Kalika Purana 108 Verse und Mantras

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Kalika Purana 108 Verse und Mantras versammelt 108 ausgewählte Verse aus dem Kalika Purana für Schriftstudium, Hingabe und Meditation. Ihr roter Faden ist die Erfahrung der Devi als Bewusstsein und lebendige Kraft: Sie trägt die Welt, wird als Mahamaya zur Verhüllung und eröffnet als Vidya den Weg zur Befreiung.

Die Göttin als Gegenstand liebevoller Aufmerksamkeit und innerer Sammlung.

Die Verse führen von der Anrufung über die Einheit von Brahma, Vishnu und Shiva bis zur Frage nach dem Wesentlichen im Leben. Sie können eine tägliche Yoga-Praxis vertiefen: Einen Vers lesen, seinen Sinn bedenken, einen Augenblick schweigen und die gewonnene Einsicht im Alltag erproben.

Die Zählung 1–108 dient dieser Auswahl; die zugehörigen Originalstellen stehen in der Konkordanz. Zusammenhängende Verse sind gemeinsam zu lesen, insbesondere die über zwei oder drei Verse geführten Sätze. Den Sanskrittext bieten Kalika Purana Sanskrit IAST und Kalika Purana Sanskrit Devanagari. Einführung und fortlaufende deutsche Übersetzung gehören zum Hauptartikel Kalika Purana.

108 Verse für Betrachtung und Praxis

Anrufung und inneres Licht

1. Verehrung dem Schöpfer, dessen Wesen das Offenbare und das Unoffenbare ist, in dem Seiendes und Nichtseiendes Gestalt annehmen, der grobstofflich und feinstofflich ist und die ganze Welt als Gestalt hat.

2. Verehrung dem Ewigen, dem ewigen Wissen, dem unveränderlichen Licht, dessen Wesen Wissen und Nichtwissen umfasst und der als Zeit erscheint.

3. Verehrung dem Makellosen, der frei von den sechs Wogen und anderen Bedrängnissen ist, dem Leidenschaftslosen, Allgegenwärtigen, der als Welt erscheint und Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkt.

4. Ich verneige mich vor jenem, den die Yogis, die über die letzte Wahrheit des Vedanta nachdenken, im Innersten als das höchste Licht betrachten.


Devi als Bewusstsein und Kraft

5. Ich preise die reine Göttin, die Trägerin der Welt, deren Wesen Wissen und Nichtwissen ist, die keiner Stütze bedarf und unerschüttert bleibt, deren Gestalt das Grobe und das Feinste umfasst.

6. Du bist Bewusstsein, höchste Glückseligkeit und von der Natur des höchsten Selbst. Du bist die Kraft aller Wesen und die Läuternde für alle.

7. Du bist Savitri, die Trägerin der Welt; du bist Sandhya, Rati und Standhaftigkeit. Als Lichtgestalt erhellst du die Welt des Werdens.

8. Ebenso verhüllst du als Dunkelheit beständig die Welt. Als Schöpfung erfüllst du selbst das Dasein mit Wesen.

9. Als Erhaltung wirkst du mit Hari zum Wohl der Welten; als Auflösung bringst du ebenso das Ende der Welten herbei.

10. Du bist Einsicht und Mahamaya, du bist Svadha, welche die Ahnen erfreut. Du bist Svaha, die ehrerbietige Verneigung, der Opferruf Vashat und das Erinnern.

11. Du bist Gedeihen, Festigkeit, Freundlichkeit, Mitgefühl und Mitfreude. Du bist sittsame Zurückhaltung, Frieden und Schönheit, Herrin der Welt.

12. Du bist Mahamaya, Svaha und Svadha, die Gottheit der Ahnen. Die schöpferische Kraft in uns und die erhaltende Kraft in Hari –

13. die auflösende Kraft ebenso, o Herrin: Diese ewige Kraft bist du.

14. Du bist die Eine; in zweifacher Gestalt bewirkst du Befreiung und Weltgebundenheit. Als Wissen und Nichtwissen offenbarst oder verhüllst du dein eigenes Licht.

15. Du bist das Glück aller Wesen, du bist Schatten und Sarasvati. Du bist die dreifache vedische Lehre und die drei Lautmaße; du bist von der Natur aller Wesen.

