Todala Tantra
'Todala Tantra (Sanskrit: तोडलतन्त्र toḍalatantra), auch Toḍala Tantra oder Todalatantra geschrieben, ist eine tantrische Schrift der Shakta-Tradition, die die Verehrung der göttlichen Mutter mit Mantra, Kundalini Yoga und einer eindringlichen Schau des menschlichen Körpers verbindet. In einem Gespräch zwischen Devi und Shiva begegnen sich Kali, Tara, die Mahavidyas und verschiedene Shiva-Gestalten. Eine seiner eindrücklichsten Aussagen lautet: „Alle heiligen Stätten im Weltall sind auch im Körper vorhanden“ (2.2). Was als Pilgerstätte, Götterwelt oder kosmische Kraft verehrt wird, hat nach diesem Werk eine Entsprechung im eigenen Körper.

Für die eigene Sadhana öffnet sich damit eine innere Pilgerreise: Der Körper wird zum Ort der Verehrung, der Klang zum Träger der Gegenwart und die Hingabe zu einem Weg der Erkenntnis. Das Werk beschreibt Puja, die Ehrung des Guru, rituelle Reinigung, das Erwachen der Mantrakraft und die innere „Girlande“ der Sanskritlaute. Shakti erscheint als lebendige Gegenwart in Laut, Atem und Körper; Shiva als ihr untrennbarer göttlicher Gegenpol. Für Aspiranten liegt darin eine fruchtbare Verbindung von Hingabe, Sammlung und Erkenntnis: Die Blume vor dem Altar, das wiederholte Mantra und die innere Aufmerksamkeit können Ausdruck derselben Hinwendung werden.
Bedeutung und Einordnung
Titel und Überlieferung
Tantra bezeichnet hier eine religiöse Lehrschrift, die Erkenntnis und konkrete Praxis miteinander verknüpft. Toḍala ist der überlieferte Werktitel; eine eindeutige wörtliche Übersetzung oder gesicherte Herleitung dieses Namensteils lässt sich aus dem Werk nicht gewinnen. Das retroflexe ḍ unterscheidet die wissenschaftliche Umschrift Toḍala von der vereinfachten Schreibweise Todala.
Das Werk gehört seinem Inhalt nach in ein Shakta-Milieu mit deutlichen Kaula-Bezügen. Dafür sprechen die Verehrung Kalis und Taras, die fünf rituellen Tattvas, die Bedeutung der Einweihung und die Verbindung von äußerem Ritual und innerer Sadhana. Seine Gottesrede ist die literarische Form der Offenbarung: Shiva antwortet auf die Fragen der Göttin. Ein bestimmtes Entstehungsjahr oder ein namentlicher Verfasser ist durch die hier zugrunde gelegte Überlieferung nicht gesichert. Die bibliographischen Angaben zur Sanskritausgabe stehen am Ende des Artikels.
Shakti und Shiva
Besonders prägnant ist die Erklärung des Bildes der auf Shiva stehenden Kali. Wenn die Kraft in eigener Gestalt hervortritt, erscheint Shiva ohne sie als śava, als Leichnam; mit Shakti ist er Śiva (1.21–25). Zugleich hält der Text daran fest, dass er sein Purusha-Sein nicht verliert. Die Bildsprache verbindet somit Ruhe und Wirksamkeit, göttlichen Grund und lebendige Offenbarung. Das fünfte Kapitel entfaltet die Verehrung Shivas als Grundlage der Göttinnen-Puja. So gehören die schöpferische Kraft und ihr göttlicher Grund auch im Ritual zusammen.
Als weiterführende Lektüre zur Göttinnenverehrung bieten sich Kularnava Tantra, Kulacudamani Tantra, Mundamala Tantra und Tara Tantra an. Zum Verhältnis von Lautgestalt, innerer Schau und Göttin lassen sich außerdem Yogini Hridaya und Nitya Shodashikarnava vergleichend lesen.
Aufbau und zentrale Lehren
Das Todala Tantra umfasst zehn Paṭalas (Kapitel) mit insgesamt 396 nummerierten Texteinheiten. Nicht jede Nummer bezeichnet einen gleich langen Vers: Gelegentlich umfasst eine Einheit drei Halbverse oder einen Sprecherwechsel; 5.17 enthält einen längeren Meditationsvers.
| Kapitel | Umfang | Inhalt |
|---|---|---|
| 1 | 25 Einheiten | Mahavidyas und ihre männlichen Gegenstücke; Shiva und Shakti |
| 2 | 25 Einheiten | Körper als Kosmos; innere Welten, Nadis, Kundalini und Yoni-Mudra |
| 3 | 79 Einheiten | Baddhayoni, Kali- und Tara-Mantras, Reinigung und Kali-Puja |
| 4 | 46 Einheiten | Tara-Puja, innere Juweleninsel, Ritual und geistige Verehrung |
| 5 | 45 Einheiten | Shiva-Mantras, tönernes Linga, acht Shiva-Gestalten und Einweihungsordnung |
| 6 | 57 Einheiten | Innerer Sinn der Mantras; Lautgestalt, Guru und Mantrabewusstsein |
| 7 | 38 Einheiten | Innerer Kosmos, symbolische Maße, Chakra-Gottheiten und heilige Stätten |
| 8 | 22 Einheiten | Nadis, Bindu, Erd-Lotus, Kundalini und Linga |
| 9 | 47 Einheiten | Innere Lautgirlande, Lebensverlängerungsriten und Bhutakatyayani |
| 10 | 12 Einheiten | Weitere Mudras und Zuordnungen von Göttinnen zu Avataras |
Eine Welt im Körper
„Alle heiligen Stätten im Weltall sind auch im Körper vorhanden“: Mit diesem Gedanken eröffnet Kapitel 2 die innere Perspektive. Kapitel 7 ordnet heilige Orte verschiedenen Körperregionen zu, Kapitel 8 betrachtet das gesamte Weltbild im winzigen Bindu. Diese religiöse Kosmologie lädt zu einer veränderten Wahrnehmung ein: Der eigene Leib erscheint als Raum göttlicher Gegenwart. Im Bild des Bindu fällt größter Weltenraum mit dem kleinsten Punkt zusammen. Wer darüber meditiert, kann die Frage mitnehmen: Wie verändert sich meine Haltung zu meinem Körper, wenn ich ihn als einen heiligen Ort betrachte? Die Zahlen des Textes gehören zu dieser inneren Weltschau, nicht zu einer anatomischen Vermessung.
Ritual und Selbsthingabe
Die ausführlichen Verehrungsordnungen enden wiederholt in ātmasamarpaṇa, der Hingabe seiner selbst (3.69, 3.79, 4.40). Die eigene Praxis wird der Gottheit dargebracht. Das Todala Tantra würdigt zugleich die geistige Verehrung: Für Tara nennt es ausdrücklich eine verkürzte, rein innere Puja ohne die fünf Ritualsubstanzen (4.44). So stehen aufwendige Zeremonie und inneres Darbringen innerhalb desselben Werkes nebeneinander.
Devi, Guru und die lebendige Kraft des Mantras

Kali und Tara erhalten besonders ausführliche Mantra- und Verehrungslehren. Kali erscheint als Auflösungskraft und Befreierin; Tara als die Hinüberführende über den Ozean des Werdens. Die Göttin wird dabei nicht allein als äußere Gestalt verehrt. Ihre Glieder werden in den Zeichen des Mantras betrachtet, und die Lautfolge erscheint als lebendiger göttlicher Körper.
Kapitel 6 nennt dieses Erwachen mantracaitanya, das Bewusstsein oder die Belebtheit des Mantras. Die Vorstellung des Guru zusammen mit Kundalini im Sahasrara gehört zu seiner zentralen Bildsprache (6.28). Mantra bedeutet deshalb mehr als Zählen: Klang, Bedeutung, innere Haltung und Sammlung bilden einen Zusammenhang. Der Guru steht für die überlieferte Unterweisung, die aus einer bloßen Lautfolge eine eingeübte spirituelle Beziehung werden lässt.
Zugleich enthält das Werk strenge Regeln über Einweihung und die Grenzen einzelner Riten. Die Ablehnung der Nilakantha-Verehrung in 5.7–13 ist eine eigentümliche Position dieses Textes, keine allgemeine Lehre des Hinduismus. Auch seine Strafandrohungen bei Ritualfehlern sind als traditionsgebundene Vorschriften zu lesen. Für heutige Aspiranten kann daraus Sorgfalt gegenüber einer empfangenen Praxis erwachsen, ohne Angst vor jeder unvollkommenen Aussprache zu erzeugen.
Yoga und Meditation
Für den Yoga ist das Werk besonders wegen seiner Verbindung von Nadi, Prana, Chakra und Kundalini interessant. Es beschreibt Ida, Pingala und Sushumna und verbindet den Weg durch die inneren Zentren mit der Verehrung ihrer Gottheiten. Im Sahasrara begegnen sich der höchste Shiva und die ewige Mahakundalini (7.30).
In der Meditation werden Lotus, Licht, göttliche Gestalt und Mantra gemeinsam vergegenwärtigt. Die Juweleninsel in Kapitel 4 ist dafür ein besonders reiches Beispiel: Im kleinsten Punkt öffnet sich ein weiter, lichtvoller Raum. Als heutiger Zugang bietet sich an, solche Bilder ruhig zu betrachten und ihre Bedeutung zu erwägen. Die im Text beschriebenen Atemverschlüsse, ungewöhnlichen Körperhaltungen und sexuellen Kaula-Riten setzen dagegen einen besonderen Überlieferungs- und Anleitungskontext voraus; sie sind keine allgemeinen Selbstübungsanleitungen.
Als hohes Ziel nennt das Werk die unmittelbare Erfahrung des Selbst und Befreiung (2.24). Seine Übungen der Sammlung lassen sich mit Dharana und Dhyana verbinden. Für das Lesen ist hilfreich, dieses Ziel im Blick zu behalten: Wozu sammle ich mich? Was bedeutet Hingabe? Wie wird eine vertraute Mantrawiederholung wieder zu einer bewussten Begegnung?
Die ebenfalls überlieferten Verheißungen von Krankheitsvernichtung, jahrtausendelanger Lebensdauer und körperlicher Unvergänglichkeit sind religiöse Aussagen des Werkes, keine medizinischen Zusagen oder Maßstäbe für den Erfolg heutiger Praxis.
Ergänzende Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev
Das folgende Video bietet einen heutigen Zugang zur Chakra-Meditation; es ist keine Anleitung zu den speziellen Mudras und Riten des Todala Tantra.
Ein Zugang für die eigene Lektüre
Wer zunächst die spirituelle Mitte des Werkes kennenlernen möchte, kann mit fünf Stellen beginnen: 2.2 über den Körper als heiligen Kosmos, 4.44 über die geistige Verehrung, 5.28 über die Darbringung des Japa, 6.28 über Guru und Mantrabewusstsein sowie 6.42 über die Wirklichkeit jenseits der Buchstaben. Lies einen dieser Verse langsam, betrachte seine Schlüsselwörter und lasse danach einen Augenblick Stille zu. Die vollständige Lektüre erschließt anschließend, wie diese Gedanken mit der reichen Ritualwelt des Tantra zusammenhängen.
Todala Tantra – Sanskrit, Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung
Die folgenden Kapitel enthalten den gesamten überlieferten Text dieser Fassung. Die deutsche Übersetzung folgt der ursprünglichen Nummerierung; inhaltliche Anschlüsse über Versgrenzen bleiben erkennbar. In eckigen Klammern stehen zum Verständnis nötige Ergänzungen oder Hinweise auf unsichere Lesungen. Die Worterläuterungen erschließen die wichtigen Wörter und Formen. Die Übersetzung lässt die Stimmen Shivas und der Göttin sprechen; Verheißungen und rituelle Vorschriften sind daher als Aussagen des Werkes zu verstehen. Erläuterungen zu ihrem historischen und praktischen Zusammenhang stehen außerhalb der Übersetzung. In den Sanskrit-Sprecherformeln bedeutet śrīdevī uvāca beziehungsweise śrīdevy uvāca „Die erhabene Göttin sprach“, śrīśiva uvāca „Der erhabene Shiva sprach“.
Kapitel 1: Mahavidyas, Shiva und Shakti
Dieses Kapitel betrachtet die Göttinnen zusammen mit ihren männlichen Gegenstücken. Seine leitende Frage betrifft die Beziehung von Shiva und Shakti. Besonders 1.21–25 erschließen, wie das Bild Kalis auf dem leichnamförmigen Shiva als Lehre über göttliche Kraft verstanden wird.
toḍalatantra, prathamaḥ paṭalaḥ
śrīdevy uvāca
1.1 brūhi me jagatāṃ nātha sarvavidyāmaya prabho |
mahāvidyāsu sarvāsu pūjyāsu bhuvanatraye ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Sage mir, Herr der Welten, du von allen heiligen Wissenskräften erfüllter Herr, hinsichtlich aller Mahavidyas, die in den drei Welten verehrt werden …
Wort-für-Wort: jagatāṃ nātha – Herr der Welten; sarvavidyāmaya – aus allen Vidyas bestehend; mahāvidyāsu – hinsichtlich der großen Wissensgöttinnen; bhuvanatraye – in den drei Welten.
1.2 etāsāṃ dakṣiṇe bhāge nānārūpaṃ pinākadhṛk |
pṛthak pṛthak mahādeva kathayasva mayi prabho ||
Übersetzung: … welche verschiedenen Gestalten der Träger des Pinaka-Bogens an ihrer rechten Seite annimmt. Erkläre sie mir einzeln, großer Gott und Herr.
Wort-für-Wort: dakṣiṇe bhāge – an der rechten Seite; nānārūpam – vielgestaltig; pinākadhṛk – Träger des Pinaka; pṛthak pṛthak – einzeln; kathayasva – erkläre!
śrīśiva uvāca
1.3 śṛṇu cārvaṅgi subhage kālikāyāśca bhairavam |
mahākālaṃ dakṣiṇāyā dakṣabhāge prapūjayet ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre, schöne, glückverheißende Göttin, von Kalikas Bhairava: Zur Rechten der Dakshina soll man Mahakala verehren.
Wort-für-Wort: śṛṇu – höre; subhage – du Glückverheißende; bhairavam – Bhairava; mahākālam – die Große Zeit; prapūjayet – man soll verehren.
1.4 mahākālena vai sārdhaṃ dakṣiṇā ramate sadā |
tārāyā dakṣiṇe bhāge akṣobhyaṃ paripūjayet ||
Übersetzung: Dakshina erfreut sich stets zusammen mit Mahakala. Zur Rechten Taras soll man Akshobhya verehren.
Wort-für-Wort: sārdham – zusammen mit; ramate – erfreut sich, spielt in liebender Vereinigung; sadā – stets; akṣobhyam – den Unerschütterlichen.
1.5 samudramathane devi kālakūṭaṃ samutthitam |
sarve devāḥ sadārāśca mahākṣobham avāpnuyuḥ ||
Übersetzung: Beim Quirlen des Meeres, Göttin, kam das Kalakuta-Gift hervor; alle Götter und ihre Gemahlinnen gerieten in große Erschütterung.
Wort-für-Wort: samudramathane – beim Meeresquirlen; kālakūṭam – Kalakuta-Gift; sadārāḥ – mit ihren Gemahlinnen; mahākṣobham – große Erschütterung.
1.6 kṣobhādirahitaṃ yasmāt pītaṃ hālāhalaṃ viṣam |
ata eva maheśāni akṣobhyaḥ parikīrtitaḥ ||
Übersetzung: Weil er das Halahala-Gift ohne Erschütterung oder ähnliche Regungen trank, heißt er Akshobhya, große Göttin.
Wort-für-Wort: kṣobhādirahitam – frei von Erschütterung und dergleichen; pītam – getrunken; viṣam – Gift; ata eva – eben deshalb.
1.7 tena sārdhaṃ mahāmāyā tāriṇī ramate sadā |
mahātripurasundaryā dakṣiṇe pūjayecchivam ||
Übersetzung: Mit ihm erfreut sich stets Mahamaya, die rettende Göttin. Zur Rechten Mahatripurasundaris soll man Shiva verehren …
Wort-für-Wort: mahāmāyā – große göttliche Gestaltungsmacht; tāriṇī – die Hinüberführende; mahātripurasundaryāḥ – der großen Schönheit der drei Städte; śivam – Shiva.
1.8 pañcavaktraṃ trinetraṃ ca prativaktre sureśvari |
tena sārdhaṃ mahādevī sadā kāmakutūhalā ||
Übersetzung: … mit fünf Gesichtern und drei Augen an jedem Gesicht, Herrin der Götter. Mit ihm ist die große Göttin stets von Liebessehnsucht erfüllt.
Wort-für-Wort: pañcavaktram – fünfgesichtig; trinetram – dreiäugig; prativaktre – an jedem Gesicht; kāmakutūhalā – von Liebesverlangen bewegt.
1.9 ata eva maheśāni pañcamīti prakīrtitā |
śrīmadbhuvanasundaryā dakṣiṇe tryambakaṃ yajet ||
Übersetzung: Deshalb wird sie Panchami, die Fünfte, genannt. Zur Rechten der herrlichen Bhuvanasundari soll man Tryambaka verehren.
Wort-für-Wort: pañcamī – die Fünfte; prakīrtitā – genannt; bhuvanasundarī – Schönheit der Welt; tryambakam – Tryambaka; yajet – man soll verehren.
1.10 svarge martye ca pātāle yā cādyā bhuvaneśvarī |
etāsu ramate yena tryambakastena kathyate ||
Übersetzung: Die ursprüngliche Bhuvaneshvari ist im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt gegenwärtig. Weil er sich in diesen ihren Gestalten erfreut, heißt er Tryambaka.
Wort-für-Wort: svarge – im Himmel; martye – in der Menschenwelt; pātāle – in der Unterwelt; ādyā – ursprüngliche; etāsu – in diesen.
1.11 saśaktiśca samākhyātaḥ sarvatantraprapūjitaḥ |
bhairavyā dakṣiṇe bhāge dakṣiṇāmūrtisaṃjñakam ||
Übersetzung: Er wird als mit Shakti verbunden bezeichnet und in allen Tantras verehrt. Zur Rechten Bhairavis soll man den Dakshinamurti Genannten …
Wort-für-Wort: saśaktiḥ – mit Shakti; sarvatantra – alle Tantras; bhairavyāḥ – der Bhairavi; dakṣiṇāmūrti – südliche Gestalt Shivas.
1.12 pūjayet parayatnena pañcavaktraṃ tameva hi |
chinnamastādakṣiṇāṃśe kabandhaṃ pūjayecchivam ||
Übersetzung: … mit größter Sorgfalt verehren, eben jenen Fünfgesichtigen. Zur Rechten Chinnamastas soll man Shiva als Kabandha verehren.
Wort-für-Wort: parayatnena – mit größter Sorgfalt; pañcavaktram – fünfgesichtig; chinnamastā – die mit abgeschnittenem Kopf; kabandham – kopfloser Rumpf, hier Shiva-Gestalt.
1.13 kabandhapūjanāddevi sarvasiddhīśvaro bhavet |
dhūmāvatī mahāvidyā vidhavārūpadhāriṇī ||
Übersetzung: Durch Kabandhas Verehrung wird man Herr aller Vollkommenheiten. Die Mahavidya Dhumavati trägt die Gestalt einer Witwe.
Wort-für-Wort: kabandhapūjanāt – durch Kabandha-Verehrung; sarvasiddhīśvaraḥ – Herr aller Siddhis; vidhavā – Witwe; rūpadhāriṇī – eine Gestalt tragend.
1.14 vagalāyā dakṣabhāge ekavaktraṃ prapūjayet |
mahārudreti vikhyātaṃ jagatsaṃhārakārakam ||
Übersetzung: Zur Rechten Vagalas soll man den Eingesichtigen verehren, der als Maharudra bekannt ist und die Welt auflöst.
Wort-für-Wort: vagalāyāḥ – der Vagala, Variante von Bagala; ekavaktram – eingesichtig, ein Gesicht habend; mahārudra – großer Rudra; jagatsaṃhārakārakam – Weltauflösung bewirkend.
1.15 mātaṃgīdakṣiṇāṃśe ca mataṃgaṃ pūjayecchivam |
tameva dakṣiṇāmūrtiṃ jagadānandarūpakam ||
Übersetzung: Zur Rechten Matangis soll man Shiva als Matanga verehren: eben jenen Dakshinamurti, dessen Wesen die Freude der Welt ist.
Wort-für-Wort: mātaṃgī – Matangi; mataṃgam – Matanga; tam eva – eben jenen; jagadānandarūpakam – von der Gestalt der Weltfreude.
1.16 kamalāyā dakṣiṇāṃśe viṣṇurūpaṃ sadāśivam |
pūjayet parameśāni sa siddho nātra saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Zur Rechten Kamalas soll man Sadashiva in Vishnus Gestalt verehren. Wer so handelt, erlangt Vollendung; daran besteht kein Zweifel.
Wort-für-Wort: kamalā – die Lotusgöttin; viṣṇurūpam – in Vishnus Gestalt; sadāśivam – den immerwährenden Shiva; siddhaḥ – vollendet; nātra saṃśayaḥ – hier besteht kein Zweifel.
1.17 pūjayedannapūrṇāyā dakṣiṇe brahmarūpakam |
mahāmokṣapradaṃ devaṃ daśavaktraṃ maheśvaram ||
Übersetzung: Zur Rechten Annapurnas soll man den zehnköpfigen Maheshvara in Brahmas Gestalt verehren, den Gott, der die höchste Befreiung verleiht.
Wort-für-Wort: annapūrṇā – die Nahrung Spendende; brahmarūpakam – in Brahmas Gestalt; mahāmokṣapradam – große Befreiung verleihend; daśavaktram – zehngesichtig.
1.18 durgāyā dakṣiṇe deśe nāradaṃ paripūjayet |
nākāraḥ sṛṣṭikartā ca dakāraḥ pālakaḥ sadā ||
Übersetzung: Zur Rechten Durgas soll man Narada verehren. Die Silbe na ist der Schöpfer, die Silbe da stets der Erhalter …
Wort-für-Wort: nāradam – Narada; nākāraḥ – der Laut na; sṛṣṭikartā – Schöpfer; dakāraḥ – der Laut da; pālakaḥ – Erhalter.
1.19 rephaḥ saṃhārarūpatvān nāradaḥ parikīrtitaḥ |
anyāsu sarvavidyāsu ṛṣir yaḥ parikīrtitaḥ ||
Übersetzung: … und ra verkörpert die Auflösung; daher heißt er Narada. Bei allen übrigen Vidyas gilt: Der jeweils genannte Seher …
Wort-für-Wort: rephaḥ – der Laut r; saṃhārarūpatvāt – wegen seines Auflösungswesens; anyāsu – bei den anderen; ṛṣiḥ – Seher.
1.20 sa eva tasyā bhartā ca dakṣabhāge prapūjayet |
śrīdevī uvāca
yā cādyā paramā vidyā dvitīyā bhairavī parā |
trailokyajananī nityā sā kathaṃ śavavāhanā ||
Übersetzung: … ist auch ihr Gemahl und soll zu ihrer Rechten verehrt werden. Die Göttin fragt: Wie kann die ursprüngliche höchste Vidya, die andere höchste Bhairavi, die ewige Mutter der drei Welten, einen Leichnam als Träger haben?
Wort-für-Wort: bhartā – Gemahl; dvitīyā – zweite, andere; trailokyajananī – Mutter der drei Welten; nityā – ewig; śavavāhanā – einen Leichnam als Träger habend.
śrīśiva uvāca
1.21 yā cādyā parameśāni svayaṃ kālasvarūpiṇī |
śrīśivasya hṛdambhoje sthitā saṃhārarūpiṇī ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Die ursprüngliche Göttin, selbst von der Natur der Zeit, wohnt als Kraft der Auflösung im Herzlotus des herrlichen Shiva.
Wort-für-Wort: kālasvarūpiṇī – von der Natur der Zeit; hṛdambhoje – im Herzlotus; sthitā – verweilend; saṃhārarūpiṇī – Auflösung verkörpernd.
1.22 ata eva mahākālo jagatsaṃhārakārakaḥ |
saṃhārarūpiṇī kālī yadā vyaktasvarūpiṇī ||
Übersetzung: Darum bewirkt Mahakala die Auflösung der Welt. Sobald Kali, die auflösende Kraft, in eigener Gestalt hervortritt …
Wort-für-Wort: ata eva – eben deshalb; jagat – Welt; yadā – sobald; vyaktasvarūpiṇī – in offenbarter eigener Gestalt.
1.23 tadaiva sahasā devi śavarūpaḥ sadāśivaḥ |
tatkṣaṇāc cañcalāpāṅgi sā devī śavavāhanā ||
Übersetzung: … wird Sadashiva unvermittelt zum Leichnam. Im selben Augenblick hat die Göttin den Leichnam als ihren Träger, du mit beweglichem Blick.
Wort-für-Wort: śavarūpaḥ – von Leichnamsgestalt; sahasā – plötzlich; tatkṣaṇāt – augenblicklich; śavavāhanā – auf einem Leichnam getragen.
