Tantrasadbhava

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Tantrasadbhava (Sanskrit: तन्त्रसद्भाव, IAST: Tantrasadbhāva), auch Tantra Sadbhava geschrieben, ist eine umfangreiche Schrift des tantrischen Shivaismus. Sie gehört zur Überlieferung des Trika und verbindet die Verehrung von Bhairava und Shakti mit Mantra, Einweihung, ritueller Körpervorstellung und Yoga. Ihr Titel lässt sich sinngemäß als „Das eigentliche Wesen des Tantra“ oder „Die wahre Essenz der tantrischen Lehre“ verstehen. Das Tantrasadbhava ist zugleich ein wichtiges Zeugnis dafür, wie tantrische Texte ältere Überlieferungen aufnahmen, umgestalteten und an spätere Traditionen weitergaben.[1]

Shiva als allgemeine Illustration des Shivaismus. Das Bild ist keine historische Darstellung eines bestimmten Mandalas des Tantrasadbhava.

Im Mittelpunkt stehen Fragen, die auch heutige Leser beschäftigen: Wie hängen Bewusstsein, Körper und Sprache zusammen? Welche Bedeutung haben Guru, Praxis und Erkenntnis auf dem Weg zur Befreiung? Im Tantrasadbhava werden diese Fragen innerhalb einer konkreten tantrischen Ritualwelt behandelt. Seine Lehre lässt sich deshalb weder auf eine allgemeine Energielehre noch auf das heute verbreitete System von sieben Chakras verkürzen.

Zum Umfang dieser Textdarstellung: Die erhaltene nepalesische Überlieferung umfasst 28 Kapitel. Die wissenschaftliche Hauptquelle dieses Artikels ist eine kritische Teiledition, keine vollständige Ausgabe aller Kapitel. Der Umfang des hier tatsächlich wiedergegebenen und übersetzten Sanskrittexts wird im Abschnitt „Textbestand und Grenzen dieser Ausgabe“ genau ausgewiesen. Eine vollständige Übersetzung des gesamten Tantrasadbhava wird hier nicht behauptet.

Name und Bedeutung des Titels

Tantra bezeichnet hier eine offenbarte Lehrschrift beziehungsweise die darin vermittelte Lehre. Sadbhāva kann „wirkliches Sein“, „wahre Beschaffenheit“ oder „eigentliches Wesen“ bedeuten. „Essenz“ ist eine gut verständliche sinngemäße Übersetzung. Der Name Tantrasadbhava besteht aus einem Sanskritkompositum; deshalb wird im Artikeltitel die Zusammenschreibung gewählt. „Tantra Sadbhava“ bleibt eine lesbare Suchvariante.

Das in Kolophonen häufig vorangestellte śrī ist eine ehrende Bezeichnung. Śrītantrasadbhāva bezeichnet hier dasselbe Werk. Davon zu unterscheiden sind andere Schriften mit sadbhāva im Titel, etwa das Kramasadbhāva. Auch ein gewöhnlicher Gebrauch des Wortes tantrasadbhāva innerhalb eines anderen Sanskrittexts ist nicht automatisch ein Zitat des hier behandelten Werkes.

Überlieferung und historische Einordnung

Trika, Bhairava und die Göttin

Das Tantrasadbhava zählt mit dem Malinivijayottara Tantra und dem Siddhayogeśvarīmata zu den wichtigen erhaltenen Quellen des Trika. Die Kapitelkolophone ordnen es dem bhairavasrotas, der Überlieferungsströmung Bhairavas, und dem vidyāpīṭha, dem Bereich der Göttinnen- und Vidya-Überlieferungen, zu. Diese Selbstzuordnung ist eine Aussage über die religiöse Autorität und Überlieferung des Textes.[1]

Die Schrift wird als Gespräch zwischen der Göttin und Bhairava entfaltet. Bereits der Eingang stellt die Göttin als Vermittlerin einer rettenden Unterweisung heraus. Die Lehre umfasst zugleich rituelle Verfahren, kosmologische Ordnungen, Mantra-Systeme und Aussagen über die höchste Wirklichkeit. Ihre vielschichtige Gestalt ist für das Tantrasadbhava charakteristisch; sie sollte nicht nachträglich zu einem überall widerspruchsfreien Lehrsystem geglättet werden.

Die Göttin als allgemeine Illustration. Shakti und die Göttinnenverehrung sind für das Tantrasadbhava wesentlich; das Bild belegt keine bestimmte historische Ikonographie dieses Textes.

Datierung

Junglan Bang schlägt für Komposition und Redaktion des Tantrasadbhava ungefähr das 8. bis 9. Jahrhundert vor. Das ist eine begründete historische Einordnung, kein unmittelbar überliefertes Entstehungsdatum. Ihre Argumente betreffen ältere Textschichten, Beziehungen zu shivaitischen und buddhistischen Quellen sowie die spätere Rezeption. Die verschiedenen Schichten des Werkes müssen nicht gleichzeitig entstanden sein.[2]

Ein belastbarer äußerer Bezugspunkt ist die Verwendung des Tantrasadbhava durch Abhinavagupta um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert. Die vollständig erhaltene Palmblatthandschrift A wurde gegen Ende des 11. Jahrhunderts kopiert; Bang nennt Nepal-Samvat 217 und 1097/98 n. Chr. An anderer Stelle referiert sie Petechs Zuordnung zum 27. Februar 1097. Das Kopierdatum einer Handschrift darf nicht als Entstehungsdatum der darin enthaltenen Schrift ausgegeben werden.[3]

Der genaue Entstehungsort bleibt unsicher. Die Rezeption im Kashmir Shivaismus beweist keine ausschließlich kaschmirische Entstehung sämtlicher Textschichten. Nach Bang sind auch Nordostindien und der nepalesische Raum für die Redaktionsgeschichte zu berücksichtigen; weitergehende Ortszuweisungen bedürfen zusätzlicher Belege.

Beziehungen zu anderen tantrischen Schriften

Für das Verhältnis zum Svacchanda Tantra liegen konkrete Textvergleiche vor. Bang weist insbesondere auf die nepalesische, in den Handschriften Svacchandalalitabhairava genannte Überlieferung hin. Zahlreiche parallele Passagen sprechen für Aufnahme und Bearbeitung älteren Materials im Tantrasadbhava. Ihre Anhänge edieren ausgewählte Vergleichspassagen aus den Kapiteln 4 und 7 dieser Svacchanda-Überlieferung.[4]

Auch die Beziehungen zum Kubjikamata Tantra beruhen auf nachweisbaren Textparallelen. Bang behandelt unter anderem die Beziehungen der Tantrasadbhava-Kapitel 3, 6 und 8 zu den Kubjikamata-Kapiteln 4, 5 und 6 sowie weitere Parallelen in den Kapiteln 15 und 19. In der Forschung werden diese Befunde als Aufnahme von Material des Tantrasadbhava in die Kubjika-Überlieferung eingeordnet. Damit ist keine vollständige Abhängigkeit aller Lehren des Kubjikamata Tantra behauptet. Für einzelne Passagen bleiben Handschriftenlage und Redaktionsgeschichte jeweils zu untersuchen.[4]

Der Tantraloka und die Kommentare Kshemarajas bezeugen die spätere Verwendung des Tantrasadbhava. Besonders deutlich ist dies bei Einweihungsverfahren und ihrer Verbindung mit als Bestätigung gedeuteten Erfahrungen. Nicht jedes unter dem Titel Tantrasadbhava angeführte Lehrstück lässt sich jedoch in der erhaltenen nepalesischen Fassung identifizieren. Die von kaschmirischen Autoren benutzte Textgestalt und der heute erhaltene Bestand dürfen deshalb nicht ohne Prüfung gleichgesetzt werden.[5]

Bang diskutiert außerdem Beziehungen zu buddhistischen Texten. Dabei sind konkrete Entlehnungen, gemeinsame Überlieferungsbestände und die mögliche Richtung einer Übernahme auseinanderzuhalten. Ähnliche Begriffe allein beweisen keine Textabhängigkeit.

Textgrundlage, Edition und Umfang

Die wissenschaftliche Hauptquelle Verwendet wird die Dissertation von Junglan Bang (Universität Hamburg, 2018; online seit 2022). Sie enthält eine Handschriftenuntersuchung, eine Einleitung, kritische Sanskriteditionen ausgewählter Abschnitte, englische Übersetzungen und Vergleichstexte. Die Sanskritedition steht auf S. 132–275 in Devanagari. Die Arbeit gehört nicht zur Kashmir Series of Texts and Studies (KSTS). Eine Zugehörigkeit des Tantrasadbhava selbst zu dieser Editionsreihe ist hier nicht nachgewiesen.

Die von Bang ausgewählten Textzeugen sind:

Sigle bei Bang Nachweis Beschaffenheit und Bedeutung
A NAK 5-445; NGMPP A 44-2 Vollständige Palmblatthandschrift, 186 Blätter; altnewarische Schrift; Nepal-Samvat 217. Zentrale Grundlage für die 28 Kapitel und ihre Kolophone.
B NAK 1-362; NGMPP A 44-1 Unvollständige Palmblatthandschrift, 144 Blätter; altnewarische Schrift. Endet nach 10.791; für spätere Kapitel kein gleichwertiger vollständiger Textzeuge.
C NAK 5-1985; NGMPP A 188-22 bis A 189-1 Vollständige Papierhandschrift in Devanagari, 132 Blätter; nach Bang eine Abschrift von A und daher kein von A unabhängiger vollständiger Zeuge.

Ein in Katalogen dem Tantrasadbhava zugeordnetes Einzelblatt, NGMPP A 933-1, wird von Bang gesondert geprüft und eher der Svacchandalalita-Überlieferung zugeordnet. Es wird hier nicht als vierte vollständige Tantrasadbhava-Handschrift behandelt.[6]

GRETIL und Muktabodha Im bei der Quellenprüfung eingesehenen GRETIL-Verzeichnis wurde keine selbständige Tantrasadbhava-Vorlage gefunden. Das ist ein Recherchebefund, keine Aussage darüber, dass niemals eine solche Datei existiert habe. Wissenschaftliche Literatur weist eine von Mark S. G. Dyczkowski vorbereitete elektronische Bearbeitung bei Muktabodha nach; bibliographisch wird unter anderem ein Stand vom 1. August 2006 genannt. Der konkrete vollständige E-Text konnte in dieser Bearbeitung nicht abgerufen und auf Umfang geprüft werden. Er wird deshalb nicht als benutzte Sanskritvorlage ausgegeben.[7]

Die heutigen Nutzungsbedingungen der Muktabodha-E-Text-Bibliothek nennen CC BY-NC 4.0. Diese Bedingungen dürfen nicht mit den abweichenden Regeln für ihre Bildsammlungen oder mit CC BY 4.0 für Bangs Dissertation verwechselt werden. Die kostenlose Zugänglichkeit einer Datei ist für sich genommen keine uneingeschränkte Wiederveröffentlichungserlaubnis.[8]

Überlieferte Umfangsangaben Die Kapitelkolophone nennen wiederholt saptakoṭipramāṇa, einen Umfang von sieben koṭi, also siebzig Millionen. Diese traditionelle Großzahl bezeichnet hier keine nachgezählte Menge der erhaltenen Verse. Die Zahl 28 bezieht sich auf die Kapitelgliederung der nepalesischen Überlieferung. In 28.90 steht daneben eine von Bang als zwölftausend Verse gedeutete Selbstangabe. Auch sie wird nicht als gezählter Handschriftenumfang behandelt. Eine exakte Versgesamtzahl des gesamten Werkes wird mangels geprüfter vollständiger Vorlage nicht angegeben.

Die kritische Teiledition umfasst Kapitel 1 (1–490), einen Abschnitt von Kapitel 3, Kapitel 9 (1–577), Kapitel 18 (1–53), einen Abschnitt von Kapitel 24 und Kapitel 28. Der Abschnitt aus Kapitel 24 ist im Inhaltsabriss der Dissertation vorhanden, obwohl er in der Kurzbeschreibung des Hochschulschriftenservers nicht eigens genannt wird. Umfang und Teilversgrenzen müssen daher am Editionsteil selbst geprüft werden.

Inhalt und Aufbau: alle 28 Kapitel

Die folgende Tabelle orientiert sich an den von Bang auf S. 40–42 transkribierten Kolophonen der Handschrift A. Die Themenangaben sind Orientierungshilfen, keine Behauptung einer vollständigen Übersetzungsprüfung aller Kapitel. Bei grammatisch auffälligen oder verderbten Titeln wird die Unsicherheit kenntlich gemacht.

Kapitel Titelwortlaut oder Kernbegriff im Kolophon Themenorientierung
1 praśnayogādhikāra Fragen und Yoga-Unterweisung; Bewusstsein, Shakti, Mantra, Körper und Befreiung.
2 mātṛkāpūjādhikāra Verehrung der Matrika beziehungsweise der als Göttinnen verstandenen Laute.
3 mantranirṇayādhikāra Bestimmung der Mantras; unter anderem die verschlüsselte Lautordnung nādiphāntakrama.
4 vyastasādhana Gesonderte beziehungsweise einzeln behandelte Sadhana-Verfahren; knapper Kolophontitel.
5 sarvātmacakrādhikāra Unterweisung über das sarvātmacakra; die genaue technische Bedeutung ist aus dem Kapitel zu bestimmen.
6 samayākhyoddhāra Heraushebung oder Ermittlung dessen, was samaya heißt; technische Titeldeutung bleibt prüfbedürftig.
7 umāmāheśvaracakrādhikāra Der Kreis von Uma und Maheshvara.
8 mudrādhikāra Mudras, rituelle Siegel und Gesten.
9 samayadīkṣādhikāra Einweihungen, zugehörige Rituale, Weihen und Verpflichtungen der Eingeweihten.
10 adhvāna Die kosmischen beziehungsweise rituellen Wege (Adhvan); auffällige Kurzform im Kolophon.
11 sṛṣṭi Hervorbringung und Schöpfung.
12 adhvaropasaṃhāra Abschluss des Rituals beziehungsweise Einziehung des adhvan; der überlieferte Titel ist mehrdeutig und wird nicht stillschweigend verbessert.
13 navātmādhikāra Unterweisung über den neunfachen Navatman und den zugehörigen Mantrabereich.
14 rudraśaktinirṇaya Bestimmung der Rudra-Shakti-Ordnung.
15 caryādhikāra Religiöses Verhalten und Observanzen (caryā).
16 yoginīlakṣaṇādhikāra Merkmale der Yoginis; auch für die Überlieferung heiliger Orte bedeutsam.
17 mantrakośa Mantra-Sammlung beziehungsweise Mantra-Schatz.
18 chommakādhikāra Rituelle Zeichensprache und Erkennungszeichen; der Kolophon hat die auffällige Form cchommakādhikaro ṣṭādaśamaḥ.
19 kṣetropakṣetrārccana Verehrung an heiligen Orten und zugeordneten Nebenorten.
20 yantrādhikāra Yantras und zugehörige Verfahren; die Handschrift schreibt yaṃtra.
21 vidyākośa Sammlung von Vidyas beziehungsweise Göttinnenmantras. Der Kolophon nennt nochmals viṃśatimaḥ, „zwanzigstes“; „21“ bezeichnet hier die Stellung in der Kapitelreihe.
22 mantradīpana Anfachen beziehungsweise Aktivieren der Mantras.
23 agadayogādhikāra Historische Verfahren gegen Gifte und entsprechende Heilmittel; keine heutige medizinische Anleitung.
24 kālādhikāra Zeit, Atembewegung und als Vorzeichen gedeutete Veränderungen.
25 kālavañcanādhikāra Überlistung von Zeit beziehungsweise Tod im historischen Ritual- und Yogakontext.
26 antyeṣṭyādhikāra Letzte Riten und Bestattungsrituale (Antyeshti).
27 raktākṛṣṭi Wörtlich ungefähr „Anziehung des Blutes/Roten“; die technische Bedeutung bleibt ohne Kapitelprüfung offen.
28 ātmācārādhikāra Bewegung beziehungsweise Weg des Atman im Körper. Der Kolophon von A enthält eine beschädigte Form des Titels; die Edition bietet ātmācārādhikāra.

Textbestand und Grenzen dieser Ausgabe

Diese kommentierte Teilausgabe des Tantrasadbhava gibt den gesamten Sanskrit-Lesetext der verwendeten kritischen Teiledition wieder. Sie enthält 1.288 nummerierte Texteinträge mit jeweils unmittelbar folgender deutscher Arbeitsübersetzung beziehungsweise einem örtlich gekennzeichneten Hinweis auf eine Textstörung. Anschließend folgt derselbe Teilbestand in Devanagari.

Kapitel In Bangs Teiledition vorhanden In dieser Datei enthalten Ergebnis
1 1–490 1–490 Alle 490 Einträge, Eingangsanrufung, Überschrift und Kapitelkolophon.
3 96–132ab 96–132ab Alle 37 Nummernpositionen dieses Auszugs; am Ende nur ein Halbvers.
9 1–577 1–577 Alle 577 Einträge, unnummerierte Mantrapassagen, Überschriften und Kapitelkolophon; 388 ist halbversig, 389 und 577 haben sechs Versviertel.
18 1–53 1–53 Alle 53 Einträge einschließlich prosanaher Passagen, Sprecherangaben und Kapitelkolophon.
24 177cd–202 177cd–202 Alle 26 Nummernpositionen dieses Auszugs; am Anfang nur ein Halbvers, Textstörung in 199.
28 1–105 1–105 Alle 105 Einträge einschließlich Randzusatz 77cd–80ab, markierter Lücken und Kapitelkolophon; 105 hat sechs Versviertel.

A – Gegenüber der verfügbaren elektronischen Vorlage: Alle 1.288 Nummernpositionen des Sanskrit-Lesetextes der kritischen Teiledition sind erfasst. Die darin vorhandenen Eingänge, Sprecherangaben, Zwischenüberschriften, Prosa- und Mantrapassagen, Zusatzzeilen und Kapitelkolophone werden mitgeführt. Der moderne Variantenapparat und die fremden Vergleichstexte in den Anhängen sind keine Teile dieses Lesetexts; sie bleiben in der Quellen-PDF zugänglich. Die vorhandenen Textstörungen werden erhalten.

B – Gegenüber dem gesamten überlieferten Werk: Die vollständige Erfassung dieser Teiledition ist keine vollständige Ausgabe des 28-kapiteligen Tantrasadbhava. Nicht kritisch ediert sind darin die Kapitel 2, 4–8, 10–17, 19–23 und 25–27 sowie 3.1–95, der Abschnitt ab 3.132cd und 24.1–177ab sowie der Abschnitt nach 24.202. Die Endnummern dieser nicht vollständig vorliegenden Kapitel werden nicht erfunden. Gesonderte Schreiber- und Gesamtkolophone der vollständigen Handschrift sind nicht vollständig transkribiert und übersetzt. Der Kapitelkolophon von 28 ist enthalten.

C – Vorhandensein deutscher Absätze: Zu allen 1.288 Nummernpositionen und allen gesondert wiedergegebenen Sanskrit-Zusatzblöcken stehen deutsche Übersetzungsabsätze beziehungsweise örtliche Bearbeitungshinweise. Dennoch liegt keine lückenlos entschlüsselte Gesamtübersetzung vor. Nicht sicher übersetzbare Wörter oder Textreste bleiben in 1.71, 1.311, 1.395, 1.421cd, 9.10, 9.193, 9.543–544, 9.560–562, 9.565–568, 24.199, 28.15, 28.30–31, 28.35, 28.54, 28.68 und 28.89 offen; die jeweiligen Stellen benennen die betroffenen Ausdrücke. In 1.421cd fehlt weiterhin eine sichere Satzübersetzung; die verständlichen Wortgruppen sind nur vorläufig wiedergegeben. Besonders umfangreich ist die gestörte Wortgruppe 9.561. Die gesamte Deutung von 18.13 und zahlreiche einzelne Satzkonstruktionen bleiben vorläufig; das ist von einem fehlenden deutschen Absatz zu unterscheiden.

Ungeklärte Chiffren oder rituelle Sonderwörter, insbesondere in Kapitel 3 und 18 sowie hiri und turu in 9.375 und 9.382, werden nicht mit reinen Keimsilben gleichgesetzt. Keimsilben und Lautnamen bleiben als Laute erhalten; dies ist keine fehlende lexikalische Satzübersetzung. Weitere Mehrdeutigkeiten und editorische Eingriffe stehen unmittelbar an den Versen; sämtliche örtlichen Anmerkungen sind zusätzlich im Arbeitsarchiv zusammengestellt.

D – Philologische Prüfung: Die erfassten Sanskritblöcke wurden am sichtbaren Devanagari-Druck abgeglichen; die deutsche Arbeitsübersetzung wurde unter Heranziehung von Bangs englischer Übersetzung und Diskussion geprüft. Kapitel 24 hat dort keine fortlaufende englische Übersetzung; auch 18.13 wird in ihr übersprungen. Die vorliegende Bearbeitung ist keine unabhängige kritische Neuedition und keine durch ein Sanskrit-Fachlektorat abschließend freigegebene Übersetzung. Automatische Nummern- und Zuordnungsprüfungen belegen nur die strukturelle Konsistenz der gespeicherten Datei.

Zeichen und Übersetzungsweise

Die ursprünglichen Nummern werden als Kapitel.Vers wiedergegeben; ab und cd bezeichnen die vorhandenen Halbverse. Der Quellenbestand dieser sechs Abschnitte enthält keine doppelt vergebenen Versnummern. Die zweimalige Nennung derselben Nummer in dieser Datei gehört zu den beiden Schriftfassungen und ist keine doppelte Originalzählung. Die abweichende Kapitelzahl im Kolophon des 21. Kapitels ist oben in der Übersicht erklärt.

Eckige Klammern im deutschen Text markieren erklärende Ergänzungen oder Bearbeitungshinweise. Cruces (†…†) kennzeichnen bereits in der Edition als gestört markierte Lesungen. Sterne haben kontextabhängig verschiedene Funktionen: Bei 24.199, 28.35 und 28.89 zeigen sie eine Störung beziehungsweise fehlende Zeichen an; vor den Zusatzzeilen 28.77cd–80ab verweisen sie auf den von der Herausgeberin eingeordneten Randzusatz. In 28.68 bleibt die Lücke unbekannten Umfangs sichtbar. Keine dieser Markierungen ist ein Mantra-Laut.

Lautnamen und Keimsilben werden als Lautformen erhalten. Verständliche Anweisungen zu ihrer Stellung und Verwendung sind übersetzt. Davon unterschieden bleiben noch nicht sicher entschlüsselte räumliche Chiffren in Kapitel 3 und Sonderwörter oder Gottheitschiffren in Kapitel 18. Die Auflösung einer Chiffre ist nicht mit der lexikalischen Übersetzung ihres Lautwerts gleichzusetzen. Schreibungen wie kaṣākhyaṃ in 3.102 und 3.121 werden nach dem Druck erhalten, auch wenn ihre Deutung auf kṣa führt.

Die IAST-Einrichtung folgt dem Lesetext von Bang. Ihre editorischen Emendationen werden damit als Teil einer wissenschaftlichen Edition übernommen, nicht als übereinstimmende Lesungen aller Handschriften ausgegeben. Die örtlichen Hinweise nennen ausgewählte wichtige Fälle; der vollständige Variantenapparat bleibt in der Original-PDF zugänglich. Die hier zusätzlich gesetzten Wortabstände sind redaktionell und verändern nicht absichtlich den Lautbestand.

Matrika-Chakra als allgemeine Illustration der Beziehung von Sanskrit-Lauten und Shakti. Das Bild ist keine Rekonstruktion des Mālinī-Buchstabenfeldes im Tantrasadbhava.

Sanskrit in IAST mit deutscher Übersetzung

Kapitel 1: Grundfragen, Offenbarung und Erkenntnis

Bang 2018, S. 132–185; englische Übersetzung und Diskussion S. 279–354.

Alle 490 nummerierten Einträge des ersten Kapitels werden mit Eingangsanrufung, Überschrift und Kapitelkolophon wiedergegeben. Die Fragen der Göttin leiten in Bhairavas Lehre über Bewusstsein, Shakti, Bindu, Mantra und Befreiung über. Der Text erörtert auch Einwände gegen Erkenntnis und Nichtdualität; seine wechselnden Argumentationsebenen werden nicht vereinheitlicht. Historische Körpervorstellungen und Wirkungsbehauptungen werden als Aussagen des Quellentextes übersetzt.

Kapitelüberschrift der Edition
praśnayogādhikāro nāma prathamaḥ paṭalaḥ
Erstes Kapitel, genannt „Unterweisung über Fragen und Yoga“.

Unnummerierter Eingang
oṃ namo mahābhairavāya digdevatādibhyo gurubhyaḥ ||
Om. Verehrung dem großen Bhairava, den Gottheiten der Himmelsrichtungen und den weiteren [Gottheiten] sowie den Gurus.

1.1
jyotiṣkaśikhare ramye nānādhātuvicitrite |
nānādrumalatākīrṇe nānā-ṛṣisamākule ||
Auf dem lieblichen Gipfel Jyotiṣka, der von vielerlei Mineralien bunt gefärbt, von mannigfachen Bäumen und Lianen bedeckt und von zahlreichen Rishis bevölkert war, [versammelten sich die im Folgenden Genannten].
Anmerkung: Jyotiṣka ist eine Emendation nach Sandersons Hinweis gegenüber jyotiḥstha der Handschriften. Der Satz wird in 1.2 abgeschlossen.

1.2
siddhavidyādharākīrṇe gaṇapramathasevite |
brahmaviṣṇusurādhyakṣāḥ sarve tatra samāgatāḥ ||
Dort, wo Siddhas und Vidyadharas zahlreich wohnten und Ganas und Pramathas ihren Dienst versahen, versammelten sich Brahma, Vishnu und die Anführer der Götter.

1.3
muditaṃ bhairavaṃ dṛṣṭvā pratyabhāṣanta cāmbikām |
tvaṃ mātā jagatasyāsya tvameva śaraṇaṃ tu me ||
Als sie Bhairava freudig gestimmt sahen, sprachen sie zu Ambika: „Du bist die Mutter dieser Welt; du allein bist meine Zuflucht.
Anmerkung: Der Wechsel vom gemeinschaftlichen Sprecher zum singularischen „meine“ steht im Text. Die Anrede setzt sich bis 1.7 fort.

1.4
saṃsārabhayabhītānāṃ tārakā tvaṃ mahāyaśe|
ṛṣayo devagandharvā gaṇavidyādharādayaḥ ||
Du bist die Retterin derer, die vor den Gefahren des Samsara erschrecken, o Ruhmreiche. Rishis, Götter, Gandharvas, Ganas, Vidyadharas und die übrigen [sind betroffen].

1.5
trastāḥ saṃsāracakre ’smiñjarāmaraṇabhīravaḥ|
duḥkhitāḥ prāṇino ’nye ’pi tvāmeva śaraṇaṃ gatāḥ ||
Sie sind in diesem Rad des Samsara erschrocken und fürchten Alter und Tod. Auch andere leidende Lebewesen haben allein bei dir Zuflucht gesucht.

1.6
pṛccha tvaṃ devadeveśaṃ śaṃkaraṃ lokaśaṃkaram |
sadbhāvaṃ jñānasarvasvaṃ bhuktimuktiphalārpaṇam ||
Befrage den Herrn der Götter, Shankara, den Wohltäter der Welt, nach dem eigentlichen Wesen, dem Inbegriff der Erkenntnis, der Genuss und Befreiung als Früchte gewährt.

1.7
yena jñātena mucyante siddhyante tuṣṭitena ca |
teṣāṃ tu vacanaṃ śrutvā devī vacanamabravīt ||
Durch dessen Erkenntnis werden sie befreit und erlangen Vollendung, wenn [Shiva] erfreut ist.“ Als die Göttin ihre Worte gehört hatte, sprach sie.
Anmerkung: Jñātena ist die Emendation der Edition gegenüber jñānena; die Konstruktion siddhyante tuṣṭitena ist unregelmäßig. Die Ergänzung des erfreuten Shiva ist eine vorläufige Kontextdeutung.

1.8
stutvā devaṃ maheśānaṃ stutibhirvasturūpakaṃ |
yā sṛṣṭerjananī vāmā jyeṣṭhā śaktistathāmbikā ||
Zuvor pries sie den Gott, den großen Herrn, mit Lobpreisungen seiner wahren Gestalt. Sie ist die Mutter der Schöpfung, Vama, die Shakti Jyeshtha und ebenso Ambika,
Anmerkung: Die verwickelte Satzfolge reicht über 1.9 bis in die Lobpreisung 1.10. Ergänzte Subjekte dienen der Verständlichkeit.

1.9
raudrī śaktirjagaddhātrī tāsāṃ kāryaṃ ca yādṛśaṃ |
tattvarūpā-tu-yā stutyā stuteti parameśvarī ||
auch die Shakti Raudri, die Trägerin der Welt. Entsprechend den Tätigkeiten jener [Göttinnen] ist ihr Wesen; diese höchste Herrin pries [Shiva] mit dem Lobpreis.
Anmerkung: Die Wortfolge tattvarūpā-tu-yā stutyā stuteti ist syntaktisch schwierig. Die deutsche Fassung gibt Bangs Zusammenhangsdeutung vorläufig wieder; eine genaue Konstruktion aller Formen bleibt offen.

1.10
vāmājyeṣṭhāvikāraṃ prathitaguṇamayaṃ kāryamaiśvaryavīryaṃ
yasya sthāṇusthaviṣṭhaṃ viracitasakalaṃ tattvasargādisaṃgham |
taṃ devaṃ niṣkalāṃśaṃ hatasakalaguṇaṃ sarvalokeśanāthaṃ
śrīkaṇṭhaṃ sarvabhāvādaguṇamatamasaṃ nīrajaskamasattvam ||
[Sie pries] jenen Gott Shrikantha: Sein Wirken entfaltet sich als Vama, Jyeshtha und die übrigen, besteht aus den weithin bekannten Eigenschaften und besitzt Herrschaft und Kraft. Er steht fest wie ein Pfeiler; die gegliederte Gestalt, die Entfaltung der Tattvas und ihre Gesamtheit sind durch ihn gebildet. In seinem ungeteilten Aspekt sind sämtliche Eigenschaften aufgehoben; er ist der Herr aller Welten, frei von Eigenschaften in allen Erscheinungen, ohne Tamas, ohne Rajas und ohne Sattva.
Anmerkung: Die lange Strophe im Sragdhara-Metrum bleibt unter einer Nummer mit vier Druckzeilen erhalten. Die Kasusfolge und niṣkalāṃśa sind schwierig. Asattvam ist eine Emendation gegenüber susattvam; die Übersetzung folgt der Gegenüberstellung von gegliederter Manifestation und eigenschaftsfreiem Aspekt.

1.11
śrutā deva mayā tantrā rahasyā gūḍhagocarāḥ |
vāmadakṣiṇamārgaśca yāmalāstu anekadhā ||
„O Gott, ich habe die geheimen Tantras gehört, deren Bereich verborgen ist: die Wege der Vama- und Dakshina-Überlieferung und die vielfältigen Yamalas,
Anmerkung: Die Göttin beginnt ihre Fragen. Das Zitat wird im Folgenden ohne wiederholte Anführungszeichen fortgeführt.

1.12
siddhāntaśca sureśāna daśāṣṭādaśabhedataḥ |
lakṣakoṭivibhāgena koṭayastu anekadhā ||
und den Siddhanta, o Götterherr, nach der Einteilung in zehn und achtzehn Formen, gegliedert in Hunderttausende und Koti, mannigfaltige Koti.
Anmerkung: Die Zahlen beziehen sich auf traditionelle Einteilungen und Großumfänge von Offenbarung; sie sind keine Bestandszählung der vorliegenden Ausgabe.

1.13
siddhayogeśvarītantre śatakoṭipravistare |
mūlatantre mahāsūtre sūtradvayaṃ vinirgatam ||
Im Siddhayogeshvari Tantra, das sich über hundert Koti erstreckt, dem Wurzeltantra und großen Lehrwerk, gingen zwei Lehrschriften hervor.
Anmerkung: Dies ist die traditionelle Herkunftserzählung des Tantrasadbhava, kein bibliographischer Nachweis für eine erhaltene Ausgabe von hundert Koti.

1.14
tatraikaṃ tu mayā jñātaṃ yonyārṇavasamudbhavam |
na śrutaṃ śrotumicchāmi tantrasadbhāvamuttamam ||
Davon kenne ich das eine, das aus dem Yonyarnava hervorgegangen ist. Das andere habe ich nicht gehört und möchte es hören: das höchste Tantrasadbhava.
Anmerkung: Yonyārṇava ist eine auffällige, in der Überlieferung belegte Namenbildung. Die Beziehung der beiden Lehrschriften ist nicht vollständig eindeutig formuliert.

1.15
tatra caryā kriyā jñānaṃ yogaścāpi anekadhā |
sabījā dhāraṇānyāstu nirbījāstu pṛthakprabho ||
Darin [möchte ich] Lebensführung, Ritual, Erkenntnis und die vielfältigen Yogaformen [kennenlernen], ferner die mit einem Keim versehenen Konzentrationen und gesondert die keimlosen, o Herr.
Anmerkung: Die Folge sabījā dhāraṇānyās tu ist unregelmäßig. Bang bezieht die Keim-Unterscheidung auf Einweihungsformen; die deutsche Fassung bewahrt zunächst den ausdrücklich genannten Konzentrationsbegriff und kennzeichnet die Deutungsoffenheit.

1.16
anekopāyasaṃyogādyajanaṃ cātmanaṃ prati |
nādasthaṃ bindusaṃsthaṃ ca cārasthaṃ cādhvaṣaṭkagam ||
[Ich möchte] die durch die Verbindung vielfältiger Mittel erfolgende Verehrung des Selbst [kennenlernen]: wie es im Nada, im Bindu, im Bewegungsverlauf und im sechsfachen Adhvan steht,
Anmerkung: Der Satz ist Teil der fortgesetzten Themenfrage. Der Druck hat ātmanam in auffälliger Verbindung; die Übersetzung ergänzt keine fehlende Sanskritform.

1.17
śaktyuccāragataṃ deva kāraṇatyāga kālagam |
śūnyabhāvagataṃ cānyaṃ śaktisthaṃ hṛdisaṃsthitam ||
wie es sich im Aufstieg der Shakti, o Gott, im Verlassen der Ursachen und in den Zeitstufen befindet, ferner im Zustand der Leere, in der Shakti und im Herzen,
Anmerkung: Kāraṇatyāga bezeichnet im weiteren Kapitel das Überschreiten beziehungsweise Zurücklassen der Ursachenherrscher. Die genaue Gliederung der Aufzählung bleibt vorläufig.

1.18
dvādaśāntasthitaṃ caiva adhvasthamadhvavarjitam |
visargasthaṃ bhruvo ’ntasthaṃ brahmanāḍyāṃ vyavasthitaṃ ||
wie es am Dvadashanta, auf dem Adhvan und jenseits des Adhvan, im Visarga, im Inneren zwischen den Brauen und in der Brahma-Nadi verankert ist,
Anmerkung: Die im Druck wechselnden Satzformen werden als fortgesetzte Themenliste verstanden.

1.19
turyātītaṃ paraṃ devaṃ brahmadvārāntaraṃ punaḥ |
udbhavasthaṃ tathā yogaṃ viśleṣasthaṃ ca śūline ||
[und] den höchsten Gott jenseits des vierten Zustands, ferner das Innere des Brahma-Tores sowie den Yoga im Zustand des Hervortretens und im Zustand der Trennung, o Dreizackträger,
Anmerkung: Der Druck bietet die Anrede śūline, während Bangs englischer Text „Śūlinī“ verwendet. Hier wird der sichtbare Sanskritwortlaut zugrunde gelegt.

1.20
layasthaṃ ca layātītametadicchāmi veditum |
punareva tu te sarve ekabhāvagatāḥ prabho ||
[den Yoga] in der Auflösung und jenseits der Auflösung: Dies möchte ich erkennen. Sie alle gehen wiederum in einen einzigen Zustand ein, o Herr.

1.21
lolībhūtā yathā santi tathā tvaṃ kathayasva mām |
mantrāṇāṃ ca sureśāna yadvīryaṃ siddhikāraṇam ||
Wie sie miteinander verschmelzen, das erkläre mir. [Erkläre] auch die Kraft der Mantras, o Götterherr, die Ursache ihrer Vollendung.
Anmerkung: Lolībhūta bezeichnet im Zusammenhang das Verschmelzen beziehungsweise Aufgehen in einer gemeinsamen Grundlage.

1.22
tatkimarthaṃ punardeva gopitaṃ surasattama |
ye tvayā kathitā mantrāḥ pūrvaṃ syuḥ kāmasiddhidāḥ ||
Warum wurde diese [Kraft] wieder verborgen, o Gott, du Bester der Götter? Die Mantras, die du früher gelehrt hast, sollten doch die Erfüllung von Wünschen gewähren.
Anmerkung: Syuḥ ist eine Emendation der Edition gegenüber syāt. Die Wunschform wird entsprechend als „sollten“ erhalten.

1.23
saptakoṭiprasaṃkhyātāḥ paśūnāṃ tu grahaṃ prati |
kimarthaṃ te na sidhyanti kalpoktaṃ ’pi kṛte sati ||
Sie werden auf sieben Koti beziffert und dienen dem Ergreifen der gebundenen Wesen. Warum gelingen sie nicht, obwohl das in den Ritualvorschriften Gelehrte ausgeführt wird?
Anmerkung: „Sieben Koti“ gehört zur traditionellen Mantra-Zählung. Paśugraha kann rituelles Ergreifen beziehungsweise Besitzergreifen des gebundenen Wesens meinen.

1.24
kliśyanti manujātyantaṃ muktihetorjagatpate |
kathaṃ mokṣo ’tra siddhiśca mantrahīnāṃ sureśvara ||
Die Menschen mühen sich überaus um der Befreiung willen, o Weltenherr. Wie sollen diejenigen ohne [wirksame] Mantras hier Befreiung und Vollendung erlangen, o Götterherr?
Anmerkung: Das ergänzte „wirksame“ verdeutlicht den Zusammenhang der Frage nach der verlorenen Mantrakraft.

1.25
mantrāṇāṃ jananī yā ca vāmākhyā śaktiravyayā |
tayā guptāstu deveśa varṇāḥ kaivalyatāṃ yayuḥ ||
Die Mutter der Mantras, die unvergängliche Shakti namens Vama, hat die Laute verborgen, o Götterherr; dadurch sind sie in Absonderung geraten.
Anmerkung: Kaivalyatā ist hier im Zusammenhang als Isolation oder Abgetrenntsein der Laute verstanden; es bezeichnet nicht automatisch das philosophische Befreiungsideal anderer Systeme.

1.26
kathaṃ sā jñāyate sūkṣmā tejorūpā parā kalā |
yathāgnerdāhikā śaktirbhāntyevaṃ hi gabhastayaḥ ||
Wie lässt sich jene subtile höchste Kala erkennen, die Lichtgestalt hat? Wie das Feuer die Kraft des Brennens besitzt und [von der Sonne] Strahlen leuchten, [so verhält es sich mit Shakti; Fortsetzung in 1.27].
Anmerkung: Der erste Halbvers setzt die Frage der Göttin fort; der Vergleich beginnt erst im zweiten Halbvers. Die Sonne ist im deutschen Vergleich als erläuternde Ergänzung kenntlich gemacht.

1.27
tadvadeva śivasyāpi dharmatvenopacaryate |
avinābhāvayogena sarvatraivopacaryate ||
Ebenso wird [Shakti] bei Shiva als seine Wesenseigenschaft aufgefasst. Aufgrund ihrer untrennbaren Verbindung wird sie überall so verstanden.

1.28
na śivādrahitā śaktirna śaktirahitaḥ śivaḥ|
viyogo naiva dṛśyeta pavanāmbarayoriva ||
Shakti ist nicht von Shiva getrennt, und Shiva ist nicht ohne Shakti. Eine Trennung beider wäre ebenso wenig zu sehen wie die von Wind und Raum.

1.29
śaktyā karaṇarūpāyā śivakṛtyaṃ pravartate |
nānyo ’tra karaṇaṃ tasya yena kṛtyaṃ prakurvati ||
Durch Shakti, die das Werkzeug bildet, vollzieht sich Shivas Wirken. Es gibt für ihn kein anderes Werkzeug, durch das er sein Wirken ausführt.
Anmerkung: Die Kasusformen des Sanskrit sind auffällig; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Satzsinn.

1.30
mantraḥ śivaḥ samuddiṣṭo varṇāstasyaiva vācakāḥ |
vācyavācakasaṃyogācchivastena prapadyate ||
Der Mantra wird als Shiva bezeichnet; die Laute sind dessen Bezeichner. Durch die Verbindung von Bezeichnetem und Bezeichnendem wird Shiva auf diese Weise erreicht.

1.31
tatra deva kutaḥ śaktirgatā tyaktvā maheśvaram |
yena te niṣphalā jātā mantrāścāmitatejasaḥ ||
Wohin aber, Gott, ist Shakti gegangen, nachdem sie Maheshvara verlassen hat, sodass diese Mantras von unermesslicher Kraft unfruchtbar geworden sind?
Anmerkung: Die Göttin formuliert eine Frage zur zuvor genannten Unwirksamkeit von Mantras; dies ist noch nicht Bhairavas Antwort.

1.32
mātṛkā tu kathaṃ jātā mantrāṇāṃ mātarī tu yā|
viśvasya jananī yā ca mantrarūpā kathaṃ tu sā ||
Wie ist die Matrika entstanden, die Mutter der Mantras? Wie hat jene, die die Mutter des Weltalls ist, die Gestalt der Mantras?

1.33
khecarīṇāṃ ca sarvāsāṃ yā yoniḥ kathayasva tām |
śrībhairava uvāca ||
sādhu sādhu mahābhāge yattvayā pṛcchito hyaham ||
Erkläre mir jene, die der Ursprung aller Khecharis ist.“
Der ehrwürdige Bhairava sprach:
„Gut, gut, Hochbegnadete, dass du mich gefragt hast!
Anmerkung: Die Sprecherangabe steht in der Quelle zwischen den beiden Halbversen dieser Nummer. Khecharis sind hier eine Gruppe von Yoginis beziehungsweise göttlichen Mächten.

1.34
tatsarvaṃ kathayiṣyāmi śṛṇuṣvāyatalocane |
ye mayā kathitāstantrā vāmadakṣiṇayāmalāḥ ||
Ich werde dies alles erklären. Höre, Großäugige! Die Tantras, die ich als Vama, Dakshina und Yamala gelehrt habe –
Anmerkung: Der Satz führt in 1.35–36 weiter. Die Namen bezeichnen hier Überlieferungsbereiche.

1.35
rudrabhedāstathā devi śivabhedāstathaiva ca |
tatra caryā kriyā yogo jñānaṃ ca suranāyike ||
und ebenso, Göttin, die Unterteilungen des Rudra und des Shiva: In ihnen [werden] Lebensführung, Ritual, Yoga und Erkenntnis [gelehrt], Führerin der Götter.

1.36
tatra te bhrāmitāssarve ye yasminyatra pṛcchakāḥ|
na teṣāṃ kathitaṃ jñānaṃ cittavṛtti-r-apekṣayā ||
Dort wurden jedoch alle Fragenden, wo immer sie fragten, in die Irre geführt. Mit Rücksicht auf ihre geistigen Einstellungen wurde ihnen die Erkenntnis nicht mitgeteilt.
Anmerkung: Die Wiederholung yasmin yatra ist sprachlich schwierig. Das eingeschobene -r- ist im Druck markiert und bleibt erhalten.

1.37
yena yenārthino devi tattathā kathitaṃ mayā |
mudrāmaṇḍalamantraiśca kaṣṭayogaistathāparaiḥ ||
Je nachdem, wonach sie verlangten, Göttin, habe ich ihnen entsprechend gelehrt: durch Mudras, Mandalas und Mantras sowie durch andere beschwerliche Yogaverfahren –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.38.

1.38
recakaiḥ pūrakairdhyānaiḥ sopāyairbahubhiḥ priye |
bhrāmitāḥ karmavistārairna jñānaṃ kathitaṃ mayā ||
mit Ausatmungen, Einatmungen und Meditationen, mit vielen Hilfsmitteln, Geliebte. Durch ausgedehnte Ritualhandlungen wurden sie umhergeführt; die Erkenntnis habe ich ihnen nicht mitgeteilt.

1.39
taistu jñānāvalepena tacca pṛṣṭamavajñayā |
brahmā viṣṇustathā rudra indraścandraḥ prajāpatiḥ ||
Von Wissensdünkel erfüllt, hatten sie mit Geringschätzung danach gefragt: Brahma, Vishnu, Rudra, Indra, Chandra und Prajapati –
Anmerkung: Die Aufzählung wird in 1.40 fortgesetzt.

1.40
skandanandigaṇāḥ sarve śukrādyā ye ca yoginaḥ|
kṛtakṛtyāstu te sarve ye na yaccāvadhāritam ||
Skanda, Nandi, sämtliche Scharen und die Yogis mit Shukra an der Spitze. Sie alle [meinten], ihr Ziel erreicht zu haben, obwohl sie das [Gemeinte] nicht erfasst hatten.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist syntaktisch gestört. Dies ist die kontextuelle Deutung, auch bei Bang; der Sanskritwortlaut bleibt unverändert.

1.41
tattathaiva varārohe ’gṛhītaṃ mandabuddhibhiḥ |
sarvopāyakaraṃ jñānaṃ sadyaḥpratyayasaṃyutam ||
So war es von diesen schwer Begreifenden nicht aufgenommen worden, Schöngestaltete. Die Erkenntnis, die alle Mittel erschließt und mit unmittelbarer Erfahrung verbunden ist –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.42.

1.42
yoginīhṛdayānandaṃ pāraṃparyakramāgatam |
kathayāmi samāsena tvatprītyā suranāyike ||
die Freude des Herzens der Yoginis, die in einer Folge von Überlieferungen herabgekommen ist, werde ich dir aus Zuneigung kurz erklären, Führerin der Götter.

1.43
mukhyā nāḍyastrayo jantoḥ suṣumṇā piṅgalā iḍā |
adhordhvagāstatāstāstu jīvayuktasamīraṇāḥ ||
Die drei Hauptnadis eines Lebewesens sind Sushumna, Pingala und Ida. Sie erstrecken sich aufwärts und abwärts und führen die mit der Lebensseele verbundene Luft.
Anmerkung: Der Druck hat iḍā mit kurzem i. Nadis sind hier Bestandteile der tantrischen Körpervorstellung.

1.44
nābhyādhastādbhavedgranthiḥ kukkuṭāṇḍasamaprabhā |
tasya nālā gatordhvaṃ tu vitastiryāva saṃmitā ||
Unterhalb des Nabels befindet sich ein Knoten, der einem Hühnerei gleicht. Sein Stängel steigt nach oben und misst ungefähr eine Spanne.
Anmerkung: vitastir yāva ist grammatisch auffällig; die Längenangabe folgt Bangs Deutung der von ihr eingerichteten Lesung. Eine Spanne entspricht im hier verwendeten Maßsystem ungefähr zwölf Fingerbreiten.

1.45
kanyasāṅgulivatsthūlā stanamadhye vyavasthitā |
tasyopari bhavetpadmamaṣṭapatraṃ sitāruṇam ||
Er ist so dick wie der kleine Finger und befindet sich zwischen den Brüsten. Über ihm liegt ein achtblättriger, weißlich roter Lotos.

1.46
caturaṅgulavistīrṇaṃ keśaraiḥ ṣoḍaśāvṛtam |
ekāṅgulaparīṇāhā karṇikā tadvadeva hi ||
Er ist vier Fingerbreiten weit und von sechzehn Staubfäden umgeben. Seine Samenkapsel hat entsprechend einen Umfang von einer Fingerbreite.
Anmerkung: Die nichtklassische Form parīṇāha wird beibehalten.

1.47
adhastāccaturasreṇa pṛthutvena ca sā bhavet|
mallakākārarūpeṇa meruvacca prakīrtitā ||
Von unten her ist sie viereckig und wird breiter. Ihre Gestalt wird als schalenförmig und dem Meru vergleichbar beschrieben.
Anmerkung: Gemeint ist die Samenkapsel des inneren Lotos; die räumliche Vorstellung bleibt teilweise mehrdeutig.

1.48
tasyā madhye sthito jīvaḥ śivavacca vasetsukham |
bālāgraśatabhāgaṃ tu aṇurūpo ’tinirmalaḥ ||
In ihrer Mitte befindet sich die Lebensseele und verweilt dort glücklich wie Shiva. Sie hat die Gestalt eines Atoms, misst ein Hundertstel einer Haarspitze und ist überaus rein.

1.49
vidyuddrāti tejena bhramate sūryabimbavat |
paramātmā sa dehastho yogibhistu-r-upāsyate ||
Sie [leuchtet] mit der Kraft eines Blitzes und bewegt sich kreisend wie die Sonnenscheibe. Diese höchste Seele im Körper wird von den Yogis verehrt.
Anmerkung: Die Druckform vidyuddrāti ist sprachlich unsicher; „leuchtet“ gibt Bangs Deutung wieder. bhramate wird hier wörtlich als kreisende Bewegung verstanden. Das eingeschobene -r- bleibt als Editionsmarkierung erhalten.

1.50
sa eva bindurityukto vyāpayanto vyavasthitaḥ |
avyāpī paśubhāvasthaḥ saṃsāre saṃsaratyasau ||
Eben sie wird Bindu genannt: Sie ist an einem Ort und durchdringt [zugleich alles]. Als nicht durchdringende, im Zustand des gebundenen Wesens befindliche [Seele] wandert sie durch den Samsara –
Anmerkung: Fortsetzung des ersten Gedankens in 1.51. „Gebundenes Wesen“ übersetzt paśu.

1.51
anādimalamāyātmā vimuktastu sadāśivaḥ |
saṃsṛjedvividhāṃ bandhāṃ bhāvābhāvātmakāṃ guṇān ||
mit anfangsloser Unreinheit und Maya als ihrer Beschaffenheit. Befreit aber ist sie Sadashiva. Er vermag mannigfaltige Bindungen zu erschaffen: Eigenschaften, die aus Sein und Nichtsein bestehen.
Anmerkung: Die Kasusformen des zweiten Halbverses sind unregelmäßig. bhāva/abhāva kann hier auch positive und negative Zustände beziehungsweise Dispositionen bezeichnen; vgl. 1.62–67.

1.52
te guṇā bandhakatvena aṇvovṛtya vyavasthitāḥ |
tasmādevamabhāveṣu binduryojyo svarūpake ||
Diese Eigenschaften umhüllen das einzelne Selbst und bestehen als Bindungen fort. Wenn sie auf diese Weise nicht mehr vorhanden sind, ist der Bindu mit seiner eigenen Wesensgestalt zu verbinden.
Anmerkung: aṇvovṛtya ist eine auffällige Form, die Bang auf das Umhüllen des aṇu bezieht. Die Deutung von abhāveṣu als Abwesenheit der bindenden Eigenschaften ist kontextuell.

1.53
bindurātmā samākhyāta ātmā binduriti smṛtaḥ|
vyāpakaḥ paramo bindurlayātīte vyavasthitaḥ | ||
Der Bindu wird als Atman bezeichnet; der Atman gilt als Bindu. Der höchste Bindu durchdringt [alles] und befindet sich jenseits der Auflösung.
Anmerkung: layātīta bezeichnet eine Stufe jenseits von laya, der Auflösung beziehungsweise Absorption. Das zusätzliche Satzzeichen vor der Verszahl steht auch im Druck.

1.54
bindudvayaṃ tato jñātvā sa saṃsārādvimucyate |
catuṣkalasamopeto hutāśakaṇikākṛtiḥ ||
Wer diese beiden Arten des Bindu erkannt hat, wird vom Samsara befreit. Mit vier Kalas versehen und wie ein Feuerfunke gestaltet –
Anmerkung: Der zweite Halbvers wird in 1.55 fortgesetzt; Kalas sind hier Teilkräfte oder Wirkungsanteile.

1.55
tiṣṭhate bhagavānīśo hṛtpadme suranāyike |
māyodaragataṃ tiṣṭhedvidyotamiva cārciṣā ||
verweilt der erhabene Herr im Herzenslotos, Führerin der Götter. Im Inneren der Maya befindet er sich und strahlt wie ein Blitz auf.

1.56
māyā prasuptanāgābhā saṃsthitā kuṭilākṛtiḥ |
kuṇḍalī tena sā proktā cidrūpā-m-ātmanasya tu ||
Maya gleicht einer schlafenden Schlange und hat eine gewundene Gestalt. Deshalb wird sie Kundali genannt; sie ist die Bewusstseinsgestalt des Selbst.
Anmerkung: Das gedruckte eingeschobene -m- bleibt sichtbar; es wird nicht als eigenes Wort übersetzt.

1.57
tayā nīyatyasau jīva adhaścordhve ca bhāmini |
sātu māyā samākhyātā vāmāvartā tu kuṇḍalī ||
Durch sie wird diese Lebensseele nach unten und nach oben geführt, Schöne. Sie, die Maya genannt wird, ist die nach links gewundene Kundali.

1.58
jyeṣṭhā nāma dvitīyā tu ṛjurekhā tu sā smṛtā |
padmatantunibhākārā sṛṣṭimārgapravartanī ||
Die zweite heißt Jyeshtha. Sie gilt als gerade Linie, hat die Gestalt einer Lotosfaser und setzt den Weg der Schöpfung in Gang.

1.59
raudrī śṛṅgāṭakākārā tṛtīyā sā prakīrtitā|
śaśāṅkaśakalākārā nirodhī sā caturthikā ||
Die dritte heißt Raudri und hat eine dreizackige Gestalt. Die vierte ist Nirodhi, deren Gestalt einer Mondsichel gleicht.
Anmerkung: śṛṅgāṭaka bezeichnet unter anderem eine dreigipflige Erhebung oder eine dreieckige beziehungsweise dreizackige Form; die genaue Diagrammgestalt ist damit nicht gesichert.

1.60
icchājñānakriyāvibhvī catuṣka iti paṭhyate |
pañcamī śivaśaktistu yā karoti gamāgamam ||
Iccha, Jnana, Kriya und Vibhvi werden als Vierergruppe gelehrt. Die fünfte aber ist Shivashakti, die das Kommen und Gehen bewirkt.
Anmerkung: Die Namen bedeuten hier Willenskraft, Erkenntniskraft, Handlungskraft und durchdringende Kraft; Shivashakti bildet die fünfte.

1.61
icchā-m-utpādayedbuddhiṃ saṃkalpaṃ yā prakurvati |
sātu tribhedato jñeyā satvarājasatāmasā ||
Iccha bringt die Einsicht hervor, die Vorstellungen bildet. Sie ist als dreifach zu erkennen: von Sattva, Rajas und Tamas bestimmt.
Anmerkung: Die eingeschobene Lautmarkierung -m- gehört zur eingerichteten Sanskritlesung. Der Relativsatz kann grammatisch auf Kraft oder Einsicht bezogen werden.

1.62
jñānaśaktistathā jñānaṃ taccaivāṣṭaprakārataḥ |
dharmo jñānaṃ ca vairāgyamaiśvaryaṃ ca catuṣṭayam ||
Jnanas Kraft ist entsprechend Erkenntnis, und diese ist achtfach: Dharma, Wissen, Leidenschaftslosigkeit und Herrschermacht bilden eine Vierergruppe –
Anmerkung: Fortsetzung der acht Glieder in 1.63. Dharma bezeichnet hier eine positive sittliche Disposition.

1.63
adharmaśca tathājñānamavairāgyamanaiśatā |
jñānaṃ caivāṣṭadhā bhinnaṃ karoti vikaroti ca ||
Unrecht, Unwissen, Unfreiheit von Leidenschaft und Machtlosigkeit [die andere]. Die so achtfach gegliederte Erkenntnis gestaltet und verändert [die Zustände].
Anmerkung: karoti vikaroti lässt auch die Deutung „schafft und entstellt“ zu; der Bezug auf positive und negative Dispositionen ergibt sich aus der Aufzählung.

1.64
saṃkalpaśca vikalpaśca vyavahārārthakarmaṇi |
kriyā tu kurute sarvaṃ dharmādharmātmakaṃ paśoḥ ||
Vorstellen und unterscheidendes Denken [wirken] bei Tätigkeiten, die dem alltäglichen Umgang dienen. Kriya vollzieht für das gebundene Wesen alles, was die Gestalt von Recht und Unrecht hat.

1.65
vibhvī tu bodhanī jñeyā cicchaktipratibodhanī |
pañcamī yā smṛtā śaktistadādhāro vyavasthitaḥ ||
Vibhvi ist als die Erweckende zu erkennen, welche die Bewusstseinskraft erweckt. Die als fünfte bezeichnete Shakti besteht als die Grundlage dieser [Kräfte].
Anmerkung: Der Ausdruck tadādhāraḥ ist trotz des weiblichen Bezugs maskulin gedruckt; die Übersetzung folgt dem Zusammenhang.

1.66
ekā eva parā śaktiḥ kriyābhede anantadhā |
dharmārthakāmamokṣaṃ ca bhuñjate tadvaśāt priye ||
Es gibt nur eine höchste Shakti; nach der Verschiedenheit ihrer Tätigkeiten ist sie unendlich vielfältig. Unter ihrer Macht erlebt [das Wesen] Dharma, Wohlstand, Begehren und Befreiung, Geliebte.
Anmerkung: bhuñjate steht so im Druck; das Subjekt des Erlebens ist aus dem Zusammenhang ergänzt.

1.67
etacca mānasaḥ sargaḥ satvarājasatāmasaḥ |
dharmādi sātvikaṃ sargamadharmādi ca tāmasam ||
Diese geistige Schöpfung besteht aus Sattva, Rajas und Tamas. Die mit Dharma beginnende Schöpfung gehört zu Sattva, die mit Unrecht beginnende zu Tamas.

1.68
rajaḥ kṣobhakṛdubhayostenāliṅgata sūyate |
śabdaḥ sparśaṃ ca rūpaṃ ca raso gandhaśca pañcamam ||
Rajas versetzt beide in Bewegung; durch ihre Verbindung wird [die Schöpfung] hervorgebracht. Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und als fünftes Geruch –
Anmerkung: Der erste Halbvers ist grammatisch schwierig; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Zusammenhang. Die Aufzählung wird in 1.69 fortgesetzt.

1.69
buddhirmanastvahaṃkāraḥ puryaṣṭaka iti smṛtaḥ |
prāṇo ’pāna samānaśca udāno vyānameva ca ||
Unterscheidungsvermögen, Denken und Ichbewusstsein werden [mit diesen fünf] als Puryashtaka, die achtgliedrige Stadt, bezeichnet. Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana –
Anmerkung: Die „achtgliedrige Stadt“ bezeichnet hier den subtilen Leib. Im zweiten Halbvers beginnt die Aufzählung der Lebenswinde, die in 1.70 weitergeht.

1.70
nāgaḥ kūrmo ’tha kṛkaro devadatto dhanañjayaḥ |
prāṇādhārā smṛtā vāyvastadādhārāstu nāḍyaḥ ||
Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya: Diese Winde gelten als Träger des Lebens; ihre Träger wiederum sind die Nadis.

1.71
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumṇā ca tṛtīyakā |
gāndhārī hastijihvā ca pūṣā caiva yathā tathā ||
Ida und Pingala sowie als dritte Sushumna, Gandhari, Hastijihva und Pusha; [danach folgt die hier unklare Wortfolge] yathā tathā –
Anmerkung: Yathā tathā bedeutet gewöhnlich „wie … so“ beziehungsweise „ebenso“. Die Stellung in dieser Nadi-Aufzählung bleibt unklar; daraus wird hier kein gesicherter Nadi-Name gebildet. Bang deutet in ihrer englischen Übersetzung Yaśā als Namen. Der Sanskritdruck bleibt unverändert. Fortsetzung in 1.72.

1.72
alambuṣā kuha nāma śāṃkhinī daśamā smṛtā |
etaissaha mahābhāge hṛdbindustiṣṭhate sadā ||
Alambusha, die Kuha genannte [Nadi] und als zehnte Shamkhini. Mit diesen zusammen verweilt der Herzensbindu stets, Hochbegnadete.
Anmerkung: Der Druck hat kuha, hier als „Kuha“ wiedergegeben; die sonst übliche Form kuhū ist eine Deutung, keine stillschweigend übernommene Drucklesung. Die Schreibweise śāṃkhinī bleibt im Sanskrit erhalten.

1.73
brahmādidevatā tasya akārākṣaravācakaḥ |
dvidhābhūto akārastu tatra kṛtyaṃ prakurvati ||
Brahma ist dessen erste Gottheit; sein Bezeichner ist der Laut a. Dieser zweifach gewordene Laut a vollzieht dort seine Tätigkeit.
Anmerkung: „Zweifach“ wird mit Bang auf Bezeichner und Bezeichnetes bezogen.

1.74
icchā yāti layaṃ jñāne jñānaṃ ca kriyayā punaḥ |
kriyā yāti layaṃ vibhvyāṃ vibhvī yāti śivātmakā ||
Iccha geht in Jnana auf, Jnana wiederum in Kriya. Kriya geht in Vibhvi auf; Vibhvi gelangt zu [Shakti], die Shivas Wesen hat.
Anmerkung: Der letzte Bezug ist syntaktisch verkürzt und erklärend ergänzt.

1.75
sve sve sthāne layaṃ yāti brahmabhāvairadhiṣṭhitā |
brahmā viśvasvakāryāṇi upasaṃhṛtya gacchati ||
Von den Zuständen Brahmas [und der folgenden Gottheiten] bestimmt, geht [Shakti] jeweils an ihrem eigenen Ort auf. Brahma zieht seine auf die Welt gerichteten Tätigkeiten zurück und geht weiter –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.76; die Zusammensetzung viśvasvakāryāṇi ist auffällig.

1.76
ikārāntaṃ parasthānaṃ yatra viṣṇuḥ sa tiṣṭhati |
tatra śabdaḥ pralīyeta svakāryamupasaṃharaḥ ||
zur höheren Stätte, die im Laut i endet und an der Vishnu verweilt. Dort löst sich der Laut auf, nachdem er seine eigene Tätigkeit zurückgenommen hat.

1.77
brahmā kaṇṭhapralīnastu pūrvādhāre vyavasthitaḥ |
viṣṇostu tatparaṃ sthānaṃ tatra ikāra saṃsthitaḥ ||
Brahma befindet sich in der vorherigen Grundlage und geht im Hals auf. Vishnus Stätte liegt darüber; dort hat der Laut i seinen Sitz.
Anmerkung: Was pūrvādhāra, „vorherige Grundlage“, räumlich genau bezeichnet, bleibt unsicher.

1.78
viṣṇuryātyapi rudrāntamukāro yatra tiṣṭhati |
tālvantaṃ tadvijānīyātsarvajantugamāgamam ||
Auch Vishnu geht weiter bis zu Rudra, wo der Laut u seinen Sitz hat. Dies ist als das Ende des Gaumens zu erkennen, als Ort des Kommens und Gehens aller Lebewesen.

1.79
rudro ’pi ceśvare yāti makāro tatra tiṣṭhati |
nirodhā sā samuddiṣṭā lambakasyordhvaṃ saṃsthitā ||
Rudra wiederum gelangt zu Ishvara; dort befindet sich der Laut m. Jene [Kraft] heißt Nirodha und hat ihren Sitz oberhalb des Zäpfchens.

1.80
ūrdhvamārganirodhinyā raudrī tena prapaṭhyate |
tasyordhve nādajaṃ lakṣaṃ makārastatra gacchati ||
Weil sie den aufwärts führenden Weg hemmt, wird sie Raudri genannt. Darüber liegt das aus Nada entstandene Ziel; dorthin geht der Laut m.

1.81
śivasthānaṃ tu taṃ proktaṃ yatra nādasamudbhavaḥ|
lambakasyordhvataścaiva dvau bindvau yatra tau priye ||
Der Ort, an dem Nada entsteht, wird als Shivas Stätte bezeichnet. Genau oberhalb des Zäpfchens liegen die beiden Bindus, Geliebte.
Anmerkung: „Shiva“ bezeichnet hier die Stufe Sadashivas; die beiden Punkte gehören zur anschließenden Visarga-Vorstellung.

1.82
visargāntaṃ tu tatproktaṃ dvādaśāntaṃ ca bhāmini|
kalāntaṃ ca svarāntaṃ ca ṣoḍaśāntaṃ ca tatsmṛtam ||
Das heißt Visarganta und Dvadashanta, Schöne; es gilt auch als Kalanta, Svaranta und Shodashanta.
Anmerkung: Die Namen bedeuten Ende des Visarga, Ende der Zwölf, Ende der Kalas, Ende der Vokale und Ende der Sechzehn. Sie werden als technische Stufennamen erhalten.

1.83
yatra cotpadyate śabdo raudrī bhinnā yadā bhavet |
nādo ’pi gacchate devi yatra kuṇḍalikā sthitā ||
Dort entsteht der Klang, wenn Raudri durchbrochen ist. Auch Nada geht weiter, Göttin, dorthin, wo Kundalika verweilt.

1.84
nādāntaṃ tadvijānīyadvisargādūrdhvataḥ priye |
tasyordhve jñānaśaktistu ūrdhvasrotā manonmanī ||
Dies ist als Nadanta zu erkennen, oberhalb des Visarga, Geliebte. Darüber liegt die Erkenntniskraft, deren Strom nach oben führt: Manonmani.

1.85
vyāpinyāntaṃ tu deveśe tatra līnā manonmanī |
sphoṭamutpadyate tatra guruvaktrādadhaḥ priye ||
Am Ende der Vyapini[-Stufe], Herrin der Götter, geht Manonmani dort auf. Unterhalb des Guruvaktra entsteht dort das Aufbrechen [des Klanges], Geliebte.
Anmerkung: sphoṭa kann ein Aufbrechen, Hervorbrechen oder artikulatorisches Lautereignis bezeichnen; die genaue Klangqualität ist nicht gesichert.

1.86
tasyordhve guruvaktraṃ tu brahmasthānaṃ tu tatsmṛtam |
śaktisthānaṃ smṛtaṃ tacca layāntaṃ tattaducyate ||
Darüber liegt das Guruvaktra, das als Brahmas Stätte gilt. Es heißt auch Stätte der Shakti und wird Layanta genannt.
Anmerkung: guruvaktra heißt wörtlich „Mund des Guru“; hier ist es eine innere Zielstufe. Layanta bedeutet „Ende der Auflösung“.

1.87
tasyānte tu layātītaṃ kathitaṃ tu na saṃśayaḥ |
eṣa bindostu saṃcāraḥ prabuddhānāṃ varānane ||
An dessen Ende wird Layatita gelehrt, daran besteht kein Zweifel. Dies ist der Weg des Bindu für die Erwachten, Schönantlitzige.
Anmerkung: layātīta heißt „jenseits der Auflösung“.

1.88
aprabuddhāstu ye devi nirodhinyā nirodhitāḥ |
teṣāṃ tiryaggatiḥ proktā saṃsārabhavabandhanī ||
Die Unerwachten dagegen, Göttin, werden von Nirodhini zurückgehalten. Ihr Weg nach unten wird als Bindung an das Dasein im Samsara bezeichnet.
Anmerkung: tiryaggati kann insbesondere die Wiedergeburt als Tier bezeichnen; hier steht sie für den nicht befreienden Verlauf.

1.89
eṣa cāra samākhyātaḥ pravṛtta iti sarvadā |
grahaṇaṃ tu punarvakṣyed-yonestyāgaṃ bhaviṣyati ||
Dies wird Bewegung genannt, weil es ständig in Gang ist. Das Ergreifen werde ich erneut erklären; [es folgt] das Loslassen seines Ursprungs.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist syntaktisch auffällig; Reihenfolge und Verhältnis von „Ergreifen“ und „Loslassen“ bleiben unsicher.

1.90
pañcakāraṇakāṃ tyaktvā svacchandagatimāpnuyāt |
eṣa bindvātmako yogo yadā tyaktuṃ samīhate ||
Wer die fünf Ursachen[-herren] losgelassen hat, erlangt einen selbstbestimmten Weg. Dies ist der Yoga, dessen Wesen Bindu ist. Wenn man das Loslassen anstrebt –
Anmerkung: Gemeint sind Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Sadashiva. Fortsetzung in 1.91.

1.91
tadā tasya bhaveddevi aṇimādiguṇāṣṭakam |
brahmasthānagatastyāgo yadā bhavati śobhane ||
dann entstehen die acht Fähigkeiten, beginnend mit dem Kleinwerden, Göttin. Wenn das Loslassen an Brahmas Stätte geschieht, Schöne –
Anmerkung: aṇiman gehört zu den traditionellen übernatürlichen Siddhis. Fortsetzung in 1.92.

1.92
tadā brahmau sahaikatvaṃ śabdasparśaṃ ca gacchati |
tayostu tyaktayostyaktvā padmajasya tu kāraṇam ||
dann werden Klang und Berührung eins mit Brahma. Sind diese beiden losgelassen, lässt man auch die Ursache des Lotosgeborenen los –
Anmerkung: Der Lotosgeborene ist Brahma; die Satzkonstruktion geht in 1.93 weiter.

1.93
kāryarūpo vrajedbrahmā svakāryamupasaṃhṛtaḥ |
viṣṇutattve layaṃ yāti svakāryakaraṇaiḥ saha ||
Brahma, der die Gestalt einer Wirkung hat, geht weiter, nachdem seine eigene Tätigkeit zurückgenommen ist. Zusammen mit seinen eigenen Wirkungen und Werkzeugen geht er im Vishnu-Prinzip auf.

1.94
keśave parame tiṣṭhetso ’pi tyājyo janārdanaḥ |
rasendriyagatairbhāvaistyaktaistyakto na saṃśayaḥ ||
Er verweilt im höheren Keshava; auch dieser Janardana ist loszulassen. Indem die zum Geschmackssinn gehörigen Zustände losgelassen werden, ist er losgelassen, ohne Zweifel.
Anmerkung: Keshava und Janardana sind Namen Vishnus.

1.95
keśavo ’pi layaṃ rudre vyāpārastyaktacetasaḥ|
adhikāranivṛtto ’sau keśavo guṇavedakaḥ ||
Auch Keshava geht in Rudra auf, wenn seine geistige Tätigkeit aufgegeben ist. Von seiner Zuständigkeit zurückgetreten, ist dieser Keshava der Erkenner der Eigenschaften.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist grammatisch unregelmäßig; diese Zuordnung folgt dem Zusammenhang.

1.96
rudre ’ṇuḥ parame tiṣṭhadvyāpāraguṇasaṃyutaḥ |
rudro ’pi yāti deveśe aiśvare tejarūpiṇe ||
Das mit den Eigenschaften der Tätigkeit verbundene einzelne Selbst verweilt im höheren Rudra. Auch Rudra geht, Herrin der Götter, zu Ishvara, dessen Gestalt aus Glanz besteht.

1.97
bindusthānaṃ tu tatproktaṃ tejorāśi vinirdeśet |
tejātmakavibhāgaṃ tu ghrāṇavyāpārameva ca ||
Das wird Bindus Stätte genannt und als eine Masse von Glanz bezeichnet: der zum Glanz gehörige Anteil und ebenso die Tätigkeit des Geruchssinns.
Anmerkung: Gemeint sind im Stufengang Gestalt beziehungsweise Sichtbarkeit und Geruch. Die Satzform ist elliptisch.

1.98
etau tyaktvā vrajedūrdhvaṃ rudrasya guṇavṛttayaḥ |
īśvaro ’pi tathā nāde śabdākhye tu sadāśive ||
Diese beiden lässt man los und steigt über Rudras Eigenschaftsfunktionen hinaus. Ebenso [geht] Ishvara in Sadashiva auf, in Nada, das Klang genannt wird –
Anmerkung: Bangs Diskussion erwägt hier die alternative Lesung „Nichtklang“; der vorliegende Sanskrittext behält das gedruckte śabdākhye bei.

1.99
buddhyādhikaraṇe yukto ahaṃkāraguṇānvitaḥ |
gacchate ca tathā īśassvavyāpārasusaṃhṛtaḥ ||
mit dem Bereich der Einsicht verbunden und mit der Eigenschaft des Ichbewusstseins versehen. So geht der Herr weiter, nachdem seine eigene Tätigkeit völlig zurückgenommen ist –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.100.

1.100
śivavidyāguṇādhāro yatraiveśaḥ sadāśivaḥ |
tenaiva parame tiṣṭhedīśvaro jñānavedakaḥ ||
dorthin, wo der Herr Sadashiva als Grundlage der Eigenschaft des Shivawissens verweilt. Eben dadurch befindet sich Ishvara als Erkenner des Wissens im Höheren.
Anmerkung: śivavidyā ist hier ein technischer Ausdruck innerhalb der Stufenlehre.

1.101
svakṛtyamupasaṃhṛtya gacchate tu layaṃ svakam |
layātītaṃ paraṃ sthānaṃ kramāt tyaktvā tu gacchati ||
Nachdem er seine eigene Tätigkeit zurückgenommen hat, gelangt er zu seiner eigenen Auflösung. Indem er schrittweise loslässt, erreicht er die höchste Stätte jenseits der Auflösung.

1.102
brahmā viṣṇustathā rudra īśvaro ’tha caturthakaḥ |
kriyārūpadharāḥ sarve svaguṇaṃ gṛhya gacchati ||
Brahma, Vishnu, Rudra und als vierter Ishvara: Alle tragen die Gestalt ihrer Tätigkeit, nehmen ihre eigene Eigenschaft auf und gehen weiter.

1.103
śive līnāstu te sarve svaśaktyā hṛtavigrahāḥ |
icchā jñānaṃ kriyā teṣāṃ sarveṣāṃ karaṇāni tu ||
Wenn sie in Shiva aufgegangen sind, sind ihre Körper durch ihre eigene Kraft zurückgenommen. Wille, Erkenntnis und Handlung sind ihrer aller Werkzeuge.
Anmerkung: Der Bezug der letzten Zeile auf sämtliche Ursachenherren ist kontextuell; Bang bezeichnet die Passage als schwierig.

1.104
pūrvavatpratisañcāraḥ kathito ’tra varānane |
udbhave ca tathā śleṣe laye caiva pṛthakpṛthak ||
Wie zuvor ist hier die Rückführung gelehrt, Schönantlitzige; ebenso jeweils gesondert bei Entstehung, Verbindung und Auflösung.
Anmerkung: Der Druck hat śleṣa, „Verbindung“; eine Deutung als Trennung würde eine andere Lesung voraussetzen.

1.105
layātītā parāśaktyā sā vibhvī śivātmikā |
tatrādhārā sureśāni sañcaranti kramātkramam ||
Jene höchste Shakti jenseits der Auflösung ist Vibhvi, deren Wesen Shiva ist. Dort bewegen sich die Grundlagen, Herrin der Götter, Schritt für Schritt weiter.
Anmerkung: Die Zuordnung von Vibhvi, höchster Shakti und Layatita ist verkürzt und mehrdeutig. „Grundlagen“ bezieht Bang auf die Ursachenherren.

1.106
sadāśivo ’pi saṃhāraṃ kurute svecchayā prabhuḥ |
manobindurvarārohe yo ’sau cetā mahādhvaniḥ ||
Auch der Herr Sadashiva vollzieht nach eigenem Willen die Rücknahme. Der Geistesbindu, Schöngestaltete, ist jenes Bewusstsein, dessen Gestalt der große Klang ist –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.107.

1.107
tena saṃhatamātreṇa kāṣṭhavattiṣṭhate tanuḥ |
dharmādharmātmako bandhastadā naṣṭo na saṃśayaḥ ||
sobald er zurückgenommen ist, verbleibt der Körper wie ein Holzstück. Dann ist die aus Recht und Unrecht bestehende Bindung zerstört, ohne Zweifel.
Anmerkung: Historische Beschreibung einer Auflösungsmeditation; die Aussage über den Körper gehört zum Quellentext.

1.108
tena naṣṭena suśroṇi gacchate paramaṃ padam |
yāvadetairmahābandhairna mucyate varānane ||
Ist sie zerstört, Schöngestaltete, erreicht man die höchste Stätte. Solange man von diesen großen Bindungen nicht frei ist, Schönantlitzige –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.109.

1.109
tāvattasya kuto mokṣaḥ ṣaḍvidhādhve ’pi śodhite |
evaṃ tyāgo mayā devi khyāpito vidyayā adhaḥ ||
woher sollte dann Befreiung kommen, selbst wenn der sechsfache Weg gereinigt ist? So habe ich, Göttin, das Loslassen unterhalb der Vidya erklärt.
Anmerkung: Der sechsfache Weg ist der tantrische ṣaḍadhvan. „Vidya“ bezeichnet hier eine höhere Stufe, keine beliebige Buchkenntnis.

1.110
śive ’pi gacchate devi samastaguṇasaṃyutaḥ |
yatra sā kuṇḍalī śaktiramanaskā manonmanī ||
Auch zu Shiva gelangt [der Bindu], mit sämtlichen Eigenschaften verbunden, Göttin: dorthin, wo jene Kundali-Shakti als die vom Denken freie Manonmani ist.

1.111
śaktitrayasamopetā bodhanī ca nirodhanī |
adhogā rodhanī jñeyā ūrdhvagā ca prabodhanī ||
Mit drei Kräften versehen, ist sie erweckend und hemmend. Die abwärts gehende ist als die Hemmende zu erkennen, die aufwärts gehende als die Erweckende.
Anmerkung: Die Verbindung der Dreizahl mit den anschließenden zwei Richtungen bleibt knapp und nicht vollständig erläutert.

1.112
dvidhābhāvagatā hyekā kṛtyabhede anantatā |
sṛjate sā jagatkṛtsnamābrahmabhuvanāntikaṃ ||
Obwohl sie eine ist, tritt sie zweifach auf; nach der Verschiedenheit ihrer Tätigkeiten ist sie unendlich. Sie erschafft das ganze Weltall bis hin zu Brahmas Welt –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.113.

1.113
saṃharecca na sandehaḥ kṛtyabhedena pārvati |
vāmārūpā sṛjetpūrvaṃ jyeṣṭhādhārā prapālanam ||
und zieht es auch wieder zurück, ohne Zweifel, Parvati, entsprechend ihrer verschiedenen Tätigkeiten. Als Vama erschafft sie zuerst; als Trägerin der Jyeshtha [bewirkt sie] die Erhaltung.

1.114
saṃhāro raudrarūpeṇa ekā eva tridhā priye |
sātu pañcavidhā proktā aṣṭadhā navadhā tathā ||
In der Gestalt der Raudri [bewirkt sie] die Auflösung. Eine einzige ist so dreifach, Geliebte. Sie wird auch als fünffach, achtfach und neunfach gelehrt.

1.115
pañcāśadbhedasaṃbhinnā anantānantatāṃ gatā |
sā eva pararūpeṇa jñātavyā vīranāyike ||
In fünfzig Unterschiede aufgegliedert, geht sie in unbegrenzte Unendlichkeit über. Eben sie ist ihrer höchsten Gestalt nach zu erkennen, Führerin der Helden.

1.116
tayā vyāptamidaṃ śeṣaṃ yatkiñciddrāṅgryaṃ priye |
tena māyā samākhyātā jñeyarūpā tu kuṇḍalī ||
Von ihr ist dieses Ganze durchdrungen, alles, was [wahrnehmbar ist], Geliebte. Deshalb heißt sie Maya; Kundali hat die Gestalt des Erkennbaren.
Anmerkung: Die gedruckte Buchstabenfolge im ersten Halbvers (drāṅgryaṃ in der Arbeitsumschrift) ist nicht sicher gedeutet. „Wahrnehmbar“ folgt dem Zusammenhang und Bangs Deutung; diese Stelle bleibt philologisch offen.

1.117
tatra prāpto bhaveddevi unmano manavarjitaḥ|
guṇāṣṭakasamopetaḥ sarvajñatvādisaṃyutaḥ ||
Wer dorthin gelangt, Göttin, ist Unmana, frei vom Denken, mit den acht Eigenschaften sowie Allwissenheit und den weiteren [Fähigkeiten] versehen.
Anmerkung: Der erste Halbvers beginnt auf der vorangehenden Druckseite.

1.118
ye dharmāḥ kāraṇe devi taiḥ saṃyukto bhavatyasau |
sāpi yāti layaṃ randhre śūnye padmātmake priye ||
Mit den Eigenschaften, die in der Ursache liegen, ist er verbunden, Göttin. Auch sie geht in der leeren, lotosförmigen Öffnung auf, Geliebte.
Anmerkung: „Sie“ bezieht sich auf Shakti; die Bezüge im Stufengang sind teilweise verkürzt.

1.119
manātītaṃ tu taṃ sthānaṃ suṣiraṃ padmajanmanaḥ |
tasminyukto vimukto ’ṇu: svakṛtyamupasaṃhṛtaḥ ||
Jener Ort jenseits des Denkens ist die Höhlung des Lotosgeborenen. Das damit verbundene einzelne Selbst ist befreit, nachdem seine eigene Tätigkeit zurückgenommen ist.

1.120
tasyordhve tu smṛto vyāpī nirguṇo guṇasambhavaḥ |
acetanaḥ sucetā ca guṇātīto mumukṣavaḥ ||
Darüber gilt [es] als allgegenwärtig, eigenschaftslos und Ursprung der Eigenschaften; ohne [begrenztes] Bewusstsein und doch vollkommen bewusst, jenseits der Eigenschaften, nach Befreiung strebend.
Anmerkung: Die Schlussform mumukṣavaḥ ist grammatisch nicht an den Singular angeschlossen. Die gegensätzlichen Bewusstseinsprädikate bleiben sichtbar und werden nicht zu einer einheitlichen psychologischen Aussage geglättet.

1.121
sa śivaḥ paramo mokṣo vikalpātītagaḥ paraḥ |
naiva puṇyamapuṇyaṃ vā sarvānandakaraḥ paraḥ ||
Dies ist Shiva, die höchste Befreiung, der Höchste jenseits unterscheidender Vorstellungen. Weder Verdienst noch Nichtverdienst [bestimmen ihn]; der Höchste bringt alle Freude hervor.

1.122
anena kramayogena yogo bindvātmakaḥ priye |
jñātavyastu vipaścidbhiḥ samāsāttadudīritaḥ ||
In dieser stufenweisen Verbindung ist der Yoga, dessen Wesen Bindu ist, von Einsichtigen zu erkennen, Geliebte. Damit ist er in Kürze ausgesprochen.

1.123
[nādastham]
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi nādasthaṃ tu śṛṇuṣva me |
nādaḥ kuṇḍalinī jñeyā nābhimadhye vyavasthitā ||
[Zum Zustand im Nada:] Nun werde ich den Zustand im Nada erklären; höre mir zu. Nada ist als Kundalini zu erkennen, die in der Mitte des Nabels verweilt.
Anmerkung: Die eckig geklammerte Sanskrit-Zwischenüberschrift nādastham stammt von der Herausgeberin und ist kein eigener Vers.

1.124
nirgatā brahmarandhreṇa tyaktvā tu pañcakāraṇāṃ |
brahmādyāśivaparyantāṃ bhittvā-d-ūrdhvaṅgatā tu sā ||
Sie tritt durch die Brahmaöffnung heraus, nachdem sie die fünf Ursachen losgelassen hat. Sie durchbricht [die Stufen] von Brahma bis Shiva und steigt nach oben.
Anmerkung: Das eingeschobene -d- ist im Druck markiert und bleibt in der Umschrift erhalten.

1.125
jñānaṃ kriyā tathā cecchā brahmādīnāṃ varānane |
sve sve sthāneṣu yatkṛtyaṃ taṃ tu tyaktvā gatā tu sā ||
Erkenntnis, Handlung und Wille [gehören] Brahma und den anderen, Schönantlitzige. Die jeweilige Tätigkeit an ihren einzelnen Stätten lässt sie zurück und geht weiter.

1.126
manobinduṃ gṛhitvā tu nirgatā vyomapañcake |
śāradabhraśaśiprakhyā taḍitkoṭisamujjvalā ||
Sie ergreift den Geistesbindu und tritt in die fünf Räume hinaus. Sie gleicht einer herbstlichen Wolke und dem Mond und leuchtet wie zehn Millionen Blitze.
Anmerkung: śāradabhra ist im Druck auffällig verkürzt; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Vergleich mit Herbstwolke und Mond. Koti bedeutet hier zehn Millionen.

1.127
uditārkakarābhāṣā pravālāṅkurasannibhā |
ūrṇātantunibhā jñeyā padmasūtranibhāthavā ||
Sie strahlt wie die Strahlen der aufgehenden Sonne und gleicht einem Korallenspross. Ihre Gestalt ist wie ein Spinnfaden oder eine Lotosfaser zu erkennen.
Anmerkung: Der erste Halbvers steht auf der vorangehenden Druckseite.

1.128
tuhinendukarā caiva śaradīva śikhopamā |
tasyāgre tu tato bindurhutāśakaṇikākṛtiḥ ||
Sie ist wie ein kühler Mondstrahl und gleicht einer Lichtspitze im Herbst. An ihrer Spitze befindet sich der Bindu in der Gestalt eines Feuerfunkens.

1.129
nalinīva dale devi tuṣārakaṇikākṛtiḥ |
evaṃvidhaṃ gṛhītvā tu śeṣāṃ bandhāṃ paricchinet ||
[Er liegt] wie auf einem Lotosblatt, Göttin, in der Gestalt eines Schneekörnchens. Hat man [ihn] so erfasst, durchtrennt man die übrigen Bindungen.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist verkürzt; „auf einem Lotosblatt“ folgt nalinīva dale. Der Bezug auf Bindu ergibt sich aus 1.128.

1.130
visargeṇa tato hṛtsthamākṛṣya ca śanaiḥ śanaiḥ |
padmanālagataṃ toyamambarastho vikarṣayet ||
Dann zieht man durch das Aussenden ganz allmählich das im Herzen Befindliche herauf. Im Raum verweilend, zieht man das Wasser im Lotosstängel heraus.
Anmerkung: „Aussenden“ übersetzt visarga. Die Rede vom Wasser gehört zur inneren Bildsprache der Passage.

1.131
tadvyogī śarīrasthaṃ hṛdvāyumapakarṣayet |
yathā dīpo nivātastha-m-avicchinnagatiḥ priye ||
Ebenso zieht der Yogi die im Körper befindliche Herzensluft heraus. Wie eine Lampe an einem windstillen Ort eine ununterbrochene Bewegung hat, Geliebte –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.132; der eingeschobene Laut -m- bleibt markiert.

1.132
tadvaddevi manaḥ kāryaṃ śaktyādhārastu ekataḥ |
tyaktvā tu kāraṇāṃ sarvānyadā rudragatirbhavet ||
so ist der Geist zur einzigen Grundlage der Shakti zu machen, Göttin. Wenn nach dem Loslassen sämtlicher Ursachen der Weg Rudras eintritt –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.133.

1.133
tadā tu kuñcitau dvau tu bhruvau caiva śubhekṣaṇe |
vikṣepastūrdhvataḥ kāryaḥ kuñcayeta puṭadvayam ||
dann sind die beiden Brauen zusammenzuziehen, Schönäugige. Man richtet sie nach oben und zieht die beiden [Lider beziehungsweise Brauenbögen] zusammen.
Anmerkung: Die genaue Zuordnung von puṭadvaya ist unsicher; Bang bezieht den Ausdruck auf die Brauen.

1.134
triśūlaṃ khecarasthaṃ tu kartavyaṃ suranāyike |
karābhyāṃ pīḍanaṃ kāryamapadvāragatasya tu ||
Der Dreizack soll im Khechara[-Bereich] gebildet werden, Führerin der Götter. Mit den Händen wird Druck auf die unteren Öffnungen ausgeübt.
Anmerkung: Die räumliche Bedeutung von khecara ist hier nicht ausdrücklich erklärt. Dies sind historische, nicht als heutige Übungsanleitung empfohlene Verschlussverfahren.

1.135
ūrdhve tu gacchate śīghraṃ yatra randhraṃ tu padmajam |
nāḍyāvastho bhavedevaṃ nānyathā vīranāyike ||
Dann steigt [der Bindu] rasch zu der Öffnung des Lotosgeborenen auf. So soll [der Yogi] im Zustand der Nadi sein, auf keine andere Weise, Führerin der Helden.

1.136
nāḍyāvastho yadā jātastadā kāraṇakāṃ tyajet |
recakaiḥ pūrakairyogaiḥ kumbhakaiḥ sopapattikaiḥ ||
Ist der Zustand der Nadi eingetreten, lässt man die Ursachen durch Ausatmungen, Einatmungen und sachgemäße Atemhalteverfahren des Yoga los.

1.137
evaṃ kāraṇakaṃ tyaktvā yadā śaktisamo bhavet |
tadā tasya bhaviṣyeta aṇimādiguṇāṣṭakam ||
Wenn man so die Ursachen losgelassen hat und Shakti gleich geworden ist, entstehen die acht Fähigkeiten, beginnend mit dem Kleinwerden.
Anmerkung: Eine Wirkungsbehauptung des historischen Textes.

1.138
atītānāgatārthaṃ ca vartamānaṃ tathaiva ca|
vindate nātra saṃdeho nāḍyādhāro maheśvaraḥ ||
Vergangenes, Zukünftiges und ebenso Gegenwärtiges erkennt [der so gewordene] Maheshvara, dessen Grundlage die Nadi ist; daran besteht kein Zweifel.

1.139
atītaṃ ceti nābhisthaṃ vartamānaṃ hṛdisthitam |
lambakasthaṃ bhaviṣyaṃ ca yadā śaktisamaṃ bhavet ||
Vergangenes befindet sich im Nabel, Gegenwärtiges im Herzen und Zukünftiges am Zäpfchen, wenn Gleichheit mit Shakti eingetreten ist.
Anmerkung: Die Zuordnungen gehören zur tantrischen Körper- und Zeitvorstellung.

1.140
jñānavijñānasaṃpannaḥ praviśecchāśvatīṃ tanum |
nādasthaṃ kathitaṃ devi bindusthaṃ pūrvameva hi ||
Mit Erkenntnis und unterscheidendem Wissen versehen, tritt man in einen ewigen Leib ein. Der Zustand im Nada ist damit erklärt, Göttin, wie zuvor der Zustand im Bindu.

1.141
[cārasaṃstham]
sāṃprataṃ cārasaṃsthaṃ tu yathā bhavati tacchṛṇu |
tadvibhāgaṃ mahādevi yathā jñāyati tattvataḥ ||
[Zum Zustand der Bewegung:] Höre nun, wie der Zustand der Bewegung beschaffen ist, große Göttin, seine Einteilungen und wie er in Wahrheit erkannt wird.
Anmerkung: Die geklammerte Zwischenüberschrift ist eine Gliederung der Herausgeberin; ihre Fußnotenziffer wird nicht als Sanskrit übernommen.

1.142
ṣaṭtriṃśadaṅgulaṃ cāraṃ hṛtpadmādyāva tatpadaṃ |
tuṭyādikramayogeṇa ṣoḍaśāvayavena tu ||
Die Bewegung vom Herzenslotos bis zu jener Stätte umfasst sechsunddreißig Fingerbreiten. Nach der Abfolge der Tuti und der weiteren [Zeiteinheiten], mit sechzehn Gliedern –
Anmerkung: Der Satz wird in 1.143 fortgesetzt. tuṭi ist hier die in der Quelle verwendete Schreibweise der kleinen Zeiteinheit.

1.143
kālena lakṣitavyaṃ hi prāṇāntaṃ tu dinaṃ bhavet |
etatkalanarūpaṃ tu kālena kalitaṃ priye ||
ist sie durch die Zeit zu bestimmen; bis zum Ende des Prana reicht ein Tag. Dieses, dessen Wesen das Bemessen ist, wird durch die Zeit bemessen, Geliebte.
Anmerkung: Der Tag bezeichnet hier eine Zuordnung innerhalb des Atem- und Zeitmodells.

1.144
saṃcareta vibhāgena sthānātsthānāntaraṃ yathā |
abuddhānāṃ prabuddhānāṃ yugmasandehanirṇayaṃ ||
Wie [der Atem] nach seinen Einteilungen von einem Ort zum nächsten wandert: [Dies ist] die Klärung des Zweifels für beide, die Unerwachten und die Erwachten.

1.145
hṛtpadmādyāvadāyāntaṃ bhāgaikaṃ tyajate tu saḥ|
nāsikāgre dvitīyaṃ tu tṛtīyaṃ śaktinā yutam ||
Vom Herzenslotos bis zum Ende des Ankommens lässt er einen Teil hinter sich; den zweiten an der Nasenspitze, den dritten mit Shakti verbunden.
Anmerkung: Die Lesung āyānta ist auch nach Bang unklar. „Ende des Ankommens“ bleibt eine wörtliche Arbeitsdeutung; eine sichere anatomische Zuordnung wird nicht ergänzt.

1.146
tatrastho vinivarteta yāvattattvaṃ na vindati |
vidite tu pare śānte tatrastho ’pi na bādhyate ||
Dort befindlich kehrt er zurück, solange er die Wirklichkeit nicht erkennt. Ist aber die höchste Ruhe erkannt, wird er auch dort nicht mehr gebunden.

1.147
śaktyādhastādyadā gacchedabudhaḥ sa tadā bhavet |
hṛdgataśca punottiṣṭhadbudhyamānaḥ sa ucyate ||
Geht er unterhalb der Shakti, so ist er unerwacht. Befindet er sich im Herzen und erhebt sich wieder, wird er ein Erwachender genannt.
Anmerkung: Das Subjekt kann der Yogi oder der Bindu sein; der Satz lässt es offen.

1.148
śaktiṃ prāpya budho jñeyo vyāpinyaṃśe prabuddhyate |
atītaḥ suprabuddhaśca unmanatvaṃ tadā bhavet ||
Hat er Shakti erreicht, gilt er als erwacht; im Anteil der Vyapini erwacht er weiter. Jenseits davon ist er vollkommen erwacht; dann tritt Unmanatva ein.
Anmerkung: Unmanatva bezeichnet hier das Jenseits des begrenzten Denkens.

1.149
na kālaṃ na kalā cāraṃ na tattvaṃ na ca kāraṇāṃ |
sunirvāṇaṃ paraṃ śuddhaṃ gurupāraṃkramāgatam ||
Dort gibt es weder Zeit noch Teilkraft oder Bewegung, weder Wirklichkeitsprinzip noch Ursache: [Es ist] vollkommenes Erlöschen, höchstes und reines, durch die Folge der Gurus überliefert.

1.150
taṃ viditvā vimucyeta gatvā bhūyo na jāyate |
ṣaḍadhvā adhvaṣaṭkaṃ yathā prāṇaṃ saṃsthitaṃ kathayāmi te ||
Wer dieses erkennt, wird befreit; hat er es erreicht, wird er nicht wiedergeboren. Ich erkläre dir, wie der sechsfache Weg, die Sechsergruppe der Wege, im Prana besteht.
Anmerkung: Die zweite Druckzeile ist länger als ein gewöhnlicher Halbvers; ihre zusätzliche Benennung ṣaḍadhvā adhvaṣaṭkaṃ wird vollständig erhalten.

1.151
āpādādyāva mūrdhāntaṃ citiḥ saṃvedanaṃ hi yaḥ|
bhuvanādhvā sa vijñeyastattvādhvānastathaiva ca ||
Das Bewusstsein, nämlich das Wahrnehmen von den Füßen bis zum Scheitel, ist als Weg der Welten zu erkennen; ebenso [besteht dort] der Weg der Wirklichkeitsprinzipien.

1.152
kalākalitasantānaṃ prāṇaṃ yaccarate sadā |
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca adhobhāge prakīrtitāḥ ||
Der Prana bewegt sich fortwährend in einer durch die Kalas gegliederten Folge. Nivritti und Pratishtha werden dem unteren Bereich zugeordnet –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.153. Die Kalas sind hier Stufen des sechsfachen Weges.

1.153
vidyā śāntistathā cordhve śāntātītā adhiṣṭhitāḥ |
tasyātītaṃ paraṃ bhāvaṃ tadūrdhve padamavyayam ||
Vidya, Shanti und Shantatita haben ihren Sitz darüber. Jenseits davon liegt der höchste Zustand; darüber die unvergängliche Stätte.

1.154
evaṃ bindukalā jñeyā nādaśaktyātmikāstu yāḥ|
vyāpinyāśca kalā yāśca vyāptivyāpakabhedataḥ ||
So sind die Kalas des Bindu zu erkennen, deren Wesen Nada und Shakti ist, ebenso die Kalas der Vyapini nach der Unterscheidung von Durchdringung und Durchdringendem.
Anmerkung: Die Zusammensetzung vyāptivyāpaka wird entsprechend dem Druck erhalten; die übliche Beziehung von Durchdrungenem und Durchdringendem erklärt den Zusammenhang, ersetzt aber nicht den Wortlaut.

1.155
prāṇaike saṃsthitāḥ sarvāḥ prāṇānte tu layaṃ smṛtam |
kalādhvā evamākhyāto varṇādhvānaṃ nibodhataḥ ||
Sie alle befinden sich in einem einzigen Prana; an dessen Ende wird die Auflösung gelehrt. So ist der Weg der Kalas erklärt. Vernimm nun den Weg der Laute.

1.156
varṇāḥ śabdātmakāḥ sarve jagatyasmiṃ carācare |
sthitāḥ pañcāśabhedena śāstreṣvānantakoṭiṣu ||
Alle Laute haben Klang zum Wesen. In dieser Welt des Beweglichen und Unbeweglichen sind sie in fünfzig Unterschieden gegenwärtig, [gelehrt] in unzähligen Millionen Schriften.

1.157
śabdaḥ prāṇaḥ samākhyātastasmādvarṇāstu prāṇataḥ |
utpadyanti layaṃ yānti yatra śabdo layaṃ gataḥ ||
Klang wird als Prana bezeichnet; deshalb entstehen die Laute aus Prana. Sie gehen dort in Auflösung, wo der Klang sich aufgelöst hat.

1.158
śabdātīto varārohe tattvena saha yujyate |
muktaḥ sarvagato devi dharmādharmavivarjitaḥ ||
Wer jenseits des Klanges ist, Schöngestaltete, wird mit der Wirklichkeit verbunden. Er ist befreit, allgegenwärtig, Göttin, frei von Recht und Unrecht.

1.159
nādho nirīkṣate bhūyaḥ śivatattve gato yadā |
adho yāti adharmeṇa dharmeṇordhvo vrajetpunaḥ ||
Hat er das Shiva-Prinzip erreicht, blickt er nicht mehr nach unten. Durch Unrecht geht man abwärts, durch Recht steigt man wieder auf.

1.160
vijñānena dvayaṃ tyaktvā sarvagastu bhavediha |
varṇādhvānaṃ samākhyātaṃ padādhvānamihocyate ||
Wer durch Erkenntnis beide loslässt, wird schon hier allgegenwärtig. Der Weg der Laute ist erklärt; jetzt wird der Weg der Wörter dargelegt.

1.161
ekāśiti padā ye tu vidyārāje vyavasthitāḥ |
padā varṇātmikāste ’pi varṇāḥ prāṇātmikāḥ smṛtāḥ ||
Die einundachtzig Wörter, die im König der Vidyas enthalten sind, bestehen ebenfalls aus Lauten; die Laute gelten als aus Prana bestehend.
Anmerkung: „König der Vidyas“ ist hier eine Mantrabezeichnung, kein angeführter vollständiger Mantratext.

1.162
tasmādevaṃ padāḥ sarve sthitāḥ prāṇakrameṇa tu |
padādhvā evamākhyātā mantrādhvānaṃ nibodha me ||
Deshalb bestehen alle Wörter auf diese Weise in der Abfolge des Prana. So ist der Weg der Wörter erklärt; vernimm von mir den Weg der Mantras.

1.163
mantraikādaśikā yā ca sā ca śaktyā vyavasthitā |
sa caikādaśa †tattvāntaṃ †prāṇe carati nityaśaḥ ||
Die Elfergruppe des Mantras besteht durch Shakti. Und dieser elffache [Bestand] bewegt sich beständig im Prana bis zum †Ende der Wirklichkeitsprinzipien†.
Anmerkung: tattvāntaṃ ist im Druck mit Cruces als gestört markiert. Die wörtliche Übersetzung ersetzt keine gesicherte Rekonstruktion; auch das Subjekt des zweiten Halbverses ist unsicher.

1.164
akāraśca ukāraśca makāro bindureva ca |
ardhacandra nirodhī ca nādaṃ nādāntameva ca ||
Der Laut a, der Laut u, der Laut m und Bindu; Halbmond, Nirodhi, Nada und Nadanta –
Anmerkung: Fortsetzung der elf Glieder in 1.165.

1.165
śaktiśca vyāpinī caiva samanaikādaśa smṛtaḥ |
unmanā tu tadātītā tasyātītaṃ nirāmayam ||
Shakti, Vyapini und Samana gelten als die elf [Glieder]. Unmana liegt jenseits davon; jenseits ihrer ist das Unversehrte.

1.166
mantrāpyevaṃ sthitāḥ prāṇe śaktyoccāramathocyate |
hakārastu smṛtaḥ prāṇaḥ supravṛtto halākṛtiḥ ||
So sind auch die Mantras im Prana gegründet. Nun wird der Aufstieg der Shakti erklärt. Der Laut h gilt als Prana, von selbst in Gang gekommen und von Pfluggestalt.
Anmerkung: uccāra umfasst hier Lautäußerung und inneren Aufstieg. Die Pfluggestalt ist eine traditionelle Formzuordnung.

1.167
akāreṇa śiro yukta ukāra caraṇena tu |
makāra mātrayā yukto varṇoccāro bhavetsphuṭām ||
Sein Kopf ist mit a verbunden, sein Fuß mit u und sein Lautmaß mit m. So wird die Äußerung des Lautes deutlich.

1.168
bindu śiraḥsamāyogātsusvaratvaṃ prapadyate |
nādo ’sya vadanaṃ proktaṃ nādaṃ śabdamudīrayet ||
Durch die Verbindung mit Bindu am Kopf erhält [der Laut] Wohlklang. Nada wird als sein Mund bezeichnet; Nada soll als Klang hervorgebracht werden.
Anmerkung: Die Zuordnung der Körpermetaphern folgt dem gedruckten Satz; eine konkrete neuzeitliche Lautphysiologie wird daraus nicht abgeleitet.

1.169
anenaiva tu yogena ātmā sa puruṣocyate |
brahmaviṣṇvīśamārgeṇa carate sarvajantuṣu ||
Durch eben diese Verbindung wird jenes Selbst Purusha genannt. Auf dem Weg Brahmas, Vishnus und Ishas bewegt es sich in allen Lebewesen.

1.170
śaktitattve layaṃ yāti vijñānenordhvato vrajet|
vyāpinīṃ samanāṃ tyaktvā unmanāyāṃ śivaṃ vrajet ||
Es geht im Shakti-Prinzip auf und steigt durch Erkenntnis nach oben. Nachdem es Vyapini und Samana losgelassen hat, gelangt es in Unmana zu Shiva.

1.171
śivatattvagatā śaktirna caretsarvagā bhavet |
śaktyoccāraḥ samākhyātaḥ kāraṇatyāgamucyate ||
Die in das Shiva-Prinzip eingegangene Shakti bewegt sich nicht mehr; sie ist allgegenwärtig. Der Aufstieg der Shakti ist erklärt. Nun wird das Loslassen der Ursachen gelehrt.

1.172
hakāraḥ prāṇaśaktyātmā akāro brahmavācakaḥ |
hṛdi tyāgaṃ bhavettasya ukāro viṣṇuvācakaḥ ||
Der Laut h hat die Kraft des Prana zum Wesen. Der Laut a bezeichnet Brahma; sein Loslassen geschieht im Herzen. Der Laut u bezeichnet Vishnu –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.173.

1.173
kaṇṭhatyāgaṃ bhavettasya makāro rudravācakaḥ |
tālumadhye tyajetso ’pi binduścaiveśvara svayam ||
sein Loslassen geschieht im Hals. Der Laut m bezeichnet Rudra; auch ihn lässt man mitten im Gaumen los. Bindu ist Ishvara selbst –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.174.

1.174
tyāgaṃ tasya bhruvormadhye nādavācya sadāśivaḥ |
lalāṭādyāva mūrdhāntaṃ tyāgaṃ tasya vidhīyate ||
sein Loslassen geschieht zwischen den Brauen. Sadashiva wird durch Nada bezeichnet; sein Loslassen wird von der Stirn bis zum Scheitel vollzogen.

1.175
śaktistu vyāpinī samanā tāsāṃ vācyaḥ śivo bhavet |
mūrdhni madhye tyajecchakti tadūrdhve vyāpinīṃ tyajet ||
Shakti, Vyapini und Samana: Ihr Bezeichnetes ist Shiva. Mitten im Scheitel lässt man Shakti los, darüber Vyapini.

1.176
samanā unmanā tyajya tataścaiva layaḥ smṛtaḥ |
sūkṣmasūkṣmatarairbhāvairevameva tyajetpriye ||
Nachdem Samana und Unmana losgelassen sind, gilt das Folgende als Auflösung. Durch immer feinere Zustände lässt man auf diese Weise los, Geliebte.

1.177
sthūlasthūlatarairbhāvairnānāsiddhiphalapradāḥ |
sūkṣmātyantaparaṃ bhāvamabhāvaṃ sa vidhīyate ||
Immer gröbere Zustände gewähren die Früchte verschiedener Siddhis. Der äußerst feine, höchste Zustand wird als Nichtsein bestimmt.
Anmerkung: Die erste Aussage setzt die Gegenüberstellung des vorigen Verses fort.

1.178
unmanatvaṃ paraṃ bhāvaṃ sthūlā tasya pare matā |
tasyāparaṃ punaḥ śūnyamasparśaṃ ca tathā param ||
Unmanatva ist der höchste Zustand; gegenüber ihm gelten die anderen als grob. Unter ihm liegen wiederum Leere und ebenso das Unberührbare als höherer [Bereich] –
Anmerkung: Die Aufzählung setzt sich in 1.179 fort. Der Druck hat asparśa, „nicht berührbar“; Bangs Stufentabelle deutet sparśa, Berührung. Diese Unsicherheit bleibt offen.

1.179
śabdaṃ jyotistathā mantrā kāraṇāṃ bhuvanāni ca |
pañcabhūtātmabhuvanāḥ kāraṇaiḥ samadhiṣṭhitāḥ ||
Klang, Licht, Mantras, Ursachen und Welten. Die Welten bestehen aus den fünf Elementen und werden von den Ursachen beherrscht.

1.180
bhuvanā dhyāyate yastu vakṣyamāṇaikarūpataḥ |
bhuvaneśatvamāpnoti śivaṃ dadhyāttu tanmayam ||
Wer die Welten in der einen, noch zu erklärenden Gestalt meditiert, erlangt die Herrschaft über die Welten. Dann meditiert man Shiva als damit wesenseins.
Anmerkung: Wirkungsbehauptung des Textes; die Konstruktion des ersten Halbverses ist verkürzt.

1.181
brahmādikāraṇānāṃ ca sādhane vigrahaṃ smaret |
pūrvoktalakṣaṇaṃ yacca tanmayatvamavāpnuyāt ||
Bei der Verwirklichung der Ursachen, Brahma und der anderen, vergegenwärtigt man sich ihre Gestalt mit den zuvor genannten Merkmalen und erlangt die Wesenseinheit mit ihnen.

1.182
mantraiśca mantrasiddhistu japahomārcanāllabhet |
pūrvoktarūpaṃ kadhyānātsidhyate nātra saṃśayaḥ ||
Bei den Mantras erlangt man Mantravollendung durch Rezitation, Feueropfer und Verehrung. Durch Meditation der zuvor genannten Gestalt wird sie verwirklicht; daran besteht kein Zweifel.
Anmerkung: Das gedruckte kadhyānāt ist auffällig; die Deutung „durch Meditation“ ist kontextuell, ohne Änderung des Sanskrit.

1.183
jyotirdhyānāttu yogīndro yogasiddhimavāpnuyāt |
tanmayatvaṃ yadā yāti yogīnāmadhipo bhavet ||
Durch Meditation über das Licht erlangt der Fürst der Yogis die Vollendung des Yoga. Wenn er damit wesenseins wird, wird er zum Herrn der Yogis.

1.184
śabdadhyānācca śabdātmā vāṅmayāpūrako bhavet |
sparśadhyānācca sparśātmā jagataḥ kāraṇo bhavet ||
Durch Meditation über Klang wird man klangwesentlich und mit Sprache erfüllt. Durch Meditation über Berührung wird man berührungswesentlich und zur Ursache der Welt.

1.185
śūnyadhyānācca ca śūnyātmā vyāpī sarvagato bhavet |
samanādhyānayogena yogī sarvajñatāṃ vrajet ||
Durch Meditation über Leere wird man leerheitswesentlich, durchdringend und allgegenwärtig. Durch die meditative Verbindung mit Samana gelangt der Yogi zur Allwissenheit.
Anmerkung: sarvajñatām, „zur Allwissenheit“, ist eine von Bang nach der Parallelstelle eingerichtete Lesung.

1.186
unmanyantaṃ paraṃ sūkṣmamabhāvaṃ bhāvayetsadā |
sarvendriyamanātītamalakṣyaṃ bhāvamucyate ||
Stets meditiert man den höchsten, feinen Nichtseinszustand bis zum Ende der Unmani. Er wird als ein Zustand bezeichnet, der jenseits aller Sinne und des Denkens und kein Wahrnehmungsziel ist.

1.187
abhāvabhāvabhāvena bhāvaṃ kṛtvā nirāmayam |
sarvopādhivinirmuktamabhāvaṃ labhate padam ||
Indem man durch die Vergegenwärtigung von Sein und Nichtsein einen unversehrten Zustand herstellt, erreicht man die Stätte des Nichtseins, frei von allen begrenzenden Bedingungen.
Anmerkung: Die Häufung von abhāva und bhāva ist mehrdeutig; die Übersetzung ist eine kontextuelle Arbeitsdeutung.

1.188
eṣa te kāraṇatyāgaṃ kālatyāgaṃ nibodhataḥ |
tuṭiṣoḍaśasaṃkhyāyā prāṇastu samudāhṛtaḥ ||
Dies ist für dich das Loslassen der Ursachen. Vernimm das Loslassen der Zeit: Der Prana wird als eine Anzahl von sechzehn Tutis beschrieben.

1.189
tuṭidvayaṃ samāśrutya ekaiko bhairavaḥ smṛtaḥ |
ahorātravibhāgena te tu yānti varānane ||
Je ein Bhairava gilt als auf einem Paar von Tutis beruhend. Nach der Einteilung in Tag und Nacht bewegen sie sich, Schönantlitzige –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.190; die sechzehn Tutis ergeben acht Paare.

1.190
navamaṃ tu paraṃ devaṃ tasya tejāduddanti te |
sarvakālaṃ tyajetprāṇe tathā te kathayāmyaham ||
zum neunten, höchsten Gott; aus seinem Glanz treten sie hervor. Wie man im Prana die gesamte Zeit loslässt, das erkläre ich dir.
Anmerkung: Der Text hat eine auffällige Verbform uddanti. Die Richtung zum neunten Gott und das Hervortreten aus seinem Glanz bleiben als zwei Aussagen erhalten; Bangs Deutung weicht hier teilweise ab.

1.191
tuṭayaḥ ṣoḍaśā yāstu kālasya karaṇāstu te |
yaiḥ susaṃsthitakāleṣu sarvaṃ carati vāṅmayam ||
Die sechzehn Tutis sind die Werkzeuge der Zeit. Durch sie bewegt sich in den wohlgeordneten Zeitabschnitten die gesamte Sprache.

1.192
tuṭirlavo nimeṣaśca kāṣṭhā caiva kalā tathā |
muhūrtaśca ahorātraṃ pakṣa māsa ritustathā ||
Tuti, Lava, Augenblick, Kashtha, Kala, Muhurta, Tag und Nacht, Monatshälfte, Monat und Jahreszeit –
Anmerkung: Die Liste der Zeitmaße wird in 1.193 fortgesetzt; moderne Sekundenwerte werden nicht stillschweigend ergänzt.

1.193
ayanaṃ vatsaraṃ caiva yuga manvantaraṃ tathā |
kalpaścaiva mahākalpaḥ śaktyante tu parityajet ||
Halbjahr, Jahr, Yuga, Manvantara, Kalpa und Mahakalpa. Diese lässt man am Ende der Shakti[-Stufe] los.

1.194
vyāpinyaṃśe paraḥ kālassa tadaṅgī parityajet |
sa saptadaśamo jñeyaḥ parārdhaḥ parataḥ sthitaḥ ||
Im Anteil der Vyapini liegt die höchste Zeit, mit deren Gliedern versehen; man lässt sie los. Sie ist als die siebzehnte zu erkennen. Darüber befindet sich Parardha.
Anmerkung: Parardha bezeichnet hier die nächste, achtzehnte Zeitstufe.