16. Du bist der erhebende Gesang des Samaveda, der die Scharen der Ahnen erfreut. Du bist der Altar aller Opfer, die Verse zur Entzündung des Opferfeuers und die Opfergabe.

17. Du bist die unoffenbare, nicht bestimmbare und ungeteilte Gestalt des höchsten Selbst; ebenso die feinen Elemente und die gegliederte, weltdurchdringende Erscheinung.

18. Du bist Glück, Bewusstsein und Schönheit, du bist Gedeihen und die Ewige. Du bist Kalaratri, Befreiung, Frieden, Weisheit und Erinnerung.

19. Du bist das Boot zur Überquerung des Ozeans des Weltlebens, Geberin von Glück und Befreiung. Sei gnädig! Für alle Welten bist du stets Zuflucht und Einsicht.

20. Du bist das Ewige und das Vergängliche, du bezauberst alles Bewegliche und Unbewegliche. Du bist die Verbindende, die alle Formen des Yoga mit ihren Haupt- und Nebengliedern zur Erscheinung bringt.

21. Du bist die Herrin der Menschen und erweist allen Gnade. Du bist der Anfang des Alls und selbst ohne Anfang, der Mutterschoß des Alls und selbst ungeboren aus einem Mutterschoß. Grenzenlos bist du und allein die Vollenderin aller Welten.

22. Du bist vollkommen rein und wirst doch auch als dunkel besungen. Du bist Gewalt und Gewaltlosigkeit, du bist Kali und die Viergesichtige.

23. Du bist die Höchste, die Mutter aller, die Bezwingende und Bändigende. In dir allein löst sich das All auf; in dir leuchtet die Wirklichkeit, und du trägst sie.

24. Ursache und Wirkung, Wahrheit und Frieden, Heilsames und Unheilsames sowie die Früchte am Baum der Leidenschaft: Dies sind deine Gestalten im Weltgeschehen.

25. Du bist äußerst kurz und lang, winzig klein und von gewaltigem Leib. Obwohl fein, durchdringst du alle Welten; das All ist von dir erfüllt.

26. Die Wirklichkeit, die man durch wiederholte Betrachtung und den achtgliedrigen Yoga verwirklicht und zur Festigkeit bringt, ist deine ewige Gestalt.

27. Äußeres und Inneres, Freude und Leid, Wissen und Nichtwissen, Auflösung und Fortbestehen, Bedrängnis und Frieden: Du bist die Machtfülle des Herrn der Welt.

28. Niemand in den drei Welten vermag deine Macht auszusprechen. Du selbst bist die bezaubernde Kraft – wie könnte ich dich angemessen preisen?

29. Yoganidra, großer Schlaf, verblendender Schlaf, weltdurchdringende Göttin, Vishnumaya und Prakriti: Wer könnte dich durch Lobpreis ganz erfassen?

30. Du bist die Kraft, durch welche ich, Vishnu und Shankara einen Leib tragen. Wer kann ihre Macht aussprechen, wer ihre Eigenschaften erkennen?

31. Im Innern bist du als Lichtgestalt erfahrbar, die das Erkennen ermöglicht. Nach außen erscheinst du, die Eine, in der Gestalt des Beweglichen und Unbeweglichen.

32. Sei gnädig, Mutter aller Welten, die du Frauengestalt annimmst! Du mit dem All als Gestalt, Herrin des Alls, Ewige, sei gnädig!

33. Wieder und wieder Verehrung dir, die du Weltentfaltung und Rückkehr aus der Welt, Erhaltung und Schöpfung bist! Du bist die ewige Kraft aller beweglichen und unbeweglichen Wesen, die alles zu bezaubern vermag.

34. Du trägst das Unveränderliche, Unoffenbare und Unvorstellbare und die von Zeit geprägten Welten. Stets bringst du den Keim der Wandlungen hervor: Altes, Neues und Dazwischenliegendes.

35. Du bist das unveränderte Gleichgewicht der Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas, die einzige Ursache der Welt, die sich als Außen und Innen entfaltet.

