvādīni cātmani || 22 ||
Aus fehlender Unterscheidung wird dies dem Selbst überlagert, wie dem Himmel die blaue Farbe. So schreibt Unwissenheit dem Selbst die Täterschaft und andere Bestimmungen des Denkens zu.

39.23 kalpyante'mbugate candre calanādiryathāmbhasaḥ |
rāgecchāsukhaduḥkhādi(vṛ?bu)ddhau satyāṃ [satyā kha pāṭhaḥ |] pravartate || 23 ||
Es ist wie bei der Bewegung des Wassers, die man dem darin gespiegelten Mond zuschreibt. Zuneigung, Verlangen, Freude und Schmerz treten auf, wenn der Verstand tätig ist.

39.24 suṣuptau nāsti tannāśe tasmād buddhestu nātmanaḥ |
prakāśo'rkasya toyasya śaityamagneryathoṣṇatā || 24 ||
Im Tiefschlaf, wenn seine Tätigkeit erlischt, sind sie nicht vorhanden; sie gehören daher zum Verstand, nicht zum Selbst. Wie Licht zur Sonne, Kühle zum Wasser und Hitze zum Feuer gehören,

39.25 svabhāvaḥ[vasa ka pāṭhaḥ |] saccidānandanityanirmalatātmanaḥ |
ātmanaḥ saccidaṃśaśca buddhervṛ(ddhi?tti)riti dvayam || 25 ||
so gehören Sein, Bewusstsein, Wonne, Ewigkeit und Reinheit zum Wesen des Selbst. Der Anteil von Sein und Bewusstsein des Selbst und die Bewegung des Verstandes sind zweierlei.

39.26 saṃyojya cāvivekena jānāmīti pravartate |
ātmano vikriyā nāsti buddherbodho na jātviti || 26 ||
Indem man beides ununterschieden verbindet, entsteht die Vorstellung: „Ich erkenne.“ Das Selbst unterliegt jedoch keiner Veränderung, und der Verstand besitzt aus sich selbst kein Bewusstsein.

39.27 jīvaḥ [jīva savamaya jñātvā jñātvā dṛ ka pāṭhaḥ |] sarvamalaṃ jñātvā kartā draṣṭeti muhyati |
rajjusarpavadātmānaṃ jñātvā jīvo bhayaṃ vahet || 27 ||
Das individuelle Wesen gerät in Verwirrung und hält sich für den Handelnden und Schauenden. Wie beim Verwechseln eines Seils mit einer Schlange fürchtet es sich, weil es sein Selbst verkennt. Der erste Halbvers ist textlich unsicher.

39.28 nāhaṃ jīvaḥ parātmeti jñātaśca [ścenni ka pāṭhaḥ |] nirbhayo bhavet |
ātmāvabhāsayatyeko buddyādīnīndriyāṇi hi || 28 ||
Erkennt das individuelle Wesen dagegen: „Ich bin nicht das begrenzte Einzelwesen, sondern das höchste Selbst“, wird es furchtlos. Das Selbst allein erhellt Verstand und Sinne.

39.29 dīpo ghaṭādivat svātmajātaistairnāvabhāsyate |
svabodhe nānyabodhecchā [dhaśca ka pāṭhaḥ |] bodharūpasya [rpastathā ka pāṭhaḥ |] cātmanaḥ || 29 ||
Wie eine Lampe einen Krug und andere Dinge beleuchtet, so erhellt das Selbst seine Erscheinungen, wird aber nicht von ihnen erhellt. Für seine Selbsterkenntnis bedarf das Selbst, dessen Wesen Bewusstsein ist, keines anderen Erkennens.

39.30 na dīpasya [patayā ka pāṭhaḥ | syānya kha pāṭhaḥ |] tu dīpecchā yathā svātmaprakāśane |
niṣidhya nikhilopādhiṃ neti netīti vākyataḥ || 30 ||
Eine Lampe braucht ja keine zweite Lampe, um selbst sichtbar zu sein. Mit dem Ausspruch „Nicht dies, nicht dies“ verneine alle begrenzenden Zuschreibungen.

39.31 vidyādaikyaṃ mahāvākyairjīvātmaparamātmanoḥ |
āvidyakaṃ śarīrādi dṛśyaṃ budbudavat kṣaṇam || 31 ||
Erkenne durch die großen Lehrsätze die Einheit von individuellem und höchstem Selbst. Körper und andere sichtbare Erscheinungen beruhen auf Unwissenheit und sind flüchtig wie eine Wasserblase.

39.32 etadvilakṣaṇaṃ vidyādahaṃ brahmeti nirmalam |
dehā[dehātyatvānna me janmajarākārśyalayādayaḥ kha pāṭhaḥ |]nmama vibhinnatvānna me janmajarādayaḥ || 32 ||
Erkenne das davon verschiedene Makellose als „Ich bin Brahman“. Weil ich vom Körper verschieden bin, gibt es für mich weder Geburt noch Altern und dergleichen.

39.33 śabdādiviṣayaiḥ saṅgo nirindriyatayā naca |
amanastvānna me duḥkharāgadveṣabhayādayaḥ || 33 ||
Weil ich keine Sinne bin, bin ich nicht an Klang und andere Sinnesgegenstände gebunden. Weil ich nicht das Denken bin, gehören Schmerz, Zuneigung, Abneigung und Furcht nicht zu meinem Wesen.

39.34 aprāṇo hyamanāḥ śuddha[bhra kha pāṭhaḥ |] ityādiśrutiśāsanāt |
nirguṇo niṣkriyo nityo nirvikalpo nirañjanaḥ || 34 ||
Die Shruti lehrt: „Ohne Lebenshauch, ohne Denken, rein.“ Ich bin ohne Eigenschaften, ohne Tätigkeit, ewig, frei von gedanklichen Unterscheidungen und unbefleckt.

39.35 nirvikāro nirākāro nityamukto'smi nirmalaḥ |
nityaśuddhavimuktaikamakhaṇḍānandamadvayam || 35 ||
Ich bin unveränderlich, gestaltlos, ewig frei und makellos. Jenes ewig reine, befreite Eine, jene ungeteilte Wonne ohne Zweites,

39.36 satyaṃ jñānamayaṃ yattat paraṃ brahmāhameva tat |
evaṃ nirantaraṃ[rābhyastā kha pāṭhaḥ |] kṛtvā brahmaivāsmīti vāsanā || haratyavidyāvikṣepān rogāniva rasāyanam || 36 ||
jene höchste Wirklichkeit aus Wahrheit und Erkenntnis – dieses Brahman bin ich. Die ununterbrochen geübte Ausrichtung „Ich bin Brahman“ beseitigt die Zerstreuungen der Unwissenheit wie ein stärkendes Heilmittel Krankheiten.

śaṃbhuruvāca
Shambhu sprach: 39.37 dehādbhinnaḥ kathaṃ hyātmā kīdṛśaḥ kutra saṃsthitaḥ |
kathaṃ vā jñāyate brahma tanme vada jaganmami || 37 ||
Shambhu sprach: Wie ist das Selbst vom Körper verschieden? Wie beschaffen ist es und wo befindet es sich? Wie wird Brahman erkannt? Erkläre mir das, du Göttin, deren Wesen die Welt ist.

jaganmayyuvāca
Die Göttin, deren Wesen die Welt ist, sprach: 39.38 avacchinna ivājñānāt tannāśe sati kevalaḥ |
svayaṃ prakāśate hyātmā meghāpāyeṃ'śumāniva || 38 ||
Die Göttin sprach: Durch Unwissenheit erscheint das Selbst begrenzt. Wenn diese vergeht, leuchtet es allein aus sich selbst, wie die Sonne nach dem Verschwinden der Wolken.

39.39 ajñānakaluṣaṃ jīvaṃ jñānābhyāsādvinirmalam |
kṛtvājñānaṃ svayaṃ naśyejjalaṃ katakareṇuvat || 39 ||
Die Übung der Erkenntnis reinigt das durch Unwissenheit getrübte Einzelwesen; dadurch vergeht die Unwissenheit von selbst, wie Wasser durch Kataka-Pulver geklärt wird.

39.40 saṃsāraḥ svapnatulyo hi rāgadveṣādisaṃgataḥ [sakula kha pāṭhaḥ |] |
a[svakāle kha pāṭhaḥ |]bodhe satyavadbhāti su[pra kha pāṭhaḥ |]bodhe'satyavadbhavet || 40 ||
Samsara gleicht einem Traum voller Zuneigung, Abneigung und anderer Regungen. Solange das Erwachen fehlt, erscheint er wirklich; beim Erwachen erweist er sich als nicht letztgültig wirklich.

39.41 tāvat satyaṃ jagadbhāti śuktikārajataṃ yathā |
yāvanna jñāyate brahma sarvādhiṣṭhānamadvayam || 41 ||
Die Welt erscheint so lange als unabhängig wirklich, wie Silber in einer Perlmuschel, bis Brahman erkannt wird: der nichtduale Grund von allem.

39.42 saccidātmanyanusyūtā nitye viṣṇau prakalpitāḥ |
vyaktayo vividhāḥ sarvā hāṭake kaṭakādivat || 42 ||
Alle vielfältigen Erscheinungen sind im ewigen, alldurchdringenden Selbst aus Sein und Bewusstsein vorgestellt und von ihm durchdrungen, wie Armreifen und andere Schmuckstücke aus Gold bestehen.

39.43 yathākāśo hṛṣīkeśo nānopādhigato vibhuḥ |
tadbhedādbhinnavadbhāti tannāśe tve[sati kevala kha pāṭhaḥ |]kavadbhavet || 43 ||
Der alldurchdringende Herr der Sinne erscheint, dem Raum vergleichbar, durch unterschiedliche Begrenzungen verschieden. Verschwinden diese Begrenzungen, zeigt sich seine Einheit.

39.44 nānopādhivaśādeva jātivarṇāśramādayaḥ |
ātmanyāropitāstoye rasavarṇa[rṇādi kha pāṭhaḥ |]vibhedavat || 44 ||
Nur aufgrund verschiedener Begrenzungen werden Geburt, Kaste und Lebensstadium dem Selbst zugeschrieben, wie Unterschiede von Geschmack und Farbe dem Wasser zukommen können.

39.45 pañcīkṛtamahābhūtasaṃbhavaṃ karmasaṃcitam |
śarīraṃ sukhaduḥkhānāṃ bhogāyatanamucyate || 45 ||
Der aus den verfünffachten groben Elementen hervorgegangene und durch Karma zusammengefügte Körper wird als Erfahrungsstätte von Freude und Schmerz bezeichnet.

39.46 pañcaprāṇamanobuddhidaśendriyasamanvitam |
apañcīkṛtabhūtotthaṃ sūkṣmāṅgaṃ bhogasādhanam || 46 ||
Der feine Körper besteht aus den fünf Pranas, Denken, Verstand und zehn Sinnes- und Handlungsvermögen. Er entsteht aus den noch nicht verfünffachten Elementen und dient dem Erleben.

39.47 anādyavidyānirvācyā kāraṇopādhirucyate |
upādhitritayādanyadā[mā kha pāṭhaḥ |]tmānamavadhāraya[yet kha pāṭhaḥ |] || 47 ||
Die anfanglose, nicht eindeutig beschreibbare Unwissenheit heißt ursächliche Begrenzung. Erkenne das Selbst als verschieden von diesen drei Begrenzungen: grobem, feinem und ursächlichem Körper.

39.48 sarvabhūtasthamātmānamahameva tathātmani |
sarvabhūtāni saṃcintya cintayasvaikameva hi || 48 ||
Betrachte das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst: „Das bin ich.“ Versenke dich auf diese Weise in das Eine allein.

39.49 utpattipralayābhyāṃ ca na sadidaṃ niśāmaya |
manaḥ karoti pāpāni manaḥ pāpena lipyate |
manasyunmananībhūte na dharmo naca pātakam || 49 ||
Beachte: Was entsteht und vergeht, ist nicht die bleibende Wirklichkeit. Das Denken begeht Verfehlungen und wird durch sie befleckt. Ist es im Zustand jenseits des Denkens aufgegangen, gibt es dort weder Verdienst noch Verfehlung.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde śivasya devīkṛtajñānopadeśavarṇanaṃ nāmonacatvāriṃśaḥ paṭalaḥ || 39 ||
Hier endet das 39. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Die Erkenntnislehre der Göttin“.

Kapitel 40: Shiva-Shakti-Erkenntnis und Kula-Opfer

Shiva und Shakti werden als untrennbare Wirklichkeit gelehrt.

catvāriṃśaḥ paṭalaḥ |
śaṃbhuruvāca
Shambhu sprach: 40.1 kathyatāṃ devadeveśi vyaktībhūtāvubhau katham |
śivaśaktimayaṃ jñānaṃ kathaṃ vā jāyate tathā || 1 ||
Shambhu sprach: Göttin der Götter, erkläre, wie beide in Erscheinung treten und wie die Erkenntnis entsteht, dass alles aus Shiva und Shakti besteht.

jaganmayyuvāca
Die Göttin, deren Wesen die Welt ist, sprach: 40.2 puṃbhāvaḥ śiva i[mi ka pāṭhaḥ |]tyāhuḥ strībhāvaḥ prakṛtiḥ parā |
śivo jñānamayo dehe śaktirbuddhimayī parā || 2 ||
Die Göttin, deren Wesen die Welt ist, sprach: Das männliche Prinzip nennt man Shiva, das weibliche die höchste Prakriti. Im Körper ist Shiva Erkenntnis, die höchste Shakti das Vermögen der Einsicht.

40.3 śukraṃ śivo mahāmedaḥ śaktiḥ kuṇḍalinī tviti |
liṅgaṃ śiva[va ka pāṭhaḥ |]stathā śaktiryonirjagati dṛśyate || 3 ||
Shiva ist der männliche Same; Shakti wird mit der leiblichen Substanz und mit Kundalini verbunden. In der Welt erscheint Shiva als Linga und Shakti als Yoni. Die Bezeichnung „mahāmedas“ im ersten Halbvers ist ungewöhnlich und in ihrer genauen Bedeutung unsicher.

