Tara Tantra
Tara Tantra (Sanskrit: तारातन्त्रम् Tārātantram, auch Tārā Tantra) ist eine Schrift des shaktischen Kaula-Tantra über Tara, die göttliche Retterin. Im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi entfaltet sie einen Weg, auf dem Guru-Verehrung, Mantra, innere Puja und Kundalini-Meditation zusammenwirken. Tara wird als lebendige Shakti verehrt: als göttliche Gegenwart, der sich der Mensch hingibt und die er schließlich im eigenen Bewusstsein erkennt. Eine ihrer zentralen Betrachtungen lautet so’ham – „Das bin ich“.

Ein besonders schönes Bild des Werkes ist das Herz als Heiligtum. Im Herzlotus liegt ein Meer von Nektar; darin erscheint eine goldene Insel mit einem Wunschbaum und einem lichtvollen Pavillon. Hier empfängt der Übende die Göttin, bringt ihr Blumen und Licht dar und verweilt in ihrer Gegenwart. Das Bild gibt der Meditation eine liebevolle Richtung: Du sammelst dich, indem du dich dem Göttlichen zuwendest. Mit jeder inneren Gabe kann deine Aufmerksamkeit wacher und deine Hingabe tiefer werden. Für spirituelle Aspiranten sind vor allem diese Verbindung von Herzensnähe und Selbsterkenntnis, der Guru-Lobpreis und die Lehre von der inneren Verehrung wertvoll. Der Text fragt zugleich nach dem Reifen der Praxis: Vasishthas Suche zeigt einen Menschen, der sich mit großer Ausdauer bemüht und dennoch lernen muss, neu zuzuhören. So berührt das Tara Tantra auch Erfahrungen heutiger Übender – Sehnsucht, Beharrlichkeit, Enttäuschung und die Bereitschaft, sich durch Einsicht verwandeln zu lassen.
Bedeutung und Einordnung
Titel und Göttin
Tārā bedeutet unter anderem „Stern“; im religiösen Zusammenhang wird der Name als „Retterin“ verstanden. Das häufige Tāriṇī betont ausdrücklich diejenige, die hinüberführt. Der Anhang nennt sie saṃsāratāriṇī, die Retterin über Samsara, den Kreislauf begrenzten Daseins. Tantra bezeichnet hier eine religiöse Lehrschrift und ihren zusammenhängenden Praxisweg. Der Titel lässt sich daher als „Lehrschrift der Tara“ verstehen. Im Wortlaut stehen unter anderem die Namen Ugratara, Mahanilasarasvati und Ekajata. Kapitel 5 betont, dass die verschiedenen Mantraformen auf eine Göttin weisen.
Tradition und geschichtlicher Horizont
Die Zuordnung zur shaktischen Kaula-Tradition ergibt sich unmittelbar aus der Sprache des Werkes: Es nennt Kula und Kaula, lehrt die Verehrung der Shakti, die fünf Ritualelemente sowie die Einheit von Guru, Mantra und Göttin. Es handelt sich somit um ein hinduistisch-shaktisches Tara Tantra. Die Erwähnung Buddhas macht es nicht zu einer buddhistischen Lehrschrift: Buddha erscheint hier als Gestalt Vishnus beziehungsweise Janardanas und als Offenbarer einer bestimmten Tara-Verehrung. Der beigefügte Buddha-Vasishtha-Erzählstoff verbindet die Lehre mit Mahācīna, dem Himalaya und dem Kamakhya-Heiligtum auf dem Nilacala. Diese Erzählgeographie und die Bezeichnung Cīnācāra sind zunächst Aussagen der religiösen Überlieferung. Sie erlauben für sich genommen weder eine genaue Datierung noch den Nachweis einer Reise des historischen Vasishtha oder einer Lehrtätigkeit des historischen Buddha. Ein bestimmtes Entstehungsjahr und ein historischer Verfasser lassen sich aus dem Werk nicht zuverlässig gewinnen. Verwandte Schriften
Thematische Nachbarschaften bestehen zu Kularnava Tantra, Kulacudamani Tantra und Mundamala Tantra: Gemeinsam ist ihnen der weitere Horizont der Göttinnen- und Kula-Verehrung. Für den Vergleich von Yantra, innerer Puja und göttlicher Gegenwart sind auch Yogini Hridaya und Nitya Shodashikarnava ergiebige Gegenüber. Solche Verweise bedeuten keine Gleichsetzung der jeweiligen Mantras und Ritualsysteme. Der Anhang selbst schreibt einen Teil seiner Erzählungen dem Brahmayamala zu; diese Quellenangabe ist keine gesicherte Identifizierung mit jeder unter diesem Namen bekannten Textgestalt.
Aufbau und zentrale Lehren
Das eigentliche Tara Tantra umfasst sechs Kapitel mit 150 nummerierten Texteinheiten. Danach folgt ein ausdrücklich nach dem Werkabschluss stehender Anhang mit weiteren 109 nummerierten Einheiten, unnummerierten Versen und Quellenvermerken. Nicht jede nummerierte Einheit ist ein metrisch vollständiger Einzelvers: Manche enthalten nur einen Halbvers, andere mehr als zwei Verszeilen.
| Abschnitt | Inhalt |
|---|---|
| Kapitel 1, 29 Einheiten | Herkunft und verschlüsselte Angabe des Tara-Mantras; Guru-Verehrung am Morgen; Kundalini und Überlieferungsgurus. |
| Kapitel 2, 55 Einheiten | Nyasa, innere Puja im Herzlotus und Verehrung am Yantra. |
| Kapitel 3, 11 Einheiten | Ritueller Genuss, Guru-Familie und nächtliches Japa. |
| Kapitel 4, 21 Einheiten | Vier Guru-Ebenen; Einheit von Guru, Mantra und Göttin; Shakti-Verehrung und Regeln sexueller Rituale. |
| Kapitel 5, 22 Einheiten | Purashcarana, historische Blutopferlehren und Einheit dreier Tara-Mantraformen. |
| Kapitel 6, 12 Einheiten | Verherrlichung der Mantras, Schwierigkeiten der Praxis und Weitergabe durch den Guru. |
| Anhang A | Buddha-Vasishtha-Erzählung, dem Rudrayamala zugeschrieben; ursprüngliche Zählung 7/1–53. |
| Anhang B | Weitere Erzählfassung, einem ersten Kapitel des Brahmayamala zugeschrieben; 7/13–21 und 7/23–46 sowie eine unnummerierte Schlusszeile. |
| Anhang C | Fortsetzung aus einem zweiten Kapitel; die Originalzählung beginnt erneut mit 7/1–23. |
| Weitere Anhangsstellen | Unnummerierte Vorschriften, Quellenhinweise und zwei Verse im Zusammenhang mit Minanathas Smaradipika. |
Die Bezeichnungen A, B und C dienen im Folgenden nur der eindeutigen Zuordnung der sich überschneidenden Anhangsnummern. Die ursprünglichen Zahlen bleiben beim Sanskrittext sichtbar. Die fehlende Nummer 7/22 in Anhang B wird nicht ergänzt. Ein Zugang für die erste Lektüre
Beginne mit dem Guru-Lobpreis (1/17–20), der inneren Verehrung im Herzen (2/12–30) und dem Ablauf des Japa (3/7–10). Diese Stellen erschließen die Grundbewegung des Werkes: sich sammeln, verehren und die göttliche Gegenwart im eigenen Wesen betrachten. Danach kann die flüssige Lesefassung helfen, den Zusammenhang mit der weiteren Rituallehre und der Vasishtha-Erzählung zu verstehen. Ritualsprache verstehen
Wörter verändern ihre Bedeutung mit dem Zusammenhang. Mudrā kann eine Handgeste bezeichnen, steht in der Aufzählung der fünf Ritualelemente jedoch für eine Ritualspeise. Kāraṇa bedeutet gewöhnlich „Ursache“, bezeichnet hier mehrfach den Ritualwein. Śakti meint göttliche Kraft, Göttin oder die am Ritual beteiligte Frau. Tāra ohne feminines langes End-a kann eine Bezeichnung des Pranava sein. Diese Unterscheidungen verhindern, dass konkrete Ritualbeschreibungen in allgemeine Philosophie umgedeutet werden.
Tara, Guru und innere Transformation
Tara als die Hinüberführende
Der Name Tarini gibt der Göttinnenverehrung ihre Richtung: Tara führt über Samsara, das gebundene Dasein, hinaus. Im Anhang wird sie als „Wohnstätte der Erkenntnis“ und als „Verkörperung bewusster Wonne“ gepriesen (A/41). Ihre rettende Kraft umfasst deshalb auch Erkenntnis. Für die Meditation lässt sich darin eine Einladung hören: Wende dich der Göttin mit deinem ganzen Herzen zu und werde zugleich aufmerksam für das Bewusstsein, in dem diese Hinwendung geschieht. Der Guru als Licht der Erkenntnis
Im Guru-Lobpreis 1/17–20 wird der Lehrer als Gestalt Shivas angerufen und mit einer Sonne verglichen, die das Dunkel der Unwissenheit durchbricht. Besonders berührend ist die Verbindung von Freiheit und Mitgefühl: Der Guru ist unabhängig und lässt sich dennoch von der Hingabe seiner Schüler bewegen. Sein Licht erscheint als Unterscheidungskraft, bewusste Selbstbesinnung und Erkenntnis. Diese Eigenschaften geben der Verehrung einen inneren Maßstab: Gute Unterweisung hilft dir, klarer zu sehen und bewusster zu leben.

Mantra als gelebte Beziehung
Kapitel 4 spricht von der Einheit des Gurus, des Mantras und der erwählten Göttin. Unterweisung, heiliger Klang und göttliche Gegenwart gehören für diesen Weg zusammen. Kapitel 3 macht daraus eine konkrete Reihenfolge: Zuerst richtet sich die Meditation auf Guru, Mantra und Göttin; dann folgt Japa, zuletzt die Darbringung der Übung. So erhält die Wiederholung einen Anfang in bewusster Hinwendung und einen Abschluss im Loslassen. Für Aspiranten kann gerade dieser Rahmen eine vertraute Mantrapraxis neu beleben. Von der Gabe zur Gegenwart
In der inneren Puja wird die Göttin gebadet, geschmückt, gespeist und verehrt. Jede Handlung trägt Zuwendung in sich. Zugleich meditiert der Übende „Das bin ich“. Bhakti und die Betrachtung der Einheit stehen hier dicht beieinander: Das Herz liebt die Göttin, während die Meditation ihre Gegenwart im eigenen Wesen betrachtet. Am Ende der Verehrung wird die Gottheit ins Herz zurückgenommen (2/53). Die äußere Handlung endet; die innere Sammlung kann weitertragen. Wenn die eigene Anstrengung an eine Grenze kommt
Vasishthas Geschichte ist auch eine Erzählung über den Umgang mit Enttäuschung. Seine lange Askese schlägt in Zorn um, weil die ersehnte Schau ausbleibt. Erst die Begegnung mit neuer Unterweisung verändert seinen Weg. Die Erzählung begründet damit den besonderen Cinacara der Überlieferung. Darüber hinaus bietet sie heutigen Lesern einen Anlass zur Selbstbeobachtung: Kann ich beharrlich üben und zugleich offenbleiben? Kann ich Rat annehmen, wenn meine Erwartungen mich verhärten? Diese Fragen machen aus einer fernen Legende einen Spiegel der eigenen Sadhana. Eine anspruchsvolle historische Ritualwelt
Das Werk beschreibt auch Alkohol, Fleisch, sexuelle Rituale, Schädel und Blutdarbringungen. Diese Stellen gehören zu seinem tatsächlichen Inhalt und sind nicht durchgehend als bloße Symbole übersetzbar. Sie sind hier als Zeugnisse einer besonderen, initiationsgebundenen Tradition wiedergegeben, nicht als allgemeine Übungsanleitungen. Die heutigen Praxistipps weiter unten beziehen sich auf innere Verehrung, Mantrabewusstheit, Respekt und Selbstbeobachtung. Der Text enthält sowohl eine hohe Wertschätzung der Frau als Shakti als auch geschlechtsspezifische Ausschlüsse, etwa in 2/53–55 und 5/17. Diese Spannung bleibt sichtbar. Ebenso ist die sehr weitgehende Guru-Unterordnung eine Aussage der historischen Lehre. Für die heutige spirituelle Orientierung ersetzen Verehrung und Vertrauen weder eigenes Urteilsvermögen noch Einvernehmen und persönliche Grenzen.
Yoga und Meditation
Für Yoga ist besonders die Verbindung von Körper, Atem, innerem Bild und Bewusstsein bedeutsam. Kapitel 1 beschreibt den Aufstieg und die Rückführung der Kundalini durch sechs Lotusse. Kapitel 2 gestaltet den Körper durch Nyasa zum heiligen Sitz. Der Anhang A verbindet Pranayama mit Sammlung des Geistes, beständigem Üben und Reinheit in Denken, Reden und Handeln. Die dabei genannten außergewöhnlichen Wirkungen sind traditionelle Verheißungen, keine zugesicherten Übungsergebnisse. Die Meditation erhält ihre Richtung durch Sammlung und kontinuierliche Betrachtung: auf den Guru, den Mantra und die Göttin. Samadhi erscheint in der Vasishtha-Erzählung zunächst als Teil einer Askese, die noch nicht zum ersehnten Ergebnis führt. Die Erzählung stellt damit die Frage nach dem Verhältnis von eigener Anstrengung, passender Unterweisung und Gnade. Für einen Vergleich unterschiedlicher Zugänge zur inneren Sammlung kann auch das Vijnana Bhairava Tantra herangezogen werden; seine einzelnen Methoden dürfen dabei nicht mit den hier beschriebenen Ritualen gleichgesetzt werden. Ergänzende Meditation: Die folgende Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev eröffnet einen heutigen Zugang zur inneren Sammlung; sie ist keine Wiedergabe des Tara-Tantra-Rituals.
Tara Tantra – Sanskrit, Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung
Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang auch dort, wo ein Satz über eine Versnummer hinausreicht. Eckige Klammern erläutern notwendige Ergänzungen und unsichere Lesungen. Die Worterklärungen lösen wichtige Wortverbindungen auf und erschließen die grammatischen Formen; sie sind keine zweite, rein wörtliche Übersetzung. Historische Heilsversprechen werden als Aussagen des Werkes wiedergegeben. Tārātantram – Das Tara Tantra
Erstes Kapitel
prathamaḥ paṭalaḥ |
Übersetzung: Erstes Kapitel
Wort-für-Wort: prathamaḥ – erster; paṭalaḥ – Kapitel.
oṃ nama stārinyai ||
Übersetzung: Om, Verehrung der Retterin! [Die Worttrennung und die Form stārinyai sind unregelmäßig; gemeint ist wohl namas tāriṇyai.]
Wort-für-Wort: oṃ – Om; namaḥ – Verehrung; tāriṇyai – der Retterin (Dativ; erschlossene reguläre Form).
1/1 kailāsaśikhare ramye devadevaṃ maheśvaram |
papraccha bhairavī devī śayanīye sukhoṣitā || 1/1 ||
Übersetzung: Auf dem lieblichen Gipfel des Kailasa fragte die Göttin Bhairavi, die behaglich auf dem Lager ruhte, Maheshvara, den Gott der Götter.
Wort-für-Wort: kailāsa-śikhare – auf dem Gipfel des Kailasa (Lokativ); papraccha – sie fragte (Perfekt); bhairavī devī – die Göttin Bhairavi; sukhoṣitā – angenehm ruhend.
1/2 purā yau kathitau buddhavaśiṣṭhau kulabhairavau |
tena mantreṇa deveśa ! siddhau tau vada me prabho ! || 1/2 ||
Übersetzung: Du hast zuvor von Buddha und Vasishtha als zwei Kula-Bhairavas gesprochen. Durch welchen Mantra wurden beide vollendet? Sage es mir, Herr der Götter!
Wort-für-Wort: kulabhairavau – zwei Bhairavas der Kula-Tradition (Dual); siddhau – beide vollendet; tena mantreṇa – durch diesen Mantra, hier dem Sinn nach fragend; vada – sage!
bhairava uvāca |
Übersetzung: Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach (Perfekt von vac).
1/3 kṣa eva paramo devo buddharūpī janārddanaḥ |
ugratārā - mahāmantraṃ pañcārṇaṃ parijapya ca || 1/3 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Der höchste Gott Janardana in Buddha-Gestalt rezitierte den großen fünfsilbigen Mantra der Ugratara … [Der Versanfang kṣa ist gestört; der Satz setzt sich fort.]
Wort-für-Wort: paramo devaḥ – höchster Gott; buddharūpī – Buddha-Gestalt tragend; pañcārṇam – aus fünf Lauten/Silben bestehend; parijapya – nachdem er wiederholt rezitiert hatte.
1/4 sṛṣṭyādikarmakartā ca ajarāmaratāṃ yayau |
vaśiṣṭhopyena mārādhya nakṣatralokamāgataḥ || 1/4 ||
Übersetzung: … und wurde zum Vollbringer der Schöpfung und der übrigen Weltfunktionen; er erlangte Freiheit von Altern und Tod. Auch Vasishtha verehrte mit diesem Mantra die Göttin und gelangte zur Sternenwelt.
Wort-für-Wort: sṛṣṭyādi – Schöpfung und Weiteres; ajarāmaratām – Alters- und Todlosigkeit; ārādhya – verehrt habend; nakṣatralokam – Sternenwelt.
1/5 yogasiddhīśvaro bhūtvā dyotate'dyāpi vallabhe ! |
taduddhāramataṃ vakṣye yataḥ sarveśvaro bhavet || 1/5 ||
Übersetzung: Als Herr yogischer Vollkommenheiten strahlt er dort noch heute, Geliebte. Ich werde die Gewinnung dieses Mantras lehren, durch den man zum Herrn über alles werden kann.
Wort-für-Wort: yogasiddhīśvaraḥ – Herr yogischer Siddhis; dyotate – er leuchtet; uddhāra – Heraushebung, Entschlüsselung eines Mantras; sarveśvaraḥ – Herr über alles.
1/6 praṇavaṃ pūrvvamuddhṛtya hṛllekhā kulakāminī |
kūrcamastraṃ mantrarājo devadruma ivāparaḥ || 1/6 ||
Übersetzung: Zuerst wird der Pranava hervorgehoben, dann Hrillekha, Kulakamini, Kurca und Astra. Dieser König der Mantras ist wie ein weiterer göttlicher Wunschbaum.
Wort-für-Wort: praṇavam – die heilige Silbe Om; hṛllekhā, kulakāminī, kūrca, astra – hier verschlüsselte Mantrabezeichnungen; devadrumaḥ – göttlicher Baum, Wunschbaum.
1/7 anenaiva samārādhya sarvveśo'bhūt sadāśivaḥ |
durvvāsāḥ - vyāsa - vālmīki - bhāradvājādikaḥ kaviḥ || 1/7 ||
Übersetzung: Durch Verehrung mit diesem Mantra wurde Sadashiva zum Herrn über alles; ebenso [gelangten zur Vollendung] die Seher Durvasas, Vyasa, Valmiki, Bharadvaja und andere …
Wort-für-Wort: anena – durch diesen; samārādhya – vollständig verehrt habend; sadāśivaḥ – Sadashiva; kaviḥ – Seher, Dichter (hier in einer Aufzählung).
1/8 bhīmasenārjjunādyāste kṣatriyā jayino'bhavan |
iti te kathitaṃ devi ! rahasyaṃ paramottamam || 1/8 ||
Übersetzung: … und die Krieger Bhimasena, Arjuna und andere wurden siegreich. Damit habe ich dir, Göttin, das höchste Geheimnis mitgeteilt.
Wort-für-Wort: kṣatriyāḥ – Angehörige des Kriegerstandes; jayinaḥ – siegreich; rahasyam – Geheimnis; paramottamam – allerhöchstes.
1/9 gopanīyaṃ prayatnena yadi sneho'sti māṃ prati || 1/9 ||
Übersetzung: Bewahre es sorgfältig geheim, wenn du Liebe zu mir empfindest.
Wort-für-Wort: gopanīyam – geheim zu bewahren (Gerundiv); prayatnena – mit Sorgfalt; snehaḥ – Liebe, Zuneigung; māṃ prati – mir gegenüber.
bhairavyuvāca |
Übersetzung: Bhairavi sprach.
Wort-für-Wort: bhairavī – die Göttin Bhairavi; uvāca – sprach.
1/10 tvatprasādādahaṃ deva ! śruto mantraḥ suradrumaḥ |
bauddhadevena yaccīrṇaṃ prātaḥ kṛtyaṃ vadasva me || 1/10 ||
Übersetzung: Bhairavi sprach: Durch deine Gnade habe ich diesen Mantra gehört, der einem göttlichen Wunschbaum gleicht. Sage mir nun die Morgenpraxis, die der göttliche Buddha übte.
Wort-für-Wort: tvatprasādāt – durch deine Gnade; śrutaḥ – gehört; prātaḥkṛtyam – Morgenpflicht, Morgenpraxis; cīrṇam – ausgeübt.
bhairava uvāca |
Übersetzung: Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach.
1/11 prātaḥkṛtyaṃ pravakṣyāmi yena siddho bhavennaraḥ |
uttaraprahare mantrī sahasradalapaṅkaje || 1/11 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Ich erkläre die Morgenpraxis, durch die ein Mensch Vollendung erlangen kann. In der letzten Nachtwache soll der Mantrapraktizierende im tausendblättrigen Lotus …
Wort-für-Wort: uttaraprahare – in der späteren/letzten Nachtwache; mantrī – Mantrapraktizierender; sahasradalapaṅkaje – im tausendblättrigen Lotus; siddhaḥ – vollendet.
1/12 karṇikāntargate pīṭhe candramaṇḍalasannidhau |
śuddhasphaṭikasaṅkāśaṃ śuddhakṣaumavirājitam || 1/12 ||
Übersetzung: … auf einem Sitz im Innern seines Fruchtbodens, nahe der Mondscheibe, [den Guru schauen]: wie reiner Bergkristall strahlend und mit reinem Leinen bekleidet …
Wort-für-Wort: karṇikā – Fruchtboden des Lotus; pīṭha – Sitz; candramaṇḍala – Mondscheibe; śuddhasphaṭikasaṅkāśam – reinem Bergkristall gleichend; kṣauma – Leinengewand.
1/13 varābhayakaraṃ śāntaṃ prasannavadanekṣaṇam |
gandhapuṣpādibhūṣāḍhyaṃ dayitāśakta mānasam || 1/13 ||
Übersetzung: … mit Händen, die Segen und Furchtlosigkeit verleihen, friedvoll, mit heiterem Gesicht und Blick, reich geschmückt mit Düften und Blumen, den Geist seiner Geliebten zugewandt.
Wort-für-Wort: varābhayakaram – Segen und Furchtlosigkeit gebend; śāntam – friedvoll; prasanna – heiter, klar; dayitā – Geliebte, Gefährtin; āsaktamānasam – mit zugewandtem Geist.
1/14 iti dhyātvā tu gurave pādyādyai rmmānasai ryajet |
tridhā vā saptadhā vāpi daśadhā prajapenmanum || 1/14 ||
Übersetzung: So meditierend verehre man den Guru mit geistig dargebrachtem Fußwaschwasser und weiteren Gaben. Den Mantra wiederhole man dreimal, siebenmal oder zehnmal.
Wort-für-Wort: mānasaiḥ – mit geistigen [Gaben]; pādyādyaiḥ – mit Fußwaschwasser und Weiterem; yajet – man verehre; tridhā/saptadhā/daśadhā – drei-/sieben-/zehnmal.
1/15 vāgbhavaṃ pūrvvamuccāryya guruṃ taddayitābhidhām |
śrīpādukāṃ pūjayāmi namo mantro gurupriyaḥ || 1/15 ||
Übersetzung: Zuerst spreche man Vagbhava, danach die Namen des Gurus und seiner Gefährtin, dann: „Ich verehre die ehrwürdigen Fußsandalen; Verehrung!“ Dieser Mantra ist dem Guru lieb.
Wort-für-Wort: vāgbhavam – Bezeichnung eines Bija; tad-dayitā-abhidhām – Name seiner Gefährtin; śrīpādukām – ehrwürdige Sandale/Fußsandalen; pūjayāmi – ich verehre; namaḥ – Verehrung.
1/16 guhyātimantrato mantrī samarpya stavamācaret || 1/16 ||
Übersetzung: Mit dem durch „guhyāti…“ bezeichneten Mantra bringe der Praktizierende [die Rezitation] dar und spreche anschließend einen Lobpreis.
Wort-für-Wort: guhyāti-mantrataḥ – mittels des mit guhyāti beginnenden Mantras; samarpya – dargebracht habend; stavam – Lobpreis; ācaret – man vollziehe.
1/17 oṃ namaste bhagavannātha ! śivāya gururūpiṇe |
vidyāvatārasaṃsiddhau svīkṛtānekavigraha ! || 1/17 ||
Übersetzung: Om, Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in Gestalt des Gurus! Um die Herabkunft des heiligen Wissens zu vollenden, hast du vielerlei Gestalten angenommen.
Wort-für-Wort: namaste – Verehrung dir; gururūpiṇe – dem die Gestalt des Gurus Tragenden (Dativ); vidyāvatāra – Herabkunft des Wissens; svīkṛtānekavigraha – du, der viele Gestalten angenommen hat.
1/18 bhavāya bhavarūpāya paramātmasvarūpiṇe |
sarvājñānatamobheda bhānave cinmayāya te || 1/18 ||
Übersetzung: Verehrung dir, Bhava, dessen Gestalt das Werden und dessen Wesen das höchste Selbst ist; dir, der als Sonne das ganze Dunkel der Unwissenheit durchbricht und aus Bewusstsein besteht.
Wort-für-Wort: bhava – Shiva, zugleich Werden/Dasein; paramātmasvarūpiṇe – dem das höchste Selbst als Wesen Habenden; ajñānatamas – Dunkel der Unwissenheit; bhānave – der Sonne; cinmayāya – dem aus Bewusstsein Bestehenden.
1/19 svatantrāya dayālipta vigrahāya śivātmane |
paratantrāya bhaktānāṃ bhavyānāṃ bhavadāyine || 1/19 ||
Übersetzung: Du bist unabhängig, deine Gestalt ist von Mitgefühl durchdrungen, dein Wesen ist Shiva. Und doch lässt du dich von deinen aufrichtigen Verehrern binden und schenkst ihnen heilsames Dasein.
Wort-für-Wort: svatantrāya – dem Unabhängigen; dayālipta – von Mitgefühl durchdrungen; paratantrāya bhaktānām – dem von seinen Verehrern Abhängigen; bhavadāyine – dem Dasein/Werden Schenkenden, Bedeutung hier offen.
1/20 vivekināṃ vivekāya vimarṣāya vimarṣiṇām |
prakāśināṃ prakāśāya jñānināṃ jñānarūpiṇe || 1/20 ||
Übersetzung: Du bist die Unterscheidungskraft der Unterscheidenden, die bewusste Selbstbesinnung der Nachsinnenden, das Leuchten der Leuchtenden und die Erkenntnis der Erkennenden.
Wort-für-Wort: viveka – Unterscheidung; vimarśa – Reflexion, bewusste Selbstbezüglichkeit; prakāśa – Licht, Offenbarwerden; jñānarūpiṇe – dem Erkenntnis als Wesen Habenden.
1/21 stutvā'jñāneti - mantreṇa namaskāraṃ samācaret |
mūlādhāre mūlavidyā - svarūpāṃ kulakuṇḍalīm || 1/21 ||
Übersetzung: Nach diesem Lobpreis vollziehe man mit dem durch „ajñāna…“ bezeichneten Mantra die Verneigung. Im Muladhara [betrachte man] die Kula-Kundalini als Verkörperung der Wurzelvidya …
Wort-für-Wort: namaskāram – Verneigung; mūlādhāre – im Muladhara; mūlavidyā – grundlegende Mantra-Wissenschaft/-Göttin; kulakuṇḍalīm – Kundalini der Kula-Tradition.
1/22 sūryyakoṭi pratīkāśāṃ viṣatantutanīyamīm || 1/22 ||
Übersetzung: … strahlend wie zehn Millionen Sonnen und feiner als der Faden eines Lotusstängels … [Die Lesung für „Lotusfaden“ ist gestört.]
Wort-für-Wort: sūryakoṭi – zehn Millionen Sonnen; pratīkāśām – gleichend; viṣatantu – wahrscheinlich bisatantu, Lotusfaden; tanīyasī – feiner, zarter (Komparativ; Form verderbt).
1/23 prasuptabhujagākārāṃ sārddhatribalayānvitām |
haṃso - mantreṇa tasyāśca caitanyaṃ yojayettataḥ || 1/23 ||
Übersetzung: … wie eine schlafende Schlange, in dreieinhalb Windungen eingerollt. Mit dem Hamsa-Mantra verbinde man ihr Bewusstsein [mit der aufsteigenden Bewegung].
Wort-für-Wort: prasuptabhujaga – schlafende Schlange; sārdhatrivalaya – dreieinhalb Windungen; haṃsa – Hamsa-Mantra; caitanyam – Bewusstsein; yojayet – man verbinde.
1/24 padmaṣaṭkaṃ bhedayitvā karṇikādhaḥ samānayet |
tataśca saṃsmaret kaulān gurūnetān kuleśvari ! || 1/24 ||
Übersetzung: Nachdem man die sechs Lotusse durchdrungen hat, führe man sie bis unter den Fruchtboden [des oberen Lotus]. Dann gedenke man, Herrin des Kula, der folgenden Kaula-Gurus.
Wort-für-Wort: padmaṣaṭkam – sechs Lotusse; bhedayitvā – durchdrungen habend; karṇikādhaḥ – unter den Lotusfruchtboden; saṃsmaret – man erinnere sich; kaulān gurūn – Kaula-Gurus.
1/25 prahlādānandanāthākhyaḥ sanakānanda eva ca |
kumārānandanāthaśca vaśiṣṭhānandanāthakaḥ || 1/25 ||
Übersetzung: Sie heißen Prahladanandanatha, Sanakananda, Kumaranandanatha und Vasishthanandanatha …
Wort-für-Wort: prahlādānandanātha, sanakānanda, kumārānandanātha, vaśiṣṭhānandanātha – Namen der Überlieferungsgurus; ākhyaḥ – namens; eva ca – und ebenso.
1/26 krodhānanda sukhānandau jñānānanda stataḥparam |
bodhānandastato nityaṃ kāraṇānandananditāḥ || 1/26 ||
Übersetzung: … ferner Krodhananda, Sukhananda, Jnanananda und Bodhananda, allezeit erfreut durch die Wonne des Karana [hier wohl des rituellen Weins] …
Wort-für-Wort: jñānānanda – Wonne der Erkenntnis, Guru-Name; bodhānanda – Wonne des Erwachens, Guru-Name; kāraṇa – Ursache, hier Ritualwein; nanditāḥ – erfreut.
1/27 vighūrṇanayanā stādṛkśaktisaṅgavirājitāḥ |
tato vindusphuranmādhvī - dhārayā tān pratarpayet || 1/27 ||
Übersetzung: … mit rollenden Augen, strahlend in der Gemeinschaft entsprechender Shaktis. Mit dem vom Bindu hervorquellenden Strom süßen Nektars soll man sie sättigen.
Wort-für-Wort: vighūrṇanayanāḥ – mit rollenden Augen; śaktisaṅga – Verbindung mit Shaktis; bindu – Tropfen, Energiepunkt; mādhvīdhārā – süßer/weinartiger Strom; tarpayet – man sättige durch Darbringung.
1/28 tasmāttenaiva mārgeṇa svasthānaṃ prāpayet parām |
tatprabhāpaṭalai rdevi ! pāṭalaṃ svaṃ vicintayet || 1/28 ||
Übersetzung: Danach führe man die Höchste auf demselben Weg zu ihrem eigenen Ort zurück. Man stelle sich, Göttin, durch die Fülle ihres Lichtes rosig leuchtend vor.
Wort-für-Wort: svasthānam – eigener Ort; parām – die Höchste; prabhāpaṭalaiḥ – durch Lichtmassen; pāṭalam – rosig, rötlich; vicintayet – man stelle sich vor.
1/29 iti te kathitaṃ devi ! prātaḥkṛtyamanuttamam |
gopanīyaṃ mamaprītikṛte'vaśyaṃ sureśvari || 1/29 ||
Übersetzung: Damit habe ich dir die unvergleichliche Morgenpraxis gelehrt. Bewahre sie unbedingt geheim, Herrin der Götter, um mir Freude zu bereiten.
Wort-für-Wort: prātaḥkṛtyam – Morgenpraxis; anuttamam – unübertrefflich; mamaprītikṛte – um mir Freude zu bereiten; sureśvari – Herrin der Götter (Anrede).
|| iti śrītārātantre prathamaḥ paṭalaḥ ||
Übersetzung: So endet das erste Kapitel im ehrwürdigen Tara Tantra.
Wort-für-Wort: iti – so; prathamaḥ paṭalaḥ – erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
dvitīyaḥ paṭalaḥ |
Übersetzung: Zweites Kapitel
Wort-für-Wort: dvitīyaḥ – zweiter; paṭalaḥ – Kapitel.
śrībhairavyuvāca |
Übersetzung: Die ehrwürdige Bhairavi sprach.
Wort-für-Wort: śrī – ehrwürdig; uvāca – sprach.
2/1 śrutametanmahābhāga ! prātaḥkṛtyamaho mahat |
mahācīnākhyatantre ca trividhaṃ pūjanaṃ hi yat || 2/1 ||
Übersetzung: Bhairavi sprach: Glückseliger, ich habe diese erhabene Morgenpraxis gehört. Im Tantra namens Mahacina wird jene dreifache Verehrung …
Wort-für-Wort: mahābhāga – Hochbeglückter; trividham – dreifach; pūjanam – Verehrung; mahācīnākhyatantre – im Tantra namens Mahacina.
2/2 uktavān buddhadeveśa statra yonyarccanaṃ śrutam |
mānasaṃ yāntrikañcaiva śrotumicchāmi māmpratam || 2/2 ||
Übersetzung: … vom göttlichen Buddha gelehrt. Die Yoni-Verehrung habe ich dort gehört; nun möchte ich die geistige und die am Yantra vollzogene Verehrung kennenlernen.
Wort-für-Wort: yonyarcanam – Yoni-Verehrung; mānasam – geistig; yāntrikam – auf das Yantra bezogen; śrotum icchāmi – ich wünsche zu hören.
śrībhairava uvāca |
Übersetzung: Der ehrwürdige Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: śrī – ehrwürdig; uvāca – sprach.
manaḥ pūjā vidhiṃ vakṣye nyāsaṃ pūrvvaṃ śṛṇu priye ||
Übersetzung: Ich erkläre die Vorschrift der geistigen Puja. Höre zuerst von Nyasa, Geliebte.
Wort-für-Wort: manaḥpūjāvidhim – Vorschrift der geistigen Verehrung; nyāsam – heilige Einsetzung; pūrvam – zuerst; śṛṇu – höre.
2/3 akṛte nyāsajāle hi adhikāro na vidyate || 2/3 ||
Übersetzung: Solange das Geflecht der Nyasas nicht vollzogen ist, besteht keine Berechtigung [zu dieser Puja].
Wort-für-Wort: akṛte – wenn nicht ausgeführt (Lokativ absolutus); nyāsajāle – Geflecht der Nyasas; adhikāraḥ – Berechtigung, Befähigung; na vidyate – besteht nicht.
2/4 ṛṣyādinyāsakañcaiva karāṅganyāsa eva ca |
varṇa vyāpakavinyāsau pīṭhanyāsa stataḥ param || 2/4 ||
Übersetzung: [Es folgen] Rishi-Nyasa und die weiteren Zuordnungen, Hand- und Glieder-Nyasa, Laut-Nyasa und durchdringender Nyasa, schließlich Pitha-Nyasa.
Wort-für-Wort: ṛṣyādinyāsa – Zuordnung des Sehers und Weiterer; kara – Hand; aṅga – Körperglied; varṇa – Laut/Buchstabe; vyāpaka – durchdringend; pīṭha – heiliger Sitz.
2/5 akṣobhyaśca ṛṣiḥ prokto vṛhatī cchanda īritam |
ugratārā devatoktā kūrccavījasudāhṛtam || 2/5 ||
Übersetzung: Als Seher wird Akshobhya genannt, als Versmaß Brihati, als Gottheit Ugratara und als Bija Kurca.
Wort-für-Wort: ṛṣiḥ – Seher; chandas – Versmaß; devatā – Gottheit; bīja – Keimsilbe; īritam – genannt.
2/6 śaktirastraṃ śeṣavarṇāḥ kīlakāni bhavantyuta |
akhilavāgrūpiṇīmuktvā hṛdayāya namo vadet || 2/6 ||
Übersetzung: Astra ist die Shakti; die übrigen Laute sind die Verriegelungen. Nachdem man „Verkörperung aller Rede“ gesprochen hat, sage man: „Dem Herzen Verehrung!“
Wort-für-Wort: śaktiḥ – Kraft des Mantras; kīlakāni – Verriegelungen, Mantraglieder; akhilavāgrūpiṇī – Verkörperung aller Rede; hṛdayāya namaḥ – dem Herzen Verehrung.
2/7 akhaṇḍavāgrūpiṇīmuktvā śirase vahnivallabhā |
brahmavāgrūpiṇīmuktvā śikhāyai vaṣaḍityapi || 2/7 ||
Übersetzung: Nach „Verkörperung ungeteilter Rede“ folgt „dem Haupt“ und die „Geliebte des Feuers“ [Svaha]; nach „Verkörperung der Rede Brahmas“: „dem Haarschopf, vashat“.
