Nilarudra Upanishad: Unterschied zwischen den Versionen
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Die '''Nilarudra Upanishad''' ([[Sanskrit]]: ''f''.) ist ein Teil der indischen [[Heilig]]en [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Schriften], die [http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veda] genannt werden. Die Nilarudra Upanishad gehört zum [[Atharvaveda]] und wird außerdem den [[Shiva Upanishaden]] zugeordnet. Der Name Nilarudra Upanishad bedeutet "Upanishad vom schwarzen [[Rudra]]", hier wird Rudra Verehrung gezollt. | Die '''Nilarudra Upanishad''' ([[Sanskrit]]: नीलरुद्रोपनिषद्, ''Nīlarudropaniṣad ''f''.) ist ein Teil der indischen [[Heilig]]en [https://www.yoga-vidya.de/seminare/interessengebiet/indische-schriften/ Schriften], die [http://www.yoga-vidya.de/Yoga--Artikel/art_veden.html Veda] genannt werden. Die Nilarudra Upanishad gehört zum [[Atharvaveda]] und wird außerdem den [[Shiva Upanishaden]] zugeordnet. Der Name Nilarudra Upanishad bedeutet "Upanishad vom schwarzen [[Rudra]]", hier wird Rudra Verehrung gezollt. | ||
[[Datei:Blitz Gewitter.JPG|thumb|"Der Pfeil, den du, o Bergfroher, zum Schleudern trägst in deiner Hand, den mach' uns gnädig, Berghüter, nicht treffe meine Mannen er!" Zitat: Nilarudra Up.]] | [[Datei:Blitz Gewitter.JPG|thumb|"Der Pfeil, den du, o Bergfroher, zum Schleudern trägst in deiner Hand, den mach' uns gnädig, Berghüter, nicht treffe meine Mannen er!" Zitat: Nilarudra Up.]] | ||
Die '''Nilarudra Upanishad''' ist eine [[Upanishaden|Upanishad]] mit Gebeten an [[Rudra]], den in der späteren Überlieferung mit [[Shiva]] verbundenen Gott. ''Nīla'' bedeutet dunkelblau; der Text nennt Rudra blauhalsig und beschreibt seinen auffälligen Haarschopf. Die Verehrenden bitten den mächtigen Bogenschützen um Schonung, Schutz und Wohlergehen. Auch Schlangenbeschwörungen und Bitten um Beistand in Auseinandersetzungen gehören zum überlieferten Text. | |||
[[Datei:Shiva_Meditation.jpg|thumb|[[Shiva]] in der [[Meditation]]. Die heutige Betrachtung seiner friedvollen Gestalt kann an die Bitte um Rudras milde Erscheinung anknüpfen.]] | |||
Der Artikel folgt dem Sanskrittext der kritischen Ausgabe von Timothy Lubin (2007). Sie unterscheidet drei Abschnitte mit insgesamt 26 Versen; die Zählung 1.1–1.9, 2.10–2.20 und 3.21–3.26 wird übernommen. Die anschließende Schlusswiederholung wird ebenfalls erläutert. Vedische Akzente sind weggelassen; Wortabstände, Satzzeichen, Anusvara-Schreibung und Versnummern sind für diese Lesefassung vereinheitlicht. Sanskrit und deutsche Übersetzung werden in jedem Abschnitt unmittelbar miteinander verbunden. Die Worterklärung löst Sandhi und Komposita soweit sprachlich bestimmbar auf. Unklare Ausdrücke werden kenntlich gemacht. | |||
Die Nilarudra Upanishad gehört nicht zu den 108 Titeln des [[Muktika Upanishad|Muktika-Kanons]]. Der hier vollständig wiedergegebene Grundtext ist vom ausführlichen Kommentar, der ''Nārāyaṇa-Dīpikā'', zu unterscheiden; dieser Kommentar gehört nicht zum Umfang der Textwiedergabe. | |||
==Nilarudra Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen== | ==Nilarudra Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen== | ||
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[[Datei:Shiva. | [[Datei:Shiva neu.jpg|thumb|Shiva mit Verehrer, Rishikesh, Indien, 2004]] | ||
21. Der bei den Seinen Gott Blauhals (Siva), | 21. Der bei den Seinen Gott Blauhals (Siva), | ||
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===Fußnoten=== | ===Fußnoten=== | ||
<references/> | <references/> | ||
==Nilarudra Upanishad - Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung== | |||
'''1.1 – Rudras Erscheinung'''<br> | |||
oṃ apaśyaṃ tvāvarohantaṃ divitaḥ pṛthivīm avaḥ |<br> | |||
apaśyam asyantaṃ nīlagrīvaṃ rudraṃ śikhaṇḍinam || 1 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Om. Ich sah dich vom Himmel herab zur Erde niedersteigen. Ich sah den blauhalsigen Rudra mit dem Haarschopf, wie er seine Geschosse schleuderte. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''oṃ'' – Om, die einleitende heilige Silbe; ''apaśyam'' – ich sah; ''tvā'' – dich; ''avarohantam'' – herabsteigend, hinabkommend; ''divitaḥ'' – vom Himmel her, vedische Herkunftsangabe; ''pṛthivīm'' – zur Erde, auf die Erde; ''avaḥ'' – hinab, abwärts; ''apaśyam'' – ich sah; ''asyantam'' – werfend, schleudernd, hier: Pfeile abschießend; ''nīla-grīvam'' – den Blauhalsigen: nīla, dunkelblau; grīvā, Hals; ''rudram'' – Rudra, den Gott dieses Namens; ''śikhaṇḍinam'' – den einen Schopf oder Federbusch Tragenden. | |||
'''1.2 – Die Menschen werden zum Hinschauen gerufen'''<br> | |||
diva ugro 'vārukṣat praty aṣṭhād bhūmyām adhi |<br> | |||
janāsaḥ paśyatemaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam || 2 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Der Gewaltige ist vom Himmel herabgestiegen; auf der Erde hat er seinen Stand genommen. Ihr Menschen, schaut diesen Blauhalsigen, diesen tief Roten an! | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''divaḥ'' – vom Himmel; ''ugraḥ'' – der Gewaltige, Furchtbare; ''avārukṣat'' – er stieg herab; ''prati'' – hin, gegenüber; mit aṣṭhāt: einen Stand einnehmen; ''aṣṭhāt'' – er stellte sich hin, stand; ''bhūmyām'' – auf der Erde; ''adhi'' – auf, über; bekräftigt hier die örtliche Angabe; ''janāsaḥ'' – ihr Menschen, vedische Anrede im Plural; ''paśyata'' – seht, schaut an; ''imam'' – diesen; ''nīla-grīvam'' – den Blauhalsigen; ''vilohitam'' – den stark Roten, tief Rötlichen. | |||
'''1.3 – Bitte um Befreiung vom Leiden'''<br> | |||
eṣa ety avīrahā rudro jalāṣabheṣajī |<br> | |||
vi te 'kṣemam anīnaśad vātīkāro 'py etu te || 3 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Dieser Rudra kommt, ohne Menschen zu erschlagen, mit Jalasha als Heilmittel. Er hat deine Unsicherheit beseitigt; auch dein Vatikara-Leiden möge weichen. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''eṣaḥ'' – dieser; ''eti'' – er kommt, geht heran; ''a-vīra-hā'' – kein Männertöter: a, nicht; vīra, Mann oder Held; han, schlagen, töten; ''rudraḥ'' – Rudra; ''jalāṣa-bheṣajī'' – mit Jalasha als Heilmittel versehen: jalāṣa, hier ein traditioneller Heilmittelname, als Harn gedeutet; bheṣaja, Heilmittel; ''vi'' – weg, auseinander; gehört zu anīnaśat; ''te'' – deine, dir; ''akṣemam'' – Unsicherheit, fehlendes Wohlergehen; a, nicht; kṣema, Sicherheit; ''anīnaśat'' – er hat verschwinden lassen, beseitigt; ''vātīkāraḥ'' – Vatikara, Bezeichnung eines nicht sicher bestimmbaren Leidens; ''api'' – auch; ''etu'' – es möge gehen; mit fortwirkendem vi: fortgehen; ''te'' – dein, von dir. | |||
'''Erläuterung:''' Die Lesung ''akṣemam'' setzt vor ''kṣemam'' ein im Sandhi ausgefallenes ''a'' an. Die medizinischen Ausdrücke dieses schwierigen Verses werden nicht durch eine moderne Diagnose ersetzt. | |||
'''1.4 – Verneigung vor Bhava'''<br> | |||
namas te bhava bhāmāya namas te bhava manyave |<br> | |||
namas te astu bāhubhyām utota iṣave namaḥ || 4 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Verneigung vor deinem Zorn, o Bhava; Verneigung vor deinem Grimm, o Bhava. Deinen beiden Armen sei Verneigung, und auch deinem Pfeil sei Verneigung. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''namaḥ'' – Verneigung, Ehrerbietung; ''te'' – deinem; ''bhava'' – o Bhava, Name Rudras; ''bhāmāya'' – dem Zorn, dem Aufflammen; ''namaḥ'' – Verneigung; ''te'' – deinem; ''bhava'' – o Bhava; ''manyave'' – dem Grimm, der zornigen Erregung; ''namaḥ'' – Verneigung; ''te'' – deinen; ''astu'' – es sei, möge sein; ''bāhubhyām'' – den beiden Armen; ''uta'' – und; ''u'' – auch, bekräftigende Partikel; ''te'' – deinem; uta u te erscheint hier verbunden als utota; ''iṣave'' – dem Pfeil; ''namaḥ'' – Verneigung. | |||
'''1.5 – Der Pfeil soll heilvoll werden'''<br> | |||
yām iṣuṃ giriśanta haste bibharṣy astave |<br> | |||
śivāṃ giritra tāṃ kṛṇu mā hiṃsīt puruṣān mama || 5 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Den Pfeil, den du, o Bergbewohner, zum Abschießen in deiner Hand trägst, mache heilvoll, o Beschützer des Berges. Er soll meine Menschen nicht verletzen. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yām'' – welchen, auf den femininen iṣu bezogen; ''iṣum'' – Pfeil; ''giriśanta'' – o Bergbewohner, Anrufungsname Rudras; ''haste'' – in der Hand; ''bibharṣi'' – du trägst, hältst; ''astave'' – zum Werfen, zum Abschießen, vedischer Infinitiv; ''śivām'' – heilvoll, freundlich; zu iṣum; ''giritra'' – o Bergbeschützer: giri, Berg; tra, schützend; ''tām'' – diesen, eben jenen Pfeil; ''kṛṇu'' – mache, vedischer Imperativ von kṛ; ''mā'' – nicht, in einem Verbot oder einer abwehrenden Bitte; ''hiṃsīt'' – er möge verletzen; mit mā: er möge nicht verletzen; ''puruṣān'' – Menschen, Männer; ''mama'' – meine. | |||
'''1.6 – Heilvolles Ansprechen'''<br> | |||
śivena vacasā tvā giriśāchā vadāmasi |<br> | |||
yathā naḥ sarvam ij jagad ayakṣmaṃ sumanā asat || 6 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Mit einem heilvollen Wort sprechen wir dich an, o Bergbewohner, damit die ganze Welt ohne Krankheit sei und du uns wohlgesinnt seiest. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''śivena'' – mit einem heilvollen, freundlichen; ''vacasā'' – Wort, einer Rede; ''tvā'' – dich; ''giriśa'' – o Herr des Berges, Bergbewohner; ''achā'' – hin zu, hier mit vadāmasi: ansprechen; auch acchā geschrieben; ''vadāmasi'' – wir sprechen, vedisch für vadāmaḥ; ''yathā'' – damit, sodass; ''naḥ'' – uns; ''sarvam'' – die ganze, alles; ''it'' – eben, wirklich; vor jagat als ij; ''jagat'' – die Welt, das Bewegliche und Lebendige; ''a-yakṣmam'' – ohne Krankheit: a, nicht; yakṣma, Krankheit oder Siechtum; ''su-manāḥ'' – wohlgesinnt, guten Sinnes: su, gut; manas, Sinn oder Geist; ''asat'' – es sei, er möge sein, vedischer Konjunktiv. | |||
'''Erläuterung:''' ''Sumanāḥ'' ist eine männliche Form. Die Übersetzung bezieht sie auf den angerufenen Rudra und ergänzt das im Deutschen erforderliche ‚du‘. | |||
'''1.7 – Wohlwollen zum Leben'''<br> | |||
yā ta iṣuḥ śivatamā śivaṃ babhūva te dhanuḥ |<br> | |||
śivā śaravyā yā tava tayā no mṛḍa jīvase || 7 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Dein Pfeil ist der heilvollste; dein Bogen ist heilvoll geworden. Dein Geschoss ist heilvoll: Erweise uns damit Güte, damit wir leben. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yā'' – welcher, der; auf iṣuḥ bezogen; ''te'' – dein, vor iṣuḥ als ta; ''iṣuḥ'' – Pfeil; ''śiva-tamā'' – am heilvollsten, sehr freundlich; Superlativ von śiva; ''śivam'' – heilvoll; ''babhūva'' – ist geworden; ''te'' – dein; ''dhanuḥ'' – Bogen; ''śivā'' – heilvoll; ''śaravyā'' – Geschoss, Schuss; ''yā'' – welches, das; ''tava'' – dein; ''tayā'' – mit diesem, damit; feminin zu śaravyā; ''naḥ'' – uns; ''mṛḍa'' – sei gnädig, erweise Güte; ''jīvase'' – zum Leben, damit wir leben. | |||
'''1.8 – Rudras milde Gestalt'''<br> | |||
yā te rudra śivā tanūr aghorāpāpakāśinī |<br> | |||
tayā nas tanvā śaṃtamayā giriśantābhi cākaśa || 8 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Deine heilvolle Gestalt, o Rudra, die nicht furchtbar ist und nichts Unheilvolles zeigt: Mit dieser deiner gütigsten Gestalt schaue uns an, o Bergbewohner. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yā'' – welche, die; ''te'' – deine; ''rudra'' – o Rudra; ''śivā'' – heilvoll, freundlich; ''tanūḥ'' – Gestalt, Leib; ''a-ghorā'' – nicht furchtbar, nicht schrecklich; ''a-pāpa-kāśinī'' – nichts Böses zeigend: a, nicht; pāpa, Böses; kāśin, erscheinend oder zeigend; ''tayā'' – mit dieser; ''naḥ'' – uns; ''tanvā'' – Gestalt, durch die Gestalt; Instrumental von tanū; ''śaṃ-tamayā'' – mit der wohltätigsten, segensreichsten; ''giriśanta'' – o Bergbewohner; ''abhi'' – zu uns hin, auf uns gerichtet; ''cākaśa'' – schaue, leuchte her; intensive Verbform von kāś. | |||
'''1.9 – Besänftigung in allen Himmelsrichtungen'''<br> | |||
asau yas tāmro aruṇa uta babhrur vilohitaḥ |<br> | |||
ye ceme abhito rudrā dikṣu śritāḥ sahasraśo 'vaiṣāṃ heḍa īmahe || 9 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Jener dort, der kupferfarben, rötlich, braun und tiefrot ist, und diese Rudras, die ringsum zu Tausenden in den Himmelsrichtungen wohnen: Wir bitten darum, dass ihr Zorn weiche. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''asau'' – jener dort; ''yaḥ'' – der, welcher; ''tāmraḥ'' – kupferfarben; ''aruṇaḥ'' – rötlich, morgenrot; ''uta'' – und auch; ''babhruḥ'' – braun, rötlichbraun; ''vilohitaḥ'' – tiefrot; ''ye'' – welche, die; ''ca'' – und; ''ime'' – diese; ''abhitaḥ'' – ringsum, von allen Seiten; ''rudrāḥ'' – Rudras, die zahlreichen Erscheinungen oder Mächte Rudras; ''dikṣu'' – in den Himmelsrichtungen; ''śritāḥ'' – wohnend, sich aufhaltend; ''sahasraśaḥ'' – zu Tausenden; ''ava'' – weg, herab; mit īmahe: um Abwendung bitten; ''eṣām'' – dieser, ihr; ''heḍaḥ'' – Zorn, Unwille; Form des vedischen heḍas; ''īmahe'' – wir bitten, erflehen. | |||
'''2.10 – Alle Wesen sehen ihn'''<br> | |||
