Sardhatrisatikalottara

Aus Yogawiki

Sardhatrisatikalottara (Sanskrit: सार्धत्रिशतिकालोत्तर sārdhatriśatikālottara, auch सार्धत्रिशतिकालोत्तरागम sārdhatriśatikālottarāgama) ist eine frühe tantrische Schrift des Shaiva Siddhanta, in der Shiva seinem Sohn Skanda einen verdichteten Weg zu Befreiung und spiritueller Vollendung lehrt. Sie verbindet Mantra, Einweihung und Verehrung mit einem bemerkenswerten inneren Yoga: Atem, Herzlotus, subtile Klangkraft und Erkenntnis werden zu Zugängen zur göttlichen Gegenwart. Ihre Grundfrage ist unmittelbar menschlich: Wie können Menschen mit begrenzter Lebenszeit und begrenzten Kräften das Wesentliche erkennen?

Shiva und Parvati: Im Sardhatrisatikalottara ist Shivas Kraft in Schöpfung, Mantra und innerem Yoga gegenwärtig. Der Gesprächspartner der Schrift ist Skanda.

Die Antwort entfaltet sich von der hörbaren Silbe bis zur gedankenfreien Wirklichkeit. Das Göttliche ist nicht nur Gegenstand äußerer Verehrung: Es ist dem Menschen so nahe wie das Öl dem Sesamsamen und der Duft der Blume. Dennoch genügt bloße Nähe nicht. Der Text fordert bewusstes Erkennen, gesammelte Praxis und eine verantwortliche Unterweisung. Sein Schlussbild ist besonders einprägsam: Eine Fackel hilft, den gesuchten Gegenstand zu sehen; ist er erkannt, braucht man die Fackel nicht mehr festzuhalten. Ebenso führt Erkenntnis über das Festhalten an ihren eigenen Mitteln hinaus.


Inhaltsverzeichnis

Titel, Überlieferung und spirituelle Eigenart

Sārdhatriśati bezeichnet dreihundertfünfzig. Der Titel bedeutet entsprechend „Das Kalottara in dreihundertfünfzig [Versen]“. Kālottara lässt sich sprachlich als „über die Zeit hinausgehend“ verstehen und ist zugleich der Name einer shaivischen Textfamilie. Āgama bedeutet überlieferte heilige Lehre. Die traditionelle Umfangsbezeichnung ist nicht mit der Zahl der nummerierten Einheiten gleichzusetzen: Der hier wiedergegebene Grundtext hat 23 Kapitel und 309 nummerierte Texteinheiten, darunter längere Strophen. Sie werden durchgehend mit Kapitel- und Versnummer bezeichnet.

Das Sardhatrisatikalottara gehört zur frühmittelalterlichen Sanskritüberlieferung des Shaivismus. Die Forschung ordnet es unter die vor dem 10. Jahrhundert entstandenen shaivasiddhantischen Schriften ein; eine genaue Entstehungszeit lässt sich nicht sicher angeben.[1] Der bedeutende shaivische Gelehrte Bhaṭṭa Rāmakaṇṭha verfasste einen Kommentar. In seiner eigenen Rahmenerzählung bezeichnet sich das Werk als Essenz des Vātula-Tantra: wie Butter, die aus geronnener Milch gewonnen wird (1.4). Das ist sein programmatisches Selbstverständnis: wenig Umfang, viel Gehalt.

Inhaltlich steht es Kirana Tantra, Mrigendra Tantra, Matanga Parameshwara Agama und Sarvajnanottara Agama nahe. Mit der Nishvasa Tattva Samhita verbinden es frühe Vorstellungen von Mantra, Atem und der Auflösung körperlicher Bindung. Im Unterschied zu einer Sammlung überwiegend meditativer Zugänge wie dem Vijnana Bhairava Tantra hält das Sardhatrisatikalottara am Zusammenhang von Einweihung, täglichem Ritual, kosmischer Ordnung und innerer Erfahrung fest. Seine befreienden Erkenntnisaussagen dürfen daher nicht ohne Weiteres mit der Philosophie der Shiva Sutra oder des Pratyabhijnahridaya gleichgesetzt werden.

Shiva, Shakti und das individuelle Selbst

Shiva ist der höchste Herr, Ursprung der Mantras und Ziel der Befreiung. Shakti ist seine wirksame Kraft: Sie bringt hervor, bewegt den Lebenshauch und führt die Seele. Der Mensch erscheint als jīva, lebendige Seele, und als paśu, gebundenes Wesen. Seine Bindungen, die pāśa, betreffen nicht nur äußere Umstände, sondern auch Denken, Ichbewusstsein und die Verknüpfung mit der erfahrbaren Welt.

Das Bewusstsein soll nicht gewaltsam vernichtet werden. Vielmehr geht es um das Lösen seiner Verstrickungen. Der Text unterscheidet das gegliederte, in Lauten und Gestalten erfahrbare Göttliche (sakala) von seiner ungegliederten Wirklichkeit (niṣkala). Der Weg führt durch die Form hindurch: Mantra, göttliche Gestalt und innerer Lotus werden zu Mitteln, das nicht an Formen Gebundene zu erkennen. „Im Gegliederten ist das Ungegliederte überall gegenwärtig“ (23.7).

Die Schrift spricht sowohl von befreiender Erkenntnis als auch von der Vereinigung mit Shiva. Im shaivasiddhantischen Zusammenhang ist dies nicht automatisch die Behauptung, das gewöhnliche Ich sei bereits in jeder Hinsicht mit dem höchsten Herrn identisch. Die Seele bedarf der Befreiung; der Guru trägt Verantwortung dafür, dass Unterweisung und Einweihung tatsächlich auf diese Befreiung ausgerichtet sind.

Atem, innerer Klang und Herzlotus

Der Lebenshauch verbindet Körper, Aufmerksamkeit und Mantra. Die Kapitel 10 und 11 behandeln die Nadis, die Lebenswinde und die beiden seitlichen sowie die mittlere Bahn. Die Bilder von Sonne, Mond und Gleichstand beschreiben dabei zugleich kosmische und innere Vorgänge. Viṣuvat, wörtlich der Gleichstand von Tag und Nacht, wird zum Bild für das Zusammenwirken der Atembahnen.

Das Sardhatrisatikalottara erklärt Pranayama als Füllung, Halten und Entleerung. Es verbindet diese Vorgänge mit dem Öffnen des Herzlotus und dem Aufstieg der Seele. Einige Passagen behandeln ausdrücklich den Austritt aus dem Körper; sie sind keine Anleitung für gewöhnliche Atemübungen. Für die heutige Meditation liegt ein unmittelbar zugänglicher Bezug im wachen Wahrnehmen des natürlichen Atems und im ruhigen Sammeln der Aufmerksamkeit.

Dharana erscheint als konzentrierte Vergegenwärtigung, beispielsweise der Elemente oder des strömenden Nektars. Dhyana vertieft diese Ausrichtung zur Meditation auf den Herrn. Samadhi bezeichnet die Versenkung, in der die Bindung an die gewöhnliche Todes- und Geburtserfahrung überwunden werden soll. Das Werk stellt diese Begriffe in seinen eigenen Ritual- und Erkenntniszusammenhang; es entfaltet keine vollständige Lehre der acht Glieder nach Patanjali.

Bemerkenswert ist die Darstellung der Kundalini in 12.1: Die ursprüngliche Kraft wird hier sprossförmig im Herzen vergegenwärtigt. Ein später geläufiges Schema mit sieben übereinanderliegenden Chakras darf deshalb nicht einfach auf jede Aussage dieses Textes übertragen werden.

Als heutige Hinführung zu Sammlung und innerer Wahrnehmung kann die folgende Drei-Chakra-Meditation dienen. Sie ist eine eigenständige Yoga-Vidya-Praxis, keine Rekonstruktion des alten Rituals.

Einige Schlüsselbegriffe verstehen

Dvādaśānta, der „Zwölfer-Endpunkt“, bezeichnet eine durch zwölf Fingerbreiten bestimmte Grenze der inneren bzw. über den Körper hinausführenden Betrachtung. Ihr Bezugspunkt ist vom jeweiligen Übungszusammenhang abhängig; 23.14 nennt ausdrücklich den Bereich zwölf Fingerbreiten vor der Nasenspitze. Udghāta, hier „Aufwärtsimpuls“, ist ein technischer Ausdruck der Atem- und Ritualpraxis. Er meint nicht ohne Weiteres einen normalen Atemzug oder eine körperliche Bewegung.

Kalā kann einen Teilaspekt, eine Kraft oder einen kosmischen Bereich bezeichnen. Herz, Haupt, Scheitel, Panzer und Waffe stehen in Ritualvorschriften häufig für Mantras, nicht für körperliche Gegenstände. Nāda bezeichnet die subtile Klangkraft; Bindu den Punkt bzw. Nasalpunkt und seine spirituelle Bedeutung. Solche Ausdrücke verbinden Laut, Vorstellung und kosmische Ordnung. Die Worterklärungen geben deshalb jeweils die im Vers passende Bedeutung an.

Hinweis zu schwierigen Versen: Der Grundtext enthält stark verkürzte Ritualanweisungen und einige sprachlich gestörte Stellen. Wo ihre genaue Bedeutung offenbleibt, ist die deutsche Wiedergabe als Deutung gekennzeichnet. Eine vollständig gesicherte Entschlüsselung aller Ritualdetails wird damit nicht behauptet.

Wie die einzelnen Teile zusammenwirken

Die Anfangskapitel führen von der Kraft des Klanges zur inneren und äußeren Verehrung. Einweihung und Lehrerweihe zeigen anschließend, dass spirituelle Praxis in einer Überlieferungsbeziehung steht. Die mittleren Kapitel erschließen Körper, Atem und Mantraschrift als zusammengehörige Ausdrucksformen der göttlichen Kraft. Der Schluss fragt nach dem, was diese Mittel trägt: nach dem Selbst, der allgegenwärtigen Durchdringung und der befreienden Erkenntnis.

Zugleich enthält die Schrift historische Verfahren zur Erlangung von außergewöhnlichen Kräften, zur Beeinflussung anderer und zur Deutung des Lebensendes. Diese Passagen gehören zum überlieferten Werk, sind aber von seiner befreienden Zielsetzung zu unterscheiden. Die nachfolgenden Praxistipps konzentrieren sich auf Erkenntnis, Sammlung, Verehrung und verantwortliche Lebensführung.

Sardhatrisatikalottara – Sanskrit, Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung

Die Verszählung nennt zuerst das Kapitel, dann die Texteinheit. Einige Sätze erstrecken sich über mehrere Verse. Eckige Klammern in der Übersetzung ergänzen einen aus dem Zusammenhang notwendigen Bezug; ausdrücklich unsichere Stellen werden knapp kenntlich gemacht. Die Worterklärungen erläutern zentrale Wörter und Wendungen, ohne jedes Sandhi einzeln aufzulösen. Sanskrittext, Rezitationsfassungen und deutsche Lesefassung folgen derselben Zählung.

Kapitel 1: Mantra, Klang und Mudra

Vers 1.1

IAST:

<poem> bhagavandevadeveśa lokanātha jagatpate | mantratantraṃ tvayā proktaṃ vistarādvastusādhanam || 1.1 || </poem>

Übersetzung:

Erhabener, Herr der Götter, Beschützer der Welt, Gebieter des Alls! Du hast ausführlich die Mantralehre verkündet, durch die sich die erstrebten Ziele verwirklichen lassen.

Wort-für-Wort:

bhagavan – Erhabener; devadeveśa – Herr der Götter; lokanātha – Beschützer der Welt; mantratantram – Mantralehre; vistarāt – ausführlich; vastusādhanam – Verwirklichung der Gegenstände bzw. Ziele.

Vers 1.2

IAST:

<poem> alpāyuṣastvime martyā alpavīryālpabuddhayaḥ | alpasattvālpavittāśca lobhamohāsamanvitāḥ || 1.2 || </poem>

Übersetzung:

Doch diese Sterblichen leben nur kurz; ihre Kraft und Einsicht sind gering. Sie besitzen wenig innere Stärke und wenig Vermögen und sind von Gier und Verblendung erfüllt.

Wort-für-Wort:

alpāyuṣaḥ – kurzlebig; martyāḥ – Sterbliche; alpavīrya – von geringer Kraft; alpabuddhi – von geringer Einsicht; lobha – Gier; moha – Verblendung.

Vers 1.3

IAST:

<poem> alpagranthaṃ mahārthaṃ ca padārthānīkasaṃkulam | vaktumarhasi devaiṣāṃ prasādārthaṃ mama prabho || 1.3 || </poem>

Übersetzung:

Würdige dich, o Gott und mein Herr, aus Gnade zu diesen Menschen eine kurze Schrift mit tiefem Sinn zu verkünden, die eine Fülle wesentlicher Gegenstände enthält.

Wort-für-Wort:

alpagrantham – kurze Schrift; mahārtham – von großer Bedeutung; padārthānīka – Fülle von Gegenständen; vaktum arhasi – du mögest verkünden; prasādārtham – um Gnade zu erweisen.

Vers 1.4

IAST:

<poem> athātaḥ sampravakṣyāmi śāstraṃ paramadurlabham | nāmnā tu vātulāttantrād dadhno ghṛtamivoddhṛtam || 1.4 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich eine höchst seltene Lehre verkünden, die aus dem Tantra namens Vātula herausgehoben wurde wie geklärte Butter aus geronnener Milch.

Wort-für-Wort:

atha ataḥ – nun also; sampravakṣyāmi – ich werde verkünden; śāstram – Lehre, Schrift; vātulāt tantrāt – aus dem Vātula-Tantra; dadhnaḥ – aus geronnener Milch; ghṛtam iva – wie geklärte Butter.

Vers 1.5

IAST:

<poem> nādākhyaṃ yatparaṃ bījaṃ sarvabhūteṣvavasthitam | muktidaṃ paramaṃ kiṃ ca divyasiddhipradāyakam || 1.5 || </poem>

Übersetzung:

Jener höchste Keim, der Nāda, innerer Klang, genannt wird, wohnt in allen Wesen. Er schenkt die höchste Befreiung und verleiht auch göttliche Vollkommenheiten.

Wort-für-Wort:

nāda – Klang, subtile Klangkraft; param bījam – höchster Keim; sarvabhūteṣu – in allen Wesen; muktidam – Befreiung schenkend; divyasiddhi – göttliche Vollkommenheit.

Vers 1.6

IAST:

<poem> tadviditvā mahāsena deśikaḥ pāśahā bhavet | āgopālāṅganā bālā mlecchāḥ prākṛtabhāṣiṇaḥ || 1.6 || </poem>

Übersetzung:

Wer ihn erkennt, o Mahāsena, wird als Lehrer zum Löser der Fesseln. Selbst Hirtenfrauen, Kinder, Menschen außerhalb der vedischen Kultur und Sprecher der Volkssprachen …

Wort-für-Wort:

tad viditvā – nachdem man dies erkannt hat; mahāsena – Skanda, „der ein großes Heer besitzt“; deśikaḥ – Lehrer; pāśahā – Fesseln lösend; mlecchāḥ – Menschen außerhalb der vedischen Sprach- und Kulturgemeinschaft; prākṛtabhāṣiṇaḥ – Sprecher von Volkssprachen.

Vers 1.7

IAST:

<poem> antarjalagatāḥ sattvāste api nityaṃ bruvanti tam | sthūlaṃ sūkṣmaṃ paraṃ jñātvā karma kuryādyathepsitam || 1.7 || </poem>

Übersetzung:

… und sogar die im Wasser lebenden Wesen äußern ihn unaufhörlich. Wer seine grobe, subtile und höchste Form kennt, soll die jeweils beabsichtigte Handlung ausführen.

Wort-für-Wort:

antarjalagatāḥ – im Wasser befindlich; sattvāḥ – Wesen; nityam – immer; bruvanti – sie äußern; sthūlam – grob; sūkṣmam – subtil; param – höchstes; karma – Handlung, Ritual.

Vers 1.8

IAST:

<poem> sthūlaṃ śabda iti proktaṃ sūkṣmaṃ cintāmayaṃ bhavet | cintayā rahitaṃ yattu tatparaṃ parikīrtitam || 1.8 || </poem>

Übersetzung:

Die grobe Form wird hörbarer Klang genannt; die subtile besteht aus gedanklichem Vergegenwärtigen. Was frei von Gedanken ist, wird als das Höchste bezeichnet.

Wort-für-Wort:

śabdaḥ – hörbarer Laut; cintāmayam – aus Denken bzw. Vergegenwärtigung bestehend; cintayā rahitam – frei von Gedanken; parikīrtitam – bezeichnet, verkündet.

Vers 1.9

IAST:

<poem> sāntaṃ sarvagataṃ śūnyaṃ mātrādvādaśake sthitam | brahmāṇi hrasvāḥ proktāni dīrghā hyaṅgāni ṣaṇmukha || 1.9 || </poem>

Übersetzung:

Es endet mit „sa“, ist alldurchdringend und leer und befindet sich im Bereich von zwölf Mātrās. Die kurzen Formen heißen Brahma-Mantras, die langen Glied-Mantras, o Sechsgesichtiger.

Wort-für-Wort:

sāntam – mit sa endend; sarvagatam – überall gegenwärtig; śūnyam – leer, raumhaft; mātrādvādaśaka – Zwölfzahl von Maßeinheiten; brahmāṇi – Brahma-Mantras; hrasvāḥ/dīrghāḥ – kurz/lang; aṅgāni – Glieder, Glied-Mantras.

Vers 1.10

IAST:

<poem> anusvāro bhavennetraṃ sarveṣāṃ copari sthitaḥ | savisargaṃ bhavedastram anusvāravivarjitam || 1.10 || </poem>

Übersetzung:

Der Anusvāra, der über ihnen allen steht, bildet das Augen-Mantra. Mit Visarga und ohne Anusvāra entsteht das Waffen-Mantra.

Wort-für-Wort:

anusvāraḥ – nasaler Nachlaut ṃ; netram – Auge, Augen-Mantra; upari – darüber; savisargam – mit Visarga ḥ; astram – Waffe, Waffen-Mantra; vivarjitam – ohne.

Vers 1.11

IAST:

<poem> ṣaṣṭhaṃ trayodaśāntaṃ ca pañcame viniyojayet | śivaṃ tattu vijānīyān mantramūrtiṃ sadāśivam || 1.11 || </poem>

Übersetzung:

Man füge den sechsten und den am Ende des dreizehnten stehenden Laut dem fünften hinzu. Dies soll man als Shiva erkennen, als Sadāshiva in Mantragestalt.

Wort-für-Wort:

ṣaṣṭham – den sechsten; trayodaśāntam – am Ende des dreizehnten; pañcame – im fünften; viniyojayet – man füge ein; mantramūrtim – dessen Gestalt Mantra ist; sadāśivam – Sadāshiva. Die Zahlen gehören zur verschlüsselten Lautzuordnung. Die genaue Verbindung der Zahlen und Lautgruppen bleibt ohne ergänzende Überlieferung unsicher; die Übersetzung löst daraus kein konkretes Mantra ab.

Vers 1.12

IAST:

<poem> ṣaṣṭhamasya dvitīyaṃ tu caturthādyena saṃyutam | dvitīyātpañcamāccaiva ādimaṃ yojayetpunaḥ || 1.12 || </poem>

Übersetzung:

Den sechsten [Laut] und dessen zweiten [Bestandteil] verbinde man mit dem ersten der vierten [Gruppe]; sodann füge man den ersten aus der zweiten und aus der fünften [Gruppe] hinzu.

Wort-für-Wort:

ṣaṣṭham – sechsten; asya – dessen; dvitīyam – zweiten; caturthādyena – mit dem ersten der vierten; dvitīyāt pañcamāt – aus der zweiten und aus der fünften; ādimam – ersten; yojayet – man verbinde. Die elliptische Zuordnung im ersten Halbvers ist nicht eindeutig; die Übersetzung ist eine mögliche syntaktische Deutung, keine gesicherte Mantraentschlüsselung.

Vers 1.13

IAST:

<poem> hanti vighnāñśivāstreṇa śikhayā muktidaṃ smṛtam | etatpāśupataṃ divyaṃ sarvapāśanikṛntanam || 1.13 || </poem>

Übersetzung:

Mit Shivas Waffen-Mantra beseitigt man Hindernisse; in Verbindung mit dem Schikhā-Mantra gilt es als befreiend. Dies ist das göttliche Pāshupata, das alle Fesseln durchschneidet.

Wort-für-Wort:

vighnān – Hindernisse; śivāstreṇa – mit Shivas Waffen-Mantra; śikhayā – mit dem Scheitel-Mantra; muktidam – befreiend; pāśupatam – zu Pashupati gehörig; sarvapāśanikṛntanam – alle Fesseln durchschneidend.

Vers 1.14

IAST:

<poem> brahmāṇi ca śivaṃ sāṅgaṃ netraṃ pāśupataṃ ca yat | samāsātkathitaḥ sarvo mantroddhārastvayaṃ śubhaḥ || 1.14 || </poem>

Übersetzung:

Die Brahma-Mantras, Shiva mit seinen Gliedern, das Augen-Mantra und das Pāshupata: Damit ist die ganze segensreiche Herleitung der Mantras kurz erklärt.

Wort-für-Wort:

brahmāṇi – Brahma-Mantras; sāṅgam – mit Gliedern; netram – Augen-Mantra; samāsāt – in Kürze; mantroddhāraḥ – Herauslösen bzw. Herleiten der Mantralaute; śubhaḥ – segensreich.

Vers 1.15

IAST:

<poem> asya mudrāṃ pravakṣyāmi sādhakānāṃ hitāya vai | hastābhyāṃ saṃspṛśetpādād ūrdhvaṃ yāvattu mastakam || 1.15 || </poem>

Übersetzung:

Zum Wohl der Übenden werde ich nun die zugehörige Mudra erklären. Mit beiden Händen berühre man den Körper von den Füßen aufwärts bis zum Scheitel.

Wort-für-Wort:

mudrām – Siegelgeste; sādhakānām hitāya – zum Wohl der Übenden; hastābhyām – mit beiden Händen; saṃspṛśet – man berühre; pādāt – vom Fuß; mastakam – Scheitel.

Vers 1.16

IAST:

<poem> eṣā mudrā mahāmudrā sarvakāmārthasādhikā | karanyāsaṃ purā kṛtvā mudrābandhaṃ tu kārayet || 1.16 || </poem>

Übersetzung:

Dies ist die große Mudra, die alle erstrebten Ziele verwirklicht. Nachdem man zuerst die Mantras in die Hände eingesetzt hat, soll man die Mudra bilden.

Wort-für-Wort:

mahāmudrā – große Siegelgeste; sarvakāmārtha – alle ersehnten Ziele; karanyāsam – Einsetzen der Mantras in die Hände; purā – zuvor; mudrābandham – Bilden der Mudra.

Vers 1.17

IAST:

<poem> talikāṃ hastapṛṣṭhaṃ ca astrabījena śodhayet | kaniṣṭhāmāditaḥ kṛtvā aṅguṣṭhaṃ cāpyapaścimam || 1.17 || </poem>

Übersetzung:

Handfläche und Handrücken reinige man mit der Keimsilbe der Waffe. Beim kleinen Finger beginne man; der Daumen komme zuletzt.

Wort-für-Wort:

talikām – Handfläche; hastapṛṣṭham – Handrücken; astrabījena – mit der Waffen-Keimsilbe; śodhayet – man reinige; kaniṣṭhām – kleinen Finger; aṅguṣṭham – Daumen.

Vers 1.18

IAST:

<poem> brahmāṇi vinyasettatra tathaivāṅgāni yatnataḥ | prāsādaṃ vinyasetpaścād vyāpinaṃ sarvatomukham || 1.18 || </poem>

Übersetzung:

Dort setze man sorgfältig die Brahma-Mantras und ebenso die Glied-Mantras ein. Zuletzt setze man den alles durchdringenden, nach allen Seiten gerichteten Prāsāda ein.

Wort-für-Wort:

vinyaset – man setze rituell ein; yatnataḥ – sorgfältig; prāsādam – Prāsāda, zentraler Shiva-Mantra; vyāpinam – alldurchdringend; sarvatomukham – nach allen Seiten gewandt.

Kapitel 2: Innere Verehrung und Reinigung der Elemente

Vers 2.1

IAST:

<poem> antaḥkaraṇavinyāso bhūtaśuddhistathaiva ca | bhūtaśuddhiṃ purā kṛtvā tato 'ntaḥkaraṇaṃ kuru || 2.1 || </poem>

Übersetzung:

[Nun folgen] die innere rituelle Zurüstung und die Reinigung der Elemente. Zuerst vollziehe man die Reinigung der Elemente, dann die innere Zurüstung.

Wort-für-Wort:

antaḥkaraṇa – hier: innerer ritueller Vollzug; vinyāsaḥ – Anordnung, rituelles Einsetzen; bhūtaśuddhiḥ – Reinigung der Elemente; purā – zuerst; tataḥ – danach; kuru – vollziehe. Der Zusammenhang mit 2.15 legt hier die innere Durchführung des Rituals nahe, nicht ausschließlich das psychologische „innere Organ“.

Vers 2.2

IAST:

<poem> hṛdbījaṃ pārthive yuktaṃ pārthivīṃ dhārayetkramāt | śiro 'psu tejasi śikhāṃ kavacaṃ vāyunā saha || 2.2 || </poem>

Übersetzung:

Mit der Herz-Keimsilbe, verbunden mit dem Erdelement, übe man die Erd-Konzentration. Entsprechend verbinde man das Haupt-Mantra mit Wasser, das Scheitel-Mantra mit Feuer und das Panzer-Mantra mit Wind.

Wort-für-Wort:

hṛdbījam – Herz-Keimsilbe; pārthive – im Erdelement; dhārayet – man konzentriere sich; śiraḥ – Haupt-Mantra; apsu – im Wasser; tejasi – im Feuer; kavacam – Panzer-Mantra.

Vers 2.3

IAST:

<poem> astraṃ ca śivasaṃyuktam ākāśaṃ dhārayetsadā | huṃphaḍantena paṭalaṃ bhittvā cordhvaṃ viśeṣataḥ || 2.3 || </poem>

Übersetzung:

Über den Raum meditiere man mit dem Waffen-Mantra, verbunden mit Shiva. Mit der Endung huṃ phaṭ durchbreche man die Hülle, insbesondere nach oben.

Wort-für-Wort:

astram – Waffen-Mantra; śivasaṃyuktam – mit Shiva verbunden; ākāśam – Raum; huṃphaḍantena – mit huṃ phaṭ als Abschluss; paṭalam – Hülle; bhittvā – durchbrochen habend; ūrdhvam – aufwärts.

Vers 2.4

IAST:

<poem> pañcodghātāśca catvāras trayo dvāveka eva ca | dvādaśānte nirālambaṃ vijñānaṃ kevalaṃ sthitam || 2.4 || </poem>

Übersetzung:

Die aufwärtsführenden Impulse sind fünf, vier, drei, zwei und einer. Am Zwölfer-Endpunkt ruht das reine Bewusstsein ohne Stütze.

Wort-für-Wort:

udghātāḥ – anhebende Impulse; dvādaśānte – am Zwölfer-Endpunkt; nirālambam – ohne Stütze; vijñānam – Bewusstsein, Erkennen; kevalam – allein, rein.

Vers 2.5

IAST:

<poem> dīkṣāyāṃ tu yathā vatsa tatprayogaṃ samācaret | prakriyāntasthamamṛtaṃ sravantaṃ cintayettataḥ || 2.5 || </poem>

Übersetzung:

Wie bei der Einweihung, mein Kind, vollziehe man diese Anwendung. Dann stelle man sich den Nektar vor, der innerhalb dieser rituellen Ordnung strömt.

Wort-für-Wort:

dīkṣāyām – bei der Einweihung; vatsa – mein Kind; prayogam – Anwendung; prakriyāntaḥstham – innerhalb der rituellen Ordnung befindlich; amṛtam – Nektar der Unsterblichkeit; sravantam – strömend.

Vers 2.6

IAST:

<poem> omityanena kamalaṃ yogapīṭhaṃ tadā bhavet | sūryamaṇḍalasaṃkāśam akāraṃ hyātmasambhavam || 2.6 || </poem>

Übersetzung:

Durch die Silbe Om wird der Lotus zum Sitz des Yoga. Das A, das aus dem Selbst hervorgeht, erstrahlt wie die Sonnenscheibe.

Wort-für-Wort:

om iti – die Silbe Om; kamalam – Lotus; yogapīṭham – Yoga-Sitz; sūryamaṇḍalasaṃkāśam – wie die Sonnenscheibe leuchtend; akāram – Laut A; ātmasambhavam – aus dem Selbst hervorgegangen.

Vers 2.7

IAST:

<poem> vidyātattvamukāraṃ tu śivatattvaṃ makārajam | puryaṣṭakaṃ ca tanmātraṃ turyātītaṃ sadāśivam || 2.7 || </poem>

Übersetzung:

Das U ist das Erkenntnisprinzip; das Shiva-Prinzip geht aus dem M hervor. Den achtfachen subtilen Leib und die subtilen Sinnesgrundlagen [betrachte man in dieser Ordnung], Sadāshiva aber als jenseits des vierten Zustands.

Wort-für-Wort:

vidyātattvam – Erkenntnisprinzip; ukāram – Laut U; śivatattvam – Shiva-Prinzip; makārajam – aus M entstanden; puryaṣṭakam – achtfacher subtiler Leib; tanmātra – subtile Sinnesgrundlage; turyātītam – jenseits des Vierten. Die Verbindung der Begriffe im zweiten Halbvers ist elliptisch; tanmātra kann eine subtile Sinnesgrundlage, in anderer Worttrennung auch „nur das“ bezeichnen. Die ergänzte Zuordnung ist deshalb vorläufig.

Vers 2.8

IAST:

<poem> cintayetparamaṃ dhāma suṣumnābhinnamastakam | tenāplāvitamātmānaṃ paripūrṇaṃ vicintayet || 2.8 || </poem>

Übersetzung:

Man vergegenwärtige sich die höchste Stätte, bei der die Sushumnā den Scheitel durchbrochen hat. Man sehe sich selbst von ihr überflutet und ganz erfüllt.

Wort-für-Wort:

paramam dhāma – höchste Stätte; suṣumnā – mittlerer subtiler Kanal; bhinnamastakam – mit durchbrochenem Scheitel; āplāvitam – überflutet; ātmānam – sich selbst; paripūrṇam – vollkommen erfüllt.

Vers 2.9

IAST:

<poem> yo 'bhasedīdṛśaṃ martyaḥ samādhiṃ mṛtyunāśanam | na tasya jāyate mṛtyur iti śāstrasya niścayaḥ || 2.9 || </poem>

Übersetzung:

Für den Sterblichen, der eine solche Versenkung übt, die den Tod vernichtet, gibt es keinen Tod: So lautet die feste Aussage der Schrift.

Wort-für-Wort:

abhyaset – man übe; martyaḥ – Sterblicher; samādhim – Versenkung; mṛtyunāśanam – den Tod vernichtend; śāstrasya niścayaḥ – feste Aussage der Schrift. Gemeint ist eine religiöse Befreiungsaussage.

Vers 2.10

IAST:

<poem> paścādguroḥ sādhakānāṃ mūrtestu grahaṇaṃ bhavet | īśānādyāstu sadyāntaṃ mūrdhna ārabhya vinyaset || 2.10 || </poem>

Übersetzung:

Danach nehmen Lehrer und Übende die göttliche Gestalt an. Beginnend am Scheitel setze man die Mantras von Īshāna bis Sadyojāta ein.

Wort-für-Wort:

guroḥ – des Lehrers; sādhakānām – der Übenden; mūrteḥ grahaṇam – Annahme der Gestalt; īśānādyāḥ – beginnend mit Ishana; sadyāntam – endend mit Sadyojata; mūrdhnaḥ – vom Scheitel.

Vers 2.11

IAST:

<poem> netraṃ dattvā tadāvāhyo devadevaḥ sadāśivaḥ | sarvajñaṃ ca tadātmānaṃ cintayettu vicakṣaṇaḥ || 2.11 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem das Augen-Mantra eingesetzt ist, rufe man Sadāshiva, den Gott der Götter, herbei. Der Einsichtige soll sich selbst als allwissend vergegenwärtigen.

Wort-für-Wort:

netram – Augen-Mantra; āvāhyaḥ – herbeizurufen; devadevaḥ – Gott der Götter; sarvajñam – allwissend; ātmānam – sich selbst; vicakṣaṇaḥ – Einsichtiger.

Vers 2.12

IAST:

<poem> hṛdayaṃ ca śiraścaiva śikhāṃ kavacameva ca | nyasedastraṃ ca mantrajño yathāsthāneṣvanukramāt || 2.12 || </poem>

Übersetzung:

Der Mantrakenner setze Herz, Haupt, Scheitel, Panzer und Waffe nacheinander an den jeweils zugehörigen Stellen ein.

Wort-für-Wort:

hṛdayam – Herz; śiraḥ – Haupt; śikhām – Scheitel; kavacam – Panzer; astram – Waffe; nyaset – man setze ein; yathāsthāneṣu – an den zugehörigen Stellen.

Vers 2.13

IAST:

<poem> hṛdaye 'rcāvidhānaṃ tu nābhau homaṃ prakalpayet | lalāṭe tvīśvaraṃ dhyāyed varadaṃ sarvatomukham || 2.13 || </poem>

Übersetzung:

Im Herzen richte man die Verehrung ein, im Nabel das Feueropfer. In der Stirn meditiere man über den Herrn, der Segen schenkt und nach allen Seiten gewandt ist.

Wort-für-Wort:

hṛdaye – im Herzen; arcāvidhānam – Ordnung der Verehrung; nābhau – im Nabel; homam – Feueropfer; lalāṭe – in der Stirn; īśvaram – den Herrn; varadam – Segen schenkend.

Vers 2.14

IAST:

<poem> yathārcane tathāgnau ca dhyāne snāne tathaiva ca | yathā deve tathā dehe cintayettu vicakṣaṇaḥ || 2.14 || </poem>

Übersetzung:

Wie bei der Verehrung, so auch im Feuer, in der Meditation und beim Bad; wie in der Gottheit, so auch im eigenen Körper soll der Einsichtige vergegenwärtigen.

Wort-für-Wort:

yathā … tathā – wie … so; arcane – bei der Verehrung; agnau – im Feuer; dhyāne – in der Meditation; snāne – beim Bad; deve – in der Gottheit; dehe – im Körper.

Vers 2.15

IAST:

<poem> kṛtvāntaḥkaraṇaṃ hyevaṃ paścādbāhyaṃ tu ṣaṇmukha | sabāhyantaraṃ kṛtvā paścādyajanamārabhet || 2.15 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem die innere Zurüstung so vollzogen ist, folgt die äußere, o Sechsgesichtiger. Erst wenn Äußeres und Inneres bereitet sind, beginne man die Opferverehrung.

Wort-für-Wort:

antaḥkaraṇam – innere Zurüstung; bāhyam – Äußeres; sabāhyantaram – außen und innen; yajanam – Opferverehrung; ārabhet – man beginne.

Kapitel 3: Das reinigende Wasserbad

Vers 3.1

IAST:

<poem> ataḥ paraṃ pravakṣyāmi snānaṃ pāpaharaṃ śubham | sakṛjjaptena saṃgṛhya mṛdā astreṇa mantravit || 3.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich das segensreiche Bad erklären, das Verfehlungen beseitigt. Der Mantrakenner nehme Erde auf, über die er einmal das Waffen-Mantra gesprochen hat.

Wort-für-Wort:

snānam – Bad; pāpaharam – Verfehlungen beseitigend; sakṛt – einmal; mṛdā – mit Erde; astreṇa – mit dem Waffen-Mantra; mantravit – Mantrakenner.

Vers 3.2

IAST:

<poem> malasnānaṃ purā kṛtvā sakṛjjaptvā tu saṃhitām | tāmeva mṛttikāṃ paścād abhimantrya sakṛtsakṛt || 3.2 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem er zuerst den körperlichen Schmutz abgewaschen hat, rezitiere er einmal die Mantrasammlung. Danach bespreche er dieselbe Erde jeweils einmal mit den Mantras.

Wort-für-Wort:

malasnānam – Waschen zur Entfernung von Schmutz; saṃhitām – Mantrasammlung; mṛttikām – Erde; abhimantrya – durch Mantra weihend; sakṛt sakṛt – jeweils einmal.

Vers 3.3

IAST:

<poem> bhāgatrayaṃ tataḥ kṛtvā ekamastreṇa mantrayet | dvitīyaṃ brahmabhirvatsa śivajaptaṃ tṛtīyakam || 3.3 || </poem>

Übersetzung:

Dann teile er sie in drei Teile: Den ersten bespreche er mit dem Waffen-Mantra, den zweiten mit den Brahma-Mantras, mein Kind, und den dritten mit dem Shiva-Mantra.

Wort-für-Wort:

bhāgatrayam – drei Teile; brahmabhiḥ – mit den Brahma-Mantras; śivajaptam – mit dem Shiva-Mantra besprochen; tṛtīyakam – dritten.

Vers 3.4

IAST:

<poem> astrajaptena bhāgena diśāṃ bandhaṃ tu kārayet | śivajaptena tīrthaṃ tu brahmajaptena vigraham || 3.4 || </poem>

Übersetzung:

Mit dem durch das Waffen-Mantra geweihten Teil schütze er die Himmelsrichtungen, mit dem durch Shiva geweihten den Badeplatz, mit dem durch die Brahma-Mantras geweihten den Körper.

Wort-für-Wort:

diśām bandham – Schutzbindung der Richtungen; tīrtham – heiliger Badeplatz; vigraham – Körper; astrajapta – mit dem Waffen-Mantra besprochen.

Vers 3.5

IAST:

<poem> kuṇṭhayitvā tataḥ snāyāc chivatīrthasya madhyataḥ | cakravatyupacāreṇa sugandhāmalakādibhiḥ || 3.5 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem er [den heiligen Bereich] abgeschirmt hat, bade er inmitten des Shiva-Badeplatzes. Dabei verwende er königliche Ehrenbezeugungen, duftende Āmalaka-Früchte und dergleichen.

Wort-für-Wort:

kuṇṭhayitvā – abgeschirmt, abgewehrt habend; śivatīrthasya madhyataḥ – inmitten des Shiva-Badeplatzes; cakravatyupacāreṇa – mit der Behandlung eines Weltherrschers; sugandha – wohlriechend; āmalaka – Amalaki-Frucht.

Vers 3.6

IAST:

<poem> upaspṛśya vidhānena saṃdhyāṃ vandeta sādhakaḥ | mantraiḥ sarvaiḥ sakṛdvatsa upasthānaṃ tu kārayet || 3.6 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem der Übende die vorgeschriebene Reinigung mit Wasser vollzogen hat, verehre er die Tagesübergänge. Mit allen Mantras verrichte er jeweils einmal die Andacht, mein Kind.

Wort-für-Wort:

upaspṛśya – sich mit Wasser gereinigt habend; saṃdhyām – Tagesübergang, entsprechende Andacht; vandeta – er verehre; upasthānam – Andacht, ehrerbietiges Nahen; sarvaiḥ mantraiḥ – mit allen Mantras.

Vers 3.7

IAST:

<poem> abhiṣekaṃ purā kṛtvā tataḥ saṃdhyāṃ samācaret | astraṃ na yojayeddehe kṣipettadbahireva ca || 3.7 || </poem>

Übersetzung:

Zuerst vollziehe er die Übergießung, danach die Andacht zum Tagesübergang. Das Waffen-Mantra wende er nicht am Körper an, sondern richte es nach außen.

Wort-für-Wort:

abhiṣekam – Übergießung; saṃdhyām – Andacht zum Tagesübergang; dehe – am Körper; na yojayet – nicht anwenden; bahiḥ – nach außen.

Vers 3.8

IAST:

<poem> śarīraṃ śoṣayedvatsa tenātmani na yojayet | vighneṣu pāśajāleṣu sadā yojyaṃ vicakṣaṇaiḥ || 3.8 || </poem>

Übersetzung:

Es würde den Körper austrocknen, mein Kind; deshalb wende man es nicht auf sich selbst an. Die Einsichtigen sollen es vielmehr gegen Hindernisse und das Netz der Fesseln richten.

Wort-für-Wort:

śarīram – Körper; śoṣayet – würde austrocknen; ātmani – auf sich selbst; vighneṣu – gegen Hindernisse; pāśajāleṣu – gegen Netze der Bindung; sadā – stets.

Vers 3.9

IAST:

<poem> hṛdayena tato vidvān pitṛdevāṃśca tarpayet | saṃhāraṃ tasya tīrthasya prāsādenaiva kārayet || 3.9 || </poem>

Übersetzung:

Dann erquicke der Kundige mit dem Herz-Mantra Ahnen und Götter. Die Auflösung des heiligen Badeplatzes vollziehe er mit dem Prāsāda-Mantra.

Wort-für-Wort:

hṛdayena – mit dem Herz-Mantra; pitṛdevān – Ahnen und Götter; tarpayet – erquicke, sättige rituell; saṃhāram – Auflösung, Zurücknahme; prāsādena – mit dem Prasada-Mantra.

Kapitel 4: Das Aschebad

Vers 4.1

IAST:

<poem> bhasmasnānaṃ pravakṣyāmi tadūrdhvaṃ ca ṣaḍānana | mantraiḥ sarvaiḥ sakṛdbhasma abhimantrya yathākramam || 4.1 || </poem>

Übersetzung:

Danach werde ich das Aschebad erklären, o Sechsgesichtiger. Man weihe die Asche der Reihe nach mit allen Mantras, jeden einmal sprechend.

Wort-für-Wort:

bhasmasnānam – Aschebad; ṣaḍānana – Sechsgesichtiger; bhasma – Asche; abhimantrya – mit Mantras geweiht; yathākramam – der Reihe nach.

Vers 4.2

IAST:

<poem> jalasnānaṃ purā kṛtvā astrabījena ṣaṇmukha | vidhisnānaṃ tataḥ kuryān mūrdhna ārabhya mantravit || 4.2 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem zuvor mit der Waffen-Keimsilbe das Wasserbad vollzogen ist, o Sechsgesichtiger, nehme der Mantrakenner das rituelle [Asche-]Bad vor, am Scheitel beginnend.

Wort-für-Wort:

jalasnānam – Wasserbad; astrabījena – mit der Waffen-Keimsilbe; vidhisnānam – rituelles Bad; mūrdhnaḥ ārabhya – am Scheitel beginnend.

Vers 4.3

IAST:

<poem> īśānena śiraḥ snāyān mukhaṃ tatpuruṣeṇa tu | hṛdayaṃ bahurūpeṇa guhyaṃ vai guhyakena tu || 4.3 || </poem>

Übersetzung:

Mit Īshāna bade er den Kopf, mit Tatpurusha das Gesicht, mit Bahurūpa das Herz und mit Guhyaka den verborgenen Körperbereich.

Wort-für-Wort:

īśānena – mit Ishana; mukham – Gesicht; tatpuruṣeṇa – mit Tatpurusha; bahurūpeṇa – mit Bahurupa, „vielgestaltig“; guhyam – verborgener, genitaler Bereich; guhyakena – mit Guhyaka.

Vers 4.4

IAST:

<poem> sarvāṅgāṇi tvajātena abhiṣekaṃ tu pañcabhiḥ | upariṣṭātprasādena snānaṃ kurvīta ṣaṇmukha || 4.4 || </poem>

Übersetzung:

Mit Ajāta bade er alle Glieder, mit den fünf Mantras vollziehe er die Übergießung. Darüber hinaus vollziehe er das Bad mit dem Prāsāda, o Sechsgesichtiger.

Wort-für-Wort:

sarvāṅgāṇi – alle Glieder; ajātena – mit Ajata; pañcabhiḥ – mit den fünf; upariṣṭāt – darüber, anschließend; prasādena – mit Prasada.

Kapitel 5: Die Verehrung Shivas

Vers 5.1

IAST:

<poem> yajanaṃ saṃpravakṣyāmi yathāvidhyanupūrvaśaḥ | bījāṅkuraṃ purā śaktyā paścādānantamāsanam || 5.1 || </poem>

Übersetzung:

Ich werde die Verehrung nun ordnungsgemäß Schritt für Schritt erklären. Zuerst [vergegenwärtige man] mit Shakti den Keimspross, danach den Sitz Ananta.

Wort-für-Wort:

yajanam – Verehrung; anupūrvaśaḥ – Schritt für Schritt; bījāṅkuram – Keimspross; śaktyā – durch Shakti; anantam āsanam – Ananta als Sitz.

Vers 5.2

IAST:

<poem> anantaṃ cāntagaṃ kuryāt krameṇaiva ṣaḍānana | hṛdayaṃ karṇikā padmaṃ dharmaṃ jñānādimeva ca || 5.2 || </poem>

Übersetzung:

Ananta lasse man in der vorgesehenen Folge bis an das Ende reichen, o Sechsgesichtiger. [Man ordne] Herz[-Mantra], Lotusmitte und Lotus sowie Dharma, Erkenntnis und die übrigen [Kräfte an].

Wort-für-Wort:

anantam – Ananta, der Unendliche; antagam – bis ans Ende gehend; hṛdayam – Herz bzw. Herz-Mantra; karṇikā – Samenkapsel, Lotusmitte; padmam – Lotus; dharmam – Dharma; jñāna – Erkenntnis. Die knappe Aufzählung lässt ihre genaue rituelle Zuordnung offen; eine Gleichsetzung von körperlichem Herzen und Lotusmitte ist daraus nicht sicher abzuleiten.

Vers 5.3

IAST:

<poem> vairāgyaṃ ca tathaiśvaryam īśāntaṃ vahnito nyaset | śaktibhiḥ kesaravyūhaṃ hṛdayena ca kalpayet || 5.3 || </poem>

Übersetzung:

Auch Loslösung und Herrschaftskraft setze man ein, von Südosten bis Nordosten. Die Anordnung der Staubfäden gestalte man mit den Shaktis und mit dem Herz-Mantra.

Wort-für-Wort:

vairāgyam – Loslösung; aiśvaryam – Herrschaftskraft; vahnitaḥ – von der Feuerrichtung, Südosten; īśāntam – bis zur Ishana-Richtung, Nordosten; kesaravyūham – Anordnung der Lotusstaubfäden; kalpayet – man gestalte.

Vers 5.4

IAST:

<poem> āvāhayettato devaṃ hṛdayena tu ṣaṇmukha | sthāpanaṃ pādyamarghyaṃ ca tathācamanameva ca || 5.4 || </poem>

Übersetzung:

Dann rufe man den Gott mit dem Herz-Mantra herbei, o Sechsgesichtiger. [Es folgen] das Einsetzen, Wasser für die Füße, die Ehrengabe und Wasser zum Mundspülen.

Wort-für-Wort:

āvāhayet – man rufe herbei; sthāpanam – Einsetzen; pādyam – Fußwaschwasser; arghyam – ehrende Wassergabe; ācamanam – rituelles Mundspülen.

Vers 5.5

IAST:

<poem> snapanaṃ pūjanaṃ caiva hṛdayena tu kārayet | uktānuktaṃ ca yatkiñcit tatsarvaṃ hṛdayena tu || 5.5 || </poem>

Übersetzung:

Auch das Baden und die Verehrung verrichte man mit dem Herz-Mantra. Alles Genannte und Ungenannte vollziehe man mit dem Herz-Mantra.

Wort-für-Wort:

snapanam – Baden der Gottheit; pūjanam – Verehrung; ukta – genannt; anukta – ungenannt; yat kiñcit – was immer; hṛdayena – mit dem Herz-Mantra.

Vers 5.6

IAST:

<poem> ekāvaraṇametattu sarvakāmārthasādhanam | sarvatantreṣu sāmānyaṃ sarvajñāneṣu cottamam || 5.6 || </poem>

Übersetzung:

Diese Verehrung mit einer einzigen Umfriedung verwirklicht alle erstrebten Ziele. Sie ist allen Tantras gemeinsam und unter allen Wissenslehren hervorragend.

Wort-für-Wort:

ekāvaraṇam – mit einer Umfriedung; sarvakāmārthasādhanam – alle erwünschten Ziele verwirklichend; sarvatantreṣu – in allen Tantras; sāmānyam – gemeinsam; uttamam – hervorragend.

Kapitel 6: Das Feuerritual

Vers 6.1

IAST:

<poem> ataḥ paraṃ pravakṣyāmi agnikāryavidhiṃ kramāt | astreṇollekhanaṃ kuryād varmaṇābhyukṣaṇaṃ tataḥ || 6.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich die Ordnung des Feuerrituals erklären. Mit dem Waffen-Mantra ziehe man die Linien, dann besprenge man [die Feuerstätte] mit dem Panzer-Mantra.

Wort-für-Wort:

agnikāryavidhi – Ordnung des Feuerrituals; ullekhanam – Einritzen, Linienziehen; varmaṇā – mit dem Panzer-Mantra; abhyukṣaṇam – Besprengen.

Vers 6.2

IAST:

<poem> śaktinyāsaṃ tato darbhair hṛdayenaiva kārayet | hṛdā vai śaktigarbhe tu prakṣipejjātavedasam || 6.2 || </poem>

Übersetzung:

Dann vollziehe man mit Darbha-Gräsern und dem Herz-Mantra das Einsetzen der Shakti. Mit dem Herz-Mantra lege man das Feuer in den Schoß der Shakti.

Wort-für-Wort:

śaktinyāsam – Einsetzen der Shakti; darbhaiḥ – mit Darbha-Gräsern; śaktigarbhe – im Schoß der Shakti; prakṣipet – man lege hinein; jātavedasam – Feuer, Agni.

Vers 6.3

IAST:

<poem> garbhādhānādikaṃ kṛtvā niṣkṛtiṃ cāpyapaścimām | hṛdayenaiva mantrajñaḥ sarvakarmāṇi kārayet || 6.3 || </poem>

Übersetzung:

Von der Empfängnisbereitung bis zum abschließenden Entsühnungsritus soll der Mantrakenner alle Handlungen allein mit dem Herz-Mantra vollziehen.

Wort-für-Wort:

garbhādhānādikam – beginnend mit der Empfängnisbereitung; niṣkṛtim – Entsühnung; apaścimām – abschließende; sarvakarmāṇi – alle Handlungen; hṛdayena eva – allein mit dem Herz-Mantra.

Vers 6.4

IAST:

<poem> paścātpadmavidhānaṃ tu prāguktaṃ parikalpayet | śivādisarvamantrāṃśca homayedanupūrvaśaḥ || 6.4 || </poem>

Übersetzung:

Danach gestalte man den Lotus wie zuvor erklärt. Die Opfergaben für alle Mantras, beginnend mit Shiva, bringe man nacheinander ins Feuer dar.

Wort-für-Wort:

padmavidhānam – Gestaltung des Lotus; prāguktam – zuvor genannt; śivādi – mit Shiva beginnend; homayet – man opfere ins Feuer; anupūrvaśaḥ – nacheinander.

Kapitel 7: Das Mandala

Vers 7.1

IAST:

<poem> ataḥ paraṃ pravakṣyāmi maṇḍalaṃ sārvakāmikam | bhūmiśodhanaṃ kṛtvā śāstradṛṣṭena karmaṇā || 7.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich das Mandala erklären, das alle Wünsche erfüllt. Zuerst reinige man den Boden durch die in der Schrift vorgeschriebene Handlung.

Wort-für-Wort:

maṇḍalam – ritueller Kreis bzw. heiliger Grundriss; sārvakāmikam – alle Wünsche erfüllend; bhūmiśodhanam – Reinigung des Bodens; śāstradṛṣṭena – von der Schrift vorgeschrieben.

Vers 7.2

IAST:

<poem> adhivāsaṃ tataḥ kṛtvā nakṣatre guruṇānvite | ālikhenmaṇḍalaṃ prājñaḥ sarvasiddhipradaṃ śubham || 7.2 || </poem>

Übersetzung:

Nach der vorbereitenden Weihe zeichne der Weise unter einem mit Jupiter verbundenen Mondhaus das segensreiche Mandala, das alle Vollkommenheiten verleiht.

Wort-für-Wort:

adhivāsam – vorbereitende Weihe; nakṣatre – unter einem Mondhaus; guruṇā anvite – mit Jupiter verbunden; ālikhet – man zeichne; sarvasiddhipradam – alle Vollkommenheiten verleihend.

Vers 7.3

IAST:

<poem> sūtreṇa sumitaṃ kṛtvā caturaśraṃ samantataḥ | madhye padmaṃ pratiṣṭhāpyam aṣṭapatra sakarṇikam || 7.3 || </poem>

Übersetzung:

Mit einer Schnur messe man es nach allen Seiten quadratisch aus. In die Mitte setze man einen achtblättrigen Lotus mit Samenkapsel.

Wort-für-Wort:

sūtreṇa – mit einer Schnur; sumitam – gut ausgemessen; caturaśram – quadratisch; madhye – in der Mitte; aṣṭapatra – achtblättrig; sakarṇikam – mit Samenkapsel.

Vers 7.4

IAST:

<poem> ekahastaṃ dvihastaṃ vā caturhastamathāpi vā | svatantravihitaṃ prājño likhedāvaraṇatrayam || 7.4 || </poem>

Übersetzung:

Eine, zwei oder vier Ellen groß zeichne es der Weise mit drei Umfriedungen, wie es die eigene tantrische Überlieferung vorschreibt.

Wort-für-Wort:

ekahastam – eine Elle; dvihastam – zwei Ellen; caturhastam – vier Ellen; svatantravihitam – im eigenen Tantra vorgeschrieben; āvaraṇatrayam – drei Umfriedungen.

Vers 7.5

IAST:

<poem> vāhayetpaścimadvāram ācāryaḥ susamāhitaḥ | āgneyyāṃ kārayetkuṇḍaṃ hastamātrapramāṇataḥ || 7.5 || </poem>

Übersetzung:

Der ganz gesammelte Lehrer richte den westlichen Eingang ein. Im Südosten lasse er eine Feuergrube von einer Elle Ausmaß anlegen.

Wort-für-Wort:

paścimadvāram – westlicher Eingang; ācāryaḥ – Lehrer; susamāhitaḥ – ganz gesammelt; āgneyyām – im Südosten; kuṇḍam – Feuergrube; hastamātra – eine Elle messend.

Vers 7.6

IAST:

<poem> yajñakarmavidhiṃ kuryāt susamiddhe hutāśane | pūrvādārabhya vaktrādīn vinyasedanupūrvaśaḥ || 7.6 || </poem>

Übersetzung:

Im gut entfachten Feuer vollziehe er den Opferritus. Im Osten beginnend setze er die Gesichter [Shivas] und die übrigen Gestalten der Reihe nach ein.

Wort-für-Wort:

yajñakarmavidhi – Opferritus; susamiddhe – gut entfacht; hutāśane – im Feuer; pūrvāt ārabhya – im Osten beginnend; vaktrādīn – die Gesichter und die übrigen.

Vers 7.7

IAST:

<poem> pavitrāṇi purā nyasya śivāṅgāni nyasettataḥ | āgneyyāṃ hṛdayaṃ nyasya aiśānyāṃ tu śirastathā || 7.7 || </poem>

Übersetzung:

Zuerst setze er die reinigenden [Mantras] ein, danach Shivas Glied-Mantras: das Herz im Südosten, das Haupt im Nordosten.

Wort-für-Wort:

pavitrāṇi – reinigende Elemente bzw. Mantras; śivāṅgāni – Shivas Glieder; āgneyyām – im Südosten; hṛdayam – Herz; aiśānyām – im Nordosten; śiraḥ – Haupt.

