Brahma Yamala

Aus Yogawiki

Brahma Yamala (Sanskrit ब्रह्मयामल, IAST Brahmayāmala), auch Brahmayāmalatantra und Picumata (पिचुमत) genannt, ist eine frühe, umfangreiche Schrift des shivaitischen Tantra. Im Mittelpunkt stehen Bhairava und die große Göttin, ihre Mantras sowie die Kreise der Yoginis. Klang, Körper, Vorstellungskraft und rituelle Handlung greifen in dieser Überlieferung eng ineinander.

Für ernsthafte spirituelle Aspiranten ist das Brahma Yamala besonders dort aufschlussreich, wo es zeigt, wie ein ganzer Gottheitenkosmos im eigenen Körper vergegenwärtigt wird. Der Körper erscheint als Ort der Verehrung; ein Mantra gilt als Gegenwart der Gottheit; eine äußere Handlung erhält ihren Sinn durch ihre innere Vorbereitung. Zugleich begegnet man einer historisch fremden Welt mit anspruchsvollen Observanzen, übernatürlichen Zielsetzungen und bewusst grenzüberschreitenden Riten. Eine verständige Lektüre lässt beides sichtbar: die religiöse Vorstellungskraft des Textes und die Eigenart seiner tatsächlichen Aussagen.

Shiva und Parvati: ein ergänzendes Bild des göttlichen Paares. Die Gottheiten- und Ritualwelt des Brahma Yamala wird im Artikel aus seinen Quellen erschlossen.

Umfang dieser Teilausgabe: 1730 einzeln wiedergegebene Verse beziehungsweise erhaltene Versfragmente: Kapitel 1: 1–133; Kapitel 2: 1–18; Kapitel 3: 1–230; Kapitel 4: 498–500, 515, 538, 565, 595; Kapitel 12: 1–3, 36–39; Kapitel 14: 218, 260; Kapitel 15: 64; Kapitel 21: 1–146; Kapitel 25: 342; Kapitel 32: 42–46; Kapitel 39: 1–93; Kapitel 40: 1–33; Kapitel 44: 2–3, 8; Kapitel 45: 1–674; Kapitel 46: 3; Kapitel 48: 1–36; Kapitel 56: 99–156; Kapitel 74: 1–77; Kapitel 83: 1–7, 9–11, 13–25, 27–35, 37–186; Kapitel 87: 140; Kapitel 90: 101; Kapitel 100: 2, 25–26; Kapitel 102: 1–18. Das überlieferte Gesamtwerk umfasst 104 Kapitel und mehr als 12.000 Verse. Diese Datei ist keine Gesamtausgabe.

Die begleitenden Seiten sind Brahma Yamala 108 Verse für die spirituelle Praxis und Brahma Yamala Sanskrit Devanagari.

Direkt zu den Textabschnitten: Kapitel 1 · Kapitel 2 · Kapitel 3 · Kapitel 4 · Kapitel 12 · Kapitel 14 · Kapitel 15 · Kapitel 21 · Kapitel 25 · Kapitel 32 · Kapitel 39 · Kapitel 40 · Kapitel 44 · Kapitel 45 · Kapitel 46 · Kapitel 48 · Kapitel 56 · Kapitel 74 · Kapitel 83 · Kapitel 87 · Kapitel 90 · Kapitel 100 · Kapitel 102

Name und Bedeutung

Brahma Yamala ist die gut lesbare deutsche Artikelschreibung desselben Namens, der wissenschaftlich Brahmayāmala geschrieben wird. Yāmala bedeutet „Paar“ beziehungsweise „gepaart“ und bezeichnet in dieser Textgattung insbesondere die zusammengehörige männliche und weibliche Gottheit. Im hier behandelten Werk sind dies Kapalishabhairava und die Göttin, die unter anderem Bhairavi, Aghori und Chanda Kapalini heißt. Der Name ist deshalb nicht als Hinweis auf eine alleinige Verehrung des Schöpfergottes Brahma zu verstehen.[1]

Picumata ist ein Alternativname dieses Brahmayamala, kein bloßes Einzelkapitel. Mata bedeutet hier „Lehre“. Picu ist ein eigentümlicher, mehrdeutiger Fachausdruck: Er bezeichnet im Text unter anderem vermischte sexuelle Körperflüssigkeiten und wird zugleich auf die Verbindung von Shiva und Shakti sowie auf göttliche Erkenntnis bezogen. Die materiellen und theologischen Bedeutungen gehören zusammen; eine ausschließlich symbolische Übersetzung würde den Text verkürzen. Eine vorsichtige Titelwiedergabe lautet daher „Lehre vom Picu“, ergänzt durch die Erklärung dieser Bedeutungsfelder.[1]

Weitere belegte Bezeichnungen sind Navākṣaravidhāna, „Verfahren der neun Silben“, und Dvādaśasāhasraka, „[Tantra] der zwölftausend [Verse]“. Der erste Name verweist auf die zentrale Vidya der Göttin, der zweite auf den traditionellen Umfangsanspruch. Das Werk deutet seine Namen auch selbst auf unterschiedliche Weise; eine einzige deutsche Wortübersetzung kann diese inneren Auslegungen nicht ersetzen.

Welche gleichnamigen Texte sind zu unterscheiden?

Gegenstand dieses Artikels ist das alte, in einer nepalesischen Palmblatthandschrift überlieferte Brahmayāmala/Picumata der Bhairava-Tradition. Davon zu unterscheiden ist eine kürzere Bearbeitung von ungefähr 3.500 Versen in 81 Kapiteln, die Hatley mit dem wissenschaftlichen Hilfstitel *Brahmayāmalasāra bezeichnet. Sie ist keine bloß anders gezählte Ausgabe desselben vollständigen Textes, kann aber bei parallel überlieferten Stellen zur Klärung von Lesungen beitragen. Der Stern vor dem Titel kennzeichnet die moderne Bezeichnung; in den Handschriften trägt auch diese Kurzfassung Namen wie Brahmayamala und Picumata.[2]

Der Titel Brahmayamala wurde zudem in späterer Literatur und in Zuschreibungen verwendet. Ein Zitat, eine Handschriftenüberschrift oder ein moderner Mantrasammelband mit diesem Titel belegt deshalb für sich allein noch keine Stelle im alten Picumata. Die vorliegende Ausgabe übernimmt keine solchen Zuschreibungen ohne Abgleich mit ihrer ausgewiesenen Textgrundlage.

Historischer Hintergrund

Das Brahma Yamala gehört zu den frühen Zeugnissen eines stark auf Göttinnen ausgerichteten shivaitischen Tantra. Seine Entstehung ist nicht auf ein einzelnes Jahr oder einen einzelnen Autor zurückzuführen. Hatley hält mehrere Textschichten und aufeinanderfolgende Erweiterungen für wahrscheinlich. Für wichtige frühe Teile wird ungefähr die Zeit zwischen 650 und 750 n. Chr. erwogen; für sämtliche 104 Kapitel ist damit kein einheitliches Entstehungsdatum bewiesen.[3]

Einen festen zeitlichen Anhaltspunkt bietet die erhaltene Palmblatthandschrift NAK 3-370, die 1052 n. Chr. kopiert wurde. Das Werk war außerdem Abhinavagupta um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert bekannt. Beides datiert seine nachweisbare Überlieferung; beides ist vom wesentlich früher vermuteten Entstehen seiner Kernlehren zu unterscheiden.

Das Brahma Yamala steht in einem Geflecht früher tantrischer Literatur. Es verarbeitet ältere shivaitische Überlieferung, darunter Material aus dem Umkreis des Nishvasa. Es ist zugleich wichtig für die Untersuchung von Verbindungen zwischen shivaitischen Göttinnenkulten und buddhistischen Yogini-Tantras. Solche Beziehungen werden an konkreten Parallelen untersucht; aus einer Ähnlichkeit allein folgt weder Identität noch eine sichere Entlehnungsrichtung.[4]

Religiöse Einordnung und besondere Lehren

Bhairava, Göttin und Mantra

Das Werk verortet sich im Vidyāpīṭha, dem Bereich der vornehmlich weiblichen Mantra-Gottheiten innerhalb der Bhairava-Tantras. In seinem zentralen Gottheitenkreis stehen neben Bhairava und der großen Göttin vier Devis, vier Dutis beziehungsweise Dienerinnen, sechs Yoginis und acht Mütter. Die Mantras sind hier nicht lediglich sprachliche Hinweise auf diese Gestalten: Sie werden als deren wirksame Lautkörper behandelt.[5]

Das wiederkehrende Wort Yāga kann sowohl die Verehrung als auch eine bestimmte Anordnung des Gottheitenkreises bezeichnen. Vidyā heißt in vielen dieser Zusammenhänge weibliche Mantraform. Nyāsa ist das rituelle Einsetzen von Mantras oder Gottheiten in Körperstellen und andere Träger. Diese Bedeutungen erklären, warum Körper, Mandala und Mantra im Brahma Yamala nicht als voneinander unabhängige Themen behandelt werden.

Innerer Zustand und äußere Handlung

Kapitel 2 beginnt die Verehrung mit einem inneren Zustand: Der Mantra-Praktizierende verweilt in Nirācāra und nimmt die Gestalt der Avadhuta-Shakti an. Niracara bezeichnet in diesem Zusammenhang einen Zustand jenseits der gewöhnlichen Verhaltensordnungen, insbesondere auch jenseits gewöhnlicher ritueller Reinheitsunterscheidungen. Diese historische Überschreitung ist ein Merkmal des Textes; sie wird nicht als allgemeine heutige Verhaltensnorm ausgegeben. Das folgende Ritual wird aus dieser Vergegenwärtigung heraus vollzogen. Der Text verbindet also eine Überschreitung gewöhnlicher Unterscheidungen mit sehr genauen Handlungsfolgen.

Kapitel 39 setzt einen anderen Akzent: Wissen gilt dort als ungeteilt, während die unterschiedlichen Rituallehren auf die verschiedenen Voraussetzungen ihrer Empfänger bezogen werden. Dennoch enthält das Kapitel eine deutliche Rangordnung der Überlieferungswege. Diese frühe tantrische Sicht darf weder mit einem später ausgearbeiteten Advaita Vedanta gleichgesetzt noch unterschiedslos als moderne Lehre von der Gleichwertigkeit aller Wege gelesen werden.

Siddhi, Befreiung und Disziplin

Das Brahma Yamala verbindet Mukti, Befreiung, mit Siddhi, ritueller Vollendung und besonderen Fähigkeiten. Die versprochenen Ergebnisse reichen von Visionen der Gottheiten bis zu außergewöhnlicher Bewegungsfreiheit und klassischen übernatürlichen Kräften. Die Übersetzung gibt diese Aussagen als Aussagen des Textes wieder.

Seine Sadhakas bilden keine einheitliche Gruppe. Es unterscheidet unter anderem Talaka, Mishraka und Charubhojin und ordnet ihnen verschiedene Voraussetzungen und Disziplinen zu. Eine einzelne Vorschrift ist deshalb nicht ohne Weiteres auf jeden Praktizierenden übertragbar. Zu den außergewöhnlichen Verfahren gehört das in Kapitel 40 erläuterte Asidhārāvrata, das „Gelübde der Schwertschneide“: sexuelle Nähe und Zurückhaltung werden mit Meditation und fortlaufendem Ritual verbunden. Auch der konkrete körperliche Sinn dieser Angaben bleibt in der Ausgabe erhalten.

Schweigen und Verständigung

Kapitel 56 und 74 zeigen zwei teilweise überlappende Systeme der Geheimsprache. Handzeichen können Blumen, Räucherwerk oder Instrumente bezeichnen, nach der Herkunft fragen oder eine Begegnung mit Yoginis ankündigen. Besonders bemerkenswert ist, dass 56.154 und 56.156 neben überlieferten Zeichen auch die gemeinsame Vereinbarung anerkennen. Gleiche Körpergesten haben in den beiden Kapiteln jedoch nicht immer dieselbe Bedeutung. Die Ausgabe verschmilzt sie deshalb nicht zu einer einzigen vermeintlich eindeutigen Mudra-Lehre.[6]

Aufbau und Überlieferung

Gesamtumfang und Textgestalt

Die neuere Forschung gliedert das überlieferte Werk in 104 Kapitel mit mehr als 12.000 Versen. Die beiden großen Bereiche umfassen die Kapitel 1–50 und 51–104. Die traditionelle Bezeichnung „zwölftausend Verse“ ist keine moderne, lückenlos überprüfte Verszählung. Umfang und Kapiteleinteilung beruhen auf einer schwierigen Überlieferung; insbesondere sind Teile von Kapitel 81, offenbar das ganze Kapitel 82 und der Anfang von Kapitel 83 durch Blattverlust beziehungsweise Beschädigung betroffen.[7]

Ältere Kataloge und Arbeiten geben zum Teil andere Kapitelnummern an. Die hier verwendete Kapitelzählung folgt den neueren Editionen und Hatleys Handschriftenübersicht von 2018. Bei Texten aus der Dissertation von 2007 sind die älteren Ziffern zusätzlich genannt und im Sanskritkolophon erhalten. So ist das Schwertschneide-Kapitel hier Kapitel 40; die frühere Zählung als Kapitel 39 bezeichnet kein zusätzliches Werk.

Thematische Kapitelübersicht

Die folgende Übersicht zeigt die Anlage des Gesamtwerks; sie bedeutet nicht, dass sämtliche genannten Kapitel unten übersetzt sind. Die tatsächlich enthaltenen Versbereiche stehen am Anfang des Artikels und bei den Textabschnitten.

Kapitel Hauptthemen
1; 39 Herabkunft der Lehre und Einteilung der Offenbarungsströme
2; 10–11; 23; 26 Mantra-Heraushebung und besondere Mantrasysteme
3; 12–14; 17; 19; 25; 27–31 Gottheitenkreise, Mandalas und unterschiedliche Formen der Verehrung
4; 6; 16 Kultbilder, rituelle Gegenstände und Blüten
5; 7; 49 Verfahren mit Yantras
8–9; 36; 41; 44 Vergegenwärtigung, besondere yogische Verfahren, Nadi-Bewegung, Bindu und Kridakarma
18; 20; 42–43 Rezitation, Feuerritual, Nyasa und Mudras
21–22; 24; 40 Zeitlich festgelegte Observanzen und zum Teil sexuelle Riten
32–35; 37–38 Kosmologie, Initiation und Weiheverfahren
45 Die verschiedenen Sadhakas und ihre ausführlichen Disziplinen
15; 46–48; 50 Besondere Sadhanas im Umfeld von Totenstätten
51–86 Vielfältige weitere Gottheiten- und Praxiszyklen; unter anderem die verschiedenen Yogini-Verehrungen (54), der Mudra-Bereich (55), Kankalabhairava (63), Phetkarabhairava (68), die Anwendung von Augensalbe (69), Picu-Unterscheidungen (72) und Utphullakabhairava (85)
56; 74 Geheime Verständigung durch Worte und Körperzeichen; Erkennungsmerkmale der Yogini-Familien
102 Voraussetzungen und Arten der Begegnung mit Yoginis
83 Ursprung und Bedeutung von Schädelschale und Schädelstab; der Anfang ist stark lückenhaft
87–104 Weitere ergänzende Tantras und Verfahrenslehren; keine durchgehend einheitliche thematische Abfolge

Die Themenübersicht fasst die Analyse und die Inhaltsangaben Hatleys zusammen; bei mehrfach genannten Kapiteln überschneiden sich die Themen.[7]

Quellenlage und Editionsprinzipien

Grundlage Zugänglicher beziehungsweise edierter Umfang Bedeutung für diese Ausgabe
Palmblatthandschrift NAK 3-370, 1052 n. Chr. Hauptzeuge des alten Brahmayamala; mit materiellen Lücken Handschriftliche Grundlage der benutzten kritischen Editionen; keine Behauptung einer eigenen vollständigen Handschriftenkollation
Hatley, Band I, 2018 Kritische Edition der Kapitel 1–2, 39–40 und 83; deutscher Text hier unabhängig erarbeitet Alle fünf edierten Kapitel im erhaltenen Editionsumfang aufgenommen; Kapitel 83 enthält zahlreiche Überlieferungslücken
Kiss, Band II, 2015 Kritische Edition der Kapitel 3, 21 und 45 Alle drei edierten Kapitel hier im vollständigen nummerierten Umfang enthalten; Sanskrit an sämtlichen Editionsseitenbildern gelesen
Hatley, Dissertation, 2007 Untersuchungen und ausgewählte Kapitel in älterem Editions- und Nummerierungsstand Zusätzlich Kapitel 74 (ältere Zählung LXXIII) und 102 (XCIX) vollständig sowie die Teilstrecke 56.99–156 (LV) aufgenommen; abweichende Kapitelziffern ausdrücklich dokumentiert
Hatley, Garttayaga-Studie, 2025 Sanskritedition des Grubenritus, Kapitel 48, mit 36 Originalnummern Vollständig aufgenommen; abweichende Kapitelziffer 46 im Aufsatz beim Kapitel dokumentiert
Weitere wissenschaftliche Einzelstudien Genau bezeichnete Passagen und Teilkapitel Nur ausdrücklich ausgewiesene Sanskritstellen ergänzen den Textumfang

Die Überlieferung besitzt zahlreiche nichtklassische Sanskritformen. Sie werden nicht nachträglich in vermeintlich „korrektes“ klassisches Sanskrit umgeschrieben. Unsichere Textverbesserungen der Edition bleiben sichtbar. Eine deutsche Übersetzung kann eine beschädigte Sanskritstelle nicht heilen; wo der Sinn nicht zuverlässig herzustellen ist, steht dies unmittelbar bei der Stelle.

Die Devanagari-Seite entspricht genau dem Sanskritumfang dieses Hauptartikels. Sie entsteht durch Transliteration des geprüften IAST-Datensatzes und gibt daher dieselben Unsicherheiten wieder. Sie ist weder ein Faksimile der nepalesischen Handschrift noch eine zusätzlich kollationierte kritische Edition.

Die zehn Kapitel 1, 2, 3, 21, 39, 40, 45, 48, 74 und 102 liegen hier mit sämtlichen Originalnummern vor. Kapitel 83 folgt dem gesamten erhaltenen Text der Edition: Von den nummerierten Positionen 1–186 sind vier vollständig verloren (8, 12, 26, 36); vierzehn der 182 wiedergegebenen Positionen sind nur als Teilverse erhalten. Weitere Verluste am Anfang und nach 83.91 besitzen keinen zuverlässig bestimmbaren Versumfang. Hinzu kommen die 58 Verse 56.99–156 und 32 einzeln belegte Verse aus elf weiteren Kapiteln. Die vollständige Übersetzung aller 104 Kapitel ist damit nicht erreicht.

Sanskrit und deutsche Übersetzung

Die Originalnummern bleiben erhalten. Die Verslänge variiert: Einige Originalnummern umfassen drei Halbverse. Gezählt wird nach der Edition. Unnummerierte Sprecherzeilen werden zusätzlich wiedergegeben. Unterstreichungen markieren von der jeweiligen Edition als unsicher gekennzeichnete Lesungen; †…† bezeichnet eine verderbte, nicht sicher verbesserte Stelle. Ergänzungen der deutschen Übersetzung stehen in eckigen Klammern. Nichtklassische Sanskritformen werden nicht stillschweigend normalisiert.

Kapitel 1: Die Verknüpfungen der Offenbarung

Das erste Kapitel verknüpft die göttliche Offenbarung mit ihrer Weitergabe in der Menschenwelt. Seine mythischen Erzählungen und die am Schluss entfalteten Laut- und Shakti-Lehren eröffnen den Horizont des Werkes.

Textgrundlage: Hatley 2018, Kapitel 1; IAST-Anhang F, S. 581–591; kritische Edition S. 303–330, Übersetzung S. 383–419.[8]

Unnummerierte Eingangsverehrung

oṃ namaḥ śivādibhyo gurubhyo yogīśvarīṇām ॥

Übersetzung: Om. Verehrung den Gurus, deren Reihe mit Shiva beginnt; [Verehrung] den Yogeshvaris, den Herrinnen des Yoga.

Erläuterung: Unnummerierte Eingangsverehrung der Edition. Yogīśvarīṇām ist grammatisch ein Genitiv Plural; Hatley versteht die Form hier im Sinne eines Dativs. Der Anfang des Hauptzeugen ist beschädigt; die Edition berücksichtigt hierfür weitere Handschriften.

1.1

yat tatvam mantragarbhaṃ sakalaśivamayaṃ hetunirvāṇaviśvaṃ
dūtīnāṃ padmasaṇḍe ’samasukhavilasal liṅgarūpaṃ bibhartti ।
nānābhogādhivāsair vividhalayapadaiḥ śakti-r-ābaddhakāṇḍe
tat tatvaṃ viśvagarbhaṃ bhavanagadalanam bhairavam vaḥ punātu ॥

Übersetzung: Jenes Wirklichkeitsprinzip, das die Mantras in sich birgt, ganz aus Shiva in gegliederter Gestalt besteht, Ursache, Befreiung und Allgegenwart ist [?], das in den Lotusgruppen der Dutis die Gestalt des Linga trägt und in unvergleichlicher Freude spielt – [in Lotusgruppen,] deren Abschnitte durch Shakti verbunden sind [?], mit verschiedenen Stätten der yogischen Versenkung, Wohnorten vielfältiger Erfahrungen: Dieses Bhairava-Prinzip, das die Welt in sich birgt und den Berg des Werdens zerschlägt, möge euch läutern.

Erläuterung: Der Eröffnungsvers steht im längeren Sragdhara-Metrum. Mehrere Lesungen sind konjektural; besonders die Verbindungen hetunirvāṇaviśvam und śakti-r-ābaddhakāṇḍe bleiben unsicher. Die Lotusgirlande mit der verbindenden Shakti-Schnur ist die im Editionskommentar bevorzugte Deutung. Die sexuelle Bildsprache von Linga und Dutis wird dabei nicht beseitigt.

1.2

śrutvā śāstraṃ purā devī mūlatantram mahodayam ।
mudrāmaṇḍalamantroghaṃ vidyāpīṭhopalakṣitam ॥

Übersetzung: Einst hörte die Göttin die Schrift, das hocherhabene Wurzel-Tantra, mit seiner Fülle von Mudras, Mandalas und Mantras, als Vidyapitha gekennzeichnet …

Erläuterung: Pitha bedeutet hier eine Schriftabteilung. Vidyapitha bezeichnet den Bereich der weiblichen Mantra-Gottheiten; die vier Pithas umfassen Vidya, Mantra, Mandala und Mudra.

1.3

sahasrāṇi daśa dve ca catuḥpīṭhaṃ tu bhairavam ।
vimalā nirggataṃ yat tad aghorī bhīmavikramā ।
pratyuvāca mahādevam bhairavaṃ mantravigraham ॥

Übersetzung: … zwölftausend [Verse], das Bhairava[-Tantra] mit vier Pithas, das aus dem Vimala hervorgegangen war. Dann sprach Aghori von furchtbarer Kraft zu dem großen Gott, zu Bhairava, dessen Körper Mantra ist:

Erläuterung: Dieser Vers hat sechs Padas. Die Zahl 12.000 ist eine traditionelle Umfangsangabe und keine moderne Zählung des gesamten überlieferten Textes.

1.4

yat purā sūcitan deva tantram ucchuṣmasambhavam ।
vimalāhveti yat proktaṃ jñānoghaṃ śaktipūrvvakam ॥

Übersetzung: „O Gott, jenes Tantra, aus Uchchhushma hervorgegangen, das du einst angedeutet hast, das Vimala genannt wird, jene Flut von Erkenntnis, der Shakti vorausgeht …

Erläuterung: Vimala, „makellos“, und Uchchhushma gehören hier zur textinternen Genealogie der Offenbarung; sie werden nicht als ohne Weiteres austauschbare Bibliothekstitel behandelt.

1.5

yasmiṃs tu saṃsthitaṃ hy etac catuḥpīṭhan tu bhairavam ।
yasmād vinirggataṃ sarvvaṃ mantrapīṭhaṃ mahodayam ॥

Übersetzung: … in der dieses Bhairava[-Tantra] mit vier Pithas enthalten ist und aus der das ganze hocherhabene Mantrapitha hervorgegangen ist …

1.6

catuḥpīṭhasya sambandhe yat tvayā coditaṃ mama ।
tantrāvatārasaṃyuktam ādyaṃ yat siddhikāraṇam ॥

Übersetzung: … das du mir im Zusammenhang der vier Pithas gelehrt hast, verbunden mit dem Herabkommen der Tantras, das anfängliche [Wissen], das Siddhi bewirkt …

1.7

sarahasyaṃ mamācakṣva jñānoghāt sārapūjitam
śivaśaktivibhedañ ca bindubhedan tathaiva ca ॥

Übersetzung: … lege es mir mit seinen Geheimnissen dar, als verehrte Essenz aus der Erkenntnisflut; ebenso die Unterscheidungen von Shiva und Shakti sowie die Unterscheidungen des Bindu …

Erläuterung: Bindu, „Punkt“ beziehungsweise „Tropfen“, ist hier eine kosmologische und mantrische Kategorie.

1.8

navaśaktivibhedañ ca sṛṣṭibhedaṃ suvistaram ।
ekākinī yathā śaktir navabhedair vyavasthitā ॥

Übersetzung: … die Unterscheidungen der neun Shaktis und die Verschiedenheiten der Schöpfung ausführlich: Wie besteht die einzige Shakti in neun Unterteilungen …

1.9

guhyakākiṅkarībhiś ca kiṃkaryocchuṣmasambhavāḥ
yoginyo lākinīnāṃ tu bahubhedair vyavasthitāḥ ॥

Übersetzung: … [als] die aus Uchchhushma hervorgegangenen Dienerinnen, zusammen mit den Dienerinnen der Guhyakas? Und [wie bestehen] die Yoginis in den vielen Unterteilungen der Lakinis?

Erläuterung: Die Syntax und die Zuordnung der Dienerinnen sind nicht sicher. Die Unterstreichung bewahrt die Unsicherheit der Edition.

1.10

ekā eva mahāvīryā vyāpinī śakti cottamā ।
tasya yāgam aśeṣan tu kriyate surapūjita ।
yathā tathā mahādeva yoginīsiddhikāṅkṣiṇām ॥

Übersetzung: Die einzige, höchst kraftvolle, alles durchdringende und höchste Shakti: Wie wird ihre vollständige Verehrung vollzogen, von den Göttern Verehrter, großer Gott, für jene, die Siddhi durch die Yoginis erstreben?

Erläuterung: Der Vers umfasst sechs Padas. Die Frage betrifft die Verehrung der einen Shakti in ihren vielfältigen Gestalten.

1.11

guruśuśrūṣanirate vāmamārggānuvarttine ।
advaitabhāvanāvasthe nirvikalpe mane sthite ॥

Übersetzung: Wenn jemand dem Dienst am Guru ergeben ist, dem linken Weg folgt, in der Vergegenwärtigung der Nichtzweiheit verweilt und sein Geist ohne unterscheidende Vorstellungen bleibt …

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 1.12 fort. Der linke Weg (Vamamarga) ist die im Werk gelehrte konkrete Ritualtradition; seine Nichtzweiheit wird nicht mit späterem Vedanta gleichgesetzt.

1.12

siddhir yathā bhaved deva tad vidhānaṃ vada prabho ।
yoginyo svalpabuddhyās tu alpacittālpasātvikāḥ ॥

Übersetzung: … wie erlangt er Siddhi? Erkläre dieses Verfahren, o Gott, o Herr. [Und] Yoginis von geringer Einsicht, begrenztem Geist und wenig Mut …

Erläuterung: Die zweite Vershälfte beginnt eine weitere Frage. Die abwertenden Voraussetzungen über einige weibliche Praktizierende stehen im historischen Text und werden nicht als redaktionelle Bewertung übernommen.

1.13

bharttuḥ śuśrūṣaṇaparā gurubhaktisamanvitāḥ ।
tāsāṃ siddhir yathā deva vada me tat samāsataḥ ॥

Übersetzung: … die sich dem Dienst an ihrem Gatten widmen und voller Hingabe an den Guru sind: Wie erlangen sie Siddhi, o Gott? Sage mir das in Kürze.“

Erläuterung: Yoginis meint hier menschliche, initiierte Praktizierende. Die Rolle weiblicher Praktizierender wird in anderen Teilen des Werkes anspruchsvoller beschrieben; vgl. 45.187–188.

īśvara uvāca ॥

Der Herr sprach:

1.14

sādhu sādhu mahādevi yat tvayāhaṃ procoditam ।
nikhilan tat pravakṣyāmi sarvvasandohalakṣaṇam ॥

Übersetzung: „Gut, gut, große Göttin! Was du von mir erbeten hast, werde ich vollständig darlegen: die Merkmale der gesamten [Erkenntnis-]Fülle …

Erläuterung: Die Lesung procoditam folgt der kritischen Edition (Hatley 2018, S. 306) und dem IAST-Anhang (S. 582); die ungewöhnliche Vokalform wird beibehalten.

1.15

yathā ca tantrasadbhāvaṃ bahvarthaṃ gūḍhavikramam ।
sarahasyaṃ mahābhāge śṛṇuṣvekāgramānasā ॥

Übersetzung: … und wie das wahre Wesen des Tantra beschaffen ist, reich an Bedeutungen und von verborgener Kraft, samt seinen Geheimnissen. Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit, Hochbegnadete.

1.16

purā -d- akasmād deveśi krīḍamānasya svasthitau ।
yadi yāgavijñātā syām icchā yāva mamotthitā

Übersetzung: Einst, o Herrin der Götter, als ich an meinem eigenen Ort spielte, entstand plötzlich in mir der Wunsch: Wenn ich doch die Verehrung kennen würde [?]!

Erläuterung: Der Vers enthält mehrere Konjekturen; die Annäherung an den Sinn bleibt ausdrücklich vorläufig.

1.17

icchayā preritenaiva śrīkaṇṭho bhaktivatsalaḥ ।
divyaṃ varṣasahasran tu ijyāñjalipurassaram ।
ārādhito mayā devi bhaktyāviṣṭena cetasā ॥

Übersetzung: Von diesem Wunsch bewegt verehrte ich Shrikantha, der seinen Verehrern liebevoll zugewandt ist, tausend göttliche Jahre lang, mit Opfergaben und ehrenden Darbringungen, o Göttin, mit einem von Hingabe erfüllten Geist.

Erläuterung: Shrikantha ist hier die göttliche Quelle, von der Bhairava selbst Unterweisung empfängt. Ijya und Anjali bezeichnen Verehrung und ehrende Darbringungen beziehungsweise Gesten.

1.18

śrīkaṇṭhena tato mahyam parā karuṇayā mahat ।
jñānaughas tu samākhyātaḥ padabandhakrameṇa tu ॥

Übersetzung: Darauf lehrte Shrikantha mich aus höchstem Mitgefühl die große Flut der Erkenntnis, in der Folge ihrer zusammengefügten Worte.

1.19

śrīkaṇṭhasya prasādena sarvvo ’yam pariṇato mama ।
matsamparkāt tvayā caiva aśeṣañ cāvadhāritaḥ ॥

Übersetzung: Durch Shrikanthas Gnade ging diese ganze [Erkenntnis] in mich ein. Durch deine Verbindung mit mir hast auch du sie restlos erfasst.

1.20

tatas tvayā hitārthāya ādeśena vinā priye ।
parijanasya samākhyātum prārabdham bhaktihrṣṭayā ॥

Übersetzung: Dann begannst du, o Liebe, zu ihrem Wohl und ohne Weisung, [diese Lehre] den Angehörigen deines Gefolges zu erklären, von Hingabe erfreut.

Erläuterung: Der folgende Mythos begründet die Bedeutung autorisierter Weitergabe in dieser Tradition.

1.21

viplāpyamānaṃ tan dṛṣṭvā mahātantraṃ mayā punaḥ ।
krodhāviṣṭena śaptāsi jñānan te nāśitaṃ yayā ॥

Übersetzung: Als ich sah, dass dieses große Tantra [unbefugt] verbreitet wurde, verfluchte ich dich im Zorn; durch [diesen Fluch] wurde deine Erkenntnis vernichtet.

Erläuterung: Die gewaltsame Reaktion ist Bestandteil des Offenbarungsmythos; der Artikel macht daraus keine heutige Anleitung für das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden.

1.22

tatas tvayā mahābhāge trastayā kampamānayā ।
sāśrulocanayā caiva bhūmyāṃ gatvātha daṇḍavat ॥

Übersetzung: Darauf, Hochbegnadete, warst du erschrocken und zittertest, die Augen voller Tränen. Du warfst dich lang ausgestreckt auf die Erde …

1.23

karāñjalipuṭaṃ kṛtvā bhītayā jñānaviplave ।
vijñapto ’ham mahādevi śokādhiṣṭhitayā punaḥ ॥

Übersetzung: … faltetest die Hände zur ehrenden Geste und batest mich erneut, große Göttin, aus Furcht vor dem Verlust der Erkenntnis und von Trauer ergriffen.

1.24

tatas tvāṃ vihvalān dṛṣṭvā gṛhītaḥ karuṇayā hy aham ।
evamuktāsi kāruṇyā mahāmanyubhṛtena tu ॥

Übersetzung: Als ich dich so verstört sah, ergriff mich Mitgefühl. Aus Erbarmen sprach ich, obwohl von großem Zorn erfüllt, so zu dir:

Erläuterung: Zorn und Mitgefühl sind im selben Vers miteinander verbunden; die Spannung wird nicht aufgelöst.

1.25

bhūrlokaṃ gaccha deveśe avatāraṃ kuruṣva tha ।
brāhmaṇasya gṛhe deham aparaṃ gṛhṇa suvrate ॥

Übersetzung: ‚Geh in die Menschenwelt, Herrin der Götter, und steige dort herab. Nimm einen anderen Körper im Haus eines Brahmanen an, o Treue im Gelübde.

1.26

tatrasthāyā tatas tubhyam bhaktyāhaṃ saṃpracoditaḥ ।
anugrahaṃ kariṣyāmi tavāhaṃ śakti-r-ājñayā ।
mayā sārddham punas tvaikyan tat sarvvam prāpsyasi priye ॥

Übersetzung: Wenn du dort bist, werde ich, durch deine Hingabe bewegt, dir Gnade gewähren, auf Weisung der Shakti. Wieder wirst du die ganze Einheit mit mir erlangen, o Liebe.‘

Erläuterung: Der Vers hat sechs Padas. Das eingeschobene r in śakti-r-ājñayā dient der Auflösung eines Vokalzusammenstoßes und ist kein eigener Wortbestandteil.

1.27

tato ’vatīrṇṇā madvākyā prayāgasya samīpataḥ ।
kaṇavīre mahāgrāme meghadattagṛhe śubhe ॥

Übersetzung: Darauf stiegst du auf mein Wort hin in der Nähe von Prayaga herab, im großen Dorf Kanavira, im glückverheißenden Haus Meghadattas …

Erläuterung: Prayaga ist das heutige Prayagraj. Die Identifikation des Dorfes Kanavira bleibt unsicher.

1.28

chandogasya mahādevi utpannā lakṣaṇānvitā ।
sattikā tatra saṃjāta tava nāman na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: … eines Chandoga-Brahmanen. Dort wurdest du mit den [günstigen] Merkmalen geboren, große Göttin. Dein Name wurde dort Sattika, daran besteht kein Zweifel.

Erläuterung: Chandoga bezeichnet einen Brahmanen der Samaveda-Tradition. Der Eigenname Sattika ist in der Edition unsicher markiert.

1.29

tato mahā tvayā bhaktyā buddhisampannayā hy aham ।
ārādhito mahādevi satataṃ liṅgapūjayā ॥

Übersetzung: Dann verehrtest du mich, einsichtsvoll und mit großer Hingabe, große Göttin, durch beständige Verehrung des Linga.

1.30

tatra trayodaśe varṣe siddhā tvaṃ śaktyanugrahāt ।
khecaratvam avāpnoṣi samprāptā ca mamāntikam ॥

Übersetzung: In deinem dreizehnten Jahr wurdest du dort durch die Gnade der Shakti eine Siddha; du erlangtest die Fähigkeit, dich im Luftraum zu bewegen, und kamst in meine Nähe.

Erläuterung: Khecharatva bezeichnet hier die übernatürliche Fähigkeit zum Bewegen im Luftraum. Es ist keine in diesem Vers beschriebene Khechari-Mudra.

1.31

sā śaktis tvaṃ mahābhāge yā śaptā viplave kṛte ।
purā mayā smaratmānaṃ aghorī nāma te ’dhunā ॥

Übersetzung: Du bist jene Shakti, Hochbegnadete, die ich einst verfluchte, als die [unbefugte] Verbreitung geschehen war. Erinnere dich deiner selbst: Jetzt heißt du Aghori.“

Erläuterung: Aghori, „die Nichtfurchtbare“, ist hier ein Name der Göttin.

1.32

madīyā tvaṃ mahāśaktiḥ sarvvānugrahakārikā ।
tat pravakṣyāmi te jñānaṃ yad bhraṣṭaṃ viplave kṛte ॥

Übersetzung: Du bist meine große Shakti, die allen Gnade gewährt. Ich werde dir jenes Wissen lehren, das bei der Übertretung verloren ging.

1.33

śrīkaṇṭhena yathā proktam bhūtvā sadāśivaḥpadāt
sarahasyaṃ mahādevi śṛṇuṣvekāgramānasā ॥

Übersetzung: [Ich lehre es,] wie Shrikantha es sprach, nachdem es aus der Stufe Sadashivas hervorgegangen war, mit seinen Geheimnissen. Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit, große Göttin.

Erläuterung: Die Wendung sadāśivaḥpadāt ist nichtklassisch; der Visarga kann metrisch bedingt innerhalb der Verbindung stehen. Die genaue Konstruktion bleibt unsicher.

1.34

acintyasya parā śaktiḥ śivasya paramātmanaḥ ।
icchā nāmena saṃjātā tayā binduḥ prabodhitaḥ ॥

Übersetzung: Aus dem unbegreiflichen Shiva, dem höchsten Selbst, entstand die höchste Shakti namens Wille. Sie erweckte den Bindu.

Erläuterung: Iccha, „Wille“, ist eine personifizierte Kraft Shivas. Bindu wird im Editionskommentar hier als ursprüngliche Resonanz verstanden; der Vers beschreibt kosmische Offenbarung, keine physiologische Technik.

1.35

prabuddhasya tato bindo jñānaughaṃ niṣkalan tataḥ ।
abhivyakto mahādevi akasmān mantravigrahaḥ ।
jñānasampūrṇṇadehas tu sadāśivapade sthitaḥ ॥

Übersetzung: Aus dem erweckten Bindu [entstand] die ungeteilte Flut der Erkenntnis; aus ihr offenbarte sich plötzlich, große Göttin, ein Mantrakörper: ein ganz von Erkenntnis erfüllter Leib, auf der Stufe Sadashivas gegenwärtig.

Erläuterung: Der Vers hat sechs Padas. Die Erkenntnis erscheint erst ungeteilt (nishkala), dann als gegliederter Mantrakörper auf der Stufe Sadashivas.

1.36

tasmāt sadāśivānujñā tataḥ sṛṣṭir abhūt punaḥ ।
hūhukāntāvadhūtasthā tatvamālā svabhāvataḥ ॥

Übersetzung: Aus ihm, mit Sadashivas Erlaubnis, entstand darauf wiederum die Schöpfung: ihrem Wesen nach die Kette der Wirklichkeitsprinzipien, die bei der Avadhuta[-Shakti] beginnt und bis Huhuka reicht.

Erläuterung: Huhuka bezeichnet einen Rudra am unteren Ende des Kosmos. Die „Kette der Tattvas“ verbindet hier die Sprache der Wirklichkeitsprinzipien mit derjenigen der kosmischen Welten.

1.37

lokasya hitakāmyāyām amṛtākhyena suvrate ।
nibaddhaṃ tu samāsena jñānoghan vimalātmakam ॥

Übersetzung: Zum Wohl der Menschen, o Treue im Gelübde, wurde die Erkenntnisflut, deren Wesen Vimala ist, in verkürzter Form unter dem Namen Amrita niedergelegt.

Erläuterung: Amrita, „unsterblich“ beziehungsweise „Nektar“, wird hier als Bezeichnung der zusammengefassten Schrift verstanden. Nibaddham ist eine Konjektur.

1.38

anuṣṭupchandabandhena sapādena mahātmane ।
lakṣasaṃkhyena saṃkṣepān mantrajñānakriyātmakam ॥

Übersetzung: In zusammengefügten Anushtubh-Versen, einhundertfünfundzwanzigtausend an der Zahl, in Kürze, o Großherzige, bestehend aus Mantra, Erkenntnis und rituellem Handeln …

Erläuterung: Eine Lakh ist 100.000; sapāda, „mit einem Viertel“, ergibt 125.000. Diese Zahl gehört zur mythischen Schriftengenealogie und bezeichnet nicht den Umfang der erhaltenen Handschrift.

1.39

nirācārapade bhūtvā punaś cobhayadarśanāt ।
parāpareṇa devena śrīkaṇṭhāya prabhāṣitam ॥

Übersetzung: … wurde [sie], nach dem Verweilen im Zustand jenseits der Verhaltensordnungen und aufgrund der Schau beider [Wege], vom zugleich höchsten und nichthöchsten Gott Shrikantha gelehrt.

Erläuterung: Parapara ist hier Sadashiva zwischen dem höchsten Shiva und den niedrigeren Offenbarungsstufen. Die „beiden“ werden als reiner und unreiner Weg verstanden.

1.40

asmā jñānā mahādevi śrīkaṇṭhena hitāya vai ।
koṭikoṭipravistārair lokānāṃ hitakāmyayā ॥

Übersetzung: Aus dieser Erkenntnis, große Göttin, [wurden] durch Shrikantha zum Wohl [aller], mit millionenfachen Ausfaltungen und aus dem Wunsch nach dem Wohl der Menschen …

Erläuterung: Eine Koti bezeichnet zehn Millionen; die Wiederholung betont hier die ungeheure Fülle der Überlieferung.

1.41

pṛcchakāśrayabhedena kriyābhedavibhāgaśaḥ ।
śuddhāśuddhena mārgeṇa asatvena ca suvrate ।
vistaritāni tantrāṇi jñātvā sadāśivaḥpadāt

Übersetzung: … entsprechend den unterschiedlichen Voraussetzungen der Fragenden, den Unterteilungen verschiedener Rituale, dem reinen und unreinen Weg sowie dem Mangel an Mut, o Treue im Gelübde, die Tantras entfaltet, nachdem [er sie] aus der Stufe Sadashivas erkannt hatte.

Erläuterung: Die unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden begründen im Text die Vielheit der Tantras. Asattva meint hier insbesondere fehlenden Heldenmut, nicht bloß einen Gegensatz von Sein und Nichtsein.

1.42

ayan tu jñānasandohaṃ svarūpāvasthitaṃ priye ।
sapādalakṣasaṃkhyātam mayā jñātaṃ yathārthataḥ ॥

Übersetzung: Diese in ihrer eigenen Gestalt bestehende Erkenntnisfülle jedoch, o Liebe, die einhundertfünfundzwanzigtausend [Verse] zählt, habe ich ihrem wahren Sinn nach erkannt.

1.43

tavāpi jñānabhraṣṭāyās sampravakṣyāmi sāmpratam ।
sapādalakṣabhedena ślokānāṃ saṃsthitaṃ tu yat ॥

Übersetzung: Auch dir, die du die Erkenntnis verloren hast, werde ich nun [das lehren], was in einhundertfünfundzwanzigtausend Shloka-Versen geordnet ist.

1.44

asmād vinirggataṃ sarvvaṃ trailokyaṃ sacarācaram ।
tvayāpi kathanīyaṃ hi lokānāṃ hitakāmyayā ॥

Übersetzung: Daraus ist die ganze Dreiwelt hervorgegangen, mit Beweglichem und Unbeweglichem. Auch du sollst [es] lehren, aus dem Wunsch nach dem Wohl der Menschen …

1.45

divyādivyasvabhāvena sthitayā śaktyanujñayā ।
krodhabhairavadevasya siddhasyaiva śivecchayā ।
sapādalakṣasaṃkhyātam evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: … in einem zugleich göttlichen und nichtgöttlichen Wesen verweilend, mit Erlaubnis der Shakti, dem ehrwürdigen Krodhabhairava, der durch Shivas Willen Siddhi erlangt: [die Schrift] von einhundertfünfundzwanzigtausend [Versen]. So sprach Bhairava.

Erläuterung: Der Vers hat sechs Padas. Krodhabhairava ist hier ein initiierter Überlieferungsträger. Göttliche Namen im Folgenden sind deshalb nicht durchweg Namen kosmischer Gottheiten.

1.46

sapādañ caiva lakṣañ ca krodhabhairavasaṃjñakāt ।
kapālabhairavasyaiva kathayiṣyasi suvrate ॥

Übersetzung: Nach [der Unterweisung] des Krodhabhairava genannten [Lehrers] sollst du die einhundertfünfundzwanzigtausend [Verse] Kapalabhairava erklären, o Treue im Gelübde …

Erläuterung: Die zeitliche Deutung von „nach Krodhabhairava“ ist eine im Editionskommentar bevorzugte, aber nicht völlig sichere Erklärung.

1.47

brāhmaṇasya kurukṣetre utpannasya mahāmateḥ ।
śrīdharetyabhidhānasya adhikārasthitasya vai ॥

Übersetzung: … dem einsichtsvollen Brahmanen, der in Kurukshetra geboren wurde, Shridhara heißt und zur Lehre berechtigt ist …

1.48

śaktyadhiṣṭhitacittasya asiddhasya na saṃśayaḥ ।
kapālabhairavo devi lakṣañ caiva sapādakam ॥

Übersetzung: … dessen Geist von Shakti durchdrungen ist und der noch keine Siddhi besitzt, ohne Zweifel. Kapalabhairava, o Göttin, wird die einhundertfünfundzwanzigtausend [Verse] …

1.49

caturviṃśatibhiś caiva sahasraiḥ saṃghariṣyati ।
mūlatantravidhānan tu svarūpeṇa vyavasthitam ॥

Übersetzung: … auf vierundzwanzigtausend zusammenziehen, wobei das Verfahren des Wurzel-Tantra in seiner eigenen Gestalt erhalten bleibt …

Erläuterung: Die Verkürzung bewahrt nach dem Text die Grundverfahren; dies ist eine traditionelle Selbsterklärung seiner Entstehung, keine philologisch bewiesene Abfolge erhaltener Editionen.

1.50

lokānāmm alpacittānāṃ catuḥpīṭhādivarjitam ।
asminn eva hy asau tantre siddhim prāpsyati nānyathā ॥

Übersetzung: … für Menschen mit begrenztem Geist, ohne die vier Pithas und das Weitere. Gerade in diesem Tantra wird er Siddhi erlangen, nicht anders.

Erläuterung: Asminn eva und prāpsyati sind Textverbesserungen. Die Zuordnung der Person im Übergang zu 1.51 ist schwierig.

1.51

kapālabhairavāt siddhād asiddhasyaiva vakṣyasi ।
padmabhairavasaṃjñasya evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: Nachdem Kapalabhairava Siddha geworden ist, sollst du [es] dem noch nicht vollendeten Padmabhairava genannten [Lehrer] sagen. So sprach Bhairava.

Erläuterung: Die Lesung siddhād und die zeitliche Verbindung der Überlieferungsträger bleiben unsicher.

1.52

oḍradeśe tu jātasya devadattasya saṃjñayā ।
caraṇo bahvṛcāsyātha ādeśena na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: [Er ist] im Land Odra geboren und heißt Devadatta; seine vedische Schule ist die Bahvricha. Dann [wird er], mit Weisung und ohne Zweifel …

Erläuterung: Odra entspricht dem weiteren Raum Odisha. Bahvricha bezeichnet die Rigveda-Tradition.

1.53

asiddhas tv eva deveśi padmabhairavasaṃjñakaḥ ।
caturviṃśatisāhasraṃ granthaṃ dvādaśabhiḥ punaḥ ॥

Übersetzung: … obwohl noch kein Siddha, Herrin der Götter, jener Padmabhairava genannte [Lehrer], die Schrift von vierundzwanzigtausend [Versen] wiederum auf zwölf …

1.54

saṃghāran tu sahasrais tu kariṣyati śivecchayā ।
anenaiva tu tantreṇa tataḥ siddhim prayāsyasi ॥

Übersetzung: … tausend zusammenziehen, durch Shivas Willen. Mit ebendiesem Tantra wirst du dann Siddhi erlangen.

Erläuterung: Der Druck behält hier die zweite Person „du wirst“ bei; eine mögliche Angleichung an Padmabhairava als dritte Person wird nicht stillschweigend vorgenommen.

1.55

etat tantram asiddhasya sakāśāt tava eva hi ।
śṛṇviṣyanti mahābhāge śiṣyāś caiva caturddaśa ॥

Übersetzung: Dieses Tantra werden vierzehn Schüler, Hochbegnadete, in Gegenwart des noch nicht Vollendeten und deiner selbst hören.

Erläuterung: Ob die Schüler bei Padmabhairava, bei der Göttin oder bei beiden hören, ist syntaktisch nicht ganz eindeutig.

1.56

raktabhairavako nāmnā jvālābhairavako ’paraḥ ।
helābhairavakaś caiva trayo ’py ete mahāyaśe ।
madhyadeśasamutpannāś caraṇo ’tharvvaṇaṃ tathā ॥

Übersetzung: Einer namens Raktabhairava, ein anderer Jvalabhairava und Helabhairava: Alle drei, Hochberühmte, sind in Madhyadesha geboren und gehören der vedischen Atharvana-Schule an.

1.57

vāmabhairavako devi vijayabhairavako ’paraḥ ।
saurāṣṭrāyāṃ samutpannau śūdrau jātyā prakīrttitau ॥

Übersetzung: Vamabhairava, o Göttin, und ein anderer, Vijayabhairava, sind in Saurashtra geboren und werden ihrer Geburt nach als Shudras bezeichnet.

Erläuterung: Der Vers bezeugt innerhalb der eigenen Genealogie auch Lehrer aus einer nichtbrahmanischen sozialen Gruppe.

1.58

bhibhatsabhairavo devi gajakarṇṇas tu bhairavaḥ ।
caṇḍabhairavakaś caiva sindhuviṣayasambhavāḥ ॥

Übersetzung: Bhibhatsabhairava, o Göttin, Gajakarnabhairava und Chandabhairava stammen aus dem Gebiet Sindhu.

1.59

bhibhatsabhairavo devi gajakarṇṇabhairavo ’pi ca ।
kṣatriyau rājaputrau tu caṇḍabhairavako punaḥ ।
brāhmaṇo ’tharvvaṇo devi caraṇena na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Bhibhatsabhairava und Gajakarnabhairava, o Göttin, sind Kshatriyas königlicher Herkunft. Chandabhairava hingegen ist ein Brahmane, seiner vedischen Schule nach Atharvana, o Göttin, ohne Zweifel.

Erläuterung: Rajaputra wird hier als königliche Herkunft wiedergegeben; der Ausdruck darf nicht unbesehen mit einer erst später klarer gefassten Rajput-Identität gleichgesetzt werden.

1.60

yajñasomasuto bhavyo bṛhodārīviśabdite ।
grāme jāto mahādevi nātra kāryā vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Der vortreffliche Sohn Yajnasomas ist in dem Dorf namens Brihodari geboren, große Göttin; darüber bedarf es keiner Erwägung.

Erläuterung: Der Bezug ist Chandabhairava. Die genaue Lage des Dorfes ist nicht ermittelt.

1.61

grāmabāhye tu deveśi tatra devī bṛhodarī ।
tasyā nāmena so grāmo bṛhodarī prakīrttitaḥ ॥

Übersetzung: Dort außerhalb des Dorfes, Herrin der Götter, [ist] die Göttin Brihodari. Nach ihrem Namen wird jenes Dorf Brihodari genannt.

1.62

ārādhayitvāsau vipras tato devīm bṛhodarīm ।
vidyāmātran tu samprāpya japan tatraiva suvrate ॥

Übersetzung: Nachdem jener Brahmane die Göttin Brihodari verehrt und allein die Vidya empfangen hat, soll er eben dort, o Treue im Gelübde, Rezitation …

Erläuterung: Die Vidya allein geht hier der Berechtigung zum Studium der gesamten Schrift voraus.

1.63

kariṣyati mahāsatvas tatas tasya bhaviṣyati ।
ādeśo cāsya śāstrasya śravaṇāya na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: … vollziehen, von großer innerer Stärke. Danach wird er die Erlaubnis erhalten, diese Schrift zu hören, ohne Zweifel.

1.64

śṛṇviṣyati mahādevi padmabhairavapārśvataḥ ।
tatra siddhas tv asau vipras tantrakarttā bhaviṣyati ॥

Übersetzung: Er wird sie bei Padmabhairava hören, große Göttin. Dort wird jener Brahmane Siddha werden und ein Verfasser von Tantras sein.

1.65

gālayitvā imaṃ cārthaṃ śatair aṣṭādaśair mitaiḥ ।
saṃhariṣyati tatvajñas tathā caiva trayodaśaiḥ ॥

Übersetzung: Dieser Kenner der Wirklichkeitsprinzipien wird den Stoff herausfiltern [?] und auf achtzehnhundert [Verse] zusammenziehen; ebenso auf dreizehn[hundert] …

Erläuterung: Cārtham und die Deutung des „Herausfilterns“ sind unsicher.

1.66

saptabhiś ca tathā caiva saṃghariṣyati suvrate ।
lokānāñ ca hitārthāya nātra kāryā vicāraṇāt ॥

Übersetzung: … und ebenso wird er [ihn] auf sieben[hundert] zusammenziehen, o Treue im Gelübde, zum Wohl der Menschen; darüber bedarf es keiner Erwägung.

1.67

nādhikāraṃ yataḥ kṛtvā jñānaprāptir na jāyate ।
vidyāmātravidhānan tu saṃkṣepena hitāya vai ।
śrāvayiṣyati lokānān tatra tṛtayakena tu ॥

Übersetzung: Da ohne das Herstellen der Berechtigung keine Erkenntnis erlangt wird [?], wird er zum Wohl [der Menschen] in jenen drei [Fassungen] in Kürze das Verfahren der Vidya allein zu Gehör bringen.

Erläuterung: Die erste Zeile ist konjektural und in der Syntax schwierig. Sie begründet offenbar die Zugänglichkeit einer vorbereitenden Vidya-Praxis vor der vollen Unterweisung.

1.68

kumārabhairavo devi aṣṭādaśaśatan tathā ।
caṇḍabhairavakasyātha śrutvā vistārayiṣyati ॥

Übersetzung: Kumarabhairava, o Göttin, wird die achtzehnhundert [Verse], nachdem er sie von Chandabhairava gehört hat, weiterverbreiten.

1.69

krodhabhairavako devi trayodaśaśataṃ tathā ।
caṇḍabhairavakāc caiva jñātvā vistārayiṣyati ॥

Übersetzung: Krodhabhairava, o Göttin, wird ebenso die dreizehnhundert [Verse], nachdem er sie von Chandabhairava erkannt hat, weiterverbreiten.

Erläuterung: Der hier genannte Krodhabhairava muss nicht mit dem früheren Lehrer gleichen Namens identisch sein.

1.70

tejabhairavanāmānas tathā saptaśataṃ punaḥ ।
caṇḍabhairavāc caiva śrutvāsau vistariṣyati ।
avatāre tu saṃproktaṃ śiṣyāṇān tṛtayan tathā ॥

Übersetzung: Der Tejabhairava genannte [Schüler] wird wiederum die siebenhundert [Verse], nachdem er sie von Chandabhairava gehört hat, weiterverbreiten. So ist in der Erzählung des Herabkommens auch die Dreiergruppe der Schüler genannt.

1.71

bhaviṣyakīrttitā hy atra ye caturddaśamadhyataḥ ।
karālabhairavo nāma tathā ucchuṣmabhairavaḥ ।
mātaṅgajātisaṃbhūtau padmabhairavaśiṣyakau ॥

Übersetzung: Unter jenen vierzehn, die künftig berühmt sein werden, sind die beiden Schüler Padmabhairavas namens Karalabhairava und Uchchhushmabhairava, geboren in der Matanga-Gruppe.

Erläuterung: Matanga ist hier eine historisch marginalisierte soziale Gruppe. Der Text verankert seine Lehrerfolge ausdrücklich auch außerhalb der brahmanischen Milieus.

1.72

yamabhairavakaś cānyaḥ kāśmīre sambhaviṣyati ।
chandogo brāhmaṇo devi tathā anyo bhaviṣyati ॥

Übersetzung: Ein weiterer, Yamabhairava, wird in Kashmira geboren werden. Dieser weitere [Schüler] wird ein Chandoga-Brahmane sein, o Göttin.

1.73

viṣṇubhairavanāmno lampāyāṃ viṣaye tathā ।
vājimadhyamdino vipro bhaviṣyati tathāparaḥ ॥

Übersetzung: Ebenso wird ein weiterer namens Vishnubhairava im Gebiet Lampa [geboren werden], ein Brahmane der Vaji-Madhyamdina-Schule.

Erläuterung: Lampa wird in der Forschung gewöhnlich mit Lampaka im Raum des heutigen östlichen Afghanistan verbunden. Vaji-Madhyamdina gehört zur Tradition des weißen Yajurveda.

1.74

dakṣiṇabhairavaḥ kāśyām utpanno brāhmaṇas tathā ।
bahvṛcaś cāparaś śiṣyo bhaviṣyati na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Und ein weiterer Schüler wird der in Kashi geborene Brahmane Dakshinabhairava sein, ein Bahvricha, ohne Zweifel.

1.75

oḍḍiyāne mahādevi tathā śekharabhairavaḥ ।
brāhmaṇo taittirīkaś ca apastambho bhaviṣyati ॥

Übersetzung: In Oddiyana, große Göttin, wird ebenso Shekharabhairava [geboren werden], ein Brahmane der Taittirika- und Apastamba-Tradition.

Erläuterung: Oddiyana wird meist im weiteren Swat-Raum verortet, doch die Textüberlieferung erlaubt keine präzise moderne Lokalisierung dieses einzelnen Lehrers. Taittirika und Apastamba bezeichnen vedische Schultraditionen.

1.76

caturddaśa samākhyātāḥ padmabhairavaśiṣyakāḥ ।
jñātvā dvādaśasāhasraṃ siddhim prāpsyanti suvrate ॥

Übersetzung: Die vierzehn Schüler Padmabhairavas sind genannt. Nachdem sie die zwölftausend [Verse] erkannt haben, werden sie Siddhi erlangen, o Treue im Gelübde.

1.77

vyākhyāṃ caiva kariṣyanti śiṣyāṇāṃ siddhikāṅkṣiṇām ।
śaktyādhiṣṭhitacittānāṃ caturddaśā tu saṃjñakāḥ ॥

Übersetzung: Und die als Vierzehnergruppe bezeichneten [Schüler] werden Erläuterungen für Schüler verfassen, die nach Siddhi streben und deren Geist von Shakti durchdrungen ist …

Erläuterung: Die beiden Verse 1.77–78 sind grammatisch schwierig. Die Vierzehnergruppe, ihre Schüler und die sechste Stätte sind nicht eindeutig aufeinander bezogen.

1.78

padmabhairavakasyaiva ṣaṣṭhaṃ vai sthānam āśṛtāḥ
svacchandabhairavo śrutvā sakāśāt krodhabhairavaḥ ॥

Übersetzung: … [die Schüler] Padmabhairavas, an der sechsten Stätte verweilend. Svachchhandabhairava wird, nachdem er [die Schrift] bei Krodhabhairava gehört hat …

Erläuterung: „Sechste Stätte“ kann eine höchste Stelle des yogischen Körpers beziehungsweise der Versenkung bezeichnen. Der Bezug auf Padmabhairava oder die Gruppe seiner Schüler bleibt unsicher. Der zweite Halbvers beginnt die nächste Überlieferungsstufe.

1.79

arthaṃ dvādaśasāhasraṃ sahasrair daśabhiḥ punaḥ ।
saṃhariṣyati deveśe śaktyādhiṣṭhitacetasā

Übersetzung: … den Stoff von zwölftausend [Versen] wiederum auf zehntausend zusammenziehen, Herrin der Götter, mit von Shakti durchdrungenem Geist.

Erläuterung: Artham und die Verbindung śaktyādhiṣṭhitacetasā sind editorisch unsicher.

1.80

tantrāvatāravicchinnaṃ yoginīnām prabhāvataḥ ।
kathayiṣyati lokānāṃ daśasāhasrakaṃ priye ॥

Übersetzung: Die zehntausend [Verse], mit herausgenommener Erzählung des Herabkommens des Tantra, wird er durch die Kraft der Yoginis den Menschen lehren, o Liebe.

Erläuterung: Die Erzählung unterscheidet eine Fassung mit und ohne Offenbarungsbericht. Das beweist noch nicht, dass eine solche Fassung heute unabhängig vorliegt.

1.81

ujjainyāyān tu saṃjāto †viprajoukaputrakaḥ† ।
deikā tasya vai mātā bahugarbhaprasāritā ॥

Übersetzung: In Ujjayini ist er geboren, [als Sohn eines Brahmanen Jouka?]. Seine Mutter ist Deika; sie hatte viele Schwangerschaften verloren.

Erläuterung: Die zwischen Dolchen markierte Angabe des Vaters ist nicht sicher lesbar beziehungsweise verständlich. Deika könnte eine nichtklassische Form von Devika sein.

1.82

snātācamati mātṝṇām purataḥ putrakāṅkṣiṇī ।
japtavidyo mahāvīryaḥ samayalaṅghaprabhāvataḥ ॥

Übersetzung: Sie badet und schlürft Wasser vor den Müttern, einen Sohn ersehnend. Einer, der die Vidya rezitiert hatte und von großer Kraft war, [war] infolge einer Verletzung der Samayas …

Erläuterung: Der Satz wechselt von der Mutter zum früheren Leben ihres künftigen Sohnes.

1.83

kṣipiṣyanti hy asiddhatvān mātaraḥ śakticoditāḥ ।
tasyā garbhe mahābhāge amantrināmakas tathā ॥

Übersetzung: … nicht zur Siddhi gelangt. Ihn werden die durch Shakti bewegten Mütter in ihren Schoß einsetzen, Hochbegnadete; er wird Amantrin heißen.

Erläuterung: Die Mütter handeln hier im Rahmen eines Wiedergeburtsmythos. Amantrin ist ein Eigenname; er wird nicht als neue Mantraform missverstanden.

1.84

tatas tasya mahādevi tāsāṃ caiva prabhāvataḥ ।
vidyām prāpya japaṃ kṛtvā tataḥ śāstraṃ sa vetsyati

Übersetzung: Darauf wird er durch ihre Kraft die Vidya empfangen, große Göttin, Rezitation vollziehen und dann die Schrift erkennen.

Erläuterung: Die Form sa vetsyati ist eine unsichere Wiederherstellung.

1.85

tato nibaddhagranthaś ca divyasaṅgānubhāvataḥ ।
daśasāhasrakenārtham aśeṣaṃ kathayiṣyati ॥

Übersetzung: Durch die Wirksamkeit der Verbindung mit den Göttlichen wird er dann eine Schrift niederlegen und in zehntausend [Versen] den ganzen Stoff lehren.

Erläuterung: Die Verbindung mit Göttlichen (divyasanga) begründet in der Erzählung die Niederschrift.

1.86

tatas tenaiva jñānena paścāt siddhim sa lapsyati ।
caṇḍabhairavanāmānaḥ sahasraiḥ saptabhiḥ punaḥ ॥

Übersetzung: Später wird er durch ebendiese Erkenntnis Siddhi erlangen. Wiederum wird der Chandabhairava genannte [Lehrer] mit siebentausend [Versen] …

1.87

tad eva daśasāhasraṃ kariṣyati mahādhipe ।
dvādaśaiva sahasrāṇi karttuvāñchā bhaviṣyati ॥

Übersetzung: … ebendiese Schrift von zehntausend [Versen] gestalten, große Herrin. [Danach] wird der Wunsch entstehen, zwölftausend zu schaffen.

Erläuterung: Die zwischen sieben-, zehn- und zwölftausend Versen wechselnden Redaktionsabsichten sind nicht ohne Schwierigkeiten. Die einzelnen Zahlen werden nicht redaktionell vereinheitlicht.

1.88

na cārthaṃ divyaśiṣyāṇāṃ saṃharttum so kariṣyati ।
saptabhiś ca sahasrais tu vighnan tasya bhaviṣyati ॥

Übersetzung: Er wird seine göttlichen Schüler den Stoff nicht zusammenziehen lassen [?]. Bei den siebentausend [Versen] wird ihm ein Hindernis entstehen.

Erläuterung: Die Syntax, insbesondere saṃharttum, ist unsicher; die angenäherte Deutung folgt dem Editionskommentar.

1.89

anayā vāñchayā devi bindubhairavasaṃjñakaḥ ।
saptabhiś ca sahasrais tu tasya vighnam bhaviṣyati ॥

Übersetzung: Mit diesem Wunsch [erscheint] ein Bindubhairava genannter [Lehrer], o Göttin. Auch ihm wird bei den siebentausend [Versen] ein Hindernis entstehen.

1.90

anayaiva mahādevi vāñchayā daśasaṃjñake
māyābhairavanāmāno na ca siddhim prayāsyati ॥

Übersetzung: Mit ebendiesem Wunsch wird der Mayabhairava genannte [Lehrer], große Göttin, bei der „Zehn[tausend]“ genannten [Schrift?] keine Siddhi erlangen.

Erläuterung: Daśasaṃjñake ist eine unsichere Lesung; die Deutung als „Zehntausend“ bleibt vorläufig.

1.91

saptabhiś ca sahasrais tu vighnan tasya bhaviṣyati ।
anantabhairavaś caiva vistaraṃ karttuvāñchayā ॥

Übersetzung: Bei den siebentausend [Versen] wird ihm ein Hindernis entstehen. Ebenso [erscheint] Anantabhairava mit dem Wunsch, [die Schrift] auszubreiten …

1.92

sahasrais saptabhiś caiva vighnan tasyāpi suvrate ।
bhaviṣyati na sandeho evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: … und auch ihm, o Treue im Gelübde, wird bei den siebentausend [Versen] ein Hindernis entstehen, ohne Zweifel. So sprach Bhairava.

1.93

sadāśivena devena dvāpare bhāṣitam mahān ।
tato divyena mānena tasmāt saptatime yuge ।
tava devi mayākhyātan tantram bhairavapūjitam ॥

Übersetzung: Im Dvapara[-Yuga] wurde das große [Tantra] vom Gott Sadashiva gesprochen. Danach, im siebzigsten Zeitalter von da an, nach göttlichem Maß, habe ich dir, Göttin, das von Bhairava verehrte Tantra gelehrt …

Erläuterung: Die Datierung erfolgt in mythischen Weltzeitaltern. Sie liefert keine historische Jahreszahl für die Entstehung des überlieferten Tantra.

1.94

kalau yuge na sandehaḥ śrīkaṇṭhasyājñayā tathā ।
asmād vai saptame caiva kapālīśasya suvrate ॥

Übersetzung: … im Kali-Yuga, ohne Zweifel, auf Shrikanthas Weisung. Und im siebten [Zeitalter] von diesem aus wirst du, o Treue im Gelübde, Kapalisha …

1.95

tvam vakṣyasi mahādevi tretāyām bhairavo ’bravīt ।
dvāpare kalisandhau tu padmabhairavasaṃjñakaḥ ॥

Übersetzung: … [die Schrift] lehren, große Göttin, im Treta[-Yuga]. So sprach Bhairava. Im Dvapara[-Yuga], am Übergang zum Kali[-Yuga], wird der Padmabhairava genannte [Lehrer] …

Erläuterung: Kapalisha ist hier Kapalabhairava. Die Zukunftsrede und die Erzählerformel wechseln innerhalb desselben Verses.

1.96

sapādalakṣasaṃkhyātaṃ saṃghariṣyati nānyathā ।
kalau caturthapāde tu tathā svacchandabhairavaḥ ॥

Übersetzung: … die einhundertfünfundzwanzigtausend [Verse] zusammenziehen, nicht anders. Im vierten Viertel des Kali[-Yuga] wird ebenso Svachchhandabhairava …

1.97

saṃghariṣyati deveśi evaṃ vai bhairavo ’bravīt ।
caṇḍabhairavakaś caiva tathā ca vibhubhairavaḥ ॥

Übersetzung: … [die Schrift] zusammenziehen, Herrin der Götter. So sprach Bhairava. Chandabhairava und ebenso Vibhubhairava …

1.98

māyābhairavakaś caiva vistāraṃ karttuvāñchayā ।
kalau caturthapādānte bhaviṣyanti varānane ॥

Übersetzung: … und Mayabhairava werden mit dem Wunsch, [die Schrift] auszubreiten, am Ende des vierten Viertels des Kali[-Yuga] erscheinen, o Schönangesichtige.

1.99

anantabhairavaś caiva kalpānte vistaraṃ tadā ।
na śaknoṣyati vai karttum bhaktyādhiṣṭhitacetasaḥ ॥

Übersetzung: Anantabhairava wird am Ende des Kalpa damals die Ausbreitung nicht vollziehen können, obwohl sein Geist von Hingabe durchdrungen ist.

Erläuterung: Śaknoṣyati ist eine editorisch unsichere Zukunftsform. Die Unfähigkeit zur Verbreitung steht ausdrücklich neben der Hingabe.

1.100

caturviṃśatisāhasraṃ mānayiṣyati suvrate ।
caṇḍabhairavako devi vibhubhairavam eva ca ॥

Übersetzung: Er wird die vierundzwanzigtausend [Verse] verehren, o Treue im Gelübde. Chandabhairava, o Göttin, Vibhubhairava …

Erläuterung: Mānayiṣyati kann „verehren, hochschätzen“ bedeuten; eine Deutung als Festlegung des Umfangs wird ebenfalls erwogen.

1.101

māyābhairavakaś caiva tathā cānantam eva ca ।
ete vai paścimā vīrās tantraṃ jñātvā na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: … Mayabhairava und ebenso Ananta: Nachdem sie das Tantra erkannt haben, werden diese letzten Helden, ohne Zweifel …

Erläuterung: „Die letzten Helden“ beruht auf einer unsicheren Lesung.

1.102

siddhim prāpsyanti deveśi kalpānte bhairavo ’bravīt ।
etac chāstraṃ kalau cānte yoginyaḥ śakticoditāḥ ॥

Übersetzung: … am Ende des Kalpa Siddhi erlangen, Herrin der Götter. So sprach Bhairava. Am Ende des Kali[-Yuga] werden die Yoginis, von Shakti bewegt, diese Schrift …

1.103

apahṛtya prayāsyanti sampradāyañ ca suvrate ।
śaktyāntaṃ nātra sandeho evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: … samt ihrer Überlieferung fortnehmen und bis an die Grenze der Shakti gehen, o Treue im Gelübde, ohne Zweifel. So sprach Bhairava.

Erläuterung: Gemeint ist die Rücknahme der manifesten Schrift in die Shakti-Ebene, nicht eine dokumentierte historische Vernichtung eines bestimmten Manuskripts.

1.104

kṛtau yuge mahādevi tretāyāṃ dvāpare tathā ।
nāvatāro ’sya śāstrasya sūcito bhairaveṇa tu ॥

Übersetzung: Im Krita-Yuga, große Göttin, und im Treta- und Dvapara[-Yuga] wurde von Bhairava das Herabkommen dieser Schrift nicht angekündigt.

Erläuterung: Die Abfolge zu den vorherigen Weltzeitaltern wird im Zusammenhang als neuer Zyklus verstanden.

1.105

kalau yuge punaś caiva evam eva mahādhipe ।
avatāro ’sya śāstrasya kariṣyasi na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Im [nächsten] Kali-Yuga jedoch wirst du, große Herrin, wiederum auf ebendiese Weise das Herabkommen dieser Schrift bewirken, ohne Zweifel.

1.106

dvādaśaiva sahasrāṇi nādhikāni manāg api ।
kathayiṣyasi deveśi lokānāṃ hitakāmyayā ॥

Übersetzung: Genau zwölftausend [Verse], nicht im Geringsten mehr, wirst du lehren, Herrin der Götter, aus dem Wunsch nach dem Wohl der Menschen.

1.107

kumārīdvīpavāstavyā ye lokāḥ saṃsthitāḥ priye ।
teṣāṃ śāstrasya nānyasya prāptiś caiva bhaviṣyati ॥

Übersetzung: Die Menschen, die auf Kumaridvipa wohnen, o Liebe, werden Zugang zu dieser Schrift erhalten und zu keiner anderen.

Erläuterung: Kumaridvipa ist eine kosmographische Bezeichnung für den menschlichen beziehungsweise indischen Kulturraum; sie wird nicht als gesicherter moderner Inselname übersetzt.

1.108

kalāpagrāmake devi tatas saḥ saṃghariṣyati ।
kaliyugasya ādau tu avatāraṃ kariṣyati ।
dvādaśaiva sahasrāṇi nātra kāryā vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Im Dorf Kalapa wird er sie dann zusammenziehen, o Göttin, und zu Beginn des Kali-Yuga ihr Herabkommen bewirken: genau zwölftausend [Verse]; darüber bedarf es keiner Erwägung.

Erläuterung: Kalapa ist eine mythisch aufgeladene Ortsbezeichnung. Der Bezug des Pronomens „er“ wird im Kommentar als Svachchhandabhairava erwogen.

1.109

sapādalakṣan deveśi kathayiṣyasi suvrate ।
svacchandabhairavasyaiva evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: Die einhundertfünfundzwanzigtausend [Verse], Herrin der Götter, wirst du Svachchhandabhairava lehren, o Treue im Gelübde. So sprach Bhairava.

1.110

dvādaśaiva sahasrāṇi saṃhṛtāni mahādhipe ।
yena tasya mahābhāge nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: [Du wirst sie] jenem [lehren], von dem die zwölftausend [Verse] zusammengestellt wurden, große Herrin, Hochbegnadete; darüber bedarf es keiner Erwägung.

1.111

daśabhis tu sahasrais tu muktvā vīracatuṣṭayam ।
tato ’sau codito devi tvayaiva varavarṇṇini ॥

Übersetzung: Nachdem er den vier Helden [die Lehre] in zehntausend [Versen] mitgeteilt hat [?], soll er, von dir selbst unterwiesen, Göttin von schöner Gestalt …

Erläuterung: Muktvā wird im Editionskommentar als -m- uktvā, „nachdem gesprochen wurde“, zerlegt. Alternativ wäre „die vier Helden ausgenommen“ möglich; die Konstruktion bleibt unsicher.

1.112

kalāpagrāmake sthitvā viṣṇubhairavakasya tu ।
asiddhaś caiva deveśi śāstraṃ dvādaśasammitam ॥

Übersetzung: … im Dorf Kalapa verweilen und Vishnubhairava, noch nicht Siddha, Herrin der Götter, die Schrift im Umfang von zwölf …

Erläuterung: Ob „noch nicht Siddha“ den Lehrer oder Vishnubhairava bezeichnet, lässt sich nicht sicher entscheiden. Die deutsche Fassung lässt diese Nähe sichtbar.

1.113

sahasrair nātra sandehaḥ kathayiṣyati suvrate ।
viṣṇubhairavako devi kumārīdvīpavāsinām ॥

Übersetzung: … tausend [Versen] lehren, daran besteht kein Zweifel, o Treue im Gelübde. Vishnubhairava wird den Bewohnern Kumaridvipas …

1.114

kathayiṣyati lokānāṃ śaktyādhiṣṭhitacetasām ।
sahasrāṇi daśa dve ca evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: … den Menschen, deren Geist von Shakti durchdrungen ist, zehntausend und zweitausend [Verse] lehren, o Göttin. So sprach Bhairava.

1.115

gṛhe gṛhe mahādevi yathā saptaśatāni ca ।
tathā dvādaśasāhasro bhaviṣyati na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: In Haus um Haus, große Göttin, wird ebenso wie die siebenhundert [Verse] auch [die Schrift der] Zwölftausend gegenwärtig sein, ohne Zweifel …

Erläuterung: Die „Siebenhundert“ ist hier eine im Offenbarungsbericht genannte Kurzfassung. Eine automatische Gleichsetzung mit dem Devi Mahatmya wäre unbegründet.

1.116

śaktyādhiṣṭhitacittānāṃ nātra kārya vicāraṇāt ।
gṛhe gṛhe mahādevi ye puṃsaḥ siddhibhājanāḥ ॥

Übersetzung: … bei jenen, deren Geist von Shakti durchdrungen ist; darüber bedarf es keiner Erwägung. In Haus um Haus, große Göttin, bei Männern, die für Siddhi geeignet sind …

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 1.117 fort. Die Verbreitung in Häusern wird an die beschriebenen spirituellen Voraussetzungen gebunden.

1.117

striyo vā siddhibhāginyas teṣāmm api gṛheṣv atha ।
pracariṣyati deveśi evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: … oder bei Frauen, die an Siddhi teilhaben können, wird sie auch in ihren Häusern verbreitet werden, Herrin der Götter. So sprach Bhairava.

1.118

asiddhibhājanā ye tu puruṣo ’tha striyo ’tha vā ।
vidyāmātram apiś caiva na prāpsyanti mahādhipe ।
sarahasyaṃ mahādevi jñāsyante siddhibhājanāḥ ॥

Übersetzung: Die aber nicht für Siddhi geeignet sind, ob Männer oder Frauen, werden nicht einmal die Vidya allein erlangen, große Herrin. Die für Siddhi Geeigneten werden [die Lehre] mit ihren Geheimnissen erkennen, große Göttin.

Erläuterung: Der Vers hat sechs Padas. „Geeignet“ ist die Zuschreibung des Textes innerhalb seiner Initiations- und Siddhi-Lehre; es wird daraus keine heutige Wertung von Personen abgeleitet.

1.119

etat tantrāvatāran tu śrīkaṇṭhena yathāsthitam ।
kathitam mama deveśi tathāpi kathitam mayā ॥

Übersetzung: Wie Shrikantha mir das Herabkommen dieses Tantra getreu seinem Verlauf erzählt hat, Herrin der Götter, so habe auch ich es erzählt.

1.120

sāmprataṃ sarahasyan tu sarvvasandohalakṣaṇam ।
mahābhairavanāmānam śṛṇuṣvekāgramānasā ॥

Übersetzung: Höre nun mit ungeteilter Aufmerksamkeit [das Tantra] namens Mahabhairava, samt seinen Geheimnissen und mit den Merkmalen der gesamten [Erkenntnis-]Fülle.

Erläuterung: Mahabhairava ist hier ein weiterer textinterner Name, „Großes Bhairava[-Tantra]“.

1.121

yā sā śaktiḥ parā khyātānantādyānantasambhavā ।
tasyā bhedaṃ mahābhāge kathayāmi yathākramam ॥

Übersetzung: Jene Shakti, die höchste genannt wird, unendlich, ursprünglich und aus dem Unendlichen hervorgegangen: Ihre Unterteilungen werde ich der Reihe nach erklären, Hochbegnadete.

1.122

yo ’sau acintyam ity āhuḥ śivaḥ paramakāraṇaḥ ।
niḥsaṃjño nirvikāraś ca vyāpī śāntas tathaiva ca ॥

Übersetzung: Jener, den sie „unbegreiflich“ nennen, ist Shiva, die höchste Ursache: ohne Benennung, ohne Veränderung, alles durchdringend und still.

1.123

niḥsvabhāvo mahādevi kriyākāraṇavarjitaḥ ।
niṣkalo nirvikalpas tu arūpo guṇavarjitaḥ ॥

Übersetzung: Ohne ein festgelegtes Eigenwesen, große Göttin, frei von Tätigkeit und Ursache, ungeteilt und ohne unterscheidende Vorstellung, gestaltlos und frei von den Gunas.

Erläuterung: Die negative Beschreibung weist über festgelegte Merkmale hinaus. Der Ausdruck niḥsvabhāva rechtfertigt allein noch keine Gleichsetzung mit einer bestimmten buddhistischen Philosophie.

1.124

nirmamo nirahaṅkāra advaitapadasaṃsthitaḥ ।
yogināṃ dhyānagamyo ’sau jñānarūpo mahāyaśe ॥

Übersetzung: Ohne „mein“ und ohne Ichsetzung, im Zustand der Nichtzweiheit verweilend, ist er den Yogins durch Meditation zugänglich und von der Gestalt der Erkenntnis, Hochberühmte.

Erläuterung: Ahamkara heißt hier die Setzung eines „Ich“. Der Vers spricht von Shiva; die Formulierungen sind nicht bloß moderne psychologische Empfehlungen.

1.125

nirācārapadāvasthaḥ saṃjñāmātraḥ prabhuḥ paraḥ ।
tasyāparājyotirūpaḥ sarvvānugrahakārakaḥ ॥

Übersetzung: Im Zustand jenseits der Verhaltensordnungen verweilt der höchste Herr als Bewusstheit allein. Er ist von höchster Lichtgestalt und gewährt allen Gnade.

Erläuterung: Die Verbindung tasyāparājyotirūpaḥ ist nichtklassisch; die Übersetzung folgt dem im Editionskommentar erschlossenen Sinn.

1.126

vyāpī hy avyaktarūpī ca amanasko manonmanaḥ
tasya śaktir mahādevi svabhāvotthā akṛttrimā ॥

Übersetzung: Alles durchdringend, von unoffenbarter Gestalt, ohne Denkgeist und jenseits des Denkgeistes [?]: Seine Shakti, große Göttin, entspringt aus seinem eigenen Wesen und ist nicht künstlich hervorgebracht.

Erläuterung: Manonmanaḥ ist eine unsichere Textverbesserung. „Nicht künstlich“ (akritrima) bezeichnet das ursprüngliche Entspringen der Shakti.

1.127

jyotsnārūpā svarūpeṇa sphaṭikasyeva raśmayaḥ ।
tasyecchā nirgatā śakti jñānarūpā manonmanī ॥

Übersetzung: Ihrem Wesen nach ist sie wie Mondlicht, wie die Strahlen eines Kristalls. Seine hervorgegangene Willenskraft ist von der Gestalt der Erkenntnis, Manonmani, jenseits des Denkgeistes.

Erläuterung: Der Kristallvergleich veranschaulicht das Verhältnis von Shiva und seiner Kraft. Manonmani ist zugleich ein Name dieser Shakti.

1.128

pravarttate nirābhāsā avadhūteti sā smṛtā ।
prabodhayati sānantā bindunādau kṣaṇena tu ॥

Übersetzung: Ohne Erscheinungsform ist sie gegenwärtig und wird Avadhuta genannt. Sie, die Unendliche, erweckt in einem Augenblick Bindu und Nada.

Erläuterung: Avadhuta bezeichnet hier die unbefleckte beziehungsweise von begrenzenden Formen freie Shakti. Bindu und Nada sind ursprüngliche Resonanz und Lautansatz.

1.129

kuṇḍalākṛtisaṃsthānā svarādau saṃvyavasthitā ।
caturbhāgavibhaktā sā caturbhāgavibhājitā ॥

Übersetzung: In der Gestalt einer Windung befindet sie sich am Anfang der Vokale. Sie ist in vier Teile gegliedert und [jeder?] in vier Teile unterteilt.

Erläuterung: Der Abschnitt ist stark verkürzt und nicht sicher entschlüsselt. Hatley erwägt eine Deutung über die frühmittelalterliche Schriftgestalt des a und ihre Elemente. Eine heutige Devanagari-Grafik darf diese historische Laut- und Schriftlehre nicht stillschweigend ersetzen.

1.130

evaṃ kuṇḍalinī śaktiḥ svaraiḥ ṣoḍaśabhiḥ sthitā ।
catuṣkapathakopetā pañcavyoma-alaṃkṛtā ॥

Übersetzung: So ist die Kundalini-Shakti mit sechzehn Vokalen gegenwärtig, mit einer Kreuzwegform versehen und mit fünf Leerräumen geschmückt.

Erläuterung: Die „fünf Leerräume“ (Panchavyoma) sind spezifische mantrisch-yogische Kategorien. Ihre genaue Zuordnung und die Kreuzwegform sind an dieser Stelle nicht eindeutig. Der Vers beschreibt kein modernes Sieben-Chakra-Schema.

1.131

evaṃ pañcavidhā sā tu śaktir ādyā manonmanī ।
navākṣaravidhānena punaś caiva prajāyate ॥

Übersetzung: So besteht jene ursprüngliche, den Denkgeist übersteigende Shakti fünffach; durch das Verfahren der neun Silben entsteht sie wiederum [neunfach].

Erläuterung: Die neun Silben beziehen sich auf die zentrale Vidya und zugleich auf die neunfache Shakti-Ordnung. Die Ergänzung „neunfach“ wird durch den folgenden Vers gestützt.

1.132

svaravyañjanasaṃyuktā pañcāśākṣarasaṃyutā
avadhūtā mahādevi navabhedair vyavasthitā ॥

Übersetzung: Mit Vokalen und Konsonanten verbunden, mit fünfzig Lautzeichen versehen [?], ist Avadhuta, große Göttin, in neun Unterteilungen gegenwärtig.

Erläuterung: Pañcāśākṣarasaṃyutā ist eine unsichere Textverbesserung. Der Vers verbindet die neunfache Shakti mit dem Sanskritalphabet; er enthält keine ausgeschriebene Rezitationsformel.

1.133

atra devyo ’tha dūtyaś ca yoginyocchuṣmamātaraḥ ।
sarvvās tāḥ sṛjate devi śivecchām anuvarttinī ॥

Übersetzung: In ihr [sind] die Devis, die Dutis, die Yoginis und die Mütter des Uchchhushma. All diese erschafft sie, o Göttin, Shivas Willen folgend.

Erläuterung: Die letzte Halbzeile ist editorisch unsicher. Uchchhushma bezeichnet hier den im Text vorausgesetzten tantrischen Zusammenhang der Mütter.

Kolophon

iti mahābhairave tantre dvādaśasāhasrake picumate navākṣaravidhāne sambandhapaṭalaḥ prathamaḥ ॥ 1 ॥

Kolophon (Übersetzung): Damit endet im großen Bhairava-Tantra von zwölftausend [Versen], im Picumata, im Verfahren der neun Silben, das erste Kapitel, das Kapitel der Verknüpfungen.

Kapitel 2: Die Heraushebung der Mantras

Dieses kurze Kapitel verbindet den inneren Zustand der Verehrung mit den Lautgestalten des Gottheitenkreises. Seine verschlüsselten Angaben werden als Teil des Grundtexts vollständig wiedergegeben.

Textgrundlage: Shaman Hatley, The Brahmayāmalatantra or Picumata, Band I (2018), Sanskritedition S. 331–334; IAST-Anhang S. 591–593; Kommentar S. 421–430.[8]

Matrika-Chakra: ergänzende Darstellung zur Beziehung von Buchstaben und Gottheiten. Die genaue Lautordnung des Brahma Yamala folgt seinem eigenen Text.

2.1

athātaḥ sampravakṣyāmi aghoryārccanam uttamam ।
nirācāro yadā mantrī avadhūtatanusthitaḥ ॥

Übersetzung: Nun werde ich die höchste Verehrung Aghoris darlegen. Wenn der Mantra-Praktizierende im Zustand jenseits der festgelegten Verhaltensordnungen verweilt und den Körper der Avadhuta-Shakti angenommen hat, …

Erläuterung: Der Satz wird in 2.2 fortgesetzt. Nirācāra bezeichnet hier den inneren Zustand, aus dem die Verehrung vollzogen wird; avadhūtatanu den durch Mantra-Vergegenwärtigung angenommenen Shakti-Körper.

2.2

tadā tu kurute pūjāṃ yogeśīnāṃ śivasya ca ।
avadhūtā tu sā śakti nirācārapadaḥ śivaḥ ॥

Übersetzung: … dann vollzieht er die Verehrung der Yogeshis und Shivas. Avadhuta ist jene Shakti; Shiva ist der Zustand jenseits der festgelegten Verhaltensordnungen.

Erläuterung: Yogeshis bezeichnet hier die weiblichen Gottheiten des Mantra-Pantheons. Die Edition verbessert die überlieferte Lesung zu nirācārapadaḥ, kennzeichnet diese Entscheidung jedoch als unsicher.

2.3

eteṣāṃ tu vidhiṃ jñātvā tato mantrī prasiddhyati ।
atas teṣāṃ pravakṣyāmi mantroddhāram anukramāt ॥

Übersetzung: Wenn der Mantra-Praktizierende das Verfahren ihrer Verehrung kennt, gelangt er zum Erfolg. Deshalb werde ich nun der Reihe nach die Heraushebung ihrer Mantras erklären.

Erläuterung: Mantroddhāra ist die Ermittlung einer Mantra-Lautfolge anhand von Buchstabenbezeichnungen und verschlüsselten Angaben.

2.4

śuklāmbaradharo mantrī śuklagandhānulepanaḥ ।
bhūpradeśe śucau divye divyapuṣpair alaṅkṛte ॥

Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende trägt ein weißes Gewand und ist mit weißer duftender Salbe bestrichen. An einem reinen, schönen Ort auf dem Erdboden, der mit schönen Blüten geschmückt ist, …

Erläuterung: Auch 2.4–5 bilden einen Satz. Die Lesung divye ist eine als unsicher gekennzeichnete Verbesserung der Edition.

2.5

tatra devyāś ca dūtyāś ca yoginyo mātaras tathā ।
uddhareta mahāprajñaḥ kapālīśapuraḥsarāḥ ॥

Übersetzung: … soll der überaus Einsichtige die Mantras der Devis, Dutis, Yoginis und Mütter herausheben, denen Kapalisha vorangeht.

Erläuterung: Die vier Gruppen sind konkrete Gottheitenkreise. Die Bezeichnungen werden nicht pauschal als menschliche Yogalehrerinnen übersetzt.

2.6

ādiman tu dvitīyasya prathamena vyavasthitam ।
eṣā devī smṛtā raktā bindumastakayojitā ॥

Übersetzung: Der erste Laut der zweiten Gruppe, mit dem ersten Vokal verbunden und oben mit dem Bindu versehen: Dies gilt als die Göttin Rakta.

Erläuterung: Auflösung nach Hatleys Kommentar: ca + a mit dem Nasalpunkt ergibt caṃ. Der Vers erklärt eine Silbe innerhalb des Gottheiten- und Mantrasystems.

2.7

tṛtīyasya tṛtīyan tu svaraikādaśabhūṣitam ।
eṣā devī smṛtā ghorā karālīti ca viśrutā ॥

Übersetzung: Der dritte Laut der dritten Gruppe, geschmückt mit dem elften Vokal: Dies gilt als die furchtgebietende Göttin, die unter dem Namen Karali bekannt ist.

Erläuterung: Auflösung der Edition: ḍ + e ergibt ḍe.

2.8

ādiman tu dvitīyena ūrddhanādena yojitam ।
ekaviṃśat parā yoni dvitīyasvarayojitā ॥

Übersetzung: Der erste Laut, mit dem zweiten Vokal verbunden und mit dem oberen Nada versehen; die höchste Yoni, die einundzwanzigste, verbunden mit dem zweiten Vokal.

Erläuterung: Dies ist eine verschlüsselte Lautanweisung, deren zweiter Halbvers textlich unsicher bleibt. Die Übersetzung erhält die Zahlen und Fachwörter; sie gibt keine eigenständig rekonstruierte Rezitationsformel vor.

2.9

aṣṭāviṃśa tṛtīyena viṃśaman tu tathā punaḥ ।
dvātriṃśa kūnatriṃśena ūrddhanādena yojitam ॥

Übersetzung: Der achtundzwanzigste Laut mit dem dritten Vokal, dann ebenso der zwanzigste; der zweiunddreißigste mit dem neunundzwanzigsten verbunden und mit dem oberen Nada versehen.

Erläuterung: Kūnatriṃśa wird mit der Edition als Bezeichnung des neunundzwanzigsten Konsonanten verstanden. Die Zahlen beziehen sich auf das hier vorausgesetzte Lautsystem; die Verbindung dvātriṃśa kūna ist in der Edition als unsicher markiert.

2.10

haṃsa eṣa dvitīyena praṇavādisamanvitam ।
etad guhyaṃ mayā proktaṃ mantrabhedavyavasthitam ॥

Übersetzung: Dieser Hamsa-Laut ist mit dem zweiten Vokal verbunden und mit dem Pranava am Anfang versehen. Dieses Geheimnis habe ich gelehrt, geordnet nach den Unterscheidungen der Mantras.

Erläuterung: Haṃsa ist hier eine Buchstabenbezeichnung im Mantroddhara. Der Vers darf nicht ohne Weiteres als Anweisung zur Rezitation des vertrauten Haṃsa-Mantras gelesen werden.

2.11

athātaḥ sampravakṣyāmi yogeśīnāṃ tu lakṣaṇam ।
praṇavādinamaskāraṃ vidyāṃ saṃyojya yatnataḥ ॥

Übersetzung: Nun werde ich die Kennzeichen der Yogeshis darlegen. Man verbindet die Vidya sorgfältig mit dem Pranava am Anfang und der Huldigungsformel am Ende; …

Erläuterung: Vidya bedeutet hier die weiblich gedachte Mantraform. Die Beschreibung der ersten Yogini setzt sich in 2.12 fort.

2.12

eṣā te prathamā proktā kroṣṭukī ca mahodayā ।
svāhākārāntasaṃyuktam dvitīyā yoginī smṛtā ॥

Übersetzung: … dies ist die erste, die ich dir genannt habe: Kroshtuki, die große Erhöhung gewährt. Mit svāhā am Ende verbunden gilt sie als die zweite Yogini.

Erläuterung: Die unterschiedlichen Endsilben ergeben unterschiedliche Mantraformen. Der Name der zweiten Yogini wird in diesem Vers nicht ausgesprochen.

2.13

hūṃkāreṇa tṛtīyā tu vauṣaṭkāre caturthakā ।
pañcamī vaṣaṭkāreṇa phaṭkāre ṣaṣṭhikā bhavet ॥

Übersetzung: Mit hūṃ wird sie zur dritten, mit vauṣaṭ zur vierten, mit vaṣaṭ zur fünften und mit phaṭ zur sechsten.

Erläuterung: Die Endungen beziehen sich auf die zuvor genannte Vidya. Sie sind hier keine Liste isoliert zu rezitierender Mantras.

2.14

ṣaḍyoginyaḥ samākhyātā aghoryāṅgavinissṛtāḥ ।
athāto mātarāṃ vakṣye tantre ucchuṣmasambhave ॥

Übersetzung: Damit sind die sechs Yoginis genannt, die aus Aghoris Gliedern hervorgehen. Nun werde ich die Mütter in dem aus Ucchushma hervorgegangenen Tantra lehren.

2.15

praṇave tu sthito deva binduke tu maheśvarī ।
ekāre tu sthitā brahmī ākāre caiva vaiṣṇavī ॥

Übersetzung: Im Pranava ist der Gott gegenwärtig, im Bindu Maheshvari. Im Laut e ist Brahmi gegenwärtig und im Laut ā Vaishnavi.

Erläuterung: Mit Pranava ist hier nach Hatleys begründeter Deutung der Bhairava-Keim hūṃ gemeint. Die Zuordnung ist nicht durch das gewohnte oṃ zu ersetzen. Bindu bezeichnet hier die Silbenform aṃ.

2.16

akāre caiva kaumārī īkāre ca vivasvatī ।
ikāre vāsavī devī svākāre caiva caṇḍikā ॥

Übersetzung: Im Laut a ist Kaumari gegenwärtig, im Laut ī Vivasvati, im Laut i die Göttin Vasavi und im Laut svā Chandika.

Erläuterung: Vivasvati ist in diesem Pantheon die zu Yama gehörige Muttergöttin; Vasavi ist Indrani. Die ungewöhnlichen Lautzuordnungen werden entsprechend der Vorlage beibehalten.

2.17

hākāreṇa parā śakti etā yasyā vinirggatāḥ ।
mātaras te mayā proktā yāge ucchuṣmapūjite ॥

Übersetzung: Mit dem Laut hā ist die höchste Shakti gegenwärtig, aus der diese Göttinnen hervorgegangen sind. Die Mütter habe ich dir damit in der von Ucchushma verehrten Verehrungsordnung genannt.

Erläuterung: Die Edition kennzeichnet etā yasyā als unsichere Lesung. Die Zuordnung zu hā ist Teil der hier erläuterten neun Silben; sie ist keine allgemeine Gleichsetzung jedes hā-Lautes mit einem selbstständigen Mantra.

2.18

yā sā eva mayā proktā mātṝṇāñ caiva pūraṇī ।
tasyedaṃ kathitaṃ sarvvaṃ yaṃ jñātvā nāvasīdati ॥

Übersetzung: Jene, die ich so gelehrt habe, ist es, die den Kreis der Mütter vervollständigt. Von ihr ist dies alles dargelegt worden; wer es erkennt, versinkt nicht in Bedrückung.

Erläuterung: Die Bezüge der Pronomen im zweiten Halbvers sind sprachlich nicht eindeutig. Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang mit der höchsten Shakti, ohne die Unebenheit der Vorlage aufzulösen.

Kolophon

iti mahābhairave mūlatantre dvādaśasāhasrake picumate navākṣaravidhāne mantroddhārapaṭalaḥ dvitīyaḥ ॥ 2 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet das zweite Kapitel, die Heraushebung der Mantras, im großen Bhairava-Wurzeltantra der zwölftausend Verse, dem Picumata, der Methode der neun Silben.

Kapitel 3: Das Mandala der neun Verbrennungsplätze und seine Einweihungsrituale

Dieses Kapitel ist mit allen 230 Originalnummern einschließlich des dreigliedrigen Schlussverses wiedergegeben. Es führt von neun Hausverehrungen zur geometrischen Anlage des großen Mandalas, seinen Verbrennungsplätzen und Gottheitenkreisen sowie zu Opfer- und Initiationshandlungen. Die historische Ritualbeschreibung wird vollständig belassen; die transgressiven Opferstoffe und Eingriffe in andere Körper sind keine heutigen Praxisempfehlungen.

Textgrundlage: Kiss 2015, Band II, Sanskritedition S. 93–114; Übersetzung und Kommentar S. 175–211.[9]

3.1

athātaḥ sampravakṣyāmi gṛhayāgaṃ samāsata ।
yais tu siddhir bhavaty āśu sādhake ’bdam upāsite ॥

Übersetzung: Nun werde ich die häuslichen Verehrungsformen in Kürze darlegen, durch die rasch Siddhi entsteht, wenn der Sadhaka sie ein Jahr lang verehrt hat.

Erläuterung: Die Zeit- und Personenangabe im letzten Viertel ist eine Textverbesserung der Edition; ihre Konstruktion ist ungewöhnlich.

3.2

prathamo dehalīyāgo dvitīyaṃ kaṇḍanī smṛtā ।
tṛtīya udakumbhas tu caturthaṃ cullir ucyate ॥

Übersetzung: Die erste ist die Verehrung der Schwelle, als zweite gilt die des Stampfgeräts. Die dritte betrifft den Wasserkrug, die vierte wird die Verehrung des Herdes genannt.

3.3

pañcamaḥ peṣaṇīyāgaḥ kāñjinyā caiva ṣaṣṭhakaḥ ।
saptamo mausalīyāgaḥ sehārikāṣṭamaṃ smṛtāḥ ॥

Übersetzung: Die fünfte ist die Verehrung des Mahlsteins, die sechste die des Kanji-Gefäßes. Die siebte ist die Verehrung des Stößels, die achte gilt der Seharika.

Erläuterung: Kanji ist ein vergorenes saures Getreidewasser; Seharika bezeichnet hier einen Haushaltsgegenstand, dessen genaue Bestimmung offenbleibt.

3.4

navamo vardhamānas tu sarvakāmārthasādhakaḥ ।
nava yāgā mayā proktāḥ navaśaktisamanvitā ॥

Übersetzung: Die neunte betrifft die Vardhamana-Schale und erfüllt alle gewünschten Zwecke. Diese neun von mir gelehrten Verehrungsformen sind mit neun Shaktis verbunden.

3.5

athātaḥ sampravakṣyāmi śmaśāne tu bhayāvahe ।
yena yaṣṭena yogitvaṃ labhate maṇḍaladarśanāt ॥

Übersetzung: Nun werde ich [die Verehrung] auf dem furchterregenden Verbrennungsplatz darlegen. Wer dort verehrt hat, erlangt durch den Anblick des Mandalas den Zustand eines Yogin.

3.6

sattvayuktaḥ sthito dhīro gambhīrodāra-m-eva ca ।
tasyedaṃ sādhanaṃ vakṣye śmaśāne tu bhayāvahe ॥

Übersetzung: Für den, der voller Entschlossenheit, standhaft, ruhig, tiefgründig und großherzig ist, werde ich dieses Sadhana auf dem furchterregenden Verbrennungsplatz erklären.

3.7

tasmin nirūpya bhūbhāgaṃ śobhanaṃ susamīkṛtam ।
goraktaṃ surayā miśraṃ gomayena samanvitam ॥

Übersetzung: Dort soll man ein schönes, gut eingeebnetes Stück Boden bestimmen. Rinderblut, mit Alkohol vermischt und mit Kuhdung verbunden,

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 3.8 fort.

3.8

tena cāloḍya bhūbhāgam avadhūtena bhasmanā ।
tatra bhūbhāgadeśe tu prayāgaṃ kalpayed budhaḥ ॥

Übersetzung: soll man mit ausgesiebter beziehungsweise gereinigter Asche vermengen [und damit] den Boden [bestreichen]. Auf diesem Bodenbereich soll der Kundige Prayaga anlegen.

Erläuterung: Avadhūta qualifiziert hier die Asche; die Konstruktion des ersten Halbverses ist knapp. Prayaga ist der heilige Zusammenfluss, der im Mandala vergegenwärtigt wird.

3.9

śmaśānena samaṃ mantrī sarvaṃ vai kalpaye tataḥ ।
brahmasthāne paṭaṃ likhya puṣpaṃ gṛhya varānane ॥

Übersetzung: Der Mantrin soll dann das Ganze einem Verbrennungsplatz entsprechend gestalten. Nachdem er im zentralen Brahma-Ort eine Bildfläche gezeichnet und eine Blume genommen hat, Schönangesichtige,

3.10

śmaśānā cintayitvā tu prayāgaṃ vanasaṃsthitam ।
tasyādhastā nyase devi triśūlaṃ mantrasaṃyutam ॥

Übersetzung: soll er die Verbrennungsplätze und das im Wald gelegene Prayaga vergegenwärtigen. Darunter soll er einen mit Mantra verbundenen Dreizack einsetzen, Göttin.

3.11

īśāne tu tataḥ koṇe saridvaya suśobhanam ।
pratihārayugaṃ caiva vāmadakṣiṇabhāgaśaḥ ॥

Übersetzung: Dann [zeichnet er] in der nordöstlichen Ecke das schöne Flusspaar und ein Paar Torhüter, jeweils links und rechts.

Erläuterung: Saridvaya ist die nichtklassische Lesung für das Flusspaar.

3.12

asthicūrṇatadāṅgāraiḥ mantrajño ālikhet puram ।
navahastasusampūrṇaṃ caturasraṃ samantataḥ ॥

Übersetzung: Mit Knochenpulver und der daraus gewonnenen Kohle soll der Mantrakundige die Stadt zeichnen: auf allen Seiten viereckig und volle neun Ellen groß.

Erläuterung: Pura, „Stadt“, bezeichnet hier die Anlage des Mandalas.

3.13

tasya madhye likhet padmaṃ hastamātraṃ pramāṇataḥ ।
vīthī tasya prakartavyā yena caṅkramaṇaṃ bhavet ॥

Übersetzung: In ihrer Mitte soll er einen Lotos von einer Elle Ausdehnung zeichnen. Um ihn ist ein Weg anzulegen, auf dem man umhergehen kann.

3.14

ardhahastapramāṇena yajanavīthī tathaiva ca ।
punaḥ kramaṇavīthī tu punaḥ yajanavīthikā ॥

Übersetzung: Ebenso [folgt] ein Verehrungsweg von einer halben Elle Breite, dann wieder ein Gehweg und danach wieder ein kleiner Verehrungsweg.

3.15

anenaiva pramāṇena yāgavīthyo yathākramam ।
aṣṭāv eva prakartavyā supramāṇāḥ susammitāḥ ॥

Übersetzung: Nach genau diesem Maß soll man in der richtigen Folge acht Verehrungswege anlegen, wohl bemessen und gleichmäßig abgeteilt.

3.16

tato bahi puraṃ likhya caturdvāropaśobhitam ।
purasya vāhye dvāram uttaraṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Dann soll man außen die mit vier Toren geschmückte Stadt zeichnen. Außerhalb der Stadt liegt das nördliche Tor, ohne Zweifel.

Erläuterung: Die knappe Angabe zum äußeren Zugang wird nicht in eine ungesicherte Bauzeichnung aufgelöst.

3.17

vīthīdvāraṃ tato kuryāt pūrvakaṃ sādhakottamaḥ ।
dvitīyayā tu vīthyāyāṃ dakṣiṇaṃ kāraye budhaḥ ॥

Übersetzung: Den Zugang zum [ersten] Weg soll der hervorragende Sadhaka im Osten anlegen. Beim zweiten Weg soll der Kundige ihn im Süden anlegen,

3.18

vāruṇe tu tṛtīyāyāṃ caturthyāyāṃ tathottaram ।
pañcamīyāṃ punaḥ pūrvaṃ ṣaṣṭhāyāṃ dakṣiṇaṃ tathā ॥

Übersetzung: beim dritten im Westen, beim vierten im Norden, beim fünften wieder im Osten und beim sechsten im Süden,

3.19

saptamyāyāṃ pratīcyaṃ tu aṣṭamyāyāṃ tathottaram ।
evaṃ dvārāṇi saṃkalpya sādhakas tu samāhitaḥ ॥

Übersetzung: beim siebten im Westen und beim achten im Norden. So soll der Sadhaka die Tore mit gesammeltem Geist anordnen.

3.20

pīṭhe rekhātrayaṃ dadyāt tribhi varṇais tu suvrate ।
sitavarṇā bhavet sattva raktavarṇa rajaḥ smṛtāḥ ॥

Übersetzung: Auf der Grundfläche soll man drei Linien in drei Farben anbringen, Getreue. Die weiße Farbe entspricht Sattva, die rote gilt als Rajas.