śrīdevī uvāca
1.24 śavarūpo mahādeva mṛtadehaḥ sadāśivaḥ |
mṛtadehaṃ mahādeva salilaṃ vā kathaṃ nahi ||
Übersetzung: Die Göttin fragt: Mahadeva, wenn Sadashiva leichnamförmig und ein toter Körper ist, warum wird dieser tote Körper nicht zu Wasser? [Der letzte Satz ist sprachlich und sachlich unsicher.]
Wort-für-Wort: mṛtadehaḥ – toter Körper; salilam – Wasser; katham nahi – warum nicht; śavarūpaḥ – leichnamförmig.
śrīśiva uvāca
1.25 yasmin vyaktā mahākālī śaktihīnaḥ sadāśivaḥ |
śaktyā yukto yadā devi tadaiva śivarūpakaḥ |
śaktihīnaḥ śavaḥ sākṣāt puruṣatvaṃ na muñcati ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Wo Mahakali eigenständig hervortritt, ist Sadashiva ohne Shakti. Mit Shakti verbunden ist er Shiva; ohne Shakti ist er wahrhaft ein Leichnam. Sein Wesen als Purusha gibt er dennoch nicht auf.
Wort-für-Wort: śaktihīnaḥ – ohne Shakti; śaktyā yuktaḥ – mit Shakti verbunden; śavaḥ – Leichnam; puruṣatvam – Purusha-Sein; na muñcati – gibt nicht auf.
Kapitel 2: Der Körper als Kosmos und Yoni-Mudra
Der eigene Körper erscheint als ein ganzer Kosmos. Die heiligen Orte und Welten werden zu Stationen einer inneren Reise. Nimm beim Lesen vor allem den Grundgedanken aus 2.2 und das Ziel der unmittelbaren Selbsterfahrung aus 2.24 mit; die besonderen Mudras setzen gesonderte Anleitung voraus.
toḍalatantra, dvitīyaḥ paṭalaḥ
śrīśiva uvāca
2.1 śṛṇu devi pravakṣyāmi yogasāraṃ samāsataḥ |
ūrdhvamūlam adhaḥśākhaṃ vṛkṣākāraṃ kalevaram ||
Übersetzung: Höre, Göttin, ich erkläre kurz die Essenz des Yoga: Der Körper gleicht einem Baum mit Wurzeln oben und Zweigen unten.
Wort-für-Wort: yogasāram – Essenz des Yoga; samāsataḥ – kurz; ūrdhvamūlam – oben wurzelnd; adhaḥśākham – unten verzweigt; kalevaram – Körper.
2.2 brahmāṇḍe yāni tīrthāni tāni santi kalevare |
bṛhadbrahmāṇḍaṃ yadrūpaṃ tadrūpaṃ kṣudrarūpakam ||
Übersetzung: Alle heiligen Stätten im Weltall sind auch im Körper vorhanden. Wie das große Weltenei gestaltet ist, so ist auch das kleine gestaltet.
Wort-für-Wort: brahmāṇḍe – im Weltenei; tīrthāni – heilige Übergänge, Pilgerstätten; kalevare – im Körper; bṛhat – groß; kṣudra – klein.
2.3 brahmāṇḍe vartate tīrthaṃ sārdhakoṭitrayātmakam |
dvisaptatisahasrāṇi prakāśaṃ vīravandite ||
Übersetzung: Im Weltenei gibt es dreieinhalb Crore heiliger Stätten, also 35 Millionen; davon treten 72.000 hervor, du von den Vira-Praktizierenden Verehrte.
Wort-für-Wort: sārdhakoṭitraya – dreieinhalb Crore; dvisaptatisahasrāṇi – 72.000; prakāśam – offenbar; vīravandite – von den Helden Verehrte.
2.4 caturdaśaṃ tu tanmadhye tanmadhye tritayaṃ śubham |
tanmadhye parameśāni mahādhīrā ca muktidā ||
Übersetzung: Unter ihnen sind vierzehn, darunter drei glückverheißende; in deren Mitte ist Mahadhira, die Befreiung verleiht.
Wort-für-Wort: caturdaśam – vierzehn; tritayam – Dreiheit; tanmadhye – in deren Mitte; mahādhīrā – die sehr Standhafte; muktidā – Befreiung verleihend.
2.5 vāsukī yā mahāmāyā bhujagākārarūpiṇī |
sārdhatrivalayākārā pātālatalavāsinī ||
Übersetzung: Vasuki ist die große Maya in Schlangengestalt; sie bildet dreieinhalb Windungen und wohnt in der Tiefe der Unterwelt.
Wort-für-Wort: vāsukī – hier Name der Schlangenkraft; bhujagākāra – schlangenförmig; sārdhatrivalaya – dreieinhalb Windungen; pātālatala – Unterweltgrund.
2.6 saptasvargaṃ pareśāni krameṇa śṛṇu sādaram |
bhūrlokaṃ ca bhuvarlokaṃ svarlokaṃ mahasaṃ tathā ||
Übersetzung: Höre aufmerksam die sieben Himmelswelten der Reihe nach: Bhur, Bhuvar, Svar und Mahas …
Wort-für-Wort: saptasvargam – sieben Himmel; krameṇa – der Reihe nach; sādaram – aufmerksam; loka – Welt.
2.7 janalokaṃ tapaścaiva satyalokaṃ varānane |
saptasvargamidaṃ bhadre pātālaṃ śṛṇu yatnataḥ ||
Übersetzung: … Jana, Tapas und Satya, du mit schönem Antlitz. Dies sind die sieben Himmel; höre nun aufmerksam von der Unterwelt.
Wort-für-Wort: janalokam – Jana-Welt; tapaḥ – Tapas-Welt; satyalokam – Satya-Welt; śṛṇu – höre.
2.8 atalaṃ vitalaṃ caiva sutalaṃ ca talātalam |
mahātalaṃ ca pātālaṃ rasātalamataḥ param ||
Übersetzung: Atala, Vitala, Sutala, Talatala, Mahatala, Patala und schließlich Rasatala [sind die sieben Unterwelten].
Wort-für-Wort: atala – Atala; vitala – Vitala; talātala – Talatala; ataḥ param – danach; rasātala – Rasatala.
2.9 rasātalācca satyāntaṃ mahādhīrā pratiṣṭhitā |
merumadhyasthitā nāḍī mahādhīrā ca muktidā ||
Übersetzung: Von Rasatala bis Satya reicht Mahadhira: die im Innern des Meru befindliche Nadi, die Befreiung verleiht.
Wort-für-Wort: rasātalāt – von Rasatala; satyāntam – bis Satya; merumadhyasthitā – im Meru gelegen; nāḍī – feinstofflicher Kanal; muktidā – Befreiung schenkend.
2.10 satyaloke mahāviṣṇuṃ śivaṃ brahmāṇḍasaṃjñakam |
tasya saṃdarśanārthāya vāsukī vyākulā sadā ||
Übersetzung: In Satyaloka ist Mahavishnu, Shiva, der als Weltenei bezeichnet wird. Vasuki sehnt sich stets danach, ihn zu schauen.
Wort-für-Wort: mahāviṣṇum – Mahavishnu; brahmāṇḍasaṃjñakam – Weltenei genannt; saṃdarśanārthāya – um zu schauen; vyākulā – sehnsüchtig bewegt.
2.11 svargaṣaṭkaṃ bhedayitvā utthitā vāsukī yadā |
sarvāḥ samudragāminya ūrdhvasrotā bhavanti hi ||
Übersetzung: Wenn Vasuki sich erhebt und die sechs Himmel durchdringt, werden alle zum Meer strömenden [Flüsse] zu aufwärts fließenden Strömen.
Wort-für-Wort: bhedayitvā – durchdrungen habend; utthitā – aufgestiegen; samudragāminyaḥ – zum Meer gehende; ūrdhvasrotaḥ – aufwärts strömend.
2.12 evaṃ krameṇa deveśi śarīre nāḍayaḥ sthitāḥ |
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumṇā madhyavartinī ||
Übersetzung: Entsprechend befinden sich im Körper die Nadis: Ida, Pingala und Sushumna in ihrer Mitte.
Wort-für-Wort: śarīre – im Körper; iḍā – Ida; piṅgalā – Pingala; suṣumṇā – Sushumna; madhyavartinī – in der Mitte verlaufend.
2.13 nāḍīdvayena deveśi samīraṃ pūrayed yadi |
tatastu prāṇamantreṇa kuṇḍalī ca kramaṃ caret ||
Übersetzung: Füllt man durch die beiden Nadis den Atem ein, so bewegt sich Kundali mithilfe des Prana-Mantras nach und nach aufwärts.
Wort-für-Wort: nāḍīdvayena – durch die beiden Kanäle; samīram – Atemwind; pūrayet – man fülle; prāṇamantreṇa – durch das Prana-Mantra; kramaṃ caret – schrittweise gehen.
2.14 sahasrāre mahāpadme nitye cāvyayapaṅkaje |
trāsayuktā kuṇḍalinī praviśennityamandiram ||
Übersetzung: Im großen tausendblättrigen Lotus, dem ewigen, unvergänglichen Lotus, tritt die von Beben ergriffene Kundalini in das ewige Heiligtum ein.
Wort-für-Wort: sahasrāre – im Tausendblättrigen; avyaya – unvergänglich; trāsayuktā – von Furcht oder Beben erfüllt; nityamandiram – ewiges Heiligtum.
2.15 sarvāḥ pātālagāminya ūrdhvasrotā bhavanti hi |
etasmin samaye devi varṇamālāṃ vicintayet ||
Übersetzung: Alle zur Unterwelt fließenden Ströme wenden sich aufwärts. In diesem Augenblick soll man die Reihe der Sanskritlaute betrachten.
Wort-für-Wort: pātālagāminyaḥ – zur Unterwelt gehende; ūrdhvasrotāḥ – aufwärts strömende; varṇamālām – Lautgirlande, Alphabet; vicintayet – man betrachte innerlich.
2.16 aṣṭottaraśataṃ mūlamantraṃ jñānena saṃjapet |
ānayettena mārgeṇa mūlādhāre punaḥ sudhīḥ ||
Übersetzung: Man soll das Wurzelmantra 108-mal mit Erkenntnis wiederholen. Der Verständige führe sie auf demselben Weg zum Muladhara zurück …
Wort-für-Wort: aṣṭottaraśatam – 108; mūlamantram – Wurzelmantra; jñānena – mit Erkenntnis; ānayet – man führe; punaḥ – zurück, wieder.
2.17 ṣaṭcakradevatāstatra saṃtarpyāmṛtadhārayā |
athānyat sampravakṣyāmi yonimudrāsanaṃ priye ||
Übersetzung: … nachdem er dort die Gottheiten der sechs Chakras mit einem Strom von Nektar gesättigt hat. Nun erkläre ich eine weitere Übung: die Haltung der Yoni-Mudra, Geliebte.
Wort-für-Wort: ṣaṭcakradevatāḥ – Gottheiten der sechs Chakras; saṃtarpya – gesättigt habend; amṛtadhārayā – durch einen Nektarstrom; yonimudrāsanam – Haltung der Yoni-Mudra.
2.18 upaviśyāsane mantrī prāṅmukho vāpyudaṅmukhaḥ |
jānudvayaṃ karābhyāṃ ca prakuryād dṛḍhabandhanam ||
Übersetzung: Der Mantra-Praktizierende nehme einen Sitz ein, nach Osten oder Norden gewandt, und umfasse beide Knie fest mit den Händen.
Wort-für-Wort: mantrī – Mantra-Praktizierender; prāṅmukhaḥ – ostwärts gewandt; udaṅmukhaḥ – nordwärts gewandt; jānudvayam – beide Knie; dṛḍhabandhanam – fester Verschluss.
2.19 ṛjukāyena deveśi ājānu nāsikāṃ nayet |
prāṇamantreṇa deveśi samīraṃ bahuyatnataḥ ||
Übersetzung: Mit geradem Körper führe er die Nase bis zum Knie. Mit dem Prana-Mantra soll er sorgfältig den Atem …
Wort-für-Wort: ṛjukāyena – mit geradem Körper; ājānu – bis zum Knie; nāsikām – Nase; bahuyatnataḥ – mit großer Sorgfalt.
2.20 pūrayet parameśāni kiṃcid vāyuṃ na recayet |
ṛjukāyaṃ pareśāni viparītaṃ prayatnataḥ ||
Übersetzung: … einfüllen und keinerlei Luft auslassen. Den geraden Körper soll er sorgsam umkehren [die genaue Haltung bleibt unklar].
Wort-für-Wort: pūrayet – einfüllen; kiṃcit na – keinerlei; recayet – ausatmen, auslassen; viparītam – umgekehrt; prayatnataḥ – sorgfältig.
2.21 pūrvoktenaiva vidhinā aṣṭottaraśataṃ japet |
ṣaṭcakradevatāstatra saṃtarpyāmṛtadhārayā ||
Übersetzung: Nach der zuvor beschriebenen Weise wiederhole er 108-mal das Mantra und sättige dabei die Gottheiten der sechs Chakras mit einem Nektarstrom.
Wort-für-Wort: pūrvoktena vidhinā – auf die zuvor genannte Weise; japet – wiederholen; saṃtarpya – gesättigt habend; amṛta – Nektar.
2.22 ānayettena mārgeṇa mūlādhāre varānane |
aśeṣarogaśamanaṃ yonimudrāsanaṃ priye ||
Übersetzung: Auf demselben Weg führe er sie zum Muladhara zurück. Die Yoni-Mudra-Haltung besänftigt alle Krankheiten, Geliebte.
Wort-für-Wort: tena mārgeṇa – auf jenem Weg; ānayet – zurückführen; aśeṣarogaśamanam – alle Krankheiten besänftigend; priye – Geliebte.
2.23 bahu kiṃ kathyate devi mahāvyādhivināśanam |
bahu kiṃ kathyate devi mantracaitanyakāraṇam ||
Übersetzung: Was soll ich noch viel sagen, Göttin? Sie vernichtet schwere Krankheit. Was soll ich noch viel sagen? Sie erweckt das Bewusstsein des Mantras.
Wort-für-Wort: mahāvyādhivināśanam – schwere Krankheit vernichtend; bahu kim kathyate – was soll viel gesagt werden; mantracaitanyakāraṇam – Ursache des Mantra-Bewusstseins.
2.24 ātmasākṣātkarī mudrā mahāmokṣapradāyinī |
śatavaktraṃ yadi bhavet tadā vaktuṃ na śakyate ||
Übersetzung: Diese Mudra führt zur unmittelbaren Erfahrung des Selbst und schenkt höchste Befreiung. Selbst mit hundert Mündern ließe sich ihre Größe nicht aussprechen.
Wort-für-Wort: ātmasākṣātkarī – das Selbst unmittelbar erfahrbar machend; mahāmokṣapradāyinī – große Befreiung verleihend; śatavaktram – hundertmündig; na śakyate – es ist nicht möglich.
2.25 pañcavaktreṇa deveśi kiṃ mayā kathyate'dhunā |
kuṣṭharogaviśiṣṭo'pi sa bhavet kāmarūpakaḥ ||
Übersetzung: Was kann ich dann jetzt mit fünf Mündern sagen? Selbst wer von Aussatz betroffen ist, kann jede gewünschte Gestalt annehmen.
Wort-für-Wort: pañcavaktreṇa – mit fünf Mündern; kuṣṭharoga – Aussatz, schwere Hautkrankheit; api – sogar; kāmarūpakaḥ – nach Wunsch Gestalt annehmend.
Kapitel 3: Mantras, Reinigung und Kali-Puja
Vom morgendlichen Gedenken an den Guru führt dieses Kapitel durch Reinigung, Mantra und Verehrung bis zur Selbsthingabe. Achte auf diesen inneren Zusammenhang der vielen Einzelhandlungen: sammeln, die Gottheit vergegenwärtigen, darbringen und die Frucht des Übens loslassen.

toḍalatantra, tṛtīyaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
3.1 devadeva mahādeva saṃsārārṇavatāraka |
baddhayoniṃ mahāmudrāṃ kathayasva dayānidhe ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Gott der Götter, großer Gott, Retter aus dem Ozean des Daseins, erkläre die große Baddhayoni-Mudra, du Schatz des Mitgefühls.
Wort-für-Wort: saṃsārārṇavatāraka – über den Daseinsozean Hinüberführender; baddhayonim – die verschlossene Yoni; mahāmudrām – große Mudra; dayānidhe – Schatz des Mitgefühls.
śrīśiva uvāca
3.2 śṛṇu devi pravakṣyāmi baddhayoniṃ samāsataḥ |
upaviśyāsane mantrī prāṅmukho vāpyudaṅmukhaḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre, Göttin, ich erkläre kurz Baddhayoni. Der Mantra-Praktizierende sitze nach Osten oder Norden gewandt.
Wort-für-Wort: pravakṣyāmi – ich werde erklären; samāsataḥ – kurz; upaviśya – hingesetzt; āsane – auf einem Sitz; mantrī – Mantra-Praktizierender.
3.3 gudacchidre maheśāni svaliṅgāgraṃ niveśayet |
śrotre caiva tathā netre nāsāyāṃ ca tato mukhe ||
Übersetzung: Er soll die Spitze seines eigenen Penis an die Afteröffnung bringen. An Ohren, Augen, Nase und Mund …
Wort-für-Wort: gudacchidre – an der Afteröffnung; svaliṅgāgram – Spitze des eigenen Penis; niveśayet – hinlegen, einführen; śrotre – an den Ohren; netre – an den Augen.
3.4 aṅguṣṭhādi maheśāni krameṇa yojayet sudhīḥ |
nāsikāyāṃ mukhe caiva samīraṃ bahuyatnataḥ ||
Übersetzung: … lege der Verständige der Reihe nach Daumen und die übrigen Finger. Durch Nase und Mund soll er mit großer Sorgfalt den Atem …
Wort-für-Wort: aṅguṣṭhādi – Daumen und die übrigen Finger; krameṇa – nacheinander; yojayet – anlegen; samīram – Atemwind.
3.5 pūrayet parameśāni kiṃcid api na recayet |
śabdapratyakṣatāṃ kṛtvā varṇamālāṃ vicintayet ||
Übersetzung: … einfüllen und nicht das Geringste ausatmen. Nachdem er den Klang unmittelbar wahrgenommen hat, soll er die Lautgirlande betrachten.
Wort-für-Wort: kiṃcid api na – nicht das Geringste; śabdapratyakṣatām – unmittelbare Klangwahrnehmung; kṛtvā – vollzogen habend; varṇamālām – Lautgirlande.
3.6 aṣṭottaraśataṃ mūlamantraṃ tu prajapet sudhīḥ |
so 'haṃmantreṇa deveśi ānayettena vartmanā ||
Übersetzung: Der Verständige wiederhole das Wurzelmantra 108-mal und führe [[[Kundalini]]] mit dem Mantra so ’ham auf demselben Weg zurück …
Wort-für-Wort: mūlamantram – Wurzelmantra; prajapet – wiederholen; so ’ham – ich bin Das; ānayet – zurückführen; vartmanā – auf dem Weg.
3.7 ṣaṭcakradevatāstatra saṃtarpyāmṛtadhārayā |
kṛte phalaṃ maheśāni kathayiṣyāmi te 'naghe ||
Übersetzung: … nachdem er die Gottheiten der sechs Chakras mit einem Nektarstrom gesättigt hat. Welche Frucht dies trägt, werde ich dir nun sagen, Makellose.
Wort-für-Wort: ṣaṭcakra – sechs Chakras; amṛtadhārā – Nektarstrom; phalam – Frucht, Ergebnis; anaghe – Makellose.
3.8 vada īśāna sarvajña sarvatattvavidāṃ vara |
mantramārgeṇa deveśa kālikāyāḥ sudurlabham ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Sprich, allwissender Ishana, bester Kenner aller Wirklichkeitsprinzipien, von dem schwer zugänglichen [Geheimnis] Kalikas auf dem Mantra-Weg.
Wort-für-Wort: īśāna – Herr, Shiva; sarvajña – allwissend; tattvavid – Kenner der Prinzipien; mantramārgeṇa – auf dem Mantra-Weg; sudurlabham – sehr schwer zugänglich.
śrīśiva uvāca
3.9 śṛṇu devi sadānande kālikāmantramuttamam |
yasyāḥ prasaṅgamātreṇa jīvanmukto bhavennaraḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre, Göttin immerwährender Freude, das höchste Kalika-Mantra; schon durch die Berührung mit ihm kann ein Mensch zu Lebzeiten befreit werden.
Wort-für-Wort: sadānande – du immerwährende Freude; uttamam – höchstes; prasaṅgamātreṇa – durch bloße Berührung, Befassung; jīvanmuktaḥ – zu Lebzeiten befreit.
3.10 śivādyaṃ bindunādāḍhyaṃ vāmanetrāgnisaṃyutam |
siddhavidyā tv iyaṃ bhadre vidyārājñī sudurlabhā ||
Übersetzung: [Man nehme] das mit Shiva beginnende Zeichen, versehen mit Bindu und Nada, verbunden mit „linkem Auge“ und „Feuer“. Dies ist die vollendete Vidya, die schwer erreichbare Königin der Vidyas.
Wort-für-Wort: śivādyam – mit Shiva beginnend; bindunādāḍhyam – mit Bindu und Nada versehen; vāmanetra – linkes Auge, Lautchiffre; agni – Feuer, Lautchiffre; vidyārājñī – Königin der Vidyas.
3.11 idaṃ bījatrayaṃ cādyaṃ gaganaṃ bindubhūṣitam |
vāmaśravaṇasaṃyuktaṃ dvaṃdvaṃ cāparakaṃ śṛṇu ||
Übersetzung: Dieses Bija steht zunächst dreimal; dann „Raum“, mit Bindu geschmückt und mit „linkem Ohr“ verbunden, zweimal. Höre das Folgende.
Wort-für-Wort: bījatrayam – dreimaliges Bija; gaganam – Raum, Lautchiffre; bindubhūṣitam – mit Bindu geschmückt; vāmaśravaṇa – linkes Ohr; dvaṃdvam – Paar.
3.12 īśānaṃ vahnisaṃyuktaṃ vāmanetrendusaṃyutam |
dvitīyaṃ parameśāni sambodhanapadaṃ tataḥ ||
Übersetzung: [Es folgt] „Ishana“, verbunden mit „Feuer“, „linkem Auge“ und „Mond“, wiederum zweimal; danach steht die Anrede.
Wort-für-Wort: īśānam – Ishana als Lautchiffre; vahni – Feuer; indu – Mond; dvitīyam – zweites, hier zweite Zweiergruppe; sambodhanapadam – Anredewort.
3.13 punar bījatrayaṃ kūrcaṃ māyādvaṃdvaṃ ca ṭhadvayam |
dvāviṃśatyakṣaraṃ mantraṃ vidyārājñī sudurlabhā ||
Übersetzung: Wieder kommen die drei Bijas, Kurcha, das Maya-Paar und zweimal ṭha. Dieses zweiundzwanzigsilbige Mantra ist die schwer erreichbare Königin der Vidyas.
Wort-für-Wort: kūrcam – Kurcha-Bija; māyādvaṃdvam – Paar von Maya-Bijas; ṭhadvayam – zweimal ṭha, Schlusschiffre; dvāviṃśatyakṣaram – zweiundzwanzigsilbig.
3.14 vāgbhavādyā mahāvidyā śrīkālī devatā smṛtā |
praṇavādyā mahāvidyā devatā siddhikālikā ||
Übersetzung: Beginnt die Mahavidya mit Vagbhava, gilt Shrikali als ihre Gottheit; beginnt sie mit Pranava, ist Siddhikalika die Gottheit.
Wort-für-Wort: vāgbhavādyā – mit Vagbhava beginnend; devatā – Gottheit; praṇavādyā – mit Om beginnend; siddhikālikā – Siddhikalika.
3.15 nijabījadvayaṃ kūrcaṃ bījaikaṃ parameśvari |
tryakṣarī paramā vidyā cāmuṇḍā kālikā smṛtā ||
Übersetzung: Zweimal ihr eigenes Bija und einmal das Kurcha-Bija ergeben die höchste dreisilbige Vidya; sie wird Chamunda-Kalika genannt.
Wort-für-Wort: nijabījadvayam – zweimal das eigene Bija; kūrca – Kurcha; bījaikam – ein Bija; tryakṣarī – dreisilbig; cāmuṇḍā – Chamunda.
3.16 etasyāḥ sadṛśī vidyā siddhidā nāsti sundari |
yathā ṣaḍakṣarī vidyā tathā vidyā ca tryakṣarī ||
Übersetzung: Keine andere Vidya verleiht Vollendung wie diese, Schöne. Wie die sechssilbige Vidya, so [wirksam] ist auch die dreisilbige.
Wort-für-Wort: sadṛśī – gleichartig; siddhidā – Vollendung verleihend; ṣaḍakṣarī – sechssilbig; tryakṣarī – dreisilbig.
3.17 nijabījatrayaṃ bhadre śmaśānakālikā tataḥ |
punar bījatrayaṃ bhadre vahnikāntāṃ samuccaret ||
Übersetzung: Dreimal das eigene Bija, dann die [Anrede an] Shmashanakalika, erneut dreimal das Bija und schließlich die „Geliebte des Feuers“ soll man sprechen.
