Siedlung

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Aus dem Buch "Altindisches Leben: Die Cultur der vedischen Arier", nach den Samhita dargestellt von Heinrich Zimmer, Berlin 1879

Es soll an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass das Wort Arier beim Indologen Zimmer ausschließlich im völkerkundlichen und sprachwissenschaftlichen Zusammenhang genannt wird.

Der vedische Sonnengott Surya mit Savitri

Kapitel 5: Ansiedelung und Wohnung

Die vedischen Arier waren, als sie auf ihrer Wanderung an den Indus und in das Penjab kamen, kein eigentliches Nomadenvolk mehr; Herden bildeten zwar noch immer den Hauptbesitz der Familie, aber daneben trieb man auch Ackerbau. Sie hatten daher schon das bewegliche Zelt des Hirten und Nomaden mit einem festem Obdach vertauscht. Dass die vedischen Stämme ein mehr sesshaftes Volk waren, drückt sich unverkennbar in krshti »Volk, Leute« aus; karsh heisst im Veda fast allgemein »pflügen«, krshi ist der »bebaute Acker«, krshti kann daher ursprünglich nichts anderes als die Gesamtheit der Ackerbau treibenden Leute bezeichnet haben. Wenn es aber im Rigveda in die allgemeinere Bedeutung »Leute« übergegangen ist, so zeigt dies evident, dass schon ein bedeutender Zeitraum verflossen sein musste, seit man zum ersten Male versucht hatte, den Boden zu durchfurchen. Allgemeine Ausdrücke für Ansiedelung sind noch vasati, kshiti; ersteres wird selten mehr vom menschlichen Aufenthalt gewählt, was sehr charakteristisch ist, denn es bezeichnet seiner Etymologie nach nur »das Verweilen über Nacht« und dann »den Ort des Aufenthaltes«; die Wohnungen der vedischen Arier waren aber schon mehr als dies.

Soweit die Angaben der Rishi reichen, wohnte man nicht einzeln, sondern immer in Ortschaften zusammen, die den Namen grama führen. Rv. 10, 127, 5: »Zur Ruhe geht man in den Dörfern, zur Ruh was läuft, zur Ruh was fliegt, zur Ruhe selbst der gierige Aar« ; Rv. 1, 114, 1: »Diese Preislieder bringen wir Rudra, dem starken, dem lockigen Männerbeherrscher dar, damit es wohl ergehe dem Zwei- und Vierfüssigen, Gedeihen und Unversehrtheit herrsche in diesem Dorfe.« Ins Dorf kehren die Kühe von der Weide zurück (Rv. 10, t.49, 4); Agni ist Schützer in den Dörfern (Rv. I, 44, 10). Dies haben wir wohl ganz wörtlich zu verstehen, in so fern man, um reissende Thiere wie Löwe, Wolf vom Einbruch abzuhalten (Rv. I, 174, 3; 10, 127, 6), Feuer anzündete in der Nacht.

Der Gegensatz von grama »Dorf«, um welches herum das bebaute und beweidete Land lag, ist aranya »die Wildnis«, die uncultivierten, zum Theil von Wald bewachsenen Strecken: »0 Aranyâni, Aranyani, du da, du verirrst dich; warum erfragst du nicht das Dorf? Kommt's niemals über dich wie Furcht?« fragt daher der Sänger die Genie der Wildnis und Waldeinsamkeit (Rv. 10, 146, 1) ; vgl. Av. 12, 1, 56 : Vâj. S. 3, 45 ; 20, 16. Dasselbe wie grama drückt noch öfter vrjana aus, nur dass es die Sache mehr von einer anderen Seite nennt, es ist die umfriedigte, geschlossene Niederlassung kshiti dhruva; vgl. Rv. 1, 73, 2: »Er (Agni), welcher wie Gott Savitar, der lautem Sinnes, mit Einsicht schützet alle Ortschaften (vrjanani viçva)« mit Rv. 1, 73, 4: »Dir, o Agni, dem trauten, im Hause entflammten sind die Männer ergeben in den Ortschaften (kshitishu dhruvasu).« »Hier in diesem Dorfe (vrjane), o Indra, wollen wir unter deinem Schutz mit den Opferherrn vereint reich an Helden sein« Rv. 1, 51, 15.

