Nandanar

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Nandanar (Tamil: நந்தனார், Nantaṉār) war ein tamilischer Shiva-Heiliger und einer der 63 Nayanars. Er gehörte zur unterdrückten Klasse Südindiens. In der älteren Literatur wird er ein heiliger Paria genannt, ein damals gebräuchlicher, heute als abwertend empfundener Ausdruck für Menschen, die im Kastensystem als „unberührbar“ ausgegrenzt wurden. Nandanar war die Verkörperung von Bescheidenheit, Geduld und Aufrichtigkeit.

Er ist auch als Tirunalaippovar bekannt (Tamil: திருநாளைப்போவார், Tirunāḷaippōvār), sinngemäß „derjenige, der morgen gehen wird“. Er war ein großer Anhänger von Nataraja aus Chidambaram. Seine bewegende Überlieferung erzählt von der Sehnsucht eines gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen nach dem Anblick Shivas in Tiruppungur und Chidambaram, und davon, dass Gott keinen Unterschied zwischen den Menschen macht, sondern nur auf aufrichtige Hingabe schaut.

Chidambaram ist als südliches Kashi bekannt. Es hat einen großen Tempel. Nataraja ist ein anderer Name für Shiva, dem in diesem Tempel gehuldigt wird. Man sagt, dass, wenn man für eine Weile in Chidambaram bleibt, alle Sünden vergeben sind. Dies ist ein verbreiteter Glaube.

Shiva, der göttliche Herr und die Zuflucht seiner Verehrer.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Nandanar; auch Tirunalaippovar
Tamil நந்தனார்; திருநாளைப்போவார்
Transliteration Nantaṉār; Tirunāḷaippōvār
Bedeutung des Beinamens „Der, der morgen gehen wird“
Herkunft Adanur nahe dem Fluss Kollidam, Tamil Nadu
Stellung Einer der 63 Nayanars; aus einer gesellschaftlich ausgegrenzten Gemeinschaft
Heilige Orte Tiruppungur; Chidambaram mit dem Tempel des Nataraja
Zeit Historisch nicht gesichert
Hauptquelle Sekkizhar: Periya Puranam, Verse 1046–1082
Spätere Bearbeitung Gopalakrishna Bharati: Nandanar Charitram (19. Jahrhundert)

Leben und Hintergrund

Das Periya Puranam nennt Adanur nahe dem Kollidam als seine Heimat und beschreibt sein Leben in einer sozial ausgegrenzten Siedlung. Er arbeitete und lieferte unter anderem Materialien für Tempeltrommeln und Saiteninstrumente. Eine sichere Datierung ist nicht überliefert.

Sein Lebensbild wurde später vielfach literarisch und musikalisch ausgestaltet. Besonders bekannt wurde das musikalische Drama Nandanar Charitram von Gopalakrishna Bharati aus dem 19. Jahrhundert, das neue Motive hinzufügte, etwa den Brahmanen als Grundherrn und das Wunder der über Nacht bepflanzten Felder. Diese spätere Fassung prägt auch die Darstellung von Swami Sivananda (siehe unten). Die folgenden Geschichten folgen zunächst Sekkizhars mittelalterlicher Erzählung.

Geschichten über Nandanar nach dem Periya Puranam

Eine Liebe vor den Tempeltoren

Nandanars Herz war von früher Zeit an auf Shiva gerichtet. Er stellte den Tempeln Materialien zur Verfügung, die für Musik und Verehrung gebraucht wurden. So trug seine Arbeit zum Klang des heiligen Raumes bei, obwohl er selbst aufgrund der gesellschaftlichen Ausgrenzung nicht selbstverständlich Zugang zu diesem Raum hatte. Vor den Tempeltoren sang und tanzte er in tiefer Hingabe.[1]

Die Geschichte beschreibt keine geringe Liebe. Sie zeigt vielmehr einen Menschen, dessen Sehnsucht durch die Grenzen seiner Umwelt immer wieder schmerzlich berührt wurde. Seine Hände konnten zum Tempeldienst beitragen, während sein Körper draußen bleiben musste. Gerade darin liegt eine der bewegendsten Spannungen seines Lebensbildes.

