Paramarthasara

Aus Yogawiki

Paramarthasara (Sanskrit: परमार्थसार Paramārthasāra m., „Essenz der höchsten Wirklichkeit“) ist eine bedeutende Lehrschrift des Kashmir Shaivismus, verfasst von Abhinavagupta um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert. Sie führt zu einer ebenso einfachen wie tiefgreifenden Einsicht: Das Bewusstsein, in dem die Welt erscheint, ist in seinem innersten Wesen frei. Was uns bindet, ist die Verwechslung dieses offenen, schöpferischen Selbst mit seinen begrenzten Erscheinungsformen. Paramarthasara beschreibt, wie diese Verwechslung durchschaut und das eigene Wesen als Shiva erkannt werden kann.

Shiva: Im Paramarthasara steht dieser Name für das freie Bewusstsein, das sich als Welt und Einzelwesen offenbart.

Für Menschen, die Yoga und Meditation vertiefen möchten, verbindet das Werk klare Unterscheidung mit hingebungsvoller Betrachtung. Ein Kristall nimmt Farben an, ohne seine Klarheit zu verlieren; der Himmel bleibt von Wolken unbefleckt; ein Edelstein leuchtet auch dann aus eigenem Wesen, wenn eine Hülle ihn verdeckt. Solche Bilder helfen, wechselnde Erfahrungen von dem Bewusstsein zu unterscheiden, das sie kennt. Die Welt bleibt dabei Ausdruck derselben göttlichen Wirklichkeit, die im eigenen Herzen gegenwärtig ist.

Diese Ausgabe enthält den vollständigen Grundtext mit 105 Strophen in IAST und deutscher Übersetzung sowie die vorangestellte Verehrung und den Abschlussvermerk der überlieferten Ausgabe. Abhinavaguptas Paramarthasara ist eine zusammenhängende Versschrift ohne Kapitelgliederung. Die ausführliche Prosa in der kommentierten Sanskritausgabe stammt von Yogaraja; sie wird zur Erläuterung herangezogen und ist kein zusätzlicher Grundtext Abhinavaguptas.

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Hintergrund und Lehren

Shiva und Parvati als traditionelle Darstellung göttlicher Einheit. Das Werk betrachtet Shiva und seine Kraft als untrennbar.

Name, Verfasser und Überlieferung

Paramārtha bedeutet die höchste Wirklichkeit oder den höchsten Sinn, sāra das Wesentliche, den Kern. Der Titel Paramarthasara kündigt daher eine konzentrierte Darlegung dessen an, worauf es auf dem Weg der Befreiung letztlich ankommt. Der Text gehört zur nichtdualistischen Tradition des Trika. Shiva bezeichnet hier das unbegrenzte Bewusstsein, Shakti dessen untrennbare Kraft; das verkörperte Einzelwesen ist eine begrenzte Erscheinung dieser Wirklichkeit.

Bereits die Verse 2–3 nennen eine ältere Unterweisung, die Ādhārakārikās. Sie wird in der Überlieferung mit Ādiśeṣa verbunden. Abhinavagupta erklärt ausdrücklich, ihren wesentlichen Gehalt aus der Sicht der Lehre Shivas darzustellen. Sein Paramarthasara ist damit eine bewusste Neubearbeitung eines älteren Lehrstoffs. Yogarajas Kommentar erläutert die philosophischen und spirituellen Zusammenhänge. In seinen eigenen Schlussstrophen nennt Yogaraja Kṣemarāja als seinen Lehrer.

Paramarthasara steht in derselben geistigen Welt wie Abhinavaguptas Tantraloka. Während Tantrasara dessen Lehren in einer Kurzfassung zusammenführt, entfaltet Paramarthasara seinen eigenen, in sich geschlossenen Lehrgang in Versen. Die folgende Ausgabe bewahrt seine durchgehende Versfolge.

Bewusstsein und Welt gehören zusammen

Die Verse 4–14 beschreiben die Welt als Entfaltung der göttlichen Kraft. Der eine Erfahrende erscheint als viele Wesen, so wie ein Kristall verschiedene Farben zeigt. Auch die Spiegelbilder sind für das Werk wesentlich: Sie erscheinen voneinander getrennt, ohne den Spiegel zu verlassen. Entsprechend ist die Welt in Paramarthasara vom Bewusstsein ungetrennt, obwohl sie als vielfältige Welt erfahren wird.

Diese Sicht bedeutet mehr als die Behauptung, alle Dinge seien „nur Einbildung“. Entscheidend ist, dass keine Erscheinung unabhängig von ihrem Erscheinen erkannt werden kann. Shiva ist der freie, schöpferische Grund dieses Erscheinens. Die Begriffe Brahman und Atman kommen im Text vor; Abhinavagupta entfaltet sie jedoch innerhalb seines eigenen Shiva-Verständnisses. Die Lehre lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres mit jeder Form des Advaita Vedanta gleichsetzen.

Wie Begrenzung entsteht

Paramarthasara beschreibt Begrenzung als Selbstverhüllung. Das unbeschränkte Bewusstsein erscheint nun zeitgebunden, nur teilweise wissend und nur begrenzt handlungsfähig. Es begehrt, was ihm zur eigenen Vollständigkeit zu fehlen scheint. Die fünf begrenzenden Gewänder und Maya ergeben die sechs in Vers 17 genannten Hüllen. Das Bild der feinen Reishaut macht verständlich, wie selbstverständlich diese Begrenzungen erscheinen können: Man hält für das eigene Wesen, was lediglich eng mit ihm verbunden ist.

Die Verse 14–22 ordnen die Welt in 36 Tattvas, Wirklichkeitsprinzipien. Die folgende Übersicht fasst ihre Gruppen zusammen; sie ist eine Lesehilfe, keine zusätzliche Kapitelgliederung des Sanskrittextes.

Gruppe Anzahl Inhalt
Reine Wirklichkeitsprinzipien 5 Shiva, Shakti, Sadashiva, Ishvara, reines Wissen
Maya 1 Hervortreten von Trennung und Verhüllung
Begrenzende Gewänder 5 Zeit, begrenzte Wirkmacht, feste Ordnung, Begehren, begrenztes Wissen
Purusha 1 Das individuelle erfahrende Wesen
Prakriti 1 Die Urnatur mit Freude, Schmerz und Verblendung
Inneres Organ 3 Urteilskraft, Denken, Ichbewusstsein
Erkenntnisorgane 5 Hören, Tasten, Sehen, Schmecken, Riechen
Handlungsorgane 5 Sprechen, Greifen, Fortbewegung, Ausscheidung, Fortpflanzung
Feine Sinnesqualitäten 5 Klang, Berührung, Lichtgestalt, Geschmack, Geruch
Grobe Elemente 5 Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde

Die drei Hüllen aus Vers 24 und die drei Unreinheiten aus Vers 57 beleuchten denselben Zusammenhang aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie sind nicht mit einer beliebigen späteren Einteilung von Körpern oder Hüllen gleichzusetzen. Der Text verfolgt eine konkrete Frage: Wie kann das freie Bewusstsein als begrenztes Einzelwesen erscheinen?

Die doppelte Selbstverwechslung

Besonders fein ist die Unterscheidung in den Versen 30–40. Einerseits halten wir die Erscheinungen für etwas außerhalb des Selbst. Andererseits halten wir eine einzelne Erscheinung — den Körper, die Lebenskraft, das Denken oder sogar die Erfahrung von Leere — für das ganze Selbst. Paramarthasara löst beide Verwechslungen auf. Weder erschöpft sich das Selbst in einem Körper, noch fällt die Welt aus seiner Wirklichkeit heraus.

Damit schützt die Schrift vor zwei Verkürzungen spiritueller Erfahrung. Ein besonderer Zustand ist noch nicht das Ganze; auch die Abwesenheit gewöhnlicher Gedanken erschöpft das Bewusstsein nicht. Umgekehrt verlangt die Erkenntnis des Selbst keine Verachtung seiner Erscheinungsformen. Die Verse 47–50 lassen die erkannte Einheit in der ersten Person sprechen: Die Welt erscheint in mir, und ich leuchte in ihren Gestalten.

Befreiung, Gnade und Übung

Vers 60 bringt das Anliegen des Paramarthasara auf den Punkt: Befreiung ist das Zerreißen des Knotens des Nichtwissens und das Offenbarwerden der eigenen Kraft. Sie ist kein Ortswechsel. Vers 61 beschreibt ausdrücklich Jivanmukti, die Befreiung zu Lebzeiten. Der Körper kann bestehen bleiben, während die irrige Selbstbegrenzung aufgehoben ist.

Göttliche Gnade und eigene Bemühung stehen dabei in Beziehung. Schon Vers 9 nennt das Herabkommen von Shivas Kraft, Śaktipāta. Vers 96 beschreibt das unmittelbare Erfassen der Lehre durch einen sehr intensiven Kraftabstieg und die Unterweisung des Guru. Vers 97 behandelt das schrittweise Wachsen in die Erkenntnis. Die Schlussverse ermutigen zur beharrlichen Praxis und deuten auch einen noch nicht vollendeten Weg als wirksam. Paramarthasara enthält somit sowohl die Möglichkeit unmittelbaren Erkennens als auch die Würdigung langer Übung.