36. Du Keim sämtlicher Welten, deren Wesen Erkennen und Erkennbares ist, Vishnumaya, die zum Wohl der Welten wirkt: Verehrung dir!

Kali und Shiva. Die Betrachtung der göttlichen Kraft verbindet sich mit der Frage nach dem unveränderlichen Bewusstsein.


Maya, Wachstum und Befreiung

37. Indem sie sich als Unoffenbares und Offenbares sowie durch die Eigenschaften Rajas, Sattva und Tamas gliedert und wirkt, wird sie Vishnumaya genannt.

38. Sie ist der inneren Vergegenwärtigung des Mantras hingegeben und von der Natur höchster Glückseligkeit; im reinen Erkennen der Yogis gegenwärtig, wird sie die Weltdurchdringende genannt.

39. Wie das aus Wolken stammende Wasser den aus dem Samen entstandenen Keim wachsen lässt, so lässt sie die geborenen Wesen wachsen.

40. Sie ist Kraft und Schöpfung, die Herrin und die Entfaltung aller. Sie ist stets die Geduld der Geduldigen und das Mitgefühl der Mitfühlenden.

41. Als die Ewige leuchtet sie in ewiger Gestalt im Innern der Welt. Als höchstes Licht macht sie Offenbares und Unoffenbares sichtbar.

42. Als Wissen ist diese Vaishnavi für die Yogis Ursache der Befreiung; in ihrer entgegengesetzten Erscheinung ist sie für die dem Weltleben Verhafteten Ursache der Bindung an Samsara.

43. Als Lakshmi ist sie Krishnas überaus liebliche Gefährtin. Als die dreifache vedische Lehre weilt sie stets an meiner Kehle, du aus dem Geist Geborener. Brahma ist hier der Sprecher.

44. Überall gegenwärtig, alles durchdringend, von göttlicher Gestalt, ewig, alle Gestalten umfassend und die Höchste genannt: Diese Göttin bezaubert selbst Krishna und die anderen und erscheint den Lebewesen ringsum in Frauengestalt.


Hingabe an die göttliche Mutter

45. Ich preise die Göttin, deren Wesen Glückseligkeit ist und die der Welt Freude schenkt: die glückverheißende Lakshmi Haris, die als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung erscheint.

46. Das höchste Lichtprinzip, das durch das Überwiegen von Sattva offenbar wird, das aus sich selbst leuchtet und die Wohnstatt der Welt ist: Es ist ein Anteil von dir, große Herrin.

47. Die Offenbarung des Begehrens durch das Überwiegen von Rajas, die als Leidenschaft in der Mitte steht: Sie ist ein Anteil deines Anteils, du Weltdurchdringende.

48. Was durch das Überwiegen von Tamas als Verblendung erscheint und das Bewusstsein der Wesen verhüllt, gehört ebenfalls zum Bereich eines Anteils deines Anteils.

49. Du bist die Höchste, von höchster Natur, rein und makellos und doch die Bezauberin der Welt. Du bist dreigestaltig, die dreifache vedische Lehre, Ruhm, Lebensunterhalt und Zuflucht dieser Welt.

50. Die Gestalt, in der Madhava die Erde trägt und die aus ihm selbst hervorgeht, ist deine Gestalt, die allen Welten wohltut.

51. Jenes Erkennen bist du: frei von Entfaltung und doch die Entfaltung erhellend. Du bist Wissen und Nichtwissen, Stütze und selbst ohne Stütze. Als Gestalt der Welten bist du die ursprüngliche Kraft, die Herrin.

52. Die reine Sprache, die in Brahmas Kehle wohnt und als Stimme besungen wird, die sich ganz der Offenbarung der Veden widmet: Diese bist du, Erhellerin des Alls.

53. Du bist unvorstellbar, unoffenbar und von nicht bestimmbarer Gestalt. Du bist Kalaratri und die Friedvolle, du selbst bist die höchste Prakriti.

54. Sei gnädig, erhabene Mutter; sei gnädig, deren Gestalt Yoga ist! Sei gnädig, Furchtgebietende, Weltdurchdringende: Verehrung dir!

55. Ich verneige mich vor der Ewigen, die als die Glückverheißende, Friedvolle, Mahamaya, Yoganidra, Weltdurchdringende und Vishnumaya bezeichnet wird.