3.21

kṛṣṇavarṇes tamaḥ proktair jñātavyā sādhakena tu ।
sitarekhā bhaved vāmā raktā vai dakṣiṇā smṛtāḥ ॥

Übersetzung: In der schwarzen Farbe soll der Sadhaka das als Tamas Bezeichnete erkennen. Die weiße Linie liegt links, die rote wird rechts angeordnet.

3.22

madhyamā kṛṣṇavarṇā tu sthitaṃ śaktitrayaṃ yathā ।
rekhā ca varṇarūpeṇa evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: Die mittlere ist schwarz. So ist die Dreiheit der Shaktis angeordnet, in Linien und in Farbgestalt. So hat Bhairava gesprochen.

3.23

pure bahi trikaṃ dadyā caturdvāropalakṣite ।
tribhir varṇair yathānyāyaṃ kramenaiva na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Außen an der Stadt mit ihren vier Toren soll man die Dreiergruppe [der Linien] in den drei Farben ordnungsgemäß und in der richtigen Folge anbringen, ohne Zweifel.

3.24

bāhyataś copaśobhābhir yathāśobhās tu varṇakaiḥ ।
nānāpattralatākīrṇai nānāpuṣpopaśobhitaiḥ ॥

Übersetzung: Außen soll sie mit Verzierungen und passenden Farben geschmückt werden, mit vielen Blättern und Ranken bedeckt und mit vielerlei Blumen verschönert.

3.25

svavijñānaprabhāveṇa yathāśobhā tu kārayet ।
sakhāyaiḥ sahita mantrī ālikhet puram uttamam ॥

Übersetzung: Mit der Kraft seines eigenen gestalterischen Wissens soll er sie schön ausführen. Zusammen mit Gefährten soll der Mantrin die vorzügliche Stadt zeichnen.

3.26

ekākī vā mahādevi svayāgoktaṃ samālikhet ।
evaṃ navāvaraṇaṃ varjye navakādiṣu cālikhet ॥

Übersetzung: Oder er zeichnet sie allein, Mahadevi, wie es für seine eigene Verehrungsform gelehrt ist. Bei den Neunergruppen und den übrigen [Verfahren] soll er sie so zeichnen, wobei die neun Umfriedungen entfallen.

Erläuterung: Die Einschränkung wird im folgenden Vers nach den Ritualarten differenziert.

3.27

tritattvayāge lekhyaṃ syān navāvaraṇasaṃyutam ।
śeṣaṃ yāgavidhāneṣu navāvaraṇavarjitam ॥

Übersetzung: Bei der Verehrung der drei Tattvas soll die Zeichnung mit neun Umfriedungen versehen sein. Bei den übrigen Verehrungsverfahren lässt man die neun Umfriedungen weg.

3.28

svayāgasya vidhānena puraṃ cālikhya suvrate ।
goraktaṃ surayā miśraṃ gomayena samanvitam ॥

Übersetzung: Nachdem man die Stadt nach dem Verfahren der eigenen Verehrungsform gezeichnet hat, Getreue, [nimmt man] Rinderblut, mit Alkohol vermischt und mit Kuhdung verbunden.

Erläuterung: Die Stoffvorschrift steht erneut im Sanskrit; sie wird nicht als Wiederholung entfernt.

3.29

potakaṃ dāpayen mantrī kramā vīthyāntareṣu vaiḥ ।
ullocaiś ca patākaiś ca yathāśobhā tu suvrate ॥

Übersetzung: Der Mantrin soll den Überzug der Reihe nach in den Zwischenräumen der Wege anbringen lassen, dazu schöne Baldachine und Banner, Getreue.

Erläuterung: Potaka ist hier als Beschichtung beziehungsweise Überzug verstanden; die genaue Ausführung ist knapp beschrieben.

3.30

mahāyaṣṭāsamutthābhiḥ kārayet pañcavarṇakaiḥ ।
evaṃ vai maṇḍale lekhya samantād upaśobhitam ॥

Übersetzung: Er soll sie, an großen Stangen aufgerichtet, in fünf Farben anfertigen lassen. So ist das Mandala zu zeichnen und ringsum zu schmücken.

3.31

dravyais tu nātra saṃdeho nirvikalpas tu sādhakaḥ ।
śmaśānotthena sūtreṇa sūtrakāryaṃ tu kārayet ॥

Übersetzung: [Dies geschieht] mit den entsprechenden Stoffen, ohne Zweifel; der Sadhaka soll ohne Bedenken sein. Das Abstecken mit der Schnur soll er mit einer vom Verbrennungsplatz stammenden Schnur durchführen.

3.32

sūtrayed maṇḍalān tena yathāvidhi niyogataḥ ।
brahmasthānaṃ tu saṃkalpya pūrvapaścimabhāgaśaḥ ॥

Übersetzung: Damit soll er das Mandala vorschriftsgemäß abstecken, den zentralen Brahma-Ort festlegen und [die Fläche] nach Ost- und Westseite gliedern.

3.33

ādyaṃ sūtraṃ tu saṃpātya tato madhyaṃ nirūpya ’tha ।
pūrveṇa māpayed dhastaṃ paścimena tathaiva ca ॥

Übersetzung: Er spannt die erste Schnur, bestimmt dann die Mitte und misst nach Osten eine Elle ab, ebenso nach Westen.

Erläuterung: Dhasta ist die edierte nichtklassische Form für hasta, „Elle“.

3.34

cihnau tu kārayitvā tu sūtraṃ tatra prasārayet ।
ubhayor hastayor gṛhya pramāṇe sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er zwei Markierungen angebracht hat, spannt der hervorragende Sadhaka dort die Schnur und hält sie mit beiden Händen an den festgelegten Maßpunkten.

3.35

pūrvacihne-s-tathā sthāpya hastaṃ vai dakṣiṇaṃ budhaḥ ।
sasūtrakaṃ tato vāmaṃ khaṭikāyāṃ samuddharet ॥

Übersetzung: An der östlichen Markierung setzt der Kundige die rechte Hand auf. Dann hebt er die linke Hand mit der Schnur und der Kreide an,

3.36

uttareṇa tathā mantrī hastaṃ vai bhrāmayed budhaḥ ।
paścime tu tato cihne vāmahastaṃ tu sthāpayet ॥

Übersetzung: und führt die Hand im Norden im Bogen herum. Dann setzt er die linke Hand an der westlichen Markierung auf,

3.37

sasūtrakaṃ tathā caiva uttareṇa tathaiva ca ।
dakṣiṇaṃ bhrāmayed dhastaṃ sādhako matsyasādhane ॥

Übersetzung: mit der Schnur, ebenfalls nach Norden hin, und führt bei der Herstellung des Fisches die rechte Hand im Bogen herum.

Erläuterung: Der „Fisch“ ist hier die linsenförmige Schnittfigur zweier Kreisbögen beim geometrischen Abstecken, kein Ritual mit einem Tier.

3.38

anenaiva vidhānena dakṣiṇaṃ sādhayet punaḥ ।
khaṭikāsahitenaiva hastena tu mahāmati ॥

Übersetzung: Auf dieselbe Weise soll er dann die südliche [Schnittfigur] herstellen, mit der kreideführenden Hand, Einsichtsvolle.

3.39

matsyayo sādhanaṃ kṛtvā matsyasvastikayor api ।
sūtraṃ prasārayen mantrī dakṣiṇa cottareṇa tu ॥

Übersetzung: Nachdem er die beiden Fischfiguren und ihre Kreuzungspunkte hergestellt hat, spannt der Mantrin die Schnur nach Süden und Norden.

Erläuterung: Die Verbindung matsyasvastika bezeichnet im Zusammenhang der Konstruktion die Schnitt- beziehungsweise Kreuzmarkierungen.

3.40

khaṭikāyā ghṛṣṭakañ caiva cchoṭaye navahastakam ।
caturasraṃ puraṃ gṛhya tato sūtrāṇi pātayet ॥

Übersetzung: Die mit Kreide eingeriebene [Schnur] soll er über neun Ellen aufschnellen lassen. Nachdem er die viereckige Stadt abgesteckt hat, legt er die weiteren Schnurlinien an.

3.41

sarvāvaraṇamārgeṇa padmamārgeṇa caiva hi ।
brahmasthānārdhahastaṃ tu pūrveṇaiva tu gṛhṇayet ॥

Übersetzung: [Er markiert] die Wege aller Umfriedungen und den Bereich des Lotos. Vom zentralen Brahma-Ort soll er nach Osten eine halbe Elle abmessen,

3.42

paścimena tato gṛhya ardhahastaṃ tathaiva ca ।
uttareṇa tathā caiva dakṣiṇena tathaiva ca ॥

Übersetzung: dann ebenso nach Westen eine halbe Elle, nach Norden und ebenso nach Süden.

3.43

cihnāni kārayitvā tu khaṭikāyā sādhakottamaḥ ।
paścimapūrvabhāge tu sūtraṃ vai pātayed budhaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem der hervorragende Sadhaka die Markierungen mit Kreide angebracht hat, soll der Kundige eine Schnurlinie in West-Ost-Richtung ziehen.

3.44

dakṣiṇena tu rekhāyāṃ ardhahastena cottaram ।
anenaiva tu mārgeṇa rekhāyā cottareṇa tu ॥

Übersetzung: Südlich der Linie und eine halbe Elle nördlich [davon], ebenso auf der nördlichen Seite der Linie,

Erläuterung: Die elliptische Konstruktionsanweisung führt in den folgenden Versen weiter.

3.45

pūrvapaścimabhāgena sūtraṃ vai pātayet tataḥ ।
dakṣiṇottarabhāgena rekhāyā pūrvakena tu ॥

Übersetzung: soll er dann eine Schnurlinie in Ost-West-Richtung ziehen. In Süd-Nord-Richtung, auf der östlichen Seite der Linie,

3.46

pātaye tu paraṃ sūtraṃ paścimena tathaiva hi ।
anenaiva vidhānena dikṣu sūtrāṇi pātayet ॥

Übersetzung: legt er eine weitere Schnur an, ebenso auf der westlichen Seite. Auf diese Weise soll er die Schnurlinien in den Himmelsrichtungen ziehen.

3.47

ardhahastapramāṇena sādhakaḥ susamāhitaḥ ।
sūtrāṇi pātayitvā tu navavārāṇi saṃkhyayā ॥

Übersetzung: In Abständen von einer halben Elle soll der gut gesammelte Sadhaka die Schnurlinien ziehen, neunmal der Zahl nach.

3.48

upaśobhānusāreṇa pātayitā yathākramam ।
prakoṣṭhādivibhāgena sādhakaḥ susamāhitaḥ ॥

Übersetzung: Entsprechend den Schmuckfeldern legt der gesammelte Sadhaka sie in der richtigen Folge an, nach der Einteilung in Felder und die übrigen Bereiche.

3.49

padmamānaṃ bhave dvāraṃ prakoṣṭhaiś ca samanvitam ।
madhye padmaṃ samālikhyam aṣṭapattraṃ sakarṇikam ॥

Übersetzung: Das Tor soll das Maß des Lotos besitzen und mit Seitenfeldern versehen sein. In der Mitte zeichnet man einen achtblättrigen Lotos mit Samengehäuse.

3.50

caturdvāraṃ puraṃ kṛtvā rajaṃsi vinipātayet ।
avadhūtatanum kṛtvā bhasmoddhūlitavigrahaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er die Stadt mit vier Toren angelegt hat, streut er die Farbpulver aus. Er macht seinen Körper zum Avadhuta-Körper und bestreut seine Gestalt mit Asche.

Erläuterung: Die körperliche Vorbereitung und die äußere Mandalazeichnung sind miteinander verbunden.

3.51

nirācārapadāvastho dhyāyed bhīmaṃ kapālinam ।
ātmānaṃ pūjayed devyā bhīmādyāḥ padmamadhyagāḥ ॥

Übersetzung: In der Stufe jenseits der gewöhnlichen Verhaltensordnung weilend, meditiert er sich als den furchtbaren Schädelträger. Er soll sich selbst verehren, [zusammen mit] der Göttin und Bhima und den übrigen, die in der Lotosmitte weilen.

Erläuterung: Der zweite Halbvers ist grammatisch knapp; die anschließenden Verse entfalten die zugehörigen Göttinnenpositionen.

3.52

karṇikāyāṃ nyased devaṃ bhīmarūpaṃ kapālinam ।
pūrveṇa prathamā devī dvitīyā dakṣiṇe nyaset ॥

Übersetzung: Im Samengehäuse soll er den Gott als furchtbaren Schädelträger einsetzen. Die erste Göttin setzt er im Osten, die zweite im Süden ein.

3.53

tṛtīyā paścime bhāge caturthī cottare sthitā ।
āgneyyāṃ diśi-m-āśritya yāvad īśānagocaram ॥

Übersetzung: Die dritte befindet sich im Westen, die vierte im Norden. Beginnend mit der südöstlichen Richtung bis zum nordöstlichen Bereich,

3.54

dūtī vinyasya yatnena dūtyante yoginī nyaset ।
yoginyante tathā mātṝn pūrvādyāṃ viniveśayet ॥

Übersetzung: setzt man sorgsam die Dutis ein; außerhalb der Dutis die Yoginis und außerhalb der Yoginis die Mütter, beginnend im Osten.

3.55

dvitīyāvaraṇe prajñā mātarāś caṇḍasambhavāḥ ।
tṛtīye vinyased devīṃ lokeśīṃ lokamātaraḥ ॥

Übersetzung: Im zweiten Kreis [stehen] Prajna und die aus Chanda hervorgegangenen Mütter. Im dritten setzt man die Göttin Lokeshi und die Weltenmütter ein.

Erläuterung: Die Aufzählung ist grammatisch unregelmäßig; Prajna und Lokeshi werden als Gottheitenbezeichnungen bewahrt.

3.56

caturthe yāgabhavā devyaḥ pañcame tu manodbhavām ।
ṣaṣṭhe tu yogajāṃ caiva saptame pūtanā nyaset ॥

Übersetzung: Im vierten [stehen] die aus der Verehrung entstandenen Göttinnen, im fünften die aus dem Geist entstandenen. Im sechsten setzt man die aus Yoga entstandenen ein, im siebten Putana.

3.57

aṣṭame tu diśāṃ mantrī navame rudramātaraḥ ।
caturviṃśatiyoginyo arcayet paritaḥ kramāt ॥

Übersetzung: Im achten [setzt] der Mantrin die [Mütter] der Himmelsrichtungen [ein], im neunten die Rudra-Mütter. Ringsum soll er der Reihe nach vierundzwanzig Yoginis verehren.

Bhairavi in einer späteren Darstellung. Das Bild veranschaulicht Göttinnenverehrung allgemein und rekonstruiert nicht die Ikonographie des Picumata.

3.58

trikaṃ trikaṃ yathānyāyaṃ sarvasiddhyarthakāraṇam ।
suprabhā devamātā ca viśālā yogavāhinī ॥

Übersetzung: Je drei zusammen, nach der Ordnung, die allen Siddhi-Zwecken dient: Suprabha, Devamata, Vishala, Yogavahini,

3.59

hayavegā suvegā ca manmathī vāyavī tathā ।
vānarī kroṣṭukī caiva mṛgāṅkā śaśinī śivā ॥

Übersetzung: Hayavega, Suvega, Manmathi und Vayavi, Vanari, Kroshtuki, Mriganka, Shashini und Shiva,

Erläuterung: Śivā ist hier der Name einer Yogini; das Wort kann zugleich „Schakalin“ bedeuten.

3.60

siṃhānanā tathā vyāghrī hariṇī kekarā tathā ।
mārjārī caiva ghaṇṭā ca jāmbavī vegavāhinī ॥

Übersetzung: Simhanana, Vyaghri, Harini und Kekara, Marjari, Ghanta, Jambavi und Vegavahini.

3.61

gaurī rambhā śacī caiva yoginyā ca prapūjayet ।
dvārapālāṃ catuṣkāṃ tu dvārasthāneṣu yojayet ॥

Übersetzung: Auch die Yoginis Gauri, Rambha und Shachi soll er verehren. Die vier Torhüter setzt er an die Torstellen.

Erläuterung: Mit Gauri, Rambha und Shachi ist die Liste der vierundzwanzig Yoginis abgeschlossen.

3.62

gokarṇa śaṅkukarṇaṃ ca hayagrīvaṃ ca rāvaṇam ।
vidhivat pūjaye devi yatheṣṭaṃ siddhi-m-īhakaḥ ॥

Übersetzung: Gokarna, Shankukarna, Hayagriva und Ravana soll er vorschriftsgemäß verehren, Göttin, als einer, der die gewünschte Siddhi anstrebt.

3.63

bāhyato maṇḍalasyaiva aṣṭau te yogajāṃ drumām ।
pūrveṇa vinyased vajraṃ tatra śleṣmāntakadrumam ॥

Übersetzung: Außerhalb des Mandalas [setzt man] die acht aus Yoga entstandenen Bäume. Im Osten soll man Vajra und dort den Shleshmantaka-Baum einsetzen.

3.64

vṛkṣamantreṇa deveśi vinyaset sādhakottamaḥ ।
śūlaprotā likhe cāṣṭau dikṣu-ś-caiva vidikṣu ca ॥

Übersetzung: Mit dem Baummantra soll der hervorragende Sadhaka ihn einsetzen, Herrin der Götter. In den Haupt- und Zwischenrichtungen soll er acht auf Pfählen Aufgespießte zeichnen.

Erläuterung: Der Text beschreibt hier gezeichnete Figuren im Mandala; daraus wird keine Aufforderung zum tatsächlichen Aufspießen gemacht.

3.65

tatreśāne likhet ghorāṃ śivā jvālāmukhī tathā ।
caturdikṣu likhet tatra caturo rākṣasān tathā ॥

Übersetzung: Dort im Nordosten zeichnet er die furchtbare Schakalin mit flammendem Maul. In die vier Himmelsrichtungen zeichnet er vier Rakshasas:

3.66

nandiṃ caivopanandiṃ ca gopatiṃ sumatiṃ tathā ।
nandi vai pūrvato nyasya yogavṛkṣasya suvrate ॥

Übersetzung: Nandin, Upanandin, Gopati und Sumati. Nandin soll er östlich des Yogabaums einsetzen, Getreue,

3.67

upanandi tato devi dakṣiṇena tu vinyaset ।
ṣaṭpattrakeṣu padmeṣu rākṣasaṃ karṇikopari ॥

Übersetzung: Upanandin dann im Süden, Göttin. Auf sechsblättrigen Lotosblüten setzt man die Rakshasas jeweils auf das Samengehäuse.

3.68

gopatiṃ paścime likhya padmamadhye tu mantravit ।
sumatiṃ cottare caiva padmamadhye samālikhet ॥

Übersetzung: Gopati zeichnet der Mantrakundige im Westen in die Lotosmitte, Sumati ebenso im Norden in die Lotosmitte.

3.69

nandasya pūrvato devi dharmanī pūrvake dale ।
yāmyāgneye tathā caiva pivanī vinyased budhaḥ ॥

Übersetzung: Östlich von Nandin, Göttin, auf dem östlichen Lotosblatt, [setzt er] Dharmani ein; auf den südlich-südöstlichen [Bereich] setzt der Kundige Pivani.

Erläuterung: Die doppelte Richtungsbezeichnung bleibt entsprechend dem Text erhalten.

3.70

yāmyanairṛtake pattre raudrāṃ caiva samālikhet ।
vāruṇe tu dale devi rucikā vinyased budhaḥ ॥

Übersetzung: Auf das südlich-südwestliche Blatt zeichnet er Raudra. Auf das westliche Blatt, Göttin, setzt der Kundige Ruchika.

3.71

saumyavāyavyake pattre satā caiva samālikhet ।
saumyeśāne tathā caiva sarvadā tu samālikhet ॥

Übersetzung: Auf das nördlich-nordwestliche Blatt zeichnet er Sata, auf das nördlich-nordöstliche Sarvada.

3.72

sarveṣāṃ rākṣasānāṃ tu yoginyo ṣaṭ samālikhet ।
etā eva likhen mantrī prati prati na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Bei allen Rakshasas soll er sechs Yoginis zeichnen. Bei jedem einzelnen zeichnet der Mantrin genau diese, ohne Zweifel.

3.73

evaṃ śmaśānam ālikhya vārāṇasyāṃ tu saṃsthitaḥ ।
yogavṛkṣasya cādhastān mahādevaṃ samālikhet ॥

Übersetzung: Nachdem er so den in Varanasi gelegenen Verbrennungsplatz gezeichnet hat, zeichnet er unter dem Yogabaum Mahadeva:

3.74

caturvaktraṃ mahāvīryaṃ raudraṃ bhairavarūpiṇam ।
rudrāṣṭakasamopetam aṣṭapattre tu padmake ॥

Übersetzung: viergesichtig, von großer Kraft, furchtbar und in Bhairava-Gestalt, von acht Rudras umgeben, auf einem achtblättrigen Lotos.

3.75

bāhyato rudracakrasya yoginya ṣaṭ samālikhet ।
pūrvā diśi samārabhya yāvad īśānam āgatam ॥

Übersetzung: Außerhalb des Rudra-Kreises zeichnet er sechs Yoginis, beginnend in östlicher Richtung bis hin zum Nordosten:

3.76

nandī ca upanandī ca sumanā tu tathāparā ।
sānuvegā mahānāsā daṇḍinī ca tathāparā ॥

Übersetzung: Nandi, Upanandi, als weitere Sumana, Sanuvega, Mahanasa und als weitere Dandini.

3.77

vārāṇasyāṃ śmaśānaṃ tu etat sarva samālikhet ।
āgneyyāṃ virajāyāṃ tu trikūṭaṃ tatra cālikhet ॥

Übersetzung: Dies alles soll er als den Verbrennungsplatz von Varanasi zeichnen. Im Südosten, bei Viraja, zeichnet er dann den Trikuta.

Erläuterung: Hier beginnt die zweite Verbrennungsplatzgruppe.

3.78

nānāvṛkṣalatākīrṇam ulūkaiś copaśobhitam ।
nandīś ca chagalaṃ caiva kumbhakarṇa mahābalam ॥

Übersetzung: [Er ist] von vielerlei Bäumen und Ranken bedeckt und mit Eulen geschmückt. [Dazu zeichnet man] Nandin, Chagala, Kumbhakarna und Mahabala.

3.79

hetukaṃ tatra deveśaṃ śmaśānena samabhyaset ।
tatropari likhec chaktiṃ karañjaṃ ca mahādrumam ॥

Übersetzung: Dort stellt er den Götterherrn Hetuka zusammen mit dem Verbrennungsplatz dar. Darüber zeichnet er eine Lanze und einen großen Karañja-Baum.

Erläuterung: Die ungewöhnliche Wendung śmaśānena samabhyaset wird hier auf die zeichnerische Ausgestaltung bezogen.

3.80

tasyādhastā likhet padmam aṣṭapattraṃ sakarṇikam ।
karṇikāyāṃ likhed devaṃ mahāghaṇṭaṃ tu bhairavam ॥

Übersetzung: Darunter zeichnet er einen achtblättrigen Lotos mit einem Fruchtboden. Auf dessen Mitte zeichnet er den Gott Mahaghanta, Bhairava.

3.81

kaṭideśe tathā caiva ghaṇṭāsaptavibhūṣitam ।
rudrāṣṭakasamopetaṃ bhairavākārarūpibhiḥ ॥

Übersetzung: Seine Hüftgegend ist mit sieben Glocken geschmückt; ihn umgeben acht Rudras von Bhairava-Gestalt.

3.82

rudrāṇāṃ bāhyato devi yoginya ṣaṭ samālikhet ।
yamaghaṇṭā karālā ca mahājihvā kharānanā ॥

Übersetzung: Außerhalb der Rudras zeichnet er, Göttin, sechs Yoginis: Yamaghanta, Karala, Mahajihva und Kharanana,

3.83

karālī danturā caiva nāmaiś caitāḥ prakīrtitāḥ ।
rudracakraṃ tu saṃveṣṭya ṣaṭdikṣu cakram āsthitāḥ ॥

Übersetzung: sowie Karali und Dantura – unter diesen Namen werden sie genannt. Den Kreis der Rudras umschließend, stehen sie in sechs Richtungen in einem Kreis.

3.84

dakṣiṇena likhen mantrī mahāghoraṃ bhayāvaham ।
mahāraudraṃ śmaśānaṃ tu nāmnā kollagirī tathā ॥

Übersetzung: Im Süden zeichnet der Mantrakundige den überaus schrecklichen, furchterregenden und wilden Verbrennungsplatz mit dem Namen Kollagiri.

3.85

tatra daṇḍa samālikhya madhye vai bhītakadrumam ।
nānavṛkṣasamākīrṇaṃ kollāgiryopari-s-tathā ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er einen Stab und in der Mitte einen Bhitaka-Baum, auf dem Kollagiri, der mit vielerlei Bäumen bedeckt ist.

Erläuterung: Bhītaka bezeichnet hier einen Baum; die abweichenden Namensformen Kollagirī/Kollāgiri werden beibehalten.

3.86

citibhiḥ prajvalantībhiḥ samantāt parivāritam ।
dikṣu-ś-caiva vidikṣu-ś-ca bahis tasya mahāyaśe ॥

Übersetzung: Ringsum umgeben ihn lodernde Scheiterhaufen, außen in den Haupt- und Zwischenrichtungen, Ruhmreiche.

3.87

tasyadhastā likhet padmam aṣṭapattraṃ sakarṇikam ।
agnikaṃ kṣetrapālaṃ tu mahālakṣmī bhayāvaham ॥

Übersetzung: Darunter zeichnet er einen achtblättrigen Lotos mit einem Fruchtboden und den furchterregenden Gebietshüter Agnika, Mahalakshmi.

Erläuterung: Mahālakṣmī ist hier eine Anrede an die Göttin.

3.88

tatropari nyased devaṃ mahāhāsaṃ vicakṣaṇaḥ ।
padmapattreṣu deveśi rudrāṣṭakasamanvitam ॥

Übersetzung: Darauf setzt der Verständige den Gott Mahahasa; auf den Lotosblättern umgeben ihn acht Rudras, Herrin der Götter.

3.89

bahi rudrāṣṭakasyāpi yoginīparivāritaḥ ।
trāsanī bhīṣaṇī māyā mṛtyu dūtī vivasvatī ॥

Übersetzung: Außerhalb der acht Rudras umgeben ihn ferner Yoginis: Trasani, Bhishani, Maya, Mrityu, Duti und Vivasvati.

3.90

yāmyā diśi samākhyātā yoginyo surapūjitā ।
yoginībāhyataś caiva catvāro rākṣasāṃ likhet ॥

Übersetzung: So heißen die von den Göttern verehrten Yoginis im Süden. Außerhalb der Yoginis zeichnet er vier Rakshasas:

3.91

piṅgalaṃ pūrvato likhya gajakarṇam tu dakṣiṇe ।
dantikaṃ paścime likhya uttare bhṛkuṭīmukham ॥

Übersetzung: Pingala im Osten, Gajakarna im Süden, Dantika im Westen und Bhrikutimukha im Norden.

3.92

nairṛte tu nyased devi prabhāsaṃ kṣetram uttamam ।
khaḍgaṃ tatra samālikhya tato nimbaṃ samālikhet ॥

Übersetzung: Im Südwesten setzt er, Göttin, das vortreffliche Heiligtum Prabhasa ein. Dort zeichnet er ein Schwert und dann einen Nimba-Baum.

3.93

saptadālaṃ mahābhīmaṃ citibhiḥ prajvalantibhiḥ ।
ekikasmiṃ likhe dāle nagnam udbaddhakaṃ naram ॥

Übersetzung: [Der Baum ist] siebenzweigig und äußerst furchtbar, [umgeben] von lodernden Scheiterhaufen. An jeden einzelnen Zweig zeichnet er einen nackten, aufgehängten Menschen.

Erläuterung: Es handelt sich weiterhin um die zeichnerische Ausstattung des Mandalas.

3.94

śivā tatra samālikhya jvālājihvā bhayānanām ।
tasyadhastā likhet padmam aṣṭapattra tathaiva hi ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er Schakalweibchen mit Flammenzungen und furchterregenden Gesichtern. Darunter zeichnet er wiederum einen achtblättrigen Lotos.

3.95

tatra madhye likhed devaṃ bhairavaṃ śaśibhūṣaṇam ।
rudrāṣṭakasamopetaṃ padmapattreṣu suvrate ॥

Übersetzung: In dessen Mitte zeichnet er den Gott Bhairava, der den Mond als Schmuck trägt. Acht Rudras auf den Lotosblättern umgeben ihn, du mit den guten Gelübden.

3.96

bahi vīrāṣṭakaṃ caiva yoginya ṣaṭ samālikhet ।
bhaṭṭinī bhadrakālī ca khaḍginī śaśibhūṣiṇī ॥

Übersetzung: Außerhalb der acht Helden zeichnet er sechs Yoginis: Bhattini, Bhadrakali, Khadgini, Shashibhushini,

3.97

vidyā caṇḍā tathā caiva ṣaṭ yoginyas samālikhet ।
paścime kalpayed devi ujjainī kṣetram uttamam ॥

Übersetzung: ferner Vidya und Chanda; diese sechs Yoginis soll er zeichnen. Im Westen gestaltet er, Göttin, das vortreffliche Heiligtum Ujjaini.

3.98

pāśaṃ tatra samālikhya aśvatthaṃ vṛkṣam uttamam ।
tasyādhastāl likhen mantrī nāmnā gandhayavatīṃ nadīm ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er eine Schlinge und einen prächtigen Ashvattha-Baum. Darunter zeichnet der Mantrakundige den Fluss mit dem Namen Gandhayavati.

3.99

tasya dakṣiṇatīre tu śmaśānaṃ cālikhed budhaḥ ।
tasyadhastā likhet padmam aṣṭapattraṃ sakarṇikam ॥

Übersetzung: An dessen südlichem Ufer zeichnet der Verständige einen Verbrennungsplatz. Darunter zeichnet er einen achtblättrigen Lotos mit einem Fruchtboden.

3.100

mahākālaṃ likhed devaṃ draṃṣṭrotkaṭabhayāvaham ।
rudrāṣṭakaṃ likhet tatra padmapattre vyavasthitam ॥

Übersetzung: Er zeichnet den Gott Mahakala, furchterregend mit seinen gewaltigen Hauern. Dort zeichnet er acht Rudras, die auf den Lotosblättern stehen.

3.101

pibantaṃ rudhiraṃ vaktre susampūrṇe kapālake ।
bahir vīrāṣṭakam caiva yoginya ṣaṭ samālikhet ॥

Übersetzung: [Mahakala] trinkt Blut aus einer ganz gefüllten Schädelschale an seinem Mund. Außerhalb der acht Helden zeichnet er sechs Yoginis:

3.102

gokarṇī bhadrakarṇī ca viḍālī pūtanā tathā ।
śakunī bhadrakālī ca ṣaḍ yoginyo mahābalāḥ ॥

Übersetzung: Gokarni, Bhadrakarni, Vidali, Putana, Shakuni und Bhadrakali – sechs überaus mächtige Yoginis.

3.103

ṣaṭ lākinyo likhet paścād bahis tāsāṃ mahāyaśe ।
antramālākulāṃ sarvāṃ raktādikkhaḍgaśobhitām ॥

Übersetzung: Anschließend zeichnet er außerhalb von ihnen sechs Lakinis, Ruhmreiche, alle mit Girlanden aus Eingeweiden behangen und mit blutbeschmierten Schwertern geschmückt.

Erläuterung: Die ungewöhnliche Form raktādik- wird mit der Edition als „mit Blut bestrichen“ verstanden.

3.104

pūrvādiśi samārabhya caturo rākṣasāṃ likhet ।
kailāsaṃ nāḍijaṅghaṃ ca gokarṇaṃ ca kapālinam ॥

Übersetzung: Beginnend im Osten zeichnet er vier Rakshasas: Kailasa, Nadijangha, Gokarna und Kapalin.

3.105

śūlaprotā likhec caiva diśāsu vidiśāsu ca ।
vāyavyāṃ kalpayet kṣetraṃ nāmnā bhūteśvaraṃ mahat ॥

Übersetzung: In den Haupt- und Zwischenrichtungen zeichnet er Aufgespießte. Im Nordwesten gestaltet er das große Heiligtum mit dem Namen Bhuteshvara.

3.106

dhvajaṃ tatra samālekhya kadambaṃ tatra cālikhet ।
śmaśānaṃ tu likhet tatra citibhiḥ prajvalantibhiḥ ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er eine Fahne und einen Kadamba-Baum. Dort zeichnet er auch einen Verbrennungsplatz mit lodernden Scheiterhaufen.

3.107

kadambādhastāl likhet padmam aṣṭapattraṃ tathaiva hi ।
bhadrāsanaṃ tato likhya śmaśāne tu subhīṣaṇe ॥

Übersetzung: Unter dem Kadamba zeichnet er wiederum einen achtblättrigen Lotos; dann zeichnet er einen würdevollen Sitz auf dem äußerst schrecklichen Verbrennungsplatz.

3.108

tatra likhya gaṇādhyakṣaṃ rudrāṣṭakasamanvitam ।
rudrāṇāṃ bāhyato devi yoginya ṣaṭ samālikhet ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er Ganadhyaksha, umgeben von acht Rudras. Außerhalb der Rudras zeichnet er, Göttin, sechs Yoginis:

3.109

bhramaṇī bhrāmaṇī caiva vāyuvegā mahābalā ।
kampanī dhunanī caiva etā pūrvādi-m-ālikhet ॥

Übersetzung: Bhramani, Bhramani mit langem ā, Vayuvega, Mahabala, Kampani und Dhunani. Diese zeichnet er, beginnend im Osten.

Erläuterung: Bhramaṇī und Bhrāmaṇī sind zwei unterschiedlich geschriebene Namen der Quelle.

3.110

pūrvā diśi samārabhya caturo rākṣasāṃ likhet ।
vaidyutaṃ stanitaṃ caiva mahāmeghapravartanam ॥

Übersetzung: Beginnend in östlicher Richtung zeichnet er vier Rakshasas: Vaidyuta, Stanita, Mahameghapravartana

3.111

bhayāvahaṃ samākhyātaṃ krameṇaiva vyavasthitāḥ ।
uttare kalpayed devi nāmnā-d-ekāmrakaṃ śubham ॥

Übersetzung: und den als Bhayavaha Bezeichneten; sie stehen der Reihe nach. Im Norden gestaltet er, Göttin, das glückverheißende [Heiligtum] namens Ekamraka.

3.112

aralukaṃ tu samālikhya gadā vai pṛṣṭhato nyaset ।
tasyadhastā likhet padmam aṣṭapattraṃ sakarṇikam ॥

Übersetzung: Er zeichnet einen Araluka-Baum und setzt eine Keule dahinter. Darunter zeichnet er einen achtblättrigen Lotos mit einem Fruchtboden.

3.113

bhairavaṃ tatra cālikhya rudrāṣṭakasamanvitam ।
ekapādaṃ mahāvīryam bhairavākārasaṃjñakam ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er Bhairava, umgeben von acht Rudras: den einfüßigen, überaus kraftvollen, der die Gestalt Bhairavas trägt.

3.114

bahi rudrāṣṭakaś caiva mātaro vinyased budhaḥ ।
māheśvary āditaḥ kṛtvā paramātā na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Außerhalb der acht Rudras setzt der Verständige die Mütter ein, beginnend mit Maheshvari – die höchsten Mütter, ohne Zweifel.

3.115

pretārūḍhā mahāvīryā ālikhen mantravit kramāt ।
kapāle raktasampūrṇer antrasragdāmalambibhiḥ ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige zeichnet sie der Reihe nach: auf Leichnamen sitzend, von großer Kraft, mit blutgefüllten Schädelschalen und herabhängenden Girlanden aus Eingeweiden.

Erläuterung: Die grammatisch unregelmäßigen Formen des zweiten Halbverses werden sinngemäß auf die dargestellten Mütter bezogen.

3.116

varadodyatahastās tu antrasragdāmabhūṣitāḥ ।
mātṝṇāṃ bāhyato devi yoginyaś cālikhed budhaḥ ॥

Übersetzung: Ihre Hände sind zur Gabengewährung erhoben; Girlanden aus Eingeweiden schmücken sie. Außerhalb der Mütter zeichnet der Verständige, Göttin, Yoginis:

3.117

sumanā devakī caiva cakravegā mahāravā ।
bhīmākrī ratnagarbhā ca ṣaṭ yoginyo yathākramam ॥

Übersetzung: Sumana, Devaki, Chakravega, Maharava, Bhimakri und Ratnagarbha – sechs Yoginis in dieser Reihenfolge.

3.118

dantikaṃ lohajaṅghaṃ ca ūrdhvakeśaṃ mahāmukham ।
catvāro rākṣasāṃ likhya śākinībhi samāvṛtam ॥

Übersetzung: Er zeichnet die vier Rakshasas Dantika, Lohajangha, Urdhvakesha und Mahamukha, von Shakinis umgeben.

3.119

kabandhāni likhed aṣṭau dikṣu-ś-caiva vidikṣu ca ।
īśāne tu diśābhāge koṭivarṣaṃ prakalpayet ॥

Übersetzung: In den Haupt- und Zwischenrichtungen zeichnet er acht kopflose Rümpfe. Im nordöstlichen Richtungsbereich gestaltet er Kotivarsha.

3.120

vaṭaṃ tatra samālikhya tatra śūlodakaṃ likhet ।
dikṣu-ś-caiva vidikṣu-ś-ca śūlaprotā likhet tathā ॥

Übersetzung: Dort zeichnet er einen Banyanbaum und den [Wasserort] Shulodaka. Ebenso zeichnet er in den Haupt- und Zwischenrichtungen Aufgespießte.

Erläuterung: Die Bezeichnung śūlodaka bleibt als Orts- beziehungsweise Gewässername erhalten; ihre genaue Bedeutung ist hier nicht sicher.

3.121

śilā tasyāgrato likhya kuṇḍasyaiva mahātape ।
paṭṭiśaṃ pūrvato nyasya vaṭasyādhas tato priye ॥

Übersetzung: Vor dessen Becken zeichnet er einen Stein, du mit der großen Askese. Im Osten setzt er eine Hellebarde ein; dann, Liebe, unter dem Banyanbaum

3.122

aṣṭapattraṃ likhet padmaṃ tathaivena na saṃśayaḥ ।
hetukeśvaram ālikhya sadāśivatanu-s-tathā ॥

Übersetzung: zeichnet er ebenso einen achtblättrigen Lotos, ohne Zweifel. Er zeichnet Hetukeshvara in der Gestalt Sadashivas

3.123

karṇikāyāṃ mahādevi mahābhairavarūpiṇam ।
rudrāṣṭakasamopetaṃ pūrvavad devi cālikhet ॥

Übersetzung: auf den Fruchtboden, große Göttin, in der Gestalt des großen Bhairava. Wie zuvor zeichnet er ihn, Göttin, umgeben von acht Rudras.

3.124

rudrāṇāṃ bāhyato devi yoginya ṣaṭ samālikhet ।
hetukī kampanī caiva kṣobhaṇī bhīmavikramā ॥

Übersetzung: Außerhalb der Rudras zeichnet er, Göttin, sechs Yoginis: Hetuki, Kampani, Kshobhani, Bhimavikrama,

3.125

kroṣṭukī bhadrakālī ca yoginyaḥ ṣaṭ samālikhet ।
yoginīnāṃ bahiś caiva catvāro rākṣasāṃ likhet ॥

Übersetzung: Kroshtuki und Bhadrakali – diese sechs Yoginis zeichnet er. Außerhalb der Yoginis zeichnet er vier Rakshasas:

3.126

nandiṃ ca chagalaṃ caiva kumbhakarṇa mahābalam ।
pūrvā diśi samārabhya vinyaset mantravit kramāt ॥

Übersetzung: Nandin, Chagala, Kumbhakarna und Mahabala. Beginnend in östlicher Richtung setzt sie der Mantrakundige der Reihe nach ein.

3.127

śūlaprotā likhet mantrī dikṣu-ś-caiva vidikṣu ca ।
śmaśānanavakaṃ proktaṃ madhyamena samanvitam ॥

Übersetzung: In den Haupt- und Zwischenrichtungen zeichnet der Mantrakundige Aufgespießte. Damit ist die Gruppe der neun Verbrennungsplätze einschließlich des mittleren beschrieben.

3.128

rudrai vyāptam yathānyāyaṃ sarvam aṣṭabhir aṣṭabhiḥ ।
caturbhir garbhasaṃsthais tu saha rudrai bhavanti hi ॥

Übersetzung: Alles ist ordnungsgemäß von Rudras erfüllt, jeweils acht und acht. Zusammen mit den vier Rudras im innersten Bereich ergeben sie

3.129

aṣṭaṣaṣṭimitā rudrā śmaśānanavake tathā ।
garbhas tritattvayāgaṃ tu vyāptiṃ vai bhairaveṇa tu ॥

Übersetzung: achtundsechzig Rudras in der Gruppe der neun Verbrennungsplätze. Der innerste Bereich wird bei der Verehrung der drei Wirklichkeitsebenen von Bhairava durchdrungen.

Erläuterung: Die ungewöhnlichen Kasusformen des zweiten Halbverses erlauben nur eine vorläufige syntaktische Deutung. Tritattva bezeichnet hier eine rituelle Dreigliederung der Wirklichkeit.

3.130

bhīma kiṅkararūpiṇyā vīrarūpeṇa ca priye ।
caturviṃśatiyoginyo śūlapadme vyavasthitāḥ ॥

Übersetzung: Die vierundzwanzig Yoginis stehen, Liebe, auf dem Dreizacklotos, mit Bhima-, Kinkara- und Heldengestalten.

Erläuterung: Die Gestaltbezeichnungen stehen in unregelmäßigen Formen. Ihr genauer Bezug bleibt vorläufig; śūlapadma wird entsprechend der Edition als „Dreizacklotos“ wiedergegeben.

3.131

tāś ca rudrais tathā vyāptā caturviṃśatibhiḥ kramāt ।
mahādevādibhir devi krameṇaiva vyavasthitaiḥ ॥

Übersetzung: Diese werden ferner von vierundzwanzig Rudras durchdrungen, beginnend mit Mahadeva, Göttin, die ebenfalls der Reihe nach angeordnet sind.

Erläuterung: Der Rückbezug von „diese“ und die Zahl vierundzwanzig sind problematisch. Die folgenden Gottheitenreihen legen andere Zählmöglichkeiten nahe; die überlieferte Zahl wird nicht verändert.

3.132

pūrve mahāśmaśāne-s-tu mahādevaṃ tu vinyaset ।
karṇikāyāṃ likhen mantrī pūrvapattre tathaiva ca ॥

Übersetzung: Auf dem östlichen großen Verbrennungsplatz setzt der Mantrakundige Mahadeva ein; er zeichnet ihn auf den Fruchtboden. Auf das östliche Lotosblatt [zeichnet er ihn] ebenfalls,

Erläuterung: Die Formulierung scheint den zentralen Gott am ersten Blatt zu wiederholen, ebenso wie später bei mehreren anderen Lotosgruppen.

3.133

māheśvaraṃ tathāgneye devadevaṃ tu dakṣiṇe ।
ālikhe tu dale mantrī nairṛtye prapitāmahām ॥

Übersetzung: ferner Maheshvara auf das südöstliche, Devadeva auf das südliche und Prapitamaha auf das südwestliche Blatt.

3.134

paścime tu bidusthānam ajogandhaṃ ca vāyave ।
viśveśvaraṃ tathā caiva ālikhed uttare dale ॥

Übersetzung: Auf das westliche [Blatt zeichnet er] Bidusthana, auf das nordwestliche Ajogandha; auf das nördliche Blatt zeichnet er Vishveshvara.

Erläuterung: Die auffällige Namensform bidusthāna wird entsprechend dem edierten Text beibehalten.

3.135

īśāne tu mahānādaṃ vinyasen mantravit kramāt ।
mahāvanaṃ tathāgneye mahāghaṇṭheśvaraṃ likhet ॥

Übersetzung: Im Nordosten setzt der Mantrakundige der Reihe nach Mahanada ein. Im südöstlichen großen Wald zeichnet er Mahaghantheshvara,

Erläuterung: Mit dem zweiten Halbvers beginnt die zweite Lotosgruppe.

3.136

mahāvrataṃ tathā caiva tathā caiva mahotkaṭam ।
tathā likhen mahātejaṃ tathā caiva mahābalam ॥

Übersetzung: ferner Mahavrata und Mahotkata; ebenso zeichnet er Mahatejas und Mahabala,

3.137

mahāyogaṃ tathā caiva tathā sthūleśvaraṃ punaḥ ।
harikeśvaraṃ tathā cānyaṃ sarvatra nava saṃsmṛtam ॥

Übersetzung: sowie Mahayoga, dann Sthuleshvara und als weiteren Harikeshvara. Überall werden neun [Götter] gerechnet.

Erläuterung: Die Neunerzahl setzt offenbar voraus, dass der zentrale Gott wie bei den benachbarten Lotosgruppen am östlichen Blatt wiederholt wird; diese Wiederholung ist hier nicht ausdrücklich ausgeschrieben.

3.138

dakṣiṇe tu vane devi aṭṭahāsaṃ samālikhet ।
punaś caivāṭṭahāsaṃ tu tasya pūrve tu patrake ॥

Übersetzung: Im südlichen Wald zeichnet er, Göttin, Attahasa und wiederum Attahasa auf dessen östliches Lotosblatt,

3.139

īśānaṃ ca tathā rudraṃ sahasrākṣaṃ tathaiva ca ।
bhairavaṃ ca tathā ugram ūrdhvaretaṃ kapardinam ॥

Übersetzung: sowie Ishana, Rudra, Sahasraksha, Bhairava, Ugra, Urdhvaretas und Kapardin.

3.140

nairṛte vanake ramye ālikhec chaśibhūṣaṇam ।
śaśibhūṣaṇaṃ punaś caiva kṛttivāsaṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: Im schönen südwestlichen Wäldchen zeichnet er Shashibhushana, dann nochmals Shashibhushana und ferner Krittivasa.

3.141

punaḥ pūrvadale caiva vinyasec chaśibhūṣaṇam ।
āmratikeśvaraṃ caiva nīlakaṇṭhaṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: Wieder setzt er Shashibhushana auf das östliche Blatt, ferner Amratikeshvara und Nilakantha,

Erläuterung: Die Wiederholung steht im edierten Sanskrit; sie wird hier nicht geglättet.

3.142

śrīkaṇṭhaṃ ca mahāyogī tathā ca hāṭakeśvaram ।
tathaiva vijayaṃ devi navamaṃ parikīrtitam ॥

Übersetzung: sowie Shrikantha, Mahayogin und Hatakeshvara; ebenso Vijaya, Göttin, der als neunter genannt wird.

3.143

paścime tu mahākālaṃ karṇikāyāṃ samālikhet ।
pūrvapattre tathā caiva mahākālaṃ samālikhet ॥

Übersetzung: Im Westen zeichnet er Mahakala auf den Fruchtboden; ebenso zeichnet er Mahakala auf das östliche Lotosblatt,

3.144

śaṅkaraṃ ca haraṃ caiva jaṭi saumyaṃ tathāparam ।
tryambakaṃ ca tathā cānyaṃ tathā cānyaṃ trilocanam ॥

Übersetzung: ferner Shankara, Hara, Jatin und als weiteren Saumya; dann als weiteren Tryambaka und als weiteren Trilochana,

3.145

triśūnaṃ tathā cānyaṃ navamaṃ parikīrtitam ।
vāyavye tu gaṇādhyakṣaṃ tathā ca tripurāntakam ॥

Übersetzung: sowie einen weiteren, Trishuna, der als neunter genannt wird. Im Nordwesten [zeichnet er] Ganadhyaksha und Tripurantaka,

Erläuterung: Die Edition liest triśūnaṃ; eine Normalisierung zu einem vertrauteren Gottesnamen unterbleibt.

3.146

lakulīśaṃ tathā caiva tathā caiva umāpatim ।
paśupatiṃ ca tathā devaṃ tathā kāmeśvaraṃ likhet ॥

Übersetzung: ferner Lakulisha, Umapati und den Gott Pashupati; ebenso zeichnet er Kameshvara,

3.147

amareśvaraṃ tathā caiva oṃkāraṃ ca tathāparam ।
navamaṃ ca tathā bhīmaṃ vinyasen mantravit kramāt ॥

Übersetzung: ferner Amareshvara und als weiteren Omkara. Als neunten setzt der Mantrakundige Bhima der Reihe nach ein.

3.148

uttare tu vane devi ekapādaṃ tu bhairavam ।
svayambhuṃ ca tathā caiva tathā caiva gaṇāpatim ॥

Übersetzung: Im nördlichen Wald [zeichnet er], Göttin, den einfüßigen Bhairava, ferner Svayambhu und Ganapati,

3.149

virūpākṣaṃ ca tathā caiva bhūrbhuvaṃ tu samālikhet ।
tathā caiva himasthānam analeśvaram eva ca ॥

Übersetzung: ebenso Virupaksha; dann zeichnet er Bhurbhuva, ferner Himasthana und Analeshvara,

3.150

bhasmagātraṃ tathā caiva kirāteśvaram eva ca ।
navamaṃ tu samākhyātam uttare nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: sowie Bhasmagatra und Kirateshvara, der im Norden als neunter genannt wird; daran besteht kein Zweifel.

3.151

īśāne tu mahādevi hetukeśvaram ālikhet ।
vārāhaṃ ca tathā śreṣṭhaṃ variṣṭhaṃ jambukeśvaram ॥

Übersetzung: Im Nordosten zeichnet er, große Göttin, Hetukeshvara, ferner Varaha, Shreshtha, Varishtha und Jambukeshvara,

3.152

prahasitaṃ ca tathā devi tathā caiva jaleśvaram ।
aśubhaṃ ca tathā caiva varadaṃ navamaṃ smṛtam ॥

Übersetzung: sowie Prahasita, Göttin, ferner Jaleshvara, Ashubha und Varada, der als neunter gilt.

3.153

mūlāsanasya deveśi brahmasthānābjake tathā ।
karṇikāyāṃ catuṣkaṃ tu rudrāṇāṃ viniveśayet ॥

Übersetzung: Auf dem Lotos des Brahma-Ortes des Grundsitzes, Herrin der Götter, setzt er vier Rudras auf den Fruchtboden ein,

3.154

siṃharūpā mahādevi tritattvasyāpi copari ।
amareśvaraṃ ca agneye karṇikāyāṃ tu vinyaset ॥

Übersetzung: in Löwengestalt, große Göttin, auch oberhalb der drei Wirklichkeitsebenen. Auf dem Fruchtboden setzt er Amareshvara im Südosten ein,

3.155

oṃkāra nairṛte bhāge diṇḍi vai vāyugocare ।
īśāne ca tathā caṇḍi siṃharūpās tu vinyaset ॥

Übersetzung: Omkara im südwestlichen Bereich, Dindi im Nordwesten und Chandi im Nordosten; er setzt sie in Löwengestalt ein.

3.156

tatropari nyased devaṃ bhīmabhairavarūpiṇam ।
śmaśāne tu tato yāgaṃ yaṣṭvā vai sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Darüber setzt er den Gott in der Gestalt des schrecklichen Bhairava ein. Nachdem der hervorragende Sadhaka dann die Verehrung auf dem Verbrennungsplatz vollzogen hat,

3.157

bahir astrāṇi vinyasya brāhmaṇābhyantare tathā ।
dikṣu-ś-caiva vidikṣu-ś-ca astrāṇāṃ bāhyatas tathā ॥

Übersetzung: und die Waffen außen, doch innerhalb [des Bereichs] Brahmas eingesetzt hat, [setzt er] außerhalb der Waffen in den Haupt- und Zwischenrichtungen

3.158

lokapālaṃ nyasen mantrī tato rudrān tu vinyaset ।
pūrvādiśi-m-ārabhya daśakaṃ daśakaṃ kramāt ॥

Übersetzung: die Welthüter ein. Dann setzt der Mantrakundige die Rudras ein, beginnend im Osten, der Reihe nach jeweils zehn und zehn,

3.159

adhordhvaṃ ca yathānyāyaṃ brahmāṇḍasyaiva madhyataḥ ।
kapālīśo ajo buddha vajradeha pramardanaḥ ॥

Übersetzung: auch unterhalb und oberhalb, ordnungsgemäß inmitten des Welteis: [Im Osten stehen] Kapalisha, Aja, Buddha, Vajradeha und Pramardana,

Erläuterung: Hier folgen Gottesnamen, keine ausformulierten Rezitationsformeln.

3.160

vibhūtir avyayaḥ śāstā pinākī tridaśādhipaḥ ।
pūrvāyāṃ daśakaṃ hy eta rudrāṇāṃ sampratiṣṭhitam ॥

Übersetzung: sowie Vibhuti, Avyaya, Shastr, Pinakin und Tridashadhipa. Diese Zehnergruppe von Rudras ist im Osten aufgestellt.

3.161

mahābhūtair mahādevi pūjayet sādhakottamaḥ ।
agnirudro hutāśī ca piṅgalo khādako haraḥ ॥

Übersetzung: Der hervorragende Sadhaka verehrt sie zusammen mit den großen Bhutas, große Göttin. [Im Südosten stehen] Agnirudra, Hutashin, Pingala, Khadaka und Hara,

Erläuterung: Bhūtas sind hier begleitende Geistwesen; der Ausdruck wird nicht stillschweigend in die fünf Elemente umgedeutet.

3.162

jvalano dahano babhru bhasmāntakaḥ kṣayāntakaḥ ।
āgneyāṃ daśakaṃ hy etat saha bhūtais tu pūjayet ॥

Übersetzung: sowie Jvalana, Dahana, Babhru, Bhasmantaka und Kshayantaka. Diese Zehnergruppe im Südosten verehrt er zusammen mit den Bhutas.

3.163

yāmyo mṛtyuharo dhātā vidhātā katṛ-r-eva ca ।
kālarudraś ca vikhyāto dharmādharmapatis tathā ॥

Übersetzung: [Im Süden stehen] Yamya, Mrityuhara, Dhatr, Vidhatr, Katr, Kalarudra und der weithin bekannte Dharmadharmapati,

Erläuterung: Katṛ ist die edierte, unregelmäßige Form; vikhyāta kann alternativ als weiterer Name verstanden werden. Ohne diese Möglichkeit enthält die anschließende Liste nur neun Namen.

3.164

saṃyoktā ca viyoktā ca ity ete dakṣiṇāṃ diśi ।
saha bhūtais tathā pūjyam evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: sowie Samyoktr und Viyoktr. Diese sind in südlicher Richtung zusammen mit den Bhutas zu verehren. So hat Bhairava gesprochen.

3.165

ūrdhvaśepho virūpākṣa dhūmro lohitadraṃṣṭavān ।
nairṛto māraṇā hantā krūradṛṣṭi bhayānakaḥ ॥

Übersetzung: [Im Südwesten stehen] Urdhvashepha, Virupaksha, Dhumra, Lohitadramshtravat, Nairrita, Marana, Hantr, Kruradrishti und Bhayanaka.

Erläuterung: Auch diese überlieferte Namensreihe bietet keine eindeutigen zehn Einzelglieder.

3.166

nairṛtyāṃ sthitā rudrā saha bhūtai prapūjayet ।
balo hy atibalaś caiva pāśahasto mahābalaḥ ॥

Übersetzung: Die im Südwesten stehenden Rudras verehrt er zusammen mit den Bhutas. [Im Westen stehen] Bala, Atibala, Pashahasta und Mahabala,

3.167

śvetaś ca jayabhadraś ca dīrghabāhu jalāntakaḥ ।
vaḍavāmukha bhīmaś ca vāruṇyāṃ diśi saṃsthitāḥ ॥

Übersetzung: sowie Shveta, Jayabhadra, Dirghabahu, Jalantaka, Vadavamukha und Bhima; sie stehen in der westlichen Richtung, die Varuna zugehört.

3.168

saha bhūtais tathā pūjya sādhakena mahāyaśe ।
śīghro laghu vāyuvegaḥ sūkṣmas tīkṣṇa kṣayāntakaḥ ॥

Übersetzung: Zusammen mit den Bhutas sind sie vom Sadhaka zu verehren, Ruhmreiche. [Im Nordwesten stehen] Shighra, Laghu, Vayuvega, Sukshma, Tikshna und Kshayantaka,

3.169

pāñcāntakaḥ pañcaśikhaḥ kapardī meghavāhanaḥ ।
ity ete daśa rudrās tu vāyavyāṃ samprapūjayet ॥

Übersetzung: ferner Panchantaka, Panchashikha, Kapardin und Meghavahana. Diese zehn Rudras verehrt er im Nordwesten.

3.170

saha bhūtais tathā pūjyā nātra kārya vicāraṇāt ।
nidhīśo rūpavān dhanyaḥ saumyadeha pramardanaḥ ॥

Übersetzung: Zusammen mit den Bhutas sind sie zu verehren; darüber soll kein Zweifel bestehen. [Im Norden stehen] Nidhisha, Rupavat, Dhanya, Saumyadeha und Pramardana,

3.171

suprasādo prasādaś ca kāmarūpī ca supriyaḥ ।
someśvara samākhyātā uttareṇa daśaiva tu ॥

Übersetzung: sowie Suprasada, Prasada, Kamarupin, Supriya und Someshvara. So heißen die zehn im Norden.

3.172

saha bhūtais tathā pūjya sādhakena mahāyaśe ।
vidyādhipo jñānabhujo sarvajño vedapāragaḥ ॥

Übersetzung: Zusammen mit den Bhutas sind sie vom Sadhaka zu verehren, Ruhmreiche. [Im Nordosten stehen] Vidyadhipa, Jnanabhuja, Sarvajna und Vedaparaga,

3.173

mātṛvṛtas tu piṅgākṣo bhūtapālo balipriyaḥ ।
sarvavidyāvidhātā ca sukhaduḥkhakaras tathā ॥

Übersetzung: sowie Matrivrita, Pingaksha, Bhutapala, Balipriya, Sarvavidyavidhatr und Sukhaduhkhakara.

3.174

daśa rudrāḥ samākhyātā īśānyāṃ diśi saṃsthitā ।
saha bhūtais tathā pūjya svamantrais tu yathākramam ॥

Übersetzung: Diese zehn Rudras heißen so und stehen in nordöstlicher Richtung. Zusammen mit den Bhutas sind sie der Reihe nach mit ihren eigenen Mantras zu verehren.

Erläuterung: Die Mantras selbst werden an dieser Stelle nicht ausgeschrieben.

3.175

ananta pālako dhīraḥ pātālīśa patir vṛṣaḥ ।
sragdāmas tu-s-tathā śubhro lohitaḥ sarvatomukhaḥ ॥

Übersetzung: [Unterhalb stehen] Ananta, Palaka, Dhira, Patalisha, Pati, Vrisha, Sragdaman, Shubhra, Lohita und Sarvatomukha.

3.176

daśa rudro mahādevi kālāgne ’dhas tu pūjayet ।
saha bhūtai yathānyāyaṃ nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Diese zehn Rudras verehrt er unterhalb des Zeitfeuers, große Göttin, ordnungsgemäß zusammen mit den Bhutas; darüber soll kein Zweifel bestehen.

3.177

śambhur vibhur gaṇādhyakṣas tryakṣas tridaśavanditaḥ ।
saṃvāhaś ca vivāhaś ca nabho lipsu vicakṣaṇaḥ ॥

Übersetzung: [Oberhalb stehen] Shambhu, Vibhu, Ganadhyaksha, Tryaksha, Tridashavandita, Samvaha, Vivaha, Nabhas, Lipsu und Vichakshana.

3.178

ākāśe saṃsthitā rudrā daśaiva tu yathākramaḥ ।
saha bhūtais tathā pūjya evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: Die zehn Rudras stehen in dieser Reihenfolge im Luftraum. Zusammen mit den Bhutas sind sie zu verehren. So hat Bhairava gesprochen.

3.179

dīkṣākāle śmaśānāni ālikhe tu prapūjayet ।
tathā pratiṣṭhākāle tu pūjanīyāni mantriṇām ॥

Übersetzung: Zur Zeit der Initiation zeichnet er die Verbrennungsplätze und verehrt sie. Ebenso sollen sie von den Mantrakundigen bei der Einsetzung [einer Gottheit] verehrt werden.

3.180

lekhyāni tu mahādevi mahāyāgeṣu pūjayet ।
rudrāṃ tu śataṃ dikṣu dīkṣākāle tu pūjayet ॥

Übersetzung: Sie sind zu zeichnen, große Göttin, und bei den großen Verehrungsritualen zu verehren. Bei der Initiation verehrt er die hundert Rudras in den Richtungen,

3.181

daśa dikṣu vibhāgena saha bhūtair yathākramam ।
pratiṣṭhāyāṃ tathā caiva evam eva hi pūjayet ॥

Übersetzung: verteilt auf die zehn Richtungen, zusammen mit den Bhutas, in der richtigen Reihenfolge. Bei der Einsetzung verehrt er sie ebenso auf diese Weise.

3.182

pretārūḍhāṃ likhet sarvāṃ devyaś caiva yathāsthitāḥ ।
khaṭvāṅgamuṇḍadhāriṇyo bhīmavaktrāś ca tā smṛtāḥ ॥

Übersetzung: Alle [Rudras] und ebenso die Göttinnen zeichnet er an ihren jeweiligen Plätzen auf Leichnamen sitzend. Sie gelten als Träger von Khatvanga-Stäben und Köpfen und haben schreckliche Gesichter.

3.183

tato gandhaiś ca mālyaiś ca balibhiś carubhis tathā ।
pūjayet sarvaśaktyā tu yad icchet siddhim ātmanaḥ ॥

Übersetzung: Dann verehrt er sie mit Duftstoffen, Girlanden, Opfergaben und gekochten Speisen, mit all seiner Kraft, wenn er für sich Siddhi wünscht.

3.184

śmaśānotthāni bhāṇḍāni vastrasūtrādikāni tu ।
vastrai dhvajā tu kartavyā sūtreṇa karaṇī tathā ॥

Übersetzung: Die Gefäße, Stoffe, Schnüre und anderen Gegenstände sollen vom Verbrennungsplatz stammen. Aus den Stoffen sind Fahnen zu fertigen; mit der Schnur wird die Zeichnung angelegt.

3.185

keśair darbhā yathānyāyam acchinnāgrāḥ prakalpayet ।
veṣṭayen maṇḍalaṃ tais tu astrajaptes samantataḥ ॥

Übersetzung: Aus Haaren bereitet er ordnungsgemäß Darbha-[Ersatz] mit unversehrten Spitzen. Mit diesen, über denen das Waffenmantra gesprochen wurde, umgibt er das Mandala ringsum.

3.186

māyūrapiñchakaṃ japtaṃ tena saṃmārjayeyu taṃ ।
ekaikasya vidhānena ālikhet puram uttamam ॥

Übersetzung: Mit einem besprochenen Pfauenfederbüschel soll man es reinigen. Entsprechend der Vorschrift für jeden einzelnen [Bereich] zeichnet er die vortreffliche Stadt [des Mandalas].

3.187

ekākī vijane tasmiṃ dakṣiṇābhimukhasthitaḥ ।
muktakeśaś ca digvāsāḥ kṛtanyāso vidhānavit ॥

Übersetzung: Allein an diesem einsamen Ort steht der Vorschriftenkundige nach Süden gewandt, mit gelöstem Haar, nackt, nachdem er den Nyasa vollzogen hat.

Erläuterung: Nyāsa ist das rituelle Einsetzen von Mantras und Gottheiten, insbesondere am Körper.

3.188

avadhūtatanur bhūtvā nirācāras tu sādhakaḥ ।
prathamaṃ pūjayed devaṃ karṇikāyāṃ paraṃ śivam ॥

Übersetzung: Der Sadhaka macht seinen Leib zum Leib eines Avadhuta und steht außerhalb der gewöhnlichen Verhaltensordnung. Zuerst verehrt er den Gott auf dem Fruchtboden, den höchsten Shiva.

3.189

tato devyā yathānyāyaṃ dūtyante tadanantaram ।
yoginyo mātaraś caiva yajeta puram uttamam ॥

Übersetzung: Dann verehrt er ordnungsgemäß die Göttinnen, bis hin zu den Botinnen, anschließend die Yoginis und die Mütter – die vortreffliche Stadt [des Mandalas].

3.190

goraktaṃ palalaṃ caiva surākiṇvasamanvitam ।
gandham etad dhi devīnāṃ ādāy eva mahodayam ॥

Übersetzung: Kuhblut und Fleisch, vermischt mit dem Gärstoff alkoholischen Getränks: Dies nimmt er als Duftmittel der Göttinnen, das großes Gedeihen bewirken soll.

3.191

laśunaṃ guggulaṃ caiva palaṃ liṅgamalaṃ tathā ।
turuṣka devadāruṃ ca gokarṇamalam eva ca ॥

Übersetzung: Knoblauch, Guggulu-Harz, Fleisch, Genitalschmutz, Turushka-Harz, Zedernholz und Schmutz aus dem Ohr einer Kuh,

3.192

śailaṃ hiṅgusamāyukto dhūpo yāge praśasyate ।
rathyāmṛtakanirmālyair avadhūtair athāpi vā ॥

Übersetzung: sowie Shaila [ein Duftstoff], mit Asafoetida vermischt: Dieser Weihrauch wird für die Verehrung empfohlen. Mit weggeworfenen Gaben von der Straße oder von Toten, oder mit abgeworfenen [Gegenständen],

Erläuterung: Die genaue Abgrenzung der Abfallstoffe im zweiten Halbvers ist sprachlich nicht sicher.

3.193

pūjayen maṇḍalaṃ divyam aghorīpuram uttamam ।
pūjayitvā yathānyāyaṃ tataḥ pūrvaṃ nivedayet ॥

Übersetzung: verehrt er das göttliche Mandala, die vortreffliche Stadt Aghoris. Nachdem er ordnungsgemäß verehrt hat, bringt er dann zuerst dar:

3.194

surā sīdhuṃ madhuṃ caiva āsavāś ca nivedayet ।
āmapakvaṃ sugandhaṃ ca cchāgamāhiṣyagobhavam ॥

Übersetzung: Surā, Sīdhu, Madhu und Āsavas soll er darbringen; außerdem rohes und gekochtes, wohlriechendes [Fleisch], das von Ziege, Büffel und Kuh stammt.

Erläuterung: Die ersten vier Ausdrücke bezeichnen hier verschiedene alkoholische beziehungsweise vergorene Getränke.

3.195

matsyamāṃsā prayatnena kṛśaraṃ palalaṃ tathā ।
susvinnāṃ mudgam āpāś ca dhūpān nānāvidhān tathā ॥

Übersetzung: Sorgfältig [bringt er dar] Fischfleisch, Krishara-Brei, Fleisch, gut durchgekochte Mungbohnen, Wasser und verschiedene Weihrauchstoffe.

3.196

nṛsnehena tato dīpaṃ nṛkapālais tu dāpayet ।
ante bāhye ca sarvatra diśāsu vidiśāsu ca ॥

Übersetzung: Dann lässt er eine Lampe mit Menschenfett in menschlichen Schädelschalen darbringen. Am Schluss, außen überall in den Haupt- und Zwischenrichtungen,

3.197

evaṃ ceṣṭvā baliṃ dadyān mantrapūtāṃ vicakṣaṇaḥ ।
praviśya ca puraṃ divyam japtvā cāṣṭaśataṃ punaḥ ॥

Übersetzung: bringt der Verständige, nachdem er so gehandelt hat, eine durch Mantra gereinigte Opfergabe dar. Er betritt die göttliche Stadt und rezitiert dann achthundertmal.

Erläuterung: Aṣṭaśata wird hier mit Kiss als acht Hundert verstanden; die verkürzte Zahlform wird in anderen Ritualstellen auch als 108 gedeutet. Das Mantra wird hier nicht ausgeschrieben. Die Zahl gehört zum beschriebenen Ritual.

3.198

avadhūtatanur bhūtvā prayogam idam ārabhet ।
paśubījasamāyuktam ūkāreṇaiva bheditam ॥

Übersetzung: Mit dem Leib eines Avadhuta beginnt er diese Anwendung: [Er verwendet das Mantra], das mit der Tiersilbe verbunden und durch den Laut ū durchbrochen ist.

Erläuterung: Die verschlüsselte Angabe wird nicht zu einer vermeintlich sicheren Rezitationsformel aufgelöst. Die Anwendung zielt im Folgenden auf die Gewinnung tierischen Blutes.

3.199

karṣaye tu samādhiṣṭho raktoghaṃ raktayā saha ।
tena raktena mantrajñaḥ paripūrṇakapālake ॥

Übersetzung: In Sammlung verweilend zieht er den Blutstrom gemeinsam mit Rakta heran. Mit diesem Blut, in einer ganz gefüllten Schädelschale,

Erläuterung: Raktogha ist die edierte Form für „Blutstrom“; Rakta wird als Göttinnenname verstanden.

3.200

sugandhakusumair yuktai tenārghaṃ tu pradāpayet ।
devīnāṃ devadevāya sarvasiddhyarthakāraṇam ॥

Übersetzung: und mit wohlriechenden Blumen lässt der Mantrakundige eine Ehrengabe darbringen, für die Göttinnen und den Gott der Götter, als Mittel zu sämtlichen Siddhi-Zielen.

3.201

datte ’rghe tu prasidhyeta trailokyaṃ nātra saṃśayaḥ ।
athavā caiva ūkāraṃ paśubījasamanvitam ॥

Übersetzung: Ist die Ehrengabe dargebracht, soll er die dreifache Welt seiner Macht unterstellen; daran besteht kein Zweifel. Oder aber [verwendet er] den Laut ū, mit der Tiersilbe verbunden,

Erläuterung: Die syntaktisch ungewöhnliche Aussage wird als traditionelle Zuschreibung von Macht über die drei Welten verstanden.

3.202

codayitvā udānena avadhūtatanuh sadāḥ ।
nirācāreṇa bhāvena paśudehaṃ viśet tataḥ ॥

Übersetzung: und treibt ihn mit dem Udana an. Stets mit Avadhuta-Leib, tritt er dann in einer die gewöhnliche Ordnung überschreitenden Verfassung in den Körper des Tieres ein.

Erläuterung: Udāna bezeichnet einen aufwärts gerichteten Lebenshauch. Die Quelle schreibt am Ende von avadhūtatanuh ein h ohne Visarga-Punkte; diese Druckform wird beibehalten.

3.203

tatrastho grahanaṃ kuryād bhūtānāṃ mantracintakaḥ ।
apānena tataḥ śīghraṃ svadehaṃ praviśed budhaḥ ॥

Übersetzung: Dort verweilend nimmt der über das Mantra Meditierende die Elemente an sich. Dann kehrt der Verständige mittels Apana rasch in seinen eigenen Körper zurück.

Erläuterung: Die Verse schildern einen rituell vorgestellten Eingriff in einen Tierkörper.

3.204

pañcabhūtāni cākṛṣya pūjayīta kapāladhṛk ।
raktena prathamā devī dvitīyā māṃsabhakṣaṇe ॥

Übersetzung: Nachdem der Schädelträger die fünf Elemente herangezogen hat, vollzieht er die Verehrung. Die erste Göttin [wird] mit Blut [verehrt]; die zweite verzehrt Fleisch,

3.205

tṛtīyā tvacabhakṣā tu caturthī medabhakṣaṇā ।
snehena tarpayet devaṃ pañcavyomāntasaṃsthitam ॥

Übersetzung: die dritte verzehrt Haut, die vierte Fett. Mit Fett sättigt er den Gott, der am Ende der fünf Leerräume weilt.

Erläuterung: Die fünf Leerräume gehören zur inneren rituellen Anordnung; der Text setzt hier die körperlichen Substanzen zu dieser Anordnung in Beziehung.

3.206

etat te paramaṃ guhyaṃ yogeśīnāṃ tu pūjanam ।
siddhyarthaṃ caiva mantrīṇāṃ khecaratvajigīṣiṇām ॥

Übersetzung: Dies ist die höchst geheime Verehrung der Yogeshis, die ich dir [mitteile], zum Siddhi-Erwerb der Mantrakundigen, die den Zustand eines Himmelsgängers erlangen möchten.

3.207

gūhitavyaṃ prayatnena yad icche dīrgha jīvitum ।
āgneyī tu diśaṃ gatvā arcayed analaṃ budhaḥ ॥

Übersetzung: Sorgfältig soll man es geheim halten, wenn man lange leben möchte. Der Verständige geht in südöstliche Richtung und verehrt das Feuer.

3.208

agnikāryaṃ tataḥ kuryān narasnehena mantriṇaḥ ।
guggulaṃ ghṛtasammiśraṃ homayet siddhikāṅkṣiṇaḥ ॥

Übersetzung: Dann vollziehen die Mantrakundigen den Feuerdienst mit Menschenfett. Wer nach Siddhi verlangt, opfert Guggulu-Harz, mit geklärter Butter vermischt, ins Feuer.

3.209

gomāṃsaṃ guggulaṃ caiva pinyākaṃ laśunaṃ tathā ।
siddhyarthaṃ guḍikā hy eta homayen nityakarmaṇi ॥

Übersetzung: Rindfleisch, Guggulu, Ölkuchen und Knoblauch: Diese [Stoffe formt er zu] Kügelchen und opfert sie beim täglichen Ritus zur Erlangung von Siddhi ins Feuer.

3.210

maṇḍale tarpaṇaṃ kṛtvā gomāṃsa surayānvitam ।
pāyasaṃ madhusammiśraṃ homayen nityakarmaṇi ॥

Übersetzung: Nachdem er im Mandala eine Sättigungsgabe aus Rindfleisch mit alkoholischem Getränk dargebracht hat, opfert er beim täglichen Ritus Milchreis, mit Honig vermischt, ins Feuer.

3.211

madhvājyāhutayaḥ pañca homayen maṇḍale budhaḥ ।
ekaikasya śataṃ deyam āhutīnāṃ tu mantriṇām ॥

Übersetzung: Der Verständige vollzieht im Mandala fünf Opfergaben aus Honig und geklärter Butter. Für jedes einzelne [Mantra beziehungsweise jede Gottheit] sind von den Mantrakundigen hundert Opfergaben darzubringen.

Erläuterung: Die Beziehung zwischen „fünf“ und „hundert“ wird im Vers nicht ausdrücklich erläutert; sie wird nicht zu einer modernen Übungszahl vereinheitlicht.

3.212

tritattvasyaiva yāgasya prati devyās tu varjitam ।
tataḥ praveśayec chiṣyāṃ mahocchuṣmeṇa mantravit ॥

Übersetzung: Bei der Verehrung der drei Wirklichkeitsebenen ist dies jedoch hinsichtlich der Göttinnen ausgenommen. Dann lässt der Mantrakundige die Schüler mittels Mahocchushma eintreten.

Erläuterung: Der erste Halbvers grenzt die zuvor genannte Opferregel ein. Der zweite beginnt den Abschnitt über die Initiation; Mahocchuṣma bezeichnet hier den rituellen Eintrittsbereich beziehungsweise dessen Gottheit.

3.213

dīkṣayen maṇḍale paścād ākṛṣṭāḥ pūrva śaktibhiḥ ।
ekatattvavidhānaṃ tu vidyām uccārya kārayet ॥

Übersetzung: Danach initiiert er sie im Mandala, nachdem sie zuvor von den Shaktis herangezogen wurden. Die Durchführung mit einer einzigen Wirklichkeitsebene lässt er vollziehen, indem er die Vidya ausspricht.

3.214

smaraṇaṃ puṭitā devi puṣpaṃ kṣiptvā tathārcayet ।
vāmayā yojayet tasmin pare tattve vidhānavit ॥

Übersetzung: Mit dem Smarana umschlossen, Göttin, wirft [der Schüler] eine Blume; dann wird die Verehrung vollzogen. Der Vorschriftenkundige verbindet [den Schüler] mittels Vama mit jener höchsten Wirklichkeitsebene.

Erläuterung: Puṭita bezeichnet die rituelle Umschließung mit dem Mantra. Die grammatisch unregelmäßige Konstruktion lässt den Handlungsträger teilweise unausgesprochen. Smaraṇa ist das Hauptbija des Systems; der Laut wird hier nicht ausgeschrieben.

3.215

sthitir layaṃ tathā bhogaṃ madhyamāyāḥ prakalpayet ।
raudryāṃ copakarṣitvā tu hṛdisthaṃ kārayed budhaḥ ॥

Übersetzung: Mittels Madhyama stellt er sich Bestehen, Auflösung und Erfahrung vor. Mittels Raudri zieht der Verständige [das bewusste Selbst des Schülers] heran und lässt es im Herzen verweilen.

Erläuterung: Die Formen madhyamāyāḥ und raudryāṃ werden hier im instrumentalen Sinn verstanden. Vama, Madhyama und Raudri sind Shaktis des Initiationsvollzugs.

3.216

pūrṇāhutividhānena pātayed yojayet tataḥ ।
bhairavasya mahādevi pārthive nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Er vollzieht das Verfahren der vollen Opfergabe und verbindet [das bewusste Selbst des Schülers] dann [mit den Wirklichkeitsebenen] von Bhairava bis zur Erde, große Göttin; daran besteht kein Zweifel.

Erläuterung: Die Deutung der verkürzten Verbindung bhairavasya … pārthive als Weg von Bhairava bis zur Erde bleibt vorläufig.

3.217

mahāyāge tu dīkṣāyāṃ ekatattve vidhānavit ।
utkeraṃ raktasammiśraṃ palalena samanvitam ॥

Übersetzung: Bei der Initiation im großen Verehrungsritual, auf einer einzigen Wirklichkeitsebene, [nimmt] der Vorschriftenkundige Abfall, mit Blut vermischt und mit Fleisch versehen,

Erläuterung: Ut kera beziehungsweise utkera wird hier mit dem Kommentar als Bezeichnung für Abfall verstanden, nicht als gewöhnliche saubere Streugabe.

3.218

vikiren maṇḍale tasmin mātṝṇāṃ caiva vallabham ।
sugandhapuṣpasampūrṇaṃ kapālasthaṃ surāṃ tathā ॥

Übersetzung: und streut sie in jenem Mandala aus, als etwas den Müttern Liebes. Ebenso [nimmt er] alkoholisches Getränk in einer Schädelschale, angefüllt mit duftenden Blumen.

3.219

argho deyas tu devīnāṃ mātṝṇāṃ ca tathaiva ca ।
digbaliṃ tu tato dadyād ekaike tu śmaśānake ॥

Übersetzung: Eine Ehrengabe ist den Göttinnen und ebenso den Müttern darzubringen. Dann gibt er eine Richtungsopfergabe auf jedem einzelnen kleinen Verbrennungsplatz.

3.220

tataḥ pradakṣiṇaṃ kṛtvā maṇḍalasyānalasya tu ।
tataḥ praveśayet śiṣyāṃ arcayitvā yathāvidhi ॥

Übersetzung: Dann umschreitet er das Mandala und das Feuer rechtsherum. Nachdem er vorschriftsgemäß verehrt hat, lässt er die Schüler eintreten.

3.221

mahocchuṣmeṇa dvāreṇa praviśet puramadhyataḥ ।
raktapūrṇakapāle tu argho deyas tu mantriṇā ॥

Übersetzung: Durch das Tor Mahocchushmas betritt er das Innere der Stadt. Der Mantrakundige bringt eine Ehrengabe in einer blutgefüllten Schädelschale dar,

3.222

devīnāṃ devadevāya sarvasiddhyarthakāraṇam ।
datte ’rghe tu prasidhyeta trailokyaṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: für die Göttinnen und den Gott der Götter, als Mittel zu sämtlichen Siddhi-Zielen. Ist die Ehrengabe dargebracht, soll er die dreifache Welt seiner Macht unterstellen; daran besteht kein Zweifel.

3.223

pañcabhūtavibhāgena carukaṃ sādhayed budhaḥ ।
āgneyī diśim āśritya mantrarājena mantravit ॥

Übersetzung: Der verständige Mantrakundige bereitet im südöstlichen Richtungsbereich mit dem Mantrakönig die gekochte Opferspeise nach der Aufteilung der fünf Elemente zu.

Erläuterung: Die „Elemente“ sind im vorangehenden Ritual auch mit Körpersubstanzen verbunden. Daraus wird hier kein gewöhnliches vegetarisches Speiserezept gemacht.

3.224

naivedyaṃ devadevīnāṃ sarveṣāṃ ca yathāvidhiḥ ।
tato ’gnau hutaśeṣān tu yoginyāyāś ca dāpayet ॥

Übersetzung: [Er bringt] allen Göttern und Göttinnen vorschriftsgemäß die Speisegabe dar. Dann lässt er den nach dem Feueropfer verbliebenen Rest auch der Yogini geben.

3.225

śiṣyai sārdhe tathācāryo bhakṣayec carum uttamam ।
dantair aspṛśyamānaṃ tu dhārāmṛtasamanvitam ॥

Übersetzung: Ebenso verzehrt der Lehrer gemeinsam mit den Schülern die vortreffliche Opferspeise, ohne sie mit den Zähnen zu berühren, und mit dem Nektar des Stromes verbunden.

Erläuterung: Dhārāmṛta ist eine kontextspezifische Bezeichnung; der Vers erläutert die Substanz nicht eindeutig.

3.226

prāśayīta caruṃ divyaṃ yad icchet siddhim ātmanaḥ ।
tena prāśitamātreṇa trikālajño bhaved dhy asau ॥

Übersetzung: Er soll die göttliche Opferspeise verzehren, wenn er für sich Siddhi wünscht. Schon durch ihren Verzehr soll er zum Kenner der drei Zeiten werden.

3.227

tato hutvā tu carukaṃ kṛtvā vai praṇave tataḥ ।
nirācāraṃ tato dhyātvā yojayet tatra sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem der Sadhaka die Opferspeise ins Feuer geopfert und sie dann im Pranava eingesetzt hat, meditiert er auf den außerhalb der gewöhnlichen Ordnung Stehenden und verbindet [sich beziehungsweise das Ritualobjekt] damit.

Erläuterung: Die Bezüge der ausgelassenen Objekte sind unsicher. Praṇava ist die heilige Silbe; eine ausgeschriebene Formel enthält der Vers nicht.

3.228

yuktas tu carukaṃ bhakṣe bhairaveva prajāyate ।
trikālajño jitadvandvo yatheṣṭaṃ ceṣṭate tu saḥ ॥

Übersetzung: Verbunden [mit ihm] verzehrt er die Opferspeise und wird gleichsam Bhairava selbst. Als Kenner der drei Zeiten, der die Gegensatzpaare überwunden hat, handelt er nach seinem Wunsch.

3.229

utpate gaganābhogaṃ sarvāṃ gacche yathepsayā ।
paradehe praveśaṃ ca svatantra tanu kurvate ॥

Übersetzung: Er steigt in die Weite des Himmels auf und geht überallhin nach seinem Verlangen. Er tritt in einen fremden Körper ein und gestaltet seinen Leib nach eigener Freiheit.

Erläuterung: Der Vers zählt siddhibezogene Fähigkeiten als Folgen des Rituals auf; er ist keine unabhängig davon stehende Meditationsanleitung.

3.230

utkrāmayati dehastha devadevānī sādhakaḥ ।
gurupūjāṃ tataḥ kṛtvā yathāśaktyā tu sādhakaḥ ।
tatas tu jāyate siddhiṃ sampradāyaṃ ca vindati ॥

Übersetzung: Der Sadhaka entlässt die im Körper befindlichen Götter und Göttinnen. Nachdem er dann den Guru nach seinen Kräften verehrt hat, erlangt der Sadhaka Siddhi und empfängt die Überlieferung.

Erläuterung: Dieser Schlussvers hat drei Halbverse. Die Originalnummer 3.230 zählt ihn als einen Vers.

Kolophon

॥ iti mahābhairave dvādaśasāhasrake picumate navākṣaravidhāne mahāyāgapaṭalaḥ ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im großen Bhairava-[Tantra] der zwölftausend Verse, dem Picumata, der Lehre von den neun Silben, das Kapitel über die große Verehrung.

Kapitel 4: Die Lotusgirlande – belegte Einzelverse

Dieser Abschnitt enthält ausschließlich die im wissenschaftlichen Aufsatz von Hatley vollständig zitierten Originalverse. Die Zwischenräume in der Nummerierung bezeichnen hier nicht übersetzte Textteile, nicht verlorene Verse. Es liegt keine vollständige Edition dieses Kapitels vor.

Textgrundlage: Hatley 2020; die exakten Seiten und Anmerkungen sind bei jedem Vers genannt.[10]

4.498

śikhādipādayor antaṃ avadhūtaṃ vicintayet ।
navagranthivibhāgena tayā proktā punaḥ kramāt ॥

Übersetzung: Vom Scheitel bis hin zu den Füßen soll man die Avadhuta[-Shakti] vergegenwärtigen, gegliedert durch die neun Knoten. Durch sie [?] ist [diese Gliederung] wiederum der Reihe nach gelehrt.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 394, Anm. 19. Der zweite Halbvers bleibt syntaktisch unsicher; die Quelle setzt selbst ein Fragezeichen zu tayā.

4.499

navapadmāni saṃcintya aṣṭapatrāṇi sādhakaḥ ।
yuktāni keśaraiś caiva caturvvinsatibhiḥ kramāt ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll neun achtblättrige Lotosblüten vergegenwärtigen, der Reihe nach mit je vierundzwanzig Staubfäden ausgestattet.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 394, Anm. 19. Die Zahl der Staubfäden gehört zur konkreten inneren Gestaltung, nicht zu einer allgemeinen botanischen Beschreibung.

4.500

karṇṇikāyāṃ yutānīha cintanīyāni mantriṇā ।
śikhāpadmaṃ samārabhya āsanāni prakalpayet ॥

Übersetzung: Diese [Lotosblüten] sind vom Mantra-Praktizierenden mit einem Blütenboden versehen vorzustellen. Beginnend mit dem Scheitellotos soll er die Sitze [der Gottheiten] gestalten.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 394, Anm. 19. Der unmittelbar folgende, hier nicht vollständig zitierte Vers 4.501 bezieht die Sitzgestaltung auf jeden einzelnen Lotos.

4.515

vāmapārśve tatas tasyāḥ kapālīsasya vinyaset ।
bījamātraṃ mahāprājña vaktranetrāṅgavarjjitaṃ ॥

Übersetzung: Dann soll er, Hochverständiger, an ihrer linken Seite allein die Keimsilbe Kapalishas einsetzen, ohne Gesichts-, Augen- und Gliedermantras.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 402, Anm. 38.

Erläuterung: Die Stelle betrifft nach Hatleys Erläuterung den Stirnlotos der Göttin Rakta. Anm. 20 auf S. 394 zitiert unter 4.516 einen sehr ähnlichen Wortlaut mit tasyā und kapālīśasya. Da diese Nummerierungs- beziehungsweise Textabweichung hier nicht am gesamten Kapitel aufzulösen ist, wird das Parallelzitat nicht als weiterer Originalvers gezählt. Die Keimsilbe wird im Vers nicht ausgeschrieben.

4.538

sarvvāṅge paramā śakti vaktranetrāṅgavarjitā ।
padmāsananvihīnā tu vinyasen mantravit kramāt ॥

Übersetzung: Am ganzen Körper soll der Mantrakundige der Reihe nach die höchste Shakti einsetzen, ohne Mantras für Gesicht, Augen und Glieder, ohne einen Lotossitz.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 395, Anm. 24. Die ungewöhnliche Form padmāsananvihīnā ist die gedruckte Lesung. Eine eng verwandte Anweisung steht in 4.595.

4.565

kaṇṭhagranthigate padme nātra kārya vicāraṇāt ।
nābhipadme tathaiveha caṇḍākṣīṃ vinyased budhaḥ ॥

Übersetzung: [Karali ist] im Lotos am Knoten des Halses [einzusetzen]; darüber ist nicht zu zweifeln. Ebenso soll der Einsichtige Chandakshi im Nabellotos einsetzen.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 400, Anm. 33. Karali und die Handlung des Einsetzens stehen im unmittelbar vorangehenden Halbvers 4.564cd; sie sind hier für die Verständlichkeit in eckigen Klammern ergänzt.

4.595

sarvvāṅge paramā śaktir vaktranetrāṅgavarjitā ।
padmāsanavihīnā tu vinyaset sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Am ganzen Körper soll der beste Sadhaka die höchste Shakti einsetzen, ohne Mantras für Gesicht, Augen und Glieder, ohne einen Lotossitz.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 402. Anders als die einzelnen Gottheiten wird die höchste Shakti hier nicht an einen einzigen Sitz gebunden. 4.596ab führt die Vergegenwärtigung in jedem Lotos fort; dieser Folgevers ist im Aufsatz nicht vollständig zitiert.

Kapitel 12: Äußere und innere Setzung der Shakti – ausgewählte Textabschnitte

Dieser Abschnitt enthält ausschließlich die im wissenschaftlichen Aufsatz von Hatley vollständig zitierten Originalverse. Die Zwischenräume in der Nummerierung bezeichnen hier nicht übersetzte Textteile, nicht verlorene Verse. Es liegt keine vollständige Edition dieses Kapitels vor.

Textgrundlage: Hatley 2020; die exakten Seiten und Anmerkungen sind bei jedem Vers genannt.[10]

Herz und Licht als Motive heutiger Meditation. Die historischen Nyasa-Angaben stehen im folgenden Text.

Ergänzende heutige Meditation: Die „3-Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev“ bietet eine moderne Anleitung zur Meditation. Ihr Chakra-Schema ist nicht mit der folgenden Lotusgirlande des Brahma Yamala gleichzusetzen.

12.1

athātaḥ saṃpravakṣyāmi āsanaṃ pūrvvam eva hi ।
yāgaṃ caiva mahādevi sādhakānāṃ hitāya vai ॥

Übersetzung: Nun werde ich zuerst den Sitz und die Verehrung darlegen, Mahadevi, zum Wohl der Sadhakas.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 403, Anm. 45.

12.2

pūrvvokte maṇḍale caiva gandhamaṇḍalake pi vā ।
puṣpamaṇḍalake vāpi śaktitantu vicintayet ॥

Übersetzung: Im zuvor genannten Mandala, oder in einem Mandala aus duftenden Stoffen, oder in einem Blütenmandala soll man den Kraftfaden vergegenwärtigen.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 403, Anm. 45. Der Kraftfaden verbindet hier die innere Vorstellung mit einem äußeren Ritualträger.

12.3

tasyādho praṇavaṃ dadyā kālāgnin tatra vinyaset ।
kṣīrodaṃ tan tu vinyasya avadhūtaṃ tato nyaset ॥

Übersetzung: Darunter soll man den Pranava setzen und dort das Feuer der Zeit einsetzen. Nachdem man den Milchozean eingesetzt hat, soll man darauf die Avadhuta[-Shakti] einsetzen.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 403, Anm. 45. Pranava ist im Brahma Yamala ein kontextabhängiger Mantrafachbegriff; er wird hier nicht automatisch zu oṃ aufgelöst.

12.36

padmāsanopaviṣṭas tu cintayitvā tu sādhakaḥ ।
avadhūtaṃ nyasen mantrī pādayor ubhayor api ॥

Übersetzung: Im Lotossitz sitzend soll der Sadhaka die Avadhuta[-Shakti] vergegenwärtigen und sie als Mantra-Praktizierender in beide Füße einsetzen.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 404–405, Anm. 51. Diese Stelle bezeichnet ausdrücklich eine sitzende innere Ausführung.

12.37

pañcātmikā mahādevi guhye caturgguṇan tathā ।
hṛdayaṃ tṛguṇaṃ nyasya lalāṭe dviguṇaṃ nyaset ॥

Übersetzung: [In den Füßen ist sie] fünffach, Mahadevi; am Geschlechtsbereich ebenso vierfach. Im Herzen soll man sie dreifach einsetzen und an der Stirn zweifach.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 404–405, Anm. 51. Die fünffache Setzung schließt an die Füße in 12.36 an. Die Zahlen beschreiben die Ausfaltung der Shakti in dieser Variante; daraus wird keine zusätzliche Atem- oder Wiederholungsvorschrift abgeleitet.

12.38

ekātmikā tathā caiva śikhāyāṃ sādhakottamaḥ ।
sakṛt sakṛt tathā caiva vaktrasthāneṣu vinyaset ॥

Übersetzung: An der Scheitelstelle [soll] der beste Sadhaka sie einfach [einsetzen]. Ebenso soll er sie jeweils einmal an den Stellen der Gesichtsmantras einsetzen.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 405, Anm. 51.

12.39

netrasthāneṣu vai dadyād aṅgasthāneṣu caiva hi ।
śaktitantu tato dhyātvā nmastakāt pādayo ntikā ॥

Übersetzung: Er soll sie auch an den Stellen der Augenmantras und der Gliedmantras setzen. Danach soll er den Kraftfaden vom Kopf bis zu den Füßen meditieren.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 405, Anm. 51. Die auffällige Lautverbindung nmastakāt bleibt nach dem Druck erhalten. Der nächste Halbvers 12.40ab bezieht die Lotusgirlande zugleich auf innen und außen; er ist dort nur teilweise zitiert.

Kapitel 14: Yogini-Begegnung und fremder Körper – belegte Einzelverse

Aufgenommen sind ausschließlich die nachgewiesenen vollständigen Originalnummern aus wissenschaftlichen Zitaten. Die übrigen Verse dieses Kapitels sind nicht in dieser Teilausgabe enthalten. Hinweise auf den unmittelbaren Zusammenhang stehen bei den Versen.

Textgrundlage: Hatley 2020 und Hatley 2025; genaue Fundstellen bei den einzelnen Versen.[10][11]

14.218

tatkṣaṇā devi khādanti yoginyo yogadarppitāḥ ।
na tam rakṣayituṃ śakto rudro ’pi svayam āgataḥ ॥

Übersetzung: In demselben Augenblick, o Göttin, verschlingen ihn die Yoginis, stolz auf ihre Yogakraft. Selbst Rudra, persönlich herbeigekommen, vermag ihn nicht zu retten.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 85, Anm. 19.

Erläuterung: Das in 14.217cd beschriebene Zittern des Sadhaka bildet den vorausgehenden Bedingungssatz. Die Aussage gehört zu einer gewaltsamen Begegnung mit Yoginis. Die Quelle ergänzt das m von tam; das betreffende Wort ist hier unterstrichen.

14.260

paradeham viśet mantrī amṛtākṛṣṭiñ ca kārayet ।
nāḍīsaṃdhānakaṃ kṛtvā nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende soll in den Körper eines anderen eintreten und das Herausziehen von Nektar bewirken, nachdem er die Nadis verbunden hat. Hierüber soll er nicht weiter zweifeln.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 404, Anm. 49.

Erläuterung: Der vorausgehende Halbvers 14.259cd beschreibt das Verlassen des eigenen Körpers durch die Nasenspitze. Der Zusammenhang betrifft die Aneignung von „Nektar“ aus einem fremden Körper. Er wird als historische Aussage wiedergegeben und gehört nicht zur Praxisauswahl. Die Quelle ergänzt das ś von viśet; das betreffende Wort ist hier unterstrichen.

Kapitel 15: Die Himmelfahrt am Ende der Vetala-Praxis – 15.64

Aufgenommen sind ausschließlich die nachgewiesenen vollständigen Originalnummern aus wissenschaftlichen Zitaten. Die übrigen Verse dieses Kapitels sind nicht in dieser Teilausgabe enthalten. Hinweise auf den unmittelbaren Zusammenhang stehen bei den Versen.

Textgrundlage: Hatley 2025; genaue Fundstelle beim Vers.[11]

15.64

uttiṣṭhati vimānasthaṃ vimānaiḥ parivāritaṃ ।
tatrāruhya mahādhīraś cakravarttīsvaro bhavet ॥

Übersetzung: [Er] erhebt sich, auf einem Himmelswagen befindlich und von Himmelswagen umgeben. Nachdem er dort aufgestiegen ist, wird der große Held zum Herrn der Weltenherrscher.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 83, Anm. 15.

Erläuterung: Die grammatische Zuordnung von vimānasthaṃ und parivāritaṃ ist unsicher. Hatley deutet die Szene als Himmelfahrt des Sadhaka am Ende einer Vetala-Praxis. Mit dem „Herrn der Weltenherrscher“ ist wahrscheinlich ein Herr der Vidyadhara-Herrscher gemeint; kein politischer Herrschaftsanspruch heutiger Praktizierender.

Kapitel 21: Die Vidya-Observanzen

Kapitel 21 ist hier mit allen 146 nummerierten Versen wiedergegeben. Es behandelt die neun Vidya-Observanzen, anschließend fünf weitere Gottheitenobservanzen, ihre Ausgestaltung, Fristen und Verheißungen sowie den Nyasa der Lotusgirlande. Die historische Darstellung enthält ausdrücklich auch unreine Stoffe und Riten zur Beeinflussung anderer; diese gehören nicht zur spirituellen Praxisauswahl.

Textgrundlage: Kiss 2015, Band II, Sanskritedition S. 115–127 (21.1–146); Übersetzung und Kommentar S. 212–230.[9]

21.1

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi vratān ucchuṣmasambhavān ।
nagnavrataṃ bhaved ekaṃ dvitīyaṃ tu kucailinam ॥

Übersetzung: Nun werde ich die Observanzen darlegen, die aus Ucchushma hervorgegangen sind. Die erste ist die Observanz der Nacktheit, die zweite die des Trägers zerlumpter Kleidung.

Erläuterung: Vrata bezeichnet hier eine besondere, zeitlich durchgeführte religiöse Lebensordnung. Die Zuordnung zu Ucchushma gehört zur Offenbarungswelt des Textes.

21.2

tṛtīya malinaṃ nāma caturthonmattakaṃ bhavet ।
kapālaṃ pañcamaṃ proktaṃ ṣaṣṭha muktam tu bhairavam ॥

Übersetzung: Die dritte heißt die unreine Observanz, die vierte die des wie wahnsinnig Auftretenden. Als fünfte wird die Schädelobservanz bezeichnet, als sechste die des freien Bhairava.

21.3

saptamaṃ bālakaṃ nāmaṃ kravyādaṃ cāṣṭamaṃ bhavet ।
navamaṃ vardhamānas tu sarvasiddhipradāyakam ॥

Übersetzung: Die siebte heißt die kindliche, die achte die des Rohfleischessers. Die neunte ist Vardhamana, die alle Siddhis gewährt.

21.4

ete nava vratā proktā vidyābhede vyavasthitā ।
eteṣāṃ tu yathānyāyaṃ yathā caryā bhave tv iha ॥

Übersetzung: Diese neun Observanzen werden entsprechend den unterschiedlichen Vidya-Formen geordnet. Wie ihre jeweilige Lebensführung hier ordnungsgemäß beschaffen sein soll,

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 21.5 fort.

21.5

kathayāmi mahādevi tan me nigadataḥ śṛṇu ।
nagnavrate sadā nagnau uttarīyavivarjitam ॥

Übersetzung: werde ich erklären, Mahadevi. Höre, wie ich es darlege. In der Nacktheitsobservanz bleibt man stets nackt, ohne Obergewand.

Erläuterung: Die nichtklassischen Formen nagnau und vivarjitam werden entsprechend der Vorschrift verstanden.

21.6

bhasmoddhūlitadehas tu muktakeśa sadā bhavet ।
yāgasthānaṃ sadā pūjya madhyāhne bhramaṇaṃ bhavet ॥

Übersetzung: Der Körper soll stets mit Asche bestreut und das Haar offen sein. Nachdem man die Verehrungsstätte wie üblich verehrt hat, soll man am Mittag umherwandern.

21.7

grāme vā nagare vāpi avaśyaṃ paryaṭe priye ।
kṛtanyāsaḥ sadā maunī pañcamudrāvivarjitaḥ ॥

Übersetzung: Im Dorf oder in der Stadt soll man unbedingt umhergehen, Geliebte. Der Nyasa ist vollzogen; man schweigt stets und trägt die fünf Mudras nicht.

Erläuterung: Die fünf Mudras sind hier rituelle Schmuck- beziehungsweise Kennzeichen, keine fünf Handgesten.

21.8

pūrvāhnikaṃ tadā kṛtvā divā bhramaṇam ācaret ।
madhyāhnikaṃ tataḥ kṛtvā rātrau tu aparāhnikam ॥

Übersetzung: Nach dem Morgenritual soll man tagsüber umhergehen. Danach vollzieht man das Mittagsritual, bei Nacht aber das Ritual des späteren Tages.

Erläuterung: Die ungewöhnliche zeitliche Zuordnung des aparāhnika zur Nacht bleibt erhalten.

21.9

naktena bhojanaṃ kāryaṃ sādhakena vrate sadā ।
ardharātrāhnikaṃ kāryaṃ pūjādikapurahsaraḥ ॥

Übersetzung: Während dieser Observanz soll der Sadhaka stets nachts essen. Er soll das Mitternachtsritual vollziehen, dem Puja und die übrigen Handlungen vorausgehen.

21.10

rātrau tu bhramaṇaṃ nityaṃ varjanīya na saṃśayaḥ ।
vidyāvrateṣu deveśi nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Das Umherwandern bei Nacht ist bei den Vidya-Observanzen stets zu vermeiden, Herrin der Götter. Darüber besteht kein Zweifel und soll nicht weiter gestritten werden.

Erläuterung: Spätere Sondervorschriften dieses Kapitels ordnen ausdrücklich nächtliches Wandern an; die allgemeine Aussage wird durch sie eingeschränkt.

21.11

prathamaṃ tu vratam hy ete dvitīyaṃ śṛṇu sāmpratam ।
rathyācīraparidhāno rathyācīrāvṛtaḥ sadā ॥

Übersetzung: Dies ist die erste Observanz. Höre nun die zweite: Man kleidet und bedeckt sich stets mit Lumpen von der Straße.

21.12

rathyācīraśiroṣṇīṣo maladigdhaḥ sadā bhavet ।
bhramaṇaṃ pūrvam evāsya āhnikakramam eva ca ॥

Übersetzung: Ein Straßenlumpen dient als Kopfturban, und man bleibt mit Schmutz beschmiert. Das Umherwandern und die Folge der Tagesrituale sind wie zuvor.

21.13

bhojanaṃ ca tathaiveha vrate nitya kucailine ।
tṛtīyaṃ tu vrataṃ vakṣye malinaṃ śṛṇu sāmpratam ॥

Übersetzung: Auch das Essen erfolgt in der Observanz des Lumpenträgers stets auf dieselbe Weise. Ich werde nun die dritte Observanz erklären; höre jetzt die unreine.

21.14

kṛṣṇaraktaparīdhāna uttarīyavivarjitaḥ ।
nirmālyamālitaṃ nityaṃ śivanirmālyavarjitaḥ ॥

Übersetzung: Man trägt ein schwarzes oder rotes Untergewand und kein Obergewand. Stets schmückt man sich mit gebrauchten Opfergaben, ausgenommen die Shiva dargebrachten.

Erläuterung: Nirmalya sind bereits dargebrachte und anschließend vom Kultbild entfernte Opfergaben, hier insbesondere Blumenschmuck.

21.15

anyeṣāṃ devajātīnāṃ nirmālyaṃ na tu varjayet ।
karayo caiva bāhubhyāṃ mastake galake tathā ॥

Übersetzung: Die gebrauchten Opfergaben anderer Gottheiten soll man dagegen nicht meiden. An Händen, Armen, Kopf und Hals,

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 21.16 fort.

21.16

ūrubhyāṃ jaṅghāyo caiva mālyamālī sadā bhavet ।
karpaṭāni ca badhnīyā śobhanāni ca nityaśaḥ ॥

Übersetzung: an den Oberschenkeln und Unterschenkeln soll man stets mit Blumengirlanden geschmückt sein. Auch schöne Stofffetzen soll man sich immer wieder umbinden.

21.17

puṣpāṇi mālayen nityaṃ yathālābhena caiva hi ।
bhramaṇaṃ pūrvam evoktam āhnikakramam eva ca ॥

Übersetzung: Mit Blumen soll man sich stets nach Maßgabe des Erhältlichen bekränzen. Das Umherwandern und die Folge der Tagesrituale sind wie zuvor beschrieben.

21.18

rātrau tu satataṃ nagnau maline tu vrate bhavet ।
nagnarūpo bhaven nitya muktakeśas tathaiva ca ॥

Übersetzung: Bei Nacht soll man in der unreinen Observanz stets nackt sein. [In der folgenden Observanz] soll man stets nackt auftreten und das Haar offen tragen.

Erläuterung: Mit der zweiten Vershälfte beginnt die Observanz des wie wahnsinnig Auftretenden; die Abschnittsgrenze der Edition liegt innerhalb des Verses.

21.19

rudate hasate caiva kvacid geyaṃ udīrayet ।
kvacin nṛtyan kvacid valgan kvacid dhāvati sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Man weint und lacht, gelegentlich stimmt man ein Lied an. Der Sadhaka tanzt einmal, springt ein andermal und läuft dann wieder umher.

21.20

brahmāhaṃ viṣṇurūpo ’haṃ īśvaro ’haṃ bravīti ca ।
devāḥ prāptakarāsmākaṃ kiṅkaratvaṃ samāgatā ॥

Übersetzung: Er sagt: „Ich bin Brahma, ich habe die Gestalt Vishnus, ich bin Ishvara! Die Götter sind in unsere Hand geraten und zu unseren Dienern geworden.“

Erläuterung: Die Aussagen gehören zur inszenierten Observanz und werden nicht als allgemeine Vedanta-Lehre ausgegeben.

21.21

airāvate samārūḍha indro ’haṃ paśya māṃ bravīt ।
indrāṇī mama bhāryā ca śvāno ’haṃ sūkaram hy aham ॥

Übersetzung: „Auf Airavata reitend bin ich Indra – sieh mich an!“, sagt er. „Indrani ist meine Frau. Ich bin ein Hund, ich bin ein Schwein!“

21.22

aśvamardo hy ahaṃ caiva ghoṭavigrahakaṃ tathā ।
rathyāyāṃ śayanaṃ kurvād uttiṣṭhe dhāvateti ca ॥

Übersetzung: „Ich bin aśvamarda [etwa: einer, der wie ein Pferd aufstampft], und ich habe die Gestalt eines Pferdes!“ Er soll sich auf der Straße zum Schlafen hinlegen, wieder aufstehen und umherlaufen.

Erläuterung: Aśvamarda ist unsicher gedeutet; die Wortform wird bewahrt. Die Edition erwägt daneben die Lesung aśvamūrdha, „pferdeköpfig“.