Als Nandi zur Seite trat

Eines Tages ging Nandanar nach Tiruppungur. Er wollte Shiva sehen. Doch als er vor dem Zugang stand, versperrte die große Gestalt Nandis die Sicht auf das Heiligtum. Nach all dem Hoffen lag noch immer etwas zwischen ihm und dem ersehnten Darshan. Er sang und betete mit der ganzen Kraft seines Herzens.

Da geschah nach der Legende das Wunder: Shiva ließ Nandi zur Seite rücken. Der Blick wurde frei. Was die gesellschaftliche Ordnung und die bauliche Anordnung ihm verwehrt hatten, öffnete sich durch göttliche Zuwendung. Nandanar durfte den Herrn schauen. Im Tempel von Tiruppungur wird bis heute gezeigt, dass die Nandi-Figur nicht genau in der Achse des Heiligtums steht.

Seine Antwort war tätige Dankbarkeit. Die Überlieferung erzählt, dass er in der Nähe einen Teich anlegte beziehungsweise ausgrub und danach das Heiligtum ehrfürchtig umrundete. Er wollte empfangene Freude in einen Dienst verwandeln. Der Augenblick des Schauens blieb nicht allein eine innere Erfahrung; er wurde zum Anlass einer Gabe.

Morgen werde ich gehen

Eine noch größere Sehnsucht wuchs in ihm: Er wollte nach Tillai, nach Chidambaram, zum tanzenden Nataraja. Doch immer wieder hielt ihn die Vorstellung seiner gesellschaftlichen Stellung zurück. Würde er dort überhaupt eintreten dürfen? So verschob er den Aufbruch: morgen wollte er gehen. Aus diesem wiederkehrenden Vorsatz erklärt die Tradition seinen Namen Tirunalaippovar.

Schließlich wurde die Sehnsucht stärker als das Zögern. Er verließ seine Heimat und erreichte Chidambaram. Dort sah er die heiligen Bezirke, hörte von den Ritualen und blieb doch von Furcht erfüllt. Er umwanderte die Stadt und den Tempelbereich, betete und sehnte sich nach dem Tanz des Herrn. Die Nähe zum Ziel machte die letzte Grenze besonders schmerzlich.

Die Öffnung des Heiligtums

Shiva erschien ihm nach der Legende im Traum. Zugleich erhielten die Priester eine Weisung, Nandanars Eintritt vorzubereiten. Die mittelalterliche Erzählung gestaltet die Wendung als Durchgang durch ein Feuer: Nandanar geht hinein und erscheint verwandelt als heiliger Weiser mit den Zeichen eines Brahmanen. Die Priester verneigen sich und führen ihn zum Heiligtum. Dort geht er in Shivas Gegenwart ein.

Dieses Feuerwunder gehört zur Bildwelt der Hagiografie und ist keinesfalls eine nachzuahmende Handlung. Zugleich bleibt die Erzählung in den Reinheits- und Standesvorstellungen ihrer Entstehungszeit befangen: Sie löst die Ausgrenzung durch eine wundersame Veränderung des Ausgegrenzten. Eine heutige Lektüre darf klar festhalten, dass Nandanars Würde und seine Gottesliebe schon vor jeder solchen Verwandlung vorhanden waren.

Die offene Sicht

Die stärkste geistliche Anregung liegt im Bild des zur Seite tretenden Nandi. Der Herr selbst macht die Sicht frei. Nandanars Sehnsucht wird gehört, obwohl andere ihm keinen selbstverständlichen Platz eingeräumt haben. Seine Geschichte kann Trost schenken und zugleich Verantwortung wecken: Welche Hindernisse stellen wir selbst zwischen einen Menschen und seine Möglichkeit, am geistlichen Leben teilzunehmen? Die Erinnerung an Nandanar wird lebendig, wenn Gemeinschaften Türen öffnen und niemanden wegen Herkunft oder sozialem Rang herabsetzen.

Shiva: Gottesliebe verbindet das heilige Bild mit dem eigenen Leben.

Swami Sivananda über Nandanar

Artikel aus dem Buch „Lives of Saints“ der Divine Life Society

Swami Sivananda

Swami Sivananda folgt in seiner Darstellung der späteren, volkstümlichen Fassung der Nandanar-Geschichte, in der ein brahmanischer Grundherr und das Wunder der bepflanzten Felder eine wichtige Rolle spielen. Der Begriff „Paria“ gibt den Sprachgebrauch seiner Zeit wieder.

