Lagerdenken

Aus Yogawiki
Lagerdenken

Lagerdenken beginnt dort, wo aus einem menschlichen „Wir“ ein „Wir gegen die anderen“ wird. Der politische Gegner, der religiös Andersdenkende oder die fremde gesellschaftliche Gruppe erscheint dann immer weniger als Ansammlung verschiedener Menschen und immer stärker als feindliches Lager, dessen Aussagen, Handlungen und sogar Kontakte bereits aufgrund ihrer Herkunft verdächtig sind.

Der Mensch braucht Zugehörigkeit. Gruppen geben Schutz, Identität, Geborgenheit und die Kraft, gemeinsam Dinge zu tun, zu denen Einzelne kaum fähig wären. Gerade diese wunderbare menschliche Fähigkeit kann jedoch entgleisen: Das eigene Lager wird zum Maßstab der Wahrheit, die Gegenseite zum moralischen Problem, Kritik von außen zum Angriff und Widerspruch von innen zum Verrat. Aus gesunder Gruppenverbundenheit entsteht Lagermentalität; unter starkem Druck kann daraus eine Wagenburgmentalität erwachsen, in der selbst berechtigte Einwände die Überzeugung bestätigen, von Feinden umgeben zu sein.

Lagerdenken betrifft Politik und Religion ebenso wie Unternehmen, soziale Bewegungen, Familien, Medienwelten und spirituelle Gemeinschaften. Es erklärt einen Teil der gesellschaftlichen Polarisierung, führt in Echokammern und kann Schweigespirale, Othering, Kontaktschuld und Soziale Ausgrenzung verstärken. Dieser Artikel zeigt, woher Lagerdenken kommt, wie es sich von Gruppendenken unterscheidet, weshalb Menschen unter Bedrohung besonders anfällig dafür werden und wie man die eigene Lagermentalität wieder lockern kann. Aus yogischer Sicht führt die Frage noch tiefer: Wie kann ich meiner Gruppe treu sein, ohne den Menschen jenseits ihrer Grenzen aus meinem Herzen zu verbannen? Ein Artikel von Sukadev Bretz.

Was ist Lagerdenken?

Lagerdenken ist kein einheitlich definierter psychologischer Fachbegriff wie etwa Groupthink. Er bezeichnet im Deutschen anschaulich eine ganze Familie sozialpsychologischer Prozesse, bei denen Menschen die soziale Welt zunehmend in gegnerische Lager einteilen. Verwandte Ausdrücke sind Lagermentalität, Wir-gegen-sie-Denken, Wagenburgmentalität, Tribalismus oder Stammesdenken.

Wissenschaftlich lassen sich dabei mehrere Forschungsrichtungen zusammenführen. Die Social Identity Theory von Henri Tajfel und John Turner untersucht, wie Gruppenzugehörigkeiten Bestandteil des eigenen Selbstbildes werden. Forschungen über ingroup bias zeigen, wie leicht Menschen die eigene Gruppe bevorzugen. Die Forschung über Intergruppenkonflikte untersucht, wie Konkurrenz und Bedrohung Feindbilder verstärken. In der politischen Psychologie beschreibt affective polarization eine Situation, in der Angehörige verschiedener politischer Lager einander zunehmend emotional ablehnen, auch über konkrete Sachfragen hinaus. Daniel Bar-Tal prägte für besonders geschlossene Formen den Begriff siege mentality, Belagerungs- oder Wagenburgmentalität.Henri Tajfel, John C. Turner: An Integrative Theory of Intergroup Conflict. 1979; Daniel Bar-Tal, Dikla Antebi: Beliefs about Negative Intentions of the World: A Study of the Israeli Siege Mentality. In: Political Psychology, Band 13, Nr. 4, 1992, S. 633–645.

Diese Ansätze beschreiben verschiedene Phänomene. Gemeinsam ist ihnen die Einsicht, dass Menschen Informationen und andere Menschen anders wahrnehmen können, sobald eine starke Grenze zwischen „uns“ und „ihnen“ entstanden ist.

Lagerdenken und Gruppendenken

Gruppendenken und Lagerdenken überschneiden sich, sind jedoch keineswegs dasselbe.

Gruppendenken im engeren sozialpsychologischen Sinn beschreibt vor allem einen Vorgang innerhalb einer Gruppe. Die Mitglieder wünschen so sehr Einigkeit, dass sie Gegenargumente, Risiken und alternative Lösungen zu wenig prüfen. Menschen schweigen, weil sie keinen Konflikt auslösen wollen. Die scheinbare Einstimmigkeit bestätigt anschließend die Gruppe in ihrer Entscheidung.

Lagerdenken betrifft stärker das Verhältnis zwischen Gruppen. Es sagt: Wir gehören zusammen – und dort draußen steht ein anderes Lager. Aussagen werden nun zunehmend danach bewertet, von welcher Seite sie kommen.

Eine politische Partei kann beispielsweise intern lebhaft streiten und trotzdem starkes Lagerdenken entwickeln. Ihre Flügel bekämpfen einander, sind sich aber darin einig, dass die andere Partei grundsätzlich verlogen, gefährlich oder moralisch minderwertig sei.

Umgekehrt kann ein kleines Arbeitsteam starkes Gruppendenken entwickeln, obwohl es gegenüber anderen Teams keinerlei Feindseligkeit empfindet.

Problematisch wird die Verbindung beider Mechanismen. Dann herrscht nach innen Konformitätsdruck und nach außen Feindseligkeit. Die Mitglieder hören immer weniger Widerspruch und erleben zugleich die Außenwelt immer stärker als Gegner. Eine solche Gruppe kann sich sehr schnell von einer offenen Gemeinschaft in eine Wagenburg verwandeln.

Gruppenbindung ist etwas anderes als Lagermentalität

Eine wichtige wissenschaftliche Einsicht schützt vor einem häufigen Missverständnis: Die eigene Gruppe zu lieben bedeutet keineswegs automatisch, andere Gruppen zu hassen.

Marilynn Brewer hat diesen Unterschied in ihrer bekannten Arbeit Ingroup Love or Outgroup Hate? herausgearbeitet. Menschen können eine starke positive Bindung an die eigene Gruppe besitzen, ohne anderen Gruppen feindlich gegenüberzustehen.Marilynn B. Brewer: The Psychology of Prejudice: Ingroup Love or Outgroup Hate? In: Journal of Social Issues, Band 55, Nr. 3, 1999, S. 429–444.

Das ist für spirituelle Gemeinschaften, Religionsgemeinschaften und politische Bewegungen außerordentlich wichtig. Man darf seine Tradition lieben. Man darf stolz auf eine Organisation sein. Man darf die Menschen des eigenen Vereins, Ashrams oder Landes als besondere Gemeinschaft erleben.

Lagerdenken beginnt erst dort, wo die Größe des eigenen Wirs zunehmend aus der Abwertung eines anderen Wirs gewonnen wird.

Warum Menschen Lager bilden

Die menschliche Neigung zur Gruppenbildung ist tief. Eine rein moralische Aufforderung wie „Denke einfach weniger tribalistisch“ greift deshalb zu kurz.

Über sehr lange Zeiträume menschlicher Evolution war Kooperation von großer Bedeutung. Menschen jagten und sammelten gemeinsam, teilten Nahrung, versorgten Kinder über viele Jahre und gaben Wissen innerhalb sozialer Gemeinschaften weiter. Michael Tomasello und Amrisha Vaish beschreiben menschliche Moral aus evolutionärer Sicht wesentlich als eine Entwicklung von Fähigkeiten und Motivationen zur Kooperation. Gemeinsame Normen halfen Menschen, verlässlich miteinander zu handeln.Michael Tomasello, Amrisha Vaish: Origins of Human Cooperation and Morality. In: Annual Review of Psychology, Band 64, 2013, S. 231–255.