21.23

yāgasthānaṃ na laṅgheta pūjayen manasāpi vā ।
mūtreṇa vandayet saṃdhyāṃ kvacin mūrdhni tu prakṣipet ॥

Übersetzung: Die Verehrungsstätte soll er nicht betreten und auch keine Verehrung vollziehen, nicht einmal geistig. Mit Urin soll er die Sandhya verehren und ihn gelegentlich auf seinen Kopf gießen.

Erläuterung: Das na wird hier auf beide Verben der ersten Hälfte bezogen. Sandhya bezeichnet die Verehrung an einer Tagesübergangszeit. Die stofflich konkrete Vorschrift wird nicht symbolisch umgedeutet und gehört nicht zur Praxisauswahl.

21.24

striyo dṛṣṭvā namaskṛtya mātā ca bhaginīti ca ।
evaṃ sambhāṣayen mantrī krośanaṃ tu na kārayet ॥

Übersetzung: Wenn der Mantrin Frauen sieht, soll er sich verneigen und sie als „Mutter“ oder „Schwester“ ansprechen. Er soll sie nicht beschimpfen.

21.25

bhramaṇaṃ tu tathaiveha āhnikaṃ tu tathaiva hi ।
bhojanaṃ tu divā naiva unmatto ’pi samācaret ॥

Übersetzung: Das Umherwandern und das Tagesritual sind auch hier wie zuvor. Auch der wie wahnsinnig Auftretende soll keinesfalls tagsüber essen.

21.26

mastake tu tilāṃ kṣipya yūkāṃ kṛtvā tu bhakṣayet ।
saśabdaṃ mārayed vātha lokasammohanaṃ prati ॥

Übersetzung: Er soll Sesamkörner auf den Kopf streuen, sie als Läuse ausgeben und essen oder sie mit hörbarem Geräusch zerdrücken, um die Leute zu verblüffen.

Erläuterung: Der Text beschreibt ein Täuschungsspiel mit Sesamkörnern; hier werden keine wirklichen Läuse zum Verzehr vorgeschrieben.

21.27

unmattakaṃ mahādevi evaṃ saṃcārya sādhakaḥ ।
nānārūpābhi ceṣṭābhi yogināṃ tu hitāvaham ॥

Übersetzung: So soll der Sadhaka die Wahnsinnsobservanz mit vielerlei Verhaltensweisen ausführen, Mahadevi; sie gilt als heilsam für die Yogins.

21.28

kapālaṃ tu mahādevi śṛṇuṣv ekāgramānasā ।
kapālaṃ yaṣṭikāyāṃ tu kṛtvā vai bhramate sadā ॥

Übersetzung: Höre nun mit gesammeltem Geist die Schädelobservanz, Mahadevi. Einen Schädel auf einem Stab befestigt, wandert man damit stets umher.

21.29

savāsaḥ sottarīyas tu muktakeśo mahāmati ।
bhramate tu divā nityaṃ maunī dhyānaparāyaṇaḥ ॥

Übersetzung: Mit Unter- und Obergewand bekleidet, das Haar offen, wandert der Einsichtsvolle stets tagsüber umher; er schweigt und ist ganz der Meditation zugewandt.

21.30

āhnikāni tathaiveha rātrau bhojanam ācaret ।
kapālaṃ tu samākhyātam ato ’nyaṃ tu nibodha me ॥

Übersetzung: Die Tagesrituale sind auch hier dieselben; das Essen erfolgt nachts. Damit ist die Schädelobservanz erklärt. Vernimm nun von mir eine weitere.

21.31

muktakeśo mahāyogī pañcamudrāvibhūṣitam ।
savāso bhramate nityaṃ tathaiveha na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Der große Yogin trägt das Haar offen und ist mit den fünf Mudras geschmückt. Bekleidet wandert er stets umher; so gilt es auch hier, ohne Zweifel.

Erläuterung: Hier beginnt die Muktabhairava-Observanz, die Lebensordnung des freien Bhairava.

21.32

devakarme kṛte rātrau mudrātyāgaṃ tu kārayet ।
prabhāte tu punaś caiva mudrāyuktaḥ paribhramet ॥

Übersetzung: Nach dem nächtlichen Gottesdienst soll er die Mudras ablegen. Am Morgen soll er wieder mit den Mudras versehen umhergehen.

21.33

āhnikāni tathaiveha rātrau kuryāthā bhojanam ।
muktabhairavanāmaṃ hi vratam etad udāhṛtam ॥

Übersetzung: Die Tagesrituale bleiben auch hier dieselben; das Essen soll nachts stattfinden. Diese Observanz wird Muktabhairava genannt.

21.34

bālakaṃ tu mahādevi kathyamānaṃ nibodha me ।
kvacin nagno bhaven mantrī bālakaiḥ pariveṣṭitaḥ ॥

Übersetzung: Vernimm nun meine Erklärung der kindlichen Observanz, Mahadevi. Gelegentlich soll der Mantrin nackt sein, von Kindern umgeben.

Erläuterung: Die folgenden Verse beschreiben ein Auftreten als Kind, nicht eine Lehre über kindliche Unschuld.

21.35

paridhānaṃ parityajya mastake veṣṭayet kvacit ।
pāṃśunā krīḍayec caiva śakaṭena ca krīḍayet ॥

Übersetzung: Gelegentlich legt er sein Untergewand ab und windet es um den Kopf. Er soll mit Staub spielen und mit einem kleinen Wagen spielen.

21.36

balivardaṃ kvacit kṛtvā mṛdayā krīḍayet kvacit ।
yaṣṭikāyāṃ samāruhya aśva saṃvāhayet kvacit ॥

Übersetzung: Einmal formt er einen Ochsen aus Lehm und spielt damit; ein andermal besteigt er einen Stock und lässt ihn als Pferd laufen.

21.37

bāleva ramate caiva bālakrīḍā samācaret ।
savāsa bhramate nitya muktakeśaś ca nityaśaḥ ॥

Übersetzung: Er vergnügt sich wie ein Kind und betreibt Kinderspiele. [In der folgenden Observanz] wandert man stets bekleidet und mit offenem Haar umher.

Erläuterung: Mit der zweiten Vershälfte beginnt die Kravyada-Observanz; die Abschnittsgrenze liegt innerhalb des Verses.

21.38

divā vā tena mārgeṇa maunī dhyānaparāyaṇaḥ ।
āhnikāni tathaiveha rātrau kṛtvā-n-mahāmati ॥

Übersetzung: Tagsüber [wandert er] auf diese Weise, schweigend und der Meditation zugewandt. Nachdem der Einsichtsvolle auch hier die entsprechenden Tagesrituale bei Nacht vollzogen hat,

Erläuterung: Fortsetzung in 21.39. Das überschüssige n in kṛtvā-n-mahāmati gehört zur edierten Lesung.

21.39

kravyaṃ prāśayate nityaṃ mahāraktena sādhakaḥ ।
nānyaṃ kiṃcit samaśnīyā kravyāde ’smin vrate sthitam ॥

Übersetzung: isst der Sadhaka stets rohes Fleisch mit dem großen Blut. Wer in dieser Kravyada-Observanz steht, soll nichts anderes essen.

Erläuterung: Mahārakta, „großes Blut“, ist eine rituelle Stoffbezeichnung; eine rein bildliche Deutung wird hier nicht vorausgesetzt.

21.40

pūrvakāravratair anyair bhakṣayec cāmiṣaiḥ saha ।
yathālābham athāśnīyād asmin kravyaṃ tu bhakṣayet ॥

Übersetzung: Bei den anderen, zuvor beschriebenen Observanzen kann man zusammen mit anderen Fleischspeisen essen, wie es sich beschaffen lässt. In dieser Observanz aber soll man rohes Fleisch verzehren.

Erläuterung: Der erste Halbvers ist sprachlich unregelmäßig; die Gegenüberstellung mit der ausschließlichen Rohfleischnahrung gibt die Richtung der Übersetzung vor.

21.41

bhasmoddhūlitadehas tu mudrāpañcakabhūṣitam ।
bāhubhyām asthikhaṇḍaiś ca mastake muṇḍakaṃ tathā ॥

Übersetzung: [In der Vardhamana-Observanz] ist der Körper mit Asche bestreut und mit den fünf Mudras geschmückt. An beiden Armen trägt man Knochenstücke und auf dem Kopf einen Schädel.

21.42

khaṭvāṅgaṃ dhārayen mantrī śūlamātra varānane ।
kapāla dakṣiṇe haste cared vidyāvrataṃ śubham ॥

Übersetzung: Der Mantrin soll einen Khatvanga tragen, der hier nur ein Dreizack ist, Schönangesichtige. Mit einem Schädel in der rechten Hand soll er die glückverheißende Vidya-Observanz ausführen.

Erläuterung: Śūlamātra wird als Beschränkung auf den Dreizack verstanden, also ohne den sonst zum Khatvanga gehörenden Schädelaufsatz.

21.43

pūrvokteṣu pradeśeṣu rātrau paryaṭanaṃ bhavet ।
naktabhojī mahāvīro āhāraḥ pūrvakalpane ॥

Übersetzung: An den zuvor genannten Orten soll er nachts umherwandern. Der große Vira isst nachts; seine Nahrung entspricht der früheren Vorschrift.

21.44

vartayed vratam āpanno maunī dhyānaparāyaṇaḥ ।
yāgasthānāni sarvāṇi paryaṭan pūjayen niśau ॥

Übersetzung: In dieser Observanz soll er leben, schweigend und ganz der Meditation zugewandt. Während seines nächtlichen Umhergehens soll er alle Verehrungsstätten verehren.

21.45

śivārāvaṃ prakurvīta ḍamarukaṃ vādayen muhu ।
yoginya pūtanādyāś ca namaskṛtvā punar vrajet ॥

Übersetzung: Er soll den Ruf einer Schakalin ausstoßen und wiederholt die Damaru-Trommel schlagen. Nachdem er sich vor den Yoginis, Putana und den übrigen verneigt hat, zieht er weiter.

Erläuterung: Śivā bezeichnet hier die Schakalin; der Ausdruck wird nicht als bloßes Rufen des Namens Shiva übersetzt.

21.46

navamo vardhamānas tu vratam etat prakīrtitam ।
navagranthivibhāgena nyāsam atra prakalpayet ॥

Übersetzung: Damit ist die neunte Observanz, Vardhamana, erklärt. Den Nyasa soll man dabei nach der Gliederung der neun Knoten anordnen.

21.47

vidyāvrateṣu sarveṣu nātra kārya vicāraṇāt ।
māsaṃ māsaṃ caren mantrī vratāny etāni suvrate ॥

Übersetzung: Dies gilt für sämtliche Vidya-Observanzen; darüber soll kein Zweifel bestehen. Jeweils einen Monat soll der Mantrin diese Observanzen ausführen, Getreue.

21.48

saṃyato brahmacārī ca sūtreṇānena sādhakaḥ ।
yoginyaḥ paśyate ’vaśyaṃ nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Der Sadhaka lebt beherrscht und sexuell enthaltsam nach dieser Vorschrift. Er wird gewiss die Yoginis sehen; daran soll kein Zweifel bestehen.

21.49

pracchanne guptadeśe tu devakarma samācaret ।
āhnikāni catvāri rātrau eva na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: An einem verborgenen, abgeschiedenen Ort soll er den Gottesdienst ausführen. Die vier Tagesrituale [vollzieht er] sämtlich bei Nacht, ohne Zweifel.

21.50

yathā na paśyate kaścit tūram caivākṣasūtrakam ।
tathā sthāpayitavyaṃ tu sparśaṃ caiva na jāyate ॥

Übersetzung: Das Instrument und die Gebetsschnur sind so aufzubewahren, dass niemand sie sieht und keine Berührung [durch andere] stattfindet.

Erläuterung: Tūra bezeichnet ein Instrument; die konkrete Ausführung wird hier nicht genannt.

21.51

sakhāyair vā sametas tu cared vidyāvratāni tu ।
ājñāte kenaci loke tajjñānair vā bhaktivatsalaiḥ ॥

Übersetzung: Oder er soll die Vidya-Observanzen zusammen mit Gefährten ausführen, ohne dass irgendjemand in der Welt davon weiß: mit Menschen, die sie kennen und voller Hingabe sind.

Erläuterung: Die Form ājñāte wird im Sinn des Unbekanntbleibens verstanden; sie ist nicht zu einer sicheren klassischen Form verbessert.

21.52

samayajñānair mahāprājñānais tantrasadbhāvabhāvitaiḥ ।
śīlavantai jitadvandvaiḥ krodhahīnair alolupaiḥ ॥

Übersetzung: [Diese Gefährten sollen] die Samayas kennen, große Einsicht besitzen und vom wahren Gehalt des Tantra geprägt sein: von gutem Verhalten, über die Gegensatzpaare hinausgelangt, frei von Zorn und ohne Habgier.

21.53

evaṃvidhaiḥ sametas tu cared vidyāvratāni tu ।
tasmin deśe caren mantrī ajñāto nipuṇair api ॥

Übersetzung: Mit solchen Menschen vereint soll er die Vidya-Observanzen ausführen. In dem betreffenden Gebiet soll der Mantrin leben, selbst den Kundigen unbekannt.

21.54

sahajātair na dṛśyeta pūrvadṛṣṭaiś ca suvrate ।
nava vratā mayā proktā navayāgasamāśritā ॥

Übersetzung: Er soll weder von seinen Verwandten noch von früheren Bekannten gesehen werden, Getreue. Ich habe die neun Observanzen erklärt, die sich auf die neun Verehrungsformen stützen.

21.55

adhunā sampravakṣyāmi pañcakasya vratāni tu ।
yais tu cīrṇair mahādevi khecaratvam avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Nun werde ich die Observanzen der Fünfergruppe erklären. Durch ihre Ausführung, Mahadevi, soll man das Vermögen erlangen, sich im Luftraum zu bewegen.

Erläuterung: Die Fünfergruppe betrifft die folgenden, Rakta und ihrem Gefolge zugeordneten Formen.

21.56

prathamaṃ rūpasampannaṃ vrataṃ vakṣyāmi tattvataḥ ।
śuklāmbaradharo mantrī śuklamālyānulepanaḥ ॥

Übersetzung: Zuerst werde ich die schön ausgestaltete Observanz wirklichkeitsgemäß erklären. Der Mantrin trägt weiße Gewänder, weiße Blumengirlanden und weißen Salbenauftrag.

21.57

vāmato dantapattraṃ tu dakṣiṇe karṇapūrakam ।
†khirvarī† ca tato dadyāl lalāṭe caiva paṭṭikā ॥

Übersetzung: Links [am Ohr trägt er] ein Elfenbeinblatt, rechts einen Ohrschmuck. Dann soll er eine †khirvarī† anlegen und auf der Stirn ein Band.

Erläuterung: Die mit Dolchen markierte Schmuckbezeichnung ist nicht sicher lesbar beziehungsweise deutbar; sie wird nicht durch einen erfundenen Gegenstand ersetzt.

21.58

mastake padavīṃ dadyād ardhacandraṃ viśeṣataḥ ।
trimaṇi kaṇṭhadeśe tu kaṇṭhikā tasya copari ॥

Übersetzung: Auf dem Kopf soll er ein Padavi anbringen, insbesondere einen Halbmond. Am Hals trägt er drei Perlen beziehungsweise Edelsteine und darüber eine Halskette.

Erläuterung: Padavī ist hier eine nicht sicher bestimmbare Bezeichnung eines Kopfschmucks.

21.59

grīvāyāṃ vinyased dhāraṃ vālikāṃ karṇayoḥ ’pari ।
bāhubhyāṃ caiva keyūrau kare cūḍāṃ tu vinyaset ॥

Übersetzung: Am Nacken soll er eine Schnur anlegen, oberhalb der Ohren Ringe. An beiden Oberarmen trägt er Armreifen; an der Hand soll er einen weiteren Reif anlegen.

21.60

mahāśaṅkhamayī pattrā kartavyā sādhakena tu ।
hastidantamayaṃ pattraṃ kartavyaṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll den Blattschmuck aus „großer Muschel“ herstellen. Ein Blattschmuck ist [auch] aus Elfenbein herzustellen; daran besteht kein Zweifel.

Erläuterung: Mahāśaṅkha, wörtlich „große Muschel“, bezeichnet hier menschlichen Knochen. Ob der zweite Halbvers ein Ersatzmaterial anbietet, bleibt in der knappen Anweisung unausgesprochen.

21.61

dantapattrasya karṇe ’pi mudrā cāsthimayī smṛtām ।
tasyopari nyaset pattraṃ dantajaṃ yat prakīrtitam ॥

Übersetzung: Auch am Ohr mit dem Elfenbeinblatt ist ein knöchernes Mudra vorgesehen. Darüber soll man das zuvor genannte Elfenbeinblatt anbringen.

21.62

kaṭakaṃ tu tato dadyād aṅgulīyām aṅgulīyakam ।
mekhalā kaṭideśe tu kaṭisūtraṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: Dann soll man einen Armreif anlegen und einen Ring an den Finger. Um die Hüften trägt man einen Gürtel und ebenso eine Hüftschnur.

21.63

padbhyāṃ tu nūpuraṃ dadyād aṅguṣṭhe caiva bindukau ।
mudrāṃ aṅgulīś caiva pādau laktakarañjitau ॥

Übersetzung: An beiden Füßen soll man Fußreifen anlegen und an den großen Zehen Punkte auftragen, ebenso Mudras an den Zehen. Die Füße sind mit rotem Lack gefärbt.

Erläuterung: Die knappe Aufzählung lässt Einzelheiten der Punkte und Zehenringe offen.

21.64

kapāla dakṣiṇe haste khaṭvāṅgaṃ vāmato nyaset ।
ghaṇṭāpicchakasamyuktaṃ ḍamarukaṃ vādayed budhaḥ ॥

Übersetzung: In die rechte Hand soll man einen Schädel nehmen, auf die linke Seite den Khatvanga. Der Kundige soll die mit Glocke und Federbüschel versehene Damaru-Trommel schlagen.

21.65

ekānte guhyadeśe tu caren mantrī vrataṃ kramāt ।
māsaṃ vā yadi vā pakṣaṃ dvimāsaṃ ṣaṇmāsa mantravīt ॥

Übersetzung: An einem abgeschiedenen, geheimen Ort soll der Mantrin die Observanz ordnungsgemäß ausführen: einen Monat oder einen halben Monat, zwei Monate oder sechs Monate, kundig im Mantra.

21.66

abdam ekaṃ cared yuktaṃ dvir abdaṃ trīṇi ṣaṭ tathā ।
dvādaśābdaṃ mahāyogī śivatulyo bhaved asau ॥

Übersetzung: Gesammelt soll er sie ein Jahr ausführen, zwei Jahre, drei oder sechs. Nach zwölf Jahren soll dieser große Yogin Shiva gleich werden.

21.67

sakalo niṣkalaś caiva viśvabhūto manodbhavaḥ ।
ṣaḍbhis tu jāyate siddho rudratulyaparākramaḥ ॥

Übersetzung: [Er wird] mit Teilen und ohne Teile, zum All geworden, aus dem Geist hervorgehend. Nach sechs [Jahren] wird er ein Siddha, dessen Kraft der Rudras gleicht.

Erläuterung: Die erste Hälfte führt die Verheißung von 21.66 fort; „mit Teilen und ohne Teile“ bewahrt die technische Gegenüberstellung sakala/niṣkala.

21.68

devīnāṃ hṛdaye līno bhuvanīśapadaṃ bhavet ।
tribhis tu mātarāsiddhi yoginīnāṃ priyo bhavet ॥

Übersetzung: Im Herzen der Göttinnen aufgegangen, erreicht er die Stufe eines Weltenherrn. Nach drei [Jahren] erlangt er die Vollendung bei den Müttern und wird den Yoginis lieb.

21.69

dvibhiś tu gaganāṃ-bhogāṃ abdā siddhis tu mānuṣī ।
ṣaḍbhis tu rājabhogāṃ tu tribhir lokair na bādhyate ॥

Übersetzung: Nach zwei [Jahren erlangt er] die Weite des Himmels; nach einem Jahr menschliche Siddhi. Nach sechs [Monaten erhält er] königliche Genüsse; nach drei [Monaten] wird er von den Menschen nicht mehr bedrängt.

Erläuterung: Gaganāṃ-bhogāṃ wird mit Kiss als gaganābhogam, „Weite beziehungsweise Gewölbe des Himmels“, verstanden (Sanskrit S. 120; Übersetzung und Kommentar S. 220). Die Zeiteinheit wechselt von Jahren zu Monaten. Tribhir wird hier auf drei Monate bezogen; die Verbindung tribhir lokair wäre isoliert auch als „von den drei Welten“ lesbar. Die Übersetzung folgt der abgestuften Zeitenfolge.

21.70

dvibhiḥ karmasamarthas tu māsena ācārya ucyate ।
pakṣeṇa sādhako hy eṣa bhūtale mantravigrahaḥ ॥

Übersetzung: Nach zwei [Monaten] ist er zu den Ritualhandlungen befähigt, nach einem Monat wird er Acharya genannt. Nach einem halben Monat ist dieser Sadhaka auf Erden eine Verkörperung des Mantras.

21.71

prathamaṃ tu vratam hy etad raktāyāḥ parikīrtitam ।
dvitīyaṃ tu pravakṣyāmi karālī bhīmavikramā ॥

Übersetzung: Damit ist die erste Observanz, die der Rakta, erklärt. Ich werde nun die zweite darlegen: [die der] Karali mit ihrer furchtbaren Macht.

21.72

raktāmbaradharo bhūtvā raktamālyānulepanaḥ ।
raktair ābharaṇair yukto khaṭvāṅgakarasaṃsthitaḥ ॥

Übersetzung: Man trägt rote Gewänder, rote Blumengirlanden und roten Salbenauftrag. Mit rotem Schmuck versehen, hält man einen Khatvanga in der Hand.

21.73

kapālaṃ dhāraye nityaṃ ḍamarukaṃ ca viśeṣataḥ ।
khaṭvāṅgaṃ dhāraye mantrī sacakradhvajakheṭakam ॥

Übersetzung: Man soll stets einen Schädel und insbesondere eine Damaru-Trommel tragen. Der Mantrin soll den Khatvanga zusammen mit Rad, Banner und Schild halten.

21.74

puṣpalohamayaṃ divyam athavā mānuṣāsthiṣu ।
vajradagdhe drume vāpi śmaśāne khādire ’pi vā ॥

Übersetzung: [Der Khatvanga besteht] aus dem ausgezeichneten Pushpaloha-Metall oder aus menschlichen Knochen, aus einem vom Blitz verbrannten Baum oder aus Khadira-Holz vom Verbrennungsplatz.

Erläuterung: Puṣpaloha ist eine besondere Metallbezeichnung; eine genaue Legierung wird aus dieser Stelle nicht erschlossen.

21.75

pradeśamātraṃ kurvīta athavā svapramāṇakam ।
pūrvoktena vidhānena cared vidyāvrataṃ śubham ॥

Übersetzung: Man soll ihn eine Spanne lang oder von der eigenen Körpergröße anfertigen. Nach dem zuvor beschriebenen Verfahren soll man die glückverheißende Vidya-Observanz ausführen.

21.76

japayuktasadātmānaṃ naktabhojī tv ayācitaḥ ।
madhyāhne tu caren mantrī maunī dhyānaparāyaṇaḥ ॥

Übersetzung: Stets ist der Geist mit Japa beschäftigt; man isst nachts, was ungebeten gegeben wird. Am Mittag soll der Mantrin umhergehen, schweigend und der Meditation zugewandt.

21.77

yoginīpūtanādyāś ca namaskṛtvā punaḥ punaḥ ।
māsena tasya sidhyeta bhūrlokaṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Immer wieder verneigt er sich vor den Yoginis, Putana und den übrigen. Nach einem Monat soll ihm die Erdenwelt untertan sein; daran besteht kein Zweifel.

21.78

bhūrloke mātaro yās tu tasya siddhā bhavanti hi ।
aiśvaryaphalabhogāś ca pakṣamātreṇa sarvataḥ ॥

Übersetzung: Die Mütter, die in der Erdenwelt weilen, werden ihm erreichbar beziehungsweise dienstbar. Schon nach einem halben Monat [gewinnt er] überall die Genüsse, die aus Herrschaftsmacht erwachsen.

21.79

vaśyākarṣaṇakarmāṇi saptāhād abhyased yadi ।
saptāhenāśu sidhyante karme ’cchuṣmapadādibhiḥ ॥

Übersetzung: Wenn er vom siebten Tag an die Handlungen des Unterwerfens und Heranziehens übt, gelingen die betreffenden Riten rasch innerhalb einer Woche, mit den Ucchushma-Wörtern und den übrigen [Mantrabestandteilen].

Erläuterung: Der Vers nennt Ucchushma-Wörter und weitere Bestandteile, gibt aber keine vollständige Rezitationsformel an.

21.80

tṛtīyaṃ sampravakṣyāmi pītasragdāmabhūṣitam ।
pītāmbaradharo mantrī kāñcanābharaṇair yutam ॥

Übersetzung: Ich werde die dritte [Observanz] darlegen, die mit gelben Blumengirlanden geschmückt ist. Der Mantrin trägt gelbe Gewänder und goldenen Schmuck.

Erläuterung: Dies ist die Chandaakshi beziehungsweise Caṇḍākṣī zugeordnete Observanz.

21.81

khaḍgakheṭakadhārī ca pāśakhaṭvāṅgasaṃyutam ।
kapālakṛtahastaś ca cared ekāgramānasaḥ ॥

Übersetzung: Er trägt Schwert und Schild, dazu Schlinge und Khatvanga; einen Schädel hält er in der Hand. Mit auf einen Punkt gesammeltem Geist soll er [die Observanz] ausführen.

21.82

saptāham āditaḥ kṛtvā yāva dvādaśagocaram ।
tāvad siddhiḥ pravarteta yathākāmaṃ yathoditam ॥

Übersetzung: Beginnend mit sieben Tagen soll er sie bis zu einer Dauer von zwölf [Tagen] ausführen. Bis dahin soll die gewünschte Siddhi entstehen, wie es gelehrt wurde.

21.83

siddhi syād īśvarī puṣṭir nānārūpatvadhāriṇī ।
krīḍate sarvakāmebhyo yathā bhairava-m-abravīt ॥

Übersetzung: Es entstehen herrschaftliche Vollendung, Gedeihen und die Fähigkeit, vielerlei Gestalten anzunehmen. Er vergnügt sich nach all seinen Wünschen, wie Bhairava es gelehrt hat.

21.84

caturthaṃ sampravakṣyāmi kṛṣṇabhinnāñjanaprabham ।
duścaraṃ ghorarūpaṃ ca citrāścaryādidīpitam ॥

Übersetzung: Ich werde die vierte [Observanz] darlegen, die wie schwarzes, zerriebenes Augenschminkpulver glänzt: schwer auszuführen, von furchtbarer Gestalt und durch vielfältige Wunder und Ähnliches ausgezeichnet.

21.85

mahāsiddhikaraṃ nāma mahocchuṣmāprakīrtitam ।
kṛṣṇāmbaradharo mantrī kṛṣṇasragdāmabhūṣitam ॥

Übersetzung: Sie bewirkt große Siddhis und wird Mahocchushma genannt. Der Mantrin trägt schwarze Gewänder und ist mit schwarzen Blumengirlanden geschmückt.

21.86

valayābharaṇaṃ divyaṃ pādau nūpurabhūṣitau ।
keyūra kaṭisūtraṃ ca pādau laktakarañjitau ॥

Übersetzung: [Er trägt] vorzügliche Reifen und Schmuckstücke, an den Füßen Fußreifen, Oberarmreifen und eine Hüftschnur. Seine Füße sind mit rotem Lack gefärbt.

21.87

karṇālaṅkāramukuṭaṃ vālikābharaṇaṃ tathā ।
kapālaṃ śūlakhaṭvāṅgaṃ dhanur nārācasaṃyutam ॥

Übersetzung: [Dazu trägt er] Ohrschmuck und Krone sowie Ringschmuck, einen Schädel, Dreizack und Khatvanga und einen Bogen mit eisernen Pfeilen.

21.88

piñcchakaṃ ḍamarukaṃ caiva kaṇṭhikā damarukaṃ tathā ।
vajrapāśāsisaṃyuktaṃ musalāṅkuśakheṭikam ॥

Übersetzung: [Dazu kommen] ein Federbüschel und eine Damaru-Trommel, eine Halskette und ebenfalls eine Damaru-Trommel, ferner Vajra, Schlinge und Schwert, Keule, Elefantenhaken und kleiner Schild.

Erläuterung: Die Trommel wird im Sanskrit zweimal genannt, einmal mit ḍ und einmal mit d; die Wiederholung wird nicht stillschweigend getilgt.

21.89

cakradhvajagadāhastaṃ daṇḍaśaktisamanvitam ।
padmāsanopaviṣṭas tu ekapāda tathaiva ca ॥

Übersetzung: In den Händen [trägt er] Rad, Banner und Keule, dazu Stab und Speer. Er sitzt im Lotossitz oder [steht] auf einem Bein.

21.90

ekānte tu caren maunī japadhyānaparāyaṇaḥ ।
śmaśāne vā mahocchuṣme rathyāyāṃ gopureṣu ca ॥

Übersetzung: Abgeschieden soll er [die Observanz] ausführen, schweigend und ganz Japa und Meditation zugewandt: auf einem Verbrennungsplatz, an einem Mahocchushma-[Ort], auf der Straße und an Torbauten.

Erläuterung: Die genaue Ortsbedeutung von mahocchuṣme bleibt offen.

21.91

grāmasya dakṣiṇe pārśve rātrau paryaṭanaṃ bhavet ।
paṭahikaṃ vādyeta ḍamarukaṃ ca muhur muhuḥ ॥

Übersetzung: An der Südseite des Dorfes soll er nachts umhergehen. Eine kleine Kesseltrommel und die Damaru soll er immer wieder schlagen.

21.92

guhyaṣaṭkena †tālabdho† dūtīṣaṭkaṃ ca pādayoḥ ।
ūrubhyāṃ mātṛṣaṭkaṃ tu kaṭyāyāṃ yoginī nyaset ॥

Übersetzung: [Mit] der Sechsergruppe der Guhyakas †tālabdha†; die Sechsergruppe der Dutis [setzt er] an beide Füße, die Sechsergruppe der Mütter an die Oberschenkel; an der Hüfte soll er die Yogini setzen.

Erläuterung: Der Anfang ist verderbt beziehungsweise nicht sicher deutbar. Die Edition markiert das Ende von tālabdho mit einem Dolch; hier wird die unklare Textstrecke auch in der Übersetzung offengelassen.

21.93

mantraṣaṭkaṃ tathā nābhyāṃ hṛdaye binduyojitau ।
ghaṇṭānādātmakaṃ devaṃ vaktre śabdaprabodhakam ॥

Übersetzung: Die Sechsergruppe der Mantras [setzt er] an den Nabel, im Herzen den mit Bindu verbundenen [Gott], im Gesicht den Gott, dessen Wesen Glockenklang ist und der den Laut erweckt.

Erläuterung: Die Syntax der aneinandergereihten Setzungen ist unregelmäßig; binduyojitau wird auf den anschließend genannten Gott bezogen.

21.94

anaṣkaṃ tu lalāṭe tu lāntā mūrdhani vinyaset ।
nirācārapadair yukto avadhūtātanusthitaḥ ॥

Übersetzung: Anaṣka soll er auf die Stirn und Lanta auf den Scheitel setzen. Mit den Stufen jenseits der gewöhnlichen Verhaltensordnung verbunden, ist er im Körper der Avadhuta verankert.

Erläuterung: Anaṣka und Lāntā sind hier technisch gebrauchte, nicht sicher aufgelöste Bezeichnungen. Sie werden nicht in frei ergänzte Mantras verwandelt.

21.95

cared devīvrataṃ hy eta nirācāro jitendriyaḥ ।
athavā kṣīrabhojī syād ghṛtaprāśanam ārabhet ॥

Übersetzung: Diese Göttinnenobservanz soll er ausführen, die gewöhnliche Verhaltensordnung hinter sich lassend und die Sinne beherrschend. Oder er soll von Milch leben und das Trinken von Ghee beginnen.

21.96

dadhnāśano mahāyogī madhvājyatilasaṃyutam ।
saptarātraṃ mahāmantrī care dvādaśarātrakam ॥

Übersetzung: Der große Yogin verzehrt Dickmilch, verbunden mit Honig, Ghee und Sesam. Der große Mantrin soll [die Observanz] sieben Nächte oder zwölf Nächte durchführen.

21.97

pakṣa māsa ṛtuṃ caiva ayanam abdam eva ca ।
dvādaśābda cared yas tu śivo bhavati śāśvataḥ ॥

Übersetzung: [Ebenfalls] einen halben Monat, einen Monat, eine Jahreszeit, ein Halbjahr oder ein Jahr. Wer sie aber zwölf Jahre durchführt, wird zum ewigen Shiva.

21.98

sadāśivapade līnaḥ sarvavyāpitvam āpnuyāt ।
vidyeśvarādibhogāś ca ṣaḍbhir eva vijānathaḥ ॥

Übersetzung: In der Stufe Sadashivas aufgegangen, soll er Allgegenwart erlangen. Nach sechs [Jahren erhält er] die Genüsse der Vidyeshvaras und der übrigen – so sollt ihr wissen.

21.99

tribhi rudrādibhogāś ca abda yogeśvaro bhavet ।
ṣaḍbhis tu khecarīsiddhi dvābhyām ācārya ucyate ॥

Übersetzung: Nach drei [Jahren erhält er] die Genüsse der Rudras und der übrigen, nach einem Jahr wird er ein Herr des Yoga. Nach sechs [Monaten erlangt er] Khechari-Siddhi, nach zwei [Monaten] wird er Acharya genannt.

21.100

māsena tu kṣitiṃ bhuṅkte saśailavanakānanām ।
pakṣeṇaiśvaryabhogāś ca maṇḍalādhipatir bhavet ॥

Übersetzung: Nach einem Monat genießt er die Erde mit ihren Bergen, Wäldern und Gehölzen. Nach einem halben Monat [erhält er] Herrschaftsgenüsse und wird Herr eines Mandalas.

Erläuterung: Mandala kann hier einen Herrschaftsbereich bezeichnen; die Übersetzung legt es nicht ausschließlich auf ein gezeichnetes Ritualdiagramm fest.

21.101

dvādaśāhaṃ cared yas tu dvādaśāhaṃ suyantritaḥ ।
brahmaghno ’py āśu sidhyeta yathākāmaṃ yathepsitam ॥

Übersetzung: Wer sie zwölf Tage ausführt – zwölf Tage in guter Selbstbeherrschung –, erlangt rasch Vollendung nach seinem Wunsch und Verlangen, selbst wenn er einen Brahmanen getötet hat.

Erläuterung: Die Wiederholung der zwölf Tage steht im Sanskrit. Die Verheißung betrifft die behauptete Macht der Observanz; sie ist keine Billigung des Tötens.

21.102

ity ete vratam ākhyātaṃ vistareṇa tu coditam ।
adhunā samudāyena vakṣye vidyāvrataṃ śubham ॥

Übersetzung: Damit ist diese Observanz erklärt und ausführlich vorgeschrieben. Nun werde ich die glückverheißende Vidya-Observanz in ihrer zusammenfassenden Form darlegen.

Erläuterung: Mit der zweiten Hälfte beginnt die Mahabhairava-Observanz.

21.103

bhasmoddhūlitagātras tu jaṭāmakuṭadhāriṇaḥ ।
candrārdhaśekharaṃ caiva śiraḥ kapālamaṇḍitam ॥

Übersetzung: Die Glieder sind mit Asche bestreut, und man trägt eine Krone aus verfilzten Haaren, dazu den Halbmond als Kopfschmuck; der Kopf ist mit Schädeln geschmückt.

21.104

karṇau śirasi bāhubhyām asthikhaṇḍair vibhūṣitam ।
bālayajñopavītī ca mekhalākaṭibhūṣitam ॥

Übersetzung: Ohren, Kopf und Arme sind mit Knochenstücken geschmückt. Man trägt eine heilige Schnur aus Haaren und einen Gürtel als Hüftschmuck.

Erläuterung: Bāla wird hier als Haar beziehungsweise als entsprechende Schnur verstanden; die Edition bietet daneben die Variante vyāla, „Schlange“.

21.105

kaṇṭhe tu kaṇṭhikāṃ dadyāc chikhāgre mantravigraha ।
khaṭvāṅgaṃ śūlasaṃyuktaṃ samuṇḍaṃ keśabhūṣitam ॥

Übersetzung: Am Hals soll die Mantraverkörperung eine Halskette anlegen; an der Spitze der Haarlocke [folgt eine nicht ausgeführte Schmuckangabe]. [Sie trägt] einen Khatvanga mit Dreizack, mit Schädel und Haarschmuck.

Erläuterung: Śikhāgre bleibt syntaktisch ohne eindeutig zugehörigen Gegenstand. Die Übersetzung macht die offene Stelle sichtbar.

21.106

ḍamarukaṃ vāpi vādita paṭahī ca mahāyaśe ।
ghaṇṭāṃ tu kārayed ekāṃ mekhalāsu ca mālikāḥ ॥

Übersetzung: Die Damaru oder die kleine Kesseltrommel soll man schlagen, Ruhmreiche. Eine Glocke soll man anbringen und an den Gürteln Girlanden.

21.107

pādayo ghurghuraṃ dadyād aṅgulīkarasaṃyutām ।
keyūrabhūṣaṇaṃ divyaṃ lalāṭe netram ālikhet ॥

Übersetzung: An den Füßen soll man Schellen anbringen und [Schmuck] an Fingern und Händen, dazu vorzüglichen Oberarmschmuck. Auf die Stirn soll man ein Auge zeichnen.

Erläuterung: Die genaue Konstruktion von aṅgulīkarasaṃyutām ist unsicher; der Finger- und Handschmuck ist eine erschlossene Ergänzung.

21.108

śivārāvaṃ prakurvīta mukhamuṇḍāstrasaṃyutam ।
etan mahāvrataṃ nāmaṃ duścaraṃ tridaśair api ॥

Übersetzung: Man soll den Ruf einer Schakalin ausstoßen, mit Gesicht, Schädel und Waffe versehen [beziehungsweise mit entsprechendem Mund-Schädel-Gerät]. Dies heißt das große Gelübde und ist selbst für die Götter schwer auszuführen.

Erläuterung: Mukhamuṇḍāstrasaṃyutam ist eine nicht sicher aufgelöste Zusammensetzung; die Übersetzung behauptet keine genaue Rekonstruktion des Geräts.

21.109

śmaśāne kānane ghore mahodadhitaṭeṣu ca ।
cared bhairavanāmaṃ hi vrataṃ siddhipradāyakam ॥

Übersetzung: Auf einem Verbrennungsplatz, in einem schrecklichen Wald und an den Ufern des großen Ozeans soll man diese Bhairava genannte Observanz ausführen, die Siddhi gewährt.

21.110

yo na siddho vratair anyai tasyedaṃ hi mahāvratam ।
sa sidhyati na saṃdeho abhāgyo bhāgyavarjitaḥ ॥

Übersetzung: Für jemanden, der durch andere Observanzen keine Vollendung erlangt hat, ist dieses große Gelübde bestimmt. Er erreicht Vollendung, ohne Zweifel, selbst wenn er glücklos und ohne günstiges Geschick ist.

21.111

ekāhaṃ yaś cared yukto-s-tasya siddhi śṛṇuṣva me ।
sakṛd uccārite mantre vratātmā yas tu yojayet ॥

Übersetzung: Höre von mir die Siddhi dessen, der [die Observanz] einen Tag gesammelt ausführt: Wenn der Mantra einmal ausgesprochen ist und der ganz der Observanz Zugewandte [ihn beziehungsweise das Verfahren] anwendet,

Erläuterung: Die Konstruktion des zweiten Halbverses lässt das Objekt von yojayet offen; der Satz führt zu 21.112.

21.112

asādhyaṃ sādhayaty āśu-r-iti te nātra saṃśayaḥ ।
tasya sidhyanti vai devya tuṣyanti ca marudgaṇāḥ ॥

Übersetzung: erreicht er rasch das Unerreichbare. Daran sollst du nicht zweifeln. Die Göttinnen werden ihm zugänglich, und die Scharen der Maruts sind erfreut.

21.113

svayam āgatya vai devaḥ kapālī guhyakair vṛtaḥ ।
mārutaiḥ stūyamānas tu variṣṭho varaṃ āpnuyāt ॥

Übersetzung: Der schädeltragende Gott kommt selbst, umgeben von Guhyakas und gepriesen von den Maruts. [Der Sadhaka] soll als Ausgezeichneter einen Segen empfangen.

Erläuterung: Der Subjektswechsel ist im Sanskrit nur knapp angezeigt; der folgende Dialog bestätigt den Sadhaka als Empfänger.

21.114

sādhu sādhu mahāsattva vratenānena suvrataḥ ।
duścaraṃ devagandharvais tvayā cīrṇa mahāvratam ॥

Übersetzung: „Gut, gut, Großherziger, du Getreuer dieser Observanz! Du hast das große Gelübde ausgeführt, das selbst für Götter und Gandharvas schwer zu vollziehen ist.“

Erläuterung: Hier beginnt die Rede des erscheinenden Gottes.

21.115

varaṃ varepsitaṃ vatsa udyataṃ tu bravīhi me ।
yadi tuṣṭo ’si bhagavān praviśya mama vigraham ॥

Übersetzung: „Nenne mir, mein Sohn, den erwünschten Segen, der für dich bereitsteht.“ [Der Sadhaka antwortet:] „Wenn du erfreut bist, Erhabener, tritt in meinen Körper ein!“

21.116

vaktraṃ prasārayeś ceti praviśya bhagavān prabhuḥ ।
hṛdaye bhairavo devo guhyakā tu gale sthitāḥ ॥

Übersetzung: „Öffne deinen Mund!“, [sagt er]. Der erhabene Herr tritt ein: Gott Bhairava weilt im Herzen, die Guhyakas im Hals.

21.117

mātaro hy aṅga-m-aṅgeṣu yoginyaḥ sandhiṣu sthitāḥ ।
śākinyo romakūpeṣu pūtanādyā tathaiva ca ॥

Übersetzung: Die Mütter weilen in den einzelnen Gliedern, die Yoginis in den Gelenken; die Shakinis befinden sich in den Haarporen und ebenso Putana und die übrigen.

21.118

sa evaṃ tu śivas sākṣā bhavet sakalaniṣkalaḥ ।
vyāpī hy avyaktarūpī ca amanaskonmanonmanaḥ ॥

Übersetzung: So wird er unmittelbar Shiva, mit Teilen und ohne Teile, allgegenwärtig und von unmanifestierter Gestalt, ohne gewöhnlichen Geist und über dessen Zustand hinausgelangt.

Erläuterung: Amanaskonmanonmanaḥ ist sprachlich auffällig und nicht sicher auflösbar. Die Übersetzung gibt die erkennbare Richtung der Geisttranszendenz wieder, ohne die doppelte onmana-Folge zu einer gesicherten Stufenlehre auszubauen.

21.119

anekākārarūpais tu vidyāmantragaṇair vṛtaḥ ।
tasya dehād viniṣkrāntā mātrā mātṛbhiḥ pūjitāḥ ॥

Übersetzung: Er ist von Vidya- und Mantrascharen in vielerlei Gestalten umgeben. Aus seinem Körper treten die Mütter hervor; [sie beziehungsweise er] werden von den Müttern verehrt.

Erläuterung: Die zweite Hälfte ist grammatisch und metrisch unregelmäßig. Wer hier von wem verehrt wird, ist in der gedruckten Lesung nicht eindeutig festzulegen.

21.120

mātaro hy aṅga-aṅgeṣu yoginyaḥ sandhiṣu sthitāḥ ।
vidyeśvarāgaṇā rudrā mahocchuṣma sakiṅkarāḥ ॥

Übersetzung: Die Mütter weilen in den einzelnen Gliedern, die Yoginis in den Gelenken; [dazu kommen] Scharen von Vidyeshvaras, Rudras und Mahocchushmas mit ihren Dienern.

21.121

dūtaiś ca sahitā devyo vimānāni mahātmanaiḥ ।
varadaḥ sarvabhūtānāṃ yoginīnāṃ mahodayaḥ ॥

Übersetzung: Die Göttinnen sind mit den großherzigen Dutis auf Himmelsfahrzeugen vereint. Dies ist das große Hervortreten der Yoginis, das allen Wesen Segen gewährt.

Erläuterung: Dūtaiḥ ist im Sanskrit männlich formuliert; der Bezug auf die weiblichen Dutis wird aus dem Gottheitenkreis erschlossen. Vimānāni ist hier wie eine Ortsangabe verstanden.

21.122

divi bhuvi-s-tu pātāle khamadhye tattvagocare ।
dṛśyate sarvato devi yathā devo kapāladhṛk ॥

Übersetzung: Im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt, mitten im Luftraum und im Bereich der Tattvas erscheint er überall, Göttin, wie der schädeltragende Gott.

21.123

eṣā vratakarī siddhir na kasyacid udāhṛtā ।
ākhyātaṃ tu varārohe guhyaṃ śivasamudbhavam ॥

Übersetzung: Diese aus der Observanz hervorgehende Siddhi ist noch niemandem erklärt worden. Nun wurde dieses aus Shiva hervorgegangene Geheimnis dargelegt, Schöngestaltige.

21.124

śaktitantunibaddhāṃ tu padmamālāṃ vicintayet ।
navagranthivibhāgena tato nyāsaṃ prakalpayet ॥

Übersetzung: Man soll die Lotusgirlande als durch den Kraftfaden verbunden vergegenwärtigen. Danach soll man den Nyasa entsprechend der Gliederung in die neun Knoten vollziehen.

Erläuterung: Der Abschnitt ergänzt die im Kapitel zuvor beschriebenen Observanzen durch eine Variante des Nyasa. Die neun Granthis sind hier nicht dieselbe Stellenfolge wie in jeder anderen Lotusgirlande. Shaktitantu heißt „Faden der Shakti“.

21.125

hṛdaye bhairavo nyasya vaktranetrāṅgasaṃyutam ।
raktā vaktre tu vinyasya cakṣubhyāṃ tu karālinī ॥

Übersetzung: Im Herzen soll man Bhairava einsetzen, versehen mit den Mantras für Gesicht, Augen und Glieder. Rakta soll man im Gesicht einsetzen, Karalini an den beiden Augen.

Erläuterung: Die Gottheit wird mit ihren begleitenden Mantras eingesetzt. Karalini ist hier eine Namensform von Karali.

21.126

lalāṭe caiva caṇḍākṣī mahocchuṣmā śikhāgrake ।
karālā vāmapāde tu danturā jaṅghasaṃsthitā ॥

Übersetzung: Chandakshi [ist] an der Stirn, Mahocchushma an der Spitze des Haarknotens; Karala am linken Fuß und Dantura am [linken] Unterschenkel.

Erläuterung: Jaṅghā bezeichnet den Unterschenkel; die englische Übersetzung des Bandes verwendet teilweise „thigh“. Die deutsche Wiedergabe folgt dem Sanskritwort.

21.127

dakṣiṇe bhīmavaktrāṃ tu jaṅghayo ca mahābalām ।
vaktranetrāṅgasaṃyuktaṃ kartavyā devīdūtayaḥ ॥

Übersetzung: Am rechten [Fuß soll man] Bhimavaktra [einsetzen], am [rechten] Unterschenkel Mahabala. Die Devis und Dutis sind mit den Mantras für Gesicht, Augen und Glieder zu gestalten.

21.128

nābhyāṃ vai vīra vinyasya tato vāmādi-m-āśṛtāḥ ।
mekhalākṛtisaṃsthānā kaṭyāṃ vai yoginī nyaset ॥

Übersetzung: Nachdem man den Vira am Nabel eingesetzt hat, soll man, von links beginnend, die Yoginis am Hüftbereich einsetzen, angeordnet wie ein Gürtel.

Erläuterung: Vira, „Held“, bezeichnet hier eine männliche Mantragottheit. Der eingefügte Laut -m- ist eine Besonderheit des überlieferten Sanskrit.

21.129

dakṣiṇāpārśvakaṃ yāvad vāraṃ tu varavarṇini ।
vaktranetrāṅgasaṃyuktā kartavyā nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Bis zur rechten Seite, im Kreis [?], o Schönfarbige, sollen sie mit den Mantras für Gesicht, Augen und Glieder gestaltet werden; darüber besteht kein Zweifel.

Erläuterung: Vāra wird in diesem Zusammenhang versuchsweise als Umlauf beziehungsweise Kreis verstanden.

21.130

liṅge vīraṃ tu vinyasya kaṭyād ārabhya jānunī ।
yāva mātṝs tu vinyasya catvāry eva krameṇa tu ॥

Übersetzung: Nachdem man den Vira am Glied eingesetzt hat, soll man, vom Hüftbereich bis zu den Knien hinab, vier Mütter der Reihe nach einsetzen.

Erläuterung: Die linke Seite ist durch den anschließenden Gegensatz zur rechten erschlossen.

21.131

dakṣiṇā ca kaṭideśe jānunī yāvad eva hi ।
śeṣās tu mātaro devi vaktranetrāṅgasaṃyutāḥ ॥

Übersetzung: Und auf der rechten Seite vom Hüftbereich bis zu den Knien die übrigen Mütter, o Göttin, versehen mit den Mantras für Gesicht, Augen und Glieder.

21.132

vīrāś caiva yathānyāyaṃ nyastavyā nātra saṃśayaḥ ।
praṇavaṣaṭkaṃ tathā nābhyāṃ svaśaktyā sahitaṃ tathā ॥

Übersetzung: Ebenso sind die Viras nach der richtigen Ordnung einzusetzen, ohne Zweifel, und am Nabel die sechs Pranavas, jeweils zusammen mit ihrer eigenen Shakti.

Erläuterung: Die genaue Gestalt der sechs Pranavas ist auch in der Edition nicht abschließend geklärt. Der Vers enthält keine vollständig ausgeschriebenen sechs Rezitationsformeln.

21.133

smaraṇaṃ hṛdi vinyasya śivatattve vyavasthitam ।
kaṇṭhe tu paramā śakti vaktranetrāṅgasaṃyutā ॥

Übersetzung: Den Smarana soll man im Herzen einsetzen, gegenwärtig im Shiva-Tattva. Am Hals [ist] die höchste Shakti, versehen mit den Mantras für Gesicht, Augen und Glieder.

Erläuterung: Smarana ist ein bestimmter Mantraname. „Shiva-Tattva“ bedeutet die Wirklichkeitsstufe Shivas. Die hier erwähnten Namen allein ergeben keine vollständige Mantrasammlung.

21.134

vāmādidiśim āśritya dakṣiṇā yāva sādhakaḥ ।
dantapaṅkti mukhe nyasya svaraiḥ ṣoḍaśabhis tathā ॥

Übersetzung: Von der linken Richtung ausgehend bis zur rechten soll der Sadhaka im Mund die Zahnreihe mit den sechzehn Vokalen einsetzen.

Erläuterung: Die Verbindung der sechzehn Vokale mit den zwei Zahnreihen bleibt im Einzelnen unklar. Es handelt sich um eine besondere Buchstabenvergegenwärtigung, nicht um eine anatomische Behauptung.

21.135

upariṣṭād adhastā tu anenaiva krameṇa tu ।
vinyased vāmapārśve tu dakṣiṇā yāvad eva hi ॥

Übersetzung: Oben und unten soll er sie nach eben dieser Reihenfolge einsetzen, von der linken Seite bis zur rechten.

21.136

dvātriṃśaiva samākhyātā daśanādhoparisthitā ।
nirastai kādivarṇais tu hakārāntais tathā punaḥ ॥

Übersetzung: Als zweiunddreißig sind sie bezeichnet, an den Zähnen unten und oben angeordnet, ferner mit den vokallosen Buchstaben von k bis h.

21.137

kapālamālā vinyasya mastake tu lalāṭake ।
vāmādidiśim āśritya yāvad dakṣiṇagocaram ॥

Übersetzung: Eine Schädelgirlande soll man am Kopf, an der Stirn einsetzen, von der linken Richtung ausgehend bis zum rechten Bereich.

21.138

makāraṃ tu śikhāsthāne niraskaṃ muṇḍarūpiṇam ।
vinyasya ca tato devi kṣakāraṃ tasya copari ॥

Übersetzung: Den vokallosen Laut m in Schädelgestalt soll man an der Stelle des Haarknotens einsetzen, o Göttin, und darüber den Laut kṣa.

Erläuterung: Die Fachwörter niraska und muṇḍarūpin sind in diesem Zusammenhang nicht sicher aufgelöst. Die Übersetzung hält die bildhafte Wortbedeutung fest; sie legt daraus keine sichere Mantraform fest.

21.139

agrād vāmādim āśritya yāva dakṣiṇakāgrakam ।
tasyāgrato vāmāśṛtya yāvad dakṣiṇapārśvakam ॥

Übersetzung: Von vorn links ausgehend bis zum vorderen rechten [Punkt]; davor, von links ausgehend bis zur rechten Seite …

Erläuterung: Die räumlichen Bezüge dieses Verses sind nicht eindeutig. Der Satz setzt sich in 21.140 fort.

21.140

muṇḍamālātrikā nyasya pārśvayor lāntakasya tu ।
akārādihakārāntaṃ krameṇaiva mahāmati ॥

Übersetzung: … soll man drei Schädelgirlanden auf beiden Seiten des „bis la Reichenden“ [?] einsetzen, der Reihe nach von a bis h, o Einsichtsreiche.

Erläuterung: Die gesamte Anweisung ist in Einzelheiten unsicher. Lāntaka könnte eine Buchstabengruppe bezeichnen; Kiss erwägt einen Bezug auf Halbvokale. Aus dieser Stelle wird keine rezitationsfertige Lautliste rekonstruiert.

21.141

devīnāṃ kiṅkarīnāṃ tu yoginīmātaraṃ tathā ।
padmamālā vicinty eṣa padmair nyāsaṃ prakalpayet ॥

Übersetzung: Indem man so die Lotusgirlande der Devis, Kinkaris, Yoginis und Mütter vergegenwärtigt, soll man den Nyasa mit den Lotosblüten vollziehen: …

21.142

vaktranetrāṅgasaṃyuktaṃ mānasaiḥ pūrvacoditaiḥ ।
bhogāṅgaiś ca samopetaṃ padmapattraiḥ svakai svakaiḥ ॥

Übersetzung: … mit den zuvor gelehrten geistigen [Lotosblüten], versehen mit den Mantras für Gesicht, Augen und Glieder sowie mit den Bhoganga-Mantras auf den jeweils zugehörigen Lotosblättern.

Erläuterung: Bhoganga sind zusätzliche Mantraglieder des Gottheitenkörpers. Sie werden hier genannt, aber nicht vollständig ausgeschrieben.

21.143

bhairavyāyas tathāṅgāni vinyaset sādhakottamaḥ ।
bhairavīyāni vinyasya teṣām upari suvrate ॥

Übersetzung: Der beste Sadhaka soll die Gliedmantras Bhairavis einsetzen. Diejenigen Bhairavas soll er darüber einsetzen, o Treue im Gelübde.

21.144

śivīkṛtvā tato dehaṃ śaktimān śaktir eva hi ।
caret pañcakarūpāṇi vratāny etāni sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem der Sadhaka so den Körper zu Shiva gemacht hat, soll er, selbst Shakti und Träger der Shakti, diese fünf Arten von Gelübden befolgen.

Erläuterung: Die fünf Observanzen sind die zuvor im Kapitel behandelten Verfahren der vier Guhyakas und Bhairavas. Der Vers erlaubt keine Gleichsetzung dieser historischen Disziplinen mit beliebigen heutigen Übungen.

21.145

eṣā vratakarī siddhi na kadācid udāhṛtā ।
bhairaveṇa purā cīrṇaṃ devyāś caiva viśeṣataḥ ॥

Übersetzung: Diese aus den Gelübden entstehende Siddhi wurde noch nie gelehrt. Bhairava hat [diese Gelübde] einst befolgt, und insbesondere auch die Göttin.

21.146

mayā pūrvam hi deveśi jñānam prāptam varānane ।
aprakāśyam idaṃ gopyaṃ gūhitavyaṃ prayatnataḥ ।
brahmaviṣṇvādibhiś caiva etac cīrṇaṃ mahāvratam ॥

Übersetzung: Ich erlangte dieses Wissen zuerst, Herrin der Götter, Schönangesichtige. Dieses Geheimnis soll nicht öffentlich gemacht, sondern sorgfältig bewahrt werden. Auch Brahma, Vishnu und die übrigen befolgten dieses große Gelübde.

Erläuterung: Sechs Versviertel. Die Geheimhaltungsformel gehört zur traditionellen Selbstbeschreibung der Lehre.

Kolophon

॥ iti picumate vratapaṭalaikaviṃśatimaḥ ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Picumata das einundzwanzigste Kapitel, das Kapitel über die Observanzen.

Kapitel 25: Verehrung auf dem Weg zur Befreiung – 25.342

Aufgenommen sind ausschließlich die nachgewiesenen vollständigen Originalnummern aus wissenschaftlichen Zitaten. Die übrigen Verse dieses Kapitels sind nicht in dieser Teilausgabe enthalten. Hinweise auf den unmittelbaren Zusammenhang stehen bei den Versen.

Textgrundlage: Hatley 2020; genaue Fundstelle beim Vers.[10]

25.342

bhairavākhyasya saṃprokto yāgo ’yaṃ muktilakṣaṇaṃ ।
etad yāgatrayaṃ proktaṃ mumukṣo sādhakasya tu ।
nānyaḥ karmanivṛttasya yogamārgasthitasya tu ॥

Übersetzung: Diese Verehrung des Bhairava Genannten [Shiva, des höchsten Selbst] ist als auf Befreiung gerichtet gelehrt. Diese Dreiheit der Verehrung ist für den Sadhaka bestimmt, der Befreiung begehrt, sich von [anderen?] Ritualhandlungen zurückgezogen hat und auf dem Weg des Yoga steht; keine andere [Verehrung ist für ihn vorgesehen].

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 405, Anm. 53.

Erläuterung: Diese Originalnummer umfasst drei Halbverse. Die nähere Bezeichnung Shivas steht im unmittelbar vorausgehenden Halbvers 25.341cd, den der Aufsatz mitzitiert. Die drei Verehrungsweisen werden hier vorausgesetzt, nicht erneut erklärt. Nānyaḥ karmanivṛttasya ist unsicher; Hatley erwägt anyakarmanivṛttasya, „von anderen Ritualhandlungen zurückgezogen“.

Kapitel 32: Die kosmische Lotusgirlande Sadashivas – 32.42–46

Dieser Abschnitt enthält ausschließlich die im wissenschaftlichen Aufsatz von Hatley vollständig zitierten Originalverse. Die Zwischenräume in der Nummerierung bezeichnen hier nicht übersetzte Textteile, nicht verlorene Verse. Es liegt keine vollständige Edition dieses Kapitels vor.

Textgrundlage: Hatley 2020; die exakten Seiten und Anmerkungen sind bei jedem Vers genannt.[10]

32.42

evaṃsvarūpasaṃpannaṃ cintayīta sadāśivam ।
evaṃsthito mahādevi ādidevaḥ sadāśivaḥ ॥

Übersetzung: Man soll Sadashiva mit einer solchen Gestalt vergegenwärtigen. So ist, Mahadevi, der ursprüngliche Gott Sadashiva gegenwärtig.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 401–402, Anm. 37. Der Rückverweis bezieht sich auf seine zuvor beschriebene kosmische Mantragestalt; dieser Ausschnitt enthält nicht die gesamte vorherige Ikonographie.

32.43

svayaṃsthito sthitiṃ kuryā trailokye tu na saṃśayaḥ ।
saṃhāraṃ tu sadā kuryād icchayā caiva saṃharet ॥

Übersetzung: In sich selbst gegründet bewirkt er das Bestehen der dreifachen Welt, ohne Zweifel. Er vollzieht auch ihre Auflösung; nach seinem Willen zieht er sie wieder ein.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 401–402, Anm. 37. Saṃhāra ist die kosmische Rücknahme der Schöpfung, keine Anweisung, Lebewesen zu schädigen.

32.44

dahyātmanaḥ punas sarvaṃ trailokyaṃ sacarācaram ।
sṛjate tu yadātmānaṃ trailokyaṃ sṛjate sadā ॥

Übersetzung: Nachdem [er] wiederum die ganze dreifache Welt mit dem Beweglichen und Unbeweglichen [in] sich verbrannt hat [?], erschafft er stets die dreifache Welt, wenn er sich selbst erschafft.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 401–402, Anm. 37. Der Beginn dahyātmanaḥ ist grammatisch schwierig; die erste Aussage wird versuchsweise wiedergegeben.

32.45

vāmayā sṛjate sarvaṃ raudryā caiva tu saṃharet ।
jeṣṭhayā ca sthitiṃ kuryā tritattvatanusaṃsthitaḥ ॥

Übersetzung: Durch Vama erschafft er alles, durch Raudri nimmt er es zurück, und durch Jeshtha bewirkt er sein Bestehen, gegenwärtig in einem Körper aus drei Wirklichkeitsprinzipien.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 401–402, Anm. 37. Diese drei Shaktis verkörpern die kosmischen Funktionen; ihre Namen werden nicht an andere Dreiersysteme angeglichen.

32.46

navāṃbhojakṛtāṃ mālāṃ śaktisūtreṇa bheditām ।
navagranthivibhāgena bibhrāṇo parameṣvaraḥ ॥

Übersetzung: Der höchste Herr trägt eine Girlande aus neun Lotosblüten, vom Faden der Shakti durchzogen und durch die neun Knoten gegliedert.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 402, Anm. 37. Die Lotusgirlande gehört hier zur Gestalt der Gottheit selbst.

Kapitel 39: Die Ströme der Offenbarung

Dieses vollständige Kapitel erklärt, wie ein gemeinsamer Ursprung des Wissens mit unterschiedlichen Ritualwegen und unterschiedlichen Voraussetzungen der Suchenden zusammengehört. Seine umfangreichen Schriftenlisten machen sichtbar, in welchem religiösen Umfeld sich das Brahma Yamala selbst verortet.

Textgrundlage: Hatley 2018, Sanskritedition S. 335–348, IAST-Anhang S. 593–600, Übersetzung und Kommentar S. 431–453.[8]

devy uvāca ॥

Die Göttin sprach:

39.1

yad uktaṃ dakṣiṇaṃ srotraṃ vāmañ caiva tathāparam ।
madhyamañ ca tathā srotaṃ coditaṃ pūrvvam eva hi ॥

Übersetzung: Du hast den rechten Überlieferungsstrom, ferner den linken und ebenso den mittleren Strom genannt und zuvor gelehrt.

Erläuterung: Die Göttin fragt. Srotas bezeichnet hier einen Strom der Offenbarung und die ihm zugeordneten Schriften. „Rechts“ und „links“ sind zunächst technische Namen dieser Einteilung.

39.2

dakṣiṇaṃ kena kāryena vāmaṃ kasmāc ca kāraṇāt ।
madhyamañ ca tathā caiva etad brūhi maheśvara ॥

Übersetzung: Zu welchem Zweck heißt einer „rechts“, aus welchem Grund der andere „links“? Und ebenso [warum heißt einer] „mittlerer“? Erkläre mir dies, Maheshvara.

39.3

yaṃ yasmin nirggataṃ srotraṃ tatra jātā yathārthataḥ ।
etad ācakṣva deveśa mantrabhedañ ca kiṃkṛtam ॥

Übersetzung: Welcher Strom ging woraus hervor, und was entstand jeweils darin? Lege dies wahrheitsgemäß dar, Herr der Götter; wodurch kam die Unterscheidung der Mantras zustande?

devovāca ॥

Der Gott sprach:

39.4

sādhu sādhu mahādevi yat tvayā pṛcchito hy aham ।
kathayāmi samāsena tatvabhedārthakāraṇam ॥

Übersetzung: Gut, gut, Mahadevi! Was du mich gefragt hast, werde ich kurz erklären: den Grund für die Unterscheidung der Wirklichkeitsprinzipien.

Erläuterung: Der Gott antwortet. Der Dialog setzt keine heutige Unterscheidung eines „guten rechten“ und „schlechten linken“ Tantra voraus.

39.5

śaktitrayaṃ samākhyātaṃ mantramūrttis tadāsanam ।
parāparasya devasya sarvvakāryārthasādhanam ॥

Übersetzung: Die drei Shaktis des Gottes, der jenseitig und zugleich gegenwärtig ist, sind genannt worden, ebenso ihre Mantragestalten und ihr Sitz, der die Ziele aller Unternehmungen verwirklicht.

Erläuterung: Parāpara verbindet Transzendenz und Gegenwart; gemeint ist nach dem Zusammenhang Sadashiva.

39.6

tābhir vyāptam idaṃ sarvvaṃ trailokyaṃ sacarācaram ।
paśūnāṃ patayaś caiva tābhir vyāptā na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Von ihnen ist diese ganze dreifache Welt mit dem Beweglichen und Unbeweglichen durchdrungen. Auch die Herren der gebundenen Seelen sind von ihnen durchdrungen, ohne Zweifel.

Erläuterung: Die Edition kennzeichnet die zweite Aussage als unsicher. Eine weitergehende Deutung bezieht die Durchdringung auf gebundene Seelen und ihre Herren gleichermaßen.

39.7

dakṣiṇādhiṣṭitaḥ kaścid vāmayādhiṣṭito ’paraḥ ।
madhyamādhiṣṭitaḥ kaścit tridhā jantur vyavasthitaḥ ॥

Übersetzung: Den einen bestimmt Dakshina, einen anderen Vama, wieder einen anderen Madhyama. So sind die Lebewesen dreifach geordnet.

39.8

satvādhikas tathā kaścit kaścic caiva rajodhikaḥ ।
tamodhikas tathā kaścic chaktibhedena saṃsthitaḥ ॥

Übersetzung: Bei dem einen überwiegt Sattva, bei einem anderen Rajas, bei wieder einem anderen Tamas. So sind sie gemäß der Unterscheidung der Shaktis beschaffen.

Erläuterung: Sattva, Rajas und Tamas sind die drei Gunas. Der Text verbindet sie mit einer eigenen Rangordnung von Überlieferungsströmen.

39.9

dakṣiṇādhiṣṭitaḥ śuddho miśro vāmāśrayas tathā ।
aśeṣamalasandoharañjito madhyamāśrayaḥ ॥

Übersetzung: Wen Dakshina bestimmt, der ist rein; wer sich auf Vama stützt, ist gemischt. Wer sich auf Madhyama stützt, ist von einer unermesslichen Ansammlung von Unreinheit eingefärbt.

Erläuterung: Mala ist hier eine bindende Unreinheit. Diese Aussage gehört zur konkurrierenden Selbsteinordnung tantrischer Lehrtraditionen, nicht zu einer Bewertung heutiger Menschen.

39.10

anekajanmakarmā ye kośīkāra ivāvṛtaḥ ।
tatsiddhibhājano yas tu sarvvakāmavivarjitaḥ ॥

Übersetzung: Diejenigen, die das Karma vieler Geburten tragen, sind wie eine Seidenraupe eingehüllt. Wer unter ihnen für Siddhi geeignet und von allen Wünschen frei ist, …

39.11

muktimātraṃ samāpnoti śaktipātā pracoditaḥ ।
madhyamā śodhitaḥ śaktyā nādyaśaktiḥ kadācana ॥

Übersetzung: … erlangt, vom Herabkommen der Shakti angetrieben, allein Befreiung. Er wird durch die mittlere Shakti gereinigt, niemals durch die ursprüngliche Shakti.

Erläuterung: Shaktipata bedeutet das Herabkommen der göttlichen Kraft. Die Wendung „allein Befreiung“ stellt Befreiung hier den zusätzlichen Siddhis gegenüber; die Zuordnung der reinigenden Shakti ist textlich unsicher.

39.12

bahir vrīhituṣeṇaiva viśliṣṭas tāṇḍulo yathā ।
kiñciccheṣamalāvastho vāmāśrayasamudbhavaḥ ॥

Übersetzung: Wie Reis, der äußerlich von der Hülle des Rohreises getrennt wurde, ist der aus Vamas Bereich Hervorgehende in einem Zustand, in dem ein wenig Unreinheit zurückbleibt.

39.13

tuṣakambūkarahito nirmalo kṣālanādinā ।
pākamātrakriyāpekṣī viśuddho dakṣiṇāśrayaḥ ॥

Übersetzung: Wer sich auf Dakshina stützt, ist vollkommen rein: wie Reis ohne äußere und innere Hülle, durch Waschen und dergleichen gereinigt, der nur noch des Garens bedarf.

39.14

pṛcchakāśrayabhedena tantrāṇāṃ kīrttanaṃ kṛtam ।
śuddhāśuddhavimiśrebhyaḥ tribhiḥ srotrair yathākramam ।
vinirggatāni tantrāṇi jñānaughād bhāṣitāni tu ॥

Übersetzung: Die Tantras werden entsprechend den verschiedenen Voraussetzungen der Fragenden verkündet. Aus dem Wissensstrom gingen die Tantras auf drei Wegen hervor; sie wurden der Reihe nach für die Reinen, die Unreinen und die Gemischten ausgesprochen.

Erläuterung: Dieser Originalvers hat sechs Versviertel. Die Verschiedenheit der Unterweisung wird mit der Verschiedenheit ihrer Empfänger erklärt.

39.15

no bhinnaṃ sarvvathā jñānaṃ kriyābhede sthitāni tu ।
śuddhāśuddhavimiśreṣu tantrāṇi varavarṇṇini ॥

Übersetzung: Das Wissen selbst ist in keiner Weise geteilt. Die Tantras unterscheiden sich jedoch in den Handlungen für die Reinen, die Unreinen und die Gemischten, o Schönfarbige.

39.16

jñānaughaḥ paramo yas tu tribhiḥ srotrair vinirggataḥ ।
vāmadakṣiṇamadhyastho nānābhedavyavasthitaḥ ॥

Übersetzung: Jener höchste Strom des Wissens ging durch drei Ströme hervor: im linken, rechten und mittleren [Bereich], in mannigfachen Unterscheidungen geordnet.

39.17

sapta koṭyās tu mantrāṇāṃ dakṣiṇāyā vinirggatāḥ ।
tam āśritya kriyābhede nānātantrapravistaraiḥ ॥

Übersetzung: Sieben Koti Mantras gingen aus dem rechten [Strom] hervor. Auf ihn stützen sich die weitläufigen Darlegungen vieler Tantras mit unterschiedlichen Ritualhandlungen.

Erläuterung: Eine Koti zählt zehn Millionen; sieben Koti sind siebzig Millionen. Die Zahl gehört zur traditionellen Darstellung einer unermesslich großen Offenbarung.

39.18

tatrāpi āśrayo bhinnaḥ śuddhāśuddhavimiśritaḥ ।
dakṣiṇāsrotramārgeṇa kriyābhedavyavasthitam ॥

Übersetzung: Auch dort unterscheiden sich die Voraussetzungen: rein, unrein und gemischt. Auf dem Weg des rechten Stromes, nach unterschiedlichen Ritualhandlungen geordnet, …

39.19

catuḥpīṭhaṃ samutpannaṃ tantraṃ bhairavasaṃjñitam ।
dakṣiṇasrotrasambhūtaṃ sarvvam asmād vinirggatam ॥

Übersetzung: … entstand das Tantra, das Bhairava heißt und vier Pithas besitzt. Alles, was aus dem rechten Strom entstanden ist, ging daraus hervor.

Erläuterung: Pitha bedeutet wörtlich „Sitz“; hier bezeichnet es eine Gruppe beziehungsweise einen Bereich von Tantras.

39.20

vāmasrotā tathā caiva vāmatantrādiko gaṇaḥ
saptakoṭis tu mantrāṇāṃ teṣām adhipatis tu saḥ ।
catuṣkayāgamārgeṇa kriyābhedapravistaraḥ ॥

Übersetzung: Ebenso [entsteht] aus dem linken Strom die Gruppe der Vama-Tantras und der übrigen. Er ist der Herr ihrer sieben Koti Mantras. Ihre Ausbreitung durch unterschiedliche Ritualhandlungen folgt dem Weg der Verehrung der Vierergruppe [?].

Erläuterung: Dieser sechsviertelige Vers ist teilweise unsicher. Catuṣka bezieht sich wohl auf eine Vierergruppe von Gottheiten.

39.21

madhyamasrotasambhūtam etan mantragaṇan tathā ।
†sā tatra jagajānān tu† asyā eva vinirggatam ॥

Übersetzung: Ebenso entstand diese Mantragruppe aus dem mittleren Strom. [Unverständliche Stelle:] Aus ihr allein ging sie hervor.

Erläuterung: Die von Kreuzen eingeschlossene Stelle bleibt unübersetzt; eine zusammenhängende sichere Lesung liegt nicht vor.

39.22

sārddhakoṭitrayan devi mantrāṇāṃ parisaṃkhyayā ।
madhyamasrotasambhūto evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: Dreieinhalb Koti Mantras, genau gezählt, o Göttin, entstanden aus dem mittleren Strom. So sprach Bhairava.

Erläuterung: Dreieinhalb Koti sind 35 Millionen.

39.23

navāṣṭakaṃ tathāvāpya sarvvasiddhāntajātakam ।
kriyāmantraprabhedena saṃsthitaṃ varavarṇṇini ॥

Übersetzung: Indem [dies] neunfach und achtfach wird [?], [entsteht] die ganze Gruppe der Siddhantas, o Schönfarbige, geordnet nach unterschiedlichen Ritualhandlungen und Mantras.

Erläuterung: Die Verbindung der Neuner- und Achterzahl mit dem Siddhanta-Korpus bleibt unsicher; sie wird nicht zu einer erfundenen Rechnung geglättet.

39.24

aṣṭāviṃśatibhedena bheditañ ca tathā punaḥ ।
śākhopaśākhabhedena prabhinnam vistareṇa tu ॥

Übersetzung: Weiter ist sie durch die Unterscheidung in achtundzwanzig [Tantras] gegliedert und ausführlich durch Äste und Nebenäste unterteilt.

39.25

kathitāni kathiṣyanti śrīkaṇṭhādyā gurūs tathā ।
śivabhedasthitāni syuḥ kāmikād varavarṇṇini ॥

Übersetzung: Sie wurden gelehrt, und die Gurus, beginnend mit Shrikantha, werden sie [weiter] lehren. Die zum Shiva-Zweig gehörigen [Tantras gehen] vom Kamika [aus], o Schönfarbige.

39.26

rudrabhedena cānyāni saṃsthitāni tathaiva ca ।
yatra bhede śivo yājyaḥ śivabhedas tu saḥ smṛtaḥ ॥

Übersetzung: Andere sind ebenso im Rudra-Zweig angeordnet. Der Zweig, in dem Shiva der zu Verehrende ist, gilt als Shiva-Zweig.

39.27

aṣṭāṣṭakavibhāgena yāni tantrāṇi suvrate ।
sthitāni rudrabhedena tathā saṃprakīrttitam ॥

Übersetzung: Die Tantras, die in acht mal acht Abteilungen im Rudra-Zweig stehen, o Treue im Gelübde, sind entsprechend bezeichnet worden.

Erläuterung: Acht mal acht sind 64. Die Klassifikationen dieses Kapitels decken sich nicht durchgehend mit später geläufigen Kanonlisten.

39.28

raudrayā coditenātha śrīkaṇṭhena mahāyaśe ।
dakṣiṇena tu vaktreṇa dakṣiṇasrotrasambhavam ॥

Übersetzung: Durch Shrikantha, angetrieben von Raudra, o Ruhmreiche, [entsteht] durch das rechte Gesicht die Offenbarung des rechten Stromes.

39.29

catuḥpīṭhaprabhedena śuddhāśuddhavibheditam ।
pṛcchakāśrayabhedena bahudhā saṃvyavasthitam ॥

Übersetzung: Sie ist in vier Pithas gegliedert und in rein und unrein unterschieden; den unterschiedlichen Voraussetzungen der Fragenden entsprechend ist sie vielfach geordnet.

39.30

vidyāśritāni yāni syu vidyāpīṭhaṃ varānane ।
mantrāśritāni yāni syu mantrapīṭhan tathaiva ca ॥

Übersetzung: Was auf Vidyas beruht, bildet das Vidyapitha, o Schönangesichtige. Was auf Mantras beruht, bildet ebenso das Mantrapitha.

Erläuterung: Vidya bezeichnet hier vor allem weibliche Mantraformen beziehungsweise Göttinnen; Mantra wird in der Gegenüberstellung enger auf männliche Mantragottheiten bezogen.

39.31

mudrāśritāni yāni syu mudrāpīṭhas tu suvrate ।
maṇḍalāpīṭhakāni syu maṇḍalaṃ pīṭha ucyate ।
vinirggatāni tantrāṇi kriyābhedena caiva hi ॥

Übersetzung: Was auf Mudras beruht, bildet das Mudrapitha, o Treue im Gelübde. Was zum Bereich der Mandalas gehört, wird Mandalapitha genannt. So gingen die Tantras mit unterschiedlichen Ritualhandlungen hervor.

Erläuterung: Sechs Versviertel. Mudra bezeichnet rituelle Gesten und Siegel; Mandala eine geordnete Darstellung des Gottheitenkreises.

39.32

svacchandabhairavam devi krodhabhairavam eva ca ।
unmattabhairavam devi tathā caivograbhairavam ॥

Übersetzung: [Dazu gehören] Svacchandabhairava, o Göttin, und Krodhabhairava, Unmattabhairava, o Göttin, und Ugrabhairava; …

Erläuterung: 39.32–42 enthält Namen von Schriften und Schriftengruppen. Diese Namen sind keine Rezitationsformeln.

39.33

kapālibhairavam caiva tathā jhaṅkārabhairavam ।
śekharañ ca tathā caiva vijayabhairavam eva ca ॥

Übersetzung: … Kapalibhairava und Jhankarabhairava, ferner Shekhara und Vijayabhairava; …

39.34

rudrayāmalam anyañ ca tathā vai skandayāmalam ।
brahmayāmalakaṃ caiva viṣṇuyāmalam eva ca ॥

Übersetzung: … außerdem Rudrayamala und Skandayamala, Brahmayamala und Vishnuyamala; …

39.35

yamayāmalakaṃ cānyaṃ vāyuyāmalam eva ca ।
kuberayāmalaṃ caiva indrayāmalam eva ca ॥

Übersetzung: … ferner Yamayamala und Vayuyamala, Kuberayamala und Indrayamala.

39.36

bhairavāṣṭakam etad dhi vidyāpīṭhād vinirggatam ।
yāmalāni tathā cāṣṭau nirggatāni na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Diese Achtzahl der Bhairava[-Tantras] ist aus dem Vidyapitha hervorgegangen. Ebenso gingen die acht Yamalas daraus hervor, ohne Zweifel.

39.37

caturbhedavibhinnāni śṛṇuṣvekāgramānasā ।
catuṣkaṣaṭkabhedas tu saptakaṃ navakan tathā ॥

Übersetzung: Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit von den in vier Gruppen gegliederten [Schriften]: der Vierer-, Sechser-, Siebener- und Neunergruppe.

Erläuterung: Die vier Zahlen bezeichnen Untergruppen des Vidyapitha; die anschließende Liste ist keine vollständige Auszählung aller Einzeltexte.

39.38

prapañcayoginījālaṃ yoginījālam eva ca ।
yoginīhṛdayañ caiva siddhā vai mantramālinī ॥

Übersetzung: [Es sind] Prapanchayoginijala und Yoginijala, Yoginihridaya, Siddha und Mantramalini; …

39.39

aghoreśī tathā caiva aghoreśvarīm eva ca ।
krīḍāghoreśvarī caiva lākinīkalpam eva ca ॥

Übersetzung: … Aghoreshi und Aghoreshvari, Kridaghoreshvari und Lakinikalpa; …

39.40

mārī caiva mahāmārī ugravidyāgaṇas tathā ।
bahurūpau dvidhā caiva aghorāstram tathaiva ca ॥

Übersetzung: … Mari, Mahamari, die Gruppe der furchtgebietenden Vidyas, die beiden Bahurupas und Aghorastra.

39.41

tantrāṇy etāni deveśī vidyāpīṭhād vinirggatāḥ ।
vīro ’tha bhairavaś caiva tathā vai caṇḍabhairavaḥ ॥

Übersetzung: Diese Tantras, Herrin der Götter, gingen aus dem Vidyapitha hervor. Sodann [folgen] Virabhairava und Chandabhairava; …

39.42

guḍikābhairavaś caiva mahāvīreśabhairavaḥ ।
etāni mantrapīṭhāni nirggatāni na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: … Gudikabhairava und Mahavireshabhairava. Diese gingen als [Schriften des] Mantrapitha hervor, ohne Zweifel.

39.43

yāvan mantragaṇo devi bhuktimuktiphalapradaḥ ।
jñānaughā nirggato jñeyo kriyābhede vyavasthitaḥ ।
mantrapīṭhād viniṣkrānta evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: Die gesamte Schar der Mantras, die als Früchte Erfahrung und Befreiung gewährt, o Göttin, ist aus dem Wissensstrom hervorgegangen und nach unterschiedlichen Ritualhandlungen geordnet. Man soll erkennen, dass sie aus dem Mantrapitha hervorgegangen ist. So sprach Bhairava.

Erläuterung: Sechs Versviertel. Bhukti umfasst hier die Erfahrung rituell erlangter Vollkommenheiten und Genüsse, Mukti die Befreiung.

39.44

mantramārgānusāreṇa mudrābhedasahasraśaḥ ।
sarvvasrotravibhāgena mudrā mantravivarjitāḥ ॥

Übersetzung: Dem Mantraweg folgend, in Tausenden unterschiedlicher Mudras und nach sämtlichen Strömen gegliedert, sind die Mudras ohne Mantras …

39.45

mudrāpīṭhe viniṣkrāntāḥ śivarudrādibhedataḥ ।
maṇḍalāni tu yāni syuḥ sarvvantatreṣu suvrate ॥

Übersetzung: … aus dem Mudrapitha hervorgegangen, nach Shiva-, Rudra- und weiteren Zweigen unterschieden. Die Mandalas, die es in allen Tantras gibt, o Treue im Gelübde, …

39.46

śivabhede tathā caiva rudrabhede tathaiva ca ।
sarvvāṇi maṇḍalā pīṭhā nirggatāni na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: … sowohl im Shiva-Zweig als auch im Rudra-Zweig: Sie alle gingen aus dem Mandalapitha hervor, ohne Zweifel.

39.47

sarvvakāmikam ādyan tu tathā yogodbhavaṃ priye ।
acintyaṃ kāraṇaṃ caiva ajitañ ca tathāparam ॥

Übersetzung: [Die Schriften] Sarvakamika als erste, sodann Yogodbhava, Geliebte, Acintya und Karana und ferner Ajita; …

39.48

dīptābhaṃ caiva sūkṣañ ca sāhasrañ ca tathaiva ca ।
aṃśumāṃ suprabhaṃ caiva śivabhedāḥ prakīrttitāḥ ॥

Übersetzung: … Diptabha, Sukshma, Sahasra, Anshumat und Suprabha: Sie werden als Shiva-Zweig bezeichnet.

Erläuterung: Die Titel bleiben in den hier überlieferten Formen; Varianten werden nicht stillschweigend an andere Kanonlisten angeglichen.

39.49

madhyamasrotrasambhūtā ūrddhvavaktrād vinirggatāḥ ।
vijayaṃ caiva niśvāsaṃ svāyambhuvam ataḥ param ॥

Übersetzung: Sie entstanden im mittleren Strom und gingen aus dem oberen Gesicht hervor. [Es folgen] Vijaya und Nishvasa, sodann Svayambhuva; …

Erläuterung: Hier wird Nishvasa innerhalb einer größeren shivaitischen Überlieferung genannt.

39.50

vāthulaṃ candrahāsañ ca rauravaṃ mākuṭaṃ tathā ।
vīreśañ ca tathāgneyam tataḥ ūrddhaṃ nibodhataḥ ॥

Übersetzung: … Vathula, Chandrahasa, Raurava und Makuta, Viresha und Agneya. Vernimm die darüber hinausgehenden [Titel]: …

39.51

candrajñānañ ca bimbañ ca prodgītaṃ lalitan tathā ।
siddhiṃ santānakaṃ caiva śarvvodgītam ataḥ param ॥

Übersetzung: … Chandrajnana und Bimba, Prodgita und Lalita, Siddhi und Santana, danach Sharvodgita; …

39.52

kiraṇañ ca mahādevi pārameśvaram eva ca ।
rudrabhedāḥ samākhyātāḥ śaktimacchaktyadhiṣṭitāḥ ॥

Übersetzung: … Kirana, Mahadevi, und Parameshvara. Sie werden als Rudra-Zweig bezeichnet, bestimmt von Shakti und dem Träger der Shakti.

Erläuterung: Der Ausdruck śaktimacchaktyadhiṣṭitāḥ wird auf Shakti und ihren Träger Shiva bezogen; die genaue syntaktische Fassung ist umstritten.

39.53

mantrāntare tathā proktā vidyāṣṭadaśa saṃkhyayā ।
tatvabhedā mahādevi śivajñānasya saṃśṛtāḥ ॥

Übersetzung: Weiter werden andere Mantras gelehrt: achtzehn Vidyas an der Zahl, Mahadevi, nach Wirklichkeitsstufen unterschieden und auf Shivas Wissen gegründet.

39.54

svarlokañ ca bhuvarlokaṃ bhūrlokaṃ tu bhuvis tathā ।
āgatasya mahādevi ete bhedāḥ prakīrttitāḥ ॥

Übersetzung: Die Himmelswelt, die Welt des Zwischenraumes, die Erdenwelt und das Wasser: Dies sind, Mahadevi, die genannten Unterteilungen des überlieferten [Wissens].

Erläuterung: Bhuvis ist ein ungewöhnlicher Ausdruck, den Hatley hier als Wasser deutet.

39.55

ṛṣibhis tu mahābhāgais tantrakalpavibhāvitaiḥ ।
śivajñānam samākhyātam ebhir devair na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Durch die hochbegnadeten Rishis, die von den Ritualanweisungen der Tantras erfüllt sind, und durch diese Gottheiten wurde Shivas Wissen gelehrt, ohne Zweifel: …

39.56

īśvaraś ca mahādevī ādāv eva hi suvrate ।
brahmā vai vīrabhadraś ca kumāraś ca tathāparaḥ ॥

Übersetzung: … zuallererst Ishvara und Mahadevi, o Treue im Gelübde, Brahma, Virabhadra und außerdem Kumara; …

39.57

nandīśvaras tathā caiva mahākālas tathaiva ca ।
nandīśvarapitā caiva uśanā ca bṛhaspatiḥ ॥

Übersetzung: … Nandishvara und Mahakala, Nandishvaras Vater, Ushanas und Brihaspati; …

39.58

dadhīciś ca kacaś caiva lakulīśas tathāparaḥ ।
caṇḍaś ca śataparṇṇaś ca sanatkumāram eva ca ॥

Übersetzung: … Dadhichi, Kacha und weiter Lakulisha, Chanda, Shataparna und Sanatkumara; …

39.59

viṣṇuś ca mahādevi parameśvaram eva ca ।
īśvaro vijayovāca devī niśvāsam eva ca ॥

Übersetzung: … Vishnu, o Mahadevi, und Parameshvara. Ishvara verkündete das Vijaya und die Göttin das Nishvasa.

Erläuterung: Im zweiten Halbvers beginnt die Zuordnung einzelner Schriften zu ihren Offenbarern. Die Rollen gehören zur religiösen Überlieferungsgeschichte, nicht zu nachgewiesener menschlicher Autorschaft.

39.60

brahmā svāyambhuvañ caiva vīrabhadras tathaiva ca ।
vīrabhadraṃ mahādevi provāca vidhivistaram ॥

Übersetzung: Brahma [verkündete] das Svayambhuva; Virabhadra, o Mahadevi, verkündete das Virabhadra mit seiner ausführlichen Darstellung der Ritualvorschriften.

39.61

āgneyañ ca kumāras tu nandī rauravam eva ca ।
mahākālaś ca mākoṭyaṃ candrabhāseti candramāḥ ॥

Übersetzung: Kumara [verkündete] das Agneya, Nandin das Raurava, Mahakala das Makotya und der Mondgott das Candrabhasa.

39.62

vīraṃ vai -r- uśanā caiva jñānaṃ cāṅgirasas tathā ।
mukhabimbaṃ dadhīciś ca prodgītaṃ kaca eva ca ॥

Übersetzung: Ushanas [verkündete] das Vira [?], Angiras das Jnana, Dadhichi das Mukhabimba und Kacha das Prodgita.

Erläuterung: Der eingeschobene Laut -r- ist eine nichtklassische Sandhi-Erscheinung der Vorlage und bleibt sichtbar.

39.63

lalitaṃ lalitā caiva caṇḍaḥ siddhiṃ prabhāṣata
śataparṇṇo ca santānaṃ kiraṇaṃ brahmaṇo ’bravīt ॥

Übersetzung: Lalita [verkündete] das Lalita; Chanda verkündete das Siddhi [?]. Shataparna [verkündete] das Santana, und Brahma sprach das Kirana aus.

Erläuterung: Die Zuordnung des Siddhi beruht auf einer als unsicher markierten Textverbesserung.

39.64

śarvvodgītaṃ tathā caiva viṣṇuḥ provāca suvrate ।
parameśvaras tathā caiva pārameśvaram uktavān ॥

Übersetzung: Vishnu verkündete das Sharvodgita, o Treue im Gelübde; Parameshvara sprach das Parameshvara aus.

39.65

ete tantrapraṇetāraḥ śivajñānasya pāragāḥ ।
tathā cānyā mahābhāgāḥ kumārādyāḥ śacīpatiḥ ॥

Übersetzung: Dies sind die Verkünder der Tantras, die Shivas Wissen vollkommen beherrschen. Ebenso [gibt es] weitere hochbegnadete [Lehrer], beginnend mit Kumara, und den Gemahl Shachis; …

Erläuterung: Der Gemahl Shachis ist Indra.

39.66

mantrasiddhās tathā caiva ṛṣayaś ca tapodhanāḥ ।
mantrakalpavido devi śivajñānasya pāragāḥ ॥

Übersetzung: … ferner durch Mantras Vollendete und Rishis, deren Reichtum Askese ist: Kenner der Mantra-Ritualanweisungen, o Göttin, die Shivas Wissen vollkommen beherrschen.

39.67

mantrapīṭhāt samākṛṣya mantrabhedair anekadhā ।
śivarudravibhāgena śivajñānam prakāśitam ॥

Übersetzung: Aus dem Mantrapitha herausgezogen, wurde Shivas Wissen durch vielfältige Mantraunterscheidungen nach dem Shiva- und dem Rudra-Zweig offenbart …

39.68

sthāpitañ ca mahādevi etair eva mahītale ।
koṭikoṭisahasraiś ca mantrāṇāṃ parisaṃkhyayā ॥

Übersetzung: … und durch eben diese [Lehrer], Mahadevi, auf der Erde begründet. Mit Mantras, deren Zahl sich auf Tausende und Abertausende von Koti beläuft, …

39.69

prakāśitāni tantrāṇi maṇḍalaiḥ saṃyutāni tu ।
devāsurās tathā daityā vidyādharagaṇās tathā ॥

Übersetzung: … wurden die Tantras zusammen mit ihren Mandalas offenbart. Götter und Asuras, Daityas und die Scharen der Vidyadharas, …

39.70

kinnarāpsarasaś caiva tathā kiṃpuruṣā -d- api ।
gandharvvayakṣarakṣāś ca piśācāḥ pannagās tathā ॥

Übersetzung: … Kinnaras und Apsaras, auch Kimpurushas, Gandharvas, Yakshas und Rakshasas, Pishachas und Schlangenwesen, …

Erläuterung: -d- ist ein zusätzlicher Sandhi-Konsonant der Vorlage. Die Namen bezeichnen verschiedene Klassen nichtmenschlicher Wesen.

39.71

manuṣyā yātudhānāś ca ṛṣayaś ca tapodhanāḥ ।
sarvve te mantrasiddhās tu teṣām āyus tu mantrajā ॥

Übersetzung: … Menschen, Yatudhanas und Rishis, deren Reichtum Askese ist: Sie alle sind durch Mantras Vollendete, und ihre Lebensdauer entsteht aus Mantra.

Erläuterung: Die Aussage über die aus Mantra stammende Lebensdauer ist eine traditionelle Wirkungszuschreibung.

39.72

mantrajāpavidhānena sarvve te sādhakāḥ smṛtāḥ ।
paratatvaṃ tato jñātvā muktis teṣāṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Durch die Übung der Mantrarezitation gelten sie alle als Sadhakas. Wenn sie danach die höchste Wirklichkeit erkennen, ist ihnen Befreiung gewiss.

39.73

madhyayā preritenātha ūrddhavaktreṇa suvrate ।
sarvvam etat samākhyātaṃ trividhāśrayabheditam ॥

Übersetzung: All dies wurde durch das obere Gesicht, angetrieben von Madhyama, verkündet, o Treue im Gelübde, entsprechend den drei unterschiedlichen Voraussetzungen.

39.74

vāmayā preritenātha vāmavaktreṇa caiva hi ।
śuddhāśuddhavimiśreṣu catuṣkāśritakāni tu ॥

Übersetzung: Durch das linke Gesicht, angetrieben von Vama, [wurden Schriften] für die Reinen, die Unreinen und die Gemischten [verkündet], die auf der Vierergruppe beruhen.

39.75

sanmohañ ca tathā proktaṃ nayañ caiva nayottaram ।
śaukraṃ caiva tathā proktaṃ vāmasrotrād vinirggatam ।
eteṣāṃ bahavo bhedāḥ †saṃśritā nirggame† sthitāḥ ॥

Übersetzung: Sanmoha wurde gelehrt, ferner Naya und Nayottara sowie Shaukra; sie gingen aus dem linken Strom hervor. Viele Unterteilungen von ihnen bestehen [in einem verderbten, nicht sicher verständlichen Zusammenhang].

Erläuterung: Sechs Versviertel. Der letzte Halbvers ist teilweise verderbt; die Ausgabe ersetzt ihn nicht durch eine erfundene Erklärung.

39.76

madhyamācoditenātha ūrddhavaktreṇa caiva hi ।
prakāśitāni tantrāṇi trividhe ’pi hi sādhake ॥

Übersetzung: Durch das obere Gesicht, angetrieben von Madhyama, wurden die Tantras für alle drei Arten von Sadhakas offenbart.

39.77

vāmamadhyamayā caiva coditena tathaiva hi ।
paścimena tu vaktreṇa bhāṣitāni tridhāśrayāḥ ॥

Übersetzung: Ebenso wurden sie durch das westliche Gesicht, angetrieben von Vama und Madhyama, ausgesprochen; ihre Voraussetzungen sind dreifach.

39.78

vāmamadhyamayā caiva coditena tathaiva ca ।
uktāni pūrvvavaktreṇa vedādīni tathāśrayāḥ ॥

Übersetzung: Ebenso wurden durch das östliche Gesicht, angetrieben von Vama und Madhyama, die Veden und die übrigen [Schriften] ausgesprochen; ihre Voraussetzungen sind ebenfalls [dreifach].

39.79

trividhāśrayavaśā devi pṛcchakecchā yathākramam ।
pūrvvavaktreṇa coktāni pūrvvāgneyadiśāśṛtam ।
aṣṭakaṃ tu samāśritya rudrabhedasthitāni tu ॥

Übersetzung: Gemäß den drei Voraussetzungen und entsprechend den Wünschen der Fragenden, o Göttin, wurden durch das östliche Gesicht [Tantras] des Rudra-Zweiges ausgesprochen, die auf der Achtzahl [der Rudras] im Osten und Südosten beruhen.

Erläuterung: Sechs Versviertel. Die Richtungsgruppen beziehen sich auf Rudra-Gottheiten; ihr Verhältnis zu den zuvor genannten Schriftentiteln ist nicht überall eindeutig.

39.80

dakṣiṇena tu vaktreṇa dakṣaṇairṛtake ’ṣṭake ।
saṃsthitāni hi tantrāṇi rudrabhede na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Durch das südliche Gesicht [wurden] die Tantras [verkündet], die im Rudra-Zweig bei der Achtzahl des Südens und Südwestens stehen, ohne Zweifel.

39.81

paścimena tu vaktreṇa paścimānilakāṣṭake ।
āśṛtāni ca tantrāṇi rudrabhede na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Durch das westliche Gesicht [wurden] die Tantras [verkündet], die im Rudra-Zweig bei der Achtzahl des Westens und Nordwestens stehen, ohne Zweifel.

39.82

uttareṇa tu vaktreṇa uttareśānakāṣṭake ।
rudrabhedāśṛtāni syur uktāni sādhakecchayā ॥

Übersetzung: Durch das nördliche Gesicht wurden nach dem Wunsch der Sadhakas [Tantras] des Rudra-Zweiges bei der Achtzahl des Nordens und Nordostens ausgesprochen.

39.83

ūrddhavaktreṇa deveśi trividhāśrayabhedataḥ ।
śivabhede sthitāni syur bhāṣitāni na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Durch das obere Gesicht, Herrin der Götter, wurden [Tantras] des Shiva-Zweiges entsprechend den drei unterschiedlichen Voraussetzungen ausgesprochen, ohne Zweifel.

39.84

coditena tathā caiva vāmadakṣiṇamadhyayā ।
adhasrotasthitāni syus tantrāṇi ca tathā punaḥ ॥

Übersetzung: Ebenso wurden, angetrieben von Vama, Dakshina und Madhyama, wiederum Tantras [ausgesprochen], die zum unteren Strom gehören: …

Erläuterung: Das in der Sanskritkonstruktion vorausgesetzte Gesicht wird hier nicht ausdrücklich genannt.

39.85

mākoṭañ ca vibhūtiñ ca avyayaṃ ca tathāparam ।
rudrabhedasthitāni syur kālāgnye ’dhiṣṭitāni tu ॥

Übersetzung: … Makota, Vibhuti und ferner Avyaya. Sie stehen im Rudra-Zweig und sind im Feuer der Zeit verankert.

39.86

tantratrayam adhasrotanirgataṃ varavarṇṇini ।
mākoṭe tantrakāni syu yāni tāni śṛṇuṣva me ॥

Übersetzung: Diese drei Tantras gingen aus dem unteren Strom hervor, o Schönfarbige. Höre von mir, welche Tantras zum Makota gehören: …

39.87

nārasiṃhavidhānan tu nidhānakṣetrakalpakāḥ
vivarāntargatā kalpā vārāhasya vidhis tathā ॥

Übersetzung: … die Anweisung zu Narasimha, die Ritualhandbücher für Schatzfelder, die Handbücher zum Eintritt in unterirdische Räume und die Vorschrift zu Varaha; …

Erläuterung: Die genannten „Schatzfelder“ sind textlich unsicher. Die Liste bezeichnet Ritualgattungen, nicht durchweg sicher identifizierte Einzeltitel.

39.88

pañcarātravidhānan tu vaikuṇṭhasya vidhis tathā ।
kulācārasamopetā evaṃ vai bhairavo ’bravīt ॥

Übersetzung: … die Anweisung zum Pancharatra und die Vorschrift zu Vaikuntha, versehen mit den Observanzen der Gottheitenfamilien. So sprach Bhairava.

39.89

garuḍasya vidhānan tu bhūtatantrādiko gaṇaḥ
oṣadhikalpajātañ ca rasāyanavidhis tathā ॥

Übersetzung: [Ferner] die Anweisung zu Garuda, die Gruppe der Bhuta-Tantras und der übrigen, die Gesamtheit der Handbücher über Heil- und Zauberpflanzen sowie die Vorschrift zur Alchemie.

Erläuterung: Rasayana bezeichnet hier alchemische Verfahrenslehren. Bhuta-Tantras behandeln Geistwesen.

39.90

pañca mantraśatāni syuś caturmūrttisthitāni tu ।
mākuṭaṃ tu samākhyātaṃ kālāgnye sampracoditam ॥

Übersetzung: Fünfhundert Mantras sind in den vier Gestalten [der Gottheit] gegenwärtig. Damit ist das Makuta dargelegt, das im Feuer der Zeit verkündet wurde.

39.91

ādimo jñānasandohas tribhiḥ srotrair vinirggataḥ ।
sadāśivena devena śrīkaṇṭhāya prabhāṣitam ॥

Übersetzung: Die ursprüngliche Fülle des Wissens ging in drei Strömen hervor. Der Gott Sadashiva sprach sie Shrikantha gegenüber aus.

39.92

sapādajñānasandohaḥ śrīkaṇṭhena mahāyaśe ।
daśasrotravibhāgena bhāṣitaṃ sādhakecchayā ॥

Übersetzung: Shrikantha verkündete die Wissensfülle von [hunderttausend Versen] und einem Viertel [davon], o Ruhmreiche, in zehn Ströme gegliedert, gemäß den Wünschen der Sadhakas.

Erläuterung: Die Zahlenauflösung zu 125.000 Versen folgt dem Überlieferungszusammenhang der Edition. Sie beschreibt eine vorgängige Wissenssammlung, nicht den erhaltenen Umfang des Brahma Yamala.

39.93

koṭikoṭipravistāraiḥ kalpakalpasahasrakaiḥ ।
pracodito mahādevi tadvidair bahudhā punaḥ ॥

Übersetzung: Die Kenner dieses [Wissens] trieben seine vielfältige Entfaltung weiter, Mahadevi, durch zahllose Erweiterungen und viele Tausende von Ritualhandbüchern.

Kolophon

iti brahmayāmale srotranirṇṇayapaṭalaḥ ekūnacatvāriṃśatimaḥ ॥ 39 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Brahmayamala das neununddreißigste Kapitel, die Bestimmung der Offenbarungsströme.

Kapitel 40: Das Gelübde der Schwertschneide

Dieses vollständig wiedergegebene Kapitel beschreibt Asidhārāvrata, eine anspruchsvolle Verbindung sexueller Nähe, Zurückhaltung und ritueller Konzentration. Es enthält auch Speisevorschriften, die außerhalb des Rahmens der begleitenden Praxisauswahl liegen. Die historische Beschreibung wird hier in ihrem Zusammenhang belassen.

Textgrundlage: Hatley 2018, Sanskritedition S. 349–354, IAST-Anhang S. 600–602, Übersetzung und Kommentar S. 455–467.[8]

40.1

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi asidhārāvratam mahān ।
sarvvasiddhipradaṃ proktaṃ sarvvayoginipūjitam ॥

Übersetzung: Nun werde ich das große Gelübde der Schwertschneide darlegen. Es wird als Spender aller Siddhis beschrieben und von allen Yoginis verehrt.

Erläuterung: Asidhārāvrata bedeutet wörtlich „Gelübde auf der Schwertschneide“. Die folgenden Verse beschreiben einen historischen Sexualritus mit Zurückhaltung des Samenergusses; ihre Wirkungsaussagen sind die des Textes.

40.2

pūrvvalakṣaṇasaṃyuktāṃ yoṣitāṃ suratocchukām ।
ativarūpasampannāṃ navayauvanadarppitām ॥

Übersetzung: [Er wähle] eine Frau, die die zuvor genannten Merkmale besitzt, nach Liebesvereinigung verlangt, von außerordentlicher Schönheit ist und vom Stolz ihrer frischen Jugend erfüllt ist; …

Erläuterung: Die Beschreibung der Ritualpartnerin erstreckt sich über 40.2–7. Hatley verweist auf die Voraussetzungen in 45.186–189.

40.3

hāsyalāsyavilāsinyāṃ vibhramādividhānakām ।
vastrālaṅkārasampannāṃ sarvvābharaṇabhūṣitām ॥

Übersetzung: … die sich an Lachen, Tanz und Liebesspiel erfreut, kokette Bewegungen und dergleichen beherrscht, mit Gewändern und Schmuck ausgestattet und mit allen Zierden geschmückt ist; …

40.4

hārakeyūramaṇikyamuktāvalisusaṃsthitām ।
yathāvibhavasamprāptāṃ svalpabhūṣaṇakāpi vā ॥

Übersetzung: … die mit Halsketten, Oberarmreifen, Edelsteinen und Perlenschnüren schön ausgestattet ist, wie es ihren Mitteln entspricht, oder auch nur wenig Schmuck trägt; …

40.5

sugandhamālyālaktāktā gandhapaṅkāṅkitā sadā ।
pīnonnatastanopetām ābhogaparimaṇḍalām

Übersetzung: … die mit duftenden Blütenkränzen und rotem Lack geschmückt [ist], stets Zeichen von duftender Salbe trägt und volle, hochstehende, gerundete Brüste hat; …

Erläuterung: Die Beschaffenheit des Blütenschmucks und die Beschreibung der Brustpartie sind textlich unsicher.

40.6

cūcukā sragdāmaśobhā saghanā tu payodharā ।
bhaktāñ caivānuraktāñ ca valayām uttamottamām ॥

Übersetzung: … deren Brustwarzen durch eine Blütenschnur geschmückt sind und deren Brüste fest sind; die voller Hingabe und Zuneigung ist, jung [?] und ganz vortrefflich; …

Erläuterung: Die unsichere Lesung valayām wird mit Hatleys Deutung versuchsweise auf Jugend bezogen.

40.7

prakṛtyā śīlasampannāṃ vidagdhāñ ca vilāsinīm ।
rājanayoṣitāṃ vāpi anyavarṇṇagatām api ॥

Übersetzung: … die von Natur aus einen guten Charakter besitzt, gewandt und liebreizend ist: eine Frau aus königlichem Stand oder auch aus einem anderen Varna.

40.8

tādṛgvidhopabhogaiś ca ātmānaṃ samalaṅkaret ।
vāmapārśve sthitāyān tu bahinyāsan tu kārayet ॥

Übersetzung: Mit ebensolchen Annehmlichkeiten soll er sich selbst schmücken. An der Frau, die sich zu seiner Linken befindet, soll er den äußeren Nyasa vollziehen.

Erläuterung: Nyasa ist das rituelle Einsetzen von Mantras und Gottheiten in Körperstellen. „Äußerlich“ bezeichnet hier den Körper der Partnerin im Unterschied zur inneren Vergegenwärtigung.