Nandanar diente einem Brahmanen und half bei der Bestellung des Bodens. Als Nandanar seinen Meister um Erlaubnis bat, nach Chidambaram gehen zu dürfen, für ein Darshana von Shiva, verunglimpfte ihn der arrogante Brahmane und sagte: „Du niederkastiger Paria! Du willst der Gottheit der Brahmanen huldigen? Geh’ und huldige den Geistern der Bhutas – deinen Familiengottheiten.“

Nataraja

Nandanar war ein hingebungsvoller Anhänger Natarajas. Er betete stets voller Hingabe. Als Nandanar unaufhörlich nachfragte, sagte der Brahmane und Großgrundbesitzer zu ihm: „Ja, du kannst nach Chidambaram gehen, wenn du die 250 Hektar des Betriebes rechtzeitig mit Reis bepflanzt.“ Nandanar war verzweifelt. Er wollte so gerne am jährlichen Festival von Chidambaram teilnehmen. Er musste also die Arbeit binnen zwei Tagen bewerkstelligen. Er haderte mit sich selbst und betete die ganze Nacht um Natarajas Gnade und Führung. Nataraja ließ ein Wunder geschehen, um seinem Bhakta zu helfen. Am nächsten Morgen war das gesamte Land voller grüner Reispflanzen mit sprießenden Ähren. Der Brahmane war sehr erstaunt. Er erkannte, dass Nandanar ein großer Anhänger sein muss, und erlaubte ihm sofort, nach Chidambaram zu gehen.

Nandanar konnte sich nun also nach Chidambaram begeben. Hier musste er sich einem weiteren Hindernis stellen. Die Priester des Brahmanentempels, die Dikshitars, wollten es Nandanar nicht erlauben, in den Tempel einzutreten, da er von niederer Geburt war. Nataraja erschien ihnen in einem Traum und sagte: „Oh Priester, führt alle notwendigen Reinigungszeremonien für Nandanar durch. Er ist mein hingebungsvoller Verehrer. Erlaubt ihm, mir im Inneren des Tempels zu huldigen.“

Die Brahmanen führten die entsprechenden Zeremonien durch und gewährten Nandanar Einlass zum inneren Schrein. Nandanar ging hinein und huldigte Nataraja. Er war erfüllt von göttlicher Ekstase. Man sah ein blendendes, strahlendes Licht. Nandanar verschwand. Er war nirgends mehr zu sehen. Er wurde Eins mit Nataraja.

Gott macht keinen Unterschied zwischen einem Brahmanen einer höheren Kaste und einem Paria aus einer niederen Kaste. Was Er will, ist aufrichtige Hingabe. Nandanar war Ihm näher als die Brahmanen-Tempelpriester. Im Bereich von Bhakti gibt es keine Unterscheidung zwischen Kaste, Glauben oder Hautfarbe. Wer Hingabe besitzt, ist Gott nah.

Spirituelle Bedeutung

Gott schaut auf das Herz

Nandanar verkörpert sehnsuchtsvolle Bhakti und die Kraft des Darshan. Seine Geschichte berührt zugleich die leidvolle Wirklichkeit sozialer Ausgrenzung. Wie Swami Sivananda betont: Die geistliche Würde eines Menschen hängt nicht von Kaste oder Herkunft ab. Wer Hingabe besitzt, ist Gott nah. Sein Lebensbild kann deshalb sowohl zur Gottesliebe als auch zu einer gastfreundlicheren religiösen Praxis anregen.

Das Aufschieben überwinden

Der Beiname Tirunalaippovar, „der morgen gehen wird“, spricht eine allgemein menschliche Erfahrung an. Oft verschieben wir das, wonach wir uns am tiefsten sehnen, aus Angst, Zweifel oder dem Gefühl, nicht würdig zu sein. Nandanars Geschichte ermutigt, den ersten Schritt zu wagen, auch wenn die Hindernisse groß erscheinen.