Ein grösserer, befestigter Platz, der bei Einfällen anderer Stämme sicheren Schutz für Habe und Gut gewährte, hiess pur. Häufig werden die vielen Burgen der Urbewohner erwähnt, die Indra zu Gunsten der Arier brach und ihnen die Schätze derselben, d. h. die dorthin geflüchteten Kühe auslieferte: »Erschliesse uns grossen Reichtum, o Indra, wie eine rinderreiche Burg« Rv. 8, 6, 23. Wenn es von den Burgen der Dämonen öfters heisst, dass sie ayasi »ehern« sind, so berechtigt uns doch nichts zu der Annahme, das die wirklichen Burgen der Urbewohner oder Arier etwa eherne Befestigungen hatten; heisst ja Rv. 7, 95 1 sogar ein Fluss eine »eherne Burg« (ayasi puh). Wollte man die Kämpfe Indras seiner Grösse angemessen gestalten, so musste man die Hindernisse demgemäss vergrössern. Wird doch Niemand, wenn es von Agni heisst, »er sei eine eherne Burg von hundert Umwallungen« Rv. 7, 15, 19, oder von den Marut »schützt mit Burgen von hundert Umwallungen vor Schaden und Unbill« Rv. 1, 166, 8, im Ernste daran denken, solche Burgen auf die Erde zu versetzen. Was diese ehernen Burgen, in die Wirklichkeit zurück übersetzt, waren, lässt der Rigveda noch deutlich erkennen. An zahlreichen Stellen werden die hundert unwiderstehlichen, wohlbefestigten (drmhita) Burgen des Çambara erwähnt, die Indra zerstört; ihre wahre Gestalt enthüllt nun Rv. 6, 47, 2 deutlich: »Dieser lieblich mundende war am meisten berauschend, an dem sich Indra bei der Schlacht gegen den Feind berauschte, er, der die vielen Anstrengungen des Cambara zurückschlug, seine neunundneunzig Erdaufwürfe (dehi) niederwarf.« Pur war weiter nichts als ein Fleck Landes, der mit Erdaufwürfen ringsum geschützt war; sie wurde dabei, um den Angriff noch zu erschweren, auf Anhöhen angelegt. Sollten die Burgen sehr fest werden, so gebrauchte man Steine zur Umwallung des Platzes: »Die hundert steinernen Burgen warf Indra auseinander für den frommen Divodasa« Rv. 4, 30, 20.

Zur Zeit des Friedens, wenn keine Gefahr eines feindlichen Angriffs drohte, waren die Burgen, so fern sie überhaupt dann bestanden, verlassen; nirgends finden wir pur als bewohnt geschildert, wie wir dies von grama und vrjana gesehen haben; sie besteht eben nur zum Schutz. Hören wir doch, wie ein Sänger die Vorbereitungen zu einem grössern Kampfe schildert, in dem er offenbar mit zum angegriffenen Theil gehörte: »Macht einen Zaun — eine Verschanzung von Pfählen (vraja) —, der schütze euch die Männer; näht dichte und breite Panzer zusammen; macht eherne, unwiderstehliche Burgen (puro ayasiradhrshtah). Euer Topf soll nicht leck werden, macht ihn fest« Rv. 10, 101, B. Öfters mag diese pur innerhalb der Ansiedelung (grama) selbst gelegen haben. Ähnliche Verhältnisse bestehen noch jetzt in den ins nördliche Penjab auslaufenden Gebirgsketten des Himalaya: »In dieser Hinsicht, d. h. in Bezug auf Plünderung und Raub, ist kein Dorf vor dem zunächst gelegenen sicher, und jedes ist mit einem dichten und breiten Zaun der dornigsten Ziziphus befestigt, durch welchen ein Eingang führt, welcher ebenfalls jeden Abend mit diesen Dornen belegt wird; sicher eines der besten Vertheidigungemittel der Welt. In der Mitte befindet sich noch eine Citadelle, mit Erdmauern umgeben, welche die Kostbarkeiten aller Einwohner enthält« Hügel Kashmir 2, 45.

An drei Stellen des Rigveda haben die pur das Beiwort çarada: »Es haben diese deine Heldenkraft die Puru kennen gelernt, als du, o Indra, die Burgen, die çaradih, niederwarfst« Rv. 1, 131, 4. »Du züchtigtest, o Indra, die übermüthige Rede führenden Stämme, als du die sieben Burgen çaradih, ihre Wehr, brachst; du setztest die wogenden Wasser in Fluss, unterwarfst dem jugendlichen Purukutsa den Feind« Rv. 1, 174, 2. »Mögen wir aufs Neue durch deine Huld siegen, o Indra; es preisen hier mit Opfern die Pûru (deine frühere Hülfe), dass du die sieben Burgen çaradih, die Wehr, brachst, die Dasyustämme schlugst dem Purukutsa helfend« Rv. 6, 20, 10. Roth gibt an diesen drei Stellen çarada mit »alt«; dies ginge nur an, wenn das Wort sonst häufig diese Bedeutung hätte, es hier also Epitheton ornans wäre, was jedoch nicht der Fall ist. Grassmann übersetzt der Etymologie nach »herbstlich« und bezieht es auf »die Wolkenburgen der Dämonen«. Von Dämonen kann ich nichts bemerken in diesen Stellen, es handelt sich in allen dreien um irdische Verhältnisse, um einen Kampf der Puru unter ihrem Herrscher Purukutsa gegen die Urbewohner, die sich in die purah çaradih zum Schutz (çarman) zurückgezogen hatten; çarada kann daher nur ein unterscheidendes Beiwort sein. Die Bedeutung desselben hat, wie ich glaube, Ludwig gefunden, wenn ich seine Übersetzung richtig fasse; er übersetzt an dritter Stelle »die sieben Burgen die Zuflucht des Winters«. çarada ist Av. 5, 22, 13 Beiwort des Fiebers (Takman), weil die Regenzeit und die darauf folgende schwüle Herbstzeit (çarad) die Hauptursache der Fieber in jenen Gegenden bilden. In derselben Zeit nun pflegen noch jetzt alljährlich die Flüsse des Penjab sich mit Wassermassen zu füllen, die häufig die Ufer überfluthen und grosse Verheerungen anrichten. Vor 3000 Jahren und mehr wird es nicht anders gewesen sein. Vor dem verheerenden Element flüchtete man Hab und Gut aus den Ansiedelungen in die auf Anhöhen befindlichen Burgen, die nach der Zeit, in der dies geschah, das Beiwort çarada bekommen.