40.9

śarīre hastayor varjyaṃ svayāgotthaṃ vidhānavit ।
hṛdyāgapūrvvakaṃ nyāsaṃ tathātmani vikalpayet ॥

Übersetzung: Der mit dem Verfahren Vertraute [vollzieht den Nyasa] an ihrem Körper, unter Auslassung der Hände, entsprechend der Verehrung seiner selbst. Ebenso soll er den Nyasa an sich selbst vorstellen, nachdem er die Verehrung im Herzen vollzogen hat.

Erläuterung: Die Lesungen zur Auslassung der Hände und zur Herzensverehrung sind unsicher.

40.10

cumbanāliṅganaṃ kṛtvā bahirnyāsan tu kārayet ।
śaktipīṭhe nyāsaṃ kṛtvā āsane sthāpaye tu tām ।
cumbanāliṅganaṃ kṛtvā liṅgaṃ tatra vinikṣipet ॥

Übersetzung: Nach Küssen und Umarmungen soll er den äußeren Nyasa vollziehen. Nachdem er den Nyasa am Sitz der Shakti vollzogen hat, soll er sie auf den Sitz setzen. Nach Küssen und Umarmungen soll er dort sein Glied einführen.

Erläuterung: Dieser Originalvers hat sechs Versviertel. Der „Sitz der Shakti“ bezeichnet im Zusammenhang das weibliche Geschlechtsorgan; es handelt sich nicht nur um ein abstraktes Symbol.

40.11

nityanaimittikaṃ kāmyaṃ japaṃ kuryād avagrahe ।
nirācārapadāvastho vyomārṇṇavanisevakaḥ ॥

Übersetzung: Während der Zurückhaltung soll er die regelmäßigen, die an besondere Anlässe gebundenen und die auf bestimmte Ziele gerichteten Mantrarezitationen vollziehen. Dabei verweilt er im Zustand jenseits der Verhaltensordnungen und vertieft sich in den Ozean des Raumes.

Erläuterung: Avagraha bezeichnet hier sexuelle Zurückhaltung; kṣobha in den folgenden Versen die Entladung beziehungsweise den Orgasmus. Der „Ozean des Raumes“ ist eine meditative Vergegenwärtigung, keine Atemvorschrift.

40.12

pramādād yadi kṣobho syāt svayam eva akāritaḥ ।
japed daśasahasrāṇi tatvayuktas tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Falls sich durch Unachtsamkeit von selbst, ohne absichtliches Herbeiführen, eine Entladung ereignet, soll der Sadhaka, auf die Wirklichkeit ausgerichtet, zehntausend Rezitationen vollziehen.

40.13

cumbanāliṅganaiś caiva sītkāraiḥ savilāsakaiḥ ।
paratatvāvalokī ca kṣobhaṃ naiva samācaret ॥

Übersetzung: Auch bei Küssen, Umarmungen und spielerischen Lustlauten soll er die höchste Wirklichkeit im Blick behalten und keine Entladung herbeiführen.

40.14

āhnikānāntarālan tu kriyāyāḥ prerayed budhaḥ ।
pūrvvoktena vidhānena āhnikāni tu kārayet ॥

Übersetzung: Der Einsichtige soll die Handlung für die regelmäßig vorgeschriebenen Riten unterbrechen. Diese Riten soll er nach dem zuvor erklärten Verfahren vollziehen.

40.15

madhyāhne cāhnikāṃ tatra karttavyaṃ sādhakena tu ।
tṛtīyasavanaṃ kṛtvā bhojanāñ ca samārabhet ॥

Übersetzung: Zur Mittagszeit soll der Sadhaka dort den zugehörigen Ritus vollziehen. Nach dem dritten Tagesritus soll er mit dem Essen beginnen.

40.16

niveditan tu devīnāṃ āmiṣaṃ caiva bhakṣayet ।
anyonyamukhadānena bhakṣayeta vidhānato ॥

Übersetzung: Er soll das den Göttinnen dargebrachte Fleisch verzehren. Der Vorschrift gemäß sollen sie es essen, indem sie einander von Mund zu Mund speisen.

40.17

bhakṣaṃ bhakṣayato prājño mukhāmukhe na saṃśayaḥ ।
tṛṣitas tu pibed vāri śaucaṃ naiva samācaret ॥

Übersetzung: Der Kundige soll die Speise gewiss von Mund zu Mund essen lassen [?]. Wenn er durstig ist, soll er Wasser trinken; eine Reinigung soll er nicht vornehmen.

Erläuterung: Die erste Vershälfte ist grammatisch unsicher. Śauca kann Reinigung bezeichnen; der konkrete Umfang des hier untersagten Reinigungsvorgangs bleibt unbestimmt.

40.18

abhiṣekaṃ tathā śakti bahi niṣkramya kārayet
nityavrataṃ tu niṣkramya tayā sārddhaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Ebenso soll er die Shakti, nachdem sie hinausgegangen ist, die Waschung vollziehen lassen [?]. Nachdem er hinausgegangen ist, soll er gemeinsam mit ihr das regelmäßige Gelübde befolgen.

Erläuterung: Die syntaktische Zuordnung von abhiṣeka und śakti ist unsicher; die Übersetzung folgt versuchsweise dem Kontext und Hatleys Erläuterung.

40.19

sakhāyair dūrasaṃsthais tu veṣṭitaḥ svāyudhodyataiḥ ।
dhyānaṃ japan tathā kṛtvā devāgāraṃ tato vrajet ॥

Übersetzung: Umgeben von Gefährten, die in einiger Entfernung mit erhobenen eigenen Waffen bereitstehen, soll er Meditation und Rezitation vollziehen und dann zum Heiligtum zurückkehren.

40.20

maunī dhyānaparo mantrī śaktivarjaṃ samācaret ।
tayā saha svapen mantrī ekatraivāśrito bhuvi ॥

Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende soll sich schweigend, der Meditation hingegeben, ohne die Shakti bewegen. Er soll mit ihr zusammen auf dem Erdboden schlafen, beide am selben Ort.

40.21

anyonyāliṅganai nityaṃ vilāsādibhi ceṣṭitaiḥ ।
tāmbūlaṃ bhakṣayen nityaṃ anyonyādānam ācaret ॥

Übersetzung: Stets sollen sie einander umarmen und sich in spielerischer Zuwendung bewegen. Sie sollen stets Betel kauen und einander damit speisen.

40.22

sanmukha tu svapen nityaṃ na kadācit parāṅmukhau ।
kṣobhan tu rakṣayen nityaṃ nirācārapade sthitaḥ ॥

Übersetzung: Sie sollen stets einander zugewandt schlafen, niemals voneinander abgewandt. Im Zustand jenseits der Verhaltensordnungen verweilend soll er sich stets vor der Entladung hüten.

40.23

svayaṃ druto japaṃ kuryād daśasāhasrakaṃ budhaḥ ।
kāmato kṣobham āyāti prāyaścittam samācaret ॥

Übersetzung: Ist [der Samen] von selbst abgeflossen, soll der Einsichtige zehntausend Rezitationen vollziehen. Gelangt er absichtlich zur Entladung, soll er einen Sühneritus ausführen.

40.24

ekāhenāmaithunena māsena varavarṇṇini ।
asidhāraṃ punaḥ kuryād asidhāravrate vidhau ॥

Übersetzung: Nach einem Tag ohne geschlechtliche Vereinigung soll er, o Schönfarbige, das Gelübde der Schwertschneide erneut einen Monat lang nach dessen Vorschrift vollziehen.

Erläuterung: Die Lesung ekāhenāmaithunena wird mit der Edition als ein Tag ohne Vereinigung verstanden, nicht als ein Tag mit wiederholtem Geschlechtsverkehr.

40.25

māsam ekaṃ caren mantrī saṃyato dhyānatatparaḥ ।
māsena khecarās tasya ātmānaṃ darśayanti hi ॥

Übersetzung: Einen Monat lang soll der Mantra-Praktizierende [das Gelübde] befolgen, beherrscht und ganz auf Meditation gerichtet. Nach einem Monat zeigen ihm die Himmelswandernden sich selbst.

Erläuterung: Khecara/Khecari bezeichnet hier die himmlischen beziehungsweise den Raum durchwandernden Göttinnen. Die Zeitangabe ist eine traditionelle Verheißung innerhalb des Ritus.

40.26

evaṃ māsan tu sañcārī yaḥ punaḥ kṣobham ācaret ।
icchayā darppasāmarthyāt punar māsaṃ vrataṃ caret ॥

Übersetzung: Wer dieses Gelübde so einen Monat lang befolgt und dann aus eigenem Wunsch, angetrieben von Übermut, wieder eine Entladung herbeiführt, soll das Gelübde erneut einen Monat lang befolgen.

40.27

anena kramayogena avrataghnas tu sādhakaḥ ।
māsadvayaṃ trimāsaṃ vā cāturmāsyam athāpi vā ॥

Übersetzung: Nach dieser abgestuften Ordnung soll der Sadhaka, ohne das Gelübde zu brechen, zwei Monate, drei Monate oder auch vier Monate …

40.28

pañcaṣaṭmāsikaṃ yāva care dhyānaparāyaṇaḥ ।
pratimāsā bhavet tasya uttamā divyagocarā

Übersetzung: … bis zu fünf oder sechs Monaten [das Gelübde] befolgen, der Meditation hingegeben. Nach jedem Monat wird ihm eine höhere göttliche [Siddhi] zuteil [?].

Erläuterung: Die Aussage zu den monatlichen Ergebnissen beruht auf einer unsicheren Textverbesserung.

40.29

ṣaṭmāsena prajāyeta aṇimādiguṇānvito ।
samāgamaṃ sahaivātra khecarīnāṃ samāgamam ॥

Übersetzung: Nach sechs Monaten wird er mit den Fähigkeiten der Kleinheit und den übrigen ausgestattet. Hier kommt es zugleich zur Begegnung – zur Vereinigung mit den Khecharis.

Erläuterung: Anima ist die Fähigkeit, sich winzig klein zu machen; der Text spielt auf die acht klassischen übernatürlichen Siddhis an. Die Wiederholung von samāgama bleibt erhalten.

40.30

etan mantrī sadā kuryā siddhihetau na saṃśayaḥ ।
siddhikalpoktato vā tu karmakalpoktato ’tha vā ॥

Übersetzung: Für das Erlangen von Siddhi soll der Mantra-Praktizierende dies stets befolgen, ohne Zweifel: entweder gemäß den Angaben des Siddhikalpa oder gemäß denen des Karmakalpa.

Erläuterung: Siddhikalpa und Karmakalpa bezeichnen besondere Ritualanweisungen. Die erste Bezeichnung steht in einer textlich unsicheren Wendung.

40.31

asidhāraṃ caren mantrī tālako miśrako ’pi vā ।
carubhojī care hy etat tadviśeṣavidhisthitaḥ ॥

Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende soll die Schwertschneide befolgen, sei er ein Talaka oder ein Mishraka. Auch der Charubhojin soll sie befolgen, wobei er die für ihn besonderen Vorschriften einhält.

Erläuterung: Talaka, Mishraka („Gemischter“) und Charubhojin („Esser der Opfergrütze“) sind im Werk unterschiedene Gruppen von Sadhakas, die verschiedenen Disziplinen folgen.

40.32

rātrau vāpi śayen mantrī kṣiptvā liṅgaṃ bhage ’tha vā ।
kṣobhaṃ na kārayet tatra dhyānayuktaḥ sadā bhavet ॥

Übersetzung: Oder der Mantra-Praktizierende soll nachts schlafen, nachdem er sein Glied in die Vagina eingeführt hat. Dabei soll er keine Entladung herbeiführen; stets soll er in Meditation verbunden sein.

40.33

etac ca asidhāran tu duścaraṃ tridaśair api ।
nānena rahitā siddhiḥ sarvvakalpeṣu gīyate ।
tasmāt sarvvaprayatnena asidhāraṃ cared budhaḥ ॥

Übersetzung: Dieses Gelübde der Schwertschneide ist sogar für die Götter schwer zu befolgen. Ohne es gibt es keine Siddhi: So wird es in allen Kalpas verkündet. Deshalb soll der Einsichtige mit aller Anstrengung die Schwertschneide befolgen.

Erläuterung: Auch dieser Originalvers besteht aus sechs Versvierteln. Die behauptete Unverzichtbarkeit gehört zur Selbstdarstellung dieses Ritus.

Kolophon

iti brahmayāmale asidhāravratapaṭalaś catvāriṃśatimaḥ ॥ 40 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Brahmayamala das vierzigste Kapitel, das Kapitel über das Gelübde der Schwertschneide.

Kapitel 44: Das meditative Spiel – 44.2–3 und 44.8

Dieser Abschnitt enthält ausschließlich die im wissenschaftlichen Aufsatz von Hatley vollständig zitierten Originalverse. Die Zwischenräume in der Nummerierung bezeichnen hier nicht übersetzte Textteile, nicht verlorene Verse. Es liegt keine vollständige Edition dieses Kapitels vor.

Textgrundlage: Hatley 2020; die exakten Seiten und Anmerkungen sind bei jedem Vers genannt.[10]

Ergänzende heutige Meditation: „Aktiviere deine Chakren und meditiere mit Sukadev“. Dieses Video bietet eine heutige Yoga-Vidya-Anleitung; es stellt nicht das im Sanskrit beschriebene Kridakarma nach.

44.2

hṛddeśe kamalaṃ dhyātvā vyomapaṅkajasaṃyutaṃ ।
bindumadhye nyase ’tmānaṃ viśvadeham ayaṃ śubhaṃ ॥

Übersetzung: Nachdem man im Herzbereich einen Lotos meditiert hat, verbunden mit dem Lotos des Raumes, soll man sich selbst in die Mitte des Bindu setzen: diese glückverheißende Gestalt, deren Körper das All ist.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 405, Anm. 52. Nyase ’tmānaṃ ist eine Textverbesserung. Die Trennung viśvadeham ayaṃ folgt dem Druck. Bindu bezeichnet einen meditativen Punkt beziehungsweise eine verdichtete Gegenwart; daraus folgt keine konkrete Atemanweisung.

44.3

śaktibhiḥ kiraṇopetaṃ tārāṣṭakavibhūṣitaṃ ।
taṃ dhyāyet paramaṃ rūpaṃ bindulīnaṃ śivātmakaṃ ॥

Übersetzung: Man soll jene höchste Gestalt meditieren, strahlend mit den Shaktis, geschmückt mit einer Achtzahl von Sternen, in den Bindu eingegangen und ihrem Wesen nach Shiva.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 405, Anm. 52. Die Achtzahl von Sternen wird nicht ohne Beleg in acht bestimmte moderne Chakras oder psychologische Eigenschaften umgedeutet.

44.8

antarīkṣe tathā bhūmau pātāleṣu ca dehiṣu ।
anya-m-anyeṣu rūpeṣu vicaren nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Im Luftraum, auf der Erde, in den Unterwelten und in verkörperten Wesen soll er in jeweils anderen Gestalten umhergehen können; daran besteht kein Zweifel.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 405, Anm. 52. Der Text schreibt der vorherigen Meditation diese außergewöhnliche Fähigkeit zu. Die dazwischenliegenden Verse 44.4–7 sind in der hier verwendeten Quelle nicht vollständig ediert wiedergegeben.

Kapitel 45: Die Disziplin des Sadhaka

Dieses umfangreiche Kapitel ist mit allen 674 Originalnummern wiedergegeben. Es verbindet vorbereitende Mantrapraxis mit innerer und äußerer Verehrung, Paarritualen, verschiedenen Stufen von Siddhi und unterschiedlichen Lebensregeln für Praktizierende. Es beschreibt auch Verfahren zur Schau früherer Geburten. Historische Opferstoffe sowie schädigende Anwendungen bleiben im Haupttext sichtbar; sie gehören nicht in die begleitende Praxisauswahl.

Textgrundlage: Kiss 2015, Band II, Sanskritedition S. 128–174 (45.1–674), mit der zugehörigen wissenschaftlichen Teilübersetzung und dem Kommentar im selben Band.[9]

Göttinnenverehrung bildet den Horizont der Sadhaka-Disziplin. Diese spätere Bhairavi-Darstellung ist kein Beleg für die genaue historische Gestalt des Rituals.

devy uvāca ।

Die Göttin sprach:

45.1

sādhakas tu tridhā proktaḥ kathaṃ me brūhi lakṣaṇam ।
kīdṛśā tasya ceṣṭā vai tasya kīdṛśa lakṣaṇam ॥

Übersetzung: Der Sadhaka wird als dreifach bezeichnet. Wie ist das zu verstehen? Nenne mir seine Merkmale. Wie ist seine Lebensführung, und welche Kennzeichen besitzt er?

Erläuterung: Die Göttin fragt. Das Kapitel beschreibt unterschiedliche Voraussetzungen und Lebensordnungen der Sadhakas.

45.2

ācāras tu samācakṣva siddhiś caiva tridhā sthitā ।
bhojanaṃ kīdṛśaṃ tasya trividhasyāpi sammatam ॥

Übersetzung: Erkläre seine Verhaltensordnung und die drei Arten der Siddhi. Welche Nahrung gilt jeweils für die drei Arten [von Sadhakas] als angemessen?

45.3

adhamā madhyamā caiva uttamā ca kathaṃ bhavet ।
etad ācakṣva deveśa sādhakānāṃ hitāya vai ॥

Übersetzung: Wie entstehen die niedrige, die mittlere und die höchste [Siddhi]? Lege dies dar, Herr der Götter, zum Wohl der Sadhakas.

bhairava uvāca ।

Bhairava sprach:

45.4

sādhu sādhu mahābhāge sādhakānāṃ tu lakṣaṇam ।
kathayāmi samāsena siddhiś caiva tridhā sthitā ॥

Übersetzung: Gut, gut, Hochbegnadete! Ich werde die Merkmale der Sadhakas und die dreifach unterschiedenen Siddhis in Kürze erklären.

Erläuterung: Bhairava antwortet.

45.5

śuddhāśuddho ’tha miśraś ca sādhakās tu tridhā sthitā ।
teṣāṃ siddhir yathā devi tat pravakṣyāmi tattvataḥ ॥

Übersetzung: Rein, unrein und gemischt: So sind die Sadhakas dreifach geordnet. Wie sie jeweils Siddhi erlangen, Göttin, werde ich wahrheitsgemäß darlegen.

45.6

dīkṣāyā japahomaiś ca śuddhakāyo ’nyajanmani ।
samayabhraṣṭo na sidhyeta punarjanmam avāpnuyāt ॥

Übersetzung: In einem früheren Leben wurde sein Körper durch Initiation, Rezitation und Feueropfer gereinigt. [Doch] er fiel von den Samayas ab, erreichte keine Vollendung und wurde wiedergeboren.

Erläuterung: Samayas sind die mit der Initiation verbundenen Verpflichtungen. Die folgenden Klassenbezeichnungen beschreiben im Text eine Vorgeschichte über mehrere Leben, keine einfache moralische Bewertung.

45.7

†śuddhāśuddha† iti khyāta aśuddham procyate ’dhunā ।
anyajanmani na prāptaḥ samayo ’pi varānane ॥

Übersetzung: Er wird als „rein-unrein“ [?] bezeichnet. Nun wird der Unreine erklärt: In einem früheren Leben hatte er nicht einmal die Samayas empfangen, o Schönangesichtige.

Erläuterung: Die Bezeichnung śuddhāśuddha („rein-unrein“) widerspricht hier der Einteilung. Kiss markiert sie als verderbt; an dieser Stelle wäre „rein“ zu erwarten. Der Widerspruch bleibt sichtbar.

45.8

jātaḥ śaktinipātas tu iha janme śivecchayā ।
sa aśuddha-m-iti khyāto dīkṣāsaṃskāraśodhitaḥ ॥

Übersetzung: Doch in diesem Leben ereignete sich durch Shivas Willen das Herabkommen der Shakti. Er wird „unrein“ genannt und ist durch den Initiationsritus gereinigt worden.

45.9

sidhyate hy avicāreṇa nijamārgeṣv avasthitaḥ ।
anyajanmani samprāptaṃ dīkṣāmātram varānane ॥

Übersetzung: Er gelangt ohne Zweifel zur Vollendung, wenn er auf seinem eigenen Weg bleibt. [Der Gemischte] hatte in einem früheren Leben lediglich die Initiation empfangen, o Schönangesichtige.

45.10

kiṃcij japaṃ samāpnoti punajanmam sa miśrakam ।
śuddhas tu tālakaḥ proktaṃ-ś-carubhojī tv aśuddhakaḥ ॥

Übersetzung: Er vollzieht ein wenig Rezitation und wird wiedergeboren: Er ist der Gemischte. Der Reine wird Talaka genannt, der Unreine hingegen Charubhojin.

Erläuterung: Charubhojin bedeutet „Esser der Opfergrütze“. Die drei Bezeichnungen werden später in Kapitel 45 genauer entfaltet.

45.11

śuddhāśuddho bhaven miśraṃ sādhakas tu na saṃśayaḥ ।
lakṣaṇaṃ kathitaṃ samyak trividhasyāpi suvrate ॥

Übersetzung: Der aus rein und unrein gemischte Sadhaka ist der Gemischte, ohne Zweifel. Damit sind die Merkmale aller drei Arten richtig erklärt, o Treue im Gelübde.

45.12

vidhiś ca procyate tasya trividhasyāpi sādhake ।
adhikāro bhave hy eta dvividhaṃ sādhakasya tu ॥

Übersetzung: Nun werden die Verfahren für alle drei Arten von Sadhakas gelehrt. Die Berechtigung des Sadhaka ist dabei zweifach.

Erläuterung: Die zweifache Berechtigung wird nicht mit der zuvor genannten Dreiteilung gleichgesetzt.

45.13

trividhasyāpi vai devi snānapūrvaṃ vadāmy aham ।
astreṇa śodhayitvā tu mṛdāṃ gṛhya śucisthitaḥ ॥

Übersetzung: Für alle drei Arten werde ich, o Göttin, [die Verfahren] beginnend mit dem Bad erklären. Er soll, in Reinheit verweilend, Erde nehmen und sie mit dem Astra reinigen.

Erläuterung: Astra, „Waffe“, bezeichnet hier ein bestimmtes Schutz- beziehungsweise Abwehrmantra, nicht ein ausgeschriebenes Mantra in diesem Vers.

45.14

tuṣakeśāsthi vajyeta kṛmikiṭavivarjitaḥ ।
karparāṅgāravajyaṃ tu khatvā mantrī śubhau bhuvi ॥

Übersetzung: Er soll Hülsen, Haare und Knochen entfernen; [die Erde soll] frei von Würmern und Insekten, Tonscherben und Holzkohle sein. Der Mantra-Praktizierende soll sie an einem günstigen Stück Boden ausgraben.

Erläuterung: Die genaue Reihenfolge von Ausgraben, Aussortieren und Waschen ist in der Formulierung nicht ganz eindeutig.

45.15

kṣālayitvā tu taṃ sthāpya pradeśaṃ mṛttikā tataḥ ।
bhāgadvayaṃ tathāstreṇa prokṣayitvātha kārayet ॥

Übersetzung: Nachdem er sie gewaschen hat, soll er die Erde an einer Stelle niederlegen. Er soll sie mit dem Astra besprengen und in zwei Teile teilen.

45.16

aparā mṛttikāṃ gṛhya kaṭipādāñ ca kṣālayet ।
astrajaptaṃ tu vai kṛtvā bhāgam ekaṃ tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Er soll weitere Erde nehmen und Hüftbereich und Füße waschen. Über einen Teil soll der Sadhaka den Astra rezitieren.

45.17

śarīraṃ guṇṭhayitvā tu jalaś caivābhimantrayet ।
mantrayitvā tu tāṃ sarvāṃ malasnānam samācaret ॥

Übersetzung: Nachdem er den Körper umhüllt hat, soll er das Wasser mit Mantras versehen. Nachdem er über das Ganze die Mantras gesprochen hat, soll er das reinigende Bad vollziehen.

Erläuterung: Die Umhüllung ist mantrisch gemeint. Der Bezug von „das Ganze“ ist unsicher und wird im Editionskommentar wohl auf den Erdanteil bezogen.

45.18

ācamya ca śikhāṃ baddhvā nyāsaṃ kṛtvā svakīyakam ।
dvitīyaṃ bhāga saṃgṛhya dakṣahastasthitaṃ tataḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er Wasser geschlürft, den Haarknoten gebunden und seinen eigenen Nyasa vollzogen hat, soll er den zweiten Teil [der Erde] in die rechte Hand nehmen.

45.19

tribhāgabhājitaṃ kṛtvā ekam astreṇa kṣālayet ।
dvitīyaṃ smaraṇenaiva vidyājaptaṃ tṛtīyakam ॥

Übersetzung: Er soll diesen in drei Teile teilen und einen mit dem Astra reinigen, den zweiten mit dem Smarana und den dritten durch Rezitation der Vidya.

Erläuterung: Smarana und Vidya sind festgelegte Mantraformen. Sie werden hier mit Namen genannt und nicht neu zusammengesetzt.

45.20

sarvayāgena tāṃ mantrā sāṅgopāṅgāni vinyaset ।
saptarūpāṇi coccārya sarveṣāṃ mantragaṇaṃ smṛtam ॥

Übersetzung: Zusammen mit dem ganzen Gottheitenkreis soll er diese Mantras mit ihren Gliedern und Nebengliedern einsetzen. Nachdem er die sieben Gestalten ausgesprochen hat, [ist damit] die Mantragruppe aller [Gottheiten?] bezeichnet.

Erläuterung: Die genaue Beziehung der sieben Formen zur Gesamtheit des Gottheitenkreises bleibt unklar.

45.21

astrajaptaṃ tato gṛhya dikṣu-ś-caiva daśāsv api ।
uccāṭanārthaṃ vighnānāṃ kṣiped astreṇa mantravit ॥

Übersetzung: Dann soll der Mantrakundige den mit dem Astra besprochenen [Erdteil] nehmen und ihn mit dem Astra in alle zehn Richtungen werfen, um die hindernden Wesen zu vertreiben.

Erläuterung: Mit „hindernden Wesen“ sind Vighnas des rituellen Umfelds gemeint. Der Abschnitt beschreibt deren magisch gedachte Vertreibung.

45.22

nārācāstraprayogeṇa astradhyāyī samāhitaḥ ।
vighnānāṃ digvidiksthānāṃ khasthānāṃ ca na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Gesammelt, das Astra meditierend, soll er die Anwendung der eisernen Pfeilwaffe [vollziehen], gegen die hindernden Wesen in den Haupt- und Zwischenrichtungen und im Luftraum, ohne Zweifel.

45.23

jalasthāneṣu mantrajña uccāṭaṃ samprayojayet ।
śivajaptaṃ tato gṛhya śivatīrthaṃ prakalpayet ॥

Übersetzung: Auch an den Wasserstellen soll der Mantrakundige die Vertreibung anwenden. Dann soll er den mit Shivas [Mantra] besprochenen [Erdteil] nehmen und einen Badeplatz Shivas vergegenwärtigen.

45.24

vidyājaptaṃ tato gṛhya śarīraṃ guṇṭhayet tayā ।
guṇṭhayitvā tato ’tmānaṃ tīrtheṣu daṇḍavat plavet ॥

Übersetzung: Den mit der Vidya besprochenen [Teil] soll er nehmen und mit ihr seinen Körper umhüllen. So umhüllt soll er sich lang ausgestreckt wie ein Stab in das Badewasser begeben.

Erläuterung: Daṇḍavat bedeutet wörtlich „wie ein Stab“. Die englische Übersetzung des Bandes umschreibt dies mit „wie ein Stein“; hier bleibt das Sanskritbild erhalten.

45.25

udghṛṣyayitvā-m-aṅgāni tataḥ snānaṃ samācaret ।
snigdhena prathamaṃ mardyaḥ sugandhodvartanai tathā ॥

Übersetzung: Nachdem er seine Glieder abgerieben hat, soll er das Bad vollziehen. Zuerst soll er mit einer fetthaltigen Substanz eingerieben werden, dann mit duftenden Einreibemitteln.

Erläuterung: Der Text nennt eine fetthaltige Substanz, identifiziert sie jedoch nicht eindeutig. Es wird kein unbelegtes pflanzliches Öl ergänzt.

45.26

kvacit snehaṃ vivarjan tu sugandhāmalakais tathā ।
cakravartyopacāreṇa snānaṃ kṛtvā tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Wenn er Fett beziehungsweise Öl meidet, [verwende er] duftende Amalaka-Früchte. Der Sadhaka soll das Bad mit den Ehrendiensten für einen Weltenherrscher vollziehen.

Erläuterung: Amalaka ist die indische Stachelbeere. Die Bezugnahme auf einen Weltenherrscher (Chakravartin) bezeichnet die feierliche Qualität der Behandlung.

45.27

kaṅkatādibhi saṃkaṭya śikhāṃ baddhvā tathācamet ।
nyāsaṃ kṛtvā yathānyāyaṃ śaktiṃ tatra vicintayet ॥

Übersetzung: Mit einem Kamm und dergleichen soll er [das Haar] zusammennehmen, den Haarknoten binden und Wasser schlürfen. Nach ordnungsgemäßem Nyasa soll er dort die Shakti vergegenwärtigen.

45.28

paratattvakrameṇaiva bindu kṣobhyātha tattvavit ।
amṛtībhūta saṃcintya tīrthaṃ vai smaraṇena tu ॥

Übersetzung: Der Tattva-Kundige soll den Bindu nach der Abfolge der höchsten Wirklichkeitsprinzipien in Bewegung versetzen [?] und den Badeplatz durch den Smarana als zu Nektar geworden vergegenwärtigen.

Erläuterung: Die Aufforderung kṣobhyātha ist eine Konjektur. Die Bewegung des Bindu bleibt in ihrer genauen Ausführung unklar.

45.29

mantra cāṣṭaśataṃ yāvat tato yāgaṃ prakalpayet ।
tīrthe vā kalaśe vāpi śaṅkhe hastapuṭe ’pi vā ॥

Übersetzung: Nach einhundertacht [Rezitationen dieses] Mantras soll er den Gottheitenkreis gestalten: im Badewasser, in einem Krug, in einer Muschel- beziehungsweise Schädelschale oder in den hohlen Händen.

Erläuterung: Aṣṭaśata wird in diesem Kontext als 108 verstanden. Śaṅkha kann Muschel heißen; die besondere Terminologie des Brahma Yamala verwendet es hier wohl auch für eine Schädelschale. Die deutsche Wiedergabe hält diese Schwierigkeit sichtbar.

45.30

tenābhiṣiñcaye ’tmānaṃ yāgamantrān udīrayet ।
daśavāraṃ tu devāya yāgānāṃ tu sakṛt sakṛt ॥

Übersetzung: Damit soll er sich selbst weihen und die Mantras des Gottheitenkreises sprechen: zehnmal für den Gott und je einmal für die [übrigen Gottheiten des] Kreises.

45.31

devībhyo ’tha sakṛt vaika yoginīmātṛṇām api ।
bahir astrāṇi saṃcintya svayāgaṃ vā yathoditām ॥

Übersetzung: Je einmal für die Devis, ebenso für die Yoginis und Mütter. Außen soll er die Astras vergegenwärtigen, oder seinen eigenen Gottheitenkreis so, wie er gelehrt wurde.

45.32

devīnāṃ prathamaṃ dattvā sugandhaṃ mūdhni coccaret ।
ācamya ca śikhāṃ baddhvā nyāsaṃ kṛtvā yathākramam ॥

Übersetzung: Zuerst soll er den Devis Duftstoff auf dem Kopf darbringen und [ihre Mantras] aussprechen. Dann soll er Wasser schlürfen, den Haarknoten binden und den Nyasa in der richtigen Folge vollziehen.

45.33

sammārjanaṃ tataḥ kuryāt sādhako yāgamandire ।
tarpaṇaṃ tu tataḥ kṛtvā sarvayāgaṃ udīrayet ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll darauf das Heiligtum der Verehrung säubern. Danach soll er die Darbringung von Wasser vollziehen und den ganzen Gottheitenkreis [in seinen Mantras] aussprechen.

45.34

hṛsthaṃ kṛtvā mahābhāge vidyāyā-m-apakarṣaṇam ।
sugandhapuṣpasampūrṇam anyair vātha jalena vā ॥

Übersetzung: Er soll ihn ins Herz setzen, Hochbegnadete; mit der Vidya wird er wieder herausgeführt. Mit wohlriechenden Blüten gefüllt oder mit anderen [Gaben] oder mit Wasser …

Erläuterung: Der Satz mit den Gaben setzt sich in 45.35 fort. Argha ist eine ehrende Gabe beim Empfang der Gottheit.

45.35

sūryabimbe tu saṃcintya yāge arghaṃ pradāpayet ।
vidyayā tu tato ’rghaṃ tu nityakarma nivedayet ॥

Übersetzung: … soll er, nachdem er [den Gottheitenkreis] in der Sonnenscheibe vergegenwärtigt hat, ihm die Argha-Gabe darbringen. Mit der Vidya soll er sodann die Argha-Gabe als tägliche Handlung widmen.

45.36

sūryabimbagataṃ yāgaṃ hṛsthaṃ kṛtvā tu mantravit ।
brahmasaṃdhyāṃ na vai kuryāt pitṝṇāṃ ca jalāñjalim ॥

Übersetzung: Nachdem der Mantrakundige den in der Sonnenscheibe gegenwärtigen Gottheitenkreis in sein Herz gesetzt hat, soll er nicht die Brahma-Sandhya und die Wassergabe aus den hohlen Händen für die Ahnen vollziehen.

Erläuterung: Brahma-Sandhya bezeichnet einen brahmanischen Dämmerungsritus. Der folgende Vers nennt die innerhalb dieser Überlieferung maßgebliche Bhairavi-Sandhya.

45.37

prathame tu tato mantrī bhairavī tu samācaret ।
athavā tarpaṇaṃ kṛtvā arghaṃ dattvā yathākramam ॥

Übersetzung: Zuerst soll der Mantra-Praktizierende die Bhairavi[-Sandhya] vollziehen; oder er soll in der richtigen Folge Wasser darbringen und die Argha-Gabe geben.

45.38

sūryasyābhimukho bhūtvā sapta rūpāṇi coccaret ।
tarpaṇaṃ tu japaṃ caiva bhairavāya hṛdi-s-tataḥ ॥

Übersetzung: Der Sonne zugewandt soll er die sieben Gestalten aussprechen und darauf Wasseropfer und Rezitation Bhairava im Herzen darbringen.

45.39

gurūṇāṃ ca pitṝṇāṃ ca tṛptyarthaṃ vinivedayet ।
evaṃ snānaṃ sadā kuryād abhiṣekaṃ ca nityaśaḥ ॥

Übersetzung: Zur Sättigung der Gurus und der Ahnen soll er [Gaben] widmen. So soll er stets baden und täglich die Weihe vollziehen.

45.40

nityābhiṣekayuktas tu mantrair vighnai na bādhyate ।
dikṣu-r-astrāṇi vinyasya digbandhaṃ ca yathākramam ॥

Übersetzung: Wer die tägliche Weihe vollzieht, wird von Mantras und hindernden Wesen nicht bedrängt. Er soll die Astras in die Richtungen einsetzen und die Richtungen in der richtigen Folge verschließen.

45.41

astramokṣaṃ tataḥ kṛtvā devāgāraṃ mukho vrajet ।
prajvalantaṃ mahāvīryaṃ purato vighnāni cāṭayet ॥

Übersetzung: Nach dem Aussenden der Astras soll er sich zum Heiligtum begeben. [Seine Waffe] soll vor ihm, hell brennend und von großer Kraft, die hindernden Wesen vertreiben …

45.42

dhyāyamānaṃ nijāstraṃ tu kavacenāvaguṇṭhitam ।
purabhedaṃ tataḥ kuryād dhuṃkāreṇaiva sādhakaḥ ॥

Übersetzung: … während er seine eigene Waffe, vom Kavacha umhüllt, meditiert. Danach soll der Sadhaka mit dem Laut huṃ das Öffnen des Pura vollziehen.

Erläuterung: Der Druck lautet dHUṂkāreṇaiva: Kapitälchen werden hier zu Kleinbuchstaben umgeschrieben; das vorangestellte d bleibt im Sanskrit erhalten und wird nicht zur Mantrasilbe gerechnet. Pura meint hier den rituellen Bezirk beziehungsweise das Mandala.

45.43

puṣpaṃ kṣiptvā tu digbandhaṃ kavacenāvaguṇṭhanam ।
nandiś caiva mahākālaṃ saridvayaṃ vṛṣas tathā ॥

Übersetzung: Durch das Werfen einer Blüte [vollzieht er] den Verschluss der Richtungen; durch den Kavacha die Umhüllung. Nandin, Mahakala, die beiden Flüsse und den Stier …

Erläuterung: Die beiden Flüsse sind in der weiteren Textgrundlage Ganga und Yamuna. Kavacha, „Panzer“, ist ein begleitendes Schutzmantra.

45.44

dvāradeśe tu sampūjya tataḥ īśāṃ vraje diśim ।
vighneśaṃ pūjayet tatra kṣetrapālaṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: … soll er am Eingang verehren; dann soll er sich in die Ishana-Richtung begeben. Dort soll er Vighnesha und ebenso Kshetrapala verehren.

Erläuterung: Ishana bezeichnet den Nordosten. Kshetrapala ist der Hüter des Ortes.

45.45

śmaśānāni tu sampūjya kulavidya ca pūjayet ।
yoginyaḥ pūtanānyāś ca vīreśāś ca yathākramam ॥

Übersetzung: Nach der Verehrung der Verbrennungsstätten soll er die Kulavidya verehren, die Yoginis, die Putanas und die übrigen sowie die Vireshas in der richtigen Folge.

Erläuterung: Die Vorlage verwendet vor pūtanā den besonderen Visarga-Laut Upadhmaniya; er wird in dieser Lesefassung als ḥ wiedergegeben.

45.46

śivadūtīṃ tu sampūjya viḍālī kauśikī-s-tathā ।
rudrāś caiva yathānyāyaṃ pūjayitvā tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Nach der Verehrung Shivadutis, Vidalis und Kaushikis soll der Sadhaka die Rudras nach der richtigen Ordnung verehren.

45.47

tato ’nucintayitvā tu bhāskarasthānam āśritam ।
gurupaṅkti mahāprājño bhāvayuktena cetasā ॥

Übersetzung: Darauf soll der Einsichtige mit einem von Hingabe und Vergegenwärtigung erfüllten Geist die Reihe der Gurus vorstellen, die im Bereich der Sonne gegenwärtig ist.

Erläuterung: Bhava verbindet hier die geistige Vergegenwärtigung mit einer entsprechenden inneren Haltung.

45.48

puṣpāṇi tu vinikṣipya labdhānujña tu sādhakaḥ ।
dikṣu-r-astrāṇi vinyasya kuryād bhūmiparigraham ॥

Übersetzung: Nachdem er Blüten geworfen und die Erlaubnis erhalten hat, soll der Sadhaka die Astras in die Richtungen einsetzen und den Ritualboden in Besitz nehmen.

45.49

prākāram acalaṃ kṛtvā kavacenāvaguṇṭhanam ।
praṇavāsanaṃ tu kṛtvā tu darbhapiṇḍaṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Er soll eine unbewegliche Umfassungsmauer gestalten und sie mit dem Kavacha umhüllen, einen Pranava-Sitz und einen Ballen Darbha-Gras herstellen, ohne Zweifel.

Erläuterung: Der Pranava-Sitz ist eine mantrisch gestaltete Grundlage. Die genaue Beziehung zum Grasballen lässt der Wortlaut offen.

45.50

dakṣiṇābhimukho bhūtvā mauna saṃkalpayet tataḥ ।
dhyānaṃ nyāsaṃ śive kṛtvā śivādikalaśānvitām ॥

Übersetzung: Nach Süden gewandt soll er das Schweigen beschließen. Er soll Meditation und Nyasa vollziehen, o Shive, unter Einbeziehung des Shiva-Kruges und der übrigen [Ritualgefäße].

Erläuterung: Śive ist grammatisch mehrdeutig; Kiss versteht es als Anrede an die Göttin. Ein Bezug auf die Nyasa-Setzung Shivas ist ebenfalls erwogen worden.

45.51

yāgaṃ kṛtvāgnikāryaṃ ca kalpoktaṃ japam ācaret ।
saṃkhyā gṛhya tato mantrī āsavādipariplutam

Übersetzung: Nach der Verehrung und dem Feuerritual soll er die im Kalpa gelehrte Rezitation vollziehen. Dann soll der Mantra-Praktizierende die mit Asava und dergleichen gefüllte Schale nehmen.

Erläuterung: Die Textverbesserung āsavādipariplutam ist eine Konjektur. Asava ist ein alkoholisches Getränk. Saṃkhyā bezeichnet hier mit der Deutung von Kiss die Schale, nicht die Anzahl der Rezitationen.

45.52

yathāśaktyā tu mantrajño āhnikadvayam ācaret ।
maunaṃ tu sādhakaḥ kuryāt kalpoktaṃ tatra niścayāt ॥

Übersetzung: Nach seinem Vermögen soll der Mantrakundige zwei Tagesriten vollziehen. Dabei soll der Sadhaka gewiss das im Kalpa vorgeschriebene Schweigen einhalten.

45.53

uttarasādhakaṃ muktvā pramādenāpi suvrate ।
na paśyen nādhikārī tu samayajño-s-tathaiva ca ॥

Übersetzung: Außer dem unterstützenden Sadhaka soll niemand ihn sehen, auch nicht aus Versehen, o Treue im Gelübde: weder ein Berechtigter noch ein Kenner der Samayas.

Erläuterung: Der Uttarasadhaka ist ein unterstützender Ritualpartner. Die Einschränkung betrifft hier die geschützte Durchführung der Mantrapraxis.

45.54

pūrvasevāvidhāne tu prayatnena vidhisthitā ।
guru śrutvā viniṣkramya dṛṣṭvā pūjya yathākramam ॥

Übersetzung: Wenn der sorgfältig an die Vorschriften Gebundene während der vorbereitenden Mantrapraxis den Guru hört, soll er hinausgehen, ihn aufsuchen und nach der richtigen Folge verehren.

Erläuterung: Purvaseva bezeichnet eine vorbereitende Mantrapraxis. Die Textgestalt dieses Verses ist in Einzelheiten unsicher.

45.55

maunabhaṅgam api kṛtvā prāyaścittaṃ samācaret ।
punaḥ saṃkhyā samāpūrya bhairavāya nivedayet ॥

Übersetzung: Auch wenn er [dazu] das Schweigen gebrochen hat, soll er die Sühne vollziehen. Er soll die Schale erneut füllen und Bhairava darbringen.

45.56

puṣpamudrāṃ tato baddhvā nirācārapade sthitaḥ ।
tattvadhyāyī japaṃ kuryād bhairavīkṛtamānasam ॥

Übersetzung: Dann soll er die Blütenmudra bilden. Im Zustand Niracara verweilend, die Wirklichkeit meditierend, soll er rezitieren, mit einem Geist, der zu Bhairava geworden ist.

Erläuterung: Bhairavīkṛta bedeutet in diesem Kontext „zu Bhairava gemacht“, nicht eine unbelegte Anweisung zu einer späteren Bhairavi-Mudra.

45.57

sarvayāgāvalokī ca kumbhakasthesu pīḍayā ।
evam dvir āhnikaṃ kuryāt snānapūrvaṃ tu saṃkhyayā ॥

Übersetzung: Den ganzen Gottheitenkreis schauend, [mit] Druck bei den Krügen [?], soll er auf diese Weise die zwei Tagesriten vollziehen, jeweils mit vorherigem Bad und mit der Schale.

Erläuterung: Die Verbindung kumbhakasthesu pīḍayā ist nicht sicher verstanden. Sie wird hier nicht in eine erfundene Atemanhalteübung verwandelt.

45.58

tṛtīyasavanaṃ svalpaṃ kṛta bhojanam ācaret ।
ekānte vijane deśe devīnāṃ dṛṣṭigocare ॥

Übersetzung: Zur dritten Tageszeit soll er wenig Speise zu sich nehmen, allein an einem menschenleeren Ort, im Sichtbereich der Göttinnen.

Erläuterung: Die dritte Tageszeit ist im Zusammenhang der Abend. Der Blickbereich der Göttinnen kann ihre Darstellung im Mandala meinen.

45.59

dakṣiṇābhimukho bhūtvā pattrākīrṇe mahītale ।
śālibhaktaṃ ca śyāmākaṃ ṣaṣṭikodanaṃ eva ca ॥

Übersetzung: Nach Süden gewandt, auf dem mit Blättern bestreuten Erdboden, [verzehre er] Shali-Reis, Shyamaka-Hirse und Shashtika-Reisbrei …

45.60

priyaṅguṃ ca yavānnaṃ ca godhūmānnaṃ tathaiva ca ।
etān śāli tu bhakṣāṇi śeṣāṇi tu na bhakṣayet ॥

Übersetzung: … Priyangu, Gerstenspeise und Weizenspeise. Diese Getreidespeisen soll er essen, die übrigen nicht.

Erläuterung: Die botanischen Zuordnungen der Getreidenamen sind zum Teil unsicher; Priyangu bleibt deshalb als Sanskritname stehen.

45.61

tilānnaṃ naiva bhuñjīta śleṣmaṃ kṛtvā jvaro bhavet ।
grāhya ’tha raktaśālyātha guṇḍīrakas tathaiva ca ॥

Übersetzung: Sesamspeise soll er nicht essen: Sie bewirke Schleim und daraus entstehe Fieber. [Ebenso zu meiden seien] Grahya, roter Reis und Gundiraka.

Erläuterung: Diese Krankheitsbegründung gehört zur historischen Speisevorschrift und ist keine heutige medizinische Bewertung von Sesam. Grahya und Gundiraka sind nicht sicher identifiziert.

45.62

hastilaḍukaṃ evam ca nīvārā prasādhikāpi vā ।
bhaktāny etāni varjjyā śeṣāni tu samācaret ॥

Übersetzung: Hastiladuka, Nivara oder Prasadhika: Diese Speisen soll er meiden, die übrigen verwenden.

Erläuterung: Nivara und Prasadhika bezeichnen wahrscheinlich Wildreisarten; mehrere Speisenamen bleiben philologisch unsicher.

45.63

tilakenāpi yatnena varjitāni hi nityaśaḥ ।
asmin tantre na saṃdehas tālake ’pi hi supriye ॥

Übersetzung: Diese [Speisen] sind ebenso wie Sesam stets sorgfältig zu meiden. In diesem Tantra besteht darüber kein Zweifel, selbst für den Talaka, o Liebste.

45.64

gāvyaṃ chāgaṃ tu māhiṣya kṣīraṃ sarpis tathaiva ca ।
bhakṣaṇīyaṃ vidhisthena śeṣāni tu vivarjayet ॥

Übersetzung: Kuh-, Ziegen- und Büffelmilch sowie ebenso geklärte Butter soll der an die Vorschrift Gebundene verzehren; die übrigen [Milcharten] soll er meiden.

45.65

śrīphalaṃ kāñcalaṃ jambuṃ lakucaṃ panasaṃ tathā ।
ambra ambalikāś caiva badaraṃ karamardakam ॥

Übersetzung: Shriphala, Kanchala, Jambu, Lakucha und Panasa, Ambra und Ambalika sowie Badara und Karamardaka …

Erläuterung: Die Pflanzennamen bleiben dort als Namen stehen, wo keine verlässliche botanische Bestimmung gegeben ist. Die Liste setzt sich über mehrere Verse fort. Sie ist eine historische Speiseordnung, keine botanisch geprüfte Ernährungsempfehlung.

45.66

kharjūraṃ ca piyālaṃ ca pharusaṃ śālam eva ca ।
phisaraṃ dvividhaṃ bhakṣyaṃ śṛṅgāṭodumbaraṃ tathā ॥

Übersetzung: … Datteln und Piyala, Pharusa und Shala, zweierlei Phisara sind essbar, ebenso Shringata und Udumbara.

45.67

baṭaṃ ca karavīraṃ ca pippalaṃ lavalīphalam ।
dāḍimā salakaṃ caiva kuṣmāṇḍaṃ cirbhaṭaṃ tathā ॥

Übersetzung: Bata, Karavira, Pippala und Lavali-Frucht, Granatapfel und Salaka, Kushmanda und Chirbhata …

Erläuterung: Insbesondere Karavira ist als Oleander bekannt; die Identifikation beziehungsweise Lesung dieser Speiseliste ist daher problematisch. Eine moderne Essbarkeit wird daraus nicht abgeleitet.

45.68

trapusaṃ bālakaṃ caiva sembi karkaṭikās tathā ।
†ghoṣeṇḍa† kāravellaṃ ca kakkoṭaṃ ca paṭolakā ॥

Übersetzung: … Trapusa und Balaka, Sembi und Karkatika, Ghoshenda [?], Karavella, Kakkota und Patolaka …

Erläuterung: Die Dolche um ghoṣeṇḍa markieren eine problematische Pflanzenbezeichnung.

45.69

vṛttākaṃ ca vṛsolaṃ ca ceṭaṃ mākuraṃ eva ca ।
bṛhatīphala padmākṣā mārutaṃ caiva bhakṣayet ॥

Übersetzung: … Vrittaka und Vrishola, Cheta und Makura, Brihati-Frucht, Lotussamen und Maruta soll er verzehren.

45.70

harītakīphalaṃ bhakṣyā iṅgudaṃ cākṣam eva ca ।
phalāny etāni bhakṣāṇi sembījāni ca me śṛṇu ॥

Übersetzung: Die Haritaki-Frucht ist essbar, ebenso Inguda und Aksha. Diese Früchte darf er essen. Höre nun von mir die Hülsenfrüchte.

45.71

sarvā sembiphalā bhakṣā sūvarākas tathaiva ca ।
rājamāṣaphalā caiva kalāvaphalam eva ca ॥

Übersetzung: Alle Sembi-Früchte sind essbar, ebenso Suvaraka, Rajamasha-Frucht und Kalava-Frucht.

45.72

mudgaś caiva dṛkīś caiva bhakṣayīta na saṃśayaḥ ।
śṛtās caivāśṛtāś caiva sādhakair ādhane sthitaiḥ ॥

Übersetzung: Mungbohnen und Driki darf er ohne Zweifel verzehren. Gekocht oder ungekocht [sind sie essbar] für Sadhakas, die ihrer [rituellen] Betätigung nachgehen.

Erläuterung: aśṛtāś („ungekocht“) ist eine Konjektur von Kiss.

45.73

sālūkaṃ †nadenasañcake yūktar kuṭikas† tathā ।
kaseru dvividhaṃ bhakṣyā vārtākaṃ gṛṣṭikaṃ tathā ॥

Übersetzung: Saluka, [eine verderbte Folge von Pflanzennamen] sowie zweierlei Kaseru sind essbar, ebenso Vartaka und Grishtika.

Erläuterung: Die zwischen Dolchen stehende Folge ist nicht zuverlässig verständlich. Es werden keine Pflanzennamen ergänzt.

45.74

ālūkāni tu sarvāṇi sasiddham ādrakaṃ tathā ।
dvividhaṃ kavakaṃ caiva mūlakaṃ ca vyaḍambakam

Übersetzung: Alle Aluka[-Wurzeln], gut zubereiteter Ingwer, zweierlei Pilze, Mulaka und Vyadambaka …

Erläuterung: vyaḍambakam ist eine Konjektur; eine sichere botanische Identifikation ist nicht gegeben. Kavaka bezeichnet Pilze.

45.75

śigruś caiva palaṇḍuṃ ca kadalīkandas tathaiva ca ।
kharjuraṃ ca tathā kanda kaḍevaṃ kokilākṣakam ॥

Übersetzung: … Shigru und Zwiebel, die Knolle der Bananenpflanze, die Dattel[-Wurzel], Kadeva und Kokilakshaka …

45.76

mausalī ṛṣimūlaṃ ca piṣṭakaṃ ca mahāyaśe ।
etāni kandajātiṃni bhakṣyāny anyāni varjayet ॥

Übersetzung: … Mausali, Rishi-Wurzel und Pishtaka, o Hochberühmte: Diese Knollenarten sind essbar; die anderen soll er meiden.

Erläuterung: Auch bei den Wurzel- und Knollennamen bleiben unsichere Zuordnungen als Namen erhalten.

45.77

coṇṭika sarsapaṃ caiva rājikā karaṭam tathā ।
jīvako māraṣaś caiva lavanako māraṭikās tathā ॥

Übersetzung: Chontika und Senf, Rajika und Karata, Jivaka und Marasha, Lavanaka und Maratika …

45.78

kuṭheraś caiva nīḍī ca cuccuhakandakaṃ tathā ।
śrīmāli araṇikaṃ caiva tāṇḍulīyaṃ kuvejakam ॥

Übersetzung: … Kuthera und Nidi, die Wurzel des Chuchuha, Shrimali und Aranika, Tanduliya und Kuvejaka …

45.79

kālaśākaṃ tadulaṃ ca bilvaṃ vai droṇapuṣpikā ।
kṣetravastukam ity uktaṃ tṛkkavastukam eva ca ॥

Übersetzung: … Kalashaka und Tadula, Bilva und Dronapushpika, das sogenannte Kshetravastuka und Trikkavastuka …

Erläuterung: Tṛkkavastuka ist eine seltene Pflanzenbezeichnung; eine moderne botanische Gleichsetzung wird nicht behauptet.

45.80

varuṇaṃ koṭikāśākaṃ saulānī nālakās tathā ।
nimbaṃ caiva kvacaṃ caiva nāḍakaṃ vetram eva ca ॥

Übersetzung: … Varuna und Kotikashaka, Saulani und Nalaka, Nimba und Kvacha, Nadaka und Vetra …

45.81

vaṃśajaṃ kalilaṃ caiva ābhīra kiṃśukaṃ tathā ।
kārākaṃ kācamācī ca apāmārga punarnnavā ॥

Übersetzung: … Bambussprosse und Kalila, Abhira und Kimshuka, Karaka und Kachamachi, Apamarga und Punarnava …

45.82

helāñjakaṃ karañjaṃ ca momāṭaṃ †harijharūvakam ।
mārīcakaṃ palaṃ jambū ādrakaṃ modrakaṃ tathā ॥

Übersetzung: … Helanjaka, Karanja und Momata, Harijharuvaka [?], Marichaka, Pala, Jambu, Ingwer und Modraka …

Erläuterung: Die Edition markiert harijharūvakam mit einem vorangestellten Dolch als verderbt.

45.83

pathyā sundarakaṃ caiva bhilāṭaṃ corakaṃ tathā ।
śākāny etāni bhakṣāṇi pūrvasevāvidhikrame

Übersetzung: … Pathya, Sundaraka, Bhilata und Choraka: Diese Gemüse beziehungsweise Kräuter darf er während der vorbereitenden Mantrapraxis verzehren.

Erläuterung: Die Wendung pūrvasevāvidhikrame ist eine Textverbesserung des Herausgebers.

45.84

sthirīkaraṇāni puṣpāṇi jñātvā yuñjīta sādhakaḥ ।
khadirapuṣpaṃ ca vasthāsaṃ agastikaṃ ca nārakam ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll die kräftigenden Blüten erkennen und verwenden: Khadira-Blüten und Vasthasa, Agastika und Naraka …

Erläuterung: Der Vers führt eine Blütenliste zur Nahrung ein, nicht eine Liste von Opferblumen.

45.85

śalvalaṃ śaṇapuṣpaṃ ca kuṭajaṃ nāgakeśaram ।
eraṇḍaṃ ca jayantī ca puṣpāṇy etāni bhakṣayet ॥

Übersetzung: … Shalvala und Shana-Blüten, Kutaja und Nagakeshara, Eranda und Jayanti. Diese Blüten soll er verzehren.

Erläuterung: Śaṇa ist eine Hanfbezeichnung. Der Text spricht vom Verzehr der Blüten; eine eindeutige moderne Art- oder Wirkstoffbestimmung wird hier nicht unterstellt.

45.86

sakhāyenopanītāni saṃskṛtāsaṃskṛtāni tu ।
svayaṃ vā śrāvayitvā tu carumārgeṇa sādhakaḥ ॥

Übersetzung: [Er nehme sie] vom Gefährten herbeigebracht, zubereitet oder unzubereitet; oder der Sadhaka soll sie selbst nach dem Verfahren für Charu garen …

Erläuterung: Saṃskṛta/asaṃskṛta bezeichnet hier zubereitete beziehungsweise unzubereitete Nahrung. Charu ist rituelle Speise beziehungsweise Opfergrütze.

45.87

snigdhaṃ laghu puṣpaṃ ca adaśī bhakṣayet priye ।
adaśī cāpramādī ca vidhānena sādhakāḥ ॥

Übersetzung: … und die milden, leichten Blüten unbeobachtet verzehren, o Liebe. Unbeobachtet, aufmerksam und nach der Vorschrift soll der Sadhaka …

Erläuterung: Adaśī ist eine nichtklassische Form, hier nach Kiss als „unbeobachtet“ verstanden; der Satz setzt sich im folgenden Vers fort.

45.88

trisnāyī nityayuktas tu kalpoktaṃ tu samācaret ।
navalakṣāṇi vai kuryād vidyāyāge tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: … dreimal täglich badend, immer gesammelt, das im Kalpa Gelehrte vollziehen. Bei der Verehrung der Vidya soll der Sadhaka neunhunderttausend [Rezitationen] ausführen.

Erläuterung: Die Zahl 900.000 steht im Text. Ihre Einordnung innerhalb der Blüten-Speiseordnung ist laut Editionskommentar auffällig.

45.89

svayāge yad uktaṃ syād yāgapūrvaṃ samarpayet ।
hṛtpaṅkaje sthitasyaiva bhairavasya na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Was für seinen eigenen Gottheitenkreis gelehrt ist, soll er nach vorangegangener Verehrung Bhairava darbringen, der im Herzlotus gegenwärtig ist, ohne Zweifel.

Erläuterung: Die Darbringung meint in diesem Zusammenhang die zuvor vollzogene Rezitation.

45.90

haste samarpayitvā tu praṇipatya vijñāpayet ।
siddhikāle tu deveśe arpaṇīyo japo mamaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er [die Gabe] in die Hand gelegt hat, soll er sich niederwerfen und [Bhairava] ansprechen. Zur Zeit [der Erlangung] der Siddhi ist die Rezitation mir darzubringen, o Herrin der Götter.

Erläuterung: Die Formulierung wechselt vom beschriebenen Handeln zur Rede Bhairavas über sich selbst; der Bezug der Hand bleibt knapp.

45.91

evaṃ samarpayitvā tu agnikāryaṃ samārabhet ।
astreṇa prokṣayitvā tu ullekhanavikīraṇam ॥

Übersetzung: Nach einer solchen Darbringung soll er das Feuerritual beginnen. Er soll [den Boden] mit dem Astra besprengen, [die Linien] einzeichnen und [das Vorgeschriebene] ausstreuen.

Erläuterung: Ullekhana ist das rituelle Einzeichnen, Vikirana das Ausstreuen auf den vorbereiteten Boden.

45.92

punaḥ pralepaṇaṃ kṛtvā gomayena viśeṣataḥ ।
darbhaṃ gṛhya tato rekhāṃ dakṣiṇābhimukhā nayet ॥

Übersetzung: Dann soll er ihn erneut, insbesondere mit Kuhdung, bestreichen. Darbha-Gras in der Hand, soll er eine nach Süden gerichtete Linie ziehen.

45.93

dvitīyāt paścimāpūrvaṃ catuḥpathavidhikramāt ।
pūrvamukhyaṃ tatas trīṇi ekā rekhā tu dakṣiṇe ॥

Übersetzung: Die zweite [Linie] soll von Westen nach Osten verlaufen, nach Art einer Wegkreuzung; dann drei ostwärts gerichtete [Linien] und eine Linie im Süden.

45.94

astram uccārya vai kuryād vajraṃ vai kuṇḍamadhyataḥ ।
kuśāstaraṇakaṃ kṛtvā dakṣiṇādiśim āśritaḥ ॥

Übersetzung: Nach dem Aussprechen des Astra soll er einen Vajra in der Mitte der Feuergrube gestalten. Im südlichen Bereich stehend soll er Kusha-Gras ausbreiten …

Erläuterung: Der Vajra ist hier ein am Ritualort gestaltetes Zeichen.

45.95

pūrvāgrā dakṣiṇāgraṃ ca vistarā tu tathaiva hi ।
brāhmaṇaṃ dakṣiṇe pūjyaḥ viṣṇu cottarato nyaset ॥

Übersetzung: … mit nach Osten und Süden gerichteten Spitzen als Lager. Im Süden soll er Brahma verehren, im Norden Vishnu einsetzen.

Erläuterung: Brāhmaṇam wird hier mit Kiss als nichtklassische Form für Brahma gelesen, nicht als ein menschlicher Brahmane.

45.96

rudraṃ tu pūrvadigbhāge śivaṃ vai paścime nyaset ।
indraṃ pūrvena vinyasya āgneye agnim eva ca ॥

Übersetzung: Rudra soll er im östlichen Bereich einsetzen, Shiva im Westen. Indra soll er im Osten einsetzen und Agni im Südosten.

45.97

dakṣiṇe tu yamaṃ nyasya nairṛtyāṃ nirṛtis tathā ।
vāruṇe varuṇaṃ nyasya vāyavye vāyur eva ca ॥

Übersetzung: Yama soll er im Süden einsetzen, Nirriti im Südwesten; Varuna im Westen und Vayu im Nordwesten.

45.98

somaṃ saumye nyasen mantrī īśānaṃ īśagocare ।
īśāne brahmaṇaṃ nyasya ūrdhvabhāgāvalambinam ॥

Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende soll Soma im Norden einsetzen, Ishana in Ishanas Bereich. Im Nordosten soll er Brahma einsetzen, dem oberen Bereich zugeordnet …

Erläuterung: Brahma und Vishnu erscheinen zusätzlich zu ihren früheren Positionen nochmals als Hüter der oberen und unteren Richtung.

45.99

viṣṇuṃ ca nairṛte bhāge adhobhāgāvalambinam ।
astrāṇi vinyase dikṣu dakṣiṇādi vidhānavit ॥

Übersetzung: … und Vishnu im Südwesten, dem unteren Bereich zugeordnet. Der Verfahrenskundige soll die Waffen in die Richtungen einsetzen, beginnend im Süden …

45.100

māhendrāntaṃ tu mantrajña ūrdhvādhaś caiva vai kramāt ।
aṅgāni vinyasen mantrī bahi kuṇḍasya rakṣaṇe ॥

Übersetzung: … bis zum Mahendra[-Bereich], der Mantrakundige, und auch nach oben und unten, in der richtigen Folge. Zum Schutz der Feuergrube soll er außen die Gliedmantras einsetzen.

Erläuterung: Kiss versteht Māhendra hier als südöstlichen Endpunkt; die Richtungsbezeichnung ist ungewöhnlich.

45.101

mekhalāṃ tu tataḥ pūjya śaktitritayavikramāt ।
pūrvādidiśim āśritya yāvad īśānagocaram ॥

Übersetzung: Dann soll er die Einfassung gemäß der Reihenfolge der drei Shaktis verehren, beginnend im Osten bis zum Bereich Ishanas.

Erläuterung: Die drei Shaktis sind Vama, Jyeshtha und Madhyama; der vorliegende Vers setzt ihre Ordnung voraus.

45.102

padayāgaiḥ padaiś caiva pūjyate devi nānyathā ।
agniṃ tu prokṣayitvā tu astramantreṇa sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Mit der Verehrung durch Mantrawörter, mit Wörtern selbst wird verehrt, o Göttin, nicht anders. Dann soll der Sadhaka das Feuer mit dem Astra-Mantra besprengen.

Erläuterung: Padayaga ist hier Verehrung mit Mantrawörtern. Die genaue Abgrenzung des Fachbegriffs wird in der Forschung diskutiert.

45.103

avaguṇṭha kavacenaiva tridhā bhrāmya samudgiret ।
praṇavamantraṃ tato kṣiptvā spṛśya toyaṃ samīrakaiḥ ॥

Übersetzung: Mit dem Kavacha soll er umhüllen, dreimal herumgehen und [ihn] aussprechen. Nach dem Aussprechen des Pranava-Mantras soll er das Wasser berühren und es in Windrichtung ausstreuen [?].

Erläuterung: Der zweite Halbvers ist grammatisch schwierig. Die deutsche Fassung folgt der vorsichtigen Deutung des Editionskommentars.

45.104

śaktitantu tato dhyātvā śivādyavanigocare ।
dakṣiṇanayanātītaṃ tejaḥ saṃcintya pūjayet ॥

Übersetzung: Dann soll er die Shakti-Schnur meditieren, die von Shiva bis zur Erde reicht. Er soll die Glut vergegenwärtigen, die durch den rechten [südlichen?] Blick hindurchtritt, und sie verehren …

Erläuterung: Die Deutung von dakṣiṇanayanātītaṃ bleibt unsicher; das Sanskrit kann sich auf das rechte Auge oder einen südlich gerichteten Blick beziehen. Die Shakti-Schnur verbindet hier die rituellen Wirklichkeitsebenen.

45.105

praṇavapūrvena repheṇa nutyante caiva sādhakaḥ ।
yonyāṃ vai vāsanaṃ kṛtvā ājyapātrasya plāvani ॥

Übersetzung: … mit einem ra, dem der Pranava vorausgeht und die Huldigung folgt. Der Sadhaka soll die Yoni beduften und das Gefäß mit geklärter Butter bis zum Überfließen füllen.

Erläuterung: Repha bezeichnet den Laut r beziehungsweise die Silbe ra; Nut(i) meint die Huldigung namaḥ. Die Yoni ist hier der auslaufende Teil der Feuergrube, kein in diesem Vers beschriebenes Sexualorgan.

45.106

udvāsanaṃ tato ’streṇa nirāyaṇaṃ tu-m-eva ca ।
yonyāṃ tu bhājanaṃ kṛtvā yāgaṃ tatropari nyaset ॥

Übersetzung: Darauf [vollzieht er] mit dem Astra das Hochhalten [über dem Feuer] und das Schwenken [eines brennenden Darbha-Halms]. Er soll das Gefäß auf die Yoni setzen und darüber den Gottheitenkreis einsetzen.

Erläuterung: Die Gegenstände des Hochhaltens und Schwenkens sind im Sanskrit nicht vollständig benannt; die Ergänzungen folgen dem Vergleich mit verwandter Ritualterminologie im Editionskommentar.

45.107

astrāntaṃ nātra saṃdehaḥ sruksruvau-m-ājya tāpayet ।
prokṣayitvā punas tāpya prokṣya cārcanavidyayā ॥

Übersetzung: Nach dem Astra, daran besteht kein Zweifel, soll er die geklärte Butter in den beiden Opferlöffeln Sruch und Sruva erhitzen. Er soll besprengen, erhitzen und erneut besprengen; die Verehrung geschieht mit der Vidya.

Erläuterung: Die Folge der Handlungen ist knapp: erhitzen, besprengen, erneut erhitzen und besprengen. Ārcana wird als Verehrung verstanden.

Ergänzendes Video: „Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev“. Die heutige Herzmeditation kann das persönliche Üben begleiten; sie erläutert nicht das anschließend beschriebene historische Feuerritual.

45.108

jāpyamantreṇa mantrajño nijayāgasya cārcane ।
śaktitantu tato dhyātvā kuṇḍamadhye tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Bei der Verehrung seines eigenen Gottheitenkreises soll der mantrakundige Sadhaka mit dem zu rezitierenden Mantra die Shakti-Schnur in der Mitte der Feuergrube meditieren.

Erläuterung: Die Shakti-Schnur ist die Verbindung der rituellen Wirklichkeitsebenen. Der Vers nennt das zugehörige Mantra nicht als vollständige Lautfolge.

45.109

bhairavaṃ tatra vinyasya svamantreṇaiva pūjayet ।
gandhamālyaṃ tathā dhūpaṃ dattvā caivāhutiṃ hunet ॥

Übersetzung: Dort soll er Bhairava einsetzen und ihn mit dessen eigenem Mantra verehren. Nach dem Darbringen von Duftstoff, Blütenkranz und Räucherwerk soll er eine Gabe ins Feuer opfern.

45.110

punar arghādikaṃ kṛtvā raktā mantreṇa pūjayet ।
punaḥ arghādikaṃ kṛtvā tathaiva cāhutiṃ hunet ॥

Übersetzung: Er soll erneut die Argha-Gabe und das Weitere bereiten und Rakta mit dem Mantra verehren. Nachdem er wiederum die Argha-Gabe und das Weitere bereitet hat, soll er ebenso ins Feuer opfern.

45.111

karālī caiva caṇḍākṣī mahocchuṣmāṃ tathaiva ca ।
pūjayitvāhutiṃ dadyā pañcakasya na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Nach der Verehrung Karalis, Chandakshis und Mahochchhushmas soll er dem Fünferkreis eine Gabe ins Feuer darbringen, ohne Zweifel.

Erläuterung: Mahochchhushma ist hier die vierte Devi; der Fünferkreis umfasst die vier Devis und Bhairava. Ihre Benennungen variieren innerhalb des Werkes.

45.112

agnisaṃskārakaṃ karma sarvayāgeṣu nityaśaḥ ।
agnes tu hṛdaye sarva āsanādipuraḥsaram ॥

Übersetzung: Die Handlung der Feuerreinigung [ist] bei allen Verehrungen stets [zu vollziehen]. Im Herzen des Feuers soll [er] den ganzen, mit Sitz und Weiterem vorausgehend [ausgestatteten] …

45.113

yāgaṃ sampūjya mantrajña arghaṃ dattvā yathākramam ।
mudrāṃś caiva tato baddhvā prati prati varānane ॥

Übersetzung: … Gottheitenkreis verehren; der Mantrakundige soll die Argha-Gabe in der richtigen Reihenfolge darbringen und danach für jede [Gottheit] einzeln die Mudras bilden, o Schönangesichtige.

45.114

ājyapātre tu darbheṇa dvibhāgaṃ parikalpayet ।
sādhanaṃ tu tataḥ kṛtvā nāḍīsandhānam āśritaḥ ॥

Übersetzung: Im Gefäß für die geklärte Butter soll er mit Darbha-Gras zwei Bereiche gestalten. Darauf soll er die Vollzugshandlung durchführen, gestützt auf das Verbinden der Nadis.

Erläuterung: Nadi-Sandhana verbindet hier die rituellen Orte durch vorgestellte Leitungen. Es ist keine in diesem Vers gelehrte Wechselatmung.

45.115

dakṣiṇā dakṣiṇaṃ netraṃ vāmā vāmaṃ tu locanam ।
ūrdhvā ūrdhvaṃ kramenaiva tridhā bhairavalocanam ॥

Übersetzung: Dakshina ist das rechte Auge, Vama das linke Auge, Urdhva das obere: So ist Bhairavas Auge der Ordnung nach dreifach.

Erläuterung: Die drei Benennungen bedeuten rechts, links und oben; der Vers ordnet damit die Augen Bhairavas.

45.116

āhutiṃ tu tato dadyād dakṣabhāgātha vāmakāḥ ।
madhyamā ca kramenaiva dhyānayukto samāhitaḥ ॥

Übersetzung: Dann soll er, gesammelt und in Meditation, die Gaben der Reihe nach an der rechten, der linken und der mittleren Seite ins Feuer darbringen.

45.117

āgneye tv atha saumyāyāṃ tābhyāṃ caiva yathākramam ।
praṇaveṇa mahāprājñaḥ svāhākārāntasaṃyutam ॥

Übersetzung: Im Südosten und im Norden, bei diesen beiden [Verbindungen], soll der Einsichtige in der richtigen Folge den Pranava mit einem abschließenden Svaha [verwenden].

Erläuterung: Der Text fordert den Pranava mit abschließendem svāhā. Praṇava kann in diesem Werk je nach Zusammenhang oṃ oder den Bhairava-Keim bezeichnen. Da die Lautgestalt hier nicht ausdrücklich ausgeschrieben ist, wird daraus keine sichere vollständige Rezitationsformel rekonstruiert.

45.118

nāḍīsandhānakaṃ kṛtvā tataḥ pañcāhutim hunet ।
vidyayā nātra saṃdeho maṇḍalasya tu tarpaṇe ॥

Übersetzung: Nach dem Verbinden der Nadis soll er fünf Gaben ins Feuer opfern. Bei der Sättigung des Mandalas [geschieht dies] mit der Vidya, daran besteht kein Zweifel.

45.119

bhairavāya tata-m-ekāṃ vidyām uccārya dāpayet ।
praṇavena tathaiveha bhairavāya tato hunet ॥

Übersetzung: Er soll die Vidya einmal aussprechen und [die Gabe] Bhairava darbringen; sodann soll er Bhairava ebenso mit dem Pranava ins Feuer opfern.

45.120

sarveṣāṃ caiva dātavyā ekaikā nātra saṃśayaḥ ।
lokapālādī cāstrāṇāṃ kulavidyāś ca mṛtyujit ॥

Übersetzung: Allen soll je eine [Feuergabe] gegeben werden, daran besteht kein Zweifel. Für die Weltenhüter und die Waffen, die Kulavidyas [wird] der „Bezwinger des Todes“ [verwendet].

Erläuterung: Mṛtyujit ist ein Mantraname. Aus diesem Namen allein wird keine moderne Mrityunjaya-Formel ergänzt.

45.121

bhāgyārohaṇa mantrasya mūlamantreṇa bhairave ।
pūrṇāhutiṃ tato dadyāt samapādordhvasaṃsthitaḥ ॥

Übersetzung: Das „Erhöhen des Glücks“ des Mantras [geschieht] mit dem Wurzelmantra Bhairavas. Dann soll er, aufrecht mit gleichmäßig stehenden Füßen, die volle Gabe ins Feuer darbringen.

Erläuterung: Bhāgyārohaṇa ist ein Ritual zur günstigen Entfaltung; die genaue Ausführung steht nicht in diesem Vers.

45.122

tattvaikaraṇo kṛtvā hṛsthānasthasya mantravit ।
maṇḍalasya tu mantrajñaḥ śivakumbhasthitasya tu ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige soll die Wirklichkeitsprinzipien dessen, der im Herzen gegenwärtig ist, des Mandalas und dessen, der im Shiva-Krug gegenwärtig ist, zu einem machen.

Erläuterung: hṛsthānasthasya ist Hatleys Textverbesserung, die Kiss übernimmt. Die drei Orte sind Herz, Mandala und Shiva-Krug.

45.123

samarasādiprayogena sādhakaḥ susamāhitaḥ ।
śivādyavaniparyantaṃ śaktitantu vicintya ’thaḥ ॥

Übersetzung: Durch die Anwendung von Gleichgeschmack und den weiteren [Verfahren] soll der vollkommen gesammelte Sadhaka die Shakti-Schnur vergegenwärtigen, die von Shiva bis zur Erde reicht.

Erläuterung: Samarasa, „gleicher Geschmack“, bezeichnet hier das rituelle Gleichwerden beziehungsweise die Identität der verbundenen Wirklichkeitsprinzipien.

45.124

pūrṇāhutiṃ tato dadyān mudrāś caiva pradāpayet ।
nirācārapado bhūtvā pādasthāne nidhāpayet ॥

Übersetzung: Dann soll er die volle Feuergabe darbringen und die Mudras zeigen. In den Zustand jenseits konventioneller Verhaltensordnungen eingetreten, soll er [sie?] am Platz der Füße niederlegen.

Erläuterung: Der Bezug des letzten Verbs und des „Platzes der Füße“ bleibt unklar. Nirachara meint in diesem Text die Aufhebung konventioneller Unterschiede innerhalb des bestimmten Ritualrahmens.

45.125

jvālāṃ parīkṣayen mantrī lakṣaṇajña samāhitaḥ ।
vyatirekavidhau tāsāṃ sūkṣmadṛṣṭis tathaiva ca ॥

Übersetzung: Gesammelt soll der mit den Merkmalen vertraute Mantra-Praktizierende die Flamme untersuchen. Um die [Flammenarten] unterscheiden zu können, bedarf es zudem eines feinen Blicks.

Erläuterung: Die folgenden Aussagen sind historische Omenkunde des Feuerrituals. Die zugeschriebenen Folgen werden als Aussagen des Textes übersetzt.

45.126

snigdhapradakṣiṇāvartaḥ kāñcanābhās tathaiva ca ।
jātihiṅgulakaprakhya snigdhaśvetāś ca yo bhavet ॥

Übersetzung: [Zu den Arten gehören] die ruhige, nach rechts kreisende, die golden schimmernde, die Jasmin und Zinnober gleicht und die ruhig weiße …

45.127

haritālaprabhāś caiva gambhīrasvarasaṃyutaḥ ।
saṃhatā sphuṭitā naiva jvālā śvetās śubhā smṛtāḥ ॥

Übersetzung: … die wie gelbes Auripigment leuchtende und die mit tiefem Klang. Dichte, knisternde Flammen gelten nicht als günstig; weiße [hingegen gelten als] günstig.

Erläuterung: Die Reihung im Sanskrit ist knapp und grammatisch nicht überall eindeutig.

45.128

madhugandhāḥ sugandhāś ca jvālā śvetās tu śobhanā ।
pṛthak pṛthak phalaṃ tāsāṃ taṃ śṛṇudhvaṃ samāhitāḥ ॥

Übersetzung: Weiße Flammen, die nach Honig duften und wohlriechend sind, sind günstig. Hört gesammelt die jeweilige Frucht einer jeden von ihnen.

45.129

snigdhapradakṣiṇāvartā muktidā sā prakīrtitā ।
bhuktikāmas tu tāṃ dṛṣṭvā prāyaścittaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Die ruhige, nach rechts kreisende wird als Befreiung gebend bezeichnet. Wer jedoch Genuss erstrebt, soll, wenn er sie sieht, eine Sühnehandlung vollziehen.

Erläuterung: Die gegensätzlichen Ziele Mukti (Befreiung) und Bhukti (Genuss) sind im Text ausdrücklich unterschieden.

45.130

homasyāṣṭasāhasraṃ syāj japasyaivāyutaṃ tathā ।
kṛtvā śuddhim avāpnoti bhuktikāmo na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Es sollen achttausend Feueropfer und zehntausend Rezitationen sein. Hat er diese vollzogen, erlangt der nach Genuss Strebende Reinigung, ohne Zweifel.

45.131

suvarṇābhā bhaved yā tu bhuktidā sā prakīrtitāḥ ।
jātihiṅgulakaprakhyā sarvasiddhipradā smṛtāḥ ॥

Übersetzung: Die goldscheinende wird als Genuss gebend bezeichnet. Die Jasmin und Zinnober gleichende gilt als alle Siddhis verleihend.

45.132

snigdhā śitā ca jvālā ca kṣudrasiddhipradāyakāḥ ।
haritālaprabhā yā tu sāmānya bhuktidā smṛtā ॥

Übersetzung: Die ruhige und weiße Flamme verleiht geringe Siddhis. Die wie Auripigment leuchtende gilt als gewöhnlichen Genuss verleihend.

Erläuterung: Die Lesungen śitā und jvālā beruhen auf Korrektur beziehungsweise Emendation.

45.133

dhūmravarṇā-m-adhūmrā ca rājāvartanibhās tathā ।
śukapiñchanibhāś caiva sphuṭitā visphuliṅgakāḥ ॥

Übersetzung: Rauchfarben, rauchlos, von Lapislazuli-Farbe, wie eine Papageienschwanzfeder, knisternd und Funken sprühend …

Erläuterung: „Rauchlos“ in diesem Vers und „rauchend“ in 45.135 stehen in Spannung. Kiss erwägt eine Korrektur von sadhūmrā zu adhūmrā; hier bleiben die jeweiligen Drucklesungen erhalten.

45.134

asnigdhā rūkṣavarṇāś ca vāmāvartā tv aśobhanāḥ ।
durgandhāś cogragandhāś ca viparītaphalapradā ॥

Übersetzung: … unruhig, von rauer Farbe und nach links kreisend sind [die Flammen] ungünstig. Übelriechende und scharf riechende bringen entgegengesetzte Ergebnisse.

45.135

vyādhis tu kurute dhūmrā sadhūmrāś ca tathaiva ca ।
rājāvartanibhā yā tu śastrapātaṃ karoti sā ॥

Übersetzung: Die rauchfarbene verursacht Krankheit, ebenso die rauchende. Die lapislazulifarbene bewirkt einen Schlag durch eine Waffe.

45.136

śukapiñchanibhā yā tu sphuṭitā caiva yā bhavet ।
māraṇaṃ sādhakasyaiva kurute nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Die einer Papageienschwanzfeder gleichende und die knisternde bewirken den Tod des Sadhaka, daran besteht kein Zweifel.

45.137

sasphuliṅgā bhaved yā tu siddhihānipradāyikāḥ ।
prāyaścittaṃ vadāmy āsāṃ sādhakānāṃ hitāya vai ॥

Übersetzung: Die Funken sprühende bewirkt den Verlust der Siddhi. Ich werde die Sühnehandlungen für diese [Flammenzeichen] zum Wohl der Sadhakas erklären.

45.138

vyādhiṃ janayate yā tu mantraṃ mṛtyuñjayaṃ japet ।
tasya lakṣārdham evoktaṃ kṛtvā śreyaṃ avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Bei derjenigen, die Krankheit hervorruft, soll er das Mantra „Bezwinger des Todes“ rezitieren. Dafür ist eine halbe Lakh vorgeschrieben; hat er dies vollzogen, möge er Wohlergehen erlangen.

Erläuterung: Lakṣārdha bedeutet 50.000, nicht 500.000. Die englische Übersetzung des Bandes gibt an dieser Stelle irrtümlich „five hundred thousand“ an; maßgeblich bleibt das Sanskrit.

45.139

śastrapātapradā yā tu viṃśatsāhasrakaṃ bhavet ।
mṛtyuñjayasya mantrasya †sparasyat kalpoktam eva hi ॥

Übersetzung: Bei derjenigen, die einen Waffenschlag verursacht, sollen es zwanzigtausend [Rezitationen] des Todesbezwinger-Mantras sein, [verderbte Wendung], wie es im Kalpa gelehrt ist.

Erläuterung: Die Folge sparasyat ist mit einem Dolch als verderbt markiert. Sie wird nicht durch eine erfundene Praxisanweisung ersetzt.

45.140

siddhihānipradā yā tu daśasāhasrakaṃ bhavet ।
śubhāpi viparītā ca uttamā siddhim icchatā ॥

Übersetzung: Bei derjenigen, die den Verlust der Siddhi verursacht, sollen es zehntausend sein. Auch eine günstige [Flamme] ist für den, der höchste Siddhi erstrebt, [unter Umständen] entgegengesetzt.

Erläuterung: Die Bewertung hängt nach dem folgenden Vers davon ab, ob das beabsichtigte Ziel erreicht oder durch ein anderes ersetzt wird.

45.141

kalpoktaṃ sādhakaḥ kuryān nātra kārya vicāraṇāt ।
bhukteccho kṣudrajā yā tu lakṣārdhaṃ tu samācaret ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll das im Kalpa Gelehrte ausführen; daran ist kein Zweifel nötig. Der nach Genuss Strebende soll bei derjenigen, die Geringes hervorbringt, eine halbe Lakh [Rezitationen] ausführen.

45.142

kāmyayāge samārabdhe viparītaphalapradā ।
tasmin na vai grahetavyaṃ kalpoktaṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: [Erscheint] die entgegengesetzte Ergebnisse bringende [Flamme], nachdem eine Verehrung für einen bestimmten Wunsch begonnen wurde, darf man dabei das im Kalpa [für dieses Ziel] Gelehrte nicht [weiter] aufgreifen, daran besteht kein Zweifel.

Erläuterung: Samārabdhe ist eine diagnostische Konjektur von Kiss. Die Syntax der Verse 142–143 ist schwierig; die Übersetzung macht den aus dem Zusammenhang erschlossenen Sinn sichtbar.

45.143

prāyaścittam api kuryāt tasminn eva na saṃśayaḥ ।
anyayāgaṃ samārabhya punaḥ kāmyaṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Vielmehr soll man eben dann eine Sühnehandlung vollziehen, ohne Zweifel. Nachdem man eine andere Verehrung begonnen hat, soll man den Wunschritus erneut beginnen.

45.144

upaviśya tato mantrī mudrās sarvāḥ pradāpayet ।
arcanaṃ tu tataḥ kuryāt punar gandhādikaṃ kramāt ॥

Übersetzung: Dann soll sich der Mantra-Praktizierende setzen und alle Mudras zeigen. Er soll die Verehrung vollziehen und darauf wieder Duftstoff und das Weitere der Reihe nach [darbringen].

45.145

bhairavādi tataḥ kṛtvā-d-ekaikād ācaret punaḥ ।
āhutiṃ kulavidyāntā punaḥ pūrṇāhutiṃ hunet ॥

Übersetzung: Beginnend mit Bhairava soll er danach jede [Verehrung] einzeln ausführen. Die Feuergabe [reicht] bis zu den Kulavidyas; danach soll er die volle Gabe ins Feuer opfern.

45.146

tenaiva kramayogena mudrāṃ baddhvā tathārcayet ।
arghayitvā tato gacche devīnām agrataḥ punaḥ ॥

Übersetzung: In eben dieser Reihenfolge soll er die Mudras bilden und verehren. Nach der Argha-Darbringung soll er wieder vor die Devis treten.

45.147

arghaṃ dattvā tu vijñāpya abhighārīkṛtāni tu ।
yathāvibhavalabdhāni naivedyāni prakalpayet ॥

Übersetzung: Er soll die Argha-Gabe darbringen und [die Göttinnen] ansprechen. Dann soll er die nach seinem Vermögen beschafften Speisegaben bereiten, mit [geklärter Butter] übergossen.

Erläuterung: Abhighara ist das Übergießen einer Speise mit geklärter Butter.

45.148

vaiśeṣikaṃ tato dadyād īṣinmātraṃ tu bhairave ।
na lobhena bahuṃ dadyād ātmārthe sādhakena tu ॥

Übersetzung: Die besondere [Speisegabe] soll der Sadhaka dann Bhairava geben, jedoch nur ganz wenig. Er soll nicht aus Gier, um seiner selbst willen, viel geben.

Erläuterung: Die Deutung der „besonderen“ Gabe bleibt vorläufig. Der Gedanke ist offenbar, dass der später vom Sadhaka verzehrte Anteil nicht aus Eigennutz übermäßig bemessen werden soll.

45.149

na tyajan nāpi deyaṃ syād anale ’pi na ca kṣipet ।
śuddhyarthaṃ prāśayen mantrī yāgānte tv avisarjite ॥

Übersetzung: [Der Rest] soll weder weggeworfen noch [anderen] gegeben, auch nicht ins Feuer geworfen werden. Am Ende der Verehrung, bevor [die Gottheiten] verabschiedet sind, soll der Mantra-Praktizierende ihn zur Reinigung essen.

45.150

arghapatrodakaṃ prāśyam abhiṣekaṃ ca dāpayet ।
niṣkramyācamanam kuryān nyāsaṃ kṛtvā punar viśet ॥

Übersetzung: Das Wasser der Argha-Schale soll getrunken und die Weihe gegeben werden. Er soll hinausgehen, Wasser schlürfen, den Nyasa vollziehen und wieder eintreten.

45.151

naivedyāni tato dattvā kālo cintyāś ca vāmakām ।
kalaśe ’pi śivasyātha astravardhanikāny api ॥

Übersetzung: Dann soll er Speisegaben darbringen, [die Zeit?] und Vamaka vergegenwärtigen [?], auch im Shiva-Krug und in der Astra-Vardhanika.

Erläuterung: Der Halbvers kālo cintyāś ca vāmakām ist nicht sicher übersetzbar; Kiss lässt ihn unübersetzt. Die hier angebotenen Wortbezüge sind ausdrücklich fraglich. Die Astra-Vardhanika ist ein Ritualkrug für das Astra-Mantra.

45.152

agnyāgāre tato gatvā-d-arghaṃ dattvā yathākramam ।
devaṃ vijñāpya to mantrī agnikāryaṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Dann soll er zum Feuerraum gehen, die Argha-Gabe in der richtigen Folge darbringen und den Gott ansprechen; der Mantra-Praktizierende soll das Feuerritual beginnen.

Erläuterung: gatvā ist eine Textverbesserung nach einer Parallelstelle.

45.153

saṃkhā gṛhya tu tatraiva devīnām agrataḥ sthitaḥ ।
mantrasya tarpaṇaṃ kṛtvā yathāśaktyā tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll die Muschel- beziehungsweise Schädelschale nehmen und, eben dort vor den Devis stehend, die Sättigung des Mantras nach seinem Vermögen vollziehen.

Erläuterung: Śaṃkha bezeichnet im Ritualwortschatz dieses Werkes auch die Schädelschale; der Text ist an dieser Stelle nicht einfach als gewöhnliche Muschelverehrung darzustellen.

45.154

akṣasūtraṃ tato gṛhya mantraṃ caiva samarpitam ।
parikṛtvā tu hotavyaṃ na drutaṃ na vilambitam ॥

Übersetzung: Dann soll er die Gebetsschnur nehmen und das Mantra darbringen. Indem er [die Perlen] weiterbewegt, soll er ins Feuer opfern, weder hastig noch schleppend.

Erläuterung: Die genaue Konstruktion von parikṛtvā ist nichtklassisch; die Weiterbewegung der Gebetsperlen ist die Deutung im Editionskommentar.

45.155

guggulaṃ pāyasaṃ vāpi tilān vā ghṛtamiśrikāṃ ।
śālyaṃ ṣaṣṭikahomaṃ vā kalpoktaṃ yad udāhṛtam ॥

Übersetzung: Guggula-Harz oder Milchspeise, Sesam mit geklärter Butter, Shali-Reis oder Shashtika-Reis soll er ins Feuer opfern, wie es in seinem Kalpa gelehrt wird.

45.156

daśāṃśena tu hotavyaṃ japaṃ vai sādhakena tu ।
agniṃ visarjayen mantrī na cāpi †ciraṃ āpayet† ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll die Feuergabe im Verhältnis eines Zehntels zur Rezitation vollziehen. Wenn der Mantra-Praktizierende das Feuer verabschiedet, wird er nicht [verderbte Wendung].

Erläuterung: Ein Zehntel bezeichnet die übliche Relation der Feuergaben zu den Rezitationen. Die mit Dolchen markierte Schlusswendung bleibt unübersetzt; eine denkbare Verbesserung wird nicht in den Grundtext eingesetzt.

45.157

pramādād virame yad vā punaḥ saṃskārako vidhiḥ ।
alipte kuṇḍamadhye tu punaḥ saṃskāra kārayet ॥

Übersetzung: Wenn er aus Nachlässigkeit unterbricht, ist das reinigende Verfahren erneut [zu vollziehen]. Ist das Innere der Feuergrube nicht bestrichen, soll er erneut die Reinigung ausführen lassen.

45.158

agni jvālyan tataḥ kuryād agnisaṃskārako vidhiḥ ।
evaṃ saṃkhyāhutiṃ kṛtvā bhairavāya samarpayet ॥

Übersetzung: Nach dem Entzünden des Feuers soll er das Verfahren der Feuerreinigung vollziehen. So soll er die Gabe mit der Schale ins Feuer geben und sie Bhairava darbringen.

45.159

yāgapūrṇaṃ tu kalpoktaṃ bhairavaṃ †guhyatadbhūtam† ।
nirācārapade bhūtvā avadhūtatanusthitaḥ

Übersetzung: Die vollständige Verehrung ist im Kalpa gelehrt, Bhairava [verderbte Wendung]. Er soll in den Zustand jenseits konventioneller Verhaltensordnungen eintreten, mit dem Körper des Avadhuta versehen …

Erläuterung: Der verderbte Halbvers erlaubt keine sichere vollständige Deutung. Avadhuta wird im Kommentar als eine den Körper durchdringende Mantraform verstanden.

45.160

bhairavasya kare ’rpita hṛdvyoman tu sthitasya tu ।
tenaiva kramayogena cared vidyāvratāni tu ॥

Übersetzung: … und [die Gabe] in die Hand Bhairavas legen, der im Raum des Herzens gegenwärtig ist. In ebendieser Reihenfolge soll er die Vidya-Gelübde vollziehen.

Erläuterung: Die Hand ist hier die Hand Bhairavas; das Sanskrit setzt den Satz aus 45.159 fort.

45.161

trisnāyī naktabhojitvaṃ gurubhakto dṛḍhavrataḥ ।
brahmacaryarato nityaṃ japadhyānaparāyaṇaḥ ॥

Übersetzung: Dreimal täglich soll er baden und nachts essen, dem Guru ergeben und fest im Gelübde. Stets soll er in Brahmacharya leben und ganz auf Rezitation und Meditation ausgerichtet sein.

Erläuterung: Brahmacharya meint in dieser Gelübdeordnung sexuelle Enthaltsamkeit. Die Verpflichtungen beschreiben einen bestimmten Übungsabschnitt und werden nicht auf sämtliche Praktiken des Brahma Yamala verallgemeinert.

45.162

agnikāryarato nityaṃ samayācārapālakaḥ ।
pūrvāhṇikaṃ tataḥ kṛtvā aṭanaṃ tu samārabhet ॥

Übersetzung: Stets soll er sich dem Feuerritual widmen und Samayas und Verhaltensordnung wahren. Nachdem er die Morgenriten vollzogen hat, soll er das Wandern beginnen.

Erläuterung: Die Samayas sind die Verpflichtungen der Initiation.

45.163

madhyāhṇikam tu kartavyaṃ tṛtīyasavanam-s tathā ।
āgnikāryaṃ tathā caiva rātrau caiva yathoditam ॥

Übersetzung: Die Mittagsriten und ebenso die [Riten der] dritten Tageszeit sind zu vollziehen, desgleichen nachts das Feuerritual, wie es gelehrt ist.

45.164

bhuktvā caivāṭanaṃ kuryād ardharātre punaḥ bhramet ।
evaṃ pratidinaṃ kuryāt kulavidyāṃ samudgiran ॥

Übersetzung: Nach dem Essen soll er wandern, und um Mitternacht soll er erneut umherziehen. So soll er jeden Tag verfahren, die Kulavidya singend beziehungsweise laut aussprechend.

Erläuterung: Kulavidya ist hier der Name einer vorausgesetzten Mantraform; der Vers enthält nicht ihre ausgeschriebene Lautfolge.

45.165

yoginyaḥ pūtanādyāś ca namaskṛtvā punaḥ punaḥ ।
catvare-m-ekavṛkṣe ca śmaśāne vālmīke tathā ॥

Übersetzung: Die Yoginis, Putanas und die anderen soll er immer wieder grüßen: an einer Wegkreuzung, bei einem einzeln stehenden Baum, an einer Verbrennungsstätte und an einem Ameisenhügel.

Erläuterung: Putanas sind weibliche übermenschliche Wesen. Die genannten Orte gehören zu einem konkreten nächtlichen Gelübderitual.

45.166

kulavidyā samuccārya puṣpāṇi tu vinikṣipet ।
eteṣv eva hi sthāneṣu yoginyo pūtanādayaḥ ॥

Übersetzung: Er soll die Kulavidya aussprechen und Blüten ausstreuen; denn an ebendiesen Orten [sind] die Yoginis, Putanas und die anderen.

45.167

namaskṛtvā vrajen mantrī ulūkam piṅgalās tathā ।
śabdaṃ śrutvā namaskāryo anyāś ca niśicāriṇām ॥

Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende soll Uluka und Pingala grüßen und weitergehen. Hat er ihre Stimme gehört, sind auch die anderen Nachtwandler zu grüßen.

Erläuterung: Uluka und Pingala werden im Editionskommentar als Eulen beziehungsweise Eulenarten und zugleich als Wesen des sakralen Kreises erwogen. Die Nacht wird nicht als bloße Metapher umgedeutet.

45.168

evam āhu vratāni syu ācāraṃ paśyate yadā ।
samayajñas tathā tantra guru caiva vidhisthitaḥ ॥

Übersetzung: Wenn sie seine Lebensführung sehen, [sprechen sie] so: „Mögen die Gelübde sein!“ [Er ist] Kenner der Samayas, [dem] Tantra und Guru [verbunden] und in der Vorschrift gefestigt.

Erläuterung: Der Vers ist grammatisch schwierig. Die Äußerung „Mögen die Gelübde sein!“ und ihr genauer Bezug bleiben in der Deutung unsicher.

45.169

ātmānaṃ gopayet teṣām ekānte darśayet tataḥ ।
anyathā kurute mohāt prāyaścittaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Er soll sich vor ihnen verbergen und sich dann in der Einsamkeit zeigen. Handelt er aus Verblendung anders, soll er eine Sühnehandlung vollziehen.

Erläuterung: Ob der Sadhaka sich den Wesen allein zeigen oder sich gerade außerhalb ihrer Gegenwart offenbaren soll, ist in der Forschung unterschiedlich verstanden. Die Übersetzung bewahrt den knappen Wortlaut.

45.170

vidyāvratāni samācarya ṣaṇmāsāt sādhakottamaḥ ।
māsaṃ māsaṃ cared vāpi pūrvasūtreṇa coditām ॥

Übersetzung: Der beste Sadhaka soll die Vidya-Gelübde sechs Monate lang ausüben, oder er soll jedes der in einem früheren Kapitel vorgeschriebenen [Gelübde] einen Monat lang vollziehen.

Erläuterung: Der Rückverweis gilt Kapitel 21, das in dieser Teilausgabe mit allen 146 Originalnummern enthalten ist.

45.171

cīrṇavidyāvrataḥ siddhe anyathā caiva naśyati ।
samayajño yogibhaktaś ca udyuktāḥ sāhasānvitaḥ ॥

Übersetzung: Wer die Vidya-Gelübde vollzogen hat, gelangt zur Siddhi; andernfalls geht er zugrunde. [Er soll] die Samayas kennen, den Yoginis ergeben, entschlossen und kühn sein …

Erläuterung: Yogibhakta wird im Zusammenhang als Hingabe an die Yoginis verstanden. Die zugespitzte Aussage über Scheitern ist die Stimme des historischen Textes.

45.172

nirlajjo nighṛṇas caiva gurubhakto jitendriyaḥ ।
digbandhaṃ pūrvataḥ kṛtvā bhūparigraham eva ca ॥

Übersetzung: … ohne Scham und ohne Mitleid, dem Guru ergeben, mit beherrschten Sinnen. Zuerst soll er die Richtungen verschließen und den Boden rituell in Besitz nehmen.

Erläuterung: Nighṛṇa entspricht nirghṛṇa, „ohne Mitleid“. Diese befremdliche Forderung bleibt textgetreu stehen; sie ist keine redaktionelle Empfehlung.

45.173

astramokṣaṃ tataḥ kṛtvā tato mantrī vrataṃ caret ।
nityavrataṃ mahāvīro rātrau paryaṭanaṃ tathā ॥

Übersetzung: Nach dem Aussenden der Waffen soll der Mantra-Praktizierende, der große Held, das Gelübde und das tägliche Gelübde vollziehen und nachts umherwandern.

45.174

raktā vāpy athavā kṛṣṇo kauśeyaṃ vāsaṃ ācaret ।
sugandhagandhaliptāṅgaḥ puṣpasragdāmabhūṣitaḥ ॥

Übersetzung: Er soll rote oder schwarze Seidenkleider tragen, die Glieder mit wohlriechenden Duftstoffen bestrichen und mit Blütenkränzen geschmückt.

45.175

pañcamudrāvratī vīro guptamudro ’tha vā bhavet ।
khaṭvāṅgaṃ dhārayen mantrī supramāṇaṃ saśūlakam ॥

Übersetzung: Der Held sei ein Träger des Gelübdes der fünf Mudras oder einer, der seine Zeichen verbirgt. Der Mantra-Praktizierende soll einen großen Khatvanga-Stab mit Dreizack tragen.

Erläuterung: Die fünf Mudras sind hier Knochenornamente, keine fünf Handgesten. Khatvanga ist der Schädelstab. „Groß“ kann nach dem Kommentar die eigene Körpergröße meinen.

45.176

prādeśaṃ vāthavā kuryā dhanurnārācasaṃyutam ।
khaḍgakheṭakadhārī ca cared vidyāvrataṃ śubham ॥

Übersetzung: Oder er soll [den Stab] eine Spanne lang herstellen und mit Bogen und Pfeil versehen. Schwert und Schild tragend soll er das günstige Vidya-Gelübde vollziehen.

Erläuterung: Eine Spanne bezeichnet hier den Abstand zwischen ausgestrecktem Daumen und Zeigefinger.

45.177

asiddho ’pi mahāprājño siddho ’pi hi cared budhaḥ ।
kṛtarakṣaḥ kṛtanyāsas tattvayuktaḥ samāhitaḥ ॥

Übersetzung: Ob er noch keine Siddhi besitzt oder bereits Siddha ist: Der Einsichtige soll [das Gelübde] ausüben, nachdem er Schutz und Nyasa vollzogen hat, auf die Wirklichkeitsprinzipien ausgerichtet und gesammelt.

Erläuterung: Siddha/asiddha unterscheiden hier das Vorhandensein beziehungsweise Fehlen erlangter Siddhis, nicht den Wert eines Menschen.

45.178

pūrvokteṣu pradeśeṣu maunaṃ tu kalpayed vratam ।
brahmacārī jitakrodho nirbhayo hṛṣṭamānasaḥ ॥

Übersetzung: An den zuvor genannten Orten soll er ein Schweigegelübde auf sich nehmen, in Brahmacharya lebend, den Zorn beherrschend, furchtlos und frohen Geistes.

Erläuterung: Die genannten Orte sind diejenigen aus 45.165. Die Freude steht im Text neben Furchtlosigkeit, Enthaltsamkeit und gezügeltem Zorn.

45.179

pūrvokteṣu pradeśeṣu samādhiṃ kārayed budhaḥ ।
yoginyaḥ pūtanādyāś ca namaskṛtvā punaḥ punaḥ ॥

Übersetzung: An den zuvor genannten Orten soll der Einsichtige Samadhi üben und die Yoginis, Putanas und die anderen immer wieder grüßen.

45.180

homayukto mahāmantrī ḍamarukaṃ vādayet kvacit ।
kṛtvā cāṣṭaśataṃ japtvā bhairavāya nivedayet ॥

Übersetzung: Der große Mantra-Praktizierende, dem Feueropfer zugewandt, soll gelegentlich die Damaru-Trommel spielen. Nach einhundertacht Rezitationen soll er [deren Frucht] Bhairava darbringen.

Erläuterung: Die Damaru ist eine kleine sanduhrförmige Trommel. Der konkrete Rhythmus wird nicht angegeben.

45.181

mūlavidyāṣṭaśataṃ japtvā nityakarme nivedayet ।
yoginyāṃ prīṇanārthaṃ tu namaskṛtvā punaḥ punaḥ ॥

Übersetzung: Er soll die Wurzel-Vidya einhundertachtmal rezitieren und dies beim täglichen Ritual darbringen, um die Yoginis zu erfreuen, wobei er sie immer wieder grüßt.

Erläuterung: Mūlavidyā ist eine Konjektur von Kiss anstelle der Handschriftenlesung śūlavidyā. Die Zahl 108 steht im Vers; eine entsprechende konkrete Mantraform wird hier nicht ausgeschrieben.

45.182

darśaye tās tu saṃtuṣṭā nityayukte ti sādhake ।
ātmānaṃ darśayed devi na bhetavyaṃ kadācanaḥ ॥

Übersetzung: Sind sie mit dem beständig übenden Sadhaka zufrieden, zeigen sie sich. Er soll sich zeigen, o Göttin; niemals soll er sich fürchten.

Erläuterung: Die Erscheinung der Yoginis wird als traditionelle Erwartung dieses Rituals beschrieben, nicht als zugesicherte heutige Erfahrung.

45.183

rakṣanti sādhakaṃ nityaṃ putravan nātra saṃśayaḥ ।
niyukto bhairaveṇaiva sādhakasya hitāya vai ॥

Übersetzung: Sie schützen den Sadhaka stets wie einen Sohn, daran besteht kein Zweifel; von Bhairava selbst sind sie zum Wohl des Sadhaka eingesetzt.

45.184

eva melakam āpanno ādiṣṭaṃ tair varānane ।
tālamārga tadā kuryād yadā śuddhas tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Hat er so die Begegnung erlangt, wird er von ihnen unterwiesen, o Schönangesichtige. Dann soll der Sadhaka, wenn er rein ist, den Talaka-Weg ausüben.

Erläuterung: Melaka ist die Begegnung mit den Yoginis. Der Übergang zum Talaka-Weg setzt die zuvor beschriebene Qualifikation voraus.

45.185

gurvādeśena vā kuryād yogibhiś ca samarpitaḥ ।
yadā tasya bhaved dūtī sādhakasya manoharā ॥

Übersetzung: Oder er soll ihn auf die Weisung des Gurus hin ausüben, nachdem er von den Yoginis übergeben worden ist. Wenn der Sadhaka eine anmutige Duti besitzt …

Erläuterung: Der Bezug der Übergabe ist unsicher: Kiss erwägt eine Übergabe durch die Yoginis an den Guru; eine alternative Deutung versteht die Übergabe an die Yoginis durch den Guru. Duti ist die weibliche Ritualpartnerin, nicht lediglich eine bildliche „innere Energie“.

45.186

tadā tālakamārgaṃ tu śuddhakāya samārabhet ।
guru-m-ādeśasamprāptā śobhanā lakṣaṇānvitā ॥

Übersetzung: … dann soll er mit gereinigtem Körper den Talaka-Weg beginnen. [Die Duti hat] die Weisung des Gurus empfangen, ist vortrefflich und mit den [günstigen] Merkmalen versehen …

Erläuterung: Der Satz wechselt in der zweiten Hälfte zur Beschreibung der Duti und setzt sich in 45.187–188 fort.

45.187

jitāsanā mahāsattvā tantrasadbhāvabhāvitā ।
gurudevatipatibhaktā kṣutpipāsājitaśramā ॥

Übersetzung: … hat Asana gemeistert, ist von großer innerer Stärke und vom wahren Wesen des Tantra erfüllt, ihrem Guru, ihrer Gottheit und ihrem Gatten ergeben und hat Hunger, Durst und Ermüdung überwunden.

Erläuterung: Jitāsanā kann „die Sitzhaltung gemeistert habend“ bedeuten; eine alternative Deutung lautet „das Verlangen nach bequemen Sitzen überwunden habend“. Die Partikel in gurudevatipatibhaktā ist editorisch unsicher.