Der Körper als Gotteshaus

Die Verse 74–78 entfalten eine eindrucksvolle innere Verehrung. Der eigene Körper, der Körper eines anderen und sogar ein gewöhnlicher Gegenstand können als Gotteshaus erkannt werden. Die Opfergaben werden durch Selbstgewahrsein gereinigt. Das Feueropfer besteht im Darbringen der trennenden Vorstellungen in das Bewusstsein. Meditation wird als fortwährende schöpferische Gegenwart verstanden; Japa als inneres Kreisen der Welten, der Wirklichkeitsprinzipien und der Sinne.

Hier beschreibt Abhinavagupta das Leben des zur Einheit Erwachten. Die Verse lassen sich als Einladung lesen, Wahrnehmen und Handeln mit größerer Bewusstheit zu erfüllen. Sie sind jedoch keine wortwörtliche Anleitung, jede äußere Praxis beliebig abzuschaffen. Ihr Zusammenhang ist das zuvor entwickelte Erkennen der Nichtzweiheit.

Sanskrit und Übersetzung

Die Strophen folgen der überlieferten Reihenfolge. Einige Satzgefüge erstrecken sich über mehrere aufeinanderfolgende Nummern. Die vorangestellte Verehrung und das Kolophon bleiben als unnummerierte Rahmentexte erkennbar. Die Quellen und die wenigen abweichenden Lesungen sind am Ende zusammengeführt.

Eingangsverehrung

oṃ namaścidātmaparamārthavapuṣe ||

Übersetzung: Om. Verehrung dem, dessen wahres Wesen das Bewusstsein als Selbst ist.

1 paraṃ parasthaṃ gahanādanādimekaṃ niviṣṭaṃ bahudhā guhāsu |
sarvālayaṃ sarvacarācarasthaṃ tvāmeva śaṃbhuṃ śaraṇaṃ prapadye ||

Übersetzung: Zu dir allein nehme ich Zuflucht, Shambhu: Du bist das Höchste, jenseits der tiefen Verhüllung, ohne Anfang und einzig. In vielfältiger Weise wohnst du in den Höhlen der Herzen. Du bist die Ruhestätte von allem und gegenwärtig in allem, was sich bewegt und was unbeweglich ist.

2 garbhādhivāsapūrvakamaraṇāntakaduḥkhacakravibhrāntaḥ |
ādhāraṃ bhagavantaṃ śiṣyaḥ papraccha paramārtham ||

Übersetzung: Ein Schüler, umhergetrieben im leidvollen Kreislauf, der mit dem Aufenthalt im Mutterleib beginnt und im Tod endet, fragte den verehrungswürdigen Ādhāra nach der höchsten Wirklichkeit.

3 ādhārakārikābhistaṃ gururabhibhāṣate sma tatsāram |
kathayatyabhinavaguptaḥ śivaśāsanadṛṣṭiyogena ||

Übersetzung: Der Lehrer unterwies ihn durch die Ādhārakārikās. Deren wesentlichen Gehalt legt Abhinavagupta hier im Licht der Lehre Shivas dar.

Ergänzende Darstellung des Universums. Die vier Welthüllen des Paramarthasara gehören zu seiner spirituellen Kosmologie.

4 nijaśaktivaibhavabharādaṇḍacatuṣṭayamidaṃ vibhāgena |
śaktirmāyā prakṛtiḥ pṛthvī ceti prabhāvitaṃ prabhuṇā ||

Übersetzung: Aus der überströmenden Fülle seiner eigenen Kraft hat der Herr diese vier gesonderten Welthüllen hervortreten lassen: Shakti, die göttliche Kraft; Maya, die verhüllende Macht; Prakriti, die Urnatur; und Prithivi, die Erde.

5 tatrāntarviśvamidaṃ vicitratanukaraṇabhuvanasaṃtānam |
bhoktā ca tatra dehī śiva eva gṛhītapaśubhāvaḥ ||

Übersetzung: In ihnen liegt dieses gesamte Universum mit seiner vielfältigen Folge von Körpern, Wahrnehmungs- und Handlungsvermögen und Welten. Der darin verkörperte Erfahrende ist Shiva selbst, der den Zustand eines gebundenen Einzelwesens angenommen hat.

6 nānāvidhavarṇānāṃ rūpaṃ dhatte yathāmalaḥ sphaṭikaḥ |
suramānuṣapaśupādaparūpatvaṃ tadvadīśo 'pi ||

Übersetzung: Wie ein makelloser Kristall die Erscheinung verschiedenster Farben annimmt, so nimmt auch der Herr die Gestalten von Göttern, Menschen, Tieren und Pflanzen an.

7 gacchati gacchati jala iva himakarabimbaṃ sthite sthitiṃ yāti |
tanukaraṇabhuvanavarge tathāyamātmā maheśānaḥ ||

Übersetzung: Wie das Spiegelbild des Mondes sich im bewegten Wasser bewegt und im stillstehenden Wasser zur Ruhe kommt, so erscheint dieses Selbst, der große Herr, in der Gesamtheit der Körper, der Vermögen und der Welten.

8 rāhuradṛśyo 'pi yathā śaśibimbasthaḥ prakāśate tadvat |
sarvagato 'pyayamātmā viṣayāśrayaṇena dhīmukure ||

Übersetzung: Wie der unsichtbare Rahu sichtbar wird, wenn er vor der Mondscheibe steht, so erscheint auch dieses allgegenwärtige Selbst im Spiegel der Erkenntniskraft, indem es sich auf Gegenstände bezieht.

9 ādarśe malarahite yadvadvadanaṃ vibhāti tadvadayam |
śivaśaktipātavimale dhītattve bhāti bhārūpaḥ ||

Übersetzung: Wie ein Gesicht in einem fleckenlosen Spiegel erscheint, so leuchtet dieses Selbst, dessen Wesen Licht ist, in der Erkenntniskraft auf, wenn sie durch das Herabkommen von Shivas Kraft gereinigt ist.

10 bhārūpaṃ paripūrṇaṃ svātmani viśrāntito mahānandam |
icchāsaṃvitkaraṇairnirbharitamanantaśaktiparipūrṇam ||

Übersetzung: Licht ist sein Wesen, vollkommen seine Fülle. Weil es in sich selbst ruht, ist es höchste Glückseligkeit. Es ist erfüllt von Wollen, Erkennen und Wirken und ganz durchdrungen von unendlichen Kräften.

11 sarvavikalpavihīnaṃ śuddhaṃ śāntaṃ layodayavihīnam |
yatparatattvaṃ tasminvibhāti ṣaṭtriṃśadātma jagat ||

Übersetzung: Frei von allen unterscheidenden Vorstellungen, rein und still, ohne Untergang und Entstehung ist diese höchste Wirklichkeit. In ihr erscheint die Welt mit ihren sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien.

12 darpaṇabimbe yadvannagaragrāmādi citramavibhāgi |
bhāti vibhāgenaiva ca parasparaṃ darpaṇādapi ca ||

Übersetzung: Wie im Spiegelbild eine vielfältige Stadt, ein Dorf und anderes erscheinen, ohne vom Spiegel getrennt zu sein, und dennoch voneinander und auch vom Spiegel getrennt scheinen,

13 vimalatamaparamabhairavabodhāttadvadvibhāgaśūnyamapi |
anyonyaṃ ca tato 'pi ca vibhaktamābhāti jagadetat ||

Übersetzung: so erscheint diese Welt, obwohl sie vom vollkommen reinen Bewusstsein des höchsten Bhairava nicht getrennt ist, in sich unterschieden und auch von diesem Bewusstsein getrennt.

14 śivaśaktisadāśivatāmīśvaravidyāmayīṃ ca tattvadaśām |
śaktīnāṃ pañcānāṃ vibhaktabhāvena bhāsayati ||

Übersetzung: Er lässt die fünf Kräfte in ihrer Verschiedenheit als die Wirklichkeitsstufen Shiva, Shakti, Sadashiva, Ishvara und reines Wissen erscheinen.

15 paramaṃ yatsvātantryaṃ durghaṭasaṃpādanaṃ maheśasya |
devī māyāśaktiḥ svātmāvaraṇaṃ śivasyaitat ||

Übersetzung: Jene höchste Freiheit des großen Herrn, die selbst das scheinbar Unmögliche vollbringt, ist die Göttin, die Macht der Maya: Durch sie verhüllt Shiva sein eigenes Wesen.

16 māyāparigrahavaśādbodho malinaḥ pumānpaśurbhavati |
kālakalāniyativaśādrāgāvidyāvaśena saṃbaddhaḥ ||

Übersetzung: Indem es die Maya annimmt, wird das Bewusstsein getrübt und zum einzelnen Menschenwesen, zum Gebundenen. Es wird gefesselt durch Zeit, begrenzte Wirkmacht und feste Ordnung sowie durch Begehren und begrenztes Wissen.

