Beweis

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Beweise für das Dasein Gottes

Artikel aus dem Buch „Das System des Vedanta“ von Paul Deussen, Elibron Classics, 2. Auflage, 1906, S. 132-138.

Vorbemerkung

Im Verlaufe des Werkes, welches uns beschäftigt, treffen wir mehrfach auf Ausführungen, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit den in der neuem, vorkantischen Philosophie figurierenden Beweisen für das Dasein Gottes haben. Wir teilen dieselben hier unter den bei uns üblichen Namen mit, da eine Vergleichung der beiderseitigen Argumentationen nicht ohne historisches Interesse ist. An eine gegenseitige Abhängigkeit ist dabei nicht zu denken, da Beweise wie der kosmologische und physikotheologische in der Natur des menschlichen Gedankenganges liegen; zu einem ontologischen Beweise haben die Inder, wie es scheint, sich nicht verstiegen; hingegen treffen wir einen neuen Beweis an, den wir den psychologischen nennen können, und in welchem der Gottesbegriff mit dem der Seele in eins verfließt. Wir schicken eine kurze und vorläufige Definition des Brahman voraus und bringen dann die betreffenden Stellen unter den genannten Rubriken unter, ohne behaupten zu wollen, dass ihr ganzer Inhalt zu den um der Vergleichung willen gewählten Überschriften passt.

Definition des Brahman

(S. 38,2:) "Die Ursache, aus welcher Ursprung, Bestehen und Untergang dieser in Namen und Formen ausgebreiteten, viele Handelnde und Genießende beschließenden, die nach Raum, Zeit und Ursache speziell bestimmte Frucht der Werke enthaltenden, in einer auch für den Geist unfassbaren Anordnung gestalteten Welt [herrührt], — diese allwissende und allmächtige Ursache ist das Brahman." (S. 90,3:) "Das Brahman ist die allwissende und allmächtige Ursache des Entstehens, Bestehens und Vergehens der Welt."

Kosmologischer Beweis

Unter diesem Titel übersetzen wir das Sutram 2,3,9 mit Shankaras Auslegung desselben (S. 627-628).

Sutram: "Nichtentstehung aber [ist] des Seienden, wegen der Unmöglichkeit." Auslegung: Nachdem jemand aus der Schrift darüber belehrt worden, dass auch Äther [oder: Raum] und Luft, obgleich man sich ihren Ursprung nicht vorstellen kann, entstanden sind, so könnte er auf den Gedanken kommen, dass auch das Brahman irgendworaus entstanden sei; denn wenn er vernimmt, wie aus dem Äther usw., die doch bloße Umwandlungen sind, weitere Umwandlungen entspringen, so könnte er meinen, dass auch der Äther aus dem Brahman als aus einer bloßen Umwandlung entsprungen sei. Zur Beseitigung dieses Zweifels dient das vorliegende Sutram. Man darf also nicht meinen, dass das Brahman, dessen Wesen das Sein ist (Sad Atmaka), aus irgend etwas anderem könne entstanden, hervorgegangen sein; warum? wegen der Unmöglichkeit. Denn Brahman ist reines Sein. Als solches kann es [erstens] nicht aus reinem Sein entsprungen sein, weil [zwischen beiden] kein Vorrang besteht, so dass sie sich nicht wie Ursprüngliches und Umgewandeltes [zueinander] verhalten können; — aber auch [zweitens] nicht aus unterschiedlichem Sein, weil dem die Erfahrung widerspricht; denn wir sehen, wie aus der Gleichheit die Unterschiede entspringen, z. B. aus dem Ton die Gefäße, nicht aber aus den Unterschieden die Gleichheit; — ferner [drittens] auch nicht aus dem Nichtseienden, weil dasselbe wesenlos (Niratmaka) ist; und weil die Schrift es verwirft, wenn sie sagt (Chand. 6,2,2): "Wie sollte aus dem Nichtseienden das Seiende entstehen?" und weil sie einen Erzeuger des Brahman nicht zulässt, wenn es heißt (Shvet. 6,9);

Ursache ist er, Herr des Herrn der Sinne,
Kein Herr ist Ober ihm und kein Erzeuger.

Für Äther und Wind hingegen wird ein Ursprung aufgewiesen, nicht aber gibt es einen solchen von Brahman, das ist der Unterschied. Und weil man sieht, wie aus Umwandlungen andere Umwandlungen entspringen, deswegen braucht nicht auch Brahman eine Umwandlung zu sein; denn wäre dem so, so würden wir zu keiner Wurzelnatur (Mula Prakriti) gelangen und hätten einen "Regressus in Infinitum" (Anavastha). Was man als Wurzelnatur annimmt, das eben ist unser Brahman; so stimmt es zusammen.