45.188

advaitavāsitā nityaṃ nirvikalpā hy alolupā ।
samādhijñātha yogajñā jñānajñā saṃśritavratā ॥

Übersetzung: Stets lebt sie in Nichtzweiheit, ohne unterscheidendes Zögern und ohne Gier. Sie kennt Samadhi, kennt Yoga, kennt die Lehre und hat die Gelübde auf sich genommen.

Erläuterung: Nirvikalpa bezeichnet hier nach dem Editionskommentar das Nichtzögern gegenüber als unrein geltenden Substanzen. Es darf nicht ohne diesen Kontext als spätere Lehre eines Nirvikalpa-Samadhi gelesen werden.

45.189

tām avāpya mahāprajño-ḥ-kalpoktaṃ tu samācaret ।
triṣkāle snānanirata evaṃ mantrānucintakaḥ ॥

Übersetzung: Hat der sehr Verständige eine solche [Botin] gewonnen, vollzieht er das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene. Zu den drei Tageszeiten dem Baden zugewandt, vergegenwärtigt er sich so das Mantra.

45.190

kṛtanyāso vidhānajño devāgāraṃ vrajet tataḥ ।
pratihārau tu sampūjya saridvayaṃ vṛṣaṃ tathā ॥

Übersetzung: Nachdem er den Nyasa vollzogen hat, geht der Vorschriftenkundige zum Götterhaus. Er verehrt die beiden Türhüter, die beiden Flüsse und den Stier,

45.191

vighneśaṃ kṣetrapālaṃ ca śmaśānāni tathaiva ca ।
kulavidyā tu sampūjya yoginya pūtanādayaḥ ॥

Übersetzung: Vighnesha, den Gebietshüter und ebenso die Verbrennungsplätze. Mit der Kula-Vidya verehrt er die Yoginis, beginnend mit Putana,

45.192

vīrāś caiva tataḥ pūjya śivamārjārim eva ca ।
ulūkaṃ ca tathā pūjya piṅgalā mantravit kramāt ॥

Übersetzung: und dann die Helden. Ebenso verehrt der Mantrakundige Shivamarjari, Uluka und Pingala der Reihe nach.

Erläuterung: Die zusammengesetzte Namensform śivamārjāri kann auch eine Verbindung von Schakal und Katze bezeichnen; die zoologische Zuordnung bleibt hier offen.

45.193

rudrāś caiva yathānyāyaṃ gurupaṅkti tato ’rcayet ।
astrāṇi vinyase dikṣu-r-agniprākāram eva ca ॥

Übersetzung: Er verehrt die Rudras ordnungsgemäß und dann die Reihe der Gurus. Er setzt die Waffen in den Richtungen ein und ebenso die Feuermauer.

45.194

kavacaṃ tu tato dattvā praṇavāsanam ācaret ।
dakṣiṇābhimukho bhūtvā upaviśya yathākramam ॥

Übersetzung: Dann legt er die rituelle Rüstung an und bereitet den Pranava-Sitz. Nach Süden gewandt, setzt er sich ordnungsgemäß nieder.

45.195

yāgaṃ kṛtvā yathānyāyaṃ kalaśādisamanvitaḥ ।
agnyāgāraṃ tato gatvā pūjayitvā yathākramam ॥

Übersetzung: Er vollzieht die Verehrung ordnungsgemäß mit den Krügen und den übrigen Geräten. Dann geht er zum Feuerhaus und verehrt in der richtigen Reihenfolge.

45.196

saṃskārāṃ cānale kṛtvā ekatattvavidhikramāt ।
pūrṇāhutividhānena tato devyāgrataḥ sthitaḥ ॥

Übersetzung: Er vollzieht die Weihen am Feuer nach dem Verfahren der einzigen Wirklichkeitsebene und mit der Vorschrift für die volle Opfergabe. Dann nimmt er vor der Göttin Platz,

45.197

upaviṣṭo mahāmantrī mudrāpañcakabhūṣitaḥ ।
muktakeśo ’tha digvāso vanabhasmāvadhūlitaḥ ॥

Übersetzung: der große Mantrakundige, sitzend, mit den fünf Insignien geschmückt, mit gelöstem Haar, nackt und mit Asche vom [Verbrennungs-]Wald bestäubt.

45.198

agrataḥ śaktim āropya ūrdhvarūpāṃ digambarām ।
mudrāpañcakasaṃyuktāṃ muktakeśī dṛḍhavratām ॥

Übersetzung: Vor sich setzt er die Shakti, aufgerichtet, nackt, mit den fünf Insignien versehen, mit gelöstem Haar und fest in ihrem Gelübde.

Erläuterung: Shakti bezeichnet hier die reale rituelle Partnerin, nicht lediglich eine abstrakte innere Kraft.

45.199

pīṭhaṃ tu-m-ārcayet tasyā astrodakasamanvitām ।
vilepayitvā gandhais tu āsanaṃ tatra kalpayet ॥

Übersetzung: Er verehrt ihren Sitz mit Wasser, über dem das Waffenmantra gesprochen wurde. Nachdem er ihn mit Duftstoffen bestrichen hat, richtet er dort die Sitzstätte ein.

Erläuterung: Pīṭha, wörtlich „Sitz“, bezeichnet hier den Genitalbereich der rituellen Partnerin. Im folgenden Vers wird davon der auf dem Boden bereitete Sitz unterschieden; der spätere körperliche Vollzug steht ausdrücklich in 45.204.

45.200

yāgaṃ pūrvavidhānena aśeṣaṃ tatra vinyaset ।
bhūmyaṃ tathāsanaṃ kṛtvā svalpaprastaraṇāntikam ॥

Übersetzung: Er setzt dort die gesamte Verehrungsordnung nach der zuvor genannten Vorschrift ein. Dann bereitet er auf dem Boden einen Sitz mit einer kleinen Unterlage.

45.201

upaviśyāpayet tatra cumbanādyāvagūhanam ।
kṛtvā kṣobhaṃ samārabhya pavitraṃ gṛhya sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Er lässt [die Partnerin] dort sitzen. Nachdem der Sadhaka Küsse, Umarmungen und weitere [Liebkosungen] vollzogen, die Erregung begonnen und das „Reinigende“ aufgenommen hat,

Erläuterung: Pavitra bezeichnet hier eine im sexuellen Ritual gewonnene Substanz; sie wird nicht zu einer bloßen Geisteshaltung umgedeutet.

45.202

prāśayitvā tu tau hṛṣṭau yāgadravyāṇi prokṣayet ।
arcanaṃ hi tataḥ kṛtvā naivedyānī tu dāpayet ॥

Übersetzung: lässt er [sie] verzehren; beide sind erfreut. Er besprengt die Ritualstoffe. Dann vollzieht er die Verehrung und lässt Speisegaben darbringen.

Erläuterung: Die verkürzte Syntax lässt die Verteilung der verzehrten Substanz nicht in allen Einzelheiten erkennen.

45.203

agneś ca yajanaṃ kṛtvā agnikāryaṃ samārabhet ।
homaṃ kṛtvā yathoddiṣṭaṃ devīnāṃ vinivedayet ॥

Übersetzung: Nachdem er das Feuer verehrt hat, beginnt er den Feuerdienst. Er vollzieht das Feueropfer wie angewiesen und bringt es den Göttinnen dar.

45.204

vijñāpya niyamaṃ kuryā japasaṃkhyāvidhiṃ prati ।
śaktyāsanāgrata sthitvā liṅgaṃ tatra vinikṣipet ॥

Übersetzung: Nach der Mitteilung [an die Gottheiten] übernimmt er die Verpflichtung hinsichtlich der vorgeschriebenen Zahl der Rezitationen. Vor dem Sitz der Shakti stehend, führt er dort seinen Penis ein.

45.205

akṣasūtraṃ tato gṛhya kalpoktaṃ tu samācaret ।
saṃkhyāyā-d-āhnikaṃ kṛtvā-l-lakṣam ekaṃ japed budhaḥ ॥

Übersetzung: Dann nimmt er die Gebetsschnur und vollzieht das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene. Nachdem er die tägliche Zahl festgelegt hat, rezitiert der Verständige hunderttausendmal.

45.206

dūtī muktvā na cānyatra maunabhaṅgam samācaret ।
naktabhojanam āpanno laghvāhāro jitaśramaḥ ॥

Übersetzung: Außer gegenüber der Botin soll er sein Schweigen gegenüber niemandem brechen. Er isst nur nachts, nimmt leichte Nahrung zu sich und überwindet die Ermüdung.

Erläuterung: Die Einschränkung gehört zum hier beschriebenen längeren Paarritual.

45.207

evam āhur japaṃ kuryāt tālamārgavidhikramāt ।
yāgapūrvaṃ samarpīta bhairavāya varānane ॥

Übersetzung: So soll er, heißt es, die Rezitation nach der Vorschriftenfolge des Tala-Weges vollziehen. Zusammen mit der vorangehenden Verehrung bringt er sie Bhairava dar, Schöngesichtige.

45.208

japaṃ samarpayitvā tu tato homaṃ samācaret ।
gomāṃsayutaṃ kuryāt surayā miśritasya ca ॥

Übersetzung: Nachdem er die Rezitation dargebracht hat, vollzieht er das Feueropfer. Er bereitet [die Gabe] mit Rindfleisch, das mit alkoholischem Getränk vermischt ist,

45.209

kroṣṭukasya tathaiveha chāgasya piśitasya ca ।
pūrvoktānāṃ paśūnāṃ vā māṃsair homāni kārayet ॥

Übersetzung: sowie mit Fleisch vom Schakal und von der Ziege; oder er lässt Feueropfer mit dem Fleisch der zuvor genannten Tiere vollziehen.

45.210

pārāvatasya māṃsena karimāṃsena caiva hi ।
kharamānuṣakūrmoṣṭrāśvaśṛgālahayādiṣu ॥

Übersetzung: Mit Taubenfleisch und Elefantenfleisch, [ferner] bei Esel, Mensch, Schildkröte, Kamel, Pferd, Schakal, Ross und weiteren [Wesen],

Erläuterung: Die Wiederholung von Pferdebezeichnungen steht im Sanskrit.

45.211

tanubhiś ca varāhaś ca ity eṣāṃ phalgunais tathā ।
madyāktā homayen mantrī sarpiṣā vā tv abhāvataḥ ॥

Übersetzung: mit deren Körpern, auch dem Wildschwein, und ihren Fleischstücken opfert der Mantrakundige, mit Alkohol bestrichen; fehlt dieser, [verwendet er] geklärte Butter.

Erläuterung: Die unregelmäßige Konstruktion und phalguna als Bezeichnung für Fleischstücke bleiben erklärungsbedürftig.

45.212

mahāpaśuṃ tathā caiva hotavyaṃ siddhikāṅkṣayā ।
daśasāhasrakaṃ kuryā yathālābhaṃ mahāpaśuṃ ॥

Übersetzung: Ebenso ist das „große Opfertier“ im Verlangen nach Siddhi ins Feuer zu opfern. Er vollzieht zehntausend [Opferungen], mit dem „großen Opfertier“, wie es verfügbar ist.

Erläuterung: Mahāpaśu ist in dieser Ritualsprache eine Bezeichnung für den Menschen. Der historische Text wird dokumentiert; dies gehört nicht in die Praxisauswahl.

45.213

samarpayitvā devyāya tataḥ karma samārabhet ।
tālamārge tu vai śastaṃ nityam āmiṣabhojanam ॥

Übersetzung: Nachdem er [dies] der Göttin dargebracht hat, beginnt er die [weiteren] Handlungen. Auf dem Tala-Weg wird beständiger Fleischverzehr vorgeschrieben.

45.214

chāgaṃ varāha māhiṣya hariṇaṃ śaśakaṃ tathā ।
mayūraṃ lāvakaś caiva tittirāś ca kapiñjalāḥ ॥

Übersetzung: Ziege, Wildschwein, Büffel, Hirsch und Hase, Pfau, Wachtel, Rebhühner und Frankoline,

45.215

vārtākaṃ kullakaṃś caiva vargeṭikāṃ kamejakāṃ ।
krauñcaṃ ca sārasaṃ caiva pārāvatakapotakam ॥

Übersetzung: Vartaka, Kullaka, Vargetika und Kamejaka, Krauncha- und Sarasa-Kraniche, Paravata- und Kapota-Tauben,

Erläuterung: Mehrere Tiernamen dieser Liste sind nicht sicher zoologisch zu bestimmen; sie werden deshalb als Namen beibehalten.

45.216

āṭī ca madhukaṃ caiva maṭālaṃ caiva siddhikāṃ ।
vanakurkkuṭakā hy eva jalakurkuṭakāṃ tathā ॥

Übersetzung: Ati, Madhuka, Matala und Siddhika, ferner Waldhühner und Wasserhühner,

45.217

kokaṃ caiva tathā bhakṣya kaccāpaṃ medrakaṃ tathā ।
†yavakhaṇḍārattlīṭī† śalyakaṃ †iśakaṃ† tathā ॥

Übersetzung: Koka soll ebenso gegessen werden, ferner Schildkröte und Medraka; [eine verderbte Tierbezeichnung], Stachelschwein und [die unsichere Bezeichnung] Ishaka.

Erläuterung: Die beiden mit Dolchen markierten Ausdrücke sind verderbt beziehungsweise nicht sicher erklärbar. Medraka wird mit dem Kommentar möglicherweise als Widder verstanden.

45.218

gadaraṃ ca tathā bhakṣya pūtikesannalīkarāṃ ।
āraṇekavirālaṃ ca meṣaṃ vā vanasambhavam ॥

Übersetzung: Gadara soll ebenso gegessen werden, ferner Putikesannalikara, die Wildkatze oder ein im Wald lebendes Schaf.

Erläuterung: Die Tierbezeichnungen gadara und pūtikesannalīkara sind unsicher; eine gesicherte Artbestimmung wird nicht behauptet.

45.219

pecakaṃ caṭakaṃ bhakṣyaṃ śukaṃ vai śārikā tathā ।
kaḍamba karṇatāsaṃ ca udakambhārakurkuṭam ॥

Übersetzung: Eule und Spatz sollen gegessen werden, Papagei und ebenso Maina, Kadamba, Karnatasa und Udakambhara-Huhn.

45.220

sarvamatsagataṃ bhakṣya tālakasya na saṃśayaḥ ।
na māṃsena vinā bhojyaṃ tālakena kadācanah ॥

Übersetzung: Alles zu den Fischen Gehörige ist für den Talaka essbar, ohne Zweifel. Der Talaka darf niemals ohne Fleisch essen.

Erläuterung: Die Quelle bietet matsa; der Kommentar erwägt neben „Fisch“ auch eine Verderbnis aus māṃsa, „Fleisch“.

45.221

niyamastho viśeṣena kartavyaṃ piśitāśanam ।
daśasāhasrakaṃ japyam alābhe piśitasya ca ॥

Übersetzung: Wer in der Verpflichtung steht, soll besonders Fleisch verzehren. Ist Fleisch nicht verfügbar, sind zehntausend Rezitationen zu vollziehen.

45.222

āmiṣaṃ naiva sarvasya sambhavet sādhakasya tu ।
svalpam apy āmiṣaṃ bhuktv āmiṣāhāratvam aśnute ॥

Übersetzung: Doch nicht jedem Sadhaka steht Fleisch zur Verfügung. Schon wenn er ein wenig Fleisch gegessen hat, gilt er als einer, der sich von Fleisch ernährt.

45.223

tālakena mahādevi bhoktavyam āmiṣaṃ sadā ।
nirāmiṣas tu bhuñjāno japasyāṣṭaśataṃ hunet ॥

Übersetzung: Der Talaka soll stets Fleisch verzehren, große Göttin. Isst er fleischlos, soll er hundertacht Feueropfer mit [entsprechenden] Rezitationen vollziehen.

Erläuterung: Die verkürzte Zahlform aṣṭaśata wird hier mit Kiss als 108 verstanden. Die Vorschrift gehört zu diesem historischen Gelübde.

45.224

svāṃśikaṃ yaṃ tu naivedyaṃ svalpaṃ śaktyā pradāpayet ।
sādhāraṇaṃ tato deyaṃ sthityarthaṃ sādhakena tu ॥

Übersetzung: Von seinem eigenen Anteil der Speisegabe lässt er der Shakti eine kleine Portion geben. Danach gibt der Sadhaka ihr eine regelmäßige gemeinsame Portion zum Lebensunterhalt.

45.225

svakīyam ātmanaḥ sarvaṃ sthityarthaṃ bhakṣayed budhaḥ ।
kadācit syā bahuṃ dattaṃ bhakṣituṃ naiva śakyate ॥

Übersetzung: Der Verständige verzehrt seinen eigenen gesamten Anteil zur Erhaltung seines Lebens. Sollte einmal viel gegeben worden sein und sich nicht alles essen lassen,

45.226

sthāpayitvā punar bhakṣet śaktyā naiva pradāpayet ।
kalpoktena vinā devi tālako vidhisaṃsthitaḥ ॥

Übersetzung: bewahrt er es auf und isst es später; der Shakti soll er es nicht geben, sofern das Ritualhandbuch es nicht vorschreibt, Göttin – der Talaka hält sich an die Regel.

45.227

gurugṛhaikaśuddhas tu naivedyaṃ bhakṣayen saha ।
ekatraiva mahāprajño vikalpān naiva kārayet ॥

Übersetzung: Als der im Guruhaus allein Reine soll er die Speisegabe gemeinsam [mit den anderen] an einem Ort verzehren. Der sehr Verständige soll dabei keine Bedenken hervorbringen.

Erläuterung: Der Ausdruck gurugṛhaikaśuddha ist schwierig. Die Zuordnung „allein rein im Guruhaus“ folgt der vorsichtigen Deutung des Kommentars; der gemeinsame Mahlvollzug ist hingegen ausdrücklich genannt.

45.228

vikalpe tu kṛte devi prāyaścittaṃ samācaret ।
ādāv eva na vai dadyāt praveśaṃ kasyacit priye ॥

Übersetzung: Entstehen dennoch Bedenken, Göttin, soll er eine Sühnehandlung vollziehen. Zu Beginn soll er niemandem Eintritt gewähren, Liebe.

45.229

praviṣṭena sahaikatvaṃ bhakṣitavyaṃ na saṃśayaḥ ।
svāṃśikaṃ tu na dātavyaṃ putrāṇāṃ bhrātṝṇāṃ tathā ॥

Übersetzung: Mit einem, der eingetreten ist, muss er jedoch gemeinsam essen, ohne Zweifel. Seinen eigenen Anteil darf er weder den Söhnen noch den Brüdern geben.

45.230

svakīyaṃ bhakṣayitvā tu sāmānyaṃ bhakṣaye-s-tathā ।
yadā na tṛpyate tena doṣas tatra prajāyate ॥

Übersetzung: Nachdem er seinen eigenen Anteil gegessen hat, darf er auch vom gemeinsamen [Anteil] essen. Wenn er damit nicht zufrieden ist, entsteht daraus ein Verstoß.

45.231

pralobhe na tu naivedyaṃ sthāpayet sādhakottamaḥ ।
laḍukādīni bhakṣāṇi nityārthaṃ tu dine dine ॥

Übersetzung: Aus Gier soll der hervorragende Sadhaka keine Speisegabe aufbewahren. Laddu-Süßigkeiten und andere Speisen [verwendet er] Tag für Tag für das tägliche Ritual.

45.232

bubhukṣitaḥ kadācit syād gartaḥ kuṇḍāthavāpi vā ।
naivedyaṃ gṛhabhaktasya na doṣas tatra vidyate ॥

Übersetzung: Sollte er einmal hungrig sein, [bei] einer Grube oder einem Becken, [darf er] die Speisegabe eines Hausanhängers [essen]; dabei liegt kein Verstoß vor.

Erläuterung: Die Wörter gartaḥ kuṇḍā sind in dieser Satzfügung unklar. Die Übersetzung zeigt die Lücke im Verständnis, statt eine sichere Essensregel zu erfinden.

45.233

niyamena vinā devi pūrvāhārāṇi bhakṣayet ।
tatrāpi yāny abhakṣāṇi bhakṣitavyāni kānicit ॥

Übersetzung: Außerhalb einer besonderen Verpflichtung, Göttin, isst er die zuvor genannten Speisen. Auch darunter sind manche normalerweise nicht essbaren Dinge [in diesem Rahmen] zu essen:

45.234

māṣāś caraṇakaś caiva carmaraṃ nāraga jambiram ।
mātulaṅgaṃ ca vakulaṃ na punaś ca tathaiva hi ॥

Übersetzung: Masha-Bohnen, Charanaka, Charmara, Naraga, Jambira-Zitrone, Matulanga-Zitronatzitrone und Vakula; doch wiederum nicht [in jedem Fall].

Erläuterung: Die abschließende Verneinung ist im Zusammenhang schwer zuzuordnen. Mehrere Pflanzennamen werden ohne unsichere botanische Gleichsetzung beibehalten.

45.235

kaphalaṃ hiṃsalaṃ caiva vividhāny api bhakṣayet ।
ākoṭanārakaṃ caiva gaṅgeruṃ tendukaṃ tathā ॥

Übersetzung: Kaphala, Himsala und verschiedene weitere [Früchte] soll er essen, ebenso Akotanara, Gangeru und Tenduka,

45.236

peṇḍārī dvividhaṃ caiva tendukaṃ markatasya tu ।
kapitthaṃ karahāṭaṃ ca khādiraṃ sākham eva ca ॥

Übersetzung: Peṇḍārī in zwei Arten, den Affen-Tenduka, Kapittha, Karahata, Khadira und Sakha.

45.237

mālākaṇṭho ikā caiva sūraṇaṃ kandam eva ca ।
gosvoduṃ varikā caiva toṇḍīraṃ pīlukaṃ tathā ॥

Übersetzung: Malakantha, Ika, Surana-Knolle, Gosvodu, Varika, Tondira und Piluka,

45.238

golphā caiva guḍaṃ caiva vibhītaka harītakī ।
drākṣāṃ caiva nārikeraṃ ca padmānāṃ †hiṣaṃ† eva ca ॥

Übersetzung: Golpha, Rohzucker, Vibhitaka, Haritaki, Trauben, Kokosnuss und das [unsicher gelesene] Hisha der Lotosse,

Erläuterung: Die verderbte Lesung hiṣaṃ lässt keine sichere Pflanzenteil-Bestimmung zu; vermutlich ist ein Ausdruck für Lotosfasern beziehungsweise -stängel gemeint.

45.239

mākṣika madhukaṃ caiva madhur †yelāṃ† tathaiva ca ।
etāni devy aśuddhaṃ syād bhakṣayāṇi na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Makshika-Honig, Madhuka, Madhu und [die verderbte Bezeichnung] Yela: Diese Dinge gelten, Göttin, als unrein; sie sind zu essen, ohne Zweifel.

45.240

tālakasya tu bhakṣāṇi nātra kārya vicāraṇāt ।
māṃsāni yāny abhakṣāṇi hotavyāni vidhisthite ॥

Übersetzung: Für den Talaka sind sie Speisen; darüber soll kein Zweifel bestehen. Fleischsorten, die nicht gegessen werden dürfen, sind nach der festgelegten Regel ins Feuer zu opfern.

45.241

ādeśena vinā tāni tālako naiva bhakṣayet ।
āsavādīni madyāni na peyāni tathaiva ca ॥

Übersetzung: Ohne ausdrückliche Anweisung darf der Talaka sie nicht essen; ebenso darf er Āsavas und andere alkoholische Getränke nicht trinken.

Erläuterung: Die Einschränkung betrifft hier die ritualgemäße Erlaubnis, nicht eine allgemeine Ablehnung der im Kapitel vorgeschriebenen Stoffe.

45.242

abhakṣabhakṣaṇe caiva apeyāpi ca te tathā ।
prāyaścittaṃ tataḥ kuryā nānyathā siddhibhāg bhavet ॥

Übersetzung: Wenn er Nichtessbares isst oder Nichttrinkbares [trinkt], soll er dafür eine Sühnehandlung vollziehen. Andernfalls kann er nicht an Siddhi teilhaben.

45.243

ekānte guhyadeśe tu ekasmin bhojanaṃ tayoḥ ।
anyathā kurute yad vā daśasāhasrakaṃ japet ॥

Übersetzung: An einem abgeschiedenen, verborgenen Ort essen die beiden gemeinsam an einem Platz. Wenn er anders handelt, soll er zehntausendmal rezitieren.

45.244

samarpayitvā kalpoktaṃ tataḥ karma samārabhet ।
adhamā madhyamā caiva uttamā siddhim icchatā ॥

Übersetzung: Nachdem er das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene dargebracht hat, beginnt er die Handlungen. Wer niedere, mittlere oder höchste Siddhi wünscht,

45.245

pūrvoktena vidhānena devāgāraṃ samāviśet ।
digvāso muktakeśaś ca kṛtanyāso na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: betritt das Götterhaus nach dem zuvor genannten Verfahren, nackt, mit gelöstem Haar und vollzogenem Nyasa, ohne Zweifel.

45.246

praṇavāsanopaviṣṭau ca hṛdyāgādipurahsaram ।
dakṣiṇābhimukho bhūtvā alpaprastaraṇaṃ nyaset ॥

Übersetzung: Auf dem Pranava-Sitz sitzend, mit der Verehrung im Herzen und den weiteren [Riten] voran, wendet er sich nach Süden und legt eine kleine Unterlage aus.

Erläuterung: Die Dualform upaviṣṭau steht neben singularischen Handlungsformen; der Paarbezug wird nicht durch eine stillschweigende Sanskritkorrektur vereinheitlicht.

45.247

tatrāsanaṃ tu mantrajño mantraiḥ kṛtvā yathākramam ।
tatrāsanaṃ mahādevi śaktiṃ vai saṃviśāpayet ॥

Übersetzung: Nachdem der Mantrakundige dort den Sitz der Reihe nach mit Mantras bereitet hat, lässt er die Shakti auf diesem Sitz Platz nehmen, große Göttin.

45.248

astrodakena sammārjya pīṭhaṃ vai sādhakottamaḥ ।
svayāgaṃ tatra vinyasya āsanādipurassaram ॥

Übersetzung: Der hervorragende Sadhaka reinigt den Sitz mit Wasser des Waffenmantras und setzt dort seinen Gottheitenkreis ein, beginnend mit dem Sitz und den weiteren [Bestandteilen].

45.249

cumbanāliṅganaṃ kṛtvā pīṭhasyāpi varānane ।
liṅgaṃ praveśayitvā tu āsanādipurahsaram ॥

Übersetzung: Nach Küssen und Umarmungen am Sitz, Schöngesichtige, führt er den Penis ein, wobei Sitz und die weiteren [Ritualschritte] vorausgehen.

45.250

sarvagataṃ tato yojya puṣpagandhādibhis tathā ।
kṣobhayitvā tataḥ śaktiṃ dravyaṃ gṛhya tadudbhavam ॥

Übersetzung: Dann verbindet er das alles Durchdringende mit Blumen, Duftstoffen und weiteren [Gaben]. Er erregt die Shakti und nimmt die daraus entstandene Substanz auf.

Erläuterung: Der Bezug von sarvagata ist nicht ausdrücklich benannt; eine rein symbolische Deutung der anschließenden sexuellen Handlung wäre unbegründet.

45.251

prāśayitvā tato dravyam arghayitvā tato ’rpayet ।
dravyapūtodakaṃ mantrī tato dravyāṇi prokṣayet ॥

Übersetzung: Dann lässt er die Substanz verzehren, behandelt sie als Ehrengabe und bringt sie dar. Mit Wasser, das durch die Substanz gereinigt ist, besprengt der Mantrakundige anschließend die Ritualstoffe.

45.252

kṛtvā maṇḍalakaṃ devi candanādisurāsavaiḥ ।
gomayena vimiśreṇa rajo vā pūrvapātite ॥

Übersetzung: Er bereitet ein kleines Mandala, Göttin, mit Sandel und anderen [Stoffen], alkoholischen Getränken und Gärgetränken, vermischt mit Kuhdung; oder [er verwendet] zuvor ausgestreutes Pulver.

45.253

śivakumbhaṃ yathānyāyaṃ surāpūrṇa vimiśritam ।
dravyapūtena vā pūrṇam udakena tathā priye ॥

Übersetzung: Den Shiva-Krug [bereitet er] ordnungsgemäß, gefüllt mit alkoholischem Getränk und vermischt [mit der Substanz], oder gefüllt mit Wasser, das durch die Substanz gereinigt ist, Liebe.

45.254

astravardhanikāpūrvaṃ yajed vai sādhakottamaḥ ।
padmayāgaṃ punaḥ kṛtvā yathāvidhipurassaram ॥

Übersetzung: Beginnend mit dem Vardhanika-Gefäß des Waffenmantras verehrt der hervorragende Sadhaka. Dann vollzieht er wieder die Lotosverehrung unter Voranstellung der vorgeschriebenen Verfahren.

45.255

agnyāgāraṃ vrajen mantrī tarpaṇādikam ācaret ।
ekatattvavidhānena tarpaṇaṃ tv anutarpaṇam ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige geht zum Feuerhaus und vollzieht die Sättigungsgaben und die weiteren [Riten]. Nach dem Verfahren der einzigen Wirklichkeitsebene vollzieht er Sättigung und nachfolgende Sättigung,

45.256

kṛtvā mudrā tato baddhvā arghaṃ dattvā yathākramam ।
devīnām agrataḥ sthitvā arghaṃ dattvā mahādhipe ॥

Übersetzung: bindet dann die Mudra und gibt der Reihe nach die Ehrengabe. Vor den Göttinnen stehend, gibt er [ihnen] eine Ehrengabe, große Herrscherin.

45.257

mudrāṃ baddhvā vidhānajño naivedyāni pradāpayet ।
†ghārikaiḥ† pūrikaiś caiva pūpakā ghṛtapūrakaiḥ ॥

Übersetzung: Der Vorschriftenkundige bindet die Mudra und lässt Speisegaben darbringen: [die unsicher gelesenen] Gharika-Gebäcke, Purikas, Pupakas und mit geklärter Butter gefüllte [Gebäcke],

45.258

laḍukāśokavartibhyāṃ bhakṣaiḥ kandukṛtais tathā ।
māṃsais sugandhibhiś cānyaiḥ pakvāsavair yathā bhavet ॥

Übersetzung: Laddu- und Ashokavarti-Speisen, in einem Ofen hergestellte Speisen, weitere duftende Fleischgerichte und gekochte beziehungsweise gereifte Gärgetränke, wie sie verfügbar sind.

45.259

mudrābandhaṃ tataḥ kṛtvā hṛdyāgādipurahsaram ।
nivedayīta devyāya kalpoktāya prasiddhaye ॥

Übersetzung: Dann bindet er die Mudra und bringt [die Gaben] der Göttin dar, mit der Verehrung im Herzen und den weiteren [Riten] voran, für die im Ritualhandbuch beschriebene Vollendung.

45.260

arghaṃ dattvā tu mantrajñaḥ siddhe kalpoktasya ca ।
praṇipātaṃ tataḥ kṛtvā saṃkhyā gṛhya yathepsayā ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige gibt die Ehrengabe, wenn das Vorgeschriebene vollendet ist, wirft sich dann nieder und übernimmt die gewünschte Rezitationszahl.

45.261

labdhānujña tato mantrī akṣasūtraṃ ca cālayet ।
mantrajña cālayitvā tu hṛṣṭhaṃ kṛtvā tato vrajet ॥

Übersetzung: Nach erhaltener Erlaubnis bewegt der Mantrakundige die Gebetsschnur. Nachdem der Mantrakundige sie bewegt und [die Gottheit] erfreut hat, geht er dann weiter.

Erläuterung: Der Bezug von hṛṣṭhaṃ ist nicht eindeutig; die ungewöhnliche Schreibung bleibt erhalten.

45.262

tathaitatsaṃsthitāyās tu śaktipīṭhasya cāgrataḥ ।
acale tathā nyāse arghaṃ dattvā tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Vor dem Sitz der so verweilenden Shakti, bei festem Nyasa, gibt der Sadhaka eine Ehrengabe.

45.263

cumbanāliṅganaṃ kṛtvā liṅgaṃ tatra praveśayet ।
tatra krameṇa saṃśodhya hṛdyāgaṃ sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Nach Küssen und Umarmungen führt er den Penis dort ein. Der hervorragende Sadhaka reinigt dabei der Reihe nach die Verehrung im Herzen,

45.264

sa samādhiprayogena tato hṛṣṭhaṃ tu kārayet ।
bindumadhyagataṃ mantrī yāgādyais tu vikalpitam ॥

Übersetzung: und lässt [ihn] durch die Anwendung der Sammlung erfreut sein. Der Mantrakundige [vergegenwärtigt] den in der Mitte des Bindu Befindlichen, in der Verehrung und den weiteren [Riten] ausgestaltet.

Erläuterung: Das unausgesprochene Objekt ist wahrscheinlich die verehrte Gottheit; die rituelle Visualisierung und der Paarvollzug sind hier ineinandergefügt.

45.265

sarvayāgāvalokī ca bhairavārpitamānasaḥ ।
evam āhur japaṃ kuryād yāvaśakti samāhitaḥ ॥

Übersetzung: Den gesamten Verehrungskreis überschauend und seinen Geist Bhairava hingebend, soll er, so heißt es, gesammelt nach seinen Kräften rezitieren.

45.266

pūrvāhnikaṃ krameṇaiva naktabhojī tathaiva hi ।
trisnāyī nityayuktas tu kalpoktāni samācaret ॥

Übersetzung: Er hält die zuvor genannte tägliche Ordnung ein, isst nur nachts, badet dreimal und vollzieht, beständig der Übung zugewandt, die Vorschriften des Ritualhandbuchs.

45.267

yāgapūrvaṃ samarpīta bhairavāya na saṃśayaḥ ।
agnikāryaṃ tataḥ kṛtvā kalpoktaṃ pūrvacoditam ॥

Übersetzung: Mit der Verehrung voran bringt er [die Rezitation] Bhairava dar, ohne Zweifel. Dann vollzieht er den zuvor angeordneten Feuerdienst nach dem Ritualhandbuch.

45.268

evaṃkṛte tu mantrajño yoginyaḥ paśyate dhruvam ।
siddhiyāgaṃ tataḥ kṛtvā icchāsiddhim avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Hat er so gehandelt, schaut der Mantrakundige gewiss die Yoginis. Dann vollzieht er die Siddhi-Verehrung und soll die Vollendung seines Wunsches erlangen.

45.269

aṇimādiguṇopetaṃ khecaratvaṃ na saṃśayaḥ ।
prāpnoty amavināśaṃ tu padaṃ devi na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: [Er erlangt] den Himmelsgängerzustand mit Fähigkeiten wie dem Kleinwerden, ohne Zweifel. Er erreicht einen unvergänglichen Zustand, Göttin, ohne Zweifel.

Erläuterung: Amavināśa ist eine ungewöhnliche Form; der Sinn wird als Unvergänglichkeit verstanden.

45.270

madhyamā icchato yaddha devāgāraṃ tu pūrvavat ।
kṛtanyāsau praviṣṭau tu yogapaṭṭottarīyakau ॥

Übersetzung: Wenn [die beiden] die mittlere [Siddhi] wünschen, betreten sie wie zuvor das Götterhaus, mit vollzogenem Nyasa, Yogaband und Obergewand.

Erläuterung: Die Form yaddha ist nichtklassisch; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Bedingungszusammenhang.

45.271

dakṣiṇābhimukho bhūtvā tathaiva praṇavāsane ।
hṛdyāgādikṛtanyāsa idaṃ karma samārabhet ॥

Übersetzung: Nach Süden gewandt auf dem Pranava-Sitz, mit vollzogenem Nyasa bei der Herzverehrung und den weiteren [Riten], beginnt er diese Handlung.

45.272

ūrdhvarūpāṃ tathā śaktiṃ kṛtvā vai pīṭha lepayet ।
svayāge pūrvasūtroktāṃ nyāsaṃ tatra prakalpayet ॥

Übersetzung: Er lässt die Shakti aufgerichtet sein und bestreicht den Sitz. In seinem Verehrungskreis richtet er dort den im früheren Lehrtext beschriebenen Nyasa ein.

45.273

pūrvaśrite tathā kṛtvā āsanaṃ sādhakottamaḥ ।
śaktis tatra niveśī ca darśayitvā yathākramam ॥

Übersetzung: Der hervorragende Sadhaka bereitet den Sitz auf der zuvor genannten Unterlage; die Shakti wird dort eingesetzt, nachdem [die Mudras] der Reihe nach gezeigt wurden.

45.274

maṇḍale tu tato yāgaṃ kalaśādivikalpitam ।
agnyāgāraṃ tato gatvā tarpaṇādikam ācaret ॥

Übersetzung: Dann [vollzieht er] die Verehrung im Mandala mit den Krügen und weiteren Geräten. Er geht zum Feuerhaus und vollzieht die Sättigungsgaben und die weiteren [Riten].

45.275

naivedyāni tato dadyā homaṃ caiva yathepsayā ।
mudrāṃ baddhvā tato ’rghaṃ tu dattvā āgata sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Dann gibt er die Speisegaben und vollzieht das Feueropfer nach seinem Wunsch. Der zurückgekehrte Sadhaka bindet die Mudra und gibt eine Ehrengabe.

45.276

arghaṃ dattvā tu devīnāṃ mudrāṃ baddhvā yathākramam ।
nivedayet tato yāgaṃ kalpasiddhyarthakākṣiṇām ॥

Übersetzung: Er gibt den Göttinnen eine Ehrengabe und bindet die Mudra in der richtigen Reihenfolge. Dann bringt er die Verehrung dar, für die nach der im Ritualhandbuch beschriebenen Siddhi Verlangenden.

45.277

saṃkhyā gṛhya tato mantrī akṣasūtraṃ tathaiva ca ।
śaktipīṭhe tato ’rghaṃ tu dattvā kṛtvā tu cumbanam ॥

Übersetzung: Dann übernimmt der Mantrakundige die Rezitationszahl und nimmt die Gebetsschnur. Er gibt am Sitz der Shakti eine Ehrengabe und küsst [sie].

45.278

liṅgaṃ tatra kṣipen mantrī manāk cālanam ārabhet ।
śakti nācālayet sthānād yāgahomavidhāv api ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige führt den Penis dort ein und beginnt eine geringe Bewegung. Die Shakti darf ihren Platz auch während Verehrung und Feueropfer nicht verlassen.

45.279

tatra praviṣṭaliṅgaṃ tu kalpoktavidhiṃ ārabhet ।
apravāsī tathā mantrī nadarśī naktabhojakaḥ ॥

Übersetzung: Mit dort eingeführtem Penis beginnt er das im Ritualhandbuch beschriebene Verfahren. Der Mantrakundige reist nicht fort, zeigt sich nicht [anderen] und isst nur nachts.

45.280

kalpoktaṃ pūrvavad kṛtvā yāgaṃ mantrī samārabhet ।
pūrvoktavidhinā devi devāgāraṃ varānane ॥

Übersetzung: Nachdem er wie zuvor das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene vollzogen hat, beginnt der Mantrakundige die Verehrung. Nach dem zuvor beschriebenen Verfahren [betritt er] das Götterhaus, Göttin, Schöngesichtige,

45.281

hṛdyāgādi tathā nyāsaṃ kṛtvā tena na saṃśayaḥ ।
ūrdhvarūpaṃ tataḥ kṛtvā nyāsa pīṭhe prakalpayet ॥

Übersetzung: und vollzieht damit die Herzverehrung und den Nyasa, ohne Zweifel. Nachdem er [die Shakti] aufgerichtet hat, richtet er den Nyasa auf dem Sitz ein.

45.282

astrite cāsanaṃ kṛtvā tato tāva viśāpayet ।
na cālayīta tāṃ śakti tasmāt prastaraṇād budhaḥ ॥

Übersetzung: Er bereitet den Sitz auf der Unterlage und lässt [die beiden] dort Platz nehmen. Der Verständige soll die Shakti nicht von dieser Unterlage bewegen.

Erläuterung: Tāva ist im Zusammenhang unsicher; der Wechsel zwischen Paar und handelndem Sadhaka bleibt sichtbar.

45.283

ekākī yāga nirvatyaṃ kalaśādivikalpitam ।
tarpaṇādy atha naivedyaṃ dattvā homaṃ yathepsayā ॥

Übersetzung: Allein vollzieht er die mit Krügen und weiteren Geräten ausgestaltete Verehrung. Dann gibt er Sättigungsgaben und Speisegabe und vollzieht das Feueropfer nach Wunsch.

45.284

kṛtvā yāgaṃ nivedyātha īṣic cālanam ārabhet ।
utthāya devaṃ vijñāpya kalpoktaṃ tu samarpayet ॥

Übersetzung: Nachdem er die Verehrung vollzogen und dargebracht hat, beginnt er eine leichte Bewegung. Dann erhebt er sich, teilt es dem Gott mit und bringt das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene dar.

45.285

taddinaiva yadā kuryāt kalpoktaṃ homakarmmaṇi ।
saṃkhyā gṛhya tato mantrī īṣic cālanakaṃ tathā ॥

Übersetzung: Wenn er noch am selben Tag das im Ritualhandbuch vorgeschriebene Feueropfer vollzieht, übernimmt der Mantrakundige die [Rezitations-]Zahl und ebenso die geringe Bewegung.

45.286

kalpoktaṃ kārayen mantrī homaṃ tu pūrvam eva hi ।
anenaiva vidhānena yāga pūrvaṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige lässt zunächst das vorgeschriebene Feueropfer vollziehen. Nach eben diesem Verfahren beginnt er die vorausgehende Verehrung.

45.287

samarpayitvā tad dhomaṃ tato ’vagraham ācaret ।
trisnāyī sādhako nityam āhnike kṣobham ārabhet ॥

Übersetzung: Nachdem er dieses Feueropfer dargebracht hat, übernimmt er die besondere Verpflichtung. Der Sadhaka badet täglich dreimal und beginnt im täglichen Ritus die Erregung.

Erläuterung: Avagraha bezeichnet hier eine besondere rituelle Verpflichtung beziehungsweise Observanz.

45.288

śatam aṣṭasahasraṃ vā sahasrārdham athāpi vā ।
śatadvayaṃ vā mantrajño āhnike japam ācaret ॥

Übersetzung: Hundert, achttausend, fünfhundert oder zweihundert [Wiederholungen] soll der Mantrakundige als tägliche Rezitation vollziehen.

Erläuterung: Die ungewöhnliche Zahlenfolge wird nicht zu einer vermeintlich regelmäßigen Staffelung verändert.

45.289

nityanaimittikaṃ kṛtvā āhnikād āhnikaṃ budhaḥ ।
avagrahe japaṃ kāryaṃ sidhyate śaktisaṃyutaḥ ॥

Übersetzung: Tag für Tag vollzieht der Verständige die regelmäßigen und anlassgebundenen Riten. Unter der besonderen Verpflichtung ist die Rezitation zu vollziehen; mit der Shakti verbunden erlangt er Siddhi.

45.290

homaṃ caivātha kartavyaṃ sādhakena yadṛcchayā ।
nityanaimittikaṃ kṛtvā homasyāpi ayaṃ vidhiḥ ॥

Übersetzung: Auch ein Feueropfer soll der Sadhaka nach seinem Wunsch vollziehen. Nachdem er die regelmäßigen und anlassgebundenen Riten getan hat, gilt dieses Verfahren ebenso für das Feueropfer.

45.291

kalpoktaṃ tu japaṃ mantrī yāge ’smin tu samarpayet ।
tato homasya sāmagrī kalpoktasya tu bhāvayet ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige bringt die im Ritualhandbuch vorgeschriebene Rezitation in dieser Verehrung dar. Dann bereitet er die Ausstattung für das vorgeschriebene Feueropfer vor.

45.292

yāgam anyaṃ tataḥ kṛtvā tenaiva vidhinā budhaḥ ।
śaktyādicālanaṃ kṛtvā tato homaṃ samarpayet ॥

Übersetzung: Dann vollzieht der Verständige eine weitere Verehrung nach demselben Verfahren, führt die Bewegung mit der Shakti und die weiteren [Handlungen] aus und bringt das Feueropfer dar.

45.293

avagrahena varteta nityanaimittikās tathā ।
yāgaṃ kuryātha kāmasya sadā nityavrataṃ caret ॥

Übersetzung: Er lebt unter der besonderen Verpflichtung und [vollzieht] die regelmäßigen und anlassgebundenen Riten. Er vollzieht die auf seinen Wunsch gerichtete Verehrung und hält stets das tägliche Gelübde ein.

45.294

anena vidhinā devi yoginyaḥ paśyate dhruvam ।
ādiṣṭas tābhyataḥ kuryāt siddhiyāgaṃ tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Nach diesem Verfahren, Göttin, schaut er gewiss die Yoginis. Von ihnen angewiesen, vollzieht der Sadhaka die Siddhi-Verehrung.

45.295

taṃ kṛtvā sidhyate mantrī sampradāyaṃ ca vindati ।
khecaratvaṃ bhavet tasya vīro bhavati śāśvataḥ ॥

Übersetzung: Hat er sie vollzogen, erlangt der Mantrakundige Siddhi und empfängt die Überlieferung. Ihm wird der Himmelsgängerzustand zuteil; er wird zu einem bleibenden Helden.

45.296

yoginīhṛdaye līnaḥ samayī vartate yadā ।
kṣudrasiddhiṃ yadā kuryād bhogārthī sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Wenn der Samayin im Herzen der Yogini aufgegangen verweilt, wenn der hervorragende Sadhaka nach Genuss strebt und eine geringere Siddhi vollziehen möchte,

Erläuterung: Der Samayin ist ein an die Initiationsvereinbarung gebundener Praktizierender.

45.297

ayaṃ vidhis tadā kuryāt kathayāmi na saṃśayaḥ ।
pūrvoktena vidhānena snātvā devagṛhaṃ yayuḥ ॥

Übersetzung: soll er dieses Verfahren ausführen, das ich erkläre, ohne Zweifel. Nach dem zuvor genannten Verfahren gebadet, begeben sie sich zum Götterhaus.

45.298

kṛtanyāsaḥ praviśyātha gurvādīṃ pūjyataḥ kramāt ।
kṣobhaṃ tu prathamaṃ kṛtvā āsananyāsavarjitam ॥

Übersetzung: Mit vollzogenem Nyasa tritt er ein und verehrt den Guru und die weiteren [Gottheiten] der Reihe nach. Zuerst vollzieht er die Erregung, ohne den Nyasa des Sitzes.

45.299

dravyaṃ gṛhya tataḥ prāśya tilakaṃ kārayed budhaḥ ।
hṛdyāgaṃ pūrvavan nyāsaṃ kṛtvā vai yāgam ācaret ॥

Übersetzung: Dann nimmt der Verständige die Substanz, verzehrt sie und lässt ein Stirnzeichen anbringen. Er vollzieht wie zuvor die Herzverehrung und den Nyasa und führt die Verehrung aus.

45.300

śivakumbhādividhinā tarpaṇādinivedane ।
homaṃ caiva yathāśaktyā tato yāgaṃ niveśayet ॥

Übersetzung: Nach dem Verfahren des Shiva-Kruges und der weiteren [Geräte] bringt er Sättigungsgaben und weitere [Gaben] dar; er vollzieht nach seinen Kräften das Feueropfer und richtet dann den Verehrungskreis ein.

45.301

arghaṃ dattvā tu kalpoktaṃ devaṃ vijñāpya sādhakaḥ ।
saṃkhyā gṛhya japaṃ kuryāt pṛthagbhūtāṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Der Sadhaka gibt die vorgeschriebene Ehrengabe, teilt es dem Gott mit, übernimmt die Rezitationszahl und vollzieht die Rezitation getrennt [von der Partnerin], ohne Zweifel.

45.302

prathamaṃ kṣobhayitvā tu punaḥ śaktiṃ na kṣobhayet ।
pṛthagbhūtā japaṃ kuryā bhogārthī nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er die Shakti zuerst erregt hat, soll er sie nicht erneut erregen. Wer nach Genuss strebt, rezitiert getrennt [von ihr]; daran besteht kein Zweifel.

45.303

anenaiva vidhānena yāgaṃ kṛtvā samārpayet ।
kalpoktaṃ nātra saṃdehas tato homa samarpayet ॥

Übersetzung: Nach eben diesem Verfahren vollzieht er die Verehrung und bringt das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene dar, ohne Zweifel; dann bringt er das Feueropfer dar.

45.304

anena kramayogena rājya saubhāgyam eva ca ।
arthāṃś ca vividhāś caiva mantrī sarvān avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Durch diese Folge von Verfahren soll der Mantrakundige Herrschaft, Glück und sämtliche verschiedenen begehrten Güter erlangen.

45.305

bhogārthasādhako muktvāvagrahaṃ siddhikākṣiṇām ।
siddhihetu tato gṛhya tataḥ siddhim avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Der nach Genuss strebende Sadhaka legt die besondere Verpflichtung der nach Siddhi Verlangenden ab; dann übernimmt er das Mittel zur Siddhi und soll so Siddhi erlangen.

Erläuterung: Die Unterscheidung der beiden Verpflichtungsformen ist in diesem Satz stark verkürzt.

45.306

vaśyākarṣaṇapiṇḍāhvaṃ nijasainyasya rakṣaṇam ।
yadā kuryā tadā mantrī vidhānam idam ācaret ॥

Übersetzung: Wenn der Mantrakundige Unterwerfung, Heranziehung, das Piṇḍāhva-[Ritual] oder den Schutz des eigenen Heeres ausführen will, vollzieht er dieses Verfahren.

Erläuterung: Mit diesem Vers beginnen Anwendungen zur Beeinflussung anderer und zu kriegerischen Zwecken. Piṇḍāhva ist hier nicht sicher erklärbar.

45.307

snānaṃ pūrvokta tan nyāso devāgāraṃ tato viśet ।
gurvādyarcanakaṃ kṛtvā digvāsā sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Nach dem zuvor beschriebenen Bad und Nyasa betritt der hervorragende Sadhaka nackt das Götterhaus und vollzieht die Verehrung des Gurus und der weiteren [Gottheiten].

45.308

dakṣiṇābhimukho bhūtvā sthāpya śaktiṃ tatordhvakam ।
pīṭhe nyāsaṃ tathā kṛtvā puṣpādyādīni dāpayet ॥

Übersetzung: Nach Süden gewandt stellt er die Shakti aufrecht hin, vollzieht den Nyasa am Sitz und lässt Blumen und weitere Gaben darbringen.

45.309

astrite cāsanaṃ dattvā śaktiṃ vai saṃviśāpayet ।
nāsanāc cālayec chaktiṃ yāvad yāgaṃ tu pūrvakam ॥

Übersetzung: Er bereitet einen Sitz auf der Unterlage und lässt die Shakti Platz nehmen. Bis zum Ende der vorausgehenden Verehrung soll er sie nicht vom Sitz bewegen.

45.310

kalaśādisamopetaṃ tarpaṇāntaṃ na saṃśayaḥ ।
yāgaṃ kṛtvā tu taṃ devi sādhakena tu maṇḍale ॥

Übersetzung: Mit den Krügen und den weiteren [Geräten], bis hin zur Sättigungsgabe, ohne Zweifel: Diese Verehrung vollzieht der Sadhaka im Mandala, Göttin.

45.311

devīṃ vijñāpya tāṃ mantrī tato kṣobhaṃ samārabhet ।
prāśayitvā tu taṃ dravyaṃ spṛṣṭvā yāgaṃ punar yajet ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige teilt es der Göttin mit und beginnt die Erregung. Nachdem er die Substanz verzehren ließ und [sie] berührt hat, vollzieht er erneut die Verehrung.

45.312

naivedyāni tato dadyā agnikārya samārabhet ।
nāsanāc cālayec chaktiṃ agnikāryaṃ yathepsayā ॥

Übersetzung: Dann gibt er die Speisegaben und beginnt den Feuerdienst. Er soll die Shakti nicht vom Sitz bewegen; den Feuerdienst [vollzieht er] nach Wunsch.

45.313

kṛtvā devāya saṃkalpyā yāgaṃ caiva varānane ।
saṃkhyā gṛhyākṣasūtraṃ ca śaktiṃ gatvā tato ’rcayet ॥

Übersetzung: Nach dessen Vollzug widmet er ihn und die Verehrung dem Gott, Schöngesichtige. Er übernimmt die Rezitationszahl, nimmt die Gebetsschnur, geht zur Shakti und verehrt sie.

45.314

pīṭhe praveśayel liṅgam īṣic cālanam ārabhet ।
anena kramayogena saṃkhyā gṛhya tato ’hnike ॥

Übersetzung: Am Sitz führt er den Penis ein und beginnt eine leichte Bewegung. Nach dieser Verfahrensfolge übernimmt er die Zahl für den täglichen Ritus.

45.315

kalpoktaṃ pūrayitvā tu yāgaṃ pūrvaṃ samarpayet ।
īṣic cālanakaṃ kṛtvā agnikāryaṃ yathoditam ॥

Übersetzung: Nachdem er das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene erfüllt hat, bringt er die vorausgehende Verehrung dar. Er vollzieht die leichte Bewegung und den Feuerdienst wie angegeben.

45.316

kṛtvā devasya cārpīta yāgapūrvaṃ na saṃśayaḥ ।
hrīṃśaktisampuṭaṃ mantraṃ nutyantaṃ praṇavādikam ॥

Übersetzung: Nach dessen Vollzug bringt er [ihn] mit der Verehrung voran dem Gott dar, ohne Zweifel. Das Mantra, von der Shakti hrīṃ umschlossen, mit Verehrung am Ende und Pranava am Anfang,

Erläuterung: Die Lautbestandteile gehören hier zu einer Anwendung zur Beeinflussung anderer. Eine zusätzliche ausformulierte Rezitationsanleitung wird daraus nicht hergestellt.

45.317

japet svāhāntasaṃyuktaṃ agnikāryaṃ na saṃśayaḥ ।
pūrvam eva vidhiṃ kṛtvā tataḥ karma samārabhet ॥

Übersetzung: soll er rezitieren; beim Feuerdienst ist es mit Svaha am Ende verbunden, ohne Zweifel. Nachdem er zuerst das Verfahren vollzogen hat, beginnt er die [beabsichtigte] Handlung.

45.318

samarpayitvā kalpoktaṃ vaśyārthaṃ samprayojayet ।
svayāganyāsam āsthāya mantranyāsaṃ yathoditam ॥

Übersetzung: Nach der Darbringung des Vorgeschriebenen setzt er es zur Unterwerfung ein. Er stützt sich auf den Nyasa seines Gottheitenkreises und den Mantranyasa wie angegeben.

45.319

dehe kṛtvā bahinyāsaṃ tato yāgaṃ bahir yajet ।
svabījapuṭitaṃ mantrī yantroktaṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Am Körper vollzieht er den äußeren Nyasa und dann die äußere Verehrung. Der Mantrakundige [verwendet] das im Yantra Vorgeschriebene, von seinem eigenen Bija umschlossen, ohne Zweifel.

45.320

vaśyākarṣaṇapiṇḍāhve śaktikṣobhaṃ tu pūrvavat ।
yāgapūrvaṃ tu yantrāṇāṃ likhyākṛtipuṭādikām ॥

Übersetzung: Bei Unterwerfung, Heranziehung und Piṇḍāhva [vollzieht er] die Erregung der Shakti wie zuvor. Mit der Verehrung voran zeichnet er für die Yantras die umschließende Gestalt und die weiteren [Bestandteile].

45.321

athavā kṛtyaḥ kṛtvā svayantroditamṛttikā ।
mūrdhnito bahavaḥ sthāpya dattvā †tvaṃ† dharmacīrikam ॥

Übersetzung: Oder er fertigt Figuren aus der für das jeweilige Yantra angegebenen Erde an, setzt [sie] vom Kopf her mehrfach ein und gibt [ihnen] ein Dharmacirika-Gewand; [ein Wort ist verderbt].

Erläuterung: Die Konstruktion mūrdhnito bahavaḥ und der mit Dolchen markierte Ausdruck sind nicht sicher zu verstehen. Die Übersetzung bleibt an dieser Stelle ausdrücklich vorläufig.

45.322

yantrayāgaṃ tataḥ kṛtvā lekhaṃ tatraiva lekhayet ।
svayantroktaṃ kṛtiṃ gṛhya vidhānaṃ tatra kārayet ॥

Übersetzung: Dann vollzieht er die Yantra-Verehrung und lässt dort die Schrift eintragen. Er nimmt die im jeweiligen Yantra vorgeschriebene Figur und lässt das Verfahren daran ausführen.

45.323

siddhayantre tato devi hṛdyālekhya samuddharet ।
tataś cānyeṣu mantreṣu upayogaṃ tu kārayet ॥

Übersetzung: Ist das Yantra wirksam geworden, Göttin, zeichnet er [es] im Herzen und hebt [es] heraus. Dann lässt er es auch bei anderen Mantras anwenden.

45.324

vaśyākarṣaṇapiṇḍāhve nijasainyasya rakṣaṇe ।
yāgaṃ kṛtvā sahasrasya yantrokta trijapasya tu ॥

Übersetzung: Bei Unterwerfung, Heranziehung, Piṇḍāhva und dem Schutz des eigenen Heeres vollzieht er die Verehrung und die im Yantra vorgeschriebene dreifache Rezitation von je tausend.

Erläuterung: Die Zahlenkonstruktion ist verkürzt; die Wiedergabe als drei Reihen zu tausend bleibt eine syntaktische Deutung.

45.325

nivedayīta devāya yantrāsyaiva prasiddhaye ।
homasyāṣṭasāhasraṃ tu svayantroktasya kārayet ॥

Übersetzung: Er bringt [sie] dem Gott dar, damit das Yantra wirksam werde. Er lässt achttausend Feueropfer nach der Vorschrift des jeweiligen Yantras vollziehen.

45.326

dravyasyavimiśritaṃ phalguṃ yathālābhaṃ na saṃśayaḥ ।
nivedayitvā tato homaṃ-s-tato yantrāṇi kārayet ॥

Übersetzung: [Er verwendet] mit der Substanz vermischtes Fleisch, wie es verfügbar ist, ohne Zweifel. Nach der Darbringung des Feueropfers lässt er die Yantras ausführen.

45.327

yāgaṃ caiva mahāprājñaḥ sidhyate nātra saṃśayaḥ ।
pūrvakramena vai viśya svayāgoktaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Auch die Verehrung [vollzieht er], der sehr Verständige; es wird wirksam, ohne Zweifel. Nachdem er nach der früheren Folge eingetreten ist, vollzieht er das für seinen Verehrungskreis Angegebene.

Erläuterung: Mit dem zweiten Halbvers beginnt der Abschnitt über das Erstarrenlassen, stambhana.

45.328

hṛdyāgaṃ ca tathā nyāsaṃ sadā caiva vidhānavit ।
tatropari bahirnyāsaṃ lakārapuṭitaṃ tathā ॥

Übersetzung: Der Vorschriftenkundige vollzieht stets die Herzverehrung und den Nyasa; darüber [setzt er] den äußeren Nyasa, vom Laut la umschlossen.

Erläuterung: Die Edition setzt die Silbe LA in Großbuchstaben; hier steht die IAST-Form la. Die vollständige Formel wird nicht ergänzt.

45.329

hṛdvarjitaṃ nyasen mantrī karmakalpoktasiddhaye ।
svayāgenaiva kartavyaṃ stambhanam ubhayor api ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige setzt [ihn] unter Auslassung des Herzens ein, für die im Handlungshandbuch genannte Siddhi. Mit dem eigenen Verehrungskreis ist das Erstarrenlassen bei beiden zu vollziehen.

45.330

ūrdhva śaktis tataḥ kṛtvā pīṭhaṃ sammārjya caiva hi ।
nyāsaṃ kṛtvā yathānyāyaṃ āsanam parikalpayet ॥

Übersetzung: Dann lässt er die Shakti aufrecht stehen und reinigt den Sitz. Er vollzieht den Nyasa ordnungsgemäß und bereitet den Sitz.

45.331

bhūmyaṃ tatropaviśyāsu punar nyāsaṃ tathaiva ca ।
pīṭhaṃ kṛtvā tu puṣpaiś ca tato vinyasyate budhaḥ ॥

Übersetzung: Dort auf dem Boden sitzend, [vollzieht er] rasch wiederum den Nyasa. Der Verständige bereitet den Sitz mit Blumen und setzt [ihn beziehungsweise die Gottheiten] ein.

45.332

liṅgaṃ praveśayitvā tu īṣic cālanam ārabhet ।
upaviṣṭā tu tāṃ śaktiṃ kṛtvā caivātmano budhaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er den Penis eingeführt hat, beginnt er eine leichte Bewegung. Der Verständige lässt die Shakti bei sich sitzen.

45.333

adhomukhī tataḥ kṛtvā paśuvat sādhakottamaḥ ।
liṅgaṃ praveśayitvā tu tato kṣobhaṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Dann bringt der hervorragende Sadhaka sie mit dem Gesicht nach unten, wie ein Tier. Nachdem er den Penis eingeführt hat, beginnt er die Erregung.

45.334

prāśayitvā tu taṃ dravyam arghapātraṃ tu pūjayet ।
kalaśādi tathā yāgaṃ lakārapuṭitaṃ yajet ॥

Übersetzung: Er lässt die Substanz verzehren und verehrt das Gefäß für die Ehrengabe. Er vollzieht die Verehrung mit den Krügen und weiteren [Geräten], vom Laut la umschlossen.

45.335

agnyāgāre tathā kṛtvā naivedyādi prakalpayet ।
punas tenaiva vidhinā saṃkhyā gṛhya tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Ebenso verfährt er im Feuerhaus und richtet Speisegabe und weitere [Gaben] her. Dann übernimmt der Sadhaka nach demselben Verfahren die Zahl.

45.336

pṛthagbhūtaṃ japaṃ kuryāl lakārapuṭitaṃ tathā ।
nutyantaṃ praṇavādyaṃ ca naktabhojī na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Er vollzieht die Rezitation getrennt [von der Shakti], vom Laut la umschlossen, mit Verehrung am Ende und Pranava am Anfang, nur nachts essend, ohne Zweifel.

45.337

yāgapūrvaṃ samarpīta homaṃ caiva yathoditam ।
stambhayantrāṇi sarvāṇi sidhyate nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Mit der Verehrung voran bringt er [die Rezitation] und das Feueropfer wie angegeben dar. Alle Yantras des Erstarrenlassens werden wirksam; daran besteht kein Zweifel.

45.338

anenaiva vidhānena yāgaṃ kṛtvā yathoditam ।
homasyāṣṭasāhasraṃ syāj japasya ca nivedayet ॥

Übersetzung: Nachdem er nach eben diesem Verfahren die Verehrung wie angegeben vollzogen hat, bringt er achttausend Feueropfer und [ebenso viele] Rezitationen dar.

45.339

tato yantrāṇi sidhyante stambhanāśanistambhanam ।
parasainya tathā darśe jalasya ca na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Dann werden die Yantras wirksam: Erstarrenlassen, Anhalten von Blitzschlägen, [Anhalten] eines fremden Heeres, beim Erscheinen, und des Wassers, ohne Zweifel.

Erläuterung: Der Bezug von darśe, „beim Erscheinen“, ist syntaktisch unklar.

45.340

pūrvoktavidhinā snāto praviśed devaveśmani ।
svayāgamārgam āsthāya śakti cordhvāgasaṃsthitām ॥

Übersetzung: Nach dem zuvor genannten Verfahren gebadet, tritt er in das Götterhaus ein. Er stützt sich auf den Weg seines Verehrungskreises und lässt die Shakti aufgerichtet stehen.

45.341

kṛtvā nyāse tu pīṭhe tu sarepheṇānilena tu ।
savisargeṇa puṭitaṃ svayāgaṃ tatra vinyaset ॥

Übersetzung: Beim Nyasa auf dem Sitz [verwendet er] den Luftlaut zusammen mit Repha und setzt dort seinen Verehrungskreis ein, davon umschlossen, mit Visarga versehen.

Erläuterung: Repha bezeichnet den r-Laut. Die verschlüsselte Angabe wird nicht zu einer sicheren Rezitationsformel ausgebaut.

45.342

bhrāmayitvā tu taṃ śaktim upaviśyāpayet tataḥ ।
ātmano vāmapārśve tu bahirnyāsaṃ svadehakam ॥

Übersetzung: Nachdem er die Shakti herumgedreht hat, lässt er sie sitzen, an seiner linken Seite. [Er vollzieht] den äußeren Nyasa an seinem eigenen Körper.

45.343

tenaiva puṭitaṃ sarvaṃ saha dūtyā na saṃśayaḥ ।
bhūmyaṃ tathāsanaṃ kṛtvā puṭitaṃ saṃviśāpayet ॥

Übersetzung: Alles ist von eben diesem [Laut] umschlossen, zusammen mit der Botin, ohne Zweifel. Er bereitet auf dem Boden den entsprechend umschlossenen Sitz und lässt [sie] Platz nehmen.

45.344

śakti kṣobhya tatotthāya dravyaṃ prāśya na saṃśayaḥ ।
arghapātrādikaṃ sarvaṃ yāgaṃ kṛtvā ca tatpuṭam ॥

Übersetzung: Er erregt die Shakti, erhebt sich und verzehrt die Substanz, ohne Zweifel. Er vollzieht die gesamte Verehrung mit dem Ehrengabengefäß und den weiteren [Geräten], von diesem [Laut] umschlossen.

45.345

tenaiva kramayogena tatpuṭaṃ japam ārabhet ।
homaṃ caiva na saṃdehaḥ sammiśre tataḥ phālguṣam ॥

Übersetzung: Nach derselben Verfahrensfolge beginnt er die davon umschlossene Rezitation und ebenso das Feueropfer, ohne Zweifel, dann mit vermischtem Fleisch.

45.346

svakuṇḍe caiva kartavyaṃ nātra kārya vicāraṇāt ।
samarpayeta devāya japahomaṃ ca sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Es ist in seinem eigenen Feuerbecken auszuführen; darüber soll kein Zweifel bestehen. Der Sadhaka bringt Rezitation und Feueropfer dem Gott dar.

45.347

samarpite tu kalpokte vidhiś cāyaṃ prayojayet ।
anenaiva vidhānena yantrayāgaṃ yajed budhaḥ ॥

Übersetzung: Nach der Darbringung des Vorgeschriebenen wendet er dieses Verfahren an. Nach eben diesem Verfahren vollzieht der Verständige die Yantra-Verehrung.

45.348

svayantroditahomasya hutvā aṣṭasāhasrakam ।
tasminn evānale mantrī japam caiva tathaiva hi ॥

Übersetzung: Er bringt achttausend Opferungen des für sein Yantra angegebenen Feueropfers dar. In demselben Feuer [vollzieht] der Mantrakundige ebenso die Rezitation.

45.349

kṛtvā aṣṭasahasraṃ syād yantrayāgapuṭīkṛtam ।
nivedayīta devāya tato mantraṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Er vollzieht [sie] achttausendmal, umschlossen von der Yantra-Verehrung. Er bringt [sie] dem Gott dar und beginnt dann die Mantraanwendung.

45.350

vidveṣoccāṭanaṃ caiva aṅgahīnakaraṇam eva ca ।
unmādas tu aśanīpātaḥ parasainyasya trāsanam ॥

Übersetzung: Zwietrachtstiftung, Vertreibung, Verstümmelung, Wahnsinn, Blitzschlag und die Einschüchterung eines fremden Heeres:

45.351

yantrāṇy etāni caiveha anena vidhinā dhruvam ।
sidhyate nātra saṃdehaḥ satyaṃ satyaṃ vadāmy aham ॥

Übersetzung: Diese Yantras werden hier durch dieses Verfahren gewiss wirksam, ohne Zweifel. Wahrlich, wahrlich, sage ich.

45.352

snānapūrvaṃ viśen mantrī svayāgavidhi vinyaset ।
nyāsaṃ caiva yathānyāyaṃ ubhayor api nānyathā ॥

Übersetzung: Nach vorausgehendem Bad tritt der Mantrakundige ein und setzt die Ordnung seines Verehrungskreises ein. Er vollzieht den Nyasa ordnungsgemäß an beiden, auf keine andere Weise.

45.353

śaktipīṭhe nyasen mantrī ūrdhvāyā sādhakottamaḥ ।
hūṃphaṭsampuṭitaṃ sarvaṃ viparītaṃ nyased budhaḥ ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige, der hervorragende Sadhaka, setzt [ihn] am Sitz der aufrecht stehenden Shakti ein. Der Verständige setzt alles, von hūṃ und phaṭ umschlossen, in umgekehrter Ordnung ein.

Erläuterung: Die Lautbestandteile stehen im Abschnitt über tödliche und verblendende Anwendungen und werden nicht in die Mantrasammlung aufgenommen.

45.354

tataḥ kṣobhaṃ samārabhya viparītaratena tu ।
dravyaṃ gṛhya tato prāśya bahirnyāsaṃ tu kārayet ॥

Übersetzung: Dann beginnt er die Erregung in umgekehrter Liebesstellung, nimmt die Substanz auf, verzehrt sie und lässt den äußeren Nyasa vollziehen.

45.355

hūṃphaṭsampuṭitaṃ sarvaṃ viparītakrameṇa tu ।
tato yāgaṃ samārabhya kalaśādivikalpitam ॥

Übersetzung: Alles ist von hūṃ und phaṭ umschlossen und folgt der umgekehrten Reihenfolge. Dann beginnt er die Verehrung mit den Krügen und den weiteren Geräten.

45.356

agnyāgāre tathaiveha homaṃ pūrvoktam eva hi ।
nivedayitvā devāya saṃkhyā gṛhya japet tataḥ ॥

Übersetzung: Ebenso [vollzieht er] hier im Feuerhaus das zuvor beschriebene Feueropfer. Nach der Darbringung an den Gott übernimmt er die Zahl und rezitiert.

45.357

saṃkhyā gṛhya tato mantrī kalpoktaṃ cāstrasaṃyutam ।
japaṃ homaṃ tathaiveha yantradravyeṇa miśritam ॥

Übersetzung: Dann übernimmt der Mantrakundige die Zahl [für] die im Ritualhandbuch vorgeschriebene, mit dem Waffenmantra verbundene Rezitation und ebenso das Feueropfer, vermischt mit der für das Yantra bestimmten Substanz.

45.358

japahomaṃ samarpīta tenaiva vidhinā punaḥ ।
yāgapūrvāṇi yantrāṇi sādhayen nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Nach demselben Verfahren bringt er wiederum Rezitation und Feueropfer dar. Mit der Verehrung voran macht er die Yantras wirksam, ohne Zweifel.

45.359

māraṇe mohanocchāde kalahe ca varānane ।
yantrāṇy etāni sidhyante anena vidhinā dhruvam ॥

Übersetzung: Beim Töten, Verblenden, Vertreiben und Streitstiften, Schöngesichtige, werden diese Yantras durch dieses Verfahren gewiss wirksam.

45.360

snānaṃ kṛtvā viśen mantrī saha śaktyā tathaiva hi ।
svayāgaṃ hṛdaye nyastvā nyāsaṃ caiva yathoditam ॥

Übersetzung: Nach dem Bad tritt der Mantrakundige zusammen mit der Shakti ein. Er setzt seinen Gottheitenkreis im Herzen und den Nyasa wie angegeben ein.

Erläuterung: Hier beginnt eine Gruppe von Befriedungs- und Stärkungsritualen; auch sie bleibt im beschriebenen Paarritual verankert.

45.361

pīṭhanyāsaṃ tathā kṛtvā smaraṇasampuṭite tathā ।
mantrais tu anulomais tu āsane ’pi na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Ebenso vollzieht er den Nyasa auf dem Sitz, mit vom Smarana umschlossenen Mantras in vorwärts laufender Reihenfolge, auch auf der Sitzstätte, ohne Zweifel.

45.362

bhūmyāṃ caivāsanaṃ kṛtvā śaktis caiva viśāpayet ।
kṣobhayitvā tato mantrī dravyaṃ prāśya punar nyaset ॥

Übersetzung: Er bereitet den Sitz auf dem Boden und lässt die Shakti Platz nehmen. Dann erregt sie der Mantrakundige, verzehrt die Substanz und vollzieht erneut den Nyasa.

45.363

hṛdyāgaṃ ca bahinyāsaṃ smaraṇasampuṭitaṃ kramāt ।
arghapātraṃ tathaiveha kalaśaṃ maṇḍalaṃ tathā ॥

Übersetzung: Die Herzverehrung und den äußeren Nyasa [vollzieht er] der Reihe nach, vom Smarana umschlossen, ebenso das Ehrengabengefäß, den Krug und das Mandala.

45.364

agnyāgāraṃ ca mantrajño yajet smaraṇasampuṭam ।
naivedyāni tato dattvā homaṃ kṛtvā yathoditam ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige verehrt auch das Feuerhaus, vom Smarana umschlossen. Dann gibt er die Speisegaben und vollzieht das Feueropfer wie angegeben.

45.365

devaṃ vijñāpya to mantrī punaḥ kṣobhaṃ samārabhet ।
bhāvate dravyasaṃghātaṃ spṛṣṭvā arghaṃ pradāpayet ॥

Übersetzung: Nach der Mitteilung an den Gott beginnt der Mantrakundige erneut die Erregung. Er vergegenwärtigt die Ansammlung der Substanz, berührt [sie] und lässt die Ehrengabe darbringen.

45.366

saṃkhyā gṛhya japaṃ mantrī śaktipārśve tathaiva hi ।
kalpoktaṃ tu tataḥ kṛtvā homaṃ taddravyamiśritam ॥

Übersetzung: Er übernimmt die Zahl und rezitiert an der Seite der Shakti. Dann vollzieht er das vorgeschriebene Feueropfer, vermischt mit jener Substanz.

45.367

svayāgenaiva kartavyaṃ bhairavāya samarpayet ।
yantrayāgaṃ tataḥ kṛtvā vidhānena tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Es ist im eigenen Verehrungskreis auszuführen und Bhairava darzubringen. Dann vollzieht der Sadhaka die Yantra-Verehrung nach der Vorschrift.

45.368

japasyāṣṭasāhasraṃ tu homaṃ taddravyamiśritam ।
saṃkhyāyāṣṭasāhasraṃ tu devīnāṃ vinivedayet ॥

Übersetzung: Achttausend Rezitationen und das mit jener Substanz vermischte Feueropfer in der Zahl von achttausend bringt er den Göttinnen dar.

45.369

śāntikaṃ puṣṭikaṃ caiva mṛtyuñjayavidhis tathā ।
kopapraśamane caiva tathā nigaḍabhañjane ॥

Übersetzung: Befriedung, Stärkung und ebenso das Verfahren zur Überwindung des Todes, die Besänftigung von Zorn und das Zerbrechen von Fesseln:

45.370

yantrāṇy etāni sidhyante vidhinānena nānyathā ।
snānapūrvaṃ nyasen mantrī gṛhaṃ devasya sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Diese Yantras werden durch dieses Verfahren wirksam, auf keine andere Weise. Nach vorausgehendem Bad [betritt] der Mantrakundige, der Sadhaka, das Götterhaus und vollzieht den Nyasa.

Erläuterung: Der zweite Halbvers eröffnet das Ritual zur Steigerung des Glücks; die Satzkonstruktion ist verkürzt.

45.371

hṛdyāgaṃ ca bahirnyāsaṃ svayāgenaiva kārayet ।
śaktim ūrdhvā tataḥ kṛtvā hrīṃkārapuṭitaṃ tathā ॥

Übersetzung: Er lässt die Herzverehrung und den äußeren Nyasa im eigenen Verehrungskreis vollziehen. Dann lässt er die Shakti aufrecht stehen, [wobei alles] vom Laut hrīṃ umschlossen ist.

45.372

mantra pīṭhe tathā nyāsam anulomais tu kārayet ।
āsanaṃ tu tato dattvā taṃ caiva puṭitais tathā ॥

Übersetzung: Am Mantrasitz lässt er den Nyasa mit vorwärts laufenden [Mantras] vollziehen. Dann gibt er den Sitz, ebenfalls mit entsprechend umschlossenen [Mantras].

45.373

tāṃ viśāpya tataḥ śaktiṃ cumbanāliṅganādikam ।
kṣobhaṃ kṛtvātha mantrajñaḥ prāśya dravyaṃ varānane ॥

Übersetzung: Er lässt die Shakti sitzen und vollzieht Küsse, Umarmungen und weitere [Liebkosungen]. Nach der Erregung verzehrt der Mantrakundige die Substanz, Schöngesichtige.

45.374

hṛdyāgaṃ ca bahirnyāsaṃ hrīṃśaktyā puṭitaṃ tathā ।
arghapātraṃ tathaiveha kalaśaṃ maṇḍalaṃ tathā ॥

Übersetzung: Die Herzverehrung und den äußeren Nyasa [vollzieht er], von der Shakti hrīṃ umschlossen, ebenso das Ehrengabengefäß, den Krug und das Mandala.

45.375

agnyāgāraṃ tathā tarpya naivedyāni pradāpayet ।
homaṃ kṛtvā tu mantrajño homadravyavimiśritam ॥

Übersetzung: Ebenso sättigt er das Feuerhaus und lässt die Speisegaben darbringen. Der Mantrakundige vollzieht das Feueropfer, vermischt mit der Opferungssubstanz.

45.376

nivedayāgaṃ devāya kṛtvā caiva pradakṣiṇam ।
aṣṭāṅgapraṇipātaṃ tu kṛtvā vijñāpya sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Er bringt die Verehrung dem Gott dar, umschreitet ihn rechtsherum und vollzieht eine Niederwerfung mit acht Körpergliedern. Der Sadhaka teilt [sein Vorhaben] mit.

45.377

raktavāsaparidhāno ubhau raktottarīyakau ।
raktagandhaviliptāṅgau raktasragdāmabhūṣitau ॥

Übersetzung: Beide tragen rote Gewänder und rote Obergewänder; ihre Glieder sind mit rotem Duftstoff bestrichen, und rote Blumengirlanden schmücken sie.

45.378

nānābharaṇasaṃyuktau māṇikyādibhi bhūṣitau ।
alābhe maṇimuktānāṃ yathāsambhavabhūṣaṇaiḥ ॥

Übersetzung: Sie tragen vielerlei Schmuck und sind mit Rubinen und anderen [Edelsteinen] geschmückt. Sind Edelsteine und Perlen nicht verfügbar, [verwenden sie] den jeweils verfügbaren Schmuck.

45.379

saṃviśāpya tathā śaktiṃ paridhānai sahaiva tau ।
kṣobhayitvā yathānyāyaṃ dravyaṃ tu prāśya vandya ca ॥

Übersetzung: Er lässt die Shakti Platz nehmen; beide behalten ihre Gewänder an. Nach ordnungsgemäßer Erregung verzehren sie die Substanz und vollziehen die Verehrung.

45.380

spṛṣṭvārghaṃ tu tato dattvā saṃkhyā gṛhya ’tha sādhakaḥ ।
hrīṃśaktisampuṭaṃ caiva japaṃ kalpoktam ācaret ॥

Übersetzung: Nach der Berührung gibt der Sadhaka eine Ehrengabe, übernimmt die Zahl und vollzieht die vorgeschriebene Rezitation, von der Shakti hrīṃ umschlossen.

45.381

homaṃ caiva yathoddiṣṭaṃ bhairavāya samarpayet ।
anena kramayogena yantrayāgapurahsaram ॥

Übersetzung: Ebenso bringt er das Feueropfer wie angewiesen Bhairava dar. Durch diese Verfahrensfolge, mit der Yantra-Verehrung voran,

45.382

yantrāṇi sādhayen mantrī yathoktavidhicoditam ।
bhāgyārohaṇakaṃ caiva jayayantraṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: macht der Mantrakundige die Yantras wirksam, wie die genannte Vorschrift anordnet: das zur Steigerung des Glücks und ebenso das Siegesyantra.

45.383

sādhayen nātra saṃdeho vidhinānena sādhakaḥ ।
śāntikaṃ-pauṣṭikādīnāṃ śuklavāsānulepanam ॥

Übersetzung: Der Sadhaka macht sie durch dieses Verfahren wirksam, ohne Zweifel. Für Befriedung, Stärkung und die weiteren [Ziele verwendet man] weiße Gewänder und weiße Salbungen.

45.384

śuklau-sragdāmaśobhau tu muktāvalivibhūṣitau ।
hārakeyūraśobhau tu bhūtvā kṣobham samārabhet ॥

Übersetzung: Beide erstrahlen weiß, mit Blumengirlanden und Perlenschnüren geschmückt. Mit Halsketten und Oberarmreifen geschmückt, beginnen sie die Erregung.

45.385

vibhavālabdhavāsānāṃ nātra kārya vicāraṇāt ।
hrīṃkārasampuṭaṃ sarvaṃ āsanaṃ parikalpayet ॥

Übersetzung: Bei den nach ihren Mitteln verfügbaren Gewändern soll kein Zweifel bestehen. Den gesamten Sitz richtet er vom Laut hrīṃ umschlossen ein.

45.386

anulomaṃ tu yajed yāgaṃ hrīṃkārapuṭitaṃ tathā ।
vaśyākarṣaṇapiṇḍāhve nijasainyasya rakṣaṇe ॥

Übersetzung: Er vollzieht die Verehrung in vorwärts laufender Reihenfolge, vom Laut hrīṃ umschlossen, bei Unterwerfung, Heranziehung, Piṇḍāhva und beim Schutz des eigenen Heeres.

45.387

etad yāgavidhānaṃ tu kalpoktaṃ nātra saṃśayaḥ ।
praṇave caiva hrīṃkāraṃ mantraṃ dattvā yathākramam ॥

Übersetzung: Dieses Verehrungsverfahren ist im Ritualhandbuch vorgeschrieben, ohne Zweifel. Nach dem Pranava setzt er den Laut hrīṃ und das Mantra der Reihe nach ein,

45.388

hrīṃkāraṃ ca namaskāraṃ kalpoktaṃ japam ācaret ।
lakārasampuṭaṃ sarvaṃ yāganyāsaṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: sowie den Laut hrīṃ und die Verehrungsformel, und vollzieht die vorgeschriebene Rezitation. [Beim folgenden Verfahren setzt er] den gesamten Verehrungsnyasa vom Laut la umschlossen ein, ohne Zweifel.

45.389

anulomaṃ yajed yāgaṃ kalpoktaṃ nātra saṃśayaḥ ।
mantraṃ lakārapuṭitaṃ nutyantaṃ praṇavādikam ॥

Übersetzung: Er vollzieht die vorgeschriebene Verehrung in vorwärts laufender Reihenfolge, ohne Zweifel. Das Mantra ist vom Laut la umschlossen, mit Verehrung am Ende und Pranava am Anfang.

45.390

anulomaṃ japen mantraṃ stambhanādiṃ ca sādhane ।
bhairavaṃ pādayor nyasya savisargeṇa sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Bei der Verwirklichung von Erstarrenlassen und weiteren [Zielen] rezitiert er das Mantra vorwärts. Der Sadhaka setzt Bhairava an beiden Füßen ein, [mit dem Laut] samt Visarga,

45.391

vāyunā cārdharepheṇa yojitaṃ nātra saṃśayaḥ ।
jānubhyāṃ ca tathā raktā karālīṃ guhyake nyaset ॥

Übersetzung: verbunden mit dem Luftlaut und einem halben Repha, ohne Zweifel. An beiden Knien setzt er Rakta, an der Scham Karali ein.

45.392

nābhyaṃ caiva tu caṇḍākṣī mahocchuṣmā hṛdi nyaset ।
karālā kaṇṭhadeśe tu danturā tu mukhe nyaset ॥

Übersetzung: Am Nabel setzt er Chandakshi, im Herzen Mahocchushma ein; in der Halsgegend Karala und im Gesicht Dantura.

45.393

lalāṭe bhīmavaktrā tu śikhāyāṃ tu mahābalā ।
kroṣṭukī vāmapāde tu vijayā vāmajānunī ॥

Übersetzung: An der Stirn [setzt er] Bhimavaktra, am Scheitel Mahabala ein; am linken Fuß Kroshtuki und am linken Knie Vijaya.

45.394

gajakarṇās tathā kaṭyāṃ dakṣapāde mahāmukhī ।
cakravegātha jānau tu mahānāsā kaṭis tathā ॥

Übersetzung: An der Hüfte [setzt er] Gajakarna ein, am rechten Fuß Mahamukhi, am Knie Chakravega und an der Hüfte Mahanasa.

Erläuterung: Die Seitenzuordnung der ersten und letzten Hüftstelle ergibt sich nur aus der Folge; sie wird nicht zusätzlich in den Sanskrittext eingesetzt.

45.395

vīrāṃ tu pādayor nyasya jaṅghayos tu maheśvarī ।
ūrubhyāṃ caiva brahmāṇī nābhyāṃ vai vaiṣṇavī nyaset ॥

Übersetzung: Er setzt Vira an beiden Füßen ein, Maheshvari an beiden Unterschenkeln, Brahmani an beiden Oberschenkeln und Vaishnavi am Nabel.

45.396

nābhihṛdyās tathā skandī kaṇṭhe caiva vivasvatī ।
cipuke caiva māhendrī akṣṇau caiva tu bhairavī ॥

Übersetzung: Zwischen Nabel und Herz [setzt er] Skandi ein, am Hals Vivasvati, am Kinn Mahendri und an beiden Augen Bhairavi.

45.397

mastake paramā śaktis tenaiva puṭitaṃ nyaset ।
hṛdyāgena tu kartavyaṃ vinyāso nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Am Kopf setzt er die höchste Shakti ein, von demselben [Laut] umschlossen. Dieser Nyasa ist im Rahmen der Herzverehrung zu vollziehen, ohne Zweifel.

45.398

bahiryāge yathā nyāsas tāṃ śṛṇuṣva samāhitā ।
karṇikāyāṃ nyased devaṃ mahocchuṣmā tu pūrvataḥ ॥

Übersetzung: Höre gesammelt, wie der Nyasa bei der äußeren Verehrung erfolgt. Auf den Fruchtboden setzt er den Gott, im Osten Mahocchushma ein.

45.399

dakṣiṇena tu caṇḍākṣīṃ karālāṃ paścime nyaset ।
raktā caivottare nyasya tenaiva puṭitas tathā ॥

Übersetzung: Im Süden setzt er Chandakshi, im Westen Karala und im Norden Rakta ein, jeweils von demselben [Laut] umschlossen.

45.400

mahābāla tathāgneye bhīmavaktrā tu nairṛte ।
danturāṃ caiva vāyavye karālāṃ īśagocare ॥

Übersetzung: Mahabala [setzt er] im Südosten ein, Bhimavaktra im Südwesten, Dantura im Nordwesten und Karala im nordöstlichen Bereich.

Erläuterung: Die Quelle nennt hier nochmals Karālā; der Name wird nicht eigenmächtig verändert.

45.401

karṇikāyāṃ nyased devaṃ bhogāṅgāni tathaiva hi ।
viparītāni vinyasya karṇikāyāṃ yathākramam ॥

Übersetzung: Auf den Fruchtboden setzt er den Gott ein; ebenso setzt er dort die Bhogangas in umgekehrter Reihenfolge ein.

Erläuterung: Bhogāṅgas sind die rituellen „Erfahrungsglieder“ des Gottheiten- und Mantrasystems.

45.402

pūrvādidiśim ārabhya yoginya viparītakaḥ ।
pūrvādidiśim āśritya viparītās tu mātaraḥ ॥

Übersetzung: Beginnend mit der östlichen Richtung [setzt er] die Yoginis in umgekehrter Reihenfolge ein; ebenso die Mütter, ausgehend von Osten, in umgekehrter Reihenfolge.

45.403

īśānāntā na saṃdehaḥ sarvas tu puṭitā nyaset ।
dakṣiṇe tu nyased astraṃ nāmnā pāśupataṃ mahat ॥

Übersetzung: Bis zum Nordosten, ohne Zweifel, setzt er alle entsprechend umschlossen ein. Im Süden setzt er die große Waffe mit dem Namen Pashupata ein.

45.404

paścimena takāraṃ syā uttare savisargakam ।
pheṭkāraṃ pūrvato nyasya huṃkāraṃ īśagocare ॥

Übersetzung: Im Westen steht der Laut ta, im Norden [derselbe] mit Visarga. Im Osten setzt er den Laut pheṭ ein, im nordöstlichen Bereich den Laut huṃ.

Erläuterung: Diese Bestandteile werden als Zuordnung im historischen Nyasa wiedergegeben; eine selbstständige Rezitationsformel wird nicht daraus gemacht.

45.405

nairṛte caiva hrīṃkāraṃ huṃphaḍāntāni vinyaset ।
tenaiva puṭitāni syu nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Im Südwesten setzt er den Laut hrīṃ ein, [die Mantras] mit huṃ phaṭ am Ende. Sie sollen davon umschlossen sein; darüber soll kein Zweifel bestehen.

Erläuterung: Die sandhibedingte Form phaḍ- bleibt im Sanskrit stehen. Die Länge des u folgt hier der jeweiligen Druckgestalt der Edition.

45.406

vidveṣoccāṭane caiva vidviṣṭoccāṭane tathā ।
ucchede trāsane caiva pātane dhvaṃsane tathā ॥

Übersetzung: Bei Zwietracht und Vertreibung, beim Vertreiben eines Feindes, bei Vernichtung, Einschüchterung, Sturz und Zerstörung:

45.407

etad yāgaṃ na saṃdehaḥ kalpokte yantrakarmmaṇi ।
yantre yantre yad uktaṃ syād bīje tenaiva sampuṭam ॥

Übersetzung: Dies ist die Verehrung für die im Ritualhandbuch beschriebene Yantra-Anwendung, ohne Zweifel. Sie wird jeweils von dem Bija umschlossen, das beim betreffenden Yantra angegeben ist.

45.408

eteṣu devi yantreṣu viparītakrameṇa tu ।
mantra yantroditaṃ jāpyaṃ nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Bei diesen Yantras, Göttin, ist das im Yantra angegebene Mantra in umgekehrter Reihenfolge zu rezitieren; darüber soll kein Zweifel bestehen.

45.409

anyeṣāṃ caiva yantrāṇāṃ yāgaṃ vakṣyāmi tāṃ śṛṇu ।
ayam eva tu vinyāso māraṇādiṣu nānyathā ॥

Übersetzung: Ich werde die Verehrung der anderen Yantras erklären; höre sie. Bei tödlichen und den weiteren [Anwendungen] gilt eben dieser Nyasa, kein anderer.

45.410

huṃphaṭsampuṭitaṃ sarvaṃ kalpokte yantrakarmmaṇi ।
mantraṃ tatpuṭitaṃ caiva japakāle na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Alles ist bei der im Ritualhandbuch beschriebenen Yantra-Anwendung von huṃ phaṭ umschlossen; ebenso das Mantra bei der Rezitation, ohne Zweifel.

45.411

yantrayāge punaḥ kārya tadbījapuṭitaṃ tathā ।
yantre yantre yad uktaṃ syān nātra kārya vicāraṇāt ॥

Übersetzung: Bei der Yantra-Verehrung ist dagegen die Umschließung mit dem betreffenden Bija auszuführen, das jeweils bei dem Yantra genannt wird; darüber soll kein Zweifel bestehen.

45.412

māraṇe mohanocchede parasainyasya mardane ।
kalahaṃ ca tathā kuryād yathāyatnena pūrvavat ॥

Übersetzung: Bei Tötung, Verblendung, Vernichtung und dem Zerschlagen eines fremden Heeres, ebenso beim Streitstiften verfährt er mit der entsprechenden Anstrengung wie zuvor.

45.413

smaraṇasampuṭitaṃ sarvam anulomaṃ yathākramam ।
nijayāge ’pi kartavyaṃ punar dehe ’pi nyāsakam ॥

Übersetzung: Alles wird vom Smarana umschlossen und in vorwärts laufender Reihenfolge ausgeführt, auch im eigenen Verehrungskreis; wiederum ist der Nyasa auch am Körper zu vollziehen.

Erläuterung: Der Text wechselt hier zurück zur befriedenden Ritualgruppe.

45.414

kalpoktayāgamārgeṇa yantrāṇy etāni sādhayet ।
śāntikaṃ pauṣṭikaṃ caiva mṛtyuñjayavidhis tathā ॥

Übersetzung: Nach dem im Ritualhandbuch beschriebenen Verehrungsweg macht er diese Yantras wirksam: Befriedung, Stärkung und ebenso das Verfahren zur Überwindung des Todes,

45.415

kopapraśamane caiva nigaḍabhañjanam eva ca ।
yantrāṇy etāni sidhyanti kalpayāgena mantriṇām ॥

Übersetzung: Besänftigung von Zorn und Zerbrechen von Fesseln. Diese Yantras werden für die Mantrakundigen durch die im Ritualhandbuch beschriebene Verehrung wirksam.

45.416

smaraṇasampuṭamantreṇa kalpoktaṃ japam ācaret ।
svayantrabījamārgeṇa tathā yāgeṣu yojayet ॥

Übersetzung: Mit dem vom Smarana umschlossenen Mantra vollzieht er die vorgeschriebene Rezitation. Bei den Verehrungen setzt er dagegen das Verfahren mit dem Bija des jeweiligen Yantras ein.

45.417

mantra yantroditaṃ jāpyaṃ yantre yantre na saṃśayaḥ ।
hrīṃkārapuṭitaṃ sarvam anulomaṃ tathaiva hi ॥

Übersetzung: Bei jedem einzelnen Yantra ist das dort angegebene Mantra zu rezitieren, ohne Zweifel. [Beim folgenden Verfahren ist] alles vom Laut hrīṃ umschlossen und läuft vorwärts.

45.418

hrīṃśaktipuṭitaṃ caiva kalpoktaṃ japam ācaret ।
svayantrabījamārgeṇa tathā yāgeṣu yojayet ॥

Übersetzung: Er vollzieht die vorgeschriebene Rezitation, von der Shakti hrīṃ umschlossen. Bei den Verehrungen setzt er dagegen das Verfahren mit dem Bija des jeweiligen Yantras ein.

45.419

mantra yantroditaṃ jāpyaṃ yantre yantre na saṃśayaḥ ।
hrīṃkārapuṭitaṃ sarvam anulomaṃ tathaiva hi ॥

Übersetzung: Bei jedem einzelnen Yantra ist das dort angegebene Mantra zu rezitieren, ohne Zweifel. Alles ist vom Laut hrīṃ umschlossen und läuft vorwärts.

Erläuterung: Die Wiederholung gegenüber 45.417 steht in der Edition; sie wird im Haupttext nicht gestrichen.

45.420

hrīṃśaktipuṭitaṃ sarvaṃ kalpoktaṃ japam ācaret ।
yantrabījoditaṃ karma yantrayor ubhayor api ॥

Übersetzung: Er vollzieht die gesamte vorgeschriebene Rezitation, von der Shakti hrīṃ umschlossen. Bei beiden Yantras [vollzieht er] die mit dem Yantra-Bija angegebene Handlung,

45.421

bhāgyasambhavike caiva jayayantre ca nānyathā ।
tālamārgasthitasyāpi sādhakasya varānane ॥

Übersetzung: beim Glück erzeugenden und beim Siegesyantra, auf keine andere Weise – auch für den auf dem Tala-Weg stehenden Sadhaka, Schöngesichtige.

45.422

vidhir eṣa samuddiṣṭaḥ sādhakānāṃ hitāya vai ।
sthānā tu calate mantrī yadā kāryavaśā priye ॥

Übersetzung: Dieses Verfahren ist zum Wohl der Sadhakas erklärt worden. Wenn der Mantrakundige wegen einer Aufgabe seinen Ort verlässt, Liebe,

45.423

astrāṇi dikṣu saṃsmarya astramokṣaṃ tu kārayet ।
kṛtanyāso japen mantrī kṛtarakṣas tathaiva ca ॥

Übersetzung: vergegenwärtigt er die Waffen in den Richtungen und vollzieht das Entlassen der Waffe. Mit vollzogenem Nyasa und hergestelltem Schutz rezitiert der Mantrakundige.

45.424

tattvadhyāyī na saṃdehas tadā vighnair na bādhyate ।
suptotthito yadā rātrau mantrī kuryād avaśyakam ॥

Übersetzung: Über die Wirklichkeit meditierend wird er dann nicht von Hindernissen bedrängt, ohne Zweifel. Wenn der Mantrakundige nachts vom Schlaf aufsteht, um die Notdurft zu verrichten,

45.425

nyāsaṃ kṛtvā hṛdi dhyānam astramokṣādikaṃ-s-tathā ।
niṣkramyācānya mantrajño nyāsaṃ kṛtvā yathoditam ॥

Übersetzung: vollzieht er den Nyasa, die Meditation im Herzen und das Entlassen der Waffe und weitere [Schritte]. Er geht hinaus; nach der Mundspülung vollzieht der Mantrakundige den Nyasa wie angegeben.

45.426

dhyānaṃ kṛtvā mahādevi tato mantrī tu saṃviśet ।
prātar utthāya svasthātmā sakalīkṛtavigrahaḥ ॥

Übersetzung: Nach der Meditation, große Göttin, legt sich der Mantrakundige wieder hin. Morgens steht er mit gefasstem Selbst auf, nachdem sein Körper durch Sakalikarana rituell vervollständigt wurde.

45.427

kṛtarakṣo vrajen mantrī pādaprakṣālanādikam ।
pavitraṃ vandayen nityaṃ kṛtvā viṇmūtram eva ca ॥

Übersetzung: Mit hergestelltem Schutz geht der Mantrakundige fort und vollzieht das Waschen der Füße und die weiteren [Reinigungen]. Nachdem er Kot und Urin ausgeschieden hat, verehrt er stets das Pavitra.

Erläuterung: Pavitra ist eine besondere rituelle Substanz; die Aussage ist in den zuvor beschriebenen transgressiven Reinheitsbegriff eingebunden.

45.428

pratyūṣe nijane caiva anyathā doṣam āpnuyāt ।
avaśyeva vidhānajño gatvātmāna gṛhādikam ॥

Übersetzung: Bei Tagesanbruch und an einem einsamen Ort [tut er dies]; sonst zieht er einen Verstoß auf sich. Der Vorschriftenkundige geht dann unbedingt in sein eigenes Haus beziehungsweise die entsprechende Unterkunft.

45.429

dantadhāvanapūrvaṃ tu tataḥ snānaṃ samārabhet ।
pūrvoktena vidhānena kṛtvā sandhānakaṃ budhaḥ ॥

Übersetzung: Nach vorausgehendem Zähneputzen beginnt er das Bad. Nach dem zuvor genannten Verfahren vollzieht der Verständige die [rituelle] Verbindung.

Erläuterung: Sandhānaka wird als erneute rituelle Verbindung verstanden; die genaue Ausgestaltung steht in den vorausgehenden Anweisungen.

45.430

kṛtarakṣo viśen mantrī devāgāraṃ tathaiva hi ।
evaṃ tu pratyahaṃ kuryā tālakena na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Mit hergestelltem Schutz betritt der Mantrakundige das Götterhaus. So ist es vom Talaka täglich zu tun, ohne Zweifel.

45.431

miśrakeṇāpi kartavyam ayam eva vidhiḥ kramāt ।
miśrakeṇāpi kartavyaḥ pavitrādipurahsaram ॥

Übersetzung: Auch der Mishraka soll eben dieses Verfahren der Reihe nach vollziehen; auch er soll [es] mit Pavitra und den weiteren [Bestandteilen] voran ausführen.

Erläuterung: Miśraka bezeichnet den Praktizierenden des „gemischten“ Weges, der im Folgenden vom Tala-Weg abgegrenzt wird.

45.432

śuddhasyācāreṇaiva śikhābandhavarjitam ।
ceṣṭābhis tābhi varteta tālakeva ca miśrake ॥

Übersetzung: Er hält sich an das Verhalten des Reinen, jedoch ohne das Binden des Haarschopfes. Im gemischten [Weg] lebt er mit denselben Handlungen wie der Talaka.

45.433

lābhālābhavikalpena yathāvibhavasambhavam ।
pūrvasevāvidhānena kalpoktena vidhisthitaḥ ॥

Übersetzung: Je nachdem, was verfügbar oder nicht verfügbar ist, entsprechend seinen Mitteln, hält er sich an die Vorschrift der vorbereitenden Verehrung, die das Ritualhandbuch angibt.

45.434

tena mārgeṇa cānyāni kalpakarmāṇi kārayet ।
yantrādīni ca karmāṇi pūrvasevāvidhikramāt ॥

Übersetzung: Auf diesem Weg lässt er auch andere Handlungen des Ritualhandbuchs ausführen, Yantra-Anwendungen und weitere Handlungen nach der Vorschriftenfolge der vorbereitenden Verehrung.

45.435

brahmacaryarato nityaṃ tālakeva samācaret ।
madyādīni ca homāni kartavyā-m-aviśaṅkinā ॥

Übersetzung: Stets der Keuschheit zugewandt, handelt er wie der Talaka. Feueropfer mit Alkohol und weiteren [Stoffen] sind ohne Bedenken auszuführen.

45.436

ādeśena vinā devi pānaṃ bhakṣaṃ na kārayet ।
miśreṇāpi na kartavyaṃ pavitrādi-ca-vandanam ॥

Übersetzung: Ohne ausdrückliche Anweisung, Göttin, soll er weder trinken noch essen [von diesen Stoffen]. Auch der Mishraka soll die Verehrung von Pavitra und den weiteren [Substanzen] nicht vollziehen.

Erläuterung: Die Einschränkung steht neben der anders lautenden allgemeinen Anweisung 45.431. Der Spannungsbefund wird nicht stillschweigend harmonisiert.

45.437

tālake caiva śeṣaṃ tu śaktivarja na saṃśayaḥ ।
alābhena vidhis tasya niṣedho naiva prāṣite ॥

Übersetzung: Das Übrige [ist] wie beim Talaka, jedoch ohne die Shakti, ohne Zweifel. Seine Regel richtet sich nach der Nichtverfügbarkeit; ist [die Substanz] verzehrt worden, besteht kein Verbot.

Erläuterung: Prāṣite wird als ungewöhnliche Form zu „verzehren“ verstanden. Der genaue Bedingungszusammenhang bleibt unsicher.

45.438

mahāmāṃsādihomānāṃ madyānāṃ ca na saṃśayaḥ ।
miśrakasya vidhi proktaḥ śaktivarjasya nityaśaḥ ॥

Übersetzung: [Dies betrifft] Feueropfer mit Menschenfleisch und weiteren [Stoffen] sowie Alkohol, ohne Zweifel. Damit ist die Regel des Mishraka erklärt, der beständig ohne Shakti ist.

45.439

ādeśena mahādevi ākṛṣyākṛṣya bhuñjayet ।
sādhayet sarvakarmāṇi śaktiyuktas tu miśrakaḥ ॥

Übersetzung: Auf Anweisung, große Göttin, lässt er nach wiederholtem Heranziehen verzehren. Mit der Shakti verbunden, verwirklicht der Mishraka alle Anwendungen.

Erläuterung: Das Objekt des „Heranziehens“ ist nicht ausgeschrieben. Die Verbindung mit einer Shakti ist hier als besondere, angeordnete Ausnahme beschrieben.

45.440

ākarṣādiprayogeṣu yadā siddhi prajāyate ।
kadācin miśrako devi karmayogena nityaśaḥ ॥

Übersetzung: Wenn bei Anwendungen wie dem Heranziehen einmal Siddhi entsteht, Göttin, [dann kann] der Mishraka durch beständige Ausführung der Handlungen

45.441

tālamārga samāpnoti yadā śuddhaḥ prajāyate ।
miśrasya vidhi proktaḥ śuddhāśuddhasya śobhane ॥

Übersetzung: den Tala-Weg erreichen, wenn er rein geworden ist. Damit ist die Regel des Mishra erklärt, der zugleich rein und unrein ist, Schöne.

Annapurna und Shiva: ergänzendes Bild zum Thema Nahrung und religiöses Leben. Der folgende Text beschreibt die eigene Lebensordnung des Charubhojin.

45.442

aśuddhasyāpi vakṣyāmi tāṃ śṛṇuṣva samāhitāḥ ।
brahmacaryarato nityaṃ sarvakalpāni kārayet ॥

Übersetzung: Auch die [Lebensordnung] des Unreinen werde ich erklären; höre gesammelt. Stets in Brahmacharya lebend soll er alle [in seinen] Kalpas [gelehrten Verfahren] vollziehen.

Erläuterung: Hier beginnt eine in sich geschlossene Darstellung des Charubhojin, des „Essers von Charu“. Aśuddha („unrein“) ist seine Bezeichnung innerhalb der Drei-Leben-Typologie von 45.5–11, keine Aufforderung zu unreinem Verhalten.

45.443

homāni māṃsavarjyāni sarvakarmesu kārayet ।
pūrvasevāvidhānena ājye kalpe na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Bei allen Handlungen soll er die Feueropfer ohne Fleisch ausführen. [Er verfahre] nach der Ordnung der vorbereitenden Mantrapraxis, im Kalpa mit geklärter Butter, ohne Zweifel.

Erläuterung: Dieser Sadhaka verwendet ausdrücklich kein Fleisch; der folgende Vers untersagt auch Alkohol. Die Klassenbezeichnung „unrein“ darf deshalb nicht mit einer modernen Speisebewertung gleichgesetzt werden.

45.444

uktāni yāni homāni nityakarma samācaret ।
madyāni na spṛśen mantrī naivedyāya na kalpayet ॥

Übersetzung: Die gelehrten Feueropfer soll er als tägliche Handlung vollziehen. Alkohol soll der Mantra-Praktizierende nicht berühren und nicht als Speisegabe bereiten.

45.445

viparītāni karmāṇi na kadācit samācaret ।
anyathā kurute devi sādhako jñānavarjitaḥ ॥

Übersetzung: Umkehrende beziehungsweise transgressive Handlungen soll er niemals vollziehen. Wenn der unwissende Sadhaka anders verfährt, o Göttin …

Erläuterung: Der zweite Halbvers beginnt die Schilderung eines Regelverstoßes und setzt sich im folgenden Vers fort.

45.446

homam arghas tathā sparśaṃ prāyaścitta samācaret ।
daśasāhasrakaṃ jāpyaṃ māṃsādīnāṃ nivedane ॥

Übersetzung: … bei Feueropfer, Argha-Gabe oder Berührung, soll er eine Sühnehandlung vollziehen. Bei der Darbringung von Fleisch und dergleichen sind zehntausend Rezitationen auszuführen.