17 adhunaiva kiñcidevedameva sarvātmanaiva jānāmi |
māyāsahitaṃ kañcukaṣaṭkamaṇorantaraṅgamidamuktam ||

Übersetzung: „Gerade jetzt, nur ein wenig, genau dieses, mit meinem ganzen Wesen erkenne ich“: Diese Einschränkungen werden zusammen mit Maya als die sechs inneren Gewänder des begrenzten Wesens bezeichnet.

18 kambukamiva taṇḍulakaṇaviniviṣṭaṃ bhinnamapyabhidā |
bhajate tattu viśuddhiṃ śivamārgaunmukhyayogena ||

Übersetzung: Wie die feine Haut im Reiskorn zu liegen scheint, mit ihm untrennbar verbunden, obwohl sie von ihm verschieden ist, so verhält es sich mit dieser Umhüllung. Durch die Hinwendung zum Weg Shivas jedoch gelangt sie zur Reinigung.

19 sukhaduḥkhamohamātraṃ niścayasaṃkalpanābhimānācca |
prakṛtirathāntaḥkaraṇaṃ buddhimano 'haṅkṛti kramaśaḥ ||

Übersetzung: Die Urnatur besteht aus Freude, Schmerz und Verblendung. Das innere Organ umfasst, entsprechend dem Feststellen, dem Vorstellen und dem Ichbezug, der Reihe nach die Urteilskraft, das Denken und das Ichbewusstsein.

20 śrotraṃ tvagakṣi rasanā ghrāṇaṃ buddhīndriyāṇi śabdādau |
vākpāṇipādapāyūpasthaṃ karmendriyāṇi punaḥ ||

Übersetzung: Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase sind die Erkenntnisorgane für Klang und die übrigen Sinnesgegenstände. Die Handlungsorgane sind dagegen Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungsorgan und Geschlechtsorgan.

21 eṣāṃ grāhyo viṣayaḥ sūkṣmaḥ pravibhāgavarjito yaḥ syāt |
tanmātrapañcakaṃ tacchabdaḥ sparśo maho raso gandhaḥ ||

Übersetzung: Was diesen als feiner, noch nicht in einzelne Ausprägungen unterschiedener Gegenstand zugänglich ist, bildet die fünf feinen Sinnesqualitäten: Klang, Berührung, Lichtgestalt, Geschmack und Geruch.

22 etatsaṃsargavaśātsthūlo viṣayastu bhūtapañcakatām |
abhyeti nabhaḥ pavanastejaḥ salilaṃ ca pṛthvī ca ||

Übersetzung: Durch deren Verbindung nimmt der grobe Gegenstand die Gestalt der fünf Elemente an: Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde.

23 tuṣa iva taṇḍulakaṇikāmāvṛṇute prakṛtipūrvakaḥ sargaḥ |
pṛthvīparyanto 'yaṃ caitanyaṃ dehabhāvena ||

Übersetzung: Wie die äußere Spelze das Reiskorn umschließt, so verhüllt die von der Urnatur bis zur Erde reichende Schöpfung das Bewusstsein in Gestalt des Körpers.

24 paramāvaraṇaṃ mala iha sūkṣmaṃ māyādikañcukaṃ sthūlam |
bāhyaṃ vigraharūpaṃ kośatrayaveṣṭito hyātmā ||

Übersetzung: Die innerste Verhüllung ist die Unreinheit; die feine besteht aus Maya und den übrigen begrenzenden Gewändern, die grobe und äußere hat die Gestalt des Körpers. So ist das Selbst von drei Hüllen umgeben.

25 ajñānatimirayogādekamapi svaṃ svabhāvamātmānam |
grāhyagrāhakanānāvaicitryeṇāvabudhyeta ||

Übersetzung: Durch die Finsternis des Nichtwissens erkennt man das Selbst, das doch das eine eigene Wesen ist, als die mannigfaltige Vielfalt von Erkanntem und Erkennenden.

26 rasaphāṇitaśarkarikāguḍakhaṇḍādyā yathekṣurasa eva |
tadvadavasthābhedāḥ sarve paramātmanaḥ śaṃbhoḥ ||

Übersetzung: Wie Zuckerrohrsaft, eingedickter Sirup, Zuckerkristalle, Rohzucker, Zuckerstücke und Ähnliches nichts anderes als Zuckerrohrsaft sind, so sind sämtliche verschiedenen Zustände Erscheinungsweisen Shambhus, des höchsten Selbst.

27 vijñānāntaryāmiprāṇavirāḍdehajātipiṇḍāntāḥ |
vyavahāramātrametatparamārthena tu na santyeva ||

Übersetzung: Bewusstsein, innerer Lenker, Lebenshauch, kosmischer Körper, allgemeine Gattung und einzelnes Ding: All diese Unterscheidungen gelten nur im gewöhnlichen Umgang; in der höchsten Wirklichkeit bestehen sie nicht.

28 rajjvāṃ nāsti bhujaṅgastrāsaṃ kurute ca mṛtyuparyantam |
bhrāntermahatī śaktirna vivektuṃ śakyate nāma ||

Übersetzung: Im Seil ist keine Schlange, und doch kann es einen Schrecken hervorrufen, der bis zum Tod führt. So groß ist die Macht des Irrtums, dass sie sich kaum ermessen lässt.

29 tadvaddharmādharmasvarnirayotpattimaraṇasukhaduḥkham |
varṇāśramādi cātmanyasadapi vibhramabalādbhavati ||

Übersetzung: Ebenso treten Verdienst und Schuld, Himmel und Hölle, Geburt und Tod, Freude und Schmerz sowie soziale Stände, Lebensstadien und anderes durch die Macht der Verirrung im Selbst auf, obwohl sie in ihm nicht wirklich bestehen.

30 etattadandhakāraṃ yadbhāveṣu prakāśamānatayā |
ātmānatirikteṣvapi bhavatyanātmābhimāno 'yam ||

Übersetzung: Das ist jene Finsternis: Obwohl die Dinge dadurch, dass sie erscheinen, nicht vom Selbst verschieden sind, hält man sie für etwas, das nicht das Selbst ist.

31 timirādapi timiramidaṃ gaṇḍasyopari mahānayaṃ sphoṭaḥ |
yadanātmanyapi dehaprāṇādāvātmamānitvam ||

Übersetzung: Noch finsterer als diese Finsternis, wie eine große Eiterblase auf einer Geschwulst, ist es, umgekehrt den Körper, den Lebenshauch und anderes, das nicht das Selbst ist, für das Selbst zu halten.

Buddhistische Darstellung des Samsara als ergänzendes Vergleichsbild. Der Paramarthasara untersucht den Kreislauf des Werdens aus der Sicht der Wiedererkennung des Selbst.

32 dehaprāṇavimarśanadhījñānanabhaḥprapañcayogena |
ātmānaṃ veṣṭayate citraṃ jālena jālakāra iva ||

Übersetzung: Durch die Vorstellungen von Körper und Lebenshauch, durch die Erkenntnisse der Urteilskraft und durch die Vielfalt der Leere hüllt das Selbst sich ein. Erstaunlich: Es verhält sich wie ein Netzweber, der sich mit seinem eigenen Netz umschließt.

33 svajñānavibhavabhāsanayogenodveṣṭayennijātmānam |
iti bandhamokṣacitrāṃ krīḍāṃ pratanoti paramaśivaḥ ||

Übersetzung: Durch das Aufleuchten der Fülle seiner eigenen Erkenntnis entwindet es sich wieder dieser Umhüllung. So entfaltet Parama-Shiva, das höchste Shiva-Bewusstsein, sein vielfältiges Spiel von Bindung und Befreiung.

34 sṛṣṭisthitisaṃhārā jāgratsvapnau suṣuptamiti tasmin |
bhānti turīye dhāmani tathāpi tairnāvṛtaṃ bhāti ||

Übersetzung: Schöpfung, Bestehen und Auflösung sowie Wachen, Träumen und Tiefschlaf erscheinen in jener Stätte, dem Vierten. Doch diese leuchtet, ohne von ihnen verhüllt zu sein.

35 jāgradviśvaṃ bhedātsvapnastejaḥ prakāśamāhātmyāt |
prājñaḥ suptāvasthā jñānaghanatvāttataḥ paraṃ turyam ||

Übersetzung: Das Wachen heißt wegen der Verschiedenheit seiner Gegenstände Vishva; der Traum wegen der Herrlichkeit seines Leuchtens Tejas. Der Schlafzustand heißt Prajna, weil er eine ungeteilte Masse von Erkenntnis ist. Jenseits davon liegt das Vierte.

36 jaladharadhūmarajobhirmalinīkriyate yathā na gaganatalam |
tadvanmāyāvikṛtibhiraparāmṛṣṭaḥ paraḥ puruṣaḥ ||

Übersetzung: Wie der weite Himmel von Wolken, Rauch und Staub nicht verunreinigt wird, so bleibt das höchste Selbst von den Wandlungen der Maya unberührt.

