Aitareya Upanishad Kommentar Shivapriya

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Aitareya Upanishad: Vollständiger Text mit Kommentar von Shivapriya, Yogalehrerin, Ausbildungsleiterin, Leiterin einer Yogaschule in Schöneck-Nidderau. Hier wird die Aitareya Upanishad lebendig, für moderne spirituelle Aspiranten zu einer großen Inspiration. Dieser Kommentar zur Aitareya Upanishad ist weniger ein historisch-kritischer, sondern vielmehr gedacht als Hilfe auf dem spirituellen Weg, auf dem Weg des Jnana Yogas, um zur höchsten Erkenntnis zu kommen.

Die Upanishaden – Einstieg

Die Upanishaden gelten als der philosophische Teil der Veden, als das Ende des Wissens (Veda = Wissen, Antart = Ende).

Alleine aufgrund dieser, allseits bekannten, Definition erscheint es äußerst reizvoll, diesem Ende des Wissens genauer auf die Spur zu kommen!

Die folgenden Überlegungen zu den Upanishaden, wie sie in dem Werk: Klassische Upanishaden – Die Weisheit des Yoga- (Yoga Vidya Verlag) zusammengestellt sind, sind das Ergebnis von regelmäßigen Treffen mit einer Gruppe interessierter Yogalehrerinnen, mit denen zusammen diese Überlegungen diskutiert wurden. Wir haben die Upanishaden zusammen gelesen und dann die Kommentare dazu, die im Folgenden vorgestellt werden, diskutiert. Die vorgelegten Überlegungen sind dabei bereits um unsere Diskussionsergebnisse ergänzt. Den Teilnehmerinnen Shrimayi, Nidia, Sundari und Manuela und ihren Rückmeldungen ist es zu verdanken, dass ich meine Bedenken überwunden habe und die Ergebnisse jetzt in der Form vorlege.

Ich bitte vor Beginn der Lektüre folgendes zu berücksichtigen:

Die Kommentare sind nicht als wissenschaftlich fundierte Untersuchungsergebnisse zu verstehen! Sie sind vielmehr sehr intuitiv und ohne große Nutzung von Sekundärliteratur entstanden, die im Übrigen auch eher rar gesät ist.

Trotzdem verweise ich ab und an auf biologische Zusammenhänge. Die biologischen Fakten sind in dem aufgeführten Zusammenhang eher dürftig naturwissenschaftlich stringent dargestellt und extrem vereinfacht, biologisch gebildeten Lesern sei versichert, in anderen Zusammenhängen kann ich die Fakten sehr viel sauberer und exakter ausführen, aber hier geht es mir um etwas anderes. Meist drängen sich die aufgezeigten Zusammenhänge ganz spontan auf. Und es erschien mir legitim, die Erkenntnisse, die sich aus den Texten ergeben, mit in unserer Zeit bekannten Fakten zu erläutern, einfach um die Bedeutung dieser Texte in unserer Zeit verständlich zu machen. Ich denke, dass das Verfahren schon immer angewandt wurde, wohlwissend, dass die benutzten Erklärungen immer nur einen Teil der enthaltenen Wahrheiten erklären können und jede Zeit ihre eigenen Bezüge und Erklärungen herstellen muss. Dies wurde mir besonders deutlich bei der Lektüre von Sri Sankaracarya’s „Das Herz des Vedanta“, der im Kapitel zur Schöpfung eine ganz ausführliche Zuordnung der Elemente und der Entstehung der verschiedenen Körper vornimmt. Er geht dabei vom Wissen seiner Zeit aus und kann sich so auch in seiner Zeit verständlich machen.

Ich bitte sehr, die aufgenommenen biologischen Bezüge in diesem Sinne zu verstehen. Damit soll nicht der umgekehrte Weg eröffnet werden, quasi eine vedantische Erklärung für biologische Zusammenhänge! Die Naturwissenschaften haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und ihre eigene Terminologie, sie sind eigene, faszinierende Denkgebäude, die unsere Welt hervorragend im vorgegebenen theoretischen Rahmen erklären! Aus den Upanishaden können nach meiner Überzeugung keine einfachen Erklärungen für naturwissenschaftliche Zusammenhänge quasi ein zu eins herausgelesen werden. Das haben die Naturwissenschaften auch gar nicht nötig, da sie über hervorragende Methoden verfügen, ihre Fragen zu beantworten. Aber es macht aus meiner Sicht Sinn, mit dem Wissen unserer Zeit die Aussagen der Upanishaden anschaulich zu machen. Nur darum geht es mir.

Standardmäßig wurde das wirklich hervorragende Spirituelle Wörterbuch Sanskrit-Deutsch von Martin Mittwede der Sathya Sai Vereinigung e.V. benutzt. Wenn Internetquellen zu Rate gezogen wurden, sind diese im Text vermerkt.

Den letzten Anschub zur Veröffentlichung erhielt ich, als ich die umfangreiche Einleitung zum Kandar Anubhuti – Gotteserfahrung des heiligen Arunagirinathar von N.V. Kartihkeyan gelesen habe. Hier erläutert Sri Kartihkeyan ausführlich, wie er im Laufe vieler Jahre der Beschäftigung mit dem Kandar Anubhuti immer mehr zur Überzeugung gekommen ist, dass eine rein wissenschaftliche Herangehensweise an den Text weder der Absicht des Verfassers noch der enthaltenen Weisheit gerecht werden kann. Erst in dem Moment, in dem er seiner eigenen Intuition immer mehr vertraut hat, konnte er den inneren Zusammenhang aller Teile erfassen und Schlussfolgerungen ziehen, die zu einer umfassenden Erkenntnis der enthaltenen Weisheit führte. Ich möchte mich ausdrücklich diesem Vorgehen und der Konsequenz, die sich daraus ergibt, anschließen. Sri Kartihkeyan schreibt (ebd. S. 21) „Ich behaupte nicht, dass die von mir im Kandar Anubhuti entdeckte esoterische Bedeutung vollkommen oder endgültig ist; sie ist offen für Modifikationen, weitere Entwicklungen oder Ratschläge, die ich allseits herzlich begrüßen werde.“

Es ist mir an dieser Stelle darüber hinaus ein wichtiges Bedürfnis, auf die Upanishaden selbst zu verweisen. Je länger ich mich mit den Texten beschäftige, umso größer werden mein Respekt und meine Bewunderung für die Verfasser und die festgehaltenen, zeitlosen Weisheiten. Lässt man sich auf die Texte ein, berühren sie jeden sehr tief und helfen, die eigene Person und unsere Position und unsere Aufgaben in diesem Universum besser zu verstehen. Die Beschäftigung mit den Upanishaden ist ungeheuer bereichernd. So gewinnen die bekannten Mahavakyas, die vier großen Aussagen der Vedanta,

Prajnanam Brahman – Brahman ist Bewusstsein

Aham brahmasmi – Ich bin Brahman

Ayam atman brahma – Dieser Atman ist Brahman

Tat twam asi – Das bist du

ständig an Tiefe, Schärfe und Bedeutung. Das Bild, das wir von uns selbst und der Welt haben, wir ständig deutlicher, was für jeden einzelnen, so meine Beobachtung, ein wirklich faszinierender Vorgang ist. In diesem Sinne kann ich nur hoffen, dass die Kommentare möglichst viele Menschen anregen, sich mit den Upanishaden auseinander zu setzen und ihren eigenen Zugang zu diesen universellen Wahrheiten zu finden.