Wort-für-Wort: nijabījatrayam – dreimal das eigene Bija; śmaśānakālikā – Kali der Verbrennungsstätte; punaḥ – erneut; vahnikāntā – Geliebte des Feuers, Svaha.
3.18 caturdaśākṣarī vidyā triṣu lokeṣu pūjitā |
dakṣiṇākālikā siddhakālikā guhyakālikā ||
Übersetzung: Die vierzehnsilbige Vidya wird in den drei Welten verehrt. Dakshinakalika, Siddhakalika, Guhyakalika …
Wort-für-Wort: caturdaśākṣarī – vierzehnsilbig; triṣu lokeṣu – in drei Welten; dakṣiṇākālikā – Dakshinakalika; guhyakālikā – geheime Kali.
3.19 śrīkālikā bhadrakālī cāmuṇḍākālikā parā |
śmaśānakālikā devi mahākālīti cāṣṭadhā ||
Übersetzung: … Shrikalika, Bhadrakali, die höchste Chamundakalika, Shmashanakalika und Mahakali: So ist sie achtfach.
Wort-für-Wort: bhadrakālī – glückverheißende Kali; parā – höchste; mahākālī – große Kali; aṣṭadhā – achtfach.
3.20 nijabījaṃ maheśāni sambodhanapadaṃ tataḥ |
punaśca kālikābījaṃ tato vahnivadhūṃ nyaset ||
Übersetzung: Ihr eigenes Bija, dann die Anrede, nochmals Kalis Bija und anschließend die „Braut des Feuers“ sollen eingesetzt werden.
Wort-für-Wort: nijabījam – eigenes Bija; sambodhanapadam – Anrede; kālikābījam – Kali-Bija; vahnivadhūm – Feuerbraut, Svaha; nyaset – einsetzen.
3.21 iti cāṣṭavidhaṃ mantraṃ sarvatantreṣu gopitam |
śrīdevī uvāca
śrutaṃ mahākālikāyā mantraṃ paramagopanam ||
Übersetzung: So ist das achtfache Mantra in allen Tantras verborgen. Die Göttin spricht: Ich habe Mahakalikas höchst geheimes Mantra gehört …
Wort-für-Wort: aṣṭavidham – achtfach; gopitam – verborgen gehalten; śrutam – gehört; paramagopanam – höchst geheim.
3.22 tārāyā mantrarājaṃ tu śrotumicchāmi sāmpratam |
yasyāḥ prasaṅgamātreṇa bhavābdhau na nimajjati ||
Übersetzung: … nun möchte ich Taras königliches Mantra hören, durch dessen bloße Berührung man im Ozean des Werdens nicht untergeht.
Wort-für-Wort: mantrarājam – König der Mantras; śrotum icchāmi – ich möchte hören; bhavābdhau – im Daseinsozean; na nimajjati – geht nicht unter.
3.23 tanmantraṃ vada īśāna yadi sneho'sti māṃ prati |
śrīśiva uvāca
candrabījaṃ samuccārya ādyaṃ vahnisamāgatam ||
Übersetzung: Sage mir dieses Mantra, Ishana, wenn du mich liebst. Shiva antwortet: Man spreche das „Mond-Bija“, das erste [Zeichen], verbunden mit „Feuer“ …
Wort-für-Wort: snehaḥ – Liebe; candrabījam – Mond-Bija; samuccārya – ausgesprochen habend; ādyam – erstes; vahnisamāgatam – mit Feuer verbunden.
3.24 vāmanetrendusaṃyuktaṃ mantrarājamimaṃ priye |
ekākṣarī mahāvidyā triṣu lokeṣu pūjitā ||
Übersetzung: … und mit „linkem Auge“ sowie „Mond“. Dieses königliche Mantra, die einsilbige Mahavidya, wird in den drei Welten verehrt.
Wort-für-Wort: vāmanetra – linkes Auge; indu – Mond; ekākṣarī – einsilbig; mahāvidyā – große Wissensformel; pūjitā – verehrt.
3.25 īśānabindusaṃyuktaṃ vāmakarṇavibhūṣitam |
ekākṣarī mahāvidyā mantrarājadvitīyakam ||
Übersetzung: [Das Zeichen] mit Ishana und Bindu, geschmückt mit dem „linken Ohr“, ist die zweite einsilbige Mahavidya, das zweite königliche Mantra.
Wort-für-Wort: īśāna – Ishana; bindusaṃyuktam – mit Bindu verbunden; vāmakarṇa – linkes Ohr; dvitīyakam – zweites.
3.26 śiraṃ bindusamārūḍhaṃ vāmanetrendusaṃyutam |
ādyabījaṃ dvitīyaṃ ca astramantraṃ samuccaret ||
Übersetzung: [Man nehme] „shira“, mit Bindu versehen und mit „linkem Auge“ und „Mond“ verbunden; man spreche das erste und zweite Bija sowie das Waffen-Mantra. [„śiraṃ“ ist hier eine unsichere Lautchiffre.]
Wort-für-Wort: śiram – überlieferte, unklare Chiffre; bindusamārūḍham – mit Bindu besetzt; ādyabījam – erstes Bija; astramantram – Waffen-Mantra.
3.27 praṇavādyā yadā vidyā sogratārā prakīrtitā |
vidyā caikajaṭā proktā mahāmokṣapradāyinī ||
Übersetzung: Wenn die Vidya mit Pranava beginnt, wird sie Ugratara genannt; [die andere Gestalt] heißt Ekajata und verleiht höchste Befreiung.
Wort-für-Wort: praṇavādyā – Om vorangestellt; ugratārā – gewaltige Tara; ekajaṭā – die mit einer Haarflechte; mahāmokṣapradāyinī – große Befreiung verleihend.
3.28 tārāstrarahitā tryarṇā mahānīlasarasvatī |
vāgbhavādyā yadā vidyā vāgīśatvapradāyinī ||
Übersetzung: Ohne Tara [hier Om] und Waffen-Bija ist die dreisilbige [Vidya] Mahanilasarasvati. Wird Vagbhava vorangestellt, verleiht sie Meisterschaft der Rede.
Wort-für-Wort: tārāstrarahitā – ohne Tara und Astra; tryarṇā – dreisilbig; vāgbhavādyā – mit Vagbhava beginnend; vāgīśatva – Herrschaft über Sprache.
3.29 śrībījādyā mahāvidyā sadā lakṣmīpradāyinī |
māyādyā paramā vidyā sadā siddhipradāyinī ||
Übersetzung: Mit Shri-Bija am Anfang schenkt die Mahavidya stets Glück und Fülle; mit Maya am Anfang verleiht die höchste Vidya stets Vollendung.
Wort-für-Wort: śrībījādyā – mit Shri-Bija beginnend; lakṣmīpradāyinī – Glück und Wohlstand verleihend; māyādyā – mit Maya beginnend; siddhipradāyinī – Vollendung schenkend.
3.30 kūrcabījādikā caiṣā śabdarāśiprakāśinī |
gaganādyā mahāvidyā nirvāṇamokṣadāyinī ||
Übersetzung: Mit Kurcha-Bija am Anfang offenbart sie die Fülle der Klänge; mit „Raum“ am Anfang verleiht die Mahavidya Nirvana-Befreiung.
Wort-für-Wort: kūrcabījādikā – mit Kurcha-Bija beginnend; śabdarāśi – Klangfülle; prakāśinī – offenbarend; nirvāṇamokṣadāyinī – Nirvana-Befreiung schenkend.
3.31 prāsādādyā mahāvidyā śivasāyujyadāyinī |
prāṇabījādikā caiṣā vāñchāsiddhipradāyinī ||
Übersetzung: Mit Prasada am Anfang verleiht sie Vereinigung mit Shiva; mit Prana-Bija am Anfang lässt sie Wünsche in Erfüllung gehen.
Wort-für-Wort: prāsādādyā – mit Prasada-Bija beginnend; śivasāyujya – Vereinigung mit Shiva; prāṇabījādikā – mit Prana-Bija beginnend; vāñchāsiddhi – Wunscherfüllung.
3.32 kālikādyā mahāvidyā muktidā siddhidā sadā |
kālikāyāśca tārāyā ārādhanam ihocyate ||
Übersetzung: Mit Kalika[-Bija] am Anfang schenkt die Mahavidya stets Befreiung und Vollendung. Nun wird die Verehrung Kalikas und Taras erklärt.
Wort-für-Wort: kālikādyā – mit Kali beginnend; muktidā – Befreiung schenkend; siddhidā – Vollendung schenkend; ārādhanam – Verehrung.
3.33 prātarutthāya mantrajñaḥ sahasrāre guruṃ yajet |
ṣaṭcakraṃ bhedayitvā tu cāṣṭottaraśataṃ japet ||
Übersetzung: Nach dem morgendlichen Aufstehen verehre der Mantra-Kundige den Guru im Sahasrara. Er durchdringe die sechs Chakras und wiederhole [das Mantra] 108-mal.
Wort-für-Wort: prātar utthāya – morgens aufgestanden; mantrajñaḥ – Mantra-Kundiger; guruṃ yajet – den Guru verehren; bhedayitvā – durchdrungen habend.
3.34 tataḥ praṇamya vidhivat snānakarma samārabhet |
adyetyādi samuccārya sauramāsaṃ samuccaret ||
Übersetzung: Nachdem er sich vorschriftsgemäß verneigt hat, beginne er das Baderitual. Er spreche die mit „heute“ beginnende Formel und nenne den Sonnenmonat.
Wort-für-Wort: praṇamya – sich verneigt habend; vidhivat – vorschriftsgemäß; snānakarma – Badehandlung; adya – heute; sauramāsam – Sonnenmonat.
3.35 devatāprītaye paścāt snāpayecchuddhavāriṇā |
oṃkāraṃ ca samuccārya gaṅge ceti samuccaret ||
Übersetzung: Zur Freude der Gottheit soll er anschließend mit reinem Wasser baden. Er spreche Om und dann „Gange ca“ …
Wort-für-Wort: devatāprītaye – zur Freude der Gottheit; śuddhavāriṇā – mit reinem Wasser; oṃkāram – Om; gaṅge – o Ganga.
3.36 yamuneti tataḥ paścād godāvari sarasvati |
narmadeti samuccārya sindhukāverisaṃyutam ||
Übersetzung: … danach „Yamune“, „Godavari“, „Sarasvati“, „Narmade“, verbunden mit „Sindhu“ und „Kaveri“ …
Wort-für-Wort: yamune – o Yamuna; godāvari – o Godavari; sarasvati – o Sarasvati; narmade – o Narmada; sindhu – Indus.
3.37 asmin jale ca saṃnidhiṃ kuru śabdamatho vadet |
ānayedaṅkuśākhyena ravisaṃyuktamaṇḍalāt ||
Übersetzung: … dann die Worte „asmin jale“, „saṃnidhiṃ“ und „kuru“. Mit der Ankusha-Mudra ziehe er [die heiligen Wasser] aus dem mit der Sonne verbundenen Kreis herbei.
Wort-für-Wort: asmin jale – in diesem Wasser; saṃnidhim kuru – sei gegenwärtig; aṅkuśa – Elefantenhaken, Mudra-Name; ravimaṇḍala – Sonnenkreis.
3.38 mudrācatuṣṭayaṃ devi darśayed bahuyatnataḥ |
rudrasaṃkhyaṃ japenmantram ācchādya mīnamudrayā ||
Übersetzung: Er zeige sorgfältig die vier Mudras und wiederhole das Mantra elfmal, während er [das Wasser] mit der Mina-Mudra bedeckt.
Wort-für-Wort: mudrācatuṣṭayam – vier Mudras; rudrasaṃkhyam – Rudra-Zahl, elf; ācchādya – bedeckt habend; mīnamudrā – Fisch-Mudra.
3.39 sūryāyābhimukhaṃ toyaṃ niḥkṣipya ravisaṃkhyayā |
mūlamantraṃ samuccārya kṣālayeccaraṇadvayam ||
Übersetzung: Er sprenge zwölfmal Wasser der Sonne entgegen und wasche nach dem Sprechen des Wurzelmantras beide Füße.
Wort-für-Wort: sūryābhimukham – der Sonne zugewandt; ravisaṃkhyayā – nach der Sonnenzahl, zwölfmal; kṣālayet – waschen; caraṇadvayam – beide Füße.
3.40 caraṇānniḥsṛte toye trir nimajya japenmanum |
mūlamantraṃ trir japtvā tu mudrayā kumbhasaṃjñayā ||
Übersetzung: Im von den Füßen ausgehenden Wasser tauche er dreimal unter und spreche das Mantra. Nachdem er das Wurzelmantra dreimal wiederholt hat, [vollziehe er die Begießung] mit der Kumbha-Mudra.
Wort-für-Wort: caraṇān niḥsṛte – von den Füßen ausgegangen; trir nimajya – dreimal untergetaucht; trir japtvā – dreimal rezitiert; kumbha – Krug.
3.41 jalādutthāya deveśi tilakaṃ kulavartmataḥ |
ātmavidyāśivais tattvair ācāmet payasā tataḥ ||
Übersetzung: Aus dem Wasser gestiegen, trage er nach dem Kula-Weg das Stirnzeichen auf; anschließend nippe er Wasser mit den [Formeln der] Prinzipien Atman, Vidya und Shiva.
Wort-für-Wort: tilakam – Stirnzeichen; kulavartmataḥ – gemäß dem Kula-Weg; ātma-vidyā-śiva – drei Ritualprinzipien; ācamet – rituell Wasser nippen.
3.42 vahnijāyānvitā mantrā vijñeyāḥ praṇavādikāḥ |
gaṅge cetyādinā devi tīrthamāvāhanaṃ caret ||
Übersetzung: Diese Mantras beginnen mit Pranava und enden mit der „Feuerbraut“. Mit der Formel „Gange ca“ und so weiter rufe man die heiligen Wasser herbei.
Wort-für-Wort: vahnijāyā – Feuerbraut, Svaha; praṇavādikāḥ – mit Om beginnend; tīrtham – heilige Wasserstätte; āvāhanam – Herbeirufung.
3.43 mūlena darbhayā bhūmau trivāraṃ nikṣipet sudhīḥ |
tajjalena saptavāram ātmābhiṣekamācaret ||
Übersetzung: Mit Wurzelmantra und Darbha-Gras sprenge der Verständige dreimal Wasser auf die Erde; mit diesem Wasser begieße er sich siebenmal.
Wort-für-Wort: darbhayā – mit Darbha-Gras; bhūmau – auf die Erde; trivāram – dreimal; saptavāram – siebenmal; ātmābhiṣekam – Selbstbegießung.
3.44 aṅganyāsaṃ tataḥ kṛtvā vāmahaste sureśvari |
gaganaṃ vāyubījaṃ ca varuṇaṃ bhūmibījakam ||
Übersetzung: Nach dem Anga-Nyasa [nehme er Wasser] in die linke Hand. [Man verbinde] „Raum“, das Wind-Bija, Varuna und das Erd-Bija …
Wort-für-Wort: aṅganyāsa – Platzierung an Körpergliedern; vāmahaste – in der linken Hand; gagana – Raum; vāyu – Wind; bhūmibījaka – Erd-Bija.
3.45 vahnibījaṃ binduyuktaṃ trivāraṃ japamācaret |
anena manunā devi tajjalaṃ cābhimantritam ||
Übersetzung: … sowie das Feuer-Bija, jeweils mit Bindu, und wiederhole dies dreimal. Durch dieses Mantra ist das Wasser geheiligt.
Wort-für-Wort: vahnibījam – Feuer-Bija; binduyuktam – mit Bindu versehen; trivāram – dreimal; abhimantritam – durch Mantra geheiligt.
3.46 mūlamantraṃ samuccārya saptadhā tattvamudrayā |
abhiṣecanamātreṇa mucyate sarvapātakaiḥ ||
Übersetzung: Nach dem Sprechen des Wurzelmantras [begieße man sich] siebenmal mit der Tattva-Mudra. Schon durch diese Begießung wird man von allen Verfehlungen befreit.
Wort-für-Wort: saptadhā – siebenfach; tattvamudrayā – mit Tattva-Mudra; abhiṣecana – Begießung; mucyate – wird befreit; pātaka – Verfehlung.
3.47 śeṣaṃ jalaṃ maheśāni dakṣahaste samānayet |
iḍayā pūrayettoyaṃ kṣālayed dehamadhyagam ||
Übersetzung: Das übrige Wasser nehme man in die rechte Hand, ziehe es durch Ida ein und reinige damit das Innere des Körpers [in der rituellen Vorstellung].
Wort-für-Wort: śeṣam jalam – restliches Wasser; dakṣahaste – in der rechten Hand; iḍayā – durch Ida; dehamadhyagam – das Körperinnere.
3.48 tataḥ piṅgalayā devi tattoyaṃ tu virecayet |
kṛṣṇavarṇaṃ tadudakaṃ pāparūpaṃ vicintayet ||
Übersetzung: Dann lasse man dieses Wasser durch Pingala wieder hinaus und stelle sich das Wasser schwarz vor, als Gestalt der eigenen Verfehlungen.
Wort-für-Wort: piṅgalayā – durch Pingala; virecayet – ausströmen lassen; kṛṣṇavarṇam – schwarzfarbig; pāparūpam – Gestalt der Verfehlung.
3.49 purato vajrapāṣāṇe phaṭkāreṇa vinikṣipet |
hastaṃ prakṣālya cācamya prāṇāyāmapuraḥsaram ||
Übersetzung: Mit dem Laut phaṭ schleudere man es auf den vor einem befindlichen Vajra-Stein. Man wasche die Hand, nippe rituell Wasser und vollziehe Pranayama …
Wort-für-Wort: vajrapāṣāṇe – auf den Vajra-Stein; phaṭkāreṇa – mit dem Laut phaṭ; prakṣālya – gewaschen habend; ācamya – rituell genippt habend.
3.50 tarpayet kuladevaṃ ca sūryāyārghyaṃ nivedayet |
devatārghyaṃ tataḥ paścād gāyatrīṃ paramākṣarīm ||
Übersetzung: … sättige die Kula-Gottheit und bringe der Sonne Arghya dar; dann folgt Arghya für die Gottheit und die erhabene Gayatri …
Wort-für-Wort: tarpayet – sättigen, Trankopfer darbringen; kuladevam – Kula-Gottheit; arghyam – ehrende Wassergabe; nivedayet – darbringen; gāyatrīm – Gayatri.
3.51 praṇavaṃ ca samuddhṛtya kālikāyai tato vadet |
vidmahe iti saṃlikhya śmaśānaṃ ca samuddharet ||
Übersetzung: Man setze Pranava an den Anfang, spreche dann „kālikāyai vidmahe“ und füge „śmaśāna“ hinzu …
Wort-für-Wort: praṇavam – Om; kālikāyai – der Kalika; vidmahe – wir erkennen; śmaśānam – Verbrennungsstätte.
3.52 vāsinīṃ ṅeyutāṃ devi dhīmahīti tato vadet |
tanno ghore maheśāni prajapettu pracodayāt ||
Übersetzung: … danach „vāsinī“ mit Dativendung und „dhīmahi“, dann „tanno ghore“ und „pracodayāt“.
Wort-für-Wort: vāsinī – die Wohnende; ṅeyutām – mit Dativendung; dhīmahi – wir meditieren; ghore – o Furchtbare, so überliefert; pracodayāt – möge anregen.
3.53 gāyatrīṃ prapaṭhed dhīmān trivāraṃ jalamutkṣipet |
tato japenmahāmantraṃ gāyatrīṃ paramākṣarīm ||
Übersetzung: Der Verständige rezitiere die Gayatri und werfe dreimal Wasser empor; anschließend wiederhole er das große Mantra, die erhabene Gayatri.
Wort-für-Wort: prapaṭhet – rezitieren; trivāram – dreimal; jalam utkṣipet – Wasser emporwerfen; paramākṣarīm – von erhabenen Silben.
3.54 aṅganyāsaṃ tataḥ kṛtvā ācamya parameśvari |
iṣṭadevīṃ maheśāni dhyātvā tu parimaṇḍale ||
Übersetzung: Nach Anga-Nyasa und rituellem Wassernippen meditiere er über seine erwählte Göttin im Kreis [des Rituals].
Wort-für-Wort: iṣṭadevīm – erwählte Göttin; dhyātvā – meditiert habend; parimaṇḍale – im Kreis; ācamya – nach dem Wassernippen.
3.55 oṃ tārāyai vidmahe iti mahogrāyai tato vadet |
dhīmahīti tataḥ paścāt tato devi pracodayāt ||
Übersetzung: Man spreche „oṃ tārāyai vidmahe“, danach „mahogrāyai dhīmahi“ und anschließend, Göttin, „pracodayāt“. [Ein vollständiges drittes Gayatri-Glied wird hier nicht angegeben.]
Wort-für-Wort: tārāyai – der Tara; vidmahe – wir erkennen; mahogrāyai – der sehr Gewaltigen; dhīmahi – wir meditieren; pracodayāt – möge anregen.
3.56 prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā cāṣṭottaraśataṃ japet |
sūtrākāreṇa deveśi pūjāvidhirihocyate ||
Übersetzung: Nach Pranayama wiederhole man [das Mantra] 108-mal. Nun wird der Ablauf der Puja in knapper Merksatzform erklärt.
Wort-für-Wort: prāṇāyāmam – Atemlenkung; aṣṭottaraśatam – 108; sūtrākāreṇa – in Merksatzform; pūjāvidhiḥ – Verehrungsordnung.
3.57 svastivācanasaṃkalpaṃ ghaṭaṃ saṃsthāpya yatnataḥ |
mantreṇācamanaṃ kāryaṃ sāmānyārghyaṃ tato nyaset ||
Übersetzung: Nach Glückwunschrezitation und Vorsatz stelle man sorgfältig den Krug auf, vollziehe das mantrische Wassernippen und bereite das allgemeine Arghya.
Wort-für-Wort: svastivācana – Segensrezitation; saṃkalpa – Vorsatz; ghaṭa – Krug; sāmānyārghya – allgemeine Wassergabe.
3.58 tajjalair dvāram abhyukṣya dvārapūjāṃ samācaret |
trividhaṃ vighnam utsārya bhūtāpasaraṇaṃ tataḥ ||
Übersetzung: Mit dessen Wasser besprenge man die Tür und verehre sie; dann beseitige man die dreifachen Hindernisse und vertreibe störende Wesen.
Wort-für-Wort: dvāram – Tür; abhyukṣya – besprengt habend; trividham vighnam – dreifaches Hindernis; bhūtāpasaraṇam – Vertreibung störender Wesen.
3.59 āsanaṃ ca samabhyarcya gurudevaṃ namet sudhīḥ |
karaśuddhiṃ ca tālaṃ ca trayaṃ digbandhanaṃ tataḥ ||
Übersetzung: Man verehre den Sitz und verneige sich vor dem Guru, reinige die Hände, klatsche dreimal und schütze die Himmelsrichtungen.
Wort-für-Wort: āsanam – Sitz; gurudevam – göttlicher Lehrer; karaśuddhi – Handreinigung; tālatrayam – dreimaliges Klatschen; digbandhana – Verschluss der Richtungen.
3.60 vahninā veṣṭanaṃ kāryaṃ bhūtaśuddhim athācaret |
mātṛkāyāḥ ṣaḍaṅgaṃ ca kuryād āntaramātṛkām ||
Übersetzung: Man errichte eine Umhüllung aus Feuer und reinige die Elemente; dann vollziehe man den sechsgliedrigen Matrika-Nyasa und die innere Matrika-Platzierung.
Wort-für-Wort: vahninā – mit Feuer; veṣṭanam – Umhüllung; bhūtaśuddhi – Elementreinigung; mātṛkā – Lautmutter, Alphabetkraft; āntara – innerlich.
3.61 mātṛkādhyānam uccārya bāhye tu mātṛkāṃ nyaset |
pīṭhanyāsaṃ tataḥ kṛtvā prāṇāyāmaṃ samācaret ||
Übersetzung: Nach der Matrika-Meditation platziere man die Lautkräfte äußerlich, vollziehe Pitha-Nyasa und übe Pranayama.
Wort-für-Wort: mātṛkādhyānam – Meditation über die Lautmutter; bāhye – äußerlich; nyaset – platzieren; pīṭhanyāsam – Platzierung der heiligen Sitze.
3.62 ṛṣyādikaṃ karāṅgaṃ ca varṇanyāsaṃ samācaret |
ṣoḍhānyāsaṃ tato devi vyāpakaṃ tadanantaram ||
Übersetzung: Es folgen Rishi-Nyasa und die zugehörigen Platzierungen, Hand- und Körper-Nyasa, Laut-Nyasa, sechsfache Platzierung und anschließend die durchdringende Platzierung.
Wort-für-Wort: ṛṣyādikam – Rishi und das Folgende; karāṅgam – Hand und Körperglieder; varṇanyāsa – Lautplatzierung; ṣoḍhānyāsa – sechsfache Platzierung; vyāpaka – durchdringend.
3.63 evaṃ samāhitamanās tattvanyāsaṃ samācaret |
bījanyāsaṃ tato devi vyāpakaṃ vinyaset sudhīḥ ||
Übersetzung: So gesammelt vollziehe man Tattva-Nyasa, danach Bija-Nyasa und wiederum die durchdringende Platzierung.