adṛśan tvāvarohantaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam |<br> | |||
uta tvā gopā adṛśann uta tvodahāryaḥ |<br> | |||
uto tvā viśvā bhūtāni tasmai dṛṣṭāya te namaḥ || 10 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Sie sahen dich herabsteigen, blauhalsig und tiefrot. Die Hirten sahen dich, auch die Wasserträgerinnen, und auch alle Wesen sahen dich. Dir, der du so gesehen wurdest, sei Verneigung. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''adṛśan'' – sie sahen; ''tvā'' – dich; ''avarohantam'' – herabsteigend; ''nīla-grīvam'' – blauhalsig; ''vilohitam'' – tiefrot; ''uta'' – und auch; ''tvā'' – dich; ''gopāḥ'' – Hirten, Hüter der Rinder; ''adṛśan'' – sie sahen; ''uta'' – und auch; ''tvā'' – dich; ''uda-hāryaḥ'' – Wasserträgerinnen: uda, Wasser; hārya, tragend; ''uta'' – und; ''u'' – auch, verstärkend; ''tvā'' – dich; ''viśvā'' – alle; ''bhūtāni'' – Wesen, Geschöpfe; ''tasmai'' – jenem, diesem; ''dṛṣṭāya'' – dem Gesehenen; ''te'' – dir; ''namaḥ'' – Verneigung. | |||
'''2.11 – Verneigung vor Rudra und seinen Scharen'''<br> | |||
namo 'stu nīlaśikhaṇḍāya sahasrākṣāya vājine |<br> | |||
atho ye asya satvānas tebhyo 'ham akaraṃ namaḥ || 11 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Verneigung sei dem, der den blauen Schopf trägt, dem Tausendäugigen, dem Kraftvollen. Auch seinen Kriegern habe ich meine Verehrung erwiesen. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''namaḥ'' – Verneigung; ''astu'' – es sei, möge sein; ''nīla-śikhaṇḍāya'' – dem mit blauem Schopf: nīla, blau; śikhaṇḍa, Schopf oder Federbusch; ''sahasra-akṣāya'' – dem Tausendäugigen: sahasra, tausend; akṣa, Auge; ''vājine'' – dem Kraftvollen, Siegeskräftigen; ''atha u'' – und ferner, außerdem; verbunden atho; ''ye'' – welche, die; ''asya'' – seine, diesem zugehörig; ''satvānaḥ'' – Krieger, kämpfende Männer; ''tebhyaḥ'' – diesen, ihnen; ''aham'' – ich; ''akaram'' – habe getan, vollzogen; ''namaḥ'' – Verneigung, Verehrung. | |||
'''2.12 – Die Waffe bleibt ungespannt'''<br> | |||
namāṃsi ta āyudhāyānātatāya dhṛṣṇave |<br> | |||
ubhābhyām akaraṃ namo bāhubhyāṃ tava dhanvane || 12 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Ehrerbietungen deiner kühnen, ungespannten Waffe. Deinen beiden Armen und deinem Bogen habe ich Verehrung erwiesen. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''namāṃsi'' – Ehrerbietungen, Verneigungen, Plural; ''te'' – deiner; hier ta vor āyudhāya; ''āyudhāya'' – Waffe; ''an-ātatāya'' – der nicht gespannten: an, nicht; ā-tata, ausgespannt; ''dhṛṣṇave'' – der kühnen, ungestümen; ''ubhābhyām'' – beiden; ''akaram'' – ich habe erwiesen, getan; ''namaḥ'' – Verneigung; ''bāhubhyām'' – den beiden Armen; ''tava'' – deinem; ''dhanvane'' – Bogen, Dativ von dhanvan. | |||
'''2.13 – Die Bogensehne lösen'''<br> | |||
pra muñca dhanvanas pary ubhayor ārtnyor jyām |<br> | |||
yāś ca te hasta iṣavaḥ parā tā bhagavo vapa || 13 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Löse die Sehne rings von den beiden Enden des Bogens. Und die Pfeile, die du in deiner Hand hast: Lege sie beiseite, o Erhabener. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''pra'' – los, nach vorn; gehört zu muñca; ''muñca'' – löse, lass frei; ''dhanvanaḥ'' – des Bogens; ''pari'' – von ringsum, von … herum; ''ubhayoḥ'' – der beiden; ''ārtnyoḥ'' – Bogenenden, Dual von ārtni; ''jyām'' – die Bogensehne; ''yāḥ'' – welche, die; ''ca'' – und; ''te'' – deiner, dir; ''haste'' – in der Hand; vedische Sandhiform hasta vor iṣavaḥ; ''iṣavaḥ'' – Pfeile; ''parā'' – fort, beiseite; ''tāḥ'' – diese; ''bhagavaḥ'' – o Erhabener, o Herr; Anredeform von bhagavat, hier bhagavo; ''vapa'' – streue, lege ab. | |||
'''2.14 – Die Pfeilspitzen stumpf machen'''<br> | |||
avatatya dhanus tvaṃ sahasrākṣa śateṣudhe |<br> | |||
niśīrya śalyānāṃ mukhā śivo naḥ śambhur ā bhava || 14 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Entspanne deinen Bogen, o Tausendäugiger mit den hundert Köchern. Nachdem du die Spitzen der Pfeile abgebrochen hast, werde uns heilvoll und wohltätig zugewandt. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''avatatya'' – nachdem man entspannt hat, die Spannung lösend; ''dhanuḥ'' – den Bogen; ''tvam'' – du; ''sahasra-akṣa'' – o Tausendäugiger; ''śata-iṣudhe'' – o du mit hundert Köchern: śata, hundert; iṣudhi, Köcher; ''niśīrya'' – nachdem man abgebrochen oder abgestumpft hat; ''śalyānām'' – der Pfeilspitzen, der spitzen Geschosse; ''mukhā'' – die Vorderenden, Spitzen; vedischer Plural; ''śivaḥ'' – heilvoll, freundlich; ''naḥ'' – uns; ''śambhuḥ'' – wohltätig, Wohl hervorbringend: śam, Wohl; bhū, werden; ''ā'' – herzu, uns zugewandt; ''bhava'' – werde, sei. | |||
'''2.15 – Der Bogen ist ohne Sehne'''<br> | |||
vijyaṃ dhanuḥ śikhaṇḍino viśalyo bāṇavāṃ uta |<br> | |||
aneśann asyeṣavaḥ śivo asya niṣaṅgatiḥ || 15 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Der Bogen des Schopftragenden ist ohne Sehne, und sein Pfeil ist ohne Spitze. Seine Pfeile sind verschwunden; sein Köcher ist heilvoll. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''vi-jyam'' – ohne Sehne: vi, ent-, auseinander; jyā, Bogensehne; ''dhanuḥ'' – der Bogen; ''śikhaṇḍinaḥ'' – des Schopftragenden; ''vi-śalyaḥ'' – ohne Spitze: vi, ent-; śalya, Spitze oder Widerhaken; ''bāṇavān'' – der mit einem Pfeil versehene Schaft, Pfeil; auch als Pfeilbehälter verstanden; ''uta'' – und auch; ''aneśan'' – sie sind verschwunden, zugrunde gegangen; ''asya'' – seine; ''iṣavaḥ'' – Pfeile; ''śivaḥ'' – heilvoll, ungefährlich; ''asya'' – sein; ''niṣaṅgatiḥ'' – Köcher, Pfeilbehälter. | |||
'''Erläuterung:''' Für ''viśalyo bāṇavān'' ist auch ‚sein Köcher ist ohne Pfeile‘ möglich. Die Unsicherheit betrifft die Gegenstandsbezeichnung, nicht die im Vers erbetene Entwaffnung. | |||
'''2.16 – Das Geschoss soll uns verfehlen'''<br> | |||
pari te dhanvano hetir asmān vṛṇaktu viśvataḥ |<br> | |||
atho ya iṣudhis tavāre asman ni dhehi tam || 16 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Das Geschoss deines Bogens möge uns von allen Seiten umgehen. Und jenen Köcher, den du hast, lege fern von uns nieder. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''pari'' – um … herum, an … vorbei; ''te'' – deines; ''dhanvanaḥ'' – Bogens; ''hetiḥ'' – Geschoss, Waffe; ''asmān'' – uns; ''vṛṇaktu'' – es möge ausweichen, meiden; mit pari: umgehen; ''viśvataḥ'' – von allen Seiten, überall; ''atha u'' – und ferner; verbunden atho; ''yaḥ'' – welcher, der; ''iṣudhiḥ'' – Köcher; ''tava'' – dein; ''are'' – fern; ''asmat'' – von uns; vor ni zu asman angeglichen; ''ni'' – nieder, ab; ''dhehi'' – lege, stelle; ''tam'' – ihn, diesen. | |||
'''2.17 – Die schützende Kraft'''<br> | |||
yā te hetir mīḍhuṣṭama haste babhūva te dhanuḥ |<br> | |||
tayā tvaṃ viśvato asmān ayakṣmayā pari bhuja || 17 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Dein Geschoss, o Freigebigster – dein Bogen ruht in deiner Hand –: Mit diesem von Krankheit freien Geschoss umgib du uns von allen Seiten schützend. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yā'' – welches, das; feminin zu hetiḥ; ''te'' – dein; ''hetiḥ'' – Geschoss, Waffe; ''mīḍhuṣṭama'' – o Freigebigster, Reichlichstspendender; ''haste'' – in der Hand; ''babhūva'' – ist geworden, befindet sich; ''te'' – dein; ''dhanuḥ'' – Bogen; ''tayā'' – mit diesem, damit; ''tvam'' – du; ''viśvataḥ'' – von allen Seiten; ''asmān'' – uns; ''a-yakṣmayā'' – mit der krankheitsfreien, nicht krank machenden; feminin zu heti; ''pari'' – ringsum; ''bhuja'' – umschließe, schütze; mit pari: schützend umgeben. | |||
'''2.18 – Verneigung vor den Schlangen'''<br> | |||
namo 'stu sarpebhyo ye ke ca pṛthivīm anu |<br> | |||
ye antarikṣe ye divi tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 18 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Verneigung sei den Schlangen, allen, die sich auf der Erde bewegen, denen im Zwischenraum und denen im Himmel: Diesen Schlangen sei Verneigung. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''namaḥ'' – Verneigung; ''astu'' – es sei; ''sarpebhyaḥ'' – den Schlangen; ''ye'' – welche; ''ke'' – welche auch immer; ''ca'' – auch; ye ke ca: alle, welche auch immer; ''pṛthivīm'' – die Erde; ''anu'' – entlang, auf … hin; pṛthivīm anu: über die Erde hin; ''ye'' – diejenigen, welche; ''antarikṣe'' – im Luftraum, im Zwischenraum zwischen Erde und Himmel; ''ye'' – diejenigen, welche; ''divi'' – im Himmel; ''tebhyaḥ'' – diesen, ihnen; ''sarpebhyaḥ'' – den Schlangen; ''namaḥ'' – Verneigung. | |||
'''2.19 – Schlangen in Licht und Wasser'''<br> | |||
ye cāmī rocane divo ye ca sūryasya raśmiṣu |<br> | |||
yeṣām apsu sadas kṛtaṃ tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 19 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Und jene, die sich im hellen Raum des Himmels befinden, und die in den Strahlen der Sonne, und die, deren Wohnsitz im Wasser bereitet ist: Diesen Schlangen sei Verneigung. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''ye'' – diejenigen, welche; ''ca'' – und; ''amī'' – jene dort; ''rocane'' – im lichten Raum, im Lichtbereich; ''divaḥ'' – des Himmels; ''ye'' – diejenigen, welche; ''ca'' – und; ''sūryasya'' – der Sonne; ''raśmiṣu'' – in den Strahlen; ''yeṣām'' – deren, derjenigen, deren; ''apsu'' – in den Wassern, im Wasser; ''sadaḥ'' – Sitz, Aufenthaltsort, Wohnstätte; ''kṛtam'' – gemacht, bereitet; ''tebhyaḥ'' – diesen; ''sarpebhyaḥ'' – den Schlangen; ''namaḥ'' – Verneigung. | |||
'''2.20 – Verborgene Schlangenmächte'''<br> | |||
yā iṣavo yātudhānānāṃ ye vā vanaspatīnām |<br> | |||
ye vāvaṭeṣu śerate tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 20 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Denen, die die Pfeile der zauberkundigen Unholde sind, oder denen der Bäume, oder denen, die in Erdlöchern liegen: Diesen Schlangen sei Verneigung. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yāḥ'' – welche, die; feminin zu iṣavaḥ; ''iṣavaḥ'' – Pfeile; ''yātudhānānām'' – der Yatudhanas, zaubernden feindlichen Wesen; ''ye'' – diejenigen, welche; nun auf die Schlangen bezogen; ''vā'' – oder; ''vanaspatīnām'' – der Bäume, wörtlich: der Herren des Waldes; vana, Wald; pati, Herr; ''ye'' – diejenigen, welche; ''vā'' – oder; ''avaṭeṣu'' – in Gruben, Erdlöchern; ''śerate'' – sie liegen, ruhen; ''tebhyaḥ'' – diesen; ''sarpebhyaḥ'' – den Schlangen; ''namaḥ'' – Verneigung. | |||
'''3.21 – Anrufung der Pflanze Arundhati'''<br> | |||
yaḥ svajānāṃ nīlagrīvo yaḥ svajānāṃ harir uta |<br> | |||
kalmāṣapucham oṣadhe jambhayāsy arundhati || 21 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Den Blauhalsigen unter den Svaja-Schlangen und den Gelbgrünen unter ihnen, auch den mit dem gesprenkelten Schwanz: Du, Heilpflanze Arundhati, sollst sie überwältigen. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yaḥ'' – derjenige, welcher; ''svajānām'' – unter den Svaja-Schlangen, Genitiv Plural; die genaue zoologische Art ist hier nicht festgelegt; ''nīla-grīvaḥ'' – blauhalsig; ''yaḥ'' – derjenige, welcher; ''svajānām'' – unter den Svaja-Schlangen; ''hariḥ'' – gelblich, gelbgrün; ''uta'' – und auch; ''kalmāṣa-pucham'' – den mit gesprenkeltem Schwanz: kalmāṣa, gesprenkelt; pucha, Schwanz, auch puccha geschrieben; ''oṣadhe'' – o Heilpflanze, Anrede von oṣadhi; ''jambhayāsi'' – du zermalmst, überwältigst; hier auffordernd auf die Zukunft bezogen; ''arundhati'' – o Arundhati, Name der angesprochenen Pflanze. | |||
'''3.22 – Braune und blau gezeichnete Wesen'''<br> | |||
babhruś ca babhrukarṇaś ca nīlāgalasālā śivaḥ paśya || 22 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Der Braune und der Braunohrige, die mit bläulichem, schwachem Gift, der Friedliche: Schau! | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''babhruḥ'' – der Braune, Braunrote; ''ca'' – und; ''babhru-karṇaḥ'' – der Braunohrige: babhru, braun; karṇa, Ohr; ''ca'' – und; ''nīlāgalasālā'' – ein unsicher gedeutetes weibliches Beiwort, hier: mit bläulichem, wenig wirksamem Gift; nīla, blau, ist erkennbar, die übrige Wortbildung nicht sicher auflösbar; ''śivaḥ'' – der Friedliche, Ungefährliche, Heilvolle; ''paśya'' – sieh, schau. | |||
'''Erläuterung:''' Dieser kurze, syntaktisch lose Abschnitt wird als eigener Vers wiedergegeben. Die Unsicherheit des seltenen Beiworts bleibt ausdrücklich sichtbar; eine genaue botanische oder zoologische Bestimmung wird nicht behauptet. | |||
'''3.23 – Sharva und die Rede des Gegners'''<br> | |||
śarveṇa nīlaśikhaṇḍena bhavena marutāṃ pitrā |<br> | |||
virūpākṣeṇa babhruṇā vācaṃ vadiṣyato hatam || 23 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Durch Sharva mit dem blauen Schopf, durch Bhava, den Vater der Maruts, durch den Braunroten mit den ungewöhnlichen Augen ist das Denken dessen getroffen, der seine Stimme erheben will. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''śarveṇa'' – durch Sharva, einen Namen Rudras; ''nīla-śikhaṇḍena'' – durch den mit blauem Schopf; ''bhavena'' – durch Bhava, einen Namen Rudras; ''marutām'' – der Maruts, der vedischen Sturmgötter; ''pitrā'' – durch den Vater; ''virūpa-akṣeṇa'' – durch den mit andersartigen, ungewöhnlichen Augen: virūpa, verschieden oder abweichend gestaltet; akṣa, Auge; ''babhruṇā'' – durch den Braunroten; ''vācam'' – Rede, Stimme; ''vadiṣyataḥ'' – dessen, der sprechen wird oder sprechen will; Genitiv des Zukunftspartizips; ''hatam'' – getroffen, niedergeschlagen; das zugehörige neutrale Subjekt wird sinngemäß als Denken ergänzt. | |||