Vers 7.8

IAST:

<poem> nairṛtyāṃ tu śikhā jñeyā kavacaṃ vāyugocare | astra dikṣvatha vinyasya karṇikāyāṃ sadāśivam || 7.8 || </poem>

Übersetzung:

Im Südwesten befindet sich der Scheitel, im Nordwesten der Panzer. Nachdem die Waffe in den Himmelsrichtungen eingesetzt ist, setze man Sadāshiva in die Lotusmitte.

Wort-für-Wort:

nairṛtyām – im Südwesten; śikhā – Scheitel; vāyugocare – in der Windrichtung, Nordwesten; dikṣu – in den Richtungen; karṇikāyām – in der Lotusmitte.

Vers 7.9

IAST:

<poem> garbhanyāsavidhiḥ prokto dvitīyāvaraṇe śṛṇu | hṛdā pūrvaṃ samārabhya lokapālānprapūjayet || 7.9 || </poem>

Übersetzung:

Damit ist das Einsetzen im inneren Bereich erklärt. Höre nun von der zweiten Umfriedung: Mit dem Herz-Mantra verehre man, im Osten beginnend, die Hüter der Welt.

Wort-für-Wort:

garbhanyāsa – Einsetzen im Inneren; dvitīyāvaraṇe – in der zweiten Umfriedung; pūrvam samārabhya – im Osten beginnend; lokapālān – Welthüter; prapūjayet – man verehre.

Vers 7.10

IAST:

<poem> [tṛtīyāvaraṇe 'strāṇi svamantreṇa prapūjayet|] saṃkṣepeṇa mayā skanda vidhānaṃ parikīrtitam || 7.10 || </poem>

Übersetzung:

[In der dritten Umfriedung verehre man die Waffen jeweils mit ihrem eigenen Mantra.] So habe ich dir, Skanda, die Ordnung in Kürze verkündet.

Wort-für-Wort:

tṛtīyāvaraṇe – in der dritten Umfriedung; astrāṇi – Waffen; svamantreṇa – mit dem jeweiligen Mantra; saṃkṣepeṇa – kurz; vidhānam – Ordnung. Die erste Vershälfte steht in der Textüberlieferung in Ergänzungsklammern.

Vers 7.11

IAST:

<poem> anuktaṃ yadbhavetkiṃcit tatsarvaṃ mūlamāśrayet | evaṃ vidhividhānajño dīkṣākarma samācaret || 7.11 || </poem>

Übersetzung:

Für alles, was nicht ausdrücklich genannt ist, halte man sich an den Grundtext. Wer die vorgeschriebene Ordnung so kennt, vollziehe das Einweihungsritual.

Wort-für-Wort:

anuktam – nicht genannt; mūlam – Grundlage, Grundtext; āśrayet – man stütze sich auf; vidhividhānajñaḥ – Kenner der Ritualordnung; dīkṣākarma – Einweihungsritual.

Kapitel 8: Einweihung und Befreiung von den Fesseln

Vers 8.1

IAST:

<poem> atha dīkṣāṃ pravakṣyāmi pañcatattvavyavasthitām | pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca || 8.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich die Einweihung erklären, die auf den fünf Prinzipien beruht: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum.

Wort-für-Wort:

dīkṣām – Einweihung; pañcatattvavyavasthitām – auf fünf Prinzipien beruhend; pṛthivī – Erde; āpaḥ – Wasser; tejas – Feuer; vāyuḥ – Wind; ākāśaḥ – Raum.

Vers 8.2

IAST:

<poem> pañcaitāni ca tattvāni yairvyāptamakhilaṃ jagat | sarvatattvāni tatraiva draṣṭavyāni tu sādhakaiḥ || 8.2 || </poem>

Übersetzung:

Von diesen fünf Prinzipien ist die ganze Welt durchdrungen. Alle weiteren Prinzipien sollen die Übenden in ihnen enthalten sehen.

Wort-für-Wort:

pañca – fünf; tattvāni – Prinzipien; vyāptam – durchdrungen; akhilam jagat – ganze Welt; sarvatattvāni – alle Prinzipien; draṣṭavyāni – zu erkennen, zu betrachten.

Vers 8.3

IAST:

<poem> brahmāṇḍe tu nivṛttirvai śatarudrāvadhistathā | tadūrdhvaṃ tu pratiṣṭhā syād yāvadavyaktagocaram || 8.3 || </poem>

Übersetzung:

Nivritti umfasst das Weltei bis zu den hundert Rudras. Darüber erstreckt sich Pratishthā bis zum Bereich des Unmanifesten.

Wort-für-Wort:

brahmāṇḍe – im Weltei; nivṛttiḥ – Rückkehr, entsprechende Kalā; śatarudrāvadhiḥ – bis zu den hundert Rudras reichend; pratiṣṭhā – Festigung; avyakta – Unmanifestes; gocara – Bereich.

Vers 8.4

IAST:

<poem> tato vidyā niyuktā sā yāvadvidyeśvarāntikam | śāntistadūrdhvamadhvānte śaktireva śive pade || 8.4 || </poem>

Übersetzung:

Danach ist Vidyā bis zu den Herren der Erkenntnis angeordnet. Darüber liegt Shānti am Ende des kosmischen Weges; in Shivas Stätte ist Shakti selbst.

Wort-für-Wort:

vidyā – Erkenntnis, entsprechende Kalā; vidyeśvara – Herr der Erkenntnis; śāntiḥ – Frieden; adhvānte – am Ende des kosmischen Weges; śaktiḥ – Kraft; śive pade – in Shivas Stätte.

Vers 8.5

IAST:

<poem> ajñātvaitāni tattvāni yo dīkṣāṃ kartumicchati | vṛthā pariśramastasya naiva tatphalamāpnuyāt || 8.5 || </poem>

Übersetzung:

Wer die Einweihung vollziehen will, ohne diese Prinzipien zu kennen, dessen Anstrengung ist vergeblich; er erreicht ihre Frucht nicht.

Wort-für-Wort:

ajñātvā – ohne erkannt zu haben; kartum icchati – will vollziehen; vṛthā – vergeblich; pariśramaḥ – Anstrengung; phalam – Frucht, Ergebnis.

Vers 8.6

IAST:

<poem> nivṛttiḥ pṛthivī jñeyā pratiṣṭhā āpa ucyate | vidyāṃ tejo vijānīyād vāyuḥ śāntiḥ prakīrtitaḥ || 8.6 || </poem>

Übersetzung:

Nivritti ist als Erde zu verstehen, Pratishthā wird Wasser genannt. Vidyā erkenne man als Feuer; Wind wird als Shānti bezeichnet.

Wort-für-Wort:

nivṛttiḥ – Rückkehr; pṛthivī – Erde; pratiṣṭhā – Festigung; āpaḥ – Wasser; vidyā – Erkenntnis; tejas – Feuer; śāntiḥ – Frieden.

Vers 8.7

IAST:

<poem> śāntyatītā bhavedvyoma tatparaṃ śāntamavyayam | taṃ viditvā mahāsena śvapacānapi dīkṣayet || 8.7 || </poem>

Übersetzung:

Shāntyatītā ist der Raum; jenseits davon liegt das Friedvolle, Unvergängliche. Wer es kennt, Mahāsena, darf selbst Menschen einweihen, die als Hundeesser ausgegrenzt werden.

Wort-für-Wort:

śāntyatītā – jenseits des Friedens; vyoma – Raum; śāntam – friedvoll; avyayam – unvergänglich; śvapacān – „Hundeesser“, gesellschaftlich Ausgegrenzte; dīkṣayet – man weihe ein.

Vers 8.8

IAST:

<poem> nivṛttiṃ hṛdayenaiva pratiṣṭhāṃ śirasā guruḥ | śivo vidyāṃ tu śikhayā śāntiṃ vai kavacena tu || 8.8 || </poem>

Übersetzung:

Der Lehrer, als Shiva [handelnd], opfere Nivritti mit dem Herz-Mantra, Pratishthā mit dem Haupt-Mantra, Vidyā mit dem Scheitel-Mantra und Shānti mit dem Panzer-Mantra.

Wort-für-Wort:

guruḥ – Lehrer; śivaḥ – Shiva bzw. in Shivas Gestalt; hṛdayena – mit dem Herz-Mantra; śirasā – mit dem Haupt-Mantra; śikhayā – mit dem Scheitel-Mantra; kavacena – mit dem Panzer-Mantra.

Vers 8.9

IAST:

<poem> śāntyatītaṃ paraṃ vyoma prāsādena tu homayet | ekaikasya śataṃ homyam ityevaṃ pañca homayet || 8.9 || </poem>

Übersetzung:

Für Shāntyatīta, den höchsten Raum, opfere er mit dem Prāsāda-Mantra. Für jedes der fünf bringe er hundert Gaben dar.

Wort-für-Wort:

śāntyatītam – das über den Frieden Hinausgehende; param vyoma – höchster Raum; homayet – er opfere; ekaikasya – für jedes einzelne; śatam – hundert; pañca – fünf.

Vers 8.10

IAST:

<poem> pañcapūrṇāhutīrdadyāt prāsādena tu ṣaṇmukha | prāyaścittaviśuddhyartham aṣṭāvekaikayāhutīḥ || 8.10 || </poem>

Übersetzung:

Mit dem Prāsāda bringe er fünf volle Opfergaben dar, o Sechsgesichtiger. Zur entsühnenden Reinigung folgen jeweils acht einzelne Gaben.

Wort-für-Wort:

pañca – fünf; pūrṇāhutīḥ – volle Opfergaben; prāyaścitta – Sühne; viśuddhyartham – zur Reinigung; aṣṭau – acht; āhutīḥ – Opfergaben.

Vers 8.11

IAST:

<poem> astrabījena mantrajño homayedanupūrvaśaḥ | evaṃ samāpyate dīkṣā jananādivivarjitā || 8.11 || </poem>

Übersetzung:

Diese opfere der Mantrakenner der Reihe nach mit der Waffen-Keimsilbe. So wird die Einweihung vollendet, ohne die [sonstigen Riten der] Geburt und dergleichen.

Wort-für-Wort:

astrabījena – mit der Waffen-Keimsilbe; anupūrvaśaḥ – der Reihe nach; samāpyate – wird vollendet; jananādi – Geburt und Weiteres; vivarjitā – ohne.

Vers 8.12

IAST:

<poem> hutenaiva tu mucyante sādhakā janmabandhanāt | iyamiṣṭirna prakāśyā gopanīyā prayatnataḥ || 8.12 || </poem>

Übersetzung:

Allein durch das Opfer werden die Übenden von der Bindung an Geburt befreit. Diese Opferhandlung soll nicht öffentlich gemacht, sondern sorgfältig geheim gehalten werden.

Wort-für-Wort:

hutena eva – allein durch das Geopferte; mucyante – werden befreit; janmabandhanāt – von Geburtsbindung; iṣṭiḥ – Opferhandlung; na prakāśyā – nicht öffentlich zu machen; gopanīyā – geheim zu halten.

Vers 8.13

IAST:

<poem> rahasyaṃ sarvatantrāṇām eṣa saṃskāra uttamaḥ | yoninyāsādikaṃ karmoddhāraṇaṃ cāpyapaścimam || 8.13 || </poem>

Übersetzung:

Dies ist das Geheimnis aller Tantras, die höchste Weihehandlung. [Skanda fragt:] Das Einsetzen in den Mutterschoß und die weiteren Riten bis zum abschließenden Herausheben …

Wort-für-Wort:

rahasyam – Geheimnis; saṃskāraḥ – Weihe, läuternde Handlung; uttamaḥ – höchster; yoninyāsa – Einsetzen in den Mutterschoß; uddhāraṇam – Herausheben.

Vers 8.14

IAST:

<poem> śodhanānukramaṃ deva kathayasva yathāvidhi | daśa sapta ca ye śodhyāḥ pṛṣṭāścātra tvayā guha || 8.14 || </poem>

Übersetzung:

… und die Reihenfolge der Reinigung erkläre mir vorschriftsgemäß, o Gott! [Shiva antwortet:] Nach den siebzehn zu reinigenden [Bereichen bzw. Vollzügen] hast du gefragt, Guha.

Wort-für-Wort:

śodhanānukramam – Reihenfolge der Reinigung; kathayasva – erkläre; daśa sapta – zehn und sieben; śodhyāḥ – zu Reinigende; pṛṣṭāḥ – erfragt; guha – Skanda.

Vers 8.15

IAST:

<poem> yasya yadbījamuktaṃ tu tadvakṣyāmyanupūrvaśaḥ | yonibījaṃ tu hṛdaye kalpayecca yathākramam || 8.15 || </poem>

Übersetzung:

Ich werde der Reihe nach sagen, welcher Keim welchem Vorgang zugeordnet ist. Den Keim des Mutterschoßes vergegenwärtige man in vorgeschriebener Weise im Herzen.

Wort-für-Wort:

yasya yad bījam – welcher Keim zu welchem gehört; anupūrvaśaḥ – der Reihe nach; yonibījam – Mutterschoß-Keim; hṛdaye – im Herzen; kalpayet – man vergegenwärtige.

Vers 8.16

IAST:

<poem> arcanaṃ prokṣaṇaṃ caiva tāḍanaṃ ca tathā param | saṃdhānaṃ caiva saṃyogaṃ nikṣepaṃ tadanantaram || 8.16 || </poem>

Übersetzung:

[Es folgen] Verehrung, Besprengen, sodann Antippen, Verbinden, Vereinigung und anschließend Einsetzen.

Wort-für-Wort:

arcanam – Verehrung; prokṣaṇam – Besprengen; tāḍanam – Antippen, rituelles Schlagen; saṃdhānam – Verbinden; saṃyogam – Vereinigung; nikṣepam – Einsetzen.

Vers 8.17

IAST:

<poem> arcanaṃ ca tataḥ kuryād garbhādhānaṃ tathaiva ca | jananaṃ cādhikāraṃ ca bhogaṃ caiva layaṃ tathā || 8.17 || </poem>

Übersetzung:

Danach vollziehe man Verehrung, Empfängnisbereitung, Geburt, Einsetzung in Befugnis, Erfahrung und schließlich Auflösung.

Wort-für-Wort:

garbhādhānam – Empfängnisbereitung; jananam – Geburt; adhikāram – Befugnis, Amt; bhogam – Erfahrung, Genuss; layam – Auflösung.

Vers 8.18

IAST:

<poem> svatattve cāhutiśataṃ hṛdayena tu ṣaṇmukha | pāśacchedaṃ tathāstreṇa dadyātpūrṇāhutiṃ tataḥ || 8.18 || </poem>

Übersetzung:

Im jeweils eigenen Prinzip bringe man mit dem Herz-Mantra hundert Gaben dar, o Sechsgesichtiger. Mit dem Waffen-Mantra durchtrenne man die Fessel und gebe danach die volle Opfergabe.

Wort-für-Wort:

svatattve – im eigenen Prinzip; āhutiśatam – hundert Opfergaben; pāśacchedam – Durchtrennung der Fessel; astreṇa – mit dem Waffen-Mantra; pūrṇāhutim – volle Opfergabe.

Vers 8.19

IAST:

<poem> hṛdayenātra tūddhāraḥ kartavyaścāpyanukramāt | uddhāre prokṣaṇe caiva tāḍane ca tathaiva ca || 8.19 || </poem>

Übersetzung:

Auch das Herausheben ist hier der Reihenfolge gemäß mit dem Herz-Mantra auszuführen. Beim Herausheben, Besprengen und Antippen …

Wort-für-Wort:

uddhāraḥ – Herausheben; kartavyaḥ – auszuführen; prokṣaṇe – beim Besprengen; tāḍane – beim Antippen; anukramāt – der Reihenfolge gemäß.

Vers 8.20

IAST:

<poem> humphaṭkārasamāyuktaṃ kartavyaṃ cānupūrvaśaḥ | saṃdhānaṃ caiva tattvānāṃ kartavyaṃ tu yathākramam || 8.20 || </poem>

Übersetzung:

… soll es jeweils mit huṃ phaṭ verbunden sein. Auch die Verknüpfung der Prinzipien soll in der vorgeschriebenen Folge geschehen.

Wort-für-Wort:

humphaṭkārasamāyuktam – mit huṃ phaṭ verbunden; saṃdhānam – Verknüpfung; tattvānām – der Prinzipien; yathākramam – in der richtigen Folge.

Vers 8.21

IAST:

<poem> tattve tattve tvidaṃ karma eṣa eva vidhikramaḥ | ebhistu śodhitairvatsa vidhiṃ prāpnoti puṣkalam || 8.21 || </poem>

Übersetzung:

In jedem einzelnen Prinzip findet diese Handlung statt; dies ist die Folge des Ritus. Wenn diese gereinigt sind, mein Kind, erlangt man die Fülle des rituellen Vollzugs.

Wort-für-Wort:

tattve tattve – in jedem Prinzip; vidhikramaḥ – rituelle Reihenfolge; śodhitaiḥ – durch die gereinigten; puṣkalam – voll, reichlich; prāpnoti – erlangt.

Vers 8.22

IAST:

<poem> anyathā naiva mucyante vidhihīnāḥ ṣaḍānana | pūrṇāhutipradānaṃ ca kartavyaṃ dhāraṇāyutam || 8.22 || </poem>

Übersetzung:

Andernfalls werden diejenigen, denen die richtige Durchführung fehlt, nicht befreit, o Sechsgesichtiger. Die volle Opfergabe ist mit gesammelter Vergegenwärtigung darzubringen.

Wort-für-Wort:

anyathā – andernfalls; vidhihīnāḥ – ohne ordnungsgemäßen Vollzug; mucyante – werden befreit; pūrṇāhutipradānam – Darbringung der vollen Gabe; dhāraṇāyutam – mit Konzentration verbunden.

Vers 8.23

IAST:

<poem> amṛtaṃ yatparaṃ vatsa sravantaṃ manasā smaret | dīkṣāprakaraṇe hyetad yojyaṃ sarvatra sarvadā || 8.23 || </poem>

Übersetzung:

Den höchsten Nektar, mein Kind, vergegenwärtige man sich im Geist als strömend. Dies ist im Einweihungsritus überall und stets anzuwenden.

Wort-für-Wort:

amṛtam – Nektar der Unsterblichkeit; param – höchster; sravantam – strömend; manasā smaret – man vergegenwärtige im Geist; sarvatra sarvadā – überall und jederzeit.

Vers 8.24

IAST:

<poem> liṅgoddhāravidhāne ca nityasaṃskārakarmasu | paśorgrahaṇamokṣaṃ tu yattvayoktaṃ purānagha || 8.24 || </poem>

Übersetzung:

[Dies gilt auch] bei der Befreiung von früheren religiösen Kennzeichen und bei den täglichen Weihehandlungen. [Skanda fragt:] Das Ergreifen und Freigeben der gebundenen Seele, von dem du zuvor sprachst, Makelloser …

Wort-für-Wort:

liṅgoddhāra – Aufhebung früherer religiöser Kennzeichen bzw. Bindungen; nityasaṃskāra – tägliche Weihehandlung; paśoḥ – der gebundenen Seele; grahaṇamokṣam – Ergreifen und Freigeben; anagha – Makelloser.

Vers 8.25

IAST:

<poem> pāśā ābhyantarā bāhyāḥ kamsinsthāne kathaṃ sthitāḥ | kasminsthāne tu vicchedyāḥ sadya utkramaṇaṃ katham || 8.25 || </poem>

Übersetzung:

… die inneren und äußeren Fesseln: An welchem Ort und auf welche Weise bestehen sie? Wo sind sie zu durchtrennen? Wie geschieht das unmittelbare Heraustreten [der Seele]?

Wort-für-Wort:

pāśāḥ – Fesseln; ābhyantarāḥ – innere; bāhyāḥ – äußere; kasmin sthāne – an welchem Ort; vicchedyāḥ – zu durchtrennen; sadya utkramaṇam – unmittelbares Heraustreten.

Vers 8.26

IAST:

<poem> paśūnāṃ caiva nirdeśaṃ kathayasva maheśvara | ādimasya dvitīyena gṛhītvātmānamātmanā || 8.26 || </poem>

Übersetzung:

Erkläre auch die Bestimmung der gebundenen Seelen, großer Herr! [Shiva antwortet:] Mit dem zweiten [Laut] des ersten [Bereichs] ergreife man das Selbst durch das Selbst …

Wort-für-Wort:

paśūnām – der gebundenen Seelen; nirdeśam – Bestimmung, Bezeichnung; maheśvara – großer Herr; ādimasya dvitīyena – mit dem zweiten des ersten; ātmānam ātmanā – das Selbst durch das Selbst.

Vers 8.27

IAST:

<poem> muṣṭinā yāvatsthānaṃ tan nayettaṃ suvicakṣaṇaḥ | viṣuvatsamprayogeṇa brahmādyāste śivāntakāḥ || 8.27 || </poem>

Übersetzung:

… und führe es kundig mit der Faust bis zum betreffenden Ort. Durch die Verbindung im Gleichstand gelangen die [Mächte] von Brahmā bis Shiva …

Wort-für-Wort:

muṣṭinā – mit der Faust; nayet – man führe; yāvatsthānam – bis zum betreffenden Ort; viṣuvat – Gleichstand, Vereinigung der Atemströme; brahmādyāḥ – mit Brahma beginnend; śivāntakāḥ – mit Shiva endend.

Vers 8.28

IAST:

<poem> ekatra samatāṃ yānti anyathā tu pṛthakpṛthak | dvādaśānte tu te cchedyāḥ śareṇāstreṇa saṃyutāḥ || 8.28 || </poem>

Übersetzung:

… an einem Ort zur Gleichheit; andernfalls bleiben sie voneinander getrennt. Am Zwölfer-Endpunkt sind die Fesseln mit dem Pfeil, verbunden mit dem Waffen-Mantra, zu durchschneiden.

Wort-für-Wort:

ekatra – an einem Ort; samatām – Gleichheit; pṛthak pṛthak – einzeln, getrennt; dvādaśānte – am Zwölfer-Endpunkt; chedyāḥ – zu durchtrennen; śareṇa – mit dem Pfeil.

Vers 8.29

IAST:

<poem> tadā sāyujyatāṃ yānti samayaiḥ parivarjitāḥ | anirdiṣṭamasaṃjñaṃ ca yatkṛtaṃ tadvṛthā bhavet || 8.29 || </poem>

Übersetzung:

Dann gelangen sie zur Vereinigung, frei von den [rituellen] Verpflichtungen. Was ohne bestimmte Ausrichtung und ohne Benennung ausgeführt wird, bleibt vergeblich.

Wort-für-Wort:

sāyujyatām – Vereinigung; samayaiḥ parivarjitāḥ – frei von Verpflichtungen; anirdiṣṭam – ohne bestimmte Ausrichtung; asaṃjñam – ohne Benennung; vṛthā – vergeblich.

Vers 8.30

IAST:

<poem> tamuddiśya kṛtaṃ karma mokṣadaṃ tanna saṃśayaḥ | sūryasya grahaṇe vatsa viṣuvadyogasaṃyutam || 8.30 || </poem>

Übersetzung:

Eine auf den Betreffenden ausgerichtete Handlung schenkt Befreiung; daran besteht kein Zweifel. Beim Ergreifen der Sonne, mein Kind, verbunden mit dem Gleichstand …

Wort-für-Wort:

tam uddiśya – auf ihn ausgerichtet; mokṣadam – Befreiung schenkend; sūryasya grahaṇe – beim Ergreifen der Sonne; viṣuvadyoga – Verbindung im Gleichstand.

Vers 8.31

IAST:

<poem> āyāmānte yadā cchinnaṃ tadā cotkramate dhruvam | manasi grathitāḥ pāśāḥ sūtre maṇigaṇā iva || 8.31 || </poem>

Übersetzung:

… wenn am Ende der Atemführung die Durchtrennung geschieht, tritt [die Seele] sicher heraus. Die Fesseln sind im Geist verknotet wie Perlen an einer Schnur.

Wort-für-Wort:

āyāmānte – am Ende der Atemführung; chinnam – durchtrennt; utkramate – tritt heraus; manasi grathitāḥ – im Geist verknotet; sūtre maṇigaṇāḥ iva – wie Perlen an einer Schnur.

Vers 8.32

IAST:

<poem> hṛtpadmādyāvattatpadmaṃ manastantuvitānitam | taddṛṣṭvā chedanaṃ kuryān manovṛttyā manaścchidā || 8.32 || </poem>

Übersetzung:

Vom Herzlotus bis zu jenem [höheren] Lotus ist der Faden des Geistes ausgespannt. Wenn man ihn erkannt hat, durchtrenne man ihn durch eine geistige Bewegung, die den Geist durchschneidet.

Wort-für-Wort:

hṛtpadmāt – vom Herzlotus; manastantu – Faden des Geistes; vitānitam – ausgespannt; chedanam – Durchtrennung; manovṛttyā – durch eine geistige Bewegung; manaścchidā – den Geist durchschneidend.

Vers 8.33

IAST:

<poem> manasā manasi cchinne jīvaḥ kevalatāṃ vrajet | vistaraṃ tyaja deveśa saṃkṣepātkathayasva me || 8.33 || </poem>

Übersetzung:

Wenn der Geist durch den Geist durchschnitten ist, gelangt die lebendige Seele zur Freiheit des Alleinseins. [Skanda fragt:] Lass die Ausführlichkeit, Herr der Götter, und erkläre mir in Kürze …

Wort-für-Wort:

manasā – durch den Geist; manasi chinne – wenn der Geist durchschnitten ist; jīvaḥ – lebendige Seele; kevalatām – Alleinsein, Ungebundenheit; saṃkṣepāt – in Kürze.

Vers 8.34

IAST:

<poem> yena vijñātamātreṇa paśūnmocayate kṣaṇāt | śṛṇu ṣaṇmukha tattvena yena mokṣo dhruvaṃ bhavet || 8.34 || </poem>

Übersetzung:

… wodurch man, sobald es erkannt ist, gebundene Seelen augenblicklich befreit! [Shiva antwortet:] Höre wahrheitsgemäß, Sechsgesichtiger, wodurch Befreiung sicher erreicht wird.

Wort-für-Wort:

vijñātamātreṇa – allein durch das Erkanntsein; paśūn – gebundene Seelen; mocayate – befreit; kṣaṇāt – augenblicklich; tattvena – wahrheitsgemäß; mokṣaḥ – Befreiung.

Vers 8.35

IAST:

<poem> prayogeṇātisūkṣmeṇa yogadṛṣṭena mantravit | divyena yogamārgeṇa śaktiṃ yaḥ prerayettu tām || 8.35 || </poem>

Übersetzung:

Der Mantrakenner, der jene Shakti durch eine höchst subtile, im Yoga erkannte Anwendung auf dem göttlichen Yogaweg in Bewegung setzt …

Wort-für-Wort:

prayogeṇa – durch Anwendung; atisūkṣmeṇa – höchst subtil; yogadṛṣṭena – im Yoga erkannt; divyena yogamārgeṇa – auf dem göttlichen Yogaweg; śaktim – Kraft; prerayet – in Bewegung setze.

Vers 8.36

IAST:

<poem> taṃ viditvā mahāsena jīvaṃ prāṇamayaṃ budhaḥ | viṣuvatsamprayogeṇa yojayecchāśvate pade || 8.36 || </poem>

Übersetzung:

… soll, wenn er die aus Lebenskraft bestehende Seele erkannt hat, Mahāsena, sie wissend durch die Vereinigung im Gleichstand mit der ewigen Stätte verbinden.

Wort-für-Wort:

jīvam – Seele; prāṇamayam – aus Lebenskraft bestehend; budhaḥ – der Wissende; viṣuvatsamprayogeṇa – durch die Vereinigung im Gleichstand; yojayet – man verbinde; śāśvate pade – mit der ewigen Stätte.

Vers 8.37

IAST:

<poem> yogaṃ tu viṣuvaṃ prāpya ko na mucyeta bandhanāt | pṛthivyādyabjanāḍīrvai śabdādiguṇavāyubhiḥ || 8.37 || </poem>

Übersetzung:

Wer würde nicht von Bindung frei, wenn er die Vereinigung im Gleichstand erreicht? [Man erkenne] die Lotuskanäle der Erde und der übrigen Prinzipien samt den Winden, die Klang und die anderen Eigenschaften tragen …

Wort-für-Wort:

yogam viṣuvam – Vereinigung im Gleichstand; bandhanāt – von Bindung; pṛthivyādi – Erde und die übrigen; abjanāḍīḥ – Lotuskanäle; śabdādiguṇa – Klang und weitere Eigenschaften; vāyubhiḥ – mit den Winden.

Vers 8.38

IAST:

<poem> ātmādhidevatā mantrāñ jñātvā muktastu mocayet | nāḍīvivarasambandhā ūrdhvanālā hyadhomukhāḥ || 8.38 || </poem>

Übersetzung:

… sowie das Selbst, die zugeordneten Gottheiten und die Mantras. Selbst befreit, soll man andere befreien. Die mit den Öffnungen der Kanäle verbundenen [Lotusse] haben aufwärts gerichtete Stiele, sind jedoch abwärts gewandt.

Wort-für-Wort:

ātma – Selbst; adhidevatā – zugeordnete Gottheit; muktaḥ – befreit; mocayet – man befreie; nāḍīvivara – Kanalöffnung; ūrdhvanālāḥ – mit aufwärts gerichteten Stielen; adhomukhāḥ – abwärts gewandt.

Vers 8.39

IAST:

<poem> granthidvayayutāḥ sarve humphaḍantena yojitāḥ | tataścordhvatvamāyānti udghātaiḥ pūrvavadguha || 8.39 || </poem>

Übersetzung:

Sie alle besitzen zwei Knoten. Werden sie mit der Endung huṃ phaṭ verbunden, richten sie sich durch die bereits beschriebenen Aufwärtsimpulse nach oben, o Guha.

Wort-für-Wort:

granthidvaya – zwei Knoten; humphaḍantena – mit der Endung huṃ phaṭ; ūrdhvatvam āyānti – richten sich aufwärts; udghātaiḥ – durch anhebende Impulse; pūrvavat – wie zuvor.

Vers 8.40

IAST:

<poem> kṣmādyānālokya manasā sabāhyābhyantaraṃ punaḥ | tattve tattve niyoktavyā viyuktā nirahaṃkṛtā || 8.40 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem man Erde und die übrigen Prinzipien innerlich und äußerlich im Geist betrachtet hat, soll [die Seele] gelöst und frei von Ichhaftigkeit jedem Prinzip zugeordnet werden.

Wort-für-Wort:

kṣmādyān – Erde und die übrigen; ālokya manasā – im Geist betrachtet habend; bāhyābhyantaram – außen und innen; viyuktā – gelöst; nirahaṃkṛtā – ohne Ichhaftigkeit; niyoktavyā – zuzuordnen.

Vers 8.41

IAST:

<poem> brahmādyāñśrāvayedvatsa na punarjanmatāṃ vrajet | tejaśceto dvirabhyasya āyāmo bhāskarasya tu || 8.41 || </poem>

Übersetzung:

Brahmā und den übrigen soll man verkünden, mein Kind: „Er soll nicht wieder geboren werden.“ Nachdem Feuerkraft und Geist zweimal geübt wurden, erfolgt die Atemführung der Sonne.

Wort-für-Wort:

śrāvayet – man lasse hören; na punarjanmatām vrajet – er möge nicht wiedergeboren werden; tejas – Feuerkraft; cetas – Geist; dvir abhyasya – zweimal geübt habend; bhāskarasya āyāmaḥ – Atemführung der Sonne.

Vers 8.42

IAST:

<poem> tāḍayitvā purā vatsa grahaṇaṃ pūrvavadbhavet | bhittvārgalāṃ nyasedyoniṃ tattvaṃ tattvena saṃdhayet | śaktibhiḥ sampuṭīkṛtya vauṣaḍantena nikṣipet || 8.42 || </poem>

Übersetzung:

Nach dem Antippen geschehe das Ergreifen wie zuvor, mein Kind. Man durchbreche den Riegel und setze [die Seele] in den Mutterschoß ein; man verbinde Prinzip mit Prinzip. Von den Shaktis umschlossen, setze man sie mit der Endung vauṣaṭ ein.

Wort-für-Wort:

tāḍayitvā – angetippt habend; grahaṇam – Ergreifen; argalām – Riegel; yonim – Mutterschoß; tattvam tattvena – Prinzip mit Prinzip; sampuṭīkṛtya – umschlossen habend; vauṣaḍantena – mit der Endung vauṣaṭ.

Kapitel 9: Die Weihe des Lehrers

Vers 9.1

IAST:

<poem> abhiṣekaṃ pravakṣyāmi saṃkṣepānna tu vistarāt | hitāya sādhakendrāṇāṃ parameśena bhāṣitam || 9.1 || </poem>

Übersetzung:

Ich werde die Weiheübergießung kurz und ohne Weitschweifigkeit erklären, wie sie der höchste Herr zum Wohl der hervorragenden Übenden verkündet hat.

Wort-für-Wort:

abhiṣekam – Weiheübergießung; saṃkṣepāt – kurz; hitāya – zum Wohl; sādhakendrāṇām – der hervorragenden Übenden; parameśena – vom höchsten Herrn.

Vers 9.2

IAST:

<poem> mṛṇmayaṃ kalaśaṃ hyekaṃ candanena vilepitam | brahmapatrapuṭaṃ vātha padmapatramathāpi vā || 9.2 || </poem>

Übersetzung:

[Man nehme] ein irdenes Gefäß, mit Sandelpaste bestrichen, oder eine Schale aus einem Brahma-Blatt oder auch aus einem Lotusblatt.

Wort-für-Wort:

mṛṇmayam – irden; kalaśam – Gefäß; candanena – mit Sandelpaste; vilepitam – bestrichen; patrapuṭam – Blattschale; padmapatram – Lotusblatt. Brahmapatra bezeichnet hier ein rituell verwendetes Blatt.

Vers 9.3

IAST:

<poem> sarvauṣadhiyutaṃ kṛtvā sarvagandhopaśobhitam | śatamaṣṭottaraṃ japtvā prāsādaṃ sarvatomukham || 9.3 || </poem>

Übersetzung:

Man versehe es mit allen [vorgeschriebenen] Kräutern und bereichere es mit allen Duftstoffen. Dann rezitiere man den nach allen Seiten gerichteten Prāsāda einhundertachtmal.

Wort-für-Wort:

sarvauṣadhi – alle Heilkräuter; sarvagandha – alle Duftstoffe; śatam aṣṭottaram – einhundertacht; japtvā – rezitiert habend; sarvatomukham – nach allen Seiten gewandt.

Vers 9.4

IAST:

<poem> yāgaṃ kṛtvā tu pūrvoktam abhiṣekaṃ tu kārayet | śubhanakṣatradivase muhūrte karaṇānvite || 9.4 || </poem>

Übersetzung:

Nach der zuvor beschriebenen Verehrung vollziehe man die Weiheübergießung an einem Tag mit günstigem Mondhaus, zu einer günstigen Stunde und einem geeigneten Karana.

Wort-für-Wort:

yāgam – Verehrung, Opfer; pūrvoktam – zuvor beschrieben; śubhanakṣatra – günstiges Mondhaus; muhūrte – zur bestimmten Stunde; karaṇa – astrologischer halber Mondtag.

Vers 9.5

IAST:

<poem> bahumaṅgalanirghoṣaiḥ śaṅkhavāditraniḥsvanaiḥ | brahmaghoṣaiśca vividhair nṛttagītasamanvitaiḥ | anujñāto 'bhiṣiktaśca ācāryaḥ pāśahā bhavet || 9.5 || </poem>

Übersetzung:

Unter vielfältigen Segensrufen, dem Schall von Muschelhörnern und Instrumenten, heiligen Rezitationen, Tanz und Gesang wird der Lehrer geweiht und ermächtigt. So wird er zum Löser der Fesseln.

Wort-für-Wort:

maṅgalanirghoṣa – Segensruf; śaṅkha – Muschelhorn; brahmaghoṣa – heiliger Rezitationsklang; nṛttagīta – Tanz und Gesang; anujñātaḥ – ermächtigt; abhiṣiktaḥ – geweiht; pāśahā – Fesseln lösend.

Kapitel 10: Das Rad der Nadis und der Herzlotus

Der Herzlotus steht im zehnten Kapitel im Mittelpunkt der inneren Betrachtung.

Die folgende Herzmeditation ist eine heutige Hinführung zur Sammlung im Herzraum.

Vers 10.1

IAST:

<poem> nāḍīcakraṃ paraṃ sūkṣmaṃ pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ | nābheradhastādyatkandam aṅkurāstatra nirgatāḥ || 10.1 || </poem>

Übersetzung:

Ich werde nun der Reihe nach das höchst subtile Rad der Kanäle erklären. Aus der Wurzelknolle unterhalb des Nabels gehen seine Sprosse hervor.

Wort-für-Wort:

nāḍīcakram – Rad der subtilen Kanäle; param sūkṣmam – höchst subtil; nābheḥ adhastāt – unterhalb des Nabels; kandam – Wurzelknolle; aṅkurāḥ – Sprosse.

Vers 10.2

IAST:

<poem> dvāsaptatisahasrāṇi nābhimadhye vyavasthitāḥ | tiryagūrdhvamadhaścaiva vyāptaṃ nābheḥ samantataḥ || 10.2 || </poem>

Übersetzung:

Zweiundsiebzigtausend sind im Nabelzentrum verankert. Seitwärts, aufwärts und abwärts breiten sie sich vom Nabel nach allen Seiten aus.

Wort-für-Wort:

dvāsaptatisahasrāṇi – zweiundsiebzigtausend; nābhimadhye – im Nabelzentrum; tiryak – seitwärts; ūrdhvam – aufwärts; adhaḥ – abwärts; samantataḥ – ringsum.

Vers 10.3

IAST:

<poem> cakravatsaṃsthitā nāḍyaḥ pradhānā daśa tāsu yāḥ | iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā ca tṛtīyakā || 10.3 || </poem>

Übersetzung:

Die Kanäle sind wie ein Rad angeordnet. Zehn unter ihnen sind die wichtigsten: Idā, Pingalā und als dritter Sushumnā …

Wort-für-Wort:

cakravat – wie ein Rad; nāḍyaḥ – Kanäle; pradhānāḥ – wichtigste; daśa – zehn; iḍā/piṅgalā/suṣumnā – Namen der drei Hauptkanäle.

Vers 10.4

IAST:

<poem> gāndhārī hastijihvā ca pūṣā caiva yaśāstathā | alambuṣā kuhūścaiva śaṅkhinī daśamī smṛtā || 10.4 || </poem>

Übersetzung:

… Gāndhārī, Hastijihvā, Pūshā, Yashā, Alambushā, Kuhū und Shankhinī als zehnter.

Wort-für-Wort:

gāndhārī – Gandhari; hastijihvā – „Elefantenzunge“; pūṣā – Pusha; yaśā – Yasha; alambuṣā/kuhū/śaṅkhinī – weitere Kanalnamen; daśamī – zehnte.

Vers 10.5

IAST:

<poem> daśa prāṇavahā hyetā nāḍayaḥ parikīrtitāḥ | prāṇo 'pānaḥ samānaśca udāno vyāna eva ca || 10.5 || </poem>

Übersetzung:

Diese zehn werden als die Kanäle bezeichnet, welche die Lebenswinde führen. [Die Lebenswinde heißen:] Prāna, Apāna, Samāna, Udāna und Vyāna …

Wort-für-Wort:

prāṇavahāḥ – Lebenswind führend; prāṇaḥ – zentraler Lebenswind; apānaḥ – abwärtsführender Wind; samānaḥ – ausgleichender Wind; udānaḥ – aufwärtsführender Wind; vyānaḥ – durchdringender Wind.

Vers 10.6

IAST:

<poem> nāgaḥ kūrmo 'tha kṛkaro devadatto dhanaṃjayaḥ | prāṇastu prathamo vāyur navānāmapi sa prabhuḥ || 10.6 || </poem>

Übersetzung:

… Nāga, Kūrma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya. Prāna ist der erste Lebenswind und auch der Herr der übrigen neun.

Wort-für-Wort:

nāgaḥ/kūrmaḥ/kṛkaraḥ/devadattaḥ/dhanaṃjayaḥ – fünf weitere Lebenswinde; prathamaḥ – erster; vāyuḥ – Wind; navānām – der neun; prabhuḥ – Herr.

Vers 10.7

IAST:

<poem> prāṇaḥ prāṇamayaḥ prāṇo visargaḥ pūraṇaṃ prati | nityamāpūrayatyeṣa prāṇināmurasi sthitaḥ || 10.7 || </poem>

Übersetzung:

Prāna ist die Lebenskraft, ganz von Leben erfüllt; er ist das Ausströmen im Hinblick auf die Füllung. In der Brust der Lebewesen ruhend, erfüllt er sie unaufhörlich.

Wort-für-Wort:

prāṇamayaḥ – aus Lebenskraft bestehend; visargaḥ – Ausströmen; pūraṇam – Füllung; āpūrayati – erfüllt; urasi – in der Brust; prāṇinām – der Lebewesen.

Vers 10.8

IAST:

<poem> niśvāsocchvāsakāsaistu prāṇo jīvasamāśritaḥ | prayāṇaṃ kurute yasmāt tasmātprāṇaḥ prakīrtitaḥ || 10.8 || </poem>

Übersetzung:

Da Prāna, mit der lebendigen Seele verbunden, durch Ausatmen, Einatmen und Husten Bewegung hervorbringt, wird er Prāna genannt.

Wort-für-Wort:

niśvāsa – Ausatmen; ucchvāsa – Einatmen; kāsa – Husten; jīvasamāśritaḥ – mit der Seele verbunden; prayāṇam – Bewegung; prakīrtitaḥ – genannt.

Vers 10.9

IAST:

<poem> apānayatyapānastu āhāraṃ ca nṛṇāmadhaḥ | mūtraśuklamalānvāyur apānastena kīrtitaḥ || 10.9 || </poem>

Übersetzung:

Apāna führt beim Menschen die Nahrung nach unten, ebenso Urin, Samen und Ausscheidungen; deshalb wird dieser Wind Apāna genannt.

Wort-für-Wort:

apānayati – führt abwärts; āhāram – Nahrung; adhaḥ – nach unten; mūtra – Urin; śukra – Samen; mala – Ausscheidung; vāyuḥ – Wind.

Vers 10.10

IAST:

<poem> pītaṃ bhakṣitamāghrātaṃ raktapittakaphādikam | samaṃ nayati gātreṣu samāno nāma mārutaḥ || 10.10 || </poem>

Übersetzung:

Getrunkenes, Gegessenes und Eingeatmetes sowie Blut, Galle, Schleim und dergleichen verteilt er gleichmäßig in den Gliedern; deshalb heißt dieser Wind Samāna.

Wort-für-Wort:

pītam – Getrunkenes; bhakṣitam – Gegessenes; āghrātam – Eingeatmetes bzw. Gerochenes; rakta – Blut; pitta – Galle; kapha – Schleim; samam nayati – verteilt gleichmäßig.

Vers 10.11

IAST:

<poem> spandatyadharaṃ vaktraṃ netragātraprakopanaḥ | udvejayati marmāṇi udāno nāma mārutaḥ || 10.11 || </poem>

Übersetzung:

Er bewegt Unterlippe und Mund, versetzt Augen und Glieder in Bewegung und regt die empfindlichen Körperstellen an: Dieser Wind heißt Udāna.

Wort-für-Wort:

spandati – bewegt, lässt pulsieren; adharam – Unterlippe; vaktram – Mund; netra – Auge; marmāṇi – empfindliche bzw. lebenswichtige Stellen; udānaḥ – Udana.

Vers 10.12

IAST:

<poem> vyāno vināmayatyaṅgaṃ vyāno vyādhiprakopanaḥ | prītervināśakaraṇo vyāpanādvyāna ucyate || 10.12 || </poem>

Übersetzung:

Vyāna beugt die Glieder; Vyāna kann Krankheiten aufregen und Wohlbefinden zerstören. Weil er alles durchdringt, wird er Vyāna genannt.

Wort-für-Wort:

vināmayati – beugt; aṅgam – Glied; vyādhiprakopanaḥ – Krankheiten aufregend; prīteḥ vināśakaraṇaḥ – Wohlbefinden zerstörend; vyāpanāt – wegen des Durchdringens.

Vers 10.13

IAST:

<poem> udgāre nāga ityuktaḥ kūrma unmīlane smṛtaḥ | kṛkarastu kṣute caiva devadatto vijṛmbhaṇe | dhanaṃjayaḥ sthito ghoṣe mṛtasyāpi na muñcati || 10.13 || </poem>

Übersetzung:

Beim Aufstoßen heißt er Nāga, beim Öffnen der Augen Kūrma, beim Niesen Krikara und beim Gähnen Devadatta. Dhananjaya ist im Klang gegenwärtig und verlässt selbst den Toten nicht.

Wort-für-Wort:

udgāre – beim Aufstoßen; unmīlane – beim Öffnen der Augen; kṣute – beim Niesen; vijṛmbhaṇe – beim Gähnen; ghoṣe – im Klang; mṛtasya api – selbst beim Toten.

Vers 10.14

IAST:

<poem> ityetadvāyuvṛndaṃ hṛdi ca vinihitaṃ nābhicakrapratiṣṭhitam niśvāsocchvāsakaiḥ śvasanapuramadhaḥ kampitāghūrṇitaiśca | nityaṃ nityālpajanmā vyasanayati paśuṃ yauvane bālabhāve ākrānto vāyurekaḥ sa jananamaraṇaiḥ krīḍati bhrāntasattvaiḥ || 10.14 || </poem>

Übersetzung:

Diese Schar der Winde ist im Herzen angeordnet und im Nabelrad verankert. Durch Aus- und Einatmen, Erschütterungen und wirbelnde Bewegungen des atmenden Körperhauses bedrängt sie die gebundene Seele fortwährend, in Jugend wie Kindheit. Der eine Lebenswind, [selbst] ergriffen, spielt durch Geburt und Tod mit den verwirrten Wesen.

Wort-für-Wort:

vāyuvṛndam – Schar der Winde; hṛdi – im Herzen; nābhicakra – Nabelrad; śvasanapuram – atmendes Körperhaus; paśum – gebundene Seele; ākrāntaḥ – ergriffen, bedrängt; jananamaraṇaiḥ – durch Geburt und Tod. Die lange Strophe ist sprachlich gestört. Insbesondere nityālpajanmā und die syntaktische Einbindung von ākrāntaḥ lassen sich nicht sicher auflösen; die Übersetzung gibt den erkennbaren Zusammenhang wieder.

Vers 10.15

IAST:

<poem> nāḍīcakraṃ yathāvasthaṃ pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ | daśāraṃ cakramettattu vibhāgo jāyate yathā || 10.15 || </poem>

Übersetzung:

Ich werde nun das Rad der Kanäle in seiner tatsächlichen Ordnung beschreiben: Dieses Rad hat zehn Speichen; höre, wie seine Gliederung entsteht.

Wort-für-Wort:

yathāvastham – seiner tatsächlichen Beschaffenheit gemäß; daśāram – zehnspeichig; cakram – Rad; vibhāgaḥ – Gliederung; anupūrvaśaḥ – der Reihe nach.

Vers 10.16

IAST:

<poem> cakre bhramatyasau jīvo daśasthāneṣvanukramāt | sa jīvo jīvalokasya budhyante naiva mohitāḥ || 10.16 || </poem>

Übersetzung:

In diesem Rad wandert die lebendige Seele nacheinander durch zehn Stellen. Sie ist das Leben der lebendigen Welt; die Verblendeten erkennen sie nicht.

Wort-für-Wort:

bhramati – wandert, kreist; jīvaḥ – lebendige Seele; daśasthāneṣu – an zehn Stellen; jīvalokasya – der Welt der Lebenden; mohitāḥ – Verblendete; budhyante – erkennen.

Vers 10.17

IAST:

<poem> jīvaḥ prayāti daśadhā tena cakraṃ prakīrtitam | nāḍīcakramiti proktaṃ yena saṃkrāmati hyasau || 10.17 || </poem>

Übersetzung:

Die Seele bewegt sich auf zehnfache Weise; deshalb wird es Rad genannt. Es heißt Rad der Kanäle, weil sie durch dieses hinüberwandert.

Wort-für-Wort:

prayāti – bewegt sich; daśadhā – zehnfach; tena – deshalb; nāḍīcakram – Rad der Kanäle; saṃkrāmati – wechselt hinüber.

Vers 10.18

IAST:

<poem> hṛdvyomamadhye paṅkajamaṣṭadalaṃ karṇikā ca tasyāntaḥ | hṛdaye paṅkajamarkendvagnihiraṇyadyotābhāḥ śaktayastasmin || 10.18 || </poem>

Übersetzung:

Im Raum des Herzens liegt ein achtblättriger Lotus mit einer Samenkapsel in seinem Inneren. In diesem Herzlotus wohnen Kräfte, die wie Sonne, Mond, Feuer und Gold erstrahlen.

Wort-für-Wort:

hṛdvyomamadhye – inmitten des Herzraums; paṅkajam – Lotus; aṣṭadalam – achtblättrig; karṇikā – Samenkapsel; arka/indu/agni/hiraṇya – Sonne/Mond/Feuer/Gold; śaktayaḥ – Kräfte.

Vers 10.19

IAST:

<poem> uparicarī khalu śaktistāsāṃ prāgbhāvinī śivasya tataḥ | śakticatuṣṭayapaṅkajamadhye puruṣo 'liriva sa līnaḥ || 10.19 || </poem>

Übersetzung:

Über ihnen bewegt sich Shivas Kraft, die ihnen vorausgeht. In der Mitte des Lotus dieser vier Kräfte ruht der innere Mensch versunken wie eine Biene.

Wort-für-Wort:

uparicarī – darüber sich bewegend; prāgbhāvinī – vorausgehend; śakticatuṣṭaya – Vierheit der Kräfte; puruṣaḥ – innerer Mensch, Seele; aliḥ iva – wie eine Biene; līnaḥ – versunken.

Vers 10.20

IAST:

<poem> śūnyamarutsaṃdaṃśakagṛhītakaraṇātmako hyubhayato 'pi | saṃyāti yatra neyaḥ śuṣkadalaṃ māruteneva || 10.20 || </poem>

Übersetzung:

Mit seinen inneren Vermögen gleichsam von der Zange aus Raum und Wind auf beiden Seiten ergriffen, gelangt er dorthin, wohin er geführt wird, wie ein trockenes Blatt im Wind.

Wort-für-Wort:

śūnya – Raum, Leere; marut – Wind; saṃdaṃśaka – Zange; karaṇa – inneres Vermögen; neyaḥ – zu führen; śuṣkadalam – trockenes Blatt; mārutena – durch den Wind.

Vers 10.21

IAST:

<poem> bhrāmyati paṅkajamadhye kalācatuṣkātmapāśasaṃruddhaḥ | golakamiva helābhihatamutpatanaṃ nipātanaṃ kurute || 10.21 || </poem>

Übersetzung:

Er kreist in der Lotusmitte, eingeschlossen von der Fessel der vier Kräfte. Wie ein leicht angestoßener Ball steigt er auf und fällt wieder herab.

Wort-für-Wort:

bhrāmyati – kreist; kalācatuṣka – Vierheit der Kräfte; pāśasaṃruddhaḥ – durch eine Fessel eingeschlossen; golakam iva – wie ein Ball; utpatanam – Aufspringen; nipātanam – Herabfallen.

Vers 10.22

IAST:

<poem> īśvarayogādviṣuvatsaṃkrāntiścaiva siddhisaṃyogāt | sauraniyogāddakṣiṇamudagayanaṃ cāndrasaṃyogāt || 10.22 || </poem>

Übersetzung:

Aus der Verbindung mit dem Herrn entsteht der Gleichstand, aus der Verbindung mit Vollendung der Übergang. Die südliche Sonnenbahn entsteht durch die Sonnenzuordnung, die nördliche durch die Mondverbindung.

Wort-für-Wort:

īśvarayogāt – durch Verbindung mit dem Herrn; viṣuvat – Gleichstand; saṃkrāntiḥ – Übergang; saura – sonnenbezogen; dakṣiṇam – südlich; udagayanam – nördlicher Lauf; cāndrasaṃyoga – Mondverbindung.

Vers 10.23

IAST:

<poem> ayane savyāsavye dvau puṭakau yugmato viṣuvadāhuḥ | saṃkrāntiritaścetaśca gacchatastena samākhyātā || 10.23 || </poem>

Übersetzung:

Die beiden Bahnen sind rechts und links; wirken beide Nasenöffnungen gemeinsam, spricht man von Gleichstand. Der Wechsel von hier nach dort heißt Übergang.

Wort-für-Wort:

ayane – die beiden Bahnen; savya/asavya – rechts/links im hier verwendeten Schema; puṭakau – beide Nasenöffnungen; yugmataḥ – zusammen; viṣuvat – Gleichstand; itaḥ cetaḥ – von hier nach dort.

Vers 10.24

IAST:

<poem> sauraḥ savyo mārgaścāndramasaścetaraḥ samākhyātaḥ | dhanyo 'bhiṣeka induḥ sauraḥ khalu vahnisaṃdhāne || 10.24 || </poem>

Übersetzung:

Der rechte Weg heißt solar, der andere lunar. Der Mondweg gilt als günstig für die Weiheübergießung, der Sonnenweg für das Entfachen des Feuers.

Wort-für-Wort:

sauraḥ – solar; savyaḥ mārgaḥ – rechter Weg; cāndramasaḥ – lunar; abhiṣekaḥ – Weiheübergießung; induḥ – Mond; vahnisaṃdhāne – beim Entfachen des Feuers. Die Wiedergabe „rechts“ folgt dem Zusammenhang mit 11.5–7. Savya bedeutet gewöhnlich „links“, ist aber auch mit anderer Richtungsbedeutung belegt. Die Richtungsbezeichnung dieses Verses bleibt daher erklärungsbedürftig.

Vers 10.25

IAST:

<poem> dhyānādyo viṣuvati ca prāgdalasaṃstho nṛpāvalepī syāt | tejasvī ca bubhukṣā pīḍā vā jāyate 'gnidikpatre || 10.25 || </poem>

Übersetzung:

Meditation und ähnliche Übungen finden im Gleichstand statt. Auf dem östlichen Lotusblatt wird [die Seele] königlich stolz; auf dem südöstlichen entstehen Feuerkraft, Hunger oder Bedrängnis.

Wort-für-Wort:

dhyānādi – Meditation und Ähnliches; viṣuvati – im Gleichstand; prāgdalasaṃsthaḥ – auf dem östlichen Blatt befindlich; nṛpāvalepī – königlich stolz; bubhukṣā – Hunger; agnidikpatre – auf dem südöstlichen Blatt.

Vers 10.26

IAST:

<poem> yāmye yāmyo bhāvo nairṛtye nairṛto vinirdiṣṭaḥ | vāruṇapatre vāruṇo mārutpatre gato marudbhāvam || 10.26 || </poem>

Übersetzung:

Im Süden entsteht eine Yama entsprechende Verfassung, im Südwesten eine Nirriti entsprechende; auf dem westlichen Blatt eine Varuna entsprechende, auf dem nordwestlichen eine dem Wind entsprechende.

Wort-für-Wort:

yāmye – im Süden; yāmyaḥ bhāvaḥ – Yama entsprechende Verfassung; nairṛtye – im Südwesten; vāruṇapatre – auf dem Varuna-Blatt im Westen; mārutpatre – auf dem Wind-Blatt im Nordwesten.

Vers 10.27

IAST:

<poem> saumye saumyo bhāvastvaiśe tvaiśaḥ samākhyātaḥ | yāṃ yāṃ diśamabhigacchati tadbhāvaṃ nikhilamāyāti || 10.27 || </poem>

Übersetzung:

Im Norden entsteht die entsprechende milde Verfassung, im Nordosten die des Herrn. In welche Richtung sie sich auch begibt, deren gesamte Beschaffenheit nimmt sie an.

