Kulacudamani Tantra

Aus Yogawiki

Kulacudamani Tantra (Sanskrit: कुलचूडामणितन्त्रम् kulacūḍāmaṇitantram, n.), auch genannt Kulacudamani Nigama (Sanskrit कुलचूडामणिनिगमः kulacūḍāmaṇinigamaḥ, m.) ist eine Schrift des shaktischen Kaula-Tantra, in der die Göttin Bhairava, eine Gestalt Shivas, in ihren verborgenen Weg einführt. Im Mittelpunkt stehen Shakti als Ursprung und lebendige Gestalt der Welt, die Beziehung zu Guru und Mantra, die Verehrung von Frauen als Erscheinungsformen der Göttin sowie die Verbindung von Ritual, innerer Sammlung und Befreiung. Besonders Kali und Durga als Mahishamardini, die Bezwingerin des Büffeldämons, bestimmen seine Bilderwelt. Seine geistliche Frage lautet: Wie verwandelt sich die Wahrnehmung, wenn das Göttliche nicht nur jenseits der Welt gesucht, sondern in ihren Gestalten erkannt wird?

Durga als Mahishamardini: Die Göttin ist im Kulacudamani Tantra Lehrerin, Gegenstand der Meditation und Ursprung befreiender Kraft.

Eine der eindringlichsten Aussagen steht am Ende: Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti gehen sowohl Schöpfung als auch Befreiung hervor (7.85). Derselbe göttliche Zusammenhang trägt also das Leben und eröffnet den Weg über seine Bindungen hinaus. Für Aspiranten liegt darin eine fruchtbare Frage: Wie können stille Bewusstheit und lebendige Hingabe, Erkenntnis und tätige Liebe einander vertiefen? Das Kulacudamani Tantra entfaltet diese Frage in Gebeten, Gottheitsbildern und rituellen Handlungen.

Der Weg beginnt bei konkreten Gesten: morgens den Guru erinnern, das Mantra aufmerksam wiederholen, den Menschen im Gegenüber ehren. Die Göttin wird in Tempel und heiligem Ort verehrt, zugleich aber als überall gegenwärtig betrachtet. Gerade die Verbindung von weitreichender Einheitsschau und sorgfältiger Einzelhandlung macht den Reiz dieser Schrift aus. Sie lädt dazu ein, Sadhana mit dem ganzen Menschen zu vollziehen: mit Aufmerksamkeit, Gefühl, Sprache und Körper.

Das Werk gehört zu einer ausgeprägten Kaula-Ritualkultur und enthält neben solchen geistlichen Anregungen auch sexuelle Riten, Tieropfer und magische Machtpraktiken. Die Übersetzung gibt diese historischen Inhalte offen wieder. Für eine heutige persönliche Praxis sind die späteren fünf Lehren und fünf Praxistipps gedacht; sie greifen Sammlung, Verehrung und respektvolles Handeln auf. Die geschilderten Zwangs- und Gewaltrituale sowie ihre Wirkungsversprechen werden dadurch nicht als Selbstpraxis empfohlen.

Bedeutung und Einordnung

Das Scheiteljuwel des Kula

Cūḍāmaṇi bedeutet „Scheiteljuwel“ oder „Kronjuwel“. Kula heißt zunächst „Familie“, „Geschlecht“ oder „Gemeinschaft“. Im Kulacudamani Tantra bezeichnet es je nach Zusammenhang die sakrale Gemeinschaft, ihre Überlieferung, die Göttin und ihre Verkörperung, den Ritualkreis oder einen körperlichen Kultbereich. „Kronjuwel der Kula-Tradition“ gibt daher die Bedeutung des Titels gut wieder. Die Übersetzung lässt Kula häufig stehen, weil ein einziges deutsches Wort seine unterschiedlichen Verwendungen verdecken würde.

Warum Tantra und Nigama?

Beide Titel bezeichnen hier dasselbe Werk. Die Kapitelabschlüsse nennen es Kulacūḍāmaṇitantra; der überlieferte Werktitel lautet auch Kulacūḍāmaṇinigama. Tantra kennzeichnet die Lehrschrift und ihren Zusammenhang von Lehre und Vollzug. Nigama passt zu ihrer Gesprächsrichtung: Über weite Strecken lehrt die Göttin, während Bhairava fragt und empfängt. Besonders bemerkenswert ist der Schluss. Die Göttin übergibt Shiva die Verkündigung der Tantras und nimmt selbst die Schülerrolle an. Lehrer- und Schülersein wechseln, ohne die Einheit von Shiva und Shakti aufzuheben (7.78–88).

Tradition und zeitlicher Horizont

Die Selbstbezeichnungen des Werkes, seine Kula-Einweihungen, seine Göttinnenverehrung und die hervorgehobenen Heiligtümer weisen es als shaktisches Kaula-Tantra aus. Kamarupa und Kamakhya stehen neben Devikuta, Uddiyana, Jalandhara und weiteren heiligen Sitzen im Zentrum seiner sakralen Geographie. Daraus lässt sich eine besondere Bedeutung dieser Kultlandschaft für das Werk erkennen; ein eindeutiger Entstehungsort oder ein genaues Entstehungsjahr ergibt sich daraus nicht. Ein historischer Verfasser wird im Text nicht genannt. Die zugrunde liegende gedruckte Ausgabe erschien 1915; dieses Publikationsdatum ist nicht mit dem Alter der Schrift gleichzusetzen.

Inhaltliche Vergleichsmöglichkeiten bieten Kularnava Tantra und Niruttara Tantra für den Kaula-Kontext, Yogini Hridaya und Nitya Shodashikarnava für Göttinnen- und Mantraverehrung sowie Kubjikamata Tantra und Manthana Bhairava Tantra für weitere Formen tantrischer Shakti-Traditionen. Diese Verwandtschaft bedeutet keine Gleichheit ihrer Rituale oder Lehrsysteme. Bereits das erste Kapitel enthält eine Liste tantrischer Schriften, darunter Kamika Agama und Kubjikamata Tantra; mehrere Titel dieser Liste sind in unterschiedlichen Lesarten überliefert.

Aufbau und zentrale Lehren

Das Kulacudamani Tantra umfasst sieben Paṭalas, also Kapitel. Viele Verse bilden zusammenhängende Sätze: Ein Gedanke kann im nächsten Vers weitergehen. Die Kapitel- und Versangaben dienen deshalb der Orientierung, nicht der künstlichen Zerteilung des Gedankengangs.

Ein Zugang für die erste Lektüre

Wer die geistliche Mitte zunächst kennenlernen möchte, kann mit den 64 ausgewählten Versen und den fünf Lehren für Aspiranten beginnen. Für das fortlaufende Studium eignet sich die deutsche Lesefassung. Die versweise Ausgabe erschließt anschließend den Sanskritwortlaut und seine schwierigen Stellen.

Kapitel Zählung Thematischer Schwerpunkt
1 1–42 Göttin und Weltentstehung, höchstes Wissen, morgendliche Guru-Erinnerung
2 1–40 Rituelles Bad, Kula-Puja, Einweihung der Shakti und vereinfachte Mantrapraxis
3 1–68 Anziehungsrituale, Verehrung und Bewirtung von Frauen, Lobpreis der Mütter, heilige Sitze
4 1–12, 14–67 Verpflichtungen des Kaulika, heilige Wahrnehmung, Kali-Meditation und geheime Vollzüge
5 1–80 Nächtlicher Kult, Schutz des Ritualbereichs, Kamakhya, Kali-Mantra und Nyasa
6 1–45 Heilige Sitze und rituelle Praktiken zum Erlangen besonderer Mächte
7 1–88 Mahishamardini-Vidya, Lobgesang, Tiergestalten der Göttin, Geheimhaltung und Einheit von Shiva und Shakti

Erkenntnis und Vollzug

Am Anfang fragt die Göttin, was Überlieferung und Opferdienst vermögen, wenn sie selbst nicht erkannt wird (1.24–25). Der Ritus erhält seinen Sinn somit nicht allein durch die äußere Handlung. Er soll die Beziehung zur Göttin eröffnen. Umgekehrt zieht das Werk aus der höchsten Erkenntnis nicht den Schluss, jede Praxis sei unnötig: Es beschreibt sehr konkrete Formen von Sadhana. Erkenntnis, Hingabe und Vollzug sollen einander durchdringen.

Genuss, Befreiung und Macht

Bhoga beziehungsweise bhukti und mukti stehen wiederholt nebeneinander: weltliche Erfüllung und Befreiung. Daneben treten Siddhis, besondere Vollendungen und Mächte. Die einzelnen Versprechen reichen von dichterischer Einsicht bis zu magischer Anziehung oder Unverletzlichkeit. „Siddhi“ darf deshalb nicht an jeder Stelle als reine Selbstverwirklichung übersetzt werden. Das jeweilige Ziel erschließt sich aus dem Zusammenhang.

Ehrerbietung als geistliche Haltung

Das dritte Kapitel stellt die Ehre der verkörperten Göttin über Rang und gesellschaftliche Herkunft. Das vierte fordert ein weites Herz, Geduld gegenüber Schmähungen und Freude am Helfen (4.2–3). Diese Stellen geben Aspiranten konkrete Anhaltspunkte für den Alltag. Zugleich spricht das Werk in den sozialen Kategorien seiner Zeit. Seine Öffnungen und seine Begrenzungen müssen beide wahrgenommen werden.

Shiva, Shakti und spirituelle Praxis

Shiva und Shakti: Im Schlussdialog wechseln Lehrer- und Schülerrolle innerhalb ihrer grundlegenden Zusammengehörigkeit.

Die Göttin als Ursprung und Gegenwart

Shakti ist hier mehr als eine dem Bewusstsein hinzugefügte „Energie“. Die Göttin spricht als schöpferischer Ursprung, als Prakriti, als Wonne des Bewusstseins und zuletzt als Brahman. Durch ihre Verhüllung entstehen unterscheidbare Welt und Erfahrung; in ihr werden diese Unterschiede wieder aufgehoben (1.16–24; 7.79–86). Für den Leser liegt darin die Einladung, die Wirklichkeit nicht auf isolierte Gegenstände zu reduzieren: Wahrnehmender, Wahrnehmung und wahrgenommene Gestalt gehören in einen umfassenderen Zusammenhang.

Der Körper als Ort der Verehrung

Der Text verlegt heilige Sitze, Mantras und Gottheitsgestalten in körperliche Vollzüge. Nyasa bedeutet die rituelle Einsetzung von Lauten oder Gottheiten in bestimmte Körperstellen. Shakti bezeichnet dabei mehrfach eine konkrete Ritualpartnerin, nicht nur eine abstrakte Kraft. Sexuelle Stellen sind daher nicht pauschal in harmlose Metaphern umzuschreiben. Ebenso wenig darf die gesonderte Bewirtung von Tochter, Schwester oder Mutter in 3.49–51 mit den sexuellen Riten anderer Abschnitte vermischt werden: Dort geht es im unmittelbaren Zusammenhang um ehrende Bewirtung und Göttinnenverehrung.

Was heißt Achtung vor Shakti heute?

Eine verantwortliche heutige Anwendung beginnt mit der Würde des anderen Menschen. Die Aussagen über Frauen als Anteile der Göttin und das Verbot ihrer Verachtung (3.50–58; 7.75) lassen sich als Anstoß zu respektvollem Umgang lesen. Freiwilligkeit und Achtung persönlicher Grenzen sind dabei Maßstäbe heutiger Praxis; sie werden nicht als wörtliche Lehre der historischen Anziehungsrituale ausgegeben. Gerade eine spirituelle Leserin oder ein spiritueller Leser darf zwischen dem Verstehen eines Textes und dem Übernehmen eines Vollzugs unterscheiden.

Yoga, Mantra und Meditation

Der Guru: Kenntnis und Mitgefühl

Der Guru vermittelt nicht nur Lautfolgen. Die meditierten Lehrer erscheinen mit von Mitgefühl erfülltem Inneren und kennen den Sinn ihrer Überlieferung (1.36–38). Guru-Hingabe steht somit neben Verständnis und innerer Haltung. Bemerkenswert ist die vereinfachte Praxis in 2.39–40: Ist die ausführliche Verehrung nicht möglich, sollen Guru-Erinnerung, Darbringung und ungestörtes Japa den Kern bewahren.

Mantra und innere Gegenwart

Das Kulacudamani Tantra kennt offene Gebete, Namenwiederholung, Keimsilben und verschlüsselte Mantraableitungen. Die letzteren setzen mündliche Unterweisung voraus; ihre Codes werden hier nicht zu vermeintlich sicheren Vollmantras zusammengesetzt. Für das lesende Nachvollziehen eignen sich besonders die vollständig erhaltenen Anrufungen der Mütter in 3.35–36 und der umfassende Göttinnengruß in 3.43. Ein Klang wird nicht allein dadurch zu geistlicher Praxis, dass man ihn oft wiederholt: Der Text verbindet ihn immer wieder mit Sammlung, Verehrung und Vergegenwärtigung.

Als begleitender Einblick in gemeinschaftliche Mantra- und Verehrungspraxis dient dieser Satsang; er ist keine Rezitation des Kulacudamani Tantra:

Kundalini, Chakras, Prana und Nadis: genauer hinsehen

Die Meditation „von der Wurzel bis zur Scheitelöffnung“ (1.34) eröffnet einen Bezug zum inneren Körper. Sie rechtfertigt jedoch nicht, dem Kulacudamani Tantra eine ausgeführte Lehre von Kundalini, sieben Chakras oder bestimmten Nadis zuzuschreiben. Cakra meint hier häufig einen Ritualkreis oder ein Diagramm. Die Prāṇavidyā in 7.6 ist eine Mantrabezeichnung; der Vers ist keine Anleitung zu Pranayama. Prana und das feinstoffliche Körperverständnis können vergleichend erläutert werden, doch eine detaillierte Atem- oder Nadi-Lehre entwickelt diese Fassung nicht.

Sammlung und Erkenntnis

Für Yoga und Meditation ist die wiederkehrende Forderung nach einem gesammelten, nicht zerstreuten Geist unmittelbar bedeutsam. Die Konzentration auf Gottheitsbild und Mantra lässt sich mit Dharana vergleichen; die anhaltende Vergegenwärtigung entspricht dem weiteren Bereich von Dhyana. Eine systematische Stufenfolge bis zu Samadhi wird hier jedoch nicht gelehrt. Im Vergleich dazu bietet etwa das Vijnana Bhairava Tantra zahlreiche ausdrücklich auf meditative Erfahrung ausgerichtete Zugänge. Das Kulacudamani Tantra setzt seinen eigenen Schwerpunkt auf das Zusammenwirken von Verehrung, Verkörperung und Erkenntnis.

Kulacudamani Tantra – Sanskrit, Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung

Die Angaben 1.1, 1.2 usw. bezeichnen Kapitel und Vers. Die Worterklärungen lösen wichtige Komposita auf und erläutern ausgewählte Formen; sie sind eine Lernhilfe und kein vollständiger grammatischer Kommentar. Ergänzungen zum deutschen Satzverständnis stehen in eckigen Klammern. Unsichere Stellen werden knapp benannt. Die im Sanskrit mit Sternchen abgekürzten Refrains von 3.37–42 bleiben dort erhalten; die Übersetzung führt den durch 3.35–36 eindeutig vorgegebenen Refrain aus.

śivābhyāṃ nama

Eröffnungsgruß: Verehrung den beiden Heilvollen, Shiva und Shakti. Śivābhyām ist ein Dativ Dual. Die Vorlage bietet das unvollständige nama statt des gewöhnlichen namaḥ.


kulacūḍāmaṇitantram – Das Kulacudamani Tantra.

1. Kapitel: Die Göttin, Erkenntnis und Guru

prathamaḥ paṭalaḥ

Die Vielgestaltigkeit der Göttin bildet den Ausgangspunkt des ersten Kapitels.

śrībhairava uvāca- – Bhairava spricht:

1.1 asaṃkhyā tripurādevī asaṃkhyātā ca kālikā |
vāgīśvarī tathāsaṃkhyā tathā ca sukulākulā || 1 ||

Übersetzung: Unzählige sind die Erscheinungen der Göttin Tripura, unzählige die Kalis; unzählig sind ebenso Vagishvari und Sukulakula.

Wort-für-Wort: asaṃkhyā – unzählbar; vāgīśvarī – Herrin der Rede; tathā – ebenso.

1.2 mātāṅginī tathā pūrṇā vimalā caṇḍanāyikā |
tripuraikajaṭā durgā yā cānyā kulasundarī || 2 ||

Übersetzung: Ebenso Matangini, Purna, Vimala, Chandanayika, Tripura, Ekajata, Durga und die anderen Gestalten der Kulasundari.

Wort-für-Wort: mātāṅginī – Name einer Göttin; pūrṇā – die Vollkommene; kulasundarī – Schönheit des Kula. Die Namenliste setzt Vers 1 fort.

1.3 vaiṣṇavaṃ gāṇapatyaṃ ca mahāsauramataṃ tathā |
śaivaṃ śāṃkarajātaṃ ca yatkiṃcid bhūtasaṃbhavam || 3 ||

Übersetzung: Die vishnuitische, die ganapatyische und die große Sonnenlehre, die shivaitischen und aus Shankara hervorgegangenen Lehren und alles, was unter den Wesen entstanden ist;

Wort-für-Wort: vaiṣṇavam – zu Vishnu gehörig; gāṇapatyam – zu Ganapati gehörig; śaivam – zu Shiva gehörig.

1.4 catuḥṣaṣṭiśca tantrāṇi mātṝṇāmuttamāni ca |
mahāsārasvataṃ caiva yogino jālaśambaram || 4 ||

Übersetzung: auch die vierundsechzig Tantras, die vorzüglichen Schriften der Mütter: Mahasarasvata und Yoginijalasambara,

Wort-für-Wort: catuḥṣaṣṭiḥ – vierundsechzig; tantrāṇi – Tantras, Lehrschriften; mātṝṇām – der Mütter, Genitiv Plural. Die Titellesarten schwanken; siehe Textgrundlage.

1.5 tattvaśambarakaṃ nāma bhairavāṣṭakameva ca |
bahurūpāṣṭakaṃ jñānaṃ yāmalāṣṭakameva ca || 5 ||

Übersetzung: Tattvasambaraka, die Gruppe der acht Bhairava-Tantras, die acht Bahurupa-Tantras, die Erkenntnislehre und die acht Yamala-Tantras;

Wort-für-Wort: aṣṭakam – Achtergruppe; bahurūpa – vielgestaltig; jñānam – Erkenntnis, hier möglicherweise Bestandteil eines Titels.

1.6 tantrajñānaṃ vāsukiṃ ca mahāsaṃmohanaṃ tathā |
mahāsūkṣmaṃ mahādevi ! vāhanaṃ vāhanottaram || 6 ||

Übersetzung: Tantrajnana, Vasuki und Mahasammohana, Mahasukshma, o große Göttin, Vahana und Vahanottara;

Wort-für-Wort: mahāsaṃmohana – große Verblendung, ein Werktitel; mahāsūkṣma – das äußerst Feine; uttara – nachfolgend, höher. Die Überlieferung bietet abweichende Titel.

1.7 hṛdbhedaṃ mātṛbhedaṃ ca guhyatattvaṃ ca kāmikam |
kalāvādaṃ kalāsāraṃ tathānyat kubjikāmatam || 7 ||

Übersetzung: Hridbheda, Matribheda, Guhyatattva und Kamika, Kalavada, Kalasara und ferner Kubjikamata;

Wort-für-Wort: hṛd – Herz; guhyatattva – geheime Wirklichkeit; mata – Lehre. Die Ausdrücke fungieren als Werktitel.

1.8 māyottaraṃ ca vīṇākhyaṃ trotalaṃ trotalottaram |
pañcāmṛtaṃ rūpabhedaṃ bhūtaḍāmarameva ca || 8 ||

Übersetzung: Mayottara, das Vina genannte Werk, Trotala und Trotalottara, Panchamrita, Rupabheda und Bhutadamara;

Wort-für-Wort: ākhyam – genannt; pañcāmṛta – fünf Nektare; rūpabheda – Unterscheidung der Gestalten.

1.9 kulasāraṃ kuloḍḍīśaṃ tantraṃ viśvātmakaṃ yathā |
sarvajñānātmakaṃ devi ! mahāpitṛmataṃ tathā || 9 ||

Übersetzung: Kulasara, Kuloddisha, das allumfassende Tantra, die Lehre aller Erkenntnis, o Göttin, und Mahapitrimata;

Wort-für-Wort: kulasāra – Essenz des Kula; viśvātmaka – aus allem bestehend; sarvajñānātmaka – alle Erkenntnis umfassend.

1.10 mahālakṣmīmataṃ devi ! siddhayogeśvarīmatam |
kurūpikāmataṃ devi ! rūpikāmatameva ca || 10 ||

Übersetzung: Mahalakshmimata, o Göttin, Siddhayogeshvarimata, Kurupikamata und Rupikamata;

Wort-für-Wort: mahālakṣmī – große Lakshmi; siddhayogeśvarī – vollendete Herrin des Yoga; mata – Lehre, Überlieferung.

1.11 sarvavīramataṃ devi ! vimalāmatamuttamam |
pūrvapaścimadakṣaṃ ca uttaraṃ ca niruttaram || 11 ||

Übersetzung: Sarvaviramata, o Göttin, und das höchste Vimalamata, die östliche, westliche, südliche und nördliche Überlieferung sowie Niruttara;

Wort-für-Wort: sarvavīra – alle Helden; pūrva – östlich; paścima – westlich; niruttara – unübertrefflich, zugleich Titel.

1.12 tantraṃ vaiśeṣikaṃ jñānaṃ śivābalimathāparam |
aruṇeśaṃ mohaneśaṃ viśuddheśvarameva ca || 12 ||

Übersetzung: Vaisheshika-Tantra, die Erkenntnislehre, ferner Shivabali, Arunesha, Mohanesha und Vishuddheshvara:

Wort-für-Wort: atha aparam – ferner ein anderes; jñāna – Wissen; viśuddha – ganz rein. Auch hier sind die Abgrenzungen einzelner Titel nicht durchweg sicher.

1.13 evametāni tantrāṇi tathānyānyapi koṭiśaḥ |
śrutvā devi ! na kutrāpi jātānandāsi bhairavi || 13 ||

Übersetzung: All diese Tantras und zahllose weitere hast du gehört, o Göttin; dennoch hast du, Bhairavi, nirgends Freude gefunden.

Wort-für-Wort: śrutvā – nachdem du gehört hast; na kutrāpi – nirgendwo; ānanda – Freude, Wonne.

1.14 tatkathaṃ vada suśroṇi ! mayi tvatpādavartini || 14 ||

Übersetzung: Warum ist das so? Sage es mir, du Schöngestaltete, da ich doch zu deinen Füßen stehe.

Wort-für-Wort: katham – weshalb; vada – sprich, Imperativ; tvatpādavartini – bei deinen Füßen weilend, auf „mir“ bezogen.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

1.15 śṛṇu deva ! parānanda parāprakulātmaka |
manmāyāmudritāśeṣatantrajñānakulārṇava || 15 ||

Übersetzung: Höre, o Gott, höchste Wonne, Wesen des höchsten Kula! Du bist ein Meer der Tantra-Erkenntnis, das ganz von meiner Maya geprägt ist.

Wort-für-Wort: śṛṇu – höre; parānanda – höchste Wonne; manmāyā – meine verhüllende Kraft; arṇava – Meer. Das Kompositum parāprakulātmaka ist unsicher überliefert.

1.16 ahaṃ prakṛtirūpā ceccidānandaparāyaṇā |
kva brahmā kva hariḥ śaṃbhuḥ kva devaḥ kva manorjapaḥ || 16 ||

Übersetzung: Wenn ich die Gestalt der Urnatur bin, ganz der Wonne des Bewusstseins zugewandt: Wo sind dann Brahma, Hari und Shambhu, wo eine Gottheit und wo Mantrawiederholung?

Wort-für-Wort: prakṛtirūpā – von der Gestalt der Urnatur; cidānanda – Bewusstseinswonne; kva – wo; manorjapaḥ – Wiederholung eines Mantras.

1.17 kva sṛṣṭi kva sthitirvāpi kva vā saṃhṛtibhūmikā |
kva rāgaḥ kva sukhaṃ duḥkhaṃ kva muktiḥ kva ca sādhutā || 17 ||

Übersetzung: Wo sind Schöpfung, Erhaltung und der Bereich der Auflösung? Wo Leidenschaft, Freude und Leid, wo Befreiung und Tugend?

Wort-für-Wort: sṛṣṭi – Schöpfung; sthiti – Erhaltung; saṃhṛti – Auflösung; rāga – Leidenschaft, Anhaften; mukti – Befreiung.

1.18 āstikyaṃ kva nu nāstikyaṃ kva gurutvaṃ kva śiṣyatā |
māyayācchādya cātmānaṃ tridhā bhūtvā madonmukhī || 18 ||

Übersetzung: Wo sind Bejahung und Verneinung des Heiligen, wo Lehrersein und Schülerschaft? Indem ich mich selbst mit Maya verhülle, werde ich dreifach und wende mich der Ekstase zu.

Wort-für-Wort: āstikya – religiöse Bejahung; nāstikya – deren Verneinung; ācchādya – verhüllt habend; tridhā – dreifach.

1.19 parākularasonmādamodinī ca vikāriṇī |
pañcabhūtāni liṅgāni caikottaraśatāni ca || 19 ||

Übersetzung: Ich erfreue mich am berauschenden Geschmack des höchsten Kula und nehme Wandlungen an. Die fünf Elemente und die einhunderteinen Lingas [treten hervor].

Wort-für-Wort: vikāriṇī – sich wandelnd; pañcabhūtāni – fünf Elemente; ekottaraśatāni – einhunderteins. Der Satzbau ist elliptisch; liṅga kann hier Kennzeichen oder Manifestationsform bedeuten.

1.20 brahmādibhūrbhuvaḥsvaḥsvabhāvavyaktirajāyata |
sarve'pyāvirbhavantyatra tato bhāvādikalpanā || 20 ||

Übersetzung: Die Entfaltung der eigenen Natur als Brahma und als Bhur, Bhuvah und Svah entsteht. Alle treten hier hervor; daraus erwachsen die Vorstellungen von Zuständen und Daseinsformen.

Wort-für-Wort: āvirbhavanti – sie erscheinen; bhūr bhuvaḥ svaḥ – Erde, Zwischenraum, Himmel; kalpanā – Gestaltung, Vorstellung.

1.21 śivaśaktiprabhedena guṇotpattistu jāyate |
sarve brahmādayo yūyaṃ madaṃśā bhāvasaṃbhavāḥ || 21 ||

Übersetzung: Durch die Unterscheidung von Shiva und Shakti entstehen die Gunas. Ihr alle, Brahma und die übrigen, seid meine Anteile, aus dem Werden hervorgegangen.

Wort-für-Wort: śivaśaktiprabhedena – durch die Unterscheidung von Shiva und Shakti; guṇa – Grundeigenschaft der Natur; madaṃśāḥ – meine Anteile.

1.22 parasparāvibhinnāśca tantramantrasamākulāḥ |
pañcatvaṃ prāpayiṣyāmi nirvāṇapadalālitāḥ || 22 ||

Übersetzung: Ihr seid voneinander nicht getrennt und von Tantras und Mantras erfüllt. Ich werde euch der Auflösung zuführen, während euch der Zustand des Nirvana umfängt.

Wort-für-Wort: parasparāvibhinnāḥ – voneinander ungetrennt; pañcatvaṃ prāpayiṣyāmi – ich werde dem Tod beziehungsweise der Auflösung zuführen; nirvāṇapada – Zustand des Erlöschens.

1.23 punarāvirbhavantyete prakṛteḥ parataḥ pumān |
ahaṃkāraḥ pañcamātrāḥ sattvaṃ cātha rajastamaḥ || 23 ||

Übersetzung: Wieder treten sie hervor: der Purusha jenseits der Prakriti, das Ichbewusstsein, die fünf feinen Sinnesgrundlagen sowie Sattva, Rajas und Tamas.

Wort-für-Wort: pumān – Purusha, Geistprinzip; ahaṃkāra – Ichbildner; pañcamātrāḥ – fünf feine Elemente; sattva, rajas, tamas – die drei Gunas.

1.24 etanmātrātmakaṃ viśvaṃ naṣṭaṃ cāvirbhavatyapi |
yadi māṃ viddhi sarvajña! kva cāmnāyaḥ kva yājanam || 24 ||

Übersetzung: Die Welt besteht aus diesen Grundbestandteilen; sie vergeht und erscheint erneut. Wenn du mich erkennst, Allwissender: Welchen eigenen Bestand haben dann Überlieferung und Opferdienst?

Wort-für-Wort: etanmātrātmakam – daraus bestehend; naṣṭam – vergangen; viddhi – erkenne; āmnāya – Überlieferung; yājana – Opferdienst.

1.25 na viddhi māṃ cet sarvajña! kva cāmnāyaḥ kva yājanam |
nārīrūpaṃ samāsthāya sṛṣṭisāraṃ madātmakam || 25 ||

Übersetzung: Wenn du mich nicht erkennst, Allwissender: Was vermögen dann Überlieferung und Opferdienst? Ich nehme Frauengestalt an, die Essenz der Schöpfung, die aus mir besteht,

Wort-für-Wort: na – nicht; nārīrūpam – Frauengestalt; samāsthāya – angenommen habend; sṛṣṭisāram – Essenz der Schöpfung.

1.26 bhavantaṃ bhavayogasthaṃ guruṃ jñātuṃ vijṛmbhitā |
etāvatāpi deveśa ! mama tattvaṃ na jāyate || 26 ||

Übersetzung: und offenbare mich, um dich, der im Yoga des Daseins steht, als Guru zu erkennen. Doch auch damit, Herr der Götter, wird meine Wirklichkeit noch nicht erkannt.

Wort-für-Wort: gurum – den Lehrer; jñātum – zu erkennen, Infinitiv; vijṛmbhitā – entfaltet, hervorgetreten; tattvam – wahres Wesen. Die syntaktische Verbindung mit Vers 25 bleibt schwierig.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

1.27 śṛṇu putra parānanda paricaryāviśārada |
yoganirmuktakānuṣṭha upāyaḥ kathyate mayā || 27 ||

Übersetzung: Höre, mein Sohn, höchste Wonne, du in hingebungsvollem Dienst Erfahrener! Ich werde dir den Weg erklären. [Die nähere Kennzeichnung des Angesprochenen ist im Wortlaut unklar.]

Wort-für-Wort: putra – Sohn, Anrede; paricaryāviśārada – im Dienst erfahren; upāyaḥ – Mittel, Weg; yoganirmuktakānuṣṭha – sprachlich unsichere Lesung.

1.28 sarvatantraikasāraṃ ca sarvadevanamaskṛtam |
sarvasārvajñyadaṃ guhyaṃ tattvabodhaprabodhakam || 28 ||

Übersetzung: Er ist die einzige Essenz aller Tantras, von allen Göttern verehrt, verleiht umfassende Erkenntnis, ist geheim und erweckt das Verständnis der Wirklichkeit.

Wort-für-Wort: sarvatantraikasāram – einzige Essenz aller Tantras; guhyam – geheim; tattvabodha – Erkenntnis des Wirklichen.

1.29 pāpapuṇyaikanāśārhaṃ bhogamuktipradāyakam |
sarvāścaryamayaṃ vatsa ! viduṣāmapi mohanam || 29 ||

Übersetzung: Er vermag Verdienst und Schuld aufzulösen, schenkt Genuss und Befreiung, ist voller Wunder, mein Kind, und verwirrt selbst die Gelehrten.

Wort-für-Wort: pāpapuṇya – Schuld und Verdienst; bhogamukti – Genuss und Befreiung; viduṣām – der Wissenden; mohana – verwirrend.

1.30 nānārthaprasavaprājña nānārthasaṃkulākulam |
sadācāryaparijñātaṃ sacchiṣyaparamāspadam || 30 ||

Übersetzung: Er bringt vielfältige Bedeutungen hervor und ist mit ihnen erfüllt. Ein wahrer Lehrer kennt ihn; einem guten Schüler bietet er höchste Zuflucht.

Wort-für-Wort: nānārtha – vielfältige Bedeutung; sadācārya – guter, wahrer Lehrer; sacchiṣya – geeigneter Schüler; paramāspada – höchste Stätte, Zuflucht.

1.31 sarvavādisadācāraṃ sarvavādivigarhitam |
na mayā viṣṇave proktaṃ na dhātre gaṇapāya na || 31 ||

Übersetzung: Er gilt den Vertretern aller Lehren als rechter Wandel und wird von ihnen zugleich getadelt. Ich habe ihn weder Vishnu noch dem Schöpfer noch Ganapati offenbart.

Wort-für-Wort: sarvavādi – Vertreter aller Lehren; sadācāra – rechter Wandel; vigarhita – getadelt; na proktam – nicht ausgesprochen.

1.32 gopanīyaṃ tu hṛdaye yatnataḥ paripālaya |
etattantraṃ vinā vatsa ! nādhikāro'sti yadyapi || 32 ||

Übersetzung: Bewahre ihn sorgfältig im Herzen, denn er soll verborgen bleiben. Ohne dieses Tantra, mein Kind, besteht keine Befugnis [zur folgenden Kula-Praxis].

Wort-für-Wort: gopanīyam – zu bewahren, geheim zu halten; hṛdaye – im Herzen; adhikāra – Befugnis, Eignung. Das abschließende yadyapi bleibt syntaktisch unvollständig.

1.33 kulācāre tathā vatsa ! jñānaśuddhiṃ vadāmyaham |
sādhakaḥ prātarutthāya kulavṛkṣaṃ praṇamya ca || 33 ||

Übersetzung: Nun erkläre ich dir die Läuterung der Erkenntnis im Kula-Weg, mein Kind. Der Übende erhebe sich am Morgen und verneige sich vor dem Kula-Baum.

Wort-für-Wort: jñānaśuddhi – Reinigung der Erkenntnis; sādhaka – Übender; prātarutthāya – am Morgen aufgestanden; kulavṛkṣa – heiliger Baum des Kula.

1.34 mūlādibrahmarandhrāntaṃ kulaṃ dhyātvā guruṃ smaret |
prahlādānandanāthākhyaṃ sanakānandameva ca || 34 ||

Übersetzung: Er meditiere über das Kula von der Wurzel bis zur Scheitelöffnung und erinnere sich an den Guru: an Prahladanandanatha und Sanakananda,

Wort-für-Wort: mūlādi – von der Wurzel an; brahmarandhrāntam – bis zur Scheitelöffnung; dhyātvā – meditiert habend; smaret – er möge sich erinnern.

1.35 kumārānandanāthaṃ ca vasiṣṭhānandanāthakam |
krodhānandasukhānandau jñānānandamataḥparam || 35 ||

Übersetzung: an Kumaranandanatha und Vasishthanandanatha, an Krodhananda und Sukhananda, sodann an Jnanananda.

Wort-für-Wort: nātha – Herr, Meister, Bestandteil der Namen; jñāna – Erkenntnis; ānanda – Wonne. Die Doppelform krodhānandasukhānandau bezeichnet zwei Lehrer.

1.36 bodhānandamathābhyarcya dhyāyet kulamathopari |
mahārasarasollāsahṛdayānandalocanāḥ || 36 ||

Übersetzung: Nachdem er Bodhananda verehrt hat, meditiere er darüber auf das Kula. [Die Gurus haben] Augen voller Herzensfreude, die vom Überschwang des großen Nektars erfüllt ist.

Wort-für-Wort: abhyarcya – verehrt habend; bodha – Erwachen, Erkenntnis; hṛdayānanda – Freude des Herzens; locana – Auge.

1.37 kulāliṅganasaṃbhinnacūrṇitāśeṣatāmasāḥ |
kulaśiṣyoparikṛpāpūrṇāntaḥkaraṇodyatāḥ || 37 ||

Übersetzung: Durch die Umarmung des Kula ist ihre ganze Finsternis zerbrochen und zermalmt; ihr Inneres erhebt sich in vollem Mitgefühl für die Schüler des Kula.

Wort-für-Wort: āliṅgana – Umarmung; tāmasa – Dunkelheit; kṛpāpūrṇa – voller Mitgefühl; antaḥkaraṇa – inneres Organ, Gemüt.

1.38 varābhayayutāśeṣakulatantrārthavedinaḥ |
evaṃ kulaguruṃ natvā visṛjya kulamātṛkām || 38 ||

Übersetzung: Sie gewähren Segen und Furchtlosigkeit und kennen den Sinn aller Kula-Tantras. Nachdem der Übende so den Kula-Guru verehrt und die Kula-Matrika verabschiedet hat,

Wort-für-Wort: varābhaya – Segensgewährung und Furchtlosigkeit; arthavedin – den Sinn kennend; natvā – sich verneigt habend; visṛjya – entlassen habend.

1.39 kulasthānaṃ samāliṅgya snānārthaṃ tīrthamāśrayet |
śāktaṃ kulaguruṃ vatsa ! kathitaṃ ca sukhāvaham || 39 ||

Übersetzung: umfange er den Sitz des Kula und begebe sich zum heiligen Badeplatz. So ist dir, mein Kind, der beglückende Shakta-Kula-Guru beschrieben.

Wort-für-Wort: kulasthāna – Sitz des Kula, mehrdeutiger Ritualausdruck; tīrtha – heiliger Übergang, Badeplatz; snānārtham – zum Zweck des Bades.

1.40 rahasyamadbhutaṃ vatsa ! goptavyaṃ paśusaṃkaṭe |
kulanāthaṃ parityajya ye śāktāḥ kulasevinaḥ || 40 ||

Übersetzung: Dieses wunderbare Geheimnis, mein Kind, ist in Gegenwart Uneingeweihter zu bewahren. Die Shaktas, die den Herrn des Kula verlassen und dennoch Kula-Praxis betreiben:

Wort-für-Wort: paśu – hier der gebundene beziehungsweise nicht eingeweihte Mensch; parityajya – aufgegeben habend; kulasevin – dem Kula dienend.

1.41 teṣāṃ dīkṣā ca yāgaśca abhicārāya kalpate |
tasmāt sarvaprayatnena kulīnaṃ gurumāśrayet || 41 ||

Übersetzung: Ihre Einweihung und ihre Opferverehrung geraten zu schädigendem Zauber. Deshalb suche man mit aller Sorgfalt einen Guru, der in der Kula-Tradition verwurzelt ist.

Wort-für-Wort: dīkṣā – Einweihung; yāga – Opferverehrung; abhicāra – schädigendes Ritual; gurum āśrayet – man nehme Zuflucht zu einem Lehrer.

1.42 kulīnaḥ sarvavidyānāmadhikārīti gīyate |
dīkṣāprabhuḥ sa evātra sarvamantrasya nāparaḥ || 42 ||

Übersetzung: Ein solcher Kulina gilt als befugt zu allen heiligen Wissensformen. Er allein ist hier Herr der Einweihung in sämtliche Mantras, kein anderer.

Wort-für-Wort: kulīna – Angehöriger der Kula-Tradition; vidyā – heiliges Wissen, Mantra; dīkṣāprabhu – zur Einweihung befugter Meister.

iti kulacūḍāmaṇitantre prathamaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 1. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

2. Kapitel: Bad, Verehrung und Einweihung

dvitīyaḥ paṭalaḥ

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

2.1 atha vakṣyāmi te vatsa ! snānaṃ kulasukhāvaham |
kṛṣṇaraktaharinnīlā vividhā mama mūrtayaḥ || 1 ||

Übersetzung: Nun erkläre ich dir, mein Kind, das Bad, das die Freude des Kula gewährt. Schwarz, rot, grün und blau sind meine mannigfaltigen Gestalten.

Wort-für-Wort: snāna – Bad; kṛṣṇa – schwarz; rakta – rot; harit – grün; nīla – blau; mūrti – Gestalt.

2.2 tatra yaḥ kulagaḥ śiṣyaḥ sa tadrūpaṃ parāmṛśan |
divaṃ sarvamathorvīṃ ca pātālaṃ bhūtasaṃbhavam || 2 ||

Übersetzung: Der in das Kula eingetretene Schüler vergegenwärtige sich diese Gestalt und [ihre Gegenwart in] dem ganzen Himmel, der Erde, der Unterwelt und allem Gewordenen.

Wort-für-Wort: kulaga – in das Kula eingetreten; parāmṛśan – betrachtend, innerlich erfassend; pātāla – Unterwelt. Die Satzverknüpfung ist elliptisch.

2.3 ācāntaḥ kuladarbheṇa sadarbhakulapuṣpakam |
kulapātre sadūrvaṃ ca satilaṃ sajalaṃ tathā || 3 ||

Übersetzung: Nach der rituellen Mundspülung nehme er Kula-Darbha-Gras, Kula-Blüten, Durva-Gras, Sesam und Wasser in einem Kula-Gefäß auf.

Wort-für-Wort: ācānta – nach dem rituellen Schlürfen von Wasser; darbha – heiliges Gras; tila – Sesam; pātra – Gefäß.

2.4 gṛhītvā kuladevasya prītaye snānamācaret |
kṛtasaṃkalpa evādau kulacakraṃ jale nyaset || 4 ||

Übersetzung: Er vollziehe das Bad zur Freude der Kula-Gottheit. Zuerst fasse er den rituellen Entschluss und setze den Kula-Kreis in das Wasser ein.

Wort-für-Wort: prītaye – zur Freude; saṃkalpa – ritueller Entschluss; cakra – Kreis, Ritualdiagramm; nyaset – er möge einsetzen.

2.5 kulamūlaṃ samānīya kulamudrāṅkuśena ca |
kulatīrthāni tatraiva samāvāhya kulātmakam || 5 ||

Übersetzung: Mit der Kula-Mudra des Hakens führe er die Kula-Wurzel herbei und rufe dort die heiligen Kula-Badeplätze an; [er vergegenwärtige das Wasser] als Kula selbst.

Wort-für-Wort: mūla – Wurzel, auch Grundmantra; aṅkuśa – Haken; samāvāhya – herbeigerufen habend; kulātmaka – von der Natur des Kula.

2.6 tattoyaṃ ca tridhā pītvā tridhā ca prokṣaṇaṃ tanoḥ |
kulamūlāya devāya tridhārghyaṃ parikalpya ca || 6 ||

Übersetzung: Er trinke dreimal von diesem Wasser und besprenge dreimal seinen Körper. Der Gottheit, der Wurzel des Kula, bringe er dreimal eine Ehrengabe dar.

Wort-für-Wort: tridhā – dreifach; pītvā – getrunken habend; prokṣaṇa – Besprengen; arghya – Ehrengabe, häufig Wasser.

2.7 devān pitṝn ṛṣiṃścaiva tarpayet kulavāriṇā |
kulātmakān punardhyātvā kuladevāṃstu toṣayet || 7 ||

Übersetzung: Mit Kula-Wasser sättige er Götter, Ahnen und Seher. Er meditiere erneut über sie als Erscheinungen des Kula und erfreue die Kula-Gottheiten.

Wort-für-Wort: pitṝn – die Ahnen; ṛṣīn – die Seher; tarpayet – er möge sättigen; toṣayet – er möge erfreuen.

2.8 bhairavītantra evātra teṣāṃ saṃjñā ca vidyate |
bhairavāya ca devāya bhairaveṇa ca kartṛṇā || 8 ||

Übersetzung: Ihre Bezeichnungen stehen im Bhairavi-Tantra. Für den Gott Bhairava und durch Bhairava als Handelnden

Wort-für-Wort: saṃjñā – Bezeichnung; bhairavāya – für Bhairava, Dativ; bhairaveṇa – durch Bhairava, Instrumental.

2.9 bhairavākhyaṃ pradātavyaṃ mantramuccārya pūrvataḥ |
dātṛdānagṛhītaṃ ca tato liṅgānurūpataḥ || 9 ||

Übersetzung: soll das Bhairava genannte Opfer dargebracht werden, nachdem zuvor das Mantra gesprochen wurde. Geber, Gabe und Empfänger [sind so zu verstehen], dann entsprechend dem grammatischen Geschlecht:

Wort-für-Wort: dātṛ – Geber; dāna – Geben, Gabe; gṛhīta – Empfangenes, Angenommenes; liṅgānurūpataḥ – dem grammatischen Geschlecht entsprechend. Die Deutung als Geber, Gabe und Empfänger erschließt den Ritualsinn; gṛhīta selbst bedeutet wörtlich nicht „Empfänger“.

2.10 bhairavī bhairavātmānaṃ bhāvayettadaśeṣataḥ |
śrāddhe vivāhe dāne ca snāne cāṅgaprapūjane || 10 ||

Übersetzung: Bhairavi und Bhairava vergegenwärtige man sich vollständig als das eigene Wesen: bei Ahnenriten, Heirat, Schenken, Baden und Verehrung der Körperglieder.

Wort-für-Wort: ātmānam – sich selbst; bhāvayet – man möge innerlich vergegenwärtigen; śrāddha – Ahnenritus; vivāha – Heirat.

2.11 evaṃ cintāpare deva ! prasīdāmi na saṃśayaḥ |
tatastṛptā tadāśeṣalokān prīṇāmi tattvataḥ || 11 ||

Übersetzung: Wer so beständig denkt, o Gott, dem bin ich gewiss gnädig. Dadurch zufriedengestellt, erfülle ich dann in Wahrheit sämtliche Welten mit Freude.

Wort-für-Wort: cintāpara – ganz der Betrachtung hingegeben; prasīdāmi – ich bin gnädig; aśeṣaloka – sämtliche Welten.

2.12 utthāya kulavastre dve paridhāya kulena ca |
tilakaṃ kularūpaṃ ca kṛtvācamya samāpya ca || 12 ||

Übersetzung: Er erhebe sich, lege zwei Kula-Gewänder an, trage mit Kula-Substanz ein Kula-förmiges Stirnzeichen auf und vollziehe die Mundspülung.

Wort-für-Wort: vastra – Gewand; paridhāya – angelegt habend; tilaka – Stirnzeichen; ācamya – rituell Wasser geschlürft habend.

2.13 kulapīṭhaṃ samāruhya kuladevasya pūjanam |
dvāradeśe tato gītanṛttavādyāditoṣitaḥ || 13 ||

Übersetzung: Er besteige den Kula-Sitz und verehre die Kula-Gottheit. Am Eingang erfreue [er sie] durch Gesang, Tanz und Instrumentalmusik.

Wort-für-Wort: pīṭha – Sitz, heiliger Ort; dvāradeśa – Eingangsbereich; gīta – Gesang; nṛtta – Tanz; vādya – Instrumentalmusik.

2.14 kulabhūtaṃ samutsārya kulasthānaṃ prapūjayet |
kulāsanaṃ tataḥ kṣiptvā tadabhyarcya yathāsukham || 14 ||

Übersetzung: Er vertreibe die [störenden] Kula-Geister und verehre den Kula-Ort. Danach breite er den Kula-Sitz aus, verehre ihn und [setze sich] bequem.

Wort-für-Wort: bhūta – Wesen, hier Geistwesen; samutsārya – vertrieben habend; āsana – Sitz; yathāsukham – nach Bequemlichkeit.

2.15 kulāsanaṃ tato baddhvā gurupūjākrameṇa ca |
ātmaśuddhibhūmiśuddhidehaśuddhivibhedataḥ || 15 ||

Übersetzung: Nachdem er die Kula-Sitzhaltung eingenommen hat, vollziehe er in der Reihenfolge der Guru-Verehrung die Reinigung des Selbst, des Bodens und des Körpers.

Wort-für-Wort: ātmaśuddhi – Reinigung des Selbst; bhūmiśuddhi – Reinigung des Bodens; dehaśuddhi – Körperreinigung; krama – Reihenfolge.

2.16 kṛtvā cārghyaṃ tato vidvān kuryāt kulaviceṣṭitam |
dīkṣitābhiḥ suśīlābhiryuvatībhiḥ kulātmabhiḥ || 16 ||

Übersetzung: Der Kundige bereite die Ehrengabe und vollziehe die Kula-Handlungen zusammen mit eingeweihten, charakterfesten jungen Frauen, die das Kula verkörpern,

Wort-für-Wort: dīkṣitābhiḥ – mit Eingeweihten, Instrumental Plural feminin; suśīlābhiḥ – mit charakterfesten; yuvatībhiḥ – mit jungen Frauen.

2.17 devatāgurubhaktābhiḥ saṃyutaṃ yāgabhūmiṣu |
nānāvidhāni puṣpāṇi gandhāni vividhāni ca || 17 ||

Übersetzung: die Gottheit und Guru ergeben sind, an den Opferstätten. [Bereitzustellen sind] verschiedenartige Blumen und vielerlei Düfte,

Wort-für-Wort: devatāgurubhakti – Hingabe an Gottheit und Lehrer; yāgabhūmi – Opferstätte; puṣpa – Blume; gandha – Duft.

2.18 karpūrajātidhūpādivāsitaṃ paṭavāsitam |
tāmbūlaṃ deyadravyaṃ ca dhūpadīpādikaṃ ca yat || 18 ||

Übersetzung: mit Kampfer, Jasmin und Räucherwerk durchduftete Dinge, parfümierte Stoffe, Betel und sonstige Opfergaben, Weihrauch, Licht und Weiteres.

Wort-für-Wort: karpūra – Kampfer; jāti – Jasmin; tāmbūla – Betelbissen; dhūpa – Räucherwerk; dīpa – Licht.

2.19 sarvālaṃkārabhūṣābhirbhūṣitaḥ kaulikastadā |
mūlavidyājaptatoyaiḥ prokṣitaṃ sthāpayettataḥ || 19 ||

Übersetzung: Der Kaulika sei mit allen Schmuckstücken geschmückt und stelle die Dinge auf, nachdem er sie mit Wasser besprengt hat, über dem die Grund-Vidya wiederholt wurde.

Wort-für-Wort: kaulika – Kula-Praktizierender; mūlavidyā – grundlegendes Mantra; japtatoya – mit Japa geweihtes Wasser; sthāpayet – er stelle hin.

2.20 sarvaṃ svadakṣiṇe sthāpyaṃ vāme cārghyaṃ niveśayet |
paścime devatāyāṃ ca kuladravyāṇi dhārayet || 20 ||

Übersetzung: Alles stelle er zu seiner Rechten auf, das Arghya zu seiner Linken; hinter der Gottheit bewahre er die Kula-Substanzen auf.

Wort-für-Wort: svadakṣiṇe – zu seiner Rechten; vāme – links; paścime – hinten, westlich; dravya – Substanz, Ritualmittel.

2.21 kuṇḍagolodbhavairdravyaiḥ svayaṃbhūkusumena ca |
rocanālākṣayāraktaiḥ kuṅkumāruṇacandanaiḥ || 21 ||

Übersetzung: Mit Substanzen aus Kunda und Gola, mit der „selbstentstandenen Blüte“, Rocana, rotem Lack, Safran und rotem Sandelholz

Wort-für-Wort: kuṇḍagolodbhava – aus Kunda/Gola hervorgegangen, esoterischer Ausdruck für sexuelle beziehungsweise geburtsbezogene Ritualsubstanzen; svayaṃbhūkusuma – „selbstentstandene Blüte“, Bezeichnung für Menstrualblut; kuṅkuma – Safran, rotes Ritualpulver.

2.22 yantraṃ kṛtvā tatra pūjāṃ kṛtvā ca japamācaret |
yathāśakti manuṃ japtvā stutvā devīṃ visarjayet || 22 ||

Übersetzung: zeichne er das Yantra, vollziehe dort die Verehrung und übe Japa. Nachdem er das Mantra nach seinem Vermögen wiederholt hat, preise er die Göttin und verabschiede sie.

Wort-für-Wort: yantra – Ritualdiagramm; yathāśakti – nach Kräften; manu – hier Mantra; visarjayet – er möge verabschieden.

2.23 tāstāḥ pradakṣiṇīkṛtya nijā vāpyanyayoṣitaḥ |
kulāmṛtarasaṃ pūrvaṃ gurave vinivedayet || 23 ||

Übersetzung: Er umschreite die beteiligten Frauen, die eigene oder andere, im Uhrzeigersinn und bringe zunächst dem Guru den Nektarsaft des Kula dar.

Wort-für-Wort: pradakṣiṇīkṛtya – rechtsherum umschritten habend; yoṣit – Frau; kulāmṛtarasa – Nektarsaft des Kula, im Zusammenhang rituelle Körperflüssigkeit.

2.24 yoṣitastvavaśeṣaṃ tu svātmanyeva niyojayet |
brahmarandhre guptasthāne yantralepaṃ tu dhārayet || 24 ||

Übersetzung: Den von der Frau verbliebenen Rest nehme er selbst auf. Die Yantra-Paste trage er an der Scheitelöffnung und an der verborgenen Körperstelle auf.

Wort-für-Wort: avaśeṣa – Rest; svātmani – an sich selbst; brahmarandhra – Scheitelöffnung; guptasthāna – verborgene Stelle, hier Intimbereich.

2.25 nāstikebhyo na mūrkhebhyo na paśubhyo na vā dviṣe |
kulīnāya ca dātavyamathavā jalamadhyataḥ || 25 ||

Übersetzung: Er gebe sie weder Glaubensverneinern noch Unverständigen, Uneingeweihten oder Feinden. Einem Kulina darf sie gegeben oder dem Wasser überlassen werden.

Wort-für-Wort: nāstika – Glaubensverneiner; mūrkha – Unverständiger; dviṣ – Feind; dātavya – zu geben.

2.26 tataḥ so'hamiti dhyātvā vaiṣṇavācāratatparaḥ |
harināmnā jātabhāvo bhaṅgyanvitaviceṣṭitaḥ || 26 ||

Übersetzung: Dann meditiere er „Ich bin Er“ und widme sich äußerlich dem vishnuitischen Wandel. Er sei von Haris Namen erfüllt und verhalte sich auf entsprechende Weise.

Wort-für-Wort: so'ham – saḥ aham, ich bin Er; vaiṣṇavācāra – vishnuitischer Wandel; harināman – Name Haris; bhāva – innere Haltung.

2.27 coravat praviśedekaḥ sadā saṅgavilambitaḥ |
yāmamātre gate rātrau kulagehaṃ tataḥ pumān || 27 ||

Übersetzung: Wenn ein Nachtabschnitt vergangen ist, betrete der Mann allein, einem Dieb gleich, das Kula-Haus, stets im Verlangen nach Vereinigung verweilend.

Wort-für-Wort: coravat – wie ein Dieb; yāma – Nachtwache, ungefähr drei Stunden; kulageha – Kula-Haus; saṅga – Verbindung, Umgang. Der letzte Ausdruck ist mehrdeutig.

2.28 prasūnatūlikāmadhye sthitvā kulaparāyaṇaḥ |
kulayantraṃ sādhyanāmnā saṃkulaṃ kulacakrake || 28 ||

Übersetzung: Auf einem Blumenlager sitzend und dem Kula ergeben, zeichne er im Kula-Kreis das Kula-Yantra, das den Namen der anzuziehenden Person enthält,

Wort-für-Wort: prasūna – Blüte; tūlikā – Polster, Lager; sādhyanāman – Name der Zielperson; cakraka – Kreis.

2.29 svanāmādyaṅkitaṃ kṛtvā kulācāraṃ samācaret |
svaśaktyā paraśaktiṃ ca samānayati sādhakaḥ || 29 ||

Übersetzung: versehe es auch mit seinem eigenen Namen und vollziehe den Kula-Ritus. Durch seine eigene Shakti zieht der Übende eine andere Shakti herbei.

Wort-für-Wort: svaśakti – eigene Shakti, hier Ritualpartnerin; paraśakti – andere Shakti beziehungsweise Frau; samānayati – führt herbei.

2.30 paraśaktyākarṣaṇaṃ ca śṛṇu vatsa ! samāhitaḥ |
nijakāntāṃ samānīya suśīlāṃ suyaśasvinīm || 30 ||

Übersetzung: Höre aufmerksam, mein Kind, über das Herbeiziehen einer anderen Shakti. [Zunächst] führe er seine eigene Gefährtin herbei, die charakterfest und von gutem Ruf ist.

Wort-für-Wort: ākarṣaṇa – Heranziehung, magische Anziehung; samāhita – gesammelt; nijakāntā – eigene Gefährtin; suyaśasvinī – von gutem Ruf.

2.31 kulabhaktaṃ guruṃ prāpya dīkṣayet kuladīkṣayā |
parānandarasāghūrṇalocanāṃ kulajāṃ satīm || 31 ||

Übersetzung: Er suche einen dem Kula ergebenen Guru auf und lasse sie in das Kula einweihen: die edle Kula-Frau, deren Augen von höchster Wonne bewegt sind.

Wort-für-Wort: kuladīkṣā – Einweihung in das Kula; parānandarasa – Geschmack höchster Wonne; satī – gute, rechtschaffene Frau.

2.32 tāmbūlagrāsapūrāsyo gururakṣo'bhitaḥ sudhīḥ |
nijaputrīvadācāryastadbhālapaṭṭake likhet || 32 ||

Übersetzung: Der verständige Guru, dessen Mund einen Betelbissen enthält, [steht beziehungsweise blickt] ihr gegenüber; wie bei einer eigenen Tochter schreibe der Lehrer auf ihre Stirn.

Wort-für-Wort: ācārya – Lehrer; nijaputrīvat – wie bei der eigenen Tochter; bhālapaṭṭaka – Stirnfläche. gururakṣo'bhitaḥ ist sprachlich unsicher.