Wort-für-Wort: akhaṇḍa – ungeteilt; śirase – dem Haupt; vahnivallabhā – Geliebte des Feuers, Bezeichnung für svāhā; śikhāyai – dem Scheitelhaarschopf; vaṣaṭ – Ritualruf.
2/8 viṣṇuvāgrūpiṇīmuktvā kavacāya imīritam |
viṣṇuvāgrūpiṇī netratrayāya vauṣaḍityapi || 2/8 ||
Übersetzung: Nach „Verkörperung der Rede Vishnus“ folgt „dem Schutzpanzer“ und das in der Vorlage unklare im; nach derselben Anrufung: „den drei Augen, vaushat“.
Wort-für-Wort: viṣṇuvāgrūpiṇī – Verkörperung von Vishnus Rede; kavacāya – dem Schutzpanzer; im – unsichere Lautangabe; netratrayāya – den drei Augen; vauṣaṭ – Ritualruf.
2/9 sarvvavāgrūpiṇīmuktvā astrāya phaḍiti smaret |
ṣaḍdīrghamāyayā caiva vījānāmeva coccaret || 2/9 ||
Übersetzung: Nach „Verkörperung sämtlicher Rede“ spreche man „der Waffe, phat“. Die Bijas rezitiere man zusammen mit Maya in ihren sechs Langvokalformen.
Wort-für-Wort: sarvavāgrūpiṇī – Gestalt sämtlicher Rede; astrāya – der Waffe; phaṭ – abschließender Schutzlaut; ṣaḍdīrgha – sechs lange [Vokale]; māyā – Bezeichnung einer Keimsilbe.
2/10 aṅgasthāne'ṅgulīnāntu pāṇito yojanañcaret |
ādiḹvarṇaparyyantān hṛdaye vinyaset priye || 2/10 ||
Übersetzung: Für den Hand-Nyasa vollziehe man die Zuordnung an den Fingern anstelle der Körperglieder. Die Laute vom Anfang bis zum langen vokalischen l setze man ins Herz, Geliebte.
Wort-für-Wort: aṅgasthāne – anstelle der Glieder; aṅgulīnām – der Finger; ādi-ḹ-varṇaparyantān – vom ersten Laut bis ḹ; hṛdaye – im Herzen; vinyaset – man setze ein.
2/11 ekārādyān ṅādiḍhāntān krameṇa bāhuyugmake |
ṇādibhāntān makārādikṣāntān jaṅghādvaye priye ! || 2/11 ||
Übersetzung: Die mit e beginnenden [bis ṅ reichenden] Laute und die Reihe von ṅ bis ḍh ordne man nacheinander den beiden Armen zu; die Reihe von ṇ bis bh und die von m bis kṣ den beiden Unterschenkeln. [Die erste Grenze ist in der Vorlage nicht eindeutig.]
Wort-für-Wort: ekārādyān – mit e beginnend; ṅādiḍhāntān – von ṅ bis ḍh; bāhuyugmake – am Armpaar; jaṅghādvaye – an den beiden Unterschenkeln.

2/12 mūlena vyāpakaṃ nyasya pīṭhanyāsaṃ samācaret |
hṛtsaroje sudhāsindhuṃ madhye dvīpaṃ suvarṇajam || 2/12 ||
Übersetzung: Nach dem durchdringenden Nyasa mit dem Wurzelmantra vollziehe man Pitha-Nyasa: Im Lotus des Herzens [stelle man sich] einen Nektarozean vor und in dessen Mitte eine goldene Insel …
Wort-für-Wort: mūlena – mit dem Wurzelmantra; hṛtsaroje – im Herzlotus; sudhāsindhum – Nektarozean; dvīpam – Insel; suvarṇajam – aus Gold bestehend.
2/13 paritaḥ pārijātāṃśca madhye kalpataruṃ tataḥ |
tanmūle hemanirmmāṇaṃ dvāścatuṣṭaya bhūṣitam || 2/13 ||
Übersetzung: … ringsum Parijata-Bäume und in der Mitte den Wunschbaum; an seiner Wurzel eine goldene, mit vier Toren geschmückte …
Wort-für-Wort: pārijātān – himmlische Parijata-Bäume; kalpatarum – Wunschbaum; tanmūle – an dessen Wurzel; dvāścatuṣṭaya – vier Tore.
2/14 maṇḍapaṃ mandavātena parākrāntaṃ sudhūpitam |
tatra yantraṃ pratiṣṭhāpya tatra pūjāṃ samācaret || 2/14 ||
Übersetzung: … Halle, von sanftem Wind durchweht und wohl durchräuchert. Dort errichte man das Yantra und vollziehe darin die Verehrung.
Wort-für-Wort: maṇḍapam – Halle, Pavillon; mandavātena – vom sanften Wind; sudhūpitam – gut durchräuchert; pratiṣṭhāpya – errichtet habend; pūjām – Verehrung.
2/15 evaṃ pīṭhamaye dehe cintayedugratāriṇīm |
hṛdipāṇyagramādāya jīvanyāsaṃ samācaret || 2/15 ||
Übersetzung: In dem so zum heiligen Sitz gewordenen Körper betrachte man Ugratarini [Ugratara]. Mit der Hand am Herzen vollziehe man Jiva-Nyasa, die Einsetzung des Lebensprinzips.
Wort-für-Wort: pīṭhamaye dehe – im zum Heiligtum gewordenen Körper; ugratāriṇīm – die machtvolle Retterin; hṛdi – am/im Herzen; jīvanyāsam – Einsetzung des Lebensprinzips.
2/16 iti te kathitaṃ kānte ! nyāsajālamanuttamam |
paripāṭī gurorjñeyā nyāsānāṃ racanaṃ priye || 2/16 ||
Übersetzung: Damit habe ich dir, Geliebte, das vortreffliche Geflecht der Nyasas erklärt. Ihre genaue Abfolge und Ausführung ist vom Guru zu erlernen.
Wort-für-Wort: paripāṭī – geordnete Abfolge; guroḥ – vom Guru; jñeyā – zu erkennen, zu erlernen; racanam – Anordnung, Ausführung.
2/17 tataḥ pūjāṃ prakurvvīta yena tanmayatāmiyāt |
snāyācca vimale tīrthe puṣkare hṛdayāśrite || 2/17 ||
Übersetzung: Darauf vollziehe man die Verehrung, durch die man ganz zu ihr wird. Man bade am reinen heiligen Badeplatz, dem Lotus im Herzen.
Wort-für-Wort: tanmayatām – Ganz-in-ihr-Sein, Identität mit ihr; iyāt – man gelange; vimale tīrthe – am reinen heiligen Badeplatz; hṛdayāśrite – im Herzen ruhend.
2/18 śivaśakti samāyogaḥ sandhyā proktā ca tāntrikaiḥ |
vinducyutasudhābhi stāṃ tarpayet prāṇavallabhe ! || 2/18 ||
Übersetzung: Die Vereinigung von Shiva und Shakti nennen die Tantriker Sandhya. Mit dem vom Bindu herabfließenden Nektar sättige man sie, Geliebte meines Lebens.
Wort-für-Wort: śivaśaktisamāyogaḥ – Vereinigung von Shiva und Shakti; sandhyā – Übergang/Dämmerung, hier innere Vereinigung; binducyuta – aus dem Bindu herabfließend; sudhā – Nektar.
2/19 tata statpaparivārādīn tatśarīre vilāpya ca |
udvarttanādikaṃ dattvā snāpayeddivyavāriṇā || 2/19 ||
Übersetzung: Nachdem man ihr Gefolge und die übrigen [Begleitgottheiten] in ihren Körper aufgelöst hat, bringe man Einreibungen und weitere Pflegemittel dar und bade sie mit himmlischem Wasser.
Wort-für-Wort: parivāra – Gefolge; vilāpya – aufgelöst habend; udvartana – Einreiben mit duftendem Pulver; snāpayet – man bade sie; divyavāriṇā – mit himmlischem Wasser.
2/20 mṛduvastreṇa saṃmārjya nayane kajjalaṃ dadet |
lalāṭe caiva sindūraṃ alaktaṃ caraṇāmbuje || 2/20 ||
Übersetzung: Man trockne sie mit weichem Tuch, schmücke ihre Augen mit Kajal, ihre Stirn mit Sindura und ihre Lotusfüße mit rotem Lack.
Wort-für-Wort: mṛduvastreṇa – mit weichem Stoff; saṃmārjya – abgewischt habend; kajjala – Augenschminke; sindūra – rotes Zinnoberpigment; alakta – roter Lackfarbstoff.
2/21 cintayenmanasā mūrtiṃ sarvālaṅkārabhūṣitām |
tataḥ so'hamiti dhyātvā pādyaṃ dadyāt padoḥ priye || 2/21 ||
Übersetzung: Im Geist schaue man ihre mit allem Schmuck versehene Gestalt. Dann meditiere man „so’ham – Das bin ich“ und bringe ihren Füßen Fußwaschwasser dar.
Wort-für-Wort: manasā – im Geist; sarvālaṅkāra – sämtlicher Schmuck; so’ham – saḥ aham, Das bin ich; pādyam – Wasser zur Fußwaschung; padoḥ – für die beiden Füße.
2/22 maulāvarghyaṃ mukhe toyaṃ gandho'ṅge sarvataḥ kṣipet |
sugandhi - śvetalauhityaṃ javāṃ kṛṣṇāparājitām || 2/22 ||
Übersetzung: Dem Haupt bringe man Ehrengastwasser, dem Mund Wasser und allen Gliedern Duft dar; sodann duftende weiße und rote [Blüten], Hibiskus und dunkle Aparajita-Blüten …
Wort-für-Wort: maulau – am Haupt; arghyam – Ehrengabe aus Wasser; gandhaḥ – Duftstoff; javā – Hibiskus; kṛṣṇāparājitā – dunkelblühende Aparajita.
2/23 pade śīrṣe tathā karṇe kaṇṭhe mālāṃ nidhāpayet |
sammukhe dhūpadīpau ca naivedyaṃ bhojayedatha || 2/23 ||
Übersetzung: … an Füßen, Haupt und Ohren; um den Hals lege man einen Kranz. Vor ihr stelle man Räucherwerk und Licht auf und reiche ihr die Opferspeise.
Wort-für-Wort: kaṇṭhe – am Hals; mālām – Kranz; dhūpadīpau – Räucherwerk und Lampe; naivedyam – der Gottheit dargebrachte Speise; bhojayet – man lasse essen.
2/24 kāraṇaṃ palalaṃ bhūyaḥ kāraṇaṃ mīnamuttamam |
punaśca kāraṇaṃ deyaṃ tato bharjjitaśālijam || 2/24 ||
Übersetzung: [Man bringe dar:] Karana, Fleisch, erneut Karana, besten Fisch, wieder Karana und danach geröstete Reisprodukte.
Wort-für-Wort: kāraṇam – hier Ritualwein; palalam – Fleisch; mīnam – Fisch; bharjjitaśālija – aus geröstetem Reis Bereitetes.
2/25 punarmadyaṃ tato'pūpaśaṣkulīṃ devi ! dāpayet |
tato madyaṃ pradāyaiva nānā - temana - saṃyutam || 2/25 ||
Übersetzung: Dann gebe man wieder Wein, darauf Kuchen und Shashkuli-Gebäck; sodann erneut Wein und [die folgende Speise] mit verschiedenen Zubereitungen …
Wort-für-Wort: madyam – Wein, berauschendes Getränk; apūpa – Kuchen; śaṣkulī – Gebäck; nānātemana – verschiedene Beilagen/Zubereitungen, seltenes Wort.
2/26 dadhikṣīrājyasahitaṃ dāpayedodanaṃ priye ! |
ācamanaṃ tato dadyāttāmbūlaṃ vinivedayet || 2/26 ||
Übersetzung: … Reis mit Joghurt, Milch und Ghee, Geliebte. Darauf reiche man Wasser zum Mundspülen und biete Betel dar.
Wort-für-Wort: odana – gekochter Reis; dadhi – Joghurt; kṣīra – Milch; ājya – Ghee; ācamana – rituelles Mundspülen; tāmbūla – Betel.
2/27 tato vai mānasaṃ jāpaṃ kṛtvā tarpaṇa mācaret |
stutvā natvā tattadaṅgadevatā [:] prāpayedatha || 2/27 ||
Übersetzung: Dann vollziehe man geistiges Japa und Tarpana [die sättigende Darbringung]. Nach Lobpreis und Verneigung lasse man die jeweiligen Gliedgottheiten …
Wort-für-Wort: mānasam jāpam – geistige Mantrawiederholung; tarpaṇam – sättigende Darbringung; stutvā natvā – gelobt und sich verneigt habend; aṅgadevatāḥ – Glied-/Begleitgottheiten.
2/28 sva sva sthānaṃ tataḥ śeṣaṃ śaktibhirbhojayet svayam |
tataḥ sohamiti dhyāyedātmānaṃ tāriṇīmayam || 2/28 ||
Übersetzung: … an ihre eigenen Orte zurückkehren; die verbliebene Speise genieße man selbst mit den Shaktis. Dann meditiere man „so’ham“ und betrachte sich als ganz von Tarini erfüllt.
Wort-für-Wort: svasvasthānam – an den jeweils eigenen Ort; śeṣam – Rest der Opfergabe; śaktibhiḥ – mit den Shaktis; ātmānam tāriṇīmayam – sich selbst als ganz Tarini.
2/29 idaṃ mānasamākhyātam pūjanaṃ devi ! durlabham |
ekāntanirmalaṃ cittaṃ hṛdambhojārccanāt priye || 2/29 ||
Übersetzung: Dies heißt die schwer zu erlangende geistige Verehrung, Göttin. Durch die Verehrung im Herzlotus wird der Geist ganz und gar rein.
Wort-für-Wort: mānasam pūjanam – geistige Verehrung; durlabham – schwer zu erlangen; ekāntanirmalam – vollkommen rein; cittam – Geist; hṛdambhojārcanāt – durch Verehrung im Herzlotus.
2/30 gurvarccocita kāle ca prātarmadhyāhnato'pi vā |
karttavya metadvidhivadgurupādaprasādataḥ || 2/30 ||
Übersetzung: Diese Praxis soll zur passenden Zeit der Guru-Verehrung, morgens oder auch mittags, ordnungsgemäß und durch die Gnade der Guru-Füße vollzogen werden.
Wort-für-Wort: gurvarcocitakāle – zur für Guru-Verehrung geeigneten Zeit; prātaḥ – morgens; madhyāhnataḥ – mittags; vidhivat – ordnungsgemäß; prasādataḥ – durch Gnade.
2/31 athātaḥ saṃpravakṣyāmi pūjāṃ yantrasamīritām |
atha yāgagṛhaṃ gatvā puṣpāharaṇamācaret || 2/31 ||
Übersetzung: Nun erkläre ich die Verehrung am Yantra. Man begebe sich zunächst in den Opferraum und sammle Blumen.
Wort-für-Wort: yantrasamīritām – als Yantra-[Puja] bezeichnet; yāgagṛham – Opferraum; puṣpāharaṇam – Sammeln/Herbeibringen von Blumen.
2/32 śatābhiṣeketi padaṃ dviruccārya tato vadet |
kūrcāstravahnilalanā tārādyaḥ puṣpakarṣaṇe || 2/32 ||
Übersetzung: Beim Heranziehen der Blumen spreche man zweimal „shatabhisheka“, dann Kurca, Astra und die Geliebte des Feuers; Tara [hier Om] steht am Anfang.
Wort-für-Wort: śatābhiṣeka – hundertfache Besprengung/Weihe, Formelwort; dvir – zweimal; vahnilalanā – Geliebte des Feuers, Svaha; tārādyaḥ – mit Tara/Om beginnend; puṣpakarṣaṇe – beim Heranziehen der Blumen.
2/33 māyāṃ pūrvaṃ samucārya ādhāraśaktisaṃvadet |
kamalāsanaṃ ṅentañca hṛnmanuścāsanārcane || 2/33 ||
Übersetzung: Zur Verehrung des Sitzes spreche man zunächst Maya, dann „Adharashakti-Kamalasana“ mit Dativendung und die Herzformel [namah].
Wort-für-Wort: māyām – Maya-Bija; ādhāraśakti – tragende Kraft; kamalāsanam – Lotussitz; ṅentam – mit Dativendung; hṛnmanuḥ – Herzmantra/-abschluss.
2/34 arghyapātraṃ sthāpayitvā pañcānāṃ śodhanañcaret |
ādau śodhanamevoktaṃ nīlatantre tava priye || 2/34 ||
Übersetzung: Nachdem man das Arghya-Gefäß aufgestellt hat, reinige man die fünf [Ritualsubstanzen]. Die erste Reinigung ist dir, Geliebte, bereits im Nila Tantra erklärt worden.
Wort-für-Wort: arghyapātram – Gefäß für die Ehrengabe; pañcānām – der fünf; śodhanam – Reinigung; ādau – zuerst; nīlatantre – im Nila Tantra.
2/35 dvitīyaśodhane devi ! prataddhiṣṇu - manuṃ japet |
tṛtīyaśodhane devi ! tryambakenaiva mantravit || 2/35 ||
Übersetzung: Bei der zweiten Reinigung rezitiere man den mit „prataddhishnu…“ bezeichneten Mantra; bei der dritten verwende der Mantrakenner den Tryambaka-Mantra.
Wort-für-Wort: dvitīya – zweite; tṛtīya – dritte; prataddhiṣṇu – unsichere Mantra-Anfangsangabe; tryambakena – mittels des Tryambaka-Mantras; mantravit – Mantrakenner.
2/36 tadviṣṇoriti mantreṇa caturthaśodhanañcaret |
pratadviṣṇuriti mantreṇa svayambhvādiviśodhanam || 2/36 ||
Übersetzung: Die vierte Reinigung vollziehe man mit dem Mantra „tad vishnor…“, die Reinigung des Svayambhu und der weiteren [Stoffe] mit „pra tad vishnur…“.
Wort-für-Wort: tadviṣṇoḥ/pratadviṣṇuḥ – zitierte Mantra-Anfänge; caturthaśodhanam – vierte Reinigung; svayambhvādi – Svayambhu und Weiteres, ritueller Stoffbegriff; viśodhanam – vollständige Reinigung.
2/37 śaktestu śodhanenaiva maithunaṃ śudhyati priye ! |
tato devi ! mahāyantraṃ kathayāmi tava priye || 2/37 ||
Übersetzung: Durch die Reinigung der Shakti wird auch die geschlechtliche Vereinigung rituell gereinigt, Geliebte. Nun beschreibe ich dir das große Yantra.
Wort-für-Wort: śakteḥ – der Shakti, hier Ritualpartnerin; maithunam – geschlechtliche Vereinigung; śudhyati – wird rein; mahāyantram – großes Yantra.
2/38 sayoniṃ candanenāṣṭapatramabjaṃ likhettataḥ |
caturasraṃ caturdvāraṃ yantraṃ devi ! samālikhet || 2/38 ||
Übersetzung: Mit Sandelholz zeichne man einen achtblättrigen Lotus mit Yoni [Dreieck] und dann ein Quadrat mit vier Toren als Yantra, Göttin.
Wort-für-Wort: sayonim – mit Yoni; candanena – mit Sandelholz; aṣṭapatram abjam – achtblättriger Lotus; caturasram – Quadrat; caturdvāram – mit vier Toren.
2/39 gaṇeśaṃ prāci saṃpūjya dakṣiṇe vaṭukaṃ yajet |
paścime kṣetrapālañca yoginīmuttare yajet || 2/39 ||
Übersetzung: Im Osten verehre man Ganesha, im Süden Vatuka, im Westen Kshetrapala und im Norden die Yogini.
Wort-für-Wort: prāci – im Osten; dakṣiṇe – im Süden; paścime – im Westen; uttare – im Norden; kṣetrapāla – Hüter des Bereichs.
2/40 śmāśānaṃ tatra saṃpūjyaṃ tatra kalpadrumaṃ yajet |
tanmūle maṇipīṭhañca nānāmaṇivibhūṣitam || 2/40 ||
Übersetzung: Darin verehre man den Verbrennungsplatz und dort den Wunschbaum; an dessen Wurzel den Edelsteinsitz, geschmückt mit vielerlei Juwelen …
Wort-für-Wort: śmaśānam – Verbrennungsplatz; kalpadrumam – Wunschbaum; maṇipīṭham – Edelsteinsitz; nānāmaṇi – verschiedene Juwelen.
2/41 nānālaṅkāra - bhūṣāḍhyaṃ munidevaiśca maṇḍitam |
śivābhirvahumāṃsāsthi - modamānābhirantataḥ || 2/41 ||
Übersetzung: … reich mit Schmuck versehen, von Sehern und Göttern belebt und ringsum von Schakalinnen, die sich an reichlichem Fleisch und Gebein erfreuen.
Wort-für-Wort: munidevaiḥ – von Sehern und Göttern; śivābhiḥ – von Schakalinnen, hier nicht „von Shivas“; māṃsāsthi – Fleisch und Knochen; modamānābhiḥ – sich erfreuenden.
2/42 caturddikṣu śavān muṇḍāṃścitāṅgārāsthibhūṣitān |
(caturdikṣu śavamuṇḍacitāṅgārāsthi - bhūṣitam)
hasauḥ sadāśivetyuktvā mahāpreta tataḥ param || 2/42 ||
Übersetzung: In allen vier Richtungen [erscheinen] Leichen und Schädel, mit Glut der Scheiterhaufen und Knochen geschmückt. [Die eingeklammerte Variante beschreibt den Ort als damit geschmückt.] Man spreche „hasauh, Sadashiva“, danach „Mahapreta“ …
Wort-für-Wort: caturdikṣu – in den vier Richtungen; śava – Leiche; muṇḍa – Schädel; citāṅgāra – Scheiterhaufenglut; mahāpreta – großer Totengeist/Leichensitz.
2/43 padmāsanāya hṛdayaṃ pīṭhanyāsamanurmataḥ |
lakṣmīḥ sarasvatī caiva ratiḥ prīti stathaiva ca || 2/43 ||
Übersetzung: … „dem Lotussitz“ und die Herzformel: So lautet der Pitha-Nyasa-Mantra. Lakshmi, Sarasvati, Rati und Priti …
Wort-für-Wort: padmāsanāya – dem Lotussitz (Dativ); hṛdayam – hier Herzformel; pīṭhanyāsamanuḥ – Mantra zur Einsetzung des Sitzes; rati/prīti – Lust und Zuneigung, Göttinnennamen.
2/44 kīrttiḥ śāntiśca puṣṭhiśca tuṣṭi rityaṣṭaśaktayaḥ |
etāḥ pūjyāḥ patradeśe krameṇa prāṇaballabhe || 2/44 ||
Übersetzung: … Kirti, Shanti, Pushti und Tushti sind die acht Shaktis. Sie werden in dieser Reihenfolge auf den Lotusblättern verehrt, Lebensgeliebte.
Wort-für-Wort: kīrti – Ruhm; śānti – Frieden; puṣṭi – Gedeihen; tuṣṭi – Zufriedenheit; aṣṭaśaktayaḥ – acht Kräfte/Göttinnen; krameṇa – der Reihe nach.
2/45 tataḥ puṣpāñjaliṃ nītvā kūrmatattvena kaulikaḥ |
hṛdaye dyautanaṃ tejaḥ parivārasamanvitam || 2/45 ||
Übersetzung: Der Kaula nehme Blumen in die gefalteten Hände und [verwende] das Schildkrötenprinzip [wohl die Kurma-Mudra]. Das im Herzen strahlende Licht mitsamt seinem Gefolge …
Wort-für-Wort: puṣpāñjalim – Blumen in gefalteten Händen; kūrmatattvena – mittels des Schildkrötenprinzips; kaulikaḥ – Kaula-Praktizierender; tejaḥ – Licht, Strahlkraft; parivāra – Gefolge.
2/46 yaṃkārāditayā devi ! śavopari nidhāpayet |
āṃ sohamiti mantreṇa jīvanyāsaṃ samācaret || 2/46 ||
Übersetzung: … setze er, beginnend mit dem Laut yam, auf die Leiche. Mit dem Mantra „ām so’ham“ vollziehe er Jiva-Nyasa.
Wort-für-Wort: yaṃkāra – der Laut yam; śavopari – auf der Leiche; āṃ so’ham – ausdrücklich angeführte Formel; jīvanyāsam – Einsetzung des Lebensprinzips.
2/47 tataḥ pādyādinā devi ! pūjayedugratāriṇīm |
namaḥ svāhā svadhāñcaiva namo vauṣaṭ tathā kramāt || 2/47 ||
Übersetzung: Danach verehre man Ugratarini [Ugratara] mit Fußwaschwasser und den weiteren Gaben; dabei [verwendet man] der Reihe nach namah, svaha, svadha, namah und vaushat.
Wort-für-Wort: namaḥ – Verehrung; svāhā/svadhā/vauṣaṭ – rituelle Darbringungsrufe; kramāt – der Reihe nach; pādyādinā – mit Fußwaschwasser und weiteren Gaben.
2/48 tato nivedayāmīti sarvaṃ dadyānmaheśvari ! |
idaṃ dravyaṃ tataḥ procya devatābodhanaṃ tataḥ || 2/48 ||
Übersetzung: Dann bringe man alles mit „ich biete dar“ dar, große Göttin. Zunächst spreche man „diese Gabe“, danach die Anrede der Gottheit …
Wort-für-Wort: nivedayāmi – ich biete dar; idam dravyam – diese Gabe/Substanz; devatābodhanam – Anrede/Benennung der Gottheit; sarvam – alles.
2/49 vajrapuṣpaṃ praticchedaṃ hū/ - phaṭ - svāhā tato vadet |
mūlamantraṃ samuccārya ṅentaṃ nāma niyojayet || 2/49 ||
Übersetzung: … und dann „vajrapushpam praticchedam, hū/, phat, svaha“. [hū/ ist beschädigt.] Nach dem Wurzelmantra füge man den Namen im Dativ an.
Wort-für-Wort: vajrapuṣpam – Vajra-/Diamantblume; praticchedam – Trennung/Abgrenzung, syntaktisch unsicher; mūlamantram – Wurzelmantra; ṅentam nāma – Name mit Dativendung.
2/50 tataśca parivārāṇi pūjayeddevi ! kauntikaḥ |
idaṃ dravyaṃ samucārya parivārebhyo namo'ntataḥ || 2/50 ||
Übersetzung: Danach verehre der Kaula die Begleitgottheiten mit „diese Gabe“ und abschließend „dem Gefolge Verehrung“.
Wort-für-Wort: parivārāṇi – Gefolge, Begleitgottheiten; parivārebhyaḥ – den Begleitgottheiten (Dativ Plural); antataḥ – am Ende; kauntikaḥ – wohl verderbt für kaulikaḥ.
2/51 praṇavādyena manunā kulīnaḥ pūjanañcaret |
akṣobhyaṃ maulideśe tu prāgādyaṣṭadaleṣu ca || 2/51 ||
Übersetzung: Der Kula-Praktizierende vollziehe diese Verehrung mit dem mit Om beginnenden Mantra; Akshobhya am Haupt, sodann auf den acht Blättern vom Osten an …
Wort-für-Wort: praṇavādyena – mit Om beginnend; kulīnaḥ – Angehöriger des Kula; maulideśe – am Haupt; prāgādi – im Osten beginnend; aṣṭadaleṣu – auf den acht Blättern.
2/52 śaktayo'ṣṭau bhairavāṃśca dvāreṣu caturaḥ surān |
vāyavyādīśaparyantaṃ gurupaṅktirvyavasthitā || 2/52 ||
Übersetzung: … die acht Shaktis und die Bhairavas, an den Toren die vier Gottheiten. Die Guru-Reihe ist vom Nordwesten bis zum Nordosten angeordnet.
Wort-für-Wort: bhairavān – Bhairavas; dvāreṣu – an den Toren; vāyavya – Nordwesten; īśa – Nordosten; gurupaṅktiḥ – Reihe der Gurus.
2/53 tato japtvā stavaiḥ stutvā natvā ca visṛjeddhṛdi |
naivedyaṃ sādhakebhyaśca strībhyo dadyānna kutracit || 2/53 ||
Übersetzung: Nach Japa, Lobpreis und Verneigung entlasse man [die Gottheit] ins Herz. Die Opferspeise gebe man den Sadhakas, Frauen jedoch keinesfalls. [Die negative Aussage entspricht dem Wortlaut und steht in Spannung zu anderen Aussagen des Textes.]
Wort-für-Wort: visṛjet hṛdi – man entlasse ins Herz; sādhakebhyaḥ – den Praktizierenden; strībhyaḥ – den Frauen; na kutracit – keinesfalls, unter keinen Umständen.
2/54 iti te kathitaṃ bhadre ! tārāyāḥ pūjanaṃ mahat |
mānasaṃ yāntrikañcaiva nityaṃ nṛṇāmiti smṛtam || 2/54 ||
Übersetzung: Damit habe ich dir, Gütige, die große Verehrung Taras erklärt, die geistige und die am Yantra. Sie gilt als tägliche Praxis für Männer.
Wort-für-Wort: mānasam yāntrikam – geistig und am Yantra; nityam – täglich, regelmäßig verpflichtend; nṛṇām – der Menschen/Männer, hier durch den Folgevers männlich bezogen.
2/55 nādhikāro yaunike ca strīṇāṃ mānasa - yantrayoḥ |
vidheyaṃ pūjanaṃ devi ! na kuryādvā nijecchayā || 2/55 ||
Übersetzung: Frauen besitzen keine Berechtigung zur Yoni-Verehrung; geistige und Yantra-Verehrung sollen sie vollziehen, Göttin, oder nach eigenem Wunsch auch unterlassen.
Wort-für-Wort: nādhikāraḥ – keine Berechtigung; yaunike – bei der Yoni-bezogenen [Puja]; strīṇām – der Frauen; nijecchayā – nach eigenem Wunsch; na kuryāt vā – oder nicht ausführen.
|| iti śrītārātantre dvitīyaḥ paṭalaḥ ||
Übersetzung: So endet das zweite Kapitel im ehrwürdigen Tara Tantra.
Wort-für-Wort: dvitīyaḥ – zweiter; iti – so.
Drittes Kapitel
tṛtīyaḥ paṭalaḥ
Übersetzung: Drittes Kapitel
Wort-für-Wort: tṛtīyaḥ – dritter; paṭalaḥ – Kapitel.
śrībhairava uvāca |
Übersetzung: Der ehrwürdige Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach.
3/1 athātaḥ saṃpravakṣyāmi śṛṇu tvaṃ parvatātmaje |
pātramekaṃ dvayaṃ vāpi trayaṃ vā pañca vā priye || 3/1 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Nun erkläre ich Weiteres; höre, Tochter des Berges. Wer ein, zwei, drei oder fünf Gefäße …
Wort-für-Wort: parvatātmaje – Tochter des Berges; pātram – Gefäß/Becher; ekam/dvayam/trayam/pañca – eins/zwei/drei/fünf.
3/2 pivedvīravaraśreṣṭho yaḥ sa rudra itīritam |
sambidānandayogena yaḥ kāraṇamado bhavet || 3/2 ||
Übersetzung: … [Wein] trinkt, wird als vortrefflicher Held unter den Helden Rudra genannt. Der Weinrausch, der aus der Verbindung mit der Wonne der Samvid entsteht …
Wort-für-Wort: pivet – er trinke; vīra – tantrischer Held; kāraṇamadaḥ – Rausch durch Ritualwein; saṃvidānandayoga – Verbindung mit der Wonne von Samvid, hier auch Bezeichnung eines Cannabis-Präparats.
3/3 sa eva paramānando brahmasāyujyadāyakaḥ |
tasmādbhuktvā siddhimūlaṃ sādhakaḥ kāraṇaṃ pivet || 3/3 ||
Übersetzung: … eben dieser wird als höchste Wonne bezeichnet, die Vereinigung mit Brahman schenkt. Deshalb esse der Sadhaka die „Wurzel der Vollendung“ [wohl das Samvid-Präparat] und trinke Karana.
Wort-für-Wort: paramānandaḥ – höchste Wonne; brahmasāyujya – Vereinigung mit Brahman; siddhimūlam – Wurzel der Vollendung, hier wohl Ritualsubstanz; bhuktvā – gegessen habend.
3/4 vinānandaṃ sambidāyāḥ pānaṃ yatkāraṇasya ca |
tanna cānanda - janakaṃ bauddhadeva - vaco yathā || 3/4 ||
Übersetzung: Weintrinken ohne die Wonne der Samvid erzeugt diese Wonne nicht, so lautet das Wort des göttlichen Buddha.
Wort-für-Wort: vinā – ohne; saṃvidāyāḥ – der Samvid; pānam – Trinken; ānandajanakam – Wonne erzeugend; yathā vacaḥ – gemäß dem Wort.
3/5 pūjyoḥ guruḥ sadā cātra tadvattattanayopi ca |
tatpatnī sarvabhāvena sadā kaulikapūruṣaiḥ || 3/5 ||
Übersetzung: In dieser Tradition sollen Kaula-Praktizierende stets den Guru, ebenso seinen Sohn und mit ganzem Herzen seine Gemahlin verehren.
Wort-für-Wort: pūjyaḥ – zu verehren; tattanayaḥ – dessen Sohn; tatpatnī – dessen Gemahlin; sarvabhāvena – mit ganzem Wesen; kaulikapūruṣaiḥ – von Kaula-Männern.
3/6 tasyāḥ santoṣamātrena devī tuṣṭā bhavet priye ! |
tasmāt stotrairdhanairvākyai stoṣayet brahmadāyakam || 3/6 ||
Übersetzung: Schon durch ihre Zufriedenheit wird die Göttin zufrieden, Geliebte. Darum erfreue man den Brahman vermittelnden [[[Guru]]] durch Lobpreis, Gaben und Worte.
Wort-für-Wort: tasyāḥ – ihre, auf die Guru-Gemahlin bezogen; santoṣa – Zufriedenheit; stotraiḥ – durch Lobgesänge; dhanaiḥ – durch Vermögensgaben; brahmadāyakam – den Brahman Schenkenden.
3/7 naktaṃ japavidhānañca śṛṇuṣvaikamanāḥ priye ! |
ādau ṣaṅaṅgaṃ vinyasya gurordhyānaṃ tataḥparam || 3/7 ||
Übersetzung: Höre nun aufmerksam die Vorschrift des nächtlichen Japa. Zuerst vollziehe man den sechsfachen Glieder-Nyasa, danach die Meditation auf den Guru.
Wort-für-Wort: naktam – nachts; japavidhānam – Japa-Vorschrift; ekamanāḥ – mit gesammeltem Geist; ṣaḍaṅgam – sechs Glieder, hier Nyasa; gurordhyānam – Meditation auf den Guru.
3/8 mantradhyānaṃ tataḥpaścāt devaudhyānaṃ tataścaret |
seturūpaṃ tata stāraṃ japtvā japamathācaret || 3/8 ||
Übersetzung: Darauf meditiere man über den Mantra und danach über die Göttin. Nachdem man Tara [Om] als Brücke rezitiert hat, beginne man das Japa.
Wort-für-Wort: mantradhyānam – Meditation auf den Mantra; seturūpam – als Brücke; tāram – hier Pranava/Om; japam ācaret – Japa vollziehen; devaudhyānam – wohl verderbt für devīdhyānam.
3/9 punastāraṃ tato devīdhyānaṃ kṛtvā samarpayet |
śivo'haṃ tāriṇīrūpamātmānamiti cintayet || 3/9 ||
Übersetzung: Danach [rezitiere man] nochmals Tara [Om], meditiere auf die Göttin und bringe [das Japa] dar. Man betrachte sich: „Ich bin Shiva; mein Selbst hat die Gestalt der Tarini.“
Wort-für-Wort: śivo’ham – ich bin Shiva; tāriṇīrūpam – von Tarinis Gestalt; ātmānam – sich selbst/das Selbst; samarpayet – man bringe dar.
3/10 parivāramayaścāhamiti dhyāyedanāratam |
iti te kathitaṃ devi ! rahasyaṃ tāriṇīmayam || 3/10 ||
Übersetzung: Unablässig meditiere man: „Auch das Gefolge ist in mir verkörpert.“ Damit habe ich dir, Göttin, das von Tarini erfüllte Geheimnis mitgeteilt.
Wort-für-Wort: parivāramayaḥ – aus dem Gefolge bestehend; aham – ich; anāratam – unablässig; tāriṇīmayam – von Tarini erfüllt.
3/11 na deyaṃ paśave tasmāt śapatho me tvayi priye ! || 3/11 ||
Übersetzung: Es soll keinem Pashu [hier einem außerhalb dieser Einweihung stehenden Menschen] mitgeteilt werden. Ich nehme dich dabei in die Pflicht, Geliebte.
Wort-für-Wort: paśave – dem Pashu (Dativ), wörtlich „gebundenes Wesen/Tier“; na deyam – nicht zu geben; śapathaḥ – Eid, feierliche Verpflichtung.
|| iti śrītārātantre tṛtīyaḥ paṭalaḥ ||
Übersetzung: So endet das dritte Kapitel im ehrwürdigen Tara Tantra.
Wort-für-Wort: tṛtīyaḥ – dritter; iti – so.
Viertes Kapitel
caturthaḥ paṭalaḥ
Übersetzung: Viertes Kapitel
Wort-für-Wort: caturthaḥ – vierter; paṭalaḥ – Kapitel.
śrībhairavyuvāca |
Übersetzung: Die ehrwürdige Bhairavi sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach.