Die genauen evolutionären Wege sind Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Man sollte daraus keine simple Geschichte machen, nach der der „Steinzeitmensch“ zwangsläufig alle Fremden bekämpft habe. Menschen waren auch über Gruppengrenzen hinweg zu Austausch, Partnerwahl und Kooperation fähig.

Trotzdem liegt eine grundlegende Logik nahe: Wer erkennen kann, wem er vertrauen kann, welche Normen in seiner Gemeinschaft gelten und wer bereit ist zu kooperieren, besitzt in einer sozialen Welt einen Vorteil.

Unser Gehirn ist daher sehr gut darin, ein „Wir“ wahrzunehmen.

Die Schwierigkeit beginnt mit dem „Die“.

Wie wenig es manchmal für ein Wir braucht

Die berühmten Minimal Group-Experimente von Henri Tajfel und seinen Nachfolgern zeigten, wie leicht bereits willkürliche Gruppeneinteilungen eine Bevorzugung der eigenen Gruppe auslösen können. Menschen mussten ihre Gruppenmitglieder kaum kennen. Schon eine relativ bedeutungslose Kategorisierung konnte genügen, um Ressourcen zugunsten der eigenen Gruppe zu verteilen.Henri Tajfel u. a.: Social Categorization and Intergroup Behaviour. In: European Journal of Social Psychology, Band 1, 1971, S. 149–178.

Das sollte beunruhigen und zugleich entlasten. Lagerdenken verlangt keineswegs immer jahrhundertelangen Hass. Der menschliche Geist kann erstaunlich schnell Kategorien bilden.

„Wir hier.“

„Die dort.“

Sobald diese Grenze steht, beginnt sie Wahrnehmung zu organisieren.

Das eigene Lager besteht aus Individuen – das andere aus Typen

Menschen kennen die Vielfalt ihrer eigenen Gruppe. Sie wissen, dass ein Parteifreund klug und ein anderer schwierig ist, dass ein Mitglied der eigenen Religionsgemeinschaft liberaler und ein anderes konservativer denkt.

Von einer fremden Gruppe kennt man häufig weniger Menschen persönlich. Dadurch entsteht leicht der sogenannte outgroup homogeneity effect: „Die anderen sind alle so.“

Ein extremer Vertreter des gegnerischen Lagers kann nun für Millionen Menschen stehen.

Der Extremist auf der eigenen Seite bleibt dagegen „ein bedauerlicher Einzelfall“.

Hier beginnt Kollektive Schuldzuweisung. Der Einzelne verliert seine Individualität und wird Träger des Gruppenzeichens.

Konkurrenz macht Lager härter

Das klassische Robbers-Cave-Experiment von Muzafer Sherif und seinen Kollegen zeigte eine weitere Dynamik. Zwei Gruppen von Jungen entwickelten zunächst jeweils eine eigene Gruppenidentität. Als die Gruppen gegeneinander um begehrte Ziele konkurrierten, entstanden Feindseligkeit, abwertende Stereotype und soziale Distanz. Die Lage entspannte sich stärker, als Aufgaben eingeführt wurden, die beide Gruppen nur gemeinsam lösen konnten.Muzafer Sherif: Superordinate Goals in the Reduction of Intergroup Conflict. In: American Journal of Sociology, Band 63, Nr. 4, 1958, S. 349–356.

Das Experiment stammt aus einer anderen Zeit und seine Anlage lässt sich keineswegs einfach auf ganze Gesellschaften übertragen. Seine Grundidee bleibt jedoch einflussreich: Konkurrenz kann eine bereits vorhandene Gruppengrenze emotional aufladen, während ernsthafte gemeinsame Aufgaben eine neue Ebene des Wir ermöglichen können.

Eine Nachbarschaft kann über politische Fragen zerstritten sein und gemeinsam ein Hochwasser bewältigen.

Anhänger verschiedener Religionen können theologisch tief uneinig sein und gemeinsam Obdachlosen helfen.

Politische Gegner können eine gemeinsame Gemeinde verwalten.

Gemeinsames Handeln verändert den anderen. Er ist dann mehr als Vertreter seines Lagers.

Wenn Moral zur Lagergrenze wird

Besonders hart kann Lagerdenken werden, wenn die Gruppengrenze moralisch aufgeladen ist.

Menschen verteidigen dann keineswegs nur Interessen. Sie erleben sich als Vertreter des Guten.

Auf der Gegenseite stehen entsprechend Menschen, die Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Tradition, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, nationale Identität oder religiöse Reinheit bedrohen sollen.

Moralische Überzeugungen sind unverzichtbar. Eine Gesellschaft ohne moralische Grenzen wäre kaum lebensfähig. Das Problem entsteht, wenn moralisches Urteil von konkreten Handlungen auf die gesamte Identität des gegnerischen Lagers übergeht.

Othering verstärkt diese Entwicklung. Der andere ist nun kaum noch jemand, der in einer bestimmten Frage irrt. Er wird zu einer anderen Art Mensch.

Auch Politische Korrektheit kann Teil eines Lagercodes werden. In einem Milieu zeigen bestimmte Begriffe Zugehörigkeit und Sensibilität. Im Gegenmilieu werden gerade dieselben Begriffe als Zeichen von Unterwerfung oder „Wokeness“ abgelehnt. Bald wird die Sprache selbst zum Erkennungszeichen.

Man hört einen Satz und weiß sofort, in welches Lager der Sprecher gehört.

Von diesem Moment an hört man häufig weniger auf den Satz.

Wagenburgmentalität: Wenn das Lager sich belagert fühlt

Lagerdenken wird besonders gefährlich, sobald eine Gruppe ihre Umwelt überwiegend als feindlich erlebt.

Das deutsche Bild der Wagenburgmentalität ist treffend. Eine Wagenburg entsteht, wenn Wagen zum Schutz kreisförmig zusammengestellt werden. Innerhalb des Kreises befinden sich die Eigenen, außerhalb wird Gefahr erwartet.

Psychologisch entspricht dem der Begriff siege mentality oder Belagerungsmentalität. Daniel Bar-Tal und Dikla Antebi beschrieben sie als eine kollektive Überzeugung, dass die Außenwelt der eigenen Gruppe grundsätzlich negative Absichten entgegenbringe.Daniel Bar-Tal, Dikla Antebi: Beliefs about Negative Intentions of the World: A Study of the Israeli Siege Mentality. In: Political Psychology, Band 13, Nr. 4, 1992.

Belagerungsmentalität ist dabei kein psychiatrisches Krankheitsbild. Die Forscher unterschieden sie ausdrücklich von individueller paranoider Neigung. Es geht um eine sozial geteilte Vorstellung: „Die anderen sind gegen uns.“

Diese Vorstellung kann einen realen Hintergrund besitzen. Eine religiöse Minderheit kann tatsächlich diskriminiert werden. Eine politische Bewegung kann tatsächlich unfair dargestellt werden. Ein Land kann reale Feinde besitzen. Ein Ashram kann tatsächlich mit Vorurteilen konfrontiert sein.

Gerade darin liegt die Schwierigkeit.

Eine Wagenburgmentalität entsteht selten überzeugend aus dem Nichts. Sie gewinnt Kraft aus Ereignissen, die in die Erzählung passen.

Kritik wird zum Beweis

Eine geschlossene Lagerlogik besitzt eine besondere Eigenschaft: Sie kann Gegenargumente in Bestätigungen verwandeln.

Ein Journalist kritisiert die Gruppe. Das beweist, dass „die Medien“ gegen sie sind.

