Tirumurai

Aus Yogawiki

Tirumurai (Tamil: திருமுறை, Tirumuṟai, „heilige Ordnung“ oder „heiliges Buch“), meist Panniru Tirumurai („die zwölf heiligen Bücher“) genannt, ist der Kanon der tamilischen Shiva-Dichtung. Die zwölf Bände versammeln Hymnen, Lehrgedichte und Heiligenlegenden von mehr als zwanzig Dichtern, die zwischen etwa dem 6. und dem 12. Jahrhundert lebten. Für den tamilischen Shivaismus und die Shaiva-Siddhanta-Philosophie haben sie eine ähnliche Bedeutung wie die Veden für die Sanskrit-Tradition; man nennt sie deshalb auch den „tamilischen Veda“.

Im Mittelpunkt stehen die Lieder der Nayanars, der 63 Heiligen der Shiva-Verehrung. Ihre Hymnen sind Ausdruck glühender Bhakti: Sie besingen Shiva in den Tempeln des tamilischen Landes, klagen, bitten, jubeln und danken. Zugleich enthält der Kanon mit dem Tirumandiram des Tirumular ein großes Werk über Yoga und Erkenntnis und mit dem Periya Puranam die Lebensgeschichten der 63 Heiligen.

Die Tirumurai ist keine Schrift, die nur gelesen wird. Ihre Hymnen werden bis heute täglich in den Shiva-Tempeln Tamil Nadus und Sri Lankas gesungen, von eigens ausgebildeten Tempelsängern, den Oduvars, in überlieferten Melodien. So ist sie eine lebendige Tradition des Singens, in der Hingabe, Dichtung und Musik eins werden.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Tirumurai, Panniru Tirumurai
Tamil திருமுறை; பன்னிரு திருமுறை
Transliteration Tirumuṟai; Paṉṉiru Tirumuṟai
Bedeutung „Heilige Ordnung“, „heiliges Buch“; „die zwölf heiligen Bücher“
Umfang Zwölf Bände von mehr als zwanzig Dichtern
Entstehungszeit der Texte Etwa 6. bis 12. Jahrhundert (das Tirumandiram wird teils früher datiert)
Zusammenstellung Nambiyandar Nambi (Bände 1–11), zur Zeit der Chola-Könige; das Periya Puranam wurde als 12. Band ergänzt
Tradition Tamilischer Shivaismus; Shaiva Siddhanta; Bhakti
Kernstück Das Tevaram (Bände 1–7)

Die zwölf Bände

Band Werk Dichter
1–3 Tevaram Tirujnanasambandar (Sambandar)
4–6 Tevaram Tirunavukkarasar (Appar)
7 Tevaram (auch Tiruppattu) Sundarar (Sundaramurti)
8 Tiruvasagam und Tirukkovaiyar Manikkavacakar
9 Tiruvisaippa und Tiruppallandu Neun Dichter, darunter Tirumaligai Tevar, Karuvur Tevar und Sendanar
10 Tirumandiram Tirumular
11 Sammlung verschiedener Werke Zwölf Dichter, darunter Karaikkal Ammaiyar, Nakkirar, Cheraman Perumal, Pattinattar und Nambiyandar Nambi
12 Periya Puranam Sekkizhar

Das Tevaram: die Lieder der drei Heiligen

Die ersten sieben Bände bilden das Tevaram (தேவாரம்). Der Name wird meist als „Girlande für Gott“ gedeutet. Es enthält die Hymnen der drei großen Nayanar-Dichter des 7. und 8. Jahrhunderts, die zusammen Muvar, „die Drei“, genannt werden. Insgesamt umfasst das Tevaram rund 800 Hymnen mit über 8.000 Strophen.