4/1 yat prasādādidaṃ sarvaṃ kulācāravidhānakam |
tasyaivādyantamāhātmyaṃ śrotumicchāmi sāmpratam || 4/1 ||
Übersetzung: Bhairavi sprach: Durch dessen Gnade diese ganze Kula-Praxis möglich ist – von dessen Herrlichkeit möchte ich nun von Anfang bis Ende hören.
Wort-für-Wort: yatprasādāt – durch dessen Gnade; kulācāravidhānakam – Ordnung der Kula-Praxis; ādyantamāhātmyam – Herrlichkeit von Anfang bis Ende; śrotum – zu hören.
śrībhairava uvāca |
Übersetzung: Der ehrwürdige Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach.
4/2 guruḥ paramaguruścaiva parāparagurustathā |
parameṣṭiguruścaiva catvāro guravaḥ smṛtāḥ || 4/2 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Vier Gurus werden gelehrt: Guru, Paramaguru, Paraparaguru und Parameshthiguru.
Wort-für-Wort: catvāraḥ – vier; guruḥ – Lehrer; parama – höchster; parāpara – höchster und niederer/beide umfassend; parameṣṭhin – an höchster Stelle stehend.
4/3 ṛṣiratra guruḥ prokto mantradaḥ paramo guruḥ |
parāparaguruścāhaṃ tvameva parameṣṭikā || 4/3 ||
Übersetzung: Hier heißt der Rishi Guru; der Mantra gebende Lehrer ist Paramaguru. Ich selbst bin Paraparaguru, und du bist Parameshthika.
Wort-für-Wort: ṛṣiḥ – Seher; mantradaḥ – Mantra-Geber; aham – ich, Bhairava; tvam – du, Bhairavi; parameṣṭikā – weibliche höchste Guru-Gestalt.
4/4 sarveṣāmeva madhye tu pradhānaṃ paramo guruḥ |
gurorvinā mahāmokṣaṃ na kāśī na ca gaṅgayā (?) || 4/4 ||
Übersetzung: Unter ihnen ist der Paramaguru der entscheidende. Ohne den Guru erlangt man die große Befreiung weder in Kashi noch durch die Ganga.
Wort-für-Wort: pradhānam – vorrangig; guroḥ vinā – ohne Guru; mahāmokṣam – große Befreiung; kāśī – Kashi/Varanasi; gaṅgayā – durch die Ganga.
4/5 māhātmyaṃ tasya vakṣyāmi yena tuṣṭā ca śāmbhavī |
gurumantreṣṭadevīnāmekatvaṃ parikathyate || 4/5 ||
Übersetzung: Ich werde seine Herrlichkeit schildern, durch die Shambhavi erfreut wird. Guru, Mantra und erwählte Göttin werden als eine Einheit gelehrt.
Wort-für-Wort: gurumantreṣṭadevīnām – von Guru, Mantra und erwählter Göttin; ekatvam – Einheit; śāmbhavī – Gefährtin Shambhus, Göttin; parikathyate – wird erklärt.
4/6 tatpatnī ca viśeṣeṇa paradevīviśeṣabhāk |
saralyā'saralā vāpi niṣṭhurā vā priyoditā || 4/6 ||
Übersetzung: Insbesondere hat seine Gemahlin Anteil am Wesen der höchsten Göttin. Ob aufrichtig oder unaufrichtig, hart oder freundlich sprechend …
Wort-für-Wort: tatpatnī – seine Gemahlin; paradevī – höchste Göttin; saralā/asaralā – aufrichtig/nicht aufrichtig; niṣṭhurā – hart; priyoditā – freundlich sprechend.
4/7 kutsitā vyādhitā vāpi mūḍhā'mūḍhāpi vā priye |
sadeṣṭadevobhāvena bhāvanīyā kulottamaiḥ || 4/7 ||
Übersetzung: … ob verachtet, krank, unverständig oder verständig: Die Besten des Kula sollen sie stets als ihre erwählte Gottheit betrachten.
Wort-für-Wort: kutsitā – geschmäht, verachtet; vyādhitā – erkrankt; mūḍhā/amūḍhā – unverständig/verständig; iṣṭadevatābhāvena – als erwählte Gottheit, nach dem Sinn der verderbten Form.
4/8 tattanujoditañcaiva yadvā sādhakabhāṣitam |
yatnenaiva vidhātavyamaśakye yatnavān bhavet || 4/8 ||
Übersetzung: Was sein Kind oder ein Sadhaka sagt, soll man sorgfältig ausführen; ist es unmöglich, soll man sich dennoch darum bemühen.
Wort-für-Wort: tattanuja – dessen Kind; uditam – Gesagtes; vidhātavyam – auszuführen; aśakye – bei Unmöglichem; yatnavān – sich bemühend.
4/9 vīrocchiṣṭaṃ vināmadyaṃ śaktyucchiṣṭaṃ tadapyuta |
bhojayennirvikalpena manasā vīravallabhaḥ || 4/9 ||
Übersetzung: Der dem Vira Zugewandte soll ohne inneres Schwanken die Speisereste des Vira, ausgenommen Wein, und ebenso die Speisereste der Shakti genießen. [Die Ausnahme ist syntaktisch knapp.]
Wort-für-Wort: vīrocchiṣṭam – Speiserest des Vira; vinā madyam – außer Wein; śaktyucchiṣṭam – Speiserest der Shakti; nirvikalpena manasā – mit nicht zweifelndem Geist.
4/10 purā proktāni pañcaiva ekaṃ vā śṛṇu bhairavi ! |
śodhayitvā nivedyaiva yo'śnīyāt sa ca bhairavaḥ || 4/10 ||
Übersetzung: Wer die zuvor genannten fünf [Ritualstoffe] oder auch einen davon reinigt, darbringt und dann genießt, ist Bhairava. Höre, Bhairavi!
Wort-für-Wort: pañca – fünf; ekam vā – oder einen; śodhayitvā – gereinigt habend; nivedya – dargebracht habend; aśnīyāt – er esse/genieße.
4/11 susiddhāḥ pīṭhasaṃsthā ye sādhakā ste'rcanāśrayāḥ |
guru taddayitāputraputrī - sādhakayoṣitāṃ || 4/11 ||
Übersetzung: Die vollendeten Sadhakas an den heiligen Sitzen sind Stützen der Verehrung. Dem Guru, seiner Gefährtin, seinem Sohn, seiner Tochter und den Frauen der Sadhakas …
Wort-für-Wort: susiddhāḥ – ganz vollendet; pīṭhasaṃsthāḥ – an heiligen Sitzen weilend; arcanāśrayāḥ – Stützen/Träger der Verehrung; putraputrī – Sohn und Tochter; sādhakayoṣitām – der Frauen der Sadhakas.
4/12 yatnecchā vartate tattu samarpyaṃ parameśvari ! |
avaśyaṃ tāriṇīmantre śaktipūjā vidhīyate || 4/12 ||
Übersetzung: … soll man, höchste Herrin, sorgfältig darbringen, wonach sie verlangen. Beim Tarini-Mantra ist Shakti-Verehrung unbedingt vorgeschrieben.
Wort-für-Wort: icchā – Wunsch; samarpyam – darzubringen; avaśyam – unbedingt; śaktipūjā – Verehrung der Shakti; vidhīyate – wird vorgeschrieben.
4/13 nijakānteṣṭhadevī tu pūjanīyā viśeṣataḥ |
samānadevatāmantraṃ nijakrāntā japedyadi || 4/13 ||
Übersetzung: Insbesondere soll man die erwählte Göttin in der eigenen Gefährtin verehren. Wenn die eigene Gefährtin den Mantra derselben Gottheit rezitiert …
Wort-für-Wort: nijakāntā – eigene Gefährtin; iṣṭadevī – erwählte Göttin; samānadevatāmantram – Mantra derselben Gottheit; japet – sie rezitiere.
4/14 tadā sarvārthasiddhiḥ syāt tuṣṭā bhavati tāriṇo |
śarīrārdhaṃ smṛtā kāntā yasmāttadyatnavān bhavet || 4/14 ||
Übersetzung: … werden alle Ziele erreicht und Tarini wird erfreut. Weil die Gefährtin als die Hälfte des eigenen Körpers gilt, soll man sich um sie bemühen.
Wort-für-Wort: sarvārthasiddhiḥ – Erfüllung aller Ziele; tuṣṭā – erfreut; śarīrārdham – Körperhälfte; kāntā – Geliebte/Gefährtin; yatnavān – fürsorglich bemüht.
4/15 tasyāḥ kiñcicca māhātmyaṃ cīnatantre mayoditam |
maithune varjanīyā yā stāsāṃ vidhi rihocyate || 4/15 ||
Übersetzung: Etwas von ihrer Größe habe ich im Cina Tantra erklärt. Nun wird die Vorschrift über diejenigen dargelegt, die von der sexuellen Vereinigung auszunehmen sind.
Wort-für-Wort: cīnatantre – im Cina Tantra; maithune – bei der sexuellen Vereinigung; varjanīyāḥ – zu meiden, auszunehmen; vidhiḥ – Vorschrift.
4/16 gurupatnī gurusutā guruputrabadhū stathā |
satīrthasya tu vīrasya sādhakasya tathā priye ! || 4/16 ||
Übersetzung: Die Gemahlin des Gurus, seine Tochter und die Frau seines Sohnes; ebenso, Geliebte, die Gefährtin eines Mitinitianden, eines Vira oder Sadhaka …
Wort-für-Wort: gurupatnī – Guru-Gemahlin; gurusutā – Guru-Tochter; guruputravadhū – Schwiegertochter des Gurus; satīrtha – Mitinitiand, Schüler desselben Lehrers.
4/17 kāntāyā mantraputryāśca ramaṇānnārakī bhavet |
maithunasya vidhānantu kathyate śṛṇu bhairavi ! || 4/17 ||
Übersetzung: … und die Mantra-Tochter: Wer mit ihnen verkehrt, gelangt in die Hölle. Nun wird die Vorschrift der Vereinigung erklärt; höre, Bhairavi!
Wort-für-Wort: mantraputrī – durch Mantra-Initiation als Tochter Verbundene; ramaṇāt – durch geschlechtlichen Verkehr; nārakī – der Hölle verfallen; maithunasya vidhānam – Vorschrift sexueller Vereinigung.
4/18 adhaḥ kṛtvā mahādevīṃ svayaṃ bhairavarūpadhṛk |
purato mūlamuccārya dharmādharmādikaṃ paṭhan || 4/18 ||
Übersetzung: Die große Göttin [die Ritualpartnerin] liege unten; er selbst nehme Bhairavas Gestalt an. Zuerst spreche er den Wurzelmantra und rezitiere dann die mit „Dharma und Adharma…“ bezeichnete Formel.
Wort-für-Wort: adhaḥ kṛtvā – unten platziert habend; bhairavarūpadhṛk – Bhairavas Gestalt tragend; mūlam – Wurzelmantra; dharmādharmādikam – mit Dharma und Adharma Beginnendes.
4/19 gajatuṇḍākhyatattvena yojayelliṅgabhairavam |
tasmāt śataṃ viṃśatiṃ vā japtvā tejastu pātayet || 4/19 ||
Übersetzung: Mit dem „Elefantenrüssel“ genannten Prinzip verbinde er den Linga-Bhairava [das rituell vergöttlichte männliche Geschlechtsorgan]. Nach hundert oder zwanzig Rezitationen lasse er das Tejas [hier Samen] austreten.
Wort-für-Wort: gajatuṇḍa – Elefantenrüssel, ritueller Ausdruck; liṅgabhairava – Linga als Bhairava; śatam/viṃśatim – hundert/zwanzig; tejas – Glanz, hier Zeugungssubstanz; pātayet – austreten lassen.
4/20 mūlānte tu prakāśeti vacanaṃ paripaṭhya ca |
iti taṃ kathitaṃ devi ! yathoktaṃ buddharūpiṇā || 4/20 ||
Übersetzung: An den Wurzelmantra schließe er dabei die mit „prakasha…“ bezeichnete Aussage an. Damit habe ich dir gelehrt, was der Buddha-Gestaltige ausgesprochen hat.
Wort-für-Wort: mūlānte – am Ende des Wurzelmantras; prakāśa – Licht/Offenbarung, Formelanfang; buddharūpiṇā – vom Buddha-Gestaltigen; kathitam – erklärt.
4/21 siddhipradaṃ samācārād gopanīyaṃ svayonivat || 4/21 ||
Übersetzung: Diese Praxis schenkt bei entsprechender Ausführung Siddhi; sie ist geheim zu halten wie die eigene Yoni.
Wort-für-Wort: siddhipradam – Vollendung gebend; samācārāt – durch rechte Ausführung; gopanīyam – geheim zu halten; svayonivat – wie die eigene Yoni.
|| iti tārātantre caturthaḥ paṭalaḥ ||
Übersetzung: So endet das vierte Kapitel im Tara Tantra.
Wort-für-Wort: caturthaḥ – vierter; iti – so.
Fünftes Kapitel
pañcamaḥ paṭalaḥ
Übersetzung: Fünftes Kapitel
Wort-für-Wort: pañcamaḥ – fünfter; paṭalaḥ – Kapitel.
śrībhairavyuvāca |
Übersetzung: Die ehrwürdige Bhairavi sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach.
5/1 tvatprasādānmahādeva ! jñātametanmayākhilam |
puraścaraṇahīnena mantreṇa na phalaṃ bhavet || 5/1 ||
Übersetzung: Bhairavi sprach: Durch deine Gnade, Mahadeva, habe ich dies alles erkannt. Doch ohne Purashcarana bringt ein Mantra keine Frucht.
Wort-für-Wort: puraścaraṇa – vorbereitende/intensive Mantradisziplin; hīnena – ohne, dessen entbehrend; phalam – Frucht, Ergebnis; na bhavet – entsteht nicht.
tasmācca phaladānantu puraścaraṇamucyatām |
śrībhairava ucāca |
Übersetzung: Darum möge das fruchtbringende Purashcarana erklärt werden. Der ehrwürdige Bhairava sprach:
Wort-für-Wort: phaladānam – Frucht verleihend; puraścaraṇam – vorbereitende Mantradisziplin; ucyatām – möge erklärt werden (passiver Imperativ).
5/2 athātaḥ saṃpravakṣyāmi puraścaraṇamuttamam |
kuje vā śanivāre vā naramuṇḍaṃ samāharet || 5/2 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Nun erkläre ich das vortreffliche Purashcarana. Am Dienstag oder Samstag beschaffe man einen menschlichen Schädel …
Wort-für-Wort: kuje – am Dienstag, dem Mars-Tag; śanivāre – am Samstag; naramuṇḍam – menschlicher Schädel; samāharet – man bringe herbei.
5/3 vitastimātre khāte tu nikhanet saṅgavarjitaḥ |
tatra naktaṃ daśaśataṃ prajapenmantrasiddhaye || 5/3 ||
Übersetzung: … und vergrabe ihn ohne Gesellschaft in einer eine Spanne tiefen Grube. Dort rezitiere man nachts tausendmal, um den Mantra zu vollenden.
Wort-für-Wort: vitastimātre – von einer Spanne Maß; khāte – in einer Grube; saṅgavarjitaḥ – ohne Gesellschaft; daśaśatam – zehn Hundert, tausend; mantrasiddhaye – zur Mantravollendung.
5/4 anenaiva vidhānena puraścaryā vidhīyate |
athavānyaprakāreṇa puraścaraṇamucyate || 5/4 ||
Übersetzung: Auf diese Weise wird Purashcarya vollzogen. Nun wird noch eine andere Art des Purashcarana erklärt.
Wort-für-Wort: anena vidhānena – nach dieser Vorschrift; puraścaryā – gleiche Praxisbezeichnung wie Purashcarana; anyaprakāreṇa – auf andere Weise.
5/5 guruṃ taddayitāṃ vāpi tatsutaṃ tatsutāñca vā |
devavat pūjanaṃ kṛtvā japettāvad varānane ! || 5/5 ||
Übersetzung: Nachdem man den Guru oder seine Gefährtin, seinen Sohn oder seine Tochter wie eine Gottheit verehrt hat, rezitiere man ebensooft, Schönangesichtige …
Wort-für-Wort: devavat – wie eine Gottheit; tatsutam/tatsutām – seinen Sohn/seine Tochter; tāvat – ebensoviel, auf die vorangehende Zahl bezogen; varānane – Schönangesichtige.
5/6 aṣṭādhikaṃ śataṃ vāpi puraścaraṇamucyate |
athavā mūrddhnipadme tu dhyātvā pūjāṃ vidhyāya ca || 5/6 ||
Übersetzung: … oder hundertachtmal: Auch dies heißt Purashcarana. Oder man meditiere im Lotus am Scheitel und vollziehe dort die Verehrung …
Wort-für-Wort: aṣṭādhikam śatam – hundert plus acht; mūrdhnipadme – im Scheitellotus; dhyātvā – meditiert habend; pūjām vidhāya – die Verehrung vollzogen habend.
5/7 aṣṭādhika sahasrañca japedbhairavarūpadhṛk |
anenaiva vidhānena puraścaraṇamucyate || 5/7 ||
Übersetzung: … und rezitiere in Bhairavas Gestalt tausendachtmal. Auch diese Vorgehensweise heißt Purashcarana.
Wort-für-Wort: aṣṭādhika sahasram – tausend plus acht; bhairavarūpadhṛk – Bhairavas Gestalt tragend; japet – man rezitiere; vidhāna – Vorgehensweise.
5/8 athavānyaprakāreṇa puraścaraṇamucyate |
caturdaśīṃ samārabhya yāvadanyā caturdaśī || 5/8 ||
Übersetzung: Noch eine weitere Form wird gelehrt: Vom vierzehnten Mondtag bis zum nächsten vierzehnten Mondtag …
Wort-für-Wort: caturdaśīm – vierzehnter Tag einer Mondhälfte; samārabhya – beginnend mit; yāvat – bis; anyā caturdaśī – nächster vierzehnter Mondtag.
5/9 sahasraṃ pratyahaṃ sāṣṭaṃ japet siddhīśvaro bhavet |
etat sarvaṃ śmaśāne ca rātrau vīrairvidhīyate || 5/9 ||
Übersetzung: … rezitiere man täglich tausendachtmal; so werde man Herr der Siddhis. All dies wird von Viras nachts auf dem Verbrennungsplatz vollzogen.
Wort-für-Wort: pratyaham – täglich; sahasram sāṣṭam – tausend mit acht; śmaśāne – auf dem Verbrennungsplatz; rātrau – nachts; vīraiḥ – von Viras.
5/10 iti te kathitaṃ bhadre ! puraścaraṇamuttamam |
gopanīyaṃ prayatnena jananyā jāravat priye ! || 5/10 ||
Übersetzung: Damit habe ich dir, Gütige, das vortreffliche Purashcarana erklärt. Man halte es sorgfältig geheim wie den Liebhaber der eigenen Mutter.
Wort-für-Wort: jananyāḥ – der Mutter; jāravat – wie einen außerehelichen Liebhaber; gopanīyam – geheim zu halten; prayatnena – sorgfältig.
5/11 jīvahīno yathā dehī sarvakarmasu na kṣamaḥ |
puraścaraṇahīno'pi tathā mantraḥ prakīrtitaḥ || 5/11 ||
Übersetzung: Wie ein Körper ohne Leben zu keiner Handlung fähig ist, so wird auch ein Mantra ohne Purashcarana beschrieben.
Wort-für-Wort: jīvahīnaḥ – ohne Leben; dehī – Verkörperter, hier Körper; sarvakarmasu – bei allen Handlungen; na kṣamaḥ – nicht fähig; tathā – ebenso.
5/12 sakṛt dvidhā tridhā vāpi caturddhā yugabhedataḥ |
kartavyañca prayatnena puraścaraṇamuttamam || 5/12 ||
Übersetzung: Je nach Weltzeitalter soll man dieses vortreffliche Purashcarana sorgfältig einmal, zweimal, dreimal oder viermal ausführen.
Wort-für-Wort: sakṛt – einmal; dvidhā/tridhā/caturdhā – zwei-/drei-/viermal; yugabhedataḥ – entsprechend den verschiedenen Yugas; kartavyam – auszuführen.
5/13 idānīṃ raktadānasya vidhānaṃ varavarṇini ! |
grāmyāraṇyajalasthānāṃ rudhiraṃ prītibarddhanam || 5/13 ||
Übersetzung: Nun zur Vorschrift des Blutopfers, Schönfarbige: Blut von zahmen, wilden und im Wasser lebenden Tieren steigert [nach dieser Rituallehre] das Wohlgefallen der Göttin …
Wort-für-Wort: raktadāna – Blutdarbringung; grāmya – domestiziert; āraṇya – wild, im Wald lebend; jalastha – im Wasser lebend; rudhiram – Blut.
5/14 ghṛtāktaṃ madhunāktañca viśeṣāt prāṇaballabhe ! |
janturaktena sampūrṇa - kalasāt parvatātmaje ! || 5/14 ||
Übersetzung: … besonders mit Ghee oder Honig vermischt, Lebensgeliebte. Gegenüber einem mit Tierblut gefüllten Krug, Tochter des Berges …
Wort-für-Wort: ghṛtāktam – mit Ghee bestrichen/vermischt; madhunāktam – mit Honig vermischt; janturaktena – mit Tierblut; sampūrṇakalaśāt – gegenüber einem vollen Krug.
5/15 tilapramāṇaṃ rudhiraṃ nijadehasya śasyate |
lalāṭa - hasta - hṛdaya śirobhrūmadhya deśataḥ || 5/15 ||
Übersetzung: … wird eine sesamkorngroße Menge Blut des eigenen Körpers höher gepriesen, [genommen] aus Stirn, Hand, Herz-/Brustbereich, Kopf oder zwischen den Brauen.
Wort-für-Wort: tilapramāṇam – von der Größe eines Sesamkorns; nijadehasya – des eigenen Körpers; lalāṭa – Stirn; hṛdaya – Herz/Brust; bhrūmadhya – zwischen den Brauen.
5/16 svadeharudhire datte rudradeha ivāparaḥ |
brāhmaṇo yadi vā kṣatro vaiśyaḥ śūdraśca eva vā || 5/16 ||
Übersetzung: Wer eigenes Körperblut darbringt, wird [dem Text zufolge] gleichsam zu einem zweiten Rudra in körperlicher Gestalt – ob Brahmane, Kshatriya, Vaishya oder Shudra …
Wort-für-Wort: svadeharudhire datte – wenn eigenes Körperblut dargebracht ist; rudradehaḥ – Rudras Körpergestalt; brāhmaṇa/kṣatra/vaiśya/śūdra – die vier gesellschaftlichen Stände.
5/17 pradadyānnijaraktañca mantrayitvā prayatnataḥ |
śaktīnāṃ nādhikāro'sti svadeharudhirārpaṇe || 5/17 ||
Übersetzung: … er möge das eigene Blut sorgfältig mit Mantra darbringen. Shaktis [Frauen] besitzen keine Berechtigung, Blut aus ihrem eigenen Körper zu opfern.
Wort-für-Wort: pradadyāt – er möge geben; mantrayitvā – mit Mantra besprochen habend; śaktīnām – der Shaktis; nādhikāraḥ – keine Berechtigung; arpaṇa – Darbringung.
5/18 mantrāntaraṃ pravakṣyāmi śṛṇu bhairavi ! sādaram |
pūrvoktamantrarājasya madhyavījatrayaṃ priye ! || 5/18 ||
Übersetzung: Ich erkläre einen weiteren Mantra; höre aufmerksam, Bhairavi. Die drei mittleren Bijas des zuvor gelehrten Mantrakönigs …
Wort-für-Wort: mantrāntaram – weiterer Mantra; pūrvokta – zuvor genannt; madhyabījatrayam – Dreiergruppe mittlerer Bijas; sādaram – aufmerksam, ehrerbietig.
5/19 kulvukā nāma devī ca mahānīlasarasvatī |
ekaiva hi mahādevī nāmamātraṃ tridhā bhavet || 5/19 ||
Übersetzung: … [heißen] Kulluka; die Göttin ist Mahanilasarasvati. Es ist nur eine große Göttin, die allein dem Namen nach dreifach erscheint.
Wort-für-Wort: kulvukā – wohl Kulluka, technische Mantrabezeichnung; mahānīlasarasvatī – große blaue Sarasvati; ekaiva – nur eine; nāmamātram – allein dem Namen nach; tridhā – dreifach.
5/20 praṇavavyatirekena tṛtīyaikajaṭā bhavet |
yathā pañcākṣarī tryarṇā tathā varṇacatuṣṭayam || 5/20 ||
Übersetzung: Ohne den Pranava ergibt sich die dritte [Form], Ekajata. Wie die fünfsilbige und die dreisilbige, so auch die viersilbige [Form] …
Wort-für-Wort: praṇavavyatirekeṇa – unter Weglassung von Om; ekajaṭā – die Einflechtige, Göttinnenname; pañcākṣarī – fünfsilbig; tryarṇā – dreisilbig; varṇacatuṣṭayam – vier Laute.
5/21 māhātmyaṃ na ca bhedaḥ syāt sāmyamityabhidhīyate |
iti te kathitaṃ tattvaṃ durlabhaṃ mayakā priye || 5/21 ||
Übersetzung: … unterscheiden sich nicht an Größe und Wirksamkeit; ihre Gleichheit wird gelehrt. Damit habe ich dir, Geliebte, diese schwer zugängliche Wahrheit erklärt.
Wort-für-Wort: māhātmyam – Größe, Wirkmacht; na bhedaḥ – kein Unterschied; sāmyam – Gleichheit; tattvam – Wahrheit, Wesen.
5/22 gopanīyaṃ prayatnena yoniḥ paranare yathā || 5/22 ||
Übersetzung: Man soll sie sorgfältig verborgen halten wie die Yoni vor einem fremden Mann.
Wort-für-Wort: paranare – vor/gegenüber einem fremden Mann; yoniḥ – Yoni; yathā – wie; gopanīyam – zu verbergen.
iti śrītārātantre pañcamaḥ paṭalaḥ ||
Übersetzung: So endet das fünfte Kapitel im ehrwürdigen Tara Tantra.
Wort-für-Wort: pañcamaḥ – fünfter; iti – so.
Sechstes Kapitel
ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
Übersetzung: Sechstes Kapitel
Wort-für-Wort: ṣaṣṭhaḥ – sechster; paṭalaḥ – Kapitel.
śrībhairava uvāca |
Übersetzung: Der ehrwürdige Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: uvāca – sprach.
6/1 athānyat saṃpravakṣyāmi rahasyaṃ tāriṇīmayam |
ugrāditrayamantrasya māhātmyaṃ varṇayāmyaham || 6/1 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Nun lehre ich ein weiteres Geheimnis der Tarini. Ich beschreibe die Größe der drei mit Ugra beginnenden Mantras.
Wort-für-Wort: ugrāditrayamantrasya – der drei Mantras, beginnend mit Ugra; māhātmyam – Größe; tāriṇīmayam – Tarini betreffend/erfüllt; varṇayāmi – ich beschreibe.
6/2 saṃkṣepata stathāpīha varṇayāmi maheśvari ! |
tārāmantravido mantrī kālīmantravida stathā || 6/2 ||
Übersetzung: Doch fasse ich mich dabei kurz, große Göttin. Der Mantrapraktizierende, der Taras Mantra kennt, und ebenso der Kenner des Kali-Mantras …
Wort-für-Wort: saṃkṣepataḥ – kurz zusammengefasst; tārāmantravit – Kenner des Tara-Mantras; kālīmantravit – Kenner des Kali-Mantras; mantrī – Mantrapraktizierender.
6/3 śivādapyadhiko devi ! nātra kāryaśca saṃśayaḥ |
tārāmantraṃ vinā devi ! kālikāmantrameva ca || 6/3 ||
Übersetzung: … gilt sogar als größer als Shiva; daran soll kein Zweifel bestehen, Göttin. Ohne den Tara-Mantra und den Kalika-Mantra …
Wort-für-Wort: śivād api adhikaḥ – sogar Shiva überragend; saṃśayaḥ – Zweifel; vinā – ohne; kālikā – Kali.
6/4 nāpnuyāt parameśāni ! bhogamokṣau yaśaḥśriyau |
tāriṇīhṛdayajñānī latāsādhana - tatparaḥ || 6/4 ||
Übersetzung: … erlangt man weder Genuss und Befreiung noch Ruhm und Wohlstand, höchste Herrin. Wer Tarinis Herz kennt und sich der Lata-Sadhana widmet …
Wort-für-Wort: bhogamokṣau – Genuss und Befreiung (Dual); yaśaḥśriyau – Ruhm und Wohlstand; hṛdayajñānī – Kenner des Herzens/Wesens; latāsādhana – Praxis mit der „Ranke“, der Ritualpartnerin.
6/5 pañcamaprāśanaprājño devairapi namasyate |
nijakāntā - svarūpeṇa nijabandhusvarūpataḥ || 6/5 ||
Übersetzung: … und im Genuss des fünften [Ritualelements] kundig ist, wird sogar von den Göttern verehrt. In Gestalt der eigenen Gefährtin oder der eigenen Verwandten …
Wort-für-Wort: pañcamaprāśana – Genuss des fünften Elements; prājñaḥ – kundig; namasyate – wird verehrt; nijabandhu – eigener Verwandter/Freund; svarūpeṇa – in Gestalt von.
6/6 dāridryeṇa virodhena nyakkārādiprayogataḥ |
pīḍādinā vidhīyeta devairbhaṅgo'tra sādhane || 6/6 ||
Übersetzung: … durch Armut, Widerspruch, Geringschätzung, Bedrängnis und anderes können die Götter diese Sadhana unterbrechen.
Wort-für-Wort: dāridryeṇa – durch Armut; virodhena – durch Widerstand; nyakkāra – Verachtung; pīḍā – Bedrängnis; bhaṅgaḥ – Unterbrechung, Scheitern.
6/7 tasmādyatnena vīrendro gurave vinivedayet |
sarvathā sarvayatnena sarvopāsyā ca tāriṇī || 6/7 ||
Übersetzung: Deshalb soll der beste Vira dies sorgfältig dem Guru anvertrauen. Tarini ist unter allen Umständen mit ganzer Anstrengung und von allen zu verehren.
Wort-für-Wort: gurave vinivedayet – dem Guru mitteilen/anvertrauen; sarvathā – auf jede Weise, unter allen Umständen; sarvayatnena – mit ganzer Anstrengung; sarvopāsyā – von allen zu verehren.
6/8 bhadrābhadravicārañca yaḥ karoti sa durmatiḥ |
iti te kathitaṃ tattvamanuṣṭheśca samāsataḥ || 6/8 ||
Übersetzung: Wer [bei diesen Ritualen] über glückverheißend und unheilvoll grübelt, gilt als unverständig. Damit habe ich dir das Wesen der Praxis kurz erklärt.
Wort-für-Wort: bhadrābhadravicāra – Unterscheidung von günstig und ungünstig; durmatiḥ – von schlechtem Verständnis; anuṣṭheḥ – verderbte Form, wohl auf die Ausführung bezogen; samāsataḥ – zusammenfassend.
6/9 darśanādbhaktaśāktā ye sukhante paribhuñjate |
tārātantraṃ cīnatantraṃ kālītantraṃ guruditam || 6/9 ||
Übersetzung: Die ergebenen Shaktas, die sich am Schauen erfreuen und genießen [erster Halbvers unsicher], [sollen] Tara Tantra, Cina Tantra und Kali Tantra, vom Guru gelehrt …
Wort-für-Wort: bhaktaśāktāḥ – ergebene Shakti-Verehrer; darśanāt – durch Schauen/Begegnung; paribhuñjate – sie genießen; guruditam – vom Guru ausgesprochen.
6/10 sarvathā gopanāyaiva śaktiṃ vakṣaḥsthale'rpayet |
deyaṃ viṣyāya śāntāya sādhakāya mahātmane || 6/10 ||
Übersetzung: … unbedingt geheim halten; man nehme die Shakti an die Brust. [Diese Lehre] soll einem friedvollen Schüler, einem hochherzigen Sadhaka gegeben werden …
Wort-für-Wort: gopanāya – zur Geheimhaltung; vakṣaḥsthale – an der Brust; deyam – zu geben; śāntāya – dem Friedvollen; mahātmane – dem Hochherzigen.
6/11 vilāsine svantrāya gurutantrāya suvrate ! |
anyadyannoktamatrāpi tatsarvaṃ guruvaktrataḥ || 6/11 ||
Übersetzung: … einem freudvoll Lebenden, innerlich Freien und am Guru Orientierten, du Treugelobte. Was hier nicht gelehrt wurde, [erfahre man] vollständig aus dem Mund des Gurus …
Wort-für-Wort: vilāsine – dem spielerisch/freudvoll Lebenden; svantrāya – wohl svatantrāya, dem Freien; gurutantrāya – dem vom Guru Geleiteten; guruvaktrataḥ – aus dem Mund des Gurus.
6/12 viruddhaṃ vedavāde'pi śrotavyaṃ nātra saṃśayaḥ || 6/12 ||
Übersetzung: … und höre es auch dann, wenn es dem vedischen Lehrwort widerspricht. Daran besteht kein Zweifel.
Wort-für-Wort: viruddham – widersprechend; vedavāde – der vedischen Lehrrede; śrotavyam – zu hören; nātra saṃśayaḥ – hier besteht kein Zweifel.
|| iti śrībhairavabhairavīsaṃvāde tārātantre ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ ||
Übersetzung: So endet das sechste Kapitel des Tara Tantra im Gespräch zwischen dem ehrwürdigen Bhairava und Bhairavi.
Wort-für-Wort: saṃvāde – im Gespräch; ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ – sechstes Kapitel.
[ samāpto'yaṃ granthaḥ ]
Übersetzung: Dieses Werk ist abgeschlossen.
Wort-für-Wort: samāptaḥ – abgeschlossen; ayam granthaḥ – dieses Werk.
Die Erzählung von Buddha und Vasishtha.
buddhavaśiṣṭhavṛttāntaḥ
Übersetzung: Die Erzählung von Buddha und Vasishtha.
Wort-für-Wort: buddhavaśiṣṭha – Buddha und Vasishtha; vṛttāntaḥ – Begebenheit, Erzählung.
[ rudrayāmale saptadaśapaṭalaḥ ]
Übersetzung: Im Rudrayamala, siebzehntes Kapitel.
Wort-für-Wort: rudrayāmale – im Rudrayamala; saptadaśa – siebzehn; paṭalaḥ – Kapitel.
Anhang A: Buddha und Vasishtha – Rudrayamala-Zuschreibung

A/1 vaśiṣṭho brahmaputro'pi cirakālaṃ susādhanam |
cakāra nirjane deśe kṛcchreṇa tapasā vaśī || 7/1 ||
Übersetzung: Obwohl Vasishtha Brahmas Sohn war, übte der selbstbeherrschte Weise lange Zeit an einem einsamen Ort eine strenge, mühevolle Sadhana.
Wort-für-Wort: brahmaputraḥ – Sohn Brahmas; cirakālam – lange Zeit; nirjane deśe – an menschenleerem Ort; kṛcchreṇa tapasā – mit mühevoller Askese; vaśī – selbstbeherrscht.
A/2 ṣaṭsahasraṃ vatsarañca vyāpya yogādisādhanam |
tathāpi sākṣād girijā na babhūva mahītale || 7/2 ||
Übersetzung: Sechstausend Jahre verbrachte er mit Yoga und weiteren Übungen; dennoch erschien Girija ihm nicht leibhaftig auf Erden.
Wort-für-Wort: ṣaṭsahasram vatsaram – sechstausend Jahre; tathāpi – dennoch; sākṣāt – unmittelbar, leibhaftig; girijā – Berggeborene, Göttin.
A/3 tato jagāma kruddho'sau tātasya nikaṭe prabhuḥ |
sarvaṃ tatkathayāmāsa svīyācārakramaṃ prabho ! || 7/3 ||
Übersetzung: Da begab er sich zornig zu seinem Vater und berichtete ihm seine gesamte Übungsweise.
Wort-für-Wort: kruddhaḥ – zornig; tātasya nikaṭe – in die Nähe des Vaters; kathayāmāsa – er erzählte; svīyācārakramam – eigene Abfolge der Praxis.
A/4 anyamantraṃ dehi nātha ! eṣā vidyā na siddhidā |
anyathā sudṛḍhaṃ śāpaṃ tadāgra (tvadagre) pradadāmi hi || 7/4 ||
Übersetzung: „Gib mir einen anderen Mantra, Herr! Diese Vidya verleiht keine Vollendung. Andernfalls werde ich vor dir einen harten Fluch aussprechen.“
Wort-für-Wort: anyamantram – anderen Mantra; siddhidā – Vollendung gebend; anyathā – andernfalls; śāpam – Fluch; tvadagre – vor dir, angegebene Lesungsverbesserung.
A/5 tatastaṃ vārayāmāsa evaṃ na kuru bho ! suta ! |
punastāṃ bhaja bhāvena yogamārgeṇa paṇḍitaḥ || 7/5 ||
Übersetzung: Der Vater hielt ihn zurück: „Tue das nicht, mein Sohn! Verehre sie erneut mit Hingabe auf dem Yogaweg, du Verständiger.
Wort-für-Wort: vārayāmāsa – er hielt zurück; mā/na kuru – tue nicht; bhāvena – mit innerer Haltung/Hingabe; yogamārgeṇa – auf dem Yogaweg.