1.195
sa cāṣṭadaśamo kālaḥ samanānte parityajet |
sarvakālantu kālasya vyāpakaḥ paramo ’vyayaḥ ||
Diese achtzehnte Zeit lässt man am Ende der Samana los. [Die höchste Zeit] durchdringt stets die Zeit; sie ist die höchste, unvergängliche.
Anmerkung: Der erste Ausdruck des zweiten Halbverses ist grammatisch auffällig. Die Beziehung zwischen den Zeitstufen ist kontextuell gedeutet.

1.196
unmanyante parā yojyā kālastatra na vidyate |
nityaṃ nityodito vyāpī nādarūpe na saṃtyajet ||
Am Ende der Unmani ist die Höchste zu verbinden; dort gibt es keine Zeit. Stets, ewig hervorgegangen und durchdringend, ist [dies] in der Gestalt des Nada nicht aufzugeben.
Anmerkung: Der Bezug des weiblichen parā sowie die Syntax des zweiten Halbverses sind unsicher. Bang erwägt höchste Sprache beziehungsweise eine andere Lesung für den höchsten Shiva. Keine davon wird als gesicherter Wortlaut eingesetzt.

1.197
tacca nityodito prāpyastatsamo jāyate sadā |
kālatyāgaṃ bhavedevaṃ śūnyabhāvamathocyate ||
Das ewig Hervorgegangene ist zu erreichen; [der Yogi] wird ihm für immer gleich. So geschieht das Loslassen der Zeit. Nun wird der Zustand der Leere erklärt.

1.198
ūrdhvaśūnyamadhaḥśūnyaṃ madhyaśūnyaṃ tṛtīyakam |
śūnyatrayāvalambeta adhordhvamadhyataḥ punaḥ ||
Die obere Leere, die untere Leere und als dritte die mittlere Leere: Auf diese drei Leeren stützt man sich, unten, oben und wiederum in der Mitte.

1.199
caturthaṃ vyāpinīśūnyaṃ samanā cātra pañcamam |
unmanyāyā tathā ṣaṣṭhaṃ ṣaḍete sāmayāḥ sthitāḥ ||
Die vierte ist die Leere der Vyapini, die fünfte hier Samana, die sechste entsprechend Unmani. Diese sechs bestehen mit einer Beeinträchtigung.
Anmerkung: sāmaya wird als „mit Beeinträchtigung“ verstanden, nicht als abschließende höchste Befreiung.

1.200
tattvenādhiṣṭhitāḥ sarve sāmayāpi phalapradāḥ |
ṣaṭ śūnya tāni saṃtyajya saptame tu layaṃ kuru ||
Alle sind von Wirklichkeit getragen und gewähren Früchte, auch wenn sie beeinträchtigt sind. Lass diese sechs Leeren los und vollziehe die Auflösung in der siebten.

1.201
tacchūnyaṃ tu paraṃ sūkṣmaṃ sarvāvasthavivarjitam |
aśūnyaṃ śūnyamityuktaṃ śūnyaṃ cābhāva ucyate ||
Diese Leere ist die höchste und feinste, frei von sämtlichen Zuständen. Das Nichtleere wird Leere genannt; Leere wird auch Nichtsein genannt.
Anmerkung: Die paradoxe Wortwahl bleibt erhalten.

1.202
abhāvaṃ tatsamuddiṣṭaṃ yatra bhāvā kṣayaṃ gatā |
sattāmātraṃ paraṃ śāntaṃ tatkathaṃ kimavasthitam ||
Als Nichtsein wird das bezeichnet, worin die Zustände vergangen sind. [Es ist] reines Sein, höchstes und friedvolles. Wie ist das, und auf welche Weise besteht es?

1.203
yatra yatra na nādastu sthūlānye ’pi vyavasthitāḥ |
tatra tatra paraḥ śūnyaḥ sarvaṃ vyāpya vyavasthitaḥ ||
Wo weder Nada noch die anderen groben [Formen] bestehen, dort besteht die höchste Leere und durchdringt alles.
Anmerkung: Die Verneinung steht ausdrücklich bei nāda; ihre Erstreckung auf die folgenden groben Formen ist eine Deutungsentscheidung. Die Übersetzung folgt hier Bang S. 303–304. Eine Lesart mit weiterhin bestehenden groben Formen ist syntaktisch ebenfalls erwägenswert; der Sanskrittext wird nicht verändert.

1.204
sa eva vyāpya sthūlāni sthūlo ’pādhivaśādbhavet |
sūkṣmasthūlaprabhedena sa evaṃ saṃvyavasthitaḥ ||
Indem eben sie das Grobe durchdringt, wird sie unter dem Einfluss begrenzender Bedingungen grob. So besteht sie in der Unterscheidung von fein und grob.

1.205
taṃ prāpya tatsamatvaṃ ca bhavate nātra saṃśayaḥ |
śūnyavādaṃ samākhyātaṃ tvatpriyārthaṃ surārcite ||
Wer sie erreicht, wird ihr gleich, daran besteht kein Zweifel. Die Lehre der Leere ist zu deiner Freude erklärt, von den Göttern Verehrte.
Anmerkung: śūnyavāda bezeichnet hier die im Tantrasadbhava erläuterte Lehre; der Ausdruck allein beweist keine Gleichheit mit buddhistischen Lehren.

1.206
sāṃprataṃ śaktisaṃsthaṃ tu yathā bhavati tacchṛṇu |
avarṇavarṇayogena yathā sā saṃsthitānaghe ||
Höre nun, wie der Zustand der Shakti beschaffen ist und wie sie ohne Laute und mit Lauten verbunden besteht, Makellose.

1.207
tathāhaṃ kathayiṣyāmi niścayena sulocane |
pūrvaṃ ye kathitā mantrā saptakoṭirasaṃkhyayā ||
Dies werde ich dir bestimmt erklären, Schönäugige. Die Mantras, die zuvor in einer Anzahl von sieben Koti gelehrt wurden –
Anmerkung: Sieben Koti sind siebzig Millionen: eine traditionelle Mantra-Zahl, keine Zählung der hier erhaltenen Verse. Fortsetzung in 1.208.

1.208
gopitāste purā devi varṇarūpāvatāritāḥ|
tena te na prasiddhayanti japtā: koṭiśatairapi ||
wurden früher verborgen, Göttin, und in Lautgestalt herabgebracht. Deshalb werden sie nicht wirksam, selbst wenn sie hundert Koti Male rezitiert werden.
Anmerkung: Hundert Koti entsprechen einer Milliarde. Dies ist die Begründung des Textes für die folgende Shakti-Lehre.

1.209
mantrāṇāṃ jīvabhūtā tu yā smṛtā śaktiravyayā |
tayā hīnā varārohe niṣphalāḥ śaradāmbudāḥ ||
Jene unvergängliche Shakti gilt als das Leben der Mantras. Ohne sie sind diese unfruchtbar wie Herbstwolken, Schöngestaltete.

1.210
devānāṃ ca ṛṣīṇāṃ ca yakṣagandharvakinnarām |
siddhānāṃ nāgasaṃghānāmeteṣāṃ yogināṃ nṛṇām ||
[Dies betrifft die Mantras] der Götter, Seher, Yakshas, Gandharvas und Kinnaras, der Siddhas, der Nagascharen, der Yogis und der Menschen.
Anmerkung: Die Genitivreihe kann zu 1.209 oder 1.211 gezogen werden. Die Übersetzung markiert ihren syntaktisch ergänzten Anschluss.

1.211
teṣāṃ tu gopitaṃ bhadre bhaktihīnā narādhamāḥ |
na jānanti guruṃ devaṃ śāstroktasamayāṃstathā ||
Vor ihnen wurde [ihre Kraft] verborgen, Gütige. Die schlechtesten Menschen ohne Hingabe kennen weder den Guru noch den Gott noch die in den Schriften gelehrten Verpflichtungen.
Anmerkung: Die Abgrenzung der beiden Sätze ist unsicher; sie folgt der von Bang diskutierten Möglichkeit. Die wertende Bezeichnung gehört zur historischen Sprecherrede.

1.212
dambhakauṭilyaniratā laulyārthe kriyavarjitāḥ |
anena kāraṇārthena mayā vīryaṃ pragopitam ||
Sie sind Heuchelei und Hinterlist ergeben, auf Begierde aus und ohne [rechte] Ritualhandlung. Aus diesem Grund habe ich die Kraft verborgen.

1.213
tena guptena deveśe śeṣā varṇāstu kevalāḥ |
yāsātu mātṛkā devi parā tejasamanvitā ||
Da sie verborgen ist, Herrin der Götter, bleiben allein die Laute zurück. Jene höchste Matrika, Göttin, die mit Glanz versehen ist –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.214.

1.214
tayā vyāptaṃ jagatkṛtsnamābrahmabhuvanāntikam |
tatrasthaṃ tu yadā devi vyāpitvena surārcite ||
durchdringt das ganze Weltall bis hin zu Brahmas Welt. Wenn [alles] dort besteht, Göttin, durch ihr Durchdringen, von den Göttern Verehrte –
Anmerkung: Der Bezug von tatrastham, „dort befindlich“, ist nicht eindeutig; die Übersetzung folgt dem Zusammenhang mit dem Weltall und der Matrika.

1.215
avarṇastho yathā varṇasthitaḥ sarvagataḥ prabhuḥ|
tathā te kathayiṣyāmi nirṇayārthaṃ surārcite ||
wie der allgegenwärtige Herr ohne Laute und in den Lauten gegenwärtig ist, das werde ich dir zur Klärung erklären, von den Göttern Verehrte.

1.216
yāsā śaktiḥ parā sūkṣmā nirācāreti kīrtitā|
hṛdbinduṃ veṣṭayitvā tu prasuptabhujagākṛtiḥ ||
Jene höchste, feine Shakti wird als untätig bezeichnet. Sie umschlingt den Herzensbindu und hat die Gestalt einer schlafenden Schlange.
Anmerkung: nirācāra kann hier Untätigkeit beziehungsweise einen Zustand ohne äußeren Vollzug bezeichnen.

1.217
tatra suptā mahābhāge na kiñcinmanyate ume |
candrāgniravinakṣatrairbhuvanāni caturdaśaḥ ||
Dort schläft sie, Hochbegnadete, und denkt an nichts, Uma. Den Mond, das Feuer, die Sonne, die Sterne und die vierzehn Welten –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.218.

1.218
udare kṣipya sā devi viṣamūrcchevatā gatā |
prabuddhā sā ninādena pareṇa jñānarūpiṇā ||
hat sie in ihren Bauch aufgenommen, Göttin, und ist wie in eine Ohnmacht durch Gift versunken. Durch den höchsten Widerklang, dessen Gestalt Erkenntnis ist, wird sie erweckt.
Anmerkung: Das auffällige Kompositum viṣamūrcchevatā wird mit Bang als Vergleich verstanden; eine physische Vergiftung wird damit nicht als Übung vorgeschrieben.

1.219
mathitā codarasthena bindunā varavarṇini |
tāvaddhi bhramavegena mathanaṃ śaktivigrahe ||
Der in ihrem Bauch befindliche Bindu versetzt sie in wirbelnde Bewegung, Schönfarbige. Zunächst vollzieht sich durch die Geschwindigkeit dieses Kreisens das Quirlen in Shaktis Leib.
Anmerkung: mathana, Quirlen oder Aufrühren, ist ein Bild der Entfaltung; seine mögliche rituelle Anwendung wird hier nicht rekonstruiert.

1.220
bhede tu prathamotpanne bindu vai tejavarcasaḥ |
tena bindormathitvā tu kalā sūkṣmā tu kuṇḍalī ||
Wenn die erste Unterscheidung entstanden ist, besitzt der Bindu leuchtenden Glanz. Von diesem Bindu aufgequirlt, [wird] Kundali zur feinen Kala.
Anmerkung: Die Kasusformen sind auffällig; der passive Bezug „aufgequirlt“ ist kontextuell erschlossen.

1.221
catuṣkalamayo binduḥ śaktyodaragataḥ prabhuḥ |
mathyamanthanayogena ṛjutvā jāyate ’grataḥ ||
Der Herr Bindu besteht aus vier Kalas und befindet sich in Shaktis Bauch. Durch die Verbindung von Aufgequirltem und Quirl entsteht zunächst eine gerade Form.
Anmerkung: mathyamanthanayogena ist Bangs nach späteren Zitaten eingerichtete Lesung, nicht die übereinstimmende Lesung ihrer drei Handschriften.

1.222
jyeṣṭhā śaktiḥ smṛtā sā tu bindudvayavimadhyagā |
bindunā kṣobhamāyātā rekhaivāmṛtakuṇḍalī ||
Diese Shakti heißt Jyeshtha und verläuft mitten zwischen zwei Bindus. Vom Bindu in Bewegung versetzt, wird Amritakundali gleichsam zu einer Linie.

1.223
rekhinī nāma sā jñeyā ubhaubinduvimadhyagā |
tṛpathā sā samākhyātā raudrī nāmena gīyate ||
Sie ist als Rekhini, die Linienförmige, zu erkennen und verläuft zwischen den beiden Bindus. Sie wird als die Dreipfadige bezeichnet und mit dem Namen Raudri besungen.
Anmerkung: Der Druck hat die auffällige Form tṛpathā, hier nach dem erkennbaren Bezug auf drei Wege übersetzt.

1.224
nirodhī sā samuddiṣṭā mokṣamārganirodhinī |
śaśāṅkaśakalākāra ambikā cārdhacandrikā ||
Sie heißt Nirodhi, die den Weg zur Befreiung hemmt. Ambika hat die Gestalt eines Mondstücks und ist die Halbmondförmige.
Anmerkung: Die Zuordnung der Hemmung ist im fortlaufenden Sanskrit nicht so eindeutig abgegrenzt wie in manchen späteren Systematisierungen.

1.225
ekā eva parā śakti tridhā sā tu prajāyate |
ebhyo yuktaviyuktebhyaḥ saṃjātā navavargajā ||
Die höchste Shakti ist eine einzige; sie entsteht jedoch dreifach. Aus deren Verbindungen und Trennungen geht sie als die aus neun Gruppen Entstandene hervor.

1.226
navadhā tusmṛtāsātu navavargopalakṣitā|
pañcamantragatā devi sadyādibhiryathākramam ||
Sie gilt als neunfach und ist durch neun Lautgruppen gekennzeichnet. In den fünf Mantras, Göttin, beginnend mit Sadya, befindet sie sich der Reihe nach.
Anmerkung: „Sadya“ verweist auf Sadyojata; die anderen vier Mantras werden in diesem Vers nicht ausgeschrieben.

1.227
tena pañcavidhā proktā jñātavyā suranāyike |
svaradvādaśagā devi dvādaśasthā udāhṛtā ||
Daher ist sie als die fünffach Gelehrte zu erkennen, Führerin der Götter. In den zwölf Vokalen gegenwärtig, Göttin, wird sie als Zwölffache bezeichnet.

1.228
akārādikṣakārāntā sthitā pañcāśabhedataḥ|
ekāṇavā hṛdeśasthā kaṇṭhe jñeyā dvirāṇavā ||
Von a bis ksha besteht sie in fünfzig Unterschieden. Im Herzensbereich ist sie einlautig; im Hals ist sie als zweilautig zu erkennen.
Anmerkung: Die Formen ekāṇavā und dvirāṇavā werden als Lautstufen gedeutet; es wird kein fehlender Mantra ergänzt.

1.229
turāṇavā tu vijñeyā jihvāmūle yadā sthitā |
jihvāgre varṇaniṣpattirbhavatī tu na saṃśayaḥ ||
Wenn sie an der Zungenwurzel liegt, ist sie als dreilautig zu erkennen. An der Zungenspitze entstehen die artikulierten Laute, ohne Zweifel.
Anmerkung: turāṇavā ist eine auffällige Form; die Deutung als dritte Lautstufe folgt dem Zusammenhang und Bang.

1.230
evaṃ śabdasya niṣpatti śabdavyāptaṃ carācaram |
śire raudrī nyasetpūrvaṃ vaktre vāmā prakīrtitā ||
So entsteht der Klang; vom Klang ist das Bewegliche und Unbewegliche durchdrungen. Zuerst ordnet man Raudri dem Kopf zu; Vama wird dem Mund zugeordnet.

1.231
ambikā bāhurityuktā jyeṣṭhā caivāyudhaṃ smṛtam |
śrīkaṇṭho hi samākhyāta vyāpakaḥ parameśvaraḥ ||
Ambika wird als Arm bezeichnet, Jyeshtha als Waffe. Shrikantha heißt der Durchdringende, der höchste Herr.
Anmerkung: Die Körper- und Waffenmetaphern gehören zur Anordnung der Lautkräfte.

1.232
yathā hyekaṃ tathā sarve ṣoḍaiva mahānilāḥ |
pañcaviṃśatataḥ paścāttasyordhve tu nava smṛtā ||
Wie [dieser] einer ist, so [entfaltet sich] alles: sechzehn große Winde, danach fünfundzwanzig und darüber nochmals neun.
Anmerkung: Der Druck hat ṣoḍaiva, eine verkürzte Form. Bang versteht sechzehn Vokale, fünfundzwanzig Verschlusslaute und neun weitere Laute; so ergibt sich die Fünfzigzahl.

1.233
anena kramayogeṇa pañcāśānāṃ samudbhavaḥ |
kathitā devadevena kāryakāraṇabhedataḥ ||
Nach dieser Abfolge entsteht die Gruppe der fünfzig. Vom Gott der Götter wurde sie nach der Unterscheidung von Wirkung und Ursache gelehrt.

1.234
evaṃ dvādaśasāhasre pṛthaguddhāra kīrtitam |
nāmāni rudrasaṃghasya sūcitānīha pārvati ||
So ist im Zwölftausender die gesonderte Herauslösung [der Laute] erklärt. Die Namen der Rudraschar werden hier angedeutet, Parvati.
Anmerkung: Welche Schrift mit dem „Zwölftausender“ gemeint ist, ist nach Bang nicht sicher. Die Angabe wird nicht als Umfangsnachweis der vorliegenden Datei verwendet.

1.235
ete ’pi vyāpakā nityā śabdākārā guṇānvitāḥ |
vācyavācakabhedo yo navebhyaḥ parata sthitaḥ ||
Auch diese sind ewig durchdringend, klanggestaltig und mit Eigenschaften versehen. Die Unterscheidung von Bezeichnetem und Bezeichnendem liegt jenseits der neun [Glieder].
Anmerkung: Der Bezug der Neunzahl ist knapp und mehrdeutig.

1.236
vyavahārārthaṃ mayā sṛṣṭā śabdaviśleṣaṇaṃ prati |
na ca rudrairvinā śabdo nārtho nāpi ca tairgatiḥ ||
Für den alltäglichen Umgang habe ich [sie] zur Aufgliederung des Klanges geschaffen. Ohne die Rudras gibt es keinen Klang, keinen Sinn und auch keinen durch sie [getragenen] Verlauf.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist syntaktisch auffällig; sṛṣṭā wird verbal als „geschaffen“ aufgefasst. Bang deutet teilweise anders.

1.237
śarīraṃ śabdarāśaistu pañcāśāṃśaissamujjvalam |
rudrapañcaśikāḍhyeṣānmātṛkātra prapadyate ||
Der Leib erstrahlt durch die Klangfülle mit ihren fünfzig Anteilen. Aus diesen fünfzig Rudras geht hier die Matrika hervor.
Anmerkung: Die Zusammensetzung rudrapañcaśikāḍhyeṣānmātṛkātra ist sprachlich schwierig; die Übersetzung gibt ihren erkennbaren Zusammenhang wieder.

1.238
tasmāddevi vijānīyātsarvaṃ tanmātṛkodbhavam |
na mātṛkātparaṃ saṃjñā na mantro mātṛkātparam ||
Darum, Göttin, ist zu erkennen, dass all dies aus der Matrika entsteht. Es gibt keine Benennung über die Matrika hinaus und keinen Mantra jenseits der Matrika.

1.239
sthūlasūkṣmavibhāgena mātṛkādehasambhavam |
yatra cotpadyate śabda layaṃ tatraiva gacchati ||
Nach grober und feiner Unterteilung entsteht der Leib der Matrika. Wo der Klang entsteht, dort löst er sich wieder auf.

1.240
jalamadhye yathā bindurutpannaśca vinaśyati |
tadvadeva hi śabdātmā manabindaurvilīyate ||
Wie ein Tropfen mitten im Wasser entsteht und vergeht, so löst sich das Klangwesen im Geistesbindu auf.
Anmerkung: Die gedruckte Form manabindaur ist unregelmäßig; der Bezug auf den Geistesbindu ist kontextuell.

1.241
śire raudrī parityajya jyeṣṭhāmāyudhamucchṛjet |
ambikā bāhudeśe tu vaktraṃ tyaktvā vyavasthitā ||
Man lässt Raudri im Kopf los und gibt Jyeshtha als Waffe auf. Ambika [wird] im Armbereich [losgelassen], und [Vama] am Mund wird aufgegeben.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist elliptisch; Vama ist aus 1.230 ergänzt. Das Druckverb mucchṛjet ist auffällig.

1.242
kevalā kuṇḍalī jñeyā nānyaṃ kiñcitpradṛśyate |
evaṃ tu bhavate nāśamutpattiśca tathaiva hi ||
Allein Kundali ist zu erkennen; nichts anderes wird sichtbar. Auf diese Weise geschehen das Vergehen und ebenso das Entstehen.

1.243
utpattiṃ ca vināśaṃ tu yo jñāyati varānane |
sa bhavecchaktimānvīro yathā tvañca priyā mama ||
Wer Entstehung und Vergehen erkennt, Schönantlitzige, wird ein machtvoller Held, so wie du, meine Geliebte.

1.244
bhavate sādhakendrastu pūjyā pūjyatamo bhavet |
vāmā brahmā smṛto bhadre jyeṣṭhā viṣṇu prakīrtitaḥ ||
Er wird zum Herrn der Übenden, zum Verehrungswürdigsten unter den Verehrten. Vama gilt als Brahma, Gütige; Jyeshtha wird als Vishnu bezeichnet.

1.245
raudrī rudro varārohe †ambikāryeśvaro†viduḥ |
saṃyoga śabdarūpastu śivo nādātmakaḥ paraḥ ||
Raudri ist Rudra, Schöngestaltete; †Ambika [ist Ishvara]†, so erkennen sie. Ihre Verbindung hat Klanggestalt; der höchste Shiva hat Nada zum Wesen.
Anmerkung: Der Ausdruck ambikāryeśvaro ist bereits im Druck als gestört markiert. „Ambika ist Ishvara“ ist nur eine kontextuelle Arbeitsdeutung; auch „Ishvara als Wirkung Ambikas“ wird von Bang erwogen.

1.246
pañca kāraṇakā devi vyāpakatve vyavasthitāḥ |
varṇe varṇe pradṛśyante śaktayaśca tathaiva hi ||
Die fünf Ursachen, Göttin, bestehen als Durchdringende. Sie erscheinen in jedem einzelnen Laut und ebenso die Shaktis.

1.247
icchā raudrī samākhyātā jñānā vāmā prakīrtitā |
kriyā jyeṣṭhā samuddiṣṭā jñeyā-m-ambā śubhekṣaṇe ||
Raudri wird als Wille bezeichnet, Vama als Erkenntnis. Jyeshtha heißt Handlung; Amba ist zu erkennen, Schönäugige.
Anmerkung: Womit Amba gleichgesetzt wird, fehlt im Sanskrit. Eine Ergänzung als Vibhvi wäre eine Vermutung und wird hier nicht eingesetzt. Das eingeschobene -m- bleibt markiert.

1.248
udayo vāmayā jñeyo jyeṣṭhā madhyadinaṃ smṛtam |
sandhyā raudrī tu vijñeyā tadaivāstamanaṃ bhavet ||
Der Aufgang ist durch Vama zu erkennen; Jyeshtha gilt als Mittag. Raudri ist als Dämmerung zu erkennen; darauf erfolgt der Untergang.
Anmerkung: Bangs Zuordnung des Untergangs zu Ambika ist aus dem Viererschema erschlossen; der Name steht nicht im Vers.

1.249
recako vāmayā proktaḥ pūrako jyeṣṭhayā viduḥ |
kumbhako raudryā jñeya svabhāvasthastha ambikā ||
Ausatmung wird Vama zugeordnet, Einatmung wird durch Jyeshtha erkannt. Atemhalten ist durch Raudri zu verstehen; Ambika befindet sich im eigenen natürlichen Zustand.

1.250
iḍā vāmā samākhyātā raudrī piṅgalasaṃjñake |
suṣumṇā jyeṣṭhagā †śakti viṣṇaveva †nigadyate ||
Ida wird als Vama bezeichnet, Raudri mit dem Namen Pingala. Sushumna gehört zu Jyeshtha; †Shakti wird als Vishnu bezeichnet†.
Anmerkung: Der Schluss ist im Druck als gestört gekennzeichnet. Die wörtliche Arbeitsübersetzung klärt die widersprüchliche Zuordnung nicht; keine stillschweigende Ersetzung durch Ambika.

1.251
udbhave kuṇḍalī jñeyā vāmā sā samudāhṛtā |
viśleṣasthāstathā jyeṣṭhā laye raudrī nigadyate ||
Beim Entstehen ist Kundali zu erkennen; sie wird Vama genannt. Jyeshtha befindet sich in der Trennung, Raudri wird der Auflösung zugeordnet.

1.252
layātītā tathā ambā jñātavyā suranāyike |
nābhisthā kuṇḍalī jñeyā prasuptabhujagākṛtiḥ ||
Amba ist als jenseits der Auflösung zu erkennen, Führerin der Götter. Kundali sitzt im Nabel und hat die Gestalt einer schlafenden Schlange.

1.253
kaṇṭhasthānordhvato raudrī yatra rudro jagatpatiḥ |
pravāhe jyeṣṭhagā madhye bindudvayavimadhyagā ||
Raudri liegt oberhalb des Halsortes, wo Rudra, der Herr der Welt, ist. Im Strom in der Mitte befindet sich Jyeshtha, mitten zwischen zwei Bindus.

1.254
ambikā brahmarandhrasthā jñātavyā tattvavedinā |
śamanā kuṇḍalī jñeyā jāgrāvasthā prakīrtitā ||
Der Kenner der Wirklichkeit erkennt Ambika in der Brahmaöffnung. Die beruhigende Kundali wird als Wachzustand bezeichnet.
Anmerkung: jāgrāvasthā ist die gedruckte, verkürzte Form der Bezeichnung des Wachens.

1.255
jyeṣṭhā svapnagatā caiva raudrī conmanakārikā|
suṣuptākhyaṃ padaṃ devi unmanaṃ tu taducyate ||
Jyeshtha geht in den Traum; Raudri bewirkt Unmana. Die Stätte, die Tiefschlaf heißt, Göttin, wird Unmana genannt.
Anmerkung: Unmana ist hier dem Tiefschlaf zugeordnet; dies wird nicht mit anderen Stufenschemata des Textes vereinheitlicht.

1.256
ambikā unmanātītā turyasthānagatā śubhā |
kuṇḍalī prathamā jñeyā dvitīyā tu manonmanī ||
Die glückverheißende Ambika ist jenseits von Unmana und befindet sich in der vierten Stätte. Die erste ist als Kundali zu erkennen, die zweite als Manonmani.
Anmerkung: Die „vierte“ ist Turiya. Im zweiten Halbvers beginnt eine neue Namensreihe.

1.257
bindvī nāma tṛtīyā tu triśaktikalitaṃ jagat |
udbhave caiva viśleṣe laye caiva tṛtīyakā ||
Die dritte heißt Bindvi; die Welt ist durch drei Shaktis gegliedert: beim Entstehen, bei der Trennung und als dritte bei der Auflösung.

1.258
layātītaṃ paraṃ śāntaṃ sarvagaṃ parameśvaram |
kriyākāraṇanirmuktaṃ heyopādeyavarjitam ||
Jenseits der Auflösung ist der höchste, friedvolle, allgegenwärtige höchste Herr, frei von Tätigkeit und Ursache, ohne etwas Aufzugebendes oder Anzunehmendes –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.259.

1.259
jñātvā caiva varārohe na bhūyo janmamāpnuyāt |
grahaṇaṃ kuṇḍalisthasya jñātavyaṃ tu vipaścitaiḥ ||
wer ihn erkennt, Schöngestaltete, erlangt keine weitere Geburt. Die Einsichtigen sollen das Ergreifen dessen kennen, was in Kundali verweilt.
Anmerkung: Der zweite Halbvers leitet zur nächsten Übungsschilderung über.

1.260
āmiṣantu yathā khasthaḥ paśyate śakuniḥ priye |
kṣipramākarṣayedyadvadvegena mahatena tu ||
Wie ein Vogel im Luftraum seine Beute sieht, Geliebte, und sie rasch mit großer Geschwindigkeit an sich zieht –
Anmerkung: Der erste Halbvers steht auf der vorangehenden Druckseite.

1.261
tadvadeva hi yogīndro manobindūpakarṣayet |
yathā śaro nalīnastho yantreṇātāḍya dhāvati ||
so zieht der Fürst der Yogis den Geistesbindu herauf. Wie ein Pfeil in einem Rohr, durch einen Mechanismus angestoßen, dahinschießt –
Anmerkung: nalīna ist unsicher; „Rohr“ ist eine mögliche Deutung des Abschussgeräts, keine gesicherte Rekonstruktion.

1.262
tathā bindurvarārohe uccāreṇa tu dhāvati |
khasthaḥ khaṃ karaṇaṃ kṛtvā khamukhaṃ yojya khaḥ śire ||
so läuft der Bindu, Schöngestaltete, durch den Uccara. Im Raum befindlich macht man den Raum zum Werkzeug und verbindet die Raumöffnung mit dem Raum am Scheitel.
Anmerkung: Die Raumchiffren kha und khamukha sind mehrdeutig; die innere Zuordnung wird nicht stillschweigend konkretisiert.

1.263
kūrma tu maṅgale yojyaṃ svarāntacca dvibhiryutam |
preraṇaṃ tu udānena yāvattatkhamukhaṃ gataḥ ||
Kurma ist mit Mangala zu verbinden, ebenso das mit den beiden [Bindus] verbundene Ende der Vokale. Durch Udana wird der Anstoß gegeben, bis [der Bindu] die Raumöffnung erreicht.
Anmerkung: Die Bedeutung von maṅgala und die genaue Zuordnung von kūrma sind unsicher. „Bindus“ ist aus dem Zusammenhang ergänzt.

1.264
maṅgalaṃ kūrmasaṃyuktaṃ śarāstreṇaiva śodhanam |
śuddhyate tu na sandeho dvijamārgo varānane ||
Das mit Kurma verbundene Mangala wird durch die Pfeilwaffe gereinigt. So wird der Weg des Zweimalgeborenen gereinigt, Schönantlitzige, ohne Zweifel.
Anmerkung: „Pfeilwaffe“ ist eine Mantrabezeichnung; Bang deutet sie als Astra-Mantra mit phaṭ. Diese Lautfolge steht hier nicht im Vers und wird nicht eingefügt. Der „Zweimalgeborene“ kann den Vogel beziehungsweise den inneren Himmelsgänger bezeichnen.

1.265
śuddhenaiva tu mārgeṇa grahaṇaṃ caiva lakṣayet |
manasā grahaṇaṃ kāryaṃ śaktyādhāragatasya tu ||
Auf dem gereinigten Weg nimmt man das Ergreifen wahr. Geistig ergreift man das, was sich in der Grundlage der Shakti befindet.

1.266
pratyayo tu bhavettasya grahaṇasya varānane |
nābhisthaṃ kampanaṃ jñeyaṃ jṛmbhanaṃ mukhamākulam ||
Beim Ergreifen treten Erfahrungszeichen auf, Schönantlitzige. Für den Zustand im Nabel erkennt man Zittern, Gähnen und ein unruhiges Gesicht –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.267.

1.267
aśrupātacca bhrūbhaṅgaṃ cittavyākulatā tathā |
ete tu pratyayā nābhau kaṇṭhasthasyādhunā śṛṇu ||
Tränenfluss, Zusammenziehen der Brauen und Unruhe des Geistes. Dies sind die Zeichen am Nabel. Höre nun die des Zustands im Hals.

1.268
kaṇṭhastho dhunate gātraṃ nādaṃ muñcatyanekadhā |
śiraḥkampa pralāpaśca hūṃkāraśca mahāsvanaḥ ||
Im Halszustand schüttelt man den Körper und stößt vielerlei Laute aus: Kopfschütteln, unzusammenhängende Rede, den Laut hūṃ und lauten Schall.
Anmerkung: hūṃ ist eine Lautform, kein lexikalisch zu übersetzender Satz.

1.269
tatordhvaṃ tu yadātīto rudrasthāne varāmbike |
tadā tu pratyayāstasya te śṛṇuṣva samāhitā ||
Wenn [der Bindu] darüber hinaus zur Stätte Rudras gelangt ist, beste Ambika, treten entsprechende Erfahrungszeichen auf. Höre sie gesammelt.

1.270
rudrastho vedate śāstrāṃ mudrā mantrānyanekadhā |
udgrāhayati śāstrāṇi aśrutānyapi sādhakaḥ ||
In Rudras Zustand erkennt der Übende vielerlei Schriften, Mudras und Mantras. Er trägt sogar Schriften vor, die er nie gehört hat.
Anmerkung: Eine übernatürliche Erkenntnisbehauptung des Textes.

1.271
tasyordhve tu mahādevi visargākhyaṃ padaṃ bhavet |
visargasthaṃ yadā devi tadā śabdaṃ śṛṇoti ca ||
Darüber liegt, große Göttin, die Stufe namens Visarga. Ist [der Yogi] im Visarga, Göttin, hört er Klang.

1.272
sparśo ca śītalaṃ vetti himavacchikharā iva |
śaktisthānaṃ tato devi sādākhyenaikatāṃ gataṃ ||
Er erfährt eine kühle Berührung, wie auf einem Himalayagipfel. Danach [erreicht er] die Stätte der Shakti, die mit Sadakhya eins geworden ist.
Anmerkung: Sadakhya bezeichnet hier die Stufe Sadashivas.

1.273
śaktisthānamunmanatvaṃ hi viṣayāṇāṃ varānane |
aṇimādiguṇāvāptirbhavate ’tra na saṃśayaḥ ||
Die Stätte der Shakti ist das Überschreiten des Denkens hinsichtlich der Gegenstände, Schönantlitzige. Dort werden Fähigkeiten wie das Kleinwerden erlangt, ohne Zweifel.

1.274
tallayo yadi tatraiva sthirībhavati śobhane |
tadā cotpatate śīghraṃ satyameva na saṃśayaḥ ||
Wird der darin Aufgegangene dort fest, Schöne, dann steigt er rasch empor. Das ist wahr, ohne Zweifel.
Anmerkung: utpatate kann „auffliegen“ bedeuten. Ob hier der Yogi oder der erreichte Zustand Subjekt ist, bleibt unsicher.

1.275
randhrasthaṃ sarvagaṃ jñeyaṃ tadātītaṃ tu vyāpakaṃ |
ghaṭamadhye yathākāśaṃ paricchinnaṃ pravartate ||
Das in der Öffnung Befindliche ist als allgegenwärtig zu erkennen, das darüber als durchdringend. Wie der Raum im Topf begrenzt erscheint –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.276.

1.276
evaṃ śarīravicchinnaṃ vyāpakatva tu bhāsate |
ghaṭe bhinne yathā devi ekabhāvaṃ tu gacchati ||
so erscheint das Durchdringen durch den Körper begrenzt. Wie [der Raum] bei zerbrochenem Topf, Göttin, in Einheit übergeht –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.277.

1.277
bahirantaryasadbhāva eka evaṃ prabhāsate |
tadvadeva hi bhūtātmā pāśamuktaṃ prabhāsate ||
so leuchtet das wirkliche Sein innen und außen als eines. Ebenso strahlt das Selbst der Wesen, von den Fesseln befreit.

1.278
yathā dīpo ghaṭastho hi ekadeśaprakāśakaḥ |
tathā cātmā tu liṅgastho manavyāpārapeśalaḥ ||
Wie eine Lampe in einem Topf nur einen begrenzten Bereich erhellt, so ist das Selbst im subtilen Leib durch die Tätigkeit des Geistes ausgestaltet.
Anmerkung: liṅga wird hier als subtiler Leib verstanden.

1.279
ghaṭe bhinne yathā devi sarvatraiva prakāśakaḥ |
tathā pāśaismano mukto vyāpako bhavate priye ||
Wie [die Lampe] bei zerbrochenem Topf überallhin leuchtet, Göttin, so wird der von Fesseln befreite Geist durchdringend, Geliebte.

1.280
evaṃ vyāptirmayā khyātā tava devi sureśvari |
ātmavyāpti bhavatyeṣā śivavyāptimataḥ param ||
So habe ich dir das Durchdringen erklärt, Göttin, Herrin der Götter. Dies ist das Durchdringen des Selbst; danach folgt das Durchdringen Shivas.

1.281
śeṣabhāvena bandhānāṃ sarvādhvopādhivarjitaḥ |
aviditvā parantattvaṃ śivatvaṃ kalpitaṃ tu yaiḥ ||
[Bei einem Restbestand] der Bindungen [ist der Betreffende] frei von den Begrenzungen des gesamten Weltweges. Diejenigen, die sich Shivasein vorstellen, ohne das höchste Prinzip erkannt zu haben –
Anmerkung: Der erste Halbvers śeṣabhāvena bandhānāṃ ist schwer verständlich: Er spricht von einem Restbestand der Bindungen, während Bang anhand einer Parallelstelle Befreiung von ihnen deutet. Auch die Verbindung des Singulars varjitaḥ mit der folgenden Konstruktion ist nicht gesichert. Die Wiedergabe bleibt vorläufig; der zweite Satz geht in 1.282 weiter.

1.282
te cātmopāsakā śaive na te yāntu śivaṃ padam |
ātmatattvagatiṃ yānti ātmatattvātmarañjitāḥ ||
das sind Verehrer des Selbst im Shaiva[-Bereich]; sie gelangen nicht zu Shivas Stätte. Sie erreichen den Bereich des Selbstprinzips und erfreuen sich am Selbstprinzip.

1.283
ye sākārānyupāsanti kalpayitvā tu devatā |
tasyāspadaṃ labhantyete na muktāḥ paramārthataḥ ||
Wer sich Gottheiten vorstellt und sie in Gestalten verehrt, erlangt deren Stätte; im höchsten Sinn ist er damit nicht befreit.

1.284
tasmātsarvaṃ parityajya svabhāvasthamupāsayet |
svabhāvasthaṃ punarvakṣyedyathā bhavati tacchṛṇu ||
Darum lässt man alles los und verehrt das in seinem eigenen Wesen Ruhende. Wie dieser Zustand beschaffen ist, werde ich weiter erklären. Höre!

1.285
na nirodho na coccāro na lakṣo na ca yojanā |
svarūpasthaṃ tato jñātvā sa mukto nātra saṃśayaḥ ||
Weder Hemmung noch Lautaufstieg, weder Ziel noch Verbindung [bestehen dort]. Wer das in seinem eigenen Wesen Ruhende erkennt, ist befreit, ohne Zweifel.

1.286
saṃkalpastu mahābandho ucchedyo bhāvakāraṇam |
taṃ tyaktvā mucyate yogī savikalpastu badhyate ||
Vorstellungsbildung ist eine große Bindung, die zu durchtrennen ist, weil sie Zustände hervorbringt. Lässt der Yogi sie los, wird er befreit; mit unterscheidenden Vorstellungen bleibt er gebunden.

1.287
na mano nāpi mantavyo mantā ca na vibhāvyate |
yāvatsaṃkalpayedevaṃ tāvadbandhaḥ pravarttate ||
Weder Geist noch Denkgegenstand noch ein Denkender werden [dort] vorgestellt. Solange man so Vorstellungen bildet, besteht die Bindung fort.

1.288
na binduṃ naiva nādaśca na cāraścādhvaṣaṭkagaḥ|
na śaktyuccāramārge syātkāraṇatyāga kālagaḥ ||
Kein Bindu, kein Nada und keine Bewegung auf dem sechsfachen Weg [bestehen dort]; im Weg des Shakti-Aufstiegs gibt es kein Loslassen der Ursachen innerhalb der Zeit –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.289. Die Negation betrifft die höchste Perspektive des Abschnitts, nachdem diese Verfahren zuvor als Stufen gelehrt wurden.

1.289
na śūnyabhāva nābhāvaṃ na śakti śiva-m-eva ca |
avidyāvāsanā hyeṣā saṃsārabhayabandhanī ||
keinen Zustand der Leere, kein Nichtsein, weder Shakti noch Shiva. Denn all dies ist eine Spur der Unwissenheit, die an die Furcht des Samsara bindet.
Anmerkung: Die eingeschobene Lautmarkierung -m- bleibt erhalten.

1.290
yannāsti tatra santoṣaṃ prāyaḥ kaścitkariṣyati |
taṃ tyaktvā tyaktavyāḥ sarve āśāpāśā-m-aśeṣataḥ ||
Meist findet jemand Zufriedenheit gerade in dem, was nicht besteht. Man lässt das los und gibt sämtliche Fesseln der Erwartung restlos auf.

1.291
āśā eva mahābandho yayā vyāptau ’khilaṃ jagat |
yāvanna tyajyate sā vai tāvacchaktirna vidyate ||
Erwartung ist die große Fessel, von der die ganze Welt durchdrungen ist. Solange sie nicht aufgegeben ist, tritt Shakti nicht hervor.

1.292
kāśā sā mokṣavādīnāṃ yatra sarvaṃ kṣayaṃ gatam |
mokṣe ’pi yasya notkaṇṭhā sa mokṣamadhigacchati ||
Welche Erwartung haben jene, die von Befreiung sprechen, wenn dort alles vergangen ist? Wer selbst nach Befreiung kein Verlangen hat, erreicht Befreiung.
Anmerkung: kāśā wird als Frage kā āśā, „welche Erwartung“, gedeutet.

1.293
na mokṣasya bhave sthānaṃ na dānaṃ na ca kalpanā |
sarvatra vitathā dṛṣṭi sa mokṣo mokṣavādinām ||
Befreiung hat keinen Ort, ist keine Gabe und keine Vorstellung. Überall [wird] die Ansicht als vergeblich [erkannt]: Dies ist die Befreiung derer, die von Befreiung sprechen.
Anmerkung: Die Zuordnung des zweiten Halbverses ist mehrdeutig; vitathā dṛṣṭi bleibt als „vergebliche Ansicht“ wiedergegeben.

1.294
mokṣo nāma-m-anirdeśyamūhāpohavikalpanāt |
sa vidyāccopajāyeta avidyāṃ tu parityajet ||
Was Befreiung heißt, lässt sich durch Erwägen, Verwerfen und begriffliche Unterscheidung nicht bestimmen. Erkenntnis soll entstehen; Unwissenheit ist aufzugeben.
Anmerkung: Die Grammatik des zweiten Halbverses ist auffällig; seine Imperativrichtung folgt dem Zusammenhang.

1.295
tadākāraṃ jagatsarvaṃ tasyākāraṃ na kiñcanaḥ|
nirākārasvabhāvastha kartavyo ’tra manīṣibhiḥ ||
Die ganze Welt hat seine Gestalt, doch es hat keinerlei Gestalt. Die Einsichtigen sollen [es] in seiner formlosen Eigennatur vergegenwärtigen.

1.296
tattvabhāva sa bhūtākhya sargo yatra pravartate |
ānandaṃ brahmaṇo rūpaṃ na vibheti kadācanaḥ ||
Dort vollzieht sich die Schöpfung, die als Prinzipien, Zustände und Elemente bezeichnet wird. Freude ist Brahmans Gestalt; [wer dies erkennt,] fürchtet sich niemals.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist elliptisch. Die Erkenntnisergänzung folgt dem Bezug zur Upanishadenformel, den Bang erläutert.

1.297
sarvaṃ khalvātmakaṃ jñātvā kartavyaṃ nāsti kiñcanaḥ|
astitvamiti cedbhāvastadā bandho na saṃśayaḥ ||
Wer erkennt, dass alles aus dem Selbst besteht, hat nichts mehr zu tun. Wird aber die Vorstellung „Es besteht“ festgehalten, dann ist dies Bindung, ohne Zweifel.

1.298
svayamevātmanātmānaṃ kośakārakṛmiryathā |
badhnāti yatato bhāva nānā caiva tu bandhanaiḥ ||
Wie eine Seidenraupe bindet man sich selbst durch sich selbst, eifrig, auf vielfältige Weise mit Fesseln.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist auch nach Bang nicht sicher hergestellt; die Übersetzung gibt den Vergleichssinn wieder.

1.299
sa vimucyeta yo baddhaḥ kimabaddhasya mokṣaṇam |
sahajāgantukā bandhā dvaitabhāva-m-adhiṣṭhitāḥ ||
Befreit wird, wer gebunden ist; wozu Befreiung für den Ungebundenen? Angeborene und hinzugekommene Bindungen beruhen auf der Vorstellung von Zweiheit –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.300.

1.300
kalpitā svayamevātra mana saṃkalpalakṣaṇaṃ |
mānasaṃ tu parityajya yatkiñciddrāṅgyaṃ priye ||
sie werden hier von selbst vorgestellt, mit dem Geist als Vorstellungsbildung. Man gibt das Geistige auf, alles, was [ausdrückbar ist], Geliebte.
Anmerkung: Die Lesung drāṅgyaṃ im Schluss ist unsicher; „ausdrückbar“ ist eine kontextuelle Arbeitsdeutung, keine Rekonstruktion des Sanskrit.

1.301
bhāvābhāvātmakaṃ sarvaṃ manaḥ saṃkalpalakṣaṇam |
śuddhāśuddheṣu bhāveṣu mano yatra pravartate ||
Alles, was aus Sein und Nichtsein besteht, ist Geist, gekennzeichnet durch Vorstellungsbildung. Wo sich der Geist auf reine und unreine Zustände richtet –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.302.

1.302
varṇāvarṇavikalpeṣu bhakṣābhakṣa tathaiva ca|
samatvaṃ yasya jāyeta tasya jātaṃ na kiñcanaḥ ||
auf Unterscheidungen von Laut und Nichtlaut sowie von Essbarem und Nichtessbarem: Wem darin Gleichheit entsteht, für den ist nichts [als unterscheidendes Gebilde] entstanden.
Anmerkung: varṇa/avarṇa könnte auch soziale oder andere Klassifizierungen betreffen; der Lautkontext legt die gewählte Deutung nahe.

1.303
sarvabhāvāṃ tyajetpūrvamabhāve tu sthirībhavet |
abhāvaṃ tu parityajya svabhāvasthaṃ bhaviṣyati ||
Zuerst lässt man alle Zustände los und wird im Nichtsein fest. Dann lässt man auch das Nichtsein los und ruht in der eigenen Natur.

1.304
yathā śilāśṛtaṃ toyaṃ kṣapitaṃ sūryaraśmibhiḥ |
naca kenāpi tatpītaṃ na ca tatraiva tiṣṭhati ||
Wie Wasser auf einem Stein durch die Sonnenstrahlen aufgezehrt wird: Niemand hat es getrunken, und doch bleibt es nicht dort –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.305.

1.305
nirupapattimāpannaṃ tathā jñānavido manaḥ |
yathā vāyu nabhaṃ pṛthvī balād vahati sarvagaḥ ||
so erreicht der Geist des Erkenntniskundigen das Nicht-mehr-Entstehen. Wie der allgegenwärtige Wind mit Gewalt durch Himmel und über Erde weht –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.306.

1.306
dhugdhugantaṃ mahāvīrya sphuṭantaṃ taruparvatām |
tatkṣaṇādyāti nirnāśaṃ tadvajjñānavido manaḥ ||
mit mächtigem „dhug-dhug“ dröhnend, Bäume und Berge aufbrechend, und augenblicklich verschwindet: So [vergeht] der Geist des Erkenntniskundigen.
Anmerkung: dhugdhugantam wird als Lautmalerei verstanden; es ist hier keine Keimsilbe.

1.307
yathā vistarato meghā nabhamākramya saṃsthitāḥ |
tatkṣaṇādyāti nirnāśaṃ vidvāṃsasya tathā manaḥ ||
Wie ausgedehnte Wolken den Himmel bedecken und dann augenblicklich verschwinden, so [vergeht] der Geist des Wissenden.

1.308
meghavṛṣṭiryathā deśe nighnonnatajalasthalam |
tatkṣaṇānnāśamāyāti tadvadbhāvo nirālayaḥ ||
Wie Wolkenregen auf Gelände mit Vertiefungen und Erhebungen, Wasser und festem Boden niedergeht und sogleich verschwindet, so ist der Zustand ohne Stützpunkt.
Anmerkung: Das Vergleichsdetail ist mehrdeutig; Bang versteht ein Ununterscheidbarwerden des Regenwassers.

1.309
yathā cendhanasaṃyogādagnijvālā niropamā |
tatkṣaṇātprakṣayaṃ yāti tadvacchūnyo mano viduḥ ||
Wie eine unvergleichliche Feuerflamme durch Verbindung mit Brennstoff entsteht und augenblicklich erlischt, so erkennen sie den Geist als leer.

1.310
śaṅkhaśabdo yathā devi śrūyate vipulasvanaḥ|
tatkṣaṇātakṣīyate tantu tadvatsāmye mano viduḥ ||
Wie der weithin tönende Klang einer Muschel gehört wird, Göttin, und sogleich verklingt, so erkennen sie den Geist im Gleichgewicht.

1.311
atha vairāgyamāśritya kaṣṭaiścāndrāyaṇādibhiḥ|
kṣapaye tantu mokṣāya †saindhavaṃ conmanātmani † ||
Dann stützt man sich auf Leidenschaftslosigkeit und auf beschwerliche Observanzen wie Chandrayana und lässt [dies] um der Befreiung willen vergehen: †saindhavaṃ conmanātmani†.
Anmerkung: Der Schluss ist bereits im Druck als gestört markiert und bleibt unübersetzt: saindhava kann unter anderem Salz bezeichnen; der Zusammenhang ergibt keine sichere Satzbedeutung. Auch das Objekt von kṣapaye ist unklar. Chandrayana bezeichnet hier eine historische Fastenobservanz.

1.312
bahubhirgṛhya vairāgyamātmānaṃ kṣapitaṃ tu yaiḥ |
teṣāmeko ’pi nāstyatra gato nirupapattikam ||
Viele haben Leidenschaftslosigkeit angenommen und ihr Selbst aufgezehrt; doch keiner von ihnen hat hier den Zustand des Nicht-mehr-Entstehens erreicht.
Anmerkung: Der Satz wird in der Quelle gegen eine nur asketisch verstandene Selbstaufhebung gerichtet.

1.313
brahmacarya taponiṣṭhā śaucādyā ye ca saṃyamā: |
na taistu siddhayate mokṣo bhāva evātra kāraṇam ||
Brahmacharya, Beharrlichkeit in Askese, Reinheit und die übrigen Zügelungen: Durch sie wird Befreiung nicht erlangt; der [vorgestellte] Zustand ist hier der Grund [der Bindung].
Anmerkung: Die eckigen Ergänzungen folgen Bangs Deutung von bhāva in diesem kritischen Zusammenhang.

1.314
agnirdarbhāśca mantrāśca hotā hotavyameva ca |
praṇītā viṣṭarāścaiva dīkṣādhvaraprakalpanā ||
Feuer, Darbha-Gras, Mantras, der Opferpriester und das zu Opfernde, das Pranita[-Gefäß], Grassitze und die Einrichtung des Einweihungsopfers –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.315.

1.315
etatsaṃkalpasaṃghātaṃ tava saṃbodhakāraṇam |
advaitaṃ nirvikalpantu nirindriyamalakṣaṇam ||
dies ist eine Ansammlung von Vorstellungen, [als Mittel] zu deiner Belehrung. Nichtzweiheit aber ist ohne begriffliche Unterscheidung, jenseits der Sinne und ohne Kennzeichen.
Anmerkung: Die syntaktische Beziehung von „Belehrungsgrund“ zur Aufzählung oder zur Nichtzweiheit ist mehrdeutig.

1.316
alakṣasya kuto lakṣo amanasya kuto manaḥ |
amane pratyavasthānaṃ kartavyaṃ satataṃ budhaiḥ ||
Welches Ziel könnte das Ziellose haben, welchen Geist das Geistlose? Die Einsichtigen sollen stets im Nichtgeist verweilen.
Anmerkung: „Nichtgeist“ bezeichnet in diesem Abschnitt das Aufgeben begrifflicher Konstruktionen.

1.317
nāstitvaṃ vartate nityamastitvaṃ tu parityajet |
nāstitvaṃ tu yadā bhūto nāsti nāstīti tasya tat ||
Nichtsein besteht beständig; die Vorstellung des Seins soll man aufgeben. Ist man ins Nichtsein gelangt, dann gilt für einen: „Es ist nicht, es ist nicht.“
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist syntaktisch schwierig; die Negation wird wörtlich erhalten.

1.318
nāsti mokṣo mahābandhaḥ sarvaṃ śūnyaiva bhāvayet |
calācalātmavijñānaṃ cittavṛtti-r-apekṣayā ||
Es gibt keine Befreiung und keine große Bindung; alles soll man als leer vergegenwärtigen. Die Erkenntnis des Beweglichen und Unbeweglichen hängt von der Tätigkeit des Geistes ab –
Anmerkung: Die Negation kann auch „Befreiung als große Bindung“ betreffen. Fortsetzung in 1.319; das eingeschobene -r- bleibt markiert.

1.319
sa kathaṃ niścalīkartuṃ dehe śakyeta kenacit |
yāvadbhāvayate jñānaṃ vijñānādhāra kevalam ||
wie könnte jemand ihn im Körper unbeweglich machen? Solange er Erkenntnis hervorbringt, ist [der Geist] allein die Grundlage des Erkennens.
Anmerkung: Die Bezüge des Satzes sind unsicher; die Übersetzung folgt Bangs diskutierter Deutung.

1.320
vāyunā vyākulībhūta avidyā copatiṣṭhati |
prāṇayāmādibhiḥ śleṣairmano dhīraiḥ sunirjitaḥ ||
Vom Wind in Unruhe versetzt, tritt Unwissenheit auf. Durch Pranayama und weitere Verbindungen wird der Geist von den Standhaften vollständig bezwungen –
Anmerkung: śleṣa wird als Verbindung verstanden; welche Atemverbindung gemeint ist, wird nicht ergänzt. Fortsetzung in 1.321.

1.321
anyakāle prakurvīta niṣphalaṃ yatpurājitam |
tasmādevaṃ tu vijñāya indriyārthaṃ calācalam ||
zu anderer Zeit [macht er] jedoch das zuvor Erlangte unfruchtbar. Darum erkennt man so die Gegenstände der Sinne, das Bewegliche und Unbewegliche –
Anmerkung: Das Subjekt des ersten Halbverses ist unklar; möglich ist der erneut tätige Geist. Die Übertragung bleibt vorläufig. Fortsetzung in 1.322.

1.322
ghaṭavadbhaṅgurākāraṃ vidyuddarśanasannibham |
sarve tyajya mumukṣāya nāstike tu manaṃ kuru ||
als zerbrechlich wie ein Topf und dem flüchtigen Anblick eines Blitzes vergleichbar. Lass alles los, wenn du Befreiung suchst, und richte den Geist auf das Nichtsein.

1.323
devyuvāca ||
mahatkautūhalaṃ deva mamotpannaṃ mahāprabho |
yannāsti tatra ko lakṣo alakṣasya kuto gatiḥ ||
Die Göttin sprach:
„Große Neugier ist in mir entstanden, Gott, großer Herr. Wenn etwas nicht besteht, welches Ziel gibt es dort? Wohin gelangt das Ziellose?
Anmerkung: Die unnummerierte Sprecherangabe steht vor diesem Vers und wird hier mitgeführt.

1.324
dhyāna pūjā japo homaṃ nānārūpā tu bhāvanā |
kimarthaṃ sā tvayā deva kathitā parameśvara ||
Meditation, Verehrung, Rezitation, Feueropfer und vielfältige Vergegenwärtigung: Zu welchem Zweck hast du sie gelehrt, Gott, höchster Herr?“

1.325
śrībhairava uvāca ||
nānārūpāṇi varṇāni lakṣāṇi vividhāni ca|
manaḥprasādhanārthāya sarvametatprakāśitam ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach:
„Die vielfältigen Lautgestalten und die verschiedenen Ziele: All dies ist zur Klärung und Beruhigung des Geistes offenbart worden.
Anmerkung: Die Sprecherangabe steht unnummeriert vor dem Vers.

1.326
mano hi cañcalo nityaṃ nirāśrayamatīndriyam |
sa kathaṃ śakyate dhartuṃ yasya vāyvadhikā gatiḥ ||
Der Geist ist stets unstet, ohne Halt und jenseits der Sinne. Wie kann man den festhalten, dessen Bewegung schneller als der Wind ist?

1.327
yāvadbhāvayate ekaṃ tāvadanyamupasthitam |
na dhyānaṃ na ca vā lakṣaṃ niṣpadyeta kadācanaḥ ||
Solange man über eines meditiert, ist schon etwas anderes da. Weder Meditation noch ein Ziel kommt so jemals zur Vollendung.

1.328
anena kāraṇārthena sarvaṃ tyajyamaśeṣataḥ |
manodbhavaṃ tu yallakṣaṃ dhyānaṃ vā kalpanātmakam ||
Aus diesem Grund ist alles restlos aufzugeben: jedes aus dem Geist entstandene Ziel und jede Meditation, die aus Vorstellungen besteht.

1.329
mamatvaṃ tyajya sarvatra nāhamasmīti bhāvayet |
nāhamasmi na cānyo ’sti advaitakriyayā rataḥ ||
Man gibt überall das „Mein“ auf und vergegenwärtigt sich: „Ich bin nicht.“ „Ich bin nicht, und kein Anderer besteht“ – so widmet man sich der nichtdualen Praxis.
Anmerkung: Die Negation gehört zur historischen Kontemplation des Textes, nicht zu einer Aussage über den Wert einer Person.

1.330
yāvanna vindate hyevaṃ tāvattasya na kiñcana: |
ahamiti tu yaḥ arthassa ca baddha guṇatraye ||
Solange man dies nicht so erkennt, hat man nichts [erreicht]. Die Bedeutung „Ich“ ist an die drei Gunas gebunden –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.331.

1.331
yāvanna tyajate devi sa niruddho bhaviṣyati |
icchā dveṣa sukhaṃ duḥkhaṃ virāgo jñāna vā tathā ||
solange man [sie] nicht loslässt, Göttin, bleibt man gehemmt. Wunsch, Abneigung, Glück, Leid, Leidenschaftslosigkeit und auch Wissen –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.332.

1.332
yāvadetairna mucyeta tāvattasya kuto gatiḥ |
yasya tulyaṃ sukhaṃ duḥkhaṃ na tasya gati-r-āgatiḥ ||
solange man davon nicht frei wird, wie sollte es ein Weitergelangen geben? Für wen Glück und Leid gleich sind, gibt es kein Gehen und Wiederkommen.
Anmerkung: „Gehen und Wiederkommen“ steht hier für die Bewegung gebundenen Daseins; das eingeschobene -r- bleibt markiert.

1.333
kṣīrakṣaye yathā vatsa stanānmāturnivartate |
rāgakṣaye tathā puṃsāṃ nirvāṇaṃ paramaṃ padam ||
Wie ein Kalb sich vom Euter seiner Mutter abwendet, wenn die Milch versiegt, so [erreichen] Menschen die höchste Stätte des Nirvana, wenn die Leidenschaft versiegt.

1.334
putradārakuṭumbena saktaṃ sarvamidaṃ jagat |
taṃ tyaktvā nirguṇo bhūtvā nirvāṇamupapadyate ||
An Kinder, Ehepartner und Hausstand ist diese ganze Welt gebunden. Wer dies loslässt und frei von den Gunas wird, gelangt zum Nirvana.
Anmerkung: Historisches Entsagungsideal des Textes.

1.335
bhavāgramapi ye prāptā yogatanniṣṭhatatparāḥ |
ahaṃkārāṅkuśākṛṣṭāste patanti bhavārṇave ||
Selbst jene, die dem Yoga hingegeben den Gipfel des Daseins erreicht haben, werden vom Haken des Ichbewusstseins zurückgezogen und fallen in den Ozean des Werdens.

1.336
ahaṃkārāṃ parityajya mamatvaṃ tu parityajet |
āśāmaśeṣatastyaktvā nirāśī saṃpraśasyate ||
Man gibt Ichbewusstsein und Besitzdenken auf. Wer jede Erwartung restlos aufgegeben hat, wird als erwartungsfrei gepriesen.

1.337
bhrūṇahā gurutalpaśca caturvedo ’pi yo dvijaḥ |
samatvaṃ sa tu paśyeta ityanyā śrutirabravīt ||
Ob Töter eines Ungeborenen, Schänder des Guru-Bettes oder ein Zweimalgeborener, der die vier Veden kennt: [Allen gegenüber] soll man Gleichheit sehen. So sprach eine andere Offenbarung.
Anmerkung: Die zitierte „andere Offenbarung“ ist nicht sicher identifiziert. Der Satz ist verkürzt; die Gleichsetzung als Gegenstände gleichmütigen Sehens ist eine mögliche Deutung. Sie ist keine Billigung der genannten Handlungen.

1.338
muktaḥ paśyati muktātmā ātmā sarvatra kevalam |
nāhamasmi na cānyo ’sti ekatvamanupaśyataḥ ||
Der Befreite, dessen Selbst frei ist, sieht überall einzig das Selbst. „Ich bin nicht, und kein Anderer besteht“ – [so ist es] für den, der Einheit sieht.

1.339
ekatvaṃ bahudhāvasthamūrṇātantu sahasradhā |
paśyate yastu tattvena sāmarasya rase sthitaḥ ||
Wer die Einheit in Wahrheit in vielen Zuständen sieht, wie einen tausendfachen Spinnfaden, verweilt im Geschmack der Gleichheit.
Anmerkung: sāmarasya bezeichnet hier das einheitliche Wesen beziehungsweise den „gleichen Geschmack“ der Erfahrung.

1.340
samatvaṃ sarvabhūteṣu samaloṣṭāśmakāñcanam |
tena tatsamatāṃ yāti nirvikārī sa ucyate ||
Gleichheit gegenüber allen Wesen, Gleichheit von Erdklumpen, Stein und Gold: Dadurch gelangt man zur Gleichheit mit jenem und wird unwandelbar genannt.

1.341
svabhāvagatisaṃcāra svabhāvāvyaya-m-īśvaraḥ |
na tasya kalpanā proktā yasya nāma mahadyaśaḥ ||
Der Herr bewegt sich von Natur aus auf seinen Wegen und ist von Natur aus unvergänglich. Von ihm wird keine Vorstellbarkeit gelehrt; sein Name ist großer Ruhm.
Anmerkung: Der Schluss klingt an eine Upanishadenformel an, ersetzt aber deren „Bild“ durch die Vorstellung kalpanā.

1.342
hiraṇyagarbha sa vijñeyo yenedaṃ vitataṃ jagat |
devyuvāca ||
sarvabhāvavinirmuktaṃ sarvaliṅgairvivarjitam ||
Er ist als Hiranyagarbha zu erkennen, durch den diese Welt ausgebreitet ist.“
Die Göttin sprach:
„Frei von allen Zuständen, ohne sämtliche Kennzeichen –
Anmerkung: Die Sprecherangabe steht zwischen den Halbversen. Fortsetzung der Frage in 1.343.

1.343
advaitaṃ na dvitīyo ’sti kathaṃ sthāsyati niścalaḥ |
bhairava uvāca ||
svarūpasthaṃ svarūpeṇa yadā sthāsyati śobhane ||
nichtdual, ohne einen Zweiten: Wie kann er unbeweglich bestehen?“
Bhairava sprach:
„Wenn er in seiner eigenen Gestalt durch sein eigenes Wesen besteht, Schöne –
Anmerkung: Der Sprecherwechsel liegt innerhalb dieses Verses. Fortsetzung in 1.344.

1.344
niścalaṃ tasya jāyeta na cālyaṃ cālyate kvacit |
calantamātmavijñānaṃ cittavṛtti-r-apekṣayā ||
dann entsteht für ihn Unbeweglichkeit; das Unbewegliche wird nirgends bewegt. Die Erkenntnis des Selbst bewegt sich jedoch abhängig von der Tätigkeit des Geistes.
Anmerkung: Der letzte Halbvers ist mehrdeutig; eine mögliche Gleichsetzung mit der ähnlichen Formel 1.318 wird nicht in den Sanskrittext eingesetzt.

1.345
yenedaṃ pūritaṃ sarvaṃ yogibhistadupāsyate |
tapobhiḥ paṭhyate nityaṃ yatra yajñaistu ijyate ||
Das, wovon dies alles erfüllt ist, verehren die Yogis. Durch Askese wird es stets verkündet; dort wird es durch Opferhandlungen verehrt.
Anmerkung: Die Verbindung von „Askese“ und „verkündet“ ist auffällig und bleibt eine vorläufige Übertragung.

1.346
sa eṣa neti netyātmā bhage na hi sa jāyate |
śīryo na hi na śīryeta tenaitatsamudāhūtam ||
Dies ist das Selbst des „Nicht dies, nicht dies“. Es wird nicht im Schoß geboren. Es ist nicht dem Verfall unterworfen und verfällt nicht; deshalb wird es so bezeichnet.
Anmerkung: Die ungewöhnliche Formulierung des Drucks wird nach dem erkennbaren Bezug auf die Upanishadenformeln gedeutet.

1.347
śabdasparśarasorūpagandha tanmātra eva tu |
etaiḥ saṃga smṛto devi saṃsārabhavakāraṇam ||
Klang, Berührung, Geschmack, Gestalt und Geruch sind die subtilen Sinnesgegenstände. Die Bindung an sie, Göttin, gilt als Ursache des Daseins im Samsara.

1.348
saṃgādutpadyate kāmaṃ kāmādarthaparigrahaḥ |
parigrahācca vaikalyaṃ tasmātsaṃgaṃ vivarjayet ||
Aus Bindung entsteht Begehren, aus Begehren das Ergreifen von Dingen, aus dem Ergreifen Unruhe. Darum soll man Bindung meiden.

1.349
lokasaṃgaṃ parityajya śāstrasaṃgaṃ tathaiva ca |
sarvasaṃgavinirmukto gacchate padamavyayam ||
Man gibt Bindung an die Welt und ebenso Bindung an die Schriften auf. Frei von sämtlicher Bindung erreicht man die unvergängliche Stätte.

1.350
abhāvaṃ bhāvanātītaṃ bodhyabodhakavarjitam |
atītaṃ tu bhavenaiva prapañcātītagocaram ||
Nichtsein, jenseits der Vergegenwärtigung, frei von Erkennbarem und Erkennendem, über das Werden hinaus und jenseits der entfalteten Vielheit –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.351.

1.351
kriyākāraṇanirmuktaṃ hetutarkavivarjitam |
yasyedaṃ sthāsyate devi sa yāti paramaṃ padam ||
frei von Handlung und Ursache, frei von Begründung und Schlussfolgerung: Für wen dies Bestand hat, Göttin, der gelangt zur höchsten Stätte.

1.352
tasmiṃ gato varārohe nādho yāti kadācana |
etattattvaṃ mayā devi niṣkalaṃ paramaṃ matam ||
Wer dorthin gelangt ist, Schöngestaltete, geht niemals wieder abwärts. Dies erkenne ich als das höchste, ungeteilte Prinzip, Göttin.

1.353
nāsya parataraṃ kiñcittriṣu lokeṣu vidyate |
yasya cittaṃ sadābhrāntaṃ sarvabhūtātmakaṃ jagat ||
Es gibt in den drei Welten nichts Höheres. Wessen Geist stets [ohne Irrtum ist und erkennt], dass die Welt aus allen Wesen besteht –
Anmerkung: Der Druck hat sadābhrāntam, wörtlich „stets verirrt“, während Bang „stets irrtumsfrei“ versteht. Die notwendige Deutung bleibt in Klammern sichtbar; keine Änderung des Sanskrit. Fortsetzung in 1.354.

1.354
tanmayatvaṃ ca tasyaiva satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
devyuvāca ||
vāmadakṣiṇamārge tu siddhānte ca sureśvaraḥ ||
der wird mit ihm wesenseins: wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel.“
Die Göttin sprach:
„Auf dem linken und rechten Weg sowie im Siddhanta ist der Herr der Götter –
Anmerkung: Sprecherwechsel zwischen den Halbversen; Fortsetzung in 1.355.

1.355
sthūlasūkṣmaparaścaiva trividhastu prakīrtitaḥ |
dhyānadhāraṇasaṃyukto yogamantrakriyānvitaḥ ||
als dreifach gelehrt: grob, fein und höchst. Verbunden mit Meditation und Sammlung, versehen mit Yoga, Mantra und Ritual –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.356.

1.356
siddhimuktirbhavetteṣāṃ nānyeṣāṃ tu kadācanaḥ |
notpattistu bhavedyatra na sthitistu kathacana ||
für solche [Übenden] entstehen Siddhi und Befreiung, für andere niemals. Wo aber kein Entstehen ist, ist auch keinerlei Bestehen –
Anmerkung: Die Göttin stellt die bisherigen Lehraussagen gegenüber.

1.357
na hi saṃhāramityukto vāṅmayasya jagadvidheḥ|
satyaṃ satyaṃ punaḥ satyaṃ tantre tantre tvayā kṛtam ||
und auch keine Auflösung, wie es vom sprachgestaltigen Schöpfer der Welt heißt. „Wahr, wahr, nochmals wahr“ hast du es in jedem Tantra dargelegt.

1.358
nāsti satyaṃ mahādeva yattvayā paribhāṣitam |
bhairava uvāca ||
siddhagandharvayoginyo yakṣarākṣasapannagāḥ ||
Was du aber jetzt erklärst, Mahadeva, ist keine Wahrheit!“
Bhairava sprach:
„Unter Siddhas, Gandharvas, Yoginis, Yakshas, Rakshasas und Schlangenwesen –
Anmerkung: Sprecherwechsel innerhalb des Verses; Fortsetzung in 1.359.

1.359
teṣāṃ madhye tvayā coktaṃ nāsti satyaṃ mama priye |
adya cittaṃ mayā jñātaṃ durārādhyaṃ tvadīyakam ||
mitten unter ihnen hast du gesagt, meine Rede sei nicht wahr, Geliebte. Heute habe ich deinen schwer zufriedenzustellenden Geist erkannt.

1.360
manyase kathitaṃ naiva pṛcchase ca punaḥ punaḥ |
tathāpi kathayiṣyāmi niścayena śṛṇu priye ||
Du meinst, es sei noch nicht erklärt, und fragst immer wieder. Trotzdem werde ich es bestimmt erklären. Höre, Geliebte!

1.361
yathāśaṅkitasaṃketā tathā te kathayāmyaham |
yattattvaṃ paraṃ śāntamacintyaṃ niranuplavam ||
Entsprechend den Bezeichnungen, an denen du zweifelst, erkläre ich es dir. Jenes höchste Prinzip, friedvoll, undenkbar und frei von Störung –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.362; niranuplava wird hier als Freiheit von Störung gedeutet.

1.362
sthūlasūkṣmaparatvena taṃ tattvaṃ kathitaṃ mayā |
taṃ tattvaṃ sarvavastūnāṃ prasūtinirnimittikā ||
habe ich als grob, fein und höchst gelehrt. Dieses Prinzip ist der grundlose Ursprung aller Dinge.
Anmerkung: Die folgenden Verse entfalten Einwände und Antworten; sie sind nicht durchgehend als abschließende Behauptungen Bhairavas zu lesen.

1.363
ayuktiriti cedatra prasūtistadguṇātmikā |
kāṣṭhavatsa paro devastathā cātmā layātmakaḥ ||
Wenn [eingewandt wird], dies sei unvernünftig: Das Hervorbringen hat seine Eigenschaft zum Wesen. [Einwand:] Der höchste Gott ist wie ein Holzstück, und ebenso das in Auflösung befindliche Selbst.
Anmerkung: Der erste Halbvers bleibt auch bei Bang unsicher. Die Kennzeichnungen von Einwand und Antwort sind redaktionell erschlossene Gesprächsrollen.

1.364
ubhayorapi sāmānye ko ’tra saṃsaraṇe prabhuḥ |
salayātkathamutpatti samalācca tathātmanaḥ ||
Wenn beide gleich sind, wer vermag dann den Kreislauf des Daseins zu bewirken? Wie entsteht Schöpfung aus einem in Auflösung befindlichen und ebenso aus einem unreinen Selbst?
Anmerkung: Fortführung des Einwands.

1.365
aprabhoḥ svata eveti yuktirbāhyā matāntaram |
puryaṣṭakavinirmuktātkāraṇātītagocarā ||
„Ohne einen Herrn, allein von selbst“: Dies ist die Begründung einer anderen, äußeren Lehre. [Die Schöpfung kommt] aus dem, was vom achtgliedrigen subtilen Leib frei und jenseits der Ursachen ist –
Anmerkung: Fortsetzung der Antwort in 1.366–367.

1.366
vācyavācakasambandhādvyatiriktaniranvayāt |
sarvaprapañcarahitādindriyātītagocarāt ||
jenseits der Verbindung von Bezeichnetem und Bezeichnendem, davon verschieden und ohne entsprechende Verknüpfung, frei von aller entfalteten Vielheit und jenseits der Sinne –

1.367
paratattvā samudbhūti svabhāvāditi gamyate |
brīhyaṅkurā yathā vrīhī kodravātkodravasya tu ||
aus dem höchsten Prinzip: So versteht man ihr Hervorgehen aus dessen eigener Natur. [Einwand:] Wie Reis aus einem Reisspross und Kodrava aus Kodrava [entsteht] –
Anmerkung: Kodrava ist eine Hirseart. Der zweite Halbvers eröffnet den Samenvergleich.

1.368
utpattirna parāttattvātparasya paramātmanaḥ |
nirbījādbījavatsūtiḥ kathaṃ sadasadātmikā ||
so gibt es kein Hervorgehen aus dem höchsten Prinzip des höchsten Selbst. Wie könnte aus Samenlosem ein samenartiges Hervorgehen entstehen, bestehend aus Sein und Nichtsein –
Anmerkung: Die Zuordnung der Adjektive ist grammatisch mehrdeutig. Fortsetzung in 1.369.

1.369
caturguṇasamopetā tadraṇātītagocarāt |
anādinidhano hyātmā karma cānādi saṃmatam ||
mit vier Eigenschaften versehen, aus dem, was jenseits dieser Eigenschaften liegt? Das Selbst gilt doch als anfangs- und endlos, und Karma als anfangslos –
Anmerkung: Welche vier Eigenschaften gemeint sind, wird nicht sicher erklärt; keine Ergänzung aus einem fremden System.

1.370
śaktiśca pañcabhūtāni kimatra parisṛjyate |
parasparāśrayā sūtiḥ kathaṃ nityatvamāpnuyāt ||
ebenso Shakti und die fünf Elemente. Was wird dann hier geschaffen? Wie könnte ein wechselseitig abhängiges Hervorgehen Ewigkeit erreichen?
Anmerkung: Fortsetzung der Einwände.

1.371
parastato ’prasiddhatvādanitya iti-r-iṣyate |
anekayonisambandhastatprapañcātpravartate ||
Da ein Höheres darüber hinaus nicht erwiesen ist, wird es als nicht ewig angenommen. Die Verbindung mit vielerlei Geburten geht aus dessen entfalteter Vielheit hervor.
Anmerkung: Subjekt und argumentative Zuordnung des ersten Halbverses sind nicht ganz eindeutig.

1.372
kathaṃ prapañcahīno ’pi gamyate tattvadarśibhiḥ|
acintyaścāprameyaśca cintāhīnastathā paraḥ ||
Wie wird [Shiva], obwohl frei von Vielheit, von den Kennern der Wirklichkeit erkannt? Der Höchste ist doch undenkbar, unermesslich und jenseits des Denkens.

1.373
prahīṇāśeṣadoṣātmā kathaṃ buddhaḥ prabodhakaḥ |
ākāśasya guṇaśabdastasya sā prekṣikā śrutiḥ ||
Wie wird der Erweckende erkannt, dessen Wesen von allen Fehlern frei ist? Klang ist die Eigenschaft des Raumes; die Offenbarung ist seine Wahrnehmende.
Anmerkung: Der Vergleich und der Bezug von „seine“ sind mehrdeutig. Bang deutet die Offenbarung als Zeugnis Shivas, analog zum Klang als Zeugnis des Raumes.

1.374
tathaiva paratattvāttu grāhyānandaḥ kathaṃ bhavet |
ajño ’nityaḥ paśuścātmā śivo ’nya smṛtigocarāt ||
Wie könnte ebenso aus dem höchsten Prinzip erfassbare Freude entstehen? Das gebundene Selbst ist unwissend und vergänglich; Shiva ist ein Anderer, jenseits des Erinnerbaren.
Anmerkung: Die Verbindung der letzten Wörter ist sprachlich schwierig; dies bleibt eine Arbeitsdeutung des Einwands.

1.375
kathañca jñāyate tena nirupāyo nirañjanaḥ|
āgamaścedupāyo ’sti nirupāyakṣatirbhavet ||
Wie wird durch [dieses Selbst] der Mittellose und Makellose erkannt? Ist die Offenbarung ein Mittel, wäre damit die Mittellosigkeit verletzt.
Anmerkung: „Mittellos“ bedeutet hier: durch kein vermittelndes Erkenntnismittel zu erreichen.

1.376
sopāyaśca kathaṃ devo vākpathātītagocaraḥ |
upāya samanā gamyo manaścendriyasaṃjñakaḥ ||
Und wie könnte der Gott mit einem Mittel verbunden sein, wenn er jenseits des Weges der Sprache liegt? Ein Mittel ist dem Denken zugänglich; Geist gehört zum Bereich der Sinne.
Anmerkung: Die Form samanā kann auch auf die technische Stufe Samana bezogen werden; die Übersetzung folgt hier dem Argument über Denken und Sinnesvermögen.

1.377
indriyātītatā tasminkathaṃ saṃbhavate prabhoḥ |
karaṇairyaḥ paricchedya sthūlassa ca vinaścaraḥ ||
Wie kann dann beim Herrn ein Jenseits der Sinne bestehen? Was durch Erkenntniswerkzeuge begrenzt wird, ist grob und vergänglich.

1.378
yo vināśī kathaṃ devaḥ paramātmā bhaviṣyati |
saṃvittiścetpare tattve saṃvitti savikalpakā ||
Wie könnte etwas Vergängliches der Gott, das höchste Selbst sein? Gibt es Erkenntnis des höchsten Prinzips, so ist diese Erkenntnis begrifflich unterscheidend.

1.379
nirvikalpe vikalpasya praveśaḥ kiṃkṛto bhavet |
buddho jinaḥ śivo hyātmā viṣṇubrahmeti vācakaḥ ||
Wie könnte begriffliche Unterscheidung in das Unterschiedslose eintreten? Buddha, Jina, Shiva, Atman, Vishnu und Brahma sind Bezeichnungen –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.380. Die Aufzählung allein behauptet keine historische Identität der betreffenden Religionen.

1.380
nāmni vipratipattistu upāsya ’jñaḥ kathaṃ bhavet |
viṣeṇa mūrcchito yastu nirvikalpastathā bhavet ||
über die Namen besteht Uneinigkeit; wie könnte man das Verehrte nicht kennen? [Wenn bloße Vorstellungslosigkeit genügte:] Wer durch Gift ohnmächtig ist, wäre ebenfalls ohne unterscheidende Vorstellung –
Anmerkung: Die sarkastische Bedingung ist aus dem Argument erschlossen. Die Sanskritlesung upāsye ’jñaḥ und die Gesprächsrolle sind unsicher.

1.381
garbhavāse suṣuptaśca mriyamāṇaśca pādayoḥ |
muktirādau bhavetteṣāmitareṣāṃ tu saṃśayaḥ ||
ebenso ein im Mutterleib Schlafender oder ein zu [jemandes] Füßen Sterbender. Für diese müsste Befreiung zuerst eintreten; bei den anderen bliebe Zweifel.
Anmerkung: Der Bezug von pādayoḥ, „an den Füßen“, bleibt unklar.

1.382
ko jānāti vikalpasya vināśo nāsti vā na vā|
kasmātkathaṃ kadā kasya kena kaḥ kva pratiṣṭhitaḥ ||
Wer weiß, ob begriffliche Unterscheidung vergangen ist oder nicht? Woraus, wie, wann, wessen, wodurch, wer und wo ist [sie] gegründet?
Anmerkung: Die gehäuften Fragen werden vollständig erhalten.

1.383
iti śakyo na yadvaktuṃ śaśaśṛṅgassa kevalam |
śṛṅgo ’pyasti śaśo ’pyasti pṛthaganyatra darśanāt ||
Lässt sich darauf nichts sagen, so ist es lediglich wie ein Hasenhorn. Ein Horn gibt es, und einen Hasen gibt es, denn man sieht sie anderswo getrennt.
Anmerkung: Das Hasenhorn ist ein philosophisches Beispiel für eine nicht bestehende Verbindung.

1.384
sambandho naiva śṛṅgeṇa abhāvācchaśamastake |
indriyāṇāñca cittasya parasparavirodhitā ||
Doch die Verbindung [des Hasen] mit einem Horn besteht nicht, weil es auf seinem Kopf fehlt. Ebenso stehen Sinnesvermögen und Geist [dem höchsten Selbst] widersprüchlich gegenüber –
Anmerkung: Der Vergleich wird in 1.385 fortgesetzt; die ergänzte Beziehung folgt dem Einwand.

1.385
kadācinna kvacid dṛṣṭassambandhaḥ paramātmanā |
durvijñeyastadādau tu yadi jñātaḥ kadācanaḥ ||
niemals wurde irgendwo eine Verbindung mit dem höchsten Selbst gesehen. Ist das zunächst schwer Erkennbare doch einmal erkannt –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.386.

1.386
calatvānna sthiraṃ cittaṃ tatra muktiḥ kathaṃ bhavet |
jñānaṃ yānaṃ tathā sadyaṃ trividhaṃ vapuriṣyate ||
wie sollte Befreiung möglich sein, wenn der Geist durch seine Beweglichkeit nicht beständig ist? [Antwort:] Als dreifach wird der Leib gelehrt: Erkenntnis, Fahrzeug und unmittelbares Erscheinen.
Anmerkung: Die Antwort beginnt nach Bang im zweiten Halbvers. Die Bezeichnungen übersetzen jñāna, yāna, sadya.

1.387
sarvajñasya jagatsarvaṃ jñānenaitatprasūyate |
atīndriyamacintyaṃ ca niṣprapañcātmalakṣaṇam ||
Die ganze Welt des Allwissenden wird durch Erkenntnis hervorgebracht. Jenseits der Sinne, undenkbar und durch Freiheit von Vielheit gekennzeichnet –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.388.

1.388
susūkṣmaṃ śivanāthasya jñānātma vapuriṣyate |
yānātmā jātadehastu balavānpriyadarśanaḥ ||
als überaus fein gilt der Erkenntnisleib des Herrn Shiva. Als Fahrzeug nimmt er einen Körper an, kraftvoll und von angenehmem Anblick.

1.389
darśayitvātmano dharmaṃ svecchayā yāti tatpadam |
kṣaṇātsa dṛśyate rūpaṃ kṣaṇājjñāne pralīyate ||
Nachdem er seine Eigenschaft gezeigt hat, geht er nach eigenem Willen zu jener Stätte. Einen Augenblick wird seine Gestalt gesehen; im nächsten geht sie in Erkenntnis auf.

1.390
yātīpsitaṃ prakṛtyaiva tena sadyaḥ prakīrtitaḥ|
cchittvā bhittvāpi mūlāni na tatra phaladarśanam ||
Von Natur aus gelangt er zum Gewünschten; deshalb heißt er „unmittelbar“. Auch wenn man Wurzeln abschneidet und aufspaltet, sieht man darin keine Frucht.
Anmerkung: Der zweite Halbvers eröffnet einen neuen Vergleich zur Entstehung.

1.391
akasmāddṛśyate tacca parecchātatsamudbhavaḥ|
bījādvṛkṣastato bījā vṛkṣādanyonyasaṃbhavaḥ ||
Plötzlich wird sie sichtbar; ihr Hervorgehen entspringt dem Willen des Höchsten. Aus Samen entsteht der Baum, aus dem Baum wiederum Samen: ein wechselseitiges Hervorgehen.

1.392
svabhāvenaiva cotpattiranādinidhanātmikā |
phalāntaṃ cūtavṛkṣasya bhramarāṇāṃ pradarśanam ||
Das Entstehen geschieht aus der eigenen Natur, anfangs- und endlos. Am Ende der Frucht [beziehungsweise zur Fruchtzeit] des Mangobaums zeigt sich das Auftreten der Bienen.
Anmerkung: Der Bienenvergleich ist auch nach Bang nicht eindeutig.

1.393
āmalā nānyavṛkṣeṣu nāsti bījaparamparā|
bhūmau jale tathākāśe virodhotpattidarśanāt ||
Amala [erscheint] nicht an anderen Bäumen; [dort] gibt es keine entsprechende Samenfolge. Denn auf Erde, im Wasser und im Raum sieht man gegensätzliches Hervorgehen.
Anmerkung: Der zweite Halbvers und die Reichweite der Negation bleiben unsicher. Die Deutung einer je artgemäßen Samenfolge folgt dem Zusammenhang, ohne die negative Drucklesung zu entfernen.

1.394
niyatotpattirapyatra śūnyātsūtiṃ prasādhayet |
svena svena hi rūpeṇa viparīte na saṃbhavā ||
Das regelhafte Entstehen soll hier ein Hervorgehen aus Leere begründen. Jedes [entsteht] in seiner eigenen Gestalt; ein Entstehen in entgegengesetzter Gestalt gibt es nicht.
Anmerkung: Die Folgerung von regelhafter Entstehung auf Leere ist argumentativ verkürzt.

1.395
bhuvaneśena cotpādya tenaiva niyamaḥ kṛtaḥ |
jñātvā nirviṣayo yastu nirvikalpo viṣādinā ||
Nachdem der Herr der Welten [dies] hervorgebracht hat, hat er selbst die Ordnung gesetzt. [Es folgt „erkannt habend“, ohne sicheren Satzanschluss.] Wer aber ohne Sinnesgegenstand und ohne Vorstellung durch Gift oder Ähnliches –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.396. Das gedruckte jñātvā, „erkannt habend“, hat keinen klaren Bezug; seine Wortbedeutung ist wiedergegeben, seine Funktion im Satz bleibt ungeklärt.

1.396
mūrcchito ’jñaḥ kathaṃ muktaḥ saṃsārī saṃsaratyasau |
gṛhasaṃsāravāsasya vikalpassavikalpakaḥ ||
ohnmächtig und unwissend ist: Wie sollte er befreit sein? Er bleibt ein Wanderer im Samsara. Für den Bewohner des Hauses Samsara ist Vorstellungsbildung [das Haus]; er ist der Vorstellende.
Anmerkung: Die Hausmetapher des zweiten Halbverses ist syntaktisch schwierig.

1.397
gṛhasthaḥ saṃ bhavatyātmā kuṭumbī tadanantaraḥ |
manobuddhi-r-ahaṅkāracittānāṃ yatra saṃkṣayaḥ ||
Das Selbst wird zum Hausbewohner und sodann zum Haushalter. Wo Denken, Einsicht, Ichbewusstsein und Geist vergehen –
Anmerkung: Der Lesetext auf S. 175 hat saṃkṣayaḥ, „Vergehen“. Der kritische Apparat zu 397d nennt dagegen saṃcayaḥ, „Ansammlung“, als Emendation Isaacsons und führt saṃkṣayaḥ als Lesung der Textzeugen an. Bangs englische Übersetzung folgt der Ansammlung. Hier bleibt der sichtbare Lesetext erhalten; die Abweichung zwischen Lesetext und Apparat wird nicht stillschweigend ausgeglichen. Fortsetzung in 1.398.

1.398
taṃ tattvaṃ sarvasiddhīnāṃ nilayaṃ na vinaścaram |
nirastabhāvanāsaṃga saṃsārocchittikārakaḥ ||
dieses Prinzip ist der Sitz aller Vollendungen und nicht vergänglich. Frei von Bindung an vorgestellte Zustände bewirkt [es] das Abschneiden des Samsara.

1.399
yasya bhāva svabhāvena līyate tatpadasya tu |
ahaṃkāro ’pi buddhau tu buddhirmanasi tanmanaḥ ||
Wessen Zustand von Natur aus in jener Stätte aufgeht: Das Ichbewusstsein [geht] in der Einsicht [auf], die Einsicht im Denken und dieses Denken –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.400.

1.400
citto cittau layedyāvattāvattatparamaṃ padam |
saṃsāraḥ savituryāgaścandrayāgastathā paraḥ ||
im Geist; bis der Geist im Bewusstsein aufgeht, [reicht] jene höchste Stätte. Samsara ist das Opfer der Sonne, der andere [Zustand] das Opfer des Mondes.
Anmerkung: Die Sonnen- und Mondopfer sind hier metaphorische Zuordnungen; „der andere“ wird als Nirvana verstanden.

1.401
ubhau yasmāttatau tasmānnaṣṭau vijñānasāgare |
na saṃsāro na nirvāṇaṃ manyante tattvadarśiṇaḥ ||
Weil beide ausgebreitet sind, gehen beide im Ozean der Erkenntnis unter. Die Seher der Wirklichkeit denken weder Samsara noch Nirvana.

1.402
kathaṃ teṣāṃ manaḥ śīghraṃ calitvā yāti tatpadam |
vāyuryathā calitvā tu muktākāśaṃ na gacchati ||
Wie könnte ihr Geist durch rasche Bewegung jene Stätte erreichen? Wie der Wind, obwohl er sich bewegt, den Raum nicht verlassen kann –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.403. Das ungewöhnliche muktākāśam wird mit Bang S. 342 als „unter Verlassen des Raumes“ verstanden, entsprechend einer unregelmäßigen Form von muktvā. Es wird nicht als „freier Raum“ gedeutet. Die regelmäßige Form wird nicht in den Sanskrit-Lesetext eingesetzt.

1.403
tathaiva yogināṃ cittaṃ muktā tattvaṃ na gacchati |
manaścalati nātmā tu calanaṃ tasya tena ca ||
ebenso erreicht [der Yogi] die Wirklichkeit nicht, wenn er den Geist aufgibt. Der Geist bewegt sich, das Selbst dagegen nicht; die Bewegung des Geistes wird durch das Selbst bewirkt.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist grammatisch ungewöhnlich. Muktā wird mit Bang als Gerundium „aufgegeben habend“ aufgefasst; der Yogi als Handlungsträger ist ergänzend erschlossen. Im zweiten Halbvers werden tasya auf den Geist und tena auf das Selbst bezogen. Eine scheinbare Bewegung des Selbst wird hier nicht behauptet.

1.404
tasya nāśe kathaṃ hyātmā calo bhavati niścalaḥ |
vañcitā svena cittena karmayogaratā narāḥ ||
Wie könnte beim Vergehen des Geistes das unbewegliche Selbst beweglich werden? Die dem Handlungs-Yoga ergebenen Menschen werden vom eigenen Geist getäuscht.
Anmerkung: Die Frage setzt das Selbst als unbeweglich voraus; sie behauptet nicht, dass ein bewegliches Selbst unbeweglich werde.

1.405
nirbuddhiyogatātparyānmucyante nātra saṃśayaḥ |
ālambanagataṃ jñānaṃ niyatārthaṃ padaṃ bhavet ||
Durch Hingabe an die Verbindung jenseits der Einsicht werden sie befreit, ohne Zweifel. Erkenntnis, die an einem Stützpunkt hängt, bleibt eine auf einen bestimmten Gegenstand begrenzte Stufe.
Anmerkung: Die Zusammensetzung nirbuddhiyogatātparyāt ist mehrdeutig; die Übersetzung ist vorläufig.

1.406
sarvālambanasaṃsthaṃ tu tadvivekācca sarvadam |
paramārthaparijñānaṃ grahaṇāsaktacetasām ||
In allen Stützpunkten gegenwärtig und durch deren Unterscheidung alles gewährend: [Dies ist] das Erkennen des höchsten Sinnes für jene, deren Geist am Erfassen haftet.
Anmerkung: Der Bezug und die Bewertung des Erfassens bleiben syntaktisch unsicher; die Spannung zum folgenden Vers wird nicht geglättet.

1.407
ālambanagataṃ jñānaṃ bālānāṃ tadudāhṛtam |
ālambanakṣayaṃ yāvaddvayaḥkālāvaśeṣikāt ||
An einen Stützpunkt gebundene Erkenntnis wird als die der Unreifen bezeichnet. Bis zum Vergehen des Stützpunkts [bleibt] ein zeitlicher Rest von Zweiheit.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist im Druck schwierig; dvayaḥkālāvaśeṣikāt ist nicht sicher verständlich. Diese Übersetzung bleibt kontextuell und offen.

1.408
jñānaṃ vivekinaḥ samyaksarvasiddhipadaṃ bhavet |
paramārthaparijñānaṃ grahaṇānandacetasaḥ ||
Die Erkenntnis des Unterscheidungsfähigen wird wahrhaft zum Ort aller Vollendungen: ein Erkennen des höchsten Sinnes, dessen Geist Freude am Erfassen hat.
Anmerkung: Auch hier ist die Zusammensetzung mit grahaṇa mehrdeutig; keine Ersetzung durch „Nichterfassen“ im Sanskrit.

1.409
yoginaḥ paramārthena sarvajñāste udāhṛtāḥ |
avibhāvitasaṃbandhādyavasthā sā parā smṛtāḥ ||
Solche Yogis werden im höchsten Sinn allwissend genannt. Als höchster Zustand gilt jener, bei dem Verbindung und die weiteren [Bestimmungen] nicht vorgestellt werden.
Anmerkung: avibhāvita kann auch „nicht erkannt“ heißen; die Aussage bleibt in ihrem Verhältnis zum Ergreifen der vorigen Verse mehrdeutig.

1.410
pareṇaiveha sambandhā muktireṣā tathāpi sā |
sambandhaḥ sukhaduḥkhātmā dravyendriyasamudbhavaḥ ||
Durch Verbindung mit dem Höchsten besteht hier diese Befreiung; dennoch ist sie [Verbindung]. Eine Verbindung aus Glück und Leid entsteht aus Dingen und Sinnesvermögen –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.411.

1.411
saṃsṛtissakaṣāyatvādābhyāṃ tyakta sa muktavān |
nirmalo ’pi layāsaktaḥ salayassamala smṛtaḥ ||
wegen ihrer Beflecktheit entsteht der Kreislauf. Wer beide losgelassen hat, ist befreit. Selbst ein Unbefleckter kann an Auflösung haften; wer an Auflösung gebunden ist, gilt als befleckt.

1.412
asvasthaḥ saṃsaratyātmā svastho muktaḥ prakīrtitaḥ |
sanimittañca vijñānamanityaṃ cānyabādhanāt ||
Das nicht in sich selbst ruhende Selbst wandert im Samsara; das in sich ruhende wird befreit genannt. Bedingte Erkenntnis ist vergänglich, weil anderes sie widerlegen kann.

1.413
nirnimittañca nityañca vijñānaṃ muktireva sā|
taṃ jñānaṃ sā parāvasthā sa muktissā ca saṃgati ||
Unbedingte und beständige Erkenntnis ist eben Befreiung. Diese Erkenntnis ist der höchste Zustand, sie ist Befreiung und Vereinigung.
Anmerkung: nirnimitta heißt hier ohne bedingenden Anlass beziehungsweise ohne verursachendes Merkmal.

1.414
nirnimittamidaṃ jñānaṃ sarvamasmātpravartate |
nirnimittatvamasyaiva asmātsṛṣṭipravartanam ||
Diese Erkenntnis ist unbedingt; aus ihr geht alles hervor. Gerade ihre Unbedingtheit [besteht], und aus ihr setzt sich die Schöpfung in Gang.

1.415
na nirodhassadā yasmātpratyakṣeṇānubhūyate |
yadīndriyaparicchinnaṃ tattvaṃ yadi bhaviṣyati ||
Sie wird niemals gehemmt, denn sie wird unmittelbar erfahren. Wenn aber das durch die Sinne Begrenzte die Wirklichkeit wäre –
Anmerkung: Fortsetzung des Arguments in 1.416.

1.416
sarve tattvavido jātā guruṇānyena kintadā |
indriyairupalabdhaṃ yattattvaṃ na bhavedyadi ||
dann wären alle Kenner der Wirklichkeit geworden; wozu bedürfte es dann eines Gurus oder eines anderen [Mittels]? Wenn das durch die Sinne Erfasste nicht die Wirklichkeit ist –
Anmerkung: Fortsetzung des Einwands in 1.417.

1.417
tadāstitvasya vaktavyaṃ pramāṇaṃ kimataḥ param |
cakṣurādiparicchinnaṃ yatsthūlaṃ tadvinaścaram ||
dann ist zu sagen: Welcher weitere Erkenntnisbeleg beweist ihr Bestehen? Was durch Auge und die übrigen [Sinne] begrenzt wird, ist grob und vergänglich.
Anmerkung: Die Antwort beginnt im zweiten Halbvers.

1.418
tena vijñātamātreṇa kathaṃ tattvavidurbhavet |
sthūlasya yā parā koṭiḥ koṭirmukteśca yā parā ||
Wie könnte man allein durch dessen Erkennen ein Kenner der Wirklichkeit sein? Die höchste Grenze des Groben und die höchste Grenze der Befreiung –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.419.

1.419
na tayorantaraṃ kiñcitsusūkṣmamapi vidyate |
nāndhaḥ paśyati rūpāṇi anyacittastathaiva ca ||
zwischen ihnen besteht nicht einmal der feinste Unterschied. Ein Blinder sieht keine Gestalten; ebenso jemand, dessen Geist anderswo ist.
Anmerkung: Die Verneinung na tayor ist eine editorische Emendation Bangs unter Hinweis auf eine Madhyamaka-Parallele; sie ist nicht die einheitliche Handschriftenlesung.

1.420
smaritavyābhicāritvātsamudāyo ’pi nāstyataḥ |
na cakṣuḥ paśyate rūpaṃ na manassamudāyakaḥ ||
Da das zu Erinnernde abweicht, gibt es auch keine [hinreichende] Ansammlung. Nicht das Auge sieht die Gestalt, und auch nicht der Geist als bloße Ansammlung.
Anmerkung: Der erste Halbvers und samudāyaka bleiben schwer verständlich; die Übersetzung ist vorläufig.

1.421
etaddhi paramaṃ guhyaṃ yatra loko na gāhate |
kiñcitprakṣipate nāsminnāparo ’yamataḥ param ||
Dies ist das höchste Geheimnis, in das die Welt nicht eindringt. [Der folgende Satz ist unklar: „Man legt nichts in dieses hinein; dieser ist kein anderer … darüber hinaus.“]
Anmerkung: Der zweite Halbvers erhält hier nur eine vorläufige, nicht zu einem sicheren Sinn ergänzte Wiedergabe seiner sprachlich verständlichen Teile. Insbesondere die Bezüge von asmin, apara, ayam und ataḥ param bleiben offen; apara kann auch „niederer“ bedeuten. Auch Bang S. 344 erklärt 1.421cd für unklar. Der Sanskrit-Lesetext bleibt vollständig erhalten.

1.422
viparītaṃ tu taṃ paśyedviparītamaninditam |
sarvakārakabhedena sthito hyeko maheśvaraḥ ||
Man soll es als das Gegenteil sehen, als das untadelige Gegenteil. Der eine Maheshvara besteht in den Unterschieden sämtlicher Handlungsrollen.
Anmerkung: kāraka meint hier die grammatisch und philosophisch verstandenen Rollen wie Handelnder, Gegenstand und Werkzeug.

1.423
naiva kārakabhedena bhinnarūpatvamāpnuyāt |
yena rūpeṇa saṃgrāhyastenaiva paramārthataḥ ||
Durch die Verschiedenheit dieser Rollen erhält er keine getrennte Gestalt. In eben der Gestalt, in der er zu erfassen ist, [wird er] im höchsten Sinn –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.424.

1.424
grāhakatvamavāpnoti kulajā gatirīdṛśī |
advayo ’tha parijñānātprahatāśeṣakalmaṣaḥ ||
zum Erfassenden. So ist der aus Kula geborene Weg. Durch vollkommene Erkenntnis nichtdual, hat [der Yogi] sämtliche Befleckungen beseitigt –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.425.

1.425
nirmalaṃ niścalaṃ caiva nivātagṛhadīpavat |
prāktanecchāvaśātsamyaggatādbhogena sampadā ||
rein und unbeweglich wie eine Lampe in einem windstillen Haus. Entsprechend früherem Wünschen, das mit Erfahrung und Gelingen verbunden ist –
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist syntaktisch schwierig; Fortsetzung in 1.426.

1.426
bhunakti sarvasiddhīni pararūpo ’pi sarvagaḥ|
na sthitaṃ na mṛtaṃ tasmānna jātaṃ na tiraskṛtam ||
genießt er alle Vollendungen, allgegenwärtig, obwohl von höchster Gestalt. Daher ist [er] weder bestehend noch gestorben, weder geboren noch beseitigt.
Anmerkung: Die ontologischen Verneinungen werden nicht zu einem medizinischen Unsterblichkeitsversprechen umgedeutet.

1.427
vastvavaktavyarūpeṇa paramārthe na saṃsthitaḥ |
yanna jātaṃ kathaṃ cāsti yadi nāsti kathaṃ sthitiḥ ||
Im höchsten Sinn besteht [er] nicht als ein Ding von beschreibbarer Gestalt. Wie könnte das Ungeborene bestehen? Wenn es nicht besteht, wie könnte es fortbestehen?
Anmerkung: vastvavaktavyarūpeṇa ist mehrdeutig; die Übersetzung bezeichnet die Unmöglichkeit einer dinglichen Bestimmung.

1.428
asthitasya kathaṃ nāśaṃ parasparavirodhitāḥ |
yannaṣṭaṃ tasya cotpattiryasyotpatti sthiti sthitāḥ ||
Wie könnte Nichtbestehendes vergehen? Diese [Annahmen] widersprechen einander. Was vergangen ist, kann entstehen; bei Entstandenem besteht ein Fortbestehen –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.429.

1.429
yatsthiti tasya nāśoktā nātra kaścidvirodhanā |
na kāryaṃ kasyacijjñānaṃ kāraṇaṃ vāpi kasyacit ||
und von Bestehendem wird ein Vergehen ausgesagt. Darin liegt kein Widerspruch. Erkenntnis ist weder Wirkung von etwas noch Ursache von etwas.

1.430
ubhayornaikavadbhāvo na kāryaṃ naiva kāraṇam |
vyavahārārthamantraiva jñānaṃ jñeyaṃ svabhāvataḥ ||
Beide [Wirkung und Ursache] bilden keine solche Einheit; [Erkenntnis ist] weder Wirkung noch Ursache. Für den alltäglichen Umgang ist Erkenntnis von Natur aus als Mantra zu verstehen.
Anmerkung: Die Druckfolge vyavahārārthamantraiva ist mehrdeutig. Bang liest darin „Mantra“; eine Trennung als vyavahārārtham atraiva ergäbe eine andere Aussage. Sie wird nicht eingesetzt.

1.431
sāpekṣatvāttato naṣṭa avācyatvena saṃsthitaḥ |
laukiko vyavahāro ’yaṃ ghaṭādāvakṣagocare ||
Weil [er] abhängig ist, vergeht [der Mantra] und besteht als Unaussprechliches. Dies ist der weltliche Umgang mit Töpfen und anderen für das Auge zugänglichen Dingen.
Anmerkung: Subjekt und Übergang sind unsicher; die Ergänzung folgt Bangs Deutung.

1.432
niṣprapañce kathaṃ cātra vāṅmayo na pravartate |
yoginyāṃ vyavahāro ’yaṃ mantra saṃgīyate punaḥ ||
Wie [verhält es sich] aber im von Vielheit Freien, wo Sprache nicht tätig wird? Der Umgang mit einer Yogini wird dagegen als Mantra bezeichnet.
Anmerkung: Die Aussage ist in ihrer Verbindung zum vorigen Argument nicht abschließend geklärt.

1.433
nādhikāro ’tra lokasya rathyāmadhye pravartate |
brahmā viṣṇau tathā viṣṇu rudre rudro ’pi ceśvare ||
Die gewöhnlichen Menschen haben hier keinen Zugang; [dies] vollzieht sich mitten auf dem Weg. Brahma [geht] in Vishnu [auf], Vishnu in Rudra und Rudra in Ishvara –
Anmerkung: rathyā kann hier nach einer anderen Stelle des Tantrasadbhava die zentrale Nadi bezeichnen. Fortsetzung in 1.434.

1.434
īśvaro ’pi śive so ’pi paramātmani saṃsthitaḥ |
tadā tatparamaṃ guhyaṃ tadā tatparamaṃ padam ||
Ishvara in Shiva, und auch dieser ist im höchsten Selbst gegründet. Das ist dann das höchste Geheimnis, die höchste Stätte –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.435.

1.435
prāmāṇikavacoyuktyā yatra bādhā na vidyate |
indriyārthotthitaṃ jñānaṃ pratyakṣamiti gamyate ||
wo keine Widerlegung durch die Argumente sachkundiger Sprecher besteht. Erkenntnis, die aus Sinnesgegenständen hervorgeht, wird unmittelbare Wahrnehmung genannt.

1.436
anumānañca tatpūrvaṃ kathantatra tayorgatiḥ |
grāmādgrāmāntaraṃ gacchenmadhyadeśaṃ yathā tyajet ||
Schlussfolgerung setzt diese voraus. Wie könnten beide dorthin gelangen? Wie man von einem Dorf zum anderen geht und das dazwischenliegende Gebiet hinter sich lässt –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.437.

1.437
tathaiva devatātyāgātkramāttatpadamāpnuyāt |
upāyaṃ yadgurorvākyaṃ tatpadāvāptilakṣaṇam ||
so erreicht man schrittweise jene Stätte durch Loslassen der Gottheiten. Das Wort des Guru ist das Mittel, gekennzeichnet durch das Erlangen dieser Stätte.

1.438
pramāṇaṃ yogināmeṣa cakṣuṣādyutthitaṃ na hi |
etatte kathitaṃ devi rahasyaṃ paramādbhutam ||
Dies ist der Erkenntnisbeleg der Yogis; er entsteht nicht aus Auge und den übrigen [Sinnen]. Dieses überaus wunderbare Geheimnis habe ich dir erklärt, Göttin.

1.439
nāsya parataraṃ kiñcitmokṣasyaiva tu sādhanam |
devyuvāca ||
bindusthaṃ caiva nādasthaṃ cārasthaṃ cādhvaṣaṭkagam ||
Es gibt kein höheres Mittel zur Befreiung als dieses.“
Die Göttin sprach:
„Der Zustand im Bindu, der im Nada, der Zustand der Bewegung auf dem sechsfachen Weg –
Anmerkung: Sprecherwechsel zwischen den Halbversen; Fortsetzung in 1.440.

1.440
śaktyuccāragatañcānyaṃ kāraṇatyāga kālagam |
śūnyabhāvagataṃ śambho śaktistho hṛdi saṃsthitam ||
der Aufstieg der Shakti, das Loslassen der Ursachen innerhalb der Zeit, der Zustand der Leere, Shambhu, und der Shakti-Zustand im Herzen –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.441.

1.441
svarūpasthaṃ viśeṣeṇa tatsarvamavatāritam |
sāṃprataṃ varṇasaṃsthaṃ tu yathā bhavati tatkatham ||
und besonders das Ruhen im eigenen Wesen: All dies ist dargelegt. Erkläre nun, wie es sich mit dem Zustand in den Lauten verhält.“

1.442
bhairava uvāca ||
varṇasthaṃ kathayiṣyāmi śṛṇuṣvāyatalocane |
mātṛkā trayacakrasthā jñātavyā tu vipaścitaiḥ ||
Bhairava sprach:
„Ich werde den Zustand in den Lauten erklären. Höre, Großäugige! Die Einsichtigen sollen erkennen, dass die Matrika in drei Chakras besteht.
Anmerkung: Unnummerierte Sprecherangabe vor dem Vers.

1.443
ye te svarāḥ samākhyātā ṣoḍaśaite mahānilāḥ |
taṃ cakraṃ ṣoḍaśāraṃ tu agnivātena dīpitam ||
Die als Vokale bezeichneten Laute sind sechzehn große Winde. Dieser sechzehnspeichige Kreis wird durch Feuer und Wind zum Leuchten gebracht.
Anmerkung: „Feuer“ und „Wind“ können hier Lautchiffren bezeichnen; eine ausgeschriebene Mantrareihe ist im Vers nicht vorhanden.

1.444
karṇikāyāṃ sthitaścetā śaktiyuktastu suvrate |
śaradīpaśikhākārā nirgatā vyomapañcake ||
In der Samenkapsel befindet sich das Bewusstsein, verbunden mit Shakti, Tugendhafte. Wie die Spitze einer pfeilförmigen Lampenflamme tritt [Shakti] in die fünf Räume hinaus.
Anmerkung: śaradīpaśikhā ist mehrdeutig; „pfeilförmige Lampenflamme“ folgt Bangs Arbeitsdeutung von śara.

1.445
dvādaśānte punardevi jvalantaṃ bhāskaraṃ yathā |
tatra līnā tu sā śaktiramanaskā manonmanī ||
Im Dvadashanta wiederum, Göttin, [strahlt sie] wie die brennende Sonne. Dort aufgegangen, ist jene Shakti als Manonmani frei vom Denken.

1.446
nimiṣaṃ yāva deveśi tiṣṭhate sādhakottamaḥ |
tāvatstobho bhavetkṣipraṃ mudrā bandhatyanekadhā ||
Verweilt der beste Übende nur einen Augenblick [dort], Herrin der Götter, tritt rasch Stobha ein, und er bildet vielerlei Mudras.
Anmerkung: Stobha bezeichnet hier einen rituell gedeuteten Erschütterungs- beziehungsweise Erstarrungszustand.

1.447
bhāṣāṃ ca vividhākārāṃ dharmaśāstrānyanekadhā |
vedādisarvaśāstrāṇi udgrāhayati tatkṣaṇāt ||
Er trägt in diesem Augenblick vielfältige Sprachen, zahlreiche Dharma-Schriften sowie sämtliche Schriften, beginnend mit den Veden, vor.
Anmerkung: Eine historische Wirkungsbehauptung.

1.448
atītānāgataṃ caiva pṛṣṭo ’sau kathayatyapi |
utpate gaganābhogāṃ vidyādharapatirbhavet ||
Gefragt, berichtet er auch über Vergangenes und Zukünftiges. Er fliegt in die Weite des Himmels und wird zum Herrn der Vidyadharas.

1.449
napuṃsakagaṇaṃ tyaktvā dvādaśāramudāhṛtam |
dvātriṃśadvarṇasaṃyogānmahācakraṃ prakīrtitam ||
Lässt man die Gruppe der neutralen [Vokale] weg, heißt [der Kreis] zwölfspeichig. Durch die Verbindung von zweiunddreißig Lauten heißt [ein weiterer] der große Kreis.
Anmerkung: Die neutralen Vokale sind ṛ, ṝ, ḷ und ḹ. Welche zweiunddreißig Laute gemeint sind, ist nicht ausdrücklich aufgezählt; eine Rekonstruktion wird nicht als überlieferter Text ergänzt.

1.450
evaṃ tu mātṛkāḥ sarvā cakratrayamupāgatāḥ|
dvādaśāraṃ hṛdimadhye tatra sūryo vyavasthitaḥ ||
So gehen alle Matrikas in die drei Kreise ein. Der zwölfspeichige liegt mitten im Herzen; dort hat die Sonne ihren Sitz.

1.451
tāluke ṣoḍaśārantu yatra sā amṛtāvahā |
mastake sarvavarṇātmā dvātriṃśaddalasaṃyutaḥ ||
Am Gaumen liegt der sechzehnspeichige, wo die Nektarbringende ist. Am Kopf liegt der aus allen Lauten bestehende [Kreis] mit zweiunddreißig Blättern.
Anmerkung: Amritavaha kann eine Göttin oder Nadi bezeichnen; keine sichere Gleichsetzung mit einer bestimmten späteren Chakra-Gottheit.