Wort-für-Wort: samāhitamanāḥ – gesammelten Geistes; tattvanyāsa – Platzierung der Wirklichkeitsprinzipien; bījanyāsa – Bija-Platzierung; vinyaset – man platziere.
3.64 mūlena saptadhā dhyānaṃ mānasaiḥ pūjanaṃ caret |
viśeṣārghyaṃ pīṭhapūjāṃ punardhyānaṃ sanetrakam ||
Übersetzung: Mit dem Wurzelmantra [vollziehe man] siebenfache Meditation und geistige Verehrung; dann besonderes Arghya, Verehrung des heiligen Sitzes und erneute Meditation samt Augen[-Ritus].
Wort-für-Wort: saptadhā – siebenfach; mānasaiḥ – mit geistigen Gaben; viśeṣārghya – besondere Wassergabe; pīṭhapūjā – Sitzverehrung; sanetrakam – mit dem Auge verbunden.
3.65 mudrādidarśanaṃ kāryam āvāhanaṣaḍaṅgakam |
dhenvādikaṃ tataḥ prāṇapratiṣṭhāṃ mūlapūjanam ||
Übersetzung: Man zeige die Mudras und so weiter, vollziehe Herbeirufung und die sechs Glieder, dann Dhenu und weitere Mudras, Lebenseinsetzung und die grundlegende Verehrung.
Wort-für-Wort: āvāhana – Herbeirufung; ṣaḍaṅgakam – sechsgliedrig; dhenu – Kuh, Mudra-Name; prāṇapratiṣṭhā – Lebenseinsetzung; mūlapūjana – Hauptverehrung.
3.66 ājñāprārthanamaṅgāni kālyādīn paripūjayet |
brāhmyādīnasitāṅgādīn mahākālaṃ prapūjayet ||
Übersetzung: Nach der Bitte um Erlaubnis verehre man die Glieder, Kali und die weiteren [Göttinnen], Brahmi und die übrigen Mütter, Asitanga und die übrigen [Bhairavas] sowie Mahakala.
Wort-für-Wort: ājñāprārthana – Bitte um Erlaubnis; aṅgāni – Glieder; brāhmyādīn – Brahmi und die Folgenden; asitāṅgādīn – Asitanga und die Folgenden.
3.67 khaḍgādīn gurupaṅktiṃ ca punardevīṃ prapūjayet |
balidānaṃ tato homaṃ prāṇāyāmaṃ tato japam ||
Übersetzung: Man verehre Schwert und weitere [Attribute], die Guru-Reihe und erneut die Göttin; dann folgen Bali-Gabe, Feueropfer, Pranayama und Japa.
Wort-für-Wort: khaḍgādīn – Schwert und Weiteres; gurupaṅktim – Guru-Reihe; balidānam – Opfergabe; homam – Feueropfer; japam – Mantrawiederholung.
3.68 japaṃ samarpayeddhīmān prāṇāyāmaṃ tataścaret |
etasmin samaye devi kāraṇādīn samāharet ||
Übersetzung: Man bringe den Japa dar und übe anschließend Pranayama. Zu diesem Zeitpunkt nehme man Karana und die weiteren [Ritualstoffe] zusammen.
Wort-für-Wort: japam samarpayet – den Japa darbringen; kāraṇādīn – Karana und Weiteres, hier Ritualstoffe einschließlich Ritualtrank; samāharet – zusammennehmen; etasmin samaye – zu diesem Zeitpunkt.
3.69 arghyaṃ dattvā maheśāni cātmānaṃ ca samarpayet |
stutiṃ ca kavacaṃ smṛtvā cāṣṭāṅgaṃ praṇamet sudhīḥ ||
Übersetzung: Nachdem man Arghya dargebracht hat, bringe man auch sich selbst dar. Man erinnere sich an Lobpreis und Schutzgebet und verneige sich mit acht Körperteilen.
Wort-für-Wort: ātmānam samarpayet – sich selbst darbringen; stutim – Lobpreis; kavacam – Schutzgebet; aṣṭāṅgam – mit acht Gliedern; praṇamet – sich verneigen.
3.70 śivo'ham iti saṃcintya saṃhāreṇa visarjayet |
aiśānyāṃ maṇḍalaṃ kṛtvā cāṇḍālyucchiṣṭapūrvikām ||
Übersetzung: In der Betrachtung „Ich bin Shiva“ entlasse man die Gottheit durch Rücknahme. Im Nordosten bilde man einen Kreis [zur Verehrung] der Ucchishta-Chandali.
Wort-für-Wort: śivo ’ham – ich bin Shiva; saṃcintya – innerlich betrachtet; saṃhāreṇa – durch Zusammenziehen; visarjayet – entlassen; aiśānyām – im Nordosten.
3.71 arghyaṃ saṃdhārya śirasi candanaṃ tu lalāṭake |
naivedyaṃ kiṃcit svīkṛtya viharecca nijecchayā ||
Übersetzung: Man bringe Arghya an den Kopf und Sandelholzpaste auf die Stirn, nehme etwas von der Speisegabe an und bewege sich dann nach eigenem Wunsch.
Wort-für-Wort: śirasi – am Kopf; candanam – Sandelholz; lalāṭake – auf der Stirn; naivedyam – Speisegabe; nijecchayā – nach eigenem Wunsch.
3.72 saṃkṣepapūjāmathavā kuryānmantrī samāhitaḥ |
ādau ṛṣyādikaṃ nyāsaṃ karaśuddhistataḥ param ||
Übersetzung: Oder der gesammelte Mantra-Praktizierende vollziehe eine verkürzte Puja: zuerst Rishi-Nyasa und die folgenden Platzierungen, danach Handreinigung …
Wort-für-Wort: saṃkṣepapūjām – verkürzte Verehrung; samāhitaḥ – gesammelt; ādau – zuerst; karaśuddhiḥ – Handreinigung.
3.73 aṅgulīvyāpakanyāsau hṛdādinyāsa eva ca |
tālatrayaṃ ca digbandhaḥ prāṇāyāmastataḥ param ||
Übersetzung: … Finger-Nyasa, durchdringenden Nyasa, Herz-Nyasa und die übrigen Körperplatzierungen, dreimaliges Klatschen, Richtungsschutz und dann Pranayama.
Wort-für-Wort: aṅgulī – Finger; hṛdādi – Herz und Weiteres; tālatrayam – dreimaliges Klatschen; digbandhaḥ – Richtungsschutz.
3.74 dhyānaṃ mānasayāgaṃ ca arghyasthāpanameva ca |
pīṭhapūjāṃ punardhyānaṃ tataścāvāhanaṃ caret ||
Übersetzung: Es folgen Meditation, geistiges Opfer, Bereitstellung des Arghya, Sitzverehrung, erneute Meditation und Herbeirufung.
Wort-für-Wort: dhyānam – Meditation; mānasayāgam – geistiges Opfer; arghyasthāpanam – Bereitstellung der Wassergabe; āvāhanam – Herbeirufung.
3.75 jīvanyāsaṃ tataḥ kṛtvā pūjayet paradevatām |
aṅgapūjāṃ ca kālyādīn brāhmyādīṃścāṣṭabhairavān ||
Übersetzung: Nach der Einsetzung des Lebens verehre man die höchste Gottheit, ihre Glieder, Kali und die übrigen [Göttinnen], Brahmi und die übrigen [Mütter] sowie die acht Bhairavas.
Wort-für-Wort: jīvanyāsa – Einsetzung des Lebens; paradevatām – höchste Gottheit; aṅgapūjām – Gliederverehrung; aṣṭabhairavān – acht Bhairavas.
3.76 mahākālaṃ pūjayitvā gurupaṅktiṃ yajettataḥ |
khaḍgādīn pūjayitvā tu punardevīṃ prapūjayet ||
Übersetzung: Nach Mahakala verehre man die Guru-Reihe, nach Schwert und weiteren Attributen erneut die Göttin.
Wort-für-Wort: mahākālam – Mahakala; gurupaṅktim – Reihe der Lehrer; khaḍgādīn – Schwert und Weitere; punaḥ – erneut.
3.77 prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā pūjayet sādhakāgraṇīḥ |
devyā haste japaphalaṃ samarpaṇamathācaret ||
Übersetzung: Nach Pranayama vollziehe der vorbildliche Praktizierende die Verehrung und lege die Frucht des Japa in die Hand der Göttin.
Wort-für-Wort: sādhakāgraṇīḥ – führender Praktizierender; devyāḥ haste – in die Hand der Göttin; japaphalam – Frucht der Mantrawiederholung; samarpaṇam – Darbringung.
3.78 prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā cāṣṭāṅgaṃ praṇamet sudhīḥ |
stutiṃ ca kavacaṃ smṛtvā viśeṣārghyaṃ pradāpayet ||
Übersetzung: Nach Pranayama verneige er sich mit acht Körperteilen, erinnere sich an Lobpreis und Schutzgebet und bringe das besondere Arghya dar.
Wort-für-Wort: aṣṭāṅgam – achtgliedrig; stuti – Lobpreis; kavaca – Schutzgebet; viśeṣārghyam – besondere Wassergabe.
3.79 ātmasamarpaṇaṃ kṛtvā saṃhāreṇa visarjayet |
aiśānyāṃ maṇḍalaṃ kṛtvā cāṇḍālyucchiṣṭapūrvikām |
naivedyaṃ kiṃcit svīkṛtya viharecca nijecchayā ||
Übersetzung: Nach der Selbsthingabe entlasse er die Gottheit durch Rücknahme, bilde im Nordosten einen Kreis [für] Ucchishta-Chandali, nehme etwas von der Speisegabe an und gehe nach eigenem Wunsch umher.
Wort-für-Wort: ātmasamarpaṇam – Selbsthingabe; saṃhāra – Rücknahme; aiśānyām – im Nordosten; naivedyam – Speisegabe; svīkṛtya – angenommen habend.
Kapitel 4: Tara-Puja und innere Verehrung
Tara wird in einem inneren Raum von Licht, Lotus und Juweleninsel verehrt. Die bildreiche Meditation lädt ein, die Göttin als gegenwärtig zu erfahren. Neben den ausführlichen Kaula-Riten eröffnet 4.44 ausdrücklich einen Weg der verkürzten geistigen Verehrung.
toḍalatantra, caturthaḥ paṭalaḥ
4.1 śrutā pūjā kālikāyās tārāyā vada sāmpratam |
yasyāḥ prasaṅgamātreṇa vācaś cittāyate nṛṇām ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Ich habe Kalis Puja gehört. Beschreibe nun Taras Verehrung, durch deren bloße Berührung die Worte der Menschen zu Bewusstsein werden [so die ungewöhnliche Wendung des Textes].
Wort-für-Wort: śrutā – gehört; tārāyāḥ – der Tara; vācaḥ – Worte; cittāyate – wird zu Bewusstsein, ungewöhnliche Bildung.
4.2 śṛṇu cārvaṅgi subhage tārāyāḥ pūjanaṃ mahat |
mantreṇācamanaṃ kṛtvā gurudevaṃ namettataḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre, schöne, glückverheißende Göttin, von Taras großer Verehrung. Nach dem mantrischen Wassernippen verneige man sich vor dem Guru.
Wort-für-Wort: pūjanam – Verehrung; ācamana – rituelles Wassernippen; gurudevam – göttlicher Lehrer; namet – sich verneigen.
4.3 jalaṃ saṃśodhya hastau ca pādau ca kṣālayettataḥ |
mantreṇācamanaṃ kṛtvā tataḥ pīṭhaṃ vicintayet ||
Übersetzung: Man reinige das Wasser, wasche Hände und Füße, nippe Wasser mit dem Mantra und betrachte dann den heiligen Sitz.
Wort-für-Wort: jalaṃ saṃśodhya – Wasser gereinigt habend; hastau – beide Hände; pādau – beide Füße; pīṭham – heiliger Sitz.
4.4 śikhāṃ baddhvā tato devi trividhaṃ vighnanāśanam |
bhūmyāsanaṃ ca saṃśodhya vastre granthiṃ vidhāya ca ||
Übersetzung: Man binde den Haarschopf, beseitige die dreifachen Hindernisse, reinige Boden und Sitz und knote das Gewand.
Wort-für-Wort: śikhām – Haarschopf; vighnanāśanam – Hindernisbeseitigung; bhūmyāsanam – Boden und Sitz; granthim – Knoten.
4.5 kāyavākśodhanaṃ kṛtvā tataḥ puṣpaviśodhanam |
yantraṃ kṛtvā sādhakendraḥ sāmānyārghyaṃ ca vinyaset ||
Übersetzung: Nach der Reinigung von Körper und Sprache reinige man die Blumen. Der kundige Praktizierende zeichne das Yantra und bereite das allgemeine Arghya.
Wort-für-Wort: kāyavākśodhanam – Körper- und Sprachreinigung; puṣpa – Blume; yantram – Ritualdiagramm; sāmānyārghyam – allgemeine Wassergabe.
4.6 dvārapālāṃśca saṃpūjya pīṭhapūjāṃ samārabhet |
pīṭhaśaktīśca lakṣmyādyās tataḥ pīṭhamanuṃ japet ||
Übersetzung: Nach der Verehrung der Torwächter beginne man die Sitzverehrung, verehre Lakshmi und die übrigen Kräfte des Sitzes und wiederhole dessen Mantra.
Wort-für-Wort: dvārapālān – Torwächter; pīṭhaśaktīḥ – Kräfte des heiligen Sitzes; lakṣmyādyāḥ – Lakshmi und die Folgenden; pīṭhamanum – Sitz-Mantra.
4.7 bhūtaśuddhiṃ pravakṣyāmi viśeṣamiha yadbhavet |
kūrcayuktena haṃsena pūrakeṇa sureśvari ||
Übersetzung: Ich erkläre nun die besondere Elementreinigung dieses Ritus: Mit dem durch Kurcha ergänzten Hamsa-Mantra und mit Einatmung …
Wort-für-Wort: bhūtaśuddhim – Elementreinigung; viśeṣam – Besonderheit; kūrcayuktena – mit Kurcha verbunden; pūrakeṇa – mittels Einatmung.
4.8 kuṇḍalyā saha cātmānaṃ caturviṃśatibījakam |
tatra līnāni deveśi paramātmani sādhakaḥ ||
Übersetzung: … [führe] der Praktizierende sich selbst zusammen mit Kundalini und den Keimen der vierundzwanzig [Prinzipien] hinauf; dort gehen diese im höchsten Selbst auf.
Wort-für-Wort: ātmānam – sich selbst; caturviṃśati – vierundzwanzig; bījaka – Keim; līnāni – aufgelöst; paramātmani – im höchsten Selbst.
4.9 māyayā saṃdahet pāpaṃ puruṣaṃ kajjalaprabham |
kumbhakena varārohe bhasma kuryād vicakṣaṇaḥ ||
Übersetzung: Mit Maya[-Bija] verbrenne der Kundige beim Atemanhalten die rußschwarze Gestalt der Verfehlung und mache sie zu Asche.
Wort-für-Wort: māyayā – durch Maya[-Bija]; pāpapuruṣam – Personifikation der Verfehlung; kajjalaprabham – rußschwarz; kumbhakena – mit Atemanhalten; bhasma – Asche.
4.10 vadhūbījena deveśi bhasmanā saha recayet |
pūrakeṇa tu kūrcena lalāṭe'mṛtasaṃcayam ||
Übersetzung: Mit dem Vadhu-Bija atme er sie samt der Asche aus. Mit Einatmung und Kurcha[-Bija] [betrachte er] in der Stirn eine Ansammlung von Nektar …
Wort-für-Wort: vadhūbījena – mit dem Braut-Bija; recayet – ausatmen; pūrakeṇa – mit Einatmung; lalāṭe – in der Stirn; amṛta – Nektar.
4.11 cintayet parameśāni kumbhakenāmṛtāmbudhim |
āṃ hrīṃ kroṃ vahnibījāntaṃ hṛdi caikādaśaṃ japet ||
Übersetzung: … und beim Atemanhalten ein Nektarmeer. Er wiederhole im Herzen elfmal „āṃ hrīṃ kroṃ“, gefolgt vom Feuer-Bija.
Wort-für-Wort: amṛtāmbudhim – Nektarmeer; vahnibījāntam – mit Feuer-Bija am Ende; hṛdi – im Herzen; ekādaśam – elfmal.
4.12 tatastu cintayed dhīmān oṃkārād raktapaṅkajam |
tasyopari punardhyāyet huṃkāraṃ nīlasaṃnibham ||
Übersetzung: Dann stelle der Verständige sich aus Om einen roten Lotus vor und über ihm den blaufarbenen Laut huṃ.
Wort-für-Wort: oṃkārāt – aus Om; raktapaṅkajam – roter Lotus; tasyopari – darüber; huṃkāram – Laut huṃ; nīlasaṃnibham – blau erscheinend.
4.13 tasyopari punar dhyāyed bījabhūṣitakartṛkām |
tasyopari paraṃ binduṃ śivarūpaṃ ca avyayam ||
Übersetzung: Darüber betrachte er ein mit dem Bija geschmücktes Schneidemesser; darüber den höchsten, unvergänglichen Bindu in Shivas Gestalt.
Wort-für-Wort: bījabhūṣita – mit Bija geschmückt; kartṛkām – gekrümmtes Schneidemesser; paraṃ bindum – höchster Punkt; śivarūpam – Shiva-Gestalt.
4.14 vālukāyāḥ sahasraikabhāgaṃ binduṃ sudurlabham |
bindumadhye maṇidvīpaṃ śatayojanavistṛtam ||
Übersetzung: Dieser schwer erfassbare Bindu ist nur ein Tausendstel eines Sandkorns groß; in ihm liegt die hundert Yojanas weite Juweleninsel.
Wort-für-Wort: vālukā – Sandkorn; sahasraikabhāgam – ein Tausendstel; maṇidvīpam – Juweleninsel; śatayojanavistṛtam – hundert Yojanas weit.
4.15 bindumadhye paraṃ jyotir budbudākāramaṇḍalam |
yathaiva budbude devi pratibimbaṃ prapaśyati ||
Übersetzung: Im Bindu ist das höchste Licht, ein blasenförmiger Kreis. Wie man in einer Wasserblase ein Spiegelbild erblickt …
Wort-für-Wort: paraṃ jyotiḥ – höchstes Licht; budbudākāra – blasenförmig; maṇḍalam – Kreis; pratibimbam – Spiegelbild.
4.16 tathā nirīkṣaṇaṃ kāryaṃ prakuryājjñānacakṣuṣā |
maṇidvīpaṃ tu tanmadhye suvarṇavālukāmayam ||
Übersetzung: … so soll man mit dem Auge der Erkenntnis schauen: In seiner Mitte befindet sich die Juweleninsel aus goldenem Sand.
Wort-für-Wort: nirīkṣaṇam – Schauen; jñānacakṣuṣā – mit dem Erkenntnisauge; tanmadhye – in ihrer Mitte; suvarṇavālukāmayam – aus goldenem Sand.
4.17 parito bhāvayenmantrī parikhāto manoharam |
madhye kalpadrumaṃ dhyāyed ātmānaṃ tāriṇīmayam ||
Übersetzung: Ringsum stelle sich der Praktizierende einen schönen Wassergraben vor; in der Mitte meditiere er über den Wunschbaum und über sich selbst als von Tarini erfüllt.
Wort-für-Wort: parikhā – Wassergraben; kalpadrumam – Wunschbaum; ātmānam – sich selbst; tāriṇīmayam – aus Tarini bestehend.
4.18 udyadādityasaṃkāśaṃ jyotirmaṇḍalamuttamam |
caturdvārasamāyuktaṃ hemaprākārabhūṣitam ||
Übersetzung: [Er betrachte] den erhabenen Lichtkreis, leuchtend wie die aufgehende Sonne, mit vier Toren und goldenen Mauern …
Wort-für-Wort: udyadāditya – aufgehende Sonne; jyotirmaṇḍalam – Lichtkreis; caturdvāra – vier Tore; hemaprākāra – goldene Umfassungsmauer.
4.19 bahucāmaraghaṇṭādidevakanyāsuśobhitam |
mandavāyusamāyuktaṃ gandhadhūpair alaṃkṛtam ||
Übersetzung: … geschmückt mit Götterjungfrauen, zahlreichen Wedeln, Glocken und anderem, von sanftem Wind durchweht, erfüllt von Wohlgerüchen und Räucherwerk.
Wort-für-Wort: devakanyā – Götterjungfrau; cāmara – Wedel; ghaṇṭā – Glocke; mandavāyu – sanfter Wind; gandhadhūpa – Düfte und Räucherwerk.
4.20 tanmadhye vedikāṃ dhyāyen nānāratnopaśobhitām |
suvarṇasūtraracitaṃ cintayecchattram uttamam ||
Übersetzung: In der Mitte stelle er sich einen mit vielerlei Juwelen geschmückten Altar und einen herrlichen, aus Goldfäden gefertigten Schirm vor.
Wort-für-Wort: vedikām – Altarplattform; nānāratna – verschiedene Juwelen; suvarṇasūtra – Goldfaden; chattram – Schirm.
4.21 tadadhaścintayenmantrī ratnasiṃhāsanaṃ priye |
tatra devīṃ cintayecca yathoktadhyānayogataḥ ||
Übersetzung: Darunter betrachte er einen Juwelenthron und darauf die Göttin gemäß der überlieferten Meditationsbeschreibung.
Wort-für-Wort: ratnasiṃhāsanam – Juwelenthron; devīm – Göttin; yathokta – wie beschrieben; dhyānayogataḥ – durch meditative Sammlung.
4.22 yogasāre yathoktaistu upacāraiḥ prapūjayet |
prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā ṛṣyādinyāsamācaret ||
Übersetzung: Er verehre sie mit den im Yogasara genannten Gaben, vollziehe Pranayama und danach Rishi-Nyasa und die folgenden Platzierungen.
Wort-für-Wort: yogasāre – im Yogasara; upacāraiḥ – mit Verehrungsgaben; ṛṣyādinyāsam – Rishi-Nyasa und Weiteres; ācaret – vollziehen.
4.23 varṇanyāsaṃ tataḥ kṛtvā karāṅganyāsamācaret |
tālatrayaṃ choṭikābhir daśadigbandhanaṃ caret ||
Übersetzung: Nach Laut-Nyasa vollziehe er Hand- und Körper-Nyasa, klatsche dreimal und schütze mit Fingerschnippen die zehn Richtungen.
Wort-für-Wort: varṇanyāsa – Lautplatzierung; karāṅganyāsa – Hand- und Gliederplatzierung; choṭikābhiḥ – durch Fingerschnippen; daśadigbandhanam – Schutz der zehn Richtungen.
4.24 ṣoḍhānyāsaṃ tataḥ kṛtvā vyāpakaṃ tadanantaram |
viśeṣārghyaṃ ca saṃsthāpya pañcatattvaṃ viśodhayet ||
Übersetzung: Nach sechsfachem und durchdringendem Nyasa bereite er das besondere Arghya und reinige die fünf Tattvas [Ritualsubstanzen].
Wort-für-Wort: ṣoḍhā – sechsfach; vyāpakam – durchdringend; viśeṣārghyam – besondere Wassergabe; pañcatattvam – fünf Ritualelemente; viśodhayet – reinigen.
4.25 sudhādevīṃ samānīya pañcīkaraṇamācaret |
kumbhe puṣpaṃ samādāya trikoṇe triḥ prapūjayet ||
Übersetzung: Er rufe Sudhadevi herbei, vollziehe die fünffache Verbindung, nehme eine Blume am Krug und verehre dreimal im Dreieck.
Wort-für-Wort: sudhādevī – Nektargöttin; pañcīkaraṇam – fünffache Verbindung; kumbhe – am Krug; trikoṇe – im Dreieck; triḥ – dreimal.
4.26 vāmadehaṃ tridhā coktvā khecarīṃ daśadhā japet |
tathā cānandagāyatrīm ṛcaṃ ca trir japet sudhīḥ ||
Übersetzung: Er spreche „Vamadeha“ dreimal, wiederhole die Khechari[-Formel] zehnmal und rezitiere die Ananda-Gayatri sowie den vedischen Vers dreimal.
Wort-für-Wort: vāmadeham – überlieferte Ritualbezeichnung; tridhā – dreimal; khecarīm – Khechari[-Formel]; daśadhā – zehnmal; ṛcam – vedischer Vers.
4.27 brahmaśāpaṃ śukraśāpaṃ kṛṣṇaśāpaṃ sureśvari |
digjapānnāśayeddhīmān tato mantratrayaṃ japet ||
Übersetzung: Durch zehnfache Wiederholung beseitige er Brahmas, Shukras und Krishnas Fluch; anschließend rezitiere er die drei Mantras …
Wort-für-Wort: śāpam – Fluch; digjapāt – durch Wiederholung in der Richtungszahl, zehn; nāśayet – beseitigen; mantratrayam – drei Mantras.
4.28 churikāṃ cāmṛtaṃ caiva prītisaṃrakṣaṇīṃ tathā |
pāvamānaṃ ca trir japtvā śoṣaṇādīn samācaret ||
Übersetzung: … Churika, Amrita und Pritisamrakshini; nach dreimaliger Pavamana-Rezitation vollziehe er Austrocknung und die weiteren [Reinigungsschritte].