Tirujnanasambandar

Sambandar ist nach der Überlieferung ein Kind-Heiliger aus Sirkazhi. Als er drei Jahre alt war, soll ihm die Göttin Parvati Milch der Weisheit gereicht haben, und er begann sofort, Hymnen auf Shiva zu singen. Er zog mit seinen Liedern von Tempel zu Tempel und starb der Legende nach schon mit sechzehn Jahren. Von seinen Hymnen sind 384 erhalten; sie bilden die ersten drei Bände.

Tirunavukkarasar (Appar)

Appar, „der Vater“, war zunächst Jaina-Mönch und wandte sich nach schwerer Krankheit und der Fürsprache seiner Schwester dem Shivaismus zu. Die Legenden berichten, dass er zahlreiche Verfolgungen überstand: Man warf ihn in einen Kalkofen, band ihn an einen Stein und warf ihn ins Meer, doch er blieb durch Shivas Gnade unversehrt. Er lebte bis ins hohe Alter, diente in den Tempeln und besang Shiva mit tiefer Demut. Seine Lieder bilden die Bände 4 bis 6.

Sundarar

Sundarar, „der Schöne“, erlebte eine besonders persönliche Beziehung zu Shiva, den er wie einen Freund anredete. Der Überlieferung nach erschien Shiva als alter Mann bei seiner Hochzeit und behauptete, Sundarar sei sein Diener, wodurch er ihn zu seiner Berufung führte. Seine Lieder gelten als die musikalischsten der Tirumurai und bilden den siebten Band.

Tevaram als Tempelgesang

Die Hymnen des Tevaram besingen 276 Shiva-Tempel, die als Padal Petra Sthalam, „besungene Orte“, besonders verehrt werden. Die Lieder sind in bestimmten Melodiemodi (Pan) komponiert, die über Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurden. Bis heute gehören sie zum täglichen Gottesdienst in den Shiva-Tempeln.

Weitere Werke der Tirumurai

Tiruvasagam (8. Band)

Das Tiruvasagam („heiliges Wort“) von Manikkavacakar gilt als eines der innigsten Werke der tamilischen Mystik. Es besingt die Gnade Shivas, der dem Dichter als Guru begegnete, und die Verwandlung eines Herzens durch Liebe. Ein tamilisches Sprichwort sagt: Wen das Tiruvasagam nicht rührt, den rührt nichts.

Tiruvisaippa und Tiruppallandu (9. Band)

Der neunte Band vereint Hymnen von neun Dichtern. Besonders bekannt ist das Tiruppallandu des Sendanar, ein Segenslied, das „viele Jahre“ des Glücks für Shiva und seine Verehrer erbittet und oft am Ende von Gottesdiensten gesungen wird.

Tirumandiram (10. Band)

Das Tirumandiram von Tirumular unterscheidet sich von den anderen Bänden. Es ist weniger Hymnendichtung als ein umfassendes Lehrwerk über Shiva-Verehrung, Ethik, Raja Yoga, Mantra, Tantra und die Philosophie von Gott, Seele und Bindung. Es gilt als früheste Darstellung der Shiva-Agamas in tamilischer Sprache. Sein bekanntester Vers lautet: „Liebe ist Shiva.“

Die Werke des 11. Bandes

Der elfte Band enthält Werke von zwölf Dichtern verschiedener Epochen. Zu ihnen gehört Karaikkal Ammaiyar, eine der frühesten Bhakti-Dichterinnen, die der Legende nach um die Gestalt eines Skeletts bat, um frei von Eitelkeit Shivas kosmischen Tanz zu schauen. Auch der Sammler der Tirumurai, Nambiyandar Nambi, ist hier mit eigenen Werken vertreten.

Periya Puranam (12. Band)

Das Periya Puranam („großes Purana“) von Sekkizhar entstand im 12. Jahrhundert. Es erzählt die Lebensgeschichten der 63 Nayanars, von Königen und Brahmanen bis zu Jägern, Töpfern und Wäschern. Viele der im Yoga-Wiki beschriebenen Heiligengeschichten, etwa die von Kannappa Nayanar oder Tiru Mula Nayanar, stammen aus diesem Werk. Es zeigt, dass Hingabe an Gott nicht an Stand oder Herkunft gebunden ist.