37 ekasminghaṭagagane rajasā vyāpte bhavanti nānyāni |
malināni tadvadete jīvāḥ sukhaduḥkhabhedajuṣaḥ ||

Übersetzung: Wenn der Raum in einem Gefäß mit Staub erfüllt ist, werden die Räume in anderen Gefäßen dadurch nicht verunreinigt. Ebenso haben die einzelnen Lebewesen ihre unterschiedlichen Erfahrungen von Freude und Schmerz.

38 śānte śānta ivāyaṃ hṛṣṭe hṛṣṭo vimohavati mūḍhaḥ |
tattvagaṇe sati bhagavānna punaḥ paramārthataḥ sa tathā ||

Übersetzung: Sind die Wirklichkeitsprinzipien ruhig, erscheint der Herr wie ruhig; sind sie freudig erregt, erscheint er freudig erregt; sind sie verwirrt, wie verwirrt. In Wahrheit aber befindet er sich nicht in diesen Zuständen.

39 yadanātmanyapi tadrūpāvabhāsanaṃ tatpurā nirākṛtya |
ātmanyanātmarūpāṃ bhrāntiṃ vidalayati paramātmā ||

Übersetzung: Zuerst beseitigt das höchste Selbst die Erscheinung von Selbstheit in dem, was nicht das Selbst ist. Dann zerbricht es den Irrtum, im Selbst etwas zu sehen, das nicht das Selbst wäre.

40 itthaṃ vibhramayugalakasamūlavicchedane kṛtārthasya |
kartavyāntarakalanā na jātu parayogino bhavati ||

Übersetzung: Wenn beide Irrtümer mit der Wurzel durchschnitten sind, hat der höchste Yogi sein Ziel erreicht. Niemals entsteht für ihn dann noch die Vorstellung, es sei eine weitere Aufgabe zu erfüllen.

41 pṛthivī prakṛtirmāyā tritayamidaṃ vedyarūpatāpatitam |
advaitabhāvanabalādbhavati hi sanmātrapariśeṣam ||

Übersetzung: Die drei Welthüllen Erde, Urnatur und Maya sind zu Gegenständen der Erkenntnis geworden. Durch die Kraft der Betrachtung ihrer Nichtzweiheit bleibt von ihnen das reine Sein allein.

42 raśanākuṇḍalakaṭakaṃ bhedatyāgena dṛśyate yathā hema |
tadvadbhedatyāge sanmātraṃ sarvamābhāti ||

Übersetzung: Wie Gürtel, Ohrring und Armreif, wenn man ihre Unterschiede beiseitelässt, als Gold erkannt werden, so erscheint alles als reines Sein, wenn die trennenden Unterschiede aufgegeben werden.

43 tadbrahma paraṃ śuddhaṃ śāntamabhedātmakaṃ samaṃ sakalam |
amṛtaṃ satyaṃ śaktau viśrāmyati bhāsvarūpāyām ||

Übersetzung: Dieses höchste Brahman ist rein, still, seinem Wesen nach ungeteilt, überall gleich, alles umfassend, unsterblich und wahr. Es ruht in der Kraft, deren Wesen Licht ist.

44 iṣyata iti vedyata iti saṃpādyata iti ca bhāsvarūpeṇa |
aparāmṛṣṭaṃ yadapi tu nabhaḥprasūnatvamabhyeti ||

Übersetzung: Was vom Licht des Bewusstseins nicht als Gewolltes, Erkanntes oder Vollbrachtes erfasst wird, wird zu etwas so Unwirklichem wie einer Blume am Himmel.

45 śaktitriśūlaparigamayogena samastamapi parameśe |
śivanāmani paramārthe visṛjyate devadevena ||

Übersetzung: Indem der Gott der Götter den Dreizack seiner Kräfte durchdringt, lässt er alles in den höchsten Herrn eingehen, in die höchste Wirklichkeit, die Shiva heißt.

46 punarapi ca pañcaśaktiprasaraṇakrameṇa bahirapi tat |
aṇḍatrayaṃ vicitraṃ sṛṣṭaṃ bahirātmalābhena ||

Übersetzung: Und erneut wird durch die schrittweise Entfaltung der fünf Kräfte jene Vielfalt der drei Welthüllen nach außen geschaffen, indem sie ein äußeres Dasein annimmt.

47 iti śakticakrayantraṃ krīḍāyogena vāhayandevaḥ |
ahameva śuddharūpaḥ śaktimahācakranāyakapadasthaḥ ||

Übersetzung: Der Gott, der auf diese Weise spielerisch das Räderwerk der Kräfte in Bewegung hält, bin ich selbst: reinen Wesens und im Rang des Herrn über das große Rad der Kräfte stehend.

48 mayyeva bhāti viśvaṃ darpaṇa iva nirmale ghaṭādīni |
mattaḥ prasarati sarvaṃ svapnavicitratvamiva suptāt ||

Übersetzung: In mir allein erscheint das Universum, wie Gefäße und andere Dinge in einem makellosen Spiegel. Aus mir geht alles hervor, wie die Vielfalt des Traumes aus dem Schlafenden.

49 ahameva viśvarūpaḥ karacaraṇādisvabhāva iva dehaḥ |
sarvasminnahameva sphurāmi bhāveṣu bhāsvarūpamiva ||

Übersetzung: Ich selbst habe die Gestalt des Universums, wie der Körper die Gestalt seiner Hände, Füße und anderen Glieder hat. Ich allein leuchte in allem auf, so wie das Licht in den erscheinenden Dingen.

50 draṣṭā śrotā ghrātā dehendriyavarjito 'pyakartāpi |
siddhāntāgamatarkāṃścitrānahameva racayāmi ||

Übersetzung: Ich bin der Sehende, Hörende und Riechende, obwohl ich ohne Körper und Sinnesorgane bin. Obwohl ich nicht handle, erschaffe ich selbst die vielfältigen Lehrsysteme, Offenbarungsschriften und Gedankengänge.

51 itthaṃ dvaitavikalpe galite pravilaṅghya mohanīṃ māyām |
salile salilaṃ kṣīre kṣīramiva brahmaṇi layī syāt ||

Übersetzung: Wenn so die Vorstellung von Zweiheit geschmolzen und die täuschende Maya überschritten ist, geht man im Brahman auf wie Wasser in Wasser und Milch in Milch.

52 itthaṃ tattvasamūhe bhāvanayā śivamayatvamabhiyāte |
kaḥ śokaḥ ko mohaḥ sarvaṃ brahmāvalokayataḥ ||

Übersetzung: Wenn auf diese Weise durch vertiefte Betrachtung die Gesamtheit der Wirklichkeitsprinzipien als Shiva erkannt wird, welcher Kummer und welche Verblendung könnten dann für den bleiben, der alles als Brahman schaut?

53 karmaphalaṃ śubhamaśubhaṃ mithyājñānena saṃgamādeva |
viṣamo hi saṅgadoṣastaskarayogo 'pyataskarasyeva ||

Übersetzung: Eine gute oder schlechte Frucht des Handelns entsteht allein durch die Verbindung mit falscher Erkenntnis. Verhängnisvoll ist dieser Fehler der Verbindung, wie auch ein Nichtdieb durch seine Verbindung mit einem Dieb in Schwierigkeiten gerät.

54 lokavyavahārakṛtāṃ ya ihāvidyāmupāsate mūḍhāḥ |
te yānti janmamṛtyū dharmādharmārgalābaddhāḥ ||

Übersetzung: Die Verblendeten, die dem durch den gewöhnlichen Weltumgang erzeugten Nichtwissen dienen, gehen durch Geburt und Tod, gebunden durch die Riegel von Verdienst und Schuld.

55 ajñānakālanicitaṃ dharmādharmātmakaṃ tu karmāpi |
cirasaṃcitamiva tūlaṃ naśyati vijñānadīptivaśāt ||

Übersetzung: Auch das während der Zeit des Nichtwissens angehäufte Karma, das aus Verdienst und Schuld besteht, vergeht durch das Aufleuchten der Erkenntnis wie lange angesammelte Baumwolle im Feuer.

56 jñānaprāptau kṛtamapi na phalāya tato 'sya janma katham |
gatajanmabandhayogo bhāti śivārkaḥ svadīdhitibhiḥ ||

Übersetzung: Nach dem Erlangen der Erkenntnis führt auch vollzogenes Handeln nicht mehr zu einer Frucht. Wie könnte daraus für diesen Menschen eine neue Geburt entstehen? Die Bindung an Geburt ist vergangen; die Sonne Shiva leuchtet mit ihren eigenen Strahlen.

57 tuṣakambukakiṃśārukamuktaṃ bījaṃ yathāṅkuraṃ kurute |
naiva tathāṇavamāyākarmavimukto bhavāṅkuraṃ hyātmā ||

Übersetzung: Wie ein Samenkorn, das von äußerer Spelze, innerer Haut und Granne befreit ist, keinen Keim mehr hervorbringt, so bringt das Selbst, befreit von den Unreinheiten der Begrenztheit, der Maya und des Karmas, keinen neuen Keim des Werdens hervor.