Die folgenden Bezeichnungen der Upanishaden beziehen sich auf das Buch Klassische Upanishaden aus dem Yoga Vidya Verlag. Wie in der indischen Literatur üblich, wird zuerst der Originaltext genannt, dann folgt der Kommentar.

Aitareya Upanishad Vorbemerkungen

Die Aitareya Upanishad gehört zu den Aitareya Aranyakas des Rigveda.

Sie besteht aus 3 Kapitel = Adhyaya, die in verschiedene Teile = Khanda unterteilt sind.

Thema der Aitareya Upanishad ist die Schöpfung. Kapitel eins erläutert die Entstehung des Bewusstseins, das sich in der Welt befindet.

Der zweite Abschnitt erklärt die Entstehung der Nahrung im weitesten Sinne (das was uns in der Welt leben lässt, was uns bindet, was uns Erfahrungen beschert) und die Konsequenzen des Vorhandenseins dieser Möglichkeiten, nämlich die Entstehung der Körper.

Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Wesen Brahmans.

Wir sind es gewohnt, die Kraft, die dafür sorgt, dass diese Welt mit all ihren Möglichkeiten als Schleier, Hülle um die Wahrheit entsteht, als Kraft der Illusion, als Maya oder Täuschung zu bezeichnen. Interessant ist, dass im älteren indischen Sanskrit Maya im neutralen Sinne von übernatürlicher Kraft, Wunderkraft, benutzt wird. Lässt man sich auf die Aitareya Upanishad ein, beginnt man, diesen Ansatz zu verstehen. Die Erschaffung der Welt mit allen Geschöpfen ist etwas wundervolles, es birgt für alle Geschöpfe und Wesen die Möglichkeit von Erfahrungen und letztlich der Erkenntnis, wer sie wirklich sind. Deshalb ist diese Welt und die sie erschaffende Kraft eigentlich super, ohne sie gäb es uns nicht. Mir gefällt vor diesem Hintergrund die Bezeichnung Magie deshalb viel besser. Maya ist die Wunderkraft, die Magie, die alles entstehen lässt. Das sie letztlich überwunden werden muss, wenn wir zur Wahrheit vordringen wollen schmälert aber nicht die Bedeutung der Welt für uns und damit der Kraft, die sie erzeugt!

Erster Adhyaya Aitareya Upanishad

Erster Khanda

Erster Vers

1. Zu Anfang war diese Welt allein Atman; es war nichts andres da, die Augen aufzuschlagen. Er erwog: „ Ich will Welten schaffen.“

Wir dürfen sicherlich statt „Er“ ,mit der zwangsläufigen Assoziation einer männlichen Wesenheit, das neutrale Absolute denken und sagen. Interessant ist, dass hier Atman an erster Stelle genannt wird, und nicht Brahman. Es ist eben nicht die unveränderliche, ungeborene Wahrheit, die Kraft hinter allen Erscheinungen, sondern ein besonderer Aspekt dieser Kraft, der Teil, der sozusagen etwas erleben will und sich dafür die Welt ausdenkt.

Zweiter Vers

2. Da schuf er diese Welten: die Flut, die Lichträume, das Tote, die Wasser.

Jenes ist die Flut, jenseits des Himmels, der Himmel ist ihr Boden. – Die Lichträume sind der Luftraum.- Das Tote ist die Erde.- Was unter ihr, das sind die Wasser.

Eigentlich sollte man erwarten, dass Atman die bekannten fünf Elemente erschafft: Erde, Wasser, Feuer, Luft und den Raum (Akasha). Aber er schuf nur vier und dann auch noch andere. Deshalb geht es sicher hier zunächst nicht um die konkrete Materie, aus der diese Welt besteht, sondern vielmehr um das, was hinter dieser Materie steht, nämlich die bekannten drei Qualitäten sattwa, rajas und tamas, die in ihrer jeweils charakteristischen Mischung die Materie erst bilden. Das, was jenseits des Himmels ist, das den Himmel als Boden nutzt, kann nur die Qualität sein, die wir mit der Reinheit des Himmels assoziieren, also Sattva. Die Erde wird als das Tote bezeichnet, damit liegt die Vermutung nahe, dass hier die Qualität tamas gemeint ist. Was unter ihr, das sind die Wasser, bevor etwas tot sein kann, muss es lebendig sein, sich bewegen und verändern, man könnte auch sagen, fließen, wie das Wassser, also der Qualität rajas verbunden sein. Die Lichträume, die der Luftraum sind, fallen eindeutig aus diesem Schema. Hier hilft die Überlegung, dass, egal welche Qualität, bzw. Mischung von Qualitäten, sich als Element manifestiert, dies erst kann, wenn noch etwas dazu kommt. Jedes Element kann sich erst als solches manifestieren, wenn es sich ausdehnen kann, wenn es einen Raum einnehmen kann. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier tatsächlich um Akasha, den Raum handelt. Alle drei Qualitäten und die Fähigkeit, einen Raum einnehmen zu können, man könnte auch sagen, eine Gestalt annehmen zu können, führt dazu, dass sich die fünf Elemente manifestieren können und daraus das materielle Universum hervorgehen kann.

Dritter Vers

3. Er erwog: „Das sind nun die Welten; ich will jetzt Weltenhüter schaffen!“ Da holte er aus den Wassern einen Purusha (Mann) hervor und formte ihn.

Interessanter Weise besteht der Mensch bei der Geburt zu ca. 87 % aus Wasser, Erwachsene noch zu ca. 63 % und alte Menschen noch zu ca. 52 %.

Vielleicht ist das auch der natürliche Anteil an rajasigen Qualitäten in uns, der sich im Laufe unseres Lebens etwas abschwächt (hoffentlich zu Gunsten sattwiger Qualitäten…). Ähnliches gilt natürlich auch für alle anderen Lebewesen in entsprechend anderen Prozentsätzen.

Weltenhüter, also diejenigen die dafür sorgen, dass diese Welten ihre Funktionen erfüllen können, gehen nach diesem Absatz aus Bewusstsein hervor. Diesem Ansatz kann man sofort folgen, „am Anfang war das Wort“ ist eine andere Formulierung hierfür. Aus moderner Sicht weniger nachvollziehbar ist die Identifikation des Bewusstseins mit einem Mann. Dass Frauen ebenfalls ein Bewusstsein haben ist zumindest in den meisten Teilen der Welt mittlerweile unbestritten. Außerdem finden sich in der Yogatradition viele Hinweise, dass Bewusstsein und Frauen kein Widerspruch sind (Ida = einer der Hauptnadis, der weiblichen Seite zugeordnet, ist zuständig für das Denken, um nur ein Beispiel zu nennen). Deshalb kann man bei den folgenden Überlegungen zweifellos ohne falsch zu liegen bei der ursprünglichen Bedeutung bleiben und einfach davon ausgehen, dass hier das Bewusstsein gemeint ist, die Fähigkeit also, beobachtend und wertend etwas zu erkennen und Strukturen zu erschaffen. Berücksichtigt man die weiteren Aussagen des 4. Abschnitts, erscheint es zudem sehr zweifelhaft, ob überhaupt direkt auf die Menschheit angespielt wird!