1.452
hṛccakre udbhavo jñeyo viśleṣo vedhacakragaḥ|
layastu śiracakrastho jñātavyo viditātmabhiḥ ||
Entstehung ist im Herzkreis zu erkennen, Trennung im Durchdringungskreis. Die Selbstkundigen erkennen Auflösung im Kopfkreis.
Anmerkung: Der Durchdringungskreis vedhacakra wird aus dem Zusammenhang dem Gaumen zugeordnet.

1.453
grahaṇaṃ nābhideśasthaṃ saṃdhānaṃ kaṇṭhamāśṛtam |
yogastatra punardevi laye caiva nirāmaye ||
Das Ergreifen liegt im Nabelbereich, die Verbindung hat ihren Sitz im Hals. Die Vereinigung geschieht dann, Göttin, in der unversehrten Auflösung.
Anmerkung: Die Nabelangabe weicht von der zuvor genannten Herzensposition ab; sie wird erhalten.

1.454
evaṃ jñātvā varārohe yojayecchāśvate pade |
ātmatattvaṃ hṛdisthaṃ tu vidyā lambakamāśṛtā ||
Wer dies erkennt, Schöngestaltete, vollzieht die Verbindung mit der ewigen Stätte. Das Selbstprinzip liegt im Herzen, Vidya hat ihren Sitz am Zäpfchen.

1.455
śivatattvaṃ layasthaṃ tu brahmarandhragataṃ priye |
śaktisthaṃ kathitaṃ pūrvamadhvāne tu yathā sthitaḥ ||
Das Shiva-Prinzip liegt im Zustand der Auflösung und in der Brahmaöffnung, Geliebte. Zuvor wurde erklärt, wie der Shakti-Zustand auf dem Weg gegründet ist.

1.456
sāṃprataṃ bhuvanīśastho yathā te kathayāmyaham |
ekaikaṃ tu yathā varṇaṃ śaktisthaṃ bhavate priye ||
Nun werde ich erklären, wie [der Laut] in den Herren der Welten besteht und wie jeder einzelne Laut im Shakti-Zustand ist, Geliebte –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.457.

1.457
cakramālāgataṃ tūrṇaṃ mantrasiddhijigīṣiṇām |
tattathā kathayiṣyāmi bhuvanīśā yathā sthitāḥ ||
in der Reihe der Kreise, rasch, für jene, die Mantravollendung erringen wollen. So werde ich erklären, wie die Herren der Welten ihren Sitz haben.
Anmerkung: Die Satzkonstruktion ist verkürzt; bhuvanīśa ist die gedruckte Nebenform von bhuvaneśa.

1.458
svesve varṇādhikāreṇa vyāptisteṣāṃ yathārthataḥ |
vyāpakatvañca deveśi saṃcāraṃ ca ataḥ śṛṇu ||
Durch ihre jeweilige Zuständigkeit für die Laute besteht ihre tatsächliche Durchdringung. Höre darum von ihrem Durchdringen und ihrer Bewegung, Herrin der Götter.

1.459
ātma vidyā śivaścaiva tattvatraya vibhāgaśaḥ |
kāraṇānāṃ tathā tyāgaṃ varṇe varṇe yathā sthitam ||
Atman, Vidya und Shiva bilden das dreifache Prinzip nach seiner Einteilung; ebenso [erkläre ich] das Loslassen der Ursachen und wie [dies] in jedem Laut besteht.

1.460
agnisūryākhyacandrākhyā ye cakrāḥ prākprakīrtitāḥ |
yoginyo vyāpakāsteṣāṃ pṛthaksaṃsthā yathā śṛṇu ||
Die zuvor genannten Kreise heißen Feuer, Sonne und Mond. Höre, wie die Yoginis sie durchdringen und jeweils gesondert in ihnen bestehen.

1.461
jvalinī jvālinī jvālā tejasā tejavarcasā |
tejorminyā tathā tejā tejavatyā tamopahā ||
Jvalini, Jvalini [mit langem a], Jvala, Tejasa, Tejavarchasa, Tejorminya, Teja, Tejavatya und Tamopaha –
Anmerkung: Die beiden ersten Namen unterscheiden sich im Sanskrit als jvalinī und jvālinī. Die Liste umfasst verständliche Feuernamen wie „Flammende“, „Flamme“, „Glanzreiche“ und „Dunkelheitsvertreiberin“; die teils unregelmäßigen Namensformen werden erhalten.

1.462
tejonidhissamākhyātā yoginyastvagnicakragāḥ |
saṃharanti jagatsarvaṃ kālāgnivapuṣodbhavāḥ ||
und die Tejonidhi [„Schatz des Glanzes“] Genannte: Diese Yoginis im Feuerkreis vernichten die ganze Welt, hervorgegangen aus dem Leib des Zeitfeuers.

1.463
sūryacakrasamudbhūtā yoginyaḥ sāṃprataṃ śṛṇu: |
sūryā sūryavatī kāntā svadhā svasti sudhā tathā ||
Höre nun die aus dem Sonnenkreis hervorgegangenen Yoginis: Surya, Suryavati, Kanta, Svadha, Svasti und Sudha –
Anmerkung: Die Namen tragen Bedeutungen wie „Sonnenhafte“, „Liebliche“, Opferkraft, Wohlergehen und Nektar. Ob kāntā hier ein Name oder ein Beiwort ist, bleibt unsicher.

1.464
sumanā conmanā kāntā śāśvatī ca tathāparā |
saṃvartā saṃharī caiva yoginya sūryacakragāḥ ||
Sumana, Unmana, Kanta, Shashvati und die weitere [Yogini], Samvarta und Samhari: [Dies sind] die Yoginis des Sonnenkreises.
Anmerkung: Kanta steht erneut im Druck. tathāparā kann „und eine weitere“ bedeuten; es wird nicht ohne Nachweis als zusätzlicher Eigenname gezählt. Die Liste lässt daher keine zweifelsfreie Anzahl zu. Weitere Bedeutungen sind „Wohlgesinnte“, „Jenseits des Denkens“, „Ewige“ und „Zurücknehmende“.

1.465
dvitīyāvaraṇe jñeyā tṛtīye kathayāmi te |
śaśinī śāśvatī śāntā sevanī ca śaśiprabhā ||
Sie sind im zweiten Kreisring zu erkennen. Die des dritten erkläre ich dir: Shashini, Shashvati, Shanta, Sevani und Shashiprabha –
Anmerkung: Bedeutungen: „Mondhafte“, „Ewige“, „Friedvolle“, „Dienende“ und „Mondglanz“. Die Form sevanī wird nach dem Druck erhalten.

1.466
śītā śītavahā kāntā pṛthvī ca priyakārikāḥ|
pṛthivī pārthivī prītā kṣobhaṇī kṣubhitā kṣayā ||
Shita, Shitavaha, Kanta, Prithvi, Priyakarika, Prithivi, Parthivi, Prita, Kshobhani, Kshubhita und Kshaya –
Anmerkung: Die Namen bedeuten unter anderem „Kühle“, „Kühlebringende“, „Liebliche“, „Erde“, „Freudebringerin“, „Irdische“, „Erfreute“, „Bewegende“, „Erregte“ und „Vergehende“. Die beiden Erdnamensformen bleiben gesondert erhalten. Fortsetzung in 1.467.

1.467
somacakre samākhyātā sṛṣṭestu sthitikārikāḥ |
cakre cakre tu draṣṭavyā bhuvaneśā pade sthitāḥ ||
sie sind im Mondkreis genannt und bewirken das Bestehen der Schöpfung. In jedem einzelnen Kreis sind die dort gegründeten Herren der Welten zu schauen.

1.468
krīḍanti bhuvaneśānāṃ yogibhissaha cācyutāḥ |
rudraśaktirvarārohe ye rudrā yogibhissaha ||
Die unvergänglichen Herren der Welten spielen mit den Yogis. Die Rudra-Shakti, Schöngestaltete, und jene Rudras zusammen mit den Yogis –
Anmerkung: Der zweite Halbvers setzt in 1.469 fort. Bhuvaneśānām steht im Genitiv; die Wiedergabe der Herren der Welten als Subjekt ist eine vorläufige syntaktische Deutung. Der Druck hat yogibhiḥ; eine Ersetzung durch „Yoginis“ wird nicht stillschweigend vorgenommen.

1.469
teṣāṃ saṃkhyā na vidyeta bhedena suranāyike |
somasūryavibhāgena koṭikoṭivibhāgaśaḥ ||
ihre Anzahl lässt sich nach den Unterschieden nicht bestimmen, Führerin der Götter: entsprechend Mond und Sonne, in Millionen und Abermillionen unterteilt.
Anmerkung: koṭikoṭi ist eine traditionelle Großzahl, keine überprüfte Bestandszählung.

1.470
krīḍanti tatra te sarva utpattisthitikārakāḥ |
ekaikaṃ tu yathā khyātā cakre cakre yathā sthitāḥ ||
Dort spielen sie alle als Bewirker von Entstehung und Bestehen. Wie jeder Einzelne bezeichnet ist und in jedem Kreis seinen Sitz hat –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.471.

1.471
vyāptisteṣāṃ mayā proktā kaulikī tu samāsataḥ |
akārādi smṛtāścakrāḥ kṣakārāntāvasānikāḥ ||
ihre zu Kula gehörige Durchdringung habe ich kurz erklärt. Die Kreise beginnen mit a und enden bei ksha.

1.472
pañcāśa cakrā evoktā yairvyāptimakhilaṃ jagat |
sarve te śaktimadhyasthā jñātavyāstu varānane ||
Fünfzig Kreise sind genannt, von denen die ganze Welt durchdrungen ist. Sie alle sind als mitten in Shakti befindlich zu erkennen, Schönantlitzige.

1.473
na tairvinā bhavenmantrā dṛṣṭādṛṣṭārthasādhane |
ekaikaṃ varṇamuccārya svarairdvādaśabheditam ||
Ohne sie können die Mantras keine sichtbaren und unsichtbaren Ziele verwirklichen. Man äußert jeden einzelnen Laut, durch die zwölf Vokale unterschieden –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.474; es wird keine im Vers fehlende komplette Lautreihe ergänzt.

1.474
anilānalasaṃyuktaṃ bindunā samalaṃkṛtam |
ātmaśaktiśivastatra tejorūpaṃ vicintayet ||
mit Wind und Feuer verbunden und mit Bindu geschmückt. Dort vergegenwärtigt man Atman, Shakti und Shiva als Glanzgestalt.
Anmerkung: Die Zuordnung des Glanzes zu den drei Prinzipien ist grammatisch verkürzt. Wind und Feuer können auch Atem- beziehungsweise Lautchiffren sein.

1.475
lolībhūtamidaṃ sarvaṃ śaktisthāne layaṃ gatam |
sphuratkiraṇasaṃkāśaṃ vidyutkoṭisamujjvalaṃ ||
Dies alles ist miteinander verschmolzen und im Ort der Shakti aufgegangen, strahlenden Lichtstrahlen gleich und leuchtend wie zehn Millionen Blitze –
Anmerkung: Lolībhūta wird hier wie in 1.21 im Sinn des Verschmolzenseins verstanden, entsprechend Bangs Deutung. Fortsetzung in 1.476.

1.476
uditārkakarābhāsaṃ kṣayākṣayavivarjitam |
yadā tallayatāṃ yāti kālajñānaṃ tadā bhavet ||
wie die Strahlen der aufgehenden Sonne, frei von Vergehen und Nichtvergehen. Wenn man darin aufgeht, entsteht Erkenntnis der Zeit.

1.477
sadāśivapadāvastha paśyate divyacakṣuṣā |
ṣaḍvidhādhvā mahādevi bhuvanādyastathā priye ||
Auf der Stufe Sadashivas sieht man mit göttlichem Auge den sechsfachen Weg, große Göttin, beginnend mit den Welten, Geliebte.

1.478
adhasthe paśyate sarvamasya cakraprabhāvataḥ |
ṣaṇmāsādutpate kṣipraṃ satyameva na saṃśayaḥ ||
Auch auf einer niedrigeren Stufe sieht man alles durch die Kraft dieses Kreises. Nach sechs Monaten fliegt man rasch empor: wahrlich, ohne Zweifel.
Anmerkung: Eine historische Siddhi-Behauptung, keine zugesicherte heutige Übungswirkung.

1.479
etaccakraṃ mahāgauri nākhyātaṃ kasyacinmayā |
tava devi samākhyātaṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ ||
Diesen Kreis habe ich niemandem erklärt, Mahagauri. Dir, Göttin, habe ich ihn offenbart: wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel.

1.480
guhyādguhyataraṃ guhyaṃ gopitavyaṃ varānane |
nāśiṣyāya pradātavyaṃ nāputrāya kadācana ||
Das Geheimnis, geheimer als das Geheimste, ist zu bewahren, Schönantlitzige. Es darf niemals einem Nichtschüler oder einem Nichtsohn gegeben werden.
Anmerkung: „Sohn“ bezeichnet hier nach Bang einen rituell aufgenommenen Sohn Shivas. Dies ist eine historische Überlieferungsvorschrift des Textes.

1.481
anyaśāstraratā ye ca kapaṭavratadhāriṇaḥ |
anyadevatabhaktā ye śaṭhā klībā tathā bhṛtāḥ ||
Jene, die anderen Schriften ergeben sind, betrügerische Gelübde tragen, anderen Gottheiten anhängen, die Hinterlistigen, die Klības und die Diener –
Anmerkung: klība ist eine historisch abwertende und mehrdeutige Personenbezeichnung, unter anderem für als impotent oder als Eunuchen bezeichnete Menschen. Die Ausschlüsse werden als historischer Wortlaut dokumentiert.

1.482
ḍambhakauṭilyaniratā advaitācāradūṣakāḥ |
etaiścaiva mahādoṣairye yuktā varavarṇini ||
die der Heuchelei und Hinterlist ergeben sind und die nichtduale Lebensführung verunglimpfen, sowie jene mit diesen großen Fehlern, Schönfarbige –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.483.

1.483
na teṣāṃ dāpayejjñānaṃ kaulikaṃ guravattaram |
pramādāddadate yastu tantrāmnāyaṃ priyavrate ||
ihnen soll das überaus gewichtige Kaula-Wissen nicht gegeben werden. Wer aber aus Nachlässigkeit die Tantra-Überlieferung weitergibt, Gelübdetreue –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.484.

1.484
yoginīgaṇamadhyasthaḥ paśurevātra sādhakaḥ |
upāsannaṃ yadā śiṣyaṃ bhaktiyuktaṃ dṛḍhavratam ||
der Übende ist mitten unter den Yoginis ein gebundenes Wesen [beziehungsweise Opfertier]. Wenn ein Schüler herantritt, hingebungsvoll und fest im Gelübde –
Anmerkung: Die Doppeldeutigkeit von paśu bildet hier eine Drohung der historischen Sprecherrede. Fortsetzung in 1.485.

1.485
gurudevāgnibhaktañca śucivrataparāyaṇam |
evaṃ jñātvā varārohe śiṣyaṃ caiva vilakṣaṇam ||
Guru, Gottheit und Feuer verehrend und reinen Gelübden ergeben: Wenn man den Schüler so als besonders geeignet erkannt hat, Schöngestaltete –
Anmerkung: Fortsetzung in 1.486.

1.486
dīkṣākāle parīkṣeta pāśastobhādikaiḥ kramāt |
saca pātaviśeṣeṇa dvividhaḥ parikīrtitaḥ ||
dann prüft man ihn bei der Einweihung der Reihe nach durch Pashastobha und weitere [Zeichen]. Nach der besonderen Art seines Fallens wird er als zweifach bezeichnet.
Anmerkung: Pashastobha ist ein rituell gedeutetes Erschütterungsverfahren; die konkrete Prüfung wird hier nicht vervollständigt.

1.487
purato varṇayiṣye ’hamuttamo madhyamottamaḥ|
parīkṣite tataḥ śiṣye gurudevāgnisannidhau ||
Ich werde es im Folgenden beschreiben: der hervorragende und der mittel-hervorragende [Schüler]. Ist der Schüler in Gegenwart von Guru, Gottheit und Feuer geprüft –
Anmerkung: uttama und madhyamottama stehen so nebeneinander; die genaue Rangordnung bleibt unsicher. Fortsetzung in 1.488.

1.488
samayāṃ śrāvaye tacca ye ca śāstre pracoditāḥ |
abhiṣekaṃ tato dattvā upadeśaṃ samarpayet ||
lässt man ihn die Verpflichtungen hören, die in der Schrift vorgeschrieben sind. Nach der Weihe durch Übergießen erteilt man ihm die Unterweisung.
Anmerkung: abhiṣeka wird als rituelle Weihe übersetzt.

1.489
yathā ekaṃ tathā sarve cakrāḥ pañcāśa suvrate |
anilānalasaṃyuktā astavyastakṛtānaghe ||
Wie der eine, so alle fünfzig Kreise, Gelübdetreue: mit Wind und Feuer verbunden, auseinandergelegt und angeordnet, Makellose –
Anmerkung: astavyastakṛta ist mehrdeutig; es kann ein Auseinandernehmen beziehungsweise Neuordnen bezeichnen. Fortsetzung in 1.490.

1.490
sarvakarmakarāḥ proktā yadā yonisamīkṛtā |
mātṛkā pūjitā yena tṛdhāṃ siddhiṃ labhatyasau ||
sie gelten als Vollbringer aller Handlungen, wenn sie mit dem Ursprung gleichgesetzt sind. Wer die Matrika verehrt hat, erlangt die dreifache Vollendung.“
Anmerkung: yoni kann hier nach Bang die Vokale als Lautursprung bezeichnen. Die Druckform tṛdhāṃ wird als „dreifach“ gedeutet; es werden keine fehlenden drei Siddhis erfunden.

Kapitelkolophon
iti bhairavaśrotasi mahātantre vidyāpīṭhe saptakoṭipramāṇe śrītantrasadbhāve praśnayogādhikāro nāma prathamaḥ paṭalaḥ ||
So endet das erste Kapitel, „Unterweisung über Fragen und Yoga“, im ehrwürdigen Tantrasadbhava, dem großen Tantra des Vidyapitha innerhalb der Bhairava-Strömung, dem ein Umfang von sieben Koti zugeschrieben wird. Die Umfangsangabe gehört zur traditionellen Selbstbeschreibung; sie zählt nicht die tatsächlich erhaltenen Verse.

Kapitel 3, Verse 96–132ab: Mālinī und die Herauslösung der Mantralaute

Bang 2018, S. 186–190; englische Übersetzung und Diskussion S. 355–360.

Die wissenschaftliche Teiledition enthält hier ausschließlich 3.96–132ab. Die Überschrift „Nādiphānta-Reihenfolge“ in eckigen Klammern ist eine Gliederung der Herausgeberin. Die Laute werden über räumliche Chiffren aus einem 7 × 7 Felder umfassenden Alphabetdiagramm gewonnen und Körperteilen der Göttin Mālinī zugeordnet. Die Sanskritfassung übernimmt auch sprachlich auffällige Formen; einzelne editorische Korrekturen werden an Ort und Stelle bezeichnet. Ein Kapitelkolophon ist am Ende dieses Auszugs nicht abgedruckt.

Kapitelüberschrift der Edition
mantranirṇayādhikāras tṛtīyaḥ paṭalaḥ
Drittes Kapitel: Unterweisung zur Bestimmung der Mantras.

Sprecherangabe
devy uvāca
Die Göttin sprach.

3.96
yo ’yaṃ mantrasya saṃskāro akṣarārthādi kīrtitaḥ |
saṃskārādata karaṇaṃ kriyate kasya vā vibho ||
Die Weihe beziehungsweise Vervollkommnung des Mantras wurde mit Lauten, Bedeutung und Weiterem beschrieben. Wessen Vollzug oder Organ wird durch diese Weihe wirksam, o Mächtiger?
Anmerkung: Die Wortfolge saṃskārādata karaṇam ist sprachlich unregelmäßig. Die Übersetzung der Frage bleibt vorläufig; karaṇa kann eine Handlung, ein Mittel oder ein Organ bezeichnen.

3.97
tasmān mantrās samācakṣva kulavaineyamārgagāḥ |
brahmāṅgamūlamantrotthā yenāyaṃ saphalo bhavet ||
Erkläre deshalb die Mantras, die zum Schulungsweg des Kula gehören und aus den Brahma-, Glied- und Wurzelmantras hervorgehen, damit dieser [Vollzug] Frucht trägt.
Anmerkung: Die Gliederung von brahmāṅgamūlamantra ist erklärend. Die überlieferte Verwendung von mantrāḥ ist grammatisch unregelmäßig; sie wird nicht stillschweigend normalisiert.

Sprecherangabe
bhairava uvāca
Bhairava sprach.

3.98
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi mantroddhāraṃ varānane |
kulavaineyikaṃ devi vidhānaṃ tu suvistaram ||
Nun werde ich die Herauslösung der Mantras erklären, o Schönangesichtige: die ausführliche Vorschrift zur Schulung im Kula, o Göttin.
Anmerkung: Mantroddhāra meint hier das Gewinnen von Lauten aus einem verschlüsselten Buchstabenschema.

3.99
caturasraṃ puraṃ likhya saptabhāgavikalpitam |
punaḥ saptaguṇaṃ kṛtvā koṣṭhakāṃ kārayet priye ||
Nachdem man ein quadratisches Feld gezeichnet und in sieben Teile gegliedert hat, soll man es nochmals siebenfach unterteilen und so die Kästchen anlegen, o Liebe.

3.100
pañcāśa-ūnam ekena kartavyāṃ tu yathāvidhiḥ |
īśānyādikrameṇaiva abhyaset svaramaṇḍalam ||
Fünfzig weniger eines [also neunundvierzig Kästchen] sollen vorschriftsgemäß angelegt werden. Beginnend im Nordosten soll man der Reihe nach den Kreis der Vokale eintragen.
Anmerkung: Die Edition liest abhyaset als Emendation einer fehlerhaften Handschriftenlesung; diese Herausgeberentscheidung wird übernommen.

3.101
tasyānte tu tata sparśā yāvan madhyam upāgate |
brahmasthānagataṃ devaṃ haṃsākhyaṃ tu mahātmanaḥ ||
An deren Ende folgen dann die Verschlusslaute, bis die Mitte erreicht ist. Der Gott am Brahma-Ort trägt den Namen Haṃsa, [der Gott] des großen Selbst.
Anmerkung: Der zweite Satz ist grammatisch unvollständig; mahātmanaḥ wird vorläufig als Genitiv verstanden. Die Zuweisung ist keine selbständig überprüfte Entschlüsselung des Schemas.

3.102
kaṣākhyaṃ mantrarājānaṃ saṃyogena tu jñāyate |
evaṃ nyāse kṛte devi uddharen mālinīṃ śubhām ||
Als Verbindung [der Laute ka und ṣa] wird der so bezeichnete König der Mantras erkannt. Ist die Anordnung auf diese Weise ausgeführt, o Göttin, soll man die glückverheißende Mālinī herauslösen.
Anmerkung: Die Edition druckt kaṣākhyaṃ; Bang versteht dies als die Verbindung kṣa. Die Erklärung in Klammern ist ausdrücklich eine Deutung, keine zusätzliche Handschriftenlesung.

3.103
nādiphāntasvarūpeṇa yathā bhavati tac chṛṇu |
ai-da-madhyaṃ śiro devyāḥ kārayec chubhalakṣaṇam ||
Höre, wie sie in ihrer Gestalt besteht, die mit na beginnt und mit pha endet. Aus dem [Laut] zwischen ai und da soll man das Haupt der Göttin mit seinen glückverheißenden Kennzeichen bilden.
Anmerkung: Die räumlichen Angaben beziehen sich auf das Buchstabenfeld. Die deutsche Fassung gibt die Chiffren wieder und ersetzt sie nicht durch eine vermeintlich überlieferte Mantraliste.

3.104
pa-dha-madhyaṃ śikhā caiva adhaḥ śiro vyavasthitam |
e-pūrvarṇicatuṣkaṃ tu śiromālā nigadyate ||
Der Haarknoten ist [der Laut] zwischen pa und dha; darunter befindet sich das Haupt. Als Kopfgirlande wird die Vierergruppe der Laute östlich von e bezeichnet.
Anmerkung: e-pūrvarṇicatuṣkaṃ ist sprachlich auffällig; die Übersetzung folgt dem erkennbaren Bezug auf vier Buchstaben östlich von e. Śiromālā ist eine Konjektur der Edition; eine Schädelgirlande ist im Kontext denkbar, steht aber nicht ausdrücklich im Kompositum.

3.105
tṛtīyaṃ nayanaṃ kāryaṃ ṅa-cha-madhyagataṃ priye |
na-da-madhyagataṃ jñeyaṃ dvidhā bhūtaṃ varānane ||
Das dritte Auge soll aus dem [Laut] zwischen ṅa und cha gebildet werden, o Liebe. Der [Laut] zwischen na und da ist als verdoppelt zu verstehen, o Schönangesichtige.

3.106
nayane te smṛte devyāḥ kramād dakṣiṇavāmage |
ṭa-pūrvaṃ nāsikā jñeyā saṃśliṣṭā tu dhamadhyagā ||
Diese beiden gelten der Reihe nach als rechtes und linkes Auge der Göttin. Die Nase ist als der [Laut] östlich von ṭa zu verstehen; sie liegt eingefügt zwischen den beiden dha [den Augen].
Anmerkung: Die Gleichsetzung von dha mit den Augen erschließt sich aus dem Buchstabenschema und der vorhergehenden Doppelung. Die Handschriftenform dhamadhyagā wird erhalten.

3.107
ḍha-ta-madhyagataṃ gṛhya dvi-r-abhyāsapaderitam |
ṭha-ḍa-pūrvau yutau ’dhastād bhūṣaṇau karṇayoḥ smṛtau ||
Man nehme den [Laut] zwischen ḍha und ta, der mit dem Ausdruck der zweimaligen Wiederholung bezeichnet wird. Die beiden [Laute] östlich von ṭha und ḍa, unten angefügt, gelten als Schmuck der Ohren.
Anmerkung: Das ungewöhnliche dvi-r-abhyāsapaderitam wird in der Wortgliederung der Edition erhalten. Die genaue Zuordnung des ersten Halbverses zu den Ohren ist nicht völlig gesichert.

3.108
vāmadakṣiṇamārgeṇa yathoddhṛtau sthitāv iha |
sa-ca-madhyagataṃ vaktraṃ devyāyā vīranāyike ||
Sie befinden sich hier links und rechts, wie sie herausgelöst wurden. Der Mund der Göttin ist der [Laut] zwischen sa und ca, o Führerin der Helden.

3.109
visargākhaś ca madhyasthaṃ ka-ga-madhyayutaṃ punaḥ |
kha-paścimaṃ samuddiṣṭaṃ tasya cottaram eva ca ||
[Man gewinne den Laut] zwischen Visarga und kha, ferner den zwischen ka und ga, den westlich von kha bezeichneten und den unmittelbar nördlich davon.
Anmerkung: Die sprachlich auffällige Form visargākhaś ca wird sinngemäß als räumliche Chiffre verstanden; die genaue Wortgliederung ist unsicher. Kha im dritten Versviertel ist Bangs Korrektur gegenüber gha sämtlicher herangezogener Handschriften. Sie ist keine übereinstimmende Handschriftenlesung.

3.110
gha-casyāntarasaṃsthaṃ tu uddhared akṣarāṃ śubhāṃ |
ete pañca smṛtā varṇā devyā daśanakalpane ||
Auch den glückverheißenden Laut zwischen gha und ca soll man herauslösen. Diese fünf Laute gelten als die Gestaltung der Zähne der Göttin.
Anmerkung: Die ersten vier Laute sind in 3.109 bezeichnet. Die grammatisch auffälligen Singularformen im ersten Halbvers bleiben im Sanskrit erhalten.

3.111
ña-pūrvaṃ rasanā proktā ja-pūrveṇa sarasvatī |
śa-ta-madhyasthitaḥ kaṇṭho ma-cha-madhyagatoddharet ||
Als Zunge wird der [Laut] östlich von ña bezeichnet, als Sarasvatī [ihre Rede] der östlich von ja. Der Hals befindet sich zwischen śa und ta. Man soll den [Laut] zwischen ma und cha herauslösen.
Anmerkung: Ma-cha beruht auf der Korrektur der Herausgeberin; die Handschriften bieten abweichende, schwer deutbare Lautfolgen.

3.112
ra-ma-madhyagatas tadvad akṣarau dvau śubhātmakau |
śikharau tu smṛtau bhadre vāmadakṣiṇagau śubhau ||
Ebenso [ist der Laut] zwischen ra und ma [zu gewinnen]. Die beiden glückverheißenden Laute gelten als die beiden schönen Erhebungen [Schultern] links und rechts, o Gütige.
Anmerkung: Śikhara heißt wörtlich Gipfel oder Erhebung; die Körperzuordnung als Schultern folgt dem Zusammenhang und Bangs Deutung. Die Chiffre ra-ma ist eine editorische Korrektur.

3.113
ra-ṭha-dakṣiṇagau dvau tu bāhugau vāmadakṣiṇau |
ra-u-madhyagataṃ caiva dvidhā bhūtaṃ prakalpayet ||
Die beiden [Laute] rechts von ra und ṭha gehören zum linken und zum rechten Arm. Den [Laut] zwischen ra und u soll man zweifach anordnen.

3.114
karatalau smṛtau devi savyāsavyaṃ vijānataḥ |
bha-ma-pūrvau tathāṅgulyau vāmadakṣiṇagau śubhau ||
Diese gelten als die beiden Handflächen, o Göttin; links und rechts sind zu unterscheiden. Ebenso bilden die beiden schönen [Laute] östlich von bha und ma die Finger links und rechts.
Anmerkung: Savya/asavya bezeichnet je nach Zusammenhang links/rechts beziehungsweise die Gegenrichtung; die Stelle entfaltet ausdrücklich ein Körperpaar.

3.115
ña-ṭha-madhyagataṃ gṛhya vāmahaste prakalpayet |
ūrdhvavaktraṃ kapālaṃ tu amṛtākhyena pūritam ||
Man nehme den [Laut] zwischen ña und ṭha und ordne ihn der linken Hand zu: als Schädelschale, deren Öffnung nach oben weist und die mit dem sogenannten Amṛta gefüllt ist.

3.116
dakṣiṇe tu kare jñeyaṃ ya-ḍha-madhyaṃ tu daṇḍakam |
śūlasya kathitaṃ bhadre uddhāreṇa samuddhṛtam ||
Der [Laut] zwischen ya und ḍha ist als Stab in der rechten Hand zu verstehen. Er wird als Stab des Dreizacks bezeichnet, o Gütige, und durch die Herauslösung gewonnen.

3.117
a-cha-madhyagataṃ śūlam uttānam ūrdhvavaktragam |
jñātavyaṃ tu vipaścidbhir yathālakṣaṇalakṣitam ||
Der [Laut] zwischen a und cha ist der aufgerichtete Dreizack mit nach oben weisender Spitze. Kundige sollen ihn entsprechend seinen beschriebenen Kennzeichen erkennen.

3.118
gha-na-madhyagataṃ hṛc ca devyāyāḥ sarvakāmikam |
na-sa-madhyagam udaraṃ ca-ja-madhyagataṃ priye ||
Der [Laut] zwischen gha und na ist das alle Wünsche erfüllende Herz der Göttin; der zwischen na und sa ist ihr Bauch. Der [Laut] zwischen ca und ja, o Liebe, [setzt die Beschreibung im folgenden Vers fort].
Anmerkung: Die Satzverbindung über die Versgrenze wird sichtbar erhalten: Der Schluss gehört zur Beschreibung der Brüste in 3.119.

3.119
ra-va-sandhigataṃ tadvad akṣarau dvau stanātmakau |
jha-pūrvaṃ tu payo jñeyam amṛtaṃ samudāhṛtam ||
Ebenso [der Laut] an der Verbindung von ra und va: Diese beiden Laute bilden die Brüste. Der [Laut] östlich von jha ist als die Milch zu verstehen, die Amṛta genannt wird.
Anmerkung: Die Chiffre nennt den Laut östlich von jha; Bangs Tabelle deutet ihn als ā. Diese Deutung wird nicht zusätzlich in den Sanskrittext eingesetzt.

3.120
ya-śa-madhyagataṃ prāṇaṃ devyāyā vīranāyike |
ma-ṣa-madhyagataṃ devi ātmā bījāmṛtātmakam ||
Der [Laut] zwischen ya und śa ist der Lebenshauch der Göttin, o Führerin der Helden. Der [Laut] zwischen ma und ṣa ist ihr Selbst, o Göttin, seinem Wesen nach der Nektar des Keimlautes.

3.121
visargasahitaṃ rudre uddhṛtaṃ mantram uttamam |
kaṣākhyaṃ mantrarājānaṃ nābhiṃ devyāḥ prakalpayet ||
Mit Visarga verbunden, o Rudrā, wird [dieser Laut] als höchster Mantra herausgelöst. Den König der Mantras, der kṣa heißt, soll man als Nabel der Göttin anordnen.
Anmerkung: Der erste Halbvers ergänzt die Beschreibung des Selbst in 3.120. Der Druck hat wie 3.102 kaṣākhyaṃ; die Deutung als Lautverbindung kṣa folgt dem dortigen Zusammenhang.

3.122
bha-ya-madhyaṃ smṛtaṃ devi nitambaṃ sakalātmakam |
va-ṣa-madhyagataṃ guhyaṃ da-paścimasamanvitam ||
Der [Laut] zwischen bha und ya gilt als das Gesäß der Göttin, das die verkörperte Ganzheit umfasst. Der [Laut] zwischen va und ṣa, verbunden mit dem westlich von da [befindlichen Zeichen], ist ihr verborgener Körperbereich.
Anmerkung: Sakalātmakam ist mehrdeutig: „aus allem bestehend“ oder „von verkörperter Natur“. Guhya bezeichnet hier den Genitalbereich; die Übersetzung gibt keine sexuelle Übungsanweisung.

3.123
ūrvākārau bhaved bījaṃ ṇa-tha-madhyagato ’naghe |
ta-tha-dakṣiṇagau bījau jānukau dvau suśobhanau ||
Der Keimlaut zwischen ṇa und tha soll die Gestalt der beiden Oberschenkel annehmen, o Makellose. Die beiden Keimlaute rechts von ta und tha sind die beiden sehr schönen Knie.

3.124
savyāsavyagatau jñeyau krameṇaiva śubhekṣaṇe |
ai-tha-paścimagau dvau tu jaṅghe dve vāmadakṣiṇe ||
Sie sind der Reihe nach der einen und der anderen Seite zuzuordnen, o Schönäugige. Die beiden [Laute] westlich von ai und tha sind der linke und der rechte Unterschenkel.

3.125
tha-dha-madhyagataṃ devi ṅa-ṣa-madhyaṃ tathaiva ca |
dvau bījāv uddhṛtau bhadre pādau jñeyau vipaścitā ||
Der [Laut] zwischen tha und dha, o Göttin, und ebenso der zwischen ṅa und ṣa: Die beiden so herausgelösten Keimlaute soll der Kundige als die Füße erkennen, o Gütige.
Anmerkung: Die gedruckte Chiffre tha-dha wird nicht nach Bangs abweichender englischer Erklärung in tha-cha geändert. Die zweite Chiffre lautet ṅa-ṣa. Die genaue Zuordnung bleibt überprüfungsbedürftig.

3.126
vāmadakṣiṇagau proktau lakṣaṇena vilakṣitau |
evaṃ samyagvidhānena uddhṛtā mālinī priye ||
Sie werden als linker und rechter [Fuß] bezeichnet und durch ihre Kennzeichen unterschieden. So ist Mālinī nach der richtigen Ordnung herausgelöst worden, o Liebe.

3.127
saptakoṭyas tu vidyānāṃ mantrāṇām amitaujasām |
teṣām ekā parā yonir mālinī sarvakāmadā ||
Sieben Koti gibt es an Vidyās und Mantras von unermesslicher Kraft. Für sie alle ist Mālinī, die alle Wünsche gewährt, der eine höchste Mutterschoß.
Anmerkung: Sieben Koti sind rechnerisch siebzig Millionen. Dies ist eine traditionelle Heils- und Fülleangabe über Mantras, keine Zählung tatsächlich edierter Verse.

3.128
mālayitvā sthitā yena teneyaṃ mālinī smṛtā |
ye jātā ye bhaviṣyanti aprameyā varānane ||
Weil sie [alles] zu einer Girlande gereiht hat und so besteht, wird sie Mālinī genannt. Unermesslich sind diejenigen, die geboren wurden und die künftig entstehen werden, o Schönangesichtige.
Anmerkung: Die Ergänzung „alles“ erläutert das unausgesprochene Objekt von mālayitvā. Die Namenserklärung spielt auf mālā, Girlande, an.

3.129
rudrāṇāṃ yoginīnāṃ ca sā māteva nigadyate |
avarṇā varṇasaṃyogā jñātavyā tu varānane ||
Sie wird gleichsam als Mutter der Rudras und Yoginīs bezeichnet. Sie ist als lautlos und zugleich mit den Lauten verbunden zu erkennen, o Schönangesichtige.
Anmerkung: Avarṇā bedeutet hier jenseits einzelner Sprachlaute; es ist keine Aussage über soziale Varna-Zugehörigkeit.

3.130
sarvavarṇātmakā mantrā varṇā śaktyātmakā smṛtāḥ |
śaktiḥ tu mātṛkā proktā sā jñeyā tu śivātmikā ||
Die Mantras bestehen aus sämtlichen Lauten; die Laute gelten als von der Natur der Shakti. Shakti wird Mātṛkā genannt, und sie ist als von der Natur Shivas zu erkennen.
Anmerkung: Die Aussage verbindet Laut, Mantra, Shakti und Shiva. Ihre Parallelüberlieferung wird bei Bang dokumentiert; sie belegt nicht für sich allein eine Abhängigkeit ganzer Werke.

3.131
etan mantrapramāṇaṃ tu kathitaṃ tava śobhane |
etad ādyaṃ samākhyātaṃ gopanīyaṃ prayatnataḥ ||
Damit ist dir dieses Maß beziehungsweise Grundgefüge des Mantras erklärt, o Schöne. Dieses zuerst dargelegte [Wissen] soll sorgfältig geheim gehalten werden.
Anmerkung: Mantrapramāṇa kann die maßgebliche Darstellung, Bemessung oder Grundlage des Mantras meinen. Das Geheimhaltungsgebot gehört zum historischen Text.

3.132ab
ekavīravidhānaṃ tu prāg uktam anyam āgame |
Die Vorschrift zu Ekavīra wurde bereits zuvor in einer anderen Offenbarungsschrift gelehrt.
Anmerkung: Nur der erste Halbvers ist in dieser Teiledition aufgenommen. Anyam āgame ist grammatisch auffällig; die Wiedergabe „in einer anderen Offenbarungsschrift“ folgt dem Zusammenhang. Die Kennzeichnung 132ab folgt Bangs Abschnittszuordnung; ein nicht abgedruckter zweiter Halbvers wird nicht ergänzt.

Kapitel 9: Initiation, Ritual und Lehrerweihe

Bang 2018, S. 191–253; englische Übersetzung und Diskussion S. 361–440.

Das neunte Kapitel des Tantrasadbhava behandelt die Aufnahme in die Überlieferung und weitere Initiations- und Weiheverfahren. Historische Divination, soziale Zulassungsregeln, schädigende Ritualziele und Verfahren zum Verlassen des Körpers werden als Zeugnisse der damaligen Ritualwelt eingeordnet. Die folgende Arbeitsübersetzung gibt ihren Quellencharakter wieder und bildet keine heutige Praxisanleitung. Sanskrit-Zwischenüberschriften in eckigen Klammern sind Gliederungen der Herausgeberin.

Kapitelüberschrift der Edition
samayadīkṣādhikāro navamaḥ paṭalaḥ
Neuntes Kapitel: Unterweisung über die Initiation in die Verpflichtungen.

Sprecherangabe
devy uvāca
Die Göttin sprach.

9.1
||
adyame saphalaṃ janma yena tvaṃ varado mama|
yattvayā sūcitaṃ khyātaṃ tatsarvaṃ cāvadhāritam ||
Heute ist meine Geburt fruchtbar geworden, denn du gewährst mir Gaben. Was du angedeutet und verkündet hast, das alles habe ich verstanden.

9.2
dīkṣā tu sūcitā śaṃbho sphuṭī naiva kṛtā tvayā |
sāṃprataṃ sāmayī dīkṣā pāśastobhantathaiva ca ||
Die Initiation hast du jedoch nur angedeutet, Shambhu; deutlich erklärt hast du sie nicht. Nun [erkläre] die Initiation in die Verpflichtungen und ebenso das Erschüttern der Fesseln –
Anmerkung: Die Aufzählung setzt sich in 9.3–4 fort. Pāśastobha bezeichnet hier ein initiatorisches Verfahren an den Bindungen der Seele.

9.3
tulā puṃsāṃ vidhiścānyā prasannāveśamāṇavī |
sadyonirvāṇadā śambho utkrāntiśca ataḥ param ||
– das Wiegen der Menschen und ein weiteres Verfahren: die Schau im klaren Medium, die Besessenheit, die individuelle [Initiation], die unmittelbar Befreiung gewährende [Initiation], Shambhu, und danach das Verlassen des Körpers –
Anmerkung: Prasannā und āveśa werden als unterschiedliche Ritualbezeichnungen aufgefasst; die grammatische Verknüpfung der Liste ist gedrängt. Utkrānti bezeichnet hier ein historisches Verfahren des absichtlichen Austritts aus dem Körper.

9.4
paśugrahaṇamevaṃ tu abhiṣekaṃ tathaiva ca |
etadākhyāhi deveśa praṇatāyā jagatpate ||
– ferner das Ergreifen der gebundenen Seele und ebenso die Weihe. Erkläre dies mir, die sich vor dir verneigt, Herr der Götter, Herr der Welt.
Anmerkung: Paśu bedeutet im Initiationszusammenhang die gebundene Seele, nicht einfach ein Tier.

9.5
|| bhairava uvāca ||
śṛṇu devi pravakṣyāmi yattvayā pūrvacoditam |
tatsarvaṃ kathayiṣyāmi tvatprītyā suranāyike ||
Bhairava sprach:
Höre, Göttin: Ich werde erklären, wonach du zuvor gefragt hast. Aus Liebe zu dir werde ich alles erzählen, Anführerin der Götter.

9.6
[bhūmiparīkṣā]
ādau parīkṣayedbhūmiṃ vāstuvidyāviśāradaḥ|
yājñikāṃ vṛkṣasaṃkīrṇāṃ śarapuṣpāṃ kuśeścarām ||
[Prüfung des Bodens:] Zuerst soll der in der Baukunde Erfahrene den Boden prüfen: [Er sei] für Opfer geeignet, von Bäumen bestanden, mit Shara-Blüten und Kusha-Gras bewachsen –
Anmerkung: Kuśeścarām ist eine auffällige Form; die Deutung als Bewuchs mit Kuśa folgt dem Zusammenhang und Bang. Die Zwischenüberschrift stammt aus der Edition.

9.7
māheśvarajanākīrṇāmathaikenānvitāpi vā |
snigdhāṃ manoramāṃ vātha prāgīśottaradikplavām ||
– von Verehrern Maheshvaras bewohnt oder wenigstens mit einer dieser Eigenschaften versehen; fruchtbar, angenehm und nach Osten, Nordosten oder Norden abfallend.
Anmerkung: Die Aufzählung beschreibt historische Auswahlkriterien eines Ritualortes.

9.8
svajātyupāttamārgeṇa parīkṣedāsamārthataḥ |
varṇā svādā tathā gandhā jñāyate jātibhedataḥ ||
Gemäß der für die eigene soziale Herkunft übernommenen Vorgehensweise soll man [den Boden] nach Vermögen prüfen. Farbe, Geschmack und Geruch werden nach den Unterschieden der Herkunftsklassen bestimmt.
Anmerkung: Āsamārthataḥ ist sprachlich auffällig; „nach Vermögen“ ist eine vorläufige Deutung. Die sozialen Zuordnungen werden historisch wiedergegeben.

9.9
sitā caiva madhusvādā ghṛtagandhā ca brāhmaṇe |
raktā yā raktagandhā ca kaṣāyā kṣatriye ’rthadā ||
Weiß, honigsüß und nach geklärter Butter riechend [sei er] für einen Brahmanen. Roter Boden, der nach Blut riecht und herb schmeckt, verheißt einem Kshatriya Gedeihen.

9.10
pītā gomūtragandhā ca kṣārasvādā viśāṃ matā |
kṛṣṇā †gurvara†gandhā ca kaṭuḥsvādā matetare ||
Gelber, nach Kuhurin riechender und alkalisch schmeckender [Boden] gilt als derjenige der Vaishyas; schwarzer, mit †gurvara†-Geruch und scharfem Geschmack gilt als derjenige der anderen [Klasse].
Anmerkung: †Gurvara† ist bereits im Druck als verderbt markiert; die Geruchsbezeichnung bleibt unübersetzt. Kṣāra wird wörtlich als alkalisch beziehungsweise laugenartig wiedergegeben, nicht nach Bangs abweichendem „sweet and sour“.

9.11
khātayedratnimātraṃ tu punaścaiva prapūrayet |
adhamā nyūnapāṃsuryā samapāṃsuśca madhyamā ||
Man soll ein Loch von einem Ratni Tiefe graben und es wieder füllen. Boden, bei dem Erde fehlt, ist geringwertig; bei gleicher Erdmenge ist er mittelmäßig.
Anmerkung: Ratni ist hier das Maß vom Ellenbogen zur geschlossenen Faust.

9.12
pāṃsurabhyadhikā yatra sā bhūmiḥ sarvakāmadā |
khātayedājalāntā vā pummātrā kaṇṭhato ’thavā ||
Wo Erde übrig bleibt, dort gewährt der Boden [dem Text zufolge] alle Wünsche. Man soll bis zum Wasser graben oder mannshoch, bis zum Hals –
Anmerkung: Die Tiefenalternativen werden in 9.13 fortgesetzt.

9.13
hṛnnābhikaṭijānvantā śalyadoṣojjhitā yathā |
śodhayettāṃ prayatnena tuṣaśalyavivarjitām ||
– bis zu Herz, Nabel, Hüfte oder Knie, sodass der Fehler störender Einschlüsse beseitigt wird. Sorgfältig soll man den Boden reinigen und von Spelzen und Splittern befreien.

9.14
kaṇṭakāṅgārakaśalyaiḥ kārayettāṃ prayatnataḥ |
pūrayenmṛdayā cādāvākoṭe ’śvatthamudgaraiḥ ||
Man soll ihn sorgfältig [von] Dornen, Holzkohle und störenden Resten [befreien]. Zuerst soll man ihn mit Erde auffüllen und mit Stampfern aus Ashvattha-Holz festklopfen.
Anmerkung: Die Ergänzung „befreien“ erschließt die elliptische Anweisung; wörtlich steht bei den störenden Resten ein Instrumental.

9.15
samāṃ yāvatsamāyātā gomayenopalepayet |
pañcahasto ’thavā saptanavaikādaśahastakam ||
Sobald er eben geworden ist, soll man ihn mit Kuhdung bestreichen. [Die Fläche messe] fünf, sieben, neun oder elf Hasta –
Anmerkung: Hasta ist ein Ellenmaß; die Maßliste setzt sich in 9.16 fort.

9.16
trayodaśātmahastaṃ vā hastā pañcadaśāthavā |
kṣetraṃ parigrahedvārdhaṃ yāgāgārāya mantravit ||
– dreizehn eigene Hasta oder fünfzehn Hasta. Der Mantrakundige soll für das Opferhaus eine solche Fläche oder die Hälfte davon abstecken.
Anmerkung: Die Reichweite von vārdhaṃ, „oder die Hälfte“, ist nicht genauer ausgeführt.

9.17
caturasraṃ samaṃ kṛtvā samantādviṣamadhvajam |
pūrvottaragataiḥ sūtrairbhājayennavabhāgikam ||
Nachdem er ein gleichmäßiges Viereck mit ungleichen Fahnen ringsum hergestellt hat, soll er es mit nach Osten und Norden verlaufenden Schnüren in neun Teile [je Richtung] gliedern.
Anmerkung: Viṣamadhvajam wird nach dem Druck als „mit ungleichen Fahnen“ erhalten. Die Gittergliederung in 81 Felder ist eine durch die Ritualarchitektur gestützte Erläuterung, keine zusätzliche Originalzahl.

9.18
bhāgadvayaṃ parityajya diśāsu caturaṣvapi |
koṇe niveśayedevi talasthāpanapaṭṭakāḥ ||
Nachdem er in allen vier Richtungen jeweils zwei Teile freigelassen hat, soll er, Göttin, in den Ecken die Platten zur Befestigung der Säulenfüße einsetzen –
Anmerkung: Talasthāpanapaṭṭakāḥ bezeichnet hier wahrscheinlich Sockelplatten; Bangs Übersetzung und anschließende Diskussion schwanken zwischen Tuch und Platten.

9.19
marmavedho yathā na syāttalakumbhasamanvitāḥ |
stambhā nyasennarotsedhā hīrakagrahaṇānvitāḥ ||
– mit Sockeln in Krugform, sodass kein empfindlicher Punkt verletzt wird. Er soll mannshohe Säulen aufstellen, die mit einer Aufnahme für einen Diamanten versehen sind.
Anmerkung: Marman meint empfindliche Punkte des Bauplatzschemas; die Konstruktion mit hīrakagrahaṇa ist knapp und nicht vollständig eindeutig.

9.20
agre padmaghaṭotkīrṇā mahātulasamanvitāḥ |
tasyārddhenopariṣṭāṃ tu tulākoṭau niveśayet ||
Oben sind [die Säulen] mit Lotos und Krug beschnitzt und mit einem großen Querbalken verbunden. Darüber, um dessen Hälfte [höher], soll er [sie] am Ende des Balkens einsetzen.
Anmerkung: Die bautechnische Beziehung in der zweiten Vershälfte bleibt unsicher; die Ergänzungen geben nur eine mögliche Konstruktion wieder.

9.21
sārddhabhāgocchṛtānyūrdhvamupastambhā niveśayet |
upatulā tato dadyātsvāntarāyanavistarāḥ ||
Darüber soll er Stützsäulen von anderthalb Teilen Höhe einsetzen. Dann soll er Nebenbalken anbringen, deren Spannweite ihrem Zwischenraum entspricht.
Anmerkung: Svāntarāyanavistarāḥ ist eine schwer verständliche bautechnische Angabe. „Dem Zwischenraum entsprechend“ ist vorläufig; Bang lässt das Wort in ihrer Übersetzung stehen.

9.22
chādanaṃ tatpramāṇena ghaṭordhve bhāgasaṃmitam |
patākādhvajaśobhābhiḥ samantātpariśobhayet ||
Die Überdachung soll diesem Maß entsprechen; über dem Krugkapitell [liege sie] um einen Teil. Ringsum soll man sie mit Wimpeln, Fahnen und Schmuck verschönern.

9.23
tribhāgārdhasamutsedhaṃ bhittayastu samantataḥ |
jālāgavākṣakaiścitrairdiśāsu copaśobhitam ||
Die Wände ringsum sollen dreieinhalb Teile hoch sein und in den Richtungen durch verschieden gestaltete Gitterfenster geschmückt werden.
Anmerkung: Tribhāgārdha wird mit Bang als drei und ein halber Teil aufgefasst.

9.24
śreṣṭhaṃ yatpaścimaṃ dvāraṃ madhyato bhāgasaṃmitam |
dvibhāgordhvocchritaṃ kāryaṃ sakapāṭārgalānvitam ||
Das vorzügliche westliche Tor soll in der Mitte liegen, einen Teil breit und zwei Teile hoch sein; es soll Türflügel und Riegel besitzen.

9.25
bhittīnāṃ bāhyataḥ kāryā vedikā bhāgasaṃmitā |
ardhabhāgocchritā sā tu śobhārthe caiva kārayet ||
Außerhalb der Wände soll man eine Plattform von einem Teil Breite anlegen. Einen halben Teil hoch soll man sie zur Verschönerung ausführen.

9.26
pakveṣṭaṃ vā tṛṇacchannaṃ śilāsaṃcchatra maṇḍapam |
kārayitvā vidhānena bhūmikarma samārabhet ||
Nachdem man den Pavillon vorschriftsgemäß aus gebrannten Ziegeln, strohgedeckt oder mit einer steinernen Überdeckung errichtet hat, soll man mit der Bearbeitung des Bodens beginnen.
Anmerkung: Die gedruckte Verbindung śilāsaṃcchatra ist sprachlich auffällig; die Bedeutung einer steinernen Überdeckung ist aus dem Kontext erschlossen.

9.27
atasī khalaṃ tathā takraṃ kṣīrapañcadrumatvacā |
triphalā bījavṛkṣasya sāraṃ caiva tu khādiram ||
Lein, Khala, Buttermilch, die Rinde der fünf milchsafthaltigen Bäume, die drei Früchte, [ein Bestandteil] des Bija-Baums und der Kern des Khadira-Baums –
Anmerkung: Khala wird von Bang als Stechapfel gedeutet; die botanische Bestimmung wird hier nicht als gesicherte Artenidentifikation ausgegeben. Triphalā bedeutet „drei Früchte“. Die Zuordnung von sāra zu den beiden letztgenannten Bäumen ist nicht ganz eindeutig.

9.28
etaiścaivodakaṃ kṛtvā siñcayeta punaḥ punaḥ |
ākoṭayettato devi yāvannimnā prajāyate ||
– damit soll man Wasser zubereiten und [den Boden] wiederholt besprengen. Dann soll man ihn feststampfen, Göttin, bis er eine Vertiefung beziehungsweise Neigung erhält.

9.29
darpaṇodarasaṃkāśāpūrvadikplavanī śubhā |
aiśānyā vātha kartavyā sarvakāmaprasiddhaye ||
Wie die Innenseite eines Spiegels soll er aussehen, günstig nach Osten oder nach Nordosten abfallend; so soll er zur Erfüllung aller Wünsche hergerichtet werden.
Anmerkung: Dies ist eine historische Wirkungszuschreibung des Ritualtextes.

9.30
punaḥ pralepayitvā tu patravallyādi gharṣayet |
maṇḍalaṃ pūrvavatkṛtvā sarvatobhadramuttamam ||
Nachdem man ihn erneut bestrichen hat, soll man Blattranken und ähnliche [Verzierungen] ausarbeiten; dann soll man wie zuvor das vorzügliche Sarvatobhadra-Mandala anlegen.
Anmerkung: Die Bedeutung von gharṣayet bei den Blattranken ist unsicher; „ausarbeiten“ folgt der von Bang besprochenen dekorativen Funktion.

9.31
aṣṭamyāṃ vātha bhūtākhyā paurṇamāsyātha saptamī |
daśamī navamī vātha tṛtīyā dvādaśī priye ||
Am achten [Mondtag], am „Bhuta“ genannten [Tag], am Vollmondtag oder am siebten, zehnten, neunten, dritten oder zwölften, Geliebte –
Anmerkung: Bhūtākhyā ist eine traditionelle Tageschiffre; ihre Auflösung wird hier nicht stillschweigend ergänzt. Die Aufzählung wird nicht nach Bangs abweichender englischer Satzverknüpfung vereinheitlicht.

9.32
kṛṣṇapakṣe ’thavā śukle kārayenmaṇḍalaṃ śubhaṃ |
grīṣme vātha vasante vā śiśire śarade ’thavā ||
– in der dunklen oder hellen Monatshälfte soll man das günstige Mandala anlegen: im Sommer, Frühling, Winter oder Herbst.

9.33
upasannā mahāvīrā bhaktiyuktā: śucivratāḥ |
parīkṣā teṣu kartavyā yathā śāstre pracoditā ||
Die herangetretenen großen Helden, von Hingabe erfüllt und rein in ihren Gelübden, soll man prüfen, wie es die Schrift vorschreibt.
Anmerkung: Die Kasusformen sind unregelmäßig. Die Übersetzung versteht mahāvīrā als Bezeichnung der Bewerber; Bang diskutiert eine andere syntaktische Auflösung mit der Verehrung von Mahāvīras.

9.34
śūdro dvādaśabhirvarṣairvaiśyo navabhireva ca |
kṣatriyaḥ ṣaṭsu varṣāṇi brāhmaṇaṃ tu tadardhataḥ ||
Einen Shudra [prüfe man] zwölf Jahre, einen Vaishya neun, einen Kshatriya sechs Jahre, einen Brahmanen halb so lange [also drei Jahre].
Anmerkung: Historische, nach sozialer Herkunft gestaffelte Zulassungsregel.

9.35
adhamaścottame karme uttamo ’dhamakarmaṇi |
evaṃ nānāprakāraistu parīkṣeta prayatnataḥ ||
Den Niedrigeren [prüfe man] bei höherer Arbeit, den Höheren bei niedriger Arbeit. So soll man sie sorgfältig auf verschiedene Weise prüfen.
Anmerkung: Adhama und uttama können Rang oder Eignung bezeichnen; der Vers lässt die genaue Art der Aufgaben offen.

9.36
parīkṣārṇavamuttīrṇāste yogyāstu śivādhvare |
teṣāmanugrahaḥ kāryaste ’tra yogyāḥ phalasya tu ||
Wer den Ozean der Prüfung überquert hat, ist für Shivas Opfer geeignet. Diesen soll Gnade gewährt werden; sie sind hier für die Frucht geeignet.

9.37
vilomā varjanīyāstu te na siddhestu bhājanāḥ|
nāyoginīkule jātāḥ sūkṣmaṃ vindanti tatpadam ||
Widerstrebende sind auszuschließen, denn sie eignen sich nicht für die Vollendung. Wer nicht in einem Yogini-Kula geboren ist, findet jene subtile Stätte nicht.
Anmerkung: Nāyoginīkule wird als na a-yoginī-kule mit doppelter Verneinung verstanden: Zugehörigkeit zu einem Yogini-Kula wird vorausgesetzt. Ob rituelle oder leibliche Zugehörigkeit gemeint ist, entscheidet der Vers nicht.

9.38
vilomī muhyate hyevaṃ pramādādyadi labdhavān |
evaṃ jñātvā tu mantrāṃśamupasanno mahāmatiḥ ||
Ein Widerstrebender gerät so in Verwirrung, wenn er [dies] durch Nachlässigkeit erlangt hat. Der Einsichtige, der herangetreten ist, soll dies und den Anteil des Mantras erkennen.
Anmerkung: Mantrāṃśam und upasanno bilden eine schwierige Konstruktion; „Anteil des Mantras“ bleibt eine vorläufige wörtliche Wiedergabe.

9.39
vāstuyāge kṛte syāttā asrayāgamataḥ param|
gaṇayāgaṃ tu tasyānte śriyāyāgaṃ tataḥ punaḥ ||
Wenn das Opfer für den Bauplatz vollzogen ist, [folge] das Waffenopfer; danach das Opfer für die Schar und dann das Opfer für Shri.
Anmerkung: Astra, Gaṇa und Śrī bezeichnen hier Gegenstände beziehungsweise Adressaten aufeinanderfolgender Pūjās.

9.40
adhivāsayet tato devaṃ yathoktaṃ kramayogataḥ |
apare ’hani pūrva tu hutabhuksaṃyatendriyaḥ ||
Dann soll man die vorbereitende Weihe des Gottes nach der angegebenen Reihenfolge vollziehen. Am nächsten Tag zuvor [widme man sich] dem Feuer, mit beherrschten Sinnen –
Anmerkung: Hutabhuk („Opferverzehrer“, Feuer) ist syntaktisch auffällig; die Einordnung als vorbereitende Feuerverehrung bleibt vorläufig.

9.41
rātrau yajanamārabhya sarvasaṃbhārasaṃbhṛtaḥ|
pūjayettatra deveśaṃ sarvātmānaṃ mahādyutim ||
– und beginne nachts die Verehrung, mit allen erforderlichen Dingen ausgestattet. Dort soll man den Herrn der Götter verehren, dessen Selbst alles ist und dessen Glanz groß ist –

9.42
tasyotsaṅgagatāṃ devīṃ parāṃ sarvākṣarāṃ priye |
padmahastāṃ mahākāyāṃ śāntarūpāṃ varapradām ||
– und die Göttin in seinem Schoß, die höchste, die alle Laute umfasst, Geliebte: mit einem Lotos in der Hand, mit großem Leib, von friedlicher Gestalt und Gaben gewährend –

9.43
pibantīṃ madirāṃ divyāṃ prahasantīṃ mahotkaṭāṃ |
vargamātṛgaṇaṃ bāhye yathāpūrva prapūjayet ||
– die göttlichen Wein trinkt, lacht und überaus machtvoll ist. Außen soll man wie zuvor die Schar der Mütter der Lautgruppen verehren.
Anmerkung: Madirā wird als Wein beziehungsweise berauschendes Getränk wiedergegeben, nicht als bloß symbolischer Nektar.

9.44
naivedyaṃ vividhaṃ datvā surāsavena tarpayet |
evaṃ pūjāṃ tataḥ kṛtvā vijñāpetparameśvaram ||
Nachdem man verschiedene Speisegaben dargebracht hat, soll man sie mit berauschenden Getränken sättigen. Nach dieser Verehrung soll man den höchsten Herrn ansprechen:

9.45
acchidro bhava me nātha paśvarthe yatkṛtaṃ mayā |
tatsarvaṃ saphalaṃ deva tava pādaprasādataḥ ||
„Sei mir ohne Fehl, Herr. Was ich für die gebundene Seele getan habe, möge alles fruchtbar sein, Gott, durch die Gnade deiner Füße.“
Anmerkung: Die Wendung „ohne Fehl“ kann auch als Bitte um Fehlerfreiheit des Rituals verstanden werden.

9.46
gatvā cāgnisamīpe tu yathāpūrvaṃ tathātra tu|
garbhādhānādikaṃ karma śivāntaṃ yāvadeva tu ||
Man soll zum Feuer gehen und wie zuvor hier die Handlungen von der Empfängnisbereitung bis zu Shiva [vollziehen] –
Anmerkung: Garbhādhāna ist im Zusammenhang eine rituelle Prägung des Feuers, keine Anweisung zur körperlichen Zeugung.

9.47
kartavyamavicāreṇa āhutī pañcapañcabhiḥ|
śuddhe ’dhve tu tataḥ paścādyajanaṃ pūrvavatkuru ||
– ohne Zögern, mit fünfmal fünf Opfergaben. Ist der Weg gereinigt, vollziehe danach die Verehrung wie zuvor.
Anmerkung: Adhvan bezeichnet den kosmischen Weg beziehungsweise die Gesamtheit seiner Ebenen.

9.48
tarpayenmaṇḍalīśāṃ tu vidyāmantragaṇaṃ priye |
kalaśe tu yathāpyevamadhvānaṃ pūjayettataḥ ||
Man soll die Herrin des Mandalas und die Schar der Vidya-Mantras sättigen, Geliebte. Ebenso soll man dann den [kosmischen] Weg im Krug verehren.
Anmerkung: Maṇḍalīśāṃ ist feminin; diese Form wird nicht stillschweigend zu einem männlichen Herrn geändert.

9.49
sthaṇḍile kalaśe vahnau ātmanasya viśeṣataḥ |
kartavyā tu vipaścidbhiḥ sadṛśā caiva prakriyā ||
Auf dem Opferplatz, im Krug, im Feuer und insbesondere im eigenen Selbst sollen die Kundigen ein entsprechendes Verfahren durchführen.

9.50
abhinnā tu yathāproktā sampādyā cādhvare sthitā |
paścācchiṣyaṃ praveśeta puṣpahastaṃ suyantritam ||
Die im Opfer befindliche [Ordnung] soll ungeteilt verwirklicht werden, wie es gelehrt wurde. Danach soll man den wohlbeherrschten Schüler mit Blumen in der Hand eintreten lassen.
Anmerkung: Der Bezug der femininen Ausdrücke ist aus dem vorherigen Ritualzusammenhang ergänzt.

9.51
devasya paścime bhāge puṣpānmocāpayecchiṣyam |
praṇipatya tato devaṃ gatvā cāgnisamīpataḥ ||
Auf der Westseite des Gottes soll man den Schüler die Blumen niederlegen lassen. Nachdem man sich vor dem Gott verneigt hat, soll man zum Feuer gehen.
Anmerkung: Paścima bedeutet „westlich“; Bangs englisches „right side“ wird nicht übernommen.

9.52
adhvānaṃ manasā dhyātvā śarīre viniveśayet |
tarpaṇaṃ saṃnidhānārthe ādikṣāntasya suvrate ||
Man soll den [kosmischen] Weg im Geist betrachten und in den Körper einsetzen. Zur Herbeiführung der Gegenwart [vollziehe man] eine Sättigung für [die Lautreihe] von a bis kṣa, du mit gutem Gelübde.
Anmerkung: Die Lautnamen a und kṣa sind Laute, keine Satzbestandteile mit eigener Übersetzung.

9.53
caru vai śrapayenmantrī kṣīreṇāmṛtavatsayā |
śyāmākataṇḍulairdevi nīvārairvā priyaṅgubhiḥ ||
Der Mantrakundige soll den Opferbrei mit Milch einer Kuh, deren Kalb lebt, und mit Shyamaka-Körnern, Göttin, mit Wildreis oder Priyangu [kochen] –
Anmerkung: Amṛtavatsā wird wörtlich als Kuh „mit nicht gestorbenem Kalb“ verstanden. Pflanzenbezeichnungen bleiben ohne unsichere botanische Artenfestlegung erhalten.

9.54
ṣaṣṭyā śālyāthavā devi yavagodhūmavrīhibhiḥ |
tāmrasauvarṇarājatyā athavā mṛnmayena vā ||
– mit Sechzigtage-Reis, Göttin, oder mit Gerste, Weizen und Reis, in einem [Gefäß] aus Kupfer, Gold, Silber oder Ton.
Anmerkung: Die Liste verbindet sich mit dem Kochen in 9.53; die Gefäßbeschreibung wird in 9.55 fortgesetzt.

9.55
sudṛḍhā nirvraṇā snigdhā kṣālayenmūlavidyayā |
śivāgnau colmukaṃ gṛhya bahirantaśca dīpayet ||
Das feste, unbeschädigte und glatte [Gefäß] soll man mit der Grund-Vidya reinigen. Man soll ein brennendes Holz aus Shivas Feuer nehmen und es außen und innen erleuchten.
Anmerkung: Die genaue Reichweite von „außen und innen“ bleibt offen: Gefäßreinigung oder äußere und innere rituelle Erleuchtung.

9.56
śrapayettena cāgnau tu kṛtarakṣā prasannavān |
ghṛtadigdhāṃ tataḥ sthālīṃ kṛtvā kṣīrapariplutām ||
Damit soll man im Feuer kochen, nachdem der Schutz vollzogen ist, heiteren Geistes. Den Topf soll man mit geklärter Butter bestreichen und mit Milch füllen –

9.57
sthāpayedvahnimadhye tu yathā suniścalā bhavet |
cālanaṃ mūlamantreṇa ghaṭanaṃ tena kārayet ||
– und so in die Mitte des Feuers setzen, dass er feststeht. Bewegung und Zusammenfügen [beziehungsweise Umrühren] soll man mit dem Grundmantra vollziehen.
Anmerkung: Ghaṭana ist an dieser Stelle nicht eindeutig; Bang versteht die Handlung als Umrühren.

9.58
svinne coṣṇābhighāraṃ tu kartavyaṃ mūlavidyayā |
śīte śītābhighāraṃ tu kartavyamavatāraṇam ||
Wenn [der Brei] gar ist, soll man mit der Grund-Vidya einen warmen Guss [von geklärter Butter] geben. Im abgekühlten Zustand soll man einen kalten Guss geben und [den Topf] herunternehmen.
Anmerkung: Die Ergänzung der geklärten Butter folgt dem Ritualzusammenhang und den von Bang verglichenen Parallelstellen.

9.59
prokṣaṇaṃ kṣālanaṃ caiva mūlamantreṇa kārayet |
saṃpāta hṛdgataṃ kṛtvā caturbhāgaṃ tu kārayet ||
Besprengen und Abwaschen soll man mit dem Grundmantra durchführen. Nachdem man den Rest auf Herzhöhe gebracht hat, soll man vier Teile daraus machen.
Anmerkung: Saṃpāta und hṛdgata sind in dieser knappen Ritualanweisung nicht ganz eindeutig; „Rest auf Herzhöhe“ folgt Bangs Deutung.

9.60
prathamaṃ sthaṇḍile deyaṃ dvitīyaṃ kalaśasya tu |
tṛtīyaṃ balivahnibhyāṃ caturthamātmanasya tu ||
Den ersten Teil gebe man auf den Opferplatz, den zweiten dem Krug, den dritten für die Bali-Gabe und das Feuer, den vierten für sich selbst.

9.61
naivedyaṃ tu tribhiḥ sthānairbaliṃ dadyāttu bāhyataḥ |
bālānāṃ mātarāṇāṃ tu kṣetrabhūtaprapālakām ||
An drei Orten [bringe man] die Speisegabe dar; die Bali-Gabe gebe man außen den Kindern, den Müttern und den Hütern des Ortes und der Wesen.
Anmerkung: Bālānāṃ heißt im Druck „der Kinder“; eine Ersetzung durch „Götter“ wie in Bangs englischer Fassung wird nicht vorgenommen. Die letzte Empfängerbezeichnung ist grammatisch unregelmäßig.

9.62
evaṃ saṃtarpayitvā tu paścādācamya yatnataḥ |
praṇipatya tato devaṃ visarjyārcā susamāhitaḥ ||
Nachdem man sie so gesättigt hat, soll man sorgfältig den Mund spülen. Dann soll man sich vor dem Gott verneigen und, gut gesammelt, die Verehrung abschließen.
Anmerkung: Visarjyārcā ist eine auffällige Zusammenziehung; die Verabschiedung der verehrten Gegenwart ist aus dem Ritualkontext erschlossen.

9.63
sādhakaiḥ putrakaiḥ sārdhamupasannaistathā priye |
pañcagavyaṃ tataḥ pītvā yathānukramayogataḥ ||
Zusammen mit den Sadhakas, den Putrakas und den Herangetretenen, Geliebte, soll man sodann der Reihenfolge nach die fünf Kuhprodukte trinken –
Anmerkung: Putraka ist ein Initiationsrang („Sohn“). Die historische Vorschrift zu pañcagavya ist keine heutige Ernährungsempfehlung.

9.64
caruṃ prāśya vidhānena ācamya susamāhitaḥ |
dantakāṣṭhaṃ tato datvā sakṣīraṃ granthivarjitam ||
– den Opferbrei vorschriftsgemäß verzehren und gesammelt den Mund spülen. Dann soll man ein milchsaftreiches, knotenfreies Zahnputzhölzchen geben.

9.65
tālaṃ ekāyataṃ kārya ṛju snigdhaṃ samaṃ śubhaṃ |
kanīyasīparīṇāhamaudumbaryaṃ varānane ||
Es soll einen Tala lang, gerade, glatt, gleichmäßig und schön sein, vom Umfang des kleinen Fingers und aus Udumbara-Holz, Schönangesichtige.
Anmerkung: Tāla ist hier ein traditionelles Längenmaß; eine genaue moderne Umrechnung wäre ohne weitere Festlegung unsicher.

9.66
athavānye’pi ye proktāḥ kṣīrāḍhyāḥ puṣpasaṃyutāḥ |
patanaṃ tasya lakṣeta śobhanaṃ vāpyaśobhanam ||
Oder [man nehme] andere als milchsaftreich bezeichnete [Hölzer], mit Blüten versehen. Man soll beobachten, ob sein Fall günstig oder ungünstig ist.
Anmerkung: Dies ist historische Zeichendeutung anhand des fallenden Zahnputzhölzchens.

9.67
yanmukhaṃ patanaṃ śreṣṭhaṃ pūrva-uttarayāsu ca |
viloma-itarā proktā lakṣayate prayatnavān ||
Ein Fall mit der Spitze nach Osten oder Norden ist der beste. Andere [Richtungen] werden als entgegengesetzt bezeichnet; der Sorgfältige soll darauf achten.
Anmerkung: Die Bindestriche im Sanskritdruck markieren auffällige Verbindungen und bleiben erhalten.

9.68
[svapnanivedanaṃ]
śubhaiḥ siddhimavāpnoti aśubhaistu viparyayaḥ |
svapeta rajanīṃ mantrī sakhāyaiḥ sahitaṃ priye ||
[Bericht über Träume:] Durch günstige [Zeichen] erlangt man Vollendung, durch ungünstige das Gegenteil. Der Mantrakundige soll die Nacht mit seinen Gefährtinnen verbringen und schlafen, Geliebte.
Anmerkung: Sakhāyaiḥ wird mit Bang als Begleitung durch weibliche Gefährtinnen verstanden; die Flexion ist ungewöhnlich. Die Zwischenüberschrift ist editorisch.

9.69
pratyūṣe vimale gatvā saṃdhyopāsanapūrvakam |
devān pitṛnnamaskṛtya āgacchedgurusaṃnidhau ||
Bei klarem Tagesanbruch soll er fortgehen, zuvor die Verehrung zur Tageswende verrichten, sich vor Göttern und Ahnen verneigen und zum Guru kommen.

9.70
svapnaṃ nivedayedevi śubhaṃ vā yadi vāśubham |
śubhaiḥ siddhi samādeśya-m-aśubhairhomamācaret ||
Er soll seinen Traum berichten, Göttin, ob günstig oder ungünstig. Bei günstigen [Träumen] soll man Vollendung ankündigen; bei ungünstigen soll man ein Feueropfer vollziehen.
Anmerkung: Das eingeschobene -m- ist im Druck sichtbar und wird nicht zu einem Mantra erklärt. Die Unterscheidung günstiger und ungünstiger Träume bleibt ausdrücklich erhalten.

9.71
evaṃ kṛtvā bhavecchāntirvighnopaśamanaṃ bhavet |
kāryādau lakṣayetsvapne kāryānte ca śubhāśubham ||
So soll Befriedung eintreten, eine Beschwichtigung der Hindernisse. Zu Beginn und am Ende des Vorhabens soll man im Traum auf Günstiges und Ungünstiges achten.
Anmerkung: Die Wirkungsbehauptung gehört zur historischen Divination des Tantrasadbhava.

9.72
[śubhāśubhāḥ svapnāḥ]
śubhāṃ svapnāṃ pravakṣyāmi aśubhāni varānane |
svapne ca madirāpānaṃ matsyamāṃsaprabhakṣaṇam ||
[Günstige und ungünstige Träume:] Ich werde die günstigen und die ungünstigen Träume erklären, Schönangesichtige: im Traum Wein zu trinken und Fisch und Fleisch zu essen –
Anmerkung: Die Liste günstiger Traumbilder beginnt hier. Die Sanskrit-Zwischenüberschrift ist editorisch.

9.73
kṛmiviṣṭhānulepaṃ ca rudhireṇābhiṣecanam |
bhakṣaṇaṃ dadhibhaktasya śvetavastrānulepanam ||
– sich mit Würmern und Kot zu bestreichen und mit Blut zu begießen, saure Milch mit gekochtem Reis zu essen und sich mit weißem Stoff zu bedecken –
Anmerkung: Es werden Trauminhalte beschrieben, keine auszuführenden Handlungen.

9.74
śvetātapatramūrdhnisthaṃ śvetasragdāmabhūṣaṇam |
siṃhāsanaṃ rathaṃ yānaṃ dhvajaṃ rājābhiṣecanam ||
– einen weißen Schirm über dem Kopf und weißen Blumengirlandenschmuck [zu tragen], einen Löwenthron, einen Wagen, ein Fahrzeug, eine Fahne und eine Königsweihe [zu sehen] –

9.75
ratnāṅgābharaṇāṃ dīptāṃ tāmbūlaphalameva ca |
darśanaṃ śrīsarasvatyāṃ śubhanāryavigūhanam ||
– leuchtenden Edelsteinschmuck und Betelfrüchte [zu sehen], Shri-Sarasvati zu erblicken und eine schöne Frau zu umarmen –
Anmerkung: Śubhanārya wird als schöne beziehungsweise glückverheißende Frau aufgefasst; Bangs „noble man“ weicht davon ab. Die grammatische Form ist unregelmäßig.

9.76
narendrariṣidevaiśca siddhavidyādharairgaṇaiḥ|
ācāryai saha saṃvādaṃ kṛtvā svapne prasidhyati ||
– oder sich im Traum mit Königen, Sehern, Göttern, Siddhas, Vidyadharas, Scharen und Lehrern zu unterhalten: [Wer dies träumt,] erlangt Vollendung.
Anmerkung: Die behauptete Bedeutung der Träume wird dem historischen Text zugeordnet.

9.77
nadīsamudrataraṇamākāśagamanaṃ tathā |
mṛtaṃ ca rodanaṃ caiva prajvalantaṃ hutāśanam ||
Flüsse und Meere zu überqueren, sich durch den Himmel zu bewegen, einen Toten, Weinen und loderndes Feuer [zu sehen] –

9.78
grahanakṣatratārāṇāṃ candrasūryasya darśanam |
harmyamārohaṇaṃ caiva prāsādaśikhare’pi vā ||
– Planeten, Mondhäuser, Sterne, Mond und Sonne zu erblicken, auf ein Herrenhaus oder auf die Spitze eines Palastes zu steigen –
Anmerkung: Graha kann je nach Kontext Planet oder Himmelsgreifer bedeuten; hier wird die astronomische Bedeutung verwendet.

9.79
gajāśvavṛṣayāneṣu taruśailāgrarohaṇam |
vimānagamanaṃ caiva siddhamanuṣyadarśanam ||
– auf Elefanten, Pferden oder Stieren zu reiten, auf Baumwipfel und Berggipfel zu steigen, sich in einem Himmelsfahrzeug zu bewegen und Siddhas und Menschen zu sehen –
Anmerkung: Siddhamanuṣya kann auch als „vollendete Menschen“ zusammengesetzt verstanden werden.

9.80
lābha siddhacaraiścaiva devīnāṃ caiva darśanam |
guḍikā daṇḍakāṣṭhaṃ ca khaḍgapādukarocanā ||
– durch Siddha-Wanderer etwas zu erlangen und Göttinnen zu sehen; [ferner] Zauberpillen, einen Holzstab, ein Schwert, Sandalen und gelben Farbstoff –
Anmerkung: Siddhacara ist auch nach Bang nicht sicher als Personengruppe bestimmt. Die Gegenstandsliste setzt sich in 9.81–82 fort.

9.81
upavītāñjanaṃ caiva amṛtaṃ pāradauṣadhī |
śaktiḥ kamaṇḍaluḥ padmamakṣamālā manaḥśilā ||
– eine heilige Schnur, Augensalbe, Nektar, Quecksilber und Heilkräuter, einen Speer, einen Wasserkrug, einen Lotos, eine Gebetskette und Realgar –
Anmerkung: Die Stoffe gehören zur historischen Liste geträumter Siddhi-Mittel. Ihre Nennung ist keine Aussage heutiger medizinischer Wirksamkeit.

9.82
prajvālantsiddhadravyāṇi gairikāntāni yāni ca|
dṛṣṭyā siddhyati svapnānte bhūlābhaṃ bheṣajaṃ ca yat ||
– und die leuchtenden Vollendungsmittel bis hin zu rotem Ocker: Wer sie sieht, erlangt Vollendung; am Ende des Traums [stehen] Landgewinn und Heilmittel, was immer [davon erscheint].
Anmerkung: Der Satzbau von dṛṣṭyā und bhūlābhaṃ bheṣajaṃ bleibt unsicher. Die Übersetzung hält beide zuletzt genannten Gegenstände auseinander.

9.83
kṣatajārṇavasaṃgrāme taraṇaṃ vijayaṃ raṇe |
jvalatpituvane ramye vīravīreśibhirvṛte ||
Einen Ozean von Blut im Kampf zu durchqueren und in der Schlacht zu siegen; auf einem schönen, lodernden Leichenplatz, umgeben von Helden und Heldinnen –
Anmerkung: Pitṛvana ist hier der Verbrennungs- beziehungsweise Leichenplatz. Die Aussage setzt sich in 9.84 fort.

9.84
vīravetālasiddhiśca mahāmāṃsasya vikrayam |
mahāpaśovibhāgaṃ ca labdhvā devībhirādarāt ||
– Vollendung durch Helden und Vetalas [zu erlangen], Menschenfleisch zu verkaufen und von Göttinnen ehrenvoll einen Anteil des großen Opfers [zu erhalten] –
Anmerkung: Mahāmāṃsa und mahāpaśu werden im tantrischen Kontext von Bang auf menschliches Fleisch beziehungsweise ein Menschenopfer bezogen. Auch dies ist Teil der Traumbeschreibung.

9.85
ātmanaḥ pūjayaṃdevaṃ japaṃ dhyāyaṃ stavamapi |
juhvāntaṃcānale dīpte pūjitaṃ vā prapaśyati ||
– sich selbst den Gott verehren, rezitieren, meditieren und preisen zu sehen, im lodernden Feuer opfern zu sehen oder sich verehrt zu sehen –
Anmerkung: Die unregelmäßigen Formen lassen die Zuordnung des Subjekts teilweise offen; die Übersetzung fasst die Handlungen als Traumbilder des Träumenden auf.

9.86
haṃsasārasacakrāhvamayūraśavarohaṇam |
mātṛbhi bhairavairyairmantrarudragaṇaiḥ saha ||
– auf Gänsen, Kranichen, Chakravaka-Vögeln, Pfauen oder Leichen zu reiten und mit Müttern, Bhairavas, Mantras und Rudra-Scharen zusammen zu sein –
Anmerkung: Die Stelle bhairavair yair ist grammatisch auffällig. Acht Mütter oder acht Bhairavas werden hier nicht ausdrücklich gezählt; die Zahl wird deshalb nicht aus Bangs englischer Fassung ergänzt.

9.87
bhairavī bhairavaṃ dṛṣṭvā siddhyate nātra saṃśayaḥ |
śubhāḥ svapnāḥ samākhyātā aśubhāśca nibodha me ||
– Bhairavi und Bhairava zu sehen: [So] erlangt man zweifellos Vollendung. Die günstigen Träume sind erklärt; höre nun von mir die ungünstigen.
Anmerkung: Die Kasus von bhairavī sind unregelmäßig; die Deutung als zwei gesehene Gottheiten ist vorläufig.

9.88
tailābhyaṅgaṃ tathā pānaṃ viśanaṃ ca rasātale |
andhakūpe ca patanamatha paṅke nimajjanam ||
Sich mit Öl einzureiben oder es zu trinken, in die Unterwelt einzutreten, in einen dunklen Brunnen zu fallen und im Schlamm zu versinken –
Anmerkung: Andhakūpa kann auch ein Eigenname einer Höllenregion sein; die wörtliche Bedeutung „dunkler Brunnen“ bleibt als Alternative sichtbar.

9.89
ṛkṣavānarayāneṣu patanaṃ vṛkṣaparvatāt |
kṛntanaṃ nāsikākarṇamathavāhastapādayoḥ ||
– auf Bären oder Affen zu reiten, von Bäumen oder Bergen zu stürzen, Nase und Ohren oder Hände und Füße abgeschnitten zu bekommen –

9.90
patanaṃ dantakeśānāṃ ṛkṣavānara darśanam |
darśanaṃ krūrasattvānāṃ vetālāsitapuṃsayoḥ ||
– Zähne und Haare zu verlieren, Bären und Affen zu sehen, grausame Wesen, Vetalas und einen schwarzen Mann zu erblicken –
Anmerkung: Vetālāsitapuṃsayoḥ wird als gedrängte Zusammenstellung von Vetāla und asita-puṃs verstanden; Bang deutet die Verbindung anders. Die Lesung bleibt erhalten.

9.91
kṛṣṇāṃ kucailamalināṃ kṛṣṇamālyāmbarāvṛtām |
raktākṣīṃ ca striyāṃ svapne puruṣo vāvagūhate ||
– oder wenn ein Mann im Traum eine dunkle, in schlechte, schmutzige Kleidung gehüllte Frau mit schwarzen Girlanden und Gewändern sowie roten Augen umarmt –
Anmerkung: Der Text verwendet historische Unheilsbilder; die Beschreibung ist kein heutiges Werturteil über Hautfarbe, Frauen oder Kleidung.

9.92
mriyate nātra saṃdeho yadi śāntiṃ na kārayet |
gṛhaprāsādabhedaṃ ca śayyāyāsanaṃ cchatrayoḥ ||
– dann stirbt er ohne Zweifel, sofern er keine Befriedung ausführen lässt. [Ungünstig sind auch] das Zerbrechen von Häusern und Palästen, Betten, Sitzen und Schirmen –
Anmerkung: Die Todesprognose ist eine Aussage der historischen Traumdeutung. Die Bedingung „wenn er keine Befriedung ausführen lässt“ wird nach dem Sanskrit erhalten.

9.93
ātmano ’bhibhavaṃ paśyedātmadravyāpahāraṇam |
kharoṣṭraśvāsṛgālānāṃ kaṅkagṛdhrabakeṣu ca ||
– die eigene Niederlage und den Raub des eigenen Besitzes zu sehen; auf Eseln, Kamelen, Hunden, Schakalen, Reihern, Geiern und Kranichen –
Anmerkung: Die Reittierliste wird in 9.94 fortgesetzt; einzelne Vogelnamen sind zoologisch nicht eindeutig festgelegt.

9.94
vāyasolūkamahiṣe rohaṇaṃ ca punarbhavam |
bhakṣaṇaṃ pakvamāṃsasya raktamālyānulepanam ||
– Krähen, Eulen oder Büffeln zu reiten und erneut geboren zu werden; gekochtes Fleisch zu essen und rote Girlanden und Salben zu tragen –
Anmerkung: Punarbhava kann eine Wiedergeburt in diesen Tierformen meinen; diese Einschränkung steht nicht ausdrücklich im Vers.

9.95
raktakṛṣṇāni vastrāṇi kṛtātmānaṃ ca paśyati |
hasanaṃ valganaṃ svapne mlānasragdāmadhāraṇam ||
– sich in roten und schwarzen Gewändern zu sehen, im Traum zu lachen oder zu springen und eine verwelkte Blumengirlande zu tragen –

9.96
svamāṃsotkṛtyanodbandhaṃ kṛṣṇasarpeṇa bhakṣaṇam |
udvāhaṃ ca tathā svapne dṛṣṭvā hyevaṃ na siddhati ||
– das Ausschneiden des eigenen Fleisches, Erhängen, von einer schwarzen Schlange gefressen zu werden sowie eine Hochzeit im Traum zu sehen: Auf diese Weise erlangt man keine Vollendung.
Anmerkung: Kṛṣṇasarpeṇa bhakṣaṇam wird als Gefressenwerden durch eine schwarze Schlange verstanden, nicht als Essen der Schlange wie in Bangs englischer Fassung. Die zuvor genannten Handlungen bleiben Traumbilder.

9.97
aśubhā hyevaṃ samākhyātā vijñeyā deśikena tu |
śubhāni tvanumodyāni aśubhe śata homayet ||
So sind die ungünstigen [Träume] erklärt; der Lehrer soll sie erkennen. Günstige sind zu begrüßen; bei einem ungünstigen soll er hundert Opfergaben darbringen –

9.98
aṣṭotkṛṣṭamaghoreṇa prāyaścittādvimucyate |
[maṇḍalakalpanaṃ]
śuṣkagorvarikāṃ datvā tuvārāṃ saṃyatendriyaḥ ||
– um acht vermehrt, mit dem Aghora[-Mantra]; durch diese Sühne wird man frei. [Anfertigung des Mandalas:] Mit beherrschten Sinnen soll man trockenen Kuhdung dreimal auftragen –
Anmerkung: „Durch die Sühne“ ist eine sinngemäße Auflösung des auffälligen Ablativs prāyaścittāt. Tuvārām wird mit Bang als „dreimal“ verstanden; die Form ist unsicher. Die Zwischenüberschrift ist editorisch.

9.99
unmatta patravallyādyairgharṣayettāṃ prayatnataḥ |
karaṇīṃ travṛtāṃ gṛhya karpāsikasamudbhavām ||
– und die unebene [Fläche] mit Blattranken und Ähnlichem sorgfältig glätten. Man soll eine dreifach gedrehte Zeichenschnur aus Baumwolle nehmen –
Anmerkung: Unmatta und patravallyādyaiḥ bilden eine schwierige Wendung; „unebene Fläche“ folgt Bangs Deutung. Travṛtām wird ohne Änderung des Sanskrit als dreifach aufgefasst.

9.100
khaṭikāṃ nāgarāṃ śuklāmānayedyatnataḥ śucim |
brahmasthānagataṃ sūtraṃ sphālayetpūrvato diśi ||
– und sorgfältig reine, weiße Nagara-Kreide herbeiholen. Die durch den Brahma-Ort [die Mitte] laufende Schnur soll man in östlicher Richtung spannen.
Anmerkung: Nāgara kann eine Material- oder Herkunftsbezeichnung sein; eine Herstellung aus Ingwerpulver wird nicht als gesichert ausgegeben.

9.101
citrāsvātyantare prācīmaparāṃ ca iheṣyate |
uttarāmīnayogena yāmye caivāpyayaṃ vidhiḥ ||
Zwischen Chitra und Svati bestimmt man hier Osten und die Gegenrichtung [Westen]. Mit der Verbindung von Uttara und Mina [bestimmt man] Norden; für Süden gilt dasselbe Verfahren.
Anmerkung: Die Bezeichnungen dienen der astronomischen Richtungsbestimmung. Ihre genaue praktische Anwendung wird im Text nicht vollständig erläutert.

9.102
caturbhāgaṃ tataḥ kṛtvā pūrvasūtrasamāśritam |
caturthaṃ yadbhavedbhāgaṃ tena matsyadyaṃ priye ||
Dann soll man, von der östlichen Schnur ausgehend, vier Teile bilden. Mit dem Maß des vierten Teils [zeichne man] zwei Fischfiguren, Geliebte.
Anmerkung: Matsyadvaya bezeichnet hier die geometrischen Überschneidungsfiguren zur Richtungsbestimmung.

9.103
sādhayeddiggate sūtre pūrvapaścimayāsu ca |
dakṣiṇottaramevaṃ syātpaścātkoṇāṃstu sādhayet ||
Man soll die in den Richtungen liegenden Schnüre für Osten und Westen bestimmen; ebenso für Süden und Norden. Danach soll man die Ecken bestimmen –

9.104
īśānyāgneyanairṛtyāṃ vāyavyāstu yathākramaṃ |
evaṃ tu sādhite kṣetre sādhayeccaturaśrakam ||
– Nordosten, Südosten, Südwesten und Nordwesten in dieser Reihenfolge. Auf der so bestimmten Fläche soll man ein Viereck herstellen.

9.105
caturaśrīkṛte kṣetre paścātpadmaṃ prakalpayet |
caturviṃśāṅgulāyāmamālikhet padmamuttamam ||
Ist die Fläche quadratisch gemacht, soll man danach den Lotos entwerfen. Man soll einen vorzüglichen Lotos von vierundzwanzig Angula Ausdehnung zeichnen.
Anmerkung: Angula ist ein traditionelles Fingerbreitenmaß.

9.106
aṣṭapatraṃ samaṃ kāryaṃ karṇikākeśarolbaṇam |
prathame karṇikābhāgaṃ dvitīye keśarāṇi ca ||
Er soll gleichmäßig achtblättrig sein, mit hervortretender Samenkapsel und Staubfäden. Im ersten [Kreis] liegt der Teil der Samenkapsel, im zweiten die Staubfäden –
Anmerkung: Die Ergänzung „Kreis“ erläutert die konzentrische Zeichnung; sie ist kein zusätzlich überliefertes Wort.

9.107
tṛtīye dalasaṃdhīni dalāgrāṇi caturthake |
prativāraṇarekhāṃ tu dadyātpadmasya bāhyataḥ ||
– im dritten die Blattansätze und im vierten die Blattspitzen. Außen um den Lotos soll man eine abgrenzende Linie anlegen.

9.108
gātrakā bāhyataḥ kāryāścaturaṅgulamānataḥ |
tasyāpi bāhyato vīthī hastamātrapramāṇataḥ ||
Außen soll man die Gatraka-Rahmenteile von vier Angula Breite anlegen; noch weiter außen einen Umgang von einem Hasta Breite.
Anmerkung: Gātraka ist eine bauliche beziehungsweise zeichnerische Rahmenbezeichnung des Mandalas; „Rahmenteile“ ist eine funktionale Übersetzung.

9.109
padmamānāḥ smṛtā dvārāstadardhenāthavā priye |
evaṃ vai sūtrayitvā tu rajāṃsi vinipātayet ||
Die Tore sollen so groß wie der Lotos oder halb so groß sein, Geliebte. Nachdem man alles so mit Schnüren angelegt hat, soll man die Farbpulver auftragen.

9.110
raktaṃ pītaṃ tathā śuklaṃ rajastrayamudāhṛtam |
samā rekhāḥ prapātavyā avicchinnāḥ suśobhanāḥ ||
Rot, Gelb und Weiß werden als die drei Farbpulver genannt. Die Linien sollen gleichmäßig, ununterbrochen und schön gezogen werden.

9.111
rekhāṇāmantaraṃ pūrvaṃ yavamātraṃ tu kārayet |
karṇikā pītikā kāryā puṣkarā raktavarṇakāḥ ||
Zuerst soll man zwischen den Linien einen Abstand von einer Gerstenkornbreite lassen. Die Samenkapsel soll gelb, ihre Samenstellen rot sein.
Anmerkung: Puṣkara wird hier nach der von Bang herangezogenen Mandala-Erklärung auf die Samenstellen bezogen.

9.112
keśarā raktapītāḍhyāḥ śuklā caiva tu kārayet |
dalāḥ śuklāḥ samākhyātāḥ sarvataḥ paritā ume ||
Die Staubfäden soll man mit Rot und Gelb und auch mit Weiß gestalten. Die ringsum liegenden Blätter werden als weiß bezeichnet, Uma.
Anmerkung: Die Farbverteilung auf einzelne Abschnitte der Staubfäden wird im Vers nicht näher festgelegt.

9.113
dalāntarāṇi sarvāṇi raktapītāni kārayet |
bhrāmaṇī pītikā kāryā gātrakā raktapītakāḥ ||
Alle Zwischenräume der Blätter soll man rot und gelb machen. Der umlaufende Rand soll gelb, die Rahmenteile rot und gelb sein.

9.114
yathā śobhā tu kartavyā maṇḍale sarvatobhadrake |
patravallī tathā śaṅkhā latā svastikameva ca ||
So soll die Ausschmückung des Sarvatobhadraka-Mandalas erfolgen: Blattranken, Muscheln, Ranken und Svastika-Zeichen –
Anmerkung: Svastika bezeichnet hier ein historisches indisches Glückszeichen im Mandala.

9.115
upaśobhāstu sarvatra kārayedvarṇakaiḥ śubhaiḥ |
aparāhṇe tato mantrī snāta-m-uddhūlya-m-eva vā ||
– und überall weitere Verzierungen mit schönen Farben. Danach soll der Mantrakundige am Nachmittag baden oder sich [mit Asche] bestäuben –
Anmerkung: Die Ergänzung der Asche folgt dem rituellen Gebrauch von uddhūlana. Die beiden eingeschobenen -m- bleiben als Textbesonderheit stehen; sie sind keine Keimsilben.

9.116
sitavastradharo yogī sitamālyānulepitaḥ|
praviśya yāgabhūmiṃ tu puṣpahasta suyantritaḥ ||
– weiße Gewänder tragen, mit weißen Girlanden und Salben geschmückt sein. Der Yogi soll mit Blumen in der Hand, gut beherrscht, den Opferplatz betreten –

9.117
pūjayeta tato devaṃ vyomavyāpi parāparam |
sarvavarṇadharaṃ śāntaṃ navavargopalakṣitam ||
– und den Gott verehren, der den Raum durchdringt, höchst und nichthöchst ist, alle Laute trägt, friedlich und durch neun Lautgruppen gekennzeichnet ist –
Anmerkung: Parāpara wird hier als Doppelbestimmung wiedergegeben, nicht ohne Kennzeichnung als bloßer Eigenname.

9.118
padmahastaṃ samakuṭaṃ candrārdhakṛtaśekharam |
evaṃ saṃpūjya yatnena arghyapādyādikaiḥ kramāt ||
– mit einem Lotos in der Hand, mit einer Krone und dem Halbmond als Kopfschmuck. Nachdem man ihn sorgfältig der Reihe nach mit Ehrenwasser, Fußwasser und Weiterem verehrt hat –

9.119
bhogasthāne tu vargākhyāḥ pūjayedyatnataḥ priye |
gandhapuṣpaiḥ sanaivedyairbhakṣairnānāvidhaiḥ śubhaiḥ ||
– soll man am Ort des Genusses die als Lautgruppen bezeichneten [Göttinnen] sorgfältig verehren, Geliebte: mit Duftstoffen, Blumen, Speisegaben und verschiedenen guten Speisen –
Anmerkung: Die Ergänzung der Göttinnen folgt der vorherigen Erklärung der Lautmütter; bhogasthāna kann den Körper beziehungsweise dessen Mandala-Entsprechung meinen.

9.120
pānaiśca vividhākārairmāṃsaiḥ pakṣiṇapāśavaiḥ|
evaṃ sampūjayitvā tu sthaṇḍile kalaśe tathā ||
– mit verschiedenartigen Getränken sowie mit Fleisch von Vögeln und anderen Tieren. Nachdem man sie so auf dem Opferplatz und im Krug verehrt hat –
Anmerkung: Die Speisevorschriften werden als historische Ritualbeschreibung wiedergegeben.

9.121
kuṇḍe cātmaśarīre ca pūjayetparameśvaram |
praṇipatya tato bhaktyā śiṣyamāhūya yatnataḥ ||
– soll man den höchsten Herrn auch in der Feuergrube und im eigenen Körper verehren. Dann soll man sich hingebungsvoll verneigen und den Schüler sorgfältig herbeirufen.

9.122
adhvānaṃ kalpayettasya śivādyavaniyāvadhim |
pūjayedgandhapuṣpaistu netrabandhaṃ tu kārayet ||
Für ihn soll man den [kosmischen] Weg von Shiva bis zur Erde vergegenwärtigen, ihn mit Duftstoffen und Blumen verehren und die Augenbinde anlegen.

9.123
dugūlapaṭṭavastreṇa kārpāsena navena vā |
sadaśena tu śuklena netrabandhaṃ tu kārayet ||
Mit einem feinen Seidentuch, einem gewebten Tuch oder einem neuen Baumwolltuch, weiß und mit Fransen versehen, soll man die Augen verbinden.
Anmerkung: Dugūla und paṭṭa bezeichnen feine Gewebe; eine exakte moderne Stoffbestimmung bleibt offen.

9.124
pāṇau puṣpāntato datvā praveśedyāgamaṇḍale |
devasya dakṣiṇe bhāge puṣpaṃ mocāpayetpriye ||
Dann soll man ihm Blumen in die Hand geben und ihn in das Opfermandala eintreten lassen. Auf der Südseite des Gottes soll man ihn die Blumen fallen lassen, Geliebte.
Anmerkung: Dakṣiṇa kann Süden oder rechts bedeuten; die Richtungsübersetzung bleibt hier ausdrücklich, im Unterschied zur Westseite in 9.51.

9.125
yasya mantrasya puṣpāṇi dṛśyante patitāni tu |
tasya tatpūrvakaṃ nāma śaktayāntaṃ parikalpayet ||
Bei welchem Mantra man die niedergefallenen Blumen sieht, mit dessen [Namen] beginnend und auf „Shakti“ endend soll man seinen Namen bilden.
Anmerkung: Die Übersetzung erhält die rituelle Namensbildung. Śakti bedeutet Kraft beziehungsweise göttliche Macht.

9.126
sa mantrastasya dātavyo dattaścaiva tu siddhayati |
netrodghāṭaṃ tataḥ kṛtvā praṇipātya subhaktitaḥ ||
Dieses Mantra soll ihm gegeben werden; wenn es gegeben ist, führt es zur Vollendung. Danach soll man die Augenbinde abnehmen und ihn mit großer Hingabe sich verneigen lassen.
Anmerkung: Die Wirkungszuschreibung steht im Quellentext; ein heutiges Erfolgsversprechen wird daraus nicht abgeleitet.

9.127
kalaśe tu tato hyevaṃ namaskāraṃ tataḥ priye |
nītvā cāgnisamīpe tu dakṣiṇāsyāṃ vyavasthitaḥ ||
Dann [vollziehe er] ebenso die Verneigung vor dem Krug, Geliebte. Man soll ihn zum Feuer führen und nach Süden gewandt aufstellen.
Anmerkung: Dakṣiṇāsyāṃ ist grammatisch auffällig; „nach Süden gewandt“ ist eine mögliche Auflösung, während Bang eine Position rechts vom Feuer annimmt.

9.128
darbhahastaṃ tataḥ kṛtvāvicchinnāgraṃ suśobhanam |
ālabhenmantrakośena pūjayeta tato guruḥ ||
Man soll ihm schönes Darbha-Gras mit unversehrten Spitzen in die Hand geben. Der Guru soll ihn mit dem Mantra-Kosha berühren und dann verehren.
Anmerkung: Mantrakośa ist eine im Text vorausgesetzte rituelle Mantra-Anordnung; eine im Vers nicht ausgeführte Gestalt wird nicht ergänzt.

9.129
adhvānaṃ manasā dhyātvā ācāryastattvapāragaḥ |
saṃhārakramayogena paśūnāṃ tu yathecchayā ||
Der Lehrer, der die Tattvas durchdrungen hat, soll den [kosmischen] Weg im Geist betrachten, mittels der Reihenfolge der Rücknahme, entsprechend dem Wunsch der gebundenen Seelen.

9.130
bhuktyarthe sṛṣṭimārgeṇa saṃhāro muktimicchatām |
evaṃ cittagatiṃ jñātvā upasthānaṃ tu kārayet ||
Für Genuss [verfahre man] auf dem Weg der Hervorbringung; Rücknahme gilt denen, die Befreiung wünschen. Nachdem man so die Ausrichtung des Geistes erkannt hat, soll man das Heranführen vollziehen.
Anmerkung: Upasthāna ist eine rituelle Vergegenwärtigung beziehungsweise ein Heranführen; die genaue Einzelhandlung wird hier vorausgesetzt.

9.131
ādikṣāntastu sṛṣṭiḥ syātsaṃhāraḥ kṣādikalpane |
kṣakāraṃ pūrvato nyasya akāraṃ yāvadeva hi ||
Die Hervorbringung geht von a bis kṣa; die Rücknahme besteht in der Anordnung beginnend mit kṣa. Man soll also zuerst kṣa einsetzen und so bis a fortfahren.
Anmerkung: Die Lautnamen sind erhalten; die beiden gegenläufigen Reihenfolgen werden nicht vereinheitlicht.

9.132
saṃdhānaṃ kuṇḍamadhye tu kārayettattvavitsadā |
nāḍīsaṃdhānapūrvā tu tattvasaṃdhānamantarāt ||
Der Tattva-Kundige soll stets die Verbindung in der Mitte der Feuergrube herstellen. Voraus geht die Verbindung mit dem Nadi, danach die Verbindung mit den Tattvas.
Anmerkung: Der Bezug der Verbindung auf die Seele wird durch den Initiationszusammenhang erschlossen.

9.133
paścāddhomaṃ prakartavyaṃ śāstradṛṣṭena karmaṇā |
ekaikaṃ varṇamuccārya namaḥpraṇavavarjitam ||
Danach soll man das Feueropfer nach dem in der Schrift vorgesehenen Verfahren vollziehen, indem man jeden einzelnen Laut ausspricht, ohne „Verehrung“ und ohne den Pranava Om –
Anmerkung: Namaḥ ist als verständliches Wort übersetzt; Om bleibt als Lautform erhalten.

9.134
ṣaṭkajātivinirmuktaṃ śiraḥśikhāvivarjitam |
bhedayetpadmagarbheṇa kuṇḍalyākhyāṃ tu dīpayet ||
– frei von den sechs Schlussformeln und ohne Kopf und Haarschopf. Man soll mit dem Lotosinneren durchdringen und die „Kundali“ Genannte zum Leuchten bringen.
Anmerkung: Ṣaṭkajātī bezeichnet hier sechs Mantra-Endungen, nicht soziale Klassen. Śiras und śikhā sind Mantraglieder. Padmagarbha und das Objekt von bhedayet bleiben unsicher; keine neue Mantra-Auflösung wird eingesetzt.

9.135
naivāsya dīpako yojyā kuṇḍalyākhyā tu dīpitam |
nābhisthaṃ grahaṇaṃ kārya visargeṇa pareṇa tu ||
Ihm soll kein gesonderter Entzünder hinzugefügt werden; die „Kundali“ Genannte [bewirkt] das Entzünden. Das Ergreifen am Nabel soll durch die höchste Aussendung erfolgen.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist grammatisch stark gestört. Die Wiedergabe beschreibt nur eine mögliche Beziehung von dīpaka, kuṇḍalī und dīpita; Bang bietet ebenfalls eine erschlossene Satzkonstruktion.

9.136
ūrṇātantunibhākāraṃ caitanyaṃ tasya cāgrataḥ |
gṛhītvā śaktinā gāḍhamarkatūlamivāmbare ||
Man soll sein Bewusstsein, von der Gestalt eines Wollfadens, an deren Spitze durch Shakti fest ergreifen, wie Arka-Flaum im Raum.
Anmerkung: Die Zuordnung von tasya und cāgrataḥ ist unsicher. Das Bild arkatūlam ivāmbare wird wörtlich erhalten; „wie ein Tuch einen Faden aufsaugt“ wird nicht aus Bang übernommen.

9.137
brahmasthaṃ viṣṇusaṃsthaṃ hi rudrasthamīśvare sthitam |
nādasthaṃ śaktisaṃsthaṃ tu svai svairbhāvaiḥ prapādayet ||
[Das Bewusstsein] in Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara, Nada und Shakti soll man jeweils durch die ihnen eigenen Zustände [dorthin] gelangen lassen.
Anmerkung: Die Reihe nennt Stationen des initiatorischen Durchgangs; die Konstruktion mit svai svair bhāvaiḥ ist sprachlich unregelmäßig.

9.138
sthāne janme tadaiśvaryaṃ taddhogāpādanaṃ tathā |
saṃyogaśca viyogaśca tatve tattve tu kārayet ||
Geburt an der jeweiligen Stätte, deren Herrschaft und das Erlangen ihres Genusses sowie Verbindung und Trennung soll man bei jedem einzelnen Tattva vollziehen.
Anmerkung: Tadbhogāpādana wird als Herbeiführen des Genusses verstanden; die von Bang vertretene Deutung als Wegnahme des Genusses ist eine mögliche, aber nicht wörtlich eindeutige Alternative.

9.139
nīyate dvādaśānte tu varṇaṃ bhittvā yathākramam |
tattvaṃ vā padasaṃjñaṃ vā kalāmantrātmako ’pi vā ||
Nachdem der Laut der Reihenfolge nach durchdrungen wurde, wird [das Bewusstsein] zum Dvadashanta geführt; [der durchschrittene Weg sei] derjenige der Tattvas, der Wörter, der Kalas oder der Mantras –
Anmerkung: Das Subjekt des passiven nīyate ist nicht ausdrücklich genannt. Die Ergänzung des Bewusstseins folgt dem vorhergehenden Zusammenhang; Bang bezieht es auf den Laut.

9.140
bhuvanaṃ vā varārohe varṇādhvamathavā priye |
kartavyo bodhabhāvastu tyāgasaṃdhānayojanā ||
– der Welten, Schöngewachsene, oder der Laute, Geliebte. Der Zustand des Erwachens soll durch Loslassen, Verbinden und Vereinigen herbeigeführt werden.
Anmerkung: Die sechs Arten des Adhvan werden versübergreifend aufgezählt; keine wird ausgelassen.

9.141
śodhyādhvānamaśeṣāsya yojanā tu pare śive |
nirlakṣe nirguṇe śānte śuddhe cātyantanirmale ||
Nachdem sein gesamter Weg gereinigt wurde, [erfolge] die Vereinigung mit dem höchsten Shiva: ohne festes Betrachtungsziel, ohne Eigenschaften, friedlich, rein und gänzlich makellos –
Anmerkung: Śodhyādhvānam aśeṣāsya ist sprachlich auffällig; die Verbindung „nachdem sein gesamter Weg gereinigt wurde“ ist eine erschlossene Auflösung.

9.142
sarvage guṇadhātāre vyāpake manavarjite|
acetane sucaitanye śabdasparśavivarjite ||
– allgegenwärtig, Träger der Eigenschaften, alles durchdringend, ohne Denken, ohne [begrenzte] Bewusstheit und doch vollkommen bewusst, frei von Klang und Berührung –
Anmerkung: Die Ergänzung „begrenzt“ erläutert die paradoxe Doppelbestimmung acetana/sucaitanya; der Gegensatz wird nicht aus dem Sanskrit entfernt.

9.143
abodhe bodharūpe ca aguṇe guṇasaṃbhave |
arūpe sarvarūpe ca atṛpte tṛptilakṣaṇe ||
– ohne Erkennen und von der Gestalt des Erkennens, ohne Eigenschaften und Ursprung der Eigenschaften, ohne Form und alle Formen, ungesättigt und durch Erfülltheit gekennzeichnet –
Anmerkung: Die gegensätzlichen Aussagen gehören zur Beschreibung des höchsten Shiva.

9.144
anāśraye mahāyoge sarvāśrayaguṇālaye |
apade padabhāvasthe arūpe sarvarūpake ||
– ohne Stütze, der große Yoga, der Hort aller Stützen und Eigenschaften, ohne Stätte und im Wesen der Stätte stehend, formlos und von allen Formen –

9.145
ānande ca nirānande sakale niṣkale ’kale |
abhāve bhāvamāpanne yogaṃ kṛtvā nirāśraye ||
– Glückseligkeit und jenseits der Glückseligkeit, mit Teilen, ohne Teile und ohne Kala, Nichtsein und zum Sein geworden: Nachdem man die Vereinigung mit dem Stützenlosen vollzogen hat –
Anmerkung: Nirānanda kann auch „ohne Glückseligkeit“ heißen. Akala wird als weitere Verneinung von Teilung erhalten; die begriffliche Wiederholung ist Bestandteil des Verses.

9.146
bhrūkṣepeṇa varārohe viṣuvasthasya sādhakaḥ |
tasminyukto mahādevi na bhūyo janmamāpnuyāt ||
– ist der Sadhaka, der sich im Gleichgewichtspunkt befindet, durch eine Bewegung der Brauen damit verbunden, Schöngewachsene; große Göttin, er soll keine weitere Geburt erlangen.
Anmerkung: Bhrūkṣepa („Brauenbewegung“) steht im sichtbaren Druck, nicht śarakṣepa. Viṣuva ist ein technischer Gleichgewichts- beziehungsweise Verbindungspunkt. Die Aussage ist eine historische Befreiungsverheißung.

9.147
tāvadbhramati saṃsāre yāvadaikyaṃ na vindati |
ekībhāvagate citte na bandho na ca bandhakaḥ ||
So lange wandert man im Samsara, wie man die Einheit nicht findet. Ist der Geist zum Einssein gelangt, gibt es weder Bindung noch einen Bindenden.

9.148
yathā tāmraṃ rasaspṛṣṭaṃ suvarṇatvamupāgatam |
evaṃ yuktaḥ pare tattve na bhūyaḥ paśutāṃ vrajet ||
Wie Kupfer durch die Berührung mit Quecksilber zu Gold geworden ist, so soll der mit dem höchsten Tattva Verbundene nicht wieder in den Zustand einer gebundenen Seele zurückkehren.
Anmerkung: Das alchemistische Bild ist eine historische Vorstellung; der Vers belegt keine tatsächlich mögliche Stoffumwandlung durch bloße Berührung.

9.149
adhvānaiva mahābandhaḥ ṣoḍhā saṃparikīrtitaḥ |
tasyaiva kāraṇaṃ śaktirmātṛkākhyā parāparā ||
Der [kosmische] Weg selbst ist die große Bindung; er wird als sechsfach bezeichnet. Seine Ursache ist Shakti, die „Matrika“ Genannte, die höchste und nichthöchste.

9.150
parā tejātmikā proktā varṇatrātāparā matā |
sā caiva varṇa-adhvānaṃ jantūnāṃ bandhakāraṇam ||
Die höchste wird als aus Glanz bestehend bezeichnet; die nichthöchste gilt als Beschützerin der Laute. Sie selbst ist der Lautweg, die Ursache der Bindung der Lebewesen.
Anmerkung: Varṇatrātā wird nach dem Druck als „Beschützerin der Laute“ verstanden. Die unregelmäßige Verbindung varṇa-adhvānaṃ bleibt im Sanskrit sichtbar.