56. Von ihr beauftragt, schuf der Schöpfer einst die Welt; auf ihre Weisung hin bewirkte Vishnu, der Herr der Welt, ihre Erhaltung,

57. und Shambhu ihre Auflösung. Vor dir, dieser erhabenen Göttin, verneige ich mich: unveränderlich, rein, unermesslich und machtvoll, Erkenntnismittel, Maß und Erkennbares genannt, deren Wesen Freude ist.

58. Wer dich als die höchste Göttin betrachtet, deren Wesen Wissen und Nichtwissen ist, dem liegen Lebensgenuss und Befreiung stets in der Hand.

59. Wer dich, die läuternde Göttin, die Wissen und Nichtwissen offenbart, auch nur einmal unmittelbar schaut, dem wird gewiss Befreiung zuteil.

60. Yoganidra, Mahamaya, Vishnumaya, Weltdurchdringende: Das Bewusstsein, das mit den Gegenständen gültiger Erkenntnis verbunden ist, ist von deiner Natur.

61. Wer dich als Mutter der Welt preist, als Ambika, als Weltdurchdringende und als Maya, dem wird alles zuteil.


Die Einheit hinter den Gottesgestalten

62. Brahma ist nicht von dir verschieden, und Shambhu ist nicht von Brahma verschieden. Auch ich bin nicht von euch beiden verschieden: Diese Nichtverschiedenheit ist ewig. Vishnu spricht zu Shiva.

63. Wer bist du, wer bin ich, und wer ist Brahma? Diese drei unterschiedenen Anteile des höchsten Selbst sind die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.

64. Betrachte mit dem Selbst das Selbst und richte deinen Lobpreis auf das Selbst. Nimm die Einheit von Brahma, Vishnu und Shambhu in dein Herz auf.

65. Wie Kopf und Hals verschiedene Glieder ein und desselben Wesens sind, so sind diese drei Anteile, Hara, Glieder meiner einen Wirklichkeit.

66. Jenes ursprüngliche Licht, das sich selbst und anderes erhellt, unveränderlich, unoffenbar, von grenzenloser Gestalt und ewig, frei von Bestimmungen wie Länge und dergleichen: Dieses Höchste sind wir; wir sind nicht voneinander verschieden.

Die folgende heutige Chakra-Energie-Meditation ergänzt die stille Betrachtung; sie ist keine Rezitation der ausgewählten Verse.


Meditation und unmittelbare Erkenntnis

67. Es gab allein das höchste Brahman: fein, ewig, jenseits der Sinne, unoffenbar, von der Natur des Erkennens und ohne die Bestimmung der Zweiheit.

68. Das eine höchste Brahman ist die Wirklichkeit jenseits der Erscheinung, Hara. Diese drei ewigen Gestalten gehören eben diesem Herrn der Welt an.

69. Der anfanglose erhabene Herr ist das höchste Licht von der Natur des Erkennens. Der eine große Herr bewirkt Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.

70. Dabei empfängt er die verschiedenen Namen Brahma, Vishnu und Shiva. Deshalb sind du, der Schöpfer und ich nicht getrennt voneinander; so verhält es sich mit unseren Leibern, Gestalten und dem inneren Erkennen.

71. Stets schaust du, wenn du in Meditation versunken bist, den höchsten Herrn im Selbst, als das Wesen des Selbst: als mein Licht, das wahrhaft Unvergängliche.

72. Durch den Yoga der Meditation wirst du selbst Maya, Prakriti, Zeit und Purusha erkennen, Herr. Darum widme dich der Meditation.

73. Als Mahadeva diese entschiedenen Worte gehört hatte, verband er sich vor den Augen der Weisen mit dem Yoga und versenkte sich in Meditation.

74. Er nahm eine fest verschränkte Sitzhaltung ein, hielt die Augen unbewegt und betrachtete als großer Herr das Selbst im Selbst.