'''Erläuterung:''' Das im Deutschen ergänzte ‚Denken‘ steht nicht ausdrücklich in diesem Vers. Die übernommene kritische Lesung ''hatam'' setzt es aus dem Zusammenhang des vedischen Paralleltextes voraus. | |||
'''3.24 – Bitte um Beistand im Streit'''<br> | |||
śarva nīlaśikhaṇḍa vīra karmaṇikarmaṇi |<br> | |||
imām asya prāśaṃ jahi yenedaṃ vibhajāmahe || 24 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' O Sharva mit dem blauen Schopf, Held in jeder Tat: Schlage diese Forderung dessen nieder, mit dem wir dies unter uns teilen. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''śarva'' – o Sharva; ''nīla-śikhaṇḍa'' – o du mit blauem Schopf; ''vīra'' – o Held, Kraftvoller; ''karmaṇi karmaṇi'' – bei jeder einzelnen Tat; wiederholter Lokativ von karman; ''imām'' – diese; ''asya'' – dessen, dieses Menschen; ''prāśam'' – Forderung, streitige Ansprache; die genaue juristische Bedeutung ist unsicher; ''jahi'' – schlage, beseitige; Imperativ von han; ''yena'' – mit welchem, mit dem; ''idam'' – dies; ''vibhajāmahe'' – wir teilen auf, verteilen unter uns. | |||
'''Erläuterung:''' Der historische Wortlaut bittet um Überlegenheit gegenüber einem Gegner. Eine heutige Auslegung im Sinne gewaltfreier Konfliktklärung ist eine Anwendung aus der weiteren Yoga-Ethik und keine wörtliche Übersetzung dieser Bitte. | |||
'''3.25 – Weitere Namen Rudras'''<br> | |||
namo bhavāya namaḥ śarvāya namaḥ kumāraśatrave |<br> | |||
namo nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 25 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Verneigung vor Bhava, Verneigung vor Sharva, Verneigung vor dem Feind des Kumara. Verneigung vor dem mit dem blauen Schopf, Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''namaḥ'' – Verneigung; ''bhavāya'' – Bhava gegenüber, dem Bhava; ''namaḥ'' – Verneigung; ''śarvāya'' – dem Sharva; ''namaḥ'' – Verneigung; ''kumāra-śatrave'' – dem Feind des Kumara: kumāra, Knabe oder Eigenname Kumara; śatru, Feind; ''namaḥ'' – Verneigung; ''nīla-śikhaṇḍāya'' – dem mit blauem Schopf; ''namaḥ'' – Verneigung; ''sabhā-prapādine'' – dem in die Versammlung Tretenden: sabhā, Versammlung; pra-pad, eintreten. | |||
'''Erläuterung:''' Die Übersetzung bewahrt das schwierige Beiwort ''kumāraśatru''. Der Wortlaut legt hier nicht fest, welche Erzählung oder welche Bedeutung von ''kumāra'' vorausgesetzt ist. | |||
'''3.26 – Rudras Zugtiere und die Versammlung'''<br> | |||
yasya harī aśvatarau gardabhāv abhitaḥsarau |<br> | |||
tasmai nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 26 ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' Dem, dessen beide Maultiere gelblich sind, dessen beide Esel zu beiden Seiten laufen, diesem Träger des blauen Schopfes sei Verneigung, ihm, der in die Versammlung tritt. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''yasya'' – dessen; ''harī'' – die beiden Gelblichen, Falben; Dual; ''aśvatarau'' – die beiden Maultiere; ''gardabhau'' – die beiden Esel; ''abhitaḥ-sarau'' – die beiderseits Laufenden: abhitaḥ, zu beiden Seiten; sara, gehend oder laufend; ''tasmai'' – jenem, diesem; ''nīla-śikhaṇḍāya'' – dem mit blauem Schopf; ''namaḥ'' – Verneigung; ''sabhā-prapādine'' – dem in die Versammlung Tretenden. | |||
'''Erläuterung:''' Die Doppelbezeichnung der Tiere bleibt im Deutschen erhalten. Der Text selbst erklärt nicht, ob zwei Bezeichnungen desselben Gespanns oder verschiedene Tiere gemeint sind. | |||
'''Schlusswiederholung'''<br> | |||
namaḥ sabhāprapādina iti ||<br> | |||
'''Übersetzung:''' „Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt“ – so endet der Text. | |||
'''Wort-für-Wort-Erläuterung:''' ''namaḥ'' – Verneigung; ''sabhā-prapādine'' – dem in die Versammlung Tretenden; vor iti lautet die Textform sabhāprapādina; ''iti'' – so; markiert die Schlusswiederholung. | |||
==Datierung, Inhalt und Bedeutung der Nilarudra Upanishad== | |||
'''Vorgeschichte und selbstständige Überlieferung''' | |||
Die ersten siebzehn Verse haben enge Entsprechungen in der [[Paippalada Samhita]] des Atharvaveda, besonders in 14.3–4. Die weiteren Verse besitzen ebenfalls atharvavedische Parallelen. Viele Rudra-Anrufungen sind außerdem aus dem [[Shatarudriya]] des [[Yajurveda]] bekannt. Diese Beziehungen erschließen die ältere Textschicht. Sie erlauben aber nicht, den Zeitpunkt der Zusammenstellung und die erste Benennung als eigenständige Upanishad auf dasselbe Datum festzulegen. | |||
Eine verlässlich begründete genaue Jahreszahl für die selbstständige Nilarudra Upanishad wird hier nicht angegeben. Drei Vorgänge sind auseinanderzuhalten: die Entstehung der einzelnen vedischen Gebete, ihre Zusammenstellung zur Nilarudra-Litanei und ihre spätere Auslegung als Upanishad. Die erhaltenen Handschriften bezeugen die Überlieferung; ihr eigenes Alter ist nicht automatisch das Alter der darin enthaltenen Verse. Auch eine moderne Druckausgabe datiert nur die Veröffentlichung dieser Ausgabe. | |||
'''Textgestalt und Kommentar''' | |||
Lubins Ausgabe prüft Handschriften und vedische Parallelstellen. Die hier zugrunde gelegten Lesungen unterscheiden sich deshalb stellenweise von verbreiteten elektronischen Texten. Besonders wichtig sind die Versabgrenzung im dritten Abschnitt und die Unterscheidung von ''svaja'', einer Schlange, und ''svajana'', einem Angehörigen. Unsicherheiten bleiben unter anderem in Vers 22 bestehen. Die Textgrundlage wird daher ausdrücklich genannt; die vorliegende Lesefassung ersetzt nicht den kritischen Apparat der Ausgabe. | |||
Der Kommentar Nārāyaṇas gehört zu einer weiteren geschichtlichen Ebene: Er liest die vedischen Worte aus einer späteren religiösen Perspektive. Ein solcher Kommentar kann für die Geschichte der [[Shiva]]-Verehrung aufschlussreich sein, ohne dass jede seiner Wortdeutungen den ältesten erreichbaren Sinn wiedergeben muss. Für das Studium sind deshalb drei Fragen hilfreich: Was steht im Sanskrit? Wie versteht der Kommentar die Stelle? Welche Bedeutung gewinnt sie in meiner heutigen Praxis? Diese Fragen können miteinander verbunden werden, sollten aber als unterschiedliche Aufgaben erkennbar bleiben. | |||
'''Erster Abschnitt: Begegnung mit dem mächtigen Gott''' | |||
Die ersten Verse schildern eine sichtbare Erscheinung: Rudra kommt vom Himmel zur Erde. Seine Farben, sein Haarschopf und seine Waffe machen ihn eindringlich gegenwärtig. Der Sprecher bleibt nicht bei der Beobachtung stehen. Er richtet eine Bitte an den Gott und fordert andere Menschen zum Hinschauen auf. Die Verneigung gilt sogar dem Zorn und der Waffe, also gerade jenen Kräften, vor denen Schutz gesucht wird. | |||
Besonders die Verse 5–8 entfalten die Bitte um eine heilvolle Begegnung. Der Pfeil soll nicht verletzen; die Rede soll freundlich sein; die Welt soll von Krankheit frei werden; Rudra soll sich mit seiner milden Gestalt zeigen. ''Śiva'' tritt dabei als Wort für heilvoll, günstig oder freundlich hervor. Die Verbindung dieses Wortes mit Rudra ist für das Verständnis der späteren Shiva-Verehrung bedeutsam. Der Text selbst entfaltet dazu jedoch keine systematische Gotteslehre. | |||
'''Zweiter Abschnitt: Entwaffnung und Schutz''' | |||
Die Verse 10–17 beschreiben Rudras weite Sichtbarkeit und bitten ihn, seine zerstörerische Kraft zurückzunehmen. Die Bogensehne wird gelöst, die Pfeile werden beiseitegelegt und ihre Spitzen entfernt. Gleichzeitig soll die Kraft des Gottes schützen. Die Waffe erscheint damit in einem Spannungsverhältnis: Sie bedroht, kann aber in der erbetenen heilvollen Wendung auch den geschützten Raum umgeben. | |||
Die Verse 18–20 erweitern die Verehrung auf Schlangen in verschiedenen Bereichen der Welt. Erde, Zwischenraum, Himmel, Sonnenstrahlen und Wasser bilden den kosmischen Horizont der Anrufung. Die Schlangen werden nicht auf eine einzige zoologische Bedeutung beschränkt. Im Gebet sind sie sichtbare oder verborgene Mächte, deren Wohlwollen gesucht wird. Eine moderne symbolische Lektüre kann hier an Lebenskräfte denken; der Ausdruck [[Kundalini]] steht in diesen Versen allerdings nicht. | |||
'''Dritter Abschnitt: schwer verständliche alte Gebetsformen''' | |||
Der dritte Abschnitt bewahrt heterogenes Material. Eine Pflanze wird gegen Schlangen angerufen; darauf folgen knappe Farbbezeichnungen und schwer deutbare Beinamen. Andere Verse bitten um Beistand gegenüber einem Gegner. Der Abschluss verbindet Rudras Namen mit dem Gang in eine Versammlung und mit seinen Zugtieren. | |||
Gerade diese Vielfalt erklärt, weshalb nicht jeder Vers ohne Weiteres als Lehrsatz des [[Advaita Vedanta]] übersetzt werden kann. In diesem Text sind Schutzgebet, Beschwörung und Verehrung unmittelbar greifbar. Begriffe wie [[Atman]] und [[Brahman]] werden im Grundtext nicht zu einer ausgeführten Einheitslehre verbunden. Wer eine solche Deutung hinzunimmt, tut dies im Rahmen einer weiterführenden spirituellen Auslegung. | |||
'''Die religiöse Bedeutung der Bitte''' | |||
Die wiederholte Verneigung stellt eine Beziehung her: Der Mensch erkennt an, dass er nicht jede Kraft des Lebens beherrscht, und bittet um deren heilvolle Wendung. Angst wird dabei ausgesprochen. Krankheit, Verletzung und Feindschaft werden nicht aus dem Gebet ausgeblendet. Zugleich zeigt die Bitte um Schonung, wie eng die eigene Sicherheit mit dem Wohlergehen anderer verbunden ist: Nicht nur der Sprecher, auch seine Menschen und die ganze Welt sollen geschützt sein. | |||
Für eine [[Bhakti Yoga|Bhakti]]-Praxis kann das Anrufen Rudras ein Weg sein, Angst und Widerstand in eine bewusste Beziehung zum Göttlichen hineinzunehmen. Die milde Gestalt aus Vers 8 eignet sich als Gegenstand stiller Betrachtung. Für [[Jnana Yoga]] kann der Text Anlass sein, zwischen dem beobachteten Gefühl und dem beobachtenden Bewusstsein zu unterscheiden. Diese zweite Übung ist eine heutige Verbindung zur weiteren Vedanta-Tradition; sie wird hier nicht als ausdrückliche Anleitung des Hymnus ausgegeben. | |||
'''Bedeutung heute''' | |||
Eine zeitgemäße Beschäftigung kann beim Verhältnis von Kraft und Verantwortung ansetzen. Wer über Macht verfügt, muss nicht jede Möglichkeit des Durchsetzens nutzen. Das Lösen der Bogensehne kann als Bild dafür dienen, eine scharfe Antwort zurückzuhalten, einen Streit zu unterbrechen oder die eigene Absicht vor einer Handlung zu prüfen. Eine solche Anwendung gewinnt ihre ethische Richtung durch [[Ahimsa]], [[Satya]] und [[Mitgefühl]] aus der weiteren Yoga-Tradition. | |||
Die alten Bitten gegen Gegner bedürfen dabei einer bewussten Auslegung. Im heutigen Übungszusammenhang kann die Energie des Gebets auf das Überwinden von [[Zorn]], [[Angst]] und schädlichen Gewohnheiten gerichtet werden. Diese innere Lesart verwandelt den Anwendungsbezug; sie löscht die historische Bedeutung des Sanskrittextes nicht aus. Die genaue Übersetzung bewahrt deshalb auch die Stellen, die einer gegenwärtigen Leserin oder einem gegenwärtigen Leser fremd erscheinen. | |||
Für den Unterricht ist eine langsame Behandlung einzelner Verse sinnvoll. Auf die Rezitation können die deutsche Übersetzung, die Erklärung der Wörter und einige Minuten stiller Betrachtung folgen. Daraus entsteht eine Verbindung von [[Svadhyaya]], Gebet und [[Meditation]]. Wer die traditionelle vedische Rezitation erlernen möchte, braucht zusätzlich eine Akzentfassung und entsprechende Unterweisung; die vorliegende akzentlose Lesefassung dient vor allem dem Verständnis des Wortlauts. | |||
'''Hinweis zur Vollständigkeit''' | |||
Die 26 Verse und die Schlusswiederholung der genannten Grundtextausgabe stehen unten jeweils zusammenhängend in Devanagari, IAST und deutscher Übersetzung. Alle sind oben einzeln übersetzt und Wort für Wort erläutert. ‚Vollständiger Text‘ bezeichnet diesen festgelegten Umfang. Es bedeutet nicht, dass jede schwierige Lesung oder jede historische Deutung endgültig geklärt wäre. | |||
==Nilarudra Upanishad - Vollständiger Text auf Devanagari== | |||
'''१.१'''<br> | |||
ॐ अपश्यं त्वावरोहन्तं दिवितः पृथिवीम् अवः ।<br> | |||
अपश्यम् अस्यन्तं नीलग्रीवं रुद्रं शिखण्डिनम् ॥ १ ॥<br> | |||
'''१.२'''<br> | |||
दिव उग्रो ऽवारुक्षत् प्रत्य् अष्ठाद् भूम्याम् अधि ।<br> | |||
जनासः पश्यतेमं नीलग्रीवं विलोहितम् ॥ २ ॥<br> | |||
'''१.३'''<br> | |||
एष एत्य् अवीरहा रुद्रो जलाषभेषजी ।<br> | |||
वि ते ऽक्षेमम् अनीनशद् वातीकारो ऽप्य् एतु ते ॥ ३ ॥<br> | |||
'''१.४'''<br> | |||
नमस् ते भव भामाय नमस् ते भव मन्यवे ।<br> | |||
नमस् ते अस्तु बाहुभ्याम् उतोत इषवे नमः ॥ ४ ॥<br> | |||
'''१.५'''<br> | |||
याम् इषुं गिरिशन्त हस्ते बिभर्ष्य् अस्तवे ।<br> | |||
शिवां गिरित्र तां कृणु मा हिंसीत् पुरुषान् मम ॥ ५ ॥<br> | |||
