Kaivalya Upanishad

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Die Kaivalya Upanishad (Sanskrit: कैवल्य उपनिषद् kaivalya upaniṣad bzw. कैवल्योपनिषद् kaivalyopaniṣad f.) ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Die Kaivalya Upanishad gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Shiva Upanishaden zugeordnet. Wie ihr Name verrät, geht es um den Zustand der höchsten Befreiung (Kaivalya) und den Weg dorthin.

"Wer in allem, was ist, sich sieht und in sich alles Seiende, der geht dadurch, und nicht anders, zum Ort des höchsten Brahman ein." Zitat: Kaivalya Up.

Kaivalya Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen

Artikel aus "Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 886 - 890.

Einleitung

In vielfacher Abhängigkeit von älteren Gedanken und Worten, aber nicht ohne eigene, innere Erfahrung schildert unsere Upanishad das Kaivalyam, "die Absolutheit", d. h. den Zustand des Menschen, welcher auf dem Wege der Entsagung (Tyaga) frei geworden ist von aller Anhänglichkeit an das Irdische und sich infolgedessen nur noch als das eine, in allem lebende göttliche Wesen weiß und fühlt. Besonders schön ist es, wenn von Vers 18 ab der Belehrte selbst das Wort ergreift, um dem Bewußtsein seiner Einheit mit Gott einen Ausdruck zu geben, welcher dem Okzidentalen übertrieben scheinen kann.

Schwierigkeit macht nur die Schlußstelle in Prosa, welche plötzlich das Studium des Satarudriyam (Vaj. Samh. 16) empfiehlt und daran allerlei Verheißungen in spätestem Upanishadstil knüpft. Narayana schweigt dazu, Samkaranandas Meinung, daß hier von solchen die Rede sei, welche den höchsten Atman nicht in der geschilderten Weise zu erfassen vermöchten, ist in keiner Weise durch den Text indiziert. Sollte die Stelle nicht durch einen bloßen Zufall an den Schluß der von ihr an Geist und Haltung so sehr verschiedenen Upanishad geraten sein, so ließe sich die Vermutung aufstellen, daß unsere Upanishad ursprünglich einen Nachgesang zum Satarudriyam bildete, auf welches dann in der Schlußstelle wieder zurückgegriffen würde.

Die Kaivalya Upanishad

Om!

Es begab sich, daß Asvalayana dem heiligen Allerhöchsten nahte und zu ihm sprach:

1. Verkünde mir, o Herr, des höchsten Brahmanwissens

Geheimnis, das die Guten stets verehren,
Durch das die Weisen, schnell befreit vom Bösen,
Zum Geist, der höher als das Höchste[1], eingehn.

2. Da sprach zu ihm der Urvater der Wesen:

"Weil du übst gläubig frommes Sinnen, wisse:
Nicht durch Werk, Kinder, Reichtum, - durch Entsagung
Unsterblichkeit von einzelnen erlangt ward.[2]

3.[3] Jenseits vom Himmel und in Herzens Tiefen,

Was dort erglänzt, darein gehn ein die Büßer;
Die der Vedantalehre Sinn ergriffen,
Entsagungsvoll, die Büßer, reinen Wesens

4.[4] In Brahmans Welt zur letzten Endzeit werden

Vom Unzerstörbaren erlöset alle. -
An abgeschiednem Ort in Wonne thronend,
Geläutert, ruhig Hals, Haupt, Körper haltend[5],

5. Im letzten Asrama verharrend, hemmend

Die Sinne, gläubig sich dem Lehrer neigend,
Die reine, staublose Herzlotosblüte
Bedenkend und den Leidlos-Lautern in ihr,

6. Der undenkbar, unoffenbar, unendlich,

Beruhigt, selig, ewig, Brahmans Ursprung,
Den Einen, ohne Anfang, Mitte, Ende,
Den wunderbaren Herrn voll Geist und Wonne,

7. Den höchsten Gott und Herrn, Umas Gefährten,

Mit schwarzem Hals, drei Augen, ganz beruhigt, -
Den überdenkend, geht jenseits des Dunkels
Der Weise zum allseh'nden Wesensursprung.
"Brahman, die höchste Allseele, des Weltalls großer Ruhepunkt, des reinen Feinstes, dies Ew'ge, du selbst bist es, und es ist du!" Zitat: Kaivalya Up.

8. Er ist Brahma, Siva, Indra,

Unvergänglich, der höchste Fürst,
Er ist Visnu und er Prana,
Des Todes Feuer und der Mond.

9. Er ist, was je entstand, alles

Und was entsteht in Ewigkeit,
Den Tod besiegt wer ihn kennt, zur
Erlösung, führt kein anderer Weg.

10. Wer in allem, was ist, sich sieht

Und in sich alles Seiende,
Der geht dadurch, und nicht anders,
Zum Ort des höchsten Brahman ein.

11[6] Sich selbst machend zum Reibholze

Und den Om-Laut zum obern Holz,
Des Wissens Feuer reibt fleißig
Der Weise und verbrennt den Strick.

12. Wenn seine Seele blind ist durch die Maya,

Bewohnt den Leib er und betreibt die Werke,
Durch Weiber, Speise, Trank und viel Genüsse
Erlangt er Sättigung im Stand des Wachens.

13. Und auch im Traume, Lust und Schmerz genießend,

Schafft eine Welt durch Selbstbetrug die Seele;
Zur Zeit des Tiefschlafs schwindet alle Täuschung,
Umhüllt von Dunkel geht in Lust die Seele.

14. Und wiederum durch früheren Daseins Werke

Geht ein die Seele dann in Traum und Wachen
Und spielend weilt sie in der Stände Dreiheit,
Bis ihr zuteil wird jenes Reiche, Ganze,
Das Träger, Wonne, teillos zu erkennen,
In dem der Stände Dreiheit kommt zur Ruhe.

15.[7] Aus ihm geboren wird Prana,

Das Manas und der Sinne Schar,
Der Äther, Wind, das Licht, Wasser
Und Erde, die alltragende

16. Brahman, die höchste Allseele,

Des Weltalls großer Ruhepunkt[8],
Des reinen Feinstes[9], dies Ew'ge
Du selbst bist es, und es ist du!

17. Im Wachen, Träumen, Tiefschlafen

Was ausgebreitet dir erscheint,
Dies Brahman, wisse, bist selbst du, -
Dann fallen alle Fesseln ab." -

18. "Was als Genuß, Genußobjekt,

Genießer die drei Stände kennt,
Davon verschieden, Zuschauer,
Rein geistig, selig stets bin ich!

19. In mir entstand das Weltganze,

In mir nur hat Bestand das All,
In mir vergeht es, dies Brahman,
Das zweitlose, ich bin es selbst!

20. Des Kleinen Kleinstes bin ich, und nicht wen'ger

Bin groß ich, bin das bunte, reiche Weltall,
Der Alte bin ich, bin der Geist, der Gottherr,
Ganz golden bin ich, seliger Erscheinung.

21.[10] Ohn' Hand und Fuß bin ich, unendlich mächtig,

Seh' ohne Augen, höre ohne Ohren;
Ich bin der Wissende, und außer mir ist
Kein anderer Wissender in ew'gen Zeiten

22. Durch alle Veden bin ich zu erkennen,

Vedavollender bin ich, Vedawisser,
Vom Guten frei und Bösen, unvergänglich,
Geburtlos bin ich, ohne Leib und Sinne.

23. Für mich gibt es nicht Erde und nicht Wasser,

Nicht Feuer, nicht den Wind und nicht den Äther." -
Wer so gefunden hat den höchsten Atman
Im tiefsten Herzen, ohne Teile, zweitlos,

24. Allschauend, frei von Sein und frei von Nichtsein,

Dem wird zuteil der reine, höchste Atman.