Eine Behörde untersucht einen Vorwurf. Das beweist die staatliche Verfolgung.

Ein Mitglied verlässt die Gemeinschaft und äußert Kritik. Das beweist, dass es sich dem feindlichen Lager angeschlossen hat.

Ein Wissenschaftler widerspricht einer gruppeneigenen Theorie. Das beweist, dass auch die Wissenschaft Teil des Systems ist.

Die Gefahr liegt weniger in einer einzelnen dieser Deutungen. Medien, Behörden und Wissenschaftler können Fehler machen. Gefährlich wird die Struktur, in der praktisch kein Ereignis mehr gegen die Grundüberzeugung sprechen kann.

Dann nähert sich das Lager einer Echokammer.

Gesunde Gruppenliebe und kollektiver Narzissmus

Auch hier hilft eine wissenschaftliche Unterscheidung.

Agnieszka Golec de Zavala verwendet den Begriff collective narcissism für die Überzeugung, die eigene Gruppe sei außergewöhnlich großartig, erhalte von anderen jedoch zu wenig Anerkennung. Diese Form der Gruppenidentifikation unterscheidet sich von einem stabilen positiven Stolz auf die eigene Gruppe.

Forschung verbindet kollektiven Narzissmus mit besonderer Empfindlichkeit gegenüber Kritik und unter wahrgenommener Bedrohung mit stärkerer Vergeltungsbereitschaft gegenüber anderen Gruppen. Er steht auch in einem robusten Zusammenhang mit bestimmten Verschwörungsüberzeugungen.Agnieszka Golec de Zavala: Collective Narcissism and Intergroup Hostility: The Dark Side of In-Group Love. In: Social and Personality Psychology Compass, Band 5, 2011, S. 309–320; Agnieszka Golec de Zavala, Kinga Bierwiaczonek, Paweł Ciesielski: An Interpretation of Meta-Analytical Evidence for the Link Between Collective Narcissism and Conspiracy Theories. In: Current Opinion in Psychology, Band 47, 2022.

Das bedeutet keineswegs, dass Menschen mit starken Gruppenbindungen Verschwörungstheoretiker seien. Im Gegenteil: Gerade die Forschung von Golec de Zavala unterscheidet positiven Gruppenstolz von jener fragilen Form, die ständig äußere Bestätigung benötigt.

Ein Mensch kann sagen:

„Ich liebe meine Religion.“

Das ist etwas anderes als:

„Meine Religion ist großartig, und dass die anderen das nicht anerkennen, zeigt ihre Bosheit.“

Er kann sagen:

„Ich liebe mein Land.“

Das ist etwas anderes als:

„Wenn andere mein Land kritisieren, wollen sie es zerstören.“

Vom Lagerdenken zur Verfolgungsmentalität

Unter starkem Druck kann die Wahrnehmung zunehmend um das Motiv der Verfolgung kreisen. Zufällige Ereignisse werden miteinander verbunden. Kritik verschiedener Akteure erscheint als koordinierte Kampagne. Menschen beginnen, immer häufiger hinter sichtbaren Ereignissen eine gemeinsame unsichtbare Absicht zu vermuten.

Hier können Verschwörungserzählungen attraktiv werden. Sie bringen Ordnung in eine beunruhigende Welt: Die vielen Probleme haben eine Ursache, verschiedene Gegner gehören in Wahrheit zusammen, und die eigene Gruppe erkennt den verborgenen Zusammenhang.

Dabei sollte man mit dem Wort Paranoia vorsichtig sein. Klinische Paranoia bezeichnet individuelle psychopathologische Phänomene und ist keine angemessene Ferndiagnose für politische oder religiöse Milieus. Man kann jedoch von paranoiden Deutungsmustern im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen, wenn praktisch jedes mehrdeutige Ereignis als feindliche Absicht interpretiert wird.

Eine hilfreiche Frage lautet:

Welche Beobachtung würde mich davon überzeugen, dass dieser konkrete Vorgang keine Verfolgung war?

Wenn keine mögliche Beobachtung mehr genügt, hat die Erklärung begonnen, sich selbst zu schützen.

Lagerdenken und der Waco-Effekt

Das Buch Moderne Outcasts beschreibt unter dem Begriff Waco-Effekt einen Mechanismus, der für Lagerdenken besonders wichtig ist. Der Ausdruck bezeichnet dort keine allgemeine wissenschaftliche Gesetzmäßigkeit, sondern ein Deutungsmodell: Eine bereits geschlossene oder radikalisierte Gruppe erlebt starken Druck von außen. Dieser Druck wird Bestandteil ihrer eigenen Verfolgungserzählung und kann dadurch die härtesten Kräfte innerhalb der Gruppe stärken.

Waco selbst war ein extremer historischer Fall. Die Branch Davidians unter David Koresh waren keine harmlose religiöse Gemeinschaft. Es gab Waffen, schwere Vorwürfe und reale Gründe für staatliches Eingreifen. Die 51-tägige Belagerung nach dem missglückten ATF-Einsatz von 1993 endete mit zahlreichen Toten.

Die für Lagerdenken entscheidende Frage lautet jedoch: Was geschieht in einer Gruppe, die bereits apokalyptisch erwartet, dass eine böse Außenwelt sie vernichten will, wenn diese Außenwelt tatsächlich mit gepanzerten Fahrzeugen vor ihrem Gelände erscheint?

Die äußere Realität beginnt die innere Erzählung zu illustrieren.

Moderne Outcasts zieht daraus eine allgemeine Warnung: Druck kann notwendig sein, doch seine psychologische Wirkung gehört zur Lagebeurteilung. Eine problematische Gruppe kann gleichzeitig für ihre eigenen Fehler verantwortlich sein und durch ungeschickten äußeren Druck noch stärker in Wagenburgmentalität geraten.

Rajneeshpuram als warnendes Beispiel

Eine ähnliche, wenn auch historisch ganz andere Dynamik lässt sich am Konflikt um Rajneeshpuram im amerikanischen Oregon beobachten. Die Gemeinschaft um Bhagwan Shree Rajneesh, später Osho, baute dort Anfang der 1980er-Jahre eine eigene Stadt auf. Die Umgebung reagierte auf die rasch wachsende fremde Gemeinschaft mit Angst, politischer Abwehr und juristischen Konflikten.

Innerhalb Rajneeshpurams entwickelte sich unter Ma Anand Sheela zugleich eine zunehmend autoritäre und kriminelle Struktur. 1984 wurden bei einem Salmonellenanschlag auf Restaurants in The Dalles Hunderte Menschen krank; außerdem gab es Abhöraktionen und weitere schwere Straftaten.

Es wäre absurd, diese Verbrechen allein mit äußerer Ablehnung zu erklären. Die Verantwortlichen handelten selbst.

Ebenso lehrreich ist jedoch die Eskalationsdynamik. Außenwelt und Gemeinschaft sahen einander immer stärker als existenzielle Gegner. Im Inneren gewann die Wagenburg. Der äußere Konflikt erleichterte es, interne Härte als notwendigen Schutz der Gemeinschaft darzustellen.

Genau das ist die Gefahr von Lagerdenken: Die Gegenseite kann sich tatsächlich problematisch verhalten und trotzdem durch die eigene Reaktion noch mehr von dem hervorbringen, wovor man sich fürchtet.

Die selbsterfüllende Wagenburg

Eine Gruppe sagt:

„Man will uns ausgrenzen.“

Daraufhin wird sie geschlossener und aggressiver.

Die Außenwelt erlebt ihre neue Aggressivität und grenzt stärker aus.

Die Gruppe sagt:

„Seht ihr, wir hatten recht.“

Solche Rückkopplungen sind gesellschaftlich schwer zu unterbrechen, weil beide Seiten reale Belege für ihre Erzählung sammeln.