Vierter Vers

4. Den bebrütete er; da er ihn bebrütete, spaltete sich sein Mund wie ein Ei, aus dem Mund entsprang die Rede, aus der Rede Agni;

Die Nase spaltete sich, aus der Nase entsprang der Prana (Einhauch) aus dem Prana Vayu;

Die Augen spalteten sich, aus den Augen entsprang das Gesicht, aus dem Gesicht Aditya;

Die Ohren spalteten sich, aus den Ohren entsprang das Gehör, aus dem Gehör die Dishs Himmelsgegenden);

Die Haut spaltete sich aus der Haut entsprangen die Haare, aus den Haaren Kräuter und Bäume;

Das Herz spaltete sich, aus dem Herzen entsprang das Manas, aus dem Manas der Mond;

Der Nabel spaltete sich, aus dem Nabel entsprang der Apana (Aushauch), aus dem Apana Mrityu (der Tod);

Das Zeugungsglied spaltete sich, aus dem Zeugungsglied entsprang der Same, aus dem Samen die Wasser.

Nach dieser Aufzählung ist klar, dass hier nicht die Entstehung des Menschen gemeint ist. Vielmehr wird hier die Entstehung ganz prinzipieller Strukturen, die sich letztlich in allen Lebewesen in unterschiedlicher Ausprägung finden, beschrieben. Man könnte auch sagen: Das ungeformte Bewusstsein strukturiert sich und findet für die einzelnen prinzipiellen Strukturen entsprechende Aufgaben. Auch die Vorstellung des Archeotyps drängt sich hier auf, in dem Sinne, dass ein allgemeingültiges, nach verschiedenen Fähigkeiten strukturiertes Wesen als reines Bewusstsein existiert. Man kann sich gut vorstellen, dass aus diesem allgemeinen Wesen im nächsten Schritt konkrete Lebewesen Gestalt annehmen.

Wenn man die aufgezählten Strukturen und ihre Funktionen betrachtet, kann sich folgendes Bild ergeben: Das Purusha wird bebrütet – wie eine Idee ausgebrütet wird, das Purusha nimmt also eine ideelle, vielleicht kann man sogar sagen, die ideale Form an, in der noch alle anderen Formen als Idee enthalten sind.

Durch den Vorgang des Bebrütens entwickeln sich die einzelnen Strukturen und ihre Aufgaben. Die Strukturen entstehen, indem sich das Purusha an der entsprechenden Stelle spaltet. Durch Trennung können eine Individualisierung und eine Konkretisierung erfolgen. Im Übrigen bilden sich während der Embryonalentwicklung die Organe, indem sich die Zellen teilen und diese Zellteilung kann man (extrem stark vereinfacht!) auch als Spaltung einer ursprünglichen Einheit auffassen.

Im ersten Schritt differenziert sich der Mund aus (in der Embryonalentwicklung vieler Tiere entsteht zunächst der sogenannte Urmund, aus dem sich später das Darmrohr und die inneren Organe bilden). Der Mund wird mit der Rede assoziiert, und diese mit Agni, dem Feuer. Auch hier drängt sich die Aussage auf: „Am Anfang war das Wort“. Ohne Kommunikationsfähigkeit kann kein Lebewesen auskommen, also ist sie eine zentrale individuelle Fähigkeit der Lebewesen in dieser Welt, sie ist nicht nur für jedes einzelne Lebewesen charakteristisch, sondern auch für jede Art, die eigene Kommunikationstechniken entwickelt, um sich von anderen zu unterscheiden und die eigene Art weiter bestehen zu lassen. Agni steht für: Feuer, Wille, Reinheit, Transformation. Mit diesen Begriffen, kann man auch sehr gut die Bedeutung der Kommunikation für die Lebewesen umschreiben. Jedes Individuum muss den Willen zur Kommunikation aufbringen, was durchaus auch Energie kostet. Letztendlich ist es die Aufgabe der Kommunikation, dafür zu sorgen, dass die Welt ein bisschen besser wird (das vorhandene Maß an Reinheit zu erhöhen), auch wenn sie oft genug genau für das Gegenteil genutzt wird.

Als nächstes bildet sich nach der Liste der Aitareya Upanishad die Nase, daraus das Prana, und daraus Vayu.

Prana ist unsere Lebensenergei, im engeren Sinne, aufsteigende Energie, die mit dem Einatmen verbunden ist. Damit ist eine weitere wichtige Funktion beschrieben, die bei allen Lebewesen vorhanden sein muss, damit sie leben können, sie müssen Energie aufnehmen. Prana steht aber auch für die Verbindung zwischen dem grobstofflichen und dem feinstofflichen Körper. Auch das ist wichtig! Die feinstoffliche Energie muss in die Materie fließen können, damit diese sozusagen belebt ist. Im Yoga wird die Funktion dem Pranakörper zugesprochen.

Aus dem Prana wird Vayu, das für Luft allgemein, das Luftelement, aber auch den Gott des Windes steht. Diese Verbindung ist in so fern interessant, als sie unsere gängigen Vorstellungen von Ursache und Wirkung auf den Kopf stellt. Es entsteht nach den Aussagen der Upanisahd erst die Funktion (Nase – Prana) dann erst das Medium, die Grundlage, nämlich der Luftraum, der Gott des Windes als Voraussetzung für die Entstehung des materiellen Windes, der durch die Welt weht. Oder, anders formuliert: den Wind, die Luft gibt es nach der Aitareya Upanishad nur, weil die Lebewesen eine Möglichkeit brauchen, Energie aufnehmen zu können, weil sie eine Verbindung zwischen dem Grobstofflichen und dem Feinstofflichen brauchen.

Aus den Augen entwickelt sich das Gesicht und daraus Aditya. Die Augen sind ein wichtiges Wahrnehmungssystem der Lebewesen. (Die Augen bilden sich bei der Embryonalentwicklung als erstes aus dem Nervenrohr, auf der mechanischen Grundlage der Augen können sich die Gehirnbereiche aufblähen und wachsen). Die Augen und das Gesicht mit den anderen Sinnen ermöglichen eine Wahrnehmung der Welt, die für jedes Lebewesen anders aussieht. Dies gilt für die Individuen einer Art, die einen sehr individuellen Blick auf die Welt entwickeln, um so mehr noch für verschiedene Arten, die unterschiedliche Ausschnitte der Welt wahrnehmen ( es sei hier nur daran erinnert, dass Insekten ein anderes Lichtspektrum sehen oder Hunde einen intensiveren Geruchssinn haben). Es macht damit insgesamt durchaus Sinn, davon auszugehen, dass es Wahrnehmungsorgane braucht, wenn ein Lebewesen in dieser Welt überleben soll. Am Anfang muss sich also die prinzipielle Fähigkeit der Wahrnehmung herausbilden.