2.33 śakticakraṃ trirāvṛttyā likhet kāmakalāṃ tataḥ |
tanmadhye deyamantreṇa darbhitaṃ nāmalāñchitam || 33 ||

Übersetzung: Er zeichne dreimal das Shakti-Chakra und danach die Kamakala; in ihre Mitte füge er das zu übergebende Mantra ein und kennzeichne sie mit dem Namen.

Wort-für-Wort: trirāvṛttyā – in dreifacher Wiederholung; kāmakalā – schöpferische Kraftgestalt; deyamantra – zu übergebendes Mantra; lāñchita – gekennzeichnet.

2.34 tatra devīṃ samāvāhya dhyātvā devīṃ prapūjya ca |
tatastatputrikākarṇe ṛṣicchandasamanvitam || 34 ||

Übersetzung: Dort rufe er die Göttin herbei, meditiere über sie und verehre sie. Dann [spreche er] mit Seher und Versmaß in das Ohr dieser Tochter

Wort-für-Wort: samāvāhya – herbeigerufen habend; ṛṣi – Seher des Mantras; chandas – Versmaß; karṇa – Ohr.

2.35 mūlamantraṃ trirāvṛtya kathayedvāmakarṇake |
adya prabhṛti putri ! tvaṃ kulapūjārcane ratā || 35 ||

Übersetzung: dreimal das Grundmantra, und zwar in ihr linkes Ohr: „Von heute an, Tochter, sei der Opferverehrung des Kula ergeben.

Wort-für-Wort: mūlamantra – Grundmantra; vāmakarṇaka – linkes Ohr; adya prabhṛti – von heute an; ratā – hingegeben.

2.36 a(su)kulājñāṃ samādāya lajjālasyavivarjitā |
yathopadiṣṭavidhinā sa me vasyaṃ (śyaṃ) samānaya || 36 ||

Übersetzung: Nimm die Weisung des Kula an, überwinde Scham und Trägheit und führe nach der gelehrten Vorschrift das Erwünschte in meine Gewalt.“ [Wortlaut und Bezug des letzten Satzes sind unsicher.]

Wort-für-Wort: ājñā – Weisung; lajjā – Scham; ālasya – Trägheit; vaśya – zu unterwerfen, gefügig. Die Vorlage schwankt zwischen vasyaṃ und vaśyaṃ.

2.37 ityanujñāṃ gurorlabdhvā praṇameddaṇḍavadbhuvi |
trāhi nātha ! kulācāra padminīkulanāyaka || 37 ||

Übersetzung: Nachdem sie diese Erlaubnis vom Guru erhalten hat, verneige sie sich ausgestreckt auf dem Boden: „Beschütze mich, Herr des Kula-Weges, Führer der Lotusfamilie!

Wort-für-Wort: anujñā – Erlaubnis; daṇḍavat – wie ein Stab ausgestreckt; trāhi – rette, beschütze; nāyaka – Führer.

2.38 tvatpādāmbhoruhacchāyāṃ dehi mūrdhni yaśodhana ! |
gurave dakṣiṇāṃ dattvā tāmbūlāruṇalocanā || 38 ||

Übersetzung: Gewähre meinem Haupt den Schatten deiner Lotusfüße, du an Ruhm Reicher!“ Sie gebe dem Guru den Lehrerlohn; [beschrieben wird sie als] vom Betel rotäugig.

Wort-für-Wort: pādāmbhoruha – Lotusfuß; chāyā – Schatten; mūrdhni – auf dem Haupt; dakṣiṇā – Gabe an den Lehrer.

2.39 svakulaṃ paramīkṛtya yathābhīṣṭaṃ samācaret |
sāṅgāvaraṇapūjādau yadi na kṣamate kulam || 39 ||

Übersetzung: Sie erhebe ihr eigenes Kula zum Höchsten und handle nach ihrem Wunsch. Wenn das Kula die Verehrung mit allen Gliedern und Umkreisgottheiten nicht auszuführen vermag,

Wort-für-Wort: paramīkṛtya – zum Höchsten gemacht habend; sāṅgāvaraṇapūjā – Verehrung mitsamt Gliedern und Umkreis; na kṣamate – ist nicht imstande.

2.40 tadā mūrdhni guruṃ dhyātvā kulāmṛtarasena ca |
tarpayitvā tato devaṃ japenmantraṃ nirākulam || 40 ||

Übersetzung: dann meditiere man über den Guru auf dem Haupt, sättige die Gottheit mit dem Nektarsaft des Kula und wiederhole das Mantra ohne innere Unruhe.

Wort-für-Wort: guruṃ dhyātvā – über den Lehrer meditiert habend; tarpayitvā – gesättigt habend; japet – man wiederhole; nirākulam – ungestört, ohne Unruhe.

iti kulacūḍāmaṇitantre dvitīyaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 2. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

3. Kapitel: Die verkörperte Göttin und die heiligen Sitze

tṛtīyaḥ paṭalaḥ

Verehrung der Devi: Das dritte Kapitel verbindet die göttlichen Mütter mit konkreter Gastfreundschaft und Ehrung.

devyuvāca – Die Göttin spricht:

3.1 atha tadrātrisamaye svakulaṃ tūlikopari |
vāmabhāge samāsannaṃ raktavastravibhūṣitam || 1 ||

Übersetzung: Nun sitze zur Nachtzeit die eigene Kula-Shakti auf einem Polster zur Linken, mit einem roten Gewand bekleidet,

Wort-für-Wort: svakula – eigenes Kula, hier Partnerin; vāmabhāga – linke Seite; raktavastra – rotes Gewand.

3.2 svarṇālaṃkārabhūṣāḍhyaṃ raktagandhavibhūṣitam |
gandhapuṣpadhūpadīpaveṣṭitaṃ sumanoharam || 2 ||

Übersetzung: mit goldenen Schmuckstücken geschmückt und mit roter Duftpaste versehen, von Duft, Blumen, Weihrauch und Lichtern umgeben, überaus schön,

Wort-für-Wort: svarṇa – Gold; ālaṃkāra – Schmuck; vibhūṣita – geschmückt; sumanohara – sehr anmutig.

3.3 sarvaśṛṅgāraveṣāḍhyaṃ sphuraccakitalocanam |
jitāmṛtakucadvandaṃ viśālakarikumbhakam || 3 ||

Übersetzung: in vollem Liebesschmuck, mit lebhaft bewegten Augen, mit einem Brustpaar, dessen Fülle [bildhaft] die Wölbungen eines mächtigen Elefanten übertrifft.

Wort-für-Wort: śṛṅgāra – erotischer Schmuck; locana – Auge; kucadvandva – Brustpaar; karikumbha – Stirnwölbung des Elefanten. jitāmṛta ist unklar.

3.4 lalāṭayantramālikhya sādhyanāmavigarbhitam |
tatskandhe bāhumādāya bhaṅgyā dhṛtakucāvalam || 4 ||

Übersetzung: Er zeichne auf ihre Stirn das Yantra mit dem Namen der Zielperson, lege einen Arm um ihre Schulter und halte mit einer Gebärde ihre Brüste.

Wort-für-Wort: lalāṭa – Stirn; sādhyanāman – Name der Zielperson; skandha – Schulter; bāhu – Arm.

3.5 tāmbūlapūritamukhaṃ kulaṃ tadabhisaṃhitam |
kūlākulajapaṃ kṛtvā samānayati tatkṣaṇāt || 5 ||

Übersetzung: Die Kula-Shakti habe den Mund voll Betel und sei darauf ausgerichtet. Durch Kula-Akula-Japa führt [der Übende die Zielperson] augenblicklich herbei.

Wort-für-Wort: tāmbūla – Betel; abhisaṃhita – ausgerichtet; japa – wiederholtes Mantrasprechen; tatkṣaṇāt – augenblicklich.

3.6 yannāmnā likhitaṃ yantraṃ tamānayati tatkṣaṇāt |
śatayojanadūrasthāṃ nadīparvatamadhyagām || 6 ||

Übersetzung: Wessen Name in das Yantra geschrieben wurde, die zieht er augenblicklich herbei, selbst wenn sie hundert Yojanas entfernt, zwischen Flüssen und Bergen lebt,

Wort-für-Wort: yannāmnā – mit deren Namen; śatayojana – hundert Yojanas, ein traditionelles Entfernungsmaß; dūrastha – fern befindlich.

3.7 dvīpāntarasahasreṣu rakṣitāṃ nigaḍādibhiḥ |
payodharabharakṣubdhamadhyamāṃ lolalocanām || 7 ||

Übersetzung: auf tausend anderen Inseln, durch Fesseln und Ähnliches bewacht: eine Frau mit bewegten Augen, deren Leib von der Schwere ihrer Brüste bewegt wird,

Wort-für-Wort: dvīpāntara – andere Insel; nigaḍa – Fessel; payodhara – Brust; lolalocana – mit bewegten Augen.

3.8 nitambabimbavidhvastasphurajjaghanamaṇḍalām |
sādhakākāṅkṣihṛdayāṃ vivarāntaḥprasarpiṇīm || 8 ||

Übersetzung: deren Hüften und Becken sich bewegt entfalten, deren Herz nach dem Übenden verlangt und die durch Öffnungen hindurchgleitet,

Wort-für-Wort: nitamba – Hüfte; jaghana – Becken, Schamgegend; ākāṅkṣin – begehrend; vivara – Öffnung. Das erste Kompositum ist schwer lesbar.

3.9 kapāṭalohasaṃnaddhaprākāravivarāntare |
sādhakāntaḥsamāsīnāṃ devatāmiva cāriṇīm || 9 ||

Übersetzung: durch Zwischenräume von Türen, Eisenverschlüssen und Mauern; sie sitzt beim Übenden und bewegt sich wie eine Gottheit.

Wort-für-Wort: kapāṭa – Türflügel; loha – Eisen; prākāra – Umfassungsmauer; devatām iva – wie eine Gottheit.

3.10 vaśayanti mahādeva sādhakastatkṣaṇādimām |
evamākṛṣṭi siddhiścet sādhakaḥ kauliko bhavet || 10 ||

Übersetzung: Der Übende macht sie sich augenblicklich gefügig, großer Gott. Wenn ihm diese Anziehung gelingt, gilt er als Kaulika.

Wort-für-Wort: vaśayanti – „sie unterwerfen“, hier abweichende Verbform bei singularischem Subjekt; ākṛṣṭisiddhi – Gelingen der Anziehung; kaulika – Kula-Adept.

3.11 dīkṣitā na ca yoṣā cet kathaṃ syātkulapūjanam |
kulapūjā na cedvatsa ! kulamantrāḥ parāṅmukhāḥ || 11 ||

Übersetzung: Ist die Frau nicht eingeweiht, wie könnte Kula-Verehrung stattfinden? Ohne Kula-Verehrung, mein Kind, wenden sich die Kula-Mantras ab.

Wort-für-Wort: dīkṣitā – eingeweiht; katham syāt – wie könnte sein; parāṅmukha – abgewandt, unwirksam.

3.12 anyayoṣā yadā vatsa ! svayaṃ tasyā gurubhavet |
vāmakarṇe parāṃ dadyānmantreṇaivābhiṣecayet || 12 ||

Übersetzung: Handelt es sich um eine andere Frau, mein Kind, werde er selbst ihr Guru, gebe ihr die höchste Vidya ins linke Ohr und vollziehe die Weihe mit dem Mantra.

Wort-für-Wort: anyayoṣā – eine andere Frau; guruḥ bhavet – er werde Guru; abhiṣecayet – er möge weihen, besprengen.

3.13 mantraṃ śṛṇu mahādeva ! yathāvatkathayāmi te |
vāntānte tripurāyai(tu) hṛdayaṃ parikīrtitam || 13 ||

Übersetzung: Höre das Mantra, großer Gott; ich erkläre es dir genau: Nach dem Ende von „va“ [einer verschlüsselten Lautangabe] folgen „tripurāyai“ und das als „Herz“ bezeichnete Wort.

Wort-für-Wort: vāntānte – verschlüsselte, nicht sicher auflösbare Lautangabe; tripurāyai – für Tripura, Dativ; hṛdaya – Herz, hier Mantracode.

3.14 imāṃ śaktiṃ padānte ca pavitraṃ padamucyate |
tato gurupadaṃ dadyāt mama śaktipadaṃ tataḥ || 14 ||

Übersetzung: Nach den Worten „imāṃ śaktiṃ“ wird „pavitraṃ“ genannt. Dann füge man das Wort „guru“ und danach „mama śakti“ hinzu.

Wort-für-Wort: imāṃ śaktim – diese Shakti, Akkusativ; pavitram – rein, läuternd; mama – mein. Der Wortlaut dient einer Mantraableitung.

3.15 kuru svāheti mantro'yaṃ ṣaḍviṃśatyakṣarātmakaḥ |
anena manunā deva ! śaktiśuddhiṃ samācaret || 15 ||

Übersetzung: Es endet mit „kuru svāhā“; dieses Mantra besteht aus sechsundzwanzig Silben. Mit ihm, o Gott, vollziehe man die Reinigung der Shakti.

Wort-für-Wort: kuru – mache; svāhā – ritueller Darbringungsruf; ṣaḍviṃśatyakṣara – sechsundzwanzigsilbig; śaktiśuddhi – Reinigung der Shakti. Keine vollständige Formel wird hier ergänzt.

3.16 abhiṣekādbhavecchuddhī raṇḍāyā atibhairava |
brāhmaṇī kṣatriyā vaiśyā śūdrā ca kulabhūṣaṇā || 16 ||

Übersetzung: Durch die Weihe wird auch eine verwitwete oder ungebundene Frau rein, o großer Bhairava. Brahmanin, Kshatriya, Vaishya und Shudra können Schmuck des Kula sein.

Wort-für-Wort: abhiṣeka – Weihe; raṇḍā – Witwe, auch gesellschaftlich abwertende Bezeichnung einer ungebundenen Frau; kulabhūṣaṇā – Schmuck des Kula.

3.17 vaiśyā nāpitakanyā ca rajakī yoginī tathā |
viśeṣavaidagdhyayutā sarvā eva kulāṅganāḥ || 17 ||

Übersetzung: Ebenso eine Vaishya, eine Barbierstochter, eine Wäscherin und eine Yogini: Alle, die besondere Gewandtheit besitzen, sind Kula-Frauen.

Wort-für-Wort: nāpitakanyā – Barbierstochter; rajakī – Wäscherin; vaidagdhya – Gewandtheit; kulāṅganā – Frau des Kula. Die wiederholte Lesung vaiśyā bleibt erhalten.

3.18 catuṣpathe vā nadyāṃ vā bilvamūle triśūlake |
pretabhūmau bilvamūle haṭṭe vā rājaveśmani || 18 ||

Übersetzung: An einer Wegkreuzung, am Fluss, unter einem Bilva-Baum, bei einem Dreizack, auf einer Totenstätte, unter einem Bilva-Baum, auf dem Markt oder im Königshaus

Wort-für-Wort: catuṣpatha – Kreuzung von vier Wegen; bilvamūla – Fuß eines Bilva-Baums; pretabhūmi – Totenstätte; haṭṭa – Markt.

3.19 sindūreṇa likhedyantraṃ vipulaṃ sādhyagarbhitam |
tatra saṃpūjya vidhivat kulaṃ kularasena ca || 19 ||

Übersetzung: zeichne er mit Zinnober ein großes Yantra mit dem Namen der Zielperson. Dort verehre er vorschriftsgemäß das Kula mit Kula-Saft,

Wort-für-Wort: sindūra – Zinnober; sādhyagarbhita – die Zielperson enthaltend; kularasa – Kula-Saft, rituelle Substanz.

3.20 tarpayitvā tadantaḥsthaṃ pūjayenniśi bhāvataḥ |
tato lakṣapradānena siddhidāstā bhavanti hi || 20 ||

Übersetzung: sättige das darin Gegenwärtige und verehre es nachts mit innerer Hingabe. Durch eine Darbringung in der Zahl von hunderttausend gewähren sie Vollendung.

Wort-für-Wort: tarpayitvā – gesättigt habend; bhāvataḥ – aus innerer Haltung; lakṣa – hunderttausend; siddhidā – Vollendung verleihend. Was genau gezählt wird, bleibt hier unbestimmt.

3.21 puraścaraṇakāle tu parayoṣāṃ prapūjya ca |
dīkṣitāṃ vastrapuṣpādyairbhojyaiḥ pāyasasaṃbhavaiḥ || 21 ||

Übersetzung: Zur Zeit der Mantra-Vorbereitung verehre er eine eingeweihte andere Frau mit Gewändern, Blumen und Speisen, unter anderem Milchspeisen.

Wort-für-Wort: puraścaraṇa – vorbereitende Mantrapraxis; parayoṣā – andere Frau; pāyasa – Milchreis, Milchspeise.

3.22 ārambhakāle niyataṃ svayaṃ pakvānnabhojanam |
nānāvidhaṃ piṣṭakaṃ ca nānārasasamanvitam || 22 ||

Übersetzung: Zu Beginn sind selbst zubereitete Speisen vorgesehen, vielerlei Gebäck und Speisen mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen,

Wort-für-Wort: ārambhakāla – Beginn; svayaṃpakvānna – selbst gekochte Nahrung; piṣṭaka – Gebäck; rasa – Geschmack.

3.23 dugdhaṃ dadhi ghṛtaṃ takraṃ navanītaṃ saśarkaram |
upalākhaṇḍacūrṇaṃ ca nānāvidharasāyanam || 23 ||

Übersetzung: Milch, Sauermilch, Ghee, Buttermilch, frische Butter mit Zucker, zerkleinerter Kandiszucker und verschiedenartige stärkende Zubereitungen,

Wort-für-Wort: dugdha – Milch; dadhi – Sauermilch; ghṛta – Ghee; takra – Buttermilch; navanīta – frische Butter.

3.24 nārikelaṃ kapitthaṃ ca nāgaraṃ karamardakam |
niṣpāvaṃ bījapūraṃ ca dāḍimīphalameva ca || 24 ||

Übersetzung: Kokosnuss, Kapittha-Frucht, Ingwer, Karamardaka, Bohnen, Zitronatzitrone und Granatapfelfrüchte,

Wort-für-Wort: nārikela – Kokosnuss; kapittha – Holzapfel; nāgara – meist getrockneter Ingwer; bījapūra – Zitronatzitrone; dāḍimīphala – Granatapfel.

3.25 nānāramyaphalaṃ caiva nānāgandhavilepanam |
candanaṃ mṛganābhiṃ ca śrīkhaṇḍaṃ navapallavam || 25 ||

Übersetzung: verschiedene köstliche Früchte, duftende Salben, Sandelholz, Moschus, feines Sandelholz und junge Blätter,

Wort-für-Wort: phala – Frucht; mṛganābhi – Moschus; śrīkhaṇḍa – Sandelholz; navapallava – frischer Blattspross.

3.26 taṅkanaṃ lodhrakaṃ caiva jalajaṃ vanajaṃ tathā |
nānāśailasamudbhūtaṃ nānālaṃkārabhūṣitam || 26 ||

Übersetzung: Tankana, Lodhra, im Wasser und im Wald Gewachsenes, aus verschiedenen Bergen stammende Stoffe und vielerlei Schmuck.

Wort-für-Wort: taṅkana – wohl Borax (gewöhnlich ṭaṅkaṇa); lodhra – Lodhra-Baum beziehungsweise dessen Rinde; jalaja – im Wasser entstanden; vanaja – im Wald entstanden.

3.27 śūnyagehe samānīya cārghyodakaviśodhitam |
amṛtīkaraṇaṃ kṛtvā śaktīrabhimukhaṃ nayet || 27 ||

Übersetzung: Er bringe dies in ein leeres Haus, reinige es mit Arghya-Wasser, verwandle es rituell in Nektar und führe die Shaktis zu sich her.

Wort-für-Wort: śūnyageha – leeres Haus; viśodhita – gereinigt; amṛtīkaraṇa – Umwandlung in Nektar; abhimukham – gegenüber.

3.28 aṣṭakanyārūpabhedaṃ vilokyāmarśaceṣṭitam |
brahmāṇyādyaṣṭaśaktīnāṃ nāmabhiḥ kṛtasaṃjñakāḥ || 28 ||

Übersetzung: Er betrachte die acht unterschiedlichen Frauengestalten und ihre Regungen; sie werden mit den Namen der acht Shaktis, beginnend mit Brahmani, bezeichnet.

Wort-für-Wort: aṣṭakanyā – acht Mädchen beziehungsweise junge Frauen; rūpabheda – unterschiedliche Gestalten; brahmāṇyādi – mit Brahmani beginnend. Hier beginnt ein Bewirtungs- und Verehrungsritus.

3.29 āsanaṃ prathamaṃ dattvā svāgataṃ ca tataḥ punaḥ |
arghyapānīyakaṃ pādyaṃ madhuparkaṃ jalaṃ tathā || 29 ||

Übersetzung: Zuerst gebe er ihnen Sitze und begrüße sie; danach folgen Arghya, Trinkwasser, Wasser für die Füße, die Honigmischung und weiteres Wasser.

Wort-für-Wort: āsana – Sitz; svāgata – Willkommen; pādya – Fußwaschwasser; madhuparka – ehrende Honig-Milch-Mischung.

3.30 snāpayedgandhapuṣpādyaiḥ keśasaṃskārameva ca |
dhūpayitvā tataḥ keśān kauśeyaṃ ca nivedayet || 30 ||

Übersetzung: Er bade sie mit Duftwasser und Blüten, pflege ihr Haar, durchdufte es mit Räucherwerk und reiche Seidengewänder.

Wort-für-Wort: snāpayet – er lasse baden; keśasaṃskāra – Haarpflege; kauśeya – Seide; nivedayet – er möge darreichen.

3.31 tataḥ sthānāntare pīṭhamāstīryaṃ pādukādvayam |
datvā tatra samānīya nānālaṃkārabhūṣaṇaiḥ || 31 ||

Übersetzung: An einem anderen Ort richte er Sitze her, gebe ihnen je ein Paar Schuhe, führe sie dorthin und [versehe sie] mit verschiedenen Schmuckstücken.

Wort-für-Wort: sthānāntara – anderer Ort; pādukādvaya – ein Paar Schuhe; samānīya – hingeführt habend; bhūṣaṇa – Schmuck.

3.32 bhūṣayitvānulepaiśca gandhamālye nivedayet |
tāṃ tāṃ śaktiṃ samāvāhya mūrdhni tāsāṃ samānayet || 32 ||

Übersetzung: Er schmücke und salbe sie, bringe Düfte und Girlanden dar und rufe über jedem ihrer Häupter die entsprechende Shakti herbei.

Wort-für-Wort: anulepa – Salbung; mālya – Girlande; tāṃ tāṃ śaktim – die jeweils entsprechende Shakti; mūrdhni – auf dem Haupt.

3.33 bhojyaṃ maṇḍapamadhye tu svarṇapātre suśobhane |
carvyaṃ coṣyaṃ lehyapeyaṃ bhojyaṃ bhakṣyaṃ nivedayet || 33 ||

Übersetzung: In der Mitte der Halle reiche er in schönen goldenen Gefäßen Speisen: zu kauen, zu saugen, zu lecken und zu trinken, Mahlzeiten und Bissen.

Wort-für-Wort: carvya – zu kauen; coṣya – zu saugen; lehya – zu lecken; peya – zu trinken; maṇḍapa – Halle.

3.34 adīkṣitāścettāstatra tato māyāṃ nivedayet |
tāsāṃ ca savyakarṇeṣu tataḥ stotraṃ samācaret || 34 ||

Übersetzung: Sind sie nicht eingeweiht, übermittle er ihnen Maya [das so bezeichnete Mantra] in ihre linken Ohren und spreche dann das Loblied.

Wort-für-Wort: adīkṣita – nicht eingeweiht; māyā – hier mantrische Bezeichnung; savyakarṇa – linkes Ohr; stotra – Loblied.

3.35 mātardevi ! namaste'stu ! brahmarūpadhare'naghe |
kṛpayā hara vighnaṃ me mama siddhiṃ prayaccha me || 35 ||

Übersetzung: Mutter, Göttin, sei gegrüßt, Makellose, die du Brahmas Gestalt trägst! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: brahmarūpadhare – Trägerin der Brahma-Gestalt, Anrede; anaghe – Makellose; hara – beseitige; prayaccha – gewähre.

3.36 māheśi ! varade ! devi ! paramānandarūpiṇi ! |
kṛpayā hara vighnaṃ me mama siddhiṃ prayaccha me || 36 ||

Übersetzung: Maheshi, segenspendende Göttin, Verkörperung höchster Wonne! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: māheśī – Shakti Maheshvaras; varadā – Segensspenderin; paramānandarūpiṇī – höchste Wonne verkörpernd.

3.37 kaumāri sarvavidyeśe kumārakrīḍane vare ! |
kṛpayā * * * * * * * * * * * * * || 37 ||

Übersetzung: Kaumari, Herrin aller Wissensformen, Vortreffliche, die sich in Kumaras Spiel erfreut! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: kaumārī – Shakti Kumaras; sarvavidyeśī – Herrin aller Wissensformen; krīḍana – Spiel. Der abgekürzte Refrain wird wie in Vers 35–36 verstanden.

3.38 viṣṇurūpadhare ! devi vinatāsutavāhani |
kṛpayā * * * * * * * * * * * * * || 38 ||

Übersetzung: Göttin in Vishnus Gestalt, die auf Vinatas Sohn reitet! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: viṣṇurūpadhare – Vishnus Gestalt tragend; vinatāsuta – Garuda, Sohn Vinatas; vāhana – Reittier.

3.39 vārāhi ! varade ! devi ! daṃṣṭroddhṛtavasuṃdhare ! |
kṛpayā * * * * * * * * * * * * * || 39 ||

Übersetzung: Varahi, segenspendende Göttin, die mit ihrem Hauer die Erde emporgehoben hat! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: vārāhī – Ebergestaltige Göttin; daṃṣṭrā – Hauer; uddhṛta – emporgehoben; vasuṃdharā – Erde.

3.40 śakrarūpadhare devi ! śakrādisurapūjite ! |
kṛpayā * * * * * * * * * * * * * || 40 ||

Übersetzung: Göttin in Shakras Gestalt, von Shakra und den anderen Göttern verehrt! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: śakra – Indra; rūpadhara – eine Gestalt tragend; surapūjita – von Göttern verehrt.

3.41 cāmuṇḍe ! muṇḍamālāsṛkcarcite ! bhayanāśini ! |
kṛpayā * * * * * * * * * * * * * || 41 ||

Übersetzung: Chamunda, mit dem Blut deiner Schädelgirlande bestrichen, Vernichterin der Furcht! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: muṇḍamālā – Girlande aus Köpfen; asṛj – Blut; carcita – bestrichen; bhayanāśinī – Furcht vernichtend.

3.42 mahālakṣmi ! mahāmohe kṣobhasaṃtāpahāriṇi ! |
kṛpayā * * * * * * * * * * * * * || 42 ||

Übersetzung: Mahalakshmi, große Verzauberin, die Erschütterung und Qual nimmt! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Wort-für-Wort: mahāmoha – große Verblendung beziehungsweise Verzauberung; kṣobha – Erschütterung; saṃtāpahāriṇī – Qual wegnehmend.

3.43 mitimātṛmaye ! devi ! mitimātṛbahiṣkṛte |
eke bahuvidhe ! devi ! viśvarūpe ! namo'stu te || 43 ||

Übersetzung: Göttin, Wesen des Erkennens und des Erkennenden, und doch über beide hinaus! Du Eine in vielen Formen, Göttin von universaler Gestalt, dir sei Verehrung!

Wort-für-Wort: miti – Erkenntnis, Messung; mātṛ – hier Erkennender, Messender; bahiṣkṛta – darüber hinausgesetzt; viśvarūpa – allgestaltig.

3.44 etatstotraṃ paṭhedyastu karmārambheṣu saṃyataḥ |
vidagdhāṃ vā samālokya tasya vighnaṃ na jāyate || 44 ||

Übersetzung: Wer dieses Loblied gesammelt zu Beginn seiner Handlungen oder beim Anblick einer kundigen Frau rezitiert, dem entsteht kein Hindernis.

Wort-für-Wort: karmārambha – Beginn einer Handlung; saṃyata – gesammelt, beherrscht; vidagdhā – kundige, gewandte Frau; vighna – Hindernis.

3.45 kulīnasya dvāradevāḥ kathitāstava putraka ! |
dīkṣākāle nityapūjāsamaye nārcayedyadi || 45 ||

Übersetzung: So sind dir, mein Sohn, die Tor-Gottheiten des Kulina erklärt. Wer sie bei der Einweihung und bei der täglichen Verehrung nicht verehrt,

Wort-für-Wort: dvāradeva – Gottheit am Eingang; dīkṣākāla – Zeitpunkt der Einweihung; nityapūjā – tägliche Verehrung.

3.46 tasya pūjāphalaṃ vatsa ! nīyate yakṣarākṣasaiḥ |
yadi vrīḍāparāstāstu bhojayettad gṛhādbahiḥ || 46 ||

Übersetzung: dem nehmen Yakshas und Rakshasas die Frucht seiner Verehrung. Sind die Frauen von Schüchternheit erfüllt, bewirte er sie außerhalb seines Hauses.

Wort-für-Wort: pūjāphala – Frucht der Verehrung; yakṣarākṣasa – Yakshas und Rakshasas; vrīḍā – Scham, Scheu; bhojayet – er bewirte.

iti karṇejapastotram – Hier endet der Karnejapa-Lobpreis.

3.47 sthitvā stotraṃ paṭhettāvadyāvattṛptiḥ prajāyate |
ācamya mukhavāsāditāmbūlaṃ ca nivedayet || 47 ||

Übersetzung: Er bleibe stehen und rezitiere das Loblied, bis sie gesättigt sind. Nach der Mundspülung reiche er Mundduft, Betel und Ähnliches.

Wort-für-Wort: tṛpti – Sättigung, Zufriedenheit; ācamya – nach der Mundspülung; mukhavāsa – Mundduft; tāvat yāvat – so lange, bis.

3.48 tato dadyāt punarmālyaṃ gandhacandanapaṅkilam |
namaskṛtya visṛjyaiva varaṃ prāpya sukhī bhavet || 48 ||

Übersetzung: Danach gebe er erneut Girlanden, mit Duft und Sandelpaste versehen. Er verneige sich, verabschiede sie und sei glücklich, nachdem er ihren Segen empfangen hat.

Wort-für-Wort: namaskṛtya – sich verneigt habend; visṛjya – verabschiedet habend; vara – Segen; sukhī – glücklich.

3.49 anyā yadi na gacchanti nijakanyā nijānujā |
agrajā vā mātulānī mātā vā tatsapatnikā || 49 ||

Übersetzung: Wenn keine anderen kommen, [verehre er so] die eigene Tochter, die jüngere oder ältere Schwester, die Tante mütterlicherseits, die Mutter oder deren Mitfrau.

Wort-für-Wort: nijakanyā – eigene Tochter; anujā – jüngere Schwester; agrajā – ältere Schwester; mātulānī – Frau des Mutterbruders; sapatnī – Mitfrau. Gemeint ist hier die zuvor beschriebene ehrende Bewirtung.

3.50 vayasā jātito vāpi hīnā vā paramāḥ kalāḥ |
pūjyā kulavaraiḥ sarvairnijāhaṃkāravarjitaiḥ || 50 ||

Übersetzung: Ob nach Alter oder Herkunft niedrig gestellt: Sie sind höchste Kräfte und von allen edlen Kula-Angehörigen ohne eigenen Hochmut zu verehren.

Wort-für-Wort: vayasā – hinsichtlich des Alters; jātitaḥ – nach Herkunft; paramāḥ kalāḥ – höchste Kräfte; ahaṃkāravarjita – frei von Ichdünkel.

3.51 sarvābhāve'pyekatarā pūjanīyā prayatnataḥ |
saṃskṛtāsaṃskṛtā vāpi jananī vāpi niṣpatiḥ || 51 ||

Übersetzung: Fehlen alle, soll man wenigstens eine mit Sorgfalt verehren: ob rituell vorbereitet oder nicht, ob Mutter oder ohne Gatten.

Wort-für-Wort: ekatarā – wenigstens eine; saṃskṛta – rituell vorbereitet; asaṃskṛta – nicht vorbereitet; niṣpati – ohne Gatten.

3.52 pūrvābhāve parā pūjyā madaṃśā yoṣito yataḥ |
ekaścetkulaśāstrajñaḥ pūjārhastatra bhairava ! || 52 ||

Übersetzung: Fehlt die jeweils zuvor genannte, verehre man die nächste, denn Frauen sind meine Anteile. Ist ein einziger Kenner der Kula-Lehre da, ist er dort der Verehrung würdig, Bhairava.

Wort-für-Wort: pūrvābhāve – beim Fehlen der vorherigen; madaṃśāḥ – meine Anteile; pūjārha – verehrungswürdig; kulaśāstrajña – Kenner der Kula-Schrift.

3.53 sarva eva surāḥ pūjyā brahmaviṣṇuśivādayaḥ |
ekā cedyuvatistatra pūjitā cāvalokitā || 53 ||

Übersetzung: [Mit ihm werden] alle Götter verehrt, Brahma, Vishnu, Shiva und die übrigen. Wird dort eine einzige junge Frau verehrt und ehrfürchtig angeschaut,

Wort-für-Wort: sarve surāḥ – alle Götter; ekā – eine einzige; pūjitā – verehrt; avalokitā – angeschaut.

3.54 sarvā eva parā devyaḥ pūjitāḥ kulabhairava ! |
ādāvante ca madhye ca lakṣapūrtau viśeṣataḥ || 54 ||

Übersetzung: sind damit alle höchsten Göttinnen verehrt, Kula-Bhairava. Zu Beginn, am Ende und in der Mitte, besonders beim Abschluss von hunderttausend Wiederholungen,

Wort-für-Wort: ādau – am Anfang; ante – am Ende; madhye – in der Mitte; lakṣapūrti – Vollendung von hunderttausend.

3.55 na pūjayati cet kāntāṃ tadā vighnaiḥ sa lipyate |
pūrvārjitaphalaṃ nāsti kā kathā parajanmani || 55 ||

Übersetzung: muss die Gefährtin verehrt werden; unterbleibt dies, wird der Übende von Hindernissen betroffen. Schon der früher erworbene Ertrag schwindet; was wäre dann erst im nächsten Leben zu erwarten?

Wort-für-Wort: kāntā – Gefährtin; vighnaiḥ – von Hindernissen; pūrvārjitaphala – früher erworbener Ertrag; parajanman – spätere Geburt.

3.56 tasmātsarvaprayatnena yadīcchedātmano hitam |
mamāpi krodhasaṃtāpaśamanaṃ vighnanāśanam || 56 ||

Übersetzung: Wer deshalb sein eigenes Wohl, die Besänftigung meines Zorns und die Beseitigung von Hindernissen wünscht,

Wort-für-Wort: ātmano hitam – eigenes Wohl; krodha – Zorn; śamana – Besänftigung; vighnanāśana – Beseitigung von Hindernissen.

3.57 yatnataḥ pūjanīyāḥ syuḥ kulākulajanāḥ svataḥ |
prātarutthāya pūjāyāṃ snānakāle'thavā punaḥ || 57 ||

Übersetzung: der verehre aus eigenem Antrieb sorgfältig die Menschen des Kula und Akula: beim morgendlichen Aufstehen, bei der Puja oder auch zur Badezeit.

Wort-für-Wort: kulākulajana – Menschen des Kula und Akula; svataḥ – von sich aus; prātarutthāya – morgens aufgestanden; pūjā – Verehrung.

3.58 saṃskṛtāsaṃskṛtā vāpi hīnajātāpi vā suta ! |
namasyāḥ sarvajātīnāṃ kulīnānāṃ kulārcane || 58 ||

Übersetzung: Ob vorbereitet oder unvorbereitet, selbst aus niedriger Herkunft, mein Sohn: Im Kula-Ritus sind die Kulinas aller gesellschaftlichen Gruppen zu ehren.

Wort-für-Wort: sarvajāti – alle Herkunftsgruppen; hīnajātā – nach damaliger Einordnung von niedriger Geburt; namasyāḥ – zu verehren.

3.59 puraścaraṇakāle'pi yadi syātpīṭhadarśanam |
tadā tatra pīṭhapūjā manasāpi na hīyate || 59 ||

Übersetzung: Wenn man während der vorbereitenden Mantrapraxis einen heiligen Sitz erblickt, darf dessen Verehrung nicht unterbleiben, wenigstens im Geist.

Wort-für-Wort: pīṭhadarśana – Anblick eines heiligen Sitzes; manasā api – wenigstens im Geist; na hīyate – wird nicht unterlassen.

3.60 devīkūṭe mahābhāgāmuḍḍīyāne ca bhairava ! |
yoganidrāṃ kāmarūpe mahiṣāsuramardinīm || 60 ||

Übersetzung: In Devikuta [verehre man] Mahabhaga, in Uddiyana Yoganidra und in Kamarupa die Bezwingerin des Büffeldämons, Bhairava.

Wort-für-Wort: devīkūṭa – Name eines heiligen Ortes; yoganidrā – Yogaschlaf, Göttinnenname; mahiṣāsuramardinī – Bezwingerin des Büffeldämons.

3.61 kātyāyanīṃ kāmabhūmau kāmākhyāṃ kāmadāyinīm |
jālaṃdhare ca pūrṇeśīṃ pūrṇaśaile ca caṇḍikām || 61 ||

Übersetzung: Katyayani im Land des Verlangens, Kamakhya, die Wünsche erfüllt; in Jalandhara Purneshi und am Berg Purnashaila Chandika.

Wort-für-Wort: kāmadāyinī – Wünsche gewährende; pūrṇeśī – Herrin der Fülle; śaila – Berg. Die Ortszuordnungen sind nicht überall eindeutig getrennt.

3.62 kāmarūpāṃ tu ṭhehāre pūjyā dikkaravāsinī |
athavā kāmarūpasya darśanaṃ yadi bhāgyataḥ || 62 ||

Übersetzung: In Thehara ist die Kamarupa-Gestalt als Dikkaravasini zu verehren. Oder wenn einem durch glückliche Fügung der Anblick Kamarupas zuteilwird,

Wort-für-Wort: dikkaravāsinī – in Dikkara Wohnende; darśana – Anblick, Besuch; bhāgyataḥ – durch günstiges Geschick; ṭhehāra – unsicherer Ortsname.

3.63 tadā durgādidevīnāṃ pūjā tatra vidhīyate |
kulanāthaṃ tato dhyātvā svayamavyagramānasaḥ || 63 ||

Übersetzung: ist dort die Verehrung Durgas und der anderen Göttinnen vorgeschrieben. Danach meditiere man über den Herrn des Kula, mit unzerstreutem Geist,

Wort-für-Wort: kulanātha – Herr des Kula; avyagramānasa – unzerstreuten Geistes; dhyātvā – meditiert habend.

3.64 śeṣaṃ samāpayedvatsa ! tadanusmṛtipūrvakam |
pūjākāle hīnajātā svayoṣidvā prayatnataḥ || 64 ||

Übersetzung: und vollende den verbleibenden Ritus, mein Kind, stets in dieser Erinnerung. Zur Zeit der Verehrung ist eine Frau niedriger Herkunft oder die eigene Gefährtin sorgfältig

Wort-für-Wort: śeṣa – Rest; anusmṛti – fortgesetzte Erinnerung; svayoṣit – eigene Frau; prayatnataḥ – mit Sorgfalt.

3.65 pūjanīyā prayatnena dvaidhaṃ tatra vivarjayet |
yathā viṣṇuḥ paraṃ goptā yathā ca śaṃbhurīśvaraḥ || 65 ||

Übersetzung: zu verehren; vermeide dabei Zwiespalt. Wie Vishnu der höchste Beschützer ist und Shambhu der Herr,

Wort-für-Wort: dvaidha – Zwiespalt, Unterscheidung; vivarjayet – man vermeide; goptṛ – Beschützer; īśvara – Herr.

3.66 yathā kamalajanmāpi ye vā vyāsamukhā dvijāḥ |
indrādyā lokapālāśca sarve gandharvakiṃnarāḥ || 66 ||

Übersetzung: wie der Lotusgeborene [Brahma], die Zweimalgeborenen mit Vyasa an der Spitze, die Weltenhüter mit Indra sowie alle Gandharvas und Kinnaras,

Wort-für-Wort: kamalajanman – Lotusgeborener; dvija – Zweimalgeborener; lokapāla – Weltenhüter; mukha – hier: an der Spitze stehend.

3.67 yakṣarakṣaḥpiśācādyā guhyacāraṇakhecarāḥ |
tairyathā gopitaṃ guhyaṃ tvaduktaṃ śāstrasaṃbhavam || 67 ||

Übersetzung: Yakshas, Rakshasas, Pishachas, verborgene Wesen, Charanas und Himmelswanderer das aus der Schrift stammende, von dir gesprochene Geheimnis bewahrt haben,

Wort-für-Wort: guhya – geheim, Geheimnis; gopita – bewahrt; śāstrasaṃbhava – aus der Lehre hervorgegangen; khecara – Himmelswanderer.

3.68 tathā tvayaiva goptavyaḥ kulācāraḥ sudurlabhaḥ || 68 ||

Übersetzung: so musst auch du den überaus schwer zugänglichen Kula-Weg bewahren.

Wort-für-Wort: tathā – ebenso; tvayā – durch dich; goptavya – zu bewahren; sudurlabha – sehr schwer zu erlangen.

iti kulacūḍāmaṇitantre tṛtīyaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 3. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Begleitende heutige Herzmeditation; keine Rekonstruktion eines Rituals dieses Kapitels:

4. Kapitel: Lebensführung, Kali und geheime Vollzüge

caturthaḥ paṭalaḥ

Kali und Shiva: Die Meditationsgestalt im vierten Kapitel ist zugleich furchtbar und segnend.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

4.1 śṛṇu putra ! rahasyaṃ me samayācārasaṃbhavam |
yena hīnā na siddhyanti janmakoṭiśatairapi || 1 ||

Übersetzung: Höre, mein Sohn, mein Geheimnis der verpflichtenden Lebensführung. Ohne sie gelangt man selbst in hunderten Millionen Geburten nicht zur Vollendung.

Wort-für-Wort: samaya – bindende Vereinbarung, religiöse Verpflichtung; ācāra – Lebensführung; na siddhyanti – sie gelangen nicht zur Vollendung; janman – Geburt.

4.2 mānavaḥ kulaśāstrāṇāṃ kulacaryānucāriṇām |
udāracittaḥ sarvatra vaiṣṇavācāratatparaḥ || 2 ||

Übersetzung: Der Mensch, der den Kula-Schriften und dem Kula-Weg folgt, sei überall großherzig und dem vishnuitischen Wandel zugewandt.

Wort-für-Wort: udāracitta – großherzig; sarvatra – überall; vaiṣṇavācāratatpara – dem vishnuitischen Verhalten ergeben.

4.3 paranindāsahiṣṇuḥ syādupakārarataḥ sadā |
devatāyatane caiva nirjane śūnyamaṇḍape || 3 ||

Übersetzung: Er ertrage die Schmähungen anderer und sei stets darauf bedacht, hilfreich zu sein. Wenn er einen Tempel, einen einsamen Ort oder eine leere Halle

Wort-für-Wort: paranindāsahiṣṇu – Schmähung durch andere ertragend; upakārarata – dem Helfen zugewandt; nirjana – menschenleer.

4.4 catuṣpathe jale madhye yadi daivādgatirbhavet |
kṣaṇaṃ dhyātvā manuṃ japtvā natvā gacchedyathāsukham || 4 ||

Übersetzung: oder eine Wegkreuzung beziehungsweise eine Stelle mitten im Wasser durch Zufall erreicht, meditiere er einen Augenblick, wiederhole das Mantra, verneige sich und gehe frei weiter.

Wort-für-Wort: kṣaṇa – Augenblick; manu – Mantra; japtvā – wiederholt habend; natvā – sich verneigt habend.

4.5 gṛdhraṃ vīkṣya mahākālīṃ namaskuryādalakṣitaḥ |
kṣemaṃkarīṃ tathā vīkṣya jambukīṃ yamadūtikām || 5 ||

Übersetzung: Sieht er einen Geier, verehre er unbemerkt Mahakali; ebenso beim Anblick des Kshemaṃkari-Vogels oder einer Schakalin, der Botin Yamas,

Wort-für-Wort: gṛdhra – Geier; alakṣita – unbemerkt; jambukī – Schakalin; yamadūtikā – Botin Yamas. kṣemaṃkarī ist hier eine Vogelbezeichnung, deren genaue Art offenbleibt.

4.6 kuraraṃ śyenakākau tu kṛṣṇamārjārameva ca |
pūrṇodari ! mahācaṇḍe ! muktakeśi ! balipriye || 6 ||

Übersetzung: eines Fischadlers, Falken, einer Krähe oder einer schwarzen Katze: „Vollbäuchige, große Wilde, mit gelöstem Haar, die du Opfergaben liebst,

Wort-für-Wort: kurara – Raub- beziehungsweise Fischadler; śyena – Falke; kāka – Krähe; muktakeśī – mit offenem Haar.

4.7 kulācāraprasannāsye ! namaste śaṃkarapriye ! |
śmaśānaṃ ca śavaṃ dṛṣṭvā pradakṣiṇamanuvrajan || 7 ||

Übersetzung: deren Antlitz durch den Kula-Weg erfreut ist: Verehrung dir, Geliebte Shankaras!“ Erblicke er eine Verbrennungsstätte oder einen Leichnam, gehe er rechtsherum darum

Wort-für-Wort: prasannāsya – mit erfreutem Antlitz; śaṃkarapriyā – Geliebte Shankaras; śmaśāna – Verbrennungsstätte; śava – Leichnam.

4.8 praṇamyānena mantreṇa mantrī sukhamavāpnuyāt |
ghoradaṃṣṭre ! kaṭhorākṣi ! kiṭiśabdapraṇādini ! || 8 ||

Übersetzung: und verneige sich mit folgendem Mantra; dadurch erlange der Mantrakenner Wohlergehen: „Schrecklich Gezahnte, Strengäugige, die du den Laut kiṭi ertönen lässt,

Wort-für-Wort: ghoradaṃṣṭrā – schreckliche Fangzähne; kaṭhorākṣī – mit strengem Blick; praṇādinī – laut ertönend; mantrin – Mantrapraktizierender.

4.9 ghoraghorarave mātarnamaste citivāsini ! |
kṛṣṇapuṣpaṃ raktavastraṃ vilokya tripurātmikām || 9 ||

Übersetzung: Mutter von furchtbarem, furchtbarem Ruf, Verehrung dir, die du auf dem Scheiterhaufen wohnst!“ Sieht er eine dunkle Blüte und ein rotes Gewand, [erkenne er darin] Tripura

Wort-für-Wort: citivāsinī – auf dem Scheiterhaufen Wohnende; kṛṣṇapuṣpa – dunkle Blüte; raktavastra – rotes Gewand; tripurātmikā – von Tripuras Natur.

4.10 praṇameddaṇḍavadbhūmāvimaṃ mantramudīrayan |
bandhūkapuṣpasaṃkāśe ! tripure ! bhayanāśini ! || 10 ||

Übersetzung: und verneige sich ausgestreckt auf der Erde mit dieser Anrufung: „Du leuchtest wie die Bandhuka-Blüte, Tripura, Vernichterin der Furcht,

Wort-für-Wort: bandhūkapuṣpasaṃkāśā – einer roten Bandhuka-Blüte gleichend; bhayanāśinī – Furcht vernichtend; udīrayan – aussprechend.

4.11 bhāgyodayasamutpanne ! namaste varavarṇini ! |
kṛṣṇavarṇaṃ tathā puṣpaṃ rājānaṃ rājaputrakam || 11 ||

Übersetzung: du erscheinst mit dem Aufgang des Glücks: Verehrung dir, du Schöngestaltete!“ Ebenso [ehre er] eine dunkle Blüte, einen König oder Königssohn,

Wort-für-Wort: bhāgyodaya – Aufgang günstigen Geschicks; varavarṇinī – Schöngestaltete; rājan – König; rājaputra – Königssohn.

4.12 hastyaśvarathaśastrāṇi phalakaṃ vīrapūruṣam |
mahiṣaṃ kuladevaṃ ca dṛṣṭvā mahiṣamardinīm || 12 ||

Übersetzung: Elefanten, Pferde, Wagen, Waffen, Schild und Helden, einen Büffel und die Kula-Gottheit; bei ihrem Anblick [verehre er] Mahishamardini.

Wort-für-Wort: hastin – Elefant; aśva – Pferd; śastra – Waffe; phalaka – Schild; mahiṣa – Büffel.

4.14 praṇamya jayadurgāṃ vā sa ca vighnairna lipyate |
jaya devi ! jagaddhātri ! tripure'mbe tridevate ! |
madyabhāṇḍaṃ samālokya matsyaṃ māṃsaṃ varastriyam || 14 ||

Übersetzung: Wer sich vor ihr oder Jayadurga verneigt, wird nicht von Hindernissen betroffen: „Sieg dir, Göttin, Trägerin der Welt, Tripura, Mutter, dreifache Gottheit!“ Beim Anblick eines Weingefäßes, von Fisch, Fleisch oder einer schönen Frau

Wort-für-Wort: jagaddhātrī – Trägerin der Welt; amba – Mutter; tridevatā – dreifache Gottheit; madyabhāṇḍa – Weingefäß. Die Nummer 13 steht nicht in der Vorlage; der unter 14 überlieferte Block bleibt zusammen.

4.15 dṛṣṭvā ca bhairavīṃ devīṃ praṇamya vimṛśenmanum |
ghoravighnavināśāya kulācārasamṛddhaye || 15 ||

Übersetzung: verneige er sich vor der Göttin Bhairavi und vergegenwärtige sich das Mantra zur Vernichtung schrecklicher Hindernisse und zum Gedeihen des Kula-Weges:

Wort-für-Wort: vimṛśet – er möge innerlich erfassen; vināśāya – zur Vernichtung; samṛddhi – Gedeihen.

4.16 namāmi varade devi ! muṇḍamālāvibhūṣite ! |
raktadhārāsamākīrṇavadane ! tvāṃ namāmyaham || 16 ||

Übersetzung: „Ich verneige mich, segenspendende Göttin, geschmückt mit einer Schädelgirlande. Vor dir, deren Gesicht von Blutströmen bedeckt ist, verneige ich mich.

Wort-für-Wort: varade – Segensspenderin; muṇḍamālāvibhūṣitā – mit einer Schädelgirlande geschmückt; raktadhārā – Blutstrom.

4.17 sarvavighnahare devi ! namaste haravallabhe |
eteṣāṃ darśane vatsa ! yadi naivaṃ prakurvate |
śaktimantraṃ puraskṛtya tasya siddhirna jāyate || 17 ||

Übersetzung: Du nimmst alle Hindernisse: Verehrung dir, Geliebte Haras!“ Wer beim Anblick dieser Erscheinungen nicht so handelt, mein Kind, erlangt auch durch das Shakti-Mantra keine Vollendung.

Wort-für-Wort: sarvavighnaharā – alle Hindernisse wegnehmend; haravallabhā – Geliebte Shivas; na jāyate – entsteht nicht.

4.18 eteṣāṃ māraṇoccāṭaṃ hiṃsanaṃ vāgurādibhiḥ |
kriyate yadi pāpātmā madbhaktaḥ sa kathaṃ bhavet || 18 ||

Übersetzung: Wer diese Wesen tötet, vertreibt oder mit Fallen und Ähnlichem verletzt: Wie könnte ein solcher Übeltäter mein Verehrer sein?

Wort-für-Wort: māraṇa – Tötung; uccāṭa – Vertreibung; hiṃsana – Verletzung; vāgurā – Fangnetz, Falle; madbhakta – mein Verehrer.

4.19 pradhānāṃśasamudbhūtā ete kulajanapriyāḥ |
ḍākinyaśca tathā sarvā madaṃśāḥ śṛṇu bhairava ! || 19 ||

Übersetzung: Sie sind aus meinen vorzüglichen Anteilen hervorgegangen und den Kula-Menschen lieb. Ebenso sind sämtliche Dakinis meine Anteile; höre, Bhairava.

Wort-für-Wort: pradhānāṃśa – vorzüglicher Anteil; samudbhūta – hervorgegangen; ḍākinī – tantrisches weibliches Geistwesen; madaṃśa – mein Anteil.

4.20 labdhasiddhisamāyogāt ḍākinīhiṃsanaṃ yadi |
atha vā dānavānāṃ ca madbhaktānāṃ viśeṣataḥ |
vaṭukānāṃ bhairavāṇāṃ tasya siddhirna jāyate || 20 ||

Übersetzung: Wer nach erlangter Macht Dakinis, Danavas oder besonders meine Verehrer, Vatukas und Bhairavas verletzt, dem kommt keine Vollendung zu.

Wort-für-Wort: labdhasiddhi – mit erlangter Macht; hiṃsana – Schädigung; vaṭuka – jugendliche Bhairava-Gestalt; siddhi – Vollendung, besondere Macht.

4.21 grāme vā nagare vātha haṭṭe vā catvare'pi vā |
yaṃ dṛṣṭvā yuvatirnārī pūrvadoṣavivarjitā || 21 ||

Übersetzung: Wenn eine junge Frau, die frei von früheren Fehlern ist, einen [Adepten] im Dorf, in der Stadt, auf dem Markt oder auf einem Platz erblickt,

Wort-für-Wort: grāma – Dorf; nagara – Stadt; catvara – Platz; pūrvadoṣavivarjitā – frei von früheren Fehlern.

4.22 bhāvaikabhinnahṛdayā vakradṛṣṭyā vilokya ca |
dṛṣṭvā madhukaraśreṇī yathā madhumadākulā || 22 ||

Übersetzung: und ihr Herz von einem einzigen Gefühl durchdrungen ist, blickt sie seitwärts nach ihm, wie ein Bienenschwarm, vom Honig berauscht,

Wort-für-Wort: bhāva – Gefühl, innere Regung; vakradṛṣṭi – seitlicher Blick; madhukaraśreṇī – Bienenschwarm; madākula – von Rausch erfüllt.

4.23 patatyavirataṃ padme yathā vāmṛtalolupā |
cakorī meghamāsādya sotsukā cātakapriyā || 23 ||

Übersetzung: unablässig auf einen Lotus fällt; wie eine nektarbegierige Chakori beim Anblick einer Wolke, voller Sehnsucht wie der Chataka-Vogel,

Wort-für-Wort: padma – Lotus; amṛtalolupa – nach Nektar verlangend; sotsuka – sehnsüchtig. Die Verbindung der Vogelbilder im zweiten Halbvers ist unsicher.

4.24 navaprasūtā dhenurvā yathā vatsānusaṅginī |
navena tṛṇajātena yathā vā hariṇāṅganā || 24 ||

Übersetzung: wie eine Kuh, die gerade gekalbt hat, an ihrem Kalb hängt, oder eine Hirschkuh sich zu frischem Gras hingezogen fühlt,

Wort-für-Wort: navaprasūtā – frisch entbunden; dhenu – Kuh; vatsa – Kalb; hariṇāṅganā – Hirschkuh.

4.25 kravyādāḥ palamāsādya tṛṣṇārtāstoyadarśanāt |
mṛṇāladarśanā haṃsī madhulobhātpipīlikā || 25 ||

Übersetzung: wie Fleischfresser zum Fleisch und Durstige zum Wasser, eine Gans zum Lotusstängel und eine Ameise in ihrer Süßgier:

Wort-für-Wort: kravyāda – Fleischfresser; tṛṣṇārta – vom Durst gequält; mṛṇāla – Lotusstängel; pipīlikā – Ameise.

4.26 cañcalā nijavaṃśā ced bhāvanā mūḍhamānasā |
utkṣipya bhujamūlaṃ ca vasanaṃ kṣipyate punaḥ || 26 ||

Übersetzung: So ist sie unruhig und in ihrer Vorstellung befangen; sie hebt den Arm und verschiebt erneut ihr Gewand.

Wort-für-Wort: cañcalā – unruhig; bhāvanā – Vorstellung; mūḍhamānasa – verwirrten Geistes; vasana – Gewand. nijavaṃśā ist im Zusammenhang unklar.

4.27 celāñcalaparīvartadarśitāpaghanākulā |
kaṇḍūtibhāvavyājena śithilīkṛtavāsasī || 27 ||

Übersetzung: Durch das Wenden des Gewandsaums zeigt sie Körperpartien; unter dem Vorwand, sich zu kratzen, lockert sie ihre Kleidung.

Wort-für-Wort: celāñcala – Gewandsaum; apaghana – Körperglied; kaṇḍūti – Jucken; vyāja – Vorwand.

4.28 darśitastanaparyantabhūbhāgā punarāvṛtā |
skhalatpadayugāpātapatitā punarutthitā || 28 ||

Übersetzung: Sie entblößt den Bereich bis zu ihren Brüsten und bedeckt ihn wieder, strauchelt, fällt nieder und erhebt sich erneut.

Wort-für-Wort: stana – Brust; āvṛta – bedeckt; skhalat – strauchelnd; punarutthitā – wieder aufgestanden.

4.29 sakhimirvyājamāsādya karṇākarṇimanoharam |
etatpraṇayayogena rahasye kāmakalpanā || 29 ||

Übersetzung: Unter einem Vorwand mit ihren Freundinnen flüstert sie anziehend von Ohr zu Ohr; durch diese Zuneigung entsteht im Verborgenen die Vorstellung der Liebe.

Wort-für-Wort: sakhī – Freundin; karṇākarṇi – von Ohr zu Ohr; praṇaya – Zuneigung; rahasye – im Verborgenen.