'''१.६'''<br> | |||
शिवेन वचसा त्वा गिरिशाछा वदामसि ।<br> | |||
यथा नः सर्वम् इज् जगद् अयक्ष्मं सुमना असत् ॥ ६ ॥<br> | |||
'''१.७'''<br> | |||
या त इषुः शिवतमा शिवं बभूव ते धनुः ।<br> | |||
शिवा शरव्या या तव तया नो मृड जीवसे ॥ ७ ॥<br> | |||
'''१.८'''<br> | |||
या ते रुद्र शिवा तनूर् अघोरापापकाशिनी ।<br> | |||
तया नस् तन्वा शंतमया गिरिशन्ताभि चाकश ॥ ८ ॥<br> | |||
'''१.९'''<br> | |||
असौ यस् ताम्रो अरुण उत बभ्रुर् विलोहितः ।<br> | |||
ये चेमे अभितो रुद्रा दिक्षु श्रिताः सहस्रशो ऽवैषां हेड ईमहे ॥ ९ ॥<br> | |||
'''२.१०'''<br> | |||
अदृशन् त्वावरोहन्तं नीलग्रीवं विलोहितम् ।<br> | |||
उत त्वा गोपा अदृशन्न् उत त्वोदहार्यः ।<br> | |||
उतो त्वा विश्वा भूतानि तस्मै दृष्टाय ते नमः ॥ १० ॥<br> | |||
'''२.११'''<br> | |||
नमो ऽस्तु नीलशिखण्डाय सहस्राक्षाय वाजिने ।<br> | |||
अथो ये अस्य सत्वानस् तेभ्यो ऽहम् अकरं नमः ॥ ११ ॥<br> | |||
'''२.१२'''<br> | |||
नमांसि त आयुधायानातताय धृष्णवे ।<br> | |||
उभाभ्याम् अकरं नमो बाहुभ्यां तव धन्वने ॥ १२ ॥<br> | |||
'''२.१३'''<br> | |||
प्र मुञ्च धन्वनस् पर्य् उभयोर् आर्त्न्योर् ज्याम् ।<br> | |||
याश् च ते हस्त इषवः परा ता भगवो वप ॥ १३ ॥<br> | |||
'''२.१४'''<br> | |||
अवतत्य धनुस् त्वं सहस्राक्ष शतेषुधे ।<br> | |||
निशीर्य शल्यानां मुखा शिवो नः शम्भुर् आ भव ॥ १४ ॥<br> | |||
'''२.१५'''<br> | |||
विज्यं धनुः शिखण्डिनो विशल्यो बाणवां उत ।<br> | |||
अनेशन्न् अस्येषवः शिवो अस्य निषङ्गतिः ॥ १५ ॥<br> | |||
'''२.१६'''<br> | |||
परि ते धन्वनो हेतिर् अस्मान् वृणक्तु विश्वतः ।<br> | |||
अथो य इषुधिस् तवारे अस्मन् नि धेहि तम् ॥ १६ ॥<br> | |||
'''२.१७'''<br> | |||
या ते हेतिर् मीढुष्टम हस्ते बभूव ते धनुः ।<br> | |||
तया त्वं विश्वतो अस्मान् अयक्ष्मया परि भुज ॥ १७ ॥<br> | |||
'''२.१८'''<br> | |||
नमो ऽस्तु सर्पेभ्यो ये के च पृथिवीम् अनु ।<br> | |||
ये अन्तरिक्षे ये दिवि तेभ्यः सर्पेभ्यो नमः ॥ १८ ॥<br> | |||
'''२.१९'''<br> | |||
ये चामी रोचने दिवो ये च सूर्यस्य रश्मिषु ।<br> | |||
येषाम् अप्सु सदस् कृतं तेभ्यः सर्पेभ्यो नमः ॥ १९ ॥<br> | |||
'''२.२०'''<br> | |||
या इषवो यातुधानानां ये वा वनस्पतीनाम् ।<br> | |||
ये वावटेषु शेरते तेभ्यः सर्पेभ्यो नमः ॥ २० ॥<br> | |||
'''३.२१'''<br> | |||
यः स्वजानां नीलग्रीवो यः स्वजानां हरिर् उत ।<br> | |||
कल्माषपुछम् ओषधे जम्भयास्य् अरुन्धति ॥ २१ ॥<br> | |||
'''३.२२'''<br> | |||
बभ्रुश् च बभ्रुकर्णश् च नीलागलसाला शिवः पश्य ॥ २२ ॥<br> | |||
'''३.२३'''<br> | |||
शर्वेण नीलशिखण्डेन भवेन मरुतां पित्रा ।<br> | |||
विरूपाक्षेण बभ्रुणा वाचं वदिष्यतो हतम् ॥ २३ ॥<br> | |||
'''३.२४'''<br> | |||
शर्व नीलशिखण्ड वीर कर्मणिकर्मणि ।<br> | |||
इमाम् अस्य प्राशं जहि येनेदं विभजामहे ॥ २४ ॥<br> | |||
'''३.२५'''<br> | |||
नमो भवाय नमः शर्वाय नमः कुमारशत्रवे ।<br> | |||
नमो नीलशिखण्डाय नमः सभाप्रपादिने ॥ २५ ॥<br> | |||
'''३.२६'''<br> | |||
यस्य हरी अश्वतरौ गर्दभाव् अभितःसरौ ।<br> | |||
तस्मै नीलशिखण्डाय नमः सभाप्रपादिने ॥ २६ ॥<br> | |||
'''Schlusswiederholung'''<br> | |||
नमः सभाप्रपादिन इति ॥<br> | |||
==Vollständiger Text in IAST - Nilarudra Upanishad== | |||
'''1.1'''<br> | |||
oṃ apaśyaṃ tvāvarohantaṃ divitaḥ pṛthivīm avaḥ |<br> | |||
apaśyam asyantaṃ nīlagrīvaṃ rudraṃ śikhaṇḍinam || 1 ||<br> | |||
'''1.2'''<br> | |||
diva ugro 'vārukṣat praty aṣṭhād bhūmyām adhi |<br> | |||
janāsaḥ paśyatemaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam || 2 ||<br> | |||
'''1.3'''<br> | |||
eṣa ety avīrahā rudro jalāṣabheṣajī |<br> | |||
vi te 'kṣemam anīnaśad vātīkāro 'py etu te || 3 ||<br> | |||
'''1.4'''<br> | |||
namas te bhava bhāmāya namas te bhava manyave |<br> | |||
namas te astu bāhubhyām utota iṣave namaḥ || 4 ||<br> | |||
'''1.5'''<br> | |||
yām iṣuṃ giriśanta haste bibharṣy astave |<br> | |||
śivāṃ giritra tāṃ kṛṇu mā hiṃsīt puruṣān mama || 5 ||<br> | |||
'''1.6'''<br> | |||
śivena vacasā tvā giriśāchā vadāmasi |<br> | |||
yathā naḥ sarvam ij jagad ayakṣmaṃ sumanā asat || 6 ||<br> | |||
'''1.7'''<br> | |||
yā ta iṣuḥ śivatamā śivaṃ babhūva te dhanuḥ |<br> | |||
śivā śaravyā yā tava tayā no mṛḍa jīvase || 7 ||<br> | |||
'''1.8'''<br> | |||
yā te rudra śivā tanūr aghorāpāpakāśinī |<br> | |||
tayā nas tanvā śaṃtamayā giriśantābhi cākaśa || 8 ||<br> | |||
'''1.9'''<br> | |||
asau yas tāmro aruṇa uta babhrur vilohitaḥ |<br> | |||
ye ceme abhito rudrā dikṣu śritāḥ sahasraśo 'vaiṣāṃ heḍa īmahe || 9 ||<br> | |||
'''2.10'''<br> | |||
adṛśan tvāvarohantaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam |<br> | |||
uta tvā gopā adṛśann uta tvodahāryaḥ |<br> | |||
uto tvā viśvā bhūtāni tasmai dṛṣṭāya te namaḥ || 10 ||<br> | |||
'''2.11'''<br> | |||
namo 'stu nīlaśikhaṇḍāya sahasrākṣāya vājine |<br> | |||
atho ye asya satvānas tebhyo 'ham akaraṃ namaḥ || 11 ||<br> | |||
'''2.12'''<br> | |||
namāṃsi ta āyudhāyānātatāya dhṛṣṇave |<br> | |||
ubhābhyām akaraṃ namo bāhubhyāṃ tava dhanvane || 12 ||<br> | |||
'''2.13'''<br> | |||
pra muñca dhanvanas pary ubhayor ārtnyor jyām |<br> | |||
yāś ca te hasta iṣavaḥ parā tā bhagavo vapa || 13 ||<br> | |||
'''2.14'''<br> | |||
avatatya dhanus tvaṃ sahasrākṣa śateṣudhe |<br> | |||
niśīrya śalyānāṃ mukhā śivo naḥ śambhur ā bhava || 14 ||<br> | |||
'''2.15'''<br> | |||
vijyaṃ dhanuḥ śikhaṇḍino viśalyo bāṇavāṃ uta |<br> | |||
aneśann asyeṣavaḥ śivo asya niṣaṅgatiḥ || 15 ||<br> | |||
'''2.16'''<br> | |||
pari te dhanvano hetir asmān vṛṇaktu viśvataḥ |<br> | |||
atho ya iṣudhis tavāre asman ni dhehi tam || 16 ||<br> | |||
'''2.17'''<br> | |||
yā te hetir mīḍhuṣṭama haste babhūva te dhanuḥ |<br> | |||
tayā tvaṃ viśvato asmān ayakṣmayā pari bhuja || 17 ||<br> | |||
'''2.18'''<br> | |||
namo 'stu sarpebhyo ye ke ca pṛthivīm anu |<br> | |||
ye antarikṣe ye divi tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 18 ||<br> | |||
'''2.19'''<br> | |||
ye cāmī rocane divo ye ca sūryasya raśmiṣu |<br> | |||
yeṣām apsu sadas kṛtaṃ tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 19 ||<br> | |||
'''2.20'''<br> | |||
yā iṣavo yātudhānānāṃ ye vā vanaspatīnām |<br> | |||
ye vāvaṭeṣu śerate tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 20 ||<br> | |||
'''3.21'''<br> | |||
yaḥ svajānāṃ nīlagrīvo yaḥ svajānāṃ harir uta |<br> | |||
kalmāṣapucham oṣadhe jambhayāsy arundhati || 21 ||<br> | |||
'''3.22'''<br> | |||
babhruś ca babhrukarṇaś ca nīlāgalasālā śivaḥ paśya || 22 ||<br> | |||
'''3.23'''<br> | |||
śarveṇa nīlaśikhaṇḍena bhavena marutāṃ pitrā |<br> | |||
virūpākṣeṇa babhruṇā vācaṃ vadiṣyato hatam || 23 ||<br> | |||
'''3.24'''<br> | |||
śarva nīlaśikhaṇḍa vīra karmaṇikarmaṇi |<br> | |||
imām asya prāśaṃ jahi yenedaṃ vibhajāmahe || 24 ||<br> | |||
'''3.25'''<br> | |||
namo bhavāya namaḥ śarvāya namaḥ kumāraśatrave |<br> | |||
namo nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 25 ||<br> | |||
'''3.26'''<br> | |||
yasya harī aśvatarau gardabhāv abhitaḥsarau |<br> | |||
tasmai nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 26 ||<br> | |||
'''Schlusswiederholung'''<br> | |||
namaḥ sabhāprapādina iti ||<br> | |||
==Vollständige deutsche Übersetzung der Nilarudra Upanishad== | |||
'''1.1'''<br> | |||
Om. Ich sah dich vom Himmel herab zur Erde niedersteigen. Ich sah den blauhalsigen Rudra mit dem Haarschopf, wie er seine Geschosse schleuderte.<br> | |||
'''1.2'''<br> | |||
Der Gewaltige ist vom Himmel herabgestiegen; auf der Erde hat er seinen Stand genommen. Ihr Menschen, schaut diesen Blauhalsigen, diesen tief Roten an!<br> | |||
'''1.3'''<br> | |||
Dieser Rudra kommt, ohne Menschen zu erschlagen, mit Jalasha als Heilmittel. Er hat deine Unsicherheit beseitigt; auch dein Vatikara-Leiden möge weichen.<br> | |||
'''1.4'''<br> | |||
Verneigung vor deinem Zorn, o Bhava; Verneigung vor deinem Grimm, o Bhava. Deinen beiden Armen sei Verneigung, und auch deinem Pfeil sei Verneigung.<br> | |||
'''1.5'''<br> | |||
Den Pfeil, den du, o Bergbewohner, zum Abschießen in deiner Hand trägst, mache heilvoll, o Beschützer des Berges. Er soll meine Menschen nicht verletzen.<br> | |||
'''1.6'''<br> | |||
Mit einem heilvollen Wort sprechen wir dich an, o Bergbewohner, damit die ganze Welt ohne Krankheit sei und du uns wohlgesinnt seiest.<br> | |||
'''1.7'''<br> | |||
Dein Pfeil ist der heilvollste; dein Bogen ist heilvoll geworden. Dein Geschoss ist heilvoll: Erweise uns damit Güte, damit wir leben.<br> | |||
'''1.8'''<br> | |||
Deine heilvolle Gestalt, o Rudra, die nicht furchtbar ist und nichts Unheilvolles zeigt: Mit dieser deiner gütigsten Gestalt schaue uns an, o Bergbewohner.<br> | |||
'''1.9'''<br> | |||
Jener dort, der kupferfarben, rötlich, braun und tiefrot ist, und diese Rudras, die ringsum zu Tausenden in den Himmelsrichtungen wohnen: Wir bitten darum, dass ihr Zorn weiche.<br> | |||
'''2.10'''<br> | |||
Sie sahen dich herabsteigen, blauhalsig und tiefrot. Die Hirten sahen dich, auch die Wasserträgerinnen, und auch alle Wesen sahen dich. Dir, der du so gesehen wurdest, sei Verneigung.<br> | |||
'''2.11'''<br> | |||
Verneigung sei dem, der den blauen Schopf trägt, dem Tausendäugigen, dem Kraftvollen. Auch seinen Kriegern habe ich meine Verehrung erwiesen.<br> | |||
'''2.12'''<br> | |||
Ehrerbietungen deiner kühnen, ungespannten Waffe. Deinen beiden Armen und deinem Bogen habe ich Verehrung erwiesen.<br> | |||
'''2.13'''<br> | |||
Löse die Sehne rings von den beiden Enden des Bogens. Und die Pfeile, die du in deiner Hand hast: Lege sie beiseite, o Erhabener.<br> | |||
'''2.14'''<br> | |||
Entspanne deinen Bogen, o Tausendäugiger mit den hundert Köchern. Nachdem du die Spitzen der Pfeile abgebrochen hast, werde uns heilvoll und wohltätig zugewandt.<br> | |||
'''2.15'''<br> | |||
Der Bogen des Schopftragenden ist ohne Sehne, und sein Pfeil ist ohne Spitze. Seine Pfeile sind verschwunden; sein Köcher ist heilvoll.<br> | |||
'''2.16'''<br> | |||
Das Geschoss deines Bogens möge uns von allen Seiten umgehen. Und jenen Köcher, den du hast, lege fern von uns nieder.<br> | |||
'''2.17'''<br> | |||
Dein Geschoss, o Freigebigster – dein Bogen ruht in deiner Hand –: Mit diesem von Krankheit freien Geschoss umgib du uns von allen Seiten schützend.<br> | |||
'''2.18'''<br> | |||
Verneigung sei den Schlangen, allen, die sich auf der Erde bewegen, denen im Zwischenraum und denen im Himmel: Diesen Schlangen sei Verneigung.<br> | |||
'''2.19'''<br> | |||
Und jene, die sich im hellen Raum des Himmels befinden, und die in den Strahlen der Sonne, und die, deren Wohnsitz im Wasser bereitet ist: Diesen Schlangen sei Verneigung.<br> | |||
'''2.20'''<br> | |||
Denen, die die Pfeile der zauberkundigen Unholde sind, oder denen der Bäume, oder denen, die in Erdlöchern liegen: Diesen Schlangen sei Verneigung.<br> | |||
'''3.21'''<br> | |||
Den Blauhalsigen unter den Svaja-Schlangen und den Gelbgrünen unter ihnen, auch den mit dem gesprenkelten Schwanz: Du, Heilpflanze Arundhati, sollst sie überwältigen.<br> | |||
'''3.22'''<br> | |||
Der Braune und der Braunohrige, die mit bläulichem, schwachem Gift, der Friedliche: Schau!<br> | |||
'''3.23'''<br> | |||
Durch Sharva mit dem blauen Schopf, durch Bhava, den Vater der Maruts, durch den Braunroten mit den ungewöhnlichen Augen ist das Denken dessen getroffen, der seine Stimme erheben will.<br> | |||
'''3.24'''<br> | |||
O Sharva mit dem blauen Schopf, Held in jeder Tat: Schlage diese Forderung dessen nieder, mit dem wir dies unter uns teilen.<br> | |||
'''3.25'''<br> | |||
Verneigung vor Bhava, Verneigung vor Sharva, Verneigung vor dem Feind des Kumara. Verneigung vor dem mit dem blauen Schopf, Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt.<br> | |||
'''3.26'''<br> | |||
Dem, dessen beide Maultiere gelblich sind, dessen beide Esel zu beiden Seiten laufen, diesem Träger des blauen Schopfes sei Verneigung, ihm, der in die Versammlung tritt.<br> | |||
'''Schlusswiederholung'''<br> | |||
„Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt“ – so endet der Text.<br> | |||
==Fünf Empfehlungen für ernsthafte spirituelle Aspiranten== | |||
* '''Studiere einen Vers gründlich.''' Verbinde [[Svadhyaya]] mit Rezitation, Übersetzung und Worterklärung, bevor du eine persönliche Deutung entwickelst. | |||
* '''Nimm die Bitte um Schonung ernst.''' Prüfe täglich, wie du durch Wort, Handlung und Absicht zu [[Ahimsa]] beitragen kannst. | |||
* '''Übe einen bewussten Umgang mit Stärke.''' Betrachte das Lösen der Bogensehne als Anregung, Zorn nicht sofort in eine verletzende Handlung umzusetzen. | |||
* '''Verbinde [[Bhakti]] mit stiller Betrachtung.''' Verweile nach Vers 8 bei Rudras milder Gestalt und lass die Bitte um Wohlwollen auch anderen Menschen gelten. | |||
* '''Halte Wortlaut und Anwendung auseinander.''' Bewahre beim Umgang mit schwierigen Versen die Bereitschaft, sprachliche Unsicherheiten anzuerkennen und die eigene Praxis ethisch zu prüfen. | |||
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Aktuelle Version vom 4. September 2026, 09:58 Uhr
Die Nilarudra Upanishad (Sanskrit: नीलरुद्रोपनिषद्, Nīlarudropaniṣad f.) ist ein Teil der indischen Heiligen Schriften, die Veda genannt werden. Die Nilarudra Upanishad gehört zum Atharvaveda und wird außerdem den Shiva Upanishaden zugeordnet. Der Name Nilarudra Upanishad bedeutet "Upanishad vom schwarzen Rudra", hier wird Rudra Verehrung gezollt.