Hier werden Brückenpersonen besonders wichtig.

Was Lagerdenken mit einer Gesellschaft macht

Lagerdenken vereinfacht eine unübersichtliche Welt. Das erklärt einen Teil seiner Attraktivität. Gleichzeitig verliert eine Gesellschaft gerade durch diese Vereinfachung ihre Fähigkeit zur gemeinsamen Problemlösung.

Der Inhalt wird durch die Herkunft ersetzt

In einer stark polarisierten Öffentlichkeit fragt man zunehmend weniger: „Stimmt diese Aussage?“

Stattdessen lautet die unbewusste Frage: „Wer sagt das?“

Eine Information aus dem eigenen Lager erhält zunächst Vertrauen. Dieselbe Information aus dem gegnerischen Lager wird strenger geprüft.

Damit verliert Satya, die Wahrheitsfrage, gegenüber der Zugehörigkeitsfrage an Bedeutung.

Das kann Wissenschaft, Medien und Politik gleichermaßen betreffen. Eine Studie wird gefeiert, solange sie das eigene Narrativ stützt, und methodisch seziert, sobald sie dem eigenen Lager widerspricht. Ein Gericht gilt als unabhängig, wenn es günstig entscheidet, und als politisiert, wenn sein Urteil unangenehm ist.

Der Fehler liegt kaum im kritischen Prüfen. Genaues Prüfen ist notwendig.

Der Fehler liegt im wechselnden Maßstab.

Die Gegenseite wird immer extremer dargestellt

In einer offenen Gesellschaft begegnet man vielen unterschiedlichen Menschen der Gegenseite. In einem Lager kennt man zunehmend ihre spektakulärsten Vertreter.

Der Algorithmus hilft dabei. Empörende Aussagen erzeugen Aufmerksamkeit. Ein besonders radikaler Post eines politischen Gegners wird tausendfach geteilt und erscheint anschließend als Beweis dafür, „wie diese Leute denken“.

Framing, Filterblase und Echokammer verstärken einander.

Die eigene Seite kennt man von innen und in ihrer ganzen Vielfalt.

Die andere sieht man durch ihre schlimmsten Screenshots.

Lagerdenken verändert die Moral

Ein beunruhigender Punkt entsteht, wenn Menschen moralische Handlungen danach beurteilen, wem sie gelten.

Eine öffentliche Beschämung erscheint gerecht, solange sie das gegnerische Lager trifft. Deplatforming wirkt wie notwendige Moderation, solange die Falschen gesperrt werden. Eine problematische Verallgemeinerung wird entschuldigt, wenn sie der eigenen politischen Sache dient.

Umgekehrt wird jeder entsprechende Eingriff gegen die eigene Seite als Zensur oder Verfolgung erlebt.

Urteilskraft statt Etikettierung verlangt etwas Schwierigeres: dieselben moralischen Kriterien anzuwenden, wenn es weh tut.

Aus Gegnern werden moralisch Unberührbare

Lagerdenken kann schließlich in Moralische Unberührbarkeit übergehen.

Man soll mit bestimmten Menschen kaum noch sprechen. Ein gemeinsames Foto erzeugt Erklärungsbedarf. Ein Interview gilt als „Normalisierung“. Wer Kontakt hält, gerät unter Kontaktschuld.

Das eigene Lager schützt sich durch Distanzierungsrituale. Menschen erklären vorsorglich, mit wem sie keinerlei Gemeinsamkeit besitzen.

Damit beginnt Moralische Kontamination: Die Auffassung des anderen scheint durch Nähe übertragbar.

Aus politischer Auseinandersetzung wird eine Reinheitsordnung.

Die Brücken verschwinden

Die stärksten Lagerkämpfer brauchen einander. Jeder extreme Satz der Gegenseite bestätigt die eigene Existenzberechtigung.

Schwieriger sind die Menschen dazwischen.

Eine Journalistin, die beiden Seiten zuhört.

Ein Religionswissenschaftler, der eine umstrittene Gemeinschaft weder verteidigt noch dämonisiert.

Ein Politiker, der mit Wählern einer anderen Partei spricht.

Ein Familienmitglied, das Kontakt zu einem radikalisierten Bruder hält.

Solche Brückenpersonen stören die moralische Klarheit beider Lager.

Wer sie mit Kontaktschuld belegt, fördert Gesprächsverweigerung und schließlich Kommunikative Ghettoisierung.

Dann sprechen beide Lager weiter – nur kaum noch miteinander.

Spirituelle Gemeinschaften und Lagerdenken

Spirituelle Gemeinschaften brauchen eine besondere Sensibilität für Lagerdenken, weil religiöse Zugehörigkeit sehr tief gehen kann. Ein Ashram, Kloster oder spirituelles Zentrum ist mehr als ein Freizeitverein. Menschen verbinden damit Fragen nach Wahrheit, Lebenssinn und dem Göttlichen.

Eine solche Gemeinschaft darf eine klare Identität besitzen.

Bei Yoga Vidya beispielsweise gelten für Menschen, die dauerhaft im Ashram leben, bestimmte Regeln und spirituelle Grundorientierungen. Zum Ashramleben gehören unter anderem vegetarische beziehungsweise traditionelle sattwige Ernährung ohne Fleisch, Fisch und Eier sowie der Verzicht auf Alkohol, Tabak und andere Drogen. Gemeinsame Meditation, Satsang, Yoga-Praxis und die Ausrichtung an Yoga und Vedanta prägen die Gemeinschaft. Auch eine möglichst respektvolle und gewaltfreie Kommunikation gehört zum Ideal.

Diese Gemeinsamkeiten schaffen Identität und Geborgenheit.

Lagerdenken würde aus einer anderen Aussage entstehen:

„Weil diese Lebensweise bei uns gilt, sind Menschen mit einer anderen Lebensweise weniger bewusst, weniger spirituell oder moralisch minderwertig.“

Genau hier braucht spirituelle Gemeinschaft Unterscheidungskraft.

Unsere Regeln sind unsere Regeln

Eine Gemeinschaft darf sagen:

„In unserem Ashram trinken wir keinen Alkohol.“

Daraus muss keineswegs folgen:

„Mit Menschen, die Wein trinken, möchten wir nichts zu tun haben.“

Sie darf sagen:

„Unsere spirituelle Praxis beruht auf Yoga und Vedanta.“

Daraus folgt kaum:

„Andere spirituelle Wege führen in die Irre.“

Sie darf einen bestimmten Tagesrhythmus, bestimmte Rituale und eine gemeinsame Ethik verbindlich machen.

Das ist Gruppenidentität.

Lagermentalität beginnt, wenn aus dem eigenen Weg eine Mauer gegen andere Menschen wird.

Gewaltfreie Kommunikation als Lagercode

Selbst etwas so Verbindendes wie Gewaltfreie Kommunikation kann gruppendynamisch paradoxe Wirkungen entfalten.

Eine Gemeinschaft lernt eine bestimmte Sprache für Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse. Das kann Gespräche erheblich verbessern.

Schwierig wird es, wenn die Methode zum Erkennungszeichen des „richtigen“ Menschen wird. Wer emotional, direkt oder sprachlich unbeholfen spricht, gilt nun als weniger entwickelt. Sein Anliegen wird kaum mehr gehört, weil seine Form nicht der gruppeneigenen Kommunikationskultur entspricht.

Dann sagt die Gruppe sinngemäß: „Wir kommunizieren gewaltfrei – die anderen sind aggressiv.“

Aus einer Methode zur Verbindung ist ein Lagermerkmal geworden.

Eine reife Kommunikationskultur hört deshalb auch einen Menschen, der ihre Fachsprache nicht beherrscht.