45.447

madyādīni na saṃdeha evaṃ caiva nivedane ।
strīsaṅgaṃ ca na kurvīta manasāpi varānane ॥

Übersetzung: Ebenso bei der Darbringung von Alkohol und dergleichen, ohne Zweifel. Er soll keine sexuelle Vereinigung mit Frauen vollziehen, nicht einmal im Geist, o Schönangesichtige.

45.448

anyathā kurute moha na siddhiphalabhāg bhavet ।
vyādhayas tasya jāyeta dāridraṃ ca bhayānakam ॥

Übersetzung: Verfährt er aus Verblendung anders, wird er nicht an der Frucht der Siddhi teilhaben. Krankheiten und schreckliche Armut werden ihm entstehen …

Erläuterung: Krankheit, Armut und Tod sind hier historische Straf- beziehungsweise Wirkungszuschreibungen. Die Übersetzung gibt sie als Aussagen des Textes wieder.

45.449

prāṇair viyujyate mantrī nātra kārya vicāraṇāt ।
akāmataḥ kṛte saṅge nārībhi saha suvrate ॥

Übersetzung: … und der Mantra-Praktizierende wird sein Leben verlieren; darüber bedarf es keiner Erwägung. Hat er sich ungewollt mit Frauen vereinigt, o Treue im Gelübde …

45.450

pramādātha balā vāpi lakṣārdhaṃ nātra saṃśayaḥ ।
akāmato ’śitair māṃsai madyapānais tathaiva ca ॥

Übersetzung: … aus Nachlässigkeit oder unter Zwang, [sind] fünfzigtausend [Rezitationen zu vollziehen], ohne Zweifel. Wurden Fleisch oder alkoholische Getränke ungewollt verzehrt …

Erläuterung: Der Text unterscheidet ausdrücklich ungewolltes und absichtliches Handeln, legt aber auch für unter Zwang Geschehenes Sühne auf. Dies bleibt eine historische Ritualnorm, keine heutige Bewertung Betroffener.

45.451

prāyaścittam tu kartavyaṃ lakṣapādaṃ na saṃśayaḥ ।
kāmatas tu yadā kuryāt prāyaścittam na vidyate ॥

Übersetzung: … soll als Sühne eine Viertellakh [Rezitationen?] ausgeführt werden, ohne Zweifel. Geschieht es aber absichtlich, gibt es keine Sühnehandlung.

Erläuterung: Lakṣapāda heißt wörtlich „Viertel einer Lakh“, also 25.000. Kiss erwägt mit Hatley eine elliptische Bedeutung „Lakh plus ein Viertel“, also 125.000. Da der Druck die kürzere Form behält, bleibt die Zahl in der Übersetzung fraglich und wird nicht stillschweigend ergänzt.

45.452

anyajanme bhavet tasya siddhim nātra vicāraṇāt ।
tatrāpi devi kalpoktaṃ pūrvasūtreṇa coditam ॥

Übersetzung: In einem anderen Leben wird ihm Siddhi zuteil; darüber bedarf es keiner Erwägung. Auch dann [gilt] das im Kalpa Gelehrte, Göttin, wie im früheren Abschnitt vorgeschrieben.

Erläuterung: Der nächste Geburtszustand wird im Kapitel mit der Entwicklung durch verschiedene Sadhaka-Klassen verbunden.

45.453

tenaiva vartayen nityaṃ vidhinā śivam āpnuyāt ।
brahmacaryarato nityaṃ trisnāyī carubhojakaḥ ॥

Übersetzung: Stets soll er nach ebendiesem Verfahren leben und Shiva erlangen: immer Brahmacharya üben, dreimal täglich baden und Charu essen.

Erläuterung: Shiva erlangen kann hier Befreiung bezeichnen. Charu ist eine gekochte rituelle Getreidespeise.

45.454

naktabhojī sadā bhūtvā tato mantrī prasidhyati ।
tṛtīye savane prāpte devāgāre yathāvidhiḥ ॥

Übersetzung: Stets nachts essend wird der Mantra-Praktizierende dann zur Vollendung gelangen. Wenn die dritte Tageszeit gekommen ist, [soll er] im Heiligtum vorschriftsgemäß …

45.455

carubhāṇḍaṃ kṣālayitvā astramantreṇa sādhakaḥ ।
sauvarṇaṃ rājataṃ vāpi tāmraṃ pittalasambhavam ॥

Übersetzung: … das Charu-Gefäß mit dem Astra-Mantra reinigen: ein goldenes oder silbernes, kupfernes oder aus Messing …

45.456

trilohaṃ mṛnmayam vāpi svaśuddhyā śodhitaṃ tathā ।
uttarena tu devasya culliṃ vai dakṣiṇāmukham ॥

Übersetzung: … aus einer Dreimetall-Legierung oder aus Ton, und mit seinem eigenen Reinigungsmittel [Urin?] gereinigt. Nördlich der Gottheit [soll er] eine nach Süden geöffnete Feuerstelle …

Erläuterung: Svaśuddhi ist wörtlich „eigene Reinigung“. Kiss erwägt hier eine euphemistische Bezeichnung für Urin; die Deutung ist ausdrücklich unsicher. Die Gefäßreinigung wird deshalb nicht zu einer uneingeschränkt übernehmbaren heutigen Kochanweisung gemacht.

45.457

kṛtvā sthālīṃ samāropya tanmadhye cāsanādikam ।
nijayāgaṃ yajen mantrī mudrābhedaṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: … herstellen, den Kochtopf daraufsetzen und in dessen Mitte den Sitz und das Weitere [vergegenwärtigen]. Der Mantra-Praktizierende soll seinen eigenen Gottheitenkreis verehren und die verschiedenen Mudras [zeigen].

Erläuterung: Der Topf wird selbst zum Ort der Gottheitenverehrung. Sitz, Gottheiten und Mudras gehören zur rituellen Vergegenwärtigung.

45.458

astrāṇi bāhyato dattvā kavacenāvaguṇṭhitam ।
puṣpāṇi sthālimadhye tu sādhakaḥ pātayet tataḥ ॥

Übersetzung: Außen soll er die Astras einsetzen und [den Bereich] mit dem Kavacha umhüllen. Dann soll der Sadhaka Blüten in die Mitte des Topfes fallen lassen.

45.459

tatrodakaṃ vinikṣipya kṣīraṃ vā pūrvacoditam ।
astreṇa agni saṃsthāpya-m-arcayitvā yathākramam ॥

Übersetzung: Dort soll er Wasser oder die zuvor gelehrte Milch hineingießen, mit dem Astra das Feuer einsetzen und [die Gottheit] in der richtigen Folge verehren.

Erläuterung: Die Form tatrodakam steht der Lesung tīrthodakam in 45.462 gegenüber; Kiss erwägt eine Textverderbnis. Die beiden Stellen werden nicht stillschweigend vereinheitlicht.

45.460

kavacenāvaguṇṭhīta astraprokṣitakāni tu ।
indhanāni tato kṣiptvā jvālayitvā hutāśanam ॥

Übersetzung: Dann soll er die mit dem Kavacha umhüllten und mit dem Astra besprengten Brennstoffe hineinwerfen und das Feuer entzünden.

45.461

astrakṣālitakaṃ mantrī vastrapūtāmbhasā priye ।
mūlamantra samuccārya taṇḍulaṃ prakṣiped budhaḥ ॥

Übersetzung: Der einsichtige Mantra-Praktizierende soll den mit dem Astra gereinigten Reis mit durch ein Tuch gefiltertem Wasser hineingeben, o Liebe, nachdem er das Wurzelmantra ausgesprochen hat.

Erläuterung: Vastrapūta ist eine Konjektur, durch 45.468 gestützt. Die Quelle sagt „hineingeben“; der Reis ist in den Topf zu geben, nicht unmittelbar als Nahrung ins Brennfeuer.

45.462

astrakṣālitayā caiva †dakṣy↠tāṃ cālayet tataḥ ।
tīrthodakaṃ vinikṣipya kṣīraṃ vā pūrvacoditam ॥

Übersetzung: Darauf soll er [den Inhalt] mit einem durch den Astra gereinigten [Löffel?] umrühren. Er soll Wasser von einem heiligen Badeort oder die zuvor gelehrte Milch hineingießen.

Erläuterung: Dakṣyā ist verderbt; als ursprüngliche Lesung wird darvyā, „mit einem hölzernen Löffel“, erwogen. Die sichere Lesung wird nicht vorgetäuscht.

45.463

astreṇa agni saṃsthāpya-m-arcayitvā yathākramam ।
mūlamantraṃ japen mantrī sarvakarma samācaret ॥

Übersetzung: Er soll mit dem Astra das Feuer einsetzen und [die Gottheit] in der richtigen Folge verehren. Der Mantra-Praktizierende soll das Wurzelmantra rezitieren und alle [vorgeschriebenen] Handlungen vollziehen.

Erläuterung: Der erste Halbvers wiederholt 45.459cd. Beide Originalverse bleiben im Haupttext erhalten.

45.464

maṇḍaṃ na pātayet tasmāc caruke sādhokottamaḥ ।
tataś caruṃ śrāvayitvā uttārya parimūlaye ॥

Übersetzung: Die Flüssigkeit beziehungsweise den Schaum des Charu soll der beste Sadhaka nicht wegschütten. Nachdem er das Charu gekocht hat, soll er [den Topf] herunternehmen und fest hinstellen [?].

Erläuterung: Die genaue Bedeutung von parimūlaye bleibt unsicher. Manda kann Flüssigkeit beziehungsweise Schaum der gekochten Getreidespeise bezeichnen.

45.465

naivedyaṃ devadevīnāṃ dattvā cāgnau tathā hunet ।
śeṣaṃ tu bhakṣayen mantrī devasyābhimukhasthitaḥ ॥

Übersetzung: Er soll den Göttern und Göttinnen die Speisegabe darbringen und ebenso ins Feuer opfern. Den Rest soll der Mantra-Praktizierende essen, der Gottheit zugewandt.

45.466

aśeṣa bhakṣayen mantrī hutaśeṣaṃ na saṃśayaḥ ।
niṣkramyācamanam kuryād yatra loko na paśyati ॥

Übersetzung: Alles vom Feueropfer Übriggebliebene soll der Mantra-Praktizierende essen, ohne Zweifel. Er soll hinausgehen und dort Wasser schlürfen, wo ihn niemand sieht.

45.467

sakhāyo ’pi na taṃ prekṣen †nāvātor† yāva sādhakaḥ ।
kamaṇḍaluṃ tato gṛhya ācamed aviśaṅkitaḥ ॥

Übersetzung: Auch sein Gefährte soll ihn nicht ansehen, solange der Sadhaka [verderbte Wendung]. Dann soll er den Wasserkrug nehmen und ohne Bedenken Wasser schlürfen.

Erläuterung: Nāvātor ist verderbt. Eine Deutung „bis er zurückgekehrt ist“ wird erwogen, aber nicht als gesicherter Sanskrittext eingesetzt.

45.468

kamaṇḍaluṃ svayatnena kartavyaṃ sādhakena tu ।
vastrapūtena toyena dadyā kūpe va poṣkare ॥

Übersetzung: Der Sadhaka soll seinen Wasserkrug selbst mit durch ein Tuch gefiltertem Wasser [füllen]. Er soll [ihn] an einen Brunnen oder Lotusteich bringen …

Erläuterung: Die Konstruktion von kartavyam und dadyā ist knapp und nicht sicher. Der Zusammenhang legt das selbstständige Befüllen des Gefäßes nahe.

45.469

sakhāyenopanītena udakena tu pūrayet ।
na tasya sparśanaṃ kāryaṃ sakhāyena varānane ॥

Übersetzung: … und mit dem Wasser füllen, das der Gefährte herbeigebracht hat. Der Gefährte darf ihn nicht berühren, o Schönangesichtige.

Erläuterung: Der Gefährte bringt das Wasser, soll jedoch nicht den persönlichen Krug berühren.

45.470

spṛṣṭas tyajen na saṃdehaḥ sādhako vidhisaṃsthitaḥ ।
śvānamārjāraspṛṣṭaṃ tu mūṣakair nakulais tathā ॥

Übersetzung: Ist er berührt worden, soll der an die Vorschrift gebundene Sadhaka ihn verwerfen, ohne Zweifel. Ist er von Hund oder Katze, von Mäusen oder Mungos berührt worden …

45.471

agnim tato parijvālya kṣālayitvā tu tāṃ grahet ।
ācamya vidhinā devi devāgāre tu sthāpayet ॥

Übersetzung: … soll er Feuer entzünden, [den Krug] reinigen und wieder nehmen. Nach vorschriftsgemäßem Wasserschlürfen soll er ihn im Heiligtum aufstellen, o Göttin.

45.472

na bahi sthāpayen mantrī kadācid api suvrate ।
viṇmūtrau tu yadā kuryāt sakhāyasyāviśaṅkitaḥ ॥

Übersetzung: Niemals soll der Mantra-Praktizierende ihn draußen aufstellen, o Treue im Gelübde. Wenn er Kot und Urin ausgeschieden hat, soll er unbesorgt aus der …

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 45.473 fort. Der Text unterscheidet somit mehrere Kontexte, statt die Berührung durch den Gefährten pauschal zu verbieten.

45.473

hastā-ś-caivācamen mantrī tatra doṣo na vidyate ।
nadyā vātha taḍāge vā kūpe vātha svabhāvataḥ ॥

Übersetzung: … Hand des Gefährten Wasser schlürfen; darin liegt kein Fehler. An einem Fluss, Teich oder Brunnen, nach seiner eigenen Art …

45.474

nyāsaṃ kṛtvā tato mantrī devāgāraṃ viśed budhaḥ ।
uccheṣekaṃ svayaṃ gṛhya dattvā gorvarīkāṃ tataḥ ॥

Übersetzung: … soll der einsichtige Mantra-Praktizierende Nyasa vollziehen und das Heiligtum betreten. Die Speisereste soll er selbst nehmen und zerkleinerten Kuhdung hinzugeben.

Erläuterung: Uccheṣekam ist Goodalls Konjektur für die Speisereste.

45.475

anyagarte tu kṣiptavyaṃ jale vā nātra saṃśayaḥ ।
nirmālyasya na madhye tu kṣiptavya carubhojanam ॥

Übersetzung: [Die Reste] sind in eine andere Grube oder ins Wasser zu werfen, ohne Zweifel. Charu-Speise darf nicht mitten unter die abgelegten Opferblumen geworfen werden.

Erläuterung: Nirmalya bezeichnet bereits dargebrachte und abgelegte Opferblumen beziehungsweise Ritualreste. Der letzte Ausdruck könnte auch „vom Charubhojin“ statt „Charu-Speise“ heißen.

45.476

tālakena tu kṣiptavyaṃ niyamenaiva nānyathā ।
tālako yadi vānyatra kṣiped uccheṣakaṃ priye ॥

Übersetzung: Der Talaka soll sie [dorthin] nur aufgrund eines besonderen Gelübdes werfen, nicht anders. Wirft der Talaka die Speisereste an einen anderen Ort, o Liebe …

45.477

japed aṣṭasāhasraṃ tu tataḥ śuddhim avāpnuyāt ।
carubhojī yadā tatra kṣipen nirmālyamadhyataḥ ॥

Übersetzung: … soll er achttausendmal rezitieren; dann möge er Reinigung erlangen. Wenn der Charubhojin sie dort mitten unter die abgelegten Opferblumen wirft …

45.478

japed aṣṭasāhasraṃ tu nātra kāryā vicāraṇāt ।
sādhakenāpanītāni taṇḍulādīni saṃśrapet ॥

Übersetzung: … soll er achttausendmal rezitieren; darüber bedarf es keiner Erwägung. Er soll den vom Sadhaka weggenommenen [?] Reis und das Weitere kochen.

Erläuterung: Die Wendung sādhakenāpanītāni ist unklar. Kiss erwägt als Alternative „vom Gefährten herbeigebracht“, setzt dies aber nicht in den Grundtext ein.

45.479

prokṣitāni tu saṃgṛhya sthāpayed devasannidhau ।
na spṛśet tā sakhāyo ’pi spṛṣṭvā tyaktvā viśuddhyati ॥

Übersetzung: Er soll die besprengten [Zutaten] nehmen und in die Nähe der Gottheit stellen. Auch der Gefährte darf sie nicht berühren; nach einer Berührung wird [der Praktizierende] durch Wegwerfen [der Zutaten] rein.

45.480

nirvāpaṃ svayaṃ kuryād gṛhyarthaiś cāpi ca svakaiḥ ।
bhikṣāhāreṇa varteta satataṃ carubhojanam ॥

Übersetzung: Er soll die Darbringung selbst mit den eigenen Haushaltsmitteln [?] durchführen. Das Charu-Essen soll stets durch Almosennahrung bestritten werden.

Erläuterung: Gṛhyarthaiḥ ist in diesem Zusammenhang unsicher. Die Übersetzung „eigene Haushaltsmittel“ ist eine Annäherung. Bhikṣāhāreṇa ist eine Konjektur Goodalls.

45.481

astreṇa prokṣayitvā tu naivedyāni pradāpayet ।
mantrajaptā tu gṛhṇīyā athavā bhaikṣeṇa vartayet ॥

Übersetzung: Mit dem Astra soll er [die Nahrung] besprengen und die Speisegaben darbringen. Oder er soll mit Mantras besprochene [Almosen] annehmen und vom [gesammelten] Almosen leben.

Erläuterung: Die Alternativen dürften selbst gesammelte und durch einen Gefährten gebrachte Almosen unterscheiden; die genaue terminologische Abgrenzung ist unsicher.

45.482

pratigrahaṃ na gṛhṇīyā bhikṣāvartananiścayāt ।
ekānnaṃ na ca bhuñjīta trisnāyī tu vidhisthitām ॥

Übersetzung: Aufgrund seines Entschlusses, von Almosen zu leben, soll er keine Geschenke annehmen. Er soll nicht nur die Nahrung eines einzigen [Gebers] essen; vorschriftsgemäß soll er dreimal täglich baden.

Erläuterung: Die Lesung trisnāyī ist eine Konjektur. Das Verbot des Essens von einem einzigen Geber schützt innerhalb der Bettelordnung die Unabhängigkeit von einem einzelnen Haushalt.

45.483

avagrahaṃ na moktavyaṃ karmakalpoktakād ṛte ।
kṛtvā kalpoktakādīni punaś cograhaṃ ācaret ॥

Übersetzung: Die Zurückhaltung darf nicht aufgegeben werden, außer soweit es im Ritual-Kalpa vorgeschrieben ist. Nach dem Vollzug der dort gelehrten Handlungen soll er erneut Zurückhaltung üben.

Erläuterung: Avagraha meint in diesem Kapitel insbesondere sexuelle Zurückhaltung; die genaue Ausführung kann sich je nach Sadhaka-Klasse unterscheiden.

45.484

śataṃ vātha sahasraṃ vā japtavyaṃ cāgrahe thavā ।
hotavyaṃ ca śataṃ vāpi nityanaimittikād ṛte ॥

Übersetzung: Bei [der Wiederaufnahme] der Zurückhaltung sind hundert oder tausend Rezitationen oder hundert Feuergaben [zu vollziehen], zusätzlich zu den täglichen und gelegentlichen Riten.

45.485

anena vidhinā devi carubhojī tu vartayet
pūrvokteṣu pradeśeṣu carukaṃ sādhayed budhaḥ ॥

Übersetzung: Nach diesem Verfahren, Göttin, soll der Charubhojin leben. An den zuvor genannten Orten soll der Einsichtige das Charu bereiten.

Erläuterung: Die folgenden Ortsangaben gehören zur besonderen Gelübdeordnung des Charubhojin.

45.486

śmaśānādiṣu mantrajña aśuddhavidhim āśritaḥ ।
kṣetrasthāneṣu vā kuryād yoginyo yatra saṃsthitāḥ ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige, der dem Verfahren des „Unreinen“ folgt, soll dies an Verbrennungsstätten und den weiteren [Orten] vollziehen oder an heiligen Plätzen, an denen die Yoginis gegenwärtig sind.

45.487

prayāgādivikalpeṣu puṇyadeśeṣu vā budhaḥ ।
pratyakṣaṃ na ca sādhīta carukaṃ sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Oder der Einsichtige [vollziehe es] an verdienstvollen Orten, die als Prayaga und die weiteren [heiligen Stätten] vergegenwärtigt werden. Der beste Sadhaka soll das Charu nicht vor aller Augen bereiten.

Erläuterung: Vikalpa kann hier die rituelle Vergegenwärtigung heiliger Orte im Mandala bezeichnen.

45.488

pramāde yadi dṛśyeta mantrasyāṣṭaśataṃ japet ।
nityanaimittikaṃ yāgaṃ kuryād vai na vyatikramet

Übersetzung: Wird er aus Nachlässigkeit gesehen, soll er das Mantra einhundertachtmal rezitieren. Die tägliche und gelegentliche Verehrung soll er vollziehen und nicht vernachlässigen.

Erläuterung: Na vyatikramet („nicht vernachlässigen“) ist eine Konjektur Kiss’ an einer schwierigen Stelle.

45.489

yathāśaktyā na saṃdehaḥ prāyaścittam athānyathā ।
daśasāhasrikaṃ kuryā nityanaimittikau ṛyatau

Übersetzung: Andernfalls [ist] eine Sühnehandlung nach seinem Vermögen [zu vollziehen], ohne Zweifel. Er soll zehntausend [Rezitationen] ausführen, die täglichen und gelegentlichen [Riten] ausgenommen.

Erläuterung: Ṛyatau ist eine unsichere Lesung; verstanden wird ein Ausschluss der ohnehin geschuldeten täglichen und gelegentlichen Riten aus der Sühnezählung.

45.490

nānyayāgas tathā kṣetre kartavyo vaśyakāmyayā ।
avagrahaṃ na moktavyaṃ svasiddhāntaṃ tu mantriṇām ॥

Übersetzung: An einem heiligen Platz soll keine andere Verehrung aus dem Wunsch nach Unterwerfung [eines anderen] vollzogen werden. Die Zurückhaltung, die eigene Lehrordnung der Mantra-Praktizierenden, darf nicht aufgegeben werden.

Erläuterung: Das Verbot der auf Unterwerfung zielenden Verehrung ist ausdrücklich an diese Lebensordnung gebunden.

45.491

pratyūṣe nyāsam āsthāya niṣkrameta vicakṣaṇaḥ ।
āvaśyakaṃ tataḥ kṛtvā dantadhāvanam ācaret ॥

Übersetzung: In der Morgendämmerung soll der Einsichtige Nyasa vollziehen und hinausgehen. Nachdem er seine Notdurft verrichtet hat, soll er die Zähne reinigen.

45.492

bhakṣayitvā kṣipen mantrī samīpe nātidūrataḥ ।
prakṣālayitvā toyena veṣṭanaṃ tasya kārayet ॥

Übersetzung: Er soll [das Zahnholz] kauen und in der Nähe, nicht allzu weit entfernt, wegwerfen. Nach dem Waschen mit Wasser soll er [das Haar?] zusammenbinden.

Erläuterung: Was zusammengebunden wird, bleibt im Sanskrit ungesagt; der Kommentar erwägt das Haar.

45.493

alakṣmīpratighātārthaṃ tataś cācamya vidhānavit ।
nyāsaṃ kṛtvā mṛdāṃ gṛhya tataḥ snānaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Zur Abwehr des Unglücks soll der Verfahrenskundige dann Wasser schlürfen. Nach Nyasa soll er Erde nehmen und das Bad vollziehen.

45.494

evaṃ pratidinaṃ kuryāc carubhojanam eva ca ।
bhairavīyaṃ sadā bhakṣyaṃ naivedyaṃ pūrvacoditam ॥

Übersetzung: So soll er täglich verfahren und Charu essen. Stets soll er die zuvor gelehrte, Bhairava dargebrachte Speisegabe verzehren.

45.495

prāśayitvā tato hutvā āhāraṃ pūrvacoditam ।
pallavodumbaro ’śvattho baṭasya ca na bhakṣayet ॥

Übersetzung: Nachdem er gegessen hat, soll er von der zuvor gelehrten Nahrung ins Feuer opfern. Die Sprosse von Udumbara, Ashvattha und Bata soll er nicht essen.

Erläuterung: Hutvā ist eine Konjektur Goodalls. Udumbara, Ashvattha und Bata sind verschiedene Feigenbäume.

45.496

vratināṃ pallavaṃ caiva māṣapattram na bhakṣayet ।
tilapatraṃ na cāśnīyāt tālako ’pi hi nityaśaḥ ॥

Übersetzung: Die Sprosse des Vratin und die Blätter der Masha-Bohne soll er nicht essen. Sesamblätter darf stets auch der Talaka nicht verzehren.

Erläuterung: Vratin ist botanisch nicht sicher bestimmt.

45.497

avagrahaṃ na moktavyaṃ agnikārya niśāsu vai ।
anena vidhinā devi carubhojī prasidhyati ॥

Übersetzung: Die Zurückhaltung darf nicht aufgegeben werden, ebenso nachts das Feuerritual. Nach diesem Verfahren, Göttin, gelangt der Charubhojin zur Vollendung.

Erläuterung: Hier endet die zusammenhängende Darstellung des Charubhojin; der folgende Abschnitt betrifft Talaka und Mishraka.

45.498

tālako miśrakaś caiva pratyūṣe vidhim ācaret ।
pavitravandanaṃ nityam ubhayor api vidyate ॥

Übersetzung: Talaka und Mishraka vollziehen das Verfahren bei Tagesanbruch. Die tägliche Verehrung des Pavitra gilt für beide.

Erläuterung: Die erneute Vorschrift steht neben der Einschränkung 45.436 und zeigt unterschiedliche Regelzusammenhänge innerhalb des Kapitels.

45.499

śaktyā caiva viśeṣeṇa kartavyaṃ vandanaṃ sadā ।
anyathā tu kṛte teṣāṃ prāyaścittaṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Insbesondere von der Shakti ist diese Verehrung stets zu vollziehen. Handeln sie anders, ist eine Sühnehandlung erforderlich, ohne Zweifel.

45.500

mantrasyāṣṭaśataṃ japtvā tato mantrī viśudhyati ।
tālako yatratrastha sādhayet sādhanaiḥ paraiḥ ॥

Übersetzung: Nach hundertacht Rezitationen des Mantras wird der Mantrakundige wieder rein. Der Talaka kann, wo immer er sich befindet, mit den höchsten Mitteln die Verwirklichung betreiben.

45.501

miśrako kṣetram āsādya sādhayīta vicakṣaṇaḥ ।
pūrvoktāni ca kṣetrāṇi tatrasthaḥ sādhayed budhaḥ ॥

Übersetzung: Der verständige Mishraka soll ein Heiligtum aufsuchen und dort die Verwirklichung betreiben. An den zuvor genannten heiligen Orten verweilend, soll der Verständige sie betreiben.

45.502

kalpoktādividhiṃ sarvān tālakaś caiva miśrakaḥ ।
śaktivarjaṃ na saṃdehaḥ brahmacarya sadā bhavet ॥

Übersetzung: Der Mishraka [vollzieht] sämtliche vorgeschriebenen Verfahren wie der Talaka, jedoch ohne Shakti, ohne Zweifel. Stets soll er keusch leben.

45.503

niyamasthena kartavyaṃ nityam āmiṣabhojanam ।
niyamena vinā devi alābhe cāmiṣasya tu ॥

Übersetzung: Wer unter der besonderen Verpflichtung steht, muss täglich Fleisch essen. Außerhalb dieser Verpflichtung, Göttin, wenn Fleisch nicht verfügbar ist,

45.504

prāyaścittaṃ na vai tasya niyamasthaḥ samācaret ।
daśasāhasrikaṃ jāpyaṃ kartavyaṃ nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: ist für ihn keine Sühnehandlung erforderlich. Wer aber unter der Verpflichtung steht, muss zehntausend Rezitationen als Sühne vollziehen, ohne Zweifel.

45.505

ākṛṣyākṛṣya bhuñjīta divyakanyāṃ manorāmāṃ ।
tābhi sārdhaṃ caren mantrī kalpoktāni punaḥ kramāt ॥

Übersetzung: Er zieht wiederholt bezaubernde himmlische Jungfrauen heran und vereinigt sich mit ihnen. Mit ihnen zusammen vollzieht der Mantrakundige wiederum die Vorschriften des Ritualhandbuchs der Reihe nach.

Erläuterung: Bhuñjīta wird hier im sexuellen Sinn verstanden. Das Heranziehen anderer Wesen gehört nicht in die Praxisauswahl.

45.506

ākṛṣṭā yā bhaven mantrai sa śaktiṃ nātra saṃśayaḥ ।
kartavyaṃ miśrakeṇaiva sādhakenāviśaṅkinā ॥

Übersetzung: Diejenige, die durch Mantras herangezogen wird, ist seine Shakti, ohne Zweifel. Dies ist auch vom Sadhaka des gemischten Weges ohne Bedenken auszuführen.

45.507

athavā brahmacaryeṇa vartayen miśrakaḥ sadāḥ ।
sidhyate hy avicāreṇa kṣetram āśritya nānyathā ॥

Übersetzung: Oder der Mishraka lebt stets in Keuschheit. Er erlangt Siddhi ohne Bedenken, indem er sich an einen heiligen Ort hält, auf keine andere Weise.

45.508

ākṛṣṭāṃ na tu bhuñjīta prāyaścittaṃ samācaret ।
daśasāhasrikaṃ jāpyaṃ kartavyaṃ miśrakeṇa tu ॥

Übersetzung: Wenn er sich mit der Herangezogenen nicht vereinigt, soll er eine Sühnehandlung vollziehen. Zehntausend Rezitationen sind dann vom Mishraka auszuführen.

Erläuterung: Die bedingende Verbindung wird aus dem Regelzusammenhang erschlossen; der Vers selbst formuliert stark verkürzt.

45.509

nityanaimittikaṃ kāmyam āgrahaṃ naiva muñcati ।
kāmyaṃ kalpoktam ācārya punaḥ cāvagrahaṃ caret ॥

Übersetzung: Die regelmäßigen, anlassgebundenen und wunschbezogenen [Riten sowie] die Verpflichtung gibt er nicht auf. Nachdem er das vorgeschriebene wunschbezogene Ritual vollzogen hat, nimmt er die besondere Verpflichtung wieder auf.

45.510

pūrvaṃ vai yo gṛhītas tu siddhyarthaṃ niścayaḥ priye ।
yāge japye ’thava home moktavyo nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Der zuvor zum Zweck der Siddhi gefasste Entschluss, Liebe, darf während Verehrung, Rezitation oder Feueropfer ausgesetzt werden, ohne Zweifel.

45.511

karmakalpoktakāle tu tryāhnike ’pi yathārthataḥ ।
karmakalpoktayāgaṃ tu kartavyam aviśaṅkinā ॥

Übersetzung: Zur im Handlungshandbuch angegebenen Zeit, auch während der drei täglichen Ritualzeiten, ist dem jeweiligen Zweck entsprechend die dort vorgeschriebene Verehrung ohne Bedenken zu vollziehen.

45.512

nityanaimittikaṃ tyaktvā kāmya jāpyaṃ ca mantriṇā ।
karmakalpoktam ācārya pūrvayāge grahaṃ tathā ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige lässt dabei die regelmäßigen und anlassgebundenen Riten aus und [vollzieht] die wunschbezogene Rezitation. Nachdem er das Handlungshandbuch ausgeführt hat, [übernimmt er] die Verpflichtung der früheren Verehrung erneut,

45.513

siddhiheto gṛhītavyaṃ nātra kārya vicāraṇāt ।
siddhiyāgais tu caiveha kartavyaṃ kṣetrasannidhau ॥

Übersetzung: die zum Zweck der Siddhi zu übernehmen ist; darüber soll kein Zweifel bestehen. Die Siddhi-Verehrungen sind hier in der Nähe eines heiligen Ortes auszuführen.

45.514

nityavrataṃ na moktavyaṃ muktvā kalpoktavidhis tataḥ ।
bhikṣāhāro mahāprajño bhaikṣeṇa yātha vartayet ॥

Übersetzung: Das tägliche Gelübde darf nicht aufgegeben werden, außer wenn ein vorgeschriebenes Verfahren dies verlangt. Der sehr Verständige ernährt sich von Almosen und erhält sich durch Betteln.

45.515

ekānnaṃ vāthavā kuryā svayamārjitam eva ca ।
samayināṃ tu gṛhe bhuktvā prāyaścittaṃ na vidyate ॥

Übersetzung: Oder er nimmt Nahrung aus einer einzigen Quelle, auch selbst erworbene. Hat er im Haus von Samayins gegessen, ist keine Sühne erforderlich.

Erläuterung: Ekānna wird als Speise aus einem einzigen Haushalt beziehungsweise einer Quelle verstanden, nicht als gesicherte Anweisung zu nur einer Mahlzeit täglich.

45.516

nādhikārigṛhe bhuktvā mantrasyāṣṭaśataṃ japet ।
niyamaṃ vā yadā kuryān na bhoktavyaṃ kadācanaḥ ॥

Übersetzung: Hat er im Haus eines Nichtberechtigten gegessen, rezitiert er das Mantra hundertachtmal. Wenn er jedoch eine besondere Verpflichtung einhält, darf er dort niemals essen.

45.517

sarvakāla na saṃdeha ekāntaṃ parivartayet ।
pratyakṣabhojanaṃ caiva miśrako naiva kārayet ॥

Übersetzung: Zu jeder Zeit soll er, ohne Zweifel, die Abgeschiedenheit wahren. Der Mishraka soll nicht vor den Augen anderer essen.

45.518

svārjitaṃ bhakṣayen mantrī mantrasaṃskāraśodhitam ।
sakhāyenāśritaṃ bhakṣye asakhāyena tathaiva ca ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige isst selbst erworbene Nahrung, durch die Mantra-Weihe gereinigt, oder Nahrung, die durch einen Gefährten beschafft wurde, ebenso ohne Gefährten.

Erläuterung: Die grammatisch unregelmäßige zweite Vershälfte beschreibt die Beschaffung der Nahrung nur verkürzt.

45.519

ekānnaṃ bhakṣayed yatra daśasāhasrikaṃ bhavet ।
trisnāyī nityayuktas tu sarvakālaṃ vivartayet ॥

Übersetzung: Wo er Nahrung aus einer einzigen Quelle isst, sind zehntausend [Rezitationen] fällig. Dreimal badend und beständig der Übung zugewandt, richtet er sein gesamtes Leben [danach] aus.

45.520

yadā svasthaś śarīreṇa nāturo snānam ācaret ।
bhasmasnānena varteta mantrasnānam athāpi vā ॥

Übersetzung: Ist er körperlich gesund, soll er baden; ein Kranker soll dies nicht tun. Er hält sich [stattdessen] an ein Aschebad oder an ein Mantrabad.

Erläuterung: Die historischen Ersatzformen werden dokumentiert; der Vers gibt keine moderne medizinische Regel.

45.521

na sparśaṃ kenacit kuryāt sahasā vāpi nityaśaḥ ।
kadācin miśrako devi karmayogena nityaśaḥ ॥

Übersetzung: Er soll niemanden berühren, auch nicht unvermittelt, zu jeder Zeit. Einmal [kann] der Mishraka, Göttin, durch beständige Ausführung der Handlungen

45.522

tālamārgam avāpnoti yadā śuddhaḥ prajāyate ।
ādeśena tu kartavyas tālamārge na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: den Tala-Weg erreichen, wenn er rein geworden ist. Auf dem Tala-Weg darf [die Praxis] nur auf Anweisung vollzogen werden, ohne Zweifel.

45.523

ādeśena vinā devi śuddho ’pi hi na kārayet ।
ādeśaṃ tu vijānīyād yadāsau lakṣaṇānvitaḥ ॥

Übersetzung: Ohne Anweisung, Göttin, soll selbst ein Reiner sie nicht ausführen. Eine Anweisung erkennt er dann, wenn sie mit den [folgenden] Merkmalen verbunden ist:

45.524

upatiṣṭhe svayaṃ śaktiḥ ādiṣṭā śakticoditā ।
puṣpakāle bhaven nityaṃ phalaṃ yasya na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Die Shakti erscheint von selbst, angewiesen und von der Shakti angetrieben. In ihrer Blütenzeit entsteht ihm stets eine Frucht, ohne Zweifel.

Erläuterung: „Blütenzeit“ kann hier die Menstruations- beziehungsweise Fruchtbarkeitsphase bezeichnen; der genaue Bezug der Frucht bleibt unausgesprochen.

45.525

samayī bhaktisampannā yadā tasya prajāyate ।
tadā devi vijānīyād ādeśo mama nānyathā ॥

Übersetzung: Wenn ihm eine an die Initiationsvereinbarung gebundene, hingebungsvolle [Partnerin] zuteilwird, soll er erkennen: Dies ist meine Anweisung, Göttin, auf keine andere Weise.

45.526

yogibhir kathito ’py evaṃ tadā mantrī vilakṣayet ।
naivedyaṃ bhakṣayen nityaṃ bhairavīyaṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Auch wenn Yogins ihm dies so mitteilen, soll der Mantrakundige es daran erkennen. Er isst täglich die Bhairava geweihte Speisegabe, ohne Zweifel.

45.527

arghapātrodakaṃ caiva prāśayitvānna cācamet ।
śuddhyarthe caiva rakṣārthe pūrvasūtreṇa coditam ॥

Übersetzung: Nach dem Trinken des Wassers aus dem Ehrengabengefäß soll er den Mund nicht spülen. Dies ist im früheren Lehrtext zum Zweck der Reinigung und des Schutzes angeordnet.

45.528

anena vidhinā varteta miśrako nātra saṃśayaḥ ।
lakṣaṇaṃ trividhasyāpi adhikāraś ca kīrtitaḥ ॥

Übersetzung: Nach diesem Verfahren soll der Mishraka leben, ohne Zweifel. Damit sind die Merkmale und die Berechtigung aller drei Arten [von Praktizierenden] genannt.

45.529

vidhis teṣāṃ samākhyāto yena sidhyanti nānyathā ।
svayonidarśanaṃ kāryaṃ tālakena na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Ihr Verfahren ist erklärt, durch das sie Siddhi erlangen, auf keine andere Weise. Der Talaka soll die Schau des eigenen Ursprungs vollziehen, ohne Zweifel.

Erläuterung: Svayonidarśana ist die „Schau der eigenen Yoni“, des eigenen Ursprungs. Das folgende Verfahren entfaltet seinen konkreten rituellen Zusammenhang.

45.530

vakṣyāmi sāmpratam devi śṛṇuṣvekāgramānasā ।
kadācit karmabandhais tu anyajammeṣu-v-arjitaiḥ ॥

Übersetzung: Ich werde es nun erklären, Göttin; höre mit einspitzigem Geist. Wenn er einmal aufgrund karmischer Bindungen, die in anderen Geburten erworben wurden,

45.531

vibandhakair na sidhyeta tadāyaṃ vidhim ācaret ।
miśrakeṇāpi kartavyaṃ parasiddhijigīṣiṇām ॥

Übersetzung: durch Hindernisse keine Siddhi erlangt, soll er dieses Verfahren vollziehen. Auch der Mishraka soll es ausführen, wenn er nach höchster Siddhi strebt.

45.532

ākṛṣyākṛṣya mantrais tu divyakanyāṃ manorāmām ।
snānapūrvaḥ praviśyātha kṛtanyāsas tathaiva hi ॥

Übersetzung: Er zieht mit Mantras wiederholt eine bezaubernde himmlische Jungfrau heran. Nach dem Bad tritt er ein, mit vollzogenem Nyasa.

45.533

sarvayāgāṃs tathā kṛtvā kalaśādisamanvitam ।
agneś ca tarpaṇaṃ kṛtvā naivedyāni pradāpayet ॥

Übersetzung: Er vollzieht sämtliche Verehrungen mit den Krügen und den weiteren Geräten, sättigt das Feuer und lässt die Speisegaben darbringen.

45.534

punas tarpaṇakaṃ kṛtvā homaṃ caiva yathepsayā ।
devīnām agrata sthitvā praṇavāsanam āśritam ॥

Übersetzung: Erneut vollzieht er eine Sättigungsgabe und das Feueropfer nach Wunsch. Vor den Göttinnen nimmt er auf dem Pranava-Sitz Platz.

45.535

dakṣiṇābhimukho bhūtvā muktakeśo digambaraḥ ।
śaktiṃ tato ’grataḥ sthāpya muktakeśī digambarām ॥

Übersetzung: Nach Süden gewandt, mit gelöstem Haar und nackt, stellt er die Shakti vor sich hin, ebenfalls mit gelöstem Haar und nackt.

45.536

ūrdhvarūpāṃ tathāstreṇa pīṭhaṃ tasyā pramārjayet ।
sugandhair lepayet gandhair anyair vā candanādibhiḥ ॥

Übersetzung: Sie steht aufrecht. Mit dem Waffenmantra reinigt er ihren Pitha und bestreicht ihn mit wohlriechenden Duftstoffen oder anderen [Salbungen] wie Sandel.

Erläuterung: Pīṭha, wörtlich „Sitz“, bezeichnet in diesem Ritual den Genitalbereich der Shakti-Partnerin (Kiss 2015, S. 297–298, zu 45.535–543). Es handelt sich um eine körperliche Ritualhandlung, nicht lediglich um einen vorgestellten Sitz.

45.537

yāgaṃ pīṭhe nyasen mantrī āsanādipurahsaram ।
tato gandhaiś ca puṣpaiś ca dhūpaiś caiva yathākramam ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige setzt den Verehrungskreis auf diesem Pitha ein, beginnend mit Sitz und weiteren [Bestandteilen]; dann [verehrt er] mit Duftstoffen, Blumen und Weihrauch in der richtigen Reihenfolge.

45.538

pūjayitvā tu mantrajño mudrāṃ baddhvā yathākramam ।
nāḍīsaṃdhānakaṃ kṛtvā pīṭhayāge varānane ॥

Übersetzung: Nach der Verehrung bindet der Mantrakundige die Mudra der Reihe nach und vollzieht bei der Verehrung des Pitha die Verbindung der Nadis, Schöngesichtige.

Erläuterung: Die Verbindung der subtilen Kanäle gehört hier zur rituellen Vereinigung der Beteiligten; der Vers enthält keine ausdrücklich angegebene Atemtechnik.

45.539

ātmānaṃ tatra saṃyojya sādhako dhyānaniścalaḥ ।
akṣasūtraṃ gṛhītvātha japaṃ tadbhūtamānasaḥ ॥

Übersetzung: Der Sadhaka verbindet sich selbst damit, unbeweglich in der Meditation. Dann nimmt er die Gebetsschnur und rezitiert, sein Geist ganz damit eins geworden.

45.540

yatheṣṭāsanam āsthāya calane nāsti yantraṇā ।
yathāśaktyā japaṃ kuryāc chrāntaś caiva yadā bhavet ॥

Übersetzung: Er nimmt eine Sitzhaltung nach Wunsch ein; hinsichtlich der Bewegung besteht keine Beschränkung [?]. Er rezitiert nach seinen Kräften. Wenn er müde wird, …

Erläuterung: Calane nāsti yantraṇā wird hier wörtlich als fehlende Beschränkung hinsichtlich der Bewegung verstanden. Kiss 2015, S. 298, deutet die knappe Konstruktion abweichend als Forderung nach Unbeweglichkeit, möglicherweise ohne Haltegurt. Eine eindeutige Bewegungsanweisung lässt sich daraus nicht ableiten. Der Satz wird in 45.541 fortgesetzt.

45.541

svatantra vādayen mantrī stavaṃ ca paṭhate budhaḥ ।
vīṇāṃ vā vādaye jñānī geyavādena cāśritam ॥

Übersetzung: … spielt der Mantrakundige frei [Musik], und der Verständige trägt einen Lobpreis vor. Oder der Wissende spielt die Vina und wendet sich Gesang und Instrumentalmusik zu.

45.542

vinodena klamaṃ tyaktvā punar nyāsaṃ tathaiva hi ।
kṛtvā pīṭhe japen mantrī hṛdyāgādipurahsaram ॥

Übersetzung: Nachdem er durch diese Erholung die Ermüdung abgelegt hat, vollzieht er erneut den Nyasa am Pitha [der Partnerin] und rezitiert, mit der Herzverehrung und den weiteren [Riten] voran.

45.543

ātmānaṃ tatra saṃyojya mīlitākṣo na saṃśayaḥ ।
yāvacchaktyā japaṃ kuryāt punaḥ śrānto vimuñcati ॥

Übersetzung: Er verbindet sich selbst damit und schließt die Augen, ohne Zweifel. Nach seinen Kräften rezitiert er; wird er wieder müde, unterbricht er.

45.544

āvaśyakāni tatraiva nātra kārya vicāraṇāt ।
punar vinodam āsthāya punar jāpya samārabhet ॥

Übersetzung: Die notwendigen Verrichtungen [erledigt er] eben dort; darüber soll kein Zweifel bestehen. Wiederum wendet er sich der Erholung zu und beginnt dann erneut die Rezitation.

45.545

śrāntaś caiva klamaṃ tyaktvā saha dūtyā mahādhiyaḥ ।
madhyāhnike tataḥ prāpte upalepanapūrvakam ॥

Übersetzung: Ist der sehr Verständige müde, legt er gemeinsam mit der Botin die Ermüdung ab. Wenn dann die mittägliche Ritualzeit eintritt, [verfährt er] mit der Salbung voran.

45.546

punar yāgaṃ yajen mantrī homa svalpaṃ samācaret ।
mantrasyāṣṭaśataṃ caiva pūrva homasya kārayet ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige vollzieht erneut die Verehrung und ein kleines Feueropfer. Vor dem Feueropfer lässt er das Mantra hundertachtmal rezitieren.

45.547

naivedyādīni darśayet kaścit preṣayate punaḥ ।
bahir muktvā vrajet prājñaḥ samayajñaḥ sakhāyakṛt ॥

Übersetzung: Er lässt die Speisegaben und die übrigen [Gaben] vorzeigen und sendet [jemanden] fort. Der verständige Helfer, der die Initiationsverpflichtungen kennt, geht nach draußen und lässt [die beiden] zurück.

Erläuterung: Die Satzfügung und mehrere Objekte sind verkürzt. Darśayet ist hier wörtlich mit „vorzeigen lassen“ wiedergegeben; Kiss 2015, S. 298, erwägt die Beaufsichtigung beziehungsweise Beschaffung der Gaben. Der genaue Ablauf bleibt unsicher.

45.548

adarśī dūtikā kāryā tatas tā vinivedayet ।
anenaiva vidhānena dvitīyāhnikam ācaret ॥

Übersetzung: Die Botin soll ungesehen tätig sein; dann soll [der Sadhaka] jene [Gaben] darbringen. Nach eben diesem Verfahren vollzieht er die zweite tägliche Ritualzeit.

Erläuterung: Die Handlungen werden hier knapp auf den Helfer, die Botin und den Sadhaka verteilt. Dūtikā bezeichnet eine Botin; ihre Gleichsetzung mit der Ritualpartnerin ist nicht ausdrücklich ausgesprochen.

45.549

tṛtīye savane prāpte yāgaṃ kṛtvā yathāvidhiḥ ।
naivedyāni tato dattvā aṣṭottaraśataṃ japet ॥

Übersetzung: Wenn die dritte Ritualzeit eintritt, vollzieht er die Verehrung vorschriftsgemäß, gibt die Speisegaben und rezitiert hundertachtmal.

45.550

homasyāṣṭaśataṃ caiva kṛtvā devyāgrataḥ sthitaḥ ।
tenaiva kramayogena pīṭhe yāgaṃ tathā yajet ॥

Übersetzung: Er vollzieht hundertacht Feueropfer und nimmt vor der Göttin Platz. Nach derselben Verfahrensfolge vollzieht er auch die Verehrung am Sitz.

45.551

bhūmyāṃ tathāsanaṃ kṛtvā śaktiṃ viśāpayet tataḥ ।
cumbanāliṅganaṃ kṛtvā pīṭhasya ca viśeṣataḥ ॥

Übersetzung: Er bereitet den Sitz auf dem Boden und lässt die Shakti Platz nehmen. Insbesondere am Sitz vollzieht er Küsse und Umarmungen.

45.552

kṣobhayitvā tu tāṃ śaktiṃ dravyaṃ prāśya mahāmati ।
dravyaṃ gṛhya tataḥ spṛśya atha yāgaṃ punar yajet ॥

Übersetzung: Nachdem er die Shakti erregt und die Substanz verzehrt hat, du mit dem großen Geist, nimmt er die Substanz, berührt [sich damit] und vollzieht erneut die Verehrung.

45.553

tenaiva kramayogena japaṃ kuryān na saṃśayaḥ ।
punar vinodam āsthāya īṣit svapna samācaret ॥

Übersetzung: Nach derselben Verfahrensfolge vollzieht er die Rezitation, ohne Zweifel. Dann wendet er sich wieder der Erholung zu und schläft ein wenig.

45.554

yāni nidrā bhavet tasya nidrābhāve tathaiva ca ।
nyāsaṃ kṛtvā punar mantrī dhyāyīta japam ācaret ॥

Übersetzung: Solange ihm Schlaf kommt, [schläft er]; bleibt der Schlaf aus, vollzieht der Mantrakundige erneut den Nyasa, meditiert und rezitiert.

45.555

ardharātre tataḥ prāpte punar yāgaṃ samārabhet ।
sarvāhnikeṣu naivedyaṃ dāpayen nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Wenn dann Mitternacht eintritt, beginnt er erneut die Verehrung. Bei allen täglichen Ritualzeiten lässt er eine Speisegabe darbringen, ohne Zweifel.

45.556

evaṃ dinatrayaṃ kuryāt sādhakaḥ susamāhitaḥ ।
pūjāṃ nāpanayen nityaṃ snānaṃ naiva samācaret ॥

Übersetzung: So verfährt der gut gesammelte Sadhaka drei Tage lang. Die Verehrungsgaben soll er nicht entfernen, und er soll kein Bad nehmen.

45.557

ātmano devatānāṃ ca agne ca kalaśasya ca ।
puṣpāṇi dāpayen mantrī upaviṣṭā na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Für sich selbst, die Gottheiten, das Feuer und den Krug lässt der Mantrakundige Blumen darbringen, während er sitzen bleibt, ohne Zweifel.

45.558

avaśyake ’pi śuddhātmā śaucaṃ naiva samācaret ।
evaṃ dinatraye pūrṇe ātmānaṃ paśyate tataḥ ॥

Übersetzung: Selbst nach der Notdurft soll der als rein geltende [Praktizierende] keine Reinigung vollziehen. Sind so drei Tage vollendet, schaut er sich selbst.

Erläuterung: Diese Reinheitsregel gehört zur besonderen historischen Observanz.

45.559

janme janme tu yā jātim trijanmam yāva nānyathā ।
svarūpaṃ paśyate tatra nijayoniṣu darśane ॥

Übersetzung: Er schaut seine jeweilige Daseinsart in Geburt um Geburt, bis zu drei Geburten, nicht anders. Bei dieser Schau der eigenen Ursprünge erblickt er dort seine eigene Gestalt.

45.560

dṛṣṭvā niṣkramate mantrī snānaṃ toyādipūrvakam ।
madhyāhnikaṃ tu vai kṛtvā tato bhojanam ārabhet ॥

Übersetzung: Nach der Schau tritt der Mantrakundige hinaus, [vollzieht] das Bad mit Wasser und den weiteren [Mitteln], führt den Mittagsritus aus und beginnt dann zu essen.

45.561

pūrvoktena vidhānena saha dūtyā mahāmatiḥ ।
ekānte vijane deśe trisnāyī naktabhojanaḥ ॥

Übersetzung: Nach dem zuvor beschriebenen Verfahren lebt der Hochverständige zusammen mit der Botin an einem abgeschiedenen, menschenleeren Ort, dreimal badend und nur nachts essend.

45.562

nijayoniṃ tathā jñātvā prāyaścittaṃ samārabhet ।
mṛgapakṣivirālādigojātiśvāśṛgālayoḥ ॥

Übersetzung: Nachdem er seinen eigenen Ursprung erkannt hat, beginnt er die Sühnehandlung: [Bei früheren Geburten als] Wildtier, Vogel, Katze und weiteren [Tieren], Rind, Hund oder Schakal,

45.563

śaśakaḥ śalyakaḥ godhā vṛkāṇāṃ kacchapasya ca ।
makarādīni sarveṣāṃ aṣṭottaraśataṃ japet ॥

Übersetzung: Hase, Stachelschwein, Waran, Wolf, Schildkröte, Makara und allen weiteren [dieser Art] rezitiert er hundertachtmal.

45.564

hastyaśvagardabhādīnāṃ gaṇḍakavyāghrayor api ।
camarīgavayādīnāṃ siṃha-r-kṣādikāṃ tathā ॥

Übersetzung: [Bei Geburten als] Elefant, Pferd, Esel und weiteren [Tieren], Nashorn, Tiger, Yak, Gayal und weiteren [Rindern], Löwe, Bär und ähnlichen [Wesen],

45.565

vyālasya vānarasyaiva śarabhasya varānane ।
uṣṭrakasya tu citrasya vijakādiṣu caiva hi ॥

Übersetzung: als Raubtier, Affe, Sharabha, Schöngesichtige, Kamel, Chitra, Vijaka und weiteren [Wesen],

Erläuterung: Mehrere Tiernamen sind hier nicht eindeutig zoologisch bestimmbar; Sharabha kann ein sagenhaftes Tier bezeichnen.

45.566

gonāsājagarādīnāṃ dīpakā ahileṇḍukāṃ ।
evamādīni cānyāni japed aṣṭasahasrakam ॥

Übersetzung: als Gonasa-Schlange, Python und weitere [Schlangen], Dipaka, Ahilenduka und andere Wesen dieser Art rezitiert er achttausendmal.

45.567

kṣatriyasya bhavet pañca sahasrāṇi na saṃśayaḥ ।
vaiśyasya ayutaṃ kuryāc chūdrasyaivāyutārdhakam ॥

Übersetzung: Bei einer Kshatriya-[Geburt] sind es fünftausend, ohne Zweifel; bei einer Vaishya-[Geburt] vollzieht er zehntausend, bei einer Shudra-[Geburt] fünftausend.

Erläuterung: Die folgenden Abstufungen dokumentieren historische Kasten- und Berufsordnungen. Sie sind keine Bewertung des geistigen Wertes heutiger Menschen.

45.568

kaivartalobdhakalcālacarmakarātha kandukā ।
śvapākā tailikānāṃ ca †sinthakāraka† śaucakam ॥

Übersetzung: [Bei Geburten unter] Fischern, Jägern, Chalas, Lederarbeitern, Kandukas, Shvapakas, Ölpressern, [den unklar bezeichneten] Sinthakarakas und Shauchakas,

45.569

vyādhaḥ khaṭṭika†cchiṣyāka†nāpitānāṃ ca yoniṣu ।
lohasuvarṇakārāṇāṃ chelakānāṃ ca yoniṣu ॥

Übersetzung: in Daseinsformen als Jäger, Khattika, [unverständlich gelesener Beruf] und Barbier, als Eisen- und Goldschmied sowie Chelaka,

45.570

veśyāyonau yathā devi daśasāhasrikaṃ japet ।
caṇḍāla†bukasānāṃ† ca bhillānāṃ śabarādinām ॥

Übersetzung: und bei einer Geburt als Prostituierte, Göttin, rezitiert er zehntausendmal. [Bei Geburten unter] Chandalas, [unsicher gelesenen] Bukasas, Bhillas, Shabaras und weiteren [Gruppen],

45.571

pulindānāṃ tathā caiva mālānāṃ caiva yoniṣu ।
pañcasāhasrikaṃ jāpyaṃ kṛtvā tatraiva śudhyati ॥

Übersetzung: ebenso unter Pulindas und Malas, vollzieht er fünftausend Rezitationen und wird dadurch gereinigt.

45.572

japavrata viśuddhas tu dīkṣāsaṃskāraśodhitaḥ ।
samayaghno ’tha mānuṣye yadā yonyāṃ prajāyate ॥

Übersetzung: Wenn ein Übertreter der Initiationsvereinbarung in menschlicher Daseinsform geboren wird, wird er durch Rezitationsobservanz gereinigt und durch die Initiationsweihe geläutert.

45.573

evaṃ jñātvā na saṃdehaḥ kalpoktaṃ tu samācaret ।
svayonidarśane devi janmatritayasūcake ॥

Übersetzung: Nachdem er dies erkannt hat, vollzieht er das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene, ohne Zweifel, bei der Schau des eigenen Ursprungs, Göttin, die drei Geburten erkennen lässt.

45.574

vidhir eṣa mayā proktā saptajanmasmṛtiṃ śṛṇu ।
śaktim āditaḥ kṛtvā ṣaṭnāryāṃś cāparāṃs tathā ॥

Übersetzung: Dieses Verfahren habe ich erklärt. Höre nun die Erinnerung an sieben Geburten. Die Shakti voran, [nimmt er] außerdem sechs weitere Frauen,

45.575

adhikāriṇyas taiḥ sārdhaṃ snātvā devagṛhaṃ viśet ।
raktāmbarottarīyā tu sakhāyā tābhir āvṛtaḥ ॥

Übersetzung: die dazu berechtigt sind. Mit ihnen zusammen gebadet, betritt er das Götterhaus, von diesen Gefährtinnen in roten Gewändern und Obergewändern umgeben.

45.576

tādṛgvidhābhi mantrajño dakṣiṇābhimukhaḥ sthitaḥ ।
purataḥ paṅktyāṃ kṛtvā śaktyādyāś cordhvasaṃsthitāḥ ॥

Übersetzung: Mit solchen [Gefährtinnen] steht der Mantrakundige nach Süden gewandt. Er stellt die Shakti und die übrigen vor sich in einer Reihe aufrecht hin.

45.577

pīṭhāni mārjayitvā tu candanādiṣu lepayet ।
āsanādi tathā kṛtvā yathāvat tān niveśayet ॥

Übersetzung: Er reinigt die Sitze und bestreicht sie mit Sandel und weiteren [Duftstoffen]. Nach der Bereitung der Sitzstätten und weiterer [Bestandteile] setzt er sie ordnungsgemäß ein.

45.578

hṛdyāgādiṃ tataḥ kṛtvā sarvaiḥ sārdhaṃ tu sādhakaḥ ।
nyāsaṃ yāgaṃ tataḥ kṛtvā kalaśādi vikalpayet ॥

Übersetzung: Dann vollzieht der Sadhaka gemeinsam mit allen die Herzverehrung und die weiteren [Riten]. Nach Nyasa und Verehrung richtet er Krüge und weitere Geräte her.

45.579

tatas tarpaṇakaṃ kṛtvā naivedyāni tu dāpayet ।
punas tarpaṇakaṃ kṛtvā śaktyā homaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Dann vollzieht er eine Sättigungsgabe und lässt die Speisegaben darbringen. Erneut vollzieht er eine Sättigungsgabe und nach seinen Kräften das Feueropfer.

45.580

āgatya deva vijñāpya yāgaṃ caiva nivedayet ।
samarpayitvā devāya āsām agre vrajet punaḥ ॥

Übersetzung: Zurückgekehrt teilt er es dem Gott mit und bringt die Verehrung dar. Nach der Darbringung an den Gott tritt er wieder vor diese [Frauen].

45.581

pūjayitvā tu tāṃ sarvāṃ gandhapuṣpādibhiḥ kramāt ।
pīṭhanyāsaṃ tu pūrvoktaṃ yathāvat samprakalpayet ॥

Übersetzung: Er verehrt sie alle der Reihe nach mit Duftstoffen, Blumen und weiteren [Gaben] und richtet den zuvor genannten Sitznyasa ordnungsgemäß ein.

45.582

gandhadhūpaṃ tato dadyāt puṣpāṇi ca na saṃśayaḥ ।
tataḥ sampūjya vidhivad ūrdhva sthāpya yathākramam ॥

Übersetzung: Dann gibt er Duftstoffe, Weihrauch und Blumen, ohne Zweifel. Nach der vorschriftsgemäßen Verehrung stellt er [sie] der Reihe nach aufrecht hin.

45.583

svaśaktyāgre sthito mantrī japaṃ tatra samārabhet ।
yathāśaktyā japaṃ kṛtvā śaktiṃ tāṃ kṣobhayet tataḥ ॥

Übersetzung: Vor seiner eigenen Shakti stehend beginnt der Mantrakundige dort die Rezitation. Nach der Rezitation entsprechend seinen Kräften erregt er diese Shakti.

45.584

taṃ dravyaṃ prāśayitvā tu sarvais sārdhaṃ mahāmati ।
tena dravyāṇi samprokṣya punar yāgaṃ yajed budhaḥ ॥

Übersetzung: Er lässt die Substanz gemeinsam mit allen verzehren, Hochverständige. Damit besprengt er die Ritualstoffe und vollzieht erneut die Verehrung.

45.585

punar āgatya tatraiva japaṃ kuryāt tathaiva hi ।
punar dvitīye savane tathā pīṭhāni lepayet ॥

Übersetzung: Er kehrt wieder dorthin zurück und rezitiert ebenso. Bei der zweiten Ritualzeit bestreicht er die Sitze erneut.

45.586

yāgaṃ tādṛgvidhaṃ cārya pūrvapūjopari-s-tathā ।
tāsām agre tataḥ sthitvā pīṭhanyāsāni kārayet ॥

Übersetzung: Er vollzieht dieselbe Verehrung auf der bereits bestehenden früheren Puja. Dann steht er vor ihnen und lässt die Sitznyasas ausführen.

45.587

dvitīyāgrataḥ sthitvā japaṃ śaktyatha kārayet ।
japaṃ samarpayitvā tu dvitīyā kṣobhayet tataḥ ॥

Übersetzung: Vor der zweiten stehend lässt er die Rezitation nach Kräften vollziehen. Nach der Darbringung der Rezitation erregt er dann die zweite.

45.588

punar dravyaṃ tathā prāśya pūjāṃ kṛtvā tathaiva hi ।
pūrvoktena vidhānena śāntaḥ śāntaḥ punaḥ punaḥ ॥

Übersetzung: Er verzehrt wiederum die Substanz und vollzieht ebenso die Puja. Nach dem zuvor genannten Verfahren [verfährt er], immer wieder zur Ruhe gekommen.

Erläuterung: Die Edition verbessert hier zu śāntaḥ, „ruhig“; die Handschriftenlesung śrāntaḥ würde „ermüdet“ bedeuten. Diese Lesungsentscheidung wird nicht verborgen.

45.589

japaṃ tathā kṛtvā āhnikād āhnikaṃ budhaḥ ।
paripāṭyā tathā kṣobhyā āhnike āhnike kramāt ॥

Übersetzung: So vollzieht der Verständige die Rezitation von einer täglichen Ritualzeit zur nächsten. In jeder Ritualzeit ist der Reihe nach jeweils [eine andere Partnerin] zu erregen.

45.590

evaṃ saptadinaṃ yāvan nakte naivedyaprāśane ।
tṛṣitas tu pibed vāri svalpam alpaṃ tu pūjayā ॥

Übersetzung: So [verfährt er] sieben Tage lang, nachts die Speisegabe verzehrend. Ist er durstig, trinkt er ein wenig Wasser, jeweils nur wenig im Zusammenhang mit der Verehrung.

45.591

saptāhne nityayuktas tu prati prati na saṃśayaḥ ।
tṛtīya divasārabhya svayonau paśyate tu saḥ ॥

Übersetzung: Während der sieben Tage bleibt er jedem einzelnen [Ritual] beständig zugewandt, ohne Zweifel. Vom dritten Tag an schaut er seinen eigenen Ursprung.

45.592

saptajanmāntikaṃ dṛṣṭvā niṣkrameta vicakṣaṇaḥ ।
pūrvoktāni tathā caiva prāyaścittāni kārayet ॥

Übersetzung: Nachdem er bis zu sieben Geburten zurück geschaut hat, tritt der Verständige hinaus und lässt die zuvor beschriebenen Sühnehandlungen vollziehen.

45.593

kalpoktaṃ sādhakaṃ kuryāt siddhyarthaṃ nātra saṃśayaḥ ।
siddhiyāgaṃ tataḥ kuryā cādeśena tu nānyathā ॥

Übersetzung: Der Sadhaka vollzieht das im Ritualhandbuch Vorgeschriebene zum Zweck der Siddhi, ohne Zweifel. Dann vollzieht er die Siddhi-Verehrung auf Anweisung, auf keine andere Weise.

45.594

ādeśena vinā devi siddhiyāgaṃ na kārayet ।
vartayet pūrvasūtreṇa nityanaimittikādibhiḥ ॥

Übersetzung: Ohne Anweisung, Göttin, soll er die Siddhi-Verehrung nicht ausführen. Er lebt nach dem früheren Lehrtext mit den regelmäßigen, anlassgebundenen und weiteren [Riten].

45.595

kāmye yāgaś ca mantrajño yāvad-e-śreyam āpnuyāt ।
svayonidarśane devi tālamiśraka-m-āśritam ॥

Übersetzung: Auch die wunschbezogene Verehrung [vollzieht] der Mantrakundige, bis er das höchste Gut erlangt. Bei der Schau des eigenen Ursprungs, Göttin, [gilt dies] für Tala- und Mishra-Praktizierende.

45.596

anena prāktanaṃ karma śodhayitvā viśudhyati ।
svayonidarśane caiva sādhakasya paraṃ śṛṇu ॥

Übersetzung: Dadurch reinigt er das frühere Karma und wird geläutert. Höre nun das höchste [Verfahren] des Sadhaka bei der Schau des eigenen Ursprungs.

45.597

śuddhāśuddhāśritaṃ caiva aṇimādiphalapradam ।
nāryaṣṭaka samāhṛtya śaktyādyā bhaktivatsalā ॥

Übersetzung: Es gilt für Reine und Unreine und verleiht Ergebnisse wie das Kleinwerden. Er versammelt acht Frauen, die Shakti voran, die der Hingabe zugeneigt sind,

45.598

śraddadhānādhikārī ca nirlajjā nighṛṇās tathā ।
bhūgṛhaṃ śodhanaṃ kṛtvā snānagṛhasamanvitam ॥

Übersetzung: gläubig und dazu berechtigt, ohne Scham und ohne Abscheu. Er reinigt ein unterirdisches Haus, das mit einem Baderaum versehen ist.

45.599

tatraiva kārayen mantrī pādaprakṣālanādikam ।
āhāraṃ ca praveśyātha ṣaṇmāsasya tu kāraṇā ॥

Übersetzung: Darin lässt der Mantrakundige die Einrichtungen zum Waschen der Füße und die weiteren [Verrichtungen] anlegen. Dann bringt er Nahrung für sechs Monate hinein.

45.600

praveśyo codakaṃ caiva ṣaṇmāsaṃ snānapādayoḥ ।
bukapuṣpāṇi vai mantrī rathyānairmālyam eva ca ॥

Übersetzung: Auch Wasser für sechs Monate, zum Baden und für die Füße, ist hineinzubringen. Der Mantrakundige [bringt] Buka-Blumen und weggeworfene Gaben von der Straße hinein,

45.601

mṛtanirmālyaṃ praviśyātha pūjārthaṃ sarvadā śuciḥ ।
sauvarṇāny atha puṣpāṇi kuryād raupyāṇi vā priye ॥

Übersetzung: und weggeworfene Gaben von Toten zum Zweck der Puja, wobei er stets als rein gilt. Oder er fertigt goldene oder silberne Blumen an, Liebe.

45.602

praveśaye mahāprajñaḥ pūjārthaṃ nātra saṃśayaḥ ।
gandhāṃ praveśayec caiva candanādiṣu suvrate ॥

Übersetzung: Der sehr Verständige bringt sie für die Puja hinein, ohne Zweifel. Auch Duftstoffe, Sandel und weitere [Salbungen] bringt er hinein, du mit den guten Gelübden.

45.603

khaṇḍakhādyāni bhakṣāṇi laḍukāśokavartayaḥ ।
praveśayen mahāsattva ṣaṇmāsasyaiva kāraṇā ॥

Übersetzung: Zuckerspeisen, Süßigkeiten, Laddus und Ashokavartis bringt der Hochgesinnte für sechs Monate hinein.

45.604

prastarāṇi praveśyātha īṣit svāpāya suvrate ।
āsanāni praveśyātha tūlakena bhṛtāni tu ॥

Übersetzung: Dann bringt er Unterlagen für kurzen Schlaf hinein, du mit den guten Gelübden, sowie mit Baumwolle gefüllte Sitzpolster,

45.605

mṛdūni sukumārāṇi uccāni ca śubhāni ca ।
sarpiṃ praveśayitvā tu dīpatailādikaṃ kramāt ॥

Übersetzung: weich, zart, hoch und schön. Er bringt geklärte Butter hinein und der Reihe nach Lampenöl und die weiteren [Vorräte].

45.606

dīpakaṃ jvālayen nityaṃ virāmaṃ na ca kārayet ।
virāmite pradīpe tu prāyaścittaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Er hält eine Lampe beständig brennend und lässt sie nicht erlöschen. Erlischt die Lampe, soll er eine Sühnehandlung vollziehen.

45.607

lakṣapādaṃ japen mantrī nātra kārya vicāraṇāt ।
nāgni praveśayet tatra sakṛ jvālya praveśayet ॥

Übersetzung: Der Mantrakundige rezitiert fünfundzwanzigtausendmal; darüber soll kein Zweifel bestehen. Kein [neues] Feuer soll er hineinbringen; einmal entzündet bringt er [die Lampe] hinein.

45.608

dīpakaṃ nātra saṃdehas tena taṃ na virāmayet ।
yogapaṭṭakṛtāṅgābhi digvāsābhis tathaiva ca ॥

Übersetzung: [Er bringt] die Lampe [hinein], ohne Zweifel, und lässt sie dadurch nicht erlöschen. Mit [Frauen], deren Körper mit Yogabändern versehen sind, die nackt sind,

45.609

raktavāsottarīyābhir muktakeśābhir āvṛtaḥ ।
praviśet sādhako dhīras tādṛgbhūto na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: oder rote Gewänder und Obergewänder tragen und gelöstes Haar haben, umgeben, tritt der standhafte Sadhaka ein, selbst ebenso beschaffen, ohne Zweifel.

Erläuterung: Die Quelle stellt Nacktheit und rote Kleidung nebeneinander; das „oder“ erläutert die naheliegende Alternative, ohne den Sanskrittext zu ändern.

45.610

snātvā pūrveṇa vidhinā tābhiḥ sārdhaṃ varānane ।
kṛtanyāso na saṃdeho nāryaṣṭakavibhūṣitaḥ ॥

Übersetzung: Nach dem Bad gemäß dem früheren Verfahren, gemeinsam mit ihnen, Schöngesichtige, hat er den Nyasa vollzogen, ohne Zweifel, von der Gruppe der acht Frauen umgeben.

45.611

madhye tu bhūgṛhasyātha guptaveśmani vā tathā ।
dhavalagṛhasya madhye vā dvāra rodhya na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Im Inneren des unterirdischen Hauses, einer verborgenen Unterkunft oder eines weißen Hauses verschließt er die Tür, ohne Zweifel.

45.612

dakṣiṇābhimukho bhūtvā āsane pūrvacodite ।
upaviśya tato mantrī śakti pūrveṇa vinyaset ॥

Übersetzung: Nach Süden gewandt sitzt der Mantrakundige auf dem zuvor vorgeschriebenen Sitz. Dann setzt er die Shakti im Osten ein.

45.613

sammukhā prathamā tasya dvitīyā dakṣiṇe nyaset ।
tṛtīyā paścime bhāge caturthī cottare nyaset ॥

Übersetzung: Die erste ist ihm zugewandt; die zweite setzt er im Süden ein, die dritte im westlichen Bereich und die vierte im Norden.

Erläuterung: Die Zuordnung „im Osten“ und „ihm zugewandt“ steht neben seiner südlichen Blickrichtung; die räumliche Perspektive ist im Text nicht vollständig erklärt.

45.614

āgneye pañcamī caiva ṣaṣṭhikā nairṛte tathā ।
saptamī vāyudigbhāge īśāne cāṣṭamī nyaset ॥

Übersetzung: Die fünfte setzt er im Südosten ein, die sechste im Südwesten, die siebte im nordwestlichen Richtungsbereich und die achte im Nordosten.

45.615

evaṃ dikṣu vidikṣuś ca āsanaṃ saṃnniveśayet ।
agre maṇḍalakaṃ kṛtvā yāgaṃ tatra prakalpayet ॥

Übersetzung: So richtet er die Sitze in den Haupt- und Zwischenrichtungen ein. Vor sich bereitet er ein kleines Mandala und ordnet dort den Verehrungskreis an.

45.616

pūrvoktena tu mārgeṇa hṛdyāgādipurahsaram ।
kalaśādisamopetam agnis-tarpaṇavarjitam ॥

Übersetzung: Nach dem zuvor genannten Weg, mit der Herzverehrung und den weiteren [Riten] voran, mit Krügen und weiteren Geräten, jedoch ohne Sättigungsgabe ans Feuer,

45.617

iṣṭvā yāgaṃ yathānyāyaṃ naivedyāni pradāpayet ।
svaśaktyā sādhako nityaṃ yathāvibhavasambhavam ॥

Übersetzung: vollzieht er die Verehrung ordnungsgemäß und lässt Speisegaben darbringen. Der Sadhaka [tut dies] stets nach seinen Kräften und entsprechend seinen verfügbaren Mitteln.

45.618

mudrāṃ caiva yathānyāyam arghaṃ caiva pradāpayet ।
pūrvāsane niviṣṭānāṃ pīṭhanyāsaṃ tu kārayet ॥

Übersetzung: Die Mudra [vollzieht er] ordnungsgemäß und lässt die Ehrengabe darbringen. An den zuvor auf ihren Sitzen Platz genommenen [Frauen] lässt er den Sitznyasa ausführen.

45.619

tato gandhaiś ca puṣpaiś ca dhūpaiś caiva yathākramam ।
pīṭhe yāgaṃ tu sarvāsāṃ kṛtvā kṣobham samārabhet ॥

Übersetzung: Dann vollzieht er mit Duftstoffen, Blumen und Weihrauch der Reihe nach die Verehrung an den Sitzen aller und beginnt die Erregung.

45.620

pūrvadigbhāgasaṃsthāyā svaśaktyā prathamaṃ budhaḥ ।
kṣobhaṃ kṛtvā tu taddravyaṃ sarvaiḥ saha samācaret ॥

Übersetzung: Zuerst erregt der Verständige seine eigene Shakti, die im östlichen Richtungsbereich steht; dann verwendet er die entstandene Substanz gemeinsam mit allen.

45.621

spṛṣṭvā yāgaṃ punaḥ pūjya arghayitvā yathākramam ।
nivedayitvā devāya yāgaṃ vijñāpya mantravit ॥

Übersetzung: Nach der Berührung vollzieht er erneut die Verehrung und gibt der Reihe nach die Ehrengabe. Der Mantrakundige bringt die Verehrung dem Gott dar und erklärt:

45.622

anena devayāgena siddhir bhavatu me ’nagha ।
akṣasūtraṃ tato gṛhya pūrvābhimukhasaṃsthitaḥ ॥

Übersetzung: „Durch diese Götterverehrung möge mir Siddhi zuteilwerden, Makelloser!“ Dann nimmt er die Gebetsschnur und wendet sich nach Osten.

Erläuterung: Der Gebetssatz ist vollständig lesbar, gehört hier aber ausdrücklich zum vorangehenden mehrteiligen Paarritual; er wird deshalb nicht als kontextfreie Praxisformel gesammelt.

45.623

pīṭhe ātmāna saṃyojya nimīlitākṣa na saṃśayaḥ ।
yathāśaktyā japaṃ kuryā pūrvamārgeṇa sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Er verbindet sich selbst mit dem Sitz und schließt die Augen, ohne Zweifel. Der Sadhaka rezitiert nach seinen Kräften auf dem früher beschriebenen Weg.

45.624

japaṃ samarpayitvā tu saṃkhyāyuktaṃ tu pūrvavat ।
pūrvoktais tu vinodais tu miśrake sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Die mit ihrer Zahl versehene Rezitation bringt er wie zuvor dar. Der hervorragende Sadhaka [verwendet] dabei die zuvor genannten Erholungen in Verbindung [mit der Praxis].

Erläuterung: Der genaue Bezug von miśrake bleibt in diesem Satz unsicher.

45.625

punar nyāsaṃ tathā kṛtvā pīṭheṣu hy ātmaṇeṣu ca ।
punar japed yathāśaktyā punaḥ saṃkhyā samarpayet ॥

Übersetzung: Er vollzieht erneut den Nyasa an den Sitzen und an den eigenen Körpern. Wieder rezitiert er nach Kräften und bringt wiederum die Zahl [der Rezitationen] dar.

45.626

dvitīye savane prāpte upalepanapūrvakam ।
tūraṃ prakṣālayitvā tu punaḥ yāgaṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Wenn die zweite Ritualzeit eintritt, beginnt er erneut die Verehrung, mit der Salbung voran, nachdem er rasch [den Bereich] abgewaschen hat.

45.627

tenaiva kramayogena śakti kṣobhya ’tha dakṣiṇe ।
punar japaṃ yathāśaktyā kṛtvā vai sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Nach derselben Verfahrensfolge erregt er die Shakti im Süden. Dann vollzieht der hervorragende Sadhaka wiederum die Rezitation nach seinen Kräften.

45.628

tenaiva kramayogena nātra kārya vicāraṇāt ।
tṛtīyasavanaṃ kṛtvā śakti kṣobhya ’tha paścime ॥

Übersetzung: Nach derselben Verfahrensfolge – darüber soll kein Zweifel bestehen – vollzieht er die dritte Ritualzeit und erregt die Shakti im Westen.

45.629

caturthe cottarāṃ kṣobhya tanmukho japam ācaret ।
yā śakti kṣobhayen mantrī dhyānajapyas tu tanmukhaḥ ॥

Übersetzung: In der vierten [Ritualzeit] erregt er die nördliche [Shakti] und rezitiert ihr zugewandt. Welcher Shakti er sich zur Erregung zuwendet, ihr zugewandt meditiert und rezitiert er auch.

45.630

āgneyī pañcamī kṣobhya ṣaṣṭhe nairṛtikī tathā ।
saptamī vāyudigbhāge aṣṭamī īśagocare ॥

Übersetzung: Als fünfte erregt er die südöstliche [Shakti], in der sechsten [Ritualzeit] die südwestliche, als siebte die im nordwestlichen Richtungsbereich und als achte die im Nordosten.

45.631

evaṃ kramavibhāgena kṣobhaṃ kṛtvā tathāhnikam ।
naktabhojī sadā mantrī naivedyaṃ bhakṣaye tadā ॥

Übersetzung: So vollzieht er die Erregung und den täglichen Ritus nach dieser Reihenfolge. Der Mantrakundige isst stets nur nachts und verzehrt dann die Speisegabe,

45.632

tābhi sārdhaṃ na saṃdeha ekatraiva vidhisthitaḥ ।
svayonidarśanaṃ dṛṣṭvā aṣṭajanmāntikam budhaḥ ॥

Übersetzung: mit ihnen zusammen an einem Ort, ohne Zweifel, der Regel folgend. Hat der Verständige in der Schau des eigenen Ursprungs bis zu acht Geburten zurück geschaut,

45.633

prāyaścittaṃ tathā kṛtvā kalpoktaṃ vā yad āgatam ।
tenaiva kramayogena vartayet sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: vollzieht er die Sühnehandlung, die das Ritualhandbuch für den jeweiligen Fall angibt. Nach derselben Verfahrensfolge lebt der hervorragende Sadhaka weiter.

45.634

pratyāhā nātra saṃdehaḥ ṣaṇmāsaṃ yāva nānyathā ।
kvacit snānaṃ prakurvīta sārdham ekākino ’pi vā ॥

Übersetzung: Täglich, ohne Zweifel, bis sechs Monate vergangen sind, auf keine andere Weise. Gelegentlich nimmt er ein Bad, gemeinsam oder auch allein.

45.635

viṇmūtrau tu yadā kuryāc chauca naiva vidhisthite ।
pañcamudrāvratināṃ ca tābhiḥ sārdhaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Wenn er Kot oder Urin ausscheidet, soll er gemäß dieser Regel keine Reinigung vollziehen. Er führt [die Observanz] zusammen mit jenen aus, die das Gelübde der fünf Insignien halten.

45.636

caturthāt paścimaṃ-pakṣe pañcamā prathamā tathā ।
māsād vighnāni jāyante mahāraudrāṇi suvrate ॥

Übersetzung: In der letzten Monatshälfte des vierten Monats und in der ersten des fünften entstehen sehr schreckliche Hindernisse, du mit den guten Gelübden.

45.637

tān dṛṣṭvā tu na bhetavyaṃ prāṇair kaṇṭhagatair api ।
sarpaṃ bhayānakaṃ paśye khādayann iva bhīṣaṇam ॥

Übersetzung: Bei ihrem Anblick soll er sich nicht fürchten, selbst wenn das Leben ihm bis in den Hals steigt. Er sieht eine furchtbare Schlange, schrecklich, als wolle sie ihn fressen.

Erläuterung: Die folgenden Verse beschreiben im Ritual erwartete Schreckenserscheinungen.

45.638

viḍālaṃ paśyate tīvraṃ draṃṣṭrāvikṛtarūpiṇāṃ ।
tāṃ dṛṣṭvā tu na bhetavyaṃ na ca karma pramādayet ॥

Übersetzung: Er sieht eine wilde Katze von durch Hauer entstellter Gestalt. Bei ihrem Anblick soll er sich nicht fürchten und seine rituelle Aufgabe nicht vernachlässigen.

45.639

mūṣakaṃ tu mahāghorāṃ paśyate vighnarūpiṇām ।
pūjāṃ kṣipanti cākṛṣya śarīre cāruhanti ca ॥

Übersetzung: Er sieht höchst schreckliche Mäuse als Hindernisgestalten. Sie reißen die Pujagaben an sich und werfen sie fort; sie klettern auch auf seinen Körper.

45.640

na kṣipen na ca bhetavyaṃ na ca kopam samācaret ।
uttiṣṭhottiṣṭhaśabdāni khādayāmīti bhāṣayet ॥

Übersetzung: Er soll sie nicht wegschleudern, sich nicht fürchten und nicht zornig werden. [Eine Erscheinung] äußert die Worte: „Steh auf, steh auf! Ich fresse [dich]!“

Erläuterung: Die zitierten Ausrufe sind Schreckensrufe innerhalb der Erzählung, keine Mantras.

45.641

evaṃ śabdāḥ prajāyante na bhetavyaṃ tu tais tataḥ ।
bahi śabdāḥ prajāyante nānārūpā varānane ॥

Übersetzung: So entstehen Laute; vor ihnen soll er sich nicht fürchten. Draußen entstehen vielerlei Laute, Schöngesichtige.

45.642

hana haneti vyāhārāṇi kṣipākṛṣya ca durmati ।
aśvakhuraravo bhīma heṣāśabdaḥ sudāruṇāḥ ॥

Übersetzung: Rufe wie „Schlag zu, schlag zu! Wirf [ihn hinaus], zieh [ihn her], Tor!“ [ertönen], furchtbarer Pferdehuflärm und äußerst schreckliches Wiehern.

45.643

uttiṣṭhottiṣṭha durbuddhe rājādeśena nīya me ।
tāṃ śrutvā tu na bhetavyaṃ dhyānacintaṃ na cālayet ॥

Übersetzung: „Steh auf, steh auf, du Unverständiger! Auf Befehl des Königs [wirst du] zu mir geführt!“ Wenn er dies hört, soll er sich nicht fürchten und seine meditative Ausrichtung nicht verändern.

Erläuterung: Die Befehlsform nīya me ist sprachlich unregelmäßig; die Übersetzung des Zurufs bleibt vorläufig.

45.644

vikarālāni rūpāṇi vyāvṛtāni tu sādhakaḥ ।
lelihyamāno jihvābhiḥ śaktyādyā dantivat priye ॥

Übersetzung: [Der Sadhaka sieht] entsetzliche Gestalten, die sich um ihn drängen; er wird von Zungen geleckt, ebenso die Shakti und die anderen, wie von einem Elefanten, Liebe.

Erläuterung: Die Satzkonstruktion und der Vergleich dantivat sind nicht eindeutig. Die ungewöhnliche Szene bleibt ohne erfundene Ergänzung stehen.

45.645

tāṃ dṛṣṭvā tu na bhetavyaṃ tābhi sārdhaṃ tu mantriṇām ।
arghaṃ teṣāṃ pradātavyaṃ manasā vā prapūjanam ॥

Übersetzung: Bei ihrem Anblick soll der Mantrakundige zusammen mit den [Partnerinnen] keine Furcht haben. Ihnen ist eine Ehrengabe darzubringen, oder man verehrt sie im Geist.

45.646

vilīyante na saṃdehaḥ sattvaṃ vijñāya sādhake ।
pratyahaṃ kriyamāṇe tu jāyante pratyayās tathā ॥

Übersetzung: Sie lösen sich auf, ohne Zweifel, nachdem sie die Standhaftigkeit des Sadhaka erkannt haben. Wird [das Ritual] täglich vollzogen, stellen sich Bestätigungszeichen ein.

45.647

antardhānādikā devi uttamāsiddhikāṅkṣiṇā ।
vartis tasya pradarśyeta-t-siddhais trailokyavyāpinī ॥

Übersetzung: Dem, der nach höchster Siddhi wie Unsichtbarkeit strebt, Göttin, wird von den Siddhas ein Docht gezeigt, dessen Wirkung die drei Welten durchdringt.

Erläuterung: Varti bezeichnet hier einen besonderen Lampendocht beziehungsweise ein dochtartiges Zaubermittel; seine Beschaffenheit wird nicht angegeben.

45.648

ṣaṇmāse tu tataḥ pūrṇe devyaḥ pratyakṣatāṃ yayu ।
vikarālena rūpeṇa na bhetavyaṃ tu mantriṇā ॥

Übersetzung: Sind dann sechs Monate vollendet, erscheinen die Göttinnen unmittelbar sichtbar. Vor ihrer entsetzlichen Gestalt soll sich der Mantrakundige nicht fürchten.

45.649

aṇimādiguṇaiśvaryaṃ tadā tasya prajāyate ।
mantrā kiṅkaratāṃ yānti tadā devi na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Dann entsteht für ihn Herrschaft über Fähigkeiten wie das Kleinwerden. Die Mantras treten dann in seinen Dienst, Göttin, ohne Zweifel.

45.650

hrīkṣamātram aśeṣaṃ tu trailokyam paśyate tu saḥ ।
svayonidarśanaṃ devi tridhāvasthaḥ prakīrtitaḥ ॥

Übersetzung: Schon durch hrīkṣa schaut er die drei Welten vollständig. Die Schau des eigenen Ursprungs, Göttin, ist als dreifach gegliedert beschrieben.

Erläuterung: Die Edition druckt HRĪKṢA. Ihr Kommentar deutet dies als verkürzte Angabe von hrī[ṃ] kṣa[ṃ]; die ergänzten Nasale stehen nicht im edierten Vers. Daher wird daraus keine sicher vollständige Rezitationsformel gemacht.

45.651

hitāya sādhakendrāṇāṃ khecaratvajigīṣiṇām ।
sarvayāgaprapannānāṃ vidhir eṣaḥ prakīrtitaḥ ॥

Übersetzung: Zum Wohl der führenden Sadhakas, die den Himmelsgängerzustand erlangen möchten und sich dem gesamten Verehrungskreis hingegeben haben, ist dieses Verfahren erklärt.

45.652

tridhā bhinnaṃ mahādevi siddhyarthaṃ sādhakecchayā ।
tālako miśrakaś caiva vidhinātra samācaret ॥

Übersetzung: Es ist dreifach unterschieden, große Göttin, entsprechend dem Wunsch des Sadhaka nach Siddhi. Talaka und Mishraka sollen nach diesem Verfahren handeln.

45.653

carubhojī na vai kuryā brahmacaryarataḥ sadā ।
tālako miśrakaś caiva na śaucaṃ kārayet kvacit ॥

Übersetzung: Der Charu-Esser darf es nicht vollziehen, da er stets in Keuschheit lebt. Talaka und Mishraka sollen [während dieser Observanz] keinerlei Reinigung durchführen.

45.654

paṅktyarthaṃ tu yadā kuryā darśaye na ca taṃ tathā ।
tālake miśrake caiva ekānte bhojanaṃ hitam ॥

Übersetzung: Wenn er sie wegen der Gemeinschaft dennoch vornimmt, soll er sie nicht sichtbar ausführen. Für Talaka und Mishraka ist Essen in Abgeschiedenheit angemessen.

45.655

athavā nagare grāme rathyāyāṃ gopureṣu ca ।
bhakṣāntaritaṃ sadā gacche tayo doṣā na vidyate ॥

Übersetzung: Oder in Stadt, Dorf, auf der Straße oder bei Torbauten: Er soll stets durch Speise [abgeschirmt] gehen; für die beiden liegt dabei kein Verstoß vor.

Erläuterung: Bhakṣāntaritaṃ ist in diesem Zusammenhang unklar. Eine sichere Verhaltensregel lässt sich aus diesem Halbvers nicht gewinnen.

45.656

catuṣkeṇāpi kartavyaṃ nijayoniṣu darśanam ।
pūrvoktena vidhānena śobhanābhiḥ samāvṛtaḥ ॥

Übersetzung: Auch mit einer Vierergruppe ist die Schau der eigenen Ursprünge auszuführen, nach dem zuvor genannten Verfahren, umgeben von schönen [Partnerinnen].

45.657

svayonidarśane caiva sādhanaṃ tatra kārayet ।
catujanmodbhavāṃ dṛṣṭvā pūrvasūtraṃ samārabhet ॥

Übersetzung: Er führt dort die Praxis zur Schau des eigenen Ursprungs aus. Nachdem er die Entstehung in vier Geburten geschaut hat, nimmt er den früheren Lehrgang wieder auf.

45.658

siddhis tathāṣṭake caiva kartavyā sādhakena tu ।
yonidarśanamātraṃ tu saptakādiṣu jāyate ॥

Übersetzung: Mit der Achtergruppe soll der Sadhaka auch Siddhi verwirklichen; bei der Siebenergruppe und den anderen [kleineren Gruppen] entsteht lediglich die Schau der Ursprünge.

45.659

aṣṭake jñānasyotpatti pratyahaṃ nātra saṃśayaḥ ।
ākṛṣya sarvabhūtānāṃ rūpānyatvam avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Bei der Achtergruppe entsteht täglich Erkenntnis, ohne Zweifel. Durch das Heranziehen aller Wesen soll er die Fähigkeit erlangen, andere Gestalten anzunehmen.

45.660

vīro bhavati so devi yoginīparivāritaḥ ।
kauliko ’yaṃ vidhiḥ proktaḥ sādhakānāṃ hitāya vai ॥

Übersetzung: Er wird zum Helden, Göttin, von Yoginis umgeben. Dieses Kaula-Verfahren ist zum Wohl der Sadhakas erklärt.

45.661

caturvidho mayā devi nijayonipradarśane ।
kulakrameṇa vai devi tālako miśrakas tathā ॥

Übersetzung: Vierfach ist es von mir bei der Offenbarung des eigenen Ursprungs [dargelegt], Göttin. Nach der Kula-Ordnung [verfährt] der Talaka und ebenso der Mishraka,

45.662

ācaren nātra saṃdehas tatra sthityā mahāmati ।
carubhojī na kuryāyaṃ vidhi yonipradarśane ॥

Übersetzung: darin feststehend, Hochverständige, ohne Zweifel. Der Charu-Esser darf dieses Verfahren zur Offenbarung des Ursprungs nicht ausführen.

45.663

brahmacaryarato nityaṃ yoniśo hi na saṃśayaḥ ।
na ca caryāvidhāne ’pi bhakṣaṃ bhramaṇam ācaret ॥

Übersetzung: Er lebt stets gründlich in Keuschheit, ohne Zweifel. Auch im Verfahren der Observanz soll er kein Umherziehen zur Nahrungsaufnahme betreiben.

Erläuterung: Der Bezug von bhakṣaṃ bhramaṇam ist nicht sicher; die Übersetzung bleibt vorläufig.

45.664

śaucaṃ tu sādhakaḥ kuryād yathā āvaśyake śṛṇu ।
trīṇi liṅga mṛdā deyā nava caiva gudā smṛtāḥ ॥

Übersetzung: Höre, wie der Sadhaka die Reinigung nach der Notdurft durchführen soll: Drei [Anwendungen] von Erde sind am Penis zu geben; neun sind am After vorgeschrieben.

45.665

vāmahaste caturviṃśad ubhau caiva caturdaśaḥ ।
etac chaucaṃ mahādevi aśuddhasya na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: An der linken Hand vierundzwanzig, an beiden [Händen] vierzehn. Dies ist die Reinigung des Unreinen, große Göttin, ohne Zweifel.

Erläuterung: Die Zahlen gehören zum historischen Reinigungsritus mit Erde; sie sind keine gegenwärtige Hygieneempfehlung.

45.666

nāśuddhas saṃtyajed vāmayāgakāle ’pi nityaśaḥ ।
na ca muktaśikho bhūtvā kiṃcid vastu samācaret ॥

Übersetzung: Der Unreine soll [seine Reinheitsregeln] niemals aufgeben, auch nicht während der linken Verehrung. Er soll auch keine Handlung mit gelöstem Haarschopf ausführen.

45.667

na ca yajñopavītaṃ tyajya-m-ucchiṣṭo yāgam ācaret ।
trisnāyī atha śuddhātmā bhasmasnānam athāpi vā ॥

Übersetzung: Er soll die heilige Schnur nicht ablegen und die Verehrung nicht mit Speiseresten verunreinigt vollziehen. Dreimal badend bleibt er rein; oder [er verwendet] ein Aschebad.

Erläuterung: Der Satz enthält nichtklassische Verknüpfungen. Die Verneinung wird auf die untersagten Formen des Ritualvollzugs bezogen.

45.668

mantrasnānaṃ sadā kṛtvā bhasmasnānaṃ samācaret ।
mānasaṃ ca tathā kuryā jñātvā viṣayapāṭavā ॥

Übersetzung: Nachdem er stets das Mantrabad vollzogen hat, führt er das Aschebad aus. Ebenso vollzieht er es im Geist, nachdem er die Eignung des jeweiligen Bereichs erkannt hat.

Erläuterung: Viṣayapāṭava ist in diesem Zusammenhang nicht eindeutig; die Übersetzung bleibt bewusst allgemein.

45.669

bhasmasnānena varteta yadā nopahato bhavet ।
upahatas tu jalasnānaṃ kṛtvā bhasmikam ācaret ॥

Übersetzung: Wenn er nicht verunreinigt ist, hält er sich an das Aschebad. Ist er verunreinigt, nimmt er zuerst ein Wasserbad und führt dann das Aschebad aus.

45.670

bhasmasnāne ’pi kartavyaṃ mantrasnānaṃ tu sādhakaiḥ ।
japakāle tu samprāpte vātakarmakṛte tathā ॥

Übersetzung: Auch beim Aschebad sollen die Sadhakas das Mantrabad vollziehen. Wenn die Rezitationszeit eintritt oder wenn eine Windentleerung stattgefunden hat,

45.671

niṣṭhīvanaṃ na kartavyaṃ mānasaṃ carubhojinām ।
mānasaṃ tattvam āsthāya tataḥ snānaṃ samācaret ॥

Übersetzung: sollen die Charu-Esser nicht ausspucken; [sie vollziehen die Reinigung] geistig. Sich auf die geistige Wirklichkeitsebene stützend, vollzieht er dann das Bad.

Erläuterung: Die Syntax des ersten Halbverses ist verkürzt. Eine feste Atem- oder Spültechnik wird daraus nicht abgeleitet.

45.672

sakṛd daṇḍakanyāsaṃ ca mantram uccārya sādhakaḥ ।
sakṛd uccārya hṛdyāgaṃ tato jāpyaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Der Sadhaka spricht das Mantra einmal, [vollzieht] den Dandaka-Nyasa, spricht einmal [das zur] Herzverehrung [Gehörige] und beginnt dann die Rezitation.

45.673

bhasmasnānaṃ sadā kāryaṃ vandanaṃ vā kriyāyute ।
tālakeṇāpi miśreṇa kartavyaṃ siddhikāṅkṣiṇām ॥

Übersetzung: Das Aschebad ist stets zu vollziehen, oder die Verehrung im verbundenen Ritual. Auch Talaka und Mishraka sollen dies ausführen, wenn sie nach Siddhi verlangen.

45.674

kṣetrabhasmaṃ sadā śastaṃ trividhe ’pi hi sādhake ।
agnikuṇḍe tathā śastaṃ kaubhārā vātha lābhataḥ ।
āraṇyake-t-tatdeṣṭānāṃ gṛhe vā nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Asche vom heiligen Ort ist für alle drei Arten von Sadhakas stets empfohlen. Ebenso empfohlen ist [Asche] aus einem Feuerbecken, oder, je nach Verfügbarkeit, von einem Töpferofen, aus dem Wald oder aus dem Haus der dazu Angewiesenen, ohne Zweifel.

Erläuterung: Der Schlussvers besteht aus drei Halbversen. Die ungewöhnlichen Formen kaubhārā und tatdeṣṭānāṃ werden vorsichtig als Herkunftsangaben verstanden.

Kolophon

॥ iti brahmayāmale dvādaśasāhasrake sādhakādhikārapaṭalaḥ pañcacatvāriṃśatimaḥ ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Brahmayamala der zwölftausend Verse das fünfundvierzigste Kapitel, das Kapitel über die Berechtigung des Sadhaka.

Kapitel 46: Der Ort des Mahamanthana-Ritus – 46.3

Aufgenommen sind ausschließlich die nachgewiesenen vollständigen Originalnummern aus wissenschaftlichen Zitaten. Die übrigen Verse dieses Kapitels sind nicht in dieser Teilausgabe enthalten. Hinweise auf den unmittelbaren Zusammenhang stehen bei den Versen.

Textgrundlage: Hatley 2025; genaue Fundstelle beim Vers.[11]

46.3

gatvā niśi śmaśānan tu yāgopaskarasaṃbhṛtaḥ ।
sakhāyais śobhanair yukta eko vātha mahāvrataḥ ॥

Übersetzung: Der dem Großen Gelübde Verpflichtete soll nachts zur Verbrennungsstätte gehen, ausgerüstet mit den Gegenständen für die Verehrung, begleitet von guten Gefährten oder auch allein.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 86, Anm. 23.

Erläuterung: Der Vers steht im Mahamanthana-Ritus und erläutert hier den Ortsrückverweis aus 48.2. Die Quelle ergänzt die ś-Lesungen in niśi, śmaśānan und śobhanair; diese Wörter sind hier unterstrichen. Dieses Einzelzitat ergibt keine vollständige Ausgabe von Kapitel 46.

Kapitel 48: Die Grube der Vollendung – Garttayaga

Dieses Kapitel wird mit allen 36 Originalnummern wiedergegeben. Es schildert eine extreme Kāpālika-Observanz auf einer Verbrennungsstätte: Der Sadhaka verweilt in einer mit unreinen Stoffen gefüllten Grube, rezitiert die Vidya und erwartet die Begegnung mit Aghori und den Müttern. Die historische Textausgabe bewahrt diesen Zusammenhang; das Kapitel gehört nicht zur begleitenden Praxisauswahl.

Die Kapitelzahl folgt dem ausgeschriebenen Sanskritkolophon (aṣṭacatvāriṃśatimaḥ, „achtundvierzigster“) und Hatleys Handschriftenübersicht von 2018, S. 515. Der Aufsatz von 2025 nennt im Abstract und im englischen Kolophon sowie als Ziffer hinter dem Sanskritkolophon dagegen 46; seine Einleitung ordnet den Grubenritus Kapitel 48 zu. Die widersprüchliche Schlussziffer der Vorlage bleibt unten sichtbar. Blatt- und Zeilenangaben innerhalb der gedruckten Verse sind editorische Lokalisierungen und werden nicht als Sanskritwörter übernommen. Konjekturen der Ausgabe sind hier zusätzlich unterstrichen.

Textgrundlage: Shaman Hatley: „Horror and Wonder in a Putrid Trench: The Brahmayāmala’s ‘Rite of the Pit of Power’ (siddhigarttāyāga)“, Asian Literature and Translation 12/1, 2025, S. 80–98; Sanskritedition und Übersetzung S. 86–96, Editionsprinzipien S. 85.[11]

48.1

athātaḥ sampravakṣyāmi siddhigarttāṃ suśobhanām ।
yāṃ kṛtvā tu mahāsatvo trailokyaṃ sādhayet kṣaṇāt ॥

Übersetzung: Nun werde ich die herrliche Siddhigartta, die „Grube der Vollendung“, lehren. Wer sie anlegt und großen Mut besitzt, kann augenblicklich die drei Welten seiner Macht unterwerfen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 86.

48.2

pūrvvoktacodite sthāne tatra garttāṃ suśobhanām ।
khānayet svapramāṇena tatas tāṃ śodhayed budhaḥ ॥

Übersetzung: An einem Ort der zuvor bezeichneten Art soll er dort eine schöne Grube nach dem Maß seines eigenen [Körpers] ausheben lassen. Der Verständige soll sie anschließend reinigen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 86.

Erläuterung: Der Rückverweis bezeichnet wahrscheinlich eine Verbrennungsstätte; Hatley verweist auf 46.3. Das Körpermaß wird hier nicht genauer nach Länge und Tiefe aufgeschlüsselt.

48.3

śodhayitvā mahāgarttāṃ sādhakas tryahapoṣitaḥ ।
tato yāgaṃ prakurvvīta tasmiṃ gartte mahārṇṇave ॥

Übersetzung: Nachdem der Sadhaka die große Grube gereinigt und drei Tage gefastet hat, soll er dort, in der Grube als dem großen Ozean [?], die Verehrung des Gottheitenkreises vollziehen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 87.

Erläuterung: Tryahapoṣitaḥ wird als dreitägiges Fasten verstanden. Mahārṇṇave, „im großen Ozean“, ist textlich beziehungsweise syntaktisch unklar; die Deutung der Grube als Ozean folgt Hatleys vorsichtiger Auslegung (Anm. 24–25).

48.4

pūrvvoktenaiva mārgeṇa balihomañ ca kalpayet ।
punaś cārgham pradātavyaṃ kapāle pūrvvavad budhaḥ ॥

Übersetzung: Nach eben dem zuvor gelehrten Verfahren soll er Bali-Gaben und Feuerritual ausführen. Der Verständige soll wiederum wie zuvor die Ehrengabe Arghya, in einer Schädelschale darbringen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 87.

Erläuterung: Arghya bezeichnet hier eine rituelle Flüssigkeitsgabe; ihre Bestandteile sind in diesem Vers nicht festgelegt. Sie wird nicht pauschal mit gewöhnlichem Wasser gleichgesetzt.

48.5

tataḥ ekamano bhūtvā sādhakaḥ susamāhitaḥ ।
anujñā dada me devi siddhigarttā mamāmbike ॥

Übersetzung: Dann soll der Sadhaka seinen Geist auf eines richten und sich ganz sammeln: „Göttin, gewähre mir die Erlaubnis [für] meine Siddhigartta, o Mutter!“

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 87.

Erläuterung: Die Erlaubnisformel bezieht sich ausdrücklich auf die Grube dieses Rituals; sie ist kein allgemeines Gebet für beliebige Meditation. Die nichtklassischen Formen anujñā und siddhigarttā bleiben erhalten.

48.6

tato pūrayitvā tāñ ca pañcagavyena śobhane ।
picu madyā tathā mānsaṃ snāyu pittaṃ tathaiva ca ॥

Übersetzung: Danach soll er sie, o Schöne, mit den fünf Kuhprodukten füllen; ferner mit Picu, Alkohol, Fleisch, Sehnen und Galle, …

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 88.

Erläuterung: Pañcagavya, die fünf Kuhprodukte, wird im folgenden Vers aufgeschlüsselt. Picu bezeichnet hier vermischte sexuelle Körperflüssigkeiten. Picu madyā könnte auch als Zusammensetzung „Wein aus Picu“ gelesen werden; die Syntax bleibt unsicher (Hatley, Anm. 30–31). Pūrayitvā ist eine Konjektur der Edition.

48.7

gomūtraṃ gomayaṃ caiva dadhikṣīraghṛtan tathā ।
gomānsaṃ naramānsañ ca śuneś caiva yathepsayā ॥

Übersetzung: … mit Kuhurin und Kuhdung, ebenso mit Joghurt, Milch und Ghee, mit Rindfleisch, Menschenfleisch und nach Belieben auch mit [dem Fleisch] eines Hundes.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 88.

Erläuterung: Die Lesung śuneś caiva, „und [das Fleisch] eines Hundes“, ist die von Hatley übernommene Konjektur Judit Törzsöks. Sie ersetzt das unklare munis caiva des Hauptzeugen.

48.8

gṛhṇayet phalguṣaṃ prājñaḥ prāṇināṃ manasepsitam ।
evan tāṃ pūrayed garttāṃ sādhakaḥ susamāhitaḥ ॥

Übersetzung: Der Verständige soll Fleisch von Lebewesen nehmen, wie sein Sinn es begehrt. So soll der ganz gesammelte Sadhaka die Grube füllen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 88.

48.9

gocarmma prāvaritvā tu hasticarma -m- alābhataḥ ।
mudrāṣṭakaṃ tato badhvā namaskṛtvā tu bhairavam ॥

Übersetzung: Er soll [die Grube] mit einer Kuhhaut bedecken, bei deren Fehlen mit einer Elefantenhaut. Nachdem er Bhairava verehrt hat, soll er die acht Mudras bilden.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 88.

Erläuterung: Das eingeschobene -m- bleibt nach der Edition sichtbar. Hatley versteht die Elefantenhaut als Ersatz bei fehlender Kuhhaut; möglich wäre auch die Wortverbindung „bei fehlender Elefantenhaut“. Die acht Mudras sind an dieser Stelle nicht einzeln bestimmt.

48.10

aṭṭahāsaṃ śivārāvaṃ ghaṇṭhāḍamaruvādanam ।
piñcchakaṃ bhrāmayet paścān mahāvratatanusthitaḥ ॥

Übersetzung: [Er soll] lautes, wildes Lachen und den Ruf eines Schakals [ausstoßen] sowie Glocke und Damaru-Trommel erklingen lassen. Danach soll er den Pfauenfederwedel schwingen, seinen Körper in die Form des Großen Gelübdes gebracht.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 89.