4.30 lekheyaṃ paśya suśroṇi śaśāṅkasya kucopari |
ityādibhāvabharitaghṛṇālajjāvivarjitā || 30 ||

Übersetzung: „Sieh, Schöngestaltete, diese Mondsichel auf deiner Brust!“ Von solchen Regungen erfüllt, ist sie ohne Scheu und Scham.

Wort-für-Wort: lekhā – Linie, Sichel; śaśāṅka – Mond; kucopari – auf der Brust; lajjāvivarjita – frei von Scham.

4.31 kāmāsahiṣṇuhṛdayā dūre vā cāntike sthitā |
dūtīmukhena lekhairvā jijñāsāsphuritādharā || 31 ||

Übersetzung: Ihr Herz erträgt das Verlangen nicht; ob fern oder nahe, erkundigt sie sich durch eine Botin oder Briefe, mit bewegten Lippen:

Wort-für-Wort: kāma – Begehren; dūtī – Botin; lekha – Brief; jijñāsā – Wunsch zu erfahren.

4.32 kastvaṃ kasyāsi putro vā kasmādāgata eva vā |
kimarthaṃ kimanuṣṭhātā kiṃ vā te'bhimataṃ vada || 32 ||

Übersetzung: „Wer bist du? Wessen Sohn bist du? Woher kommst du, weshalb und zu welcher Unternehmung? Sage, was du wünschst!“

Wort-für-Wort: kas tvam – wer bist du; kasyāsi putraḥ – wessen Sohn bist du; kimartham – wozu; abhimata – erwünscht.

4.33 aṅguṣṭhakeśaparyantaṃ pītvāpi ca na śāmyati |
tadā tadbhāvacaturo bhāvabodhahavirbhuje || 33 ||

Übersetzung: Selbst nachdem sie ihn von den Zehen bis zum Haar [mit den Augen] getrunken hat, kommt sie nicht zur Ruhe. Dann [bringe] der in ihren Regungen Kundige dem Feuer der Erkenntnis dieser Regungen

Wort-für-Wort: aṅguṣṭha – großer Zeh; keśa – Haar; na śāmyati – kommt nicht zur Ruhe; havirbhuj – Opferverzehrer, Feuer. Die Bildsprache setzt sich in Vers 34 fort.

4.34 tasyāṃ nijamanohāri haviḥśeṣaṃ vidhāya ca |
tatra sthitvā puraḥkṣobhaṃ kuryāt kāma ivāparaḥ || 34 ||

Übersetzung: in ihr den Rest der das eigene Herz bezaubernden Opfergabe dar; dort bleibend, erzeuge er Erregung im „Pura“, wie ein zweiter Liebesgott.

Wort-für-Wort: haviḥśeṣa – Rest der Opfergabe; purakṣobha – Erregung der „Stadt“, hier erotisch-rituell mehrdeutig; kāma – Liebesgott. Der genaue Vollzug bleibt verhüllt.

4.35 bhaumavāre citāsthāne kulasindūramānayet |
tenaiva kulakāṣṭhena yantraṃ kṛtvā tadantare || 35 ||

Übersetzung: An einem Dienstag bringe er Kula-Zinnober von einer Verbrennungsstätte herbei und zeichne mit einem Kula-Holz das Yantra; in dessen Inneres

Wort-für-Wort: bhaumavāra – Dienstag; citāsthāna – Verbrennungsstätte; kulakāṣṭha – rituelles Kula-Holz; antare – im Inneren.

4.36 spheṃ spheṃ kiṭikiṭidvandvaṃ likheccaṇḍamanuṃ tataḥ |
patre mahiṣamardinyā navavarṇaṃ likhettataḥ || 36 ||

Übersetzung: schreibe er zweimal „spheṃ“, zweimal „kiṭi“ und danach das Chanda-Mantra; auf die Blätter schreibe er das neunsilbige [Mantra] Mahishamardinis.

Wort-für-Wort: dvandva – Paar, Verdoppelung; patra – Blatt des Diagramms; navavarṇa – neunlautig; manu – Mantra. Eine Lesart bietet sphreṃ statt spheṃ.

4.37 tadbāhe jayadurgākhyāṃ śmaśānabhairavīṃ tataḥ |
likhitvā pūjayedrātrau bhadrakālīṃ samāhitaḥ || 37 ||

Übersetzung: Außen schreibe er [die Formeln] Jayadurgas und danach Shmashanabhairavis; nachts verehre er gesammelt Bhadrakali.

Wort-für-Wort: bāhya – außen; śmaśānabhairavī – Bhairavi der Verbrennungsstätte; samāhita – gesammelt; pūjayet – er verehre.

4.38 kāmākhyāṃ diśamāsthāya dhyātvā kāmakalāṃ tanum |
digvāsā galitāśeṣacikuraḥ kulakaulikaḥ || 38 ||

Übersetzung: Der Kaulika wende sich in Richtung Kamakhyas, meditiere über die Kamakala-Gestalt und sei unbekleidet, mit vollständig gelöstem Haar.

Wort-für-Wort: diś – Richtung; kāmakalā – schöpferische Liebeskraft; digvāsas – mit den Himmelsrichtungen bekleidet, nackt; cikura – Haar.

4.39 dhyāyet kālīṃ karālāsyāṃ daṃṣṭrālīnavilocanām |
sphuracchavakaraśreṇīkṛtakāñcīṃ digambarīm || 39 ||

Übersetzung: Er meditiere über Kali mit furchtbarem Antlitz, [auffallenden] Zähnen und Augen, unbekleidet, mit einer Hüftkette aus sich bewegenden Händen Toter,

Wort-für-Wort: karālāsya – furchtbares Antlitz; śavakara – Hand eines Toten; kāñcī – Hüftkette; digambarī – unbekleidet. daṃṣṭrālīnavilocanā ist unsicher.

4.40 vīrāsanasamāsīnāṃ mahākāloparisthitām |
śrutimūlasamākīrṇasṛkkanīṃ caṇḍanādinīm || 40 ||

Übersetzung: in der Heldenhaltung auf Mahakala sitzend, mit Mundwinkeln bis zu den Ohren und gewaltigem Ruf,

Wort-für-Wort: vīrāsana – Heldensitz; mahākāloparisthitā – auf Mahakala befindlich; sṛkkanī – Mundwinkel; caṇḍanādinī – wild Rufende.

4.41 muṇḍamālāgaladraktacarcitāṃ pīvarastanīm |
madirāmoditāsphālakampitākhilamedinīm || 41 ||

Übersetzung: vom herabtropfenden Blut ihrer Schädelgirlande bestrichen, mit vollen Brüsten, die ganze Erde durch ihre weinberauschten Bewegungen erschütternd,

Wort-für-Wort: galadrakta – herabtropfendes Blut; pīvarastanī – vollbrüstig; madirā – berauschendes Getränk; medinī – Erde.

4.42 vāme khaḍgaṃ khaṇḍamuṇḍadhāriṇīṃ dakṣiṇe kare |
varābhayayutāṃ ghoravadanāṃ lolajihvikām || 42 ||

Übersetzung: links Schwert und abgeschlagenen Kopf tragend, rechts Segen und Furchtlosigkeit gewährend, mit schrecklichem Gesicht und bewegter Zunge,

Wort-für-Wort: khaḍga – Schwert; khaṇḍamuṇḍa – abgeschlagener Kopf; varābhaya – Segen und Furchtlosigkeit; lolajihvikā – mit beweglicher Zunge.

4.43 śakuntapakṣasaṃyuktavāmakarṇavibhūṣaṇām |
śivābhirghorarāvābhiḥ sevitāṃ pralayoditām || 43 ||

Übersetzung: mit einer Vogelschwinge als Schmuck am linken Ohr, von furchtbar rufenden Schakalinnen umgeben, beim Weltuntergang hervortretend,

Wort-für-Wort: śakuntapakṣa – Vogelschwinge; vāmakarṇa – linkes Ohr; śivā – hier Schakalin; pralayoditā – beim Weltuntergang hervortretend.

4.44 caṇḍahāsacaṇḍanādacaṇḍāsphālaiśca bhairavaiḥ |
gṛhītanarakaṅkālairjayaśabdaparāyaṇaiḥ || 44 ||

Übersetzung: [umgeben] von Bhairavas mit wildem Lachen, Rufen und Toben, die menschliche Skelette halten und Siegesrufe ausstoßen,

Wort-für-Wort: caṇḍahāsa – wildes Lachen; narakaṅkāla – menschliches Skelett; jayaśabda – Siegesruf; bhairava – furchtbare Gottheitsgestalt.

4.45 seitākhilasiddhaughasevibhiḥ sevitāṃ parām |
evaṃ tāṃ kālikāṃ dhyātvā pūjayet kulasiddhaye || 45 ||

Übersetzung: von Dienern der gesamten Schar der Vollendeten verehrt, die Höchste. So meditiere er über Kalika und verehre sie zur Kula-Vollendung.

Wort-für-Wort: parā – die Höchste; siddhaugha – Schar der Vollendeten; dhyātvā – meditiert habend; seitākhila – offenbar gestörter Anfang des Halbverses, dem Kontext nach „von allen bedient“.

4.46 vinā parapurāveśavivarāntaḥpraveśanam |
yat kiñcit kulasiddhistu jāyate na manāgapi || 46 ||

Übersetzung: Ohne das Eintreten in ein fremdes „Pura“ und das Eindringen in seinen inneren Hohlraum entsteht nicht die geringste Kula-Vollendung.

Wort-für-Wort: parapura – fremde Stadt, Behausung oder körperlicher Bereich; praveśana – Eintritt; vivarāntaḥ – Inneres einer Öffnung; na manāg api – nicht im Geringsten. Die erotische und räumliche Bildsprache überlagern sich.

4.47 sarvasiddhipradā devī helayāpi ca cintitā |
ataḥ sā dakṣiṇā nāmnī triṣu lokeṣu gīyate || 47 ||

Übersetzung: Die Göttin gewährt alle Vollendungen, selbst wenn man nur beiläufig an sie denkt. Deshalb wird sie in den drei Welten Dakshina genannt.

Wort-für-Wort: helayā api – selbst beiläufig; cintitā – gedacht, innerlich betrachtet; dakṣiṇā – Name der Göttin, auch „gütig“ und „südlich“.

4.48 tato'ṣṭaśatamāmantrya siddhyarthaṃ śvetasaṃbhavam |
kālīmantreṇa sādhyādigrathitena ca bhairava || 48 ||

Übersetzung: Dann bespreche er zur Vollendung das weiß Entstandene [wohl weißen Senf] hundertachtmal mit dem Kali-Mantra, in das der Name der Zielperson und Weiteres eingeflochten ist, Bhairava.

Wort-für-Wort: aṣṭaśata – hier hundertacht; śvetasaṃbhava – weiß entstandenes Mittel; grathita – eingeflochten. Vers 50 nennt ausdrücklich siddhārtha, Senf. Aṣṭaśata kann auch achthundert bedeuten; hier wird die im Ritualkontext gebräuchliche Lesung hundertacht gewählt (vgl. Monier-Williams, Stichwort aṣṭaśata).

4.49 visṛjya devīṃ hṛdaye sthāpayitvā catuṣpathe |
varālṃakāraracito viśet parapuraṃ tataḥ || 49 ||

Übersetzung: Er verabschiede die Göttin, setze sie in sein Herz ein und betrete, auf einer Kreuzung mit schönem Schmuck versehen, das fremde Pura.

Wort-für-Wort: hṛdaye sthāpayitvā – ins Herz eingesetzt habend; catuṣpatha – Wegkreuzung; parapura – fremde Stadt beziehungsweise ritueller Bereich.

4.50 devīṃ dhyātvā dvāradeśe namaskṛtya kulaṃ gurum |
siddhārthaṃ vāmahaste tu gṛhītvā mantramuccaran || 50 ||

Übersetzung: Am Eingang meditiere er über die Göttin, verneige sich vor dem Kula-Guru und nehme Senf in die linke Hand, während er das Mantra spricht.

Wort-für-Wort: dvāradeśa – Eingang; kulaguru – Lehrer des Kula; siddhārtha – weißer Senf; vāmahasta – linke Hand.

4.51 yatra ca dvāri nigaḍalauhaśaṅkukulāvṛtiḥ |
bhittvā tatra viśedrātrau niḥśaṅkaḥ kṣobhavarjitaḥ || 51 ||

Übersetzung: Wo der Eingang von Riegeln, eisernen Bolzen und Umfriedungen verschlossen ist, dringe er nachts hindurch, ohne Furcht und ohne Erschütterung.

Wort-für-Wort: nigaḍa – Fessel, Riegel; lauhaśaṅku – Eisenbolzen; niḥśaṅka – furchtlos; kṣobhavarjita – unerschüttert.

4.52 śatāvṛtiṃ samullaṃghya viharet svecchayā tataḥ |
aśvāgāre rathāgāre kālikāgārasaṃnidhau || 52 ||

Übersetzung: Nachdem er hundert Umfriedungen überschritten hat, bewege er sich nach Wunsch: im Pferdestall, im Wagenhaus und bei Kalis Heiligtum,

Wort-für-Wort: śatāvṛti – hundert Umfriedungen; svecchayā – nach eigenem Willen; aśvāgāra – Pferdestall; rathāgāra – Wagenhaus.

4.53 devatāyatane vāpi ajjanāñcitalocanaḥ |
dhyātvā svapnavatīṃ vidyāṃ praviśet kāmamaṇḍapam || 53 ||

Übersetzung: oder in einem Tempel. Mit gesalbten Augen meditiere er über die Traum-Vidya und betrete die Liebeshalle.

Wort-für-Wort: añjana – Augensalbe, in der Vorlage ajjana; svapnavatī vidyā – Traum-Vidya; kāmamaṇḍapa – Liebeshalle.

4.54 yadi ko'pi samāyāti na bhayaṃ tatra cintayet |
ke yūyamī vaktavye vayaṃ ca vīrapūruṣāḥ || 54 ||

Übersetzung: Wenn jemand kommt, denke er nicht an Furcht. Auf die Frage „Wer seid ihr?“ [antworte er]: „Wir sind Helden.“

Wort-für-Wort: bhaya – Furcht; ke yūyam – wer seid ihr; vīrapūruṣa – Heldenmensch; vaktavya – zu sagen.

4.55 vaktuṃ grahītuṃ smartuṃ vā na śaktāḥ purapālakāḥ |
tatra pradakṣiṇīkṛtya pitarau paramāspadam || 55 ||

Übersetzung: Die Wächter des Pura vermögen nicht zu sprechen, zuzugreifen oder sich zu erinnern. Dort umschreite er die Eltern, die höchste Zuflucht,

Wort-für-Wort: purapālaka – Wächter der Stadt; grahītum – zu greifen; smartum – sich zu erinnern; pitarau – beide Eltern.

4.56 pūjayedyantramālikhya nijaṃ mantraṃ japettataḥ |
devīkūṭe tathoḍḍīne kāmarūpe tatastaṭe || 56 ||

Übersetzung: zeichne ein Yantra, verehre [sie] und wiederhole sein eigenes Mantra; ebenso in Devikuta, Uddiyana, Kamarupa und an dessen Ufer,

Wort-für-Wort: nijamantra – eigenes Mantra; ālikhya – gezeichnet habend; taṭa – Ufer; devīkūṭa – heiliger Ort.

4.57 jālaṃdhare tataḥ pūrṇe yajñabhūmau tataḥ param |
eṣu vinyasya cakrāṇi pūjayitvā praṇamya ca || 57 ||

Übersetzung: in Jalandhara, Purna und auf der Opferstätte. Dort setze er die Chakras ein, verehre und verneige sich.

Wort-für-Wort: cakra – Ritualkreis; vinyasya – angeordnet habend; yajñabhūmi – Opferstätte; praṇamya – sich verneigt habend.

4.58 aṣṭadhā daśadhā vāpi śataṃ vāpi sahasrakam |
japtvā pīṭhaṃ samādāya bhāṇḍāgāraṃ tato viśet || 58 ||

Übersetzung: Er wiederhole achtmal, zehnmal, hundertmal oder tausendmal, nehme den Sitz mit und betrete dann den Vorratsraum.

Wort-für-Wort: aṣṭadhā – achtfach; daśadhā – zehnfach; sahasraka – tausend; bhāṇḍāgāra – Vorratsraum.

4.59 nirmūlāṃ bhūmimāsthāya tatra siddhāsanaṃ tataḥ |
rakṣāpīṭhaṃ puraskṛtya praṇamet pīṭhasaṃmukham || 59 ||

Übersetzung: Auf wurzelfreiem Boden nehme er den Siddha-Sitz ein; den Schutzsitz vor sich aufstellend, verneige er sich dem Sitz zugewandt.

Wort-für-Wort: nirmūlā bhūmi – wurzelfreier Boden; siddhāsana – Siddha-Sitz; rakṣāpīṭha – Schutzsitz; saṃmukha – zugewandt.

4.60 āgatāsi mahābhāge ! siddhayone ! madiṣṭade ! |
kulapūjāṃ kariṣyāmi upacāraṃ prayaccha me || 60 ||

Übersetzung: „Du bist gekommen, Glückreiche, Ursprung der Vollendung, die du mir das Erwünschte gewährst! Ich werde Kula-Verehrung vollziehen; gewähre mir die Mittel der Verehrung.“

Wort-für-Wort: āgatā asi – du bist gekommen; siddhayoni – Ursprung der Vollendung; iṣṭadā – Erwünschtes gewährende; upacāra – Dienst, Kultgabe.

4.61 putrājñāṃ mastake kṛtvā tataḥ sāgāramīkṣate |
kulapuṣpaṃ tathā gandhaṃ naivedyaṃ punarāharet || 61 ||

Übersetzung: Sie nehme die Weisung des Sohnes auf ihr Haupt, sehe sich im Haus um und bringe Kula-Blüten, Duft und Speisegaben herbei.

Wort-für-Wort: putrājñā – Weisung des Sohnes; mastake kṛtvā – auf das Haupt genommen habend; naivedya – Speisegabe.

4.62 taddhastāvacitaṃ sarvaṃ tenaivopaskṛtaṃ tataḥ |
samādāya tathā pūjāṃ kṛtvā paktvā nijecchayā || 62 ||

Übersetzung: Er nehme alles entgegen, was ihre Hand gesammelt und zubereitet hat, vollziehe damit die Verehrung und koche nach seinem Wunsch.

Wort-für-Wort: taddhasta – ihre Hand; avacita – gesammelt; upaskṛta – zubereitet; paktvā – gekocht habend.

4.63 śālitaṇḍulamādāya matsyamāṃsāni caiva hi |
ghṛtaṃ madhu tathā cānyad yadvā yatraiva labhyate || 63 ||

Übersetzung: Er nehme Reis, Fisch und Fleisch, Ghee, Honig und anderes, was gerade verfügbar ist,

Wort-für-Wort: śālitaṇḍula – Reiskörner; matsya – Fisch; māṃsa – Fleisch; madhu – Honig; labhyate – ist erhältlich.

4.64 sthāpayitvā tataḥ pātre paramīkṛtya sādhakaḥ |
nijeṣṭadevatāṃ dhyātvā nivedya śāstramārgataḥ || 64 ||

Übersetzung: gebe es in ein Gefäß und erhebe es rituell zum Höchsten. Über seine erwählte Gottheit meditierend, bringe der Übende es nach dem Weg der Schrift dar.

Wort-für-Wort: paramīkṛtya – zum Höchsten gemacht habend; iṣṭadevatā – erwählte Gottheit; śāstramārga – Weg der Schrift.

4.65 phalaṃ chitvā dvidhā bhitvā tasyārdhaṃ kulaśaktaye |
nivedayet svayaṃ cārdhaṃ bhakṣayitvā puraḥsthitaḥ || 65 ||

Übersetzung: Er schneide eine Frucht in zwei Teile, bringe eine Hälfte der Kula-Shakti dar und esse selbst die andere Hälfte, ihr gegenüber sitzend.

Wort-für-Wort: dvidhā – zweifach; ardha – Hälfte; kulaśakti – Kula-Partnerin beziehungsweise verkörperte Göttin; bhakṣayitvā – gegessen habend.

4.66 yadi no vidyate yoṣā tatastoye visarjayet || 66 ||

Übersetzung: Ist keine Frau anwesend, übergebe er [ihren Anteil] dem Wasser.

Wort-für-Wort: no vidyate – ist nicht vorhanden; yoṣā – Frau; toye – im Wasser; visarjayet – er übergebe.

4.67 tataḥ pīṭhaṃ samādāya bhūmimārjanapūrvakam |
pituḥ samīpe saṃsthāpya tattvacintāparo bhavet || 67 ||

Übersetzung: Danach nehme er den Sitz auf, reinige zuvor den Boden, stelle ihn in die Nähe des Vaters und widme sich der Betrachtung der Wirklichkeit.

Wort-für-Wort: bhūmimārjana – Reinigen des Bodens; pituḥ samīpe – nahe beim Vater; tattvacintāpara – ganz der Betrachtung der Wirklichkeit hingegeben.

iti kulacūḍāmaṇitantre caturthaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 4. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

5. Kapitel: Kamakhya und die Kali-Praxis

pañcamaḥ paṭalaḥ

śrīdevyuvāca - – Die Göttin spricht:

5.1 nidrāvaśagate deva ! niśācāreṇa sādhakaḥ |
kāmarūpaṃ praviśyāśu kāmākhyāyonimaṇḍapam || 1 ||

Übersetzung: Wenn [die Bewohner] vom Schlaf überwältigt sind, o Gott, betrete der Übende bei seinem nächtlichen Gang rasch Kamarupa, die Yoni-Halle Kamakhyas.

Wort-für-Wort: nidrāvaśagata – unter die Macht des Schlafs geraten; niśācāra – nächtlicher Gang; yonimaṇḍapa – Yoni-Halle. Das Subjekt des ersten Ausdrucks bleibt unausgesprochen.

5.2 pariṣkṛtya kulairdravyairlikhitvā cakramuttamam |
sādhyasādhakanāmnā ca darbhitaṃ vipulīkṛtam || 2 ||

Übersetzung: Er bereite sie mit Kula-Substanzen vor und zeichne den vorzüglichen, ausgedehnten Kreis, in den die Namen der Zielperson und des Übenden eingeflochten sind.

Wort-für-Wort: pariṣkṛtya – vorbereitet, geschmückt habend; sādhya – Zielperson; sādhaka – Übender; darbhita – eingeflochten.

5.3 kāmasthaṃ kāmamadhyasthaṃ kāmena ca puṭīkṛtam |
kāmena kāmayet kāmaṃ kāmaṃ kāmena yojayet || 3 ||

Übersetzung: Das im Begehren Befindliche, in der Mitte des Begehrens, vom Begehren umschlossen: Durch Begehren begehre man das Begehren und verbinde Begehren mit Begehren.

Wort-für-Wort: kāma – Begehren, Liebesgott, hier auch verschlüsselter Mantrabezug; puṭīkṛta – umschlossen; yojayet – man verbinde. Das Wortspiel lässt keine sichere eindeutige Ritualauflösung zu.

5.4 tato dhyātvā manuṃ japtvā pīṭhādi cāvalokya ca |
mātṛpīṭhe pitṛmukhaṃ sthāpayitvā vidhānataḥ || 4 ||

Übersetzung: Dann meditiere er, wiederhole das Mantra, betrachte den Sitz und Weiteres und setze vorschriftsgemäß das „Antlitz des Vaters“ in den „Sitz der Mutter“.

Wort-für-Wort: mātṛpīṭha – Sitz der Mutter; pitṛmukha – Antlitz des Vaters; vidhānataḥ – nach Vorschrift. Die Ausdrücke besitzen hier eine verhüllte sexuelle Bedeutung.

5.5 gṛhītvā vastrakhaṇḍaṃ vā tāmbūladvayameva vā |
kākiṇīṃ vā tadardhaṃ vā tadyogyaṃ harate haṭhāt || 5 ||

Übersetzung: Er nehme ein Stück Stoff, zwei Betelbissen, eine Kakini-Münze oder eine halbe davon; den angemessenen Anteil nimmt er gewaltsam an sich.

Wort-für-Wort: vastrakhaṇḍa – Stoffstück; kākiṇī – kleine Münze; ardha – Hälfte; haṭhāt – gewaltsam. Die begrenzende Ritualregel wird in den folgenden Versen ergänzt.

5.6 pradakṣiṇakrameṇaiva krameṇa niḥsarettataḥ |
paurāṅganānāṃ dravyaṃ vā parirakṣitureva vā || 6 ||

Übersetzung: Dann gehe er schrittweise rechtsherum hinaus. [Nimmt er hingegen] Besitz der Frauen des Pura oder ihres Beschützers,

Wort-für-Wort: pradakṣiṇakrama – Bewegung mit der rechten Seite zugewandt; niḥsaret – er gehe hinaus; parirakṣitṛ – Beschützer.

5.7 gṛhītvā yadi niryāti bhraṣṭo bhavati sādhakaḥ |
teṣāṃ prahāraścāturyaṃ vyabhicārakulakṣatiḥ || 7 ||

Übersetzung: und geht damit fort, fällt der Übende vom Weg ab. Wenn er sie schlägt, überlistet oder durch sexuelle Verfehlung das Kula verletzt,

Wort-für-Wort: bhraṣṭa – abgefallen; prahāra – Schlag; cāturya – hier Überlistung; vyabhicāra – Verfehlung, unerlaubter Verkehr; kulakṣati – Schädigung des Kula.

5.8 kriyate yadi duṣṭena tadā naśyati niścitam |
vyabhicārāt purakṣobho baddhaścaivābhibhūyate || 8 ||

Übersetzung: wenn ein Böswilliger so handelt, geht er gewiss zugrunde. Aus der Verfehlung entstehen Erschütterung des Pura und Gefangennahme beziehungsweise Überwältigung.

Wort-für-Wort: duṣṭa – böswillig; naśyati – geht zugrunde; purakṣobha – Erschütterung des Pura; baddha – gefesselt. Der zweite Halbvers ist syntaktisch gestört.

5.9 svapnaprabodhamantreṇa bodhayet puravāsinīm |
anyacaureṇa vā teṣāṃ kulīnena ca śaṃkara ! || 9 ||

Übersetzung: Mit dem Mantra des Erwachens aus dem Schlaf wecke er die Bewohnerin des Pura. Denn auch ein anderer Dieb oder Kulina, Shankara,

Wort-für-Wort: svapnaprabodhamantra – Mantra zum Erwachen aus dem Schlaf; bodhayet – er wecke; puravāsinī – Bewohnerin des Pura.

5.10 praviśya vighnaḥ kriyate sādhakasya na saṃśayaḥ |
bhūtāḥ pretāḥ piśācā vā rākṣasā vā sarīsṛpāḥ || 10 ||

Übersetzung: kann eindringen und dem Übenden gewiss ein Hindernis bereiten; ebenso Geister, Verstorbene, Pishachas, Rakshasas oder kriechende Wesen,

Wort-für-Wort: praviśya – eingedrungen; vighna – Hindernis; preta – Totengeist; sarīsṛpa – kriechendes Wesen.

5.11 kiṃnarī vā tathā nāgakanyā pātālakanyakāḥ |
vidyādharī bhairavaśca vaṭuko gaṇapastathā || 11 ||

Übersetzung: Kinnari, Naga-Töchter, Mädchen der Unterwelt, Vidyadhari, Bhairava, Vatuka und Ganapati:

Wort-für-Wort: nāgakanyā – Naga-Tochter; pātālakanyakā – Mädchen der Unterwelt; vidyādharī – weibliches himmlisches Wesen.

5.12 praviśya vighnaṃ kurvanti suptā dṛṣṭvā purāṅganāḥ |
apatyahāniṃ vikṣobhaṃ vyādhimuñcāṭanaṃ tathā || 12 ||

Übersetzung: Sie dringen ein und schaffen Hindernisse, wenn sie die Frauen des Pura schlafend sehen: Verlust von Nachkommen, Erschütterung, Krankheit und Vertreibung,

Wort-für-Wort: apatyahāni – Verlust von Nachkommen; vyādhi – Krankheit; uccāṭana – Vertreibung; supta – schlafend.

5.13 dravyahāniṃ vyākulatvaṃ kurvanti vighnahetukāḥ |
etat purapaterevaṃ tat kāraṇādyadi śaṃkara ! || 13 ||

Übersetzung: Verlust von Besitz und Verwirrung bewirken diese Störenfriede. Wenn deshalb dem Herrn des Pura, Shankara,

Wort-für-Wort: dravyahāni – Besitzverlust; vyākulatva – Verwirrung, Unruhe; vighnahetuka – Hindernisse verursachend; purapati – Herr des Pura.

5.14 tṛṇahāniryadā jātā tadā naśyanti sādhakāḥ |
tasmāt sarvaprayatnena prabodhaṃ kārayed guruḥ || 14 ||

Übersetzung: auch nur ein Grashalm verloren geht, gehen die Übenden zugrunde. Deshalb soll der Guru mit aller Sorgfalt das Erwachen herbeiführen.

Wort-für-Wort: tṛṇahāni – Verlust eines Grashalms; prabodha – Erwachen; kārayet – er lasse bewirken; sarvaprayatnena – mit aller Sorgfalt.

5.15 rakṣā kāryā prayatnena kīlakānnikhanettataḥ |
vajraṃ śaktiṃ tathā daṇḍaṃ khaḍgaṃ pāśaṃ tathāṅkuśam || 15 ||

Übersetzung: Für Schutz ist sorgfältig zu sorgen; man vergrabe Schutzpflöcke [mit den Zeichen] von Donnerkeil, Speer, Stab, Schwert, Schlinge und Haken.

Wort-für-Wort: rakṣā – Schutz; kīlaka – Pflock; vajra – Donnerkeil; śakti – hier Speer; pāśa – Schlinge; aṅkuśa – Haken.

5.16 tatra taddikpatīnāṃ ca pūjā kāryā prayatnataḥ |
piṣṭakaṃ kadalaṃ deva ! modakaṃ pāyasaṃ tathā || 16 ||

Übersetzung: Dort sind die jeweiligen Hüter der Himmelsrichtungen sorgfältig zu verehren, mit Gebäck, Bananen, Süßigkeiten und Milchreis,

Wort-für-Wort: dikpati – Richtungshüter; piṣṭaka – Gebäck; kadala – Banane; modaka – Süßigkeit; pāyasa – Milchreis.

5.17 bhaktaṃ lājaṃ daṃśanaṃ ca nārikelaphalaṃ tataḥ |
viṣṇave paramānnaṃ ca gaṇeśāya ca pīṭhakam || 17 ||

Übersetzung: gekochtem Reis, Puffreis, Bissen und Kokosnuss; Vishnu [erhält] die vorzügliche Milchspeise, Ganesha einen Kuchen,

Wort-für-Wort: bhakta – gekochter Reis; lāja – Puffreis; paramānna – süßer Milchreis; pīṭhaka – hier Kuchen, Lesung unsicher.

5.18 modakaṃ nārikelaṃ ca kadalīphalameva ca |
kṣetreśāya kṛṣṇacchāgaṃ datvā vīramanuṃ tataḥ || 18 ||

Übersetzung: Süßigkeiten, Kokosnuss und Bananenfrucht. Dem Gebietshüter gebe er einen schwarzen Ziegenbock, und danach [spreche er] das Vira-Mantra.

Wort-für-Wort: kṣetreśa – Gebietshüter; kṛṣṇacchāga – schwarzer Ziegenbock; vīramanu – Helden-Mantra; dattvā – gegeben habend.

5.19 japtā loṣṭaṃ samādāya kṣipeddaśasu dikṣu ca |
yathā yajñe'bhiṣikte'śve yathā śakrādibhiḥ suraiḥ || 19 ||

Übersetzung: Nach dessen Wiederholung nehme er Erdklumpen und werfe sie in die zehn Richtungen. Wie bei einem Opfer am geweihten Pferd durch Indra und andere Götter

Wort-für-Wort: loṣṭa – Erdklumpen; daśa diśaḥ – zehn Richtungen; abhiṣikta – geweiht; aśva – Pferd.

5.20 vighnamācaryate tadvat kulopari maheśvara ! |
śayanāgāra aiśāne kulaśaṅkhaṃ nidhāpayet || 20 ||

Übersetzung: Hindernisse bereitet werden, so auch beim Kula, Maheshvara. Im nordöstlichen Teil des Schlafraums stelle er die Kula-Muschel auf.

Wort-für-Wort: aiśāna – nordöstlich; śayanāgāra – Schlafraum; kulaśaṅkha – Kula-Muschel, Ritualausdruck; nidhāpayet – er lasse aufstellen.

5.21 ūrdhve vitastivistāramadho vistārameva ca |
kṛtvā tatra yantrarājaṃ pūjayenniśi sādhakaḥ || 21 ||

Übersetzung: Er mache [die Anordnung] oben und unten eine Spanne breit, errichte dort den König der Yantras und verehre ihn in der Nacht.

Wort-für-Wort: vitasti – Spanne; vistāra – Breite; yantrarāja – König der Yantras; niśi – nachts.

5.22 rātrau paryaṭanaṃ caiva rātrau ca kulapūjanam |
na karoti kathaṃ deva ! sādhakaḥ kauliko bhavet || 22 ||

Übersetzung: Wie könnte ein Übender Kaulika sein, wenn er keinen nächtlichen Gang und keine nächtliche Kula-Verehrung vollzieht, o Gott?

Wort-für-Wort: rātrau – nachts; paryaṭana – Umhergehen; katham – wie; kaulika – Kula-Adept.

5.23 gṛhasthāśramamāsādya pratidvāraṃ samāhitaḥ |
rātrau sthitvā kulācārakathāṃ tribhuvaneśvarīm || 23 ||

Übersetzung: Im Hausstand lebend, bleibe er nachts an jedem Eingang gesammelt und [vergegenwärtige] im Zusammenhang des Kula-Weges die Herrin der drei Welten.

Wort-für-Wort: gṛhasthāśrama – Hausstand; pratidvāram – an jedem Eingang; tribhuvaneśvarī – Herrin der drei Welten. Der Satz ist im überlieferten Wortlaut unvollständig verbunden.

5.24 natvā ca prajapenmantraṃ pūrvaśaktiryadā bhavet |
prātaḥ snātvā guruṃ natvā pitṝn devān ṛṣīṃstathā || 24 ||

Übersetzung: Er verneige sich und wiederhole das Mantra, wenn die zuvor genannte Shakti gegenwärtig ist. Morgens bade er, ehre den Guru und [wende sich] den Ahnen, Göttern und Sehern [zu].

Wort-für-Wort: prātaḥ – morgens; snātvā – gebadet habend; guruṃ natvā – den Guru verehrt habend; pūrvaśakti – zuvor genannte Shakti.

5.25 tarpayitvā yathāśakti pūjayedbhaktibhāvitaḥ |
tato yuvatisevāyā yatkiṃcidvyapadeśataḥ || 25 ||

Übersetzung: Er sättige sie und verehre nach Kräften, von Hingabe erfüllt. Danach [suche er] unter irgendeinem Anlass den Dienst an der jungen Frau,

Wort-für-Wort: yathāśakti – nach Kräften; bhaktibhāvita – von Hingabe erfüllt; yuvatisevā – Dienst an der jungen Frau; vyapadeśa – Anlass, Vorwand.

5.26 yathā paurāṅganālāpamiśraṇavyapadeśataḥ |
dravyādinā tatra vāpi yathā bhavati bhairava ! || 26 ||

Übersetzung: etwa durch Gespräche und Umgang mit den Frauen des Pura, durch Geschenke oder wie es sich dort ergibt, Bhairava.

Wort-für-Wort: ālāpa – Gespräch; miśraṇa – Umgang; dravya – Besitz, Gabe; yathā bhavati – wie es sich ergibt.

5.27 dāsadāsīpratīpālacāriṇāṃ priyakāryapi |
asyopari kṛpā tasyāḥ kīdṛśī vyapadeśataḥ || 27 ||

Übersetzung: Er tue auch den Dienern, Dienerinnen und Aufsehern Gefälliges und erkunde beiläufig, welcher Art ihre Gunst gegenüber ihm ist.

Wort-für-Wort: dāsadāsī – Diener und Dienerin; priyakārya – Gefälliges tun; kṛpā – Gunst; kīdṛśī – welcher Art.

5.28 jñātavyaḥ purabhāvastu yatnataḥ kulasādhakaiḥ |
kenāpi vyapadeśena kulacūḍāmaṇiṃ svataḥ || 28 ||

Übersetzung: Den Zustand des Pura sollen die Kula-Übenden sorgfältig kennen. Unter irgendeinem Anlass verschaffe man sich den „Scheiteljuwel des Kula“

Wort-für-Wort: purabhāva – Zustand des Pura; jñātavya – zu erkennen; kulacūḍāmaṇi – Scheiteljuwel des Kula, hier zugleich verhüllter Ritualbegriff.

5.29 gṛhītvā svarṇapātre vā tāmre vā kulasaṃjñake |
likhitvā nijayantraṃ vā kulayantramathāpi vā || 29 ||

Übersetzung: und zeichne in einem goldenen, kupfernen oder als Kula bezeichneten Gefäß das eigene Yantra oder das Kula-Yantra,

Wort-für-Wort: svarṇapātra – Goldgefäß; tāmra – Kupfer; nijayantra – eigenes Yantra; likhitvā – gezeichnet habend.

5.30 śrīyantraṃ vātha gandharvayantraṃ vā dravyamiśritam |
madhye tat kulanāmnā ca darbhitaṃ nijanāmabhiḥ || 30 ||

Übersetzung: oder ein Shriyantra oder Gandharvayantra, mit der Substanz verbunden, in dessen Mitte der Kula-Name und die eigenen Namen eingeflochten sind.

Wort-für-Wort: śrīyantra – Shri-Diagramm; gandharvayantra – Gandharva-Diagramm; madhye – in der Mitte; kulanāman – Kula-Name.

5.31 pārśve kāmakalābījaṃ nijamantreṇa veṣṭitam |
pūjayet sādhakaśreṣṭhaḥ kulāmnāyaparāyaṇaḥ || 31 ||

Übersetzung: An der Seite [stehe] das Kamakala-Bija, vom eigenen Mantra umschlossen. So verehre der beste Übende, der Kula-Überlieferung ergeben.

Wort-für-Wort: kāmakalābīja – Keimsilbe der Kamakala; veṣṭita – umschlossen; kulāmnāya – Kula-Überlieferung; parāyaṇa – ganz zugewandt.

5.32 kulapūjādiliṅgaistu rahito viṣṇutatparaḥ |
gacchan svadan naman vāpi skhalan viṣṇuparāyaṇaḥ || 32 ||

Übersetzung: Äußerlich ohne Zeichen der Kula-Verehrung, sei er Vishnu zugewandt: beim Gehen, Essen, Verneigen und selbst beim Straucheln.

Wort-für-Wort: liṅga – Zeichen; rahita – frei von; svadan – essend, kostend; skhalan – strauchelnd; viṣṇuparāyaṇa – Vishnu hingegeben.

5.33 jaya viṣṇo hare ! brahman nāmādya padavistaraiḥ |
smartavyo'haṃ kulābhijñairaraṇye vā jalāśaye || 33 ||

Übersetzung: „Sieg dir, Vishnu! Hari! Brahman!“ – unter solchen Namensrufen sollen die Kula-Kundigen sich an mich erinnern, im Wald oder an einer Wasserstelle.

Wort-für-Wort: smartavyaḥ – zu erinnern; kulābhijña – Kula-Kundiger; araṇya – Wald; jalāśaya – Gewässer. Der maskuline Ausdruck für die sprechende Göttin bleibt auffällig.

5.34 tataḥ pūrvoktarūpeṇa kulakṣobhaṃ samācaret |
tato rātrau śūnyagehe udyāne vā surālaye || 34 ||

Übersetzung: Dann vollziehe er die zuvor beschriebene Kula-Erregung. Nachts, in einem leeren Haus, Garten oder Heiligtum,

Wort-für-Wort: kulakṣobha – Kula-Erregung, rituell-erotischer Begriff; śūnyageha – leeres Haus; udyāna – Garten; surālaya – Heiligtum.

5.35 ānīya kulajāṃ devīṃ mūlamantreṇa dīkṣayet |
tataḥ pūrvoktarūpeṇa kulakṣobhaṃ samācaret || 35 ||

Übersetzung: führe er die Kula-Göttin herbei und weihe sie mit dem Grundmantra. Danach vollziehe er die Kula-Erregung in der zuvor beschriebenen Weise.

Wort-für-Wort: kulajā devī – Kula-Frau als Göttin; mūlamantra – Grundmantra; dīkṣayet – er weihe ein; pūrvokta – zuvor beschrieben.

5.36 evaṃ kṛtena siddhiścet mūlamantraṃ samabhyaset |
pīṭhānāṃ paramaṃ pīṭhaṃ kāmarūpaṃ mahāphalam || 36 ||

Übersetzung: Wenn dadurch die Vollendung eintritt, übe er das Grundmantra weiter. Der höchste aller heiligen Sitze ist Kamarupa, von großer Wirkkraft.

Wort-für-Wort: samabhyaset – er übe beständig; paramaṃ pīṭham – höchster heiliger Sitz; mahāphala – große Frucht gewährend.

5.37 tatra yat kriyate pūjā sakṛdvāpi maheśvara ! |
vihāya sarvapīṭhāni tatra putra vasāmyaham || 37 ||

Übersetzung: Wo dort auch nur einmal Verehrung geschieht, Maheshvara, dort wohne ich, mein Sohn, und lasse alle anderen heiligen Sitze zurück.

Wort-für-Wort: sakṛt – einmal; vihāya – zurücklassend; vasāmi – ich wohne; sarvapīṭha – alle heiligen Sitze.

5.38 tasmācchataguṇaṃ proktaṃ kāmākhyaṃ yonimaṇḍalam |
teṣāṃ phalaṃ mahādeva ! bahu kiṃ kathyate'dhunā || 38 ||

Übersetzung: Hundertfach höher wird Kamakhyas Yoni-Kreis gepriesen. Was soll ich jetzt noch viel über dessen Frucht sagen, großer Gott?

Wort-für-Wort: śataguṇa – hundertfach; yonimaṇḍala – Yoni-Kreis; phala – Frucht, Wirkertrag; bahu kim – wozu viele Worte.

5.39 yatra koṭigaṇaiḥ sārdhamādyā mahiṣamardinī |
yat pīṭhaṃ brahmaṇo vaktraṃ guptaṃ sarvasukhāvaham || 39 ||

Übersetzung: Dort weilt die ursprüngliche Mahishamardini mit Millionen Scharen; dieser Sitz ist Brahmas Mund, verborgen und alles Glück spendend.

Wort-für-Wort: ādyā – ursprüngliche Göttin; koṭigaṇa – millionenfache Scharen; brahmaṇo vaktram – Brahmas Mund; gupta – verborgen.

5.40 yato devāśca devyaśca ṛṣayaścaiva bhāvajāḥ |
sarve'pyāvirbhavantyatra tena guptaṃ mahākulaiḥ || 40 ||

Übersetzung: Aus ihm treten Götter, Göttinnen und die aus dem Werden entstandenen Seher hervor; alle erscheinen hier. Deshalb wird er von den großen Kulas verborgen gehalten.

Wort-für-Wort: āvirbhavanti – sie erscheinen; bhāvaja – aus dem Werden entstanden; mahākula – großes Kula, bedeutende Traditionsgemeinschaft.

5.41 dvividhaṃ caiva tatpīṭhaṃ guhyaṃ vyaktaṃ maheśvara |
vyaktād guhyaṃ mahāpuṇyaṃ durāpaṃ sādhakottamaiḥ || 41 ||

Übersetzung: Dieser Sitz ist zweifach, Maheshvara: verborgen und sichtbar. Der verborgene ist heiliger als der sichtbare und selbst für hervorragende Übende schwer zu erreichen.

Wort-für-Wort: dvividha – zweifach; guhya – verborgen; vyakta – offenbar; durāpa – schwer erreichbar.

5.42 guptaṃ sarvatra deveśa ! labhyate kulasundaraiḥ || 42 ||

Übersetzung: Der verborgene [Sitz] lässt sich überall finden, Herr der Götter, von den Vortrefflichen des Kula.

Wort-für-Wort: sarvatra – überall; labhyate – wird erlangt; kulasundara – Vortrefflicher des Kula; gupta – verborgen.

bhairava uvāca - – Bhairava spricht:

5.43 ākarṣaṇavidhānaṃ me svatantraṃ samudīraya |
putro'smi yadi deveśi ! sṛṣṭisaṃhārakāriṇi ! || 43 ||

Übersetzung: Erkläre mir die eigenständige Vorschrift der Anziehung, Herrin der Götter, Schöpferin und Auflöserin, wenn ich dein Sohn bin!

Wort-für-Wort: ākarṣaṇavidhāna – Vorschrift der Anziehung; svatantra – eigenständig; sṛṣṭisaṃhārakāriṇī – Schöpfung und Auflösung bewirkende.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

5.44 śṛṇu putra ! mahāvidyāmākarṣaṇakarīṃ parām |
yadārādhanamātreṇa devānākarṣayennaraḥ || 44 ||

Übersetzung: Höre, mein Sohn, die höchste große Vidya der Anziehung. Schon durch ihre Verehrung kann ein Mensch selbst Götter heranziehen.

Wort-für-Wort: mahāvidyā – große Wissens- beziehungsweise Mantrakraft; ārādhanamātra – bloße Verehrung; ākarṣayet – er vermöge heranzuziehen.

5.45 brahmā sarasvatīyukto devatāmukhasaṃyutaḥ |
vīraśaktisamākīrṇaḥ kālīmantra udāhṛtaḥ || 45 ||

Übersetzung: „Brahma“, mit „Sarasvati“ verbunden, mit dem „Mund der Gottheit“ und der „Vira-Shakti“ versehen: So wird das Kali-Mantra bezeichnet.

Wort-für-Wort: brahmā, sarasvatī – hier verschlüsselte Lautbezeichnungen; devatāmukha – Mund der Gottheit; vīraśakti – Heldenkraft. Der Text schreibt das Mantra nicht offen aus.

5.46 ekaṃ vā dviguṇaṃ vāpi triguṇaṃ vāpi bhairava ! |
japtvā karṣayati svairaṃ sthāvaraṃ jaṅgamādikam || 46 ||

Übersetzung: Einfach, doppelt oder dreifach wiederholt, Bhairava, zieht es frei das Unbewegliche und Bewegliche herbei.

Wort-für-Wort: eka – einfach; dviguṇa – doppelt; triguṇa – dreifach; sthāvara – unbeweglich; jaṅgama – beweglich.

5.47 eṣā vidyā mahākālī guhyād guhyatarā smṛtā |
suptā nidrāmitā mattā bhrāmitāvanatā tathā || 47 ||

Übersetzung: Diese Mahakali-Vidya gilt als geheimer als das Geheimste. Schlafend, im Schlaf gebunden, berauscht, verwirrt oder niedergedrückt,

Wort-für-Wort: guhyād guhyatarā – geheimer als geheim; suptā – schlafend; mattā – berauscht; bhrāmitā – verwirrt.

5.48 samastadoṣajālena grathitā kulasundarī |
niśācāraṃ divācāraṃ saṃdhyācāraṃ ca pallavam || 48 ||

Übersetzung: von einem Netz sämtlicher Fehler umwunden, [kann] die Kulasundari [sein]. Nacht-, Tages- und Dämmerungspraxis sowie die angehängte Formel

Wort-für-Wort: doṣajāla – Netz von Fehlern; niśācāra – Nachtpraxis; saṃdhyācāra – Dämmerungspraxis; pallava – hier angehängter Mantrabestandteil.

5.49 darbhitaṃ bījasaṃyogaṃ bhāvayedyogameva ca |
jñātvā prabodhayeddhīro gururatraikakāraṇam || 49 ||

Übersetzung: mit eingeflochtener Bija-Verbindung vergegenwärtige man als Vereinigung. Der Besonnene erkenne dies und erwecke [die Vidya]; der Guru ist dabei die einzige entscheidende Ursache.

Wort-für-Wort: bījasaṃyoga – Verbindung der Keimsilben; prabodhayet – er erwecke; dhīra – besonnen; ekakāraṇa – einzige Ursache.

5.50 niyamaḥ puruṣe jñeyo na yoṣitsu kathaṃcana |
yadvā tadvā yena kena sarvadā sarvato'pi ca || 50 ||

Übersetzung: Die Regelbindung ist für den Mann vorgesehen, keineswegs für Frauen. Auf welche Weise und mit welchen Mitteln auch immer, zu jeder Zeit und überall,

Wort-für-Wort: niyama – Regelbindung; puruṣa – Mann; yoṣit – Frau; sarvadā – jederzeit; sarvataḥ – überall.

5.51 yoṣitāṃ dhyānayogena siddhayaḥ syurna saṃśayaḥ |
yathāyaskāntamātreṇa gūḍhaviddhaśiloccayaḥ || 51 ||

Übersetzung: entstehen durch die meditative Betrachtung von Frauen Vollendungen, ohne Zweifel. Wie durch einen Magneten ein verborgen durchsetzter Steinverband

Wort-für-Wort: yoṣitām – der Frauen, Genitiv Plural; dhyānayoga – meditative Betrachtung; ayaskānta – Magnet; śiloccaya – Steinmasse. Der Genitiv wird im Licht von yoṣiccintana, „Betrachtung einer Frau“, in 5.56 objektbezogen verstanden. Das Bild gūḍhaviddhaśiloccaya bleibt undeutlich.

5.52 svayameva bahiryāti yathā vā sauratejasā |
sūryakāntaḥ spuṭaruciryathā ca raviraśmibhiḥ || 52 ||

Übersetzung: von selbst nach außen tritt; wie ein Sonnenstein durch die Sonnenkraft klar aufleuchtet; wie durch die Strahlen der Sonne

Wort-für-Wort: svayam eva – von selbst; sauratejas – Sonnenkraft; sūryakānta – Sonnenstein; raviraśmibhiḥ – durch Sonnenstrahlen, Instrumental Plural.

5.53 candrakāntaṃ drāvayati yathā varṣāsu vāridaḥ |
jalasekābhitṛptā bhū rasapūrṇā pracakṣate || 53 ||

Übersetzung: der Mondstein zum Schmelzen gebracht wird; wie eine Wolke in der Regenzeit die Erde durch Wasser sättigt, sodass sie saftvoll genannt wird,

Wort-für-Wort: candrakāntam – den Mondstein; drāvayati – bringt zum Schmelzen; vārida – Wolke; rasapūrṇa – voller Saft. Die in 5.52 genannten Sonnenstrahlen passen nicht zur gewöhnlichen Vorstellung vom Mondstein. Dieser Widerspruch der Überlieferung bleibt stehen; „Mondstrahlen“ werden nicht stillschweigend ergänzt.

5.54 puṣpadarśanamātreṇa bhuktimuktiryathā bhavet |
mahādurgāprasādena yathā siddhiśvaro bhavet || 54 ||

Übersetzung: wie schon durch den Anblick einer Blüte Genuss und Befreiung entstehen und durch die Gnade der großen Durga Herrschaft über Vollendungen,

Wort-für-Wort: puṣpadarśana – Anblick einer Blüte; bhuktimukti – Genuss und Befreiung; prasāda – Gnade; siddhīśvara – Herr der Vollendungen.

5.55 kulapuṣpaprasādena yathā prītistu jāyate |
gaṅgāsmaraṇamātreṇa niṣpāpo jāyate yathā |
yathākarṣaṇamātreṇa śiva eva prajāyate || 55 ||

Übersetzung: wie durch die Gunst der Kula-Blüte Freude entsteht, wie man durch bloße Erinnerung an die Ganga schuldlos und durch bloße Anziehung zu Shiva wird,

Wort-für-Wort: kulapuṣpa – Kula-Blüte, mehrdeutige Ritualsubstanz; smaraṇamātra – bloße Erinnerung; niṣpāpa – frei von Schuld; śiva eva – Shiva selbst.

5.56 yoṣiccintanamātreṇa yatheyaṃ varadāyinī |
tasmāt sarvaprayatnena dīkṣayennijakaulikīm || 56 ||

Übersetzung: so gewährt sie durch die bloße Betrachtung einer Frau Segen. Deshalb lasse man seine eigene Kaulika mit aller Sorgfalt einweihen.

Wort-für-Wort: yoṣiccintana – Betrachtung einer Frau; varadāyinī – Segensspenderin; nijakaulikī – eigene Kaula-Gefährtin; dīkṣayet – einweihen lassen.

5.57 bhairavo'sya ṛṣiḥ prokta uṣṇik chandastu devatā |
kālikā dakṣiṇā devī caturvargaphalapradā || 57 ||

Übersetzung: Bhairava gilt als Seher dieses Mantras, Ushnih als sein Versmaß. Die Gottheit ist die Göttin Dakshina Kalika, die die vier Lebensziele gewährt.

Wort-für-Wort: ṛṣi – Seher; uṣṇih – Name eines Versmaßes; caturvarga – Dharma, Artha, Kama und Moksha; phalapradā – Frucht verleihende.

5.58 pūrvaṃ bījaṃ parāśaktirbījena mūrtikalpanā |
ṣaḍdīrghabhājā bījena kuryādaṅgādikalpanām || 58 ||

Übersetzung: Das erste Bija ist die höchste Shakti; mit dem Bija wird die Gestalt gebildet. Mit dem Bija in Verbindung mit den sechs langen Vokalen bilde man die Glieder und Weiteres.

Wort-für-Wort: pūrvaṃ bījam – erstes Bija; parāśakti – höchste Kraft; ṣaḍdīrgha – sechs lange Vokale; aṅga – Glied.

5.59 caturdaśa vibhāgena mātṛkārṇaiḥ pṛthak pṛthak |
hṛdaye hastayoḥ pādayugale vinyasettataḥ || 59 ||

Übersetzung: In vierzehn Abteilungen setze man die Matrika-Laute einzeln ins Herz, in die Hände und in beide Füße ein.

Wort-für-Wort: caturdaśa – vierzehn; mātṛkārṇa – Matrika-Buchstabe; hṛdaye – im Herzen; vinyaset – man setze rituell ein.

5.60 pañcāśanmūlamantreṇa vyāpakaṃ vinyasettataḥ |
pañcadhā dhyānamekatra pūrvoktaṃ ca samācaret || 60 ||

Übersetzung: Dann vollziehe man mit dem Grundmantra fünfzig [Einsetzungen] als durchdringenden Nyasa; die zuvor genannte fünffache Meditation führe man zusammen aus.

Wort-für-Wort: pañcāśat – fünfzig; vyāpaka – durchdringend; pañcadhā – fünffach; dhyāna – Meditation. Die Zählverbindung mit mūlamantra bleibt knapp und mehrdeutig.

5.61 daśapañcārapadmeṣu pīṭhapūjāṃ samācaret |
tatrāvāhya yajeddevīṃ dakṣiṇāṃ kulabhūṣaṇām || 61 ||

Übersetzung: Auf den zehn- beziehungsweise fünfgliedrigen Lotussen vollziehe man die Sitzverehrung und rufe dort die Göttin Dakshina, den Schmuck des Kula, herbei und verehre sie.

Wort-für-Wort: daśapañcāra – zehn- beziehungsweise fünfgliedrig, schwierige Lesung; padma – Lotusdiagramm; āvāhya – herbeigerufen habend; pīṭhapūjā – Sitzverehrung.

5.62 mahākālaṃ yajet paścāt pīṭhaśaktiṃ tato yajet |
kālīṃ kapālinīṃ kullāṃ prathame ca trikoṇake || 62 ||

Übersetzung: Danach verehre man Mahakala und die Kraft des Sitzes; im ersten Dreieck Kali, Kapalini und Kulla,

Wort-für-Wort: pīṭhaśakti – Kraft des Sitzes; prathame trikoṇake – im ersten Dreieck; kapālinī – Schädeltragende, Göttinnenname.

5.63 kurukullāṃ virodhīṃ ca vipracittāṃ tathaiva ca |
ugramukhīmugraprabhāṃ pradīptāṃ ca tathaiva ca || 63 ||

Übersetzung: Kurukulla, Virodhi, Viprachitta, Ugramukhi, Ugraprabha und Pradipta,

Wort-für-Wort: ugramukhī – Schrecklichgesichtige; ugraprabhā – Furchtbarstrahlende; pradīptā – hell Entflammte. Es handelt sich um Göttinnennamen.

5.64 nīlāṃ ghanāṃ balākāṃ ca sitāṃ dhātrīṃ ca mudrikām |
brahmāṇyādyāstathā bāhye yajet pūrvadale kramāt || 64 ||

Übersetzung: Nila, Ghana, Balaka, Sita, Dhatri und Mudrika; außen verehre man die mit Brahmani beginnenden Göttinnen, der Reihe nach ab dem östlichen Blütenblatt.

Wort-für-Wort: bāhye – außen; pūrvadala – östliches Blütenblatt; kramāt – der Reihe nach; dhātrī – Trägerin, Göttinnenname.

5.65 evaṃ kṛtvā japenmantraṃ haviṣyāśī divā śuciḥ |
lakṣaṃ rātrau tathā lakṣaṃ mahāśaucaparāyaṇaḥ || 65 ||

Übersetzung: Danach wiederhole man das Mantra, tagsüber rein und von Opferspeise lebend, hunderttausendmal; ebenso nachts hunderttausendmal, höchster Reinheit hingegeben.

Wort-für-Wort: haviṣyāśin – von Opferspeise lebend; divā – tagsüber; lakṣa – hunderttausend; mahāśauca – große Reinheit.