Die Nilarudra Upanishad ist eine Upanishad mit Gebeten an Rudra, den in der späteren Überlieferung mit Shiva verbundenen Gott. Nīla bedeutet dunkelblau; der Text nennt Rudra blauhalsig und beschreibt seinen auffälligen Haarschopf. Die Verehrenden bitten den mächtigen Bogenschützen um Schonung, Schutz und Wohlergehen. Auch Schlangenbeschwörungen und Bitten um Beistand in Auseinandersetzungen gehören zum überlieferten Text.

Der Artikel folgt dem Sanskrittext der kritischen Ausgabe von Timothy Lubin (2007). Sie unterscheidet drei Abschnitte mit insgesamt 26 Versen; die Zählung 1.1–1.9, 2.10–2.20 und 3.21–3.26 wird übernommen. Die anschließende Schlusswiederholung wird ebenfalls erläutert. Vedische Akzente sind weggelassen; Wortabstände, Satzzeichen, Anusvara-Schreibung und Versnummern sind für diese Lesefassung vereinheitlicht. Sanskrit und deutsche Übersetzung werden in jedem Abschnitt unmittelbar miteinander verbunden. Die Worterklärung löst Sandhi und Komposita soweit sprachlich bestimmbar auf. Unklare Ausdrücke werden kenntlich gemacht.
Die Nilarudra Upanishad gehört nicht zu den 108 Titeln des Muktika-Kanons. Der hier vollständig wiedergegebene Grundtext ist vom ausführlichen Kommentar, der Nārāyaṇa-Dīpikā, zu unterscheiden; dieser Kommentar gehört nicht zum Umfang der Textwiedergabe.
Nilarudra Upanishad mit Erläuterungen nach Paul Deussen
Artikel aus "Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda“ in der Übersetzung von Paul Deussen, herausgegeben von Peter Michel, Marix Verlag, 2. Auflage, 2007, Wiesbaden, S. 877 - 882.
Einleitung
Das bedeutendste ältere Denkmal aus der Theologie des Rudra, dieses Vorläufers des Siva, ist das Satarudriyam, eigentlich wohl (wie schon Satap. Br. 9,1,1,2 etymologisiert wird) Santarudriyam "Lied zur Besänftigung des Rudra", Vaj. Samh. 16 (Taitt. Samh. 4,5). Obgleich dieses Stück zu dem Upanishadgedanken gar keine Beziehung hat, so war dasselbe doch so berühmt, wird auch so oft in den Atharva Upanishaden erwähnt (Jabala 3. Kaivalya 24. Atharvasiras 7. Maha 4. Nrisinhap. 5,10, p. 106), daß manche Upanishadsammler dasselbe (namentlich im Hinblick auf die Rolle, welche Siva in den Atharva Upanishaden spielt) nicht entbehren mochten. 'Während die Sammlung der 108 Upanishaden, wie sie im Telugu-Druck vorliegt, soweit wir sehen, dieses Lied ausläßt, so wird es in der Sammlung des Daraschakoh als Schat Roudri (bei Anquetil II, p. 171-196) ganz aufgenommen, wohingegen die von uns zugrunde gelegte Sammlung nur einen Auszug desselben, (mit einigen anderen Zutaten) unter dem Namen Nilarudra Upanishad (die Geheimlehre vom schwarzen Rudra) enthält.
Die ursprüngliche Bedeutung des Rudra ist streitig. Aber wenn wir die in seinem Bild überwiegenden Züge ins Auge fassen, dazu erwägen daß er der am meisten gefürchtete Gott ist, und daß kein Naturereignis dem Menschen ursprünglich so unmittelbar furchterregend ist wie der Blitzschlag, so wird es sehr wahrscheinlich, daß Rudra (eigentlich wohl "der glänzende") ursprünglich nichts anderes war als eine Personifikation des niederfahrenden und einschlagenden Blitzes. Er trägt den Blitz im Arm (Vajrabahu), liebt Wälder, Berghöhen und Baumgipfel (Parame Vrikshe Ayudham Nidhaya, Vaj. Samh. 16,51), heißt männertötend, tiertötend, und sein Rücken ist rot, während sein Bauch (die Spuren, welche er hinterläßt, wo er sich niederlegte) schwarz ist, Atharvav. 15,1,7. Auch der weitere Hauptzug, daß er heilende Arzeneien bringt, begreift sich leicht hieraus, wenn man erwägt, daß das Gewitter die Atmosphäre reinigt und die Miasmen vertreibt.
Sehr deutlich ist, wie die Übersetzung zeigt, dieser Charakter in unserer Upanishad erhalten, welche v. 4-17 ein Cento aus vielfach entstellten Versen des Satarudriyam ist, woran sich v. 18-20 einige Verse aus Vaj. Samh. 13 schließen. Die aus der Luft herabschießenden Schlangen könnten gleichfalls die Blitze sein. — Sehr dunkel ist der dritte Teil v. 21-26, dessen erster Vers vielleicht nur zufällig, durch Erwähnung des Nilagriva hierher geraten ist, während die folgenden von einem Rechtsstreit zu reden scheinen zwischen braunen, braunohrigen Urbewohnern und den Aryas, welchen Siva beisteht. Verwandt ist Atharvav. 2,27,6, und da auch hier von einem Kraut die Rede ist, so läßt sich vielleicht auch der Vers 21 in diesen Zusammenhang ziehen, wenn erst ein lesbarerer Text vorliegen wird als der (in beiden Ausgaben) überaus verwahrloste, welcher uns zu Gebote stand.
Die Nilarudra Upanishad
1.

1. Ich sah dich ja herabsteigen
2. Vom Himmel stieg er ab furchtbar
- Und faßte auf der Erde Fuß;
- O Leute, seht den hochroten,
- Den schwarzhalsigen, seht ihn da!
3. Rudra, die Männer nicht treffend,
- Kommt mit heilkräft'ger Arznei,
- Die Blähungen, die dir raubten
- Die Ruhe, mögen schwinden dir!
4. Verehrung deiner Weltgüte,
5. Der Pfeil, den du, o Bergfroher,
- Zum Schleudern trägst in deiner Hand,
- Den mach' uns gnädig, Berghüter,
- Nicht treffe meine Mannen er![2]
6. Mit gnädigstimmender Rede,
- O Bergherr, rufen wir dich her,
- Daß alles, was da lebt bei uns,
- Gesund und frohen Mutes sei.[3]
7. Bei deinem gnädigsten Pfeile
8. Mit deinem gnädigen Aussehn,
- Das nicht schrecklich, nicht unheilvoll,
- Mit deinem heilsamsten Aussehn,
- O Bergwohner, erscheine uns[5]
9. Doch der dunkel und rot schimmert
- Und bräunlich und im Flammenrot,
- Die ringsum zuckenden Rudras
- Nach allen Seiten tausendfach,
- Von uns weg bitt' ich ihren Grimm![6]
2.
10. Sie sahen dich herabfallen
- Schwarzen Halses, in Flammenrot,
- Es sahen dich die Kuhhirten,
- Und Weiber, wassertragende,
- Ja, alle Wesen dich sahen, —
- Dir sei Verehrung; den sie sah'n.[7]
11. Verehrung ihm, der schwarzhaarig,
12. Verehrung sei deiner Waffe,
- Der abgespannten, durstigen
- Verehrung deinen zwei Armen,
- Deinem Bogen hab' ich gebracht![9]
13. An deinem Bogen mach lose
14. O spanne gnadenreich ab jetzt
- Den Bogen, tausendaugiger;
- In hundert Köchern abbrechend
- Die Pfeilspitzen, bring' Hilfe uns![11]
15. Sein Bogen jetzt ohne Sehne,
- Ohne Pfeil jetzt sein Köcher ist,
- Verschwunden sind die Geschosse,
- Heilbringend ist sein Wehrgehäng.[12]
16. Uns umgehe die Schußwaffe
- Deines Bogens von allerwärts,
- Ja, deinen Köcher selbst gürte
- Los und lege ihn fern hinweg.[13]
17. Vielmehr ergreife als Waffe
18. Verehrung sei auch den Schlangen,
- So viel ihrer auf Erden sind,
- Doch auch den Schlangen im Luftraum
- Und im Himmel Verehrung sei![15]
19. Auch die im Himmelslichtreiche,
- In den Strahlen der Sonne sind,
- Und die im Wasserschlund hausen,
- Diesen Schlangen Verehrung sei![16]
20. Die als Pfeile der Spukgeister
3.

21. Der bei den Seinen Gott Blauhals (Siva),
- Bei den Seinen gar Hari (Visnu) ist,
- Den Buntgeschwänzten, o Heilkraut,
- Zermalme schnell, Arundhati!
22. Braun ist und braunohrig der [Kobold],
- Doch da, mit schwarzem Halskranze ist Siva,
- Durch ihn, den Sarva, den schwarzhaarigen,
- Durch Bhava, der der Winde Vater (lies: Pitra) ist,
23. Durch ihn den übergroßaugigen
- Schlagt (lies: Hata) von den Braunen, wer ein Wort nur redet,
- Durch ihn den ganz schwarzhaarigen
- Beim Werke, das ein Heldenwerk!
24. Dem Anspruch, den er macht, wehre,
- Damit wir dies uns teilen hier,
- Verehrung dem Bhava, Verehrung dem Sarva,
- Verehrung ihm, dem ewigjungen Kämpfer!
25. Verehrung ihm, der schwarzhaarig,
- Wenn er zu der Versammlung kommt
- Und seine fahlen Maulesel
- Und Esel ringsum weiden läßt.
26. Verehrung ihm, der schwarzhaarig,
- Wenn er zu der Versammlung kommt,
- - wenn er zu der Versammlung kommt!
Fußnoten
- ↑ Vgl. Vaj. Samh. 16,1.
- ↑ Vgl. Vaj. Samh. 16,3.
- ↑ Vaj. Samh. 16,4.
- ↑ Vgl. Vaj. Samh. 16,11.
- ↑ Vaj. Samh. 16,2 (wonach der Text zu verbessern); Svet. 3,5.
- ↑ Vaj. Samh. 16,6.
- ↑ Vgl. Vaj. Samh. 16,7.
- ↑ Vaj. Samh. 16,8.
- ↑ Vaj. Samh. 16,14.
- ↑ Vaj. Samh. 16,9.
- ↑ Vaj. Samh. 16,13.
- ↑ Vaj. Samh. 16,10.
- ↑ Vaj. Samh. 16,12.
- ↑ Vaj. Samh. 16,11.
- ↑ Vaj. Samh. 13,6.
- ↑ Vaj. Samh. 13,8.
- ↑ Vaj. Samh. 13,7.
Nilarudra Upanishad - Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung
1.1 – Rudras Erscheinung
oṃ apaśyaṃ tvāvarohantaṃ divitaḥ pṛthivīm avaḥ |
apaśyam asyantaṃ nīlagrīvaṃ rudraṃ śikhaṇḍinam || 1 ||
Übersetzung: Om. Ich sah dich vom Himmel herab zur Erde niedersteigen. Ich sah den blauhalsigen Rudra mit dem Haarschopf, wie er seine Geschosse schleuderte.
Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – Om, die einleitende heilige Silbe; apaśyam – ich sah; tvā – dich; avarohantam – herabsteigend, hinabkommend; divitaḥ – vom Himmel her, vedische Herkunftsangabe; pṛthivīm – zur Erde, auf die Erde; avaḥ – hinab, abwärts; apaśyam – ich sah; asyantam – werfend, schleudernd, hier: Pfeile abschießend; nīla-grīvam – den Blauhalsigen: nīla, dunkelblau; grīvā, Hals; rudram – Rudra, den Gott dieses Namens; śikhaṇḍinam – den einen Schopf oder Federbusch Tragenden.
1.2 – Die Menschen werden zum Hinschauen gerufen
diva ugro 'vārukṣat praty aṣṭhād bhūmyām adhi |
janāsaḥ paśyatemaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam || 2 ||
Übersetzung: Der Gewaltige ist vom Himmel herabgestiegen; auf der Erde hat er seinen Stand genommen. Ihr Menschen, schaut diesen Blauhalsigen, diesen tief Roten an!
Wort-für-Wort-Erläuterung: divaḥ – vom Himmel; ugraḥ – der Gewaltige, Furchtbare; avārukṣat – er stieg herab; prati – hin, gegenüber; mit aṣṭhāt: einen Stand einnehmen; aṣṭhāt – er stellte sich hin, stand; bhūmyām – auf der Erde; adhi – auf, über; bekräftigt hier die örtliche Angabe; janāsaḥ – ihr Menschen, vedische Anrede im Plural; paśyata – seht, schaut an; imam – diesen; nīla-grīvam – den Blauhalsigen; vilohitam – den stark Roten, tief Rötlichen.
1.3 – Bitte um Befreiung vom Leiden
eṣa ety avīrahā rudro jalāṣabheṣajī |
vi te 'kṣemam anīnaśad vātīkāro 'py etu te || 3 ||
Übersetzung: Dieser Rudra kommt, ohne Menschen zu erschlagen, mit Jalasha als Heilmittel. Er hat deine Unsicherheit beseitigt; auch dein Vatikara-Leiden möge weichen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: eṣaḥ – dieser; eti – er kommt, geht heran; a-vīra-hā – kein Männertöter: a, nicht; vīra, Mann oder Held; han, schlagen, töten; rudraḥ – Rudra; jalāṣa-bheṣajī – mit Jalasha als Heilmittel versehen: jalāṣa, hier ein traditioneller Heilmittelname, als Harn gedeutet; bheṣaja, Heilmittel; vi – weg, auseinander; gehört zu anīnaśat; te – deine, dir; akṣemam – Unsicherheit, fehlendes Wohlergehen; a, nicht; kṣema, Sicherheit; anīnaśat – er hat verschwinden lassen, beseitigt; vātīkāraḥ – Vatikara, Bezeichnung eines nicht sicher bestimmbaren Leidens; api – auch; etu – es möge gehen; mit fortwirkendem vi: fortgehen; te – dein, von dir.
Erläuterung: Die Lesung akṣemam setzt vor kṣemam ein im Sandhi ausgefallenes a an. Die medizinischen Ausdrücke dieses schwierigen Verses werden nicht durch eine moderne Diagnose ersetzt.
1.4 – Verneigung vor Bhava
namas te bhava bhāmāya namas te bhava manyave |
namas te astu bāhubhyām utota iṣave namaḥ || 4 ||
Übersetzung: Verneigung vor deinem Zorn, o Bhava; Verneigung vor deinem Grimm, o Bhava. Deinen beiden Armen sei Verneigung, und auch deinem Pfeil sei Verneigung.
Wort-für-Wort-Erläuterung: namaḥ – Verneigung, Ehrerbietung; te – deinem; bhava – o Bhava, Name Rudras; bhāmāya – dem Zorn, dem Aufflammen; namaḥ – Verneigung; te – deinem; bhava – o Bhava; manyave – dem Grimm, der zornigen Erregung; namaḥ – Verneigung; te – deinen; astu – es sei, möge sein; bāhubhyām – den beiden Armen; uta – und; u – auch, bekräftigende Partikel; te – deinem; uta u te erscheint hier verbunden als utota; iṣave – dem Pfeil; namaḥ – Verneigung.
1.5 – Der Pfeil soll heilvoll werden
yām iṣuṃ giriśanta haste bibharṣy astave |
śivāṃ giritra tāṃ kṛṇu mā hiṃsīt puruṣān mama || 5 ||
Übersetzung: Den Pfeil, den du, o Bergbewohner, zum Abschießen in deiner Hand trägst, mache heilvoll, o Beschützer des Berges. Er soll meine Menschen nicht verletzen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yām – welchen, auf den femininen iṣu bezogen; iṣum – Pfeil; giriśanta – o Bergbewohner, Anrufungsname Rudras; haste – in der Hand; bibharṣi – du trägst, hältst; astave – zum Werfen, zum Abschießen, vedischer Infinitiv; śivām – heilvoll, freundlich; zu iṣum; giritra – o Bergbeschützer: giri, Berg; tra, schützend; tām – diesen, eben jenen Pfeil; kṛṇu – mache, vedischer Imperativ von kṛ; mā – nicht, in einem Verbot oder einer abwehrenden Bitte; hiṃsīt – er möge verletzen; mit mā: er möge nicht verletzen; puruṣān – Menschen, Männer; mama – meine.