Erläuterung: Das Große Gelübde ist hier das Mahavrata des Kāpālika-Umfeldes; gemeint sind wahrscheinlich dessen körperlich getragene Insignien. Piñcchaka ist ein Wedel aus Pfauenfedern.

48.11

praviśeta mahāgarttāṃ picumadyāsupūrite ।
smṛtvā devī mahāvīryā aghorī bhīmavikramā ॥

Übersetzung: Er soll die große, mit Picu und Alkohol wohlgefüllte Grube betreten und sich die Göttin Aghori vergegenwärtigen, die große Kraft und furchtbaren Mut besitzt.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 89.

48.12

sūryakoṭipratīkāśā kuṇḍamadhye vicintayet ।
niḥśaṅko nirghṛṇo bhūtvā vidyāṃ smṛtvā viśed giri ॥

Übersetzung: [Die Göttin], strahlend wie zehn Millionen Sonnen, soll er inmitten der Opfergrube vergegenwärtigen. Frei von Zögern und Ekel soll der Sadhaka die Vidya ins Gedächtnis rufen und [in die Grube] eintreten.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 89.

Erläuterung: Die erste Halbzeile führt die Vergegenwärtigung aus 48.11 fort. Giri, wörtlich „Berg“, wird hier als Bezeichnung des Sadhaka verstanden. Vidya meint in diesem Zusammenhang die neunsilbige Mantraform Aghoris.

48.13

tato japeta vidyām vai avadhūtatanusthitaḥ ।
mūtrapurīṣa†m āpekṣ↠na tiṣṭhed anyathā kvacit ॥

Übersetzung: Dann soll er die Vidya rezitieren, im Körper der Avadhuta[-Shakti] verweilend. †Auch wegen des Bedürfnisses nach Harn- und Stuhlentleerung soll er keinesfalls anderswo verweilen [?].†

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 89.

Erläuterung: Der zweite Halbvers ist beschädigt. Die deutsche Wiedergabe bietet nur Hatleys unsicheren Deutungsversuch, keine sichere Herstellung des Sinns. Avadhūtatanu bezeichnet den durch den Mantra-Nyasa vergegenwärtigten Körper der höchsten Shakti.

48.14

dinam ekaṃ yāva tiṣṭheta sarvvapāpaiḥ pramucyate ।
dvibhis tu jāyate tasya mantrasiddhiḥ manepsitā ॥

Übersetzung: Verweilt er dort einen einzigen Tag, wird er von allen Verfehlungen frei. Nach zwei [Tagen] entsteht für ihn die Mantra-Siddhi, die sein Sinn begehrt.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 90.

48.15

vaśyākarṣavidhānañ ca sādhayeta tṛbhir dinaiḥ ।
pūtanā mātṛsahitāś caturthe paśyate dhruvam ॥

Übersetzung: In drei Tagen soll er die Verfahren der Unterwerfung und Anziehung meistern. Am vierten [Tag] sieht er gewiss Putanas zusammen mit den Müttergöttinnen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 90.

Erläuterung: Putanas sind weibliche Geisterwesen. Die Zeitangaben beziehen sich auf das gesamte zuvor beschriebene Grubenritual.

48.16

pañcame -m- arddharātre tu yakṣā nāgāś ca karṣate ।
samudrāṃ stambhaye cānyaṃ mṛtyuś caiva nivarttate ॥

Übersetzung: Am fünften [Tag], um Mitternacht, zieht er Yakshas und Nagas herbei. Ferner kann er die Meere zum Stillstand bringen, und der Tod wendet sich [von ihm] ab.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 90.

Erläuterung: Hatley versteht Yakshas und Nagas hier als weibliche Wesen; die grammatische Zuordnung ist unsicher. Auch der dritte Versfuß beruht auf einer Textverbesserung (Anm. 46–47).

48.17

ṣaṭbhis tu sādhayed yogī phalākarṣañ ca guhyakām ।
saptāhaṃ yāva tiṣṭheta ākāśe paśyate surām ॥

Übersetzung: Nach sechs [Tagen] soll der Yogi das Herbeiziehen von Früchten und [der] Guhyakas meistern. Verweilt er eine Woche, sieht er die Götter am Himmel.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 91.

Erläuterung: Die Syntax des ersten Halbverses ist unsicher. Yogī könnte statt des handelnden Yogis die Yoginis als Gegenstand bezeichnen. Guhyakām kann sich auf Geisterwesen oder auf die vier Göttinnen des Systems beziehen (Anm. 48). Surām ist hier „Götter“, nicht das ähnlich geschriebene Wort für Alkohol.

48.18

siddhāni vividhāñ caiva divyabhāṣāṃ śṛṇoti ca ।
pūrvvoktāni tu vighnāni jāyante nātra saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: [Er sieht] auch verschiedenartige Siddhas und hört göttliche Rede. Die zuvor genannten Hindernismächte treten auf; daran besteht kein Zweifel.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 91.

Erläuterung: Vighnāni, „Hindernisse“, ist eine Konjektur für cihnāni, „Zeichen“. Der folgende Vernichtungsauftrag stützt Hatleys Deutung als hindernde Geistermächte.

48.19

sarvvās tā ghātaye devi pūrvvoktāstreṇa vidyayā ।
nirviśaṅkamano bhūtvā -d- anivarttapade sthitaḥ ॥

Übersetzung: Alle diese soll er, o Göttin, mit dem zuvor gelehrten Waffenmantra [und?] mit der Vidya vernichten. Sein Geist soll ohne Furcht werden, und er soll in einem Zustand ohne Rückkehr [?] verweilen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 91–92.

Erläuterung: Pūrvvoktāstreṇa ist eine Konjektur; wie vidyayā daran anschließt, bleibt offen. Auch anivarttapada, „Zustand ohne Rückkehr“, ist nicht sicher zu deuten (Anm. 51–52). Das Ziel des Satzes folgt in 48.20.

48.20

sādhayen māṃ tvayā sārddhaṃ kim anyair bhūtanāyakaiḥ ।
aṣṭame paśyate cchāyām aghoryāyā tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Er soll Macht über mich zusammen mit dir gewinnen – um wie viel mehr über die anderen Herren der Geister. Am achten [Tag] sieht der Sadhaka den Schatten Aghoris.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 92.

48.21

evan dadati sā tuṣṭā sādhu vatsa varaṃ vṛṇu ।
pṛthvīśaṃ vāmaratvañ ca pātālottiṣṭham eva ca ॥

Übersetzung: Sie ist zufrieden und gewährt [Gaben] mit den Worten: „Gut, mein Kind! Wähle eine Gabe: Herrschaft über die Erde oder Unsterblichkeit, [Zugang zur] Unterwelt und das Erheben [von Toten], …

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 92.

Erläuterung: Uttiṣṭha ist hier der Name einer Siddhi. Hatley erwägt die Belebung eines Leichnams; „Erheben“ bedeutet an dieser Stelle daher nicht ohne Weiteres persönlichen spirituellen Aufstieg.

48.22

gaganāṅganacāritvam adreśyaṃ rasarasāyaṇam ।
cintāmaṇi tathā khaḍgaṃ pādukā rocanāñjanam ॥

Übersetzung: … das Wandeln durch den Himmelsraum, Unsichtbarkeit, ein Elixier oder Verjüngungsmittel, einen Wunschstein, ebenso ein [magisches] Schwert, Sandalen, Rocana-Pigment oder Augensalbe.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 92.

Erläuterung: Die Himmelswanderung beruht auf einer Konjektur. Die genannten Gegenstände werden als Träger außergewöhnlicher Kräfte aufgeführt; Rocana ist die Bezeichnung eines gelben rituellen Pigments. Der Text gibt hier keine Herstellungsverfahren an.

48.23

atha kim bahunoktena krīḍayasva manepsitam ।
tataḥ ekamano bhūtvā arghayeta mahāprabhum ॥

Übersetzung: Doch wozu viele Worte? Spiele, wie dein Sinn es begehrt!“ Danach soll er seinen Geist auf eines richten und dem großen Herrn Arghya darbringen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 92.

Erläuterung: Das Ende der Rede der Göttin und krīḍayasva beruhen auf der Auslegung der Edition. Mahāprabhu ist grammatisch männlich: Der Text wechselt hier zum „großen Herrn“, ohne den Bezug weiter auszuführen.

48.24

yācayeta mahādevi varam ekaṃ manepsitam ।
atha vā yadi neccheta vīrāṣṭapadakāṃkṣiṇaḥ ॥

Übersetzung: Er soll, o große Göttin, eine einzige Gabe erbitten, die sein Sinn begehrt. Oder, wenn er [eine solche Gabe] nicht wünscht und nach dem Zustand der acht Helden verlangt, …

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 93.

Erläuterung: Die acht Helden werden von Hatley als acht Bhairavas verstanden; die Stelle zählt sie nicht namentlich auf.

48.25

prasādaṃ me mahādevi namaskṛtvā punaḥ punaḥ ।
dine tu navame tasya yad bhave tan nibodha me ॥

Übersetzung: … [soll er sprechen:] „[Gewähre] mir Gnade, o große Göttin“, und sich immer wieder verneigen. Höre von mir, was ihm am neunten Tag widerfährt.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 93.

Erläuterung: Im Gebetsfragment fehlt ein ausdrückliches Verb; „gewähre“ ist ergänzt. Der Erzählzusammenhang setzt sich bis zum Tagesanbruch in 48.27 fort.

48.26

uttiṣṭhati mahāśabdo garttāyāṃ caiva dāruṇaḥ ।
sugandho vāyate vātaḥ puṣpavṛṣṭiḥ samantataḥ ॥

Übersetzung: Ein mächtiger, schrecklicher Laut erhebt sich in der Grube. Ein wohlriechender Wind weht, und ringsum [fällt] ein Blütenregen.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 93.

48.27

kampanti devatās sarvvā bhītāḥ saṃstrastalocanāḥ ।
tataḥ prabhāte vimale aghoryāyāḥ sahasradhā ॥

Übersetzung: Alle Gottheiten zittern vor Furcht, ihre Augen voll Schrecken. Danach, beim klaren Tagesanbruch, [erscheinen] Aghoris [Geister] tausendfach: …

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 93.

48.28

āgacchanti mahābhāgā bhūtāni vikṛtānanāḥ ।
pratyakṣadarśanībhūtvā sādhakaṃ cābhibhāṣate ॥

Übersetzung: … die glanzvollen Wesen mit entstellten Gesichtern kommen herbei. Nachdem [die Göttin] unmittelbar sichtbar geworden ist, spricht sie den Sadhaka an:

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 93.

Erläuterung: Die Grammatik wechselt vom Plural der Geisterwesen zu einer einzelnen sprechenden Gestalt. Hatley versteht diese als Aghori selbst.

48.29

mātṝṇāṃ bhaktakas tvaṃ hi tvam eko sādhakottamaḥ ।
vatsa vatsa mahāvīra sādhakendra mahātapaḥ ॥

Übersetzung: „Du bist ein Verehrer der Mütter; du bist der eine, vorzüglichste Sadhaka. Kind, mein Kind, großer Held, Herr der Sadhakas, großer Asket!

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 94.

Erläuterung: Alternativ kann die erste Vershälfte bedeuten: „Du allein bist ein Verehrer der Mütter, o vorzüglichster Sadhaka.“ Die deutsche Hauptfassung folgt der gedruckten Lesung sādhakottamaḥ.

48.30

varaṃ vṛṇīṣva me rudra siddho tvan nātra saṃśayaḥ ।
satyaṃ satyaṃ punaḥ satyaṃ sādhakendra mahātapaḥ ॥

Übersetzung: Wähle von mir eine Gabe, o Rudra! Du hast die Vollendung erlangt; daran besteht kein Zweifel. Wahrlich, wahrlich und nochmals wahrlich, Herr der Sadhakas, großer Asket!

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 94.

48.31

uttiṣṭhasva kim adyāpi tiṣṭhase puruṣottama ।
etan vā yadi neccheta evaṃ brūyāt punaḥ priye ॥

Übersetzung: Erhebe dich! Warum bleibst du noch immer [hier], bester der Menschen?“ Wenn er dies aber nicht wünscht, soll er, meine Liebe, wiederum so sprechen:

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 94.

48.32

vīrāṣṭakapadaṃ divyaṃ dadasva mama śobhanam ।
dattaṃ dattaṃ mahāprājña kṣaṇamātraṃ punaḥ smara

Übersetzung: „Gewähre mir den schönen, göttlichen Zustand der acht Helden!“ [Sie antwortet:] „Gewährt, gewährt, Hochverständiger! Versenke dich noch einen Augenblick [in die Erinnerung an mich?].“

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 94.

Erläuterung: Der letzte Versfuß beruht auf einer unsicheren Konjektur. Das Objekt von smara, „erinnere dich / meditiere“, ist nicht ausdrücklich genannt.

48.33

kṣaṇamātraṃ smared yāva garttāmadhye mahātape ।
uttiṣṭhanti mahābhāgā mātaraḥ sapta eva tu ॥

Übersetzung: Während er nur einen Augenblick inmitten der Grube meditiert, o große Asketin, erheben sich die sieben glanzvollen Mütter selbst.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 95.

48.34

teṣām aṣṭamako devi bhavate nātra saṃśayaḥ ।
gurupādaṃ namaskṛtvā utpate nānyathā kvacit ॥

Übersetzung: Er wird, o Göttin, ihr achter; daran besteht kein Zweifel. Nachdem er die Füße des Gurus verehrt hat, fliegt er empor. Anders geschieht es niemals.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 95.

Erläuterung: Der letzte Versfuß ist unsicher überliefert; die Edition stellt nānyathā her. Die Aussage vom Emporfliegen bleibt als überlieferte Siddhi-Verheißung stehen.

48.35

haṭhasādhanam etad dhi jñātamātreṇa sidhyati ।
tantrajñas sādhako vīra gurubhaktisamanvitaḥ ॥

Übersetzung: Dies ist die Praxis der gewaltsamen Vollendung, Haṭhasādhana. Schon durch ihr Erlernen gelangt der heldenhafte Sadhaka, der die Tantras kennt und dem Guru hingegeben ist, zur Siddhi.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 95.

Erläuterung: Haṭhasādhana meint hier die gewaltsame Erlangung ritueller Macht beziehungsweise Macht über die Gottheiten. Es ist keine Bezeichnung des heute praktizierten Hatha Yoga.

48.36

na japena na homena na vrata-n-niyamena ca ।
jñātvā tantraṃ prasādheta haṭhasādhanam uttamam ।
na dātavyaṃ na dātavyaṃ ātmanaḥ siddhim icchatā ॥

Übersetzung: Nicht durch Rezitation, nicht durch Feuerritual, nicht durch Observanz und Verhaltensregeln soll er diese höchste Praxis der gewaltsamen Vollendung ausführen, sondern nachdem er das Tantra erkannt hat. Wer seine eigene Siddhi begehrt, soll es nicht weitergeben, nicht weitergeben.

Sanskritbeleg: Hatley 2025, S. 95.

Erläuterung: Diese Originalnummer umfasst drei Halbverse. Die Schlussaussage setzt das zuvor gelehrte Verfahren voraus; sie ist kein selbstständiger Aufruf, jede Praxis durch bloßes Lesen zu ersetzen. Vrata-n-niyamena ist syntaktisch und metrisch unsicher. Die doppelte Geheimhaltungsforderung bleibt erhalten.

Kolophon

brahmayāmale garttāyāgo ’ṣṭacatvāriṃśatimaḥ paṭalaḥ ॥46॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Brahmayamala das achtundvierzigste Kapitel, der Ritus der Grube. [Die nachgestellte Ziffer der gedruckten Vorlage lautet 46.]

Kapitel 56: Geheime Verständigung durch Worte und Handzeichen

Enthalten ist die vollständige wissenschaftlich edierte Teilstrecke 56.99–156, nicht das gesamte Kapitel. Die Verse schildern Erkennungszeichen zwischen Yoginis und Sadhakas sowie Zeichen, mit denen Schweigende Gegenstände erbitten. Körpergesten, Gottheitsvergegenwärtigung und Gruppenzugehörigkeit greifen dabei ineinander. Mehrere Stellen sind ausdrücklich als unsicher oder verderbt markiert.

Die Edition von 2007 bezeichnet diesen Text als Kapitel LV (55), die Handschrift zählt im Kolophon 53. Die Zählung 56 folgt Hatleys Übersicht von 2018, S. 515, anhand der Blätter 231v–235v; die edierte Teilstrecke steht auf 234r–235v. Der Kolophon der verwendeten Edition bleibt unten mit seiner Zahl 55 erhalten. Ihre Sternchen bezeichnen Blattwechsel und werden nicht als Sanskritzeichen übernommen.

Textgrundlage: Hatley 2007, Kapitel LV.99–156, Sanskrit S. 316–323, Übersetzung und Kommentar S. 378–391.[12]

devy uvāca ॥

Die Göttin sprach:

56.99

cchommakāḥ kīdṛśā deva kulānāṃ sādhakasya ca ।
prajñāyate yathā bhrātā bhaginī vā viśeṣataḥ ॥

Übersetzung: O Gott, wie sind die Geheimzeichen der Gottheitenfamilien und des Sadhaka beschaffen, durch die man insbesondere einen Bruder oder eine Schwester erkennt?

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.99 (hier 56.99), S. 316.

Erläuterung: Chomma beziehungsweise Chommaka ist hier eine vereinbarte geheime Verständigung durch Worte und Gesten. „Bruder“ und „Schwester“ bezeichnen Angehörige der Ritualgemeinschaft.

56.100

caryāyuktasya deveśa yathā jñāsyanti yoginīḥ ।
parasparañ ca vīrāṇām ekatantrasamāśrayām ।
ālāpārthe mahādeva kathayasva prabhāṣataḥ ॥

Übersetzung: Wie erkennen [die Praktizierenden], die eine Observanz ausüben, o Herr der Götter, die Yoginis? Und wie [erkennen] die Helden einander als Angehörige derselben Tantraüberlieferung? Erkläre es ausdrücklich, Mahadeva, damit eine Verständigung möglich wird!

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.100 (hier 56.100), S. 316.

Erläuterung: Diese Originalnummer hat drei Halbverse. Der Satz ist nichtklassisch formuliert; die deutsche Übersetzung ergänzt die im Zusammenhang vorausgesetzten Subjekte.

bhairava uvāca ॥

Bhairava sprach:

56.101

śṛṇu devi pravakṣyāmi cchomakānāṃ tu lakṣaṇam ।
yena vijñāyate bhrātā bhaginī vā maheśvari ॥

Übersetzung: Höre, Göttin! Ich werde die Kennzeichen der Geheimzeichen erklären, durch die ein Bruder oder eine Schwester erkannt wird, Maheshvari.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.101 (hier 56.101), S. 316.

56.102

jñātvā ca yoginīṃ mantrī śivecchācoditātmavān ।
sādhakas tu tato dadyād vācikaṃ mudralakṣaṇam ॥

Übersetzung: Hat der mantrakundige Sadhaka eine Yogini erkannt, soll er, selbstbeherrscht und von Shivas Willen bewegt, daraufhin das verbale Erkennungszeichen geben.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.102 (hier 56.102), S. 316.

56.103

potaṅgety abhivādanaṃ pratipotaṅge pratyabhivādanam ।
yoginīnāṃ tu vīrāṇāṃ nārīśety abhivādanam ।
pratinārīśaśabdena procyate prativādanam ॥

Übersetzung: Bei den Yoginis ist „potaṅge“ der Gruß und „pratipotaṅge“ der Gegengruß. Bei den Helden ist „nārīśa“ der Gruß; mit dem Wort „pratinārīśa“ wird geantwortet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.103 (hier 56.103), S. 316–317.

Erläuterung: Drei Halbverse unter einer Originalnummer. Hatley hält die Zuordnung von Yoginis und Helden zu den beiden Grußpaaren für die wahrscheinlichste Deutung. Die Grußwörter sind Geheimwörter; der Vers weist sie nicht als Mantras mit eigener Rezitationspraxis aus.

56.104

ekāṅgulidarśanāt svāgataṃ dvābhyāṃ susvāgatam ।
koṣṭhapraviṣṭenāṅguṣṭhena kṣemamudrā vidhīyate ॥

Übersetzung: Ein gezeigter Finger bedeutet „Willkommen“, zwei bedeuten „Herzlich willkommen“. Durch den in die [geschlossene Hand] eingeschlossenen Daumen wird das Zeichen für Wohlergehen gebildet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.104 (hier 56.104), S. 317.

Erläuterung: Kṣemamudrā ist hier ein Verständigungszeichen für Wohlergehen beziehungsweise Sicherheit. Die genaue Stellung der übrigen Finger wird nicht beschrieben.

56.105

śiraṃ darśayate yā tu vārtāṃ sā tu samīhate
tāṃ diśaṃ vīkṣya dātavyā mudrā deśāgamā tu yā
aṅgulyā saṃspṛśet pādaṃ kathitā tu na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Zeigt sie den Kopf, verlangt sie nach einer Nachricht [?]. Man soll in die betreffende Richtung blicken und das Zeichen „aus dem Land gekommen“ [?] geben: Man berühre mit einem Finger den Fuß. So ist es erklärt, ohne Zweifel.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.105 (hier 56.105), S. 317.

Erläuterung: Die Edition markiert die Nachricht-Wendung und deśāgamā tu yā als unsicher. Die Funktion der Richtung und des Fußzeichens lässt sich daher nur annähernd bestimmen.

56.106

lalāṭaṃ darśayed yā tu kutra yāsyasi -m- ādiśet ।
vīkṣya sūryaṃ spṛśed vaktraṃ yatheṣṭaṃ kīrtitaṃ bhavet ॥

Übersetzung: Zeigt sie die Stirn, fragt sie: „Wohin wirst du gehen?“ Man blicke auf die Sonne und berühre das Gesicht; damit wird „Wie du wünschst“ ausgedrückt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.106 (hier 56.106), S. 317.

56.107

śikhāṃ darśayate yā tu kutra sūto ’si suvrate ।
anusmṛtya bhavaṃ liṅgaṃ yoniṃ spṛṣṭvā śivātmakam ॥

Übersetzung: Zeigt sie den Haarknoten, [fragt sie]: „Wo bist du geboren?“ O du mit den guten Observanzen: Man vergegenwärtige Bhava als Linga und berühre die Yoni: „[Ich bin] aus Shiva gebildet.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.107 (hier 56.107), S. 317.

Erläuterung: Bhava ist Shiva; Linga und Yoni sind hier zugleich Gottheitsbezüge und konkret berührte Körperzeichen. Die Aussage wird nicht ausschließlich symbolisch umgedeutet.

56.108

vaktraṃ darśayate yā tu gotraṃ te kīdṛśaṃ giri ।
smṛtvā devīṃ spṛśed bāhuṃ vāmaṃ vāmena pāṇinā ।
vāmācāras tu me gotraṃ śaktayo vardhamānajāḥ ॥

Übersetzung: Zeigt sie das Gesicht, [fragt sie]: „Was ist dein Clan? Sage es!“ Man vergegenwärtige die Göttin und berühre mit der linken Hand den linken Arm: „Vamacara ist mein Clan; die Shaktis sind aus Vardhamana geboren.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.108 (hier 56.108), S. 317.

Erläuterung: Drei Halbverse. Vamacara bedeutet „linke Observanz“. Vardhamana wird im Kommentar vorsichtig auf die neunte Form des Verehrungskreises bezogen; eine eindeutige Ortszuweisung ist damit nicht gegeben.

56.109

daśanaṃ darśayed yā tu kiṃ pūrvaṃ te niketanam ।
anusmṛtya śivaṃ so hi spṛśate -m- udaraṃ priye ।
māyodarād idaṃ prāptaṃ dvitīyaṃ tu śivāśrayam ॥

Übersetzung: Zeigt sie die Zähne, [fragt sie]: „Was war zuvor deine Wohnstätte?“ Man vergegenwärtige Shiva und berühre den Bauch, meine Liebe: „Aus dem Mutterleib der Maya ist dies hervorgegangen; die zweite [Wohnstätte] ist die Zuflucht bei Shiva.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.109 (hier 56.109), S. 317.

Erläuterung: Drei Halbverse. Der Text unterscheidet die Geburt aus Maya vom anschließenden rituellen Zufluchtnehmen bei Shiva; die Sanskritverbindung mit „Bauch“ bleibt in der Edition unsicher.

56.110

karṇaṃ darśayate yā tu kiṃ śrutaṃ tu samādiśet ।
nabhaṃ saṃvīkṣya hastañ ca pañcasrotasamāgamam ।
visṛtāṅgulikaṃ kṛtvā darśayec †chata†pāṇinā ॥

Übersetzung: Zeigt sie das Ohr, fragt sie: „Welche Überlieferung hast du gehört?“ Man blicke in den Himmel und zeige mit gespreizten Fingern die Hand: „Die Offenbarung der fünf Ströme.“ [Die genaue Bestimmung der Hand ist verderbt.]

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.110 (hier 56.110), S. 317–318.

Erläuterung: Drei Halbverse. Die fünf Ströme sind fünf Ströme der shivaitischen Offenbarung. Der beschädigte Ausdruck vor pāṇinā bleibt unergänzt; daraus wird keine vermeintlich vollständige Mudra-Anleitung abgeleitet.

56.111

jihvāṃ darśayate yā tu rasituṃ sā samīhate ।
mṛtuñjayaṃ smaritvā tu darśayīta kamaṇḍalum ॥

Übersetzung: Zeigt sie die Zunge, möchte sie kosten. Man vergegenwärtige den Mritunjaya und zeige den Wasserkrug [als Handzeichen].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.111 (hier 56.111), S. 318.

Erläuterung: Mṛtuñjaya ist die so geschriebene Mantrabezeichnung der Vorlage. Die Lautform wird hier nicht ausgeschrieben. Kamaṇḍalu kann den Wasserkrug und das nach ihm benannte Handzeichen bezeichnen.

56.112

grīvāṃ darśayate yā tu supriyo ’si mahātmana ।
ātmane tu parāṃ mūrtiṃ smṛtvā tv atyanta me priyā ॥

Übersetzung: Zeigt sie den Hals, [sagt sie]: „Du bist mir sehr lieb, Großgesinnter.“ Man vergegenwärtige die höchste Gestalt in sich selbst: „Du bist mir überaus lieb.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.112 (hier 56.112), S. 318.

Erläuterung: Die „höchste Gestalt“ ist im Satz nicht weiter identifiziert. Die Wendung ātmane ist nichtklassisch; der Sinn „in sich selbst“ folgt der kontextuellen Deutung.

56.113

skandhaṃ darśayate yā tu svasthānaṃ kutra cādiśet ।
svagotrasyāśrayaṃ jñātvā sa diśam avalokayet ॥

Übersetzung: Zeigt sie die Schulter, fragt sie: „Wo ist dein eigener Ort?“ Man erkenne den Sitz des eigenen Clans und blicke in die [entsprechende] Richtung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.113 (hier 56.113), S. 318.

56.114

bāhuṃ saṃspṛśate yā tu bhrātāsi mama suvrate ।
vāmahastasya saṃsparśād bhaginīti samādiśet ॥

Übersetzung: Berührt sie den Arm, [sagt sie]: „Du bist mein Bruder“, o du mit den guten Observanzen. Durch die Berührung der linken Hand soll man „[Du bist meine] Schwester“ ausdrücken.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.114 (hier 56.114), S. 318.

56.115

vāmāṅguliṃ yadā vaktre prakṣipyan tu pradarśayet ।
tadā sā bhojanaṃ sveṣṭaṃ prārthayed vīrapuṅgavam ॥

Übersetzung: Wenn sie einen linken Finger in den Mund steckt und zeigt, erbittet sie von dem vorzüglichsten Helden die von ihr gewünschte Speise.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.115 (hier 56.115), S. 318.

Erläuterung: Die verlangte rituelle Nahrung und die folgende Essenzgabe können in diesem Textzusammenhang sexuelle Körperflüssigkeiten einschließen. Der Vers wird daher nicht als allgemeine Speise- oder Praxisanregung ausgewählt.

56.116

tenāpi pañcabhūtātmaṃ yuktaṃ sarvārthasaṃyutam ।
nānāvidhaṃ rasaṃ vaktre smartavyaṃ tu navātmakam ।
bhuktvā tṛptā tu sā bhūtvā vāmena parivartate ॥

Übersetzung: Er soll im Mund die verschiedenartige Essenz vergegenwärtigen, verbunden mit den fünf Elementen und allen Gegenständen, als neungestaltig. Nachdem sie gegessen hat und gesättigt ist, dreht sie sich nach links.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.116 (hier 56.116), S. 318.

Erläuterung: Drei Halbverse. Navātmaka bezeichnet hier die neungestaltige Gottheits- beziehungsweise Mantragestalt. Der genaue Zusammenhang zwischen innerer Vergegenwärtigung und äußerem Darreichen bleibt offen.

56.117

hṛdayaṃ spṛśate yā tu †hannāmeta† mahāvratam ।
tryodaśāṅgaśivaṃ smṛtvā ātmaliṅgam anuspṛśet ॥

Übersetzung: Berührt sie das Herz, [bedeutet dies] †…† das Große Gelübde. Man vergegenwärtige den dreizehngliedrigen Shiva und berühre das eigene Linga.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.117 (hier 56.117), S. 318.

Erläuterung: Der Ausdruck hannāmeta ist in der Edition als verderbt markiert. Tryodaśāṅgaśiva ist Shiva mit dreizehn Gliedern beziehungsweise Mantrabestandteilen; die vollständige Formel steht hier nicht.

56.118

stanaṃ nirīkṣate vāmaṃ spṛśate vā yadā priye ।
prasārya sādhako vaktraṃ putro ’haṃ te prabhāṣitam ॥

Übersetzung: Wenn sie die linke Brust anschaut oder berührt, meine Liebe, soll der Sadhaka den Mund öffnen; damit ist gesagt: „Ich bin dein Sohn.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.118 (hier 56.118), S. 318–319.

56.119

jaṭharaṃ spṛśate yā tu rakṣitavyo ’si suvrate ।
sārasena praṇāmaṃ tu kartavyaṃ tv ātmarakṣaṇam

Übersetzung: Berührt sie den Bauch, [sagt sie]: „Du musst beschützt werden“, o du mit den guten Observanzen. Man soll mit dem Sarasa eine Verneigung vollziehen, zum eigenen Schutz [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.119 (hier 56.119), S. 319.

Erläuterung: Sārasa, wörtlich „Kranich“, ist hier nach Hatley eine Mantrabezeichnung. Eine bestimmte Silbenfolge lässt sich aus dieser Stelle nicht sicher gewinnen. Die Schlusslesung ist unsicher.

56.120

nābhiṃ saṃspṛśate yā tu mahāmelāpam ādiśet ।
madhyadeśe mahāvīra kulasaptādaśasya pi ॥

Übersetzung: Berührt sie den Nabel, kündigt sie, großer Held, die große Begegnung der siebzehn Clans im Mittelland an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.120 (hier 56.120), S. 319.

Erläuterung: Mit dem Mittelland ist Madhyadesha gemeint. Die siebzehn Kulas gehören zum Gottheitenkreis dieses Werkes; sie sind nicht einfach heutige Familiennamen.

56.121

kaṭiṃ saṃspṛśamānā tu yāṃ diśāṃ cāvalokayet ।
tatkulasya samākhyāti melakaṃ tu na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: In welche Richtung sie blickt, während sie die Hüfte berührt: Sie kündigt die Begegnung mit dem Clan [dieser Richtung] an, ohne Zweifel.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.121 (hier 56.121), S. 319.

56.122

guhyaṃ saṃspṛśate yā tu sā tu putra kṛtātmavān ।
manasā cintya svaṃ yāgaṃ tvatprasādāt kṛtaṃ bhavet ॥

Übersetzung: Berührt sie die Genitalien, [sagt sie]: „Sohn, du hast dich selbst gemeistert.“ Man vergegenwärtige im Geist den eigenen Verehrungskreis: „Durch deine Gnade ist [dies] vollbracht.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.122 (hier 56.122), S. 319.

56.123

ūruṃ saṃspṛśate yā tu kṣīṇāhaṃ sā samādiśet ।
anusmṛtya tu manthānaṃ tasyā dehe niyojayet ।
tanniyogāt suviśrāntā manthānīśavimardanāt ॥

Übersetzung: Berührt sie den Oberschenkel, erklärt sie: „Ich bin erschöpft.“ Man vergegenwärtige den Quirl und wende ihn auf ihren Körper an. Durch dessen Anwendung, durch das Reiben mit Manthanisha, ist sie vollkommen ausgeruht.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.123 (hier 56.123), S. 319.

Erläuterung: Drei Halbverse. Manthana ist der Quirl, Manthanisha die entsprechende Shiva-Gestalt. Die Stelle verbindet Vergegenwärtigung mit einer Anwendung am Körper der Yogini; ihre sexuelle Bedeutung wird nicht zu einer rein inneren Übung verharmlost.

56.124

jānu saṃspṛśate yā tu kriyākṣūṇā tu sā bhavet ।
kroñcabījaṃ tatoccārya akṣasūtraṃ tu saṃspṛśet ।
lakṣajāpād vimucyeta kriyākṣūṇaṃ tu yojayet ॥

Übersetzung: Berührt sie das Knie, so ist sie kriyākṣūṇā [?]. Man spreche daraufhin den Kroncha-Keim und berühre die Gebetsschnur. Durch hunderttausend Rezitationen wird man frei [wovon, bleibt offen]; man soll kriyākṣūṇa [?] anwenden.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.124 (hier 56.124), S. 319.

Erläuterung: Drei Halbverse. Kriyākṣūṇa ist ungeklärt; weder „fehlerfreie Praxis“ noch „Praxisfehler“ lässt sich sicher festlegen. Auch der Gegenstand der Befreiung durch die ausdrücklich genannte Zahl von 100.000 Rezitationen bleibt offen. Kroñcabīja ist nur ein Mantraname.

56.125

jaṅghāṃ ca spṛśate yā tu sā priyān tu niyacchati ।
vimocayet tato muṣṭiṃ vāmahastasya mocane ॥

Übersetzung: Berührt sie den Unterschenkel, gewährt sie Liebkosungen. Daraufhin soll man die Faust lösen, indem man die linke Hand öffnet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.125 (hier 56.125), S. 319.

56.126

pādaṃ saṃspṛśate yā tu padabhraṃśaṃ tu sādiśet ।
na sthātavyaṃ tadā tena tasmin sthāne vipaścitā ।
praṇavaṃ tu samuccārya gantavyaṃ nānya me gatiḥ ॥

Übersetzung: Berührt sie den Fuß, kündigt sie den Verlust der [erreichten] Stellung an. Der Einsichtige soll dann an diesem Ort nicht bleiben. Er spreche den Pranava: „Ich muss gehen; einen anderen Weg habe ich nicht.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.126 (hier 56.126), S. 320.

Erläuterung: Drei Halbverse. Pranava bezeichnet Om; der Vers ordnet dessen selbstständiges Aussprechen an. Die anschließend wiedergegebene Aussage „Ich muss gehen …“ ist die Bedeutung der Reaktion, keine Ergänzung der Om-Formel.

56.127

nakhaṃ pādasya yā devi spṛṣṭvā yāti parāṅmukhī ।
khecaratvācireṇaiva kathate sādhakasya tu ।
tataḥ prabhṛti so ’py evaṃ nityaṃ vai saṃyato bhavet ॥

Übersetzung: Berührt sie, Göttin, den Zehennagel und wendet sich ab, kündigt sie dem Sadhaka an, dass er bald ein Himmelswanderer wird. Von da an soll auch er stets selbstbeherrscht sein.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.127 (hier 56.127), S. 320.

Erläuterung: Drei Halbverse. Das angekündigte Himmelswandern gehört zur traditionellen Siddhi-Erwartung. Die Fußgeste wird damit nicht zu einem verlässlichen heutigen Vorhersageverfahren.

56.128

ātmapādatalaṃ yā tu samutkṣipya pradarśayet ।
pātālasiddhir vīrasya kathate sācireṇa tu ॥

Übersetzung: Hebt sie ihre eigene Fußsohle empor und zeigt sie, kündigt sie dem Helden an, dass er bald die Vollendung in der Unterwelt erlangt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.128 (hier 56.128), S. 320.

56.129

ākāśe mocayen muṣṭiṃ dhunate ca svakaṃ tanum ।
tadā tu svargavāsīnāṃ †melakāmyas tu saṃyutaṃ† ॥

Übersetzung: Öffnet sie die Faust zum Himmel und schüttelt ihren Körper, [kündigt dies] die Begegnung mit den Himmelsbewohnerinnen [?] [an; der weitere Wortlaut ist verderbt].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.129 (hier 56.129), S. 320.

Erläuterung: Der letzte Halbvers enthält sowohl eine unsichere Lesung als auch eine verderbte Wortfolge. Nur der Bezug auf eine Begegnung mit Himmelsbewohnerinnen lässt sich im Zusammenhang vertreten.

56.130

ūrdhvaṃ saṃvīkṣya yā paścād diśālokanam ācaret ।
caturṇāṃ melakaṃ sā tu kathayec cārdharātrataḥ ॥

Übersetzung: Blickt sie nach oben und danach in die Himmelsrichtungen, kündigt sie die Begegnung mit den Vier nach Mitternacht an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.130 (hier 56.130), S. 320.

Erläuterung: Die Vier sind hier die vier Devis des zentralen Gottheitenkreises.

56.131

nitambasthau tu yā hastau kṛtvā prahasate muhuḥ ।
melakaṃ ṣaṭkasaṃghasya dvyardhayāme ’ti sā kathet

Übersetzung: Stützt sie beide Hände auf die Hüften und lacht wiederholt, kündigt sie die Begegnung mit der Sechsergruppe zur zweieinhalbten Nachtwache [?] an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.131 (hier 56.131), S. 320.

Erläuterung: Die Zeitangabe ist eine unsichere Konjektur. Gemeint ist nach Hatley ein Zeitpunkt nach zweieinhalb Nachtwachen, also nach Mitternacht.

56.132

nāsāgre tu yadā hastau kṛtvā cālayate śiram ।
navakasya tathākhyāti melakaṃ tu mahāvane ॥

Übersetzung: Hält sie beide Hände an die Nasenspitze und bewegt den Kopf, kündigt sie die Begegnung mit der Neunergruppe im großen Wald an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.132 (hier 56.132), S. 320.

Erläuterung: Die Neunergruppe umfasst nach Hatleys Kommentar die vier Devis, die vier Dutis und Aghori selbst.

56.133

adhomukhī tu yā bhūtvā bhūmilekhanam ārabhet ।
pātālacāriṇīnāṃ tu melakaṃ mātṛmandire ॥

Übersetzung: Wendet sie das Gesicht nach unten und beginnt, auf dem Boden zu zeichnen, [kündigt sie] die Begegnung mit den Unterweltwanderinnen im Tempel der Mütter [an].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.133 (hier 56.133), S. 320.

56.134

svajihvālokanaṃ yā tu kṛtvā paścāt prakampate ।
jalāntarvāsinīnāṃ tu melakaṃ kathate tu sā ॥

Übersetzung: Betrachtet sie die eigene Zunge und schüttelt sich danach, kündigt sie die Begegnung mit den im Wasser Wohnenden an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.134 (hier 56.134), S. 321.

56.135

ā pādān mūrdhaparyantaṃ kṛtvā hastaprakampanam
yā sā śivāditattvasthā tatsthaṃ melakam ādiśet ॥

Übersetzung: Bewegt sie die Hand von den Füßen bis zum Scheitel, kündigt die auf einer Wirklichkeitsebene wie der Shivas Befindliche eine Begegnung auf der betreffenden Ebene an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.135 (hier 56.135), S. 321.

56.136

so ’pi mudrāpatiḥ pūjya tathā manthānabhairavam ।
bhaktyā paryaṭanaṃ kuryād yathātantraprabhāṣitam ॥

Übersetzung: Mit Hingabe soll er [als] Herr der Mudras [?] Manthanabhairava verehren und danach umherwandern, wie es im Tantra erklärt wird.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.136 (hier 56.136), S. 321.

Erläuterung: Mudrāpatiḥ pūjya ist unsicher. Möglich ist auch, dass zuerst der Herr der Mudras und dann Manthanabhairava als Verehrungsobjekte genannt werden; der Sanskritkasus lässt sich nicht glatt erklären.

56.137

namo ’stu digbhyo devebhyaḥ pūrvasiddhavināyakān ।
dattvārgham parayā bhaktyā tato melāpakaṃ bhavet ।
tatsāmānyaṃ mahādevi sarvakalyāṇasampadam ॥

Übersetzung: „Verehrung den Gottheiten der Richtungen!“ Nachdem man den früheren Vollendeten und Vinayaka mit höchster Hingabe die Ehrengabe dargebracht hat, kommt es zur Begegnung, die einen ihnen gleichstellt, große Göttin, und die Fülle allen Wohlergehens gewährt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.137 (hier 56.137), S. 321.

Erläuterung: Drei Halbverse. Der erste Verehrungsruf ist syntaktisch abgeschlossen. Die folgenden früheren Siddhas und Vinayaka werden mit der Darbringung verbunden. Der Text unterscheidet diesen Ruf von der daran anschließenden rituellen Handlung; die Gleichstellung meint Zugehörigkeit zu den betreffenden Gottheitenfamilien.

56.138

sādhakasya pravakṣyāmi maunasthasya yadā bhavet ।
akṣūṇaṃ tu mahābhāge śṛṇuṣvekāgramānasā ॥

Übersetzung: Ich werde erklären, was für den im Schweigen verharrenden Sadhaka akṣūṇa [?] ist. Höre mit gesammeltem Geist, Glückliche!

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.138 (hier 56.138), S. 321.

Erläuterung: Akṣūṇa bleibt ungeklärt. Der folgende Abschnitt gibt Handzeichen, mit denen ein Schweigender rituelle Gegenstände anfordern kann.

56.139

tarjanyaṅguṣṭhakāgre tu puṣpamudrā prakīrtitā ।
mūlaparvabhramāṅguṣṭhe prārthitaṃ tu vilepanam ॥

Übersetzung: Die Spitzen von Zeigefinger und Daumen [zusammenzubringen] wird als Blumenzeichen bezeichnet. Bewegt man den Daumen am Grundgelenk [des Zeigefingers], erbittet man Salbe.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.139 (hier 56.139), S. 321.

Erläuterung: Die Vorlage benennt die beteiligten Finger und die Bewegung am Grundgelenk, erläutert aber die räumliche Ausführung nicht bis ins Einzelne. Vilepana bezeichnet eine Salbe beziehungsweise ein duftendes Auftragen.

56.140

uttānahaste sollole dhūpamudrā suśobhane ।
adhomukhapracālane aṅgulīn argham ādiśet ॥

Übersetzung: Wird die Hand nach oben gewendet und bewegt, ist dies das Zeichen für Räucherwerk, Schöne. Durch das Bewegen der Finger nach unten wird die Ehrengabe bezeichnet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.140 (hier 56.140), S. 321.

56.141

kumbhamuṣṭir jalaṃ vindyād dhūpāṅgārordhvagāṅguliḥ
dṛgbhramañ mārjanaṃ viddhi jihvā lolopalepanam

Übersetzung: Die Krugfaust erkenne man als [Zeichen für] Wasser, den aufgerichteten Finger als [Zeichen für] Räucherkohle. Das Umherschweifen des Blickes wisse als Reinigung durch Besprengen [?], das Rollen der Zunge als Einsalben [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.141 (hier 56.141), S. 321.

Erläuterung: Mehrere Formulierungen sind unsicher. Mārjana kann eine Reinigung durch Wasser, Besprengen oder Abwischen bezeichnen; die genaue Bewegung lässt sich nicht allein aus dem Vers rekonstruieren.

56.142

hastamātrendhanānāṃ tu jānukurparasaṃgamāt ।
naivedyañ ca vijānīyād uttānādhomukhaṃ karam ॥

Übersetzung: Das Zusammenbringen von Knien und Ellbogen [ist das Zeichen] für handlanges Brennholz [?]. Die ausgestreckte, nach unten gewendete Hand erkenne man als Speisegabe.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.142 (hier 56.142), S. 322.

Erläuterung: Die Verbindung von Knien, Ellbogen und dem Maß des Brennholzes ist textlich unsicher.

56.143

kanyasāprasṛtā muṣṭir adhovaktrā tu śastrikā ।
muṣṭiṃ badhvā khagālokāt khaḍgaprārthanam ādiśet ॥

Übersetzung: Die nach unten gewendete Faust mit ausgestrecktem kleinen Finger [?] ist das Zeichen für ein Messer. Bildet man eine Faust und blickt zum Himmel, bezeichnet dies die Bitte um ein Schwert.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.143 (hier 56.143), S. 322.

56.144

tiryakprasādadeśinyā darbhamudrā prakīrtitā ।
mṛgī tilāṃ yavānān tu śūkarī prasṛtiḥ punaḥ ॥

Übersetzung: Mit dem Zeigefinger, als gewähre man Tieren Gunst [?], wird das Darbha-Graszeichen gebildet. Die Hirschkuh [bezeichnet] Sesam, die Sau Gerste; die Handvoll wiederum …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.144 (hier 56.144), S. 322.

Erläuterung: Mṛgī und śūkarī sind die nach Hirschkuh und Sau benannten Mudras. Die Beschreibung ihrer Fingerstellung steht nicht hier. Die Angabe zur Handvoll setzt sich über die Versgrenze in 56.145 fort. Tiryakprasāda ist in seiner Bedeutung unsicher; Hatley erwägt auch einen Schreibfehler im Sinne von „seitwärts ausgestreckt“. Diese Verbesserung steht jedoch nicht im edierten Sanskrit.

56.145

dhānyānāṃ bilvapadmānāṃ sarvāṅguliprasāraṇāt ।
bilvamadhyasṛtāṅgulya dvitīye prasṛtaṃ talam ॥

Übersetzung: … Getreide. Für Bilva-Früchte und Lotos [werden] alle Finger ausgestreckt. [Bei] Bilva sind die Finger zur Mitte hin geführt [?]; beim zweiten [Zeichen] ist die Handfläche ausgebreitet [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.145 (hier 56.145), S. 322.

Erläuterung: Der Beginn setzt den Satz aus 56.144 fort. Bilva ist der Baelbaum; hier sind nach dem Kommentar seine Früchte gemeint. Die Beschreibung im zweiten Halbvers lässt sich nicht eindeutig deuten; die Zuordnung zu Bilva und Lotos ist eine Möglichkeit, keine sichere Rekonstruktion der Fingerstellung.

56.146

pañcāṅgulasamāgrās tu ūrdhvavaktrā phalātmakam ।
†muṣṭyārdhātmasa†mudrā tu ṛjus tiryakprahāraṇe ॥

Übersetzung: Fünf auf gleicher Höhe zusammengeführte, aufwärts gerichtete Finger [bezeichnen] Früchte. †…† Das gerade Handzeichen [bezeichnet] das Töten von Tieren [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.146 (hier 56.146), S. 322.

Erläuterung: Die erste Beschreibung gilt einer Fruchtgabe. Die zweite ist verderbt; der erkennbare Schluss kann das Töten beziehungsweise Opfer von Tieren bezeichnen.

56.147

saṃhatāṅguṣṭhayogena matsyakān tu vinirdiśet ।
proktaṃ lokavisargaṃ tu svanāsāgranirīkṣaṇāt ॥

Übersetzung: Durch das Verbinden der zusammengeführten Daumen bezeichnet man Fische. Durch das Anschauen der eigenen Nasenspitze wird das Entlassen von Menschen [?] bezeichnet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.147 (hier 56.147), S. 322.

Erläuterung: Lokavisarga, wörtlich etwa „Entlassen von Menschen/Wesen“, bleibt dunkel. Der Kontext von Tieropfern und sexuellen Ritualgaben erlaubt keine sichere harmlose Deutung; Hatley erwägt entsprechend unterschiedliche Bedeutungen.

56.148

nāsāghrāyaṇarūpeṇa kṛṣṇādyā madirāsavāḥ ।
vāmakarṇaṃ spṛśan devi guḍājyamadhu kīrtitam ॥

Übersetzung: Indem man mit der Nase eine Riechbewegung macht, [bezeichnet man] dunkle und andere berauschende Getränke. Berührt man das linke Ohr, Göttin, bezeichnet dies das Getränk aus Rohzucker und geklärter Butter.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.148 (hier 56.148), S. 322.

Erläuterung: Die Getränkeangaben gehören zur historischen Ritualausstattung. Sie sind keine Empfehlung der Praxisauswahl.

56.149

śirasaṃsparśanāt proktaṃ phalajaṃ tu mahāsavam ।
ghṛtādimadhu dugdhānāṃ sruvayogo yathāvaratam ॥

Übersetzung: Durch das Berühren des Kopfes wird das starke Getränk aus Früchten bezeichnet. Für die Getränke aus geklärter Butter und anderem sowie für Milch [verwendet man] jeweils entsprechend die Schöpfkellenbewegung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.149 (hier 56.149), S. 322.

56.150

muṣṭiṃ mūrdhni vinikṣepād bhasmamudrā varānane ।
pṛṣṭhasaṃsparśanāt proktaṃ yogapaṭṭakam ādiśet ॥

Übersetzung: Durch das Auflegen der Faust auf den Scheitel entsteht das Aschezeichen, Schöne. Durch das Berühren des Rückens bezeichnet man das Yogaband.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.150 (hier 56.150), S. 322–323.

56.151

sphicasaṃsparśanād devi āsanañ ca vinirdiśet ।
anāmāmadhyamāṅguṣṭhacālanāc cākṣasūtrakam ।
kakṣasaṃsparśanenaiva smṛto †bokānako† ’naghe ॥

Übersetzung: Durch das Berühren des Gesäßes bezeichnet man, Göttin, den Sitz. Durch das Bewegen von Ringfinger, Mittelfinger und Daumen [bezeichnet man] die Gebetsschnur. Durch das Berühren der Achselgegend wird †bokānaka† bezeichnet, Makellose.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.151 (hier 56.151), S. 323.

Erläuterung: Drei Halbverse. Der Sanskritbegriff kakṣa bezeichnet hier die Achsel- beziehungsweise seitliche Körpergegend; die genaue Berührungsstelle ist nicht festgelegt. Das verderbte bokānaka lässt sich nicht zuverlässig mit einem bestimmten Ritualgegenstand identifizieren.

56.152

mūrdhnādikaṭiparyante haste mudrāsu pañcakam ।
bhṛtaṃ kamaṇḍaluṃ devi ḍamaruṃ rocanāpi ca ॥

Übersetzung: Die Hand [bewegt sich] vom Scheitel bis zur Hüfte: [Dies bezeichnet] die fünf Insignien. [Ferner:] den gefüllten [?] Wasserkrug, Göttin, die Trommel und das Rocana-Pigment.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.152 (hier 56.152), S. 323.

Erläuterung: Bhṛtaṃ „gefüllt“ ist eine unsichere Konjektur. Der Vers nennt nach den fünf Körperinsignien weitere Gegenstände, ohne ihre jeweiligen Handzeichen klar zu beschreiben. Rocana ist ein rituelles gelbes Pigment.

56.153

adhomukhaprakampena vāmena tu kareṇa tu ।
ghaṇṭamudrā vinirdiṣṭā vīnā vīṇākṛtiṃ karam ॥

Übersetzung: Durch das Schütteln der nach unten gewendeten linken Hand wird das Glockenzeichen gebildet. Für die Vina erhält die Hand die Gestalt der Vina.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.153 (hier 56.153), S. 323.

Erläuterung: Die Vorlage hat zuerst vīnā und danach vīṇākṛtim; diese Schreibabweichung bleibt erhalten. Gemeint ist die Vina als Saiteninstrument. Die Fingerstellung des Vina-Zeichens wird nicht genauer erklärt.

56.154

etānyam api vīrāṇāṃ saṅketaṃ śāstracoditam ।
svecchayā vā prabodhyādau paścān maunaṃ samācaret ॥

Übersetzung: Diese und andere in der Schrift vorgeschriebenen Verständigungszeichen der Helden oder nach eigenem Willen [vereinbarte Zeichen] soll man zuerst verständlich machen; danach übe man Schweigen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.154 (hier 56.154), S. 323.

56.155

lokasaṅgaviraktātmā maunī dhyānaparāyaṇaḥ ।
ekāntarataśīlas tu sidhyate vigatāmayaḥ ॥

Übersetzung: Wer innerlich von gesellschaftlicher Bindung gelöst ist, schweigt, sich der Meditation widmet und die Abgeschiedenheit liebt, erlangt Vollendung und wird frei von Krankheit.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.155 (hier 56.155), S. 323.

Erläuterung: Die Freiheit von Krankheit und die Vollendung sind traditionelle Wirkungszuschreibungen dieses Verses, keine medizinische Zusicherung.

56.156

anyonyasammataṃ jñātvā vākyālāpaṃ tathaiva ca ।
cchommakaṃ bhāṣamudrābhir yojayīta vicakṣaṇaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem der Verständige die gegenseitig vereinbarten Worte und Gespräche erkannt hat, soll er die Geheimsprache durch Sprach- und Handzeichen anwenden.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LV.156 (hier 56.156), S. 323.

Kolophon

iti cchommādhikāras pañcapañcāśatimaḥ paṭalaḥ ॥ 55 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier [endet] das fünfundfünfzigste Kapitel, der Abschnitt über die Geheimzeichen. [Ältere Editionszählung 55; in dieser Ausgabe Kapitel 56.]

Kapitel 74: Geheimsprache und Merkmale der Yogini-Familien

Dieses Kapitel ist mit seinen 77 Originalnummern vollständig enthalten. Auf einen Wortcode (74.3–14) folgen körperliche Verständigungszeichen (74.16–39) und Beschreibungen der sieben Yogini-Familien der Mütter (74.44–75). Die Buchstabenangaben sind überwiegend sprachliche Zeichen für Personen, Gegenstände und Handlungen; sie sind nicht automatisch selbstständige Mantras. Die Merkmale von Aussehen und Verhalten gehören zu den historischen Vorstellungen dieser Überlieferung.

Hatleys Dissertation führt den Text als Kapitel LXXIII (73), die Handschrift nummeriert ihn als 71. Die hier verwendete Nummer 74 folgt der Handschriftenübersicht von 2018, S. 517, anhand derselben Blätter 278r–280r. Der Sanskritkolophon der älteren Edition bleibt mit 73 erhalten. Die dortigen Sternchen für Blattwechsel werden weggelassen.

Textgrundlage: Hatley 2007, Kapitel LXXIII, Sanskrit S. 324–333, Übersetzung und Kommentar S. 392–418.[12]

bhairava uvāca ॥

Bhairava sprach:

74.1

athātaḥ saṃpravakṣyāmi chomakānāṃ yathā vidhiḥ
rūpalakṣaṇakarmañ ca kulācāraviceṣṭitam ॥

Übersetzung: Nun werde ich erklären, wie die Geheimzeichen gebildet werden, sowie das Verhalten in den Kula-Observanzen mit seinen Gestalten, Merkmalen und Handlungen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.1 (hier 74.1), S. 324.

Erläuterung: Chomma bezeichnet Geheimzeichen. Die Satzverbindung mit yathā vidhiḥ ist unsicher; Rupalakshana und Karman umfassen Form, Merkmal und Handlung.

74.2

yathā vijñāyate vīro yoginī vā kulodbhavā ।
siddhāsiddhavibhāgā tu samañ cottarasādhakaiḥ
yāgacaryāviśeṣasthais tan me nigadataḥ śṛṇu ॥

Übersetzung: Wie man einen Helden oder eine in einem Clan geborene Yogini erkennt, eingeteilt in Vollendete und noch nicht Vollendete, zusammen mit den Gehilfen der Sadhakas, die besondere Verehrungen und Observanzen ausüben: Höre, wie ich dies erkläre!

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.2 (hier 74.2), S. 324.

Erläuterung: Drei Halbverse. Uttarasadhaka ist ein Gehilfe des Sadhaka; das Verhältnis der einzelnen Gruppen ist grammatisch unsicher.

74.3

nā pumān strī ṇikāreṇa bhū śmaśānaṃ kṛ ḍākinī ।
bhrū lāmā raudrikā ghrū ca khiḥ syān mātṛkulodbhavā ॥

Übersetzung: „Nā“ [bezeichnet] einen Mann, die Silbe „ṇi“ eine Frau, „bhū“ eine Leichenstätte und „kṛ“ eine Dakini. „Bhrū“ [bezeichnet] eine Lama, „ghrū“ eine Raudrika und „khiḥ“ eine im Clan der Mütter Geborene.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.3 (hier 74.3), S. 324.

Erläuterung: Die Silben sind Wörter eines Erkennungscodes, keine hier angeordneten Rezitationsmantras. Ihre Vokallängen folgen dem edierten Vers; die nichtklassische Form ṇi bleibt erhalten. Lama, Raudrika, Dakini und die Mütter gehören zur Gottheiteneinteilung dieser Schrift.

74.4

akāratritayenaiva śivānāṃ kulajā smṛtā ।
deti ḍāmarikā proktā hiś ca ḍāvyā varānane ॥

Übersetzung: Durch dreifaches „a“ wird eine im Clan der Shivas Geborene bezeichnet. „Da“ [?] bezeichnet eine Damarika, „hi“ eine Davi, Schöne.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.4 (hier 74.4), S. 324.

Erläuterung: Deti ist eine unsichere Verbesserung für devi. Die Deutung als „da iti“ folgt dem Kommentar; die Vokallänge der Grußsilbe ist damit nicht völlig gesichert.

74.5

sāmṛtaṃ brūś ca vāmākhyaṃ heti māṃsaṃ varānane ।
yo bhāryā bhaginī yena makārotpattir ucyate ॥

Übersetzung: „Sa“ [?] [bezeichnet] Nektar und „brū“ den als links bezeichneten [Nektar]; „ha“ bedeutet Fleisch, Schöne. „Yo“ [bezeichnet] die Ehefrau, „ya“ die Schwester; die Silbe „ma“ wird als Geburt bezeichnet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.5 (hier 74.5), S. 324.

Erläuterung: Die Abtrennung und Länge von sa in sāmṛtaṃ sind unklar. „Linker Nektar“ bezeichnet rituell als unrein geltende Flüssigkeiten, darunter Alkohol und Körperflüssigkeiten. Utpatti kann „Geburt“ heißen oder hier mittelbar die Mutter bezeichnen.

74.6

likāreṇa smṛtaṃ bhākṣaṃ vakārāt pānakaṃ priye ।
him appā bhājanaṃ kena gena vācyaṃ tu bhojanam ॥

Übersetzung: Durch die Silbe „li“ wird Speise bezeichnet, durch „va“ ein Getränk, meine Liebe. „Hi“ [bezeichnet] appā [?], „ka“ ein Gefäß; „ga“ soll das Essen bezeichnen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.6 (hier 74.6), S. 324.

Erläuterung: Him appā ist eine unsichere Textverbesserung. Was appā bezeichnet, bleibt offen; es wird nicht durch einen erfundenen Ritualgegenstand ersetzt.

74.7

phakāreṇa vijānīyāt suratārthe prabhāṣaṇam ।
raktaṃ vasā tathā śukraṃ śeṣavarṇaiḥ krameṇa tu ॥

Übersetzung: Durch die Silbe „pha“ erkenne man ein Gespräch als auf geschlechtliche Vereinigung gerichtet. Durch die übrigen Laute werden der Reihe nach Blut, Fett und Samen [bezeichnet].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.7 (hier 74.7), S. 325.

Erläuterung: Der Text gibt nicht ausdrücklich an, welche „übrigen Laute“ gemeint sind. Eine Ergänzung als sichere Buchstabenfolge unterbleibt.

74.8

kṣakāreṇāṭitaṃ proktaṃ jakāreṇa vivarjitam ।
pakārād dhṛdayaṃ proktaṃ vāsanaṃ sakhisaṃgame ॥

Übersetzung: Durch die Silbe „kṣa“ wird das Umherwandern [?] bezeichnet, durch „ja“ das Ausgeschlossensein. Durch „pa“ wird das Herz bezeichnet, [ferner?] das Wohnen im Zusammensein mit Gefährten [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.8 (hier 74.8), S. 325.

Erläuterung: Sowohl āṭitaṃ als auch sakhisaṃgame sind unsicher. Die Bedeutung der Herz-Angabe und ihr Zusammenhang mit dem Wohnen bleiben ungeklärt. Die Vorlage schreibt dhṛdayaṃ.

74.9

nakāreṇa tu naivedyaṃ puṣpadānaṃ tasaṃjñayā
yācanaṃ tu dakāreṇa thakāreṇa pratiṣṭhānam ॥

Übersetzung: Durch die Silbe „na“ [wird] die Speisegabe [bezeichnet], durch die Bezeichnung „ta“ [?] das Schenken von Blumen. Durch „da“ [wird] die Bitte [an die Gottheit bezeichnet], durch „tha“ die Einsetzung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.9 (hier 74.9), S. 325.

Erläuterung: Die Silbe ta beruht auf einer unsicheren Konjektur. Pratishthana ist im Verehrungskontext das Einsetzen beziehungsweise Beleben einer Gottheitsdarstellung.

74.10

kapālaṃ tu ṭam ity uktaṃ ṭhaḥ spharo vai varānane ।
śastriko ḍākṣareṇaiva pheti pātādivandanam ॥

Übersetzung: Die Schädelschale wird mit „ṭa“ bezeichnet, „ṭha“ bedeutet Schild, Schöne. Ein Messer [wird] durch „ḍa/ḍā“ [bezeichnet], die Verehrung durch Niederfallen und anderes mit „pha/phā“.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.10 (hier 74.10), S. 325.

Erläuterung: Die Verschmelzung in ḍākṣara und pheti erlaubt nicht in jedem Fall die sichere Bestimmung kurzer oder langer Vokale. Die Unsicherheit wird auch in der Übersetzung bewahrt.

74.11

mudrālaṅkaraṇaṃ nena cena proktaṃ tu cumbanam ।
viruddhakaraṇaṃ sena jhakāreṇa tu karṣaṇam ॥

Übersetzung: Das Schmücken mit den Insignien [wird] durch „na“ [bezeichnet], das Küssen durch „ca“. Das Hervorrufen von Feindschaft [wird] durch „sa“, das Heranziehen durch „jha“ [bezeichnet].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.11 (hier 74.11), S. 325.

Erläuterung: Mudra bezeichnet hier die getragenen Körperinsignien, nicht bloß Handzeichen. Die schädigenden Wortbedeutungen gehören zur historischen Geheimsprache.

74.12

†pañcanan† tu ḍakāreṇa gheti ghātanam ādiśet ।
vyomavīrāsisaṃjñānāṃ yathākālaṃ kṣakārakam ॥

Übersetzung: †Pañcanan† [?] [wird] durch die Silbe „ḍa“ [bezeichnet]; „gha/ghā“ bezeichnet das Töten. Die Silbe „kṣa“ steht, je nach Zeitpunkt, für die Bezeichnungen „Raum“, „Held“ und „Schwert“ [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.12 (hier 74.12), S. 325.

Erläuterung: Pañcanan ist verderbt. Der zweite Halbvers ist in seiner Beziehung auf Zeit, Raum, Held und Schwert unsicher; daraus wird keine ergänzte Mantraanleitung abgeleitet.

74.13

kulaṣoḍaśakasyoktāḥ svarādyāḥ kramakalpitāḥ ।
vīreśabhairavīṇāṃ tu aṃsaṃjñāśvāsapūrvakam

Übersetzung: Die mit den Vokalen beginnenden [Zeichen] werden, der Reihe nach geordnet, für die Gruppe der sechzehn Clans gelehrt. Für die Herren der Helden und die Bhairavis [werden sie] mit Anusvara und Hauchlaut [?] [verbunden].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.13 (hier 74.13), S. 325.

Erläuterung: Der Wortlaut aṃsaṃjñā ist eine unsichere Verbesserung. Śvāsa kann Hauch beziehungsweise Visarga, möglicherweise auch den Laut ha bezeichnen. Hatley erörtert mehrere unterschiedliche Auflösungen; keine davon ist hier als sicherer rezitierbarer Lautkreis übernommen.

74.14

evañ caikākṣarāḥ saṃjñāḥ proktā yāḥ saṃkhyayā yutāḥ ।
svāṃsadev†akṣa†varṇādivibhāgena suvistarāḥ ॥

Übersetzung: So sind die einsilbigen Zeichen gelehrt, die eine [begrenzte?] Zahl besitzen; durch die Unterteilung nach der Gottheit des eigenen Anteils, †akṣa† [?], Laut und anderem sind sie weit entfaltet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.14 (hier 74.14), S. 325.

Erläuterung: Akṣa bleibt verderbt beziehungsweise ungeklärt. Der Vers beschreibt eine erweiterbare Zeichensprache, deren genaue kombinatorische Ordnung nicht sicher rekonstruiert werden kann.

devy uvāca ॥

Die Göttin sprach:

74.15

jñātā varṇātmikāḥ saṃjñāḥ tathānyā yāḥ śubhā vibho ।
vada tattvena deveśa śarīrāvayavātmikāḥ ॥

Übersetzung: Ich habe die aus Lauten bestehenden Zeichen verstanden, Herr. Erkläre ebenso genau, Herr der Götter, die anderen glückverheißenden Zeichen, die aus Körperteilen bestehen!

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.15 (hier 74.15), S. 325–326.

bhairava uvāca ॥

Bhairava sprach:

74.16

śṛṇu devi mahābhāge saṃjñā yā dehasambhavāḥ ।
vīrayogikulānāṃ tu īhitārthapradāyikāḥ ॥

Übersetzung: Höre, hochbeglückte Göttin, die aus dem Körper entstehenden Zeichen, die den Clans der Helden und Yoginis die gewünschten Ziele gewähren.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.16 (hier 74.16), S. 326.

74.17

śirasaṃsparśanenoktaṃ vandanaṃ prativandanam ।
śikhāsaṃsparśanenaiva lalāṭena tu svāgatam ॥

Übersetzung: Durch das Berühren des Kopfes wird der Gruß ausgesprochen, durch das Berühren des Haarknotens der Gegengruß und durch [das Berühren] der Stirn „Willkommen“.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.17 (hier 74.17), S. 326.

74.18

susvāgatam apāṅgasya sparśanāt saṃpratīyate ।
kasmād deśād ihāyātaḥ pṛcchito hi bhruvāḥ spṛśan ॥

Übersetzung: Durch das Berühren des Augenwinkels wird „Herzlich willkommen“ verstanden. „Aus welchem Land bist du hierher gekommen?“, wird gefragt, indem man die Augenbraue berührt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.18 (hier 74.18), S. 326.

Erläuterung: Die Verschmelzung von bhruvāḥ und spṛśan ist nichtklassisch. Die Frage wird durch Berühren der Braue ausgedrückt.

74.19

dakṣottarasabāhyaṃ tu sparśād deśaṃ tadātmakaṃ ।
nāsāgraṃ prāgbhavaṃ deśaṃ paścāddeśaṃ kṛkāṭikā ॥

Übersetzung: Durch das Berühren rechts beziehungsweise links samt der äußeren [Brauenbereiche] [bezeichnet man] ein Land dieser [Richtung]. Die Nasenspitze [bezeichnet] ein östliches Land, der Nacken ein westliches Land.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.19 (hier 74.19), S. 326.

Erläuterung: Rechts und links können zugleich Süden und Norden bezeichnen. Der Text verbindet Körperstellen mit Herkunftsrichtungen. Die Nasenspitzen-Lesung ist unsicher.

74.20

spṛśan saṃdarśayen mudrāḥ prativārttāvidhāyinaḥ ।
gantavyaṃ svoṣṭhasaṃsparśāt kṛte taddiśi vīkṣaṇāt ॥

Übersetzung: Durch [solches] Berühren zeige man die Mudras, die eine Antwortnachricht geben. „Man soll gehen“ [wird] durch das Berühren der eigenen Lippen [ausgedrückt]. Ist dies geschehen, wird durch den Blick in die betreffende Richtung …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.20 (hier 74.20), S. 326.

Erläuterung: Der zweite Satz setzt sich in 74.21 fort. Die genaue Zuordnung des Blickes zur zuvor angezeigten Richtung ist nicht ausdrücklich erklärt.

74.21

kṛtaṃ bhavati suśroṇi pratimudrāvidhānakam ।
kṣīṇā svabhujasaṃsparśād ūrvoḥ sparśāt tu viśramet ॥

Übersetzung: … das Antwortzeichen gebildet, Schönhüftige. „Ich bin erschöpft“ [wird] durch das Berühren des eigenen Arms [gesagt]; durch das Berühren des Oberschenkels [antwortet man]: „Ruh dich aus.“

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.21 (hier 74.21), S. 326.

74.22

upaviśya jānusaṃsparśāt sphicenaiva karomy aham ।
na karomi tadā yayā spṛṣṭā jaṅghā tu bhāṣitam

Übersetzung: Durch das Berühren des Knies [sagt man]: „Setz dich“ [?], durch [das Berühren] des Gesäßes: „Ich werde es tun.“ Berührt sie dagegen den Unterschenkel, ist damit „Ich werde es nicht tun“ [?] gesagt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.22 (hier 74.22), S. 326.

Erläuterung: Die Handlungsfolge folgt einer unsicheren Deutung des nichtklassischen upaviśya und den markierten Textverbesserungen. Die Stelle belegt ein Antwortzeichen für Ablehnung, aber keine bis ins Einzelne sicher rekonstruierbare Gestenfolge.

74.23

karṇaśaṣkulikāṅgulyā śrutaṃ te mātṛmaṇḍalam ।
tatpārśvasparśanāt siddhaṃ sphuṭamelāpakāśrayaḥ

Übersetzung: Durch einen Finger in der Ohrmuschel [wird gesagt]: „Ich habe gehört: [Für] dich [ist] der Kreis der Mütter [bestimmt].“ Durch das Berühren der Körperseite ist festgestellt, dass [der Sadhaka] Empfänger einer sichtbar-leibhaftigen Begegnung ist [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.23 (hier 74.23), S. 327.

Erläuterung: Sphuṭamelāpakāśrayaḥ ist eine unsichere Verbesserung. Gemeint ist wahrscheinlich, dass der Sadhaka eine sichtbare Begegnung mit den Göttinnen empfängt; der Ort oder genaue Zeitpunkt ist nicht angegeben.

74.24

na caivāmocayen muṣṭiṃ gaganastvāhyasaṃgame ।
hṛdayaṃ tu spṛśed yā tu vāmahastena bhāvitā ॥

Übersetzung: Man öffne die Faust nicht: „Der Himmel … beim Zusammentreffen [?].“ Diejenige, die mit der linken Hand gesammelt ihr Herz berührt, …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.24 (hier 74.24), S. 327.

Erläuterung: Gaganastvāhyasaṃgame ergibt keinen sicher herstellbaren Satz. Der mögliche Bezug auf eine Begegnung mit Himmelswanderinnen bleibt eine Deutung, keine übersetzbare sichere Aussage. Der Satz über die Herzberührung wird in 74.25 abgeschlossen.

74.25

bhaginī sā vinirdiṣṭā sādhakānāṃ phalapradā ।
vāmahastāgrasaṃsparśān mātṛmadhye tu nāyikā ॥

Übersetzung: … wird als Schwester bezeichnet; sie gewährt den Sadhakas die Früchte [ihrer Praxis]. Durch das Berühren der Fingerspitzen der linken Hand [zeigt sie sich als] eine Führerin unter den Müttern.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.25 (hier 74.25), S. 327.

Erläuterung: Bhagini ist hier zugleich ein Gruppenname; Hatley erwägt einen Bezug auf die Schwestern Tumburus. „Führerin unter den Müttern“ kann an dieser Stelle allgemein eine Muttergottheit bezeichnen.

74.26

garuḍasya tu saṃsparśāt ḍākinīti vinirdiśet ।
tiryakcakṣusvadṛṣṭyā tu rudraḍākinilakṣaṇam ॥

Übersetzung: Durch das Berühren des Garuda [der Nasenspitze] bezeichnet sie sich als Dakini. Durch seitliche Augenblicke [wird] das Merkmal einer Rudradakini [angezeigt].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.26 (hier 74.26), S. 327.

Erläuterung: Garuda hat im Sprachcode hier nach Hatleys Vergleich mit einer kommentierten Parallelstelle den Sinn „Nasenspitze“. Die Lesung Dakini folgt der ausdrücklich begründeten Verbesserung der Edition.

74.27

svāṃsadeśakareṇaiva ḍāmarityaṃ tu sādiśet ।
kṛkāṭikākareṇaiva dakṣiṇena varānane ॥

Übersetzung: Durch die Hand auf der eigenen Schultergegend zeigt sie an, dass sie eine Damari ist. Durch die rechte Hand am Nacken, Schöne, …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.27 (hier 74.27), S. 327.

Erläuterung: Die zweite Handlungsbeschreibung setzt sich in 74.28 fort.

74.28

kulaṃ tu sādhakācāryāṇ ḍāvyātmānaṃ tu sā kathet ।
nāsāgradṛṣṭirodhena ūrdhvaśvāsena sā śivā ॥

Übersetzung: … erklärt sie den Sadhakas und Lehrern, dass [sie] dem aus Davis bestehenden Clan [angehört]. Durch das Festhalten des Blickes an der Nasenspitze und Ausatmen [zeigt sie], dass sie eine Shiva ist.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.28 (hier 74.28), S. 327.

Erläuterung: Davi und Shiva sind Namen weiblicher Gottheitengruppen. Die Angabe zum Ausatmen ist Teil der Zeichensprache; der Vers schreibt keinen Atemrhythmus vor.

74.29

samastadehabhaṅgena svahastabhramaṇena ca ।
miśrāṇāṃ lakṣaṇaṃ devi svarūpakathane smṛtam ॥

Übersetzung: Durch das Beugen des ganzen Körpers und das Drehen der eigenen Hände werden, Göttin, die Merkmale der gemischten [Yoginis] gelehrt, um ihre eigene Gestalt zu erklären.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.29 (hier 74.29), S. 327.

Erläuterung: Gemischt bezeichnet eine Verbindung von Eigenschaften verschiedener Yogini-Clans; es ist keine heutige Bewertung persönlicher Eigenschaften.

74.30

māṃsaṃ kapolahastena jihvādṛṣṭyā tu matsyakam ।
daśanāṅguliyogena bhakṣyaṃ bhojyaṃ tu cehitam ॥

Übersetzung: Durch die Hand an der Wange [wird] Fleisch [bezeichnet], durch das Anschauen der Zunge Fisch. Durch das Verbinden von Zähnen und Fingern werden feste und andere Speisen begehrt.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.30 (hier 74.30), S. 327.

74.31

nāsāsparśanayogena gandhā proktā tu mudrayā
vāmasṛkvinikā jihvā bhaved vāmāmṛtaṃ tu tam ।
dakṣiṇāsṛkvinīyogād vijñeyaṃ dakṣiṇāmṛtam ॥

Übersetzung: Durch das Berühren der Nase wird mit der Mudra Duft [?] bezeichnet. Befindet sich die Zunge im linken Mundwinkel, bedeutet dies linken Nektar; durch [die Zunge im] rechten Mundwinkel erkenne man rechten Nektar.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.31 (hier 74.31), S. 327–328.

Erläuterung: Drei Halbverse. Die Edition beseitigt eine Wiederholung in der Handschrift; die unsichere Duft-Angabe bleibt markiert. Linker Nektar bezeichnet die im Bhairava-Ritual verwendeten grenzüberschreitenden Gaben, rechter Nektar konventionell reine rituelle Flüssigkeiten.

74.32

vasā hastatalasparśān majjā kurparadarśanāt ।
jaṭhare tu kṛte haste dakṣe putratvam ādiśet ॥

Übersetzung: Durch das Berühren der Handfläche [wird] Fett [bezeichnet], durch das Zeigen des Ellbogens Mark. Liegt die rechte Hand auf dem Bauch, zeigt dies das Sohnsein an.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.32 (hier 74.32), S. 328.

74.33

vāme tu duhitā proktā pitā mūrdhni nirīkṣayet ।
mātā tu kathitā sā tu vāmakukṣipradarśanāt ॥

Übersetzung: Bei der linken [Hand] wird „Tochter“ bezeichnet. Man blicke auf den Scheitel: „Vater.“ Durch das Zeigen der linken Bauchseite wird sie als „Mutter“ bezeichnet.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.33 (hier 74.33), S. 328.

74.34

saṃgṛhītaṃ smṛtaṃ nābhau pṛṣṭhe kṣiptaṃ tu lakṣayet ।
bhāryā nitambahastena vāmena pati dakṣiṇe ॥

Übersetzung: Am Nabel [bedeutet die Hand]: „angenommen“; am Rücken erkenne man „zurückgewiesen“. Die linke Hand an der Hüfte bedeutet „Ehefrau“, die rechte „Ehemann“.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.34 (hier 74.34), S. 328.

74.35

dūtaḥ pādasparśāt siddho mitro vāmabhujaṃ spṛśet ।
prakuñcakagrahenaiva kulaṭābhāvam ādiśet ॥

Übersetzung: Durch das Berühren der Füße ist er als Duta bestimmt; berührt man den linken Arm, [bedeutet dies] „Freund“. Durch das Ergreifen des prakuñcaka [?] zeigt sie an, dass sie unkeusch ist.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.35 (hier 74.35), S. 328.

Erläuterung: Duta kann hier einen männlichen Ritualpartner bezeichnen. Prakuñcaka lässt sich als Körperstelle oder Gegenstand nicht sicher bestimmen; eine vermutete Brustberührung wird nicht als Sanskrittext ergänzt.

74.36

guptaṃ kakṣākareṇoktaṃ na guptaṃ digalokanāt ।
siddhaṃ vāmākṣisaṃkocāl luptācāraṃ tu dakṣiṇāt ॥

Übersetzung: Durch die Hand an der Seite wird „verborgen“ gesagt, durch Nicht-Blicken in die Richtungen „nicht verborgen“ [?]. Durch das Zusammenkneifen des linken Auges [wird] „vollendet“, durch das rechte [Auge] „mit abgebrochener Observanz“ [bezeichnet].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.36 (hier 74.36), S. 328.

Erläuterung: Die negative Form digalokana, „Nicht-Blicken in die Richtungen“, ist auffällig. Eine Verbesserung zu einem positiven Blick wäre denkbar, wurde von der Edition jedoch nicht übernommen. „Verborgen“ kann sich auf Insignien oder die verborgene Ausführung der Observanzen beziehen.

74.37

sādhikārapade vāme pūrvo kṣiptaṃ tathottaram
dakṣiṇe tu vijānīyān melakaṃ vāmake kare ॥

Übersetzung: Beim zur Ausübung berechtigenden Stand [?], links, ist das Frühere [oder: Östliche] geworfen [?], ebenso das Spätere [oder: Nördliche]. Rechts soll man [dies] erkennen; bei der linken Hand [wird] die Begegnung [bezeichnet].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.37 (hier 74.37), S. 328.

Erläuterung: Der gesamte Vers lässt keinen sicheren Satzbau erkennen. Die Übersetzung gibt die erkennbaren Ausdrücke mit ihren Alternativen wieder; sie ist keine praktisch ausführbare Beschreibung. Insbesondere können links/rechts auch Offenbarungsströme und vorher/nachher auch Himmelsrichtungen bezeichnen.

74.38

evaṃ yogeśivīrāṇāṃ sammatottarasādhakam ।
mudrālāpaṃ samākhyātaṃ yadanantaravistarāt

Übersetzung: So wurde das Gespräch durch Mudras der Yogeshvaris und Helden erklärt, durch das Einvernehmen mit den Gehilfen der Sadhakas entsteht, durch die Entfaltung des jeweils Folgenden [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.38 (hier 74.38), S. 328.

Erläuterung: Yadanantaravistarāt bleibt in seiner Bedeutung ungesichert. Die Umschreibung „Entfaltung des jeweils Folgenden“ gibt nur die erkennbaren Wortbestandteile wieder.

74.39

anyonyasammataṃ kṛtvā vākyālāpātha vā priye ।
svamudrālāpayogād vā gopayed vāmaśāsanam ॥

Übersetzung: Nachdem man gegenseitiges Einvernehmen hergestellt hat, meine Liebe, sei es durch das Gespräch in Worten oder durch die Verständigung mit den eigenen Mudras, soll man die Lehre des linken Weges geheim halten.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.39 (hier 74.39), S. 328.

devy uvāca ॥

Die Göttin sprach:

74.40

caryāyogakriyāyogāc chivecchā sādhakasya tu ।
yadā dṛṣṭivaśaṃ yātā yoginyo martyasaṃgatāḥ ।
kathaṃ jñeyāḥ svarūpeṇa rūpaṃ tāsāṃ tathā vada ॥

Übersetzung: Wenn Yoginis, die mit Sterblichen zusammengekommen sind, dem Sadhaka nach Shivas Willen durch seine Ausübung von Observanzen, Yoga und Ritual sichtbar geworden sind: Wie soll man sie ihrem Wesen nach erkennen? Erkläre ebenso ihre Gestalt!

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.40 (hier 74.40), S. 329.

Erläuterung: Drei Halbverse. Die Frage unterscheidet Yoginis, die unter Sterblichen erscheinen, von einer bloß abstrakten Gottheitsvorstellung.

bhairava uvāca ॥

Bhairava sprach:

74.41

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi yoginīnāṃ tu lakṣaṇam ।
yena vijñātamātreṇa trailokyaṃ vaśagaṃ bhavet ॥

Übersetzung: Als Nächstes werde ich die Merkmale der Yoginis lehren, durch deren bloße Kenntnis die drei Welten unter [eigene] Gewalt gelangen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.41 (hier 74.41), S. 329.

Erläuterung: Die Unterwerfung der drei Welten ist eine traditionelle Machtzuschreibung. Dieser Vers gehört nicht zu den heutigen Praxisempfehlungen.

74.42

vijñāyate sudūre ’pi kṣetramārge viśeṣataḥ ।
bhūtale caiva vartante śivecchāsvādhikārikāḥ ॥

Übersetzung: Man erkennt [die Yogini] sogar aus weiter Ferne, besonders an heiligen Stätten und auf Wegen. Sie leben auf der Erde, mit eigener Vollmacht nach Shivas Willen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.42 (hier 74.42), S. 329.

74.43

caryāyuktasya deveśi dṛṣṭer āyānti gocaram ।
tasmāj jñeyaṃ tu vīreṇa yogeśīnāṃ tu lakṣaṇam ॥

Übersetzung: Sie werden dem sichtbar, der die Observanzen ausübt, Herrin der Götter. Deshalb muss ein Held die Merkmale der Yogeshvaris kennen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.43 (hier 74.43), S. 329.

74.44

tisro rekhā lalāṭe tu ūrdhvasīmantam āśritāḥ ।
gaurī campakagandhī ca brahmacaryaratā sadā ॥

Übersetzung: Drei Linien an der Stirn reichen oben bis zum Haarscheitel. Sie ist hell, duftet nach Champaka und liebt stets die Enthaltsamkeit.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.44 (hier 74.44), S. 329.

Erläuterung: Hier beginnt die Beschreibung der Brahmani-Familie. Die Körpermerkmale sind historische Erkennungsbilder; sie erlauben keine verlässliche heutige Einstufung von Menschen nach göttlichen Clans.

74.45

vedaghoṣapriyā nityam akṣobhyā satyavādinī ।
daṇḍaṃ kamaṇḍaluñ caiva ajinaṃ yogapaṭṭakam ॥

Übersetzung: Sie liebt stets den Klang der Vedenrezitation, ist unerschütterlich und spricht wahr. [Sie besitzt] Stab, Wasserkrug, Antilopenfell und Yogaband …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.45 (hier 74.45), S. 329.

74.46

srucīdarbhopavītaṃ tu padmañ ca likhitaṃ gṛhe ।
lakṣitavyā prayatnena brahmāṇyaṃśā varānane ॥

Übersetzung: … sowie Opferkelle, Darbha-Gras und heilige Schnur; ein Lotos ist an ihrem Haus gezeichnet. Man soll sie aufmerksam als Anteil der Brahmani erkennen, Schöne.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.46 (hier 74.46), S. 329.

Erläuterung: Die Gegenstände aus 74.45–46 sind wahrscheinlich die Ausstattung der Yogini; nur der Lotos ist ausdrücklich als Hauszeichnung bestimmt.

74.47

tadarcanaṃ tu vīreṇa khecaratvajigīṣayā ।
brahmāṇīkulajā devi svāṃsasiddhipradāyikā ॥

Übersetzung: Der Held verehre sie [?] mit dem Wunsch, ein Himmelswanderer zu werden. Die im Clan der Brahmani Geborene, Göttin, gewährt denen Vollendung, die ihren eigenen Anteil [an der Muttergottheit] besitzen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.47 (hier 74.47), S. 329.

Erläuterung: Tadarcanaṃ ist eine unsichere Verbesserung. „Eigener Anteil“ bezeichnet die gemeinsame Zugehörigkeit von Yogini und Sadhaka zu einer Muttergottheit.

74.48

gaṇḍayoḥ kūpake yasyāḥ kuṇḍalāgrāgrakeśinī
prottuṅganāsikā sā tu pāṇḍugaurī sulocanā ॥

Übersetzung: Sie hat Grübchen in den Wangen, vorn Haare mit gelockten Spitzen, eine hoch aufragende Nase, einen blasshellen Teint und schöne Augen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.48 (hier 74.48), S. 329–330.

Erläuterung: Hier beginnt die Beschreibung der Maheshvari-Familie. Die Lesung zum Haar ist unsicher; die Deutung als vordere Haarsträhnen mit gelockten Spitzen folgt dem Kommentar.

74.49

triśūlaṃ †sulalāṭeṣu† lalāṭādiṣu bhūṣinī
trikālajñānasampannā śūlāñ ca likhate gṛhe ॥

Übersetzung: [Sie hat] einen Dreizack †an der Stirn [?]† und ist an der Stirn und anderen Stellen geschmückt [?]. Sie besitzt Wissen um die drei Zeiten und zeichnet einen Spieß an ihr Haus, …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.49 (hier 74.49), S. 330.

Erläuterung: Sulalāṭeṣu ist verderbt, und die anschließende Stirn-/Schmuckbeschreibung unsicher. Eine vermeintlich vollständige ikonografische Rekonstruktion wird nicht eingefügt.

74.50

vṛṣaṃ kapālam atha vā anyaṃ vā yad varāyudham ।
daśanaiś cātijyotsnābhair brahmacaryaparāyaṇā ॥

Übersetzung: … einen Stier, eine Schädelschale oder ein anderes vorzügliches Götterattribut. Ihre Zähne überstrahlen das Mondlicht, und sie ist der Enthaltsamkeit hingegeben.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.50 (hier 74.50), S. 330.

74.51

śivārādhanasamyuktā śivaliṅgini vatsalā ।
aṣṭamyāṃ sā caturdaśyām upavāsaratā bhavet ॥

Übersetzung: Sie widmet sich der Verehrung Shivas und ist den Trägern der shivaitischen Kennzeichen zugetan. Am achten und vierzehnten [Mondtag] liebt sie das Fasten.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.51 (hier 74.51), S. 330.

Erläuterung: Der Sanskrittext lautet aṣṭamyāṃ, „am achten“. Die englische Übersetzung der Dissertation schreibt an dieser Stelle irrtümlich „tenth“; die deutsche Fassung folgt dem eingesehenen Sanskrit. Gemeint sind Tage der Mondhälfte.

74.52

īdṛśīṃ pramadāṃ dṛṣṭvā sādhako vīrasādhani ।
lakṣayet svāṃsasaṃyukto māheśvaryāḥ kulodbhavā ।
ṣaṇmāsārādhyamānā tu yogamokṣaphalapradā ॥

Übersetzung: Sieht ein Sadhaka von ihrem eigenen Anteil eine solche Frau, o du, die Helden vollendet, soll er sie als im Clan der Maheshvari geboren erkennen. Wird sie sechs Monate verehrt, gewährt sie die Früchte von Yoga und Befreiung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.52 (hier 74.52), S. 330.

Erläuterung: Drei Halbverse. Die sechs Monate und die versprochenen Früchte sind Angaben dieses historischen Verfahrens. Yogamoksha kann auch „Befreiung durch Yoga“ bedeuten.

74.53

kṛśāṅgī raktagaurā ca haripiṅgalalocanā ।
suvarcā dīrghasaṃgrīvā romasā barbaroruhā ॥

Übersetzung: Sie ist schlank und rötlich hell, mit gelblich braunen Augen, strahlend, mit langem Hals [?], behaart und mit lockigem Haar.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.53 (hier 74.53), S. 330.

Erläuterung: Beginn der Kaumari-Familie. Dīrghasaṃgrīvā ist eine auffällige, unsichere Form, wahrscheinlich für „mit langem Hals“. Barbaroruha wird als „lockiges Haar habend“ verstanden.

74.54

bālakrīḍāratā nityaṃ hasate gāyate muhuḥ ।
dhāvate valgate caiva akasmāc ca prakupyate ॥

Übersetzung: Sie liebt stets Kinderspiele, lacht und singt oft. Sie läuft und springt und wird unvermittelt zornig.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.54 (hier 74.54), S. 330.

74.55

daṇḍahastā bhaven nityaṃ śaktiñ ca likhate gṛhe ।
kaumārīkulasambhūtā lakṣayet sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Sie trägt stets einen Stab in der Hand und zeichnet einen Speer an ihr Haus. Der vorzüglichste Sadhaka soll sie als im Clan der Kaumari geboren erkennen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.55 (hier 74.55), S. 330.

74.56

ārādhayed vidhānena bhūtale siddhikāṅkṣayā ।
yat kiñ cit prārthitaṃ bhogaṃ sādhakasya dadāti sā ॥

Übersetzung: Man verehre sie nach der Vorschrift, um Siddhi auf Erden zu erlangen. Welche außergewöhnliche Erfahrung der Sadhaka auch erbittet, sie gewährt sie ihm.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.56 (hier 74.56), S. 330.

74.57

chattrākāraṃ śiro yasyā dṛśyate lakṣaṇānvitā ।
kṛṣṇendīvaravarṇābhā śūlāsyadaśanā tu yā ॥

Übersetzung: Ihr Kopf hat die Form eines Schirms; man sieht sie mit [besonderen] Merkmalen versehen. Sie hat den dunklen Glanz eines blauen Lotos und ein spitzes Gesicht und spitze Zähne.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.57 (hier 74.57), S. 331.

Erläuterung: Beginn der Vaishnavi-Familie. Die besonderen Merkmale gehören zum überlieferten Erkennungsbild.

74.58

vāmenācāraceṣṭā ca caryā tasyāḥ svarūpakam ।
cakramudrā likhet sā tu dṛṣṭiś caivārthavartinī

Übersetzung: Ihr Verhalten in den Observanzen ist linksgerichtet, und ihre Praxis entspricht ihrem eigenen Wesen. Sie zeichnet das Radzeichen; ihr Blick folgt dem Gegenstand [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.58 (hier 74.58), S. 331.

Erläuterung: Arthavartinī bleibt unsicher; „dem Gegenstand folgend“ ist eine Annäherung. Die linksgerichteten Observanzen werden nicht zu einer bestimmten heutigen Körperübung umgedeutet.

74.59

śaṅkhamudrā gadā caiva svagṛhe likhate sadā ।
sā tena lakṣayed vidvāṃś caryāśīlena cetasā ॥

Übersetzung: Das Muschelzeichen und eine Keule zeichnet sie stets an ihr Haus. Daran soll der Wissende mit einem den Observanzen hingegebenen Geist sie erkennen: …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.59 (hier 74.59), S. 331.

74.60

māyārūpadharā kanyā vaiṣṇavī caryāśīlinī ।
sevanāt svakulānāṃ tu siddhidā sādhakeśvarām ॥

Übersetzung: … als eine junge Frau, die durch Maya verschiedene Gestalten annimmt, als eine Vaishnavi, den Observanzen zugetan. Durch das Dienen [an ihr] gewährt sie den Herren unter den Sadhakas ihres eigenen Clans Vollendung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.60 (hier 74.60), S. 331.

Erläuterung: Maya bezeichnet hier die Fähigkeit zum Wechsel der Erscheinungsform. Die Zugehörigkeit zum eigenen Clan bestimmt im Text den Empfängerkreis der Siddhi.

74.61

lamboṣṭhī ca viśālākṣī piṅgalāgrāgrakeśinī ।
citrakarmapriyā nityaṃ nṛtyagandharvapeśalā ॥

Übersetzung: Sie hat volle Lippen, große Augen und vorn Haare mit gelbbraunen Spitzen. Sie liebt stets die Malerei und ist geschickt in Tanz und Musik.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.61 (hier 74.61), S. 331.

Erläuterung: Beginn der Varahi-Familie. Citrakarman kann Malerei oder verschiedenartige Tätigkeit bedeuten; der Zusammenhang mit Tanz und Musik spricht hier für künstlerisches Arbeiten.

74.62

māṃsāsavapriyā nityaṃ lolupā †sarva†sāttvikā ।
svagṛhe daṃṣṭramudrā tu daṇḍaśṛṅkhalam eva vā ॥

Übersetzung: Sie liebt stets Fleisch und berauschende Getränke, ist begierig und †…†-sattvika. An ihr Haus [zeichnet sie] das Fangzahnzeichen oder einen Stab oder eine Kette, …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.62 (hier 74.62), S. 331.

Erläuterung: Die Edition markiert sarva im Ausdruck sarvasāttvikā als verderbt. Eine eindeutige Zuordnung zum Guna Sattva wird deshalb nicht behauptet. Der Satz über die Hauszeichnungen wird in 74.63 weitergeführt.

74.63

likhate ca tathā ghoṇaṃ koṇaṃ vātha śmaśānakam ।
padmaṃ vā karparañ caiva ubhe pakṣe tu parvanī ॥

Übersetzung: … ferner zeichnet sie eine Schnauze, einen Winkel [?], eine Leichenstätte, einen Lotos oder eine Schädelschale. In beiden Mondhälften ist ihr Festtag …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.63 (hier 74.63), S. 331.

Erläuterung: Koṇa, „Winkel“, ist in seiner Gegenstandsbedeutung unsicher. Die Angabe des Festtages wird erst in 74.64 abgeschlossen.

74.64

dvādaśī tu vijānīyāt tasyāḥ sā varavarṇini ।
vārāhī vaiṣṇavī caiva ekaparvaratā sadā ॥

Übersetzung: … der zwölfte, so soll man wissen, Schöne. Varahi und Vaishnavi sind stets demselben Festtag zugetan.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.64 (hier 74.64), S. 331.

74.65

jñātavyā sādhakendreṇa mantrāviṣṭena cetasā ।
īdṛśaṃ lakṣaṇaṃ dṛṣṭvā pratimudrānusāriṇā ।
māsaikāt siddhidā devi caryāyuktasya mantriṇaḥ ॥

Übersetzung: Der Herr unter den Sadhakas soll sie mit einem vom Mantra erfüllten Geist erkennen. Hat er solche Merkmale gesehen und folgt den Antwortmudras, gewährt sie, Göttin, dem die Observanzen übenden Mantrakundigen nach einem Monat Vollendung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.65 (hier 74.65), S. 331.

Erläuterung: Drei Halbverse. Der Mantra erfüllt beziehungsweise ergreift den Geist. Die konkret genannten Antwortmudras müssen aus dem rituellen Zusammenhang bekannt sein; der Vers allein beschreibt ihre Ausführung nicht.

74.66

śyāmā vaigandhinī caiva dīrghagrīvāṅguli tathā ।
daśanāś cātikāntābhā nayane cātivartule ॥

Übersetzung: Sie ist dunkel und von unangenehmem Geruch, mit langem Hals und langen Fingern. Ihre Zähne glänzen überaus schön, und ihre Augen sind sehr rund.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.66 (hier 74.66), S. 332.

Erläuterung: Beginn der Indrani-Familie. Die sinnlichen Eigenschaften sind historische Textangaben, keine Anleitung zur heutigen Einordnung von Frauen.

74.67

raktavastrapriyā nityaṃ skandhavastrāvalambinī ।
gandhapuṣpapriyā nityaṃ dhanāḍhyā ca prajāyate ॥

Übersetzung: Sie liebt stets rote Kleidung und trägt ein von den Schultern herabhängendes Gewand. Sie liebt stets Düfte und Blumen und wird reich an Besitz.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.67 (hier 74.67), S. 332.

74.68

hasate ramate caiva yogāyogānusārataḥ
vajramudrā likhet sā tu gṛhe tu svayam eva hi ॥

Übersetzung: Sie lacht und erfreut sich je nach Verbindung und Nichtverbindung [?]. Sie zeichnet das Vajra-Zeichen an ihr eigenes Haus.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.68 (hier 74.68), S. 332.

Erläuterung: Yogāyogānusārataḥ ist eine unsichere Konjektur. Ob Verbindung/Trennung oder Angemessenheit/Unangemessenheit gemeint ist, bleibt offen.

74.69

śūrpapiñchapaṭañ caiva likhate ’nyaṃ mahāyudham ।
indrāṇīkulajātānām etad bhavati lakṣaṇam ॥

Übersetzung: Ferner zeichnet sie eine Worfschaufel, einen Schweif, ein Tuch [?] oder ein anderes großes Attribut. Dies sind die Merkmale der im Clan der Indrani Geborenen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.69 (hier 74.69), S. 332.

Erläuterung: Die Bedeutung von paṭa ist hier ungesichert; „Tuch“ ist eine Möglichkeit. Ayudha kann neben einer Waffe auch ein kennzeichnendes Gottheitsattribut bezeichnen.

74.70

ṣaṇmāsārādhanenaiva siddhā dāsyanti melakam ।
vicaraty akhilāṃ lokān sarvāścaryapravartakaḥ ॥

Übersetzung: Durch sechsmonatige Verehrung gewähren sie, erfolgreich verehrt, die Begegnung. [Der Sadhaka] durchwandert alle Welten und bringt alle Arten von Wundern hervor.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.70 (hier 74.70), S. 332.

74.71

śuṣkāṅgī bhagnanāsā ca koṭarākṣī ca daṃṣṭriṇī ।
piṅgalāgrāgrakeśī ca ūrdhvadṛṣṭiś ca bhīṣaṇā ॥

Übersetzung: Sie hat einen ausgezehrten Körper, eine eingefallene Nase, tiefliegende Augen und Fangzähne. Vorn hat sie Haare mit gelbbraunen Spitzen, blickt nach oben und ist furchterregend.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.71 (hier 74.71), S. 332.

Erläuterung: Beginn der Chamunda-Familie, deren Name hier nicht ausgesprochen wird; 74.73 nennt sie „Führerin der Mütter“.

74.72

mṛte raṇe kathā nityaṃ brahmacaryaratā sadā ।
śmaśānaikakathā nityaṃ sādhakānāṃ kathāratā ॥

Übersetzung: Sie spricht stets über Tote und Kampf und liebt immer die Enthaltsamkeit. Sie spricht stets allein von Leichenstätten und erzählt gern von Sadhakas.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.72 (hier 74.72), S. 332.

74.73

svagṛhe likhate devi kapālaṃ paṭṭiśaṃ tathā ।
madyamāṃsapriyā nityaṃ sā jñeyā mātṛnāyikā ॥

Übersetzung: Sie zeichnet, Göttin, eine Schädelschale und einen Spieß an ihr Haus. Sie liebt stets berauschende Getränke und Fleisch; man erkenne sie als Führerin der Mütter.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.73 (hier 74.73), S. 332.

Erläuterung: Matrinayika ist hier die siebte Mutter, Chamunda. Paṭṭiśa wird im ikonografischen Zusammenhang als Spieß verstanden; der Begriff kann andernorts auch auf ein Tuchzeichen bezogen werden.

74.74

pratimudrāvidhānajñe sādhake dhyānatatpare ।
melakaṃ sampradāyañ ca varañ ca dadate sadā ॥

Übersetzung: Dem Sadhaka, der das Verfahren der Antwortmudras kennt und der Meditation hingegeben ist, gewährt sie stets die Begegnung, die Überlieferung und Gnadengaben.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.74 (hier 74.74), S. 332.

Erläuterung: Sampradaya bezeichnet hier eine von der Yogini vermittelte Überlieferung beziehungsweise esoterische Unterweisung. Der Vers gehört zur vorangehenden Chamunda-Beschreibung und wird nicht aus deren Ritualbedingungen herausgelöst.

74.75

saptaiva mātarāḥ khyātā yāmale siddhidāyikāḥ ।
vimiśralakṣaṇāḥ devi etadrūpavimiśritāḥ ॥

Übersetzung: Die sieben Mütter, die Vollendung gewähren, sind im Yamala gelehrt. Die mit gemischten Merkmalen, Göttin, haben eine Mischung dieser Gestalten.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.75 (hier 74.75), S. 332–333.

Erläuterung: Sieben Mütter werden in diesem Kapitel unterschieden. Die an anderen Stellen hinzutretende Yogeshvari ist hier keine zusätzliche achte Familie.

74.76

siddhāsiddhavibhāgās tu tadicchāyā tu sādhakaḥ ।
vetti lakṣaṇato devi bodhāl liṅgavivecanāt

Übersetzung: In Vollendete und noch nicht Vollendete eingeteilt, erkennt der Sadhaka [sie] nach ihrem Willen, Göttin, an ihren Merkmalen, durch erwachtes Wissen und durch die Untersuchung von Kennzeichen [?].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.76 (hier 74.76), S. 333.

Erläuterung: Die Unterscheidung in siddha und asiddha kann alle Yoginis oder insbesondere die gemischten betreffen. Der letzte Versfuß enthält unsichere Ergänzungen der Edition; die genaue Art des Erkennens ist deshalb nicht sicher festgelegt.

74.77

tantrasya sārabhūtaṃ tu siddhidvāraṃ varānane ।
kathitaṃ sādhakendrāṇāṃ pratyakṣakaraṇaṃ sadā ॥

Übersetzung: Der Wesenskern des Tantra, das Tor zur Vollendung, das stets unmittelbares Schauen ermöglicht, ist für die Herren unter den Sadhakas erklärt, Schöne.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. LXXIII.77 (hier 74.77), S. 333.

Erläuterung: Das unmittelbar Sichtbarmachen bezieht sich im Zusammenhang auf die Begegnung mit den Yoginis, nicht auf jede beliebige Form spiritueller Erkenntnis.

Kolophon

iti picumate chommādhikāro nāma
trisaptatimaḥ paṭalaḥ ॥ 73 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Picumata das dreiundsiebzigste Kapitel namens „Abschnitt über Geheimzeichen“. [Ältere Editionszählung 73; in dieser Ausgabe Kapitel 74.]

Kapitel 83: Ursprung von Schädelschale und Schädelstab

Das Kapitel erläutert die mythischen Ursprünge von Kapala und Khatvanga und deutet ihre Bestandteile als Verkörperung des Gottheitenkosmos. Der gesamte in Hatleys Edition lesbare Text dieses Kapitels ist hier wiedergegeben: 182 wenigstens teilweise erhaltene Verspositionen innerhalb der Zählung 83.1–186. Vier Positionen (83.8, 12, 26 und 36) sind vollständig verloren; 14 weitere enthalten sichtbare Teilverluste. Hinzu kommen Textverluste unbekannten Umfangs vor 83.1 und nach 83.91. Eine lückenlos erhaltene Fassung des Kapitels wird damit nicht behauptet.

Textgrundlage: Hatley 2018, Band I, Sanskritedition S. 355–382; IAST-Anhang F S. 602–616; Übersetzung und Kommentar S. 469–508.[8]

Textlücke: Vor 83.1 fehlt Text unbekannten Umfangs.

83.1

taddakṣiṇe tathā vahniṃ hutvā †svaṃsiddhisaṃkhyay↠।
ubhayottarasaṃsthan tu pūrvvāmukham athārabhet ॥

Übersetzung: Zu dessen Rechten soll man dem Feuer opfern, †nach der Zahl der eigenen Siddhi†. Dann soll man das nach Osten gerichtete [Ritual] beginnen, das nördlich von beiden gelegen ist.

Erläuterung: Schon vor dem ersten nummerierten Vers ist Text verloren. Die Ortsbezüge sind dadurch nicht sicher herzustellen; auch die mit Dolchen markierte Wendung bleibt dunkel.

83.2

[…] sya tu ।
tathā siddhārthakaṃ tālaṃ rocanā samanaśchilā ॥

Übersetzung: […] ferner weißen Senf, Tala, Rochana und Manahshila.

Erläuterung: Die Liste setzt in einer beschädigten Stelle ein. Tāla und Manaḥśilā sind Mineralbezeichnungen; die Edition bewahrt hier die Form samanaśchilā. Eine vollständige Rezeptur lässt sich nicht herstellen.

83.3

gairikā caiva kāsīsaṃ […] ।
[…] ॥

Übersetzung: Auch roter Ocker und Kasisa […]

Erläuterung: Beide Vershälften sind lückenhaft; Kasisa bezeichnet ein traditionell verwendetes Vitriolpräparat.

83.4

[…] ।
[…] †talāṅgala† śārikā ॥

Übersetzung: […] †talāṅgala†, Sharika.

Erläuterung: Von der Stoffliste sind nur diese unsicheren Namensreste erhalten. Die dolchmarkierte Lesung wird nicht botanisch bestimmt.

83.5

kumārī siṅghikā vyāghrī tathā ca suramañjarī ।
surasā sumanā kṛṣṇā kuṅkumā saptaparṇṇikā

Übersetzung: Kumari, Singhika, Vyaghri und Suramanjari, Surasa, Sumana, Krishna, Kunkuma und Saptaparnnika.

Erläuterung: Die Pflanzennamen werden ohne ungesicherte moderne botanische Gleichsetzungen wiedergegeben.

83.6

riddhivṛddhi ca bhūdhātrī bhūkadambaṃ satālakam ।
kharjjūrakesaraṃ śyāmā amṛtā ca vidārikā

Übersetzung: Riddhi und Vriddhi, Bhudhatri, Bhukadamba zusammen mit Talaka, Dattelblütenfäden, Shyama, Amrita und Vidarika.

Erläuterung: Fortsetzung der Stoffliste; einzelne Bezeichnungen sind in der Edition als unsicher markiert.