40.4 ityevaṃ tripurā śaktirityevaṃ tripuraḥ śivaḥ |
nānayorvidyate bhedo yā śaktiḥ sa śivo dhruvam || 4 ||
So ist Shakti Tripura, und ebenso ist Shiva Tripura. Zwischen ihnen besteht kein Unterschied: Was Shakti ist, das ist gewiss Shiva.

40.5 na śivena vinā śaktirna śakti[ktyāvā ka pāṭhaḥ |]rahitaḥ śivaḥ |
na tadbhūtastayorbhedaścandracandrikayoriva || 5 ||
Shakti ist nicht ohne Shiva, und Shiva ist nicht ohne Shakti. Zwischen ihnen besteht ebenso wenig eine wirkliche Trennung wie zwischen Mond und Mondlicht.

40.6 evaṃ tau sarvabhūteṣu dvidhābhūtau vyavasthitau |
tasmānnāsti tayorbhinnaṃ jagadetaccarācaram || 6 ||
So sind beide in allen Wesen als Zweiheit gegenwärtig. Deshalb ist diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt von ihnen nicht verschieden.

40.7 pitā mātā sutaśceti bhāvo'yaṃ vividho (mu?mṛ)ṣā |
svā[sva ka pāṭhaḥ |]vidyāsudṛḍhābhyāsād dṛḍhībhūto hṛdi sthitaḥ || 7 ||
Die vielfältigen Vorstellungen „Vater“, „Mutter“ und „Sohn“ sind als absolute Trennungen irrig. Durch eingeübte Unwissenheit haben sie sich im Herzen verfestigt.

40.8 guruvākyena taṃ vidyād dṛḍhābhyāsena mānavaḥ |
jīvanmuktaḥ sarvabhūtamayo bhavati vai dhruvam || 8 ||
Durch das Wort des Gurus und durch beharrliche Übung erkennt der Mensch die Wirklichkeit. Er wird schon zu Lebzeiten befreit und erfährt sein Wesen als das aller Wesen.

40.9 śarīraṃ vividhāṅgaṃ me kathyate śṛṇu sādaram |
brahmaivāhaṃ nacānyo'smi śarīrametadeva hi || 9 ||
Höre aufmerksam, wie mein Leib mit seinen vielfältigen Gliedern beschrieben wird. Ich bin allein Brahman, nichts anderes; eben dies ist mein Leib.

40.10 caitanyaṃ sarvabhūtānāṃ śabdabrahmasvarūpakam |
varṇarūpeṇa tadvyaktaṃ mantravidyādibhedataḥ || 10 ||
Das Bewusstsein aller Wesen hat das Wesen des Klang-Brahman. Als Sprachlaute tritt es in Erscheinung, gegliedert in Mantras, Vidyas und andere Formen.

40.11 kuṅkumāgurukastūryā rocanācandanendubhiḥ |
prakāśya tava pīṭhe tu śaktyantaḥsthaṃ yathā bhavet || 11 ||
Bringe es mit Safran, Aloeholz, Moschus, Rocana, Sandelholz und Kampfer auf deinem Pitha zum Ausdruck, sodass es innerhalb der Shakti gegenwärtig wird.

40.12 tatra pūjā sadā kāryā tattadvartmavidhānataḥ |
sarveṣāmeva devānāṃ mantramādyaṃ śarīrakam || 12 ||
Dort ist stets nach der jeweiligen überlieferten Ordnung zu verehren. Der erste Leib aller Gottheiten ist das Mantra.

40.13 pūjayettad guru[rurmantrī ka pāṭhaḥ |]mantradevatātmasvarūpataḥ |
dvitīyaṃ kathyate deva yatpunardhyānagocaram || 13 ||
Verehre ihn als Einheit von Guru, Mantra, Gottheit und eigenem Selbst. Nun wird die zweite Gestalt beschrieben, die der Meditation zugänglich ist.

40.14 kṛtvā ratnamayaṃ rūpaṃ śuddhakāñcananirmitam |
pratyahaṃ pūjayeddevamamutra māsi māsi ca || 14 ||
Fertige eine Gestalt aus Edelsteinen oder reinem Gold und verehre die Gottheit täglich; feiere sie auch Monat für Monat.

40.15 vārṣikaṃ tvatha vā kuryānmahotsavamanuttamam |
vimukho dambhamāśritya dravyanāśa[doṣo nāśya ka pāṭhaḥ |]vaśāduta || 15 ||
Oder veranstalte jährlich ein höchstes großes Fest. Wer sich davon abwendet, aus Hochmut oder wegen des befürchteten Aufwandes,

40.16 mahotsavavidhau yo me (sva?sa)syādbhagnamanorathaḥ |
vimukhāstasya durbuddheḥ pitaraḥ sāmarā [samarā ka pāṭhaḥ |] gaṇāḥ || 16 ||
und mein großes Fest vernachlässigt, dessen Hoffnungen werden vereitelt. Ahnen, Götter und ihre Scharen wenden sich von dem Uneinsichtigen ab.

40.17 tasmātparadine[na kha pāṭhaḥ |] prāpte bodhayitvā vidhānataḥ |
pratyahaṃ pūjayedbhaktyā pūrṇaṃ [pūrṇānta syānma ka pāṭhaḥ |] tasyā mahotsavam || 17 ||
Deshalb wecke die Göttin zum festlichen Tag nach der Ordnung, verehre sie täglich mit Hingabe und vollende ihr großes Fest. Die Lesung zur Zeitangabe ist unsicher.

40.18 tṛtīyaṃ kathyate yantraṃ rā[ra kha pāṭhaḥ |]tnaṃ vā hemanirmitam |
madātmarūpamātraṃ tu viditvā sadgurorbudhaḥ || 18 ||
Als dritte Gestalt wird das Yantra beschrieben, aus Edelstein oder Gold. Der Verständige erfährt vom wahren Guru, dass es allein mein eigenes Wesen darstellt.

40.19 pūjayedgandhapuṣpādyairmadātmā madabhedataḥ |
candanāgurukastūryā rocanācandrakuṅkumaiḥ || 19 ||
Mit Duftstoffen und Blumen soll er es verehren, selbst mit mir wesenseins und ohne Trennung von mir: mit Sandelholz, Aloe, Moschus, Rocana, Kampfer und Safran.

40.20 kulapuṣpaiśca saṃlikhya tvaduktāvidhinā yajet |
vārāhaskandhajaidarbhairanulepaṃ vigharṣayet || 20 ||
Er soll es auch mit Kula-Blüten zeichnen und nach der von dir verkündeten Vorschrift verehren. Mit den genannten Darbha-Mitteln soll er die aufgetragene Schicht reinigen. Die zusammengesetzte Materialangabe ist beschädigt.

40.21 vārāhadehajairdarbhaiḥ kuryānmalavigharṣaṇam |
prītirme jāyate tatra pūrṇā dvādaśavārṣikī || 21 ||
Mit Darbha-Gras, das als aus dem Leib des Ebers hervorgegangen gilt, soll er Unreinheit abreiben. Dadurch entsteht mir eine volle zwölfjährige Zufriedenheit.

40.22 sugandhisparśasukhadaiḥ kusumairaruṇairapi |
aśūnyaṃ sarvadā kuryācchūnye vighnādyanekaśaḥ || 22 ||
Mit duftenden, angenehm zu berührenden, auch roten Blüten halte er es stets bedeckt; bleibt es leer, entstehen vielfache Hindernisse.

40.23 atyantasukhadairvastrairācchādya bhavanāntare |
tvalliṅgenātiśuddhena śuklena cittahāriṇā || 23 ||
Er bedecke es mit äußerst angenehmen Stoffen und bewahre es im Inneren des Hauses zusammen mit deinem vollkommen reinen, weißen und anziehenden Linga auf.

40.24 sthāpayetpūjayetsārdhaṃ yato nāhaṃ tvayā vinā |
naiva tvamapi he deva prabhurdevo mayā vinā || 24 ||
Er stelle beide zusammen auf und verehre sie: Denn ich bin nicht ohne dich, und auch du, Herr und Gott, bist nicht ohne mich.

40.25 tasmādāvāṃ sadaivātra sthāpayetsiddhimicchukaḥ |
vidrumamauktikābhyāṃ vā yo japenmantramuttamam || 25 ||
Wer Vollendung sucht, soll uns deshalb stets gemeinsam aufstellen. Wer das höchste Mantra mit Korallen oder Perlen als Zählhilfe wiederholt,

40.26 samayācārayogena tvayoktenaiva śaṃkara |
pūjāṃ yaḥ kurute nityaṃ bhaktiśraddhāsamanvitaḥ || 26 ||
und nach der von dir gelehrten Ordnung des Samayachara täglich voll Vertrauen und Hingabe verehrt,

40.27 caturdhā kālarūpaiśca hastairāliṅgya taṃ śivam |
māmakyā kalayā yuktaṃ karomi puranāyakam || 27 ||
den umfange ich mit meinen vier Armen als Zeitgestalten, vereine ihn mit meiner Kraft und mache ihn, Shiva gleich, zum Herrn der Stadt. Die Bildsprache des ersten Halbverses ist nicht eindeutig.

40.28 turīyaṃ me paraṃ rūpaṃ guptaṃ yajjagatītale |
tatra pūjā sadā kāryā kulayāgavidhānataḥ || 28 ||
Meine vierte, höchste Gestalt ist in der Welt verborgen. Ihr gilt stets die Verehrung nach der Ordnung des Kula-Opfers.

40.29 sarvāpāyeṣu sarvatra kaulo dharmaḥ paro mahān |
su[svā ka pāṭhaḥ |]gamā nigamāḥ sarve kaulo dharmastu durgamaḥ || 29 ||
In allen Gefährdungen ist der Kaula-Dharma überragend. Alle Nigamas sind leicht zugänglich, der Kaula-Dharma aber ist schwer zugänglich.

40.30 nisargadurgamaḥ kaulaḥ sugama iva bhātyasau |
brahmaviṣṇuśivādīnāṃ prabhavo[va ka pāṭhaḥ |] yatra kīrtitaḥ [tam ka pāṭhaḥ |] || 30 ||
Von Natur aus ist Kaula schwer zugänglich, obwohl es leicht erscheint. In ihm wird der Ursprung Brahmas, Vishnus, Shivas und der anderen verkündet.

40.31 tadrūpaṃ me paraṃ dhāma brahmaṇo vyaktajanmanaḥ |
sadguroḥ kṛpayā labdhā[bdhvā ka pāṭhaḥ |] tatra pūjā mahodayā || 31 ||
Diese Gestalt ist meine höchste Stätte, aus der Brahman in Erscheinung tritt. Durch die Gnade des wahren Gurus erlangt, führt ihre Verehrung zu höchster Entfaltung.

40.32 brahmaprakāśakaṃ tattu tanniṣṭhaṃ brahma cocyate |
svayaṃ prakāśate brahma yasya darśanataḥ śivaḥ || 32 ||
Sie offenbart Brahman und heißt selbst das in Brahman Gegründete. Durch ihren Anblick leuchtet Brahman aus sich selbst hervor, Shiva.

40.33 sparśanātpūjaye[nā kha pāṭhaḥ |]dyasya brahmaṇyeva nimajjati |
ānandābdhau nimajjyeva bhavābdhiṃ sa na paśyati || 33 ||
Wer sie berührt und verehrt, taucht in Brahman ein. Versunken im Meer der Wonne, nimmt er das Meer des leidvollen Werdens nicht mehr wahr.

40.34 kaulo dharmastvayā proktastamāsādya kulaṃ yajet |
madrūpā paramā śaktirliṅgarūpī bhavān prabhuḥ || 34 ||
Du hast den Kaula-Dharma gelehrt; auf ihn gestützt verehre Kula. Die höchste Shakti ist meine Gestalt, du, Herr, hast die Gestalt des Linga.

40.35 śukraṃ śivo rajaḥ śaktiriti jānīhi śaṃkara |
tvayā mayā jagadidaṃ paripūrṇaṃ maheśvara || 35 ||
Der Same ist Shiva, das weibliche Zeugungsblut Shakti: So erkenne es, Shankara. Von dir und mir ist diese ganze Welt erfüllt, Maheshvara.

40.36 ekaivāhaṃ paraṃ brahma śivaśaktīti bhedataḥ |
saṃprabhinnaṃ jagadidaṃ bhrama evātra kāraṇam || 36 ||
Ich allein bin das höchste Brahman. Dass die Welt durch die Unterscheidung von Shiva und Shakti geteilt erscheint, hat seinen Grund allein in Täuschung.

40.37 tvamahaṃ ceti yatproktaṃ tadavidyā(śra?bhra)mo mahān |
tattvamasi sa evāhaṃ na tvaṃ nāhaṃ tadeva yat || 37 ||
Was als „du“ und „ich“ bezeichnet wird, ist die große Verwirrung der Unwissenheit. „Das bist du“, „Das bin ich“: weder du noch ich als getrennte Wesen, sondern einzig jenes Eine.

40.38 āvayornahi bhedo'sti yuktyā budhyasva śaṃkara |
madantastvayi saṃlīne tva[tvā ka pāṭhaḥ |]mevāhaṃ bhavān prabhuḥ || 38 ||
Zwischen uns besteht kein Unterschied; verstehe das durch Einsicht, Shankara. Wenn du dich in mir auflöst, bin ich du selbst, der Herr.

40.39 āvayoḥ saralākāramabhūnmilitayoḥ śiva |
tanmahāmokṣamāpnoti bhogenaiva maheśvara || 49 ||
Wenn wir uns vereinen, entsteht unsere ungeteilte Gestalt, Shiva. Dadurch wird höchste Befreiung gerade durch Erfahrung und Genuss erlangt, Maheshvara. Die Vorlage nummeriert diesen Vers irrtümlich als 49.

40.40 kalpakoṭisahasrāṇi kalpakoṭiśatāni ca |
pūjanānnahi me prītiryadihānyaprakārataḥ || 40 ||
Auch durch viele Millionen und Abermillionen Weltalter der Verehrung erfreut man mich nicht, wenn dies auf eine andere Weise geschieht.

40.41 māṃsabhārairna me prītirna tathā madyasāgaraiḥ |
yathā me jāyate prītirbhagaliṅgāmṛtaiḥ śiva || 41 ||
Nicht Berge von Fleisch und nicht Meere von Wein erfreuen mich so wie die Nektarflüssigkeiten aus der Vereinigung von Yoni und Linga, Shiva.