1.6 – Heilvolles Ansprechen
śivena vacasā tvā giriśāchā vadāmasi |
yathā naḥ sarvam ij jagad ayakṣmaṃ sumanā asat || 6 ||
Übersetzung: Mit einem heilvollen Wort sprechen wir dich an, o Bergbewohner, damit die ganze Welt ohne Krankheit sei und du uns wohlgesinnt seiest.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śivena – mit einem heilvollen, freundlichen; vacasā – Wort, einer Rede; tvā – dich; giriśa – o Herr des Berges, Bergbewohner; achā – hin zu, hier mit vadāmasi: ansprechen; auch acchā geschrieben; vadāmasi – wir sprechen, vedisch für vadāmaḥ; yathā – damit, sodass; naḥ – uns; sarvam – die ganze, alles; it – eben, wirklich; vor jagat als ij; jagat – die Welt, das Bewegliche und Lebendige; a-yakṣmam – ohne Krankheit: a, nicht; yakṣma, Krankheit oder Siechtum; su-manāḥ – wohlgesinnt, guten Sinnes: su, gut; manas, Sinn oder Geist; asat – es sei, er möge sein, vedischer Konjunktiv.
Erläuterung: Sumanāḥ ist eine männliche Form. Die Übersetzung bezieht sie auf den angerufenen Rudra und ergänzt das im Deutschen erforderliche ‚du‘.
1.7 – Wohlwollen zum Leben
yā ta iṣuḥ śivatamā śivaṃ babhūva te dhanuḥ |
śivā śaravyā yā tava tayā no mṛḍa jīvase || 7 ||
Übersetzung: Dein Pfeil ist der heilvollste; dein Bogen ist heilvoll geworden. Dein Geschoss ist heilvoll: Erweise uns damit Güte, damit wir leben.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yā – welcher, der; auf iṣuḥ bezogen; te – dein, vor iṣuḥ als ta; iṣuḥ – Pfeil; śiva-tamā – am heilvollsten, sehr freundlich; Superlativ von śiva; śivam – heilvoll; babhūva – ist geworden; te – dein; dhanuḥ – Bogen; śivā – heilvoll; śaravyā – Geschoss, Schuss; yā – welches, das; tava – dein; tayā – mit diesem, damit; feminin zu śaravyā; naḥ – uns; mṛḍa – sei gnädig, erweise Güte; jīvase – zum Leben, damit wir leben.
1.8 – Rudras milde Gestalt
yā te rudra śivā tanūr aghorāpāpakāśinī |
tayā nas tanvā śaṃtamayā giriśantābhi cākaśa || 8 ||
Übersetzung: Deine heilvolle Gestalt, o Rudra, die nicht furchtbar ist und nichts Unheilvolles zeigt: Mit dieser deiner gütigsten Gestalt schaue uns an, o Bergbewohner.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yā – welche, die; te – deine; rudra – o Rudra; śivā – heilvoll, freundlich; tanūḥ – Gestalt, Leib; a-ghorā – nicht furchtbar, nicht schrecklich; a-pāpa-kāśinī – nichts Böses zeigend: a, nicht; pāpa, Böses; kāśin, erscheinend oder zeigend; tayā – mit dieser; naḥ – uns; tanvā – Gestalt, durch die Gestalt; Instrumental von tanū; śaṃ-tamayā – mit der wohltätigsten, segensreichsten; giriśanta – o Bergbewohner; abhi – zu uns hin, auf uns gerichtet; cākaśa – schaue, leuchte her; intensive Verbform von kāś.
1.9 – Besänftigung in allen Himmelsrichtungen
asau yas tāmro aruṇa uta babhrur vilohitaḥ |
ye ceme abhito rudrā dikṣu śritāḥ sahasraśo 'vaiṣāṃ heḍa īmahe || 9 ||
Übersetzung: Jener dort, der kupferfarben, rötlich, braun und tiefrot ist, und diese Rudras, die ringsum zu Tausenden in den Himmelsrichtungen wohnen: Wir bitten darum, dass ihr Zorn weiche.
Wort-für-Wort-Erläuterung: asau – jener dort; yaḥ – der, welcher; tāmraḥ – kupferfarben; aruṇaḥ – rötlich, morgenrot; uta – und auch; babhruḥ – braun, rötlichbraun; vilohitaḥ – tiefrot; ye – welche, die; ca – und; ime – diese; abhitaḥ – ringsum, von allen Seiten; rudrāḥ – Rudras, die zahlreichen Erscheinungen oder Mächte Rudras; dikṣu – in den Himmelsrichtungen; śritāḥ – wohnend, sich aufhaltend; sahasraśaḥ – zu Tausenden; ava – weg, herab; mit īmahe: um Abwendung bitten; eṣām – dieser, ihr; heḍaḥ – Zorn, Unwille; Form des vedischen heḍas; īmahe – wir bitten, erflehen.
2.10 – Alle Wesen sehen ihn
adṛśan tvāvarohantaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam |
uta tvā gopā adṛśann uta tvodahāryaḥ |
uto tvā viśvā bhūtāni tasmai dṛṣṭāya te namaḥ || 10 ||
Übersetzung: Sie sahen dich herabsteigen, blauhalsig und tiefrot. Die Hirten sahen dich, auch die Wasserträgerinnen, und auch alle Wesen sahen dich. Dir, der du so gesehen wurdest, sei Verneigung.
Wort-für-Wort-Erläuterung: adṛśan – sie sahen; tvā – dich; avarohantam – herabsteigend; nīla-grīvam – blauhalsig; vilohitam – tiefrot; uta – und auch; tvā – dich; gopāḥ – Hirten, Hüter der Rinder; adṛśan – sie sahen; uta – und auch; tvā – dich; uda-hāryaḥ – Wasserträgerinnen: uda, Wasser; hārya, tragend; uta – und; u – auch, verstärkend; tvā – dich; viśvā – alle; bhūtāni – Wesen, Geschöpfe; tasmai – jenem, diesem; dṛṣṭāya – dem Gesehenen; te – dir; namaḥ – Verneigung.
2.11 – Verneigung vor Rudra und seinen Scharen
namo 'stu nīlaśikhaṇḍāya sahasrākṣāya vājine |
atho ye asya satvānas tebhyo 'ham akaraṃ namaḥ || 11 ||
Übersetzung: Verneigung sei dem, der den blauen Schopf trägt, dem Tausendäugigen, dem Kraftvollen. Auch seinen Kriegern habe ich meine Verehrung erwiesen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: namaḥ – Verneigung; astu – es sei, möge sein; nīla-śikhaṇḍāya – dem mit blauem Schopf: nīla, blau; śikhaṇḍa, Schopf oder Federbusch; sahasra-akṣāya – dem Tausendäugigen: sahasra, tausend; akṣa, Auge; vājine – dem Kraftvollen, Siegeskräftigen; atha u – und ferner, außerdem; verbunden atho; ye – welche, die; asya – seine, diesem zugehörig; satvānaḥ – Krieger, kämpfende Männer; tebhyaḥ – diesen, ihnen; aham – ich; akaram – habe getan, vollzogen; namaḥ – Verneigung, Verehrung.
2.12 – Die Waffe bleibt ungespannt
namāṃsi ta āyudhāyānātatāya dhṛṣṇave |
ubhābhyām akaraṃ namo bāhubhyāṃ tava dhanvane || 12 ||
Übersetzung: Ehrerbietungen deiner kühnen, ungespannten Waffe. Deinen beiden Armen und deinem Bogen habe ich Verehrung erwiesen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: namāṃsi – Ehrerbietungen, Verneigungen, Plural; te – deiner; hier ta vor āyudhāya; āyudhāya – Waffe; an-ātatāya – der nicht gespannten: an, nicht; ā-tata, ausgespannt; dhṛṣṇave – der kühnen, ungestümen; ubhābhyām – beiden; akaram – ich habe erwiesen, getan; namaḥ – Verneigung; bāhubhyām – den beiden Armen; tava – deinem; dhanvane – Bogen, Dativ von dhanvan.
2.13 – Die Bogensehne lösen
pra muñca dhanvanas pary ubhayor ārtnyor jyām |
yāś ca te hasta iṣavaḥ parā tā bhagavo vapa || 13 ||
Übersetzung: Löse die Sehne rings von den beiden Enden des Bogens. Und die Pfeile, die du in deiner Hand hast: Lege sie beiseite, o Erhabener.
Wort-für-Wort-Erläuterung: pra – los, nach vorn; gehört zu muñca; muñca – löse, lass frei; dhanvanaḥ – des Bogens; pari – von ringsum, von … herum; ubhayoḥ – der beiden; ārtnyoḥ – Bogenenden, Dual von ārtni; jyām – die Bogensehne; yāḥ – welche, die; ca – und; te – deiner, dir; haste – in der Hand; vedische Sandhiform hasta vor iṣavaḥ; iṣavaḥ – Pfeile; parā – fort, beiseite; tāḥ – diese; bhagavaḥ – o Erhabener, o Herr; Anredeform von bhagavat, hier bhagavo; vapa – streue, lege ab.
2.14 – Die Pfeilspitzen stumpf machen
avatatya dhanus tvaṃ sahasrākṣa śateṣudhe |
niśīrya śalyānāṃ mukhā śivo naḥ śambhur ā bhava || 14 ||
Übersetzung: Entspanne deinen Bogen, o Tausendäugiger mit den hundert Köchern. Nachdem du die Spitzen der Pfeile abgebrochen hast, werde uns heilvoll und wohltätig zugewandt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: avatatya – nachdem man entspannt hat, die Spannung lösend; dhanuḥ – den Bogen; tvam – du; sahasra-akṣa – o Tausendäugiger; śata-iṣudhe – o du mit hundert Köchern: śata, hundert; iṣudhi, Köcher; niśīrya – nachdem man abgebrochen oder abgestumpft hat; śalyānām – der Pfeilspitzen, der spitzen Geschosse; mukhā – die Vorderenden, Spitzen; vedischer Plural; śivaḥ – heilvoll, freundlich; naḥ – uns; śambhuḥ – wohltätig, Wohl hervorbringend: śam, Wohl; bhū, werden; ā – herzu, uns zugewandt; bhava – werde, sei.
2.15 – Der Bogen ist ohne Sehne
vijyaṃ dhanuḥ śikhaṇḍino viśalyo bāṇavāṃ uta |
aneśann asyeṣavaḥ śivo asya niṣaṅgatiḥ || 15 ||
Übersetzung: Der Bogen des Schopftragenden ist ohne Sehne, und sein Pfeil ist ohne Spitze. Seine Pfeile sind verschwunden; sein Köcher ist heilvoll.
Wort-für-Wort-Erläuterung: vi-jyam – ohne Sehne: vi, ent-, auseinander; jyā, Bogensehne; dhanuḥ – der Bogen; śikhaṇḍinaḥ – des Schopftragenden; vi-śalyaḥ – ohne Spitze: vi, ent-; śalya, Spitze oder Widerhaken; bāṇavān – der mit einem Pfeil versehene Schaft, Pfeil; auch als Pfeilbehälter verstanden; uta – und auch; aneśan – sie sind verschwunden, zugrunde gegangen; asya – seine; iṣavaḥ – Pfeile; śivaḥ – heilvoll, ungefährlich; asya – sein; niṣaṅgatiḥ – Köcher, Pfeilbehälter.
Erläuterung: Für viśalyo bāṇavān ist auch ‚sein Köcher ist ohne Pfeile‘ möglich. Die Unsicherheit betrifft die Gegenstandsbezeichnung, nicht die im Vers erbetene Entwaffnung.
2.16 – Das Geschoss soll uns verfehlen
pari te dhanvano hetir asmān vṛṇaktu viśvataḥ |
atho ya iṣudhis tavāre asman ni dhehi tam || 16 ||
Übersetzung: Das Geschoss deines Bogens möge uns von allen Seiten umgehen. Und jenen Köcher, den du hast, lege fern von uns nieder.
Wort-für-Wort-Erläuterung: pari – um … herum, an … vorbei; te – deines; dhanvanaḥ – Bogens; hetiḥ – Geschoss, Waffe; asmān – uns; vṛṇaktu – es möge ausweichen, meiden; mit pari: umgehen; viśvataḥ – von allen Seiten, überall; atha u – und ferner; verbunden atho; yaḥ – welcher, der; iṣudhiḥ – Köcher; tava – dein; are – fern; asmat – von uns; vor ni zu asman angeglichen; ni – nieder, ab; dhehi – lege, stelle; tam – ihn, diesen.
2.17 – Die schützende Kraft
yā te hetir mīḍhuṣṭama haste babhūva te dhanuḥ |
tayā tvaṃ viśvato asmān ayakṣmayā pari bhuja || 17 ||
Übersetzung: Dein Geschoss, o Freigebigster – dein Bogen ruht in deiner Hand –: Mit diesem von Krankheit freien Geschoss umgib du uns von allen Seiten schützend.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yā – welches, das; feminin zu hetiḥ; te – dein; hetiḥ – Geschoss, Waffe; mīḍhuṣṭama – o Freigebigster, Reichlichstspendender; haste – in der Hand; babhūva – ist geworden, befindet sich; te – dein; dhanuḥ – Bogen; tayā – mit diesem, damit; tvam – du; viśvataḥ – von allen Seiten; asmān – uns; a-yakṣmayā – mit der krankheitsfreien, nicht krank machenden; feminin zu heti; pari – ringsum; bhuja – umschließe, schütze; mit pari: schützend umgeben.
2.18 – Verneigung vor den Schlangen
namo 'stu sarpebhyo ye ke ca pṛthivīm anu |
ye antarikṣe ye divi tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 18 ||
Übersetzung: Verneigung sei den Schlangen, allen, die sich auf der Erde bewegen, denen im Zwischenraum und denen im Himmel: Diesen Schlangen sei Verneigung.
Wort-für-Wort-Erläuterung: namaḥ – Verneigung; astu – es sei; sarpebhyaḥ – den Schlangen; ye – welche; ke – welche auch immer; ca – auch; ye ke ca: alle, welche auch immer; pṛthivīm – die Erde; anu – entlang, auf … hin; pṛthivīm anu: über die Erde hin; ye – diejenigen, welche; antarikṣe – im Luftraum, im Zwischenraum zwischen Erde und Himmel; ye – diejenigen, welche; divi – im Himmel; tebhyaḥ – diesen, ihnen; sarpebhyaḥ – den Schlangen; namaḥ – Verneigung.
2.19 – Schlangen in Licht und Wasser
ye cāmī rocane divo ye ca sūryasya raśmiṣu |
yeṣām apsu sadas kṛtaṃ tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 19 ||
Übersetzung: Und jene, die sich im hellen Raum des Himmels befinden, und die in den Strahlen der Sonne, und die, deren Wohnsitz im Wasser bereitet ist: Diesen Schlangen sei Verneigung.
Wort-für-Wort-Erläuterung: ye – diejenigen, welche; ca – und; amī – jene dort; rocane – im lichten Raum, im Lichtbereich; divaḥ – des Himmels; ye – diejenigen, welche; ca – und; sūryasya – der Sonne; raśmiṣu – in den Strahlen; yeṣām – deren, derjenigen, deren; apsu – in den Wassern, im Wasser; sadaḥ – Sitz, Aufenthaltsort, Wohnstätte; kṛtam – gemacht, bereitet; tebhyaḥ – diesen; sarpebhyaḥ – den Schlangen; namaḥ – Verneigung.
2.20 – Verborgene Schlangenmächte
yā iṣavo yātudhānānāṃ ye vā vanaspatīnām |
ye vāvaṭeṣu śerate tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 20 ||
Übersetzung: Denen, die die Pfeile der zauberkundigen Unholde sind, oder denen der Bäume, oder denen, die in Erdlöchern liegen: Diesen Schlangen sei Verneigung.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yāḥ – welche, die; feminin zu iṣavaḥ; iṣavaḥ – Pfeile; yātudhānānām – der Yatudhanas, zaubernden feindlichen Wesen; ye – diejenigen, welche; nun auf die Schlangen bezogen; vā – oder; vanaspatīnām – der Bäume, wörtlich: der Herren des Waldes; vana, Wald; pati, Herr; ye – diejenigen, welche; vā – oder; avaṭeṣu – in Gruben, Erdlöchern; śerate – sie liegen, ruhen; tebhyaḥ – diesen; sarpebhyaḥ – den Schlangen; namaḥ – Verneigung.