58 ātmajño na kutaścana bibheti sarvaṃ hi tasya nijarūpam |
naiva ca śocati yasmātparamārthe nāśitā nāsti ||

Übersetzung: Wer das Selbst kennt, fürchtet sich vor nichts, denn alles ist sein eigenes Wesen. Er trauert auch nicht, denn in der höchsten Wirklichkeit gibt es keine Vernichtung.

59 atigūḍhahṛdayagañjaprarūḍhaparamārtharatnasaṃcayataḥ |
ahameveti maheśvarabhāve kā durgatiḥ kasya ||

Übersetzung: Wenn aus dem Schatz der höchsten Wirklichkeit, der im tief verborgenen Innern des Herzens erwachsen ist, das Bewusstsein des großen Herrn aufleuchtet: „Ich selbst bin all dies“ — welches Elend könnte dann bestehen, und für wen?

Das Herz als Ort innerer Sammlung. Vers 60 beschreibt Befreiung als Offenbarwerden der eigenen Kraft.

60 mokṣasya naiva kiñciddhāmāsti na cāpi gamanamanyatra |
ajñānagranthibhidā svaśaktyabhivyaktatā mokṣaḥ ||

Übersetzung: Befreiung hat keinen bestimmten Aufenthaltsort; sie ist auch kein Fortgehen an einen anderen Ort. Befreiung ist das Zerreißen des Knotens des Nichtwissens und das Offenbarwerden der eigenen Kraft.

61 bhinnājñānagranthirgatasaṃdehaḥ parākṛtabhrāntiḥ |
prakṣīṇapuṇyapāpo vigrahayoge 'pyasau muktaḥ ||

Übersetzung: Der Knoten seines Nichtwissens ist zerrissen, seine Zweifel sind vergangen, die Verirrung ist beseitigt, Verdienst und Schuld sind erschöpft: Ein solcher Mensch ist befreit, auch solange er mit einem Körper verbunden ist.

62 agnyabhidagdhaṃ bījaṃ yathā prarohāsamarthatāmeti |
jñānāgnidagdhamevaṃ karma na janmapradaṃ bhavati ||

Übersetzung: Wie ein vom Feuer verbrannter Same nicht mehr fähig ist zu keimen, so bringt das vom Feuer der Erkenntnis verbrannte Karma keine neue Geburt hervor.

63 parimitabuddhitvena hi karmocitabhāvidehabhāvanayā |
saṅkucitā citiretaddehadhvaṃse tathā bhāti ||

Übersetzung: Durch begrenztes Verstehen und durch die Vorstellung eines künftigen, dem eigenen Karma entsprechenden Körpers zieht sich das Bewusstsein zusammen. Beim Zerfall dieses Körpers erscheint es dann in jener vorgestellten Weise.

64 yadi punaramalaṃ bodhaṃ sarvasamuttīrṇaboddhṛkartṛmayam |
vitatamanastamitoditabhārūpaṃ satyasaṃkalpam ||

Übersetzung: Wenn man hingegen das makellose Bewusstsein, das alles übersteigt, seinem Wesen nach erkennt und handelt, sich unbegrenzt ausbreitet, als Licht weder untergeht noch aufgeht und dessen Wille sich verwirklicht,

65 dikkālakalanavikalaṃ dhruvamavyayamīśvaraṃ suparipūrṇam |
bahutaraśaktivrātapralayodayaviracanaikakartāram ||

Übersetzung: das frei von der Bemessung durch Raum und Zeit ist, beständig, unvergänglich, souverän und ganz erfüllt, der einzige Urheber des Entstehens und Vergehens unzähliger Scharen von Kräften,

66 sṛṣṭyādividhisuvedhasamātmānaṃ śivamayaṃ vibudhyeta |
kathamiva saṃsārī syādvitatasya kutaḥ kva vā saraṇam ||

Übersetzung: als sein eigenes Selbst erkennt, das Shiva ist und Schöpfung und die übrigen Vorgänge kundig gestaltet — wie könnte man dann noch im Kreislauf des Werdens wandern? Von wo nach wo könnte das Allausgebreitete gehen?

67 iti yuktibhirapi siddhaṃ yatkarma jñānino na saphalaṃ tat |
na mamedamapi tu tasyeti dārḍhyato nahi phalaṃ loke ||

Übersetzung: So ist auch durch vernünftige Erwägungen erwiesen, dass das Handeln des Erkennenden keine Frucht trägt. Auch im gewöhnlichen Leben fällt einem Handelnden keine solche Frucht zu, wenn er fest weiß: „Dies gehört nicht mir, sondern jenem anderen.“

68 itthaṃ sakalavikalpānpratibuddho bhāvanāsamīraṇataḥ |
ātmajyotiṣi dīpte juhvajjyotirmayo bhavati ||

Übersetzung: Der Erwachte bringt auf diese Weise alle unterscheidenden Vorstellungen im Licht des Selbst dar, das vom Wind der vertieften Betrachtung angefacht ist. So wird er ganz zu Licht.

69 aśnanyadvā tadvā saṃvīto yena kenacicchāntaḥ |
yatra kvacana nivāsī vimucyate sarvabhūtātmā ||

Übersetzung: Was auch immer er isst, womit auch immer er sich kleidet und wo auch immer er wohnt: Wenn er innerlich still und das Selbst aller Wesen ist, wird er befreit.

70 hayamedhaśatasahasrāṇyapi kurute brahmaghātalakṣāṇi |
paramārthavinna puṇyairna ca pāpaiḥ spṛśyate vimalaḥ ||

Übersetzung: Selbst wenn er Hunderttausende Pferdeopfer vollzieht oder Hunderttausende Brahmanen tötet, wird der Erkenner der höchsten Wirklichkeit weder von Verdienst noch von Schuld berührt, denn er ist makellos.

71 madaharṣakopamanmathaviṣādabhayalobhamohaparivarjī |
niḥstotravaṣaṭkāro jaḍa iva vicaredavādamatiḥ ||

Übersetzung: Frei von Hochmut, überschwänglicher Erregung, Zorn, sexueller Begierde, Niedergeschlagenheit, Furcht, Gier und Verblendung, ohne Lobgesänge und Opferrufe, möge er umhergehen, scheinbar wie ein Einfältiger, ohne Neigung zum Streit.

72 madaharṣaprabhṛtirayaṃ vargaḥ prabhavati vibhedasaṃmohāt |
advaitātmavibodhastena kathaṃ spṛśyatāṃ nāma ||

Übersetzung: Diese ganze Schar von Hochmut, Erregung und den übrigen Regungen entsteht aus der Verblendung durch Trennung. Wie könnte sie das erwachte Wissen um das nichtzweite Selbst berühren?

73 stutyaṃ vā hotavyaṃ nāsti vyatiriktamasya kiñcana ca |
stotrādinā sa tuṣyenmuktastannirnamaskṛtivaṣaṭkaḥ ||

Übersetzung: Für ihn gibt es nichts von ihm Getrenntes, das zu preisen wäre oder dem ein Opfer darzubringen wäre. Wie sollte ihn ein Lobgesang noch zufriedenstellen? Deshalb ist der Befreite frei von Huldigungen und Opferrufen.

74 ṣaṭtriṃśattattvabhṛtaṃ vigraharacanāgavākṣaparipūrṇam |
nijamanyadatha śarīraṃ ghaṭādi vā tasya devagṛham ||

Übersetzung: Sein eigener Körper oder der Körper eines anderen, erfüllt von den sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien und ausgestattet mit den Fenstern seines leiblichen Aufbaus, ist für ihn ein Gotteshaus; ebenso ein Gefäß oder ein anderer Gegenstand.

75 tatra ca paramātmamahābhairavaśivadevatāṃ svaśaktiyutām |
ātmāmarśanavimaladravyaiḥ paripūjayannāste ||

Übersetzung: Dort verweilt er und verehrt umfassend die Gottheit Shiva, den großen Bhairava, das höchste Selbst, verbunden mit seiner eigenen Kraft — mit Gaben, die durch das Gewahrsein des Selbst rein geworden sind.

76 bahirantaraparikalpanabhedamahābījanicayamarpayataḥ |
tasyātidīptasaṃvijjvalane yatnādvinā bhavati homaḥ ||

Übersetzung: Wenn er die ganze Ansammlung der mächtigen Samen des Unterscheidens zwischen außen und innen in das hell auflodernde Feuer seines Bewusstseins darbringt, vollzieht sich sein Feueropfer ohne Mühe.

77 dhyānamanastamitaṃ punareṣa hi bhagavānvicitrarūpāṇi |
sṛjati tadeva dhyānaṃ saṃkalpālikhitasatyarūpatvam ||

Übersetzung: Seine Meditation kennt keinen Untergang: Dieser göttliche Herr erschafft ja die vielfältigen Gestalten. Eben dies ist seine Meditation — das Wirklichsein der durch Vorstellung entworfenen Gestalten.