Wer das Satarudriyam studiert, der wird durch Feuer gereinigt, durch Wind gereinigt, durch den Atman gereinigt, der wird gereinigt von Branntweintrinken, gereinigt von Brahmanenmord, gereinigt von Diebstahl des Goldes, gereinigt von Gebotenem und Verbotenem; darum ist er eingegangen zu dem Avimukta [dem nicht erst der Erlösung bedürfenden Pasupati]. Erhaben über die Asramas soll man es murmeln allezeit, oder doch einmal [täglich].

Durch dieses wird erlangt Wissen,
Vernichtend das Samsara-Meer;
Darum, wer also ihn findet,
Erlangt der Absolutheit (Kaivalyam) Lohn.

Fußnoten

  1. Nach Mund. 3,2,8.
  2. Gleich Mahanar. 10 v. 21.
  3. 3ab gleich Mahanar. 10 v. 21.
  4. 3cd 4ab gleich Mund. 3,2,6. Mahanar. 10 v. 22.
  5. Vgl. Svet. 2,8.
  6. Vgl. Svet. 1,14.
  7. Gleich Mund. 2,1,3.
  8. Vgl. Mahanar. 11,7.
  9. Vgl. Mund. 3,1,7.
  10. Vgl. Svet. 3,19.

Mehr zur Kaivalya Upanishad

Die Kaivalya Upanishad verbindet Shiva-Verehrung mit der Erkenntnis des einen Atman. Ihr Name verweist auf Kaivalya, die vollkommene Freiheit. Ashvalayana bittet Brahma um die höchste Erkenntnis; die Antwort führt von Vertrauen, Bhakti und Meditation zur Einsicht in die Einheit von Selbst und Brahman. Der Sanskritname lautet कैवल्योपनिषत् (kaivalyopaniṣat).

Sammlung und das Studium der Upanishaden ergänzen sich auf dem Weg der Selbsterkenntnis.

Sanskrittext mit Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung

Zur Textgestalt: Diese deutsche Studienübersetzung folgt der unten verlinkten Sanskritfassung. Die Zählung folgt der Sanskritvorlage. Die Fortsetzung nach Vers 23 ist als 23b gekennzeichnet; andere Ausgaben zählen sie als Vers 24. Der anschließende Prosaschluss wird separat übersetzt. Merkverse, Friedensgebete und Kolophone werden als eigene Textbestandteile kenntlich gemacht. In der Worterklärung sind Sandhi-Verbindungen und Zusammensetzungen nach Möglichkeit aufgelöst. Offenkundige Schreib- und Trennfehler sind berichtigt; sinnrelevante Unsicherheiten werden angegeben. Die Devanagari- und IAST-Volltexte geben denselben redaktionellen Sanskritstand wieder.

Vorangestellter Merkvers

kaivalyopaniṣadvedyaṃ kaivalyānandatundilam |
kaivalyagirijārāmaṃ svamātraṃ kalaye'nvaham ||

Täglich betrachte ich das alleinige Selbst: durch die Kaivalya Upanishad erkennbar, erfüllt von der Freude vollkommener Freiheit, das in dieser Freiheit die Freude Girijas, der Göttin, ist.

Wort für Wort: kaivalya-upaniṣad-vedyam – durch diese Upanishad erkennbar; kaivalya-ānanda-tundilam – von Befreiungsglück erfüllt; girijā-ārāmam – Freude beziehungsweise Ruhestätte Girijas; sva-mātram – allein das Selbst; kalaye – ich betrachte; anvaham – täglich.

Shanti-Mantra

oṃ sahanāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu |
mā vidviṣāvahai ||

Om. Möge es uns beide beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam Kraft entfalten. Möge unser Studium leuchten. Mögen wir einander nicht feind sein.

Wort für Wort: oṃ – Om; saha – gemeinsam; nau – uns beide; avatu – möge beschützen; bhunaktu – möge nähren, bewahren; vīryam – Kraft; karavāvahai – mögen wir beide entfalten; tejasvi – leuchtend, wirksam; nau adhītam – unser beider Studium; astu – möge sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht feind sein.

Friedensruf

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort für Wort: oṃ – Om; śāntiḥ – Frieden, dreimal.

1. Ashvalayanas Bitte

oṃ athāśvalāyano bhagavantaṃ parameṣṭhinamupasametyovāca |
adhīhi bhagavanbrahmavidyāṃ variṣṭhāṃ sadā sadbhiḥ sevyamānāṃ nigūḍhām |
yayā'cirātsarvapāpaṃ vyapohya parātparaṃ puruṣaṃ yāti vidvān || 1 ||

Om. Ashvalayana trat zum verehrungswürdigen höchsten Schöpfer und sprach: „Lehre mich, Ehrwürdiger, die höchste, verborgene Erkenntnis Brahmans, der die Guten stets dienen. Durch sie beseitigt der Wissende bald alles Unheil und gelangt zum Purusha, der über dem Höchsten steht.“

Wort für Wort: oṃ – Om; atha – nun; āśvalāyanaḥ – Ashvalayana; bhagavantam parameṣṭhinam – den ehrwürdigen höchsten Schöpfer; upasametya – herangetreten; uvāca – sprach; adhīhi – unterweise; bhagavan – Ehrwürdiger; brahmavidyām variṣṭhām – höchste Brahman-Erkenntnis; sadā – stets; sadbhiḥ sevyamānām – von den Guten gepflegt; nigūḍhām – verborgen; yayā – durch die; acirāt – bald; sarvapāpam vyapohya – alles Unheil beseitigt habend; parātparam puruṣam – den über dem Höchsten stehenden Purusha; yāti – erreicht; vidvān – der Wissende.

2. Der Zugang zur Erkenntnis

tasmai sa hovāca pitāmahaśca śraddhābhaktidhyānayogādavaihi || 2 ||

Der Urvater antwortete ihm: „Erkenne sie durch Vertrauen, Hingabe und den Yoga der Meditation.“

Wort für Wort: tasmai – ihm; saḥ – er; ha uvāca – sprach; pitāmahaḥ – Urvater, Brahma; ca – und; śraddhā – Vertrauen; bhakti – Hingabe; dhyāna-yogāt – durch den Yoga der Meditation; avaihi – erkenne.

3. Entsagung und Unsterblichkeit

na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaike amṛtatvamānaśuḥ |
pareṇa nākaṃ nihitaṃ guhāyāṃ vibhrājate yadyatayo viśanti || 3 ||

Nicht durch Werke, Nachkommenschaft oder Reichtum, sondern allein durch Entsagung haben einige Unsterblichkeit erlangt. Jenseits des Himmels leuchtet, in der Herzenshöhle verborgen, das, in welches die Entsagenden eintreten.

Wort für Wort: na – nicht; karmaṇā – durch Werke; prajayā – durch Nachkommen; dhanena – durch Reichtum; tyāgena – durch Entsagung; eke – einige; amṛtatvam – Unsterblichkeit; ānaśuḥ – erlangten; pareṇa nākam – jenseits des Himmels; nihitam – verborgen, niedergelegt; guhāyām – in der Höhle; vibhrājate – leuchtet; yat – welches; yatayaḥ – Entsagende; viśanti – betreten.

4. Die Befreiung der Entsagenden

vedāntavijñānasuniścitārthāḥ saṃnyāsayogādyatayaḥ śuddhasattvāḥ |
te brahmalokeṣu parāntakāle parāmṛtāḥ parimucyanti sarve || 4 ||

Die Entsagenden, deren Ziel durch die Erkenntnis des Vedanta feststeht und deren Wesen durch den Yoga der Entsagung rein geworden ist, gelangen am endgültigen Ende in den Brahmanwelten zur höchsten Unsterblichkeit: Sie alle werden vollständig frei.