Hinduismus: Überzeugung ohne Lagerzwang

Die Vielfalt hinduistischer Traditionen bietet ein besonders interessantes Übungsfeld.

Ein Anhänger des Kevala Advaita Vedanta kann überzeugt sein, dass Shankaracharyas nonduale Interpretation der Upanishaden den tiefsten Ausdruck der Wahrheit darstellt.

Ein Gaudiya-Vaishnava kann mit derselben Hingabe davon überzeugt sein, dass Krishna die höchste Persönlichkeit Gottes ist und die liebende Beziehung zu Krishna im Zentrum spirituellen Lebens steht.

Ein Shaiva, Shakta oder Anhänger einer anderen Vedanta-Schule kann wiederum andere philosophische Akzente setzen.

Diese Unterschiede müssen keineswegs wegmoderiert werden.

Religiöse Toleranz bedeutet nicht: „Eigentlich meinen alle exakt dasselbe.“

Sie kann heißen:

„Ich glaube, dass meine Tradition wahr ist. Ich erkenne zugleich an, dass du aus tiefen spirituellen Gründen einen anderen Weg gehst.“

Bhagavad Gita 4.11 bietet dafür ein bekanntes Bild. Krishna sagt, dass er den Menschen entsprechend der Weise begegnet, in der sie sich ihm nähern. Der Vers ist keine moderne Theorie des Religionspluralismus, doch er hat in hinduistischen Traditionen immer wieder eine offene Deutung verschiedener spiritueller Wege angeregt.Bhagavad Gita 4.11.

Tiefe Überzeugung braucht keinen schwachen Glauben.

Sie braucht ein weites Herz.

Eine spirituelle Gemeinschaft muss hinausgehen können

Ein Ashram sollte mit anderen Ashrams sprechen können.

Eine hinduistische Gemeinschaft sollte mit Christen, Muslimen, Buddhisten, Juden und säkularen Menschen sprechen können.

Eine spirituelle Organisation sollte Wissenschaftlern und Kritikern begegnen können.

Gerade diese Außenkontakte verhindern, dass aus spiritueller Heimat eine Echokammer wird.

Für Yoga Vidya gehört die Verbindung verschiedener Yogawege und spiritueller Traditionen seit langem zum eigenen Anliegen. Dieses Prinzip kann noch weiter verstanden werden: Verbindung bedeutet auch Kontakt zu Menschen, die Yoga skeptisch sehen und deren Weltbild weit von der eigenen spirituellen Kultur entfernt ist.

Wer nur mit Menschen verschiedener Yogarichtungen spricht, hat seinen Horizont bereits erweitert.

Wer auch einem Yogakritiker neugierig zuhören kann, erweitert ihn noch einmal.

Wie du dein eigenes Lagerdenken erkennst

Die Lagermentalität der anderen ist leicht zu erkennen. Die eigene fühlt sich meistens wie vernünftige Wachsamkeit an.

Darum braucht es Fragen, die ein wenig unangenehm werden dürfen.

Kann ein Mensch aus dem anderen Lager recht haben?

Denke an einen gesellschaftlichen Konflikt, bei dem du eine klare Position hast.

Kannst du spontan einen bedeutenden Punkt nennen, in dem die andere Seite recht hat?

Wenn dir ausschließlich ihre Fehler einfallen, kann deine Analyse trotzdem richtig sein. Es lohnt sich jedoch, genauer hinzusehen.

Große Gruppen von Menschen sind selten in jedem Punkt vollständig töricht.

Kennst du den Gegner persönlich?

Wer sind „die anderen“ für dich?

Sind es reale Freunde, Kollegen oder Nachbarn?

Oder kennst du sie vorwiegend aus Posts, Artikeln und Videos über sie?

Ein Mensch, den man persönlich kennt, passt schwerer in eine vollständige Lagerkarikatur.

Was geschieht bei Kritik an deiner Seite?

Verspürst du zuerst Neugier?

Oder suchst du unmittelbar nach dem politischen, religiösen oder institutionellen Hintergrund des Kritikers?

Die Frage nach Interessen einer Quelle ist legitim. Sie darf die Prüfung des Inhalts nicht ersetzen.

Freust du dich über die Demütigung der Gegenseite?

Öffentliche Beschämung besitzt einen besonderen Reiz, wenn sie einen Gegner trifft.

Ein Politiker stolpert.

Ein Kritiker verliert seinen Job.

Ein gegnerischer Influencer wird gesperrt.

Eine verhasste Organisation gerät in Schwierigkeiten.

Beobachte die eigene Freude.

Sie kann zeigen, dass aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit bereits ein Wunsch nach Niederlage des Lagers geworden ist.

Ist Kritik bereits Verrat?

Kannst du im eigenen Milieu sagen:

„Das war unfair.“

„Unser Politiker hat hier gelogen.“

„Unsere spirituelle Gemeinschaft hat einen Fehler gemacht.“

„Der Kritiker hat in diesem Punkt recht.“

Wenn solche Sätze sozialen Mut brauchen, befindet sich die Gruppe bereits näher an Schweigespirale und Gruppendenken.

Erklärst du zu viel durch Feindschaft?

Frage dich gelegentlich:

„Welche banale Erklärung könnte es dafür ebenfalls geben?“

Nicht jeder schlechte Zeitungsartikel ist Teil einer Kampagne.

Nicht jede Behördenentscheidung ist politisch gesteuert.

Nicht jeder Widerspruch ist ein Versuch, deine Gruppe zu vernichten.

Manchmal ist ein Fehler einfach ein Fehler.

Diese Möglichkeit offen zu halten ist geistige Hygiene.

Wie du aus der Lagermentalität herauskommst

Aus Lagerdenken herauszukommen bedeutet keineswegs, alle Überzeugungen aufzugeben oder politisch in die Mitte zu rücken.

Ein Mensch kann sehr konservativ, sehr progressiv, sehr religiös oder ausgesprochen religionskritisch sein und trotzdem frei von ausgeprägter Lagermentalität leben.

Das Ziel lautet nicht Neutralität.

Das Ziel lautet Freiheit.

Erweitere dein Wir

Eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten besteht darin, zusätzliche Identitäten ernst zu nehmen.

Du bist möglicherweise Yogalehrer und Unternehmer, Vater und Deutscher, Nachbar und Naturschützer. Eine andere Person wählt politisch völlig anders als du und teilt trotzdem mit dir die Verantwortung für denselben Ort.

Forschung über Gruppenidentitäten zeigt, dass die Wahrnehmung mehrerer Zugehörigkeiten Konfliktdynamiken abschwächen kann. Ebenso kann eine übergeordnete gemeinsame Identität – etwa als Bürger derselben Stadt – frühere Außengruppen in ein größeres „Wir“ einordnen.Sonia Roccas, Andrey Elster: Group Identities. In: The Oxford Handbook of Intergroup Conflict, 2012; Samuel L. Gaertner, John F. Dovidio u. a.: The Common Ingroup Identity Model. In: European Review of Social Psychology, Band 4, 1993.

Das kleinere Wir muss dafür keineswegs verschwinden.

Ich kann Hindu sein und Mensch.

Ich kann Mitglied einer Partei und Demokrat sein.

Ich kann Teil eines Ashrams und Nachbar der Menschen im Ort sein.

Die größere Identität schafft eine Brücke über die kleinere Grenze.

Gehöre zu mehreren Gruppen

Eine ähnliche Wirkung kann die Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Welten haben.

Wer seine politische Orientierung, Freundschaften, berufliche Tätigkeit, Freizeit und Religion vollständig in demselben Milieu bündelt, lebt mit einer einzigen großen sozialen Identität. Ein Widerspruch gegen dieses Milieu bedroht dann fast das ganze Leben.