40.42 ahameva mahādeva striyaḥ sarvā jagatsviha |
iti matvā bhajante māṃ budhā bhāvasamanvitāḥ [ta ka pāṭhaḥ |] || 42 ||
Alle Frauen in dieser Welt bin ich selbst, Mahadeva. In diesem Bewusstsein verehren mich die Weisen mit entsprechender innerer Haltung.

40.43 ye devā madgataprāṇā madvāsā madvibhūṣaṇāḥ |
svadharmānaparityajya māmeva śaraṇaṃ gatāḥ || 43 ||
Jene göttlichen Menschen, deren Lebenskräfte auf mich gerichtet sind, die meine Gewänder und meinen Schmuck tragen und bei mir Zuflucht gesucht haben, ohne ihre eigenen Pflichten aufzugeben,

40.44 te punarbhogino muktā jīvanto[vato ka pāṭhaḥ |]'pi mahītale |
madaṅgasparśamātreṇa cātmānaṃ jñātumarhasi || 44 ||
sind trotz ihrer Erfahrungen und Genüsse bereits zu Lebzeiten auf Erden frei. Schon durch die Berührung meines Leibes sollst du dein Selbst erkennen.

40.45 mayi praviśa viśveśa māṃ bhajasva sanātanīm |
jahi śaṅkāṃ mahādeva tvamātmānaṃ na vismara || 45 ||
Tritt in mich ein, Herr der Welt; verehre mich, die Ewige. Lass den Zweifel los, Mahadeva, und vergiss dein eigenes Selbst nicht.

40.46 viṣṇuḥ pibatyasau vāmaṃ brahmā me dakṣiṇaṃ stanam |
tvaṃ pibasva mahādeva mamādhara(śru?sru)tāmṛtam || 46 ||
Vishnu trinkt an meiner linken Brust, Brahma an meiner rechten. Du aber, Mahadeva, trinke den Nektar, der von meiner Unterlippe fließt.

40.47 striyaṃ gacchan spṛśanpaśyaṃstābhireva vihāravān |
dhyānaṃ pūjāṃ japaṃ caiva kuryānme sādhakottamaḥ || 47 ||
Der vortreffliche Sadhaka soll, wenn er sich einer Frau nähert, sie berührt, sie betrachtet und mit ihr zusammen ist, dabei meine Meditation, Verehrung und Mantrawiederholung vollziehen.

40.48 śaktyāyuktaḥ sadā mantrī na tayā rahito bhavet |
tayā virahito devaḥ sarvakarmasu na kṣamaḥ || 48 ||
Der Mantrapraktizierende sei stets mit Shakti verbunden und niemals von ihr getrennt. Ohne sie vermag selbst der Gott die Handlungen nicht zu vollziehen.

40.49 patihīnā yathā nārī sarvakarmavivarjitā |
śaktihīnastathā mantrī tasmācchaktiyuto bhava || 49 ||
Wie nach dieser Ritualordnung eine Frau ohne Ehemann von den entsprechenden Riten ausgeschlossen ist, so ist es der Mantrapraktizierende ohne Shakti. Deshalb verbinde dich mit Shakti.

40.50 ekā cedvaśagā sādhvī tasyāḥ kṛ[syākṛ ka pāṭhaḥ |]ṣṭirbhavāya ca |
duṣṭabhāryā (kulā?karā)kṛṣṭirvināśāyaiva kevalam || 50 ||
Ist eine tugendhafte Gefährtin dir zugewandt, dient ihre Nähe dem Gedeihen; die Verbindung mit einer übelgesinnten Frau führt nach Aussage des Textes zum Untergang. Die Lesung über das Heranziehen ist unsicher.

40.51 kulabhedī[di ka pāṭhaḥ |] nadītīre koṣāgāraṃ yathā śiva |
bhagaliṅgasamāyogādyadānandaḥ prajāyate || 51 ||
Ein Zerstörer des Kula ist wie eine Schatzkammer am Flussufer, Shiva. Die Wonne, die aus der Vereinigung von Yoni und Linga entsteht,

40.52 brahmaiva tadvijānīyādanantaṃ mokṣasādhanam |
gurupūjā karākṛṣṭirvighnotsāraṇakarmakṛt || 52 ||
sollst du als Brahman erkennen: unendlich und ein Mittel zur Befreiung. Das Ergreifen der Hand wird als Guru-Verehrung und als Handlung zur Beseitigung von Hindernissen gedeutet.

40.53 rahasyākhyānakaṃ karṇe hyāsanaṃ gaṇḍacumbanam |
bhūtaśuddhiḥ parīrambhaḥ saṃtoṣendriyanigrahaḥ || 53 ||
Das vertrauliche Sprechen ins Ohr und das Küssen der Wange entsprechen den rituellen Schritten des Sitzangebots; die Umarmung der Elementreinigung, Zufriedenheit der Beherrschung der Sinne. Die Zuordnung der ersten beiden Handlungen ist sprachlich gedrängt.

40.54 prāṇāyāmaḥ stanākṛṣṭirnyāsamatra samīritam |
nakhadantakṣatādīni dhūpadīpapradāpanam || 54 ||
Das Berühren beziehungsweise Heranziehen der Brüste wird Pranayama und Nyasa gleichgesetzt; Spuren von Nägeln und Zähnen entsprechen der Darbringung von Räucherwerk und Licht.

40.55 cāṭukāni ratānte ca supuṣpāṇyaṅgasaṃgamam |
darśanaṃ sparśanaṃ yonervikārālliṅgagharṣaṇam || 55 ||
Zärtliche Worte nach der Vereinigung gelten als schöne Blumen, ebenso die Berührung der Glieder; es folgen das Anschauen und Berühren der Yoni und das Bewegen des Linga in der Erregung.

40.56 adharāmṛtapānaṃ ca svayamāveśanaṃ tathā |
vikṣepotkṣepaṇaṃ caiva patanotpatanaṃ tathā || 56 ||
Das Trinken des Lippennektars, das eigene Eindringen, die wechselnden Bewegungen sowie das Sinken und Aufsteigen

40.57 tarpaṇādyupacāraṃ tu mathanaṃ havanaṃ tathā |
sītkāro mantrajapanaṃ brahmārpaṇaikacittatā || 57 ||
entsprechen Darbringungen wie Tarpana; das Reiben entspricht dem Feueropfer, der zischende Atem der Mantrawiederholung, die Einspitzigkeit der Hingabe an Brahman.

40.58 kūjanaṃ gāyanaṃ stotraṃ[stutya kha pāṭhaḥ |] retaḥpāto visarjanam |
itthameva mahādeva pūjanaṃ me samīritam || 58 ||
Liebeslaute sind Gesang und Lobpreis, der Samenerguss ist die rituelle Entlassung. So wird meine Verehrung beschrieben, Mahadeva.

40.59 ekasyā[kāyā ka pāṭhaḥ |] bahurūpiṇyāḥ[ṇya ka pāṭhaḥ |] pratyahaṃ yaḥ samācaret |
jīvanmuktaḥ svayaṃ devo'pyasādhyamapi sādhayet || 59 ||
Wer täglich die Eine in ihren vielen Formen auf diese Weise verehrt, wird selbst göttlich und schon zu Lebzeiten befreit; selbst schwer Erreichbares kann er verwirklichen.

40.60 bhogaiśca madhuparkādyairvāmābhāve sthito yajet |
śrutismṛtyuditaṃ karma tyajan vātha samāśrayan || 60 ||
Mit Genussgaben, Madhuparka und anderem verehre er in der Haltung des Vama-Weges, wobei er die von Shruti und Smriti vorgeschriebenen Handlungen entweder aufgibt oder weiter befolgt.

40.61 tattatkarmaparityāgād (dhyānaṃ?hīnaṃ) jātiṣu jāyate |
tato bahu sukhaṃ bhuktvā pareṣāṃ ca sudurlabham || 61 ||
Durch das Aufgeben jener Handlungen erfolgt nach dem Text eine Geburt in niedriger angesehenen sozialen Gruppen; danach genießt er große, anderen schwer zugängliche Freuden. Die zentrale Lesung ist unsicher.

40.62 vidyābhyāsaprasādena bhogena mokṣamāpnuyāt |
evaṃ bahuvidhān bhogī bhogānvai sumanoharān || 62 ||
Durch die Gunst der Vidya-Übung erlangt er Befreiung durch Erfahrung und Genuss. Nachdem er auf diese Weise viele bezaubernde Freuden erfahren hat,

40.63 samāsādya ca tāṃstāṃstu vairāgye vana[na ā ka pāṭhaḥ |]māviśet |
asārāṃśca tathā sārānniḥsārāṃśca tathā parān || 63 ||
gehe er, sobald Leidenschaftslosigkeit entstanden ist, in die Waldeinsamkeit. Dort unterscheide er das Gehaltlose, das Wesentliche und das nur scheinbar Wesentliche.

40.64 nānāvidhairvivekādyairvivicya sādhakastathā |
sārabhūte pare tattve mana ādhāya yogavit || 64 ||
Mit vielfältiger Unterscheidungskraft prüfe der Sadhaka dies. Der Yogakenner richte seinen Geist auf die höchste Wirklichkeit, die das Wesentliche ist.

40.65 niḥsāramasadādyantaṃ jagadetaccarācaram |
satyaṃ kimapi tatraiva vastu sākṣānnirakṣaram || 65 ||
Diese bewegliche und unbewegliche Welt ist ohne bleibenden Kern und durch Anfang und Ende begrenzt. In ihr ist jedoch unmittelbar eine wahre Wirklichkeit gegenwärtig, die jenseits der Buchstaben liegt.

40.66 tadānandamayaṃ brahma viditvātmani sādhakaḥ |
ekāntavijane ramye mṛḍa[du kha pāṭhaḥ |]komala āsane || 66 ||
Nachdem der Sadhaka dieses wonnevolle Brahman in sich selbst erkannt hat, suche er einen schönen, abgeschiedenen Ort und einen weichen, angenehmen Sitz.

40.67 āsīnaścintayedbrahma paramānandanirbharaḥ |
brahmacintāparāmodī[dabho ka pāṭhaḥ |] bhogeṣu vigataspṛhaḥ || 67 ||
Dort sitzend betrachte er Brahman, erfüllt von höchster Wonne. Er freue sich an der Versenkung in Brahman und sei frei vom Verlangen nach Genüssen.

40.68 ekāṃ bhāryāṃ samādāya yoginīṃ sahacāriṇīm |
asādhyaṃ sādhayedyogī yoginyeva sahāyinī || 68 ||
Mit einer einzigen Gefährtin, einer Yogini, die seinen Weg teilt, kann der Yogi das schwer Erreichbare verwirklichen; die Yogini ist dabei seine Helferin.

40.69 yathā tvaṃ mayakā nātha pārvatyā parameśvara |
mohayitvā punardevī śaṃkaraṃ prāha pārvatī || 69 ||
So ist es bei dir und mir, Parvati, o Herr und höchster Gott. Nachdem sie Shankara erneut bezaubert hatte, sprach die Göttin Parvati weiter.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde śivaśaktimayajñāna-kulayāgavarṇanaṃ nāma catvāriṃśaḥ paṭalaḥ || 40 ||
Hier endet das 40. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Shiva-Shakti-Erkenntnis und Kula-Opfer“.

Kapitel 41–42: Höchstes Bewusstsein und Befreiung

Kapitel 41: Die Lehre von Anuttara

ekacatvāriṃśaḥ paṭalaḥ |
41.1 atulaikarasānandaṃ kaivalyāyatanaṃ śivam |
natvā śiṣyeva sānandā tamuvāca parā śivā || 1 ||
Die höchste Shiva verneigte sich freudig wie eine Schülerin vor Shiva, der unvergleichlichen, ungeteilten Wonne und Wohnstätte vollkommener Freiheit, und sprach zu ihm.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 41.2 prasīda paramānandamaya saṃśāntavigraha [saśaktivigraha ka pāṭhaḥ |] |
yadyadeva paraṃ tattvaṃ tattvato viditaṃ mayā || 2 ||
Parvati sprach: Sei mir gnädig, du aus höchster Wonne bestehender Herr von vollkommen friedvoller Gestalt. Die höchste Wirklichkeit habe ich durch dich ihrem Wesen nach kennengelernt.

41.3 tvayā deva samākhyātāḥ sarve mantrāḥ kriyāḥ parāḥ |
yogāḥ samādhayo jñānaṃ tathā cānye madīpsitāḥ || 3 ||
Du hast mir alle Mantras, die höchsten Riten, die Yogawege, Versenkungen, Erkenntnis und alles Weitere erklärt, was ich zu erfahren wünschte.

41.4 teṣāṃ hi kāraṇaṃ tattvaṃ yadīśa parataḥ param |
vaktumarhasi tattvena śāṃbhavaṃ cāpyanuttaram || 4 ||
Erkläre nun ihrem Wesen nach jene Wirklichkeit, die deren Ursache ist, das Höchste über allem Hohen: das zu Shambhu Gehörende und das Unübertreffliche, Anuttara.

41.5 vācyasvarūpavyāptitvaṃ jñātumicchāmi tattvataḥ |
prakāśo vimarśādhīna iti satyaṃ yadi prabho || 5 ||
Ich möchte wirklich verstehen, wie sie das Wesen alles Bezeichneten durchdringt. Wenn es wahr ist, Herr, dass das Leuchten des Bewusstseins von seiner Selbsterfassung abhängt,

41.6 mamādhīnastvamevā[va syāt ka pāṭhaḥ |]si yathoktaṃ vada śaṃkara |
śaṃbhuruvāca atiguhyatamaṃ sūkṣmamavāṅmanasagocaram || 6 ||
dann bist du, wie gesagt, von mir abhängig; erläutere das, Shankara. Shambhu sprach: Dies ist das allerverborgenste Feine, unerreichbar für Sprache und Denken.

41.7 mayā yatnena guptaṃ tanna tatkasyāpi kathyate |
ahameva tvamapyasmi [pyasya ka pāṭhaḥ |] khalūkteti ca me matiḥ || 7 ||
Ich habe es sorgsam verborgen und erzähle es niemandem. Doch ich bin selbst auch du; so ist, was gesagt wurde, nach meinem Verständnis zu verstehen.