Wort für Wort: vedānta-vijñāna – Erkenntnis des Vedanta; suniścita-arthāḥ – deren Ziel sicher erkannt ist; saṃnyāsa-yogāt – durch Entsagungs-Yoga; yatayaḥ – Entsagende; śuddha-sattvāḥ – reinen Wesens; te – sie; brahma-lokeṣu – in den Brahmanwelten; parānta-kāle – zur Zeit des endgültigen Endes; parāmṛtāḥ – zur höchsten Unsterblichkeit gelangt; parimucyanti – werden ganz befreit; sarve – alle.

5. Vorbereitung der Meditation

viviktadeśe ca sukhāsanasthaḥ śuciḥ samagrīvaśiraḥśarīraḥ |
atyāśramasthaḥ sakalendriyāṇi nirudhya bhaktyā svaguruṃ praṇamya || 5 ||

An einem abgeschiedenen Ort sitze man bequem, rein und mit Nacken, Kopf und Rumpf in einer geraden Linie. Im Stand der höchsten Entsagung halte man alle Sinne zurück und verneige sich hingebungsvoll vor dem eigenen Lehrer.

Wort für Wort: vivikta-deśe – an abgeschiedenem Ort; sukha-āsana-sthaḥ – bequem sitzend; śuciḥ – rein; sama-grīva-śiraḥ-śarīraḥ – mit gerade ausgerichtetem Hals, Kopf und Rumpf; atyāśrama-sthaḥ – im übergeordneten Entsagungsstand; sakala-indriyāṇi – sämtliche Sinne; nirudhya – zurückgehalten habend; bhaktyā – mit Hingabe; sva-gurum – den eigenen Lehrer; praṇamya – sich verneigt habend.

6. Der Lotus des Herzens

hṛtpuṇḍarīkaṃ virajaṃ viśuddhaṃ vicintya madhye viśadaṃ viśokam |
acintyamavyaktamanantarūpaṃ śivaṃ praśāntamamṛtaṃ brahmayonim || 6 ||

Man betrachte den staublosen, ganz reinen Lotus des Herzens und in seiner Mitte das Klare, Leidlose: das Undenkbare, Unmanifestierte, in seinen Erscheinungsformen Grenzenlose, Shiva, den ganz Friedvollen, Unsterblichen, den Ursprung Brahmas.

Wort für Wort: hṛt-puṇḍarīkam – Herzenslotus; virajam – staub- und leidenschaftslos; viśuddham – völlig rein; vicintya – betrachtend; madhye – in der Mitte; viśadam – klar; viśokam – leidlos; acintyam – undenkbar; avyaktam – unmanifestiert; ananta-rūpam – von unbegrenzter Gestalt; śivam – Shiva, das Heilvolle; praśāntam – ganz still; amṛtam – unsterblich; brahma-yonim – Ursprung Brahmas beziehungsweise Brahman-Ursprung.

7. Shiva als Zeuge aller Wesen

tamādimadhyāntavihīnamekaṃ vibhuṃ cidānandamarūpamadbhutam |
umāsahāyaṃ parameśvaraṃ prabhuṃ trilocanaṃ nīlakaṇṭhaṃ praśāntam |
dhyātvā munirgacchati bhūtayoniṃ samastasākṣiṃ tamasaḥ parastāt || 7 ||

Indem der Weise über ihn meditiert – den Einen ohne Anfang, Mitte und Ende, den Allgegenwärtigen, Bewusstsein und Glückseligkeit, den Formlosen, Wunderbaren, den Gefährten Umas, höchsten Herrn, den Dreiäugigen mit blauem Hals, den Friedvollen –, erreicht er den Ursprung der Wesen, den Zeugen von allem, jenseits der Dunkelheit.

Wort für Wort: tam – ihn; ādi-madhya-anta-vihīnam – ohne Anfang, Mitte und Ende; ekam – einen; vibhum – allgegenwärtigen; cid-ānandam – Bewusstsein und Glückseligkeit; arūpam – formlos; adbhutam – wunderbar; umā-sahāyam – mit Uma verbunden; parameśvaram – höchsten Herrn; prabhum – Gebieter; trilocanam – dreiäugig; nīlakaṇṭham – blauhalsig; praśāntam – vollkommen still; dhyātvā – meditiert habend; muniḥ – Weiser; gacchati – erreicht; bhūta-yonim – Ursprung der Wesen; samasta-sākṣim – Zeugen von allem; tamasaḥ parastāt – jenseits der Finsternis.

8. Die Einheit der göttlichen Formen

sa brahmā sa śivaḥ sendraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ |
sa eva viṣṇuḥ sa prāṇaḥ sa kālo'gniḥ sa candramāḥ || 8 ||

Er ist Brahma, Shiva und Indra; er ist das Unvergängliche, Höchste, aus sich selbst Herrschende. Er allein ist Vishnu, der Lebenshauch, die Zeit, das Feuer und der Mond.

Wort für Wort: saḥ – er; brahmā – Brahma; śivaḥ – Shiva; sa indraḥ – er ist Indra; akṣaraḥ – unvergänglich; paramaḥ – höchster; svarāṭ – aus eigener Macht herrschend; sa eva – er allein; viṣṇuḥ – Vishnu; prāṇaḥ – Lebenshauch; kālaḥ – Zeit; agniḥ – Feuer; candramāḥ – Mond.

9. Erkenntnis überwindet den Tod

sa eva sarvaṃ yadbhūtaṃ yacca bhavyaṃ sanātanam |
jñātvā taṃ mṛtyumatyeti nānyaḥ panthā vimuktaye || 9 ||

Er allein ist alles Gewordene und alles Zukünftige, das Ewige. Wer ihn erkennt, überschreitet den Tod; keinen anderen Weg gibt es zur vollständigen Befreiung.

Wort für Wort: sa eva – er allein; sarvam – alles; yat bhūtam – was geworden ist; yat ca bhavyam – und was werden wird; sanātanam – ewig; jñātvā tam – ihn erkannt habend; mṛtyum atyeti – überschreitet den Tod; na anyaḥ panthāḥ – kein anderer Weg; vimuktaye – zur Befreiung.

10. Das Selbst in allen Wesen

sarvabhūtasthamātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani |
sampaśyanbrahma paramaṃ yāti nānyena hetunā || 10 ||

Wer das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst schaut, gelangt zum höchsten Brahman; durch keinen anderen Grund wird dies erreicht.

Wort für Wort: sarva-bhūta-stham ātmānam – das in allen Wesen wohnende Selbst; sarva-bhūtāni – alle Wesen; ca – und; ātmani – im Selbst; sampaśyan – vollkommen schauend; brahma paramam – höchstes Brahman; yāti – erreicht; na anyena hetunā – durch keinen anderen Grund.

11. Das Feuer der Erkenntnis

ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |
jñānanirmathanābhyāsātpāpaṃ dahati paṇḍitaḥ || 11 ||

Der Weise macht das Selbst zum unteren und Om zum oberen Reibholz. Durch beharrliches Reiben in Gestalt der Erkenntnis verbrennt er das Unheil.

Wort für Wort: ātmānam – das Selbst; araṇim kṛtvā – zum Reibholz gemacht; praṇavam – Om; ca uttara-araṇim – und zum oberen Reibholz; jñāna-nirmathana-abhyāsāt – durch die Übung des Reibens der Erkenntnis; pāpam – Unheil, Verfehlung; dahati – verbrennt; paṇḍitaḥ – der Weise.

12. Der Wachzustand

sa eva māyāparimohitātmā śarīramāsthāya karoti sarvam |
stryannapānādivicitrabhogaiḥ sa eva jāgratparitṛptimeti || 12 ||

Dasselbe Selbst, durch Maya verwirrt, nimmt einen Körper an und vollzieht alle Handlungen. Im Wachen sucht es Befriedigung in vielfältigen Genüssen wie Sexualität, Essen und Trinken.