A/6 tataḥ sā varadā bhūtvā āgamiṣyati te'grataḥ |
sā devo paramā śaktiḥ sarvasaṅkaṭatāriṇī || 7/6 ||
Übersetzung: Dann wird sie als Segensspenderin vor dir erscheinen. Sie ist die Göttin, die höchste Shakti, die aus allen Bedrängnissen hinüberrettet …
Wort-für-Wort: varadā – Segensspenderin; paramā śaktiḥ – höchste Kraft; sarvasaṅkaṭatāriṇī – aus allen Bedrängnissen rettend; āgamiṣyati – sie wird kommen.
A/7 koṭisūryaprabhā nīlā candrakoṭisuśītalā |
sthiravidyullatākoṭisadṛśī kālakāminī || 7/7 ||
Übersetzung: … blau, leuchtend wie zehn Millionen Sonnen, kühlend wie zehn Millionen Monde, gleich unzähligen stillstehenden Blitzranken, die Geliebte Kalas …
Wort-für-Wort: nīlā – blau; candrakoṭisuśītalā – kühl wie zehn Millionen Monde; sthiravidyullatā – stillstehende Blitzranke; kālakāminī – Geliebte der Zeit/des Kala.
A/8 sarvasvarūpā sarvādyā dharmādharmavivarjitā |
śuddhacīnācāraratā śakticakrapravartikā || 7/8 ||
Übersetzung: … deren Gestalt alles ist, Ursprung von allem, jenseits von Dharma und Adharma, der reinen Cinacara-Praxis zugewandt und den Shakti-Kreis in Bewegung setzend …
Wort-für-Wort: sarvasvarūpā – alle Gestalten habend; sarvādyā – Ursprung aller; dharmādharmavivarjitā – frei von Dharma und Adharma; śakticakrapravartikā – den Shakti-Kreis in Gang setzend.
A/9 anantānantamahimā saṃsārāṇavatāriṇī |
buddheśvarī buddhirūpā atharvavedaśākhinī || 7/9 ||
Übersetzung: … von grenzenloser Größe, Retterin über den Ozean des Samsara, Herrin Buddhas, Gestalt der Erkenntnis und ein Zweig des Atharvaveda.
Wort-für-Wort: saṃsārārṇavatāriṇī – über den Samsara-Ozean Rettende (überlieferte Form verkürzt); buddheśvarī – Herrin Buddhas; buddhirūpā – Erkenntnisgestalt; atharvavedaśākhinī – zum Atharvaveda gehörig/sein Zweig.
A/10 sā pāti jagatāṃ lokāṃ stasyā karma carācaram |
bhaja putra ! sthirānandaḥ kathaṃ śaptuṃ samudyataḥ || 7/10 ||
Übersetzung: Sie schützt die Welten; alles Bewegliche und Unbewegliche ist ihr Werk. Verehre sie in beständiger Freude, Sohn! Warum willst du sie verfluchen?
Wort-für-Wort: pāti – sie schützt; carācaram – Bewegliches und Unbewegliches; sthirānandaḥ – in beständiger Freude; śaptum – zu verfluchen.
A/11 ekāntacetasā nityaṃ bhaja putra dayānidhe |
tasya (syā) darśanamevaṃ hi avaśyaṃ samavāpsyasi || 7/11 ||
Übersetzung: Verehre sie beständig mit ungeteilter Aufmerksamkeit, mein gütiger Sohn. So wirst du gewiss ihre Schau erlangen.“
Wort-für-Wort: ekāntacetasā – mit ganz gesammeltem Geist; nityam – beständig; dayānidhe – Schatz des Mitgefühls; darśanam – Schau; avaśyam – gewiss.
A/12 etacchrutvā gurorvākyaṃ praṇamya ca punaḥ punaḥ |
jagāma udadhe stīre vaśī vedāntavit śuciḥ || 7/12 ||
Übersetzung: Nachdem er die Worte des Lehrers gehört und sich wiederholt verneigt hatte, ging der reine, selbstbeherrschte Kenner des Vedanta an das Meeresufer.
Wort-für-Wort: guror vākyam – Wort des Lehrers; praṇamya – sich verneigt habend; udadheḥ tīre – zum Meeresufer; vedāntavit – Vedanta-Kenner; śuciḥ – rein.
A/13 sahasravatsaraṃ samyak jajāpa paramaṃ japam |
ādeśopi na babhūva tataḥ krodhaparo muniḥ || 7/13 ||
Übersetzung: Tausend Jahre übte er unermüdlich das höchste Japa. Doch nicht einmal eine Weisung wurde ihm zuteil; da geriet der Weise in Zorn.
Wort-für-Wort: sahasravatsaram – tausend Jahre; jajāpa – er rezitierte; ādeśaḥ – Weisung, Offenbarungszeichen; krodhaparaḥ – ganz dem Zorn verfallen.
A/14 vyākulātmā mahāvidyāṃ vaśiṣṭhaḥ śaptumudyataḥ |
dvirācamya mahāśāpaḥ pradattaśca sudāruṇaḥ || 7/14 ||
Übersetzung: Aufgewühlt wollte Vasishtha die Mahavidya verfluchen. Nach zweimaligem rituellem Mundspülen sprach er einen furchtbaren Fluch aus.
Wort-für-Wort: vyākulātmā – innerlich aufgewühlt; dvirācamya – zweimal rituell den Mund gespült habend; mahāśāpaḥ – großer Fluch; sudāruṇaḥ – sehr furchtbar.
A/15 tenaiva muninā nātha ! muneragre kuleśvarī |
ājagāma mahāvidyā yogināmabhayapradā || 7/15 ||
Übersetzung: Da erschien vor dem Weisen die Herrin des Kula, die Mahavidya, die den Yogis Furchtlosigkeit schenkt.
Wort-für-Wort: kuleśvarī – Herrin des Kula; ājagāma – sie kam; mahāvidyā – große Wissensgöttin; abhayapradā – Furchtlosigkeit gebend.
A/16 akāraṇamare vipra ! śāpo dattaḥ sudāruṇaḥ |
mama pūjāṃ na jānāsi matkulāgamacintanam || 7/16 ||
Übersetzung: „Grundlos hast du, Brahmane, einen so schrecklichen Fluch ausgesprochen! Du kennst weder meine Verehrung noch die Besinnung auf meinen Kulagama.
Wort-für-Wort: akāraṇam – ohne Grund; vipra – Brahmane; na jānāsi – du kennst nicht; kulāgama – Offenbarung der Kula-Tradition; cintanam – Betrachtung, Verständnis.
A/17 kathaṃ yogāabhyāsavaśāt matpādāmbhojadarśanam |
prāpnoti mānuṣo devo mama dhyānamaduḥkhadam || 7/17 ||
Übersetzung: Wie könnte ein Mensch oder Gott allein durch Yogaübung die Schau meiner Lotusfüße erreichen? Die Meditation auf mich führt über Leid hinaus … [Der Satzanschluss ist unsicher.]
Wort-für-Wort: yogābhyāsavaśāt – aufgrund bloßer Yogaübung; matpādāmbhojadarśanam – Schau meiner Lotusfüße; mānuṣaḥ devaḥ – Mensch/Gott; aduḥkhadam – kein Leid bringend.
A/18 yaḥ kulārthī siddhamantrī mahedācāranirmalam |
mamaiva sādhanaṃ puṇyaṃ vedānāmapyagocaram || 7/18 ||
Übersetzung: Wer nach Kula strebt und im Mantra vollendet ist, [folge] meiner heiligen, durch [Mahacina-]Praxis reinen Sadhana, die selbst den Veden unzugänglich ist. [mahedācāra ist verderbt.]
Wort-für-Wort: kulārthī – nach Kula Strebender; siddhamantrī – im Mantra Vollendeter; puṇyam – heilig, verdienstvoll; vedānām api agocaram – selbst außerhalb der Reichweite der Veden.
A/19 bauddhadeśe'tharvavede mahācīne sadā braja |
tatra gatvā mahābhāvaṃ vilokya matpadāmbujam || 7/19 ||
Übersetzung: Begib dich in das buddhistische Land Mahacina, [das hier] mit dem Atharvaveda [verbunden wird]. Dort schaue den großen Zustand und meine Lotusfüße … [Die Orts- und Traditionsangaben sind syntaktisch spröde.]
Wort-für-Wort: bauddhadeśe – im buddhistischen Land; mahācīne – in Mahacina; atharvavede – im Atharvaveda; mahābhāvam – großen Zustand/hohe Hingabe; vilokya – geschaut habend.
A/20 matkulajño maharṣe ! tvaṃ mahāsiddho bhaviṣyasi |
etadvākyaṃ kathitvā sā vāyavyākāśagāminī || 7/20 ||
Übersetzung: … und als Kenner meines Kula wirst du, großer Seher, ein Mahasiddha werden.“ Nach diesen Worten bewegte sie sich durch den luftigen Raum …
Wort-für-Wort: matkulajñaḥ – Kenner meines Kula; maharṣe – großer Seher; mahāsiddhaḥ – großer Vollendeter; ākāśagāminī – durch den Raum Gehende.
A/21 nirākārā'bhavat śīghraṃ tataḥ sākāśavāhinī |
tato munivaraḥ śrutvā mahāvidyāsarasvatīm || 7/21 ||
Übersetzung: … und wurde rasch unsichtbar, sich im Raum bewegend. Nachdem der große Weise die Mahavidya Sarasvati gehört hatte …
Wort-für-Wort: nirākārā – gestaltlos; mahāvidyāsarasvatīm – Sarasvati als große Wissensgöttin; śrutvā – gehört habend; munivaraḥ – vortrefflicher Weiser.
A/22 jagāma cīnabhūmau ca yatra buddhaḥ pratiṣṭhitaḥ |
punaḥ punaḥ praṇamyāsau vaśiṣṭhaḥ kṣitimaṇḍale || 7/22 ||
Übersetzung: … ging er ins Cina-Land, wo Buddha weilte. Vasishtha verneigte sich wieder und wieder zur Erde …
Wort-für-Wort: cīnabhūmau – ins Cina-Land; buddhaḥ – Buddha; pratiṣṭhitaḥ – ansässig, weilend; punaḥ punaḥ – immer wieder; kṣitimaṇḍale – auf dem Erdboden.
A/23 rakṣa rakṣa mahādeva ! buddharūpadharāvyayaḥ (ya !) |
ati dīnaṃ vaśiṣṭhaṃ māṃ sadāvyākulacetasam || 7/23 ||
Übersetzung: … und sprach: „Rette, rette mich, Mahadeva, Unvergänglicher in Buddha-Gestalt! Ich bin Vasishtha, elend und unablässig von Unruhe erfüllt …
Wort-für-Wort: rakṣa – rette, schütze (Imperativ); buddharūpadhara – Buddha-Gestalt Tragender; avyaya – Unvergänglicher; vyākulacetas – von unruhigem Geist.
A/24 brahmaputraṃ mahādevīsādhanāyājagāma ca (yaḥ) |
siddhimārgaṃ na jānāmi devamārgaparoharaḥ |
tavācāraṃ samālokya bhayāni santi me hṛdi || 7/24 ||
Übersetzung: … Brahmas Sohn, gekommen zur Sadhana der großen Göttin. Ich kenne den Weg der Vollendung nicht [der folgende Ausdruck ist verderbt]. Beim Anblick deiner Praxis entsteht Furcht in meinem Herzen.
Wort-für-Wort: brahmaputram – Brahmas Sohn; siddhimārgam – Weg zur Vollendung; tava ācāram – deine Praxis; bhayāni – Ängste; hṛdi – im Herzen.
A/25 tannāśaya mama kṣipraṃ durvuddhi vedagāminīm |
vedavahiṣkṛtaṃ karma sadā te cālaye prabho ! || 7/25 ||
Übersetzung: Beseitige rasch mein fehlgeleitetes, allein dem Veda folgendes Verständnis! In deiner Wohnstätte wird beständig ein Tun vollzogen, das außerhalb der vedischen Ordnung steht.
Wort-für-Wort: durbuddhim – falsches Verständnis; vedagāminīm – dem Veda folgend; vedabahiṣkṛtam – außerhalb des Veda stehend; karma – Handlung; ālaye – in der Wohnstätte.
A/26 kathametatprakārañca madyaṃ māṃsaṃ tathāṅganāṃ (nā)
sarve digambarāḥ siddhāḥ raktapānodyatā varāḥ |
muhurmuhuḥ prapivanti ramayanti varāṅganām || 7/26 ||
Übersetzung: Was ist das für eine Weise: Wein, Fleisch und Frauen? Die Vollendeten sind nackt, zum Bluttrinken bereit, trinken immer wieder und vereinigen sich mit schönen Frauen.
Wort-für-Wort: madyam – Wein; māṃsam – Fleisch; aṅganā – Frau; digambarāḥ – nackt, wörtlich richtungsbekleidet; raktapānodyatāḥ – zum Bluttrinken bereit; ramayanti – erfreuen sich sexuell.
A/27 sadā māṃsāsavaiḥ pūrṇā mattā raktavilocanāḥ |
nigrahānugrahe śaktāḥ pūrṇāntaḥkaraṇodyatāḥ || 7/27 ||
Übersetzung: Stets sind sie von Fleisch und alkoholischem Trank erfüllt, berauscht, mit geröteten Augen; sie sind zu Züchtigung und Begnadung fähig und innerlich von Fülle getragen.
Wort-für-Wort: āsava – alkoholisches Getränk; matta – berauscht; raktavilocana – rotäugig; nigrahānugraha – Züchtigung und Begünstigung; antaḥkaraṇa – inneres Organ/Geist.
A/28 vedasyāgocarāḥ sarve madyastrī - sevane ratāḥ |
ityuvāca mahāyogī dṛṣṭvā vedavahiṣkṛtam || 7/28 ||
Übersetzung: Sie alle stehen außerhalb des Bereichs des Veda und erfreuen sich an Wein und Frauen.“ So sprach der große Yogi beim Anblick dessen, was der vedischen Ordnung nicht entspricht.
Wort-für-Wort: vedasya agocarāḥ – außerhalb des Veda; sevane ratāḥ – dem Genuss/Umgang zugetan; ity uvāca – so sprach er; vedabahiṣkṛtam – vom Veda ausgeschlossen.
A/29 prāñjalirvinayāviṣṭo vada caitatkulaprabho ! |
manaḥ pravṛttireteṣāṃ kathaṃ bhavati pāvana (nī) || 7/29 ||
Übersetzung: Mit gefalteten Händen, voller Demut, fragte er: „Erkläre mir dies, Herr des Kula! Wie kann eine solche Ausrichtung des Geistes reinigend sein?“
Wort-für-Wort: prāñjaliḥ – mit gefalteten Händen; vinaya – Demut; manaḥpravṛttiḥ – Ausrichtung/Tätigkeit des Geistes; pāvanī – reinigend, korrigierte feminine Form.
kathaṃ vā jāyate siddhirvedakāryaṃ vinā prabho ! |
buddha uvāca |
Übersetzung: Und wie kann ohne vedisches Handeln Vollendung entstehen, Herr? Buddha sprach:
Wort-für-Wort: vedakāryam vinā – ohne vedisches Handeln; siddhiḥ – Vollendung; jāyate – entsteht; buddha uvāca – Buddha sprach.
A/30 vaśiṣṭha ! śṛṇu vakṣyāmi kulamārgamanuttamam |
yena vijñānamātrena rudrarūpī bhavet kṣaṇāt || 7/30 ||
Übersetzung: Buddha sprach: Vasishtha, höre! Ich erkläre den unübertrefflichen Kula-Weg, durch dessen bloßes Erkennen man augenblicklich Rudras Gestalt gewinnt.
Wort-für-Wort: kulamārgam – Kula-Weg; vijñānamātreṇa – durch bloßes Erkennen; rudrarūpī – Rudras Gestalt habend; kṣaṇāt – im Augenblick.
A/31 saṅkṣepeṇa sarvasāraṃ kulasiddhyarthamāgamam |
ādau śucirbhavedvīro vivekākrāntamānasaḥ |
paśubhāvasthira cetāḥ paśusaṅgavivarjitaḥ || 7/31 ||
Übersetzung: Ich gebe kurz die Essenz der Offenbarung zur Kula-Vollendung. Zuerst sei der Vira rein und von Unterscheidungskraft erfüllt, [nach der überlieferten Lesung] im Pashu-Zustand gefestigt, aber ohne Pashu-Gesellschaft. [Diese widersprüchliche Lesung bleibt kenntlich.]
Wort-für-Wort: śuciḥ – rein; vivekākrāntamānasaḥ – mit von Unterscheidung durchdrungenem Geist; paśubhāvasthiracetāḥ – im Pashu-Zustand geistig fest; paśusaṅgavivarjitaḥ – ohne Pashu-Gesellschaft.
A/32 ekākī nirjane sthitvā kāmakrodhādivarjitaḥ |
sadā yogābhyāsarato yogaśikṣādṛḍhabrataḥ || 7/32 ||
Übersetzung: Er lebe allein an einem stillen Ort, frei von Begierde, Zorn und dergleichen, beständig der Yogaübung zugewandt und fest entschlossen, Yoga zu lernen.
Wort-für-Wort: ekākī – allein; kāmakrodhādivarjitaḥ – frei von Begierde, Zorn usw.; yogābhyāsarataḥ – Yogaübungen zugetan; dṛḍhavrataḥ – von festem Gelübde/Entschluss.
A/33 vedamārgāśrayo nityaṃ vedārthanipuṇo mahān |
evaṃ krameṇa dharmātmā śīlaudāryaguṇānvitaḥ || 7/33 ||
Übersetzung: Er halte sich stets an den vedischen Weg und sei in der Bedeutung des Veda bewandert. So werde er schrittweise rechtschaffen und mit gutem Verhalten und Großmut ausgestattet.
Wort-für-Wort: vedamārgāśrayaḥ – auf dem vedischen Weg gegründet; vedārthanipuṇaḥ – im Sinn des Veda kundig; krameṇa – schrittweise; śīla – gutes Verhalten; audārya – Großmut.
A/34 dhārayenmārutaṃ nityaṃ śvāsamārge manolayam |
evamabhyāsayogena vaśī yogī dine dine || 7/34 ||
Übersetzung: Er zügle beständig den Atem und lasse den Geist im Atemweg zur Ruhe kommen. Durch diese beständige Yogaübung wird der Yogi Tag für Tag selbstbeherrschter.
Wort-für-Wort: mārutam – Wind, Atem; dhārayet – er halte/zügle; śvāsamārge – im Atemweg; manolayam – Auflösung/Ruhe des Geistes; dine dine – Tag für Tag.
A/35 śanaiḥ śanaiḥ kṛtābhyāsāddehe svedodgamo'dhamaḥ |
madhyamaḥ svalpasaṃyukto bhūmityāgaḥ paro mataḥ || 7/35 ||
Übersetzung: Bei allmählich vertiefter Übung gilt auftretender Schweiß als unteres Zeichen; das mittlere Zeichen ist nur unklar bezeichnet, das Abheben vom Boden als höchstes.
Wort-für-Wort: śanaiḥ śanaiḥ – nach und nach; svedodgamaḥ – Schweißausbruch; adhamaḥ/madhyamaḥ/paraḥ – unteres/mittleres/höchstes; svalpasaṃyuktaḥ – mit Wenigem verbunden, hier unklar; bhūmityāgaḥ – Verlassen des Bodens.
A/36 prāṇāyāmena siddhiḥ (ddhaḥ) syānnaro yogeśvaro bhavet |
yogī bhūtvā kumbhakajño maunī bhakto divāniśam || 7/36 ||
Übersetzung: Durch Pranayama werde der Mensch vollendet und ein Herr des Yoga. Als Yogi, kundig im Kumbhaka, lebe er schweigsam und Tag und Nacht in Hingabe …
Wort-für-Wort: prāṇāyāmena – durch Atemzügelung; yogeśvaraḥ – Herr des Yoga; kumbhakajñaḥ – Kenner des Atemanhaltens; maunī – Schweigsamer; bhaktaḥ – hingebungsvoll.
A/37 śive kṛṣṇe brahmapade ekāntabhaktisaṃyutaḥ |
brahma - viṣṇu - śivā ete vāyavīgaticañcalā || 7/37 ||
Übersetzung: … mit ungeteilter Hingabe an Shiva, Krishna und den Brahman-Zustand. Brahma, Vishnu und Shiva sind [hier als] durch die Bewegung des Lebenswindes bewegt [beschrieben].
Wort-für-Wort: brahmapade – im/an den Brahman-Zustand; ekāntabhakti – ausschließliche Hingabe; vāyavīgati – Bewegung des Windes; cañcalāḥ – bewegt, beweglich.
A/38 evaṃ vibhāvya manasā karmaṇā vacasā śuciḥ |
śaktau cittaṃ samādhāya cidrūpāyāṃ sthirāśayaḥ || 7/38 ||
Übersetzung: So betrachtend sei er rein in Gedanken, Taten und Worten. Mit festem Entschluss sammle er den Geist in Shakti, deren Wesen Bewusstsein ist.
Wort-für-Wort: manasā karmaṇā vacasā – in Gedanken, Taten und Worten; śaktau – in Shakti; cittam samādhāya – den Geist gesammelt habend; cidrūpāyām – in der Bewusstseinsgestaltigen; sthirāśayaḥ – fest entschlossen.
A/39 tato mahāvīrabhāvaṃ kulamārgamahodayam |
śakticakraṃ satvacakraṃ vaiṣṇavaṃ navavigraham || 7/39 ||
Übersetzung: Dann [trete er ein] in den großen Vira-Zustand, die große Entfaltung des Kula-Weges, und nehme Zuflucht zum Shakti-Kreis, zum Sattva-Kreis und zur neunfachen Vishnu-Gestalt … [Die Reihung bleibt erklärungsbedürftig.]
Wort-für-Wort: mahāvīrabhāvam – großen Heldenzustand; śakticakram – Shakti-Kreis; satvacakram – Sattva-/Wesenskreis; vaiṣṇavam navavigraham – neunfache Vishnu-Gestalt.
A/40 samāśritya bhajenmantrī kulakātyāyanīṃ parām |
pratyakṣadevatāṃ śrīdāṃ caṇḍo devagā (?) nikṛntanīm || 7/40 ||
Übersetzung: … und verehre als Mantrapraktizierender die höchste Kula-Katyayani, die unmittelbar gegenwärtige Gottheit, die Wohlergehen schenkt und [Unheil] zerschneidet. [Das Objekt zu „zerschneiden“ ist beschädigt.]
Wort-für-Wort: kulakātyāyanīm – Katyayani des Kula; pratyakṣadevatām – unmittelbar gegenwärtige Gottheit; śrīdām – Wohlergehen gebend; nikṛntanīm – zerschneidend.
A/41 cidrūpāṃ jñānanilayāṃ caitanyānandavigrahām |
koṭisaudāminībhāsāṃ sarvatattvasvarūpiṇīm || 7/41 ||
Übersetzung: Sie ist Bewusstsein selbst, die Wohnstätte der Erkenntnis, Verkörperung bewusster Wonne, strahlend wie zehn Millionen Blitze und Wesen aller Wirklichkeitsprinzipien.
Wort-für-Wort: cidrūpām – Bewusstseinsgestalt; jñānanilayām – Wohnstätte der Erkenntnis; caitanyānandavigrahām – Verkörperung von Bewusstsein und Wonne; sarvatattvasvarūpiṇīm – Wesen aller Tattvas.
A/42 aṣṭādaśabhujāṃ raudrīṃ śivamāṃsācalapriyām |
āśritya prajapenmantraṃ kulamārgāśrayo naraḥ |
kulamārgāt paraṃ mārgaṃ ko jānāti jagattraye |
etanmārgaprasādena brahmā sraṣṭā svayaṃ mahān || 7/42 ||
Übersetzung: Sie hat achtzehn Arme und eine wilde Gestalt; sie liebt [nach einer schwierigen Lesung] Schakale und Fleischberge. Zu ihr nehme der Mensch Zuflucht und rezitiere auf dem Kula-Weg seinen Mantra. Wer kennt in den drei Welten einen höheren Weg? Durch dessen Gnade wurde Brahma selbst der große Schöpfer.
Wort-für-Wort: aṣṭādaśabhujām – achtzehnarmig; raudrīm – wild, furchterregend; śivāmāṃsācala – unsichere Verbindung, Schakal/Fleischberg; jagattraye – in den drei Welten; sraṣṭā – Schöpfer.
A/43 viṣṇuśca pālane śakto nirmalaḥ satvarūpadhṛk |
sarvasevyo mahāpūjyo yajurvedādhipo mahān || 7/43 ||
Übersetzung: Vishnu wurde fähig, die Welt zu bewahren: rein, von Sattva-Gestalt, von allen zu verehren, hochgeehrt und großer Herr des Yajurveda.
Wort-für-Wort: pālane śaktaḥ – zur Bewahrung fähig; satvarūpadhṛk – Sattva-Gestalt tragend; sarvasevyaḥ – von allen zu verehren; yajurvedādhipaḥ – Herr des Yajurveda.
A/44 haraḥ saṃhārakartā ca vīreśottamamānasaḥ |
sarveṣāmantakaḥ krodhī krodharājo mahābalau || 7/44 ||
Übersetzung: Hara wurde zum Vollbringer der Auflösung, mit dem höchsten Geist des Heldenherrn; als Ende aller Wesen, zornvoller König des Zorns und von großer Macht.
Wort-für-Wort: haraḥ – Shiva; saṃhārakartā – Vollbringer der Auflösung; antakaḥ – Beender; krodharājaḥ – König des Zorns; mahābala – von großer Kraft.
A/45 vīrabhāvaprasādena dikpālā rudrarupiṇaḥ |
māsenākarṣaṇaṃ siddhirdvimāse vākpatirbhavet || 7/45 ||
Übersetzung: Durch den Vira-Zustand wurden die Weltenhüter zu Rudra-Gestalten. Nach einem Monat [verspricht die Lehre] Anziehungskraft als Siddhi, nach zwei Monaten Meisterschaft der Rede.
Wort-für-Wort: dikpālāḥ – Welten-/Richtungshüter; māsena – in einem Monat; ākarṣaṇam – Anziehung; vākpatiḥ – Herr der Rede; dvimāse – in zwei Monaten.
A/46 māsatrayeṇa saṃyoge jāyate suravallabhaḥ |
evaṃ catuṣṭaye māsi bhaveddikpālagocaraḥ || 7/46 ||
Übersetzung: Nach drei Monaten entsprechender Vereinigung wird man den Göttern lieb; nach vier Monaten gelangt man in den Bereich der Weltenhüter.
Wort-für-Wort: māsatrayeṇa – in drei Monaten; saṃyoge – in Vereinigung/Verbindung; suravallabhaḥ – den Göttern lieb; catuṣṭaye māsi – im vierten Monat; dikpālagocaraḥ – zum Bereich der Weltenhüter gehörig.
A/47 pañcame pañcavāṇaḥ syāt ṣaṣṭhe rudro bhaveddhruvam |
etadācārasāraṃ hi sarveṣāmapyagocaram || 7/47 ||
Übersetzung: Im fünften [Monat] werde man dem fünfpfeiligen Liebesgott gleich, im sechsten gewiss Rudra. Dies ist der Kern dieser Praxis, der nicht allen zugänglich ist.
Wort-für-Wort: pañcavāṇaḥ – der Fünfpfeilige, Kama; ṣaṣṭhe – im sechsten; ācārasāram – Essenz der Praxis; agocaram – unzugänglich.
A/48 etanmārgaṃ kaulamārgaṃ kaulamārgāt paraṃ na hi |
yogināṃ dṛḍhacittānaṃ bhaktānāmekamāsataḥ || 7/48 ||
Übersetzung: Dies ist der Kaula-Weg; einen höheren gibt es nicht. Für Yogis mit festem Geist und Hingabe [gilt]: schon in einem Monat …
Wort-für-Wort: kaulamārgaḥ – Kaula-Weg; param na hi – kein höherer; dṛḍhacittānām – der geistig Gefestigten; bhaktānām – der Hingebungsvollen; ekamāsataḥ – nach einem Monat.
A/49 kāryasiddhirbhavennārī kulamārgaprasādataḥ |
pūrṇayogī bhavedvipraḥ ṣaṇmāsābhyāsayogataḥ || 7/49 ||
Übersetzung: … stellt sich durch die Gnade des Kula-Weges Erfolg ein [die Lesung nārī ist hier unklar]. Nach sechs Monaten Übung wird der Brahmane ein vollkommener Yogi.
Wort-für-Wort: kāryasiddhiḥ – Gelingen des Vorhabens; nārī – Frau, hier ohne klaren Satzanschluss; pūrṇayogī – vollkommener Yogi; ṣaṇmāsābhyāsa – sechsmonatige Übung.
A/50 śaktiṃ vinā śivo'śaktaḥ kimanye jaḍabuddhayaḥ |
ityuktvāṃ buddharūpī ca kārayāmāsa sādhanam || 7/50 ||
Übersetzung: Ohne Shakti ist Shiva ohne Kraft – was erst die anderen mit ihrem trägen Verständnis! Nachdem der Buddha-Gestaltige dies gesagt hatte, ließ er ihn die Sadhana ausführen.
Wort-für-Wort: śaktiṃ vinā – ohne Shakti; śivaḥ aśaktaḥ – Shiva ist kraftlos; jaḍabuddhayaḥ – von trägem/unbelebtem Verständnis; kārayāmāsa – er ließ ausführen (Kausativ).
A/51 kuru vipra ! mahāśaktisevanaṃ madyasādhanam |
mahāvidyāpadāmbhojanadarśanaṃ samavārupasi || 7/51 ||
Übersetzung: „Brahmane, widme dich der großen Shakti und der Wein-Sadhana! So wirst du die Schau der Lotusfüße der Mahavidya erlangen.“ [Das Schlussverb ist verderbt.]
Wort-für-Wort: mahāśaktisevanam – Verehrung/Dienst an der großen Shakti; madyasādhanam – Wein-Sadhana; padāmbhojadarśanam – Schau der Lotusfüße; samavārupasi – verderbte Verbform.
A/52 etat śrutvā gurorvākyaṃ smṛtvā devīṃ sarasvatīm |
madirāsādhanaṃ kartuṃ jagāma kulamaṇḍape || 7/52 ||
Übersetzung: Nachdem er das Wort des Gurus gehört hatte, gedachte er der Göttin Sarasvati und begab sich in den Kula-Pavillon, um die Wein-Sadhana zu vollziehen.
Wort-für-Wort: guror vākyam – Wort des Gurus; smṛtvā – sich erinnert habend; madirāsādhanam – Praxis mit Wein; kulamaṇḍape – zum Kula-Pavillon.
A/53 madyaṃ māṃsaṃ tathā matsyaṃ mudrā maithunameva ca |
punaḥ punaḥ sādhayitvā pūrṇayogī babhūva saḥ || 7/53 ||
Übersetzung: Wein, Fleisch, Fisch, Mudra [hier eine Ritualspeise] und sexuelle Vereinigung: Durch wiederholte Ausübung dieser fünf wurde er ein vollkommener Yogi.
Wort-für-Wort: madya/māṃsa/matsya – Wein/Fleisch/Fisch; mudrā – hier geröstetes Getreide bzw. Ritualspeise; maithuna – sexuelle Vereinigung; sādhayitvā – ausgeführt habend; pūrṇayogī – vollkommener Yogi.
[ brahmayāmale devīśvarasaṃvāde prathamapaṭale |]
Übersetzung: Im Brahmayamala, im Gespräch zwischen Göttin und Herr, im ersten Kapitel.
Wort-für-Wort: devīśvarasaṃvāde – im Gespräch zwischen Göttin und Herr; prathamapaṭale – im ersten Kapitel.
Anhang B: Brahmayamala-Zuschreibung, erster Auszug
Die Zählung beginnt hier mit 7/13; nach 7/21 folgt 7/23. Die Trennlinie der Überlieferung wird als Hinweis auf die unterbrochene Folge verstanden, nicht durch einen erfundenen Vers ersetzt.
B/13 brahmaṇo mānasaḥ putro vaśiṣṭhaḥ sthirasaṃyamī |
tārāmārādhayāmāsa purā nīlācale muniḥ || 7/13 ||
Übersetzung: Vasishtha, Brahmas geistgeborener Sohn, beständig in Selbstbeherrschung, verehrte einst als Weiser Tara auf dem Nilacala.
Wort-für-Wort: mānasaḥ putraḥ – geistgeborener Sohn; sthirasaṃyamī – in Selbstbeherrschung gefestigt; ārādhayāmāsa – er verehrte; nīlācale – auf dem Nilacala.
B/14 japan sa tāriṇīṃ vidyāṃ kāmākhyāyonimaṇḍale |
gamayāmāsa varṣāṇāmayutaṃ dhyānatatparaḥ || 7/14 ||
Übersetzung: Er rezitierte Tarinis Vidya im Yoni-Heiligtum der Kamakhya und verbrachte zehntausend Jahre, ganz der Meditation hingegeben.
Wort-für-Wort: kāmākhyāyonimaṇḍale – im Yoni-Bezirk der Kamakhya; ayutam – zehntausend; dhyānatatparaḥ – ganz auf Meditation ausgerichtet; tāriṇīṃ vidyām – Tarinis Mantra-Wissen.
B/15 varṣāyutena tasyaivaṃ ciramārādhitā satī |
nānugrahaṃ cakārāsau tārā saṃsāratāriṇī || 7/15 ||
Übersetzung: Obwohl die Göttin so zehntausend Jahre lang verehrt wurde, schenkte Tara, die über Samsara hinüberrettet, ihm keine Gnade.
Wort-für-Wort: varṣāyutena – in zehntausend Jahren; nānugraham – keine Gnade; saṃsāratāriṇī – über Samsara Rettende; ciram ārādhitā – lange verehrt.
B/16 athāsau pitaraṃ gatvā brahmāṇaṃ parameṣṭhinam |
kopena jvalito vidyāṃ tatyāja piturantike || 7/16 ||
Übersetzung: Da ging er zu seinem Vater Brahma, dem Höchsten, und gab zornentbrannt diese Vidya vor seinem Vater auf.
Wort-für-Wort: pitaram – zum Vater; kopena jvalitaḥ – vor Zorn brennend; tatyāja – er gab auf; pitur antike – in Gegenwart des Vaters.
B/17 dvādaśādityasaṅkāśaṃ tapobhirjvalitaṃ munim |
brahmā hi sa muniṃ prāha śṛṇu putra ! vaco mama || 7/17 ||
Übersetzung: Zu dem durch seine Askese wie zwölf Sonnen strahlenden Weisen sagte Brahma: „Höre, mein Sohn, meine Worte!
Wort-für-Wort: dvādaśādityasaṅkāśam – zwölf Sonnen gleichend; tapobhiḥ – durch Askese; śṛṇu – höre; vacaḥ – Wort, Rede.
B/18 tattvajñāmayī vidyā tārā bhuvanatāriṇī |
ārādhaya śrīcaraṇamanudvignena cetasā || 7/18 ||
Übersetzung: Tara ist die von Wahrheitserkenntnis erfüllte Vidya, die Retterin der Welten. Verehre ihre heiligen Füße mit einem unaufgewühlten Geist.
Wort-für-Wort: tattvajñānamayī – erfüllt von Wahrheitserkenntnis (überlieferte Form verkürzt); bhuvanatāriṇī – Weltenretterin; śrīcaraṇam – heilige Füße; anudvignena cetasā – mit unaufgewühltem Geist.
B/19 asyāḥ prasādādevāhaṃ bhuvanāni caturdaśa |
sṛjāmi caturo vedān kalpayāmi sma līlayā || 7/19 ||
Übersetzung: Durch ihre Gnade allein erschaffe ich die vierzehn Welten und bringe spielerisch die vier Veden hervor.
Wort-für-Wort: asyāḥ prasādāt – durch ihre Gnade; caturdaśa – vierzehn; caturo vedān – die vier Veden; līlayā – spielerisch.
B/20 enāmeva samārādhya vidyāṃ bhuvanatāriṇīm |
tattvajñānamayo viṣṇurbhuvanaṃ pālayatyasau || 7/20 ||
Übersetzung: Indem Vishnu eben diese weltenrettende Vidya verehrt, bewahrt er, erfüllt von Wahrheitserkenntnis, die Welt.
Wort-für-Wort: enām eva – eben diese; tattvajñānamayaḥ – von Wahrheitserkenntnis erfüllt; pālayati – bewahrt, schützt; bhuvanam – Welt.
B/21 saṃhārakāle ca haro rudramūrtidharaḥ paraḥ (.) |
tārāmeva samārādhya saṃharatyakhilaṃ jatat || 7/21 ||
Übersetzung: Und wenn die Zeit der Auflösung kommt, verehrt der höchste Hara in Rudras Gestalt Tara und löst die gesamte Welt auf.“
Wort-für-Wort: saṃhārakāle – zur Zeit der Auflösung; rudramūrtidharaḥ – Rudras Gestalt tragend; saṃharati – löst auf; akhilam jagat – ganze Welt (jatat ist ein Schreibfehler).
vaśiṣṭha uvāca |
Übersetzung: Vasishtha sprach.
Wort-für-Wort: vaśiṣṭhaḥ – Vasishtha; uvāca – sprach.
B/23 devānāmādibhūtastvaṃ sarvavidyāmayaḥ prabho ! |
kathaṃ dattā durārādhyā vidyā mahyamiyaṃ tvayā || 7/23 ||
Übersetzung: Vasishtha sprach: „Du bist der Ursprung der Götter und Verkörperung allen Wissens, Herr. Warum hast du mir diese so schwer zu verehrende Vidya gegeben?
Wort-für-Wort: devānām ādibhūtaḥ – Ursprung der Götter; sarvavidyāmayaḥ – aus allem Wissen bestehend; durārādhyā – schwer zu verehren; mahyam – mir.