41.8 tvamapyevaṃ smarasyasmāt tvayāpi viditaṃ priye |
saccitsaṃyogasaṃsiddhi[ddhimama vaśyā mavasāyata ka pāṭhaḥ |]stvadvaśyā mama sā yataḥ || 8 ||
Weil auch du dich so erkennst, ist es dir bereits bekannt, Geliebte. Meine Vollendung in der Vereinigung von Sein und Bewusstsein ist von dir abhängig. Die Lesung ist teilweise beschädigt.

41.9 tadeva cottaraṃ prāhuḥ satyaṃ satyaṃ mayoditam |
tadeva citsadādyantāvaikyena saṃsthitaṃ yadā || 9 ||
Eben dies nennt man das Höhere; wahrlich, wahrlich habe ich es gesagt. Wenn es in der Einheit von Bewusstsein und Sein, Anfang und Ende, besteht,

41.10 tadā śāṃbhavamityāhurmunayastattvavittamāḥ |
tadevāhamidaṃbhāvapūrṇānando yadā bhavet || 10 ||
dann nennen es die weisen Kenner der Wirklichkeit „zu Shambhu gehörig“. Wenn es als die volle Wonne von „Ich“ und „Dies“ erfahren wird,

41.11 tadaiva śaṃbhubhāvaḥ syāduktametatpadatrayam |
śakra[kratri ka pāṭhaḥ |]striśūlī sargo'ntaṃ tairevālaṃkṛtā yadi || 11 ||
dann besteht der Zustand Shambhus. So sind die drei Begriffe erläutert. Ist sie mit den durch Shakra, Dreizack und Aussendung bezeichneten Lautkräften ausgestattet,

41.12 saiva hi śrīparetyuccairmunibhiḥ parikīrtitā |
prakāśānandasaṃdohakaivalyamahamā[dā ka pāṭhaḥ |]śrayā || 12 ||
so preisen die Weisen sie als die ehrwürdige Para. Sie gründet in reiner Ichheit, in der Fülle von Leuchten und Wonne und in vollkommener Freiheit.

41.13 matparatvānmahāsiddhyai sā pareti ca kathyate |
ye mantrāḥ parameśāni tenādāvapi saṃyutāḥ || 13 ||
Weil sie das Höhere in Bezug auf mich ist, wird sie zur Erlangung großer Vollendung Para genannt. Die Mantras, höchste Göttin, die von Anfang an damit verbunden sind,

41.14 te jīvanti ca mantrebhyo hyanyonyamiti me matiḥ |
saptaṣaṣṭiprakṛtyarṇā jagatsṛṣṭyādikartṛkāḥ || 14 ||
leben dadurch und wirken aufeinander: So verstehe ich es. Die siebenundsechzig ursprünglichen Laute bewirken das Entstehen der Welt und anderes. Die ungewöhnliche Zahl wird nach der Vorlage beibehalten.

41.15 eteṣāṃ jīvabhūtatvādanuttaramidaṃ jagat |
pārvatyuvāca sakalā niṣkalāścaiva muktimārgaprabodhakāḥ || 15 ||
Weil dies ihr Lebensprinzip ist, ist die Welt Anuttara. Parvati sprach: Es gibt verkörperte und nicht verkörperte Mantras, die den Befreiungsweg erschließen.

41.16 mantrāstu bahavaḥ santi vada teṣāmanuttaram |
śaṃbhuruvāca keṣāṃcidasmaduktānāmete'pyanarthadarṇavā (?) || 16 ||
Viele solcher Mantras bestehen; sage mir, was ihr Anuttara ist. Shambhu sprach: Auch unter den von uns gelehrten Mantras … Der zweite Halbvers ist in der überlieferten Lesung nicht zuverlässig übersetzbar.

41.17 āvayordevadeveśi manūnāṃ kāraṇaṃ manoḥ |
sarveṣāmeva mantrāṇāṃ prāpyāvāvāṃ maheśvari || 17 ||
Göttin der Götter, wir beide sind Ursache der Mantras; wir beide sind das, was durch sämtliche Mantras erreicht werden soll.

41.18 āvayorapi tatprāpyamanuttaramiti smṛtam |
apyetadakṣarāvṛttergamyāgamyatayā sthitam || 18 ||
Was wiederum wir beide erreichen, wird Anuttara genannt. Auch dieses steht zur Wiederholung der Laute sowohl im Verhältnis des Erreichbaren als auch des Unerreichbaren.

41.19 agamyakāraṇatvācca gamyāvāvā[vā prati ka pāṭhaḥ |]miti priye |
idantayāhantayā vā sarveṣāmantarātmani || 19 ||
Weil es Ursache des Unerreichbaren ist, sind wir beide erreichbar, Geliebte. Was im innersten Selbst aller als „Dies“ oder als „Ich“ erfahren wird,

41.20 pratīyamānastvartho yastadeva śivanirṇayam |
pūrṇāhantāsvabhāvena kṛtrimāhantayā vinā || 20 ||
das ist die Bestimmung Shivas. Wer aus der Natur vollständiger Ichheit, ohne künstliche Ich-Vorstellung,

41.21 bahirantāradaṃ viśvaṃ yaḥ paśyati sa paśyati |
ahantāyāṃ mahādevi tvameva prāṇināṃ priyā || 21 ||
diese Welt innen und außen schaut, der schaut wahrhaft. In dieser Ichheit bist du selbst, große Göttin, allen Lebewesen lieb.

41.22 ajñānāma[da ka pāṭhaḥ |]pi cātmā tvaṃ [tmāna ka pāṭhaḥ |] sarve te'nuttarapriyāḥ |
pārvatyuvāca tvayā pūrvopadiṣṭaṃ yattattvaṃ śrīmatparāmayam || 22 ||
Auch den Unwissenden bist du das Selbst; alle lieben daher Anuttara. Parvati sprach: Früher hast du jene Wirklichkeit als die ehrwürdige Para gelehrt.

41.23 tadeva nirvāṇapadamiti proktaṃ tayā mayā |
idānīmatiguhyānāṃ tadevādya[dyā ka pāṭhaḥ |]manuttaram || 23 ||
Sie selbst, sagte ich, sei die Stätte des Nirvana. Nun aber preist du dasselbe als das ursprüngliche Anuttara unter den allerverborgensten Lehren,

41.24 praśaṃsase parānandavimarśāviṣṭavigraha |
etasminneva kaivalye cetaḥśleṣo[ṣa ka pāṭhaḥ |] na me vibho || 24 ||
du, dessen Gestalt von der Selbsterfassung höchster Wonne erfüllt ist. In eben dieser vollkommenen Freiheit findet mein Denken noch keinen festen Halt, Herr.

śaṃbhuruvāca
Shambhu sprach: 41.25 satyameva tvayākhyātamubhayaṃ tava sundari |
parayā tvapi tatprāpyaṃ pūrvoditamanuttamam || 25 ||
Shambhu sprach: Beides, was du gesagt hast, ist wahr, Schöne. Auch durch Para wird jenes bereits genannte Unübertreffliche erlangt.

41.26 yat saṃmataṃ tathāpyetat tayorapyantaraṃ mahat |
parā tu saptaviṃśatyā antarbāhyakriyāguṇaiḥ || 26 ||
So wird es verstanden; dennoch wird zwischen beiden ein großer Unterschied gemacht. Para wird mit siebenundzwanzig Eigenschaften innerer und äußerer Handlungen

41.27 pūjyā cāsmatkalāṃśeti keṣāṃcidyoginīmatam |
mānarūpakriyopādhivihīnatvānmaheśvari || 27 ||
verehrt und als ein Kraftanteil von uns verstanden: So lehren manche Yoginis. Weil jenes frei von den Begrenzungen durch Maß, Gestalt und Handlung ist,

41.28 parāyā api tatprāpyaṃ pūrvoditamanuttaram |
pārvatyuvāca asya māhātmyamevoktaṃ tvayā me bahudhā vibho || 28 ||
bleibt das zuvor genannte Anuttara auch für Para das zu Erreichende. Parvati sprach: Seine Größe hast du mir vielfach verkündet, Herr.

41.29 upāyenāmunā paśye ya[śye dyukta naiva tu ka pāṭhaḥ |]duktaṃ naiva jātucit |
yadiṣṭaṃ sarvamākhyātaṃ yadapyuktamanuttaram || 19 ||
Doch durch dieses Mittel sehe ich das Gesagte noch nicht. Du hast alles Erbetene und auch das sogenannte Anuttara erläutert. Die Vorlage trägt hier die Nummer 19.

41.30 naiva śaknomi nirṇetuṃ tattvataḥ kathayasva me |
śaṃbhuruvāca atyantābhāvato bhedādāvayoḥ paramārthataḥ || 30 ||
Dennoch vermag ich es nicht zu bestimmen; erkläre mir seine Wirklichkeit. Shambhu sprach: Weil zwischen uns in letzter Wahrheit keinerlei Unterschied besteht,

41.31 idamīdṛśamityuktaṃ purevāhamupā[ditam ka pāṭhaḥ |]dhitaḥ |
saṃprāptā svaradevatā naiva kāryā vicāraṇā || 31 ||
ist jede Aussage „dies ist so beschaffen“ nur unter einer Begrenzung formuliert, wie ich schon sagte. Ist die Lautgottheit unmittelbar erreicht, bedarf es keiner weiteren Erwägung. Die Lesung ist unsicher.

41.32 yadyanyabhāvasthairyeṇa prāptavyaṃ guṇakāryataḥ |
tarhi bhūyo'pi vakṣyāmi mayoktārthasya nirṇayam || 32 ||
Wenn es aber durch das Festhalten an einem anderen Zustand aufgrund von Eigenschaften und Wirkungen erreicht werden soll, werde ich die Bedeutung meiner Aussage noch einmal erläutern.

41.33 manovāgviṣayātītaṃ pūrvoktaṃ yadanuttaram |
tattridhā bhedamāyāti bindunādākhyabījataḥ || 33 ||
Das zuvor genannte Anuttara, das den Bereich von Denken und Sprache übersteigt, entfaltet sich dreifach als Bindu, Nada und Bija.

41.34 tānyeva saccidānandabhedena vai[vi ka pāṭhaḥ |]bhavāni tu |
matsvarūpo hi yo [yad ka pāṭhaḥ |] bindustasmānnādastu bhāmi[vini ka pāṭhaḥ |]ni || 34 ||
Dies sind seine Entfaltungen, unterschieden als Sein, Bewusstsein und Wonne. Der Bindu ist meine Gestalt; aus ihm geht Nada hervor, Schöne.

41.35 dvayoḥ samarasī[sābhāva mukha bījā ka pāṭhaḥ |]bhāvāduktaṃ bījākhyamāvayoḥ |
aikyajñānapathe caināṃ devi śāṃbhavavācake || 35 ||
Aus dem Gleichklang beider entsteht das sogenannte Bija, das uns beiden gehört. Auf dem Weg der Erkenntnis ihrer Einheit betrachte sie im Lautausdruck Shambhus.

41.36 varṇakrameṇa saṃbhāvya kuryānmi[matha ka pāṭhaḥ |]thunabhāvanām |
evaṃ krame maheśāni tāmanuttaratāṃ vrajet || 36 ||
Vergegenwärtige nach der Folge der Laute die Vereinigung des Paares. So gelangt man schrittweise, höchste Göttin, zum Zustand des Anuttara.

41.37 vahnivat kāṣṭhasaṃbaddhe samunnaddho'vaniṃ taret [ra ka pāṭhaḥ |] |
vyañjane [vārjane ka pāṭhaḥ |] mathanodbhūte tāṃ tu śaktipadātmikām || 67 ||
Wie Feuer, das im Holz gebunden ist, durch Reiben hervortritt, so soll jene als Stätte der Shakti aufgefasst werden. Die übrige Syntax des Verses ist beschädigt; die Vorlage nummeriert ihn als 67.

41.38 vratahomena saṃbhāvya [vye ka pāṭhaḥ |] svabhāvaṃ svayamācaret |
prakāśānta[nta ka pāṭhaḥ |]rvimarśāntastasmādevaprakāśakam || 38 ||
Vergegenwärtige sie durch Gelübde und Feueropfer und verwirkliche aus dir selbst deine Natur. Innerhalb des Leuchtens und innerhalb der Selbsterfassung liegt das, was eben dadurch offenbar macht. Die Lesung ist unsicher.

41.39 uttarottaramekaikaṃ nayāmi tat kramotkramāt |
saṃkocaḥ savikāsaśca svarūpau sūryasaṃgatau || 39 ||
Ich führe jedes schrittweise höher, in vorwärts- und rückwärtsgerichteter Ordnung. Zusammenziehung und Entfaltung sind die beiden mit der Sonne verbundenen Erscheinungsweisen.

41.40 tattu yāgatayā syātāṃ prakāśānandamandirau |
saccinmayau kriyāsārāvadhūtātmakriyāparau || 40 ||
Als Opfergeschehen sind beide Stätten von Leuchten und Wonne, aus Sein und Bewusstsein bestehend, mit Handlung als Wesenskern und auf eine von Begrenzung freie Tätigkeit gerichtet.

41.41 etayorāvayoryattatkāraṇaṃ syādanuttaram |
hṛdayānala[nabhāryāntā ka pāṭhaḥ |]bhāryāntaṃ śivadaṇḍīvilaṃ pha[lambitam kha pāṭhaḥ |]lam || 41 ||
Was die Ursache von uns beiden ist, ist Anuttara. Die anschließende verschlüsselte Lautbeschreibung mit „Herz“, „Feuer“, „Shiva-Stab“ und „Frucht“ ist in dieser Lesung nicht sicher aufzulösen.

41.42 antaḥ pratīyamānaṃ tadameyaṃ sarvatomukham |
ādimadhyāntanirmuktaṃ nistaraṅgābdhisaṃnibham || 42 ||
Es wird im Inneren erfahren, ist unermesslich und nach allen Seiten offen, frei von Anfang, Mitte und Ende, einem Meer ohne Wellen gleich.