5.66 anyāsāṃ yoṣitāṃ cātra na pūjā nāpi cintanam |
rātrau japaikamātreṇa siddhidā dakṣiṇā bhavet || 66 ||

Übersetzung: Hier gibt es keine Verehrung oder Betrachtung anderer Frauen. Allein durch nächtliche Mantrawiederholung wird Dakshina zur Geberin der Vollendung.

Wort-für-Wort: anyāsāṃ yoṣitām – anderer Frauen; na pūjā – keine Verehrung; japaikamātra – bloße Mantrawiederholung; siddhidā – Vollendung gebend.

5.67 aṅganyāsaṃ samācarya dhyātvā devīṃ japed budhaḥ |
araṇyāmathavā rātrau mahākālī mahodayā || 67 ||

Übersetzung: Der Kundige vollziehe den Gliedernyasa, meditiere über die Göttin und wiederhole das Mantra; [ebenso verehre er] Aranya oder nachts Mahakali, die große Erhebung bringt.

Wort-für-Wort: aṅganyāsa – rituelle Einsetzung in die Glieder; budha – Kundiger; araṇyā – hier offenbar Göttinnenname; mahodayā – große Erhebung beziehungsweise Fülle bringend.

5.68 anenaiva vidhānena pūjitā viśvarūpiṇī |
ākarṣayeddevakanyāṃ pātāle nāgakanyakām || 68 ||

Übersetzung: Nach eben dieser Vorschrift verehrt, zieht die Allgestaltige eine Göttertochter oder eine Naga-Tochter aus der Unterwelt herbei.

Wort-für-Wort: anena vidhānena – nach dieser Vorschrift; viśvarūpiṇī – Allgestaltige; devakanyā – Göttertochter; pātāla – Unterwelt.

5.69 araṇyā ca mahākālī dvitīyā ceyamīritā |
pūjā dhyānaṃ prayogaṃ ca japaṃ caiva viśeṣataḥ || 69 ||

Übersetzung: Aranya und Mahakali werden als diese [erste und] zweite genannt. Verehrung, Meditation, Anwendung und besonders Mantrawiederholung

Wort-für-Wort: dvitīyā – zweite; prayoga – Anwendung; pūjā – Verehrung; dhyāna – Meditation. Die Namens- und Satzgliederung ist unsicher.

5.70 samānaṃ sarvametasyāstasyā devyāḥ prakīrtitam |
japādikaṃ vāri sarvaṃ pūrvoktaṃ cātra kīrtitam || 70 ||

Übersetzung: sind für diese Göttin sämtlich gleich beschrieben. Alles, was Japa und Weiteres betrifft, einschließlich des Wassers, ist hier wie zuvor dargelegt.

Wort-für-Wort: samāna – gleich; japādika – Japa und Weiteres; vāri – Wasser; pūrvokta – zuvor gesagt. vāri ist möglicherweise gestört; keine Umdeutung wird vorausgesetzt.

5.71 araṇyā ca mahākālī pūjāyāṃ nirmalā bhavet |
īśāne śaṅkhamāsādya tatra yantraṃ vilikhya ca || 71 ||

Übersetzung: Bei der Verehrung sei Aranya-Mahakali makellos [vergegenwärtigt]. Man stelle im Nordosten die Muschel auf und zeichne dort das Yantra.

Wort-für-Wort: nirmalā – makellos, rein; īśāna – Nordosten; śaṅkha – Muschel; vilikhya – gezeichnet habend.

5.72 aṣṭamīrātrimārabhya caturdaśyāṃ samāpayet |
aṣṭottaraśataṃ martyo mantrayitvā susaṃyataḥ || 72 ||

Übersetzung: Man beginne in der Nacht des achten Mondtages und schließe am vierzehnten ab; der Mensch spreche gesammelt hundertachtmal das Mantra.

Wort-für-Wort: aṣṭamī – achter Mondtag; caturdaśī – vierzehnter Mondtag; aṣṭottaraśata – hundertacht; susaṃyata – gut gesammelt.

5.73 nagnastāmbūlapūrṇāsyo muktakeśo jitendriyaḥ |
madirāghūrṇanayanaḥ parayoṣitsamāgame || 73 ||

Übersetzung: Unbekleidet, mit Betel im Mund, offenem Haar und beherrschten Sinnen, mit vom Wein bewegten Augen, in der Vereinigung mit einer anderen Frau,

Wort-für-Wort: nagna – unbekleidet; muktakeśa – offenhaarig; jitendriya – mit beherrschten Sinnen; parayoṣitsamāgama – Vereinigung mit einer anderen Frau.

5.74 pūjayed gandhapuṣpena digvāsāḥ kulabhūṣaṇaḥ |
yannāmnā darbhitaṃ yantraṃ pūjayedvīravallabhaḥ || 74 ||

Übersetzung: verehre der unbekleidete Schmuck des Kula mit Duft und Blumen. Wessen Name in das Yantra eingeflochten ist, [deren Yantra] verehre der den Helden Liebe.

Wort-für-Wort: gandhapuṣpa – Duft und Blumen; digvāsas – unbekleidet; vīravallabha – den Helden lieb; yannāmnā – mit deren Namen.

5.75 sā samāyāti kāmārtā yatra deśe sa pūjakaḥ |
madyaṃ māṃsaṃ tathā vatsa ! yat kiṃcit kulasādhanam || 75 ||

Übersetzung: Sie kommt, von Verlangen erfüllt, an den Ort des Verehrers. Wein, Fleisch und alles, was zur Kula-Praxis gehört, mein Kind,

Wort-für-Wort: kāmārta – von Verlangen bedrängt; pūjaka – Verehrer; madya – alkoholisches Getränk; kulasādhana – Mittel der Kula-Praxis.

5.76 tasyai dattvā tataḥ śeṣaṃ gurave vinivedya ca |
tadanujñāṃ mūrdhni kṛtvā śeṣaṃ cātmani yojayet || 76 ||

Übersetzung: gebe er ihr, bringe dann den Rest dem Guru dar und nehme nach dessen ehrfürchtig empfangener Erlaubnis das Übriggebliebene selbst zu sich.

Wort-für-Wort: śeṣa – Rest; vinivedya – dargebracht habend; anujñā – Erlaubnis; ātmani yojayet – auf sich anwenden, hier zu sich nehmen.

5.77 madyaṃ māṃsaṃ vinā vatsa ! kulapūjāṃ samācaret |
janmāntarasahasrasya sukṛtaṃ tasya naśyati || 77 ||

Übersetzung: Wer, mein Kind, die Kula-Verehrung ohne Wein und Fleisch vollzieht, dessen Verdienst aus tausend früheren Geburten geht verloren.

Wort-für-Wort: vinā – ohne; sukṛta – gutes Werk, Verdienst; janmāntarasahasra – tausend andere Geburten; naśyati – geht zugrunde. Dies ist eine Forderung dieses Ritualsystems, keine allgemeine Yoga-Regel.

5.78 yatrāvaśyaṃ vinirdiṣṭaṃ madirādānapūjanam |
brāhmaṇastāmrapātreṣu madhu madyaṃ prakalpayet || 78 ||

Übersetzung: Wo die Darbringung und Verehrung mit Alkohol ausdrücklich vorgeschrieben ist, richte der Brahmane Honig als Wein in Kupfergefäßen her.

Wort-für-Wort: avaśyam – unbedingt; madirā – Alkohol; tāmrapātra – Kupfergefäß; madhu – Honig; prakalpayet – er richte als Ersatz her.

5.79 athavā kulamadyena pūjayet kulapūjitam |
yogibhiḥ pīyate madyaṃ tanmadyaṃ yogipuṃgavaiḥ || 79 ||

Übersetzung: Oder er verehre das im Kula Verehrte mit Kula-Wein. Jener Wein ist gemeint, der von Yogis, von hervorragenden Yogis getrunken wird.

Wort-für-Wort: athavā – oder; kulamadya – Kula-Wein; pīyate – wird getrunken; yogipuṃgava – hervorragender Yogi.

5.80 na madyaṃ pānayogyaṃ syādyanmadyaṃ guḍapiṣṭakam || 80 ||

Übersetzung: Nicht zum Trinken geeignet sei der Wein, der aus Rohzucker und Mehl zubereitet ist.

Wort-für-Wort: na pānayogyam – nicht zum Trinken geeignet; guḍa – Rohzucker; piṣṭaka – Mehlzubereitung. Die knappe Abgrenzung wird nicht zu einer allgemeinen Ernährungslehre erweitert.

iti kulacūḍāmaṇitantre pañcamaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 5. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Zur vergleichenden Einordnung: ein heutiger Vortrag über Kundalini als kosmische Kraft. Die besondere Rituallehre dieses Kapitels wird damit nicht gleichgesetzt.

6. Kapitel: Heilige Sitze und besondere Mächte

ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ

Ein Kali Yantra als thematische Illustration; es ist keine Rekonstruktion des im Kulacudamani Tantra beschriebenen Diagramms.

devyuvāca – Die Göttin spricht:

6.1 atha vakṣyāmi te vatsa ! vidhānaṃ yatra yad bhavet |
ānīya devīṃ tad gātre vyāpakaṃ vinyasettataḥ || 1 ||

Übersetzung: Nun erkläre ich dir, mein Kind, die Vorschrift für das, was an den jeweiligen Orten zu tun ist. Man führe die Göttin herbei und vollziehe den durchdringenden Nyasa an ihrem Körper.

Wort-für-Wort: vidhāna – Vorschrift; ānīya – herbeigeführt habend; gātra – Körper; vyāpaka – durchdringend, hier Nyasa.

6.2 prathamaṃ sādhakaśreṣṭho devīkūṭasya mastake |
vilikhya yantraṃ pūrvoktaṃ pūjayet kulavartmanā || 2 ||

Übersetzung: Zuerst zeichne der hervorragende Übende oben auf Devikuta das zuvor beschriebene Yantra und verehre es nach dem Kula-Weg.

Wort-für-Wort: devīkūṭasya mastake – auf dem Haupt beziehungsweise Gipfel Devikutas; pūrvokta – zuvor gesagt; kulavartman – Kula-Weg. Körper- und Ortsbezug überlagern sich.

6.3 pīṭhādi devīṃ praṇamet pūjayed gandhapuṣpakaiḥ |
mahābhāgāṃ tato mūladevīmāvaraṇaiḥ saha || 3 ||

Übersetzung: Er verneige sich vor der Göttin samt Sitz und Weiterem, verehre Mahabhaga mit Duft und Blumen und danach die Hauptgöttin samt Umkreisgottheiten.

Wort-für-Wort: pīṭhādi – Sitz und Weiteres; mahābhāgā – Glückreiche, Göttinnenname; mūladevī – Hauptgöttin; āvaraṇa – Umkreis.

6.4 lakṣaikaṃ tatra japtvā tu uḍḍīyānaṃ tato viśet |
tatpīṭhe yoganidrākhyāṃ pūjayitvā tato yajet || 4 ||

Übersetzung: Nachdem er dort hunderttausend Wiederholungen vollzogen hat, begebe er sich nach Uddiyana; an diesem Sitz verehre er die Yoganidra genannte Göttin und dann

Wort-für-Wort: lakṣaikam – einmal hunderttausend; uḍḍīyāna – heiliger Ort; yoganidrākhyā – Yoganidra genannt; viśet – er betrete.

6.5 nijeṣṭadevatāṃ tatra japellakṣaṃ samāhitaḥ |
kāmarūpaṃ tato gatvā tataḥ kātyāyanīṃ yajet || 5 ||

Übersetzung: seine erwählte Gottheit. Dort wiederhole er gesammelt hunderttausendmal. Dann gehe er nach Kamarupa und verehre Katyayani.

Wort-für-Wort: iṣṭadevatā – erwählte Gottheit; japet – er wiederhole; samāhita – gesammelt; gatvā – gegangen habend.

6.6 japtvā lakṣaṃ tato rātrau kāmākhyāṃ prathamaṃ yajet |
tato jālaṃdhare gatvā pūrṇeśīṃ prathamaṃ yajet || 6 ||

Übersetzung: Nach hunderttausend Wiederholungen verehre er nachts zuerst Kamakhya. Dann begebe er sich nach Jalandhara und verehre zuerst Purneshi.

Wort-für-Wort: rātrau – nachts; prathamam – zuerst; jālaṃdhara – heiliger Ort; pūrṇeśī – Herrin der Fülle.

6.7 tatrāpi lakṣamānena japtvā mantraṃ samāhitaḥ |
tataḥ pūrṇagirau gatvā yajeccaṇḍīṃ tato japet || 7 ||

Übersetzung: Auch dort wiederhole er das Mantra gesammelt hunderttausendmal; dann gehe er nach Purnagiri, verehre Chandi und übe Japa.

Wort-für-Wort: lakṣamāna – im Maß von hunderttausend; pūrṇagiri – heiliger Berg; yajet – er verehre; caṇḍī – die Wilde, Göttinnenname.

6.8 kāmarūpāntare gatvā kāmākhyāṃ prathamaṃ yajet |
tataḥ prānte mahādevīṃ yajeddikkaravāsinīm || 8 ||

Übersetzung: Er begebe sich in das Innere Kamarupas, verehre zuerst Kamakhya und danach an dessen Grenze die große Göttin Dikkaravasini.

Wort-für-Wort: kāmarūpāntara – Inneres Kamarupas; prānta – Rand, Grenze; mahādevī – große Göttin; dikkaravāsinī – in Dikkara Wohnende.

6.9 evaṃ pīṭheśvarīṃ japtvā pūjayediṣṭadevatām |
saptapīṭhe saptalakṣaṃ japtvā rātrau samāhitaḥ || 9 ||

Übersetzung: Nachdem er so die Herrinnen der heiligen Sitze mit Japa verehrt hat, verehre er seine erwählte Gottheit. An sieben Sitzen wiederhole er nachts gesammelt insgesamt siebenhunderttausendmal.

Wort-für-Wort: saptapīṭha – sieben heilige Sitze; saptalakṣa – siebenhunderttausend; iṣṭadevatā – erwählte Gottheit; samāhita – gesammelt.

6.10 saṃkhyāpūrtau tataḥ pṛcchet kā tvaṃ devi ! kulottame |
evaṃ kṛte vismṛtā cet svanāmni gotrajanmani || 10 ||

Übersetzung: Ist die Zahl erfüllt, frage er: „Wer bist du, Göttin, Höchste des Kula?“ Wenn sie dann ihren Namen, ihre Abstammung und ihre Geburt vergessen hat,

Wort-für-Wort: saṃkhyāpūrti – Erfüllung der Zahl; kā tvam – wer bist du; gotra – Abstammungslinie; janman – Geburt.

6.11 taveṣṭadevataivāhaṃ vṛṇuṣva varamuttamam |
tataḥ praṇamya deveśīṃ vṛṇuyādvaramātmanaḥ || 11 ||

Übersetzung: [spricht sie:] „Ich bin deine erwählte Gottheit; wähle den höchsten Segen!“ Er verneige sich vor der Herrin der Götter und erbitte für sich eine Gnade.

Wort-für-Wort: ahaṃ – ich; vṛṇuṣva – wähle; vara – Segen; praṇamya – sich verneigt habend.

6.12 yadyevaṃ naiva sā devī punaḥ pūrvoktamācaret |
akṣobhitakulācāraparicaryāparāyaṇaḥ || 12 ||

Übersetzung: Ist die Göttin noch nicht so [offenbar], wiederhole er das zuvor Beschriebene, unbeirrt dem Dienst des Kula-Weges hingegeben.

Wort-für-Wort: punaḥ – erneut; akṣobhita – unerschüttert; paricaryā – Dienst; parāyaṇa – hingegeben.

6.13 athavā sarvapīṭheṣu yajenmahiṣamardinīm |
tataḥ prasannā bhavati svairaṃ kulavarapriyā || 13 ||

Übersetzung: Oder er verehre an allen heiligen Sitzen Mahishamardini; dann wird die Göttin, die den Vorzüglichen des Kula liebt, aus freiem Willen gnädig.

Wort-für-Wort: sarvapīṭha – alle heiligen Sitze; prasannā – gnädig; svairam – frei; kulavarapriyā – die Vorzüglichen des Kula liebend.

6.14 tato japtvā mūlamantraṃ sarvasiddhīśvaro bhavet |
rājavṛkṣaṃ samālokya tanmūle sveṣṭadevatām || 14 ||

Übersetzung: Dann wiederhole er das Grundmantra und werde Herr aller Vollendungen. Erblicke er einen Rajavriksha-Baum, [verehre er] an dessen Wurzel seine erwählte Gottheit

Wort-für-Wort: sarvasiddhīśvara – Herr aller Vollendungen; rājavṛkṣa – „Königsbaum“, Pflanzenname; tanmūle – an dessen Wurzel; sveṣṭadevatā – eigene erwählte Gottheit.

6.15 pūjayitvā mahārātrau tridinaṃ prajapenmanum |
lakṣapīṭhaphalaṃ deva ! labhate sādhakottamaḥ || 15 ||

Übersetzung: und wiederhole drei Tage lang in tiefer Nacht das Mantra. Der hervorragende Übende erlangt dadurch die Frucht von hunderttausend heiligen Sitzen, o Gott.

Wort-für-Wort: mahārātri – tiefe, große Nacht; tridina – drei Tage; lakṣapīṭhaphala – Frucht von hunderttausend Sitzen.

6.16 vetālaṃ pādukāsiddhiṃ khaḍgasiddhiṃ ca bhairava ! |
añjanaṃ tilakaṃ guptiṃ mahiṣāsuramardinīm || 16 ||

Übersetzung: Vetala-Macht, wunderwirkende Sandalen, Schwert-Vollendung, Augensalbe, Stirnzeichen und Verborgenheit, Bhairava – [durch] Mahishasuramardini

Wort-für-Wort: vetāla – leichenbewohnendes Geistwesen; pādukāsiddhi – Vollendung magischer Sandalen; añjana – Augensalbe; gupti – Verborgenheit.

6.17 sādhayet sādhako'bhīṣṭaṃ mūlavidyāṃ maheśvara ! || 17 ||

Übersetzung: und die Grund-Vidya verwirkliche der Übende das Erwünschte, Maheshvara.

Wort-für-Wort: sādhayet – er verwirkliche; abhīṣṭa – erwünscht; mūlavidyā – grundlegende Mantrakraft; sādhaka – Übender.

bhairava uvāca - – Bhairava spricht:

6.18 vetālādimahāsiddhiḥ kathaṃ bhavati caṇḍike ! |
tanme kathaya deveśi ! yadi sneho'sti māṃ prati || 18 ||

Übersetzung: Wie entstehen die großen Mächte wie jene des Vetala, Chandika? Erkläre es mir, Herrin der Götter, wenn du Zuneigung zu mir hast.

Wort-für-Wort: katham – wie; mahāsiddhi – große Macht; kathaya – erkläre; sneha – Zuneigung.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

6.19 nimbavṛkṣodbhavaṃ kāṣṭhaṃ śmaśāne sādhakottamaḥ |
bhaumavāre madhyarātrau śavāsanayugāṅkite || 19 ||

Übersetzung: Der hervorragende Übende [nehme] Holz vom Nimba-Baum und vergrabe es auf einer Verbrennungsstätte, an einem Dienstag um Mitternacht, mit dem Zeichen eines Paares von Leichensitzen,

Wort-für-Wort: nimbavṛkṣa – Nimba- beziehungsweise Neem-Baum; bhaumavāra – Dienstag; madhyarātra – Mitternacht; śavāsana – Leichensitz. Die genaue Zeichenangabe ist unklar.

6.20 khanitvā cāṣṭalakṣaṃ vai japenmahiṣamardinīm |
tatsahasraṃ hunedvatsa ! tatraiva pitṛkānane || 20 ||

Übersetzung: und wiederhole das Mahishamardini-Mantra achthunderttausendmal. Dort im Totenhain bringe er tausend [entsprechende Opfer] ins Feuer, mein Kind.

Wort-für-Wort: aṣṭalakṣa – achthunderttausend; sahasra – tausend; hunet – er opfere ins Feuer; pitṛkānana – Totenhain. Der Grundtext nennt hier keinen Zehntelanteil.

6.21 kāṣṭhamuddhṛtya tatraiva daṇḍapādukacihnitam |
gatvā durgāṣṭamīrātrau śmaśāne nikṣipettataḥ || 21 ||

Übersetzung: Er hole das Holz heraus, versehe es dort mit den Zeichen von Stab und Sandalen, gehe in der Nacht von Durgas achtem Mondtag zur Verbrennungsstätte und lege es dort nieder.

Wort-für-Wort: daṇḍa – Stab; pāduka – Sandale; cihnita – gekennzeichnet; durgāṣṭamī – achter Mondtag der Durga-Verehrung.

6.22 tasyopari śavaṃ kṛtvā pūjayitvā yathāvidhi |
śavāsanagato vīro japedaṣṭasahasrakam || 22 ||

Übersetzung: Er lege einen Leichnam darüber und verehre nach Vorschrift. Auf dem Leichensitz wiederhole der Vira achttausendmal.

Wort-für-Wort: śava – Leichnam; yathāvidhi – nach Vorschrift; vīra – tantrischer Held; aṣṭasahasraka – achttausend.

6.23 tato mātṛbaliṃ dattvā kāṣṭhamantrayettataḥ |
sphe'm spheṃ daṇḍa mahābhāga yoginīhṛdayapriya ! || 23 ||

Übersetzung: Dann bringe er den Müttern eine Opfergabe und bespreche das Holz: „sphe'm spheṃ, hochbegabter Stab, Liebling des Herzens der Yoginis!

Wort-für-Wort: mātṛbali – Opfergabe an die Mütter; kāṣṭha – Holz; yoginīhṛdayapriya – dem Herzen der Yoginis lieb. Die Keimsilben sind in der Vorlage uneinheitlich; eine Lesart bietet sphreṃ sphreṃ.

6.24 mama hastasthito nātha ! mamājñāṃ paripālaya |
evamāmantrya vetālaṃ yatra yatra prayujyate || 24 ||

Übersetzung: Herr, der du in meiner Hand ruhst, befolge meine Weisung!“ Nachdem der Vetala so angerufen wurde, [wirkt er] überall, wohin man ihn entsendet:

Wort-für-Wort: hastasthita – in der Hand befindlich; ājñā – Weisung; paripālaya – befolge; prayujyate – wird eingesetzt.

6.25 taṃ taṃ cūrṇīvidhāyātha punarāyāti kaulikaḥ |
gaccha gaccha mahābhāge ! pāduke ! varavarṇini || 25 ||

Übersetzung: Er zermalmt das jeweilige Ziel und kehrt zum Kaulika zurück. „Gehe, gehe, glückreiche Sandale, Schöngestaltete!

Wort-für-Wort: cūrṇīvidhāya – zu Staub gemacht habend; punarāyāti – kehrt zurück; gaccha – gehe; pāduke – Sandale, Anrede. Der Rückkehrsatz ist grammatisch uneben.

6.26 matpādasparśamātreṇa gaccha tvaṃ śatayojanam |
aṣṭalohaṃ samāsādya pañcāśadaṅgulākṛtim || 26 ||

Übersetzung: Sobald mein Fuß dich berührt, gehe hundert Yojanas!“ Man beschaffe acht Metalle und fertige [ein Schwert] von fünfzig Fingerbreiten Länge,

Wort-für-Wort: śatayojana – hundert Yojanas; aṣṭaloha – acht Metalle; pañcāśadaṅgula – fünfzig Fingerbreiten; pādasparśa – Fußberührung.

6.27 khaḍgaṃ kṛtvā tatra yantraṃ likhitvā prajapenmanum |
tat sahasraṃ tato japtvā mahāśavakalevare || 27 ||

Übersetzung: zeichne das Yantra auf das Schwert und wiederhole das Mantra tausendmal. Dann vergrabe man es in einem großen Leichnam,

Wort-für-Wort: khaḍga – Schwert; sahasra – tausend; mahāśavakalevara – großer Leichnam; khanitvā – eingegraben habend, syntaktisch zum nächsten Vers gehörig.

6.28 khanitvā bījavṛkṣāgre baddhvā rakṣāṃ tu kārayet |
kulāṣṭamyāmardharātre citāmadhye samāhitaḥ || 28 ||

Übersetzung: an der Spitze eines „Samenbaums“ [beziehungsweise an dessen vorderem Bereich], binde [es fest] und sorge für Schutz. Am Kula-Ashtami, um Mitternacht, sei man auf dem Scheiterhaufen gesammelt,

Wort-für-Wort: bījavṛkṣa – „Samenbaum“, hier nicht sicher identifiziert; agra – Spitze, Vorderteil; rakṣā – Schutz; citā – Scheiterhaufen. Der räumliche Zusammenhang ist unsicher.

6.29 prītipūrvaṃ samāmantrya hunet pitṛvane tataḥ |
madhuratrayasaṃyuktaṃ bilvapatreṇa saṃyutam || 29 ||

Übersetzung: rufe [die Göttin] liebevoll an und opfere im Totenhain mit Bilva-Blättern und den drei süßen Substanzen ins Feuer.

Wort-für-Wort: prītipūrvam – mit Liebe; madhuratraya – drei süße Substanzen; bilvapatra – Bilva-Blatt; homa – Feueropfer.

6.30 pādādimūrdhaparyantaṃ homānte balimāharet |
balyante paramā māyā devī mahiṣamardinī || 30 ||

Übersetzung: Zum Abschluss des Feueropfers bringe man eine Gabe von den Füßen bis zum Haupt dar. Am Ende der Opfergabe [erscheint] die höchste Maya, die Göttin Mahishamardini,

Wort-für-Wort: pādādimūrdhaparyanta – von den Füßen bis zum Haupt; homānta – Ende des Feueropfers; balyanta – Ende der Opfergabe; paramā māyā – höchste Maya. Der Gegenstand der körperbezogenen Gabe bleibt ungenannt.

6.31 āyāti balipūrṇāsyā varahastā madonmukhī |
gṛhṇa vatseti śabde vai khaḍgamuttolya dhārayet || 31 ||

Übersetzung: mit opfergefülltem Mund, segnender Hand und ekstatischem Antlitz. Beim Wort „Nimm, mein Kind!“ hebe er das Schwert hoch und halte es.

Wort-für-Wort: balipūrṇāsya – mit opfergefülltem Mund; varahasta – segnende Hand; gṛhṇa – nimm; uttolya – emporgehoben habend.

6.32 ghoradaṃṣṭre ! mahākāli ! karavālasvarūpiṇi |
kāṁ īṁ ūṁ kuru kalyāṇi vipakṣacchedavistaram || 32 ||

Übersetzung: „Schrecklich Gezahnte, Mahakali in Schwertgestalt! kāṁ īṁ ūṁ – bewirke, Heilvolle, umfassendes Zerschneiden der Gegner!“

Wort-für-Wort: karavāla – Schwert; svarūpiṇī – von der Gestalt; vipakṣa – Gegner; cheda – Zerschneiden; kuru – bewirke. Dies ist eine historische schädigende Beschwörungsformel.

6.33 evamāmantrya khaḍgaṃ tu yamuddiśya kṣipennaraḥ |
chittvā chittvā punaśchittvā gacchatyākṛṣyate punaḥ || 33 ||

Übersetzung: Wer das Schwert so angerufen hat und es auf jemanden richtet und wirft: Es schneidet wieder und wieder, zieht fort und wird wieder zurückgezogen.

Wort-für-Wort: yam uddiśya – auf wen gerichtet; kṣipet – er werfe; chittvā – geschnitten habend; ākṛṣyate – wird zurückgezogen.

6.34 athavā kṛṣṇamārjāramekaghātena chedayet |
kuje catuṣpathe rātrau nikhanenmantritaṃ tataḥ || 34 ||

Übersetzung: Oder [der Ritus fordert], eine schwarze Katze mit einem einzigen Schlag zu töten und sie an einem Dienstag nachts auf einer Kreuzung nach Mantrabesprechung zu vergraben.

Wort-für-Wort: kṛṣṇamārjāra – schwarze Katze; ekaghāta – ein Schlag; kuja – Mars, hier Dienstag; nikhanet – man vergrabe. Die Gewalthandlung wird als Textinhalt wiedergegeben.

6.35 tatra mocāṃ samāropya yāvat patraṃ prajāyate |
tāvad bhuktvā haviṣyānnaṃ pratirātraṃ japedabhīḥ || 35 ||

Übersetzung: Dort pflanze man eine Banane. Bis sich ein Blatt entwickelt, lebe man von Opferspeise und wiederhole jede Nacht ohne Furcht das Mantra,

Wort-für-Wort: mocā – Banane; patra – Blatt; haviṣyānna – einfache Opferspeise; abhīḥ – furchtlos.

6.36 aṣṭottarasahasraṃ tu ekākī dīpavarjitaḥ |
utpannaṃ patramālokya chittvā niśchidramānayet || 36 ||

Übersetzung: tausendachtmal, allein und ohne Lampe. Wenn das Blatt gewachsen ist, schneide man es ab und bringe es unbeschädigt herbei.

Wort-für-Wort: aṣṭottarasahasra – tausendacht; ekākin – allein; dīpavarjita – ohne Lampe; niśchidra – ohne Löcher, unbeschädigt.

6.37 tatra bhuktvā haviṣyannaṃ taddine taṭinītaṭe |
tamānīya suhṛtsaṅgaḥ kṣālayenmantramuccaran || 37 ||

Übersetzung: Man esse darauf Opferspeise und bringe [das zuvor Vergrabene] am selben Tag mit Freunden zum Flussufer, um es unter Mantrasprechen zu waschen.

Wort-für-Wort: taṭinītaṭa – Flussufer; suhṛtsaṅga – Begleitung von Freunden; kṣālayet – man wasche. Das Objekt des Herbeibringens ist nur aus Vers 38 zu erschließen.

6.38 tacchroto'bhimukhaṃ vatsa ! yadasthi pratigacchati |
tadānīya yajettatra kālikāṃ ghoraniḥsvanām || 38 ||

Übersetzung: Welcher Knochen gegen die Strömung zurückgeht, mein Kind, den nehme man und verehre dort die furchtbar rufende Kalika.

Wort-für-Wort: asthi – Knochen; srotas – Strömung; pratigacchati – geht entgegen; ghoraniḥsvanā – furchtbar Rufende.

6.39 abhimantrya sahasraṃ tu kālīmantraṃ samāhitaḥ |
siddhājjano bhavenmantrī nātra kāryā vicāraṇā || 39 ||

Übersetzung: Nach tausend gesammelten Wiederholungen des Kali-Mantras besitzt der Mantrakenner eine vollendete Augensalbe; daran soll kein Zweifel sein.

Wort-für-Wort: abhimantrya – mit Mantra besprochen habend; sahasra – tausend; siddhāñjana – vollendete Augensalbe; vicāraṇā – hier Zweifel, Erwägung.

6.40 candanāgurukastūrī miśritaṃ cāsthigharṣaṇam |
kṛtvā saṃpūjya vidhivat sarvaṃ jayati sādhakaḥ || 40 ||

Übersetzung: Er reibe den Knochen mit Sandelholz, Aloeholz und Moschus ab und verehre vorschriftsgemäß; so besiegt der Übende alles.

Wort-für-Wort: candana – Sandelholz; aguru – Aloeholz; kastūrī – Moschus; asthigharṣaṇa – Reiben des Knochens; jayati – siegt.

6.41 kulamīnaṃ kulānnaṃ ca kulamadyaṃ kuleśvara ! |
kulasthāne samānīya dattvā devyai prayatnataḥ || 41 ||

Übersetzung: Er bringe Kula-Fisch, Kula-Speise und Kula-Wein zum Kula-Ort, Herr des Kula, und gebe sie sorgfältig der Göttin.

Wort-für-Wort: kulamīna – Kula-Fisch; kulānna – Kula-Speise; kulamadya – Kula-Wein; kulasthāna – Kula-Ort.

6.42 aṣṭottarasahasraṃ tu japtvā bhūmitale sthitaḥ |
bhūmau phūtkāramātreṇa vivaraṃ tatra jāyate || 42 ||

Übersetzung: Auf dem Boden sitzend, wiederhole er tausendachtmal. Durch bloßes Blasen auf die Erde entsteht dort eine Öffnung.

Wort-für-Wort: bhūmitala – Erdboden; aṣṭottarasahasra – tausendacht; phūtkāra – Blasen; vivara – Öffnung.

6.43 śatayojanadūre vā yatra sādhyasthitirbhavet |
tatraiva gamanaṃ tasya bhūtalāntaḥprasarpiṇaḥ || 43 ||

Übersetzung: Wo sich die Zielperson befindet, selbst hundert Yojanas entfernt, dorthin gelangt er, unter der Erdoberfläche hindurchgleitend.

Wort-für-Wort: sādhyasthiti – Aufenthaltsort der Zielperson; gamana – Hingehen; bhūtalāntaḥprasarpin – unter der Erdoberfläche hindurchgleitend.

6.44 evaṃ vivaramadhye vā gavākṣe kuhare'pi ca |
kāyasaṃkocamāsādya gacchatyavikalo naraḥ || 44 ||

Übersetzung: So geht der Mensch durch einen Zwischenraum, ein Fenster oder eine Höhlung hindurch, indem er seinen Körper zusammenzieht, ohne Schaden zu nehmen.

Wort-für-Wort: gavākṣa – Fenster; kuhara – Höhlung; kāyasaṃkoca – Zusammenziehung des Körpers; avikala – unversehrt.

6.45 durgāmantraṃ vinā vatsa ! kālīmantraṃ tathaiva ca |
siddhayaḥ kulanātheśa ! jāyante na kathaṃcana || 45 ||

Übersetzung: Ohne das Durga-Mantra und ebenso ohne das Kali-Mantra, mein Kind, entstehen diese Mächte keinesfalls, Herr des Kula.

Wort-für-Wort: vinā – ohne; siddhayaḥ – Vollendungen, Mächte; na kathaṃcana – keinesfalls; jāyante – entstehen.

iti kulacūḍāmaṇitantre ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 6. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

7. Kapitel: Mahishamardini und die Einheit von Shiva und Shakti

saptamaḥ paṭalaḥ

Durga: Im siebten Kapitel stehen Mantra, Lobgesang und die abschließende Unterweisung der Göttin nebeneinander.

bhairava uvāca - – Bhairava spricht:

7.1 mātarmahiṣamardinyāḥ saṃketaṃ kathayasva me |
kulācārasya saṃsiddhyai bhuktimuktiprasiddhaye || 1 ||

Übersetzung: Mutter, erkläre mir den geheimen Schlüssel Mahishamardinis, damit der Kula-Weg zur Vollendung gelangt und Genuss und Befreiung verwirklicht werden.

Wort-für-Wort: saṃketa – vereinbartes Zeichen, geheimer Schlüssel; saṃsiddhi – Vollendung; bhukti – Genuss; mukti – Befreiung.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

7.2 sṛṣṭisthitivināśānāmādibhūtā maheśvarī |
gopyā sarvaprayatnena śṛṇu tāṃ kathayāmi te || 2 ||

Übersetzung: Maheshvari ist der ursprüngliche Grund von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung. Sie ist mit aller Sorgfalt geheim zu halten. Höre, ich erkläre sie dir.

Wort-für-Wort: ādibhūtā – ursprünglicher Grund; sṛṣṭisthitivināśa – Schöpfung, Erhaltung, Vernichtung; gopyā – geheim zu halten.

7.3 trailokyabījabhūtānte saṃbodhanapadaṃ tataḥ |
sṛṣṭisaṃhārakau varṇau vidyā mahiṣamardinī || 3 ||

Übersetzung: Auf den Keim der drei Welten folgt das Anredewort; danach kommen die beiden Laute der Schöpfung und Auflösung: [So lautet] die Mahishamardini-Vidya.

Wort-für-Wort: trailokyabīja – Keim der drei Welten; saṃbodhanapada – Anredewort; varṇa – Laut; sṛṣṭisaṃhāraka – Schöpfung und Auflösung betreffend. Die Laute werden verschlüsselt bezeichnet.

7.4 atiguhyatarā nityā sṛṣṭisthitividhāyinī |
sarvadevasarvasiddhibījabhūtā sanātanī || 4 ||

Übersetzung: Sie ist überaus geheim, ewig, bewirkt Schöpfung und Erhaltung und ist der ewige Keim aller Götter und aller Vollendungen.

Wort-für-Wort: atiguhyatarā – äußerst geheim; nityā – ewig; bījabhūtā – zum Keim geworden; sanātanī – immerwährend.

7.5 atyantagurubhaktāya śuddhāya yadi kathyate |
tadāṣṭavarṇaṃ vaktavyaṃ na bījaṃ nāpi sādhanam || 5 ||

Übersetzung: Wenn sie einem reinen Menschen mit außerordentlicher Guru-Hingabe mitgeteilt wird, soll man [nur] die acht Laute aussprechen, nicht das Bija und auch nicht die Praxis.

Wort-für-Wort: atyantagurubhakti – außerordentliche Lehrerhingabe; aṣṭavarṇa – acht Laute; na bījam – nicht das Bija; sādhana – Praxis.

7.6 sādhāraṇī prāṇavidyā hṛllekhā siddhigocarā |
etat pūrvasthitā devī gurusiddhivināśinī || 6 ||

Übersetzung: Die allgemein bekannte Prana-Vidya, die Hridlekha, gehört zum Bereich der Vollendung. Wird diese Göttin vorangestellt, vernichtet sie die Vollendung des Gurus.

Wort-für-Wort: sādhāraṇī – allgemein; prāṇavidyā – Prana-Vidya, Mantrabezeichnung; hṛllekhā – „Herzenslinie“, Bezeichnung eines Bijas; gurusiddhivināśinī – Guru-Vollendung vernichtend. Gemeint ist eine besondere Mantraanordnung, keine allgemeine Verwerfung des Bijas.

7.7 viśeṣataḥ kaliyuge mahāsiddhaughadāyinī |
gurūṇāṃ kulanāthānāṃ mahāśāpapradāyinī || 7 ||

Übersetzung: Besonders im Kali-Zeitalter verleiht sie eine große Fülle von Vollendungen, bringt jedoch den Gurus, den Herren des Kula, einen schweren Fluch.

Wort-für-Wort: kaliyuga – Kali-Zeitalter; mahāsiddhaugha – Fülle großer Vollendungen; śāpa – Fluch; pradāyinī – verleihend.

7.8 jayā durgābhayā proktā paramā siṃhavāhinī |
trailokyabījabhūtānte sā parā mardinīkulam || 8 ||

Übersetzung: Jaya wird als die furchtnehmende Durga bezeichnet, die höchste Löwenreiterin. Nach dem Keim der drei Welten [folgt] jene höchste [Form] des Mardini-Kula.

Wort-für-Wort: jayā – Siegreiche; abhayā – furchtlos beziehungsweise Furcht nehmend; siṃhavāhinī – Löwenreiterin; mardinīkula – Mardini-Familie. Die Mantraableitung bleibt verschlüsselt.

7.9 varaṃ vahnipriyā deyā na deyā namasāhitā |
dattā ca paramā vidyā ṅeyutā hṛdayānvitā || 9 ||

Übersetzung: Besser ist es, sie mit der „Geliebten des Feuers“ zu übergeben, nicht mit „namas“. Wird die höchste Vidya mit der Dativendung und dem „Herzen“ übergeben,

Wort-für-Wort: vahnipriyā – „Geliebte des Feuers“, Code für svāhā; namas – Verehrung; ṅe – grammatische Bezeichnung der Dativendung; hṛdaya – Herz, Mantracode.

7.10 sarvatra kulaśāstrajña ! mahāśāpapradāyinī |
tasmāt sarvaprayatnena goptavyeyaṃ navākṣarī || 10 ||

Übersetzung: bringt sie überall einen großen Fluch, Kenner der Kula-Schriften. Deshalb muss diese Neunsilbige mit aller Sorgfalt verborgen bleiben.

Wort-für-Wort: navākṣarī – neunsilbige Formel; mahāśāpapradāyinī – großen Fluch bringend; goptavyā – zu bewahren; sarvaprayatnena – mit aller Sorgfalt.

7.11 aṣṭalakṣaṃ japenmantraṃ taddaśāṃśaṃ hunettataḥ |
nārado'sya ṛṣiḥ proktaśchando gāyatramīritam || 11 ||

Übersetzung: Man wiederhole das Mantra achthunderttausendmal und bringe anschließend ein Zehntel dieser Zahl als Feueropfer dar. Narada wird als sein Seher genannt, Gayatri als Versmaß.

Wort-für-Wort: aṣṭalakṣa – achthunderttausend; daśāṃśa – ein Zehntel; ṛṣi – Seher; gāyatra – Gayatri-Versmaß.

7.12 devatā mahiṣaghnīyaṃ pūrvaṃ bījaṃ parāparā |
dhyāyet kālīṃ mahādaityayuddharāgamadonmukhīm || 12 ||

Übersetzung: Die Gottheit ist die Büffeltöterin; das erste Bija [ist] Parapara. Man meditiere über Kali, die sich im Kampf mit dem großen Dämon leidenschaftlich und ekstatisch erhebt.

Wort-für-Wort: mahiṣaghnī – Büffeltöterin; parāparā – höchste und nicht-höchste Kraft; mahādaityayuddha – Kampf mit dem großen Dämon; madonmukhī – der Ekstase zugewandt.

7.13 dakṣiṇe cakrakhaḍgau ca bāṇaṃ śūlaṃ tathaiva ca |
vāme khaḍgaṃ tathā carma dhanustarjanameva ca || 13 ||

Übersetzung: In den rechten Händen trägt sie Diskus, Schwert, Pfeil und Dreizack; links ein Schwert, einen Schild, einen Bogen und die drohende Gebärde,

Wort-für-Wort: dakṣiṇe – rechts; cakra – Diskus; bāṇa – Pfeil; śūla – Dreizack; carma – Schild; tarjana – Drohgeste. Das doppelt genannte Schwert bleibt erhalten.

7.14 bibhratīṃ kālatīvrorumahiṣāṅganiṣeduṣīm |
pītāmbaradharāṃ devīṃ pīnonnatakucadvayām || 14 ||

Übersetzung: auf dem Leib des gewaltigen, todbringenden Büffels sitzend, in gelbem Gewand, mit zwei vollen, hochgewölbten Brüsten,

Wort-für-Wort: mahiṣāṅga – Büffelleib; niṣeduṣī – sitzend; pītāmbarā – gelb gekleidet; pīnonnata – voll und hochgewölbt.

7.15 jaṭāmukuṭaśobhāḍhyāṃ pitṛbhūmisukhāvahām |
oṃ mahiṣahiṃsake hūṃ phaṭ hṛdayāya namo hṛdi |
oṃ mahiṣa(daitya)śatro hūṃ phaṭ śirasyudīritam || 15 ||

Übersetzung: geschmückt mit einer Krone aus verfilztem Haar, Freude auf der Totenstätte spendend. „oṃ mahiṣahiṃsake hūṃ phaṭ hṛdayāya namaḥ“ [gilt] für das Herz; „oṃ mahiṣaśatro hūṃ phaṭ“ wird für den Kopf genannt.

Wort-für-Wort: jaṭāmukuṭa – Krone aus Haarflechten; pitṛbhūmi – Totenstätte; mahiṣahiṃsake – Büffeltöterin, Anrede; hṛdayāya namaḥ – Verehrung dem Herzen. Die erste Formel steht im Satzsandhi als namo hṛdi.

7.16 oṃ mahiṣaṃ heṣaya heṣaya hūṃ (phaṭ) śikhāmantraḥ samīritaḥ || 16 ||

Übersetzung: „oṃ mahiṣaṃ heṣaya heṣaya hūṃ (phaṭ)“ wird als Mantra für die Haarspitze angegeben.

Wort-für-Wort: mahiṣam – den Büffel, Akkusativ; heṣaya – lass wiehern beziehungsweise aufschreien, ungewöhnliche Wortwahl; śikhā – Haarspitze, Scheitelbüschel. phaṭ steht in der Vorlage in Klammern.

7.17 oṃ mahiṣaṃ hana hana devī hūṃ phaṭ kavaca ityapi |
mahiṣamardinī hūṃ phaṭ astrāṇi śṛṇu bhairava || 17 ||

Übersetzung: „oṃ mahiṣaṃ hana hana devī hūṃ phaṭ“ [gilt] für den Schutzpanzer; „mahiṣamardinī hūṃ phaṭ“ für die Waffen. Höre, Bhairava!

Wort-für-Wort: hana hana – schlage, schlage; kavaca – Schutzpanzer; astra – Waffe; mahiṣamardinī – Büffelbezwingerin. Die auffälligen Endungen devī und mardinī bleiben erhalten.

7.18 aṣṭapatre yajeddevīrdurgādyā dīrghapūrvikāḥ |
āyudhāni palāśāgre yādibhiḥ kramaśo yajet || 18 ||

Übersetzung: Im achtblättrigen Lotus verehre man die mit Durga beginnenden Göttinnen, denen die langen [Vokale] vorangestellt sind; an den Blattspitzen verehre man die Waffen der Reihe nach mit den bei „ya“ beginnenden [Lauten].

Wort-für-Wort: aṣṭapatra – achtblättrig; dīrghapūrvika – mit vorangestellten langen Vokalen; āyudha – Waffe; yādi – mit ya beginnend.

7.19 brahmāṇyādyāstataḥ paścāllokapālāṃstato bahiḥ |
siddhamantrī tadastrāṇi prayogaṃ ca samācaret || 19 ||

Übersetzung: Danach [verehre man] Brahmani und die übrigen, außen die Weltenhüter. Der im Mantra Vollendete vollziehe die Waffenverehrung und die Anwendung.

Wort-für-Wort: brahmāṇyādi – Brahmani und die übrigen; lokapāla – Weltenhüter; siddhamantrin – im Mantra Vollendeter; prayoga – Anwendung.

7.20 prayoge homaniyamaḥ sahasraṃ vasusaṃmitam |
eṣā vidyā mahāvidyā na deyā yasya kasyacit || 20 ||

Übersetzung: Bei der Anwendung beträgt die Vorschrift für das Feueropfer achttausend [Darbringungen]. Diese Vidya ist eine große Vidya; sie darf nicht beliebig weitergegeben werden.

Wort-für-Wort: vasusaṃmita – der Zahl der acht Vasus entsprechend; sahasra – tausend; yasya kasyacit – irgendeinem Beliebigen; na deyā – nicht zu geben.

7.21 yadi bhāgyavaśāllabdhā kuladevī kulottamaiḥ |
dīkṣitā kulajātistu siddhidā saiva nānyathā || 21 ||

Übersetzung: Wenn die Kula-Göttin durch glückliches Geschick von hervorragenden Kulinas gewonnen wurde und als Kula-Geborene eingeweiht ist, gewährt sie Vollendung; anders nicht.

Wort-für-Wort: bhāgyavaśāt – durch glückliches Geschick; kulajāti – im Kula geboren; dīkṣitā – eingeweiht; nānyathā – nicht anders. Gemeint ist hier die menschliche Verkörperung der Göttin.

Lobgesang auf Mahishamardini

mahiṣamardinīstotram

bhairava uvāca - – Bhairava spricht:

7.22 maccitte cara caṇḍi ! cūrṇitadurācārapracaṇḍāsure ! svairaṃ dāraya bhūri durdharadaradrohormimarmāpadaḥ |
tenāyaṃ nirupadruto nirupamaśrīpādapadmāṭavī- prāptānantarasārṇave mama manohaṃsaściraṃ nandatu || 22 ||

Übersetzung: Bewege dich in meinem Herzen, Chandi, die du den gewaltigen Dämon bösen Handelns zermalmt hast! Zerreiße frei die zahlreichen schwer erträglichen Gefahren, die mit Wogen von Furcht und Feindschaft mein Innerstes treffen. Dann möge der Schwan meines Geistes ungestört lange im Meer unendlichen Nektars frohlocken, das sich beim Erreichen des unvergleichlichen Hains deiner herrlichen Lotusfüße eröffnet.

Wort-für-Wort: maccitte – in meinem Herzen; cara – bewege dich; durācāra – schlechtes Handeln; manohaṃsa – Schwan des Geistes; rasārṇava – Meer des Nektars.

7.23 hitvā caṇḍi ! hiraṇyadāraṇapaṭuproddāmahastāṅguli- sphāyat kamrasumerusodarasaṭāṭopaṃ nṛsiṃhaṃ surāḥ |
mātastvatpaśupāśapeṣaṇapaṭuśrīpādasaṃsevinaṃ sevante karivairiṇaṃ kimaribhirbhītirbhavetsevinaḥ || 23 ||

Übersetzung: Chandi, die Götter lassen Narasimha zurück, dessen mächtige Finger Hiranya zu zerreißen vermögen und dessen wogende Mähne dem schönen Sumeru gleicht. Mutter, sie dienen dem Löwen, der deine herrlichen Füße verehrt, die die Fesseln der gebundenen Wesen zermahlen. Wie könnte für einen solchen Diener Furcht vor Feinden bestehen?

Wort-für-Wort: hiraṇyadāraṇa – Zerreißen Hiranyas, des Dämons Hiranyakashipu; nṛsiṃha – Narasimha; paśupāśa – Fesseln gebundener Wesen; karivairin – Feind des Elefanten, Löwe.

7.24 caṇḍi ! tvadviṣayāntarākṣarapadaṃ śrotrāntaraṃ cedgataṃ tattattvaṃ puruṣaprakṛtyanugataṃ brahmādibhirgīyate |
tasmāddevi ! samastadaivatasudhāsāraikadhāmasphura- cchrīmatpādapayojacumbanaparaṃ māmadya saṃbhāvaya || 24 ||

Übersetzung: Chandi, gelangt ein auf dich bezogenes Wort aus Lauten ins Ohr, wird seine mit Purusha und Prakriti verbundene Wahrheit von Brahma und den anderen besungen. Darum, Göttin, würdige mich heute, ganz dem Küssen deiner strahlenden Lotusfüße hingegeben zu sein, die die einzige Heimstatt der Nektar-Essenz aller Gottheiten sind.

Wort-für-Wort: akṣarapada – Wort aus Lauten; śrotra – Ohr; puruṣaprakṛti – Geistprinzip und Natur; sudhāsāra – Nektar-Essenz; saṃbhāvaya – würdige, achte.

7.25 mannindā yadi vāstu te kulapathācārādvaraṃ māstu vā kīrtiḥ keśavakauśikārcanacarī naivāstu matsaṃnidhiḥ |
mātarbrahmaharismarārihutabhugdaityārisevāspada- śrīmatpādapayojacintanavidhau cittaṃ sadaivāstu naḥ || 25 ||

Übersetzung: Mögen die Menschen mich wegen der Ausübung deines Kula-Weges tadeln; mag mir Vorzüglichkeit versagt bleiben, mag der Ruhm der Verehrung Keshavas und Kaushikas nicht in meine Nähe kommen: Mutter, unser Geist sei stets auf die Betrachtung deiner herrlichen Lotusfüße gerichtet, denen Brahma, Hari, der Feind Kamas, das Feuer und der Feind der Dämonen dienen.

Wort-für-Wort: nindā – Tadel; kīrti – Ruhm; caraṇacintana – Betrachtung der Füße; smarāri – Feind Kamas, Shiva; hutabhuj – Opferverzehrer, Feuer. Kaushikas genauer Bezug bleibt offen.

7.26 nirdiṣṭo'smi yadi tvadīyapadayukpūrvāparībhāvane nirdiṣṭasya tadā mamāpi viralaṃ kiṃvāstu siddhāspadam |
tasmāddevi ! kṛpābharāñcitataraṃ śrīpādapadmadvayaṃ maccitte'kṣatasaṃpadi prasaratu kṣemaṃkari ! kṣamyatām || 26 ||

Übersetzung: Wenn ich zur fortgesetzten Betrachtung deiner beiden Füße bestimmt bin, welche schwer erreichbare Stätte der Vollendung könnte mir dann noch fehlen? Darum, Göttin, mögen deine beiden Lotusfüße, von überreicher Gnade erfüllt, sich in meinem Herzen als unversehrtes Glück entfalten. Du Heilbringende, verzeihe!

Wort-für-Wort: nirdiṣṭa – angewiesen, bestimmt; siddhāspada – Stätte der Vollendung; kṛpābhara – Fülle der Gnade; kṣemaṃkarī – Heilbringende; kṣamyatām – es möge verziehen werden. Der Eingangssatz ist mehrdeutig.

7.27 ātmānaṃ parirabhya bhūtapatirapyunmādamāsāditaḥ sphāraṃ jīvanarakṣaṇe sa ca kṛtī naivābhaviṣyatprabhuḥ |
daivādvicyutacandracandanarasaprāgalbhyagarbhasrava- nmādhvīpūrṇabhavatpadaikakamalāmodena nāsvāditaḥ || 27 ||

Übersetzung: Selbst der Herr der Wesen wäre, sein eigenes Selbst umarmend und in Ekstase geraten, nicht fähig gewesen, das Leben kraftvoll zu bewahren, hätte er nicht durch glückliche Fügung den Duft des einen Lotus deines Fußes gekostet, erfüllt von strömendem Honignektar und der Fülle herabfließenden Mond- und Sandelsaftes.

Wort-für-Wort: bhūtapati – Herr der Wesen, Shiva; parirabhya – umarmt habend; jīvanarakṣaṇa – Bewahrung des Lebens; pādakamala – Fußlotus; āmoda – Duft. Die dichten Komposita lassen Einzelbezüge offen.

7.28 hā hā mātaranādimohajaladhivyāhāraviddhākhila- brahmānandarasābhiṣekavirasasvāntodare mādṛśi |
yuṣmākaṃ suravṛndanirbharamanastāpābhibhūtikṣamaḥ śrīmadbhaktirasātidurdinaparīvāhaḥ sadā sarpatu || 28 ||

Übersetzung: Ach, Mutter! In einem Menschen wie mir ist das Innere vom Meer anfangsloser Verblendung durchbohrt und ohne Geschmack für die Salbung mit der Wonne Brahmans. Möge darin stets die überströmende Regenfülle heiliger Hingabe fließen, die selbst die große Herzensqual der Götterscharen zu überwältigen vermag.

Wort-für-Wort: anādimoha – anfangslose Verblendung; jaladhi – Meer; brahmānandarasa – Geschmack der Brahman-Wonne; bhaktirasa – Hingabewonne; parīvāha – Überfließen.

7.29 yatpādasphuradaṃśujālajaṭharāccaṇḍāṃśukoṭisphura- tsvāntadhvāntavisāri nirmalacidānandatrayaṃ daivatam |
sargaṃ saṃsṛjati sthitiṃ vitanute sṛṣṭiṃ punarlumpati prodbhinnāñjananīlanīradamahaścitte sadaivāstu naḥ || 29 ||

Übersetzung: Aus dem Geflecht der Strahlen ihrer Füße geht die reine, bewusstseins- und wonnevolle Dreiheit der Gottheiten hervor, deren Glanz wie Millionen Sonnen die Finsternis des Inneren vertreibt; sie erschafft die Welt, erhält sie und löst die Schöpfung wieder auf. Jener tiefblaue Glanz, wie aufgebrochenes Augenschwarz und dunkle Wolken, sei stets in unserem Herzen.

Wort-für-Wort: aṃśujāla – Strahlennetz; cidānanda – Bewusstsein und Wonne; trayaṃ daivatam – Dreiheit der Gottheiten; svāntadhvānta – innere Finsternis; añjananīla – dunkel wie Augenschwarz.

7.30 yā śaśvanmahiṣacchalasphuṭamiladgarjadvidhāvatskhala- dvaktāntaḥprasarattamastamaśiro daityaṃ samālambate |
sā durgā bhayadurgadurgatiharā lakṣāntaratrāsinī dṛpyaddaivatavairdāraṇapaṭurjīyājjayāhlādinī || 30 ||

Übersetzung: Sie überwältigt den Dämon, der in Büffelgestalt brüllend heranstürmt, dessen Maul und finsteres Haupt [von Dunkel erfüllt sind]. Diese Durga nimmt Furcht, bedrängende Gefahren und Not; unzählige [Gegner] schreckt sie. Möge sie siegen, die übermütige Götterfeinde zerreißt und durch ihren Sieg erfreut!

Wort-für-Wort: mahiṣacchala – Büffelverkleidung; durgatihara – Not nehmend; daitya – Dämon; jīyāt – sie möge siegen; jayāhlādinī – durch Sieg erfreuend. Einzelglieder des ersten Kompositums sind unsicher.

7.31 nṛtyatkheṭakacāmarāñcalabalaccakrādyakharvāvara- sphāyatsainyaśilīmukhocchaladanalpājihmatāmrāmbudhau |
jhañjhāvātavisarpinartitaśiraḥsāṭopaduṣṭāsura- truṭyatkhaṇḍavikhaṇḍitākhilaśakuntakṣutpipāsojjvale || 31 ||

Übersetzung: [Du erscheinst] im rötlichen Meer des gewaltigen Kampfes: Schilde tanzen, Wedelsäume schwingen, Diskusse und andere mächtige Waffen bewegen sich; Heerscharen und Pfeile schnellen hervor. Sturmhaft werden die stolzen Köpfe der bösen Dämonen geschleudert und in Stücke gerissen; Vögel lodern gleichsam vor Hunger und Durst.

Wort-für-Wort: kheṭaka – Schild; cāmara – Wedel; śilīmukha – Pfeil; jhañjhāvāta – Sturmwind; śakunta – Vogel. Der Vers bildet mit 32–33 ein dichtes Schlacht- und Meditationsbild.