Berücksichtigen wir nun, dass nach Rv. 7, 96, 2 die Pûru zu beiden Seiten die Rasenufer der Sindhu bewohnen (adhikshiyanti), so liegt der Schluss sehr nahe, dass dies eben der Schauplatz ist, auf dem die in den angeführten Versen geschilderten Kämpfe sich abspielen: Die Puru unter ihrem jugendlichen Herrscher Purukutsa kamen zu der noch von Urbewohnern besiedelten Sindhu; die letzteren zogen sich mit Hab und Gut in die pur zurück, die ihnen sonst schon öfters zur Zeit des çarad gegen die austretenden Wogenmassen der Sindhu Schutz (çarman) gewährt hatten. Purukutsa jedoch, von Indra unterstützt, warf die Burgen nieder (ava-tar) und siedelte sich mit seinem Volk hier an.

Noch eine andere Stelle des Rigveda spricht von diesem Kampfe, die ich anführen will, weil sie uns die Art und Weise kennen lehrt, wie die Burgen erobert wurden : »Aus Furcht vor dir entflohen die schwarzen Leute, sie zerstoben (asamana) Hab und Gut zurücklassend, als du Agni Vaiçvanara, für den Puru flammend, ihre Burgen zerbrechend aufleuchtetest« Rv. 7, 5, 3. Feuer war also das Mittel der Zerstörung, wie wir aus dieser und mancher anderen Stelle, in der man des Agni Dienste gedenkt, kennen lernen. Sehr begreiflich, sahen wir doch aus Rv. 10, 101, 8, dass öfters ein Zaun von Pfählen (vraja) die Verschanzung bildete.

Da es bei verschiedenen Gelehrten eine fest eingebürgerte Lieblingsidee ist, die vedischen Arier und noch mehr die von ihnen unterworfenen oder vertriebenen Urbewohner (Dasyu) als ein Volk zu denken, das zahlreiche Städte bewohnte, so lohnt es sich der Mühe, vergleichsweise auf die Ergebnisse kurz hinzuweisen, zu denen die Forschung auf dem Gebiet der Alterthumskunde anderer indogerm. Völker für eine gleiche Periode gelangt ist.

Tacitus nennt Germania cap. 16 es eine allbekannte Thatsache, dass die Germanen seiner Zeit keine Städte bewohnen (nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum est); dies wird von allen alten Quellen bestätigt, sodass schon daher des Ptolemaeus Bericht über nahezu 90 Städte (Póleis) Germaniens, deren Lage er genau angibt, hinfällig wird. Zudem können wir vollständig nachweisen, wie er zu dem Irrthum kam : links des Rheines gelegene Städte hat er ins Innere Deutschlands versetzt, Castelle der Römer, Kaufplätze, deren Namen ihm bekannt geworden, für Städte ausgegeben. Bis zum Beginn des achten Jahrhunderts waren dieselben im inneren Deutschland unbekannt.

Auch die Slaven kannten bis in historische Zeit keine befestigten Städte, sondern wohnten in offenen Niederlassungen und bauten ihre Häuser auseinander (Prokopius De bello Gotico 3, 14). Zwar gibt es slavische Alterthumsforscher, die das Gegentheil behaupten: es handelt sich um die besonders im südlichen Russland so zahlreich vorkommenden gorodiste. Das Wort bedeutet einfach Ort wo ein gorodu (gradu) früher war. Hier treffen wir nun bei verschiedenen slavischen Gelehrten dieselbe Logik wie bei einzelnen Sanskritisten. Letztere räsonieren: pur respect. pura bedeutet in nachvedischer Zeit »Stadt«, pólis, das nahezu identisch ist, bezeichnet ebenfalls nach Ausweis der Wörterbücher »Stadt«; es müssen daher die zahlreichen vedischen pur gleichfalls »Städte« gewesen sein selbst auf die Gefahr hin, dass sich nicht überall willig die Texte fügen. Erstere schliessen ebenso: gorodu (gradu) heisst einfach »Stadt«; folglich sind die gorodiste Ruinen alter Städte, wie denn auch in russischen Wörterbüchern zu lesen ist.