75. Weder grob noch fein, keiner näheren Bestimmung zugänglich, ewige Glückseligkeit und jenseits eines begrenzten Glücksempfindens, eines, rein und jenseits der Sinne –

76. unsichtbar und doch alles schauend, ohne Eigenschaften, die höchste Stätte, das höchste Selbst, Glückseligkeit und Ursache der Ursache der Welt –

77. als diese Wirklichkeit schaute Shambhu zuerst sein eigenes Selbst. Sein Geist war darin eingegangen, und die Wahrnehmung des Äußeren war geschwunden.

78. Prakriti, eine Gestalt ebendieser Wirklichkeit, sah er um der Schöpfung willen in Unterschieden hervortreten, gleichsam einzeln und getrennt neben ihr.

79. Ebendieses erscheint immer wieder als Zeit, als Ursache der Abgrenzung von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.

80. Prakriti, Purusha und Zeit sah er immer wieder als ungeschieden aufleuchten und doch um der Schöpfung willen in Unterschieden hervortreten.

81. Der Mondbekrönte sah sie als unterschieden und doch ungetrennt. Brahman ist eines allein, ohne Zweites; hier gibt es keinerlei Vielheit.

82. Es erscheint in der Gestalt des Urstoffs, in der Gestalt der Zeit und ebenso in der Gestalt des Purusha und wirkt so für das Weltgeschehen.

83. In Frauengestalt ist sie Lakshmi, Haris Geliebte; sie ist Savitri, Rati und Sandhya, sie ist Sati und sie ist Virini.

84. Die Göttin selbst hat die Gestalt der Erkenntniskraft und wird auch Chandika besungen. Dies schaute Hara unmittelbar, als er den Weg der Meditation beschritt.


Das Wesentliche und der Dharma

85. Die ganze Welt ist ohne bleibenden Kern, vergänglich und eine Stätte des Leidens. In einem Augenblick entsteht sie, in einem Augenblick vergeht sie.

86. So geht die Welt ohne bleibenden Kern aus dem wahrhaft Wesentlichen hervor; bei der großen Auflösung gehen ihre Erscheinungen wieder in dieses ein.

87. Durch Entstehen und Vergehen zeigte Hari, der Herr der Welten, Shambhu die Unbeständigkeit der Welt unmittelbar auf.

88. Eines ist das Wesentliche: glückverheißend, friedvoll, grenzenlos, unvergänglich, höher als das Höchste und von Erkenntnis erfüllt, ohne Zweites, unoffenbar und von unvorstellbarer Gestalt. Außer ihm gibt es nichts, das in gleicher Weise wesentlich wäre.

89. Woraus dieses ganze All hervorgeht, worin es später wieder aufgeht und worin es besteht, das die Welt trägt wie der Himmel die sich bildenden Wolken: Das ist das Wesentliche der Wirklichkeit.

90. Was der Yogi durch den achtgliedrigen Yoga zu erreichen sucht und dafür beständig sein eigenes Wesen läutert, was er erlangt, ohne in diese Welt zurückzukehren: Das ist das Wesentliche; kein anderes ist es in gleicher Weise.

91. Als Zweites ist jener Dharma wesentlich, der zur Erlangung des Ewigen führt und der Weg der Rückkehr genannt wird. Der auf weiteres Weltgeschehen gerichtete Weg ist in diesem Vergleich nicht das Wesentliche.

92. Man sammle Dharma allmählich an, wie ein Termitenhügel aus Erde wächst: als Beistand für die andere Welt und zur Befreiung von früherem Unrecht.

93. Unter allen Tätigkeiten im Weltleben ist Dharma allein das höchste Gut. Die anderen drei Lebensziele, angefangen mit Artha, entstehen aus Dharma.

94. Durch Dharma wird die menschliche Welt getragen, durch Dharma das All. Durch Dharma allein gelangten einst sämtliche Götter zu ihrem göttlichen Zustand.

95. Der erhabene, auf vier Füßen stehende Dharma schützt die Welt unablässig. Er selbst ist der ursprüngliche Purusha, der Dharma genannt wird.

96. Alles in dieser Welt vergeht; Dharma hingegen soll nicht aufgegeben werden. Wer vom Dharma nicht abweicht, wird unvergänglich genannt.

97. So habe ich euch das Wesentliche erläutert; die ganze Welt ist ohne bleibenden Kern. Ebenso schaute Shambhu selbst durch Erkenntnis in seinem Innern.