7.32 cañcatkamravirāmakālakalatīvrāsphālasaṃpādako- nmādyanmāhiṣatiryagānataśiraḥ śṛṅgāntarāle sthale |
vasvarṇairvasupatramadhyakalitairbadhvā śrutīrmātṛbhiḥ sevye cāru raṇāṅgaṇe raṇamudā ghūrṇāyamānāmbare || 32 ||

Übersetzung: Auf dem Platz zwischen den Hörnern des schräg gesenkten Kopfes des tobenden Büffels, dessen heftige Stöße die Zeit des Endes ankündigen, wirst du verehrt: mit acht Lauten in der Mitte des achtblättrigen [Lotus], mit den Müttern an den Seiten [wörtlich: den Ohren]. Schön im Schlachtfeld, vom Kampfesjubel bewegt, lässt du den Raum erbeben.

Wort-für-Wort: śṛṅgāntarāla – Zwischenraum der Hörner; vasvarṇa – acht Laute; vasupatra – acht Blätter; mātṛ – Muttergottheit; raṇamud – Kampfesfreude. Mehrere syntaktische Bezüge bleiben unsicher.

7.33 ūrdhvādhaḥkramasavyavāmakarayoścakraṃ daraṃ kartṛkāṃ kheṭaṃ bāṇadhanustriśūlabhayahṛnmudrāṃ dadhānāṃ śivām |
śyāmāṃ nīlaghanoccakuntalacayapronnaddhajūṭāṃ skhala- dvīrāsphālalasatkarālavadanāṃ ghorāṭṭahāsodbhaṭām || 33 ||

Übersetzung: [Man meditiere über] die Heilvolle, die in den rechten und linken Händen, von oben nach unten, Diskus, Muschel, Messer, Schild, Pfeil, Bogen, Dreizack und die furchtnehmende Gebärde trägt; die Dunkle mit hochgebundenen Haarmassen wie blaue Wolken, mit furchtbarem Gesicht, erglänzend in heldenhaftem Ungestüm und gewaltigem schrecklichem Lachen.

Wort-für-Wort: dara – hier Muschel; kartṛkā – Messer; abhayahṛnmudrā – furchtnehmende Gebärde, im Wortlaut bhayahṛn; śyāmā – Dunkle; aṭṭahāsa – lautes Lachen.

7.34 evaṃ ye tava devi ! mūrtimanaghāṃ dhyāyanti durgādibhiḥ śakrādyairapi pūjitāṃ parapurakṣobhādikaṃ kurvate |
rājyaṃ śatrujayaḥ sadarthadhiṣaṇā kāvyāmṛtādarśana- stambhoccāṭanamāraṇādikṛtināṃ teṣāṃ svayaṃ jāyate || 34 ||

Übersetzung: Wer so über deine makellose Gestalt meditiert, Göttin, die von Durga und anderen sowie von Indra und den übrigen Göttern verehrt wird, vermag fremde Städte zu erschüttern. Herrschaft, Feindessieg, Einsicht in gute Ziele und Schau dichterischen Nektars entstehen ihm von selbst, ebenso die Vollzüge des Lähmens, Vertreibens und Tötens.

Wort-für-Wort: parapurakṣobha – Erschütterung fremder Städte; sadarthadhiṣaṇā – Einsicht in gute Ziele; kāvya – Dichtung; stambha – Lähmung; māraṇa – Tötungszauber.

7.35 stotraṃ te caraṇāravindayugaladhyānāvadhānānmayā mantroddhārakulopacāraracitaṃ gūḍhopadiṣṭaṃ yadi |
ye śṛṇvanti paṭhanti devi ! tarasā śrīmokṣakāmādaya- steṣāṃ hastagatā bhavanti jagatāṃ mātarnamaste jaya || 35 ||

Übersetzung: Dieses Loblied habe ich in gesammelter Meditation über deine beiden Lotusfüße geschaffen; verborgen lehrt es die Ableitung des Mantras und die Darbringungen des Kula. Wer es hört oder rezitiert, Göttin, dem fallen rasch Glück, Befreiung, Wunscherfüllung und Weiteres zu. Mutter der Welten, Verehrung dir! Siege!

Wort-für-Wort: stotra – Loblied; dhyānāvadhāna – gesammelte Meditation; mantroddhāra – Herauslösen beziehungsweise Ableiten eines Mantras; hastagata – in die Hand gelangt; śrīmokṣakāma – Glück, Befreiung und Wunschziel.

devyuvāca - – Die Göttin spricht:

7.36 stotraśravaṇasaṃtuṣṭā prītāsmi tava bhairava |
paśya mūrtiṃ na ca dhyānayogyāṃ mama sukhāvaham || 36 ||

Übersetzung: Durch das Hören deines Loblieds bin ich erfreut und dir gewogen, Bhairava. Schau meine beglückende Gestalt, die [nach dem überlieferten Wortlaut] nicht zur Meditation geeignet ist.

Wort-für-Wort: stotraśravaṇa – Hören des Loblieds; prītā asmi – ich bin erfreut; paśya – schaue; na ca dhyānayogyām – und nicht zur Meditation geeignet. Die Negation steht so in beiden Vorlagen und wird nicht stillschweigend gestrichen.

7.37 eṣā mūrtiḥ pradhānaṃ me kālīmūrtistathaiva ca |
tripurā bhairavīmūrtirādyā sā parikīrtitā || 37 ||

Übersetzung: Diese Gestalt ist meine vornehmste, ebenso meine Kali-Gestalt. Die Gestalt Tripura-Bhairavis wird die ursprüngliche genannt.

Wort-für-Wort: pradhāna – vornehmste, Hauptform; kālīmūrti – Kali-Gestalt; ādyā – ursprüngliche; parikīrtitā – genannt.

7.38 kulavāre kulāṣṭamyāṃ caturdaśyāṃ viśeṣataḥ |
yoginīpūjanaṃ tatra pradhānaṃ kulapūjanam || 38 ||

Übersetzung: Am Kula-Tag, am Kula-Ashtami und besonders am vierzehnten Mondtag ist dort die Yogini-Verehrung die hauptsächliche Kula-Verehrung.

Wort-für-Wort: kulavāra – heiliger Wochentag des Kula; aṣṭamī – achter Mondtag; caturdaśī – vierzehnter Mondtag; yoginīpūjana – Yogini-Verehrung.

7.39 yathā viṣṇutithau viṣṇuḥ pūjito vāñchitapradaḥ |
tathā kulatithau durgā pūjitā varadāyinī || 39 ||

Übersetzung: Wie Vishnu, an seinem Mondtag verehrt, das Gewünschte gewährt, so spendet Durga, am Kula-Mondtag verehrt, Segen.

Wort-für-Wort: viṣṇutithi – Vishnus Mondtag; vāñchitaprada – Gewünschtes gewährend; varadāyinī – Segensspenderin.

7.40 bilvamūle prāntare vā śmaśāne vāpi sādhakaḥ |
māṃsapradhānaṃ naivedyaṃ saṃdhyākāle vidhīyate || 40 ||

Übersetzung: Unter einem Bilva-Baum, in abgelegenem Gelände oder auf einer Verbrennungsstätte soll der Übende zur Dämmerung eine hauptsächlich aus Fleisch bestehende Speisegabe darbringen.

Wort-für-Wort: bilvamūla – Fuß eines Bilva-Baums; prāntara – abgelegenes Gelände; māṃsapradhāna – hauptsächlich aus Fleisch; saṃdhyākāla – Dämmerung.

7.41 kālī kālīti vaktavye tatromā śivarūpiṇī |
paśurūpā samāyāti parivāragaṇaiḥ saha || 41 ||

Übersetzung: Wenn „Kali, Kali“ gerufen wird, kommt dort Uma als Shiva [hier: Schakalin], in Tiergestalt zusammen mit ihrem Gefolge.

Wort-für-Wort: umā – Uma; śivarūpiṇī – Shiva-Gestaltige, hier mit Wortspiel auf śivā, Schakalin; paśurūpa – Tiergestalt; parivāra – Gefolge.

7.42 bhuktvā rauti yadaiśānyāṃ mukhamuttolya susvaram |
tadaiva maṅgalaṃ tasya nānyathā kulabhūṣaṇa ! || 42 ||

Übersetzung: Wenn sie gegessen hat, den Kopf nach Nordosten erhebt und wohlklingend ruft, ist dies für ihn günstig; anders nicht, Schmuck des Kula.

Wort-für-Wort: bhuktvā – gegessen habend; aiśānyām – nach Nordosten; rauti – ruft, heult; maṅgala – günstiges Zeichen.

7.43 avaśyamannadānena niyataṃ toṣayecchivām |
nityaśrāddhaṃ tathā saṃdhyāvandanaṃ pitṛtarpaṇam || 43 ||

Übersetzung: Durch Speisegabe soll man die Schakalin regelmäßig zufriedenstellen. Wie das tägliche Ahnenritual, das Dämmerungsgebet und die Ahnensättigung,

Wort-für-Wort: annadāna – Speisegabe; toṣayet – man stelle zufrieden; nityaśrāddha – täglicher Ahnenritus; pitṛtarpaṇa – Sättigung der Ahnen.

7.44 tatheyaṃ kuladevīnāṃ nityatā kulapūjane |
paśurūpāṃ śivāṃ devīṃ yo nārcayati nirjane || 44 ||

Übersetzung: so hat dies in der Kula-Verehrung der Kula-Göttinnen täglichen Verpflichtungscharakter. Wer die Göttin Shiva in Tiergestalt nicht an einem einsamen Ort verehrt,

Wort-für-Wort: nityatā – tägliche Verbindlichkeit; paśurūpā – Tiergestaltige; nirjana – einsamer Ort; arcayati – verehrt.

7.45 śivārāveṇa tasyāśu sarvaṃ naśyati niścitam |
japapūjāvidhānāni yatkiṃcitsukṛtāni ca || 45 ||

Übersetzung: dem geht durch den Ruf der Schakalin gewiss rasch alles verloren: Mantrawiederholung, Verehrungsriten und alle vollbrachten guten Werke.

Wort-für-Wort: śivārāva – Schakalinnenruf; naśyati – geht verloren; japapūjāvidhāna – Regeln und Vollzüge von Japa und Puja; sukṛta – gutes Werk.

7.46 gṛhītvā śāpamāpādya śivā roditi nirjane |
ekayā bhujyate yatra śivayā deva bhairava ! || 46 ||

Übersetzung: Nachdem sie [deren Frucht] genommen und einen Fluch verhängt hat, klagt die Schakalin am einsamen Ort. Wo eine einzige Schakalin isst, Gott Bhairava,

Wort-für-Wort: śāpa – Fluch; roditi – weint, klagt; ekayā śivayā – von einer einzigen Schakalin; bhujyate – wird gegessen.

7.47 tatraiva sarvaśaktīnāṃ prītiḥ paramadurlabhā |
paśuśaktirnaraśaktiḥ pakṣiśaktistathaiva ca || 47 ||

Übersetzung: dort entsteht die sonst schwer zu erlangende Freude aller Shaktis. Die Shakti in Tiergestalt, die Shakti in Menschengestalt und die Shakti in Vogelgestalt,

Wort-für-Wort: paśuśakti – Kraft in Tiergestalt; naraśakti – Kraft in Menschengestalt; pakṣiśakti – Kraft in Vogelgestalt; prīti – Freude.

7.48 pūjitā viguṇaṃ karma saguṇaṃ kārayettataḥ |
tena sarvaprayatnena kartavyaṃ pūjanaṃ mahat || 48 ||

Übersetzung: verehrt, verwandeln mangelhaftes Handeln in gelungenes. Deshalb soll man diese große Verehrung mit aller Sorgfalt ausführen.

Wort-für-Wort: viguṇa – mangelhaft; saguṇa – mit guten Eigenschaften versehen; kārayet – bewirke; pūjana – Verehrung.

7.49 rājādibhayamāpanno deśāntarabhayādikam |
śubhāśubhāni karmāṇi vicintya balimāharet || 49 ||

Übersetzung: Wer von Furcht vor Herrschern oder Gefahren in fremden Ländern betroffen ist, erwäge günstige und ungünstige Unternehmungen und bringe eine Opfergabe dar:

Wort-für-Wort: rājādibhaya – Furcht vor Herrschern und Ähnlichem; deśāntara – fremdes Land; śubhāśubha – günstig und ungünstig; bali – Opfergabe.

7.50 gṛhṇa devi ! mahābhāge ! śive ! kālāgnirūpiṇī ! |
śubhāśubhaphalaṃ vyaktaṃ brūhi gṛhṇa baliṃ tava || 50 ||

Übersetzung: „Nimm an, glückreiche Göttin, Shiva in der Gestalt des Zeitfeuers! Sage deutlich die günstige oder ungünstige Frucht voraus und nimm deine Opfergabe an!“

Wort-für-Wort: gṛhṇa – nimm an; kālāgnirūpiṇī – Gestalt des Zeitfeuers; vyaktam – deutlich; brūhi – sage.

7.51 evamuccārya dātavyo baliṃ kulajanapriyaḥ |
yadā na gṛhyate vatsa ! tadā naiva śubhaṃ bhavet || 51 ||

Übersetzung: So sprechend, soll der den Kula-Menschen Liebe die Opfergabe darbringen. Wird sie nicht angenommen, mein Kind, verheißt dies nichts Gutes.

Wort-für-Wort: uccārya – ausgesprochen habend; na gṛhyate – wird nicht angenommen; śubha – günstig; dātavya – darzubringen.

7.52 śubhaṃ yadi bhavettatra bhujyate tadaśeṣataḥ |
evaṃ matvā mahādeva ! śāntisvastyayanaṃ caret || 52 ||

Übersetzung: Ist das Vorzeichen günstig, wird alles aufgegessen. So erkenne man es, großer Gott, und vollziehe Riten für Frieden und Wohlergehen.

Wort-für-Wort: aśeṣataḥ – restlos; śānti – Befriedung; svastyayana – Wohlergehensritus; matvā – erkannt habend.

7.53 kulācāraṃ dakṣiṇākhyaṃ kathitaṃ tava suvrata ! |
na kasmaicitpravaktavyaṃ yadīcchecchāśvataṃ sukham || 53 ||

Übersetzung: Der Dakshina genannte Kula-Weg ist dir erklärt, du Treuer im Gelübde. Wer dauerhaftes Glück wünscht, soll ihn niemandem preisgeben.

Wort-für-Wort: dakṣiṇākhya – Dakshina genannt; suvrata – treu im Gelübde; śāśvatasukha – dauerhaftes Glück; pravaktavya – mitzuteilen.

7.54 nirjane caiva vaktavyaṃ na caiva janasaṃnidhau |
na pituḥ saṃnidhāne vā na mātuḥ saṃnidhau tathā || 54 ||

Übersetzung: Er darf nur an einem einsamen Ort besprochen werden, nicht in der Nähe anderer Menschen, nicht beim Vater und ebenso nicht bei der Mutter.

Wort-für-Wort: nirjane – in der Einsamkeit; janasaṃnidhi – Gegenwart von Menschen; pituḥ – des Vaters; mātuḥ – der Mutter.

7.55 kiṃ vā pakṣipataṅgādidarśane naiva kārayet |
pātālamaṇḍape vāpi maṇḍape vā suyantrite || 55 ||

Übersetzung: Man soll ihn nicht einmal im Sichtbereich von Vögeln, Insekten und Ähnlichem vollziehen, sondern in einer unterirdischen oder gut gesicherten Halle,

Wort-für-Wort: pakṣipataṅga – Vögel und Insekten; pātālamaṇḍapa – unterirdische Halle; suyantrita – gut gesichert; kārayet – man lasse ausführen.

7.56 niśchidramaṇḍape vāpi kartavyaṃ na ca saṃnidhau |
kulapuṣpaṃ kuladravyaṃ kulapūjāṃ kule japam || 56 ||

Übersetzung: in einer lückenlos abgeschlossenen Halle, ohne Anwesenheit anderer. Kula-Blüte, Kula-Substanz, Kula-Verehrung und Kula-Japa,

Wort-für-Wort: niśchidra – ohne Öffnungen; kulapuṣpa – Kula-Blüte; kuladravya – Kula-Substanz; japa – Mantrawiederholung.

7.57 guruṃ kulapatiṃ cāpi kulamālāṃ kulākulam |
kulacakraṃ kuladhyānaṃ sarvathā na prakāśayet || 57 ||

Übersetzung: Guru und Kula-Herrn, Kula-Kette, Kula und Akula, Kula-Kreis und Kula-Meditation darf man keinesfalls öffentlich enthüllen.

Wort-für-Wort: kulamālā – Kula-Kette beziehungsweise Rosenkranz; kulākula – Kula und Akula; kuladhyāna – Kula-Meditation; prakāśayet – man mache öffentlich.

7.58 prakāśāt siddhihāniḥ syātprakāśādbandhanādikam |
prakāśānmantranāśaḥ syātprakāśādeva hiṃsanam || 58 ||

Übersetzung: Durch Veröffentlichung gehen Vollendungen verloren, entstehen Bindung und Ähnliches; durch Veröffentlichung wird das Mantra zerstört und entsteht Verletzung.

Wort-für-Wort: prakāśa – Offenlegung; siddhihāni – Verlust der Vollendung; bandhana – Bindung; mantranāśa – Zerstörung des Mantras.

7.59 prakāśānmṛtyulābhaḥ syānna prakāśyaṃ kathaṃcana |
pūjākāle tu deveśa ! yadi ko'pyatra gacchati || 59 ||

Übersetzung: Durch Veröffentlichung erlangt man den Tod; daher darf es keinesfalls offengelegt werden. Wenn zur Zeit der Verehrung jemand hinzukommt, Herr der Götter,

Wort-für-Wort: mṛtyulābha – Eintreten des Todes; na kathaṃcana – keinesfalls; pūjākāla – Zeit der Verehrung; āgacchati – kommt hinzu, in der Vorlage gacchati.

7.60 darśayedvaiṣṇavīṃ mudrāṃ viṣṇunyāsaṃ tathā stavam |
prakāśādyadi guptiḥ syāttatprakāśānna dūṣaṇam || 60 ||

Übersetzung: zeige man eine vishnuitische Mudra, den Vishnu-Nyasa und einen Lobpreis. Wenn [eine solche] Offenlegung zur Verbergung führt, ist diese Offenlegung kein Fehler.

Wort-für-Wort: vaiṣṇavī mudrā – vishnuitische Gebärde; viṣṇunyāsa – Vishnu-Nyasa; gupti – Verbergung; dūṣaṇa – Fehler.

7.61 gopanādyadi vyaktiḥ syānna guptiḥ sābhidhīyate |
kadācidaṅgahānistu na ca vyaktiḥ kadācana || 61 ||

Übersetzung: Wenn Verbergen zur Enthüllung führt, ist es nicht Verbergen zu nennen. Eher [nehme man] den Verlust eines Körperglieds hin als jemals die Enthüllung.

Wort-für-Wort: gopana – Verbergen; vyakti – Offenbarwerden; aṅgahāni – Verlust eines Körperglieds; kadācana – jemals.

7.62 varaṃ pūjā na kartavyā na ca vyaktiḥ kadācana |
etattantraṃ gṛhe yasya kulākṣarasamanvitam || 62 ||

Übersetzung: Besser ist es, die Verehrung zu unterlassen, als jemals das Geheimnis zu enthüllen. In wessen Haus dieses Tantra mit den Kula-Schriftzeichen

Wort-für-Wort: varaṃ – besser; na kartavyā – nicht auszuführen; gṛhe – im Haus; kulākṣara – Kula-Schriftzeichen.

7.63 kuleśvaralipirvāpi tatraivāhaṃ sadā sthitā |
teṣāṃ gṛheṣu pāpāni duṣkṛtāni bhayādikam || 63 ||

Übersetzung: oder in der Schrift des Herrn des Kula vorhanden ist, dort bin ich stets gegenwärtig. In diesen Häusern schwinden Schuld, Übeltaten und Furcht

Wort-für-Wort: kuleśvaralipi – Schrift des Kula-Herrn; sadā sthitā – stets gegenwärtig; pāpa – Schuld; duṣkṛta – Übeltat.

7.64 pustakasthitimātreṇa naśyantyatra na saṃśayaḥ |
likhitvā kulahastena kuladravyeṇa bhairava || 64 ||

Übersetzung: allein durch die Gegenwart des Buches; daran ist kein Zweifel. Man schreibe es mit der Kula-Hand und mit Kula-Substanz, Bhairava,

Wort-für-Wort: pustakasthiti – Anwesenheit des Buches; likhitvā – geschrieben habend; kulahasta – Kula-Hand, besonderer ritueller Ausdruck; kuladravya – Kula-Substanz.

7.65 kulavāre paṭhedvāpi kulahaste ca dhārayet |
sarvathā tasya gehaṃ vai na saṃtyakṣyāmi bhairava ! || 65 ||

Übersetzung: lese es am Kula-Tag oder trage es in der Kula-Hand. Sein Haus werde ich unter keinen Umständen verlassen, Bhairava.

Wort-für-Wort: paṭhet – man lese, rezitiere; dhārayet – man trage; geha – Haus; na saṃtyakṣyāmi – ich werde nicht verlassen. Eine Lesart hat deha, Körper.

7.66 atyantarogayukto vā śubhahīno'pi vā punaḥ |
etattantrasamāyogāttyājyo na hi kathaṃcana || 66 ||

Übersetzung: Auch wenn jemand schwer krank oder ohne günstige Umstände ist: Durch seine Verbindung mit diesem Tantra ist er keinesfalls aufzugeben.

Wort-für-Wort: atyantarogayukta – schwer krank; śubhahīna – ohne günstige Umstände; tyājya – aufzugeben; saṃyoga – Verbindung.

7.67 kulaṃ kaṃcitsamālokya labhyate kulapūjanam |
etadgranthasamāyogāt kapālīkaraṇaṃ yadi || 67 ||

Übersetzung: Erblickt man ein Kula [einen Kula-Angehörigen beziehungsweise eine Verkörperung], kann Kula-Verehrung zustande kommen. Wenn mit diesem Buch die „Kapalin-Machung“

Wort-für-Wort: kulaṃ kaṃcit – irgendein Kula; granthasaṃyoga – Verbindung mit dem Buch; kapālīkaraṇa – „zum Schädelträger machen“, unklarer Ritualbegriff.

7.68 kriyate sādhakendreṇa tadā kiṃ vā na labhyate |
saṃpūjya kuladevaṃ ca gṛhṇīyāccaiva nānyathā || 68 ||

Übersetzung: von einem hervorragenden Übenden vollzogen wird, was könnte dann nicht erlangt werden? Erst nachdem man die Kula-Gottheit verehrt hat, nehme man [es] entgegen, nicht anders.

Wort-für-Wort: sādhakendra – hervorragender Übender; kiṃ na labhyate – was wird nicht erlangt; gṛhṇīyāt – man nehme an; nānyathā – nicht anders.

7.69 na snehānna ca lobhena na bhītyā kāraṇānna ca |
rājyahānirvaraṃ vāpi sutahānistu vā punaḥ || 69 ||

Übersetzung: Nicht aus Zuneigung, nicht aus Gier, nicht aus Furcht oder irgendeinem anderen Anlass [gebe man es preis]. Besser wäre der Verlust eines Königreichs oder sogar eines Sohnes,

Wort-für-Wort: sneha – Zuneigung; lobha – Gier; bhīti – Furcht; rājyahāni – Verlust des Königreichs; sutahāni – Verlust des Sohnes.

7.70 vittasya hānirvā deva na prakāśyaṃ kadācana |
manmāyāmohitaṃ cāpi anyadevarato'pi ca || 70 ||

Übersetzung: oder des Vermögens, o Gott; niemals soll es veröffentlicht werden. Auch wer durch meine Maya verblendet und einer anderen Gottheit ergeben ist,

Wort-für-Wort: vittahāni – Vermögensverlust; manmāyāmohita – durch meine Maya verblendet; anyadevarata – einer anderen Gottheit ergeben.

7.71 prakāśāt kṣobhamāpnoti satyaṃ satyaṃ vadāmyaham |
yathā yoṣiccharīreṇa vicarāmi punaḥ punaḥ || 71 ||

Übersetzung: gerät durch seine Offenlegung in Erschütterung. Wahrlich, wahrlich sage ich es! Wie ich immer wieder im Körper einer Frau umhergehe,

Wort-für-Wort: kṣobha – Erschütterung; satyam – wahrlich; yoṣiccharīra – Frauenkörper; vicarāmi – ich bewege mich umher.

7.72 tathemaṃ granthamāsādya tiṣṭhāmi paramā kalā |
mahācīnakramaṃ vāpi mahānīlaṃ sadāśivam || 72 ||

Übersetzung: so verweile ich als höchste Kraft in diesem Buch. Ob Mahachina-Krama, Mahanila-Sadashiva

Wort-für-Wort: paramā kalā – höchste Kraft; grantha – Buch; mahācīnakrama – Mahachina-Überlieferungsfolge; mahānīla sadāśiva – dunkle Sadashiva-Form beziehungsweise Traditionsbezeichnung, Gliederung unsicher.

7.73 saṃketaṃ vāpi yonmattaṃ yat kiṃcidvīrasādhanam |
kulācāraṃ vinā vatsa naiva siddhipravartakam || 73 ||

Übersetzung: oder ein Unmatta-Schlüssel und welche Vira-Praxis auch immer: Ohne Kula-Weg, mein Kind, bringt sie keine Vollendung hervor.

Wort-für-Wort: saṃketa – geheimer Schlüssel; unmatta – ekstatisch, wahnsinnig, in yonmatta unsicher verbunden; vīrasādhana – Heldenpraxis; vinā – ohne.

7.74 kulavāre kularkṣe ca kulalagne kulakṣaṇe |
yoginīnāṃ sadā pūjā manasāpi na hīyate || 74 ||

Übersetzung: Am Kula-Wochentag, unter dem Kula-Sternbild, bei Kula-Aszendent und Kula-Zeitpunkt darf die Verehrung der Yoginis niemals unterbleiben, wenigstens im Geist.

Wort-für-Wort: kularkṣa – Kula-Sternbild; lagna – Aszendent; lakṣaṇa – hier Zeitpunkt beziehungsweise Kennzeichen; manasā api – wenigstens im Geist.

7.75 kulīnāṃ nāvamanyeta nāvajñāṃ kārayedbudhaḥ |
abhibhūtisamākīrṇaṃ vyādhiyuktaṃ ca bhairava ! || 75 ||

Übersetzung: Der Weise verachte keine Kulina-Frau und lasse keine Missachtung geschehen. [Bei einem Menschen, der] von Bedrängnis überwältigt und von Krankheit betroffen ist, Bhairava,

Wort-für-Wort: kulīnām – eine Kulina-Frau, Akkusativ; nāvamanyeta – man verachte nicht; nāvajñāṃ kārayet – man lasse keine Missachtung geschehen; vyādhiyukta – krank.

7.76 etadgranthena nirmucyā piñchakopari dhārayet |
saptāhaṃ kramayogena mukto bhavati durgrahāt || 76 ||

Übersetzung: [führe man] mit diesem Buch eine Befreiung [aus der Bedrängnis herbei] und halte es auf einem Federbüschel. Nach sieben Tagen dieses Verfahrens wird er von dem bösen Besessenheitsgeist befreit.

Wort-für-Wort: piñcha – Federbüschel; saptāha – sieben Tage; durgraha – böser ergreifender Geist; mukta – befreit. nirmucyā und der genaue Vollzug sind unsicher; dies ist ein historischer Heilritus.

7.77 etatte kathitaṃ vatsa ! devīhṛdayamuttamam |
na kasmaicitprayoktavyaṃ pravaktavyaṃ kathaṃcana || 77 ||

Übersetzung: So ist dir, mein Kind, das höchste Herz der Göttin mitgeteilt. Es darf keinesfalls beliebig angewendet oder weitererzählt werden.

Wort-für-Wort: devīhṛdaya – Herz der Göttin; uttama – höchst; prayoktavya – anzuwenden; pravaktavya – mitzuteilen.

7.78 idānīṃ bhava sarvajñaḥ sarvatantraviśāradaḥ |
tvameva vaktā śāstrāṇāṃ na paro'pi maheśvara ! || 78 ||

Übersetzung: Sei nun allwissend und kundig in allen Tantras. Du allein wirst die Lehrschriften verkünden, kein anderer, Maheshvara.

Wort-für-Wort: idānīm – jetzt; sarvajña – allwissend; sarvatantraviśārada – in allen Tantras erfahren; vaktṛ – Verkünder.

7.79 gurustvaṃ sarvatantrāṇāṃ nāhaṃ nāpi hariḥ prabhuḥ |
kāraṇāvasthayāpannā yadyahaṃ kularūpiṇī || 79 ||

Übersetzung: Du bist der Guru aller Tantras, nicht ich und auch nicht Herr Hari. Wenn ich als Kula-Gestaltige im Zustand der Ursache ruhe,

Wort-für-Wort: guruḥ tvam – du bist der Guru; kāraṇāvasthā – Ursachenzustand; kularūpiṇī – Kula-Gestaltige; na aham – nicht ich.

7.80 na kāryaṃ nāpi yat kiṃcit brahmo'haṃ sphuritaprabham |
kāryabhāvasamāpannā yadāhaṃ viśvarūpiṇī || 80 ||

Übersetzung: bin ich kein Hervorgebrachtes und überhaupt kein [begrenztes] Etwas: Ich bin Brahman, aufleuchtender Glanz. Wenn ich aber in den Zustand der Wirkung eintrete und die Gestalt des Alls annehme,

Wort-für-Wort: kārya – Wirkung, Hervorgebrachtes; brahma aham – ich bin Brahman; sphuritaprabha – aufleuchtender Glanz; viśvarūpiṇī – Allgestaltige. brahmo'ham ist eine auffällige Sandhi-Schreibung.

7.81 tadā tvameva tantrāṇāṃ vaktā nāhaṃ maheśvara |
ahaṃ viśāmi tvaddehe śaktyā yukto bhava prabhuḥ || 81 ||

Übersetzung: dann bist du allein der Verkünder der Tantras, nicht ich, Maheshvara. Ich trete in deinen Leib ein; sei mit Shakti vereint, Herr!

Wort-für-Wort: viśāmi – ich trete ein; tvaddehe – in deinen Leib; śaktyā yukta – mit Shakti vereint; bhava – sei.

7.82 māṃ vinā jananī kāpi naiva kāryavibhāvinī |
ataḥ kārye samutpanne putratvaṃ tvayi vartate || 82 ||

Übersetzung: Ohne mich kann keine Mutter eine Wirkung hervorbringen. Sobald daher etwas hervorgebracht wird, kommt dir die Stellung des Sohnes zu.

Wort-für-Wort: jananī – Mutter; kāryavibhāvinī – eine Wirkung hervorbringende; putratva – Sohnsein; tvayi – in dir, bei dir.

7.83 tvāṃ vinā janakaḥ ko'pi naiva kāryavibhāvakaḥ |
atastvameva janako nāstyanyo'pi kathaṃcana || 83 ||

Übersetzung: Ohne dich kann kein Vater etwas hervorbringen. Deshalb bist du allein der Vater; es gibt keinen anderen.

Wort-für-Wort: janaka – Vater, Erzeuger; kāryavibhāvaka – Wirkung hervorbringend; tvām vinā – ohne dich; nānyaḥ – kein anderer.

7.84 kadācitpitṛrūpo'si kadācidgururūpadhṛt |
kadācitputratāpannaḥ kadācicchiṣya eva hi || 84 ||

Übersetzung: Manchmal bist du Vater, manchmal nimmst du die Gestalt des Gurus an; manchmal wirst du zum Sohn und manchmal zum Schüler.

Wort-für-Wort: kadācit – manchmal; pitṛrūpa – Vatergestalt; gururūpadhṛt – die Lehrergestalt tragend; śiṣya – Schüler.

7.85 śivaśaktisamāyogājjāyate sṛṣṭikalpanā |
śivaśaktisamāyogāt kulādermuktikalpanā || 85 ||

Übersetzung: Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entsteht die Entfaltung der Schöpfung. Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entsteht die Möglichkeit der Befreiung des Kula und der übrigen [Erscheinungen].

Wort-für-Wort: śivaśaktisamāyoga – Vereinigung von Shiva und Shakti; sṛṣṭikalpanā – Entfaltung der Schöpfung; muktikalpanā – Entfaltung beziehungsweise Möglichkeit der Befreiung; kulādeḥ – des Kula und Weiteren.

7.86 śavaśaktimayaṃ sarvaṃ yatkiṃcijjagatīgatam |
tasmāttvameva sarvatra sarvatrāhaṃ maheśvara ! || 86 ||

Übersetzung: Alles, was in der Welt vorhanden ist, ist von Shiva und Shakti erfüllt. Darum bist du überall, und überall bin ich, Maheshvara.

Wort-für-Wort: sarvam – alles; jagatīgata – in der Welt befindlich; sarvatra – überall; maya – bestehend aus. Beide Vorlagen lesen śavaśaktimayam, „aus Leichnam und Shakti bestehend“; die Übersetzung folgt der kontextuell naheliegenden Lesung śivaśaktimayam.

7.87 sarvaṃ tvameva deveśa ! sarvaṃ cāhaṃ sanātana ! |
gurustvaṃ yadi śiṣyo'haṃ tadā māstu vivecanā || 87 ||

Übersetzung: Alles bist du, Herr der Götter, und alles bin ich, Ewiger. Wenn du der Guru bist und ich die Schülerin, soll daraus keine trennende Unterscheidung entstehen.

Wort-für-Wort: sarvaṃ tvam eva – alles bist allein du; śiṣyaḥ aham – ich bin Schüler, grammatisch maskulin im Text; mā astu vivecanā – es möge keine Trennung geben.

7.88 tasmād bhava gururnātha śiṣyāhaṃ parameśvara ! || 88 ||

Übersetzung: Darum sei du der Guru, Herr; ich bin die Schülerin, höchster Herr.

Wort-für-Wort: tasmāt – darum; bhava guruḥ – sei Guru; śiṣyā aham – ich bin Schülerin; parameśvara – höchster Herr.

iti kulacūḍāmaṇitantre saptamaḥ paṭalaḥ – Hier endet das 7. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

samāptaścāyaṃ granthaḥ – Dieses Werk ist abgeschlossen.

Kulacudamani Tantra – flüssige deutsche Lesefassung

Diese zusammenhängende Fassung folgt dem gesamten Dialog. „Kula“ bleibt als vieldeutiger Name des heiligen Zusammenhangs stehen: Gemeinschaft, Überlieferung, Göttin und verkörperter Ritualbereich. Kleine Nummern ermöglichen den Rückbezug auf Sanskrit und Worterklärungen. Die rituellen Forderungen und Wirkungsversprechen sprechen aus der Welt des Textes.

Verehrung Shiva und Shakti!

Kapitel 1: Die Göttin, Erkenntnis und Guru

Bhairava spricht:

1.1 Unzählige sind die Erscheinungen der Göttin Tripura, unzählige die Kalis; unzählig sind ebenso Vagishvari und Sukulakula. 1.2 Ebenso Matangini, Purna, Vimala, Chandanayika, Tripura, Ekajata, Durga und die anderen Gestalten der Kulasundari. 1.3 Die vishnuitische, die ganapatyische und die große Sonnenlehre, die shivaitischen und aus Shankara hervorgegangenen Lehren und alles, was unter den Wesen entstanden ist; 1.4 auch die vierundsechzig Tantras, die vorzüglichen Schriften der Mütter: Mahasarasvata und Yoginijalasambara, 1.5 Tattvasambaraka, die Gruppe der acht Bhairava-Tantras, die acht Bahurupa-Tantras, die Erkenntnislehre und die acht Yamala-Tantras; 1.6 Tantrajnana, Vasuki und Mahasammohana, Mahasukshma, o große Göttin, Vahana und Vahanottara; 1.7 Hridbheda, Matribheda, Guhyatattva und Kamika, Kalavada, Kalasara und ferner Kubjikamata; 1.8 Mayottara, das Vina genannte Werk, Trotala und Trotalottara, Panchamrita, Rupabheda und Bhutadamara; 1.9 Kulasara, Kuloddisha, das allumfassende Tantra, die Lehre aller Erkenntnis, o Göttin, und Mahapitrimata; 1.10 Mahalakshmimata, o Göttin, Siddhayogeshvarimata, Kurupikamata und Rupikamata; 1.11 Sarvaviramata, o Göttin, und das höchste Vimalamata, die östliche, westliche, südliche und nördliche Überlieferung sowie Niruttara; 1.12 Vaisheshika-Tantra, die Erkenntnislehre, ferner Shivabali, Arunesha, Mohanesha und Vishuddheshvara: 1.13 All diese Tantras und zahllose weitere hast du gehört, o Göttin; dennoch hast du, Bhairavi, nirgends Freude gefunden.

1.14 Warum ist das so? Sage es mir, du Schöngestaltete, da ich doch zu deinen Füßen stehe.

Die Göttin spricht:

1.15 Höre mich, du höchste Wonne, du Wesen des höchsten Kula! Dein ganzes Meer tantrischen Wissens trägt das Siegel meiner verhüllenden Kraft. 1.16 Wenn ich die schöpferische Urnatur bin, erfüllt von der Wonne des Bewusstseins: Wo bleiben dann Brahma, Vishnu und Shiva? Wo eine einzelne Gottheit, wo das Wiederholen eines Mantras? 1.17 Wo sind dann Schöpfung, Bewahrung und Auflösung? Wo Anhaften, Glück und Schmerz? Wo Befreiung, wo Tugend? 1.18 Wo sind religiöse Bejahung und Verneinung, wo Lehrer- und Schülersein? Ich verhülle mich mit meiner eigenen Kraft, werde dreifach und öffne mich der Ekstase.

1.19 Ich erfreue mich am berauschenden Geschmack des höchsten Kula und nehme Wandlungen an. Die fünf Elemente und die einhunderteinen Lingas treten hervor. 1.20 Die Entfaltung der eigenen Natur als Brahma und als Bhur, Bhuvah und Svah entsteht. Alle treten hier hervor; daraus erwachsen die Vorstellungen von Zuständen und Daseinsformen. 1.21 Wenn Shiva und Shakti unterschieden erscheinen, treten die Grundeigenschaften der Natur hervor. Ihr alle, Brahma und die anderen Götter, seid Anteile von mir, aus diesem Werden entstanden. 1.22 Ihr seid nicht voneinander getrennt. Tantras und Mantras erfüllen euch. Ich führe euch wieder in die Auflösung, umfangen vom Zustand des Nirvana.

1.23 Wieder treten sie hervor: der Purusha jenseits der Prakriti, das Ichbewusstsein, die fünf feinen Sinnesgrundlagen sowie Sattva, Rajas und Tamas. 1.24 Aus diesen Grundbestandteilen entsteht die Welt. Sie vergeht und erscheint wieder. Wenn du mich erkennst, Allwissender, welchen eigenständigen Bestand haben dann überlieferte Lehre und Opferdienst? 1.25 Und wenn du mich nicht erkennst: Was können dann Lehre und Opferdienst bewirken? Ich nehme die Gestalt einer Frau an, die Essenz der Schöpfung, die aus mir hervorgeht, 1.26 und offenbare mich, um dich, der im Yoga des Daseins steht, als Guru zu erkennen. Doch auch damit, Herr der Götter, wird meine Wirklichkeit noch nicht erkannt.

Die Göttin spricht:

1.27 Höre, mein Sohn, höchste Wonne, du im hingebungsvollen Dienst Erfahrener! [Eine weitere Anrede ist unklar.] Ich erkläre dir nun den Weg. 1.28 Dieser geheime Weg ist die Essenz aller Tantras. Alle Götter verehren ihn. Er eröffnet umfassendes Wissen und weckt die Erkenntnis der Wirklichkeit. 1.29 Er löst Verdienst und Schuld auf, gewährt Erfüllung und Befreiung und ist voller Wunder. Selbst Gelehrte vermag er zu verwirren, mein Kind. 1.30 Viele Bedeutungen gehen aus ihm hervor; viele Bedeutungen durchdringen ihn. Ein wahrer Lehrer kennt ihn, ein geeigneter Schüler findet in ihm seine höchste Zuflucht.

1.31 Er gilt den Vertretern aller Lehren als rechter Wandel und wird von ihnen zugleich getadelt. Ich habe ihn weder Vishnu noch dem Schöpfer noch Ganapati offenbart. 1.32 Bewahre ihn sorgfältig im Herzen, denn er soll verborgen bleiben. Ohne dieses Tantra, mein Kind, besteht keine Befugnis zur folgenden Kula-Praxis. 1.33 Ich erkläre dir nun, wie Erkenntnis auf dem Kula-Weg geläutert wird. Steht der Übende morgens auf, verneigt er sich zuerst vor dem heiligen Kula-Baum. 1.34 Er meditiere über das Kula von der Wurzel bis zur Scheitelöffnung und erinnere sich an den Guru: an Prahladanandanatha und Sanakananda, 1.35 an Kumaranandanatha und Vasishthanandanatha, an Krodhananda und Sukhananda, sodann an Jnanananda.

1.36 Nachdem er Bodhananda verehrt hat, meditiere er darüber auf das Kula. Die Gurus haben Augen voller Herzensfreude, die vom Überschwang des großen Nektars erfüllt ist. 1.37 Durch die Umarmung des Kula ist die Finsternis der Lehrer zerbrochen und zermalmt. Ihr Inneres ist voller Mitgefühl für ihre Schüler. 1.38 Sie gewähren Segen und Furchtlosigkeit und kennen den Sinn aller Kula-Tantras. Nachdem der Übende so den Kula-Guru verehrt und die Kula-Matrika verabschiedet hat, 1.39 umfange er den Sitz des Kula und begebe sich zum heiligen Badeplatz. So ist dir, mein Kind, der beglückende Shakta-Kula-Guru beschrieben.

1.40 Dieses wunderbare Geheimnis, mein Kind, ist in Gegenwart Uneingeweihter zu bewahren. Die Shaktas, die den Herrn des Kula verlassen und dennoch Kula-Praxis betreiben: 1.41 Dann können ihre Einweihung und Verehrung zu schädigendem Zauber werden. Deshalb soll man sorgfältig einen Lehrer suchen, der in der Kula-Tradition verwurzelt ist. 1.42 Ein solcher Kulina gilt als befugt zu allen heiligen Wissensformen. Er allein ist hier Herr der Einweihung in sämtliche Mantras, kein anderer.

Hier endet das 1. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Kapitel 2: Bad, Verehrung und Einweihung

Eine heutige Puja: Duft, Blumen, Licht und innere Sammlung gehören zum weiteren Hintergrund der Verehrung.

Die Göttin spricht:

2.1 Nun erkläre ich dir, mein Kind, das Bad, das die Freude des Kula gewährt. Schwarz, rot, grün und blau sind meine mannigfaltigen Gestalten. 2.2 Der in das Kula eingetretene Schüler stelle sich innerlich vor diese Gestalt und ihre Gegenwart in dem ganzen Himmel, der Erde, der Unterwelt und allem Gewordenen. 2.3 Nach der rituellen Mundspülung nehme er Kula-Darbha-Gras, Kula-Blüten, Durva-Gras, Sesam und Wasser in einem Kula-Gefäß auf. 2.4 Er vollziehe das Bad zur Freude der Kula-Gottheit. Zuerst fasse er den rituellen Entschluss und setze den Kula-Kreis in das Wasser ein.

2.5 Mit der Kula-Mudra des Hakens führe er die Kula-Wurzel herbei und rufe dort die heiligen Kula-Badeplätze an; er vergegenwärtige das Wasser als Kula selbst. 2.6 Er trinke dreimal von diesem Wasser und besprenge dreimal seinen Körper. Der Gottheit, der Wurzel des Kula, bringe er dreimal eine ehrende Gabe dar. 2.7 Mit Kula-Wasser sättige er Götter, Ahnen und Seher. Er meditiere erneut über sie als Erscheinungen des Kula und erfreue die Kula-Gottheiten. 2.8 Die Namen dieser Gottheiten werden im Bhairavi-Tantra genannt. Die Gabe ist für Bhairava bestimmt; auch der Gebende wird als Bhairava betrachtet. 2.9 Nach dem vorausgehenden Mantrasprechen wird die Gabe ebenfalls als Bhairava dargebracht. Geber, Gabe und Empfangender sind in diesem göttlichen Zusammenhang zu sehen, jeweils in der entsprechenden männlichen oder weiblichen Gestalt. 2.10 Bhairavi und Bhairava sollen ganz als das eigene Wesen vergegenwärtigt werden: beim Ahnenritual, bei der Heirat, beim Schenken, Baden und bei der Verehrung der Körperglieder.

2.11 Wer in dieser Weise innerlich ausgerichtet ist, dem bin ich gewiss gnädig. So erfreut, erfülle ich alle Welten mit Freude. 2.12 Er erhebe sich, lege zwei Kula-Gewänder an, trage mit Kula-Substanz ein Kula-förmiges Stirnzeichen auf und vollziehe die Mundspülung. 2.13 Er besteige den Kula-Sitz und verehre die Kula-Gottheit. Am Eingang erfreue er sie durch Gesang, Tanz und Instrumentalmusik. 2.14 Er vertreibe die störenden Kula-Geister und verehre den Kula-Ort. Danach breite er den Kula-Sitz aus, verehre ihn und setze sich bequem.

2.15 Nachdem er die Kula-Sitzhaltung eingenommen hat, vollziehe er in der Reihenfolge der Guru-Verehrung die Reinigung des Selbst, des Bodens und des Körpers. 2.16 Der Kundige bereite die ehrende Gabe und vollziehe die Kula-Handlungen zusammen mit eingeweihten, charakterfesten jungen Frauen, die das Kula verkörpern, 2.17 die Gottheit und Guru ergeben sind, an den Opferstätten. Bereitzustellen sind verschiedenartige Blumen und vielerlei Düfte, 2.18 mit Kampfer, Jasmin und Räucherwerk durchduftete Dinge, parfümierte Stoffe, Betel und sonstige Opfergaben, Weihrauch, Licht und Weiteres.

2.19 Der Kaulika sei mit allen Schmuckstücken geschmückt und stelle die Dinge auf, nachdem er sie mit Wasser besprengt hat, über dem die Grund-Vidya wiederholt wurde. 2.20 Alles stelle er zu seiner Rechten auf, das Arghya zu seiner Linken; hinter der Gottheit bewahre er die Kula-Substanzen auf. 2.21 Mit Substanzen aus Kunda und Gola, mit der „selbstentstandenen Blüte“, Rocana, rotem Lack, Safran und rotem Sandelholz 2.22 Damit zeichnet der Übende das heilige Diagramm und verehrt die Göttin. Er wiederholt ihr Mantra nach seinen Kräften, preist sie und verabschiedet sie zum Abschluss.

2.23 Er umschreite die beteiligten Frauen, die eigene oder andere, im Uhrzeigersinn und bringe zunächst dem Guru den Nektarsaft des Kula dar. 2.24 Den von der Frau verbliebenen Rest nehme er selbst auf. Die Yantra-Paste trage er an der Scheitelöffnung und an der verborgenen Körperstelle auf. 2.25 Er gebe sie weder Glaubensverneinern noch Unverständigen, Uneingeweihten oder Feinden. Einem Kulina darf sie gegeben oder dem Wasser überlassen werden. 2.26 Danach meditiert er: „Ich bin Er.“ Nach außen folgt er dem vishnuitischen Wandel, erfüllt von Haris Namen und einer entsprechenden Haltung.

2.27 Wenn ein Nachtabschnitt vergangen ist, betrete der Mann allein, einem Dieb gleich, das Kula-Haus, stets im Verlangen nach Vereinigung verweilend. 2.28 Auf einem Blumenlager sitzend und dem Kula ergeben, zeichne er im Kula-Kreis das Kula-Yantra, das den Namen der anzuziehenden Person enthält, 2.29 versehe es auch mit seinem eigenen Namen und vollziehe den Kula-Ritus. Durch seine eigene Shakti zieht der Übende eine andere Shakti herbei. 2.30 Höre aufmerksam, mein Kind, über das Herbeiziehen einer anderen Shakti. Zunächst führe er seine eigene Gefährtin herbei, die charakterfest und von gutem Ruf ist.

2.31 Er suche einen dem Kula ergebenen Guru auf und lasse sie in das Kula einweihen: die edle Kula-Frau, deren Augen von höchster Wonne bewegt sind. 2.32 Der verständige Guru, dessen Mund einen Betelbissen enthält, steht beziehungsweise blickt ihr gegenüber; wie bei einer eigenen Tochter schreibe der Lehrer auf ihre Stirn. 2.33 Er zeichne dreimal das Shakti-Chakra und danach die Kamakala; in ihre Mitte füge er das zu übergebende Mantra ein und kennzeichne sie mit dem Namen. 2.34 Dort rufe er die Göttin herbei, meditiere über sie und verehre sie. Dann spreche er mit Seher und Versmaß in das Ohr dieser Tochter 2.35 dreimal das Grundmantra, und zwar in ihr linkes Ohr: „Von heute an, Tochter, sei der Opferverehrung des Kula ergeben.

2.36 Nimm die Weisung des Kula an, überwinde Scham und Trägheit und führe nach der gelehrten Vorschrift das Erwünschte in meine Gewalt.“ Wortlaut und Bezug des letzten Satzes sind unsicher. 2.37 Nachdem sie diese Erlaubnis vom Guru erhalten hat, verneige sie sich ausgestreckt auf dem Boden: „Beschütze mich, Herr des Kula-Weges, Führer der Lotusfamilie! 2.38 Gewähre meinem Haupt den Schatten deiner Lotusfüße, du an Ruhm Reicher!“ Sie gebe dem Guru den Lehrerlohn; beschrieben wird sie als vom Betel rotäugig. 2.39 Sie erhebt ihr eigenes Kula zum Höchsten und handelt nach ihrem Wunsch. Falls die vollständige Verehrung mit allen Gliedern und Umkreisgottheiten nicht möglich ist, 2.40 genügt dieser einfachere Vollzug: den Guru über dem Haupt vergegenwärtigen, der Gottheit den Nektarsaft des Kula darbringen und das Mantra ohne innere Unruhe wiederholen.

Hier endet das 2. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Kapitel 3: Die verkörperte Göttin und die heiligen Sitze

Die Göttin spricht:

3.1 Nun sitze zur Nachtzeit die eigene Kula-Shakti auf einem Polster zur Linken, mit einem roten Gewand bekleidet, 3.2 mit goldenen Schmuckstücken geschmückt und mit roter Duftpaste versehen, von Duft, Blumen, Weihrauch und Lichtern umgeben, überaus schön, 3.3 in vollem Liebesschmuck, mit lebhaft bewegten Augen, mit einem Brustpaar, dessen Fülle bildhaft die Wölbungen eines mächtigen Elefanten übertrifft. 3.4 Er zeichne auf ihre Stirn das Yantra mit dem Namen der Zielperson, lege einen Arm um ihre Schulter und halte mit einer Gebärde ihre Brüste.

3.5 Die Kula-Shakti habe den Mund voll Betel und sei darauf ausgerichtet. Durch Kula-Akula-Japa führt der Übende die Zielperson augenblicklich herbei. 3.6 Wessen Name in das Yantra geschrieben wurde, die zieht er augenblicklich herbei, selbst wenn sie hundert Yojanas entfernt, zwischen Flüssen und Bergen lebt, 3.7 auf tausend anderen Inseln, durch Fesseln und Ähnliches bewacht: eine Frau mit bewegten Augen, deren Leib von der Schwere ihrer Brüste bewegt wird, 3.8 deren Hüften und Becken sich bewegt entfalten, deren Herz nach dem Übenden verlangt und die durch Öffnungen hindurchgleitet, 3.9 durch Zwischenräume von Türen, Eisenverschlüssen und Mauern; sie sitzt beim Übenden und bewegt sich wie eine Gottheit.

3.10 Der Übende macht sie sich augenblicklich gefügig, großer Gott. Wenn ihm diese Anziehung gelingt, gilt er als Kaulika. 3.11 Ist die Frau nicht eingeweiht, wie könnte Kula-Verehrung stattfinden? Ohne Kula-Verehrung, mein Kind, wenden sich die Kula-Mantras ab. 3.12 Handelt es sich um eine andere Frau, mein Kind, werde er selbst ihr Guru, gebe ihr die höchste Vidya ins linke Ohr und vollziehe die Weihe mit dem Mantra. 3.13 Höre das Mantra, großer Gott; ich erkläre es dir genau: Nach dem Ende von „va“ einer verschlüsselten Lautangabe folgen „tripurāyai“ und das als „Herz“ bezeichnete Wort.

3.14 Nach den Worten „imāṃ śaktiṃ“ wird „pavitraṃ“ genannt. Dann füge man das Wort „guru“ und danach „mama śakti“ hinzu. 3.15 Es endet mit „kuru svāhā“; dieses Mantra besteht aus sechsundzwanzig Silben. Mit ihm, o Gott, vollziehe man die Reinigung der Shakti. 3.16 Durch die Weihe wird auch eine verwitwete oder ungebundene Frau rein, o großer Bhairava. Brahmanin, Kshatriya, Vaishya und Shudra können Schmuck des Kula sein. 3.17 Ebenso eine Vaishya, eine Barbierstochter, eine Wäscherin und eine Yogini: Alle, die besondere Gewandtheit besitzen, sind Kula-Frauen.

3.18 An einer Wegkreuzung, am Fluss, unter einem Bilva-Baum, bei einem Dreizack, auf einer Totenstätte, unter einem Bilva-Baum, auf dem Markt oder im Königshaus 3.19 zeichne er mit Zinnober ein großes Yantra mit dem Namen der Zielperson. Dort verehre er nach der überlieferten Regel das Kula mit Kula-Saft, 3.20 sättige das darin Gegenwärtige und verehre es nachts mit innerer Hingabe. Durch eine Darbringung in der Zahl von hunderttausend gewähren sie Vollendung. 3.21 Zur Zeit der Mantra-Vorbereitung verehre er eine eingeweihte andere Frau mit Gewändern, Blumen und Speisen, unter anderem Milchspeisen.

3.22 Zu Beginn sind selbst zubereitete Speisen vorgesehen, vielerlei Gebäck und Speisen mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, 3.23 Milch, Sauermilch, Ghee, Buttermilch, frische Butter mit Zucker, zerkleinerter Kandiszucker und verschiedenartige stärkende Zubereitungen, 3.24 Kokosnuss, Kapittha-Frucht, Ingwer, Karamardaka, Bohnen, Zitronatzitrone und Granatapfelfrüchte, 3.25 verschiedene köstliche Früchte, duftende Salben, Sandelholz, Moschus, feines Sandelholz und junge Blätter, 3.26 Tankana, Lodhra, im Wasser und im Wald Gewachsenes, aus verschiedenen Bergen stammende Stoffe und vielerlei Schmuck.

3.27 Er bringe dies in ein leeres Haus, reinige es mit Arghya-Wasser, verwandle es rituell in Nektar und führe die Shaktis zu sich her. 3.28 Er betrachte die acht unterschiedlichen Frauengestalten und ihre Regungen; sie werden mit den Namen der acht Shaktis, beginnend mit Brahmani, bezeichnet. 3.29 Zuerst gebe er ihnen Sitze und begrüße sie; danach folgen Arghya, Trinkwasser, Wasser für die Füße, die Honigmischung und weiteres Wasser. 3.30 Er bade sie mit Duftwasser und Blüten, pflege ihr Haar, durchdufte es mit Räucherwerk und reiche Seidengewänder.

3.31 An einem anderen Ort richte er Sitze her, gebe ihnen je ein Paar Schuhe, führe sie dorthin und versehe sie mit verschiedenen Schmuckstücken. 3.32 Er schmücke und salbe sie, bringe Düfte und Girlanden dar und rufe über jedem ihrer Häupter die entsprechende Shakti herbei. 3.33 In der Mitte der Halle reiche er in schönen goldenen Gefäßen Speisen: zu kauen, zu saugen, zu lecken und zu trinken, Mahlzeiten und Bissen. 3.34 Sind sie nicht eingeweiht, übermittle er ihnen Maya das so bezeichnete Mantra in ihre linken Ohren und spreche dann das Loblied.

3.35 Mutter, Göttin, sei gegrüßt, Makellose, die du Brahmas Gestalt trägst! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung. 3.36 Maheshi, segenspendende Göttin, Verkörperung höchster Wonne! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung. 3.37 Kaumari, Herrin aller Wissensformen, Vortreffliche, die sich in Kumaras Spiel erfreut! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung. 3.38 Göttin in Vishnus Gestalt, die auf Vinatas Sohn reitet! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

3.39 Varahi, segenspendende Göttin, die mit ihrem Hauer die Erde emporgehoben hat! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung. 3.40 Göttin in Shakras Gestalt, von Shakra und den anderen Göttern verehrt! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung. 3.41 Chamunda, mit dem Blut deiner Schädelgirlande bestrichen, Vernichterin der Furcht! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung. 3.42 Mahalakshmi, große Verzauberin, die Erschütterung und Qual nimmt! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

3.43 Du Göttin bist das Erkennen und der Erkennende und reichst doch über beide hinaus. Du bist die Eine in vielen Formen, deren Gestalt das ganze All ist. Dir gilt meine Verehrung! 3.44 Wer dieses Loblied gesammelt zu Beginn seiner Handlungen oder beim Anblick einer kundigen Frau rezitiert, dem entsteht kein Hindernis. 3.45 Damit sind dir, mein Sohn, die Gottheiten am Eingang des Kula-Rituals genannt. Werden sie bei einer Einweihung oder bei der täglichen Verehrung übergangen, 3.46 nehmen Yakshas und Rakshasas den Ertrag der Verehrung an sich. Falls die Frauen sich scheuen, soll man sie außerhalb des eigenen Hauses bewirten.

Hier endet der Karnejapa-Lobpreis.