41.43 sanmātraṃ caiva cinmātraṃ tayoraikyarasāvṛtam |
tamaḥprakāśahīnaṃ yadaṇorbahutaraṃ param || 43 ||
Es ist reines Sein und reines Bewusstsein, erfüllt von deren ungeteilter Einheit, jenseits von Dunkel und Licht: das Höchste, das noch das Kleinste übersteigt.

41.44 mahatāṃ ca mahattvācca brahmasaṃjñamanuttaram |
tadevāvahitena tvaṃ svāntena paribhāvaya || 44 ||
Weil es auch das Große überragt, heißt dieses Anuttara Brahman. Vergegenwärtige es mit ganz gesammeltem innerem Sinn.

41.45 anena bhāvavānāśu mantrastanmayatāṃ vrajet |
yadā tanmayasiddhyādi viśvaṃ tvayi vibhāvayet || 45 ||
Durch diese Vergegenwärtigung geht das Mantra rasch in sein Wesen ein. Wenn du durch die Vollendung dieser Einheit die Welt in dir selbst schaust,

41.46 tena viśrāntabhāvena tadaikyā[daikā ka pāṭhaḥ |]nandamāpsyati[tha ka pāṭhaḥ |] |
ākāśe nirmale yadya[dva kha pāṭhaḥ |]tsahasā ghanasaṃkulam || 46 ||
wirst du durch das darin ruhende Bewusstsein die Wonne jener Einheit erfahren. Wie im klaren Himmel plötzlich dichte Wolken aufsteigen

41.47 utpatya līyate tadvajjagadātmanyanuttare |
ityevaṃ pratyabhijñānasiddhiḥ syāttava suvrate || 47 ||
und sich wieder auflösen, so entsteht und vergeht die Welt im höchsten Selbst. Auf diese Weise vollendet sich dein Wiedererkennen, du mit dem guten Gelübde.

41.48 svasaṃvedyaṃ sukhaṃ paścānnaiva śaknomi veditum |
parā tvaṃ paramarddhiḥ syānnatvasya vihitaṃ yataḥ || 48 ||
Die danach aus sich selbst zu erfahrende Freude kann ich nicht als äußeren Gegenstand erkennen. Du bist Para und höchste Fülle. Der letzte Ausdruck ist textlich unsicher.

41.49 itaḥ paraṃ na jānāmi tvayāhaṃ bahudhā śape |
etacchrutvā mahādevyā hyetadarthavima[rṣaṇam ka pāṭhaḥ |]rśanam || 49 ||
Darüber hinaus weiß ich nichts; bei dir schwöre ich es vielfach. Als die große Göttin dies hörte, erwog sie seine Bedeutung.

41.50 prakāśitaṃ tadevāśu vismayāviṣṭacetasā |
mahadāścaryametanme saṃpūrṇo'yaṃ yadāsthitaḥ || 50 ||
Sogleich wurde ihr diese Bedeutung offenbar, und ihr Geist war von Staunen erfüllt: „Welch großes Wunder: Diese Fülle ist hier gegenwärtig!“

41.51 iti saṃcintya devasya pādamāśliṣya sundarī |
ta(va?dā)cānyonyamathanātsāndrānandābhinanditā || 51 ||
So dachte Sundari, umfasste die Füße des Gottes und erfreute sich durch das gegenseitige Zusammenwirken an verdichteter Wonne.

41.52 yatprakāśātmakaṃ sarvaṃ tattvaṃ kevalatāṃ gatam |
vimarśā[mṛśyā kha pāṭhaḥ |]vani[rṣamavani ṣā ka pāṭhaḥ |]saṃprāptamityeṣā tāttvikī sthitiḥ || 52 ||
Alles, dessen Wesen Leuchten ist, gelangt zur Einheit der Wirklichkeit und zur Ebene der Selbsterfassung: So wird der eigentliche Zustand beschrieben. Der Ausdruck nach „vimarśa“ ist beschädigt.

41.53 avadhānaikabhāvānāṃ matiḥ sā sākṣirūpiṇī |
tatpramāṇaiḥ varākaiḥ [kaistaiścidevā pramāṇakaḥ ka pāṭhaḥ |] kiṃ taiścidevāpramāṇakā || 53 ||
Die Einsicht der ganz Gesammelten besitzt die Gestalt des Zeugen. Wozu braucht sie jene beschränkten Erkenntnismittel? Bewusstsein selbst hängt nicht von ihnen ab.

41.54 nahi vaikartanaṃ jyotirdīpālokamapekṣate |
ādarśe vimalābhoge yathā sarvaṃ prakāśate || 54 ||
Das Sonnenlicht bedarf keines Lampenlichtes. Wie alles auf der weiten, makellosen Fläche eines Spiegels erscheint,

41.55 itthaṃ cidātmakaṃ viśvaṃ ṣaṭtriṃśattattvabhedanam |
ādau śuddhātmakaṃ tattvaṃ pañcadhā tamasaḥ param || 55 ||
so ist die Welt ihrem Wesen nach Bewusstsein, gegliedert in sechsunddreißig Tattvas. Zuerst steht jenseits der Verdunkelung die fünffache reine Wirklichkeit.

41.56 śivaḥ śaktiśca sādākhya īśo vidyeti bhidyate |
hakṣādiśāntavarṇātmā niramāyi yadā śive || 56 ||
Sie unterscheidet sich als Shiva, Shakti, Sadakhya, Ishvara und Vidya; ihr wird die Lautfolge von Ha und Ksha bis Sha zugeordnet.

41.57 kalāvidyā rāgakālau niyatirvarma[rbandha kha pāṭhaḥ |] ucyate |
māyāpūrvo vakārādiyakārāntākṣarātmakam || 57 ||
Kala, Vidya, Raga, Kala als Zeit und Niyati werden als Hüllen bezeichnet. Ihnen geht Maya voraus; ihnen wird die Lautfolge von Va bis Ya zugeordnet.

41.58 pradhānaṃ [pramāṇaṃ ca mano ka pāṭhaḥ |] puṃmano buddhirahaṃkṛ[hahṛ ka pāṭhaḥ |]nmādipañcakam |
śrotrādipañcakaṃ tādi [lādivādi ka pāṭhaḥ |] ṭādi vāgādipañcakam || 58 ||
Pradhana, Purusha, Denken, Verstand und Ichbildung bilden die mit Ma beginnende Fünfergruppe; die fünf Wahrnehmungsvermögen die mit Ta beginnende, die fünf Handlungsvermögen die mit retroflexem Ta beginnende Gruppe.

41.59 tanmātrapañcakaṃ cādi [mādi yādi ka pāṭhaḥ |] bhūmyādi kādipañcakam |
sisṛkṣoḥ prathamaḥ spandaḥ śivatattvaṃ prabhoḥ smṛtam || 59 ||
Die fünf feinen Sinnesqualitäten entsprechen der mit Ca beginnenden, Erde und die übrigen Elemente der mit Ka beginnenden Fünfergruppe. Die erste Regung des Herrn beim Wunsch zu erschaffen heißt Shiva-Tattva.

41.60 icchaivāsyā[sya ka pāṭhaḥ |]parimlānā śaktitattva[tvaṃ mada ka pāṭhaḥ |]mudaṅkuśam |
svecchayā sūcitaṃ viśvamācchādyāhanta[tva ka pāṭhaḥ |]yā sthitaḥ || 60 ||
Sein unverwelkter, ungehinderter Wille ist Shakti-Tattva. Indem er die durch seinen Willen angedeutete Welt in Ichheit umhüllt,


Textanmerkung der Überlieferung: 12 śva mada ka pāṭha |
?????? 41.61 sa eva tattvaṃ sādākhyaṃ sarvānugrahaṇonmukham |
sa evaiśvaratattvaṃ syāt paśyan viśva[habheda ka pāṭhāḥ |]midantayā || 61 ||
ist er das Sadakhya-Tattva, auf die Begnadung aller gerichtet. Indem er die Welt als „Dies“ schaut, wird er Ishvara-Tattva genannt.

41.62 ahantedantayoraikyaṃ[kyama ka pāṭhaḥ |] sā vidyeti nigadyate |
svāṅgabhūteṣu bhāveṣu māyātattvaṃ vibhedadhīḥ [tvavibhedinī ka pāṭhaḥ |] || 62 ||
Die Einheit von „Ich“ und „Dies“ heißt Vidya. Die Vorstellung einer Trennung gegenüber Erscheinungen, die doch seine eigenen Glieder sind, ist Maya-Tattva.

41.63 māyāgṛhītasaṃkocaḥ śivaḥ puṃstattvamuṃcyate |
ayameva hi saṃsārī jīvo bhokteti dṛśyate || 63 ||
Shiva, dessen Weite durch Maya zusammengezogen wird, heißt Purusha-Tattva. Er erscheint als das wandernde individuelle Wesen, als Erlebender.

41.64 jñatva[jñatā ka pāṭhaḥ |]kartṛtvapūrṇatvanityatvādyāśca śaktayaḥ |
tatsaṃkocā[ccha ka pāṭhaḥ |]tsaṃkucitāḥ kalāvidyādinā[dyātmanayā sthitā ka pāṭhaḥ |] sthitāḥ || 64 ||
Seine Kräfte des Erkennens, Handelns, der Fülle, der Ewigkeit und weitere sind durch diese Zusammenziehung begrenzt; so bestehen sie als Kala, Vidya und die übrigen Hüllen.

41.65 māyātmanaḥ kalā nāma kiṃcitkartṛtvalakṣaṇam |
vidyā kiṃcijjñatāhetū rāgo'bhiṣva[bhiyoga ka pāṭhaḥ |]ṅgakāraṇam || 65 ||
Kala bedeutet innerhalb Mayas die Fähigkeit, nur begrenzt zu handeln. Vidya bewirkt begrenztes Wissen, Raga ist die Ursache des Anhaftens.

41.66 kālaḥ paricchedako vā niyatiścedameva me |
kartavyaṃ nānyadityeṣā vyavasthāyantraṇākṛtiḥ || 66 ||
Kala als Zeit begrenzt; Niyati ist die bindende Festlegung: „Gerade dies habe ich zu tun, nichts anderes.“

41.67 prakṛtirguṇasāmyaṃ syādahaṃkārādijanmabhūḥ |
ahaṃ[ahisā madami ka pāṭhaḥ |]mamedamityetadbuddhiheturahaṃkṛtiḥ || 67 ||
Prakriti ist das Gleichgewicht der Gunas und der Ursprung von Ichbildung und weiteren Vermögen. Ahamkara bewirkt die Vorstellungen „Ich“ und „Dies gehört mir“.

41.68 buddhiradhyavasāyasya kāraṇaṃ niścayātmanaḥ [niyatātmana ka pāṭhaḥ |] |
saṃkalpasya vikalpasya bījaṃ mana udīryate || 68 ||
Buddhi ist die Ursache bestimmter, entscheidender Erkenntnis. Manas gilt als Ursprung des Entwerfens und unterscheidenden Vorstellens.

41.69 vacanādeśca śabdādervāgādi śravaṇādikam |
karaṇaṃ śravaṇādīnāṃ grāhyaṃ tanmātrapañcakam || 69 ||
Sprache und die übrigen Handlungsvermögen dienen dem Sprechen und anderen Tätigkeiten; Gehör und die übrigen Wahrnehmungsvermögen erfassen Klang und andere Gegenstände. Ihre Gegenstände sind die fünf Tanmatras.

41.70 ākāśādyavakāśā[dyavasānādi ka pāṭhaḥ |]dikāraṇaṃ bhūtapañcakam |
parāparāśaktimaye śuddhe vidyādipañcakam || 70 ||
Die fünf Elemente, beginnend mit dem Raum, ermöglichen Räumlichkeit und die weiteren elementaren Funktionen. Die fünf reinen Tattvas, beginnend mit Vidya, gehören zur höchsten-und-niederen Shakti.

41.71 tadanyadaparāśaktirvidyā[riti kha pāṭhaḥ |]tattvamudīritam |
atha[iya kha pāṭhaḥ |] devī parāśaktiḥ śuddhāśuddhādhva[rddhahāriṇī ka pāṭhaḥ | garbhiṇī kha pāṭhaḥ |]rūpiṇī || 71 ||
Das Übrige wird als niedere Shakti bezeichnet. Die Göttin Parashakti umfasst sowohl den reinen als auch den unreinen Entfaltungsweg.

41.72 pṛthivyādīni tattvāni ya[sa ka pāṭhaḥ |]dā līnāni kāraṇe |
tadā kāraṇamātrāṇi śaktirudvama[dra ka pāṭhaḥ |]te bahiḥ || 72 ||
Wenn die Tattvas, von der Erde aufwärts, in ihrer Ursache aufgelöst sind, bestehen sie allein als Ursache. Shakti lässt sie dann nach außen hervortreten.

41.73 anuttarecche unmeṣa ānandeśanamūnatā |
kriyecchājñānaśaktīnāṃ svarāṇāṃ mūlatā ca ṣaṭ || 73 ||
Anuttara, Wille, Aufblühen, Wonne, Herrschaft und die hier „Unata“ genannte Bestimmung bilden sechs Grundlagen der Vokale und der Kräfte von Handlung, Willen und Erkenntnis. Die Lautsystematik ist im Wortlaut gedrängt und teilweise unsicher.

41.74 iccheśanāṃ tato rūḍhā sphuṭāsphuṭajaganmayī |
catvāraḥ ṣaṇḍavarṇāḥ [parato varṇā ṣaṇḍā kha pāṭhaḥ |] syuḥ śuddhātmānaḥ pracoditāḥ || 74 ||
Daraus entfaltet sich die Willens- und Herrschaftskraft als offenbare und unoffenbare Welt. Vier reine Laute werden als geschlechtsneutral bezeichnet.

41.75 anuttarānandaśaktī icchāśaktau niyojite |
trikoṇamatha ṣaṭkoṇamicchāyāṃ rūḍhimāgate || 75 ||
Wenn die Kräfte von Anuttara und Wonne mit der Willenskraft verbunden werden, entstehen Dreieck und Sechseck, wobei sie im Willen feste Gestalt gewinnen.

41.76 anuttarānandaśaktī trikoṇadvayayogataḥ |
tathaivonmeṣayogena kriyāśakteḥ sphuṭaṃ vapuḥ || 76 ||
Durch die Verbindung der beiden Dreiecke von Anuttara und Wonne und ebenso durch die Verbindung mit dem Aufblühen wird die Gestalt der Handlungskraft offenbar.