Wer zusätzlich im Sportverein, in der Nachbarschaft, in einer NGO oder einem beruflich vielfältigen Team verwurzelt ist, begegnet immer wieder Menschen, die in einem Lebensbereich „wir“ und in einem anderen „die anderen“ wären.

Das macht die Welt komplizierter.

Und menschlicher.

Suche den klügsten Menschen des anderen Lagers

Lerne eine Gegenposition niemals hauptsächlich durch ihre dümmsten Vertreter kennen.

Wenn du die AfD kritisierst, suche einen intelligenten Vertreter und verstehe seine stärkste Argumentation.

Wenn du progressive Politik ablehnst, beschäftige dich mit einem klugen progressiven Denker.

Wenn du Religion kritisch siehst, sprich mit einem gebildeten und reflektierten Gläubigen.

Wenn du spirituelle Bewegungen verteidigst, lies ernsthafte Religionskritik und Berichte von Menschen, die dort tatsächlich verletzt wurden.

Urteilskraft statt Etikettierung wächst dort, wo man dem stärksten Argument begegnet.

Lerne den Satz: „Da habt ihr recht.“

Dieser Satz besitzt enorme Kraft.

Er bedeutet keine Kapitulation.

Wenn ein politischer Gegner einen realen Missstand beschreibt, kannst du zustimmen und bei anderen Fragen weiterhin widersprechen.

Wenn ein Kritiker deiner spirituellen Gemeinschaft einen Fehler erkennt, wird deine Gemeinschaft durch die Anerkennung kaum schwächer.

Sie wird glaubwürdiger.

Sprich über Geschichten, bevor ihr über Lager sprecht

Politische und religiöse Positionen entstehen aus Biografien.

Frage einen Menschen:

„Gab es eine Erfahrung, durch die dieses Thema für dich so wichtig wurde?“

Plötzlich spricht er kaum mehr als Vertreter eines Lagers. Er erzählt von einem Vater, einer Krankheit, einem Behördenkontakt, einer Fluchterfahrung, einer spirituellen Krise oder einem Erlebnis von Diskriminierung.

Man muss aus seiner Geschichte keineswegs dieselben politischen Schlüsse ziehen.

Aber man versteht, weshalb seine Position für ihn mehr ist als ein Argument.

Wie man einem Menschen aus dem Lagerdenken hilft

Wer einen Menschen aus starker Lagermentalität herausführen möchte, begeht leicht einen folgenreichen Fehler: Er greift zuerst das Lager an.

Damit bedroht er genau den Ort, an dem der andere Zugehörigkeit findet.

Der Satz „Du bist in einer Sekte“ kann denselben Effekt haben wie „Du bist von den Mainstream-Medien gehirngewaschen“ oder „Du bist ein Faschist“.

Der andere hört:

„Die Menschen, denen du vertraust, deine Entscheidungen und ein Teil deines Lebens sind verachtenswert.“

Er verteidigt sich.

Verstehe zuerst, was das Lager gibt

Was findet der Mensch dort?

Freundschaft?

Anerkennung?

Eine Erklärung für eine erlittene Ungerechtigkeit?

Spirituelle Erfahrung?

Politische Wirksamkeit?

Die erste Aufgabe besteht darin, diese Funktion zu verstehen.

Man kann einen Menschen kaum aus einer geschlossenen Gemeinschaft herauslösen, indem man ihm einfach das wegnimmt, was ihn dort hält.

Erkenne reale Verletzungen an

Ein Mensch kann eine überzogene Verfolgungserzählung besitzen und trotzdem tatsächlich ungerecht behandelt worden sein.

Ein Angehöriger einer spirituellen Minderheit kann zu pauschalen Verschwörungserklärungen neigen und zugleich reale Sektenstigmatisierung erlebt haben.

Ein politisch radikalisierter Mensch kann abstruse Vorstellungen über Medien besitzen und trotzdem einen konkreten Fall unfairer Berichterstattung benennen.

Wer den wahren Anteil anerkennt, gewinnt Vertrauen für die spätere Unterscheidung.

„Das war unfair“ ist mit „Daraus folgt trotzdem nicht, dass alle gegen euch sind“ vereinbar.

Privates Gespräch statt öffentlicher Sieg

Öffentliche Demütigung verstärkt Identitätsverteidigung.

Ein persönliches Gespräch erlaubt einem Menschen, einen Gedanken zu ändern, ohne vor seinem gesamten Lager eine Niederlage einzugestehen.

Das ist besonders wichtig bei der Rückkehr aus der Radikalisierung.

Ein öffentlicher Streit fragt: Wer gewinnt?

Ein gutes privates Gespräch kann fragen: Was stimmt?

Gemeinsame Aufgaben schaffen

Muzafer Sherifs Forschung enthält für die Praxis eine bis heute anregende Idee: Gemeinsamkeitsappelle allein reichten im Robbers-Cave-Experiment kaum aus, um die entstandenen Feindbilder abzubauen. Gemeinsame Aufgaben, die beide Gruppen wirklich brauchten, wirkten stärker.

Das lässt sich mit Vorsicht auf den Alltag übertragen.

Zwei zerstrittene Nachbarschaftsgruppen können gemeinsam einen Spielplatz erhalten.

Religiöse Gemeinschaften können gemeinsam Bedürftigen helfen.

Politische Gegner können ein kommunales Problem lösen.

Bei solchen Aufgaben wird der andere vom Symbol zum Partner.

Lass den Rückweg offen

Menschen verändern ihre Zugehörigkeit schwer, wenn ihnen danach nur Beschämung erwartet.

Eine Soziale Rückkehrkultur ist deshalb ein Mittel gegen Lagermentalität.

Wer einen extremistischen Gedanken aufgibt, sollte dafür Anerkennung erhalten und keineswegs jahrelang hören:

„Früher hast du aber ...“

Verantwortung für vergangenes Handeln bleibt bestehen.

Eine Identität muss trotzdem weitergehen dürfen.

Wie man Menschen tiefer in Lagerdenken treibt

Es lohnt sich ebenso, die unbeabsichtigten Verstärker zu kennen.

Wer ein ganzes Lager pauschal verspottet, erleichtert dessen Wagenburgerzählung.

Wer Kontaktschuld erzeugt, indem er schon Gespräche mit Angehörigen des gegnerischen Milieus verdächtigt, kappt Brücken.

Wer jeden Abweichler aus einer Institution entfernt, fördert Kommunikative Ghettoisierung.

Wer berechtigte Beschwerden einer Gruppe grundsätzlich als Propaganda abtut, liefert ihr den Eindruck, dass außerhalb niemand zuhört.

Wer nach einer Verfehlung keinerlei Rückweg in die Gesellschaft eröffnet, macht das Gegenlager attraktiver.

Das bedeutet keineswegs, dass Gesellschaften gefährliche Gruppen mit unbegrenzter Offenheit behandeln sollten. Gewalt, Drohungen und Machtmissbrauch brauchen Grenzen.

Die entscheidende Frage lautet:

Schützt unsere Grenze – oder baut sie eine Wagenburg?

Manchmal tut sie beides.

Dann muss man den Schutz erhalten und gleichzeitig Brücken bauen.

Yogische Sicht auf Lagerdenken

Yoga besitzt eine starke Antwort auf Lagerdenken, weil es zwei Ebenen gleichzeitig anerkennt.

Auf der relativen Ebene gibt es Gruppen, Pflichten, Traditionen und Unterschiede. Auf der tiefsten Ebene gibt es Einheit. Wer nur die erste Ebene sieht, kann in Lagerdenken geraten. Wer nur die zweite verkündet und konkrete Unterschiede leugnet, verliert Viveka, die Unterscheidungskraft.