9.151
varṇādhvānaṃ samāsena kathayāmi tava priye |
kṣakāraṃ tu mahātejāḥ kālāgnidīptatejasaḥ ||
Den Weg der Laute erkläre ich dir in Kürze, Geliebte. Der Laut kṣa ist von großem Glanz, mit der lodernden Kraft des Zeitfeuers –
Anmerkung: Der Druck liest mahātejāḥ, „von großem Glanz“; Bangs englisches „Mayātejas“ wird nicht als Originalname übernommen.

9.152
sarvasaṃhārakartāraṃ nyasetpādatale hyadhaḥ |
hakāramuparistasya pādāṅgāṅguṣṭhataḥ sthitam ||
– der Urheber aller Auflösung; man soll ihn unten in die Fußsohle einsetzen. Darüber [liegt] der Laut ha, an der großen Zehe des Fußes.
Anmerkung: Pādāṅgāṅguṣṭhataḥ ist eine auffällige Verbindung, die hier auf die große Zehe bezogen wird.

9.153
sakāraṃ gulphayordadyātṣakāraṃ jānunī nyaset |
śakāraṃ nalake dre tu vakāraṃ ghoṣavāhake ||
Sa soll man in die Knöchel geben, ṣa in die Knie einsetzen, śa in die beiden Unterschenkel und va in die Schallträger.
Anmerkung: Ghoṣavāhaka („Schallträger“) bezeichnet eine hier nicht sicher lokalisierbare Körperstruktur. Die Reihenfolge wird trotz anatomischer Unstimmigkeiten erhalten.

9.154
lakāramasthisaṃghāte rakāraṃ raktamucyate |
yakāraṃ tvacamityāhūrmakāraṃ puruṣaṃ viduḥ ||
La [liegt] im Gefüge der Knochen, ra wird als Blut bezeichnet. Ya nennt man die Haut; ma kennt man als den Purusha.
Anmerkung: Die Körperstellen werden nicht mit einer vermeintlich einheitlichen späteren Nyāsa-Tabelle abgeglichen oder ersetzt.

9.155
bhakāraṃ jānusandhīṣu bakāraṃ kīlake tathā |
phakāraṃ jānunī jñeyamupariṣṭātsamāśritam ||
Bha [liegt] in den Kniegelenken und ba an den Zapfen beziehungsweise Gelenken. Pha soll man oberhalb der Knie befindlich wissen.
Anmerkung: Kīlaka wird von Bang als Ellenbogen verstanden; die wörtliche Bezeichnung „Zapfen“ erlaubt diese Lokalisierung nicht ohne weiteres.

9.156
pakāramūruke yojyaṃ nakāraṃ kaṭisandhiṣu |
dhakāraṃ vṛṣaṇetyāhūrdakāramitare smṛtaḥ ||
Pa ist in die Oberschenkel einzusetzen, na in die Hüftgelenke. Dha bezeichnet man als [an] den Hoden; da gilt als an der anderen [Stelle befindlich].
Anmerkung: „Die andere Stelle“ bleibt im Sanskrit unbestimmt; eine präzise neue Körperzuordnung wird nicht erfunden.

9.157
thakāraṃ liṅgamadhyasthaṃ takāraṃ śukrameva ca |
ṇakāraṃ guhyadeśe tu ḍhakāraṃ nābhimaṇḍale ||
Tha liegt in der Mitte des Geschlechtsorgans, ta ist der Samen; ṇa liegt im verborgenen Bereich und ḍha im Nabelkreis.
Anmerkung: Die Laute sind Lautformen, keine übersetzbaren Wörter.

9.158
ḍakāraṃ nābhimadhyasthaṃ ṭhakāramudare tathā |
ṭakāraṃ hṛdaye yojyaṃ ñakāraṃ stanamadhyataḥ ||
Ḍa liegt in der Nabelmitte, ṭha am Bauch. Ṭa ist im Herzen einzusetzen, ña zwischen den Brüsten.
Anmerkung: Die teilweise überlappenden Nabelzuordnungen werden nach dem Druck beibehalten.

9.159
jhakāraṃ tu dvitīye tu jakāraṃ śikharaṃ smṛtam |
vāmaṃ tu dakṣiṇaṃ cānyacchakāraṃ varavarṇini ||
Jha [liegt] an der zweiten [Stelle]; ja wird als Spitze bezeichnet. Links und rechts [liegen diese], und anderswo cha, du Schönfarbige.
Anmerkung: Der gesamte Vers ist anatomisch und syntaktisch unsicher. Die bei Bang erschlossenen Zuordnungen zu Achselhöhlen und Armen werden nicht als ausdrücklich überlieferte Körperstellen ausgegeben.

9.160
cakāraṃ maṇibandhe tu ṅakāraṃ tu dvitīyake |
ghakāraṃ hastasandhīṣu gakāraṃ tu ataḥ param ||
Ca [liegt] am Handgelenk, ṅa am zweiten. Gha [liegt] an den Handgelenkverbindungen, ga danach [an der anderen Stelle].
Anmerkung: Die genaue Verteilung auf linke und rechte Seite ist nur teilweise ausgesprochen.

9.161
khakāraṃ hastamadhye tu kakāraṃ vāmataḥ priye |
ḥkāraṃ galake yojyamaṃ dadyāttālumadhyataḥ ||
Kha [liegt] in der Handmitte, ka links, Geliebte. Den Visarga ḥ soll man im Hals einsetzen, aṃ in die Mitte des Gaumens geben.
Anmerkung: Der Druck bezeichnet den Visarga unmittelbar als ḥ-kāra ohne vorausgehendes a. Aṃ wird nach dem sichtbaren Lautbestand gelesen, nicht als übersetzbares Wort.

9.162
au tu vinyasya jihvāgre o dadyāddantapaṅktiṣu |
aikāraṃ vāmato dadyāde tu dakṣiṇanāsike ||
Au soll man an der Zungenspitze einsetzen, o in die Zahnreihen geben. Ai soll man links [an der Nase] geben, e an die rechte Nasenseite.

9.163
ḹkāramakṣivāmeṣu ḷkāraṃ dakṣiṇe tathā |
ṝkāraṃ śravaṇe vāme ṛ ca dakṣiṇage tath ||
Ḹ [liegt] im linken Auge, ḷ im rechten; ṝ im linken Ohr und ṛ im rechten.
Anmerkung: Die Länge der vokalischen l-Laute folgt dem sichtbaren Sanskritdruck. Bangs englischer Fließtext und ihre anschließende Übersicht ordnen ḷ und ḹ nicht übereinstimmend zu.

9.164
ūkāraṃ bhruvayordadyādukāraṃ bhruvamadhyataḥ|
īkāraṃ tu lalāṭe tu ikāraṃ bindurūpiṇam ||
Ū soll man in die Brauen geben, u zwischen die Brauen; ī an die Stirn, i als Gestalt des Bindu.

9.165
ākāraṃ mastake dadyādakāraṃ tattvagocare |
evaṃ vinyasya cādhvānaṃ granthibhedaṃ tu kārayet ||
Ā soll man auf den Kopf geben, a in den Bereich des Tattva. Nachdem man den Weg so eingesetzt hat, soll man die Knoten durchdringen.
Anmerkung: Tattvagocara wird wörtlich als Bereich des Tattva erhalten; eine konkrete Schädelstelle wird nicht ergänzt.

9.166
anena kramayogena śodhyādhvānaṃ varānane |
tattve tattve layaṃ bhogaṃ viyogaṃ yojanaṃ tathā ||
Mit dieser Reihenfolge soll man den Weg reinigen, Schönangesichtige: bei jedem einzelnen Tattva Auflösung, Genuss, Trennung und Vereinigung –

9.167
saṃśodhya kramaśaḥ sarva yojayecchāśvate pade |
[tattvadīkṣā]
|| devyuvāca ||
varṇadīkṣā śrutā deva sārātsāratarā parā ||
– nachdem alles nacheinander gereinigt wurde, soll man [es] mit der ewigen Stätte verbinden.
[Initiation durch die Tattvas.]
Die Göttin sprach:
Gott, ich habe die höchste Initiation durch die Laute gehört, wesentlicher als das Wesentlichste –
Anmerkung: Der Sprecherwechsel steht in der Quelle innerhalb der Nummernposition. Die Zwischenüberschrift stammt von der Herausgeberin.

9.168
sāṃprataṃ tattvadīkṣāṃ tu śrotumicchāmi tatvataḥ |
|| bhairava uvāca ||
tattvadīkṣā mahādevi sārā yā viśvatomukhā ||
– jetzt möchte ich die Initiation durch die Tattvas wahrheitsgemäß hören.
Bhairava sprach:
Große Göttin, die Initiation durch die Tattvas ist die wesentliche, die in alle Richtungen schaut –
Anmerkung: Auch dieser Sprecherwechsel wird an der versinternen Stelle erhalten.

9.169
tāmahaṃ saṃpravakṣyāmi śṛṇuṣvāyatalocane |
pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca ||
– diese werde ich erklären; höre, du mit langen Augen. Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum –

9.170
etaiḥ śuddhaistu śudhyeta ṣaṭprakāro varānane |
pañca karmendriyāḥ proktā buddhīndriyamataḥ param ||
– wenn diese gereinigt sind, wird der sechsfache [Weg] rein, Schönangesichtige. Fünf Handlungsorgane sind genannt, danach die Erkenntnisorgane.

9.171
tanmātrāḥ pañca vijñeyā lakṣaṇaṃ tu ataḥ śṛṇu |
śabda sparśa raso rūpaṃ gandha tanmātrapañcakam ||
Die subtilen Sinnesqualitäten sind als fünf zu kennen; höre nun ihre Merkmale: Klang, Berührung, Geschmack, Gestalt und Geruch sind die fünf Tanmatras.
Anmerkung: Die Reihenfolge Geschmack vor Gestalt folgt dem Sanskrit.

9.172
śrotraṃ tvakcakṣuṣī jihvā ghrāṇaṃ buddhīndriyāṇi tu |
kathitāni mayā pañca śrūyatāmeṣa niścayaḥ ||
Ohr, Haut, Augen, Zunge und Nase habe ich als die fünf Erkenntnisorgane erklärt. Höre diese feste Bestimmung.

9.173
vācā pāṇī tathā pādau pāyūpasthaśca kīrtitaḥ|
karmākṣapañcakaṃ hyetatkathitaṃ tu varānane ||
Sprache, Hände, Füße, After und Geschlechtsorgan sind genannt. Das ist die erklärte Fünfergruppe der Handlungsorgane, Schönangesichtige.

9.174
buddhirmanastvahaṃkāraḥ prakṛtyādi yathākramam |
sattvaṃ rajastamo jñeyaṃ pradhānaṃ guṇasaṃbhavam ||
Erkenntnisvermögen, Denken und Ichbildung, dann Prakriti und Weiteres in der Reihenfolge. Sattva, Rajas und Tamas sind zu kennen; Pradhana entsteht aus den Gunas.
Anmerkung: Die Quelle nennt buddhi, manas und ahaṃkāra in dieser Reihenfolge. Pradhāna und Prakṛti bezeichnen in diesem Zusammenhang die Urnatur.

9.175
avyaktaṃ tu samākhyātaṃ pañcaviṃśadudāhṛtaṃ |
puruṣaṃ caiva ṣaḍviṃśatsukhāsukhavivedakam ||
Das Unentfaltete wird als das fünfundzwanzigste bezeichnet; Purusha als das sechsundzwanzigste, das Glück und Unglück unterscheidet.
Anmerkung: Die Zählung weicht von der verbreiteten 25-Tattva-Zählung des Sāṃkhya ab. Sie wird nicht stillschweigend berichtigt; Bang bespricht die gesonderte Stellung von Avyakta und Purusha.

9.176
kṣetrajñaṃ sukhavedajñaṃ duḥkhaṃ vā yatpurārjitam |
tatkarmavāsanāśeṣaṃ bhogyaṃ tatsamudāhṛtam ||
[Purusha ist] der Kenner des Feldes, der Glück und Leid erfährt, soweit es zuvor erworben wurde. Was als Rest karmischer Prägungen besteht, wird als Gegenstand der Erfahrung bezeichnet.
Anmerkung: Purārjitam kann „früher erworben“ oder, in einer anderen Wortzerlegung, auf den Körper bezogen verstanden werden. Die vorliegende Übersetzung bleibt vorläufig.

9.177
tena śuddhena śudhyeta bhavabījamanekadhā |
saṃśodhya kramaśo devi adhvānaṃ tu yathāvidhiḥ ||
Wenn dieses gereinigt ist, wird der Same des Werdens auf vielfältige Weise rein. Nachdem man den Weg der Reihe nach vorschriftsgemäß gereinigt hat, Göttin –

9.178
atordhve niyatikhyātā niyamatve vyavasthitā |
kāla saṃkhyāprakartāro yatkṛtaṃ tasya śobhane ||
– folgt darüber die „Niyati“ Genannte, in der Begrenzung stehend. Kala, die Zeit, bewirkt die Zählung dessen, was hervorgebracht wurde, Schöne.
Anmerkung: Die grammatische Gestalt von kāla saṃkhyāprakartāro ist unregelmäßig; die Funktion als zählende Zeit ist aus dem Zusammenhang erschlossen.

9.179
kalayā vyāpitaṃ tatvaṃ kalitaṃ tu yataḥ sthitam |
teneyantu kalā proktā rāgodbalitacetasaḥ ||
Das Tattva ist von Kala durchdrungen, weil es gegliedert besteht. Deshalb wird sie Kala genannt; [sie betrifft] das durch Begehren gestärkte Bewusstsein.
Anmerkung: Der Vers verbindet kalā, kalita und rāgodbalitacetas in einer unsicheren Worterklärung. Die Lesung rāga wird nicht stillschweigend zu kalā geändert.

9.180
rāgācca rañjito devi māyayā balavānpriye |
vidyā vedanikā jñeyā vidyā vetti śubhāśubham ||
Durch Raga wird [die Seele] gefärbt, Göttin; durch Maya wird sie kräftig, Geliebte. Vidya ist als das Erkennende zu verstehen; durch Vidya erkennt man Günstiges und Ungünstiges.
Anmerkung: Die grammatische Form vidyā kann im zweiten Halbvers auch als Subjekt aufgefasst werden: „Vidyā erkennt“.

9.181
parāvidyārthavettāraḥ śuddhamārgāśritaḥ pumān |
īśvarādhiṣṭhito bhūyo gacchate śvabhrameva vā ||
Die Seele, welche den Sinn des höchsten Wissens kennt, hat sich dem reinen Weg zugewandt. Von Ishvara gelenkt, geht sie weiter oder auch in einen Abgrund –
Anmerkung: Bhūyo bedeutet „weiter/erneut“; eine eindeutige Aufwärtsrichtung steht hier nicht. Śvabhra kann Abgrund oder Hölle bedeuten.

9.182
mokṣaṃ vā yadi vānyaṃ vā īśvarātsaṃpracoditaḥ|
sadāśivastu vettā vai paśūnāṃ mocakaḥ priye ||
– zur Befreiung oder zu etwas anderem, von Ishvara angetrieben. Sadashiva ist der Erkennende und der Befreier der gebundenen Seelen, Geliebte –

9.183
māyābījapariṣvaktāṃ bhogaviplutacetasām |
śaktistu vyāpinī sūkṣmā śivadharmānuvartinī ||
– die vom Samen der Maya umschlungen sind und deren Bewusstsein von Erfahrung aufgewühlt ist. Shakti aber ist durchdringend und subtil und folgt Shivas Wesen beziehungsweise Gesetz.
Anmerkung: Die erste Vershälfte setzt die Beschreibung der Seelen aus 9.182 fort; dharma wird hier nicht ausschließlich moralisch verstanden.

9.184
śivastu sarvagaḥ proktaḥ ṣaṭtriṃśānte vyavasthitaḥ |
evaṃ śodhya kramāddevi adhvānaṃ tattvasaṃkhyayā ||
Shiva gilt als allgegenwärtig und steht am Ende der sechsunddreißig [Tattvas]. So soll man den Weg der Reihe nach gemäß der Zahl der Tattvas reinigen, Göttin.

9.185
ṣaṭtriṃśakapadaṃ devi śodhanīyaṃ manīṣibhiḥ |
navatattvaṃ svarūpeṇa prakṛtyādi yathākramam ||
Die aus sechsunddreißig Stufen bestehende Ordnung sollen die Einsichtigen reinigen, Göttin. [Auch] die neun Tattvas ihrer eigenen Gestalt nach, beginnend mit Prakriti, der Reihenfolge entsprechend –
Anmerkung: Die neun Einzelglieder werden in diesem Vers nicht vollständig aufgezählt; sie werden nicht aus einem Paralleltext in den Sanskrit eingefügt.

9.186
śodhanīyaṃ varārohe aṇūnāṃ citrabhogadam |
ātmavidyāśivākhyaṃ tu tattvatrayamudāhṛtam ||
– sollen gereinigt werden, Schöngewachsene, sie gewähren den Einzelseelen vielfältige Erfahrung. Als drei Tattvas werden Atman, Vidya und Shiva bezeichnet.

9.187
mukhyāstvete samākhyātāḥ śodhanīyāḥ prayatnataḥ |
etaiḥ śuddhaistu śudhyeta ṣaṭprakāro varānane ||
Diese gelten als die hauptsächlichen und sollen sorgfältig gereinigt werden. Wenn sie rein sind, wird der sechsfache [Weg] rein, Schönangesichtige.

9.188
tattvāntarbhāvitāḥ sarve draṣṭavyā parameśvari |
[kalādīkṣā]
sāṃprataṃ tu kalādhvānaṃ vakṣyāmi tava sundari ||
Alle [Wege] sind als in den Tattvas enthalten anzusehen, höchste Herrin.
[Initiation durch die Kalas:] Jetzt werde ich dir den Weg der Kalas erklären, Schöne.
Anmerkung: Die Zwischenüberschrift ist eine editorische Gliederung innerhalb der Nummernposition.

9.189
kalābhirvyāpitaṃ tattvaṃ tattvaṃ vai kalarūpiṇam |
kalārūpo mahādevaḥ sarvajñaḥ parameśvaraḥ ||
Das Tattva ist von Kalas durchdrungen; das Tattva hat die Gestalt der Kala. Der große Gott, der allwissende höchste Herr, hat die Gestalt der Kalas.
Anmerkung: Kalā bezeichnet hier eine kosmische Kraftstufe, nicht einfach eine Kunstfertigkeit.

9.190
nivṛttiśca pratiṣṭhā ca vidyā śāntistathaiva ca |
śāntyātītā parā jñeyā pṛthivyādi kalāḥ smṛtāḥ ||
Nivritti, Pratishtha, Vidya und Shanti; als höchste ist Shantyatita zu kennen. Diese Kalas gelten als [den Bereichen] von der Erde an zugehörig.
Anmerkung: Die Namen bedeuten ungefähr Rückwendung, Festigung, Wissen, Ruhe und „jenseits der Ruhe“; sie bleiben als technische Namen erhalten.

9.191
indhikā dīpikā caiva rocikā mocikā tathā |
ūrdhvagāmī parā jñeyā sarvāsāṃ pūraṇī smṛtā ||
Indhika, Dipika, Rochika und Mochika; als höchste ist Urdhvagami zu kennen. Sie gilt als die Erfüllerin aller.
Anmerkung: Die Namen bedeuten etwa Entfachende, Erleuchtende, Leuchtende, Befreiende und Aufwärtsgehende. Pūraṇī kann als gemeinsame Funktion oder als Eigenschaft der letztgenannten Kala verstanden werden.

9.192
sūkṣmā caiva susūkṣmā ca tathā vai cāmṛtāmṛtā |
śakteścātmakalā proktā vyāpinyādyāḥ śivasya tu ||
Sukshma, Susukshma und ebenso Amritamrita werden als Wesens-Kalas der Shakti bezeichnet; diejenigen Shivas beginnen mit Vyapini.
Anmerkung: Sūkṣmā heißt „subtil“, Susūkṣmā „sehr subtil“. Amṛtāmṛtā ist eine schwierige technische Doppelbezeichnung mit amṛta („unsterblich/Nektar“); eine fehlende vierte Kala wird nicht aus Parallelen ergänzt.

9.193
vyāpinī vyomarūpā ca anantānāthanāśritā |
kalādhvānaṃ samāsena kathitaṃ tava sundari ||
Vyapini, die Durchdringende, Vyomarupa, die Raumgestaltige, und [die unsicher gegliederte Namensfolge] anantānāthanāśritā. So ist dir der Kala-Weg in Kürze erklärt, Schöne.
Anmerkung: Die gedruckte Folge anantānāthanāśritā lässt keine sichere Segmentierung aller Namen zu. Ihr Beginn kann als Anantā, die Grenzenlose, verstanden werden; Bang deutet den Schluss als Anāśritā. Die Gesamtfolge wird hier als ungeklärte Namensgruppe erhalten und nicht durch neu gebildete Gottheitsnamen ersetzt.

9.194
eteṣvekatamaṃ śodhyaṃ deśikena mahātmanā |
mantrādhvānaṃ tu saṃśodhyaṃ vidyayā tu parāparā ||
Einen dieser [Wege] soll der großgesinnte Lehrer reinigen. Den Mantra-Weg soll er mit der Vidya der Parapara reinigen.

9.195
padaiḥ padādhvavidīkṣā kartavyā samavidyayā |
bhuvanādyā varārohe kartavyā śāstravittamaiḥ ||
Die Initiation durch den Wortweg soll mit Wörtern und derselben Vidya durchgeführt werden; diejenige durch die Welten und Weiteres, Schöngewachsene, durch die besten Schriftkundigen –

9.196
kālāgnimāditaḥ kṛtvā śivāntaṃ yāvadeva hi |
ṣaṭprakāro vidhistveṣa varṇādhvāne yathākramam ||
– beginnend mit dem Zeitfeuer bis hin zu Shiva. Dieses Verfahren ist sechsfach, in der Reihenfolge [beginnend] mit dem Lautweg.
Anmerkung: Kālāgni bezeichnet hier die unterste kosmische Feuerregion beziehungsweise ihr Feuer.

9.197
grahaṇaṃ yojanaṃ caiva viyogaṃ ca yathākramam |
kartavyaṃ tu vipaścidbhiḥ śāstradṛṣṭena karmaṇā ||
Ergreifen, Vereinigen und Trennen sollen die Kundigen in der Reihenfolge durch die in der Schrift vorgesehenen Handlungen durchführen.

9.198
eṣāmekatamaṃ devi śodhanīyaṃ prayatnataḥ |
saṃskāraṃ vidhivatkṛtvā guruṇādhvānavedinā ||
Einen dieser [Wege] soll der Guru, der die Wege kennt, sorgfältig reinigen, Göttin, nachdem er die rituelle Zurichtung vorschriftsgemäß vollzogen hat.

9.199
kartavyo ’nugraho devi paśūnāṃ ca yathākramam |
sṛṣṭisaṃhārabhedena jñātvā kāmyānurūpataḥ ||
Dann ist den gebundenen Seelen der Reihenfolge nach Gnade zu erweisen, Göttin, nachdem man je nach ihrem Wunsch die Unterscheidung von Hervorbringung und Rücknahme erkannt hat.

9.200
tadā mukto varārohe pāśastobho yadā bhavet |
pāśastobho yadā jāto nānyathā vīranāyike ||
Dann ist [die Seele] frei, Schöngewachsene, wenn das Erschüttern der Fesseln stattfindet. Wenn die Fesseln erschüttert worden sind, [tritt Freiheit ein], auf andere Weise nicht, Anführerin der Helden.
Anmerkung: Die Wiederholung von pāśastobha gehört zum Text. Der Vers enthält kein ausdrückliches na vor jāto; die Negation steht in nānyathā.

9.201
|| devyuvāca ||
śrutā dīkṣā mayā nātha ṣaḍvividhādhve yathā sthitā|
sāṃprataṃ pāśaśaithilyaṃ śrotumicchāmi tattvataḥ ||
Die Göttin sprach:
Herr, ich habe die Initiation gehört, wie sie im sechsfachen Weg besteht. Jetzt möchte ich die Lockerung der Fesseln wahrheitsgemäß hören.

9.202
pāśāḥ sūkṣmāstu ye proktā māyotthā māyavarjitāḥ |
acetanā arūpāstu teṣāṃ stobho na vidyate ||
Die Fesseln, die als subtil, aus Maya entstanden, von Maya getrennt, ohne Bewusstsein und ohne Form beschrieben sind: Bei ihnen gibt es doch kein Erschüttern.
Anmerkung: Māyavarjita ist eine auffällige Bestimmung neben māyottha; der scheinbare Gegensatz bleibt in der Frage erhalten.

9.203
paśoryaḥ kriyate stobhaḥ pāśastobha iti smṛtaḥ |
caitanyaḥ pāśitaḥ pāśairanyonyaṃ vyāpya saṃsthitāḥ ||
Das Erschüttern, das an der gebundenen Seele vollzogen wird, heißt „Erschüttern der Fesseln“. Das Bewusste ist durch Fesseln gebunden; sie bestehen einander durchdringend.
Anmerkung: Pāśastobha im Lesetext ist eine editorische Entscheidung. Bang berichtet, dass die Handschriften hier paśustobha („Erschüttern der gebundenen Seele“) haben; die gedruckte Form wird nicht als einhellige Handschriftenlesung ausgegeben.

9.204
dvābhyāṃ kasya bhavetstobhaḥ paśupāśātmakā prabho |
mado mohaśca rāgaśca viṣādo śoṣameva ca ||
An welchem der beiden, an Seele oder Fesseln, soll das Erschüttern stattfinden, Herr? Rausch, Verblendung, Begehren, Niedergeschlagenheit und Auszehrung –
Anmerkung: Die Aufzählung der sieben Verunreinigungen wird in 9.205 abgeschlossen.

9.205
vaicittyaṃ harṣa-ākhyaśca saptaite sahajā malāḥ |
dharmādharmātmiko bandhaḥ tadātmā prakṛtisthitaḥ ||
– Geistesverwirrung und die „Erregung“ Genannte sind diese sieben angeborenen Verunreinigungen. Die Bindung besteht aus Recht und Unrecht; ihr Wesen steht in der Urnatur.
Anmerkung: Dharma und adharma bezeichnen hier die bindenden Folgen heilsamer und unheilsamer Handlungen. Der Bezug von tadātmā bleibt syntaktisch unsicher.

9.206
sūkṣmatvaṃ ca arūpatvaṃ cetanārahito yataḥ |
sarveṣāṃ vidyate stobho muktaḥ kṣetrī sa cetanaḥ ||
Weil [die Bindung] subtil, formlos und ohne Bewusstsein ist: [Würde] bei allen ein Erschüttern stattfinden, [wäre] der verkörperte Erkennende frei; er ist bewusst.
Anmerkung: Die konditionale Auflösung der zweiten Vershälfte ist erschlossen. Die Göttin fragt nach der Möglichkeit eines Erschütterns einer nichtbewussten Fessel; der Vers ist grammatisch schwierig.

9.207
tasmātstobho na vidyeta nirguṇe tu acetane |
bhairava uvāca
ātmā nityo amūrtaśca guṇahīnaśca niṣkriyaḥ ||
Darum kann es im Eigenschaftslosen und Nichtbewussten kein Erschüttern geben.
Bhairava sprach:
Das Selbst ist ewig, körperlos, ohne Eigenschaften und ohne Tätigkeit –
Anmerkung: Der Sprecherwechsel wird innerhalb des Verses erhalten.

9.208
vyāghātabhājano jñeyaḥ śodhyo bodhyaḥ svabhāvataḥ |
akalpaḥ paśuruktastu dharmādharmairadhiṣṭhitaḥ ||
– es ist als dem Widerstreit ausgesetzt zu kennen, seinem Wesen nach zu reinigen und zu erwecken. Unfähig, von Recht und Unrecht beherrscht, wird es „gebundene Seele“ genannt.
Anmerkung: Vyāghātabhājana kann einen Widerspruch oder ein Betroffensein durch Hemmung bezeichnen; die genaue philosophische Auflösung bleibt offen.

9.209
pūrvaṃ māyātmakairbandhaiḥ pāśitaḥ pāśapañjaraiḥ |
yato ’nādi malaḥ tveko bījabhūto vyavasthitaḥ ||
Von Anfang an ist es durch Maya-artige Bindungen gefesselt, durch Käfige von Fesseln, weil die eine anfangslose Verunreinigung als Same besteht.

9.210
praroha tvamiti dharma kṣetramāśrutya suvrate |
kṣetraṃ māyā bhavettasya sahajasya paśormalaḥ ||
„Wachse hervor!“ – so [lautet] das Gesetz, nachdem es sich auf das Feld gestützt hat, du mit gutem Gelübde. Maya wird zum Feld für die angeborene Verunreinigung der gebundenen Seele.
Anmerkung: Der gesamte Vers ist vorläufig übersetzt. Bang bezeichnet seinen Sinn ausdrücklich als unklar. Insbesondere dharma, kṣetramāśrutya und die Satzbeziehung zum Befehl praroha tvam lassen keine sichere Konstruktion zu; ein sprechender Shiva wird nicht als Originalsprecher ergänzt.

9.211
yathāśvatthakaṇaḥ kṣetre patitotthāya rohati |
śākhāskandhasamākīrṇaṃ kṣetramāśrayayogataḥ ||
Wie ein Same des Ashvattha-Baums auf ein Feld fällt, keimt und wächst, mit Zweigen und Stamm versehen, weil er sich auf das Feld stützt –

9.212
evaṃ māyāśrito devi nityamāṇavako malaḥ |
māyāpi sanimittatvātparavarteta aṇohi sā ||
– so stützt sich die beständige Verunreinigung der Einzelseele auf Maya, Göttin. Auch Maya wird für die Einzelseele tätig, weil sie einen Anlass beziehungsweise eine Ursache hat.
Anmerkung: Āṇavaka mala wird in dieser Passage als eine beständige Grundverunreinigung beschrieben; die bekannte spätere Dreiteilung wird nicht in den Vers eingesetzt.

9.213
animittasya deveśi naiva māyā pravartate |
kadāciddhavate ’pyevaṃ śuddhādhvā na pravartanam ||
Ohne Anlass wird Maya nicht tätig, Herrin der Götter. Geschähe es dennoch einmal so, dann gäbe es keine Entfaltung des reinen Weges.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist syntaktisch unsicher. „Dann gäbe es keine Entfaltung“ folgt der hier geführten hypothetischen Argumentation.

9.214
na śivo vidyate devi māyā hyekā bhavettadā |
sātu bandhasvabhāvotthā na mokṣaḥ tatra kasyacit ||
Dann gäbe es keinen Shiva, Göttin; Maya wäre allein. Sie entstünde aus ihrer bindenden Natur, und für niemanden gäbe es dort Befreiung.
Anmerkung: Die Aussagen sind Konsequenzen einer zurückgewiesenen Annahme, nicht eine abschließende Leugnung Shivas durch den Text.

9.215
ayathā yathāyogo ’yaṃ pravarteta surairapi |
vidyeśādi smṛtā ye tu mokṣagāḥ parameśvari ||
Diese unzutreffende Verbindung würde dann sogar bei den Göttern wirksam, die als Vidyeshas und weitere, zur Befreiung gelangte [Wesen] gelten, höchste Herrin –
Anmerkung: Ayathā yathāyogo ist sprachlich schwierig; die Wiedergabe als „unzutreffende Verbindung“ ist vorläufig.

9.216
na teṣāṃ bhavate mokṣo animittā yadā bhavet |
yathā mokṣo na vidyeta vidyamāne ’pi satpathe ||
– auch für sie gäbe es keine Befreiung, wenn [Maya] ohne Ursache wäre. So könnte es keine Befreiung geben, obwohl der wahre Weg vorhanden ist –

9.217
avicāritaśāstrārthe māyākhyā pāśapaddhatiḥ |
yathā rājñassadoṣe tu bandho bandhe pravartate ||
– wenn der Sinn der Schrift nicht bedacht wird: [Dann bleibt] die als Maya bezeichnete Folge der Fesseln. Wie die Fessel eines Königs bei einem Schuldigen zur Bindung wirksam wird –
Anmerkung: Der Anschluss des ersten Halbverses an 9.216 bleibt unsicher; die Ergänzung „dann bleibt“ markiert die erschlossene Satzbeziehung.

9.218
nirdoṣe bandhanaṃ naiva tadranmāyā prasajyate |
āśrayaḥ sahajaḥ puṃsāṃ malo hyekaḥ prabandhakaḥ ||
– aber bei einem Schuldlosen keine Fesselung eintritt, so greift Maya. Die angeborene Verunreinigung ist die Stütze der Menschen, das eine, was sie bindet.
Anmerkung: Das juristische Bild beschreibt die historische philosophische Argumentation; es ist keine allgemeine Aussage über reale Haftverhältnisse.

9.219
tadāśritya pravarteta māyā saṃtānabodhanī |
bodhitaṃ māyayā tattvaṃ viśleṣaṃ caiva gacchati ||
Auf sie gestützt wird Maya tätig und erweckt die fortlaufende Folge. Das durch Maya erweckte Tattva gelangt zur Sonderung.
Anmerkung: Saṃtānabodhanī und viśleṣa werden wörtlich als Erweckung der Folge und Sonderung aufgefasst; die kosmologische Detailzuordnung bleibt offen.

9.220
kalodbalitacaitanyo vidyādarśitagocaraḥ |
rāgeṇa rañjitaścāsau buddhayādikaraṇairyutaḥ ||
Durch Kala wird sein Bewusstsein gestärkt, durch Vidya sein Gegenstandsbereich gezeigt; durch Raga wird es gefärbt, und es ist mit den Werkzeugen vom Erkenntnisvermögen an versehen.
Anmerkung: Die Werkzeugreihe beginnt mit buddhi. Bang weist auf die spätere Zitierung dieser Passage als Tantrasadbhava hin; daraus wird keine alleinige Ursprungsbehauptung für den Vers abgeleitet.

9.221
evaṃ māyātmako bandhaḥ prasajyedanusaṃtatau |
tadāśrayaguṇo dharmastvadharmaśca samāsataḥ ||
So haftet die aus Maya bestehende Bindung der fortlaufenden Folge an. Kurz gesagt sind Recht und Unrecht Eigenschaften dessen, worauf sie sich stützt.
Anmerkung: Die Bezüge von tadāśraya und guṇa sind mehrdeutig; die Übersetzung bleibt vorläufig.

9.222
tadātmakāḥ smṛtāḥ pāśāḥ pāśitastaistu tiṣṭhati |
evaṃ jñātvā tu viśleṣamātma māyā śivasya tu ||
Die Fesseln gelten als daraus bestehend; von ihnen gefesselt bleibt [die Seele]. Nachdem du so die Unterscheidung von Selbst, Maya und Shiva erkannt hast –
Anmerkung: Die kasuell unregelmäßige Folge ātma māyā śivasya wird als Unterscheidung dreier Größen verstanden. Bang bevorzugt eine andere Auflösung mit der Trennung des Selbst von Maya.

9.223
pāśaśaithilyakaṃ paścādyathā bhavati tacchṛṇu |
acetano yathā devi sarpadaṣṭo gatāyuṣaḥ ||
– höre nun, wie die Lockerung der Fesseln geschieht. Wie einer, Göttin, der von einer Schlange gebissen wurde, ohne Bewusstsein und ohne Lebenskraft ist –
Anmerkung: Die folgende behauptete Wiederbelebung beziehungsweise Bewegung gehört zur historischen Begründung von Mantrawirkung; sie ist kein medizinisches Verfahren.

9.224
calate spandate caiva tīrthaṃ vai preṣayanti hi|
dṛśyate mantrasāmarthyātkimatra pravicāryate ||
– sich dennoch bewegt und zuckt und sie ihn zu einer heiligen Stätte bringen: Das wird durch die Macht der Mantras gesehen. Was gäbe es daran zu erörtern?
Anmerkung: Tīrtha kann eine heilige Furt beziehungsweise Pilgerstätte bedeuten. Subjekt und Verknüpfung von preṣayanti sind unsicher. Der Vers vertritt eine historische Wirkungsbehauptung.

9.225
śilānāṃ kampanaṃ stobhaṃ sphoṭanaṃ gatirāgatiḥ |
mṛtadehapraveśaṃ ca rūpādiparivartanaṃ ||
Steine zum Zittern, Erschüttern oder Zerspringen zu bringen, sie hin und her zu bewegen, in einen toten Körper einzutreten und Gestalt und Weiteres zu verändern –
Anmerkung: Die aufgezählten Siddhis werden als Behauptungen des Quellentextes wiedergegeben.

9.226
hrasvatvaṃ ca kṛśatvaṃ ca nirgamaṃ jālakāntare |
evaṃvidhāni siddhīni acintyāni tu suvrate ||
– klein und dünn zu werden und durch Zwischenräume eines Netzes hinauszugelangen: Solche Vollendungen sind unvorstellbar, du mit gutem Gelübde.

9.227
mantrasāmarthyabhāvena kathaṃ carcā śivāgame |
pramāṇāni yānyuktāni pratyakṣādīni śaṃbhunā ||
Angesichts der wirksamen Macht der Mantras: Wie kann es Zweifel an Shivas Offenbarung geben? Unter den von Shambhu gelehrten Erkenntnismitteln, beginnend mit unmittelbarer Wahrnehmung –
Anmerkung: Diese rhetorische Begründung ist die Position des historischen Sprechers, kein gegenwärtiger Nachweis übernatürlicher Phänomene.

9.228
teṣāṃ tu pravaraṃ hyetatpratyakṣaṃ tu yaśasvini |
akṣaistu gṛhyate yacca tatrānyā kalpanā katham ||
– ist eben diese unmittelbare Wahrnehmung die vorzüglichste, Ruhmreiche. Was durch die Sinne erfasst wird: Wie könnte es darüber eine andere Vorstellung geben?

9.229
dharmādharmātmiko bandho ātmano yo varānane |
tasya caiva kṣayaḥ kāryo dīkṣayā parameśvari ||
Die Bindung des Selbst, die aus Recht und Unrecht besteht, Schönangesichtige, soll durch die Initiation vernichtet werden, höchste Herrin.
Anmerkung: Gemeint ist die rituelle Aufhebung bindender karmischer Folgen.

9.230
kṛtāni yāni karmāṇīdānīṃ yāni karoti ca|
dīkṣayā hi kṣayasteṣāṃ piṇḍapātācchivaṃ vrajet ||
Die Handlungen, die er getan hat und jetzt tut, werden durch die Initiation vernichtet; beim Fall des Körpers soll er zu Shiva gelangen.
Anmerkung: Der erste Halbvers der Nummernposition steht am Ende der vorhergehenden Druckseite und ist hier vollständig angeschlossen.

9.231
kṣīṇairdoṣātmakaiḥ pāśairdharmairye ca saṃsthitāḥ |
ādhāro nāsti deveśi yenāsau tiṣṭhate ’dhvani ||
Sind die aus Fehlern bestehenden Fesseln und die [bindenden] Rechtsfolgen erschöpft, besteht keine Stütze mehr, Herrin der Götter, durch die er auf dem [kosmischen] Weg verbleibt.
Anmerkung: Der Vers ist insgesamt vorläufig; auch Bang erklärt seinen Satzbau für unklar. Der Druck hat dharmair, nicht eine von der Übersetzung vorausgesetzte Form adharmaiḥ.

9.232
pāśamukto yadā hyātmā nirādhāraḥ prakīrtitaḥ|
patate kampate caiva chinnamūlo yataḥ priye ||
Wenn das Selbst von den Fesseln frei ist, wird es als stützenlos bezeichnet. Es fällt und zittert, weil seine Wurzel abgeschnitten ist, Geliebte.
Anmerkung: Der Text begründet hier körperliche Initiationszeichen innerhalb seiner eigenen Ritualtheorie.

9.233
yathā vṛkṣo bahirbhāvaiśchinnaḥ kampati bhūtale |
patate ca na sandehastadradātmā prakīrtitaḥ ||
Wie ein Baum, der durch äußere Einwirkungen abgeschnitten wurde, zittert und zweifellos auf die Erde fällt, so wird das Selbst beschrieben.
Anmerkung: Bahirbhāva ist nicht eindeutig; „äußere Einwirkungen“ ist eine vorläufige wörtliche Auflösung.

9.234
viyogaścaiva pāśānāṃ kartavyo dīkṣayā vidvadbhiḥ |
viyogastu yadā jātastadā stobho na saṃśayaḥ ||
Die Kundigen sollen durch Initiation die Trennung von den Fesseln bewirken. Wenn die Trennung geschehen ist, tritt zweifellos das Erschüttern ein.

9.235
stobho nāma samuddiṣṭaḥ kampanaṃ patanaṃ tathā |
kāśyapītalasaṃsthasya yogaścaiva nirāmaye ||
Als „Erschüttern“ werden Zittern und Fallen bezeichnet. Für den auf der Erdoberfläche Befindlichen [folge] die Vereinigung mit dem leidfreien [Zustand].
Anmerkung: Kāśyapī ist ein Name der Erde. Die Terminologie wird im Zusammenhang der historischen Initiationszeichen übersetzt.

9.236
pāśastobho bhavatyevaṃ viyogaṃ bandhanaiḥ saha |
yathā baddhaḥ kvacidvṛkṣo mūlaiḥ śākhāntagaiḥ priye ||
So geschieht das Erschüttern der Fesseln, die Trennung von den Bindungen. Wie ein Baum irgendwo durch Wurzeln gebunden ist, die an die Enden seiner Äste reichen, Geliebte –
Anmerkung: Die ungewöhnliche Beschreibung der Wurzeln wird nicht botanisch geglättet.

9.237
taiśchinnaiḥ patanaṃ yadradādhārarahitasya ca |
tadvaddehī patatyevaṃ mukto dharmādibandhanaiḥ ||
– und fällt, sobald diese abgeschnitten sind und er seine Stütze verloren hat, so fällt der Verkörperte, wenn er von Bindungen wie Recht [und Unrecht] befreit ist.
Anmerkung: Die Lesung mukto wird nach Bang durch ein am Ende von Handschrift A eingeordnetes Fragment gestützt; sie ist keine einhellige Lesung sämtlicher Textzeugen.

9.238
mokṣaṃ tu bhavate tasya iti śāstre pracoditam |
pāśastobhātkṣayaḥ siddhaḥ saṃsiddhaiḥ so ’pi samvaraiḥ ||
Für ihn tritt Befreiung ein, so wird es in der Schrift gelehrt. Aus dem Erschüttern der Fesseln ist deren Vernichtung erwiesen; auch dieses [Erschüttern geschieht] durch bewährte Zaubersprüche –
Anmerkung: Saṃvara/saṃvaraṇa steht hier in einem mit dem Kiraṇatantra verglichenen Zusammenhang für wirksame Mantras beziehungsweise Zaubersprüche; der Lautbestand des Tantrasadbhava wird erhalten.

9.239
saṃvarāṇāmacintyatvādyathā mūrtaviṣakṣayaḥ |
tasmānmuktiḥ sphuṭāpyevaṃ yadā pāśā nikṛntitāḥ ||
– denn deren Wirkung ist unvorstellbar, wie die Vernichtung körperlichen Giftes. Daher ist ebenso die Befreiung deutlich, wenn die Fesseln durchtrennt sind.
Anmerkung: Die Giftvernichtung ist ein historisches Vergleichsargument, kein medizinischer Wirksamkeitsnachweis.

9.240
kṛntanaṃ stobhanaṃ proktaṃ na cānyā kalpanā smṛtā |
dagdhabījāstu te devi yeṣāṃ dīkṣā tu pāśavī ||
Das Durchtrennen wird „Erschüttern“ genannt; eine andere Deutung wird nicht angenommen. Diejenigen, deren Initiation die Fesseln betrifft, haben verbrannte Samen, Göttin.
Anmerkung: Na cānyā kalpanā wird als Ausschluss einer anderen Deutung übersetzt; Bangs „nothing else but imagination“ gibt die Negationsstruktur anders wieder.

9.241
stabdhāḥ pāśā yadā tasya tadā mokṣo na saṃśayaḥ |
śāsanānāṃ tu sarveṣāṃ dīkṣā mokṣo vadanti ca ||
Wenn seine Fesseln erschüttert sind, besteht zweifellos Befreiung. In allen Lehrsystemen, [so der Sprecher,] erklärt man die Initiation zur Befreiung.
Anmerkung: Der umfassende Anspruch gehört zur Position des Textes; er ist keine überprüfte Aussage über sämtliche indischen Lehrsysteme.

9.242
sa ca mokṣastvadṛṣṭastu sādhyate dṛṣṭahetunā |
aṣṭau ye pratyayāścoktā adṛṣṭasya tu sādhane ||
Diese Befreiung ist unsichtbar, wird jedoch durch einen sichtbaren Grund nachgewiesen. Acht Bestätigungszeichen sind zum Nachweis des Unsichtbaren gelehrt –
Anmerkung: Die acht Einzelzeichen werden hier nicht aufgezählt; eine Liste aus Paralleltexten wird nicht als Originaltext ergänzt.

9.243
śuṣkatarkaistu deveśi na caivāgamakoṭibhiḥ|
sādhyate dīkṣayā muktiryadā stobhaḥ prajāyate ||
– nicht durch dürres Räsonieren, Herrin der Götter, auch nicht durch Millionen von Offenbarungstexten. Durch Initiation wird Befreiung erwiesen, wenn das Erschüttern eintritt.

9.244
stobhahīnā na muktiḥ syātsatyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
devyuvāca |
dharmādharmātmikāstasya pāśā ādhārarūpakāḥ ||
Ohne Erschüttern gäbe es keine Befreiung: wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel.
Die Göttin sprach:
Seine Fesseln bestehen aus Recht und Unrecht und haben die Gestalt einer Stütze –
Anmerkung: Der Sprecherwechsel liegt innerhalb der Nummernposition.

9.245
chinnamūlā yadā te vai tadātmā caiva gacchati |
mokṣaṃ tu śāśvataṃ nityamānandaṃ sarvatomukham ||
– wenn ihre Wurzeln abgeschnitten sind, gelangt das Selbst zur dauerhaften Befreiung, zum ewigen, in alle Richtungen gewandten Glück.
Anmerkung: Die Göttin entwickelt hier eine Frage aus den bisherigen Voraussetzungen.

9.246
bhogye naiva sa tiṣṭheta yato bhuktaṃ kṣayīkṛtam |
na cātmā tiṣṭhate tasminbhukte karmātmake vibho ||
Es könnte nicht im Erfahrbaren bleiben, weil das Erfahrene erschöpft ist. Das Selbst bleibt nicht in diesem aus Handlungen bestehenden, bereits Erfahrenen, Allmächtiger.
Anmerkung: Der sichtbare Druck hat bhukte („erfahren/genossen“), nicht mukta („befreit“).

9.247
bhogyaṃ nāma paśoḥ karma tadutthaṃ bandhanaṃ smṛtam |
tanniṣkṛtya kuto bandhastanmuktvā mṛtamaśnute ||
Das Erfahrbare der gebundenen Seele heißt Karma; die Bindung gilt als daraus entstanden. Ist es beseitigt, woher käme eine Fessel? Wenn man es verlassen hat, erfährt man den Tod.
Anmerkung: Mṛtam aśnute wird im Fragezusammenhang als Erfahren des Todes aufgefasst; die unregelmäßige Ausdrucksweise wird nicht im Sanskrit in eine andere Form umgeschrieben.

9.248
prāptaḥ pañcatvamātraṃ tu ādhārasyāpyabhāvataḥ|
śarīre naiva tiṣṭheta yatastasya kṣayīkṛtaḥ ||
Weil auch die Stütze fehlt, hat [die Seele] nur den Zustand der fünf [Elemente, den Tod] erreicht. Sie könnte nicht im Körper bleiben, da [dessen Grundlage] für sie vernichtet ist.
Anmerkung: Die Ergänzung des Bezugs von kṣayīkṛtaḥ ist erschlossen. Pañcatva bezeichnet idiomatisch den Tod beziehungsweise das Zerfallen in die Elemente.

9.249
bhairava uvāca
paśostu bandhakā śaktirjagataḥ kāraṇātmikā |
tayā baddhaṃ jagatkṛtsnaṃ muktaṃ caiva tayā priye ||
Bhairava sprach:
Die Shakti, welche die gebundene Seele bindet, hat die Natur der Weltursache. Durch sie ist die ganze Welt gebunden, und durch sie ist sie auch befreit, Geliebte.

9.250
bandhanī ajñarūpāṇāṃ mocanī viditātmanām |
ubhayārthasādhanī hyeṣā sā śaktirupacaryate ||
Sie bindet die Unwissenden und befreit diejenigen, die ihr Selbst erkannt haben. Weil sie beides bewirkt, wird sie „Shakti“ genannt.

9.251
tadādhāraḥ pravarteta puṇyapāpakṣayeṣvapi |
bahiraṅgagatābhāvā drumasyeva nikṛntitāḥ ||
Was auf ihr beruht, bleibt tätig, auch wenn Verdienst und Schuld vernichtet sind. Wie bei einem Baum die außen befindlichen Teile abgeschnitten sind –
Anmerkung: Der Bezug von tadādhāra ist mehrdeutig: Träger der Shakti oder das auf Shakti Beruhende. Die Übersetzung markiert diese Stützbeziehung ohne eine zusätzliche Ontologie einzusetzen.

9.252
patanaṃ naiva vidyeta guṇenaikena dhāryate |
tadradātmā śarīrastha śaktayādhārastu tiṣṭhati ||
– und dennoch kein Fallen eintritt, weil er durch ein einziges Glied gehalten wird, so bleibt das Selbst im Körper, auf Shakti gestützt.
Anmerkung: Guṇa kann Eigenschaft, Strang oder tragendes Glied bedeuten; das Baumgleichnis legt ein verbleibendes tragendes Glied nahe.

9.253
patanaṃ tu na vidyeta śaktyādhārastu pudgalaḥ |
yathā mṛte śarīre tu praviśetāparaṃ puram ||
Es gibt kein Fallen: Die Person ist auf Shakti gestützt. Wie sie bei einem toten Körper in eine andere „Stadt“ [einen anderen Körper] eintreten kann –
Anmerkung: Der Eintritt in fremde Körper ist eine im Text behauptete Fähigkeit; pur bezeichnet bildlich den Körper als Stadt.

9.254
pañcabhūtasamāyuktaṃ karaṇaistu trayodaśaiḥ |
kurute yoginastūrṇaṃ sajīvaṃ tu gatāyuṣam ||
– die mit den fünf Elementen und dreizehn Werkzeugen versehen ist: Ein Yogi macht den Leblosen schnell lebendig.
Anmerkung: Die dreizehn Werkzeuge sind eine traditionelle Gruppe körperlicher und geistiger Vermögen; der Satz ist eine historische Wiederbelebungsbehauptung.

9.255
calate dhāvate caiva vadate bhuñjate svayam |
svaśarīre ’pi cāspanda ekaivātmā ubheṣvapi ||
[Der belebte Körper] bewegt sich, läuft, spricht und isst von selbst. Obwohl der eigene Körper regungslos ist, gibt es in beiden nur ein Selbst.

9.256
caitanyadāyako devi śaktayādhārastu pudgalaḥ |
avicchinna-m-anāgā tu vyāpinī sā parā kalā ||
Die Person verleiht Bewusstsein, Göttin, und ist auf Shakti gestützt. Jene höchste Kala ist ununterbrochen, schuldlos und alles durchdringend.
Anmerkung: Avicchinna-m-anāgā ist eine editorisch eingerichtete Lesung; Bang erläutert anāgā als ungewöhnliche feminine Form von anāgas. Das eingeschobene m ist kein Mantra.

9.257
yathā supto vrajedevi grāmādgrāmāntaraṃ tathā |
saptadvīpāṃ samudrāṃ ca aṭate caiva dehinaḥ ||
Wie ein Schlafender, Göttin, von Dorf zu Dorf gehen kann, so durchwandert der Verkörperte die sieben Inselkontinente und die Meere.
Anmerkung: Sieben Meere sind nicht ausdrücklich gezählt; diese Zahl wird nicht aus Bangs Ergänzung übernommen.

9.258
svaśarīre’pi paśyeta yāti śṛṇvati bhuñjati |
na tadbhavati śūnyaṃ hi yaṃ tyaktvā gatacetanaḥ ||
Auch im eigenen Körper sieht er, geht, hört und erfährt. Das, was er verlassen hat, als das Bewusstsein fortging, wird dadurch nicht leer.
Anmerkung: Die Pronomenbezüge zwischen Träumer, Seele und Körper sind unsicher. Die Übersetzung erhält den Gegensatz von Fortgang und Nichtleere.

9.259
na kaścidgacchate devi nānyo mantā tu vidyate |
svayaṃ mantā prabhuścetā śaktayādhāraḥ prapaśyati ||
Niemand geht fort, Göttin, und kein anderer Denkender ist vorhanden. Er selbst, der Denkende, der Herr, der Bewusste, sieht, auf Shakti gestützt.
Anmerkung: Die scheinbare Spannung zu den vorhergehenden Bewegungsbildern gehört zur Argumentation des Textes.

9.260
yatra śaktirmanastatra manastvanilasaṃsthitaḥ |
nilasthaścāpyahaṃkāro hyahaṃkāre pratiṣṭhitā ||
Wo Shakti ist, dort ist das Denken; das Denken ruht im Wind. Auch die Ichbildung ruht im Wind, und in der Ichbildung ist sie [Shakti] verankert.
Anmerkung: Nilastha wird ohne Sanskritkorrektur im Kontext von anila als „im Wind ruhend“ verstanden.

9.261
trividhā sātu vijñeyā satvarājasatāmasā |
tāmasā tiryalokānāṃ narāṇāṃ cāpi rājasā ||
Sie ist als dreifach zu kennen: von Sattva, Rajas und Tamas geprägt. Bei den Tierwelten ist sie tamasisch, bei den Menschen rajasisch –
Anmerkung: Dies sind historische kosmologische Zuordnungen der Gunas.

9.262
sattvotkaṭā tu devīnāṃ bhavate varavarṇini |
tatprabhāvātprapaśyanti yānti śṛṇvanti caiva hi ||
– bei den Göttinnen aber überwiegt Sattva, Schönfarbige. Durch ihren Einfluss sehen, gehen und hören [die Wesen].
Anmerkung: Der Druck liest devīnām, „der Göttinnen“, nicht devānām; die feminine Form wird erhalten.

9.263
kāmikaṃ cāpi gṛhṇanti manasā yatratatragam |
evaṃ śaktirmayākhyātā savyāpārā śivātmikā ||
Mit dem Denken ergreifen sie das Begehrte, wo immer es sich befindet. So habe ich Shakti erklärt: tätig und von Shivas Wesen.

9.264
tasyāśchedo yadā devi tadā nirmanakaṃ padam |
bhavate ’tra na saṃdeho yathā śāstre pracoditam ||
Wenn sie abgetrennt wird, Göttin, dann entsteht der Zustand ohne Denken. Daran besteht kein Zweifel, wie es in der Schrift gelehrt ist.
Anmerkung: Cheda wird wörtlich als Abtrennung erhalten; ob ein Ende ihrer begrenzenden Tätigkeit oder eine ontologische Trennung gemeint ist, bleibt auslegungsbedürftig.

9.265
sāvalambe bhavetsiddhiraṇimādiguṇāṣṭakam |
śaktikāryastu suśroṇi bhuñjate paramaṃ padam ||
Mit einer Stütze entsteht die Vollendung der acht Fähigkeiten von der Verkleinerung an. Durch das Wirken der Shakti, Schönhüftige, [erfährt man] die höchste Stätte.
Anmerkung: Die zweite Vershälfte ist insgesamt vorläufig; Bang bezeichnet 9.265 als unklar. Śaktikāryas und bhuñjate stimmen grammatisch nicht regelmäßig zusammen.

9.266
vidyātmakamidaṃ proktaṃ devadevena śambhunā |
[yogamārgeṇa grahaṇam]
sāṃprataṃ grahaṇaṃ brūmi yathā te niścalaṃ bhavet ||
Dieses wurde vom Gott der Götter, Shambhu, als aus Wissen bestehend bezeichnet.
[Ergreifen durch den Yoga-Weg:] Nun erkläre ich das Ergreifen, damit es für dich fest und eindeutig wird.
Anmerkung: Die Zwischenüberschrift stammt aus der Edition.

9.267
śaktyāyā grahaṇaṃ kāryaṃ mantrātītasya suvrate |
kriyājñānaparityāgādrudrasthāne tu bhāvanā ||
Das Ergreifen des jenseits des Mantras Befindlichen soll durch Shakti erfolgen, du mit gutem Gelübde: nach dem Aufgeben von Handeln und Erkennen durch Betrachtung an Rudras Stätte.
Anmerkung: Śaktyāyā ist eine auffällige Form. Die genaue Beziehung zwischen Ergreifen, Shakti und dem „jenseits des Mantras“ Befindlichen bleibt unsicher.

9.268
nirodhastatra kartavyo-m-anākhyā parameśvari |
anilānalayogena stubhyate tu na saṃśayaḥ ||
Dort soll die Festhaltung durch die Unbenannte vollzogen werden, höchste Herrin. Durch die Verbindung von Wind und Feuer tritt zweifellos Erschütterung ein.
Anmerkung: Anilānalayoga kann Atemvorgänge oder Lautchiffren bezeichnen. Eine eindeutige Auflösung wird nicht erzwungen. Das eingeschobene m ist eine Textbesonderheit.

9.269
grahaṇaṃ nābhideśe tu kadambagolakākṛteḥ |
śaktyāgre tu tato bhāvyaṃ jvālāmālāvalīdharam ||
Im Nabelbereich [erfolgt] das Ergreifen dessen, das die Gestalt einer kugeligen Kadamba-Blüte hat. Dann soll man es an der Spitze der Shakti betrachten, eine Reihe von Flammengirlanden tragend.
Anmerkung: Das Objekt wird aus dem vorhergehenden Seelen- und Shakti-Zusammenhang erschlossen; die Pronomen fehlen im Vers.

9.270
vāyvagnipuramadhyasthaḥ patate nātra saṃśayaḥ |
nābhisthaṃ bhramaṇaṃ dhyāyeddārḍhyālātacakravat ||
In der Mitte der Stadt von Wind und Feuer befindlich fällt [es], ohne Zweifel. Man soll das Kreisen am Nabel betrachten, wie einen fest erscheinenden Feuerbrandkreis.
Anmerkung: Vāyvagnipura und dārḍhya in der Vergleichsbildung sind nicht sicher zu deuten. Der rotierende Feuerbrand ist ein Bild scheinbarer Kontinuität; es wird keine moderne Körpertechnik daraus abgeleitet.

9.271
grahaṇaṃ śūnyabhāvasthaṃ bhavate nātra saṃśayaḥ |
caladrūpāṃ manākhyāṃ tu bhāvayedyatratatragām ||
Das Ergreifen befindet sich im Zustand der Leere, ohne Zweifel. Man soll die bewegliche Gestalt, „Denken“ genannt, betrachten, wie sie hierhin und dorthin geht.

9.272
nāgodbalanayogena patate ’tra na saṃśayaḥ |
yadrūpaṃ bhāvayitvā tu vedhayedyoganāyakaḥ ||
Durch die Stärkung des Naga fällt [es], daran besteht kein Zweifel. Welche Gestalt der Meister des Yoga betrachtet und durchdringt –
Anmerkung: Nāga kann Schlange, eine Atemfunktion oder eine Chiffre meinen. Bangs Gleichsetzung mit Kundalini ist eine Deutung, keine ausdrückliche Lesung des Verses.

9.273
tadvikāro bhavatyāśu jñātvā śakti parāṃ priye |
tatvasya yādṛśaṃ rūpaṃ vedhaṃ kṛtvā tu tādṛśam ||
– deren Veränderung entsteht schnell, wenn man die höchste Shakti erkannt hat, Geliebte. Welche Gestalt das Tattva hat: Wenn man es entsprechend durchdrungen hat –

9.274
tadātmako bhavetstobho vikārastādṛgeva hi |
evaṃ jñātvā varārohe mantrātītasya suvrate ||
– dann hat das Erschüttern eben dieses Wesen, und die Veränderung ist entsprechend. Nachdem man dies erkannt hat, Schöngewachsene, [erfolgt] für das jenseits des Mantras Befindliche, du mit gutem Gelübde –

9.275
grahaṇaṃ yogamārgeṇa yathā śāstre prakāśitam |
[mantrayogena grahaṇam]
sāṃprataṃ mantrayogena yathā bhavati tacchṛṇu ||
– das Ergreifen durch den Yoga-Weg, wie es in der Schrift erklärt ist.
[Ergreifen durch Mantra-Yoga:] Höre jetzt, wie es durch Mantra-Yoga geschieht.
Anmerkung: Die Zwischenüberschrift ist editorisch; die Satzfortsetzung wird erhalten.

9.276
ha-ra-ī-ma-yutaṃ hyetacchaktibījamudāhṛtam |
śaktibījaṃ smṛtaṃ yacca sarvāṅgeṣu ca vinyaset ||
Dieses aus h, r, ī und m Zusammengesetzte wird als Shakti-Keim bezeichnet. Den so genannten Shakti-Keim soll man in alle Körperglieder einsetzen.
Anmerkung: Die Edition schreibt die Bestandteile als ha-ra-ī-ma. Bang erschließt daraus hrīṃ; diese Zusammenziehung einschließlich Anusvara ist eine ausdrücklich redaktionelle Lautauflösung, kein zusätzlich im Vers ausgeschriebener Handschriftenmantra. Keimsilben erhalten keine erfundene Satzbedeutung.

9.277
hṛccakre vinyasenmantraṃ dvādaśasvarabhūṣitam |
javākusumasaṃkāśaṃ caitanyaṃ tasya madhyataḥ ||
Im Herzchakra soll man das mit zwölf Vokalen geschmückte Mantra einsetzen. In seiner Mitte [liegt] das Bewusstsein, einer Hibiskusblüte gleich.
Anmerkung: Die zwölf Vokale werden hier nicht einzeln aufgezählt. Eine aus Kommentaren erschlossene Reihe wird nicht als Originalzusatz eingefügt.

9.278
vāyunā preritaṃ cakraṃ vahninā caiva dīpitam |
taṃ dhyāyeta japenmantraṃ nāmāntaritayogataḥ ||
Der Kreis wird vom Wind angetrieben und vom Feuer entzündet. Man soll ihn betrachten und das Mantra mit eingeschobenem Namen rezitieren.
Anmerkung: Nāmāntarita lässt die Stellung des Namens nicht als bloßen Schluss zu verstehen. Die genauere Anordnung wird im Vers nicht ausgeschrieben.

9.279
nimiṣaṃ yāvaddeveśi tāvatstobho na saṃśayaḥ |
paśyate cātmanaṃ devi tattve tatve niyojitam ||
Innerhalb eines Augenblicks, Herrin der Götter, tritt zweifellos das Erschüttern ein. [Der Schüler] sieht sich selbst, Göttin, in jedes einzelne Tattva eingesetzt.
Anmerkung: Die Ergänzung des Schülers als Subjekt folgt dem Initiationszusammenhang. Die Zeit- und Wirkungsangabe ist eine Behauptung des Quellentextes.

9.280
yāvatprāptaḥ pare tatve tāvadeva sa paśyati |
anena kramayogena sarvādhveṣu sa paśyati ||
So weit er bis zum höchsten Tattva gelangt ist, so weit sieht er. Durch diese Reihenfolge sieht er auf allen Wegen.
Anmerkung: Der Tantrasadbhava-Druck hat hier keine Verneinung vor „sieht“. Die abweichende Negation im von Bang verglichenen Tantrāloka wird nicht eingesetzt.

9.281
athavā sarvaśāstrāṇi udgrāhayati tatkṣaṇāt |
mudrā bandhatyanekāni śāstroktāni na saṃśayaḥ ||
Oder er erfasst augenblicklich alle Schriften und bildet zahlreiche in der Schrift gelehrte Mudras, ohne Zweifel.
Anmerkung: Der erste Halbvers beginnt auf der vorangehenden Druckseite und wird in dieser Nummernposition erhalten.

9.282
anena kramayogena pāśastobhaṃ tu kārayet |
na jñānena vinā stobhaḥ śaktihīno varānane ||
Mit dieser Reihenfolge soll man die Fesseln erschüttern. Ohne Erkenntnis gibt es kein Erschüttern; [ein solches wäre] ohne Shakti, Schönangesichtige.
Anmerkung: Śaktihīnaḥ kann das Erschüttern oder den Ausführenden betreffen. Die Übersetzung folgt vorläufig der ersten Möglichkeit; Bang diskutiert mehrere Konstruktionen.

9.283
yo jānāti parāṃ śakti śakti-r-ādyāṃ manonmanīm |
tayā viddho vrajedūrdhvaṃ yattatpadamanāmayam ||
Wer die höchste Shakti kennt, die ursprüngliche Shakti Manonmani, wird von ihr durchdrungen und steigt zu jener leidfreien Stätte auf.
Anmerkung: Manonmanī bezeichnet hier eine das gewöhnliche Denken überschreitende Kraft; die im Druck eingeschobene Konsonantenverbindung -r- bleibt sichtbar.

9.284
ātmabījaṃ nitambasthaṃ daṇḍākrāntaṃ tadāsanam |
vāmaśikharamārūḍhaṃ bhūṣitaṃ bhūṣaṇena tu ||
Der Selbst-Keim, auf der Hüfte befindlich und vom Stab überlagert, ist ihr Sitz; er ist auf die linke Spitze gestiegen und mit dem Schmuck –
Anmerkung: Es folgt verschlüsselte Lautgewinnung. „Selbst“, „Hüfte“, „Stab“, „linke Spitze“ und „Schmuck“ werden als sprachliche Chiffren übersetzt. Bangs erschlossene Lautkette smryūṃ ist keine zusätzlich überlieferte ausgeschriebene Lesung und wird nicht in den Sanskrittext eingesetzt.

9.285
vāmakarṇasya suśroṇi stobhayetsacarācaram |
ātmaprāṇaṃ tathā nābhidaṇḍākrāntaṃ tu kārayet ||
– des linken Ohres geschmückt, Schönhüftige: [So] soll er Bewegliches und Unbewegliches erschüttern. Ebenso soll man Selbst und Lebenshauch durch Nabel und Stab überlagern –
Anmerkung: Die erste Chiffrenfolge endet im ersten Halbvers, die zweite beginnt im zweiten. „Nabel“ bezeichnet hier eine Lautchiffre, keine Anweisung zu einem körperlichen Eingriff.

9.286
dīpayedvahninā devi śikhareṇa tathā punaḥ |
bhūṣaṇena tu vāmena trailokyaṃ stobhayetpriye ||
– und mit Feuer entzünden, Göttin, ferner mit der Spitze und mit dem linken Schmuck: [So] soll man die drei Welten erschüttern, Geliebte.
Anmerkung: Die sprachlichen Bestandteile der Chiffren sind übersetzt. Bang rekonstruiert aus 9.285cd–286 rshkṣryūṃ; die Rekonstruktion wird nicht als ausgeschriebener Handschriftenbefund ausgegeben.

9.287
vāmabāhuṃ nitambasthaṃ daṇḍākrāntaṃ tadāsanam |
śikhareṇa tu vāmena bhūṣaṇena tu bhūṣitam ||
Der linke Arm, auf der Hüfte befindlich und vom Stab überlagert, ist ihr Sitz; er ist mit der linken Spitze und dem Schmuck geschmückt.
Anmerkung: Weitere verschlüsselte Lautgewinnung. Bang erschließt ḍhmryūṃ; ihre Tabelle und die zum Vergleich herangezogene Kommentarliteratur enthalten abweichende Lautfolgen. Keine davon wird stillschweigend in den Quellentext eingesetzt.

9.288
stobhanaṃ sarvasattvānāṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
athānyaṃ paramaṃ devi vakṣyamāṇaṃ śṛṇuṣva me ||
[Dies bewirkt] Erschüttern aller Wesen, wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel. Höre nun von mir ein anderes höchstes [Mantra], das ich erklären werde, Göttin.

9.289
jīvaṃ vahnisamārūḍhaṃ tadākrāntaṃ tu kārayet |
vāyunā preritaṃ caiva ṣaṭkayuktaṃ tathaiva ca ||
Man soll den Lebens-Keim auf das Feuer steigen lassen und davon überlagern, vom Wind angetrieben und mit der Sechser-Bestimmung versehen.
Anmerkung: Jīva, Feuer, Wind und ṣaṭka sind Chiffren. Bang deutet ṣaṭka als den sechsten Vokal ū und erschließt sryūṃ. Dies ist eine redaktionelle Rücklesung; „Sechser-Bestimmung“ bewahrt die noch auslegungsbedürftige Formulierung.

9.290
dvādaśasvarasaṃbhinnaṃ yonisthaṃ tu varānane |
tatra madhyagatā śaktirvedhaghaṭṭanirodhanam ||
Mit zwölf Vokalen unterschieden und im Ursprungsschoß befindlich, Schönangesichtige, [ist das Mantra]. In seiner Mitte liegt Shakti: Durchdringen, Erschüttern und Festhalten –
Anmerkung: Yoni kann hier eine rituelle Matrix beziehungsweise den Ursprungsschoß bezeichnen. Die Satzkonstruktion verbindet sich mit 9.291.

9.291
kartavyaṃ grahaṇaṃ devi saṃdhānena pareṇa tu |
evaṃ saṃsādhito mantragrahaṇaṃ śaktigocaram ||
– als Ergreifen sollen diese durch die höchste Verbindung vollzogen werden, Göttin. So wird das durch Mantra bewirkte Ergreifen im Bereich der Shakti verwirklicht.
Anmerkung: Mantragrahaṇaṃ und śaktigocaraṃ sind in einer knappen, unregelmäßigen Konstruktion verbunden; die Übersetzung ist vorläufig.

9.292
gṛhītaḥ patate śīghraṃ kāśyapyāṃ gatacetasaḥ |
nirodhastatra kartavyo yojanaṃ parame pade ||
Der Ergriffene fällt schnell ohne Bewusstsein auf die Erde. Dort soll Festhaltung und Vereinigung mit der höchsten Stätte erfolgen.
Anmerkung: Die Bewusstlosigkeit wird als historisch beschriebenes Initiationszeichen wiedergegeben, nicht als anzustrebender heutiger Meditationszustand.

9.293
punareva tu kartavyaṃ prāṇasaṃdhāna nāḍiṣu |
saṃdhāne tu kṛte devi yathā pūrvaṃ tathā bhavet ||
Danach soll die Verbindung des Lebenshauchs mit den Nadis wiederhergestellt werden. Ist diese Verbindung vollzogen, Göttin, soll [der Zustand] wieder wie zuvor sein.

9.294
kathayettatra yaddṛṣṭaṃ tattve tattveṣvanukramāt |
yāvattatparamaṃ tattvaṃ tāvadevaṃ sa paśyati ||
Dann soll [der Schüler] berichten, was er in jedem einzelnen Tattva der Reihenfolge nach gesehen hat. Bis zu jenem höchsten Tattva sieht er auf diese Weise.

9.295
padabhedena yā vidyā vinyasettāṃ prayatnataḥ |
nādiphāntasvarūpeṇa navatattvasvarūpataḥ ||
Die in Wörter beziehungsweise Abschnitte gegliederte Vidya soll man sorgfältig einsetzen, in der von na bis pha verlaufenden Gestalt, entsprechend den neun Tattvas.
Anmerkung: Nādiphānta bezeichnet die im dritten Kapitel behandelte Lautordnung von na bis pha; eine vollständige Lautreihe wird nicht zusätzlich rekonstruiert.

9.296
grahaṇaṃ śaktinā kārya khadyotakamivārciṣā |
ānayeddvādaśānte tu visargeṇa tu kārayet ||
Das Ergreifen soll durch Shakti geschehen, wie [das Erkennen] eines Glühwürmchens durch seinen Lichtschein. Man soll [die Seele] zum Dvadashanta führen und dies durch Aussendung vollziehen.
Anmerkung: Arciṣā kann den Lichtschein oder eine Flamme bezeichnen. Visarga ist hier ein technischer Begriff der Aussendung, möglicherweise zugleich der Laut ḥ; eine eindeutige Gleichsetzung wird nicht erzwungen.

9.297
grahaṇaṃ karaṇairyuktaṃ pañcabhūtātmabhiḥ saha |
ātmasthaṃ caiva tattvasthaṃ tatsthaṃ caiva punaḥ punaḥ ||
Das Ergreifen verbindet sich mit den Werkzeugen und den fünf Elementen; im Selbst, im Tattva und an der jeweiligen Stätte [vollzieht es sich] immer wieder.
Anmerkung: Die Folge ātmastha/tattvastha/tatstha ist elliptisch. Die Übersetzung hält die genannten Stationen sichtbar, ohne einen nicht belegten zusätzlichen Ablauf einzusetzen.

9.298
saṃśodhya kramaśātsarvaṃ yojayeta pare śive |
nirlakṣe nirguṇe śānte sarvopāyavivarjite ||
Nachdem man alles der Reihe nach gereinigt hat, soll man [es] mit dem höchsten Shiva vereinigen, der ohne Betrachtungsziel, ohne Eigenschaften, friedlich und frei von allen Mitteln ist.

9.299
[utkrāntiḥ]
paśugrahaṇametaddhi utkrāntiṃ tu ataḥ śṛṇu |
nābhibījaṃ stanasthaṃ tu vāmaṃ caiva prayatnataḥ ||
[Verlassen des Körpers:] Dies ist das Ergreifen der gebundenen Seele. Höre nun das Verlassen des Körpers. Den Nabel-Keim, auf der linken Brust befindlich, [setze man] sorgfältig ein –
Anmerkung: Utkrānti bezeichnet in diesem Abschnitt einen historisch gelehrten absichtlichen Austritt aus dem Körper bis hin zum Tod. Die verschlüsselten Lautangaben werden als Textzeugnis übersetzt; daraus wird keine heutige Handlungsanweisung abgeleitet. Eine eigene Rekonstruktion der Silbenfolge wird nicht eingesetzt.

9.300
guhye nābhau tathā vaktre śravaṇe ghrāṇa cakṣuṣau |
vargākṣarasamāyuktametaiḥ sthānairyathākramam ||
– im verborgenen Bereich, am Nabel, am Mund, an den Ohren, an der Nase und an den Augen, mit den Lauten der Gruppen verbunden, entsprechend diesen Stellen in ihrer Reihenfolge.
Anmerkung: Die Zuordnung einzelner Lautchiffren bleibt im Vers verkürzt. Die von Bang erwogene achtgliedrige Rücklesung wird nicht als Originalmantra ausgegeben.

9.301
kuṇḍalīṃ brahmarandhrasthaṃ cintayedyonirūpiṇīm |
tasya madhyagataṃ vāyuṃ tejākhyaṃ paramātmanam ||
Man soll die im Brahmarandhra befindliche Kundali betrachten, von der Gestalt des Ursprungsschoßes; in ihrer Mitte den Wind, „Glanz“ genannt, das höchste Selbst –
Anmerkung: Die Passage beschreibt eine historische Visualisierung in der Sprache des feinstofflichen Körpers.

9.302
suṣumnāmadhyagaṃ devi brahmanāḍyāṃ vyavasthitam |
pareṇa tu visargeṇa vedhanaṃ brahmarandhrayoḥ ||
– in der Mitte der Sushumna gehend, Göttin, im Brahma-Nadi befindlich. [Es folgt] das Durchdringen der beiden Brahmarandhras durch die höchste Aussendung.
Anmerkung: Die Dualform brahmarandhrayoḥ steht im Druck. Bang deutet zwei Durchgangspunkte, darunter Dvadashanta; diese Lokalisierung wird nicht als ausdrücklich genannte Originalangabe ergänzt.

9.303
tatrāgre tu manaskṛtvā yojayedbhāvadhāraṇā |
nābhihṛtkaṇṭhatālvante bindunāde ca suvrate ||
Dort an der Spitze soll man den Geist ausrichten und durch Betrachtung und Festhalten verbinden: am Nabel, am Herzen, am Hals, am Ende des Gaumens, im Bindu und im Nada, du mit gutem Gelübde.
Anmerkung: Bhāvadhāraṇā ist grammatisch auffällig; die instrumentale Deutung ist erschlossen.

9.304
chedayedastrarājena kṣurikayāthavā priye |
chedayenmanasā sarvamarmasaṃdhānabandhanam ||
Mit dem König der Waffen[-Mantras] oder mit der „Rasierklinge“ soll man durchtrennen, Geliebte; im Geist soll man sämtliche Verbindungen und Bindungen der empfindlichen Stellen durchtrennen.
Anmerkung: Astra-rāja und Kṣurikā sind hier Mantrabezeichnungen. Manasā („im Geist“) steht ausdrücklich im Vers; die Passage wird nicht als körperliches Schneiden missverstanden.

9.305
jvālāmālāsahasraistu dahyamānaṃ vicintayet |
nirgataṃ brahmarandhreṇa śeṣāṃ bandhāṃ cchinattyasau ||
Man soll [das Selbst] von tausend Flammengirlanden verbrannt betrachten. Ist es durch das Brahmarandhra hinausgelangt, durchtrennt [der Ausführende] die übrigen Bindungen.
Anmerkung: Das Subjekt wechselt beziehungsweise bleibt unbestimmt; „das Selbst“ und „der Ausführende“ sind ergänzte Bezugsangaben.

9.306
visargeṇa chindetsakto lambakasyordhvataḥ priye |
hiṣkaṃ tu kaṇṭhadeśasthaṃ bhāvayedbhavanāśanam ||
Durch Aussendung soll man das oberhalb des Zäpfchens Haftende durchtrennen, Geliebte. Im Halsbereich soll man den Hiṣka-Laut vergegenwärtigen, der das Werden vernichtet.
Anmerkung: Hiṣka ist eine unklare Lautbezeichnung; Bang deutet ein schluckaufartiges Geräusch. Der Laut wird nicht mit einer erfundenen Satzbedeutung versehen. Die ganze Passage gehört zur historischen Utkrānti-Darstellung.

9.307
anena kramayogena padabhedaṃ samuccaret |
yāvadāvartanaṃ yāti padabhedena suvrate ||
Nach dieser Reihenfolge soll man die Gliederung der Abschnitte aussprechen, solange die Wiederholung nach den einzelnen Abschnitten fortgeht, du mit gutem Gelübde.
Anmerkung: Padabheda kann Mantraabschnitte oder Stufen bezeichnen; die genaue Wiederholungsstruktur bleibt unbestimmt.

9.308
utkrāmayati bhūtāni śataśo ’tha sahasraśaḥ |
paśugrahaṇametaddhi utkrāntiśca tapodhane ||
[Der Ausführende] lässt die Wesen zu Hunderten oder Tausenden austreten. Das ist das Ergreifen der gebundenen Seele und das Verlassen des Körpers, du Reiche an Askese.
Anmerkung: Śataśo/sahasraśaḥ kann sich auf die Wesen oder auf Wiederholungen beziehen; die wörtliche Verbindung mit bhūtāni wird erhalten. Bang bezieht die Zahlen auf Rezitationen.

9.309
kurute sādhakendrastu satyaṃ satyaṃ surārcite |
devyā vijñānametattu nākhyeyaṃ kasyacitpriye ||
Der Herr der Sadhakas vollzieht es, wahrlich, wahrlich, du von den Göttern Verehrte. Dieses besondere Wissen der Göttin soll niemandem mitgeteilt werden, Geliebte.
Anmerkung: Die Geheimhaltung ist eine Vorschrift des historischen Quellentextes; sie ist keine redaktionelle Anweisung für diese Ausgabe.

9.310
anena paśavo devyā utkrāmanti ca bhūtale |
tena guptaṃ prakartavyaṃ nākhyeyaṃ gopayetsadā ||
Dadurch verlassen die gebundenen Seelen auf Erden [den Körper] durch die Göttin. Darum soll es geheim gehalten und nicht mitgeteilt werden; stets soll man es verbergen.
Anmerkung: Devyā kann als instrumental „durch die Göttin“ verstanden werden; die Wiederholung der Geheimhaltung bleibt erhalten.

9.311
[kṣurikā-prayogaḥ]
kṣurikāṃ tu pravakṣyāmi yathā lakṣaṇalakṣitām |
stanaṃ devyāstu dakṣasthaṃ rephayuktaṃ visargiṇam ||
[Anwendung der Kshurika:] Ich werde die „Rasierklinge“ erklären, wie sie durch ihre Merkmale bestimmt ist: die rechte Brust der Göttin, mit r und Visarga verbunden –
Anmerkung: Kṣurikā ist ein Mantraname; Körperwörter dienen der verschlüsselten Lautgewinnung. Der erste Halbvers steht auf der vorherigen Druckseite. Die editorische Zwischenüberschrift ist erhalten.

9.312
dvirabhyāsapadaṃ kārya dvitīyaṃ daśanaṃ punaḥ |
dakṣajaṃghāsamāyuktaṃ punastaṃ prathamākṣaram ||
– soll als zweimal zu wiederholender Abschnitt gebildet werden; dann der zweite Zahn, und erneut der erste Laut, mit dem rechten Unterschenkel verbunden.
Anmerkung: Die Entschlüsselung hängt von der Lautverteilung auf die Göttin ab. Bangs rekonstruierte Silben und die Fassung in Jayarathas Kommentar weichen voneinander ab; sie werden nicht als zusätzliche Handschriftenlesungen eingesetzt.

9.313
prathamaṃ tu tato datvā daśanaṃ rephasaṃyutam |
nābhistu tena saṃyuktā prathamaṃ tu punardvijam ||
Dann soll man zuerst den mit r verbundenen Zahn geben. Der Nabel wird damit verbunden, dann erneut der erste Zahn.
Anmerkung: Prathama kann die Stelle oder den ersten Zahn bestimmen; deshalb bleibt die genaue Reihenfolge der erschlossenen Lautkette unsicher.

9.314
yathā pūrvaṃ tathā kāryaṃ lakṣaṇaṃ samudāhṛtam |
kathitā tu mayā bhadre kṣurikā marmacchedanī ||
Wie zuvor ist es auszuführen; so sind die Merkmale erklärt. Ich habe dir die Kshurika mitgeteilt, Glückliche, die die empfindlichen Stellen durchtrennt.
Anmerkung: Die betreffende Mantravorstellung gehört zur historischen Utkrānti-Lehre. Eine physische Klinge ist im Zusammenhang nicht gemeint.

9.315
chedayeta tato marma yojayetparame pade |
[astrarājaprayogaḥ]
sāṃpratamastrarājānaṃ kathayāmi samāsataḥ ||
Damit soll man die empfindlichen Stellen durchtrennen und [das Selbst] mit der höchsten Stätte verbinden.
[Anwendung des Königs der Waffen:] Nun erkläre ich den König der Waffen[-Mantras] in Kürze.
Anmerkung: Die Zwischenüberschrift ist editorisch und steht zwischen den beiden Vershälften.

9.316
nābhibījaṃ samuddhārya daṇḍākrāntaṃ tu kārayet |
nitambaṃ tadadhastātatu punardaṇḍaṃ tu kārayet ||
Man soll den Nabel-Keim herauslösen und ihn vom Stab überlagern lassen. Darunter [setze man] die Hüfte und dann wieder den Stab.
Anmerkung: Nabel, Stab und Hüfte sind Lautchiffren. Die verständlichen Bezeichnungen sind übersetzt; eine eigene Silbenrekonstruktion wird nicht als Quellentext ausgegeben.

9.317
śikharaṃ tu tato yojyaṃ bhūṣaṇaṃ tadanantaram |
vāmakarṇasya suśroṇi kalādyaṃ mastake nyaset ||
Dann ist die Spitze anzufügen, unmittelbar danach der Schmuck des linken Ohres, Schönhüftige. Das mit der Kala beginnende [Mantra] soll man auf den Kopf setzen.
Anmerkung: Kalādya ist eine knappe technische Bezeichnung. Bang erschließt aus 9.316–317 rkṣmryūṃ; die Vergleichsüberlieferung hat andere Laute. Diese Rücklesung gehört zur Forschung, nicht zum ausgeschriebenen Textbestand.

9.318
evaṃ mayā samuddiṣṭamastrarājā sudurlabham |
āpādatalamūrdhāntaṃ smaredevaṃ tu vyāpakam ||
So habe ich den schwer zu erlangenden König der Waffen[-Mantras] erklärt. Man soll ihn als von den Fußsohlen bis zum Scheitel durchdringend vergegenwärtigen.

9.319
uccāro hyastrarājasya kartavyaḥ śaktisaṃyutaḥ |
jvalatpāvakasaṃkāśaṃ dhyāyamāno japetsadā ||
Die Aussprache des Königs der Waffen[-Mantras] soll mit Shakti verbunden sein. Man soll ihn stets rezitieren, während man ihn wie loderndes Feuer betrachtet.

9.320
kuñcana-m- aṅgulīnāṃ tu kartavyaṃ codanaṃ tataḥ|
jānuṃ cākuñcyetpaścādurukau tadanantarāt ||
Ein Zusammenziehen der Finger soll erfolgen, dann das Antreiben. Danach soll man die Knie zusammenziehen und anschließend die Oberschenkel.
Anmerkung: Diese Körperangaben gehören zur historischen Beschreibung des Austrittsverfahrens; codana („Antreiben“) ist hier nicht näher erläutert. Das eingeschobene m ist keine Keimsilbe.

9.321
kaṭiguhyaṃ tataḥ kuñcya nābhisthaṃ grahaṇaṃ tataḥ |
brahmasthaṃ caiva viṣṇusthaṃ rudrasthaṃ bindumadhyagam ||
Dann [folgen] das Zusammenziehen von Hüfte und verborgenem Bereich und das Ergreifen am Nabel: [des Selbst] an Brahmas, Vishnus und Rudras Stätte und in der Mitte des Bindu –
Anmerkung: Der erste Halbvers steht auf der vorhergehenden Druckseite. Die Bezüge auf das Selbst sind ergänzt.

9.322
nādasthaṃ caiva śaktisthaṃ vyāpinīsthaṃ ca sarvataḥ|
viṣuvasthaṃ ca jñātavyaṃ visargasthamanantaram ||
– an Nadas, Shaktis und Vyapinis Stätte, nach allen Seiten; auch am Gleichgewichtspunkt soll es erkannt werden, unmittelbar [mit der] Stätte der Aussendung [verbunden].
Anmerkung: Der Schluss viṣuvasthaṃ ... visargastham anantaram ist unsicher. Eine eindeutige Reihenfolge zweier getrennter Orte lässt sich daraus nicht sichern; Bang kennzeichnet die Stelle ebenfalls als unklar.

9.323
guruvaktragataṃ jñātvā mucyate mocayeti ca |
evaṃ tyāgagatiṃ jñātvā śaktyādhārasya suvrate ||
Wer das im Guru-Mund Befindliche erkennt, wird befreit und befreit [andere]. Nachdem man so den Weg des Loslassens für das auf Shakti Beruhende erkannt hat, du mit gutem Gelübde –
Anmerkung: Guruvaktra ist hier ein technischer Ausdruck für einen oberen Durchgang beziehungsweise Bewusstseinsort, nicht notwendig der physische Mund des Lehrers.

9.324
śakti sūkṣmaparā jyotsnā paradharmaprabodhanī |
taṃ jñānaṃ paramaṃ devi pāraṃparyakramāgatam ||
– [erkenne man] Shakti als subtil und höchst, als Mondlicht, das das höchste Wesen erweckt. Dieses höchste Wissen, Göttin, ist in der Folge der Überlieferung herabgekommen.
Anmerkung: Paradharma kann „höchstes Wesen/Gesetz“ oder „das Wesen eines anderen“ bedeuten; die erste Möglichkeit wird vorläufig gewählt. Die Nominalformen sind unregelmäßig.

9.325
kathitaṃ sarahasyaṃ tu sadyonirvāṇadaṃ padam |
utkrāntiḥ kathitā bhadre ātmano vā parasya vā ||
Die geheime Stätte, die unmittelbar Befreiung gewährt, ist erklärt. Der Austritt aus dem Körper ist mitgeteilt, Glückliche, für einen selbst oder einen anderen.
Anmerkung: Die ausdrückliche Erweiterung auf andere Personen ist Bestandteil der historischen Ritualbeschreibung; sie wird weder verschwiegen noch als heutige Befugnis verstanden.

9.326
kartavyā jñānavijñānairyathā śāstre pradarśitā |
athānyaṃ saṃpravakṣyāmi abhiṣekavidhiṃ śubham ||
Er soll durch Wissen und besonderes Können vollzogen werden, wie es die Schrift darstellt. Nun werde ich ein anderes, günstiges Verfahren der Weihe erklären.

9.327
sāṃpradāyikametattu nābhāgyāḥ prāpnuvanti hi |
gandhadigdhau karau kṛtvā śiṣyasya susamāhitaḥ ||
Dieses gehört zur überlieferten Lehrfolge; Unglückliche erlangen es nicht. Gut gesammelt soll man die Hände des Schülers mit Duftstoffen bestreichen –

9.328
śaktyāsanaṃ nyasettatra gandhāmbupūritaṃ tataḥ |
kalaśaṃ vāthavā śaṅkhaṃ sahiraṇyaṃ tu vinyaset ||
– dort den Sitz der Shakti einsetzen und darauf einen mit Duftwasser gefüllten Krug oder eine Muschel mit Gold darin stellen.
Anmerkung: Tatra kann die Hände des Schülers oder den Ritualort bezeichnen; der Bezug auf die Hände folgt dem unmittelbaren Satzanschluss.

9.329
somaṃ prapūjayettasminaṣṭavargasamanvitam |
vartulīkṛtya śaktiṃ tu uccarettatpunaḥ punaḥ ||
Darin soll man Soma verehren, mit den acht Gruppen verbunden. Nachdem man Shakti kreisförmig gemacht hat, soll man dies wiederholt aussprechen.
Anmerkung: Aṣṭavarga kann acht Lautgruppen oder eine Stoffgruppe meinen. Bang deutet hier acht Arzneistoffe; ohne ausdrückliche Benennung wird diese Deutung nicht als sicher eingesetzt. Was genau ausgesprochen wird, bleibt im Vers unbestimmt.

9.330
tata stubhya hyasau hastaṃ kalaśaṃ caiva kampati |
dhārāsaṃpātanirghoṣaḥ patate śiṣyamūrdhani ||
Dann erschüttert [er] die Hand und den Krug; [dieser] zittert. Der Schall des herabfallenden Stromes fällt auf den Kopf des Schülers.
Anmerkung: Subjekt und Gegenstände von stubhya und kampati sind unregelmäßig verbunden. Die Übersetzung folgt vorläufig dem rituellen Bild eines bewegten Krugs und herabfallenden Weihewassers.

9.331
dhārāsaṃpātayogena brahmahatyāṃ vyapohati |
etatpratyaya saṃvedya dṛśyate yasya kasyacit ||
Durch das Herabfallen des Stromes beseitigt [das Ritual] die Schuld der Brahmanentötung. Dieses Bestätigungszeichen ist erkennbar und kann bei jedem, [bei dem es auftritt,] gesehen werden.
Anmerkung: Die Tilgung der Schuld ist eine historische rituelle Verheißung; der Vers setzt keine weltliche Verantwortung außer Kraft.

9.332
sa eva pūjayedevi siddhavidyādharādibhiḥ|
devyuvāca |
asyaiva rūpakaṃ kiṃ tu yasya varṇo na vidyate ||
Dieser [Mensch] soll von Siddhas, Vidyadharas und anderen verehrt werden, Göttin.
Die Göttin sprach:
Was aber ist seine Gestalt, wenn bei ihm kein Laut vorhanden ist?
Anmerkung: Pūjayet mit Instrumental wird im ersten Halbvers sinngemäß passiv verstanden. Varṇa kann Laut, Farbe oder Klasse bedeuten; im folgenden Problem der Mantrakraft ist „Laut“ vorläufig gewählt.

9.333
varṇahīno yadā deva kauṭārthaḥ pratipadyate |
yathā taṃ jñāyate vīryaṃ ko vīryasya ca bhājanaḥ ||
Wenn [er] ohne Laut ist, Gott, wird ein verborgener, unbeweglicher Sinn erreicht. Wie ist dann die Wirkkraft zu erkennen, und wer ist der Träger dieser Wirkkraft?
Anmerkung: Kauṭārthaḥ ist eine editorische Emendation nach einer Parallelstelle der Niśvāsakārikā. Seine Deutung bleibt unsicher; die Übersetzung ist ausdrücklich vorläufig, nicht eine gesicherte Definition des Wortes.

9.334
bhairava uvāca |
likhedbhūmyāṃ tu tāṃ śakti kuṭilākārarūpiṇīm |
nirīkṣānimiṣā dṛṣṭvā upasannastu suvrate ||
Bhairava sprach:
Man soll jene Shakti in gekrümmter Gestalt auf den Boden zeichnen. Der Herangetretene soll sie mit unbewegtem, nicht blinzelndem Blick betrachten, du mit gutem Gelübde.
Anmerkung: Die Konstruktion nirīkṣānimiṣā dṛṣṭvā ist grammatisch auffällig.

9.335
bhāvitātmā yadā paśyecchaktiṃ vai kuṭilākṛtim |
śatena patate yastu tīvrapātaḥ prakīrtitaḥ ||
Wenn der durch Betrachtung Geübte Shakti in ihrer gekrümmten Gestalt sieht und nach hundert [Wiederholungen] fällt, wird dies als heftiger Fall bezeichnet.
Anmerkung: Die Ergänzung der Wiederholungen folgt vartana in 9.337. Die Passage ist eine historische Klassifikation des Śaktipāta und körperlicher Reaktionen.

9.336
evaṃ sahasramekena athavaivāyutena ca |
yasya pāto bhavedevi madhyamaḥ parikīrtitaḥ ||
Wer ebenso nach tausend oder zehntausend [Wiederholungen] fällt, Göttin, dessen [Fall] wird als mittel bezeichnet.

9.337
dvyayutaistryayutairvāpi tathā pañcadaśaḥ priye |
patate vartanairyastu so ’dhamaśca iti smṛtaḥ ||
Wer nach zwanzigtausend, dreißigtausend oder „fünfzehn“ Wiederholungen fällt, Geliebte, gilt als gering.
Anmerkung: Der Druck hat pañcadaśaḥ („fünfzehn“), während Bangs englische Übersetzung fünfzigtausend annimmt. Eine fehlende Tausenderbestimmung oder eine andere Zahl wird nicht stillschweigend ergänzt; die Zählung bleibt an dieser Stelle unsicher.

9.338
pātānāṃ ca vibhāgo ’tra vivṛṇve daṃśakānvaye |
patitaṃ dīkṣayedevi pātahīnaṃ tu varjayet ||
Diese Einteilung der Fälle will ich hier in der Folge des Beißers erläutern. Den Gefallenen soll man initiieren, Göttin; denjenigen ohne Fall soll man ausschließen.
Anmerkung: Daṃśakānvaya („Folge des Beißers“) ist eine unsichere Bezeichnung; Bang deutet den Beißer als Shiva. Die historische Zulassungsregel ist kein heutiges Eignungskriterium.

9.339
pātahīno durātmāno na dīkṣāphalamarhati |
pūrvajātismarā mantrāḥ tattvaṃ bhavanti suvrate ||
Derjenige ohne Fall, von schlechtem Wesen, verdient die Frucht der Initiation nicht. [Für] die sich an frühere Geburten Erinnernden werden die Mantras Wirklichkeit, du mit gutem Gelübde.
Anmerkung: Die zweite Vershälfte ist stark elliptisch und insgesamt vorläufig. Bang bezeichnet sie als dunkel und zieht einen Abschnitt aus Kapitel 14 zur Erklärung heran.

9.340
bhāvitānāṃ tu cihnedaṃ calate kampate dhunet |
pāśacchede tu saṃjāte patate kāśyapītale ||
Dies ist das Zeichen der durch Betrachtung Geübten: [Der Betreffende] bewegt sich, zittert und schüttelt sich. Sind die Fesseln durchtrennt, fällt er auf die Erdoberfläche.

9.341
saṃmukhaṃ patate yastu chinnapāśo na saṃśayaḥ |
uttamo ’sau samuddiṣṭa uttāno madhyamo mataḥ ||
Wer mit dem Gesicht nach unten fällt, dessen Fesseln sind zweifellos durchtrennt; er gilt als der Beste. Ein Fall mit dem Gesicht nach oben gilt als mittel.

9.342
tiryakpāto ’dhamaḥ prokto devadevena śaṃbhunā |
sūkṣmapāśo varārohe kartaryā naiva chidyate ||
Den seitlichen Fall hat der Gott der Götter, Shambhu, als gering bezeichnet. Die subtile Fessel, Schöngewachsene, wird nicht mit einer Schere durchtrennt.
Anmerkung: Die ausdrückliche Abgrenzung vom physischen Schneiden steht im Quellentext selbst.

9.343
śuddhadvandvajamiśrācca yadā devi vinaśyate |
tadā mukto bhavatyāśu pāśajālena suvrate ||
Wenn sie durch reine, paarweise entstandene oder gemischte [Unterweisung] vernichtet wird, Göttin, wird [die Seele] schnell vom Netz der Fesseln befreit, du mit gutem Gelübde.
Anmerkung: Die Ergänzung „Unterweisung“ folgt den von Bang verglichenen Stellen 3.56 und 3.90. Die drei technischen Formen sind nicht im Vers selbst erklärt.

9.344
kāṣṭhavattiṣṭhate yastu pāṣāṇo vā sureśvari |
tasya dīkṣā na kartavyā yadi nirmānuṣī prajā ||
Wer wie ein Holzstück oder ein Stein stehen bleibt, Herrin der Götter, an dem soll keine Initiation vollzogen werden, auch wenn [sonst] die Menschheit menschenleer wäre.
Anmerkung: Yadi nirmānuṣī prajā ist unsicher. Die letzte Wendung kann eine rhetorische Verschärfung des Ausschlusses oder eine Charakterisierung des Betroffenen meinen; die Übersetzung ist vorläufig.

9.345
tīvreṇa khecaraṃ yāti pātena varavarṇini |
madhyamena tu pātālamadhamansukha jīvati ||
Durch den heftigen Fall gelangt man in den Himmelsraum, Schönfarbige, durch den mittleren in die Unterwelt; durch den geringen lebt man glücklich.
Anmerkung: Historische Zuordnung von Initiationszeichen und versprochenen Resultaten.

9.346
evaṃ pratyayamākhyātaṃ pāśastobhaṃ karoti saḥ |
na jñānena vinā stobho na vīryeṇa sureśvari ||
So ist das Bestätigungszeichen erklärt; [der Guru] bewirkt das Erschüttern der Fesseln. Ohne Erkenntnis und ohne Wirkkraft gibt es kein Erschüttern, Herrin der Götter.

9.347
siddhayogī karotyevaṃ saṃpradāyena saṃyutam |
saṃpradāyavihīnastu yo dīkṣāṃ kartumicchati ||
Ein vollendeter Yogi vollzieht es so, mit der Lehrüberlieferung verbunden. Wer aber ohne Lehrüberlieferung eine Initiation ausführen möchte –

9.348
niṣphalaṃ pariśramaṃ tasya na dīkṣā narakaṃ brajet |
vratinastu punardevi kṣetrapālā bhavanti hi ||
– dessen Mühe ist fruchtlos; es ist keine Initiation, und er gelangt in die Hölle. Die Gelübdeübenden hingegen, Göttin, werden zu Hütern des Ortes.
Anmerkung: Die Verdammung und die Stellung als Kṣetrapāla sind religiöse Wertungen des historischen Sprechers.

9.349
yadi dīkṣā bhavenmuktissarveṣu cāgameṣu ca |
tasmādīkṣā tu boddhavyā pāśastobho yadā bhavet ||
Wenn Initiation nach allen Offenbarungstexten Befreiung ist, dann soll man Initiation daran erkennen, dass das Erschüttern der Fesseln stattfindet.

9.350
dharmādharmanibaddhastu piṇḍo tatra patetpriye |
tadā nirvāṇadāṃ dīkṣāṃ yaḥ karoti sa deśikaḥ ||
Der durch Recht und Unrecht gebundene Körperklumpen soll dort fallen, Geliebte. Wer dann die Befreiung gewährende Initiation vollzieht, ist der Lehrer.

9.351
yenaivālabdhamātrasya stubhyate pāśapañjaram |
sa gurustu samākhyātaḥ saṃsārārṇavatārakaḥ ||
Durch dessen bloße Berührung der Käfig der Fesseln erschüttert wird, der wird Guru genannt, der über den Ozean des Samsara hinüberführt.

9.352
tasya pādarajo devi śirasā dhārayedyadi |
tatkṣaṇādeva mucyeta sarpasya kavacaṃ yathā ||
Wenn man den Staub seiner Füße auf dem Kopf trägt, Göttin, soll man augenblicklich frei werden, wie eine Schlange von ihrer Haut.
Anmerkung: Das Gleichnis und die sofortige Befreiungsverheißung gehören zum Lob des Guru.

9.353
sa ācāryaḥ samākhyātaḥ śivasadbhāvabhāvitaḥ|
tattvavitsa samākhyātaḥ stobhayetpāśapañjaram ||
Er wird Lehrer genannt, von Shivas wahrem Wesen durchdrungen. Er heißt Tattva-Kundiger, weil er den Käfig der Fesseln erschüttert.

9.354
sa gurustu samākhyāto dharmārthakāmamokṣadaḥ|
[tulāvidhiḥ]
sāmprataṃ tu punarvakṣye tulāyā vidhimuttamam ||
Er wird Guru genannt, der Recht, Wohlergehen, Begehren und Befreiung gewährt.
[Das Wiegeritual:] Jetzt werde ich das vorzügliche Verfahren mit der Waage erklären.
Anmerkung: Die vier Lebensziele Dharma, Artha, Kama und Moksha werden übersetzt. Die Zwischenüberschrift ist editorisch.

9.355
tulā paṭṭamayī kāryā lakṣaṇaṃ tasya kathyate |
dīrghatvaṃ śākhayoḥ kārya caturhastapramāṇataḥ ||
Die Waage soll aus Patta bestehen; ihre Merkmale werden erklärt. Die beiden Arme sollen vier Hasta lang sein.
Anmerkung: Paṭṭa kann Gewebe, Streifen oder Brett bedeuten. Bang diskutiert die Material- und Konstruktionsfrage; eine sichere Bauanleitung lässt sich aus dem Wortlaut nicht ableiten.

9.356
vistāraṃ trīṇi hastāni madhye hastadvayārdhataḥ |
caturasrau samau kāryau tritoraṇasamanvitau ||
Die Breite [betrage] drei Hasta, in der Mitte zweieinhalb Hasta. Zwei gleichmäßige viereckige [Teile] sollen mit drei Torbögen verbunden sein.
Anmerkung: Die Bezugsgrößen der Maße bleiben unklar. Torana bezeichnet hier eine tragende bogenartige Konstruktion, nicht notwendig ein selbständiges Eingangstor.

9.357
madhye tu śṛṅkhalā kāryā kaṭakatrayasaṃyutā |
karṇau tu sudṛḍhau kāryau sthūlau sandhitasandhitau ||
In der Mitte soll eine Kette mit drei Ringen angebracht werden. Die beiden Ösen sollen fest, dick und an den Verbindungsstellen zusammengefügt sein.
Anmerkung: Karṇa heißt wörtlich Ohr; im Bauzusammenhang ist die Bedeutung Öse vorläufig gewählt.

9.358
evaṃ tataḥ prakalpyādau tulāṃ vai maṇḍapāgrataḥ |
adhivāsanaṃ tataḥ kṛtvā gandhapuṣpapavitrakaiḥ ||
Nachdem man die Waage zunächst so vor dem Pavillon aufgestellt hat, soll man ihre vorbereitende Weihe mit Duftstoffen, Blumen und Reinigungsringen vollziehen –
Anmerkung: Pavitraka bezeichnet einen rituellen Reinigungsgegenstand, häufig einen Grasring; das Material steht nicht ausdrücklich im Vers.

9.359
naivedyairbahubhirdhūpairmantranyāsaṃ tu kārayet |
dvitīye’hani śiṣyasya taulyamānaṃ samārabhet ||
– mit zahlreichen Speisegaben und Räucherwerk; dann soll man die Mantras einsetzen. Am zweiten Tag soll man beginnen, das Gewicht des Schülers zu bestimmen.

9.360
samasūtraṃ tu taṃ taulyaṃ sikatāyāḥ sahaikataḥ |
samamānaṃ tato jñātvā-d-ānayedagnipārśvataḥ ||
Man soll ihn bei waagerechter Schnur mit Sand auf der anderen Seite aufwiegen. Nachdem man das gleiche Gewicht ermittelt hat, soll man ihn zum Feuer bringen.
Anmerkung: Das im Druck eingeschobene d bleibt als Textbesonderheit sichtbar.

9.361
grahaṇaṃ śaktinā kārya sandhānaṃ śaktinā punaḥ |
saṃśodhya kramaśaḥ sarva-m-adhvaneṣu yathākramam ||
Das Ergreifen soll durch Shakti erfolgen, die Verbindung wiederum durch Shakti. Nachdem man alles in den Wegen der Reihe nach gereinigt hat –
Anmerkung: Das eingeschobene m ist keine Keimsilbe.

9.362
yojayeta tato mantrī sakale niṣkale ’pi vā |
sarvāśuddhinivṛtyarthaṃ bahurūpeṇa dāpayet ||
– soll der Mantrakundige [die Seele] mit dem gegliederten oder ungegliederten [Shiva] vereinigen. Zur Beseitigung aller Unreinheit soll er mit dem Vielgestaltigen [Mantra] eine Darbringung bewirken.
Anmerkung: Bahurūpa ist eine Mantrabezeichnung; der Wortlaut schreibt das zugehörige Mantra hier nicht aus.

9.363
pūrṇāttu pūrṇatāṃ kuryādvidhiracchidratāṃ bhavet |
ārohayettato mantrī sādhakaṃ śaktivigraham ||
Aus dem Vollen soll man Fülle herstellen, damit das Verfahren fehlerlos wird. Dann soll der Mantrakundige den Sadhaka, die Verkörperung der Shakti, emporheben [oder: aufsteigen lassen].
Anmerkung: Der zweite Halbvers bleibt in der genauen Ritualhandlung unklar. Ārohayet bezeichnet ein Hinaufbringen oder Aufsteigenlassen; eine Waage wird in diesem Vers nicht genannt. Bang S. 410 deutet die beiden Akkusative anders: Der Mantrakundige soll dem Sadhaka einen Shakti-Leib auflegen. Die gewählte Wiedergabe folgt der möglichen Apposition sādhakaṃ śaktivigraham, ohne das Ziel des Hinaufbringens zu ergänzen.

9.364
uccārya śaktinā tūrṇaṃ prāṇajīvasamāśritam |
kaṇṭhayuktaṃ sabinduṃ ca yakāreṇātha dīpitam ||
Mit Shakti soll man schnell [das Mantra] aussprechen, auf Lebenshauch und Lebens-Keim ruhend, mit dem Hals und dem Bindu verbunden und durch den Laut ya entzündet –
Anmerkung: Die Körper- und Lebensbezeichnungen sind Lautchiffren. Ya ist hier eine editorische Emendation aus Handschriftenformen pa/ṣa; dies wird nicht als einhellig überliefert ausgegeben.

9.365
bhūṣaṇairvāmakarṇasya bhūṣitaṃ tu yathepsayā |
laghutvaṃ bhavate devi gacchate cordhvata svayam ||
– mit dem Schmuck des linken Ohres nach Wunsch geschmückt. Dann entsteht Leichtigkeit, Göttin, und [der Schüler] steigt von selbst auf.
Anmerkung: Bangs erschlossene Lautfolge hsvyūṃ wird nicht in den Sanskrittext eingesetzt. Der behauptete Gewichtsverlust gehört zur historischen Deutung des Wiegerituals.

9.366
śuddhaḥ pāpavinirmuktaḥ paraṃ pāraṃ ca gacchati |
śuddhirevaṃ samākhyātā brahmaghnasyāpi śambhunā ||
Rein und von Schuld befreit gelangt er an das fernste Ufer. So hat Shambhu die Reinigung sogar eines Brahmanentöters erklärt.

9.367
gavaghnasyāpi kartavyā tulāśuddhi manīṣiṇā |
evaṃ tulāviśuddhasya mokṣa ityabhiśabditaḥ ||
Auch für einen Kuhtöter soll der Einsichtige die Reinigung durch die Waage vollziehen. Für einen so durch die Waage Gereinigten wird Befreiung verkündet.
Anmerkung: Die Aussage gehört zum historischen Ritualrecht und seinen Befreiungsverheißungen.

9.368
[prasannāvidhiḥ]
mṛteṣūddharaṇaṃ proktaṃ prasannāyā varānane |
darpaṇaṃ cādhivāsyādau śiṣyaṃ kanyakayā saha ||
[Das Orakelverfahren:] Die Errettung Verstorbener wird als [Aufgabe] des Prasanna-Verfahrens genannt, Schönangesichtige. Zuerst soll man den Spiegel und den Schüler zusammen mit einem Mädchen vorbereitend weihen.
Anmerkung: Adhivāsya kann rituales Vorbereiten oder Übernachtenlassen bezeichnen. Die Prasannā-Darstellung betrifft historische Divination und ist keine heutige Empfehlung zum Einsatz von Kindern als Medien.

9.369
dvitīye ’hani dīkṣā tu kartavyā śiva-adhvare |
grahaṇaṃ hṛdayasthasya kartavyaṃ paśurātmanaḥ ||
Am zweiten Tag soll die Initiation in Shivas Opfer vollzogen werden. Die im Herzen befindliche gebundene Seele soll ergriffen werden.

9.370
tattvasthaṃ yojayetpaścācchuddharthaṃ bandhanāya tu |
darpaṇasthā prapaśyanti kanyakā divyacakṣuṣā ||
Danach soll man sie mit der jeweiligen Tattva-Stätte verbinden, zur Reinigung und zur Bindung [an diese Stätte]. Die am Spiegel befindlichen Mädchen sehen mit göttlichem Auge –
Anmerkung: Bandhanāya („zur Bindung“) steht im Text, auch wenn hier die Befreiung geprüft wird. Der Bezug ist auslegungsbedürftig und wird nicht stillschweigend in „zur Prüfung“ geändert.

9.371
yatra tatra sthitaṃ sūkṣme śarīre bhuvanādhvani |
grahaṇaṃ yojayedevi tattve tattve na saṃśayaḥ ||
– wo sie sich im subtilen Körper und im Weltenweg befindet. Das Ergreifen soll man mit jedem einzelnen Tattva verbinden, Göttin, ohne Zweifel.
Anmerkung: Die Satzbezüge zwischen Mädchen, Seele und subtilen Orten sind elliptisch.

9.372
yāvadyuktaḥ pare tattve tāvadevaṃ prapaśyati |
śaktinālabdhadṛṣṭyā tu netrabījena suvrate ||
So weit [die Seele] mit dem höchsten Tattva verbunden ist, so weit sehen sie. Durch Shakti wird der Blick berührt [unsichere Deutung]. Mit dem Augen-Keim, du mit gutem Gelübde –
Anmerkung: Śaktinālabdhadṛṣṭyā ist grammatisch unsicher; die Wendung über das durch Shakti berührte beziehungsweise erlangte Sehen bleibt vorläufig. Netrabījena, „mit dem Augen-Keim“, wird auf die Wasserbesprechung in 9.373 bezogen, entsprechend Bang S. 412.

9.373
abhimantrya tato devi udakaṃ tu śatārdhataḥ |
kṣālayennayane tāsāṃ darpaṇaṃ tu pradarśayet ||
– soll man dann das Wasser fünfzigmal mit diesem Mantra besprechen, Göttin, ihre Augen waschen und ihnen den Spiegel zeigen.
Anmerkung: Das Mantra ist der am Ende von 9.372 genannte Augen-Keim; die Satzverbindung läuft über die Versgrenze.

9.374
paśyanti tatra tāḥ kanyāḥ śubhāśubhaphalāphalam |
athānyaṃ saṃpravakṣyāmi prasannāvidhimuttamam ||
Dort sehen die Mädchen günstige und ungünstige Frucht und Fruchtlosigkeit. Nun werde ich ein anderes vorzügliches Orakelverfahren erklären.