Wort-für-Wort: churikā – Messer[-Formel]; amṛta – Nektar[-Formel]; prītisaṃrakṣaṇī – Freude bewahrende [Formel]; śoṣaṇa – Austrocknung.
4.29 vāruṇaṃ trir japeddevi cāmṛtaṃ saptadhā japet |
vidyātattve dhenumudrāṃ pradarśya mūlamaṣṭadhā ||
Übersetzung: Er wiederhole die Varuna[-Formel] dreimal und die Amrita[-Formel] siebenmal; im Vidya-Tattva zeige er Dhenu-Mudra und rezitiere das Wurzelmantra achtmal.
Wort-für-Wort: vāruṇam – zu Varuna gehörig; saptadhā – siebenmal; dhenumudrām – Kuh-Mudra; mūlam – Wurzelmantra; aṣṭadhā – achtmal.
4.30 kuṇḍalinīṃ samutthāpya śivo'haṃ bhāvayettataḥ |
māṃsaṃ mīnaṃ śodhayitvā mudrāśodhanamācaret ||
Übersetzung: Nach dem Aufrichten Kundalinis betrachte er: „Ich bin Shiva.“ Er reinige Fleisch und Fisch und anschließend Mudra [hier die rituelle Speisegabe].
Wort-für-Wort: kuṇḍalinīṃ samutthāpya – Kundalini aufgerichtet habend; śivo ’ham – ich bin Shiva; māṃsam – Fleisch; mīnam – Fisch; mudrā – hier Ritualspeise.
4.31 śaktiṃ ca kulapuṣpaṃ ca śodhayet sādhakottamaḥ |
devān pitṝn ṛṣīṃścaiva tarpayediṣṭadevatām ||
Übersetzung: Der kundige Praktizierende reinige die Shakti [Ritualpartnerin] und die Kula-Blume [ritueller Ausdruck für weibliche Sexual- bzw. Menstruationssubstanz] und sättige Götter, Ahnen, Seher und seine erwählte Gottheit.
Wort-für-Wort: śaktim – Kraft, hier Ritualpartnerin; kulapuṣpam – Kula-Blume; pitṝn – Ahnen; ṛṣīn – Seher; tarpayet – rituell sättigen.
4.32 śodhitaṃ dravyamādāya viśeṣārghye vinikṣipet |
tato brahmamayaṃ dhyātvā pūjādhyānaṃ samācaret ||
Übersetzung: Die gereinigte Substanz gebe er in das besondere Arghya; nachdem er sie als von Brahman erfüllt betrachtet hat, vollziehe er die Meditation zur Verehrung.
Wort-für-Wort: śodhitam dravyam – gereinigte Substanz; vinikṣipet – hineinlegen; brahmamayam – aus Brahman bestehend; pūjādhyānam – Verehrungsmeditation.
4.33 nāsārandhrāt samānīya pīṭhe puṣpaṃ nidhāya ca |
tataścāvāhanaṃ kṛtvā pañcamudrāḥ pradarśayet ||
Übersetzung: Er führe [die Gottheit] durch die Nasenöffnung hinaus, lege die Blume auf den heiligen Sitz, vollziehe die Herbeirufung und zeige die fünf Mudras.
Wort-für-Wort: nāsārandhrāt – aus der Nasenöffnung; pīṭhe – auf dem Sitz; āvāhanam – Herbeirufung; pañcamudrāḥ – fünf Mudras.
4.34 ṣaḍaṅgena ca sampūjya punarmudrāṃ pradarśayet |
jīvanyāsaṃ tataḥ kṛtvā upacāraiḥ prapūjayet ||
Übersetzung: Er verehre mit den sechs Gliedern, zeige erneut die Mudra, vollziehe die Lebenseinsetzung und verehre mit den Gaben.
Wort-für-Wort: ṣaḍaṅgena – mit sechs Gliedern; jīvanyāsam – Lebenseinsetzung; upacāraiḥ – mit Verehrungsgaben; prapūjayet – verehren.
4.35 ṣaḍaṅgāni ca sampūjya akṣobhyaṃ pūjayedadhaḥ |
gurupaṅktiṃ pūjayitvā daśamūleṣu pūjayet ||
Übersetzung: Nach der Verehrung der sechs Glieder verehre er Akshobhya unterhalb [der Göttin], dann die Guru-Reihe und [die Gottheiten] an den zehn Wurzeln.
Wort-für-Wort: akṣobhyam – Akshobhya; adhaḥ – unterhalb; gurupaṅktim – Lehrerreihe; daśamūleṣu – an zehn Wurzeln, hier unklare Ritualpositionen.
4.36 mahāpūrvāṃś ca kālyādīn yajedvairocanādikān |
punardevīṃ prapūjyātha baliṃ dadyādvicakṣaṇaḥ ||
Übersetzung: Er verehre die mit „Maha“ beginnenden [Göttinnen], Kali und die übrigen, sowie Vairochana und die weiteren [Gottheiten]; danach erneut die Göttin und bringe eine Bali-Gabe dar.
Wort-für-Wort: mahāpūrvān – mit Maha beginnend; vairocanādikān – Vairochana und Weitere; punar devīm – erneut die Göttin; balim – Opfergabe.
4.37 prāṇāyāmaṃ tataḥ kṛtvā mantradhyānaṃ samācaret |
japaṃ kṛtvā maheśāni devyā haste samarpayet ||
Übersetzung: Nach Pranayama meditiere er über das Mantra; nach vollzogenem Japa lege er diesen in die Hand der Göttin.
Wort-für-Wort: mantradhyānam – Mantrameditation; japam kṛtvā – den Japa vollzogen habend; devyāḥ haste – in die Hand der Göttin; samarpayet – darbringen.
4.38 prāṇāyāmaṃ punaḥ kṛtvā tattvasvīkāramācaret |
tasmai dattvā svayaṃ nītvā prajapet sādhakāgraṇīḥ ||
Übersetzung: Er vollziehe erneut Pranayama und nehme die Tattvas an. Nachdem er jenem [Bezug nicht eindeutig] gegeben und selbst genommen hat, wiederhole der vorbildliche Praktizierende das Mantra.
Wort-für-Wort: tattvasvīkāram – Annahme der Ritualsubstanzen; tasmai – jenem; dattvā – gegeben habend; svayam – selbst; prajapet – wiederholen.
4.39 pītvā pītvā japitvā ca muktaḥ koṭijanaiḥ saha |
pratipātre japenmantram aṣṭottaraśataṃ sudhīḥ ||
Übersetzung: Durch wiederholtes Trinken und Rezitieren wird er, zusammen mit zehn Millionen Menschen befreit. Bei jedem Gefäß wiederhole der Verständige das Mantra 108-mal.
Wort-für-Wort: pītvā pītvā – immer wieder getrunken; muktaḥ – befreit; koṭijanaiḥ saha – mit zehn Millionen Menschen; pratipātre – bei jedem Gefäß.
4.40 stutiṃ ca kavacaṃ smṛtvā cāṣṭāṅgaṃ praṇamet sudhīḥ |
viśeṣārghyaṃ pradātavyam ātmānaṃ ca samarpayet ||
Übersetzung: Nach Lobpreis und Schutzgebet verneige er sich mit acht Körperteilen, bringe das besondere Arghya dar und gebe sich selbst hin.
Wort-für-Wort: stutim – Lobpreis; kavacam – Schutzgebet; praṇamet – sich verneigen; ātmānam samarpayet – sich selbst darbringen.
4.41 rudrarūpī svayaṃ bhūtvā saṃhāreṇa visarjayet |
yonimudrāṃ tato baddhvā kṣamasveti visarjayet ||
Übersetzung: Selbst zu Rudras Gestalt geworden, entlasse er die Gottheit durch Rücknahme. Mit Yoni-Mudra entlasse er sie unter den Worten „Vergib mir“.
Wort-für-Wort: rudrarūpī – in Rudras Gestalt; saṃhāreṇa – durch Rücknahme; yonimudrām baddhvā – Yoni-Mudra gebildet; kṣamasva – vergib!
4.42 aṅganyāsaṃ maheśāni prāṇāyāmaṃ tataḥ param |
aiśānyāṃ maṇḍalaṃ kṛtvā nirmālyena prapūjayet ||
Übersetzung: Es folgen Anga-Nyasa und Pranayama. Im Nordosten bilde er einen Kreis und verehre [die Restgaben-Göttin] mit den verbliebenen Opfergaben.
Wort-für-Wort: aṅganyāsa – Körperglieder-Platzierung; aiśānyām – im Nordosten; maṇḍalam – Kreis; nirmālyena – mit gebrauchten Opfergaben.
4.43 nirmālyavāsinīṃ ṅe'ntāṃ caṇḍeśvaryai namo namaḥ |
nirmālyaṃ dhārayet śīrṣe candanaṃ ca lalāṭake ||
Übersetzung: [Man spreche] „Nirmalyavasini“ im Dativ, dann „caṇḍeśvaryai namo namaḥ“. Die Opferblumen lege man auf den Kopf, Sandelholzpaste auf die Stirn.
Wort-für-Wort: nirmālyavāsinī – die in den Opferresten Wohnende; ṅe’ntām – mit Dativendung; caṇḍeśvaryai – der Chandeshvari; namo namaḥ – wiederholte Verehrung.
4.44 gurusthāne likhed yantraṃ vicared bhairavo yathā |
saṃkṣepapūjanaṃ devi mānasaṃ tattvavarjitam ||
Übersetzung: Am Guru-Ort zeichne man das Yantra und gehe umher wie Bhairava. Die verkürzte Verehrung, Göttin, ist geistig und ohne die Tattvas [Ritualsubstanzen].
Wort-für-Wort: gurusthāne – am Guru-Ort; likhet – zeichnen; bhairavaḥ – Bhairava; mānasam – geistig; tattvavarjitam – ohne die Ritualelemente.
4.45 atroktamācaredatra nānyat saṃcārayet sudhīḥ |
anyatsaṃcāraṇāddevi kruddhā bhavati tāriṇī ||
Übersetzung: Man vollziehe dabei das hier Gelehrte und vermische es nicht mit anderem; durch solches Vermischen, wird Tarini zornig.
Wort-für-Wort: atroktam – hier Gesagtes; nānyat – nichts anderes; saṃcārayet – hineintragen, vermischen; kruddhā – zornig.
4.46 tattvajñānaṃ ca mānaṃ ca śaktimātre hi pārvati |
ityetat kathitaṃ devi kimanyat śrotumicchasi ||
Übersetzung: Erkenntnis der Prinzipien und ihr Maß [liegen] allein in Shakti, Parvati. So ist dir dies erklärt, Göttin; was möchtest du noch hören? [Der erste Halbvers ist knapp und mehrdeutig.]
Wort-für-Wort: tattvajñānam – Erkenntnis der Prinzipien; mānam – Maß, Erkenntnismittel; śaktimātre – allein in Shakti; kim anyat – was sonst.
Kapitel 5: Shiva-Verehrung und Einweihungsordnung
Die leuchtende Shiva-Meditation in 5.17 und das Darbringungsgebet in 5.28 bilden zwei besonders zugängliche Stellen dieses Kapitels. Die strengen Vorschriften zu Nilakantha und zu Ritualfehlern gehören zur besonderen Ordnung des Werkes. Sie sind nicht als allgemeingültige Regeln aller Shiva-Traditionen zu verstehen.

toḍalatantra, pañcamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
5.1 tvatprasādānmahādeva pavitrāhaṃ na cānyathā |
śambhunāthārcanaṃ deva śrotum icchāmi sāmpratam ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Durch deine Gnade bin ich gereinigt, Mahadeva, und auf keine andere Weise. Nun möchte ich die Verehrung Shambhunathas hören.
Wort-für-Wort: tvatprasādāt – durch deine Gnade; pavitrā – rein; na cānyathā – und nicht anders; śambhunāthārcanam – Verehrung des Herrn Shambhu.
5.2 śṛṇu pārvati vakṣyāmi yanmāṃ tvaṃ paripṛcchasi |
nakulīśaṃ samuddhṛtya manusvaravibhūṣitam ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre, Parvati, ich erkläre, wonach du fragst. Man nehme „Nakulin“ und versehe es mit dem „Manu-Vokal“ …
Wort-für-Wort: nakulīśam – Nakulisha als Lautchiffre; manusvara – Manu-Vokal, Chiffre; vibhūṣitam – geschmückt; vakṣyāmi – ich werde erklären.
5.3 bindunādakalāyuktaṃ prāsādākhyaṃ mahāmanum |
asya mantrasya māhātmyam ūrdhvāmnāye mayoditam ||
Übersetzung: … sowie mit Bindu, Nada und Kala: [Das ergibt] das große Prasada-Mantra. Seine Herrlichkeit habe ich im Urdhvamnaya erklärt.
Wort-für-Wort: bindunādakalāyuktam – mit Punkt, Klang und Kala versehen; prāsādākhyam – Prasada genannt; mahāmanum – großes Mantra; ūrdhvāmnāya – obere Überlieferung.
5.4 namaskāraṃ samuddhṛtya vāntaṃ netravibhūṣitam |
vāruṇaṃ mukhavṛttaṃ ca vāyuṃ lalāṭasaṃyutam ||
Übersetzung: Man setze die Verehrungsformel voran, dann das „Ende von va“, versehen mit „Auge“, „Varuna“ mit „Gesichtskreis“ und „Wind“ mit „Stirn“.
Wort-für-Wort: namaskāram – Verehrungsformel; vāntam – Ende von va, Chiffre; netra – Auge; vāruṇam – Varuna-Zeichen; lalāṭa – Stirn.
5.5 ayaṃ pañcākṣaro mantraḥ pañcāmnāyaphalapradaḥ |
praṇavādi yadā devi tadā mantraṃ ṣaḍakṣaram ||
Übersetzung: Dies ist das fünfsilbige Mantra, das die Frucht der fünf Überlieferungen verleiht. Wenn Pranava vorangestellt wird, ist es sechssilbig.
Wort-für-Wort: pañcākṣaraḥ – fünfsilbig; pañcāmnāya – fünf Überlieferungsströme; phalapradaḥ – Frucht verleihend; praṇavādi – mit Om beginnend; ṣaḍakṣaram – sechssilbig.
5.6 prāsādākhyaṃ samuddhṛtya ardhanārīśvarāya ca |
punaḥ prāsādamuddhṛtya mantraṃ paramagopanam ||
Übersetzung: Man setze Prasada voran, dann „ardhanārīśvarāya“ und erneut Prasada: ein höchst geheimzuhaltendes Mantra.
Wort-für-Wort: prāsādam – Prasada-Bija; ardhanārīśvarāya – dem Herrn, dessen Hälfte Frau ist; punaḥ – erneut; paramagopanam – höchst geheim.
5.7 evaṃ bahuvidhākāraṃ vigrahaṃ me nagātmaje |
kaṇṭhe tu garalaṃ devi na kalau bhāvayet kvacit ||
Übersetzung: So sind meine Gestalten vielfältig, Tochter des Berges. Doch im Kali[-Zeitalter] soll man sich keinesfalls Gift in meiner Kehle vorstellen.
Wort-für-Wort: vigraham – Gestalt; nagātmaje – Tochter des Berges; garalam – Gift; kalau – im Kali-Zeitalter; na bhāvayet – man soll nicht vorstellen.
5.8 yadīcchedātmano mṛtyuṃ yadi unmattam icchati |
tadaiva sahasā devi nīlakaṇṭham upāsate ||
Übersetzung: Nur wenn jemand seinen eigenen Tod oder Wahnsinn wünschte, würde er sich der Verehrung Nilakanthas zuwenden.
Wort-für-Wort: ātmanaḥ mṛtyum – eigenen Tod; unmattam – Wahnsinn, grammatisch verkürzt; nīlakaṇṭham – den Blaukehligen; upāsate – verehrt.
5.9 duradṛṣṭavaśād devi nīlakaṇṭhastavādikam |
karoti kārayedvāpi mama hatyāṃ karoti saḥ ||
Übersetzung: Wer aus Unglück Nilakantha-Lobpreis und dergleichen vollzieht oder vollziehen lässt, begeht einen Mord an mir.
Wort-für-Wort: duradṛṣṭavaśāt – durch ungünstiges Geschick; stavādikam – Lobpreis und Weiteres; kārayet – veranlassen; mama hatyām – Tötung meiner selbst.
5.10 ata eva maheśāni sa pāpiṣṭho na cānyathā |
niṣiddhācaraṇaṃ pāpaṃ karoti yadi pāmaraḥ ||
Übersetzung: Deshalb gilt er hier als schwer sündig. Wenn ein Tor eine verbotene Handlung begeht …
Wort-für-Wort: pāpiṣṭhaḥ – höchst sündig; niṣiddhācaraṇam – verbotenes Handeln; pāpam – Verfehlung; pāmaraḥ – Tor.
5.11 putradārādhanaṃ tasya nāśameti na saṃśayaḥ |
kaṇṭhe tu garalaṃ devi yadi pūjāparo bhavet ||
Übersetzung: … gehen seine Kinder, seine Frau und sein Besitz zugrunde. Wer bei der Verehrung Gift in der Kehle [Shivas vorstellt] …
Wort-für-Wort: putra – Sohn, Kind; dāra – Ehefrau; dhana – Besitz; nāśam eti – geht zugrunde; kaṇṭhe – in der Kehle.
5.12 ihaloke daridraḥ syān mṛte śūkaratāṃ vrajet |
nīlakaṇṭhasya yanmantraṃ yadi kuryāt puraskriyām ||
Übersetzung: … wird hier arm und nach dem Tod ein Schwein. Wer für Nilakanthas Mantra eine vorbereitende Intensivpraxis vollzieht …
Wort-für-Wort: ihaloke – in dieser Welt; daridraḥ – arm; śūkaratām – Schweinegestalt; puraskriyām – vorbereitende Mantrapraxis.
5.13 pakṣāntare maheśāni tasya mṛtyurna cānyathā |
śṛṇu devi pravakṣyāmi pārthivaṃ śivapūjanam ||
Übersetzung: … stirbt, große Göttin, innerhalb einer Monatshälfte. Höre nun die Verehrung Shivas an einem tönernen Linga.
Wort-für-Wort: pakṣāntare – innerhalb einer Monatshälfte; mṛtyuḥ – Tod; pārthivam – aus Erde oder Ton; śivapūjanam – Shiva-Verehrung.
5.14 tatrādau parameśāni gurudevaṃ namet sudhīḥ |
oṃ harāya namaskāraṃ mṛttikāmāharet sudhīḥ ||
Übersetzung: Zuerst verneige sich der Verständige vor dem Guru; mit „oṃ harāya namaḥ“ nehme er die Erde auf.
Wort-für-Wort: gurudevam – göttlicher Lehrer; harāya – dem Hara; namaskāram – Verehrung, hier namaḥ; mṛttikām – Tonerde; āharet – nehmen.
5.15 maheśvarāya namaskāraṃ liṅgaṃ nirmāya yatnataḥ |
śūlapāṇe ihoccārya susaṃpratiṣṭhito bhava ||
Übersetzung: Mit „maheśvarāya namaḥ“ forme er sorgfältig das Linga; dann spreche er: „śūlapāṇe iha susaṃpratiṣṭhito bhava“.
Wort-für-Wort: maheśvarāya – dem großen Herrn; liṅgam – Linga; śūlapāṇe – o Dreizackträger; iha – hier; supratiṣṭhito bhava – sei fest gegenwärtig.
5.16 anena manunā devi jīvanyāso vidhīyate |
śakāraṃ bindusaṃyuktaṃ dīrghamuktaṃ ṣaḍaṅgakam ||
Übersetzung: Mit diesem Mantra wird die Lebenseinsetzung vollzogen. Den Laut śa, mit Bindu und gedehnt ausgesprochen, [verwende man für] die sechs Glieder.
Wort-für-Wort: jīvanyāsaḥ – Einsetzung des Lebens; śakāram – Laut śa; bindusaṃyuktam – mit Bindu; dīrgham – lang; ṣaḍaṅgakam – sechs Glieder.
5.17 tasya dhyānaṃ pravakṣyāmi śṛṇuṣva susamāhitā |
oṃ dhyāyennityaṃ maheśaṃ rajatagirinibhaṃ cārucandrāvataṃsaṃ ratnākalpojjvalāṅgaṃ paraśumṛgavarābhītihastaṃ prasannam |
padmāsīnaṃ samantāt stutam amaragaṇair vyāghrakṛttiṃ vasānaṃ viśvādyaṃ viśvabījaṃ nikhilabhayaharaṃ pañcavaktraṃ trinetram ||
Übersetzung: Ich erkläre seine Meditation; höre gesammelt: Om. Man meditiere stets über Mahesha, der einem Silberberg gleicht und den schönen Mond als Schmuck trägt. Seine juwelengeschmückten Glieder leuchten; seine Hände halten Axt und Gazelle und gewähren Segen und Furchtlosigkeit. Er ist heiter, sitzt im Lotussitz, wird ringsum von Götterscharen gepriesen und trägt ein Tigerfell. Er ist Ursprung und Same des Alls, nimmt jede Furcht, hat fünf Gesichter und drei Augen.
Wort-für-Wort: rajatagirinibham – einem Silberberg gleich; paraśumṛga – Axt und Gazelle; varābhītihastam – Hände mit Segen und Furchtlosigkeit; padmāsīnam – im Lotussitz; viśvabījam – Same des Alls; nikhilabhayaharam – jede Furcht nehmend.
5.18 puṣpaṃ śirasi saṃdhārya mānasaiḥ pūjanaṃ caret |
punardhyātvā maheśāni śive puṣpaṃ nidhāya ca ||
Übersetzung: Man lege eine Blume auf den Kopf und verehre mit geistigen Gaben. Nach erneuter Meditation lege man die Blume auf Shiva [das Linga].
Wort-für-Wort: puṣpam – Blume; śirasi – auf dem Kopf; mānasaiḥ – mit geistigen Gaben; punaḥ dhyātvā – erneut meditiert; śive – auf Shiva.
5.19 pinākadhṛgiti coccārya ihāgaccha dvayaṃ vadet |
iha tiṣṭha tato dvaṃdvaṃ saṃnidhehi dvayam iha ||
Übersetzung: Man spreche „Pinakadhrit“, dann zweimal „ihāgaccha“, zweimal „iha tiṣṭha“ und zweimal „iha saṃnidhehi“ …
Wort-für-Wort: pinākadhṛk – Pinaka-Bogenträger; ihāgaccha – komm hierher; iha tiṣṭha – bleibe hier; saṃnidhehi – sei gegenwärtig; dvayam – zweimal.
5.20 iha sanni tato ruddhasvaśabdaṃ ca tato vadet |
yāvat pūjāṃ samuccārya tataścaivaṃ karomyaham ||
Übersetzung: … danach „iha sanniruddhasva“, dann „yāvat pūjāṃ karomy aham“: Bleibe hier gebunden, solange ich die Verehrung vollziehe.
Wort-für-Wort: sanniruddhasva – halte dich hier fest; yāvat – solange; pūjām – Verehrung; karomi aham – ich vollziehe.
5.21 snānīyaṃ ca paśupatiṃ ṅeyuktaṃ ca namaścaret |
vedādyaṃ yojayeddevi brāhmaṇaḥ sādhakottamaḥ ||
Übersetzung: [Man sage] „snānīyam“, „Paśupati“ mit Dativendung und „namaḥ“. Ein brahmanischer Praktizierender stelle den Anfang der Veden [Om] voran.
Wort-für-Wort: snānīyam – Badewasser; paśupatim – Herr der Wesen; ṅeyuktam – mit Dativendung; vedādyam – Vedenanfang, Om; brāhmaṇaḥ – Brahmane.
5.22 etat pādyaṃ maheśāni ṣaḍakṣaramanuṃ tataḥ |
namaskāraṃ samuccārya sarvaṃ dadyād vicakṣaṇaḥ ||
Übersetzung: [Man sage] „etat pādyam“, dann das sechssilbige Mantra und die Verehrungsformel; entsprechend bringe der Kundige alle Gaben dar.
Wort-für-Wort: etat pādyam – dies ist Wasser für die Füße; ṣaḍakṣaramanu – sechssilbiges Mantra; sarvam – alles; dadyāt – darbringen.
5.23 pūjayitvā maheśāni cāṣṭamūrtiṃ prapūjayet |
śarvo bhavastathā rudra ugro bhīmaḥ paśoḥ patiḥ ||
Übersetzung: Nach dieser Verehrung verehre man die acht Gestalten: Sharva, Bhava, Rudra, Ugra, Bhima, Pashupati …
Wort-für-Wort: aṣṭamūrtim – achtfache Gestalt; śarva – Sharva; bhava – Bhava; paśoḥ patiḥ – Herr der gebundenen Wesen.
5.24 mahādevaṃ ca īśānaṃ ṅeyutaṃ kuru yatnataḥ |
kṣitiṃ jalaṃ tathā cāgniṃ vāyuṃ cākāśameva ca ||
Übersetzung: … Mahadeva und Ishana; man setze sie sorgfältig in den Dativ. [Mit ihnen verbinde man] Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum …
Wort-für-Wort: ṅeyutam – mit Dativendung; kṣitim – Erde; jalam – Wasser; agnim – Feuer; vāyum – Wind; ākāśam – Raum.