B/24 sahasravatsarān pūrva miyamāradhitā purā |
nīlācale nivasatā haviṣyaṃ bhuñjatā mayā || 7/24 ||
Übersetzung: Zunächst verehrte ich sie tausend Jahre lang, auf dem Nilacala lebend und nur Opferspeise essend.
Wort-für-Wort: sahasravatsarān – tausend Jahre; nivasatā mayā – von mir, dort lebend; haviṣyam – für Opfer geeignete reine Speise; bhuñjatā – essend.
B/25 tathāpi tāta ! tāriṇyāḥ karuṇā mayi nābhavat |
tato gaṇḍūṣamātrantu kāle kāle pivan jalam || 7/25 ||
Übersetzung: Dennoch, Vater, zeigte Tarini mir kein Mitgefühl. Danach trank ich nur von Zeit zu Zeit einen Mundvoll Wasser …
Wort-für-Wort: karuṇā – Mitgefühl; gaṇḍūṣamātram – nur einen Mundvoll; kāle kāle – von Zeit zu Zeit; pivan – trinkend.
B/26 ārādhayāmi tāṃ devīṃ vatsarāṇāṃ sahasrakam |
tathāpi yadi naivābhūttāriṇyāḥ karuṇā mayi || 7/26 ||
Übersetzung: … und verehrte die Göttin tausend Jahre. Doch auch da wurde mir Tarinis Mitgefühl nicht zuteil.
Wort-für-Wort: vatsarāṇām sahasrakam – tausend Jahre; ārādhayāmi – ich verehre, hier im Vergangenheitsbericht; tathāpi – dennoch; naiva – keineswegs.
B/27 tathā (dā) hameka - pādena tiṣṭhannīlācalopari |
paraṃ samādhimāsādya nirāhāro dṛḍhavrataḥ || 7/27 ||
Übersetzung: Dann stand ich auf einem Bein auf dem Nilacala, in tiefsten Samadhi versunken, ohne Nahrung und in festem Gelübde …
Wort-für-Wort: ekapādena – auf einem Bein; param samādhim – höchsten Samadhi; nirāhāraḥ – ohne Nahrung; dṛḍhavrataḥ – fest entschlossen.
B/28 tāmevākaruṇāṃ dhyāyan japaṃstāmeva sarvadā |
ativāhitavān varṣaṃ sahasrāṣṭakamuttamam || 7/28 ||
Übersetzung: … und verbrachte achttausend Jahre damit, unablässig über sie zu meditieren und ihren Mantra zu wiederholen, obwohl sie kein Mitgefühl zeigte.
Wort-für-Wort: akaruṇām – die Mitleidlose; japan – rezitierend; sahasrāṣṭakam – acht Tausend; ativāhitavān – ich verbrachte.
B/29 evaṃ daśasahasrantu varṣāṇāmahamīśvarīm |
kāmākhyāyonimāśriya samārādhitavān prabho ! || 7/29 ||
Übersetzung: So habe ich, Herr, zehntausend Jahre die Göttin im Yoni-Heiligtum der Kamakhya verehrt.
Wort-für-Wort: daśasahasram – zehntausend; kāmākhyāyonim āśritya – bei Kamakhyas Yoni Zuflucht genommen habend; samārādhitavān – ich habe ausdauernd verehrt.
B/30 adyāpyanugraha stasyā stathāpi na hi dṛśyate |
ata styajāmi duḥsādhyāṃ vidyāmetāṃ suduḥkhitaḥ || 7/30 ||
Übersetzung: Bis heute zeigt sich dennoch ihre Gnade nicht. Deshalb gebe ich zutiefst betrübt diese schwer zu verwirklichende Vidya auf.“
Wort-für-Wort: adyāpi – noch heute; anugrahaḥ – Gnade; tyajāmi – ich gebe auf; duḥsādhyām – schwer zu verwirklichen; suduḥkhitaḥ – zutiefst betrübt.
B/31 iti tadvacanaṃ śrutvā brahmā lokapitāmahaḥ |
uvāca śāntayan putraṃ vaśiṣṭhaṃ munīnāṃ varam || 7/31 ||
Übersetzung: Als Brahma, der Großvater der Welt, diese Worte hörte, beruhigte er seinen Sohn Vasishtha, den Besten der Weisen, und sprach.
Wort-für-Wort: lokapitāmahaḥ – Großvater der Welt; śāntayan – beruhigend; putram – Sohn; munīnām varam – Besten der Weisen.
B/32 brahmovāca |
vaśiṣṭha ! vatsa ! gacchatvaṃ punarnīlācalaṃ prati |
tatrasthito mahādevī mārādhaya dṛḍhavrataḥ || 7/32 ||
Übersetzung: Brahma sprach: „Vasishtha, mein Kind, kehre zum Nilacala zurück! Verweile dort und verehre die große Göttin mit festem Entschluss …
Wort-für-Wort: vatsa – mein Kind; gaccha – gehe; punaḥ – wieder; ārādhaya – verehre; dṛḍhavrataḥ – von festem Gelübde.
B/33 kāmākhyā - yonimāśritya jagataḥ parameśvarīm |
acirādeva te siddhirbhaviṣyati na saṃśayaḥ || 7/33 ||
Übersetzung: … im Yoni-Heiligtum der Kamakhya die höchste Herrin der Welt. Bald wirst du Vollendung erlangen, daran besteht kein Zweifel.
Wort-für-Wort: jagataḥ parameśvarīm – höchste Herrin der Welt; acirāt – in kurzer Zeit; siddhiḥ – Vollendung; bhaviṣyati – wird eintreten.
B/34 etasyāḥ sadṛśī vidyā kācinna hi jagattraye |
imāṃ tyaktvā punarvidyāṃ anyāṃ kāṃ tvaṃ grahauṣyasi || 7/34 ||
Übersetzung: In den drei Welten gibt es keine Vidya, die ihr gleicht. Wenn du sie aufgibst, welche andere Vidya willst du dann annehmen?“
Wort-für-Wort: sadṛśī – gleichartig, ebenbürtig; jagattraye – in den drei Welten; tyaktvā – aufgegeben habend; anyām kām – welche andere.
B/35 iti tasya vacaḥ śrutvā praṇamya pitaraṃ muniḥ |
punarjagāma kāmākhyā - yonimaṇḍalasannidhim || 7/35 ||
Übersetzung: Nachdem der Weise diese Worte gehört und sich vor seinem Vater verneigt hatte, kehrte er in die Nähe von Kamakhyas Yoni-Heiligtum zurück.
Wort-für-Wort: praṇamya pitaram – dem Vater Verehrung erwiesen habend; punar jagāma – er kehrte zurück; sannidhim – Nähe/Gegenwart.
B/36 tatra gatvā munivaraḥ pūjāsambhāratatparaḥ |
ārādhayan mahāmāyāṃ vaśiṣṭho'pi jitendriyaḥ || 7/36 ||
Übersetzung: Dort angekommen, widmete sich Vasishtha, der seine Sinne beherrschte, den Vorbereitungen der Puja und verehrte Mahamaya.
Wort-für-Wort: pūjāsambhāra – Materialien/Vorbereitungen der Puja; mahāmāyām – die große Maya-Göttin; jitendriyaḥ – mit beherrschten Sinnen; ārādhayan – verehrend.
B/37 athārādhayata stasya sahasraṃ parivatsarān |
jagmustārā - mahādevī - pādāmbhojā - nuvartiṇaḥ || 7/37 ||
Übersetzung: Während er so verehrte und sich den Lotusfüßen der großen Göttin Tara hingab, vergingen weitere tausend Jahre.
Wort-für-Wort: sahasram parivatsarān – tausend Jahre; jagmuḥ – vergingen; pādāmbhojānuvartin – den Lotusfüßen folgend; ārādhayataḥ – während er verehrte.
B/38 tathāpi tāṃ prati prītā yadā nābhūnmaheśvarī |
tadā roṣeṇa mahatā jajvāla sa munīśvaraḥ || 7/38 ||
Übersetzung: Als die große Göttin ihm dennoch nicht gewogen war, entbrannte der Herr der Weisen in heftigem Zorn.
Wort-für-Wort: prītā – erfreut, gewogen; roṣeṇa mahatā – in großem Zorn; jajvāla – er flammte auf; munīśvaraḥ – Herr der Weisen.
B/39 tadā jalaṃ samādāya tāṃ śaptumupacakrame |
etasminneva kāle tu ruṣṭamālokya taṃ munim || 7/39 ||
Übersetzung: Er nahm Wasser und begann, sie zu verfluchen. Genau in diesem Augenblick, als er in seinem Zorn sichtbar wurde …
Wort-für-Wort: jalam samādāya – Wasser genommen habend; śaptum upacakrame – begann zu verfluchen; etasmin kāle – in diesem Augenblick; ruṣṭam – zornig.
B/40 cacāla vasudhā sarvā saśaila - vanakānanā |
hāhākāro mahānāsīddevi ! deveṣu sarvataḥ || 7/40 ||
Übersetzung: … erbebte die ganze Erde mit Bergen, Wäldern und Hainen; überall unter den Göttern erhob sich ein lautes Wehgeschrei, Göttin.
Wort-für-Wort: cacāla – erbebte; vasudhā – Erde; saśailavanakānanā – mit Bergen, Wäldern und Hainen; hāhākāraḥ – Wehgeschrei.
B/41 tato babhūva purata stārā saṃsāra - tāriṇī |
vaśiṣṭha stāṃ samālokya śaśapātovadāruṇam || 7/41 ||
Übersetzung: Da erschien vor ihm Tara, die über Samsara hinüberrettet. Als Vasishtha sie erblickte, sprach er einen furchtbaren Fluch.
Wort-für-Wort: purataḥ – vor ihm; saṃsāratāriṇī – Samsara-Retterin; samālokya – erblickt habend; śaśāpa – er verfluchte.
B/42 tato devī vaśiṣṭhena śaptā na phaladā bhavet |
cīnācāraṃ vinā naiva prasīdāmi kadācana || 7/42 ||
Übersetzung: Infolge von Vasishthas Fluch sollte die Göttin keine Frucht mehr gewähren. [Sie erklärte:] „Ohne Cinacara werde ich niemals gnädig.“
Wort-für-Wort: śaptā – verflucht; phaladā – Frucht gebend; cīnācāram vinā – ohne Cina-Praxis; naiva prasīdāmi kadācana – niemals werde ich gnädig.
B/43 uvāca sādhakaśreṣṭhaṃ vaśiṣṭhamanunīya sā |
roṣeṇa dāruṇamanāḥ kathaṃ mā manuśaptavān || 7/43 ||
Übersetzung: Sie besänftigte Vasishtha, den hervorragenden Sadhaka, und sprach: „Warum hast du mich mit durch Zorn verhärtetem Geist verflucht?
Wort-für-Wort: anunīya – besänftigt habend; roṣeṇa – durch Zorn; dāruṇamanāḥ – hartherzig geworden; anuśaptavān – du hast verflucht.
B/44 mayi ārādhanācāraṃ buddharūpī janārdanaḥ |
eka eva vijānāti nānyaḥ kaścana tatvataḥ || 7/44 ||
Übersetzung: Nur Janardana in Buddha-Gestalt kennt die rechte Weise meiner Verehrung; kein anderer kennt sie wahrhaftig.
Wort-für-Wort: ārādhanācāram – Verehrungsweise; buddharūpī janārdanaḥ – Vishnu/Janardana in Buddha-Gestalt; eka eva – nur er allein; tattvataḥ – dem Wesen nach.
B/45 vṛthaivāyāsa bahula (laṃ) kāloyaṃ gamita stvayā |
viruddhācāraśīlena mama tattvamajānatā || 7/45 ||
Übersetzung: Mit großer, vergeblicher Mühe hast du diese Zeit verbracht, weil du eine mir entgegengesetzte Praxis verfolgtest und mein Wesen nicht kanntest.
Wort-für-Wort: vṛthā – vergeblich; āyāsabahulam – reich an Mühe; viruddhācāraśīla – an widersprechende Praxis gewöhnt; mama tattvam – mein Wesen.
B/46 udbodharūpiṇo viṣṇoḥ sānnidhyaṃ yāhi sāmpratam |
tenopadiṣṭācāreṇa māmārādhaya suvrata ! || 7/46 ||
Übersetzung: Begib dich jetzt zu Vishnu in der Gestalt des Erwachens. Verehre mich, du Treugelobter, nach der von ihm gelehrten Praxis.“
Wort-für-Wort: udbodharūpiṇaḥ – des die Gestalt des Erwachens Tragenden; sānnidhyam – Nähe; upadiṣṭācāreṇa – nach der gelehrten Praxis; suvrata – du von gutem Gelübde.
tadaivāśu prasannāsmi tvayi yasyā (vipra) na saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Dann werde ich dir sogleich gnädig sein, Brahmane; daran besteht kein Zweifel. [Die Wortgruppe tvayi yasyā ist gestört; vipra wird als Variante angegeben.]
Wort-für-Wort: tadaiva – genau dann; āśu – rasch; prasannā asmi – ich bin gnädig; tvayi – dir gegenüber; na saṃśayaḥ – kein Zweifel.
[dvitīya paṭale]
Übersetzung: Im zweiten Kapitel.
Wort-für-Wort: dvitīya – zweiter; paṭale – im Kapitel.
śrībhairva uvāca |
Übersetzung: Der ehrwürdige Bhairava sprach.
Wort-für-Wort: bhairva – verkürzte/fehlerhafte Schreibung von bhairava; uvāca – sprach.
Anhang C: Brahmayamala-Zuschreibung, zweiter Auszug
Die Originalzählung beginnt erneut mit 7/1.
C/1 tataḥ praṇamya tāṃ devīṃ vaśiṣṭho'sau mahāmuniḥ |
jagāmācāravijñānavāñchayā buddharūpiṇam || 7/1 ||
Übersetzung: Bhairava sprach: Nachdem sich der große Weise Vasishtha vor der Göttin verneigt hatte, begab er sich zu dem Buddha-Gestaltigen, um die Praxis zu erkennen.
Wort-für-Wort: ācāravijñānavāñchayā – aus dem Wunsch, die Praxis zu verstehen; praṇamya – sich verneigt habend; buddharūpiṇam – zum Buddha-Gestaltigen.
C/2 tato gatvā mahācīnadeśe jñānamayo muniḥ |
dadarśa himavatpārśve sādhakeśvarasevite || 7/2 ||
Übersetzung: Im Land Mahacina, an der Seite des Himalaya, an einem von großen Sadhakas aufgesuchten Ort, sah der erkenntnisreiche Weise [den Herrn] …
Wort-für-Wort: mahācīnadeśe – im Land Mahacina; himavatpārśve – an der Seite des Himalaya; jñānamayaḥ – von Erkenntnis erfüllt; sādhakeśvarasevite – von führenden Sadhakas aufgesucht.
C/3 raṇajjaghanarāveṇa rūpayauvanaśālinā |
madirāmodacittena vilāsollasitena ca || 7/3 ||
Übersetzung: … [umgeben von Frauen] mit klingendem Hüftschmuck, schön und jugendlich, im Geist vom Wein erfreut und von spielerischer Anmut strahlend …
Wort-für-Wort: raṇat – klingend; jaghana – Hüfte; rūpayauvanaśālin – mit Schönheit und Jugend ausgestattet; madirāmodacitta – vom Wein erfreuter Geist; vilāsa – anmutiges Spiel.
C/4 śṛṅgārasāraveśena jaganmohanakāriṇā |
bhayalajjāvihīnena devyā dhyānapareṇa ca || 7/4 ||
Übersetzung: … in einer Erscheinung voll lieblicher Erotik, die Welt bezaubernd, frei von Furcht und Scham und ganz auf die Göttin meditierend …
Wort-für-Wort: śṛṅgāra – erotische Schönheit/Liebe; jaganmohanakārin – die Welt bezaubernd; bhayalajjāvihīna – ohne Furcht und Scham; devyā dhyānapara – der Göttinnenmeditation hingegeben.
C/5 kāminīnāṃ sahasreṇa parivāritamīśvaram |
madirāpānasañjāta - mandamandavilocana || 7/5 ||
Übersetzung: … von tausend Frauen umgeben: den Herrn, dessen Augen durch den Wein langsam und halb geschlossen blickten.
Wort-für-Wort: kāminīnām sahasreṇa – von tausend Frauen; parivāritam – umgeben; madirāpāna – Weintrinken; mandamandavilocana – mit sehr langsamem/mattem Blick.
C/6 dūrādeva vilokyainaṃ vaśiṣṭho buddharūpiṇam |
vismayena samāviṣṭaḥ smaran saṃsāratāriṇīm || 7/6 ||
Übersetzung: Schon von fern sah Vasishtha den Buddha-Gestaltigen; von Staunen ergriffen gedachte er der über Samsara rettenden Göttin.
Wort-für-Wort: dūrāt eva – schon von fern; vismayena samāviṣṭaḥ – von Staunen ergriffen; smaran – sich erinnernd; saṃsāratāriṇīm – Samsara-Retterin.
C/7 kimidaṃ kriyate karmaṃ viṣṇunā buddharūpiṇā |
vedavādaviruddhoyamācāro'sammato mama || 7/7 ||
Übersetzung: „Was für ein Tun vollzieht Vishnu in Buddha-Gestalt? Diese Praxis widerspricht der vedischen Lehre und findet meine Zustimmung nicht.“
Wort-für-Wort: kim idam karma – was ist dies für eine Handlung; vedavādaviruddhaḥ – der vedischen Lehre widersprechend; asammataḥ mama – von mir nicht gebilligt.
C/8 iti cintayata stasya vaśiṣṭhasya mahātmanaḥ |
ākāśavāṇī prāhāśu maivaṃ cintaya suvrata ! || 7/8 ||
Übersetzung: Während der hochherzige Vasishtha so dachte, sprach plötzlich eine Stimme aus dem Raum: „Denke nicht so, du Treugelobter!
Wort-für-Wort: ākāśavāṇī – Himmelsstimme; mā evam cintaya – denke nicht so; āśu – rasch; suvrata – du von gutem Gelübde.
C/9 ācāraḥ paramārtho'yaṃ tāriṇīsādhane mune ! |
etadviruddhabhāvasya mate nāsau prasīdati || 7/9 ||
Übersetzung: Diese Praxis ist im Tarini-Sadhana der höchste Sinn, Weiser. Wem sie innerlich widerstrebt, dem wird die Göttin nicht gnädig.
Wort-für-Wort: paramārthaḥ – höchster Sinn; etadviruddhabhāvasya – dessen Haltung dem widerspricht; na prasīdati – sie wird nicht gnädig; sādhane – in der Sadhana.
C/10 yadi tasyāḥ prasādaṃ tvamacireṇābhivāñchasi |
etena cīnācāreṇa tadā tāṃ bhaja suvrata ! || 7/10 ||
Übersetzung: Wenn du ihre Gnade bald erlangen möchtest, dann verehre sie durch eben diesen Cinacara.“
Wort-für-Wort: prasādam – Gnade; acireṇa – bald; abhivāñchasi – du wünschst; etena cīnācāreṇa – durch diesen Cinacara; bhaja – verehre.
C/11 ākāśavāṇīmākarṇya romāñcitakalevaraḥ |
vaśiṣṭho daṇḍavadbhūmau papātātīvaharṣitaḥ || 7/11 ||
Übersetzung: Als Vasishtha diese Himmelsstimme hörte, sträubten sich seine Körperhaare; überglücklich fiel er lang ausgestreckt zur Erde.
Wort-für-Wort: ākarṇya – gehört habend; romāñcitakalevaraḥ – mit gesträubten Körperhaaren; daṇḍavat – stabgleich ausgestreckt; papāta – er fiel; atīva harṣitaḥ – überaus erfreut.
C/12 athotthāyācireṇāsau kṛtāñjalipuṭo muniḥ |
jagāma viṣṇoḥ śaraṇaṃ buddharūpasya pārvati ! || 7/12 ||
Übersetzung: Dann stand der Weise rasch auf, faltete die Hände und nahm Zuflucht bei Vishnu in Buddha-Gestalt, Parvati.
Wort-für-Wort: utthāya – aufgestanden; kṛtāñjalipuṭaḥ – mit gefalteten Händen; śaraṇam jagāma – nahm Zuflucht; buddharūpasya – des Buddha-Gestaltigen.
C/13 athāsau taṃ samālokya madirāmadavihvalaḥ |
prāha buddhaḥ prasannātmā kimarthaṃ tvamihāgataḥ || 7/13 ||
Übersetzung: Als Buddha ihn sah, vom Weinrausch bewegt und heiteren Geistes, fragte er: „Weshalb bist du hierhergekommen?“
Wort-für-Wort: madirāmadavihvalaḥ – vom Weinrausch bewegt; prasannātmā – heiteren Gemüts; kimartham – weshalb; ihāgataḥ – hierhergekommen.
C/14 atha buddhaṃ praṇamyāha bhaktinasro mahāmuniḥ |
yaduktaṃ tāriṇīdevyā nijārādhanakarmaṇi || 7/14 ||
Übersetzung: Der große Weise verneigte sich vor Buddha und berichtete demütig und hingebungsvoll, was die Göttin Tarini über ihre eigene Verehrung gesagt hatte.
Wort-für-Wort: bhaktinamraḥ – durch Hingabe demütig (Vorlage: bhaktinasraḥ); yad uktam – was gesagt wurde; nijārādhanakarmaṇi – über die eigene Verehrung.
C/15 tat śrutvā bhagavān buddha stattvajñānamayo hariḥ |
vaśiṣṭhaṃ prāhamajñānaṃ cīnācārādhikāraṇān (ṇam) || 7/15 ||
Übersetzung: Als der erhabene Buddha, Hari voller Wahrheitserkenntnis, dies hörte, unterwies er den noch unwissenden Vasishtha über die Befähigung zum Cinacara.
Wort-für-Wort: tattvajñānamayaḥ hariḥ – von Wahrheitserkenntnis erfüllter Vishnu; ajñānam – unwissend, auf Vasishtha bezogen; cīnācārādhikāra – Berechtigung/Befähigung zur Cina-Praxis.
C/16 na prakāśyoyamācāra stāriṇyāḥ sarvadā mune ! |
tava bhaktivaśenāsmi prakāśyamiha tatparaḥ || 7/16 ||
Übersetzung: „Diese Verehrungsweise Tarinis soll nicht öffentlich gemacht werden, Weiser. Durch deine Hingabe bin ich jedoch gewonnen und bereit, sie dir zu offenbaren.“
Wort-für-Wort: na prakāśyaḥ – nicht öffentlich zu machen; tava bhaktivaśena – unter dem Einfluss deiner Hingabe; prakāśya – zu offenbaren; tatparaḥ – dazu entschlossen.
buddha uvāca
Übersetzung: Buddha sprach.
Wort-für-Wort: buddha – Buddha; uvāca – sprach.
C/17 prathācāravidhiṃ vakṣye tārādevyāḥ samṛddhidam |
yasyānuṣṭhānamātreṇa bhavābdhau na nimajjasi || 7/17 ||
Übersetzung: Buddha sprach: Ich werde die erprobte Verehrungsweise der Göttin Tara erklären, die Gedeihen schenkt. Durch ihre Ausübung allein versinkst du nicht im Ozean des Werdens.
Wort-für-Wort: ācāravidhi – Vorschrift der Praxis; samṛddhidam – Gedeihen gebend; anuṣṭhānamātreṇa – durch bloße Ausführung; bhavābdhau – im Ozean des Werdens; na nimajjasi – du versinkst nicht.
C/18 samastaśokaśamana - mānandādivibhūtidam |
tattvajñānamayaṃ sākṣādvimuktiphaladāyakam || 7/18 ||
Übersetzung: Sie stillt allen Kummer, schenkt Wonne und andere Gaben, ist unmittelbar von Wahrheitserkenntnis erfüllt und bringt als Frucht Befreiung.
Wort-für-Wort: samastaśokaśamanam – allen Kummer stillend; ānandādivibhūtidam – Wonne und weitere Gaben schenkend; sākṣāt – unmittelbar; vimuktiphaladāyakam – Befreiung als Frucht gebend.
C/19 snānādi mānasaḥ śauco mānasaḥ pravaro japaḥ |
pūjanaṃ mānasaṃ divyaṃ mānasaṃ tarpaṇādikam || 7/19 ||
Übersetzung: Bad und weitere Reinigung sind geistig; geistig ist das vorzügliche Japa, geistig die göttliche Verehrung und geistig sind Tarpana und die übrigen Darbringungen.
Wort-für-Wort: mānasaḥ/mānasam – geistig, innerlich; śaucaḥ – Reinheit/Reinigung; pravaraḥ japaḥ – vorzügliches Japa; tarpaṇādikam – sättigende Darbringung und Weiteres.
C/20 sarva eva śubhaḥ kālo nāśubho vidyate kvacit |
na viśeṣo divārātrau na sandhyāyāṃ mahāniśi || 7/20 ||
Übersetzung: Jede Zeit ist günstig; nirgendwo gibt es eine ungünstige Zeit. Es besteht kein Unterschied zwischen Tag und Nacht, Dämmerung und tiefer Mitternacht.
Wort-für-Wort: sarva eva kālaḥ – jede Zeit ohne Ausnahme; śubhaḥ/aśubhaḥ – günstig/ungünstig; na viśeṣaḥ – kein Unterschied; mahāniśi – in tiefer Nacht.
C/21 vastrāsana - sthānageha - dehasparśādivāriṇaḥ |
śuddhiṃ na cācarettatra nirvikalpaṃ manaścaret || 7/21 ||
Übersetzung: Hier vollziehe man keine [gesonderte rituelle] Reinigung von Kleidung, Sitz, Ort, Haus, Körperberührung und Wasser; der Geist bewege sich ohne unterscheidende Vorstellungen.
Wort-für-Wort: vastrāsana – Kleidung und Sitz; sthānageha – Ort und Haus; śuddhi – rituelle Reinigung; nirvikalpam – ohne unterscheidende Vorstellungen; manaḥ – Geist.
C/22 nātra śuddhyādyapekṣāsti na cāmedhyādidūṣaṇam |
sarvadā pūjayeddevīmasnātaḥ kṛtabhojanaḥ || 7/22 ||
Übersetzung: Hier ist keine solche Reinheit erforderlich, und Unreines befleckt die Praxis nicht. Man verehre die Göttin jederzeit, auch ungebadet oder nach dem Essen.
Wort-für-Wort: śuddhyādyapekṣā – Abhängigkeit von Reinheit usw.; amedhya – rituell Unreines; asnātaḥ – ungebadet; kṛtabhojanaḥ – nachdem man gegessen hat; sarvadā – jederzeit.
C/23 mahāniśyaśucau deśe baliṃ mantreṇa dāpayet |
strīdveṣo naiva kartavyo viśeṣāt pūjanaṃ striyāṃ || 7/23 ||
Übersetzung: In tiefer Nacht bringe man an einem rituell unreinen Ort eine Bali-Gabe mit Mantra dar. Frauenhass darf keinesfalls geübt werden; besonders in Frauen soll Verehrung geschehen.
Wort-für-Wort: mahāniśi – in tiefer Nacht; aśucau deśe – an unreinem Ort; bali – Opfergabe; strīdveṣaḥ – Frauenhass; naiva kartavyaḥ – keinesfalls zu üben; striyām – in/an einer Frau.
[ ataḥ paraṃ yaduktañca tadanyatra prapañcitam |]
Übersetzung: Was danach gesagt wird, ist andernorts ausführlich behandelt.
Wort-für-Wort: ataḥ param – danach; anyatra – andernorts; prapañcitam – ausführlich dargelegt.
Im dritten Kapitel.
[tṛtīya paṭale ]
Übersetzung: Im dritten Kapitel.
Wort-für-Wort: tṛtīya – dritter; paṭale – im Kapitel.
pūjākālaṃ vinā naiva paśyecchaktiṃ digambarām |
pūjākālaṃ vinā naiva surā peyā ca sādhakaiḥ |
āyuṣā hīyate dṛṣṭvā pītvā ca narakaṃ brajet ||
Übersetzung: Außerhalb der Zeit der Puja soll man die Shakti nicht nackt sehen; außerhalb der Puja sollen Sadhakas keinen Alkohol trinken. Wer [außerhalb dieses Rahmens] schaut, verliert an Lebenszeit; wer trinkt, gelangt in die Hölle.
Wort-für-Wort: pūjākālam vinā – außerhalb der Puja-Zeit; digambarām – nackt; surā – Alkohol; āyuṣā hīyate – verliert Lebenszeit; narakam vrajet – möge/werde in die Hölle gelangen.
[ayameva vṛttānto mahācīnācārakrame'pi savistaraṃ varṇitaḥ |]
Übersetzung: Dieselbe Erzählung ist auch im Mahacinacarakrama ausführlich dargestellt.
Wort-für-Wort: ayam eva vṛttāntaḥ – eben diese Erzählung; savistaram – ausführlich; varṇitaḥ – beschrieben.
Dass Buddha als Lehrer der Liebeswissenschaft gilt, wird ausdrücklich in Minanathas Smaradipika gesagt.
[buddhasya kāmaśāstrācāryatvaṃ spaṣṭamuktaṃ
mīnanāthakṛtasmaradīpikāyām |]
Übersetzung: Dass Buddha als Lehrer der Liebeswissenschaft gilt, wird ausdrücklich in Minanathas Smaradipika gesagt.
Wort-für-Wort: kāmaśāstrācāryatvam – Lehrerschaft der Liebeswissenschaft; spaṣṭam uktam – ausdrücklich gesagt; mīnanāthakṛta – von Minanatha verfasst.
sāraṃ niṣkramya buddhādimunīnāṃ pramukhāt śrutam |
śrīmatā mīnanāthena kriyate smaradīpikā ||
Übersetzung: Nachdem die aus dem Mund Buddhas und anderer Weiser gehörte Essenz herausgenommen wurde, wird die Smaradipika vom ehrwürdigen Minanatha verfasst.
Wort-für-Wort: sāram – Essenz; niṣkramya – herausgenommen habend, ungewöhnliche Form; pramukhāt – aus dem Mund; śrutam – gehört; kriyate – wird verfasst.
kāmaśāstrasya tattvajñā bhavanti yoṣitaḥ sadāḥ |
ye vai śāstraṃ jānanti ramante vṛṣabhā yathā ||
Übersetzung: Frauen sind stets Kennerinnen des Wesens der Liebeswissenschaft. Diejenigen, die die Lehrschrift kennen, paaren sich wie Stiere. [So der erhaltene Wortlaut; ein möglicherweise fehlendes „nicht“ wird nicht stillschweigend ergänzt.]
Wort-für-Wort: yoṣitaḥ – Frauen; kāmaśāstrasya tattvajñāḥ – Kennerinnen des Wesens der Liebeswissenschaft; jānanti – sie kennen; ramante – sie erfreuen/paaren sich; vṛṣabhāḥ – Stiere.
[mahācīnakramo gāndharve'pi varṇitaḥ |]
Übersetzung: Die Mahacina-Praxis wird auch im Gandharva beschrieben.
Wort-für-Wort: mahācīnakramaḥ – Mahacina-Praxisfolge; gāndharve – im Gandharva; varṇitaḥ – beschrieben.