Die Wiederauffindung der Hymnen

Die Überlieferung erzählt, wie die Hymnen des Tevaram gesammelt wurden. Der Chola-König Rajaraja I. hörte einzelne Tevaram-Lieder und wollte die ganze Sammlung besitzen. Er erfuhr, dass die Palmblatthandschriften in einer verschlossenen Kammer des Nataraja-Tempels von Chidambaram aufbewahrt wurden. Die Priester weigerten sich zu öffnen: Nur die drei Heiligen selbst dürften die Kammer betreten. Da ließ der König Bildnisse der drei Dichter in einer Prozession zum Tempel bringen, und die Kammer wurde geöffnet.

Viele Handschriften waren jedoch von Termiten zerfressen. Nach der Legende verkündete eine göttliche Stimme, dass nur das erhalten geblieben sei, was für die Menschen des gegenwärtigen Zeitalters notwendig sei. Der Gelehrte Nambiyandar Nambi ordnete die geretteten Hymnen in Bände. Die Melodien wurden mit Hilfe einer Musikerin aus der Familie des Lautenspielers rekonstruiert, der einst Sambandar begleitet hatte.

Ob die Einzelheiten der Erzählung historisch sind, bleibt offen. Sicher ist, dass die Sammlung der Tirumurai mit der Blütezeit der Chola-Herrschaft zusammenfiel, in der auch die großen Tempel wie der Brihadishvara-Tempel in Thanjavur entstanden.

Ein Vers aus dem Tevaram

Einer der bekanntesten Verse Appars beschreibt die Zuflucht bei Shiva mit Bildern vollkommener Harmonie:

மாசில் வீணையும் மாலை மதியமும்
வீசு தென்றலும் வீங்கிள வேனிலும்
மூசு வண்டறை பொய்கையும் போன்றதே
ஈசன் எந்தை இணையடி நீழலே

Mācil vīṇaiyum mālai matiyamum
vīcu teṉṟalum vīṅkiḷa vēṉilum
mūcu vaṇṭaṟai poykaiyum pōṉṟatē
īcaṉ entai iṇaiyaṭi nīḻalē

Wie eine makellose Vina, wie der Mond am Abend,
wie die wehende Südbrise, wie der erblühende Frühling,
wie ein Teich, über dem die Bienen summen –
so ist der Schatten der beiden Füße Ishas, meines Vaters.

Eigene Übersetzung nach der verbreiteten Textgestalt.

Der Vers zeigt, wie die Bhakti-Dichter Gotteserfahrung beschreiben: nicht als ferne Lehre, sondern als Geborgenheit, Schönheit und Frieden, erfahrbar in den einfachsten Bildern der Natur.

Verehrung Shivas

Tirumurai und Shaiva Siddhanta

Die Tirumurai bildet zusammen mit den Shiva-Agamas und den vierzehn philosophischen Lehrschriften (Meykanda Shastras) die Grundlage der Shaiva-Siddhanta-Philosophie. Während die Meykanda Shastras, beginnend mit dem Sivajnana Bodham des Meykandar, die Lehre systematisch darlegen, ist die Tirumurai ihr Herz der Erfahrung: Sie zeigt, wie die Beziehung zwischen Gott (Pati), der Seele (Pashu) und der Bindung (Pasha) im Leben der Heiligen lebendig wird.

In vielen Tempeln wird im Gottesdienst eine Auswahl aus fünf Teilen der Tirumurai gesungen, das sogenannte Pancha Puranam: je ein Lied aus Tevaram, Tiruvasagam, Tiruvisaippa, Tiruppallandu und Periya Puranam.