Hindernisse, die Gott beiseiteschiebt

Ob es Nandi ist, der zur Seite rückt, oder die Felder, die über Nacht bepflanzt sind: In beiden Fassungen der Geschichte räumt Gott die Hindernisse beiseite, die zwischen dem Verehrer und ihm stehen. Hier klingt die Lehre der Bhakti-Tradition an, dass die Gnade Gottes dem Menschen entgegenkommt, der sich aufrichtig nach ihm sehnt.

Geduld und Demut

Nandanar ertrug Demütigungen, ohne Bitterkeit zu entwickeln. Seine Geduld und Bescheidenheit, die Swami Sivananda hervorhebt, sind nicht Schwäche, sondern Ausdruck einer inneren Stärke, die in Gott gegründet ist.

Werke und weiterführende Texte

Eigene literarische Werke sind für diese Persönlichkeit nicht gesichert überliefert. Die wichtigste ausführliche Quelle ist das von Sekkizhar im 12. Jahrhundert gedichtete Periya Puranam, das zwölfte Buch der Tirumurai. Seine Verse 1046–1082 erzählen und würdigen diesen Lebensweg.

Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten

Naminandi Adigal muss in seiner eigenen Geschichte lernen, gesellschaftliche Reinheitsurteile zu überwinden. Kannappa Nayanar verkörpert ebenfalls eine Hingabe, die etablierte Erwartungen überschreitet. Nataraja, Nandi und Chidambaram bilden den religiösen Mittelpunkt von Nandanars Erzählung. Spätere Fassungen, etwa Gopalakrishna Bharatis Nandanar Charitram, sind eigenständige Bearbeitungen und nicht mit Sekkizhars Text gleichzusetzen. In der vishnuitischen Tradition entspricht ihm der Alvar Tiruppanalvar, der ebenfalls aus einer ausgegrenzten Gemeinschaft stammte und dem der Zugang zum Tempel auf wunderbare Weise geöffnet wurde. Auch Ramalinga Swamigal setzte sich im 19. Jahrhundert entschieden gegen die Ausgrenzung durch das Kastensystem ein.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Heute beginnen: Im Yoga kann Sehnsucht zur Kraft eines kleinen nächsten Schrittes werden. Wähle etwas Heilsames, das du immer auf morgen verschiebst, und beginne behutsam heute.
  • Freier Zugang: In der Meditation lass das Bild eines freien Zugangs zum Heiligen entstehen. Prüfe auch, wie du anderen einen solchen Zugang erleichtern kannst.
  • Hindernisse übergeben: Wenn dir ein Hindernis unüberwindlich erscheint, bringe es im Gebet vor das Göttliche, wie Nandanar es in der Nacht vor der Feldarbeit tat, und vertraue darauf, dass sich ein Weg öffnen kann.
  • Offene Gemeinschaft: Überlege, wie in deinem Umfeld, etwa in einer Yogagruppe, jeder Mensch unabhängig von Herkunft und Stellung willkommen sein kann.
Symbolbild: Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Eine Anregung zum Weitertragen

Deine Sehnsucht darf einen Platz haben. Und vielleicht kannst du heute jemandem zeigen, dass auch seine Sehnsucht willkommen ist.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

Satsang und Meditation mit Sukadev – Yoga Vidya Live Ritual Kirtan singen 07:00 Uhr 26.07.2020

Anahata Chakra Pendel-Meditation für Öffnung des Herzens mit Sukadev

Siehe auch

Literatur

  • Swami Sivananda, Lives of Saints by the Divine Life Society, Indien 2009
  • Swami Sivananda, Die Kraft der Gedanken (2012)
  • Swami Sivananda, Göttliche Erkenntnis (2001)
  • Swami Sivananda, Autobiographie von Swami Sivananda (1999)
  • Swami Sivananda, Shrimad Bhagavad Gita. Erläuternder Text und Kommentar von Swami Sivananda (1998)
  • Swami Sivananda, Hatha-Yoga. Der sichere Weg zu guter Gesundheit, langem Leben und Erweckung der höheren Kräfte (1964)
  • Swami Sivananda, Sadhana
  • Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von Heute

Quellen

  1. ↑ Sekkizhar: Periya Puranam, Verse 1046–1082 (tamilischer Originaltext, Project Madurai). Die Erzählung folgt der Heiligenüberlieferung; die geistlichen Betrachtungen sind heutige Auslegungen.

Weblinks

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