Tara Tantra – flüssige deutsche Lesefassung
Diese Lesefassung verbindet zusammengehörende Verse zu fortlaufenden Absätzen. Sie gibt auch die zeitgebundenen Rituallehren wieder. Die dortigen Heils- und Wirkungsversprechen sind Aussagen des Textes. Unsichere Stellen bleiben als solche erkennbar. A, B und C bezeichnen die im Anschluss an das sechste Kapitel überlieferten Quellenauszüge, nicht zusätzliche Kapitel des Tara Tantra. Erstes Kapitel: Die Morgenpraxis
Verehrung der Retterin! (1/1–2) Auf dem schönen Gipfel des Kailasa ruhte Bhairavi auf einem Lager und fragte Shiva: „Du hast Buddha und Vasishtha als Vollendete des Kula-Weges genannt. Welcher Mantra führte sie zur Vollendung?“ (1/3–9) Bhairava antwortete: „Janardana in Buddha-Gestalt wiederholte den fünfsilbigen Mantra Ugrataras. Dadurch wurde er zum Träger der Weltschöpfung und überwand Alter und Tod. Vasishtha verehrte die Göttin mit demselben Mantra. Er gelangte in die Sternenwelt und leuchtet dort bis heute als Meister yogischer Kräfte. Ich erkläre dir, wie dieser Mantra erschlossen wird: Auf Om folgen die mit Hrillekha, Kulakamini, Kurca und Astra bezeichneten Laute. Dieser Mantra gleicht einem Wunschbaum. Durch seine Verehrung wurde Sadashiva zum Herrn über alles; Seher wie Durvasas, Vyasa, Valmiki und Bharadvaja erlangten Größe, Krieger wie Bhima und Arjuna den Sieg. Dies ist das höchste Geheimnis. Wenn du mich liebst, bewahre es sorgfältig.“ (1/10–16) Bhairavi bat: „Durch deine Gnade habe ich den Mantra gehört. Lehre mich auch die Morgenpraxis Buddhas.“ Bhairava antwortete: „In der letzten Nachtwache schaue den Guru im tausendblättrigen Lotus, auf einem Sitz nahe der Mondscheibe. Er strahlt wie reiner Bergkristall und trägt reines Leinen. Seine Hände schenken Segen und Furchtlosigkeit. Er ist friedvoll, sein Gesicht und sein Blick sind heiter; Düfte und Blumen schmücken ihn, sein Geist ist seiner Gefährtin zugewandt. Verehre ihn mit innerlich dargebrachtem Wasser und anderen Gaben. Wiederhole den Mantra drei-, sieben- oder zehnmal. Sprich zuerst Vagbhava, dann die Namen des Gurus und seiner Gefährtin, anschließend: ‚Ich verehre die ehrwürdigen Fußsandalen. Verehrung!‘ Bringe die Rezitation mit der durch ‚guhyāti…‘ bezeichneten Formel dar und singe den Lobpreis.“ (1/17–20) „Om, Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in Guru-Gestalt! Du hast viele Gestalten angenommen, damit heiliges Wissen in die Welt gelangt. Du bist Bhava, das Werden und das höchste Selbst. Als Sonne des Bewusstseins vertreibst du das Dunkel der Unwissenheit. Du bist frei und von Mitgefühl erfüllt; dennoch lässt du dich durch die Hingabe deiner Verehrer binden und schenkst ihnen Dasein. Du bist ihre Unterscheidungskraft, ihre bewusste Besinnung, ihr Licht und ihre Erkenntnis.“ (1/21–24) „Verneige dich danach mit der durch ‚ajñāna…‘ bezeichneten Formel. Schaue im Muladhara die Kundalini als Gestalt der Wurzelvidya: wie Millionen Sonnen strahlend, feiner als ein Lotusfaden, einer schlafenden Schlange gleich und dreieinhalbfach gewunden. Verbinde ihr Bewusstsein mit dem Hamsa-Mantra, führe sie durch die sechs Lotusse bis unter den Fruchtboden des oberen Lotus und erinnere dich an die Kaula-Gurus.“ (1/25–29) „Es sind Prahladanandanatha, Sanakananda, Kumaranandanatha, Vasishthanandanatha, Krodhananda, Sukhananda, Jnanananda und Bodhananda. Sie erfreuen sich an der Karana-Wonne, ihre Augen rollen, und sie sind mit ihren Shaktis verbunden. Sättige sie mit dem süßen Nektarstrom, der aus dem Bindu hervortritt. Führe danach die höchste Shakti auf demselben Weg zu ihrem Ursprungsort zurück. Sieh dich selbst von ihrem rötlichen Licht durchstrahlt. Das ist die höchste Morgenpraxis; bewahre sie geheim.“ Zweites Kapitel: Verehrung im Herzen und am Yantra
(2/1–3 samt unnummerierter Einleitung) Bhairavi fragte: „Im Mahacina Tantra lehrt Buddha drei Arten der Verehrung. Von der Yoni-Verehrung habe ich gehört; erkläre mir jetzt die geistige Verehrung und die Puja am Yantra.“ Bhairava antwortete: „Ich werde die innere Verehrung erklären. Höre zuerst von Nyasa: Ohne diese heiligen Zuordnungen besteht keine Befähigung zu dieser Puja.“ (2/4–11) „Es gibt die Zuordnung des Sehers und der übrigen Mantra-Angaben, Hand- und Glieder-Nyasa, Laut-Nyasa, den durchdringenden Nyasa und die Einsetzung des heiligen Sitzes. Akshobhya ist der Seher, Brihati das Versmaß, Ugratara die Gottheit, Kurca das Bija und Astra die Shakti; die übrigen Laute sind die Verriegelungen. Verbinde die Anrufung der Göttin als gesamte Rede mit dem Herzen und namah; als ungeteilte Rede mit dem Haupt und svaha; als Rede Brahmas mit dem Haarschopf und vashat; als Rede Vishnus mit dem Schutzpanzer und einer hier unklar erhaltenen Silbe; nochmals als Rede Vishnus mit den drei Augen und vaushat; als sämtliche Rede mit der Waffe und phat. Verwende die Bijas mit den sechs Langvokalformen der Maya-Silbe. Bei der Zuordnung zu den Händen treten die Finger an die Stelle der Körperglieder. Die Buchstaben vom Beginn des Alphabets bis zum langen vokalischen l gehören ins Herz, die mit e beginnende Reihe und die Reihe von ṅ bis ḍh an die Arme, die Reihen von ṇ bis bh und von m bis kṣ an die beiden Unterschenkel. Die erste Arm-Reihe ist nicht eindeutig abgegrenzt.“ (2/12–16) „Vollziehe den durchdringenden Nyasa mit dem Wurzelmantra. Stelle dir dann im Herzlotus einen Nektarozean vor, darin eine goldene Insel, umgeben von himmlischen Parijata-Bäumen. In ihrer Mitte steht der Wunschbaum. An seiner Wurzel erhebt sich ein goldener Pavillon mit vier Toren, durchweht von sanftem Wind und von Räucherduft erfüllt. Errichte dort das Yantra. So wird dein Körper selbst zum Heiligtum. Betrachte darin Ugratara und vollziehe mit der Hand am Herzen die Einsetzung des Lebensprinzips. Die genaue Reihenfolge dieser Nyasas lerne von deinem Guru.“ (2/17–23) „Nun verehre die Göttin, um ganz in ihr aufzugehen. Bade innerlich im reinen Heiligtum des Herzlotus. Die Vereinigung von Shiva und Shakti ist die wahre Sandhya dieser tantrischen Lehre. Sättige die Göttin mit dem vom Bindu fließenden Nektar. Lass ihr Gefolge in ihr aufgehen, bringe duftende Einreibungen dar und bade sie mit himmlischem Wasser. Trockne sie mit weichem Tuch, schmücke ihre Augen mit Kajal, ihre Stirn mit rotem Sindura und ihre Füße mit rotem Lack. Schaue sie in vollem Schmuck. Meditiere ‚Das bin ich‘ und reiche ihr Wasser für Füße, Haupt und Mund, Düfte für alle Glieder, weiße und rote Blumen, Hibiskus und dunkle Aparajita. Schmücke Füße, Haupt, Ohren und Hals. Stelle Räucherwerk und Licht vor sie und reiche ihr die Opferspeise.“ (2/24–30) „Bringe im Geist Wein, Fleisch, erneut Wein, Fisch, wieder Wein und geröstete Reisprodukte dar; danach nochmals Wein, Kuchen und Gebäck, Wein und Reis mit verschiedenen Beilagen, Joghurt, Milch und Ghee. Reiche Wasser zum Mundspülen und Betel. Vollziehe inneres Japa und Tarpana, lobe die Göttin und verneige dich. Lass die Begleitgottheiten an ihre Orte zurückkehren und genieße die verbliebene Gabe zusammen mit den Shaktis. Betrachte dich als ganz von Tarini erfüllt: ‚Das bin ich.‘ Dies ist die schwer zugängliche innere Verehrung. Die Puja im Herzlotus macht den Geist vollkommen rein. Übe sie zur passenden Zeit der Guru-Verehrung, morgens oder mittags, in der Gnade des Gurus.“ (2/31–37) „Für die Verehrung am Yantra betrete den Opferraum und sammle Blumen. Die dazu genannte Formel beginnt mit Om; zweimal folgt ‚shatabhisheka‘, dann Kurca, Astra und Svaha. Zur Verehrung des Sitzes werden Maya, die Benennung ‚Adharashakti-Kamalasana‘ im Dativ und die Herzformel gesprochen. Stelle das Arghya-Gefäß auf und reinige die fünf Ritualelemente. Die erste Reinigung ist im Nila Tantra gelehrt. Für die zweite wird der Mantra-Anfang ‚prataddhishnu…‘ genannt, für die dritte Tryambaka, für die vierte ‚tad vishnor…‘ und für Svayambhu und weitere Stoffe ‚pra tad vishnur…‘. Durch die rituelle Reinigung der Shakti wird auch die sexuelle Vereinigung gereinigt.“ (2/38–44) „Zeichne mit Sandelholz ein Yantra: einen achtblättrigen Lotus mit Yoni-Dreieck und ein Quadrat mit vier Toren. Verehre Ganesha im Osten, Vatuka im Süden, Kshetrapala im Westen und die Yogini im Norden. Stelle dir den Verbrennungsplatz vor, darin den Wunschbaum und unter ihm einen reich geschmückten Juwelensitz. Seher und Götter sind dort; Schakalinnen erfreuen sich an Fleisch und Gebein. Ringsum liegen Leichen, Schädel, Scheiterhaufenglut und Knochen. Die Formel des Sitzes verbindet ‚hasauh‘, Sadashiva und Mahapreta mit ‚dem Lotussitz‘ und dem Herzabschluss. Auf den acht Lotusblättern verehre Lakshmi, Sarasvati, Rati, Priti, Kirti, Shanti, Pushti und Tushti.“ (2/45–52) „Nimm Blumen in die gefalteten Hände und verwende das Schildkrötenprinzip, wohl die entsprechende Mudra. Übertrage das Licht in deinem Herzen mitsamt dem Gefolge der Göttin auf den Leichensitz, beginnend mit yam. Setze mit ‚ām so’ham‘ das Lebensprinzip ein. Verehre Ugratara mit Fußwaschwasser und den übrigen Gaben; verwende dabei nacheinander namah, svaha, svadha, namah und vaushat. Sage: ‚Diese Gabe … ich bringe dar‘ und nenne die Gottheit. Die folgende Formel enthält ‚vajrapushpam praticchedam‘, einen beschädigt überlieferten Laut, phat und svaha. Mit dem Wurzelmantra verbinde den Namen im Dativ. Verehre auch das Gefolge mit einer durch Om eröffneten Darbringungsformel. Akshobhya gehört ans Haupt, die acht Shaktis und die Bhairavas auf die acht Blätter, die vier Torhüter an die Tore und die Guru-Reihe vom Nordwesten bis zum Nordosten.“ (2/53–55) „Nach Japa, Lobpreis und Verneigung lasse die Gottheit in dein Herz zurückkehren. Die Opferspeise wird den Sadhakas gegeben, nach der ausdrücklichen Aussage dieses Verses jedoch nicht Frauen. Die geistige und die Yantra-Verehrung gelten als tägliche Praxis der Männer. Frauen werden von der Yoni-Puja ausgeschlossen; die innere und die Yantra-Puja können sie vollziehen oder nach eigenem Wunsch unterlassen.“ Drittes Kapitel: Ritualgenuss und nächtliches Japa
(3/1–4) Bhairava sprach: „Wer als vortrefflicher Vira ein, zwei, drei oder fünf Gefäße Wein trinkt, wird Rudra genannt. Der Rausch, der sich mit der Wonne der Samvid verbindet, gilt hier als höchste, mit Brahman vereinigende Wonne. Darum soll der Sadhaka zunächst die ‚Wurzel der Vollendung‘ genießen und danach Ritualwein trinken. Ohne die Wonne der Samvid erzeugt Wein diese Wonne nicht, so lehrt Buddha.“ Samvid bezeichnet hier wahrscheinlich zugleich ein Cannabis-Präparat; eine rein vergeistigende Lesart würde den rituellen Zusammenhang verkürzen. (3/5–6) „Verehre stets den Guru, seinen Sohn und von ganzem Herzen seine Gefährtin. Wenn sie zufrieden ist, wird die Göttin zufrieden. Erfreue den Brahman vermittelnden Lehrer durch Lobgesänge, Gaben und freundliche Worte.“ (3/7–11) „Für das nächtliche Japa vollziehe zuerst den sechsfachen Nyasa. Meditiere über Guru, Mantra und Göttin. Rezitiere Om als Brücke und beginne die Mantrawiederholung. Schließe wieder mit Om, der Meditation auf die Göttin und der Darbringung des Japa. Betrachte dich: ‚Ich bin Shiva; ich bin von Tarinis Gestalt. Auch ihr Gefolge ist in mir.‘ Bleibe bei dieser Betrachtung. Dieses Geheimnis darf nicht an Uneingeweihte weitergegeben werden; dazu verpflichte ich dich.“ Viertes Kapitel: Guru, Shakti und die Grenzen des Rituals
(4/1–5) Bhairavi fragte nach der Größe dessen, durch dessen Gnade die Kula-Praxis möglich ist. Bhairava erklärte: „Vier Gurus werden genannt. Der Rishi ist Guru, der Mantra verleihende Lehrer Paramaguru, ich selbst Paraparaguru und du Parameshthika. Unter ihnen ist der Mantra-Geber entscheidend: Ohne Guru führen weder Kashi noch die Ganga zur großen Befreiung. Guru, Mantra und erwählte Göttin sind eine Einheit.“ (4/6–10) „Seine Gefährtin hat besonders am Wesen der höchsten Göttin teil. Ob aufrichtig oder unaufrichtig, hart oder freundlich, verachtet oder krank, verständig oder unverständig – der Kaula soll in ihr die erwählte Göttin sehen. Was das Kind des Gurus oder ein Sadhaka sagt, soll er sorgfältig ausführen, sich sogar beim Unmöglichen bemühen. Ohne inneres Schwanken genieße er die Speisereste des Vira, mit der knapp formulierten Ausnahme des Weins, und die der Shakti. Wer die fünf Ritualelemente oder eines davon reinigt, darbringt und genießt, gilt als Bhairava.“ (4/11–14) „Die vollendeten Sadhakas an den heiligen Sitzen tragen die Verehrung. Dem Guru, seiner Gefährtin, seinen Kindern und den Frauen der Sadhakas bringe man dar, was sie wünschen. Zum Tarini-Mantra gehört unbedingt Shakti-Verehrung. Besonders in der eigenen Gefährtin soll die erwählte Göttin verehrt werden. Rezitiert sie den Mantra derselben Gottheit, werden die Ziele der Praxis erfüllt und Tarini erfreut. Die Gefährtin gilt als Hälfte des eigenen Körpers; deshalb soll man sich um sie bemühen.“ (4/15–17) „Ihre Größe wurde bereits im Cina Tantra berührt. Von der sexuellen Ritualvereinigung ausgenommen sind die Frau des Gurus, seine Tochter und Schwiegertochter, die Partnerin eines Mitinitianden, Vira oder Sadhaka sowie die durch Mantra-Initiation verbundene Tochter. Wer mit ihnen verkehrt, verfällt nach dieser Lehre der Hölle.“ (4/18–21) „Im beschriebenen Vereinigungsritual liegt die Partnerin als Göttin unten; der Praktizierende nimmt Bhairavas Gestalt an. Er spricht den Wurzelmantra und die mit ‚Dharma und Adharma…‘ bezeichnete Formel. Durch das ‚Elefantenrüssel‘ genannte Prinzip vereinigt er den vergöttlichten Linga mit ihr. Nach hundert oder zwanzig Rezitationen lässt er den Samen austreten und verbindet den Wurzelmantra mit der durch ‚prakasha…‘ bezeichneten Formel. Dies ist die vom Buddha-Gestaltigen gelehrte Praxis. Ihr wird Siddhi zugesprochen; sie bleibt so geheim wie die eigene Yoni.“ Fünftes Kapitel: Mantravollendung und drei Gestalten der Göttin
(5/1 samt unnummerierter Frage) Bhairavi sprach: „Durch deine Gnade habe ich alles verstanden. Aber ohne Purashcarana bleibt ein Mantra ohne Frucht. Lehre deshalb diese fruchtbringende Übung.“ (5/2–7) Bhairava antwortete: „Eine Form besteht darin, dienstags oder samstags einen menschlichen Schädel zu beschaffen, ihn allein in einer eine Spanne tiefen Grube zu vergraben und dort nachts tausendmal den Mantra zu wiederholen. Eine andere Form beginnt mit der Verehrung des Gurus, seiner Gefährtin, seines Sohnes oder seiner Tochter wie einer Gottheit. Danach folgen ebenso viele oder hundertacht Rezitationen. Eine weitere Möglichkeit ist die Meditation und Puja im Scheitellotus mit tausendacht Rezitationen in der Gestalt Bhairavas.“ (5/8–12) „Oder man übt vom vierzehnten Mondtag bis zum nächsten vierzehnten Mondtag täglich tausendacht Wiederholungen. Die Viras vollziehen dies nachts auf dem Verbrennungsplatz. Bewahre diese Praxis so sorgfältig geheim wie den Liebhaber der eigenen Mutter. Wie ein lebloser Körper nicht handeln kann, ist ein Mantra ohne Purashcarana unwirksam. Je nach Weltzeitalter wird die Übung ein-, zwei-, drei- oder viermal vollzogen.“ (5/13–17) „Nun zum Blutopfer: Blut von zahmen Tieren, Wildtieren oder Wassertieren gilt in dieser Rituallehre als erfreuliche Gabe, besonders mit Ghee oder Honig vermischt. Eine sesamkorngroße Menge eigenen Blutes wird höher gestellt als ein ganzer Krug Tierblut. Als Entnahmestellen werden Stirn, Hand, Brustbereich, Kopf und Brauenmitte genannt. Dem Opfernden wird Rudras Gestalt zugesprochen. Männer aller vier Stände dürfen nach diesem Text mit Mantra eigenes Blut darbringen; Frauen sind davon ausgeschlossen.“ (5/18–22) „Nun zu den verwandten Mantras: Die drei mittleren Bijas des zuvor genannten Mantras werden als Kulluka und Mahanilasarasvati bezeichnet. Es ist dieselbe große Göttin, nur ihre Namen sind dreifach. Lässt man Om weg, erhält man die dritte Form, Ekajata. Fünf-, drei- und viersilbige Gestalt unterscheiden sich nicht in ihrer Größe. Dies ist die schwer zugängliche Wahrheit; bewahre sie verborgen wie die Yoni vor einem fremden Mann.“ Sechstes Kapitel: Hingabe und Weitergabe
(6/1–4) Bhairava sprach: „Ich beschreibe kurz die Größe der drei mit Ugra beginnenden Mantras. Wer Taras oder Kalis Mantra kennt, wird in dieser Lehre sogar über Shiva gestellt. Ohne diese Mantras seien weder Genuss und Befreiung noch Ruhm und Wohlstand erreichbar.“ (6/4–8) „Wer Tarinis Herz kennt, die Praxis mit der Shakti und das fünfte Ritualelement versteht, wird sogar von den Göttern verehrt. Zugleich können Götter die Praxis durch die eigene Partnerin, Verwandte, Armut, Widerstand, Geringschätzung und Bedrängnis stören. Vertraue solche Schwierigkeiten dem Guru an. Verehre Tarini unter allen Umständen mit ganzer Kraft. Wer dabei an günstig und ungünstig festhält, verkennt nach dieser Rituallehre ihren Sinn.“ (6/9–12) „Die ergebenen Shaktas erfreuen sich am Schauen und Genießen – dieser Satz ist nur unsicher erhalten. Die vom Guru gelehrten Inhalte des Tara Tantra, Cina Tantra und Kali Tantra sind geheim zu halten; die Shakti wird an die Brust genommen. Die Lehre wird dem friedvollen, hochherzigen, freudvollen und freien Schüler anvertraut, der sich vom Guru führen lässt. Was hier nicht ausgesprochen ist, höre aus dem Mund des Lehrers, auch wenn es dem vedischen Lehrwort widerspricht.“ Hier endet das Tara Tantra als Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi.

Anhang A: Vasishthas Suche – dem Rudrayamala zugeschrieben
(A/1–4) Vasishtha, Brahmas selbstbeherrschter Sohn, übte lange und streng an einem einsamen Ort. Sechstausend Jahre widmete er sich dem Yoga, ohne dass ihm die Göttin erschien. Zornig ging er zu seinem Vater und berichtete von seinen Übungen: „Gib mir einen anderen Mantra! Dieser führt nicht zur Vollendung. Sonst werde ich vor dir einen harten Fluch aussprechen.“ (A/5–11) Brahma hielt ihn zurück: „Tue das nicht! Verehre sie erneut mit Hingabe auf dem Yogaweg. Sie wird vor dir erscheinen und dich segnen. Sie ist die höchste Shakti, die aus jeder Bedrängnis rettet: blau, wie Millionen Sonnen strahlend und wie Millionen Monde kühlend, wie stillstehende Blitze, die Geliebte der Zeit. Sie ist Gestalt und Ursprung aller Dinge, jenseits von Dharma und Adharma, der reinen Cinacara-Praxis zugewandt, Bewegerin des Shakti-Kreises. Unermesslich ist ihre Größe. Sie rettet über Samsara, ist Herrin Buddhas und Erkenntnis selbst, mit dem Atharvaveda verbunden. Sie schützt die Welten; alles Bewegte und Unbewegte ist ihr Werk. Verehre sie mit beständiger Freude und ungeteilter Aufmerksamkeit. Warum willst du sie verfluchen? Du wirst ihre Schau gewiss erlangen.“ (A/12–15) Vasishtha hörte seinen Lehrer, verneigte sich und ging als reiner, selbstbeherrschter Vedanta-Kenner ans Meer. Dort rezitierte er weitere tausend Jahre. Doch nicht einmal eine Weisung empfing er. Aufgewühlt und zornig spülte er rituell zweimal den Mund und sprach einen schrecklichen Fluch. Da erschien die Mahavidya, die Herrin des Kula, die den Yogis Furchtlosigkeit schenkt. (A/16–21) Die Göttin sprach: „Grundlos hast du mich verflucht. Du kennst meine Verehrung und meinen Kulagama nicht. Wie sollte bloße Yogaübung die Schau meiner Füße erzwingen? Meine Meditation führt über Leid hinaus. Wer nach Kula strebt und im Mantra vollendet ist, soll meine heilige Praxis kennenlernen, die selbst den Veden unzugänglich ist.“ Der Wortlaut zur genauen Praxis ist hier beschädigt. „Begib dich ins buddhistische Land Mahacina, das hier mit dem Atharvaveda verbunden wird. Dort erkenne den großen Zustand und meine Lotusfüße. Als Kenner meines Kula wirst du ein großer Vollendeter.“ Nach diesen Worten wurde sie unsichtbar und entschwand in den Raum. (A/22–29 samt anschließender Frage) Vasishtha ging ins Cina-Land, wo Buddha weilte, und verneigte sich wiederholt zur Erde. „Rette mich, Unvergänglicher in Buddha-Gestalt! Ich, Brahmas Sohn Vasishtha, bin unruhig und hilflos. Ich kam zur Praxis der großen Göttin und kenne den Weg der Vollendung nicht. Deine Praxis macht mir Angst. Nimm mir mein fehlgeleitetes, nur dem Veda folgendes Verständnis! Hier sehe ich ein Tun außerhalb seiner Ordnung: Wein, Fleisch und Frauen, nackte Vollendete, die Blut trinken wollen, wiederholt trinken und sich sexuell vereinigen. Von Fleisch und Alkohol erfüllt, berauscht und rotäugig, können sie züchtigen und begünstigen; innerlich scheinen sie erfüllt. Doch ihr Verhalten ist mir vedisch nicht erklärbar.“ Demütig fragte er mit gefalteten Händen: „Wie wird eine solche Geisteshaltung rein? Wie kann ohne vedisches Tun Vollendung entstehen?“ (A/30–33) Buddha antwortete: „Ich lehre den höchsten Kula-Weg, dessen Erkennen augenblicklich zu Rudras Gestalt führt. Höre seine Essenz: Der Vira soll rein und von Unterscheidungskraft erfüllt sein. Die folgende Zeile spricht widersprüchlich von Festigkeit im Pashu-Zustand und zugleich vom Meiden der Pashu-Gesellschaft. Er lebe allein an einem ruhigen Ort, frei von Begierde und Zorn, dem Yoga hingegeben und bereit, ihn gründlich zu lernen. Er halte sich an den vedischen Weg und verstehe den Sinn des Veda. Schrittweise wachse er in Rechtschaffenheit, gutem Verhalten und Großmut.“ (A/34–38) „Er zügle den Atem und lasse den Geist im Atemweg still werden. So nimmt seine Selbstbeherrschung täglich zu. Schweiß gilt als unteres Übungszeichen, das mittlere Zeichen bleibt in der Überlieferung unklar, als höchstes wird das Abheben vom Boden bezeichnet. Durch Pranayama werde er zum vollendeten Yogi, kundig im Atemanhalten, schweigsam und Tag und Nacht hingebungsvoll. Seine Hingabe gelte Shiva, Krishna und Brahman. Auch Brahma, Vishnu und Shiva werden hier in Beziehung zur Bewegung des Lebenswindes gesehen. Er bleibe rein in Denken, Reden und Handeln und sammle seinen Geist fest in Shakti als reinem Bewusstsein.“ (A/39–44) „Dann trete er in den großen Vira-Zustand ein, in die Entfaltung des Kula-Weges. Die folgende, nicht ganz klare Aufzählung nennt den Shakti-Kreis, den Sattva-Kreis und eine neunfache Vishnu-Gestalt. Verehre die höchste Kula-Katyayani: unmittelbar gegenwärtige Göttin, Spenderin des Wohlergehens, Zerschneiderin dessen, dessen Name hier beschädigt ist. Sie ist Bewusstsein, Wohnstätte der Erkenntnis und Gestalt bewusster Wonne, leuchtet wie unzählige Blitze und umfasst alle Wirklichkeitsprinzipien. Achtzehn Arme hat ihre wilde Gestalt; eine schwierige Zeile verbindet sie mit Schakalen und Fleischbergen. Nimm Zuflucht zu ihr und wiederhole den Mantra auf dem Kula-Weg. Welcher Weg sollte höher sein? Durch ihn wurde Brahma Schöpfer, Vishnu zum reinen, von Sattva erfüllten Bewahrer und Herrn des Yajurveda, Shiva zum mächtigen Vollbringer der Auflösung, zum Ende aller und König des Zorns.“ (A/45–49) „Durch den Vira-Zustand wurden die Weltenhüter Rudra gleich. Die Lehre verspricht nach einem Monat Anziehungskraft, nach zwei Monaten Meisterschaft der Rede, nach drei Monaten die Zuneigung der Götter und nach vier Monaten den Bereich der Weltenhüter. Im fünften Monat werde man dem Liebesgott gleich, im sechsten Rudra. Dies sei die verborgene Essenz des Kaula-Weges, über dem kein höherer stehe. Festen, hingebungsvollen Yogis wird schon nach einem Monat Erfolg, nach sechs Monaten volle Yoga-Vollendung zugesagt.“ Die Satzstellung des Wortes „Frau“ in A/49 ist dabei ungeklärt. (A/50–53) „Ohne Shakti ist selbst Shiva kraftlos – was erst die anderen mit ihrem trägen Verstand!“ Mit diesen Worten leitete Buddha Vasishtha zur Praxis an: „Verehre die große Shakti durch die Wein-Sadhana; so wirst du die Lotusfüße der Mahavidya schauen.“ Vasishtha gedachte der Göttin Sarasvati, ging zum Kula-Pavillon und übte wiederholt mit Wein, Fleisch, Fisch, Ritualspeise und sexueller Vereinigung. So, erzählt der Text, wurde er ein vollkommener Yogi. Anhang B: Eine zweite Fassung – dem ersten Kapitel des Brahmayamala zugeschrieben
(B/13–21) Brahmas geistgeborener Sohn Vasishtha verehrte einst Tara auf dem Nilacala. Im Yoni-Heiligtum der Kamakhya rezitierte und meditierte er zehntausend Jahre. Dennoch schenkte ihm die Retterin über Samsara keine Gnade. Zornig ging er zu Brahma und gab seine Vidya auf. Der Vater sah ihn durch seine Askese wie zwölf Sonnen leuchten und sprach: „Tara ist die Weisheit der Wirklichkeit und die Retterin der Welten. Verehre ihre Füße mit ruhigem Herzen! Durch ihre Gnade erschaffe ich die vierzehn Welten und spielerisch die vier Veden. Durch ihre Verehrung bewahrt Vishnu, von Wahrheitserkenntnis erfüllt, die Welt. Durch ihre Verehrung löst Shiva als Rudra am Ende alles wieder auf.“ Zwischen den folgenden Versen fehlt die Nummer 22 in der Überlieferung. (B/23–30) Vasishtha erwiderte: „Du bist der Ursprung der Götter und allen Wissens. Warum hast du mir eine so schwer zu verehrende Vidya gegeben? Tausend Jahre lebte ich auf dem Nilacala von Opferspeise. Dennoch blieb ihre Gnade aus. Weitere tausend Jahre trank ich nur gelegentlich einen Mundvoll Wasser. Dann stand ich achttausend Jahre auf einem Bein, ohne Nahrung, tief im Samadhi, stets meditierend und rezitierend. Zehntausend Jahre verehrte ich sie bei Kamakhya, doch bis heute ist ihre Gnade nicht sichtbar. Deshalb gebe ich diese so schwere Praxis voller Trauer auf.“ (B/31–37) Brahma beruhigte seinen Sohn: „Kehre zum Nilacala zurück und verehre die höchste Göttin bei Kamakhya mit festem Entschluss! Bald wirst du Vollendung erlangen. Keine Vidya in den drei Welten gleicht ihr. Welche andere solltest du annehmen?“ Vasishtha verneigte sich und kehrte zurück. Mit beherrschten Sinnen bereitete er die Puja vor und verehrte Mahamaya. Wieder vergingen tausend Jahre, in denen er Taras Lotusfüßen ergeben war. (B/38–43) Als die Göttin ihm weiterhin nicht gewogen war, entbrannte er in Zorn. Er nahm Wasser, um sie zu verfluchen. Die Erde mit ihren Bergen und Wäldern erbebte; unter den Göttern erhob sich Wehgeschrei. Tara erschien, doch Vasishtha sprach einen furchtbaren Fluch aus, durch den die Göttin keine Frucht mehr gewähren sollte. Sie erklärte: „Ohne Cinacara werde ich nicht gnädig.“ Dann besänftigte sie ihn und fragte: „Warum hast du mich in deiner zornigen Verhärtung verflucht?“ (B/44–46 und Schlusszeile) „Nur Janardana in Buddha-Gestalt kennt meine Verehrung wahrhaftig. Deine große Mühe blieb vergeblich, weil du mein Wesen nicht erkanntest und eine entgegengesetzte Praxis verfolgtest. Gehe jetzt zu Vishnu in der Gestalt des Erwachens. Verehre mich nach seiner Unterweisung; dann werde ich dir rasch gnädig sein, daran besteht kein Zweifel.“ Anhang C: Die Begegnung mit Buddha – dem zweiten Kapitel des Brahmayamala zugeschrieben
(C/1–6) Vasishtha verneigte sich vor der Göttin und suchte Buddha auf, um die rechte Praxis kennenzulernen. Im Land Mahacina, nahe dem Himalaya, sah er den Herrn an einem Ort großer Sadhakas. Tausend schöne, jugendliche Frauen umgaben ihn, ihr Hüftschmuck klang. Vom Wein erfreut, anmutig und von erotischer Schönheit erfüllt, waren sie ohne Furcht und Scham auf die Göttin konzentriert. Auch der Herr blickte vom Wein langsam und matt. Vasishtha staunte und gedachte Tarinis. (C/7–12) „Was tut Vishnu in Buddha-Gestalt hier?“, dachte er. „Diese Praxis widerspricht dem Veda; ich billige sie nicht.“ Da sprach eine Himmelsstimme: „Denke nicht so! Diese Praxis ist der höchste Sinn der Tarini-Sadhana. Wer sie ablehnt, empfängt ihre Gnade nicht. Wenn du ihre Gnade bald erfahren möchtest, verehre sie durch Cinacara.“ Vasishthas Haare sträubten sich; voller Freude warf er sich zu Boden. Dann erhob er sich, faltete die Hände und nahm Zuflucht bei Vishnu in Buddha-Gestalt. (C/13–18) Buddha, heiter und vom Weinrausch bewegt, fragte nach dem Grund seines Kommens. Vasishtha verneigte sich und berichtete demütig, was Tara ihm über ihre Verehrung gesagt hatte. Der von Wahrheitserkenntnis erfüllte Hari erklärte ihm die Befähigung zur Cina-Praxis: „Diese Lehre ist geheim. Doch deine Hingabe hat mich gewonnen; deshalb offenbare ich sie dir. Durch diese fruchtbare Verehrung Taras versinkst du nicht im Ozean des Werdens. Sie stillt den Kummer, schenkt Freude und geistige Gaben, ist erfüllt von Wahrheitserkenntnis und führt zur Befreiung.“ (C/19–23) „Reinigung und Bad geschehen innerlich, ebenso das höchste Japa, die göttliche Puja und die sättigende Darbringung. Jede Zeit ist günstig; keine Zeit ist ausgeschlossen. Tag und Nacht, Dämmerung und Mitternacht sind gleich geeignet. Keine zusätzliche Ritualreinigung von Kleidung, Sitz, Ort, Haus, Körperberührung oder Wasser ist erforderlich. Der Geist bleibe frei von unterscheidenden Vorstellungen. Auch ungebadet und nach dem Essen kannst du die Göttin verehren; rituelle Unreinheit befleckt diese Verehrung nicht. Nachts wird an einem rituell unreinen Ort die Bali-Gabe mit Mantra dargebracht. Frauenhass ist keinesfalls erlaubt; besonders in Frauen soll die Göttin verehrt werden.“ Weitere überlieferte Anhangsstellen
Ein redaktioneller Vermerk erklärt, dass das Folgende andernorts ausführlicher behandelt werde. Aus einem dritten Kapitel wird zitiert: „Außerhalb der Zeit der Puja soll man die Shakti nicht nackt betrachten und keinen Alkohol trinken. Die unerlaubte Betrachtung verkürzt nach dieser Lehre das Leben, unerlaubtes Trinken führt in die Hölle.“ Ein weiterer Vermerk weist auf eine ausführliche Darstellung der Erzählung im Mahacinacarakrama hin. Der letzte Anhang verweist auf die Smaradipika des Minanatha als Zeugnis für Buddha als Lehrer der Liebeswissenschaft. Ihr Vers sagt: „Der ehrwürdige Minanatha verfasst die Smaradipika, nachdem er die Essenz herausgenommen hat, die aus dem Mund Buddhas und anderer Weiser gehört wurde.“ Es folgt: „Frauen kennen stets das Wesen der Liebeswissenschaft. Diejenigen, die die Lehrschrift kennen, paaren sich wie Stiere.“ Der zweite Satz ist in dieser Form auffällig; ein möglicherweise ausgefallenes „nicht“ wird nicht stillschweigend ergänzt. Abschließend wird bemerkt, dass die Mahacina-Praxis auch im Gandharva beschrieben werde.