3.47 Er bleibe stehen und rezitiere das Loblied, bis sie gesättigt sind. Nach der Mundspülung reiche er Mundduft, Betel und Ähnliches. 3.48 Danach gebe er erneut Girlanden, mit Duft und Sandelpaste versehen. Er verneige sich, verabschiede sie und sei glücklich, nachdem er ihren Segen empfangen hat. 3.49 Wenn keine anderen Frauen kommen, ehre man auf diese Weise die eigene Tochter, die jüngere oder ältere Schwester, die Frau des Mutterbruders, die Mutter oder eine weitere Ehefrau des Vaters. 3.50 Auch wenn diese Frauen nach Alter oder Herkunft gering geschätzt werden, verkörpern sie höchste Kräfte. Alle edlen Kula-Angehörigen sollen sie ohne Hochmut ehren.

3.51 Ist keine der anderen da, verehre man wenigstens eine: rituell vorbereitet oder nicht, eine Mutter oder eine Frau ohne Gatten. 3.52 Fehlt die jeweils zuvor genannte, verehre man die nächste, denn Frauen sind meine Anteile. Ist ein einziger Kenner der Kula-Lehre da, ist er dort der Verehrung würdig, Bhairava. 3.53 Mit ihm werden alle Götter verehrt, Brahma, Vishnu, Shiva und die übrigen. Wird dort eine einzige junge Frau verehrt und ehrfürchtig angeschaut, 3.54 sind damit alle höchsten Göttinnen verehrt, Kula-Bhairava. Zu Beginn, am Ende und in der Mitte, besonders beim Abschluss von hunderttausend Wiederholungen, 3.55 muss die Gefährtin verehrt werden; unterbleibt dies, wird der Übende von Hindernissen betroffen. Schon der früher erworbene Ertrag schwindet; was wäre dann erst im nächsten Leben zu erwarten?

3.56 Wer deshalb sein eigenes Wohl, die Besänftigung meines Zorns und die Beseitigung von Hindernissen wünscht, 3.57 der verehre aus eigenem Antrieb sorgfältig die Menschen des Kula und Akula: beim morgendlichen Aufstehen, bei der Puja oder auch zur Badezeit. 3.58 Ob rituell vorbereitet oder nicht, selbst bei gesellschaftlich geringgeschätzter Herkunft: In der Kula-Verehrung sollen die Angehörigen des Kula aus allen Herkunftsgruppen geachtet werden. 3.59 Wer während seiner vorbereitenden Mantrapraxis einen heiligen Ort erblickt, soll seine Verehrung nicht versäumen. Sie kann auch im Geist geschehen.

3.60 In Devikuta verehre man Mahabhaga, in Uddiyana Yoganidra und in Kamarupa die Bezwingerin des Büffeldämons, Bhairava. 3.61 Katyayani im Land des Verlangens, Kamakhya, die Wünsche erfüllt; in Jalandhara Purneshi und am Berg Purnashaila Chandika. 3.62 In Thehara ist die Kamarupa-Gestalt als Dikkaravasini zu verehren. Oder wenn einem durch glückliche Fügung der Anblick Kamarupas zuteilwird, 3.63 ist dort die Verehrung Durgas und der anderen Göttinnen vorgeschrieben. Danach meditiere man über den Herrn des Kula, mit unzerstreutem Geist, 3.64 und vollende den verbleibenden Ritus, mein Kind, stets in dieser Erinnerung. Zur Zeit der Verehrung ist eine Frau niedriger Herkunft oder die eigene Gefährtin sorgfältig 3.65 zu verehren; vermeide dabei Zwiespalt. Wie Vishnu der höchste Beschützer ist und Shambhu der Herr, 3.66 wie der Lotusgeborene Brahma, die Zweimalgeborenen mit Vyasa an der Spitze, die Weltenhüter mit Indra sowie alle Gandharvas und Kinnaras, 3.67 Yakshas, Rakshasas, Pishachas, verborgene Wesen, Charanas und Himmelswanderer das aus der Schrift stammende, von dir gesprochene Geheimnis bewahrt haben, 3.68 so musst auch du den überaus schwer zugänglichen Kula-Weg bewahren.

Hier endet das 3. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Kapitel 4: Lebensführung, Kali und geheime Vollzüge

Die Göttin spricht:

4.1 Höre nun, mein Sohn, das Geheimnis der verbindlichen Lebensführung. Ohne sie bleibt die Vollendung aus, selbst nach hunderten Millionen Geburten. 4.2 Wer den Kula-Schriften und ihrem Weg folgt, soll überall ein weites Herz bewahren und sich dem vishnuitischen Wandel widmen. 4.3 Er soll Schmähungen ertragen und stets Freude daran haben, hilfreich zu sein. Kommt er zufällig zu einem Tempel, an einen einsamen Ort, in eine leere Halle, 4.4 an eine Wegkreuzung oder an eine Stelle mitten im Wasser, halte er kurz inne: meditieren, das Mantra wiederholen, sich verneigen und dann frei weitergehen.

4.5 Sieht er einen Geier, verehre er unbemerkt Mahakali; ebenso beim Anblick des Kshemaṃkari-Vogels oder einer Schakalin, der Botin Yamas, 4.6 eines Fischadlers, Falken, einer Krähe oder einer schwarzen Katze: „Vollbäuchige, große Wilde, mit gelöstem Haar, die du Opfergaben liebst, 4.7 deren Antlitz durch den Kula-Weg erfreut ist: Verehrung dir, Geliebte Shankaras!“ Erblicke er eine Verbrennungsstätte oder einen Leichnam, gehe er rechtsherum darum 4.8 und verneige sich mit folgendem Mantra; dadurch erlange der Mantrakenner Wohlergehen: „Schrecklich Gezahnte, Strengäugige, die du den Laut kiṭi ertönen lässt, 4.9 Mutter von furchtbarem, furchtbarem Ruf, Verehrung dir, die du auf dem Scheiterhaufen wohnst!“ Sieht er eine dunkle Blüte und ein rotes Gewand, erkenne er darin Tripura 4.10 und verneige sich ausgestreckt auf der Erde mit dieser Anrufung: „Du leuchtest wie die Bandhuka-Blüte, Tripura, Vernichterin der Furcht, 4.11 du erscheinst mit dem Aufgang des Glücks: Verehrung dir, du Schöngestaltete!“ Ebenso ehre er eine dunkle Blüte, einen König oder Königssohn, 4.12 Elefanten, Pferde, Wagen, Waffen, Schild und Helden, einen Büffel und die Kula-Gottheit; bei ihrem Anblick verehre er Mahishamardini.

4.14 Wer sich vor ihr oder Jayadurga verneigt, wird nicht von Hindernissen betroffen: „Sieg dir, Göttin, Trägerin der Welt, Tripura, Mutter, dreifache Gottheit!“ Beim Anblick eines Weingefäßes, von Fisch, Fleisch oder einer schönen Frau 4.15 verneige er sich vor der Göttin Bhairavi und stelle sich innerlich vor das Mantra zur Vernichtung schrecklicher Hindernisse und zum Gedeihen des Kula-Weges: 4.16 „Ich verneige mich, segenspendende Göttin, geschmückt mit einer Schädelgirlande. Vor dir, deren Gesicht von Blutströmen bedeckt ist, verneige ich mich. 4.17 Du nimmst alle Hindernisse: Verehrung dir, Geliebte Haras!“ Wer beim Anblick dieser Erscheinungen nicht so handelt, mein Kind, erlangt auch durch das Shakti-Mantra keine Vollendung.

4.18 Wer solche Wesen tötet, vertreibt oder mit Fallen verletzt: Wie könnte dieser Mensch mein Verehrer sein? 4.19 Diese den Kula-Menschen lieben Wesen stammen aus meinen vorzüglichen Anteilen. Auch alle Dakinis sind Anteile von mir, Bhairava. 4.20 Wer nach erlangter Macht Dakinis, Danavas oder besonders meine Verehrer, Vatukas und Bhairavas verletzt, dem kommt keine Vollendung zu. 4.21 Wenn eine junge Frau, die frei von früheren Fehlern ist, einen Adepten im Dorf, in der Stadt, auf dem Markt oder auf einem Platz erblickt, 4.22 und ihr Herz von einem einzigen Gefühl durchdrungen ist, blickt sie seitwärts nach ihm, wie ein Bienenschwarm, vom Honig berauscht, 4.23 unablässig auf einen Lotus fällt; wie eine nektarbegierige Chakori beim Anblick einer Wolke, voller Sehnsucht wie der Chataka-Vogel, 4.24 wie eine Kuh, die gerade gekalbt hat, an ihrem Kalb hängt, oder eine Hirschkuh sich zu frischem Gras hingezogen fühlt, 4.25 wie Fleischfresser zum Fleisch und Durstige zum Wasser, eine Gans zum Lotusstängel und eine Ameise in ihrer Süßgier: 4.26 So ist sie unruhig und in ihrer Vorstellung befangen; sie hebt den Arm und verschiebt erneut ihr Gewand.

4.27 Durch das Wenden des Gewandsaums zeigt sie Körperpartien; unter dem Vorwand, sich zu kratzen, lockert sie ihre Kleidung. 4.28 Sie entblößt den Bereich bis zu ihren Brüsten und bedeckt ihn wieder, strauchelt, fällt nieder und erhebt sich erneut. 4.29 Unter einem Vorwand mit ihren Freundinnen flüstert sie anziehend von Ohr zu Ohr; durch diese Zuneigung entsteht im Verborgenen die Vorstellung der Liebe. 4.30 „Sieh, Schöngestaltete, diese Mondsichel auf deiner Brust!“ Von solchen Regungen erfüllt, ist sie ohne Scheu und Scham.

4.31 Ihr Herz erträgt das Verlangen nicht; ob fern oder nahe, erkundigt sie sich durch eine Botin oder Briefe, mit bewegten Lippen: 4.32 „Wer bist du? Wessen Sohn bist du? Woher kommst du, weshalb und zu welcher Unternehmung? Sage, was du wünschst!“ 4.33 Selbst nachdem sie ihn von den Zehen bis zum Haar mit den Augen getrunken hat, kommt sie nicht zur Ruhe. Dann bringe der in ihren Regungen Kundige dem Feuer der Erkenntnis dieser Regungen 4.34 in ihr den Rest der das eigene Herz bezaubernden Opfergabe dar; dort bleibend, erzeuge er Erregung im „Pura“, wie ein zweiter Liebesgott.

4.35 An einem Dienstag bringe er Kula-Zinnober von einer Verbrennungsstätte herbei und zeichne mit einem Kula-Holz das Yantra; in dessen Inneres 4.36 schreibe er zweimal „spheṃ“, zweimal „kiṭi“ und danach das Chanda-Mantra; auf die Blätter schreibe er das neunsilbige Mantra Mahishamardinis. 4.37 Außen schreibe er die Formeln Jayadurgas und danach Shmashanabhairavis; nachts verehre er gesammelt Bhadrakali. 4.38 Der Kaulika wende sich in Richtung Kamakhyas, meditiere über die Kamakala-Gestalt und sei unbekleidet, mit vollständig gelöstem Haar.

4.39 Er meditiere über Kali mit furchtbarem Antlitz, auffallenden Zähnen und Augen, unbekleidet, mit einer Hüftkette aus sich bewegenden Händen Toter, 4.40 in der Heldenhaltung auf Mahakala sitzend, mit Mundwinkeln bis zu den Ohren und gewaltigem Ruf, 4.41 vom herabtropfenden Blut ihrer Schädelgirlande bestrichen, mit vollen Brüsten, die ganze Erde durch ihre weinberauschten Bewegungen erschütternd, 4.42 links Schwert und abgeschlagenen Kopf tragend, rechts Segen und Furchtlosigkeit gewährend, mit schrecklichem Gesicht und bewegter Zunge, 4.43 mit einer Vogelschwinge als Schmuck am linken Ohr, von furchtbar rufenden Schakalinnen umgeben, beim Weltuntergang hervortretend, 4.44 umgeben von Bhairavas mit wildem Lachen, Rufen und Toben, die menschliche Skelette halten und Siegesrufe ausstoßen, 4.45 von Dienern der gesamten Schar der Vollendeten verehrt, die Höchste. So meditiere er über Kalika und verehre sie zur Kula-Vollendung.

4.46 Ohne das Eintreten in ein fremdes „Pura“ und das Eindringen in seinen inneren Hohlraum entsteht nicht die geringste Kula-Vollendung. 4.47 Selbst beiläufig vergegenwärtigt, schenkt die Göttin alle Vollendungen. Daher wird sie in den drei Welten Dakshina genannt. 4.48 Dann bespreche er zur Vollendung das weiß Entstandene wohl weißen Senf hundertachtmal mit dem Kali-Mantra, in das der Name der Zielperson und Weiteres eingeflochten ist, Bhairava. 4.49 Er verabschiede die Göttin, setze sie in sein Herz ein und betrete, auf einer Kreuzung mit schönem Schmuck versehen, das fremde Pura.

4.50 Am Eingang meditiere er über die Göttin, verneige sich vor dem Kula-Guru und nehme Senf in die linke Hand, während er das Mantra spricht. 4.51 Wo der Eingang von Riegeln, eisernen Bolzen und Umfriedungen verschlossen ist, dringe er nachts hindurch, ohne Furcht und ohne Erschütterung. 4.52 Nachdem er hundert Umfriedungen überschritten hat, bewege er sich nach Wunsch: im Pferdestall, im Wagenhaus und bei Kalis Heiligtum, 4.53 oder in einem Tempel. Mit gesalbten Augen meditiere er über die Traum-Vidya und betrete die Liebeshalle.

4.54 Wenn jemand kommt, denke er nicht an Furcht. Auf die Frage „Wer seid ihr?“ antworte er: „Wir sind Helden.“ 4.55 Die Wächter des Pura vermögen nicht zu sprechen, zuzugreifen oder sich zu erinnern. Dort umschreite er die Eltern, die höchste Zuflucht, 4.56 zeichne ein Yantra, verehre sie und wiederhole sein eigenes Mantra; ebenso in Devikuta, Uddiyana, Kamarupa und an dessen Ufer, 4.57 in Jalandhara, Purna und auf der Opferstätte. Dort setze er die Chakras ein, verehre und verneige sich.

4.58 Er wiederhole achtmal, zehnmal, hundertmal oder tausendmal, nehme den Sitz mit und betrete dann den Vorratsraum. 4.59 Auf wurzelfreiem Boden nehme er den Siddha-Sitz ein; den Schutzsitz vor sich aufstellend, verneige er sich dem Sitz zugewandt. 4.60 „Du bist gekommen, Glückreiche, Ursprung der Vollendung, die du mir das Erwünschte gewährst! Ich werde Kula-Verehrung vollziehen; gewähre mir die Mittel der Verehrung.“ 4.61 Sie nehme die Weisung des Sohnes auf ihr Haupt, sehe sich im Haus um und bringe Kula-Blüten, Duft und Speisegaben herbei.

4.62 Er nehme alles entgegen, was ihre Hand gesammelt und zubereitet hat, vollziehe damit die Verehrung und koche nach seinem Wunsch. 4.63 Er nehme Reis, Fisch und Fleisch, Ghee, Honig und anderes, was gerade verfügbar ist, 4.64 gebe es in ein Gefäß und erhebe es rituell zum Höchsten. Über seine erwählte Gottheit meditierend, bringe der Übende es nach dem Weg der Schrift dar. 4.65 Er schneide eine Frucht in zwei Teile, bringe eine Hälfte der Kula-Shakti dar und esse selbst die andere Hälfte, ihr gegenüber sitzend.

4.66 Ist keine Frau anwesend, übergebe er ihren Anteil dem Wasser. 4.67 Zum Abschluss nimmt er den Sitz auf, reinigt den Boden, stellt den Sitz neben den Vater und wendet sich ganz der Betrachtung der Wirklichkeit zu.

Hier endet das 4. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Eine begleitende heutige Scheitelchakra-Meditation; sie ist keine historische Anleitung aus diesem Kapitel:

Kapitel 5: Kamakhya und die Kali-Praxis

Heilige Orte und Wasser stehen im weiteren Umkreis der Göttinnenverehrung; das Kulacudamani Tantra hebt besonders Kamakhya hervor.

Die Göttin spricht:

5.1 Wenn die Bewohner vom Schlaf überwältigt sind, o Gott, betrete der Übende bei seinem nächtlichen Gang rasch Kamarupa, die Yoni-Halle Kamakhyas. 5.2 Er bereite sie mit Kula-Substanzen vor und zeichne den vorzüglichen, ausgedehnten Kreis, in den die Namen der Zielperson und des Übenden eingeflochten sind. 5.3 Das im Begehren Befindliche, in der Mitte des Begehrens, vom Begehren umschlossen: Durch Begehren begehre man das Begehren und verbinde Begehren mit Begehren. 5.4 Dann meditiere er, wiederhole das Mantra, betrachte den Sitz und Weiteres und setze nach der überlieferten Regel das „Antlitz des Vaters“ in den „Sitz der Mutter“.

5.5 Er nehme ein Stück Stoff, zwei Betelbissen, eine Kakini-Münze oder eine halbe davon; den angemessenen Anteil nimmt er gewaltsam an sich. 5.6 Dann gehe er schrittweise rechtsherum hinaus. Nimmt er hingegen Besitz der Frauen des Pura oder ihres Beschützers, 5.7 und geht damit fort, fällt der Übende vom Weg ab. Wenn er sie schlägt, überlistet oder durch sexuelle Verfehlung das Kula verletzt, 5.8 wenn ein Böswilliger so handelt, geht er gewiss zugrunde. Aus der Verfehlung entstehen Erschütterung des Pura und Gefangennahme beziehungsweise Überwältigung.

5.9 Mit dem Mantra des Erwachens aus dem Schlaf wecke er die Bewohnerin des Pura. Denn auch ein anderer Dieb oder Kulina, Shankara, 5.10 kann eindringen und dem Übenden gewiss ein Hindernis bereiten; ebenso Geister, Verstorbene, Pishachas, Rakshasas oder kriechende Wesen, 5.11 Kinnari, Naga-Töchter, Mädchen der Unterwelt, Vidyadhari, Bhairava, Vatuka und Ganapati: 5.12 Sie dringen ein und schaffen Hindernisse, wenn sie die Frauen des Pura schlafend sehen: Verlust von Nachkommen, Erschütterung, Krankheit und Vertreibung, 5.13 Verlust von Besitz und Verwirrung bewirken diese Störenfriede. Wenn deshalb dem Herrn des Pura, Shankara, 5.14 auch nur ein Grashalm verloren geht, gehen die Übenden zugrunde. Deshalb soll der Guru mit aller Sorgfalt das Erwachen herbeiführen.

5.15 Für Schutz ist sorgfältig zu sorgen; man vergrabe Schutzpflöcke mit den Zeichen von Donnerkeil, Speer, Stab, Schwert, Schlinge und Haken. 5.16 Dort sind die jeweiligen Hüter der Himmelsrichtungen sorgfältig zu verehren, mit Gebäck, Bananen, Süßigkeiten und Milchreis, 5.17 gekochtem Reis, Puffreis, Bissen und Kokosnuss; Vishnu erhält die vorzügliche Milchspeise, Ganesha einen Kuchen, 5.18 Süßigkeiten, Kokosnuss und Bananenfrucht. Dem Gebietshüter gebe er einen schwarzen Ziegenbock, und danach spreche er das Vira-Mantra.

5.19 Nach dessen Wiederholung nehme er Erdklumpen und werfe sie in die zehn Richtungen. Wie bei einem Opfer am geweihten Pferd durch Indra und andere Götter 5.20 Hindernisse bereitet werden, so auch beim Kula, Maheshvara. Im nordöstlichen Teil des Schlafraums stelle er die Kula-Muschel auf. 5.21 Er mache die Anordnung oben und unten eine Spanne breit, errichte dort den König der Yantras und verehre ihn in der Nacht. 5.22 Wie könnte ein Übender Kaulika sein, wenn er keinen nächtlichen Gang und keine nächtliche Kula-Verehrung vollzieht, o Gott?

5.23 Im Hausstand lebend, bleibe er nachts an jedem Eingang gesammelt und vergegenwärtige im Zusammenhang des Kula-Weges die Herrin der drei Welten. 5.24 Er verneige sich und wiederhole das Mantra, wenn die zuvor genannte Shakti gegenwärtig ist. Morgens bade er, ehre den Guru und wende sich den Ahnen, Göttern und Sehern zu. 5.25 Er sättige sie und verehre nach Kräften, von Hingabe erfüllt. Danach suche er unter irgendeinem Anlass den Dienst an der jungen Frau, 5.26 etwa durch Gespräche und Umgang mit den Frauen des Pura, durch Geschenke oder wie es sich dort ergibt, Bhairava.

5.27 Er tue auch den Dienern, Dienerinnen und Aufsehern Gefälliges und erkunde beiläufig, welcher Art ihre Gunst gegenüber ihm ist. 5.28 Den Zustand des Pura sollen die Kula-Übenden sorgfältig kennen. Unter irgendeinem Anlass verschaffe man sich den „Scheiteljuwel des Kula“ 5.29 und zeichne in einem goldenen, kupfernen oder als Kula bezeichneten Gefäß das eigene Yantra oder das Kula-Yantra, 5.30 oder ein Shriyantra oder Gandharvayantra, mit der Substanz verbunden, in dessen Mitte der Kula-Name und die eigenen Namen eingeflochten sind.

5.31 An der Seite stehe das Kamakala-Bija, vom eigenen Mantra umschlossen. So verehre der beste Übende, der Kula-Überlieferung ergeben. 5.32 Äußerlich ohne Zeichen der Kula-Verehrung, sei er Vishnu zugewandt: beim Gehen, Essen, Verneigen und selbst beim Straucheln. 5.33 „Sieg dir, Vishnu! Hari! Brahman!“ – unter solchen Namensrufen sollen die Kula-Kundigen sich an mich erinnern, im Wald oder an einer Wasserstelle. 5.34 Dann vollziehe er die zuvor beschriebene Kula-Erregung. Nachts, in einem leeren Haus, Garten oder Heiligtum, 5.35 führe er die Kula-Göttin herbei und weihe sie mit dem Grundmantra. Danach vollziehe er die Kula-Erregung in der zuvor beschriebenen Weise.

5.36 Wenn diese Praxis gelingt, setzt er die Übung des Grundmantras fort. Unter allen heiligen Sitzen gilt Kamarupa als der höchste; groß ist seine Frucht. 5.37 Wo dort auch nur ein einziges Mal Verehrung geschieht, wohne ich. Dafür lasse ich alle anderen heiligen Orte zurück, mein Sohn. 5.38 Hundertfach höher wird Kamakhyas Yoni-Kreis gepriesen. Was soll ich jetzt noch viel über dessen Frucht sagen, großer Gott? 5.39 Dort weilt die ursprüngliche Mahishamardini mit Millionen Scharen; dieser Sitz ist Brahmas Mund, verborgen und alles Glück spendend.

5.40 Aus ihm treten Götter, Göttinnen und die aus dem Werden entstandenen Seher hervor; alle erscheinen hier. Deshalb wird er von den großen Kulas verborgen gehalten. 5.41 Dieser heilige Sitz hat eine sichtbare und eine verborgene Gestalt. Die verborgene ist noch heiliger und selbst für erfahrene Übende schwer erreichbar. 5.42 Und doch können die Vortrefflichen des Kula diesen verborgenen Sitz überall finden, Herr der Götter.

Bhairava spricht:

5.43 Erkläre mir die eigenständige Vorschrift der Anziehung, Herrin der Götter, Schöpferin und Auflöserin, wenn ich dein Sohn bin!

Die Göttin spricht:

5.44 Höre, mein Sohn, die höchste große Vidya der Anziehung. Schon durch ihre Verehrung kann ein Mensch selbst Götter heranziehen. 5.45 „Brahma“, mit „Sarasvati“ verbunden, mit dem „Mund der Gottheit“ und der „Vira-Shakti“ versehen: So wird das Kali-Mantra bezeichnet. 5.46 Einfach, doppelt oder dreifach wiederholt, Bhairava, zieht es frei das Unbewegliche und Bewegliche herbei. 5.47 Diese heilige Mantrakraft Mahakalis gilt als geheimer als das Geheimste. Die Kulasundari kann sich als schlafend, im Schlaf gebunden, berauscht, verwirrt oder niedergedrückt zeigen, 5.48 von einem ganzen Netz von Fehlern umwunden. Zur Nacht-, Tages- und Dämmerungspraxis gehört die angehängte Formel, 5.49 die mit den eingeflochtenen Keimsilben innerlich als Vereinigung erfasst werden soll. Der besonnene Kundige erkennt dies und erweckt die heilige Mantrakraft. Entscheidend dafür ist der Guru.

5.50 Die Regelbindung gilt hier für den Mann, keineswegs für Frauen. Zu jeder Zeit, an jedem Ort und mit unterschiedlichen Mitteln 5.51 entstehen durch die meditative Betrachtung von Frauen Vollendungen, ohne Zweifel. Wie ein verborgener Steinverband durch einen Magneten 5.52 von selbst hervortritt; wie der Sonnenstein im Licht der Sonne aufleuchtet; wie Sonnenstrahlen 5.53 einen Mondstein zum Schmelzen bringen; wie Regenwolken die Erde mit Wasser sättigen und mit Saft erfüllen, 5.54 wie schon der Anblick einer Blüte Erfüllung und Befreiung gewährt und die Gnade der großen Durga zum Herrn der Vollendungen macht, 5.55 wie die Kula-Blüte Freude schenkt, wie die Erinnerung an die Ganga von Schuld befreit und die bloße Anziehung zu Shiva werden lässt, 5.56 so spendet die Göttin durch die bloße Betrachtung einer Frau Segen. Deshalb soll man seine eigene Kaula-Gefährtin sorgfältig einweihen lassen.

5.57 Der Seher dieses Mantras heißt Bhairava, sein Versmaß Ushnih. Seine Göttin ist Dakshina Kalika. Sie gewährt die vier Ziele des Lebens: rechtes Leben, Wohlergehen, Erfüllung und Befreiung. 5.58 Das erste Bija ist die höchste Shakti; mit dem Bija wird die Gestalt gebildet. Mit dem Bija in Verbindung mit den sechs langen Vokalen bilde man die Glieder und Weiteres. 5.59 In vierzehn Abteilungen setze man die Matrika-Laute einzeln ins Herz, in die Hände und in beide Füße ein. 5.60 Dann vollziehe man mit dem Grundmantra fünfzig Einsetzungen als durchdringenden Nyasa; die zuvor genannte fünffache Meditation führe man zusammen aus.

5.61 Auf den zehn- beziehungsweise fünfgliedrigen Lotussen vollziehe man die Sitzverehrung und rufe dort die Göttin Dakshina, den Schmuck des Kula, herbei und verehre sie. 5.62 Danach verehre man Mahakala und die Kraft des Sitzes; im ersten Dreieck Kali, Kapalini und Kulla, 5.63 Kurukulla, Virodhi, Viprachitta, Ugramukhi, Ugraprabha und Pradipta, 5.64 Nila, Ghana, Balaka, Sita, Dhatri und Mudrika; außen verehre man die mit Brahmani beginnenden Göttinnen, der Reihe nach ab dem östlichen Blütenblatt.

5.65 Danach wiederhole man das Mantra, tagsüber rein und von Opferspeise lebend, hunderttausendmal; ebenso nachts hunderttausendmal, höchster Reinheit hingegeben. 5.66 Bei dieser besonderen Praxis werden andere Frauen weder verehrt noch in der Vorstellung betrachtet. Allein das nächtliche Wiederholen des Mantras lässt Dakshina Vollendung schenken. 5.67 Der Kundige vollziehe den Einsetzen des Mantras in die Körperglieder, meditiere über die Göttin und wiederhole das Mantra; ebenso verehre er Aranya oder nachts Mahakali, die große Erhebung bringt. 5.68 Nach eben dieser Vorschrift verehrt, zieht die Allgestaltige eine Göttertochter oder eine Naga-Tochter aus der Unterwelt herbei.

5.69 Aranya und Mahakali werden als diese erste und zweite genannt. Verehrung, Meditation, Anwendung und besonders Wiederholung des Mantras 5.70 sind für diese Göttin sämtlich gleich beschrieben. Alles, was Japa und Weiteres betrifft, einschließlich des Wassers, ist hier wie zuvor dargelegt. 5.71 Bei der Verehrung sei Aranya-Mahakali makellos vergegenwärtigt. Man stelle im Nordosten die Muschel auf und zeichne dort das Yantra. 5.72 Man beginne in der Nacht des achten Mondtages und schließe am vierzehnten ab; der Mensch spreche gesammelt hundertachtmal das Mantra.

5.73 Unbekleidet, mit Betel im Mund, offenem Haar und beherrschten Sinnen, mit vom Wein bewegten Augen, in der Vereinigung mit einer anderen Frau, 5.74 verehre der unbekleidete Schmuck des Kula mit Duft und Blumen. Wessen Name in das Yantra eingeflochten ist, deren Yantra verehre der den Helden Liebe. 5.75 Sie kommt, von Verlangen erfüllt, an den Ort des Verehrers. Wein, Fleisch und alles, was zur Kula-Praxis gehört, mein Kind, 5.76 gebe er ihr, bringe dann den Rest dem Guru dar und nehme nach dessen ehrfürchtig empfangener Erlaubnis das Übriggebliebene selbst zu sich.

5.77 Wer, mein Kind, die Kula-Verehrung ohne Wein und Fleisch vollzieht, dessen Verdienst aus tausend früheren Geburten geht verloren. 5.78 Wo die Darbringung und Verehrung mit Alkohol ausdrücklich vorgeschrieben ist, richte der Brahmane Honig als Wein in Kupfergefäßen her. 5.79 Oder er verehre das im Kula Verehrte mit Kula-Wein. Jener Wein ist gemeint, der von Yogis, von hervorragenden Yogis getrunken wird. 5.80 Nicht zum Trinken geeignet sei der Wein, der aus Rohzucker und Mehl zubereitet ist.

Hier endet das 5. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Kapitel 6: Heilige Sitze und besondere Mächte

Die Göttin spricht:

6.1 Nun erkläre ich dir, mein Kind, die Vorschrift für das, was an den jeweiligen Orten zu tun ist. Man führe die Göttin herbei und vollziehe den durchdringenden Nyasa an ihrem Körper. 6.2 Zuerst zeichne der hervorragende Übende oben auf Devikuta das zuvor beschriebene Yantra und verehre es nach dem Kula-Weg. 6.3 Er verneige sich vor der Göttin samt Sitz und Weiterem, verehre Mahabhaga mit Duft und Blumen und danach die Hauptgöttin samt Umkreisgottheiten. 6.4 Nachdem er dort hunderttausend Wiederholungen vollzogen hat, begebe er sich nach Uddiyana; an diesem Sitz verehre er die Yoganidra genannte Göttin und dann 6.5 seine erwählte Gottheit. Dort wiederhole er gesammelt hunderttausendmal. Dann gehe er nach Kamarupa und verehre Katyayani.

6.6 Nach hunderttausend Wiederholungen verehre er nachts zuerst Kamakhya. Dann begebe er sich nach Jalandhara und verehre zuerst Purneshi. 6.7 Auch dort wiederhole er das Mantra gesammelt hunderttausendmal; dann gehe er nach Purnagiri, verehre Chandi und übe Japa. 6.8 Er begebe sich in das Innere Kamarupas, verehre zuerst Kamakhya und danach an dessen Grenze die große Göttin Dikkaravasini. 6.9 Nachdem er so die Herrinnen der heiligen Sitze mit Japa verehrt hat, verehre er seine erwählte Gottheit. An sieben Sitzen wiederhole er nachts gesammelt insgesamt siebenhunderttausendmal.

6.10 Ist die Zahl erfüllt, frage er: „Wer bist du, Göttin, Höchste des Kula?“ Wenn sie dann ihren Namen, ihre Abstammung und ihre Geburt vergessen hat, 6.11 spricht sie: „Ich bin deine erwählte Gottheit; wähle den höchsten Segen!“ Er verneige sich vor der Herrin der Götter und erbitte für sich eine Gnade. 6.12 Ist die Göttin noch nicht auf diese Weise offenbar geworden, beginnt der Übende die beschriebene Praxis erneut. Er bleibt unbeirrt dem Dienst des Kula-Weges zugewandt. 6.13 Oder er verehre an allen heiligen Sitzen Mahishamardini; dann wird die Göttin, die den Vorzüglichen des Kula liebt, aus freiem Willen gnädig.

6.14 Dann wiederhole er das Grundmantra und werde Herr aller Vollendungen. Erblicke er einen Rajavriksha-Baum, verehre er an dessen Wurzel seine erwählte Gottheit 6.15 und wiederhole drei Tage lang in tiefer Nacht das Mantra. Der hervorragende Übende erlangt dadurch die Frucht von hunderttausend heiligen Sitzen, o Gott. 6.16 Vetala-Macht, wunderwirkende Sandalen, Schwert-Vollendung, Augensalbe, Stirnzeichen und Verborgenheit, Bhairava – durch Mahishasuramardini 6.17 und die Grund-Vidya verwirkliche der Übende das Erwünschte, Maheshvara.

Bhairava spricht:

6.18 Wie entstehen die großen Mächte wie jene des Vetala, Chandika? Erkläre es mir, Herrin der Götter, wenn du Zuneigung zu mir hast.

Die Göttin spricht:

6.19 Der hervorragende Übende nehme Holz vom Nimba-Baum und vergrabe es auf einer Verbrennungsstätte, an einem Dienstag um Mitternacht, mit dem Zeichen eines Paares von Leichensitzen, 6.20 und wiederhole das Mahishamardini-Mantra achthunderttausendmal. Dort im Totenhain bringe er tausend entsprechende Opfer ins Feuer, mein Kind. 6.21 Er hole das Holz heraus, versehe es dort mit den Zeichen von Stab und Sandalen, gehe in der Nacht von Durgas achtem Mondtag zur Verbrennungsstätte und lege es dort nieder. 6.22 Er lege einen Leichnam darüber und verehre nach der überlieferten Vorschrift. Auf dem Leichensitz wiederhole der Vira achttausendmal.

6.23 Dann bringe er den Müttern eine Opfergabe und bespreche das Holz: „sphe'm spheṃ, hochbegabter Stab, Liebling des Herzens der Yoginis! 6.24 Herr, der du in meiner Hand ruhst, befolge meine Weisung!“ Nachdem der Vetala so angerufen wurde, wirkt er überall, wohin man ihn entsendet: 6.25 Er zermalmt das jeweilige Ziel und kehrt zum Kaulika zurück. „Gehe, gehe, glückreiche Sandale, Schöngestaltete! 6.26 Sobald mein Fuß dich berührt, gehe hundert Yojanas!“ Man beschaffe acht Metalle und fertige ein Schwert von fünfzig Fingerbreiten Länge, 6.27 zeichne das Yantra auf das Schwert und wiederhole das Mantra tausendmal. Dann vergrabe man es in einem großen Leichnam, 6.28 an der Spitze eines „Samenbaums“ beziehungsweise an dessen vorderem Bereich, binde es fest und sorge für Schutz. Am Kula-Ashtami, um Mitternacht, sei man auf dem Scheiterhaufen gesammelt, 6.29 rufe die Göttin liebevoll an und opfere im Totenhain mit Bilva-Blättern und den drei süßen Substanzen ins Feuer.

6.30 Zum Abschluss des Feueropfers bringe man eine Gabe von den Füßen bis zum Haupt dar. Am Ende der Opfergabe erscheint die höchste Maya, die Göttin Mahishamardini, 6.31 mit opfergefülltem Mund, segnender Hand und ekstatischem Antlitz. Beim Wort „Nimm, mein Kind!“ hebe er das Schwert hoch und halte es. 6.32 „Schrecklich Gezahnte, Mahakali in Schwertgestalt! kāṁ īṁ ūṁ – bewirke, Heilvolle, umfassendes Zerschneiden der Gegner!“ 6.33 Wer das Schwert so angerufen hat und es auf jemanden richtet und wirft: Es schneidet wieder und wieder, zieht fort und wird wieder zurückgezogen.

6.34 Oder der Ritus fordert, eine schwarze Katze mit einem einzigen Schlag zu töten und sie an einem Dienstag nachts auf einer Kreuzung nach Mantrabesprechung zu vergraben. 6.35 Dort pflanze man eine Banane. Bis sich ein Blatt entwickelt, lebe man von Opferspeise und wiederhole jede Nacht ohne Furcht das Mantra, 6.36 tausendachtmal, allein und ohne Lampe. Wenn das Blatt gewachsen ist, schneide man es ab und bringe es unbeschädigt herbei. 6.37 Man esse darauf Opferspeise und bringe das zuvor Vergrabene am selben Tag mit Freunden zum Flussufer, um es unter Mantrasprechen zu waschen.

6.38 Welcher Knochen gegen die Strömung zurückgeht, mein Kind, den nehme man und verehre dort die furchtbar rufende Kalika. 6.39 Nach tausend gesammelten Wiederholungen des Kali-Mantras besitzt der Mantrakenner eine vollendete Augensalbe; daran soll kein Zweifel sein. 6.40 Er reibe den Knochen mit Sandelholz, Aloeholz und Moschus ab und verehre nach der überlieferten Regel; so besiegt der Übende alles. 6.41 Er bringe Kula-Fisch, Kula-Speise und Kula-Wein zum Kula-Ort, Herr des Kula, und gebe sie sorgfältig der Göttin.

6.42 Auf dem Boden sitzend, wiederhole er tausendachtmal. Durch bloßes Blasen auf die Erde entsteht dort eine Öffnung. 6.43 Wo sich die Zielperson befindet, selbst hundert Yojanas entfernt, dorthin gelangt er, unter der Erdoberfläche hindurchgleitend. 6.44 So geht der Mensch durch einen Zwischenraum, ein Fenster oder eine Höhlung hindurch, indem er seinen Körper zusammenzieht, ohne Schaden zu nehmen. 6.45 Ohne das Durga-Mantra und ebenso ohne das Kali-Mantra, mein Kind, entstehen diese Mächte keinesfalls, Herr des Kula.

Hier endet das 6. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Kapitel 7: Mahishamardini und die Einheit von Shiva und Shakti

Die Göttin erscheint in unterschiedlichen Gestalten; im Schlusskapitel führt die Unterweisung zurück zur Einheit.

Bhairava spricht:

7.1 Mutter, erkläre mir den geheimen Schlüssel Mahishamardinis, damit der Kula-Weg zur Vollendung gelangt und Genuss und Befreiung verwirklicht werden.

Die Göttin spricht:

7.2 Maheshvari ist der ursprüngliche Grund von Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung. Sie ist mit aller Sorgfalt geheim zu halten. Höre, ich erkläre sie dir. 7.3 Auf den Keim der drei Welten folgt das Anredewort; danach kommen die beiden Laute der Schöpfung und Auflösung: So lautet die Mahishamardini-Vidya. 7.4 Diese Mantrakraft ist überaus geheim und ewig. Sie bringt Schöpfung und Erhaltung hervor und ist der immerwährende Keim aller Götter und Vollendungen. 7.5 Wenn sie einem reinen Menschen mit außerordentlicher Guru-Hingabe mitgeteilt wird, soll man nur die acht Laute aussprechen, nicht das Bija und auch nicht die Praxis.

7.6 Die allgemein bekannte Prana-Vidya, die Hridlekha, gehört zum Bereich der Vollendung. Wird diese Göttin vorangestellt, vernichtet sie die Vollendung des Gurus. 7.7 Besonders im Kali-Zeitalter verleiht sie eine große Fülle von Vollendungen, bringt jedoch den Gurus, den Herren des Kula, einen schweren Fluch. 7.8 Jaya wird als die furchtnehmende Durga bezeichnet, die höchste Löwenreiterin. Nach dem Keim der drei Welten folgt jene höchste Form des Mardini-Kula. 7.9 Besser ist es, sie mit der „Geliebten des Feuers“ zu übergeben, nicht mit „namas“. Wird die höchste Vidya mit der Dativendung und dem „Herzen“ übergeben, 7.10 bringt sie überall einen großen Fluch, Kenner der Kula-Schriften. Deshalb muss diese Neunsilbige mit aller Sorgfalt verborgen bleiben.

7.11 Man wiederhole das Mantra achthunderttausendmal und bringe anschließend ein Zehntel dieser Zahl als Feueropfer dar. Narada wird als sein Seher genannt, Gayatri als Versmaß. 7.12 Die Gottheit ist die Büffeltöterin; das erste Bija ist Parapara. Man meditiere über Kali, die sich im Kampf mit dem großen Dämon leidenschaftlich und ekstatisch erhebt. 7.13 In den rechten Händen trägt sie Diskus, Schwert, Pfeil und Dreizack; links ein Schwert, einen Schild, einen Bogen und die drohende Gebärde, 7.14 auf dem Leib des gewaltigen, todbringenden Büffels sitzend, in gelbem Gewand, mit zwei vollen, hochgewölbten Brüsten, 7.15 geschmückt mit einer Krone aus verfilztem Haar, Freude auf der Totenstätte spendend. „oṃ mahiṣahiṃsake hūṃ phaṭ hṛdayāya namaḥ“ gilt für das Herz; „oṃ mahiṣaśatro hūṃ phaṭ“ wird für den Kopf genannt.

7.16 „oṃ mahiṣaṃ heṣaya heṣaya hūṃ (phaṭ)“ wird als Mantra für die Haarspitze angegeben. 7.17 „oṃ mahiṣaṃ hana hana devī hūṃ phaṭ“ gilt für den Schutzpanzer; „mahiṣamardinī hūṃ phaṭ“ für die Waffen. Höre, Bhairava! 7.18 Im achtblättrigen Lotus verehre man die mit Durga beginnenden Göttinnen, denen die langen Vokale vorangestellt sind; an den Blattspitzen verehre man die Waffen der Reihe nach mit den bei „ya“ beginnenden Lauten. 7.19 Danach verehre man Brahmani und die übrigen, außen die Weltenhüter. Der im Mantra Vollendete vollziehe die Waffenverehrung und die Anwendung.

7.20 Bei der Anwendung beträgt die Vorschrift für das Feueropfer achttausend Darbringungen. Diese Vidya ist eine große Vidya; sie darf nicht beliebig weitergegeben werden. 7.21 Wenn die Kula-Göttin durch glückliches Geschick von hervorragenden Kulinas gewonnen wurde und als Kula-Geborene eingeweiht ist, gewährt sie Vollendung; anders nicht.

Bhairava spricht:

Lobgesang auf Mahishamardini

7.22 Chandi, bewege dich in meinem Herzen! Du hast den mächtigen Dämon bösen Handelns zermalmt. Zerreiße die vielen schwer erträglichen Gefahren, die mit Furcht und Feindschaft bis in mein Innerstes reichen. Möge der Schwan meines Geistes dann ungestört im Meer unendlicher Wonne leben, das sich im unvergleichlichen Hain deiner herrlichen Lotusfüße eröffnet. 7.23 Chandi, die Götter lassen Narasimha zurück, dessen mächtige Finger Hiranya zu zerreißen vermögen und dessen wogende Mähne dem schönen Sumeru gleicht. Mutter, sie dienen dem Löwen, der deine herrlichen Füße verehrt, die die Fesseln der gebundenen Wesen zermahlen. Wie könnte für einen solchen Diener Furcht vor Feinden bestehen? 7.24 Chandi, gelangt ein Wort über dich ins Ohr, besingen Brahma und die anderen seine Wahrheit, die Geist und Natur umfasst. Göttin, lass mich heute ganz deinen strahlenden Lotusfüßen zugewandt sein und sie küssen: In ihnen hat die Nektar-Essenz aller Gottheiten ihre eine Heimstatt. 7.25 Mögen mich andere wegen deines Kula-Weges tadeln; mag mir Vorzüglichkeit fehlen und der Ruhm aus der Verehrung Keshavas und Kaushikas fernbleiben. Mutter, unser Geist soll stets deine Lotusfüße betrachten. Brahma, Vishnu, Shiva, das Feuer und der Feind der Dämonen dienen ihnen.

7.26 Wenn ich zur fortgesetzten Betrachtung deiner beiden Füße bestimmt bin, welche noch so seltene Vollendung könnte mir fehlen? Göttin, lass deine beiden Lotusfüße voller Gnade in meinem Herzen gegenwärtig sein und unversehrtes Glück entfalten. Du bringst Heil: Verzeihe mir! 7.27 Selbst Shiva, der Herr der Wesen, umarmt sein eigenes Selbst und gerät in Ekstase. Das Leben hätte er nicht kraftvoll bewahren können, hätte er nicht durch glückliche Fügung den Duft deines Fußlotus gekostet: Er ist erfüllt von strömendem Honignektar, von Mond- und Sandelsaft. 7.28 Ach, Mutter! Das Meer anfangsloser Verblendung hat mein Inneres durchdrungen. Ich finde keinen Geschmack an der Salbung mit Brahmans Wonne. Lass darum die reiche Regenflut der Hingabe unaufhörlich in mir strömen. Sie vermag selbst die Herzensqual ganzer Götterscharen zu überwinden. 7.29 Aus den Strahlen ihrer Füße geht die reine Dreiheit der Gottheiten hervor, erfüllt von Bewusstsein und Wonne. Ihr Glanz vertreibt wie Millionen Sonnen die innere Dunkelheit. Sie erschafft die Welt, erhält sie und löst sie wieder auf. Möge jener tiefblaue Glanz, dunkel wie frische Augenschminke und Regenwolken, stets in unserem Herzen gegenwärtig sein.

7.30 Sie überwältigt den Dämon, der in Büffelgestalt brüllend heranstürmt, dessen Maul und finsteres Haupt von Dunkel erfüllt sind. Diese Durga nimmt Furcht, bedrängende Gefahren und Not; unzählige Gegner schreckt sie. Möge sie siegen, die übermütige Götterfeinde zerreißt und durch ihren Sieg erfreut! 7.31 Du erscheinst im rötlichen Meer des gewaltigen Kampfes: Schilde tanzen, Wedelsäume schwingen, Diskusse und andere mächtige Waffen bewegen sich; Heerscharen und Pfeile schnellen hervor. Sturmhaft werden die stolzen Köpfe der bösen Dämonen geschleudert und in Stücke gerissen; Vögel lodern gleichsam vor Hunger und Durst. 7.32 Auf dem Platz zwischen den Hörnern des schräg gesenkten Kopfes des tobenden Büffels, dessen heftige Stöße die Zeit des Endes ankündigen, wirst du verehrt: mit acht Lauten in der Mitte des achtblättrigen Lotus, mit den Müttern an den Seiten wörtlich: den Ohren. Schön im Schlachtfeld, vom Kampfesjubel bewegt, lässt du den Raum erbeben. 7.33 Man meditiere über die Heilvolle, die in den rechten und linken Händen, von oben nach unten, Diskus, Muschel, Messer, Schild, Pfeil, Bogen, Dreizack und die furchtnehmende Gebärde trägt; die Dunkle mit hochgebundenen Haarmassen wie blaue Wolken, mit furchtbarem Gesicht, erglänzend in heldenhaftem Ungestüm und gewaltigem schrecklichem Lachen.

7.34 Wer so über deine makellose Gestalt meditiert, Göttin, die von Durga und anderen sowie von Indra und den übrigen Göttern verehrt wird, vermag fremde Städte zu erschüttern. Herrschaft, Feindessieg, Einsicht in gute Ziele und Schau dichterischen Nektars entstehen ihm von selbst, ebenso die Vollzüge des Lähmens, Vertreibens und Tötens. 7.35 In gesammelter Betrachtung deiner beiden Lotusfüße habe ich dieses Loblied geschaffen. Es lehrt im Verborgenen, wie das Mantra abgeleitet wird und wie die Darbringungen des Kula geschehen. Wer es hört oder spricht, dem werden rasch Glück, Befreiung, Wunscherfüllung und Weiteres zuteil. Mutter der Welten, dir sei Verehrung! Siege!

Die Göttin spricht:

7.36 Dein Loblied hat mich erfreut, Bhairava, und ich bin dir gewogen. Schau meine beglückende Gestalt, die nicht zur Meditation geeignet ist. 7.37 Diese Gestalt ist meine vornehmste, ebenso meine Kali-Gestalt. Die Gestalt Tripura-Bhairavis wird die ursprüngliche genannt. 7.38 Am Kula-Tag, am Kula-Ashtami und besonders am vierzehnten Mondtag ist dort die Yogini-Verehrung die hauptsächliche Kula-Verehrung. 7.39 Wie Vishnu, an seinem Mondtag verehrt, das Gewünschte gewährt, so spendet Durga, am Kula-Mondtag verehrt, Segen.

7.40 Unter einem Bilva-Baum, in abgelegenem Gelände oder auf einer Verbrennungsstätte soll der Übende zur Dämmerung eine hauptsächlich aus Fleisch bestehende Speisegabe darbringen. 7.41 Wenn „Kali, Kali“ gerufen wird, kommt dort Uma als Shiva hier: Schakalin, in Tiergestalt zusammen mit ihrem Gefolge. 7.42 Wenn sie gegessen hat, den Kopf nach Nordosten erhebt und wohlklingend ruft, ist dies für ihn günstig; anders nicht, Schmuck des Kula. 7.43 Durch Speisegabe soll man die Schakalin regelmäßig zufriedenstellen. Wie das tägliche Ahnenritual, das Dämmerungsgebet und die Ahnensättigung, 7.44 so hat dies in der Kula-Verehrung der Kula-Göttinnen täglichen Verpflichtungscharakter. Wer die Göttin Shiva in Tiergestalt nicht an einem einsamen Ort verehrt, 7.45 dem geht durch den Ruf der Schakalin gewiss rasch alles verloren: Wiederholung des Mantras, Verehrungsriten und alle vollbrachten guten Werke.

7.46 Nachdem sie deren Frucht genommen und einen Fluch verhängt hat, klagt die Schakalin am einsamen Ort. Wo eine einzige Schakalin isst, Gott Bhairava, 7.47 dort entsteht die sonst schwer zu erlangende Freude aller Shaktis. Die Shakti in Tiergestalt, die Shakti in Menschengestalt und die Shakti in Vogelgestalt, 7.48 verehrt, verwandeln mangelhaftes Handeln in gelungenes. Deshalb soll man diese große Verehrung mit aller Sorgfalt ausführen. 7.49 Wer von Furcht vor Herrschern oder Gefahren in fremden Ländern betroffen ist, erwäge günstige und ungünstige Unternehmungen und bringe eine Opfergabe dar: 7.50 „Nimm an, glückreiche Göttin, Shiva in der Gestalt des Zeitfeuers! Sage deutlich die günstige oder ungünstige Frucht voraus und nimm deine Opfergabe an!“

7.51 So sprechend, soll der den Kula-Menschen Liebe die Opfergabe darbringen. Wird sie nicht angenommen, mein Kind, verheißt dies nichts Gutes. 7.52 Ist das Vorzeichen günstig, wird alles aufgegessen. So erkenne man es, großer Gott, und vollziehe Riten für Frieden und Wohlergehen. 7.53 Der Dakshina genannte Kula-Weg ist dir erklärt, du Treuer im Gelübde. Wer dauerhaftes Glück wünscht, soll ihn niemandem preisgeben. 7.54 Er darf nur an einem einsamen Ort besprochen werden, nicht in der Nähe anderer Menschen, nicht beim Vater und ebenso nicht bei der Mutter.

7.55 Man soll ihn nicht einmal im Sichtbereich von Vögeln, Insekten und Ähnlichem vollziehen, sondern in einer unterirdischen oder gut gesicherten Halle, 7.56 in einer lückenlos abgeschlossenen Halle, ohne Anwesenheit anderer. Kula-Blüte, Kula-Substanz, Kula-Verehrung und Kula-Japa, 7.57 Guru und Kula-Herrn, Kula-Kette, Kula und Akula, Kula-Kreis und Kula-Meditation darf man keinesfalls öffentlich enthüllen. 7.58 Durch Veröffentlichung gehen Vollendungen verloren, entstehen Bindung und Ähnliches; durch Veröffentlichung wird das Mantra zerstört und entsteht Verletzung.

7.59 Durch Veröffentlichung erlangt man den Tod; daher darf es keinesfalls offengelegt werden. Wenn zur Zeit der Verehrung jemand hinzukommt, Herr der Götter, 7.60 zeige man eine vishnuitische Mudra, den Vishnu-Nyasa und einen Lobpreis. Wenn eine solche Offenlegung zur Verbergung führt, ist diese Offenlegung kein Fehler. 7.61 Wenn Verbergen zur Enthüllung führt, ist es nicht Verbergen zu nennen. Eher nehme man den Verlust eines Körperglieds hin als jemals die Enthüllung. 7.62 Besser ist es, die Verehrung zu unterlassen, als jemals das Geheimnis zu enthüllen. In wessen Haus dieses Tantra mit den Kula-Schriftzeichen 7.63 oder in der Schrift des Herrn des Kula vorhanden ist, dort bin ich stets gegenwärtig. In diesen Häusern schwinden Schuld, Übeltaten und Furcht 7.64 allein durch die Gegenwart des Buches; daran ist kein Zweifel. Man schreibe es mit der Kula-Hand und mit Kula-Substanz, Bhairava, 7.65 lese es am Kula-Tag oder trage es in der Kula-Hand. Sein Haus werde ich unter keinen Umständen verlassen, Bhairava.

7.66 Auch einen schwer kranken Menschen oder jemanden ohne günstige Lebensumstände soll man keinesfalls aufgeben, wenn er mit diesem Tantra verbunden ist. 7.67 Erblickt man ein Kula einen Kula-Angehörigen beziehungsweise eine Verkörperung, kann Kula-Verehrung zustande kommen. Wenn mit diesem Buch die „Kapalin-Machung“ 7.68 von einem hervorragenden Übenden vollzogen wird, was könnte dann nicht erlangt werden? Erst nachdem man die Kula-Gottheit verehrt hat, nehme man es entgegen, nicht anders. 7.69 Nicht aus Zuneigung, nicht aus Gier, nicht aus Furcht oder irgendeinem anderen Anlass gebe man es preis. Besser wäre der Verlust eines Königreichs oder sogar eines Sohnes, 7.70 oder des Vermögens, o Gott; niemals soll es veröffentlicht werden. Auch wer durch meine Maya verblendet und einer anderen Gottheit ergeben ist, 7.71 gerät durch seine Offenlegung in Erschütterung. Wahrlich, wahrlich sage ich es! Wie ich immer wieder im Körper einer Frau umhergehe, 7.72 so verweile ich als höchste Kraft in diesem Buch. Ob Mahachina-Krama, Mahanila-Sadashiva 7.73 oder ein Unmatta-Schlüssel und welche Vira-Praxis auch immer: Ohne Kula-Weg, mein Kind, bringt sie keine Vollendung hervor.

7.74 Zu den heiligen Tagen, Sternstellungen und Zeitpunkten des Kula soll die Verehrung der Yoginis niemals ausbleiben. Wenigstens im Geist soll sie geschehen. 7.75 Der Weise verachte keine Kulina-Frau und lasse keine Missachtung geschehen. Bei einem Menschen, der von Bedrängnis überwältigt und von Krankheit betroffen ist, Bhairava, 7.76 führe man mit diesem Buch eine Befreiung aus der Bedrängnis herbei und halte es auf einem Federbüschel. Nach sieben Tagen dieses Verfahrens wird er von dem bösen Besessenheitsgeist befreit. 7.77 So ist dir, mein Kind, das höchste Herz der Göttin mitgeteilt. Es darf keinesfalls beliebig angewendet oder weitererzählt werden.

7.78 Sei jetzt allwissend und in allen Tantras erfahren. Du allein sollst die Lehrschriften verkünden, Maheshvara. 7.79 Du bist der Lehrer aller Tantras, nicht ich und nicht Vishnu. Wenn ich als Gestalt des Kula im Zustand der Ursache ruhe, 7.80 bin ich nichts Hervorgebrachtes und kein begrenztes Etwas. Ich bin Brahman, leuchtender Glanz. Nehme ich dagegen die Gestalt der Welt an und trete als Wirkung hervor, 7.81 dann bist du ihr Verkünder, Maheshvara, nicht ich. Ich gehe in deinen Leib ein. Sei mit Shakti vereint, Herr!

7.82 Ohne mich kann keine Mutter etwas hervorbringen. Wo etwas geboren wird, erscheinst du deshalb als Sohn. 7.83 Ohne dich kann kein Vater etwas hervorbringen. Darum bist du der Vater; einen anderen gibt es nicht. 7.84 Bald erscheinst du als Vater, bald als Lehrer. Bald bist du Sohn, bald Schüler. 7.85 Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entfaltet sich die Schöpfung. Aus ihrer Vereinigung eröffnet sich ebenso die Befreiung des Kula und der übrigen Erscheinungen.

7.86 Alles in der Welt ist von Shiva und Shakti erfüllt. Darum bist du überall, und überall bin auch ich, Maheshvara. 7.87 Alles bist du, Herr der Götter, und alles bin ich, Ewiger. Bist du der Lehrer und ich die Schülerin, soll uns diese Unterscheidung nicht trennen. 7.88 Sei darum du der Lehrer, höchster Herr. Ich bin die Schülerin.

Hier endet das 7. Kapitel des Kulacudamani Tantra.

Das Werk ist abgeschlossen.