Vedanta: Du bist mehr als dein Lager

Im Vedanta gehört jede Gruppenidentität zu den relativen Bestimmungen des Menschen. Ich kann Deutscher sein, Hindu, Sevaka, Yogalehrer, Unternehmer, Anhänger des Advaita Vedanta oder Mitglied einer politischen Bewegung. Diese Rollen besitzen Bedeutung. Sie sind jedoch nicht Atman.

Atman ist das tiefste Selbst, das nach der Lehre des Advaita Vedanta eins mit Brahman ist. Atman gehört keinem Lager.

Das klingt abstrakt, besitzt aber eine sehr praktische Wirkung. Wenn meine tiefste Identität weder vom Beifall meiner Gruppe noch von der Ablehnung des Gegners abhängt, kann ich freier denken.

Dann bedroht ein Argument weniger mein Selbst.

Maya: Das Lager als Teil unserer begrenzten Wahrnehmung

Maya bezeichnet im Vedanta weit mehr als Täuschung. Sie beschreibt die kosmische Erscheinung, in der die eine Wirklichkeit als Vielfalt erfahren wird. Auf individueller Ebene lässt Avidya uns unsere begrenzten Rollen und Wahrnehmungen für das Ganze halten.

Lagerdenken kann als ein modernes Beispiel dieser Verengung verstanden werden. Meine Gruppe zeigt mir einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Meine Filterblase zeigt mir weitere passende Ausschnitte. Meine Samskaras entscheiden mit, was mich überzeugt. Raga, Anziehung, lässt mich die eigene Seite gern sehen. Dvesha, Abneigung, lässt mich die Fehler der Gegenseite besonders deutlich wahrnehmen.

Die spirituelle Übung beginnt mit einer einfachen Einsicht:

Auch mein Lager lebt in Maya. Das bedeutet keineswegs, dass alle Seiten gleich recht haben. Es bedeutet, dass auch meine eigene Wahrnehmung geprüft werden muss.

Bhagavad Gita: den anderen in sich selbst sehen

Die Bhagavad Gita formuliert ein radikales Gegenbild zum Lagerdenken. In Bhagavad Gita 6.29 heißt es, dass der Yogi das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst sieht. Noch praktischer ist Bhagavad Gita 6.32. Dort beschreibt Krishna den höchsten Yogi als jemanden, der durch den Vergleich mit sich selbst Freude und Leid überall gleich sieht – ātmaupamyena sarvatra.Bhagavad Gita 6.29 und 6.32.

Man könnte daraus eine Übung für den politischen und gesellschaftlichen Alltag entwickeln. Wie würde ich diese Sanktion beurteilen, wenn sie mein Lager träfe? Wie würde ich diese Schlagzeile erleben, wenn sie über meine Religionsgemeinschaft geschrieben würde?

Wie würde ich diesen Verlust empfinden, wenn mein Freund seinen Arbeitsplatz verlöre?

Atmaupamya durchbricht den doppelten Maßstab.

Patanjali: den Geist des anderen erforschen

Auch Patanjali bietet eine faszinierende Perspektive.

Yoga Sutra 3.19 spricht davon, dass durch Samyama auf einen Gedankeninhalt Erkenntnis über den Geist eines anderen entstehen könne. Der Vers gehört in den klassischen Kontext außergewöhnlicher yogischer Erkenntnisfähigkeiten und ist keine moderne Theorie der Empathie.

Er lässt sich jedoch als praktische Inspiration nutzen. Nimm einen Menschen aus dem gegnerischen Lager. Versuche einige Minuten, seine Welt von innen wahrzunehmen.

Welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Was bedroht ihn? Welches Gut möchte er bewahren? Warum erscheint ihm deine eigene Position so gefährlich?

Yoga Sutra 3.20 enthält unmittelbar eine wichtige Grenze: Die Wahrnehmung eines Geistesinhaltes bedeutet noch keine vollständige Kenntnis seines tieferen Hintergrunds.Patanjali: Yoga Sutra 3.19–3.20.

Diese Warnung ist für Lagerdenken großartig.

Du kannst dich hineinversetzen.

Du darfst dir danach trotzdem nicht einbilden, du kennest den ganzen Menschen.

In Yoga Sutra 3.35 heißt es hṛdaye citta-saṁvit – durch Samyama auf das Herz entsteht Erkenntnis des Geistes beziehungsweise Bewusstseins.Patanjali: Yoga Sutra 3.35.

Lagerdenken beginnt im Kopf sehr schnell mit Kategorien.

Das Herz begegnet leichter einem konkreten Menschen.

Ahimsa: Den Gegner nicht vernichten wollen

Ahimsa bedeutet Nichtverletzen. Ahimsa im sozialen Raum verlangt keinen Verzicht auf harte Auseinandersetzung. Ein Yogaübender darf Rassismus, Gewalt und Machtmissbrauch entschieden zurückweisen. Ahimsa stellt eine zusätzliche Frage: Möchte ich die falsche Handlung beenden – oder genieße ich inzwischen den Fall des Menschen? Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Lagermentalität empfindet die Niederlage des Gegners als Befriedigung.

Ahimsa sucht Schutz und Veränderung.

Satya: Wahrheit vor Lagerloyalität

Satya ist eines der stärksten Gegenmittel gegen Lagerdenken.

Eine einfache Praxis lautet:

Wenn deine Seite etwas Falsches behauptet, korrigiere sie. Gerade dann, wenn die Korrektur dem anderen Lager nützt.

Satya sagt:

Wahrheit ist kein Besitz meines Lagers. Eine spirituelle Gemeinschaft, die diesen Satz leben kann, schützt sich vor Wagenburgmentalität.

Abhaya: Der schwierige Mut

Abhaya bedeutet Furchtlosigkeit. Es braucht wenig Mut, in einem konservativen Kreis Progressive zu kritisieren. Es braucht wenig Mut, in einem progressiven Kreis über Rechtspopulisten zu spotten. Mut beginnt oft dort, wo man gegenüber den eigenen Freunden sagt:

„Das sehe ich anders.“

Brückenmut ist Abhaya gegenüber der eigenen Gruppe.

Karuna und doppelte Empathie

Karuna bedeutet Mitgefühl.

Lagerdenken verteilt Mitgefühl asymmetrisch. Die Angst der eigenen Gruppe erscheint verständlich, die Angst der anderen irrational. Das eigene Leid hat Geschichte, das fremde Leid wird relativiert.

Doppelte Empathie versucht, den emotionalen Raum beider Seiten wahrzunehmen.

Das bedeutet keine Gleichsetzung ihrer Ansprüche.

Man kann sagen: „Diese Gruppe handelt in diesem Punkt falsch.“ Und zugleich: „Ich verstehe, weshalb ihre Mitglieder Angst haben.“ Mitgefühl ist keine Gerichtsentscheidung.

Kshama und Upeksha

Kshama bedeutet Geduld, Nachsicht und Vergebung. Menschen verändern tief verankerte Lageridentitäten langsam. Ein Gespräch kann zunächst scheinbar wirkungslos bleiben und Monate später Bedeutung gewinnen.

Upeksha, Gleichmut, schützt gleichzeitig vor der Vorstellung, man müsse jeden Menschen überzeugen. Manche Gespräche sind zurzeit unmöglich. Manche Grenzen sind notwendig.

Der Yogi kann Abstand halten, ohne Hass zu kultivieren.

Praktische Übungen gegen Lagerdenken

Lagerdenken lässt sich kaum allein durch intellektuelle Einsicht überwinden. Es braucht Erfahrungen, die den anderen wieder zum Menschen machen.