Die Litteratur über diese Frage bis 1872 findet man bei Krek Einleitung in die slav. Litteratur. Seite 113 Anm. Seitdem ist ein durch das gebotene Material höchst dankenswerthes Buch erschienen Drevnie goroda Rossii. Istoriko-joridiceskoe izslédovanie A. Samokvasova S. -Peterburgu 1873. Der Verfasser hat die in dem nordöstlich von Kiew gelegenen Gouvernement Cernigovu befindlichen Gorodiste eingehend untersucht. Für unseren Zweck reichen seine gewissermassen zusammenfassenden Worte Seite 113 aus: »Die älteren Gorodiste sind, mit wenigen Ausnahmen, angelegt auf den höchsten Punkten der hohen Ufer und sind daher von zwei oder drei Seiten geschützt durch natürliche Abhänge oder steile Abfälle nach dem Fluss hin; aber von der Seite, die sich anschliesst an das ebene, offene Feld, sind sie umgeben mit künstlichen Befestigungen, Wällen und Gräben. Die wenigen Gorodiste, die eine Ausnahme machen, befinden sich an niedrigen Orten in Auen (na lugachu) und in diesem Fall stets an Stellen, die von allen Seiten von Wasser umgeben sind oder sich umgeben lassen. Gorodiste, die entfernt von Flüssen liegen, habe ich nirgends getroffen. Der innere Raum, der freie Platz in denjenigen Gorodiste, die angelegt sind auf den hohen Ufern, stellt stets einen Abschnitt des Berges dar, der getrennt ist von der anstossenden Ebene durch einen aufgeworfenen Wall und einen vertieften Graben, aber an der Seite der natürlichen Befestigungen gleichmässig abgeschnitten ist, sodass der Zugang zu dem Gorodiste von der Ebene aus sehr beschwerlich, aber die Zufahrt unmöglich ist. Die Grösse des freien Platzes der grösseren Anzahl der von mir untersuchten Gorodiste wechselt von 300 zu 450 Schritt im Umfang; aber es begegnen kleinere bis zu 200 und grössere bis zu 1000 Schritt im Umfang.« 

Wenn ich zu diesen Thatsachen noch hinzu füge, dass die beigegebene, höchst instructive Karte des einen Gouvernements Cernigovu nach meiner Zählung 171 solcher Gorodiste aufweist, so wird jeder Unbefangene mir zugeben, dass ein gut Stück nationaler Schwärmerei dazu gehört, hier überall Ruinen alter Städte zu sehen. Solchem wohlgemeinten Patriotismus ist dann auch A. Leontovicu entgegen getreten im 2. Bande des Sborniku gosudarstvenichu znanij. — Es dienten diese Gorodiste in Kriegszeiten zur Schutzwehr vermöge ihrer günstigen Lage; in Friedenszeiten waren sie wohl Sammelplätze mehrerer Ortschaften zu Festen und Märkten.

Ein Gleiches gilt, wie Mommsen zeigt, von den in einzelnen Landschaften Italiens zahlreich vorkommenden alterthümlichen Mauerringen, »die als 'verödete Städte' mit einzelnen Tempeln das Staunen der römischen wie der heutigen Archäologen erregten, von denen jene ihre 'Urbewohner', diese ihre Pelasger hier unterbringen zu können meinten.« Mommsen Römische Geschichte 1, 37.

Mich wieder zum vedischen Volke wendend, glaube ich auf Grund der beigebrachten Angaben der Sänger constatieren zu können, dass auch den vedischen Stämmen des Fünfstromlandes sowie den Urbewohnern Städte, d. h. grössere, enger aneinander gebaute Häusercomplexe, mit Wall und Graben umgeben und fest bewohnt, vollständig unbekannt waren. Nirgends findet sich mit einiger Sicherheit der Name einer Stadt in den Liedern des Rigveda. Man wohnte vielmehr in Dörfern, Weilern (grama), die meistentheils völlig offen waren; auf ihre Anlage kann womöglich des Tacitus Bericht von den germanischen Ansiedlungen völlige Anwendung finden: »vicos locant non in nostrum morem connexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat« ; denn die Abends ins Dorf zurück kehrenden zahlreichen Rindviehherden wird Jeder bei seinem Hause eingepfercht haben. Zum Schutze, sowohl gegen die Angriffe von Feinden als gegen Überschwemmungen, dienten die pur; sie waren, so weit wir sehen können, auf erhöhten Punkten (giri, parvata) gelegene und durch Erdaufwürfe und Gräben geschützte Plätze, in denen man zur Zeit der Gefahr sich mit Hab und Gut barg. Sie mögen besonders häufig an den Ufern der Flüsse gewesen sein, da an diesen nach den Zeugnissen der vedischen Lieder sich die hartnäckigsten Kämpfe abspielten: Zehnkönigeschlacht an der Parushni (Rv. 7, 18), Kampf der Trtsu und des Bheda an der Yamuna (Rv. 7, 18, 19), Niederlage des Arna und Citraratha an der Sarayu (Rv. 4, 30. 18), Kampf der Puru an der Sindhu (Seite 145); weiteres siehe Seite 104. Für die Annahme, dass die pur auch als Sammelplätze für grössere Festfeierlichkeiten dienten, wüsste ich keinen Anhaltspunkt.

Wenn ein Stamm nach Wanderung und Kämpfen in Besitz der passenden Landschaft gelangt war und die sich näher Verwandten innerhalb des Stammes eine ihnen behagende Gegend, die hinlänglich fruchtbares Weide- und Ackerland bot, entweder nach eignem Belieben oder nach gemeinsamer Übereinstimmung sich zueigneten — worüber nähere Nachricht fehlt --, dann entzündete jeder Hausvater zum Zeichen der Niederlassung das heilige Feuer, steckte rings um dasselbe Haus und Hof ab und gründete an dieser Stätte die feste Wohnung. Heisst es doch von Agni: »Mitten im Hause (madhye durone) sitzt der erfreuende« 11v. 1, 69, 2: er ist der Mittelpunkt einer jeden Ansiedlung (nabhih kshitinam Rv. I , 59 , 1) d. h. mitten im Hause war die Stelle wo das Herdfeuer flammte.