98. Dies zeigte ihm Vishnu, der Herr der Welt. Shankara erfasste es selbst mit dem Geist durch Meditation im Selbst.

99. Wesentlich ist die höchste, ungeteilte Wirklichkeit ohne Gestalt; als weiteres Wesentliches gilt der gestaltgewordene Dharma. Alles andere entbehrt dieser Wesentlichkeit. Wer dies erkennt, gelangt als Mensch großer Einsicht zum Ewigen.

Das Herz wird im Kalika Purana als Ausgangspunkt von Meditation, Mantra und Japa angesprochen.


Erkenntnis zum Wohl der Welt

100. Nachdem ich die Wesen unmittelbar erkannt habe, will ich eine Leuchte der Erkenntnis schaffen und damit die Geschöpfe der Welt emporführen. Kapila spricht.

101. Die ganze Welt ist gegenwärtig im Ozean der Unwissenheit versunken. Ich will ihr das Boot der Erkenntnis geben und die drei Welten hinüberführen.

102. Om, Verehrung Vasudeva, der als Hiranyagarbha, Purusha, Pradhana und das Unoffenbare erscheint und dessen Wesen reines Erkennen ist.


Guru, Mantra und Herz

103. Man nehme die Gebetskette in die Hand und vergegenwärtige sich im Geist die Göttin; den Guru stelle man sich über dem Haupt vor, entsprechend der beschriebenen Farbe und den übrigen Merkmalen.

104. Man betrachte den Mantra an der Kehle, weiß und goldleuchtend, Mahamaya im Herzen und sich selbst zu Füßen des Gurus.

105. Darauf vergegenwärtige man sich die Einheit des Gurus, des Mantras, des eigenen Selbst und der Göttin, entlang des Weges der Sushumna.

106. Weil das Herz der Ausgangspunkt der Meditationen, der Mantras, der inneren Betrachtung und des Japa ist, wird es das Ursprüngliche genannt.


Zuflucht und Segen

107. Wer selbst spricht: „Verehrung dir, Kalika“, dem liegt Befreiung in der Hand, und die drei weltlichen Lebensziele folgen seinem Willen.

108. Möge euch jener Glückverheißende gnädig sein, dessen Entfaltung als Pradhana und Purusha im Herzen der Yogis erscheint, jener Vishnu, der Herr der Puranas.


Spirituelle Erläuterungen

Maya verstehen

Die Göttin ist im Kalika Purana keine bloß äußere Macht. Sie wird als Bewusstsein, Einsicht, Erinnerung, Festigkeit, Mitgefühl und Frieden angerufen. Gerade die Verbindung kosmischer Größe mit diesen erfahrbaren Qualitäten ist für die Praxis fruchtbar. Wo Geduld wächst und Mitgefühl handlungsfähig wird, lässt sich die Gegenwart der Shakti im eigenen Leben betrachten.

Die Unterscheidung von Vidya und Avidya beschreibt zwei Weisen des Erlebens: Verhaftung macht aus der Welt einen Ort des Gefangenseins; Erkenntnis eröffnet Freiheit inmitten derselben Welt. Daraus folgt keine Geringschätzung des Lebens. Die Göttin wird ausdrücklich auch als nährende und Wachstum ermöglichende Kraft gepriesen.

Einheit erfahren

Die Verse über Brahma, Vishnu und Shiva wenden sich gegen die Vorstellung, göttliche Namen müssten voneinander abgeschlossene Wirklichkeiten bezeichnen. Ihre Einheit wird nicht nur erklärt: Shiva erfährt sie in Meditation. Für den eigenen Weg kann dies bedeuten, die gewählte Gottesgestalt liebevoll zu verehren und dabei die Offenheit für andere Zugänge zum Heiligen zu bewahren.

Dharma verkörpern

Die Betrachtung der Vergänglichkeit mündet in verlässliches Handeln. Dharma wird schrittweise gesammelt – ein starkes Bild für eine Praxis, die aus vielen kleinen Entscheidungen besteht. Das Kalika Purana verbindet die Erkenntnis des Formlosen mit einer Lebensführung, die dieser Erkenntnis Ausdruck gibt.