Mit dieser Wahrnehmungsfähigkeit ist die Aditya assoziiert. Aditya steht für die Sonne, die in den späteren Texten immer wieder als Bild für das Absolute benutzt wird. Adytia ist auch eine Götterklasse, es sind die Söhne der Aditya, des unendlichen Bewusstseins. Und hier wird es spannend, denn wir erhalten den ersten Hinweis darauf, wozu wir eigentlich alle unsere Wahrnehmungsfähigkeiten bekommen: um das Absolute zu erkennen! Maya, die Kraft, die all dies schafft, ist also auf etwas Positives ausgerichtet: wir sollen die Wahrheit erkennen.



Im nächsten Schritt entstehen die Ohren, aus diesem das Gehör und daraus die Dishs, die Himmelsgegenden.

Interessant ist, dass hier das Gehör nicht mit der akustischen Wahrnehmung assoziiert wird, sondern mit den Himmelsgegenden, bzw. Raumrichtungen. Auch das Vishudha Chakra mit dem Element Akasha, Raum, ist mit dem Gehör verbunden. Es geht hier also nicht um die Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeit, diese wurde ja auch bereits mit der Entstehung der Augen in Verbindung gebracht. Das Ohr enthält nicht nur die Organe, mit denen wir akustische Signale entschlüsseln können, es ist auch der Sitz unseres Gleichgewichtssinns. Bleiben wir bei der Vorstellung, dass uns dieser Text der Aitareya Upanishad die Entstehung eines ersten idealen Bewusstseinswesen erklärt, aus dem dann die konkreten verschiedenen Lebewesen der unterschiedlichen Arten hervorgehen können, öffnet sich der Blick auf die entscheidende Frage: Was muss ein solches ideales Lebewesen eigentlich können, wenn es jetzt schon kommunizieren kann, energiewandeln kann und wahrnehmen kann? Klare Antwort: es muss sich in dieser Welt orientieren können, es muss die Himmelsrichtungen wahrnehmen können und sich im Raum bewegen können – und genau das ist mit der Ausdifferenzierung der Ohren möglich.

Nach dem vorliegenden Text differenziert sich dann die Haut, daraus werden die Haare und daraus die Kräuter und Bäume.

Wir können festhalten, dass sich das undifferenzierte Bewusstsein bisher in die fünf Wahrnehmungsqualitäten und die entsprechenden Gottheiten (Aditya) differenziert hat, die auch die gesamte Macht der Wahrnehmungsfähigkeiten symbolisieren. Außerdem hat das sich ausdifferenzierende Bewusstsein die Fähigkeit zur Kommunikation und zur Orientierung im Raum. Was jetzt noch fehlt ist die Fähigkeit, direkten Kontakt mit anderen aufzunehmen, sich auf einen wirklichen Austausch mit anderen einzulassen. Die Haut steht mit dem Gefühl in Verbindung, d.h. mit der Fähigkeit auf direkte mechanische Reize, auf eine Berührung, zu reagieren. Erst wenn Lebewesen auf solche Reize reagieren können, kann etwas Neues, eine Reaktion, eine Handlung in der Welt entstehen. Das ist auch die Voraussetzung dafür, dass Lebewesen die Geschenke der Natur nutzen können, sie müssen sie berühren können, um sie z.B. als Nahrung aufnehmen zu können.

Mit dieser Überlegung löst sich auch der scheinbare Widerspruch auf, wieso sich zuerst offensichtlich die Merkmale tierischer Lebewesen aus dem allgemeinen Bewusstsein herausbilden, wo doch evolutiv betrachtet zuerst das Pflanzenreich entstand. Auch hier muss der Blickwinkel verschoben werden: es geht nicht um die übliche Ursache – Wirkungskette. Vielmehr geht es um die allgemeinen Funktionalitäten, bildlich gesprochen um ein Hologramm, aus dem sich, je nach Blickwinkel, die konkreten Individuen bzw. Arten der Lebewesen entwickeln. In dem Moment wo die prinzipielle Fähigkeit zur Berührung, zur emotionalen Kontaktaufnahme, zur Reaktion auf die Reize der Welt, die Fähigkeit zum Handeln etabliert ist, ergibt sich auch die Notwendigkeit zur Entwicklung von anderen Lebewesen, die von außen wahrgenommen und berührt werden können und als Ziel von Handlungen dienen können. Damit sind wir wieder in der bekannten evolutiven Reihe: es bildet sich die Pflanzenwelt, die als erste Partner des differenzierten Bewusstseins vorhanden ist. Da sie aus dem sich differenzierenden Bewusstsein hervorgehen müssen, sind sie Teil dieses Bewusstseins, wie die tierischen Lebewesen auch! Sie entsteht als erster Partner für das sich ausdifferenzierende Bewusstsein und damit im weitesten Sinne als materielle Grundlage für die eigentliche biologische Evolution, auch das Stichwort Nahrung liefert eine breite Palette von Möglichkeiten, weitere Bedeutungen dieser Verse zu entwickeln.

Im nächsten Schritt entwickelt sich das Herz, aus diesem Manas, das Denken und aus diesem der Mond. Alleine die Tatsache, dass Berührung, Gefühl und Denken nacheinander genannt werden ist bemerkenswert. Die Gehirnforschung zeigt immer deutlicher auf, wie eng diese beiden Fähigkeiten miteinander verknüpft sind (um nur ein Beispiel anzudeuten: Gefühle dienen u.a. als Zugang zu Gedächtnisinhalten). Das Herz wurde auch oft als Sitz des Denkens angenommen (indianische Mythen). Im Yoga ist der Satz: „Das Ende von Jana Yoga ist Bhakti und das Ende von Bhakti Yoga ist Jana“ tief beeindruckend. Hier findet sich der Ursprung dieser Weisheit: Das Gefühl alleine kann nicht zu einer sinnvollen Reaktion auf die Reize der Welt führen. Wir müssen diese Reize bewerten, um eine wirklich angemessene Reaktion und Handlung auf diese Reize folgen zu lassen und dafür benötigen wir die Fähigkeit zu denken. Das Denken ist hier also nicht prioritär, es dominiert nicht alles, so wie wir es in unserer westlichen Welt gewohnt sind, sondern es modifiziert lediglich unsere prinzipielle, emotionale Reaktionsfähigkeit auf die Welt. Das Denken ermöglicht uns eine sinnvolle Reaktion, nicht mehr und nicht weniger.

Da aus dem Denken der Mond hervorgeht, sind eigentlich allen künftigen (historisch gesehen leider sehr erfolgreichen) Versuchen, das Denken und rationale Fähigkeiten dem männlichen Geschlecht zuzuordnen, eindeutige Riegel vorgeschoben, denn der Mond wird der weiblichen Seite in jedem Wesen zugeordnet und steht auch für eine sehr wichtige Form des Denkens, für die Intuition.