Wort-für-Wort:

saumye – im Norden; saumyaḥ bhāvaḥ – milde bzw. Soma entsprechende Verfassung; aiśe – im Nordosten; diśam – Richtung; tadbhāvam – deren Beschaffenheit; nikhilam – ganz.

Vers 10.28

IAST:

<poem> patrāntarālayogācchūnyamivātmā tato bhāti | iti khalu pudgalacāro nāḍīsadhānamaṇḍalaṃ mukhyam | kathitamiha siddhihetorboddhyavyaṃ yatnataḥ siddham || 10.28 || </poem>

Übersetzung:

In den Zwischenräumen der Lotusblätter erscheint das Selbst gleichsam leer. Dies ist die Bewegung des verkörperten Wesens und der wesentliche Kreis zur Verbindung der Kanäle. Er wurde hier um der Vollendung willen erklärt und soll sorgfältig verstanden werden.

Wort-für-Wort:

patrāntarāla – Zwischenraum der Blätter; śūnyam iva – gleichsam leer; ātmā – Selbst; pudgalacāraḥ – Bewegung des verkörperten Wesens; siddhihetoḥ – um der Vollendung willen; yatnataḥ – sorgfältig.

Kapitel 11: Die Seele und die Führung des Atems

Die letzten Verse dieses Kapitels beschreiben den Austritt der Seele. Sie sind von einer gewöhnlichen Yoga-Atemübung zu unterscheiden; dazu die Anmerkungen am Ende.

Vers 11.1

IAST:

<poem> sa jīvo jīvalokasya jñāyate 'dhyātmago yathā | saṃśayo me mahādeva prasādībhava śūladhṛk || 11.1 || </poem>

Übersetzung:

Wie wird jene lebendige Seele, das Leben der lebendigen Welt, im Inneren erkannt? Darüber bin ich im Zweifel, großer Gott. Sei gnädig, Träger des Dreizacks!

Wort-für-Wort:

jīvaḥ – lebendige Seele; adhyātmagaḥ – im Inneren befindlich; jñāyate – wird erkannt; saṃśayaḥ – Zweifel; prasādībhava – sei gnädig; śūladhṛk – Dreizackträger.

Vers 11.2

IAST:

<poem> jīvasya puruṣākhyasya darśanaṃ śṛṇu ṣaṇmukha | kathayāmi na sandehaḥ putrasnehādviśeṣataḥ || 11.2 || </poem>

Übersetzung:

Höre, Sechsgesichtiger, von der Schau der Seele, die Purusha genannt wird. Ich werde sie dir gewiss erklären, besonders aus Liebe zu meinem Sohn.

Wort-für-Wort:

puruṣākhyasya – Purusha genannt; darśanam – Schau; śṛṇu – höre; putrasnehāt – aus Liebe zum Sohn; kathayāmi – ich erkläre.

Vers 11.3

IAST:

<poem> saṃkrāntiṃ viṣuvaṃ caiva ahorātrāyanāni ca | adhimāsamṛṇaṃ cāpi ūnarātraṃ dhanaṃ tathā || 11.3 || </poem>

Übersetzung:

[Zu erkennen sind] Übergang und Gleichstand, Tag und Nacht, die beiden Sonnenbahnen, Schaltmonat und Schuld, verkürzte Nacht und Guthaben.

Wort-für-Wort:

saṃkrāntim – Übergang; viṣuvam – Gleichstand; ahorātra – Tag und Nacht; ayana – Sonnenbahn; adhimāsam – Schaltmonat; ṛṇam – Schuld; ūnarātram – verkürzte Nacht; dhanam – Guthaben.

Vers 11.4

IAST:

<poem> ūnarātraṃ kṣutaṃ jñeyam adhimāso vijṛmbhikā | ṛṇaṃ ca kāso vijñeyo niśvāso dhanamucyate || 11.4 || </poem>

Übersetzung:

Als verkürzte Nacht gilt das Niesen, als Schaltmonat das Gähnen. Husten ist als Schuld zu verstehen, Ausatmen wird Guthaben genannt.

Wort-für-Wort:

kṣutam – Niesen; vijṛmbhikā – Gähnen; kāsaḥ – Husten; niśvāsaḥ – Ausatmen; ṛṇam – Schuld; dhanam – Guthaben. Kalenderbegriffe werden auf Körpervorgänge übertragen.

Vers 11.5

IAST:

<poem> uttaraṃ dakṣiṇaṃ jñeyaṃ vāmadakṣiṇasaṃsthitam | madhye tu viṣuvatproktaṃ puṭadvayaviniḥsṛtam || 11.5 || </poem>

Übersetzung:

Der nördliche und der südliche Lauf sind links und rechts zu verstehen. In der Mitte liegt der Gleichstand, der durch beide Nasenöffnungen hervortritt.

Wort-für-Wort:

uttaram – nördlich; dakṣiṇam – südlich bzw. rechts; vāma – links; madhye – in der Mitte; viṣuvat – Gleichstand; puṭadvaya – beide Nasenöffnungen.

Vers 11.6

IAST:

<poem> saṃkrāntiḥ punarasyaiva svasthānātsthāna eva ca | iḍā ca piṅgalā caiva amā caiva tṛtīyakā || 11.6 || </poem>

Übersetzung:

Der Übergang ist sein Wechsel vom eigenen Ort zu einem anderen. [Es gibt] Idā, Pingalā und als dritte Amā.

Wort-für-Wort:

saṃkrāntiḥ – Übergang; svasthānāt – vom eigenen Ort; sthāne – an einen Ort; iḍā/piṅgalā – die beiden Seitenkanäle; amā – Name der mittleren Bahn; tṛtīyakā – dritte.

Vers 11.7

IAST:

<poem> suṣumnā madhyame hyaṅge iḍā vāme prakīrtitā | piṅgalā dakṣiṇe hyaṅge eṣu saṃkrāntirucyate || 11.7 || </poem>

Übersetzung:

Sushumnā liegt in der Mitte des Körpers, Idā wird links und Pingalā rechts gelehrt. Der Wechsel zwischen ihnen heißt Übergang.

Wort-für-Wort:

suṣumnā – mittlerer Kanal; madhyame aṅge – in der Körpermitte; vāme – links; dakṣiṇe – rechts; saṃkrāntiḥ – Übergang.

Vers 11.8

IAST:

<poem> ūrdhvaṃ prāṇo hyahaḥ proktaḥ apāno rātrirucayte | vibhāgā daśa prāṇasya yo vettyevaṃ sa vedavit || 11.8 || </poem>

Übersetzung:

Der aufsteigende Prāna heißt Tag; Apāna heißt Nacht. Wer die zehn Unterteilungen des Lebenswindes auf diese Weise kennt, ist ein Kenner des heiligen Wissens.

Wort-für-Wort:

ūrdhvam – aufwärts; ahaḥ – Tag; rātriḥ – Nacht; vibhāgāḥ daśa – zehn Unterteilungen; vetti – kennt; vedavit – Kenner des Veda bzw. heiligen Wissens.

Vers 11.9

IAST:

<poem> āyāmo dehamadhyasthaḥ somagrahaṇamiṣyate | dehātītaṃ tu taṃ vidyād ādityagrahaṇaṃ budhaḥ || 11.9 || </poem>

Übersetzung:

Die Atemführung innerhalb des Körpers gilt als Mondfinsternis. Die über den Körper hinausgehende erkenne der Weise als Sonnenfinsternis.

Wort-für-Wort:

āyāmaḥ – Atemführung, Ausdehnung; dehamadhyasthaḥ – im Körperinneren befindlich; somagrahaṇam – Mondfinsternis, Ergreifen des Mondes; dehātītam – jenseits des Körpers; ādityagrahaṇam – Sonnenfinsternis.

Vers 11.10

IAST:

<poem> ayute dve sahasraṃ tu ṣaṭśatāni tathaiva ca | ahorātreṇa yogīndro japasaṃkhyāṃ karoti saḥ || 11.10 || </poem>

Übersetzung:

In einem Tag und einer Nacht vollzieht der hervorragende Yogi einundzwanzigtausendsechshundert Wiederholungen.

Wort-für-Wort:

ayute dve – zweimal zehntausend; sahasram – tausend; ṣaṭśatāni – sechshundert; ahorātreṇa – während eines Tages und einer Nacht; japasaṃkhyām – Zahl der Rezitationen.

Vers 11.11

IAST:

<poem> prāṇāyāmaṃ samāsena kathayāmi tavākhilam | uccārayettu praṇavaṃ svareṇaikena yogavit || 11.11 || </poem>

Übersetzung:

Ich werde dir die Atemlenkung nun vollständig in Kürze erklären. Der Yogakenner spreche den Pranava in einem einzigen Ton aus.

Wort-für-Wort:

prāṇāyāmam – Atemlenkung; samāsena – in Kürze; uccārayet – man spreche aus; praṇavam – Pranava, Om; svareṇa ekena – mit einem einzigen Ton; yogavit – Yogakenner.

Vers 11.12

IAST:

<poem> udaraṃ pūrayitvā tu vāyunā yāvadīpsitam | prāṇāyāmo bhavedeṣa pūrako dehapūrakaḥ || 11.12 || </poem>

Übersetzung:

Man fülle den Bauch nach dem beabsichtigten Maß mit Luft. Diese Atemlenkung heißt Pūraka, weil sie den Körper füllt.

Wort-für-Wort:

udaram – Bauch; pūrayitvā – gefüllt habend; vāyunā – mit Luft; yāvat īpsitam – soweit beabsichtigt; pūrakaḥ – Füllung, Einatmung; dehapūrakaḥ – den Körper füllend.

Vers 11.13

IAST:

<poem> pidhāya sarvadvārāṇi niśvāsocchvāsavarjitaḥ | sampūrṇakumbhavattiṣṭhet prāṇāyāmaḥ sa kumbhakaḥ || 11.13 || </poem>

Übersetzung:

Alle Öffnungen verschließend, ohne Aus- und Einatmung, verweile man wie ein vollständig gefüllter Krug. Diese Atemlenkung heißt Kumbhaka.

Wort-für-Wort:

pidhāya – verschlossen habend; sarvadvārāṇi – alle Öffnungen; niśvāsocchvāsavarjitaḥ – ohne Aus- und Einatmen; sampūrṇakumbhavat – wie ein voller Krug; kumbhakaḥ – Atemhalten.

Vers 11.14

IAST:

<poem> muñcedvāyuṃ tataścordhvaṃ śvāsenaikena yogavit | niśvāsayogayuktastu yāvadūrdhvaṃ sa recayet || 11.14 || </poem>

Übersetzung:

Dann lasse der Yogakenner die Luft in einem einzigen Atemzug aufwärts hinaus. Mit der Ausatmung verbunden, entleere er sie so weit nach oben [wie vorgesehen].

Wort-für-Wort:

muñcet – man lasse los; vāyum – Luft; ūrdhvam – aufwärts; śvāsena ekena – mit einem Atemzug; recayet – man entleere; niśvāsayoga – Verbindung mit der Ausatmung.

Vers 11.15

IAST:

<poem> recakastveṣa vikhyātaḥ prāṇasaṃśayakārakaḥ | yattaddhṛdi sadā padmam adhomukhamavasthitam || 11.15 || </poem>

Übersetzung:

Dies heißt Rechaka und kann die Lebenskraft in Gefahr bringen. Jener Lotus, der stets im Herzen abwärts gewandt ruht …

Wort-für-Wort:

recakaḥ – Entleerung, Ausatmung; prāṇasaṃśayakārakaḥ – die Lebenskraft gefährdend; hṛdi – im Herzen; padmam – Lotus; adhomukham – abwärts gewandt.

Vers 11.16

IAST:

<poem> vikasatyetadūrdhvaṃ tu pūrakeṇa tu pūritam | ūrdhvasroto bhavetpadmaṃ kumbhakena nirodhitam || 11.16 || </poem>

Übersetzung:

… öffnet sich nach oben, wenn er durch Pūraka gefüllt wird. Durch Kumbhaka gehalten, wird der Lotus zu einem aufwärts gerichteten Strom.

Wort-für-Wort:

vikasati – öffnet sich, erblüht; pūrakeṇa – durch Füllung; ūrdhvasrotaḥ – mit aufwärts gerichtetem Strom; kumbhakena – durch Atemhalten; nirodhitam – gehalten, angehalten.

Vers 11.17

IAST:

<poem> recakena tathā kṣiptaṃ sadyaḥprāṇahareṇa tu | muktvā hṛdayapadmaṃ tu ūrdhvasrotovyavasthitam || 11.17 || </poem>

Übersetzung:

Durch jene Entleerung, die die Lebenskraft unmittelbar forttragen kann, wird [die Seele] hinausgeworfen. Sie verlässt den Herzlotus und tritt in den aufwärts gerichteten Strom ein …

Wort-für-Wort:

recakena – durch Entleerung; kṣiptam – hinausgeworfen; sadyaḥprāṇahareṇa – die Lebenskraft unmittelbar fortnehmend; muktvā – verlassen habend; hṛdayapadmam – Herzlotus; ūrdhvasrotas – aufwärts gerichteter Strom.

Vers 11.18

IAST:

<poem> recito gacchati hyūrdhvaṃ granthiṃ bhittvā kṣaṇena tu | bhittvā kapāladvāraṃ tu jīvo hyūrdhvaṃ tu recitaḥ || 11.18 || </poem>

Übersetzung:

… steigt, hinausgeführt, nach oben und durchbricht den Knoten in einem Augenblick. Die aufwärts hinausgeführte Seele durchbricht das Tor des Schädels …

Wort-für-Wort:

recitaḥ – hinausgeführt; granthim – Knoten; bhittvā – durchbrochen habend; kṣaṇena – in einem Augenblick; kapāladvāram – Schädeltor; jīvaḥ – Seele.

Vers 11.19

IAST:

<poem> sadāśivapadaṃ gatvā na bhūyo janma cāpnuyāt | āyāmaḥ kriyate tasya nānyasya tu kadācana | sa jīvo jīvalokasya mayā proktaḥ samāsataḥ || 11.19 || </poem>

Übersetzung:

… und erreicht die Stätte Sadāshivas; dann wird sie nicht wieder geboren. Auf sie allein richtet sich diese Atemführung, auf nichts anderes. So habe ich dir die Seele der lebendigen Welt in Kürze erklärt.

Wort-für-Wort:

sadāśivapadam – Stätte Sadashivas; na bhūyaḥ janma – keine weitere Geburt; āyāmaḥ – Atemführung; nānyasya – keines anderen; samāsataḥ – in Kürze.

Kapitel 12: Kundalini und das Einsetzen der Schöpfung

Vers 12.1

IAST:

<poem> candrāgniriva saṃyuktā ādyā kuṇḍalinī tu yā | hṛtpradeśe tu sā jñeyā aṅkurākāravatsthitā || 12.1 || </poem>

Übersetzung:

Jene ursprüngliche Kundalinī, in der Mond und Feuer vereint sind, soll man in der Herzgegend als sprossförmig gegenwärtig erkennen.

Wort-für-Wort:

candrāgni – Mond und Feuer; ādyā – ursprüngliche; kuṇḍalinī – eingerollte Kraft; hṛtpradeśe – in der Herzgegend; aṅkurākāravat – sprossförmig; sthitā – gegenwärtig.

Vers 12.2

IAST:

<poem> sṛṣṭinyāsaṃ nyasettatra dvirabhyāsapaderitam | sravantaṃ cintayettasminn amṛtaṃ sādhakottamaḥ || 12.2 || </poem>

Übersetzung:

Dort vollziehe man das Einsetzen der Schöpfung, wie es durch die zweimalige Übung gelehrt wird. Der hervorragende Übende stelle sich vor, wie darin der Nektar strömt.

Wort-für-Wort:

sṛṣṭinyāsam – Einsetzen der Schöpfung; dvirabhyāsa – zweimalige Übung; sravantam – strömend; amṛtam – Nektar der Unsterblichkeit; sādhakottamaḥ – hervorragender Übender.

Vers 12.3

IAST:

<poem> agnīṣomātmakaṃ sarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam | cintayedviparītaṃ tu siddhikāmaḥ samāhitaḥ || 12.3 || </poem>

Übersetzung:

Die ganze Welt, das Unbewegliche wie das Bewegliche, besteht aus Feuer und Soma. Wer Vollendung begehrt, vergegenwärtige dies gesammelt in umgekehrter Ordnung.

Wort-für-Wort:

agnīṣomātmakam – aus Feuer und Soma bestehend; sthāvara – unbeweglich; jaṅgama – beweglich; viparītam – umgekehrt; siddhikāmaḥ – nach Vollendung strebend; samāhitaḥ – gesammelt.

Vers 12.4

IAST:

<poem> svadehaṃ cintayedvidvān divyarūpamanaupamam | yasya yatkarma coddiṣṭaṃ tatkarma paricintayet || 12.4 || </poem>

Übersetzung:

Der Wissende vergegenwärtige den eigenen Körper in unvergleichlicher göttlicher Gestalt. Welche Handlung ihm jeweils vorgeschrieben ist, diese betrachte er innerlich.

Wort-für-Wort:

svadeham – eigenen Körper; divyarūpam – göttliche Gestalt; anaupamam – unvergleichlich; karma – Handlung; coddiṣṭam – vorgeschrieben; paricintayet – man betrachte innerlich.

Vers 12.5

IAST:

<poem> idaṃ ca yo 'bhyasedevam amṛtaṃ sarvatomukham | acireṇaiva kālena sa siddhiphalabhāgbhavet || 12.5 || </poem>

Übersetzung:

Wer sich auf diese Weise in der Vergegenwärtigung dieses allseitig gegenwärtigen Nektars übt, wird schon nach kurzer Zeit an der Frucht der Vollendung teilhaben.

Wort-für-Wort:

abhyaset – man übe; amṛtam – Nektar; sarvatomukham – nach allen Seiten gewandt; acireṇa kālena – nach kurzer Zeit; siddhiphalabhāk – an der Frucht der Vollendung teilhabend.

Vers 12.6

IAST:

<poem> sṛṣṭinyāsamavijñāya kathaṃ yuñjīta sādhakaḥ | hanyānmuṣṭibhirākāśaṃ tuṣānkuṭṭayatīva saḥ || 12.6 || </poem>

Übersetzung:

Wie könnte ein Übender sich verbinden, ohne das Einsetzen der Schöpfung zu kennen? Er würde gleichsam mit den Fäusten den leeren Raum schlagen oder bloße Spreu stampfen.

Wort-für-Wort:

sṛṣṭinyāsam avijñāya – ohne das Einsetzen der Schöpfung zu kennen; yuñjīta – sich verbinden, Yoga üben; muṣṭibhiḥ – mit Fäusten; ākāśam – Raum; tuṣān – Spreu; kuṭṭayati – stampft.

Kapitel 13: Die Entstehung der Mantras

Vers 13.1

IAST:

<poem> athātaḥ sampravakṣyāmi sṛṣṭiṃ mantralipeḥ kramāt | yathā tu sakalo devo niṣkalena samanvitaḥ || 13.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich die Entstehung der Mantraschrift der Reihe nach erklären: wie der gegliederte Gott mit dem ungegliederten verbunden ist.

Wort-für-Wort:

sṛṣṭim – Entstehung; mantralipeḥ – der Mantraschrift; sakalaḥ – gegliedert, mit Teilen; devaḥ – Gott; niṣkalena – mit dem Ungegliederten; samanvitaḥ – verbunden.

Vers 13.2

IAST:

<poem> kalāmutpādayāmāsa sarvamantrapravartikām | oṃkāramūrdhni madhyastha oṃkāravyāpakastathā || 13.2 || </poem>

Übersetzung:

Er ließ die Kraft entstehen, die alle Mantras in Bewegung setzt. Er ruht in der Mitte am Haupt des Om und durchdringt zugleich das Om.

Wort-für-Wort:

kalām – Kraft, Teilaspekt; utpādayāmāsa – ließ entstehen; sarvamantrapravartikām – alle Mantras in Bewegung setzend; oṃkāramūrdhni – am Haupt des Om; madhyasthaḥ – in der Mitte ruhend; vyāpakaḥ – durchdringend.

Vers 13.3

IAST:

<poem> oṃkāraprathamāṃ rekhāṃ sṛjati prabhuḥ(?) | vidyā nāma kalā sā tu varṇe varṇe vyavasthitā || 13.3 || </poem>

Übersetzung:

Der Herr erschafft den ersten Strich des Om. Diese Kraft heißt Vidyā und ist in jedem einzelnen Laut gegenwärtig.

Wort-für-Wort:

prathamām rekhām – ersten Strich; sṛjati – erschafft; prabhuḥ – Herr; vidyā nāma – Vidya genannt; varṇe varṇe – in jedem Laut. Der erste Halbvers ist in der Textgrundlage als unsicher gekennzeichnet.

Vers 13.4

IAST:

<poem> oṃkārasya ukārābhā rekhā yā sampradṛśyate | pratiṣṭhā nāma sā jñeyā ukārākṣarasambhavā || 13.4 || </poem>

Übersetzung:

Jener Strich des Om, der dem U ähnlich erscheint, ist als Pratishthā zu erkennen; er entsteht aus dem Laut U.

Wort-für-Wort:

ukārābhā – dem U ähnlich; rekhā – Strich; pratiṣṭhā – Festigung, entsprechende Kraft; ukārākṣarasambhavā – aus dem Laut U entstanden.

Vers 13.5

IAST:

<poem> mūrdhni tasya bhavedyāsau sūkṣmarekhā nirañjanā | makāro hyabhavattatra nivṛttirnāma sā kalā || 13.5 || </poem>

Übersetzung:

Der subtile, makellose Strich an seinem Haupt wird dort zum M. Diese Kraft heißt Nivritti.

Wort-für-Wort:

mūrdhni – am Haupt; sūkṣmarekhā – subtiler Strich; nirañjanā – makellos; makāraḥ – Laut M; nivṛttiḥ – Rückkehr; kalā – Kraft, Teilaspekt.

Vers 13.6

IAST:

<poem> oṃkāramūrdhni saṃyuktā laya oṃkāramūrdhani | rekheyaṃ vyomni nirvāṇā sā kalā śāntirucyate || 13.6 || </poem>

Übersetzung:

Mit dem Haupt des Om verbunden, findet der Strich am Haupt des Om seine Auflösung. Im Raum erlischt er; diese Kraft wird Shānti genannt.

Wort-für-Wort:

saṃyuktā – verbunden; layaḥ – Auflösung; rekhā – Strich; vyomni – im Raum; nirvāṇā – erloschen; śāntiḥ – Frieden.

Vers 13.7

IAST:

<poem> saṃyogātsamprakāśeta niṣkale sakale sthitā | mūrdhanyākrāna oṃkāre śabdastatra tu jāyate || 13.7 || </poem>

Übersetzung:

Durch die Verbindung tritt sie hervor, im Ungegliederten wie im Gegliederten gegenwärtig. Wird Om am Scheitel bedrängt [bzw. angeregt], entsteht dort Klang.

Wort-für-Wort:

saṃyogāt – durch Verbindung; samprakāśeta – tritt hervor; niṣkale/sakale – im Ungegliederten/Gegliederten; mūrdhani – am Scheitel; śabdaḥ – Klang. Die Form ākrāna ist überlieferungssprachlich unsicher.

Vers 13.8

IAST:

<poem> sā śaktiḥ paramā sūkṣmā bindunā sahitā matā | dīpādiva mahattejo visphuliṅgaśikhānvitam || 13.8 || </poem>

Übersetzung:

Diese höchste, subtile Shakti gilt als mit dem Punkt verbunden: wie ein großes Licht aus einer Lampe, versehen mit Funken und einer Flammenspitze.

Wort-für-Wort:

śaktiḥ – Kraft; paramā sūkṣmā – höchste, subtile; bindunā sahitā – mit dem Punkt verbunden; dīpāt iva – wie aus einer Lampe; tejaḥ – Lichtkraft; visphuliṅgaśikhā – Funken und Flammenspitze.

Vers 13.9

IAST:

<poem> nipatantī tridhā yāti śivavidyātmakairyathā | śāntirvidyā pratiṣṭhā ca nivṛttiśceti tāḥ kalāḥ || 13.9 || </poem>

Übersetzung:

Herabsteigend entfaltet sie sich dreifach als Shiva, Erkenntnis und Selbst. Ihre Kräfte sind Shānti, Vidyā, Pratishthā und Nivritti.

Wort-für-Wort:

nipatantī – herabsteigend; tridhā – dreifach; śiva/vidyā/ātman – Shiva/Erkenntnis/Selbst; kalāḥ – Kräfte; śāntiḥ – Frieden; pratiṣṭhā – Festigung; nivṛttiḥ – Rückkehr.

Vers 13.10

IAST:

<poem> yā kalā rekhinī tatra patitā bindunā saha | savidyeśaḥ śivaḥ prokto devadevaḥ sadāśivaḥ || 13.10 || </poem>

Übersetzung:

Die dort als Linie erscheinende Kraft, die mit dem Punkt herabgekommen ist, wird Shiva samt dem Herrn der Erkenntnis genannt: Sadāshiva, der Gott der Götter.

Wort-für-Wort:

rekhinī – als Linie erscheinend; patitā – herabgekommen; bindunā saha – mit dem Punkt; savidyeśaḥ – mit dem Herrn der Erkenntnis; devadevaḥ – Gott der Götter.

Vers 13.11

IAST:

<poem> prathamaṃ tasya tadbījaṃ nādabinduritīritam | na jahāti paraṃ sthānaṃ śāśvataṃ dhruvamavyayam || 13.11 || </poem>

Übersetzung:

Sein erster Keim wird Nāda und Bindu genannt. Er verlässt die höchste Stätte nicht, die ewig, fest und unvergänglich ist.

Wort-für-Wort:

prathamam bījam – erster Keim; nādabinduḥ – Klang und Punkt; na jahāti – verlässt nicht; param sthānam – höchste Stätte; śāśvatam – ewig; dhruvam – fest; avyayam – unvergänglich.

Vers 13.12

IAST:

<poem> binduṃ tadudare kṣiptvā mātṛvatparirakṣati | tasyordhvaṃ vāmapārśve 'tha viṣṇubījaṃ pratiṣṭhitam || 13.12 || </poem>

Übersetzung:

Er legt den Punkt in seinen Schoß und beschützt ihn wie eine Mutter. Oberhalb davon, auf der linken Seite, befindet sich der Vishnu-Keim.

Wort-für-Wort:

bindum – Punkt; udare – im Bauch, Schoß; mātṛvat – wie eine Mutter; parirakṣati – beschützt; vāmapārśve – auf der linken Seite; viṣṇubījam – Vishnu-Keim.

Vers 13.13

IAST:

<poem> dakṣiṇaṃ brahmayonistham ekameva tridhā sthitam | pārśvabindudvayopetā sā rekhā madhyataḥ sthitā || 13.13 || </poem>

Übersetzung:

Der rechte [Keim] befindet sich im Ursprungsort Brahmās. Das Eine besteht dreifach. Mit zwei seitlichen Punkten versehen, ruht die Linie in der Mitte.

Wort-für-Wort:

dakṣiṇam – das rechte; brahmayoni – Ursprungsort Brahmas; ekam eva – das eine allein; tridhā – dreifach; pārśvabindudvaya – zwei seitliche Punkte; madhyataḥ – in der Mitte.

Vers 13.14

IAST:

<poem> tatra devaḥ śivaḥ sūkṣmo gūḍhastiṣṭhati śaṃkaraḥ | tadbījaṃ paramaṃ devaṃ śaktigarbho maheśvaraḥ || 13.14 || </poem>

Übersetzung:

Darin bleibt der subtile Gott Shiva, Shankara, verborgen. Dieser Keim ist die höchste Gottheit, Maheshvara, der im Schoß der Shakti ruht.

Wort-für-Wort:

sūkṣmaḥ – subtil; gūḍhaḥ – verborgen; śaṃkaraḥ – der Heilbringende; bījam – Keim; śaktigarbhaḥ – im Schoß der Shakti; maheśvaraḥ – großer Herr.

Vers 13.15

IAST:

<poem> yataḥ pravartate sarvaṃ mantratantraṃ carācaram | avyaktaṃ paramaṃ sūkṣmaṃ śaktidehaṃ nirañjanam || 13.15 || </poem>

Übersetzung:

Aus ihm geht alles hervor: die Mantra- und Tantralehre sowie das Bewegliche und Unbewegliche. Er ist unmanifest, höchst subtil und makellos; sein Leib ist Shakti …

Wort-für-Wort:

yataḥ – woraus; pravartate – geht hervor; mantratantram – Mantra- und Tantralehre; carācaram – Bewegliches und Unbewegliches; avyaktam – unmanifest; śaktideham – Shakti als Leib habend.

Vers 13.16

IAST:

<poem> śivaṃ tvanādinidhanaṃ yaṃ buddhvā nābhijāyate | dakṣiṇasthaṃ hi yadbījaṃ jñānaśaktiḥ parā hi sā || 13.16 || </poem>

Übersetzung:

Shiva, ohne Anfang und Ende; wer ihn erkennt, wird nicht wieder geboren. Der Keim auf der rechten Seite ist seine höchste Erkenntniskraft.

Wort-für-Wort:

anādinidhanam – ohne Anfang und Ende; buddhvā – erkannt habend; na abhijāyate – wird nicht wieder geboren; dakṣiṇastham – rechts befindlich; jñānaśaktiḥ – Erkenntniskraft; parā – höchste.

Vers 13.17

IAST:

<poem> tadbījamaparaṃ brahmā yatra gūḍhaḥ sa tiṣṭhati | vāmago 'tha paro binduḥ kriyāśaktiḥ parā hi sā || 13.17 || </poem>

Übersetzung:

Dies ist der andere Keim, in dem Brahmā verborgen ruht. Der höhere Punkt auf der linken Seite ist seine höchste Handlungskraft.

Wort-für-Wort:

aparam bījam – anderer Keim; brahmā – Brahma; gūḍhaḥ – verborgen; vāmagaḥ – links befindlich; paraḥ binduḥ – höherer Punkt; kriyāśaktiḥ – Handlungskraft.

Vers 13.18

IAST:

<poem> tatra viṣṇuḥ svayaṃ bīje gūḍhaḥ sūkṣmo nirañjanaḥ | eṣa devo 'pi sargastho visṛṣṭo yaḥ sa śambhunā || 13.18 || </poem>

Übersetzung:

Dort im Keim ruht Vishnu selbst, verborgen, subtil und makellos. Auch dieser Gott ist in der Schöpfung gegenwärtig, von Shambhu hervorgebracht.

Wort-für-Wort:

viṣṇuḥ – Vishnu; sūkṣmaḥ – subtil; nirañjanaḥ – makellos; sargasthaḥ – in der Schöpfung befindlich; visṛṣṭaḥ – hervorgebracht; śambhunā – durch Shambhu, Shiva.

Vers 13.19

IAST:

<poem> nigūḍhatvānna paśyanti yena sṛṣṭaṃ carācaram | visargājjāyate sṛṣṭir īśvaraḥ prabhureva saḥ || 13.19 || </poem>

Übersetzung:

Weil er verborgen ist, sehen sie den nicht, durch den Bewegliches und Unbewegliches erschaffen wurde. Aus der Ausströmung entsteht die Schöpfung; er selbst ist der Herr und Gebieter.

Wort-für-Wort:

nigūḍhatvāt – wegen des Verborgenseins; carācaram – Bewegliches und Unbewegliches; visargāt – aus der Ausströmung; sṛṣṭiḥ – Schöpfung; īśvaraḥ – Herr; prabhuḥ – Gebieter.

Vers 13.20

IAST:

<poem> visṛṣṭaṃ yena tadbījaṃ visargastena cocyate | tena cāpūritamidaṃ jagatsarvaṃ ca tanmayam || 13.20 || </poem>

Übersetzung:

Weil durch ihn jener Keim ausgesandt wurde, wird er Visarga, Ausströmung, genannt. Von ihm ist diese ganze Welt erfüllt und besteht ganz aus ihm.

Wort-für-Wort:

visṛṣṭam – ausgesandt; bījam – Keim; visargaḥ – Ausströmung, auch Lautzeichen ḥ; āpūritam – erfüllt; jagat – Welt; tanmayam – aus ihm bestehend.

Vers 13.21

IAST:

<poem> śaktiraśmisamūhena śataśo 'tha sahasraśaḥ | sṛjati grasati hyeṣa saṃyojakaviyojakaḥ || 13.21 || </poem>

Übersetzung:

Durch die Scharen seiner Kraftstrahlen, hundert- und tausendfach, erschafft und verschlingt er. Er ist der Verbindende und der Lösende.

Wort-für-Wort:

śaktiraśmisamūha – Schar der Kraftstrahlen; śataśaḥ – hundertfach; sahasraśaḥ – tausendfach; sṛjati – erschafft; grasati – verschlingt; saṃyojaka – Verbindender; viyojaka – Lösender.

Vers 13.22

IAST:

<poem> jñānaśaktyā ca bhagavān anugṛhṇāti vai śivaḥ | visargācca bhavetsṛṣṭiḥ saṃhāro bindunā saha | nirvāṇaṃ tattvavijñānaṃ tantravistāragocaraḥ || 13.22 || </poem>

Übersetzung:

Durch seine Erkenntniskraft erweist der erhabene Shiva Gnade. Aus Visarga entsteht die Schöpfung, mit Bindu die Rücknahme. Befreiung und Erkenntnis der Wirklichkeit gehören zu dem, was die ausführliche Tantralehre behandelt.

Wort-für-Wort:

jñānaśaktyā – durch Erkenntniskraft; anugṛhṇāti – erweist Gnade; saṃhāraḥ – Rücknahme; bindunā saha – mit Bindu; nirvāṇam – Befreiung; tattvavijñānam – Erkenntnis der Wirklichkeit.

Kapitel 14: Die Aufhebung eines erreichten Zustands

Dieses kurze Kapitel behandelt ein historisches Verfahren zur Aufhebung des erreichten Zustands eines Eingeweihten. Es gehört nicht zu den hier empfohlenen Übungen.

Vers 14.1

IAST:

<poem> saṃhāraścaiva sṛṣṭiśca sarvaṃ nigaditaṃ prabho | dīkṣitānāṃ gatibhraṃśaṃ saṃkṣepāt kathayasva me || 14.1 || </poem>

Übersetzung:

Schöpfung und Rücknahme sind nun ganz erklärt, o Herr. Sage mir in Kürze, wie bei Eingeweihten der erreichte Weg zunichtegemacht wird.

Wort-für-Wort:

saṃhāraḥ – Rücknahme; sṛṣṭiḥ – Schöpfung; dīkṣitānām – der Eingeweihten; gatibhraṃśam – Verlust des erreichten Weges bzw. Zustands; saṃkṣepāt – in Kürze.

Vers 14.2

IAST:

<poem> māyāvini śaṭhe krūre niḥsattve kalahapriye | gatibhraṃśakare yoge tattvaṃ tacchṛṇu ṣaṇmukha || 14.2 || </poem>

Übersetzung:

Bei einem betrügerischen, hinterlistigen, grausamen, charakterlosen und streitsüchtigen Menschen [kommt] das Verfahren, das seinen Weg zunichtemacht, [zur Anwendung]. Höre seine wahre Beschaffenheit, Sechsgesichtiger.

Wort-für-Wort:

māyāvini – bei einem Betrüger; śaṭhe – Hinterlistigen; krūre – Grausamen; niḥsattve – Charakterlosen; kalahapriye – Streitliebenden; gatibhraṃśakare yoge – im Verfahren zur Aufhebung des Weges.

Vers 14.3

IAST:

<poem> vidhāya mūrdhni kṣiptasya āyāme śaśinaḥ kramāt | pūrvavanmanasālokya gatiṃ tasya nivartayet || 14.3 || </poem>

Übersetzung:

Nachdem man [das Betreffende] am Scheitel des Hinausgeführten angeordnet hat, betrachte man es bei der Atemführung des Mondes der Reihe nach wie zuvor im Geist und bringe seinen Weg zur Umkehr.

Wort-für-Wort:

mūrdhni – am Scheitel; kṣiptasya – des Hinausgeführten; śaśinaḥ āyāme – bei der Atemführung des Mondes; manasā ālokya – im Geist betrachtet habend; gatim nivartayet – man kehre den Weg um. Die ausgelassenen Bezugswörter bleiben unsicher.

Vers 14.4

IAST:

<poem> saṃhārasampuṭaṃ kūṭam ādāvante ṣaḍānana | mātṛkāyāṃ śataṃ hutvā ekaikasya pṛthak pṛthak || 14.4 || </poem>

Übersetzung:

Die geheime Lautgruppe werde am Anfang und Ende von der Rücknahme umschlossen, Sechsgesichtiger; zu jedem einzelnen [Laut] der Buchstabenmutter bringe man gesondert hundert Gaben dar.

Wort-für-Wort:

saṃhārasampuṭam – von Rücknahme umschlossen; kūṭam – geheime Lautgruppe; ādau ante – am Anfang und Ende; mātṛkāyām – in der Buchstabenmutter; śatam – hundert; pṛthak pṛthak – jeweils gesondert.

Kapitel 15: Die Ebenen des Prasada

Vers 15.1

IAST:

<poem> prāsādaṃ nādamutthāpya japedyaḥ satataṃ naraḥ | ṣaṇmāsātprāpnuyātsiddhiṃ yogayukto na saṃśayaḥ || 15.1 || </poem>

Übersetzung:

Wer den Prāsāda als aufsteigenden inneren Klang unablässig rezitiert und mit Yoga verbunden bleibt, erlangt nach sechs Monaten Vollendung; daran besteht kein Zweifel.

Wort-für-Wort:

prāsādam – Prasada-Mantra; nādam utthāpya – den inneren Klang aufsteigen lassend; satatam – unablässig; ṣaṇmāsāt – nach sechs Monaten; siddhim – Vollendung; yogayuktaḥ – mit Yoga verbunden.

Vers 15.2

IAST:

<poem> gamāgamasya japataḥ sarvapāpakṣayo bhavet | aṇimādiguṇaiśvaryaṃ ṣaṇmāsaistu na saṃśayaḥ || 15.2 || </poem>

Übersetzung:

Wer sein Gehen und Kommen rezitiert, dessen Verfehlungen werden vollständig getilgt; nach sechs Monaten erlangt er Herrschaft über Kräfte wie die Fähigkeit, winzig zu werden, so lautet die Verheißung.

Wort-für-Wort:

gamāgamasya – des Gehens und Kommens; japataḥ – des Rezitierenden; sarvapāpakṣayaḥ – Tilgung aller Verfehlungen; aṇimādi – Winzigwerden und weitere Kräfte; aiśvaryam – Herrschaftskraft.

Vers 15.3

IAST:

<poem> gamāgamaṃ viditvā tu mucyate nātra saṃśayaḥ | tanmayastallayo bhūtvā ṣaṇmāsātsiddhimāpnuyāt || 15.3 || </poem>

Übersetzung:

Wer Gehen und Kommen erkennt, wird ohne Zweifel befreit. Ganz von ihm erfüllt und in ihm aufgegangen, erlangt er nach sechs Monaten Vollendung.

Wort-für-Wort:

gamāgamam – Gehen und Kommen; viditvā – erkannt habend; mucyate – wird befreit; tanmayaḥ – davon erfüllt; tallayaḥ – darin aufgegangen; siddhim āpnuyāt – erlange Vollendung.

Vers 15.4

IAST:

<poem> sthūlaḥ sūkṣmaḥ paraścaiva prāsādaḥ kathito mayā | prāsādaṃ ye na budhyanti te na budhyanti śaṅkaram || 15.4 || </poem>

Übersetzung:

Als grob, subtil und höchst habe ich den Prāsāda erklärt. Wer den Prāsāda nicht versteht, versteht Shankara nicht.

Wort-für-Wort:

sthūlaḥ – grob; sūkṣmaḥ – subtil; paraḥ – höchst; prāsādaḥ – zentraler Shiva-Mantra; budhyanti – verstehen; śaṅkaram – Shankara, den Heilbringenden.

Kapitel 16: Lautformen und zugeschriebene Wirkungen

Vers 16.1

IAST:

<poem> ataḥ paraṃ pravakṣyāmi prāsādasya tu lakṣaṇam | hrasvaṃ dīrghaṃ plutaṃ caiva lakṣayenmantravitsadā || 16.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich die Merkmale des Prāsāda erklären. Der Mantrakenner unterscheide stets seine kurze, lange und überlange Form.

Wort-für-Wort:

lakṣaṇam – Merkmal; hrasvam – kurz; dīrgham – lang; plutam – überlang; lakṣayet – man unterscheide; mantravit – Mantrakenner.

Vers 16.2

IAST:

<poem> hrasvo dahati pāpāni dīrgho mokṣaprado bhavet | āpyāyane plutaścaiva bindunā mūrdhni bhūṣitaḥ || 16.2 || </poem>

Übersetzung:

Die kurze Form verbrennt Verfehlungen, die lange schenkt Befreiung. Die überlange dient der Stärkung; oben ist sie mit dem Punkt geschmückt.

Wort-für-Wort:

dahati – verbrennt; pāpāni – Verfehlungen; mokṣapradaḥ – Befreiung schenkend; āpyāyane – zur Stärkung; plutaḥ – überlang; bindunā – mit dem Punkt.

Vers 16.3

IAST:

<poem> sthūlabhedāstrayaḥ proktā vaśyoccāṭanamāraṇe | plutena tu sadā vaśyaṃ kurute nātra saṃśayaḥ || 16.3 || </poem>

Übersetzung:

Drei grobe Varianten werden für Unterwerfung, Vertreibung und Tötung gelehrt. Mit der überlangen Form vollzieht man stets Unterwerfung, so die Aussage des Textes.

Wort-für-Wort:

sthūlabhedāḥ – grobe Varianten; vaśya – Unterwerfung; uccāṭana – Vertreibung; māraṇa – Tötung; plutena – mit der überlangen Form; nātra saṃśayaḥ – daran bestehe kein Zweifel.

Vers 16.4

IAST:

<poem> dīrghastūccāṭayetkṣipraṃ phaṭkāreṇa na saṃśayaḥ | ādāvante ca hrasvasya phaṭkāro māraṇe smṛtaḥ || 16.4 || </poem>

Übersetzung:

Die lange Form, mit phaṭ verbunden, vertreibt rasch, so heißt es. Für die Tötung wird phaṭ am Anfang und Ende der kurzen Form gelehrt.

Wort-für-Wort:

dīrghaḥ – lange Form; uccāṭayet – vertreibe; phaṭkāreṇa – mit dem Laut phaṭ; ādau ante – am Anfang und Ende; hrasvasya – der kurzen Form; māraṇe – bei Tötung.

Vers 16.5

IAST:

<poem> ādāvante ca hṛdayayoga ākarṣaṇe smṛtaḥ | ākarṣayeddhruvaṃ yukto yojanānāṃ śate sthitam || 16.5 || </poem>

Übersetzung:

Für das Heranziehen wird die Verbindung mit dem Herz-Mantra am Anfang und Ende gelehrt. So angewandt, soll es selbst jemanden heranziehen, der hundert Yojanas entfernt ist.

Wort-für-Wort:

hṛdayayogaḥ – Verbindung mit dem Herz-Mantra; ākarṣaṇe – beim Heranziehen; yojanānām śate – hundert Yojanas entfernt; sthitam – befindlich; yuktaḥ – angewandt.

Vers 16.6

IAST:

<poem> evamākarṣayetsādhyaṃ nāma vijñāya tattvataḥ | sādhakasya bhavedbahvī nyūnā sādhyasya kīrtitā || 16.6 || </poem>

Übersetzung:

So ziehe man das Ziel heran, nachdem man dessen Namen genau kennt. Die [Kraft bzw. Lautgröße] des Ausführenden soll größer, die des Zieles geringer sein.

Wort-für-Wort:

sādhyam – Ziel, zu Beeinflussender; nāma – Name; tattvataḥ – genau; sādhakasya – des Ausführenden; bahvī – größer, reichlicher; nyūnā – geringer. Das Bezugswort der letzten beiden Ausdrücke ist nicht ausdrücklich genannt.

Vers 16.7

IAST:

<poem> evaṃ viditvā medhāvī ākarṣaṃ kurute dhruvam | avijñāya tvidaṃ samyaṅ naiva siddhyate sarvadā || 16.7 || </poem>

Übersetzung:

Wer dies so verstanden hat, vollzieht kundig das Heranziehen. Ohne es richtig zu verstehen, gelingt es niemals.

Wort-für-Wort:

viditvā – verstanden habend; medhāvī – Einsichtiger; ākarṣam – Heranziehen; avijñāya – ohne zu verstehen; samyak – richtig; siddhyate – gelingt.

Vers 16.8

IAST:

<poem> yāgaṃ kṛtvā tu pūrvoktaṃ mantrasyārghyaṃ ca dāpayet | arghyaṃ dattvā tu mantrasya japaṃ kuryādvicakṣaṇaḥ || 16.8 || </poem>

Übersetzung:

Nach der zuvor beschriebenen Verehrung bringe man dem Mantra die Ehrengabe dar. Nachdem dies geschehen ist, vollziehe der Einsichtige die Rezitation.

Wort-für-Wort:

yāgam – Verehrung; arghyam – Ehrengabe; dattvā – dargebracht habend; japam – Rezitation; vicakṣaṇaḥ – Einsichtiger.

Vers 16.9

IAST:

<poem> devasya dakṣiṇe bhāge pañcalakṣaṃ sthito japet | japānte ghṛtahomastu daśasāhasriko bhavet || 16.9 || </poem>

Übersetzung:

Auf der rechten Seite der Gottheit stehend, rezitiere man fünfhunderttausendmal. Nach der Rezitation folge ein Feueropfer mit zehntausend Buttergaben.

Wort-für-Wort:

dakṣiṇe bhāge – auf der rechten Seite; pañcalakṣam – fünfhunderttausend; japānte – am Ende der Rezitation; ghṛtahomaḥ – Feueropfer mit geklärter Butter; daśasāhasrikaḥ – zehntausendfach.

Vers 16.10

IAST:

<poem> evamāpyāyito mantraḥ karmayogyo bhavettataḥ | uktānuktāni karmāṇi siddhiṃ yānti na saṃśayaḥ || 16.10 || </poem>

Übersetzung:

Der so gestärkte Mantra wird danach für rituelle Handlungen geeignet. Genannte und ungenannte Handlungen führen dann zur Erfüllung, so die Verheißung.

Wort-für-Wort:

āpyāyitaḥ – gestärkt; mantraḥ – Mantra; karmayogyaḥ – für Handlungen geeignet; uktānuktāni – genannte und ungenannte; siddhim yānti – gelangen zur Erfüllung.

Vers 16.11

IAST:

<poem> daśalakṣāṇi japato janāḥ svasthānavāsinaḥ | vaśamāyānti te kṣipram iti śāstrasya niścayaḥ || 16.11 || </poem>

Übersetzung:

Wer eine Million Wiederholungen vollzieht, gewinnt rasch die Menschen seines Wohnortes unter seine Gewalt: So lautet die feste Aussage der Schrift.

Wort-für-Wort:

daśalakṣāṇi – eine Million; japataḥ – für den Rezitierenden; svasthānavāsinaḥ – am eigenen Ort Wohnende; vaśam āyānti – geraten unter Gewalt; śāstrasya niścayaḥ – feste Aussage der Schrift.

Vers 16.12

IAST:

<poem> tripañcalakṣaṃ japato daśagrāmanivāsinaḥ | te janā vaśamāyānti ātmanā ca dhanena ca || 16.12 || </poem>

Übersetzung:

Bei anderthalb Millionen Wiederholungen geraten die Bewohner von zehn Dörfern mit ihrer Person und ihrem Vermögen unter seine Gewalt.

Wort-für-Wort:

tripañcalakṣam – dreimal fünfhunderttausend; daśagrāmanivāsinaḥ – Bewohner von zehn Dörfern; ātmanā – mit ihrer Person; dhanena – mit ihrem Vermögen; vaśam – unter Gewalt.

Vers 16.13

IAST:

<poem> evaṃ viṃśatibhirlakṣaiḥ prāsādasya ṣaḍānana | deśadeśādhipānmantrī niyataṃ vaśamānayet || 16.13 || </poem>

Übersetzung:

Durch zwei Millionen Wiederholungen des Prāsāda, o Sechsgesichtiger, soll der Mantrakenner Länder und Landesherren sicher unter seine Gewalt bringen.

Wort-für-Wort:

viṃśatibhiḥ lakṣaiḥ – mit zwanzig Hunderttausend; deśa – Land; deśādhipa – Landesherr; mantrī – Mantrakenner; vaśam ānayet – unter Gewalt bringen.

Vers 16.14

IAST:

<poem> lakṣāṇāṃ pañcaviṃśatyā viṣayaṃ vaśamānayet | triṃśallakṣajapādasya vaśo vai maṇḍalī bhavet || 16.14 || </poem>

Übersetzung:

Mit zweieinhalb Millionen bringe er eine Provinz unter seine Gewalt; nach drei Millionen Wiederholungen werde ein Herrscher über einen Länderkreis ihm untertan.

Wort-für-Wort:

pañcaviṃśatyā lakṣāṇām – mit fünfundzwanzig Hunderttausend; viṣayam – Provinz; triṃśallakṣajapāt – nach dreißig Hunderttausend Rezitationen; maṇḍalī – Herrscher eines Länderkreises; vaśaḥ – untertan.

Vers 16.15

IAST:

<poem> pañcatriṃśacca lakṣāṇi japanpṛthvīṃ vaśaṃ nayet | catvāriṃśajjapāddevam īkṣate hāṭakeśvaram || 16.15 || </poem>

Übersetzung:

Mit dreieinhalb Millionen Wiederholungen bringe er die Erde unter seine Gewalt. Nach vier Millionen erblicke er den Gott Hātakeshvara.

Wort-für-Wort:

pañcatriṃśat lakṣāṇi – fünfunddreißig Hunderttausend; pṛthvīm – Erde; catvāriṃśat – vierzig [Hunderttausend]; īkṣate – erblickt; hāṭakeśvaram – Hatakeshvara.

Vers 16.16

IAST:

<poem> lakṣāṇi japtvā pañcāśadvidyādharasamo bhavet | tatraiva modate mantrī yāvadābhūtasamplavam || 16.16 || </poem>

Übersetzung:

Nach fünf Millionen Wiederholungen werde er einem Vidyādhara gleich. Als Mantrakenner erfreue er sich dort bis zur Auflösung aller Wesen.

Wort-für-Wort:

pañcāśat lakṣāṇi – fünfzig Hunderttausend; vidyādharasamaḥ – einem Vidyadhara gleich; modate – erfreut sich; ābhūtasamplavam – bis zur Auflösung der Wesen.

Kapitel 17: Erkenntnis und der achtfache subtile Leib

Vers 17.1

IAST:

<poem> adyāpi saṃśayo deva jñānavijñānayoḥ sphuṭam | kathaṃ vā jñāyate jñānaṃ kathaṃ vā jñeyamucyate || 17.1 || </poem>

Übersetzung:

Noch immer, o Gott, habe ich Zweifel hinsichtlich Wissen und unmittelbarer Erkenntnis. Wie wird das Erkennen erkannt, und was wird als das zu Erkennende bezeichnet?

Wort-für-Wort:

jñāna – Wissen, Erkenntnis; vijñāna – unterscheidendes bzw. unmittelbares Erkennen; saṃśayaḥ – Zweifel; jñāyate – wird erkannt; jñeyam – das zu Erkennende.

Vers 17.2

IAST:

<poem> vijñāya pūrvamādhāraṃ paścādādheyameva ca | ādhārādheyavitprājñaḥ samarthaḥ sarvakarmasu || 17.2 || </poem>

Übersetzung:

Zuerst erkenne man die Grundlage und danach das, was in ihr ruht. Der Weise, der Grundlage und Innewohnendes kennt, ist zu allen Handlungen befähigt.

Wort-für-Wort:

ādhāram – Grundlage; ādheyam – das darin Ruhende; ādhārādheyavit – Kenner von Grundlage und Innewohnendem; prājñaḥ – Weiser; samarthaḥ – befähigt; sarvakarmasu – zu allen Handlungen.

Vers 17.3

IAST:

<poem> ādhāraḥ puramityuktam ādheyastvīśa ucyate | īśaṃ vijñāya medhāvī sadā yo nandati svayam || 17.3 || </poem>

Übersetzung:

Die Grundlage heißt die Stadt [des Körpers]; ihr Innewohnender wird Herr genannt. Der Einsichtige, der den Herrn erkannt hat und sich stets aus sich selbst heraus erfreut …

Wort-für-Wort:

puram – Stadt, Körperstadt; ādheyaḥ – Innewohnender; īśaḥ – Herr; vijñāya – erkannt habend; nandati – erfreut sich; svayam – aus sich selbst.

Vers 17.4

IAST:

<poem> puryaṣṭakasamāyukto hyadha ūrdhvaṃ sa gacchati | śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca raso gandhaśca pañcakam || 17.4 || </poem>

Übersetzung:

… zieht, solange er mit dem achtfachen subtilen Leib verbunden ist, nach unten und oben. Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch bilden die Fünfheit …

Wort-für-Wort:

puryaṣṭakasamāyuktaḥ – mit dem achtfachen subtilen Leib verbunden; adhaḥ ūrdhvam – abwärts und aufwärts; śabdaḥ – Klang; sparśaḥ – Berührung; rūpam – Gestalt; rasaḥ – Geschmack; gandhaḥ – Geruch.

Vers 17.5

IAST:

<poem> buddhirmanastvahaṅkāraḥ puryaṣṭakamudāhṛtam | yāvadetairna nirmuktaḥ kathaṃ mucyeta bandhanāt || 17.5 || </poem>

Übersetzung:

… zusammen mit Verstand, Denkvermögen und Ichbewusstsein wird dies der achtfache subtile Leib genannt. Solange man davon nicht frei ist, wie könnte man von Bindung befreit werden?

Wort-für-Wort:

buddhiḥ – Verstand, Unterscheidungsvermögen; manas – Denkvermögen; ahaṅkāraḥ – Ichbewusstsein; puryaṣṭakam – achtfacher subtiler Leib; nirmuktaḥ – ganz befreit; bandhanāt – von Bindung.

Vers 17.6

IAST:

<poem> brahmaṇi sparśaśabdau tu rasaṃ vai keśave tyajet | rūpagandhau tyajedrudre buddhyahaṅkāramīśvare | mano binduṃ śive tyaktvā ebhirmuktaḥ śivaṃ vrajet || 17.6 || </poem>

Übersetzung:

Berührung und Klang lasse man in Brahmā zurück, Geschmack in Keshava, Gestalt und Geruch in Rudra, Verstand und Ichbewusstsein in Īshvara. Nachdem man Denkvermögen und Bindu in Shiva zurückgelassen hat, gelange man, von all dem frei, zu Shiva.

Wort-für-Wort:

tyajet – man lasse zurück; keśave – in Keshava, Vishnu; buddhyahaṅkāram – Verstand und Ichbewusstsein; mano bindum – Denkvermögen und Bindu; ebhiḥ muktaḥ – davon befreit; śivam vrajet – gelange zu Shiva.

Kapitel 18: Das Zeitrad

Das Zeitrad dieses Kapitels ist eine historische Deutung des Atemverlaufs und der verbleibenden Lebenszeit.

Vers 18.1

IAST:

<poem> kālacakravidhānaṃ tu pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ | kālacakramiti khyātaṃ yena kālaḥ prabudhyate || 18.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich die Ordnung des Zeitrades erklären. Es heißt Zeitrad, weil durch dieses die Zeit [des Lebensendes] erkannt wird.