Physikotheologischer Beweis

(S. 500,3:) Wenn man die Sache nur mit Hilfe von Beispielen erwägt, so sieht man, wie in der Welt kein Ungeistiges aus sich selbst und ohne von einem Geistigen regiert zu werden die Produkte hervorbringt, welche zur Förderung der bestimmten menschlichen Zwecke dienen. Denn z. B. Häuser, Paläste, Betten, Sessel, Lustgärten usw. werden im Leben [nur] von einsichtigen Künstlern der Zeit gemäß zum Zwecke, Lust zu befördern, Unlust abzuhalten, eingerichtet. Ebenso nun steht es mit dieser ganzen Welt; denn wenn man sieht, wie z. B. die Erde dem Zwecke des Genusses der Frucht der mancherlei Werke entspricht, und wie z. B. der Leib von außen und von innen dadurch, dass er eine den verschiedenartigen Geschöpfen gemäße, bis ins Einzelne bestimmte Anordnung der Teile besitzt, sich als den Standort des Genießens der Frucht der mannigfaltigen Werke darstellt, — also, dass auch einsichtsvolle und höchst bewährte Künstler es nicht einmal mit ihrem Verstande zu fassen vermögen, — wie sollte diese Anordnung von der ungeistigen Urmaterie [der Sankhyas] herrühren, da doch Erdklumpen, Steine usw. zu so etwas nicht imstande sind? Denn auch der Ton z. B. formt sich, wie die Erfahrung lehrt, zu verschiedenen Gestalten [nur], sofern er vom Töpfer regiert wird, und ebenso muss die Materie von einem andern, Geistigen regiert werden. Wer sich daher nur auf die materielle Ursache wie Ton usw. stützt, der kann nicht mit Recht behaupten, dass er die Wurzelursache besitze; wohl aber steht dem nichts im Wege, wenn man außer jenem [dem Ton] noch auf einen Töpfer usw. sich stützt. Denn bei dieser Annahme ist kein Widerspruch vorhanden, auch kommt die Schrift dabei zu Ehren, welche ein Geistiges als Ursache lehrt. Also, weil die Anordnung [des Kosmos] unmöglich werden würde, deswegen darf man nicht auf ein Ungeistiges als Ursache der Welt zurückgehen.

Psychologischer Beweis

(S. 32,4:) Ist das zu erforschende Brahman bekannt oder unbekannt? Ist es bekannt, so braucht man es nicht zu erforschen, ist es unbekannt, so kann man es nicht erforschen! — Antwort: Das seiner Natur nach ewige, reine, weise, freie, allwissende, allmächtige Wesen ist das Brahman. Denn aus der Etymologie des Wortes Brahman werden die Bedeutungen ewig, rein usw. gewonnen, indem man dem Sinne der Wurzel "barh" nachgeht. Das Dasein aber des Brahman ist dadurch erwiesen, dass es das Selbst (die Seele, Atman) von allem ist. Denn jeder nimmt das Dasein seiner selbst an, denn er kann nicht sagen: "Ich nin nicht.". Denn wäre nicht das Dasein des Selbstes erwiesen, so könnte alle Welt annehmen: "Ich bin nicht." Und das Selbst ist das Brahman. — Aber wenn das Brahman dadurch, dass es das Selbst ist, allgemein erwiesen ist, so ist es doch bekannt, und der Einwurf, dass es nicht erforscht zu werden braucht, kehrt wieder? — Doch nicht! Denn in Bezug auf seine Merkmale ist Widerspruch. Denn das gemeine Volk und die Materialisten [Lokayatika: "die nach der Welt sich strecken"] behaupten: "das Selbst ist bloß der mit Intelligenz versehene Leib; andere wieder: "das Selbst sind nur die [ihrer Natur nach] intellektuellen Sinnesorgane"; — andere: Es ist der Verstand. Manas; — etliche: nur die hinfällige Erkenntnis; — andere: das Leere; — noch andere: Es ist die über den Leib hinausreichende, wandernde, tätige und leidende individuelle Seele.; — einige: Nur die leidende ist es, nicht die tätige; — manche: Es ist der über diese [Welt] hinausreichende, allwissende, allmächtige Herr; — noch andere: Es ist das Selbst dessen, der da leidet [oder: genießt]. — So stehen sich viele entgegen und stützen sich dabei auf Argumente und [Schrift-] Worte oder ihren Schein. Wer nun ohne Bedacht eines oder das andere annimmt, der könnte an seiner Seligkeit Schaden nehmen und ins Verderben geraten. Darum wird, weil dieselben die Brahmanforschung darlegen, die Betrachtung der Vedanta-Upanishad-Texte, unterstützt durch eine ihnen nicht widersprechende Reflexion, als ein Mittel zur Seligkeit empfohlen.