Finde einen vernünftigen Menschen des anderen Lagers. Suche bewusst keinen Provokateur. Führe ein Gespräch, dessen erstes Ziel Verstehen ist. Frage, welche Erfahrung seine heutige Position besonders geprägt hat.

Formuliere den stärksten Gedanken der Gegenseite. Schreibe ihn so auf, dass ein kluger Vertreter dieser Seite sagen würde: „Ja, genau das ist unser Argument.“

Übe den doppelten Maßstab rückwärts. Wenn du dich über einen Fehler der Gegenseite empörst, stelle dir dieselbe Handlung durch dein eigenes Lager vor. Frage dich, welche Entschuldigung dir dann spontan einfiele.

Gehöre zu mehreren Welten. Pflege Beziehungen im Beruf, in der Nachbarschaft, in einer spirituellen Gemeinschaft, in Vereinen oder anderen Zusammenhängen. Mehrere Zugehörigkeiten verhindern, dass eine einzelne Lageridentität den ganzen Menschen verschlingt.

Besuche einen fremden Raum. Nimm an einer Veranstaltung einer anderen religiösen oder gesellschaftlichen Gruppe teil, sofern sie offen zugänglich ist. Gehe dorthin, um Menschen kennenzulernen und keine Beweise gegen sie zu sammeln.

Beobachte deine Sprache. Ersetze für eine Woche Sätze wie „die Rechten“, „die Linken“, „die Medien“, „die Esoteriker“, „die Eliten“ durch konkrete Bezeichnungen. Präzisere Sprache erzeugt präzisere Gedanken.

Sprich einen Menschen an, der zwischen den Lagern steht. Frage einen Vermittler, wie beide Seiten auf ihn wirken. Brückenpersonen sehen oft Dinge, die reine Lagerangehörige kaum wahrnehmen.

Mache Samyama auf die Perspektive des anderen. Setze dich ruhig hin, konzentriere dich auf einen Menschen, dessen Haltung dich ärgert, und versuche seine Welt von innen zu verstehen. Beende die Meditation mit der Erinnerung aus Yoga Sutra 3.20: Deine Vorstellung von ihm bleibt eine Vorstellung. Wenn es möglich ist, frage ihn selbst.

Eine Gesellschaft jenseits der Lagermentalität

Eine Gesellschaft ohne Lager wäre weder realistisch noch wünschenswert. Menschen werden Parteien gründen, Religionen folgen, Bewegungen bilden und unterschiedliche Interessen vertreten.

Pluralismus besteht gerade darin, dass verschiedene Gruppen existieren.

Die Aufgabe lautet deshalb nicht: Schafft die Lager ab.

Sie lautet: Macht aus Lagern keine Festungen.

Eine demokratische Gesellschaft braucht Parteien, deren Mitglieder für ihre Überzeugungen kämpfen und anschließend mit der anderen Seite ein Parlament teilen können. Sie braucht Religionsgemeinschaften, die ihre Wahrheit leben und dennoch den Tempel, die Kirche, Moschee oder Synagoge des anderen respektieren. Sie braucht Medien mit unterschiedlichen Perspektiven und Journalisten, die den Gegner noch interviewen können. Sie braucht soziale Bewegungen mit starken moralischen Anliegen und gleichzeitig eine Gesprächskultur, in der Menschen mehr sind als ihre politische Markierung.

Dabei helfen gemeinsame Aufgaben. Klimaschutz, soziale Sicherheit, Bildung, Katastrophenschutz, kommunale Infrastruktur und Friedenserhaltung lassen sich kaum dauerhaft als Siege eines einzelnen Lagers lösen.

Gemeinsame Ziele können eine größere Identität sichtbar machen.

Der Konservative und der Progressive bleiben verschieden. Der Hindu und der Christ bleiben verschieden. Der religiöse Mensch und der Atheist bleiben verschieden. Sie müssen keineswegs dieselbe Weltanschauung haben. Sie können trotzdem Nachbarn sein. Hier liegt der Unterschied zwischen Einheit und Uniformität. Yoga bedeutet Einheit. Uniformität verlangt Gleichheit. Eine reife Gesellschaft braucht die erste und sollte die zweite mit Vorsicht behandeln.

Schlussgedanke

Lagerdenken beginnt mit etwas Schönem: dem Gefühl, zu Menschen zu gehören.

Wir brauchen dieses Gefühl. Wir wollen Freunde haben, gemeinsame Werte teilen und wissen, wer im entscheidenden Augenblick zu uns steht. Unsere Fähigkeit, ein Wir zu bilden, gehört zu den großen Kräften der Menschheit.

Gefährlich wird sie, wenn das Wir das Gegenüber braucht, um sich selbst zu spüren.

Dann wird aus Zugehörigkeit Abgrenzung. Aus Abgrenzung wächst Misstrauen. Kritik wird als Angriff verstanden, der Andersdenkende zum Feind, der Vermittler zum Verräter. Unter genügend Druck schließt sich der Kreis zur Wagenburg.

Von innen sieht die Wagenburg vernünftig aus. Draußen stehen schließlich wirklich Gegner. Das ist die besondere Tragik des Lagerdenkens: Es kann eine Wirklichkeit hervorbringen, die seine ursprüngliche Angst bestätigt.

Darum ist der Waco-Effekt mehr als eine Warnung an geschlossene spirituelle Gruppen. Er ist eine Warnung an beide Seiten eines Konflikts. Wer eine Gruppe pauschal demütigt, kann ihre Härtesten stärken. Wer jede Kritik als Verfolgung deutet, übergibt seinen Härtesten ebenfalls die Macht.

Der Ausweg beginnt in den Zwischenräumen. Ein Mensch des anderen Lagers erweist sich als anständig. Ein Kritiker hat in einem Punkt recht. Ein Freund widerspricht und bleibt trotzdem Freund. Eine spirituelle Gemeinschaft erkennt einen eigenen Fehler an. Ein politischer Gegner wird zum Partner bei einer gemeinsamen Aufgabe. Eine Brückenperson weigert sich, die Welt in zwei moralisch reine Hälften zu zerlegen.

Yoga gibt diesem Weg eine tiefe Grundlage. Vedanta sagt: Du bist mehr als jede gesellschaftliche Identität. Maya erinnert: Auch dein eigener Blick ist begrenzt. Satya verlangt, dass Wahrheit mehr zählt als Lagerloyalität. Viveka unterscheidet den konkreten Menschen von seinem Etikett. Karuna sieht auch die Angst jenseits der eigenen Grenze. Abhaya gibt den Mut, dem eigenen Lager zu widersprechen. Ahimsa bewahrt den Gegner davor, zum Objekt unserer Vernichtungswünsche zu werden. Und die Bhagavad Gita erinnert den Yogi daran, sich selbst im anderen wiederzuerkennen. Du darfst zu einer Gruppe gehören. Du darfst ihre Werte lieben. Du darfst für ihre Überzeugungen eintreten. Aber baue aus deiner Zugehörigkeit keine Wagenburg. Denn jenseits der Mauer leben keine Lager. Dort leben Menschen.

Siehe auch

Literatur

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Charlan Jeanne Nemeth: In Defense of Troublemakers. The Power of Dissent in Life and Business. Basic Books, New York 2018.

Sukadev Volker Bretz: Moderne Outcasts. Kontaktschuld, Canceln und die Wiederkehr sozialer Ächtung. Warum eine Gesellschaft zerbricht, wenn sie nicht mehr mit den Falschen spricht.

Bhagavad Gita, insbesondere 4.11, 5.18, 6.29 und 6.32.

Patanjali: Yoga Sutra, insbesondere 1.33, 2.33, 3.19–3.20 und 3.35.

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