Wort für Wort: sa eva – dasselbe; māyā-parimohita-ātmā – durch Maya im Selbstverständnis verwirrt; śarīram āsthāya – einen Körper angenommen habend; karoti sarvam – tut alles; strī-anna-pāna-ādi – Frauen beziehungsweise Sexualgenuss, Speise, Trank und Weiteres; vicitra-bhogaiḥ – durch vielfältige Genüsse; jāgrat – wachend; paritṛptim eti – gelangt zur Befriedigung.

13. Traum und Tiefschlaf

svapne sa jīvaḥ sukhaduḥkhabhoktā svamāyayā kalpitajīvaloke |
suṣuptikāle sakale vilīne tamo'bhibhūtaḥ sukharūpameti || 13 ||

Im Traum erfährt dieser Jiva Freude und Leid in einer durch seine eigene Maya entworfenen Lebenswelt. Im Tiefschlaf, wenn alles aufgelöst ist, wird er von Dunkelheit überdeckt und gelangt in einen Zustand von Glück.

Wort für Wort: svapne – im Traum; sa jīvaḥ – dieser Jiva; sukha-duḥkha-bhoktā – Erlebender von Freude und Leid; sva-māyayā – durch eigene Maya; kalpita-jīva-loke – in der vorgestellten Lebenswelt; suṣupti-kāle – im Tiefschlaf; sakale vilīne – wenn alles aufgelöst ist; tamaḥ-abhibhūtaḥ – von Dunkelheit bedeckt; sukha-rūpam eti – erreicht Glücksgestalt.

14. Die Grundlage der drei Zustände

punaśca janmāntarakarmayogātsa eva jīvaḥ svapiti prabuddhaḥ |
puratraye krīḍati yaśca jīvastatastu jātaṃ sakalaṃ vicitram |
ādhāramānandamakhaṇḍabodhaṃ yasmiṃllayaṃ yāti puratrayaṃ ca || 14 ||

Durch das Wirken früherer Geburten schläft und erwacht derselbe Jiva wieder. Das Bewusstsein, das in den drei Städten spielt, ist der Ursprung aller Mannigfaltigkeit: die Grundlage, Glückseligkeit und ungeteilte Erkenntnis, in welche auch die drei Städte zurückkehren.

Wort für Wort: punaḥ ca – und wieder; janma-antara-karma-yogāt – durch Verbindung mit dem Karma anderer Geburten; sa eva jīvaḥ – derselbe Jiva; svapiti – schläft; prabuddhaḥ – erwacht; pura-traye – in den drei Städten, hier Bewusstseinszuständen; krīḍati – spielt; tataḥ tu jātam – daraus entstanden; sakalam vicitram – die ganze Vielfalt; ādhāram – Grundlage; ānandam – Glückseligkeit; akhaṇḍa-bodham – ungeteilte Erkenntnis; yasmin layam yāti – worin sich auflöst; pura-trayam ca – auch die drei Städte.

15. Ursprung der Lebenskräfte und Elemente

etasmājjāyate prāṇo manaḥ sarvendriyāṇi ca |
khaṃ vāyurjyotirāpaśca pṛthvī viśvasya dhāriṇī || 15 ||

Aus ihm entstehen Lebenshauch, Geist und sämtliche Sinne, Raum, Wind, Feuer, Wasser und die Erde, die das Weltall trägt.

Wort für Wort: etasmāt – aus diesem; jāyate – entsteht; prāṇaḥ – Lebenshauch; manaḥ – Geist; sarva-indriyāṇi – alle Sinne; kham – Raum; vāyuḥ – Wind; jyotiḥ – Licht, Feuer; āpaḥ – Wasser; pṛthvī – Erde; viśvasya dhāriṇī – Trägerin des Alls.

16. Das bist du

yatparaṃ brahma sarvātmā viśvasyāyatanaṃ mahat |
sūkṣmātsūkṣmataraṃ nityaṃ tattvameva tvameva tat || 16 ||

Das höchste Brahman, das Selbst aller, die große Wohnstätte des Universums, feiner als das Feinste und ewig: Das bist du allein, du allein bist das.

Wort für Wort: yat param brahma – jenes höchste Brahman; sarva-ātmā – Selbst aller; viśvasya āyatanam mahat – große Wohnstätte des Alls; sūkṣmāt sūkṣmataram – feiner als das Feine; nityam – ewig; tat tvam eva – das bist gerade du; tvam eva tat – du allein bist das.

17. Das Licht der Zustände

jāgratsvapnasuṣuptyādiprapañcaṃ yatprakāśate |
tadbrahmāhamiti jñātvā sarvabandhaiḥ pramucyate || 17 ||

Wer erkennt: „Ich bin jenes Brahman, das die Erscheinungswelt von Wachen, Traum und Tiefschlaf erhellt“, wird von allen Bindungen frei.

Wort für Wort: jāgrat-svapna-suṣupti-ādi-prapañcam – Erscheinungswelt von Wachen, Traum, Tiefschlaf und Weiterem; yat prakāśate – welches leuchtet beziehungsweise erhellt; tat brahma aham – jenes Brahman bin ich; iti jñātvā – so erkannt habend; sarva-bandhaiḥ – von allen Bindungen; pramucyate – wird befreit.

18. Der Zeuge

triṣu dhāmasu yadbhogyaṃ bhoktā bhogaśca yadbhavet |
tebhyo vilakṣaṇaḥ sākṣī cinmātro'haṃ sadāśivaḥ || 18 ||

Was in den drei Bereichen erfahren wird, wer es erfährt und das Erfahren selbst: Von ihnen unterschieden bin ich der Zeuge, reines Bewusstsein, Sadashiva.

Wort für Wort: triṣu dhāmasu – in den drei Bereichen; yat bhogyam – was erlebt wird; bhoktā – Erlebender; bhogaḥ – Erleben; yat bhavet – was sich findet; tebhyaḥ vilakṣaṇaḥ – von ihnen verschieden; sākṣī – Zeuge; cit-mātraḥ – nur Bewusstsein; aham – ich; sadāśivaḥ – der ewig Heilvolle.

19. Alles ruht im Selbst

mayyeva sakalaṃ jātaṃ mayi sarvaṃ pratiṣṭhitam |
mayi sarvaṃ layaṃ yāti tadbrahmādvayamasmyaham || 19 ||

In mir allein ist alles entstanden; in mir ist alles gegründet; in mir löst sich alles auf. Dieses zweitlose Brahman bin ich.

Wort für Wort: mayi eva – in mir allein; sakalam jātam – alles entstanden; mayi sarvam pratiṣṭhitam – alles in mir gegründet; layam yāti – geht in Auflösung; tat brahma – jenes Brahman; advayam – ohne Zweites; asmi aham – bin ich.

Kapitelbeginn

prathamaḥ khaṇḍaḥ || 1 ||

Nun beginnt der erste Abschnitt.

Wort für Wort: prathama – erste; khaṇḍaḥ – Abschnitt. atha – nun.

20. Jenseits von Größe und Kleinheit

aṇoraṇīyānahameva tadvanmahānahaṃ viśvamahaṃ vicitram |
purātano'haṃ puruṣo'hamīśo hiraṇmayo'haṃ śivarūpamasmi || 20 ||

Ich bin kleiner als das Kleine und ebenso groß; ich bin das vielfältige All. Ich bin der uralte Purusha, der Herr, der Goldglänzende; mein Wesen ist Shiva.

Wort für Wort: aṇoḥ aṇīyān – kleiner als das Kleine; aham eva – gerade ich; tadvat mahān – ebenso groß; viśvam vicitram – vielfältiges All; purātanaḥ – uralt; puruṣaḥ – geistiges Wesen; īśaḥ – Herr; hiraṇmayaḥ – goldglänzend; śiva-rūpam asmi – bin von Shivas Wesen.

21. Bewusstsein ohne Sinnesorgane

apāṇipādo'hamacintyaśaktiḥ paśyāmyacakṣuḥ sa śṛṇomyakarṇaḥ |
ahaṃ vijānāmi viviktarūpo na cāsti vettā mama citsadā'ham || 21 ||

Ohne Hände und Füße bin ich von unvorstellbarer Kraft. Ohne Augen sehe ich, ohne Ohren höre ich. Ich erkenne, von allem gesondert; niemand ist da, der mich als Gegenstand erkennt. Stets bin ich Bewusstsein.