41.77 uktatriśaktisaṃghaṭṭāt triśūlaṃ dvaitaghasmaram |
parasparāvirodhena kāryeṣu pravirohati || 77 ||
Aus dem Zusammentreffen der drei genannten Kräfte entsteht der Dreizack, der die Zweiheit verzehrt. Ohne einander zu widersprechen, entfalten sich die Kräfte in ihren Wirkungen.

41.78 na kathaṃcidupādheyamāsāṃ rūpamidaṃ bhavet |
bindurvedyasya saṃskāro vimarśaḥ[ṣa ka pāṭhaḥ |] sarga ityasau || 78 ||
Ihre Gestalt ist nichts von außen Hinzuzufügendes. Bindu ist die zusammengefasste Prägung des Erkennbaren, Vimarsha die hier sogenannte Aussendung.

41.79 kalāṣoḍaśakākārā śakti[kte ka pāṭhaḥ |]rbījāyate parā |
tithayaḥ pratipatpūrvāḥ pañcadaśyantimā yathā || 79 ||
Die höchste Shakti nimmt als sechzehn Kalas die Gestalt des Keimes an, entsprechend den Mondtagen vom ersten bis zum fünfzehnten. Der sechzehnte Aspekt wird hier nicht gesondert ausgeführt.

41.80 sūryācandramasau svāntaścarantau sthitihetave |
tathā vimarśavapuṣaḥ sargasyādyāḥ kalāḥ smṛtāḥ || 80 ||
Sonne und Mond bewegen sich in ihrem Inneren, um die Ordnung zu erhalten. Ebenso gelten die ursprünglichen Kalas als Glieder jener Aussendung, deren Leib Selbsterfassung ist.

41.81 dvidheyaṃ mātṛkā devī bījayonyātmanā sthitā |
nityapravṛ[bhudīptavapurviśvasya caiva ka pāṭhaḥ |]ttaśṛṅgāṭavapurviśvasya janmabhūḥ || 81 ||
Zweifach besteht die Göttin Matrika, als Keim und als Mutterschoß. Ihre unablässig wirksame Verbindung ist die Geburtsstätte der Welt. Die nähere Gestaltbezeichnung ist unsicher.

41.82 hṛdayaṃ bījametasyāḥ saṃvido [veda ka pāṭhaḥ |] yatparaṃ mahaḥ |
vaṭabīje yathā vṛkṣastadvat saṃnihitaṃ jagat || 82 ||
Ihr Herzkeim ist das höchste Leuchten des Bewusstseins. Wie im Samen des Banyanbaumes der Baum gegenwärtig ist, so ist darin die Welt enthalten.

41.83 vicāryamāṇo yo naiva kāraṇādatiricyate |
mṛdādeḥ kalaśādīnāṃ tattvaṃ nānyannirūpaṇe || 83 ||
Bei genauer Betrachtung geht die Wirkung nicht über ihre Ursache hinaus. Das Wesen von Krügen und anderen Gegenständen ist bei der Untersuchung nichts anderes als Ton und das jeweilige Ausgangsmaterial.

41.84 ityāhustattvavādinyaḥ śrutīnāmantimā giraḥ |
idaṃ sarvaṃ sadevā[vāha nāsīt ka vānyannāsīt kha pāṭhaḥ |]sīdagra iti viniścayāt || 84 ||
So sprechen die letzten, die Wirklichkeit lehrenden Worte der Veden; denn sie bestimmen: „All dies war im Anfang allein Sein.“

41.85 sattāvācini bīje'smin kṣmādimāyāntimaṃ jagat |
viluptapratyayākārametat sa pariśiṣyate || 85 ||
In diesem Keim, der Sein bezeichnet, löst sich die Welt von der Erde bis zur Maya auf. Ihre besondere Vorstellungsform schwindet; jenes Sein bleibt zurück.

41.86 tato jñānakriyāsārā vidyeśvarasadāśivāḥ |
śaktau [śaktitriśūlini ka linyāma kha pāṭhaḥ |] triśūle līyante caturdaśakalātmani || 86 ||
Dann gehen Vidya, Ishvara und Sadashiva, deren Wesenskern Erkenntnis und Handlung sind, in Shakti und den Dreizack ein, der die vierzehnte Kala verkörpert.

41.87 ūrdhvādhaḥ sṛṣṭivapuṣi sarvaṃ līnamataḥ param |
itthaṃ parasyāṃ saṃvittau sā [sarvasakucita ka pāṭhaḥ |] visargacitiḥ kramāt || 87 ||
Darüber hinaus geht alles in die aufwärts und abwärts gerichtete Schöpfungsgestalt ein. So löst sich das Bewusstsein der Aussendung schrittweise in der höchsten Bewusstheit auf.

41.88 atha vāṅmanasātīte yatra kvāpi nirañjane |
ṣaṭtriṃśattattvalaharīka[phala ka pāṭhaḥ |]lahātītagocare || 88 ||
Dann, in jenem makellosen Bereich jenseits von Sprache und Denken, jenseits des Widerstreits der Wellen der sechsunddreißig Tattvas,

41.89 viśvātmani mahāmantre svabhāve sā vilīyate |
kutaścinmathite dhāmni dīpte kenāpi hetunā || 89 ||
geht sie in das große Mantra ein, dessen Wesen die Welt und dessen Grund die eigene Natur ist. Wenn jene Stätte durch ein Mittel entfacht und zum Leuchten gebracht wird,

41.90 sarva haviridaṃ juhvanna dāridryeṇa pīḍyate |
pañcapañcātmakaṃ devi pañcaspandavijṛmbhitam || 90 ||
opfert man all dies als Opfergabe hinein und wird nicht von Armut bedrängt. Die fünffach fünffache Entfaltung, die sich durch fünf Regungen ausbreitet,

41.91 saṃkocayan parāmarśī sāmānyaspandakevalam |
ahami pralayaṃ kurvannidamaḥ [damapra ka pāṭhaḥ |]pratiyoginaḥ |
parākramaparo bhuṅkte svabhāvamaśivāpaham || 91 ||
zieht der bewusst Erfassende zur einzigen allgemeinen Regung zusammen. Er lässt das gegenständliche „Dies“ im „Ich“ aufgehen und genießt mit höchster Kraftentfaltung seine eigene Natur, die alles Unheil aufhebt.

iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde'nuttarajñānaprakriyānirūpaṇaṃ nāmaikacatvāriṃśaḥ paṭalaḥ || 41 ||
Hier endet das 41. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Die Lehre von Anuttara“. Ergänzende heutige Sahasrara-Meditation

Kapitel 42: Selbst und befreiende Erkenntnis

Die Betrachtung des höchsten Bewusstseins überschreitet begrenzte Zustände.

dvicatvāriṃśaḥ paṭalaḥ || śrīpārvatyuvāca |

Shri Parvati sprach: 42.1 kathamutpadyate vāṇī kathaṃ vā sā vilīyate |
vāco vinirṇayaṃ brūhi paścāttattvamudīraya || 1 ||
Shri Parvati sprach: Wie entsteht die Sprache und wie löst sie sich auf? Erkläre mir zunächst die Sprache und danach die Wirklichkeit.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 42.2 avyaktātprāṇa utpannaḥ prāṇādutpadyate manaḥ |
manasa utpadyate vāgvāṅmanasi vilīyate || 2 ||
Ishvara sprach: Aus dem Unoffenbaren entsteht Prana, aus Prana das Denken, aus dem Denken die Sprache. Die Sprache löst sich im Denken auf.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 42.3 āhāraṃ kāṅkṣate ko'sau bhuṅkte ca [cāpivatīśa ka pāṭhaḥ |] pibate ca kaḥ |
jāgarti supyate [svapa ka pāṭhaḥ |] ko'sau suptaḥ ko'sau prabudhyate[ddhate ka pāṭhaḥ |] || 3 ||
Die Göttin sprach: Wer verlangt nach Nahrung, wer isst und trinkt? Wer wacht, wer schläft, und wer erwacht aus dem Schlaf?

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 42.4 āhāraṃ kāṅkṣate prāṇo bhuṅkte caiva hutāśanaḥ |
jāgarti supyate vāyuḥ supte tejaḥ prabodhayet || 4 ||
Ishvara sprach: Prana verlangt nach Nahrung; das Feuer verzehrt sie. Der Lebenswind wacht und schläft; im Schlaf bewirkt die Leuchtkraft das Erwachen.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 42.5 ko vā karoti pāpāni ko vā pāpena lipyate |
ko vā baddho vimuktaḥ kaḥ ko vā pāpaiḥ pramucyate || 5 ||
Die Göttin sprach: Wer begeht Verfehlungen, wer wird durch sie befleckt? Wer ist gebunden und wer befreit? Wer wird von Verfehlungen frei?

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 42.6 manaḥ karoti pāpāni manaḥ pāpena lipyate |
manasyunmananībhūte na dharmo nāpi pātakaḥ || 6 ||
Ishvara sprach: Das Denken begeht Verfehlungen und wird durch sie befleckt. Geht es in den Zustand jenseits des Denkens ein, gibt es dort weder Verdienst noch Verfehlung.

devyuvāca
Die Göttin sprach: 42.7 yadidaṃ śakta[śakti ka pāṭhaḥ |]mākāśaṃ dehasthaṃ dehavarjitam |
tat sthitaṃ tu kathaṃ dehe[ha ka pāṭhaḥ |] dehidehavivarjitam || 7 ||
Die Göttin sprach: Wie besteht jener Shakti-Raum im Körper, obwohl er körperlos ist, frei von Körper und verkörpertem Einzelwesen? Der erste Ausdruck ist in der Vorlage unsicher.

42.8 kathaṃ jīvaḥ sthito dehe ko vā jīvaḥ prakīrtitaḥ |
kena paśyatyasau jīvaḥ kena mārgeṇa saṃcaret || 8 ||
Wie befindet sich der Jiva im Körper, und was nennt man Jiva? Wodurch sieht er, und auf welchem Weg bewegt er sich?

42.9 sakala[saphala ka pāṭhaḥ |]stu kathaṃ jīvo niṣkalastu kathaṃ bhavet |
kena jīvatyasau jīvaḥ kiṃvā jīvasya bhojanam || 9 ||
Wie ist der Jiva mit Gliedern beziehungsweise Anteilen versehen, und wie wird er ungeteilt? Wodurch lebt er, und was ist seine Nahrung?

42.10 kuto vā līyate jīvo jāyate kuta eva hi |
ko vā jīvaḥ kathaṃ prāṇaḥ kena jīvaḥ prakīrtitaḥ || 10 ||
Wohin löst sich der Jiva auf und woraus wird er geboren? Was ist Jiva, wie verhält sich Prana dazu, und weshalb wird er Jiva genannt?

42.11 etatsarva yathātattvaṃ tattvaṃ me brūhi śaṃkara |
saṃsārārṇavamagnā hi yena mucyāmyahaṃ prabho || 11 ||
Erkläre mir all dies seiner Wirklichkeit nach, Shankara, damit ich aus dem Meer des Werdens, in das ich versunken bin, befreit werde.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 42.12 śṛṇu devi pravakṣyāmi yattvayā samudāhṛtam |
kathayāmi na saṃdehaḥ sārātsārataraṃ śubham || 12 ||
Ishvara sprach: Höre, Göttin; ich werde dir das von dir Erfragte erklären. Ohne Zweifel verkünde ich das Heilvolle, den innersten Wesenskern.

42.13 vāyustejastathākāśaṃ tṛtīyaṃ jīvasaṃjñakam |
sa jīvaḥ prāṇa ityukto bālāgra[rka ka pāṭhaḥ |]śatakalpitaḥ || 13 ||
Luft, Leuchtkraft und als Drittes Raum werden hier unter der Bezeichnung Jiva zusammengefasst. Dieser Jiva wird Prana genannt und als ein Hundertstel einer Haarspitze vorgestellt.

42.14 jīvaḥ śukraṃ ca vijñeyaṃ yāvat sattvena saṃsthitam |
rajasā ca samāyukto vāyurjīvaḥ prakīrtitaḥ || 14 ||
Solange er mit Sattva verbunden ist, soll man den Jiva auch als lichte Samenkraft verstehen. Mit Rajas verbunden heißt der Lebenswind Jiva.

42.15 tamasā ca samāyuktastadā hṛṣṭo bhaved dhruvam |
sattvena ca samāyukto dharmajñānapravartakaḥ || 15 ||
Mit Tamas verbunden gerät er in Erregung; mit Sattva verbunden setzt er Dharma und Erkenntnis in Bewegung. Die erste Aussage ist in diesem Wortlaut erklärungsbedürftig und wird nicht umgedeutet.

42.16 rajasā ca samāyukto bhuṅkte ca viṣayān prabhuḥ |
tamasā ca samāyuktastadā pāpena lipyate || 16 ||
Mit Rajas verbunden genießt der Herr die Sinnesgegenstände; mit Tamas verbunden wird er durch Verfehlung befleckt.

42.17 nāsāgraṃ caiva nābhiṃ ca hṛdayaṃ ca tṛtīyakam |
sthānānyetāni jīvasya kalpitāni śivena tu || 17 ||
Nasenspitze, Nabel und als Drittes Herz sind die von Shiva bezeichneten Aufenthaltsorte des Jiva.

42.18 hṛtkamalaṃ śiraścaiva sattve yāvadvyavasthitam |
dehasaṃsthi[tyakta ka pāṭhaḥ |]ta ityuktaḥ śivena paramātmanā || 18 ||
Solange er in Sattva im Herzlotus und im Kopf gegründet bleibt, wird er vom höchsten Selbst Shiva als im Körper gegenwärtig beschrieben. Die syntaktische Zuordnung ist unsicher.

42.19 yāvanna calate jīvastāvanniścalatāṃ gataḥ |
nābhistho niṣkalaṃ jñātvā mucyate janmabandhanāt || 19 ||
Solange sich der Jiva nicht bewegt, bleibt er still. Am Nabel gesammelt, wird er durch Erkenntnis des Ungeteilten von der Bindung an Geburt befreit.