Es folgt die Differenzierung des Nabels, aus dem Nabel bildet sich Apana, absteigende Energie, die Ausscheidung und Fortpflanzung steuert. Aus Apana ergibt sich Mrityu, der Tod. Durch die direkte Kontaktaufnahme der Lebewesen untereinander ergibt sich zwangsläufig die Aufgabe der Veränderung des Aufgenommenen. Dies gilt sowohl auf der rein energetischen Ebene als auch auf der konkreten materiellen Ebene. So wird mit der Nahrung ja nicht nur Materie aufgenommen, sondern auch eine bestimmte Kombination von Energie. Durch den Verarbeitungsprozess verändern sich diese Energien, aufgenommene Ideen werden verändert, die aufgenommenen Nahrungsbausteine werden neu zusammengesetzt. Dabei entstehen immer auch Abfallprodukte, die in der einen oder anderen Form „ausgeschieden werden“. Bevor eine Theorie fertig formuliert wird, entstehen jede Menge falsche bzw. unvollständige oder unsinnige Aussagen. Wenn aus aufgenommenen Eiweißen neue Muskelmasse entsteht bleiben Abfallstoffe übrig, die ausgeschieden werden. Jede Ausscheidung kann auch als Tod der ursprünglichen Form aufgefasst werden, deshalb ist es nur folgerichtig, dass mit Apana, der Fähigkeit zur Kontrolle von Ausscheidung und Fortpflanzung auch der Tod entsteht. Geburt und Tod sind danach bereits klar als untrennbare Einheit eingeführt. Beides sind die Konsequenz der Fähigkeit, Neues zu erschaffen, auf die Welt zu reagieren, sie sind die Konsequenz der erforderlichen Übergänge von einem Zustand in einen anderen.

Zuletzt wird angeführt, dass aus dem Zeugungsglied der Same entsteht und aus dem Samen das Wasser. Auf den ersten Blick ist das eine etwas verwirrende Kombination. Einleuchtend ist, dass natürlich noch die prinzipielle Fähigkeit zur Fortpflanzung vorhanden sein muss. Die Reduktion auf das (männliche) Zeugungsglied mag damit entschuldigt werden, dass zur Zeit der Verfassung der Texte die weibliche Anatomie vielleicht noch nicht so bekannt war. Wahrscheinlicher erscheint mir aber, dass der Begriff Zeugungsglied allgemeiner zu verstehen ist und sich auf die Zeugungsorgane beider Geschlechter bezieht. Dies wird durch die Aussage untermauert, dass aus dem Zeugungsglied der Same hervorgeht, denn der Same ist das Produkt der Vereinigung beider Geschlechter, reduziert man sich nicht geistig auf das männliche Zeugungsglied, das Spermien produziert, sondern hat die umfassendere Sicht auf die Produktion von neuen Nachkommen, eben den Samen für die nächste Generation. Auch die Tatsache, dass aus dem Samen das Wasser hervorgeht spricht für diese Sicht, denn, zumindest wenn es sich um Säugetiere handelt, kann sich kein „Same“ ohne Fruchtwasser entwickeln!

Interessant ist schließlich noch, dass mit dem Swadhisthana Chakra, das den Geschlechtsorganen zugeordnet ist, der Geschmack assoziiert ist. Der Geschmack vermittelt Freude, er bewahrt uns aber auch vor Fehlern, so können z.B. einige giftige Stoffe wahrgenommen werden und so Vergiftungen mit Nahrungsmitteln verhindert werden. Der ewige Kreislauf der Generationen, Grundlage der natürlichen Evolution, ist also auch eine Quelle der Freude, in dieser Welt zu sein – und das ist ein wundervoller Gedanke!

Zusammenfassend kann man sagen, dass mit den Versen des Abschnitts vier erklärt wird, wie sich das Purusha, das undifferenzierte Bewusstein Atmans, in ein differenziertes Bewusstsein verwandelt, aus dem alle anderen Bewusstseine, letztlich die Lebewesen, hervorgehen. In diesem Sinne könnte man auch sagen, dass hier beschrieben wird, wie sich die Welt, verstanden als umfassendes Bewusstsein, das die Struktur aller möglichen Körper vorwegnimmt bzw. beinhaltet, entsteht. Die Welt wird hier als lebendiges Bewusstsein aufgefasst, die materielle Seite der Welt wird hier noch nicht beschreiben, sie ist der geistigen Struktur, die das Weltbewusstsein ausmacht, quasi immanent. Mit dieser Vorstellung im Kopf kann man sich leicht vorstellen, wie sich aus dem differenzierten Weltenbewusstsein die verschiedenen Körper bilden, die materielle Welt mit allen Lebewesen hervorgehen kann.

Erster Adhyaya Zweiter Khanda

Erster Vers

Diese Gottheiten, nachdem sie geschaffen, stürzten in diesen großen Ozean herab; den gab er dem Hunger und dem Durst preis. Da sprachen jene zu ihm: „Ersieh uns einen Standort, in dem wir feststehen und Speise essen können.“

Nachdem das prinzipielle Bewusstsein, das Weltenbewusstsein mit all seinen allgemeinen Fähigkeiten erschaffen war, besonders die Wahrnehmungsmöglichkeiten mit den dazu gehörigen Göttern, müssen sie auch motiviert werden, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Diese Motivation muss sehr stark sein, denn der ursprüngliche Zustand ist zweifellos sehr befriedigend. Alle Möglichkeiten und Potentiale zu haben, heißt noch nicht, diese auch zu nutzen! Deshalb müssen sehr starke Anreize entstehen, die vorhandenen Potentiale auch auszuschöpfen, quasi aus dem befriedigenden Urzustand in individuelle Seelen bzw. Körper auszudifferenzieren. Diese starken Reize sind sehr elementar, nämlich Hunger und Durst im weitesten Sinne. Elementare Bedürfnisse wollen befriedigt werden, sie zwingen zu entsprechenden Handlungen. Und der erste Zwang, der sich aus diesen elementaren Bedürfnissen ergibt, ist der Wunsch nach einem entsprechenden physischen Körper, in dem die elementaren Bedürfnisse auch tatsächlich befriedigt werden können. Deshalb der Wunsch: Gib uns einen Standort, in dem wir feststehen und Speisen essen können.

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Praxisbezug:

Was heißt das für uns heute? Wenn wir Verständnis für die Bedeutung unserer eigenen Bedürfnisse entwickeln, können wir unseren Handlungsmotiven auf die Spur kommen und wir können lernen, was wichtige, elementare Bedürfnisse sind und was nicht. Im Grunde genommen fordert uns dieser Vers auf, unsere Unterscheidungskraft zu schulen. Wir sollen die Götter (bzw. Dämonen) die in uns manifestiert sind, kennenlernen und mit deren Bedürfnissen sinnvoll umgehen.