Wort-für-Wort:

kālacakravidhānam – Ordnung des Zeitrades; kālaḥ – Zeit, auch Todeszeit; prabudhyate – wird erkannt; anupūrvaśaḥ – der Reihe nach.

Vers 18.2

IAST:

<poem> tryahorātrapracāreṇa trīṇyabdāni sa jīvati | dvyahorātrapracāreṇa jīvedvarṣadvayaṃ tu saḥ || 18.2 || </poem>

Übersetzung:

Bei einem [ununterbrochenen Atem-]Verlauf von drei Tagen und Nächten lebt er noch drei Jahre; bei einem Verlauf von zwei Tagen und Nächten noch zwei Jahre.

Wort-für-Wort:

tryahorātrapracāreṇa – bei Verlauf während dreier Tage und Nächte; trīṇi abdāni – drei Jahre; dvyahorātra – zwei Tage und Nächte; varṣadvayam – zwei Jahre; jīvati – lebt.

Vers 18.3

IAST:

<poem> ahorātrapracāreṇa abdamekaṃ sa jīvati | aharekaṃ vrajedyasya rātrimekāṃ tathaiva ca || 18.3 || </poem>

Übersetzung:

Bei einem Verlauf von einem Tag und einer Nacht lebt er noch ein Jahr. Wenn [der Atem] einen ganzen Tag und ebenso eine ganze Nacht [in den entsprechenden Bahnen] verläuft …

Wort-für-Wort:

ahorātrapracāreṇa – bei Verlauf während Tag und Nacht; abdam ekam – ein Jahr; ahaḥ ekam – einen Tag; rātrim ekām – eine Nacht; vrajet – verläuft. Die genaue Unterscheidung zum vorhergehenden Halbvers ist im Kurztext nicht ausgeführt.

Vers 18.4

IAST:

<poem> ṣaṇmāsājjāyate mṛtyur iti śāstrasya niścayaḥ | dvitīyasyānucāreṇa ahorātraṃ sa jīvati || 18.4 || </poem>

Übersetzung:

… tritt nach sechs Monaten der Tod ein, so die feste Aussage der Schrift. Beim entsprechenden Verlauf des zweiten [Kanals] lebt er noch einen Tag und eine Nacht.

Wort-für-Wort:

ṣaṇmāsāt – nach sechs Monaten; mṛtyuḥ – Tod; dvitīyasya – des zweiten; anucāreṇa – beim entsprechenden Verlauf; ahorātram – einen Tag und eine Nacht.

Vers 18.5

IAST:

<poem> yathā cādyā tathā vāmā madhyamā ca tathaiva ca | kālacakraṃ samākhyātaṃ putrasnehādviśeṣataḥ || 18.5 || </poem>

Übersetzung:

Wie beim ersten, so verhält es sich auch beim linken und beim mittleren [Kanal]. Dieses Zeitrad habe ich dir besonders aus Liebe zu meinem Sohn erklärt.

Wort-für-Wort:

ādyā – erste; vāmā – linke; madhyamā – mittlere; kālacakram – Zeitrad; putrasnehāt – aus Liebe zum Sohn; samākhyātam – erklärt.

Kapitel 19: Die acht Formen Shivas

Vers 19.1

IAST:

<poem> pūrvamevaṃ pratijñātaṃ śivabhedo 'ṣṭadhā sthitaḥ | kathaṃ bhidyeta deveśa tattvataḥ kathaya prabho || 19.1 || </poem>

Übersetzung:

Zuvor wurde angekündigt, dass Shiva achtfach unterschieden wird. Wie geschieht diese Unterscheidung, Herr der Götter? Erkläre es wahrheitsgemäß, o Herr!

Wort-für-Wort:

śivabhedaḥ – Unterscheidung Shivas; aṣṭadhā – achtfach; katham bhidyeta – wie wird unterschieden; tattvataḥ – wahrheitsgemäß; kathaya – erkläre.

Vers 19.2

IAST:

<poem> sakalaṃ niṣkalaṃ śūnyaṃ kalāḍhyaṃ khamalaṅkṛtam | kṣapaṇaṃ ca tathāntasthaṃ kaṇṭhoṣṭhyaṃ cāṣṭamaṃ viduḥ || 19.2 || </poem>

Übersetzung:

Man kennt diese acht: das Gegliederte, das Ungegliederte, das Leere, das mit Kräften Erfüllte, das mit Raum Geschmückte, das Tilgende, das Innenruhende und als achtes das in Kehle und Lippen Gebildete.

Wort-für-Wort:

sakalam – gegliedert; niṣkalam – ungegliedert; śūnyam – leer; kalāḍhyam – mit Kräften erfüllt; khamalaṅkṛtam – mit Raum geschmückt; kṣapaṇam – tilgend; antastham – innenruhend; kaṇṭhoṣṭhyam – in Kehle und Lippen gebildet.

Vers 19.3

IAST:

<poem> prāsādaṃ ṣaṣṭhasaṃyuktaṃ ṣaḍantena samanvitam | sakalaṃ sarvabhūtasthaṃ śivatattvaṃ prakīrtitam || 19.3 || </poem>

Übersetzung:

Der Prāsāda, verbunden mit dem sechsten [Laut] und versehen mit dem Ende des sechsten [Bereichs], heißt das gegliederte Shiva-Prinzip, das in allen Wesen ruht.

Wort-für-Wort:

ṣaṣṭhasaṃyuktam – mit dem sechsten verbunden; ṣaḍantena – mit dem Ende des sechsten; sakalam – gegliedert; sarvabhūtastham – in allen Wesen ruhend; śivatattvam – Shiva-Prinzip.

Vers 19.4

IAST:

<poem> niṣkrāmati svayaṃ devo dehaṃ tyaktvā samārutaḥ | niṣkalaṃ taṃ vijānīyāt ṣaḍvarṇarahitaṃ śivam || 19.4 || </poem>

Übersetzung:

Wenn der Gott selbst zusammen mit dem Lebenswind den Körper verlässt und hinaustritt, soll man ihn als den ungegliederten Shiva erkennen, frei von den sechs Lauten.

Wort-für-Wort:

niṣkrāmati – tritt hinaus; deham tyaktvā – den Körper verlassend; samārutaḥ – mit dem Lebenswind; niṣkalam – ungegliedert; ṣaḍvarṇarahitam – frei von sechs Lauten.

Vers 19.5

IAST:

<poem> niśvāsocchvasane hitvā sthito dehe tu kāṣṭhavat | śūnyaṃ taṃ tu vijānīyād dhṛdayena tu bhāvayet || 19.5 || </poem>

Übersetzung:

Wenn er Aus- und Einatmen aufgegeben hat und wie ein Stück Holz im Körper ruht, soll man ihn als das Leere erkennen und im Herzen vergegenwärtigen.

Wort-für-Wort:

niśvāsocchvasane hitvā – Aus- und Einatmen aufgegeben habend; kāṣṭhavat – wie Holz; śūnyam – das Leere; hṛdayena – mit dem Herzen; bhāvayet – man vergegenwärtige.

Vers 19.6

IAST:

<poem> cumbākāreṇa vaktreṇa yattattvaṃ parikīrtitam | kalāḍhyaṃ taṃ vijānīyād ākāśasthamatha śṛṇu || 19.6 || </poem>

Übersetzung:

Das Prinzip, das mit einem zum Kuss geformten Mund zum Ausdruck kommt, soll man als das mit Kräften Erfüllte erkennen. Höre nun vom im Raum Befindlichen.

Wort-für-Wort:

cumbākāreṇa vaktreṇa – mit zum Kuss geformtem Mund; tattvam – Prinzip; kalāḍhyam – mit Kräften erfüllt; ākāśastham – im Raum befindlich; śṛṇu – höre.

Vers 19.7

IAST:

<poem> ūrdhvanādasya kṣīṇasya yadantaṃ parikīrtitam | tatrasthaṃ taṃ vijānīyād ākāśena tvalaṅkṛtam || 19.7 || </poem>

Übersetzung:

Am Ende des aufsteigenden Klanges, wenn dieser verebbt, erkenne man ihn als dort gegenwärtig und mit dem Raum geschmückt.

Wort-für-Wort:

ūrdhvanādasya – des aufsteigenden Klanges; kṣīṇasya – des verebbten; antam – Ende; tatrastham – dort gegenwärtig; ākāśena alaṅkṛtam – mit Raum geschmückt.

Vers 19.8

IAST:

<poem> vyāvṛtenaiva vaktreṇa brūyadevaṃ jagadgurum | duḥkhakṣapaṇamityuktaṃ tatkṣayātkṣapaṇaṃ smṛtam || 19.8 || </poem>

Übersetzung:

Mit geöffnetem Mund spreche man so den Weltenlehrer aus. Es heißt Tilgung des Leidens; weil dieses vergeht, wird es das Tilgende genannt.

Wort-für-Wort:

vyāvṛtena vaktreṇa – mit geöffnetem Mund; jagadgurum – Weltenlehrer; duḥkhakṣapaṇam – Tilgung des Leidens; tatkṣayāt – wegen seines Vergehens; kṣapaṇam – das Tilgende.

Vers 19.9

IAST:

<poem> adhonādasya kṣīṇasya yadantaṃ parikīrtitam | antasthaṃ taṃ vijānīyād anuccāryaṃ prakīrtitam || 19.9 || </poem>

Übersetzung:

Was als Ende des abwärts gerichteten, verebbenden Klanges gelehrt wird, soll man als das Innenruhende erkennen. Es wird als unaussprechlich bezeichnet.

Wort-für-Wort:

adhonādasya – des abwärts gerichteten Klanges; kṣīṇasya – des verebbten; antastham – innenruhend; anuccāryam – nicht auszusprechen; prakīrtitam – bezeichnet.

Vers 19.10

IAST:

<poem> saptavargāṣṭamaṃ koṭiḥ saptamasya dvitīyakam | vargātītaṃ ṣaḍantaṃ ca saptamāttricaturthakam || 19.10 || </poem>

Übersetzung:

[Man nehme] das achte Ende der sieben Gruppen, den zweiten [Laut] der siebten, den jenseits der Gruppen, das Ende der sechsten sowie den dritten und vierten aus der siebten …

Wort-für-Wort:

saptavarga – sieben Lautgruppen; aṣṭamam – achtes; koṭiḥ – Ende; saptamasya dvitīyakam – zweiter der siebten; vargātītam – jenseits der Gruppen; tricaturthakam – dritter und vierter. Es handelt sich um eine verschlüsselte Mantraherleitung. Insbesondere die erste Wortgruppe ist syntaktisch unsicher. Die Übersetzung bewahrt die Zahlenangaben, beansprucht aber keine abschließende Auflösung des Lautcodes.

Vers 19.11

IAST:

<poem> ādimaṃ tu punaryojyaṃ ṣaṣṭhaṃ vai prathamasya tu | khaśekharasamāyuktaṃ kaṇṭhoṣṭhyaṃ cāṣṭamaṃ smṛtam || 19.11 || </poem>

Übersetzung:

… dann füge man erneut den ersten hinzu und den sechsten des ersten [Bereichs]. Mit dem Raum als Scheitel versehen, gilt dies als die achte, in Kehle und Lippen gebildete Form.

Wort-für-Wort:

ādimam – ersten; punar yojyam – erneut hinzuzufügen; ṣaṣṭham – sechsten; khaśekhara – Raum als Scheitel; kaṇṭhoṣṭhyam – in Kehle und Lippen gebildet; aṣṭamam – achte.

Vers 19.12

IAST:

<poem> ete bhedāḥ samākhyātā aṇimādiprasādhane | anuccāryamasandigdhaṃ mokṣa ityabhidhīyate || 19.12 || </poem>

Übersetzung:

Diese Varianten wurden zur Erlangung der Kräfte wie des Winzigwerdens erklärt. Das Unaussprechliche aber wird zweifellos als Befreiung bezeichnet.

Wort-für-Wort:

bhedāḥ – Varianten; aṇimādiprasādhane – zur Erlangung von Winzigwerden und weiteren Kräften; anuccāryam – Unaussprechliches; asandigdham – zweifellos; mokṣaḥ – Befreiung.

Kapitel 20: Die alldurchdringende Gegenwart

Vers 20.1

IAST:

<poem> kathaṃ vyāpī adhaścordhvaṃ tiryak caiva kathaṃ bhavet | etanme brūhi tattvena kāruṇyāttvaṃ maheśvara || 20.1 || </poem>

Übersetzung:

Wie durchdringt er unten und oben, und wie seitwärts? Erkläre mir dies wahrheitsgemäß aus Mitgefühl, großer Herr!

Wort-für-Wort:

vyāpī – durchdringend; adhaḥ – unten; ūrdhvam – oben; tiryak – seitwärts; tattvena – wahrheitsgemäß; kāruṇyāt – aus Mitgefühl.

Vers 20.2

IAST:

<poem> yāvaddehe sthito jantor adhastāvadvyavasthitaḥ | nirgato vyāpayettiryagantasthaḥ sarvataḥ sthitaḥ || 20.2 || </poem>

Übersetzung:

Solange er im Körper des Wesens ruht, befindet er sich unten. Hinausgetreten, durchdringt er seitwärts; im Inneren ruhend, ist er überall gegenwärtig.

Wort-für-Wort:

dehe sthitaḥ – im Körper ruhend; jantoḥ – des Wesens; nirgataḥ – hinausgetreten; vyāpayet – durchdringt; antasthaḥ – im Inneren ruhend; sarvataḥ – überall.

Vers 20.3

IAST:

<poem> trimārgāvasthito devaḥ sarvadeheṣu vartate | aviditvā na mucyeta yadyapyetallayo bhavet || 20.3 || </poem>

Übersetzung:

Der Gott, der auf den drei Wegen ruht, ist in allen Körpern gegenwärtig. Ohne ihn zu erkennen, wird man nicht befreit, selbst wenn man in ihm aufgegangen wäre.

Wort-für-Wort:

trimārgāvasthitaḥ – auf drei Wegen ruhend; sarvadeheṣu – in allen Körpern; aviditvā – ohne zu erkennen; na mucyeta – wird nicht befreit; etallayaḥ – darin aufgegangen.

Vers 20.4

IAST:

<poem> tattrimārgaṃ tryadhiṣṭhānaṃ sarvadeheṣu vartate | yo vettyevamimāṃ vyāptiṃ sarvavyāpī na saṃśayaḥ || 20.4 || </poem>

Übersetzung:

Dieses mit drei Wegen und drei Stätten ist in allen Körpern gegenwärtig. Wer diese Durchdringung so erkennt, ist ohne Zweifel alldurchdringend.

Wort-für-Wort:

trimārgam – mit drei Wegen; tryadhiṣṭhānam – mit drei Stätten; vyāptim – Durchdringung; vetti – erkennt; sarvavyāpī – alldurchdringend.

Vers 20.5

IAST:

<poem> na tasya garbhasambhūtir yathā devaḥ prabhāṣate | tāvadbhramati saṃsāre yāvadvyāptiṃ na vindati || 20.5 || </poem>

Übersetzung:

Für ihn gibt es keine neue Geburt aus einem Mutterschoß, wie der Gott verkündet. So lange wandert man im Kreislauf der Wiedergeburten, wie man diese Durchdringung nicht erkennt.

Wort-für-Wort:

garbhasambhūtiḥ – Geburt aus einem Mutterschoß; bhramati – wandert umher; saṃsāre – im Wiedergeburtskreislauf; yāvat – solange; vyāptim na vindati – die Durchdringung nicht erkennt.

Vers 20.6

IAST:

<poem> viditvā vyāpinaṃ jīvaṃ mucyate nātra saṃśayaḥ | yathā tṛṇajalūkā nu tṛṇāgraṃ yāvadāgatā || 20.6 || </poem>

Übersetzung:

Wer die alldurchdringende Seele erkennt, wird ohne Zweifel befreit. Wie eine Raupe, die bis zur Spitze eines Grashalms gelangt ist …

Wort-für-Wort:

vyāpinam jīvam – alldurchdringende Seele; viditvā – erkannt habend; mucyate – wird befreit; tṛṇajalūkā – Grashalmraupe bzw. kleines kriechendes Tier; tṛṇāgram – Grashalmspitze.

Vers 20.7

IAST:

<poem> upariṣṭānnirālambā tadvajjīvo 'tra saṃsthitaḥ | ūrdhvaśūnyamadhaḥ śūnyaṃ śūnyaṃ dehāntarasthitam || 20.7 || </poem>

Übersetzung:

… oben ohne Stütze ist, so ruht hier die Seele. Oben ist Leere, unten ist Leere und im Inneren des Körpers ist Leere.

Wort-für-Wort:

nirālambā – ohne Stütze; jīvaḥ – Seele; ūrdhvaśūnyam – Leere oben; adhaḥ śūnyam – Leere unten; dehāntarasthitam – im Körperinneren befindlich.

Vers 20.8

IAST:

<poem> triśūnyaṃ yo vijānāti mucyate sa dhruvaṃ guha | vyāptiścāsya mayā proktā saṃkṣepānna tu vistarāt | ataḥ parataraṃ nāsti vyāpakaṃ vyāpakasya tu || 20.8 || </poem>

Übersetzung:

Wer diese dreifache Leere erkennt, wird sicher befreit, Guha. Ihre Durchdringung habe ich kurz, ohne Ausführlichkeit, erklärt. Darüber hinaus gibt es nichts, was dieses Durchdringende noch durchdringt.

Wort-für-Wort:

triśūnyam – dreifache Leere; vijānāti – erkennt; mucyate – wird befreit; vyāptiḥ – Durchdringung; saṃkṣepāt – kurz; vyāpakasya – des Durchdringenden.

Kapitel 21: Rituelle Wirksamkeitsnachweise

Die folgenden Verse schildern traditionelle Wirksamkeitsbehauptungen von Ritualen. Die Angaben zu Gift und Fieber sind nicht als Behandlungsempfehlungen zu verstehen.

Vers 21.1

IAST:

<poem> ataḥ paraṃ pravakṣyāmi aṣṭadhā pratyayo yathā | anagnijvalanaṃ caiva vṛkṣasyālabhanaṃ tathā || 21.1 || </poem>

Übersetzung:

Nun werde ich die acht Arten des Wirksamkeitsnachweises erklären: Entzünden ohne Feuer und Berühren eines Baumes …

Wort-für-Wort:

pratyayaḥ – Nachweis, überzeugendes Zeichen; aṣṭadhā – achtfach; anagnijvalanam – Entzünden ohne Feuer; vṛkṣasya ālabhanam – Berühren bzw. rituelles Angehen eines Baumes.

Vers 21.2

IAST:

<poem> pāśānāṃ stobhanaṃ caiva mahāpātakanāśanam | viṣasaṃharaṇaṃ caiva nirbījakaraṇaṃ tathā || 21.2 || </poem>

Übersetzung:

… das Stillstellen der Fesseln, das Tilgen schwerster Verfehlungen, das Beseitigen von Gift und das Unfruchtbarmachen …

Wort-für-Wort:

pāśānām stobhanam – Stillstellen der Fesseln; mahāpātakanāśanam – Tilgung schwerster Verfehlungen; viṣasaṃharaṇam – Beseitigen von Gift; nirbījakaraṇam – Entfernen des Keims, Unfruchtbarmachen.

Vers 21.3

IAST:

<poem> grahajvaravināśaśca pratyayo 'ṣṭavidhaḥ smṛtaḥ | evaṃ jñātvā tu vidhivat khyātiḥ sarvatra jāyate || 21.3 || </poem>

Übersetzung:

… sowie die Beseitigung von Besessenheitsmächten und Fieber: Achtfach ist dieser Nachweis. Wer dies vorschriftsgemäß kennt, erlangt überall Ansehen.

Wort-für-Wort:

graha – ergreifende, besetzende Macht; jvara – Fieber; vināśa – Beseitigung; aṣṭavidhaḥ – achtfach; vidhivat – vorschriftsgemäß; khyātiḥ – Ansehen.

Vers 21.4

IAST:

<poem> praṇavenāgnimadhyastho hakāro hrīṃ tathaiva ca | ādiroṃ ca namaścānte anagnijvalane hitam || 21.4 || </poem>

Übersetzung:

Mit dem Pranava, einem ha inmitten des Feuers und ebenso hrīṃ, Om am Anfang und namaḥ am Ende, [entsteht die Formel], die zum Entzünden ohne Feuer dient.

Wort-für-Wort:

praṇavena – mit Om; agnimadhyasthaḥ – inmitten des Feuers befindlich; hakāraḥ – Laut ha; hrīṃ – Keimsilbe; ādau oṃ – Om am Anfang; namaḥ ante – namaḥ am Ende.

Vers 21.5

IAST:

<poem> agniṃ srotasi saṃyojya sahasrodghātasaṃyutam | pañcākṣaraprayogeṇa jvalatyeva na saṃśayaḥ || 21.5 || </poem>

Übersetzung:

Indem man Feuer mit dem Strom verbindet und tausend Aufwärtsimpulse anwendet, entzündet es sich durch die Anwendung der fünfsilbigen [Formel], so lautet die Zusicherung.

Wort-für-Wort:

agnim – Feuer; srotasi – im Strom; sahasrodghāta – tausend Aufwärtsimpulse; pañcākṣaraprayogeṇa – durch Anwendung der fünfsilbigen Formel; jvalati – entzündet sich.

Vers 21.6

IAST:

<poem> oṃkāraḥ sarvato 'dhastād rephastasyordhvataḥ sthitaḥ | pūrvavatsamprayukto 'yaṃ prayogo bhuvi durlabhaḥ || 21.6 || </poem>

Übersetzung:

Om steht ganz unten, darüber der r-Laut. Wie zuvor verbunden, bildet dies eine auf Erden seltene Anwendung.

Wort-für-Wort:

oṃkāraḥ – Om; adhastāt – unten; rephaḥ – r-Laut; ūrdhvataḥ – darüber; pūrvavat – wie zuvor; prayogaḥ – Anwendung; durlabhaḥ – selten.

Vers 21.7

IAST:

<poem> śataiḥ saptabhirudghātair ālabdho mriyate drumaḥ | bhūyasścāpyāyanaṃ tasya vāruṇe srotasi sthitam || 21.7 || </poem>

Übersetzung:

Nach siebenhundert Aufwärtsimpulsen stirbt der berührte Baum. Seine erneute Belebung geschieht durch das Verfahren, das im Wasserstrom ruht …

Wort-für-Wort:

śataiḥ saptabhiḥ – mit sieben Hunderten; udghātaiḥ – durch Aufwärtsimpulse; ālabdhaḥ – berührt; mriyate – stirbt; drumaḥ – Baum; āpyāyanam – Belebung; vāruṇe srotasi – im Wasserstrom.

Vers 21.8

IAST:

<poem> sa jīvati punarvṛkṣo yathāpūrvaṃ tathaiva saḥ | tādṛgeva punaścāsau kiṃ tu rephavivarjitaḥ || 21.8 || </poem>

Übersetzung:

… und der Baum lebt wieder wie zuvor. Die [Formel] ist wieder dieselbe, jedoch ohne den r-Laut.

Wort-für-Wort:

jīvati punaḥ – lebt wieder; vṛkṣaḥ – Baum; yathāpūrvam – wie zuvor; tādṛśaḥ eva – genau derselbe; rephavivarjitaḥ – ohne den r-Laut.

Vers 21.9

IAST:

<poem> āpyāyanavidhau hyeṣa pañcadhā bindudīpitaḥ | aukāramadhyasaṃyuktaḥ praṇavenāntadīpitaḥ || 21.9 || </poem>

Übersetzung:

Bei diesem belebenden Verfahren wird sie fünffach durch Bindu erhellt; au ist in die Mitte eingefügt, und der Pranava erhellt ihr Ende.

Wort-für-Wort:

āpyāyanavidhau – beim belebenden Verfahren; pañcadhā – fünffach; bindudīpitaḥ – durch Bindu erhellt; aukāra – Laut au; madhyasaṃyuktaḥ – in der Mitte eingefügt; praṇavena – durch Om.

Vers 21.10

IAST:

<poem> īkārādiḥ sa hau madhye vahnimadhyaṃ tataḥ param | prayogo viṣuvatkāle pāśānāṃ stobhakārakaḥ || 21.10 || </poem>

Übersetzung:

Mit ī am Anfang, hau in der Mitte und danach dem inmitten des Feuers [stehenden Laut] erfolgt die Anwendung zur Zeit des Gleichstandes; sie bringt die Fesseln zum Stillstand.

Wort-für-Wort:

īkārādiḥ – mit ī beginnend; hau madhye – hau in der Mitte; vahnimadhyam – inmitten des Feuers; viṣuvatkāle – zur Zeit des Gleichstandes; pāśānām stobhakārakaḥ – die Fesseln stillstellend.

Vers 21.11

IAST:

<poem> śataiḥ pañcabhirudghātaiḥ patatyeva na saṃśayaḥ | punaścotthāpanaṃ tasya yathā bhavati tacchṛṇu || 21.11 || </poem>

Übersetzung:

Nach fünfhundert Aufwärtsimpulsen fällt [der Betreffende] unweigerlich nieder. Höre nun, wie er wieder aufgerichtet wird.

Wort-für-Wort:

śataiḥ pañcabhiḥ – mit fünfhundert; patati – fällt; punaḥ – wieder; utthāpanam – Aufrichten; śṛṇu – höre.

Vers 21.12

IAST:

<poem> īkārādyantasaṃyuktaṃ hau ca madhye niyojitam | prāṇānusvārasandīptaṃ namo 'ntaṃ praṇavaṃ punaḥ || 21.12 || </poem>

Übersetzung:

Mit ī am Anfang und Ende, hau in der Mitte, durch Lebenshauch und Nasalpunkt erhellt, mit namaḥ am Ende und wiederum dem Pranava …

Wort-für-Wort:

īkārādyantasaṃyuktam – mit ī an Anfang und Ende; hau madhye – hau in der Mitte; prāṇānusvāra – Lebenshauch und Nasalpunkt; namaḥ antam – mit namaḥ endend; praṇavam – Om.

Vers 21.13

IAST:

<poem> utthāpane prayuñjīta sarvabhūteṣu tattvavit | tāvadbhireva codghātair yojanīyaḥ prayatnataḥ || 21.13 || </poem>

Übersetzung:

… wende der Kenner der Wirklichkeit das Verfahren zum Aufrichten aller Wesen an. Mit ebenso vielen Aufwärtsimpulsen soll es sorgfältig verbunden werden.

Wort-für-Wort:

utthāpane – zum Aufrichten; sarvabhūteṣu – bei allen Wesen; tattvavit – Kenner der Wirklichkeit; tāvadbhiḥ eva – mit ebenso vielen; prayatnataḥ – sorgfältig.

Vers 21.14

IAST:

<poem> labījaṃ jīvasaṃviṣṭaṃ hakārādyantasaṃsthitam | pūrvavanmadhyasaṃsthaṃ ca vāyubindusamanvitam || 21.14 || </poem>

Übersetzung:

Der la-Keim sei von der Seele durchdrungen, am Anfang und Ende von ha eingefasst, wie zuvor in der Mitte angeordnet und mit Wind und Punkt verbunden.

Wort-für-Wort:

labījam – la-Keim; jīvasaṃviṣṭam – von der Seele durchdrungen; hakārādyantasaṃsthitam – mit ha an Anfang und Ende; vāyu – Wind; bindu – Punkt.

Vers 21.15

IAST:

<poem> yadasyārohaṇe proktaṃ gurutvaṃ jāyate yathā | bhūya eva pravakṣyāmi laghutvaṃ jāyate yathā || 21.15 || </poem>

Übersetzung:

Beim Hinaufsteigen [auf die Waage] wurde erklärt, wie Schwere entsteht. Nun werde ich wiederum erklären, wie Leichtigkeit entsteht.

Wort-für-Wort:

ārohaṇe – beim Hinaufsteigen; gurutvam – Schwere; jāyate – entsteht; bhūyaḥ – erneut; laghutvam – Leichtigkeit.

Vers 21.16

IAST:

<poem> oṃkāro haṃ yakāreṇa hyaukāro haṃ namastathā | tulāpuruṣayogo 'yam udghātairayutena tu || 21.16 || </poem>

Übersetzung:

Om, haṃ mit ya, au, haṃ und namaḥ: Dies ist das Verfahren des auf einer Waage gewogenen Menschen, mit zehntausend Aufwärtsimpulsen.

Wort-für-Wort:

oṃkāraḥ – Om; haṃ – Keimsilbe; yakāreṇa – mit ya; aukāraḥ – au; namaḥ – Verehrung; tulāpuruṣayogaḥ – Verfahren des gewogenen Menschen; ayutena – mit zehntausend.

Vers 21.17

IAST:

<poem> sa hakāro vakāreṇa yakāreṇa ca dīpitaḥ | hyau madhye hlīṃ namaścānte vāruṇena tu buddhimat || 21.17 || </poem>

Übersetzung:

Der ha-Laut wird durch va und ya erhellt; au steht in der Mitte, hlīṃ und namaḥ am Ende. Mit dem Wasser[strom] soll der Einsichtige [dies verbinden] …

Wort-für-Wort:

hakāraḥ – ha; vakāreṇa – mit va; yakāreṇa – mit ya; au madhye – au in der Mitte; hlīṃ – Keimsilbe; vāruṇena – mit dem zum Wasser Gehörigen.

Vers 21.18

IAST:

<poem> udghātāṣṭaśatenaiva viṣaṃ saṃharati dhruvam | yathāgnijvalane dṛṣṭo nirbījakaraṇe tathā || 21.18 || </poem>

Übersetzung:

… und durch achthundert Aufwärtsimpulse wird, so heißt es, das Gift sicher beseitigt. Wie das Verfahren beim Entzünden des Feuers gezeigt wurde, so gilt es auch beim Unfruchtbarmachen …

Wort-für-Wort:

udghātāṣṭaśatena – mit achthundert Aufwärtsimpulsen; viṣam – Gift; saṃharati – beseitigt; agnijvalane – beim Entzünden des Feuers; nirbījakaraṇe – beim Unfruchtbarmachen.

Vers 21.19

IAST:

<poem> śataiḥ pañcabhirudghātair viśeṣo 'tra vidhīyate | oṃkāramāditaḥ kṛtvā hrūṃkāraṃ tadanantaram || 21.19 || </poem>

Übersetzung:

… wobei hier fünfhundert Aufwärtsimpulse als Unterschied vorgeschrieben sind. Man setze Om an den Anfang und unmittelbar danach hrūṃ …

Wort-für-Wort:

śataiḥ pañcabhiḥ – mit fünfhundert; viśeṣaḥ – Unterschied; oṃkāram āditaḥ – Om am Anfang; hrūṃkāram – die Silbe hrūṃ; tadanantaram – unmittelbar danach.

Vers 21.20

IAST:

<poem> hrauṃ hrūṃ ca phaṇṇamaścānte grahāṇāṃ nāśane mataḥ | prayoge vāruṇe mārge udghātāṣṭaśatena tu || 21.20 || </poem>

Übersetzung:

… hrauṃ, hrūṃ sowie phaṭ namaḥ am Ende. Dies gilt als Mittel zur Beseitigung der ergreifenden Mächte, angewandt im Wasserweg mit achthundert Aufwärtsimpulsen.

Wort-für-Wort:

hrauṃ/hrūṃ – Keimsilben; phaṇ namaḥ – lautliche Verbindung von phaṭ und namaḥ; grahāṇām nāśane – zur Beseitigung ergreifender Mächte; vāruṇe mārge – im Wasserweg; udghātāṣṭaśatena – mit achthundert Aufwärtsimpulsen.

Vers 21.21

IAST:

<poem> praṇavādi tato huṃ phaṭ huṃ phaṭ huṃ phaṭ tathaiva ca | phaṭ phaṭ phaṭ phaṭ phaḍevaṃ syād vāruṇena tu buddhimān | udghātāṣṭaśatenaiva kṣipraṃ nāśayati jvaram || 21.21 || </poem>

Übersetzung:

Mit dem Pranava beginnend, sodann huṃ phaṭ, huṃ phaṭ, huṃ phaṭ, danach phaṭ, phaṭ, phaṭ, phaṭ, phaṭ: So [lautet die Formel]. Mit dem Wasser[weg] und achthundert Aufwärtsimpulsen soll der Einsichtige Fieber rasch beseitigen.

Wort-für-Wort:

praṇavādi – mit Om beginnend; huṃ/phaṭ – rituelle Keimsilben; vāruṇena – mit dem Wasserweg; udghātāṣṭaśatena – mit achthundert Aufwärtsimpulsen; jvaram – Fieber; nāśayati – beseitigt.

Kapitel 22: Das Wesen des Prasada

Shiva als Ziel von Verehrung und Erkenntnis: Der Prasada wird als umfassende Mantragestalt beschrieben.

Vers 22.1

IAST:

<poem> prāsādaḥ kīdṛśo jñeyo vyāptistasya ca kīdṛśī | śarīraṃ kīdṛśaṃ tasya kathayasva maheśvara || 22.1 || </poem>

Übersetzung:

Wie ist der Prāsāda zu verstehen, wie ist seine Durchdringung beschaffen und wie sein Leib? Erkläre es mir, großer Herr!

Wort-für-Wort:

prāsādaḥ – Prasada; kīdṛśaḥ – wie beschaffen; jñeyaḥ – zu erkennen; vyāptiḥ – Durchdringung; śarīram – Leib; kathayasva – erkläre.

Vers 22.2

IAST:

<poem> prāsādaṃ yo na jānāti pañcamantramahātanum | aṣṭatriṃśatkalopetaṃ nāsāvācārya ucyate || 22.2 || </poem>

Übersetzung:

Wer den Prāsāda nicht kennt, dessen großer Leib aus fünf Mantras besteht und achtunddreißig Kräfte umfasst, wird nicht Lehrer genannt.

Wort-für-Wort:

pañcamantramahātanum – mit einem großen Leib aus fünf Mantras; aṣṭatriṃśatkalopetam – mit achtunddreißig Kräften versehen; ācāryaḥ – Lehrer; na jānāti – kennt nicht.

Vers 22.3

IAST:

<poem> prāsādaṃ samyagajñātvā yo dīkṣāṃ kurute guruḥ | adhastācchiṣyamātmānaṃ nayatyatra na saṃśayaḥ || 22.3 || </poem>

Übersetzung:

Ein Guru, der einweiht, ohne den Prāsāda richtig zu kennen, führt den Schüler und sich selbst nach unten; daran besteht hier kein Zweifel.

Wort-für-Wort:

samyak ajñātvā – ohne richtig zu kennen; dīkṣām kurute – vollzieht Einweihung; guruḥ – Lehrer; adhastāt nayati – führt abwärts; śiṣyam ātmānam – Schüler und sich selbst.

Vers 22.4

IAST:

<poem> prāsādābjaśikhāntastho yastu dīkṣāṃ karoti saḥ | ācāryaḥ saha śiṣyeṇa śivasāyujyamāpnuyāt || 22.4 || </poem>

Übersetzung:

Ein Lehrer aber, der in der Spitze des Prāsāda-Lotus ruht und so die Einweihung vollzieht, erlangt zusammen mit dem Schüler die Vereinigung mit Shiva.

Wort-für-Wort:

prāsādābja – Prasada-Lotus; śikhāntasthaḥ – in dessen Spitze ruhend; ācāryaḥ – Lehrer; saha śiṣyeṇa – zusammen mit dem Schüler; śivasāyujyam – Vereinigung mit Shiva.

Vers 22.5

IAST:

<poem> brahmā viṣṇuśca rudraśca indraścandro bṛhaspatiḥ | prajāpatistathādityaḥ śukraḥ skando bhṛgustathā || 22.5 || </poem>

Übersetzung:

Brahmā, Vishnu, Rudra, Indra, der Mond, Brihaspati, Prajāpati, die Sonne, Shukra, Skanda und Bhrigu …

Wort-für-Wort:

brahmā/viṣṇu/rudra – Brahma/Vishnu/Rudra; candraḥ – Mond; bṛhaspatiḥ – Brihaspati; prajāpatiḥ – Herr der Geschöpfe; ādityaḥ – Sonne; śukraḥ/skandaḥ/bhṛguḥ – Götter- bzw. Weisenamen.

Vers 22.6

IAST:

<poem> ye cānye prāṇino devāḥ sarve proktāḥ prasādajāḥ | ete cānye ca bahavo munayaḥ saṃśitavratāḥ || 22.6 || </poem>

Übersetzung:

… und alle anderen lebendigen göttlichen Wesen werden als aus dem Prāsāda hervorgegangen bezeichnet. Diese und viele andere Weise mit strengen Gelübden …

Wort-für-Wort:

prāṇinaḥ devāḥ – lebendige göttliche Wesen; prasādajāḥ – aus Prasada entstanden; munayaḥ – Weise; saṃśitavratāḥ – mit strengen Gelübden; bahavaḥ – viele.

Vers 22.7

IAST:

<poem> dhyāyanti paramaṃ haṃsaṃ prāsādaṃ nāmarūpataḥ | vibhāgaṃ cāsya vakṣyāmi yaṃ dhyātvāmṛtamaśnute || 22.7 || </poem>

Übersetzung:

… meditieren über den höchsten Hamsa, den Prāsāda in Name und Gestalt. Ich werde seine Gliederung erklären; wer darüber meditiert, erlangt Unsterblichkeit.

Wort-für-Wort:

dhyāyanti – meditieren; paramam haṃsam – höchsten Hamsa; nāmarūpataḥ – in Name und Gestalt; vibhāgam – Gliederung; amṛtam aśnute – erlangt Unsterblichkeit.

Vers 22.8

IAST:

<poem> sadyaḥ kalāṣṭasaṃyuktam akārākṣarajaṃ viduḥ | vidyādukārajaṃ vāmam aghoraṃ ca makārajam || 22.8 || </poem>

Übersetzung:

Sadyojāta, mit acht Kräften verbunden, gilt als aus dem Laut A entstanden. Vāma erkenne man als aus U entstanden, Aghora als aus M.

Wort-für-Wort:

sadyaḥ – Sadyojata; kalāṣṭasaṃyuktam – mit acht Kräften verbunden; akāra – A; ukāra – U; makāra – M; vāmam – Vamadeva; aghoram – Aghora.

Vers 22.9

IAST:

<poem> bindujaḥ puruṣo jñeya īśānastu śikhātmajaḥ | evaṃ mantrāstu pañcaite prāsādātsambhavanti ye || 22.9 || </poem>

Übersetzung:

Purusha ist als aus Bindu entstanden zu erkennen, Īshāna als aus der Spitze hervorgegangen. So entstehen diese fünf Mantras aus dem Prāsāda.

Wort-für-Wort:

bindujaḥ – aus Bindu entstanden; puruṣaḥ – Tatpurusha; īśānaḥ – Ishana; śikhātmajaḥ – aus der Spitze hervorgegangen; pañca mantrāḥ – fünf Mantras; sambhavanti – entstehen.

Vers 22.10

IAST:

<poem> daśakoṭiḥ sahasrāṇāṃ mantrāṇāmamitaujasām | iṣṭena tu prasādena sarva iṣṭā na saṃśayaḥ || 22.10 || </poem>

Übersetzung:

Hundert Milliarden Mantras von unermesslicher Kraft: Wenn der Prāsāda verehrt wird, sind sie alle verehrt, daran besteht kein Zweifel.

Wort-für-Wort:

daśakoṭiḥ sahasrāṇām – zehn Koṭi von Tausendschaften, wörtlich hundert Milliarden; koṭi – zehn Millionen; mantrāṇām – von Mantras; amitaujasām – von unermesslicher Kraft; iṣṭena prasādena – durch Verehrung des Prasada; sarve iṣṭāḥ – alle verehrt. Die gewaltige Zahl dient hier dem Lob seiner allumfassenden Bedeutung.

Vers 22.11

IAST:

<poem> mārutā nava śaktyādyā ye mantrāḥ parikīrtitāḥ | prāsādābjasamutpannāḥ sarve cāmoghaśaktayaḥ || 22.11 || </poem>

Übersetzung:

Die neun Winde und die Mantras, die mit Shakti beginnen, entstehen alle aus dem Prāsāda-Lotus; ihre Kraft bleibt nicht vergeblich.

Wort-für-Wort:

mārutāḥ nava – neun Winde; śaktyādyāḥ – mit Shakti beginnend; prāsādābjasamutpannāḥ – aus dem Prasada-Lotus entstanden; amoghaśaktayaḥ – von unfehlbarer Kraft.

Vers 22.12

IAST:

<poem> sadyastu pṛthivī jñeyo vāmo hyāpaḥ prakīrtitaḥ | aghorasteja ityukto vāyustatpuruṣaḥ smṛtaḥ || 22.12 || </poem>

Übersetzung:

Sadyojāta ist als Erde zu erkennen, Vāma wird Wasser genannt. Aghora heißt Feuer; Tatpurusha gilt als Wind.

Wort-für-Wort:

sadyaḥ – Sadyojata; pṛthivī – Erde; vāmaḥ – Vamadeva; āpaḥ – Wasser; tejas – Feuer; vāyuḥ – Wind; tatpuruṣaḥ – Tatpurusha.

Vers 22.13

IAST:

<poem> ākāśastu bhavedīśaḥ svayaṃ devo maheśvaraḥ | sadyojātastu ṛgvedo vāmadevo yajuḥ smṛtaḥ || 22.13 || </poem>

Übersetzung:

Der Raum ist Īshāna, der große Gott selbst. Sadyojāta ist der Rigveda, Vāmadeva gilt als Yajurveda …

Wort-für-Wort:

ākāśaḥ – Raum; īśaḥ – Ishana; maheśvaraḥ – großer Herr; ṛgvedaḥ – Rigveda; yajuḥ – Yajurveda.

Vers 22.14

IAST:

<poem> aghoraḥ sāmavedaḥ syād atharvaḥ puruṣaḥ smṛtaḥ | pañcamastu paraḥ sūkṣmo vyomavyāpī sadāśivaḥ || 22.14 || </poem>

Übersetzung:

… Aghora ist der Sāmaveda, Purusha gilt als Atharvaveda. Der fünfte ist der höchste, subtile Sadāshiva, der den Raum durchdringt.

Wort-für-Wort:

sāmavedaḥ – Samaveda; atharvaḥ – Atharvaveda; pañcamaḥ – fünfter; paraḥ sūkṣmaḥ – höchster, subtiler; vyomavyāpī – den Raum durchdringend.

Vers 22.15

IAST:

<poem> sadyojātastu vai brahmā vāmo viṣṇuḥ prakīrtitaḥ | aghoro rudradaivatya īśvaraḥ puruṣaḥ smṛtaḥ || 22.15 || </poem>

Übersetzung:

Sadyojāta ist Brahmā, Vāma wird Vishnu genannt. Aghora ist Rudra zugeordnet, Purusha gilt als Īshvara.

Wort-für-Wort:

sadyojātaḥ – Sadyojata; vāmaḥ – Vamadeva; rudradaivatyaḥ – Rudra zugeordnet; īśvaraḥ – Ishvara; puruṣaḥ – Tatpurusha.

Vers 22.16

IAST:

<poem> īśānaḥ śivadaivatyo hṛdayādāvavasthitaḥ | ṣaṣṭhaṃ tu yatparaṃ tattvam asādṛśyaguṇaiḥ sthitam || 22.16 || </poem>

Übersetzung:

Īshāna ist Shiva zugeordnet und befindet sich im Herzen und den weiteren [Stätten]. Das sechste aber ist das höchste Prinzip, dessen Eigenschaften unvergleichlich sind.

Wort-für-Wort:

śivadaivatyaḥ – Shiva zugeordnet; hṛdayādau – im Herzen und den weiteren Stätten; ṣaṣṭham – sechstes; param tattvam – höchstes Prinzip; asādṛśyaguṇaiḥ – mit unvergleichlichen Eigenschaften.

Vers 22.17

IAST:

<poem> tasya deho na vaktavyaḥ prākṛtairguṇasambhavaiḥ | jñātvā paramaniḥśreṇīṃ pañcasaṃsthānagāminīm || 22.17 || </poem>

Übersetzung:

Sein Leib darf nicht durch Eigenschaften beschrieben werden, die aus der Natur entstanden sind. Hat man die höchste Leiter erkannt, die durch die fünf Stätten führt …

Wort-für-Wort:

dehaḥ – Leib; prākṛtaiḥ – aus der Natur stammend; guṇasambhavaiḥ – aus Eigenschaften hervorgegangen; parama niḥśreṇī – höchste Leiter; pañcasaṃsthānagāminī – durch fünf Stätten führend.

Vers 22.18

IAST:

<poem> jñātameva sakṛdyena vistṛtaṃ tu tadeva tat | tatkāla eva mukto 'sau yadā jñātaṃ hi tatpadam || 22.18 || </poem>

Übersetzung:

… so ist, wenn man sie einmal erkannt hat, eben dies in seiner ganzen Ausdehnung erkannt. In dem Augenblick, in dem jene Stätte erkannt wird, ist man befreit.

Wort-für-Wort:

sakṛt – einmal; jñātam – erkannt; vistṛtam – ausgebreitet, in seiner Ausdehnung; tatkāle eva – genau in diesem Augenblick; muktaḥ – befreit; tatpadam – jene Stätte.

Kapitel 23: Der Nektar der Erkenntnis

Vers 23.1

IAST:

<poem> śṛṇu ṣaṇmukha tattvena jñānāmṛtamanuttamam | yanna kasyacidākhyātaṃ nākhyeyaṃ kathayāmi tat || 23.1 || </poem>

Übersetzung:

Höre wahrheitsgemäß, Sechsgesichtiger, den unübertrefflichen Nektar der Erkenntnis. Was niemandem gesagt wurde und nicht weitergesagt werden soll, das verkünde ich dir.

Wort-für-Wort:

jñānāmṛtam – Nektar der Erkenntnis; anuttamam – unübertrefflich; na kasyacit ākhyātam – niemandem gesagt; nākhyeyam – nicht weiterzusagen; kathayāmi – ich verkünde.

Vers 23.2

IAST:

<poem> dehasthaḥ sakalo jñeyo niṣkalo dehavarjitaḥ | āptopadeśagamyo 'sau sarvataḥ kimapi sthitaḥ || 23.2 || </poem>

Übersetzung:

Im Körper gegenwärtig ist er als gegliedert zu erkennen; ohne Körper ist er ungegliedert. Er ist durch die Unterweisung eines Verlässlichen zugänglich und auf unaussprechliche Weise überall gegenwärtig.

Wort-für-Wort:

dehasthaḥ – im Körper gegenwärtig; sakalaḥ – gegliedert; niṣkalaḥ – ungegliedert; dehavarjitaḥ – ohne Körper; āptopadeśagamyaḥ – durch Unterweisung eines Verlässlichen zugänglich; sarvataḥ – überall.

Vers 23.3

IAST:

<poem> haṃsa haṃseti yo brūyad dhaṃso devaḥ sadāśivaḥ | guruvaktrāttu labhyeta pratyakṣaṃ sarvatomukhaḥ || 23.3 || </poem>

Übersetzung:

Wer „Hamsa, Hamsa“ spricht: Dieser Hamsa ist der Gott Sadāshiva. Aus dem Mund des Gurus wird er unmittelbar erkannt, der nach allen Seiten Gewandte.

Wort-für-Wort:

haṃsa haṃsa iti – „Hamsa, Hamsa“; brūyāt – man spreche; haṃsaḥ – Schwan, symbolisch das höchste Lebensprinzip; guruvaktrāt – aus dem Mund des Gurus; pratyakṣam – unmittelbar; sarvatomukhaḥ – nach allen Seiten gewandt.

Vers 23.4

IAST:

<poem> tileṣu ca yathā tailaṃ puṣpe gandha iva sthitaḥ | puruṣastu śarīre 'smin sabāhyābhyantare sthitaḥ || 23.4 || </poem>

Übersetzung:

Wie Öl in Sesamsamen und Duft in einer Blume gegenwärtig sind, so ist der innere Mensch in diesem Körper gegenwärtig, innen wie außen.

Wort-für-Wort:

tileṣu – in Sesamsamen; tailam – Öl; puṣpe – in einer Blume; gandhaḥ – Duft; puruṣaḥ – innerer Mensch, Selbst; sabāhyābhyantare – innen und außen.

Vers 23.5

IAST:

<poem> ulkāhasto yathā kaścid dravyamālokya tāṃ tyajet | jñānena jñeyamālokya tathā jñānaṃ parityajet || 23.5 || </poem>

Übersetzung:

Wie jemand mit einer Fackel in der Hand einen Gegenstand erblickt und dann die Fackel beiseitelegt, so soll man durch Erkenntnis das zu Erkennende schauen und danach auch die Erkenntnis loslassen.

Wort-für-Wort:

ulkāhastaḥ – eine Fackel in der Hand haltend; dravyam – Gegenstand; ālokya – erblickt habend; jñānena – durch Erkenntnis; jñeyam – das zu Erkennende; parityajet – man lasse los.

Vers 23.6

IAST:

<poem> puṣpaṃ tu sakalaṃ vidyād gandhastasya tu niṣkalaḥ | vṛkṣaṃ tu sakalaṃ vidyāc chāyā tasya tu niṣkalā || 23.6 || </poem>

Übersetzung:

Die Blume erkenne man als gegliedert, ihren Duft als ungegliedert. Den Baum erkenne man als gegliedert, seinen Schatten als ungegliedert.

Wort-für-Wort:

puṣpam – Blume; sakalam – gegliedert; gandhaḥ – Duft; niṣkalaḥ – ungegliedert; vṛkṣam – Baum; chāyā – Schatten.

Vers 23.7

IAST:

<poem> sakale niṣkalo bhāvaḥ sarvatraiva vyavasthitaḥ | upāyaḥ sakalastadvad upeyaścaiva niṣkalaḥ || 23.7 || </poem>

Übersetzung:

Im Gegliederten ist das Ungegliederte überall gegenwärtig. Ebenso ist das Mittel gegliedert, das zu erreichende Ziel aber ungegliedert.

Wort-für-Wort:

sakale – im Gegliederten; niṣkalaḥ bhāvaḥ – ungegliederte Wirklichkeit; sarvatra – überall; upāyaḥ – Mittel, Weg; upeyaḥ – das zu erreichende Ziel.

Vers 23.8

IAST:

<poem> sakale sakalo bhāvo niṣkale niṣkalastathā | trimātraśca dvimātraśca ekamātrastathaiva ca || 23.8 || </poem>

Übersetzung:

Im Gegliederten besteht die gegliederte Erscheinung, im Ungegliederten die ungegliederte. [Die Lautdauer beträgt] drei Maßeinheiten, zwei Maßeinheiten und eine Maßeinheit …

Wort-für-Wort:

sakalaḥ bhāvaḥ – gegliederte Erscheinung; niṣkalaḥ – ungegliedert; trimātraḥ – dreimäßig; dvimātraḥ – zweimäßig; ekamātraḥ – einmäßig.

Vers 23.9

IAST:

<poem> ardhamātrā parā sūkṣmā tasyā ūrdhvaṃ parātparam | brahmā viṣṇuśca rudraśca īśvaraḥ śiva eva vā || 23.9 || </poem>

Übersetzung:

… die halbe Maßeinheit ist höher und subtil; darüber liegt das Höchste über dem Höchsten. Brahmā, Vishnu, Rudra, Īshvara und Shiva …

Wort-für-Wort:

ardhamātrā – halbe Maßeinheit; parā sūkṣmā – höher und subtil; ūrdhvam – darüber; parātparam – Höchstes über dem Höchsten; brahmā/viṣṇu/rudra/īśvara/śiva – fünf göttliche Zuordnungen.

Vers 23.10

IAST:

<poem> pañcadhā pañcadaivatyaḥ sakalaḥ paripaṭhyate | brahmaṇo hṛdayaṃ sthānaṃ kaṇṭhe viṣṇuḥ samāśritaḥ || 23.10 || </poem>

Übersetzung:

… bilden die fünf göttlichen Zuordnungen, durch die das Gegliederte fünffach gelehrt wird. Brahmās Stätte ist das Herz; Vishnu ruht in der Kehle.

Wort-für-Wort:

pañcadhā – fünffach; pañcadaivatyaḥ – fünf Gottheiten zugeordnet; sakalaḥ – gegliedert; hṛdayam – Herz; sthānam – Stätte; kaṇṭhe – in der Kehle.

Vers 23.11

IAST:

<poem> tālumadhye sthito rudro lalāṭastho maheśvaraḥ | nāsāgre tu śivaṃ vidyāt tasyānte tu paraṃ padam || 23.11 || </poem>

Übersetzung:

In der Gaumenmitte ruht Rudra, in der Stirn Maheshvara. An der Nasenspitze erkenne man Shiva; an deren Ende liegt die höchste Stätte.

Wort-für-Wort:

tālumadhye – in der Gaumenmitte; lalāṭasthaḥ – in der Stirn befindlich; nāsāgre – an der Nasenspitze; tasyānte – an deren Ende; param padam – höchste Stätte.

Vers 23.12

IAST:

<poem> parasmāttu paraṃ nāsti iti śāstrasya niścayaḥ | gamāgamaḥ kathaṃ tasya kena vā nīyate tu saḥ || 23.12 || </poem>

Übersetzung:

Jenseits des Höchsten gibt es nichts: So lautet die feste Aussage der Schrift. [Skanda fragt:] Wie geschieht sein Gehen und Kommen, und wodurch wird er geführt?

Wort-für-Wort:

parasmāt param – höher als das Höchste; nāsti – gibt es nicht; gamāgamaḥ – Gehen und Kommen; kena – wodurch; nīyate – wird geführt.

Vers 23.13

IAST:

<poem> saṃśayo me mahādeva kathayasva yathārthataḥ | śaktyā tu nīyate jīvas tasminprāpya nivartate || 23.13 || </poem>

Übersetzung:

Darüber habe ich Zweifel, großer Gott; erkläre es wirklichkeitsgemäß! [Shiva antwortet:] Durch Shakti wird die Seele geführt. Wenn sie jenen [Ort] erreicht hat, kehrt sie zurück.

Wort-für-Wort:

saṃśayaḥ – Zweifel; yathārthataḥ – wirklichkeitsgemäß; śaktyā – durch Shakti; jīvaḥ – Seele; prāpya – erreicht habend; nivartate – kehrt zurück.

Vers 23.14

IAST:

<poem> asyāntaṃ te pravakṣyāmi śṛṇu ṣaṇmukha tattvataḥ | dehātītaṃ tu tadvidyān nāsāgre dvādaśāṅgulam || 23.14 || </poem>

Übersetzung:

Sein Ende werde ich dir erklären; höre aufmerksam, Sechsgesichtiger. Erkenne es als jenseits des Körpers gelegen, zwölf Fingerbreiten vor der Nasenspitze.

Wort-für-Wort:

antam – Ende; dehātītam – jenseits des Körpers; nāsāgre – vor der Nasenspitze; dvādaśāṅgulam – zwölf Fingerbreiten; tattvataḥ – wahrheitsgemäß.

Vers 23.15

IAST:

<poem> tadantaṃ tadvijānīyāt tatrastho vyāpayetprabhuḥ | mano 'pyanyatra nikṣiptaṃ cakṣuranyatra pātitam || 23.15 || </poem>

Übersetzung:

Dies erkenne man als seine Grenze. Dort ruhend, durchdringt der Herr [alles]. Auch wenn der Geist auf etwas anderes gerichtet ist und der Blick anderswohin fällt …

Wort-für-Wort:

tadantam – dessen Grenze; tatrasthaḥ – dort ruhend; vyāpayet – durchdringt; manaḥ – Geist; anyatra nikṣiptam – anderswohin gerichtet; cakṣuḥ – Blick, Auge.