Wort für Wort: apāṇi-pādaḥ – ohne Hände und Füße; acintya-śaktiḥ – von unvorstellbarer Kraft; paśyāmi – ich sehe; acakṣuḥ – ohne Auge; śṛṇomi – ich höre; akarṇaḥ – ohne Ohr; aham vijānāmi – ich erkenne; vivikta-rūpaḥ – von gesondertem Wesen; na asti vettā mama – kein Erkenner meiner ist vorhanden; cit sadā aham – stets bin ich Bewusstsein.

22. Das Ziel der Veden

vedairanekairahameva vedyo vedāntakṛdvedavideva cāham |
na puṇyapāpe mama nāsti nāśo na janma dehendriyabuddhirasti || 22 ||

Durch alle Veden bin allein ich zu erkennen. Ich bin der Urheber des Vedanta und der Kenner der Veden. Für mich gibt es weder Verdienst noch Schuld, weder Untergang noch Geburt, weder Körper noch Sinne noch Intellekt.

Wort für Wort: vedaiḥ anekaiḥ – durch viele Veden; aham eva vedyaḥ – ich allein bin zu erkennen; vedānta-kṛt – Urheber des Vedanta; veda-vit – Kenner der Veden; na puṇya-pāpe – weder Verdienst noch Schuld; mama – für mich; na asti nāśaḥ – kein Untergang besteht; na janma – keine Geburt; deha-indriya-buddhiḥ – Körper, Sinne und Intellekt; asti – ist, hier unter der Negation.

23a. Das Selbst ist kein Element

na bhūmirāpo na ca vahnirasti na cānilo me'sti na cāmbaraṃ ca |
evaṃ viditvā paramātmarūpaṃ guhāśayaṃ niṣkalamadvitīyam || 23 ||

Für mich gibt es weder Erde noch Wasser, weder Feuer noch Wind noch Raum. Wer so das Wesen des höchsten Selbst erkennt, das in der Herzenshöhle ruht, teillos und ohne Zweites ist …

Wort für Wort: na bhūmiḥ – keine Erde; āpaḥ – Wasser; vahniḥ – Feuer; anilaḥ – Wind; ambaram – Raum; me – für mich; evam viditvā – so erkannt habend; paramātma-rūpam – Wesen des höchsten Selbst; guhā-śayam – in der Höhle ruhend; niṣkalam – teillos; advitīyam – ohne Zweites.

23b. Die Vollendung der Erkenntnis

samastasākṣiṃ sadasadvihīnaṃ prayāti śuddhaṃ paramātmarūpam ||

… gelangt zum reinen Wesen des höchsten Selbst, dem Zeugen von allem, frei von Sein und Nichtsein als Gegensätzen.

Wort für Wort: samasta-sākṣim – Zeugen von allem; sat-asat-vihīnam – frei von Sein und Nichtsein; prayāti – gelangt zu; śuddham – rein; paramātma-rūpam – Wesen des höchsten Selbst. Die Zeile setzt den vorherigen Satz fort; 23a und 23b sind redaktionelle Unterteilungen.

Nach 23. Traditionelle Verheißung zum Shatarudriya

yaḥ śatarudriyamadhīte so'gnipūto bhavati surāpānātpūto bhavati sa brahmahatyāyāḥ pūto bhavati sa suvarṇasteyātpūto bhavati sa kṛtyākṛtyātpūto bhavati tasmādavimuktamāśrito bhavatyatyāśramī sarvadā sakṛdvā japet ||

Wer das Shatarudriya studiert, wird nach dieser Verheißung durch Feuer gereinigt: von Alkoholgenuss, der Tötung eines Brahmanen, Golddiebstahl und verfehltem Tun oder Unterlassen. Darum stützt er sich auf Avimukta. Der höchste Entsagende soll es regelmäßig oder wenigstens einmal rezitieren.

Wort für Wort: yaḥ śatarudriyam adhīte – wer das Shatarudriya studiert; agni-pūtaḥ bhavati – wird durch Feuer gereinigt; surā-pānāt – von Alkoholtrinken; brahma-hatyāyāḥ – von Brahmanentötung; suvarṇa-steyāt – von Golddiebstahl; kṛtya-akṛtyāt – von verfehltem Tun und Unterlassen; tasmāt – darum; avimuktam āśritaḥ – auf Avimukta gestützt; atyāśramī – höchster Entsagender; sarvadā – stets; sakṛt vā – oder einmal; japet – soll rezitieren.

24. Der Zustand der Freiheit

anena jñānamāpnoti saṃsārārṇavanāśanam |
tasmādevaṃ viditvainaṃ kaivalyaṃ padamaśnute kaivalyaṃ padamaśnuta iti || 24 ||

Dadurch erlangt er die Erkenntnis, welche den Ozean des Samsara zum Verschwinden bringt. Wer ihn so erkannt hat, erreicht deshalb den Zustand vollkommener Freiheit – er erreicht den Zustand vollkommener Freiheit.

Wort für Wort: anena – dadurch; jñānam āpnoti – erlangt Erkenntnis; saṃsāra-arṇava-nāśanam – den Samsara-Ozean auflösend; tasmāt – deshalb; evam viditvā enam – diesen so erkannt habend; kaivalyam padam – Zustand der vollkommenen Freiheit; aśnute – erreicht; iti – so lautet es.

Kapitelabschluss

dvitīyaḥ khaṇḍaḥ || 2 ||

Hier endet der zweite Abschnitt.

Wort für Wort: dvitīya – zweite; khaṇḍaḥ – Abschnitt. iti – so, hiermit.

Shanti-Mantra

oṃ sahanāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu |
mā vidviṣāvahai ||

Om. Möge es uns beide beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam Kraft entfalten. Möge unser Studium leuchten. Mögen wir einander nicht feind sein.

Wort für Wort: oṃ – Om; saha – gemeinsam; nau – uns beide; avatu – möge beschützen; bhunaktu – möge nähren, bewahren; vīryam – Kraft; karavāvahai – mögen wir beide entfalten; tejasvi – leuchtend, wirksam; nau adhītam – unser beider Studium; astu – möge sein; mā vidviṣāvahai – mögen wir einander nicht feind sein.

Friedensruf

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort für Wort: oṃ – Om; śāntiḥ – Frieden, dreimal.

Schlussvermerk

ityatharvavedīyā kaivalyopaniṣatsamāptā ||

Hier endet die Kaivalya Upanishad des Atharvaveda.

Wort für Wort: iti – so, hiermit; kaivalyopaniṣat – Kaivalya Upanishad; samāptā – beendet. atharva-vedīyā – zum Atharvaveda gehörig.

Datierung, Inhalt und Bedeutung

Überlieferung und Datierung

Die Kaivalya Upanishad gehört zu den kleineren Upanishaden. In der traditionellen Zuordnung wird sie mit dem Krishna Yajurveda verbunden; der Kolophon der hier benutzten Fassung nennt dagegen ausdrücklich den Atharvaveda. Die Zugehörigkeit zu einem Veda ist eine Überlieferungszuordnung und keine Datumsangabe. Ein gesichertes Entstehungsjahr lässt sich aus der benutzten elektronischen Textfassung nicht gewinnen. Ihre Aufnahme älterer upanishadischer Motive ist im Text erkennbar, erlaubt für sich genommen aber keine genaue Datierung.

Inhalt und Aufbau

Die Unterweisung beginnt mit Ashvalayanas Frage nach der Brahmavidya. Brahma nennt Vertrauen, Hingabe, Meditation und Entsagung als Zugänge. Die Meditation im Herzlotus führt zunächst zur Gestalt Shivas, des Gefährten Umas. Anschließend wird dieser höchste Herr mit verschiedenen Gottheiten und mit dem Selbst aller Wesen gleichgesetzt. Damit erweitert sich die persönliche Verehrung zur Betrachtung einer Wirklichkeit, die alle Gestalten umfasst.