Tara Tantra – vollständiger Sanskrittext in Devanagari
॥ तारातन्त्रम् ॥
प्रथमः पटलः ।
ओं नम स्तारिन्यै ॥
कैलासशिखरे रम्ये देवदेवं महेश्वरम् ।
पप्रच्छ भैरवी देवी शयनीये सुखोषिता ॥ १/१ ॥
पुरा यौ कथितौ बुद्धवशिष्ठौ कुलभैरवौ ।
तेन मन्त्रेण देवेश ! सिद्धौ तौ वद मे प्रभो ! ॥ १/२ ॥
भैरव उवाच ।
क्ष एव परमो देवो बुद्धरूपी जनार्द्दनः ।
उग्रतारा - महामन्त्रं पञ्चार्णं परिजप्य च ॥ १/३ ॥
सृष्ट्यादिकर्मकर्ता च अजरामरतां ययौ ।
वशिष्ठोप्येन माराध्य नक्षत्रलोकमागतः ॥ १/४ ॥
प्. २) योगसिद्धीश्वरो भूत्वा द्योततेऽद्यापि वल्लभे ! ।
तदुद्धारमतं वक्ष्ये यतः सर्वेश्वरो भवेत् ॥ १/५ ॥
प्रणवं पूर्व्वमुद्धृत्य हृल्लेखा कुलकामिनी ।
कूर्चमस्त्रं मन्त्रराजो देवद्रुम इवापरः ॥ १/६ ॥
अनेनैव समाराध्य सर्व्वेशोऽभूत् सदाशिवः ।
दुर्व्वासाः - व्यास - वाल्मीकि - भारद्वाजादिकः कविः ॥ १/७ ॥
भीमसेनार्ज्जुनाद्यास्ते क्षत्रिया जयिनोऽभवन् ।
इति ते कथितं देवि ! रहस्यं परमोत्तमम् ॥ १/८ ॥
गोपनीयं प्रयत्नेन यदि स्नेहोऽस्ति मां प्रति ॥ १/९ ॥
भैरव्युवाच ।
त्वत्प्रसादादहं देव ! श्रुतो मन्त्रः सुरद्रुमः ।
बौद्धदेवेन यच्चीर्णं प्रातः कृत्यं वदस्व मे ॥ १/१० ॥
भैरव उवाच ।
प्रातःकृत्यं प्रवक्ष्यामि येन सिद्धो भवेन्नरः ।
उत्तरप्रहरे मन्त्री सहस्रदलपङ्कजे ॥ १/११ ॥
कर्णिकान्तर्गते पीठे चन्द्रमण्डलसन्निधौ ।
शुद्धस्फटिकसङ्काशं शुद्धक्षौमविराजितम् ॥ १/१२ ॥
वराभयकरं शान्तं प्रसन्नवदनेक्षणम् ।
गन्धपुष्पादिभूषाढ्यं दयिताशक्त मानसम् ॥ १/१३ ॥
प्. ३) इति ध्यात्वा तु गुरवे पाद्याद्यै र्म्मानसै र्यजेत् ।
त्रिधा वा सप्तधा वापि दशधा प्रजपेन्मनुम् ॥ १/१४ ॥
वाग्भवं पूर्व्वमुच्चार्य्य गुरुं तद्दयिताभिधाम् ।
श्रीपादुकां पूजयामि नमो मन्त्रो गुरुप्रियः ॥ १/१५ ॥
गुह्यातिमन्त्रतो मन्त्री समर्प्य स्तवमाचरेत् ॥ १/१६ ॥
ओं नमस्ते भगवन्नाथ ! शिवाय गुरुरूपिणे ।
विद्यावतारसंसिद्धौ स्वीकृतानेकविग्रह ! ॥ १/१७ ॥
भवाय भवरूपाय परमात्मस्वरूपिणे ।
सर्वाज्ञानतमोभेद भानवे चिन्मयाय ते ॥ १/१८ ॥
स्वतन्त्राय दयालिप्त विग्रहाय शिवात्मने ।
परतन्त्राय भक्तानां भव्यानां भवदायिने ॥ १/१९ ॥
विवेकिनां विवेकाय विमर्षाय विमर्षिणाम् ।
प्रकाशिनां प्रकाशाय ज्ञानिनां ज्ञानरूपिणे ॥ १/२० ॥
स्तुत्वाऽज्ञानेति - मन्त्रेण नमस्कारं समाचरेत् ।
मूलाधारे मूलविद्या - स्वरूपां कुलकुण्डलीम् ॥ १/२१ ॥
सूर्य्यकोटि प्रतीकाशां विषतन्तुतनीयमीम् ॥ १/२२ ॥
प्रसुप्तभुजगाकारां सार्द्धत्रिबलयान्विताम् ।
हंसो - मन्त्रेण तस्याश्च चैतन्यं योजयेत्ततः ॥ १/२३ ॥
प्.४) पद्मषट्कं भेदयित्वा कर्णिकाधः समानयेत् ।
ततश्च संस्मरेत् कौलान् गुरूनेतान् कुलेश्वरि ! ॥ १/२४ ॥
प्रह्लादानन्दनाथाख्यः सनकानन्द एव च ।
कुमारानन्दनाथश्च वशिष्ठानन्दनाथकः ॥ १/२५ ॥
क्रोधानन्द सुखानन्दौ ज्ञानानन्द स्ततःपरम् ।
बोधानन्दस्ततो नित्यं कारणानन्दनन्दिताः ॥ १/२६ ॥
विघूर्णनयना स्तादृक्शक्तिसङ्गविराजिताः ।
ततो विन्दुस्फुरन्माध्वी - धारया तान् प्रतर्पयेत् ॥ १/२७ ॥
तस्मात्तेनैव मार्गेण स्वस्थानं प्रापयेत् पराम् ।
तत्प्रभापटलै र्देवि ! पाटलं स्वं विचिन्तयेत् ॥ १/२८ ॥
इति ते कथितं देवि ! प्रातःकृत्यमनुत्तमम् ।
गोपनीयं ममप्रीतिकृतेऽवश्यं सुरेश्वरि ॥ १/२९ ॥
॥ इति श्रीतारातन्त्रे प्रथमः पटलः ॥
द्वितीयः पटलः ।
श्रीभैरव्युवाच ।
श्रुतमेतन्महाभाग ! प्रातःकृत्यमहो महत् ।
महाचीनाख्यतन्त्रे च त्रिविधं पूजनं हि यत् ॥ २/१ ॥
उक्तवान् बुद्धदेवेश स्तत्र योन्यर्च्चनं श्रुतम् ।
मानसं यान्त्रिकञ्चैव श्रोतुमिच्छामि माम्प्रतम् ॥ २/२ ॥
प्. ५) श्रीभैरव उवाच ।
मनः पूजा विधिं वक्ष्ये न्यासं पूर्व्वं शृणु प्रिये ॥
अकृते न्यासजाले हि अधिकारो न विद्यते ॥ २/३ ॥
ऋष्यादिन्यासकञ्चैव कराङ्गन्यास एव च ।
वर्ण व्यापकविन्यासौ पीठन्यास स्ततः परम् ॥ २/४ ॥
अक्षोभ्यश्च ऋषिः प्रोक्तो वृहती च्छन्द ईरितम् ।
उग्रतारा देवतोक्ता कूर्च्चवीजसुदाहृतम् ॥ २/५ ॥
शक्तिरस्त्रं शेषवर्णाः कीलकानि भवन्त्युत ।
अखिलवाग्रूपिणीमुक्त्वा हृदयाय नमो वदेत् ॥ २/६ ॥
अखण्डवाग्रूपिणीमुक्त्वा शिरसे वह्निवल्लभा ।
ब्रह्मवाग्रूपिणीमुक्त्वा शिखायै वषडित्यपि ॥ २/७ ॥
विष्णुवाग्रूपिणीमुक्त्वा कवचाय इमीरितम् ।
विष्णुवाग्रूपिणी नेत्रत्रयाय वौषडित्यपि ॥ २/८ ॥
सर्व्ववाग्रूपिणीमुक्त्वा अस्त्राय फडिति स्मरेत् ।
षड्दीर्घमायया चैव वीजानामेव चोच्चरेत् ॥ २/९ ॥
अङ्गस्थानेऽङ्गुलीनान्तु पाणितो योजनञ्चरेत् ।
आदिॡवर्णपर्य्यन्तान् हृदये विन्यसेत् प्रिये ॥ २/१० ॥
एकाराद्यान् ङादिढान्तान् क्रमेण बाहुयुग्मके ।
णादिभान्तान् मकारादिक्षान्तान् जङ्घाद्वये प्रिये ! ॥ २/११ ॥
प्. ६) मूलेन व्यापकं न्यस्य पीठन्यासं समाचरेत् ।
हृत्सरोजे सुधासिन्धुं मध्ये द्वीपं सुवर्णजम् ॥ २/१२ ॥
परितः पारिजातांश्च मध्ये कल्पतरुं ततः ।
तन्मूले हेमनिर्म्माणं द्वाश्चतुष्टय भूषितम् ॥ २/१३ ॥
मण्डपं मन्दवातेन पराक्रान्तं सुधूपितम् ।
तत्र यन्त्रं प्रतिष्ठाप्य तत्र पूजां समाचरेत् ॥ २/१४ ॥
एवं पीठमये देहे चिन्तयेदुग्रतारिणीम् ।
हृदिपाण्यग्रमादाय जीवन्यासं समाचरेत् ॥ २/१५ ॥
इति ते कथितं कान्ते ! न्यासजालमनुत्तमम् ।
परिपाटी गुरोर्ज्ञेया न्यासानां रचनं प्रिये ॥ २/१६ ॥
ततः पूजां प्रकुर्व्वीत येन तन्मयतामियात् ।
स्नायाच्च विमले तीर्थे पुष्करे हृदयाश्रिते ॥ २/१७ ॥
शिवशक्ति समायोगः सन्ध्या प्रोक्ता च तान्त्रिकैः ।
विन्दुच्युतसुधाभि स्तां तर्पयेत् प्राणवल्लभे ! ॥ २/१८ ॥
तत स्तत्पपरिवारादीन् तत्शरीरे विलाप्य च ।
उद्वर्त्तनादिकं दत्त्वा स्नापयेद्दिव्यवारिणा ॥ २/१९ ॥
मृदुवस्त्रेण संमार्ज्य नयने कज्जलं ददेत् ।
ललाटे चैव सिन्दूरं अलक्तं चरणाम्बुजे ॥ २/२० ॥
प्. ७) चिन्तयेन्मनसा मूर्तिं सर्वालङ्कारभूषिताम् ।
ततः सोऽहमिति ध्यात्वा पाद्यं दद्यात् पदोः प्रिये ॥ २/२१ ॥
मौलावर्घ्यं मुखे तोयं गन्धोऽङ्गे सर्वतः क्षिपेत् ।
सुगन्धि - श्वेतलौहित्यं जवां कृष्णापराजिताम् ॥ २/२२ ॥
पदे शीर्षे तथा कर्णे कण्ठे मालां निधापयेत् ।
सम्मुखे धूपदीपौ च नैवेद्यं भोजयेदथ ॥ २/२३ ॥
कारणं पललं भूयः कारणं मीनमुत्तमम् ।
पुनश्च कारणं देयं ततो भर्ज्जितशालिजम् ॥ २/२४ ॥
पुनर्मद्यं ततोऽपूपशष्कुलीं देवि ! दापयेत् ।
ततो मद्यं प्रदायैव नाना - तेमन - संयुतम् ॥ २/२५ ॥
दधिक्षीराज्यसहितं दापयेदोदनं प्रिये ! ।
आचमनं ततो दद्यात्ताम्बूलं विनिवेदयेत् ॥ २/२६ ॥
ततो वै मानसं जापं कृत्वा तर्पण माचरेत् ।
स्तुत्वा नत्वा तत्तदङ्गदेवता [:] प्रापयेदथ ॥ २/२७ ॥
स्व स्व स्थानं ततः शेषं शक्तिभिर्भोजयेत् स्वयम् ।
ततः सोहमिति ध्यायेदात्मानं तारिणीमयम् ॥ २/२८ ॥
इदं मानसमाख्यातम् पूजनं देवि ! दुर्लभम् ।
एकान्तनिर्मलं चित्तं हृदम्भोजार्च्चनात् प्रिये ॥ २/२९ ॥
प्. ८) गुर्वर्च्चोचित काले च प्रातर्मध्याह्नतोऽपि वा ।
कर्त्तव्य मेतद्विधिवद्गुरुपादप्रसादतः ॥ २/३० ॥
अथातः संप्रवक्ष्यामि पूजां यन्त्रसमीरिताम् ।
अथ यागगृहं गत्वा पुष्पाहरणमाचरेत् ॥ २/३१ ॥
शताभिषेकेति पदं द्विरुच्चार्य ततो वदेत् ।
कूर्चास्त्रवह्निललना ताराद्यः पुष्पकर्षणे ॥ २/३२ ॥
मायां पूर्वं समुचार्य आधारशक्तिसंवदेत् ।
कमलासनं ङेन्तञ्च हृन्मनुश्चासनार्चने ॥ २/३३ ॥
अर्घ्यपात्रं स्थापयित्वा पञ्चानां शोधनञ्चरेत् ।
आदौ शोधनमेवोक्तं नीलतन्त्रे तव प्रिये ॥ २/३४ ॥
द्वितीयशोधने देवि ! प्रतद्धिष्णु - मनुं जपेत् ।
तृतीयशोधने देवि ! त्र्यम्बकेनैव मन्त्रवित् ॥ २/३५ ॥
तद्विष्णोरिति मन्त्रेण चतुर्थशोधनञ्चरेत् ।
प्रतद्विष्णुरिति मन्त्रेण स्वयम्भ्वादिविशोधनम् ॥ २/३६ ॥
शक्तेस्तु शोधनेनैव मैथुनं शुध्यति प्रिये ! ।
ततो देवि ! महायन्त्रं कथयामि तव प्रिये ॥ २/३७ ॥
सयोनिं चन्दनेनाष्टपत्रमब्जं लिखेत्ततः ।
चतुरस्रं चतुर्द्वारं यन्त्रं देवि ! समालिखेत् ॥ २/३८ ॥
गणेशं प्राचि संपूज्य दक्षिणे वटुकं यजेत् ।
पश्चिमे क्षेत्रपालञ्च योगिनीमुत्तरे यजेत् ॥ २/३९ ॥
प्. ९) श्माशानं तत्र संपूज्यं तत्र कल्पद्रुमं यजेत् ।
तन्मूले मणिपीठञ्च नानामणिविभूषितम् ॥ २/४० ॥
नानालङ्कार - भूषाढ्यं मुनिदेवैश्च मण्डितम् ।
शिवाभिर्वहुमांसास्थि - मोदमानाभिरन्ततः ॥ २/४१ ॥
चतुर्द्दिक्षु शवान् मुण्डांश्चिताङ्गारास्थिभूषितान् ।
(चतुर्दिक्षु शवमुण्डचिताङ्गारास्थि - भूषितम्)
हसौः सदाशिवेत्युक्त्वा महाप्रेत ततः परम् ॥ २/४२ ॥
पद्मासनाय हृदयं पीठन्यासमनुर्मतः ।
लक्ष्मीः सरस्वती चैव रतिः प्रीति स्तथैव च ॥ २/४३ ॥
कीर्त्तिः शान्तिश्च पुष्ठिश्च तुष्टि रित्यष्टशक्तयः ।
एताः पूज्याः पत्रदेशे क्रमेण प्राणबल्लभे ॥ २/४४ ॥
ततः पुष्पाञ्जलिं नीत्वा कूर्मतत्त्वेन कौलिकः ।
हृदये द्यौतनं तेजः परिवारसमन्वितम् ॥ २/४५ ॥
यंकारादितया देवि ! शवोपरि निधापयेत् ।
आं सोहमिति मन्त्रेण जीवन्यासं समाचरेत् ॥ २/४६ ॥
ततः पाद्यादिना देवि ! पूजयेदुग्रतारिणीम् ।
नमः स्वाहा स्वधाञ्चैव नमो वौषट् तथा क्रमात् ॥ २/४७ ॥
ततो निवेदयामीति सर्वं दद्यान्महेश्वरि ! ।
इदं द्रव्यं ततः प्रोच्य देवताबोधनं ततः ॥ २/४८ ॥
प्. १०) वज्रपुष्पं प्रतिच्छेदं हू/ - फट् - स्वाहा ततो वदेत् ।
मूलमन्त्रं समुच्चार्य ङेन्तं नाम नियोजयेत् ॥ २/४९ ॥
ततश्च परिवाराणि पूजयेद्देवि ! कौन्तिकः ।
इदं द्रव्यं समुचार्य परिवारेभ्यो नमोऽन्ततः ॥ २/५० ॥
प्रणवाद्येन मनुना कुलीनः पूजनञ्चरेत् ।
अक्षोभ्यं मौलिदेशे तु प्रागाद्यष्टदलेषु च ॥ २/५१ ॥
शक्तयोऽष्टौ भैरवांश्च द्वारेषु चतुरः सुरान् ।
वायव्यादीशपर्यन्तं गुरुपङ्क्तिर्व्यवस्थिता ॥ २/५२ ॥
ततो जप्त्वा स्तवैः स्तुत्वा नत्वा च विसृजेद्धृदि ।
नैवेद्यं साधकेभ्यश्च स्त्रीभ्यो दद्यान्न कुत्रचित् ॥ २/५३ ॥
इति ते कथितं भद्रे ! तारायाः पूजनं महत् ।
मानसं यान्त्रिकञ्चैव नित्यं नृणामिति स्मृतम् ॥ २/५४ ॥
नाधिकारो यौनिके च स्त्रीणां मानस - यन्त्रयोः ।
विधेयं पूजनं देवि ! न कुर्याद्वा निजेच्छया ॥ २/५५ ॥
॥ इति श्रीतारातन्त्रे द्वितीयः पटलः ॥
तृतीयः पटलः
श्रीभैरव उवाच ।
अथातः संप्रवक्ष्यामि शृणु त्वं पर्वतात्मजे ।
पात्रमेकं द्वयं वापि त्रयं वा पञ्च वा प्रिये ॥ ३/१ ॥
पिवेद्वीरवरश्रेष्ठो यः स रुद्र इतीरितम् ।
सम्बिदानन्दयोगेन यः कारणमदो भवेत् ॥ ३/२ ॥
स एव परमानन्दो ब्रह्मसायुज्यदायकः ।
तस्माद्भुक्त्वा सिद्धिमूलं साधकः कारणं पिवेत् ॥ ३/३ ॥
विनानन्दं सम्बिदायाः पानं यत्कारणस्य च ।
तन्न चानन्द - जनकं बौद्धदेव - वचो यथा ॥ ३/४ ॥
पूज्योः गुरुः सदा चात्र तद्वत्तत्तनयोपि च ।
तत्पत्नी सर्वभावेन सदा कौलिकपूरुषैः ॥ ३/५ ॥
तस्याः सन्तोषमात्रेन देवी तुष्टा भवेत् प्रिये ! ।
तस्मात् स्तोत्रैर्धनैर्वाक्यै स्तोषयेत् ब्रह्मदायकम् ॥ ३/६ ॥
नक्तं जपविधानञ्च शृणुष्वैकमनाः प्रिये ! ।
आदौ षङङ्गं विन्यस्य गुरोर्ध्यानं ततःपरम् ॥ ३/७ ॥
मन्त्रध्यानं ततःपश्चात् देवौध्यानं ततश्चरेत् ।
सेतुरूपं तत स्तारं जप्त्वा जपमथाचरेत् ॥ ३/८ ॥
प्. १२) पुनस्तारं ततो देवीध्यानं कृत्वा समर्पयेत् ।
शिवोऽहं तारिणीरूपमात्मानमिति चिन्तयेत् ॥ ३/९ ॥
परिवारमयश्चाहमिति ध्यायेदनारतम् ।
इति ते कथितं देवि ! रहस्यं तारिणीमयम् ॥ ३/१० ॥
न देयं पशवे तस्मात् शपथो मे त्वयि प्रिये ! ॥ ३/११ ॥
॥ इति श्रीतारातन्त्रे तृतीयः पटलः ॥
चतुर्थः पटलः
श्रीभैरव्युवाच ।
यत् प्रसादादिदं सर्वं कुलाचारविधानकम् ।
तस्यैवाद्यन्तमाहात्म्यं श्रोतुमिच्छामि साम्प्रतम् ॥ ४/१ ॥
श्रीभैरव उवाच ।
गुरुः परमगुरुश्चैव परापरगुरुस्तथा ।
परमेष्टिगुरुश्चैव चत्वारो गुरवः स्मृताः ॥ ४/२ ॥
ऋषिरत्र गुरुः प्रोक्तो मन्त्रदः परमो गुरुः ।
परापरगुरुश्चाहं त्वमेव परमेष्टिका ॥ ४/३ ॥
सर्वेषामेव मध्ये तु प्रधानं परमो गुरुः ।
गुरोर्विना महामोक्षं न काशी न च गङ्गया (?) ॥ ४/४ ॥
माहात्म्यं तस्य वक्ष्यामि येन तुष्टा च शाम्भवी ।
गुरुमन्त्रेष्टदेवीनामेकत्वं परिकथ्यते ॥ ४/५ ॥
तत्पत्नी च विशेषेण परदेवीविशेषभाक् ।
सरल्याऽसरला वापि निष्ठुरा वा प्रियोदिता ॥ ४/६ ॥
प्. १४) कुत्सिता व्याधिता वापि मूढाऽमूढापि वा प्रिये ।
सदेष्टदेवोभावेन भावनीया कुलोत्तमैः ॥ ४/७ ॥
तत्तनुजोदितञ्चैव यद्वा साधकभाषितम् ।
यत्नेनैव विधातव्यमशक्ये यत्नवान् भवेत् ॥ ४/८ ॥
वीरोच्छिष्टं विनामद्यं शक्त्युच्छिष्टं तदप्युत ।
भोजयेन्निर्विकल्पेन मनसा वीरवल्लभः ॥ ४/९ ॥
पुरा प्रोक्तानि पञ्चैव एकं वा शृणु भैरवि ! ।
शोधयित्वा निवेद्यैव योऽश्नीयात् स च भैरवः ॥ ४/१० ॥
सुसिद्धाः पीठसंस्था ये साधका स्तेऽर्चनाश्रयाः ।
गुरु तद्दयितापुत्रपुत्री - साधकयोषितां ॥ ४/११ ॥
यत्नेच्छा वर्तते तत्तु समर्प्यं परमेश्वरि ! ।
अवश्यं तारिणीमन्त्रे शक्तिपूजा विधीयते ॥ ४/१२ ॥
निजकान्तेष्ठदेवी तु पूजनीया विशेषतः ।
समानदेवतामन्त्रं निजक्रान्ता जपेद्यदि ॥ ४/१३ ॥
तदा सर्वार्थसिद्धिः स्यात् तुष्टा भवति तारिणो ।
शरीरार्धं स्मृता कान्ता यस्मात्तद्यत्नवान् भवेत् ॥ ४/१४ ॥
तस्याः किञ्चिच्च माहात्म्यं चीनतन्त्रे मयोदितम् ।
मैथुने वर्जनीया या स्तासां विधि रिहोच्यते ॥ ४/१५ ॥
प्. १५) गुरुपत्नी गुरुसुता गुरुपुत्रबधू स्तथा ।
सतीर्थस्य तु वीरस्य साधकस्य तथा प्रिये ! ॥ ४/१६ ॥
कान्ताया मन्त्रपुत्र्याश्च रमणान्नारकी भवेत् ।
मैथुनस्य विधानन्तु कथ्यते शृणु भैरवि ! ॥ ४/१७ ॥
अधः कृत्वा महादेवीं स्वयं भैरवरूपधृक् ।
पुरतो मूलमुच्चार्य धर्माधर्मादिकं पठन् ॥ ४/१८ ॥
गजतुण्डाख्यतत्त्वेन योजयेल्लिङ्गभैरवम् ।
तस्मात् शतं विंशतिं वा जप्त्वा तेजस्तु पातयेत् ॥ ४/१९ ॥
मूलान्ते तु प्रकाशेति वचनं परिपठ्य च ।
इति तं कथितं देवि ! यथोक्तं बुद्धरूपिणा ॥ ४/२० ॥
सिद्धिप्रदं समाचाराद् गोपनीयं स्वयोनिवत् ॥ ४/२१ ॥
॥ इति तारातन्त्रे चतुर्थः पटलः ॥
पञ्चमः पटलः
श्रीभैरव्युवाच ।
त्वत्प्रसादान्महादेव ! ज्ञातमेतन्मयाखिलम् ।
पुरश्चरणहीनेन मन्त्रेण न फलं भवेत् ॥ ५/१ ॥
तस्माच्च फलदानन्तु पुरश्चरणमुच्यताम् ।
प्. १६) श्रीभैरव उचाच ।
अथातः संप्रवक्ष्यामि पुरश्चरणमुत्तमम् ।
कुजे वा शनिवारे वा नरमुण्डं समाहरेत् ॥ ५/२ ॥
वितस्तिमात्रे खाते तु निखनेत् सङ्गवर्जितः ।
तत्र नक्तं दशशतं प्रजपेन्मन्त्रसिद्धये ॥ ५/३ ॥
अनेनैव विधानेन पुरश्चर्या विधीयते ।
अथवान्यप्रकारेण पुरश्चरणमुच्यते ॥ ५/४ ॥
गुरुं तद्दयितां वापि तत्सुतं तत्सुताञ्च वा ।
देववत् पूजनं कृत्वा जपेत्तावद् वरानने ! ॥ ५/५ ॥
अष्टाधिकं शतं वापि पुरश्चरणमुच्यते ।
अथवा मूर्द्ध्निपद्मे तु ध्यात्वा पूजां विध्याय च ॥ ५/६ ॥
अष्टाधिक सहस्रञ्च जपेद्भैरवरूपधृक् ।
अनेनैव विधानेन पुरश्चरणमुच्यते ॥ ५/७ ॥
अथवान्यप्रकारेण पुरश्चरणमुच्यते ।
चतुर्दशीं समारभ्य यावदन्या चतुर्दशी ॥ ५/८ ॥
सहस्रं प्रत्यहं साष्टं जपेत् सिद्धीश्वरो भवेत् ।
एतत् सर्वं श्मशाने च रात्रौ वीरैर्विधीयते ॥ ५/९ ॥
इति ते कथितं भद्रे ! पुरश्चरणमुत्तमम् ।
गोपनीयं प्रयत्नेन जनन्या जारवत् प्रिये ! ॥ ५/१० ॥
जीवहीनो यथा देही सर्वकर्मसु न क्षमः ।
पुरश्चरणहीनोऽपि तथा मन्त्रः प्रकीर्तितः ॥ ५/११ ॥
सकृत् द्विधा त्रिधा वापि चतुर्द्धा युगभेदतः ।
कर्तव्यञ्च प्रयत्नेन पुरश्चरणमुत्तमम् ॥ ५/१२ ॥
इदानीं रक्तदानस्य विधानं वरवर्णिनि ! ।
ग्राम्यारण्यजलस्थानां रुधिरं प्रीतिबर्द्धनम् ॥ ५/१३ ॥
घृताक्तं मधुनाक्तञ्च विशेषात् प्राणबल्लभे ! ।
जन्तुरक्तेन सम्पूर्ण - कलसात् पर्वतात्मजे ! ॥ ५/१४ ॥
तिलप्रमाणं रुधिरं निजदेहस्य शस्यते ।
ललाट - हस्त - हृदय शिरोभ्रूमध्य देशतः ॥ ५/१५ ॥
स्वदेहरुधिरे दत्ते रुद्रदेह इवापरः ।
ब्राह्मणो यदि वा क्षत्रो वैश्यः शूद्रश्च एव वा ॥ ५/१६ ॥
प्रदद्यान्निजरक्तञ्च मन्त्रयित्वा प्रयत्नतः ।
शक्तीनां नाधिकारोऽस्ति स्वदेहरुधिरार्पणे ॥ ५/१७ ॥
मन्त्रान्तरं प्रवक्ष्यामि शृणु भैरवि ! सादरम् ।
पूर्वोक्तमन्त्रराजस्य मध्यवीजत्रयं प्रिये ! ॥ ५/१८ ॥
कुल्वुका नाम देवी च महानीलसरस्वती ।
एकैव हि महादेवी नाममात्रं त्रिधा भवेत् ॥ ५/१९ ॥
प्रणवव्यतिरेकेन तृतीयैकजटा भवेत् ।
यथा पञ्चाक्षरी त्र्यर्णा तथा वर्णचतुष्टयम् ॥ ५/२० ॥
प्. १८) माहात्म्यं न च भेदः स्यात् साम्यमित्यभिधीयते ।
इति ते कथितं तत्त्वं दुर्लभं मयका प्रिये ॥ ५/२१ ॥
गोपनीयं प्रयत्नेन योनिः परनरे यथा ॥ ५/२२ ॥
इति श्रीतारातन्त्रे पञ्चमः पटलः ॥
षष्ठः पटलः
श्रीभैरव उवाच ।
अथान्यत् संप्रवक्ष्यामि रहस्यं तारिणीमयम् ।
उग्रादित्रयमन्त्रस्य माहात्म्यं वर्णयाम्यहम् ॥ ६/१ ॥
संक्षेपत स्तथापीह वर्णयामि महेश्वरि ! ।
तारामन्त्रविदो मन्त्री कालीमन्त्रविद स्तथा ॥ ६/२ ॥
शिवादप्यधिको देवि ! नात्र कार्यश्च संशयः ।
तारामन्त्रं विना देवि ! कालिकामन्त्रमेव च ॥ ६/३ ॥
नाप्नुयात् परमेशानि ! भोगमोक्षौ यशःश्रियौ ।
तारिणीहृदयज्ञानी लतासाधन - तत्परः ॥ ६/४ ॥
पञ्चमप्राशनप्राज्ञो देवैरपि नमस्यते ।
निजकान्ता - स्वरूपेण निजबन्धुस्वरूपतः ॥ ६/५ ॥
प्. १९) दारिद्र्येण विरोधेन न्यक्कारादिप्रयोगतः ।
पीडादिना विधीयेत देवैर्भङ्गोऽत्र साधने ॥ ६/६ ॥
तस्माद्यत्नेन वीरेन्द्रो गुरवे विनिवेदयेत् ।
सर्वथा सर्वयत्नेन सर्वोपास्या च तारिणी ॥ ६/७ ॥
भद्राभद्रविचारञ्च यः करोति स दुर्मतिः ।
इति ते कथितं तत्त्वमनुष्ठेश्च समासतः ॥ ६/८ ॥
दर्शनाद्भक्तशाक्ता ये सुखन्ते परिभुञ्जते ।
तारातन्त्रं चीनतन्त्रं कालीतन्त्रं गुरुदितम् ॥ ६/९ ॥
सर्वथा गोपनायैव शक्तिं वक्षःस्थलेऽर्पयेत् ।
देयं विष्याय शान्ताय साधकाय महात्मने ॥ ६/१० ॥
विलासिने स्वन्त्राय गुरुतन्त्राय सुव्रते ! ।
अन्यद्यन्नोक्तमत्रापि तत्सर्वं गुरुवक्त्रतः ॥ ६/११ ॥
विरुद्धं वेदवादेऽपि श्रोतव्यं नात्र संशयः ॥ ६/१२ ॥
॥ इति श्रीभैरवभैरवीसंवादे तारातन्त्रे षष्ठः पटलः ॥
[ समाप्तोऽयं ग्रन्थः ]
बुद्धवशिष्ठवृत्तान्तः
[ रुद्रयामले सप्तदशपटलः ]
वशिष्ठो ब्रह्मपुत्रोऽपि चिरकालं सुसाधनम् ।
चकार निर्जने देशे कृच्छ्रेण तपसा वशी ॥ ७/१ ॥
षट्सहस्रं वत्सरञ्च व्याप्य योगादिसाधनम् ।
तथापि साक्षाद् गिरिजा न बभूव महीतले ॥ ७/२ ॥
ततो जगाम क्रुद्धोऽसौ तातस्य निकटे प्रभुः ।
सर्वं तत्कथयामास स्वीयाचारक्रमं प्रभो ! ॥ ७/३ ॥
अन्यमन्त्रं देहि नाथ ! एषा विद्या न सिद्धिदा ।
अन्यथा सुदृढं शापं तदाग्र (त्वदग्रे) प्रददामि हि ॥ ७/४ ॥
ततस्तं वारयामास एवं न कुरु भो ! सुत ! ।
पुनस्तां भज भावेन योगमार्गेण पण्डितः ॥ ७/५ ॥
ततः सा वरदा भूत्वा आगमिष्यति तेऽग्रतः ।
सा देवो परमा शक्तिः सर्वसङ्कटतारिणी ॥ ७/६ ॥
कोटिसूर्यप्रभा नीला चन्द्रकोटिसुशीतला ।
स्थिरविद्युल्लताकोटिसदृशी कालकामिनी ॥ ७/७ ॥
प्. २२) सर्वस्वरूपा सर्वाद्या धर्माधर्मविवर्जिता ।
शुद्धचीनाचाररता शक्तिचक्रप्रवर्तिका ॥ ७/८ ॥
अनन्तानन्तमहिमा संसाराणवतारिणी ।
बुद्धेश्वरी बुद्धिरूपा अथर्ववेदशाखिनी ॥ ७/९ ॥
सा पाति जगतां लोकां स्तस्या कर्म चराचरम् ।
भज पुत्र ! स्थिरानन्दः कथं शप्तुं समुद्यतः ॥ ७/१० ॥
एकान्तचेतसा नित्यं भज पुत्र दयानिधे ।
तस्य (स्या) दर्शनमेवं हि अवश्यं समवाप्स्यसि ॥ ७/११ ॥
एतच्छ्रुत्वा गुरोर्वाक्यं प्रणम्य च पुनः पुनः ।
जगाम उदधे स्तीरे वशी वेदान्तवित् शुचिः ॥ ७/१२ ॥
सहस्रवत्सरं सम्यक् जजाप परमं जपम् ।
आदेशोपि न बभूव ततः क्रोधपरो मुनिः ॥ ७/१३ ॥
व्याकुलात्मा महाविद्यां वशिष्ठः शप्तुमुद्यतः ।
द्विराचम्य महाशापः प्रदत्तश्च सुदारुणः ॥ ७/१४ ॥
तेनैव मुनिना नाथ ! मुनेरग्रे कुलेश्वरी ।
आजगाम महाविद्या योगिनामभयप्रदा ॥ ७/१५ ॥
अकारणमरे विप्र ! शापो दत्तः सुदारुणः ।
मम पूजां न जानासि मत्कुलागमचिन्तनम् ॥ ७/१६ ॥
कथं योगाअभ्यासवशात् मत्पादाम्भोजदर्शनम् ।
प्राप्नोति मानुषो देवो मम ध्यानमदुःखदम् ॥ ७/१७ ॥
यः कुलार्थी सिद्धमन्त्री महेदाचारनिर्मलम् ।
ममैव साधनं पुण्यं वेदानामप्यगोचरम् ॥ ७/१८ ॥
बौद्धदेशेऽथर्ववेदे महाचीने सदा ब्रज ।
तत्र गत्वा महाभावं विलोक्य मत्पदाम्बुजम् ॥ ७/१९ ॥
मत्कुलज्ञो महर्षे ! त्वं महासिद्धो भविष्यसि ।
एतद्वाक्यं कथित्वा सा वायव्याकाशगामिनी ॥ ७/२० ॥
निराकाराऽभवत् शीघ्रं ततः साकाशवाहिनी ।
ततो मुनिवरः श्रुत्वा महाविद्यासरस्वतीम् ॥ ७/२१ ॥
जगाम चीनभूमौ च यत्र बुद्धः प्रतिष्ठितः ।
पुनः पुनः प्रणम्यासौ वशिष्ठः क्षितिमण्डले ॥ ७/२२ ॥
रक्ष रक्ष महादेव ! बुद्धरूपधराव्ययः (य !) ।
अति दीनं वशिष्ठं मां सदाव्याकुलचेतसम् ॥ ७/२३ ॥
ब्रह्मपुत्रं महादेवीसाधनायाजगाम च (यः) ।
सिद्धिमार्गं न जानामि देवमार्गपरोहरः ।
तवाचारं समालोक्य भयानि सन्ति मे हृदि ॥ ७/२४ ॥
तन्नाशय मम क्षिप्रं दुर्वुद्धि वेदगामिनीम् ।
वेदवहिष्कृतं कर्म सदा ते चालये प्रभो ! ॥ ७/२५ ॥
कथमेतत्प्रकारञ्च मद्यं मांसं तथाङ्गनां (ना)
सर्वे दिगम्बराः सिद्धाः रक्तपानोद्यता वराः ।
मुहुर्मुहुः प्रपिवन्ति रमयन्ति वराङ्गनाम् ॥ ७/२६ ॥
सदा मांसासवैः पूर्णा मत्ता रक्तविलोचनाः ।
निग्रहानुग्रहे शक्ताः पूर्णान्तःकरणोद्यताः ॥ ७/२७ ॥
वेदस्यागोचराः सर्वे मद्यस्त्री - सेवने रताः ।
इत्युवाच महायोगी दृष्ट्वा वेदवहिष्कृतम् ॥ ७/२८ ॥
प्राञ्जलिर्विनयाविष्टो वद चैतत्कुलप्रभो ! ।
मनः प्रवृत्तिरेतेषां कथं भवति पावन (नी) ॥ ७/२९ ॥
प्. २४) कथं वा जायते सिद्धिर्वेदकार्यं विना प्रभो ! ।
बुद्ध उवाच ।
वशिष्ठ ! शृणु वक्ष्यामि कुलमार्गमनुत्तमम् ।
येन विज्ञानमात्रेन रुद्ररूपी भवेत् क्षणात् ॥ ७/३० ॥
सङ्क्षेपेण सर्वसारं कुलसिद्ध्यर्थमागमम् ।
आदौ शुचिर्भवेद्वीरो विवेकाक्रान्तमानसः ।
पशुभावस्थिर चेताः पशुसङ्गविवर्जितः ॥ ७/३१ ॥
एकाकी निर्जने स्थित्वा कामक्रोधादिवर्जितः ।
सदा योगाभ्यासरतो योगशिक्षादृढब्रतः ॥ ७/३२ ॥
वेदमार्गाश्रयो नित्यं वेदार्थनिपुणो महान् ।
एवं क्रमेण धर्मात्मा शीलौदार्यगुणान्वितः ॥ ७/३३ ॥
धारयेन्मारुतं नित्यं श्वासमार्गे मनोलयम् ।
एवमभ्यासयोगेन वशी योगी दिने दिने ॥ ७/३४ ॥
शनैः शनैः कृताभ्यासाद्देहे स्वेदोद्गमोऽधमः ।
मध्यमः स्वल्पसंयुक्तो भूमित्यागः परो मतः ॥ ७/३५ ॥
प्राणायामेन सिद्धिः (द्धः) स्यान्नरो योगेश्वरो भवेत् ।
योगी भूत्वा कुम्भकज्ञो मौनी भक्तो दिवानिशम् ॥ ७/३६ ॥
शिवे कृष्णे ब्रह्मपदे एकान्तभक्तिसंयुतः ।
ब्रह्म - विष्णु - शिवा एते वायवीगतिचञ्चला ॥ ७/३७ ॥
एवं विभाव्य मनसा कर्मणा वचसा शुचिः ।
शक्तौ चित्तं समाधाय चिद्रूपायां स्थिराशयः ॥ ७/३८ ॥
ततो महावीरभावं कुलमार्गमहोदयम् ।
शक्तिचक्रं सत्वचक्रं वैष्णवं नवविग्रहम् ॥ ७/३९ ॥
प्. २५) समाश्रित्य भजेन्मन्त्री कुलकात्यायनीं पराम् ।
प्रत्यक्षदेवतां श्रीदां चण्डो देवगा (?) निकृन्तनीम् ॥ ७/४० ॥
चिद्रूपां ज्ञाननिलयां चैतन्यानन्दविग्रहाम् ।
कोटिसौदामिनीभासां सर्वतत्त्वस्वरूपिणीम् ॥ ७/४१ ॥
अष्टादशभुजां रौद्रीं शिवमांसाचलप्रियाम् ।
आश्रित्य प्रजपेन्मन्त्रं कुलमार्गाश्रयो नरः ।
कुलमार्गात् परं मार्गं को जानाति जगत्त्रये ।
एतन्मार्गप्रसादेन ब्रह्मा स्रष्टा स्वयं महान् ॥ ७/४२ ॥
विष्णुश्च पालने शक्तो निर्मलः सत्वरूपधृक् ।
सर्वसेव्यो महापूज्यो यजुर्वेदाधिपो महान् ॥ ७/४३ ॥
हरः संहारकर्ता च वीरेशोत्तममानसः ।
सर्वेषामन्तकः क्रोधी क्रोधराजो महाबलौ ॥ ७/४४ ॥
वीरभावप्रसादेन दिक्पाला रुद्ररुपिणः ।
मासेनाकर्षणं सिद्धिर्द्विमासे वाक्पतिर्भवेत् ॥ ७/४५ ॥
मासत्रयेण संयोगे जायते सुरवल्लभः ।
एवं चतुष्टये मासि भवेद्दिक्पालगोचरः ॥ ७/४६ ॥
पञ्चमे पञ्चवाणः स्यात् षष्ठे रुद्रो भवेद्ध्रुवम् ।
एतदाचारसारं हि सर्वेषामप्यगोचरम् ॥ ७/४७ ॥
एतन्मार्गं कौलमार्गं कौलमार्गात् परं न हि ।
योगिनां दृढचित्तानं भक्तानामेकमासतः ॥ ७/४८ ॥
कार्यसिद्धिर्भवेन्नारी कुलमार्गप्रसादतः ।
पूर्णयोगी भवेद्विप्रः षण्मासाभ्यासयोगतः ॥ ७/४९ ॥
प्. २६) शक्तिं विना शिवोऽशक्तः किमन्ये जडबुद्धयः ।
इत्युक्त्वां बुद्धरूपी च कारयामास साधनम् ॥ ७/५० ॥
कुरु विप्र ! महाशक्तिसेवनं मद्यसाधनम् ।
महाविद्यापदाम्भोजनदर्शनं समवारुपसि ॥ ७/५१ ॥
एतत् श्रुत्वा गुरोर्वाक्यं स्मृत्वा देवीं सरस्वतीम् ।
मदिरासाधनं कर्तुं जगाम कुलमण्डपे ॥ ७/५२ ॥
मद्यं मांसं तथा मत्स्यं मुद्रा मैथुनमेव च ।
पुनः पुनः साधयित्वा पूर्णयोगी बभूव सः ॥ ७/५३ ॥
[ ब्रह्मयामले देवीश्वरसंवादे प्रथमपटले ।]
ब्रह्मणो मानसः पुत्रो वशिष्ठः स्थिरसंयमी ।
तारामाराधयामास पुरा नीलाचले मुनिः ॥ ७/१३ ॥
जपन् स तारिणीं विद्यां कामाख्यायोनिमण्डले ।
गमयामास वर्षाणामयुतं ध्यानतत्परः ॥ ७/१४ ॥
वर्षायुतेन तस्यैवं चिरमाराधिता सती ।
नानुग्रहं चकारासौ तारा संसारतारिणी ॥ ७/१५ ॥
अथासौ पितरं गत्वा ब्रह्माणं परमेष्ठिनम् ।
कोपेन ज्वलितो विद्यां तत्याज पितुरन्तिके ॥ ७/१६ ॥
द्वादशादित्यसङ्काशं तपोभिर्ज्वलितं मुनिम् ।
ब्रह्मा हि स मुनिं प्राह शृणु पुत्र ! वचो मम ॥ ७/१७ ॥
तत्त्वज्ञामयी विद्या तारा भुवनतारिणी ।
आराधय श्रीचरणमनुद्विग्नेन चेतसा ॥ ७/१८ ॥
अस्याः प्रसादादेवाहं भुवनानि चतुर्दश ।
सृजामि चतुरो वेदान् कल्पयामि स्म लीलया ॥ ७/१९ ॥
एनामेव समाराध्य विद्यां भुवनतारिणीम् ।
तत्त्वज्ञानमयो विष्णुर्भुवनं पालयत्यसौ ॥ ७/२० ॥
संहारकाले च हरो रुद्रमूर्तिधरः परः (.) ।
तारामेव समाराध्य संहरत्यखिलं जतत् ॥ ७/२१ ॥
वशिष्ठ उवाच ।
देवानामादिभूतस्त्वं सर्वविद्यामयः प्रभो ! ।
कथं दत्ता दुराराध्या विद्या मह्यमियं त्वया ॥ ७/२३ ॥
सहस्रवत्सरान् पूर्व मियमारधिता पुरा ।
नीलाचले निवसता हविष्यं भुञ्जता मया ॥ ७/२४ ॥
तथापि तात ! तारिण्याः करुणा मयि नाभवत् ।
ततो गण्डूषमात्रन्तु काले काले पिवन् जलम् ॥ ७/२५ ॥
आराधयामि तां देवीं वत्सराणां सहस्रकम् ।
तथापि यदि नैवाभूत्तारिण्याः करुणा मयि ॥ ७/२६ ॥
तथा (दा) हमेक - पादेन तिष्ठन्नीलाचलोपरि ।
परं समाधिमासाद्य निराहारो दृढव्रतः ॥ ७/२७ ॥
तामेवाकरुणां ध्यायन् जपंस्तामेव सर्वदा ।
अतिवाहितवान् वर्षं सहस्राष्टकमुत्तमम् ॥ ७/२८ ॥
एवं दशसहस्रन्तु वर्षाणामहमीश्वरीम् ।
कामाख्यायोनिमाश्रिय समाराधितवान् प्रभो ! ॥ ७/२९ ॥
अद्याप्यनुग्रह स्तस्या स्तथापि न हि दृश्यते ।
अत स्त्यजामि दुःसाध्यां विद्यामेतां सुदुःखितः ॥ ७/३० ॥
इति तद्वचनं श्रुत्वा ब्रह्मा लोकपितामहः ।
उवाच शान्तयन् पुत्रं वशिष्ठं मुनीनां वरम् ॥ ७/३१ ॥
ब्रह्मोवाच ।
वशिष्ठ ! वत्स ! गच्छत्वं पुनर्नीलाचलं प्रति ।
तत्रस्थितो महादेवी माराधय दृढव्रतः ॥ ७/३२ ॥
कामाख्या - योनिमाश्रित्य जगतः परमेश्वरीम् ।
अचिरादेव ते सिद्धिर्भविष्यति न संशयः ॥ ७/३३ ॥
एतस्याः सदृशी विद्या काचिन्न हि जगत्त्रये ।
इमां त्यक्त्वा पुनर्विद्यां अन्यां कां त्वं ग्रहौष्यसि ॥ ७/३४ ॥
इति तस्य वचः श्रुत्वा प्रणम्य पितरं मुनिः ।
पुनर्जगाम कामाख्या - योनिमण्डलसन्निधिम् ॥ ७/३५ ॥
तत्र गत्वा मुनिवरः पूजासम्भारतत्परः ।
आराधयन् महामायां वशिष्ठोऽपि जितेन्द्रियः ॥ ७/३६ ॥
अथाराधयत स्तस्य सहस्रं परिवत्सरान् ।
जग्मुस्तारा - महादेवी - पादाम्भोजा - नुवर्तिणः ॥ ७/३७ ॥
तथापि तां प्रति प्रीता यदा नाभून्महेश्वरी ।
तदा रोषेण महता जज्वाल स मुनीश्वरः ॥ ७/३८ ॥
तदा जलं समादाय तां शप्तुमुपचक्रमे ।
एतस्मिन्नेव काले तु रुष्टमालोक्य तं मुनिम् ॥ ७/३९ ॥
चचाल वसुधा सर्वा सशैल - वनकानना ।
हाहाकारो महानासीद्देवि ! देवेषु सर्वतः ॥ ७/४० ॥
ततो बभूव पुरत स्तारा संसार - तारिणी ।
वशिष्ठ स्तां समालोक्य शशपातोवदारुणम् ॥ ७/४१ ॥
प्. २९) ततो देवी वशिष्ठेन शप्ता न फलदा भवेत् ।
चीनाचारं विना नैव प्रसीदामि कदाचन ॥ ७/४२ ॥
उवाच साधकश्रेष्ठं वशिष्ठमनुनीय सा ।
रोषेण दारुणमनाः कथं मा मनुशप्तवान् ॥ ७/४३ ॥
मयि आराधनाचारं बुद्धरूपी जनार्दनः ।
एक एव विजानाति नान्यः कश्चन तत्वतः ॥ ७/४४ ॥
वृथैवायास बहुल (लं) कालोयं गमित स्त्वया ।
विरुद्धाचारशीलेन मम तत्त्वमजानता ॥ ७/४५ ॥
उद्बोधरूपिणो विष्णोः सान्निध्यं याहि साम्प्रतम् ।
तेनोपदिष्टाचारेण मामाराधय सुव्रत ! ॥ ७/४६ ॥
तदैवाशु प्रसन्नास्मि त्वयि यस्या (विप्र) न संशयः ॥
[द्वितीय पटले]
श्रीभैर्व उवाच ।
ततः प्रणम्य तां देवीं वशिष्ठोऽसौ महामुनिः ।
जगामाचारविज्ञानवाञ्छया बुद्धरूपिणम् ॥ ७/१ ॥
ततो गत्वा महाचीनदेशे ज्ञानमयो मुनिः ।
ददर्श हिमवत्पार्श्वे साधकेश्वरसेविते ॥ ७/२ ॥
रणज्जघनरावेण रूपयौवनशालिना ।
मदिरामोदचित्तेन विलासोल्लसितेन च ॥ ७/३ ॥
शृङ्गारसारवेशेन जगन्मोहनकारिणा ।
भयलज्जाविहीनेन देव्या ध्यानपरेण च ॥ ७/४ ॥
प्. ३०) कामिनीनां सहस्रेण परिवारितमीश्वरम् ।
मदिरापानसञ्जात - मन्दमन्दविलोचन ॥ ७/५ ॥
दूरादेव विलोक्यैनं वशिष्ठो बुद्धरूपिणम् ।
विस्मयेन समाविष्टः स्मरन् संसारतारिणीम् ॥ ७/६ ॥
किमिदं क्रियते कर्मं विष्णुना बुद्धरूपिणा ।
वेदवादविरुद्धोयमाचारोऽसम्मतो मम ॥ ७/७ ॥
इति चिन्तयत स्तस्य वशिष्ठस्य महात्मनः ।
आकाशवाणी प्राहाशु मैवं चिन्तय सुव्रत ! ॥ ७/८ ॥
आचारः परमार्थोऽयं तारिणीसाधने मुने ! ।
एतद्विरुद्धभावस्य मते नासौ प्रसीदति ॥ ७/९ ॥
यदि तस्याः प्रसादं त्वमचिरेणाभिवाञ्छसि ।
एतेन चीनाचारेण तदा तां भज सुव्रत ! ॥ ७/१० ॥
आकाशवाणीमाकर्ण्य रोमाञ्चितकलेवरः ।
वशिष्ठो दण्डवद्भूमौ पपातातीवहर्षितः ॥ ७/११ ॥
अथोत्थायाचिरेणासौ कृताञ्जलिपुटो मुनिः ।
जगाम विष्णोः शरणं बुद्धरूपस्य पार्वति ! ॥ ७/१२ ॥
अथासौ तं समालोक्य मदिरामदविह्वलः ।
प्राह बुद्धः प्रसन्नात्मा किमर्थं त्वमिहागतः ॥ ७/१३ ॥
अथ बुद्धं प्रणम्याह भक्तिनस्रो महामुनिः ।
यदुक्तं तारिणीदेव्या निजाराधनकर्मणि ॥ ७/१४ ॥
तत् श्रुत्वा भगवान् बुद्ध स्तत्त्वज्ञानमयो हरिः ।
वशिष्ठं प्राहमज्ञानं चीनाचाराधिकारणान् (णम्) ॥ ७/१५ ॥
न प्रकाश्योयमाचार स्तारिण्याः सर्वदा मुने ! ।
तव भक्तिवशेनास्मि प्रकाश्यमिह तत्परः ॥ ७/१६ ॥
बुद्ध उवाच
प्रथाचारविधिं वक्ष्ये तारादेव्याः समृद्धिदम् ।
यस्यानुष्ठानमात्रेण भवाब्धौ न निमज्जसि ॥ ७/१७ ॥
समस्तशोकशमन - मानन्दादिविभूतिदम् ।
तत्त्वज्ञानमयं साक्षाद्विमुक्तिफलदायकम् ॥ ७/१८ ॥
स्नानादि मानसः शौचो मानसः प्रवरो जपः ।
पूजनं मानसं दिव्यं मानसं तर्पणादिकम् ॥ ७/१९ ॥
सर्व एव शुभः कालो नाशुभो विद्यते क्वचित् ।
न विशेषो दिवारात्रौ न सन्ध्यायां महानिशि ॥ ७/२० ॥
वस्त्रासन - स्थानगेह - देहस्पर्शादिवारिणः ।
शुद्धिं न चाचरेत्तत्र निर्विकल्पं मनश्चरेत् ॥ ७/२१ ॥
नात्र शुद्ध्याद्यपेक्षास्ति न चामेध्यादिदूषणम् ।
सर्वदा पूजयेद्देवीमस्नातः कृतभोजनः ॥ ७/२२ ॥
महानिश्यशुचौ देशे बलिं मन्त्रेण दापयेत् ।
स्त्रीद्वेषो नैव कर्तव्यो विशेषात् पूजनं स्त्रियां ॥ ७/२३ ॥
[ अतः परं यदुक्तञ्च तदन्यत्र प्रपञ्चितम् ।]
[तृतीय पटले ]
पूजाकालं विना नैव पश्येच्छक्तिं दिगम्बराम् ।
पूजाकालं विना नैव सुरा पेया च साधकैः ।
आयुषा हीयते दृष्ट्वा पीत्वा च नरकं ब्रजेत् ॥
[अयमेव वृत्तान्तो महाचीनाचारक्रमेऽपि सविस्तरं वर्णितः ।]
[बुद्धस्य कामशास्त्राचार्यत्वं स्पष्टमुक्तं
मीननाथकृतस्मरदीपिकायाम् ।]
सारं निष्क्रम्य बुद्धादिमुनीनां प्रमुखात् श्रुतम् ।
श्रीमता मीननाथेन क्रियते स्मरदीपिका ॥
कामशास्त्रस्य तत्त्वज्ञा भवन्ति योषितः सदाः ।
ये वै शास्त्रं जानन्ति रमन्ते वृषभा यथा ॥
[महाचीनक्रमो गान्धर्वेऽपि वर्णितः ।]
Die wichtigsten Mantras des Tara Tantra
Der zentrale Tara-Mantra wird in 1/6 über fünf Decknamen erschlossen; Kapitel 5 erklärt verwandte drei- und viersilbige Formen. Da die Silbenfolge nicht ausgeschrieben ist, wird hier kein vollständiger Wurzelmantra daraus rekonstruiert. Ebenso bleiben die nur mit „guhyāti…“, „ajñāna…“, „dharmādharmādi…“ oder „prakāśa…“ bezeichneten Formeln unergänzt. Die folgende Auswahl enthält ausdrücklich erhaltene kurze Formeln und einen vollständigen Guru-Lobpreis. So’ham – die Identitätsbetrachtung
सोऽहम् ।
so’ham |
Bedeutung: „Das bin ich“ beziehungsweise „Ich bin jenes.“ In 2/21 und 2/28 wird diese Formel auf die Verehrung der Göttin bezogen. Ihr Sinn ist die meditative Identität mit Tarini; sie ist keine Aussage über eine Überlegenheit der persönlichen Person.