78 bhuvanāvalīṃ samastāṃ tattvakramakalpanāmathākṣagaṇam |
antarbodhe parivartayati ca yatso 'sya japa uditaḥ ||

Übersetzung: Dass er die gesamte Folge der Welten, die gegliederte Ordnung der Wirklichkeitsprinzipien und die Schar der Sinne im inneren Bewusstsein kreisen lässt, wird sein Japa genannt.

79 sarvaṃ samayā dṛṣṭyā yatpaśyati yacca saṃvidaṃ manute |
viśvaśmaśānaniratāṃ vigrahakhaṭvāṅgakalpanākalitām ||

Übersetzung: Dass er alles mit gleichem Blick schaut und das Bewusstsein als ganz dem Leichenplatz des Universums zugewandt erkennt, ausgestattet mit dem als Schädelstab vorgestellten Körper,

80 viśvarasāsavapūrṇaṃ nijakaragaṃ vedyakhaṇḍakakapālam |
rasayati ca yattadetadvratamasya sudurlabhaṃ ca sulabhaṃ ca ||

Übersetzung: und dass er die Schädelschale der abgegrenzten Erkenntnisgegenstände, die er in seiner eigenen Hand hält und die mit dem Wein der Weltessenzen gefüllt ist, auskostet: Das ist seine heilige Lebensregel, überaus schwer zu erlangen und doch leicht zugänglich.

81 iti janmanāśahīnaṃ paramārthamaheśvarākhyamupalabhya |
upalabdhṛtāprakāśātkṛtakṛtyastiṣṭhati yatheṣṭam ||

Übersetzung: Nachdem er so die höchste Wirklichkeit, die „großer Herr“ heißt und von Geburt und Vernichtung frei ist, erkannt hat, ist durch das Aufleuchten seines Erkennendseins alles zu Tuende getan. Er verweilt, wie es ihm beliebt.

82 vyāpinamabhihitamitthaṃ sarvātmānaṃ vidhūtanānātvam |
nirupamaparamānandaṃ yo vetti sa tanmayo bhavati ||

Übersetzung: Wer das so beschriebene Allgegenwärtige erkennt, das Selbst von allem, in dem jede Trennung aufgehoben ist, die unvergleichliche höchste Glückseligkeit — der wird ganz zu diesem.

83 tīrthe śvapacagṛhe vā naṣṭasmṛtirapi parityajandeham |
jñānasamakālamuktaḥ kaivalyaṃ yāti hataśokaḥ ||

Übersetzung: Ob er an einer heiligen Stätte oder im Haus eines „Hundekochers“, eines damals als unrein ausgegrenzten Menschen, seinen Körper verlässt, selbst wenn seine Erinnerung verloren ist: Schon im Augenblick der Erkenntnis befreit und vom Kummer gelöst, gelangt er zur völligen Freiheit.

84 puṇyāya tīrthasevā nirayāya śvapacasadananidhanagatiḥ |
puṇyāpuṇyakalaṅkasparśābhāve tu kiṃ tena ||

Übersetzung: Das Aufsuchen heiliger Stätten gilt als verdienstvoll, das Sterben im Haus eines „Hundekochers“ als Weg zur Hölle. Doch was bedeutet das noch, wo jede Berührung durch die Flecken von Verdienst und Unverdienst fehlt?

85 tuṣakambukasupṛthakkṛtataṇḍulakaṇatuṣadalāntarakṣepaḥ |
taṇḍulakaṇasya kurute na punastadrūpatādātmyam ||

Übersetzung: Wenn ein Reiskorn gründlich von äußerer Spelze und innerer Haut getrennt wurde und danach wieder zwischen Spelzenstücke gelegt wird, macht das das Reiskorn nicht erneut mit deren Gestalt identisch.

86 tadvatkañcukapaṭalīpṛthakkṛtā saṃvidatra saṃskārāt |
tiṣṭhantyapi muktātmā tatsparśavivarjitā bhavati ||

Übersetzung: Ebenso bleibt das Bewusstsein, das von den Schichten der begrenzenden Gewänder gelöst wurde, seinem Wesen nach frei und von ihrer Berührung unbetroffen, auch wenn es aufgrund früherer Prägungen noch hier verweilt.

Edelsteine veranschaulichen das Bild der bleibenden Klarheit: Die Hülle verändert nach den Versen 87–88 nicht das eigentliche Wesen.

87 kuśalatamaśilpikalpitavimalībhāvaḥ samudgakopādheḥ |
malino 'pi maṇirupādhervicchede svacchaparamārthaḥ ||

Übersetzung: Ein Edelstein, den ein höchst geschickter Handwerker zur Reinheit gebracht hat, mag durch das Behältnis, in dem er liegt, getrübt erscheinen. Wird diese äußere Bedingung entfernt, zeigt sich sein wahres klares Wesen.

88 evaṃ sadguruśāsanavimalasthiti vedanaṃ tanūpādheḥ |
muktamapyupādhyantaraśūnyamivābhāti śivarūpam ||

Übersetzung: Ebenso erstrahlt das durch die Unterweisung eines wahren Lehrers in Reinheit gefestigte Erkennen, wenn es von der Begrenzung durch den Körper frei wird, als Shiva — als wäre es ohne jede weitere begrenzende Bedingung.

89 śāstrādiprāmāṇyādavicalitaśraddhayāpi tanmayatām |
prāptaḥ sa eva pūrvaṃ svargaṃ narakaṃ manuṣyatvam ||

Übersetzung: Durch die Autorität der Schriften und anderer Unterweisungen oder auch durch unerschütterliches Vertrauen hat der Mensch schon zuvor jene Beschaffenheit angenommen, die sich als Himmel, Hölle oder Menschsein verwirklicht.

90 antyaḥ kṣaṇastu tasminpuṇyāṃ pāpāṃ ca vā sthitiṃ puṣyan |
mūḍhānāṃ sahakārībhāvaṃ gacchati gatau tu na sa hetuḥ ||

Übersetzung: Der letzte Augenblick verstärkt dabei einen verdienstvollen oder schuldhaften Zustand und wirkt für die Verblendeten als mitwirkender Umstand. Er ist aber nicht die eigentliche Ursache des weiteren Weges.

91 ye 'pi tadātmatvena viduḥ paśupakṣisarīsṛpādayaḥ svagatim |
te 'pi purātanasaṃbodhasaṃskṛtāstāṃ gatiṃ yānti ||

Übersetzung: Auch jene Tiere, Vögel, Kriechtiere und anderen Wesen, die ihren eigenen Seinsgrund als ihr Selbst erkennen, gelangen zu diesem Zustand, vorbereitet durch die Prägung früheren Erkennens.

92 svargamayo nirayamayastadayaṃ dehāntarālagaḥ puruṣaḥ |
tadbhaṅge svaucityāddehāntarayogamabhyeti ||

Übersetzung: So trägt der Mensch im Innern seines Körpers bereits die Beschaffenheit von Himmel oder Hölle. Wenn dieser Körper zerbricht, verbindet er sich entsprechend seiner eigenen Beschaffenheit mit einem anderen Körper.

93 evaṃ jñānāvasare svātmā sakṛdasya yādṛgavabhātaḥ |
tādṛśa eva tadāsau na dehapāte 'nyathā bhavati ||

Übersetzung: So wie ihm sein eigenes Selbst im Augenblick der Erkenntnis einmal aufgeleuchtet ist, so ist es dann auch. Beim Fall des Körpers wird es nicht zu etwas anderem.

94 karaṇagaṇasaṃpramoṣaḥ smṛtināśaḥ śvāsakalilatā cchedaḥ |
marmasu rujāviśeṣāḥ śarīrasaṃskārajo bhogaḥ ||

Übersetzung: Das Versagen der inneren und äußeren Vermögen, der Verlust der Erinnerung, das Stocken des Atems, das Zerreißen an lebenswichtigen Stellen und besondere Schmerzen: Diese Erfahrungen entstehen aus den Prägungen des Körpers.

95 sa kathaṃ vigrahayoge sati na bhavettena mohayoge 'pi |
maraṇāvasare jñānī na cyavate svātmaparamārthāt ||

Übersetzung: Wie sollten solche Erfahrungen ausbleiben, solange eine Verbindung mit dem Körper besteht? Deshalb fällt der Erkennende auch dann nicht aus der höchsten Wirklichkeit seines Selbst, wenn im Augenblick des Sterbens Verwirrung eintritt.

96 paramārthamārgamenaṃ jhaṭiti yadā gurumukhātsamabhyeti |
atitīvraśaktipātāttadaiva nirvighnameva śivaḥ ||

Übersetzung: Wenn jemand durch ein überaus starkes Herabkommen der göttlichen Kraft diesen Weg zur höchsten Wirklichkeit unmittelbar aus dem Mund des Lehrers vollständig erfasst, ist er sogleich, ohne Hindernis, Shiva.