Der Vergleich von Reibhölzern und Erkenntnisfeuer veranschaulicht die Übung: Das Selbst und Om werden zum Ausgangspunkt innerer Erforschung. Wachen, Traum und Tiefschlaf erscheinen als wechselnde Zustände; das erkennende Selbst wird als ihr bleibender Zeuge beschrieben. Die abschließenden Ich-Aussagen drücken diese Erkenntnis aus. Sie sind innerhalb der Lehre Aussagen über den Atman, keine Behauptung der Überlegenheit einer individuellen Person.

Bedeutung und heutige Lektüre

Der Text ist für Jnana Yoga und eine mit Advaita verbundene Shiva-Verehrung bedeutsam. Bildhafte Gottesmeditation und formlose Selbsterkenntnis stehen hier in einer Bewegung zueinander. Für die Praxis empfiehlt sich, jeweils einen Vers zu lesen, seine Begriffe zu klären und ihn in ruhiger Betrachtung nachwirken zu lassen. Der Schluss über das Shatarudriya und seine reinigende Wirkung ist als religiöse Fruchtverheißung wiedergegeben. Die beiden Textteile und die abweichende Schlussgliederung werden in dieser Studienfassung sichtbar gehalten.

Vollständiger Text in Devanagari

कैवल्योपनिषद्वेद्यं कैवल्यानन्दतुन्दिलम् ।
कैवल्यगिरिजारामं स्वमात्रं कलयेऽन्वहम् ॥

ॐ सहनाववतु ।
सह नौ भुनक्तु ।
सह वीर्यं करवावहै ।
तेजस्विनावधीतमस्तु ।
मा विद्विषावहै ॥

ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

ॐ अथाश्वलायनो भगवन्तं परमेष्ठिनमुपसमेत्योवाच ।
अधीहि भगवन्ब्रह्मविद्यां वरिष्ठां सदा सद्भिः सेव्यमानां निगूढाम् ।
ययाऽचिरात्सर्वपापं व्यपोह्य परात्परं पुरुषं याति विद्वान् ॥ १ ॥

तस्मै स होवाच पितामहश्च श्रद्धाभक्तिध्यानयोगादवैहि ॥ २ ॥

न कर्मणा न प्रजया धनेन त्यागेनैके अमृतत्वमानशुः ।
परेण नाकं निहितं गुहायां विभ्राजते यद्यतयो विशन्ति ॥ ३ ॥

वेदान्तविज्ञानसुनिश्चितार्थाः संन्यासयोगाद्यतयः शुद्धसत्त्वाः ।
ते ब्रह्मलोकेषु परान्तकाले परामृताः परिमुच्यन्ति सर्वे ॥ ४ ॥

विविक्तदेशे च सुखासनस्थः शुचिः समग्रीवशिरःशरीरः ।
अत्याश्रमस्थः सकलेन्द्रियाणि निरुध्य भक्त्या स्वगुरुं प्रणम्य ॥ ५ ॥

हृत्पुण्डरीकं विरजं विशुद्धं विचिन्त्य मध्ये विशदं विशोकम् ।
अचिन्त्यमव्यक्तमनन्तरूपं शिवं प्रशान्तममृतं ब्रह्मयोनिम् ॥ ६ ॥

तमादिमध्यान्तविहीनमेकं विभुं चिदानन्दमरूपमद्भुतम् ।
उमासहायं परमेश्वरं प्रभुं त्रिलोचनं नीलकण्ठं प्रशान्तम् ।
ध्यात्वा मुनिर्गच्छति भूतयोनिं समस्तसाक्षिं तमसः परस्तात् ॥ ७ ॥

स ब्रह्मा स शिवः सेन्द्रः सोऽक्षरः परमः स्वराट् ।
स एव विष्णुः स प्राणः स कालोऽग्निः स चन्द्रमाः ॥ ८ ॥

स एव सर्वं यद्भूतं यच्च भव्यं सनातनम् ।
ज्ञात्वा तं मृत्युमत्येति नान्यः पन्था विमुक्तये ॥ ९ ॥

सर्वभूतस्थमात्मानं सर्वभूतानि चात्मनि ।
सम्पश्यन्ब्रह्म परमं याति नान्येन हेतुना ॥ १० ॥

आत्मानमरणिं कृत्वा प्रणवं चोत्तरारणिम् ।
ज्ञाननिर्मथनाभ्यासात्पापं दहति पण्डितः ॥ ११ ॥

स एव मायापरिमोहितात्मा शरीरमास्थाय करोति सर्वम् ।
स्त्र्यन्नपानादिविचित्रभोगैः स एव जाग्रत्परितृप्तिमेति ॥ १२ ॥

स्वप्ने स जीवः सुखदुःखभोक्ता स्वमायया कल्पितजीवलोके ।
सुषुप्तिकाले सकले विलीने तमोऽभिभूतः सुखरूपमेति ॥ १३ ॥

पुनश्च जन्मान्तरकर्मयोगात्स एव जीवः स्वपिति प्रबुद्धः ।
पुरत्रये क्रीडति यश्च जीवस्ततस्तु जातं सकलं विचित्रम् ।
आधारमानन्दमखण्डबोधं यस्मिंल्लयं याति पुरत्रयं च ॥ १४ ॥

एतस्माज्जायते प्राणो मनः सर्वेन्द्रियाणि च ।
खं वायुर्ज्योतिरापश्च पृथ्वी विश्वस्य धारिणी ॥ १५ ॥

यत्परं ब्रह्म सर्वात्मा विश्वस्यायतनं महत् ।
सूक्ष्मात्सूक्ष्मतरं नित्यं तत्त्वमेव त्वमेव तत् ॥ १६ ॥

जाग्रत्स्वप्नसुषुप्त्यादिप्रपञ्चं यत्प्रकाशते ।
तद्ब्रह्माहमिति ज्ञात्वा सर्वबन्धैः प्रमुच्यते ॥ १७ ॥

त्रिषु धामसु यद्भोग्यं भोक्ता भोगश्च यद्भवेत् ।
तेभ्यो विलक्षणः साक्षी चिन्मात्रोऽहं सदाशिवः ॥ १८ ॥

मय्येव सकलं जातं मयि सर्वं प्रतिष्ठितम् ।
मयि सर्वं लयं याति तद्ब्रह्माद्वयमस्म्यहम् ॥ १९ ॥

प्रथमः खण्डः ॥ १ ॥

अणोरणीयानहमेव तद्वन्महानहं विश्वमहं विचित्रम् ।
पुरातनोऽहं पुरुषोऽहमीशो हिरण्मयोऽहं शिवरूपमस्मि ॥ २० ॥

अपाणिपादोऽहमचिन्त्यशक्तिः पश्याम्यचक्षुः स शृणोम्यकर्णः ।
अहं विजानामि विविक्तरूपो न चास्ति वेत्ता मम चित्सदाऽहम् ॥ २१ ॥

वेदैरनेकैरहमेव वेद्यो वेदान्तकृद्वेदविदेव चाहम् ।
न पुण्यपापे मम नास्ति नाशो न जन्म देहेन्द्रियबुद्धिरस्ति ॥ २२ ॥

न भूमिरापो न च वह्निरस्ति न चानिलो मेऽस्ति न चाम्बरं च ।
एवं विदित्वा परमात्मरूपं गुहाशयं निष्कलमद्वितीयम् ॥ २३ ॥