3.21 – Anrufung der Pflanze Arundhati
yaḥ svajānāṃ nīlagrīvo yaḥ svajānāṃ harir uta |
kalmāṣapucham oṣadhe jambhayāsy arundhati || 21 ||
Übersetzung: Den Blauhalsigen unter den Svaja-Schlangen und den Gelbgrünen unter ihnen, auch den mit dem gesprenkelten Schwanz: Du, Heilpflanze Arundhati, sollst sie überwältigen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yaḥ – derjenige, welcher; svajānām – unter den Svaja-Schlangen, Genitiv Plural; die genaue zoologische Art ist hier nicht festgelegt; nīla-grīvaḥ – blauhalsig; yaḥ – derjenige, welcher; svajānām – unter den Svaja-Schlangen; hariḥ – gelblich, gelbgrün; uta – und auch; kalmāṣa-pucham – den mit gesprenkeltem Schwanz: kalmāṣa, gesprenkelt; pucha, Schwanz, auch puccha geschrieben; oṣadhe – o Heilpflanze, Anrede von oṣadhi; jambhayāsi – du zermalmst, überwältigst; hier auffordernd auf die Zukunft bezogen; arundhati – o Arundhati, Name der angesprochenen Pflanze.
3.22 – Braune und blau gezeichnete Wesen
babhruś ca babhrukarṇaś ca nīlāgalasālā śivaḥ paśya || 22 ||
Übersetzung: Der Braune und der Braunohrige, die mit bläulichem, schwachem Gift, der Friedliche: Schau!
Wort-für-Wort-Erläuterung: babhruḥ – der Braune, Braunrote; ca – und; babhru-karṇaḥ – der Braunohrige: babhru, braun; karṇa, Ohr; ca – und; nīlāgalasālā – ein unsicher gedeutetes weibliches Beiwort, hier: mit bläulichem, wenig wirksamem Gift; nīla, blau, ist erkennbar, die übrige Wortbildung nicht sicher auflösbar; śivaḥ – der Friedliche, Ungefährliche, Heilvolle; paśya – sieh, schau.
Erläuterung: Dieser kurze, syntaktisch lose Abschnitt wird als eigener Vers wiedergegeben. Die Unsicherheit des seltenen Beiworts bleibt ausdrücklich sichtbar; eine genaue botanische oder zoologische Bestimmung wird nicht behauptet.
3.23 – Sharva und die Rede des Gegners
śarveṇa nīlaśikhaṇḍena bhavena marutāṃ pitrā |
virūpākṣeṇa babhruṇā vācaṃ vadiṣyato hatam || 23 ||
Übersetzung: Durch Sharva mit dem blauen Schopf, durch Bhava, den Vater der Maruts, durch den Braunroten mit den ungewöhnlichen Augen ist das Denken dessen getroffen, der seine Stimme erheben will.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śarveṇa – durch Sharva, einen Namen Rudras; nīla-śikhaṇḍena – durch den mit blauem Schopf; bhavena – durch Bhava, einen Namen Rudras; marutām – der Maruts, der vedischen Sturmgötter; pitrā – durch den Vater; virūpa-akṣeṇa – durch den mit andersartigen, ungewöhnlichen Augen: virūpa, verschieden oder abweichend gestaltet; akṣa, Auge; babhruṇā – durch den Braunroten; vācam – Rede, Stimme; vadiṣyataḥ – dessen, der sprechen wird oder sprechen will; Genitiv des Zukunftspartizips; hatam – getroffen, niedergeschlagen; das zugehörige neutrale Subjekt wird sinngemäß als Denken ergänzt.
Erläuterung: Das im Deutschen ergänzte ‚Denken‘ steht nicht ausdrücklich in diesem Vers. Die übernommene kritische Lesung hatam setzt es aus dem Zusammenhang des vedischen Paralleltextes voraus.
3.24 – Bitte um Beistand im Streit
śarva nīlaśikhaṇḍa vīra karmaṇikarmaṇi |
imām asya prāśaṃ jahi yenedaṃ vibhajāmahe || 24 ||
Übersetzung: O Sharva mit dem blauen Schopf, Held in jeder Tat: Schlage diese Forderung dessen nieder, mit dem wir dies unter uns teilen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śarva – o Sharva; nīla-śikhaṇḍa – o du mit blauem Schopf; vīra – o Held, Kraftvoller; karmaṇi karmaṇi – bei jeder einzelnen Tat; wiederholter Lokativ von karman; imām – diese; asya – dessen, dieses Menschen; prāśam – Forderung, streitige Ansprache; die genaue juristische Bedeutung ist unsicher; jahi – schlage, beseitige; Imperativ von han; yena – mit welchem, mit dem; idam – dies; vibhajāmahe – wir teilen auf, verteilen unter uns.
Erläuterung: Der historische Wortlaut bittet um Überlegenheit gegenüber einem Gegner. Eine heutige Auslegung im Sinne gewaltfreier Konfliktklärung ist eine Anwendung aus der weiteren Yoga-Ethik und keine wörtliche Übersetzung dieser Bitte.
3.25 – Weitere Namen Rudras
namo bhavāya namaḥ śarvāya namaḥ kumāraśatrave |
namo nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 25 ||
Übersetzung: Verneigung vor Bhava, Verneigung vor Sharva, Verneigung vor dem Feind des Kumara. Verneigung vor dem mit dem blauen Schopf, Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: namaḥ – Verneigung; bhavāya – Bhava gegenüber, dem Bhava; namaḥ – Verneigung; śarvāya – dem Sharva; namaḥ – Verneigung; kumāra-śatrave – dem Feind des Kumara: kumāra, Knabe oder Eigenname Kumara; śatru, Feind; namaḥ – Verneigung; nīla-śikhaṇḍāya – dem mit blauem Schopf; namaḥ – Verneigung; sabhā-prapādine – dem in die Versammlung Tretenden: sabhā, Versammlung; pra-pad, eintreten.
Erläuterung: Die Übersetzung bewahrt das schwierige Beiwort kumāraśatru. Der Wortlaut legt hier nicht fest, welche Erzählung oder welche Bedeutung von kumāra vorausgesetzt ist.
3.26 – Rudras Zugtiere und die Versammlung
yasya harī aśvatarau gardabhāv abhitaḥsarau |
tasmai nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 26 ||
Übersetzung: Dem, dessen beide Maultiere gelblich sind, dessen beide Esel zu beiden Seiten laufen, diesem Träger des blauen Schopfes sei Verneigung, ihm, der in die Versammlung tritt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yasya – dessen; harī – die beiden Gelblichen, Falben; Dual; aśvatarau – die beiden Maultiere; gardabhau – die beiden Esel; abhitaḥ-sarau – die beiderseits Laufenden: abhitaḥ, zu beiden Seiten; sara, gehend oder laufend; tasmai – jenem, diesem; nīla-śikhaṇḍāya – dem mit blauem Schopf; namaḥ – Verneigung; sabhā-prapādine – dem in die Versammlung Tretenden.
Erläuterung: Die Doppelbezeichnung der Tiere bleibt im Deutschen erhalten. Der Text selbst erklärt nicht, ob zwei Bezeichnungen desselben Gespanns oder verschiedene Tiere gemeint sind.
Schlusswiederholung
namaḥ sabhāprapādina iti ||
Übersetzung: „Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt“ – so endet der Text.
Wort-für-Wort-Erläuterung: namaḥ – Verneigung; sabhā-prapādine – dem in die Versammlung Tretenden; vor iti lautet die Textform sabhāprapādina; iti – so; markiert die Schlusswiederholung.
Datierung, Inhalt und Bedeutung der Nilarudra Upanishad
Vorgeschichte und selbstständige Überlieferung
Die ersten siebzehn Verse haben enge Entsprechungen in der Paippalada Samhita des Atharvaveda, besonders in 14.3–4. Die weiteren Verse besitzen ebenfalls atharvavedische Parallelen. Viele Rudra-Anrufungen sind außerdem aus dem Shatarudriya des Yajurveda bekannt. Diese Beziehungen erschließen die ältere Textschicht. Sie erlauben aber nicht, den Zeitpunkt der Zusammenstellung und die erste Benennung als eigenständige Upanishad auf dasselbe Datum festzulegen.
Eine verlässlich begründete genaue Jahreszahl für die selbstständige Nilarudra Upanishad wird hier nicht angegeben. Drei Vorgänge sind auseinanderzuhalten: die Entstehung der einzelnen vedischen Gebete, ihre Zusammenstellung zur Nilarudra-Litanei und ihre spätere Auslegung als Upanishad. Die erhaltenen Handschriften bezeugen die Überlieferung; ihr eigenes Alter ist nicht automatisch das Alter der darin enthaltenen Verse. Auch eine moderne Druckausgabe datiert nur die Veröffentlichung dieser Ausgabe.
Textgestalt und Kommentar
Lubins Ausgabe prüft Handschriften und vedische Parallelstellen. Die hier zugrunde gelegten Lesungen unterscheiden sich deshalb stellenweise von verbreiteten elektronischen Texten. Besonders wichtig sind die Versabgrenzung im dritten Abschnitt und die Unterscheidung von svaja, einer Schlange, und svajana, einem Angehörigen. Unsicherheiten bleiben unter anderem in Vers 22 bestehen. Die Textgrundlage wird daher ausdrücklich genannt; die vorliegende Lesefassung ersetzt nicht den kritischen Apparat der Ausgabe.
Der Kommentar Nārāyaṇas gehört zu einer weiteren geschichtlichen Ebene: Er liest die vedischen Worte aus einer späteren religiösen Perspektive. Ein solcher Kommentar kann für die Geschichte der Shiva-Verehrung aufschlussreich sein, ohne dass jede seiner Wortdeutungen den ältesten erreichbaren Sinn wiedergeben muss. Für das Studium sind deshalb drei Fragen hilfreich: Was steht im Sanskrit? Wie versteht der Kommentar die Stelle? Welche Bedeutung gewinnt sie in meiner heutigen Praxis? Diese Fragen können miteinander verbunden werden, sollten aber als unterschiedliche Aufgaben erkennbar bleiben.
Erster Abschnitt: Begegnung mit dem mächtigen Gott
Die ersten Verse schildern eine sichtbare Erscheinung: Rudra kommt vom Himmel zur Erde. Seine Farben, sein Haarschopf und seine Waffe machen ihn eindringlich gegenwärtig. Der Sprecher bleibt nicht bei der Beobachtung stehen. Er richtet eine Bitte an den Gott und fordert andere Menschen zum Hinschauen auf. Die Verneigung gilt sogar dem Zorn und der Waffe, also gerade jenen Kräften, vor denen Schutz gesucht wird.
Besonders die Verse 5–8 entfalten die Bitte um eine heilvolle Begegnung. Der Pfeil soll nicht verletzen; die Rede soll freundlich sein; die Welt soll von Krankheit frei werden; Rudra soll sich mit seiner milden Gestalt zeigen. Śiva tritt dabei als Wort für heilvoll, günstig oder freundlich hervor. Die Verbindung dieses Wortes mit Rudra ist für das Verständnis der späteren Shiva-Verehrung bedeutsam. Der Text selbst entfaltet dazu jedoch keine systematische Gotteslehre.
Zweiter Abschnitt: Entwaffnung und Schutz
Die Verse 10–17 beschreiben Rudras weite Sichtbarkeit und bitten ihn, seine zerstörerische Kraft zurückzunehmen. Die Bogensehne wird gelöst, die Pfeile werden beiseitegelegt und ihre Spitzen entfernt. Gleichzeitig soll die Kraft des Gottes schützen. Die Waffe erscheint damit in einem Spannungsverhältnis: Sie bedroht, kann aber in der erbetenen heilvollen Wendung auch den geschützten Raum umgeben.
Die Verse 18–20 erweitern die Verehrung auf Schlangen in verschiedenen Bereichen der Welt. Erde, Zwischenraum, Himmel, Sonnenstrahlen und Wasser bilden den kosmischen Horizont der Anrufung. Die Schlangen werden nicht auf eine einzige zoologische Bedeutung beschränkt. Im Gebet sind sie sichtbare oder verborgene Mächte, deren Wohlwollen gesucht wird. Eine moderne symbolische Lektüre kann hier an Lebenskräfte denken; der Ausdruck Kundalini steht in diesen Versen allerdings nicht.
Dritter Abschnitt: schwer verständliche alte Gebetsformen
Der dritte Abschnitt bewahrt heterogenes Material. Eine Pflanze wird gegen Schlangen angerufen; darauf folgen knappe Farbbezeichnungen und schwer deutbare Beinamen. Andere Verse bitten um Beistand gegenüber einem Gegner. Der Abschluss verbindet Rudras Namen mit dem Gang in eine Versammlung und mit seinen Zugtieren.
Gerade diese Vielfalt erklärt, weshalb nicht jeder Vers ohne Weiteres als Lehrsatz des Advaita Vedanta übersetzt werden kann. In diesem Text sind Schutzgebet, Beschwörung und Verehrung unmittelbar greifbar. Begriffe wie Atman und Brahman werden im Grundtext nicht zu einer ausgeführten Einheitslehre verbunden. Wer eine solche Deutung hinzunimmt, tut dies im Rahmen einer weiterführenden spirituellen Auslegung.
Die religiöse Bedeutung der Bitte
Die wiederholte Verneigung stellt eine Beziehung her: Der Mensch erkennt an, dass er nicht jede Kraft des Lebens beherrscht, und bittet um deren heilvolle Wendung. Angst wird dabei ausgesprochen. Krankheit, Verletzung und Feindschaft werden nicht aus dem Gebet ausgeblendet. Zugleich zeigt die Bitte um Schonung, wie eng die eigene Sicherheit mit dem Wohlergehen anderer verbunden ist: Nicht nur der Sprecher, auch seine Menschen und die ganze Welt sollen geschützt sein.
Für eine Bhakti-Praxis kann das Anrufen Rudras ein Weg sein, Angst und Widerstand in eine bewusste Beziehung zum Göttlichen hineinzunehmen. Die milde Gestalt aus Vers 8 eignet sich als Gegenstand stiller Betrachtung. Für Jnana Yoga kann der Text Anlass sein, zwischen dem beobachteten Gefühl und dem beobachtenden Bewusstsein zu unterscheiden. Diese zweite Übung ist eine heutige Verbindung zur weiteren Vedanta-Tradition; sie wird hier nicht als ausdrückliche Anleitung des Hymnus ausgegeben.
Bedeutung heute
Eine zeitgemäße Beschäftigung kann beim Verhältnis von Kraft und Verantwortung ansetzen. Wer über Macht verfügt, muss nicht jede Möglichkeit des Durchsetzens nutzen. Das Lösen der Bogensehne kann als Bild dafür dienen, eine scharfe Antwort zurückzuhalten, einen Streit zu unterbrechen oder die eigene Absicht vor einer Handlung zu prüfen. Eine solche Anwendung gewinnt ihre ethische Richtung durch Ahimsa, Satya und Mitgefühl aus der weiteren Yoga-Tradition.
Die alten Bitten gegen Gegner bedürfen dabei einer bewussten Auslegung. Im heutigen Übungszusammenhang kann die Energie des Gebets auf das Überwinden von Zorn, Angst und schädlichen Gewohnheiten gerichtet werden. Diese innere Lesart verwandelt den Anwendungsbezug; sie löscht die historische Bedeutung des Sanskrittextes nicht aus. Die genaue Übersetzung bewahrt deshalb auch die Stellen, die einer gegenwärtigen Leserin oder einem gegenwärtigen Leser fremd erscheinen.
Für den Unterricht ist eine langsame Behandlung einzelner Verse sinnvoll. Auf die Rezitation können die deutsche Übersetzung, die Erklärung der Wörter und einige Minuten stiller Betrachtung folgen. Daraus entsteht eine Verbindung von Svadhyaya, Gebet und Meditation. Wer die traditionelle vedische Rezitation erlernen möchte, braucht zusätzlich eine Akzentfassung und entsprechende Unterweisung; die vorliegende akzentlose Lesefassung dient vor allem dem Verständnis des Wortlauts.
Hinweis zur Vollständigkeit
Die 26 Verse und die Schlusswiederholung der genannten Grundtextausgabe stehen unten jeweils zusammenhängend in Devanagari, IAST und deutscher Übersetzung. Alle sind oben einzeln übersetzt und Wort für Wort erläutert. ‚Vollständiger Text‘ bezeichnet diesen festgelegten Umfang. Es bedeutet nicht, dass jede schwierige Lesung oder jede historische Deutung endgültig geklärt wäre.