42.20 nābhisthaḥ sarvakāleṣu hṛdi tiṣṭhati sarvagaḥ |
vaktranāsāpuṭāntaḥstho bhuṅkte ca viṣayān prabhuḥ || 20 ||
Obwohl er immer im Nabel weilt, ist er allgegenwärtig auch im Herzen. In Mund und Nasenöffnungen befindlich, genießt der Herr die Sinnesgegenstände.

42.21 jīvaḥ paśyati dehastho jīva[vi ka pāṭhaḥ |]te ca maheśvaraḥ |
bhuṅkte bhogaṃ śubhaṃ jīvo dehī[hi ka pāṭhaḥ |] dehe vyavasthitaḥ || 21 ||
Der im Körper gegenwärtige Jiva sieht; als großer Herr lebt er. Als Verkörperter erfährt er die angenehmen Erlebnisse im Körper.

42.22 dehaṃ tyaktvā yadā jīvo bahirākāśamāśritaḥ |
tadātmaviṣayo jīvo jāyate nātra saṃśayaḥ || 22 ||
Wenn der Jiva den Körper verlässt und den äußeren Raum zum Aufenthalt nimmt, wird das Selbst sein Gegenstand; daran besteht kein Zweifel.

42.23 tadidaṃ niṣkalaṃ brahma dhyāyediti sadāśivam |
dhyātvā śivaṃ ca sahajaṃ mucyate bhavabandhanāt || 23 ||
Über dieses ungeteilte Brahman soll man als Sadashiva meditieren. Wer über Shiva als die eigene ursprüngliche Natur meditiert, wird von der Bindung des Werdens befreit.

42.24 sarvagaḥ sarvadehastho nāsāgre ca pratiṣṭhitaḥ |
pratyakṣaḥ sarvabhūtānāṃ dṛśyate naca lakṣyate || 24 ||
Er ist allgegenwärtig, in jedem Körper und an der Nasenspitze gegenwärtig. Allen Wesen ist er unmittelbar, und doch wird er beim Sehen nicht als Gegenstand erfasst.

42.25 nābhimadhye sthitaṃ jīvaṃ śuddhatattvaṃ tu nirmalam |
ādityamiva dīptaṃ tu raśmibhirjvalitaṃ śubham || 25 ||
Der in der Nabelmitte gegenwärtige Jiva ist reine, makellose Wirklichkeit, leuchtend wie die Sonne und strahlend mit ihren heilsamen Strahlen.

42.26 hakārārdhanibhaṃ jīvaṃ jīvo dehe ca saṃsthitaḥ |
nābhirandhra[ndhracita ka pāṭhaḥ |]sthitaṃ khyātaṃ viṣayānprāpya saṃsthitam || 26 ||
Der im Körper gegenwärtige Jiva gleicht einem halben Ha-Laut. Sein Ort wird als die Nabelöffnung bezeichnet; von dort richtet er sich auf die Sinnesgegenstände.

42.27 tenedamakhilaṃ vyāptaṃ kṣīraṃ ca sarpiṣā yathā |
kāraṇaṃ nātmanaścaiva prāṇāpānaistu pañcabhiḥ || 27 ||
Von ihm ist dies alles durchdrungen, wie Milch von Butter durchdrungen ist. Der folgende Ausdruck über die Ursache des Selbst ist unsicher; anschließend nennt der Vers die fünf Lebenswinde, Prana, Apana und die übrigen.

42.28 śvāsaniḥśvāsayogena adhūrdhvaṃ pravartate |
śuṣkapatraṃ tu vātena nīyate gaganaṃ yathā || 28 ||
Durch Ein- und Ausatmen bewegt er sich abwärts und aufwärts, wie ein trockenes Blatt vom Wind durch den Luftraum getragen wird.

42.29 tathā bhramati jīvākhyaṃ prāṇāpānaistu pañcabhiḥ |
catuṣkalāsamāyukto bhrāmyate hṛdaye sthitaḥ || 29 ||
So wird das Jiva genannte Prinzip von den fünf Lebenswinden umhergeführt; mit vier Kalas verbunden bewegt es sich, im Herzen gegenwärtig.

42.30 golaka[ka ka pāṭhaḥ |]stu yathā devi svena daṇḍena tāḍitaḥ |
utpatya patate[tatastu patane ka pāṭhaḥ |] śīghramaviśrāntaḥ punaḥ punaḥ || 30 ||
Wie ein Ball, Göttin, der mit einem Stock geschlagen wird, springt es empor und fällt rasch wieder herab, ruhelos, immer wieder.

pārvatyuvāca
Parvati sprach: 42.31 yadidaṃ sakalaṃ brahma vyomātītaṃ nirañjanam |
niṣkalaṃ nirmalaṃ śāntaṃ niṣprapañcamalakṣaṇam || 31 ||
Parvati sprach: Jenes Brahman, das alles umfasst und doch den Raum übersteigt, ist unbefleckt, ungeteilt, makellos, friedvoll, frei von Vielheit und Merkmalen.

42.32 apratyakṣamavijñeyaṃ vināśotpattivivarjitam |
kaivalyaṃ kevalaṃ śāntaṃ śuddhasphaṭikasaṃnibham || 32 ||
Es ist kein Gegenstand unmittelbarer Sinneswahrnehmung und gewöhnlichen Erkennens, frei von Entstehen und Vergehen: reine Alleinheit, still und einem klaren Kristall vergleichbar.

42.33 karaṇayoganirmuktaṃ hetusādhanavarjitam |
tatkṣaṇānmucyate yena tajjñānaṃ brūhi śaṃkara || 33 ||
Es ist unabhängig vom Zusammenwirken der Werkzeuge und frei von Ursache und Mittel. Verkünde die Erkenntnis, durch die man augenblicklich frei wird, Shankara.

īśvara uvāca
Ishvara sprach: 42.34 etadeva mahābhāge kumāro brahmaṇaḥ sutaḥ |
parisametya yo[geyatato ka pāṭhaḥ |]gīśaṃ viṣṇuṃ viśvaikakāraṇam || 34 ||
Ishvara sprach: Genau dies, Hochbegnadete, fragte einst Kumara, der Sohn Brahmas, als er sich Vishnu näherte, dem Herrn des Yoga und einzigen Ursprung der Welt.

42.35 uvāca parayā bhaktyā brahmavidyāṃ vada prabho |
yayācirāt sarvapāpaṃ vyapohya parātparaṃ puruṣaṃ yāti vidvān || 35 ||
Mit höchster Hingabe sagte er: „Herr, lehre die Brahman-Erkenntnis, durch die der Wissende rasch alle Verfehlung ablegt und zum Purusha jenseits des Höchsten gelangt.“

42.36 tasmai sa hovāca jagatprabhuśca śraddhābhaktidhyānayogādavehi |
na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaikenāmṛtatvamānaśuḥ || 36 ||
Der Herr der Welt antwortete ihm: „Erkenne durch Vertrauen, Hingabe und meditativen Yoga. Nicht durch Werke, nicht durch Nachkommen, nicht durch Reichtum, sondern allein durch Loslassen erlangten die Weisen Unsterblichkeit.“

42.37 pareṇa nākaṃ nihitaṃ guhāyāṃ vibhrājate yadyatayo viśanti |
vedāntavijñānaviniścitārthāḥ saṃnyāsayogād [gi ka pāṭhaḥ |] yatayo viśuddhāḥ || 37 ||
Jenseits des Himmels leuchtet das in der Höhle des Herzens Verborgene, in das die Entsagenden eintreten. Durch die Erkenntnis des Vedanta ihrer Sache gewiss und durch den Yoga der Entsagung gereinigt,

42.38 te brahmalokeṣu parāntakāle parāmṛtāt parimucyanti sarve |
viviktadeśe ca sukhāsanasthaḥ śuciḥ samagrīvaśiraḥśarīraḥ || 38 ||
werden sie alle am letzten Ende in den Brahman-Welten vom Bereich des höchsten Unsterblichen her frei. An einem abgeschiedenen Ort nehme man eine angenehme Sitzhaltung ein, rein und mit gerade ausgerichtetem Hals, Kopf und Körper.

42.39 svasvāśramasthaḥ sakalendriyāṇi nirudhya bhaktyā svaguruṃ praṇamya |
hṛtpuṇḍarīke virujaṃ viśuddhaṃ vicintya madhye viśadaṃ viśokam || 39 ||
Im eigenen Lebensstand gegründet, halte man alle Sinne zurück und verneige sich voller Hingabe vor dem eigenen Guru. Im Herzlotus betrachte man das Unversehrte, ganz Reine, Klare und von Kummer Freie.

42.40 acintyamavyaktamanantarūpaṃ śivaṃ śāntamamṛtaṃ brahma yonim |
athādimadhyāntavihīnamekaṃ vidhiṃ[bhu ka pāṭhaḥ |] cidānandamarūpamadbhutam || 40 ||
Es ist undenkbar, unoffenbar, von unendlicher Gestalt: Shiva, still, unsterblich, Ursprung Brahmans; das Eine ohne Anfang, Mitte und Ende, Bewusstsein und Wonne, gestaltlos und wunderbar. Die Lesung „vidhiṃ“ wird hier nicht zu einem zusätzlichen Gottesnamen festgelegt.

42.41 umāsahāyaṃ parameśva[śa ka pāṭhaḥ |]raṃ prabhuṃ trilocanaṃ nīlakaṇṭhaṃ praśāntam |
dhyātvā munirgacchati bhūtayoniṃ samastasākṣiṃ tamasaḥ parastāt || 41 ||
Indem der Weise über den höchsten Herrn an Umas Seite meditiert – dreiäugig, blaukehlig und vollkommen still –, gelangt er zum Ursprung der Wesen, zum Zeugen von allem jenseits der Dunkelheit.

42.42 sa brahmā śivaḥ sa indraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ |
sa [sa viṣṇu ka pāṭhaḥ |] eva viṣṇuḥ sa prāṇaḥ sa kālo'gniḥ sa candramāḥ || 42 ||
Er ist Brahma, Shiva und Indra, das unvergängliche Höchste, der aus sich selbst Herrschende. Er ist Vishnu, Prana, Zeit, Feuer und Mond.

42.43 sa [sa sa ka pāṭhaḥ |] eva sarvaṃ yadbhūtaṃ yacca bhavyaṃ sanātanam |
jñātvā taṃ mṛtyumatyeti nānyaḥ panthā vimuktaye || 43 ||
Er allein ist alles Gewesene und alles Künftige, der Ewige. Wer ihn erkennt, überschreitet den Tod; zur Befreiung gibt es keinen anderen Weg.

42.44 sarvabhūtasthamātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani |
saṃpaśyan paramaṃ brahma yāti nānyena hetunā || 44 ||
Wer das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst schaut, gelangt zum höchsten Brahman, nicht durch einen anderen Grund.

42.45 ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |
jñā[dhyā kha pāṭhaḥ |]nanirmathanābhyāsāt pāpaṃ dahati paṇḍitaḥ || 45 ||
Der Weise macht das Selbst zum unteren Reibholz und Om zum oberen. Durch beständiges Reiben in Erkenntnis verbrennt er die Verfehlung; eine Lesart nennt hier das Reiben durch Meditation.

42.46 sa eva māyāparimohitātmā śarīramāsthāya karoti sarvam |
strīsvannapānādivicitrabhogaiḥ sa eva jāgratparitṛptimeti || 46 ||
Derselbe, dessen Selbstbewusstsein durch Maya verwirrt ist, nimmt einen Körper an und handelt auf vielerlei Weise. Im Wachen findet er Befriedigung durch die verschiedenen Genüsse von Frauen, Speisen, Getränken und anderem.

42.47 svapne ca jīvaḥ sukhaduḥkhabhoktā svamāyayā kalpita[to ka pāṭhaḥ |]viśvaloke |
suṣuptikāle sakale vilīne tamobhibhūtaḥ sukharūpameti || 47 ||
Im Traum erlebt der Jiva Freude und Schmerz in einer von seiner eigenen Maya entworfenen Welt. Im Tiefschlaf, wenn alles aufgelöst ist, tritt er, von Dunkelheit überlagert, in einen Zustand des Wohlseins ein.

42.48 punaśca janmāntarakarmayogāt sa eva jīvaḥ svapiti prabuddhaḥ |
puratraye krīḍati yaśca jīva- statastu jātaṃ sakalaṃ vicitram || 48 ||
Durch die Verbindung mit Karma aus anderen Geburten schläft derselbe Jiva erneut und erwacht. Der Jiva spielt in den drei Städten; aus jenem Grund ist die ganze vielfältige Erscheinung entstanden.

42.49 ādhāramānandamakhaṇḍabodhaṃ yasmiṃllayaṃ yāti puratrayaṃ ca |
etasmājjāyate prāṇo manaḥ sarvendriyāṇi ca |
khaṃ vāyurjyotirāpaśca pṛthivī viśvadhāriṇī || 49 ||
Dieser Grund ist Wonne und ungeteiltes Bewusstsein; in ihm lösen sich die drei Städte auf. Aus ihm entstehen Prana, Denken, alle Sinne, Raum, Luft, Feuer, Wasser und die Erde, die alles trägt.

42.50 yatpunarbrahma sarvātmā sarvasyāyatanaṃ mahat |
sūkṣmāt sūkṣmataraṃ nityaṃ tattvameva tvameva tat || 50 ||
Jenes Brahman ist das Selbst aller, die große Wohnstätte von allem, feiner als das Feinste und ewig: Es ist du selbst, und du bist es.

42.51 jāgratsvapnasuṣuptyādi prapañcaṃ yatprakāśate |
tadbrahmāhamiti jñātvā sarvabandhaiḥ pramucyate || 51 ||
Wer erkennt: „Ich bin jenes Brahman, das die Erscheinungswelt von Wachen, Traum, Tiefschlaf und anderen Zuständen erhellt“, wird von allen Bindungen frei.

42.52 triṣu dhāmasu yadbhogyaṃ bhoktā bhogaśca yadbhavet |
tebhyo vilakṣaṇaḥ so'haṃ [sākṣī ka pāṭhaḥ |] cinmātro'haṃ sadāśivaḥ || 52 ||
Was in den drei Zuständen erlebt wird, der Erlebende und das Erleben – davon bin ich verschieden. Ich bin reines Bewusstsein, Sadashiva; eine Lesart nennt ausdrücklich den Zeugen.