9.375
oṃ namaścaṇḍikāyai yogavāhini pravarta pravarta mohaya mohaya yogamukhi yogeśvari
mahāmāyādhāriṇi hiri hiri bhūtapriye svakāyaṃ paśyāmi bāḍhaṃ śṛṇomi svayaṃ jighrāmi
sarvalokāni paśyāmi turu turu sādhaya sādhaya svāhā |
rudrasthāne śucirbhūtvā sahasrā daśa yojayet |
siddhā bhavati sā vidyā daśa karmāṇi kārayet ||
[Unnummerierte Vidya vor dem Vers:] „Om. Verehrung der Chandika! Du Trägerin des Yoga, werde tätig, werde tätig; verwirre, verwirre! Du Mund des Yoga, Herrin des Yoga, Trägerin der großen Maya! Hiri hiri! Du den Wesen Zugewandte! Ich sehe meinen eigenen Leib, ich höre deutlich, ich selbst rieche; ich sehe alle Welten. Turu turu! Vollbringe, vollbringe! Svaha.“
[Vers:] An Rudras Stätte soll man sich reinigen und zehntausend [Wiederholungen] vollziehen. Diese Vidya wird wirksam; man soll damit zehn Handlungen ausführen.
Anmerkung: Hiri und turu sind nicht sicher entschlüsselte Mantrarufe; mögliche Imperativdeutungen werden nicht als sichere Satzbedeutungen ausgegeben. Om und svāhā bleiben rituelle Lautformen. Mohaya mohaya und svayaṃ jighrāmi sind editorisch eingerichtete Lesungen, nicht einhelliger Handschriftenbefund. Die Prosa steht unnummeriert vor 9.375 und ist hier vollständig wiedergegeben.

9.376
candre sūrye ’thavā khaḍge darpaṇe vātha dīpake |
aṅguṣṭhe vā ghaṭe vāpi dārikāṃ vātha dārakam ||
Im Mond, in der Sonne, in einer Schwertklinge, in einem Spiegel, in einer Lampe, auf einem Daumen oder in einem Krug – ein Mädchen oder einen Jungen [Fortsetzung in 9.377] –
Anmerkung: Die Liste der Orakelträger gehört zur historischen Ritualbeschreibung. Das Verb folgt in 9.377.

9.377
paśyāpayatyasaṃdehāttilāṃvā taṇḍulānataḥ |
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca pṛcchate kathayanti hi ||
soll man zweifellos schauen lassen. Dann [reiche man ihnen] Sesam oder Reiskörner. Auf Fragen berichten sie Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges.
Anmerkung: Das Reichen der Körner ist aus dem Paralleltext erschlossen. Bang vermerkt eine unsichere Lesung taṇḍulān ataḥ; der Druck wird ohne neue Sanskritemendation beibehalten.

9.378
atha vidyāṃ samāvartyaṃ rajānyāṃ svapayecchuciḥ |
svayameva prapaśyeta svapnānte yacchubhāśubham ||
Dann soll man die Vidya wiederholen und nachts in Reinheit schlafen. Im Traum sieht man selbst, was günstig und ungünstig ist.

9.379
oṃ rakte raktāṅguṣṭhe ucchuṣme avatara avatara piśācini kathaya kathaya kathāpaya kathāpaya svāhā
||
khaḍga-m-ādarśake vātha aṅguṣṭhe vā varānane |
paśyati kanyakā sarvaṃ śubhāśubhaphalāphalam ||
[Unnummerierte Vidya:] „Om. Rote, du mit rotem Daumen, Ucchushma! Steige herab, steige herab, Pishachini! Erzähle, erzähle! Lass erzählen, lass erzählen! Svaha.“
[Vers:] In einer Schwertklinge, einem Spiegel oder auf einem Daumen sieht das Mädchen alles, Schönangesichtige: günstige und ungünstige Frucht und Fruchtlosigkeit.
Anmerkung: Ucchuṣmā ist ein technischer Name mit Bezug zu Hitze; Piśācinī bezeichnet eine weibliche Geistgestalt. Die Sanskritprosa ist vor dem Vers unnummeriert. Der Abschluss svāhā wurde am vollständigen Druckbild abgeglichen, da die erste OCR-Ausschnittsdatei den rechten Rand abschnitt.

9.380
oṃ piṅgali pāśupati mahāvidye svāhā ||
eṣā vidyā mahādevi karma kurvanti saptadhā |
oṃ rakte virakte avatara २ mātaṅgini svāhā ||
navavidhaṃ syādyatkarma eṣā vidyā karoti hi ||
[Unnummerierte Vidya:] „Om. Gelbbraune, [Gefährtin] Pashupatis, große Vidya! Svaha.“
[Erster Halbvers:] Diese Vidya, große Göttin, vollzieht sieben Arten von Handlungen.
[Eingeschobene Vidya:] „Om. Rote, Leidenschaftslose! Steige herab [zweimal], Matangini! Svaha.“
[Zweiter Halbvers:] Diese Vidya vollzieht ein neunfaches Werk.
Anmerkung: Die erste Vidya steht nach 9.379, die zweite zwischen den Hälften von 9.380. Die Ziffer 2 im Sanskrit ist eine Wiederholungsanweisung und bleibt als solche erhalten. Virakte wird als „Leidenschaftslose“ übersetzt; Bangs „impassioned one“ widerspricht der gewöhnlichen Wortbedeutung. Pāśupati ist eine auffällige feminine Anrede. „Gefährtin“ ist mit Bang als ergänzende Deutung gewählt und im deutschen Mantratext eingeklammert; es ist kein zusätzliches überliefertes Sanskritwort.

9.381
saptabhirmantritaṃ hastaṃ kṛtvā svaurasi vinyaset |
svayameva hi jānāti mantrasyāsya prabhāvataḥ ||
Man soll die Hand siebenmal mit dem Mantra besprechen und auf die eigene Brust legen. Durch die Wirkkraft dieses Mantras weiß man es selbst.

9.382
oṃ namaścaṇḍikāyai avatara २ turu २ svāhā ||
sopavāsaḥ śucirbhūtvā aṣṭautkṛṣṭaśataṃ japet |
rātrau svapne tvavatīrya kathayedyacchubhāśubham ||
[Unnummerierte Vidya:] „Om. Verehrung der Chandika! Steige herab [zweimal]! Turu [zweimal]! Svaha.“
[Vers:] Nach Fasten und Reinigung soll man hundertachtmal rezitieren. Nachts steigt [die Göttin] im Traum herab und berichtet Günstiges und Ungünstiges.
Anmerkung: Die beiden Ziffern 2 sind Wiederholungsvermerke. Turu bleibt als nicht sicher entschlüsselter Mantraruf erhalten; es wird nicht als beschädigte Lesung oder als sicher reine Keimsilbe ausgegeben.

9.383
sarvāsāṃ caiva vidyānāṃ caṇḍikāgṛhamāśritaḥ|
daśasāhasriko jāpyastataḥ karmāṇi kārayet ||
Für alle diese Vidyas soll man sich in Chandikas Heiligtum aufhalten und zehntausendmal rezitieren; danach soll man die Handlungen ausführen.

9.384
evaṃ parīkṣya hetvartha jijñāsārthaṃ svayaṃbhunā |
kathitaṃ sarahasyaṃ tu dīkṣākarma suvistaram ||
So geprüft, als Begründung und zur Erkenntnis, hat der Aus-sich-selbst-Seiende das Initiationsritual ausführlich mitsamt seinem Geheimnis erklärt –
Anmerkung: Die grammatische Verbindung von parīkṣya, hetvarthe und jijñāsārtham ist gedrängt; die Übersetzung bleibt vorläufig.

9.385
dīkṣitāya praśāntāya abhiṣiktāya śobhane |
samayīputrake vāpi sādhake ca varānane ||
– für einen Initiierten, zur Ruhe Gekommenen, Geweihten, Schöne, oder für einen Samayin, Putraka oder Sadhaka, Schönangesichtige –
Anmerkung: Praśānta bedeutet hier zunächst „zur Ruhe gekommen“; Bang deutet „verstorben“. Die Verbindung der aufgeführten Ränge mit der folgenden Berechtigungsbeschränkung ist nicht eindeutig.

9.386
nākhyeyaṃ nādhikāriṇye satyamīśena bhāṣitam |
cumbake śrāvaṇīyaṃ tu vidhidṛṣṭena karmaṇā ||
– einem Nichtberechtigten darf es nicht mitgeteilt werden; dies ist wahrhaft vom Herrn gesagt. Ein Chumbaka soll es gemäß dem vorgeschriebenen Verfahren hören.
Anmerkung: Die beiden Negationen nākhyeyaṃ nādhikāriṇye werden erhalten: Es soll einem Nichtberechtigten nicht mitgeteilt werden. Chumbaka („Küsser“) ist hier eine technische Lehrerbezeichnung, keine allgemeine Personenbeschreibung.

9.387
devyuvāca ||
cumbakaścādhikārī syātsarvasya parameśvara |
tasyābhiṣecanaṃ śambho kalaśādeva taiḥ saha ||
Die Göttin sprach:
Ein Chumbaka sei zu allem berechtigt, höchster Herr. Seine Weihe, Shambhu, [erfolge] mit Krügen und den dazugehörigen [Dingen] –
Anmerkung: Kalāśādeva taiḥ saha ist eine unregelmäßige, elliptische Verbindung. Die folgende Liste präzisiert die Fragen.

9.388
kuṇḍaṃ ca mekhalā caiva srucyā ca sruvameva ca ||
– ferner die Feuergrube, ihre Umrandung, die Sruc und der Sruva [die beiden Opferlöffel] –
Anmerkung: Diese Nummernposition besteht im Druck nur aus einem Halbvers. Sie wird nicht zu einer erfundenen Vollstrophe ergänzt.

9.389
jihvādidevatāvaktra pramāṇaṃ śabdasaṃyutam |
jvālānāṃ gandhavarṇaṃ ca pūrṇā srucyā grahaṃ tathā |
etanme saṃśayo nātha yannoktaṃ tadbravīhi me ||
– die Zungen und weiteren Göttermünder, ihre Maße und die damit verbundenen Laute; Geruch und Farbe der Flammen, die volle Darbringung mit der Sruc und das Ergreifen [beziehungsweise die Planetenhandlung]: Darüber habe ich Zweifel, Herr. Was nicht erklärt ist, erkläre mir.
Anmerkung: Die Nummernposition umfasst drei Zeilenpaare beziehungsweise sechs Versviertel. Graha kann Ergreifen, eine Opferportion oder einen Planeten bezeichnen; der genaue Bezug bleibt offen.

9.390
bhairava uvāca ||
aṣṭau kalaśā samāhṛtya sauvarṇā rājatāpi vā |
tāmramṛnmayataḥ kāryāḥ sudṛḍhā nirvraṇāḥ śubhāḥ ||
Bhairava sprach: Man soll acht glückverheißende Gefäße beschaffen, aus Gold oder Silber, aus Kupfer oder Ton gefertigt, fest und ohne Beschädigung.

9.391
kambugrīvā bṛhatkukṣā akṛṣṇā pralamboṣṭhā |
gandhodakena pūryādau cūtapallavaśobhitāḥ ||
Sie haben einen muschelartig gerillten Hals, einen weiten Bauch, sind nicht schwärzlich und haben eine herabhängende Lippe. Zuerst füllt man sie mit duftendem Wasser und schmückt sie mit Mangosprossen.

9.392
sitavastrāvṛtā kāryā sitacandanacarcitā |
śuklamālyairalaṃkṛtya ratnagarbhāḥ samodarāḥ ||
Man umhüllt sie mit weißem Stoff, bestreicht sie mit weißem Sandelholz und schmückt sie mit weißen Kränzen. Sie bergen Edelsteine und haben gleichmäßige Bäuche.
Anmerkung: Samodarāḥ wird hier wörtlich verstanden; Bang übersetzt als flachen Boden.

9.393
kṣārādi vinyasetteṣu samudrāḥ kalaśeṣu vai |
garbhodāntāḥ smṛtāḥ cāṣṭau vidyeśā lokapālakāḥ ||
In diesen Gefäßen setzt man die Meere ein, beginnend mit dem Salzmeer und endend mit Garbhoda. Als acht werden sie überliefert, [zugleich als] Vidyeshas, Hüter der Welten.

9.394
vargāṣṭakasamanyastā abhiṣekaṃ tu kārayet |
athavaikena kartavyā kalpanā sakalā priye ||
Mit den acht Lautgruppen versehen führt man die Weihe aus. Oder, Liebe, die gesamte rituelle Anordnung wird mit einem einzigen [Gefäß] vorgenommen.

9.395
kalaśaikena vā kāryo abhiṣeko varānane |
samastakṛtabhūtārtho yathā śāstre pracoditaḥ ||
Mit einem Gefäß kann die Weihe vollzogen werden, Schönangesichtige, indem man alle vorgeschriebenen Sachverhalte vollständig verwirklicht, wie es die Schrift lehrt.
Anmerkung: Die Konstruktion samastakṛtabhūtārthaḥ ist sprachlich gedrängt; die Übersetzung bleibt vorläufig.

9.396
tattathā tu prakartavyamanyathā doṣabhājanam |
abhiṣiktastato mantrī sitacandanacarcitaḥ ||
Genau so soll man handeln; andernfalls wird man zum Träger eines Fehlers. Nach seiner Weihe wird der Mantrapraktizierende mit weißem Sandelholz bestrichen.

9.397
sitavastradharaḥ sragvī ānayeddevasaṃnidhau |
namaskāraṃ tataḥ kṛtvā nipateddaṇḍavadbhuvi ||
In weißem Gewand und mit einem Kranz soll man ihn vor den Gott führen. Nachdem er sich verneigt hat, soll er wie ein Stab auf die Erde niederfallen.

9.398
[kuṇḍalakṣaṇam]
nītvā cāgnisamīpe tu homaṃ kuryātsadā budhaḥ |
ratnimātraṃ ca deveśi athavā muṣṭimānataḥ ||
[Beschaffenheit der Feuergrube.] Der Kundige führt [den Schüler] zum Feuer und vollzieht das Feueropfer. [Die Grube misst] eine Ratni, Herrin der Götter, oder wird nach dem Faustmaß bemessen.
Anmerkung: Die Angabe des gemessenen Gegenstands fehlt im Halbvers; ratni bezeichnet ein Ellenmaß bis zur geschlossenen Faust.

9.399
kuṇḍaṃ ca hastamātraṃ syāccaturhastaṃ trimekhalam |
vṛttaṃ vā kārayenmantrī svecchayā digvyavasthitam ||
Die Feuergrube soll eine oder vier Ellen messen und drei Einfassungen haben. Der Mantrapraktizierende kann sie rund anlegen und nach seinem Wunsch in den Himmelsrichtungen ausrichten.

9.400
kuṇḍeṣu hīnamāneṣu mekhalārahiteṣu ca |
khaṇḍasphuṭitavaktreṣu vilome homamārabhet ||
Bei einem gegenläufigen [schädigenden] Ritus beginnt man das Feueropfer in Gruben, die zu klein sind, keine Einfassungen haben und deren Öffnungen beschädigt oder gesprungen sind.
Anmerkung: Historische Klassifikation des viloma-Ritus.

9.401
dvyaṅguṣṭhaparvavaipulyā prathamā mekhalā bhavet |
dvitīyā ca tribhirjñeyā caturbhiścopari sthitā ||
Die erste Einfassung soll zwei Daumenglieder breit sein, die zweite drei; die darüber liegende [dritte] wird mit vier angegeben.

9.402
yonirnavāṅgulā sapta athavā dvādaśāṅgulā |
gajoṣṭhasadṛśādhastādoṣṭhaṃ tasyāṅgulāyatam ||
Die Yoni soll neun, sieben oder zwölf Fingerbreiten messen. Unten gleicht sie einer Elefantenlippe; ihre Lippe ist eine Fingerbreite lang.
Anmerkung: Die Geometrie bleibt unsicher. Gajoṣṭha heißt wörtlich Elefantenlippe; eine zusätzliche Ellenangabe, wie sie Bangs Übersetzung bietet, steht hier nicht.

9.403
trikoṇaṃ dīrghavaktraṃ ca māraṇoccāṭane hitam |
vidveṣaṇe ca kartavyaṃ lakṣaṇena vivarjitam ||
Eine dreieckige [Grube] mit langer Öffnung gilt als geeignet für Tötungs- und Vertreibungsriten. Für das Erzeugen von Feindschaft soll sie ohne [diese] Merkmale hergestellt werden.
Anmerkung: Der Bezug von lakṣaṇena vivarjitam ist nicht eindeutig.

9.404
ekakarmānusāreṇa kuṇḍaṃ kuryātprasiddhidam |
nityanaimittike home śāntike vā varānane ||
Je nach dem einzelnen Ritus legt man eine Grube an, die Erfolg verleiht. Beim täglichen, beim anlassbezogenen oder beim befriedenden Feueropfer, Schönangesichtige, [gilt das Folgende:]

9.405
hastamātrapramāṇena kuṇḍaṃ syātphaladāyakam |
dvikaraṃ daśasāhasre lakṣahome catuṣkaram ||
Eine Grube von einer Elle Ausmaß soll Frucht bringen. Für zehntausend Darbringungen [misst sie] zwei Ellen, für hunderttausend vier Ellen.

9.406
ṣaḍḍhastaṃ prayutākhye tu home ca varavarṇini |
koṭihome ca kartavyamaṣṭahastaṃ suśobhanam ||
Bei einem Feueropfer von einer Million [Darbringungen] sind es sechs Ellen, Schöngestaltige. Für zehn Millionen soll man eine wohlgestaltete Grube von acht Ellen anlegen.

9.407
hastamātrasya kuṇḍasya mekhalā yāḥ prakīrtitāḥ |
tāścaiva dviguṇā vṛddhyā aṣṭahaste tu kārayet ||
Die für eine eine Elle große Grube beschriebenen Einfassungen soll man bei einer acht Ellen großen durch Verdopplung vergrößern.

9.408
[sruksruvalakṣaṇam]
bāhumātrakarau tau tu sruksruvau ca śubhau matau |
vaikaṅkataśamīgarbhapalāśakhadirodbhavau ||
[Beschaffenheit der beiden Opferlöffel.] Die beiden glückverheißenden Löffel Sruc und Sruva gelten als von Arm- beziehungsweise Ellenlänge; sie entstehen aus Vaikankata-, Shami-, Palasha- oder Khadiraholz.
Anmerkung: Die knappe Wendung bāhumātrakarau und die Verteilung der Holzarten auf beide Löffel sind nicht eindeutig; die Maßdifferenzierung folgt Bangs Vergleich mit Paralleltexten.

9.409
anyeṣu ca śubhaikena lakṣaṇena vilakṣitau |
kuryācchubheṣu homeṣu viparīteṣvato ’nyathā ||
Bei glückverheißenden Feueropfern soll man sie auch aus anderen [Hölzern] mit einem glückverheißenden Merkmal herstellen; bei entgegengesetzten [Riten] entsprechend anders.

9.410
vibhītakamahāvṛkṣatinduśālmalisambhavau |
śūlakāṣṭhodbhavau vātha gardabhāsthinarāsthijau ||
[Dann sind sie] aus Vibhita-, Mahavriksha-, Tindu- oder Shalmaliholz, oder aus dem Holz eines Pfahls, oder aus Eselknochen beziehungsweise Menschenknochen gefertigt.
Anmerkung: Śūlakāṣṭha kann insbesondere das Holz eines Hinrichtungspfahls meinen; die genaue Materialzuweisung bleibt offen.

9.411
mānahīnau ’praśastau ca vakrau ca sphuṭitāvubhau |
sarvathā sarvayatnena śobhanārthau vipaścitā ||
Beide sind dann von unzureichendem Maß, nicht glückverheißend, krumm und gesprungen. Für glückverheißende Zwecke muss der Verständige unter allen Umständen und mit aller Sorgfalt [beachten:]
Anmerkung: Der Satz wird im nächsten Vers fortgeführt.

9.412
vakrasphuṭitahīnau ca śubhavṛkṣamayāvapi |
varjitavyau prayatnena sruksruvau ca śubhau yadi ||
Selbst wenn sie aus glückverheißenden Bäumen bestehen, soll man krumme, gesprungene oder mangelhafte Sruc- und Sruvalöffel sorgfältig vermeiden, sofern [der Ritus] glückverheißend sein soll.
Anmerkung: Hīnau wird hier als mangelhaft verstanden. Bangs Übersetzung als nicht weit geöffnete Lippen wird nicht übernommen.

9.413
sruvaṃ ca kārṣikādhāraṃ srucyā catuṣpalānvitā |
dvādaśāṅgulavistīrṇā itaraṃ syādaṅguladvayam ||
Der Sruva hat ein Fassungsvermögen von einem Karsha, die Sruc von vier Pala. Sie ist zwölf Fingerbreiten breit; der andere [Löffel misst] zwei Fingerbreiten.
Anmerkung: Die genauen Bezugsgrößen der Maße sind im Sanskrit nicht überall ausdrücklich bezeichnet.

9.414
madhyamāṅgulavaipulyaṃ caturviṃśāṅgulāyatā |
ṣaḍaṅgulaparīṇāhā sruci padmavilāñchitā ||
[Der Stiel hat] die Breite eines Mittelfingers und eine Länge von vierundzwanzig Fingerbreiten. Die Sruc hat einen Umfang von sechs Fingerbreiten und ist mit einem Lotus gekennzeichnet.
Anmerkung: Die Zuordnung der einzelnen Maße ist vorläufig; Mittelfinger bezeichnet hier keine ausdrücklich überlieferte halbe Fingerbreite.

9.415
śaṅkhasvastikavajrāṅkamatha cakravilāñchitam |
kṛtvā hyevaṃvidhāṃ mantrī ālabhetātha pāṇinā ||
Man versieht [den Löffel] mit Muschelhorn, Svastika, Vajra oder einem Radzeichen. Hat der Mantrapraktizierende ihn so angefertigt, ergreift er ihn mit der Hand.

9.416
homayedbhairavāgnau tu mantravitsusamāhitaḥ |
[agnilakṣaṇam]
agnikāryaṃ prakurvīta jihvālakṣaṇatattvavit ||
Der Mantrakundige soll gesammelt in Bhairavas Feuer opfern. [Beschaffenheit des Feuers.] Wer das Wesen der Merkmale der [Feuer-]Zungen kennt, vollzieht das Feuerritual.

9.417
siddhyasiddhividhānajño varṇarūpahutāśane |
agnisthā devatāḥ sarvā agnirūpo maheśvaraḥ ||
Er kennt die Regeln von Erfolg und Misserfolg [anhand von] Farbe und Gestalt des Feuers. Alle Gottheiten befinden sich im Feuer; Maheshvara hat die Gestalt des Feuers.
Anmerkung: Die syntaktische Verbindung des ersten Halbverses ist elliptisch.

9.418
tasya mantrātmikā mūrtirājyaṃ vai somasaṃbhavam |
agnestu devatāḥ sarvā mukhe vai saṃpratiṣṭhitāḥ ||
Seine Erscheinung besteht aus Mantra; die geklärte Butter geht aus Soma hervor. Alle Gottheiten sind im Mund des Feuers eingesetzt.

9.419
saptajihvāvidhānajño homakarma samārabhet |
jihvābhedamajānantā juhuyādyo hutāśane ||
Wer die Ordnung der sieben Zungen kennt, soll das Feueropfer beginnen. Wer im Feuer opfert, ohne die Unterschiede der Zungen zu kennen, [für den gilt:]
Anmerkung: Der grammatisch schwierige zweite Halbvers wird sinngemäß auf den Fortgang bezogen.

9.420
yadasāvārabhate karma tatsarvaṃ niṣphalaṃ bhavet |
hutvā-d-agnividhānena ājyāhutyā pratarpitaḥ ||
Welchen Ritus er auch beginnt, alles bleibt fruchtlos. Nachdem [hingegen] gemäß der Feuerordnung geopfert wurde, wird [Shiva] durch die Darbringung geklärter Butter gesättigt.
Anmerkung: Die Edition erhält den ungewöhnlichen Übergangslaut -d- in hutvā-d-agnividhānena; er hat keine eigene Satzbedeutung.

9.421
tuṣyate yajamānasya sapatnīko vṛṣadhvajaḥ |
aṅguṣṭhaparvavistīrṇā bahuhavyendhane śikhāḥ ||
Der Gott mit dem Stierbanner wird samt seiner Gemahlin dem Opferherrn wohlgesinnt. Bei reichlich Opferstoff und Brennmaterial sind die Flammenspitzen ein Daumenglied breit.

9.422
ekībhūtāstu tiṣṭhanti svalpahavyendhanena tu |
agnikuṇḍapramāṇena mukhametaddhutāśane ||
Bei wenig Opferstoff und Brennmaterial stehen sie zu einer einzigen [Flamme] vereint. Dieser Mund des Feuers hat das Maß der Feuergrube.

9.423
jvālāmālāsahasaraistu pātālavadanaṃ tu tat |
agneḥ prabodhanaṃ kṛtvā jihvāṃ lakṣedvidhānataḥ ||
Mit Tausenden von Flammenkränzen ist es dagegen ein Mund der Unterwelt. Nachdem man das Feuer geweckt hat, soll man die Zunge gemäß der Vorschrift beobachten.

9.424
devatārūpakaṃ caiva phalaṃ yasyaiva yādṛśaṃ |
pūrvapaścimato jihvāgrahāstatra pratiṣṭhitāḥ ||
[Man beobachtet] die Gestalt der Gottheit und die jeweilige Frucht. Die nach Osten und Westen gerichteten Spitzen der Zungen sind dort [im Feuer] vorhanden.
Anmerkung: Jihvāgrahāḥ ist sprachlich unklar; „Spitzen“ folgt dem Zusammenhang, ohne den Sanskrittext zu emendieren.

9.425
homakāle prayatnena dave jihve caiva varjayet |
prathamā dharmajihvā tu nīlavarṇātu sā smṛtā ||
Während des Feueropfers soll man zwei Zungen sorgfältig vermeiden. Die erste ist die Dharmazunge; sie wird als blau überliefert.
Anmerkung: Die zwei zu vermeidenden Zungen werden mit den Richtungen im vorherigen Vers verbunden.

9.426
dvitīyā yakṣajihvā tu tāmrākārā samaprabhā |
tṛtīyā saumyadaivatyā śuklavarṇāmṛtopamā ||
Die zweite ist die Yakshazunge, kupferfarben und entsprechend leuchtend. Die dritte gehört Soma an; sie ist weiß wie Unsterblichkeitsnektar.

9.427
yamajihvā caturthīṃ ca kṛṣṇavarṇā tu sā smṛtā |
paścamī viṣṇudaivatyā atasīpuṣpasannibhā ||
Die vierte ist Yamas Zunge; sie wird als schwarz überliefert. Die fünfte gehört Vishnu an und gleicht einer Flachsblüte.

9.428
ṣaṣṭhī tu sūryadaivatyā śuklavarṇā tu sā smṛtā |
saptamī sarvadaivatyā sarvarūpaistu dīpyate ||
Die sechste gehört Surya an und wird als weiß überliefert. Die siebte gehört allen Gottheiten an und leuchtet in sämtlichen Gestalten.

9.429
prathamā niṣphalā jihvā dvitīyā dhanadāyikā |
tṛtīyā prīṇayetsarvaṃ jagatsthāvarajaṅgamam ||
Die erste Zunge ist fruchtlos, die zweite spendet Reichtum. Die dritte erfreut die gesamte Welt, alles Unbewegliche und Bewegliche.

9.430
caturthīṃ ca kṣayaṃ gotre pañcamī kulavardhanī |
ṣaṣṭhyā caiva hutaṃ devi ārogyaṃ saṃprayacchati ||
Die vierte [bewirkt] den Untergang des Geschlechts, die fünfte lässt die Familie gedeihen. Eine Darbringung mit der sechsten, Göttin, verleiht Gesundheit.
Anmerkung: Rituelle Wirkungsbehauptungen des Textes.

9.431
saptamī dharmakāmārtha dadāti vidhipūjitā |
siddhiścaiva viśeṣeṇa rudraśaktistu homitā ||
Die siebte gewährt, vorschriftsmäßig verehrt, Dharma, Erfüllung von Wünschen und Wohlstand. Besonders [entsteht] Vollendung, wenn Rudras Shakti [im Feuer] verehrt worden ist.
Anmerkung: Rudraśaktis tu homitā ist eine ungewöhnliche Konstruktion; die Beziehung zur behaupteten Vollendung bleibt vorläufig.

9.432
brahmī maheśvarī caiva kaumārī vaiṣṇavī tathā |
vārāhī caindrikā devī cāmuṇḍā saptamī matā ||
[Diese Göttinnen sind] Brahmi, Maheshvari, Kaumari, Vaishnavi, Varahi und die Göttin Aindrika; als siebte gilt Chamunda.

9.433
jihvārūpāstu tā jñeyā sādhakānāṃ tu siddhidāḥ |
tasmātsarvaprayatnena madhye homaṃ praśasyate ||
Man soll wissen, dass sie die Gestalt der Zungen haben und den Praktizierenden Vollendung verleihen. Darum wird das sorgfältige Feueropfer in der Mitte gepriesen.

9.434
hūyamāne yadā śabdaṃ śaṃkhakāhalatantrijam |
śrūyante vaṃśavādyāni tadā siddhestu lakṣaṇam ||
Wenn während der Darbringung ein Klang wie von Muschelhorn, Trompete und Saiteninstrument entsteht und Flötenmusik vernommen wird, ist dies ein Zeichen der Vollendung.
Anmerkung: Tantri wird als Saite beziehungsweise Saiteninstrument verstanden, nicht als Bogensehne.

9.435
kharoṣṭrakākakrauñca ca gṛdhrolūkasvaro ’thavā |
śabdo ’bhicārasiddharthaṃ mahādhūmolvaṇo ’pi vā ||
Ein Laut wie von Esel, Kamel, Krähe und Kranich, die Stimme eines Geiers oder einer Eule oder ein heftiger Laut mit starkem Rauch [gilt als Zeichen] für den Erfolg eines Schadensritus.
Anmerkung: Die letzte Verbindung mit mahādhūma ist mehrdeutig.

9.436
vyālapakṣimṛgākārā vitruḍanti śikhā yadi |
vilomaṃ sādhayantyāśu astrākārāstathaiva ca ||
Wenn die Flammenspitzen in Gestalt von Raubtieren, Vögeln oder Wildtieren auseinanderbrechen, führen sie rasch ein gegenläufiges [Ergebnis] herbei; ebenso, wenn sie Waffengestalt haben.

9.437
chatrākārā dhvajākārā vitānasadṛśāśca yāḥ |
kumudotpala-m-ākārā dṛśyanti ca nabhastale ||
[Flammen] in Gestalt von Schirmen, Bannern und Baldachinen sowie solche, die wie weiße und blaue Wasserlilien am Himmelsraum erscheinen, [sind dagegen günstig.]
Anmerkung: Der Satz läuft bis 9.438.

9.438
vajraśaṅkhaṃ ca śrīvatsaṃ girirūpārciṣo yadi |
dakṣiṇāvartakopetāḥ śubhakarmaprasādhikāḥ ||
Wenn die Flammen die Gestalt von Vajra, Muschelhorn, Shrivatsa-Zeichen oder Bergen haben und sich nach rechts drehen, bewirken sie den Erfolg glückverheißender Riten.

9.439
candanośīrakarpūrakuṅkumāgarugandhikāḥ |
anyairvā susugandheṣu jātyādyeṣu srageṣvapi ||
[Wenn sie] nach Sandelholz, Vetiver, Kampfer, Safran oder Adlerholz duften, nach anderen wohlriechenden Stoffen oder nach Jasmin und anderen Blütenkränzen, [gilt:]

9.440
anulomaḥ śubho gandhaḥ kṣipraṃ siddhikaraṃ smṛtam |
māṃsāsthyasṛgromeṣu dahyamāneṣu yādṛśam ||
Ein günstiger, angenehmer Geruch wird als rasch Erfolg bringend überliefert. Ein Geruch hingegen wie beim Verbrennen von Fleisch, Knochen, Blut oder Haaren [ist anders zu deuten:]

9.441
gandho vātivirūpo vā viṇmūtrasamo’pi vā |
śubheṣvapi vilomaṃ syājjñeyaṃ mantravicakṣaṇaiḥ ||
Einen sehr widerwärtigen Geruch oder einen Geruch wie Kot und Urin sollen die Mantrakundigen selbst bei glückverheißenden [Riten] als gegenläufiges Zeichen erkennen.

9.442
hūyamāne virūpe ’pi yadi gandhaṃ suśobhanam |
siddhiliṅgaṃ tu taṃ jñeyaṃ vāñchitārthapradāyikam ||
Wenn beim Opfern selbst in einem missgestalteten [Feuer] ein sehr angenehmer Geruch entsteht, soll man ihn als Vollendungszeichen erkennen, das die ersehnte Sache gewährt.

9.443
śubhāśubheṣu dravyeṣu ājyagandho yadā bhavet |
so’pi ceṣṭaphale dattaḥ śubhāśubhavimiśrakaḥ ||
Wenn bei glückverheißenden und unheilvollen Stoffen der Duft geklärter Butter entsteht, wird auch dieser, obwohl mit Gutem und Unheilvollem vermischt, auf die erwünschte Frucht bezogen.
Anmerkung: Die Konstruktion ceṣṭaphale dattaḥ ist ungewöhnlich; die Übersetzung ist vorläufig.

9.444
ya evaṃjñāya mantrajño japate juhute ’pi ca |
kriyākālāṃśatattvajñaḥ sa siddhiphalabhāgbhavet ||
Der Mantrakundige, der dies erkannt hat und rezitiert und opfert, kennt das Wesen von Ritual, Zeitpunkt und Anteil und erhält die Frucht der Vollendung.
Anmerkung: Aṃśa, Anteil, kann hier die Zuordnung zu einer Gottheit bezeichnen; vgl. Bangs Erläuterung mit Kṣemarājas Kommentar.

9.445
anyathā vidhihīnasya vṛthā caiva vilomakṛt |
saṃskṛte ’pi kriyāhīna aihikānna prasādhayet ||
Andernfalls handelt, wer die Vorschrift nicht kennt, vergeblich und bewirkt das Gegenteil. Selbst wenn er die Weihen erhalten hat, erlangt er ohne rituelles Handeln keine weltlichen [Erfolge].

9.446
āgnervarṇā daśa proktāḥ sarvakarmajayāvahāḥ |
ādityodayavarṇābha snigdhavaiḍūryasannibhaḥ ||
Zehn Farben des Feuers werden gelehrt, die Erfolg in allen Riten herbeiführen: [die erste] gleicht dem Sonnenaufgang, [die zweite] einem glänzenden Vaidurya-Stein.
Anmerkung: Die anschließende Liste nennt nur acht Farben. Bang ergänzt in ihrer englischen Übersetzung zwei aus der Niśvāsakārikā; diese werden hier nicht in den überlieferten Sanskrittext aufgenommen. Die mineralogische Bestimmung von vaiḍūrya ist nicht eindeutig.

9.447
ghṛtavarṇanibhaścaiva lākṣāvarṇastathaiva ca |
taptāyasasuvarṇābhaḥ kusumbharasasannibhaḥ ||
[Weitere Farben] gleichen geklärter Butter und rotem Lack, glühendem Eisen und Gold sowie dem Saft der Färberdistel.

9.448
haritālanibhaścaiva dhūmavarṇastathaiva ca |
bahuhavyendhane vahnau susamiddhe tathaiva ca ||
[Weitere] gleichen Auripigment und Rauch. Wenn bei reichlich Opferstoff und Brennmaterial das Feuer gut entzündet ist, [gilt das Folgende:]

9.449
vidhūme lelihāne ca hotavyaṃ karmasiddhaye |
arciṣmāṃ piṇḍitaśikhaḥ sarpiḥkāñcanasannibhaḥ ||
Wenn es rauchlos züngelt, soll man für den Erfolg des Ritus opfern. Leuchtend, mit dicht zusammenstehenden Spitzen, gleicht [das Feuer] geklärter Butter und Gold.

9.450
snigdhaḥ pradakṣiṇāvartaḥ sarvakāmaphalapradaḥ |
evaṃ vijñāya vidhivadguruṇā sādhakasya tu ||
Glänzend und nach rechts sich drehend, verleiht es die Frucht aller Wünsche. Hat der Guru dies vorschriftsmäßig erkannt, soll er für den Praktizierenden [das Folgende vollziehen:]

9.451
saṃskārayoga kartavyaṃ yathāvattannibodhataḥ|
kṛtvā sūtramayaṃ pāśaṃ navātmā-cābhimantritaḥ ||
Die Verbindung mit den Reinigungsweihen ist vorzunehmen; vernimm dies genau. Man fertigt eine Fessel aus einem Faden und bespricht sie mit dem Navatman-Mantra.
Anmerkung: Der Sanskrittext weist ungewöhnliche Endungen auf; navātmā-cābhimantritaḥ bleibt in der Editionslesung erhalten.

9.452
uccārya navatattvāni ākāreṇa tu bheditāḥ |
mūrdhni kaṇṭhe hṛdiścaiva nābhau ūrū kaṭī tathā ||
Man spricht die neun Tattvas aus, unterschieden durch den Laut ā, und [ordnet sie] dem Scheitel, Hals, Herzen, Nabel, den Schenkeln und der Hüfte [zu].

9.453
jaṃghau gulphau tathā pādau sarvatra viniyojayet |
bāhubhyāṃ hastayoścaiva sarvatra viniveśayet ||
Man ordnet [sie] den Unterschenkeln, Knöcheln und Füßen, überhaupt allen [genannten Stellen] zu; auch an beiden Armen und Händen setzt man sie überall ein.

9.454
navātmājyāhutiśataṃ svāhākāreṇa homayet |
[pūrṇāhutiḥ]
pūrṇāhutyaikayā taṃ vai paśuṃ yojayate pare ||
Man opfert hundert Gaben geklärter Butter mit dem Navatman und dem Ruf svāhā. [Die vollständige Darbringung.] Durch eine einzige vollständige Darbringung verbindet man diese gebundene Seele mit dem Höchsten.
Anmerkung: Svāhā bleibt als ritueller Darbringungsruf erhalten.

9.455
pūrṇāhutyāprayogaṃ tu adhunā kathayāmyaham |
ūrdhvakāya ṛjugrīvaḥ samapādavyavasthitaḥ ||
Nun erläutere ich die Anwendung der vollständigen Darbringung. Mit aufgerichtetem Körper, geradem Hals und gleichmäßig auf beiden Füßen stehend [verfährt man so:]

9.456
nābhisthāne srucāmūlamuttānāgramukhā samā |
srucopari sruvaṃ devi kṛtvā caivamadhomukham ||
Der Ansatz der Sruc befindet sich beim Nabel, ihre Öffnung ist nach oben gerichtet und [auf das eigene] Gesicht ausgerichtet. Über die Sruc legt man, Göttin, den Sruva mit der Öffnung nach unten.
Anmerkung: Die genaue räumliche Beziehung im ersten Halbvers ist mehrdeutig; vgl. Bang zu 9.455–458.

9.457
puṣpaṃ dattvā srucāgre tu darbheṇa sahitau karau |
muṣṭinā caiva hastābhyāṃ gṛhītvā yatnataḥ priye ||
Man legt eine Blüte an die Spitze der Sruc; beide Hände sind mit Darbhagras versehen. Mit beiden Händen und festem Griff erfasst man [sie] sorgfältig, Liebe.
Anmerkung: Das Bezugsobjekt des Ergreifens wird nicht ausdrücklich genannt; keine stillschweigende Zuweisung an den Schüler.

9.458
agrato dakṣiṇaṃ hastaṃ vāmaṃ vai pṛṣṭhataḥ śubhe |
muṣṭibhyāṃ saṃgṛhītvā tu uttānakarayogataḥ ||
Die rechte Hand befindet sich vorn, die linke hinten, Glückverheißende. Mit beiden Fäusten hält man [die Löffel], wobei die Hände nach oben gewendet sind.
Anmerkung: Agrataḥ und pṛṣṭhataḥ werden wörtlich wiedergegeben; Bang setzt dafür oben und unten.

9.459
tato ghṛtena saṃpūrya abhimānaṃ ca kārayet |
ahameva paraṃ tattvaṃ parāparavibhāgataḥ ||
Dann füllt man [den Löffel] mit geklärter Butter und vergegenwärtigt sich: „Ich selbst bin das höchste Tattva, in seiner höheren und niederen Gliederung.“

9.460
tattvamekaṃ hi sarvatra nānyabhāvaṃ tu bhāvayet |
yatkumbhe nyastamadhvānaṃ ṣaṭprakāraṃ varānane ||
Überall gibt es nur ein Tattva; man soll keinen anderen Zustand vorstellen. Der sechsfache Weg, den man im Gefäß eingesetzt hat, Schönangesichtige, [ist zugleich an den folgenden Orten:]

9.461
maṇḍalāgnau śivāntasthaṃ sādhāraṇavikalpitam |
srucau tadadhvamāropya prāṇasthaṃ nāḍimadhyagam ||
Im Mandala, im Feuer und in Shiva wird [der Weg] als gemeinsam vorhanden vorgestellt. Man hebt diesen Weg, der im Atem und in der Mitte der Nadi liegt, auf die Sruc.
Anmerkung: Śivāntastham ist auch nach Bang unklar; Paralleltexte nennen hier den Schüler. Die Edition wird nicht entsprechend geändert.

9.462
prāṇādhāre same kṛtvā srucyādhārāṃ vinikṣipet |
vasordhārāprayogena prakṣipejjātavedasi ||
Hat man [den Weg] im Atemträger gleichgesetzt, lässt man den Strom aus der Sruc fließen. Durch das Verfahren des „Reichtumsstroms“ gießt man [die Butter] in Jatavedas, das Feuer.
Anmerkung: Die genaue Beziehung zwischen Atemträger, Weg und Löffel bleibt im ersten Halbvers elliptisch.

9.463
nābhisthāne srucāmūlaṃ nayedāsyāntagocare |
yathā yathā kṣipeddhārāṃ tathā prāṇaṃ samuccaret ||
Den Ansatz der Sruc führt man vom Ort des Nabels bis in den Bereich des Mundes. So, wie man den Strom ausgießt, lässt man auch den Atem aufsteigen.

9.464
prāṇastu varṇatāṃ yāti ṣaḍvidhādhvamayastu saḥ |
ṣaḍvidhādhvānato naiva prameyaṃ vidyate kvacit ||
Der Atem nimmt Lautgestalt an; er besteht aus dem sechsfachen Weg. Jenseits des sechsfachen Weges gibt es nirgendwo etwas Erkennbares.

9.465
tasmānmantrasthāḥ sarve te heyopādeyataḥ sthitāḥ |
varṇe kāraṇaṣaṭkaṃ tu ṣaṭtyāgātsaptame layaḥ ||
Darum befinden sich alle jene im Mantra als etwas Aufzugebendes oder Anzunehmendes. Im Laut liegt die Sechsheit der Ursachen; durch das Aufgeben der sechs erfolgt die Auflösung im siebten [Bereich].
Anmerkung: Heyopādeyataḥ wird wörtlich als Beziehung auf Aufzugebenes und Anzunehmendes wiedergegeben; Bangs „frei davon“ ist im Sanskrit nicht ausdrücklich formuliert.

9.466
akāraśca ukāraśca makāro bindureva ca |
ardhacandra nirodhī ca nādaścaivordhvagāminī ||
[Die Lautstufen sind] a, u, m, Bindu, der Halbmond, Nirodhi und Nada, der aufwärts geht.
Anmerkung: Die Edition nennt hier nādānta nicht ausdrücklich; diese von Bang ergänzte Stufe wird nicht als Sanskritlesung eingefügt.

9.467
śaktiśca vyāpinī devi samanā ca ataḥ param |
samanāntaṃ varārohe pāśajālamanantakam ||
Darauf folgen Shakti, Vyapini, Göttin, und Samana. Bis zu Samana reicht, Schönhüftige, das endlose Netz der Fesseln.

9.468
kāraṇaiḥ ṣaḍbhirākrāntaṃ mantrasthaṃ heya kārayet |
atra paśupatiścātmā vyomasthaścitsunirmalaḥ ||
Was von den sechs Ursachen erfasst wird und im Mantra liegt, soll man aufgeben. Hier ist das Selbst Pashupati, im leeren Raum befindlich und im Bewusstsein vollkommen rein.
Anmerkung: Citsunirmalaḥ wird mit Bangs Erörterung sinngemäß auf Reinheit des Bewusstseins bezogen.

9.469
śivatattvaguṇāmodaśivadharmāvalokanaḥ |
pāśānulomakaṃ tyaktvā svarūpālokanaṃ tathā ||
[Es erfährt] die Freude an den Eigenschaften des Shiva-Tattva, schaut Shivas Wesen und gibt die Hinwendung zur Fessel auf; so [entsteht] die Schau der eigenen Natur.
Anmerkung: Der Satzbau ist gedrängt; die Beziehung der Substantivkomposita zum Selbst wird sinngemäß wiedergegeben.

9.470
ātmavyāptistu etaddhi śivavyāptirato ’nyathā |
sarvajñādiguṇā ye ’rthā vyāpakā bhāvayetsadā ||
Dies ist die Durchdringung des Selbst. Anders ist die Durchdringung Shivas: Immer soll man die allumfassenden Gehalte vergegenwärtigen, die seine Eigenschaften, beginnend mit Allwissenheit, sind.

9.471
śivavyāptiśca etaddhi caitanye heturūpiṇī |
ato dharmisvabhāvo hi śivaḥ śānteti paṭhyate ||
Dies ist die Durchdringung Shivas, die im Bewusstsein als Ursache wirkt. Darum wird Shiva, dessen Natur die eines Trägers von Eigenschaften ist, „friedvoll“ genannt.
Anmerkung: Caitanye heturūpiṇī bleibt mehrdeutig. Die Wiedergabe als „gebundene Seele“ in Bangs Übersetzung steht so nicht im edierten Wortlaut.

9.472
unmanaśca managrāhya ātmabodhe sthitātmanaḥ |
vyāpāraṃ mānasaṃ tyaktvā bodharūpeṇa yojayet ||
Unmana wird mit dem Geist erfasst, wenn das eigene Wesen in der Erkenntnis des Selbst ruht. Man gibt die Tätigkeit des Geistes auf und verbindet [die Seele] durch die Gestalt des Erkennens [mit dem Höchsten].
Anmerkung: Der scheinbare Gegensatz zwischen geistigem Erfassen und Aufgeben der Geistestätigkeit bleibt im Text bestehen.

9.473
tadā śivatvamāyāti paśu mukto bhavārṇavāt |
pare caiva niyuktasya sruci-m-āplavayetpunaḥ ||
Dann erlangt die gebundene Seele Shivas Zustand und wird aus dem Ozean des Werdens befreit. Nachdem sie mit dem Höchsten verbunden ist, füllt man die Sruc erneut.

9.474
srucyārandhreṇa tadravyaṃ yāvadvahnau prayujyate |
bahisthaṃ kumbhakaṃ tāvatparatattve tu bhāvayet ||
Solange die Substanz durch die Öffnung der Sruc ins Feuer gegeben wird, vergegenwärtigt man den äußeren Atemstillstand im höchsten Tattva.
Anmerkung: Historische rituelle Atemlehre; keine aktuelle Übungsanweisung.

9.475
bahinirodhabhāvena śivena saha samarasam |
anyathā na bhavedevi nadīvegamivārṇave ||
Durch den Zustand äußeren Anhaltens [entsteht] Gleichgeschmack mit Shiva. Anders kann es nicht sein, Göttin, wie bei der Strömung eines Flusses im Ozean.
Anmerkung: Samarasa bezeichnet hier das Unterschiedsloswerden, wörtlich gleichen Geschmack.

9.476
sthitvā sāgaratoyena sindhujaṃ samarasaṃ bhavet |
na vibhāgaṃ purāyāti tathātmā tu śivārṇave ||
Mit dem Wasser des Ozeans vereint wird das Flusswasser von gleichem Geschmack; es kehrt nicht in seine frühere Getrenntheit zurück. Ebenso [verhält sich] das Selbst im Ozean Shivas.

9.477
srucyāyāḥ pūraṇaṃ yāvattāvatkālaṃ samādiśet |
anenaiva tu kālena bahiḥ kumbhakavṛttinā ||
Die Zeitspanne soll man so bestimmen, wie lange die Füllung der Sruc [reicht]. Während eben dieser Zeit, durch den Vorgang des äußeren Atemstillstands, [geschieht Folgendes:]
Anmerkung: Pūraṇa heißt Füllung; ob die Dauer des Füllens oder des Ausgießens der Füllung gemeint ist, bleibt im Zusammenhang offen.

9.478
ātmā samarasatvena śive bhavati sarvagaḥ |
guṇānāpādayetpaścātṣaḍaṅgapada-m-āhūtīn ||
Das Selbst wird durch Gleichgeschmack in Shiva allgegenwärtig. Danach soll man ihm die Eigenschaften zukommen lassen, [durch] Darbringungen mit den Worten der sechs Glieder [des Mantras].

9.479
yathā nṛpatve saṃprāpte kalaśaiścābhiṣicyate |
bandinādyai guṇānye ’pi khyāpyante vasudhātale ||
Wie man nach dem Erlangen der Königswürde mit Gefäßen gesalbt wird und die Eigenschaften von Barden und anderen auf der Erde verkündet werden, [so gilt hier:]

9.480
tathā śivatve saṃprāpte guṇānāpādayedbudhaḥ |
sarvajñāya bhava svāhā paritṛptastathaiva ca ||
Ebenso soll der Kundige nach dem Erlangen des Shivazustands die Eigenschaften verleihen: „Werde allwissend, svāhā!“, und ebenso [werde] völlig erfüllt.
Anmerkung: Sarvajñāya bhava hat eine nicht reguläre Dativform; hier sinngemäß Allwissenheit, nicht Allgegenwart wie bei Bang. Svāhā bleibt Darbringungsruf.

9.481
anādibodhamapyevaṃ tataḥ svātantryatāṃ kuru |
tathā cāluptaśaktiśca anantaśaktitaḥ punaḥ ||
Ebenso [verleihe] anfangsloses Erkennen; danach verwirkliche Selbstbestimmung, sodann unverminderte Kraft und wiederum unendliche Kraft.

9.482
guṇānāpādayitvā tu mūlamantramanusmaret |
oṃhūmātmasamopetaṃ sarvajñāya apaścimam ||
Nachdem man die Eigenschaften verliehen hat, vergegenwärtigt man den Grundmantra, verbunden mit oṃ, hūm und „Selbst“, und am Ende mit „dem Allwissenden“.
Anmerkung: Die Edition schreibt oṃhūmātma…, Bang erläutert dies als oṃ hūṃ ātman…. Die abschließende Mantraform wird nicht als eigenständig überlieferter Volltext rekonstruiert; die Lautform bleibt erhalten.

9.483
svāhākāraprayogeṇa āhutyā pratipādayet |
trīṇi pañca daśaikā vā tilenātha ghṛtena vā ||
Mit der Anwendung des Rufes svāhā verwirklicht man [die Eigenschaften] durch Darbringungen: drei, fünf oder elf, mit Sesam oder geklärter Butter.
Anmerkung: Daśaikā ist eine ungewöhnliche Zahlverbindung, hier mit Bang als elf verstanden. Tila heißt Sesam; Bangs Öl ist nicht ausdrücklich genannt.

9.484
tato dadyādabhiṣekaṃ tu mūlamantreṇa suvrate |
paraṃ śaktyāmṛtaṃ kṣobhya śiṣyamūrdhnau nidhāpayet ||
Dann spendet man mit dem Grundmantra die Weihe, Tugendhafte. Man setzt den höchsten Nektar der Shakti in Bewegung und legt [ihn] auf den Scheitel des Schülers.
Anmerkung: Die konkret auf den Kopf gelegte Substanz beziehungsweise Hand ist nicht ausdrücklich genannt; die Ergänzung bleibt offen.

9.485
turyadvāraviśantaṃ hi sabāhyābhyantaraṃ smaret |
mantraśaktibhistīkṣṇābhiḥ śoṣanirdahanādibhiḥ ||
Man vergegenwärtigt ihn als durch das Tor des Vierten eintretend, innen wie außen. Durch die scharfen Mantrakräfte, durch Austrocknen, Verbrennen und dergleichen [war zuvor:]

9.486
śarīraṃ śoṣitaṃ taistu tadarthaṃ cābhiṣecanam |
dīkṣānirvartanātpaścātpuṣpaṃ pāṇau pradāpayet ||
Der Körper von diesen [Kräften] ausgetrocknet; deshalb erfolgt die Besprengung. Nach Abschluss der Initiation soll man dem Schüler eine Blüte in die Hand geben.
Anmerkung: Die Austrocknung gehört zur rituellen Visualisierung des Körpers.

9.487
darbha muñcāpayitvā tu śivāgnau kalaśe gurau |
pradakṣiṇatrayaṃ kṛtvā daṇḍavannipate ’grataḥ ||
Man lässt ihn das Darbhagras loslassen. Nachdem er Shiva, Feuer, Gefäß und Guru dreimal rechtsherum umschritten hat, soll er davor wie ein Stab niederfallen.
Anmerkung: Die Auflösung von śivāgnau und die Zuordnung der Ortsangaben sind nicht eindeutig; die Aufzählung folgt dem rituellen Zusammenhang, ohne Darbhagras auf den Guru streuen zu lassen.

9.488
kṛtakṛtyastu hṛṣṭātmā bhavottīrṇaḥ sunirmalaḥ |
protphullanayanaṃ śāntaṃ paritṛptātma bhāvayet ||
Er hat getan, was zu tun ist, ist erfreut, über das Werden hinausgelangt und völlig rein. Er soll sich mit weit geöffneten Augen, friedvoll und innerlich völlig erfüllt vorstellen.

9.489
[ācāryābhiṣekaḥ]
nirvāṇakī tviyaṃ dīkṣā nirbījā vā sabījikā |
yeṣāṃ sabījikā dīkṣā teṣāṃ kuryādabhiṣecanam ||
[Die Lehrerweihe.] Diese befreiende Initiation ist entweder ohne Samen oder mit Samen. Denjenigen, deren Initiation mit Samen geschieht, soll man die [anschließende Lehrer-]Weihe erteilen.
Anmerkung: „Mit Samen“ bezeichnet hier das Fortbestehen nachinitiatorischer Verpflichtungen; „ohne Samen“ deren Wegfall, nicht botanische Samen.

9.490
śrutiśīlasamācārā deśikatve niyojayet |
tathābhiṣeka-m-ācārye śivayogādanantaram ||
Die durch Schriftkenntnis, gute Haltung und richtiges Verhalten [Qualifizierten] setzt man als Lehrer ein. Die Weihe zum Acharya erfolgt so unmittelbar nach der Verbindung mit Shiva.

9.491
pañcabhiḥ kalaśairbhadraiḥ sitacandanacarcitaiḥ |
śivakumbhaiva cārcitvā ratnagarbhāṃ prapūrayet ||
Mit fünf glückverheißenden, mit weißem Sandelholz bestrichenen Gefäßen [wird sie vollzogen]. Man verehrt sie wie Shivas Gefäß und füllt sie, sodass sie Edelsteine bergen.
Anmerkung: Die Überlieferungsform śivakumbhaiva ist unregelmäßig. Wasser steht hier nicht ausdrücklich, obwohl ein entsprechender Parallelvers des Svacchandatantra es nennt.

9.492
ṛddhivṛddhyādibhiḥ pūtairoṣadhyākṣatapūritaiḥ |
sitapadmairmukhodvāraiścūtapallavasaṃyutaiḥ ||
[Die Gefäße sind] mit reinen [Pflanzen] wie Riddhi und Vriddhi, Kräutern und unversehrten Reiskörnern gefüllt, mit weißen Lotusblüten an ihren Öffnungen und mit Mangosprossen versehen.
Anmerkung: Akṣata bezeichnet im Ritual unversehrte Reiskörner; die Pflanzenidentitäten werden nicht festgelegt.

9.493
pṛthivyādīni tattvāni pañca pañcasu vinyaset |
kalaśeṣu mahādevi punaścaiva kalā nyaset ||
Man setzt die fünf Tattvas, beginnend mit Erde, in die fünf Gefäße ein, große Göttin; außerdem setzt man die Kalas ein.

9.494
ekaike kalaśe nyāsamanantādiśivāntagam |
pūjayedbhairavaṃ devaṃ sarvasaṃhāranukramāt ||
In jedem einzelnen Gefäß erfolgt das Einsetzen von Ananta bis Shiva. Man verehrt den Gott Bhairava nach der Reihenfolge der Auflösung aller [Ebenen].

9.495
ṣaḍaṅgāvaraṇopetaṃ mantrasandhānasaṃyutam |
bhairaveṇābhimantreta ekaikaṃ kalaśaṃ priye ||
Er ist mit der Umhüllung der sechs Glieder und der Verbindung der Mantras versehen. Jedes einzelne Gefäß, Liebe, soll man mit [dem Mantra] Bhairavas besprechen.

9.496
aṣṭottaraśatenaiva paratattvamanusmaret |
vāruṇyāṃ saumyayāmyāyāṃ aindraścaiśānameva ca ||
Genau hundertachtmal [rezitierend] vergegenwärtigt man das höchste Tattva. [Die Gefäße stehen] im Westen, Norden, Süden, Osten und Nordosten.

9.497
saṃpūjyaivaṃ vidhānena abhiṣekaṃ samācaret |
yāgagṛhasya caiśānyāṃ pīṭhaṃ saṃkalpayedbudhaḥ ||
Hat man sie so gemäß der Vorschrift verehrt, vollzieht man die Weihe. Im Nordosten des Ritualhauses soll der Kundige einen Sitzplatz anlegen.

9.498
tatra maṇḍalakaṃ kṛtvā svastikādyairvibhūṣayet |
vitānoparisaṃchannaṃ dhvajaistu pariśobhitam ||
Dort legt man ein kleines Mandala an und schmückt es mit Svastikas und anderen [Zeichen]. Darüber wird ein Baldachin gespannt; Banner verschönern es.

9.499
tatrāsanaṃ nyaseddevi śrīparṇīcandanodbhavam |
tatrānantāsanaṃ nyastvā mūrtibhūtaṃ śiśuṃ nyaset ||
Dort stellt man, Göttin, einen Sitz aus Shriparni- oder Sandelholz auf. Nachdem man dort den Anantasitz eingesetzt hat, lässt man den Schüler Platz nehmen, der [zur Gottheits-]Gestalt geworden ist.

9.500
sakalīkṛtya pūrvaiva aiśānyābhimukhasthitaḥ |
gandhapuṣpādikaiḥ pūjya nirmaccharcya kāñcikaudanaiḥ ||
Man vollzieht wie zuvor die Einsetzung der Glieder [des Mantras] und steht nach Nordosten gewandt. Man verehrt [den Schüler] mit Düften, Blüten und anderem und reibt ihn mit saurem Reiswasser und gekochtem Reis ab.
Anmerkung: Die nicht reguläre Form nirmaccharchy(a) wird nach dem Kontext als rituelles Abreiben verstanden. Bangs Übersetzung nennt statt Reis Wasser.

9.501
mṛdbhasmagomayaiḥ piṇḍairdūrvāṅkuraśamīdalaiḥ |
siddhārthadadhitoyaiśca nīrājanasamanvitaḥ ||
[Dies geschieht auch] mit Erde, Asche und Kuhdungklumpen, mit Durvagrassprossen und Shamiblättern sowie mit weißem Senf, Dickmilch und Wasser, verbunden mit einer Lustration.
Anmerkung: Historische Ritualmaterialien; nīrājana bezeichnet eine reinigende beziehungsweise schützende rituelle Umkreisung.

9.502
nirmaccharcyaivaṃ vidhānena abhiṣekaṃ pradāpayet |
pṛthivyādighaṭairdevi śivaṃ saṃsmṛtya secayet ||
Nach dem vorschriftsmäßigen Abreiben erteilt man die Weihe. Mit den Gefäßen der Erde und der folgenden [Elemente] besprengt man [ihn], Göttin, während man Shiva vergegenwärtigt.

9.503
aiśānyantaiḥ kramāddhyātvā ācāryaḥ susamāhitaḥ |
abhiṣikto ’nyavāsantu paridhāpyācamettataḥ ||
Der völlig gesammelte Acharya meditiert der Reihe nach [über die Gefäße] bis zu dem im Nordosten. Nach der Weihe wird [der Schüler] mit einem anderen Gewand bekleidet und nimmt dann die rituelle Mundspülung vor.
Anmerkung: Die Subjektwechsel sind im Sanskrit nicht klar markiert; die Rollenverteilung ist sinngemäß.

9.504
praveśya dakṣiṇā mūrtau yogapīṭhaṃ prakalpayet |
saṃsthāpya sakalīkṛtya adhikāraṃ samarpayet ||
Man führt ihn zur rechten Seite der [Gottheits-]Gestalt und richtet einen Yogasitz ein. Man setzt ihn hin, versieht ihn mit den Gliedern [des Mantras] und überträgt ihm die Amtsbefugnis.

9.505
uṣṇīṣamakuṭādyāṃśca chatrapādukacāmaram |
hastyaśvaśivikādyāṃśca rājāṅgāni aśeṣataḥ ||
[Man übergibt] Turban, Krone und anderes, Schirm, Sandalen und Fliegenwedel, Elefant, Pferd, Sänfte und sämtliche weiteren königlichen Insignien.

9.506
karaṇī kartarī khaṭikā sruksruvau darbhapustakam |
akṣasūtrādikaṃ dattvā caturāśramasaṃsthitam ||
Nachdem man Zeichengerät, Schere, Kreide, Sruc und Sruva, Darbhagras, Buch, Gebetskette und anderes übergeben hat, [lautet der Auftrag hinsichtlich der] Menschen in den vier Lebensständen:
Anmerkung: Caturāśrama bezeichnet die vier Lebensstände, nicht vier Kasten. Die genaue Bedeutung von karaṇī als Zeichengerät bleibt kontextabhängig.

9.507
anugrahapathasthena dīkṣā vyākhyā sadā tvayā |
adyaprabhṛti kartavyamadhikāraṃ śivājñayā ||
„Auf dem Weg der Gnade sollst du von heute an stets Initiation und Auslegung vollziehen. Diese Befugnis ist nach Shivas Gebot auszuüben.“

9.508
utthāpya haste saṃgṛhya maṇḍale tu praveśayet |
jānubhyāṃ dharaṇīṃ gatvā saṃpūjya bhairavaṃ tataḥ ||
Man lässt ihn aufstehen, ergreift ihn an der Hand und führt ihn ins Mandala. Mit beiden Knien auf dem Boden verehrt er darauf Bhairava.

9.509
vijñāpya bhagavānhyevamabhiṣiktastavājñayā |
ācāryapathasaṃsthena tavānujñānuvidhāyinā ||
Man trägt vor: „Herr, nach deinem Gebot wurde dieser so geweiht. Als einer, der auf dem Weg des Acharya steht und deine Erlaubnis befolgt, [soll er:]

9.510
kartavyaṃ yatkramāyātamadhikārantu deśikaḥ |
śivatattvārthakathanaṃ śivasya purataḥ sthitaḥ ||
Die in der Überlieferungsfolge empfangene Befugnis ausüben.“ Der Lehrer steht vor Shiva und legt den Sinn des Shiva-Tattva dar.
Anmerkung: Die Abgrenzung von Anrede und erzählendem Text ist redaktionell; die Sanskritquelle besitzt keine Anführungszeichen.

9.511
nirgatya bhuvanādagnau kalādhvānaṃ tu homayet |
mantratarpaṇakaṃ kṛtvā kalaikaṃ pañca cāhutim ||
Er tritt aus dem Gebäude hinaus und opfert im Feuer für den Weg der Kalas. Nachdem er die Mantras gesättigt hat, [bringt er] für jede Kala fünf Darbringungen [dar].
Anmerkung: Bhuvana wird hier kontextbezogen als Gebäude verstanden; die Zahlkonstruktion im zweiten Halbvers ist unregelmäßig.

9.512
pañca pañcasu sarvāsu hutvā pūrṇāhutiṃ dadet |
ardhapūjādhikaṃ kṛtvā praṇamya khyāpayetprabhoḥ ||
Nachdem er für alle fünf jeweils fünf [Gaben] geopfert hat, gibt er die vollständige Darbringung. Nach Verehrung mit Gastwasser und weiteren [Gaben] verneigt er sich und verkündet dem Herrn:

9.513
abhiśikto mayācāryastadartha mantratarpaṇam |
hṛdādyaiḥ pañcabhiścāṅgairdakṣiṇaṃ lāñchayetkaram ||
„Ich habe [ihn] zum Acharya geweiht; dazu dient die Sättigung der Mantras.“ Mit den fünf Gliedern, beginnend mit dem Herzen, kennzeichnet man die rechte Hand.

9.514
darbholmukaṃ śivāgnau tu kanyasādīni lañchayet |
puṣpaṃ pāṇau pradadyāttu maṇḍalāgre prapātayet ||
Mit einem im Shivafeuer [entzündeten] Darbhagrasbrand kennzeichnet man [die Finger], vom kleinen Finger an. Dann legt man eine Blüte in die Hand und lässt sie vor dem Mandala niederfallen.
Anmerkung: Historische Beschreibung einer Brandmarkierung.

9.515
bhairavaṃ kalaśaṃ cāgni namaskṛtvā tu daṇḍavat |
labdhādhikāra hṛṣṭātmā hṛṣṭatuṣṭaphalānvitaḥ ||
Man verneigt sich vor Bhairava, dem Gefäß und dem Feuer wie ein Stab. [Der Geweihte] hat die Befugnis erlangt, ist innerlich erfreut und mit beglückenden, befriedigenden Früchten versehen.

9.516
sa guruḥ śivatulyastu śivadhāmaphalapradaḥ |
[sādhakābhiṣekaḥ]
śāntyante bhūtidīkṣā tu sadāśivaphalātmikā ||
Dieser Guru ist Shiva gleich und gewährt als Frucht Shivas Stätte. [Die Weihe des Praktizierenden.] Die Initiation für besondere Kräfte endet bei Shanti und hat Sadashiva als ihre Frucht.
Anmerkung: Bhūtidīkṣā bezeichnet eine auf Macht beziehungsweise Gedeihen gerichtete Initiation; keine allgemeine Heilszusage der Redaktion.

9.517
śivadharmāṃ tu sā jñeyā lokadharmāṃ matānyathā |
śivadharmāṃ tu yā dīkṣā sādhakānāṃ prakīrtitā ||
Man soll sie als an Shivas Ordnung gebunden verstehen; die andere gilt als an die weltliche Ordnung gebunden. Jene Initiation, die Shivas Ordnung folgt, wird für die Praktizierenden gelehrt.

9.518
teṣāṃ kuryādabhiṣekantu sādhakatve niyojayet |
sādhakasyābhiṣeko ’yaṃ vidyādīkṣādanantaram ||
Ihnen erteilt man die Weihe und setzt sie in den Stand des Sadhaka ein. Diese Weihe des Sadhaka erfolgt unmittelbar nach der Vidya-Initiation.
Anmerkung: Vidyādīkṣād anantaram bestimmt die Vidya-Initiation eindeutig als vorausgehend; Bangs englische Formulierung kehrt das Verhältnis um.

9.519
vidyādīkṣā bhavetsā tu vāsanābhedata sthitā |
na karmabhedo vidyeta sarvasyādhvani saṃsthitaḥ ||
Die Vidya-Initiation richtet sich nach der Verschiedenheit der inneren Ausrichtung. Eine Verschiedenheit des rituellen Handelns gibt es nicht, da [dieses] beim gesamten [Verfahren] im Weltweg liegt.
Anmerkung: Vāsanā kann Absicht, innere Prägung oder Vorstellung bedeuten. Der Bezug von sarvasyādhvani saṃsthitaḥ ist syntaktisch unsicher.

9.520
kṛtāni yāni karmāṇi sarvāṇyadhvagatāni tu |
tāni saṃśodhya vidhivatkalāpañcasthitāni vai ||
Alle begangenen Handlungen liegen im Weltweg. Man reinigt sie vorschriftsmäßig, insofern sie in den fünf Kalas liegen.

9.521
yojanyāvasare bhedo †vijñānaṃ†sādhakasya tu |
prārabdhakarma paśvarthe tamekasthaṃ tu bhāvayet ||
Beim Zeitpunkt der Verbindung besteht beim Sadhaka ein Unterschied [hinsichtlich] †Erkennen†. Das bereits wirksam gewordene Karma soll man zum Zweck der gebundenen Seele als an einem einzigen [Ort] befindlich vorstellen.
Anmerkung: Vijñānaṃ steht in der Edition zwischen Cruces: Das Wort ist lexikalisch als Erkennen wiedergebbar, seine Lesung und syntaktische Funktion sind unsicher. Paśvarthe und der Bezug von tam ekastham bleiben ebenfalls offen.

9.522
śivamuccārya sakalaṃ sadāśivatanau nyaset |
vidyābhedasvarūpeṇa dhyātvā devaṃ sadāśivam ||
Man spricht den mit Teilen versehenen Shiva [als Mantra] aus und setzt [die Seele] in Sadashivas Leib ein. Man meditiert über den Gott Sadashiva in der Gestalt der jeweiligen Vidya.
Anmerkung: Die nicht ausdrücklich bezeichnete Seele als Objekt wird sichtbar ergänzt.

9.523
pūrṇāhutiprayogena aṇimādiguṇairyutam |
aṇimādiguṇāvāpyai mūlamantare svasaṃjñayā ||
Durch die Anwendung der vollständigen Darbringung [vergegenwärtigt man ihn] mit Eigenschaften wie Kleinwerden versehen. Zum Erlangen dieser Eigenschaften verbindet man den Grundmantra mit der jeweils eigenen Bezeichnung.
Anmerkung: Aṇimā ist die traditionell behauptete Fähigkeit, winzig klein zu werden.

9.524
āhutiṃ hyaṣṭakaṃ hutvā abhiṣiñcetsa sādhakam |
kalaśaiḥ pañcabhiḥ kuryānnivṛttyādyā triṣu nyaset ||
Nachdem er acht Darbringungen geopfert hat, weiht er den Sadhaka. Er verwendet fünf Gefäße; in die ersten drei setzt er [die Kalas] Nivritti und die folgenden ein.

9.525
śāntyātītāṃ pañcame tu śāntiṃ paścāccaturthake |
evaṃ śāntiṃ puṭitvā tu pṛthivyādīni pañcasu ||
Shantyatita [setzt man] in das fünfte [Gefäß], danach Shanti in das vierte. So schließt man Shanti ein und [setzt] Erde und die folgenden [Elemente] in die fünf [Gefäße ein].
Anmerkung: Der Ausdruck „einschließen“ bezeichnet eine rituelle Umfassung; die knappe Syntax lässt den genauen Vollzug offen.

9.526
ekaike kalaśe paścātsādhyamantraṃ tu vinyaset |
vidyāṅgaiḥ sakalīkṛtya vidyāṅgāvaraṇānnyaset ||
Dann setzt man den zu verwirklichenden Mantra in jedes einzelne Gefäß ein. Man versieht [sie] mit den Gliedern der Vidya und setzt die Umhüllungen ihrer Glieder ein.

9.527
śatamaṣṭottaraṃ santrya ekaikaṃ kalaśaṃ tataḥ |
bahirmaṇḍalake nyastvā āsanaṃ praṇavena tu ||
Man bespricht jedes einzelne Gefäß hundertachtmal. Dann richtet man auf dem äußeren Mandala mit dem Pranava einen Sitz ein.
Anmerkung: Santrya ist eine ungewöhnliche Form; die Wiedergabe als Besprechen folgt dem Kontext und Bang.

9.528
sādhakaṃ tatra saṃsthāpya sakalīkaraṇaṃ kur |
nirmaccharcya pūrvavatsarvaiḥ sādhyamantreṇa secayet ||
Man lässt den Sadhaka dort Platz nehmen und versieht ihn mit den Gliedern [des Mantras]. Nach dem Abreiben mit allen zuvor [genannten Stoffen] besprengt man ihn mit dem zu verwirklichenden Mantra.

9.529
nivṛtyāditribhiḥ kumbhaiḥ snāpayetpūrvadiṅmukham |
śāntyātītaṃ ghaṭaṃ grāhya paścācchiṣyaṃ prasecayet ||
Aus den drei Gefäßen von Nivritti und den folgenden [Kalas] badet man ihn, nach Osten gewandt. Dann nimmt man das Gefäß von Shantyatita und besprengt den Schüler.

9.530
śāntiṃ paścāttu gṛhṇīyātsaṃpuṭena tu secayet |
sādhakasyābhiṣeko ’yaṃ vilome cānulomataḥ ||
Danach nimmt man Shanti und besprengt ihn durch die Einschließung. Diese Weihe des Sadhaka erfolgt in umgekehrter und in vorwärts gerichteter Reihenfolge.
Anmerkung: Die deutsche Wortfolge erhält die Reihenfolge des Sanskrit; die rituelle Durchführung ist in 9.529 beschrieben.

9.531
abhiṣicya praveśitvā dakṣiṇā mūrtimāśṛtam |
praṇavenāsanaṃ kalpya sakalīkaraṇaṃ bhavet ||
Nach der Besprengung führt man ihn zur rechten Seite der [Gottheits-]Gestalt. Man richtet mit dem Pranava einen Sitz ein; dann erfolgt die Einsetzung der Glieder [des Mantras].

9.532
sādhakasyādhikārāṇi mantrakalpādi kalpayet |
mantrakalpyākṣasūtraṃ ca khaṭikā chatrapāduke ||
Man stellt die Zeichen der Befugnis des Sadhaka bereit, darunter die Mantraanleitung: Mantraanleitung und Gebetskette, Kreide, Schirm und Sandalen.
Anmerkung: Die Wiederholung von mantrakalpa steht in der Quelle und wird erhalten.

9.533
uṣṇīṣarahitaṃ dattvā praviśya śivasannidhau |
vijñāyet parameśānaṃ sādhako yaṃ mayā kṛtaḥ ||
Man übergibt [die Gegenstände] ohne Turban und tritt in Shivas Nähe. Dem höchsten Herrn trägt man vor: „Ich habe diesen zum Sadhaka gemacht.

9.534
siddhirbhavatu yuṣmajjñātuḥprakārāpi bhaktitaḥ |
sādhyamantroccaretpaścātpuṣpodakasamanvitam ||
Möge ihm durch Hingabe Vollendung zuteilwerden, welcher Art sie nach deinem Wissen auch sei.“ Danach spricht man den zu verwirklichenden Mantra, verbunden mit Blüten und Wasser.
Anmerkung: Yuṣmajjñātuḥprakārāpi ist syntaktisch schwierig; die Übersetzung bleibt ein Annäherungsversuch.

9.535
tasya haste samarpyata siddhyarthaṃ sādhakasya tu |
praṇamyobhau gṛhītvā tu mantraṃ hṛdi niveśayet ||
Man übergibt [den Mantra] in seine Hand, zur Vollendung des Sadhaka. Nachdem beide sich verneigt haben, empfängt [der Schüler] ihn und setzt den Mantra in sein Herz ein.
Anmerkung: Die Subjektverteilung ist aus dem Zusammenhang erschlossen.

9.536
prahṛṣṭavadanaḥ śiṣya ācāryo ’pi suhṛṣṭavān |
ubhau nirgatya cāgnau tu tarpayenmantrasaṃhitām ||
Das Gesicht des Schülers ist freudig, und auch der Acharya ist sehr erfreut. Beide gehen hinaus zum Feuer; dort sättigt man die Gesamtheit der Mantras.

9.537
sahasreṇa śatenātha sādhyamantrasya tarpaṇam |
evaṃ santarpayitvā tu puṣpaṃ pāṇau pradāpayet ||
Den zu verwirklichenden Mantra sättigt man mit tausend oder hundert [Darbringungen]. Nachdem man ihn so gesättigt hat, gibt man [dem Schüler] eine Blüte in die Hand.

9.538
tristhaṃ saṃpūjayitvā tu tripradakṣiṇa daṇḍavat |
praṇamya bhaktiyuktātmā aṇimādiphalāpnuyāt ||
Er verehrt [den Gott] an den drei Stätten, umschreitet [sie] dreimal und verneigt sich wie ein Stab. Voll Hingabe erlangt er [dem Text zufolge] Früchte wie die Fähigkeit des Kleinwerdens.

9.539
utthāpya sādhakaṃ brūyātsamayāṃ pāla yatnataḥ |
dīkṣāvasāne deveśi śravaṇīyā vipaścitaiḥ ||
Man lässt den Sadhaka aufstehen und sagt: „Bewahre die Verpflichtungen sorgfältig.“ Am Ende der Initiation, Herrin der Götter, sollen die Verständigen diese hören.

9.540
evaṃ dīkṣāṃ vinirvartya sarvadaiva varānane|
anujñātābhiṣiktasya samayāṃ śrāvayedguruḥ ||
Hat man so die Initiation vollständig vollzogen, Schönangesichtige, soll der Guru stets dem ermächtigten und geweihten [Schüler] die Verpflichtungen zu Gehör bringen.

9.541
anivedya na bhoktavyaṃ khādennāvidhināmiṣam |
niṣphalāṃ varjayecceṣṭāṃ japadhyānaṃ tu kārayet ||
Man soll nichts essen, ohne es zuvor dargebracht zu haben; Fleisch soll man nicht vorschriftswidrig essen. Fruchtlose Betätigung vermeide man und übe Rezitation und Meditation.
Anmerkung: Nāvidhināmiṣam untersagt nicht jedes Fleischessen, sondern das Essen ohne vorgeschriebenen Ritus. Bangs englische Formulierung ist hier missverständlich.

9.542
rereśabdaṃ na coccārya heheśabdaṃ tathaiva ca |
na nagnāṃ vanitāṃ paśyenna cāpi prakaṭastanīm ||
Man soll weder „re re“ noch „he he“ ausrufen. Man soll keine nackte Frau und auch keine Frau mit entblößten Brüsten ansehen.
Anmerkung: Historische Verhaltensnorm des Textes; die Lautfolgen werden als verbotene Ausrufe, nicht als Keimsilben wiedergegeben.

9.543
nālokayetpaśukrīḍāṃ kṣudrakarmaṃ na kārayet |
śākinīti na vaktavyaṃ dhappaṭiṃ varavarṇini ||
Man soll dem Spiel der Tiere nicht zuschauen und keine niedrigen Handlungen ausführen. Man soll nicht „Shakini“ sagen, noch „dhappaṭi“, Schöngestaltige.
Anmerkung: Paśukrīḍā kann besonders tierisches Paarungsverhalten meinen. Dhappaṭi ist nicht sicher entschlüsselt; Bang erwägt einen Klatschlaut. Keine erfundene Mantrabedeutung.

9.544
cchiṇḍālī ca mahādevi sehārī naiva-m-uccaret |
gṛhiṇāpi varārohe mahāsiddhividhau sthite ||
Auch „cchiṇḍālī“, große Göttin, und „sehārī“ soll man nicht aussprechen. Selbst ein Haushalter, Schönhüftige, der im Verfahren der großen Vollendung steht, [beachtet Folgendes:]
Anmerkung: Die genaue Bedeutung der beiden untersagten Wörter bleibt ungeklärt; ihre überlieferte Lautgestalt wird erhalten.

9.545
grāmadharma na kartavyaṃ vāsare siddhimicchatā |
svaśāstrasūcitaṃ karma nityaṃ tadvinirvartayet ||
Wer Vollendung wünscht, soll tagsüber keinen Geschlechtsverkehr ausüben. Die von der eigenen Schrift bezeichnete Handlung soll er täglich vollziehen.
Anmerkung: Grāmadharma, wörtlich „Dorfsitte“, ist hier eine Bezeichnung für Geschlechtsverkehr.

9.546
sarvarakṣārthakāryeṣu na prasajyeta kāmataḥ |
avyāpāraṃ sadā loke yuktāyuktavicāraṇe ||
Er soll sich nicht aus eigenem Verlangen in alle möglichen Schutzhandlungen verwickeln. In weltlichen Auseinandersetzungen darüber, was passend oder unpassend ist, soll er sich stets unbeteiligt halten.

9.547
nopadhāvetsadā lokāṃ svādhyāyasya kṣatiryathā |
sarve te varjayedarthāḥ svādhyāyakṣatikārakāḥ ||
Er soll sich den Leuten nicht so zuwenden, dass das eigene Schriftstudium Schaden nimmt. Alle Dinge, die das eigene Studium beeinträchtigen, soll er meiden.

9.548
svādhyāyasya virodhena sarvametannirarthakam |
vṛṣakukkuṭamāyūrahaṃsavārāhameva ca ||
Alles dieses ist sinnlos, wenn es dem eigenen Studium entgegensteht. [Nicht zu essen sind:] Stier, Hahn, Pfau, Gans und Eber,
Anmerkung: Die Verbotsliste beginnt mitten im Vers und wird in 9.550 abgeschlossen.

9.549
mahiṣaṃ mānuṣaṃ godhā ulūkaṃ gṛdhraṃ śyenakam |
chagī mṛgī tathā meṣī sunakhī ca sṛgālikā ||
Büffel, Mensch, Waran, Eule, Geier und Falke; Ziege, Hirschkuh, Schaf, Hündin und Schakalin,
Anmerkung: Godhā bezeichnet eine große Echse beziehungsweise einen Waran, nicht einen Alligator. Die femininen Tiernamen werden berücksichtigt.

9.550
śaśikā śalikā caiva yāścānyastrī vijānatā |
abhojyamāmiṣaṃ tāsāṃ manasā yajjugupsitam ||
Häsin und Stachelschwein sowie andere als weiblich erkannte [Tiere]. Ihr Fleisch darf nicht gegessen werden, ebenso das, wovor man sich innerlich ekelt.
Anmerkung: Śalikā wird mit Bang vorläufig als Stachelschwein verstanden; die Tierbestimmung bleibt unsicher.

9.551
varṣaistu navabhiścaiva liṅgacchāyāṃ na laṅghayet |
samayī putrakaṃ caiva ācāryaṃ sādhakaṃ tathā ||
Neun Jahre lang soll man den Schatten eines Linga nicht überschreiten. Einen Samayin, Putraka, Acharya oder Sadhaka [soll man nicht schmähen:]
Anmerkung: Die ungewöhnliche zeitliche Bestimmung wird wörtlich erhalten.

9.552
na nindeta varārohe yoginīṃ naiva-m-uccaret |
kaivarta kāndukaṃ mlecchaṃ dhvajaṃ śūnyakaraṃ priye ||
Man soll [sie] nicht schmähen, Schönhüftige, und „Yogini“ nicht [ungebührlich] aussprechen. [Nicht schmähen soll man] einen Fischer, einen Backwarenverkäufer, einen Fremden, einen Schankwirt und einen Schlachter, Liebe,
Anmerkung: Die Berufsdeutungen von dhvaja und śūnyakara sind nach Parallelstellen erschlossen; mleccha ist eine historische Fremdbezeichnung. Das ergänzte „ungebührlich“ erklärt den Kontext, steht aber nicht wörtlich im Text.

9.553
vairūpyaṃ duḥkhitaṃ śaṇṭhaṃ klībamandhaṃ tathāturaṃ |
mallavandinakauṣadyaṃ chippakaṃ carmakārakam ||
Einen Menschen mit körperlicher Entstellung, einen Leidenden, einen Eunuchen, einen sexuell Unvermögenden, einen Blinden oder Kranken, einen Ringer, Barden, Geldverleiher, Färber oder Lederarbeiter,
Anmerkung: Historische Personen- und Berufsbezeichnungen. Kauṣadya ist als Geldverleiher nur vorläufig identifiziert.

9.554
jaṭuṃ bhuṭuṃ mathīraṃ ca kāpotaṃ kulabhakṣakam |
medaṃ bhillaṃ ca ḍombaṃ ca tathānyaṃ bhaṇḍakārakam ||
Einen Jatu, Bhutu, Mathira, Kapota, Kulabhakshaka, Meda, Bhilla oder Domba, ebenso einen anderen Spaßmacher,
Anmerkung: Mehrere Gruppen- und Herkunftsbezeichnungen sind unsicher; sie bleiben als Namen erhalten. Bang deutet einen Teil als regionale Gruppen. Bhaṇḍakāraka wird vorläufig als Spaßmacher wiedergegeben.

9.555
evamanye ’pi ye noktā mānavā varavarṇini |
na nindeta varārohe vratinaṃ yadupasthitam ||
Ebenso andere Menschen, die nicht genannt wurden, Schöngestaltige. Auch einen Gelübdeübenden, der zu Besuch kommt, soll man nicht schmähen, Schönhüftige.

9.556
haṭṭanāryo na vaktavyā nākrośetkanyakāḥ sudhīḥ |
devyāyā noccareddhāmaṃ pādamīkārasaṃyutam ||
Mit Frauen auf dem Markt soll man nicht sprechen; der Verständige soll Mädchen nicht beschimpfen. Den Dhama[-Mantra] der Göttin und einen Versabschnitt, der mit dem Laut ī verbunden ist, soll er nicht aussprechen.
Anmerkung: Die genaue Bedeutung der zweiten Verbotsgruppe ist unklar, insbesondere devyāyā und pādamīkārasaṃyutam. Die Übersetzung ist vorläufig und ergänzt keinen konkreten Mantra.

9.557
jhakāraṃ ca makāraṃ ca noccaredekataḥ kvacit |
vaibhāṣyaṃ na vadetkiñcinna ca sāhasamācaret ||
Die Laute jha und ma soll man nirgends zusammen aussprechen. Man soll keine abweichende beziehungsweise herabsetzende Rede führen und keine Gewalttat begehen.
Anmerkung: Vaibhāṣya lässt verschiedene Deutungen zu; keine sichere Identifikation eines bestimmten Traktats.

9.558
śayanaṃ naiva kartavyamekavṛkṣe catuṣpathe |
kṣetre caiva śmaśāne ca vane copavaneṣu ca ||
Man soll nicht bei einem alleinstehenden Baum, an einer Kreuzung, auf einem Feld, auf einem Verbrennungsplatz, im Wald oder in einem Hain schlafen.

9.559
devāgāre nadītīre bhasmagomayamadhyataḥ |
viṇmūtraṃ naiva kartavyaṃ ṣṭhīvanaṃ maithunaṃ tathā ||
In einem Tempel, am Flussufer, inmitten von Asche oder Kuhdung soll man weder Kot noch Urin ausscheiden, weder spucken noch Geschlechtsverkehr ausüben.
Anmerkung: Die beiden Ausscheidungsverbote sind im Sanskrit ausdrücklich vorhanden und werden mitübersetzt.

9.560
khaṭvāpādaṃ gharaṭṭaṃ ca śūrpaṃ vardhanikā tathā |
pīṣaṇī kaṇḍaṇī cullī muśalaṃ loṣṭanīkaṇam ||
[Zu den nicht mit den Füßen zu berührenden Gegenständen gehören:] Bettfuß, Handmühle, Worfelkorb und kleines Gefäß, Mahlstein, Mörser, Herd, Stößel sowie loṣṭanīkaṇa.
Anmerkung: Das Verb wird aus 9.569 ergänzt. Loṣṭanīkaṇa bleibt als nicht sicher identifizierter Gegenstand unübersetzt; es ist keine Keimsilbe.

9.561
saṃmārjitaṃ ca †nāvā ca yā ca pūjā na hi kṛtā †|
nākrameta varārohe prāṅgaṇaṃ dehalīṃ tathā ||
Auch der Besen; †„nāvā ca yā ca pūjā na hi kṛtⓆ [beschädigter, syntaktisch nicht sicher übersetzbarer Text; einzelne Wörter: „und die Verehrung … nicht vollzogen“]. Einen Vorhof und eine Türschwelle soll man nicht betreten beziehungsweise überschreiten, Schönhüftige.
Anmerkung: Die ganze Wortgruppe steht in der Edition zwischen Cruces. Bang erwägt einen Bezug zum navayāga, der Verehrung häuslicher Gegenstände; dies wird nicht als gesicherte Lesung eingesetzt. Hier besteht eine echte Übersetzungslücke.

9.562
manthānaṃ nāgaraṃ caiva viṣaṃ vai nāyikā tathā|
krūrikāryāparā bhadre māyīkaṃ gāhanī tathā ||
[Weitere Gegenstände sind:] Quirl, getrockneter Ingwer, Gift und nāyikā; ferner krūrikāryāparā, Glückverheißende, māyīka und gāhanī.
Anmerkung: Die letzten vier Bezeichnungen sind nicht zuverlässig bestimmt und bleiben offen. Bang erwägt Moschus, schneidende Gegenstände, Gaukler und Taucher; die heterogene Liste sichert diese Deutungen nicht. Nāgara als Ingwer ist ebenfalls kontextabhängig.

9.563
yūpamaṅkuśa chatraṃ vā phalaṃ śakti samudgaram |
śaṅkhaṃ cakraṃ gadāṃ śūlaṃ ghaṇṭaḍamaru picchakam ||
Opferpfahl, Elefantenhaken oder Schirm, Klinge, Speer und Hammer, Muschelhorn, Rad, Keule, Dreizack, Glocke, Damarutrommel und Federbüschel,
Anmerkung: Die Gegenstandsliste wird bis 9.569 fortgeführt.

9.564
kapālamakṣasūtraṃ ca yogapaṭṭakamaṇḍalum |
daṇḍājinaṃ pavitrakaṃ paraśuṃ paṭṭiśaṃ tathā ||
Schädelschale, Gebetskette, Yogaband und Wassergefäß, Stab, Tierfell, Reinigungsfaden, Axt und Pattisha-Lanze,

9.565
gaṇḍāsakaṃ kuṭhāraṃ ca campanī vāśi vedanam |
kodālakaṃ ca koddālī pādayoḥ kuṭakaṃ tathā ||
Gandasaka, Beil, campanī, Messer und vedana, Hacke und kleine Hacke sowie ein kuṭaka für die Füße,
Anmerkung: Gaṇḍāsaka ist wohl eine Axtart. Campanī, vedana und kuṭaka sind nicht sicher identifiziert; auch die Worttrennung der Gerätebezeichnungen bleibt vorläufig.

9.566
dhanuṃ nārāca bhallī ca tīrikā śara kaṃbaram |
puṭaṃ ca karṇikaṃ kūṭamardhacandraṃ vilumpakam ||
Bogen, Naracha-Pfeil, Bhalli-Geschoss, tīrikā, Pfeil und kambara, puṭa, Karnika-, Kuta- und Halbmondpfeil sowie Vilumpaka,
Anmerkung: Die genaue Unterscheidung mehrerer Geschosse ist ungeklärt; insbesondere tīrikā, kambara und puṭa bleiben Fachbezeichnungen mit unsicherer Sachbedeutung. Die Quelle schreibt unregelmäßig kaṃbara.

9.567
vāvallakaṃ tathāstho ḍuṃ sillaṃ ca ghātanaṃ tathā |
daṃhikā karṇikaṃ jhaṣakaṃ kuntaṃ ca vasunandakam ||
Vavallaka und Asthodu, silla, Schlaggerät, daṃhikā, karṇika, jhaṣaka, Lanze und Vasunandaka,
Anmerkung: Mehrere Geräte sind nicht sicher identifiziert. Jhaṣaka heißt wörtlich kleiner Fisch, könnte hier aber eine Waffenbezeichnung sein; diese Bedeutung wird nicht als gesichert ausgegeben. Auch die Wortgrenzen bei tathāstho ḍuṃ sind auffällig.

9.568
kartavyā kurtarī caiva kartikā pādavellakam |
pharakaṃ vāpi khaḍgaṃ vā anya vāpyāyudhaṃ priye ||
Kartavyā, Schere, Messer, pādavellaka, Schild, Schwert oder eine andere Waffe, Liebe,
Anmerkung: Kartavyā und pādavellaka bleiben unbestimmte Fachwörter; „Schere“ und „Messer“ sind vorsichtige Deutungen der verwandten Schneidegerätbezeichnungen.

9.569
pāde naiva spṛśenmantrī na tu laṃghetkadācana |
vaṭāśvatthārkapatre ca na bhuñjīta kadācana ||
[Alle diese] soll der Mantrapraktizierende nicht mit dem Fuß berühren und niemals überschreiten. Auch soll er niemals von Blättern des Banyanbaums, Pipalbaums oder Arka-Strauchs essen.
Anmerkung: Die rückgreifende Satzkonstruktion reicht über die gesamte vorangehende Liste.

9.570
na mantrī bhakṣayedbhakṣāṃ vāmahastasthitānaghe |
vāmahastena dātavyaṃ dakṣiṇena tu dāpayet ||
Der Mantrapraktizierende soll keine in der linken Hand befindliche Speise essen, Makellose. Mit der linken Hand soll er geben; mit der rechten soll er [sich etwas] geben lassen.
Anmerkung: Die ungewohnte Handzuordnung steht so im Text und wird nicht nach heutigen Konventionen geändert.

9.571
gṛhṇīyātparadattaṃ tu vāmahaste sadā priye |
na dadyādauṣadhaṃ mantrī rakṣārthaṃ naiva kārayet ||
Was ein anderer gegeben hat, soll er stets mit der linken Hand empfangen, Liebe. Der Mantrapraktizierende soll kein Arzneimittel geben und keines zum Schutz anfertigen lassen.
Anmerkung: Historische Standesregel; keine heutige Empfehlung gegen medizinische Behandlung.

9.572
na jalpaṃ śivaśāstreṣu kartavyaṃ tu parasparam |
avākyaṃ naiva vaktavyamadhikāravidhau sthite ||
Über Shivas Schriften soll man nicht miteinander schwatzen. Was nicht ausgesprochen werden darf, soll man nicht sagen, wenn die Regel der Befugnis feststeht.
Anmerkung: Die Unterscheidung zwischen vertraulicher Lehre und unbefugter Rede wird aus dem Kontext erschlossen.

9.573
vīragoṣṭhī na bhagnavyā nopekṣeta viḍambakam |
parairevātmanāpirvā vitaṇḍā naiva kārayet ||
Die Versammlung der Viras soll nicht gestört werden; einen Spötter soll man nicht dulden. Weder mit anderen noch bei sich selbst soll man bloßen Widerspruchsstreit betreiben.
Anmerkung: Viḍambaka kann Spötter oder Nachahmer heißen; ātmanāpi bleibt in der Streitregel mehrdeutig.

9.574
rudrasthānāni sarvāṇi śrīpūrvāṇyābhibhāṣayet |
guroḥ saṃjñā na gṛhṇīyānmahimā saṃsthitaḥ sudhīḥ ||
Alle Stätten Rudras soll man mit vorangestelltem „Shri“ benennen. Der Verständige soll den Namen des Gurus nicht [bloß] aussprechen, auch wenn er selbst eine hohe Stellung erlangt hat.
Anmerkung: Der zweite Halbvers ist syntaktisch unregelmäßig; das ergänzte „bloß“ folgt der anschließenden ehrenden Anrede.

9.575
śayyāsanaṃ vimuktā tu puṣpaṃ pāṇau vigṛhya ca |
praṇamya daṇḍavadbhūmau śrīkārādyaṃ samuccaret ||
Man verlässt Bett oder Sitz, nimmt Blüten in die Hand und verneigt sich auf dem Boden wie ein Stab. Dann spricht man [die Anrede] mit „Shri“ am Anfang aus.

9.576
sthānanāma tato nte tu devo antata eva vā |
tathaiva guruparvasya siddhācāryā maheśvari ||
Darauf folgt der Name der Stätte, am Schluss „Deva“. Ebenso [verfährt man] beim Fest des Gurus hinsichtlich der Siddhas und Acharyas, Maheshvari.
Anmerkung: Die genaue Beziehung von guruparvasya siddhācāryā ist offen; Bang versteht Gedenktage von Geburt und Tod, die hier nicht ausdrücklich genannt werden.

9.577
evaṃ devi samākhyātā samayāḥ samayārthinām |
śrāvayedgururevaṃ tu śāstradṛṣṭena karmaṇā |
traiṣkālyaṃ pūjayeddevaṃ dhyānadṛṣṭena karmaṇā ||
So, Göttin, sind die Verpflichtungen für diejenigen dargelegt, die danach verlangen. So soll der Guru sie durch das in der Schrift vorgesehene Handeln verkünden. Zu den drei Tageszeiten soll man den Gott durch ein Handeln verehren, das von Meditation geleitet ist.
Anmerkung: Dieser letzte nummerierte Eintrag umfasst sechs Versviertel; er wird nicht in vermeintlich originale Zusatznummern aufgeteilt.

Kapitelkolophon
iti bhairavasrotasi mahātantre vidyāpīṭhe saptakoṭipramāṇe śrītantrasadbhāve samayadīkṣādhikāro navamaḥ paṭalaḥ ||
So endet das neunte Kapitel, „Unterweisung über die Initiation in die Verpflichtungen“, im ehrwürdigen Tantrasadbhava, dem großen Tantra des Vidyapitha innerhalb der Bhairava-Strömung, dem ein Umfang von sieben Koti zugeschrieben wird. Die Umfangsangabe ist traditionell und keine Zählung der erhaltenen Verse.

Kapitel 18: Chommakā – rituelle Zeichensprache

Bang 2018, S. 254–258; englische Übersetzung und Diskussion S. 441–449.

Das Kapitel wird vollständig nach den 53 nummerierten Einträgen der Teiledition wiedergegeben. Mehrere Einträge sind prosanah. Die Beschreibung ist ein historischer Text über rituelle Erkennungszeichen, Körpergesten und Lautchiffren. Die späteren Gleichsetzungen mit Gottheitsnamen sind vielfach nicht eindeutig entschlüsselt; sie werden hier als solche erhalten.

Kapitelüberschrift der Edition
chommakādhikāro nāmāṣṭādaśaḥ paṭalaḥ
Achtzehntes Kapitel, genannt Unterweisung über Chommakā.

Sprecherangabe
|| devy uvāca ||
Die Göttin sprach.

18.1
yoginīlakṣaṇaṃ deva śākinīnāṃ ca krīḍanam |
seharikānāṃ ceṣṭā vai śrutaṃ caiva viśeṣataḥ ||
O Gott, ich habe die Merkmale der Yoginis, das Spiel der Shakinis und insbesondere das Verhalten der Seharikas vernommen.
Anmerkung: „Seharika“ wird als Bezeichnung einer weiblichen Wesen- oder Praktizierendengruppe erhalten; keine sichere gewöhnliche Wortübersetzung.

18.2
saṃgamaṃ ca yathā tāsāṃ viśeṣād avadhāritam |
chommakāṃ śrotum icchāmi bhāṣāṃ caiva viśeṣataḥ ||
Auch die Art der Begegnung mit ihnen ist im Einzelnen geklärt worden. Ich möchte nun die Chommakā vernehmen, insbesondere ihre Sprache.

18.3
chommakair jñātamātrais tu tāsāṃ tu saṃmato bhavet |
sidhyanti sādhakasyaiva mudrāchommakatatparāḥ ||
Sobald man die Chommakā-Zeichen kennt, wird man von ihnen anerkannt. Die mit Mudras und Chommakā vertrauten [Yoginis] gewähren dem Sadhaka Erfolg [in der Begegnung].
Anmerkung: Der Satzgegenstand im zweiten Halbvers ist ergänzt; die Wendung kann auch auf das Gelingen der Verständigung bezogen werden.

Sprecherangabe
bhairava uvāca
Bhairava sprach.

18.4
athātaḥ saṃpravakṣyāmi chommakānāṃ tu lakṣaṇam |
aṅgāvayavasaṃsparśair mantrabhāṣāviceṣṭitaiḥ ||
Nun werde ich die Merkmale der Chommakā erklären: durch Berührungen der Körperglieder, durch Mantras, Sprache und Gebärden [erfolgt die Verständigung].
Anmerkung: Der Satz wird in 18.5 fortgesetzt.

18.5
vadanti mātaro yena sādhakais tāḥ parasparam |
tadvidhānaṃ śṛṇudhvaṃ hi aṅgācchommakalakṣaṇam ||
Auf diese Weise verständigen sich die Mütter und die Sadhakas miteinander. Hört nun deren Verfahren, die Kennzeichen der Chommakā mittels des Körpers.
Anmerkung: Die auffällige Form aṅgācchommaka wird beibehalten.

18.6
hastena spṛśate hastam abhivādakṛtaṃ bhavet |
anāmādarśane caiva pratyabhivādanakṛtaṃ bhavati ||
Eine Hand mit der anderen zu berühren bedeutet einen Gruß. Das Zeigen des Ringfingers bedeutet die Erwiderung des Grußes.
Anmerkung: Der zweite Teil ist prosanah und länger als ein gewöhnlicher Halbvers; er bleibt unter der Quellenziffer 6.

18.7
hastena hastaṃ vādayate baliṃ bhoktuṃ samīhate |
lalāṭaṃ spṛśate yā tu kutrāgacchāmi bhāṣate ||
Das Schlagen einer Hand gegen die andere bedeutet den Wunsch, eine Bali-Opfergabe zu essen. Berührt sie die Stirn, sagt sie: „Wohin soll ich kommen?“
Anmerkung: Die erste Person āgacchāmi bleibt erhalten; keine stillschweigende Änderung zu „Wohin kommst du?“.

18.8
nābhiṃ spṛśate yā tu bubhukṣitāsmīti bhāṣate |
stanaṃ spṛśate yā tu mātaram ity uktaṃ bhavati ||
Berührt sie den Nabel, sagt sie: „Ich bin hungrig.“ Berührt sie die Brust, bedeutet dies: „[Ich bin die] Mutter.“
Anmerkung: Mātaram ist formal ein Akkusativ; die prädikative Deutung folgt dem Zusammenhang und Bangs Erläuterung.

18.9
kūrparaṃ spṛśate yā tu yāsyāmīti ca jalpate |
jihvālālayamānāṃ tu mānuṣyaṃ māṃsa bhakṣayāmīti ||
Berührt sie den Ellenbogen, sagt sie: „Ich werde gehen.“ Das Bewegen beziehungsweise Heraushängenlassen der Zunge bedeutet: „Ich esse Menschenfleisch.“
Anmerkung: Historische Zeichenbedeutung innerhalb der Yogini-Vorstellungen; die unregelmäßigen Formen des zweiten Teils sind beibehalten.

18.10
akṣiṃ spṛśate dṛśyena na nivartayāmīti |
pārśvaṃ spṛśati nāsti mokṣam ity uktaṃ bhavati ||
[Das Berühren beziehungsweise Verengen] des Auges bedeutet: „Ich weise [dich] nicht zurück.“ Das Berühren der Seite bedeutet: „Es gibt keine Freigabe.“
Anmerkung: Der erste Satz ist sprachlich unsicher; Bang deutet ihn als Zusammenkneifen des Auges. Mokṣa ist hier als Zeichenwort „Freigabe/Loslassen“ verstanden, nicht zwingend als metaphysische Befreiung.

18.11
keśasparśanā prasādaṃ karomīti |
pādena pādaṃ spṛśati ramāmīty uktaṃ bhavati ||
Das Berühren des Haares bedeutet: „Ich erweise Gunst.“ Das Berühren eines Fußes mit dem anderen bedeutet: „Ich freue mich“ beziehungsweise „Ich genieße [das Zusammensein].“

18.12
dantān kaṭakaṭāpayati āhāraṃ dehīty uktaṃ bhavati |
ubhe dantapaṅktī jihvāyā spṛśati tadā tṛpto ’sminn iti ||
Das Klappern mit den Zähnen bedeutet: „Gib mir Nahrung.“ Das Berühren beider Zahnreihen mit der Zunge bedeutet: „Ich bin satt.“
Anmerkung: Die Quelle hat die auffällige Form tṛpto ’sminn; nicht stillschweigend zu tṛptāsmi verbessert.

18.13
pādāgraṃ spṛśati mriyate na gantavyam iti |
niṣṭhyūyate nāstikarmam ity uktaṃ bhavati ||
Das Berühren der Fußspitze bedeutet [ungefähr]: „[Man] stirbt; man darf nicht gehen.“ Das Ausspucken bedeutet: „Es gibt kein [auszuführendes] Tun.“
Anmerkung: Beide Bedeutungszuordnungen bleiben unsicher, besonders nāstikarmam. Bangs fortlaufende englische Übersetzung überspringt Eintrag 18.13; die deutsche Übertragung ist hier eine ausdrücklich vorläufige eigene Deutung, keine Keimsilbenübersetzung.

18.14
ubhau hastau sākhāṃ darśayed yā tu utpalaṃ tasyāḥ pradarśayet |
haste puṭāṃ prakurute hastaṃ tasya prasārayet ||
Zeigt sie beide Hände [wie] einen Zweig ausgestreckt, soll er ihr einen Wasserlotos zeigen. Formt sie die Hände zu einer Schale, soll er [ihr] die Hand entgegenstrecken.
Anmerkung: Sākhāṃ steht so im Druck; die Rollenverteilung des zweiten Satzes ist nicht eindeutig.

18.15
hastaṃ kaṇḍūyate yā tu lalāṭaṃ tasya kaṇḍūyate |
stanaṃ kaṇḍūyamānā yā haste ’śrūṇi nipātayet ||
Kratzt sie die Hand, soll er die Stirn kratzen. Kratzt sie die Brust, soll er Tränen in die Hand fallen lassen.
Anmerkung: Die Pronomen und Verbformen sind unregelmäßig; die Rollen sind aus dem Zeichenaustausch erschlossen.

18.16
pādāṅguṣṭhena bhūmiṃ likhed aṅguṣṭhaṃ tasyā nipātayet |
pādāv āsphālayed yā tu sphijas tasyaivāsphālayet ||
Zeichnet sie mit dem großen Zeh auf den Boden, soll er den großen Zeh zu ihrem senken. Schlägt beziehungsweise schwingt sie die Füße, soll er entsprechend das Gesäß schlagen.
Anmerkung: Die Zuordnung des Gesäßes zu einer Person bleibt im Wortlaut unsicher; Bang bezieht die Handlung auf die Frau.

18.17
tailābhyaktā paśyate yā muktiṃ tasyāḥ pradāpayet |
nāsikāgraṃ darśayed yā jihvāṃ tasyā pradarśayet ||
Erscheint sie mit Öl gesalbt, soll er ihr „Mukti“ gewähren. Zeigt sie die Nasenspitze, soll er ihr die Zunge zeigen.
Anmerkung: Mukti heißt gewöhnlich „Befreiung“; welche konkrete Gegengeste hier gemeint ist, bleibt ungeklärt.

18.18
lalāṭaṃ darśayed yā tu grīvāṃ tasya pradāpayet |
potuṅgety abhivādanaṃ pratyotuṅge pratikṛtam ||
Zeigt sie die Stirn, soll er ihr den Hals darbieten. „Potuṅge!“ ist der Gruß; „Pratyotuṅge!“ ist die Antwort darauf.
Anmerkung: Die Druckformen potuṅge und pratyotuṅge werden als Sonderausdrücke erhalten. Bangs englische Erläuterung verwendet die abweichenden Formen pottuṅga und pratipottuṅge. Diese Normalisierung wird hier nicht stillschweigend in den Sanskrittext eingesetzt.

18.19
ekāṅgulidarśanāt svāgataṃ dvābhyāṃ susvāgatam |
koṣṭhapratibimbā cāṅguṣṭhaṃ kṣemamudrā vidhīyate ||
Ein gezeigter Finger bedeutet „Willkommen“, zwei bedeuten „Herzlich willkommen“. Die Kshema-Mudra wird [als eine Faust] mit [eingeschlossenem] Daumen gebildet.
Anmerkung: Der zweite Teil ist sprachlich auffällig; die Ergänzungen folgen Bangs Vergleich mit verwandten Texten, nicht einer hier ausgeschriebenen eindeutigen Beschreibung.

18.20
jihvā darśyated yā tu dantān tasya darśayet |
śiro darśyated yā tu lalāṭaṃ tasya darśayet ||
Zeigt sie die Zunge, soll er ihr die Zähne zeigen. Zeigt sie den Kopf, soll er ihr die Stirn zeigen.
Anmerkung: Die ungewöhnliche Form darśyated steht im Editionstext.

18.21
keśā darśyate-d-yā tu śikhān tasyās tu darśayet |
cibukaṃ darśyated yā tu karṇaṃ tasya pradarśayet ||
Zeigt sie das Haar, soll er ihr den Haarschopf zeigen. Zeigt sie das Kinn, soll er ihr das Ohr zeigen.
Anmerkung: Das eingeschobene -d- und die grammatisch auffälligen Formen sind nach der Edition erhalten.

18.22
grīvāṃ darśyated yā tu bāhuṃ tasya pradarśayet |
bāhuṃ darśyated yā tu karau tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie den Hals, soll er ihr den Arm zeigen. Zeigt sie den Arm, soll er ihr beide Hände zeigen.

18.23
netraṃ darśyated yā tu nāsyāṃ tasyāpi darśayet |
stanau ca darśayed yā tu kukṣiṃ tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie das Auge, soll er ihr die Nase zeigen. Zeigt sie die Brüste, soll er ihr den Bauch zeigen.
Anmerkung: Die Form nāsyāṃ wird beibehalten.

18.24
kaṭiṃ ca darśayed yā tu guhyaṃ tasyāpi darśayet |
ūruṃ ca darśayed yā tu jānuṃ tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie die Hüfte, soll er ihr den verborgenen Körperbereich zeigen. Zeigt sie den Oberschenkel, soll er ihr das Knie zeigen.
Anmerkung: Guhya bezeichnet hier den Genitalbereich.

18.25
jānu darśyate yā tu jaṅghāṃ tasyāpi darśayet |
jaṅghāṃ ca darśayed yā pādau tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie das Knie, soll er ihr den Unterschenkel zeigen. Zeigt sie den Unterschenkel, soll er ihr beide Füße zeigen.

18.26
bhrukuṭiṃ ca darśayed yā tu tarjayanti vināyakāḥ |
garuḍaṃ darśayed yā tu śūlaṃ tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie das Zusammenziehen der Brauen, bedeutet dies: „Die Vinayakas drohen.“ Zeigt sie das Garuda-Zeichen, soll er ihr das Dreizack-Zeichen zeigen.
Anmerkung: Die genaue Ausführung von garuḍa und śūla ist hier nicht erklärt. Bang diskutiert mehrere Vergleichsdeutungen; keine davon wird hier zur sicheren Lesung erklärt.

18.27
nartheti vādanaṃ pratyānarthe pratyabhivādanam |
evamādi mahābhāge sāmānyacchommakā priye ||
„Nartha!“ ist die Anrede; „Pratyānarthe!“ ist der Gegengruß. Solcher Art, du Glückliche, sind die allgemeinen Chommakā-Zeichen, meine Liebe.
Anmerkung: Die Sondergrußwörter werden nicht spekulativ in eine Satzbedeutung aufgelöst.

18.28
akṣarārthena yā proktā sā mayā tu yaśasvini |
lakṣakoṭiśatair japaiḥ kāyakleśaparāyaṇaiḥ ||
Diese habe ich dir, du Ruhmreiche, gemäß der Bedeutung der Laute erklärt. Durch Hunderttausende, Millionen und Hunderte von Millionen Wiederholungen, verbunden mit körperlicher Kasteiung, [wird die im Folgenden genannte Begegnung nicht erlangt].
Anmerkung: Satzübergreifender Zusammenhang mit 18.29; die Großzahlen sind formelhaft und werden nicht in eine rechnerisch eindeutige Übungszahl verwandelt.

18.29
ugreṇa tapasātyantakāle naiva tu mantriṇām |
darśayanti tathātmānaṃ dadante carum uttamam ||
Auch durch strenge Askese über sehr lange Zeit zeigen sie sich solchen Mantraübenden nicht und geben ihnen nicht die vorzügliche Charu-Opferspeise.
Anmerkung: Das Subjekt ist ergänzt; wahrscheinlich sind die Yoginis gemeint. Die Negation wird mit beiden Verben verbunden, entsprechend Bangs begründeter Deutung.

18.30
kulābhiṣekaśiktānāṃ kulabhaktiparāyaṇām |
melakaṃ ca prayacchanti sukhayogisamāgamam ||
Den durch die Kula-Weihe Geweihten, die der Hingabe an das Kula ergeben sind, gewähren sie die Begegnung, das mit Freude verbundene Zusammenkommen.
Anmerkung: Śiktānāṃ und parāyaṇām bleiben als auffällige Druckformen erhalten; die genaue Zusammensetzung sukhayogisamāgama ist mehrdeutig.

18.31
teṣāṃ tu kathayiṣyāmi chommakāḥ kulasaṃsthitāḥ |
kule sāmānyatāṃ yāti vīro cātha balāpi vā ||
Ihnen werde ich die innerhalb des Kula bewahrten Chommakā-Zeichen erklären. Ein Vira oder auch eine [weibliche Praktizierende] erlangt Gleichstellung im Kula.
Anmerkung: Die Quelle hat balā, nicht stillschweigend zu bālā verbessert; die Übersetzung der Personenbezeichnung bleibt kontextbezogen.

18.32
nyāsaṃ kṛtvā tu sakalaṃ bhairavyā bhairaveṇa tu |
praviśed grāmarathyā tu yadā tu dṛśyate striyaiḥ ||
Nachdem er den vollständigen Nyasa der Bhairavi zusammen mit Bhairava vollzogen hat, soll er die Dorfstraße betreten; wenn er von den Frauen gesehen wird, [beginnt der Austausch der Zeichen].
Anmerkung: Der Satz ist syntaktisch unregelmäßig. Das ergänzte Schlussglied macht den Zusammenhang kenntlich, ohne eine verlorene Sanskritzeile zu behaupten.