Was nun den weitern Aufbau der Häuser, die innere Einrichtung anbelangt, so sind wir durch die Lieder des Rigveda nur höchst ungenügend darüber unterrichtet. Muir ST. 5, 461 vermuthet, dass, wie noch jetzt in den nordwestlichen Provinzen Indiens und im Penjab die Häuser vielfach ganz ohne Stein, einfach aus lehmiger Erde aufgeführt werden, es auch schon bei den vedischen Ariern der Fall gewesen sei. Der gewöhnliche Name für Haus ist dam, dama oder grha; pastya scheint umfassender zu sein, Haus und Hof, die ganze Niederlassung einer Familie zu bezeichnen. Dasselbe, insofern Haus und Hof umfriedigt waren, bedeutet harmya. Beim Zug der Marut beben die lebenden Wesen und die Wohnungen (bhuvanani harmya, Rv. I, 166, 4); was hier bhuvanani, drückt Rv. 1, 121, 1 harmyasya viçah »die Bewohner der Ansiedelung« aus. Es sind dies nicht allein Menschen; in den Nebengebäuden des Hauses werden ja die Jungen der Kühe gehalten, während jene auf der Weide sind : »Sie (die Marut) gleichen glänzenden, im Stalle gehaltenen Jungen (harmyeshthah çiçavah), spielenden, milchsaugenden Kälbern« Rv. 7, 56, 16. Auch Schafe sind daselbst, und so werden Rv. 10, 106, 5 die Açvin in den Ställen gepflegten Widdern verglichen. Haus und Hof war, wie bemerkt, umfriedigt, verschliessbar: »Ich schliesse diesen (d. h. den vorher-genannten Vater, Mutter u.s.w.) die Augen zu so fest wie dieses harmya« singt in ihrem Zauberlied die den Buhlen erwartende Jungfrau Rv. 7, 55, 6. Wesentlicher Theil eines Hauses war in jener Zeit eine wohlbefestigte Thür (dvar, dvara); als weitere Bezeichnung des Hauses finden wir daher durona, »das mit einer Thür versehene, verschliessbare« (aus duravan-a wie maghonah aus maghavanah s. Benfey Or. und Occ. 3, 193, Anm.• 1158). Das Haus war in verschiedene Räumlichkeiten eingetheilt, was der Plural von grha andeutet: »Ziehe ins Haus (grhan) ein, damit du Hausherrin seiest« wird der Neuvermählten zugerufen Rv. 10, 85, 26. So steht ferner Rv. 5, 76, 4 der Pluralis grhah ganz gleichbedeutend mit dem Singularis duronam: »Dieser Ort war schon ehemals euer Heim, diese Räumlichkeiten, o Açvin, dieses Haus.«

Viel mehr als die Lieder des Rigveda liefert uns der Atharvaveda zur Reconstruierung eines vedischen Hauses. In Verbindung mit noch nicht erwähnten Benennungen des Rigveda soll aus diesem Materiale im Folgenden eine Reconstruction, wenigstens in den äussersten Umrissen, vorgenommen werden. In Betracht kommen hauptsächlich Av. 3, 12 und 9, 3; ersterer Hymnus lautet:

1. Hier eben errichte ich mir eine feste Hütte (dhruvam çalam), auf sicherer Unterlage steht sie, fettträufelnd. In dich da, o Hütte, wollen wir mit allen Männern, tüchtigen, unversehrten Männern einziehen.
2. Hier eben stehe fest, o Hütte, reich an Rossen, reich an Rindern, reich an Wonne ; reich an Labung, reich an Butter, reich an Milch erhebe dich zu grossem Glück.
3. Geräumig bist du, o Hütte, mit hohem Dache versehen, gefüllt mit reinem Korn (?) ; zu dir eile das Kalb, zu dir springe ein Knäblein, zu dir sollen am Abend die Milchkühe herbeiströmen.
4. Diese Hütte soll aufbauen Savitar, Vayu, Indra, Brhaspati der kundigen Sinnes; die Marut sollen sie mit Butter beträufeln. König Bhaga soll das Pflugland (? die Saat) wurzeln machen.
5. 0 schützende, erfreuende Genie des Baues, errichtet ist die göttliche durch die Götter zuerst; nachdem du dich in Rohr gekleidet hast, sei holdgesinnt und spende uns Reichthum und Helden.
6. Richtig besteige du, o Balken, den Pfeiler, kräftig waltend verscheuche die Feinde. Nicht sollen Schaden nehmen die Bewohner dieser Räumlichkeiten (grhanam); o Hütte, mögen wir im Verein mit allen Männern hundert Herbste leben.
7. Zu ihr ist gekommen der zarte Knabe, zu ihr das Kalb mit allen übrigen Hausthieren, zu ihr ist gekommen ein Krug von Parisrut samt den Töpfen saurer Milch.
8. Bring herbei, o Weib, diesen gefüllten Krug, den Strom der Butter, vereinigt mit Amrta: diese Trinker ehre mit Amrta; die Erfüllung unserer Wünsche schütze sie (enam die Hütte).
9. Ich bringe herbei diese Wasser, die von Krankheit (yakshma) freien, die Krankheiten vernichtenden; ich betrete diese Räume (grhan) mit dem unsterblichen Feuer.