समस्तसाक्षिं सदसद्विहीनं प्रयाति शुद्धं परमात्मरूपम् ॥

यः शतरुद्रियमधीते सोऽग्निपूतो भवति सुरापानात्पूतो भवति स ब्रह्महत्यायाः पूतो भवति स सुवर्णस्तेयात्पूतो भवति स कृत्याकृत्यात्पूतो भवति तस्मादविमुक्तमाश्रितो भवत्यत्याश्रमी सर्वदा सकृद्वा जपेत् ॥

अनेन ज्ञानमाप्नोति संसारार्णवनाशनम् ।
तस्मादेवं विदित्वैनं कैवल्यं पदमश्नुते कैवल्यं पदमश्नुत इति ॥ २४ ॥

द्वितीयः खण्डः ॥ २ ॥

ॐ सहनाववतु ।
सह नौ भुनक्तु ।
सह वीर्यं करवावहै ।
तेजस्विनावधीतमस्तु ।
मा विद्विषावहै ॥

ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

इत्यथर्ववेदीया कैवल्योपनिषत्समाप्ता ॥

Vollständiger Text in IAST

kaivalyopaniṣadvedyaṃ kaivalyānandatundilam |
kaivalyagirijārāmaṃ svamātraṃ kalaye'nvaham ||

oṃ sahanāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu |
mā vidviṣāvahai ||

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

oṃ athāśvalāyano bhagavantaṃ parameṣṭhinamupasametyovāca |
adhīhi bhagavanbrahmavidyāṃ variṣṭhāṃ sadā sadbhiḥ sevyamānāṃ nigūḍhām |
yayā'cirātsarvapāpaṃ vyapohya parātparaṃ puruṣaṃ yāti vidvān || 1 ||

tasmai sa hovāca pitāmahaśca śraddhābhaktidhyānayogādavaihi || 2 ||

na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaike amṛtatvamānaśuḥ |
pareṇa nākaṃ nihitaṃ guhāyāṃ vibhrājate yadyatayo viśanti || 3 ||

vedāntavijñānasuniścitārthāḥ saṃnyāsayogādyatayaḥ śuddhasattvāḥ |
te brahmalokeṣu parāntakāle parāmṛtāḥ parimucyanti sarve || 4 ||

viviktadeśe ca sukhāsanasthaḥ śuciḥ samagrīvaśiraḥśarīraḥ |
atyāśramasthaḥ sakalendriyāṇi nirudhya bhaktyā svaguruṃ praṇamya || 5 ||

hṛtpuṇḍarīkaṃ virajaṃ viśuddhaṃ vicintya madhye viśadaṃ viśokam |
acintyamavyaktamanantarūpaṃ śivaṃ praśāntamamṛtaṃ brahmayonim || 6 ||

tamādimadhyāntavihīnamekaṃ vibhuṃ cidānandamarūpamadbhutam |
umāsahāyaṃ parameśvaraṃ prabhuṃ trilocanaṃ nīlakaṇṭhaṃ praśāntam |
dhyātvā munirgacchati bhūtayoniṃ samastasākṣiṃ tamasaḥ parastāt || 7 ||

sa brahmā sa śivaḥ sendraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ |
sa eva viṣṇuḥ sa prāṇaḥ sa kālo'gniḥ sa candramāḥ || 8 ||

sa eva sarvaṃ yadbhūtaṃ yacca bhavyaṃ sanātanam |
jñātvā taṃ mṛtyumatyeti nānyaḥ panthā vimuktaye || 9 ||

sarvabhūtasthamātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani |
sampaśyanbrahma paramaṃ yāti nānyena hetunā || 10 ||

ātmānamaraṇiṃ kṛtvā praṇavaṃ cottarāraṇim |
jñānanirmathanābhyāsātpāpaṃ dahati paṇḍitaḥ || 11 ||

sa eva māyāparimohitātmā śarīramāsthāya karoti sarvam |
stryannapānādivicitrabhogaiḥ sa eva jāgratparitṛptimeti || 12 ||

svapne sa jīvaḥ sukhaduḥkhabhoktā svamāyayā kalpitajīvaloke |
suṣuptikāle sakale vilīne tamo'bhibhūtaḥ sukharūpameti || 13 ||

punaśca janmāntarakarmayogātsa eva jīvaḥ svapiti prabuddhaḥ |
puratraye krīḍati yaśca jīvastatastu jātaṃ sakalaṃ vicitram |
ādhāramānandamakhaṇḍabodhaṃ yasmiṃllayaṃ yāti puratrayaṃ ca || 14 ||

etasmājjāyate prāṇo manaḥ sarvendriyāṇi ca |
khaṃ vāyurjyotirāpaśca pṛthvī viśvasya dhāriṇī || 15 ||

yatparaṃ brahma sarvātmā viśvasyāyatanaṃ mahat |
sūkṣmātsūkṣmataraṃ nityaṃ tattvameva tvameva tat || 16 ||

jāgratsvapnasuṣuptyādiprapañcaṃ yatprakāśate |
tadbrahmāhamiti jñātvā sarvabandhaiḥ pramucyate || 17 ||

triṣu dhāmasu yadbhogyaṃ bhoktā bhogaśca yadbhavet |
tebhyo vilakṣaṇaḥ sākṣī cinmātro'haṃ sadāśivaḥ || 18 ||

mayyeva sakalaṃ jātaṃ mayi sarvaṃ pratiṣṭhitam |
mayi sarvaṃ layaṃ yāti tadbrahmādvayamasmyaham || 19 ||

prathamaḥ khaṇḍaḥ || 1 ||

aṇoraṇīyānahameva tadvanmahānahaṃ viśvamahaṃ vicitram |
purātano'haṃ puruṣo'hamīśo hiraṇmayo'haṃ śivarūpamasmi || 20 ||

apāṇipādo'hamacintyaśaktiḥ paśyāmyacakṣuḥ sa śṛṇomyakarṇaḥ |
ahaṃ vijānāmi viviktarūpo na cāsti vettā mama citsadā'ham || 21 ||

vedairanekairahameva vedyo vedāntakṛdvedavideva cāham |
na puṇyapāpe mama nāsti nāśo na janma dehendriyabuddhirasti || 22 ||

na bhūmirāpo na ca vahnirasti na cānilo me'sti na cāmbaraṃ ca |
evaṃ viditvā paramātmarūpaṃ guhāśayaṃ niṣkalamadvitīyam || 23 ||

samastasākṣiṃ sadasadvihīnaṃ prayāti śuddhaṃ paramātmarūpam ||

yaḥ śatarudriyamadhīte so'gnipūto bhavati surāpānātpūto bhavati sa brahmahatyāyāḥ pūto bhavati sa suvarṇasteyātpūto bhavati sa kṛtyākṛtyātpūto bhavati tasmādavimuktamāśrito bhavatyatyāśramī sarvadā sakṛdvā japet ||

anena jñānamāpnoti saṃsārārṇavanāśanam |
tasmādevaṃ viditvainaṃ kaivalyaṃ padamaśnute kaivalyaṃ padamaśnuta iti || 24 ||

dvitīyaḥ khaṇḍaḥ || 2 ||

oṃ sahanāvavatu |
saha nau bhunaktu |
saha vīryaṃ karavāvahai |
tejasvināvadhītamastu |
mā vidviṣāvahai ||

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

ityatharvavedīyā kaivalyopaniṣatsamāptā ||

Vollständige deutsche Übersetzung

Vorangestellter Merkvers

Täglich betrachte ich das alleinige Selbst: durch die Kaivalya Upanishad erkennbar, erfüllt von der Freude vollkommener Freiheit, das in dieser Freiheit die Freude Girijas, der Göttin, ist.

Shanti-Mantra

Om. Möge es uns beide beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam Kraft entfalten. Möge unser Studium leuchten. Mögen wir einander nicht feind sein.