18.33
śikhāṃ pradarśayed yā tu śiras tasyāpi darśayet |
śiraḥ pradarśayed yā tu lalāṭaṃ tasya darśayet ||
Zeigt sie den Haarschopf, soll er ihr den Kopf zeigen. Zeigt sie den Kopf, soll er ihr die Stirn zeigen.
Anmerkung: Von hier an können Körperbezeichnungen zugleich Lautchiffren sein. Die Übersetzung gibt die sprachlichen Bezeichnungen wieder; sie behauptet keine sichere Entschlüsselung.

18.34
śiromālā darśayed yā vaktraṃ tasyāpi darśayet |
locane darśayed yā tu locane tasya darśayet ||
Zeigt sie die Schädelgirlande, soll er ihr das Gesicht beziehungsweise den Mund zeigen. Zeigt sie die Augen, soll er ihr die Augen zeigen.

18.35
nāsikāṃ darśayed yā tu arghīśaṃ tasya darśayet |
tṛtīyaṃ nayanaṃ darśed bhārabhūtesya darśayet ||
Zeigt sie die Nase, soll er ihr Arghisha zeigen. Zeigt sie das dritte Auge, soll er ihr Bharabhuti zeigen.
Anmerkung: Arghisha und Bharabhuti sind technische Gottheits- oder Lautbezeichnungen. Bhārabhūtesya ist eine auffällige Druckform; die konkrete Zeichenzuordnung bleibt offen.

18.36
kapālaṃ darśayed yā tu mahāsenāsya darśayet |
kaṇṭhaṃ darśyate yā tu trimūrtin tasya darśayet ||
Zeigt sie den Schädel, soll er ihr Mahasena zeigen. Zeigt sie den Hals, soll er ihr Trimurti zeigen.
Anmerkung: Die Formen mahāsenāsya und trimūrtin sind beibehalten; die Namen werden als unaufgelöste Chiffren behandelt.

18.37
daśanaṃ darśayed yā tu bhārabhūtesya darśayet |
jihvāṃ tu darśayed yā tu visartāṃ tasya darśayet ||
Zeigt sie die Zähne, soll er ihr Bharabhuti zeigen. Zeigt sie die Zunge, soll er ihr die herausgestreckte [Zunge] zeigen.
Anmerkung: Die Deutung von visartāṃ als „herausgestreckt“ ist unsicher und folgt Bangs Bezug auf jihvāṃ; keine sichere Lautrekonstruktion.

18.38
vācāṃ darśyate yā tu lakulīśo ’sya darśayet |
aṅgulyo darśayed yā tu ajeśaś caturānane ||
Zeigt sie die Rede, soll er ihr Lakulisha zeigen. Zeigt sie die Finger, [soll er] Ajesha [zeigen], du Viergesichtige.
Anmerkung: Caturānane kann als Anrede oder als weiterer verschlüsselter Name verstanden werden. Die Anrede ist hier gewählt; die Alternative bleibt offen.

18.39
triśūlaṃ darśayed yā tu ekanetraṃ tu darśayet |
bāhuñ ca darśayed yā tu cchagaṃ mahākālaṃ darśayet ||
Zeigt sie den Dreizack, soll er ihr Ekanetra zeigen. Zeigt sie den Arm, soll er „Chaga“ und Mahakala zeigen.
Anmerkung: Cchagaṃ mahākālaṃ ist in seiner technischen Zuordnung unsicher. „Chaga“ wird nicht als gesicherte Handschriftenauflösung zu Chagalaṇḍa ergänzt.

18.40
udaraṃ ca darśayed yā tu ekanetraṃ tu darśayet |
hṛdayaṃ ca darśayed yā tu meṣaṃ tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie den Bauch, soll er ihr Ekanetra zeigen. Zeigt sie das Herz, soll er ihr Mesha zeigen.
Anmerkung: Meṣa heißt wörtlich „Widder“, fungiert hier aber als Chiffrenname.

18.41
ātmāṃ ca darśayed yā tu śvetaṃ tasyāpi darśayet |
prāṇaṃ tu darśayed yā tu bhṛguṃ tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie den Atman, soll er ihr Shveta zeigen. Zeigt sie den Prana, soll er ihr Bhrigu zeigen.
Anmerkung: „Atman zeigen“ und „Prana zeigen“ sind innerhalb der Zeichensprache zu verstehen. Ātmāṃ ist die unregelmäßige Druckform.

18.42
stanau ca darśayed yā tu bhujaṅgaṃ tasya darśayet |
padmāṃ ca darśayed yā tu īśvaraṃ tasya darśayet ||
Zeigt sie die Brüste, soll er ihr Bhujanga zeigen. Zeigt sie den Lotos beziehungsweise die Lotose, soll er ihr Ishvara zeigen.
Anmerkung: Die Form padmāṃ erlaubt keine sichere Bestimmung von Numerus und technischer Bedeutung; keine festgelegte Chakrenzuordnung ergänzt.

18.43
nitambaṃ darśayed yā tu dviraṇḍaṃ tasya darśayet |
nābhiṃ ca darśayed yā tu krodhīśaṃ tasya darśayet ||
Zeigt sie das Gesäß, soll er ihr Dviranda zeigen. Zeigt sie den Nabel, soll er ihr Krodhisha zeigen.

18.44
guhyaṃ ca darśayed yā tu khaḍgīśaṃ tasya darśayet |
sūkṣmaṃ tu darśayed yā tu anantaṃ tasya darśayet ||
Zeigt sie den verborgenen Körperbereich, soll er ihr Khadgisha zeigen. Zeigt sie Sukshma, soll er ihr Ananta zeigen.
Anmerkung: Sukshma und Ananta werden hier als technische Namen erhalten, nicht zu „Feinstofflichkeit“ und „Unendlichkeit“ verallgemeinert.

18.45
ūruṃ tu darśayed yā tu umākāntaṃ tu darśayet |
dakṣajaṅghāṃ darśayed yā tu raudrīṃ tasyāpi darśayet ||
Zeigt sie den Oberschenkel, soll er ihr Umakanta zeigen. Zeigt sie den rechten Unterschenkel, soll er ihr Raudri zeigen.

18.46
vāmajaṅghā darśayed yā tasya jyeṣṭhāṃ tu darśayet |
jānuṃ ca darśayed yā tu sadyojātaṃ pradarśayet ||
Zeigt sie den linken Unterschenkel, soll er ihr Jyeshtha zeigen. Zeigt sie das Knie, soll er ihr Sadyojata zeigen.

18.47
pādau ca darśayed yā tu ḍiṇḍilohita darśayet |
evamādi mahābhāge bhedaiḥ śatasahasraśaḥ ||
Zeigt sie beide Füße, soll er ihr Dindi und Lohita zeigen. Solcher Art sind, du Glückliche, die hunderttausendfach verschiedenen [Zeichen].
Anmerkung: Der Satz wird in 18.48 fortgeführt; ḍiṇḍilohita bleibt in der überlieferten Form.

18.48
tadaṃśaṃ sādhakendrasya kathayanti na saṃśayaḥ |
anyonyajñāpanārthāya veditavyaṃ tu mantriṇā ||
Sie teilen dem Herrn der Sadhakas den betreffenden Anteil mit, daran besteht kein Zweifel. Der Mantraübende soll dies zur gegenseitigen Verständigung kennen.
Anmerkung: Was tadaṃśa genau bezeichnet, bleibt unsicher; möglich ist ein Hinweis auf die jeweilige Gruppenzugehörigkeit.

18.49
kadācid divyasaṃyogāt kṣetrapālādidarśanāt |
ādeśaṃ tu prayacchantu kartavyaṃ niścitena tu ||
Wenn es einmal durch die göttliche Verbindung zur Schau der Feldhüter und anderer [Gottheiten] kommt, mögen diese die Unterweisung erteilen; der Entschlossene soll das Aufgetragene tun.
Anmerkung: Historische Aussage über als göttlich verstandene Weisung, keine heutige Empfehlung, vermeintlichen Offenbarungen unkritisch zu folgen.

18.50
śobhanāśobhanaṃ vāpi divyavākyaṃ na laṅghayet |
etal lakṣaṇam ākhyātam anekais tu prakārakaiḥ ||
Ob günstig oder ungünstig: Das göttliche Wort soll er nicht übertreten. Diese Kennzeichen sind auf vielfältige Weise erklärt worden.
Anmerkung: Śobhana/aśobhana kann auch moralisch als „gut/schlecht“ gelesen werden; die Aussage wird als historische Norm wiedergegeben.

18.51
jñātavyaṃ cumbakenaiva sarvasiddhyarthakāraṇāt |
sa śivaḥ paramo devo bhūtale saṃvyavasthitaḥ ||
Der Chumbaka soll dies kennen, um alle Vollkommenheiten zu erlangen. Er ist Shiva, der höchste Gott, auf Erden gegenwärtig.
Anmerkung: Cumbaka, wörtlich „Küssender“, ist hier eine technische Bezeichnung; die genaue Rolle als Guru oder besonderer Praktizierender wird in der Forschung diskutiert.

18.52
tasya pādarajo mūrdhni bandhayet satataṃ budhaḥ |
rakṣanti devatā nityaṃ putravat pālayanti ca ||
Der Verständige soll stets den Staub seiner Füße auf dem Haupt befestigen. Die Gottheiten schützen ihn beständig und hüten ihn wie einen Sohn.
Anmerkung: Die Schutzwirkung ist eine religiöse Aussage des Textes.

18.53
chidraṃ tasya na kurvanti kurvante bāhyānugraham |
kṣetrādilakṣaṇāṃ jñehi tathaiva vallabho bhavet ||
Sie verursachen ihm keinen Schaden, sondern gewähren ihm äußere Gunst. Erkenne die Merkmale der Kshetras und der übrigen [Gegebenheiten]; so wird man ihnen lieb.
Anmerkung: jñehi und lakṣaṇāṃ sind unregelmäßige Druckformen.

Kapitelkolophon
iti bhairavasrotasi mahātantre vidyāpīṭhe saptakoṭipramāṇe śrītantrasadbhāve chommakādhikāro nāmāṣṭādaśaḥ paṭalaḥ ||
So endet das achtzehnte Kapitel, „Unterweisung über Chommakā“, im ehrwürdigen Tantrasadbhava, dem großen Tantra des Vidyapitha innerhalb der Bhairava-Strömung, dem ein Umfang von sieben Koti zugeschrieben wird.

Kapitel 24, Verse 177cd–202: Zeitrad und historische Atemprognostik

Bang 2018, S. 259–262; vergleichende Erläuterungen S. 450–452.

Dieser Auszug beschreibt die traditionelle Berechnung verbleibender Lebenszeit aus einem über Tage anhaltenden einseitigen Atemverlauf. Es handelt sich um historische Divination, nicht um ein geprüftes Verfahren zur Diagnose oder Vorhersage der Lebensdauer. Die Zahlen werden textnah erhalten. Mehrere Prognosen beginnen in einem Vers und enden im folgenden; deshalb werden Ergänzungen an Versgrenzen sichtbar markiert. Die deutsche Übersetzung ist hier eine Arbeitsübersetzung des Sanskrit: Bang bietet eine Vergleichstabelle und Erläuterungen, ausdrücklich keine fortlaufende englische Übersetzung dieses Abschnitts. Die in eckigen Klammern gedruckte Zwischenüberschrift „Zeitwissen“ stammt von der Herausgeberin.

Kapitelüberschrift der Edition
kālādhikāraś caturviṃśatiḥ paṭalaḥ
Vierundzwanzigstes Kapitel: Unterweisung über die Zeit.

24.177cd
pramāṇaṃ dinasaṃkhyāyā cakre kālātmake priye ||
[Es folgt] das Maß der Anzahl der Tage im Rad, dessen Wesen die Zeit ist, o Liebe.
Anmerkung: Die Teiledition beginnt mit dem zweiten Halbvers von 24.177. Der vorausgehende Satzanfang ist hier nicht überliefert; die Ergänzung „Es folgt“ dient nur der Lesbarkeit.

24.178
ṣaḍdināni yadā vyūḍhā ekoccāreṇa suvrate |
varṣatrayaṃ tu saṃguṇya tṛśatai ṣaṣṭyādhikaiḥ priye ||
Wenn [die Atemströmung] sechs Tage lang in einem einzigen Verlauf ausgebreitet ist, o Treugelobende, dann rechne drei Jahre mit jeweils dreihundertsechzig [Tagen], o Liebe.
Anmerkung: Vyūḍhā hat kein ausdrücklich genanntes Bezugswort; „Atemströmung“ ist aus dem Zusammenhang ergänzt. Tṛśatai ist eine auffällige Form für die Dreihundertzahl. Die folgenden Verse geben das errechnete Restmaß an.

24.179
bhāgaśeṣapramāṇaṃ tu kathayāmi samāsataḥ |
varṣadvayaṃ samuddiṣṭaṃ māsāś ca rudrasaṃkhyayā ||
Das Maß des nach der Aufteilung verbleibenden Restes nenne ich kurz: zwei Jahre und Monate in der Anzahl der Rudras [elf].
Anmerkung: Rudrasaṃkhyā ist eine Zahlchiffre für elf; die Tageszahl folgt in 24.180.

24.180
dināni daśa pañcaiva pramāṇaṃ kathitaṃ tava |
saptame ’hani saṃtyajya yadā vahati mārutaḥ ||
Dazu zehn und fünf Tage: Dieses Maß ist dir genannt. Wenn der Lebenswind, [den üblichen Wechsel] aufgebend, am siebten Tag weiterströmt, [gilt das Folgende].
Anmerkung: Das Objekt von saṃtyajya fehlt. Die Ergänzung deutet den im Kapitel vorausgesetzten ausbleibenden Wechsel der Atemseite; sie ist keine wörtlich vorhandene Lesung.

24.181
varṣadvayaṃ samākhyātaṃ māsāny ekādaśe priye |
jīvitaṃ tu tad ākhyātam aṣṭamaṃ tu ataḥ param ||
Dann werden zwei Jahre und elf Monate als Lebenszeit angegeben, o Liebe. Diese Lebensdauer ist damit genannt; als Nächstes [folgt der Fall des] achten [Tages].
Anmerkung: Māsāny ekādaśe ist grammatisch unregelmäßig. Die Zahlen werden entsprechend dem Kontext wiedergegeben.

24.182
varṣadvayaṃ tathā māsā daśasaṃkhyā tu jīvitam |
nava devi dinair vyūḍhā varṣadvayaṃ sa jīvati ||
Die Lebenszeit beträgt [dann] zwei Jahre und zehn Monate. Ist [die Strömung] neun Tage lang ausgebreitet, o Göttin, so lebt er zwei Jahre [und die im nächsten Vers genannten Monate].

24.183
māsāni tu tathā cāṣṭau pramāṇaṃ kālavedinām |
dinānāṃ daśabhir devi varṣadvayaṃ sa jīvati ||
Dazu acht Monate: So lautet das Maß der Zeitkundigen. Bei zehn Tagen, o Göttin, lebt er zwei Jahre.
Anmerkung: Der erste Halbvers ergänzt den Neun-Tage-Fall aus 24.182; der zweite beginnt den Zehn-Tage-Fall.

24.184
dināny ekādaśaṃ caiva yadā nāḍī pravartate |
varṣam ekaṃ samākhyātaṃ māsāni rudrasaṃkhyayā ||
Wenn der Kanal elf Tage lang [auf diese Weise] tätig ist, werden ein Jahr und Monate in der Anzahl der Rudras [elf] angegeben.

24.185
dināni viṃśati proktā kathitaṃ parameśvari |
dvādaśāhapravāhena varṣam ekaṃ prakīrtitam ||
Dazu sind zwanzig Tage genannt, o höchste Herrin. Bei einem zwölf Tage dauernden Strom wird ein Jahr angegeben [mit dem folgenden Zusatz].

24.186
māsāni rudrasaṃkhyoktā dināni daśa śobhane |
daśa trīṇi yadā devi vahate dakṣiṇāyane ||
Dazu Monate in der genannten Rudra-Anzahl [elf] und zehn Tage, o Schöne. Wenn [der Atem] zehn und drei [Tage] auf dem rechten Weg strömt, o Göttin, [gilt das Folgende].
Anmerkung: Dakṣiṇāyana bezeichnet hier den rechtsseitigen Atemverlauf; der gewöhnliche astronomische Sinn „südlicher Sonnenlauf“ erklärt die Bildsprache, ersetzt aber nicht den unmittelbaren Zusammenhang.

24.187
varṣam ekaṃ sa jīveta māsā caiva daśa priye |
dināni viṃśati khyātā kathitaṃ tu tavānaghe ||
Er würde ein Jahr, zehn Monate und zwanzig Tage leben, o Liebe. So ist es dir erklärt, o Makellose.

24.188
dināṃ caiva yadā cāro dvisaptaparisaṃkhyayā |
varṣāyuṣaḥ samuddiṣṭo māsāni navasaṃkhyayā ||
Wenn dieser Verlauf eine Anzahl von zweimal sieben Tagen hat, wird eine Lebensdauer von einem Jahr und neun Monaten angegeben [mit dem folgenden Tageszusatz].
Anmerkung: Die verkürzte Form dinām und die unregelmäßige Form varṣāyuṣaḥ werden nicht im Sanskrit normalisiert.

24.189
dināni ca daśaś caiva pramāṇaṃ jīvitasya tu |
tripañcadinacāreṇa varṣam ekaṃ na saṃśayaḥ ||
Und zehn Tage beträgt der Zusatz zum Lebensmaß. Bei einem Verlauf von dreimal fünf Tagen [beträgt die Lebenszeit] ein Jahr, ohne Zweifel.
Anmerkung: „Ohne Zweifel“ ist die Gewissheitsbehauptung des historischen Textes, keine Bestätigung der Prognose.

24.190
dvi-r-aṣṭakasya cāreṇa dinānāṃ parameśvari |
jīvitaṃ rudramānena māsāni parisaṃkhyayā ||
Bei einem Verlauf von zweimal acht Tagen, o höchste Herrin, beträgt die Lebenszeit Monate nach dem Maß der Rudras, also elf [mit dem folgenden Tageszusatz].
Anmerkung: Das eingeschobene r in dvi-r-aṣṭakasya wird entsprechend der Edition erhalten.

24.191
pañcaviṃśadināni syuḥ pramāṇaṃ kathitaṃ mayā |
dināni daśa saptaiva yadā vahati mārutaḥ ||
Dazu sollen fünfundzwanzig Tage kommen: Dieses Maß habe ich genannt. Wenn der Lebenswind zehn und sieben Tage strömt, [gilt das Folgende].

24.192
tadā tasya pramāṇaṃ tu māsāny ekādaśa priye |
dināni viṃśatiś caiva kathitaṃ tu na saṃśayaḥ ||
Dann wird seine Lebenszeit mit elf Monaten und zwanzig Tagen angegeben, o Liebe; daran besteht [dem Text zufolge] kein Zweifel.

24.193
daśāṣṭadinacāreṇa māsāny ekadaśa priye |
dināni daśa saṃkhyā tu kathitaṃ kālavedinām ||
Bei einem Verlauf von zehn und acht Tagen sind elf Monate und zehn Tage genannt, o Liebe: So lautet die Berechnung der Zeitkundigen.
Anmerkung: Die im Druck stehende Form ekadaśa wird ohne stillschweigende Längung beibehalten.

24.194
viṃśad ekonato cāre dinānāṃ parameśvari |
jīvitaṃ tatra coddiṣṭaṃ daśa māsā na saṃśayaḥ ||
Bei einem Verlauf von zwanzig weniger einem Tag, o höchste Herrin, wird die Lebenszeit mit zehn Monaten angegeben, ohne Zweifel [mit dem folgenden Zusatz].

24.195
dināni viṃśati proktā kālacakram upāsinām |
viṃśatis tu yadā devi ṣaṇmāsā vigatāyuṣaḥ ||
Dazu werden zwanzig Tage von denjenigen genannt, die sich dem Zeitrad widmen. Wenn es aber zwanzig [Tage] sind, o Göttin, ist die Lebenszeit nach sechs Monaten vergangen.

24.196
ekaviṃśa dinā devi dināni pravahed raviḥ |
pañca māsā samācaṣṭe dināni saptaviṃśati ||
Wenn die Sonne [der rechtsseitige Atem] einundzwanzig Tage lang strömt, o Göttin, nennt man fünf Monate und siebenundzwanzig Tage [mit dem folgenden Zusatz].
Anmerkung: Das Wort dināni ist im Vers doppelt vorhanden. Die Wiederholung wird im Sanskrit erhalten, im Deutschen ohne erfundene zusätzliche Zeitspanne wiedergegeben.

24.197
ghaṭikāś caiva triṃśoktāḥ pramāṇaṃ samudāhṛtam |
viṃśa dve ca padā vyūḍhā pañca māsair gatāyuṣaḥ ||
Dazu sind dreißig Ghaṭikās genannt: So ist das Maß angegeben. Ist [die Strömung] zweiundzwanzig [Tage] ausgebreitet, endet seine Lebenszeit nach fünf Monaten [mit dem folgenden Zusatz].
Anmerkung: Die Drucklesung padā ist schwer verständlich; die Übersetzung der Bedingung ist vorläufig und am Zahlenzusammenhang orientiert. Eine Ghaṭikā ist ein traditionelles Zeitmaß; es wird hier nicht als medizinisch brauchbare Präzision verstanden.

24.198
dināni pañcaviṃśac ca tava devi udāhṛtam |
viṃśa trikaṃ yadā devi pravaheta atandritaḥ ||
Und fünfundzwanzig Tage sind dir dazu genannt, o Göttin. Wenn [der Atem] unablässig dreiundzwanzig [Tage] strömt, o Göttin, [gilt das Folgende].

24.199
jīvitaṃ māsa pañcaite dināni viṃśati priye |
viṃśa †catvārya hy ekā *† dinānāṃ pravahe priye ||
Die Lebenszeit beträgt diese fünf Monate und zwanzig Tage, o Liebe. Bei einem Verlauf von [wohl] vierundzwanzig Tagen, o Liebe, [folgt die nächste Angabe; ein Teil der Formulierung ist beschädigt].
Anmerkung: Die Edition kennzeichnet catvārya hy ekā * mit Cruces und einem Stern als gestörte beziehungsweise unvollständige Lesung. Die Zahl vierundzwanzig ist aus der Folge erschlossen; der beschädigte Rest ist nicht übersetzt oder rekonstruiert. Das Sternzeichen gehört zur Kennzeichnung der Textstörung und ist kein Keimlaut.

24.200
jīvitaṃ māsa pañcaite dināny atra daśaiva tu |
pañcaviṃśa dinā vyūḍhā māsatrayaṃ sa jīvati ||
Die Lebenszeit beträgt hier diese fünf Monate und genau zehn Tage. Ist [die Strömung] fünfundzwanzig Tage lang ausgebreitet, so lebt er drei Monate.

24.201
atordhve pūrvam ākhyātaṃ kālacakra samāsataḥ |
antare ye dinā proktā ṣoḍaśaiva varānane ||
Was darüber hinausgeht, ist zuvor beim Zeitrad in Kürze erklärt worden. Die dazwischen genannten Tage sind sechzehn, o Schönangesichtige.
Anmerkung: Die Druckform atordhve wird beibehalten; sie wird sinngemäß als „darüber hinaus“ verstanden. Auf welche genaue Gesamtreihe sich die sechzehn Zwischentage beziehen, ist aus dem isolierten Auszug nicht sicher feststellbar.

24.202
bhāgakrameṇa te śodhya tatphalaṃ tu sphuṭīkṛtam |
mandabuddhiprabodhāya kālacakraṃ prakāśyate ||
Sie sind nach der Reihenfolge ihrer Anteile zu berechnen; so wird ihr Ergebnis deutlich gemacht. Zur Belehrung derjenigen mit langsamem Verständnis wird das Zeitrad erläutert.
Anmerkung: Śodhya ist eine unregelmäßige Verbalform; „berechnen“ gibt den rechnerischen Zusammenhang von Teilen und Ergebnis wieder. Ein Kapitelkolophon folgt in der Teiledition nicht.

Kapitel 28: Ātmācāra – Bewegungsverlauf des Selbst

Bang 2018, S. 264–275; englische Übersetzung und Diskussion S. 453–469.

Die 105 nummerierten Einträge dieses Kapitels werden einschließlich der von Bang eingeordneten Zusatzzeilen, der markierten Lücken und des Kapitelkolophons wiedergegeben. Die historischen Atem- und Konzentrationsvorschriften werden als Quellentext übersetzt. Sie schließen gefährliche Verfahren und übernatürliche Wirkungsbehauptungen ein; daraus werden keine heutigen Handlungsanweisungen abgeleitet. Die Praxisanregungen am Ende des Artikels stehen davon getrennt. Die verschiedenen Lotos-, Laut- und Gottheitenkreise werden nicht zu einem einheitlichen modernen Chakraschema umgebaut.

Kapitelüberschrift der Edition
ātmācārādhikāro nāmāṣṭāviṃśatimaḥ paṭalaḥ
Achtundzwanzigstes Kapitel, genannt Unterweisung über den Bewegungsverlauf des Selbst.

Sprecherangabe
śrībhairava uvāca
Bhairava sprach.

28.1
ātmācāragatir devi nāḍīpadmavinirṇayam |
pañcaviṃśatitattvāni puruṣeṇa samanvitam ||
Der Bewegungsverlauf des Selbst, o Göttin, die Bestimmung der Kanäle und Lotoszentren sowie die fünfundzwanzig Tattvas zusammen mit dem Purusha [sind die folgenden Gegenstände].
Anmerkung: Die Aufzählung bildet mit 28.2 einen Satz. Die grammatische Form des zweiten Halbverses lässt offen, ob Purusha eingeschlossen oder zusätzlich genannt wird; die Zählung wird nicht harmonisiert.

28.2
yathā sthitāni sarvāṇi tathā vakṣyāmi bhairavi |
kakārādimakārāntāḥ pañcapañca susaṃsthitāḥ ||
Wie sie alle angeordnet sind, werde ich erklären, o Bhairavī. Die [Laute], die mit ka beginnen und mit ma enden, stehen wohlgeordnet in fünf Gruppen zu je fünf.

28.3
nāḍīmukhās tu te jñeyā anyonyavyāpyasaṃsthitāḥ |
ātmā saṃcarate nityaṃ sthānāt sthānam anukramāt ||
Sie sind als die Mündungen der Kanäle zu verstehen, die einander durchdringend bestehen. Das Selbst bewegt sich beständig der Reihe nach von einem Ort zum anderen.

28.4
nava padmāḥ smṛtā ye tu phajajhaṭhaḍayas tathā |
tathadama mahādevi nava padmāḥ prakīrtitāḥ ||
Als die neun Lotoszentren gelten pha, ja, jha, ṭha und ḍa sowie ta, tha, da und ma, o große Göttin: Diese werden als neun Lotoszentren bezeichnet.
Anmerkung: Die fortlaufenden Lautketten sind sprachlich unregelmäßig eingebunden. Die Trennung in neun Lautnamen folgt Bangs Deutung und ist redaktionell; sie wird nicht als zusätzliche Sanskritlesung eingesetzt.

28.5
yaralavās tu ye proktāḥ krameṇa vinivedayet |
vāyavye cāgnisaṃsthe ca īśe nairṛtigocare ||
Die als ya, ra, la und va bezeichneten [Zentren] soll man der Reihe nach im Nordwesten, am Feuerort [Südosten], im Nordosten und im Bereich Nirritis [Südwesten] anordnen.
Anmerkung: Wie diese zweite Lautgruppe mit den neun Lauten in 28.4 zusammenhängt, bleibt unsicher. Ein heutiges standardisiertes Chakramodell wird nicht vorausgesetzt.

28.6
haṃsākhyaṃ kukṣayor bhau tu śaṣau yau liṅgapāyugau |
evaṃ krameṇa deveśi nava padmāḥ prakīrtitāḥ ||
Die beiden haṃ und sa genannten [Zentren liegen] an den beiden Flanken; śa und ṣa gehören zum Geschlechtsorgan und zum After. So sind die neun Lotoszentren der Reihe nach bezeichnet, o Herrin der Götter.
Anmerkung: Bhau ist eine auffällige Form, die sinngemäß als „beide“ verstanden wird. Kukṣi kann Flanke oder Bauchseite heißen; Bang deutet hier die Achselbereiche. In 28.5–6 werden ausdrücklich nur acht Lautzuweisungen genannt; ein neunter Laut wird nicht ergänzt.

28.7
madhyam eṣāṃ smṛtaṃ padmam aṣṭāraṃ tad vinirdiśet |
tatra nāḍyā sthitā bhadre tadādhārās tu vāyavaḥ ||
Den Lotos in ihrer Mitte soll man als achtspeichig bestimmen. Dort befinden sich die Kanäle, o Gütige, und auf ihnen ruhen die Lebenswinde.

28.8
iḍādiśaṃkhinī-cāntā nāḍyas tasmin vyavasthitāḥ |
pūrvādi-m-īśaparyantā adhaś cordhve ca bhāmini ||
Darin sind die Kanäle von Iḍā bis Śaṃkhinī angeordnet: vom Osten bis zum Nordosten sowie unten und oben, o Leuchtende.
Anmerkung: Gemeint ist der Umlauf durch acht Richtungen, ergänzt um unten und oben. Das eingeschobene m wird wie in der Edition erhalten.

28.9
nāḍī padmāntarālasthā śūle vāyu pratiṣṭhitam |
prāṇādyā vāyavaḥ proktāḥ kathitās tu mayānaghe ||
Der Kanal befindet sich im Zwischenraum des Lotos; der Lebenswind ist im Schaft verankert. Die Lebenswinde mit Prāṇa an der Spitze habe ich genannt und erklärt, o Makellose.
Anmerkung: Śūla heißt gewöhnlich Spitze oder Dreizack; die Wiedergabe „Schaft“ folgt Bangs kontextueller Deutung. Der genaue körperbildliche Bezug ist unsicher.

28.10
puryaṣṭakaṃ tu yat proktaṃ dalamadhye vyavasthitam |
karṇikasthaṃ svayaṃ devo maṇḍalatritayānvitam ||
Das sogenannte Puryaṣṭaka befindet sich inmitten der Blätter. Der Gott selbst sitzt im Lotosinneren, verbunden mit drei Mandalas.
Anmerkung: Puryaṣṭaka bezeichnet die „achtfache Stadt“, einen subtilen Leibkomplex. Die unregelmäßigen Kongruenzen des Sanskrit werden erhalten.

28.11
agni sūryaś ca candraś ca catuḥśaktis tathaiva ca |
tanmadhye tu svatejena hutāśakarṇikākṛtiḥ ||
[Diese sind] Feuer, Sonne und Mond; dazu [besitzt er] vier Kräfte. In ihrer Mitte erscheint er durch seinen eigenen Glanz in Gestalt eines feurigen Lotoskerns.
Anmerkung: Hutāśakarṇikā ist schwierig: Bang übersetzt sinngemäß „Feuerfunke“. Der Druck bietet karṇikā; hier wird der Bezug zum Lotosinneren erhalten, ohne eine sichere Entscheidung zu behaupten.

28.12
kuṇḍalyudarasaṃsthas tu tiṣṭhate tadvaśāt priye |
prasuptabhujagākārā prasuptāmṛtakuṇḍalī ||
Im Inneren der Kuṇḍalī befindlich, bleibt er unter ihrer Macht, o Liebe. Sie hat die Gestalt einer schlafenden Schlange: die ruhende Amṛtakuṇḍalī.
Anmerkung: Die Edition korrigiert saṃstham zu saṃsthaḥ und bezieht es auf den Gott beziehungsweise das Selbst. Eine alternative Korrektur zu saṃsthā würde Kuṇḍalī zum Subjekt machen. Udara darf daher hier nicht ohne Weiteres als sichere anatomische Ortsangabe der Kundalini gelesen werden.

28.13
etair bandhair mahābaddho vivaśaḥ sarvadehinām |
tiṣṭhate hṛdaye caiva ucchvāsaśvāsasaṃyutaḥ ||
Durch diese Bindungen fest gebunden und ohne eigene Verfügung, befindet er sich im Herzen aller Verkörperten, verbunden mit Aus- und Einatmung.
Anmerkung: Vivaśaḥ bedeutet gewöhnlich machtlos beziehungsweise nicht Herr seiner selbst. Bangs englisches „independent“ steht dazu in Spannung; die deutsche Arbeitsübersetzung folgt dem Sanskritwort und dem Bindungskontext.

28.14
yāvad ūrdhvagatis tasya devadevasya sundari |
tāvad vyāpī smṛto hy ūrdhve adhobhāge visarjiṇaḥ ||
Solange der Gott der Götter sich aufwärts bewegt, o Schöne, gilt er oben als durchdringend; im unteren Bereich [ist er] ausströmend.
Anmerkung: Die auffällige Form visarjiṇaḥ und die Satzverknüpfung mit 28.15 machen die genaue Konstruktion unsicher.

28.15
vyāpayet †avārastho† devadevo jagatpatiḥ |
akāraṃ hṛdayaṃ caiva brahmā tatrādhidevataḥ ||
Der Gott der Götter, der Weltenherr, soll [den Bereich] durchdringen — [seine hier bezeichnete Lage ist unklar]. Dem Laut a ist das Herz zugeordnet; dort ist Brahmā die herrschende Gottheit.
Anmerkung: Avārastho ist bereits in der Edition mit Cruces als gestört markiert und bleibt unübersetzt. Eine Lage „unten“ wäre aus dem vorherigen Vers erschließbar, wird aber nicht als sichere Lesung ausgegeben.

28.16
īkāraṃ kaṇṭhato devi viṣṇus tatra jagatpatiḥ |
ukāraṃ tāluke jñeyaṃ rudras tatra pratiṣṭhitaḥ ||
Der Laut ī [befindet sich] am Hals, o Göttin; dort ist Vishnu, der Weltenherr. Der Laut u ist am Gaumen zu erkennen; dort ist Rudra verankert.
Anmerkung: Die Edition bewahrt langes ī. Bang erwägt eine Verwechslung mit kurzem i, emendiert aber nicht. Die Lautfolge wird auch nicht in das geläufigere a–u–m umgeschrieben.

28.17
bhruvor bindur maheśaṃ ca vaktre nādaṃ sadāśivam |
jñātavyaḥ so ’dhikārastho yathā te kathayāmy aham ||
Zwischen den Brauen [liegen] Bindu und Maheśa, im Gesichtsbereich Nāda und Sadāśiva. Er ist als der jeweils über diesen Bereich Herrschende zu erkennen, wie ich es dir erkläre.
Anmerkung: Vaktra heißt Gesicht oder Mund; Bang deutet hier die Stirn. Die grammatische Verbindung der Lautstufen mit den Gottheiten bleibt elliptisch.

28.18
antaryāgaṃ yathāpūrvam uccāraṇaparaṃ tathā |
daśadhā yogamārgeṇa ātmā svacchandam abhyaset ||
[Man vollziehe] wie zuvor die innere Verehrung, auf den Lautvollzug ausgerichtet. Auf dem zehnfachen Yogaweg soll man das freie Selbst einüben beziehungsweise vergegenwärtigen.
Anmerkung: Ātmā svacchandam ist grammatisch auffällig. Ob svacchanda bloß „frei“ oder zugleich den Gottesnamen Svacchanda bezeichnet, ist kontextabhängig; die Übersetzung lässt diesen Bezug offen.

28.19
mātrā bindum atītaṃ ca nādātmā jyoti vigraham |
kalpanālakṣasaṃkalpaṃ dhyāye ’dvaitena sarvagam ||
Man meditiere in Nichtzweiheit über Lautmaß, Bindu, das Darüberhinaus, Nāda, Selbst, Licht, Gestalt, Vorstellung, den Entwurf des Unbezeichneten und das Alldurchdringende.
Anmerkung: Die Trennung in zehn Meditationsgegenstände folgt Bangs Vergleich mit Paralleltexten. Die Komposita nādātmā und kalpanālakṣasaṃkalpam lassen sich nicht völlig zweifelsfrei aufteilen. Die erläuternde Zehnerliste ist keine neue Sanskritlesung.

28.20
avasavyena pūreta savyenaiva tu recayet |
nāḍīsaṃśodhanam etan mokṣamārgapathasya tu ||
Man soll durch die linke Seite einfüllen und durch die rechte ausleeren. Dies ist die Reinigung der Kanäle für den Weg zur Befreiung.
Anmerkung: Die Zuordnung links/rechts folgt Bang und dem herangezogenen Paralleltext; savya und avasavya sind nicht in jedem Sanskritkontext gleich verwendet. Hier wird eine historische Atemvorschrift übersetzt.

28.21
recanāt pūraṇād rodhāt prāṇāyāmas trayaḥ smṛtaḥ |
sāmānyā bahir etāni punaś cābhyantarāṇi tu ||
Durch Ausleeren, Einfüllen und Zurückhalten wird die Atemlenkung als dreifach beschrieben. Diese sind die gewöhnlichen äußeren [Formen]; daneben gibt es innere.

28.22
abhyantareṇa receta pūred abhyantareṇa tu |
niṣkampaṃ kumbhakaṃ kṛtvā trayaś cābhyantarāṇi tu ||
Man soll innerlich ausleeren und innerlich einfüllen sowie ein unbewegtes Kumbhaka vollziehen. Dies sind die drei inneren [Formen].

28.23
nābhyāṃ hṛdayasaṃcārān manaś cendriyagocarāt |
prāṇāyāmaś caturthaś ca supraśāntas tu viśrutaḥ ||
Durch die Bewegung vom Herzen zum Nabel und [das Zurückziehen] des Geistes aus dem Bereich der Sinne [entsteht] die vierte Atemlenkung, die als „vollkommen beruhigt“ bekannt ist.
Anmerkung: Der Vers ist elliptisch. Richtung und ergänzte Handlung folgen Bangs Deutung im Vergleich mit Parallelstellen; sie sind nicht vollständig aus einer regelrechten Satzkonstruktion ablesbar.

28.24
prāṇarodhe tu saṃpūrṇe nābhau nītvā samucchvaset |
śanair vimocayed vāyuṃ vāmanāsāpuṭena tu ||
Ist das Zurückhalten des Prāṇa vollständig, soll man [ihn] zum Nabel führen und ausatmen. Langsam soll man den Wind durch die linke Nasenöffnung entlassen.

28.25
vāyavīn dhāraye ’ṅguṣṭhe āgneyī nābhimadhyataḥ |
māhendrī kaṇṭhadeśe tu vāruṇī ghaṇṭikāśritā ||
Die zum Wind gehörende Konzentration soll man am großen Zeh festhalten, die feurige in der Nabelmitte, die zu Mahendra gehörende am Hals und die wässrige am Gaumenzäpfchen.
Anmerkung: Māhendrī wird im System der Elementkonzentrationen der Erde zugeordnet. Die unregelmäßigen Sanskritendungen bleiben erhalten.

28.26
ākāśadhāraṇā mūrdhni sarvasiddhikarī smṛtā |
ekadvitricatuṣpañca udghātaiś ca prasidhyati ||
Die Raumkonzentration am Scheitel gilt als alle Vollkommenheiten bewirkend. Durch einen, zwei, drei, vier und fünf Udghātas wird [die entsprechende Konzentration] verwirklicht.
Anmerkung: Die aufgezählten Anzahlen beziehen sich auf die zuvor genannten fünf Elementkonzentrationen; die Wirkungsbehauptung stammt aus dem Text.

28.27
saṃruddhe caiva prāṇe ca mūrdhni gatvā nivartate |
udghātam iti tat proktaṃ jñātavyaṃ yogibhiḥ sadā ||
Wenn der Prāṇa zurückgehalten ist, zum Scheitel gelangt und wieder zurückkehrt, wird dies Udghāta genannt. So sollen die Yogis es stets verstehen.
Anmerkung: Udghāta kann Stoß, Aufschlag oder Aufbrechen bedeuten; hier ist eine technische Bewegung des Lebenshauchs gemeint.

28.28
rāgadveṣau prahīyete prāṇāyāmais tu dhāritaiḥ |
dhāraṇaiḥ sarvapāpāṇi pratyāhāre ’kṣasaṃyamaḥ ||
Durch anhaltende Atemlenkungen werden Anhaften und Abneigung abgelegt, durch Konzentrationen alle Verfehlungen. Im Zurückziehen [der Sinne] liegt die Beherrschung der Sinnesvermögen.

28.29
hṛdgudā nābhikaṇṭhe ca sarvasandhau tathaiva ca |
prāṇādyā saṃsthitā hy ete rūpaṃ śabdaṃ ca me śṛṇu ||
Im Herzen, am After, im Nabel, am Hals und in sämtlichen Gelenken befinden sich diese [fünf Winde] mit Prāṇa an der Spitze. Höre von mir ihre Erscheinung und ihren Klang.
Anmerkung: Die unregelmäßig gefügte Ortsliste wird als Folge von fünf Orten verstanden.

28.30
drutatāranibhaḥ †prāṇa† indragopakasannibhaḥ |
kṣīrābha sphaṭikābhaś ca pañcānāṃ rūpalakṣaṇam ||
Wie geschmolzenes Silber, [eine verderbte Farbangabe], wie ein Indragopaka-Insekt, milchfarben und kristallgleich: So lauten die Erscheinungsmerkmale der fünf.
Anmerkung: Prāṇa ist in der Edition mit Cruces markiert, weil hier offenbar ein weiteres Erscheinungsmerkmal stehen müsste. Es bleibt unübersetzt; die rote Farbe des Indragopaka wird nicht als zusätzliches Sanskritwort ergänzt.

28.31
ghaṇṭā †nādeva† madhuro gajanādo mahādhvaniḥ |
prāṇādīnāṃ ca pañcānāṃ śabdam etad udāhṛtam ||
Ein Glockenklang, [ein unklarer Klang], ein lieblicher Ton, ein Elefantenruf und ein mächtiges Geräusch: Diese Klänge werden den fünf [Winden] mit Prāṇa an der Spitze zugeschrieben.
Anmerkung: Nādeva ist im Druck als gestört markiert. Paralleltexte nennen einen Gong; diese mögliche Erklärung wird nicht in den überlieferten Wortlaut eingesetzt.

28.32
bāhyam adhyātmikaṃ cāram eṣāṃ ca śṛṇu sāṃpratam |
prāṇastho gacchate hy ūrdhve apānastho ’dha gacchati ||
Höre nun ihren äußeren und inneren Verlauf. Im Zustand des Prāṇa geht [der Lebenshauch] aufwärts; im Zustand des Apāna geht er abwärts.

28.33
samānasthas tathā devi sarvatra vyāpyasaṃsthitaḥ |
udvegabhayasantrāsaṃ karoty anilasaṃsthitam ||
Im Zustand des Samāna, o Göttin, besteht er alles durchdringend. [Ein weiterer Wind] erzeugt Erregung, Furcht und Schrecken im Zustand des Lebenshauchs.
Anmerkung: Der zweite Halbvers leitet zur Erklärung des Udāna in 28.34 über; die unregelmäßige Konstruktion bleibt in ihrer genauen Bedeutung unsicher.

28.34
udānas tena saṃprokto māruto varavarṇini |
vyāno vyāyāmasaṃkarma karoti suranāyike ||
Darum wird dieser Wind Udāna genannt, o Schönfarbige. Vyāna bewirkt körperliche Anstrengung und Tätigkeit, o Führerin der Götter.

28.35
nāgodgārāṃ pramuñcyeta kūrmakonmīlayet sthitim* |
kṛkaraḥ kṣubhite caiva devadatto vijṛmbhikā ||
Nāga lässt das Aufstoßen frei; Kūrmaka bewirkt das Öffnen [der Augen; eine Textstelle ist lückenhaft]. Kṛkara wirkt beim Reiz beziehungsweise Niesen; Devadatta ist das Gähnen.
Anmerkung: Der Stern nach sthitim wird wie im Druck erhalten. Die Ergänzung „der Augen“ beruht auf dem Zusammenhang und Paralleltexten. Kṣubhite heißt wörtlich „beim Erregtsein“; die engere Deutung als Niesen bleibt vorläufig.

28.36
dhanañjaya sthito ghoṣe mṛtasyāpi na muñcati |
adhyātmagatir ity uktā daśānāṃ bāhyagā yathā ||
Dhanañjaya befindet sich im Geräusch und verlässt selbst den Toten nicht. So ist der innere Verlauf der zehn beschrieben; der äußere verläuft folgendermaßen.
Anmerkung: Die fehlende Endung von dhanañjaya wird im Sanskrit nicht ergänzt.

28.37
jalpitaṃ hasitaṃ gītaṃ nṛtyaṃ yuddhagatis tathā |
kampaśilpaṃ ca karmāṇi prāṇasyaiva hi ceṣṭitam ||
Sprechen, Lachen, Singen, Tanzen, Kampfbewegung, Zittern, Handwerk und Tätigkeiten: Dies sind die Betätigungen des Prāṇa.

28.38
praveśaye ’nnapānāni trimalaṃ srāvayed adhaḥ |
andhatvaṃ śrotrarogaṃ ca apānas tu kariṣyati ||
Apāna lässt Speise und Trank eintreten und die dreifache Unreinheit nach unten abfließen. Auch Blindheit und Ohrenkrankheit wird er [nach dieser Vorstellung] bewirken.
Anmerkung: Trimala wird hier körperlich verwendet; welche drei Ausscheidungsstoffe gemeint sind, bleibt offen. Die drei metaphysischen Bindungen des Shivaismus sind keine gesicherte Erklärung dieser Stelle.

28.39
aśitaṃ līḍhapītaṃ ca samānaḥ samatāṃ nayet |
kṣudhā hikkā tathā chikkā kāsodānasya ceṣṭitam ||
Samāna führt das Gegessene, Geleckte und Getrunkene zum Ausgleich. Hunger, Schluckauf, Niesen und Husten sind die Betätigungen des Udāna.

28.40
romaharṣaṃ ca svedaṃ ca śūladāhāṅgabhañjanam |
vyānam etāni karmāṇi sparśatvaṃ caiva vindati ||
Haarsträuben, Schweiß, stechender Schmerz, Brennen und Gliederschmerz sind diese Wirkungen des Vyāna; auch die Berührungsempfindung erfährt man [durch ihn].
Anmerkung: Die letzte Verbverbindung ist grammatisch nicht eindeutig; die Sinnesfunktion wird als vorläufige Deutung wiedergegeben.

28.41
aṅguṣṭhe jānuhṛdaye locane mūrdhni saṃsthitāḥ |
nāgādyā bahurūpāś ca karma teṣāṃ nibodha me ||
Am großen Zeh, am Knie, im Herzen, am Auge und am Scheitel befinden sich Nāga und die übrigen in ihren mannigfachen Gestalten. Vernimm von mir ihre Tätigkeiten.

28.42
āhlādodvegajananaḥ śoṣaṇas trāsanas tathā |
nidrātīvakaraś cānyo yojako hi dhanañjayaḥ ||
[Sie] erzeugen Freude und Erregung, bewirken Austrocknung und Schrecken. Der andere, Dhanañjaya, der Verbindende, bewirkt tiefen Schlaf.
Anmerkung: Die ersten vier Tätigkeiten werden nach der Reihenfolge den vier vor Dhanañjaya genannten Winden zugeordnet. Der genaue Sinn seiner „verbindenden“ Funktion ist traditionsabhängig.

28.43
śvāsaṃ saṃkocacchedaṃ ca ghurghuruś cotkrameva ca |
nāgādīnāṃ tu pañcānāṃ mṛtyukāle viceṣṭitam ||
Schnappen nach Atem, Zusammenziehen, Unterbrechung [des Atems], Röcheln und Austreten sind die Betätigungen der fünf mit Nāga beginnenden [Winde] zur Todeszeit.
Anmerkung: Ghurghuruś cotkrameva ca ist eine Emendation der Herausgeberin gegenüber einer schwer verständlichen Handschriftenfolge. „Des Atems“ ist eine erklärende Ergänzung zu cheda; die genaue Zuordnung bleibt unsicher.

28.44
na caiva yānti cotkrāntyā na tyajet tu dhanañjayaḥ |
ākuñcayati vai kūrmaḥ śoṣayec ca kalevaram ||
Bei dem Austreten gehen sie nicht [fort]; Dhanañjaya verlässt [den Körper] nicht. Kūrma zieht den Leib zusammen und trocknet ihn aus.
Anmerkung: Der Plural yānti und das Verhältnis von Nichtfortgehen und Austreten sind erklärungsbedürftig. Parallelüberlieferungen ordnen die letzte verbleibende Atemkraft unterschiedlich zu; der Widerspruch wird nicht durch Umbenennung beseitigt.

28.45
prāṇam eva jayet pūrvaṃ jite prāṇe jito manaḥ |
jite manasi śāntātmā paraṃ tattvaṃ prakāśayet ||
Zuerst soll man den Prāṇa beherrschen. Ist der Prāṇa beherrscht, ist der Geist beherrscht. Ist der Geist beherrscht, soll der im Selbst Beruhigte die höchste Wirklichkeit offenbar machen.

28.46
prāṇāpānaṃ gudāṃ dhyāyet prāṇasamāna nābhigaḥ |
prāṇodānaṃ ca kaṇṭhe ca prāṇavyānañ ca sarvagam ||
Man meditiere über Prāṇa-Apāna am After, über Prāṇa-Samāna im Nabel, über Prāṇa-Udāna am Hals und über den alldurchdringenden Prāṇa-Vyāna.
Anmerkung: Prāṇa kann hier jeweils der allgemeine Begriff „Lebenshauch“ sein oder einen mit dem folgenden Wind verbundenen Prāṇa bezeichnen. Beide Deutungen sind möglich; die Zusammensetzungen werden deshalb sichtbar erhalten.

28.47
nāgādyā prāṇasaṃyuktāḥ svasthāneṣu nirundhayet |
niruddhasya ca yatkālaṃ pravakṣyāmi nibodha me ||
Nāga und die übrigen, mit Prāṇa verbunden, soll man an ihren eigenen Orten zurückhalten. Die Dauer dieses Zurückhaltens werde ich erklären; höre von mir.

28.48
tālāt prabhṛti dhāryeta yāvat pañcadaśāntagaṃ |
jito ’nilo bhavaty evaṃ saṃkrāntyutkrāntikarmaṇi ||
Vom Maß eines Tāla beginnend soll [der Hauch] bis zum fünfzehnten Maß gehalten werden. So wird der Lebenswind für den Vollzug des Übertritts und des Austretens beherrscht.
Anmerkung: Tāla als Zeitmaß ist Bangs Korrektur von tālu. Saṃkrānti meint hier den behaupteten Übertritt in einen anderen Körper, utkrānti den rituell gelenkten Austritt aus dem eigenen Körper, bis hin zum absichtlichen Tod. Dies wird als historische Lehre dokumentiert, nicht als heutige Übung empfohlen.

28.49
divyakānti śubho gandhaḥ prajñā cāsya vivardhate |
divyadṛṣṭiś ca śravaṇo divyavācā pravartate ||
Göttlicher Glanz, angenehmer Duft und Einsicht nehmen bei ihm zu. Göttliches Sehen und Hören sowie göttliche Rede entfalten sich.
Anmerkung: Die Verse 28.49–60 enthalten traditionelle Siddhi- und Heilsversprechen.

28.50
vāyuvad vicarel lokāṃ siddhā devāṃś ca paśyati |
manecchācintitāprāptiḥ pravarteta guṇāṣṭakam ||
Wie der Wind wandelt er durch die Welten und sieht Siddhas und Götter. Was sein Geist wünscht und denkt, erlangt er; die achtfache Kraft entfaltet sich.
Anmerkung: Manecchācintitāprāptiḥ ist sprachlich unregelmäßig; die Übersetzung gibt den erkennbaren Zusammenhang von Wunsch, Vorstellung und Erlangung wieder.

28.51
sarvakāmasusaṃpūrṇa sarvadvandvavivarjitaḥ |
saṃsārabandhanirmuktaḥ śivatulyaś ca jāyate ||
Mit allen Wunscherfüllungen reich versehen, frei von allen Gegensatzpaaren und von den Bindungen des Samsara gelöst, wird er Shiva gleich.

28.52
prāṇāpāne tu saṃyojya hrasvakoṭisamanvitam |
nābhyāṃ dhāryeta yogīndraḥ svedakampaś ca jāyate ||
Nachdem der Yogameister Prāṇa und Apāna verbunden hat, soll er [sie] im Nabel beim Endpunkt eines kurzen Lautmaßes festhalten. Schweiß und Zittern entstehen.
Anmerkung: Diese und die folgenden körperlichen Reaktionen sind historische Beschreibungen; sie sind kein Ziel der unten vorgeschlagenen gegenwärtigen Praxis. Die unregelmäßige Satzfügung wird sinngemäß wiedergegeben.

28.53
punar evaṃ hṛdistho hi prāṇāpāna nirundhayet |
dīrghakoṭisamāyogāt tatkṣaṇāt patate mahīm ||
Ebenso soll er Prāṇa und Apāna wiederum im Herzen zurückhalten. Bei der Verbindung mit dem Endpunkt eines langen Lautmaßes fällt er im selben Augenblick zu Boden.
Anmerkung: Das singularische hṛdisthaḥ wird hier auf den Ort des zurückgehaltenen Atems bezogen. Die im Text behauptete Reaktion ist keine medizinische Bestätigung des Verfahrens.

28.54
kaṇṭhasthaṃ hi tathaiveha prāṇam evaṃ nirundhayet |
plutakoṭisamāyogāt svapravṛttiḥ suto bhavet ||
Ebenso soll er den im Hals befindlichen Prāṇa zurückhalten. Bei der Verbindung mit dem Endpunkt des überlangen Lautmaßes entsteht [ein unklar bezeichneter, wohl schlafähnlicher Zustand].
Anmerkung: Svapravṛttiḥ suto bhavet ist sprachlich und sachlich unsicher. Bang erwägt Bewusstlosigkeit; Paralleltexte lesen einen Traum- beziehungsweise Schlafzustand. Eine entsprechende Korrektur wird hier nicht als überlieferte Lesung eingesetzt; die genaue Aussage bleibt offen.

28.55
bhrūmadhye binduyuktena prāṇarodhaṃ tu kārayet |
suṣuptaṃ jāyate tatra kṣaṇāc caivaṃ prabudhyati ||
Zwischen den Brauen soll man das Zurückhalten des Prāṇa mit Bindu verbunden vollziehen. Dort entsteht Tiefschlaf, und nach einem Augenblick erwacht man wieder.

28.56
mūrdhni dvāraṃ samāsṛtya niṣkalaṃ dhyānam ārabhet |
evam abhyasatas tasya pratyayas tu tadā bhavet ||
Nachdem man sich dem Tor am Scheitel zugewandt hat, soll man die Meditation über das Ungeteilte beginnen. Für den so Übenden entsteht dann ein Erfahrungszeichen.
Anmerkung: Niṣkala bedeutet ohne Teile oder Aspekte; die Übersetzung „formlos“ wäre eine mögliche, aber engere Deutung.

28.57
pipīlikaṇṭakāvedhān mūrdhni dvāraṃ vibhidyate |
bhittvā krameṇa sarvāṇi unmanāntaṃ hi yāvataḥ ||
Durch [Empfindungen wie] Ameisenlaufen und Dornenstiche öffnet sich das Tor am Scheitel. Nachdem [der Übende] der Reihe nach alles bis zum Ende der Unmanā-Stufe durchdrungen hat, [folgt das Weitere].
Anmerkung: Die Satzfolge reicht in 28.58 hinein. Unmanā bezeichnet eine jenseits gewöhnlicher Geistestätigkeit gedachte Stufe; es wird kein zusätzliches Chakra eingeführt.

28.58
pūrvoktalakṣaṇāṃ devi tyaktvā svacchandatāṃ vrajet |
jāyate tatsamatvaṃ hi dehenānena sādhakaḥ ||
Nachdem er [die Stufe] mit den zuvor genannten Kennzeichen verlassen hat, o Göttin, gelangt er zur Svacchanda-Freiheit. Der Praktizierende erlangt noch mit diesem Körper Gleichheit mit jenem [Svacchanda].
Anmerkung: Das Bezugswort des ersten Halbverses ist aus 28.57 ergänzt. Die Grammatik des zweiten Halbverses ist unregelmäßig.

28.59
saṃkrāmet paradeheṣu kṣuttṛṣābhyāṃ na bādhyate |
atītānāgataṃ caiva trailokye yat pravartate ||
Er kann in fremde Körper übertreten und wird von Hunger und Durst nicht bedrängt. Was in der Dreiwelt vergangen oder zukünftig ist und sich ereignet, [wird ihm auf die folgende Weise zugänglich].

28.60
pratyakṣaṃ tad bhavet tasya sarvajñatvaṃ prajāyate |
evaṃ cāragati jñātvā śarīre sarvadehinām ||
Das wird ihm unmittelbar gegenwärtig; Allwissenheit entsteht. Nachdem man so den Bewegungsverlauf im Körper aller Verkörperten erkannt hat, [setzt sich die Beschreibung fort].
Anmerkung: Der erste Halbvers schließt die Siddhi-Schilderung; der zweite führt zur weiteren Laut- und Kanallehre über.

28.61
gacchate cāṣṭabhiḥ patraiḥ punar varṇāntaraṃ vrajet |
kādibhānte tu deveśi vikāraṃ ca prakurvati ||
[Das Selbst] bewegt sich durch die acht Blätter und geht wieder zu einem anderen Laut über. In der Folge von ka bis bha, o Herrin der Götter, vollzieht es seine Veränderung.
Anmerkung: Hier endet die Lautfolge bei bha, nicht bei ma. Der Unterschied gegenüber 28.2 und 28.82 bleibt erhalten.

28.62
satvastho rajasaṃsthaś ca tamastho guṇavedakaḥ |
evaṃ paryaṭate devi sthānāt sthānāntaraṃ vrajet ||
In Sattva, in Rajas und in Tamas befindlich und die Eigenschaften erfahrend, wandert [das Selbst] so umher, o Göttin, und geht von einem Ort zum anderen.
Anmerkung: Die Edition schreibt satva mit einfachem t. Guṇavedaka kann auch „Kenner der Eigenschaften“ heißen.

28.63
padmasūtranibhā nāḍyas teṣu saṃcarate ’nilaḥ |
aṅguṣṭhe caiva aṅgulyas tatra nāḍyā vyavasthitāḥ ||
Die Kanäle gleichen Lotosfasern; in ihnen bewegt sich der Lebenswind. Im Daumen und in den Fingern sind diese Kanäle angeordnet.
Anmerkung: Die wechselnden Geschlechts- und Kasusformen bleiben im Sanskrit erhalten.

28.64
tarjanyā madhyamānāmā tatra nāḍyā kasaṃjñikā |
aṅguṣṭhe ca khasañjñā ca cakāreṇa kanīyasī ||
Im Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger heißt der Kanal ka. Im Daumen trägt er den Namen kha; der kleine Finger ist durch ca bezeichnet.

28.65
dakṣahastasya suśroṇi trayo nāḍyās tu sūcitā |
vāmāṅguṣṭhe ghakārasthā hakāre madhyamā smṛtāḥ ||
Damit sind die drei Kanäle der rechten Hand angezeigt, o Schönhüftige. Im linken Daumen befindet sich der mit gha bezeichnete; die mittleren [Fingerkanäle] werden ha zugeordnet.

28.66
ñakāre tu kanīyā tu vāmahastasya suvrate |
pādanāḍyaḥ pravakṣyāmi yathāvad anupūrvaśaḥ ||
Der kleine Finger der linken Hand gehört zu ña, o Treugelobende. Die Kanäle der Füße werde ich nun genau der Reihe nach erklären.

28.67
ṇakāreṇa kanīyā tu nakārasthā tu madhyamāḥ |
pakāre ’ṅguṣṭhakā jñeyā nāḍītraya-m-udāhṛtam ||
Der kleine Zeh ist durch ṇa bezeichnet, die mittleren [Zehen] durch na. Am großen Zeh ist pa zu erkennen. So ist die Dreiergruppe der Kanäle genannt.
Anmerkung: Das eingeschobene m wird entsprechend der Edition erhalten.

28.68
dakṣapādasya suśroṇi sāmprataṃ vāmagā tathā |
†... ...†
kathayāmi samāsena †vibhavena† varānane ||
[Dies gilt] für den rechten Fuß, o Schönhüftige. Nun ebenso die links befindlichen [Kanäle: Textlücke]. Ich erkläre [das Weitere] in Kürze, [mit einer unklaren näheren Bestimmung], o Schönangesichtige.
Anmerkung: Die Edition markiert zwischen den beiden erhaltenen Zeilen eine Lücke unbekannten Umfangs und setzt vibhavena zwischen Cruces. Die Lautzuordnung des linken Fußes fehlt; sie wird weder aus Symmetrie noch aus anderen Texten ergänzt. Die Nummer 68 umfasst den im Druck so angeordneten gestörten Block.

28.69
suṣumnā guhyadeśasthā yāvad brahmabilāntaram |
gatā sā paramā nāḍī jñātavyā deśikena tu ||
Suṣumnā befindet sich im verborgenen Körperbereich und reicht bis in die Brahma-Öffnung. Sie, die so verlaufende höchste Bahn, soll der Lehrer kennen.
Anmerkung: Die Edition bietet suṣumnā ohne zusätzliches m; die geläufige Schreibweise suṣumṇā wird nicht stillschweigend eingesetzt.

28.70
tatrārūḍho masañjñas tu adhaś cordhve ca gacchati |
tāluke ṣoḍaśāraṃ tu adhovaktravyavasthitaḥ ||
Der dort aufgestiegene [Lebenshauch], der ma heißt, bewegt sich abwärts und aufwärts. Am Gaumen befindet sich ein sechzehnspeichiger [Lotos], dessen Öffnung nach unten weist.
Anmerkung: Der zweite Halbvers wechselt seine grammatische Konstruktion; der Lotos ist aus dem Zusammenhang ergänzt.

28.71
tatra prāpto nivarteta nāsādvāreṇa dhāvati |
dvādaśāntaṃ tataḥ prāptaḥ puraṃ caiva viśet punaḥ ||
Dort angekommen, kehrt er um und eilt durch das Nasentor. Nachdem er den Dvādaśānta erreicht hat, soll er wieder in die Stadt [des Körpers] eintreten.
Anmerkung: Dvādaśānta ist ein technischer Endpunkt im Abstand von zwölf Fingerbreiten; der hier gemeinte Bezugspunkt ergibt sich aus dem Verlauf über die Nase.

28.72
bindusthāne tathāṣṭāraṃ jñātavyaṃ satataṃ priye |
śaktisthāne ṣaḍāraṃ tu sūkṣmamārge vyavasthitaḥ ||
Am Ort des Bindu ist ebenso stets ein achtspeichiger [Lotos] zu erkennen, o Liebe. Am Ort der Shakti befindet sich ein sechsspeichiger auf dem subtilen Weg.

28.73
brahmasthāne tu saṃpūjyaṃ devatācakram uttamam |
viṣṇusthā yoginī caiva dūtī rudrapadāśritāḥ ||
Am Ort Brahmās ist der höchste Kreis der Gottheiten zu verehren. Die Yoginīs befinden sich am Ort Vishnus; die Botinnen ruhen auf der Stufe Rudras.
Anmerkung: Die Sanskritformen wechseln zwischen Singular und Plural; die Gruppenbezeichnung folgt der anschließenden Kreislehre.

28.74
kiṅkārya īśvare devi mātaras tu sadāśive |
śaktisthā caiva deveśi viśvādyāḥ kramaśo nyaset ||
Die Dienerinnen [befinden sich] bei Īśvara, o Göttin, die Mütter bei Sadāśiva. Viśvā und die übrigen sind am Ort der Shakti, o Herrin der Götter; man soll sie der Reihe nach einsetzen.
Anmerkung: Viśvādyāḥ wird als Gruppenbezeichnung erhalten. Bang bezieht diese Gruppe auf die in 28.76 genannten Viśveśvarīs.

28.75
prathamaṃ devatācakraṃ dvitīyaṃ yoginī smṛtam |
tṛtīyaṃ dūtikaṃ devi kiṅkāryas tu caturthakam ||
Als erster gilt der Gottheitenkreis, als zweiter der Yoginī-Kreis, als dritter der Kreis der Botinnen, o Göttin, als vierter derjenige der Dienerinnen.

28.76
mātṛcakraṃ smṛtaṃ devi pañcamaṃ parikīrtitam |
viśveśvaryās tu ṣaṣṭhaṃ syāt tava devi mayoditam ||
Als fünfter wird der Mütterkreis bezeichnet, o Göttin. Der sechste ist derjenige der Viśveśvarīs. So habe ich es dir erklärt, o Göttin.

28.77
ṣaṭcakraṃ bhāvayed devi adhyātme parameśvari |

  • kaulikīsiddhi samprāpya yogasiddhiṃ pravartate ||

Diese sechs Kreise soll man innerlich vergegenwärtigen, o höchste Göttin. Nachdem die Vollendung im Kula erlangt ist, entfaltet sich die Vollendung des Yoga.
Anmerkung: Ab 28.77cd bis einschließlich 28.80ab markieren vorangestellte Sterne einen Zusatz, der in Handschrift A am unteren Rand steht; C fügt ihn nach 28.87ab ein. Hier wird Bangs Quellenreihenfolge beibehalten. Diese Sterne markieren an dieser Stelle Zusatzzeilen, keine Keimsilben und keine zu ergänzenden Wörter.

28.78

  • evaṃ cāragati jñātvā sṛṣṭivedhaṃ tu kārayet |
  • yatra cakre tu vedho vai dīyate parameśvari ||

Nachdem man so den Bewegungsverlauf erkannt hat, soll man das Durchdringen der Entfaltung vollziehen. In welchem Kreis die Durchdringung stattfindet, o höchste Göttin, [wird im nächsten Vers erläutert].
Anmerkung: Fortsetzung des in 28.77 bezeichneten Randzusatzes. Sṛṣṭivedha ist ein technischer Ausdruck für das Durchdringen der Entfaltungsstufen.

28.79

  • taccakraṃ tasya deveśi pratyakṣeṇa prapaśyati |
  • tadātmakaṃ tu vijñānaṃ bhavate sādhakasya tu ||

Diesen Kreis sieht er unmittelbar, o Herrin der Götter. Dem Praktizierenden entsteht eine Erkenntnis, die von dessen Wesen ist.
Anmerkung: Fortsetzung des Randzusatzes; die unregelmäßige Konstruktion tasya ... prapaśyati wird sinngemäß übersetzt.

28.80

  • athavā sṛṣṭivedhaṃ tu kriyate parameśvari |

yakāre vāyavīsṛṣṭi rakāre māraṇātmikā ||
Oder das Durchdringen der Entfaltung wird auf folgende Weise vollzogen, o höchste Göttin: Bei ya liegt die windartige Entfaltung, bei ra diejenige, deren Wesen das Töten ist.
Anmerkung: Der Randzusatz endet nach dem ersten Halbvers. Die folgenden Zuweisungen umfassen historische Schadensrituale; sie werden dokumentiert und nicht als heutige Anwendung empfohlen.

28.81
lakāre stambhasṛṣṭi syād vakāre varuṇātmikā |
hakāre prāṇasṛṣṭiḥ syāt sakāreṇa samanvitā ||
Bei la liegt die Entfaltung des Stillstellens, bei va die wässrige. Bei ha liegt die Entfaltung des Lebenshauchs; [eine weitere] ist mit sa verbunden.
Anmerkung: Die mit sa verbundene Entfaltung wird in 28.82 als auf Amṛta gerichtet beschrieben. Stambha kann rituelles Stillstellen oder Lähmen bezeichnen.

28.82
amṛtārthe samuddiṣṭā kārayet sādhakottamaḥ |
kakārādimakārāntāḥ pañcaviṃśa-m-udāhṛtāḥ ||
Sie ist auf Amṛta ausgerichtet; der ausgezeichnete Praktizierende soll [diesen Vollzug] ausführen. Die fünfundzwanzig [Laute] von ka bis ma sind genannt worden.

28.83
etais tu sṛṣṭivedho ’sti jñātvā kāmavibhāgaśaḥ |
mantrasṛṣṭiḥ samuddiṣṭā tattvasṛṣṭis tathaiva ca ||
Durch sie gibt es, entsprechend den einzelnen Wünschen erkannt, das Durchdringen der Entfaltung. Genannt sind die Mantra-Entfaltung und ebenso die Tattva-Entfaltung.
Anmerkung: Der erste Halbvers ist syntaktisch verkürzt; die Zuordnung zu unterschiedlichen Zielsetzungen ist eine kontextuelle Übersetzung.

28.84
jīvasṛṣṭiḥ samākhyātā varṇasṛṣṭis tathā parā |
bhūtasṛṣṭis tathā devi yogasṛṣṭis tathaiva ca ||
Genannt sind die Entfaltung des individuellen Lebens und ferner die der Laute, ebenso die der Elemente, o Göttin, und die des Yoga.

28.85
yadrūpaṃ bhāvayitvā tu vedhayet parameśvari |
tadātmakaṃ tu vijñānaṃ bhavate sādhakasya tu ||
Welche Gestalt man vergegenwärtigt und dann durchdringt, o höchste Göttin: Eine Erkenntnis von deren Wesen entsteht dem Praktizierenden.

28.86
sṛṣṭirūpaṃ bhavet sarvaṃ jñātavyaṃ sādhakena tu |
dvārāṇi pañca deveśi kathayāmi samāsataḥ ||
Alles soll die Gestalt der Entfaltung annehmen; so soll der Praktizierende es erkennen. Die fünf Tore, o Herrin der Götter, werde ich kurz erklären.

28.87
hastau pādau tathā guhye pañca vedhāḥ prakīrtitāḥ |
etanmārgarahitas tu yo vedhaṃ kartum icchati ||
Die beiden Hände, die beiden Füße und der verborgene Körperbereich werden als die fünf Durchdringungsstellen genannt. Wer ohne Kenntnis dieses Weges die Durchdringung ausführen will, [gleicht dem im nächsten Vers Beschriebenen].

28.88
hanate muṣṭinākāśaṃ pibate mṛgatṛṣṇikām |
nāsā karṇau ca cakṣurbhyāṃ tasmin vedho na vidyate ||
Der schlägt mit der Faust in den leeren Raum und trinkt eine Luftspiegelung. In Nase, Ohren und Augen findet diese Durchdringung nicht statt.
Anmerkung: Die unregelmäßige Kasusfolge der Körperöffnungen wird sinngemäß wiedergegeben.

28.89
apadvārās tu te proktā **bahir vyavasthitāḥ |
tena te niṣphalā vedhā vidveṣoccāṭamāraṇe ||
Sie werden als Nebentore bezeichnet, [Textlücke], außen gelegen. Darum bleiben solche Durchdringungen bei Riten der Entzweiung, Vertreibung und Tötung ohne Ergebnis.
Anmerkung: Die beiden Sterne vor bahir markieren im Druck fehlende beziehungsweise nicht lesbare Zeichen; sie werden nicht als Sanskritlaute behandelt. Die Aussage bewertet historische Ritualeffizienz, keine nachgewiesene Wirkung.

28.90
ity evaṃ sarahasyaṃ tu tantre ’smin dvidaśātmake |
sāhasre sāram ādāya sukhabodham anākulam ||
So wurde in diesem Tantra von dvidaśa Tausend [Versen] die Essenz samt Geheimlehre aufgenommen, leicht zu verstehen und übersichtlich, [und wie folgt dargelegt].
Anmerkung: Die ungewöhnliche Umfangsform dvidaśātmake sāhasre wird von Bang als zwölftausend Verse verstanden. Diese traditionelle Selbstangabe ist keine Zählung der erhaltenen Handschrift oder der Teiledition. Die unregelmäßige Zahlform wird im Sanskrit nicht zu dvādaśa emendiert.

28.91
kathitaṃ saprapañcedaṃ nānāvijñānasaṃkulam |
yena janmasahasrais tu bhaktyā cārādhito hy aham ||
Dieses [Tantra] wurde ausführlich dargelegt, erfüllt von mannigfachem Wissen. Wer mich in Tausenden von Geburten hingebungsvoll verehrt hat, [dem gilt das Folgende].
Anmerkung: Der zweite Halbvers beginnt einen Relativsatz, dessen Hauptsatz in 28.92 steht.

28.92
sa prāpnoti tv idaṃ tantra anyo dṛṣṭvā tu muhyati |
etat tantraṃ varaṃ devi nākhyātaṃ kasyacin mayā ||
Der erlangt dieses Tantra; ein anderer gerät bei seinem Anblick in Verwirrung. Dieses ausgezeichnete Tantra, o Göttin, habe ich keinem anderen erklärt.
Anmerkung: Muhyati bedeutet verwirrt werden oder das Bewusstsein verlieren; „verwirrt werden“ vermeidet eine unnötige Verengung auf Ohnmacht.

28.93
tava devi samākhyātaṃ rahasyaṃ prakaṭīkṛtam |
ṛṣidevagaṇair vandyaṃ yoginībhiḥ prapūjitam ||
Dir, o Göttin, ist es erklärt, sein Geheimnis ist offengelegt: Es ist von den Scharen der Rishis und Götter zu verehren und von den Yoginīs hoch verehrt.

28.94
asmāt tantrāt paraṃ nāsti rudraśakti-r-adhiṣṭhitam |
ye yoginīkule jātās tadbhāvagatacetasaḥ ||
Über dieses Tantra hinaus gibt es keines; es wird von Rudras Shakti getragen. Diejenigen, die im Kula der Yoginīs geboren sind und deren Bewusstsein in dessen Wesen eingegangen ist, [werden im Folgenden beschrieben].
Anmerkung: Der Ranganspruch gehört zur Selbstdarstellung des Tantrasadbhava. Das eingeschobene r wird nach dem Druck erhalten.

28.95
jñāyante te tv idaṃ śāstraṃ gūḍhārthaṃ jñānasāgaram |
likhitaṃ tiṣṭhate devi yatra tantraṃ mahāyaśe ||
Sie erkennen diese Lehrschrift mit ihrem verborgenen Sinn, diesen Ozean des Wissens. Wo dieses Tantra niedergeschrieben vorhanden ist, o ruhmreiche Göttin, [gilt das Folgende].
Anmerkung: Jñāyante wird hier im Sinne von „sie erkennen“ verwendet, obwohl die Form regulär anders zu konstruieren wäre.

28.96
te ’pi muktiṃ gamiṣyanti piṇḍapātād varānane |
yoginyaś caiva rakṣanti putravat pālayanti hi ||
Auch sie werden beim Fallen des Körpers zur Befreiung gelangen, o Schönangesichtige. Die Yoginīs schützen sie und behüten sie wie einen Sohn.
Anmerkung: Das Bezugswort von „sie“ im Zusammenhang mit dem Aufbewahrungsort ist nicht ausdrücklich ausgeführt. Die Übersetzung ergänzt keine bestimmte Personengruppe als sicheren Wortlaut.

28.97
na tasya vartate mārī nāśubhaṃ vidyate kvacit |
yas tu pūjayate śāstram amṛtaṃ sāravat priye ||
Ihn trifft keine Seuche, und nirgendwo entsteht Unheil für ihn. Wer diese nektargleiche, gehaltvolle Lehrschrift verehrt, o Liebe, [erfüllt das im nächsten Vers Genannte].
Anmerkung: Der Schutz vor Seuchen ist eine religiöse Wirkungsbehauptung des Textes und wird nicht als Gesundheitsversprechen übernommen.

28.98
tena yaṣṭaṃ śrutaṃ hy etaṃ kṛtaṃ samayarakṣaṇam |
svabuddhyā yo durātmā na pīṭhamārgavikalpakaḥ ||
Der hat [sie] verehrt und gehört und die Verpflichtungen gewahrt. Wer aber aus eigenem Dünkel verkehrt gesinnt ist und den Weg des Pīṭha nicht richtig bestimmt, [dem gilt das Folgende].
Anmerkung: Na pīṭhamārgavikalpakaḥ ist schwer eindeutig zu deuten. „Nicht richtig bestimmt“ ist eine vorläufige Kontextdeutung; vikalpaka kann auch kritisch Unterscheidendes oder bloß Konstruierendes bezeichnen.

28.99
na teṣāṃ punarāvṛttir gatās te rauravāntikam |
tasmāt paraṃparāyā taṃ mantrārthaṃ siddhikaulikam ||
Für sie gibt es keine Rückkehr; sie sind in die Nähe der Raurava-Hölle gelangt. Deshalb soll man aus der Überlieferung diesen Mantrasinn, der die Vollendung des Kula betrifft, [auf die folgende Weise empfangen].
Anmerkung: Die Drohung gehört zur historischen Bindung an die Überlieferung. Die Folge siddhikaulikam ist mehrdeutig; die deutsche Zuordnung bleibt vorläufig.

28.100
śrotavyaṃ gurusāmīpye yāvantaṃ nirmalaṃ bhavet |
gopanīyaṃ prayatnena na śrāvyaṃ tadabhāvitam ||
In der Nähe des Lehrers soll man [dies] hören, bis es klar und ungetrübt wird. Sorgfältig soll es bewahrt werden; man soll es keinem mitteilen, der davon nicht durchdrungen beziehungsweise darauf nicht vorbereitet ist.
Anmerkung: Yāvantam und tadabhāvitam sind syntaktisch unregelmäßig. Die letzte Deutung bezieht die Form auf den nicht vorbereiteten Empfänger; eine andere Auflösung ist möglich.

28.101
pramādāc chrāvayed yas tu avijñātvā tv anukramam |
gacchate narakaṃ ghoraṃ gurudrohī durātmanaḥ ||
Wer es aus Nachlässigkeit vorträgt, ohne die richtige Reihenfolge verstanden zu haben, geht als Verräter am Lehrer und als verkehrt Gesinnter in eine schreckliche Hölle.

28.102
nāhaṃ tasya paritrātā majjamāne bhavārṇave |
yoginīgaṇamadhyasthaḥ paśur evātra sādhakaḥ ||
Ich bin nicht sein Retter, wenn er im Ozean des Werdens versinkt. Selbst inmitten der Yoginī-Schar bleibt dieser Praktizierende hier ein gebundenes Wesen.
Anmerkung: Paśu ist hier der tantrische Fachbegriff für das gebundene Einzelwesen, nicht lediglich eine Beschimpfung als Tier.

28.103
samadrohī gurudrohī devadrohī varānane |
yāṃ gatiṃ gacchate devi tāṃ gatiṃ gacchate tu saḥ ||
Welches Geschick den trifft, der die Verpflichtungen, den Lehrer oder die Gottheit verrät, o Schönangesichtige, genau dieses Geschick trifft auch ihn, o Göttin.
Anmerkung: Samadrohī wird von Bang metrisch als verkürzte Form von samayadrohī verstanden. Die deutsche Übersetzung erläutert diese Verkürzung, ohne den Sanskrittext auszutauschen.

28.104
tasmāt prakaṭaṃ na kartavyaṃ yadīcchec chubham ātmanaḥ |
parīkṣāṃ yatnataḥ kṛtvā anekais tu prakārakaiḥ ||
Deshalb soll man es nicht öffentlich machen, wenn man sein eigenes Wohl wünscht. Nachdem man [den Empfänger] sorgfältig auf vielfältige Weise geprüft hat, [folgt die Übertragung].
Anmerkung: Dieses Geheimhaltungsgebot ist Teil des historischen Textes. Es ist keine Nutzungsbedingung der modernen elektronischen Quelle.

28.105
abhiṣekaṃ tato dattvā śrāvayed dāpayed atha |
anyathā bhavate doṣa iti śāstrasya niścayaḥ |
etac chāstra varaṃ devi na deyaṃ yasya kasyacit ||
Dann soll man ihm die Weihe erteilen, ihn [die Lehre] hören lassen und eine Gabe entrichten lassen. Andernfalls entsteht ein Verstoß: So lautet die feste Bestimmung der Lehrschrift. Diese ausgezeichnete Lehrschrift, o Göttin, darf nicht wahllos jedem gegeben werden.
Anmerkung: Der letzte nummerierte Eintrag hat sechs Versviertel und wird ungeteilt als 28.105 erhalten. Dāpayet heißt „geben lassen“; die Deutung als eine vom Empfänger zu entrichtende Gabe folgt dem Übertragungskontext und ist nicht vollständig ausformuliert.

Kapitelkolophon
iti bhairavasrotasi mahātantre vidyāpīṭhe saptakoṭipramāṇe śrītantrasadbhāve ātmācārādhikāro nāmāṣṭāviṃśatimaḥ paṭalaḥ ||
So endet das achtundzwanzigste Kapitel, „Unterweisung über den Bewegungsverlauf des Selbst“, im ehrwürdigen Tantrasadbhava, dem großen Tantra des Vidyapitha innerhalb der Bhairava-Strömung, dem ein Umfang von sieben Koti zugeschrieben wird. Dieser Kapitelkolophon schließt die hier edierten Textpassagen; er ersetzt keine gesonderte diplomatische Wiedergabe sämtlicher abschließender Handschriftenvermerke.

Devanagari der wiedergegebenen Textabschnitte

Diese Devanagari-Fassung ist eine technische Rücktransliteration der oben erfassten IAST-Arbeitsfassung. Die zugrunde liegende wissenschaftliche Edition ist zwar selbst in Devanagari gedruckt; dieser elektronische Text ist jedoch keine unabhängige Devanagari-Neuedition. Er gibt denselben ausgewiesenen Teilbestand wieder. Editionshinweise und deutsche Anmerkungen werden nicht transliteriert.

Kapitel 1: Grundfragen, Offenbarung und Erkenntnis

Kapitelüberschrift der Edition
प्रश्नयोगाधिकारो नाम प्रथमः पटलः

Unnummerierter Eingang
ओं नमो महाभैरवाय दिग्देवतादिभ्यो गुरुभ्यः ॥

1.1
ज्योतिष्कशिखरे रम्ये नानाधातुविचित्रिते ।
नानाद्रुमलताकीर्णे नाना-ऋषिसमाकुले ॥

1.2
सिद्धविद्याधराकीर्णे गणप्रमथसेविते ।
ब्रह्मविष्णुसुराध्यक्षाः सर्वे तत्र समागताः ॥

1.3
मुदितं भैरवं दृष्ट्वा प्रत्यभाषन्त चाम्बिकाम् ।
त्वं माता जगतस्यास्य त्वमेव शरणं तु मे ॥

1.4
संसारभयभीतानां तारका त्वं महायशे।
ऋषयो देवगन्धर्वा गणविद्याधरादयः ॥

1.5
त्रस्ताः संसारचक्रे ऽस्मिञ्जरामरणभीरवः।
दुःखिताः प्राणिनो ऽन्ये ऽपि त्वामेव शरणं गताः ॥

1.6
पृच्छ त्वं देवदेवेशं शंकरं लोकशंकरम् ।
सद्भावं ज्ञानसर्वस्वं भुक्तिमुक्तिफलार्पणम् ॥

1.7
येन ज्ञातेन मुच्यन्ते सिद्ध्यन्ते तुष्टितेन च ।
तेषां तु वचनं श्रुत्वा देवी वचनमब्रवीत् ॥

1.8
स्तुत्वा देवं महेशानं स्तुतिभिर्वस्तुरूपकं ।
या सृष्टेर्जननी वामा ज्येष्ठा शक्तिस्तथाम्बिका ॥

1.9
रौद्री शक्तिर्जगद्धात्री तासां कार्यं च यादृशं ।
तत्त्वरूपा-तु-या स्तुत्या स्तुतेति परमेश्वरी ॥

1.10
वामाज्येष्ठाविकारं प्रथितगुणमयं कार्यमैश्वर्यवीर्यं
यस्य स्थाणुस्थविष्ठं विरचितसकलं तत्त्वसर्गादिसंघम् ।
तं देवं निष्कलांशं हतसकलगुणं सर्वलोकेशनाथं
श्रीकण्ठं सर्वभावादगुणमतमसं नीरजस्कमसत्त्वम् ॥

1.11
श्रुता देव मया तन्त्रा रहस्या गूढगोचराः ।
वामदक्षिणमार्गश्च यामलास्तु अनेकधा ॥

1.12
सिद्धान्तश्च सुरेशान दशाष्टादशभेदतः ।
लक्षकोटिविभागेन कोटयस्तु अनेकधा ॥

1.13
सिद्धयोगेश्वरीतन्त्रे शतकोटिप्रविस्तरे ।
मूलतन्त्रे महासूत्रे सूत्रद्वयं विनिर्गतम् ॥

1.14
तत्रैकं तु मया ज्ञातं योन्यार्णवसमुद्भवम् ।
न श्रुतं श्रोतुमिच्छामि तन्त्रसद्भावमुत्तमम् ॥

1.15
तत्र चर्या क्रिया ज्ञानं योगश्चापि अनेकधा ।
सबीजा धारणान्यास्तु निर्बीजास्तु पृथक्प्रभो ॥

1.16
अनेकोपायसंयोगाद्यजनं चात्मनं प्रति ।
नादस्थं बिन्दुसंस्थं च चारस्थं चाध्वषट्कगम् ॥

1.17
शक्त्युच्चारगतं देव कारणत्याग कालगम् ।
शून्यभावगतं चान्यं शक्तिस्थं हृदिसंस्थितम् ॥

1.18
द्वादशान्तस्थितं चैव अध्वस्थमध्ववर्जितम् ।
विसर्गस्थं भ्रुवो ऽन्तस्थं ब्रह्मनाड्यां व्यवस्थितं ॥

1.19
तुर्यातीतं परं देवं ब्रह्मद्वारान्तरं पुनः ।
उद्भवस्थं तथा योगं विश्लेषस्थं च शूलिने ॥

1.20
लयस्थं च लयातीतमेतदिच्छामि वेदितुम् ।
पुनरेव तु ते सर्वे एकभावगताः प्रभो ॥

1.21
लोलीभूता यथा सन्ति तथा त्वं कथयस्व माम् ।
मन्त्राणां च सुरेशान यद्वीर्यं सिद्धिकारणम् ॥

1.22
तत्किमर्थं पुनर्देव गोपितं सुरसत्तम ।
ये त्वया कथिता मन्त्राः पूर्वं स्युः कामसिद्धिदाः ॥

1.23
सप्तकोटिप्रसंख्याताः पशूनां तु ग्रहं प्रति ।
किमर्थं ते न सिध्यन्ति कल्पोक्तं ऽपि कृते सति ॥

1.24
क्लिश्यन्ति मनुजात्यन्तं मुक्तिहेतोर्जगत्पते ।
कथं मोक्षो ऽत्र सिद्धिश्च मन्त्रहीनां सुरेश्वर ॥

1.25
मन्त्राणां जननी या च वामाख्या शक्तिरव्यया ।
तया गुप्तास्तु देवेश वर्णाः कैवल्यतां ययुः ॥

1.26
कथं सा ज्ञायते सूक्ष्मा तेजोरूपा परा कला ।
यथाग्नेर्दाहिका शक्तिर्भान्त्येवं हि गभस्तयः ॥

1.27
तद्वदेव शिवस्यापि धर्मत्वेनोपचर्यते ।
अविनाभावयोगेन सर्वत्रैवोपचर्यते ॥

1.28
न शिवाद्रहिता शक्तिर्न शक्तिरहितः शिवः।
वियोगो नैव दृश्येत पवनाम्बरयोरिव ॥

1.29
शक्त्या करणरूपाया शिवकृत्यं प्रवर्तते ।
नान्यो ऽत्र करणं तस्य येन कृत्यं प्रकुर्वति ॥

1.30
मन्त्रः शिवः समुद्दिष्टो वर्णास्तस्यैव वाचकाः ।
वाच्यवाचकसंयोगाच्छिवस्तेन प्रपद्यते ॥

1.31
तत्र देव कुतः शक्तिर्गता त्यक्त्वा महेश्वरम् ।
येन ते निष्फला जाता मन्त्राश्चामिततेजसः ॥

1.32
मातृका तु कथं जाता मन्त्राणां मातरी तु या।
विश्वस्य जननी या च मन्त्ररूपा कथं तु सा ॥

1.33
खेचरीणां च सर्वासां या योनिः कथयस्व ताम् ।
श्रीभैरव उवाच ॥
साधु साधु महाभागे यत्त्वया पृच्छितो ह्यहम् ॥

1.34
तत्सर्वं कथयिष्यामि शृणुष्वायतलोचने ।
ये मया कथितास्तन्त्रा वामदक्षिणयामलाः ॥

1.35
रुद्रभेदास्तथा देवि शिवभेदास्तथैव च ।
तत्र चर्या क्रिया योगो ज्ञानं च सुरनायिके ॥

1.36
तत्र ते भ्रामितास्सर्वे ये यस्मिन्यत्र पृच्छकाः।
न तेषां कथितं ज्ञानं चित्तवृत्ति-र्-अपेक्षया ॥

1.37
येन येनार्थिनो देवि तत्तथा कथितं मया ।
मुद्रामण्डलमन्त्रैश्च कष्टयोगैस्तथापरैः ॥

1.38
रेचकैः पूरकैर्ध्यानैः सोपायैर्बहुभिः प्रिये ।
भ्रामिताः कर्मविस्तारैर्न ज्ञानं कथितं मया ॥

1.39
तैस्तु ज्ञानावलेपेन तच्च पृष्टमवज्ञया ।
ब्रह्मा विष्णुस्तथा रुद्र इन्द्रश्चन्द्रः प्रजापतिः ॥

1.40
स्कन्दनन्दिगणाः सर्वे शुक्राद्या ये च योगिनः।
कृतकृत्यास्तु ते सर्वे ये न यच्चावधारितम् ॥

1.41
तत्तथैव वरारोहे ऽगृहीतं मन्दबुद्धिभिः ।
सर्वोपायकरं ज्ञानं सद्यःप्रत्ययसंयुतम् ॥

1.42
योगिनीहृदयानन्दं पारंपर्यक्रमागतम् ।
कथयामि समासेन त्वत्प्रीत्या सुरनायिके ॥

1.43
मुख्या नाड्यस्त्रयो जन्तोः सुषुम्णा पिङ्गला इडा ।
अधोर्ध्वगास्ततास्तास्तु जीवयुक्तसमीरणाः ॥

1.44
नाभ्याधस्ताद्भवेद्ग्रन्थिः कुक्कुटाण्डसमप्रभा ।
तस्य नाला गतोर्ध्वं तु वितस्तिर्याव संमिता ॥

1.45
कन्यसाङ्गुलिवत्स्थूला स्तनमध्ये व्यवस्थिता ।
तस्योपरि भवेत्पद्ममष्टपत्रं सितारुणम् ॥

1.46
चतुरङ्गुलविस्तीर्णं केशरैः षोडशावृतम् ।
एकाङ्गुलपरीणाहा कर्णिका तद्वदेव हि ॥

1.47
अधस्ताच्चतुरस्रेण पृथुत्वेन च सा भवेत्।
मल्लकाकाररूपेण मेरुवच्च प्रकीर्तिता ॥

1.48
तस्या मध्ये स्थितो जीवः शिववच्च वसेत्सुखम् ।
बालाग्रशतभागं तु अणुरूपो ऽतिनिर्मलः ॥

1.49
विद्युद्द्राति तेजेन भ्रमते सूर्यबिम्बवत् ।
परमात्मा स देहस्थो योगिभिस्तु-र्-उपास्यते ॥

1.50
स एव बिन्दुरित्युक्तो व्यापयन्तो व्यवस्थितः ।
अव्यापी पशुभावस्थः संसारे संसरत्यसौ ॥

1.51
अनादिमलमायात्मा विमुक्तस्तु सदाशिवः ।
संसृजेद्विविधां बन्धां भावाभावात्मकां गुणान् ॥

1.52
ते गुणा बन्धकत्वेन अण्वोवृत्य व्यवस्थिताः ।
तस्मादेवमभावेषु बिन्दुर्योज्यो स्वरूपके ॥

1.53
बिन्दुरात्मा समाख्यात आत्मा बिन्दुरिति स्मृतः।
व्यापकः परमो बिन्दुर्लयातीते व्यवस्थितः । ॥

1.54
बिन्दुद्वयं ततो ज्ञात्वा स संसाराद्विमुच्यते ।
चतुष्कलसमोपेतो हुताशकणिकाकृतिः ॥

1.55
तिष्ठते भगवानीशो हृत्पद्मे सुरनायिके ।
मायोदरगतं तिष्ठेद्विद्योतमिव चार्चिषा ॥

1.56
माया प्रसुप्तनागाभा संस्थिता कुटिलाकृतिः ।
कुण्डली तेन सा प्रोक्ता चिद्रूपा-म्-आत्मनस्य तु ॥

1.57
तया नीयत्यसौ जीव अधश्चोर्ध्वे च भामिनि ।
सातु माया समाख्याता वामावर्ता तु कुण्डली ॥

1.58
ज्येष्ठा नाम द्वितीया तु ऋजुरेखा तु सा स्मृता ।
पद्मतन्तुनिभाकारा सृष्टिमार्गप्रवर्तनी ॥

1.59
रौद्री शृङ्गाटकाकारा तृतीया सा प्रकीर्तिता।
शशाङ्कशकलाकारा निरोधी सा चतुर्थिका ॥

1.60
इच्छाज्ञानक्रियाविभ्वी चतुष्क इति पठ्यते ।
पञ्चमी शिवशक्तिस्तु या करोति गमागमम् ॥

1.61
इच्छा-म्-उत्पादयेद्बुद्धिं संकल्पं या प्रकुर्वति ।
सातु त्रिभेदतो ज्ञेया सत्वराजसतामसा ॥

1.62
ज्ञानशक्तिस्तथा ज्ञानं तच्चैवाष्टप्रकारतः ।
धर्मो ज्ञानं च वैराग्यमैश्वर्यं च चतुष्टयम् ॥

1.63
अधर्मश्च तथाज्ञानमवैराग्यमनैशता ।
ज्ञानं चैवाष्टधा भिन्नं करोति विकरोति च ॥

1.64
संकल्पश्च विकल्पश्च व्यवहारार्थकर्मणि ।
क्रिया तु कुरुते सर्वं धर्माधर्मात्मकं पशोः ॥

1.65
विभ्वी तु बोधनी ज्ञेया चिच्छक्तिप्रतिबोधनी ।
पञ्चमी या स्मृता शक्तिस्तदाधारो व्यवस्थितः ॥

1.66
एका एव परा शक्तिः क्रियाभेदे अनन्तधा ।
धर्मार्थकाममोक्षं च भुञ्जते तद्वशात् प्रिये ॥

1.67
एतच्च मानसः सर्गः सत्वराजसतामसः ।
धर्मादि सात्विकं सर्गमधर्मादि च तामसम् ॥

1.68
रजः क्षोभकृदुभयोस्तेनालिङ्गत सूयते ।
शब्दः स्पर्शं च रूपं च रसो गन्धश्च पञ्चमम् ॥

1.69
बुद्धिर्मनस्त्वहंकारः पुर्यष्टक इति स्मृतः ।
प्राणो ऽपान समानश्च उदानो व्यानमेव च ॥

1.70
नागः कूर्मो ऽथ कृकरो देवदत्तो धनञ्जयः ।
प्राणाधारा स्मृता वाय्वस्तदाधारास्तु नाड्यः ॥

1.71
इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्णा च तृतीयका ।
गान्धारी हस्तिजिह्वा च पूषा चैव यथा तथा ॥

1.72
अलम्बुषा कुह नाम शांखिनी दशमा स्मृता ।
एतैस्सह महाभागे हृद्बिन्दुस्तिष्ठते सदा ॥

1.73
ब्रह्मादिदेवता तस्य अकाराक्षरवाचकः ।
द्विधाभूतो अकारस्तु तत्र कृत्यं प्रकुर्वति ॥

1.74
इच्छा याति लयं ज्ञाने ज्ञानं च क्रियया पुनः ।
क्रिया याति लयं विभ्व्यां विभ्वी याति शिवात्मका ॥

1.75
स्वे स्वे स्थाने लयं याति ब्रह्मभावैरधिष्ठिता ।
ब्रह्मा विश्वस्वकार्याणि उपसंहृत्य गच्छति ॥

1.76
इकारान्तं परस्थानं यत्र विष्णुः स तिष्ठति ।
तत्र शब्दः प्रलीयेत स्वकार्यमुपसंहरः ॥

1.77
ब्रह्मा कण्ठप्रलीनस्तु पूर्वाधारे व्यवस्थितः ।
विष्णोस्तु तत्परं स्थानं तत्र इकार संस्थितः ॥

1.78
विष्णुर्यात्यपि रुद्रान्तमुकारो यत्र तिष्ठति ।
ताल्वन्तं तद्विजानीयात्सर्वजन्तुगमागमम् ॥

1.79
रुद्रो ऽपि चेश्वरे याति मकारो तत्र तिष्ठति ।
निरोधा सा समुद्दिष्टा लम्बकस्योर्ध्वं संस्थिता ॥

1.80
ऊर्ध्वमार्गनिरोधिन्या रौद्री तेन प्रपठ्यते ।
तस्योर्ध्वे नादजं लक्षं मकारस्तत्र गच्छति ॥

1.81
शिवस्थानं तु तं प्रोक्तं यत्र नादसमुद्भवः।
लम्बकस्योर्ध्वतश्चैव द्वौ बिन्द्वौ यत्र तौ प्रिये ॥

1.82
विसर्गान्तं तु तत्प्रोक्तं द्वादशान्तं च भामिनि।
कलान्तं च स्वरान्तं च षोडशान्तं च तत्स्मृतम् ॥

1.83
यत्र चोत्पद्यते शब्दो रौद्री भिन्ना यदा भवेत् ।
नादो ऽपि गच्छते देवि यत्र कुण्डलिका स्थिता ॥

1.84
नादान्तं तद्विजानीयद्विसर्गादूर्ध्वतः प्रिये ।
तस्योर्ध्वे ज्ञानशक्तिस्तु ऊर्ध्वस्रोता मनोन्मनी ॥

1.85
व्यापिन्यान्तं तु देवेशे तत्र लीना मनोन्मनी ।
स्फोटमुत्पद्यते तत्र गुरुवक्त्रादधः प्रिये ॥

1.86
तस्योर्ध्वे गुरुवक्त्रं तु ब्रह्मस्थानं तु तत्स्मृतम् ।
शक्तिस्थानं स्मृतं तच्च लयान्तं तत्तदुच्यते ॥

1.87
तस्यान्ते तु लयातीतं कथितं तु न संशयः ।
एष बिन्दोस्तु संचारः प्रबुद्धानां वरानने ॥

1.88
अप्रबुद्धास्तु ये देवि निरोधिन्या निरोधिताः ।
तेषां तिर्यग्गतिः प्रोक्ता संसारभवबन्धनी ॥

1.89
एष चार समाख्यातः प्रवृत्त इति सर्वदा ।
ग्रहणं तु पुनर्वक्ष्येद्-योनेस्त्यागं भविष्यति ॥

1.90
पञ्चकारणकां त्यक्त्वा स्वच्छन्दगतिमाप्नुयात् ।
एष बिन्द्वात्मको योगो यदा त्यक्तुं समीहते ॥

1.91
तदा तस्य भवेद्देवि अणिमादिगुणाष्टकम् ।
ब्रह्मस्थानगतस्त्यागो यदा भवति शोभने ॥

1.92
तदा ब्रह्मौ सहैकत्वं शब्दस्पर्शं च गच्छति ।
तयोस्तु त्यक्तयोस्त्यक्त्वा पद्मजस्य तु कारणम् ॥

1.93
कार्यरूपो व्रजेद्ब्रह्मा स्वकार्यमुपसंहृतः ।
विष्णुतत्त्वे लयं याति स्वकार्यकरणैः सह ॥

1.94
केशवे परमे तिष्ठेत्सो ऽपि त्याज्यो जनार्दनः ।
रसेन्द्रियगतैर्भावैस्त्यक्तैस्त्यक्तो न संशयः ॥

1.95
केशवो ऽपि लयं रुद्रे व्यापारस्त्यक्तचेतसः।
अधिकारनिवृत्तो ऽसौ केशवो गुणवेदकः ॥

1.96
रुद्रे ऽणुः परमे तिष्ठद्व्यापारगुणसंयुतः ।
रुद्रो ऽपि याति देवेशे ऐश्वरे तेजरूपिणे ॥

1.97
बिन्दुस्थानं तु तत्प्रोक्तं तेजोराशि विनिर्देशेत् ।
तेजात्मकविभागं तु घ्राणव्यापारमेव च ॥

1.98
एतौ त्यक्त्वा व्रजेदूर्ध्वं रुद्रस्य गुणवृत्तयः ।
ईश्वरो ऽपि तथा नादे शब्दाख्ये तु सदाशिवे ॥

1.99
बुद्ध्याधिकरणे युक्तो अहंकारगुणान्वितः ।
गच्छते च तथा ईशस्स्वव्यापारसुसंहृतः ॥

1.100
शिवविद्यागुणाधारो यत्रैवेशः सदाशिवः ।
तेनैव परमे तिष्ठेदीश्वरो ज्ञानवेदकः ॥

1.101
स्वकृत्यमुपसंहृत्य गच्छते तु लयं स्वकम् ।
लयातीतं परं स्थानं क्रमात् त्यक्त्वा तु गच्छति ॥

1.102
ब्रह्मा विष्णुस्तथा रुद्र ईश्वरो ऽथ चतुर्थकः ।
क्रियारूपधराः सर्वे स्वगुणं गृह्य गच्छति ॥

1.103
शिवे लीनास्तु ते सर्वे स्वशक्त्या हृतविग्रहाः ।
इच्छा ज्ञानं क्रिया तेषां सर्वेषां करणानि तु ॥

1.104
पूर्ववत्प्रतिसञ्चारः कथितो ऽत्र वरानने ।
उद्भवे च तथा श्लेषे लये चैव पृथक्पृथक् ॥

1.105
लयातीता पराशक्त्या सा विभ्वी शिवात्मिका ।
तत्राधारा सुरेशानि सञ्चरन्ति क्रमात्क्रमम् ॥

1.106
सदाशिवो ऽपि संहारं कुरुते स्वेच्छया प्रभुः ।
मनोबिन्दुर्वरारोहे यो ऽसौ चेता महाध्वनिः ॥

1.107
तेन संहतमात्रेण काष्ठवत्तिष्ठते तनुः ।
धर्माधर्मात्मको बन्धस्तदा नष्टो न संशयः ॥

1.108
तेन नष्टेन सुश्रोणि गच्छते परमं पदम् ।
यावदेतैर्महाबन्धैर्न मुच्यते वरानने ॥

1.109
तावत्तस्य कुतो मोक्षः षड्विधाध्वे ऽपि शोधिते ।
एवं त्यागो मया देवि ख्यापितो विद्यया अधः ॥

1.110
शिवे ऽपि गच्छते देवि समस्तगुणसंयुतः ।
यत्र सा कुण्डली शक्तिरमनस्का मनोन्मनी ॥

1.111
शक्तित्रयसमोपेता बोधनी च निरोधनी ।
अधोगा रोधनी ज्ञेया ऊर्ध्वगा च प्रबोधनी ॥

1.112
द्विधाभावगता ह्येका कृत्यभेदे अनन्तता ।
सृजते सा जगत्कृत्स्नमाब्रह्मभुवनान्तिकं ॥

1.113
संहरेच्च न सन्देहः कृत्यभेदेन पार्वति ।
वामारूपा सृजेत्पूर्वं ज्येष्ठाधारा प्रपालनम् ॥

1.114
संहारो रौद्ररूपेण एका एव त्रिधा प्रिये ।
सातु पञ्चविधा प्रोक्ता अष्टधा नवधा तथा ॥

1.115
पञ्चाशद्भेदसंभिन्ना अनन्तानन्ततां गता ।
सा एव पररूपेण ज्ञातव्या वीरनायिके ॥

1.116
तया व्याप्तमिदं शेषं यत्किञ्चिद्द्राङ्ग्र्यं प्रिये ।
तेन माया समाख्याता ज्ञेयरूपा तु कुण्डली ॥

1.117
तत्र प्राप्तो भवेद्देवि उन्मनो मनवर्जितः।
गुणाष्टकसमोपेतः सर्वज्ञत्वादिसंयुतः ॥

1.118
ये धर्माः कारणे देवि तैः संयुक्तो भवत्यसौ ।
सापि याति लयं रन्ध्रे शून्ये पद्मात्मके प्रिये ॥

1.119
मनातीतं तु तं स्थानं सुषिरं पद्मजन्मनः ।
तस्मिन्युक्तो विमुक्तो ऽणु: स्वकृत्यमुपसंहृतः ॥

1.120
तस्योर्ध्वे तु स्मृतो व्यापी निर्गुणो गुणसम्भवः ।
अचेतनः सुचेता च गुणातीतो मुमुक्षवः ॥

1.121
स शिवः परमो मोक्षो विकल्पातीतगः परः ।
नैव पुण्यमपुण्यं वा सर्वानन्दकरः परः ॥

1.122
अनेन क्रमयोगेन योगो बिन्द्वात्मकः प्रिये ।
ज्ञातव्यस्तु विपश्चिद्भिः समासात्तदुदीरितः ॥

1.123
[नादस्थम्]
अतः परं प्रवक्ष्यामि नादस्थं तु शृणुष्व मे ।
नादः कुण्डलिनी ज्ञेया नाभिमध्ये व्यवस्थिता ॥

1.124
निर्गता ब्रह्मरन्ध्रेण त्यक्त्वा तु पञ्चकारणां ।
ब्रह्माद्याशिवपर्यन्तां भित्त्वा-द्-ऊर्ध्वङ्गता तु सा ॥

1.125
ज्ञानं क्रिया तथा चेच्छा ब्रह्मादीनां वरानने ।
स्वे स्वे स्थानेषु यत्कृत्यं तं तु त्यक्त्वा गता तु सा ॥

1.126
मनोबिन्दुं गृहित्वा तु निर्गता व्योमपञ्चके ।
शारदभ्रशशिप्रख्या तडित्कोटिसमुज्ज्वला ॥

1.127
उदितार्ककराभाषा प्रवालाङ्कुरसन्निभा ।
ऊर्णातन्तुनिभा ज्ञेया पद्मसूत्रनिभाथवा ॥

1.128
तुहिनेन्दुकरा चैव शरदीव शिखोपमा ।
तस्याग्रे तु ततो बिन्दुर्हुताशकणिकाकृतिः ॥

1.129
नलिनीव दले देवि तुषारकणिकाकृतिः ।
एवंविधं गृहीत्वा तु शेषां बन्धां परिच्छिनेत् ॥

1.130
विसर्गेण ततो हृत्स्थमाकृष्य च शनैः शनैः ।
पद्मनालगतं तोयमम्बरस्थो विकर्षयेत् ॥

1.131
तद्व्योगी शरीरस्थं हृद्वायुमपकर्षयेत् ।
यथा दीपो निवातस्थ-म्-अविच्छिन्नगतिः प्रिये ॥

1.132
तद्वद्देवि मनः कार्यं शक्त्याधारस्तु एकतः ।
त्यक्त्वा तु कारणां सर्वान्यदा रुद्रगतिर्भवेत् ॥

1.133
तदा तु कुञ्चितौ द्वौ तु भ्रुवौ चैव शुभेक्षणे ।
विक्षेपस्तूर्ध्वतः कार्यः कुञ्चयेत पुटद्वयम् ॥

1.134
त्रिशूलं खेचरस्थं तु कर्तव्यं सुरनायिके ।
कराभ्यां पीडनं कार्यमपद्वारगतस्य तु ॥

1.135
ऊर्ध्वे तु गच्छते शीघ्रं यत्र रन्ध्रं तु पद्मजम् ।
नाड्यावस्थो भवेदेवं नान्यथा वीरनायिके ॥

1.136
नाड्यावस्थो यदा जातस्तदा कारणकां त्यजेत् ।
रेचकैः पूरकैर्योगैः कुम्भकैः सोपपत्तिकैः ॥

1.137
एवं कारणकं त्यक्त्वा यदा शक्तिसमो भवेत् ।
तदा तस्य भविष्येत अणिमादिगुणाष्टकम् ॥

1.138
अतीतानागतार्थं च वर्तमानं तथैव च।
विन्दते नात्र संदेहो नाड्याधारो महेश्वरः ॥

1.139
अतीतं चेति नाभिस्थं वर्तमानं हृदिस्थितम् ।
लम्बकस्थं भविष्यं च यदा शक्तिसमं भवेत् ॥

1.140
ज्ञानविज्ञानसंपन्नः प्रविशेच्छाश्वतीं तनुम् ।
नादस्थं कथितं देवि बिन्दुस्थं पूर्वमेव हि ॥

1.141
[चारसंस्थम्]
सांप्रतं चारसंस्थं तु यथा भवति तच्छृणु ।
तद्विभागं महादेवि यथा ज्ञायति तत्त्वतः ॥

1.142
षट्त्रिंशदङ्गुलं चारं हृत्पद्माद्याव तत्पदं ।
तुट्यादिक्रमयोगेण षोडशावयवेन तु ॥

1.143
कालेन लक्षितव्यं हि प्राणान्तं तु दिनं भवेत् ।
एतत्कलनरूपं तु कालेन कलितं प्रिये ॥

1.144
संचरेत विभागेन स्थानात्स्थानान्तरं यथा ।
अबुद्धानां प्रबुद्धानां युग्मसन्देहनिर्णयं ॥

1.145
हृत्पद्माद्यावदायान्तं भागैकं त्यजते तु सः।
नासिकाग्रे द्वितीयं तु तृतीयं शक्तिना युतम् ॥

1.146
तत्रस्थो विनिवर्तेत यावत्तत्त्वं न विन्दति ।
विदिते तु परे शान्ते तत्रस्थो ऽपि न बाध्यते ॥

1.147
शक्त्याधस्ताद्यदा गच्छेदबुधः स तदा भवेत् ।
हृद्गतश्च पुनोत्तिष्ठद्बुध्यमानः स उच्यते ॥

1.148
शक्तिं प्राप्य बुधो ज्ञेयो व्यापिन्यंशे प्रबुद्ध्यते ।
अतीतः सुप्रबुद्धश्च उन्मनत्वं तदा भवेत् ॥

1.149
न कालं न कला चारं न तत्त्वं न च कारणां ।
सुनिर्वाणं परं शुद्धं गुरुपारंक्रमागतम् ॥

1.150
तं विदित्वा विमुच्येत गत्वा भूयो न जायते ।
षडध्वा अध्वषट्कं यथा प्राणं संस्थितं कथयामि ते ॥

1.151
आपादाद्याव मूर्धान्तं चितिः संवेदनं हि यः।
भुवनाध्वा स विज्ञेयस्तत्त्वाध्वानस्तथैव च ॥

1.152
कलाकलितसन्तानं प्राणं यच्चरते सदा ।
निवृत्तिश्च प्रतिष्ठा च अधोभागे प्रकीर्तिताः ॥

1.153
विद्या शान्तिस्तथा चोर्ध्वे शान्तातीता अधिष्ठिताः ।
तस्यातीतं परं भावं तदूर्ध्वे पदमव्ययम् ॥

1.154
एवं बिन्दुकला ज्ञेया नादशक्त्यात्मिकास्तु याः।
व्यापिन्याश्च कला याश्च व्याप्तिव्यापकभेदतः ॥

1.155
प्राणैके संस्थिताः सर्वाः प्राणान्ते तु लयं स्मृतम् ।
कलाध्वा एवमाख्यातो वर्णाध्वानं निबोधतः ॥

1.156
वर्णाः शब्दात्मकाः सर्वे जगत्यस्मिं चराचरे ।
स्थिताः पञ्चाशभेदेन शास्त्रेष्वानन्तकोटिषु ॥

1.157
शब्दः प्राणः समाख्यातस्तस्माद्वर्णास्तु प्राणतः ।
उत्पद्यन्ति लयं यान्ति यत्र शब्दो लयं गतः ॥

1.158
शब्दातीतो वरारोहे तत्त्वेन सह युज्यते ।
मुक्तः सर्वगतो देवि धर्माधर्मविवर्जितः ॥

1.159
नाधो निरीक्षते भूयः शिवतत्त्वे गतो यदा ।
अधो याति अधर्मेण धर्मेणोर्ध्वो व्रजेत्पुनः ॥

1.160
विज्ञानेन द्वयं त्यक्त्वा सर्वगस्तु भवेदिह ।
वर्णाध्वानं समाख्यातं पदाध्वानमिहोच्यते ॥

1.161
एकाशिति पदा ये तु विद्याराजे व्यवस्थिताः ।
पदा वर्णात्मिकास्ते ऽपि वर्णाः प्राणात्मिकाः स्मृताः ॥