Nilarudra Upanishad - Vollständiger Text auf Devanagari
१.१
ॐ अपश्यं त्वावरोहन्तं दिवितः पृथिवीम् अवः ।
अपश्यम् अस्यन्तं नीलग्रीवं रुद्रं शिखण्डिनम् ॥ १ ॥
१.२
दिव उग्रो ऽवारुक्षत् प्रत्य् अष्ठाद् भूम्याम् अधि ।
जनासः पश्यतेमं नीलग्रीवं विलोहितम् ॥ २ ॥
१.३
एष एत्य् अवीरहा रुद्रो जलाषभेषजी ।
वि ते ऽक्षेमम् अनीनशद् वातीकारो ऽप्य् एतु ते ॥ ३ ॥
१.४
नमस् ते भव भामाय नमस् ते भव मन्यवे ।
नमस् ते अस्तु बाहुभ्याम् उतोत इषवे नमः ॥ ४ ॥
१.५
याम् इषुं गिरिशन्त हस्ते बिभर्ष्य् अस्तवे ।
शिवां गिरित्र तां कृणु मा हिंसीत् पुरुषान् मम ॥ ५ ॥
१.६
शिवेन वचसा त्वा गिरिशाछा वदामसि ।
यथा नः सर्वम् इज् जगद् अयक्ष्मं सुमना असत् ॥ ६ ॥
१.७
या त इषुः शिवतमा शिवं बभूव ते धनुः ।
शिवा शरव्या या तव तया नो मृड जीवसे ॥ ७ ॥
१.८
या ते रुद्र शिवा तनूर् अघोरापापकाशिनी ।
तया नस् तन्वा शंतमया गिरिशन्ताभि चाकश ॥ ८ ॥
१.९
असौ यस् ताम्रो अरुण उत बभ्रुर् विलोहितः ।
ये चेमे अभितो रुद्रा दिक्षु श्रिताः सहस्रशो ऽवैषां हेड ईमहे ॥ ९ ॥
२.१०
अदृशन् त्वावरोहन्तं नीलग्रीवं विलोहितम् ।
उत त्वा गोपा अदृशन्न् उत त्वोदहार्यः ।
उतो त्वा विश्वा भूतानि तस्मै दृष्टाय ते नमः ॥ १० ॥
२.११
नमो ऽस्तु नीलशिखण्डाय सहस्राक्षाय वाजिने ।
अथो ये अस्य सत्वानस् तेभ्यो ऽहम् अकरं नमः ॥ ११ ॥
२.१२
नमांसि त आयुधायानातताय धृष्णवे ।
उभाभ्याम् अकरं नमो बाहुभ्यां तव धन्वने ॥ १२ ॥
२.१३
प्र मुञ्च धन्वनस् पर्य् उभयोर् आर्त्न्योर् ज्याम् ।
याश् च ते हस्त इषवः परा ता भगवो वप ॥ १३ ॥
२.१४
अवतत्य धनुस् त्वं सहस्राक्ष शतेषुधे ।
निशीर्य शल्यानां मुखा शिवो नः शम्भुर् आ भव ॥ १४ ॥
२.१५
विज्यं धनुः शिखण्डिनो विशल्यो बाणवां उत ।
अनेशन्न् अस्येषवः शिवो अस्य निषङ्गतिः ॥ १५ ॥
२.१६
परि ते धन्वनो हेतिर् अस्मान् वृणक्तु विश्वतः ।
अथो य इषुधिस् तवारे अस्मन् नि धेहि तम् ॥ १६ ॥
२.१७
या ते हेतिर् मीढुष्टम हस्ते बभूव ते धनुः ।
तया त्वं विश्वतो अस्मान् अयक्ष्मया परि भुज ॥ १७ ॥
२.१८
नमो ऽस्तु सर्पेभ्यो ये के च पृथिवीम् अनु ।
ये अन्तरिक्षे ये दिवि तेभ्यः सर्पेभ्यो नमः ॥ १८ ॥
२.१९
ये चामी रोचने दिवो ये च सूर्यस्य रश्मिषु ।
येषाम् अप्सु सदस् कृतं तेभ्यः सर्पेभ्यो नमः ॥ १९ ॥
२.२०
या इषवो यातुधानानां ये वा वनस्पतीनाम् ।
ये वावटेषु शेरते तेभ्यः सर्पेभ्यो नमः ॥ २० ॥
३.२१
यः स्वजानां नीलग्रीवो यः स्वजानां हरिर् उत ।
कल्माषपुछम् ओषधे जम्भयास्य् अरुन्धति ॥ २१ ॥
३.२२
बभ्रुश् च बभ्रुकर्णश् च नीलागलसाला शिवः पश्य ॥ २२ ॥
३.२३
शर्वेण नीलशिखण्डेन भवेन मरुतां पित्रा ।
विरूपाक्षेण बभ्रुणा वाचं वदिष्यतो हतम् ॥ २३ ॥
३.२४
शर्व नीलशिखण्ड वीर कर्मणिकर्मणि ।
इमाम् अस्य प्राशं जहि येनेदं विभजामहे ॥ २४ ॥
३.२५
नमो भवाय नमः शर्वाय नमः कुमारशत्रवे ।
नमो नीलशिखण्डाय नमः सभाप्रपादिने ॥ २५ ॥
३.२६
यस्य हरी अश्वतरौ गर्दभाव् अभितःसरौ ।
तस्मै नीलशिखण्डाय नमः सभाप्रपादिने ॥ २६ ॥
Schlusswiederholung
नमः सभाप्रपादिन इति ॥
Vollständiger Text in IAST - Nilarudra Upanishad
1.1
oṃ apaśyaṃ tvāvarohantaṃ divitaḥ pṛthivīm avaḥ |
apaśyam asyantaṃ nīlagrīvaṃ rudraṃ śikhaṇḍinam || 1 ||
1.2
diva ugro 'vārukṣat praty aṣṭhād bhūmyām adhi |
janāsaḥ paśyatemaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam || 2 ||
1.3
eṣa ety avīrahā rudro jalāṣabheṣajī |
vi te 'kṣemam anīnaśad vātīkāro 'py etu te || 3 ||
1.4
namas te bhava bhāmāya namas te bhava manyave |
namas te astu bāhubhyām utota iṣave namaḥ || 4 ||
1.5
yām iṣuṃ giriśanta haste bibharṣy astave |
śivāṃ giritra tāṃ kṛṇu mā hiṃsīt puruṣān mama || 5 ||
1.6
śivena vacasā tvā giriśāchā vadāmasi |
yathā naḥ sarvam ij jagad ayakṣmaṃ sumanā asat || 6 ||
1.7
yā ta iṣuḥ śivatamā śivaṃ babhūva te dhanuḥ |
śivā śaravyā yā tava tayā no mṛḍa jīvase || 7 ||
1.8
yā te rudra śivā tanūr aghorāpāpakāśinī |
tayā nas tanvā śaṃtamayā giriśantābhi cākaśa || 8 ||
1.9
asau yas tāmro aruṇa uta babhrur vilohitaḥ |
ye ceme abhito rudrā dikṣu śritāḥ sahasraśo 'vaiṣāṃ heḍa īmahe || 9 ||
2.10
adṛśan tvāvarohantaṃ nīlagrīvaṃ vilohitam |
uta tvā gopā adṛśann uta tvodahāryaḥ |
uto tvā viśvā bhūtāni tasmai dṛṣṭāya te namaḥ || 10 ||
2.11
namo 'stu nīlaśikhaṇḍāya sahasrākṣāya vājine |
atho ye asya satvānas tebhyo 'ham akaraṃ namaḥ || 11 ||
2.12
namāṃsi ta āyudhāyānātatāya dhṛṣṇave |
ubhābhyām akaraṃ namo bāhubhyāṃ tava dhanvane || 12 ||
2.13
pra muñca dhanvanas pary ubhayor ārtnyor jyām |
yāś ca te hasta iṣavaḥ parā tā bhagavo vapa || 13 ||
2.14
avatatya dhanus tvaṃ sahasrākṣa śateṣudhe |
niśīrya śalyānāṃ mukhā śivo naḥ śambhur ā bhava || 14 ||
2.15
vijyaṃ dhanuḥ śikhaṇḍino viśalyo bāṇavāṃ uta |
aneśann asyeṣavaḥ śivo asya niṣaṅgatiḥ || 15 ||
2.16
pari te dhanvano hetir asmān vṛṇaktu viśvataḥ |
atho ya iṣudhis tavāre asman ni dhehi tam || 16 ||
2.17
yā te hetir mīḍhuṣṭama haste babhūva te dhanuḥ |
tayā tvaṃ viśvato asmān ayakṣmayā pari bhuja || 17 ||
2.18
namo 'stu sarpebhyo ye ke ca pṛthivīm anu |
ye antarikṣe ye divi tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 18 ||
2.19
ye cāmī rocane divo ye ca sūryasya raśmiṣu |
yeṣām apsu sadas kṛtaṃ tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 19 ||
2.20
yā iṣavo yātudhānānāṃ ye vā vanaspatīnām |
ye vāvaṭeṣu śerate tebhyaḥ sarpebhyo namaḥ || 20 ||
3.21
yaḥ svajānāṃ nīlagrīvo yaḥ svajānāṃ harir uta |
kalmāṣapucham oṣadhe jambhayāsy arundhati || 21 ||
3.22
babhruś ca babhrukarṇaś ca nīlāgalasālā śivaḥ paśya || 22 ||
3.23
śarveṇa nīlaśikhaṇḍena bhavena marutāṃ pitrā |
virūpākṣeṇa babhruṇā vācaṃ vadiṣyato hatam || 23 ||
3.24
śarva nīlaśikhaṇḍa vīra karmaṇikarmaṇi |
imām asya prāśaṃ jahi yenedaṃ vibhajāmahe || 24 ||
3.25
namo bhavāya namaḥ śarvāya namaḥ kumāraśatrave |
namo nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 25 ||
3.26
yasya harī aśvatarau gardabhāv abhitaḥsarau |
tasmai nīlaśikhaṇḍāya namaḥ sabhāprapādine || 26 ||
Schlusswiederholung
namaḥ sabhāprapādina iti ||
Vollständige deutsche Übersetzung der Nilarudra Upanishad
1.1
Om. Ich sah dich vom Himmel herab zur Erde niedersteigen. Ich sah den blauhalsigen Rudra mit dem Haarschopf, wie er seine Geschosse schleuderte.
1.2
Der Gewaltige ist vom Himmel herabgestiegen; auf der Erde hat er seinen Stand genommen. Ihr Menschen, schaut diesen Blauhalsigen, diesen tief Roten an!
1.3
Dieser Rudra kommt, ohne Menschen zu erschlagen, mit Jalasha als Heilmittel. Er hat deine Unsicherheit beseitigt; auch dein Vatikara-Leiden möge weichen.
1.4
Verneigung vor deinem Zorn, o Bhava; Verneigung vor deinem Grimm, o Bhava. Deinen beiden Armen sei Verneigung, und auch deinem Pfeil sei Verneigung.
1.5
Den Pfeil, den du, o Bergbewohner, zum Abschießen in deiner Hand trägst, mache heilvoll, o Beschützer des Berges. Er soll meine Menschen nicht verletzen.
1.6
Mit einem heilvollen Wort sprechen wir dich an, o Bergbewohner, damit die ganze Welt ohne Krankheit sei und du uns wohlgesinnt seiest.
1.7
Dein Pfeil ist der heilvollste; dein Bogen ist heilvoll geworden. Dein Geschoss ist heilvoll: Erweise uns damit Güte, damit wir leben.
1.8
Deine heilvolle Gestalt, o Rudra, die nicht furchtbar ist und nichts Unheilvolles zeigt: Mit dieser deiner gütigsten Gestalt schaue uns an, o Bergbewohner.
1.9
Jener dort, der kupferfarben, rötlich, braun und tiefrot ist, und diese Rudras, die ringsum zu Tausenden in den Himmelsrichtungen wohnen: Wir bitten darum, dass ihr Zorn weiche.
2.10
Sie sahen dich herabsteigen, blauhalsig und tiefrot. Die Hirten sahen dich, auch die Wasserträgerinnen, und auch alle Wesen sahen dich. Dir, der du so gesehen wurdest, sei Verneigung.
2.11
Verneigung sei dem, der den blauen Schopf trägt, dem Tausendäugigen, dem Kraftvollen. Auch seinen Kriegern habe ich meine Verehrung erwiesen.
2.12
Ehrerbietungen deiner kühnen, ungespannten Waffe. Deinen beiden Armen und deinem Bogen habe ich Verehrung erwiesen.
2.13
Löse die Sehne rings von den beiden Enden des Bogens. Und die Pfeile, die du in deiner Hand hast: Lege sie beiseite, o Erhabener.
2.14
Entspanne deinen Bogen, o Tausendäugiger mit den hundert Köchern. Nachdem du die Spitzen der Pfeile abgebrochen hast, werde uns heilvoll und wohltätig zugewandt.
2.15
Der Bogen des Schopftragenden ist ohne Sehne, und sein Pfeil ist ohne Spitze. Seine Pfeile sind verschwunden; sein Köcher ist heilvoll.
2.16
Das Geschoss deines Bogens möge uns von allen Seiten umgehen. Und jenen Köcher, den du hast, lege fern von uns nieder.
2.17
Dein Geschoss, o Freigebigster – dein Bogen ruht in deiner Hand –: Mit diesem von Krankheit freien Geschoss umgib du uns von allen Seiten schützend.
2.18
Verneigung sei den Schlangen, allen, die sich auf der Erde bewegen, denen im Zwischenraum und denen im Himmel: Diesen Schlangen sei Verneigung.
2.19
Und jene, die sich im hellen Raum des Himmels befinden, und die in den Strahlen der Sonne, und die, deren Wohnsitz im Wasser bereitet ist: Diesen Schlangen sei Verneigung.
2.20
Denen, die die Pfeile der zauberkundigen Unholde sind, oder denen der Bäume, oder denen, die in Erdlöchern liegen: Diesen Schlangen sei Verneigung.
3.21
Den Blauhalsigen unter den Svaja-Schlangen und den Gelbgrünen unter ihnen, auch den mit dem gesprenkelten Schwanz: Du, Heilpflanze Arundhati, sollst sie überwältigen.
3.22
Der Braune und der Braunohrige, die mit bläulichem, schwachem Gift, der Friedliche: Schau!
3.23
Durch Sharva mit dem blauen Schopf, durch Bhava, den Vater der Maruts, durch den Braunroten mit den ungewöhnlichen Augen ist das Denken dessen getroffen, der seine Stimme erheben will.
3.24
O Sharva mit dem blauen Schopf, Held in jeder Tat: Schlage diese Forderung dessen nieder, mit dem wir dies unter uns teilen.
3.25
Verneigung vor Bhava, Verneigung vor Sharva, Verneigung vor dem Feind des Kumara. Verneigung vor dem mit dem blauen Schopf, Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt.
3.26
Dem, dessen beide Maultiere gelblich sind, dessen beide Esel zu beiden Seiten laufen, diesem Träger des blauen Schopfes sei Verneigung, ihm, der in die Versammlung tritt.
Schlusswiederholung
„Verneigung vor dem, der in die Versammlung tritt“ – so endet der Text.
Fünf Empfehlungen für ernsthafte spirituelle Aspiranten
- Studiere einen Vers gründlich. Verbinde Svadhyaya mit Rezitation, Übersetzung und Worterklärung, bevor du eine persönliche Deutung entwickelst.
- Nimm die Bitte um Schonung ernst. Prüfe täglich, wie du durch Wort, Handlung und Absicht zu Ahimsa beitragen kannst.
- Übe einen bewussten Umgang mit Stärke. Betrachte das Lösen der Bogensehne als Anregung, Zorn nicht sofort in eine verletzende Handlung umzusetzen.
- Verbinde Bhakti mit stiller Betrachtung. Verweile nach Vers 8 bei Rudras milder Gestalt und lass die Bitte um Wohlwollen auch anderen Menschen gelten.
- Halte Wortlaut und Anwendung auseinander. Bewahre beim Umgang mit schwierigen Versen die Bereitschaft, sprachliche Unsicherheiten anzuerkennen und die eigene Praxis ethisch zu prüfen.
Siehe auch
- Shiva Upanishaden
- Upanishad
- Veden
- Mahavakya
- Hinduismus
- Yoga
- Vedanta
- Vedanta Schulen
- Erkenntnis
- Meditation
- Verehrung
Literatur
- Kostenloses Online-Buch Upanishaden von Swami Krishananda
- Klassische Upanishaden - Die Weisheit des Yoga von Paul Deussen, 1980
- Das Kronjuwel der Unterscheidung von Shri Shankaracharya, Kommentar von Emanuel Meyer, 2002
- Swami Vivekananda, Vedanta - Der Ozean der Weisheit
- Wilfried Huchzermeyer: Die heiligen Schriften Indiens - Geschichte der Sanskrit-Literatur. (edition-sawitri.de) ISBN 3-931172-22-8
- Vedanta für Anfänger von Swami Sivananda
- Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens, Suhrkamp, 2001
Weblinks
- Veden aus „Göttliche Erkenntnis“ von Swami Sivananda
- Upanishaden, Artikel aus "Göttliche Erkenntnis" von Swami Sivananda
- Buch: Klassische Upanishaden - die 11 wichtigsten Upanishaden in der Übersetzung von Paul Deussen
Seminare
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