Friedensruf

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

1. Ashvalayanas Bitte

Om. Ashvalayana trat zum verehrungswürdigen höchsten Schöpfer und sprach: „Lehre mich, Ehrwürdiger, die höchste, verborgene Erkenntnis Brahmans, der die Guten stets dienen. Durch sie beseitigt der Wissende bald alles Unheil und gelangt zum Purusha, der über dem Höchsten steht.“

2. Der Zugang zur Erkenntnis

Der Urvater antwortete ihm: „Erkenne sie durch Vertrauen, Hingabe und den Yoga der Meditation.“

3. Entsagung und Unsterblichkeit

Nicht durch Werke, Nachkommenschaft oder Reichtum, sondern allein durch Entsagung haben einige Unsterblichkeit erlangt. Jenseits des Himmels leuchtet, in der Herzenshöhle verborgen, das, in welches die Entsagenden eintreten.

4. Die Befreiung der Entsagenden

Die Entsagenden, deren Ziel durch die Erkenntnis des Vedanta feststeht und deren Wesen durch den Yoga der Entsagung rein geworden ist, gelangen am endgültigen Ende in den Brahmanwelten zur höchsten Unsterblichkeit: Sie alle werden vollständig frei.

5. Vorbereitung der Meditation

An einem abgeschiedenen Ort sitze man bequem, rein und mit Nacken, Kopf und Rumpf in einer geraden Linie. Im Stand der höchsten Entsagung halte man alle Sinne zurück und verneige sich hingebungsvoll vor dem eigenen Lehrer.

6. Der Lotus des Herzens

Man betrachte den staublosen, ganz reinen Lotus des Herzens und in seiner Mitte das Klare, Leidlose: das Undenkbare, Unmanifestierte, in seinen Erscheinungsformen Grenzenlose, Shiva, den ganz Friedvollen, Unsterblichen, den Ursprung Brahmas.

7. Shiva als Zeuge aller Wesen

Indem der Weise über ihn meditiert – den Einen ohne Anfang, Mitte und Ende, den Allgegenwärtigen, Bewusstsein und Glückseligkeit, den Formlosen, Wunderbaren, den Gefährten Umas, höchsten Herrn, den Dreiäugigen mit blauem Hals, den Friedvollen –, erreicht er den Ursprung der Wesen, den Zeugen von allem, jenseits der Dunkelheit.

8. Die Einheit der göttlichen Formen

Er ist Brahma, Shiva und Indra; er ist das Unvergängliche, Höchste, aus sich selbst Herrschende. Er allein ist Vishnu, der Lebenshauch, die Zeit, das Feuer und der Mond.

9. Erkenntnis überwindet den Tod

Er allein ist alles Gewordene und alles Zukünftige, das Ewige. Wer ihn erkennt, überschreitet den Tod; keinen anderen Weg gibt es zur vollständigen Befreiung.

10. Das Selbst in allen Wesen

Wer das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst schaut, gelangt zum höchsten Brahman; durch keinen anderen Grund wird dies erreicht.

11. Das Feuer der Erkenntnis

Der Weise macht das Selbst zum unteren und Om zum oberen Reibholz. Durch beharrliches Reiben in Gestalt der Erkenntnis verbrennt er das Unheil.

12. Der Wachzustand

Dasselbe Selbst, durch Maya verwirrt, nimmt einen Körper an und vollzieht alle Handlungen. Im Wachen sucht es Befriedigung in vielfältigen Genüssen wie Sexualität, Essen und Trinken.

13. Traum und Tiefschlaf

Im Traum erfährt dieser Jiva Freude und Leid in einer durch seine eigene Maya entworfenen Lebenswelt. Im Tiefschlaf, wenn alles aufgelöst ist, wird er von Dunkelheit überdeckt und gelangt in einen Zustand von Glück.

14. Die Grundlage der drei Zustände

Durch das Wirken früherer Geburten schläft und erwacht derselbe Jiva wieder. Das Bewusstsein, das in den drei Städten spielt, ist der Ursprung aller Mannigfaltigkeit: die Grundlage, Glückseligkeit und ungeteilte Erkenntnis, in welche auch die drei Städte zurückkehren.

15. Ursprung der Lebenskräfte und Elemente

Aus ihm entstehen Lebenshauch, Geist und sämtliche Sinne, Raum, Wind, Feuer, Wasser und die Erde, die das Weltall trägt.

16. Das bist du

Das höchste Brahman, das Selbst aller, die große Wohnstätte des Universums, feiner als das Feinste und ewig: Das bist du allein, du allein bist das.

17. Das Licht der Zustände

Wer erkennt: „Ich bin jenes Brahman, das die Erscheinungswelt von Wachen, Traum und Tiefschlaf erhellt“, wird von allen Bindungen frei.

18. Der Zeuge

Was in den drei Bereichen erfahren wird, wer es erfährt und das Erfahren selbst: Von ihnen unterschieden bin ich der Zeuge, reines Bewusstsein, Sadashiva.

19. Alles ruht im Selbst

In mir allein ist alles entstanden; in mir ist alles gegründet; in mir löst sich alles auf. Dieses zweitlose Brahman bin ich.

Kapitelbeginn

Nun beginnt der erste Abschnitt.

20. Jenseits von Größe und Kleinheit

Ich bin kleiner als das Kleine und ebenso groß; ich bin das vielfältige All. Ich bin der uralte Purusha, der Herr, der Goldglänzende; mein Wesen ist Shiva.

21. Bewusstsein ohne Sinnesorgane

Ohne Hände und Füße bin ich von unvorstellbarer Kraft. Ohne Augen sehe ich, ohne Ohren höre ich. Ich erkenne, von allem gesondert; niemand ist da, der mich als Gegenstand erkennt. Stets bin ich Bewusstsein.

22. Das Ziel der Veden

Durch alle Veden bin allein ich zu erkennen. Ich bin der Urheber des Vedanta und der Kenner der Veden. Für mich gibt es weder Verdienst noch Schuld, weder Untergang noch Geburt, weder Körper noch Sinne noch Intellekt.

23a. Das Selbst ist kein Element

Für mich gibt es weder Erde noch Wasser, weder Feuer noch Wind noch Raum. Wer so das Wesen des höchsten Selbst erkennt, das in der Herzenshöhle ruht, teillos und ohne Zweites ist …

23b. Die Vollendung der Erkenntnis

… gelangt zum reinen Wesen des höchsten Selbst, dem Zeugen von allem, frei von Sein und Nichtsein als Gegensätzen.

Nach 23. Traditionelle Verheißung zum Shatarudriya

Wer das Shatarudriya studiert, wird nach dieser Verheißung durch Feuer gereinigt: von Alkoholgenuss, der Tötung eines Brahmanen, Golddiebstahl und verfehltem Tun oder Unterlassen. Darum stützt er sich auf Avimukta. Der höchste Entsagende soll es regelmäßig oder wenigstens einmal rezitieren.

24. Der Zustand der Freiheit

Dadurch erlangt er die Erkenntnis, welche den Ozean des Samsara zum Verschwinden bringt. Wer ihn so erkannt hat, erreicht deshalb den Zustand vollkommener Freiheit – er erreicht den Zustand vollkommener Freiheit.

Kapitelabschluss

Hier endet der zweite Abschnitt.

Shanti-Mantra

Om. Möge es uns beide beschützen. Möge es uns beide nähren. Mögen wir gemeinsam Kraft entfalten. Möge unser Studium leuchten. Mögen wir einander nicht feind sein.

Friedensruf

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Schlussvermerk

Hier endet die Kaivalya Upanishad des Atharvaveda.

Anregungen für die spirituelle Praxis

  • Verbinde Vertrauen, Bhakti und regelmäßige Meditation mit genauer Prüfung der Lehre.
  • Betrachte Wachen, Traum und Tiefschlaf als wechselnde Erfahrungen und frage nach ihrem Zeugen.
  • Übe Tyaga als Loslassen von Besitzansprüchen und Selbstbildern.
  • Lies die Einheit aller Wesen als Anregung zu Ahimsa und respektvollem Umgang.

Quellen und Textgrundlage


Siehe auch

Literatur

Weblinks

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