Zweiter Vers

  1. Da führte er ihnen eine Kuh vor; sie aber sprachen:“Diese genügt uns nicht.“ – Da führte er ihnen ein Pferd vor; sie aber sprachen:“Dieses genügt uns nicht.“

Kuh und Pferd stehen sicherlich für das Tierreich insgesamt. Die erschaffenen Götter können zwar offensichtlich prinzipiell auch in den Tieren leben, denn es wird nicht gesagt: “Wir können nicht in diesem leben“. Wir können also davon ausgehen, dass dieser Vers auch meint, dass Tiere den Göttern einen Körper geben, oder, moderner ausgedrückt: dass Tiere eine Seele haben. Aber es genügt den Göttern nicht, nur mit diesen Körpern ihre Erfahrungen zu machen.

Dritter Vers

  1. Da führte er ihnen einen Menschen vor. Da sprachen sie: „Ei, das ist wohlgelungen!“ Denn der Mensch ist wohlgelungen. Er sprach zu ihnen: So fahrt in ihn je nach eurem Standorte hinein!“

Niemand kann die elementaren Bedürfnisse so vielfältig und ausgeklügelt und raffiniert befriedigen, wieder der Mensch (Man denke nur an die diversen Kochshows). Aber zweifellos wird mit diesem Vers auf noch mehr hingewiesen: Kein Lebewesen hat so differenzierte Erkenntnisfähigkeiten wie der Mensch. Nur der Mensch kann also umfassend kreativ werden und so das Potential des ursprünglichen Bewusstseins so zur Vollendung bringen wie der Mensch. Nur im menschlichen Körper können so vielfältige Erfahrungen gemacht werden, die letztlich dazu führen, die Wahrheit hinter allen Wahrnehmungen und Erkenntnissen zu erfassen. Deshalb wird jedem der ursprünglichen, einmal entwickelten Fähigkeiten des differenzierten Bewusstseins, verstanden als Gottheiten, je nach ihrer Funktion einen Platz im Körper des Menschen zugewiesen.

Vierter Vers

  1. Da geschah es, dass
<p>Agni als Rede in seinen Mund einging,

Vayu als Prana in seine Nase einging,

Aditya als Gesicht in seine Augen einging,

die Dishs als Gehör in seine Ohren eingingen,

Kräuter und Bäume als seine Haare in seine Haut eingingen

der Mond als Manas in sein Herz einging,

Mrityu als Apana in seinen Nabel einging

die Wasser als Samen in sein Zeugungsglied eingingen.

Die prinzipiellen Fähigkeiten des differenzierten Bewusstseins werden also mit den Gottheiten gleichgesetzt, die sich, je nach ihrer Funktion für den Organismus, in unterschiedlichen Körperteilen des Menschen manifestieren. Unsere menschlichen Fähigkeiten sind damit göttliche Fähigkeiten! Alleine mit dieser simplen Feststellung ist eine große Herausforderung verbunden, nämlich, alle unsere Fähigkeiten auch als göttliche Fähigkeiten zu erkennen und uns entsprechend verantwortungsbewusst dieser Fähigkeiten zu bedienen. Das gilt sowohl für unsere Fähigkeit zu atmen, wie zu verdauen, uns fortzupflanzen und zu sterben, alle diese Fähigkeiten sind, so die Aussage der Upanishad, letztlich göttlicher Natur.



Kräuter und Bäume gehen als Haare in die Haut ein. Das Bild ist nicht nur Symbol für die enge Verbindung von Pflanzen und Tieren, sondern Haare sind auch ein Sinnesorgan, um die Signale aus der Umwelt aufzunehmen. Die Tendenz des modernen Menschen, sich möglichst bis auf die Kopfhaare von allen Haaren zu befreien, wird so zu einem Symbol für den Verlust einer wichtigen Wahrnehmungsfähigkeit: sich auf die Signale unserer Umwelt im weitesten Sinn einzulassen. Haarverlust gilt außerdem als Zeichen der Zurückweisung, was ins Bild passt. Die Haare können keine positiven Signale aus der Umwelt auffangen, haben “keine Funktion“ bzw. sorgen mit den negativen Signalen für Unruhe im Körper und werden daher reduziert. Weiter gilt eine mächtige Haarpracht als Zeichen für Macht, Unsterblichkeit und Gesundheit, ein Symbol für die ungehinderte und freie Kommunikation, den Energieaustausch mit der Umwelt.

Fünfter Vers

  1. Da sprachen Hunger und Durst zu ihm: „Ersieh auch für uns einen Standort!“ Und er sprach: „In diesen Gottheiten lasse ich euch mit genießen, in diesen Gottheiten mache ich euch zu Teilnehmern.“ – Daher kommt es, dass, für welche Gottheit immer die Opferspeise beschaffen wird, in dedr sind der Hunger und Durst Teilnehmer daran.

Wir fragen uns oft, warum gibt es überhaupt individuelle Menschen, im übertragenen Sinne Lebewesen, mit all ihrem Kummer und Leid? Warum wurde der glückselige, ursprüngliche Zustand überhaupt aufgegeben? Hier haben wir die Antwort: Hunger und Durst als elementare Handlungsmotivationen sind jedem Körper immanent. Ohne diese würde sich kein Körper erhalten, es fehlte die Motivation dazu! Hunger und Durst führen dazu, dass wir in unseren Körpern leben können und unsere Erfahrungen machen können, die uns am Ende die Wahrheit über unsere wahre göttliche Natur eröffnen. Die Kehrseite ist, dass die Befriedigung dieser Bedürfnisse Ausgangspunkt für viele Missverständnisse und fehlgeleiteten Handlungen ist, was zu Leid führt. Man kann hier die Konsequenzen von Essstörungen aller Art ebenso aufführen wie die von Machtgier oder Geltungssucht, von Zorn und Hass oder Neid. Anders ausgedrückt: die Ursache dafür, dass wir wundervolle Erfahrungen machen können oder in der Lage sind, Erkenntnisse gleich welcher Art zu erlangen, kann bei Missbrauch dieser Fähigkeiten auch zu Leid führen. Unsere Aufgabe ist es demnach, Durst und Hunger der Gottheiten in uns immer angemessen zu befriedigen und als Motor für unsere eigene Entwicklung zu nutzen.

Dritter Khanda Erster Adhyaya Aitareya Upanishad

Wir haben mit der Aittareya Upanishad bisher einen genaueren Blick auf die Erschaffung der Welt geworfen. Wir haben erfahren, dass zunächst die drei Grundqualitäten sattwa, rajas und tamas als aller Materie innewohnend entstanden. Im nächsten Schritt wurde quasi das Urbild aller Lebewesen aus Bewusstsein geformt, das die grundlegenden Strukturen und Eigenschaften bzw. Aufgaben der Lebewesen darstellte und das gesamte Potential aller Lebewesen enthielt. Diese allgemeingültigen Strukturen eines Lebewesens und seine Potentiale als Ausdruck des reinen Bewusstseins wurden als Götter geschaffen. Die Götter sind damit vom Anbeginn der Zeit an untrennbar mit den Lebewesen verbunden. Der Mensch als Idealbild, als Potential all dessen, was den Menschen ausmacht, ist dabei die bevorzugte Wohnstatt der Götter. Gleichzeitig wurde die grundlegende Motivation aller Lebewesen, sich dem Spiel der Welt auszusetzen, geschaffen, Hunger und Durst.