Und Av. 9, 3:

1. Der alle Schätze enthaltenden Hütte lösen wir auf die Knoten der Strebepfeiler, der Stützbalken und der Deckbalken.
2. Welcher Knoten an dir, o alle Schätze enthaltende, welche Schlinge und Band gemacht ist, das löse ich mit meinem Spruche auf wie Brhaspati die Höhle.
3. Ich habe angefügt, habe fest zusammengefügt; dauerhafte Knoten dir bereitet; die Gelenke kennend wie ein Schlächter, löse ich sie mit Indra auf.
4. Ich löse auf die Knoten an den Sparren, an den Riegeln, an den Verbänden und am Rohr, an den Seitenpfosten, o du alle Schätze bergende.
5. Ich löse auf mit der Genie des Baues die Knoten an den Klammern, an den Rohrbüscheln und an den Verbänden.
6. Welche Schlingen inwendig an dich gebunden wurden ranyaya kam (?), die lösen wir dir; sei uns heilsam, o Genie des Hauses, wenn du aufgebaut bist.
7. Ein Aufbewahrungsort für Somapflanzen (Vorrathskammer), eine Wohnung des Agni (Feuerstätte), ein Sitz der Frauen (Frauengemach), ein Schuppen (sadas): ein Sitz der Götter bist du, o göttliche Hütte.
8. Das Netz, das tausendäugige, das am Scheitel (vishuvati) über den Schopf gespannt ist, das festgebundene, aufgelegte, lösen wir durchs Gebet los.
9. Wer dich, o Hütte, in Besitz nimmt, und durch wen du aufgerichtet bist, diese beiden, o Genie des Hauses, sollen leben hundert Jahre.
10. Dort tretet an jenen heran; fest, verbunden, zugerichtet bist du (o Hütte), deren einzelne Glieder und Gelenke wir lösen.
11. Wer dich, o Hütte, erbaute, die Bäume zusammenbrachte, für die Nachkommenschaft machte er dich , Prajâpati, der höchste.
12. Verehrung ihm (Prajapati?), Verehrung dem Geber, Verehrung dem Herrn des Hauses bringen wir dar; Verehrung dein das heilige Werk verrichtenden Agni, und Verehrung dem Purusha.
13. Den Rindern, den Rossen Verehrung und dem was in der Hütte geboren wird; die du gebierst und an Nachkommen reich sein wirst, dir lösen wir die Schlingen.
14. Den Agni birgst du drinnen, die Menschen sammt dem Vieh; die du gebierst und an Nachkommen reich sein wirst, dir lösen wir die Schlingen.
15. Welcher Raum zwischen Himmel und Erde, damit nehme ich diese Hütte für dich in Besitz; was den Luftraum ausmisst, das mache ich zur Höhle (d. h. zum Aufbewahrungsort) für die Kleinodien; damit nehme ich die Hütte für dich in Besitz.
16. Nahrungsreich, milchreich auf der Erde errichtet, erbaut, tragend den, der alle Speisen enthält, verletze nicht die, die von dir Besitz ergreifen.
17. Mit Rohr umhüllt, Rohrbüschel angezogen habend ist die Hütte, wie die Nacht zur Ruhe bringend und beherbergend; auf der Erde aufgebaut stehst du da, als ob du Hände und Füsse hättest.
18. Ich löse öffnend auf die Decke von der Schilfmatte, das durch Varuna bedeckte soll Mitra am Morgen öffnen.
19. Die unter Gebet erbaute Hütte, die durch Seher erbaute, gegründete schützt Indra und Agni, die Hütte, den Soma enthaltenden Sitz.
20. Geflecht ist auf Geflecht, Behälter auf Behälter gedeckt, dort wird der Mensch geboren, wo ja alles geboren wird.
21. Die Hütte, welche zwei-, vier-, sechspfostig errichtet wird, — in der acht-, zehnpfostigen Hütte, der Herrin des Baues liegt Agni wie in einem Mutterschoß.
22. An die zugewendete trete ich zugewendet, o Hütte, die nicht verletzende; denn Agni ist schon drinnen und die Wasser, des Opfers erste Thür (d. h. Eingang, Beginn).
23. Jene Wasser bringe ich herbei, die von Krankheit freien, Krankheit vernichtenden; ich betrete die Räumlichkeiten mit dem unsterblichen Agni.
24. Lege uns keine Schlingen an, obwohl eine schwere Last, sei leicht; wie ein Weib, o Hütte, tragen wir dich, wohin unser Verlangen steht.

Beide Lieder werden beim Beziehen eines fertig dastehenden Hauses gesprochen, das unsterbliche (d. h. nie verlöschende) Feuer wird zuerst hineingetragen. Die Situation für den zweiten Hymnus ist speciell die, dass vorher noch ein fingierter Zauber - deutlich sind Rc 5, 6, 24 — an allen Theilen der Hütte gelöst werden soll; unsichtbare Schlingen lagen gleichsam überall. Eigenthümlich ist dem Liede Av. 9, 3 ferner noch, dass, falls wir ein Ganzes vor uns haben, an mehreren Stellen des Hauses Bau und Einrichtung einem errichteten Opferaltar sammt zugehörigen Verrichtungen verglichen ist.