(S. 78,6:) Denn der von dem Täter [der individuellen Seele], welcher das Objekt der Vorstellung des Ich ist, verschiedene, als Zuschauer (Sakshin) in allen Wesen wohnende, gleiche, eine, höchste, ewige Geist (Purusha) wird von niemandem aus dem Werkteile [des Veda] oder aus einem auf Reflexion beruhenden Lehrbuche erfasst; er, der die Seele von allem ist; und darum kann ihn auch keiner leugnen oder zu einem Bestandstücke des Werkteiles machen; denn wer ihn leugnet, eben dessen Selbst (Seele) ist er; und weil er das Selbst von allem ist, darum ist es nicht möglich, ihn zu fliehen, noch auch zu suchen. Denn alles, was vergeht, ist durch Umwandlung entstanden und vergeht, indem es sein Ende findet in dem Geiste; der Geist aber ist, weil keine Ursache des Vergehens da ist, unvergänglich, und weil keine Ursache der Veränderung da ist, darum ist er der [über die Veränderung] erhabene und ewige, und darum eben seiner Natur nach ewig, rein und frei [oder: erlöst].

Sofern nun Gott das (metaphysische) Ich des Menschen selbst ist, lässt sich sein Dasein eigentlich gar nicht beweisen, bedarf dessen aber auch nicht, weil er das allein unmittelbar Bewusste und somit die Basis aller Gewissheit ist, wie folgende höchst merkwürdige Stelle ausführt.

Cogito, ergo sum

(S. 619,8:) Denn wäre das Selbst [d. h. das Brahman] auch [wie Äther, Wind, Feuer, Wasser, Erde] eine Umwandlung, so würde, weil die Schrift über dasselbe hinaus nichts Höheres lehrt, alle Wirkung vom Äther an abwärts ohne Selbst (Niratmaka, seelenlos, wesenlos) sein, da [auch] das Selbst [nur] eine Wirkung wäre, und somit würden wir beim Nihilismus (Shunga Vada) ankommen. Ehen weil es das Selbst ist, deswegen geht es nicht an, das Selbst zu bezweifeln. Denn das Selbst kann man niemandem [durch Beweise] beibringen, weil es an sich schon bekannt ist. Denn das Selbst wird nicht durch einen Beweis seiner selbst erwiesen. Denn es ist dasjenige, welches alle Beweismittel wie Wahrnehmung usw. in Anwendung bringt, um eine Sache, die nicht bekannt ist, zu beweisen. Denn die Objekte der Ausdrücke Äther usw. bedürfen eines Beweises, weil sie nicht als von selbst bekannt angenommen werden. Das Selbst aber ist die Basis (Ashraya) für die Tätigkeit des Beweisens, und mithin ist es auch vor der Tätigkeit des Beweisens ausgemacht. Und weil es so beschaffen ist, deshalb geht es nicht an, dasselbe in Abrede zu stellen. Denn in Abrede stellen können wir eine Sache, die [von außen] an uns herankommt (Agantuka), nicht aber, die unser eigenes Wesen ist.

Denn wer es in Abrede stellt, eben dessen eigenes Wesen ist es [vgl. S. 79,1. 823,2]; das Feuer kann nicht seine eigene Hitze in Abrede stellen. Und weiter, wenn man sagt: "Ich bin es, der jetzt das gegenwärtige Sein erkennt, ich bin es, der das vergangene und vorvergangene erkannte, und ich, der das künftige und überkünftige erkennen wird", so liegt in diesen Worten, dass, wenn auch das Objekt der Erkenntnis sich ändert, der Erkennende, weil er in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart ist, nicht sich ändert; denn sein Wesen ist ewige Gegenwart (Sarvada Vartamana Svabha Vatvad); daher, wenn auch der Leib zu Asche wird, kein Vergang des Selbstes ist, weil sein Wesen die Gegenwart ist; ja es ist sogar nicht einmal denkbar, dass sein Wesen etwas anderes als dieses wäre.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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