83.7

sveṣṭayāgopari yaṣṭvā japaṃ cāstrādikaṃ bhavet ।
pa […] ॥

Übersetzung: Nachdem man über der eigenen bevorzugten Verehrungsanordnung geopfert hat, folgt die Rezitation des Astra und der übrigen [Mantras]. Pa […]

Erläuterung: Die zweite Vershälfte ist bis auf die Anfangssilbe verloren; Astra ist hier ein Mantraname, keine ausgeschriebene Formel.

Textlücke: 83.8: vollständige Textlücke; kein Sanskritwortlaut und keine Übersetzung überliefert.

83.9

[…] tathā
saṃgṛhya cārabhet paścāt sādhanaṃ tu varānane ॥

Übersetzung: […] ebenso. Nachdem man [dies] zusammengetragen hat, soll man anschließend mit dem Sadhana beginnen, Schönangesichtige.

Erläuterung: Die vorhergehende Versposition 83.8 ist vollständig verloren.

83.10

caturhastapramāṇena kṛtvā maṇḍalakaṃ śubham ।
gomūtragomayenaiva rocanāgandhavāriṇā ॥

Übersetzung: Man fertigt ein glückverheißendes Mandala von vier Ellen Ausdehnung an, mit Kuhurin und Kuhdung sowie mit Wasser aus Rochana und Duftstoffen.

83.11

kṛtvāstāryya tato mantrī paṭaṃ pretagṛhodgatam ।
tasyopari tato nyasya vṛddhipātraṃ suvistṛtam

Übersetzung: Nach dessen Herstellung breitet der Mantrin ein Tuch aus, das vom Totenhaus stammt. Darauf setzt er das weit ausladende Vriddhi-Gefäß.

Erläuterung: Vṛddhipātra ist an dieser beschädigten Stelle eine unsichere Gefäßbezeichnung; die folgende Versposition 83.12 ist vollständig verloren.

Textlücke: 83.12: vollständige Textlücke; kein Sanskritwortlaut und keine Übersetzung überliefert.

83.13

sveṣṭayāgopari yaṣṭvā japañ cāstrādikaṃ bhavet ।
paścān mūlaguṇaṃ yojya ūrddhadṛṣṭis tu sādhakaḥ ॥

Übersetzung: Nachdem man über der eigenen bevorzugten Verehrungsanordnung geopfert hat, folgt die Rezitation des Astra und der übrigen [Mantras]. Danach soll der Sadhaka die Mula-Folge anwenden und den Blick aufwärts richten.

Erläuterung: Mūlaguṇa ist textlich unsicher und wird hier nur vorläufig als Folge des Wurzelmantras verstanden.

83.14

yāvat kṣapārddhamūlaṃ vā tāvad ūṣmā pravarttate ।
dhūmañ cātras tato jvālā hastamātrā prajāyate ॥

Übersetzung: Bis etwa zur Mitte der Nacht entsteht Wärme; dann Rauch und darauf eine Flamme von einer Elle Höhe.

Erläuterung: Die Zeitangabe kṣapārddhamūla ist ungewöhnlich und in der Edition unsicher markiert.

83.15

yāvad daśadiśābhogaṃ ravākulitabhīṣaṇam ।
devī […] ॥

Übersetzung: Bis in die Weite der zehn Richtungen [erscheint etwas], schrecklich und von Lärm erfüllt. Die Göttin […]

Erläuterung: Das Verb und der weitere Zusammenhang sind durch Textverlust unklar.

83.16

[…] ।
[…] ha samācaret ॥

Übersetzung: […] soll man ausführen.

Erläuterung: Bis auf diesen Satzrest ist der Vers verloren.

83.17

na ca sambhāṣaṇaṃ kuryād yāva śāran na saṃsthitam ।
upaviṣṭe tatas tasmiṃ samantād bhairavārccite ॥

Übersetzung: Man soll kein Gespräch beginnen, solange [der Erscheinende] sich noch nicht niedergelassen hat. Wenn er dann sitzt, ringsum von Bhairavas verehrt,

Erläuterung: Die Lesung yāva śāran ist unsicher; der Satz setzt sich in 83.18 fort.

83.18

arghapātraṃ gṛhītvā tu surāsavasupūritam ।
arghan datvā namaskṛtvā kapālan tu nivedayet ॥

Übersetzung: soll man das mit Surasava gefüllte Arghya-Gefäß nehmen, die Ehrengabe darbringen, sich verneigen und die Schädelschale überreichen.

Erläuterung: Surasava ist ein alkoholisches Getränk.

83.19

siddham etan mahāpātraṃ prasādāt tava bhairava
[…] ॥

Übersetzung: „Durch deine Gnade, Bhairava, ist dieses große Gefäß zur Vollendung gebracht.“ […]

Erläuterung: Die zweite Vershälfte fehlt. Der erhaltene Satz wird deshalb nicht als vollständige Rezitationsformel in die Mantrasammlung aufgenommen.

83.20

[…] ।
[…] tato nātha bhairaveśolbaṇānanaḥ ।
uvāca sādhu sādhviti satvenānena suvrata ॥

Übersetzung: […] Darauf sprach der Herr Bhairava mit seinem furchtbaren Gesicht: „Gut, gut! Durch diese deine Entschlossenheit, du Getreuer,

Erläuterung: Der Anfang ist verloren; die Rede geht weiter.

83.21

nāptaṃ yad devagandharvaiḥ siddharudradivākaraiḥ ।
tad idaṃ dātum udyato na tvayā sadṛśo ’khile ॥

Übersetzung: bin ich bereit, dir das zu geben, was Götter, Gandharvas, Siddhas, Rudras und der Sonnengott nicht erlangt haben. Dir gleicht niemand in der ganzen

83.22

jagaty asmin mahāsatva yogyo vā bhairavīpadam ।
matprasādān mahāsatva yoginīkulanandanaḥ

Übersetzung: Welt, Großherziger. [Wer sonst wäre] geeignet für die Bhairavi-Stufe? Durch meine Gnade, Großherziger, bist du die Freude der Yogini-Familien.“

Erläuterung: Der Text wechselt zwischen einer Aussage über die Eignung und einer Anrede; die Deutung von yoginīkulanandana bleibt vorläufig.

83.23

[…] ।
[…] baladarppitāḥ ।
tvattejānalasaṃdagdhā dhvaṃsaṃ yāsyanti niścitam ॥

Übersetzung: „[…] von ihrer Kraft überheblich, werden sie, vom Feuer deiner Macht verbrannt, gewiss zugrunde gehen.“

Erläuterung: Der Bezug auf die zu vernichtenden Wesen ist in der Textlücke verloren; er wird nicht ergänzt.

83.24

bhairavyā ca tathāpy evaṃ kṛto mātṛgaṇādhipaḥ ।
kapālasādhanenāyaṃ dvitīya iva bhairavaḥ ॥

Übersetzung: Ebenso macht Bhairavi ihn zum Herrn der Mütterschar. Durch dieses Sadhana der Schädelschale wird er gleichsam zu einem zweiten Bhairava.

83.25

bhayadātā ca karttā ca devāsuramahoragām ।
dravyāṇi susahāyebhyo datvotpatati khetale

Übersetzung: Er verbreitet Furcht und gebietet über Götter, Asuras und große Schlangenwesen. Nachdem er die [rituell behandelten] Stoffe seinen guten Gefährten gegeben hat, fliegt er in den Himmel empor.

Erläuterung: Die Wortfolge des letzten Viertels ist in der Edition unsicher markiert.

Textlücke: 83.26: vollständige Textlücke; kein Sanskritwortlaut und keine Übersetzung überliefert.

83.27

dhūmāyite ’pi deveśi siddhavidyādharādhipaḥ ।
kṛtāntarddhānasiddhis tu vicaret māyāgocaram ॥

Übersetzung: Schon beim Auftreten von Rauch, Herrin der Götter, [wird er] Herr der Siddhas und Vidyadharas. Nachdem er die Fähigkeit des Unsichtbarwerdens erlangt hat, soll er sich im Bereich der Maya bewegen.

Erläuterung: Versposition 83.26 ist vollständig verloren. Die Zuordnung zu den Erscheinungszeichen setzt die Folge von 83.14 voraus.

83.28

ūṣmāyite ’pi deveśi lavaṇāmbhodharaṃ kṣaṇāt ।
bhramate saptadvīpāṃś ca na majjanty udakādiṣu ॥

Übersetzung: Schon beim Auftreten von Wärme, Herrin der Götter, durcheilt er im Augenblick den Salzozean und die sieben Kontinente. Er sinkt im Wasser und dergleichen nicht unter.

83.29

nāsya rodhayitā kaścid devāsuramahoragām ।
[…] ।
[…] ॥

Übersetzung: Niemand unter den Göttern, Asuras und großen Schlangenwesen vermag ihn aufzuhalten. […]

Erläuterung: Der weitere Vers ist verloren.

devy uvāca

Die Göttin sprach:

83.30

kasmiṃ kapālam utpannaṅ khaṭvāṅgañ ca maheśvara ।
yena dhārayase nityañ gaṇamātṛniṣevitaḥ ॥

Übersetzung: Maheshvara, woher stammen die Schädelschale und der Khatvanga, die du stets trägst, umgeben von Ganas und Müttern?

Erläuterung: Die Göttin stellt die Frage nach den Ursprüngen der beiden Ritualgegenstände.

83.31

pramāṇañ caiva mudrāṇāṃ kasyaiva ca katham vidhiḥ
adhidevaḥ phalañ caiva yena vindanti sādhakāḥ ॥

Übersetzung: Und welches Maß haben die Mudras, wem gehören sie, und wie lautet das Verfahren? Welche Gottheit steht über ihnen, und welchen Ertrag gewinnen die Sadhakas durch sie?

Erläuterung: Die Syntax der Fragen ist teilweise unsicher. Mudras bezeichnet hier wiederum die rituellen Kennzeichen und Schmuckstücke.

bhairava uvāca ॥

Bhairava sprach:

83.32

śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ sarvvasiddhipravarttakam
sambhavan tu kapālasya khaṭvāṅgasya tathaiva ca

Übersetzung: Höre, Göttin, das höchste Geheimnis, das alle Siddhis in Gang setzt: den Ursprung der Schädelschale und ebenso des Khatvanga.

Erläuterung: Bhairava antwortet.

83.33

[…] ।
[…] danādy eva jagat sthitam ॥

Übersetzung: […] die Welt besteht […]

Erläuterung: Der erhaltene Wortrest danādy erlaubt keine sichere Ergänzung des verlorenen Satzes.

83.34

rudraiś ca śaktisaṃghais tu citaṃ sarvvaṃ mahātmane ।
tadicchānukaraś cāham […] ॥

Übersetzung: Alles ist mit Rudras und Scharen von Shaktis erfüllt, Großherzige. Ich folge diesem Willen […]

Erläuterung: Die zweite Hälfte bricht ab.

83.35

seyaṃ kriyātmikā śaktis sā cecchā tvaṃ virājase ।
māyā śṛṣṭi tathā kānti dhṛtir buddhir varānane ॥

Übersetzung: Diese Shakti hat das Handeln zu ihrem Wesen; als jener Wille erstrahlst du. [Du bist] Maya, Schöpfung, Schönheit, Standhaftigkeit und Einsicht, Schönangesichtige.

Erläuterung: Die syntaktische Verbindung zur verlorenen Umgebung bleibt teilweise offen.

Textlücke: 83.36: vollständige Textlücke; kein Sanskritwortlaut und keine Übersetzung überliefert.

83.37

[…] vapuṣā tvayā ।
prerayitvā niyuṅkṣāmi sṛṣṭisaṃhāravartmani ॥

Übersetzung: […] mit dir in [dieser] Gestalt. Nachdem ich [sie] angetrieben habe, setze ich [sie] auf den Weg der Schöpfung und Auflösung.

Erläuterung: Versposition 83.36 ist vollständig verloren. Das Objekt der Handlung steht nicht im erhaltenen Text.

83.38

saṃhāre ’pi parārddhānte vyatikrānte hutāśanaḥ ।
kālarūpo ’dhvasaṃsthānaṅ kramād adaham udyataḥ ॥

Übersetzung: Bei der Auflösung, nachdem der äußerste Weltzeitraum vergangen war, erhob ich mich als Feuer in Gestalt der Zeit und verbrannte nach und nach die Anordnung der Weltstufen.

Erläuterung: Adhvan bezeichnet hier die kosmische Ordnung beziehungsweise die Gesamtheit ihrer Stufen.

83.39

anekatuṭiparyyāyaiḥ svatatvakṛtasaṃkhyayā ।
narakādikamāyāntan dadāha prabhu-r-icchayā ॥

Übersetzung: In vielen aufeinanderfolgenden Zeitaugenblicken, deren Zahl sich nach der jeweiligen eigenen Tattva-Stufe richtete, verbrannte [alles] von den Höllen bis zur Maya nach dem Willen des Herrn.

83.40

sṛṣṭaṃ sṛṣṭaṃ punas tasmai mahāpralayatāṃ yadā ।
gatam mayodare devi tamobhūtaṃ jagat tadā ॥

Übersetzung: Wenn das jeweils Erschaffene wieder in die große Auflösung eingegangen ist, befindet sich die zur Finsternis gewordene Welt in meinem Leib, Göttin.

Erläuterung: Der Satz ist grammatisch unregelmäßig; die unsichere Wiederholung wird bewahrt.

83.41

evaṃ dehabhṛtāṃ sarvvāṅ kapālāni jagrāha tāṃ ।
kapālamālinaṃ rūpaṃ kṛtvā krīḍāmi cecchayā ॥

Übersetzung: So nahm ich die Schädel aller verkörperten Wesen an mich. Eine mit einer Schädelgirlande geschmückte Gestalt annehmend, spiele ich nach meinem Willen.

Erläuterung: Der Sanskrittext wechselt in der ersten Hälfte formal in die dritte Person; der Zusammenhang ist Bhairavas Selbsterzählung.

83.42

yāni nārāṇy anekāni tadadhvānanivāsinām ।
kaṭakeyūrasūtrāṇi kaṭideśe ca tāni tu

Übersetzung: Die vielen Knochen der Bewohner jener Weltstufen [werden zu] Hand- und Oberarmreifen, Schnüren und [Schmuck] im Hüftbereich.

Erläuterung: Nārāṇi ist eine seltene Bezeichnung für die hier verwendeten Knochen; der letzte Teil des Verses ist textlich unsicher.

83.43

maccharīragatan dṛṣṭvā sūkṣmeṇa vapuṣādhvanam ।
līnaṃ liṅgākṛtitvena prakhyāto bhuvaneśvaraiḥ ॥

Übersetzung: Die Weltenherren sahen die Weltstufen in feiner Gestalt in meinen Körper eingegangen und darin aufgelöst; deshalb wurde ich von ihnen als der mit der Gestalt des Linga bezeichnet.

Erläuterung: Linga bezeichnet hier die kosmische Gestalt beziehungsweise das Zeichen Shivas.

83.44

kapālamālinaṃ dṛṣṭvā kālānte bhuvanādhipaiḥ ।
kāleśvaraṃ kapālīśaṃ paryyāyena tu bhāṣitam ॥

Übersetzung: Als die Weltenherren mich am Ende der Zeit mit einer Schädelgirlande sahen, nannten sie mich abwechselnd Kaleshvara, „Herr der Zeit“, und Kapalisha, „Herr der Schädelschale“.

83.45

saṃhārantaṃ svakālena dṛṣṭvā raudraṃ maheśvari ।
bhairavaṃ bhairavākāraṃ sarvvādhvavihiteritam ॥

Übersetzung: Als sie mich zur jeweils bestimmten Zeit in furchtbarer Gestalt [alles] auflösen sahen, Maheshvari, wurde ich von den in allen Weltstufen Weilenden Bhairava genannt, der von schrecklicher Gestalt.

83.46

anāmo ’pi hi deveśe nāmakoṭibhir īśvaraiḥ ।
yair yair eva yadā dṛṣṭas tais tais tadvad udāhṛtaḥ ।
tvañ ca tenaiva rūpeṇa tadā tajjñair udāhṛtā ॥

Übersetzung: Obwohl ich namenlos bin, Herrin der Götter, werde ich von den jeweiligen Herren mit Millionen Namen bezeichnet – je nachdem, in welcher Weise sie mich sehen. Und auch du wirst von den Kundigen entsprechend jener Gestalt benannt.

Erläuterung: Der Vers besitzt drei Halbverse.

83.47

tamomaye tatas tasmiṃ pralīne sakalādhvani ।
kṛtādhāro nirādhāraḥ svaśaktivihitāsanaḥ ॥

Übersetzung: Als dann die gesamte Weltordnung in jene Finsternis aufgelöst war, schuf ich mir einen Halt, obwohl ich ohne Halt bin; meine eigene Shakti bereitete mir den Sitz.

83.48

tatve sadeśvare devi yogakrīḍāsulālasaḥ ।
samādhau tu pare tatve sati jñāne samarppite ॥

Übersetzung: In der Tattva-Stufe Sadashivas, Göttin, verlangte ich nach dem Spiel des Yoga. In Samadhi war das Erkennen dem höchsten Tattva hingegeben.

Erläuterung: Sadeśvara wird im Zusammenhang der göttlichen Stufe als Sadashiva verstanden; die beiden Verse 83.47–49 bilden einen zusammenhängenden Satz.

83.49

tamasā vyāpitan tūrṇṇaṃ śarīraṃ yaj jagāśrayam ।
yoganidreva sā bhāti vṛttis tu mama suvrate ॥

Übersetzung: Rasch wurde mein Körper, der Halt der Welt, von Finsternis durchdrungen. Dieser mein Zustand erscheint wie Yogaschlaf, Getreue.

83.50

gate parārddhakāle ’ntye śivecchā bodhite punaḥ ।
maccharīre viniryātaṃ yat tatvaṃ yatra saṃhṛtam ॥

Übersetzung: Als der äußerste Weltzeitraum vergangen war und Shivas Wille [mich] wieder geweckt hatte, trat aus meinem Körper jedes Tattva dort hervor, wo es zuvor aufgelöst worden war.

83.51

bhāvabhūtamayaṃ viśvaṃ māyādyavanigocaram ।
visṛṣṭañ kāraṇecchāto vicitran tu yathā tathā ॥

Übersetzung: Die aus Zuständen und Wesen bestehende Welt, deren Bereich von Maya bis zur Erde reicht, wurde nach dem Willen ihrer Ursache wieder in ihrer jeweiligen Vielfalt hervorgebracht.

83.52

paramāṇusamūhan tu pārthivaṃ tadasaṅgatam ।
yogena svedam utpādya saṃgṛhītaṃ varānane ॥

Übersetzung: Die Ansammlung erdhafter Atome, die dabei noch unverbunden war, sammelte ich, Schönangesichtige, indem ich durch Yoga Schweiß entstehen ließ.

83.53

kṛtvā karatale tan tu mathitaṃ śaktiyojanāt ।
atyuṣṇatāṃ samāyātam dṛśā tac ca nirīkṣaṇe

Übersetzung: Ich legte sie in meine Handfläche und rieb beziehungsweise quirlte sie durch die Verbindung mit Shakti. Als mein Blick darauf fiel, wurde sie überaus heiß.

Erläuterung: Die Verbindung der letzten Wörter ist unsicher.

83.54

tattejasā vipakvaṃ hi kaṭhinaṃ kāñcanāmayam ।
vibhāti karamadhyasthaṃ bhānukoṭisamaprabham ॥

Übersetzung: Von jener Glut durchgebrannt, fest und aus Gold bestehend, leuchtet [das Gebilde] in meiner Hand, so strahlend wie Millionen Sonnen.

83.55

triguṇaṃ tritayādhāraṃ lokapālaniketanam ।
caturddaśakulāvāsaṃ tannidhir bhogamokṣayoḥ ॥

Übersetzung: Es besitzt die drei Gunas, ist der Halt der Dreiheit und die Wohnstätte der Weltenhüter, der Aufenthaltsort der vierzehn Familien und der Schatz von Erfahrung und Befreiung.

Erläuterung: Die Entstehung des kosmischen Eies wird mit der später erläuterten Schädelschale verbunden.

83.56

tattrānte satvajanmā vai brahmā kṣipto gurutvayā
sṛṣṭau tu prākkṛtaḥ so vai buddhau vyaktigatas tu yaḥ ॥

Übersetzung: In sein Inneres wurde Brahma versetzt, der aus Sattva Geborene, aufgrund seiner Vorrangstellung. Er wurde für die Schöpfung zuerst geschaffen, jener, der in der Buddhi offenbar geworden ist.

Erläuterung: Die Aussagen über den Vorrang Brahmas und seine Manifestation sind textlich teilweise unsicher.

83.57

prajānāṃ kāraṇaṃ so vai vivekañ samprakāśakaḥ ।
dvitīyo ’pi tato devi tamasā satvayojanāt ॥

Übersetzung: Er ist die Ursache der Geschöpfe und macht die Unterscheidung sichtbar. Darauf [entstand] ein Zweiter, Göttin, durch die Verbindung von Sattva mit Tamas.

Erläuterung: Das Geschehen setzt sich in 83.58 fort.

83.58

ubhābhyān tu rajomūrttiḥ nirmitaḥ kāraṇecchayā ।
so ’dhipālanayogāya tadaṇḍe sanniveśitaḥ ॥

Übersetzung: Aus beiden wurde nach dem Willen der Ursache eine Gestalt aus Rajas gebildet. Sie wurde in jenes Ei eingesetzt, um die Aufgabe des Erhaltens zu übernehmen.

83.59

svasvabhāvasthitau tau tu karttṛtve tamasā hitau
preritau tu mayā devi tamasā sṛṣṭihetunā ॥

Übersetzung: Beide ruhten in ihrer eigenen Natur und wurden durch Tamas in die Vorstellung des eigenen Handelns versetzt. Ich trieb sie an, Göttin, durch Tamas als Ursache der Schöpfung.

83.60

tad rajobhāvasampannaṃ rūpaṃ yad dhy abhilāṣajam ।
satvaṃ saṃkṣobhayām āsa brahmajaṃ rajasā mahān ॥

Übersetzung: Jene von Rajas erfüllte, aus Verlangen entstandene Gestalt erschütterte mächtig durch Rajas das zu Brahma gehörende Sattva.

Erläuterung: Die Satzform und der Subjektsbezug sind unregelmäßig; die Übersetzung folgt der Gegenüberstellung der beiden Gestalten.

83.61

vikṣobhitaṃ yadā tan tu muktvā satvātmatāṃ punaḥ ।
mama dviṣati ko ’nyo ’sti matsamo ’tra mahītale ॥

Übersetzung: Als dieses erschüttert wurde und seine Sattva-Natur aufgab, [sprach Brahma:] „Wer sonst tritt mir entgegen? Wer auf dieser Erde ist mir gleich?“

83.62

dadṛśuś cāgrato viṣṇum atikāntavapuṣmatam ।
kas tvaṃ bho iti saṃjñāya tamasā yojito mayā ॥

Übersetzung: Er sah vor sich Vishnu mit überaus schöner Gestalt. „Wer bist du, he!“, sprach er ihn an, von mir mit Tamas verbunden.

83.63

saṅkruddhas tu tatopendro jagaty asmiṃ prabhur varaḥ ।
ahaṅkarttā iti so ’pi ūcur viśvātmānaṃ prati

Übersetzung: Da wurde Upendra zornig: „Ich bin der höchste Herr in dieser Welt, ich bin der Schöpfer!“ So sprach auch er zu jenem, der die Welt zum Selbst hat.

Erläuterung: Upendra bezeichnet Vishnu; die Verbalform ūcur ist im Singularzusammenhang nichtklassisch.

83.64

manobuddhibhavau dvau tu tayo ’haṃ haṅkṛtātmayān
prerako ’ham iti svena mamatvenātimohitāḥ ॥

Übersetzung: Die beiden, die mit Manas und Buddhi verbunden sind, [denken:] „Ich bin [ihr] Selbst; ich bin der Antreibende!“ So sind sie durch ihre eigene Ich- und Meinvorstellung völlig verblendet.

Erläuterung: Die erste Hälfte ist syntaktisch verderbt beziehungsweise unsicher hergestellt; der erkennbare Sinn betrifft die Ich-Zuschreibung an Geist und Erkenntnisvermögen.

83.65

vivādānantaraṃ yuddhaṃ tayor jātaṃ parasparam ।
dṛṣṭyā vācā bhujābhyāṃ tu muṣṭibhiś ca tato ’yudhaiḥ ॥

Übersetzung: Nach dem Streit entstand zwischen beiden ein Kampf: mit Blicken und Worten, mit Armen und Fäusten und dann mit Waffen.

83.66

ājaṅghnatu mahāvīryau kṛtavantau parasparam ।
dordaṇḍaśabdanirghātaṃ śastrasaṅghapadāhatā ॥

Übersetzung: Die beiden Mächtigen schlugen aufeinander ein. Sie erzeugten gewaltiges Getöse mit ihren kräftigen Armen, mit Waffenhieben und Fußtritten.

Erläuterung: Das letzte Viertel ist grammatisch unregelmäßig.

83.67

bhūr nanardda diśaḥ sarvvāḥ sphuṭantīva mahāyaśe ।
dyudhāritrī ubhe yadvat milituṃ tu samicchate ॥

Übersetzung: Die Erde dröhnte, alle Richtungen schienen zu zerbersten, Ruhmreiche. Himmel und Erde waren, als wollten sie zusammenstoßen.

83.68

gṛdhrasañchannagaganaṃ śivāvipulāvitan tathā ।
ghanastanitanirghoṣañ jvaladagnipravarṣaṇam ॥

Übersetzung: Der Himmel war von Geiern bedeckt und von Schakalinnen erfüllt; es ertönte gewaltiger Wolkendonner, und brennendes Feuer regnete herab.

Erläuterung: Śivā bezeichnet hier wie in Kapitel 21 Schakalin, nicht den Gott Shiva.

83.69

bhramadbhiḥ bhramate ’tyarthaṃ maṇḍalañ cakracoditam ।
patanty antrakapālogrāḥ sunirghātamahāsvanāḥ ॥

Übersetzung: Die kreisende Welt wirbelt heftig, von einem Rad angetrieben. Schreckliche [Gebilde] aus Eingeweiden und Schädeln stürzen herab, mit gewaltigem Krachen und Getöse.

Erläuterung: Beide Hälften enthalten unsichere Textverbesserungen; die genaue Gestalt des Unheilszeichens bleibt offen.

83.70

pracaṇḍavātavalitā giriśṛṅgā diśo diśaḥ ।
mahāpralayam āyāntaṃ dṛṣṭvā yuddhe tayos tv idam ॥

Übersetzung: Berggipfel wurden von heftigem Wind in alle Richtungen geworfen. Als ich sah, dass in ihrem Kampf diese große Weltauflösung herannahte,

Erläuterung: Der Satz führt über die nächsten Verse hinweg weiter.

83.71

mahārṇṇavasukallolavīcisaṅghaṭṭasaṃkulam ।
atyantatamasā labdhaṃ yuddhaṃ dṛṣṭvā sudāruṇam ॥

Übersetzung: voller Zusammenstöße gewaltiger Wogen des Ozeans, als ich den überaus schrecklichen, von tiefster Finsternis ergriffenen Kampf sah,

83.72

cintayitvā vinā devi vināśam upagacchatam ।
darppopaśamanan tābhyāṃ kṛtaṃ svenaiva dehinā ॥

Übersetzung: bedachte ich, Göttin: „Beide sollen nicht zugrunde gehen.“ Ich bewirkte daher die Beruhigung ihres Hochmuts durch meinen eigenen Körper.

Erläuterung: Die Wendung vinā … vināśam ist knapp und unregelmäßig; der folgende Eingriff beendet den Kampf, ohne die beiden Götter zu vernichten.

83.73

ekārṇṇave mahāghore liṅgarūpiṇatejasam ।
kṛtvā tābhyantarasthan tu vinivāryya parasparam ॥

Übersetzung: Im einzigen, schrecklichen Weltenozean ließ ich einen Glanz in Linga-Gestalt zwischen ihnen erstehen und hielt sie voneinander zurück.

83.74

saṅlagnabāhuyuddhan tu gataroṣaṃ mahātmane ।
kṣaṇād ameyarūpo ’ham adhorddhan tu vyavasthitaḥ ॥

Übersetzung: Ihr Kampf mit ineinander verschränkten Armen wurde vom Zorn befreit, Großherzige. In einem Augenblick stand ich in unermesslicher Gestalt nach unten und nach oben ausgedehnt.

83.75

mahākālāgnirocibhi trāsayitvā ubhau priye ।
mūrcchākulīkṛtau tau tu yathā syur dīnatāṅ gatau ॥

Übersetzung: Mit dem Glanz des großen Feuers der Zeit erschreckte ich beide, Geliebte, sodass sie von Ohnmacht überwältigt und demütig wurden.

83.76

vismitau ca varārohe liṅgan dṛṣṭvā sujvalanam ।
naivāśmakāñcanan tāraṃ nārakūṭan na lohajam ॥

Übersetzung: Sie staunten, Schöngestaltige, als sie das hell flammende Linga sahen: Es war weder aus Stein noch aus Gold oder Silber, weder aus Messing noch aus Eisen,

83.77

traputāmrāsisajātim vā naiva kānsaṃ na cānyajam ।
tejarūpaṃ mahātejaṃ dṛg muṣantaṃ divaukasoḥ

Übersetzung: weder aus Zinn, Kupfer oder Schwertstahl, auch nicht aus Bronze oder irgendeinem anderen Stoff. Seine Gestalt war Licht, gewaltiges Licht, das den Blick der beiden Götter überwältigte.

Erläuterung: Der letzte Halbvers ist teilweise unsicher hergestellt.

83.78

tau sametya gatau dvau tu adhorddhaṃ puruṣottamau ।
adṛṣṭvāntaṅ gatau bhītau stotum ārabdham īśvaram ॥

Übersetzung: Die beiden höchsten Wesen kamen zusammen, nachdem sie nach unten und nach oben gegangen waren. Sie hatten kein Ende gesehen, waren erschrocken und begannen, den Herrn zu preisen.

83.79

namaḥ kālānalogrāya śivāyāśivahāriṇe ।
avyaktavyaktarūpāya sthūlasūkṣmāya śambhave ॥

Übersetzung: Verehrung dem, der furchtbar ist wie das Feuer der Zeit, Shiva, der das Unheil wegnimmt; dem, dessen Gestalt unmanifestiert und manifestiert, grob und fein ist – Shambhu, dem Heilbringenden!

83.80

jñānātmavṛtticetāya namo bhūtakriyātmane ।
anantāya amūrttāya anāthānāśritāya ca ॥

Übersetzung: Verehrung dem Bewusstsein, dessen Wirken Erkenntnis zum Wesen hat; dem, der das Handeln der Wesen zum Selbst hat, dem Unendlichen, Gestaltlosen, der Zuflucht der Schutzlosen!

Erläuterung: Der erste Ausdruck jñānātmavṛtticetāya ist in der Edition als unsicher gekennzeichnet. Der gesamte dreiversige Lobpreis ist deshalb nicht als vollständig gesicherte Formel erschlossen; die syntaktisch abgeschlossenen Strophen 83.79 und 83.81 stehen einzeln in der begleitenden Rezitationssammlung.

83.81

tejasvināṃ mahāteja dīptajvālādhārāya ca ।
bhūrbhuvaḥsvaḥsvarūpāya kharūpāya mahātmane ।
mahāsāmya mahāliṅga mahādevāya vai namaḥ ॥

Übersetzung: O großer Glanz der Strahlenden! Verehrung dem Träger hell leuchtender Flammen, dem, dessen Gestalt Bhur, Bhuvah und Svah ist, dem raumgleichen großen Selbst! O große Gleichheit, o großes Linga – Verehrung Mahadeva!

Erläuterung: Bhur, Bhuvah und Svah sind hier die drei Welten Erde, Zwischenraum und Himmel. Der Vers besteht aus drei Halbversen.

83.82

evaṃ yāva stuto devi tayor devātmikā girā ।
āvirbhūtas tu vai tābhyāṃ svarūpeṇa gaṇāmbike ॥

Übersetzung: Während ich so durch die göttlichen Worte der beiden gepriesen wurde, Göttin, erschien ich ihnen in meiner eigenen Gestalt, Mutter der Ganas.

83.83

kṛtvā tu bhairavaṃ rūpaṃ kālan dvādaśalocanam ।
kapālamālinaṃ bhīmaṃ visphuracchūlapāṇinam ॥

Übersetzung: Ich nahm die schwarze Gestalt Bhairavas an, mit zwölf Augen, einer Schädelgirlande, furchterregend, mit einem flammenden Dreizack in der Hand.

83.84

mahoragopavītan tu visphuliṅgaṃ havirmukham ।
khaṭvāṅgadhāriṇan tryakṣaṅ kapālakarabhāsuram ॥

Übersetzung: Eine große Schlange war meine heilige Schnur; Funken sprühten, mein Mund war Feuer. Ich trug den Khatvanga, war dreiäugig und glänzte mit der Schädelschale in der Hand.

Erläuterung: Die zwölf Augen von 83.83 und die Dreiäugigkeit hier werden beide bewahrt; die Darstellung lässt sich als mehrere dreiäugige Gesichter verstehen, ohne dass dieser Vers die Anzahl der Gesichter ausdrücklich nennt.

83.85

ghoṇaśabdakṛtottrāsaṃ devāsuramahoragām ।
draṃṣṭrākarālavadanam vidyulolāvilokitam

Übersetzung: Der Laut meiner Nase beziehungsweise meines Schnaubens versetzte Götter, Asuras und große Schlangenwesen in Schrecken. Mein Gesicht war von Hauern furchtbar, mein Blick zuckte wie ein Blitz.

Erläuterung: Der Ausdruck zum Blick ist unsicher markiert.

83.86

dṛṣṭvā tu bhayam āpannau sthitau sanmīlitekṣaṇau ।
prāśvāsitau mahādevau pṛcchato vratam uttamam ॥

Übersetzung: Bei diesem Anblick gerieten beide in Furcht und standen mit geschlossenen Augen da. Nachdem die beiden großen Götter beruhigt worden waren, fragten sie nach der höchsten Observanz.

83.87

kim etad adbhutaṃ rūpaṃ kim etad bhūṣaṇaṃ vibho ।
kim etad bhrājate vyomni triśikhaṃ śūlam ujvalam ॥

Übersetzung: „Was ist diese wunderbare Gestalt, und was ist dieser Schmuck, Allgegenwärtiger? Was ist dieser leuchtende Dreizack mit seinen drei Spitzen, der im Himmel erstrahlt?“

83.88

uttamāṅgaṃ śubhaṃ kasya yat te karatalasthitam ।
mahāsthibhūṣaṇañ caitat kaṃtanūtthaṃ virājate ॥

Übersetzung: „Wessen glückverheißender Kopf befindet sich in deiner Handfläche? Und aus wessen Körper stammt dieser große Knochenschmuck, der hier erstrahlt?“

Erläuterung: Die Form kaṃtanūtthaṃ ist ungewöhnlich; sie wird aus der Frage nach dem Ursprung verstanden.

83.89

tato ’haṃ pratyuvācedaṃ tayoḥ saṃbodhakaṃ vacaḥ ।
anekamuṇḍakoṭibhir yeyaṃ mālā vibhāti me ॥

Übersetzung: Darauf antwortete ich ihnen mit diesen aufklärenden Worten: „Diese Girlande, die an mir aus vielen Millionen Schädeln erstrahlt,

83.90

asaṅkhyabhuvanīśānāṃ pralaye tanujais tathā ।
vinibaddhā tu he brahma vinaṣṭānāṃ punaḥ punaḥ ॥

Übersetzung: ist aus den Körpern zahlloser Weltenherren geknüpft, Brahma, die bei den Weltauflösungen immer wieder zugrunde gehen.“

Erläuterung: Die erste Hälfte enthält eine unsichere Lesung.

83.91

yāni nārāṇy aśeṣāṇi grīvābāhukaṭisthitām ।
nārāyaṇa tvadīyāni bhuvanīśāñ ca saṃkṣaye ॥

Übersetzung: „Die sämtlichen Knochen, die sich an Hals, Armen und Hüfte befinden, Narayana, stammen von dir und den Weltenherren bei ihrem Untergang.“

Erläuterung: Nach diesem Vers markiert die Edition einen weiteren Textverlust unbekannten Umfangs. Die folgende Nummer 83.92 setzt nach dieser Lücke ein.

Textlücke: Zwischen 83.91 und 83.92 fehlt Text unbekannten Umfangs.

83.92

māyayā māṃsam āvṛtya tatkṣaṇāt kṣobhyam udyataḥ
mayāpi so tv anāyāsā hūṃkāreṇa niyāmitaḥ ॥

Übersetzung: „[…] Mit Maya Fleisch umhüllend, erhob er sich im selben Augenblick, um [mich] zu erschüttern. Ich aber hielt ihn mühelos mit einem Hum-Ruf zurück.“

Erläuterung: Der Anfang der Erzählung fehlt. Die Lesung tatkṣaṇāt kṣobhyam udyataḥ ist unsicher. Der Hum-Ruf steht hier in einer mythologischen Kampfszene, nicht in einer Rezitationsvorschrift.

83.93

khaṭvāsureti vikhyāto asuro devakaṇṭakaḥ ।
tadante līlayā devi śaktyāviṣṭena cetasā ।
ghātito hi kṣaṇād duṣṭo vidhvaṃsya baladarppitaḥ ॥

Übersetzung: „Der Asura war als Khatvasura bekannt, ein Dorn für die Götter. Schließlich vernichtete ich den Bösen, der auf seine Kraft stolz war, spielend in einem Augenblick, Göttin, mit von Shakti erfülltem Geist.“

83.94

tasyāṅgaṃ śīghram ādāya divyavajramayaṃ mahāṃ ।
dhṛtaṃ mahāyudhaṃ yasmāt khaṭvāṅgan tu tatas tv idam

Übersetzung: „Seinen mächtigen, aus göttlichem Vajra bestehenden Körper nahm ich sogleich und trug ihn als große Waffe. Weil es Khatvas Körper ist, heißt dieser Gegenstand Khatvanga.“

Erläuterung: Die Erklärung ist eine mythische Wortdeutung des Textes; der letzte Ausdruck ist unsicher markiert.

83.95

etac chrūtvā tu tau devau praṇipatya punaḥ punaḥ ।
janmamṛtyubhayatrastau punaś cāśvāsitau mayā ॥

Übersetzung: „Als die beiden Götter dies hörten, verneigten sie sich immer wieder. Von der Furcht vor Geburt und Tod erschreckt, wurden sie erneut von mir beruhigt.“

83.96

datvā varasahasrāṇi buddhikāmānusārataḥ ।
sṛṣṭiṅ kuruṣva he brahma tvaṃ pālaya janārddana ॥

Übersetzung: „Ich gewährte ihnen tausend Segen nach ihrem Denken und Wünschen: ‚Vollziehe die Schöpfung, Brahma! Du, Janardana, erhalte sie!‘“

83.97

ajitas triṣu lokeṣu subhagaś ca bhaviṣyasi ।
mama tulyabalo vatsa maccharīre bhaviṣyasi ॥

Übersetzung: „‚Du wirst in den drei Welten unbesiegbar und begnadet sein. Mein Sohn, du wirst mir an Kraft gleich und in meinem Körper gegenwärtig sein.‘“

83.98

prajānāṅ kāraṇaṃ brahma vivektā vedavādinām ।
satva-m-arthapravṛttānāṃ tvaṃ tu boddhā bhaviṣyasi ।
evam uktvā punaś cāham antarddhānam upāgataḥ ॥

Übersetzung: „‚Brahma, Ursache der Geschöpfe, du wirst der Unterscheidende unter den Veda-Verkündern und der Erkennende jener sein, die sich auf den Sinn des Sattva richten.‘ Nachdem ich so gesprochen hatte, wurde ich wieder unsichtbar.“

Erläuterung: Satva-m-artha ist unsicher; die drei Halbverse werden ohne Verkürzung wiedergegeben.

83.99

khaṭvāṅgasya samutpattiḥ kapālasya tu bhairavi ।
kathitā tu samāsena adhidevām ataḥ śṛṇu ॥

Übersetzung: Der Ursprung des Khatvanga und der Schädelschale wurde damit kurz erzählt, Bhairavi. Höre nun von den Gottheiten, die ihnen innewohnen.

83.100

tasyāṅgaṃ śīghram ādāya sarvvadevamayaṃ kṛtam ।
tatkeśāṅ gṛhya tattraiva mayā devi niveśitāḥ ॥

Übersetzung: Seinen Körper nahm ich sogleich und machte ihn zu einem Gebilde aus allen Gottheiten. Seine Haare nahm ich ebenfalls und brachte sie daran an, Göttin.

Erläuterung: Gemeint ist der Körper Khatvasuras im zuvor erzählten Mythos.

83.101

tasya vastrāṇi raktena carccayitvā śubhekṣaṇe ।
nirmitāni vicitrāṇi devāṅgāni dhvajāni tu ॥

Übersetzung: Seine Kleider bestrich ich mit Blut, Schönblickende, und fertigte daraus vielfältige Götterstoffe beziehungsweise Banner.

Erläuterung: Devāṅga ist hier eine Stoffbezeichnung; die Syntax der Aufzählung ist knapp.

Ein moderner Blick ins All als ergänzendes Bild. Die kosmische Ordnung des Brahma Yamala wird in seiner eigenen religiösen Sprache beschrieben.

83.102

mayūrahansapattrāṇi vinibaddhāni tattra tu ।
triguṇena tu sūtreṇa māyātantumayena tu ॥

Übersetzung: Pfauen- und Gänsefedern wurden daran befestigt, mit einer dreifachen Schnur, die aus dem Faden der Maya besteht.

83.103

tataḥ khaṭvāṅgamūlena anantaṃ sanniveśitam ।
śūlarūpas tu boddhavyo kālāgniḥ kāñcideśataḥ ॥

Übersetzung: An der Wurzel des Khatvanga wurde Ananta eingesetzt. In seiner Spitze ist das Feuer der Zeit zu erkennen, im Bereich des Beschlags.

Erläuterung: Die Lageangaben mūlena und kāñcideśataḥ sind knapp; die kosmische Setzung wird nicht zu einer vermeintlich eindeutigen technischen Zeichnung ergänzt.

83.104

tasyopariṣṭā narakā aṅgulāntaritās trayaḥ ।
pātālāś caiva lokāś ca upary upari saṃsthitāḥ ॥

Übersetzung: Darüber befinden sich die drei Höllen, jeweils eine Fingerbreite voneinander getrennt; darüber, Stufe um Stufe, die Unterwelten und die Welten.

83.105

sūtragranther adhastā tu brahmā tatra vyavasthitaḥ ।
tasyopari sthito viṣṇur mūrddhniś cāhaṃ varānane ॥

Übersetzung: Unter dem Schnurknoten befindet sich Brahma, darüber Vishnu, und am Scheitel bin ich, Schönangesichtige.

83.106

sitasūtre sthitaḥ satvo brahmā tattrādhidaivatam ।
rakte rajas tu vijñeyo viṣṇus tattrādhidaivatam ॥

Übersetzung: In der weißen Schnur weilt Sattva; Brahma ist ihre zugehörige Gottheit. In der roten ist Rajas zu erkennen; Vishnu ist dort die zugehörige Gottheit.

83.107

tamaḥ kṛṣṇe vijānīyād ahan tattrādhidaivatam ।
miśre cāvyaktam ity uktaṃ rajasatvatamomayam ॥

Übersetzung: In der schwarzen soll man Tamas erkennen; ich bin dort die zugehörige Gottheit. Im gemischten [Faden] wird das Unmanifestierte gelehrt, bestehend aus Rajas, Sattva und Tamas.

83.108

evaṃ pun niyatiḥ kālo māyā ca varavarṇṇini ।
piñchānām upariṣṭā tu saṃsthitāni yathākramam ॥

Übersetzung: Ebenso befinden sich Purusha, Niyati, Kala und Maya, Schönfarbige, in dieser Reihenfolge oberhalb der Federn.

Erläuterung: Pun ist eine gekürzte Form für Purusha; Niyati bezeichnet die Begrenzung durch die Ordnung, Kala die Zeit.

83.109

upariṣṭā tu yā kāñci granthis tatra vyavasthitā ।
yat triśūlopariṣṭā tu tattra śaktittrayaṃ viduḥ ॥

Übersetzung: Darüber befindet sich ein Beschlag beziehungsweise Knoten. Im oberen Teil des Dreizacks erkennt man die Dreiheit der Shaktis.

Erläuterung: Die räumliche Konstruktion ist sprachlich nicht ganz eindeutig; die drei Shaktis werden in 83.110 benannt.

83.110

vāmā jeṣṭhā ca raudrī ca vāmadakṣiṇamadhyagāḥ ।
upariṣṭā śivaṃ śāntaṃ sthitaṃ sarvvasya mūrddhani ॥

Übersetzung: Vama, Jyeshtha und Raudri befinden sich links, rechts und in der Mitte. Darüber, am höchsten Punkt des Ganzen, weilt der friedvolle Shiva.

83.111

kalā vidyā ca rāgaś ca pādake saṃvyavasthitāḥ ।
vāyu dhvaje sthito devi sarvvāsuparivāritaḥ ॥

Übersetzung: Kala, Vidya und Raga befinden sich im Fußteil. Vayu weilt im Banner, Göttin, umgeben von sämtlichen Lebenskräften.

Erläuterung: Kalā ist hier die begrenzte Handlungsfähigkeit, nicht Kāla, die Zeit; Vidya bezeichnet begrenztes Wissen, Raga Verlangen. Sarvvāsu wird als Bezug auf die Lebenshauche verstanden.

83.112

keśair nāgakulāny aṣṭau jñātavyāni vipaścitaiḥ ।
bhūtapretapiśācāś ca yakṣakinnaracāraṇāḥ ॥

Übersetzung: In den Haaren sollen die Kundigen die acht Naga-Familien erkennen. Bhutas, Pretas und Pishachas, Yakshas, Kinnaras und Charanas,

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 83.113 fort.

83.113

rākṣasāś cāpi vetālā piñcchakeṣu vyavasthitāḥ ।
ghaṇṭikāyāṃ sthitā rudrā gaṇāś ca varavarṇṇini ॥

Übersetzung: auch Rakshasas und Vetalas befinden sich in den Federbüscheln. In der Glocke weilen die Rudras und Ganas, Schönfarbige.

83.114

śabde sarasvatī devī sphoṭe bindur dhvanir dhvanau
yoginyo mātaro lāmā bhaginyaḥ pūtanās tathā ॥

Übersetzung: Im Laut weilt die Göttin Sarasvati, im Aufbrechen des Lautes Bindu, im Nachklang Dhvani; [dort sind auch] Yoginis, Mütter, Lamas, Schwestern und Putanas.

Erläuterung: Die genaue Beziehung von sphoṭa, bindu und dhvani ist hier nicht ausgeführt; die Wortfolge dhvanir dhvanau ist unsicher markiert.

83.115

skandādyās tu grahāḥ sarvve tathā sehārikādayaḥ ।
jaṭābhiḥ saṃsthitā hy ete astrāṇi vividhāni ca ॥

Übersetzung: Alle ergreifenden Wesen, beginnend mit Skanda, ebenso Seharika und die übrigen, befinden sich in den Haarflechten, dazu die verschiedenen Waffen.

Erläuterung: Sehārikā ist eine besondere, nicht sicher identifizierte Wesensbezeichnung.

83.116

vedāṅgāni tathā vidyāsthānāny eva caturddaśa ।
grahaṇe saṃsthitā hy ete gāyatrī caiva mokṣaṇe ॥

Übersetzung: Die Vedangas und die vierzehn Wissensgebiete sind im Ergreifen [des Stabes] gegenwärtig, Gayatri im Loslassen.

Erläuterung: Die Setzungen beziehen sich hier auf Handlungen am Stab.

83.117

uddhṛte tu sthitoṅkāraḥ sāvitrī sthāpite viduḥ ।
sarvvadevamayaṃ hy evaṃ khaṭvāṅgaṃ varavarṇṇini ॥

Übersetzung: Beim Hochheben weilt Om darin, beim Abstellen erkennt man Savitri. So ist der Khatvanga von allen Gottheiten erfüllt, Schönfarbige.

Erläuterung: Der Vers gibt Entsprechungen an, keine neue selbstständig zu rezitierende Om-Formel.

83.118

mayā kṛtan tu tatkāle pavitraṃ paramaṃ hitam
tataḥ khaṭvāsuraḥ śāntam padaṃ prāpto varānane ॥

Übersetzung: Damals wurde er von mir zu etwas Reinigendem, Höchstem und Heilsamem gemacht. Darauf erlangte Khatvasura die friedvolle Stufe, Schönangesichtige.

83.119

eṣā khaṭvāṅga-utpattir yo vijānāti tatvataḥ ।
sa yāti brahmalokan tu bhinne dehe na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Wer diesen Ursprung des Khatvanga wahrheitsgemäß kennt, gelangt beim Zerfall des Körpers in die Brahma-Welt, ohne Zweifel.

83.120

yo punar dīkṣitātmāno dhārayed yuktacetasaḥ ।
sa vīreśapade līno nāvarttati-r-adhomukhaḥ

Übersetzung: Wer aber initiiert ist und ihn mit gesammeltem Geist trägt, geht in der Stufe Vireshas auf und kehrt nicht wieder nach unten zurück.

Erläuterung: Die erste Hälfte und die Wendung zur Nichtwiederkehr sind in der Edition unsicher markiert.

83.121

ṣaṭmāsam abdamātraṃ vā mantrayuktas tu yo naraḥ ।
khaṭvāṅgan dhārayed devi divyasiddhim avāpnuyāt ॥

Übersetzung: Ein Mensch, der den Khatvanga sechs Monate oder ein Jahr mit Mantra verbunden trägt, Göttin, soll göttliche Siddhi erlangen.

83.122

pramāṇaṃ sampravakṣyāmi śṛṇuṣvekamānā satī ।
svaśarīrapramāṇena karttavyam adhikaṃ pi vā

Übersetzung: Ich werde das Maß erklären; höre mit gesammeltem Geist, Getreue. Man soll ihn in der Größe des eigenen Körpers oder auch größer anfertigen.

83.123

caturhastorddhato devi na martyeṣu sukhāvaham ।
trihastan tu śubhaṃ viddhi mantrasiddhikaraṃ hitam ॥

Übersetzung: Ist er höher als vier Ellen, Göttin, bringt er den Menschen kein Wohlergehen. Drei Ellen aber gelten als günstig, heilsam und die Mantravollendung bewirkend.

Erläuterung: Die Aussage über Maße oberhalb von vier Ellen ist unsicher hergestellt.

83.124

aṅguṣṭhaparvvamānena kuryāt pañcāśadaṅgulam ।
caturaṅgulamānena pariṇāho varānane ॥

Übersetzung: Nach dem Maß des Daumengliedes soll man ihn fünfzig Fingerbreiten lang anfertigen. Der Umfang beträgt vier Fingerbreiten, Schönangesichtige.

Erläuterung: Die Lesung pañcāśat, „fünfzig“, ist in der Edition unsicher. Die Maße werden nicht mit den vorherigen Angaben harmonisiert.

83.125

trihastaṃ pañcaparvvāṇi pariṇāhena kīrttitam ।
aṣṭāṅgulapariṇāhaś caturhastasya suvrate ॥

Übersetzung: Bei drei Ellen Länge wird ein Umfang von fünf Fingergliedern genannt. Bei vier Ellen beträgt der Umfang acht Fingerbreiten, Getreue.

83.126

caturaṅgulā bhavet kāñci kīlako dvādaśāṅgulaḥ ।
caturaṅgulapraveśan tu adhastāṣṭāṅgulo bhavet ॥

Übersetzung: Der Beschlag soll vier Fingerbreiten [messen], der Stift zwölf. Vier Fingerbreiten werden eingelassen; unterhalb sollen acht Fingerbreiten verbleiben.

83.127

etat pramāṇam ākhyātaṃ nyūnañ kiñcin na kārayet ।
pādako hastamātras tu prakuryāc chāstravittamaḥ ॥

Übersetzung: Dieses Maß ist erklärt; nichts daran soll man kleiner ausführen. Den Fußteil soll der in der Schrift besonders Kundige eine Elle lang anfertigen.

Erläuterung: Die Angaben zum Fußteil sind textlich unsicher.

83.128

dvādaśāṅgulamānan tu tṛśūlaṃ tasya copari ।
navāṅgulan trihaste tu itareṣu ṣaḍaṅgulam ॥

Übersetzung: Der Dreizack darüber misst zwölf Fingerbreiten. Bei einem drei Ellen langen [Stab] sind es neun Fingerbreiten, bei den anderen sechs.

83.129

pādan tadvat prakarttavyaṃ dhvajañ kuryād yathepsitam ।
dvādaśāṅgulam ārabhya caturviṃśatikaṃ naraiḥ

Übersetzung: Den Fußteil soll man entsprechend anfertigen. Das Banner kann man nach Wunsch gestalten. [Einen Khatvanga] von zwölf bis zu vierundzwanzig Fingerbreiten …

Erläuterung: Die Maßangabe der zweiten Hälfte führt in 83.130 weiter und betrifft den kleinen Khatvanga für Haushälter (Hatley 2018, S. 498, Anm. 178–179).

83.130

gṛhasthair api karttavyaṃ yathā guptaṃ prajāyate ।
lakṣaṇena vihīnaṃ hi yadā kurvvīta sādhakaḥ ॥

Übersetzung: … sollen auch Haushälter so anfertigen, dass er verborgen bleiben kann. Wenn aber ein Sadhaka ihn ohne die vorgeschriebenen Merkmale herstellt,

Erläuterung: Der erste Halbvers schließt die in 83.129 beginnende Vorschrift für Haushälter ab; der zweite führt in 83.131 weiter.

83.131

vibhramodvegavidveṣasiddhihānikaram bhavet ।
nyagrodhapādape ṛjve atha vaṃśamayaṃ śubham ॥

Übersetzung: bewirkt er Verwirrung, Unruhe, Feindschaft und den Verlust der Siddhi. [Man fertigt ihn] aus geradem Banyanholz oder günstigem Bambus,

83.132

saralaṃ devadārūñ ca karavīrārkkajaṃ tathā ।
bukaś cāśokakhadiro bilvapippalaśiṃśapāḥ ॥

Übersetzung: aus Sarala oder Devadaru, aus Karavira oder Arka, aus Buka, Ashoka, Khadira, Bilva, Pippala oder Shimshapa.

Erläuterung: Die Holz- und Pflanzennamen bleiben als traditionelle Namen stehen; eine sichere botanische Gleichsetzung ist nicht für alle Bezeichnungen möglich.

83.133

saptaparṇṇamayaṃ vātha śrīkhaṇḍe raktacandane ।
kāryaṃ śmaśānakāṣṭhe vā tārakāñcanajaṃ tathā ॥

Übersetzung: Oder er besteht aus Saptaparna, aus Sandelholz oder rotem Sandelholz. Man kann ihn aus Holz vom Verbrennungsplatz anfertigen, ebenso aus Silber oder Gold,

83.134

tāmrajaṃ vā maheśāni puṣpalohamayan tathā ।
yathālābhena karttavyaṃ sādhakena mahātmanā ॥

Übersetzung: oder aus Kupfer, Maheshani, oder aus Pushpaloha. Der großherzige Sadhaka soll ihn entsprechend dem verfügbaren Material anfertigen.

83.135

tam ārādhyam prayatnena yathāyuktena mantriṇā ।
khaṭvāṅgaṃ pūjitaṃ yena trailokyaṃ tena pūjitam ॥

Übersetzung: Der Mantrin soll ihn mit Sorgfalt und angemessener Sammlung verehren. Wer den Khatvanga verehrt hat, hat damit die drei Welten verehrt.

83.136

khaṭvāṅgaṃ dhāritaṃ yena dhṛtan tena carācaram ।
mantracaryāvihīno ’pi grāmāsakto ’pi yo naraḥ ॥

Übersetzung: Wer den Khatvanga trägt, trägt damit die bewegte und unbewegte Welt. Selbst ein Mensch, dem die Mantrapraxis fehlt und der am Dorfleben hängt,

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 83.137 fort.

83.137

khaṭvāṅgaṃ dhārayed yas tu nāsau lipyati pātakaiḥ ।
brahmādhidevatan devi kapālaṃ parikīrttitam ॥

Übersetzung: wird, wenn er den Khatvanga trägt, von Sünden nicht befleckt. Bei der Schädelschale, Göttin, wird Brahma als die zugehörige Gottheit bezeichnet.

Erläuterung: Mit der zweiten Hälfte beginnt die besondere Erklärung der Schädelschale. Die behauptete Sündenfreiheit ist eine religiöse Wirkungszuschreibung des Textes.

83.138

pavitraṃ paramaṃ divyam āgneyaṃ brahmasambhavam ।
yas tu dhārayate nityam matparo niyamasthitaḥ ॥

Übersetzung: Sie ist reinigend, erhaben, göttlich, feuriger Natur und aus Brahma hervorgegangen. Wer sie stets trägt, mir zugewandt und in den religiösen Regeln feststehend,

Erläuterung: Der Satz setzt sich in 83.139 fort.

83.139

pāpahā sarvvamarttyānān darśanād eva pārvvati ।
brahmahā pitṛhantāro bhrātṛhā mātṛghātakaḥ ॥

Übersetzung: nimmt den Menschen schon durch seinen Anblick ihre Sünden, Parvati. Ein Brahmanentöter, ein Vatermörder, ein Brudermörder oder ein Muttermörder,

Erläuterung: Die Aufzählung leitet die Entsühnungsverheißung von 83.140 ein.

83.140

dvādaśābdāni bhikṣāśī kapālavratam ācaret ।
mantradīkṣāvihīno ’pi śudhyaty eva na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: soll zwölf Jahre, von Almosen lebend, die Schädelobservanz ausführen. Selbst ohne Mantrainitiation wird er dadurch gereinigt, ohne Zweifel.

83.141

dīkṣito yas tu mantrajñaḥ śivabhaktisamanvitaḥ ।
brahmahatyāsahasre ’pi saptāhād vimalo bhavet ॥

Übersetzung: Wer aber initiiert, mantrakundig und von Hingabe an Shiva erfüllt ist, soll selbst nach tausend Brahmanentötungen innerhalb einer Woche fleckenlos werden.

83.142

apāpī mantrayuktas tu ṣaṭmāsā siddhibhāg bhavet ।
rakṣayakṣapiśācānāṃ bhūtavetālaguhyakām ॥

Übersetzung: Ein Sündloser, der mit dem Mantra verbunden ist, erlangt nach sechs Monaten Anteil an der Siddhi. Für Rakshasas, Yakshas, Pishachas, Bhutas, Vetalas und Guhyakas

83.143

apradhṛṣyo prajāyeta ṣaṭmāsābhyantarān naraḥ
jāyate ca maheśāni matputro ’tīvavallabhaḥ ॥

Übersetzung: wird dieser Mensch innerhalb von sechs Monaten unangreifbar. Und er wird, Maheshani, zu meinem überaus geliebten Sohn.

Erläuterung: Die Wortform atīvavallabha ist nicht zu einem anderen Sanskritwort berichtigt.

83.144

yakṣiṇīguhyakānāñ ca yoginīnāṃ priyo bhavet ।
kin tu tās tatra sānaidhyam mayā pūrvvam prakalpitaṃ

Übersetzung: Er wird den Yakshinis, Guhyakas und Yoginis lieb. Ihre Gegenwart dort wurde nämlich schon früher von mir eingerichtet.

Erläuterung: Die Überleitung erklärt, weshalb die Gottheiten in der Schädelschale gegenwärtig sind.

83.145

brahmaṇasyottamāṅgan tu atīvātyulbaṇam mahat ।
pañcaman tu samudbhūtan tena saṃcchāditaṃ jagat ॥

Übersetzung: Brahmas fünfter Kopf erhob sich, gewaltig und überaus furchtbar. Von ihm wurde die Welt bedeckt.

83.146

ādityāś ca grahāś caiva nakṣattrāṇi ca candramāḥ ।
tejasā na svayaṃ bhānti tārāḥ sūryodaye yathā ॥

Übersetzung: Die Adityas, Planeten, Mondhäuser und der Mond konnten nicht mehr mit ihrem eigenen Licht scheinen, wie Sterne beim Sonnenaufgang.

83.147

tato ’haṃ saṃstutas tais tu devaiḥ saṛṣipuṅgavaiḥ ।
tato yogena vijñāya kāryam etad divaukasām ॥

Übersetzung: Darauf wurde ich von jenen Göttern und den hervorragenden Rishis gepriesen. Durch Yoga erkannte ich ihr Anliegen,

Erläuterung: Der Satz führt in 83.148 weiter.

83.148

gandhavatyātaṭe ramye svarūpan darśitaṃ mayā ।
mahākālaṃ mahāraudraṃ prajvalaṃ svamarīcibhiḥ ।
chāditaḥ sa mayā tūrṇṇaṃ svaprabhābhiḥ pitāmahaḥ ॥

Übersetzung: und am schönen Ufer der Gandhavati zeigte ich meine eigene Gestalt: Mahakala, überaus furchtbar, in seinen eigenen Strahlen flammend. Mit meinem Glanz überstrahlte ich sogleich den Großvater Brahma.

Erläuterung: Der Vers enthält drei Halbverse.

83.149

nakhena vāmahastasya cchinnam atyulbaṇānanam ।
tad gṛhya nṛtyamāno ’haṃ gato yatra janārddanaḥ ॥

Übersetzung: Mit dem Nagel meiner linken Hand wurde sein überaus furchtbarer Kopf abgetrennt. Ich nahm ihn und ging tanzend dorthin, wo Janardana

83.150

tiṣṭhate yogam āsīnaḥ purāṇapuruṣottamaḥ ।
jvalantam tejasā svena surāsuranamaskṛtaḥ ॥

Übersetzung: in Yoga versunken saß: das uralte höchste Wesen, von eigenem Glanz flammend und von Göttern und Asuras verehrt.

83.151

prārthitaḥ sa mayā devi bhikṣān dehi mahātapaḥ ।
kapālamālinaṃ dṛṣṭvā jñātvā ca puruṣottamaḥ ॥

Übersetzung: Ich bat ihn, Göttin: „Gib mir eine Almosengabe, großer Asket!“ Als das höchste Wesen den Schädelgirlandenträger sah und erkannte,

83.152

svabhujaṃ darśayām āsa mahāsatvo mahābalaḥ ।
tato mayā triśūlena hatas tu śubhalocane ॥

Übersetzung: zeigte der Großherzige, Mächtige seinen eigenen Arm. Darauf wurde dieser von mir mit dem Dreizack getroffen, Schönäugige.

83.153

śoṇitasyātivegena tato dhārā vinirgatā ।
mahāghoṣeṇa patitā kapāle cātibhāsvare ॥

Übersetzung: Ein Blutstrom brach mit gewaltiger Kraft hervor und ergoss sich mit großem Getöse in die hell leuchtende Schädelschale.

83.154

tasyāḥ śabdena mahatā kampitā tu vasundharā ।
vāmahastena tat pātraṃ tato saṃghaṭṭitam mayā ॥

Übersetzung: Von seinem gewaltigen Klang erbebte die Erde. Darauf setzte ich das Gefäß mit meiner linken Hand in Bewegung.

83.155

ahany ahani vikṣobhya nārāyaṇi ramāmy aham
svacchāyān tattra paśyāmi tejasātīva colbaṇām ॥

Übersetzung: Tag für Tag wirble ich es auf und erfreue mich daran, Narayani. Darin sehe ich mein eigenes Spiegelbild, durch seinen Glanz überaus furchtbar.

Erläuterung: Die Anrede und der Abschluss der ersten Hälfte sind unsicher überliefert.

83.156

vicitrā tatra me sṛṣṭir jātā cātibhayaṅkarā ।
vāmahaste prapaśyāmi yoginyo vīrasaṃyutāḥ ॥

Übersetzung: Darin entstand meine vielfältige und überaus furchterregende Schöpfung. In meiner linken Hand sehe ich Yoginis mit ihren Viras.

83.157

vidyeśvarī mahācaṇḍā raktā caiva karālinī ।
guhyakāñ ceśvaran devi tat prapaśyāmi bhairavam ॥

Übersetzung: Vidyeshvari Mahachanda, Rakta und Karalini, die Guhyakas und den Herrn Bhairava sehe ich darin, Göttin.

Erläuterung: Die Verbindung guhyakāñ ceśvaran ist in der Edition unsicher markiert.

83.158

ṣaḍ yoginyaḥ prapaśyāmi mātaro bhīmavikramāḥ ।
asaṃkhyātā mahādevyas tatrotpannās tu suvrate ॥

Übersetzung: Sechs Yoginis sehe ich und die Mütter von furchtbarer Macht. Zahllose große Göttinnen sind dort entstanden, Getreue.

83.159

kiṅkaryyaḥ kiṅkarāś caiva dvādaśādityavarcasaḥ ।
manthānabhairavas tena gītaḥ sa parameśvaraḥ ॥

Übersetzung: Auch Dienerinnen und Diener mit dem Glanz von zwölf Sonnen [entstanden]. Deshalb wird jener höchste Herr als Manthana-Bhairava, „Bhairava des Quirlens“, besungen.

83.160

divyenābdasāhasreṇa tat pūrṇṇaṃ vīravandite ।
devyas tattra samutpannāḥ śoṇitasyalolupāḥ ॥

Übersetzung: Nach tausend göttlichen Jahren war [das Gefäß] gefüllt, von den Viras Verehrte. Darin entstanden Göttinnen, die nach Blut verlangten.

83.161

kapāle saṃsthitā devyo dṛṣṭvā saṃpūjitā mayā ।
viṣṇunāpi ca tattrasthā devyaḥ saṃpūjitāḥ sadā ॥

Übersetzung: Als ich die Göttinnen in der Schädelschale sah, verehrte ich sie. Auch Vishnu verehrte stets die darin weilenden Göttinnen.

83.162

evañ ca brahmaṇenāpi bhāvam āśritya pūjitāḥ ।
brahmaṇasyottamāṅge tu viṣṇuśoṇitapūrite ॥

Übersetzung: Ebenso wurden sie von Brahma mit entsprechender innerer Hingabe verehrt: in Brahmas Kopf, der mit Vishnus Blut gefüllt war.

83.163

mama dṛṣṭinipātena utthitā cāttra raśmayaḥ ।
kapāle tena sānaidhyaṅ kalpayanti varānane

Übersetzung: Durch das Niederfallen meines Blickes entstanden darin Strahlen. Dadurch stellen [die Gottheiten] ihre Gegenwart in der Schädelschale her, Schönangesichtige.

Erläuterung: Die letzte Anrede ist in der Edition unsicher markiert; sānaidhya ist die nichtklassische Form für die göttliche Gegenwart.

83.164

kapālaṃ pūjitaṃ yena devyas tena prapūjitāḥ ।
kapālaṃ pūritaṃ yena tṛptās tasya gabhastayaḥ ।
kapālan dhāritaṃ yena dhṛtan tena carācaram ॥

Übersetzung: Wer die Schädelschale verehrt hat, hat damit die Göttinnen verehrt. Wer die Schädelschale gefüllt hat, hat ihre Strahlen gesättigt. Wer die Schädelschale trägt, trägt damit die bewegte und unbewegte Welt.

Erläuterung: Der Vers enthält drei Halbverse; „Strahlen“ bezieht sich auf die soeben beschriebene Entfaltung der Gottheiten.

83.165

vandite vanditaṃ sarvvaṃ laṅghite laṅghitaṃ jagat ।
kapālaṃ laṅghitaṃ yena pāpātmā vātha ninditam ॥

Übersetzung: Wird sie verehrt, ist alles verehrt; wird sie übertreten beziehungsweise missachtet, ist die Welt missachtet. Wer als Übeltäter die Schädelschale übertritt oder sie schmäht,

Erläuterung: Der Satz führt in 83.166 weiter.

83.166

laṅghitaḥ samayās tena ninditā guravas tathā ।
tasmān na laṅghayet prājñaḥ kapālaṃ tridaśārccitam ॥

Übersetzung: hat die Samayas übertreten und die Gurus geschmäht. Deshalb soll der Einsichtsvolle die von den Göttern verehrte Schädelschale nicht übertreten oder missachten.

83.167

gāyattryoṃkārasāvittrisarvvaśāstrasamanvitāḥ ।
kapāle caturo vedā draṣṭavyā vīravandite ॥

Übersetzung: Die vier Veden, verbunden mit Gayatri, Om, Savitri und sämtlichen Schriften, sollen in der Schädelschale gesehen werden, von den Viras Verehrte.

Erläuterung: Die überzähligen Konsonanten in gāyattrī und sāvittrī bleiben entsprechend der gedruckten Umschrift erhalten.

83.168

tena tattraiva yat kiñcit patitaṃ bhikṣabhojane
pāvanan tat pavitrañ ca kutsitannam apir bhavet ॥

Übersetzung: Deshalb ist alles, was beim Almosenmahl dort hineinfällt, läuternd und rein, selbst wenn es als verwerfliche Nahrung gilt.

Erläuterung: Die Wortform apir wird nicht stillschweigend normalisiert.

83.169

pāpācāraratenāpi striyā vā puruṣeṇa vā ।
sadyo mānsāsavan dattan tat pavitraṃ na saṃśayaḥ ॥

Übersetzung: Selbst wenn eine Frau oder ein Mann von schlechtem Lebenswandel frisch Fleisch und alkoholisches Getränk hineingibt, ist dies rein, ohne Zweifel.

Erläuterung: Die Aussage gehört zur besonderen Reinheitslehre dieses Rituals und nicht zur Praxisauswahl.

83.170

ekānnam api bhuñjāno pratigrahabhayojjhitaḥ ।
kim punar bhakṣayet tuṣṭo viśeṣān mantram āśṛtaḥ ॥

Übersetzung: Selbst wer Nahrung aus nur einem Haushalt isst, ist von der Furcht vor dem Annehmen von Gaben befreit. Um wie viel mehr [gilt dies für den], der zufrieden isst und sich insbesondere auf das Mantra stützt.

Erläuterung: Ekānna bezeichnet hier Essen aus einem einzigen Haushalt; der Vers bezieht sich auf religiöse Bedenken gegen bestimmte Almosengaben.

83.171

brahmādhidevatan devi kapālaṃ varavarṇṇini ।
sarvvadevamayañ caiva sarvvatatvamayaṃ hi tat ॥

Übersetzung: Brahma ist die zugehörige Gottheit der Schädelschale, Göttin, Schönfarbige. Sie besteht aus allen Gottheiten und aus sämtlichen Tattvas.

83.172

cūḍāmaṇi kapālena śikhāyāṃ yo niveśitaḥ ।
īśvaras tatra vijñeyo adhidevo varānane ॥

Übersetzung: Bei dem Schädel, der als Scheitelschmuck in der Haarlocke eingesetzt ist, soll Ishvara als zugehörige Gottheit erkannt werden, Schönangesichtige.

83.173

jñānaśaktiḥ kriyākhyā ca karṇṇike parikīrttite ।
kaṇṭhasthitā tu yā mudrā ahan tattrādhidaivatam ॥

Übersetzung: Die Kraft der Erkenntnis und die als Handlung bezeichnete Kraft werden den beiden Ohrornamenten zugeordnet. Bei der Mudra am Hals bin ich die zugehörige Gottheit.

83.174

rudro mātṛgaṇais sārddhaṃ jñātavyas tu varānane ।
ananto hy upavīte tu śaktis sarvvorddhagā parā

Übersetzung: Rudra ist zusammen mit den Mütterscharen zu erkennen, Schönangesichtige. In der heiligen Schnur [weilt] Ananta; die höchste Shakti [befindet sich?] über allem.

Erläuterung: Der genaue Ort Rudras und der Mütter ist nicht genannt; Hatley erwägt eine Schädelgirlande. Auch die letzte Aussage zur höchsten Shakti ist textlich und räumlich unsicher. Sie wird nicht mit Ananta gleichgesetzt (Hatley 2018, S. 506, Anm. 228–230).

83.175

hastabāhukaṭisthaiś ca viṣṇu jñeyo ’dhidaivatam ।
śivaḥ śuddhaḥ sunirvvāṇṇa jñeyo bhasmādhidaivatam
śaktayo vividhākārā jaṭānām adhidevatāḥ ॥

Übersetzung: Bei den [Ornamenten] an Händen, Armen und Hüften ist Vishnu als zugehörige Gottheit zu erkennen. Bei der Asche erkennt man den reinen, vollkommen befreiten Shiva als Gottheit. Die Shaktis in ihren vielfältigen Gestalten sind die Gottheiten der Haarflechten.

Erläuterung: Der Vers hat drei Halbverse. Die Aussagen zur Asche und ein Teil der ersten Hälfte sind in der Edition unsicher markiert.

83.176

etan mahārthadan devi yo vijānāti tatvataḥ ।
śivavat sa tu boddhavyo viruddhācaraṇo ’pi yaḥ ॥

Übersetzung: Wer dies, das großen Sinn beziehungsweise großen Gewinn verleiht, wahrheitsgemäß kennt, Göttin, ist Shiva gleich zu verstehen, selbst wenn sein Verhalten den üblichen Regeln widerspricht.

Erläuterung: Die Lesung mahārthadan ist unsicher.

83.177

yady apiḥ sa vikarmmasthaḥ kurute ’tivasāhasam ।
tathāpi pretarājāno bhavate śivabhāvitaḥ ॥

Übersetzung: Selbst wenn er sich in verbotenem Handeln befindet und eine überaus verwegene Tat begeht, wird er dennoch, von Shiva geprägt, zu einem Herrn der Totengeister.

83.178

sthitvā śivecchayā tattra yāvat tatkarmmasaṃkṣayaḥ ।
tato yāti paraṃ sthānaṃ yat tat padam anāmayam ॥

Übersetzung: Nach Shivas Willen bleibt er dort, bis jenes Karma aufgezehrt ist. Dann gelangt er an den höchsten Ort, jene leidfreie Stufe.

83.179

etat purā mahādevi devaiś cīrṇṇam mahāvratam ।
tato mṛtyujarān tyaktvā mantrasiddhipāraṅgatāḥ ॥

Übersetzung: Dieses große Gelübde wurde einst von den Göttern ausgeführt, Mahadevi. Dadurch ließen sie Tod und Alter hinter sich und gelangten an das jenseitige Ufer der Mantravollendung.

83.180

śakreṇāpi purā cīrṇṇaṃ mahendreṇa mahāvratam ।
tato diter apatyānāṃ mardditā tu varūthinī ॥

Übersetzung: Auch Shakra, der große Indra, führte einst das große Gelübde aus. Darauf zerschlug er die Heerschar der Nachkommen Ditis.

83.181

viṣṇunāpi purā cīrṇṇaṃ cakrasyārthe mahāvratam ।
tam avāpyājito loke jāto devārisūdanaḥ ॥

Übersetzung: Auch Vishnu führte einst das große Gelübde aus, um den Diskus zu erlangen. Nachdem er ihn erlangt hatte, wurde er in der Welt unbesiegbar und zum Vernichter der Götterfeinde.

83.182

brahmaṇenāpi vedeṣu pranaṣṭeṣu mahāvratam ।
caritvārādhito pūrvvam ahaṃ suravarārccite ।
mayā tuṣṭena tasyāśu punar vedāḥ prakāśitāḥ ॥

Übersetzung: Auch Brahma führte, als die Veden verloren waren, das große Gelübde aus und verehrte mich einst, von den höchsten Göttern Verehrte. Erfreut offenbarte ich ihm die Veden rasch aufs Neue.

Erläuterung: Der Vers besteht aus drei Halbversen.

83.183

mātṛbhir yoginībhiś ca grahavetālarākṣasaiḥ ।
mama rūpan tu vijñāya cīrṇṇam etan mahāvratam ॥

Übersetzung: Auch die Mütter, Yoginis, Grahas, Vetalas und Rakshasas führten dieses große Gelübde aus, nachdem sie meine Gestalt erkannt hatten.

83.184

māsapakṣāyanañ cābdam mantrayuktaś cared yadi ।
jāyate sarvvayogīnāṃ sanmataḥ sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: Wenn man es einen Monat, einen halben Monat, ein Halbjahr oder ein Jahr mit Mantra verbunden ausführt, wird man zu einem hervorragenden Sadhaka, den alle Yogins achten.

83.185

tasmād yaḥ siddhim anvicchet parāparaguṇātmikām ।
tantram bhairavam āśṛtya tena kāryaṃ mahāvratam ॥

Übersetzung: Wer daher eine Siddhi sucht, die höchste und niedrigere Kräfte umfasst, soll sich auf das Bhairava-Tantra stützen und das große Gelübde ausführen.

83.186

velāvrataṃ samāśṛtya sidhyate gṛhamedhinaḥ ।
marttyabhogāviraktātmā na cotpatati khetale ।
paśor abhāvato devi na meḷakavivarjitaḥ ॥

Übersetzung: Durch eine zeitlich begrenzte Observanz erlangt auch der Haushälter Vollendung. Weil er an menschlichen Genüssen noch hängt, fliegt er nicht in den Himmel empor; da er aber nicht im Zustand eines gebundenen Paśu ist, Göttin, bleibt er nicht von der Zusammenkunft [mit Yoginis] ausgeschlossen.

Erläuterung: Der letzte Halbvers ist in der Edition unsicher markiert; Meḷaka bezeichnet hier die rituell-mystische Zusammenkunft. Der Vers hat drei Halbverse.

Kolophon

iti picumate dvādaśasāhasrake kapālakhaṭvāṅgotpatti[strya]śītimaḥ paṭalaḥ ॥ 83 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Picumata der zwölftausend Verse das [drei]undachtzigste Kapitel: der Ursprung von Schädelschale und Schädelstab.

Kapitel 87: Den inneren und äußeren Kreis vergegenwärtigen – 87.140

Aufgenommen sind ausschließlich die nachgewiesenen vollständigen Originalnummern aus wissenschaftlichen Zitaten. Die übrigen Verse dieses Kapitels sind nicht in dieser Teilausgabe enthalten. Hinweise auf den unmittelbaren Zusammenhang stehen bei den Versen.

Textgrundlage: Hatley 2020; genaue Fundstelle beim Vers.[10]

87.140

ādhyātmañ cintayed bāhyaṃ bāhyam adhyātmikāṃ tathā ।
cakre samānabhāvena tato vinyāsam ārabhet ॥

Übersetzung: Man soll den inneren [Gottheitenkreis] als äußerlich vergegenwärtigen und den äußeren ebenso als innerlich. Indem man [beide] im Kreis als gleich beschaffen auffasst, soll man dann mit dem Einsetzen [der Mantra-Gottheiten] beginnen.

Sanskritbeleg: Hatley 2020, S. 388–389.

Erläuterung: Die Gleichheit betrifft hier die innere und äußere Gestalt des rituellen Cakra und ihren Nyasa. Hatley nennt den Vers als möglichen Bezugspunkt eines Zitats Abhinavaguptas, ohne die Identifizierung als sicher auszugeben. Die nichtklassischen Formen ādhyātmañ und adhyātmikāṃ werden beibehalten.

Kapitel 90: Innere und äußere Verehrung – 90.101

Dieser Abschnitt enthält ausschließlich die im wissenschaftlichen Aufsatz von Hatley vollständig zitierten Originalverse. Die Zwischenräume in der Nummerierung bezeichnen hier nicht übersetzte Textteile, nicht verlorene Verse. Es liegt keine vollständige Edition dieses Kapitels vor.

Textgrundlage: Hatley 2020; die exakten Seiten und Anmerkungen sind bei jedem Vers genannt.[10]

90.101

anena vidhinā devi japahomādikarmasu ।
bāhyādhyātmeva mantrajñaḥ pūjāṃ kurvan prasidhyati ॥

Übersetzung: Durch dieses Verfahren, o Göttin, gelangt der Mantrakundige bei Rezitation, Feuerritual und den übrigen Handlungen zur Vollendung, indem er äußere und innere Verehrung vollzieht.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 392, Anm. 15. Die grammatisch ungewöhnliche Verbindung bāhyādhyātmeva wird mit der Auslegung des Herausgebers auf beide Bereiche der Verehrung bezogen.

Kapitel 100: Yoga und die Begegnung mit den Gottheitenfamilien – belegte Schlussaussagen

Dieser Abschnitt enthält ausschließlich die im wissenschaftlichen Aufsatz von Hatley vollständig zitierten Originalverse. Die Zwischenräume in der Nummerierung bezeichnen hier nicht übersetzte Textteile, nicht verlorene Verse. Es liegt keine vollständige Edition dieses Kapitels vor.

Textgrundlage: Hatley 2020; die exakten Seiten und Anmerkungen sind bei jedem Vers genannt.[10]

100.2

kulānāṃ sādhanaṃ nātha kathitan tu purā yathā ।
tat tathā viditaṃ sarvaṃ kulasiddhipradāyakam ॥

Übersetzung: Herr, wie du zuvor das Erlangen der Vollendung der Kulas gelehrt hast, so ist dies alles verstanden, was Vollendung in den Gottheitenfamilien gewährt.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 406, Anm. 59. Die Göttin fragt anschließend nach der Verwirklichung durch Yoga; der folgende Vers ist dort nur zur Hälfte zitiert. Kula bezeichnet hier Familien von Gottheiten.

100.25

mātṛyoginikāyāni śākinīnāṅ kulāni tu ।
sidhyanti sādhakendrasya yogenānena suvrate ॥

Übersetzung: Durch diesen Yoga, o Treue im Gelübde, erlangt der Meister unter den Sadhakas Vollendung hinsichtlich der Scharen der Mütter und Yoginis und der Familien der Shakinis.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 406, Anm. 59. „Dieser Yoga“ verweist auf die im Kapitel zuvor gelehrte Praxis; die beiden Schlussverse allein sind keine vollständige Anleitung.

100.26

yena sarvagato bhūtvā yoginīsiddhim āpnuyāt ।
kathayanti ca sadbhāvaṃ kulajaṃ jñānam uttamam ॥

Übersetzung: Durch ihn wird er allgegenwärtig und erlangt die Siddhi der Yoginis. Sie offenbaren ihm ihr wahres Wesen, das höchste Wissen, das aus den Kulas hervorgeht.

Erläuterung: Hatley 2020, S. 406, Anm. 59. Yena ist eine ausdrücklich als Konjektur gekennzeichnete Ergänzung. Die Begegnung mit den Göttinnen wird hier als Quelle von Wissen beschrieben.

Kapitel 102: Die Begegnung mit den Gottheitenfamilien

Dieses Kapitel ist mit seinen 18 Originalnummern vollständig enthalten. Es beschreibt Voraussetzungen der Begegnung mit Yoginis, unterscheidet gnadenhafte und gewaltsame Begegnungen und endet mit der Vergegenwärtigung des Kulakreises. Die schwierigen und teils gewaltsamen Aussagen werden als historische Textaussagen wiedergegeben.

Hatleys Dissertation von 2007 ediert das Kapitel unter XCIX (99). Die hier verwendete Zählung 102 folgt seiner Handschriftenübersicht von 2018, S. 519: Beide Nachweise beziehen sich auf die Blätter 353v–354r desselben Hauptzeugen. Die ältere Kapitelziffer bleibt im Sanskritkolophon erhalten; bei jedem Vers ist die alte Fundstelle zusätzlich genannt.

Textgrundlage: Shaman Hatley, The Brahmayāmalatantra and Early Śaiva Cult of Yoginīs, Dissertation, 2007, Kapitel XCIX: Sanskrit S. 334–336, Übersetzung und Kommentar S. 419–423.[12]

bhairava uvāca ॥

Bhairava sprach:

102.1

melāpakaṃ maheśāni yathā vṛttaṃ kulātmakam ।
tathā te -m- abhidhāsyāmi śṛṇuṣvāyatalocane ॥

Übersetzung: Wie die Begegnung mit den Gottheitenfamilien stattfindet, o Maheshani, werde ich dir verkünden. Höre, Langäugige!

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.1 (hier 102.1), S. 334.

Erläuterung: Melapaka beziehungsweise Melapa bezeichnet hier eine als wirklich vorgestellte Begegnung mit den Yoginis und anderen Göttinnen ihrer Familien; es ist nicht bloß ein modernes Sinnbild für innere Kräfte.

102.2

caryayā niyamasthasya japato homatatparaḥ
dhyānasthasya varārohe kulamelāpakaṃ bhavet ॥

Übersetzung: Durch die Observanzen desjenigen, der in den Verhaltensregeln feststeht, Mantras rezitiert, dem Feuerritual hingegeben ist und in Meditation verweilt, kommt es, o Schöne, zur Begegnung mit den Gottheitenfamilien.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.2 (hier 102.2), S. 334.

Erläuterung: Die grammatisch unsichere Form homatatparaḥ wird im Zusammenhang als Bestimmung des Praktizierenden verstanden. Ob der Vers drei oder fünf selbstständige Voraussetzungen zählt, lässt sich nicht sicher entscheiden (Hatley, S. 419, Anm. 3).

102.3

kadācic carumārgena jñānasambodhanena vā ।
mantravīryapradhānena dehaśuddhibhavena vā ॥

Übersetzung: Mitunter auch durch den Weg der rituellen Speise, durch das Erwachen der Erkenntnis, durch das Vorherrschen der Mantrakraft [?] oder durch das Entstehen körperlicher Reinheit, …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.3 (hier 102.3), S. 334.

Erläuterung: Carumarga ist der Weg des Charubhojin, dessen rituelle Speisen im Text auch sexuelle Körperflüssigkeiten einschließen können. Mantravīryapradhānena ist unsicher; Hatley erwägt eine Verbesserung im Sinne von „durch die Wirksamkeit der Mantrakraft“. Der Satz wird in 102.4 abgeschlossen.

102.4

kulācārapradānena svasaṃskāreṇa vā kvacit ।
anugrahaṃ prakurvanti kṛtvā melāpakaṃ priye ॥

Übersetzung: … durch die Vermittlung der Kulacara-Observanzen oder mitunter durch die eigene rituelle Reinigung: [Die Yoginis] erweisen [dem Sadhaka] Gnade, indem sie die Begegnung herbeiführen, meine Liebe.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.4 (hier 102.4), S. 334.

Erläuterung: Kulācārapradānena, wörtlich „durch das Geben der Kula-Observanzen“, bleibt in seiner Bedeutung unsicher. Der Text bezeichnet die Begegnung hier ausdrücklich als Gnadenerweis.

102.5

yadā tu kulasiddhīnāṃ bhājanas tu mahaujasaḥ ।
tadāvalokanaṃ kṛtvā harate prākṛtaṃ bhayam ॥

Übersetzung: Wenn der mit großer innerer Kraft Begabte zum geeigneten Empfänger der Siddhis der Gottheitenfamilien geworden ist, verliert er beim Schauen seine gewöhnliche Furcht.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.5 (hier 102.5), S. 334.

102.6

vīrasattvakṛtasya dr̥ṣṭer āyānti gocaram ।
nānyathā tu mahādevi kliṣṭasyāpi kadācana ॥

Übersetzung: Demjenigen, in dem der Heldenmut entstanden ist, werden [die Yoginis] sichtbar. Anders geschieht es niemals, o große Göttin, auch nicht für einen, der sich [in seiner Mühe] erschöpft hat.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.6 (hier 102.6), S. 334.

Erläuterung: Virasattva ist in diesem Ritualkontext der Mut des tantrischen „Helden“. Der Vers stellt die Begegnung als von weiteren Voraussetzungen abhängig dar; Anstrengung allein soll sie nicht erzwingen.

102.7

samayo hy eṣa yogīnāṃ mandasattve na darśanam ।
na vādaṃ snehatā devi na ca bāhye prakāśanam ॥

Übersetzung: Dies ist die Verpflichtung der Yoginis: einem Menschen von schwachem Mut keine Schau zu gewähren, nicht mit ihm zu sprechen, keine Zuneigung [zu zeigen], o Göttin, und sich nicht äußerlich zu offenbaren; …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.7 (hier 102.7), S. 334.

102.8

janmahīnāpaśutyāgas tiraskāre na mānitā ।
nābhimānaṃ svavijñāne nāśivecchā tv anugraham ॥

Übersetzung: … [Wesen] niedriger Geburt und ungeeignete Opferwesen zu meiden [?], bei der Verhüllung nicht hochmütig zu sein [?], keinen Stolz auf das eigene esoterische Wissen zu hegen und Gnade allein nach Shivas Willen [zu gewähren].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.8 (hier 102.8), S. 335.

Erläuterung: Der Vers ist mehrfach unsicher. Die erste Wendung kann sich auf gesellschaftlich gering geschätzte Menschen und Nichtinitiierte oder auf für Opfer ungeeignete Wesen beziehen. Hatley bevorzugt aufgrund einer Parallelstelle die zweite Deutung. Tiraskara kann Verhüllung oder Zurückweisung bedeuten. Die Wertungen gehören zur historischen Ritualgemeinschaft.

102.9

samayair navabhir yuktāḥ krīḍante svecchayā priye ।
dadanti sādhakendrāṇāṃ kāmān śivapadāntikān ॥

Übersetzung: Mit diesen neun Verpflichtungen versehen, wirken sie nach ihrem eigenen Willen, meine Liebe. Sie erfüllen den Herren unter den Sadhakas Wünsche bis hin zum Zustand Shivas.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.9 (hier 102.9), S. 335.

Erläuterung: „Bis zum Zustand Shivas“ bezeichnet die aufsteigende Folge von Siddhis und Daseinsstufen, nicht nur einzelne weltliche Wünsche. Die Zählung von neun Verpflichtungen in 102.7–8 ist wegen des unsicheren Textes nicht eindeutig nachzuvollziehen.

102.10

melāpakās tathānye ye haṭhāᳶ proktā varānane ।
te tu dākinīvṛndānāṃ na śuddhānāṃ niyojayet ॥

Übersetzung: Die anderen Begegnungen, die als gewaltsam bezeichnet werden, soll man, o Schöne, bei den Scharen der Dakinis anwenden, nicht bei den reinen [Yoginis].

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.10 (hier 102.10), S. 335.

Erläuterung: Die Edition druckt am Ende von haṭhāf ein f-ähnliches Zeichen für upadhmānīya, den vor p oder ph gesprochenen Visarga-Laut. Es wird hier in beiden Schriften als ᳶ wiedergegeben; dies ist keine zusätzliche Mantrasilbe. Der Vers unterscheidet die gewaltsame Begegnung mit Dakinis von der Begegnung mit den als rein bezeichneten Yoginis.

102.11

evaṃ melāpakaṃ prāptāḥ sādhakendrā varānane ।
prāpnuvantīpsitān kāmān vilomāt tu viparyayam ॥

Übersetzung: Haben die Herren unter den Sadhakas so die Begegnung erlangt, o Schöne, erhalten sie die begehrten Wunscherfüllungen; durch das verkehrte [Verfahren] jedoch das Gegenteil.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.11 (hier 102.11), S. 335.

Erläuterung: Viloma, „verkehrt / gegen die Ordnung“, wird auf die im vorherigen Vers genannten gewaltsamen Verfahren bezogen. Die genaue Zuordnung des letzten Versfußes bleibt mehrdeutig.

102.12

yathā devīpadaṃ prāptā vilomād ḍākinī bhavet ।
sādhako ’pi tathā devi tanmadhye paśutāṃ vrajet ॥

Übersetzung: Wie [eine Frau], die auf verkehrtem Weg den Zustand einer Göttin erreicht hat, zur Dakini wird, so gerät auch der Sadhaka, o Göttin, unter ihnen in den Zustand eines Opfers.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.12 (hier 102.12), S. 335.

Erläuterung: Pashu bedeutet hier im Zusammenhang mit den Dakinis Opfer beziehungsweise Beute. Die Unterscheidung ist eine Wertung dieses Textes, keine heutige Einstufung von Frauen oder spirituellen Richtungen.

102.13

kiṃ tu tenaiva mārgeṇa śaktivijñānaghātanāt ।
prabhāvena kulānāṃ tu so ’pi sāmānyatāṃ punaḥ ।
muktvā deham avāpnoti jātijñāś ca prajāyate ॥

Übersetzung: Doch durch eben diesen Weg, durch das Töten mittels des esoterischen Wissens der Shaktis [?] und durch die Macht der Gottheitenfamilien, gelangt auch er wieder zur Zugehörigkeit [zu diesen Familien], nachdem er seinen Körper verlassen hat. Er wird mit dem Wissen um seine [frühere] Geburt wiedergeboren.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.13 (hier 102.13), S. 335.

Erläuterung: Diese Originalnummer umfasst drei Halbverse. Śaktivijñānaghātanāt ist dunkel; Hatley versteht die Stelle als Tötung des Sadhaka durch die esoterischen Techniken der Göttinnen. Die folgende Wiedergeburt wird vom Text als Zugehörigkeit zu ihren Kulas gedeutet.

102.14

yathā melāpake siddhaḥ prabhutvaṃ vrajate priye ।
na tathā paśumārgeṇa krūrasattvas tu suvrate ॥

Übersetzung: Die Herrschaft, die ein in der Begegnung Vollendeter erlangt, meine Liebe, erreicht der Grausame auf dem Weg der Opfer nicht in derselben Weise, o du mit den guten Observanzen.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.14 (hier 102.14), S. 335.

102.15

puṣpadhūpasugandhādyaiḥ pūjayan vā śivādhvare ।
nityodayād avāpnoti śaktimelāpakaṃ param ॥

Übersetzung: Oder [durch] Verehrung mit Blumen, Räucherwerk, Wohlgerüchen und anderem im Shiva-Ritual … Durch das beständige Aufgehen [?] erlangt er die höchste Begegnung mit den Shaktis.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.15 (hier 102.15), S. 335.

Erläuterung: Der Satzanschluss und besonders nityodayāt sind unsicher. Hatley kann den Ausdruck hier nicht zuverlässig deuten; die deutsche Fassung markiert den entsprechend unsicheren Zusammenhang.

102.16

evaṃ tu vyaktaśaktīnāṃ sphuṭamelāpakaṃ vinā ।
kulasaptādaśaṃ cakraṃ samabhyasyan guhaṃ priye ॥

Übersetzung: Welche [Siddhis] man, meine Liebe, durch das Einüben des Kreises der siebzehn Kulas [im Verborgenen?] erlangt, ohne eine sichtbar leibhaftige Begegnung mit den offenbar gewordenen Shaktis, …

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.16 (hier 102.16), S. 335.

Erläuterung: Guhaṃ bleibt in der Vorlage ungeklärt; „im Verborgenen“ ist lediglich ein Deutungsversuch. Der Kulakreis umfasst nach Hatleys Kommentar zu dieser Stelle sechzehn Vokal-Gottheiten und Bhairava in der Mitte. Die Entfaltung dieses Kreises steht in Kapitel 14, das hier nicht vollständig enthalten ist.

102.17

yāḥ kāścit siddhayo devi adhamā madhyamottamāḥ ।
melāpake tu tāḥ sarvā labhate sādhakottamaḥ ॥

Übersetzung: … alle diese Siddhis, welche es auch seien, o Göttin – niedrige, mittlere und höchste –, erlangt der vorzüglichste Sadhaka in der Begegnung.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.17 (hier 102.17), S. 336.

102.18

bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca ātmano ’tha parasya vā ।
sarvaṃ jānāti deveśe kulacakram anusmaran ॥

Übersetzung: Indem er den Kreis der Kulas vergegenwärtigt, o Herrin der Götter, erkennt er alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, das ihn selbst oder einen anderen betrifft.

Sanskritbeleg: Hatley 2007, Kap. XCIX.18 (hier 102.18), S. 336.

Erläuterung: Der Vers schreibt der Vergegenwärtigung des Kulakreises ein umfassendes Wissen zu. Diese Siddhi-Aussage ist eine traditionelle Zuschreibung; sie belegt keine verlässlich abrufbare Fähigkeit, die Zukunft anderer Menschen zu erkennen.

Kolophon

iti bhairavasrotasi brahmayāmale dvādaśasāhasrake
navanavatimaḥ paṭalaḥ ॥ 99 ॥

Kolophon (Übersetzung): Hier endet im Bhairava-Strom das neunundneunzigste Kapitel des Brahmayamala der zwölftausend Verse. [In der Kapitelzählung dieser Ausgabe: 102.]

Was das Brahma Yamala heutigen Aspiranten erschließen kann

Wer das Brahma Yamala aufmerksam liest, begegnet einer Spiritualität, in der Laut, Körper und Welt miteinander antworten. Ein Mantra wird nicht nur gedacht; er wird an einem Ort eingesetzt, in einer Gestalt gesehen und in einer Handlung vergegenwärtigt. Der Ort kann das Herz sein, das Wasser in den Händen, eine gemalte Anordnung oder das Feuer. Gerade für erfahrene Yoga-Praktizierende kann diese Genauigkeit anregend sein: Welche innere Haltung trägt eine äußere Handlung, und wodurch wird aus einer gewohnten Handlung eine bewusste Verehrung?

Die Lotusgirlande und die verbindende Shakti-Schnur sind besonders charakteristisch. Sie lassen verschiedene Zentren als zusammengehörig erscheinen. Die Schrift legt damit kein beliebig austauschbares modernes Chakra-Schema vor. Ihre Bilder gewinnen an Tiefe, wenn ihre eigenen Orte, Gottheiten und Lautfolgen ernst genommen werden. Die eigenständige Seite Brahma Yamala 108 Verse für die spirituelle Praxis führt durch diese Besonderheiten und enthält anschließend die belegten geeigneten Mantras.

Drei Anregungen zum vertieften Schriftenstudium

Die folgenden Hinweise sind heutige redaktionelle Praxisübertragungen:

  • Eine einzige Verbindung betrachten: Lies etwa 12.36–39 über die abgestufte Setzung der Shakti und ihren verbindenden Faden. Nimm wahr, was sich verändert, wenn du eine Verehrung zuerst geistig und dann äußerlich vollziehst. Die konkrete historische Mantra-Installation wird durch diese Betrachtung nicht ersetzt.
  • Herz und sichtbare Welt zusammenbringen: Verweile bei 45.30–39 und seiner Bewegung zwischen Herz und Sonne. Als heutige Betrachtung kannst du fragen, wie eine innere Haltung im Handeln sichtbar wird. Ein direktes Blicken in die Sonne wird damit nicht empfohlen und gehört nicht zu dieser redaktionellen Anregung.
  • Unterschiede genau lesen: Vergleiche 39.12–16 mit den späteren Rangordnungen desselben Kapitels. So lässt sich üben, eine inspirierende Aussage im Zusammenhang ihrer Schrift zu verstehen und dabei eine eigene verantwortliche Haltung zu bilden.

Auch der Khatvanga und die rituellen Insignien erschließen einen besonderen Zugang: Farben, Körperteile, Wissensgebiete und göttliche Kräfte werden in einem Gegenstand zusammengeführt (83.102–117, 171–175). Hinzu kommt die ausdrücklich erlaubte Erholung durch Musik und Lobpreis zwischen Rezitationsphasen (45.540–543).

Das Brahma Yamala ist weder ein Lehrbuch späteren Hatha Yoga noch eine Vorwegnahme des heutigen Yoga Vidya. Es ist ein eigenständiger Gesprächspartner: Es macht die schöpferische Kraft der Vergegenwärtigung sichtbar, verlangt Aufmerksamkeit für die Verkörperung von Erkenntnis und lässt zugleich die Fremdheit seiner historischen Welt bestehen.

Ergänzendes Video zur heutigen Meditation

Die folgende angeleitete Meditation gehört zur heutigen Yoga-Vidya-Praxis. Sie ist eine Ergänzung für die persönliche Meditation, keine Rekonstruktion einer Brahma-Yamala-Übung.

Geführte Meditation zur Chakra-Aktivierung – Chakra-Leiter-Meditation:

Literatur und zugängliche Quellen

  • Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra or Picumata. Volume I: Chapters 1–2, 39–40 & 83. Revelation, Ritual, and Material Culture in an Early Śaiva Tantra. Collection Indologie 133, Early Tantra Series 5. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Universität Hamburg, 2018. ISBN 978-81-8470-226-2. Verlagsseite; eingesehenes Digitalisat. Kritische Teilausgabe, keine Edition aller 104 Kapitel.
  • Csaba Kiss: The Brahmayāmalatantra or Picumata. Volume II. The Religious Observances and Sexual Rituals of the Tantric Practitioner: Chapters 3, 21, and 45. Collection Indologie 130, Early Tantra Series 3. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient / Universität Hamburg, 2015. eingesehenes Digitalisat. Kritische Teilausgabe der im Titel bezeichneten Kapitel.
  • Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra and Early Śaiva Cult of Yoginīs. Dissertation, University of Pennsylvania, 2007. Digitalisat. Wichtige frühere Forschungsarbeit; bei Kapitel- und Verszahlen ist ihr älterer Editionsstand zu beachten.
  • Shaman Hatley: „The Lotus Garland (padmamālā) and Cord of Power (śaktitantu): The Brahmayāmala’s Integration of Inner and Outer Ritual“. In: Dominic Goodall, Shaman Hatley, Harunaga Isaacson, Srilata Raman (Hrsg.): Śaivism and the Tantric Traditions. Essays in Honour of Alexis G. J. S. Sanderson. Brill, Leiden/Boston 2020, S. 387–408. DOI; frei zugänglicher Gesamtband. Grundlage der hier aufgenommenen zusätzlichen Sanskritzitate.
  • Shaman Hatley: „Horror and Wonder in a Putrid Trench: The Brahmayāmala’s ‘Rite of the Pit of Power’ (siddhigarttāyāga)“. Asian Literature and Translation 12/1, 2025, S. 80–98. DOI; Verlags-PDF. Kritische Sanskritedition und Übersetzung des Garttayaga, Kapitel 48; Grundlage der hier enthaltenen 36 Originalnummern und des Kolophons.

Die deutschen Übersetzungen dieser Wiki-Ausgabe wurden unmittelbar zu den wiedergegebenen Sanskritstellen formuliert. Die wissenschaftlichen Übersetzungen und Kommentare dienen dem Vergleich und der Klärung schwieriger Stellen. Eine neue vollständige Kollation der Handschriften wird damit nicht beansprucht.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra or Picumata, Band I, 2018, S. 143–167, besonders S. 145–159.
  2. Hatley 2018, Band I, S. 23–46, besonders S. 38–46.
  3. Hatley 2018, Band I, S. 46–76 und 137–142; ergänzend Shaman Hatley: „Horror and Wonder in a Putrid Trench: The Brahmayāmala’s ‘Rite of the Pit of Power’ (siddhigarttāyāga)“, Asian Literature and Translation 12/1, 2025, S. 80–98, DOI.
  4. Hatley 2018, Band I, S. 76–123, besonders die Untersuchungen zu Nishvasa, frühen Bhairava-Tantras und buddhistischen Yogini-Tantras.
  5. Hatley 2018, Band I, S. 8–11 und 159–167; Csaba Kiss: The Brahmayāmalatantra or Picumata, Band II, 2015, S. 18–26.
  6. Hatley 2018, S. 64, besonders Anm. 164, zu den Unterschieden zwischen 56.101–137 und 74.16–40; Text und Kommentar in Hatley 2007, S. 316–333 und 378–418.
  7. 7,0 7,1 Hatley 2018, Band I, S. 38–41 und 46–71; Kapitelkolophone und Inhaltsübersicht der Palmblatthandschrift im Anhang A, S. 511–534.
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 8,4 Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra or Picumata. Volume I: Chapters 1–2, 39–40 & 83. Revelation, Ritual, and Material Culture in an Early Śaiva Tantra. Collection Indologie 133, Early Tantra Series 5. Institut Français de Pondichéry / EFEO / Universität Hamburg, 2018. ISBN 978-81-8470-226-2. Verlagsnachweis.
  9. 9,0 9,1 9,2 Csaba Kiss: The Brahmayāmalatantra or Picumata. Volume II. The Religious Observances and Sexual Rituals of the Tantric Practitioner: Chapters 3, 21, and 45. Collection Indologie 130, Early Tantra Series 3. Institut Français de Pondichéry / EFEO / Universität Hamburg, 2015. Digitalisat.
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 10,5 10,6 10,7 10,8 Shaman Hatley: „The Lotus Garland (padmamālā) and Cord of Power (śaktitantu): The Brahmayāmala’s Integration of Inner and Outer Ritual“. In: Dominic Goodall, Shaman Hatley, Harunaga Isaacson, Srilata Raman (Hrsg.): Śaivism and the Tantric Traditions. Essays in Honour of Alexis G. J. S. Sanderson. Brill, Leiden/Boston 2020, S. 387–408. DOI; frei zugänglicher Bandnachweis der Library of Congress.
  11. 11,0 11,1 11,2 11,3 Shaman Hatley: „Horror and Wonder in a Putrid Trench: The Brahmayāmala’s ‘Rite of the Pit of Power’ (siddhigarttāyāga)“. Asian Literature and Translation 12/1, 2025, S. 80–98. DOI. Die Kapitelzählung 48 ist mit Hatley 2018, Anhang A, S. 515, abgeglichen; zur widersprüchlichen Ziffer 46 siehe die Kapiteleinführung.
  12. 12,0 12,1 12,2 Shaman Hatley: The Brahmayāmalatantra and Early Śaiva Cult of Yoginīs. Dissertation, University of Pennsylvania, 2007. Digitalisat. Kapitelzählung mit Hatley 2018, Anhang A, abgeglichen; keine Vermischung mit den überarbeiteten Editionen der Kapitel 1 und 2.

Siehe auch

Seminare zur Vertiefung

Die folgenden Angebote können das Studium des Brahma Yamala durch heutige Yoga-Praxis und die Beschäftigung mit indischen Schriften ergänzen. Sie sind keine Behauptung einer unmittelbaren Fortführung seiner historischen Ritualtradition.

Kundalini Yoga

16.10.2026 - 25.10.2026 Chakra-Kur - Reinigung der Chakras

Für die Reinigung der Chakras konzentrierst du dich unter Anleitung jeden Tag auf ein anderes Chakra. Die tägliche Meditation, Yoga Asanas und Pranyam…
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Kundalini Yoga Meditationen sind ein faszinierendes weites Gebiet, dessen Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Kundalini Meditationen kön…
Adishakti Stein, Viveka Wilde

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26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung

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Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta

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16.10.2026 - 25.10.2026 Chakra-Kur - Reinigung der Chakras

Für die Reinigung der Chakras konzentrierst du dich unter Anleitung jeden Tag auf ein anderes Chakra. Die tägliche Meditation, Yoga Asanas und Pranyam…
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18.10.2026 - 25.10.2026 Nada Yoga Grundausbildung

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