Kulacudamani Tantra – vollständiger Sanskrittext in Devanagari

शिवाभ्यां नम

कुलचूडामणितन्त्रम्

प्रथमः पटलः

श्रीभैरव उवाच-

असंख्या त्रिपुरादेवी असंख्याता च कालिका |
वागीश्वरी तथासंख्या तथा च सुकुलाकुला || १ ||

माताङ्गिनी तथा पूर्णा विमला चण्डनायिका |
त्रिपुरैकजटा दुर्गा या चान्या कुलसुन्दरी || २ ||

वैष्णवं गाणपत्यं च महासौरमतं तथा |
शैवं शांकरजातं च यत्किंचिद् भूतसंभवम् || ३ ||

चतुःषष्टिश्च तन्त्राणि मातॄणामुत्तमानि च |
महासारस्वतं चैव योगिनो जालशम्बरम् || ४ ||

तत्त्वशम्बरकं नाम भैरवाष्टकमेव च |
बहुरूपाष्टकं ज्ञानं यामलाष्टकमेव च || ५ ||

तन्त्रज्ञानं वासुकिं च महासंमोहनं तथा |
महासूक्ष्मं महादेवि ! वाहनं वाहनोत्तरम् || ६ ||

हृद्भेदं मातृभेदं च गुह्यतत्त्वं च कामिकम् |
कलावादं कलासारं तथान्यत् कुब्जिकामतम् || ७ ||

मायोत्तरं च वीणाख्यं त्रोतलं त्रोतलोत्तरम् |
पञ्चामृतं रूपभेदं भूतडामरमेव च || ८ ||

कुलसारं कुलोड्डीशं तन्त्रं विश्वात्मकं यथा |
सर्वज्ञानात्मकं देवि ! महापितृमतं तथा || ९ ||

महालक्ष्मीमतं देवि ! सिद्धयोगेश्वरीमतम् |
कुरूपिकामतं देवि ! रूपिकामतमेव च || १० ||

सर्ववीरमतं देवि ! विमलामतमुत्तमम् |
पूर्वपश्चिमदक्षं च उत्तरं च निरुत्तरम् || ११ ||

तन्त्रं वैशेषिकं ज्ञानं शिवाबलिमथापरम् |
अरुणेशं मोहनेशं विशुद्धेश्वरमेव च || १२ ||

एवमेतानि तन्त्राणि तथान्यान्यपि कोटिशः |
श्रुत्वा देवि ! न कुत्रापि जातानन्दासि भैरवि || १३ ||

तत्कथं वद सुश्रोणि ! मयि त्वत्पादवर्तिनि || १४ ||

देव्युवाच -

शृणु देव ! परानन्द पराप्रकुलात्मक |
मन्मायामुद्रिताशेषतन्त्रज्ञानकुलार्णव || १५ ||

अहं प्रकृतिरूपा चेच्चिदानन्दपरायणा |
क्व ब्रह्मा क्व हरिः शंभुः क्व देवः क्व मनोर्जपः || १६ ||

क्व सृष्टि क्व स्थितिर्वापि क्व वा संहृतिभूमिका |
क्व रागः क्व सुखं दुःखं क्व मुक्तिः क्व च साधुता || १७ ||

आस्तिक्यं क्व नु नास्तिक्यं क्व गुरुत्वं क्व शिष्यता |
माययाच्छाद्य चात्मानं त्रिधा भूत्वा मदोन्मुखी || १८ ||

पराकुलरसोन्मादमोदिनी च विकारिणी |
पञ्चभूतानि लिङ्गानि चैकोत्तरशतानि च || १९ ||

ब्रह्मादिभूर्भुवःस्वःस्वभावव्यक्तिरजायत |
सर्वेऽप्याविर्भवन्त्यत्र ततो भावादिकल्पना || २० ||

शिवशक्तिप्रभेदेन गुणोत्पत्तिस्तु जायते |
सर्वे ब्रह्मादयो यूयं मदंशा भावसंभवाः || २१ ||

परस्पराविभिन्नाश्च तन्त्रमन्त्रसमाकुलाः |
पञ्चत्वं प्रापयिष्यामि निर्वाणपदलालिताः || २२ ||

पुनराविर्भवन्त्येते प्रकृतेः परतः पुमान् |
अहंकारः पञ्चमात्राः सत्त्वं चाथ रजस्तमः || २३ ||

एतन्मात्रात्मकं विश्वं नष्टं चाविर्भवत्यपि |
यदि मां विद्धि सर्वज्ञ! क्व चाम्नायः क्व याजनम् || २४ ||

न विद्धि मां चेत् सर्वज्ञ! क्व चाम्नायः क्व याजनम् |
नारीरूपं समास्थाय सृष्टिसारं मदात्मकम् || २५ ||

भवन्तं भवयोगस्थं गुरुं ज्ञातुं विजृम्भिता |
एतावतापि देवेश ! मम तत्त्वं न जायते || २६ ||

देव्युवाच -

शृणु पुत्र परानन्द परिचर्याविशारद |
योगनिर्मुक्तकानुष्ठ उपायः कथ्यते मया || २७ ||

सर्वतन्त्रैकसारं च सर्वदेवनमस्कृतम् |
सर्वसार्वज्ञ्यदं गुह्यं तत्त्वबोधप्रबोधकम् || २८ ||

पापपुण्यैकनाशार्हं भोगमुक्तिप्रदायकम् |
सर्वाश्चर्यमयं वत्स ! विदुषामपि मोहनम् || २९ ||

नानार्थप्रसवप्राज्ञ नानार्थसंकुलाकुलम् |
सदाचार्यपरिज्ञातं सच्छिष्यपरमास्पदम् || ३० ||

सर्ववादिसदाचारं सर्ववादिविगर्हितम् |
न मया विष्णवे प्रोक्तं न धात्रे गणपाय न || ३१ ||

गोपनीयं तु हृदये यत्नतः परिपालय |
एतत्तन्त्रं विना वत्स ! नाधिकारोऽस्ति यद्यपि || ३२ ||

कुलाचारे तथा वत्स ! ज्ञानशुद्धिं वदाम्यहम् |
साधकः प्रातरुत्थाय कुलवृक्षं प्रणम्य च || ३३ ||

मूलादिब्रह्मरन्ध्रान्तं कुलं ध्यात्वा गुरुं स्मरेत् |
प्रह्लादानन्दनाथाख्यं सनकानन्दमेव च || ३४ ||

कुमारानन्दनाथं च वसिष्ठानन्दनाथकम् |
क्रोधानन्दसुखानन्दौ ज्ञानानन्दमतःपरम् || ३५ ||

बोधानन्दमथाभ्यर्च्य ध्यायेत् कुलमथोपरि |
महारसरसोल्लासहृदयानन्दलोचनाः || ३६ ||

कुलालिङ्गनसंभिन्नचूर्णिताशेषतामसाः |
कुलशिष्योपरिकृपापूर्णान्तःकरणोद्यताः || ३७ ||

वराभययुताशेषकुलतन्त्रार्थवेदिनः |
एवं कुलगुरुं नत्वा विसृज्य कुलमातृकाम् || ३८ ||

कुलस्थानं समालिङ्ग्य स्नानार्थं तीर्थमाश्रयेत् |
शाक्तं कुलगुरुं वत्स ! कथितं च सुखावहम् || ३९ ||

रहस्यमद्भुतं वत्स ! गोप्तव्यं पशुसंकटे |
कुलनाथं परित्यज्य ये शाक्ताः कुलसेविनः || ४० ||

तेषां दीक्षा च यागश्च अभिचाराय कल्पते |
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन कुलीनं गुरुमाश्रयेत् || ४१ ||

कुलीनः सर्वविद्यानामधिकारीति गीयते |
दीक्षाप्रभुः स एवात्र सर्वमन्त्रस्य नापरः || ४२ ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे प्रथमः पटलः ||

द्वितीयः पटलः

देव्युवाच -

अथ वक्ष्यामि ते वत्स ! स्नानं कुलसुखावहम् |
कृष्णरक्तहरिन्नीला विविधा मम मूर्तयः || १ ||

तत्र यः कुलगः शिष्यः स तद्रूपं परामृशन् |
दिवं सर्वमथोर्वीं च पातालं भूतसंभवम् || २ ||

आचान्तः कुलदर्भेण सदर्भकुलपुष्पकम् |
कुलपात्रे सदूर्वं च सतिलं सजलं तथा || ३ ||

गृहीत्वा कुलदेवस्य प्रीतये स्नानमाचरेत् |
कृतसंकल्प एवादौ कुलचक्रं जले न्यसेत् || ४ ||

कुलमूलं समानीय कुलमुद्राङ्कुशेन च |
कुलतीर्थानि तत्रैव समावाह्य कुलात्मकम् || ५ ||

तत्तोयं च त्रिधा पीत्वा त्रिधा च प्रोक्षणं तनोः |
कुलमूलाय देवाय त्रिधार्घ्यं परिकल्प्य च || ६ ||

देवान् पितॄन् ऋषिंश्चैव तर्पयेत् कुलवारिणा |
कुलात्मकान् पुनर्ध्यात्वा कुलदेवांस्तु तोषयेत् || ७ ||

भैरवीतन्त्र एवात्र तेषां संज्ञा च विद्यते |
भैरवाय च देवाय भैरवेण च कर्तृणा || ८ ||

भैरवाख्यं प्रदातव्यं मन्त्रमुच्चार्य पूर्वतः |
दातृदानगृहीतं च ततो लिङ्गानुरूपतः || ९ ||

भैरवी भैरवात्मानं भावयेत्तदशेषतः |
श्राद्धे विवाहे दाने च स्नाने चाङ्गप्रपूजने || १० ||

एवं चिन्तापरे देव ! प्रसीदामि न संशयः |
ततस्तृप्ता तदाशेषलोकान् प्रीणामि तत्त्वतः || ११ ||

उत्थाय कुलवस्त्रे द्वे परिधाय कुलेन च |
तिलकं कुलरूपं च कृत्वाचम्य समाप्य च || १२ ||

कुलपीठं समारुह्य कुलदेवस्य पूजनम् |
द्वारदेशे ततो गीतनृत्तवाद्यादितोषितः || १३ ||

कुलभूतं समुत्सार्य कुलस्थानं प्रपूजयेत् |
कुलासनं ततः क्षिप्त्वा तदभ्यर्च्य यथासुखम् || १४ ||

कुलासनं ततो बद्ध्वा गुरुपूजाक्रमेण च |
आत्मशुद्धिभूमिशुद्धिदेहशुद्धिविभेदतः || १५ ||

कृत्वा चार्घ्यं ततो विद्वान् कुर्यात् कुलविचेष्टितम् |
दीक्षिताभिः सुशीलाभिर्युवतीभिः कुलात्मभिः || १६ ||

देवतागुरुभक्ताभिः संयुतं यागभूमिषु |
नानाविधानि पुष्पाणि गन्धानि विविधानि च || १७ ||

कर्पूरजातिधूपादिवासितं पटवासितम् |
ताम्बूलं देयद्रव्यं च धूपदीपादिकं च यत् || १८ ||

सर्वालंकारभूषाभिर्भूषितः कौलिकस्तदा |
मूलविद्याजप्ततोयैः प्रोक्षितं स्थापयेत्ततः || १९ ||

सर्वं स्वदक्षिणे स्थाप्यं वामे चार्घ्यं निवेशयेत् |
पश्चिमे देवतायां च कुलद्रव्याणि धारयेत् || २० ||

कुण्डगोलोद्भवैर्द्रव्यैः स्वयंभूकुसुमेन च |
रोचनालाक्षयारक्तैः कुङ्कुमारुणचन्दनैः || २१ ||

यन्त्रं कृत्वा तत्र पूजां कृत्वा च जपमाचरेत् |
यथाशक्ति मनुं जप्त्वा स्तुत्वा देवीं विसर्जयेत् || २२ ||

तास्ताः प्रदक्षिणीकृत्य निजा वाप्यन्ययोषितः |
कुलामृतरसं पूर्वं गुरवे विनिवेदयेत् || २३ ||

योषितस्त्ववशेषं तु स्वात्मन्येव नियोजयेत् |
ब्रह्मरन्ध्रे गुप्तस्थाने यन्त्रलेपं तु धारयेत् || २४ ||

नास्तिकेभ्यो न मूर्खेभ्यो न पशुभ्यो न वा द्विषे |
कुलीनाय च दातव्यमथवा जलमध्यतः || २५ ||

ततः सोऽहमिति ध्यात्वा वैष्णवाचारतत्परः |
हरिनाम्ना जातभावो भङ्ग्यन्वितविचेष्टितः || २६ ||

चोरवत् प्रविशेदेकः सदा सङ्गविलम्बितः |
याममात्रे गते रात्रौ कुलगेहं ततः पुमान् || २७ ||

प्रसूनतूलिकामध्ये स्थित्वा कुलपरायणः |
कुलयन्त्रं साध्यनाम्ना संकुलं कुलचक्रके || २८ ||

स्वनामाद्यङ्कितं कृत्वा कुलाचारं समाचरेत् |
स्वशक्त्या परशक्तिं च समानयति साधकः || २९ ||

परशक्त्याकर्षणं च शृणु वत्स ! समाहितः |
निजकान्तां समानीय सुशीलां सुयशस्विनीम् || ३० ||

कुलभक्तं गुरुं प्राप्य दीक्षयेत् कुलदीक्षया |
परानन्दरसाघूर्णलोचनां कुलजां सतीम् || ३१ ||

ताम्बूलग्रासपूरास्यो गुरुरक्षोऽभितः सुधीः |
निजपुत्रीवदाचार्यस्तद्भालपट्टके लिखेत् || ३२ ||

शक्तिचक्रं त्रिरावृत्त्या लिखेत् कामकलां ततः |
तन्मध्ये देयमन्त्रेण दर्भितं नामलाञ्छितम् || ३३ ||

तत्र देवीं समावाह्य ध्यात्वा देवीं प्रपूज्य च |
ततस्तत्पुत्रिकाकर्णे ऋषिच्छन्दसमन्वितम् || ३४ ||

मूलमन्त्रं त्रिरावृत्य कथयेद्वामकर्णके |
अद्य प्रभृति पुत्रि ! त्वं कुलपूजार्चने रता || ३५ ||

अ(सु)कुलाज्ञां समादाय लज्जालस्यविवर्जिता |
यथोपदिष्टविधिना स मे वस्यं (श्यं) समानय || ३६ ||

इत्यनुज्ञां गुरोर्लब्ध्वा प्रणमेद्दण्डवद्भुवि |
त्राहि नाथ ! कुलाचार पद्मिनीकुलनायक || ३७ ||

त्वत्पादाम्भोरुहच्छायां देहि मूर्ध्नि यशोधन ! |
गुरवे दक्षिणां दत्त्वा ताम्बूलारुणलोचना || ३८ ||

स्वकुलं परमीकृत्य यथाभीष्टं समाचरेत् |
साङ्गावरणपूजादौ यदि न क्षमते कुलम् || ३९ ||

तदा मूर्ध्नि गुरुं ध्यात्वा कुलामृतरसेन च |
तर्पयित्वा ततो देवं जपेन्मन्त्रं निराकुलम् || ४० ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे द्वितीयः पटलः ||

तृतीयः पटलः

देव्युवाच

अथ तद्रात्रिसमये स्वकुलं तूलिकोपरि |
वामभागे समासन्नं रक्तवस्त्रविभूषितम् || १ ||

स्वर्णालंकारभूषाढ्यं रक्तगन्धविभूषितम् |
गन्धपुष्पधूपदीपवेष्टितं सुमनोहरम् || २ ||

सर्वशृङ्गारवेषाढ्यं स्फुरच्चकितलोचनम् |
जितामृतकुचद्वन्दं विशालकरिकुम्भकम् || ३ ||

ललाटयन्त्रमालिख्य साध्यनामविगर्भितम् |
तत्स्कन्धे बाहुमादाय भङ्ग्या धृतकुचावलम् || ४ ||

ताम्बूलपूरितमुखं कुलं तदभिसंहितम् |
कूलाकुलजपं कृत्वा समानयति तत्क्षणात् || ५ ||

यन्नाम्ना लिखितं यन्त्रं तमानयति तत्क्षणात् |
शतयोजनदूरस्थां नदीपर्वतमध्यगाम् || ६ ||

द्वीपान्तरसहस्रेषु रक्षितां निगडादिभिः |
पयोधरभरक्षुब्धमध्यमां लोललोचनाम् || ७ ||

नितम्बबिम्बविध्वस्तस्फुरज्जघनमण्डलाम् |
साधकाकाङ्क्षिहृदयां विवरान्तःप्रसर्पिणीम् || ८ ||

कपाटलोहसंनद्धप्राकारविवरान्तरे |
साधकान्तःसमासीनां देवतामिव चारिणीम् || ९ ||

वशयन्ति महादेव साधकस्तत्क्षणादिमाम् |
एवमाकृष्टि सिद्धिश्चेत् साधकः कौलिको भवेत् || १० ||

दीक्षिता न च योषा चेत् कथं स्यात्कुलपूजनम् |
कुलपूजा न चेद्वत्स ! कुलमन्त्राः पराङ्मुखाः || ११ ||

अन्ययोषा यदा वत्स ! स्वयं तस्या गुरुभवेत् |
वामकर्णे परां दद्यान्मन्त्रेणैवाभिषेचयेत् || १२ ||

मन्त्रं शृणु महादेव ! यथावत्कथयामि ते |
वान्तान्ते त्रिपुरायै(तु) हृदयं परिकीर्तितम् || १३ ||

इमां शक्तिं पदान्ते च पवित्रं पदमुच्यते |
ततो गुरुपदं दद्यात् मम शक्तिपदं ततः || १४ ||

कुरु स्वाहेति मन्त्रोऽयं षड्विंशत्यक्षरात्मकः |
अनेन मनुना देव ! शक्तिशुद्धिं समाचरेत् || १५ ||

अभिषेकाद्भवेच्छुद्धी रण्डाया अतिभैरव |
ब्राह्मणी क्षत्रिया वैश्या शूद्रा च कुलभूषणा || १६ ||

वैश्या नापितकन्या च रजकी योगिनी तथा |
विशेषवैदग्ध्ययुता सर्वा एव कुलाङ्गनाः || १७ ||

चतुष्पथे वा नद्यां वा बिल्वमूले त्रिशूलके |
प्रेतभूमौ बिल्वमूले हट्टे वा राजवेश्मनि || १८ ||

सिन्दूरेण लिखेद्यन्त्रं विपुलं साध्यगर्भितम् |
तत्र संपूज्य विधिवत् कुलं कुलरसेन च || १९ ||

तर्पयित्वा तदन्तःस्थं पूजयेन्निशि भावतः |
ततो लक्षप्रदानेन सिद्धिदास्ता भवन्ति हि || २० ||

पुरश्चरणकाले तु परयोषां प्रपूज्य च |
दीक्षितां वस्त्रपुष्पाद्यैर्भोज्यैः पायससंभवैः || २१ ||

आरम्भकाले नियतं स्वयं पक्वान्नभोजनम् |
नानाविधं पिष्टकं च नानारससमन्वितम् || २२ ||

दुग्धं दधि घृतं तक्रं नवनीतं सशर्करम् |
उपलाखण्डचूर्णं च नानाविधरसायनम् || २३ ||

नारिकेलं कपित्थं च नागरं करमर्दकम् |
निष्पावं बीजपूरं च दाडिमीफलमेव च || २४ ||

नानारम्यफलं चैव नानागन्धविलेपनम् |
चन्दनं मृगनाभिं च श्रीखण्डं नवपल्लवम् || २५ ||

तङ्कनं लोध्रकं चैव जलजं वनजं तथा |
नानाशैलसमुद्भूतं नानालंकारभूषितम् || २६ ||

शून्यगेहे समानीय चार्घ्योदकविशोधितम् |
अमृतीकरणं कृत्वा शक्तीरभिमुखं नयेत् || २७ ||

अष्टकन्यारूपभेदं विलोक्यामर्शचेष्टितम् |
ब्रह्माण्याद्यष्टशक्तीनां नामभिः कृतसंज्ञकाः || २८ ||

आसनं प्रथमं दत्त्वा स्वागतं च ततः पुनः |
अर्घ्यपानीयकं पाद्यं मधुपर्कं जलं तथा || २९ ||

स्नापयेद्गन्धपुष्पाद्यैः केशसंस्कारमेव च |
धूपयित्वा ततः केशान् कौशेयं च निवेदयेत् || ३० ||

ततः स्थानान्तरे पीठमास्तीर्यं पादुकाद्वयम् |
दत्वा तत्र समानीय नानालंकारभूषणैः || ३१ ||

भूषयित्वानुलेपैश्च गन्धमाल्ये निवेदयेत् |
तां तां शक्तिं समावाह्य मूर्ध्नि तासां समानयेत् || ३२ ||

भोज्यं मण्डपमध्ये तु स्वर्णपात्रे सुशोभने |
चर्व्यं चोष्यं लेह्यपेयं भोज्यं भक्ष्यं निवेदयेत् || ३३ ||

अदीक्षिताश्चेत्तास्तत्र ततो मायां निवेदयेत् |
तासां च सव्यकर्णेषु ततः स्तोत्रं समाचरेत् || ३४ ||

मातर्देवि ! नमस्तेऽस्तु ! ब्रह्मरूपधरेऽनघे |
कृपया हर विघ्नं मे मम सिद्धिं प्रयच्छ मे || ३५ ||

माहेशि ! वरदे ! देवि ! परमानन्दरूपिणि ! |
कृपया हर विघ्नं मे मम सिद्धिं प्रयच्छ मे || ३६ ||

कौमारि सर्वविद्येशे कुमारक्रीडने वरे ! |
कृपया * * * * * * * * * * * * * || ३७ ||

विष्णुरूपधरे ! देवि विनतासुतवाहनि |
कृपया * * * * * * * * * * * * * || ३८ ||

वाराहि ! वरदे ! देवि ! दंष्ट्रोद्धृतवसुंधरे ! |
कृपया * * * * * * * * * * * * * || ३९ ||

शक्ररूपधरे देवि ! शक्रादिसुरपूजिते ! |
कृपया * * * * * * * * * * * * * || ४० ||

चामुण्डे ! मुण्डमालासृक्चर्चिते ! भयनाशिनि ! |
कृपया * * * * * * * * * * * * * || ४१ ||

महालक्ष्मि ! महामोहे क्षोभसंतापहारिणि ! |
कृपया * * * * * * * * * * * * * || ४२ ||

मितिमातृमये ! देवि ! मितिमातृबहिष्कृते |
एके बहुविधे ! देवि ! विश्वरूपे ! नमोऽस्तु ते || ४३ ||

एतत्स्तोत्रं पठेद्यस्तु कर्मारम्भेषु संयतः |
विदग्धां वा समालोक्य तस्य विघ्नं न जायते || ४४ ||

कुलीनस्य द्वारदेवाः कथितास्तव पुत्रक ! |
दीक्षाकाले नित्यपूजासमये नार्चयेद्यदि || ४५ ||

तस्य पूजाफलं वत्स ! नीयते यक्षराक्षसैः |
यदि व्रीडापरास्तास्तु भोजयेत्तद् गृहाद्बहिः || ४६ ||

इति कर्णेजपस्तोत्रम् ||

स्थित्वा स्तोत्रं पठेत्तावद्यावत्तृप्तिः प्रजायते |
आचम्य मुखवासादिताम्बूलं च निवेदयेत् || ४७ ||

ततो दद्यात् पुनर्माल्यं गन्धचन्दनपङ्किलम् |
नमस्कृत्य विसृज्यैव वरं प्राप्य सुखी भवेत् || ४८ ||

अन्या यदि न गच्छन्ति निजकन्या निजानुजा |
अग्रजा वा मातुलानी माता वा तत्सपत्निका || ४९ ||

वयसा जातितो वापि हीना वा परमाः कलाः |
पूज्या कुलवरैः सर्वैर्निजाहंकारवर्जितैः || ५० ||

सर्वाभावेऽप्येकतरा पूजनीया प्रयत्नतः |
संस्कृतासंस्कृता वापि जननी वापि निष्पतिः || ५१ ||

पूर्वाभावे परा पूज्या मदंशा योषितो यतः |
एकश्चेत्कुलशास्त्रज्ञः पूजार्हस्तत्र भैरव ! || ५२ ||

सर्व एव सुराः पूज्या ब्रह्मविष्णुशिवादयः |
एका चेद्युवतिस्तत्र पूजिता चावलोकिता || ५३ ||

सर्वा एव परा देव्यः पूजिताः कुलभैरव ! |
आदावन्ते च मध्ये च लक्षपूर्तौ विशेषतः || ५४ ||

न पूजयति चेत् कान्तां तदा विघ्नैः स लिप्यते |
पूर्वार्जितफलं नास्ति का कथा परजन्मनि || ५५ ||

तस्मात्सर्वप्रयत्नेन यदीच्छेदात्मनो हितम् |
ममापि क्रोधसंतापशमनं विघ्ननाशनम् || ५६ ||

यत्नतः पूजनीयाः स्युः कुलाकुलजनाः स्वतः |
प्रातरुत्थाय पूजायां स्नानकालेऽथवा पुनः || ५७ ||

संस्कृतासंस्कृता वापि हीनजातापि वा सुत ! |
नमस्याः सर्वजातीनां कुलीनानां कुलार्चने || ५८ ||

पुरश्चरणकालेऽपि यदि स्यात्पीठदर्शनम् |
तदा तत्र पीठपूजा मनसापि न हीयते || ५९ ||

देवीकूटे महाभागामुड्डीयाने च भैरव ! |
योगनिद्रां कामरूपे महिषासुरमर्दिनीम् || ६० ||

कात्यायनीं कामभूमौ कामाख्यां कामदायिनीम् |
जालंधरे च पूर्णेशीं पूर्णशैले च चण्डिकाम् || ६१ ||

कामरूपां तु ठेहारे पूज्या दिक्करवासिनी |
अथवा कामरूपस्य दर्शनं यदि भाग्यतः || ६२ ||

तदा दुर्गादिदेवीनां पूजा तत्र विधीयते |
कुलनाथं ततो ध्यात्वा स्वयमव्यग्रमानसः || ६३ ||

शेषं समापयेद्वत्स ! तदनुस्मृतिपूर्वकम् |
पूजाकाले हीनजाता स्वयोषिद्वा प्रयत्नतः || ६४ ||

पूजनीया प्रयत्नेन द्वैधं तत्र विवर्जयेत् |
यथा विष्णुः परं गोप्ता यथा च शंभुरीश्वरः || ६५ ||

यथा कमलजन्मापि ये वा व्यासमुखा द्विजाः |
इन्द्राद्या लोकपालाश्च सर्वे गन्धर्वकिंनराः || ६६ ||

यक्षरक्षःपिशाचाद्या गुह्यचारणखेचराः |
तैर्यथा गोपितं गुह्यं त्वदुक्तं शास्त्रसंभवम् || ६७ ||

तथा त्वयैव गोप्तव्यः कुलाचारः सुदुर्लभः || ६८ ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे तृतीयः पटलः ||

चतुर्थः पटलः

देव्युवाच -

शृणु पुत्र ! रहस्यं मे समयाचारसंभवम् |
येन हीना न सिद्ध्यन्ति जन्मकोटिशतैरपि || १ ||

मानवः कुलशास्त्राणां कुलचर्यानुचारिणाम् |
उदारचित्तः सर्वत्र वैष्णवाचारतत्परः || २ ||

परनिन्दासहिष्णुः स्यादुपकाररतः सदा |
देवतायतने चैव निर्जने शून्यमण्डपे || ३ ||

चतुष्पथे जले मध्ये यदि दैवाद्गतिर्भवेत् |
क्षणं ध्यात्वा मनुं जप्त्वा नत्वा गच्छेद्यथासुखम् || ४ ||

गृध्रं वीक्ष्य महाकालीं नमस्कुर्यादलक्षितः |
क्षेमंकरीं तथा वीक्ष्य जम्बुकीं यमदूतिकाम् || ५ ||

कुररं श्येनकाकौ तु कृष्णमार्जारमेव च |
पूर्णोदरि ! महाचण्डे ! मुक्तकेशि ! बलिप्रिये || ६ ||

कुलाचारप्रसन्नास्ये ! नमस्ते शंकरप्रिये ! |
श्मशानं च शवं दृष्ट्वा प्रदक्षिणमनुव्रजन् || ७ ||

प्रणम्यानेन मन्त्रेण मन्त्री सुखमवाप्नुयात् |
घोरदंष्ट्रे ! कठोराक्षि ! किटिशब्दप्रणादिनि ! || ८ ||

घोरघोररवे मातर्नमस्ते चितिवासिनि ! |
कृष्णपुष्पं रक्तवस्त्रं विलोक्य त्रिपुरात्मिकाम् || ९ ||

प्रणमेद्दण्डवद्भूमाविमं मन्त्रमुदीरयन् |
बन्धूकपुष्पसंकाशे ! त्रिपुरे ! भयनाशिनि ! || १० ||

भाग्योदयसमुत्पन्ने ! नमस्ते वरवर्णिनि ! |
कृष्णवर्णं तथा पुष्पं राजानं राजपुत्रकम् || ११ ||

हस्त्यश्वरथशस्त्राणि फलकं वीरपूरुषम् |
महिषं कुलदेवं च दृष्ट्वा महिषमर्दिनीम् || १२ ||

प्रणम्य जयदुर्गां वा स च विघ्नैर्न लिप्यते |
जय देवि ! जगद्धात्रि ! त्रिपुरेऽम्बे त्रिदेवते ! |
मद्यभाण्डं समालोक्य मत्स्यं मांसं वरस्त्रियम् || १४ ||

दृष्ट्वा च भैरवीं देवीं प्रणम्य विमृशेन्मनुम् |
घोरविघ्नविनाशाय कुलाचारसमृद्धये || १५ ||

नमामि वरदे देवि ! मुण्डमालाविभूषिते ! |
रक्तधारासमाकीर्णवदने ! त्वां नमाम्यहम् || १६ ||

सर्वविघ्नहरे देवि ! नमस्ते हरवल्लभे |
एतेषां दर्शने वत्स ! यदि नैवं प्रकुर्वते |
शक्तिमन्त्रं पुरस्कृत्य तस्य सिद्धिर्न जायते || १७ ||

एतेषां मारणोच्चाटं हिंसनं वागुरादिभिः |
क्रियते यदि पापात्मा मद्भक्तः स कथं भवेत् || १८ ||

प्रधानांशसमुद्भूता एते कुलजनप्रियाः |
डाकिन्यश्च तथा सर्वा मदंशाः शृणु भैरव ! || १९ ||

लब्धसिद्धिसमायोगात् डाकिनीहिंसनं यदि |
अथ वा दानवानां च मद्भक्तानां विशेषतः |
वटुकानां भैरवाणां तस्य सिद्धिर्न जायते || २० ||

ग्रामे वा नगरे वाथ हट्टे वा चत्वरेऽपि वा |
यं दृष्ट्वा युवतिर्नारी पूर्वदोषविवर्जिता || २१ ||

भावैकभिन्नहृदया वक्रदृष्ट्या विलोक्य च |
दृष्ट्वा मधुकरश्रेणी यथा मधुमदाकुला || २२ ||

पतत्यविरतं पद्मे यथा वामृतलोलुपा |
चकोरी मेघमासाद्य सोत्सुका चातकप्रिया || २३ ||

नवप्रसूता धेनुर्वा यथा वत्सानुसङ्गिनी |
नवेन तृणजातेन यथा वा हरिणाङ्गना || २४ ||

क्रव्यादाः पलमासाद्य तृष्णार्तास्तोयदर्शनात् |
मृणालदर्शना हंसी मधुलोभात्पिपीलिका || २५ ||

चञ्चला निजवंशा चेद् भावना मूढमानसा |
उत्क्षिप्य भुजमूलं च वसनं क्षिप्यते पुनः || २६ ||

चेलाञ्चलपरीवर्तदर्शितापघनाकुला |
कण्डूतिभावव्याजेन शिथिलीकृतवाससी || २७ ||

दर्शितस्तनपर्यन्तभूभागा पुनरावृता |
स्खलत्पदयुगापातपतिता पुनरुत्थिता || २८ ||

सखिमिर्व्याजमासाद्य कर्णाकर्णिमनोहरम् |
एतत्प्रणययोगेन रहस्ये कामकल्पना || २९ ||

लेखेयं पश्य सुश्रोणि शशाङ्कस्य कुचोपरि |
इत्यादिभावभरितघृणालज्जाविवर्जिता || ३० ||

कामासहिष्णुहृदया दूरे वा चान्तिके स्थिता |
दूतीमुखेन लेखैर्वा जिज्ञासास्फुरिताधरा || ३१ ||

कस्त्वं कस्यासि पुत्रो वा कस्मादागत एव वा |
किमर्थं किमनुष्ठाता किं वा तेऽभिमतं वद || ३२ ||

अङ्गुष्ठकेशपर्यन्तं पीत्वापि च न शाम्यति |
तदा तद्भावचतुरो भावबोधहविर्भुजे || ३३ ||

तस्यां निजमनोहारि हविःशेषं विधाय च |
तत्र स्थित्वा पुरःक्षोभं कुर्यात् काम इवापरः || ३४ ||

भौमवारे चितास्थाने कुलसिन्दूरमानयेत् |
तेनैव कुलकाष्ठेन यन्त्रं कृत्वा तदन्तरे || ३५ ||

स्फें स्फें किटिकिटिद्वन्द्वं लिखेच्चण्डमनुं ततः |
पत्रे महिषमर्दिन्या नववर्णं लिखेत्ततः || ३६ ||

तद्बाहे जयदुर्गाख्यां श्मशानभैरवीं ततः |
लिखित्वा पूजयेद्रात्रौ भद्रकालीं समाहितः || ३७ ||

कामाख्यां दिशमास्थाय ध्यात्वा कामकलां तनुम् |
दिग्वासा गलिताशेषचिकुरः कुलकौलिकः || ३८ ||

ध्यायेत् कालीं करालास्यां दंष्ट्रालीनविलोचनाम् |
स्फुरच्छवकरश्रेणीकृतकाञ्चीं दिगम्बरीम् || ३९ ||

वीरासनसमासीनां महाकालोपरिस्थिताम् |
श्रुतिमूलसमाकीर्णसृक्कनीं चण्डनादिनीम् || ४० ||

मुण्डमालागलद्रक्तचर्चितां पीवरस्तनीम् |
मदिरामोदितास्फालकम्पिताखिलमेदिनीम् || ४१ ||

वामे खड्गं खण्डमुण्डधारिणीं दक्षिणे करे |
वराभययुतां घोरवदनां लोलजिह्विकाम् || ४२ ||

शकुन्तपक्षसंयुक्तवामकर्णविभूषणाम् |
शिवाभिर्घोररावाभिः सेवितां प्रलयोदिताम् || ४३ ||

चण्डहासचण्डनादचण्डास्फालैश्च भैरवैः |
गृहीतनरकङ्कालैर्जयशब्दपरायणैः || ४४ ||

सेइताखिलसिद्धौघसेविभिः सेवितां पराम् |
एवं तां कालिकां ध्यात्वा पूजयेत् कुलसिद्धये || ४५ ||

विना परपुरावेशविवरान्तःप्रवेशनम् |
यत् किञ्चित् कुलसिद्धिस्तु जायते न मनागपि || ४६ ||

सर्वसिद्धिप्रदा देवी हेलयापि च चिन्तिता |
अतः सा दक्षिणा नाम्नी त्रिषु लोकेषु गीयते || ४७ ||

ततोऽष्टशतमामन्त्र्य सिद्ध्यर्थं श्वेतसंभवम् |
कालीमन्त्रेण साध्यादिग्रथितेन च भैरव || ४८ ||

विसृज्य देवीं हृदये स्थापयित्वा चतुष्पथे |
वराल्ंअकाररचितो विशेत् परपुरं ततः || ४९ ||

देवीं ध्यात्वा द्वारदेशे नमस्कृत्य कुलं गुरुम् |
सिद्धार्थं वामहस्ते तु गृहीत्वा मन्त्रमुच्चरन् || ५० ||

यत्र च द्वारि निगडलौहशङ्कुकुलावृतिः |
भित्त्वा तत्र विशेद्रात्रौ निःशङ्कः क्षोभवर्जितः || ५१ ||

शतावृतिं समुल्लंघ्य विहरेत् स्वेच्छया ततः |
अश्वागारे रथागारे कालिकागारसंनिधौ || ५२ ||

देवतायतने वापि अज्जनाञ्चितलोचनः |
ध्यात्वा स्वप्नवतीं विद्यां प्रविशेत् काममण्डपम् || ५३ ||

यदि कोऽपि समायाति न भयं तत्र चिन्तयेत् |
के यूयमी वक्तव्ये वयं च वीरपूरुषाः || ५४ ||

वक्तुं ग्रहीतुं स्मर्तुं वा न शक्ताः पुरपालकाः |
तत्र प्रदक्षिणीकृत्य पितरौ परमास्पदम् || ५५ ||

पूजयेद्यन्त्रमालिख्य निजं मन्त्रं जपेत्ततः |
देवीकूटे तथोड्डीने कामरूपे ततस्तटे || ५६ ||

जालंधरे ततः पूर्णे यज्ञभूमौ ततः परम् |
एषु विन्यस्य चक्राणि पूजयित्वा प्रणम्य च || ५७ ||

अष्टधा दशधा वापि शतं वापि सहस्रकम् |
जप्त्वा पीठं समादाय भाण्डागारं ततो विशेत् || ५८ ||

निर्मूलां भूमिमास्थाय तत्र सिद्धासनं ततः |
रक्षापीठं पुरस्कृत्य प्रणमेत् पीठसंमुखम् || ५९ ||

आगतासि महाभागे ! सिद्धयोने ! मदिष्टदे ! |
कुलपूजां करिष्यामि उपचारं प्रयच्छ मे || ६० ||

पुत्राज्ञां मस्तके कृत्वा ततः सागारमीक्षते |
कुलपुष्पं तथा गन्धं नैवेद्यं पुनराहरेत् || ६१ ||

तद्धस्तावचितं सर्वं तेनैवोपस्कृतं ततः |
समादाय तथा पूजां कृत्वा पक्त्वा निजेच्छया || ६२ ||

शालितण्डुलमादाय मत्स्यमांसानि चैव हि |
घृतं मधु तथा चान्यद् यद्वा यत्रैव लभ्यते || ६३ ||

स्थापयित्वा ततः पात्रे परमीकृत्य साधकः |
निजेष्टदेवतां ध्यात्वा निवेद्य शास्त्रमार्गतः || ६४ ||

फलं छित्वा द्विधा भित्वा तस्यार्धं कुलशक्तये |
निवेदयेत् स्वयं चार्धं भक्षयित्वा पुरःस्थितः || ६५ ||

यदि नो विद्यते योषा ततस्तोये विसर्जयेत् || ६६ ||

ततः पीठं समादाय भूमिमार्जनपूर्वकम् |
पितुः समीपे संस्थाप्य तत्त्वचिन्तापरो भवेत् || ६७ ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे चतुर्थः पटलः ||

पञ्चमः पटलः

श्रीदेव्युवाच -

निद्रावशगते देव ! निशाचारेण साधकः |
कामरूपं प्रविश्याशु कामाख्यायोनिमण्डपम् || १ ||

परिष्कृत्य कुलैर्द्रव्यैर्लिखित्वा चक्रमुत्तमम् |
साध्यसाधकनाम्ना च दर्भितं विपुलीकृतम् || २ ||

कामस्थं काममध्यस्थं कामेन च पुटीकृतम् |
कामेन कामयेत् कामं कामं कामेन योजयेत् || ३ ||

ततो ध्यात्वा मनुं जप्त्वा पीठादि चावलोक्य च |
मातृपीठे पितृमुखं स्थापयित्वा विधानतः || ४ ||

गृहीत्वा वस्त्रखण्डं वा ताम्बूलद्वयमेव वा |
काकिणीं वा तदर्धं वा तद्योग्यं हरते हठात् || ५ ||

प्रदक्षिणक्रमेणैव क्रमेण निःसरेत्ततः |
पौराङ्गनानां द्रव्यं वा परिरक्षितुरेव वा || ६ ||

गृहीत्वा यदि निर्याति भ्रष्टो भवति साधकः |
तेषां प्रहारश्चातुर्यं व्यभिचारकुलक्षतिः || ७ ||

क्रियते यदि दुष्टेन तदा नश्यति निश्चितम् |
व्यभिचारात् पुरक्षोभो बद्धश्चैवाभिभूयते || ८ ||

स्वप्नप्रबोधमन्त्रेण बोधयेत् पुरवासिनीम् |
अन्यचौरेण वा तेषां कुलीनेन च शंकर ! || ९ ||

प्रविश्य विघ्नः क्रियते साधकस्य न संशयः |
भूताः प्रेताः पिशाचा वा राक्षसा वा सरीसृपाः || १० ||

किंनरी वा तथा नागकन्या पातालकन्यकाः |
विद्याधरी भैरवश्च वटुको गणपस्तथा || ११ ||

प्रविश्य विघ्नं कुर्वन्ति सुप्ता दृष्ट्वा पुराङ्गनाः |
अपत्यहानिं विक्षोभं व्याधिमुञ्चाटनं तथा || १२ ||

द्रव्यहानिं व्याकुलत्वं कुर्वन्ति विघ्नहेतुकाः |
एतत् पुरपतेरेवं तत् कारणाद्यदि शंकर ! || १३ ||

तृणहानिर्यदा जाता तदा नश्यन्ति साधकाः |
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन प्रबोधं कारयेद् गुरुः || १४ ||

रक्षा कार्या प्रयत्नेन कीलकान्निखनेत्ततः |
वज्रं शक्तिं तथा दण्डं खड्गं पाशं तथाङ्कुशम् || १५ ||

तत्र तद्दिक्पतीनां च पूजा कार्या प्रयत्नतः |
पिष्टकं कदलं देव ! मोदकं पायसं तथा || १६ ||

भक्तं लाजं दंशनं च नारिकेलफलं ततः |
विष्णवे परमान्नं च गणेशाय च पीठकम् || १७ ||

मोदकं नारिकेलं च कदलीफलमेव च |
क्षेत्रेशाय कृष्णच्छागं दत्वा वीरमनुं ततः || १८ ||

जप्ता लोष्टं समादाय क्षिपेद्दशसु दिक्षु च |
यथा यज्ञेऽभिषिक्तेऽश्वे यथा शक्रादिभिः सुरैः || १९ ||

विघ्नमाचर्यते तद्वत् कुलोपरि महेश्वर ! |
शयनागार ऐशाने कुलशङ्खं निधापयेत् || २० ||

ऊर्ध्वे वितस्तिविस्तारमधो विस्तारमेव च |
कृत्वा तत्र यन्त्रराजं पूजयेन्निशि साधकः || २१ ||

रात्रौ पर्यटनं चैव रात्रौ च कुलपूजनम् |
न करोति कथं देव ! साधकः कौलिको भवेत् || २२ ||

गृहस्थाश्रममासाद्य प्रतिद्वारं समाहितः |
रात्रौ स्थित्वा कुलाचारकथां त्रिभुवनेश्वरीम् || २३ ||

नत्वा च प्रजपेन्मन्त्रं पूर्वशक्तिर्यदा भवेत् |
प्रातः स्नात्वा गुरुं नत्वा पितॄन् देवान् ऋषींस्तथा || २४ ||

तर्पयित्वा यथाशक्ति पूजयेद्भक्तिभावितः |
ततो युवतिसेवाया यत्किंचिद्व्यपदेशतः || २५ ||

यथा पौराङ्गनालापमिश्रणव्यपदेशतः |
द्रव्यादिना तत्र वापि यथा भवति भैरव ! || २६ ||

दासदासीप्रतीपालचारिणां प्रियकार्यपि |
अस्योपरि कृपा तस्याः कीदृशी व्यपदेशतः || २७ ||

ज्ञातव्यः पुरभावस्तु यत्नतः कुलसाधकैः |
केनापि व्यपदेशेन कुलचूडामणिं स्वतः || २८ ||

गृहीत्वा स्वर्णपात्रे वा ताम्रे वा कुलसंज्ञके |
लिखित्वा निजयन्त्रं वा कुलयन्त्रमथापि वा || २९ ||

श्रीयन्त्रं वाथ गन्धर्वयन्त्रं वा द्रव्यमिश्रितम् |
मध्ये तत् कुलनाम्ना च दर्भितं निजनामभिः || ३० ||

पार्श्वे कामकलाबीजं निजमन्त्रेण वेष्टितम् |
पूजयेत् साधकश्रेष्ठः कुलाम्नायपरायणः || ३१ ||

कुलपूजादिलिङ्गैस्तु रहितो विष्णुतत्परः |
गच्छन् स्वदन् नमन् वापि स्खलन् विष्णुपरायणः || ३२ ||

जय विष्णो हरे ! ब्रह्मन् नामाद्य पदविस्तरैः |
स्मर्तव्योऽहं कुलाभिज्ञैररण्ये वा जलाशये || ३३ ||

ततः पूर्वोक्तरूपेण कुलक्षोभं समाचरेत् |
ततो रात्रौ शून्यगेहे उद्याने वा सुरालये || ३४ ||

आनीय कुलजां देवीं मूलमन्त्रेण दीक्षयेत् |
ततः पूर्वोक्तरूपेण कुलक्षोभं समाचरेत् || ३५ ||

एवं कृतेन सिद्धिश्चेत् मूलमन्त्रं समभ्यसेत् |
पीठानां परमं पीठं कामरूपं महाफलम् || ३६ ||

तत्र यत् क्रियते पूजा सकृद्वापि महेश्वर ! |
विहाय सर्वपीठानि तत्र पुत्र वसाम्यहम् || ३७ ||

तस्माच्छतगुणं प्रोक्तं कामाख्यं योनिमण्डलम् |
तेषां फलं महादेव ! बहु किं कथ्यतेऽधुना || ३८ ||

यत्र कोटिगणैः सार्धमाद्या महिषमर्दिनी |
यत् पीठं ब्रह्मणो वक्त्रं गुप्तं सर्वसुखावहम् || ३९ ||

यतो देवाश्च देव्यश्च ऋषयश्चैव भावजाः |
सर्वेऽप्याविर्भवन्त्यत्र तेन गुप्तं महाकुलैः || ४० ||

द्विविधं चैव तत्पीठं गुह्यं व्यक्तं महेश्वर |
व्यक्ताद् गुह्यं महापुण्यं दुरापं साधकोत्तमैः || ४१ ||

गुप्तं सर्वत्र देवेश ! लभ्यते कुलसुन्दरैः || ४२ ||

भैरव उवाच -

आकर्षणविधानं मे स्वतन्त्रं समुदीरय |
पुत्रोऽस्मि यदि देवेशि ! सृष्टिसंहारकारिणि ! || ४३ ||

देव्युवाच -

शृणु पुत्र ! महाविद्यामाकर्षणकरीं पराम् |
यदाराधनमात्रेण देवानाकर्षयेन्नरः || ४४ ||

ब्रह्मा सरस्वतीयुक्तो देवतामुखसंयुतः |
वीरशक्तिसमाकीर्णः कालीमन्त्र उदाहृतः || ४५ ||

एकं वा द्विगुणं वापि त्रिगुणं वापि भैरव ! |
जप्त्वा कर्षयति स्वैरं स्थावरं जङ्गमादिकम् || ४६ ||

एषा विद्या महाकाली गुह्याद् गुह्यतरा स्मृता |
सुप्ता निद्रामिता मत्ता भ्रामितावनता तथा || ४७ ||

समस्तदोषजालेन ग्रथिता कुलसुन्दरी |
निशाचारं दिवाचारं संध्याचारं च पल्लवम् || ४८ ||

दर्भितं बीजसंयोगं भावयेद्योगमेव च |
ज्ञात्वा प्रबोधयेद्धीरो गुरुरत्रैककारणम् || ४९ ||

नियमः पुरुषे ज्ञेयो न योषित्सु कथंचन |
यद्वा तद्वा येन केन सर्वदा सर्वतोऽपि च || ५० ||

योषितां ध्यानयोगेन सिद्धयः स्युर्न संशयः |
यथायस्कान्तमात्रेण गूढविद्धशिलोच्चयः || ५१ ||

स्वयमेव बहिर्याति यथा वा सौरतेजसा |
सूर्यकान्तः स्पुटरुचिर्यथा च रविरश्मिभिः || ५२ ||

चन्द्रकान्तं द्रावयति यथा वर्षासु वारिदः |
जलसेकाभितृप्ता भू रसपूर्णा प्रचक्षते || ५३ ||

पुष्पदर्शनमात्रेण भुक्तिमुक्तिर्यथा भवेत् |
महादुर्गाप्रसादेन यथा सिद्धिश्वरो भवेत् || ५४ ||

कुलपुष्पप्रसादेन यथा प्रीतिस्तु जायते |
गङ्गास्मरणमात्रेण निष्पापो जायते यथा |
यथाकर्षणमात्रेण शिव एव प्रजायते || ५५ ||

योषिच्चिन्तनमात्रेण यथेयं वरदायिनी |
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन दीक्षयेन्निजकौलिकीम् || ५६ ||

भैरवोऽस्य ऋषिः प्रोक्त उष्णिक् छन्दस्तु देवता |
कालिका दक्षिणा देवी चतुर्वर्गफलप्रदा || ५७ ||

पूर्वं बीजं पराशक्तिर्बीजेन मूर्तिकल्पना |
षड्दीर्घभाजा बीजेन कुर्यादङ्गादिकल्पनाम् || ५८ ||

चतुर्दश विभागेन मातृकार्णैः पृथक् पृथक् |
हृदये हस्तयोः पादयुगले विन्यसेत्ततः || ५९ ||

पञ्चाशन्मूलमन्त्रेण व्यापकं विन्यसेत्ततः |
पञ्चधा ध्यानमेकत्र पूर्वोक्तं च समाचरेत् || ६० ||

दशपञ्चारपद्मेषु पीठपूजां समाचरेत् |
तत्रावाह्य यजेद्देवीं दक्षिणां कुलभूषणाम् || ६१ ||

महाकालं यजेत् पश्चात् पीठशक्तिं ततो यजेत् |
कालीं कपालिनीं कुल्लां प्रथमे च त्रिकोणके || ६२ ||

कुरुकुल्लां विरोधीं च विप्रचित्तां तथैव च |
उग्रमुखीमुग्रप्रभां प्रदीप्तां च तथैव च || ६३ ||

नीलां घनां बलाकां च सितां धात्रीं च मुद्रिकाम् |
ब्रह्माण्याद्यास्तथा बाह्ये यजेत् पूर्वदले क्रमात् || ६४ ||

एवं कृत्वा जपेन्मन्त्रं हविष्याशी दिवा शुचिः |
लक्षं रात्रौ तथा लक्षं महाशौचपरायणः || ६५ ||

अन्यासां योषितां चात्र न पूजा नापि चिन्तनम् |
रात्रौ जपैकमात्रेण सिद्धिदा दक्षिणा भवेत् || ६६ ||

अङ्गन्यासं समाचर्य ध्यात्वा देवीं जपेद् बुधः |
अरण्यामथवा रात्रौ महाकाली महोदया || ६७ ||

अनेनैव विधानेन पूजिता विश्वरूपिणी |
आकर्षयेद्देवकन्यां पाताले नागकन्यकाम् || ६८ ||

अरण्या च महाकाली द्वितीया चेयमीरिता |
पूजा ध्यानं प्रयोगं च जपं चैव विशेषतः || ६९ ||

समानं सर्वमेतस्यास्तस्या देव्याः प्रकीर्तितम् |
जपादिकं वारि सर्वं पूर्वोक्तं चात्र कीर्तितम् || ७० ||

अरण्या च महाकाली पूजायां निर्मला भवेत् |
ईशाने शङ्खमासाद्य तत्र यन्त्रं विलिख्य च || ७१ ||

अष्टमीरात्रिमारभ्य चतुर्दश्यां समापयेत् |
अष्टोत्तरशतं मर्त्यो मन्त्रयित्वा सुसंयतः || ७२ ||

नग्नस्ताम्बूलपूर्णास्यो मुक्तकेशो जितेन्द्रियः |
मदिराघूर्णनयनः परयोषित्समागमे || ७३ ||

पूजयेद् गन्धपुष्पेन दिग्वासाः कुलभूषणः |
यन्नाम्ना दर्भितं यन्त्रं पूजयेद्वीरवल्लभः || ७४ ||

सा समायाति कामार्ता यत्र देशे स पूजकः |
मद्यं मांसं तथा वत्स ! यत् किंचित् कुलसाधनम् || ७५ ||

तस्यै दत्त्वा ततः शेषं गुरवे विनिवेद्य च |
तदनुज्ञां मूर्ध्नि कृत्वा शेषं चात्मनि योजयेत् || ७६ ||

मद्यं मांसं विना वत्स ! कुलपूजां समाचरेत् |
जन्मान्तरसहस्रस्य सुकृतं तस्य नश्यति || ७७ ||

यत्रावश्यं विनिर्दिष्टं मदिरादानपूजनम् |
ब्राह्मणस्ताम्रपात्रेषु मधु मद्यं प्रकल्पयेत् || ७८ ||

अथवा कुलमद्येन पूजयेत् कुलपूजितम् |
योगिभिः पीयते मद्यं तन्मद्यं योगिपुंगवैः || ७९ ||

न मद्यं पानयोग्यं स्याद्यन्मद्यं गुडपिष्टकम् || ८० ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे पञ्चमः पटलः ||

षष्ठः पटलः

देव्युवाच

अथ वक्ष्यामि ते वत्स ! विधानं यत्र यद् भवेत् |
आनीय देवीं तद् गात्रे व्यापकं विन्यसेत्ततः || १ ||

प्रथमं साधकश्रेष्ठो देवीकूटस्य मस्तके |
विलिख्य यन्त्रं पूर्वोक्तं पूजयेत् कुलवर्त्मना || २ ||

पीठादि देवीं प्रणमेत् पूजयेद् गन्धपुष्पकैः |
महाभागां ततो मूलदेवीमावरणैः सह || ३ ||

लक्षैकं तत्र जप्त्वा तु उड्डीयानं ततो विशेत् |
तत्पीठे योगनिद्राख्यां पूजयित्वा ततो यजेत् || ४ ||

निजेष्टदेवतां तत्र जपेल्लक्षं समाहितः |
कामरूपं ततो गत्वा ततः कात्यायनीं यजेत् || ५ ||

जप्त्वा लक्षं ततो रात्रौ कामाख्यां प्रथमं यजेत् |
ततो जालंधरे गत्वा पूर्णेशीं प्रथमं यजेत् || ६ ||

तत्रापि लक्षमानेन जप्त्वा मन्त्रं समाहितः |
ततः पूर्णगिरौ गत्वा यजेच्चण्डीं ततो जपेत् || ७ ||

कामरूपान्तरे गत्वा कामाख्यां प्रथमं यजेत् |
ततः प्रान्ते महादेवीं यजेद्दिक्करवासिनीम् || ८ ||

एवं पीठेश्वरीं जप्त्वा पूजयेदिष्टदेवताम् |
सप्तपीठे सप्तलक्षं जप्त्वा रात्रौ समाहितः || ९ ||

संख्यापूर्तौ ततः पृच्छेत् का त्वं देवि ! कुलोत्तमे |
एवं कृते विस्मृता चेत् स्वनाम्नि गोत्रजन्मनि || १० ||

तवेष्टदेवतैवाहं वृणुष्व वरमुत्तमम् |
ततः प्रणम्य देवेशीं वृणुयाद्वरमात्मनः || ११ ||

यद्येवं नैव सा देवी पुनः पूर्वोक्तमाचरेत् |
अक्षोभितकुलाचारपरिचर्यापरायणः || १२ ||

अथवा सर्वपीठेषु यजेन्महिषमर्दिनीम् |
ततः प्रसन्ना भवति स्वैरं कुलवरप्रिया || १३ ||

ततो जप्त्वा मूलमन्त्रं सर्वसिद्धीश्वरो भवेत् |
राजवृक्षं समालोक्य तन्मूले स्वेष्टदेवताम् || १४ ||

पूजयित्वा महारात्रौ त्रिदिनं प्रजपेन्मनुम् |
लक्षपीठफलं देव ! लभते साधकोत्तमः || १५ ||

वेतालं पादुकासिद्धिं खड्गसिद्धिं च भैरव ! |
अञ्जनं तिलकं गुप्तिं महिषासुरमर्दिनीम् || १६ ||

साधयेत् साधकोऽभीष्टं मूलविद्यां महेश्वर ! || १७ ||

भैरव उवाच -

वेतालादिमहासिद्धिः कथं भवति चण्डिके ! |
तन्मे कथय देवेशि ! यदि स्नेहोऽस्ति मां प्रति || १८ ||

देव्युवाच -

निम्बवृक्षोद्भवं काष्ठं श्मशाने साधकोत्तमः |
भौमवारे मध्यरात्रौ शवासनयुगाङ्किते || १९ ||

खनित्वा चाष्टलक्षं वै जपेन्महिषमर्दिनीम् |
तत्सहस्रं हुनेद्वत्स ! तत्रैव पितृकानने || २० ||

काष्ठमुद्धृत्य तत्रैव दण्डपादुकचिह्नितम् |
गत्वा दुर्गाष्टमीरात्रौ श्मशाने निक्षिपेत्ततः || २१ ||

तस्योपरि शवं कृत्वा पूजयित्वा यथाविधि |
शवासनगतो वीरो जपेदष्टसहस्रकम् || २२ ||

ततो मातृबलिं दत्त्वा काष्ठमन्त्रयेत्ततः |
स्फेऽम् स्फें दण्ड महाभाग योगिनीहृदयप्रिय ! || २३ ||

मम हस्तस्थितो नाथ ! ममाज्ञां परिपालय |
एवमामन्त्र्य वेतालं यत्र यत्र प्रयुज्यते || २४ ||