Vers 23.16

IAST:

<poem> tathāpi yogināṃ yogo hyavicchinnaḥ pravartate | etattatparamaṃ guhyam etattatparamākṣaram || 23.16 || </poem>

Übersetzung:

… geht die innere Verbundenheit der Yogis dennoch ununterbrochen weiter. Dies ist das höchste Geheimnis, dies das höchste Unvergängliche.

Wort-für-Wort:

yoginām yogaḥ – innere Verbundenheit der Yogis; avicchinnaḥ – ununterbrochen; pravartate – besteht fort; paramam guhyam – höchstes Geheimnis; paramākṣaram – höchstes Unvergängliches, zugleich höchste Silbe.

Vers 23.17

IAST:

<poem> nātaḥ parataraṃ kiñcin nātaḥ parataraṃ śivam | nātaḥ parataraṃ jñānam ityāha bhagavāñśivaḥ || 23.17 || </poem>

Übersetzung:

Nichts ist höher als dieses, kein Shiva-Zustand höher als dieser, keine Erkenntnis höher als diese: So sprach der erhabene Shiva.

Wort-für-Wort:

nātaḥ parataram – nichts ist höher als dies; śivam – Shiva, Heil, Shiva-Zustand; jñānam – Erkenntnis; bhagavān śivaḥ – erhabener Shiva; āha – sprach.

Vers 23.18

IAST:

<poem> śivajñānāmṛtaṃ prāpya saṃkṣepānna tu vistarāt | kathito devadevena paramākṣaranirṇayaḥ || 23.18 || </poem>

Übersetzung:

Mit dem Erlangen des Nektars der Shiva-Erkenntnis wurde die Bestimmung des höchsten Unvergänglichen vom Gott der Götter in Kürze, ohne Ausführlichkeit, verkündet.

Wort-für-Wort:

śivajñānāmṛtam – Nektar der Shiva-Erkenntnis; prāpya – erlangt habend; saṃkṣepāt – in Kürze; devadevena – vom Gott der Götter; paramākṣaranirṇayaḥ – Bestimmung des höchsten Unvergänglichen.

Vers 23.19

IAST:

<poem> etatte śivasadbhāvaṃ śivavaktrādviniḥsṛtam | guhyādguhyatamaṃ guhyaṃ gūhanīyaṃ prayatnataḥ || 23.19 || </poem>

Übersetzung:

Dies ist Shivas wahres Wesen, das aus Shivas Mund hervorging. Es ist das verborgenste aller Geheimnisse und soll sorgfältig bewahrt werden.

Wort-für-Wort:

śivasadbhāvam – Shivas wahres Wesen; śivavaktrāt – aus Shivas Mund; viniḥsṛtam – hervorgegangen; guhyatamam – geheimstes; gūhanīyam – zu verbergen, zu bewahren; prayatnataḥ – sorgfältig.

Vers 23.20

IAST:

<poem> nāśiṣyāya pradātavyaṃ nāputrāya kadācana | gurudevāgnibhaktāya nityaṃ muktiratāya ca || 23.20 || </poem>

Übersetzung:

Niemals soll es einem Nichtschüler oder einem Nichtsohn gegeben werden. Demjenigen aber, der Guru, Gottheit und heiligem Feuer hingegeben ist und stets nach Befreiung strebt …

Wort-für-Wort:

nāśiṣyāya – nicht einem Nichtschüler; nāputrāya – nicht einem Nichtsohn; gurudevāgnibhaktāya – dem Guru, Gottheit und Feuer Hingegebenen; muktiratāya – dem an Befreiung Ausgerichteten; nityam – stets. „Sohn“ gehört hier zum traditionellen Überlieferungswortschatz und kann im Einweihungszusammenhang auch eine geistliche Beziehung bezeichnen; der Vers erläutert diese nicht näher.

Vers 23.21

IAST:

<poem> pradātavyamidaṃ śāstraṃ netarebhyaḥ pradāpayet | dātāsya narakaṃ yāti siddhyecca na kadācana || 23.21 || </poem>

Übersetzung:

… soll diese Schrift gegeben werden, anderen jedoch nicht. Wer sie solchen weitergibt, gelangt in die Hölle und erreicht niemals Vollendung.

Wort-für-Wort:

pradātavyam – weiterzugeben; śāstram – Schrift, Lehre; itarebhyaḥ – anderen; dātā – Weitergebender; narakam – Hölle; na siddhyet – gelangt nicht zur Vollendung.

Vers 23.22

IAST:

<poem> śivāmṛtaṃ mayā khyātaṃ satyaṃ satyamidaṃ tava | evaṃ jñātvā tu medhāvī vicarettu yathāsukham || 23.22 || </poem>

Übersetzung:

Ich habe dir Shivas Nektar verkündet; wahr, wahr ist dies! Hat der Einsichtige es so erkannt, möge er sich frei und nach seinem Wohlbefinden bewegen.

Wort-für-Wort:

śivāmṛtam – Shivas Nektar; satyam satyam – wahr, wahr; jñātvā – erkannt habend; medhāvī – Einsichtiger; vicaret – möge sich bewegen; yathāsukham – nach Wohlbefinden, frei.

Vers 23.23

IAST:

<poem> gṛhastho brahmacārī ca vānaprastho 'tha bhaikṣukaḥ | yatra yatra sthito jñānī paramākṣaravit sadā || 23.23 || </poem>

Übersetzung:

Ob Haushälter, Brahmachārin, Waldeinsiedler oder wandernder Bettelasket: In welcher Lebensform der Wissende auch steht, kennt er stets das höchste Unvergängliche.

Wort-für-Wort:

gṛhasthaḥ – Haushälter; brahmacārī – Brahmacharin, religiöser Schüler; vānaprasthaḥ – Waldeinsiedler; bhaikṣukaḥ – Bettelasket; jñānī – Wissender; paramākṣaravit – Kenner des höchsten Unvergänglichen.

Vers 23.24

IAST:

<poem> viṣayī viṣayāsakto yāti dehāntake śivam | jñānādevāsya śāstrasya sarvāvastho 'pi mānavaḥ || 23.24 || </poem>

Übersetzung:

Selbst wenn er Sinneserfahrungen hat und an ihnen hängt, gelangt er am Ende des Körpers zu Shiva. Allein durch die Erkenntnis dieser Lehre [wird] der Mensch in jedem Zustand …

Wort-für-Wort:

viṣayī – Sinneserfahrungen habend; viṣayāsaktaḥ – an Sinnesgegenständen haftend; dehāntake – am Ende des Körpers; śivam yāti – gelangt zu Shiva; jñānāt eva – allein durch Erkenntnis; sarvāvasthaḥ – in jedem Zustand.

Vers 23.25

IAST:

<poem> brahmahatyāśvamedhādyaiḥ puṇyapāpairna lipyate | codako bodhakaścaiva mokṣadaśca paraḥ smṛtaḥ || 23.25 || </poem>

Übersetzung:

… von Verdienst und Verfehlung nicht befleckt, ob von Brahmanentötung oder Pferdeopfer und dergleichen. Als Anstoßgebender, Erweckender und als höchster Befreiungsschenkender …

Wort-für-Wort:

brahmahatyā – Tötung eines Brahmanen; aśvamedha – Pferdeopfer; puṇyapāpaiḥ – durch Verdienst und Verfehlung; na lipyate – wird nicht befleckt; codakaḥ – Anstoßgebender; bodhakaḥ – Erweckender; mokṣadaḥ – Befreiung Schenkender.

Vers 23.26

IAST:

<poem> ityevaṃ trividho jñeya ācāryastu mahītale | codako darśayenmārgaṃ bodhakaḥ sthānamādiśet | mokṣadastu paraṃ tattvaṃ yajjñātvāmṛtamaśnute || 23.26 || </poem>

Übersetzung:

… ist der Lehrer auf Erden dreifach zu verstehen. Der Anstoßgebende zeigt den Weg, der Erweckende weist die Stätte; der Befreiungsschenkende [erschließt] die höchste Wirklichkeit, durch deren Erkenntnis man Unsterblichkeit erlangt.

Wort-für-Wort:

trividhaḥ – dreifach; ācāryaḥ – Lehrer; mārgam darśayet – zeigt den Weg; sthānam ādiśet – weist die Stätte; param tattvam – höchste Wirklichkeit; jñātvā – erkannt habend; amṛtam aśnute – erlangt Unsterblichkeit.

Sardhatrisatikalottara – vollständiger Sanskrittext in IAST zur Rezitation

Paṭala 1

<poem>

bhagavandevadeveśa lokanātha jagatpate | mantratantraṃ tvayā proktaṃ vistarādvastusādhanam || 1.1 ||

alpāyuṣastvime martyā alpavīryālpabuddhayaḥ | alpasattvālpavittāśca lobhamohāsamanvitāḥ || 1.2 ||

alpagranthaṃ mahārthaṃ ca padārthānīkasaṃkulam | vaktumarhasi devaiṣāṃ prasādārthaṃ mama prabho || 1.3 ||

athātaḥ sampravakṣyāmi śāstraṃ paramadurlabham | nāmnā tu vātulāttantrād dadhno ghṛtamivoddhṛtam || 1.4 ||

nādākhyaṃ yatparaṃ bījaṃ sarvabhūteṣvavasthitam | muktidaṃ paramaṃ kiṃ ca divyasiddhipradāyakam || 1.5 ||

tadviditvā mahāsena deśikaḥ pāśahā bhavet | āgopālāṅganā bālā mlecchāḥ prākṛtabhāṣiṇaḥ || 1.6 ||

antarjalagatāḥ sattvāste api nityaṃ bruvanti tam | sthūlaṃ sūkṣmaṃ paraṃ jñātvā karma kuryādyathepsitam || 1.7 ||

sthūlaṃ śabda iti proktaṃ sūkṣmaṃ cintāmayaṃ bhavet | cintayā rahitaṃ yattu tatparaṃ parikīrtitam || 1.8 ||

sāntaṃ sarvagataṃ śūnyaṃ mātrādvādaśake sthitam | brahmāṇi hrasvāḥ proktāni dīrghā hyaṅgāni ṣaṇmukha || 1.9 ||

anusvāro bhavennetraṃ sarveṣāṃ copari sthitaḥ | savisargaṃ bhavedastram anusvāravivarjitam || 1.10 ||

ṣaṣṭhaṃ trayodaśāntaṃ ca pañcame viniyojayet | śivaṃ tattu vijānīyān mantramūrtiṃ sadāśivam || 1.11 ||

ṣaṣṭhamasya dvitīyaṃ tu caturthādyena saṃyutam | dvitīyātpañcamāccaiva ādimaṃ yojayetpunaḥ || 1.12 ||

hanti vighnāñśivāstreṇa śikhayā muktidaṃ smṛtam | etatpāśupataṃ divyaṃ sarvapāśanikṛntanam || 1.13 ||

brahmāṇi ca śivaṃ sāṅgaṃ netraṃ pāśupataṃ ca yat | samāsātkathitaḥ sarvo mantroddhārastvayaṃ śubhaḥ || 1.14 ||

asya mudrāṃ pravakṣyāmi sādhakānāṃ hitāya vai | hastābhyāṃ saṃspṛśetpādād ūrdhvaṃ yāvattu mastakam || 1.15 ||

eṣā mudrā mahāmudrā sarvakāmārthasādhikā | karanyāsaṃ purā kṛtvā mudrābandhaṃ tu kārayet || 1.16 ||

talikāṃ hastapṛṣṭhaṃ ca astrabījena śodhayet | kaniṣṭhāmāditaḥ kṛtvā aṅguṣṭhaṃ cāpyapaścimam || 1.17 ||

brahmāṇi vinyasettatra tathaivāṅgāni yatnataḥ | prāsādaṃ vinyasetpaścād vyāpinaṃ sarvatomukham || 1.18 ||

prathamaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 2

<poem>

antaḥkaraṇavinyāso bhūtaśuddhistathaiva ca | bhūtaśuddhiṃ purā kṛtvā tato 'ntaḥkaraṇaṃ kuru || 2.1 ||

hṛdbījaṃ pārthive yuktaṃ pārthivīṃ dhārayetkramāt | śiro 'psu tejasi śikhāṃ kavacaṃ vāyunā saha || 2.2 ||

astraṃ ca śivasaṃyuktam ākāśaṃ dhārayetsadā | huṃphaḍantena paṭalaṃ bhittvā cordhvaṃ viśeṣataḥ || 2.3 ||

pañcodghātāśca catvāras trayo dvāveka eva ca | dvādaśānte nirālambaṃ vijñānaṃ kevalaṃ sthitam || 2.4 ||

dīkṣāyāṃ tu yathā vatsa tatprayogaṃ samācaret | prakriyāntasthamamṛtaṃ sravantaṃ cintayettataḥ || 2.5 ||

omityanena kamalaṃ yogapīṭhaṃ tadā bhavet | sūryamaṇḍalasaṃkāśam akāraṃ hyātmasambhavam || 2.6 ||

vidyātattvamukāraṃ tu śivatattvaṃ makārajam | puryaṣṭakaṃ ca tanmātraṃ turyātītaṃ sadāśivam || 2.7 ||

cintayetparamaṃ dhāma suṣumnābhinnamastakam | tenāplāvitamātmānaṃ paripūrṇaṃ vicintayet || 2.8 ||

yo 'bhasedīdṛśaṃ martyaḥ samādhiṃ mṛtyunāśanam | na tasya jāyate mṛtyur iti śāstrasya niścayaḥ || 2.9 ||

paścādguroḥ sādhakānāṃ mūrtestu grahaṇaṃ bhavet | īśānādyāstu sadyāntaṃ mūrdhna ārabhya vinyaset || 2.10 ||

netraṃ dattvā tadāvāhyo devadevaḥ sadāśivaḥ | sarvajñaṃ ca tadātmānaṃ cintayettu vicakṣaṇaḥ || 2.11 ||

hṛdayaṃ ca śiraścaiva śikhāṃ kavacameva ca | nyasedastraṃ ca mantrajño yathāsthāneṣvanukramāt || 2.12 ||

hṛdaye 'rcāvidhānaṃ tu nābhau homaṃ prakalpayet | lalāṭe tvīśvaraṃ dhyāyed varadaṃ sarvatomukham || 2.13 ||

yathārcane tathāgnau ca dhyāne snāne tathaiva ca | yathā deve tathā dehe cintayettu vicakṣaṇaḥ || 2.14 ||

kṛtvāntaḥkaraṇaṃ hyevaṃ paścādbāhyaṃ tu ṣaṇmukha | sabāhyantaraṃ kṛtvā paścādyajanamārabhet || 2.15 ||

antaḥkaraṇavinyāsapaṭalaḥ iti dvitīyaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 3

<poem>

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi snānaṃ pāpaharaṃ śubham | sakṛjjaptena saṃgṛhya mṛdā astreṇa mantravit || 3.1 ||

malasnānaṃ purā kṛtvā sakṛjjaptvā tu saṃhitām | tāmeva mṛttikāṃ paścād abhimantrya sakṛtsakṛt || 3.2 ||

bhāgatrayaṃ tataḥ kṛtvā ekamastreṇa mantrayet | dvitīyaṃ brahmabhirvatsa śivajaptaṃ tṛtīyakam || 3.3 ||

astrajaptena bhāgena diśāṃ bandhaṃ tu kārayet | śivajaptena tīrthaṃ tu brahmajaptena vigraham || 3.4 ||

kuṇṭhayitvā tataḥ snāyāc chivatīrthasya madhyataḥ | cakravatyupacāreṇa sugandhāmalakādibhiḥ || 3.5 ||

upaspṛśya vidhānena saṃdhyāṃ vandeta sādhakaḥ | mantraiḥ sarvaiḥ sakṛdvatsa upasthānaṃ tu kārayet || 3.6 ||

abhiṣekaṃ purā kṛtvā tataḥ saṃdhyāṃ samācaret | astraṃ na yojayeddehe kṣipettadbahireva ca || 3.7 ||

śarīraṃ śoṣayedvatsa tenātmani na yojayet | vighneṣu pāśajāleṣu sadā yojyaṃ vicakṣaṇaiḥ || 3.8 ||

hṛdayena tato vidvān pitṛdevāṃśca tarpayet | saṃhāraṃ tasya tīrthasya prāsādenaiva kārayet || 3.9 ||

vāruṇasnānaprakaraṇam iti tṛtīyaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 4

<poem>

bhasmasnānaṃ pravakṣyāmi tadūrdhvaṃ ca ṣaḍānana | mantraiḥ sarvaiḥ sakṛdbhasma abhimantrya yathākramam || 4.1 ||

jalasnānaṃ purā kṛtvā astrabījena ṣaṇmukha | vidhisnānaṃ tataḥ kuryān mūrdhna ārabhya mantravit || 4.2 ||

īśānena śiraḥ snāyān mukhaṃ tatpuruṣeṇa tu | hṛdayaṃ bahurūpeṇa guhyaṃ vai guhyakena tu || 4.3 ||

sarvāṅgāṇi tvajātena abhiṣekaṃ tu pañcabhiḥ | upariṣṭātprasādena snānaṃ kurvīta ṣaṇmukha || 4.4 ||

bhasmasnānaprakaraṇam iti caturthaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 5

<poem>

yajanaṃ saṃpravakṣyāmi yathāvidhyanupūrvaśaḥ | bījāṅkuraṃ purā śaktyā paścādānantamāsanam || 5.1 ||

anantaṃ cāntagaṃ kuryāt krameṇaiva ṣaḍānana | hṛdayaṃ karṇikā padmaṃ dharmaṃ jñānādimeva ca || 5.2 ||

vairāgyaṃ ca tathaiśvaryam īśāntaṃ vahnito nyaset | śaktibhiḥ kesaravyūhaṃ hṛdayena ca kalpayet || 5.3 ||

āvāhayettato devaṃ hṛdayena tu ṣaṇmukha | sthāpanaṃ pādyamarghyaṃ ca tathācamanameva ca || 5.4 ||

snapanaṃ pūjanaṃ caiva hṛdayena tu kārayet | uktānuktaṃ ca yatkiñcit tatsarvaṃ hṛdayena tu || 5.5 ||

ekāvaraṇametattu sarvakāmārthasādhanam | sarvatantreṣu sāmānyaṃ sarvajñāneṣu cottamam || 5.6 ||

yajanaprakaraṇam iti pañcamaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 6

<poem>

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi agnikāryavidhiṃ kramāt | astreṇollekhanaṃ kuryād varmaṇābhyukṣaṇaṃ tataḥ || 6.1 ||

śaktinyāsaṃ tato darbhair hṛdayenaiva kārayet | hṛdā vai śaktigarbhe tu prakṣipejjātavedasam || 6.2 ||

garbhādhānādikaṃ kṛtvā niṣkṛtiṃ cāpyapaścimām | hṛdayenaiva mantrajñaḥ sarvakarmāṇi kārayet || 6.3 ||

paścātpadmavidhānaṃ tu prāguktaṃ parikalpayet | śivādisarvamantrāṃśca homayedanupūrvaśaḥ || 6.4 ||

agnikāryaprakaraṇam iti ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 7

<poem>

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi maṇḍalaṃ sārvakāmikam | bhūmiśodhanaṃ kṛtvā śāstradṛṣṭena karmaṇā || 7.1 ||

adhivāsaṃ tataḥ kṛtvā nakṣatre guruṇānvite | ālikhenmaṇḍalaṃ prājñaḥ sarvasiddhipradaṃ śubham || 7.2 ||

sūtreṇa sumitaṃ kṛtvā caturaśraṃ samantataḥ | madhye padmaṃ pratiṣṭhāpyam aṣṭapatra sakarṇikam || 7.3 ||

ekahastaṃ dvihastaṃ vā caturhastamathāpi vā | svatantravihitaṃ prājño likhedāvaraṇatrayam || 7.4 ||

vāhayetpaścimadvāram ācāryaḥ susamāhitaḥ | āgneyyāṃ kārayetkuṇḍaṃ hastamātrapramāṇataḥ || 7.5 ||

yajñakarmavidhiṃ kuryāt susamiddhe hutāśane | pūrvādārabhya vaktrādīn vinyasedanupūrvaśaḥ || 7.6 ||

pavitrāṇi purā nyasya śivāṅgāni nyasettataḥ | āgneyyāṃ hṛdayaṃ nyasya aiśānyāṃ tu śirastathā || 7.7 ||

nairṛtyāṃ tu śikhā jñeyā kavacaṃ vāyugocare | astra dikṣvatha vinyasya karṇikāyāṃ sadāśivam || 7.8 ||

garbhanyāsavidhiḥ prokto dvitīyāvaraṇe śṛṇu | hṛdā pūrvaṃ samārabhya lokapālānprapūjayet || 7.9 ||

[tṛtīyāvaraṇe 'strāṇi svamantreṇa prapūjayet|] saṃkṣepeṇa mayā skanda vidhānaṃ parikīrtitam || 7.10 ||

anuktaṃ yadbhavetkiṃcit tatsarvaṃ mūlamāśrayet | evaṃ vidhividhānajño dīkṣākarma samācaret || 7.11 ||

maṇḍalavidhānaprakaraṇam iti sapatamaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 8

<poem>

atha dīkṣāṃ pravakṣyāmi pañcatattvavyavasthitām | pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca || 8.1 ||

pañcaitāni ca tattvāni yairvyāptamakhilaṃ jagat | sarvatattvāni tatraiva draṣṭavyāni tu sādhakaiḥ || 8.2 ||

brahmāṇḍe tu nivṛttirvai śatarudrāvadhistathā | tadūrdhvaṃ tu pratiṣṭhā syād yāvadavyaktagocaram || 8.3 ||

tato vidyā niyuktā sā yāvadvidyeśvarāntikam | śāntistadūrdhvamadhvānte śaktireva śive pade || 8.4 ||

ajñātvaitāni tattvāni yo dīkṣāṃ kartumicchati | vṛthā pariśramastasya naiva tatphalamāpnuyāt || 8.5 ||

nivṛttiḥ pṛthivī jñeyā pratiṣṭhā āpa ucyate | vidyāṃ tejo vijānīyād vāyuḥ śāntiḥ prakīrtitaḥ || 8.6 ||

śāntyatītā bhavedvyoma tatparaṃ śāntamavyayam | taṃ viditvā mahāsena śvapacānapi dīkṣayet || 8.7 ||

nivṛttiṃ hṛdayenaiva pratiṣṭhāṃ śirasā guruḥ | śivo vidyāṃ tu śikhayā śāntiṃ vai kavacena tu || 8.8 ||

śāntyatītaṃ paraṃ vyoma prāsādena tu homayet | ekaikasya śataṃ homyam ityevaṃ pañca homayet || 8.9 ||

pañcapūrṇāhutīrdadyāt prāsādena tu ṣaṇmukha | prāyaścittaviśuddhyartham aṣṭāvekaikayāhutīḥ || 8.10 ||

astrabījena mantrajño homayedanupūrvaśaḥ | evaṃ samāpyate dīkṣā jananādivivarjitā || 8.11 ||

hutenaiva tu mucyante sādhakā janmabandhanāt | iyamiṣṭirna prakāśyā gopanīyā prayatnataḥ || 8.12 ||

rahasyaṃ sarvatantrāṇām eṣa saṃskāra uttamaḥ | yoninyāsādikaṃ karmoddhāraṇaṃ cāpyapaścimam || 8.13 ||

śodhanānukramaṃ deva kathayasva yathāvidhi | daśa sapta ca ye śodhyāḥ pṛṣṭāścātra tvayā guha || 8.14 ||

yasya yadbījamuktaṃ tu tadvakṣyāmyanupūrvaśaḥ | yonibījaṃ tu hṛdaye kalpayecca yathākramam || 8.15 ||

arcanaṃ prokṣaṇaṃ caiva tāḍanaṃ ca tathā param | saṃdhānaṃ caiva saṃyogaṃ nikṣepaṃ tadanantaram || 8.16 ||

arcanaṃ ca tataḥ kuryād garbhādhānaṃ tathaiva ca | jananaṃ cādhikāraṃ ca bhogaṃ caiva layaṃ tathā || 8.17 ||

svatattve cāhutiśataṃ hṛdayena tu ṣaṇmukha | pāśacchedaṃ tathāstreṇa dadyātpūrṇāhutiṃ tataḥ || 8.18 ||

hṛdayenātra tūddhāraḥ kartavyaścāpyanukramāt | uddhāre prokṣaṇe caiva tāḍane ca tathaiva ca || 8.19 ||

humphaṭkārasamāyuktaṃ kartavyaṃ cānupūrvaśaḥ | saṃdhānaṃ caiva tattvānāṃ kartavyaṃ tu yathākramam || 8.20 ||

tattve tattve tvidaṃ karma eṣa eva vidhikramaḥ | ebhistu śodhitairvatsa vidhiṃ prāpnoti puṣkalam || 8.21 ||

anyathā naiva mucyante vidhihīnāḥ ṣaḍānana | pūrṇāhutipradānaṃ ca kartavyaṃ dhāraṇāyutam || 8.22 ||

amṛtaṃ yatparaṃ vatsa sravantaṃ manasā smaret | dīkṣāprakaraṇe hyetad yojyaṃ sarvatra sarvadā || 8.23 ||

liṅgoddhāravidhāne ca nityasaṃskārakarmasu | paśorgrahaṇamokṣaṃ tu yattvayoktaṃ purānagha || 8.24 ||

pāśā ābhyantarā bāhyāḥ kamsinsthāne kathaṃ sthitāḥ | kasminsthāne tu vicchedyāḥ sadya utkramaṇaṃ katham || 8.25 ||

paśūnāṃ caiva nirdeśaṃ kathayasva maheśvara | ādimasya dvitīyena gṛhītvātmānamātmanā || 8.26 ||

muṣṭinā yāvatsthānaṃ tan nayettaṃ suvicakṣaṇaḥ | viṣuvatsamprayogeṇa brahmādyāste śivāntakāḥ || 8.27 ||

ekatra samatāṃ yānti anyathā tu pṛthakpṛthak | dvādaśānte tu te cchedyāḥ śareṇāstreṇa saṃyutāḥ || 8.28 ||

tadā sāyujyatāṃ yānti samayaiḥ parivarjitāḥ | anirdiṣṭamasaṃjñaṃ ca yatkṛtaṃ tadvṛthā bhavet || 8.29 ||

tamuddiśya kṛtaṃ karma mokṣadaṃ tanna saṃśayaḥ | sūryasya grahaṇe vatsa viṣuvadyogasaṃyutam || 8.30 ||

āyāmānte yadā cchinnaṃ tadā cotkramate dhruvam | manasi grathitāḥ pāśāḥ sūtre maṇigaṇā iva || 8.31 ||

hṛtpadmādyāvattatpadmaṃ manastantuvitānitam | taddṛṣṭvā chedanaṃ kuryān manovṛttyā manaścchidā || 8.32 ||

manasā manasi cchinne jīvaḥ kevalatāṃ vrajet | vistaraṃ tyaja deveśa saṃkṣepātkathayasva me || 8.33 ||

yena vijñātamātreṇa paśūnmocayate kṣaṇāt | śṛṇu ṣaṇmukha tattvena yena mokṣo dhruvaṃ bhavet || 8.34 ||

prayogeṇātisūkṣmeṇa yogadṛṣṭena mantravit | divyena yogamārgeṇa śaktiṃ yaḥ prerayettu tām || 8.35 ||

taṃ viditvā mahāsena jīvaṃ prāṇamayaṃ budhaḥ | viṣuvatsamprayogeṇa yojayecchāśvate pade || 8.36 ||

yogaṃ tu viṣuvaṃ prāpya ko na mucyeta bandhanāt | pṛthivyādyabjanāḍīrvai śabdādiguṇavāyubhiḥ || 8.37 ||

ātmādhidevatā mantrāñ jñātvā muktastu mocayet | nāḍīvivarasambandhā ūrdhvanālā hyadhomukhāḥ || 8.38 ||

granthidvayayutāḥ sarve humphaḍantena yojitāḥ | tataścordhvatvamāyānti udghātaiḥ pūrvavadguha || 8.39 ||

kṣmādyānālokya manasā sabāhyābhyantaraṃ punaḥ | tattve tattve niyoktavyā viyuktā nirahaṃkṛtā || 8.40 ||

brahmādyāñśrāvayedvatsa na punarjanmatāṃ vrajet | tejaśceto dvirabhyasya āyāmo bhāskarasya tu || 8.41 ||

tāḍayitvā purā vatsa grahaṇaṃ pūrvavadbhavet | bhittvārgalāṃ nyasedyoniṃ tattvaṃ tattvena saṃdhayet | śaktibhiḥ sampuṭīkṛtya vauṣaḍantena nikṣipet || 8.42 ||

dīkṣāprakaraṇam aṣṭamam </poem>

Paṭala 9

<poem>

abhiṣekaṃ pravakṣyāmi saṃkṣepānna tu vistarāt | hitāya sādhakendrāṇāṃ parameśena bhāṣitam || 9.1 ||

mṛṇmayaṃ kalaśaṃ hyekaṃ candanena vilepitam | brahmapatrapuṭaṃ vātha padmapatramathāpi vā || 9.2 ||

sarvauṣadhiyutaṃ kṛtvā sarvagandhopaśobhitam | śatamaṣṭottaraṃ japtvā prāsādaṃ sarvatomukham || 9.3 ||

yāgaṃ kṛtvā tu pūrvoktam abhiṣekaṃ tu kārayet | śubhanakṣatradivase muhūrte karaṇānvite || 9.4 ||

bahumaṅgalanirghoṣaiḥ śaṅkhavāditraniḥsvanaiḥ | brahmaghoṣaiśca vividhair nṛttagītasamanvitaiḥ | anujñāto 'bhiṣiktaśca ācāryaḥ pāśahā bhavet || 9.5 ||

abhiṣekaprakaraṇaṃ navamam </poem>

Paṭala 10

<poem>

nāḍīcakraṃ paraṃ sūkṣmaṃ pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ | nābheradhastādyatkandam aṅkurāstatra nirgatāḥ || 10.1 ||

dvāsaptatisahasrāṇi nābhimadhye vyavasthitāḥ | tiryagūrdhvamadhaścaiva vyāptaṃ nābheḥ samantataḥ || 10.2 ||

cakravatsaṃsthitā nāḍyaḥ pradhānā daśa tāsu yāḥ | iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā ca tṛtīyakā || 10.3 ||

gāndhārī hastijihvā ca pūṣā caiva yaśāstathā | alambuṣā kuhūścaiva śaṅkhinī daśamī smṛtā || 10.4 ||

daśa prāṇavahā hyetā nāḍayaḥ parikīrtitāḥ | prāṇo 'pānaḥ samānaśca udāno vyāna eva ca || 10.5 ||

nāgaḥ kūrmo 'tha kṛkaro devadatto dhanaṃjayaḥ | prāṇastu prathamo vāyur navānāmapi sa prabhuḥ || 10.6 ||

prāṇaḥ prāṇamayaḥ prāṇo visargaḥ pūraṇaṃ prati | nityamāpūrayatyeṣa prāṇināmurasi sthitaḥ || 10.7 ||

niśvāsocchvāsakāsaistu prāṇo jīvasamāśritaḥ | prayāṇaṃ kurute yasmāt tasmātprāṇaḥ prakīrtitaḥ || 10.8 ||

apānayatyapānastu āhāraṃ ca nṛṇāmadhaḥ | mūtraśuklamalānvāyur apānastena kīrtitaḥ || 10.9 ||

pītaṃ bhakṣitamāghrātaṃ raktapittakaphādikam | samaṃ nayati gātreṣu samāno nāma mārutaḥ || 10.10 ||

spandatyadharaṃ vaktraṃ netragātraprakopanaḥ | udvejayati marmāṇi udāno nāma mārutaḥ || 10.11 ||

vyāno vināmayatyaṅgaṃ vyāno vyādhiprakopanaḥ | prītervināśakaraṇo vyāpanādvyāna ucyate || 10.12 ||

udgāre nāga ityuktaḥ kūrma unmīlane smṛtaḥ | kṛkarastu kṣute caiva devadatto vijṛmbhaṇe | dhanaṃjayaḥ sthito ghoṣe mṛtasyāpi na muñcati || 10.13 ||

ityetadvāyuvṛndaṃ hṛdi ca vinihitaṃ nābhicakrapratiṣṭhitam niśvāsocchvāsakaiḥ śvasanapuramadhaḥ kampitāghūrṇitaiśca | nityaṃ nityālpajanmā vyasanayati paśuṃ yauvane bālabhāve ākrānto vāyurekaḥ sa jananamaraṇaiḥ krīḍati bhrāntasattvaiḥ || 10.14 ||

nāḍīcakraṃ yathāvasthaṃ pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ | daśāraṃ cakramettattu vibhāgo jāyate yathā || 10.15 ||

cakre bhramatyasau jīvo daśasthāneṣvanukramāt | sa jīvo jīvalokasya budhyante naiva mohitāḥ || 10.16 ||

jīvaḥ prayāti daśadhā tena cakraṃ prakīrtitam | nāḍīcakramiti proktaṃ yena saṃkrāmati hyasau || 10.17 ||

hṛdvyomamadhye paṅkajamaṣṭadalaṃ karṇikā ca tasyāntaḥ | hṛdaye paṅkajamarkendvagnihiraṇyadyotābhāḥ śaktayastasmin || 10.18 ||

uparicarī khalu śaktistāsāṃ prāgbhāvinī śivasya tataḥ | śakticatuṣṭayapaṅkajamadhye puruṣo 'liriva sa līnaḥ || 10.19 ||

śūnyamarutsaṃdaṃśakagṛhītakaraṇātmako hyubhayato 'pi | saṃyāti yatra neyaḥ śuṣkadalaṃ māruteneva || 10.20 ||

bhrāmyati paṅkajamadhye kalācatuṣkātmapāśasaṃruddhaḥ | golakamiva helābhihatamutpatanaṃ nipātanaṃ kurute || 10.21 ||

īśvarayogādviṣuvatsaṃkrāntiścaiva siddhisaṃyogāt | sauraniyogāddakṣiṇamudagayanaṃ cāndrasaṃyogāt || 10.22 ||

ayane savyāsavye dvau puṭakau yugmato viṣuvadāhuḥ | saṃkrāntiritaścetaśca gacchatastena samākhyātā || 10.23 ||

sauraḥ savyo mārgaścāndramasaścetaraḥ samākhyātaḥ | dhanyo 'bhiṣeka induḥ sauraḥ khalu vahnisaṃdhāne || 10.24 ||

dhyānādyo viṣuvati ca prāgdalasaṃstho nṛpāvalepī syāt | tejasvī ca bubhukṣā pīḍā vā jāyate 'gnidikpatre || 10.25 ||

yāmye yāmyo bhāvo nairṛtye nairṛto vinirdiṣṭaḥ | vāruṇapatre vāruṇo mārutpatre gato marudbhāvam || 10.26 ||

saumye saumyo bhāvastvaiśe tvaiśaḥ samākhyātaḥ | yāṃ yāṃ diśamabhigacchati tadbhāvaṃ nikhilamāyāti || 10.27 ||

patrāntarālayogācchūnyamivātmā tato bhāti | iti khalu pudgalacāro nāḍīsadhānamaṇḍalaṃ mukhyam | kathitamiha siddhihetorboddhyavyaṃ yatnataḥ siddham || 10.28 ||

nāḍīcakraprakaraṇaṃ daśamam </poem>

Paṭala 11

<poem>

sa jīvo jīvalokasya jñāyate 'dhyātmago yathā | saṃśayo me mahādeva prasādībhava śūladhṛk || 11.1 ||

jīvasya puruṣākhyasya darśanaṃ śṛṇu ṣaṇmukha | kathayāmi na sandehaḥ putrasnehādviśeṣataḥ || 11.2 ||

saṃkrāntiṃ viṣuvaṃ caiva ahorātrāyanāni ca | adhimāsamṛṇaṃ cāpi ūnarātraṃ dhanaṃ tathā || 11.3 ||

ūnarātraṃ kṣutaṃ jñeyam adhimāso vijṛmbhikā | ṛṇaṃ ca kāso vijñeyo niśvāso dhanamucyate || 11.4 ||

uttaraṃ dakṣiṇaṃ jñeyaṃ vāmadakṣiṇasaṃsthitam | madhye tu viṣuvatproktaṃ puṭadvayaviniḥsṛtam || 11.5 ||

saṃkrāntiḥ punarasyaiva svasthānātsthāna eva ca | iḍā ca piṅgalā caiva amā caiva tṛtīyakā || 11.6 ||

suṣumnā madhyame hyaṅge iḍā vāme prakīrtitā | piṅgalā dakṣiṇe hyaṅge eṣu saṃkrāntirucyate || 11.7 ||

ūrdhvaṃ prāṇo hyahaḥ proktaḥ apāno rātrirucayte | vibhāgā daśa prāṇasya yo vettyevaṃ sa vedavit || 11.8 ||

āyāmo dehamadhyasthaḥ somagrahaṇamiṣyate | dehātītaṃ tu taṃ vidyād ādityagrahaṇaṃ budhaḥ || 11.9 ||

ayute dve sahasraṃ tu ṣaṭśatāni tathaiva ca | ahorātreṇa yogīndro japasaṃkhyāṃ karoti saḥ || 11.10 ||

prāṇāyāmaṃ samāsena kathayāmi tavākhilam | uccārayettu praṇavaṃ svareṇaikena yogavit || 11.11 ||

udaraṃ pūrayitvā tu vāyunā yāvadīpsitam | prāṇāyāmo bhavedeṣa pūrako dehapūrakaḥ || 11.12 ||

pidhāya sarvadvārāṇi niśvāsocchvāsavarjitaḥ | sampūrṇakumbhavattiṣṭhet prāṇāyāmaḥ sa kumbhakaḥ || 11.13 ||

muñcedvāyuṃ tataścordhvaṃ śvāsenaikena yogavit | niśvāsayogayuktastu yāvadūrdhvaṃ sa recayet || 11.14 ||

recakastveṣa vikhyātaḥ prāṇasaṃśayakārakaḥ | yattaddhṛdi sadā padmam adhomukhamavasthitam || 11.15 ||

vikasatyetadūrdhvaṃ tu pūrakeṇa tu pūritam | ūrdhvasroto bhavetpadmaṃ kumbhakena nirodhitam || 11.16 ||

recakena tathā kṣiptaṃ sadyaḥprāṇahareṇa tu | muktvā hṛdayapadmaṃ tu ūrdhvasrotovyavasthitam || 11.17 ||

recito gacchati hyūrdhvaṃ granthiṃ bhittvā kṣaṇena tu | bhittvā kapāladvāraṃ tu jīvo hyūrdhvaṃ tu recitaḥ || 11.18 ||

sadāśivapadaṃ gatvā na bhūyo janma cāpnuyāt | āyāmaḥ kriyate tasya nānyasya tu kadācana | sa jīvo jīvalokasya mayā proktaḥ samāsataḥ || 11.19 ||

ityekādaśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 12

<poem>

candrāgniriva saṃyuktā ādyā kuṇḍalinī tu yā | hṛtpradeśe tu sā jñeyā aṅkurākāravatsthitā || 12.1 ||

sṛṣṭinyāsaṃ nyasettatra dvirabhyāsapaderitam | sravantaṃ cintayettasminn amṛtaṃ sādhakottamaḥ || 12.2 ||

agnīṣomātmakaṃ sarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam | cintayedviparītaṃ tu siddhikāmaḥ samāhitaḥ || 12.3 ||

svadehaṃ cintayedvidvān divyarūpamanaupamam | yasya yatkarma coddiṣṭaṃ tatkarma paricintayet || 12.4 ||

idaṃ ca yo 'bhyasedevam amṛtaṃ sarvatomukham | acireṇaiva kālena sa siddhiphalabhāgbhavet || 12.5 ||

sṛṣṭinyāsamavijñāya kathaṃ yuñjīta sādhakaḥ | hanyānmuṣṭibhirākāśaṃ tuṣānkuṭṭayatīva saḥ || 12.6 ||

iti dvādaśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 13

<poem>

athātaḥ sampravakṣyāmi sṛṣṭiṃ mantralipeḥ kramāt | yathā tu sakalo devo niṣkalena samanvitaḥ || 13.1 ||

kalāmutpādayāmāsa sarvamantrapravartikām | oṃkāramūrdhni madhyastha oṃkāravyāpakastathā || 13.2 ||

oṃkāraprathamāṃ rekhāṃ sṛjati prabhuḥ(?) | vidyā nāma kalā sā tu varṇe varṇe vyavasthitā || 13.3 ||

oṃkārasya ukārābhā rekhā yā sampradṛśyate | pratiṣṭhā nāma sā jñeyā ukārākṣarasambhavā || 13.4 ||

mūrdhni tasya bhavedyāsau sūkṣmarekhā nirañjanā | makāro hyabhavattatra nivṛttirnāma sā kalā || 13.5 ||

oṃkāramūrdhni saṃyuktā laya oṃkāramūrdhani | rekheyaṃ vyomni nirvāṇā sā kalā śāntirucyate || 13.6 ||

saṃyogātsamprakāśeta niṣkale sakale sthitā | mūrdhanyākrāna oṃkāre śabdastatra tu jāyate || 13.7 ||

sā śaktiḥ paramā sūkṣmā bindunā sahitā matā | dīpādiva mahattejo visphuliṅgaśikhānvitam || 13.8 ||

nipatantī tridhā yāti śivavidyātmakairyathā | śāntirvidyā pratiṣṭhā ca nivṛttiśceti tāḥ kalāḥ || 13.9 ||

yā kalā rekhinī tatra patitā bindunā saha | savidyeśaḥ śivaḥ prokto devadevaḥ sadāśivaḥ || 13.10 ||

prathamaṃ tasya tadbījaṃ nādabinduritīritam | na jahāti paraṃ sthānaṃ śāśvataṃ dhruvamavyayam || 13.11 ||

binduṃ tadudare kṣiptvā mātṛvatparirakṣati | tasyordhvaṃ vāmapārśve 'tha viṣṇubījaṃ pratiṣṭhitam || 13.12 ||

dakṣiṇaṃ brahmayonistham ekameva tridhā sthitam | pārśvabindudvayopetā sā rekhā madhyataḥ sthitā || 13.13 ||

tatra devaḥ śivaḥ sūkṣmo gūḍhastiṣṭhati śaṃkaraḥ | tadbījaṃ paramaṃ devaṃ śaktigarbho maheśvaraḥ || 13.14 ||

yataḥ pravartate sarvaṃ mantratantraṃ carācaram | avyaktaṃ paramaṃ sūkṣmaṃ śaktidehaṃ nirañjanam || 13.15 ||

śivaṃ tvanādinidhanaṃ yaṃ buddhvā nābhijāyate | dakṣiṇasthaṃ hi yadbījaṃ jñānaśaktiḥ parā hi sā || 13.16 ||

tadbījamaparaṃ brahmā yatra gūḍhaḥ sa tiṣṭhati | vāmago 'tha paro binduḥ kriyāśaktiḥ parā hi sā || 13.17 ||

tatra viṣṇuḥ svayaṃ bīje gūḍhaḥ sūkṣmo nirañjanaḥ | eṣa devo 'pi sargastho visṛṣṭo yaḥ sa śambhunā || 13.18 ||

nigūḍhatvānna paśyanti yena sṛṣṭaṃ carācaram | visargājjāyate sṛṣṭir īśvaraḥ prabhureva saḥ || 13.19 ||

visṛṣṭaṃ yena tadbījaṃ visargastena cocyate | tena cāpūritamidaṃ jagatsarvaṃ ca tanmayam || 13.20 ||

śaktiraśmisamūhena śataśo 'tha sahasraśaḥ | sṛjati grasati hyeṣa saṃyojakaviyojakaḥ || 13.21 ||

jñānaśaktyā ca bhagavān anugṛhṇāti vai śivaḥ | visargācca bhavetsṛṣṭiḥ saṃhāro bindunā saha | nirvāṇaṃ tattvavijñānaṃ tantravistāragocaraḥ || 13.22 ||

mantrasṛṣṭiprakaraṇam </poem>

Paṭala 14

<poem>

saṃhāraścaiva sṛṣṭiśca sarvaṃ nigaditaṃ prabho | dīkṣitānāṃ gatibhraṃśaṃ saṃkṣepāt kathayasva me || 14.1 ||

māyāvini śaṭhe krūre niḥsattve kalahapriye | gatibhraṃśakare yoge tattvaṃ tacchṛṇu ṣaṇmukha || 14.2 ||

vidhāya mūrdhni kṣiptasya āyāme śaśinaḥ kramāt | pūrvavanmanasālokya gatiṃ tasya nivartayet || 14.3 ||

saṃhārasampuṭaṃ kūṭam ādāvante ṣaḍānana | mātṛkāyāṃ śataṃ hutvā ekaikasya pṛthak pṛthak || 14.4 ||

gatibhraṃśaprakaraṇam </poem>

Paṭala 15

<poem>

prāsādaṃ nādamutthāpya japedyaḥ satataṃ naraḥ | ṣaṇmāsātprāpnuyātsiddhiṃ yogayukto na saṃśayaḥ || 15.1 ||

gamāgamasya japataḥ sarvapāpakṣayo bhavet | aṇimādiguṇaiśvaryaṃ ṣaṇmāsaistu na saṃśayaḥ || 15.2 ||

gamāgamaṃ viditvā tu mucyate nātra saṃśayaḥ | tanmayastallayo bhūtvā ṣaṇmāsātsiddhimāpnuyāt || 15.3 ||

sthūlaḥ sūkṣmaḥ paraścaiva prāsādaḥ kathito mayā | prāsādaṃ ye na budhyanti te na budhyanti śaṅkaram || 15.4 ||

prāsādabhedaprakaraṇam </poem>

Paṭala 16

<poem>

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi prāsādasya tu lakṣaṇam | hrasvaṃ dīrghaṃ plutaṃ caiva lakṣayenmantravitsadā || 16.1 ||

hrasvo dahati pāpāni dīrgho mokṣaprado bhavet | āpyāyane plutaścaiva bindunā mūrdhni bhūṣitaḥ || 16.2 ||

sthūlabhedāstrayaḥ proktā vaśyoccāṭanamāraṇe | plutena tu sadā vaśyaṃ kurute nātra saṃśayaḥ || 16.3 ||

dīrghastūccāṭayetkṣipraṃ phaṭkāreṇa na saṃśayaḥ | ādāvante ca hrasvasya phaṭkāro māraṇe smṛtaḥ || 16.4 ||

ādāvante ca hṛdayayoga ākarṣaṇe smṛtaḥ | ākarṣayeddhruvaṃ yukto yojanānāṃ śate sthitam || 16.5 ||

evamākarṣayetsādhyaṃ nāma vijñāya tattvataḥ | sādhakasya bhavedbahvī nyūnā sādhyasya kīrtitā || 16.6 ||

evaṃ viditvā medhāvī ākarṣaṃ kurute dhruvam | avijñāya tvidaṃ samyaṅ naiva siddhyate sarvadā || 16.7 ||

yāgaṃ kṛtvā tu pūrvoktaṃ mantrasyārghyaṃ ca dāpayet | arghyaṃ dattvā tu mantrasya japaṃ kuryādvicakṣaṇaḥ || 16.8 ||

devasya dakṣiṇe bhāge pañcalakṣaṃ sthito japet | japānte ghṛtahomastu daśasāhasriko bhavet || 16.9 ||

evamāpyāyito mantraḥ karmayogyo bhavettataḥ | uktānuktāni karmāṇi siddhiṃ yānti na saṃśayaḥ || 16.10 ||

daśalakṣāṇi japato janāḥ svasthānavāsinaḥ | vaśamāyānti te kṣipram iti śāstrasya niścayaḥ || 16.11 ||

tripañcalakṣaṃ japato daśagrāmanivāsinaḥ | te janā vaśamāyānti ātmanā ca dhanena ca || 16.12 ||

evaṃ viṃśatibhirlakṣaiḥ prāsādasya ṣaḍānana | deśadeśādhipānmantrī niyataṃ vaśamānayet || 16.13 ||

lakṣāṇāṃ pañcaviṃśatyā viṣayaṃ vaśamānayet | triṃśallakṣajapādasya vaśo vai maṇḍalī bhavet || 16.14 ||

pañcatriṃśacca lakṣāṇi japanpṛthvīṃ vaśaṃ nayet | catvāriṃśajjapāddevam īkṣate hāṭakeśvaram || 16.15 ||

lakṣāṇi japtvā pañcāśadvidyādharasamo bhavet | tatraiva modate mantrī yāvadābhūtasamplavam || 16.16 ||

prāsādalakṣaṇaprakaraṇaṃ ṣoḍaśam iti ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 17

<poem>

adyāpi saṃśayo deva jñānavijñānayoḥ sphuṭam | kathaṃ vā jñāyate jñānaṃ kathaṃ vā jñeyamucyate || 17.1 ||

vijñāya pūrvamādhāraṃ paścādādheyameva ca | ādhārādheyavitprājñaḥ samarthaḥ sarvakarmasu || 17.2 ||

ādhāraḥ puramityuktam ādheyastvīśa ucyate | īśaṃ vijñāya medhāvī sadā yo nandati svayam || 17.3 ||

puryaṣṭakasamāyukto hyadha ūrdhvaṃ sa gacchati | śabdaḥ sparśaśca rūpaṃ ca raso gandhaśca pañcakam || 17.4 ||

buddhirmanastvahaṅkāraḥ puryaṣṭakamudāhṛtam | yāvadetairna nirmuktaḥ kathaṃ mucyeta bandhanāt || 17.5 ||

brahmaṇi sparśaśabdau tu rasaṃ vai keśave tyajet | rūpagandhau tyajedrudre buddhyahaṅkāramīśvare | mano binduṃ śive tyaktvā ebhirmuktaḥ śivaṃ vrajet || 17.6 ||

vijñānaprakaraṇam iti saptadaśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 18

<poem>

kālacakravidhānaṃ tu pravakṣyāmyanupūrvaśaḥ | kālacakramiti khyātaṃ yena kālaḥ prabudhyate || 18.1 ||

tryahorātrapracāreṇa trīṇyabdāni sa jīvati | dvyahorātrapracāreṇa jīvedvarṣadvayaṃ tu saḥ || 18.2 ||

ahorātrapracāreṇa abdamekaṃ sa jīvati | aharekaṃ vrajedyasya rātrimekāṃ tathaiva ca || 18.3 ||

ṣaṇmāsājjāyate mṛtyur iti śāstrasya niścayaḥ | dvitīyasyānucāreṇa ahorātraṃ sa jīvati || 18.4 ||

yathā cādyā tathā vāmā madhyamā ca tathaiva ca | kālacakraṃ samākhyātaṃ putrasnehādviśeṣataḥ || 18.5 ||

kālacakraprakaraṇam iti aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 19

<poem>

pūrvamevaṃ pratijñātaṃ śivabhedo 'ṣṭadhā sthitaḥ | kathaṃ bhidyeta deveśa tattvataḥ kathaya prabho || 19.1 ||

sakalaṃ niṣkalaṃ śūnyaṃ kalāḍhyaṃ khamalaṅkṛtam | kṣapaṇaṃ ca tathāntasthaṃ kaṇṭhoṣṭhyaṃ cāṣṭamaṃ viduḥ || 19.2 ||

prāsādaṃ ṣaṣṭhasaṃyuktaṃ ṣaḍantena samanvitam | sakalaṃ sarvabhūtasthaṃ śivatattvaṃ prakīrtitam || 19.3 ||

niṣkrāmati svayaṃ devo dehaṃ tyaktvā samārutaḥ | niṣkalaṃ taṃ vijānīyāt ṣaḍvarṇarahitaṃ śivam || 19.4 ||

niśvāsocchvasane hitvā sthito dehe tu kāṣṭhavat | śūnyaṃ taṃ tu vijānīyād dhṛdayena tu bhāvayet || 19.5 ||

cumbākāreṇa vaktreṇa yattattvaṃ parikīrtitam | kalāḍhyaṃ taṃ vijānīyād ākāśasthamatha śṛṇu || 19.6 ||

ūrdhvanādasya kṣīṇasya yadantaṃ parikīrtitam | tatrasthaṃ taṃ vijānīyād ākāśena tvalaṅkṛtam || 19.7 ||

vyāvṛtenaiva vaktreṇa brūyadevaṃ jagadgurum | duḥkhakṣapaṇamityuktaṃ tatkṣayātkṣapaṇaṃ smṛtam || 19.8 ||

adhonādasya kṣīṇasya yadantaṃ parikīrtitam | antasthaṃ taṃ vijānīyād anuccāryaṃ prakīrtitam || 19.9 ||

saptavargāṣṭamaṃ koṭiḥ saptamasya dvitīyakam | vargātītaṃ ṣaḍantaṃ ca saptamāttricaturthakam || 19.10 ||

ādimaṃ tu punaryojyaṃ ṣaṣṭhaṃ vai prathamasya tu | khaśekharasamāyuktaṃ kaṇṭhoṣṭhyaṃ cāṣṭamaṃ smṛtam || 19.11 ||

ete bhedāḥ samākhyātā aṇimādiprasādhane | anuccāryamasandigdhaṃ mokṣa ityabhidhīyate || 19.12 ||

śivabhedāṣṭakapratipādanaprakaraṇam ityekonaviṃśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 20

<poem>

kathaṃ vyāpī adhaścordhvaṃ tiryak caiva kathaṃ bhavet | etanme brūhi tattvena kāruṇyāttvaṃ maheśvara || 20.1 ||

yāvaddehe sthito jantor adhastāvadvyavasthitaḥ | nirgato vyāpayettiryagantasthaḥ sarvataḥ sthitaḥ || 20.2 ||

trimārgāvasthito devaḥ sarvadeheṣu vartate | aviditvā na mucyeta yadyapyetallayo bhavet || 20.3 ||

tattrimārgaṃ tryadhiṣṭhānaṃ sarvadeheṣu vartate | yo vettyevamimāṃ vyāptiṃ sarvavyāpī na saṃśayaḥ || 20.4 ||

na tasya garbhasambhūtir yathā devaḥ prabhāṣate | tāvadbhramati saṃsāre yāvadvyāptiṃ na vindati || 20.5 ||

viditvā vyāpinaṃ jīvaṃ mucyate nātra saṃśayaḥ | yathā tṛṇajalūkā nu tṛṇāgraṃ yāvadāgatā || 20.6 ||

upariṣṭānnirālambā tadvajjīvo 'tra saṃsthitaḥ | ūrdhvaśūnyamadhaḥ śūnyaṃ śūnyaṃ dehāntarasthitam || 20.7 ||

triśūnyaṃ yo vijānāti mucyate sa dhruvaṃ guha | vyāptiścāsya mayā proktā saṃkṣepānna tu vistarāt | ataḥ parataraṃ nāsti vyāpakaṃ vyāpakasya tu || 20.8 ||

vyāptiprakaraṇam iti viṃśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 21

<poem>

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi aṣṭadhā pratyayo yathā | anagnijvalanaṃ caiva vṛkṣasyālabhanaṃ tathā || 21.1 ||

pāśānāṃ stobhanaṃ caiva mahāpātakanāśanam | viṣasaṃharaṇaṃ caiva nirbījakaraṇaṃ tathā || 21.2 ||

grahajvaravināśaśca pratyayo 'ṣṭavidhaḥ smṛtaḥ | evaṃ jñātvā tu vidhivat khyātiḥ sarvatra jāyate || 21.3 ||

praṇavenāgnimadhyastho hakāro hrīṃ tathaiva ca | ādiroṃ ca namaścānte anagnijvalane hitam || 21.4 ||

agniṃ srotasi saṃyojya sahasrodghātasaṃyutam | pañcākṣaraprayogeṇa jvalatyeva na saṃśayaḥ || 21.5 ||

oṃkāraḥ sarvato 'dhastād rephastasyordhvataḥ sthitaḥ | pūrvavatsamprayukto 'yaṃ prayogo bhuvi durlabhaḥ || 21.6 ||