Historische Sprache bewusst lesen

Die umfassenden Identifikationen der Göttin mit gegensätzlichen Erscheinungen sind theologische Aussagen, keine Handlungsaufforderung zu Gewalt. Ebenso gehören die weitreichenden Heilsversprechen zur Sprache des Lobpreises. Sie laden zu Vertrauen und Hingabe ein; sie sind keine Garantie bestimmter äußerer Ergebnisse. Die im Text enthaltenen komplexen Nyasa-, Atem- und Chakrapraktiken setzen einen tradierten Übungszusammenhang voraus. Die Auswahl macht daraus keine allgemeine Selbstanleitung.

Mantras und Rezitationsformeln

Die folgenden Formeln stehen ausdrücklich im Sanskrittext. Verschlüsselte Lautanweisungen und nur angedeutete Bija-Folgen werden nicht zu neuen Mantras ergänzt. Eine ganze übersetzte Strophe ist zudem nicht automatisch ein eigenständiger Initiationsmantra.

Anrufung Kalikas

कालिकायै नमस्तुभ्यम्।
kālikāyai namastubhyam |

„Verehrung dir, Kalika!“

In Kapitel 90.28 wird diese vollständig ausgesprochene Anrufung ausdrücklich genannt. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf die göttliche Mutter und verbindet sich mit dem Wunsch nach Befreiung. Ein Om wird hier nicht ergänzt, weil es in dieser Formel des Verses nicht steht.

Verehrung Vaishnavis

ॐ वैष्णव्यै नमः।
oṃ vaiṣṇavyai namaḥ |

„Om, Verehrung der Vaishnavi!“

Kapitel 52.21 nennt diese Formel ausdrücklich. Vaishnavi bezeichnet die mit Vishnu verbundene göttliche Kraft. Im ursprünglichen Zusammenhang gehört die Anrufung zur Mandala-Praxis; eine einfache ehrerbietige Rezitation ist von der vollständigen Ritualausführung zu unterscheiden.

Manus Anrufung Vasudevas

हिरण्यगर्भपुरुषप्रधानाव्यक्तरूपिणे |
ॐ नमो वासुदेवाय शुद्धज्ञानस्वरूपिणे ||

hiraṇyagarbhapuruṣapradhānāvyaktarūpiṇe |
oṃ namo vāsudevāya śuddhajñānasvarūpiṇe ||

„Om, Verehrung Vasudeva, der als Hiranyagarbha, Purusha, Pradhana und das Unoffenbare erscheint und dessen Wesen reines Erkennen ist.“

Kapitel 32.43 gibt den Vers vollständig wieder; 32.42 und 32.44 bezeichnen seinen Zusammenhang als Mantra und Japa. Die vier Bezeichnungen führen vom kosmischen Ursprung über das bewusste Prinzip und die Urnatur bis zum Unoffenbaren. Der Lobpreis sieht diese Vielfalt in der einen göttlichen Wirklichkeit gesammelt.

Anrufung der Gebetskette

ॐ माले माले महामाये सर्वशक्तिस्वरूपिणि |
चतुर्वर्गस्त्वयि न्यस्तस्तस्मान्मे सिद्धिदा भव ||

oṃ māle māle mahāmāye sarvaśaktisvarūpiṇi |
caturvargastvayi nyastastasmānme siddhidā bhava ||

„Om, Gebetskette, Gebetskette, große Maya, Verkörperung aller Kräfte! Die vier Lebensziele sind dir anvertraut; darum gewähre mir Gelingen.“

Kapitel 55.35 enthält diese Anrufung der Mala. Die vier Lebensziele sind Dharma, Artha, Kama und Moksha. Die Verehrung der Mala kann daran erinnern, das Hilfsmittel der Praxis achtsam zu behandeln und das eigene Wiederholen nicht mechanisch werden zu lassen. Die Formel ersetzt keine Einweihung in einen anderen Mantra.

Lobpreis und Mantra verbinden das gesprochene Wort mit einer Haltung der Hingabe.