1.162
तस्मादेवं पदाः सर्वे स्थिताः प्राणक्रमेण तु ।
पदाध्वा एवमाख्याता मन्त्राध्वानं निबोध मे ॥

1.163
मन्त्रैकादशिका या च सा च शक्त्या व्यवस्थिता ।
स चैकादश †तत्त्वान्तं †प्राणे चरति नित्यशः ॥

1.164
अकारश्च उकारश्च मकारो बिन्दुरेव च ।
अर्धचन्द्र निरोधी च नादं नादान्तमेव च ॥

1.165
शक्तिश्च व्यापिनी चैव समनैकादश स्मृतः ।
उन्मना तु तदातीता तस्यातीतं निरामयम् ॥

1.166
मन्त्राप्येवं स्थिताः प्राणे शक्त्योच्चारमथोच्यते ।
हकारस्तु स्मृतः प्राणः सुप्रवृत्तो हलाकृतिः ॥

1.167
अकारेण शिरो युक्त उकार चरणेन तु ।
मकार मात्रया युक्तो वर्णोच्चारो भवेत्स्फुटाम् ॥

1.168
बिन्दु शिरःसमायोगात्सुस्वरत्वं प्रपद्यते ।
नादो ऽस्य वदनं प्रोक्तं नादं शब्दमुदीरयेत् ॥

1.169
अनेनैव तु योगेन आत्मा स पुरुषोच्यते ।
ब्रह्मविष्ण्वीशमार्गेण चरते सर्वजन्तुषु ॥

1.170
शक्तितत्त्वे लयं याति विज्ञानेनोर्ध्वतो व्रजेत्।
व्यापिनीं समनां त्यक्त्वा उन्मनायां शिवं व्रजेत् ॥

1.171
शिवतत्त्वगता शक्तिर्न चरेत्सर्वगा भवेत् ।
शक्त्योच्चारः समाख्यातः कारणत्यागमुच्यते ॥

1.172
हकारः प्राणशक्त्यात्मा अकारो ब्रह्मवाचकः ।
हृदि त्यागं भवेत्तस्य उकारो विष्णुवाचकः ॥

1.173
कण्ठत्यागं भवेत्तस्य मकारो रुद्रवाचकः ।
तालुमध्ये त्यजेत्सो ऽपि बिन्दुश्चैवेश्वर स्वयम् ॥

1.174
त्यागं तस्य भ्रुवोर्मध्ये नादवाच्य सदाशिवः ।
ललाटाद्याव मूर्धान्तं त्यागं तस्य विधीयते ॥

1.175
शक्तिस्तु व्यापिनी समना तासां वाच्यः शिवो भवेत् ।
मूर्ध्नि मध्ये त्यजेच्छक्ति तदूर्ध्वे व्यापिनीं त्यजेत् ॥

1.176
समना उन्मना त्यज्य ततश्चैव लयः स्मृतः ।
सूक्ष्मसूक्ष्मतरैर्भावैरेवमेव त्यजेत्प्रिये ॥

1.177
स्थूलस्थूलतरैर्भावैर्नानासिद्धिफलप्रदाः ।
सूक्ष्मात्यन्तपरं भावमभावं स विधीयते ॥

1.178
उन्मनत्वं परं भावं स्थूला तस्य परे मता ।
तस्यापरं पुनः शून्यमस्पर्शं च तथा परम् ॥

1.179
शब्दं ज्योतिस्तथा मन्त्रा कारणां भुवनानि च ।
पञ्चभूतात्मभुवनाः कारणैः समधिष्ठिताः ॥

1.180
भुवना ध्यायते यस्तु वक्ष्यमाणैकरूपतः ।
भुवनेशत्वमाप्नोति शिवं दध्यात्तु तन्मयम् ॥

1.181
ब्रह्मादिकारणानां च साधने विग्रहं स्मरेत् ।
पूर्वोक्तलक्षणं यच्च तन्मयत्वमवाप्नुयात् ॥

1.182
मन्त्रैश्च मन्त्रसिद्धिस्तु जपहोमार्चनाल्लभेत् ।
पूर्वोक्तरूपं कध्यानात्सिध्यते नात्र संशयः ॥

1.183
ज्योतिर्ध्यानात्तु योगीन्द्रो योगसिद्धिमवाप्नुयात् ।
तन्मयत्वं यदा याति योगीनामधिपो भवेत् ॥

1.184
शब्दध्यानाच्च शब्दात्मा वाङ्मयापूरको भवेत् ।
स्पर्शध्यानाच्च स्पर्शात्मा जगतः कारणो भवेत् ॥

1.185
शून्यध्यानाच्च च शून्यात्मा व्यापी सर्वगतो भवेत् ।
समनाध्यानयोगेन योगी सर्वज्ञतां व्रजेत् ॥

1.186
उन्मन्यन्तं परं सूक्ष्ममभावं भावयेत्सदा ।
सर्वेन्द्रियमनातीतमलक्ष्यं भावमुच्यते ॥

1.187
अभावभावभावेन भावं कृत्वा निरामयम् ।
सर्वोपाधिविनिर्मुक्तमभावं लभते पदम् ॥

1.188
एष ते कारणत्यागं कालत्यागं निबोधतः ।
तुटिषोडशसंख्याया प्राणस्तु समुदाहृतः ॥

1.189
तुटिद्वयं समाश्रुत्य एकैको भैरवः स्मृतः ।
अहोरात्रविभागेन ते तु यान्ति वरानने ॥

1.190
नवमं तु परं देवं तस्य तेजादुद्दन्ति ते ।
सर्वकालं त्यजेत्प्राणे तथा ते कथयाम्यहम् ॥

1.191
तुटयः षोडशा यास्तु कालस्य करणास्तु ते ।
यैः सुसंस्थितकालेषु सर्वं चरति वाङ्मयम् ॥

1.192
तुटिर्लवो निमेषश्च काष्ठा चैव कला तथा ।
मुहूर्तश्च अहोरात्रं पक्ष मास रितुस्तथा ॥

1.193
अयनं वत्सरं चैव युग मन्वन्तरं तथा ।
कल्पश्चैव महाकल्पः शक्त्यन्ते तु परित्यजेत् ॥

1.194
व्यापिन्यंशे परः कालस्स तदङ्गी परित्यजेत् ।
स सप्तदशमो ज्ञेयः परार्धः परतः स्थितः ॥

1.195
स चाष्टदशमो कालः समनान्ते परित्यजेत् ।
सर्वकालन्तु कालस्य व्यापकः परमो ऽव्ययः ॥

1.196
उन्मन्यन्ते परा योज्या कालस्तत्र न विद्यते ।
नित्यं नित्योदितो व्यापी नादरूपे न संत्यजेत् ॥

1.197
तच्च नित्योदितो प्राप्यस्तत्समो जायते सदा ।
कालत्यागं भवेदेवं शून्यभावमथोच्यते ॥

1.198
ऊर्ध्वशून्यमधःशून्यं मध्यशून्यं तृतीयकम् ।
शून्यत्रयावलम्बेत अधोर्ध्वमध्यतः पुनः ॥

1.199
चतुर्थं व्यापिनीशून्यं समना चात्र पञ्चमम् ।
उन्मन्याया तथा षष्ठं षडेते सामयाः स्थिताः ॥

1.200
तत्त्वेनाधिष्ठिताः सर्वे सामयापि फलप्रदाः ।
षट् शून्य तानि संत्यज्य सप्तमे तु लयं कुरु ॥

1.201
तच्छून्यं तु परं सूक्ष्मं सर्वावस्थविवर्जितम् ।
अशून्यं शून्यमित्युक्तं शून्यं चाभाव उच्यते ॥

1.202
अभावं तत्समुद्दिष्टं यत्र भावा क्षयं गता ।
सत्तामात्रं परं शान्तं तत्कथं किमवस्थितम् ॥

1.203
यत्र यत्र न नादस्तु स्थूलान्ये ऽपि व्यवस्थिताः ।
तत्र तत्र परः शून्यः सर्वं व्याप्य व्यवस्थितः ॥

1.204
स एव व्याप्य स्थूलानि स्थूलो ऽपाधिवशाद्भवेत् ।
सूक्ष्मस्थूलप्रभेदेन स एवं संव्यवस्थितः ॥

1.205
तं प्राप्य तत्समत्वं च भवते नात्र संशयः ।
शून्यवादं समाख्यातं त्वत्प्रियार्थं सुरार्चिते ॥

1.206
सांप्रतं शक्तिसंस्थं तु यथा भवति तच्छृणु ।
अवर्णवर्णयोगेन यथा सा संस्थितानघे ॥

1.207
तथाहं कथयिष्यामि निश्चयेन सुलोचने ।
पूर्वं ये कथिता मन्त्रा सप्तकोटिरसंख्यया ॥

1.208
गोपितास्ते पुरा देवि वर्णरूपावतारिताः।
तेन ते न प्रसिद्धयन्ति जप्ता: कोटिशतैरपि ॥

1.209
मन्त्राणां जीवभूता तु या स्मृता शक्तिरव्यया ।
तया हीना वरारोहे निष्फलाः शरदाम्बुदाः ॥

1.210
देवानां च ऋषीणां च यक्षगन्धर्वकिन्नराम् ।
सिद्धानां नागसंघानामेतेषां योगिनां नृणाम् ॥

1.211
तेषां तु गोपितं भद्रे भक्तिहीना नराधमाः ।
न जानन्ति गुरुं देवं शास्त्रोक्तसमयांस्तथा ॥

1.212
दम्भकौटिल्यनिरता लौल्यार्थे क्रियवर्जिताः ।
अनेन कारणार्थेन मया वीर्यं प्रगोपितम् ॥

1.213
तेन गुप्तेन देवेशे शेषा वर्णास्तु केवलाः ।
यासातु मातृका देवि परा तेजसमन्विता ॥

1.214
तया व्याप्तं जगत्कृत्स्नमाब्रह्मभुवनान्तिकम् ।
तत्रस्थं तु यदा देवि व्यापित्वेन सुरार्चिते ॥

1.215
अवर्णस्थो यथा वर्णस्थितः सर्वगतः प्रभुः।
तथा ते कथयिष्यामि निर्णयार्थं सुरार्चिते ॥

1.216
यासा शक्तिः परा सूक्ष्मा निराचारेति कीर्तिता।
हृद्बिन्दुं वेष्टयित्वा तु प्रसुप्तभुजगाकृतिः ॥

1.217
तत्र सुप्ता महाभागे न किञ्चिन्मन्यते उमे ।
चन्द्राग्निरविनक्षत्रैर्भुवनानि चतुर्दशः ॥

1.218
उदरे क्षिप्य सा देवि विषमूर्च्छेवता गता ।
प्रबुद्धा सा निनादेन परेण ज्ञानरूपिणा ॥

1.219
मथिता चोदरस्थेन बिन्दुना वरवर्णिनि ।
तावद्धि भ्रमवेगेन मथनं शक्तिविग्रहे ॥

1.220
भेदे तु प्रथमोत्पन्ने बिन्दु वै तेजवर्चसः ।
तेन बिन्दोर्मथित्वा तु कला सूक्ष्मा तु कुण्डली ॥

1.221
चतुष्कलमयो बिन्दुः शक्त्योदरगतः प्रभुः ।
मथ्यमन्थनयोगेन ऋजुत्वा जायते ऽग्रतः ॥

1.222
ज्येष्ठा शक्तिः स्मृता सा तु बिन्दुद्वयविमध्यगा ।
बिन्दुना क्षोभमायाता रेखैवामृतकुण्डली ॥

1.223
रेखिनी नाम सा ज्ञेया उभौबिन्दुविमध्यगा ।
तृपथा सा समाख्याता रौद्री नामेन गीयते ॥

1.224
निरोधी सा समुद्दिष्टा मोक्षमार्गनिरोधिनी ।
शशाङ्कशकलाकार अम्बिका चार्धचन्द्रिका ॥

1.225
एका एव परा शक्ति त्रिधा सा तु प्रजायते ।
एभ्यो युक्तवियुक्तेभ्यः संजाता नववर्गजा ॥

1.226
नवधा तुस्मृतासातु नववर्गोपलक्षिता।
पञ्चमन्त्रगता देवि सद्यादिभिर्यथाक्रमम् ॥

1.227
तेन पञ्चविधा प्रोक्ता ज्ञातव्या सुरनायिके ।
स्वरद्वादशगा देवि द्वादशस्था उदाहृता ॥

1.228
अकारादिक्षकारान्ता स्थिता पञ्चाशभेदतः।
एकाणवा हृदेशस्था कण्ठे ज्ञेया द्विराणवा ॥

1.229
तुराणवा तु विज्ञेया जिह्वामूले यदा स्थिता ।
जिह्वाग्रे वर्णनिष्पत्तिर्भवती तु न संशयः ॥

1.230
एवं शब्दस्य निष्पत्ति शब्दव्याप्तं चराचरम् ।
शिरे रौद्री न्यसेत्पूर्वं वक्त्रे वामा प्रकीर्तिता ॥

1.231
अम्बिका बाहुरित्युक्ता ज्येष्ठा चैवायुधं स्मृतम् ।
श्रीकण्ठो हि समाख्यात व्यापकः परमेश्वरः ॥

1.232
यथा ह्येकं तथा सर्वे षोडैव महानिलाः ।
पञ्चविंशततः पश्चात्तस्योर्ध्वे तु नव स्मृता ॥

1.233
अनेन क्रमयोगेण पञ्चाशानां समुद्भवः ।
कथिता देवदेवेन कार्यकारणभेदतः ॥

1.234
एवं द्वादशसाहस्रे पृथगुद्धार कीर्तितम् ।
नामानि रुद्रसंघस्य सूचितानीह पार्वति ॥

1.235
एते ऽपि व्यापका नित्या शब्दाकारा गुणान्विताः ।
वाच्यवाचकभेदो यो नवेभ्यः परत स्थितः ॥

1.236
व्यवहारार्थं मया सृष्टा शब्दविश्लेषणं प्रति ।
न च रुद्रैर्विना शब्दो नार्थो नापि च तैर्गतिः ॥

1.237
शरीरं शब्दराशैस्तु पञ्चाशांशैस्समुज्ज्वलम् ।
रुद्रपञ्चशिकाढ्येषान्मातृकात्र प्रपद्यते ॥

1.238
तस्माद्देवि विजानीयात्सर्वं तन्मातृकोद्भवम् ।
न मातृकात्परं संज्ञा न मन्त्रो मातृकात्परम् ॥

1.239
स्थूलसूक्ष्मविभागेन मातृकादेहसम्भवम् ।
यत्र चोत्पद्यते शब्द लयं तत्रैव गच्छति ॥

1.240
जलमध्ये यथा बिन्दुरुत्पन्नश्च विनश्यति ।
तद्वदेव हि शब्दात्मा मनबिन्दौर्विलीयते ॥

1.241
शिरे रौद्री परित्यज्य ज्येष्ठामायुधमुच्छृजेत् ।
अम्बिका बाहुदेशे तु वक्त्रं त्यक्त्वा व्यवस्थिता ॥

1.242
केवला कुण्डली ज्ञेया नान्यं किञ्चित्प्रदृश्यते ।
एवं तु भवते नाशमुत्पत्तिश्च तथैव हि ॥

1.243
उत्पत्तिं च विनाशं तु यो ज्ञायति वरानने ।
स भवेच्छक्तिमान्वीरो यथा त्वञ्च प्रिया मम ॥

1.244
भवते साधकेन्द्रस्तु पूज्या पूज्यतमो भवेत् ।
वामा ब्रह्मा स्मृतो भद्रे ज्येष्ठा विष्णु प्रकीर्तितः ॥

1.245
रौद्री रुद्रो वरारोहे †अम्बिकार्येश्वरो†विदुः ।
संयोग शब्दरूपस्तु शिवो नादात्मकः परः ॥

1.246
पञ्च कारणका देवि व्यापकत्वे व्यवस्थिताः ।
वर्णे वर्णे प्रदृश्यन्ते शक्तयश्च तथैव हि ॥

1.247
इच्छा रौद्री समाख्याता ज्ञाना वामा प्रकीर्तिता ।
क्रिया ज्येष्ठा समुद्दिष्टा ज्ञेया-म्-अम्बा शुभेक्षणे ॥

1.248
उदयो वामया ज्ञेयो ज्येष्ठा मध्यदिनं स्मृतम् ।
सन्ध्या रौद्री तु विज्ञेया तदैवास्तमनं भवेत् ॥

1.249
रेचको वामया प्रोक्तः पूरको ज्येष्ठया विदुः ।
कुम्भको रौद्र्या ज्ञेय स्वभावस्थस्थ अम्बिका ॥

1.250
इडा वामा समाख्याता रौद्री पिङ्गलसंज्ञके ।
सुषुम्णा ज्येष्ठगा †शक्ति विष्णवेव †निगद्यते ॥

1.251
उद्भवे कुण्डली ज्ञेया वामा सा समुदाहृता ।
विश्लेषस्थास्तथा ज्येष्ठा लये रौद्री निगद्यते ॥

1.252
लयातीता तथा अम्बा ज्ञातव्या सुरनायिके ।
नाभिस्था कुण्डली ज्ञेया प्रसुप्तभुजगाकृतिः ॥

1.253
कण्ठस्थानोर्ध्वतो रौद्री यत्र रुद्रो जगत्पतिः ।
प्रवाहे ज्येष्ठगा मध्ये बिन्दुद्वयविमध्यगा ॥

1.254
अम्बिका ब्रह्मरन्ध्रस्था ज्ञातव्या तत्त्ववेदिना ।
शमना कुण्डली ज्ञेया जाग्रावस्था प्रकीर्तिता ॥

1.255
ज्येष्ठा स्वप्नगता चैव रौद्री चोन्मनकारिका।
सुषुप्ताख्यं पदं देवि उन्मनं तु तदुच्यते ॥

1.256
अम्बिका उन्मनातीता तुर्यस्थानगता शुभा ।
कुण्डली प्रथमा ज्ञेया द्वितीया तु मनोन्मनी ॥

1.257
बिन्द्वी नाम तृतीया तु त्रिशक्तिकलितं जगत् ।
उद्भवे चैव विश्लेषे लये चैव तृतीयका ॥

1.258
लयातीतं परं शान्तं सर्वगं परमेश्वरम् ।
क्रियाकारणनिर्मुक्तं हेयोपादेयवर्जितम् ॥

1.259
ज्ञात्वा चैव वरारोहे न भूयो जन्ममाप्नुयात् ।
ग्रहणं कुण्डलिस्थस्य ज्ञातव्यं तु विपश्चितैः ॥

1.260
आमिषन्तु यथा खस्थः पश्यते शकुनिः प्रिये ।
क्षिप्रमाकर्षयेद्यद्वद्वेगेन महतेन तु ॥

1.261
तद्वदेव हि योगीन्द्रो मनोबिन्दूपकर्षयेत् ।
यथा शरो नलीनस्थो यन्त्रेणाताड्य धावति ॥

1.262
तथा बिन्दुर्वरारोहे उच्चारेण तु धावति ।
खस्थः खं करणं कृत्वा खमुखं योज्य खः शिरे ॥

1.263
कूर्म तु मङ्गले योज्यं स्वरान्तच्च द्विभिर्युतम् ।
प्रेरणं तु उदानेन यावत्तत्खमुखं गतः ॥

1.264
मङ्गलं कूर्मसंयुक्तं शरास्त्रेणैव शोधनम् ।
शुद्ध्यते तु न सन्देहो द्विजमार्गो वरानने ॥

1.265
शुद्धेनैव तु मार्गेण ग्रहणं चैव लक्षयेत् ।
मनसा ग्रहणं कार्यं शक्त्याधारगतस्य तु ॥

1.266
प्रत्ययो तु भवेत्तस्य ग्रहणस्य वरानने ।
नाभिस्थं कम्पनं ज्ञेयं जृम्भनं मुखमाकुलम् ॥

1.267
अश्रुपातच्च भ्रूभङ्गं चित्तव्याकुलता तथा ।
एते तु प्रत्यया नाभौ कण्ठस्थस्याधुना शृणु ॥

1.268
कण्ठस्थो धुनते गात्रं नादं मुञ्चत्यनेकधा ।
शिरःकम्प प्रलापश्च हूंकारश्च महास्वनः ॥

1.269
ततोर्ध्वं तु यदातीतो रुद्रस्थाने वराम्बिके ।
तदा तु प्रत्ययास्तस्य ते शृणुष्व समाहिता ॥

1.270
रुद्रस्थो वेदते शास्त्रां मुद्रा मन्त्रान्यनेकधा ।
उद्ग्राहयति शास्त्राणि अश्रुतान्यपि साधकः ॥

1.271
तस्योर्ध्वे तु महादेवि विसर्गाख्यं पदं भवेत् ।
विसर्गस्थं यदा देवि तदा शब्दं शृणोति च ॥

1.272
स्पर्शो च शीतलं वेत्ति हिमवच्छिखरा इव ।
शक्तिस्थानं ततो देवि सादाख्येनैकतां गतं ॥

1.273
शक्तिस्थानमुन्मनत्वं हि विषयाणां वरानने ।
अणिमादिगुणावाप्तिर्भवते ऽत्र न संशयः ॥

1.274
तल्लयो यदि तत्रैव स्थिरीभवति शोभने ।
तदा चोत्पतते शीघ्रं सत्यमेव न संशयः ॥

1.275
रन्ध्रस्थं सर्वगं ज्ञेयं तदातीतं तु व्यापकं ।
घटमध्ये यथाकाशं परिच्छिन्नं प्रवर्तते ॥

1.276
एवं शरीरविच्छिन्नं व्यापकत्व तु भासते ।
घटे भिन्ने यथा देवि एकभावं तु गच्छति ॥

1.277
बहिरन्तर्यसद्भाव एक एवं प्रभासते ।
तद्वदेव हि भूतात्मा पाशमुक्तं प्रभासते ॥

1.278
यथा दीपो घटस्थो हि एकदेशप्रकाशकः ।
तथा चात्मा तु लिङ्गस्थो मनव्यापारपेशलः ॥

1.279
घटे भिन्ने यथा देवि सर्वत्रैव प्रकाशकः ।
तथा पाशैस्मनो मुक्तो व्यापको भवते प्रिये ॥

1.280
एवं व्याप्तिर्मया ख्याता तव देवि सुरेश्वरि ।
आत्मव्याप्ति भवत्येषा शिवव्याप्तिमतः परम् ॥

1.281
शेषभावेन बन्धानां सर्वाध्वोपाधिवर्जितः ।
अविदित्वा परन्तत्त्वं शिवत्वं कल्पितं तु यैः ॥

1.282
ते चात्मोपासका शैवे न ते यान्तु शिवं पदम् ।
आत्मतत्त्वगतिं यान्ति आत्मतत्त्वात्मरञ्जिताः ॥

1.283
ये साकारान्युपासन्ति कल्पयित्वा तु देवता ।
तस्यास्पदं लभन्त्येते न मुक्ताः परमार्थतः ॥

1.284
तस्मात्सर्वं परित्यज्य स्वभावस्थमुपासयेत् ।
स्वभावस्थं पुनर्वक्ष्येद्यथा भवति तच्छृणु ॥

1.285
न निरोधो न चोच्चारो न लक्षो न च योजना ।
स्वरूपस्थं ततो ज्ञात्वा स मुक्तो नात्र संशयः ॥

1.286
संकल्पस्तु महाबन्धो उच्छेद्यो भावकारणम् ।
तं त्यक्त्वा मुच्यते योगी सविकल्पस्तु बध्यते ॥

1.287
न मनो नापि मन्तव्यो मन्ता च न विभाव्यते ।
यावत्संकल्पयेदेवं तावद्बन्धः प्रवर्त्तते ॥

1.288
न बिन्दुं नैव नादश्च न चारश्चाध्वषट्कगः।
न शक्त्युच्चारमार्गे स्यात्कारणत्याग कालगः ॥

1.289
न शून्यभाव नाभावं न शक्ति शिव-म्-एव च ।
अविद्यावासना ह्येषा संसारभयबन्धनी ॥

1.290
यन्नास्ति तत्र सन्तोषं प्रायः कश्चित्करिष्यति ।
तं त्यक्त्वा त्यक्तव्याः सर्वे आशापाशा-म्-अशेषतः ॥

1.291
आशा एव महाबन्धो यया व्याप्तौ ऽखिलं जगत् ।
यावन्न त्यज्यते सा वै तावच्छक्तिर्न विद्यते ॥

1.292
काशा सा मोक्षवादीनां यत्र सर्वं क्षयं गतम् ।
मोक्षे ऽपि यस्य नोत्कण्ठा स मोक्षमधिगच्छति ॥

1.293
न मोक्षस्य भवे स्थानं न दानं न च कल्पना ।
सर्वत्र वितथा दृष्टि स मोक्षो मोक्षवादिनाम् ॥

1.294
मोक्षो नाम-म्-अनिर्देश्यमूहापोहविकल्पनात् ।
स विद्याच्चोपजायेत अविद्यां तु परित्यजेत् ॥

1.295
तदाकारं जगत्सर्वं तस्याकारं न किञ्चनः।
निराकारस्वभावस्थ कर्तव्यो ऽत्र मनीषिभिः ॥

1.296
तत्त्वभाव स भूताख्य सर्गो यत्र प्रवर्तते ।
आनन्दं ब्रह्मणो रूपं न विभेति कदाचनः ॥

1.297
सर्वं खल्वात्मकं ज्ञात्वा कर्तव्यं नास्ति किञ्चनः।
अस्तित्वमिति चेद्भावस्तदा बन्धो न संशयः ॥

1.298
स्वयमेवात्मनात्मानं कोशकारकृमिर्यथा ।
बध्नाति यततो भाव नाना चैव तु बन्धनैः ॥

1.299
स विमुच्येत यो बद्धः किमबद्धस्य मोक्षणम् ।
सहजागन्तुका बन्धा द्वैतभाव-म्-अधिष्ठिताः ॥

1.300
कल्पिता स्वयमेवात्र मन संकल्पलक्षणं ।
मानसं तु परित्यज्य यत्किञ्चिद्द्राङ्ग्यं प्रिये ॥

1.301
भावाभावात्मकं सर्वं मनः संकल्पलक्षणम् ।
शुद्धाशुद्धेषु भावेषु मनो यत्र प्रवर्तते ॥

1.302
वर्णावर्णविकल्पेषु भक्षाभक्ष तथैव च।
समत्वं यस्य जायेत तस्य जातं न किञ्चनः ॥

1.303
सर्वभावां त्यजेत्पूर्वमभावे तु स्थिरीभवेत् ।
अभावं तु परित्यज्य स्वभावस्थं भविष्यति ॥

1.304
यथा शिलाशृतं तोयं क्षपितं सूर्यरश्मिभिः ।
नच केनापि तत्पीतं न च तत्रैव तिष्ठति ॥

1.305
निरुपपत्तिमापन्नं तथा ज्ञानविदो मनः ।
यथा वायु नभं पृथ्वी बलाद् वहति सर्वगः ॥

1.306
धुग्धुगन्तं महावीर्य स्फुटन्तं तरुपर्वताम् ।
तत्क्षणाद्याति निर्नाशं तद्वज्ज्ञानविदो मनः ॥

1.307
यथा विस्तरतो मेघा नभमाक्रम्य संस्थिताः ।
तत्क्षणाद्याति निर्नाशं विद्वांसस्य तथा मनः ॥

1.308
मेघवृष्टिर्यथा देशे निघ्नोन्नतजलस्थलम् ।
तत्क्षणान्नाशमायाति तद्वद्भावो निरालयः ॥

1.309
यथा चेन्धनसंयोगादग्निज्वाला निरोपमा ।
तत्क्षणात्प्रक्षयं याति तद्वच्छून्यो मनो विदुः ॥

1.310
शङ्खशब्दो यथा देवि श्रूयते विपुलस्वनः।
तत्क्षणातक्षीयते तन्तु तद्वत्साम्ये मनो विदुः ॥

1.311
अथ वैराग्यमाश्रित्य कष्टैश्चान्द्रायणादिभिः।
क्षपये तन्तु मोक्षाय †सैन्धवं चोन्मनात्मनि † ॥

1.312
बहुभिर्गृह्य वैराग्यमात्मानं क्षपितं तु यैः ।
तेषामेको ऽपि नास्त्यत्र गतो निरुपपत्तिकम् ॥

1.313
ब्रह्मचर्य तपोनिष्ठा शौचाद्या ये च संयमा: ।
न तैस्तु सिद्धयते मोक्षो भाव एवात्र कारणम् ॥

1.314
अग्निर्दर्भाश्च मन्त्राश्च होता होतव्यमेव च ।
प्रणीता विष्टराश्चैव दीक्षाध्वरप्रकल्पना ॥

1.315
एतत्संकल्पसंघातं तव संबोधकारणम् ।
अद्वैतं निर्विकल्पन्तु निरिन्द्रियमलक्षणम् ॥

1.316
अलक्षस्य कुतो लक्षो अमनस्य कुतो मनः ।
अमने प्रत्यवस्थानं कर्तव्यं सततं बुधैः ॥

1.317
नास्तित्वं वर्तते नित्यमस्तित्वं तु परित्यजेत् ।
नास्तित्वं तु यदा भूतो नास्ति नास्तीति तस्य तत् ॥

1.318
नास्ति मोक्षो महाबन्धः सर्वं शून्यैव भावयेत् ।
चलाचलात्मविज्ञानं चित्तवृत्ति-र्-अपेक्षया ॥

1.319
स कथं निश्चलीकर्तुं देहे शक्येत केनचित् ।
यावद्भावयते ज्ञानं विज्ञानाधार केवलम् ॥

1.320
वायुना व्याकुलीभूत अविद्या चोपतिष्ठति ।
प्राणयामादिभिः श्लेषैर्मनो धीरैः सुनिर्जितः ॥

1.321
अन्यकाले प्रकुर्वीत निष्फलं यत्पुराजितम् ।
तस्मादेवं तु विज्ञाय इन्द्रियार्थं चलाचलम् ॥

1.322
घटवद्भङ्गुराकारं विद्युद्दर्शनसन्निभम् ।
सर्वे त्यज्य मुमुक्षाय नास्तिके तु मनं कुरु ॥

1.323
देव्युवाच ॥
महत्कौतूहलं देव ममोत्पन्नं महाप्रभो ।
यन्नास्ति तत्र को लक्षो अलक्षस्य कुतो गतिः ॥

1.324
ध्यान पूजा जपो होमं नानारूपा तु भावना ।
किमर्थं सा त्वया देव कथिता परमेश्वर ॥

1.325
श्रीभैरव उवाच ॥
नानारूपाणि वर्णानि लक्षाणि विविधानि च।
मनःप्रसाधनार्थाय सर्वमेतत्प्रकाशितम् ॥

1.326
मनो हि चञ्चलो नित्यं निराश्रयमतीन्द्रियम् ।
स कथं शक्यते धर्तुं यस्य वाय्वधिका गतिः ॥

1.327
यावद्भावयते एकं तावदन्यमुपस्थितम् ।
न ध्यानं न च वा लक्षं निष्पद्येत कदाचनः ॥

1.328
अनेन कारणार्थेन सर्वं त्यज्यमशेषतः ।
मनोद्भवं तु यल्लक्षं ध्यानं वा कल्पनात्मकम् ॥

1.329
ममत्वं त्यज्य सर्वत्र नाहमस्मीति भावयेत् ।
नाहमस्मि न चान्यो ऽस्ति अद्वैतक्रियया रतः ॥

1.330
यावन्न विन्दते ह्येवं तावत्तस्य न किञ्चन: ।
अहमिति तु यः अर्थस्स च बद्ध गुणत्रये ॥

1.331
यावन्न त्यजते देवि स निरुद्धो भविष्यति ।
इच्छा द्वेष सुखं दुःखं विरागो ज्ञान वा तथा ॥

1.332
यावदेतैर्न मुच्येत तावत्तस्य कुतो गतिः ।
यस्य तुल्यं सुखं दुःखं न तस्य गति-र्-आगतिः ॥

1.333
क्षीरक्षये यथा वत्स स्तनान्मातुर्निवर्तते ।
रागक्षये तथा पुंसां निर्वाणं परमं पदम् ॥

1.334
पुत्रदारकुटुम्बेन सक्तं सर्वमिदं जगत् ।
तं त्यक्त्वा निर्गुणो भूत्वा निर्वाणमुपपद्यते ॥

1.335
भवाग्रमपि ये प्राप्ता योगतन्निष्ठतत्पराः ।
अहंकाराङ्कुशाकृष्टास्ते पतन्ति भवार्णवे ॥

1.336
अहंकारां परित्यज्य ममत्वं तु परित्यजेत् ।
आशामशेषतस्त्यक्त्वा निराशी संप्रशस्यते ॥

1.337
भ्रूणहा गुरुतल्पश्च चतुर्वेदो ऽपि यो द्विजः ।
समत्वं स तु पश्येत इत्यन्या श्रुतिरब्रवीत् ॥

1.338
मुक्तः पश्यति मुक्तात्मा आत्मा सर्वत्र केवलम् ।
नाहमस्मि न चान्यो ऽस्ति एकत्वमनुपश्यतः ॥

1.339
एकत्वं बहुधावस्थमूर्णातन्तु सहस्रधा ।
पश्यते यस्तु तत्त्वेन सामरस्य रसे स्थितः ॥

1.340
समत्वं सर्वभूतेषु समलोष्टाश्मकाञ्चनम् ।
तेन तत्समतां याति निर्विकारी स उच्यते ॥

1.341
स्वभावगतिसंचार स्वभावाव्यय-म्-ईश्वरः ।
न तस्य कल्पना प्रोक्ता यस्य नाम महद्यशः ॥

1.342
हिरण्यगर्भ स विज्ञेयो येनेदं विततं जगत् ।
देव्युवाच ॥
सर्वभावविनिर्मुक्तं सर्वलिङ्गैर्विवर्जितम् ॥

1.343
अद्वैतं न द्वितीयो ऽस्ति कथं स्थास्यति निश्चलः ।
भैरव उवाच ॥
स्वरूपस्थं स्वरूपेण यदा स्थास्यति शोभने ॥

1.344
निश्चलं तस्य जायेत न चाल्यं चाल्यते क्वचित् ।
चलन्तमात्मविज्ञानं चित्तवृत्ति-र्-अपेक्षया ॥

1.345
येनेदं पूरितं सर्वं योगिभिस्तदुपास्यते ।
तपोभिः पठ्यते नित्यं यत्र यज्ञैस्तु इज्यते ॥

1.346
स एष नेति नेत्यात्मा भगे न हि स जायते ।
शीर्यो न हि न शीर्येत तेनैतत्समुदाहूतम् ॥

1.347
शब्दस्पर्शरसोरूपगन्ध तन्मात्र एव तु ।
एतैः संग स्मृतो देवि संसारभवकारणम् ॥

1.348
संगादुत्पद्यते कामं कामादर्थपरिग्रहः ।
परिग्रहाच्च वैकल्यं तस्मात्संगं विवर्जयेत् ॥

1.349
लोकसंगं परित्यज्य शास्त्रसंगं तथैव च ।
सर्वसंगविनिर्मुक्तो गच्छते पदमव्ययम् ॥

1.350
अभावं भावनातीतं बोध्यबोधकवर्जितम् ।
अतीतं तु भवेनैव प्रपञ्चातीतगोचरम् ॥

1.351
क्रियाकारणनिर्मुक्तं हेतुतर्कविवर्जितम् ।
यस्येदं स्थास्यते देवि स याति परमं पदम् ॥

1.352
तस्मिं गतो वरारोहे नाधो याति कदाचन ।
एतत्तत्त्वं मया देवि निष्कलं परमं मतम् ॥

1.353
नास्य परतरं किञ्चित्त्रिषु लोकेषु विद्यते ।
यस्य चित्तं सदाभ्रान्तं सर्वभूतात्मकं जगत् ॥

1.354
तन्मयत्वं च तस्यैव सत्यं सत्यं न संशयः ।
देव्युवाच ॥
वामदक्षिणमार्गे तु सिद्धान्ते च सुरेश्वरः ॥

1.355
स्थूलसूक्ष्मपरश्चैव त्रिविधस्तु प्रकीर्तितः ।
ध्यानधारणसंयुक्तो योगमन्त्रक्रियान्वितः ॥

1.356
सिद्धिमुक्तिर्भवेत्तेषां नान्येषां तु कदाचनः ।
नोत्पत्तिस्तु भवेद्यत्र न स्थितिस्तु कथचन ॥

1.357
न हि संहारमित्युक्तो वाङ्मयस्य जगद्विधेः।
सत्यं सत्यं पुनः सत्यं तन्त्रे तन्त्रे त्वया कृतम् ॥

1.358
नास्ति सत्यं महादेव यत्त्वया परिभाषितम् ।
भैरव उवाच ॥
सिद्धगन्धर्वयोगिन्यो यक्षराक्षसपन्नगाः ॥

1.359
तेषां मध्ये त्वया चोक्तं नास्ति सत्यं मम प्रिये ।
अद्य चित्तं मया ज्ञातं दुराराध्यं त्वदीयकम् ॥

1.360
मन्यसे कथितं नैव पृच्छसे च पुनः पुनः ।
तथापि कथयिष्यामि निश्चयेन शृणु प्रिये ॥

1.361
यथाशङ्कितसंकेता तथा ते कथयाम्यहम् ।
यत्तत्त्वं परं शान्तमचिन्त्यं निरनुप्लवम् ॥

1.362
स्थूलसूक्ष्मपरत्वेन तं तत्त्वं कथितं मया ।
तं तत्त्वं सर्ववस्तूनां प्रसूतिनिर्निमित्तिका ॥

1.363
अयुक्तिरिति चेदत्र प्रसूतिस्तद्गुणात्मिका ।
काष्ठवत्स परो देवस्तथा चात्मा लयात्मकः ॥

1.364
उभयोरपि सामान्ये को ऽत्र संसरणे प्रभुः ।
सलयात्कथमुत्पत्ति समलाच्च तथात्मनः ॥

1.365
अप्रभोः स्वत एवेति युक्तिर्बाह्या मतान्तरम् ।
पुर्यष्टकविनिर्मुक्तात्कारणातीतगोचरा ॥

1.366
वाच्यवाचकसम्बन्धाद्व्यतिरिक्तनिरन्वयात् ।
सर्वप्रपञ्चरहितादिन्द्रियातीतगोचरात् ॥

1.367
परतत्त्वा समुद्भूति स्वभावादिति गम्यते ।
ब्रीह्यङ्कुरा यथा व्रीही कोद्रवात्कोद्रवस्य तु ॥

1.368
उत्पत्तिर्न परात्तत्त्वात्परस्य परमात्मनः ।
निर्बीजाद्बीजवत्सूतिः कथं सदसदात्मिका ॥

1.369
चतुर्गुणसमोपेता तद्रणातीतगोचरात् ।
अनादिनिधनो ह्यात्मा कर्म चानादि संमतम् ॥

1.370
शक्तिश्च पञ्चभूतानि किमत्र परिसृज्यते ।
परस्पराश्रया सूतिः कथं नित्यत्वमाप्नुयात् ॥

1.371
परस्ततो ऽप्रसिद्धत्वादनित्य इति-र्-इष्यते ।
अनेकयोनिसम्बन्धस्तत्प्रपञ्चात्प्रवर्तते ॥

1.372
कथं प्रपञ्चहीनो ऽपि गम्यते तत्त्वदर्शिभिः।
अचिन्त्यश्चाप्रमेयश्च चिन्ताहीनस्तथा परः ॥

1.373
प्रहीणाशेषदोषात्मा कथं बुद्धः प्रबोधकः ।
आकाशस्य गुणशब्दस्तस्य सा प्रेक्षिका श्रुतिः ॥

1.374
तथैव परतत्त्वात्तु ग्राह्यानन्दः कथं भवेत् ।
अज्ञो ऽनित्यः पशुश्चात्मा शिवो ऽन्य स्मृतिगोचरात् ॥

1.375
कथञ्च ज्ञायते तेन निरुपायो निरञ्जनः।
आगमश्चेदुपायो ऽस्ति निरुपायक्षतिर्भवेत् ॥

1.376
सोपायश्च कथं देवो वाक्पथातीतगोचरः ।
उपाय समना गम्यो मनश्चेन्द्रियसंज्ञकः ॥

1.377
इन्द्रियातीतता तस्मिन्कथं संभवते प्रभोः ।
करणैर्यः परिच्छेद्य स्थूलस्स च विनश्चरः ॥

1.378
यो विनाशी कथं देवः परमात्मा भविष्यति ।
संवित्तिश्चेत्परे तत्त्वे संवित्ति सविकल्पका ॥

1.379
निर्विकल्पे विकल्पस्य प्रवेशः किंकृतो भवेत् ।
बुद्धो जिनः शिवो ह्यात्मा विष्णुब्रह्मेति वाचकः ॥

1.380
नाम्नि विप्रतिपत्तिस्तु उपास्य ऽज्ञः कथं भवेत् ।
विषेण मूर्च्छितो यस्तु निर्विकल्पस्तथा भवेत् ॥

1.381
गर्भवासे सुषुप्तश्च म्रियमाणश्च पादयोः ।
मुक्तिरादौ भवेत्तेषामितरेषां तु संशयः ॥

1.382
को जानाति विकल्पस्य विनाशो नास्ति वा न वा।
कस्मात्कथं कदा कस्य केन कः क्व प्रतिष्ठितः ॥

1.383
इति शक्यो न यद्वक्तुं शशशृङ्गस्स केवलम् ।
शृङ्गो ऽप्यस्ति शशो ऽप्यस्ति पृथगन्यत्र दर्शनात् ॥

1.384
सम्बन्धो नैव शृङ्गेण अभावाच्छशमस्तके ।
इन्द्रियाणाञ्च चित्तस्य परस्परविरोधिता ॥

1.385
कदाचिन्न क्वचिद् दृष्टस्सम्बन्धः परमात्मना ।
दुर्विज्ञेयस्तदादौ तु यदि ज्ञातः कदाचनः ॥

1.386
चलत्वान्न स्थिरं चित्तं तत्र मुक्तिः कथं भवेत् ।
ज्ञानं यानं तथा सद्यं त्रिविधं वपुरिष्यते ॥

1.387
सर्वज्ञस्य जगत्सर्वं ज्ञानेनैतत्प्रसूयते ।
अतीन्द्रियमचिन्त्यं च निष्प्रपञ्चात्मलक्षणम् ॥

1.388
सुसूक्ष्मं शिवनाथस्य ज्ञानात्म वपुरिष्यते ।
यानात्मा जातदेहस्तु बलवान्प्रियदर्शनः ॥

1.389
दर्शयित्वात्मनो धर्मं स्वेच्छया याति तत्पदम् ।
क्षणात्स दृश्यते रूपं क्षणाज्ज्ञाने प्रलीयते ॥

1.390
यातीप्सितं प्रकृत्यैव तेन सद्यः प्रकीर्तितः।
च्छित्त्वा भित्त्वापि मूलानि न तत्र फलदर्शनम् ॥

1.391
अकस्माद्दृश्यते तच्च परेच्छातत्समुद्भवः।
बीजाद्वृक्षस्ततो बीजा वृक्षादन्योन्यसंभवः ॥

1.392
स्वभावेनैव चोत्पत्तिरनादिनिधनात्मिका ।
फलान्तं चूतवृक्षस्य भ्रमराणां प्रदर्शनम् ॥

1.393
आमला नान्यवृक्षेषु नास्ति बीजपरम्परा।
भूमौ जले तथाकाशे विरोधोत्पत्तिदर्शनात् ॥

1.394
नियतोत्पत्तिरप्यत्र शून्यात्सूतिं प्रसाधयेत् ।
स्वेन स्वेन हि रूपेण विपरीते न संभवा ॥

1.395
भुवनेशेन चोत्पाद्य तेनैव नियमः कृतः ।
ज्ञात्वा निर्विषयो यस्तु निर्विकल्पो विषादिना ॥

1.396
मूर्च्छितो ऽज्ञः कथं मुक्तः संसारी संसरत्यसौ ।
गृहसंसारवासस्य विकल्पस्सविकल्पकः ॥

1.397
गृहस्थः सं भवत्यात्मा कुटुम्बी तदनन्तरः ।
मनोबुद्धि-र्-अहङ्कारचित्तानां यत्र संक्षयः ॥

1.398
तं तत्त्वं सर्वसिद्धीनां निलयं न विनश्चरम् ।
निरस्तभावनासंग संसारोच्छित्तिकारकः ॥

1.399
यस्य भाव स्वभावेन लीयते तत्पदस्य तु ।
अहंकारो ऽपि बुद्धौ तु बुद्धिर्मनसि तन्मनः ॥

1.400
चित्तो चित्तौ लयेद्यावत्तावत्तत्परमं पदम् ।
संसारः सवितुर्यागश्चन्द्रयागस्तथा परः ॥

1.401
उभौ यस्मात्ततौ तस्मान्नष्टौ विज्ञानसागरे ।
न संसारो न निर्वाणं मन्यन्ते तत्त्वदर्शिणः ॥

1.402
कथं तेषां मनः शीघ्रं चलित्वा याति तत्पदम् ।
वायुर्यथा चलित्वा तु मुक्ताकाशं न गच्छति ॥

1.403
तथैव योगिनां चित्तं मुक्ता तत्त्वं न गच्छति ।
मनश्चलति नात्मा तु चलनं तस्य तेन च ॥

1.404
तस्य नाशे कथं ह्यात्मा चलो भवति निश्चलः ।
वञ्चिता स्वेन चित्तेन कर्मयोगरता नराः ॥

1.405
निर्बुद्धियोगतात्पर्यान्मुच्यन्ते नात्र संशयः ।
आलम्बनगतं ज्ञानं नियतार्थं पदं भवेत् ॥

1.406
सर्वालम्बनसंस्थं तु तद्विवेकाच्च सर्वदम् ।
परमार्थपरिज्ञानं ग्रहणासक्तचेतसाम् ॥

1.407
आलम्बनगतं ज्ञानं बालानां तदुदाहृतम् ।
आलम्बनक्षयं यावद्द्वयःकालावशेषिकात् ॥

1.408
ज्ञानं विवेकिनः सम्यक्सर्वसिद्धिपदं भवेत् ।
परमार्थपरिज्ञानं ग्रहणानन्दचेतसः ॥

1.409
योगिनः परमार्थेन सर्वज्ञास्ते उदाहृताः ।
अविभावितसंबन्धाद्यवस्था सा परा स्मृताः ॥

1.410
परेणैवेह सम्बन्धा मुक्तिरेषा तथापि सा ।
सम्बन्धः सुखदुःखात्मा द्रव्येन्द्रियसमुद्भवः ॥

1.411
संसृतिस्सकषायत्वादाभ्यां त्यक्त स मुक्तवान् ।
निर्मलो ऽपि लयासक्तः सलयस्समल स्मृतः ॥

1.412
अस्वस्थः संसरत्यात्मा स्वस्थो मुक्तः प्रकीर्तितः ।
सनिमित्तञ्च विज्ञानमनित्यं चान्यबाधनात् ॥

1.413
निर्निमित्तञ्च नित्यञ्च विज्ञानं मुक्तिरेव सा।
तं ज्ञानं सा परावस्था स मुक्तिस्सा च संगति ॥

1.414
निर्निमित्तमिदं ज्ञानं सर्वमस्मात्प्रवर्तते ।
निर्निमित्तत्वमस्यैव अस्मात्सृष्टिप्रवर्तनम् ॥

1.415
न निरोधस्सदा यस्मात्प्रत्यक्षेणानुभूयते ।
यदीन्द्रियपरिच्छिन्नं तत्त्वं यदि भविष्यति ॥

1.416
सर्वे तत्त्वविदो जाता गुरुणान्येन किन्तदा ।
इन्द्रियैरुपलब्धं यत्तत्त्वं न भवेद्यदि ॥

1.417
तदास्तित्वस्य वक्तव्यं प्रमाणं किमतः परम् ।
चक्षुरादिपरिच्छिन्नं यत्स्थूलं तद्विनश्चरम् ॥

1.418
तेन विज्ञातमात्रेण कथं तत्त्वविदुर्भवेत् ।
स्थूलस्य या परा कोटिः कोटिर्मुक्तेश्च या परा ॥

1.419
न तयोरन्तरं किञ्चित्सुसूक्ष्ममपि विद्यते ।
नान्धः पश्यति रूपाणि अन्यचित्तस्तथैव च ॥

1.420
स्मरितव्याभिचारित्वात्समुदायो ऽपि नास्त्यतः ।
न चक्षुः पश्यते रूपं न मनस्समुदायकः ॥

1.421
एतद्धि परमं गुह्यं यत्र लोको न गाहते ।
किञ्चित्प्रक्षिपते नास्मिन्नापरो ऽयमतः परम् ॥

1.422
विपरीतं तु तं पश्येद्विपरीतमनिन्दितम् ।
सर्वकारकभेदेन स्थितो ह्येको महेश्वरः ॥

1.423
नैव कारकभेदेन भिन्नरूपत्वमाप्नुयात् ।
येन रूपेण संग्राह्यस्तेनैव परमार्थतः ॥

1.424
ग्राहकत्वमवाप्नोति कुलजा गतिरीदृशी ।
अद्वयो ऽथ परिज्ञानात्प्रहताशेषकल्मषः ॥

1.425
निर्मलं निश्चलं चैव निवातगृहदीपवत् ।
प्राक्तनेच्छावशात्सम्यग्गताद्भोगेन सम्पदा ॥

1.426
भुनक्ति सर्वसिद्धीनि पररूपो ऽपि सर्वगः।
न स्थितं न मृतं तस्मान्न जातं न तिरस्कृतम् ॥

1.427
वस्त्ववक्तव्यरूपेण परमार्थे न संस्थितः ।
यन्न जातं कथं चास्ति यदि नास्ति कथं स्थितिः ॥

1.428
अस्थितस्य कथं नाशं परस्परविरोधिताः ।
यन्नष्टं तस्य चोत्पत्तिर्यस्योत्पत्ति स्थिति स्थिताः ॥

1.429
यत्स्थिति तस्य नाशोक्ता नात्र कश्चिद्विरोधना ।
न कार्यं कस्यचिज्ज्ञानं कारणं वापि कस्यचित् ॥

1.430
उभयोर्नैकवद्भावो न कार्यं नैव कारणम् ।
व्यवहारार्थमन्त्रैव ज्ञानं ज्ञेयं स्वभावतः ॥

1.431
सापेक्षत्वात्ततो नष्ट अवाच्यत्वेन संस्थितः ।
लौकिको व्यवहारो ऽयं घटादावक्षगोचरे ॥

1.432
निष्प्रपञ्चे कथं चात्र वाङ्मयो न प्रवर्तते ।
योगिन्यां व्यवहारो ऽयं मन्त्र संगीयते पुनः ॥

1.433
नाधिकारो ऽत्र लोकस्य रथ्यामध्ये प्रवर्तते ।
ब्रह्मा विष्णौ तथा विष्णु रुद्रे रुद्रो ऽपि चेश्वरे ॥

1.434
ईश्वरो ऽपि शिवे सो ऽपि परमात्मनि संस्थितः ।
तदा तत्परमं गुह्यं तदा तत्परमं पदम् ॥

1.435
प्रामाणिकवचोयुक्त्या यत्र बाधा न विद्यते ।
इन्द्रियार्थोत्थितं ज्ञानं प्रत्यक्षमिति गम्यते ॥

1.436
अनुमानञ्च तत्पूर्वं कथन्तत्र तयोर्गतिः ।
ग्रामाद्ग्रामान्तरं गच्छेन्मध्यदेशं यथा त्यजेत् ॥

1.437
तथैव देवतात्यागात्क्रमात्तत्पदमाप्नुयात् ।
उपायं यद्गुरोर्वाक्यं तत्पदावाप्तिलक्षणम् ॥

1.438
प्रमाणं योगिनामेष चक्षुषाद्युत्थितं न हि ।
एतत्ते कथितं देवि रहस्यं परमाद्भुतम् ॥

1.439
नास्य परतरं किञ्चित्मोक्षस्यैव तु साधनम् ।
देव्युवाच ॥
बिन्दुस्थं चैव नादस्थं चारस्थं चाध्वषट्कगम् ॥

1.440
शक्त्युच्चारगतञ्चान्यं कारणत्याग कालगम् ।
शून्यभावगतं शम्भो शक्तिस्थो हृदि संस्थितम् ॥

1.441
स्वरूपस्थं विशेषेण तत्सर्वमवतारितम् ।
सांप्रतं वर्णसंस्थं तु यथा भवति तत्कथम् ॥

1.442
भैरव उवाच ॥
वर्णस्थं कथयिष्यामि शृणुष्वायतलोचने ।
मातृका त्रयचक्रस्था ज्ञातव्या तु विपश्चितैः ॥

1.443
ये ते स्वराः समाख्याता षोडशैते महानिलाः ।
तं चक्रं षोडशारं तु अग्निवातेन दीपितम् ॥

1.444
कर्णिकायां स्थितश्चेता शक्तियुक्तस्तु सुव्रते ।
शरदीपशिखाकारा निर्गता व्योमपञ्चके ॥

1.445
द्वादशान्ते पुनर्देवि ज्वलन्तं भास्करं यथा ।
तत्र लीना तु सा शक्तिरमनस्का मनोन्मनी ॥

1.446
निमिषं याव देवेशि तिष्ठते साधकोत्तमः ।
तावत्स्तोभो भवेत्क्षिप्रं मुद्रा बन्धत्यनेकधा ॥

1.447
भाषां च विविधाकारां धर्मशास्त्रान्यनेकधा ।
वेदादिसर्वशास्त्राणि उद्ग्राहयति तत्क्षणात् ॥

1.448
अतीतानागतं चैव पृष्टो ऽसौ कथयत्यपि ।
उत्पते गगनाभोगां विद्याधरपतिर्भवेत् ॥

1.449
नपुंसकगणं त्यक्त्वा द्वादशारमुदाहृतम् ।
द्वात्रिंशद्वर्णसंयोगान्महाचक्रं प्रकीर्तितम् ॥

1.450
एवं तु मातृकाः सर्वा चक्रत्रयमुपागताः।
द्वादशारं हृदिमध्ये तत्र सूर्यो व्यवस्थितः ॥

1.451
तालुके षोडशारन्तु यत्र सा अमृतावहा ।
मस्तके सर्ववर्णात्मा द्वात्रिंशद्दलसंयुतः ॥

1.452
हृच्चक्रे उद्भवो ज्ञेयो विश्लेषो वेधचक्रगः।
लयस्तु शिरचक्रस्थो ज्ञातव्यो विदितात्मभिः ॥

1.453
ग्रहणं नाभिदेशस्थं संधानं कण्ठमाशृतम् ।
योगस्तत्र पुनर्देवि लये चैव निरामये ॥

1.454
एवं ज्ञात्वा वरारोहे योजयेच्छाश्वते पदे ।
आत्मतत्त्वं हृदिस्थं तु विद्या लम्बकमाशृता ॥

1.455
शिवतत्त्वं लयस्थं तु ब्रह्मरन्ध्रगतं प्रिये ।
शक्तिस्थं कथितं पूर्वमध्वाने तु यथा स्थितः ॥

1.456
सांप्रतं भुवनीशस्थो यथा ते कथयाम्यहम् ।
एकैकं तु यथा वर्णं शक्तिस्थं भवते प्रिये ॥

1.457
चक्रमालागतं तूर्णं मन्त्रसिद्धिजिगीषिणाम् ।
तत्तथा कथयिष्यामि भुवनीशा यथा स्थिताः ॥

1.458
स्वेस्वे वर्णाधिकारेण व्याप्तिस्तेषां यथार्थतः ।
व्यापकत्वञ्च देवेशि संचारं च अतः शृणु ॥

1.459
आत्म विद्या शिवश्चैव तत्त्वत्रय विभागशः ।
कारणानां तथा त्यागं वर्णे वर्णे यथा स्थितम् ॥

1.460
अग्निसूर्याख्यचन्द्राख्या ये चक्राः प्राक्प्रकीर्तिताः ।
योगिन्यो व्यापकास्तेषां पृथक्संस्था यथा शृणु ॥

1.461
ज्वलिनी ज्वालिनी ज्वाला तेजसा तेजवर्चसा ।
तेजोर्मिन्या तथा तेजा तेजवत्या तमोपहा ॥

1.462
तेजोनिधिस्समाख्याता योगिन्यस्त्वग्निचक्रगाः ।
संहरन्ति जगत्सर्वं कालाग्निवपुषोद्भवाः ॥

1.463
सूर्यचक्रसमुद्भूता योगिन्यः सांप्रतं शृणु: ।
सूर्या सूर्यवती कान्ता स्वधा स्वस्ति सुधा तथा ॥

1.464
सुमना चोन्मना कान्ता शाश्वती च तथापरा ।
संवर्ता संहरी चैव योगिन्य सूर्यचक्रगाः ॥

1.465
द्वितीयावरणे ज्ञेया तृतीये कथयामि ते ।
शशिनी शाश्वती शान्ता सेवनी च शशिप्रभा ॥

1.466
शीता शीतवहा कान्ता पृथ्वी च प्रियकारिकाः।
पृथिवी पार्थिवी प्रीता क्षोभणी क्षुभिता क्षया ॥

1.467
सोमचक्रे समाख्याता सृष्टेस्तु स्थितिकारिकाः ।
चक्रे चक्रे तु द्रष्टव्या भुवनेशा पदे स्थिताः ॥

1.468
क्रीडन्ति भुवनेशानां योगिभिस्सह चाच्युताः ।
रुद्रशक्तिर्वरारोहे ये रुद्रा योगिभिस्सह ॥

1.469
तेषां संख्या न विद्येत भेदेन सुरनायिके ।
सोमसूर्यविभागेन कोटिकोटिविभागशः ॥

1.470
क्रीडन्ति तत्र ते सर्व उत्पत्तिस्थितिकारकाः ।
एकैकं तु यथा ख्याता चक्रे चक्रे यथा स्थिताः ॥

1.471
व्याप्तिस्तेषां मया प्रोक्ता कौलिकी तु समासतः ।
अकारादि स्मृताश्चक्राः क्षकारान्तावसानिकाः ॥

1.472
पञ्चाश चक्रा एवोक्ता यैर्व्याप्तिमखिलं जगत् ।
सर्वे ते शक्तिमध्यस्था ज्ञातव्यास्तु वरानने ॥

1.473
न तैर्विना भवेन्मन्त्रा दृष्टादृष्टार्थसाधने ।
एकैकं वर्णमुच्चार्य स्वरैर्द्वादशभेदितम् ॥

1.474
अनिलानलसंयुक्तं बिन्दुना समलंकृतम् ।
आत्मशक्तिशिवस्तत्र तेजोरूपं विचिन्तयेत् ॥

1.475
लोलीभूतमिदं सर्वं शक्तिस्थाने लयं गतम् ।
स्फुरत्किरणसंकाशं विद्युत्कोटिसमुज्ज्वलं ॥

1.476
उदितार्ककराभासं क्षयाक्षयविवर्जितम् ।
यदा तल्लयतां याति कालज्ञानं तदा भवेत् ॥

1.477
सदाशिवपदावस्थ पश्यते दिव्यचक्षुषा ।
षड्विधाध्वा महादेवि भुवनाद्यस्तथा प्रिये ॥

1.478
अधस्थे पश्यते सर्वमस्य चक्रप्रभावतः ।
षण्मासादुत्पते क्षिप्रं सत्यमेव न संशयः ॥

1.479
एतच्चक्रं महागौरि नाख्यातं कस्यचिन्मया ।
तव देवि समाख्यातं सत्यं सत्यं न संशयः ॥

1.480
गुह्याद्गुह्यतरं गुह्यं गोपितव्यं वरानने ।
नाशिष्याय प्रदातव्यं नापुत्राय कदाचन ॥

1.481
अन्यशास्त्ररता ये च कपटव्रतधारिणः ।
अन्यदेवतभक्ता ये शठा क्लीबा तथा भृताः ॥

1.482
डम्भकौटिल्यनिरता अद्वैताचारदूषकाः ।
एतैश्चैव महादोषैर्ये युक्ता वरवर्णिनि ॥

1.483
न तेषां दापयेज्ज्ञानं कौलिकं गुरवत्तरम् ।
प्रमादाद्ददते यस्तु तन्त्राम्नायं प्रियव्रते ॥

1.484
योगिनीगणमध्यस्थः पशुरेवात्र साधकः ।
उपासन्नं यदा शिष्यं भक्तियुक्तं दृढव्रतम् ॥

1.485
गुरुदेवाग्निभक्तञ्च शुचिव्रतपरायणम् ।
एवं ज्ञात्वा वरारोहे शिष्यं चैव विलक्षणम् ॥

1.486
दीक्षाकाले परीक्षेत पाशस्तोभादिकैः क्रमात् ।
सच पातविशेषेण द्विविधः परिकीर्तितः ॥

1.487
पुरतो वर्णयिष्ये ऽहमुत्तमो मध्यमोत्तमः।
परीक्षिते ततः शिष्ये गुरुदेवाग्निसन्निधौ ॥

1.488
समयां श्रावये तच्च ये च शास्त्रे प्रचोदिताः ।
अभिषेकं ततो दत्त्वा उपदेशं समर्पयेत् ॥

1.489
यथा एकं तथा सर्वे चक्राः पञ्चाश सुव्रते ।
अनिलानलसंयुक्ता अस्तव्यस्तकृतानघे ॥

1.490
सर्वकर्मकराः प्रोक्ता यदा योनिसमीकृता ।
मातृका पूजिता येन तृधां सिद्धिं लभत्यसौ ॥

Kapitelkolophon
इति भैरवश्रोतसि महातन्त्रे विद्यापीठे सप्तकोटिप्रमाणे श्रीतन्त्रसद्भावे प्रश्नयोगाधिकारो नाम प्रथमः पटलः ॥

Kapitel 3, Verse 96–132ab: Mālinī und die Herauslösung der Mantralaute

Kapitelüberschrift der Edition
मन्त्रनिर्णयाधिकारस् तृतीयः पटलः

देव्य् उवाच

3.96
यो ऽयं मन्त्रस्य संस्कारो अक्षरार्थादि कीर्तितः ।
संस्कारादत करणं क्रियते कस्य वा विभो ॥

3.97
तस्मान् मन्त्रास् समाचक्ष्व कुलवैनेयमार्गगाः ।
ब्रह्माङ्गमूलमन्त्रोत्था येनायं सफलो भवेत् ॥

भैरव उवाच

3.98
अतः परं प्रवक्ष्यामि मन्त्रोद्धारं वरानने ।
कुलवैनेयिकं देवि विधानं तु सुविस्तरम् ॥

3.99
चतुरस्रं पुरं लिख्य सप्तभागविकल्पितम् ।
पुनः सप्तगुणं कृत्वा कोष्ठकां कारयेत् प्रिये ॥

3.100
पञ्चाश-ऊनम् एकेन कर्तव्यां तु यथाविधिः ।
ईशान्यादिक्रमेणैव अभ्यसेत् स्वरमण्डलम् ॥

3.101
तस्यान्ते तु तत स्पर्शा यावन् मध्यम् उपागते ।
ब्रह्मस्थानगतं देवं हंसाख्यं तु महात्मनः ॥

3.102
कषाख्यं मन्त्रराजानं संयोगेन तु ज्ञायते ।
एवं न्यासे कृते देवि उद्धरेन् मालिनीं शुभाम् ॥

3.103
नादिफान्तस्वरूपेण यथा भवति तच् छृणु ।
ऐ-द-मध्यं शिरो देव्याः कारयेच् छुभलक्षणम् ॥

3.104
प-ध-मध्यं शिखा चैव अधः शिरो व्यवस्थितम् ।
ए-पूर्वर्णिचतुष्कं तु शिरोमाला निगद्यते ॥

3.105
तृतीयं नयनं कार्यं ङ-छ-मध्यगतं प्रिये ।
न-द-मध्यगतं ज्ञेयं द्विधा भूतं वरानने ॥

3.106
नयने ते स्मृते देव्याः क्रमाद् दक्षिणवामगे ।
ट-पूर्वं नासिका ज्ञेया संश्लिष्टा तु धमध्यगा ॥

3.107
ढ-त-मध्यगतं गृह्य द्वि-र्-अभ्यासपदेरितम् ।
ठ-ड-पूर्वौ युतौ ऽधस्ताद् भूषणौ कर्णयोः स्मृतौ ॥

3.108
वामदक्षिणमार्गेण यथोद्धृतौ स्थिताव् इह ।
स-च-मध्यगतं वक्त्रं देव्याया वीरनायिके ॥

3.109
विसर्गाखश् च मध्यस्थं क-ग-मध्ययुतं पुनः ।
ख-पश्चिमं समुद्दिष्टं तस्य चोत्तरम् एव च ॥

3.110
घ-चस्यान्तरसंस्थं तु उद्धरेद् अक्षरां शुभां ।
एते पञ्च स्मृता वर्णा देव्या दशनकल्पने ॥

3.111
ञ-पूर्वं रसना प्रोक्ता ज-पूर्वेण सरस्वती ।
श-त-मध्यस्थितः कण्ठो म-छ-मध्यगतोद्धरेत् ॥

3.112
र-म-मध्यगतस् तद्वद् अक्षरौ द्वौ शुभात्मकौ ।
शिखरौ तु स्मृतौ भद्रे वामदक्षिणगौ शुभौ ॥

3.113
र-ठ-दक्षिणगौ द्वौ तु बाहुगौ वामदक्षिणौ ।
र-उ-मध्यगतं चैव द्विधा भूतं प्रकल्पयेत् ॥

3.114
करतलौ स्मृतौ देवि सव्यासव्यं विजानतः ।
भ-म-पूर्वौ तथाङ्गुल्यौ वामदक्षिणगौ शुभौ ॥

3.115
ञ-ठ-मध्यगतं गृह्य वामहस्ते प्रकल्पयेत् ।
ऊर्ध्ववक्त्रं कपालं तु अमृताख्येन पूरितम् ॥

3.116
दक्षिणे तु करे ज्ञेयं य-ढ-मध्यं तु दण्डकम् ।
शूलस्य कथितं भद्रे उद्धारेण समुद्धृतम् ॥

3.117
अ-छ-मध्यगतं शूलम् उत्तानम् ऊर्ध्ववक्त्रगम् ।
ज्ञातव्यं तु विपश्चिद्भिर् यथालक्षणलक्षितम् ॥

3.118
घ-न-मध्यगतं हृच् च देव्यायाः सर्वकामिकम् ।
न-स-मध्यगम् उदरं च-ज-मध्यगतं प्रिये ॥

3.119
र-व-सन्धिगतं तद्वद् अक्षरौ द्वौ स्तनात्मकौ ।
झ-पूर्वं तु पयो ज्ञेयम् अमृतं समुदाहृतम् ॥

3.120
य-श-मध्यगतं प्राणं देव्याया वीरनायिके ।
म-ष-मध्यगतं देवि आत्मा बीजामृतात्मकम् ॥

3.121
विसर्गसहितं रुद्रे उद्धृतं मन्त्रम् उत्तमम् ।
कषाख्यं मन्त्रराजानं नाभिं देव्याः प्रकल्पयेत् ॥

3.122
भ-य-मध्यं स्मृतं देवि नितम्बं सकलात्मकम् ।
व-ष-मध्यगतं गुह्यं द-पश्चिमसमन्वितम् ॥

3.123
ऊर्वाकारौ भवेद् बीजं ण-थ-मध्यगतो ऽनघे ।
त-थ-दक्षिणगौ बीजौ जानुकौ द्वौ सुशोभनौ ॥

3.124
सव्यासव्यगतौ ज्ञेयौ क्रमेणैव शुभेक्षणे ।
ऐ-थ-पश्चिमगौ द्वौ तु जङ्घे द्वे वामदक्षिणे ॥

3.125
थ-ध-मध्यगतं देवि ङ-ष-मध्यं तथैव च ।
द्वौ बीजाव् उद्धृतौ भद्रे पादौ ज्ञेयौ विपश्चिता ॥

3.126
वामदक्षिणगौ प्रोक्तौ लक्षणेन विलक्षितौ ।
एवं सम्यग्विधानेन उद्धृता मालिनी प्रिये ॥

3.127
सप्तकोट्यस् तु विद्यानां मन्त्राणाम् अमितौजसाम् ।
तेषाम् एका परा योनिर् मालिनी सर्वकामदा ॥

3.128
मालयित्वा स्थिता येन तेनेयं मालिनी स्मृता ।
ये जाता ये भविष्यन्ति अप्रमेया वरानने ॥

3.129
रुद्राणां योगिनीनां च सा मातेव निगद्यते ।
अवर्णा वर्णसंयोगा ज्ञातव्या तु वरानने ॥

3.130
सर्ववर्णात्मका मन्त्रा वर्णा शक्त्यात्मका स्मृताः ।
शक्तिः तु मातृका प्रोक्ता सा ज्ञेया तु शिवात्मिका ॥

3.131
एतन् मन्त्रप्रमाणं तु कथितं तव शोभने ।
एतद् आद्यं समाख्यातं गोपनीयं प्रयत्नतः ॥

3.132ab
एकवीरविधानं तु प्राग् उक्तम् अन्यम् आगमे ।

Kapitel 9: Initiation, Ritual und Lehrerweihe

Kapitelüberschrift der Edition
समयदीक्षाधिकारो नवमः पटलः

देव्य् उवाच

9.1

अद्यमे सफलं जन्म येन त्वं वरदो मम।
यत्त्वया सूचितं ख्यातं तत्सर्वं चावधारितम् ॥

9.2
दीक्षा तु सूचिता शंभो स्फुटी नैव कृता त्वया ।
सांप्रतं सामयी दीक्षा पाशस्तोभन्तथैव च ॥

9.3
तुला पुंसां विधिश्चान्या प्रसन्नावेशमाणवी ।
सद्योनिर्वाणदा शम्भो उत्क्रान्तिश्च अतः परम् ॥

9.4
पशुग्रहणमेवं तु अभिषेकं तथैव च ।
एतदाख्याहि देवेश प्रणताया जगत्पते ॥

9.5
॥ भैरव उवाच ॥
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि यत्त्वया पूर्वचोदितम् ।
तत्सर्वं कथयिष्यामि त्वत्प्रीत्या सुरनायिके ॥

9.6
[भूमिपरीक्षा]
आदौ परीक्षयेद्भूमिं वास्तुविद्याविशारदः।
याज्ञिकां वृक्षसंकीर्णां शरपुष्पां कुशेश्चराम् ॥

9.7
माहेश्वरजनाकीर्णामथैकेनान्वितापि वा ।
स्निग्धां मनोरमां वाथ प्रागीशोत्तरदिक्प्लवाम् ॥

9.8
स्वजात्युपात्तमार्गेण परीक्षेदासमार्थतः ।
वर्णा स्वादा तथा गन्धा ज्ञायते जातिभेदतः ॥

9.9
सिता चैव मधुस्वादा घृतगन्धा च ब्राह्मणे ।
रक्ता या रक्तगन्धा च कषाया क्षत्रिये ऽर्थदा ॥

9.10
पीता गोमूत्रगन्धा च क्षारस्वादा विशां मता ।
कृष्णा †गुर्वर†गन्धा च कटुःस्वादा मतेतरे ॥

9.11
खातयेद्रत्निमात्रं तु पुनश्चैव प्रपूरयेत् ।
अधमा न्यूनपांसुर्या समपांसुश्च मध्यमा ॥

9.12
पांसुरभ्यधिका यत्र सा भूमिः सर्वकामदा ।
खातयेदाजलान्ता वा पुम्मात्रा कण्ठतो ऽथवा ॥

9.13
हृन्नाभिकटिजान्वन्ता शल्यदोषोज्झिता यथा ।
शोधयेत्तां प्रयत्नेन तुषशल्यविवर्जिताम् ॥

9.14
कण्टकाङ्गारकशल्यैः कारयेत्तां प्रयत्नतः ।
पूरयेन्मृदया चादावाकोटे ऽश्वत्थमुद्गरैः ॥

9.15
समां यावत्समायाता गोमयेनोपलेपयेत् ।
पञ्चहस्तो ऽथवा सप्तनवैकादशहस्तकम् ॥

9.16
त्रयोदशात्महस्तं वा हस्ता पञ्चदशाथवा ।
क्षेत्रं परिग्रहेद्वार्धं यागागाराय मन्त्रवित् ॥

9.17
चतुरस्रं समं कृत्वा समन्ताद्विषमध्वजम् ।
पूर्वोत्तरगतैः सूत्रैर्भाजयेन्नवभागिकम् ॥

9.18
भागद्वयं परित्यज्य दिशासु चतुरष्वपि ।
कोणे निवेशयेदेवि तलस्थापनपट्टकाः ॥

9.19
मर्मवेधो यथा न स्यात्तलकुम्भसमन्विताः ।
स्तम्भा न्यसेन्नरोत्सेधा हीरकग्रहणान्विताः ॥

9.20
अग्रे पद्मघटोत्कीर्णा महातुलसमन्विताः ।
तस्यार्द्धेनोपरिष्टां तु तुलाकोटौ निवेशयेत् ॥

9.21
सार्द्धभागोच्छृतान्यूर्ध्वमुपस्तम्भा निवेशयेत् ।
उपतुला ततो दद्यात्स्वान्तरायनविस्तराः ॥

9.22
छादनं तत्प्रमाणेन घटोर्ध्वे भागसंमितम् ।
पताकाध्वजशोभाभिः समन्तात्परिशोभयेत् ॥

9.23
त्रिभागार्धसमुत्सेधं भित्तयस्तु समन्ततः ।
जालागवाक्षकैश्चित्रैर्दिशासु चोपशोभितम् ॥

9.24
श्रेष्ठं यत्पश्चिमं द्वारं मध्यतो भागसंमितम् ।
द्विभागोर्ध्वोच्छ्रितं कार्यं सकपाटार्गलान्वितम् ॥

9.25
भित्तीनां बाह्यतः कार्या वेदिका भागसंमिता ।
अर्धभागोच्छ्रिता सा तु शोभार्थे चैव कारयेत् ॥

9.26
पक्वेष्टं वा तृणच्छन्नं शिलासंच्छत्र मण्डपम् ।
कारयित्वा विधानेन भूमिकर्म समारभेत् ॥

9.27
अतसी खलं तथा तक्रं क्षीरपञ्चद्रुमत्वचा ।
त्रिफला बीजवृक्षस्य सारं चैव तु खादिरम् ॥

9.28
एतैश्चैवोदकं कृत्वा सिञ्चयेत पुनः पुनः ।
आकोटयेत्ततो देवि यावन्निम्ना प्रजायते ॥

9.29
दर्पणोदरसंकाशापूर्वदिक्प्लवनी शुभा ।
ऐशान्या वाथ कर्तव्या सर्वकामप्रसिद्धये ॥

9.30
पुनः प्रलेपयित्वा तु पत्रवल्ल्यादि घर्षयेत् ।
मण्डलं पूर्ववत्कृत्वा सर्वतोभद्रमुत्तमम् ॥

9.31
अष्टम्यां वाथ भूताख्या पौर्णमास्याथ सप्तमी ।
दशमी नवमी वाथ तृतीया द्वादशी प्रिये ॥

9.32
कृष्णपक्षे ऽथवा शुक्ले कारयेन्मण्डलं शुभं ।
ग्रीष्मे वाथ वसन्ते वा शिशिरे शरदे ऽथवा ॥

9.33
उपसन्ना महावीरा भक्तियुक्ता: शुचिव्रताः ।
परीक्षा तेषु कर्तव्या यथा शास्त्रे प्रचोदिता ॥

9.34
शूद्रो द्वादशभिर्वर्षैर्वैश्यो नवभिरेव च ।
क्षत्रियः षट्सु वर्षाणि ब्राह्मणं तु तदर्धतः ॥

9.35
अधमश्चोत्तमे कर्मे उत्तमो ऽधमकर्मणि ।
एवं नानाप्रकारैस्तु परीक्षेत प्रयत्नतः ॥

9.36
परीक्षार्णवमुत्तीर्णास्ते योग्यास्तु शिवाध्वरे ।
तेषामनुग्रहः कार्यस्ते ऽत्र योग्याः फलस्य तु ॥

9.37
विलोमा वर्जनीयास्तु ते न सिद्धेस्तु भाजनाः।
नायोगिनीकुले जाताः सूक्ष्मं विन्दन्ति तत्पदम् ॥

9.38
विलोमी मुह्यते ह्येवं प्रमादाद्यदि लब्धवान् ।
एवं ज्ञात्वा तु मन्त्रांशमुपसन्नो महामतिः ॥

9.39
वास्तुयागे कृते स्यात्ता अस्रयागमतः परम्।
गणयागं तु तस्यान्ते श्रियायागं ततः पुनः ॥

9.40
अधिवासयेत् ततो देवं यथोक्तं क्रमयोगतः ।
अपरे ऽहनि पूर्व तु हुतभुक्संयतेन्द्रियः ॥

9.41
रात्रौ यजनमारभ्य सर्वसंभारसंभृतः।
पूजयेत्तत्र देवेशं सर्वात्मानं महाद्युतिम् ॥

9.42
तस्योत्सङ्गगतां देवीं परां सर्वाक्षरां प्रिये ।
पद्महस्तां महाकायां शान्तरूपां वरप्रदाम् ॥

9.43
पिबन्तीं मदिरां दिव्यां प्रहसन्तीं महोत्कटां ।
वर्गमातृगणं बाह्ये यथापूर्व प्रपूजयेत् ॥

9.44
नैवेद्यं विविधं दत्वा सुरासवेन तर्पयेत् ।
एवं पूजां ततः कृत्वा विज्ञापेत्परमेश्वरम् ॥

9.45
अच्छिद्रो भव मे नाथ पश्वर्थे यत्कृतं मया ।
तत्सर्वं सफलं देव तव पादप्रसादतः ॥

9.46
गत्वा चाग्निसमीपे तु यथापूर्वं तथात्र तु।
गर्भाधानादिकं कर्म शिवान्तं यावदेव तु ॥

9.47
कर्तव्यमविचारेण आहुती पञ्चपञ्चभिः।
शुद्धे ऽध्वे तु ततः पश्चाद्यजनं पूर्ववत्कुरु ॥

9.48
तर्पयेन्मण्डलीशां तु विद्यामन्त्रगणं प्रिये ।
कलशे तु यथाप्येवमध्वानं पूजयेत्ततः ॥

9.49
स्थण्डिले कलशे वह्नौ आत्मनस्य विशेषतः ।
कर्तव्या तु विपश्चिद्भिः सदृशा चैव प्रक्रिया ॥

9.50
अभिन्ना तु यथाप्रोक्ता सम्पाद्या चाध्वरे स्थिता ।
पश्चाच्छिष्यं प्रवेशेत पुष्पहस्तं सुयन्त्रितम् ॥

9.51
देवस्य पश्चिमे भागे पुष्पान्मोचापयेच्छिष्यम् ।
प्रणिपत्य ततो देवं गत्वा चाग्निसमीपतः ॥

9.52
अध्वानं मनसा ध्यात्वा शरीरे विनिवेशयेत् ।
तर्पणं संनिधानार्थे आदिक्षान्तस्य सुव्रते ॥

9.53
चरु वै श्रपयेन्मन्त्री क्षीरेणामृतवत्सया ।
श्यामाकतण्डुलैर्देवि नीवारैर्वा प्रियङ्गुभिः ॥

9.54
षष्ट्या शाल्याथवा देवि यवगोधूमव्रीहिभिः ।
ताम्रसौवर्णराजत्या अथवा मृन्मयेन वा ॥

9.55
सुदृढा निर्व्रणा स्निग्धा क्षालयेन्मूलविद्यया ।
शिवाग्नौ चोल्मुकं गृह्य बहिरन्तश्च दीपयेत् ॥

9.56
श्रपयेत्तेन चाग्नौ तु कृतरक्षा प्रसन्नवान् ।
घृतदिग्धां ततः स्थालीं कृत्वा क्षीरपरिप्लुताम् ॥

9.57
स्थापयेद्वह्निमध्ये तु यथा सुनिश्चला भवेत् ।
चालनं मूलमन्त्रेण घटनं तेन कारयेत् ॥

9.58
स्विन्ने चोष्णाभिघारं तु कर्तव्यं मूलविद्यया ।
शीते शीताभिघारं तु कर्तव्यमवतारणम् ॥

9.59
प्रोक्षणं क्षालनं चैव मूलमन्त्रेण कारयेत् ।
संपात हृद्गतं कृत्वा चतुर्भागं तु कारयेत् ॥

9.60
प्रथमं स्थण्डिले देयं द्वितीयं कलशस्य तु ।
तृतीयं बलिवह्निभ्यां चतुर्थमात्मनस्य तु ॥

9.61
नैवेद्यं तु त्रिभिः स्थानैर्बलिं दद्यात्तु बाह्यतः ।
बालानां मातराणां तु क्षेत्रभूतप्रपालकाम् ॥

9.62
एवं संतर्पयित्वा तु पश्चादाचम्य यत्नतः ।
प्रणिपत्य ततो देवं विसर्ज्यार्चा सुसमाहितः ॥

9.63
साधकैः पुत्रकैः सार्धमुपसन्नैस्तथा प्रिये ।
पञ्चगव्यं ततः पीत्वा यथानुक्रमयोगतः ॥

9.64
चरुं प्राश्य विधानेन आचम्य सुसमाहितः ।
दन्तकाष्ठं ततो दत्वा सक्षीरं ग्रन्थिवर्जितम् ॥

9.65
तालं एकायतं कार्य ऋजु स्निग्धं समं शुभं ।
कनीयसीपरीणाहमौदुम्बर्यं वरानने ॥

9.66
अथवान्येऽपि ये प्रोक्ताः क्षीराढ्याः पुष्पसंयुताः ।
पतनं तस्य लक्षेत शोभनं वाप्यशोभनम् ॥

9.67
यन्मुखं पतनं श्रेष्ठं पूर्व-उत्तरयासु च ।
विलोम-इतरा प्रोक्ता लक्षयते प्रयत्नवान् ॥

9.68
[स्वप्ननिवेदनं]
शुभैः सिद्धिमवाप्नोति अशुभैस्तु विपर्ययः ।
स्वपेत रजनीं मन्त्री सखायैः सहितं प्रिये ॥

9.69
प्रत्यूषे विमले गत्वा संध्योपासनपूर्वकम् ।
देवान् पितृन्नमस्कृत्य आगच्छेद्गुरुसंनिधौ ॥

9.70
स्वप्नं निवेदयेदेवि शुभं वा यदि वाशुभम् ।
शुभैः सिद्धि समादेश्य-म्-अशुभैर्होममाचरेत् ॥

9.71
एवं कृत्वा भवेच्छान्तिर्विघ्नोपशमनं भवेत् ।
कार्यादौ लक्षयेत्स्वप्ने कार्यान्ते च शुभाशुभम् ॥

9.72
[शुभाशुभाः स्वप्नाः]
शुभां स्वप्नां प्रवक्ष्यामि अशुभानि वरानने ।
स्वप्ने च मदिरापानं मत्स्यमांसप्रभक्षणम् ॥

9.73
कृमिविष्ठानुलेपं च रुधिरेणाभिषेचनम् ।
भक्षणं दधिभक्तस्य श्वेतवस्त्रानुलेपनम् ॥

9.74
श्वेतातपत्रमूर्ध्निस्थं श्वेतस्रग्दामभूषणम् ।
सिंहासनं रथं यानं ध्वजं राजाभिषेचनम् ॥

9.75
रत्नाङ्गाभरणां दीप्तां ताम्बूलफलमेव च ।
दर्शनं श्रीसरस्वत्यां शुभनार्यविगूहनम् ॥

9.76
नरेन्द्ररिषिदेवैश्च सिद्धविद्याधरैर्गणैः।
आचार्यै सह संवादं कृत्वा स्वप्ने प्रसिध्यति ॥

9.77
नदीसमुद्रतरणमाकाशगमनं तथा ।
मृतं च रोदनं चैव प्रज्वलन्तं हुताशनम् ॥

9.78
ग्रहनक्षत्रताराणां चन्द्रसूर्यस्य दर्शनम् ।
हर्म्यमारोहणं चैव प्रासादशिखरेऽपि वा ॥

9.79
गजाश्ववृषयानेषु तरुशैलाग्ररोहणम् ।
विमानगमनं चैव सिद्धमनुष्यदर्शनम् ॥

9.80
लाभ सिद्धचरैश्चैव देवीनां चैव दर्शनम् ।
गुडिका दण्डकाष्ठं च खड्गपादुकरोचना ॥

9.81
उपवीताञ्जनं चैव अमृतं पारदौषधी ।
शक्तिः कमण्डलुः पद्ममक्षमाला मनःशिला ॥

9.82
प्रज्वालन्त्सिद्धद्रव्याणि गैरिकान्तानि यानि च।
दृष्ट्या सिद्ध्यति स्वप्नान्ते भूलाभं भेषजं च यत् ॥

9.83
क्षतजार्णवसंग्रामे तरणं विजयं रणे ।
ज्वलत्पितुवने रम्ये वीरवीरेशिभिर्वृते ॥

9.84
वीरवेतालसिद्धिश्च महामांसस्य विक्रयम् ।
महापशोविभागं च लब्ध्वा देवीभिरादरात् ॥

9.85
आत्मनः पूजयंदेवं जपं ध्यायं स्तवमपि ।
जुह्वान्तंचानले दीप्ते पूजितं वा प्रपश्यति ॥

9.86
हंससारसचक्राह्वमयूरशवरोहणम् ।
मातृभि भैरवैर्यैर्मन्त्ररुद्रगणैः सह ॥

9.87
भैरवी भैरवं दृष्ट्वा सिद्ध्यते नात्र संशयः ।
शुभाः स्वप्नाः समाख्याता अशुभाश्च निबोध मे ॥

9.88
तैलाभ्यङ्गं तथा पानं विशनं च रसातले ।
अन्धकूपे च पतनमथ पङ्के निमज्जनम् ॥

9.89
ऋक्षवानरयानेषु पतनं वृक्षपर्वतात् ।
कृन्तनं नासिकाकर्णमथवाहस्तपादयोः ॥

9.90
पतनं दन्तकेशानां ऋक्षवानर दर्शनम् ।
दर्शनं क्रूरसत्त्वानां वेतालासितपुंसयोः ॥

9.91
कृष्णां कुचैलमलिनां कृष्णमाल्याम्बरावृताम् ।
रक्ताक्षीं च स्त्रियां स्वप्ने पुरुषो वावगूहते ॥

9.92
म्रियते नात्र संदेहो यदि शान्तिं न कारयेत् ।
गृहप्रासादभेदं च शय्यायासनं च्छत्रयोः ॥

9.93
आत्मनो ऽभिभवं पश्येदात्मद्रव्यापहारणम् ।
खरोष्ट्रश्वासृगालानां कङ्कगृध्रबकेषु च ॥

9.94
वायसोलूकमहिषे रोहणं च पुनर्भवम् ।
भक्षणं पक्वमांसस्य रक्तमाल्यानुलेपनम् ॥

9.95
रक्तकृष्णानि वस्त्राणि कृतात्मानं च पश्यति ।
हसनं वल्गनं स्वप्ने म्लानस्रग्दामधारणम् ॥

9.96
स्वमांसोत्कृत्यनोद्बन्धं कृष्णसर्पेण भक्षणम् ।
उद्वाहं च तथा स्वप्ने दृष्ट्वा ह्येवं न सिद्धति ॥

9.97
अशुभा ह्येवं समाख्याता विज्ञेया देशिकेन तु ।
शुभानि त्वनुमोद्यानि अशुभे शत होमयेत् ॥

9.98
अष्टोत्कृष्टमघोरेण प्रायश्चित्ताद्विमुच्यते ।
[मण्डलकल्पनं]
शुष्कगोर्वरिकां दत्वा तुवारां संयतेन्द्रियः ॥

9.99
उन्मत्त पत्रवल्ल्याद्यैर्घर्षयेत्तां प्रयत्नतः ।
करणीं त्रवृतां गृह्य कर्पासिकसमुद्भवाम् ॥

9.100
खटिकां नागरां शुक्लामानयेद्यत्नतः शुचिम् ।
ब्रह्मस्थानगतं सूत्रं स्फालयेत्पूर्वतो दिशि ॥

9.101
चित्रास्वात्यन्तरे प्राचीमपरां च इहेष्यते ।
उत्तरामीनयोगेन याम्ये चैवाप्ययं विधिः ॥

9.102
चतुर्भागं ततः कृत्वा पूर्वसूत्रसमाश्रितम् ।
चतुर्थं यद्भवेद्भागं तेन मत्स्यद्यं प्रिये ॥

9.103
साधयेद्दिग्गते सूत्रे पूर्वपश्चिमयासु च ।
दक्षिणोत्तरमेवं स्यात्पश्चात्कोणांस्तु साधयेत् ॥

9.104
ईशान्याग्नेयनैरृत्यां वायव्यास्तु यथाक्रमं ।
एवं तु साधिते क्षेत्रे साधयेच्चतुरश्रकम् ॥

9.105
चतुरश्रीकृते क्षेत्रे पश्चात्पद्मं प्रकल्पयेत् ।
चतुर्विंशाङ्गुलायाममालिखेत् पद्ममुत्तमम् ॥

9.106
अष्टपत्रं समं कार्यं कर्णिकाकेशरोल्बणम् ।
प्रथमे कर्णिकाभागं द्वितीये केशराणि च ॥

9.107
तृतीये दलसंधीनि दलाग्राणि चतुर्थके ।
प्रतिवारणरेखां तु दद्यात्पद्मस्य बाह्यतः ॥

9.108
गात्रका बाह्यतः कार्याश्चतुरङ्गुलमानतः ।
तस्यापि बाह्यतो वीथी हस्तमात्रप्रमाणतः ॥

9.109
पद्ममानाः स्मृता द्वारास्तदर्धेनाथवा प्रिये ।
एवं वै सूत्रयित्वा तु रजांसि विनिपातयेत् ॥

9.110
रक्तं पीतं तथा शुक्लं रजस्त्रयमुदाहृतम् ।
समा रेखाः प्रपातव्या अविच्छिन्नाः सुशोभनाः ॥

9.111
रेखाणामन्तरं पूर्वं यवमात्रं तु कारयेत् ।
कर्णिका पीतिका कार्या पुष्करा रक्तवर्णकाः ॥

9.112
केशरा रक्तपीताढ्याः शुक्ला चैव तु कारयेत् ।
दलाः शुक्लाः समाख्याताः सर्वतः परिता उमे ॥

9.113
दलान्तराणि सर्वाणि रक्तपीतानि कारयेत् ।
भ्रामणी पीतिका कार्या गात्रका रक्तपीतकाः ॥

9.114
यथा शोभा तु कर्तव्या मण्डले सर्वतोभद्रके ।
पत्रवल्ली तथा शङ्खा लता स्वस्तिकमेव च ॥

9.115
उपशोभास्तु सर्वत्र कारयेद्वर्णकैः शुभैः ।
अपराह्णे ततो मन्त्री स्नात-म्-उद्धूल्य-म्-एव वा ॥

9.116
सितवस्त्रधरो योगी सितमाल्यानुलेपितः।
प्रविश्य यागभूमिं तु पुष्पहस्त सुयन्त्रितः ॥

9.117
पूजयेत ततो देवं व्योमव्यापि परापरम् ।
सर्ववर्णधरं शान्तं नववर्गोपलक्षितम् ॥

9.118
पद्महस्तं समकुटं चन्द्रार्धकृतशेखरम् ।
एवं संपूज्य यत्नेन अर्घ्यपाद्यादिकैः क्रमात् ॥

9.119
भोगस्थाने तु वर्गाख्याः पूजयेद्यत्नतः प्रिये ।
गन्धपुष्पैः सनैवेद्यैर्भक्षैर्नानाविधैः शुभैः ॥

9.120
पानैश्च विविधाकारैर्मांसैः पक्षिणपाशवैः।
एवं सम्पूजयित्वा तु स्थण्डिले कलशे तथा ॥

9.121
कुण्डे चात्मशरीरे च पूजयेत्परमेश्वरम् ।
प्रणिपत्य ततो भक्त्या शिष्यमाहूय यत्नतः ॥

9.122
अध्वानं कल्पयेत्तस्य शिवाद्यवनियावधिम् ।
पूजयेद्गन्धपुष्पैस्तु नेत्रबन्धं तु कारयेत् ॥

9.123
दुगूलपट्टवस्त्रेण कार्पासेन नवेन वा ।
सदशेन तु शुक्लेन नेत्रबन्धं तु कारयेत् ॥

9.124
पाणौ पुष्पान्ततो दत्वा प्रवेशेद्यागमण्डले ।
देवस्य दक्षिणे भागे पुष्पं मोचापयेत्प्रिये ॥

9.125
यस्य मन्त्रस्य पुष्पाणि दृश्यन्ते पतितानि तु ।
तस्य तत्पूर्वकं नाम शक्तयान्तं परिकल्पयेत् ॥

9.126
स मन्त्रस्तस्य दातव्यो दत्तश्चैव तु सिद्धयति ।
नेत्रोद्घाटं ततः कृत्वा प्रणिपात्य सुभक्तितः ॥

9.127
कलशे तु ततो ह्येवं नमस्कारं ततः प्रिये ।
नीत्वा चाग्निसमीपे तु दक्षिणास्यां व्यवस्थितः ॥

9.128
दर्भहस्तं ततः कृत्वाविच्छिन्नाग्रं सुशोभनम् ।
आलभेन्मन्त्रकोशेन पूजयेत ततो गुरुः ॥

9.129
अध्वानं मनसा ध्यात्वा आचार्यस्तत्त्वपारगः ।
संहारक्रमयोगेन पशूनां तु यथेच्छया ॥

9.130
भुक्त्यर्थे सृष्टिमार्गेण संहारो मुक्तिमिच्छताम् ।
एवं चित्तगतिं ज्ञात्वा उपस्थानं तु कारयेत् ॥

9.131
आदिक्षान्तस्तु सृष्टिः स्यात्संहारः क्षादिकल्पने ।
क्षकारं पूर्वतो न्यस्य अकारं यावदेव हि ॥

9.132
संधानं कुण्डमध्ये तु कारयेत्तत्त्ववित्सदा ।
नाडीसंधानपूर्वा तु तत्त्वसंधानमन्तरात् ॥

9.133
पश्चाद्धोमं प्रकर्तव्यं शास्त्रदृष्टेन कर्मणा ।
एकैकं वर्णमुच्चार्य नमःप्रणववर्जितम् ॥

9.134
षट्कजातिविनिर्मुक्तं शिरःशिखाविवर्जितम् ।
भेदयेत्पद्मगर्भेण कुण्डल्याख्यां तु दीपयेत् ॥

9.135
नैवास्य दीपको योज्या कुण्डल्याख्या तु दीपितम् ।
नाभिस्थं ग्रहणं कार्य विसर्गेण परेण तु ॥

9.136
ऊर्णातन्तुनिभाकारं चैतन्यं तस्य चाग्रतः ।
गृहीत्वा शक्तिना गाढमर्कतूलमिवाम्बरे ॥

9.137
ब्रह्मस्थं विष्णुसंस्थं हि रुद्रस्थमीश्वरे स्थितम् ।
नादस्थं शक्तिसंस्थं तु स्वै स्वैर्भावैः प्रपादयेत् ॥

9.138
स्थाने जन्मे तदैश्वर्यं तद्धोगापादनं तथा ।
संयोगश्च वियोगश्च तत्वे तत्त्वे तु कारयेत् ॥

9.139
नीयते द्वादशान्ते तु वर्णं भित्त्वा यथाक्रमम् ।
तत्त्वं वा पदसंज्ञं वा कलामन्त्रात्मको ऽपि वा ॥

9.140
भुवनं वा वरारोहे वर्णाध्वमथवा प्रिये ।
कर्तव्यो बोधभावस्तु त्यागसंधानयोजना ॥

9.141
शोध्याध्वानमशेषास्य योजना तु परे शिवे ।
निर्लक्षे निर्गुणे शान्ते शुद्धे चात्यन्तनिर्मले ॥

9.142
सर्वगे गुणधातारे व्यापके मनवर्जिते।
अचेतने सुचैतन्ये शब्दस्पर्शविवर्जिते ॥

9.143
अबोधे बोधरूपे च अगुणे गुणसंभवे ।
अरूपे सर्वरूपे च अतृप्ते तृप्तिलक्षणे ॥

9.144
अनाश्रये महायोगे सर्वाश्रयगुणालये ।
अपदे पदभावस्थे अरूपे सर्वरूपके ॥

9.145
आनन्दे च निरानन्दे सकले निष्कले ऽकले ।
अभावे भावमापन्ने योगं कृत्वा निराश्रये ॥

9.146
भ्रूक्षेपेण वरारोहे विषुवस्थस्य साधकः ।
तस्मिन्युक्तो महादेवि न भूयो जन्ममाप्नुयात् ॥

9.147
तावद्भ्रमति संसारे यावदैक्यं न विन्दति ।
एकीभावगते चित्ते न बन्धो न च बन्धकः ॥

9.148
यथा ताम्रं रसस्पृष्टं सुवर्णत्वमुपागतम् ।
एवं युक्तः परे तत्त्वे न भूयः पशुतां व्रजेत् ॥

9.149
अध्वानैव महाबन्धः षोढा संपरिकीर्तितः ।
तस्यैव कारणं शक्तिर्मातृकाख्या परापरा ॥

9.150
परा तेजात्मिका प्रोक्ता वर्णत्रातापरा मता ।
सा चैव वर्ण-अध्वानं जन्तूनां बन्धकारणम् ॥

9.151
वर्णाध्वानं समासेन कथयामि तव प्रिये ।
क्षकारं तु महातेजाः कालाग्निदीप्ततेजसः ॥

9.152
सर्वसंहारकर्तारं न्यसेत्पादतले ह्यधः ।
हकारमुपरिस्तस्य पादाङ्गाङ्गुष्ठतः स्थितम् ॥

9.153
सकारं गुल्फयोर्दद्यात्षकारं जानुनी न्यसेत् ।
शकारं नलके द्रे तु वकारं घोषवाहके ॥

9.154
लकारमस्थिसंघाते रकारं रक्तमुच्यते ।
यकारं त्वचमित्याहूर्मकारं पुरुषं विदुः ॥

9.155
भकारं जानुसन्धीषु बकारं कीलके तथा ।
फकारं जानुनी ज्ञेयमुपरिष्टात्समाश्रितम् ॥

9.156
पकारमूरुके योज्यं नकारं कटिसन्धिषु ।
धकारं वृषणेत्याहूर्दकारमितरे स्मृतः ॥

9.157
थकारं लिङ्गमध्यस्थं तकारं शुक्रमेव च ।
णकारं गुह्यदेशे तु ढकारं नाभिमण्डले ॥

9.158
डकारं नाभिमध्यस्थं ठकारमुदरे तथा ।
टकारं हृदये योज्यं ञकारं स्तनमध्यतः ॥

9.159
झकारं तु द्वितीये तु जकारं शिखरं स्मृतम् ।
वामं तु दक्षिणं चान्यच्छकारं वरवर्णिनि ॥

9.160
चकारं मणिबन्धे तु ङकारं तु द्वितीयके ।
घकारं हस्तसन्धीषु गकारं तु अतः परम् ॥

9.161
खकारं हस्तमध्ये तु ककारं वामतः प्रिये ।
ःकारं गलके योज्यमं दद्यात्तालुमध्यतः ॥

9.162
औ तु विन्यस्य जिह्वाग्रे ओ दद्याद्दन्तपङ्क्तिषु ।
ऐकारं वामतो दद्यादे तु दक्षिणनासिके ॥

9.163
ॡकारमक्षिवामेषु ऌकारं दक्षिणे तथा ।
ॠकारं श्रवणे वामे ऋ च दक्षिणगे तथ् ॥

9.164
ऊकारं भ्रुवयोर्दद्यादुकारं भ्रुवमध्यतः।
ईकारं तु ललाटे तु इकारं बिन्दुरूपिणम् ॥

9.165
आकारं मस्तके दद्यादकारं तत्त्वगोचरे ।
एवं विन्यस्य चाध्वानं ग्रन्थिभेदं तु कारयेत् ॥

9.166
अनेन क्रमयोगेन शोध्याध्वानं वरानने ।
तत्त्वे तत्त्वे लयं भोगं वियोगं योजनं तथा ॥

9.167
संशोध्य क्रमशः सर्व योजयेच्छाश्वते पदे ।
[तत्त्वदीक्षा]
॥ देव्युवाच ॥
वर्णदीक्षा श्रुता देव सारात्सारतरा परा ॥

9.168
सांप्रतं तत्त्वदीक्षां तु श्रोतुमिच्छामि तत्वतः ।
॥ भैरव उवाच ॥
तत्त्वदीक्षा महादेवि सारा या विश्वतोमुखा ॥

9.169
तामहं संप्रवक्ष्यामि शृणुष्वायतलोचने ।
पृथिव्यापस्तथा तेजो वायुराकाशमेव च ॥

9.170
एतैः शुद्धैस्तु शुध्येत षट्प्रकारो वरानने ।
पञ्च कर्मेन्द्रियाः प्रोक्ता बुद्धीन्द्रियमतः परम् ॥

9.171
तन्मात्राः पञ्च विज्ञेया लक्षणं तु अतः शृणु ।
शब्द स्पर्श रसो रूपं गन्ध तन्मात्रपञ्चकम् ॥

9.172
श्रोत्रं त्वक्चक्षुषी जिह्वा घ्राणं बुद्धीन्द्रियाणि तु ।
कथितानि मया पञ्च श्रूयतामेष निश्चयः ॥

9.173
वाचा पाणी तथा पादौ पायूपस्थश्च कीर्तितः।
कर्माक्षपञ्चकं ह्येतत्कथितं तु वरानने ॥

9.174
बुद्धिर्मनस्त्वहंकारः प्रकृत्यादि यथाक्रमम् ।
सत्त्वं रजस्तमो ज्ञेयं प्रधानं गुणसंभवम् ॥

9.175
अव्यक्तं तु समाख्यातं पञ्चविंशदुदाहृतं ।
पुरुषं चैव षड्विंशत्सुखासुखविवेदकम् ॥

9.176
क्षेत्रज्ञं सुखवेदज्ञं दुःखं वा यत्पुरार्जितम् ।
तत्कर्मवासनाशेषं भोग्यं तत्समुदाहृतम् ॥

9.177
तेन शुद्धेन शुध्येत भवबीजमनेकधा ।
संशोध्य क्रमशो देवि अध्वानं तु यथाविधिः ॥

9.178
अतोर्ध्वे नियतिख्याता नियमत्वे व्यवस्थिता ।
काल संख्याप्रकर्तारो यत्कृतं तस्य शोभने ॥

9.179
कलया व्यापितं तत्वं कलितं तु यतः स्थितम् ।
तेनेयन्तु कला प्रोक्ता रागोद्बलितचेतसः ॥

9.180
रागाच्च रञ्जितो देवि मायया बलवान्प्रिये ।
विद्या वेदनिका ज्ञेया विद्या वेत्ति शुभाशुभम् ॥

9.181
पराविद्यार्थवेत्तारः शुद्धमार्गाश्रितः पुमान् ।
ईश्वराधिष्ठितो भूयो गच्छते श्वभ्रमेव वा ॥

9.182
मोक्षं वा यदि वान्यं वा ईश्वरात्संप्रचोदितः।
सदाशिवस्तु वेत्ता वै पशूनां मोचकः प्रिये ॥

9.183
मायाबीजपरिष्वक्तां भोगविप्लुतचेतसाम् ।
शक्तिस्तु व्यापिनी सूक्ष्मा शिवधर्मानुवर्तिनी ॥

9.184
शिवस्तु सर्वगः प्रोक्तः षट्त्रिंशान्ते व्यवस्थितः ।
एवं शोध्य क्रमाद्देवि अध्वानं तत्त्वसंख्यया ॥

9.185
षट्त्रिंशकपदं देवि शोधनीयं मनीषिभिः ।
नवतत्त्वं स्वरूपेण प्रकृत्यादि यथाक्रमम् ॥

9.186
शोधनीयं वरारोहे अणूनां चित्रभोगदम् ।
आत्मविद्याशिवाख्यं तु तत्त्वत्रयमुदाहृतम् ॥

9.187
मुख्यास्त्वेते समाख्याताः शोधनीयाः प्रयत्नतः ।
एतैः शुद्धैस्तु शुध्येत षट्प्रकारो वरानने ॥

9.188
तत्त्वान्तर्भाविताः सर्वे द्रष्टव्या परमेश्वरि ।
[कलादीक्षा]
सांप्रतं तु कलाध्वानं वक्ष्यामि तव सुन्दरि ॥

9.189
कलाभिर्व्यापितं तत्त्वं तत्त्वं वै कलरूपिणम् ।
कलारूपो महादेवः सर्वज्ञः परमेश्वरः ॥

9.190
निवृत्तिश्च प्रतिष्ठा च विद्या शान्तिस्तथैव च ।
शान्त्यातीता परा ज्ञेया पृथिव्यादि कलाः स्मृताः ॥

9.191
इन्धिका दीपिका चैव रोचिका मोचिका तथा ।
ऊर्ध्वगामी परा ज्ञेया सर्वासां पूरणी स्मृता ॥

9.192
सूक्ष्मा चैव सुसूक्ष्मा च तथा वै चामृतामृता ।
शक्तेश्चात्मकला प्रोक्ता व्यापिन्याद्याः शिवस्य तु ॥

9.193
व्यापिनी व्योमरूपा च अनन्तानाथनाश्रिता ।
कलाध्वानं समासेन कथितं तव सुन्दरि ॥

9.194
एतेष्वेकतमं शोध्यं देशिकेन महात्मना ।
मन्त्राध्वानं तु संशोध्यं विद्यया तु परापरा ॥

9.195
पदैः पदाध्वविदीक्षा कर्तव्या समविद्यया ।
भुवनाद्या वरारोहे कर्तव्या शास्त्रवित्तमैः ॥

9.196
कालाग्निमादितः कृत्वा शिवान्तं यावदेव हि ।
षट्प्रकारो विधिस्त्वेष वर्णाध्वाने यथाक्रमम् ॥

9.197
ग्रहणं योजनं चैव वियोगं च यथाक्रमम् ।
कर्तव्यं तु विपश्चिद्भिः शास्त्रदृष्टेन कर्मणा ॥

9.198
एषामेकतमं देवि शोधनीयं प्रयत्नतः ।
संस्कारं विधिवत्कृत्वा गुरुणाध्वानवेदिना ॥

9.199
कर्तव्यो ऽनुग्रहो देवि पशूनां च यथाक्रमम् ।
सृष्टिसंहारभेदेन ज्ञात्वा काम्यानुरूपतः ॥

9.200
तदा मुक्तो वरारोहे पाशस्तोभो यदा भवेत् ।
पाशस्तोभो यदा जातो नान्यथा वीरनायिके ॥

9.201
॥ देव्युवाच ॥
श्रुता दीक्षा मया नाथ षड्विविधाध्वे यथा स्थिता।
सांप्रतं पाशशैथिल्यं श्रोतुमिच्छामि तत्त्वतः ॥

9.202
पाशाः सूक्ष्मास्तु ये प्रोक्ता मायोत्था मायवर्जिताः ।
अचेतना अरूपास्तु तेषां स्तोभो न विद्यते ॥

9.203
पशोर्यः क्रियते स्तोभः पाशस्तोभ इति स्मृतः ।
चैतन्यः पाशितः पाशैरन्योन्यं व्याप्य संस्थिताः ॥

9.204
द्वाभ्यां कस्य भवेत्स्तोभः पशुपाशात्मका प्रभो ।
मदो मोहश्च रागश्च विषादो शोषमेव च ॥

9.205
वैचित्त्यं हर्ष-आख्यश्च सप्तैते सहजा मलाः ।
धर्माधर्मात्मिको बन्धः तदात्मा प्रकृतिस्थितः ॥

9.206
सूक्ष्मत्वं च अरूपत्वं चेतनारहितो यतः ।
सर्वेषां विद्यते स्तोभो मुक्तः क्षेत्री स चेतनः ॥

9.207
तस्मात्स्तोभो न विद्येत निर्गुणे तु अचेतने ।
भैरव उवाच
आत्मा नित्यो अमूर्तश्च गुणहीनश्च निष्क्रियः ॥

9.208
व्याघातभाजनो ज्ञेयः शोध्यो बोध्यः स्वभावतः ।
अकल्पः पशुरुक्तस्तु धर्माधर्मैरधिष्ठितः ॥

9.209
पूर्वं मायात्मकैर्बन्धैः पाशितः पाशपञ्जरैः ।
यतो ऽनादि मलः त्वेको बीजभूतो व्यवस्थितः ॥

9.210
प्ररोह त्वमिति धर्म क्षेत्रमाश्रुत्य सुव्रते ।
क्षेत्रं माया भवेत्तस्य सहजस्य पशोर्मलः ॥

9.211
यथाश्वत्थकणः क्षेत्रे पतितोत्थाय रोहति ।
शाखास्कन्धसमाकीर्णं क्षेत्रमाश्रययोगतः ॥

9.212
एवं मायाश्रितो देवि नित्यमाणवको मलः ।
मायापि सनिमित्तत्वात्परवर्तेत अणोहि सा ॥

9.213
अनिमित्तस्य देवेशि नैव माया प्रवर्तते ।
कदाचिद्धवते ऽप्येवं शुद्धाध्वा न प्रवर्तनम् ॥

9.214
न शिवो विद्यते देवि माया ह्येका भवेत्तदा ।
सातु बन्धस्वभावोत्था न मोक्षः तत्र कस्यचित् ॥

9.215
अयथा यथायोगो ऽयं प्रवर्तेत सुरैरपि ।
विद्येशादि स्मृता ये तु मोक्षगाः परमेश्वरि ॥

9.216
न तेषां भवते मोक्षो अनिमित्ता यदा भवेत् ।
यथा मोक्षो न विद्येत विद्यमाने ऽपि सत्पथे ॥

9.217
अविचारितशास्त्रार्थे मायाख्या पाशपद्धतिः ।
यथा राज्ञस्सदोषे तु बन्धो बन्धे प्रवर्तते ॥

9.218
निर्दोषे बन्धनं नैव तद्रन्माया प्रसज्यते ।
आश्रयः सहजः पुंसां मलो ह्येकः प्रबन्धकः ॥

9.219
तदाश्रित्य प्रवर्तेत माया संतानबोधनी ।
बोधितं मायया तत्त्वं विश्लेषं चैव गच्छति ॥

9.220
कलोद्बलितचैतन्यो विद्यादर्शितगोचरः ।
रागेण रञ्जितश्चासौ बुद्धयादिकरणैर्युतः ॥

9.221
एवं मायात्मको बन्धः प्रसज्येदनुसंततौ ।
तदाश्रयगुणो धर्मस्त्वधर्मश्च समासतः ॥

9.222
तदात्मकाः स्मृताः पाशाः पाशितस्तैस्तु तिष्ठति ।
एवं ज्ञात्वा तु विश्लेषमात्म माया शिवस्य तु ॥

9.223
पाशशैथिल्यकं पश्चाद्यथा भवति तच्छृणु ।
अचेतनो यथा देवि सर्पदष्टो गतायुषः ॥

9.224
चलते स्पन्दते चैव तीर्थं वै प्रेषयन्ति हि।
दृश्यते मन्त्रसामर्थ्यात्किमत्र प्रविचार्यते ॥

9.225
शिलानां कम्पनं स्तोभं स्फोटनं गतिरागतिः ।
मृतदेहप्रवेशं च रूपादिपरिवर्तनं ॥

9.226
ह्रस्वत्वं च कृशत्वं च निर्गमं जालकान्तरे ।
एवंविधानि सिद्धीनि अचिन्त्यानि तु सुव्रते ॥

9.227
मन्त्रसामर्थ्यभावेन कथं चर्चा शिवागमे ।
प्रमाणानि यान्युक्तानि प्रत्यक्षादीनि शंभुना ॥

9.228
तेषां तु प्रवरं ह्येतत्प्रत्यक्षं तु यशस्विनि ।
अक्षैस्तु गृह्यते यच्च तत्रान्या कल्पना कथम् ॥

9.229
धर्माधर्मात्मिको बन्धो आत्मनो यो वरानने ।
तस्य चैव क्षयः कार्यो दीक्षया परमेश्वरि ॥

9.230
कृतानि यानि कर्माणीदानीं यानि करोति च।
दीक्षया हि क्षयस्तेषां पिण्डपाताच्छिवं व्रजेत् ॥

9.231
क्षीणैर्दोषात्मकैः पाशैर्धर्मैर्ये च संस्थिताः ।
आधारो नास्ति देवेशि येनासौ तिष्ठते ऽध्वनि ॥