97 sarvottīrṇaṃ rūpaṃ sopānapadakrameṇa saṃśrayataḥ |
paratattvarūḍhilābhe paryante śivamayībhāvaḥ ||

Übersetzung: Wer sich dagegen der alles übersteigenden Wirklichkeit schrittweise nähert, wie über die Stufen einer Treppe, wird am Ende ganz Shiva, wenn er feste Verwurzelung in der höchsten Wirklichkeit erlangt.

98 tasya tu paramārthamayīṃ dhārāmagatasya madhyaviśrānteḥ |
tatpadalābhotsukacetaso 'pi maraṇaṃ kadācitsyāt ||

Übersetzung: Es kann jedoch geschehen, dass jemand stirbt, bevor er den ununterbrochenen Strom der höchsten Wirklichkeit erreicht hat: Er hat unterwegs Rast gemacht, obwohl sein Herz voller Sehnsucht nach diesem höchsten Zustand ist.

99 yogabhraṣṭaḥ śāstre kathito 'sau citrabhogabhuvanapatiḥ |
viśrāntisthānavaśādbhūtvā janmāntare śivībhavati ||

Übersetzung: Einen solchen Menschen nennen die Schriften einen vom Yoga Abgekommenen. Entsprechend der Stufe, auf der er zur Ruhe kam, wird er zunächst Herr einer Welt vielfältiger Freuden; in einem späteren Leben wird er Shiva.

100 paramārthamārgamenaṃ hyabhyasyāprāpya yogamapi nāma |
suralokabhogabhāgī muditamanā modate suciram ||

Übersetzung: Wer diesen Weg zur höchsten Wirklichkeit geübt hat, ohne die Vereinigung schon erreicht zu haben, erhält dennoch Anteil an den Freuden der Götterwelt und erfreut sich dort sehr lange mit frohem Herzen.

101 viṣayeṣu sārvabhaumaḥ sarvajanaiḥ pūjyate yathā rājā |
bhuvaneṣu sarvadaivairyogabhraṣṭastathā pūjyaḥ ||

Übersetzung: Wie ein König als Herr seiner Länder von allen Menschen geehrt wird, so ist der vom Yoga Abgekommene in den Welten von allen Göttern zu ehren.

102 mahatā kālena punarmānuṣyaṃ prāpya yogamabhyasya |
prāpnoti divyamamṛtaṃ yasmādāvartate na punaḥ ||

Übersetzung: Nach langer Zeit erlangt er wieder Menschsein. Indem er Yoga übt, erreicht er das göttliche Unsterbliche, von dem er nicht mehr zurückkehrt.

103 tasmātsanmārge 'sminnirato yaḥ kaścideti sa śivatvam |
iti matvā paramārthe yathātathāpi prayatanīyam ||

Übersetzung: Daher erreicht jeder, der sich diesem guten Weg widmet, das Shiva-Sein. Wer dies bedenkt, sollte sich auf jede ihm mögliche Weise um die höchste Wirklichkeit bemühen.

104 idamabhinavaguptoditasaṃkṣepaṃ dhyāyataḥ paraṃ brahma |
acirādeva śivatvaṃ nijahṛdayāveśamabhyeti ||

Übersetzung: Wer über das höchste Brahman meditiert, dessen wesentlichen Gehalt Abhinavagupta hier dargelegt hat, gelangt schon bald zum Shiva-Sein, indem er in sein eigenes Herz eintritt.

105 āryāśatena tadidaṃ saṃkṣiptaṃ śāstrasāramatigūḍham |
abhinavaguptena mayā śivacaraṇasmaraṇadīptena ||

Übersetzung: So habe ich, Abhinavagupta, erleuchtet durch die Erinnerung an Shivas Füße, diesen tief verborgenen Wesenskern der Lehre in hundert Āryā-Strophen zusammengefasst.

Abschlussvermerk

iti śrīmahāmāheśvarācāryābhinavaguptaviracitaḥ paramārthasāraḥ ||

Übersetzung: Hier endet der Paramarthasara, verfasst von dem verehrten großen Lehrer des Shiva-Weges Abhinavagupta.

Paramarthasara im eigenen Üben

Heutige Anregungen zum Studium

Die folgenden Anregungen sind heutige Übertragungen der Lehren des Paramarthasara. Sie gehören nicht zum übersetzten Grundtext.

Ein fruchtbarer Einstieg besteht darin, ein Bild des Werkes über längere Zeit zu betrachten. Beim Kristall aus Vers 6 lässt sich fragen, wie viele Stimmungen im Bewusstsein erscheinen, ohne seine Fähigkeit des Erkennens aufzuheben. Beim Spiegel aus den Versen 12–13 geht es um das Verhältnis von Vielfalt und Einheit. Das Reiskorn aus den Versen 18, 23 und 85 lenkt die Aufmerksamkeit darauf, was eng mit uns verbunden ist und dennoch nicht unser innerstes Wesen ausmacht.

Für die Meditation ist die doppelte Selbstverwechslung besonders hilfreich. Zunächst darf deutlich werden: Eine Empfindung, ein Gedanke oder eine innere Leere ist etwas Erkanntes. Danach öffnet sich die weiterführende Betrachtung: Auch das Erkannte erscheint nicht außerhalb des Bewusstseins. Paramarthasara lädt dazu ein, Unterscheidung und Einheit gemeinsam zu vertiefen. Eine bloß nachgesprochene Formel ersetzt dieses Erkennen nicht.

Die innere Verehrung der Verse 74–78 kann heute dazu anregen, dem eigenen Körper, anderen Menschen und alltäglichen Gegenständen mit Achtung zu begegnen. Wenn auch der Körper des anderen als Gotteshaus verstanden wird, erhält spirituelle Erkenntnis eine unmittelbar zwischenmenschliche Bedeutung. Diese heutige ethische Anwendung knüpft an das Bild des Textes an; sie ist als Anwendung von seiner historischen Formulierung zu unterscheiden.

Erkenntnis ist nicht die Pflicht, unverwundbar zu erscheinen

Der Schluss des Paramarthasara ist für das Begleiten von Krankheit und Sterben besonders berührend. Die Verse 83 und 94–95 sagen, dass körperliche Beschwerden, Gedächtnisverlust und Verwirrung nicht einfach das Maß innerer Befreiung sind. Ein leidender Körper beweist im Denken dieser Schrift keine fehlende Selbsterkenntnis. Daraus lässt sich heute eine Haltung der Geduld und des Mitgefühls gewinnen, statt anderen ihr Leiden als spirituelles Versagen vorzuhalten.

Paramarthasara endet mit einer Ermutigung zur Bemühung und mit dem Eintritt in das eigene Herz. Sein Studium kann Yoga, Meditation und die Hingabe an Shiva miteinander verbinden: klar unterscheiden, beharrlich üben und immer wieder zu dem Bewusstsein zurückkehren, in dem diese ganze Erfahrung aufleuchtet.

Ergänzende Videos

Die folgenden heutigen Yoga-Vidya-Angebote ergänzen das Studium durch Einführung, Meditation und Betrachtung spiritueller Kraft. Die darin verwendeten Chakra- und Kundalini-Methoden sind eigenständige heutige Praxisangebote; der Grundtext des Paramarthasara beschreibt sie nicht in dieser Form.

Yoga und Meditation – Einführung

Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev

Chakra, Tantra, Kundalini und spirituelles Bewusstsein

Kundalini – die kosmische Kraft

Anmerkungen und Quellen

Zur Textgrundlage

Die Sanskritfassung folgt durchgehend dem revidierten Grundtext, den das Göttingen Register of Electronic Texts in Indian Languages (GRETIL) bereitstellt. Verglichen wurden beide Muktabodha-Dateien M00041 und das vollständige Digitalisat von J. C. Chatterjis Ausgabe, The Paramārtha-Sāra by Abhinava Gupta with the Commentary of Yogarāja, Kashmir Series of Texts and Studies 7, Srinagar 1916. Der GRETIL-Quellenkopf nennt die Überarbeitung anhand von neun Handschriften und verweist auf die Ausgabe von Lyne Bansat-Boudon und Kamaleshadatta Tripathi. Diese Handschriften wurden für die vorliegende Lesefassung nicht erneut kollationiert.

Der Grundtext umfasst die Strophen 1–105. Die Eingangsverehrung steht vor dem gemeinsamen Text von Werk und Kommentar; ihre Verfasserschaft wird hier nicht Abhinavagupta zugesichert. Das Kolophon nennt den Abschluss seines Paramarthasara. Yogarajas eigene Eingangs- und Schlussstrophen sowie sein Prosakommentar sind nicht Bestandteil dieser Grundtextausgabe. Die deutsche Übersetzung wurde unmittelbar aus dem Sanskrit erarbeitet; Yogarajas Kommentar diente an schwierigen Stellen als Verständnishilfe.