śataiḥ saptabhirudghātair ālabdho mriyate drumaḥ | bhūyasścāpyāyanaṃ tasya vāruṇe srotasi sthitam || 21.7 ||

sa jīvati punarvṛkṣo yathāpūrvaṃ tathaiva saḥ | tādṛgeva punaścāsau kiṃ tu rephavivarjitaḥ || 21.8 ||

āpyāyanavidhau hyeṣa pañcadhā bindudīpitaḥ | aukāramadhyasaṃyuktaḥ praṇavenāntadīpitaḥ || 21.9 ||

īkārādiḥ sa hau madhye vahnimadhyaṃ tataḥ param | prayogo viṣuvatkāle pāśānāṃ stobhakārakaḥ || 21.10 ||

śataiḥ pañcabhirudghātaiḥ patatyeva na saṃśayaḥ | punaścotthāpanaṃ tasya yathā bhavati tacchṛṇu || 21.11 ||

īkārādyantasaṃyuktaṃ hau ca madhye niyojitam | prāṇānusvārasandīptaṃ namo 'ntaṃ praṇavaṃ punaḥ || 21.12 ||

utthāpane prayuñjīta sarvabhūteṣu tattvavit | tāvadbhireva codghātair yojanīyaḥ prayatnataḥ || 21.13 ||

labījaṃ jīvasaṃviṣṭaṃ hakārādyantasaṃsthitam | pūrvavanmadhyasaṃsthaṃ ca vāyubindusamanvitam || 21.14 ||

yadasyārohaṇe proktaṃ gurutvaṃ jāyate yathā | bhūya eva pravakṣyāmi laghutvaṃ jāyate yathā || 21.15 ||

oṃkāro haṃ yakāreṇa hyaukāro haṃ namastathā | tulāpuruṣayogo 'yam udghātairayutena tu || 21.16 ||

sa hakāro vakāreṇa yakāreṇa ca dīpitaḥ | hyau madhye hlīṃ namaścānte vāruṇena tu buddhimat || 21.17 ||

udghātāṣṭaśatenaiva viṣaṃ saṃharati dhruvam | yathāgnijvalane dṛṣṭo nirbījakaraṇe tathā || 21.18 ||

śataiḥ pañcabhirudghātair viśeṣo 'tra vidhīyate | oṃkāramāditaḥ kṛtvā hrūṃkāraṃ tadanantaram || 21.19 ||

hrauṃ hrūṃ ca phaṇṇamaścānte grahāṇāṃ nāśane mataḥ | prayoge vāruṇe mārge udghātāṣṭaśatena tu || 21.20 ||

praṇavādi tato huṃ phaṭ huṃ phaṭ huṃ phaṭ tathaiva ca | phaṭ phaṭ phaṭ phaṭ phaḍevaṃ syād vāruṇena tu buddhimān | udghātāṣṭaśatenaiva kṣipraṃ nāśayati jvaram || 21.21 ||

pratyayaprakaraṇam ityekaviṃśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 22

<poem>

prāsādaḥ kīdṛśo jñeyo vyāptistasya ca kīdṛśī | śarīraṃ kīdṛśaṃ tasya kathayasva maheśvara || 22.1 ||

prāsādaṃ yo na jānāti pañcamantramahātanum | aṣṭatriṃśatkalopetaṃ nāsāvācārya ucyate || 22.2 ||

prāsādaṃ samyagajñātvā yo dīkṣāṃ kurute guruḥ | adhastācchiṣyamātmānaṃ nayatyatra na saṃśayaḥ || 22.3 ||

prāsādābjaśikhāntastho yastu dīkṣāṃ karoti saḥ | ācāryaḥ saha śiṣyeṇa śivasāyujyamāpnuyāt || 22.4 ||

brahmā viṣṇuśca rudraśca indraścandro bṛhaspatiḥ | prajāpatistathādityaḥ śukraḥ skando bhṛgustathā || 22.5 ||

ye cānye prāṇino devāḥ sarve proktāḥ prasādajāḥ | ete cānye ca bahavo munayaḥ saṃśitavratāḥ || 22.6 ||

dhyāyanti paramaṃ haṃsaṃ prāsādaṃ nāmarūpataḥ | vibhāgaṃ cāsya vakṣyāmi yaṃ dhyātvāmṛtamaśnute || 22.7 ||

sadyaḥ kalāṣṭasaṃyuktam akārākṣarajaṃ viduḥ | vidyādukārajaṃ vāmam aghoraṃ ca makārajam || 22.8 ||

bindujaḥ puruṣo jñeya īśānastu śikhātmajaḥ | evaṃ mantrāstu pañcaite prāsādātsambhavanti ye || 22.9 ||

daśakoṭiḥ sahasrāṇāṃ mantrāṇāmamitaujasām | iṣṭena tu prasādena sarva iṣṭā na saṃśayaḥ || 22.10 ||

mārutā nava śaktyādyā ye mantrāḥ parikīrtitāḥ | prāsādābjasamutpannāḥ sarve cāmoghaśaktayaḥ || 22.11 ||

sadyastu pṛthivī jñeyo vāmo hyāpaḥ prakīrtitaḥ | aghorasteja ityukto vāyustatpuruṣaḥ smṛtaḥ || 22.12 ||

ākāśastu bhavedīśaḥ svayaṃ devo maheśvaraḥ | sadyojātastu ṛgvedo vāmadevo yajuḥ smṛtaḥ || 22.13 ||

aghoraḥ sāmavedaḥ syād atharvaḥ puruṣaḥ smṛtaḥ | pañcamastu paraḥ sūkṣmo vyomavyāpī sadāśivaḥ || 22.14 ||

sadyojātastu vai brahmā vāmo viṣṇuḥ prakīrtitaḥ | aghoro rudradaivatya īśvaraḥ puruṣaḥ smṛtaḥ || 22.15 ||

īśānaḥ śivadaivatyo hṛdayādāvavasthitaḥ | ṣaṣṭhaṃ tu yatparaṃ tattvam asādṛśyaguṇaiḥ sthitam || 22.16 ||

tasya deho na vaktavyaḥ prākṛtairguṇasambhavaiḥ | jñātvā paramaniḥśreṇīṃ pañcasaṃsthānagāminīm || 22.17 ||

jñātameva sakṛdyena vistṛtaṃ tu tadeva tat | tatkāla eva mukto 'sau yadā jñātaṃ hi tatpadam || 22.18 ||

prāsādanirṇayaprakaraṇam iti dvāviṃśaḥ paṭalaḥ </poem>

Paṭala 23

<poem>

śṛṇu ṣaṇmukha tattvena jñānāmṛtamanuttamam | yanna kasyacidākhyātaṃ nākhyeyaṃ kathayāmi tat || 23.1 ||

dehasthaḥ sakalo jñeyo niṣkalo dehavarjitaḥ | āptopadeśagamyo 'sau sarvataḥ kimapi sthitaḥ || 23.2 ||

haṃsa haṃseti yo brūyad dhaṃso devaḥ sadāśivaḥ | guruvaktrāttu labhyeta pratyakṣaṃ sarvatomukhaḥ || 23.3 ||

tileṣu ca yathā tailaṃ puṣpe gandha iva sthitaḥ | puruṣastu śarīre 'smin sabāhyābhyantare sthitaḥ || 23.4 ||

ulkāhasto yathā kaścid dravyamālokya tāṃ tyajet | jñānena jñeyamālokya tathā jñānaṃ parityajet || 23.5 ||

puṣpaṃ tu sakalaṃ vidyād gandhastasya tu niṣkalaḥ | vṛkṣaṃ tu sakalaṃ vidyāc chāyā tasya tu niṣkalā || 23.6 ||

sakale niṣkalo bhāvaḥ sarvatraiva vyavasthitaḥ | upāyaḥ sakalastadvad upeyaścaiva niṣkalaḥ || 23.7 ||

sakale sakalo bhāvo niṣkale niṣkalastathā | trimātraśca dvimātraśca ekamātrastathaiva ca || 23.8 ||

ardhamātrā parā sūkṣmā tasyā ūrdhvaṃ parātparam | brahmā viṣṇuśca rudraśca īśvaraḥ śiva eva vā || 23.9 ||

pañcadhā pañcadaivatyaḥ sakalaḥ paripaṭhyate | brahmaṇo hṛdayaṃ sthānaṃ kaṇṭhe viṣṇuḥ samāśritaḥ || 23.10 ||

tālumadhye sthito rudro lalāṭastho maheśvaraḥ | nāsāgre tu śivaṃ vidyāt tasyānte tu paraṃ padam || 23.11 ||

parasmāttu paraṃ nāsti iti śāstrasya niścayaḥ | gamāgamaḥ kathaṃ tasya kena vā nīyate tu saḥ || 23.12 ||

saṃśayo me mahādeva kathayasva yathārthataḥ | śaktyā tu nīyate jīvas tasminprāpya nivartate || 23.13 ||

asyāntaṃ te pravakṣyāmi śṛṇu ṣaṇmukha tattvataḥ | dehātītaṃ tu tadvidyān nāsāgre dvādaśāṅgulam || 23.14 ||

tadantaṃ tadvijānīyāt tatrastho vyāpayetprabhuḥ | mano 'pyanyatra nikṣiptaṃ cakṣuranyatra pātitam || 23.15 ||

tathāpi yogināṃ yogo hyavicchinnaḥ pravartate | etattatparamaṃ guhyam etattatparamākṣaram || 23.16 ||

nātaḥ parataraṃ kiñcin nātaḥ parataraṃ śivam | nātaḥ parataraṃ jñānam ityāha bhagavāñśivaḥ || 23.17 ||

śivajñānāmṛtaṃ prāpya saṃkṣepānna tu vistarāt | kathito devadevena paramākṣaranirṇayaḥ || 23.18 ||

etatte śivasadbhāvaṃ śivavaktrādviniḥsṛtam | guhyādguhyatamaṃ guhyaṃ gūhanīyaṃ prayatnataḥ || 23.19 ||

nāśiṣyāya pradātavyaṃ nāputrāya kadācana | gurudevāgnibhaktāya nityaṃ muktiratāya ca || 23.20 ||

pradātavyamidaṃ śāstraṃ netarebhyaḥ pradāpayet | dātāsya narakaṃ yāti siddhyecca na kadācana || 23.21 ||

śivāmṛtaṃ mayā khyātaṃ satyaṃ satyamidaṃ tava | evaṃ jñātvā tu medhāvī vicarettu yathāsukham || 23.22 ||

gṛhastho brahmacārī ca vānaprastho 'tha bhaikṣukaḥ | yatra yatra sthito jñānī paramākṣaravit sadā || 23.23 ||

viṣayī viṣayāsakto yāti dehāntake śivam | jñānādevāsya śāstrasya sarvāvastho 'pi mānavaḥ || 23.24 ||

brahmahatyāśvamedhādyaiḥ puṇyapāpairna lipyate | codako bodhakaścaiva mokṣadaśca paraḥ smṛtaḥ || 23.25 ||

ityevaṃ trividho jñeya ācāryastu mahītale | codako darśayenmārgaṃ bodhakaḥ sthānamādiśet | mokṣadastu paraṃ tattvaṃ yajjñātvāmṛtamaśnute || 23.26 ||

jñānāmṛtaprakaraṇam iti trayoviṃśaḥ paṭalaḥ </poem>

Die Buchstaben als Ausdruck schöpferischer Kraft: Kapitel 13 entfaltet die innere Bedeutung der Mantraschrift.

Sardhatrisatikalottara – vollständiger Sanskrittext in Devanagari

पटलः १

<poem>

भगवन्देवदेवेश लोकनाथ जगत्पते । मन्त्रतन्त्रं त्वया प्रोक्तं विस्तराद्वस्तुसाधनम् ॥ १.१ ॥

अल्पायुषस्त्विमे मर्त्या अल्पवीर्याल्पबुद्धयः । अल्पसत्त्वाल्पवित्ताश्च लोभमोहासमन्विताः ॥ १.२ ॥

अल्पग्रन्थं महार्थं च पदार्थानीकसंकुलम् । वक्तुमर्हसि देवैषां प्रसादार्थं मम प्रभो ॥ १.३ ॥

अथातः सम्प्रवक्ष्यामि शास्त्रं परमदुर्लभम् । नाम्ना तु वातुलात्तन्त्राद् दध्नो घृतमिवोद्धृतम् ॥ १.४ ॥

नादाख्यं यत्परं बीजं सर्वभूतेष्ववस्थितम् । मुक्तिदं परमं किं च दिव्यसिद्धिप्रदायकम् ॥ १.५ ॥

तद्विदित्वा महासेन देशिकः पाशहा भवेत् । आगोपालाङ्गना बाला म्लेच्छाः प्राकृतभाषिणः ॥ १.६ ॥

अन्तर्जलगताः सत्त्वास्ते अपि नित्यं ब्रुवन्ति तम् । स्थूलं सूक्ष्मं परं ज्ञात्वा कर्म कुर्याद्यथेप्सितम् ॥ १.७ ॥

स्थूलं शब्द इति प्रोक्तं सूक्ष्मं चिन्तामयं भवेत् । चिन्तया रहितं यत्तु तत्परं परिकीर्तितम् ॥ १.८ ॥

सान्तं सर्वगतं शून्यं मात्राद्वादशके स्थितम् । ब्रह्माणि ह्रस्वाः प्रोक्तानि दीर्घा ह्यङ्गानि षण्मुख ॥ १.९ ॥

अनुस्वारो भवेन्नेत्रं सर्वेषां चोपरि स्थितः । सविसर्गं भवेदस्त्रम् अनुस्वारविवर्जितम् ॥ १.१० ॥

षष्ठं त्रयोदशान्तं च पञ्चमे विनियोजयेत् । शिवं तत्तु विजानीयान् मन्त्रमूर्तिं सदाशिवम् ॥ १.११ ॥

षष्ठमस्य द्वितीयं तु चतुर्थाद्येन संयुतम् । द्वितीयात्पञ्चमाच्चैव आदिमं योजयेत्पुनः ॥ १.१२ ॥

हन्ति विघ्नाञ्शिवास्त्रेण शिखया मुक्तिदं स्मृतम् । एतत्पाशुपतं दिव्यं सर्वपाशनिकृन्तनम् ॥ १.१३ ॥

ब्रह्माणि च शिवं साङ्गं नेत्रं पाशुपतं च यत् । समासात्कथितः सर्वो मन्त्रोद्धारस्त्वयं शुभः ॥ १.१४ ॥

अस्य मुद्रां प्रवक्ष्यामि साधकानां हिताय वै । हस्ताभ्यां संस्पृशेत्पादाद् ऊर्ध्वं यावत्तु मस्तकम् ॥ १.१५ ॥

एषा मुद्रा महामुद्रा सर्वकामार्थसाधिका । करन्यासं पुरा कृत्वा मुद्राबन्धं तु कारयेत् ॥ १.१६ ॥

तलिकां हस्तपृष्ठं च अस्त्रबीजेन शोधयेत् । कनिष्ठामादितः कृत्वा अङ्गुष्ठं चाप्यपश्चिमम् ॥ १.१७ ॥

ब्रह्माणि विन्यसेत्तत्र तथैवाङ्गानि यत्नतः । प्रासादं विन्यसेत्पश्चाद् व्यापिनं सर्वतोमुखम् ॥ १.१८ ॥

प्रथमः पटलः </poem>

पटलः २

<poem>

अन्तःकरणविन्यासो भूतशुद्धिस्तथैव च । भूतशुद्धिं पुरा कृत्वा ततो ऽन्तःकरणं कुरु ॥ २.१ ॥

हृद्बीजं पार्थिवे युक्तं पार्थिवीं धारयेत्क्रमात् । शिरो ऽप्सु तेजसि शिखां कवचं वायुना सह ॥ २.२ ॥

अस्त्रं च शिवसंयुक्तम् आकाशं धारयेत्सदा । हुंफडन्तेन पटलं भित्त्वा चोर्ध्वं विशेषतः ॥ २.३ ॥

पञ्चोद्घाताश्च चत्वारस् त्रयो द्वावेक एव च । द्वादशान्ते निरालम्बं विज्ञानं केवलं स्थितम् ॥ २.४ ॥

दीक्षायां तु यथा वत्स तत्प्रयोगं समाचरेत् । प्रक्रियान्तस्थममृतं स्रवन्तं चिन्तयेत्ततः ॥ २.५ ॥

ओमित्यनेन कमलं योगपीठं तदा भवेत् । सूर्यमण्डलसंकाशम् अकारं ह्यात्मसम्भवम् ॥ २.६ ॥

विद्यातत्त्वमुकारं तु शिवतत्त्वं मकारजम् । पुर्यष्टकं च तन्मात्रं तुर्यातीतं सदाशिवम् ॥ २.७ ॥

चिन्तयेत्परमं धाम सुषुम्नाभिन्नमस्तकम् । तेनाप्लावितमात्मानं परिपूर्णं विचिन्तयेत् ॥ २.८ ॥

यो ऽभसेदीदृशं मर्त्यः समाधिं मृत्युनाशनम् । न तस्य जायते मृत्युर् इति शास्त्रस्य निश्चयः ॥ २.९ ॥

पश्चाद्गुरोः साधकानां मूर्तेस्तु ग्रहणं भवेत् । ईशानाद्यास्तु सद्यान्तं मूर्ध्न आरभ्य विन्यसेत् ॥ २.१० ॥

नेत्रं दत्त्वा तदावाह्यो देवदेवः सदाशिवः । सर्वज्ञं च तदात्मानं चिन्तयेत्तु विचक्षणः ॥ २.११ ॥

हृदयं च शिरश्चैव शिखां कवचमेव च । न्यसेदस्त्रं च मन्त्रज्ञो यथास्थानेष्वनुक्रमात् ॥ २.१२ ॥

हृदये ऽर्चाविधानं तु नाभौ होमं प्रकल्पयेत् । ललाटे त्वीश्वरं ध्यायेद् वरदं सर्वतोमुखम् ॥ २.१३ ॥

यथार्चने तथाग्नौ च ध्याने स्नाने तथैव च । यथा देवे तथा देहे चिन्तयेत्तु विचक्षणः ॥ २.१४ ॥

कृत्वान्तःकरणं ह्येवं पश्चाद्बाह्यं तु षण्मुख । सबाह्यन्तरं कृत्वा पश्चाद्यजनमारभेत् ॥ २.१५ ॥

अन्तःकरणविन्यासपटलः इति द्वितीयः पटलः </poem>

पटलः ३

<poem>

अतः परं प्रवक्ष्यामि स्नानं पापहरं शुभम् । सकृज्जप्तेन संगृह्य मृदा अस्त्रेण मन्त्रवित् ॥ ३.१ ॥

मलस्नानं पुरा कृत्वा सकृज्जप्त्वा तु संहिताम् । तामेव मृत्तिकां पश्चाद् अभिमन्त्र्य सकृत्सकृत् ॥ ३.२ ॥

भागत्रयं ततः कृत्वा एकमस्त्रेण मन्त्रयेत् । द्वितीयं ब्रह्मभिर्वत्स शिवजप्तं तृतीयकम् ॥ ३.३ ॥

अस्त्रजप्तेन भागेन दिशां बन्धं तु कारयेत् । शिवजप्तेन तीर्थं तु ब्रह्मजप्तेन विग्रहम् ॥ ३.४ ॥

कुण्ठयित्वा ततः स्नायाच् छिवतीर्थस्य मध्यतः । चक्रवत्युपचारेण सुगन्धामलकादिभिः ॥ ३.५ ॥

उपस्पृश्य विधानेन संध्यां वन्देत साधकः । मन्त्रैः सर्वैः सकृद्वत्स उपस्थानं तु कारयेत् ॥ ३.६ ॥

अभिषेकं पुरा कृत्वा ततः संध्यां समाचरेत् । अस्त्रं न योजयेद्देहे क्षिपेत्तद्बहिरेव च ॥ ३.७ ॥

शरीरं शोषयेद्वत्स तेनात्मनि न योजयेत् । विघ्नेषु पाशजालेषु सदा योज्यं विचक्षणैः ॥ ३.८ ॥

हृदयेन ततो विद्वान् पितृदेवांश्च तर्पयेत् । संहारं तस्य तीर्थस्य प्रासादेनैव कारयेत् ॥ ३.९ ॥

वारुणस्नानप्रकरणम् इति तृतीयः पटलः </poem>

पटलः ४

<poem>

भस्मस्नानं प्रवक्ष्यामि तदूर्ध्वं च षडानन । मन्त्रैः सर्वैः सकृद्भस्म अभिमन्त्र्य यथाक्रमम् ॥ ४.१ ॥

जलस्नानं पुरा कृत्वा अस्त्रबीजेन षण्मुख । विधिस्नानं ततः कुर्यान् मूर्ध्न आरभ्य मन्त्रवित् ॥ ४.२ ॥

ईशानेन शिरः स्नायान् मुखं तत्पुरुषेण तु । हृदयं बहुरूपेण गुह्यं वै गुह्यकेन तु ॥ ४.३ ॥

सर्वाङ्गाणि त्वजातेन अभिषेकं तु पञ्चभिः । उपरिष्टात्प्रसादेन स्नानं कुर्वीत षण्मुख ॥ ४.४ ॥

भस्मस्नानप्रकरणम् इति चतुर्थः पटलः </poem>

पटलः ५

<poem>

यजनं संप्रवक्ष्यामि यथाविध्यनुपूर्वशः । बीजाङ्कुरं पुरा शक्त्या पश्चादानन्तमासनम् ॥ ५.१ ॥

अनन्तं चान्तगं कुर्यात् क्रमेणैव षडानन । हृदयं कर्णिका पद्मं धर्मं ज्ञानादिमेव च ॥ ५.२ ॥

वैराग्यं च तथैश्वर्यम् ईशान्तं वह्नितो न्यसेत् । शक्तिभिः केसरव्यूहं हृदयेन च कल्पयेत् ॥ ५.३ ॥

आवाहयेत्ततो देवं हृदयेन तु षण्मुख । स्थापनं पाद्यमर्घ्यं च तथाचमनमेव च ॥ ५.४ ॥

स्नपनं पूजनं चैव हृदयेन तु कारयेत् । उक्तानुक्तं च यत्किञ्चित् तत्सर्वं हृदयेन तु ॥ ५.५ ॥

एकावरणमेतत्तु सर्वकामार्थसाधनम् । सर्वतन्त्रेषु सामान्यं सर्वज्ञानेषु चोत्तमम् ॥ ५.६ ॥

यजनप्रकरणम् इति पञ्चमः पटलः </poem>

पटलः ६

<poem>

अतः परं प्रवक्ष्यामि अग्निकार्यविधिं क्रमात् । अस्त्रेणोल्लेखनं कुर्याद् वर्मणाभ्युक्षणं ततः ॥ ६.१ ॥

शक्तिन्यासं ततो दर्भैर् हृदयेनैव कारयेत् । हृदा वै शक्तिगर्भे तु प्रक्षिपेज्जातवेदसम् ॥ ६.२ ॥

गर्भाधानादिकं कृत्वा निष्कृतिं चाप्यपश्चिमाम् । हृदयेनैव मन्त्रज्ञः सर्वकर्माणि कारयेत् ॥ ६.३ ॥

पश्चात्पद्मविधानं तु प्रागुक्तं परिकल्पयेत् । शिवादिसर्वमन्त्रांश्च होमयेदनुपूर्वशः ॥ ६.४ ॥

अग्निकार्यप्रकरणम् इति षष्ठः पटलः </poem>

पटलः ७

<poem>

अतः परं प्रवक्ष्यामि मण्डलं सार्वकामिकम् । भूमिशोधनं कृत्वा शास्त्रदृष्टेन कर्मणा ॥ ७.१ ॥

अधिवासं ततः कृत्वा नक्षत्रे गुरुणान्विते । आलिखेन्मण्डलं प्राज्ञः सर्वसिद्धिप्रदं शुभम् ॥ ७.२ ॥

सूत्रेण सुमितं कृत्वा चतुरश्रं समन्ततः । मध्ये पद्मं प्रतिष्ठाप्यम् अष्टपत्र सकर्णिकम् ॥ ७.३ ॥

एकहस्तं द्विहस्तं वा चतुर्हस्तमथापि वा । स्वतन्त्रविहितं प्राज्ञो लिखेदावरणत्रयम् ॥ ७.४ ॥

वाहयेत्पश्चिमद्वारम् आचार्यः सुसमाहितः । आग्नेय्यां कारयेत्कुण्डं हस्तमात्रप्रमाणतः ॥ ७.५ ॥

यज्ञकर्मविधिं कुर्यात् सुसमिद्धे हुताशने । पूर्वादारभ्य वक्त्रादीन् विन्यसेदनुपूर्वशः ॥ ७.६ ॥

पवित्राणि पुरा न्यस्य शिवाङ्गानि न्यसेत्ततः । आग्नेय्यां हृदयं न्यस्य ऐशान्यां तु शिरस्तथा ॥ ७.७ ॥

नैरृत्यां तु शिखा ज्ञेया कवचं वायुगोचरे । अस्त्र दिक्ष्वथ विन्यस्य कर्णिकायां सदाशिवम् ॥ ७.८ ॥

गर्भन्यासविधिः प्रोक्तो द्वितीयावरणे शृणु । हृदा पूर्वं समारभ्य लोकपालान्प्रपूजयेत् ॥ ७.९ ॥

[तृतीयावरणे ऽस्त्राणि स्वमन्त्रेण प्रपूजयेत्।] संक्षेपेण मया स्कन्द विधानं परिकीर्तितम् ॥ ७.१० ॥

अनुक्तं यद्भवेत्किंचित् तत्सर्वं मूलमाश्रयेत् । एवं विधिविधानज्ञो दीक्षाकर्म समाचरेत् ॥ ७.११ ॥

मण्डलविधानप्रकरणम् इति सपतमः पटलः </poem>

पटलः ८

<poem>

अथ दीक्षां प्रवक्ष्यामि पञ्चतत्त्वव्यवस्थिताम् । पृथिव्यापस्तथा तेजो वायुराकाशमेव च ॥ ८.१ ॥

पञ्चैतानि च तत्त्वानि यैर्व्याप्तमखिलं जगत् । सर्वतत्त्वानि तत्रैव द्रष्टव्यानि तु साधकैः ॥ ८.२ ॥

ब्रह्माण्डे तु निवृत्तिर्वै शतरुद्रावधिस्तथा । तदूर्ध्वं तु प्रतिष्ठा स्याद् यावदव्यक्तगोचरम् ॥ ८.३ ॥

ततो विद्या नियुक्ता सा यावद्विद्येश्वरान्तिकम् । शान्तिस्तदूर्ध्वमध्वान्ते शक्तिरेव शिवे पदे ॥ ८.४ ॥

अज्ञात्वैतानि तत्त्वानि यो दीक्षां कर्तुमिच्छति । वृथा परिश्रमस्तस्य नैव तत्फलमाप्नुयात् ॥ ८.५ ॥

निवृत्तिः पृथिवी ज्ञेया प्रतिष्ठा आप उच्यते । विद्यां तेजो विजानीयाद् वायुः शान्तिः प्रकीर्तितः ॥ ८.६ ॥

शान्त्यतीता भवेद्व्योम तत्परं शान्तमव्ययम् । तं विदित्वा महासेन श्वपचानपि दीक्षयेत् ॥ ८.७ ॥

निवृत्तिं हृदयेनैव प्रतिष्ठां शिरसा गुरुः । शिवो विद्यां तु शिखया शान्तिं वै कवचेन तु ॥ ८.८ ॥

शान्त्यतीतं परं व्योम प्रासादेन तु होमयेत् । एकैकस्य शतं होम्यम् इत्येवं पञ्च होमयेत् ॥ ८.९ ॥

पञ्चपूर्णाहुतीर्दद्यात् प्रासादेन तु षण्मुख । प्रायश्चित्तविशुद्ध्यर्थम् अष्टावेकैकयाहुतीः ॥ ८.१० ॥

अस्त्रबीजेन मन्त्रज्ञो होमयेदनुपूर्वशः । एवं समाप्यते दीक्षा जननादिविवर्जिता ॥ ८.११ ॥

हुतेनैव तु मुच्यन्ते साधका जन्मबन्धनात् । इयमिष्टिर्न प्रकाश्या गोपनीया प्रयत्नतः ॥ ८.१२ ॥

रहस्यं सर्वतन्त्राणाम् एष संस्कार उत्तमः । योनिन्यासादिकं कर्मोद्धारणं चाप्यपश्चिमम् ॥ ८.१३ ॥

शोधनानुक्रमं देव कथयस्व यथाविधि । दश सप्त च ये शोध्याः पृष्टाश्चात्र त्वया गुह ॥ ८.१४ ॥

यस्य यद्बीजमुक्तं तु तद्वक्ष्याम्यनुपूर्वशः । योनिबीजं तु हृदये कल्पयेच्च यथाक्रमम् ॥ ८.१५ ॥

अर्चनं प्रोक्षणं चैव ताडनं च तथा परम् । संधानं चैव संयोगं निक्षेपं तदनन्तरम् ॥ ८.१६ ॥

अर्चनं च ततः कुर्याद् गर्भाधानं तथैव च । जननं चाधिकारं च भोगं चैव लयं तथा ॥ ८.१७ ॥

स्वतत्त्वे चाहुतिशतं हृदयेन तु षण्मुख । पाशच्छेदं तथास्त्रेण दद्यात्पूर्णाहुतिं ततः ॥ ८.१८ ॥

हृदयेनात्र तूद्धारः कर्तव्यश्चाप्यनुक्रमात् । उद्धारे प्रोक्षणे चैव ताडने च तथैव च ॥ ८.१९ ॥

हुम्फट्कारसमायुक्तं कर्तव्यं चानुपूर्वशः । संधानं चैव तत्त्वानां कर्तव्यं तु यथाक्रमम् ॥ ८.२० ॥

तत्त्वे तत्त्वे त्विदं कर्म एष एव विधिक्रमः । एभिस्तु शोधितैर्वत्स विधिं प्राप्नोति पुष्कलम् ॥ ८.२१ ॥

अन्यथा नैव मुच्यन्ते विधिहीनाः षडानन । पूर्णाहुतिप्रदानं च कर्तव्यं धारणायुतम् ॥ ८.२२ ॥

अमृतं यत्परं वत्स स्रवन्तं मनसा स्मरेत् । दीक्षाप्रकरणे ह्येतद् योज्यं सर्वत्र सर्वदा ॥ ८.२३ ॥

लिङ्गोद्धारविधाने च नित्यसंस्कारकर्मसु । पशोर्ग्रहणमोक्षं तु यत्त्वयोक्तं पुरानघ ॥ ८.२४ ॥

पाशा आभ्यन्तरा बाह्याः कम्सिन्स्थाने कथं स्थिताः । कस्मिन्स्थाने तु विच्छेद्याः सद्य उत्क्रमणं कथम् ॥ ८.२५ ॥

पशूनां चैव निर्देशं कथयस्व महेश्वर । आदिमस्य द्वितीयेन गृहीत्वात्मानमात्मना ॥ ८.२६ ॥

मुष्टिना यावत्स्थानं तन् नयेत्तं सुविचक्षणः । विषुवत्सम्प्रयोगेण ब्रह्माद्यास्ते शिवान्तकाः ॥ ८.२७ ॥

एकत्र समतां यान्ति अन्यथा तु पृथक्पृथक् । द्वादशान्ते तु ते च्छेद्याः शरेणास्त्रेण संयुताः ॥ ८.२८ ॥

तदा सायुज्यतां यान्ति समयैः परिवर्जिताः । अनिर्दिष्टमसंज्ञं च यत्कृतं तद्वृथा भवेत् ॥ ८.२९ ॥

तमुद्दिश्य कृतं कर्म मोक्षदं तन्न संशयः । सूर्यस्य ग्रहणे वत्स विषुवद्योगसंयुतम् ॥ ८.३० ॥

आयामान्ते यदा च्छिन्नं तदा चोत्क्रमते ध्रुवम् । मनसि ग्रथिताः पाशाः सूत्रे मणिगणा इव ॥ ८.३१ ॥

हृत्पद्माद्यावत्तत्पद्मं मनस्तन्तुवितानितम् । तद्दृष्ट्वा छेदनं कुर्यान् मनोवृत्त्या मनश्च्छिदा ॥ ८.३२ ॥

मनसा मनसि च्छिन्ने जीवः केवलतां व्रजेत् । विस्तरं त्यज देवेश संक्षेपात्कथयस्व मे ॥ ८.३३ ॥

येन विज्ञातमात्रेण पशून्मोचयते क्षणात् । शृणु षण्मुख तत्त्वेन येन मोक्षो ध्रुवं भवेत् ॥ ८.३४ ॥

प्रयोगेणातिसूक्ष्मेण योगदृष्टेन मन्त्रवित् । दिव्येन योगमार्गेण शक्तिं यः प्रेरयेत्तु ताम् ॥ ८.३५ ॥

तं विदित्वा महासेन जीवं प्राणमयं बुधः । विषुवत्सम्प्रयोगेण योजयेच्छाश्वते पदे ॥ ८.३६ ॥

योगं तु विषुवं प्राप्य को न मुच्येत बन्धनात् । पृथिव्याद्यब्जनाडीर्वै शब्दादिगुणवायुभिः ॥ ८.३७ ॥

आत्माधिदेवता मन्त्राञ् ज्ञात्वा मुक्तस्तु मोचयेत् । नाडीविवरसम्बन्धा ऊर्ध्वनाला ह्यधोमुखाः ॥ ८.३८ ॥

ग्रन्थिद्वययुताः सर्वे हुम्फडन्तेन योजिताः । ततश्चोर्ध्वत्वमायान्ति उद्घातैः पूर्ववद्गुह ॥ ८.३९ ॥

क्ष्माद्यानालोक्य मनसा सबाह्याभ्यन्तरं पुनः । तत्त्वे तत्त्वे नियोक्तव्या वियुक्ता निरहंकृता ॥ ८.४० ॥

ब्रह्माद्याञ्श्रावयेद्वत्स न पुनर्जन्मतां व्रजेत् । तेजश्चेतो द्विरभ्यस्य आयामो भास्करस्य तु ॥ ८.४१ ॥

ताडयित्वा पुरा वत्स ग्रहणं पूर्ववद्भवेत् । भित्त्वार्गलां न्यसेद्योनिं तत्त्वं तत्त्वेन संधयेत् । शक्तिभिः सम्पुटीकृत्य वौषडन्तेन निक्षिपेत् ॥ ८.४२ ॥

दीक्षाप्रकरणम् अष्टमम् </poem>

पटलः ९

<poem>

अभिषेकं प्रवक्ष्यामि संक्षेपान्न तु विस्तरात् । हिताय साधकेन्द्राणां परमेशेन भाषितम् ॥ ९.१ ॥

मृण्मयं कलशं ह्येकं चन्दनेन विलेपितम् । ब्रह्मपत्रपुटं वाथ पद्मपत्रमथापि वा ॥ ९.२ ॥

सर्वौषधियुतं कृत्वा सर्वगन्धोपशोभितम् । शतमष्टोत्तरं जप्त्वा प्रासादं सर्वतोमुखम् ॥ ९.३ ॥

यागं कृत्वा तु पूर्वोक्तम् अभिषेकं तु कारयेत् । शुभनक्षत्रदिवसे मुहूर्ते करणान्विते ॥ ९.४ ॥

बहुमङ्गलनिर्घोषैः शङ्खवादित्रनिःस्वनैः । ब्रह्मघोषैश्च विविधैर् नृत्तगीतसमन्वितैः । अनुज्ञातो ऽभिषिक्तश्च आचार्यः पाशहा भवेत् ॥ ९.५ ॥

अभिषेकप्रकरणं नवमम् </poem>

पटलः १०

<poem>

नाडीचक्रं परं सूक्ष्मं प्रवक्ष्याम्यनुपूर्वशः । नाभेरधस्ताद्यत्कन्दम् अङ्कुरास्तत्र निर्गताः ॥ १०.१ ॥

द्वासप्ततिसहस्राणि नाभिमध्ये व्यवस्थिताः । तिर्यगूर्ध्वमधश्चैव व्याप्तं नाभेः समन्ततः ॥ १०.२ ॥

चक्रवत्संस्थिता नाड्यः प्रधाना दश तासु याः । इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्ना च तृतीयका ॥ १०.३ ॥

गान्धारी हस्तिजिह्वा च पूषा चैव यशास्तथा । अलम्बुषा कुहूश्चैव शङ्खिनी दशमी स्मृता ॥ १०.४ ॥

दश प्राणवहा ह्येता नाडयः परिकीर्तिताः । प्राणो ऽपानः समानश्च उदानो व्यान एव च ॥ १०.५ ॥

नागः कूर्मो ऽथ कृकरो देवदत्तो धनंजयः । प्राणस्तु प्रथमो वायुर् नवानामपि स प्रभुः ॥ १०.६ ॥

प्राणः प्राणमयः प्राणो विसर्गः पूरणं प्रति । नित्यमापूरयत्येष प्राणिनामुरसि स्थितः ॥ १०.७ ॥

निश्वासोच्छ्वासकासैस्तु प्राणो जीवसमाश्रितः । प्रयाणं कुरुते यस्मात् तस्मात्प्राणः प्रकीर्तितः ॥ १०.८ ॥

अपानयत्यपानस्तु आहारं च नृणामधः । मूत्रशुक्लमलान्वायुर् अपानस्तेन कीर्तितः ॥ १०.९ ॥

पीतं भक्षितमाघ्रातं रक्तपित्तकफादिकम् । समं नयति गात्रेषु समानो नाम मारुतः ॥ १०.१० ॥

स्पन्दत्यधरं वक्त्रं नेत्रगात्रप्रकोपनः । उद्वेजयति मर्माणि उदानो नाम मारुतः ॥ १०.११ ॥

व्यानो विनामयत्यङ्गं व्यानो व्याधिप्रकोपनः । प्रीतेर्विनाशकरणो व्यापनाद्व्यान उच्यते ॥ १०.१२ ॥

उद्गारे नाग इत्युक्तः कूर्म उन्मीलने स्मृतः । कृकरस्तु क्षुते चैव देवदत्तो विजृम्भणे । धनंजयः स्थितो घोषे मृतस्यापि न मुञ्चति ॥ १०.१३ ॥

इत्येतद्वायुवृन्दं हृदि च विनिहितं नाभिचक्रप्रतिष्ठितम् निश्वासोच्छ्वासकैः श्वसनपुरमधः कम्पिताघूर्णितैश्च । नित्यं नित्याल्पजन्मा व्यसनयति पशुं यौवने बालभावे आक्रान्तो वायुरेकः स जननमरणैः क्रीडति भ्रान्तसत्त्वैः ॥ १०.१४ ॥

नाडीचक्रं यथावस्थं प्रवक्ष्याम्यनुपूर्वशः । दशारं चक्रमेत्तत्तु विभागो जायते यथा ॥ १०.१५ ॥

चक्रे भ्रमत्यसौ जीवो दशस्थानेष्वनुक्रमात् । स जीवो जीवलोकस्य बुध्यन्ते नैव मोहिताः ॥ १०.१६ ॥

जीवः प्रयाति दशधा तेन चक्रं प्रकीर्तितम् । नाडीचक्रमिति प्रोक्तं येन संक्रामति ह्यसौ ॥ १०.१७ ॥

हृद्व्योममध्ये पङ्कजमष्टदलं कर्णिका च तस्यान्तः । हृदये पङ्कजमर्केन्द्वग्निहिरण्यद्योताभाः शक्तयस्तस्मिन् ॥ १०.१८ ॥

उपरिचरी खलु शक्तिस्तासां प्राग्भाविनी शिवस्य ततः । शक्तिचतुष्टयपङ्कजमध्ये पुरुषो ऽलिरिव स लीनः ॥ १०.१९ ॥

शून्यमरुत्संदंशकगृहीतकरणात्मको ह्युभयतो ऽपि । संयाति यत्र नेयः शुष्कदलं मारुतेनेव ॥ १०.२० ॥

भ्राम्यति पङ्कजमध्ये कलाचतुष्कात्मपाशसंरुद्धः । गोलकमिव हेलाभिहतमुत्पतनं निपातनं कुरुते ॥ १०.२१ ॥

ईश्वरयोगाद्विषुवत्संक्रान्तिश्चैव सिद्धिसंयोगात् । सौरनियोगाद्दक्षिणमुदगयनं चान्द्रसंयोगात् ॥ १०.२२ ॥

अयने सव्यासव्ये द्वौ पुटकौ युग्मतो विषुवदाहुः । संक्रान्तिरितश्चेतश्च गच्छतस्तेन समाख्याता ॥ १०.२३ ॥

सौरः सव्यो मार्गश्चान्द्रमसश्चेतरः समाख्यातः । धन्यो ऽभिषेक इन्दुः सौरः खलु वह्निसंधाने ॥ १०.२४ ॥

ध्यानाद्यो विषुवति च प्राग्दलसंस्थो नृपावलेपी स्यात् । तेजस्वी च बुभुक्षा पीडा वा जायते ऽग्निदिक्पत्रे ॥ १०.२५ ॥

याम्ये याम्यो भावो नैरृत्ये नैरृतो विनिर्दिष्टः । वारुणपत्रे वारुणो मारुत्पत्रे गतो मरुद्भावम् ॥ १०.२६ ॥

सौम्ये सौम्यो भावस्त्वैशे त्वैशः समाख्यातः । यां यां दिशमभिगच्छति तद्भावं निखिलमायाति ॥ १०.२७ ॥

पत्रान्तरालयोगाच्छून्यमिवात्मा ततो भाति । इति खलु पुद्गलचारो नाडीसधानमण्डलं मुख्यम् । कथितमिह सिद्धिहेतोर्बोद्ध्यव्यं यत्नतः सिद्धम् ॥ १०.२८ ॥

नाडीचक्रप्रकरणं दशमम् </poem>

पटलः ११

<poem>

स जीवो जीवलोकस्य ज्ञायते ऽध्यात्मगो यथा । संशयो मे महादेव प्रसादीभव शूलधृक् ॥ ११.१ ॥

जीवस्य पुरुषाख्यस्य दर्शनं शृणु षण्मुख । कथयामि न सन्देहः पुत्रस्नेहाद्विशेषतः ॥ ११.२ ॥

संक्रान्तिं विषुवं चैव अहोरात्रायनानि च । अधिमासमृणं चापि ऊनरात्रं धनं तथा ॥ ११.३ ॥

ऊनरात्रं क्षुतं ज्ञेयम् अधिमासो विजृम्भिका । ऋणं च कासो विज्ञेयो निश्वासो धनमुच्यते ॥ ११.४ ॥

उत्तरं दक्षिणं ज्ञेयं वामदक्षिणसंस्थितम् । मध्ये तु विषुवत्प्रोक्तं पुटद्वयविनिःसृतम् ॥ ११.५ ॥

संक्रान्तिः पुनरस्यैव स्वस्थानात्स्थान एव च । इडा च पिङ्गला चैव अमा चैव तृतीयका ॥ ११.६ ॥

सुषुम्ना मध्यमे ह्यङ्गे इडा वामे प्रकीर्तिता । पिङ्गला दक्षिणे ह्यङ्गे एषु संक्रान्तिरुच्यते ॥ ११.७ ॥

ऊर्ध्वं प्राणो ह्यहः प्रोक्तः अपानो रात्रिरुचय्ते । विभागा दश प्राणस्य यो वेत्त्येवं स वेदवित् ॥ ११.८ ॥

आयामो देहमध्यस्थः सोमग्रहणमिष्यते । देहातीतं तु तं विद्याद् आदित्यग्रहणं बुधः ॥ ११.९ ॥

अयुते द्वे सहस्रं तु षट्शतानि तथैव च । अहोरात्रेण योगीन्द्रो जपसंख्यां करोति सः ॥ ११.१० ॥

प्राणायामं समासेन कथयामि तवाखिलम् । उच्चारयेत्तु प्रणवं स्वरेणैकेन योगवित् ॥ ११.११ ॥

उदरं पूरयित्वा तु वायुना यावदीप्सितम् । प्राणायामो भवेदेष पूरको देहपूरकः ॥ ११.१२ ॥

पिधाय सर्वद्वाराणि निश्वासोच्छ्वासवर्जितः । सम्पूर्णकुम्भवत्तिष्ठेत् प्राणायामः स कुम्भकः ॥ ११.१३ ॥

मुञ्चेद्वायुं ततश्चोर्ध्वं श्वासेनैकेन योगवित् । निश्वासयोगयुक्तस्तु यावदूर्ध्वं स रेचयेत् ॥ ११.१४ ॥

रेचकस्त्वेष विख्यातः प्राणसंशयकारकः । यत्तद्धृदि सदा पद्मम् अधोमुखमवस्थितम् ॥ ११.१५ ॥

विकसत्येतदूर्ध्वं तु पूरकेण तु पूरितम् । ऊर्ध्वस्रोतो भवेत्पद्मं कुम्भकेन निरोधितम् ॥ ११.१६ ॥

रेचकेन तथा क्षिप्तं सद्यःप्राणहरेण तु । मुक्त्वा हृदयपद्मं तु ऊर्ध्वस्रोतोव्यवस्थितम् ॥ ११.१७ ॥

रेचितो गच्छति ह्यूर्ध्वं ग्रन्थिं भित्त्वा क्षणेन तु । भित्त्वा कपालद्वारं तु जीवो ह्यूर्ध्वं तु रेचितः ॥ ११.१८ ॥

सदाशिवपदं गत्वा न भूयो जन्म चाप्नुयात् । आयामः क्रियते तस्य नान्यस्य तु कदाचन । स जीवो जीवलोकस्य मया प्रोक्तः समासतः ॥ ११.१९ ॥

इत्येकादशः पटलः </poem>

पटलः १२

<poem>

चन्द्राग्निरिव संयुक्ता आद्या कुण्डलिनी तु या । हृत्प्रदेशे तु सा ज्ञेया अङ्कुराकारवत्स्थिता ॥ १२.१ ॥

सृष्टिन्यासं न्यसेत्तत्र द्विरभ्यासपदेरितम् । स्रवन्तं चिन्तयेत्तस्मिन्न् अमृतं साधकोत्तमः ॥ १२.२ ॥

अग्नीषोमात्मकं सर्वं जगत्स्थावरजङ्गमम् । चिन्तयेद्विपरीतं तु सिद्धिकामः समाहितः ॥ १२.३ ॥

स्वदेहं चिन्तयेद्विद्वान् दिव्यरूपमनौपमम् । यस्य यत्कर्म चोद्दिष्टं तत्कर्म परिचिन्तयेत् ॥ १२.४ ॥

इदं च यो ऽभ्यसेदेवम् अमृतं सर्वतोमुखम् । अचिरेणैव कालेन स सिद्धिफलभाग्भवेत् ॥ १२.५ ॥

सृष्टिन्यासमविज्ञाय कथं युञ्जीत साधकः । हन्यान्मुष्टिभिराकाशं तुषान्कुट्टयतीव सः ॥ १२.६ ॥

इति द्वादशः पटलः </poem>

पटलः १३

<poem>

अथातः सम्प्रवक्ष्यामि सृष्टिं मन्त्रलिपेः क्रमात् । यथा तु सकलो देवो निष्कलेन समन्वितः ॥ १३.१ ॥

कलामुत्पादयामास सर्वमन्त्रप्रवर्तिकाम् । ओंकारमूर्ध्नि मध्यस्थ ओंकारव्यापकस्तथा ॥ १३.२ ॥

ओंकारप्रथमां रेखां सृजति प्रभुः(?) । विद्या नाम कला सा तु वर्णे वर्णे व्यवस्थिता ॥ १३.३ ॥

ओंकारस्य उकाराभा रेखा या सम्प्रदृश्यते । प्रतिष्ठा नाम सा ज्ञेया उकाराक्षरसम्भवा ॥ १३.४ ॥

मूर्ध्नि तस्य भवेद्यासौ सूक्ष्मरेखा निरञ्जना । मकारो ह्यभवत्तत्र निवृत्तिर्नाम सा कला ॥ १३.५ ॥

ओंकारमूर्ध्नि संयुक्ता लय ओंकारमूर्धनि । रेखेयं व्योम्नि निर्वाणा सा कला शान्तिरुच्यते ॥ १३.६ ॥

संयोगात्सम्प्रकाशेत निष्कले सकले स्थिता । मूर्धन्याक्रान ओंकारे शब्दस्तत्र तु जायते ॥ १३.७ ॥

सा शक्तिः परमा सूक्ष्मा बिन्दुना सहिता मता । दीपादिव महत्तेजो विस्फुलिङ्गशिखान्वितम् ॥ १३.८ ॥

निपतन्ती त्रिधा याति शिवविद्यात्मकैर्यथा । शान्तिर्विद्या प्रतिष्ठा च निवृत्तिश्चेति ताः कलाः ॥ १३.९ ॥

या कला रेखिनी तत्र पतिता बिन्दुना सह । सविद्येशः शिवः प्रोक्तो देवदेवः सदाशिवः ॥ १३.१० ॥

प्रथमं तस्य तद्बीजं नादबिन्दुरितीरितम् । न जहाति परं स्थानं शाश्वतं ध्रुवमव्ययम् ॥ १३.११ ॥

बिन्दुं तदुदरे क्षिप्त्वा मातृवत्परिरक्षति । तस्योर्ध्वं वामपार्श्वे ऽथ विष्णुबीजं प्रतिष्ठितम् ॥ १३.१२ ॥

दक्षिणं ब्रह्मयोनिस्थम् एकमेव त्रिधा स्थितम् । पार्श्वबिन्दुद्वयोपेता सा रेखा मध्यतः स्थिता ॥ १३.१३ ॥

तत्र देवः शिवः सूक्ष्मो गूढस्तिष्ठति शंकरः । तद्बीजं परमं देवं शक्तिगर्भो महेश्वरः ॥ १३.१४ ॥

यतः प्रवर्तते सर्वं मन्त्रतन्त्रं चराचरम् । अव्यक्तं परमं सूक्ष्मं शक्तिदेहं निरञ्जनम् ॥ १३.१५ ॥

शिवं त्वनादिनिधनं यं बुद्ध्वा नाभिजायते । दक्षिणस्थं हि यद्बीजं ज्ञानशक्तिः परा हि सा ॥ १३.१६ ॥

तद्बीजमपरं ब्रह्मा यत्र गूढः स तिष्ठति । वामगो ऽथ परो बिन्दुः क्रियाशक्तिः परा हि सा ॥ १३.१७ ॥

तत्र विष्णुः स्वयं बीजे गूढः सूक्ष्मो निरञ्जनः । एष देवो ऽपि सर्गस्थो विसृष्टो यः स शम्भुना ॥ १३.१८ ॥

निगूढत्वान्न पश्यन्ति येन सृष्टं चराचरम् । विसर्गाज्जायते सृष्टिर् ईश्वरः प्रभुरेव सः ॥ १३.१९ ॥

विसृष्टं येन तद्बीजं विसर्गस्तेन चोच्यते । तेन चापूरितमिदं जगत्सर्वं च तन्मयम् ॥ १३.२० ॥

शक्तिरश्मिसमूहेन शतशो ऽथ सहस्रशः । सृजति ग्रसति ह्येष संयोजकवियोजकः ॥ १३.२१ ॥

ज्ञानशक्त्या च भगवान् अनुगृह्णाति वै शिवः । विसर्गाच्च भवेत्सृष्टिः संहारो बिन्दुना सह । निर्वाणं तत्त्वविज्ञानं तन्त्रविस्तारगोचरः ॥ १३.२२ ॥

मन्त्रसृष्टिप्रकरणम् </poem>

पटलः १४

<poem>

संहारश्चैव सृष्टिश्च सर्वं निगदितं प्रभो । दीक्षितानां गतिभ्रंशं संक्षेपात् कथयस्व मे ॥ १४.१ ॥

मायाविनि शठे क्रूरे निःसत्त्वे कलहप्रिये । गतिभ्रंशकरे योगे तत्त्वं तच्छृणु षण्मुख ॥ १४.२ ॥

विधाय मूर्ध्नि क्षिप्तस्य आयामे शशिनः क्रमात् । पूर्ववन्मनसालोक्य गतिं तस्य निवर्तयेत् ॥ १४.३ ॥

संहारसम्पुटं कूटम् आदावन्ते षडानन । मातृकायां शतं हुत्वा एकैकस्य पृथक् पृथक् ॥ १४.४ ॥

गतिभ्रंशप्रकरणम् </poem>

पटलः १५

<poem>

प्रासादं नादमुत्थाप्य जपेद्यः सततं नरः । षण्मासात्प्राप्नुयात्सिद्धिं योगयुक्तो न संशयः ॥ १५.१ ॥

गमागमस्य जपतः सर्वपापक्षयो भवेत् । अणिमादिगुणैश्वर्यं षण्मासैस्तु न संशयः ॥ १५.२ ॥

गमागमं विदित्वा तु मुच्यते नात्र संशयः । तन्मयस्तल्लयो भूत्वा षण्मासात्सिद्धिमाप्नुयात् ॥ १५.३ ॥

स्थूलः सूक्ष्मः परश्चैव प्रासादः कथितो मया । प्रासादं ये न बुध्यन्ति ते न बुध्यन्ति शङ्करम् ॥ १५.४ ॥

प्रासादभेदप्रकरणम् </poem>

पटलः १६

<poem>

अतः परं प्रवक्ष्यामि प्रासादस्य तु लक्षणम् । ह्रस्वं दीर्घं प्लुतं चैव लक्षयेन्मन्त्रवित्सदा ॥ १६.१ ॥

ह्रस्वो दहति पापानि दीर्घो मोक्षप्रदो भवेत् । आप्यायने प्लुतश्चैव बिन्दुना मूर्ध्नि भूषितः ॥ १६.२ ॥

स्थूलभेदास्त्रयः प्रोक्ता वश्योच्चाटनमारणे । प्लुतेन तु सदा वश्यं कुरुते नात्र संशयः ॥ १६.३ ॥

दीर्घस्तूच्चाटयेत्क्षिप्रं फट्कारेण न संशयः । आदावन्ते च ह्रस्वस्य फट्कारो मारणे स्मृतः ॥ १६.४ ॥

आदावन्ते च हृदययोग आकर्षणे स्मृतः । आकर्षयेद्ध्रुवं युक्तो योजनानां शते स्थितम् ॥ १६.५ ॥

एवमाकर्षयेत्साध्यं नाम विज्ञाय तत्त्वतः । साधकस्य भवेद्बह्वी न्यूना साध्यस्य कीर्तिता ॥ १६.६ ॥

एवं विदित्वा मेधावी आकर्षं कुरुते ध्रुवम् । अविज्ञाय त्विदं सम्यङ् नैव सिद्ध्यते सर्वदा ॥ १६.७ ॥

यागं कृत्वा तु पूर्वोक्तं मन्त्रस्यार्घ्यं च दापयेत् । अर्घ्यं दत्त्वा तु मन्त्रस्य जपं कुर्याद्विचक्षणः ॥ १६.८ ॥

देवस्य दक्षिणे भागे पञ्चलक्षं स्थितो जपेत् । जपान्ते घृतहोमस्तु दशसाहस्रिको भवेत् ॥ १६.९ ॥

एवमाप्यायितो मन्त्रः कर्मयोग्यो भवेत्ततः । उक्तानुक्तानि कर्माणि सिद्धिं यान्ति न संशयः ॥ १६.१० ॥

दशलक्षाणि जपतो जनाः स्वस्थानवासिनः । वशमायान्ति ते क्षिप्रम् इति शास्त्रस्य निश्चयः ॥ १६.११ ॥