5.25 yajamānaṃ tathā somaṃ sūryaṃ ca mūrtinā saha |
sarvatra ṅeyutaṃ kṛtvā pūjayet sādhakottamaḥ ||
Übersetzung: … den Opfernden, den Mond und die Sonne, jeweils mit dem Wort „Gestalt“; alles in den Dativ gesetzt, soll der Praktizierende sie verehren.
Wort-für-Wort: yajamānam – Opferherr; somam – Mond; sūryam – Sonne; mūrtinā saha – zusammen mit Gestalt; sarvatra – überall.
5.26 praṇavādinamo'ntena vāmāvartena pūjayet |
mūrtayo'ṣṭau śivasyaitāḥ pūrvādikramayogataḥ ||
Übersetzung: Mit Formeln, die mit Om beginnen und mit namaḥ enden, verehre man gegen den Uhrzeigersinn die acht Gestalten Shivas, im Osten beginnend …
Wort-für-Wort: praṇavādi – Om am Anfang; namo’ntena – mit namaḥ am Ende; vāmāvartena – linksherum; pūrvādi – im Osten beginnend.
5.27 āgneyyāntāḥ prapūjyātha vidyāṃ liṅgiśivaṃ yajet |
aṣṭottarasahasraṃ vā śataṃ vā prajapettataḥ ||
Übersetzung: … und im Südosten endend. Dann verehre man die Vidya und Shiva als Linga und wiederhole [das Mantra] 1.008-mal oder hundertmal.
Wort-für-Wort: āgneyyāntāḥ – im Südosten endend; vidyām – Vidya, göttliche Wissenskraft; aṣṭottarasahasram – 1.008; śatam – hundert.
5.28 guhyātiguhyagoptā tvaṃ gṛhāṇāsmatkṛtaṃ japam |
siddhirbhavatu me deva tvatprasādānmaheśvara ||
Übersetzung: Du hütest das Geheimste der Geheimnisse. Nimm unseren vollzogenen Japa an. Durch deine Gnade möge mir Vollendung zuteilwerden, Gott, großer Herr.
Wort-für-Wort: guhyātiguhyagoptā – Hüter des Geheimsten; gṛhāṇa – nimm an; asmatkṛtam – von uns vollzogen; siddhiḥ – Vollendung; tvatprasādāt – durch deine Gnade.
5.29 tatastoyaṃ samādāya japaṃ caiva samarpayet |
mukhavādyaṃ tataḥ kṛtvā cāṣṭāṅgaṃ praṇamet sudhīḥ ||
Übersetzung: Dann nehme man Wasser und bringe den Japa dar, erzeuge die rituellen Mundklänge und verneige sich mit acht Körperteilen.
Wort-für-Wort: toyam – Wasser; samarpayet – darbringen; mukhavādyam – Mundmusik, ritueller Mundklang; aṣṭāṅgam – achtgliedrig.
5.30 saṃhāreṇa mahādeva kṣamasveti visarjayet |
evaṃ pūjā prakartavyā śaktimantrān yajed yadi ||
Übersetzung: Mit Rücknahme und den Worten „Mahadeva, vergib“ entlasse man ihn. So soll die Puja vollzogen werden, wenn man Shakti-Mantras verehrt.
Wort-für-Wort: saṃhāreṇa – durch Rücknahme; kṣamasva – vergib; visarjayet – entlassen; śaktimantrān – Shakti-Mantras.
5.31 prāsādādīn mahāmantrān yadi dīkṣāparo bhavet |
śaktidīkṣā na kartavyā kadācidapi mohataḥ ||
Übersetzung: Wer in die großen Prasada-Mantras und dergleichen eingeweiht ist, soll sich keinesfalls aus Verblendung zusätzlich der Shakti-Einweihung zuwenden.
Wort-für-Wort: dīkṣāparaḥ – einer Einweihung verpflichtet; śaktidīkṣā – Shakti-Einweihung; na kartavyā – nicht zu vollziehen; mohataḥ – aus Verblendung.
5.32 sa śaiva iti vikhyātaḥ sarvatantreśvaro bhavet |
athātaḥ sampravakṣyāmi sūtraṃ paramagopanam ||
Übersetzung: Er gilt als Shaiva und soll Herr aller Tantras sein. Nun erkläre ich die höchst geheime Merksatzfolge.
Wort-für-Wort: śaivaḥ – Shiva-Verehrer; sarvatantreśvaraḥ – Herr aller Tantras; sūtram – Merksatz; paramagopanam – höchst geheim.
5.33 haro maheśvaraścaiva śūlapāṇiḥ pinākadhṛk |
paśupatiḥ śivaścaiva mahādeva iti kramāt ||
Übersetzung: Hara, Maheshvara, Shulapani, Pinakadhrit, Pashupati, Shiva und Mahadeva [stehen] in dieser Reihenfolge.
Wort-für-Wort: iti kramāt – in dieser Reihenfolge; hara – Hara; śūlapāṇi – Dreizackträger; pinākadhṛk – Pinaka-Träger.
5.34 aṣṭamūrtis tato devi pūjayet sādhakottamaḥ |
tato japenmaheśāni mukhavādyaṃ tataḥ param ||
Übersetzung: Danach verehre der Praktizierende die acht Gestalten, wiederhole das Mantra und erzeuge anschließend die rituellen Mundklänge.
Wort-für-Wort: aṣṭamūrtiḥ – achtfache Gestalt; tataḥ – danach; japet – wiederholen; mukhavādyam – ritueller Mundklang.
5.35 etadanyanna kartavyaṃ śaktidīkṣāparo yadi |
niṣiddhācaraṇāddevi pāpabhāg jāyate naraḥ ||
Übersetzung: Wer der Shakti-Einweihung verpflichtet ist, soll darüber hinaus nichts hinzufügen. Verbotenes Handeln macht den Menschen zum Teilhaber an Verfehlung.
Wort-für-Wort: etadanyat – anderes als dieses; śaktidīkṣāparaḥ – Shakti-Eingeweihter; niṣiddhācaraṇāt – durch verbotenes Handeln; pāpabhāk – an Verfehlung teilhabend.
5.36 nyūnādhikaṃ mahādevi yadi pūjādikaṃ caret |
sa guruṃ cāpi śiṣyaṃ ca śivahatyāṃ prayacchati ||
Übersetzung: Wer die Verehrung mit Auslassungen oder Zusätzen vollzieht, lädt dem Guru wie dem Schüler die Schuld einer Shiva-Tötung auf.
Wort-für-Wort: nyūnādhikam – zu wenig oder zu viel; gurum – Lehrer; śiṣyam – Schüler; śivahatyām – Shiva-Tötung.
5.37 nyūnādhikaṃ maheśāni yadi caikākṣaraṃ bhavet |
varṇasaṃkhyā maheśāni brahmahatyā bhaviṣyati ||
Übersetzung: Wenn auch nur ein Laut fehlt oder hinzukommt, entsteht nach Maßgabe der Lautzahl die Schuld einer Brahmanen-Tötung, erklärt der Text.
Wort-für-Wort: ekākṣaram – ein Laut; varṇasaṃkhyā – Lautzahl; brahmahatyā – Tötung eines Brahmanen; bhaviṣyati – wird entstehen.
5.38 ata eva sa pāpiṣṭhaḥ satyaṃ satyaṃ sureśvari |
evaṃ pūjāṃ vidhāyādau tataścānyaṃ prapūjayet ||
Übersetzung: Darum gilt ein solcher Mensch hier als schwer sündig, wahrlich. Zuerst vollziehe man diese Verehrung und verehre erst danach eine andere Gottheit.
Wort-für-Wort: pāpiṣṭhaḥ – schwer sündig; satyam – wahrlich; ādau – zuerst; anyam – einen anderen.
5.39 ādau śivaṃ pūjayitvā śaktipūjā tataḥ param |
yat kiṃcid upacāraṃ hi tasya kiṃcinnivedayet ||
Übersetzung: Zuerst verehre man Shiva und danach Shakti. Von jeder Verehrungsgabe soll man ihm einen Teil darbringen.
Wort-für-Wort: ādau śivam – zuerst Shiva; śaktipūjā – Shakti-Verehrung; upacāram – Verehrungsgabe; kiṃcit – einen Teil; nivedayet – darbringen.
5.40 anyathā mūtravat sarvaṃ gaṅgātoyaṃ bhaved yadi |
ata eva maheśāni ādau liṅgaṃ prapūjayet ||
Übersetzung: Andernfalls sei alles wie Urin, selbst wenn es Gangeswasser wäre. Deshalb soll man zuerst das Linga verehren.
Wort-für-Wort: anyathā – andernfalls; mūtravat – wie Urin; gaṅgātoyam – Gangeswasser; liṅgam – Linga.
5.41 śivasnānodakaṃ devi mūrdhni saṃdhārayed yadi |
satyaṃ satyaṃ maheśāni śivatulyo na saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Wer Shivas Badewasser auf seinen Scheitel bringt, wird Shiva gleich: wahrlich, ohne Zweifel.
Wort-für-Wort: śivasnānodakam – Shivas Badewasser; mūrdhni – auf dem Scheitel; śivatulyaḥ – Shiva gleich; na saṃśayaḥ – kein Zweifel.
5.42 śivarūpī svayaṃ bhūtvā devīpūjāṃ samācaret |
śaivavaiṣṇavadaurgārkagāṇapatyaindradīkṣitaḥ ||
Übersetzung: Selbst Shivas Gestalt annehmend vollziehe man die Göttinnenverehrung. Wer in die Verehrung Shivas, Vishnus, Durgas, der Sonne, Ganeshas oder Indras eingeweiht ist …
Wort-für-Wort: śivarūpī – Shiva-Gestalt annehmend; devīpūjām – Göttinnenverehrung; śaivavaiṣṇava – shaivisch und vaishnavisch; dīkṣitaḥ – eingeweiht.
5.43 ādau liṅgaṃ pūjayitvā yadi cānyat prapūjayet |
tatphalaṃ koṭiguṇitaṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ ||
Übersetzung: … und zuerst das Linga, dann eine andere Gottheit verehrt, erhält eine zehnmillionenfache Frucht.
Wort-für-Wort: ādau liṅgam – zuerst das Linga; anyat – eine andere [Gottheit]; phalam – Frucht; koṭiguṇitam – zehnmillionenfach.
5.44 anyadevaṃ pūjayitvā śivaṃ paścād yajed yadi |
tasya pūjāphalaṃ caiva bhujyate yakṣarākṣasaiḥ ||
Übersetzung: Wer dagegen zuerst eine andere Gottheit und danach Shiva verehrt, dessen Verehrungsfrucht wird, von Yakshas und Rakshasas aufgezehrt.
Wort-für-Wort: paścāt – danach; pūjāphalam – Verehrungsfrucht; bhujyate – wird verzehrt; yakṣarākṣasaiḥ – durch Yakshas und Rakshasas.
5.45 iti te kathitaṃ kānte tantrāṇāṃ sāramuttamam |
bahu kiṃ kathyate devi bhūyaḥ kiṃ śrotumicchasi ||
Übersetzung: So habe ich dir, Geliebte, die höchste Essenz der Tantras mitgeteilt. Was soll ich noch viel sagen? Was möchtest du weiter hören?
Wort-für-Wort: tantrāṇām sāram – Essenz der Tantras; uttamam – höchste; bhūyaḥ – weiter; śrotum icchasi – möchtest du hören.
Kapitel 6: Die innere Bedeutung und Belebung der Mantras
Wie wird ein Mantra innerlich lebendig? Der Text antwortet mit einer Betrachtung seiner Laute als göttlicher Gestalt und mit der Verbindung von Guru und Kundalini. Besonders weit öffnet sich die Perspektive in 6.41–42: Die Göttin ist gestaltet und formlos, in Lauten gegenwärtig und zugleich jenseits der Buchstaben.
toḍalatantra, ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
6.1 śrutaṃ mahākālikāyā mantraṃ paramagopanam |
saṃkṣepaṃ kathitaṃ nātha vāsanāṃ vada māṃ prati ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Ich habe Mahakalikas höchst geheimes Mantra gehört. Du hast es kurz dargelegt, Herr; erkläre mir nun seinen inneren Sinn.
Wort-für-Wort: mahākālikāyāḥ – der Mahakalika; saṃkṣepam – kurz; vāsanām – innere Bedeutung, meditative Ausdeutung; vada – erkläre.
śrīśiva uvāca
6.2 śṛṇu devi mahāmantravāsanāṃ sarvasiddhidām |
yasyāḥ śravaṇamātreṇa mantrāḥ siddhā bhavanti hi ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre die innere Bedeutung des großen Mantras, die alle Vollkommenheiten verleiht; durch ihr bloßes Hören werden die Mantras wirksam.
Wort-für-Wort: mahāmantravāsanā – innere Mantrabedeutung; sarvasiddhidām – alle Siddhis verleihend; śravaṇamātreṇa – durch bloßes Hören; siddhāḥ – vollendet, wirksam.
6.3 kakārasyordhvakoṇeṣu prāṇo vāyuḥ pratiṣṭhitaḥ |
apāno vāyukoṇe ca samāno madhyadeśataḥ ||
Übersetzung: In den oberen Winkeln des Zeichens ka ruht der Prana-Wind, im Wind-Winkel Apana und im mittleren Bereich Samana.
Wort-für-Wort: kakārasya – des Zeichens ka; ūrdhvakoṇeṣu – in oberen Winkeln; prāṇa – Prana; apāna – Apana; samāna – Samana.
6.4 udāno 'ṅkuśakoṇe ca mātrāyāṃ vyāna eva ca |
bījaṃ tu kālikārūpaṃ prakāraṃ śṛṇu pārvati ||
Übersetzung: Im hakenförmigen Winkel ist Udana, in der Matra Vyana. Das Bija ist Kalikas Gestalt; höre, wie dies zu verstehen ist.
Wort-für-Wort: udānaḥ – aufsteigender Lebenswind; aṅkuśakoṇa – Hakenwinkel; mātrā – Vokalzeichen, Schriftteil; vyānaḥ – durchdringender Lebenswind; kālikārūpam – Kalika-Gestalt.
6.5 kalābhāge jaṭājūṭaṃ keśaṃ ca parameśvari |
bindumastakabhālaṃ tu nāsā netraṃ ca pārvati ||
Übersetzung: Im Kala-Teil [sind] aufgetürmte Flechten und Haare; im Bindu [sind] Scheitel, Stirn, Nase und Augen …
Wort-für-Wort: kalābhāge – im Kala-Teil; jaṭājūṭam – Flechtenkrone; keśam – Haar; bindu – Punkt; mastaka – Kopf.
6.6 śrotrayugmaṃ tathā vaktraṃ skandanād avyavasthitam |
caturbāhuṃ tathā dehaṃ stanadvaṃdvaṃ kaṭidvayam ||
Übersetzung: … beide Ohren und Mund, [die Zuordnung mit „skandanād“ bleibt unklar], vier Arme, Leib, beide Brüste und die beiden Hüftseiten …
Wort-für-Wort: śrotrayugmam – Ohrenpaar; vaktram – Mund, Gesicht; skandanād – unklare Lesung; caturbāhum – vierarmig; stanadvaṃdvam – Brustpaar.
6.7 hṛdayaṃ jaṭharaṃ pādaṃ tathā sarvāṅguliḥ śive |
brahmarūpaṃ kakāraṃ ca sarvāṅgaṃ tanusaṃśayaḥ ||
Übersetzung: … Herz, Bauch, Füße und alle Finger und Zehen. Das Zeichen ka ist Brahmas Gestalt, der ganze Körper [das abschließende „tanusaṃśayaḥ“ ist verderbt oder unklar].
Wort-für-Wort: hṛdayam – Herz; jaṭharam – Bauch; pādam – Fuß; sarvāṅguliḥ – sämtliche Finger und Zehen; brahmarūpam – Brahma-Gestalt.
6.8 śakāraṃ kāmarūpaṃ ca yonirūpaṃ na cānyathā |
candrasūryāgnirūpaṃ ca rephaṃ paramadurlabham ||
Übersetzung: Das Zeichen śa ist Kama-Gestalt, die Yoni selbst; der schwer zugängliche Laut ra hat die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer.
Wort-für-Wort: śakāram – Zeichen śa; kāmarūpam – Gestalt des Begehrens; yonirūpam – Yoni-Gestalt; repham – r-Laut; candrasūryāgni – Mond, Sonne, Feuer.
6.9 sarvāṅgadyotanaṃ tejo jagadānandarūpakam |
bindunirvāṇadaṃ nādaṃ mahāmokṣapradaṃ sadā ||
Übersetzung: [Es ist] die Leuchtkraft, die alle Glieder erhellt und die Freude der Welt verkörpert; [Bindu und Nada] schenken Nirvana und stets höchste Befreiung.
Wort-für-Wort: sarvāṅgadyotanam – alle Glieder erhellend; tejaḥ – Leuchtkraft; jagadānanda – Weltfreude; nirvāṇadam – Nirvana schenkend; mahāmokṣapradam – große Befreiung schenkend.
6.10 sarvavighnaharaṃ devi kakāraṃ toyarūpakam |
sarvapāpaharaṃ rephaṃ tasmād vahnirna cānyathā ||
Übersetzung: Ka, das alle Hindernisse beseitigt, hat die Gestalt des Wassers; ra beseitigt alle Verfehlungen und ist daher Feuer.
Wort-für-Wort: sarvavighnaharam – alle Hindernisse nehmend; toyarūpakam – wassergestaltig; sarvapāpaharam – alle Verfehlungen nehmend; vahniḥ – Feuer.
6.11 īkāraṃ parameśāni śaktiṃ cāvyayarūpiṇīm |
mahāmokṣapradā devī tasmānmāyā prakīrtitā ||
Übersetzung: Der Laut ī ist die unvergängliche Shakti; als Göttin verleiht sie höchste Befreiung und wird daher Maya genannt.
Wort-für-Wort: īkāram – Laut ī; śaktim – Kraft; avyayarūpiṇīm – unvergänglich; māyā – göttliche Erscheinungsmacht; prakīrtitā – genannt.
6.12 kakāraṃ brahmarūpaṃ ca makāraṃ viṣṇurūpakam |
rephaḥ saṃhārarūpatvāc chivarūpo na cānyathā ||
Übersetzung: Ka ist Brahmas Gestalt, ma ist Vishnus Gestalt; ra ist wegen seiner auflösenden Natur Shiva selbst.
Wort-für-Wort: kakāram – ka; makāram – ma; viṣṇurūpakam – Vishnu-Gestalt; saṃhārarūpatvāt – aufgrund des Auflösungswesens; śivarūpaḥ – Shiva-Gestalt.
6.13 brahmaviṣṇuśivaḥ sākṣāt kakāraṃ parameśvari |
anuccāryaṃ tadeva syād vinā māyāyutaṃ śive ||
Übersetzung: Ka ist unmittelbar Brahma, Vishnu und Shiva. Ohne Verbindung mit Maya wäre es unaussprechbar.
Wort-für-Wort: brahmaviṣṇuśivaḥ – Brahma, Vishnu und Shiva; sākṣāt – unmittelbar; anuccāryam – unaussprechbar; vinā – ohne; māyāyutam – mit Maya verbunden.
6.14 māyāyuktaṃ yadā devi tadā muktipradaṃ mahat |
ata eva maheśāni māyāśaktirnigadyate ||
Übersetzung: Mit Maya verbunden wird es groß und befreiend. Deshalb wird sie Maya-Shakti genannt.
Wort-für-Wort: māyāyuktam – mit Maya verbunden; muktipradam – Befreiung verleihend; mahat – groß; nigadyate – wird genannt.
6.15 kakāraṃ dharmadaṃ devi īkāraścārthadāyakam |
rakāraṃ kāmadaṃ kānte makāraṃ mokṣadāyakam ||
Übersetzung: Ka verleiht Dharma, ī verleiht Artha, ra verleiht Kama und ma verleiht Moksha.
Wort-für-Wort: dharmadam – Dharma schenkend; arthadāyakam – Wohlstand schenkend; kāmadam – Wunscherfüllung schenkend; mokṣadāyakam – Befreiung schenkend.
6.16 ekatroccāraṇāddevi nirvāṇamokṣadāyinī |
māhātmyaṃ devadeveśi kiṃ vaktuṃ śakyate mayā ||
Übersetzung: Gemeinsam ausgesprochen schenkt [diese Vidya] Nirvana-Befreiung. Wie könnte ich ihre Herrlichkeit beschreiben, Herrin der Götter?
Wort-für-Wort: ekatroccāraṇāt – durch gemeinsames Aussprechen; nirvāṇamokṣa – Nirvana-Befreiung; māhātmyam – Größe, Herrlichkeit; vaktum – auszusprechen.
6.17 jihvākoṭisahasreṇa vaktrakoṭiśatena ca |
janmāntarasahasreṇa varṇituṃ naiva śakyate ||
Übersetzung: Selbst mit tausendmal zehn Millionen Zungen, hundertmal zehn Millionen Mündern und tausend weiteren Geburten ließe sie sich nicht beschreiben.
Wort-für-Wort: jihvā – Zunge; koṭi – zehn Millionen; śata – hundert; janmāntara – weitere Geburt; varṇitum – beschreiben.
6.18 vidhivallakṣajāpena puraścaraṇam ucyate |
etadrūpaṃ mahāmāyāṃ kūrcabījaṃ tu sundari ||
Übersetzung: Hunderttausend vorschriftsgemäße Wiederholungen heißen Purashcharana. Von derselben Art sind Mahamaya und das Kurcha-Bija, Schöne.
Wort-für-Wort: lakṣajāpena – durch 100.000 Wiederholungen; vidhivat – vorschriftsgemäß; puraścaraṇam – intensive vorbereitende Mantrapraxis; etadrūpam – von dieser Gestalt.
6.19 vāgbhavaṃ praṇavaṃ devi etadrūpaṃ na saṃśayaḥ |
agnijāyā mahāvidyā etadrūpaṃ na saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Auch Vagbhava und Pranava sind so beschaffen; ebenso die große Vidya der Feuerbraut, ohne Zweifel.
Wort-für-Wort: vāgbhavam – Sprachursprungs-Bija; praṇavam – Om; agnijāyā – Feuerbraut, Svaha; na saṃśayaḥ – kein Zweifel.
6.20 drutasiddhipradā vidyā vahnijāyā parā manuḥ |
sambodhanapadenaiva sadā saṃnidhikāriṇī ||
Übersetzung: Die Feuerbraut ist eine höchste Formel, die rasch Vollendung verleiht; durch die Anrede wird [die Göttin] stets gegenwärtig.
Wort-für-Wort: drutasiddhipradā – rasche Vollendung schenkend; vahnijāyā – Feuerbraut; manuḥ – Mantra; sambodhanapadena – durch das Anredewort; saṃnidhikāriṇī – Gegenwart bewirkend.
6.21 atha vakṣye mahāvidyāpuraścaraṇam uttamam |
kathitaṃ mantrarājasya tripuraścaraṇaṃ śṛṇu ||
Übersetzung: Nun erkläre ich die vorzügliche Purashcharana der Mahavidya. Das königliche Mantra wurde beschrieben; höre seine dreifache vorbereitende Praxis.
Wort-für-Wort: mahāvidyāpuraścaraṇam – Purashcharana der Mahavidya; uttamam – vorzüglich; tripuraścaraṇam – dreifache Purashcharana; śṛṇu – höre.
6.22 divā lakṣaṃ japenmantraṃ haviṣyāśī jitendriyaḥ |
divyavīramate devi rātrau lakṣaṃ japet sudhīḥ ||
Übersetzung: Tagsüber wiederhole man das Mantra hunderttausendmal, mit beherrschten Sinnen und Opferspeise als Nahrung; nach der Lehre der Divyas und Viras wiederhole man es nachts hunderttausendmal.
Wort-für-Wort: divā – tagsüber; lakṣam – hunderttausend; haviṣyāśī – Opferspeise essend; jitendriyaḥ – mit beherrschten Sinnen; rātrau – nachts.
6.23 atha ṣaḍakṣarasyāsya śṛṇu devi puraskriyām |
divyavīramatenaiva viṃśatyekena pārvati ||
Übersetzung: Höre nun die Vorbereitung für das sechssilbige [Mantra]: nach der Lehre der Divyas und Viras „mit einundzwanzig“ [die Zähleinheit fehlt].
Wort-für-Wort: ṣaḍakṣarasya – des sechssilbigen; puraskriyām – Vorbereitung; divyavīramatena – nach Divya-Vira-Lehre; viṃśatyekena – mit einundzwanzig.
6.24 tathā ca tryakṣaraṃ mantraṃ prajapet sādhakāgraṇīḥ |
dhyānapūjādikaṃ sarvaṃ samānaṃ vīravandite ||
Übersetzung: Ebenso soll der vorbildliche Praktizierende das dreisilbige Mantra wiederholen. Meditation, Verehrung und alles Weitere sind gleich.
Wort-für-Wort: tryakṣaram – dreisilbig; dhyānapūjādikam – Meditation, Verehrung und Weiteres; sarvam – alles; samānam – gleich.