Im weiteren Verlauf der Aitareya Upanishad wird die Schöpfungsgeschichte konkreter betrachtet.


Erster Vers

1. Er erwog: „Da sind nun die Welten und Weltenhüter; ich will jetzt für sie Nahrung schaffen!“

Zweiter Vers

2. Und er bebrütete das Wasser; aus ihnen, da sie bebrütet wurden, entstand eine Gestalt. Die Gestalt, die da entstand, das ist die Nahrung.

Die Erschaffung von konkreten einzelnen Lebewesen aus dem reinen Bewusstsein führt noch nicht dazu, dass diese auch zueinander in Beziehung treten können. Zwar haben sie bereits Hunger und Durst, aber sozusagen noch nicht die Möglichkeit, diese Bedürfnisse zu stillen. Die Lebewesen können noch nicht erkennen, wer für sie das Bedürfnis Hunger und Durst stillen kann. Interessanter Weise wird nicht festgelegt, wer hier Nahrung für wen ist, oder was als Nahrung für die Wahrnehmungsfähigkeit der Lebewesen oder deren Fähigkeiten dienen könnte, sondern nur, dass es so etwas wie im weitesten Sinne Nahrung geben muss. Es muss etwas Gestalt annehmen, dass das Bedürfnis nach Austausch mit anderen befriedigen kann.

Dritter bis neunter Vers

3. Diese, da sie geschaffen war (abhisrishtam sat) suchte ihm wegzulaufen; da suchte er sie zu greifen mit der Rede, aber er konnte sie mit der Rede nicht greifen; hätte er sie mit der Rede gegriffen, so würde man durch bloßes Aussprechen der Nahrung satt werden;

4. Da suchte er sie zu greifen mit dem Einhauche, aber er konnte sie mit dem Einhauche nicht greifen; hätte er sie mit dem Einhauche gegriffen, so würde man durch bloßes Einhauchen (Beriechen) der Nahrung satt werden;

5. Da suchte er sie zu greifen mit dem Auge, aber er konnte sie mit dem Auge nicht greifen; hätte er sie mit dem Auge gegriffen, so würde man durch bloßes Sehen der Nahrung satt werden;

6. Da suchte er sie zu greifen mit dem Ohre, aber er konnte sie mit dem Ohre nicht greifen; hätte er sie mit dem Ohre gegriffen, so würde man durch bloßes Hören der Nahrung satt werden;

7. Da suchte er sie zu greifen mit der Haut, aber er konnte sie mit der Haut nicht greifen; hätte er sie mit der Haut gegriffen, so würde man durch bloßes Betasten der Nahrung satt werden;

8. Da suchte er sie zu greifen mit dem Manas, aber er konnte sie mit dem Manas nicht greifen; hätte er sie mit dem Manas gegriffen, so würde man durch bloßes Denken an die Nahrung satt werden;

9. Da suchte er sie zu greifen mit dem Zeugungsgliede, aber er konnte sie mit dem Zeugnungsgliede nicht greifen; hätte er sie mit dem Zeugungsgliede gegriffen, so würde man durch bloßes Ergießen der Nahrung satt werden.

Die einmal erschaffene Funktion der Nahrung hat zwar eine konkrete Gestalt, je nach dem, was gerade als reale Nahrung zur wörtlichen Ernährung eines Lebewesen dienen kann, oder welche abstrakte Gestalt die Nahrung für die verschiedenen inneren Bedürfnisse eines Lebewesens denkbar ist, aber sie steht den Wesen nicht einfach so zu Verfügung. Sie entzieht sich immer wieder. Damit ist sehr anschaulich umschrieben, dass eine flüchtige Berührung, ein einfaches Ansehen oder das Nachdenken über die Nahrung das grundlegende Bedürfnis nach dieser Nahrung nicht befriedigen kann. Weder das Reden über die Nahrung noch ein Bild von Nahrung macht satt. Weder das Hören von einem Ereignis noch die Nutzung der eigenen Fähigkeiten, Phantasie und Vorstellungskraft (die Nutzung des Zeugungsgliedes) ersetzt die tatsächliche Erfahrung. Um die Möglichkeiten, die diese Welt bietet, wirklich gemäß unserer Bedürfnisse und Potentiale ausschöpfen zu können, muss noch eine ganz andere Beziehung mit der jeweiligen „Nahrung“ aufgebaut werden.

Zehnter Vers

10. Da suchte er sie zu greifen mit dem Aushauche (Apana, (hier wohl das Prinzip der Verdauung); da verschlang er sie. Darum, was der Wind ist, das ist der Nahrungsüberwinder (Wortspiel zwischen avayat und Vayu), was der Wind ist, das ist der Nahrungsüberwinder (Wortspiel zwischen Vayu und annayu).

Die prinzipiellen Möglichkeiten der Wahrnehmung (die Götter) und der Wunsch alleine (erwachsen aus Hunger und Durst) genügen nicht, um in der physischen Welt physisch zu überleben, zu handeln und Erkenntnisse zu gewinnen. Es muss auch eine ganz innige Verbindung zwischen allen Teilen der Welt vorhanden sein – ein wechselseitiges in sich aufnehmen und ineinander übergehen. Erst dann können von jeder Form alle Aspekte erfahren werden. Es braucht: den Wind als verbindendes Element, konkret den Ausatem, als das, was man gibt und als das, was von anderen aufgenommen werden kann.

Der Wind als „Überwinder“ der Nahrung ist hierfür ein wunderbares Bild! Wer ist schon schneller als der Wind? Kein Lebewesen kann steuern, wessen Ausatem er aufnimmt – im übertragenen Sinn: von wem er überwunden wird. Das heißt auch: Jeder ist für irgend jemanden Nahrung! Der Wind als Nahrungsgewinner: nur wer ausatmet – also gibt – gewinnt das, was er als Nahrung braucht.

Praxisbezug: Normalerweise ist jeder mit sich und seinen eigenen Bedürfnissen beschäftigt. Wir nehmen die Welt aus unserer Perspektive wahr und alles dreht sich um uns und unsere Wünsche und Begierden. Unsere Reaktionen auf die Welt hängen davon ab, ob die Welt unsere Bedürfnisse befriedigt oder nicht. Die Erkenntnis, dass das, was uns überleben lässt, nicht das ist, was wir bekommen, sondern das, was wir geben, hat weitreichende Konsequenzen für unser praktisches Leben. Wir können lernen, unseren Blick zu schärfen für das was wir brauchen, warum wir es erhalten und auf die Bedeutung, die wir für andere haben. Wir können lernen, unseren Egoismus abzubauen und uns für andere wirklich zu öffnen, letztlich im Bewusstsein: wir sind sowieso Nahrung für andere, ob uns das bewusst ist oder nicht.