9.232
पाशमुक्तो यदा ह्यात्मा निराधारः प्रकीर्तितः।
पतते कम्पते चैव छिन्नमूलो यतः प्रिये ॥

9.233
यथा वृक्षो बहिर्भावैश्छिन्नः कम्पति भूतले ।
पतते च न सन्देहस्तद्रदात्मा प्रकीर्तितः ॥

9.234
वियोगश्चैव पाशानां कर्तव्यो दीक्षया विद्वद्भिः ।
वियोगस्तु यदा जातस्तदा स्तोभो न संशयः ॥

9.235
स्तोभो नाम समुद्दिष्टः कम्पनं पतनं तथा ।
काश्यपीतलसंस्थस्य योगश्चैव निरामये ॥

9.236
पाशस्तोभो भवत्येवं वियोगं बन्धनैः सह ।
यथा बद्धः क्वचिद्वृक्षो मूलैः शाखान्तगैः प्रिये ॥

9.237
तैश्छिन्नैः पतनं यद्रदाधाररहितस्य च ।
तद्वद्देही पतत्येवं मुक्तो धर्मादिबन्धनैः ॥

9.238
मोक्षं तु भवते तस्य इति शास्त्रे प्रचोदितम् ।
पाशस्तोभात्क्षयः सिद्धः संसिद्धैः सो ऽपि सम्वरैः ॥

9.239
संवराणामचिन्त्यत्वाद्यथा मूर्तविषक्षयः ।
तस्मान्मुक्तिः स्फुटाप्येवं यदा पाशा निकृन्तिताः ॥

9.240
कृन्तनं स्तोभनं प्रोक्तं न चान्या कल्पना स्मृता ।
दग्धबीजास्तु ते देवि येषां दीक्षा तु पाशवी ॥

9.241
स्तब्धाः पाशा यदा तस्य तदा मोक्षो न संशयः ।
शासनानां तु सर्वेषां दीक्षा मोक्षो वदन्ति च ॥

9.242
स च मोक्षस्त्वदृष्टस्तु साध्यते दृष्टहेतुना ।
अष्टौ ये प्रत्ययाश्चोक्ता अदृष्टस्य तु साधने ॥

9.243
शुष्कतर्कैस्तु देवेशि न चैवागमकोटिभिः।
साध्यते दीक्षया मुक्तिर्यदा स्तोभः प्रजायते ॥

9.244
स्तोभहीना न मुक्तिः स्यात्सत्यं सत्यं न संशयः ।
देव्युवाच ।
धर्माधर्मात्मिकास्तस्य पाशा आधाररूपकाः ॥

9.245
छिन्नमूला यदा ते वै तदात्मा चैव गच्छति ।
मोक्षं तु शाश्वतं नित्यमानन्दं सर्वतोमुखम् ॥

9.246
भोग्ये नैव स तिष्ठेत यतो भुक्तं क्षयीकृतम् ।
न चात्मा तिष्ठते तस्मिन्भुक्ते कर्मात्मके विभो ॥

9.247
भोग्यं नाम पशोः कर्म तदुत्थं बन्धनं स्मृतम् ।
तन्निष्कृत्य कुतो बन्धस्तन्मुक्त्वा मृतमश्नुते ॥

9.248
प्राप्तः पञ्चत्वमात्रं तु आधारस्याप्यभावतः।
शरीरे नैव तिष्ठेत यतस्तस्य क्षयीकृतः ॥

9.249
भैरव उवाच
पशोस्तु बन्धका शक्तिर्जगतः कारणात्मिका ।
तया बद्धं जगत्कृत्स्नं मुक्तं चैव तया प्रिये ॥

9.250
बन्धनी अज्ञरूपाणां मोचनी विदितात्मनाम् ।
उभयार्थसाधनी ह्येषा सा शक्तिरुपचर्यते ॥

9.251
तदाधारः प्रवर्तेत पुण्यपापक्षयेष्वपि ।
बहिरङ्गगताभावा द्रुमस्येव निकृन्तिताः ॥

9.252
पतनं नैव विद्येत गुणेनैकेन धार्यते ।
तद्रदात्मा शरीरस्थ शक्तयाधारस्तु तिष्ठति ॥

9.253
पतनं तु न विद्येत शक्त्याधारस्तु पुद्गलः ।
यथा मृते शरीरे तु प्रविशेतापरं पुरम् ॥

9.254
पञ्चभूतसमायुक्तं करणैस्तु त्रयोदशैः ।
कुरुते योगिनस्तूर्णं सजीवं तु गतायुषम् ॥

9.255
चलते धावते चैव वदते भुञ्जते स्वयम् ।
स्वशरीरे ऽपि चास्पन्द एकैवात्मा उभेष्वपि ॥

9.256
चैतन्यदायको देवि शक्तयाधारस्तु पुद्गलः ।
अविच्छिन्न-म्-अनागा तु व्यापिनी सा परा कला ॥

9.257
यथा सुप्तो व्रजेदेवि ग्रामाद्ग्रामान्तरं तथा ।
सप्तद्वीपां समुद्रां च अटते चैव देहिनः ॥

9.258
स्वशरीरेऽपि पश्येत याति शृण्वति भुञ्जति ।
न तद्भवति शून्यं हि यं त्यक्त्वा गतचेतनः ॥

9.259
न कश्चिद्गच्छते देवि नान्यो मन्ता तु विद्यते ।
स्वयं मन्ता प्रभुश्चेता शक्तयाधारः प्रपश्यति ॥

9.260
यत्र शक्तिर्मनस्तत्र मनस्त्वनिलसंस्थितः ।
निलस्थश्चाप्यहंकारो ह्यहंकारे प्रतिष्ठिता ॥

9.261
त्रिविधा सातु विज्ञेया सत्वराजसतामसा ।
तामसा तिर्यलोकानां नराणां चापि राजसा ॥

9.262
सत्त्वोत्कटा तु देवीनां भवते वरवर्णिनि ।
तत्प्रभावात्प्रपश्यन्ति यान्ति शृण्वन्ति चैव हि ॥

9.263
कामिकं चापि गृह्णन्ति मनसा यत्रतत्रगम् ।
एवं शक्तिर्मयाख्याता सव्यापारा शिवात्मिका ॥

9.264
तस्याश्छेदो यदा देवि तदा निर्मनकं पदम् ।
भवते ऽत्र न संदेहो यथा शास्त्रे प्रचोदितम् ॥

9.265
सावलम्बे भवेत्सिद्धिरणिमादिगुणाष्टकम् ।
शक्तिकार्यस्तु सुश्रोणि भुञ्जते परमं पदम् ॥

9.266
विद्यात्मकमिदं प्रोक्तं देवदेवेन शम्भुना ।
[योगमार्गेण ग्रहणम्]
सांप्रतं ग्रहणं ब्रूमि यथा ते निश्चलं भवेत् ॥

9.267
शक्त्याया ग्रहणं कार्यं मन्त्रातीतस्य सुव्रते ।
क्रियाज्ञानपरित्यागाद्रुद्रस्थाने तु भावना ॥

9.268
निरोधस्तत्र कर्तव्यो-म्-अनाख्या परमेश्वरि ।
अनिलानलयोगेन स्तुभ्यते तु न संशयः ॥

9.269
ग्रहणं नाभिदेशे तु कदम्बगोलकाकृतेः ।
शक्त्याग्रे तु ततो भाव्यं ज्वालामालावलीधरम् ॥

9.270
वाय्वग्निपुरमध्यस्थः पतते नात्र संशयः ।
नाभिस्थं भ्रमणं ध्यायेद्दार्ढ्यालातचक्रवत् ॥

9.271
ग्रहणं शून्यभावस्थं भवते नात्र संशयः ।
चलद्रूपां मनाख्यां तु भावयेद्यत्रतत्रगाम् ॥

9.272
नागोद्बलनयोगेन पतते ऽत्र न संशयः ।
यद्रूपं भावयित्वा तु वेधयेद्योगनायकः ॥

9.273
तद्विकारो भवत्याशु ज्ञात्वा शक्ति परां प्रिये ।
तत्वस्य यादृशं रूपं वेधं कृत्वा तु तादृशम् ॥

9.274
तदात्मको भवेत्स्तोभो विकारस्तादृगेव हि ।
एवं ज्ञात्वा वरारोहे मन्त्रातीतस्य सुव्रते ॥

9.275
ग्रहणं योगमार्गेण यथा शास्त्रे प्रकाशितम् ।
[मन्त्रयोगेन ग्रहणम्]
सांप्रतं मन्त्रयोगेन यथा भवति तच्छृणु ॥

9.276
ह-र-ई-म-युतं ह्येतच्छक्तिबीजमुदाहृतम् ।
शक्तिबीजं स्मृतं यच्च सर्वाङ्गेषु च विन्यसेत् ॥

9.277
हृच्चक्रे विन्यसेन्मन्त्रं द्वादशस्वरभूषितम् ।
जवाकुसुमसंकाशं चैतन्यं तस्य मध्यतः ॥

9.278
वायुना प्रेरितं चक्रं वह्निना चैव दीपितम् ।
तं ध्यायेत जपेन्मन्त्रं नामान्तरितयोगतः ॥

9.279
निमिषं यावद्देवेशि तावत्स्तोभो न संशयः ।
पश्यते चात्मनं देवि तत्त्वे तत्वे नियोजितम् ॥

9.280
यावत्प्राप्तः परे तत्वे तावदेव स पश्यति ।
अनेन क्रमयोगेन सर्वाध्वेषु स पश्यति ॥

9.281
अथवा सर्वशास्त्राणि उद्ग्राहयति तत्क्षणात् ।
मुद्रा बन्धत्यनेकानि शास्त्रोक्तानि न संशयः ॥

9.282
अनेन क्रमयोगेन पाशस्तोभं तु कारयेत् ।
न ज्ञानेन विना स्तोभः शक्तिहीनो वरानने ॥

9.283
यो जानाति परां शक्ति शक्ति-र्-आद्यां मनोन्मनीम् ।
तया विद्धो व्रजेदूर्ध्वं यत्तत्पदमनामयम् ॥

9.284
आत्मबीजं नितम्बस्थं दण्डाक्रान्तं तदासनम् ।
वामशिखरमारूढं भूषितं भूषणेन तु ॥

9.285
वामकर्णस्य सुश्रोणि स्तोभयेत्सचराचरम् ।
आत्मप्राणं तथा नाभिदण्डाक्रान्तं तु कारयेत् ॥

9.286
दीपयेद्वह्निना देवि शिखरेण तथा पुनः ।
भूषणेन तु वामेन त्रैलोक्यं स्तोभयेत्प्रिये ॥

9.287
वामबाहुं नितम्बस्थं दण्डाक्रान्तं तदासनम् ।
शिखरेण तु वामेन भूषणेन तु भूषितम् ॥

9.288
स्तोभनं सर्वसत्त्वानां सत्यं सत्यं न संशयः ।
अथान्यं परमं देवि वक्ष्यमाणं शृणुष्व मे ॥

9.289
जीवं वह्निसमारूढं तदाक्रान्तं तु कारयेत् ।
वायुना प्रेरितं चैव षट्कयुक्तं तथैव च ॥

9.290
द्वादशस्वरसंभिन्नं योनिस्थं तु वरानने ।
तत्र मध्यगता शक्तिर्वेधघट्टनिरोधनम् ॥

9.291
कर्तव्यं ग्रहणं देवि संधानेन परेण तु ।
एवं संसाधितो मन्त्रग्रहणं शक्तिगोचरम् ॥

9.292
गृहीतः पतते शीघ्रं काश्यप्यां गतचेतसः ।
निरोधस्तत्र कर्तव्यो योजनं परमे पदे ॥

9.293
पुनरेव तु कर्तव्यं प्राणसंधान नाडिषु ।
संधाने तु कृते देवि यथा पूर्वं तथा भवेत् ॥

9.294
कथयेत्तत्र यद्दृष्टं तत्त्वे तत्त्वेष्वनुक्रमात् ।
यावत्तत्परमं तत्त्वं तावदेवं स पश्यति ॥

9.295
पदभेदेन या विद्या विन्यसेत्तां प्रयत्नतः ।
नादिफान्तस्वरूपेण नवतत्त्वस्वरूपतः ॥

9.296
ग्रहणं शक्तिना कार्य खद्योतकमिवार्चिषा ।
आनयेद्द्वादशान्ते तु विसर्गेण तु कारयेत् ॥

9.297
ग्रहणं करणैर्युक्तं पञ्चभूतात्मभिः सह ।
आत्मस्थं चैव तत्त्वस्थं तत्स्थं चैव पुनः पुनः ॥

9.298
संशोध्य क्रमशात्सर्वं योजयेत परे शिवे ।
निर्लक्षे निर्गुणे शान्ते सर्वोपायविवर्जिते ॥

9.299
[उत्क्रान्तिः]
पशुग्रहणमेतद्धि उत्क्रान्तिं तु अतः शृणु ।
नाभिबीजं स्तनस्थं तु वामं चैव प्रयत्नतः ॥

9.300
गुह्ये नाभौ तथा वक्त्रे श्रवणे घ्राण चक्षुषौ ।
वर्गाक्षरसमायुक्तमेतैः स्थानैर्यथाक्रमम् ॥

9.301
कुण्डलीं ब्रह्मरन्ध्रस्थं चिन्तयेद्योनिरूपिणीम् ।
तस्य मध्यगतं वायुं तेजाख्यं परमात्मनम् ॥

9.302
सुषुम्नामध्यगं देवि ब्रह्मनाड्यां व्यवस्थितम् ।
परेण तु विसर्गेण वेधनं ब्रह्मरन्ध्रयोः ॥

9.303
तत्राग्रे तु मनस्कृत्वा योजयेद्भावधारणा ।
नाभिहृत्कण्ठताल्वन्ते बिन्दुनादे च सुव्रते ॥

9.304
छेदयेदस्त्रराजेन क्षुरिकयाथवा प्रिये ।
छेदयेन्मनसा सर्वमर्मसंधानबन्धनम् ॥

9.305
ज्वालामालासहस्रैस्तु दह्यमानं विचिन्तयेत् ।
निर्गतं ब्रह्मरन्ध्रेण शेषां बन्धां च्छिनत्त्यसौ ॥

9.306
विसर्गेण छिन्देत्सक्तो लम्बकस्योर्ध्वतः प्रिये ।
हिष्कं तु कण्ठदेशस्थं भावयेद्भवनाशनम् ॥

9.307
अनेन क्रमयोगेन पदभेदं समुच्चरेत् ।
यावदावर्तनं याति पदभेदेन सुव्रते ॥

9.308
उत्क्रामयति भूतानि शतशो ऽथ सहस्रशः ।
पशुग्रहणमेतद्धि उत्क्रान्तिश्च तपोधने ॥

9.309
कुरुते साधकेन्द्रस्तु सत्यं सत्यं सुरार्चिते ।
देव्या विज्ञानमेतत्तु नाख्येयं कस्यचित्प्रिये ॥

9.310
अनेन पशवो देव्या उत्क्रामन्ति च भूतले ।
तेन गुप्तं प्रकर्तव्यं नाख्येयं गोपयेत्सदा ॥

9.311
[क्षुरिका-प्रयोगः]
क्षुरिकां तु प्रवक्ष्यामि यथा लक्षणलक्षिताम् ।
स्तनं देव्यास्तु दक्षस्थं रेफयुक्तं विसर्गिणम् ॥

9.312
द्विरभ्यासपदं कार्य द्वितीयं दशनं पुनः ।
दक्षजंघासमायुक्तं पुनस्तं प्रथमाक्षरम् ॥

9.313
प्रथमं तु ततो दत्वा दशनं रेफसंयुतम् ।
नाभिस्तु तेन संयुक्ता प्रथमं तु पुनर्द्विजम् ॥

9.314
यथा पूर्वं तथा कार्यं लक्षणं समुदाहृतम् ।
कथिता तु मया भद्रे क्षुरिका मर्मच्छेदनी ॥

9.315
छेदयेत ततो मर्म योजयेत्परमे पदे ।
[अस्त्रराजप्रयोगः]
सांप्रतमस्त्रराजानं कथयामि समासतः ॥

9.316
नाभिबीजं समुद्धार्य दण्डाक्रान्तं तु कारयेत् ।
नितम्बं तदधस्ताततु पुनर्दण्डं तु कारयेत् ॥

9.317
शिखरं तु ततो योज्यं भूषणं तदनन्तरम् ।
वामकर्णस्य सुश्रोणि कलाद्यं मस्तके न्यसेत् ॥

9.318
एवं मया समुद्दिष्टमस्त्रराजा सुदुर्लभम् ।
आपादतलमूर्धान्तं स्मरेदेवं तु व्यापकम् ॥

9.319
उच्चारो ह्यस्त्रराजस्य कर्तव्यः शक्तिसंयुतः ।
ज्वलत्पावकसंकाशं ध्यायमानो जपेत्सदा ॥

9.320
कुञ्चन-म्- अङ्गुलीनां तु कर्तव्यं चोदनं ततः।
जानुं चाकुञ्च्येत्पश्चादुरुकौ तदनन्तरात् ॥

9.321
कटिगुह्यं ततः कुञ्च्य नाभिस्थं ग्रहणं ततः ।
ब्रह्मस्थं चैव विष्णुस्थं रुद्रस्थं बिन्दुमध्यगम् ॥

9.322
नादस्थं चैव शक्तिस्थं व्यापिनीस्थं च सर्वतः।
विषुवस्थं च ज्ञातव्यं विसर्गस्थमनन्तरम् ॥

9.323
गुरुवक्त्रगतं ज्ञात्वा मुच्यते मोचयेति च ।
एवं त्यागगतिं ज्ञात्वा शक्त्याधारस्य सुव्रते ॥

9.324
शक्ति सूक्ष्मपरा ज्योत्स्ना परधर्मप्रबोधनी ।
तं ज्ञानं परमं देवि पारंपर्यक्रमागतम् ॥

9.325
कथितं सरहस्यं तु सद्योनिर्वाणदं पदम् ।
उत्क्रान्तिः कथिता भद्रे आत्मनो वा परस्य वा ॥

9.326
कर्तव्या ज्ञानविज्ञानैर्यथा शास्त्रे प्रदर्शिता ।
अथान्यं संप्रवक्ष्यामि अभिषेकविधिं शुभम् ॥

9.327
सांप्रदायिकमेतत्तु नाभाग्याः प्राप्नुवन्ति हि ।
गन्धदिग्धौ करौ कृत्वा शिष्यस्य सुसमाहितः ॥

9.328
शक्त्यासनं न्यसेत्तत्र गन्धाम्बुपूरितं ततः ।
कलशं वाथवा शङ्खं सहिरण्यं तु विन्यसेत् ॥

9.329
सोमं प्रपूजयेत्तस्मिनष्टवर्गसमन्वितम् ।
वर्तुलीकृत्य शक्तिं तु उच्चरेत्तत्पुनः पुनः ॥

9.330
तत स्तुभ्य ह्यसौ हस्तं कलशं चैव कम्पति ।
धारासंपातनिर्घोषः पतते शिष्यमूर्धनि ॥

9.331
धारासंपातयोगेन ब्रह्महत्यां व्यपोहति ।
एतत्प्रत्यय संवेद्य दृश्यते यस्य कस्यचित् ॥

9.332
स एव पूजयेदेवि सिद्धविद्याधरादिभिः।
देव्युवाच ।
अस्यैव रूपकं किं तु यस्य वर्णो न विद्यते ॥

9.333
वर्णहीनो यदा देव कौटार्थः प्रतिपद्यते ।
यथा तं ज्ञायते वीर्यं को वीर्यस्य च भाजनः ॥

9.334
भैरव उवाच ।
लिखेद्भूम्यां तु तां शक्ति कुटिलाकाररूपिणीम् ।
निरीक्षानिमिषा दृष्ट्वा उपसन्नस्तु सुव्रते ॥

9.335
भावितात्मा यदा पश्येच्छक्तिं वै कुटिलाकृतिम् ।
शतेन पतते यस्तु तीव्रपातः प्रकीर्तितः ॥

9.336
एवं सहस्रमेकेन अथवैवायुतेन च ।
यस्य पातो भवेदेवि मध्यमः परिकीर्तितः ॥

9.337
द्व्ययुतैस्त्र्ययुतैर्वापि तथा पञ्चदशः प्रिये ।
पतते वर्तनैर्यस्तु सो ऽधमश्च इति स्मृतः ॥

9.338
पातानां च विभागो ऽत्र विवृण्वे दंशकान्वये ।
पतितं दीक्षयेदेवि पातहीनं तु वर्जयेत् ॥

9.339
पातहीनो दुरात्मानो न दीक्षाफलमर्हति ।
पूर्वजातिस्मरा मन्त्राः तत्त्वं भवन्ति सुव्रते ॥

9.340
भावितानां तु चिह्नेदं चलते कम्पते धुनेत् ।
पाशच्छेदे तु संजाते पतते काश्यपीतले ॥

9.341
संमुखं पतते यस्तु छिन्नपाशो न संशयः ।
उत्तमो ऽसौ समुद्दिष्ट उत्तानो मध्यमो मतः ॥

9.342
तिर्यक्पातो ऽधमः प्रोक्तो देवदेवेन शंभुना ।
सूक्ष्मपाशो वरारोहे कर्तर्या नैव छिद्यते ॥

9.343
शुद्धद्वन्द्वजमिश्राच्च यदा देवि विनश्यते ।
तदा मुक्तो भवत्याशु पाशजालेन सुव्रते ॥

9.344
काष्ठवत्तिष्ठते यस्तु पाषाणो वा सुरेश्वरि ।
तस्य दीक्षा न कर्तव्या यदि निर्मानुषी प्रजा ॥

9.345
तीव्रेण खेचरं याति पातेन वरवर्णिनि ।
मध्यमेन तु पातालमधमन्सुख जीवति ॥

9.346
एवं प्रत्ययमाख्यातं पाशस्तोभं करोति सः ।
न ज्ञानेन विना स्तोभो न वीर्येण सुरेश्वरि ॥

9.347
सिद्धयोगी करोत्येवं संप्रदायेन संयुतम् ।
संप्रदायविहीनस्तु यो दीक्षां कर्तुमिच्छति ॥

9.348
निष्फलं परिश्रमं तस्य न दीक्षा नरकं ब्रजेत् ।
व्रतिनस्तु पुनर्देवि क्षेत्रपाला भवन्ति हि ॥

9.349
यदि दीक्षा भवेन्मुक्तिस्सर्वेषु चागमेषु च ।
तस्मादीक्षा तु बोद्धव्या पाशस्तोभो यदा भवेत् ॥

9.350
धर्माधर्मनिबद्धस्तु पिण्डो तत्र पतेत्प्रिये ।
तदा निर्वाणदां दीक्षां यः करोति स देशिकः ॥

9.351
येनैवालब्धमात्रस्य स्तुभ्यते पाशपञ्जरम् ।
स गुरुस्तु समाख्यातः संसारार्णवतारकः ॥

9.352
तस्य पादरजो देवि शिरसा धारयेद्यदि ।
तत्क्षणादेव मुच्येत सर्पस्य कवचं यथा ॥

9.353
स आचार्यः समाख्यातः शिवसद्भावभावितः।
तत्त्ववित्स समाख्यातः स्तोभयेत्पाशपञ्जरम् ॥

9.354
स गुरुस्तु समाख्यातो धर्मार्थकाममोक्षदः।
[तुलाविधिः]
साम्प्रतं तु पुनर्वक्ष्ये तुलाया विधिमुत्तमम् ॥

9.355
तुला पट्टमयी कार्या लक्षणं तस्य कथ्यते ।
दीर्घत्वं शाखयोः कार्य चतुर्हस्तप्रमाणतः ॥

9.356
विस्तारं त्रीणि हस्तानि मध्ये हस्तद्वयार्धतः ।
चतुरस्रौ समौ कार्यौ त्रितोरणसमन्वितौ ॥

9.357
मध्ये तु शृङ्खला कार्या कटकत्रयसंयुता ।
कर्णौ तु सुदृढौ कार्यौ स्थूलौ सन्धितसन्धितौ ॥

9.358
एवं ततः प्रकल्प्यादौ तुलां वै मण्डपाग्रतः ।
अधिवासनं ततः कृत्वा गन्धपुष्पपवित्रकैः ॥

9.359
नैवेद्यैर्बहुभिर्धूपैर्मन्त्रन्यासं तु कारयेत् ।
द्वितीयेऽहनि शिष्यस्य तौल्यमानं समारभेत् ॥

9.360
समसूत्रं तु तं तौल्यं सिकतायाः सहैकतः ।
सममानं ततो ज्ञात्वा-द्-आनयेदग्निपार्श्वतः ॥

9.361
ग्रहणं शक्तिना कार्य सन्धानं शक्तिना पुनः ।
संशोध्य क्रमशः सर्व-म्-अध्वनेषु यथाक्रमम् ॥

9.362
योजयेत ततो मन्त्री सकले निष्कले ऽपि वा ।
सर्वाशुद्धिनिवृत्यर्थं बहुरूपेण दापयेत् ॥

9.363
पूर्णात्तु पूर्णतां कुर्याद्विधिरच्छिद्रतां भवेत् ।
आरोहयेत्ततो मन्त्री साधकं शक्तिविग्रहम् ॥

9.364
उच्चार्य शक्तिना तूर्णं प्राणजीवसमाश्रितम् ।
कण्ठयुक्तं सबिन्दुं च यकारेणाथ दीपितम् ॥

9.365
भूषणैर्वामकर्णस्य भूषितं तु यथेप्सया ।
लघुत्वं भवते देवि गच्छते चोर्ध्वत स्वयम् ॥

9.366
शुद्धः पापविनिर्मुक्तः परं पारं च गच्छति ।
शुद्धिरेवं समाख्याता ब्रह्मघ्नस्यापि शम्भुना ॥

9.367
गवघ्नस्यापि कर्तव्या तुलाशुद्धि मनीषिणा ।
एवं तुलाविशुद्धस्य मोक्ष इत्यभिशब्दितः ॥

9.368
[प्रसन्नाविधिः]
मृतेषूद्धरणं प्रोक्तं प्रसन्नाया वरानने ।
दर्पणं चाधिवास्यादौ शिष्यं कन्यकया सह ॥

9.369
द्वितीये ऽहनि दीक्षा तु कर्तव्या शिव-अध्वरे ।
ग्रहणं हृदयस्थस्य कर्तव्यं पशुरात्मनः ॥

9.370
तत्त्वस्थं योजयेत्पश्चाच्छुद्धर्थं बन्धनाय तु ।
दर्पणस्था प्रपश्यन्ति कन्यका दिव्यचक्षुषा ॥

9.371
यत्र तत्र स्थितं सूक्ष्मे शरीरे भुवनाध्वनि ।
ग्रहणं योजयेदेवि तत्त्वे तत्त्वे न संशयः ॥

9.372
यावद्युक्तः परे तत्त्वे तावदेवं प्रपश्यति ।
शक्तिनालब्धदृष्ट्या तु नेत्रबीजेन सुव्रते ॥

9.373
अभिमन्त्र्य ततो देवि उदकं तु शतार्धतः ।
क्षालयेन्नयने तासां दर्पणं तु प्रदर्शयेत् ॥

9.374
पश्यन्ति तत्र ताः कन्याः शुभाशुभफलाफलम् ।
अथान्यं संप्रवक्ष्यामि प्रसन्नाविधिमुत्तमम् ॥

9.375
ओं नमश्चण्डिकायै योगवाहिनि प्रवर्त प्रवर्त मोहय मोहय योगमुखि योगेश्वरि
महामायाधारिणि हिरि हिरि भूतप्रिये स्वकायं पश्यामि बाढं शृणोमि स्वयं जिघ्रामि
सर्वलोकानि पश्यामि तुरु तुरु साधय साधय स्वाहा ।
रुद्रस्थाने शुचिर्भूत्वा सहस्रा दश योजयेत् ।
सिद्धा भवति सा विद्या दश कर्माणि कारयेत् ॥

9.376
चन्द्रे सूर्ये ऽथवा खड्गे दर्पणे वाथ दीपके ।
अङ्गुष्ठे वा घटे वापि दारिकां वाथ दारकम् ॥

9.377
पश्यापयत्यसंदेहात्तिलांवा तण्डुलानतः ।
भूतं भव्यं भविष्यं च पृच्छते कथयन्ति हि ॥

9.378
अथ विद्यां समावर्त्यं रजान्यां स्वपयेच्छुचिः ।
स्वयमेव प्रपश्येत स्वप्नान्ते यच्छुभाशुभम् ॥

9.379
ओं रक्ते रक्ताङ्गुष्ठे उच्छुष्मे अवतर अवतर पिशाचिनि कथय कथय कथापय कथापय स्वाहा

खड्ग-म्-आदर्शके वाथ अङ्गुष्ठे वा वरानने ।
पश्यति कन्यका सर्वं शुभाशुभफलाफलम् ॥

9.380
ओं पिङ्गलि पाशुपति महाविद्ये स्वाहा ॥
एषा विद्या महादेवि कर्म कुर्वन्ति सप्तधा ।
ओं रक्ते विरक्ते अवतर २ मातङ्गिनि स्वाहा ॥
नवविधं स्याद्यत्कर्म एषा विद्या करोति हि ॥

9.381
सप्तभिर्मन्त्रितं हस्तं कृत्वा स्वौरसि विन्यसेत् ।
स्वयमेव हि जानाति मन्त्रस्यास्य प्रभावतः ॥

9.382
ओं नमश्चण्डिकायै अवतर २ तुरु २ स्वाहा ॥
सोपवासः शुचिर्भूत्वा अष्टौत्कृष्टशतं जपेत् ।
रात्रौ स्वप्ने त्ववतीर्य कथयेद्यच्छुभाशुभम् ॥

9.383
सर्वासां चैव विद्यानां चण्डिकागृहमाश्रितः।
दशसाहस्रिको जाप्यस्ततः कर्माणि कारयेत् ॥

9.384
एवं परीक्ष्य हेत्वर्थ जिज्ञासार्थं स्वयंभुना ।
कथितं सरहस्यं तु दीक्षाकर्म सुविस्तरम् ॥

9.385
दीक्षिताय प्रशान्ताय अभिषिक्ताय शोभने ।
समयीपुत्रके वापि साधके च वरानने ॥

9.386
नाख्येयं नाधिकारिण्ये सत्यमीशेन भाषितम् ।
चुम्बके श्रावणीयं तु विधिदृष्टेन कर्मणा ॥

9.387
देव्युवाच ॥
चुम्बकश्चाधिकारी स्यात्सर्वस्य परमेश्वर ।
तस्याभिषेचनं शम्भो कलशादेव तैः सह ॥

9.388
कुण्डं च मेखला चैव स्रुच्या च स्रुवमेव च ॥

9.389
जिह्वादिदेवतावक्त्र प्रमाणं शब्दसंयुतम् ।
ज्वालानां गन्धवर्णं च पूर्णा स्रुच्या ग्रहं तथा ।
एतन्मे संशयो नाथ यन्नोक्तं तद्ब्रवीहि मे ॥

9.390
भैरव उवाच ॥
अष्टौ कलशा समाहृत्य सौवर्णा राजतापि वा ।
ताम्रमृन्मयतः कार्याः सुदृढा निर्व्रणाः शुभाः ॥

9.391
कम्बुग्रीवा बृहत्कुक्षा अकृष्णा प्रलम्बोष्ठा ।
गन्धोदकेन पूर्यादौ चूतपल्लवशोभिताः ॥

9.392
सितवस्त्रावृता कार्या सितचन्दनचर्चिता ।
शुक्लमाल्यैरलंकृत्य रत्नगर्भाः समोदराः ॥

9.393
क्षारादि विन्यसेत्तेषु समुद्राः कलशेषु वै ।
गर्भोदान्ताः स्मृताः चाष्टौ विद्येशा लोकपालकाः ॥

9.394
वर्गाष्टकसमन्यस्ता अभिषेकं तु कारयेत् ।
अथवैकेन कर्तव्या कल्पना सकला प्रिये ॥

9.395
कलशैकेन वा कार्यो अभिषेको वरानने ।
समस्तकृतभूतार्थो यथा शास्त्रे प्रचोदितः ॥

9.396
तत्तथा तु प्रकर्तव्यमन्यथा दोषभाजनम् ।
अभिषिक्तस्ततो मन्त्री सितचन्दनचर्चितः ॥

9.397
सितवस्त्रधरः स्रग्वी आनयेद्देवसंनिधौ ।
नमस्कारं ततः कृत्वा निपतेद्दण्डवद्भुवि ॥

9.398
[कुण्डलक्षणम्]
नीत्वा चाग्निसमीपे तु होमं कुर्यात्सदा बुधः ।
रत्निमात्रं च देवेशि अथवा मुष्टिमानतः ॥

9.399
कुण्डं च हस्तमात्रं स्याच्चतुर्हस्तं त्रिमेखलम् ।
वृत्तं वा कारयेन्मन्त्री स्वेच्छया दिग्व्यवस्थितम् ॥

9.400
कुण्डेषु हीनमानेषु मेखलारहितेषु च ।
खण्डस्फुटितवक्त्रेषु विलोमे होममारभेत् ॥

9.401
द्व्यङ्गुष्ठपर्ववैपुल्या प्रथमा मेखला भवेत् ।
द्वितीया च त्रिभिर्ज्ञेया चतुर्भिश्चोपरि स्थिता ॥

9.402
योनिर्नवाङ्गुला सप्त अथवा द्वादशाङ्गुला ।
गजोष्ठसदृशाधस्तादोष्ठं तस्याङ्गुलायतम् ॥

9.403
त्रिकोणं दीर्घवक्त्रं च मारणोच्चाटने हितम् ।
विद्वेषणे च कर्तव्यं लक्षणेन विवर्जितम् ॥

9.404
एककर्मानुसारेण कुण्डं कुर्यात्प्रसिद्धिदम् ।
नित्यनैमित्तिके होमे शान्तिके वा वरानने ॥

9.405
हस्तमात्रप्रमाणेन कुण्डं स्यात्फलदायकम् ।
द्विकरं दशसाहस्रे लक्षहोमे चतुष्करम् ॥

9.406
षड्ढस्तं प्रयुताख्ये तु होमे च वरवर्णिनि ।
कोटिहोमे च कर्तव्यमष्टहस्तं सुशोभनम् ॥

9.407
हस्तमात्रस्य कुण्डस्य मेखला याः प्रकीर्तिताः ।
ताश्चैव द्विगुणा वृद्ध्या अष्टहस्ते तु कारयेत् ॥

9.408
[स्रुक्स्रुवलक्षणम्]
बाहुमात्रकरौ तौ तु स्रुक्स्रुवौ च शुभौ मतौ ।
वैकङ्कतशमीगर्भपलाशखदिरोद्भवौ ॥

9.409
अन्येषु च शुभैकेन लक्षणेन विलक्षितौ ।
कुर्याच्छुभेषु होमेषु विपरीतेष्वतो ऽन्यथा ॥

9.410
विभीतकमहावृक्षतिन्दुशाल्मलिसम्भवौ ।
शूलकाष्ठोद्भवौ वाथ गर्दभास्थिनरास्थिजौ ॥

9.411
मानहीनौ ऽप्रशस्तौ च वक्रौ च स्फुटितावुभौ ।
सर्वथा सर्वयत्नेन शोभनार्थौ विपश्चिता ॥

9.412
वक्रस्फुटितहीनौ च शुभवृक्षमयावपि ।
वर्जितव्यौ प्रयत्नेन स्रुक्स्रुवौ च शुभौ यदि ॥

9.413
स्रुवं च कार्षिकाधारं स्रुच्या चतुष्पलान्विता ।
द्वादशाङ्गुलविस्तीर्णा इतरं स्यादङ्गुलद्वयम् ॥

9.414
मध्यमाङ्गुलवैपुल्यं चतुर्विंशाङ्गुलायता ।
षडङ्गुलपरीणाहा स्रुचि पद्मविलाञ्छिता ॥

9.415
शङ्खस्वस्तिकवज्राङ्कमथ चक्रविलाञ्छितम् ।
कृत्वा ह्येवंविधां मन्त्री आलभेताथ पाणिना ॥

9.416
होमयेद्भैरवाग्नौ तु मन्त्रवित्सुसमाहितः ।
[अग्निलक्षणम्]
अग्निकार्यं प्रकुर्वीत जिह्वालक्षणतत्त्ववित् ॥

9.417
सिद्ध्यसिद्धिविधानज्ञो वर्णरूपहुताशने ।
अग्निस्था देवताः सर्वा अग्निरूपो महेश्वरः ॥

9.418
तस्य मन्त्रात्मिका मूर्तिराज्यं वै सोमसंभवम् ।
अग्नेस्तु देवताः सर्वा मुखे वै संप्रतिष्ठिताः ॥

9.419
सप्तजिह्वाविधानज्ञो होमकर्म समारभेत् ।
जिह्वाभेदमजानन्ता जुहुयाद्यो हुताशने ॥

9.420
यदसावारभते कर्म तत्सर्वं निष्फलं भवेत् ।
हुत्वा-द्-अग्निविधानेन आज्याहुत्या प्रतर्पितः ॥

9.421
तुष्यते यजमानस्य सपत्नीको वृषध्वजः ।
अङ्गुष्ठपर्वविस्तीर्णा बहुहव्येन्धने शिखाः ॥

9.422
एकीभूतास्तु तिष्ठन्ति स्वल्पहव्येन्धनेन तु ।
अग्निकुण्डप्रमाणेन मुखमेतद्धुताशने ॥

9.423
ज्वालामालासहसरैस्तु पातालवदनं तु तत् ।
अग्नेः प्रबोधनं कृत्वा जिह्वां लक्षेद्विधानतः ॥

9.424
देवतारूपकं चैव फलं यस्यैव यादृशं ।
पूर्वपश्चिमतो जिह्वाग्रहास्तत्र प्रतिष्ठिताः ॥

9.425
होमकाले प्रयत्नेन दवे जिह्वे चैव वर्जयेत् ।
प्रथमा धर्मजिह्वा तु नीलवर्णातु सा स्मृता ॥

9.426
द्वितीया यक्षजिह्वा तु ताम्राकारा समप्रभा ।
तृतीया सौम्यदैवत्या शुक्लवर्णामृतोपमा ॥

9.427
यमजिह्वा चतुर्थीं च कृष्णवर्णा तु सा स्मृता ।
पश्चमी विष्णुदैवत्या अतसीपुष्पसन्निभा ॥

9.428
षष्ठी तु सूर्यदैवत्या शुक्लवर्णा तु सा स्मृता ।
सप्तमी सर्वदैवत्या सर्वरूपैस्तु दीप्यते ॥

9.429
प्रथमा निष्फला जिह्वा द्वितीया धनदायिका ।
तृतीया प्रीणयेत्सर्वं जगत्स्थावरजङ्गमम् ॥

9.430
चतुर्थीं च क्षयं गोत्रे पञ्चमी कुलवर्धनी ।
षष्ठ्या चैव हुतं देवि आरोग्यं संप्रयच्छति ॥

9.431
सप्तमी धर्मकामार्थ ददाति विधिपूजिता ।
सिद्धिश्चैव विशेषेण रुद्रशक्तिस्तु होमिता ॥

9.432
ब्रह्मी महेश्वरी चैव कौमारी वैष्णवी तथा ।
वाराही चैन्द्रिका देवी चामुण्डा सप्तमी मता ॥

9.433
जिह्वारूपास्तु ता ज्ञेया साधकानां तु सिद्धिदाः ।
तस्मात्सर्वप्रयत्नेन मध्ये होमं प्रशस्यते ॥

9.434
हूयमाने यदा शब्दं शंखकाहलतन्त्रिजम् ।
श्रूयन्ते वंशवाद्यानि तदा सिद्धेस्तु लक्षणम् ॥

9.435
खरोष्ट्रकाकक्रौञ्च च गृध्रोलूकस्वरो ऽथवा ।
शब्दो ऽभिचारसिद्धर्थं महाधूमोल्वणो ऽपि वा ॥

9.436
व्यालपक्षिमृगाकारा वित्रुडन्ति शिखा यदि ।
विलोमं साधयन्त्याशु अस्त्राकारास्तथैव च ॥

9.437
छत्राकारा ध्वजाकारा वितानसदृशाश्च याः ।
कुमुदोत्पल-म्-आकारा दृश्यन्ति च नभस्तले ॥

9.438
वज्रशङ्खं च श्रीवत्सं गिरिरूपार्चिषो यदि ।
दक्षिणावर्तकोपेताः शुभकर्मप्रसाधिकाः ॥

9.439
चन्दनोशीरकर्पूरकुङ्कुमागरुगन्धिकाः ।
अन्यैर्वा सुसुगन्धेषु जात्याद्येषु स्रगेष्वपि ॥

9.440
अनुलोमः शुभो गन्धः क्षिप्रं सिद्धिकरं स्मृतम् ।
मांसास्थ्यसृग्रोमेषु दह्यमानेषु यादृशम् ॥

9.441
गन्धो वातिविरूपो वा विण्मूत्रसमोऽपि वा ।
शुभेष्वपि विलोमं स्याज्ज्ञेयं मन्त्रविचक्षणैः ॥

9.442
हूयमाने विरूपे ऽपि यदि गन्धं सुशोभनम् ।
सिद्धिलिङ्गं तु तं ज्ञेयं वाञ्छितार्थप्रदायिकम् ॥

9.443
शुभाशुभेषु द्रव्येषु आज्यगन्धो यदा भवेत् ।
सोऽपि चेष्टफले दत्तः शुभाशुभविमिश्रकः ॥

9.444
य एवंज्ञाय मन्त्रज्ञो जपते जुहुते ऽपि च ।
क्रियाकालांशतत्त्वज्ञः स सिद्धिफलभाग्भवेत् ॥

9.445
अन्यथा विधिहीनस्य वृथा चैव विलोमकृत् ।
संस्कृते ऽपि क्रियाहीन ऐहिकान्न प्रसाधयेत् ॥

9.446
आग्नेर्वर्णा दश प्रोक्ताः सर्वकर्मजयावहाः ।
आदित्योदयवर्णाभ स्निग्धवैडूर्यसन्निभः ॥

9.447
घृतवर्णनिभश्चैव लाक्षावर्णस्तथैव च ।
तप्तायससुवर्णाभः कुसुम्भरससन्निभः ॥

9.448
हरितालनिभश्चैव धूमवर्णस्तथैव च ।
बहुहव्येन्धने वह्नौ सुसमिद्धे तथैव च ॥

9.449
विधूमे लेलिहाने च होतव्यं कर्मसिद्धये ।
अर्चिष्मां पिण्डितशिखः सर्पिःकाञ्चनसन्निभः ॥

9.450
स्निग्धः प्रदक्षिणावर्तः सर्वकामफलप्रदः ।
एवं विज्ञाय विधिवद्गुरुणा साधकस्य तु ॥

9.451
संस्कारयोग कर्तव्यं यथावत्तन्निबोधतः।
कृत्वा सूत्रमयं पाशं नवात्मा-चाभिमन्त्रितः ॥

9.452
उच्चार्य नवतत्त्वानि आकारेण तु भेदिताः ।
मूर्ध्नि कण्ठे हृदिश्चैव नाभौ ऊरू कटी तथा ॥

9.453
जंघौ गुल्फौ तथा पादौ सर्वत्र विनियोजयेत् ।
बाहुभ्यां हस्तयोश्चैव सर्वत्र विनिवेशयेत् ॥

9.454
नवात्माज्याहुतिशतं स्वाहाकारेण होमयेत् ।
[पूर्णाहुतिः]
पूर्णाहुत्यैकया तं वै पशुं योजयते परे ॥

9.455
पूर्णाहुत्याप्रयोगं तु अधुना कथयाम्यहम् ।
ऊर्ध्वकाय ऋजुग्रीवः समपादव्यवस्थितः ॥

9.456
नाभिस्थाने स्रुचामूलमुत्तानाग्रमुखा समा ।
स्रुचोपरि स्रुवं देवि कृत्वा चैवमधोमुखम् ॥

9.457
पुष्पं दत्त्वा स्रुचाग्रे तु दर्भेण सहितौ करौ ।
मुष्टिना चैव हस्ताभ्यां गृहीत्वा यत्नतः प्रिये ॥

9.458
अग्रतो दक्षिणं हस्तं वामं वै पृष्ठतः शुभे ।
मुष्टिभ्यां संगृहीत्वा तु उत्तानकरयोगतः ॥

9.459
ततो घृतेन संपूर्य अभिमानं च कारयेत् ।
अहमेव परं तत्त्वं परापरविभागतः ॥

9.460
तत्त्वमेकं हि सर्वत्र नान्यभावं तु भावयेत् ।
यत्कुम्भे न्यस्तमध्वानं षट्प्रकारं वरानने ॥

9.461
मण्डलाग्नौ शिवान्तस्थं साधारणविकल्पितम् ।
स्रुचौ तदध्वमारोप्य प्राणस्थं नाडिमध्यगम् ॥

9.462
प्राणाधारे समे कृत्वा स्रुच्याधारां विनिक्षिपेत् ।
वसोर्धाराप्रयोगेन प्रक्षिपेज्जातवेदसि ॥

9.463
नाभिस्थाने स्रुचामूलं नयेदास्यान्तगोचरे ।
यथा यथा क्षिपेद्धारां तथा प्राणं समुच्चरेत् ॥

9.464
प्राणस्तु वर्णतां याति षड्विधाध्वमयस्तु सः ।
षड्विधाध्वानतो नैव प्रमेयं विद्यते क्वचित् ॥

9.465
तस्मान्मन्त्रस्थाः सर्वे ते हेयोपादेयतः स्थिताः ।
वर्णे कारणषट्कं तु षट्त्यागात्सप्तमे लयः ॥

9.466
अकारश्च उकारश्च मकारो बिन्दुरेव च ।
अर्धचन्द्र निरोधी च नादश्चैवोर्ध्वगामिनी ॥

9.467
शक्तिश्च व्यापिनी देवि समना च अतः परम् ।
समनान्तं वरारोहे पाशजालमनन्तकम् ॥

9.468
कारणैः षड्भिराक्रान्तं मन्त्रस्थं हेय कारयेत् ।
अत्र पशुपतिश्चात्मा व्योमस्थश्चित्सुनिर्मलः ॥

9.469
शिवतत्त्वगुणामोदशिवधर्मावलोकनः ।
पाशानुलोमकं त्यक्त्वा स्वरूपालोकनं तथा ॥

9.470
आत्मव्याप्तिस्तु एतद्धि शिवव्याप्तिरतो ऽन्यथा ।
सर्वज्ञादिगुणा ये ऽर्था व्यापका भावयेत्सदा ॥

9.471
शिवव्याप्तिश्च एतद्धि चैतन्ये हेतुरूपिणी ।
अतो धर्मिस्वभावो हि शिवः शान्तेति पठ्यते ॥

9.472
उन्मनश्च मनग्राह्य आत्मबोधे स्थितात्मनः ।
व्यापारं मानसं त्यक्त्वा बोधरूपेण योजयेत् ॥

9.473
तदा शिवत्वमायाति पशु मुक्तो भवार्णवात् ।
परे चैव नियुक्तस्य स्रुचि-म्-आप्लवयेत्पुनः ॥

9.474
स्रुच्यारन्ध्रेण तद्रव्यं यावद्वह्नौ प्रयुज्यते ।
बहिस्थं कुम्भकं तावत्परतत्त्वे तु भावयेत् ॥

9.475
बहिनिरोधभावेन शिवेन सह समरसम् ।
अन्यथा न भवेदेवि नदीवेगमिवार्णवे ॥

9.476
स्थित्वा सागरतोयेन सिन्धुजं समरसं भवेत् ।
न विभागं पुरायाति तथात्मा तु शिवार्णवे ॥

9.477
स्रुच्यायाः पूरणं यावत्तावत्कालं समादिशेत् ।
अनेनैव तु कालेन बहिः कुम्भकवृत्तिना ॥

9.478
आत्मा समरसत्वेन शिवे भवति सर्वगः ।
गुणानापादयेत्पश्चात्षडङ्गपद-म्-आहूतीन् ॥

9.479
यथा नृपत्वे संप्राप्ते कलशैश्चाभिषिच्यते ।
बन्दिनाद्यै गुणान्ये ऽपि ख्याप्यन्ते वसुधातले ॥

9.480
तथा शिवत्वे संप्राप्ते गुणानापादयेद्बुधः ।
सर्वज्ञाय भव स्वाहा परितृप्तस्तथैव च ॥

9.481
अनादिबोधमप्येवं ततः स्वातन्त्र्यतां कुरु ।
तथा चालुप्तशक्तिश्च अनन्तशक्तितः पुनः ॥

9.482
गुणानापादयित्वा तु मूलमन्त्रमनुस्मरेत् ।
ओंहूमात्मसमोपेतं सर्वज्ञाय अपश्चिमम् ॥

9.483
स्वाहाकारप्रयोगेण आहुत्या प्रतिपादयेत् ।
त्रीणि पञ्च दशैका वा तिलेनाथ घृतेन वा ॥

9.484
ततो दद्यादभिषेकं तु मूलमन्त्रेण सुव्रते ।
परं शक्त्यामृतं क्षोभ्य शिष्यमूर्ध्नौ निधापयेत् ॥

9.485
तुर्यद्वारविशन्तं हि सबाह्याभ्यन्तरं स्मरेत् ।
मन्त्रशक्तिभिस्तीक्ष्णाभिः शोषनिर्दहनादिभिः ॥

9.486
शरीरं शोषितं तैस्तु तदर्थं चाभिषेचनम् ।
दीक्षानिर्वर्तनात्पश्चात्पुष्पं पाणौ प्रदापयेत् ॥

9.487
दर्भ मुञ्चापयित्वा तु शिवाग्नौ कलशे गुरौ ।
प्रदक्षिणत्रयं कृत्वा दण्डवन्निपते ऽग्रतः ॥

9.488
कृतकृत्यस्तु हृष्टात्मा भवोत्तीर्णः सुनिर्मलः ।
प्रोत्फुल्लनयनं शान्तं परितृप्तात्म भावयेत् ॥

9.489
[आचार्याभिषेकः]
निर्वाणकी त्वियं दीक्षा निर्बीजा वा सबीजिका ।
येषां सबीजिका दीक्षा तेषां कुर्यादभिषेचनम् ॥

9.490
श्रुतिशीलसमाचारा देशिकत्वे नियोजयेत् ।
तथाभिषेक-म्-आचार्ये शिवयोगादनन्तरम् ॥

9.491
पञ्चभिः कलशैर्भद्रैः सितचन्दनचर्चितैः ।
शिवकुम्भैव चार्चित्वा रत्नगर्भां प्रपूरयेत् ॥

9.492
ऋद्धिवृद्ध्यादिभिः पूतैरोषध्याक्षतपूरितैः ।
सितपद्मैर्मुखोद्वारैश्चूतपल्लवसंयुतैः ॥

9.493
पृथिव्यादीनि तत्त्वानि पञ्च पञ्चसु विन्यसेत् ।
कलशेषु महादेवि पुनश्चैव कला न्यसेत् ॥

9.494
एकैके कलशे न्यासमनन्तादिशिवान्तगम् ।
पूजयेद्भैरवं देवं सर्वसंहारनुक्रमात् ॥

9.495
षडङ्गावरणोपेतं मन्त्रसन्धानसंयुतम् ।
भैरवेणाभिमन्त्रेत एकैकं कलशं प्रिये ॥

9.496
अष्टोत्तरशतेनैव परतत्त्वमनुस्मरेत् ।
वारुण्यां सौम्ययाम्यायां ऐन्द्रश्चैशानमेव च ॥

9.497
संपूज्यैवं विधानेन अभिषेकं समाचरेत् ।
यागगृहस्य चैशान्यां पीठं संकल्पयेद्बुधः ॥

9.498
तत्र मण्डलकं कृत्वा स्वस्तिकाद्यैर्विभूषयेत् ।
वितानोपरिसंछन्नं ध्वजैस्तु परिशोभितम् ॥

9.499
तत्रासनं न्यसेद्देवि श्रीपर्णीचन्दनोद्भवम् ।
तत्रानन्तासनं न्यस्त्वा मूर्तिभूतं शिशुं न्यसेत् ॥

9.500
सकलीकृत्य पूर्वैव ऐशान्याभिमुखस्थितः ।
गन्धपुष्पादिकैः पूज्य निर्मच्छर्च्य काञ्चिकौदनैः ॥

9.501
मृद्भस्मगोमयैः पिण्डैर्दूर्वाङ्कुरशमीदलैः ।
सिद्धार्थदधितोयैश्च नीराजनसमन्वितः ॥

9.502
निर्मच्छर्च्यैवं विधानेन अभिषेकं प्रदापयेत् ।
पृथिव्यादिघटैर्देवि शिवं संस्मृत्य सेचयेत् ॥

9.503
ऐशान्यन्तैः क्रमाद्ध्यात्वा आचार्यः सुसमाहितः ।
अभिषिक्तो ऽन्यवासन्तु परिधाप्याचमेत्ततः ॥

9.504
प्रवेश्य दक्षिणा मूर्तौ योगपीठं प्रकल्पयेत् ।
संस्थाप्य सकलीकृत्य अधिकारं समर्पयेत् ॥

9.505
उष्णीषमकुटाद्यांश्च छत्रपादुकचामरम् ।
हस्त्यश्वशिविकाद्यांश्च राजाङ्गानि अशेषतः ॥

9.506
करणी कर्तरी खटिका स्रुक्स्रुवौ दर्भपुस्तकम् ।
अक्षसूत्रादिकं दत्त्वा चतुराश्रमसंस्थितम् ॥

9.507
अनुग्रहपथस्थेन दीक्षा व्याख्या सदा त्वया ।
अद्यप्रभृति कर्तव्यमधिकारं शिवाज्ञया ॥

9.508
उत्थाप्य हस्ते संगृह्य मण्डले तु प्रवेशयेत् ।
जानुभ्यां धरणीं गत्वा संपूज्य भैरवं ततः ॥

9.509
विज्ञाप्य भगवान्ह्येवमभिषिक्तस्तवाज्ञया ।
आचार्यपथसंस्थेन तवानुज्ञानुविधायिना ॥

9.510
कर्तव्यं यत्क्रमायातमधिकारन्तु देशिकः ।
शिवतत्त्वार्थकथनं शिवस्य पुरतः स्थितः ॥

9.511
निर्गत्य भुवनादग्नौ कलाध्वानं तु होमयेत् ।
मन्त्रतर्पणकं कृत्वा कलैकं पञ्च चाहुतिम् ॥

9.512
पञ्च पञ्चसु सर्वासु हुत्वा पूर्णाहुतिं ददेत् ।
अर्धपूजाधिकं कृत्वा प्रणम्य ख्यापयेत्प्रभोः ॥

9.513
अभिशिक्तो मयाचार्यस्तदर्थ मन्त्रतर्पणम् ।
हृदाद्यैः पञ्चभिश्चाङ्गैर्दक्षिणं लाञ्छयेत्करम् ॥

9.514
दर्भोल्मुकं शिवाग्नौ तु कन्यसादीनि लञ्छयेत् ।
पुष्पं पाणौ प्रदद्यात्तु मण्डलाग्रे प्रपातयेत् ॥

9.515
भैरवं कलशं चाग्नि नमस्कृत्वा तु दण्डवत् ।
लब्धाधिकार हृष्टात्मा हृष्टतुष्टफलान्वितः ॥

9.516
स गुरुः शिवतुल्यस्तु शिवधामफलप्रदः ।
[साधकाभिषेकः]
शान्त्यन्ते भूतिदीक्षा तु सदाशिवफलात्मिका ॥

9.517
शिवधर्मां तु सा ज्ञेया लोकधर्मां मतान्यथा ।
शिवधर्मां तु या दीक्षा साधकानां प्रकीर्तिता ॥

9.518
तेषां कुर्यादभिषेकन्तु साधकत्वे नियोजयेत् ।
साधकस्याभिषेको ऽयं विद्यादीक्षादनन्तरम् ॥

9.519
विद्यादीक्षा भवेत्सा तु वासनाभेदत स्थिता ।
न कर्मभेदो विद्येत सर्वस्याध्वनि संस्थितः ॥

9.520
कृतानि यानि कर्माणि सर्वाण्यध्वगतानि तु ।
तानि संशोध्य विधिवत्कलापञ्चस्थितानि वै ॥

9.521
योजन्यावसरे भेदो †विज्ञानं†साधकस्य तु ।
प्रारब्धकर्म पश्वर्थे तमेकस्थं तु भावयेत् ॥

9.522
शिवमुच्चार्य सकलं सदाशिवतनौ न्यसेत् ।
विद्याभेदस्वरूपेण ध्यात्वा देवं सदाशिवम् ॥

9.523
पूर्णाहुतिप्रयोगेन अणिमादिगुणैर्युतम् ।
अणिमादिगुणावाप्यै मूलमन्तरे स्वसंज्ञया ॥

9.524
आहुतिं ह्यष्टकं हुत्वा अभिषिञ्चेत्स साधकम् ।
कलशैः पञ्चभिः कुर्यान्निवृत्त्याद्या त्रिषु न्यसेत् ॥

9.525
शान्त्यातीतां पञ्चमे तु शान्तिं पश्चाच्चतुर्थके ।
एवं शान्तिं पुटित्वा तु पृथिव्यादीनि पञ्चसु ॥

9.526
एकैके कलशे पश्चात्साध्यमन्त्रं तु विन्यसेत् ।
विद्याङ्गैः सकलीकृत्य विद्याङ्गावरणान्न्यसेत् ॥

9.527
शतमष्टोत्तरं सन्त्र्य एकैकं कलशं ततः ।
बहिर्मण्डलके न्यस्त्वा आसनं प्रणवेन तु ॥

9.528
साधकं तत्र संस्थाप्य सकलीकरणं कुर् ।
निर्मच्छर्च्य पूर्ववत्सर्वैः साध्यमन्त्रेण सेचयेत् ॥

9.529
निवृत्यादित्रिभिः कुम्भैः स्नापयेत्पूर्वदिङ्मुखम् ।
शान्त्यातीतं घटं ग्राह्य पश्चाच्छिष्यं प्रसेचयेत् ॥

9.530
शान्तिं पश्चात्तु गृह्णीयात्संपुटेन तु सेचयेत् ।
साधकस्याभिषेको ऽयं विलोमे चानुलोमतः ॥

9.531
अभिषिच्य प्रवेशित्वा दक्षिणा मूर्तिमाशृतम् ।
प्रणवेनासनं कल्प्य सकलीकरणं भवेत् ॥

9.532
साधकस्याधिकाराणि मन्त्रकल्पादि कल्पयेत् ।
मन्त्रकल्प्याक्षसूत्रं च खटिका छत्रपादुके ॥

9.533
उष्णीषरहितं दत्त्वा प्रविश्य शिवसन्निधौ ।
विज्ञायेत् परमेशानं साधको यं मया कृतः ॥

9.534
सिद्धिर्भवतु युष्मज्ज्ञातुःप्रकारापि भक्तितः ।
साध्यमन्त्रोच्चरेत्पश्चात्पुष्पोदकसमन्वितम् ॥

9.535
तस्य हस्ते समर्प्यत सिद्ध्यर्थं साधकस्य तु ।
प्रणम्योभौ गृहीत्वा तु मन्त्रं हृदि निवेशयेत् ॥

9.536
प्रहृष्टवदनः शिष्य आचार्यो ऽपि सुहृष्टवान् ।
उभौ निर्गत्य चाग्नौ तु तर्पयेन्मन्त्रसंहिताम् ॥

9.537
सहस्रेण शतेनाथ साध्यमन्त्रस्य तर्पणम् ।
एवं सन्तर्पयित्वा तु पुष्पं पाणौ प्रदापयेत् ॥

9.538
त्रिस्थं संपूजयित्वा तु त्रिप्रदक्षिण दण्डवत् ।
प्रणम्य भक्तियुक्तात्मा अणिमादिफलाप्नुयात् ॥

9.539
उत्थाप्य साधकं ब्रूयात्समयां पाल यत्नतः ।
दीक्षावसाने देवेशि श्रवणीया विपश्चितैः ॥

9.540
एवं दीक्षां विनिर्वर्त्य सर्वदैव वरानने।
अनुज्ञाताभिषिक्तस्य समयां श्रावयेद्गुरुः ॥

9.541
अनिवेद्य न भोक्तव्यं खादेन्नाविधिनामिषम् ।
निष्फलां वर्जयेच्चेष्टां जपध्यानं तु कारयेत् ॥

9.542
रेरेशब्दं न चोच्चार्य हेहेशब्दं तथैव च ।
न नग्नां वनितां पश्येन्न चापि प्रकटस्तनीम् ॥

9.543
नालोकयेत्पशुक्रीडां क्षुद्रकर्मं न कारयेत् ।
शाकिनीति न वक्तव्यं धप्पटिं वरवर्णिनि ॥

9.544
च्छिण्डाली च महादेवि सेहारी नैव-म्-उच्चरेत् ।
गृहिणापि वरारोहे महासिद्धिविधौ स्थिते ॥

9.545
ग्रामधर्म न कर्तव्यं वासरे सिद्धिमिच्छता ।
स्वशास्त्रसूचितं कर्म नित्यं तद्विनिर्वर्तयेत् ॥

9.546
सर्वरक्षार्थकार्येषु न प्रसज्येत कामतः ।
अव्यापारं सदा लोके युक्तायुक्तविचारणे ॥

9.547
नोपधावेत्सदा लोकां स्वाध्यायस्य क्षतिर्यथा ।
सर्वे ते वर्जयेदर्थाः स्वाध्यायक्षतिकारकाः ॥

9.548
स्वाध्यायस्य विरोधेन सर्वमेतन्निरर्थकम् ।
वृषकुक्कुटमायूरहंसवाराहमेव च ॥

9.549
महिषं मानुषं गोधा उलूकं गृध्रं श्येनकम् ।
छगी मृगी तथा मेषी सुनखी च सृगालिका ॥

9.550
शशिका शलिका चैव याश्चान्यस्त्री विजानता ।
अभोज्यमामिषं तासां मनसा यज्जुगुप्सितम् ॥

9.551
वर्षैस्तु नवभिश्चैव लिङ्गच्छायां न लङ्घयेत् ।
समयी पुत्रकं चैव आचार्यं साधकं तथा ॥

9.552
न निन्देत वरारोहे योगिनीं नैव-म्-उच्चरेत् ।
कैवर्त कान्दुकं म्लेच्छं ध्वजं शून्यकरं प्रिये ॥

9.553
वैरूप्यं दुःखितं शण्ठं क्लीबमन्धं तथातुरं ।
मल्लवन्दिनकौषद्यं छिप्पकं चर्मकारकम् ॥

9.554
जटुं भुटुं मथीरं च कापोतं कुलभक्षकम् ।
मेदं भिल्लं च डोम्बं च तथान्यं भण्डकारकम् ॥

9.555
एवमन्ये ऽपि ये नोक्ता मानवा वरवर्णिनि ।
न निन्देत वरारोहे व्रतिनं यदुपस्थितम् ॥

9.556
हट्टनार्यो न वक्तव्या नाक्रोशेत्कन्यकाः सुधीः ।
देव्याया नोच्चरेद्धामं पादमीकारसंयुतम् ॥

9.557
झकारं च मकारं च नोच्चरेदेकतः क्वचित् ।
वैभाष्यं न वदेत्किञ्चिन्न च साहसमाचरेत् ॥

9.558
शयनं नैव कर्तव्यमेकवृक्षे चतुष्पथे ।
क्षेत्रे चैव श्मशाने च वने चोपवनेषु च ॥

9.559
देवागारे नदीतीरे भस्मगोमयमध्यतः ।
विण्मूत्रं नैव कर्तव्यं ष्ठीवनं मैथुनं तथा ॥

9.560
खट्वापादं घरट्टं च शूर्पं वर्धनिका तथा ।
पीषणी कण्डणी चुल्ली मुशलं लोष्टनीकणम् ॥

9.561
संमार्जितं च †नावा च या च पूजा न हि कृता †।
नाक्रमेत वरारोहे प्राङ्गणं देहलीं तथा ॥

9.562
मन्थानं नागरं चैव विषं वै नायिका तथा।
क्रूरिकार्यापरा भद्रे मायीकं गाहनी तथा ॥

9.563
यूपमङ्कुश छत्रं वा फलं शक्ति समुद्गरम् ।
शङ्खं चक्रं गदां शूलं घण्टडमरु पिच्छकम् ॥

9.564
कपालमक्षसूत्रं च योगपट्टकमण्डलुम् ।
दण्डाजिनं पवित्रकं परशुं पट्टिशं तथा ॥

9.565
गण्डासकं कुठारं च चम्पनी वाशि वेदनम् ।
कोदालकं च कोद्दाली पादयोः कुटकं तथा ॥

9.566
धनुं नाराच भल्ली च तीरिका शर कंबरम् ।
पुटं च कर्णिकं कूटमर्धचन्द्रं विलुम्पकम् ॥

9.567
वावल्लकं तथास्थो डुं सिल्लं च घातनं तथा ।
दंहिका कर्णिकं झषकं कुन्तं च वसुनन्दकम् ॥

9.568
कर्तव्या कुर्तरी चैव कर्तिका पादवेल्लकम् ।
फरकं वापि खड्गं वा अन्य वाप्यायुधं प्रिये ॥

9.569
पादे नैव स्पृशेन्मन्त्री न तु लंघेत्कदाचन ।
वटाश्वत्थार्कपत्रे च न भुञ्जीत कदाचन ॥

9.570
न मन्त्री भक्षयेद्भक्षां वामहस्तस्थितानघे ।
वामहस्तेन दातव्यं दक्षिणेन तु दापयेत् ॥

9.571
गृह्णीयात्परदत्तं तु वामहस्ते सदा प्रिये ।
न दद्यादौषधं मन्त्री रक्षार्थं नैव कारयेत् ॥

9.572
न जल्पं शिवशास्त्रेषु कर्तव्यं तु परस्परम् ।
अवाक्यं नैव वक्तव्यमधिकारविधौ स्थिते ॥

9.573
वीरगोष्ठी न भग्नव्या नोपेक्षेत विडम्बकम् ।
परैरेवात्मनापिर्वा वितण्डा नैव कारयेत् ॥

9.574
रुद्रस्थानानि सर्वाणि श्रीपूर्वाण्याभिभाषयेत् ।
गुरोः संज्ञा न गृह्णीयान्महिमा संस्थितः सुधीः ॥

9.575
शय्यासनं विमुक्ता तु पुष्पं पाणौ विगृह्य च ।
प्रणम्य दण्डवद्भूमौ श्रीकाराद्यं समुच्चरेत् ॥

9.576
स्थाननाम ततो न्ते तु देवो अन्तत एव वा ।
तथैव गुरुपर्वस्य सिद्धाचार्या महेश्वरि ॥

9.577
एवं देवि समाख्याता समयाः समयार्थिनाम् ।
श्रावयेद्गुरुरेवं तु शास्त्रदृष्टेन कर्मणा ।
त्रैष्काल्यं पूजयेद्देवं ध्यानदृष्टेन कर्मणा ॥

Kapitelkolophon
इति भैरवस्रोतसि महातन्त्रे विद्यापीठे सप्तकोटिप्रमाणे श्रीतन्त्रसद्भावे समयदीक्षाधिकारो नवमः पटलः ॥

Kapitel 18: Chommakā – rituelle Zeichensprache

Kapitelüberschrift der Edition
छोम्मकाधिकारो नामाष्टादशः पटलः

॥ देव्य् उवाच ॥

18.1
योगिनीलक्षणं देव शाकिनीनां च क्रीडनम् ।
सेहरिकानां चेष्टा वै श्रुतं चैव विशेषतः ॥

18.2
संगमं च यथा तासां विशेषाद् अवधारितम् ।
छोम्मकां श्रोतुम् इच्छामि भाषां चैव विशेषतः ॥

18.3
छोम्मकैर् ज्ञातमात्रैस् तु तासां तु संमतो भवेत् ।
सिध्यन्ति साधकस्यैव मुद्राछोम्मकतत्पराः ॥

भैरव उवाच

18.4
अथातः संप्रवक्ष्यामि छोम्मकानां तु लक्षणम् ।
अङ्गावयवसंस्पर्शैर् मन्त्रभाषाविचेष्टितैः ॥

18.5
वदन्ति मातरो येन साधकैस् ताः परस्परम् ।
तद्विधानं शृणुध्वं हि अङ्गाच्छोम्मकलक्षणम् ॥

18.6
हस्तेन स्पृशते हस्तम् अभिवादकृतं भवेत् ।
अनामादर्शने चैव प्रत्यभिवादनकृतं भवति ॥

18.7
हस्तेन हस्तं वादयते बलिं भोक्तुं समीहते ।
ललाटं स्पृशते या तु कुत्रागच्छामि भाषते ॥

18.8
नाभिं स्पृशते या तु बुभुक्षितास्मीति भाषते ।
स्तनं स्पृशते या तु मातरम् इत्य् उक्तं भवति ॥

18.9
कूर्परं स्पृशते या तु यास्यामीति च जल्पते ।
जिह्वालालयमानां तु मानुष्यं मांस भक्षयामीति ॥

18.10
अक्षिं स्पृशते दृश्येन न निवर्तयामीति ।
पार्श्वं स्पृशति नास्ति मोक्षम् इत्य् उक्तं भवति ॥

18.11
केशस्पर्शना प्रसादं करोमीति ।
पादेन पादं स्पृशति रमामीत्य् उक्तं भवति ॥

18.12
दन्तान् कटकटापयति आहारं देहीत्य् उक्तं भवति ।
उभे दन्तपङ्क्ती जिह्वाया स्पृशति तदा तृप्तो ऽस्मिन्न् इति ॥

18.13
पादाग्रं स्पृशति म्रियते न गन्तव्यम् इति ।
निष्ठ्यूयते नास्तिकर्मम् इत्य् उक्तं भवति ॥

18.14
उभौ हस्तौ साखां दर्शयेद् या तु उत्पलं तस्याः प्रदर्शयेत् ।
हस्ते पुटां प्रकुरुते हस्तं तस्य प्रसारयेत् ॥

18.15
हस्तं कण्डूयते या तु ललाटं तस्य कण्डूयते ।
स्तनं कण्डूयमाना या हस्ते ऽश्रूणि निपातयेत् ॥

18.16
पादाङ्गुष्ठेन भूमिं लिखेद् अङ्गुष्ठं तस्या निपातयेत् ।
पादाव् आस्फालयेद् या तु स्फिजस् तस्यैवास्फालयेत् ॥

18.17
तैलाभ्यक्ता पश्यते या मुक्तिं तस्याः प्रदापयेत् ।
नासिकाग्रं दर्शयेद् या जिह्वां तस्या प्रदर्शयेत् ॥

18.18
ललाटं दर्शयेद् या तु ग्रीवां तस्य प्रदापयेत् ।
पोतुङ्गेत्य् अभिवादनं प्रत्योतुङ्गे प्रतिकृतम् ॥

18.19
एकाङ्गुलिदर्शनात् स्वागतं द्वाभ्यां सुस्वागतम् ।
कोष्ठप्रतिबिम्बा चाङ्गुष्ठं क्षेममुद्रा विधीयते ॥

18.20
जिह्वा दर्श्यतेद् या तु दन्तान् तस्य दर्शयेत् ।
शिरो दर्श्यतेद् या तु ललाटं तस्य दर्शयेत् ॥

18.21
केशा दर्श्यते-द्-या तु शिखान् तस्यास् तु दर्शयेत् ।
चिबुकं दर्श्यतेद् या तु कर्णं तस्य प्रदर्शयेत् ॥

18.22
ग्रीवां दर्श्यतेद् या तु बाहुं तस्य प्रदर्शयेत् ।
बाहुं दर्श्यतेद् या तु करौ तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.23
नेत्रं दर्श्यतेद् या तु नास्यां तस्यापि दर्शयेत् ।
स्तनौ च दर्शयेद् या तु कुक्षिं तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.24
कटिं च दर्शयेद् या तु गुह्यं तस्यापि दर्शयेत् ।
ऊरुं च दर्शयेद् या तु जानुं तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.25
जानु दर्श्यते या तु जङ्घां तस्यापि दर्शयेत् ।
जङ्घां च दर्शयेद् या पादौ तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.26
भ्रुकुटिं च दर्शयेद् या तु तर्जयन्ति विनायकाः ।
गरुडं दर्शयेद् या तु शूलं तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.27
नर्थेति वादनं प्रत्यानर्थे प्रत्यभिवादनम् ।
एवमादि महाभागे सामान्यच्छोम्मका प्रिये ॥

18.28
अक्षरार्थेन या प्रोक्ता सा मया तु यशस्विनि ।
लक्षकोटिशतैर् जपैः कायक्लेशपरायणैः ॥

18.29
उग्रेण तपसात्यन्तकाले नैव तु मन्त्रिणाम् ।
दर्शयन्ति तथात्मानं ददन्ते चरुम् उत्तमम् ॥

18.30
कुलाभिषेकशिक्तानां कुलभक्तिपरायणाम् ।
मेलकं च प्रयच्छन्ति सुखयोगिसमागमम् ॥

18.31
तेषां तु कथयिष्यामि छोम्मकाः कुलसंस्थिताः ।
कुले सामान्यतां याति वीरो चाथ बलापि वा ॥

18.32
न्यासं कृत्वा तु सकलं भैरव्या भैरवेण तु ।
प्रविशेद् ग्रामरथ्या तु यदा तु दृश्यते स्त्रियैः ॥

18.33
शिखां प्रदर्शयेद् या तु शिरस् तस्यापि दर्शयेत् ।
शिरः प्रदर्शयेद् या तु ललाटं तस्य दर्शयेत् ॥

18.34
शिरोमाला दर्शयेद् या वक्त्रं तस्यापि दर्शयेत् ।
लोचने दर्शयेद् या तु लोचने तस्य दर्शयेत् ॥

18.35
नासिकां दर्शयेद् या तु अर्घीशं तस्य दर्शयेत् ।
तृतीयं नयनं दर्शेद् भारभूतेस्य दर्शयेत् ॥

18.36
कपालं दर्शयेद् या तु महासेनास्य दर्शयेत् ।
कण्ठं दर्श्यते या तु त्रिमूर्तिन् तस्य दर्शयेत् ॥

18.37
दशनं दर्शयेद् या तु भारभूतेस्य दर्शयेत् ।
जिह्वां तु दर्शयेद् या तु विसर्तां तस्य दर्शयेत् ॥

18.38
वाचां दर्श्यते या तु लकुलीशो ऽस्य दर्शयेत् ।
अङ्गुल्यो दर्शयेद् या तु अजेशश् चतुरानने ॥

18.39
त्रिशूलं दर्शयेद् या तु एकनेत्रं तु दर्शयेत् ।
बाहुञ् च दर्शयेद् या तु च्छगं महाकालं दर्शयेत् ॥

18.40
उदरं च दर्शयेद् या तु एकनेत्रं तु दर्शयेत् ।
हृदयं च दर्शयेद् या तु मेषं तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.41
आत्मां च दर्शयेद् या तु श्वेतं तस्यापि दर्शयेत् ।
प्राणं तु दर्शयेद् या तु भृगुं तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.42
स्तनौ च दर्शयेद् या तु भुजङ्गं तस्य दर्शयेत् ।
पद्मां च दर्शयेद् या तु ईश्वरं तस्य दर्शयेत् ॥

18.43
नितम्बं दर्शयेद् या तु द्विरण्डं तस्य दर्शयेत् ।
नाभिं च दर्शयेद् या तु क्रोधीशं तस्य दर्शयेत् ॥

18.44
गुह्यं च दर्शयेद् या तु खड्गीशं तस्य दर्शयेत् ।
सूक्ष्मं तु दर्शयेद् या तु अनन्तं तस्य दर्शयेत् ॥

18.45
ऊरुं तु दर्शयेद् या तु उमाकान्तं तु दर्शयेत् ।
दक्षजङ्घां दर्शयेद् या तु रौद्रीं तस्यापि दर्शयेत् ॥

18.46
वामजङ्घा दर्शयेद् या तस्य ज्येष्ठां तु दर्शयेत् ।
जानुं च दर्शयेद् या तु सद्योजातं प्रदर्शयेत् ॥

18.47
पादौ च दर्शयेद् या तु डिण्डिलोहित दर्शयेत् ।
एवमादि महाभागे भेदैः शतसहस्रशः ॥

18.48
तदंशं साधकेन्द्रस्य कथयन्ति न संशयः ।
अन्योन्यज्ञापनार्थाय वेदितव्यं तु मन्त्रिणा ॥

18.49
कदाचिद् दिव्यसंयोगात् क्षेत्रपालादिदर्शनात् ।
आदेशं तु प्रयच्छन्तु कर्तव्यं निश्चितेन तु ॥

18.50
शोभनाशोभनं वापि दिव्यवाक्यं न लङ्घयेत् ।
एतल् लक्षणम् आख्यातम् अनेकैस् तु प्रकारकैः ॥

18.51
ज्ञातव्यं चुम्बकेनैव सर्वसिद्ध्यर्थकारणात् ।
स शिवः परमो देवो भूतले संव्यवस्थितः ॥

18.52
तस्य पादरजो मूर्ध्नि बन्धयेत् सततं बुधः ।
रक्षन्ति देवता नित्यं पुत्रवत् पालयन्ति च ॥

18.53
छिद्रं तस्य न कुर्वन्ति कुर्वन्ते बाह्यानुग्रहम् ।
क्षेत्रादिलक्षणां ज्ञेहि तथैव वल्लभो भवेत् ॥

Kapitelkolophon
इति भैरवस्रोतसि महातन्त्रे विद्यापीठे सप्तकोटिप्रमाणे श्रीतन्त्रसद्भावे छोम्मकाधिकारो नामाष्टादशः पटलः ॥

Kapitel 24, Verse 177cd–202: Zeitrad und historische Atemprognostik

Kapitelüberschrift der Edition
कालाधिकारश् चतुर्विंशतिः पटलः

24.177cd
प्रमाणं दिनसंख्याया चक्रे कालात्मके प्रिये ॥

24.178
षड्दिनानि यदा व्यूढा एकोच्चारेण सुव्रते ।
वर्षत्रयं तु संगुण्य तृशतै षष्ट्याधिकैः प्रिये ॥

24.179
भागशेषप्रमाणं तु कथयामि समासतः ।
वर्षद्वयं समुद्दिष्टं मासाश् च रुद्रसंख्यया ॥

24.180
दिनानि दश पञ्चैव प्रमाणं कथितं तव ।
सप्तमे ऽहनि संत्यज्य यदा वहति मारुतः ॥

24.181
वर्षद्वयं समाख्यातं मासान्य् एकादशे प्रिये ।
जीवितं तु तद् आख्यातम् अष्टमं तु अतः परम् ॥

24.182
वर्षद्वयं तथा मासा दशसंख्या तु जीवितम् ।
नव देवि दिनैर् व्यूढा वर्षद्वयं स जीवति ॥

24.183
मासानि तु तथा चाष्टौ प्रमाणं कालवेदिनाम् ।
दिनानां दशभिर् देवि वर्षद्वयं स जीवति ॥

24.184
दिनान्य् एकादशं चैव यदा नाडी प्रवर्तते ।
वर्षम् एकं समाख्यातं मासानि रुद्रसंख्यया ॥

24.185
दिनानि विंशति प्रोक्ता कथितं परमेश्वरि ।
द्वादशाहप्रवाहेन वर्षम् एकं प्रकीर्तितम् ॥

24.186
मासानि रुद्रसंख्योक्ता दिनानि दश शोभने ।
दश त्रीणि यदा देवि वहते दक्षिणायने ॥

24.187
वर्षम् एकं स जीवेत मासा चैव दश प्रिये ।
दिनानि विंशति ख्याता कथितं तु तवानघे ॥

24.188
दिनां चैव यदा चारो द्विसप्तपरिसंख्यया ।
वर्षायुषः समुद्दिष्टो मासानि नवसंख्यया ॥

24.189
दिनानि च दशश् चैव प्रमाणं जीवितस्य तु ।
त्रिपञ्चदिनचारेण वर्षम् एकं न संशयः ॥

24.190
द्वि-र्-अष्टकस्य चारेण दिनानां परमेश्वरि ।
जीवितं रुद्रमानेन मासानि परिसंख्यया ॥

24.191
पञ्चविंशदिनानि स्युः प्रमाणं कथितं मया ।
दिनानि दश सप्तैव यदा वहति मारुतः ॥

24.192
तदा तस्य प्रमाणं तु मासान्य् एकादश प्रिये ।
दिनानि विंशतिश् चैव कथितं तु न संशयः ॥

24.193
दशाष्टदिनचारेण मासान्य् एकदश प्रिये ।
दिनानि दश संख्या तु कथितं कालवेदिनाम् ॥

24.194
विंशद् एकोनतो चारे दिनानां परमेश्वरि ।
जीवितं तत्र चोद्दिष्टं दश मासा न संशयः ॥

24.195
दिनानि विंशति प्रोक्ता कालचक्रम् उपासिनाम् ।
विंशतिस् तु यदा देवि षण्मासा विगतायुषः ॥

24.196
एकविंश दिना देवि दिनानि प्रवहेद् रविः ।
पञ्च मासा समाचष्टे दिनानि सप्तविंशति ॥

24.197
घटिकाश् चैव त्रिंशोक्ताः प्रमाणं समुदाहृतम् ।
विंश द्वे च पदा व्यूढा पञ्च मासैर् गतायुषः ॥

24.198
दिनानि पञ्चविंशच् च तव देवि उदाहृतम् ।
विंश त्रिकं यदा देवि प्रवहेत अतन्द्रितः ॥

24.199
जीवितं मास पञ्चैते दिनानि विंशति प्रिये ।
विंश †चत्वार्य ह्य् एका *† दिनानां प्रवहे प्रिये ॥

24.200
जीवितं मास पञ्चैते दिनान्य् अत्र दशैव तु ।
पञ्चविंश दिना व्यूढा मासत्रयं स जीवति ॥

24.201
अतोर्ध्वे पूर्वम् आख्यातं कालचक्र समासतः ।
अन्तरे ये दिना प्रोक्ता षोडशैव वरानने ॥

24.202
भागक्रमेण ते शोध्य तत्फलं तु स्फुटीकृतम् ।
मन्दबुद्धिप्रबोधाय कालचक्रं प्रकाश्यते ॥

Kapitel 28: Ātmācāra – Bewegungsverlauf des Selbst

Kapitelüberschrift der Edition
आत्माचाराधिकारो नामाष्टाविंशतिमः पटलः

श्रीभैरव उवाच

28.1
आत्माचारगतिर् देवि नाडीपद्मविनिर्णयम् ।
पञ्चविंशतितत्त्वानि पुरुषेण समन्वितम् ॥

28.2
यथा स्थितानि सर्वाणि तथा वक्ष्यामि भैरवि ।
ककारादिमकारान्ताः पञ्चपञ्च सुसंस्थिताः ॥

28.3
नाडीमुखास् तु ते ज्ञेया अन्योन्यव्याप्यसंस्थिताः ।
आत्मा संचरते नित्यं स्थानात् स्थानम् अनुक्रमात् ॥

28.4
नव पद्माः स्मृता ये तु फजझठडयस् तथा ।
तथदम महादेवि नव पद्माः प्रकीर्तिताः ॥

28.5
यरलवास् तु ये प्रोक्ताः क्रमेण विनिवेदयेत् ।
वायव्ये चाग्निसंस्थे च ईशे नैरृतिगोचरे ॥

28.6
हंसाख्यं कुक्षयोर् भौ तु शषौ यौ लिङ्गपायुगौ ।
एवं क्रमेण देवेशि नव पद्माः प्रकीर्तिताः ॥

28.7
मध्यम् एषां स्मृतं पद्मम् अष्टारं तद् विनिर्दिशेत् ।
तत्र नाड्या स्थिता भद्रे तदाधारास् तु वायवः ॥

28.8
इडादिशंखिनी-चान्ता नाड्यस् तस्मिन् व्यवस्थिताः ।
पूर्वादि-म्-ईशपर्यन्ता अधश् चोर्ध्वे च भामिनि ॥

28.9
नाडी पद्मान्तरालस्था शूले वायु प्रतिष्ठितम् ।
प्राणाद्या वायवः प्रोक्ताः कथितास् तु मयानघे ॥

28.10
पुर्यष्टकं तु यत् प्रोक्तं दलमध्ये व्यवस्थितम् ।
कर्णिकस्थं स्वयं देवो मण्डलत्रितयान्वितम् ॥

28.11
अग्नि सूर्यश् च चन्द्रश् च चतुःशक्तिस् तथैव च ।
तन्मध्ये तु स्वतेजेन हुताशकर्णिकाकृतिः ॥

28.12
कुण्डल्युदरसंस्थस् तु तिष्ठते तद्वशात् प्रिये ।
प्रसुप्तभुजगाकारा प्रसुप्तामृतकुण्डली ॥

28.13
एतैर् बन्धैर् महाबद्धो विवशः सर्वदेहिनाम् ।
तिष्ठते हृदये चैव उच्छ्वासश्वाससंयुतः ॥

28.14
यावद् ऊर्ध्वगतिस् तस्य देवदेवस्य सुन्दरि ।
तावद् व्यापी स्मृतो ह्य् ऊर्ध्वे अधोभागे विसर्जिणः ॥

28.15
व्यापयेत् †अवारस्थो† देवदेवो जगत्पतिः ।
अकारं हृदयं चैव ब्रह्मा तत्राधिदेवतः ॥

28.16
ईकारं कण्ठतो देवि विष्णुस् तत्र जगत्पतिः ।
उकारं तालुके ज्ञेयं रुद्रस् तत्र प्रतिष्ठितः ॥

28.17
भ्रुवोर् बिन्दुर् महेशं च वक्त्रे नादं सदाशिवम् ।
ज्ञातव्यः सो ऽधिकारस्थो यथा ते कथयाम्य् अहम् ॥

28.18
अन्तर्यागं यथापूर्वम् उच्चारणपरं तथा ।
दशधा योगमार्गेण आत्मा स्वच्छन्दम् अभ्यसेत् ॥

28.19
मात्रा बिन्दुम् अतीतं च नादात्मा ज्योति विग्रहम् ।
कल्पनालक्षसंकल्पं ध्याये ऽद्वैतेन सर्वगम् ॥

28.20
अवसव्येन पूरेत सव्येनैव तु रेचयेत् ।
नाडीसंशोधनम् एतन् मोक्षमार्गपथस्य तु ॥

28.21
रेचनात् पूरणाद् रोधात् प्राणायामस् त्रयः स्मृतः ।
सामान्या बहिर् एतानि पुनश् चाभ्यन्तराणि तु ॥

28.22
अभ्यन्तरेण रेचेत पूरेद् अभ्यन्तरेण तु ।
निष्कम्पं कुम्भकं कृत्वा त्रयश् चाभ्यन्तराणि तु ॥

28.23
नाभ्यां हृदयसंचारान् मनश् चेन्द्रियगोचरात् ।
प्राणायामश् चतुर्थश् च सुप्रशान्तस् तु विश्रुतः ॥

28.24
प्राणरोधे तु संपूर्णे नाभौ नीत्वा समुच्छ्वसेत् ।
शनैर् विमोचयेद् वायुं वामनासापुटेन तु ॥

28.25
वायवीन् धारये ऽङ्गुष्ठे आग्नेयी नाभिमध्यतः ।
माहेन्द्री कण्ठदेशे तु वारुणी घण्टिकाश्रिता ॥

28.26
आकाशधारणा मूर्ध्नि सर्वसिद्धिकरी स्मृता ।
एकद्वित्रिचतुष्पञ्च उद्घातैश् च प्रसिध्यति ॥

28.27
संरुद्धे चैव प्राणे च मूर्ध्नि गत्वा निवर्तते ।
उद्घातम् इति तत् प्रोक्तं ज्ञातव्यं योगिभिः सदा ॥

28.28
रागद्वेषौ प्रहीयेते प्राणायामैस् तु धारितैः ।
धारणैः सर्वपापाणि प्रत्याहारे ऽक्षसंयमः ॥

28.29
हृद्गुदा नाभिकण्ठे च सर्वसन्धौ तथैव च ।
प्राणाद्या संस्थिता ह्य् एते रूपं शब्दं च मे शृणु ॥

28.30
द्रुततारनिभः †प्राण† इन्द्रगोपकसन्निभः ।
क्षीराभ स्फटिकाभश् च पञ्चानां रूपलक्षणम् ॥

28.31
घण्टा †नादेव† मधुरो गजनादो महाध्वनिः ।
प्राणादीनां च पञ्चानां शब्दम् एतद् उदाहृतम् ॥

28.32
बाह्यम् अध्यात्मिकं चारम् एषां च शृणु सांप्रतम् ।
प्राणस्थो गच्छते ह्य् ऊर्ध्वे अपानस्थो ऽध गच्छति ॥

28.33
समानस्थस् तथा देवि सर्वत्र व्याप्यसंस्थितः ।
उद्वेगभयसन्त्रासं करोत्य् अनिलसंस्थितम् ॥

28.34
उदानस् तेन संप्रोक्तो मारुतो वरवर्णिनि ।
व्यानो व्यायामसंकर्म करोति सुरनायिके ॥

28.35
नागोद्गारां प्रमुञ्च्येत कूर्मकोन्मीलयेत् स्थितिम्* ।
कृकरः क्षुभिते चैव देवदत्तो विजृम्भिका ॥

28.36
धनञ्जय स्थितो घोषे मृतस्यापि न मुञ्चति ।
अध्यात्मगतिर् इत्य् उक्ता दशानां बाह्यगा यथा ॥

28.37
जल्पितं हसितं गीतं नृत्यं युद्धगतिस् तथा ।
कम्पशिल्पं च कर्माणि प्राणस्यैव हि चेष्टितम् ॥

28.38
प्रवेशये ऽन्नपानानि त्रिमलं स्रावयेद् अधः ।
अन्धत्वं श्रोत्ररोगं च अपानस् तु करिष्यति ॥

28.39
अशितं लीढपीतं च समानः समतां नयेत् ।
क्षुधा हिक्का तथा छिक्का कासोदानस्य चेष्टितम् ॥

28.40
रोमहर्षं च स्वेदं च शूलदाहाङ्गभञ्जनम् ।
व्यानम् एतानि कर्माणि स्पर्शत्वं चैव विन्दति ॥

28.41
अङ्गुष्ठे जानुहृदये लोचने मूर्ध्नि संस्थिताः ।
नागाद्या बहुरूपाश् च कर्म तेषां निबोध मे ॥

28.42
आह्लादोद्वेगजननः शोषणस् त्रासनस् तथा ।
निद्रातीवकरश् चान्यो योजको हि धनञ्जयः ॥

28.43
श्वासं संकोचच्छेदं च घुर्घुरुश् चोत्क्रमेव च ।
नागादीनां तु पञ्चानां मृत्युकाले विचेष्टितम् ॥

28.44
न चैव यान्ति चोत्क्रान्त्या न त्यजेत् तु धनञ्जयः ।
आकुञ्चयति वै कूर्मः शोषयेच् च कलेवरम् ॥

28.45
प्राणम् एव जयेत् पूर्वं जिते प्राणे जितो मनः ।
जिते मनसि शान्तात्मा परं तत्त्वं प्रकाशयेत् ॥

28.46
प्राणापानं गुदां ध्यायेत् प्राणसमान नाभिगः ।
प्राणोदानं च कण्ठे च प्राणव्यानञ् च सर्वगम् ॥

28.47
नागाद्या प्राणसंयुक्ताः स्वस्थानेषु निरुन्धयेत् ।
निरुद्धस्य च यत्कालं प्रवक्ष्यामि निबोध मे ॥

28.48
तालात् प्रभृति धार्येत यावत् पञ्चदशान्तगं ।
जितो ऽनिलो भवत्य् एवं संक्रान्त्युत्क्रान्तिकर्मणि ॥

28.49
दिव्यकान्ति शुभो गन्धः प्रज्ञा चास्य विवर्धते ।
दिव्यदृष्टिश् च श्रवणो दिव्यवाचा प्रवर्तते ॥

28.50
वायुवद् विचरेल् लोकां सिद्धा देवांश् च पश्यति ।
मनेच्छाचिन्तिताप्राप्तिः प्रवर्तेत गुणाष्टकम् ॥

28.51
सर्वकामसुसंपूर्ण सर्वद्वन्द्वविवर्जितः ।
संसारबन्धनिर्मुक्तः शिवतुल्यश् च जायते ॥

28.52
प्राणापाने तु संयोज्य ह्रस्वकोटिसमन्वितम् ।
नाभ्यां धार्येत योगीन्द्रः स्वेदकम्पश् च जायते ॥

28.53
पुनर् एवं हृदिस्थो हि प्राणापान निरुन्धयेत् ।
दीर्घकोटिसमायोगात् तत्क्षणात् पतते महीम् ॥

28.54
कण्ठस्थं हि तथैवेह प्राणम् एवं निरुन्धयेत् ।
प्लुतकोटिसमायोगात् स्वप्रवृत्तिः सुतो भवेत् ॥

28.55
भ्रूमध्ये बिन्दुयुक्तेन प्राणरोधं तु कारयेत् ।
सुषुप्तं जायते तत्र क्षणाच् चैवं प्रबुध्यति ॥

28.56
मूर्ध्नि द्वारं समासृत्य निष्कलं ध्यानम् आरभेत् ।
एवम् अभ्यसतस् तस्य प्रत्ययस् तु तदा भवेत् ॥

28.57
पिपीलिकण्टकावेधान् मूर्ध्नि द्वारं विभिद्यते ।
भित्त्वा क्रमेण सर्वाणि उन्मनान्तं हि यावतः ॥

28.58
पूर्वोक्तलक्षणां देवि त्यक्त्वा स्वच्छन्दतां व्रजेत् ।
जायते तत्समत्वं हि देहेनानेन साधकः ॥

28.59
संक्रामेत् परदेहेषु क्षुत्तृषाभ्यां न बाध्यते ।
अतीतानागतं चैव त्रैलोक्ये यत् प्रवर्तते ॥

28.60
प्रत्यक्षं तद् भवेत् तस्य सर्वज्ञत्वं प्रजायते ।
एवं चारगति ज्ञात्वा शरीरे सर्वदेहिनाम् ॥

28.61
गच्छते चाष्टभिः पत्रैः पुनर् वर्णान्तरं व्रजेत् ।
कादिभान्ते तु देवेशि विकारं च प्रकुर्वति ॥

28.62
सत्वस्थो रजसंस्थश् च तमस्थो गुणवेदकः ।
एवं पर्यटते देवि स्थानात् स्थानान्तरं व्रजेत् ॥

28.63
पद्मसूत्रनिभा नाड्यस् तेषु संचरते ऽनिलः ।
अङ्गुष्ठे चैव अङ्गुल्यस् तत्र नाड्या व्यवस्थिताः ॥

28.64
तर्जन्या मध्यमानामा तत्र नाड्या कसंज्ञिका ।
अङ्गुष्ठे च खसञ्ज्ञा च चकारेण कनीयसी ॥

28.65
दक्षहस्तस्य सुश्रोणि त्रयो नाड्यास् तु सूचिता ।
वामाङ्गुष्ठे घकारस्था हकारे मध्यमा स्मृताः ॥

28.66
ञकारे तु कनीया तु वामहस्तस्य सुव्रते ।
पादनाड्यः प्रवक्ष्यामि यथावद् अनुपूर्वशः ॥

28.67
णकारेण कनीया तु नकारस्था तु मध्यमाः ।
पकारे ऽङ्गुष्ठका ज्ञेया नाडीत्रय-म्-उदाहृतम् ॥

28.68
दक्षपादस्य सुश्रोणि साम्प्रतं वामगा तथा ।
†... ...†
कथयामि समासेन †विभवेन† वरानने ॥

28.69
सुषुम्ना गुह्यदेशस्था यावद् ब्रह्मबिलान्तरम् ।
गता सा परमा नाडी ज्ञातव्या देशिकेन तु ॥

28.70
तत्रारूढो मसञ्ज्ञस् तु अधश् चोर्ध्वे च गच्छति ।
तालुके षोडशारं तु अधोवक्त्रव्यवस्थितः ॥

28.71
तत्र प्राप्तो निवर्तेत नासाद्वारेण धावति ।
द्वादशान्तं ततः प्राप्तः पुरं चैव विशेत् पुनः ॥

28.72
बिन्दुस्थाने तथाष्टारं ज्ञातव्यं सततं प्रिये ।
शक्तिस्थाने षडारं तु सूक्ष्ममार्गे व्यवस्थितः ॥

28.73
ब्रह्मस्थाने तु संपूज्यं देवताचक्रम् उत्तमम् ।
विष्णुस्था योगिनी चैव दूती रुद्रपदाश्रिताः ॥

28.74
किङ्कार्य ईश्वरे देवि मातरस् तु सदाशिवे ।
शक्तिस्था चैव देवेशि विश्वाद्याः क्रमशो न्यसेत् ॥

28.75
प्रथमं देवताचक्रं द्वितीयं योगिनी स्मृतम् ।
तृतीयं दूतिकं देवि किङ्कार्यस् तु चतुर्थकम् ॥

28.76
मातृचक्रं स्मृतं देवि पञ्चमं परिकीर्तितम् ।
विश्वेश्वर्यास् तु षष्ठं स्यात् तव देवि मयोदितम् ॥

28.77
षट्चक्रं भावयेद् देवि अध्यात्मे परमेश्वरि ।

  • कौलिकीसिद्धि सम्प्राप्य योगसिद्धिं प्रवर्तते ॥

28.78

  • एवं चारगति ज्ञात्वा सृष्टिवेधं तु कारयेत् ।
  • यत्र चक्रे तु वेधो वै दीयते परमेश्वरि ॥

28.79

  • तच्चक्रं तस्य देवेशि प्रत्यक्षेण प्रपश्यति ।
  • तदात्मकं तु विज्ञानं भवते साधकस्य तु ॥

28.80

  • अथवा सृष्टिवेधं तु क्रियते परमेश्वरि ।

यकारे वायवीसृष्टि रकारे मारणात्मिका ॥

28.81
लकारे स्तम्भसृष्टि स्याद् वकारे वरुणात्मिका ।
हकारे प्राणसृष्टिः स्यात् सकारेण समन्विता ॥

28.82
अमृतार्थे समुद्दिष्टा कारयेत् साधकोत्तमः ।
ककारादिमकारान्ताः पञ्चविंश-म्-उदाहृताः ॥

28.83
एतैस् तु सृष्टिवेधो ऽस्ति ज्ञात्वा कामविभागशः ।
मन्त्रसृष्टिः समुद्दिष्टा तत्त्वसृष्टिस् तथैव च ॥

28.84
जीवसृष्टिः समाख्याता वर्णसृष्टिस् तथा परा ।
भूतसृष्टिस् तथा देवि योगसृष्टिस् तथैव च ॥

28.85
यद्रूपं भावयित्वा तु वेधयेत् परमेश्वरि ।
तदात्मकं तु विज्ञानं भवते साधकस्य तु ॥

28.86
सृष्टिरूपं भवेत् सर्वं ज्ञातव्यं साधकेन तु ।
द्वाराणि पञ्च देवेशि कथयामि समासतः ॥

28.87
हस्तौ पादौ तथा गुह्ये पञ्च वेधाः प्रकीर्तिताः ।
एतन्मार्गरहितस् तु यो वेधं कर्तुम् इच्छति ॥

28.88
हनते मुष्टिनाकाशं पिबते मृगतृष्णिकाम् ।
नासा कर्णौ च चक्षुर्भ्यां तस्मिन् वेधो न विद्यते ॥

28.89
अपद्वारास् तु ते प्रोक्ता **बहिर् व्यवस्थिताः ।
तेन ते निष्फला वेधा विद्वेषोच्चाटमारणे ॥

28.90
इत्य् एवं सरहस्यं तु तन्त्रे ऽस्मिन् द्विदशात्मके ।
साहस्रे सारम् आदाय सुखबोधम् अनाकुलम् ॥

28.91
कथितं सप्रपञ्चेदं नानाविज्ञानसंकुलम् ।
येन जन्मसहस्रैस् तु भक्त्या चाराधितो ह्य् अहम् ॥

28.92
स प्राप्नोति त्व् इदं तन्त्र अन्यो दृष्ट्वा तु मुह्यति ।
एतत् तन्त्रं वरं देवि नाख्यातं कस्यचिन् मया ॥

28.93
तव देवि समाख्यातं रहस्यं प्रकटीकृतम् ।
ऋषिदेवगणैर् वन्द्यं योगिनीभिः प्रपूजितम् ॥

28.94
अस्मात् तन्त्रात् परं नास्ति रुद्रशक्ति-र्-अधिष्ठितम् ।
ये योगिनीकुले जातास् तद्भावगतचेतसः ॥

28.95
ज्ञायन्ते ते त्व् इदं शास्त्रं गूढार्थं ज्ञानसागरम् ।
लिखितं तिष्ठते देवि यत्र तन्त्रं महायशे ॥

28.96
ते ऽपि मुक्तिं गमिष्यन्ति पिण्डपाताद् वरानने ।
योगिन्यश् चैव रक्षन्ति पुत्रवत् पालयन्ति हि ॥

28.97
न तस्य वर्तते मारी नाशुभं विद्यते क्वचित् ।
यस् तु पूजयते शास्त्रम् अमृतं सारवत् प्रिये ॥

28.98
तेन यष्टं श्रुतं ह्य् एतं कृतं समयरक्षणम् ।
स्वबुद्ध्या यो दुरात्मा न पीठमार्गविकल्पकः ॥

28.99
न तेषां पुनरावृत्तिर् गतास् ते रौरवान्तिकम् ।
तस्मात् परंपराया तं मन्त्रार्थं सिद्धिकौलिकम् ॥

28.100
श्रोतव्यं गुरुसामीप्ये यावन्तं निर्मलं भवेत् ।
गोपनीयं प्रयत्नेन न श्राव्यं तदभावितम् ॥

28.101
प्रमादाच् छ्रावयेद् यस् तु अविज्ञात्वा त्व् अनुक्रमम् ।
गच्छते नरकं घोरं गुरुद्रोही दुरात्मनः ॥

28.102
नाहं तस्य परित्राता मज्जमाने भवार्णवे ।
योगिनीगणमध्यस्थः पशुर् एवात्र साधकः ॥

28.103
समद्रोही गुरुद्रोही देवद्रोही वरानने ।
यां गतिं गच्छते देवि तां गतिं गच्छते तु सः ॥

28.104
तस्मात् प्रकटं न कर्तव्यं यदीच्छेच् छुभम् आत्मनः ।
परीक्षां यत्नतः कृत्वा अनेकैस् तु प्रकारकैः ॥

28.105
अभिषेकं ततो दत्त्वा श्रावयेद् दापयेद् अथ ।
अन्यथा भवते दोष इति शास्त्रस्य निश्चयः ।
एतच् छास्त्र वरं देवि न देयं यस्य कस्यचित् ॥

Kapitelkolophon
इति भैरवस्रोतसि महातन्त्रे विद्यापीठे सप्तकोटिप्रमाणे श्रीतन्त्रसद्भावे आत्माचाराधिकारो नामाष्टाविंशतिमः पटलः ॥

Bedeutung für Tantra, Yoga, Mantra und Shakti

Das Tantrasadbhava macht die historische Vielfalt des Tantra anschaulich. Diksha, Puja, Mantra, Mudra, Meditation und Yoga bilden darin miteinander verbundene Bereiche einer religiösen Lebensform. Ein rein körperliches Verständnis von Yoga erfasst diesen Zusammenhang ebenso wenig wie die Vorstellung, tantrische Texte behandelten ausschließlich Sexualität. Kapitel 18 zeigt etwa, wie Zugehörigkeit und Verständigung durch Gesten, Sonderwörter und verschlüsselte Namen ausgedrückt werden konnten.

Für das Verständnis des Mantra ist der Mālinī-Abschnitt besonders aufschlussreich. Die Laute werden nicht bloß als neutrale Sprachzeichen betrachtet. Sie bilden den Körper einer Göttin und verknüpfen Sprache, Bewusstsein und Shakti. Die Aussage 3.130 führt diesen Zusammenhang bis zu Shiva: Mantras bestehen aus Lauten, Laute aus Shakti, und Shakti wird als von Shivas Wesen verstanden. Die räumlichen Chiffren des Tantrasadbhava zeigen zugleich, weshalb eine bloße Auflistung vermeintlicher „Geheimmantras“ den Text nicht angemessen wiedergibt.

Kapitel 28 verdeutlicht die Vielfalt früher Vorstellungen von Nadis, Prana und Lotoszentren. Acht-, sechs- und sechzehnspeichige Lotose stehen neben Gruppen von neun Zentren und sechs Gottheitenkreisen. Diese Ordnungen erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Sie dürfen nicht ohne Begründung auf die heute häufig gelehrte Folge von sieben Chakras reduziert werden. Auch die Aussagen über Kundalini beziehungsweise Kuṇḍalī müssen jeweils aus ihrem Satz- und Überlieferungszusammenhang verstanden werden.

Die Forschung zum Tantrasadbhava zeigt außerdem, dass Überlieferung durch Übernahme und Veränderung von Texten entstand. Vergleichbare Passagen im Svacchanda Tantra, im Kubjikamata Tantra und in weiteren shivaitischen oder buddhistischen Schriften erlauben konkrete historische Fragen. Sie ersetzen jedoch nicht die Prüfung einzelner Lesungen. Für heutige Leser ist diese Verbindung aus sorgfältiger Quellenarbeit und verständlicher Darstellung besonders fruchtbar: Die religiöse Eigenart der Schrift bleibt sichtbar, während Unsicherheiten offengelegt werden.

Allgemeines Schaubild zu Nadis und Chakras. Die Körper- und Lautordnungen des Tantrasadbhava sind jeweils aus dem Text zu erschließen und nicht mit diesem Schaubild gleichzusetzen.

Anregungen für die heutige Praxis

Ein angemessener Zugang zum Tantrasadbhava kann mit Svadhyaya, dem betrachtenden Studium, beginnen. Dazu lässt sich ein kurzer Abschnitt lesen und anschließend fragen, welche Vorstellung von Bewusstsein, Mantra oder Shakti darin erkennbar wird. Besonders geeignet sind 3.127–130 und 28.45. Dabei lohnt es sich, zwischen dem übersetzten Wortlaut und den ausdrücklich ergänzten Erläuterungen zu unterscheiden.

Als begleitende Meditation kann man bequem sitzen, den natürlichen Atem ohne Eingriff wahrnehmen und seine Aufmerksamkeit ruhig sammeln. Für eine Betrachtung von Shakti kann die schöpferische Kraft von Sprache, Aufmerksamkeit und verantwortlichem Handeln im Alltag zum Thema werden. Ein bekanntes Mantra lässt sich in einer vertrauten, sachkundig begleiteten Praxis verwenden; aus noch nicht entschlüsselten Buchstabenchiffren des Tantrasadbhava wird hier kein neues Übungsverfahren konstruiert.

Die historischen Beschreibungen von Atemzwang, Bewusstseinsverlust, Körperaustritt, Schadensritualen und Todesprognosen sind keine Anleitung für diese heutige Praxis. Auch religiöse Versprechen von Heilung, Schutz vor Seuchen oder verlängerter Lebenszeit sind als Aussagen des Textes zu lesen. Das Tantrasadbhava kann zu sorgfältigem Studium und einer reflektierten Yogapraxis anregen, ohne seine gesamte historische Ritualwelt in den heutigen Alltag zu übertragen.

Ergänzende Videos

Die folgenden Videos stammen aus der bereitgestellten Medienliste. Sie zeigen moderne Yoga-Vidya-Meditationen und dienen als ergänzende Anregungen; sie sind keine historischen Ausführungen von Ritualen des Tantrasadbhava.

Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev

Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Junglan Bang: Selected Chapters from the Tantrasadbhāva, Based on the tradition of 11th century Śaiva Sanskrit Manuscripts in Nepal. Dissertation, Universität Hamburg, 2018; elektronische Bereitstellung 2022. Datensatz und Download. Hauptquelle für die Einleitung, Handschriftenbeschreibung, Kapitelübersicht und die wiedergegebenen Sanskritabschnitte. Sanskritedition S. 132–275; Übersetzungen und Diskussion S. 278–469. Keine KSTS-Ausgabe.
  • Junglan Bang: „The Development of Pāśastobha (The Stunning of Bonds) in Śaiva Initiation, Together with an Analysis of the Piṇḍamantras Taught in the Tantrasadbhāva and the Tantrāloka“. 2019. DOI und Veröffentlichung. Ergänzende Studie zur Einweihungslehre; ihr moderner Text wird hier nicht vollständig reproduziert.
  • GRETIL: Textverzeichnis. Für die Suche nach einer elektronischen Sanskritvorlage geprüft; kein selbständiger Tantrasadbhava-Eintrag aufgefunden.
  • Muktabodha Digital Library und Nutzungsbedingungen der E-Text-Sammlung. Für die Überlieferungs- und Verfügbarkeitsprüfung herangezogen; keine ungeprüfte Muktabodha-Datei als Sanskritvorlage verwendet.
  • Yoga Wiki: Hauptseite, Abschnitt „Impressum, Copyright“ und öffentliche Website-Informationen. Für Artikelbestand, Größenbeschränkung und Nutzungsbedingungen geprüft.

Nachweise

  1. 1,0 1,1 Junglan Bang: Selected Chapters from the Tantrasadbhāva, Based on the tradition of 11th century Śaiva Sanskrit Manuscripts in Nepal. Dissertation, Universität Hamburg, 2018; elektronische Veröffentlichung 27. Juni 2022. Hochschulschriftenserver, PDF. Besonders S. 40–44, 59–83 und 119–129. Seitenangaben beziehen sich auf die gedruckte Paginierung.
  2. Bang 2018, S. 82–83, „The date of the Tantrasadbhāva“.
  3. Bang 2018, S. 16–17, 40–44 und 119–120. Die Signaturen folgen Bang; in anderen Publikationen kommen abweichende NAK-Nummern vor.
  4. 4,0 4,1 Bang 2018, S. 62–66, Tabellen 2.2 und 2.3; Anhänge A–D, S. 473–512.
  5. Bang 2018, S. 60–62 und 82. Zu den Ritualen auch Junglan Bang: „The Development of Pāśastobha (The Stunning of Bonds) in Śaiva Initiation, Together with an Analysis of the Piṇḍamantras Taught in the Tantrasadbhāva and the Tantrāloka“, 2019, DOI: 10.14288/1.0391829. Diese Studie wird bibliographisch genannt, nicht als vollständiger Text übernommen.
  6. Bang 2018, S. 57–58.
  7. GRETIL-Verzeichnis; Muktabodha Digital Library; bibliographischer Nachweis in „Adapting Śaiva Tantric Initiation for Exoteric Circles: The Case of the Lokadharmiṇī Dīkṣā and Its History in Early Medieval Sources“, 2020. Abrufprüfung: 9. September 2026.
  8. Muktabodha: Data Licenses.

Quelle, Bearbeitung und Lizenzhinweis

Namensnennung der wissenschaftlichen Quelle: Junglan Bang, Selected Chapters from the Tantrasadbhāva, Based on the tradition of 11th century Śaiva Sanskrit Manuscripts in Nepal, Dissertation, Universität Hamburg, 2018, elektronisch veröffentlicht 2022; Originalquelle. Der Hochschulschriftenserver weist die Arbeit unter Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0) aus.

Bearbeitungsvermerk: Die hier enthaltenen Auszüge wurden aus Bangs Devanagari-Lesetext in IAST übertragen und mit deutschen Arbeitsübersetzungen sowie Erläuterungen versehen. Bangs englische Übersetzungen und philologische Diskussion wurden dabei herangezogen; die deutschen Texte sind keine von ihr autorisierte Übersetzung. Die anschließende Devanagari-Fassung wurde technisch aus der IAST-Erfassung erzeugt. Kapitelgliederung, Wortabstände, MediaWiki-Formatierung und Rahmenteile wurden für diese Bearbeitung eingerichtet. Erstellung mit Unterstützung von ChatGPT, 2026. Die vollständigen Apparate und fremden Vergleichstexte der Dissertation wurden nicht in den Artikeltext kopiert. Diese Bearbeitung legt keine Unterstützung oder Freigabe durch Junglan Bang nahe.

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Die vier eingebundenen Bilddateien bestehen bereits im Yoga Wiki und sind in der beigefügten Medienliste genannt. Sie werden als allgemeine Illustrationen eingebunden. Eine einheitliche freie Lizenz dieser Bilder oder der YouTube-Videos wird hier nicht behauptet; deren eigene Rechtehinweise bleiben maßgeblich. Insbesondere erstreckt sich die Lizenz von Bangs Dissertation nicht auf diese Medien. Das Quellenarchiv enthält keine neu heruntergeladenen Kopien der Wiki-Bilder oder Videos.

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