6.25 etasyāḥ sadṛśī vidyā phaladā nāsti yogini |
sarvamantrasya caitanyaṃ śṛṇu pārvati sādaram ||
Übersetzung: Keine andere Vidya schenkt Frucht wie diese, Yogini. Höre aufmerksam, Parvati, vom Erwachen aller Mantras.
Wort-für-Wort: phaladā – Frucht schenkend; yogini – o Yogini; sarvamantrasya – aller Mantras; caitanyam – Bewusstsein, Belebtheit; sādaram – aufmerksam.
6.26 sahasrāre mahāpadme bindurūpaṃ paraṃ śivam |
kuṇḍalinīṃ samutthāpya haṃsena manunā sudhīḥ ||
Übersetzung: Im großen tausendblättrigen Lotus [betrachte man] den höchsten Shiva in Bindu-Gestalt; mit dem Hamsa-Mantra richte der Verständige Kundalini auf.
Wort-für-Wort: bindurūpam – punktförmig; paraṃ śivam – höchsten Shiva; samutthāpya – aufgerichtet habend; haṃsena manunā – mit Hamsa-Mantra.
6.27 nāsāgre yā sthirā dṛṣṭir jāyate parameśvari |
tadaiva mantracaitanyaṃ kuṇḍalīcakragaṃ bhavet ||
Übersetzung: Wenn sich an der Nasenspitze ein fester Blick einstellt, entsteht das Mantrabewusstsein im Kundalini-Kreis.
Wort-für-Wort: nāsāgre – an der Nasenspitze; sthirā dṛṣṭiḥ – fester Blick; mantracaitanyam – Mantrabewusstsein; kuṇḍalīcakragam – zum Kundalini-Kreis gehörig.
6.28 sahasrāre mahāpadme kuṇḍalyā sahitaṃ gurum |
bhāvayet sarvamantrāṇāṃ caitanyaṃ jāyate priye ||
Übersetzung: Man betrachte den Guru zusammen mit Kundalini im großen tausendblättrigen Lotus; dann erwacht das Bewusstsein aller Mantras, Geliebte.
Wort-für-Wort: kuṇḍalyā sahitam – mit Kundalini verbunden; gurum – Lehrer; bhāvayet – innerlich betrachten; sarvamantrāṇām – aller Mantras; jāyate – entsteht.
6.29 tadaiva prajapenmantraṃ siddhidaṃ nātra saṃśayaḥ |
śrīdevī uvāca
idānīṃ tāriṇīmantravāsanāṃ vada śaṃkara |
kālikā mokṣadā nityā tāriṇī bhavavāridhau ||
Übersetzung: Dann wiederhole man das Mantra, das Vollendung verleiht, ohne Zweifel. Die Göttin spricht: Erkläre nun Tarinis Mantrabedeutung, Shankara. Kali schenkt stets Befreiung; Tarini [rettet] im Daseinsmeer.
Wort-für-Wort: siddhidam – Vollendung verleihend; vāsanām – innerer Sinn; mokṣadā – Befreiung schenkend; bhavavāridhau – im Daseinsmeer.
6.30 kalākeśaṃ maheśāni bindumastakamīritam |
nādaṃ ca vaktraṃ bhālaṃ ca nāsāṃ netraṃ ca pārvati ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Kala wird als Haar, Bindu als Kopf bezeichnet; Nada [entspricht] Mund, Stirn, Nase und Augen …
Wort-für-Wort: kalākeśam – Kala als Haar; bindumastakam – Bindu als Kopf; nādam – Nada; vaktram – Mund; netram – Auge.
6.31 bhujacatuṣṭayaṃ dehaṃ stanadvaṃdvaṃ ca vakṣasam |
makāreṇa tu deveśi pṛṣṭhaṃ caiva kaṭidvayam ||
Übersetzung: … vier Armen, Leib, beiden Brüsten und Brustkorb; durch das Zeichen ma [betrachte man] Rücken und beide Hüftseiten.
Wort-für-Wort: bhujacatuṣṭayam – vier Arme; stanadvaṃdvam – Brustpaar; vakṣasam – Brustkorb; makāreṇa – durch ma; pṛṣṭham – Rücken.
6.32 takāreṇa yonideśaṃ gudaṃ pādadvayaṃ tathā |
sarvāṅgulīr nakhaṃ caiva bhāvayet sādhakottamaḥ ||
Übersetzung: Durch das Zeichen ta betrachte der vorbildliche Praktizierende Yoni-Bereich, After, beide Füße, sämtliche Finger und Zehen sowie Nägel.
Wort-für-Wort: takāreṇa – durch ta; yonideśam – Yoni-Bereich; gudam – After; pādadvayam – beide Füße; nakham – Nagel.
6.33 candrasūryātmakaṃ rephaṃ vahnibījaṃ na cānyathā |
sarvā nāḍyastathā jyotī romaṃ ca bhūṣaṇādikam ||
Übersetzung: Ra, aus Mond und Sonne bestehend, ist das Feuer-Bija; [ihm entsprechen] alle Nadis, das Licht, Körperhaare und Schmuck.
Wort-für-Wort: repham – r-Laut; candrasūryātmakam – aus Mond und Sonne bestehend; vahnibījam – Feuer-Bija; roma – Körperhaar; bhūṣaṇa – Schmuck.
6.34 śakāraṃ ca mahāmāyā śaktirūpaprakāśinī |
mūrdhādipādaparyantaṃ śaktibījaṃ sudurlabham ||
Übersetzung: Śa ist Mahamaya, welche die Gestalt der Shakti offenbart. Vom Scheitel bis zu den Füßen [ist sie] das schwer zugängliche Shakti-Bija.
Wort-für-Wort: śakāram – śa; śaktirūpaprakāśinī – Shakti-Gestalt offenbarend; mūrdhādipādaparyantam – vom Scheitel bis zu den Füßen; sudurlabham – sehr schwer zugänglich.
6.35 asya mantrasya māhātmyaṃ kiṃ mayā kathyate'dhunā |
aśvamedhasahasrāṇi vājapeyaśatāni ca ||
Übersetzung: Wie könnte ich die Herrlichkeit dieses Mantras beschreiben? Tausende Pferdeopfer und Hunderte Vajapeya-Opfer …
Wort-für-Wort: aśvamedhasahasrāṇi – tausende Pferdeopfer; vājapeyaśatāni – hunderte Vajapeya-Opfer; māhātmyam – Herrlichkeit; kathyate – wird ausgesprochen.
6.36 kāśyāditīrthaṃ deveśi sārdhakoṭibhuvātmakam |
pūrṇāṃ śasyena deveśi saptadvīpāṃ vasuṃdharām ||
Übersetzung: … heilige Stätten wie Kashi, [eine schwer bestimmbare Zahl mit „anderthalb Crore“], die Erde mit ihren sieben Inseln, voller Getreide …
Wort-für-Wort: kāśyāditīrtham – Pilgerstätten wie Kashi; sārdhakoṭi – anderthalb Crore, 15 Millionen; śasyena pūrṇām – voller Getreide; saptadvīpām – mit sieben Inseln.
6.37 merutulyasuvarṇaṃ tu brāhmaṇe vedapārage |
sadakṣiṇaṃ vrataṃ sarvaṃ caturvedasuvistaram ||
Übersetzung: … Gold im Ausmaß des Meru für einen vedengelehrten Brahmanen, alle Gelübde mit Opferlohn und die weite Fülle der vier Veden …
Wort-für-Wort: merutulyasuvarṇam – Gold gleich dem Meru; vedapārage – einem Vedenkundigen; sadakṣiṇam – mit Opferlohn; vratam – Gelübde; caturveda – vier Veden.
6.38 gāṃ caiva bhūmisaṃsthaṃ ca hastyaśvaṃ ca tathaiva ca |
balidānaṃ maheśāni pitṛyajñaṃ tathaiva ca ||
Übersetzung: … Kühe und Landbesitz, Elefanten und Pferde, Bali-Gaben und Ahnenopfer …
Wort-für-Wort: gām – Kuh, Rind; bhūmisaṃstham – zum Landbesitz gehörig; hastyaśvam – Elefanten und Pferde; pitṛyajñam – Ahnenopfer.
6.39 vihitaṃ ca mahāpuṇyaṃ yaduktaṃ śāstravedibhiḥ |
sakṛjjapānmaheśāni kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm ||
Übersetzung: … und jedes große Verdienst, das die Schriftkundigen vorschreiben: All dies erreicht nicht ein Sechzehntel einer einzigen Mantrawiederholung.
Wort-für-Wort: vihitam – vorgeschrieben; mahāpuṇyam – großes Verdienst; sakṛjjapāt – gegenüber einmaligem Japa; kalāṃ ṣoḍaśīm – ein Sechzehntel.
6.40 ekoccāreṇa deveśi kiṃ punarbrahma kevalam |
sṛṣṭisthitilayādīnāṃ kartāro nātra saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Durch eine einzige Aussprache [erlangt man] wahrlich Brahman allein; [die Sprechenden werden] Schöpfer, Erhalter und Auflöser, ohne Zweifel. [Der Satzbau ist verkürzt.]
Wort-für-Wort: ekoccāreṇa – durch einmaliges Aussprechen; brahma kevalam – Brahman allein; sṛṣṭisthitilaya – Schöpfung, Erhaltung, Auflösung; kartāraḥ – Bewirkende.
6.41 saguṇaṃ nirguṇaṃ sākṣāt nirākāraṃ ca mūrtimat |
vaikharīyaṃ mahāvidyā varṇāśritā suniścalā ||
Übersetzung: [Sie ist] mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften, unmittelbar formlos und gestaltet. Diese Mahavidya als Vaikhari ruht fest in den Lauten.
Wort-für-Wort: saguṇam – mit Eigenschaften; nirguṇam – ohne Eigenschaften; nirākāram – formlos; mūrtimat – gestaltet; vaikharī – artikulierte Sprache; varṇāśritā – auf Laute gestützt.
6.42 yato nirakṣaraṃ vastu atastārā prakīrtitā |
brahmavidyāsvarūpeyaṃ bhogamokṣaphalapradā ||
Übersetzung: Weil die Wirklichkeit jenseits der Buchstaben ist, wird sie Tara genannt. Ihr Wesen ist Brahmavidya; sie schenkt die Früchte von Lebensgenuss und Befreiung.
Wort-für-Wort: nirakṣaram – ohne Buchstaben, unvergänglich; vastu – Wirklichkeit; brahmavidyāsvarūpā – Brahmanwissen als Wesen; bhogamokṣa – Genuss und Befreiung.
6.43 janmakoṭisahasreṇa varṇituṃ naiva śakyate |
pañcavaktreṇa deveśi kiṃ mayā kathyate'dhunā ||
Übersetzung: Selbst in tausendmal zehn Millionen Geburten lässt sie sich nicht beschreiben. Was könnte ich jetzt mit meinen fünf Mündern sagen?
Wort-für-Wort: janmakoṭisahasreṇa – in tausend Crore Geburten; varṇitum – beschreiben; pañcavaktreṇa – mit fünf Mündern; adhunā – jetzt.
6.44 ekākṣarī mahāvidyā triṣu lokeṣu pūjitā |
ekākṣarīvihīno yo mantraṃ gṛhṇāti pārvati ||
Übersetzung: Die einsilbige Mahavidya wird in den drei Welten verehrt. Wer ohne diese Einsilbige ein Mantra empfängt …
Wort-für-Wort: ekākṣarī – einsilbig; triṣu lokeṣu – in drei Welten; vihīnaḥ – ohne; mantraṃ gṛhṇāti – ein Mantra empfängt.
6.45 kalpakoṭisahasreṇa tasya siddhirna jāyate |
sakāro viṣṇurūpaśca takāraśca prajāpatiḥ ||
Übersetzung: … erlangt selbst in tausendmal zehn Millionen Weltaltern keine Vollendung. Sa ist Vishnus Gestalt, ta ist Prajapati …
Wort-für-Wort: kalpakoṭisahasreṇa – in tausend Crore Weltaltern; siddhiḥ – Vollendung; sakāraḥ – sa; takāraḥ – ta; prajāpatiḥ – Schöpferherr.
6.46 rephaḥ saṃhārarūpatvāc chivaḥ sākṣānna saṃśayaḥ |
yā cādyā paramā vidyā sā māyā paramā kalā ||
Übersetzung: … und ra ist aufgrund seiner auflösenden Natur unmittelbar Shiva. Die ursprüngliche höchste Vidya ist Maya, die höchste Kala.
Wort-für-Wort: rephaḥ – r-Laut; saṃhārarūpatvāt – wegen seiner Auflösungsnatur; ādyā – ursprüngliche; paramā kalā – höchste Kraftentfaltung.
6.47 nirākāraṃ paraṃ jyotir binduṃ cāvyayasaṃjñakam |
binduśabdena śūnyaṃ syāt tathā ca guṇasūcakam ||
Übersetzung: Das höchste Licht ist formlos; Bindu wird unvergänglich genannt. Das Wort Bindu bezeichnet Leere und weist zugleich auf Eigenschaften hin.
Wort-für-Wort: nirākāram – formlos; paraṃ jyotiḥ – höchstes Licht; avyaya – unvergänglich; śūnyam – Leere; guṇasūcakam – Eigenschaften anzeigend.
6.48 binducakrāmṛtā devi plavantī cārdhamātrayā |
ardhamātrākṛtirnādo vyāpako viśvapālakaḥ ||
Übersetzung: Die Göttin [ist] Nektar des Bindu-Kreises, strömend in der halben Matra. Nada hat die Gestalt der halben Matra, durchdringt alles und bewahrt die Welt.
Wort-für-Wort: binducakrāmṛtā – Nektar des Bindu-Kreises; plavantī – strömend; ardhamātrā – halbe Lauteinheit; vyāpakaḥ – alldurchdringend; viśvapālakaḥ – Welterhalter.
6.49 yatheyaṃ vaikharī vidyā kūrcavidyā tathaiva ca |
māhātmyaṃ caiva pūjāyāṃ bhedo nāsti sureśvari ||
Übersetzung: Wie diese Vaikhari-Vidya, so ist auch die Kurcha-Vidya; hinsichtlich ihrer Größe und Verehrung besteht kein Unterschied.
Wort-für-Wort: vaikharī vidyā – Vidya der artikulierten Sprache; kūrcavidyā – Kurcha-Vidya; māhātmyam – Größe; bhedaḥ nāsti – kein Unterschied.
6.50 satāraṃ ca tathā binduṃ māyā pañcākṣarī parā |
vibhakte cākṣare caiva kriyate mūrtikalpanā ||
Übersetzung: Mit Tara [Om], Bindu und Maya [ist sie] die höchste fünfsilbige [Vidya]. Durch die Zerlegung in Laute wird die Gestaltbetrachtung gebildet.
Wort-für-Wort: satāram – mit Tara/Om; pañcākṣarī – fünfsilbig; vibhakte akṣare – bei zerlegtem Lautbestand; mūrtikalpanā – Gestaltvorstellung.
6.51 sārdhapañcākṣarī vidyā tāriṇī mūrtimat svayam |
tadrūpaṃ pakṣirūpaṃ hi vāgbhavaśca haripriyām ||
Übersetzung: Die fünfeinhalbsilbige Vidya ist Tarini selbst in Gestalt. Ebenso [sind] die Vogelform, Vagbhava und Haripriya [einzubeziehen; der Anschluss bleibt unklar].
Wort-für-Wort: sārdhapañcākṣarī – fünfeinhalbsilbig; mūrtimat – körperlich gestaltet; pakṣirūpam – Vogelform; haripriyām – Vishnus Geliebte, Lakshmi-Chiffre.
6.52 praṇavaṃ kāmabījaṃ tu gaganaś ca śivaṃ śive |
astrabījaṃ tadeva syād vahnijāyāṃ sureśvari ||
Übersetzung: [Ebenso] Pranava, das Kama-Bija, „Raum“, Shiva, das Waffen-Bija und die Feuerbraut, Herrin der Götter.
Wort-für-Wort: praṇavam – Om; kāmabījam – Wunsch-Bija; gaganam – Raum; astrabījam – Waffen-Bija; vahnijāyām – Feuerbraut, Svaha.
6.53 sambodhanapadenaiva sadā saṃnidhikāriṇī |
pañcākṣareṇa deveśi tāriṇī kāmarūpiṇī ||
Übersetzung: Durch die Anrede wird sie stets gegenwärtig. Durch das Fünfsilbige ist Tarini die nach Wunsch Gestalt Annehmende.
Wort-für-Wort: sambodhanapadena – durch Anrede; saṃnidhikāriṇī – Gegenwart bewirkend; pañcākṣareṇa – durch fünf Silben; kāmarūpiṇī – Wunschgestalt annehmend.
6.54 tathā pañcākṣaraṃ paśya brahmaviṣṇuśivātmakam |
śaktirūpaṃ nirākāraṃ tathā pañcākṣareṇa tu ||
Übersetzung: Betrachte das Fünfsilbige ebenso als Brahma, Vishnu und Shiva, als Shakti-Gestalt und als formlos.
Wort-für-Wort: paśya – betrachte; brahmaviṣṇuśivātmakam – aus Brahma, Vishnu und Shiva bestehend; śaktirūpam – Shakti-Gestalt; nirākāram – formlos.
6.55 yathā pañcākṣarī vidyā tathā vidyā ṣaḍakṣarī |
tathaiva ṣoḍaśī vidyā tathā vidyā ca vyakṣarī ||
Übersetzung: Wie die fünfsilbige Vidya, so sind auch die sechssilbige, die sechzehnsilbige und die [als „vyakṣarī“ überlieferte, wohl zweisilbige] Vidya.
Wort-für-Wort: pañcākṣarī – fünfsilbig; ṣaḍakṣarī – sechssilbig; ṣoḍaśī – sechzehnsilbig; vyakṣarī – unsichere Lesung, vermutlich dvyakṣarī.
6.56 tathaivāṣṭākṣarī vidyā tathā navākṣarī parā |
māhātmyaṃ dhyānapūjāyāṃ bhedo nāsti sureśvari ||
Übersetzung: Ebenso die achtsilbige und die höchste neunsilbige: Hinsichtlich ihrer Größe, Meditation und Verehrung gibt es keinen Unterschied.
Wort-für-Wort: aṣṭākṣarī – achtsilbig; navākṣarī – neunsilbig; dhyānapūjāyām – bei Meditation und Verehrung; bhedaḥ – Unterschied.
6.57 atisnehena deveśi kiṃ mayā na prakāśitam |
prāṇānte'pi paśoragre vaikharīṃ na prakāśayet ||
Übersetzung: Was hätte ich dir aus übergroßer Liebe nicht offenbart? Doch selbst angesichts des Todes soll man Vaikhari nicht vor einem Pashu offenbaren [einem im Sinne dieser Tradition Unvorbereiteten].
Wort-für-Wort: atisnehena – aus großer Liebe; prakāśitam – offenbart; prāṇānte api – selbst am Lebensende; paśoḥ agre – vor einem Pashu; na prakāśayet – nicht offenbaren.
Kapitel 7: Innerer Kosmos, Maße und heilige Stätten
Hier entfaltet sich die heilige Geographie des Körpers. Chakras, göttliche Kräfte und Pilgerstätten werden aufeinander bezogen. Die symbolischen Zahlen und Lebenszeitangaben dienen dieser tantrischen Weltschau; als Orientierung für die Meditation ist vor allem die Gegenwart des Heiligen im eigenen Körper bedeutsam.

toḍalatantra, saptamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
7.1 mahāyogamayī devī khecarī paramā kalā |
yogajñānaṃ vinā siddhir nāsti satyaṃ sureśvara ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Die Göttin ist ganz großer Yoga, Khechari und höchste Kala. Ohne Yoga-Erkenntnis gibt es wahrlich keine Vollendung, Herr der Götter.
Wort-für-Wort: mahāyogamayī – ganz aus großem Yoga bestehend; khecarī – im Raum Wandelnde; paramā kalā – höchste Kraft; yogajñānam vinā – ohne Yoga-Erkenntnis.
7.2 brūhi me devadeveśa kṣudrabrahmāṇḍamadhyataḥ |
kimādhāre sthitā nātha saptadvīpā vasuṃdharā ||
Übersetzung: Sage mir, Gott der Götter: Worauf ruht im kleinen Weltenei die Erde mit ihren sieben Inseln?
Wort-für-Wort: kṣudrabrahmāṇḍa – kleines Weltenei, Mikrokosmos; kimādhāre – auf welcher Grundlage; saptadvīpā – sieben Inseln besitzend; vasuṃdharā – Erde.
7.3 samudrasaptakaṃ nātha kimākāraṃ pratiṣṭhati |
mūlādhāre mahīcakre saṃsthitā mānavādayaḥ ||
Übersetzung: In welcher Gestalt bestehen die sieben Meere? Im Erdkreis des Muladhara befinden sich Menschen und andere Wesen …
Wort-für-Wort: samudrasaptakam – sieben Meere; kimākāram – in welcher Gestalt; mahīcakre – im Erdkreis; mānavādayaḥ – Menschen und Weitere.
7.4 kṣudrarūpā janāḥ sarve kimākāreṇa saṃsthitāḥ |
svakīyāṅgulimānena mārutaṃ kathaya prabho ||
Übersetzung: … in welcher Gestalt bestehen all diese kleinen Menschen? Erkläre auch den Atemwind, gemessen mit der eigenen Fingerbreite, Herr.
Wort-für-Wort: kṣudrarūpāḥ – von kleiner Gestalt; janāḥ – Menschen; svakīyāṅgulimānena – im Maß eigener Fingerbreiten; mārutam – Atemwind.
śrīśiva uvāca
7.5 mūlādhāre sthitā devi saptadvīpā vasuṃdharā |
valayākārarūpeṇa samudrāḥ sapta saṃsthitāḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Im Muladhara befindet sich die Erde mit ihren sieben Inseln; die sieben Meere liegen dort ringförmig.
Wort-für-Wort: mūlādhāre – im Wurzelzentrum; saptadvīpā vasuṃdharā – siebeninselige Erde; valayākāra – ringförmig; sapta – sieben.
7.6 jambudvīpaṃ madhyadeśe tadbāhye lavaṇāmbudhiḥ |
śākadvīpaṃ maheśāni tadbāhye dadhisāgaraḥ ||
Übersetzung: In der Mitte liegt Jambudvipa, außen darum das Salzmeer; [danach] Shakadvipa, außen darum das Meer aus Sauermilch …
Wort-für-Wort: jambudvīpam – Jambu-Insel; madhyadeśe – im Zentrum; lavaṇāmbudhiḥ – Salzmeer; dadhisāgaraḥ – Sauermilchmeer.
7.7 tadbāhye śālmalīdvīpaṃ sāgaro dugdhatadbahiḥ |
tadbāhye pāṭalādvīpaṃ tadbāhye tu jalāntakaḥ ||
Übersetzung: … dann Shalmalidvipa, außen darum das Milchmeer; dann Pataladvipa und außen darum [ein Meer bis zum] Wasserende. [Die Aufzählung ist unvollständig und der Schluss unklar.]
Wort-für-Wort: śālmalīdvīpam – Shalmali-Insel; dugdha – Milch; pāṭalādvīpam – Patala-Insel; jalāntakaḥ – unklare Bezeichnung am Wasserende.
7.8 pṛthivyāṃ vartate devi yadrūpā mānavādayaḥ |
tena rūpeṇa deveśi mūlādhāre tu jantavaḥ ||
Übersetzung: Welche Gestalt Menschen und andere Wesen auf der Erde haben, in eben dieser Gestalt befinden sich die Lebewesen im Muladhara.
Wort-für-Wort: pṛthivyām – auf der Erde; tena rūpeṇa – in dieser Gestalt; jantavaḥ – Lebewesen; mūlādhāre – im Muladhara.
7.9 ṣaṇṇavatyaṅgulaṃ devi mārutaṃ parikīrtitam |
mārtaṇḍasthitimānaṃ tu adhikaṃ parikīrtitam ||
Übersetzung: Das Maß des Atemwinds wird mit 96 Fingerbreiten angegeben. Das Maß des Sonnenstandes wird als darüber hinausgehend bezeichnet.
Wort-für-Wort: ṣaṇṇavati – 96; aṅgulam – Fingerbreite; mārutam – Atemwind; mārtaṇḍasthitimānam – Maß des Sonnenstandes; adhikam – größer.
śrīdevī uvāca
7.10 kiyad bhuvaṃ tu brahmāṇḍaṃ vada bhūtalavāsinaḥ |
aṅgulyekena kiṃ mānaṃ kathayasva dayānidhe ||
Übersetzung: Die Göttin fragt: Wie groß ist das Weltenei für die Erdenbewohner? Welchem Maß entspricht eine Fingerbreite, Schatz des Mitgefühls?
Wort-für-Wort: kiyat – wie viel; brahmāṇḍam – Weltenei; bhūtalavāsinaḥ – Erdenbewohner; aṅgulyekena – mit einer Fingerbreite; mānam – Maß.
śrīśiva uvāca
7.11 aṅgulyekena deveśi sahasrābdaṃ prajāyate |
ṣaṇṇavatisahasrābdaṃ bhaved bhūtalavāsinaḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Eine Fingerbreite entspricht tausend Jahren; für den Erdenbewohner ergeben sich 96.000 Jahre.