Der Textabgleich der 105 Strophen zwischen den elektronischen Fassungen und die interne inhaltliche Übersetzungsprüfung wurden vollständig durchgeführt. Am Druckbild wurden 28 Strophen sowie Eingangsverehrung und Kolophon geprüft. Das ist eine gezielte Stichprobe, keine vollständige Bildkollation oder externe Fachbegutachtung. Die separate Devanagari-Seite wird aus derselben Sanskrit-Arbeitsfassung transliteriert; sie ist keine zusätzliche Handschriftenedition.

Lesungen und Nummerierung

In der Ausgabe von 1916 steht nach der dritten Strophe irrtümlich die Zahl 6 und nach Strophe 84 die Zahl 86. Hier gilt die durchgehende, im revidierten Text bestätigte Zählung 1–105. Die gemeinsam bezeichneten Strophen 10–11 bleiben als zwei vollständige Strophen erhalten. In Vers 63 folgt die Lesefassung bhāti („erscheint“) statt bhavati („wird/ist“); bhāti ist auch im Variantenapparat von 1916 auf Seite 121 belegt. Vers 78 folgt dem revidierten Wortlaut parivartayati ca yat; im Haupttext von 1916 fehlt ca. In Vers 48 hat die bereitgestellte Devanagari-Datei versehentlich mayayeva statt mayyeva; IAST, Druckbild und Vergleichstext sichern die hier verwendete Form. Weitere Abweichungen betreffen Transkriptionsfehler, Vokallängen, Visarga und orthographische Sandhi-Schreibungen; sie sind im begleitenden Arbeitsdatensatz einzeln dokumentiert.

Hinweise zum Verständnis

  • Verse 1 und 8–9: Shambhu ist ein Name Shivas. Die „Höhlen“ sind nach Yogaraja die inneren Herzensräume. Rahu ist die mythologische Gestalt, die bei einer Finsternis vor der Mondscheibe sichtbar wird. Diese Bilder erklären das Erscheinen des an sich allgegenwärtigen Bewusstseins.
  • Verse 17–18: Der elliptische Satz in Vers 17 bündelt die Begrenzungen von Zeit, Wirken, Ordnung, Begehren und Wissen. Zusammen mit Maya sind es sechs Gewänder. In Vers 18 bezieht sich „sie“ beziehungsweise „diese Umhüllung“ auf das Gewand; Yogaraja versteht seine Reinigung als das Auflösen der verhüllenden Wirkung.
  • Verse 27 und 32: Die genannten Begriffe stehen teilweise für unterschiedliche philosophische Auffassungen des Selbst. Yogaraja versteht die „Vielfalt der Leere“ als wiederholtes Festhalten an einer leeren Erfahrung als vermeintlich letztem Selbst. Die Rede vom Netzweber lässt das Bild eines sich selbst einschließenden Wesens offen.
  • Verse 34–35: Das „Vierte“, turīya, ist das Licht, in dem Wachen, Traum und Tiefschlaf erscheinen. Für den Traum steht im Sanskrit tejas („Leuchten“). Der Tiefschlaf wird daher trotz seines ungeteilten Charakters nicht einfach mit der höchsten Verwirklichung gleichgesetzt.
  • Verse 43–46 und 77–78: Yogaraja erläutert neben dem philosophischen Sinn auch verborgene mantrische und rituelle Bezüge. Im Grundtext stehen an diesen Stellen jedoch keine ausgeschriebenen, eindeutig selbstständig zu rezitierenden Mantraformeln. Eine Rekonstruktion geheimer Silben aus solchen Hinweisen wird hier nicht als wörtliches Zitat ausgegeben. Der „Dreizack“ bezeichnet im philosophischen Zusammenhang die drei Kräfte des Wollens, Erkennens und Wirkens. Beim Japa trägt das Sanskritwort akṣa zugleich die Möglichkeit des Bildes einer Gebetskette; die Übersetzung gibt mit „Sinne“ die unmittelbare Erklärung Yogarajas wieder.
  • Verse 57 und 62–67: Die Frucht des Handelns ist hier die bindende karmische Folge. Der Text behauptet nicht, dass jede Handlung des Erkennenden ohne wahrnehmbare Folgen für andere bliebe. Vers 67 erläutert die fehlende Aneignung; Yogaraja vergleicht sie mit einer Handlung, die im Auftrag eines anderen vollzogen wird.
  • Verse 69–73: Diese Strophen sprechen vom verwirklichten Erkenner. Vers 70 formuliert dessen Unberührtheit in einem radikalen historischen Gegensatz von Opferverdienst und schwerster Schuld. Der Wortlaut wird ungekürzt wiedergegeben; er ist keine Empfehlung zur Gewalt. Vers 71 nennt ausdrücklich die Abkehr von Zorn, Gier und Begierde. Die Passage verlangt die Unterscheidung zwischen einer metaphysischen Aussage über das Selbst und einer heutigen Handlungsregel.
  • Verse 79–80: Leichenplatz, Schädelstab und Schädelschale sind konkrete Bilder tantrischer Askese. Ihre Zuordnung zu Welt, Körper und Erkenntnisgegenständen ist bereits im Sanskrit angelegt. „Wein der Weltessenzen“ bleibt als Bild erhalten; die Verse werden nicht zu einer praktischen Anleitung umgearbeitet.
  • Verse 83–84: Śvapaca, wörtlich „Hundekocher“, ist eine historische Bezeichnung für sozial und rituell ausgegrenzte Menschen. Gerade der Gegensatz zum heiligen Ort zeigt hier, dass die Freiheit des Erkennenden nicht vom gesellschaftlich bewerteten Sterbeort abhängt.
  • Verse 89–95: Abhinavagupta stellt die während des Lebens gereifte Ausrichtung der Vorstellung gegenüber, der letzte Augenblick allein bestimme alles. In Vers 91 wird svagati im Anschluss an Yogarajas ātmasthiti als eigener Seinsgrund verstanden. Die Aussage betrifft jene genannten Wesen, die diesen erkennen. Körperliches Leiden und Gedächtnisverlust werden in 94–95 ausdrücklich zugelassen.
  • Vers 105: „Hundert Āryā-Strophen“ gibt die runde Selbstbezeichnung āryāśatena wieder. Sie ersetzt nicht den tatsächlich überlieferten Umfang von 105 nummerierten Strophen. Der Eingangsvers hat eine andere metrische Gestalt als die folgenden Āryā-Strophen.

Literatur und digitale Quellen

  • J. C. Chatterji (Hrsg.): The Paramārtha-Sāra by Abhinava Gupta with the Commentary of Yogarāja. Kashmir Series of Texts and Studies 7. Srinagar 1916. Vollständiges Digitalisat. Die nummerierten Strophen verteilen sich über die gedruckten Seiten 2–198; Eingangsverehrung auf Seite 1, Kolophon auf Seite 199. Im verwendeten Digitalisat liegt die PDF-Seitenzahl jeweils elf Seiten höher.
  • GRETIL: Paramārthasāra mit Yogarajas Kommentar. Texteingabe und Beitrag von Lyne Bansat-Boudon, Yves Codet und Judit Törzsök; elektronische Version vom 31. Juli 2020. Quelle des hier verwendeten revidierten Sanskritwortlauts. Lizenz des E-Textes: CC BY-NC-SA 4.0.
  • Muktabodha Indological Research Institute: Paramārthasāra of Abhinavagupta with the commentary by Yogarāja, Katalognummer M00041. IAST- und Devanagari-Transkription der Ausgabe von 1916; Revision 0 vom 28. November 2005, erstellt unter der Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Digitale Sammlung. Die für diese Bearbeitung bereitgestellten Dateien wurden als Vergleichsquellen verwendet. Lizenz laut Dateien: CC BY-NC 4.0.
  • Lyne Bansat-Boudon und Kamaleshadatta Tripathi: An Introduction to Tantric Philosophy: The Paramārthasāra of Abhinavagupta with the Commentary of Yogarāja. Routledge, London/New York 2011; weitere Ausgabe 2014. Sanskrittext ab Seite 347. Bibliografischer Nachweis und Buchbeschreibung. Zur zeitlichen Einordnung Abhinavaguptas, zur Stellung des Werkes und zur Bedeutung von Jivanmukti; der zugehörige revidierte Sanskrittext wurde über GRETIL eingesehen.

Fundstellen der Grundstrophen

Die folgende Zuordnung dient dem Nachschlagen im Druck von 1916. Die PDF-Seiten gehören zum oben verlinkten Digitalisat. Die Eingangsverehrung steht auf Druckseite 1/PDF-Seite 12, der Abschlussvermerk auf Druckseite 199/PDF-Seite 210.

Originalvers Druck PDF
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37 82 93
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41 89 100
42 90 101
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44 93 104
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50 98 109
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53 105 116
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55 107 118
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64 123 134
65 124 135
66 124 135
67 127 138
68 131 142
69 132 143
70 135 146
71 136 147
72 138 149
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Siehe auch

Weitere Seiten zum Paramarthasara: 98 Verse für die spirituelle Praxis und Rezitationstexte · Sanskrit in Devanagari.

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