तं तं चूर्णीविधायाथ पुनरायाति कौलिकः |
गच्छ गच्छ महाभागे ! पादुके ! वरवर्णिनि || २५ ||

मत्पादस्पर्शमात्रेण गच्छ त्वं शतयोजनम् |
अष्टलोहं समासाद्य पञ्चाशदङ्गुलाकृतिम् || २६ ||

खड्गं कृत्वा तत्र यन्त्रं लिखित्वा प्रजपेन्मनुम् |
तत् सहस्रं ततो जप्त्वा महाशवकलेवरे || २७ ||

खनित्वा बीजवृक्षाग्रे बद्ध्वा रक्षां तु कारयेत् |
कुलाष्टम्यामर्धरात्रे चितामध्ये समाहितः || २८ ||

प्रीतिपूर्वं समामन्त्र्य हुनेत् पितृवने ततः |
मधुरत्रयसंयुक्तं बिल्वपत्रेण संयुतम् || २९ ||

पादादिमूर्धपर्यन्तं होमान्ते बलिमाहरेत् |
बल्यन्ते परमा माया देवी महिषमर्दिनी || ३० ||

आयाति बलिपूर्णास्या वरहस्ता मदोन्मुखी |
गृह्ण वत्सेति शब्दे वै खड्गमुत्तोल्य धारयेत् || ३१ ||

घोरदंष्ट्रे ! महाकालि ! करवालस्वरूपिणि |
कां ईं ऊं कुरु कल्याणि विपक्षच्छेदविस्तरम् || ३२ ||

एवमामन्त्र्य खड्गं तु यमुद्दिश्य क्षिपेन्नरः |
छित्त्वा छित्त्वा पुनश्छित्त्वा गच्छत्याकृष्यते पुनः || ३३ ||

अथवा कृष्णमार्जारमेकघातेन छेदयेत् |
कुजे चतुष्पथे रात्रौ निखनेन्मन्त्रितं ततः || ३४ ||

तत्र मोचां समारोप्य यावत् पत्रं प्रजायते |
तावद् भुक्त्वा हविष्यान्नं प्रतिरात्रं जपेदभीः || ३५ ||

अष्टोत्तरसहस्रं तु एकाकी दीपवर्जितः |
उत्पन्नं पत्रमालोक्य छित्त्वा निश्छिद्रमानयेत् || ३६ ||

तत्र भुक्त्वा हविष्यन्नं तद्दिने तटिनीतटे |
तमानीय सुहृत्सङ्गः क्षालयेन्मन्त्रमुच्चरन् || ३७ ||

तच्छ्रोतोऽभिमुखं वत्स ! यदस्थि प्रतिगच्छति |
तदानीय यजेत्तत्र कालिकां घोरनिःस्वनाम् || ३८ ||

अभिमन्त्र्य सहस्रं तु कालीमन्त्रं समाहितः |
सिद्धाज्जनो भवेन्मन्त्री नात्र कार्या विचारणा || ३९ ||

चन्दनागुरुकस्तूरी मिश्रितं चास्थिघर्षणम् |
कृत्वा संपूज्य विधिवत् सर्वं जयति साधकः || ४० ||

कुलमीनं कुलान्नं च कुलमद्यं कुलेश्वर ! |
कुलस्थाने समानीय दत्त्वा देव्यै प्रयत्नतः || ४१ ||

अष्टोत्तरसहस्रं तु जप्त्वा भूमितले स्थितः |
भूमौ फूत्कारमात्रेण विवरं तत्र जायते || ४२ ||

शतयोजनदूरे वा यत्र साध्यस्थितिर्भवेत् |
तत्रैव गमनं तस्य भूतलान्तःप्रसर्पिणः || ४३ ||

एवं विवरमध्ये वा गवाक्षे कुहरेऽपि च |
कायसंकोचमासाद्य गच्छत्यविकलो नरः || ४४ ||

दुर्गामन्त्रं विना वत्स ! कालीमन्त्रं तथैव च |
सिद्धयः कुलनाथेश ! जायन्ते न कथंचन || ४५ ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे षष्ठः पटलः ||

सप्तमः पटलः

भैरव उवाच -

मातर्महिषमर्दिन्याः संकेतं कथयस्व मे |
कुलाचारस्य संसिद्ध्यै भुक्तिमुक्तिप्रसिद्धये || १ ||

देव्युवाच -

सृष्टिस्थितिविनाशानामादिभूता महेश्वरी |
गोप्या सर्वप्रयत्नेन शृणु तां कथयामि ते || २ ||

त्रैलोक्यबीजभूतान्ते संबोधनपदं ततः |
सृष्टिसंहारकौ वर्णौ विद्या महिषमर्दिनी || ३ ||

अतिगुह्यतरा नित्या सृष्टिस्थितिविधायिनी |
सर्वदेवसर्वसिद्धिबीजभूता सनातनी || ४ ||

अत्यन्तगुरुभक्ताय शुद्धाय यदि कथ्यते |
तदाष्टवर्णं वक्तव्यं न बीजं नापि साधनम् || ५ ||

साधारणी प्राणविद्या हृल्लेखा सिद्धिगोचरा |
एतत् पूर्वस्थिता देवी गुरुसिद्धिविनाशिनी || ६ ||

विशेषतः कलियुगे महासिद्धौघदायिनी |
गुरूणां कुलनाथानां महाशापप्रदायिनी || ७ ||

जया दुर्गाभया प्रोक्ता परमा सिंहवाहिनी |
त्रैलोक्यबीजभूतान्ते सा परा मर्दिनीकुलम् || ८ ||

वरं वह्निप्रिया देया न देया नमसाहिता |
दत्ता च परमा विद्या ङेयुता हृदयान्विता || ९ ||

सर्वत्र कुलशास्त्रज्ञ ! महाशापप्रदायिनी |
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन गोप्तव्येयं नवाक्षरी || १० ||

अष्टलक्षं जपेन्मन्त्रं तद्दशांशं हुनेत्ततः |
नारदोऽस्य ऋषिः प्रोक्तश्छन्दो गायत्रमीरितम् || ११ ||

देवता महिषघ्नीयं पूर्वं बीजं परापरा |
ध्यायेत् कालीं महादैत्ययुद्धरागमदोन्मुखीम् || १२ ||

दक्षिणे चक्रखड्गौ च बाणं शूलं तथैव च |
वामे खड्गं तथा चर्म धनुस्तर्जनमेव च || १३ ||

बिभ्रतीं कालतीव्रोरुमहिषाङ्गनिषेदुषीम् |
पीताम्बरधरां देवीं पीनोन्नतकुचद्वयाम् || १४ ||

जटामुकुटशोभाढ्यां पितृभूमिसुखावहाम् |
ओं महिषहिंसके हूं फट् हृदयाय नमो हृदि |
ओं महिष(दैत्य)शत्रो हूं फट् शिरस्युदीरितम् || १५ ||

ओं महिषं हेषय हेषय हूं (फट्) शिखामन्त्रः समीरितः || १६ ||

ओं महिषं हन हन देवी हूं फट् कवच इत्यपि |
महिषमर्दिनी हूं फट् अस्त्राणि शृणु भैरव || १७ ||

अष्टपत्रे यजेद्देवीर्दुर्गाद्या दीर्घपूर्विकाः |
आयुधानि पलाशाग्रे यादिभिः क्रमशो यजेत् || १८ ||

ब्रह्माण्याद्यास्ततः पश्चाल्लोकपालांस्ततो बहिः |
सिद्धमन्त्री तदस्त्राणि प्रयोगं च समाचरेत् || १९ ||

प्रयोगे होमनियमः सहस्रं वसुसंमितम् |
एषा विद्या महाविद्या न देया यस्य कस्यचित् || २० ||

यदि भाग्यवशाल्लब्धा कुलदेवी कुलोत्तमैः |
दीक्षिता कुलजातिस्तु सिद्धिदा सैव नान्यथा || २१ ||

महिषमर्दिनीस्तोत्रम्

भैरव उवाच -

मच्चित्ते चर चण्डि ! चूर्णितदुराचारप्रचण्डासुरे ! स्वैरं दारय भूरि दुर्धरदरद्रोहोर्मिमर्मापदः |
तेनायं निरुपद्रुतो निरुपमश्रीपादपद्माटवी- प्राप्तानन्तरसार्णवे मम मनोहंसश्चिरं नन्दतु || २२ ||

हित्वा चण्डि ! हिरण्यदारणपटुप्रोद्दामहस्ताङ्गुलि- स्फायत् कम्रसुमेरुसोदरसटाटोपं नृसिंहं सुराः |
मातस्त्वत्पशुपाशपेषणपटुश्रीपादसंसेविनं सेवन्ते करिवैरिणं किमरिभिर्भीतिर्भवेत्सेविनः || २३ ||

चण्डि ! त्वद्विषयान्तराक्षरपदं श्रोत्रान्तरं चेद्गतं तत्तत्त्वं पुरुषप्रकृत्यनुगतं ब्रह्मादिभिर्गीयते |
तस्माद्देवि ! समस्तदैवतसुधासारैकधामस्फुर- च्छ्रीमत्पादपयोजचुम्बनपरं मामद्य संभावय || २४ ||

मन्निन्दा यदि वास्तु ते कुलपथाचाराद्वरं मास्तु वा कीर्तिः केशवकौशिकार्चनचरी नैवास्तु मत्संनिधिः |
मातर्ब्रह्महरिस्मरारिहुतभुग्दैत्यारिसेवास्पद- श्रीमत्पादपयोजचिन्तनविधौ चित्तं सदैवास्तु नः || २५ ||

निर्दिष्टोऽस्मि यदि त्वदीयपदयुक्पूर्वापरीभावने निर्दिष्टस्य तदा ममापि विरलं किंवास्तु सिद्धास्पदम् |
तस्माद्देवि ! कृपाभराञ्चिततरं श्रीपादपद्मद्वयं मच्चित्तेऽक्षतसंपदि प्रसरतु क्षेमंकरि ! क्षम्यताम् || २६ ||

आत्मानं परिरभ्य भूतपतिरप्युन्मादमासादितः स्फारं जीवनरक्षणे स च कृती नैवाभविष्यत्प्रभुः |
दैवाद्विच्युतचन्द्रचन्दनरसप्रागल्भ्यगर्भस्रव- न्माध्वीपूर्णभवत्पदैककमलामोदेन नास्वादितः || २७ ||

हा हा मातरनादिमोहजलधिव्याहारविद्धाखिल- ब्रह्मानन्दरसाभिषेकविरसस्वान्तोदरे मादृशि |
युष्माकं सुरवृन्दनिर्भरमनस्तापाभिभूतिक्षमः श्रीमद्भक्तिरसातिदुर्दिनपरीवाहः सदा सर्पतु || २८ ||

यत्पादस्फुरदंशुजालजठराच्चण्डांशुकोटिस्फुर- त्स्वान्तध्वान्तविसारि निर्मलचिदानन्दत्रयं दैवतम् |
सर्गं संसृजति स्थितिं वितनुते सृष्टिं पुनर्लुम्पति प्रोद्भिन्नाञ्जननीलनीरदमहश्चित्ते सदैवास्तु नः || २९ ||

या शश्वन्महिषच्छलस्फुटमिलद्गर्जद्विधावत्स्खल- द्वक्तान्तःप्रसरत्तमस्तमशिरो दैत्यं समालम्बते |
सा दुर्गा भयदुर्गदुर्गतिहरा लक्षान्तरत्रासिनी दृप्यद्दैवतवैर्दारणपटुर्जीयाज्जयाह्लादिनी || ३० ||

नृत्यत्खेटकचामराञ्चलबलच्चक्राद्यखर्वावर- स्फायत्सैन्यशिलीमुखोच्छलदनल्पाजिह्मताम्राम्बुधौ |
झञ्झावातविसर्पिनर्तितशिरःसाटोपदुष्टासुर- त्रुट्यत्खण्डविखण्डिताखिलशकुन्तक्षुत्पिपासोज्ज्वले || ३१ ||

चञ्चत्कम्रविरामकालकलतीव्रास्फालसंपादको- न्माद्यन्माहिषतिर्यगानतशिरः शृङ्गान्तराले स्थले |
वस्वर्णैर्वसुपत्रमध्यकलितैर्बध्वा श्रुतीर्मातृभिः सेव्ये चारु रणाङ्गणे रणमुदा घूर्णायमानाम्बरे || ३२ ||

ऊर्ध्वाधःक्रमसव्यवामकरयोश्चक्रं दरं कर्तृकां खेटं बाणधनुस्त्रिशूलभयहृन्मुद्रां दधानां शिवाम् |
श्यामां नीलघनोच्चकुन्तलचयप्रोन्नद्धजूटां स्खल- द्वीरास्फाललसत्करालवदनां घोराट्टहासोद्भटाम् || ३३ ||

एवं ये तव देवि ! मूर्तिमनघां ध्यायन्ति दुर्गादिभिः शक्राद्यैरपि पूजितां परपुरक्षोभादिकं कुर्वते |
राज्यं शत्रुजयः सदर्थधिषणा काव्यामृतादर्शन- स्तम्भोच्चाटनमारणादिकृतिनां तेषां स्वयं जायते || ३४ ||

स्तोत्रं ते चरणारविन्दयुगलध्यानावधानान्मया मन्त्रोद्धारकुलोपचाररचितं गूढोपदिष्टं यदि |
ये शृण्वन्ति पठन्ति देवि ! तरसा श्रीमोक्षकामादय- स्तेषां हस्तगता भवन्ति जगतां मातर्नमस्ते जय || ३५ ||

देव्युवाच -

स्तोत्रश्रवणसंतुष्टा प्रीतास्मि तव भैरव |
पश्य मूर्तिं न च ध्यानयोग्यां मम सुखावहम् || ३६ ||

एषा मूर्तिः प्रधानं मे कालीमूर्तिस्तथैव च |
त्रिपुरा भैरवीमूर्तिराद्या सा परिकीर्तिता || ३७ ||

कुलवारे कुलाष्टम्यां चतुर्दश्यां विशेषतः |
योगिनीपूजनं तत्र प्रधानं कुलपूजनम् || ३८ ||

यथा विष्णुतिथौ विष्णुः पूजितो वाञ्छितप्रदः |
तथा कुलतिथौ दुर्गा पूजिता वरदायिनी || ३९ ||

बिल्वमूले प्रान्तरे वा श्मशाने वापि साधकः |
मांसप्रधानं नैवेद्यं संध्याकाले विधीयते || ४० ||

काली कालीति वक्तव्ये तत्रोमा शिवरूपिणी |
पशुरूपा समायाति परिवारगणैः सह || ४१ ||

भुक्त्वा रौति यदैशान्यां मुखमुत्तोल्य सुस्वरम् |
तदैव मङ्गलं तस्य नान्यथा कुलभूषण ! || ४२ ||

अवश्यमन्नदानेन नियतं तोषयेच्छिवाम् |
नित्यश्राद्धं तथा संध्यावन्दनं पितृतर्पणम् || ४३ ||

तथेयं कुलदेवीनां नित्यता कुलपूजने |
पशुरूपां शिवां देवीं यो नार्चयति निर्जने || ४४ ||

शिवारावेण तस्याशु सर्वं नश्यति निश्चितम् |
जपपूजाविधानानि यत्किंचित्सुकृतानि च || ४५ ||

गृहीत्वा शापमापाद्य शिवा रोदिति निर्जने |
एकया भुज्यते यत्र शिवया देव भैरव ! || ४६ ||

तत्रैव सर्वशक्तीनां प्रीतिः परमदुर्लभा |
पशुशक्तिर्नरशक्तिः पक्षिशक्तिस्तथैव च || ४७ ||

पूजिता विगुणं कर्म सगुणं कारयेत्ततः |
तेन सर्वप्रयत्नेन कर्तव्यं पूजनं महत् || ४८ ||

राजादिभयमापन्नो देशान्तरभयादिकम् |
शुभाशुभानि कर्माणि विचिन्त्य बलिमाहरेत् || ४९ ||

गृह्ण देवि ! महाभागे ! शिवे ! कालाग्निरूपिणी ! |
शुभाशुभफलं व्यक्तं ब्रूहि गृह्ण बलिं तव || ५० ||

एवमुच्चार्य दातव्यो बलिं कुलजनप्रियः |
यदा न गृह्यते वत्स ! तदा नैव शुभं भवेत् || ५१ ||

शुभं यदि भवेत्तत्र भुज्यते तदशेषतः |
एवं मत्वा महादेव ! शान्तिस्वस्त्ययनं चरेत् || ५२ ||

कुलाचारं दक्षिणाख्यं कथितं तव सुव्रत ! |
न कस्मैचित्प्रवक्तव्यं यदीच्छेच्छाश्वतं सुखम् || ५३ ||

निर्जने चैव वक्तव्यं न चैव जनसंनिधौ |
न पितुः संनिधाने वा न मातुः संनिधौ तथा || ५४ ||

किं वा पक्षिपतङ्गादिदर्शने नैव कारयेत् |
पातालमण्डपे वापि मण्डपे वा सुयन्त्रिते || ५५ ||

निश्छिद्रमण्डपे वापि कर्तव्यं न च संनिधौ |
कुलपुष्पं कुलद्रव्यं कुलपूजां कुले जपम् || ५६ ||

गुरुं कुलपतिं चापि कुलमालां कुलाकुलम् |
कुलचक्रं कुलध्यानं सर्वथा न प्रकाशयेत् || ५७ ||

प्रकाशात् सिद्धिहानिः स्यात्प्रकाशाद्बन्धनादिकम् |
प्रकाशान्मन्त्रनाशः स्यात्प्रकाशादेव हिंसनम् || ५८ ||

प्रकाशान्मृत्युलाभः स्यान्न प्रकाश्यं कथंचन |
पूजाकाले तु देवेश ! यदि कोऽप्यत्र गच्छति || ५९ ||

दर्शयेद्वैष्णवीं मुद्रां विष्णुन्यासं तथा स्तवम् |
प्रकाशाद्यदि गुप्तिः स्यात्तत्प्रकाशान्न दूषणम् || ६० ||

गोपनाद्यदि व्यक्तिः स्यान्न गुप्तिः साभिधीयते |
कदाचिदङ्गहानिस्तु न च व्यक्तिः कदाचन || ६१ ||

वरं पूजा न कर्तव्या न च व्यक्तिः कदाचन |
एतत्तन्त्रं गृहे यस्य कुलाक्षरसमन्वितम् || ६२ ||

कुलेश्वरलिपिर्वापि तत्रैवाहं सदा स्थिता |
तेषां गृहेषु पापानि दुष्कृतानि भयादिकम् || ६३ ||

पुस्तकस्थितिमात्रेण नश्यन्त्यत्र न संशयः |
लिखित्वा कुलहस्तेन कुलद्रव्येण भैरव || ६४ ||

कुलवारे पठेद्वापि कुलहस्ते च धारयेत् |
सर्वथा तस्य गेहं वै न संत्यक्ष्यामि भैरव ! || ६५ ||

अत्यन्तरोगयुक्तो वा शुभहीनोऽपि वा पुनः |
एतत्तन्त्रसमायोगात्त्याज्यो न हि कथंचन || ६६ ||

कुलं कंचित्समालोक्य लभ्यते कुलपूजनम् |
एतद्ग्रन्थसमायोगात् कपालीकरणं यदि || ६७ ||

क्रियते साधकेन्द्रेण तदा किं वा न लभ्यते |
संपूज्य कुलदेवं च गृह्णीयाच्चैव नान्यथा || ६८ ||

न स्नेहान्न च लोभेन न भीत्या कारणान्न च |
राज्यहानिर्वरं वापि सुतहानिस्तु वा पुनः || ६९ ||

वित्तस्य हानिर्वा देव न प्रकाश्यं कदाचन |
मन्मायामोहितं चापि अन्यदेवरतोऽपि च || ७० ||

प्रकाशात् क्षोभमाप्नोति सत्यं सत्यं वदाम्यहम् |
यथा योषिच्छरीरेण विचरामि पुनः पुनः || ७१ ||

तथेमं ग्रन्थमासाद्य तिष्ठामि परमा कला |
महाचीनक्रमं वापि महानीलं सदाशिवम् || ७२ ||

संकेतं वापि योन्मत्तं यत् किंचिद्वीरसाधनम् |
कुलाचारं विना वत्स नैव सिद्धिप्रवर्तकम् || ७३ ||

कुलवारे कुलर्क्षे च कुललग्ने कुलक्षणे |
योगिनीनां सदा पूजा मनसापि न हीयते || ७४ ||

कुलीनां नावमन्येत नावज्ञां कारयेद्बुधः |
अभिभूतिसमाकीर्णं व्याधियुक्तं च भैरव ! || ७५ ||

एतद्ग्रन्थेन निर्मुच्या पिञ्छकोपरि धारयेत् |
सप्ताहं क्रमयोगेन मुक्तो भवति दुर्ग्रहात् || ७६ ||

एतत्ते कथितं वत्स ! देवीहृदयमुत्तमम् |
न कस्मैचित्प्रयोक्तव्यं प्रवक्तव्यं कथंचन || ७७ ||

इदानीं भव सर्वज्ञः सर्वतन्त्रविशारदः |
त्वमेव वक्ता शास्त्राणां न परोऽपि महेश्वर ! || ७८ ||

गुरुस्त्वं सर्वतन्त्राणां नाहं नापि हरिः प्रभुः |
कारणावस्थयापन्ना यद्यहं कुलरूपिणी || ७९ ||

न कार्यं नापि यत् किंचित् ब्रह्मोऽहं स्फुरितप्रभम् |
कार्यभावसमापन्ना यदाहं विश्वरूपिणी || ८० ||

तदा त्वमेव तन्त्राणां वक्ता नाहं महेश्वर |
अहं विशामि त्वद्देहे शक्त्या युक्तो भव प्रभुः || ८१ ||

मां विना जननी कापि नैव कार्यविभाविनी |
अतः कार्ये समुत्पन्ने पुत्रत्वं त्वयि वर्तते || ८२ ||

त्वां विना जनकः कोऽपि नैव कार्यविभावकः |
अतस्त्वमेव जनको नास्त्यन्योऽपि कथंचन || ८३ ||

कदाचित्पितृरूपोऽसि कदाचिद्गुरुरूपधृत् |
कदाचित्पुत्रतापन्नः कदाचिच्छिष्य एव हि || ८४ ||

शिवशक्तिसमायोगाज्जायते सृष्टिकल्पना |
शिवशक्तिसमायोगात् कुलादेर्मुक्तिकल्पना || ८५ ||

शवशक्तिमयं सर्वं यत्किंचिज्जगतीगतम् |
तस्मात्त्वमेव सर्वत्र सर्वत्राहं महेश्वर ! || ८६ ||

सर्वं त्वमेव देवेश ! सर्वं चाहं सनातन ! |
गुरुस्त्वं यदि शिष्योऽहं तदा मास्तु विवेचना || ८७ ||

तस्माद् भव गुरुर्नाथ शिष्याहं परमेश्वर ! || ८८ ||

इति कुलचूडामणितन्त्रे सप्तमः पटलः ||

समाप्तश्चायं ग्रन्थः ||

Die wichtigsten Mantras des Kulacudamani Tantra

Die folgenden vollständig belegten Anrufungen eignen sich zum Verständnis der Verehrung und zur betrachtenden Rezitation. Die verschlüsselten Kali- und Mahishamardini-Vidyas aus Kapitel 5 und 7 werden nicht ergänzt. Vollständig erhaltene Formeln innerhalb von Schädigungs- oder Machtpraktiken stehen nur im historischen Zusammenhang des Haupttextes.

Gebet an die göttliche Mutter (3.35)

मातर्देवि ! नमस्तेऽस्तु ! ब्रह्मरूपधरेऽनघे |
कृपया हर विघ्नं मे मम सिद्धिं प्रयच्छ मे ||

mātardevi ! namaste'stu ! brahmarūpadhare'naghe |
kṛpayā hara vighnaṃ me mama siddhiṃ prayaccha me ||

Bedeutung: Mutter, Göttin, sei gegrüßt, Makellose, die du Brahmas Gestalt trägst! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Der Gruß verbindet Verehrung mit der Bitte um Überwindung von Hindernissen. „Vollendung“ kann im Werk rituellen Erfolg und geistliche Erfüllung meinen; eine freie heutige Gebetspraxis kann die Bitte auf Klarheit und hilfreiches Handeln beziehen.

Maheshi als höchste Wonne (3.36)

माहेशि ! वरदे ! देवि ! परमानन्दरूपिणि ! |
कृपया हर विघ्नं मे मम सिद्धिं प्रयच्छ मे ||

māheśi ! varade ! devi ! paramānandarūpiṇi ! |
kṛpayā hara vighnaṃ me mama siddhiṃ prayaccha me ||

Bedeutung: Maheshi, segenspendende Göttin, Verkörperung höchster Wonne! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

Die Göttin wird als Verkörperung höchster Wonne angerufen. Die Bitte bleibt dieselbe wie im vorigen Vers; die Hingabe richtet sich auf eine weitere Gestalt der göttlichen Mutter.

Die Eine in vielen Gestalten (3.43)

मितिमातृमये ! देवि ! मितिमातृबहिष्कृते |
एके बहुविधे ! देवि ! विश्वरूपे ! नमोऽस्तु ते ||

mitimātṛmaye ! devi ! mitimātṛbahiṣkṛte |
eke bahuvidhe ! devi ! viśvarūpe ! namo'stu te ||

Bedeutung: Göttin, Wesen des Erkennens und des Erkennenden, und doch über beide hinaus! Du Eine in vielen Formen, Göttin von universaler Gestalt, dir sei Verehrung!

Die Anrufung überschreitet die Trennung zwischen Erkennen und Erkennendem. Sie eignet sich als kurzer Text zur Betrachtung der Einheit, ohne ein verborgenes Bija-Mantra zu ergänzen.

Gruß an die furchtbare und beglückte Göttin (4.6–4.7)

पूर्णोदरि ! महाचण्डे ! मुक्तकेशि ! बलिप्रिये |
कुलाचारप्रसन्नास्ये ! नमस्ते शंकरप्रिये ! ||

pūrṇodari ! mahācaṇḍe ! muktakeśi ! balipriye |
kulācāraprasannāsye ! namaste śaṃkarapriye ! ||

Bedeutung: Vollbäuchige, große Wilde, mit offenem Haar, die du Opfergaben liebst! Du, deren Antlitz durch den Kula-Weg erfreut ist: Verehrung dir, Geliebte Shankaras!

Die Formel begleitet im Werk die Wahrnehmung bestimmter Tiere als Erscheinungen der Göttin. Als Lesetext eröffnet sie den Blick auf die Verbindung von Furchtbarkeit und Verehrung.

Tripura, die Furcht nimmt (4.10–4.11)

बन्धूकपुष्पसंकाशे ! त्रिपुरे ! भयनाशिनि ! |
भाग्योदयसमुत्पन्ने ! नमस्ते वरवर्णिनि ! ||

bandhūkapuṣpasaṃkāśe ! tripure ! bhayanāśini ! |
bhāgyodayasamutpanne ! namaste varavarṇini ! ||

Bedeutung: Du leuchtest wie die Bandhuka-Blüte, Tripura, Vernichterin der Furcht! Du erscheinst mit dem Aufgang des Glücks: Verehrung dir, Schöngestaltete!

Die beiden Halbverse bilden eine vollständige Anrufung. Das Bild der roten Blüte verbindet Schönheit, Lebendigkeit und die Bitte um Überwindung von Furcht.

So'ham – Identitätsbetrachtung (2.26)

सोऽहम्
so'ham

Bedeutung: „Ich bin Er“ beziehungsweise „Ich bin das.“ Der Vers nennt ausdrücklich die Meditation über diese Formel. Eine Verbindung mit einem bestimmten Atemrhythmus schreibt er an dieser Stelle nicht vor.

Kali, Kali – Namenruf (7.41)

काली काली
kālī kālī

Bedeutung: „Kali, Kali!“ Dieser Namenruf ist im Text vollständig erhalten. Sein dortiger Zusammenhang ist die Verehrung der Göttin in Schakalinnengestalt. Eine heutige betrachtende Namenwiederholung ist davon zu unterscheiden; sie benötigt weder Tierfütterung noch Orakeldeutung.

64 besonders inspirierende Verse des Kulacudamani Tantra

Die Auswahl richtet den Blick auf Erkenntnis, Hingabe, Sammlung und respektvollen Umgang. Wo ein Vers grammatisch an den vorherigen anschließt, wird sein Bezug im Deutschen knapp verdeutlicht. Die Zahlen 1–64 bezeichnen die Auswahl; ihre Originalstellen stehen gesammelt in der Konkordanz.

Shakti, Welt und Erkenntnis

1. Wenn ich die Gestalt der Urnatur bin, ganz der Wonne des Bewusstseins zugewandt: Wo sind dann Brahma, Hari und Shambhu, wo eine Gottheit und wo Mantrawiederholung?

2. Wo sind Schöpfung, Erhaltung und der Bereich der Auflösung? Wo Leidenschaft, Freude und Leid, wo Befreiung und Tugend?

3. Durch die Unterscheidung von Shiva und Shakti entstehen die Gunas. Ihr alle, Brahma und die übrigen, seid meine Anteile, aus dem Werden hervorgegangen.

4. Die Welt besteht aus diesen Grundbestandteilen; sie vergeht und erscheint erneut. Wenn du mich erkennst, Allwissender: Welchen eigenen Bestand haben dann Überlieferung und Opferdienst?

5. Dieser Weg vermag Verdienst und Schuld aufzulösen, schenkt Genuss und Befreiung, ist voller Wunder, mein Kind, und verwirrt selbst die Gelehrten.

6. Dieser Weg bringt vielfältige Bedeutungen hervor und ist mit ihnen erfüllt. Ein wahrer Lehrer kennt ihn; einem guten Schüler bietet er höchste Zuflucht.

7. Göttin, Wesen des Erkennens und des Erkennenden, und doch über beide hinaus! Du Eine in vielen Formen, Göttin von universaler Gestalt, dir sei Verehrung!

8. Diese dem Kula lieben Wesen sind aus meinen vorzüglichen Anteilen hervorgegangen. Ebenso sind sämtliche Dakinis meine Anteile; höre, Bhairava.

9. Wenn die beschriebene Praxis gelingt, übe man das Grundmantra weiter. Der höchste aller heiligen Sitze ist Kamarupa, von großer Wirkkraft.

10. Wo in Kamarupa auch nur einmal Verehrung geschieht, Maheshvara, dort wohne ich, mein Sohn, und lasse alle anderen heiligen Sitze zurück.

11. Der heilige Sitz ist zweifach, Maheshvara: verborgen und sichtbar. Der verborgene ist heiliger als der sichtbare und selbst für hervorragende Übende schwer zu erreichen.

12. Der verborgene Sitz lässt sich überall finden, Herr der Götter, von den Vortrefflichen des Kula.

13. Die heilige Mantrakraft der Göttin ist überaus geheim, ewig, bewirkt Schöpfung und Erhaltung und ist der ewige Keim aller Götter und aller Vollendungen.

14. Aus dem Geflecht der Strahlen ihrer Füße geht die reine, bewusstseins- und wonnevolle Dreiheit der Gottheiten hervor, deren Glanz wie Millionen Sonnen die Finsternis des Inneren vertreibt; sie erschafft die Welt, erhält sie und löst die Schöpfung wieder auf. Jener tiefblaue Glanz, wie aufgebrochenes Augenschwarz und dunkle Wolken, sei stets in unserem Herzen.

15. Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entsteht die Entfaltung der Schöpfung. Aus der Vereinigung von Shiva und Shakti entsteht die Möglichkeit der Befreiung des Kula und der übrigen Erscheinungen.

16. Alles, was in der Welt vorhanden ist, ist von Shiva und Shakti erfüllt. Darum bist du überall, und überall bin ich, Maheshvara.

17. Alles bist du, Herr der Götter, und alles bin ich, Ewiger. Wenn du der Guru bist und ich die Schülerin, soll daraus keine trennende Unterscheidung entstehen.

Guru, Mantra und Sammlung

18. Durch die Umarmung des Kula ist die ganze Finsternis der Gurus zerbrochen und zermalmt; ihr Inneres erhebt sich in vollem Mitgefühl für die Schüler des Kula.

19. Bei denjenigen, die ihren Kula-Lehrer verlassen, geraten Einweihung und Opferverehrung zu schädigendem Zauber. Deshalb suche man mit aller Sorgfalt einen Guru, der in der Kula-Tradition verwurzelt ist.

20. Ein solcher Kulina gilt als befugt zu allen heiligen Wissensformen. Er allein ist hier Herr der Einweihung in sämtliche Mantras, kein anderer.

21. Der Übende zeichne das Yantra, vollziehe dort die Verehrung und übe Japa. Nachdem er das Mantra nach seinem Vermögen wiederholt hat, preise er die Göttin und verabschiede sie.

22. Dann meditiere er „Ich bin Er“ und widme sich äußerlich dem vishnuitischen Wandel. Er sei von Haris Namen erfüllt und verhalte sich auf entsprechende Weise.

23. Dann meditiere man über den Guru auf dem Haupt, sättige die Gottheit mit dem Nektarsaft des Kula und wiederhole das Mantra ohne innere Unruhe.

24. Wenn man während der vorbereitenden Mantrapraxis einen heiligen Sitz erblickt, darf dessen Verehrung nicht unterbleiben, wenigstens im Geist.

25. Erreicht der Übende zufällig eine Wegkreuzung oder eine Stelle mitten im Wasser, meditiere er einen Augenblick, wiederhole das Mantra, verneige sich und gehe frei weiter.

26. Danach nehme er den Sitz auf, reinige zuvor den Boden, stelle ihn in die Nähe des Vaters und widme sich der Betrachtung der Wirklichkeit.

27. Die mit eingeflochtener Keimsilben-Verbindung versehene Formel vergegenwärtige man als Vereinigung. Der Besonnene erkenne dies und erwecke die heilige Mantrakraft; der Guru ist dabei die einzige entscheidende Ursache.

28. Bhairava gilt als Seher dieses Mantras, Ushnih als sein Versmaß. Die Gottheit ist die Göttin Dakshina Kalika, die die vier Lebensziele gewährt.

29. Hier gibt es keine Verehrung oder Betrachtung anderer Frauen. Allein durch nächtliche Mantrawiederholung wird Dakshina zur Geberin der Vollendung.

30. Ist die Göttin noch nicht so offenbar, wiederhole er das zuvor Beschriebene, unbeirrt dem Dienst des Kula-Weges hingegeben.

31. Am Kula-Wochentag, unter dem Kula-Sternbild, bei Kula-Aszendent und Kula-Zeitpunkt darf die Verehrung der Yoginis niemals unterbleiben, wenigstens im Geist.

32. Sei nun allwissend und kundig in allen Tantras. Du allein wirst die Lehrschriften verkünden, kein anderer, Maheshvara.

33. Dann bist du allein der Verkünder der Tantras, nicht ich, Maheshvara. Ich trete in deinen Leib ein; sei mit Shakti vereint, Herr!

34. Manchmal bist du Vater, manchmal nimmst du die Gestalt des Gurus an; manchmal wirst du zum Sohn und manchmal zum Schüler.

35. Darum sei du der Guru, Herr; ich bin die Schülerin, höchster Herr.

Verehrung, Würde und hilfreiches Handeln

36. Nun erkläre ich dir die Läuterung der Erkenntnis im Kula-Weg, mein Kind. Der Übende erhebe sich am Morgen und verneige sich vor dem Kula-Baum.

37. Wer so beständig denkt, o Gott, dem bin ich gewiss gnädig. Dadurch zufriedengestellt, erfülle ich dann in Wahrheit sämtliche Welten mit Freude.

38. Den verehrten Frauen gebe man erneut Girlanden, mit Duft und Sandelpaste versehen. Man verneige sich, verabschiede sie und sei glücklich, nachdem man ihren Segen empfangen hat.

39. Ob nach Alter oder Herkunft niedrig gestellt: Diese Frauen sind höchste Kräfte und von allen edlen Kula-Angehörigen ohne eigenen Hochmut zu verehren.

40. Fehlen die anderen Frauen, soll man wenigstens eine mit Sorgfalt verehren: ob rituell vorbereitet oder nicht, ob Mutter oder ohne Gatten.

41. Ob vorbereitet oder unvorbereitet, selbst aus niedriger Herkunft, mein Sohn: Im Kula-Ritus sind die Kulinas aller gesellschaftlichen Gruppen zu ehren.

42. Der Mensch, der den Kula-Schriften und dem Kula-Weg folgt, sei überall großherzig und dem vishnuitischen Wandel zugewandt.

43. Wer diese Wesen tötet, vertreibt oder mit Fallen und Ähnlichem verletzt: Wie könnte ein solcher Übeltäter mein Verehrer sein?

44. Wer nach erlangter Macht Dakinis, Danavas oder besonders meine Verehrer, Vatukas und Bhairavas verletzt, dem kommt keine Vollendung zu.

45. Wie Vishnu, an seinem Mondtag verehrt, das Gewünschte gewährt, so spendet Durga, am Kula-Mondtag verehrt, Segen.

46. Auch wenn jemand schwer krank oder ohne günstige Umstände ist: Durch seine Verbindung mit diesem Tantra ist er keinesfalls aufzugeben.

Gebet und Hingabe

47. Mutter, Göttin, sei gegrüßt, Makellose, die du Brahmas Gestalt trägst! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

48. Maheshi, segenspendende Göttin, Verkörperung höchster Wonne! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

49. Kaumari, Herrin aller Wissensformen, Vortreffliche, die sich in Kumaras Spiel erfreut! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

50. Göttin in Vishnus Gestalt, die auf Vinatas Sohn reitet! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

51. Varahi, segenspendende Göttin, die mit ihrem Hauer die Erde emporgehoben hat! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

52. Göttin in Shakras Gestalt, von Shakra und den anderen Göttern verehrt! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

53. Chamunda, mit dem Blut deiner Schädelgirlande bestrichen, Vernichterin der Furcht! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

54. Mahalakshmi, große Verzauberin, die Erschütterung und Qual nimmt! Beseitige gnädig mein Hindernis und gewähre mir Vollendung.

55. Wer dieses Loblied gesammelt zu Beginn seiner Handlungen oder beim Anblick einer kundigen Frau rezitiert, dem entsteht kein Hindernis.

56. „Du bist gekommen, Glückreiche, Ursprung der Vollendung, die du mir das Erwünschte gewährst! Ich werde Kula-Verehrung vollziehen; gewähre mir die Mittel der Verehrung.“

57. Bewege dich in meinem Herzen, Chandi, die du den gewaltigen Dämon bösen Handelns zermalmt hast! Zerreiße frei die zahlreichen schwer erträglichen Gefahren, die mit Wogen von Furcht und Feindschaft mein Innerstes treffen. Dann möge der Schwan meines Geistes ungestört lange im Meer unendlichen Nektars frohlocken, das sich beim Erreichen des unvergleichlichen Hains deiner herrlichen Lotusfüße eröffnet.

58. Chandi, die Götter lassen Narasimha zurück, dessen mächtige Finger Hiranya zu zerreißen vermögen und dessen wogende Mähne dem schönen Sumeru gleicht. Mutter, sie dienen dem Löwen, der deine herrlichen Füße verehrt, die die Fesseln der gebundenen Wesen zermahlen. Wie könnte für einen solchen Diener Furcht vor Feinden bestehen?

59. Chandi, gelangt ein auf dich bezogenes Wort aus Lauten ins Ohr, wird seine mit Purusha und Prakriti verbundene Wahrheit von Brahma und den anderen besungen. Darum, Göttin, würdige mich heute, ganz dem Küssen deiner strahlenden Lotusfüße hingegeben zu sein, die die einzige Heimstatt der Nektar-Essenz aller Gottheiten sind.

60. Mögen die Menschen mich wegen der Ausübung deines Kula-Weges tadeln; mag mir Vorzüglichkeit versagt bleiben, mag der Ruhm der Verehrung Keshavas und Kaushikas nicht in meine Nähe kommen: Mutter, unser Geist sei stets auf die Betrachtung deiner herrlichen Lotusfüße gerichtet, denen Brahma, Hari, der Feind Kamas, das Feuer und der Feind der Dämonen dienen.

61. Wenn ich zur fortgesetzten Betrachtung deiner beiden Füße bestimmt bin, welche schwer erreichbare Stätte der Vollendung könnte mir dann noch fehlen? Darum, Göttin, mögen deine beiden Lotusfüße, von überreicher Gnade erfüllt, sich in meinem Herzen als unversehrtes Glück entfalten. Du Heilbringende, verzeihe!

62. Selbst der Herr der Wesen wäre, sein eigenes Selbst umarmend und in Ekstase geraten, nicht fähig gewesen, das Leben kraftvoll zu bewahren, hätte er nicht durch glückliche Fügung den Duft des einen Lotus deines Fußes gekostet, erfüllt von strömendem Honignektar und der Fülle herabfließenden Mond- und Sandelsaftes.

63. Ach, Mutter! In einem Menschen wie mir ist das Innere vom Meer anfangsloser Verblendung durchbohrt und ohne Geschmack für die Salbung mit der Wonne Brahmans. Möge darin stets die überströmende Regenfülle heiliger Hingabe fließen, die selbst die große Herzensqual der Götterscharen zu überwältigen vermag.

64. Dieses Loblied habe ich in gesammelter Meditation über deine beiden Lotusfüße geschaffen; verborgen lehrt es die Ableitung des Mantras und die Darbringungen des Kula. Wer es hört oder rezitiert, Göttin, dem fallen rasch Glück, Befreiung, Wunscherfüllung und Weiteres zu. Mutter der Welten, Verehrung dir! Siege!

Konkordanz der 64 Verse

1: 1.16; 2: 1.17; 3: 1.21; 4: 1.24; 5: 1.29; 6: 1.30; 7: 3.43; 8: 4.19; 9: 5.36; 10: 5.37; 11: 5.41; 12: 5.42; 13: 7.4; 14: 7.29; 15: 7.85; 16: 7.86; 17: 7.87; 18: 1.37; 19: 1.41; 20: 1.42; 21: 2.22; 22: 2.26; 23: 2.40; 24: 3.59; 25: 4.4; 26: 4.67; 27: 5.49; 28: 5.57; 29: 5.66; 30: 6.12; 31: 7.74; 32: 7.78; 33: 7.81; 34: 7.84; 35: 7.88; 36: 1.33; 37: 2.11; 38: 3.48; 39: 3.50; 40: 3.51; 41: 3.58; 42: 4.2; 43: 4.18; 44: 4.20; 45: 7.39; 46: 7.66; 47: 3.35; 48: 3.36; 49: 3.37; 50: 3.38; 51: 3.39; 52: 3.40; 53: 3.41; 54: 3.42; 55: 3.44; 56: 4.60; 57: 7.22; 58: 7.23; 59: 7.24; 60: 7.25; 61: 7.26; 62: 7.27; 63: 7.28; 64: 7.35.

Fünf Lehren des Kulacudamani Tantra für Aspiranten

1. Erkenntnis gibt dem Ritual seine Richtung

Die Göttin fragt zweimal nach dem Wert von Überlieferung und Opferdienst: wenn sie erkannt wird und wenn sie unerkannt bleibt (1.24–25). Diese Gegenüberstellung fordert zur Prüfung der eigenen Sadhana auf. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Handlung korrekt ausgeführt wurde, sondern ob sie das Verständnis vertieft. Frage nach einer Puja oder Meditation: Bin ich gegenwärtiger geworden? Habe ich etwas von der Verbundenheit des Lebens wahrgenommen? Das sind heutige Anwendungen der textlichen Frage nach Erkenntnis.

2. Ein Guru soll Mitgefühl und Verständnis verkörpern

Die meditierten Gurus besitzen ein von Mitgefühl erfülltes Inneres und kennen die Bedeutung ihrer Lehre (1.37–38). Diese Verbindung ist anspruchsvoller als bloße Verehrung einer äußeren Autorität. Für die eigene Schülerschaft heißt das: Offenheit und Vertrauen mit Verständnis verbinden. Die Guru-Bilder erinnern zugleich den Lehrenden daran, dass die Schüler keine Bühne für seinen Selbstanspruch sind.

3. Spiritueller Rang rechtfertigt keine Verachtung

Das Kulacudamani Tantra verlangt Verehrung ohne Hochmut und überschreitet dabei in seinem Ritualzusammenhang Grenzen von Herkunft und gesellschaftlichem Rang (3.50–58). In 7.75 untersagt es ausdrücklich die Verachtung einer Kulina-Frau. Für heutige Aspiranten liegt darin eine konkrete Übung: Menschen auch dann aufmerksam und respektvoll begegnen, wenn sie weder Status noch Kenntnisse oder Lebensweise mit einem teilen.

4. Sammlung bewahrt den Kern auch bei einfachen Mitteln

Wenn die ausführliche Puja mit ihren Gliedern und Umkreisgottheiten nicht möglich ist, nennt der Text Guru-Meditation, Darbringung und ungestörtes Japa als vereinfachten Vollzug (2.39–40). Eine heutige, nicht ritualidentische Anwendung lautet: Die Praxis darf unter knappen Bedingungen einfacher werden; die innere Anwesenheit sollte erhalten bleiben. Wenige Minuten aufmerksamer Mantra-Wiederholung können eine regelmäßige Verbindung tragen.

5. Shiva und Shakti sind in Schöpfung und Befreiung zusammengehörig

Der Schluss leitet sowohl Schöpfung als auch Befreiung aus der Vereinigung von Shiva und Shakti ab (7.85). Das lädt dazu ein, Bewusstheit und lebendiges Handeln nicht gegeneinander auszuspielen. Stille kann sich im Umgang mit Menschen bewähren; Handeln kann aus innerer Ruhe kommen. Die wechselnden Lehrer- und Schülerrollen in 7.84–88 erinnern daran, dass geistliche Reife auch die Bereitschaft einschließt, erneut zu lernen.

Fünf Tipps für die Praxis mit dem Kulacudamani Tantra

Die folgenden Übungen übertragen ausgewählte Haltungen des Werkes in eine heutige, allgemein zugängliche Praxis. Sie ersetzen keine Einweihung und bilden die speziellen Kaula-Rituale nicht nach.

1. Den Morgen mit Dankbarkeit beginnen

Nimm dir nach dem Aufstehen zwei ruhige Minuten. Erinnere dich an einen Menschen, dem du eine wesentliche Einsicht verdankst. Vergegenwärtige dir eine seiner hilfreichen Eigenschaften und fasse einen kleinen Entschluss für den Tag. Der Bezugspunkt ist die morgendliche Guru-Erinnerung in 1.33–38.

2. Einen vollständigen Göttinnengruß aufmerksam sprechen

Wähle das Gebet aus 3.35 oder 3.43, entweder im Sanskrit oder in der deutschen Übersetzung. Sprich es langsam und lasse einen Moment Stille folgen. Richte die Aufmerksamkeit auf den Sinn, etwa auf die Bitte, Hindernisse zu überwinden, oder auf die Einheit in der Vielfalt. Eine bestimmte Wiederholungszahl wird für diese heutige Leseübung nicht vorgeschrieben.

3. Eine kurze innere Verehrung im Alltag pflegen

Halte an einem ruhigen Ort kurz inne. Vergegenwärtige dir deine erwählte Gottheit oder eine für dich tragfähige Gestalt des Göttlichen. Lass die Handlung in eine stille Verneigung münden. Diese kurze Unterbrechung nimmt die Verbindung von Erinnerung, Mantra und Verneigung in 4.4 sowie die geistige Verehrung in 3.59 auf.

4. Hilfsbereitschaft konkret werden lassen

Suche täglich eine Gelegenheit, jemandem eine Arbeit zu erleichtern, geduldig zuzuhören oder eine abwertende Bemerkung zu unterlassen. Beobachte abends, ob dabei Anerkennungswünsche oder Überlegenheitsgefühle auftraten. Ausgangspunkte sind die Hilfsbereitschaft in 4.3 und die Verehrung ohne Hochmut in 3.50.

5. Mit einem Vers in die Stille gehen

Lies 7.85 langsam: Schöpfung und Befreiung entspringen der Zusammengehörigkeit von Shiva und Shakti. Sitze anschließend fünf Minuten ruhig, lasse den Atem natürlich fließen und bemerke sowohl die wechselnden Erfahrungen als auch das Bewusstsein, in dem sie erscheinen. Das ist eine heutige Reflexionsmeditation zum Vers, keine im Kulacudamani Tantra vorgeschriebene Atemtechnik.

Eine heutige Anwendung: lesen, den Sinn vergegenwärtigen und still werden. Die einfachen Übungen greifen Haltungen des Werkes auf.

Als ergänzende heutige Meditationsanleitung, nicht als Übung aus dem Kulacudamani Tantra:

Spirituelle Bedeutung des Kulacudamani Tantra

Das Menschenbild des Kulacudamani Tantra ist von einer doppelten Möglichkeit geprägt. Der Mensch kann in Verblendung, Rangdenken und dem Verlangen nach Macht gefangen sein; zugleich kann er lernen, seinen Körper, seine Beziehungen und seine Wahrnehmung als Orte göttlicher Gegenwart zu verstehen. Die Welt ist dabei weder bloßes Hindernis noch bloßes Objekt des Genusses. Sie erscheint als Entfaltung der Göttin. Im Schlussdialog wird diese Entfaltung in die Zusammengehörigkeit von Shiva und Shakti zurückgenommen.

Vielfältige Göttinnengestalten laden zur Verehrung ein. Das Kulacudamani Tantra verbindet die Vielgestaltigkeit der Shakti mit der Frage nach ihrem einen Ursprung.

Der Körper erhält in dieser Sicht religiöse Bedeutung. Er wird mit Mantras berührt, als Träger der Göttin verehrt und in ein Geflecht heiliger Orte eingeordnet. Daraus folgt im Werk jedoch keine einheitliche, allgemein zugängliche „Energietechnik“. Der konkrete Körperbezug ist in seine Einweihungen, seine Sexualsymbolik und seine rituellen Voraussetzungen eingebettet. Für heutige Leser ist es fruchtbarer, diesen Zusammenhang wahrzunehmen, als aus ihm eine beliebige Methode der Kundalini-Erweckung abzuleiten.

Guru und Mantra verbinden Überlieferung und persönliche Erfahrung. Die Gurus sollen Mitgefühl verkörpern; das Mantra soll in Sammlung lebendig werden. Der Schluss führt diese Beziehung noch weiter: Die Göttin, die unterrichtet hat, nimmt die Schülerrolle an. Der Lehrer ist nicht deshalb Lehrer, weil er von der Wirklichkeit der Schülerin getrennt wäre. So erhält die Frage nach Moksha eine Dimension, die über das Ansammeln von Ritualleistungen hinausreicht: Befreiung betrifft auch die letztlich trennende Festlegung von „ich“ und „du“.

Das Werk lässt aber die Spannung zwischen Befreiung und Machtstreben bestehen. Seine Anziehungs- und Schädigungsrituale werden nicht durch die nichtdualen Schlussverse nachträglich harmlos. Eine reife Lektüre erkennt beide Seiten und trifft eine bewusste Auswahl für die eigene Lebensführung. In einer heutigen, an Ahimsa und verantwortlichem Handeln orientierten Praxis können Großherzigkeit, ehrfürchtige Wahrnehmung, regelmäßige Sammlung und die Bereitschaft zum Lernen im Vordergrund stehen. Diese Auswahl ist eine heutige Antwort auf den Text, nicht die Behauptung, sein gesamter historischer Ritualweg entspreche ihr.

Gerade dadurch kann das Kulacudamani Tantra für erfahrene Aspiranten anregend sein: Es fordert dazu heraus, Erkenntnis und Hingabe zusammenzuhalten und die geistliche Qualität einer Handlung nicht von ihrer Wirkung auf andere Menschen abzulösen. Die Göttin wird im Buch, im Bild, im Mantra und im Gegenüber gesucht. Ob diese Suche trägt, zeigt sich auch darin, ob aus Verehrung mehr Aufmerksamkeit, Mitgefühl und innere Freiheit erwachsen.

Siehe auch

Literatur

  • Arthur Avalon (John Woodroffe), Herausgeber: Kulacūḍāmaṇi Nigama / Kulacūḍāmaṇitantra. Ganesh and Co., Madras, 1915. Bibliographische Angaben nach dem Katalogkopf der Sanskritüberlieferung M00402.
  • Muktabodha Indological Research Institute: kulacūḍāmaṇi nigama, Katalognummer M00402, elektronische Sanskritausgabe in lateinischer Umschrift und Devanagari, Revision 0 vom 27. April 2017. Texteingabe durch Mitarbeiter des Instituts unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski.

Weblinks

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Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Sanskrit und Zählung. Grundlage sind die beiden Sanskritfassungen des Muktabodha Indological Research Institute, M00402, nach der Ausgabe Arthur Avalons. Sie stimmen im Werktext bei Rückübertragung der Schrift weitgehend zeichengetreu überein; in 6.32 steht in IAST , in Devanagari der gewöhnliche Anusvara. Ihre Übereinstimmung belegt hier keine zwei unabhängig bezeugten Lesarten. Die sieben Kapitel enthalten 429 nummerierte Einheiten. In Kapitel 4 folgt auf 12 unmittelbar 14; eine sichere Ergänzung von Vers 13 ist nicht möglich und wird nicht vorgenommen. Einige Einheiten bestehen nur aus einem Halbvers, andere sind länger als ein gewöhnlicher Shloka. Nummerierung und Umfang bleiben erhalten.

Lesarten und Herausgeberkommentar. Die eckigen Klammern der Sanskritgrundlage enthalten sowohl Lesarten als auch längere Anmerkungen. Besonders umfangreich ist der Kommentar zur Tantraliste in 1.4; er zitiert eine abweichende Liste aus dem Vamakeshvara-Kontext. Solche Zusätze gehören nicht zum fortlaufenden Grundtext und stehen deshalb nicht zwischen dessen Halbversen. Die hier gebotene vollständige Wiedergabe bezieht sich auf den Werktext einschließlich Sprecherangaben und Abschlussformeln, nicht auf die vollständige Reproduktion des Herausgeberapparats. Bedeutungsrelevante Unsicherheiten werden bei den Worterklärungen angezeigt. Die eingebettete Abschlussformel des Karnejapa-Loblieds steht zur besseren Übersicht nach 3.46; in der Vorlage steht sie zwischen dessen Halbversen.

Abkürzungen und schwierige Lesungen. In 3.37–42 ist der wiederkehrende zweite Halbvers durch kṛpayā und Sternchen abgekürzt. Beide Sanskritfassungen bewahren diese Kennzeichnung; die deutsche Übersetzung gibt den aus 3.35–36 erschließbaren Refrain wieder. In 7.36 bleibt die ausdrücklich überlieferte Negation erhalten, obwohl sie im Zusammenhang befremdet. In 7.86 bewahren beide Sanskritabschnitte śavaśaktimayam; die deutsche Übersetzung versteht kontextuell śivaśaktimayam. Die Worterklärung macht diesen Eingriff sichtbar. Zur Doppeldeutigkeit von aṣṭaśata in 4.48 siehe Monier-Williams, Sanskrit-English Dictionary, Stichwort aṣṭaśata. In 5.50–56 folgt die Deutung der Meditation über Frauen dem ausdrücklichen yoṣiccintana in 5.56; die Genitivverbindung in 5.51 bleibt grammatisch mehrdeutig. Der auffällige Sonnenstrahlen-Mondstein-Vergleich in 5.52–53 wird nicht stillschweigend verbessert. Weitere beschädigte oder nicht eindeutig auflösbare Wörter werden sinngemäß mit Unsicherheitshinweis übersetzt, ohne neue Sanskritverse zu bilden.

Verhüllte Ritualsprache. Ausdrücke wie kula, puṣpa, rasa, pura, pīṭha und śakti wechseln zwischen gewöhnlicher, körperlicher und initiatorischer Bedeutung. Übersetzungen wie „Blüte“, „Saft“ oder „Stadt“ sind daher nicht an jeder Stelle ausschließlich wörtlich zu verstehen. Wo der genaue rituelle Bezug nicht gesichert ist, bleibt der Ausdruck offen; nicht jede Verhüllung wird spekulativ aufgelöst. Die geschilderten Siddhis, Flüche, Orakel und Heilwirkungen sind religiöse Aussagen des Textes, keine hier bestätigten Wirkungsnachweise.

Deutsche Fassungen. Die versweise Übersetzung hält sich eng an Wortlaut und Satzfolge. Die zusammenhängende Lesefassung enthält denselben gesamten Werktext, erläutert ausgewählte Fachwörter unmittelbar und verbindet die Verse zu Absätzen. Sie behält auch die schwierigen und befremdlichen Aussagen bei. Die 64 ausgewählten Verse sind demgegenüber bewusst eine thematische Auswahl; ihre Herkunft ist in der Konkordanz angegeben. Erklärungen zu heutiger Praxis sind von den historischen Textaussagen unterschieden.

Textnachweis und Lizenz. Sanskritgrundlage: Muktabodha Indological Research Institute, M00402; Texteingabe unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski; Herausgeber der Druckgrundlage Arthur Avalon, also John Woodroffe. Die elektronische Textgrundlage nennt Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 als Lizenz. Gegenüber dieser Grundlage sind der Herausgeberapparat ausgegliedert, Seitenmarkierungen entfernt und die Absätze für die Wiki-Lektüre gestaltet; Übersetzungen, Worterklärungen und Einführungen sind neu hinzugefügt. Die beigefügten Videos veranschaulichen heutige Yoga-Vidya-Praxis; sie geben keine historische Praxisanweisung oder Textrezitation dieses Tantra wieder.