Bedeutung für Bhakti und Yoga

Bhakti in der Muttersprache

Die Nayanars sangen nicht in der Gelehrtensprache Sanskrit, sondern in Tamil, der Sprache des Volkes. Sie zogen von Tempel zu Tempel und brachten die Gottesliebe zu allen Menschen. Diese Bewegung prägte die Bhakti-Tradition ganz Indiens und zeigt, dass Hingabe keine Frage von Gelehrsamkeit ist.

Hingabe über alle Grenzen

Unter den 63 Nayanars sind Männer und Frauen, Könige und Ausgestoßene, Gelehrte und einfache Menschen. Die Tirumurai lehrt damit, dass die Liebe zu Gott jede gesellschaftliche Schranke überschreitet.

Gesang als spirituelle Praxis

Die Tirumurai ist eine singende Tradition. Das hingebungsvolle Singen, im Yoga als Kirtan bekannt, öffnet das Herz, sammelt den Geist und verbindet Menschen in gemeinsamer Hingabe. Die Tevaram-Hymnen sind ein frühes und besonders reiches Beispiel dafür.

Von der Liebe zur Erkenntnis

Mit dem Tirumandiram enthält der Kanon auch den Weg des Yoga und der Erkenntnis. So verbinden sich in der Tirumurai Bhakti Yoga, Raja Yoga und Jnana Yoga, wie es auch im integralen Yoga Swami Sivanandas geschieht.

Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten

Die Tirumurai steht in einer Reihe mit dem Nalayira Divya Prabandham, der entsprechenden Sammlung der vishnuitischen Alvars. Das Tolkappiyam und die großen Epen wie das Silappatikaram bildeten die literarische Grundlage, aus der die Bhakti-Dichtung hervorging. Spätere Murugan-Dichter wie Arunagirinathar und Shiva-Verehrer wie Ramalinga Swamigal schöpften aus dieser Tradition. Ramalingas Tiruvarutpa wird von seinen Verehrern oft als Fortsetzung der Tirumurai verstanden. Auch Ramana Maharshi schätzte die Hymnen der Nayanars, besonders Manikkavacakars Tiruvasagam.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Einen Vers singen: Wähle einen kurzen Vers, etwa den Vers Appars, und lies oder singe ihn langsam. Lass danach die Stille wirken, bevor du in die Meditation gehst.
  • Das Göttliche in der Natur: Appar vergleicht Gottes Nähe mit dem Abendmond, der Brise und dem Summen der Bienen. Nimm dir heute einen Moment Zeit, einen solchen Augenblick der Harmonie bewusst wahrzunehmen.
  • Hingabe ohne Bedingung: Die Nayanars kamen aus allen Schichten. Überlege, wie du in deinem Alltag Menschen unabhängig von Stand und Herkunft mit Achtung begegnen kannst.
  • Gemeinsames Singen: Nimm an einem Kirtan teil oder singe Mantras in deiner Yogapraxis. Die Tradition der Tirumurai zeigt, wie Gesang zu einem Weg der Gotteserfahrung werden kann.
Symbolbild: Hingabe, die das Herz weit werden lässt

Zwölf Bücher, ein Lied der Liebe

Die Tirumurai ist die Stimme von Menschen, die Shiva mit ganzem Herzen liebten. Über Jahrhunderte gesungen, verbindet sie Dichtung, Musik und Hingabe zu einer lebendigen Tradition. Wer ihre Lieder hört oder singt, kann erfahren, was Appar besang: dass die Nähe Gottes so wohltuend ist wie der Klang einer reinen Vina und der Schatten an einem stillen Teich.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

  • Thevaaram.org: die gesamte Panniru Tirumurai mit Übersetzungen in mehrere Sprachen und Tonaufnahmen tamilischer Rezitationen.
  • Project Madurai: Werkverzeichnis mit zahlreichen Bänden der Tirumurai im tamilischen Volltext.
  • Wikipedia (deutsch): Tevaram.
  • Indira Viswanathan Peterson: Poems to Siva. The Hymns of the Tamil Saints, Princeton 1989.
  • Kamil V. Zvelebil: Tamil Literature, Leiden 1975.

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