Eine einfache Betrachtungspraxis

Wähle einen Vers oder einen kurzen zusammenhängenden Abschnitt. Lies ihn aufmerksam. Frage dich, welches Wort dich besonders anspricht: Bewusstsein, Geduld, Einheit, Erkenntnis oder Zuflucht. Lass den Gedanken anschließend in ruhiger Meditation still werden. Zum Abschluss wähle eine kleine Handlung, in der sich die betrachtete Qualität heute ausdrücken kann.

Diese schlichte Anregung ist eine heutige Anwendung der Texte, keine wörtlich im Kalika Purana vorgeschriebene Übungsfolge. Für weiterführende tantrische Praxis sind Guru, Unterweisung und die eigene Tradition maßgeblich.

Begleitende heutige Meditationsanleitung:

Konkordanz der 108 Verse

Die Angaben beziehen sich auf die 90-Kapitel-Fassung des Muktabodha-Textes M04002. „6.69c“ bezeichnet das dritte Vorkommen der Nummer 69 in Kapitel 6, den mit nityā sā nityarūpeṇa beginnenden Vers. Die beiden vorhergehenden Vorkommen gehören zum wiederholten Beschreibungsblock der Scharen. „26b“ bezeichnet das zweite Vorkommen der Originalnummer 26 in Kapitel 8, den mit prasīda bhagavatyamba beginnenden Vers. Die Auswahl zählt jede ausgewählte Originaleinheit genau einmal. Ein Halbvers wie 5.24 wird als die eigenständig nummerierte Texteinheit der Vorlage gezählt.

Auswahl Originalstelle
1 1.19
2 1.20
3 1.21
4 1.22
5 5.15
6 5.17
7 5.18
8 5.19
9 5.20
10 5.21
11 5.22
12 5.23
13 5.24
14 5.25
15 5.26
16 5.27
17 5.28
18 5.30
19 5.31
20 5.32
21 5.34
22 5.35
23 5.36
24 5.40
25 5.41
26 5.44
27 5.45
28 5.46
29 5.47
30 5.48
31 5.49
32 5.50
33 5.54
34 5.57
35 5.58
36 5.59
37 6.59
38 6.61
39 6.67
40 6.68
41 6.69c
42 6.70
43 6.71
44 6.72
45 8.12
46 8.13
47 8.14
48 8.15
49 8.16
50 8.17
51 8.21
52 8.22
53 8.24
54 8.26b
55 8.49
56 8.50
57 8.51
58 8.52
59 8.53
60 8.54
61 8.55
62 11.51
63 11.53
64 11.54
65 11.55
66 11.56
67 12.7
68 12.9
69 12.37
70 12.38
71 12.42
72 12.43
73 12.46
74 12.47
75 12.53
76 12.54
77 12.55
78 12.56
79 12.58
80 12.59
81 12.60
82 12.61
83 12.64
84 12.65
85 28.1
86 28.2
87 28.3
88 28.4
89 28.5
90 28.6
91 28.7
92 28.8
93 28.9
94 28.11
95 28.12
96 28.13
97 28.14
98 28.15
99 28.16
100 32.12
101 32.13
102 32.43
103 55.23
104 55.24
105 55.25
106 55.33
107 90.28
108 90.40

Siehe auch

Seminare

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Sukhavati Kusch

Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Kālikāpurāṇam, herausgegeben von Pañcānana Tarkavāgīśa, Kalkutta 1909; Muktabodha Indological Research Institute, E-Text M04002, Revision vom 27. April 2017, unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski erfasst, gekennzeichnet mit CC BY-NC 4.0. Die deutschen Übersetzungen folgen diesem Sanskrittext; die thematische Zusammenstellung und die Erläuterungen sind redaktionelle Ergänzungen.

Bei 5.30 wird die offenkundig gestörte Form takṣmīḥ als lakṣmīḥ verstanden. Die Sanskritartikel bewahren die Ausgangslesung. In 12.53 bezeichnet „jenseits eines begrenzten Glücksempfindens“ eine interpretierende Wiedergabe von nirānandam, wörtlich „ohne Freude“, neben nityānandam, „ewige Glückseligkeit“. Die Wortwahl macht die im Vers angelegte paradoxe Beschreibung sichtbar. Mit „glückverheißend“ in 90.40 wird śivaḥ wiedergegeben; die Stelle verbindet zugleich die Namen Vishnu und Shiva.