त्रिपञ्चलक्षं जपतो दशग्रामनिवासिनः । ते जना वशमायान्ति आत्मना च धनेन च ॥ १६.१२ ॥

एवं विंशतिभिर्लक्षैः प्रासादस्य षडानन । देशदेशाधिपान्मन्त्री नियतं वशमानयेत् ॥ १६.१३ ॥

लक्षाणां पञ्चविंशत्या विषयं वशमानयेत् । त्रिंशल्लक्षजपादस्य वशो वै मण्डली भवेत् ॥ १६.१४ ॥

पञ्चत्रिंशच्च लक्षाणि जपन्पृथ्वीं वशं नयेत् । चत्वारिंशज्जपाद्देवम् ईक्षते हाटकेश्वरम् ॥ १६.१५ ॥

लक्षाणि जप्त्वा पञ्चाशद्विद्याधरसमो भवेत् । तत्रैव मोदते मन्त्री यावदाभूतसम्प्लवम् ॥ १६.१६ ॥

प्रासादलक्षणप्रकरणं षोडशम् इति षोडशः पटलः </poem>

पटलः १७

<poem>

अद्यापि संशयो देव ज्ञानविज्ञानयोः स्फुटम् । कथं वा ज्ञायते ज्ञानं कथं वा ज्ञेयमुच्यते ॥ १७.१ ॥

विज्ञाय पूर्वमाधारं पश्चादाधेयमेव च । आधाराधेयवित्प्राज्ञः समर्थः सर्वकर्मसु ॥ १७.२ ॥

आधारः पुरमित्युक्तम् आधेयस्त्वीश उच्यते । ईशं विज्ञाय मेधावी सदा यो नन्दति स्वयम् ॥ १७.३ ॥

पुर्यष्टकसमायुक्तो ह्यध ऊर्ध्वं स गच्छति । शब्दः स्पर्शश्च रूपं च रसो गन्धश्च पञ्चकम् ॥ १७.४ ॥

बुद्धिर्मनस्त्वहङ्कारः पुर्यष्टकमुदाहृतम् । यावदेतैर्न निर्मुक्तः कथं मुच्येत बन्धनात् ॥ १७.५ ॥

ब्रह्मणि स्पर्शशब्दौ तु रसं वै केशवे त्यजेत् । रूपगन्धौ त्यजेद्रुद्रे बुद्ध्यहङ्कारमीश्वरे । मनो बिन्दुं शिवे त्यक्त्वा एभिर्मुक्तः शिवं व्रजेत् ॥ १७.६ ॥

विज्ञानप्रकरणम् इति सप्तदशः पटलः </poem>

पटलः १८

<poem>

कालचक्रविधानं तु प्रवक्ष्याम्यनुपूर्वशः । कालचक्रमिति ख्यातं येन कालः प्रबुध्यते ॥ १८.१ ॥

त्र्यहोरात्रप्रचारेण त्रीण्यब्दानि स जीवति । द्व्यहोरात्रप्रचारेण जीवेद्वर्षद्वयं तु सः ॥ १८.२ ॥

अहोरात्रप्रचारेण अब्दमेकं स जीवति । अहरेकं व्रजेद्यस्य रात्रिमेकां तथैव च ॥ १८.३ ॥

षण्मासाज्जायते मृत्युर् इति शास्त्रस्य निश्चयः । द्वितीयस्यानुचारेण अहोरात्रं स जीवति ॥ १८.४ ॥

यथा चाद्या तथा वामा मध्यमा च तथैव च । कालचक्रं समाख्यातं पुत्रस्नेहाद्विशेषतः ॥ १८.५ ॥

कालचक्रप्रकरणम् इति अष्टादशः पटलः </poem>

पटलः १९

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पूर्वमेवं प्रतिज्ञातं शिवभेदो ऽष्टधा स्थितः । कथं भिद्येत देवेश तत्त्वतः कथय प्रभो ॥ १९.१ ॥

सकलं निष्कलं शून्यं कलाढ्यं खमलङ्कृतम् । क्षपणं च तथान्तस्थं कण्ठोष्ठ्यं चाष्टमं विदुः ॥ १९.२ ॥

प्रासादं षष्ठसंयुक्तं षडन्तेन समन्वितम् । सकलं सर्वभूतस्थं शिवतत्त्वं प्रकीर्तितम् ॥ १९.३ ॥

निष्क्रामति स्वयं देवो देहं त्यक्त्वा समारुतः । निष्कलं तं विजानीयात् षड्वर्णरहितं शिवम् ॥ १९.४ ॥

निश्वासोच्छ्वसने हित्वा स्थितो देहे तु काष्ठवत् । शून्यं तं तु विजानीयाद् धृदयेन तु भावयेत् ॥ १९.५ ॥

चुम्बाकारेण वक्त्रेण यत्तत्त्वं परिकीर्तितम् । कलाढ्यं तं विजानीयाद् आकाशस्थमथ शृणु ॥ १९.६ ॥

ऊर्ध्वनादस्य क्षीणस्य यदन्तं परिकीर्तितम् । तत्रस्थं तं विजानीयाद् आकाशेन त्वलङ्कृतम् ॥ १९.७ ॥

व्यावृतेनैव वक्त्रेण ब्रूयदेवं जगद्गुरुम् । दुःखक्षपणमित्युक्तं तत्क्षयात्क्षपणं स्मृतम् ॥ १९.८ ॥

अधोनादस्य क्षीणस्य यदन्तं परिकीर्तितम् । अन्तस्थं तं विजानीयाद् अनुच्चार्यं प्रकीर्तितम् ॥ १९.९ ॥

सप्तवर्गाष्टमं कोटिः सप्तमस्य द्वितीयकम् । वर्गातीतं षडन्तं च सप्तमात्त्रिचतुर्थकम् ॥ १९.१० ॥

आदिमं तु पुनर्योज्यं षष्ठं वै प्रथमस्य तु । खशेखरसमायुक्तं कण्ठोष्ठ्यं चाष्टमं स्मृतम् ॥ १९.११ ॥

एते भेदाः समाख्याता अणिमादिप्रसाधने । अनुच्चार्यमसन्दिग्धं मोक्ष इत्यभिधीयते ॥ १९.१२ ॥

शिवभेदाष्टकप्रतिपादनप्रकरणम् इत्येकोनविंशः पटलः </poem>

पटलः २०

<poem>

कथं व्यापी अधश्चोर्ध्वं तिर्यक् चैव कथं भवेत् । एतन्मे ब्रूहि तत्त्वेन कारुण्यात्त्वं महेश्वर ॥ २०.१ ॥

यावद्देहे स्थितो जन्तोर् अधस्तावद्व्यवस्थितः । निर्गतो व्यापयेत्तिर्यगन्तस्थः सर्वतः स्थितः ॥ २०.२ ॥

त्रिमार्गावस्थितो देवः सर्वदेहेषु वर्तते । अविदित्वा न मुच्येत यद्यप्येतल्लयो भवेत् ॥ २०.३ ॥

तत्त्रिमार्गं त्र्यधिष्ठानं सर्वदेहेषु वर्तते । यो वेत्त्येवमिमां व्याप्तिं सर्वव्यापी न संशयः ॥ २०.४ ॥

न तस्य गर्भसम्भूतिर् यथा देवः प्रभाषते । तावद्भ्रमति संसारे यावद्व्याप्तिं न विन्दति ॥ २०.५ ॥

विदित्वा व्यापिनं जीवं मुच्यते नात्र संशयः । यथा तृणजलूका नु तृणाग्रं यावदागता ॥ २०.६ ॥

उपरिष्टान्निरालम्बा तद्वज्जीवो ऽत्र संस्थितः । ऊर्ध्वशून्यमधः शून्यं शून्यं देहान्तरस्थितम् ॥ २०.७ ॥

त्रिशून्यं यो विजानाति मुच्यते स ध्रुवं गुह । व्याप्तिश्चास्य मया प्रोक्ता संक्षेपान्न तु विस्तरात् । अतः परतरं नास्ति व्यापकं व्यापकस्य तु ॥ २०.८ ॥

व्याप्तिप्रकरणम् इति विंशः पटलः </poem>

पटलः २१

<poem>

अतः परं प्रवक्ष्यामि अष्टधा प्रत्ययो यथा । अनग्निज्वलनं चैव वृक्षस्यालभनं तथा ॥ २१.१ ॥

पाशानां स्तोभनं चैव महापातकनाशनम् । विषसंहरणं चैव निर्बीजकरणं तथा ॥ २१.२ ॥

ग्रहज्वरविनाशश्च प्रत्ययो ऽष्टविधः स्मृतः । एवं ज्ञात्वा तु विधिवत् ख्यातिः सर्वत्र जायते ॥ २१.३ ॥

प्रणवेनाग्निमध्यस्थो हकारो ह्रीं तथैव च । आदिरों च नमश्चान्ते अनग्निज्वलने हितम् ॥ २१.४ ॥

अग्निं स्रोतसि संयोज्य सहस्रोद्घातसंयुतम् । पञ्चाक्षरप्रयोगेण ज्वलत्येव न संशयः ॥ २१.५ ॥

ओंकारः सर्वतो ऽधस्ताद् रेफस्तस्योर्ध्वतः स्थितः । पूर्ववत्सम्प्रयुक्तो ऽयं प्रयोगो भुवि दुर्लभः ॥ २१.६ ॥

शतैः सप्तभिरुद्घातैर् आलब्धो म्रियते द्रुमः । भूयस्श्चाप्यायनं तस्य वारुणे स्रोतसि स्थितम् ॥ २१.७ ॥

स जीवति पुनर्वृक्षो यथापूर्वं तथैव सः । तादृगेव पुनश्चासौ किं तु रेफविवर्जितः ॥ २१.८ ॥

आप्यायनविधौ ह्येष पञ्चधा बिन्दुदीपितः । औकारमध्यसंयुक्तः प्रणवेनान्तदीपितः ॥ २१.९ ॥

ईकारादिः स हौ मध्ये वह्निमध्यं ततः परम् । प्रयोगो विषुवत्काले पाशानां स्तोभकारकः ॥ २१.१० ॥

शतैः पञ्चभिरुद्घातैः पतत्येव न संशयः । पुनश्चोत्थापनं तस्य यथा भवति तच्छृणु ॥ २१.११ ॥

ईकाराद्यन्तसंयुक्तं हौ च मध्ये नियोजितम् । प्राणानुस्वारसन्दीप्तं नमो ऽन्तं प्रणवं पुनः ॥ २१.१२ ॥

उत्थापने प्रयुञ्जीत सर्वभूतेषु तत्त्ववित् । तावद्भिरेव चोद्घातैर् योजनीयः प्रयत्नतः ॥ २१.१३ ॥

लबीजं जीवसंविष्टं हकाराद्यन्तसंस्थितम् । पूर्ववन्मध्यसंस्थं च वायुबिन्दुसमन्वितम् ॥ २१.१४ ॥

यदस्यारोहणे प्रोक्तं गुरुत्वं जायते यथा । भूय एव प्रवक्ष्यामि लघुत्वं जायते यथा ॥ २१.१५ ॥

ओंकारो हं यकारेण ह्यौकारो हं नमस्तथा । तुलापुरुषयोगो ऽयम् उद्घातैरयुतेन तु ॥ २१.१६ ॥

स हकारो वकारेण यकारेण च दीपितः । ह्यौ मध्ये ह्लीं नमश्चान्ते वारुणेन तु बुद्धिमत् ॥ २१.१७ ॥

उद्घाताष्टशतेनैव विषं संहरति ध्रुवम् । यथाग्निज्वलने दृष्टो निर्बीजकरणे तथा ॥ २१.१८ ॥

शतैः पञ्चभिरुद्घातैर् विशेषो ऽत्र विधीयते । ओंकारमादितः कृत्वा ह्रूंकारं तदनन्तरम् ॥ २१.१९ ॥

ह्रौं ह्रूं च फण्णमश्चान्ते ग्रहाणां नाशने मतः । प्रयोगे वारुणे मार्गे उद्घाताष्टशतेन तु ॥ २१.२० ॥

प्रणवादि ततो हुं फट् हुं फट् हुं फट् तथैव च । फट् फट् फट् फट् फडेवं स्याद् वारुणेन तु बुद्धिमान् । उद्घाताष्टशतेनैव क्षिप्रं नाशयति ज्वरम् ॥ २१.२१ ॥

प्रत्ययप्रकरणम् इत्येकविंशः पटलः </poem>

पटलः २२

<poem>

प्रासादः कीदृशो ज्ञेयो व्याप्तिस्तस्य च कीदृशी । शरीरं कीदृशं तस्य कथयस्व महेश्वर ॥ २२.१ ॥

प्रासादं यो न जानाति पञ्चमन्त्रमहातनुम् । अष्टत्रिंशत्कलोपेतं नासावाचार्य उच्यते ॥ २२.२ ॥

प्रासादं सम्यगज्ञात्वा यो दीक्षां कुरुते गुरुः । अधस्ताच्छिष्यमात्मानं नयत्यत्र न संशयः ॥ २२.३ ॥

प्रासादाब्जशिखान्तस्थो यस्तु दीक्षां करोति सः । आचार्यः सह शिष्येण शिवसायुज्यमाप्नुयात् ॥ २२.४ ॥

ब्रह्मा विष्णुश्च रुद्रश्च इन्द्रश्चन्द्रो बृहस्पतिः । प्रजापतिस्तथादित्यः शुक्रः स्कन्दो भृगुस्तथा ॥ २२.५ ॥

ये चान्ये प्राणिनो देवाः सर्वे प्रोक्ताः प्रसादजाः । एते चान्ये च बहवो मुनयः संशितव्रताः ॥ २२.६ ॥

ध्यायन्ति परमं हंसं प्रासादं नामरूपतः । विभागं चास्य वक्ष्यामि यं ध्यात्वामृतमश्नुते ॥ २२.७ ॥

सद्यः कलाष्टसंयुक्तम् अकाराक्षरजं विदुः । विद्यादुकारजं वामम् अघोरं च मकारजम् ॥ २२.८ ॥

बिन्दुजः पुरुषो ज्ञेय ईशानस्तु शिखात्मजः । एवं मन्त्रास्तु पञ्चैते प्रासादात्सम्भवन्ति ये ॥ २२.९ ॥

दशकोटिः सहस्राणां मन्त्राणाममितौजसाम् । इष्टेन तु प्रसादेन सर्व इष्टा न संशयः ॥ २२.१० ॥

मारुता नव शक्त्याद्या ये मन्त्राः परिकीर्तिताः । प्रासादाब्जसमुत्पन्नाः सर्वे चामोघशक्तयः ॥ २२.११ ॥

सद्यस्तु पृथिवी ज्ञेयो वामो ह्यापः प्रकीर्तितः । अघोरस्तेज इत्युक्तो वायुस्तत्पुरुषः स्मृतः ॥ २२.१२ ॥

आकाशस्तु भवेदीशः स्वयं देवो महेश्वरः । सद्योजातस्तु ऋग्वेदो वामदेवो यजुः स्मृतः ॥ २२.१३ ॥

अघोरः सामवेदः स्याद् अथर्वः पुरुषः स्मृतः । पञ्चमस्तु परः सूक्ष्मो व्योमव्यापी सदाशिवः ॥ २२.१४ ॥

सद्योजातस्तु वै ब्रह्मा वामो विष्णुः प्रकीर्तितः । अघोरो रुद्रदैवत्य ईश्वरः पुरुषः स्मृतः ॥ २२.१५ ॥

ईशानः शिवदैवत्यो हृदयादाववस्थितः । षष्ठं तु यत्परं तत्त्वम् असादृश्यगुणैः स्थितम् ॥ २२.१६ ॥

तस्य देहो न वक्तव्यः प्राकृतैर्गुणसम्भवैः । ज्ञात्वा परमनिःश्रेणीं पञ्चसंस्थानगामिनीम् ॥ २२.१७ ॥

ज्ञातमेव सकृद्येन विस्तृतं तु तदेव तत् । तत्काल एव मुक्तो ऽसौ यदा ज्ञातं हि तत्पदम् ॥ २२.१८ ॥

प्रासादनिर्णयप्रकरणम् इति द्वाविंशः पटलः </poem>

पटलः २३

<poem>

शृणु षण्मुख तत्त्वेन ज्ञानामृतमनुत्तमम् । यन्न कस्यचिदाख्यातं नाख्येयं कथयामि तत् ॥ २३.१ ॥

देहस्थः सकलो ज्ञेयो निष्कलो देहवर्जितः । आप्तोपदेशगम्यो ऽसौ सर्वतः किमपि स्थितः ॥ २३.२ ॥

हंस हंसेति यो ब्रूयद् धंसो देवः सदाशिवः । गुरुवक्त्रात्तु लभ्येत प्रत्यक्षं सर्वतोमुखः ॥ २३.३ ॥

तिलेषु च यथा तैलं पुष्पे गन्ध इव स्थितः । पुरुषस्तु शरीरे ऽस्मिन् सबाह्याभ्यन्तरे स्थितः ॥ २३.४ ॥

उल्काहस्तो यथा कश्चिद् द्रव्यमालोक्य तां त्यजेत् । ज्ञानेन ज्ञेयमालोक्य तथा ज्ञानं परित्यजेत् ॥ २३.५ ॥

पुष्पं तु सकलं विद्याद् गन्धस्तस्य तु निष्कलः । वृक्षं तु सकलं विद्याच् छाया तस्य तु निष्कला ॥ २३.६ ॥

सकले निष्कलो भावः सर्वत्रैव व्यवस्थितः । उपायः सकलस्तद्वद् उपेयश्चैव निष्कलः ॥ २३.७ ॥

सकले सकलो भावो निष्कले निष्कलस्तथा । त्रिमात्रश्च द्विमात्रश्च एकमात्रस्तथैव च ॥ २३.८ ॥

अर्धमात्रा परा सूक्ष्मा तस्या ऊर्ध्वं परात्परम् । ब्रह्मा विष्णुश्च रुद्रश्च ईश्वरः शिव एव वा ॥ २३.९ ॥

पञ्चधा पञ्चदैवत्यः सकलः परिपठ्यते । ब्रह्मणो हृदयं स्थानं कण्ठे विष्णुः समाश्रितः ॥ २३.१० ॥

तालुमध्ये स्थितो रुद्रो ललाटस्थो महेश्वरः । नासाग्रे तु शिवं विद्यात् तस्यान्ते तु परं पदम् ॥ २३.११ ॥

परस्मात्तु परं नास्ति इति शास्त्रस्य निश्चयः । गमागमः कथं तस्य केन वा नीयते तु सः ॥ २३.१२ ॥

संशयो मे महादेव कथयस्व यथार्थतः । शक्त्या तु नीयते जीवस् तस्मिन्प्राप्य निवर्तते ॥ २३.१३ ॥

अस्यान्तं ते प्रवक्ष्यामि शृणु षण्मुख तत्त्वतः । देहातीतं तु तद्विद्यान् नासाग्रे द्वादशाङ्गुलम् ॥ २३.१४ ॥

तदन्तं तद्विजानीयात् तत्रस्थो व्यापयेत्प्रभुः । मनो ऽप्यन्यत्र निक्षिप्तं चक्षुरन्यत्र पातितम् ॥ २३.१५ ॥

तथापि योगिनां योगो ह्यविच्छिन्नः प्रवर्तते । एतत्तत्परमं गुह्यम् एतत्तत्परमाक्षरम् ॥ २३.१६ ॥

नातः परतरं किञ्चिन् नातः परतरं शिवम् । नातः परतरं ज्ञानम् इत्याह भगवाञ्शिवः ॥ २३.१७ ॥

शिवज्ञानामृतं प्राप्य संक्षेपान्न तु विस्तरात् । कथितो देवदेवेन परमाक्षरनिर्णयः ॥ २३.१८ ॥

एतत्ते शिवसद्भावं शिववक्त्राद्विनिःसृतम् । गुह्याद्गुह्यतमं गुह्यं गूहनीयं प्रयत्नतः ॥ २३.१९ ॥

नाशिष्याय प्रदातव्यं नापुत्राय कदाचन । गुरुदेवाग्निभक्ताय नित्यं मुक्तिरताय च ॥ २३.२० ॥

प्रदातव्यमिदं शास्त्रं नेतरेभ्यः प्रदापयेत् । दातास्य नरकं याति सिद्ध्येच्च न कदाचन ॥ २३.२१ ॥

शिवामृतं मया ख्यातं सत्यं सत्यमिदं तव । एवं ज्ञात्वा तु मेधावी विचरेत्तु यथासुखम् ॥ २३.२२ ॥

गृहस्थो ब्रह्मचारी च वानप्रस्थो ऽथ भैक्षुकः । यत्र यत्र स्थितो ज्ञानी परमाक्षरवित् सदा ॥ २३.२३ ॥

विषयी विषयासक्तो याति देहान्तके शिवम् । ज्ञानादेवास्य शास्त्रस्य सर्वावस्थो ऽपि मानवः ॥ २३.२४ ॥

ब्रह्महत्याश्वमेधाद्यैः पुण्यपापैर्न लिप्यते । चोदको बोधकश्चैव मोक्षदश्च परः स्मृतः ॥ २३.२५ ॥

इत्येवं त्रिविधो ज्ञेय आचार्यस्तु महीतले । चोदको दर्शयेन्मार्गं बोधकः स्थानमादिशेत् । मोक्षदस्तु परं तत्त्वं यज्ज्ञात्वामृतमश्नुते ॥ २३.२६ ॥

ज्ञानामृतप्रकरणम् इति त्रयोविंशः पटलः </poem>

Sardhatrisatikalottara – vollständige deutsche Übersetzung

Kapitel 1: Mantra, Klang und Mudra

1.1 Erhabener, Herr der Götter, Beschützer der Welt, Gebieter des Alls! Du hast ausführlich die Mantralehre verkündet, durch die sich die erstrebten Ziele verwirklichen lassen.

1.2 Doch diese Sterblichen leben nur kurz; ihre Kraft und Einsicht sind gering. Sie besitzen wenig innere Stärke und wenig Vermögen und sind von Gier und Verblendung erfüllt.

1.3 Würdige dich, o Gott und mein Herr, aus Gnade zu diesen Menschen eine kurze Schrift mit tiefem Sinn zu verkünden, die eine Fülle wesentlicher Gegenstände enthält.

1.4 Nun werde ich eine höchst seltene Lehre verkünden, die aus dem Tantra namens Vātula herausgehoben wurde wie geklärte Butter aus geronnener Milch.

1.5 Jener höchste Keim, der Nāda, innerer Klang, genannt wird, wohnt in allen Wesen. Er schenkt die höchste Befreiung und verleiht auch göttliche Vollkommenheiten.

1.6 Wer ihn erkennt, o Mahāsena, wird als Lehrer zum Löser der Fesseln. Selbst Hirtenfrauen, Kinder, Menschen außerhalb der vedischen Kultur und Sprecher der Volkssprachen …

1.7 … und sogar die im Wasser lebenden Wesen äußern ihn unaufhörlich. Wer seine grobe, subtile und höchste Form kennt, soll die jeweils beabsichtigte Handlung ausführen.

1.8 Die grobe Form wird hörbarer Klang genannt; die subtile besteht aus gedanklichem Vergegenwärtigen. Was frei von Gedanken ist, wird als das Höchste bezeichnet.

1.9 Es endet mit „sa“, ist alldurchdringend und leer und befindet sich im Bereich von zwölf Mātrās. Die kurzen Formen heißen Brahma-Mantras, die langen Glied-Mantras, o Sechsgesichtiger.

1.10 Der Anusvāra, der über ihnen allen steht, bildet das Augen-Mantra. Mit Visarga und ohne Anusvāra entsteht das Waffen-Mantra.

1.11 Man füge den sechsten und den am Ende des dreizehnten stehenden Laut dem fünften hinzu. Dies soll man als Shiva erkennen, als Sadāshiva in Mantragestalt.

1.12 Den sechsten [Laut] und dessen zweiten [Bestandteil] verbinde man mit dem ersten der vierten [Gruppe]; sodann füge man den ersten aus der zweiten und aus der fünften [Gruppe] hinzu.

1.13 Mit Shivas Waffen-Mantra beseitigt man Hindernisse; in Verbindung mit dem Schikhā-Mantra gilt es als befreiend. Dies ist das göttliche Pāshupata, das alle Fesseln durchschneidet.

1.14 Die Brahma-Mantras, Shiva mit seinen Gliedern, das Augen-Mantra und das Pāshupata: Damit ist die ganze segensreiche Herleitung der Mantras kurz erklärt.

1.15 Zum Wohl der Übenden werde ich nun die zugehörige Mudra erklären. Mit beiden Händen berühre man den Körper von den Füßen aufwärts bis zum Scheitel.

1.16 Dies ist die große Mudra, die alle erstrebten Ziele verwirklicht. Nachdem man zuerst die Mantras in die Hände eingesetzt hat, soll man die Mudra bilden.

1.17 Handfläche und Handrücken reinige man mit der Keimsilbe der Waffe. Beim kleinen Finger beginne man; der Daumen komme zuletzt.

1.18 Dort setze man sorgfältig die Brahma-Mantras und ebenso die Glied-Mantras ein. Zuletzt setze man den alles durchdringenden, nach allen Seiten gerichteten Prāsāda ein.

Kapitel 2: Innere Verehrung und Reinigung der Elemente

2.1 [Nun folgen] die innere rituelle Zurüstung und die Reinigung der Elemente. Zuerst vollziehe man die Reinigung der Elemente, dann die innere Zurüstung.

2.2 Mit der Herz-Keimsilbe, verbunden mit dem Erdelement, übe man die Erd-Konzentration. Entsprechend verbinde man das Haupt-Mantra mit Wasser, das Scheitel-Mantra mit Feuer und das Panzer-Mantra mit Wind.

2.3 Über den Raum meditiere man mit dem Waffen-Mantra, verbunden mit Shiva. Mit der Endung huṃ phaṭ durchbreche man die Hülle, insbesondere nach oben.

2.4 Die aufwärtsführenden Impulse sind fünf, vier, drei, zwei und einer. Am Zwölfer-Endpunkt ruht das reine Bewusstsein ohne Stütze.

2.5 Wie bei der Einweihung, mein Kind, vollziehe man diese Anwendung. Dann stelle man sich den Nektar vor, der innerhalb dieser rituellen Ordnung strömt.

2.6 Durch die Silbe Om wird der Lotus zum Sitz des Yoga. Das A, das aus dem Selbst hervorgeht, erstrahlt wie die Sonnenscheibe.

2.7 Das U ist das Erkenntnisprinzip; das Shiva-Prinzip geht aus dem M hervor. Den achtfachen subtilen Leib und die subtilen Sinnesgrundlagen [betrachte man in dieser Ordnung], Sadāshiva aber als jenseits des vierten Zustands.

2.8 Man vergegenwärtige sich die höchste Stätte, bei der die Sushumnā den Scheitel durchbrochen hat. Man sehe sich selbst von ihr überflutet und ganz erfüllt.

2.9 Für den Sterblichen, der eine solche Versenkung übt, die den Tod vernichtet, gibt es keinen Tod: So lautet die feste Aussage der Schrift.

2.10 Danach nehmen Lehrer und Übende die göttliche Gestalt an. Beginnend am Scheitel setze man die Mantras von Īshāna bis Sadyojāta ein.

2.11 Nachdem das Augen-Mantra eingesetzt ist, rufe man Sadāshiva, den Gott der Götter, herbei. Der Einsichtige soll sich selbst als allwissend vergegenwärtigen.

2.12 Der Mantrakenner setze Herz, Haupt, Scheitel, Panzer und Waffe nacheinander an den jeweils zugehörigen Stellen ein.

2.13 Im Herzen richte man die Verehrung ein, im Nabel das Feueropfer. In der Stirn meditiere man über den Herrn, der Segen schenkt und nach allen Seiten gewandt ist.

2.14 Wie bei der Verehrung, so auch im Feuer, in der Meditation und beim Bad; wie in der Gottheit, so auch im eigenen Körper soll der Einsichtige vergegenwärtigen.

2.15 Nachdem die innere Zurüstung so vollzogen ist, folgt die äußere, o Sechsgesichtiger. Erst wenn Äußeres und Inneres bereitet sind, beginne man die Opferverehrung.

Kapitel 3: Das reinigende Wasserbad

3.1 Nun werde ich das segensreiche Bad erklären, das Verfehlungen beseitigt. Der Mantrakenner nehme Erde auf, über die er einmal das Waffen-Mantra gesprochen hat.

3.2 Nachdem er zuerst den körperlichen Schmutz abgewaschen hat, rezitiere er einmal die Mantrasammlung. Danach bespreche er dieselbe Erde jeweils einmal mit den Mantras.

3.3 Dann teile er sie in drei Teile: Den ersten bespreche er mit dem Waffen-Mantra, den zweiten mit den Brahma-Mantras, mein Kind, und den dritten mit dem Shiva-Mantra.

3.4 Mit dem durch das Waffen-Mantra geweihten Teil schütze er die Himmelsrichtungen, mit dem durch Shiva geweihten den Badeplatz, mit dem durch die Brahma-Mantras geweihten den Körper.

3.5 Nachdem er [den heiligen Bereich] abgeschirmt hat, bade er inmitten des Shiva-Badeplatzes. Dabei verwende er königliche Ehrenbezeugungen, duftende Āmalaka-Früchte und dergleichen.

3.6 Nachdem der Übende die vorgeschriebene Reinigung mit Wasser vollzogen hat, verehre er die Tagesübergänge. Mit allen Mantras verrichte er jeweils einmal die Andacht, mein Kind.

3.7 Zuerst vollziehe er die Übergießung, danach die Andacht zum Tagesübergang. Das Waffen-Mantra wende er nicht am Körper an, sondern richte es nach außen.

3.8 Es würde den Körper austrocknen, mein Kind; deshalb wende man es nicht auf sich selbst an. Die Einsichtigen sollen es vielmehr gegen Hindernisse und das Netz der Fesseln richten.

3.9 Dann erquicke der Kundige mit dem Herz-Mantra Ahnen und Götter. Die Auflösung des heiligen Badeplatzes vollziehe er mit dem Prāsāda-Mantra.

Kapitel 4: Das Aschebad

4.1 Danach werde ich das Aschebad erklären, o Sechsgesichtiger. Man weihe die Asche der Reihe nach mit allen Mantras, jeden einmal sprechend.

4.2 Nachdem zuvor mit der Waffen-Keimsilbe das Wasserbad vollzogen ist, o Sechsgesichtiger, nehme der Mantrakenner das rituelle [Asche-]Bad vor, am Scheitel beginnend.

4.3 Mit Īshāna bade er den Kopf, mit Tatpurusha das Gesicht, mit Bahurūpa das Herz und mit Guhyaka den verborgenen Körperbereich.

4.4 Mit Ajāta bade er alle Glieder, mit den fünf Mantras vollziehe er die Übergießung. Darüber hinaus vollziehe er das Bad mit dem Prāsāda, o Sechsgesichtiger.

Kapitel 5: Die Verehrung Shivas

5.1 Ich werde die Verehrung nun ordnungsgemäß Schritt für Schritt erklären. Zuerst [vergegenwärtige man] mit Shakti den Keimspross, danach den Sitz Ananta.

5.2 Ananta lasse man in der vorgesehenen Folge bis an das Ende reichen, o Sechsgesichtiger. [Man ordne] Herz[-Mantra], Lotusmitte und Lotus sowie Dharma, Erkenntnis und die übrigen [Kräfte an].

5.3 Auch Loslösung und Herrschaftskraft setze man ein, von Südosten bis Nordosten. Die Anordnung der Staubfäden gestalte man mit den Shaktis und mit dem Herz-Mantra.

5.4 Dann rufe man den Gott mit dem Herz-Mantra herbei, o Sechsgesichtiger. [Es folgen] das Einsetzen, Wasser für die Füße, die Ehrengabe und Wasser zum Mundspülen.

5.5 Auch das Baden und die Verehrung verrichte man mit dem Herz-Mantra. Alles Genannte und Ungenannte vollziehe man mit dem Herz-Mantra.

5.6 Diese Verehrung mit einer einzigen Umfriedung verwirklicht alle erstrebten Ziele. Sie ist allen Tantras gemeinsam und unter allen Wissenslehren hervorragend.

Kapitel 6: Das Feuerritual

6.1 Nun werde ich die Ordnung des Feuerrituals erklären. Mit dem Waffen-Mantra ziehe man die Linien, dann besprenge man [die Feuerstätte] mit dem Panzer-Mantra.

6.2 Dann vollziehe man mit Darbha-Gräsern und dem Herz-Mantra das Einsetzen der Shakti. Mit dem Herz-Mantra lege man das Feuer in den Schoß der Shakti.

6.3 Von der Empfängnisbereitung bis zum abschließenden Entsühnungsritus soll der Mantrakenner alle Handlungen allein mit dem Herz-Mantra vollziehen.

6.4 Danach gestalte man den Lotus wie zuvor erklärt. Die Opfergaben für alle Mantras, beginnend mit Shiva, bringe man nacheinander ins Feuer dar.

Kapitel 7: Das Mandala

7.1 Nun werde ich das Mandala erklären, das alle Wünsche erfüllt. Zuerst reinige man den Boden durch die in der Schrift vorgeschriebene Handlung.

7.2 Nach der vorbereitenden Weihe zeichne der Weise unter einem mit Jupiter verbundenen Mondhaus das segensreiche Mandala, das alle Vollkommenheiten verleiht.

7.3 Mit einer Schnur messe man es nach allen Seiten quadratisch aus. In die Mitte setze man einen achtblättrigen Lotus mit Samenkapsel.

7.4 Eine, zwei oder vier Ellen groß zeichne es der Weise mit drei Umfriedungen, wie es die eigene tantrische Überlieferung vorschreibt.

7.5 Der ganz gesammelte Lehrer richte den westlichen Eingang ein. Im Südosten lasse er eine Feuergrube von einer Elle Ausmaß anlegen.

7.6 Im gut entfachten Feuer vollziehe er den Opferritus. Im Osten beginnend setze er die Gesichter [Shivas] und die übrigen Gestalten der Reihe nach ein.

7.7 Zuerst setze er die reinigenden [Mantras] ein, danach Shivas Glied-Mantras: das Herz im Südosten, das Haupt im Nordosten.

7.8 Im Südwesten befindet sich der Scheitel, im Nordwesten der Panzer. Nachdem die Waffe in den Himmelsrichtungen eingesetzt ist, setze man Sadāshiva in die Lotusmitte.

7.9 Damit ist das Einsetzen im inneren Bereich erklärt. Höre nun von der zweiten Umfriedung: Mit dem Herz-Mantra verehre man, im Osten beginnend, die Hüter der Welt.

7.10 [In der dritten Umfriedung verehre man die Waffen jeweils mit ihrem eigenen Mantra.] So habe ich dir, Skanda, die Ordnung in Kürze verkündet.

7.11 Für alles, was nicht ausdrücklich genannt ist, halte man sich an den Grundtext. Wer die vorgeschriebene Ordnung so kennt, vollziehe das Einweihungsritual.

Kapitel 8: Einweihung und Befreiung von den Fesseln

8.1 Nun werde ich die Einweihung erklären, die auf den fünf Prinzipien beruht: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum.

8.2 Von diesen fünf Prinzipien ist die ganze Welt durchdrungen. Alle weiteren Prinzipien sollen die Übenden in ihnen enthalten sehen.

8.3 Nivritti umfasst das Weltei bis zu den hundert Rudras. Darüber erstreckt sich Pratishthā bis zum Bereich des Unmanifesten.

8.4 Danach ist Vidyā bis zu den Herren der Erkenntnis angeordnet. Darüber liegt Shānti am Ende des kosmischen Weges; in Shivas Stätte ist Shakti selbst.

8.5 Wer die Einweihung vollziehen will, ohne diese Prinzipien zu kennen, dessen Anstrengung ist vergeblich; er erreicht ihre Frucht nicht.

8.6 Nivritti ist als Erde zu verstehen, Pratishthā wird Wasser genannt. Vidyā erkenne man als Feuer; Wind wird als Shānti bezeichnet.

8.7 Shāntyatītā ist der Raum; jenseits davon liegt das Friedvolle, Unvergängliche. Wer es kennt, Mahāsena, darf selbst Menschen einweihen, die als Hundeesser ausgegrenzt werden.

8.8 Der Lehrer, als Shiva [handelnd], opfere Nivritti mit dem Herz-Mantra, Pratishthā mit dem Haupt-Mantra, Vidyā mit dem Scheitel-Mantra und Shānti mit dem Panzer-Mantra.

8.9 Für Shāntyatīta, den höchsten Raum, opfere er mit dem Prāsāda-Mantra. Für jedes der fünf bringe er hundert Gaben dar.

8.10 Mit dem Prāsāda bringe er fünf volle Opfergaben dar, o Sechsgesichtiger. Zur entsühnenden Reinigung folgen jeweils acht einzelne Gaben.

8.11 Diese opfere der Mantrakenner der Reihe nach mit der Waffen-Keimsilbe. So wird die Einweihung vollendet, ohne die [sonstigen Riten der] Geburt und dergleichen.

8.12 Allein durch das Opfer werden die Übenden von der Bindung an Geburt befreit. Diese Opferhandlung soll nicht öffentlich gemacht, sondern sorgfältig geheim gehalten werden.

8.13 Dies ist das Geheimnis aller Tantras, die höchste Weihehandlung. [Skanda fragt:] Das Einsetzen in den Mutterschoß und die weiteren Riten bis zum abschließenden Herausheben …

8.14 … und die Reihenfolge der Reinigung erkläre mir vorschriftsgemäß, o Gott! [Shiva antwortet:] Nach den siebzehn zu reinigenden [Bereichen bzw. Vollzügen] hast du gefragt, Guha.

8.15 Ich werde der Reihe nach sagen, welcher Keim welchem Vorgang zugeordnet ist. Den Keim des Mutterschoßes vergegenwärtige man in vorgeschriebener Weise im Herzen.

8.16 [Es folgen] Verehrung, Besprengen, sodann Antippen, Verbinden, Vereinigung und anschließend Einsetzen.

8.17 Danach vollziehe man Verehrung, Empfängnisbereitung, Geburt, Einsetzung in Befugnis, Erfahrung und schließlich Auflösung.

8.18 Im jeweils eigenen Prinzip bringe man mit dem Herz-Mantra hundert Gaben dar, o Sechsgesichtiger. Mit dem Waffen-Mantra durchtrenne man die Fessel und gebe danach die volle Opfergabe.

8.19 Auch das Herausheben ist hier der Reihenfolge gemäß mit dem Herz-Mantra auszuführen. Beim Herausheben, Besprengen und Antippen …

8.20 … soll es jeweils mit huṃ phaṭ verbunden sein. Auch die Verknüpfung der Prinzipien soll in der vorgeschriebenen Folge geschehen.

8.21 In jedem einzelnen Prinzip findet diese Handlung statt; dies ist die Folge des Ritus. Wenn diese gereinigt sind, mein Kind, erlangt man die Fülle des rituellen Vollzugs.

8.22 Andernfalls werden diejenigen, denen die richtige Durchführung fehlt, nicht befreit, o Sechsgesichtiger. Die volle Opfergabe ist mit gesammelter Vergegenwärtigung darzubringen.

8.23 Den höchsten Nektar, mein Kind, vergegenwärtige man sich im Geist als strömend. Dies ist im Einweihungsritus überall und stets anzuwenden.

8.24 [Dies gilt auch] bei der Befreiung von früheren religiösen Kennzeichen und bei den täglichen Weihehandlungen. [Skanda fragt:] Das Ergreifen und Freigeben der gebundenen Seele, von dem du zuvor sprachst, Makelloser …

8.25 … die inneren und äußeren Fesseln: An welchem Ort und auf welche Weise bestehen sie? Wo sind sie zu durchtrennen? Wie geschieht das unmittelbare Heraustreten [der Seele]?

8.26 Erkläre auch die Bestimmung der gebundenen Seelen, großer Herr! [Shiva antwortet:] Mit dem zweiten [Laut] des ersten [Bereichs] ergreife man das Selbst durch das Selbst …

8.27 … und führe es kundig mit der Faust bis zum betreffenden Ort. Durch die Verbindung im Gleichstand gelangen die [Mächte] von Brahmā bis Shiva …

8.28 … an einem Ort zur Gleichheit; andernfalls bleiben sie voneinander getrennt. Am Zwölfer-Endpunkt sind die Fesseln mit dem Pfeil, verbunden mit dem Waffen-Mantra, zu durchschneiden.

8.29 Dann gelangen sie zur Vereinigung, frei von den [rituellen] Verpflichtungen. Was ohne bestimmte Ausrichtung und ohne Benennung ausgeführt wird, bleibt vergeblich.

8.30 Eine auf den Betreffenden ausgerichtete Handlung schenkt Befreiung; daran besteht kein Zweifel. Beim Ergreifen der Sonne, mein Kind, verbunden mit dem Gleichstand …

8.31 … wenn am Ende der Atemführung die Durchtrennung geschieht, tritt [die Seele] sicher heraus. Die Fesseln sind im Geist verknotet wie Perlen an einer Schnur.

8.32 Vom Herzlotus bis zu jenem [höheren] Lotus ist der Faden des Geistes ausgespannt. Wenn man ihn erkannt hat, durchtrenne man ihn durch eine geistige Bewegung, die den Geist durchschneidet.

8.33 Wenn der Geist durch den Geist durchschnitten ist, gelangt die lebendige Seele zur Freiheit des Alleinseins. [Skanda fragt:] Lass die Ausführlichkeit, Herr der Götter, und erkläre mir in Kürze …

8.34 … wodurch man, sobald es erkannt ist, gebundene Seelen augenblicklich befreit! [Shiva antwortet:] Höre wahrheitsgemäß, Sechsgesichtiger, wodurch Befreiung sicher erreicht wird.

8.35 Der Mantrakenner, der jene Shakti durch eine höchst subtile, im Yoga erkannte Anwendung auf dem göttlichen Yogaweg in Bewegung setzt …

8.36 … soll, wenn er die aus Lebenskraft bestehende Seele erkannt hat, Mahāsena, sie wissend durch die Vereinigung im Gleichstand mit der ewigen Stätte verbinden.

8.37 Wer würde nicht von Bindung frei, wenn er die Vereinigung im Gleichstand erreicht? [Man erkenne] die Lotuskanäle der Erde und der übrigen Prinzipien samt den Winden, die Klang und die anderen Eigenschaften tragen …

8.38 … sowie das Selbst, die zugeordneten Gottheiten und die Mantras. Selbst befreit, soll man andere befreien. Die mit den Öffnungen der Kanäle verbundenen [Lotusse] haben aufwärts gerichtete Stiele, sind jedoch abwärts gewandt.

8.39 Sie alle besitzen zwei Knoten. Werden sie mit der Endung huṃ phaṭ verbunden, richten sie sich durch die bereits beschriebenen Aufwärtsimpulse nach oben, o Guha.

8.40 Nachdem man Erde und die übrigen Prinzipien innerlich und äußerlich im Geist betrachtet hat, soll [die Seele] gelöst und frei von Ichhaftigkeit jedem Prinzip zugeordnet werden.

8.41 Brahmā und den übrigen soll man verkünden, mein Kind: „Er soll nicht wieder geboren werden.“ Nachdem Feuerkraft und Geist zweimal geübt wurden, erfolgt die Atemführung der Sonne.

8.42 Nach dem Antippen geschehe das Ergreifen wie zuvor, mein Kind. Man durchbreche den Riegel und setze [die Seele] in den Mutterschoß ein; man verbinde Prinzip mit Prinzip. Von den Shaktis umschlossen, setze man sie mit der Endung vauṣaṭ ein.

Kapitel 9: Die Weihe des Lehrers

9.1 Ich werde die Weiheübergießung kurz und ohne Weitschweifigkeit erklären, wie sie der höchste Herr zum Wohl der hervorragenden Übenden verkündet hat.

9.2 [Man nehme] ein irdenes Gefäß, mit Sandelpaste bestrichen, oder eine Schale aus einem Brahma-Blatt oder auch aus einem Lotusblatt.

9.3 Man versehe es mit allen [vorgeschriebenen] Kräutern und bereichere es mit allen Duftstoffen. Dann rezitiere man den nach allen Seiten gerichteten Prāsāda einhundertachtmal.

9.4 Nach der zuvor beschriebenen Verehrung vollziehe man die Weiheübergießung an einem Tag mit günstigem Mondhaus, zu einer günstigen Stunde und einem geeigneten Karana.

9.5 Unter vielfältigen Segensrufen, dem Schall von Muschelhörnern und Instrumenten, heiligen Rezitationen, Tanz und Gesang wird der Lehrer geweiht und ermächtigt. So wird er zum Löser der Fesseln.

Kapitel 10: Das Rad der Nadis und der Herzlotus

10.1 Ich werde nun der Reihe nach das höchst subtile Rad der Kanäle erklären. Aus der Wurzelknolle unterhalb des Nabels gehen seine Sprosse hervor.

10.2 Zweiundsiebzigtausend sind im Nabelzentrum verankert. Seitwärts, aufwärts und abwärts breiten sie sich vom Nabel nach allen Seiten aus.

10.3 Die Kanäle sind wie ein Rad angeordnet. Zehn unter ihnen sind die wichtigsten: Idā, Pingalā und als dritter Sushumnā …

10.4 … Gāndhārī, Hastijihvā, Pūshā, Yashā, Alambushā, Kuhū und Shankhinī als zehnter.

10.5 Diese zehn werden als die Kanäle bezeichnet, welche die Lebenswinde führen. [Die Lebenswinde heißen:] Prāna, Apāna, Samāna, Udāna und Vyāna …

10.6 … Nāga, Kūrma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya. Prāna ist der erste Lebenswind und auch der Herr der übrigen neun.

10.7 Prāna ist die Lebenskraft, ganz von Leben erfüllt; er ist das Ausströmen im Hinblick auf die Füllung. In der Brust der Lebewesen ruhend, erfüllt er sie unaufhörlich.

10.8 Da Prāna, mit der lebendigen Seele verbunden, durch Ausatmen, Einatmen und Husten Bewegung hervorbringt, wird er Prāna genannt.

10.9 Apāna führt beim Menschen die Nahrung nach unten, ebenso Urin, Samen und Ausscheidungen; deshalb wird dieser Wind Apāna genannt.

10.10 Getrunkenes, Gegessenes und Eingeatmetes sowie Blut, Galle, Schleim und dergleichen verteilt er gleichmäßig in den Gliedern; deshalb heißt dieser Wind Samāna.

10.11 Er bewegt Unterlippe und Mund, versetzt Augen und Glieder in Bewegung und regt die empfindlichen Körperstellen an: Dieser Wind heißt Udāna.

10.12 Vyāna beugt die Glieder; Vyāna kann Krankheiten aufregen und Wohlbefinden zerstören. Weil er alles durchdringt, wird er Vyāna genannt.

10.13 Beim Aufstoßen heißt er Nāga, beim Öffnen der Augen Kūrma, beim Niesen Krikara und beim Gähnen Devadatta. Dhananjaya ist im Klang gegenwärtig und verlässt selbst den Toten nicht.

10.14 Diese Schar der Winde ist im Herzen angeordnet und im Nabelrad verankert. Durch Aus- und Einatmen, Erschütterungen und wirbelnde Bewegungen des atmenden Körperhauses bedrängt sie die gebundene Seele fortwährend, in Jugend wie Kindheit. Der eine Lebenswind, [selbst] ergriffen, spielt durch Geburt und Tod mit den verwirrten Wesen.

10.15 Ich werde nun das Rad der Kanäle in seiner tatsächlichen Ordnung beschreiben: Dieses Rad hat zehn Speichen; höre, wie seine Gliederung entsteht.

10.16 In diesem Rad wandert die lebendige Seele nacheinander durch zehn Stellen. Sie ist das Leben der lebendigen Welt; die Verblendeten erkennen sie nicht.

10.17 Die Seele bewegt sich auf zehnfache Weise; deshalb wird es Rad genannt. Es heißt Rad der Kanäle, weil sie durch dieses hinüberwandert.

10.18 Im Raum des Herzens liegt ein achtblättriger Lotus mit einer Samenkapsel in seinem Inneren. In diesem Herzlotus wohnen Kräfte, die wie Sonne, Mond, Feuer und Gold erstrahlen.

10.19 Über ihnen bewegt sich Shivas Kraft, die ihnen vorausgeht. In der Mitte des Lotus dieser vier Kräfte ruht der innere Mensch versunken wie eine Biene.

10.20 Mit seinen inneren Vermögen gleichsam von der Zange aus Raum und Wind auf beiden Seiten ergriffen, gelangt er dorthin, wohin er geführt wird, wie ein trockenes Blatt im Wind.

10.21 Er kreist in der Lotusmitte, eingeschlossen von der Fessel der vier Kräfte. Wie ein leicht angestoßener Ball steigt er auf und fällt wieder herab.

10.22 Aus der Verbindung mit dem Herrn entsteht der Gleichstand, aus der Verbindung mit Vollendung der Übergang. Die südliche Sonnenbahn entsteht durch die Sonnenzuordnung, die nördliche durch die Mondverbindung.

10.23 Die beiden Bahnen sind rechts und links; wirken beide Nasenöffnungen gemeinsam, spricht man von Gleichstand. Der Wechsel von hier nach dort heißt Übergang.

10.24 Der rechte Weg heißt solar, der andere lunar. Der Mondweg gilt als günstig für die Weiheübergießung, der Sonnenweg für das Entfachen des Feuers.

10.25 Meditation und ähnliche Übungen finden im Gleichstand statt. Auf dem östlichen Lotusblatt wird [die Seele] königlich stolz; auf dem südöstlichen entstehen Feuerkraft, Hunger oder Bedrängnis.

10.26 Im Süden entsteht eine Yama entsprechende Verfassung, im Südwesten eine Nirriti entsprechende; auf dem westlichen Blatt eine Varuna entsprechende, auf dem nordwestlichen eine dem Wind entsprechende.

10.27 Im Norden entsteht die entsprechende milde Verfassung, im Nordosten die des Herrn. In welche Richtung sie sich auch begibt, deren gesamte Beschaffenheit nimmt sie an.

10.28 In den Zwischenräumen der Lotusblätter erscheint das Selbst gleichsam leer. Dies ist die Bewegung des verkörperten Wesens und der wesentliche Kreis zur Verbindung der Kanäle. Er wurde hier um der Vollendung willen erklärt und soll sorgfältig verstanden werden.

Kapitel 11: Die Seele und die Führung des Atems

11.1 Wie wird jene lebendige Seele, das Leben der lebendigen Welt, im Inneren erkannt? Darüber bin ich im Zweifel, großer Gott. Sei gnädig, Träger des Dreizacks!

11.2 Höre, Sechsgesichtiger, von der Schau der Seele, die Purusha genannt wird. Ich werde sie dir gewiss erklären, besonders aus Liebe zu meinem Sohn.

11.3 [Zu erkennen sind] Übergang und Gleichstand, Tag und Nacht, die beiden Sonnenbahnen, Schaltmonat und Schuld, verkürzte Nacht und Guthaben.

11.4 Als verkürzte Nacht gilt das Niesen, als Schaltmonat das Gähnen. Husten ist als Schuld zu verstehen, Ausatmen wird Guthaben genannt.

11.5 Der nördliche und der südliche Lauf sind links und rechts zu verstehen. In der Mitte liegt der Gleichstand, der durch beide Nasenöffnungen hervortritt.

11.6 Der Übergang ist sein Wechsel vom eigenen Ort zu einem anderen. [Es gibt] Idā, Pingalā und als dritte Amā.

11.7 Sushumnā liegt in der Mitte des Körpers, Idā wird links und Pingalā rechts gelehrt. Der Wechsel zwischen ihnen heißt Übergang.

11.8 Der aufsteigende Prāna heißt Tag; Apāna heißt Nacht. Wer die zehn Unterteilungen des Lebenswindes auf diese Weise kennt, ist ein Kenner des heiligen Wissens.

11.9 Die Atemführung innerhalb des Körpers gilt als Mondfinsternis. Die über den Körper hinausgehende erkenne der Weise als Sonnenfinsternis.

11.10 In einem Tag und einer Nacht vollzieht der hervorragende Yogi einundzwanzigtausendsechshundert Wiederholungen.

11.11 Ich werde dir die Atemlenkung nun vollständig in Kürze erklären. Der Yogakenner spreche den Pranava in einem einzigen Ton aus.

11.12 Man fülle den Bauch nach dem beabsichtigten Maß mit Luft. Diese Atemlenkung heißt Pūraka, weil sie den Körper füllt.

11.13 Alle Öffnungen verschließend, ohne Aus- und Einatmung, verweile man wie ein vollständig gefüllter Krug. Diese Atemlenkung heißt Kumbhaka.

11.14 Dann lasse der Yogakenner die Luft in einem einzigen Atemzug aufwärts hinaus. Mit der Ausatmung verbunden, entleere er sie so weit nach oben [wie vorgesehen].

11.15 Dies heißt Rechaka und kann die Lebenskraft in Gefahr bringen. Jener Lotus, der stets im Herzen abwärts gewandt ruht …

11.16 … öffnet sich nach oben, wenn er durch Pūraka gefüllt wird. Durch Kumbhaka gehalten, wird der Lotus zu einem aufwärts gerichteten Strom.

11.17 Durch jene Entleerung, die die Lebenskraft unmittelbar forttragen kann, wird [die Seele] hinausgeworfen. Sie verlässt den Herzlotus und tritt in den aufwärts gerichteten Strom ein …

11.18 … steigt, hinausgeführt, nach oben und durchbricht den Knoten in einem Augenblick. Die aufwärts hinausgeführte Seele durchbricht das Tor des Schädels …

11.19 … und erreicht die Stätte Sadāshivas; dann wird sie nicht wieder geboren. Auf sie allein richtet sich diese Atemführung, auf nichts anderes. So habe ich dir die Seele der lebendigen Welt in Kürze erklärt.

Kapitel 12: Kundalini und das Einsetzen der Schöpfung

12.1 Jene ursprüngliche Kundalinī, in der Mond und Feuer vereint sind, soll man in der Herzgegend als sprossförmig gegenwärtig erkennen.

12.2 Dort vollziehe man das Einsetzen der Schöpfung, wie es durch die zweimalige Übung gelehrt wird. Der hervorragende Übende stelle sich vor, wie darin der Nektar strömt.

12.3 Die ganze Welt, das Unbewegliche wie das Bewegliche, besteht aus Feuer und Soma. Wer Vollendung begehrt, vergegenwärtige dies gesammelt in umgekehrter Ordnung.

12.4 Der Wissende vergegenwärtige den eigenen Körper in unvergleichlicher göttlicher Gestalt. Welche Handlung ihm jeweils vorgeschrieben ist, diese betrachte er innerlich.

12.5 Wer sich auf diese Weise in der Vergegenwärtigung dieses allseitig gegenwärtigen Nektars übt, wird schon nach kurzer Zeit an der Frucht der Vollendung teilhaben.

12.6 Wie könnte ein Übender sich verbinden, ohne das Einsetzen der Schöpfung zu kennen? Er würde gleichsam mit den Fäusten den leeren Raum schlagen oder bloße Spreu stampfen.

Kapitel 13: Die Entstehung der Mantras

13.1 Nun werde ich die Entstehung der Mantraschrift der Reihe nach erklären: wie der gegliederte Gott mit dem ungegliederten verbunden ist.

13.2 Er ließ die Kraft entstehen, die alle Mantras in Bewegung setzt. Er ruht in der Mitte am Haupt des Om und durchdringt zugleich das Om.