Elfter Vers

11. Er erwog: „Wie könnte dieses (Menschengefüge) ohne mich bestehen ?“ Und er erwog: „Auf welchem Wege soll ich in dasselbe eingehen?“ Und er erwog:“Wenn durch die Rede gesprochen, durch den Prana eingehaucht, durch das Auge gesehen, durch das Ohr gehört, durch die Haut gefühlt, durch das Manas gedacht, durch den Apana ausgehaucht, durch das Zeugungsglied ergossen wird,- wer bin denn ich?“

Auch wenn der Mensch nach diesem Schöpfungsakt physisch überleben kann, wäre er ohne ein höheres Element in sich seinen physischen und geistig-emotionalen Bedürfnissen hilflos ausgeliefert. Er hätte keine Möglichkeit zu erkennen, warum er in dieser Welt essen, trinken, schlafen, handeln, begehren muss. Der Mensch könnte sich selbst nicht erkennen, er könnte sich nicht die Frage stellen: „Wer bin denn ich?“ Wirklich bestehen können die Menschen nur aus dem wahren inneren Selbst heraus. Es ist etwas in uns, das uns all unsere Fähigkeiten nutzen lässt, unsere „Nahrung“ erobern lässt und uns zu Erfahrungen und Erkenntnissen führt.

Praxisbezug: Das Bewusstsein, nicht nur Körper, Geist und Emotionen zu sein lässt uns Schwierigkeiten überwinden und besondere Leistungen vollbringen. Alle großen Dichter, Entdecker usw. erleben sich als angebunden an etwas Größeres, wenn sie ihre besondere Leistung vollbringen. Aber auch jeder Mensch hat solche Erlebnisse des Einsseins mit etwas Größerem, aus dem heraus ein als vollkommen erlebter Augenblick oder ein vollkommenes Produkt entsteht. Die Frage ist, wie kommt es zu dieser Verbindung mit dem Absoluten?

Zwölfter Vers

12. Da spaltete er hier den Scheitel und ging durch diese Pforte hinein. Diese Pforte heißt Vidriti (Kopfnaht, wörtlich Spalt) und selbige ist der Seligkeit Stätte.

Drei Wohnstätten hat er und drei Traumstände (Wachen, Traum, Tiefschlaf); er wohnt hier (im Auge beim Wachen) und wohnt hier (im Manas, beim Träumen) und wohnt hier (im Äther des Herzens beim Tiefschlaf.

Da alle wichtigen Energiezentren bereits von den Wahrnehmungsqualitäten besetzt sind, erfolgt der Eintritt des wahren inneren Selbst (Atman) über den Schädel /Scheitel. Das Selbst ist aber weder das Sehen, noch das Auge, noch alle Wünsche und Handlungen, die mit dem Auge zusammenhängen usw. es ist weder Körper noch Wahrnehmungs- noch Handlungsorgane noch geistige Kräfte. Es ist zwar die Ursache von allem, aber nicht mit diesen identisch (s. Gita). Das Selbst ist die Erkenntnismöglichkeit, die hinter allen Funktionen von Körper, Geist und Seele steckt.Im Wachzustand, symbolisiert durch die Augen, liefert das innere Instrument der Psyche Erkenntnisse, im Traum liefert das intuitive Erfassen als Manas (Einheit von Denken und Fühlen) Erkenntnisse, im Tiefschlaf fallen alle nach außen gerichteten Aktivitäten und Funktionen weg und eine direkte Erkenntnis über die Erfahrung von Wonne ist möglich.

Praxisbezug: Das Wissen, das hinter allen Wahrnehmungen, die uns auf vielfältige Weise mit der Welt verbinden, noch etwas Anderes, Höheres steht, ermöglicht uns Distanz zum eigenen Leben mit all seinen Erfahrungen. Wir können alle Wahrnehmungen und Erfahrungen machen, aber wir müssen uns nicht mit ihnen identifizieren. Das Wissen, dass wir Zugang zu unserem wahren inneren Selbst erlangen können, befreit von Angst, das Leben nicht bewältigen zu können. Wir können das Selbst erfahren, indem wir ganz achtsam und aufmerksam unsere Wahrnehmungen annehmen und analysieren. Wir können auf unsere Intuition vertrauen und wir können uns in die innere Wonne fallen lassen.

13.-14. Vers

13. Nachdem er geboren, überschaute er die Wesen, - und er sprach: “Was wollte sich hier für ein (von mir) Verschiedener erklären?“ Aber doch erkannte er diesen Menschen als Brahmandurchdrungenste. Und er sprach: “Dieses habe ich ersehen (idam adarsham).

14. Darum heißt er Idan-dra, denn wirklich heißt er Idandra; aber ihn, der Idandra heißt, nennen sie Indra auf geheimnisvolle Weise; denn die Götter lieben gleichsam das Geheimnisvolle, - die Götter lieben gleichsam das Geheimnisvolle.

Nachdem sich das Göttliche manifestiert hat stellt diese Kraft zu Recht fest: wer könnte sich als von mir verschieden verstehen? Das Göttliche hat sich in allen Wesen manifestiert, es überschaut dabei alle Wesen, nicht nur den Menschen! Der Mensch hat also nach diesen Versen keine wirkliche Sonderstellung, er unterscheidet sich von allen anderen von Gott durchdrungenen Wesen nur dadurch, dass im Menschen die Gegenwart Gottes besonders deutlich werden kann, er ist am durchdrungensten von Brahman. Nimmt man diese Aussage ernst, hat sie weitreichende Konsequenzen für das Verständnis der Welt. Dann hat der Mensch z.B. nicht das Recht, alle Ressourcen für sich zu beanspruchen, sondern er muss sie mit allen Wesen teilen.

Idam adarsham – Dieses habe ich ersehen – wird im Laufe der Geschichte der Menschen im betrachteten Kulturkreis zu Idan – dra, zum Gott Indra. Wird Indra verehrt, verehren wir aber in Wirklichkeit die in uns selbst wohnende göttliche Kraft in allen Facetten unseres Menschseins. Der Mensch hat das größte Potential zur Erkenntnis, dies ist beabsichtigt, dies ist „ersehen“, als aktiver Prozess der Schöpfung. Die Tatsache, dass der Mensch ein solches Potential der Entwicklung besitzt ist aber nicht offensichtlich, sondern muss erarbeitet werden. So wie wir unser Talente allmählich entdecken und schulen müssen, müssen wir auch unsere in uns versteckte göttliche Natur, unser wahres inneres Selbst entdecken und zur Entfaltung bringen – die Götter lieben das Geheimnisvolle.

Praxisbezug: No risk – no fun! Durst und Hunger, also unsere Fähigkeiten und Bedürfnisse, wollen genutzt werden. Wäre alles offensichtlich, gäbe es keinen Grund zur Bemühung um Erkenntnis. Damit würde ein Teil der Erkenntnis wegfallen, nämlich die Erfahrung, was wir alles in den verschiedenen Situationen können! Der Weg ist das Ziel! Würden wir uns jederzeit unserer wahren göttlichen Kräfte bewusst sein, würden wir keine Fehler machen und damit auch bestimmte Erfahrungen nicht nutzen können. Unsere göttliche Natur ist in uns versteckt und wir müssen uns früher oder später auf das Abenteuer einlassen, sie zu entdecken und zu verwirklichen – die Götter lieben das Geheimnisvolle!

Siehe auch

Quellen

Weblinks