Shivo’ham – die Shiva-Betrachtung
शिवोऽहम् ।
śivo’ham |
Bedeutung: „Ich bin Shiva.“ Die ausdrücklich in 3/9 enthaltene Formel steht unmittelbar neben der Betrachtung des Selbst als Tarini. Der Text verbindet so Shiva- und Shakti-Bewusstsein.
Am so’ham – Formel des Jiva-Nyasa
आं सोऽहम् ।
āṃ so’ham |
Bedeutung: Die Keimsilbe āṃ wird mit „Das bin ich“ verbunden. 2/46 nennt diese kurze Formel ausdrücklich beim Einsetzen des Lebensprinzips. Sie gehört dort zu einem besonderen Ritual; aus ihrer Wiedergabe ergibt sich keine allgemeine Anleitung zum Jiva-Nyasa.
Vollständiger Guru-Lobpreis, 1/17–20
Dieser Stava ist ein Gebet innerhalb der Morgenpraxis, kein zusätzlich rekonstruierter Tara-Wurzelmantra.
ओं नमस्ते भगवन्नाथ ! शिवाय गुरुरूपिणे ।
विद्यावतारसंसिद्धौ स्वीकृतानेकविग्रह ! ॥ १/१७ ॥
oṃ namaste bhagavannātha ! śivāya gururūpiṇe |
vidyāvatārasaṃsiddhau svīkṛtānekavigraha ! || 1/17 ||
Om, Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in Gestalt des Gurus! Um die Herabkunft des heiligen Wissens zu vollenden, hast du vielerlei Gestalten angenommen.
भवाय भवरूपाय परमात्मस्वरूपिणे ।
सर्वाज्ञानतमोभेद भानवे चिन्मयाय ते ॥ १/१८ ॥
bhavāya bhavarūpāya paramātmasvarūpiṇe |
sarvājñānatamobheda bhānave cinmayāya te || 1/18 ||
Verehrung dir, Bhava, dessen Gestalt das Werden und dessen Wesen das höchste Selbst ist; dir, der als Sonne das ganze Dunkel der Unwissenheit durchbricht und aus Bewusstsein besteht.
स्वतन्त्राय दयालिप्त विग्रहाय शिवात्मने ।
परतन्त्राय भक्तानां भव्यानां भवदायिने ॥ १/१९ ॥
svatantrāya dayālipta vigrahāya śivātmane |
paratantrāya bhaktānāṃ bhavyānāṃ bhavadāyine || 1/19 ||
Du bist unabhängig, deine Gestalt ist von Mitgefühl durchdrungen, dein Wesen ist Shiva. Und doch lässt du dich von deinen aufrichtigen Verehrern binden und schenkst ihnen heilsames Dasein.
विवेकिनां विवेकाय विमर्षाय विमर्षिणाम् ।
प्रकाशिनां प्रकाशाय ज्ञानिनां ज्ञानरूपिणे ॥ १/२० ॥
vivekināṃ vivekāya vimarṣāya vimarṣiṇām |
prakāśināṃ prakāśāya jñānināṃ jñānarūpiṇe || 1/20 ||
Du bist die Unterscheidungskraft der Unterscheidenden, die bewusste Selbstbesinnung der Nachsinnenden, das Leuchten der Leuchtenden und die Erkenntnis der Erkennenden.
Der Guru wird als Mitgefühl, Unterscheidungskraft und Erkenntnis angesprochen. Eine ruhige Lektüre kann diese Eigenschaften ins Zentrum der eigenen Verehrung stellen. Der in 1/23 genannte Hamsa-Mantra wird nicht um zusätzliche, hier ungenannte Silben erweitert.
40 besonders inspirierende Verse des Tara Tantra und seines Anhangs
Die Auswahl umfasst 40 im Zusammenhang verständliche Stellen. Auf eine Auffüllung bis 64 wird verzichtet: Zahlreiche weitere Texteinheiten sind bloße Satzteile, Wiederholungen, beschädigte Stellen oder spezielle Ritualvorschriften. Verse des ausdrücklich bezeichneten Anhangs stehen hier neben Versen des eigentlichen Tara Tantra. Die Übersetzung löst kurze Satzanschlüsse für die gesonderte Lektüre, ohne neue Lehren hinzuzufügen.

Tara und die rettende Shakti
1. Dann wird sie als Segensspenderin vor dir erscheinen. Sie ist die Göttin, die höchste Shakti, die aus allen Bedrängnissen hinüberrettet.
2. Sie ist blau, leuchtet wie zehn Millionen Sonnen und kühlt wie zehn Millionen Monde. Sie gleicht unzähligen stillstehenden Blitzranken und ist die Geliebte Kalas.
3. Ihre Gestalt ist alles, sie ist der Ursprung von allem, jenseits von Dharma und Adharma. Sie ist der reinen Cinacara-Praxis zugewandt und setzt den Shakti-Kreis in Bewegung.
4. Ihre Größe ist grenzenlos. Sie rettet über den Ozean des Samsara, ist Herrin Buddhas, Gestalt der Erkenntnis und ein Zweig des Atharvaveda.
5. Sie schützt die Welten; alles Bewegliche und Unbewegliche ist ihr Werk. Verehre sie in beständiger Freude, Sohn! Warum willst du sie verfluchen?
6. Verehre sie beständig mit ungeteilter Aufmerksamkeit, mein gütiger Sohn. So wirst du gewiss ihre Schau erlangen.
7. Da erschien vor dem Weisen die Herrin des Kula, die Mahavidya, die den Yogis Furchtlosigkeit schenkt.
8. Sie ist Bewusstsein selbst, die Wohnstätte der Erkenntnis, Verkörperung bewusster Wonne, strahlend wie zehn Millionen Blitze und Wesen aller Wirklichkeitsprinzipien.
9. Ohne Shakti ist Shiva ohne Kraft – was erst die anderen mit ihrem trägen Verständnis! Nachdem der Buddha-Gestaltige dies gesagt hatte, ließ er ihn die Sadhana ausführen.
10. Tara ist die von Wahrheitserkenntnis erfüllte Vidya, die Retterin der Welten. Verehre ihre heiligen Füße mit einem unaufgewühlten Geist.
Erkenntnis, Verehrung und göttliches Wirken
11. Om, Verehrung dir, erhabener Herr, Shiva in Gestalt des Gurus! Um die Herabkunft des heiligen Wissens zu vollenden, hast du vielerlei Gestalten angenommen.
12. Verehrung dir, Bhava, dessen Gestalt das Werden und dessen Wesen das höchste Selbst ist; dir, der als Sonne das ganze Dunkel der Unwissenheit durchbricht und aus Bewusstsein besteht.
13. Du bist unabhängig, deine Gestalt ist von Mitgefühl durchdrungen, dein Wesen ist Shiva. Und doch lässt du dich von deinen aufrichtigen Verehrern binden und schenkst ihnen heilsames Dasein.
14. Du bist die Unterscheidungskraft der Unterscheidenden, die bewusste Selbstbesinnung der Nachsinnenden, das Leuchten der Leuchtenden und die Erkenntnis der Erkennenden.
15. Damit habe ich dir, Geliebte, das vortreffliche Geflecht der Nyasas erklärt. Ihre genaue Abfolge und Ausführung ist vom Guru zu erlernen.
16. Indem Vishnu eben diese weltenrettende Vidya verehrt, bewahrt er, erfüllt von Wahrheitserkenntnis, die Welt.
17. Und wenn die Zeit der Auflösung kommt, verehrt der höchste Hara in Rudras Gestalt Tara und löst die gesamte Welt auf.
18. Unter ihnen ist der Paramaguru der entscheidende. Ohne den Guru erlangt man die große Befreiung weder in Kashi noch durch die Ganga.
19. Ich werde seine Herrlichkeit schildern, durch die Shambhavi erfreut wird. Guru, Mantra und erwählte Göttin werden als eine Einheit gelehrt.
20. Wie ein Körper ohne Leben zu keiner Handlung fähig ist, so wird auch ein Mantra ohne Purashcarana beschrieben.
Innere Verehrung und Sammlung
21. Danach führe man die Höchste auf demselben Weg zu ihrem eigenen Ort zurück. Man stelle sich, Göttin, durch die Fülle ihres Lichtes rosig leuchtend vor.
22. In dem so zum heiligen Sitz gewordenen Körper betrachte man Ugratarini. Mit der Hand am Herzen vollziehe man Jiva-Nyasa, die Einsetzung des Lebensprinzips.
23. Darauf vollziehe man die Verehrung, durch die man ganz zu ihr wird. Man bade am reinen heiligen Badeplatz, dem Lotus im Herzen.
24. Die Vereinigung von Shiva und Shakti nennen die Tantriker Sandhya. Mit dem vom Bindu herabfließenden Nektar sättige man sie, Geliebte meines Lebens.
25. Im Geist schaue man ihre mit allem Schmuck versehene Gestalt. Dann meditiere man „Das bin ich“ und bringe ihren Füßen Fußwaschwasser dar.
26. Dies heißt die schwer zu erlangende geistige Verehrung, Göttin. Durch die Verehrung im Herzlotus wird der Geist ganz und gar rein.
27. Diese Praxis soll zur passenden Zeit der Guru-Verehrung, morgens oder auch mittags, ordnungsgemäß und durch die Gnade der Guru-Füße vollzogen werden.
28. Danach rezitiere man nochmals Om, meditiere auf die Göttin und bringe die Mantrawiederholung dar. Man betrachte sich: „Ich bin Shiva; mein Selbst hat die Gestalt der Tarini.“
29. Unablässig meditiere man: „Auch das Gefolge ist in mir verkörpert.“ Damit habe ich dir, Göttin, das von Tarini erfüllte Geheimnis mitgeteilt.
30. Bad und weitere Reinigung sind geistig; geistig ist das vorzügliche Japa, geistig die göttliche Verehrung und geistig sind Tarpana und die übrigen Darbringungen.
Geistige Haltung und Befreiung
31. Bei dieser gemeinsamen Mantrapraxis werden alle Ziele erreicht und Tarini wird erfreut. Weil die Gefährtin als die Hälfte des eigenen Körpers gilt, soll man sich um sie bemühen.
32. Deshalb soll der beste Vira dies sorgfältig dem Guru anvertrauen. Tarini ist unter allen Umständen mit ganzer Anstrengung und von allen zu verehren.
33. Er lebe allein an einem stillen Ort, frei von Begierde, Zorn und dergleichen, beständig der Yogaübung zugewandt und fest entschlossen, Yoga zu lernen.
34. Er halte sich stets an den vedischen Weg und sei in der Bedeutung des Veda bewandert. So werde er schrittweise rechtschaffen und mit gutem Verhalten und Großmut ausgestattet.
35. Er zügle beständig den Atem und lasse den Geist im Atemweg zur Ruhe kommen. Durch diese beständige Yogaübung wird der Yogi Tag für Tag selbstbeherrschter.
36. So betrachtend sei er rein in Gedanken, Taten und Worten. Mit festem Entschluss sammle er den Geist in Shakti, deren Wesen Bewusstsein ist.
37. Ich werde die erprobte Verehrungsweise der Göttin Tara erklären, die Gedeihen schenkt. Durch ihre Ausübung allein versinkst du nicht im Ozean des Werdens.
38. Sie stillt allen Kummer, schenkt Wonne und andere Gaben, ist unmittelbar von Wahrheitserkenntnis erfüllt und bringt als Frucht Befreiung.
39. Jede Zeit ist günstig; nirgendwo gibt es eine ungünstige Zeit. Es besteht kein Unterschied zwischen Tag und Nacht, Dämmerung und tiefer Mitternacht.
40. In tiefer Nacht bringe man an einem rituell unreinen Ort eine Bali-Gabe mit Mantra dar. Frauenhass darf keinesfalls geübt werden; besonders in Frauen soll Verehrung geschehen.
Konkordanz der 40 Verse
1 = A/6; 2 = A/7; 3 = A/8; 4 = A/9; 5 = A/10; 6 = A/11; 7 = A/15; 8 = A/41; 9 = A/50; 10 = B/18; 11 = 1/17; 12 = 1/18; 13 = 1/19; 14 = 1/20; 15 = 2/16; 16 = B/20; 17 = B/21; 18 = 4/4; 19 = 4/5; 20 = 5/11; 21 = 1/28; 22 = 2/15; 23 = 2/17; 24 = 2/18; 25 = 2/21; 26 = 2/29; 27 = 2/30; 28 = 3/9; 29 = 3/10; 30 = C/19; 31 = 4/14; 32 = 6/7; 33 = A/32; 34 = A/33; 35 = A/34; 36 = A/38; 37 = C/17; 38 = C/18; 39 = C/20; 40 = C/23.
Die Schlüssel 1/–6/ bezeichnen das Tara Tantra. A/ bezeichnet den Rudrayamala-Auszug, B/ den ersten und C/ den zweiten Brahmayamala-Auszug des Anhangs. Ihre ursprünglichen Nummern beginnen jeweils mit 7/.
Fünf Lehren des Tara Tantra für Aspiranten
1. Dein Herz kann zum Ort der Begegnung werden
Die Verehrung im Herzlotus soll den Geist reinigen und zur tanmayatā, zum Erfülltsein von der Göttin, führen (2/17 und 2/29). Blumen, Wasser und Licht werden dabei innerlich dargebracht. Für deine Praxis liegt darin eine ermutigende Möglichkeit: Du kannst deiner Hingabe eine einfache, bewusste Form geben. Stelle dir die Gegenwart der Göttin vor und widme ihr für einige Augenblicke deine ungeteilte Aufmerksamkeit. 2. Hingabe und Erkenntnis vertiefen einander
Im Guru-Lobpreis erscheinen Mitgefühl, Unterscheidungskraft und Erkenntnis gemeinsam (1/17–20). Auch in der Göttinnenverehrung steht die liebevolle Gabe neben der Betrachtung „Das bin ich“ (2/21). Das Werk verbindet so die Wärme der Bhakti mit der Frage nach dem eigenen Wesen. Du darfst dich berühren lassen und zugleich sorgfältig verstehen wollen, was du übst. 3. Ein Mantra wird in einer Beziehung lebendig
Die Einheit von Guru, Mantra und Göttin (4/5) rückt die innere Ausrichtung der Übung ins Zentrum. Der Klang erinnert an die Unterweisung und an die göttliche Gegenwart, der er gewidmet ist. Vor dem Japa kannst du diese Beziehung bewusst erneuern; danach kannst du die Übung darbringen und still werden. So erhält regelmäßige Wiederholung Tiefe und einen klaren Sinn. 4. Ausdauer darf mit Offenheit wachsen
Vasishtha bringt gewaltige Ausdauer auf. Dennoch muss er lernen, über seine bisherige Vorstellung des Weges hinauszuhören. Für heutige Aspiranten lässt sich daraus ableiten: Bleibe deiner spirituellen Suche treu und bewahre die Bereitschaft zu lernen. Wenn die Übung hart und verbissen wird, können ein aufrichtiges Gespräch und erneutes Studium helfen, ihre Richtung zu klären. 5. Verehrung soll im Umgang mit Menschen sichtbar werden
Kapitel 4 fordert besondere Zuwendung zur eigenen Gefährtin; der Anhang untersagt ausdrücklich Frauenhass (C/23). Daraus ergibt sich ein konkreter Prüfstein für heutige Göttinnenverehrung: Wachsen Respekt, Aufmerksamkeit und Fürsorge in deinen Beziehungen? Die Anerkennung der Shakti gewinnt im Alltag Gestalt, wenn Menschen in ihrer Würde ernst genommen werden. Die zeitgebundenen Ausschlüsse des Werkes sind davon zu unterscheiden.
Fünf Tipps für die Praxis mit dem Tara Tantra
Diese kurzen Übungen übertragen ausgewählte Motive des Textes in eine heutige, allgemein zugängliche Praxis. Die besonderen Nyasas und Kaula-Rituale gehören in den Rahmen ihrer jeweiligen Einweihung und Unterweisung.

1. Beginne mit einer Minute Dankbarkeit
Setze dich bequem aufrecht hin und erinnere dich an eine spirituelle Unterweisung, die dir Klarheit gegeben hat. Vergegenwärtige dir die Lehrerin, den Lehrer oder die Überlieferung, der du sie verdankst. Lies anschließend einen Vers aus dem Guru-Lobpreis 1/17–20. Lass ein Wort wie „Mitgefühl“, „Unterscheidungskraft“ oder „Erkenntnis“ deine anschließende Meditation begleiten. 2. Verehre Tara im Herzlotus
Stelle dir für zwei oder drei Minuten einen geöffneten Lotus im Herzen vor. Darin vergegenwärtige dir Tara als göttliche Retterin. Bringe ihr im Geist eine Blüte oder ein Licht dar. Atme währenddessen natürlich weiter. Wenn du abschweifst, kehre ruhig zur inneren Gabe zurück. Schließe mit einer Verneigung. Diese einfache Betrachtung greift das Motiv der geistigen Puja aus Kapitel 2 auf. 3. Gib deinem Japa einen bewussten Anfang und Abschluss
Übe einen Mantra, mit dem du bereits vertraut bist oder in den du eingewiesen wurdest. Sammle dich zuerst auf seine Bedeutung und die mit ihm verbundene göttliche Gegenwart. Wiederhole ihn für eine überschaubare Zeit aufmerksam. Bleibe danach einen Moment still und bringe die Übung innerlich dar. Die Reihenfolge orientiert sich an 3/7–9; die verschlüsselten Tara-Mantras werden dafür nicht rekonstruiert. 4. Nimm einen Vers mit in den Tag
Wähle 1/20 über Erkenntnis, 2/29 über die Verehrung im Herzen oder B/18 über den unaufgewühlten Geist. Lies die Übersetzung langsam und erschließe mit der Worterklärung zwei oder drei Sanskritbegriffe. Kehre tagsüber einmal zu dem Vers zurück. Frage dich am Abend, in welcher Situation sein Gedanke für dich lebendig geworden ist. So verbindet sich Schriftstudium mit Erfahrung. 5. Lass aus innerer Verehrung eine gute Handlung entstehen
A/38 verbindet Sammlung in Shakti mit Reinheit des Denkens, Sprechens und Handelns. Wähle nach deiner Meditation eine kleine Handlung, die dieser Ausrichtung entspricht: jemandem aufmerksam zuhören, eine Zusage erfüllen oder nach einem Streit ein klärendes Wort finden. Schaue am Abend freundlich und ehrlich auf den Tag zurück. Diese Form der Umsetzung ist eine heutige Anregung aus dem Vers. Ergänzende Herzmeditation: Die Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev begleitet die Sammlung im Herzen.
Spirituelle Bedeutung des Tara Tantra
Im Tara Tantra bekommt die Suche nach Befreiung eine persönliche Gestalt: Der Übende wendet sich an Tara, die Hinüberführende. Er hört die Lehre, vergegenwärtigt den Guru, wiederholt den Mantra und macht das Herz zum Ort der Verehrung. Dann tritt zur Hinwendung die Betrachtung der Einheit: „Das bin ich.“ Der Weg führt von der angerufenen göttlichen Gegenwart zur Frage nach dem eigenen tiefsten Wesen. Dabei bleibt die Shakti lebendig und wirksam. Sie erscheint als Göttin, als Kundalini, als Kraft des Mantras und als Bewusstsein. Der Satz „Ohne Shakti ist Shiva kraftlos“ (A/50) verdichtet diesen Zusammenhang. Der Körper wird durch Nyasa als heiliger Sitz betrachtet; die Vorstellungskraft gestaltet die innere Puja; die Aufmerksamkeit sammelt sich in der Göttin. Die spirituelle Suche bezieht auf diese Weise den ganzen Menschen ein.

Zugleich erinnert Vasishthas Geschichte daran, wie verletzlich ein Suchender bleiben kann. Selbst große Ausdauer schützt ihn nicht vor Enttäuschung und Zorn. Seine Wandlung beginnt damit, dass er wieder zuhört und sich unterweisen lässt. Darin liegt ein hilfreicher Gedanke für die eigene Sadhana: Du kannst dich ernsthaft bemühen und dennoch empfänglich bleiben – für Einsicht, für Gnade und für eine Korrektur deiner Erwartungen. Die besonderen historischen Rituale behalten ihren eigenen Überlieferungsrahmen. Für heutige Aspiranten leuchten vor allem die Verse weiter, in denen Erkenntnis, Hingabe und innere Verehrung zusammenfinden. Wer eine Blüte im Herzen darbringt, einen Mantra aufmerksam wiederholt oder aus der Meditation heraus achtsamer handelt, kann diese Motive auf einfache Weise aufnehmen. So wird die Lektüre zu einer Einladung, Tara mit einem wachen Geist und einem offenen Herzen zu begegnen.
Siehe auch
- Tara
- Mahavidyas
- Shaktismus
- Kaula
- Kularnava Tantra
- Kulacudamani Tantra
- Mundamala Tantra
- Niruttara Tantra
- Yogini Hridaya
- Nitya Shodashikarnava
- Vamakeshvara Tantra
- Brahma Yamala
- Jayadratha Yamala
- Kubjikamata Tantra
- Tantrasadbhava
- Vijnana Bhairava Tantra
- Tantraloka
- Kalika Purana
Literatur
- Tārātantra, Sanskrittext, Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00094; elektronische Transkription durch Mitarbeiter des Instituts unter der Leitung von Mark S. G. Dyczkowski, Revision vom 11. Mai 2006. Der Katalog nennt Bani Prakashan, Nachdruck 1983, und die bibliographische Jahresangabe 1940; der Verlagsvermerk ist unvollständig und erlaubt hier keine genauere Beschreibung der älteren Ausgabe.
- Im Text genannte Vergleichsquellen: Nīlatantra, Cīnatantra/Mahācīnatantra, Kālītantra; im Anhang außerdem Rudrayāmala, Brahmayāmala, Mahācīnācārakrama, Minanathas Smaradīpikā und Gāndharva. Diese Angaben geben die Selbstverweise und Zuschreibungen der Überlieferung wieder, keine unabhängig gesicherte Konkordanz bestimmter Editionen.
Weblinks
- Yoga: Grundlagen und Praxis
- Meditation bei Yoga Vidya
- Tara: ergänzende Einführung im Yoga Vidya Wiki
Seminare
Mantra und Musik
- 18.10.2026 - 23.10.2026 Mantra Ferienwoche mit Gruppe Mudita
Eine Mantra Yoga Ferienwoche im schönen Allgäu zum Aufladen, Regenerieren und Verwöhnen mit der Gruppe Mudita. Das sind Menschen, die es ganz besonde…- Gruppe Mudita
- 23.10.2026 - 25.10.2026 Mantras & spirituelle Lieder auf Gitarre
Dieses Seminar ist für alle, die erste Erfahrung auf der Gitarre gemacht haben, und Spaß daran haben, zu Singen, zu musizieren, Neues zu lernen und zu…- Nancy Haywood
Kundalini Yoga
- 25.10.2026 - 30.10.2026 Kundalini Yoga Meditation Kursleiter Ausbildung
Kundalini Yoga Meditationen sind ein faszinierendes weites Gebiet, dessen Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Kundalini Meditationen kön…- Adishakti Stein, Viveka Wilde
- 30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Arjuna Wingen
Sanskrit und Devanagari
- 06.01.2027 - 15.12.2027 Jahresgruppe Sanskrit - Lektüre der AMRITA SIDDHI 2 - online
Termine: 16x mittwochs: 06.01., 27.01., 17.02., 10.03., 31.03., 21.04., 12.05., 02.06., 23.06., 14.07., 08.09., 29.09., 20.10., 10.11., 01.12., 15.12.20…- Dr phil Oliver Hahn
- 09.04.2027 - 11.04.2027 Sanskrit Intensivwochenende
Du bist fasziniert vom Klang des Sanskrit und der tiefgehenden Wirkung der Wörter dieser uralten Sprache? Hast bereits Übersetzungen von Mantras oder …- Dr phil Oliver Hahn
Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Grundlage ist die Sanskritüberlieferung von Muktabodha, M00094, in IAST und Devanagari. Der Haupttext endet ausdrücklich nach sechs Kapiteln. Die anschließenden Quellenexzerpte werden vollständig mitgeführt, aber als Anhang abgegrenzt. Ihre Zählung mit wiederholtem Beginn und der fehlenden Nummer 7/22 im Brahmayamala-Auszug bleibt nachvollziehbar. Quellenvermerke und unnummerierte Stellen sind ebenfalls wiedergegeben; editorische Seitenverweise und nicht auflösbare Fußnotenzeichen entfallen. Versinterpunktion und Zeilenumbrüche sind für die Lesbarkeit vereinheitlicht. Die beiden Schriftfassungen entsprechen einander bis auf drei kleine Schreibabweichungen: In 1/15, 1/22 und 2/10 enthält Devanagari jeweils eine zusätzliche Silbe bei Doppel-y-Schreibungen. Diese drei Stellen sind nach der IAST-Parallele berichtigt. Sonstige ungewöhnliche Sanskritlesungen und ausdrücklich überlieferte Varianten bleiben grundsätzlich erhalten. Ihre Bedeutung wird, soweit möglich, in der Übersetzung erschlossen; unsichere Deutungen sind gekennzeichnet. Bei 1/22 liegt für den Lotusfaden die Lesung bisa statt viṣa nahe. Weitere auffällige Stellen sind unter anderem 1/3, 2/8, 2/11, 2/49, 6/9 sowie mehrere Verse des Rudrayamala-Anhangs und der letzte Smaradipika-bezogene Vers. Fehlende Wörter werden nicht als gesicherter Sanskrittext ergänzt. Die Mantra-Lehre arbeitet vielfach mit Decknamen und bloßen Formelanfängen. Diese werden nicht zu vermeintlich vollständigen Mantras ausgebaut. Saṃvid bedeutet Bewusstsein; im Zusammenhang mit Essen und Ritualwein in Kapitel 3 ist daneben eine berauschende Ritualsubstanz, möglicherweise eine Cannabis-Zubereitung, mitzudenken. Die Stelle wird deshalb nicht ausschließlich als abstrakte Bewusstseinslehre übersetzt. Mudrā bezeichnet in der Fünfergruppe eine Ritualspeise; bei Handgesten hat dasselbe Wort einen anderen Sinn. Die deutsche Übersetzung und die Lesefassung sind eigenständige Übertragungen. Eckige Erläuterungen unterscheiden Ergänzungen vom überlieferten Wortlaut. Der Devanagari-Abschnitt enthält dagegen nur Sanskrit einschließlich der überlieferten Sanskrit-Quellenvermerke. Die Bilder veranschaulichen Themen des Artikels; die beiden Videos zeigen heutige Yoga-Vidya-Meditationen, keine überlieferte Tara-Tantra-Ritualfolge. Quellenlizenz: Muktabodha kennzeichnet die verwendeten E-Texte mit Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0. Diese Herkunft und die oben genannten redaktionellen Änderungen sind bei einer Weiterverwendung zu berücksichtigen. Die Sanskritwiedergabe wird hier nicht als pauschal frei von diesen Nutzungsbedingungen ausgewiesen.