Viele der im zweiten Liede vorkommenden Benennungen begegnen sonst nicht und ihre Bedeutung kann daher nur aus der Etymologie gefolgert werden. Soviel ist klar, dass Muirs Vermuthung auf die hier beschriebenen Wohnungen nicht passt: das ganze Haus war reiner Holzbau wie noch zu Megasthenes Zeiten (Arrian Indica 10, 2).

Strebepfeiler (upamit, sthûna, cf. Rv. 1, 59, 1) — wohl vier — wurden auf festem Grunde errichtet, Stützbalken (pratimit) lehnten sich schräg wider dieselben; Deckbalken (parimit) verbanden die Grund- und Eckpfeiler des Hauses; lange Bambusstäbe (vamça) lagen auf ihnen und bildeten als Sparren das hohe Dach (chandas). Zwischen den Eckpfeilern wurden je nach Grösse des Baues verschiedene Pfosten (paksha) noch aufgerichtet. Mit Stroh oder Rohr (trna), in Bündel gebunden (palada), füllte man die Zwischenräume in den Wänden aus und überzog (vas) gewissermassen das Ganze damit. Riegel , Klammern, Stricke, Riemen hielten die einzelnen Theile zusammen. Derjenige Pfeiler der Vorderwand, an dem die Thür befestigt war, hiess duryo yupah (Rv. 1, 51, 14) ; die Umfassuug, der Rahmen samt der Thür selbst heisst ata (Rv. 9, 5, 5). Verschlossen wurde die Thür ähnlich wie beim homerischen Hause mit einem Riemen (syuman): 'Den Thürriemen lösend tritt sie hervor die Hausherrin, die schätzereiche Ushas« Rv. 3, 61, 4.

Von einzelnen Räumlichkeiten des Hauses werden vier genannt (Av. 9, 3, 7) havirdhana, agniçala, patninam sadana, sadas. Diese Bezeichnungen sind vom Opfer hergenommen (V. S. 19, 18). Unter agniçala werden wir wohl die Stätte des Herdfeuers, das allgemeine Wohngemach zu suchen haben: havirdhana — beim Opfer der überdachte Platz, wo die zum Pressen bestimmten Somapflanzen sich befanden — bezeichnet dann die »Vorrathekammer«, Aufbewahrungsort für Feldfrüchte und dergleichen; patninam sadana — eine am Opferplatz errichtete Hütte, bestimmt für die Weiber und häuslichen Verrichtungen des Opfernden — ist das Frauengemach: sadas endlich — beim Opfer ein im Opferraum östlich vom pracinavamça (agniçala) errichteter Schuppen — begreift dann die Nebengebäude in sich.

Über die Möblierung des Hauses sind die Nachrichten des Rigveda höchst dürftig; nach Rv. 7, 55, 8 schlafen die Frauen auf Bänken (proshtha), auf Sänften oder Tragsesseln (vahya) und in Betten (talpa). Die Sänfte (vahya) diente wohl allgemein zum Ausruhen auch am Tage: »Du (devyoshadhe) stiegst auf die Erde empor wie ein ermüdetes Weib auf die Sänfte« Av. 4, 20, 3.

Das Ruhebett auf dem Brautwagen, auf das die Braut bei der Wegfahrt aus dem elterlichen Hause stieg, stand auf vier Füssen; auf ihnen befand sich ein Gestell, das aus vier Rahmenbrettern (ushyala) zusammengesetzt war; der Länge nach waren Gurte (vardhra) darin gespannt Av. 14, 1, 60. Eine Aufzählung einzelner Theile am Lager (asandi Lehnstuhl) des Vratya erhalten wir Av. 15, 3: »Sommer und Frühling sind zwei Füsse an demselben, Herbst und Regengüsse die beiden andern; die Saman Brhad und Rathantara waren die beiden Langbretter des Gestells (anucye : »parçvadvayavartini phalake« Say. zu Ait. Br. 8 , 12), Yajnayajniya und Vamadevya die beiden Querbretter (tiraçce). Die Rc bildeten die der Länge nach im Gestell gespannten Gurten (prancastantavah), die Yajus die in die Quere gespannten (tiryancah), der Veda ist die über diese Gurten gespreitete Decke (das Unterbett astarana), das Brahma die Decke (upabarhana), Saman das Sitzkissen (asada), Udgitha das Kopfpolster (apaçraya). Auf diese asandi stieg der Vratya.«

Viel Ähnlichkeit hiermit hat, wie schon Aufrecht Ind. Stud. 1, 140 bemerkt, die Beschreibung des Paryanka (Ruhebett) in der Kaushitaki-Upanishad; dieselbe ist von Weber 1. c. 4021f. gegeben: »Vergangenheit und Zukunft sind die beiden Vorderfüsse daran, Heil (çri) und Segen (ira) die beiden Hinterfüsse; die beiden Saman Brhad und Rathantara die beiden Langbretter (anucye), die beiden Saman Bhradra und Yajnâyajniya die beiden Kopfbretter unten und oben (çirshanye), Rc und Saman sind der Aufzug in den vier Seiten des Rahmens (pracinatana), die Yajus der Einschlag dazu (tiraçcinani), Somastengel (somamçavah) das Polster (upastarana), Udgitha die milchweisse Decke darüber (upaçri), Heil (çri) das Kopfkissen (ucchirshaka)«. Auch die Beschreibung von Indras Thronsessel Ait. Br. 8, 5. 6. 12 kann man vergleichen.