42.53 mayyeva sakalaṃ jātaṃ mayi sarvaṃ pratiṣṭhitam |
mayi sarvaṃ layaṃ yāti tadbrahmādva[hvayo ka pāṭhaḥ |]yamasmyaham || 53 ||
In mir allein ist alles entstanden, in mir besteht alles, und in mir löst sich alles auf. Dieses nichtduale Brahman bin ich.

42.54 aṇoraṇīyānahameva tadva- nmahānahaṃ viśvamahaṃ vicitram |
purātano'haṃ puruṣo'hamīśo hiraṇmayo'haṃ śivarūpamasmi || 54 ||
Ich bin kleiner als das Kleinste und zugleich groß; ich bin die vielfältige Welt. Ich bin der ursprüngliche Purusha, der Herr, der Goldleuchtende; ich bin von Shivas Wesen.

42.55 apāṇipādo'hamacintyaśaktiḥ paśyāmyacakṣuḥ sa śṛṇomyakarṇaḥ |
ahaṃ vijānāmi viviktarūpo na cāsti vettā mama citsadāham || 55 ||
Ohne Hände und Füße bin ich, von unvorstellbarer Kraft. Ohne Augen sehe ich, ohne Ohren höre ich. In meiner unterschiedenen eigenen Natur erkenne ich alles; niemand erkennt mich als Gegenstand. Stets bin ich Bewusstsein.

42.56 vedairanekairahameva vedyo vedāntakṛdvedavideva cāham |
na puṇyapāpe mama nāsti nāśo na janma dehendriyabuddhirasti || 56 ||
Durch die vielfältigen Veden bin allein ich zu erkennen; ich bin der Urheber des Vedanta und der Kenner der Veden. Für mich bestehen weder Verdienst noch Verfehlung, weder Vernichtung noch Geburt, weder Körper noch Sinne noch Verstand.

42.57 na bhūmirāpo mama nāsti vahni- rna cānilo me'sti nacāmbaraṃ ca |
evaṃ viditvā paramātmarūpaṃ guhāśayaṃ niṣkalamadvitīyam || 57 ||
Für mich bestehen weder Erde noch Wasser noch Feuer, weder Wind noch Raum. Wer so das höchste Selbst erkennt, das in der Höhle des Herzens wohnt, ungeteilt und ohne Zweites,

42.58 samastasākṣiṃ sadasadvihīnaṃ prayāti śuddhaṃ paramātmarūpam || 58 ||
den Zeugen von allem, jenseits von Seiendem und Nichtseiendem, gelangt zum reinen Wesen des höchsten Selbst.

ya etattantraṃ samadhīte so'gnipūto bhavati surāpānātpūto |
bhavati kṛtyākṛtyātpūto bhavatyagamyagamanātpūto bhavati || Die abschließende Verheißung erklärt: Wer dieses Tantra vollständig studiert, wird durch Feuer gereinigt und von den Verfehlungen des Weintrinkens, verfehlten Tuns und Unterlassens sowie unerlaubter sexueller Verbindung gereinigt. iti śrīgandharvatantre pārvatīśvarasaṃvāde tattvajñānopadeśanaṃ nāma dvācatvāriṃśaḥ paṭalaḥ || 42 ||
Hier endet das 42. Kapitel des Gandharva Tantra im Gespräch zwischen Parvati und Ishvara: „Selbst und befreiende Erkenntnis“.

samāptamida śrīśivārpaṇaṃ bhūyāt ||
Damit ist es abgeschlossen. Möge es Shri Shiva dargebracht sein.

Spirituelle Bedeutung des Gandharva Tantra

Der Mensch als Ort der Verehrung

Die rituelle Genauigkeit des Gandharva Tantra erhält ihren tieferen Sinn durch die Frage, wie ein Mensch sein gesamtes Erleben in die Praxis einbezieht. Körper, Atem, Sprache, Vorstellung und Einsicht werden nicht als voneinander isolierte Vermögen behandelt. Der Körper kann zum Chakra werden, das Herz zum Verehrungsraum, der Lebenswind zum Räucherwerk und die Leuchtkraft zur Lampe. Dadurch wird nichts Beliebiges heiliggesprochen: Die Aufmerksamkeit soll erkennen, worauf ihre Handlungen gründen. Die Opferblumen wachsen im Verhalten

Die Reihe der inneren Blumen in 36.41–43 ist eine der klarsten Brücken zwischen Ritual und Lebensführung. Gewaltlosigkeit, Nichtstehlen, Mitgefühl, Geduld, Sinnesbeherrschung, Freiheit von Verblendung, Neid und Hass sowie Nichtanhaften und Wahrhaftigkeit werden tatsächlich zu Opfergaben. Damit lässt sich die Tiefe einer Praxis auch an ihrer Wirkung im Umgang mit anderen prüfen. Ein inneres Licht, das mit Rücksichtslosigkeit einhergeht, verwirklicht diese Blumen nicht. Erfahrung, Bindung und Freiheit

Der Text fragt ausdrücklich, wie ein Mensch durch Erfahrung und Genuss befreit werden könne, obwohl er daran gebunden ist. Seine Antwort ist anspruchsvoller als eine bloße Erlaubnis zum Genießen: Die entscheidende Veränderung betrifft Aneignung und Erkenntnis. Solange Erfahrung nur das getrennte Ich verstärkt, bleibt sie bindend. In der Verehrung wird sie dargebracht; in der Erkenntnis wird ihre Verwurzelung im einen Bewusstsein sichtbar. Zugleich kennt das Werk ein Ausreifen zur Leidenschaftslosigkeit und zur stillen Brahman-Betrachtung (40.63–67). Die Göttin als Lehrerin

Dass die Göttin Shiva über das Selbst unterweist, verleiht ihrer Bedeutung eine besondere Tiefe. Shakti ist nicht nur Energie, die ein bereits wissendes Bewusstsein benutzen könnte. Sie ist die Offenbarung des Wissens selbst. Die Erzählung lässt Shiva erkennen, dass weder seine kosmischen Gestalten noch seine Macht von ihr getrennt bestehen. Die spätere Rückkehr zur Unterweisung durch Shiva zeigt ein wechselseitiges Lehrgeschehen. Das Feuer der Erkenntnis

Im inneren Feueropfer werden nicht nur einzelne Gegenstände, sondern auch die Tätigkeiten der Sinne, Entschlüsse und Wertgegensätze dargebracht. Der letzte Schritt besteht darin, selbst den Laut im lautlosen Brahman aufgehen zu lassen. Das Ritual findet so zu seiner Quelle zurück. Nicht die Ablehnung der Form, sondern ihre vollständige Durchdringung führt zur Stille. Die Aussagen über das Überschreiten von Verdienst und Verfehlung beziehen sich auf diesen Zustand des überwundenen begrenzten Denkens. Sie heben weder die ausdrücklich genannten ethischen Voraussetzungen auf noch machen sie gewöhnliche Rücksichtslosigkeit zu einer Form von Befreiung. Freiheit als Wiedererkennen

Moksha ist schließlich die Erkenntnis, dass das Selbst weder mit seinem Körper noch mit den Bewegungen des Denkens erschöpft ist. Wachzustand, Traum und Tiefschlaf wechseln; das Bewusstsein, in dem sie erkennbar werden, ist nicht auf einen dieser Zustände begrenzt. Das Werk endet mit der Einsicht in das nichtduale Brahman als Ursprung, Bestand und Auflösung der Welt. Diese Freiheit verbindet die intime Erfahrung des eigenen Herzens mit einer umfassenden Sicht aller Wesen.

Bedeutung für heutige Aspiranten

Für das persönliche Studium empfiehlt sich eine Verbindung von Textbetrachtung und einfacher, vertrauter Praxis. Ein einzelner Vers kann zum Gegenstand ruhiger Meditation werden: Welche Vorstellung vom eigenen Selbst spricht er an? Welche alltägliche Reaktion verändert sich, wenn man ihn ernst nimmt? Besonders die inneren Blumen und die Anforderungen an Lehrer und Schüler eignen sich dafür, Erkenntnis und Verhalten zusammenzubringen. Eine einfache Verbindung von Studium und Alltag

Beginne mit einigen ruhigen Augenblicken und einer vertrauten Anrufung oder einem stillen Dank. Lies anschließend zwei oder drei zusammengehörige Verse. Wähle nur einen Gedanken für die Betrachtung: etwa die Geduld als Opferblume oder das Bewusstsein als Licht, in dem Gedanken erscheinen. Sitze danach eine Weile ohne den Anspruch, eine besondere Erfahrung hervorzurufen. Nimm zum Abschluss eine kleine Handlung mit in den Tag: aufmerksam zuhören, eine Kränkung nicht weitertragen oder eine Aufgabe mit Hingabe erfüllen. Dies ist eine heutige Anregung zum Studium, kein zusätzliches Ritual des Tantra. Die eigene Erfahrung freundlich betrachten

Die Lehre vom Selbst ermutigt dazu, wechselnde Empfindungen wahrzunehmen, ohne sich auf sie zu reduzieren. Traurigkeit, Unruhe oder Müdigkeit dürfen zunächst da sein. Die Frage nach dem Bewusstsein, das sie wahrnimmt, muss weder Gefühle abwerten noch die Fürsorge für den Körper verdrängen. Gerade weil der Körper im Tantra zum Ort der Verehrung wird, kann ein achtsamer Umgang mit ihm Teil der Sadhana sein. Bhakti und Unterscheidungskraft ergänzen einander. Hingabe schenkt der Praxis Wärme; Unterscheidung schützt davor, einen bewegenden Zustand schon für endgültige Erkenntnis zu halten. Die Fähigkeit, Fragen zu stellen und Zweifel sorgfältig zu klären, wird im Dialog selbst vorgelebt. Die historisch überlieferten Kula-Rituale umfassen auch Tieropfer, Alkohol, sexuelle Riten und Verfahren zur Beeinflussung anderer. Sie werden als Bestandteil des Textes dargestellt, nicht zu allgemeinen Übungsempfehlungen umgedeutet. Komplexe Atem- und Kundalini-Verfahren setzen sachkundige Begleitung voraus. Eine heutige Übernahme einzelner Lehren kann sich ausdrücklich auf gewaltlose Verehrung, freiwillige Beziehungen, Mantra, Meditation und ethische Selbstprüfung konzentrieren, ohne vorzugeben, damit alle historischen Vorschriften des Werkes zu übernehmen.

Die Betrachtung im Herzen verbindet Hingabe mit der Frage nach dem eigenen wahren Wesen.

Eine Auswahl für vertieftes Lesen findet sich unter Gandharva Tantra 108 Verse und Mantras. Zum Vergleich unterschiedlicher Wege der Sammlung eignen sich das Vijnana Bhairava Tantra und der Paramarthasara; für die genauere Shrividya-Symbolik besonders Yogini Hridaya und Nitya Shodashikarnava.

Siehe auch

Literatur

  • Ram Chandra Kak und Harabhatta Shastri (Hrsg.): Gandharvatantram. Srinagar 1934.
  • Muktabodha Indological Research Institute: Gandharvatantra, elektronischer Sanskrittext, M00646, Revision 0, 6. April 2024.

Weblinks

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Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Ram Chandra Kak und Harabhatta Shastri (Hrsg.): Gandharvatantram. Herausgegeben unter dem Patronat Maharaja Harisinghji Bahadurs, Srinagar 1934. Nach der Quellenbeschreibung beruht die Ausgabe auf einer Handschrift aus dessen Sammlung. Die elektronische Sanskritausgabe stammt vom Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00646, diplomatische Transkription, Revision 0 vom 6. April 2024. Die Erfassung erfolgte unter der Leitung von Anirban Dash. Für den elektronischen Text ist die Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 angegeben. Quelle: Muktabodha Indological Research Institute. In der Devanagari-Fassung sind 38 offenkundige Schreibfehler in Konsonantenverbindungen anhand der entsprechenden IAST-Lesung berichtigt, beispielsweise मययेव zu मय्येव und कार्ययं zu कार्य्यं. Die übrigen überlieferten Lesarten bleiben sichtbar; damit ist keine neue kritische Edition beansprucht. Die Originalzählung enthält einzelne Unregelmäßigkeiten: In Kapitel 5 steht 68 zwischen 97 und 99; Kapitel 7 endet mit 122 nach 111. In Kapitel 8 fehlt die Nummer 32; in Kapitel 18 endet Nummer 90 mit einem einfachen statt doppelten Schlussstrich. Kapitel 12 bietet 21 zwischen 50 und 52, Kapitel 14 bietet 100 zwischen 9 und 11. In Kapitel 21 ist 30 doppelt, in Kapitel 22 ist 62 doppelt und 12 steht zwischen 111 und 113. Kapitel 27 hat 33 zwischen 2 und 4; Kapitel 29 hat 46 zwischen 63 und 65. Kapitel 30 bietet 34 zwischen 23 und 25, zweimal 35 und einen Sprung von 43 auf 45. Kapitel 40 hat 49 zwischen 38 und 40; Kapitel 41 bietet 19 zwischen 28 und 30 sowie 67 zwischen 36 und 38. Aus einer fehlenden Nummer allein lässt sich der Umfang einer möglichen Textlücke nicht ableiten. In den Übersetzungsnachweisen sind die klaren Zahlendreher nach ihrer Position bezeichnet; doppelte Nummern erhalten bei Bedarf den Zusatz „b“. Die Sanskrittexte bewahren die überlieferten Ziffern. Eckige Klammern enthalten Lesarten oder Erläuterungen der Textquelle; runde Klammern mit Fragezeichen kennzeichnen dort erwogene Lesungen. Diese Zusätze sind nicht als Bestandteile eines zu rezitierenden Mantras zu verstehen. Unklare Lauterschließungen werden nicht stillschweigend zu vollständigen Mantras ergänzt.

Die deutsche Übertragung unterscheidet beschreibende Textaussagen, rituelle Vorschriften und traditionelle Wirkungsverheißungen. Inhaltlich unsichere Stellen sind eigens gekennzeichnet. Die Verszählung folgt der überlieferten Einteilung; ein Satz kann sich über mehrere Verse erstrecken. Die nachgestellten Erläuterungen zur heutigen Praxis sind von der Übersetzung zu unterscheiden.