13.3 Der Herr erschafft den ersten Strich des Om. Diese Kraft heißt Vidyā und ist in jedem einzelnen Laut gegenwärtig.

13.4 Jener Strich des Om, der dem U ähnlich erscheint, ist als Pratishthā zu erkennen; er entsteht aus dem Laut U.

13.5 Der subtile, makellose Strich an seinem Haupt wird dort zum M. Diese Kraft heißt Nivritti.

13.6 Mit dem Haupt des Om verbunden, findet der Strich am Haupt des Om seine Auflösung. Im Raum erlischt er; diese Kraft wird Shānti genannt.

13.7 Durch die Verbindung tritt sie hervor, im Ungegliederten wie im Gegliederten gegenwärtig. Wird Om am Scheitel bedrängt [bzw. angeregt], entsteht dort Klang.

13.8 Diese höchste, subtile Shakti gilt als mit dem Punkt verbunden: wie ein großes Licht aus einer Lampe, versehen mit Funken und einer Flammenspitze.

13.9 Herabsteigend entfaltet sie sich dreifach als Shiva, Erkenntnis und Selbst. Ihre Kräfte sind Shānti, Vidyā, Pratishthā und Nivritti.

13.10 Die dort als Linie erscheinende Kraft, die mit dem Punkt herabgekommen ist, wird Shiva samt dem Herrn der Erkenntnis genannt: Sadāshiva, der Gott der Götter.

13.11 Sein erster Keim wird Nāda und Bindu genannt. Er verlässt die höchste Stätte nicht, die ewig, fest und unvergänglich ist.

13.12 Er legt den Punkt in seinen Schoß und beschützt ihn wie eine Mutter. Oberhalb davon, auf der linken Seite, befindet sich der Vishnu-Keim.

13.13 Der rechte [Keim] befindet sich im Ursprungsort Brahmās. Das Eine besteht dreifach. Mit zwei seitlichen Punkten versehen, ruht die Linie in der Mitte.

13.14 Darin bleibt der subtile Gott Shiva, Shankara, verborgen. Dieser Keim ist die höchste Gottheit, Maheshvara, der im Schoß der Shakti ruht.

13.15 Aus ihm geht alles hervor: die Mantra- und Tantralehre sowie das Bewegliche und Unbewegliche. Er ist unmanifest, höchst subtil und makellos; sein Leib ist Shakti …

13.16 … Shiva, ohne Anfang und Ende; wer ihn erkennt, wird nicht wieder geboren. Der Keim auf der rechten Seite ist seine höchste Erkenntniskraft.

13.17 Dies ist der andere Keim, in dem Brahmā verborgen ruht. Der höhere Punkt auf der linken Seite ist seine höchste Handlungskraft.

13.18 Dort im Keim ruht Vishnu selbst, verborgen, subtil und makellos. Auch dieser Gott ist in der Schöpfung gegenwärtig, von Shambhu hervorgebracht.

13.19 Weil er verborgen ist, sehen sie den nicht, durch den Bewegliches und Unbewegliches erschaffen wurde. Aus der Ausströmung entsteht die Schöpfung; er selbst ist der Herr und Gebieter.

13.20 Weil durch ihn jener Keim ausgesandt wurde, wird er Visarga, Ausströmung, genannt. Von ihm ist diese ganze Welt erfüllt und besteht ganz aus ihm.

13.21 Durch die Scharen seiner Kraftstrahlen, hundert- und tausendfach, erschafft und verschlingt er. Er ist der Verbindende und der Lösende.

13.22 Durch seine Erkenntniskraft erweist der erhabene Shiva Gnade. Aus Visarga entsteht die Schöpfung, mit Bindu die Rücknahme. Befreiung und Erkenntnis der Wirklichkeit gehören zu dem, was die ausführliche Tantralehre behandelt.

Kapitel 14: Die Aufhebung eines erreichten Zustands

14.1 Schöpfung und Rücknahme sind nun ganz erklärt, o Herr. Sage mir in Kürze, wie bei Eingeweihten der erreichte Weg zunichtegemacht wird.

14.2 Bei einem betrügerischen, hinterlistigen, grausamen, charakterlosen und streitsüchtigen Menschen [kommt] das Verfahren, das seinen Weg zunichtemacht, [zur Anwendung]. Höre seine wahre Beschaffenheit, Sechsgesichtiger.

14.3 Nachdem man [das Betreffende] am Scheitel des Hinausgeführten angeordnet hat, betrachte man es bei der Atemführung des Mondes der Reihe nach wie zuvor im Geist und bringe seinen Weg zur Umkehr.

14.4 Die geheime Lautgruppe werde am Anfang und Ende von der Rücknahme umschlossen, Sechsgesichtiger; zu jedem einzelnen [Laut] der Buchstabenmutter bringe man gesondert hundert Gaben dar.

Kapitel 15: Die Ebenen des Prasada

15.1 Wer den Prāsāda als aufsteigenden inneren Klang unablässig rezitiert und mit Yoga verbunden bleibt, erlangt nach sechs Monaten Vollendung; daran besteht kein Zweifel.

15.2 Wer sein Gehen und Kommen rezitiert, dessen Verfehlungen werden vollständig getilgt; nach sechs Monaten erlangt er Herrschaft über Kräfte wie die Fähigkeit, winzig zu werden, so lautet die Verheißung.

15.3 Wer Gehen und Kommen erkennt, wird ohne Zweifel befreit. Ganz von ihm erfüllt und in ihm aufgegangen, erlangt er nach sechs Monaten Vollendung.

15.4 Als grob, subtil und höchst habe ich den Prāsāda erklärt. Wer den Prāsāda nicht versteht, versteht Shankara nicht.

Kapitel 16: Lautformen und zugeschriebene Wirkungen

16.1 Nun werde ich die Merkmale des Prāsāda erklären. Der Mantrakenner unterscheide stets seine kurze, lange und überlange Form.

16.2 Die kurze Form verbrennt Verfehlungen, die lange schenkt Befreiung. Die überlange dient der Stärkung; oben ist sie mit dem Punkt geschmückt.

16.3 Drei grobe Varianten werden für Unterwerfung, Vertreibung und Tötung gelehrt. Mit der überlangen Form vollzieht man stets Unterwerfung, so die Aussage des Textes.

16.4 Die lange Form, mit phaṭ verbunden, vertreibt rasch, so heißt es. Für die Tötung wird phaṭ am Anfang und Ende der kurzen Form gelehrt.

16.5 Für das Heranziehen wird die Verbindung mit dem Herz-Mantra am Anfang und Ende gelehrt. So angewandt, soll es selbst jemanden heranziehen, der hundert Yojanas entfernt ist.

16.6 So ziehe man das Ziel heran, nachdem man dessen Namen genau kennt. Die [Kraft bzw. Lautgröße] des Ausführenden soll größer, die des Zieles geringer sein.

16.7 Wer dies so verstanden hat, vollzieht kundig das Heranziehen. Ohne es richtig zu verstehen, gelingt es niemals.

16.8 Nach der zuvor beschriebenen Verehrung bringe man dem Mantra die Ehrengabe dar. Nachdem dies geschehen ist, vollziehe der Einsichtige die Rezitation.

16.9 Auf der rechten Seite der Gottheit stehend, rezitiere man fünfhunderttausendmal. Nach der Rezitation folge ein Feueropfer mit zehntausend Buttergaben.

16.10 Der so gestärkte Mantra wird danach für rituelle Handlungen geeignet. Genannte und ungenannte Handlungen führen dann zur Erfüllung, so die Verheißung.

16.11 Wer eine Million Wiederholungen vollzieht, gewinnt rasch die Menschen seines Wohnortes unter seine Gewalt: So lautet die feste Aussage der Schrift.

16.12 Bei anderthalb Millionen Wiederholungen geraten die Bewohner von zehn Dörfern mit ihrer Person und ihrem Vermögen unter seine Gewalt.

16.13 Durch zwei Millionen Wiederholungen des Prāsāda, o Sechsgesichtiger, soll der Mantrakenner Länder und Landesherren sicher unter seine Gewalt bringen.

16.14 Mit zweieinhalb Millionen bringe er eine Provinz unter seine Gewalt; nach drei Millionen Wiederholungen werde ein Herrscher über einen Länderkreis ihm untertan.

16.15 Mit dreieinhalb Millionen Wiederholungen bringe er die Erde unter seine Gewalt. Nach vier Millionen erblicke er den Gott Hātakeshvara.

16.16 Nach fünf Millionen Wiederholungen werde er einem Vidyādhara gleich. Als Mantrakenner erfreue er sich dort bis zur Auflösung aller Wesen.

Kapitel 17: Erkenntnis und der achtfache subtile Leib

17.1 Noch immer, o Gott, habe ich Zweifel hinsichtlich Wissen und unmittelbarer Erkenntnis. Wie wird das Erkennen erkannt, und was wird als das zu Erkennende bezeichnet?

17.2 Zuerst erkenne man die Grundlage und danach das, was in ihr ruht. Der Weise, der Grundlage und Innewohnendes kennt, ist zu allen Handlungen befähigt.

17.3 Die Grundlage heißt die Stadt [des Körpers]; ihr Innewohnender wird Herr genannt. Der Einsichtige, der den Herrn erkannt hat und sich stets aus sich selbst heraus erfreut …

17.4 … zieht, solange er mit dem achtfachen subtilen Leib verbunden ist, nach unten und oben. Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch bilden die Fünfheit …

17.5 … zusammen mit Verstand, Denkvermögen und Ichbewusstsein wird dies der achtfache subtile Leib genannt. Solange man davon nicht frei ist, wie könnte man von Bindung befreit werden?

17.6 Berührung und Klang lasse man in Brahmā zurück, Geschmack in Keshava, Gestalt und Geruch in Rudra, Verstand und Ichbewusstsein in Īshvara. Nachdem man Denkvermögen und Bindu in Shiva zurückgelassen hat, gelange man, von all dem frei, zu Shiva.

Kapitel 18: Das Zeitrad

18.1 Nun werde ich die Ordnung des Zeitrades erklären. Es heißt Zeitrad, weil durch dieses die Zeit [des Lebensendes] erkannt wird.

18.2 Bei einem [ununterbrochenen Atem-]Verlauf von drei Tagen und Nächten lebt er noch drei Jahre; bei einem Verlauf von zwei Tagen und Nächten noch zwei Jahre.

18.3 Bei einem Verlauf von einem Tag und einer Nacht lebt er noch ein Jahr. Wenn [der Atem] einen ganzen Tag und ebenso eine ganze Nacht [in den entsprechenden Bahnen] verläuft …

18.4 … tritt nach sechs Monaten der Tod ein, so die feste Aussage der Schrift. Beim entsprechenden Verlauf des zweiten [Kanals] lebt er noch einen Tag und eine Nacht.

18.5 Wie beim ersten, so verhält es sich auch beim linken und beim mittleren [Kanal]. Dieses Zeitrad habe ich dir besonders aus Liebe zu meinem Sohn erklärt.

Kapitel 19: Die acht Formen Shivas

19.1 Zuvor wurde angekündigt, dass Shiva achtfach unterschieden wird. Wie geschieht diese Unterscheidung, Herr der Götter? Erkläre es wahrheitsgemäß, o Herr!

19.2 Man kennt diese acht: das Gegliederte, das Ungegliederte, das Leere, das mit Kräften Erfüllte, das mit Raum Geschmückte, das Tilgende, das Innenruhende und als achtes das in Kehle und Lippen Gebildete.

19.3 Der Prāsāda, verbunden mit dem sechsten [Laut] und versehen mit dem Ende des sechsten [Bereichs], heißt das gegliederte Shiva-Prinzip, das in allen Wesen ruht.

19.4 Wenn der Gott selbst zusammen mit dem Lebenswind den Körper verlässt und hinaustritt, soll man ihn als den ungegliederten Shiva erkennen, frei von den sechs Lauten.

19.5 Wenn er Aus- und Einatmen aufgegeben hat und wie ein Stück Holz im Körper ruht, soll man ihn als das Leere erkennen und im Herzen vergegenwärtigen.

19.6 Das Prinzip, das mit einem zum Kuss geformten Mund zum Ausdruck kommt, soll man als das mit Kräften Erfüllte erkennen. Höre nun vom im Raum Befindlichen.

19.7 Am Ende des aufsteigenden Klanges, wenn dieser verebbt, erkenne man ihn als dort gegenwärtig und mit dem Raum geschmückt.

19.8 Mit geöffnetem Mund spreche man so den Weltenlehrer aus. Es heißt Tilgung des Leidens; weil dieses vergeht, wird es das Tilgende genannt.

19.9 Was als Ende des abwärts gerichteten, verebbenden Klanges gelehrt wird, soll man als das Innenruhende erkennen. Es wird als unaussprechlich bezeichnet.

19.10 [Man nehme] das achte Ende der sieben Gruppen, den zweiten [Laut] der siebten, den jenseits der Gruppen, das Ende der sechsten sowie den dritten und vierten aus der siebten …

19.11 … dann füge man erneut den ersten hinzu und den sechsten des ersten [Bereichs]. Mit dem Raum als Scheitel versehen, gilt dies als die achte, in Kehle und Lippen gebildete Form.

19.12 Diese Varianten wurden zur Erlangung der Kräfte wie des Winzigwerdens erklärt. Das Unaussprechliche aber wird zweifellos als Befreiung bezeichnet.

Kapitel 20: Die alldurchdringende Gegenwart

20.1 Wie durchdringt er unten und oben, und wie seitwärts? Erkläre mir dies wahrheitsgemäß aus Mitgefühl, großer Herr!

20.2 Solange er im Körper des Wesens ruht, befindet er sich unten. Hinausgetreten, durchdringt er seitwärts; im Inneren ruhend, ist er überall gegenwärtig.

20.3 Der Gott, der auf den drei Wegen ruht, ist in allen Körpern gegenwärtig. Ohne ihn zu erkennen, wird man nicht befreit, selbst wenn man in ihm aufgegangen wäre.

20.4 Dieses mit drei Wegen und drei Stätten ist in allen Körpern gegenwärtig. Wer diese Durchdringung so erkennt, ist ohne Zweifel alldurchdringend.

20.5 Für ihn gibt es keine neue Geburt aus einem Mutterschoß, wie der Gott verkündet. So lange wandert man im Kreislauf der Wiedergeburten, wie man diese Durchdringung nicht erkennt.

20.6 Wer die alldurchdringende Seele erkennt, wird ohne Zweifel befreit. Wie eine Raupe, die bis zur Spitze eines Grashalms gelangt ist …

20.7 … oben ohne Stütze ist, so ruht hier die Seele. Oben ist Leere, unten ist Leere und im Inneren des Körpers ist Leere.

20.8 Wer diese dreifache Leere erkennt, wird sicher befreit, Guha. Ihre Durchdringung habe ich kurz, ohne Ausführlichkeit, erklärt. Darüber hinaus gibt es nichts, was dieses Durchdringende noch durchdringt.

Kapitel 21: Rituelle Wirksamkeitsnachweise

21.1 Nun werde ich die acht Arten des Wirksamkeitsnachweises erklären: Entzünden ohne Feuer und Berühren eines Baumes …

21.2 … das Stillstellen der Fesseln, das Tilgen schwerster Verfehlungen, das Beseitigen von Gift und das Unfruchtbarmachen …

21.3 … sowie die Beseitigung von Besessenheitsmächten und Fieber: Achtfach ist dieser Nachweis. Wer dies vorschriftsgemäß kennt, erlangt überall Ansehen.

21.4 Mit dem Pranava, einem ha inmitten des Feuers und ebenso hrīṃ, Om am Anfang und namaḥ am Ende, [entsteht die Formel], die zum Entzünden ohne Feuer dient.

21.5 Indem man Feuer mit dem Strom verbindet und tausend Aufwärtsimpulse anwendet, entzündet es sich durch die Anwendung der fünfsilbigen [Formel], so lautet die Zusicherung.

21.6 Om steht ganz unten, darüber der r-Laut. Wie zuvor verbunden, bildet dies eine auf Erden seltene Anwendung.

21.7 Nach siebenhundert Aufwärtsimpulsen stirbt der berührte Baum. Seine erneute Belebung geschieht durch das Verfahren, das im Wasserstrom ruht …

21.8 … und der Baum lebt wieder wie zuvor. Die [Formel] ist wieder dieselbe, jedoch ohne den r-Laut.

21.9 Bei diesem belebenden Verfahren wird sie fünffach durch Bindu erhellt; au ist in die Mitte eingefügt, und der Pranava erhellt ihr Ende.

21.10 Mit ī am Anfang, hau in der Mitte und danach dem inmitten des Feuers [stehenden Laut] erfolgt die Anwendung zur Zeit des Gleichstandes; sie bringt die Fesseln zum Stillstand.

21.11 Nach fünfhundert Aufwärtsimpulsen fällt [der Betreffende] unweigerlich nieder. Höre nun, wie er wieder aufgerichtet wird.

21.12 Mit ī am Anfang und Ende, hau in der Mitte, durch Lebenshauch und Nasalpunkt erhellt, mit namaḥ am Ende und wiederum dem Pranava …

21.13 … wende der Kenner der Wirklichkeit das Verfahren zum Aufrichten aller Wesen an. Mit ebenso vielen Aufwärtsimpulsen soll es sorgfältig verbunden werden.

21.14 Der la-Keim sei von der Seele durchdrungen, am Anfang und Ende von ha eingefasst, wie zuvor in der Mitte angeordnet und mit Wind und Punkt verbunden.

21.15 Beim Hinaufsteigen [auf die Waage] wurde erklärt, wie Schwere entsteht. Nun werde ich wiederum erklären, wie Leichtigkeit entsteht.

21.16 Om, haṃ mit ya, au, haṃ und namaḥ: Dies ist das Verfahren des auf einer Waage gewogenen Menschen, mit zehntausend Aufwärtsimpulsen.

21.17 Der ha-Laut wird durch va und ya erhellt; au steht in der Mitte, hlīṃ und namaḥ am Ende. Mit dem Wasser[strom] soll der Einsichtige [dies verbinden] …

21.18 … und durch achthundert Aufwärtsimpulse wird, so heißt es, das Gift sicher beseitigt. Wie das Verfahren beim Entzünden des Feuers gezeigt wurde, so gilt es auch beim Unfruchtbarmachen …

21.19 … wobei hier fünfhundert Aufwärtsimpulse als Unterschied vorgeschrieben sind. Man setze Om an den Anfang und unmittelbar danach hrūṃ …

21.20 … hrauṃ, hrūṃ sowie phaṭ namaḥ am Ende. Dies gilt als Mittel zur Beseitigung der ergreifenden Mächte, angewandt im Wasserweg mit achthundert Aufwärtsimpulsen.

21.21 Mit dem Pranava beginnend, sodann huṃ phaṭ, huṃ phaṭ, huṃ phaṭ, danach phaṭ, phaṭ, phaṭ, phaṭ, phaṭ: So [lautet die Formel]. Mit dem Wasser[weg] und achthundert Aufwärtsimpulsen soll der Einsichtige Fieber rasch beseitigen.

Kapitel 22: Das Wesen des Prasada

22.1 Wie ist der Prāsāda zu verstehen, wie ist seine Durchdringung beschaffen und wie sein Leib? Erkläre es mir, großer Herr!

22.2 Wer den Prāsāda nicht kennt, dessen großer Leib aus fünf Mantras besteht und achtunddreißig Kräfte umfasst, wird nicht Lehrer genannt.

22.3 Ein Guru, der einweiht, ohne den Prāsāda richtig zu kennen, führt den Schüler und sich selbst nach unten; daran besteht hier kein Zweifel.

22.4 Ein Lehrer aber, der in der Spitze des Prāsāda-Lotus ruht und so die Einweihung vollzieht, erlangt zusammen mit dem Schüler die Vereinigung mit Shiva.

22.5 Brahmā, Vishnu, Rudra, Indra, der Mond, Brihaspati, Prajāpati, die Sonne, Shukra, Skanda und Bhrigu …

22.6 … und alle anderen lebendigen göttlichen Wesen werden als aus dem Prāsāda hervorgegangen bezeichnet. Diese und viele andere Weise mit strengen Gelübden …

22.7 … meditieren über den höchsten Hamsa, den Prāsāda in Name und Gestalt. Ich werde seine Gliederung erklären; wer darüber meditiert, erlangt Unsterblichkeit.

22.8 Sadyojāta, mit acht Kräften verbunden, gilt als aus dem Laut A entstanden. Vāma erkenne man als aus U entstanden, Aghora als aus M.

22.9 Purusha ist als aus Bindu entstanden zu erkennen, Īshāna als aus der Spitze hervorgegangen. So entstehen diese fünf Mantras aus dem Prāsāda.

22.10 Hundert Milliarden Mantras von unermesslicher Kraft: Wenn der Prāsāda verehrt wird, sind sie alle verehrt, daran besteht kein Zweifel.

22.11 Die neun Winde und die Mantras, die mit Shakti beginnen, entstehen alle aus dem Prāsāda-Lotus; ihre Kraft bleibt nicht vergeblich.

22.12 Sadyojāta ist als Erde zu erkennen, Vāma wird Wasser genannt. Aghora heißt Feuer; Tatpurusha gilt als Wind.

22.13 Der Raum ist Īshāna, der große Gott selbst. Sadyojāta ist der Rigveda, Vāmadeva gilt als Yajurveda …

22.14 … Aghora ist der Sāmaveda, Purusha gilt als Atharvaveda. Der fünfte ist der höchste, subtile Sadāshiva, der den Raum durchdringt.

22.15 Sadyojāta ist Brahmā, Vāma wird Vishnu genannt. Aghora ist Rudra zugeordnet, Purusha gilt als Īshvara.

22.16 Īshāna ist Shiva zugeordnet und befindet sich im Herzen und den weiteren [Stätten]. Das sechste aber ist das höchste Prinzip, dessen Eigenschaften unvergleichlich sind.

22.17 Sein Leib darf nicht durch Eigenschaften beschrieben werden, die aus der Natur entstanden sind. Hat man die höchste Leiter erkannt, die durch die fünf Stätten führt …

22.18 … so ist, wenn man sie einmal erkannt hat, eben dies in seiner ganzen Ausdehnung erkannt. In dem Augenblick, in dem jene Stätte erkannt wird, ist man befreit.

Kapitel 23: Der Nektar der Erkenntnis

23.1 Höre wahrheitsgemäß, Sechsgesichtiger, den unübertrefflichen Nektar der Erkenntnis. Was niemandem gesagt wurde und nicht weitergesagt werden soll, das verkünde ich dir.

23.2 Im Körper gegenwärtig ist er als gegliedert zu erkennen; ohne Körper ist er ungegliedert. Er ist durch die Unterweisung eines Verlässlichen zugänglich und auf unaussprechliche Weise überall gegenwärtig.

23.3 Wer „Hamsa, Hamsa“ spricht: Dieser Hamsa ist der Gott Sadāshiva. Aus dem Mund des Gurus wird er unmittelbar erkannt, der nach allen Seiten Gewandte.

23.4 Wie Öl in Sesamsamen und Duft in einer Blume gegenwärtig sind, so ist der innere Mensch in diesem Körper gegenwärtig, innen wie außen.

23.5 Wie jemand mit einer Fackel in der Hand einen Gegenstand erblickt und dann die Fackel beiseitelegt, so soll man durch Erkenntnis das zu Erkennende schauen und danach auch die Erkenntnis loslassen.

23.6 Die Blume erkenne man als gegliedert, ihren Duft als ungegliedert. Den Baum erkenne man als gegliedert, seinen Schatten als ungegliedert.

23.7 Im Gegliederten ist das Ungegliederte überall gegenwärtig. Ebenso ist das Mittel gegliedert, das zu erreichende Ziel aber ungegliedert.

23.8 Im Gegliederten besteht die gegliederte Erscheinung, im Ungegliederten die ungegliederte. [Die Lautdauer beträgt] drei Maßeinheiten, zwei Maßeinheiten und eine Maßeinheit …

23.9 … die halbe Maßeinheit ist höher und subtil; darüber liegt das Höchste über dem Höchsten. Brahmā, Vishnu, Rudra, Īshvara und Shiva …

23.10 … bilden die fünf göttlichen Zuordnungen, durch die das Gegliederte fünffach gelehrt wird. Brahmās Stätte ist das Herz; Vishnu ruht in der Kehle.

23.11 In der Gaumenmitte ruht Rudra, in der Stirn Maheshvara. An der Nasenspitze erkenne man Shiva; an deren Ende liegt die höchste Stätte.

23.12 Jenseits des Höchsten gibt es nichts: So lautet die feste Aussage der Schrift. [Skanda fragt:] Wie geschieht sein Gehen und Kommen, und wodurch wird er geführt?

23.13 Darüber habe ich Zweifel, großer Gott; erkläre es wirklichkeitsgemäß! [Shiva antwortet:] Durch Shakti wird die Seele geführt. Wenn sie jenen [Ort] erreicht hat, kehrt sie zurück.

23.14 Sein Ende werde ich dir erklären; höre aufmerksam, Sechsgesichtiger. Erkenne es als jenseits des Körpers gelegen, zwölf Fingerbreiten vor der Nasenspitze.

23.15 Dies erkenne man als seine Grenze. Dort ruhend, durchdringt der Herr [alles]. Auch wenn der Geist auf etwas anderes gerichtet ist und der Blick anderswohin fällt …

23.16 … geht die innere Verbundenheit der Yogis dennoch ununterbrochen weiter. Dies ist das höchste Geheimnis, dies das höchste Unvergängliche.

23.17 Nichts ist höher als dieses, kein Shiva-Zustand höher als dieser, keine Erkenntnis höher als diese: So sprach der erhabene Shiva.

23.18 Mit dem Erlangen des Nektars der Shiva-Erkenntnis wurde die Bestimmung des höchsten Unvergänglichen vom Gott der Götter in Kürze, ohne Ausführlichkeit, verkündet.

23.19 Dies ist Shivas wahres Wesen, das aus Shivas Mund hervorging. Es ist das verborgenste aller Geheimnisse und soll sorgfältig bewahrt werden.

23.20 Niemals soll es einem Nichtschüler oder einem Nichtsohn gegeben werden. Demjenigen aber, der Guru, Gottheit und heiligem Feuer hingegeben ist und stets nach Befreiung strebt …

23.21 … soll diese Schrift gegeben werden, anderen jedoch nicht. Wer sie solchen weitergibt, gelangt in die Hölle und erreicht niemals Vollendung.

23.22 Ich habe dir Shivas Nektar verkündet; wahr, wahr ist dies! Hat der Einsichtige es so erkannt, möge er sich frei und nach seinem Wohlbefinden bewegen.

23.23 Ob Haushälter, Brahmachārin, Waldeinsiedler oder wandernder Bettelasket: In welcher Lebensform der Wissende auch steht, kennt er stets das höchste Unvergängliche.

23.24 Selbst wenn er Sinneserfahrungen hat und an ihnen hängt, gelangt er am Ende des Körpers zu Shiva. Allein durch die Erkenntnis dieser Lehre [wird] der Mensch in jedem Zustand …

23.25 … von Verdienst und Verfehlung nicht befleckt, ob von Brahmanentötung oder Pferdeopfer und dergleichen. Als Anstoßgebender, Erweckender und als höchster Befreiungsschenkender …

23.26 … ist der Lehrer auf Erden dreifach zu verstehen. Der Anstoßgebende zeigt den Weg, der Erweckende weist die Stätte; der Befreiungsschenkende [erschließt] die höchste Wirklichkeit, durch deren Erkenntnis man Unsterblichkeit erlangt.

Verehrung und innere Sammlung ergänzen einander. Das Sardhatrisatikalottara führt vom rituellen Ausdruck zur befreienden Erkenntnis.

Die wichtigsten Mantras des Sardhatrisatikalottara

Das Werk lehrt eine ganze Mantrawelt: Brahma- und Glied-Mantras, Prāsāda, Pāshupata und rituelle Schlusslaute. Viele ihrer Formen sind jedoch durch Lautgruppen und Zahlen verschlüsselt. Für eine unmittelbar verständliche spirituelle Rezitation sind vor allem die folgenden beiden ausdrücklich belegten Formeln zugänglich.

Om – Pranava

Devanagari:

IAST: oṃ

Bedeutung: Die heilige Silbe Om; eine wörtliche deutsche Übersetzung ist nicht möglich.

Om wird in 2.6 ausdrücklich genannt; 11.11 lehrt das Aussprechen des Pranava in einem Ton. Kapitel 13 betrachtet seine Laut- und Schriftgestalt als Ausdruck der schöpferischen Kraft. Für die Praxis kann Om zum Ausgangspunkt ruhiger Sammlung werden: den Klang wahrnehmen, sein Verklingen hören und anschließend in Stille verweilen. Damit lässt sich die Unterscheidung von hörbarem Klang, innerer Vorstellung und gedankenfreier Gegenwart aus 1.8 meditativ erschließen. Diese einfache Anwendung ist keine Übernahme der besonderen Atemaustrittsverfahren aus Kapitel 11.

Hamsa – die lebendige Gegenwart Sadashivas

Devanagari: हंस हंस

IAST: haṃsa haṃsa

Bedeutung: „Hamsa, Hamsa“ – „Schwan, Schwan“; im Vers bezeichnet Hamsa den Gott Sadāshiva und damit das höchste Lebensprinzip.

Vers 23.3 nennt diese Wiederholung ausdrücklich. Das Bild des Hamsa verbindet Lebendigkeit, innere Gegenwart und die Erkenntnis Shivas. Die Formel kann leise wiederholt und anschließend innerlich vergegenwärtigt werden. Eine verbindliche Aufteilung einzelner Silben auf Ein- und Ausatmung wird in diesem Vers nicht gegeben. Der Hinweis auf den Mund des Gurus betont die Bedeutung lebendiger Unterweisung und erfahrungsbezogenen Verstehens.

Der zentrale Prasada-Mantra

Prāsāda ist ein Schlüsselwort des gesamten Werkes. Die Kapitel 15, 16 und 22 erklären seine Formen, Wirksamkeit und kosmische Entfaltung; 22.7 verbindet ihn mit dem höchsten Hamsa. Seine genaue Herleitung setzt jedoch die verschlüsselten Lautzuordnungen und die traditionelle Unterweisung voraus. Deshalb wird hier keine zusätzliche Vollform aus einzelnen Angaben zusammengesetzt. Ebenso werden die Endungen huṃ phaṭ oder vauṣaṭ nicht als eigenständige vollständige Befreiungsmantras ausgegeben. Die Wirkformeln aus Kapitel 21 gehören zu besonderen Ritualzusammenhängen und werden nicht in diese Auswahl für die allgemeine spirituelle Praxis übernommen.

64 wichtigste Verse des Sardhatrisatikalottara für die spirituelle Praxis

Vom menschlichen Suchen zum inneren Klang

Erhabener, Herr der Götter, Beschützer der Welt, Gebieter des Alls! Du hast ausführlich die Mantralehre verkündet, durch die sich die erstrebten Ziele verwirklichen lassen.

Doch diese Sterblichen leben nur kurz; ihre Kraft und Einsicht sind gering. Sie besitzen wenig innere Stärke und wenig Vermögen und sind von Gier und Verblendung erfüllt.

Würdige dich, o Gott und mein Herr, aus Gnade zu diesen Menschen eine kurze Schrift mit tiefem Sinn zu verkünden, die eine Fülle wesentlicher Gegenstände enthält.

Nun werde ich eine höchst seltene Lehre verkünden, die aus dem Tantra namens Vātula herausgehoben wurde wie geklärte Butter aus geronnener Milch.

Jener höchste Keim, der Nāda, innerer Klang, genannt wird, wohnt in allen Wesen. Er schenkt die höchste Befreiung und verleiht auch göttliche Vollkommenheiten.

Wer ihn erkennt, o Mahāsena, wird als Lehrer zum Löser der Fesseln. Selbst Hirtenfrauen, Kinder, Menschen außerhalb der vedischen Kultur und Sprecher der Volkssprachen …

… und sogar die im Wasser lebenden Wesen äußern ihn unaufhörlich. Wer seine grobe, subtile und höchste Form kennt, soll die jeweils beabsichtigte Handlung ausführen.

Die grobe Form wird hörbarer Klang genannt; die subtile besteht aus gedanklichem Vergegenwärtigen. Was frei von Gedanken ist, wird als das Höchste bezeichnet.

Innere Verehrung und Sammlung

Man vergegenwärtige sich die höchste Stätte, bei der die Sushumnā den Scheitel durchbrochen hat. Man sehe sich selbst von ihr überflutet und ganz erfüllt.

Nachdem das Augen-Mantra eingesetzt ist, rufe man Sadāshiva, den Gott der Götter, herbei. Der Einsichtige soll sich selbst als allwissend vergegenwärtigen.

Im Herzen richte man die Verehrung ein, im Nabel das Feueropfer. In der Stirn meditiere man über den Herrn, der Segen schenkt und nach allen Seiten gewandt ist.

Wie bei der Verehrung, so auch im Feuer, in der Meditation und beim Bad; wie in der Gottheit, so auch im eigenen Körper soll der Einsichtige vergegenwärtigen.

Nachdem die innere Zurüstung so vollzogen ist, folgt die äußere, o Sechsgesichtiger. Erst wenn Äußeres und Inneres bereitet sind, beginne man die Opferverehrung.

Auch das Baden und die Verehrung verrichte man mit dem Herz-Mantra. Alles Genannte und Ungenannte vollziehe man mit dem Herz-Mantra.

Wer die Einweihung vollziehen will, ohne diese Prinzipien zu kennen, dessen Anstrengung ist vergeblich; er erreicht ihre Frucht nicht.

Shāntyatītā ist der Raum; jenseits davon liegt das Friedvolle, Unvergängliche. Wer es kennt, Mahāsena, darf selbst Menschen einweihen, die als Hundeesser ausgegrenzt werden.

Andernfalls werden diejenigen, denen die richtige Durchführung fehlt, nicht befreit, o Sechsgesichtiger. Die volle Opfergabe ist mit gesammelter Vergegenwärtigung darzubringen.

Den höchsten Nektar, mein Kind, vergegenwärtige man sich im Geist als strömend. Dies ist im Einweihungsritus überall und stets anzuwenden.

Lebenskraft und Herzlotus

In diesem Rad wandert die lebendige Seele nacheinander durch zehn Stellen. Sie ist das Leben der lebendigen Welt; die Verblendeten erkennen sie nicht.

Die Seele bewegt sich auf zehnfache Weise; deshalb wird es Rad genannt. Es heißt Rad der Kanäle, weil sie durch dieses hinüberwandert.

Im Raum des Herzens liegt ein achtblättriger Lotus mit einer Samenkapsel in seinem Inneren. In diesem Herzlotus wohnen Kräfte, die wie Sonne, Mond, Feuer und Gold erstrahlen.

Über ihnen bewegt sich Shivas Kraft, die ihnen vorausgeht. In der Mitte des Lotus dieser vier Kräfte ruht der innere Mensch versunken wie eine Biene.

Mit seinen inneren Vermögen gleichsam von der Zange aus Raum und Wind auf beiden Seiten ergriffen, gelangt er dorthin, wohin er geführt wird, wie ein trockenes Blatt im Wind.

Er kreist in der Lotusmitte, eingeschlossen von der Fessel der vier Kräfte. Wie ein leicht angestoßener Ball steigt er auf und fällt wieder herab.

In einem Tag und einer Nacht vollzieht der hervorragende Yogi einundzwanzigtausendsechshundert Wiederholungen.

Ich werde dir die Atemlenkung nun vollständig in Kürze erklären. Der Yogakenner spreche den Pranava in einem einzigen Ton aus.

Jene ursprüngliche Kundalinī, in der Mond und Feuer vereint sind, soll man in der Herzgegend als sprossförmig gegenwärtig erkennen.

Der Wissende vergegenwärtige den eigenen Körper in unvergleichlicher göttlicher Gestalt. Welche Handlung ihm jeweils vorgeschrieben ist, diese betrachte er innerlich.

Wie könnte ein Übender sich verbinden, ohne das Einsetzen der Schöpfung zu kennen? Er würde gleichsam mit den Fäusten den leeren Raum schlagen oder bloße Spreu stampfen.

Shiva und seine schöpferische Kraft

Darin bleibt der subtile Gott Shiva, Shankara, verborgen. Dieser Keim ist die höchste Gottheit, Maheshvara, der im Schoß der Shakti ruht.

Aus ihm geht alles hervor: die Mantra- und Tantralehre sowie das Bewegliche und Unbewegliche. Er ist unmanifest, höchst subtil und makellos; sein Leib ist Shakti …

… Shiva, ohne Anfang und Ende; wer ihn erkennt, wird nicht wieder geboren. Der Keim auf der rechten Seite ist seine höchste Erkenntniskraft.

Weil er verborgen ist, sehen sie den nicht, durch den Bewegliches und Unbewegliches erschaffen wurde. Aus der Ausströmung entsteht die Schöpfung; er selbst ist der Herr und Gebieter.

Weil durch ihn jener Keim ausgesandt wurde, wird er Visarga, Ausströmung, genannt. Von ihm ist diese ganze Welt erfüllt und besteht ganz aus ihm.

Durch die Scharen seiner Kraftstrahlen, hundert- und tausendfach, erschafft und verschlingt er. Er ist der Verbindende und der Lösende.

Durch seine Erkenntniskraft erweist der erhabene Shiva Gnade. Aus Visarga entsteht die Schöpfung, mit Bindu die Rücknahme. Befreiung und Erkenntnis der Wirklichkeit gehören zu dem, was die ausführliche Tantralehre behandelt.

Erkenntnis und Loslösung

Noch immer, o Gott, habe ich Zweifel hinsichtlich Wissen und unmittelbarer Erkenntnis. Wie wird das Erkennen erkannt, und was wird als das zu Erkennende bezeichnet?

Zuerst erkenne man die Grundlage und danach das, was in ihr ruht. Der Weise, der Grundlage und Innewohnendes kennt, ist zu allen Handlungen befähigt.

Die Grundlage heißt die Stadt [des Körpers]; ihr Innewohnender wird Herr genannt. Der Einsichtige, der den Herrn erkannt hat und sich stets aus sich selbst heraus erfreut …

… zieht, solange er mit dem achtfachen subtilen Leib verbunden ist, nach unten und oben. Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch bilden die Fünfheit …

… zusammen mit Verstand, Denkvermögen und Ichbewusstsein wird dies der achtfache subtile Leib genannt. Solange man davon nicht frei ist, wie könnte man von Bindung befreit werden?

Berührung und Klang lasse man in Brahmā zurück, Geschmack in Keshava, Gestalt und Geruch in Rudra, Verstand und Ichbewusstsein in Īshvara. Nachdem man Denkvermögen und Bindu in Shiva zurückgelassen hat, gelange man, von all dem frei, zu Shiva.

Die alldurchdringende Gegenwart

Diese Varianten wurden zur Erlangung der Kräfte wie des Winzigwerdens erklärt. Das Unaussprechliche aber wird zweifellos als Befreiung bezeichnet.

Wie durchdringt er unten und oben, und wie seitwärts? Erkläre mir dies wahrheitsgemäß aus Mitgefühl, großer Herr!

Solange er im Körper des Wesens ruht, befindet er sich unten. Hinausgetreten, durchdringt er seitwärts; im Inneren ruhend, ist er überall gegenwärtig.

Der Gott, der auf den drei Wegen ruht, ist in allen Körpern gegenwärtig. Ohne ihn zu erkennen, wird man nicht befreit, selbst wenn man in ihm aufgegangen wäre.

Dieses mit drei Wegen und drei Stätten ist in allen Körpern gegenwärtig. Wer diese Durchdringung so erkennt, ist ohne Zweifel alldurchdringend.

Für ihn gibt es keine neue Geburt aus einem Mutterschoß, wie der Gott verkündet. So lange wandert man im Kreislauf der Wiedergeburten, wie man diese Durchdringung nicht erkennt.

Wer die alldurchdringende Seele erkennt, wird ohne Zweifel befreit. Wie eine Raupe, die bis zur Spitze eines Grashalms gelangt ist …

… oben ohne Stütze ist, so ruht hier die Seele. Oben ist Leere, unten ist Leere und im Inneren des Körpers ist Leere.

Wer diese dreifache Leere erkennt, wird sicher befreit, Guha. Ihre Durchdringung habe ich kurz, ohne Ausführlichkeit, erklärt. Darüber hinaus gibt es nichts, was dieses Durchdringende noch durchdringt.

Verantwortliche Unterweisung

Wer den Prāsāda nicht kennt, dessen großer Leib aus fünf Mantras besteht und achtunddreißig Kräfte umfasst, wird nicht Lehrer genannt.

Ein Guru, der einweiht, ohne den Prāsāda richtig zu kennen, führt den Schüler und sich selbst nach unten; daran besteht hier kein Zweifel.

Ein Lehrer aber, der in der Spitze des Prāsāda-Lotus ruht und so die Einweihung vollzieht, erlangt zusammen mit dem Schüler die Vereinigung mit Shiva.

Das Ziel jenseits der Mittel

Im Körper gegenwärtig ist er als gegliedert zu erkennen; ohne Körper ist er ungegliedert. Er ist durch die Unterweisung eines Verlässlichen zugänglich und auf unaussprechliche Weise überall gegenwärtig.

Wer „Hamsa, Hamsa“ spricht: Dieser Hamsa ist der Gott Sadāshiva. Aus dem Mund des Gurus wird er unmittelbar erkannt, der nach allen Seiten Gewandte.

Wie Öl in Sesamsamen und Duft in einer Blume gegenwärtig sind, so ist der innere Mensch in diesem Körper gegenwärtig, innen wie außen.

Wie jemand mit einer Fackel in der Hand einen Gegenstand erblickt und dann die Fackel beiseitelegt, so soll man durch Erkenntnis das zu Erkennende schauen und danach auch die Erkenntnis loslassen.

Die Blume erkenne man als gegliedert, ihren Duft als ungegliedert. Den Baum erkenne man als gegliedert, seinen Schatten als ungegliedert.

Im Gegliederten ist das Ungegliederte überall gegenwärtig. Ebenso ist das Mittel gegliedert, das zu erreichende Ziel aber ungegliedert.

Sein Ende werde ich dir erklären; höre aufmerksam, Sechsgesichtiger. Erkenne es als jenseits des Körpers gelegen, zwölf Fingerbreiten vor der Nasenspitze.

Dies erkenne man als seine Grenze. Dort ruhend, durchdringt der Herr [alles]. Auch wenn der Geist auf etwas anderes gerichtet ist und der Blick anderswohin fällt …

… geht die innere Verbundenheit der Yogis dennoch ununterbrochen weiter. Dies ist das höchste Geheimnis, dies das höchste Unvergängliche.

Ich habe dir Shivas Nektar verkündet; wahr, wahr ist dies! Hat der Einsichtige es so erkannt, möge er sich frei und nach seinem Wohlbefinden bewegen.

Konkordanz der 64 Verse

Die folgenden Zuordnungen nennen zuerst die Position in der Lesefolge, dann die ursprüngliche Kapitel- und Versnummer.

  • Vom menschlichen Suchen zum inneren Klang: 1 → 1.1; 2 → 1.2; 3 → 1.3; 4 → 1.4; 5 → 1.5; 6 → 1.6; 7 → 1.7; 8 → 1.8.
  • Innere Verehrung und Sammlung: 9 → 2.8; 10 → 2.11; 11 → 2.13; 12 → 2.14; 13 → 2.15; 14 → 5.5; 15 → 8.5; 16 → 8.7; 17 → 8.22; 18 → 8.23.
  • Lebenskraft und Herzlotus: 19 → 10.16; 20 → 10.17; 21 → 10.18; 22 → 10.19; 23 → 10.20; 24 → 10.21; 25 → 11.10; 26 → 11.11; 27 → 12.1; 28 → 12.4; 29 → 12.6.
  • Shiva und seine schöpferische Kraft: 30 → 13.14; 31 → 13.15; 32 → 13.16; 33 → 13.19; 34 → 13.20; 35 → 13.21; 36 → 13.22.
  • Erkenntnis und Loslösung: 37 → 17.1; 38 → 17.2; 39 → 17.3; 40 → 17.4; 41 → 17.5; 42 → 17.6.
  • Die alldurchdringende Gegenwart: 43 → 19.12; 44 → 20.1; 45 → 20.2; 46 → 20.3; 47 → 20.4; 48 → 20.5; 49 → 20.6; 50 → 20.7; 51 → 20.8.
  • Verantwortliche Unterweisung: 52 → 22.2; 53 → 22.3; 54 → 22.4.
  • Das Ziel jenseits der Mittel: 55 → 23.2; 56 → 23.3; 57 → 23.4; 58 → 23.5; 59 → 23.6; 60 → 23.7; 61 → 23.14; 62 → 23.15; 63 → 23.16; 64 → 23.22.

Fünf Tipps für die Praxis mit dem Sardhatrisatikalottara

1. Vom Klang zur Stille gelangen

Nimm dir täglich einige ruhige Minuten. Sprich Om mehrmals in angenehmer Lautstärke, wiederhole es anschließend innerlich und lasse schließlich auch die innere Wiederholung ausklingen. Bleibe aufmerksam, ohne einen besonderen Zustand erzwingen zu wollen. Diese schlichte Übung greift die drei Ebenen von 1.8 auf: hörbaren Klang, gedankliche Vergegenwärtigung und das von Gedanken freie Höchste. Regelmäßigkeit hilft, aus einer schönen Idee eine tragende Sadhana werden zu lassen.

2. Das Herz zum Ort der Verehrung machen

Setze dich bequem hin und vergegenwärtige einen offenen, lichten Lotus in der Herzgegend. Bringe dort innerlich eine Blume, einen guten Wunsch oder deine Dankbarkeit dar. Kapitel 2 verlegt die Verehrung ausdrücklich in den Körper, Kapitel 10 beschreibt den Herzlotus. Für diese einfache Meditation genügt eine freundliche, gesammelte Aufmerksamkeit; ein vollständig ausgeführtes tantrisches Nyasa wird damit nicht beansprucht.

Der Herzraum als Ort stiller Verehrung: Eine heutige Meditation kann die Bildsprache des Textes behutsam aufgreifen.

3. Den natürlichen Atem bewusst begleiten

Beobachte einige Minuten, wie der Atem von selbst kommt und geht. Spüre dabei, dass Aufmerksamkeit und Körper nicht voneinander getrennt erlebt werden müssen. Diese alltagstaugliche Hinwendung nimmt das Motiv des gamāgama, des Gehens und Kommens, auf. Verzichte dabei auf erzwungenes Atemhalten und auf das im Text beschriebene Hinaustreiben des Lebenshauchs. Vertiefendes Pranayama gehört in eine geeignete persönliche Anleitung; die einfache Übung besteht hier ausschließlich im Wahrnehmen.

4. Einen Vers verstehen und dann loslassen

Lies einen kurzen Vers, beispielsweise das Fackelgleichnis in 23.5, zunächst auf Deutsch und dann mit Hilfe der Worterklärungen im Sanskrit. Frage dich: Was hilft mir dieser Satz heute zu erkennen? Lege den Text anschließend beiseite und verweile einen Moment ohne weitere Erklärung. So verbinden sich Schriftenstudium und unmittelbare Erfahrung. Das Gleichnis fordert nicht die Geringschätzung des Wissens, sondern die Fähigkeit, sein Ziel wichtiger zu nehmen als das Festhalten an Begriffen.

5. Geistige Reife an der Lebensführung erkennen

Wähle morgens eine Alltagssituation, in der du heute weniger aus Gier, Reizbarkeit oder dem Wunsch nach Kontrolle handeln möchtest. Erinnere dich daran, dass das Werk bereits zu Beginn Gier und Verblendung als menschliche Schwierigkeiten nennt und am Schluss die ununterbrochene innere Verbundenheit hervorhebt. Prüfe auch spirituelle Anleitung daran, ob sie Verständnis und Verantwortung stärkt: 22.2–4 verlangt vom Lehrer wirkliche Kenntnis und beschreibt Befreiung als gemeinsames Ziel von Lehrer und Schüler. Für heutige Aspiranten lässt sich daraus eine Praxis von Achtsamkeit, Ahimsa und verlässlichem Handeln ableiten.

Eine ergänzende heutige Übung ist diese Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev:

Spirituelle Bedeutung des Sardhatrisatikalottara

Das Sardhatrisatikalottara nimmt den Menschen als verkörpertes, atmendes und erkennendes Wesen ernst. Der Körper ist nicht bloß ein Hindernis: In ihm werden Elemente, göttliche Kräfte, Klang und innere Stätten vergegenwärtigt. Dennoch ist das Selbst nicht auf diese Anordnungen beschränkt. Der achtfache subtile Leib erklärt, wie Wahrnehmung und Ichbewusstsein Bindung tragen können; die Lehre der Durchdringung öffnet den Blick über diese Begrenzung hinaus.

Shiva begegnet in diesem Weg auf mehreren Ebenen: als verehrte Gottheit, als Mantragestalt, als Ziel der Einweihung und als höchste, nicht durch gewöhnliche Eigenschaften beschreibbare Wirklichkeit. Shakti macht verständlich, wie Bewegung, Schöpfung und Rückkehr zusammengehören. Die spirituelle Aufgabe besteht darin, diese Bewegungen nicht nur zu erleben, sondern ihren Grund zu erkennen.

Darin liegt die besondere Spannung des Werkes. Es nimmt die Einzelheiten der Praxis sehr ernst, warnt vor unkundiger Einweihung und verlangt präzise innere Sammlung. Zugleich erklärt es, dass die endgültige Erkenntnis nicht an das endlose Wiederholen von Mitteln gebunden bleibt. Der Duft ist nicht von der Blume abgetrennt, aber auch nicht wie ein Blütenblatt greifbar. Ebenso erschließt die Form etwas, das nicht in einer einzelnen Form aufgeht.

Für heutige Aspiranten ist deshalb weder eine bloß äußerliche Nachahmung aller Rituale noch ein vorschnelles Überspringen jeder Übung der entscheidende Zugang. Yoga, bewusste Rezitation, sorgfältiges Verstehen und stille Gegenwart können sich gegenseitig vertiefen. Die Schlusslehre öffnet diesen Weg für unterschiedliche Lebensformen: Haushälter, religiöse Schüler, Einsiedler und Wanderasketen werden gleichermaßen genannt. Spirituelle Erkenntnis soll das Leben durchdringen und nicht nur auf besondere Übungsstunden begrenzt bleiben.

Die starke Aussage, Erkenntnis mache von Verdienst und Verfehlung frei, ist dabei eine Lehre von der Überwindung karmischer Bindung. Sie ist kein Auftrag, anderen zu schaden. Gerade die Unterscheidung zwischen befreiender Erkenntnis und bloßer Macht macht eine verantwortliche heutige Lektüre fruchtbar. Selbstverwirklichung zeigt sich nicht allein in außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern auch darin, wie klar, achtsam und mitfühlend ein Mensch lebt.

Siehe auch

Literatur

  • N. R. Bhatt (Hrsg.): Sārdhatriśatikālottarāgama avec le commentaire de Bhaṭṭa Rāmakaṇṭha. Publications de l'Institut Français d'Indologie 61. Institut Français d'Indologie, Pondichéry 1979. Maßgebliche Sanskritausgabe mit Kommentar.
  • Bettina Mirnig: Liberating the Liberated. Early Śaiva Tantric Death Rites. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2018. Zur historischen Einordnung früher shaivasiddhantischer Schriften und ihrer Befreiungsrituale.
  • Dominic Goodall: Saiddhāntika paddhatis I: On Rāmanātha, the Earliest Southern Author of the Śaivasiddhānta of Whom Works Survive, and on Eleventh-century Revisions of the Somaśambhupaddhati. In: Cracow Indological Studies 16, 2014. Verlagsseite des Aufsatzes.

Weblinks

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Textgrundlage

Der Sanskrittext folgt der elektronischen GRETIL-Ausgabe des Sārdhatriśatikālottarāgama, beruhend auf N. R. Bhatts Ausgabe von 1979; Texteingabe Dominic Goodall, Korrekturen Yang Mei, elektronische Fassung vom 31. Juli 2020. Enthalten ist der Grundtext aller 23 Kapitel, nicht Rāmakaṇṭhas Kommentar. GRETIL weist für den E-Text die Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International aus.

Die Sanskritfassungen bewahren die Lesarten dieser Textgrundlage. Die Devanagari-Fassung bietet denselben Wortlaut in indischer Schrift; sie stellt keine unabhängige handschriftliche Textfassung dar. Die deutsche Übersetzung erläutert den Grundtext unmittelbar und ergänzt keine fehlenden Mantras aus anderen Überlieferungen. Bei stark verkürzten oder sprachlich gestörten Versen bleiben einzelne Deutungen vorläufig; dies ist jeweils gekennzeichnet. Kapitelabschlüsse werden in beiden Sanskrit-Lesefassungen mitgeführt. Die traditionelle Titelzahl 350 und die 309 nummerierten Einheiten sind unterschiedliche Umfangsangaben; eine entsprechende Zahl angeblich fehlender Verse lässt sich daraus nicht ableiten.

Anmerkungen

  • Knappe Ritualsprache: Zahlreiche Vorschriften setzen mündliche Unterweisung voraus. Bezeichnungen wie Herz, Haupt, Scheitel, Panzer und Waffe können konkrete Mantras meinen. Die Übersetzung macht dies kenntlich; verschlüsselte Lautangaben bleiben als solche erhalten.
  • Lesarten und schwierige Stellen: In 7.10 ist die erste Hälfte bereits in der Textgrundlage als Ergänzung gekennzeichnet. 8.34 folgt deren Lesart vijñātamātreṇa. In 10.10 bleibt raktapittakaphādikam erhalten; die dort angeführte Alternative lautet raktapittakaphānilam. 10.14 und 13.3 weisen sprachliche bzw. metrische Schwierigkeiten auf; die Übersetzung nennt die Unsicherheit am betreffenden Vers. In 23.11 steht nāsāgre, „an der Nasenspitze“; die ebenfalls bezeugte Lesart nādānte bedeutet „am Ende des Klanges“. Offenkundig unregelmäßige Sanskritformen werden nicht stillschweigend als neue kritische Lesarten ausgegeben.
  • Umfang und Nummerierung: Längere Strophen, insbesondere im zehnten Kapitel, zählen hier als jeweils eine nummerierte Einheit. Auch Halbsätze, deren Fortsetzung im folgenden Vers steht, bleiben unter ihrer ursprünglichen Nummer. Dadurch stimmen kommentierte Ausgabe und sämtliche Lesefassungen überein.
  • Atem und Lebensende: 11.15–19 beschreibt einen Austritt der Seele, nicht lediglich eine gewöhnliche entspannende Ausatmung. Kapitel 18 überliefert historische Todesprognostik anhand des Atemverlaufs; solche Angaben sind keine verlässliche medizinische Prognose. Ebenso sind die Wirkbehauptungen über Gift und Fieber in Kapitel 21 religiöse Ritualüberlieferung, kein Ersatz für medizinische Behandlung.
  • Macht und Befreiung: Die Kapitel 14 und 16 enthalten Verfahren zur Beeinflussung und Schädigung. Sie werden als Bestandteile der historischen Schrift wiedergegeben, nicht als heutige Praxistipps. Die Mantra- und Praxisversauswahl konzentriert sich auf Sammlung, Verständnis und Befreiung.
  • Geheimhaltung und Weitergabe: Die Aussagen in 23.19–21 spiegeln eine traditionelle, an Einweihung gebundene Überlieferungskultur. Die Guru-Stellen betonen zugleich ausdrücklich die Kenntnis und Befähigung des Lehrers.
  1. Bettina Mirnig: Liberating the Liberated. Early Śaiva Tantric Death Rites. Wien 2018, Einleitung; Einleitung beim Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.