An den Genius des Hauses (Vâstoshpati) sind im Rigveda verschiedentlich Gebete gerichtet; hierher gehört auch Rv. 7, 54, ein Spruch, der nach Paraskara Grhyas. 3, 4 nach Beziehen des Hauses gesprochen werden soll:

»O Vastoshpati, nimm uns gut auf, gewähre guten Eingang, bringe nicht Krankheit über uns; um was wir dich angeben, das sage uns freudig zu, sei zum Heile unserm Zweifüssigen und Vierfüssigen. 1.
O Vastoshpati, sei hülfreich uns, mehre den Hausstand mit Rindern und Rossen, o Indu; nicht alternd wollen wir in deiner Freundschaft bleiben, wie ein Vater mit den Söhnen sei zufrieden mit uns. 2.
O Vâstoshpati, möge uns zu Theil werden deine hülfreiche, erfreuende, an Mitteln reiche Genossenschaft; schütze unsern Wunsch in der Ruhe und bei der Arbeit; schützt ihr (o Götter) uns allwegs mit Wohlergehen.« 3.

Waren die Sitze der vedischen Stämme im Allgemeinen auch reich an Wasser, so kam es doch öfters vor, sei es, weil es nicht überall möglich war, die Dörfer an Flüssen und Bächen anzulegen, sei es, dass vorhandene Quellen für den Bedarf nicht ausreichten, dass für die Menschen und noch mehr für die grossen Herden Wassermangel eintrat. Diesem Übel wusste man abzuhelfen. Man grub Brunnen (utsam khan Rv. 10, 101, 1 I ), die von bedeutender Tiefe waren; denn um das Wasser heraufzubefördern, bedurfte man künstlicher Vorrichtungen. Oben war ein steinernes Rad befestigt, über welches ein Riemen (varatra) lief; an diesen Riemen wurde das Schöpfgelass (koca) gebunden und so das Wasser aus der Tiefe (avata) herauf gerollt und in die neben dem Brunnen angebrachten Tränken (ahava) ausgegossen. Der terminus technicus für »einen Brunnen ausschöpfen« ist sink. Diese künstlich angelegten Brunnen waren zugedeckt (avata Rv. t, 55; 8); ihr wesentlicher Unterschied von der an der Erdoberfläche sprudelnden Quelle (utsa) war, dass sie in die Tiefe gingen, daher ihr Name avata. Gleichwohl ist der Unterschied zwischen beiden Ausdrücken nicht streng durchgeführt; waren doch die gegrabenen Brunnen, insofern nicht Cisternen ähnliche Anlagen, auch Quellen (utsa). Die Epitheta der Brunnen sind »unversieglich« (akshita), »wasserreich« (udrin). Künstliche Wasserleitungen legte man an, um allzuentfernte Quellen nutzbar zu machen, oder Regenwasser zu sammeln: »Freundlich bist du, o Varuna, in dessen Mundhöhle die sieben (himmlischen) Ströme fliessen wie in eine hohle Wasserleitung (surmi sushira)« Rv. 8, 69, 12.

Die noch nicht angeführten Stellen zum Beleg dieser Angaben sind Rv. 4, 17, 16: »Nach Rindern, Ross und Beute gierig ziehen den starken, unversieglichen Beistand gewährenden Indra wir, seine Freunde, nach Gattinnen verlangend, den Frauenspender herbei wie einen Eimer aus dem Brunnen«; Rv. 10, 101, 5--7: »Machet die Tränken bereit, füget die Riemen zusammen, wir wollen ausschöpfen den wasserreichen Brunnen, aus dem man viel schöpfen kann, der nie versiegt. Den Brunnen, neben welchem der Trog bereit steht, den mit guten Riemen versehenen, schön sich ergiessenden, den wasserreichen schöpfe ich aus. Sättiget die Rosse , erkämpft guten Sieg, rüstet den Wagen zu glücklicher Fahrt; den Brunnen, dessen Trog die Kufe, dessen Rad der (Press)stein ist, dessen Eimer ein Panzer ist, den den Männern Trank gewährenden Brunnen schöpfet aus.« Das Ganze ist eine Allegorie auf die Somabereitung ; die letzte Rc bezieht Roth Erläuterungen zu Nir. 5, 26 auf den Kampf; in der Hauptsache schliesse ich mich jedoch Grassmann im Wörterbuch zum Rigveda unter amsatra, koca an. — Rv. 8, 72, 10: »Sie schöpfen aus ehrfurchtsvoll den Brunnen, der das Rad oben hat (uccacakra), den herumwandelnden, der die Öffnung unten hat, den unversiegbaren ; gemeint ist die Wolke.«

Eine Bezeichnung des Schöpfrades war vielleicht kucakra; Rv. 10, 102, 11 heisst es : »Der Verschmähten gelang es einen Gatten zu finden , (sie wurde auch Mutter und) strotzte von Milch, wie wenn einer Wasser ausgiesst mit einem Schöpfrad« (?).

(Aus dem Buch "Altindisches Leben: Die Cultur der vedischen Arier", nach den Samhita dargestellt von Heinrich Zimmer, Berlin 1879)

Siehe auch

Literatur

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