Wort-für-Wort: sahasrābdam – tausend Jahre; ṣaṇṇavatisahasrābdam – 96.000 Jahre; prajāyate – ergibt sich; bhūtalavāsin – Erdenbewohner.
7.12 pādāṅguṣṭhādigulphāntaṃ priye randhrasahasrakam |
randhraṃ candrasahasrābdaṃ gulphādijānusaṃdhiṣu ||
Übersetzung: Von der großen Zehe bis zum Knöchel [rechnet der Text] neuntausend; vom Knöchel bis zum Kniegelenk „Öffnung-Mond-Tausendjahre“ [wohl 19.000; die Zahlchiffre ist unsicher].
Wort-für-Wort: pādāṅguṣṭha – große Zehe; gulpha – Knöchel; randhra – Öffnung, Zahlwort neun; candra – Mond, eins; jānusaṃdhi – Kniegelenk.
7.13 jānvādigudaparyantaṃ mānaṃ viṃśasahasrakam |
mūlādhārādiliṅgāntaṃ caturvarṣasahasrakam ||
Übersetzung: Vom Knie bis zum After beträgt das Maß 20.000; vom Muladhara bis zum Geschlechtsorgan viertausend Jahre.
Wort-für-Wort: jānu – Knie; guda – After; viṃśasahasrakam – 20.000; liṅga – hier Penis; caturvarṣasahasrakam – viertausend Jahre.
7.14 liṅgādinābhiparyantaṃ bhavedṛṣisahasrakam |
nābhyādihṛdayāntaṃ ca grahasaṃkhyasahasrakam ||
Übersetzung: Vom Geschlechtsorgan bis zum Nabel sind es siebentausend, vom Nabel bis zum Herzen neuntausend.
Wort-für-Wort: nābhi – Nabel; ṛṣisahasrakam – Rishi-Zahl mal tausend, 7.000; hṛdaya – Herz; grahasaṃkhyasahasrakam – Planetenzahl mal tausend, 9.000.
7.15 hṛdādikaṇṭhaparyantam ṛṣisaṃkhyasahasrakam |
viśuddhādikamājñāntaṃ mānaṃ rudrasahasrakam ||
Übersetzung: Vom Herzen bis zur Kehle sind es siebentausend; von Vishuddha bis Ajna beträgt das Maß elftausend.
Wort-für-Wort: kaṇṭha – Kehle; ṛṣi – sieben als Zahlchiffre; rudrasahasrakam – Rudra-Zahl mal tausend, 11.000; mānam – Maß.
7.16 ājñācakrācchivāntaṃ vai diksahasraṃ sureśvari |
sūryasaṃkhyāsahasraṃ tu samīraścādhikaḥ smṛtaḥ ||
Übersetzung: Vom Ajna-Chakra bis zu Shiva sind es zehntausend. Darüber hinaus wird für den Atemwind die Sonnenzahl mal tausend, also zwölftausend, angegeben.
Wort-für-Wort: śivāntam – bis zu Shiva; diksahasram – Richtungszahl mal tausend, 10.000; sūryasaṃkhyā – Sonnenzahl, zwölf; adhikaḥ – zusätzlich.
7.17 śarīrasahakāreṇa hāso vṛddhiśca jāyate |
ṣaḍguṇo ratikāle ca triguṇo bhojanādbahiḥ ||
Übersetzung: Mit der Tätigkeit des Körpers entstehen Abnahme und Zunahme: beim Liebesakt das Sechsfache, „außerhalb/nach dem Essen“ das Dreifache [die letzte Wendung ist mehrdeutig].
Wort-für-Wort: hāsaḥ – Abnahme; vṛddhiḥ – Zunahme; ṣaḍguṇaḥ – sechsfach; ratikāle – beim Liebesakt; bhojanād bahiḥ – außerhalb/nach dem Essen.
7.18 dhamane cāṣṭadhā proktaḥ samīro vṛddhitāṃ gataḥ |
sadguror upadeśena mantramārgeṇa pārvati ||
Übersetzung: Beim Blasen nimmt der Atemwind, auf das Achtfache zu. Durch die Unterweisung eines wahren Gurus auf dem Mantra-Weg, Parvati …
Wort-für-Wort: dhamane – beim Blasen; aṣṭadhā – achtfach; sadguroḥ upadeśena – durch Unterweisung des wahren Lehrers; mantramārgeṇa – auf dem Mantra-Weg.
7.19 yadi caikāṅgulaṃ hrasvaṃ sahasrābdaṃ sa jīvati |
evaṃ krameṇa deveśi samatā yadi vā bhavet ||
Übersetzung: … lebt man, wenn [der Atem] nur um eine Fingerbreite verkürzt wird, tausend Jahre. Wenn auf diese Weise schrittweise Gleichmaß erreicht wird …
Wort-für-Wort: ekāṅgulam – eine Fingerbreite; hrasvam – verkürzt; sahasrābdam – tausend Jahre; samatā – Gleichmaß.
7.20 jitvā mṛtyuṃ maheśāni śambhuvad viharet kṣitau |
ata eva maheśāni yonimudrā mayoditā ||
Übersetzung: … überwindet man den Tod und wandelt wie Shambhu auf Erden. Deshalb habe ich die Yoni-Mudra gelehrt.
Wort-für-Wort: jitvā mṛtyum – den Tod überwunden habend; śambhuvat – wie Shambhu; viharet – umherwandeln; mayoditā – von mir gelehrt.
7.21 prāṇāyāmena deveśi tathaiva yonimudrayā |
tathaivābhyāsayogena yadi vāyuḥ samo bhavet ||
Übersetzung: Wenn durch Pranayama, durch Yoni-Mudra und durch beständigen Übungs-Yoga der Atemwind ausgeglichen wird …
Wort-für-Wort: prāṇāyāmena – durch Atemlenkung; abhyāsayogena – durch Übungs-Yoga; vāyuḥ – Atemwind; samaḥ – ausgeglichen.
7.22 jitvā mṛtyuṃ maheśāni khecaro jāyate'cirāt |
pramāṇaṃ kathitaṃ sarvaṃ manuṣyasya priyaṃvade ||
Übersetzung: … wird man nach Überwindung des Todes bald zum Khechara, zum Wanderer im Raum. Damit ist das ganze Maß des Menschen erklärt, du freundlich Sprechende.
Wort-für-Wort: khecaraḥ – im Raum Wandelnder; acirāt – bald; pramāṇam – Maß; manuṣyasya – des Menschen; priyaṃvade – du freundlich Sprechende.
7.23 śvāsocchvāsavikāsena kuṇḍalī gaganaṃ caret |
śrīdevī uvāca
idānīṃ pṛthivīmānaṃ vada me parameśvara ||
Übersetzung: Durch die Entfaltung des Ein- und Ausatmens bewegt sich Kundali im Raum. Die Göttin spricht: Erkläre mir nun das Maß der Erde, höchster Herr.
Wort-für-Wort: śvāsocchvāsavikāsena – durch Entfaltung des Ein- und Ausatmens; gaganam – Raum; pṛthivīmānam – Erdmaß; vada – erkläre.
7.24 saptasvargasthito yo yo yā yā śaktiḥ sthitā sadā |
tatsarvaṃ śrotumicchāmi yadi sneho'sti māṃ prati ||
Übersetzung: Welche [Götter] und welche Shaktis jeweils in den sieben Himmeln wohnen: All das möchte ich hören, wenn du mich liebst.
Wort-für-Wort: saptasvargasthitaḥ – in sieben Himmeln befindlich; yā yā śaktiḥ – jede jeweilige Shakti; sarvam – alles; snehaḥ – Liebe.
śrīśiva uvāca
7.25 mūlādhāre mahīcakre saṃsthitā mānavādayaḥ |
teṣāṃ mānena deveśi cārdhaṃ caiva dvisaptatiḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Die Menschen und anderen Wesen befinden sich im Erdkreis des Muladhara; nach ihrem Maß [beträgt es] zweiundsiebzig und eine Hälfte [eine Einheit wird nicht genannt].
Wort-für-Wort: mahīcakre – im Erdkreis; teṣāṃ mānena – nach ihrem Maß; dvisaptatiḥ – zweiundsiebzig; ardham – eine Hälfte.
7.26 dviguṇaḥ parameśāni tadbāhye lavaṇāmbudhiḥ |
evaṃ krameṇa deveśi dviguṇaṃ parikīrtitam ||
Übersetzung: Das außen herumliegende Salzmeer ist doppelt so groß. So wird das Maß der Reihe nach als jeweils doppelt beschrieben.
Wort-für-Wort: dviguṇaḥ – doppelt; tadbāhye – außerhalb davon; lavaṇāmbudhiḥ – Salzmeer; krameṇa – der Reihe nach.
7.27 ḍākinīsahito brahmā mūlādhāre tu sundari |
rākiṇīsahito viṣṇuḥ svādhiṣṭhāne vyavasthitaḥ ||
Übersetzung: Im Muladhara ist Brahma mit Dakini; im Svadhishthana befindet sich Vishnu mit Rakini.
Wort-für-Wort: ḍākinīsahitaḥ – mit Dakini verbunden; brahmā – Brahma; rākiṇīsahitaḥ – mit Rakini verbunden; vyavasthitaḥ – befindlich.
7.28 lākinīsahito rudro maṇipūre sureśvari |
anāhate mahāpadme kākinīsahito haraḥ ||
Übersetzung: Im Manipura ist Rudra mit Lakini; im großen Anahata-Lotus Hara mit Kakini.
Wort-für-Wort: lākinīsahitaḥ – mit Lakini verbunden; rudraḥ – Rudra; anāhate mahāpadme – im großen Anahata-Lotus; haraḥ – Hara.
7.29 viśuddhākhye vasennityā sākinī ca sadāśivaḥ |
hākinī paraśivo devaś cājñācakre sureśvari ||
Übersetzung: Im Vishuddha wohnen die ewige Sakini und Sadashiva; im Ajna-Chakra Hakini und der Gott Parashiva.
Wort-für-Wort: viśuddhākhye – im Vishuddha genannten; nityā – ewige; sākinī – Sakini, so überliefert; paraśivaḥ – höchster Shiva.
7.30 sahasrāre mahāpadme viśvarūpaḥ paraḥ śivaḥ |
mahākuṇḍalinī tatra sthitā nityā sureśvari ||
Übersetzung: Im großen tausendblättrigen Lotus ist der höchste Shiva, dessen Gestalt das All ist; dort wohnt die ewige Mahakundalini.
Wort-für-Wort: viśvarūpaḥ – allgestaltig; paraḥ śivaḥ – höchster Shiva; mahākuṇḍalinī – große Kundalini; nityā – ewig.
śrīdevī uvāca
7.31 kutra mūle mahāpīṭhe vartate parameśvara |
mūlādhārādadhobhāge pātālaṃ kīdṛśaṃ prabho ||
Übersetzung: Die Göttin fragt: Wo an der Wurzel befindet sich der große heilige Sitz, höchster Herr? Wie ist die Unterwelt unterhalb des Muladhara beschaffen?
Wort-für-Wort: mūle – an der Wurzel; mahāpīṭhe – am großen heiligen Sitz; adhobhāge – unterhalb; pātālam – Unterwelt; kīdṛśam – wie beschaffen.
śrīśiva uvāca
7.32 mūlādhāre kāmarūpaṃ hṛdi jālaṃdharaṃ priye |
pūrṇagirim adhobhāge uḍḍīyānaṃ tadūrdhvake ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Im Muladhara ist Kamarupa, im Herzen Jalandhara; Purnagiri liegt darunter und Uddiyana darüber [die letzten beiden Bezugspunkte bleiben offen].
Wort-für-Wort: kāmarūpam – Kamarupa; hṛdi – im Herzen; jālaṃdharam – Jalandhara; adhobhāge – unterhalb; ūrdhvake – oberhalb.
7.33 vārāṇasī bhruvormadhye jvalantī locanatraye |
māyāvatī mukhavṛtte kaṇṭhe cāṣṭapurī tathā ||
Übersetzung: Varanasi liegt zwischen den Brauen, Jvalanti in den drei Augen; Mayavati im Gesichtskreis und Ashtapuri in der Kehle.
Wort-für-Wort: bhruvor madhye – zwischen beiden Brauen; locanatraye – in drei Augen; mukhavṛtte – im Gesichtskreis; kaṇṭhe – in der Kehle.
7.34 nābhimūle maheśāni ayodhyāpurī saṃsthitā |
kāñcīpīṭhaṃ kaṭīdeśe śrīhṛṭṭaṃ pṛṣṭhadeśake ||
Übersetzung: Am Nabelgrund liegt Ayodhya, in der Hüftregion der Kanchi-Sitz und am Rücken Shrihritta [wohl eine Variante von Shrihatta].
Wort-für-Wort: nābhimūle – am Nabelgrund; kaṭīdeśe – in der Hüftgegend; pṛṣṭhadeśake – am Rücken; śrīhṛṭṭam – überlieferter Ortsname.
7.35 mūlādhārāt śataṃ caiva atalaṃ parikīrtitam |
sutalaṃ ca varṣaśataṃ talātalaśataṃ priye ||
Übersetzung: Von Muladhara aus wird Atala mit hundert angegeben, Sutala ebenfalls mit hundert Jahren und Talatala mit hundert, Geliebte.
Wort-für-Wort: śatam – hundert; atalam – Atala; varṣaśatam – hundert Jahre; talātala – Talatala.
7.36 ṛṣibāṇenduvarṣāntaṃ saṃsthitaṃ ca mahātalam |
śatadvayāntaṃ pātālaṃ dviśataṃ vai rasātalam ||
Übersetzung: Mahatala reicht bis zur Jahreszahl „Seher-Pfeil-Mond“ [bei rückläufiger Zahlwortlesung 157]; Patala bis zweihundert und Rasatala ebenfalls zweihundert.
Wort-für-Wort: ṛṣi – sieben; bāṇa – fünf; indu – eins; śatadvayam – zweihundert; rasātalam – Rasatala.
7.37 mūlādhārācca deveśi dve'ṅgulī cāntike sthite |
tayormadhye ca pātālās tiṣṭhanti parameśvari ||
Übersetzung: Nahe dem Muladhara befinden sich zwei Fingerbreiten; in ihrem Zwischenraum liegen die Unterwelten, höchste Göttin.
Wort-für-Wort: dve aṅgulī – zwei Fingerbreiten; antike – nahe; tayor madhye – zwischen beiden; pātālāḥ – Unterwelten.
7.38 iti te kathitaṃ kānte yogasāraṃ samāsataḥ |
na vaktavyaṃ paśor agre prāṇānte'pi kadācana ||
Übersetzung: So habe ich dir kurz die Essenz des Yoga mitgeteilt, Geliebte. Selbst am Lebensende soll sie niemals vor einem Pashu ausgesprochen werden.
Wort-für-Wort: yogasāram – Yoga-Essenz; samāsataḥ – kurz; na vaktavyam – nicht auszusprechen; paśoḥ agre – vor einem Pashu; prāṇānte – am Lebensende.
Kapitel 8: Nadis, Bindu und Kundalini
Der kleinste Punkt enthält die Weite der Welt. Dieses Bild des Bindu verbindet das Kapitel mit den Nadis, dem Wurzellotus und Kundalini. Besonders 8.11–12 laden dazu ein, über das Verhältnis von messbarer Größe und göttlicher Unermesslichkeit nachzusinnen.
toḍalatantra, aṣṭamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
8.1 sārdhatrikoṭināḍīnām ālayaṃ ca kalevaram |
krameṇa śrotum icchāmi tad vadasva mayi prabho ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Der Körper ist die Wohnstätte von 35 Millionen Nadis. Ich möchte von ihnen der Reihe nach hören; erkläre es mir, Herr.
Wort-für-Wort: sārdhatrikoṭi – dreieinhalb Crore, 35 Millionen; nāḍīnām ālayam – Wohnstätte der Nadis; kalevaram – Körper; krameṇa – der Reihe nach.
śrīśiva uvāca
8.2 lomni kūpe sapādārdhakoṭayaścaiva sundari |
hastāsye ca tadā pāde 'gnilakṣanāḍayaḥ sthitāḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: An Haaren und Poren [befinden sich] „eine halbe Crore mit einem Viertel“ [naheliegend 7,5 Millionen, doch mehrdeutig]; an Hand, Mund und Fuß dreihunderttausend Nadis.
Wort-für-Wort: lomni kūpe – an Haar und Pore; sapādārdhakoṭayaḥ – halbe Crore mit einem Viertel; hastāsye – an Hand und Mund; agnilakṣa – Feuerzahl mal 100.000, 300.000.
8.3 udare ca tathā pāyau pañcalakṣāḥ prakīrtitāḥ |
hṛdādisarvagātreṣu navalakṣāḥ prakīrtitāḥ ||
Übersetzung: Am Bauch und After werden fünfhunderttausend angegeben; am Herzen und sämtlichen übrigen Körpergliedern neunhunderttausend.
Wort-für-Wort: udare – am Bauch; pāyau – am After; pañcalakṣāḥ – 500.000; navalakṣāḥ – 900.000; sarvagātreṣu – an allen Gliedern.
8.4 atha pārśve tathā carme tathaiva sarvasaṃdhiṣu |
rudrānnyūnaṃ sthitaṃ lakṣaṃ śarīre nāḍayaḥ priye ||
Übersetzung: An Flanken, Haut und allen Gelenken befinden sich Nadis in einer Zahl von „weniger als elf Lakhs“ [die genaue Zahl bleibt unbestimmt].
Wort-für-Wort: pārśve – an der Flanke; carme – an der Haut; saṃdhiṣu – an den Gelenken; rudrān nyūnam – weniger als elf; lakṣam – hunderttausend.
8.5 iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā citriṇī tathā |
brahmanāḍī ca tanmadhye pañcanāḍyaḥ prakīrtitāḥ ||
Übersetzung: Ida, Pingala, Sushumna, Chitrini und die Brahmanadi in ihrer Mitte werden als fünf Nadis genannt.
Wort-für-Wort: iḍā – Ida; piṅgalā – Pingala; citriṇī – Chitrini; brahmanāḍī – Brahma-Kanal; pañcanāḍyaḥ – fünf Nadis.
8.6 kuhūś ca śaṅkhinī caiva gāndhārī hastijihvikā |
nardinī ca tathā nidrā rudrasaṃkhyā vyavasthitā ||
Übersetzung: Hinzu kommen Kuhu, Shankhini, Gandhari, Hastijihvika, Nardini und Nidra; so ergibt sich die Zahl der elf Rudras.
Wort-für-Wort: kuhūḥ – Kuhu; śaṅkhinī – Shankhini; nardinī – Nardini, so überliefert; nidrā – Nidra; rudrasaṃkhyā – elf.
8.7 etā nāḍyaḥ pareśāni suṣumnāyāḥ prajāyate |
śrīdevī uvāca
vedākṣivasurandhrāstu bāṇasaṃkhyajalāntakāḥ |
kimādhāre padmamadhye saṃsthitāḥ parameśvara ||
Übersetzung: Diese Nadis entstehen aus Sushumna. Die Göttin fragt: Worauf ruhen inmitten der Lotusse „Veda-Auge-Vasu-Öffnung“ und „Pfeilzahl-Wasserende“? [Die Zahl- und Lautchiffren dieses Verses sind nicht sicher auflösbar.]
Wort-für-Wort: suṣumnāyāḥ – aus Sushumna; prajāyate – entsteht, hier trotz Mehrzahl; veda – vier; akṣi – zwei; vasu – acht; randhra – neun; bāṇa – fünf.
śrīśiva uvāca
8.8 yogapadmasya māhātmyaṃ mayā vaktuṃ na śakyate |
mūlādhāre padmamadhye laṃbījaṃ cātiśobhanam ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Die Größe des Yoga-Lotus kann ich nicht aussprechen. Inmitten des Lotus im Muladhara ist das strahlend schöne Bija laṃ.
Wort-für-Wort: yogapadmasya māhātmyam – Größe des Yoga-Lotus; vaktum na śakyate – nicht aussprechbar; laṃbījam – Bija laṃ; atiśobhanam – überaus schön.
8.9 laṃbījasya bindumadhye pṛthvīcakraṃ manoharam |
valayākārarūpeṇa samudrāḥ saptakāḥ sthitāḥ ||
Übersetzung: Im Bindu des Bija laṃ liegt der herrliche Erdkreis; ringförmig befinden sich dort die sieben Meere.
Wort-für-Wort: bindumadhye – im Punkt; pṛthvīcakram – Erdkreis; valayākārarūpeṇa – in Ringgestalt; samudrāḥ saptakāḥ – sieben Meere.
śrīdevī uvāca
8.10 bindumānaṃ mahādeva kathayasva mayi prabho |
krameṇa yogapadmasya pramāṇaṃ vada śaṃkara ||
Übersetzung: Die Göttin fragt: Erkläre mir das Maß des Bindu, großer Gott; beschreibe der Reihe nach das Maß des Yoga-Lotus, Shankara.
Wort-für-Wort: bindumānam – Maß des Bindu; krameṇa – der Reihe nach; yogapadmasya – des Yoga-Lotus; pramāṇam – Ausmaß.
śrīśiva uvāca
8.11 paramāṇutribhāgaikabhāgaṃ binduṃ suvistaram |
tanmadhye sāgarāḥ sarve saptadvīpā vasuṃdharā ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Der Bindu hat die Ausdehnung eines Drittels eines kleinsten Teilchens; in ihm liegen alle Meere und die Erde mit ihren sieben Inseln.
Wort-für-Wort: paramāṇu – kleinstes Teilchen; tribhāgaikabhāgam – ein Drittel; tanmadhye – darin; sāgarāḥ – Meere; vasuṃdharā – Erde.
8.12 avyayaṃ paramaṃ sūkṣmaṃ bindurūpaṃ paraṃ śivam |
pramāṇaṃ cāsya devasya kiṃ vaktuṃ śakyate mayā ||
Übersetzung: [Er ist] unvergänglich, höchst fein, Bindu-Gestalt und höchster Shiva. Wie könnte ich das Maß dieses Gottes aussprechen?
Wort-für-Wort: avyayam – unvergänglich; paramaṃ sūkṣmam – höchst fein; bindurūpam – punktförmig; paraṃ śivam – höchster Shiva; pramāṇam – Maß.
8.13 brahmalokaṃ pareśāni nādopari vicintayet |
ḍākinīsahito brahmā tathaiva nivaset sadā ||
Übersetzung: Über Nada betrachte man Brahmaloka; dort wohnt Brahma stets zusammen mit Dakini.
Wort-für-Wort: brahmalokam – Brahmas Welt; nādopari – über Nada; vicintayet – innerlich betrachten; ḍākinīsahitaḥ – mit Dakini verbunden.
8.14 lakāraṃ pārthivaṃ bījaṃ śaktirūpaṃ sureśvari |
pṛthvīcakrasya madhye tu svayambhūliṅgam adbhutam ||
Übersetzung: La ist das Erd-Bija in Shakti-Gestalt. Inmitten des Erdkreises steht das wunderbare, aus sich selbst entstandene Linga.
Wort-für-Wort: lakāram – Laut la; pārthivam bījam – Erd-Bija; śaktirūpam – Shakti-Gestalt; svayambhūliṅgam – selbstentstandenes Linga.
8.15 sārdhatrivalayākārakuṇḍalyā veṣṭitaṃ sadā |
liṅgacchidraṃ svavaktreṇa kuṇḍalyācchādya saṃsthitā ||
Übersetzung: Es ist stets von Kundali in dreieinhalb Windungen umgeben; sie bedeckt mit ihrem eigenen Mund die Öffnung des Lingas.
Wort-für-Wort: sārdhatrivalaya – dreieinhalb Windungen; veṣṭitam – umwunden; liṅgacchidram – Linga-Öffnung; svavaktreṇa – mit dem eigenen Mund; ācchādya – bedeckt.
8.16 tenaiva vartate vāyur iḍāpiṅgalayoḥ sadā |
sahasrāradarśanāya sadā jāgratsvarūpiṇī ||
Übersetzung: Dadurch bewegt sich der Atemwind beständig in Ida und Pingala. Sie ist immer wach, um das Sahasrara zu schauen.
Wort-für-Wort: vāyuḥ – Atemwind; iḍāpiṅgalayoḥ – in Ida und Pingala; sahasrāradarśanāya – zum Schauen des Sahasrara; jāgratsvarūpiṇī – ihrem Wesen nach wach.
8.17 yadaiva brahmamārgeṇa sahasrāre samutthitā |
tadaiva parameśāni śvāsocchvāsavikāśanam ||
Übersetzung: Sobald sie auf dem Brahma-Weg zum Sahasrara aufsteigt, [geschieht] die Entfaltung von Ein- und Ausatmung, höchste Göttin.
Wort-für-Wort: brahmamārgeṇa – auf dem Brahma-Weg; samutthitā – aufgestiegen; tadaiva – genau dann; śvāsocchvāsavikāśanam – Entfaltung des Atems.
8.18 kesarasya tu madhye ca catuḥpattre sureśvari |
anantarūpiṇī durgā śambhuś cānantarūpadhṛk ||
Übersetzung: Im Innern der Staubfäden des vierblättrigen [Lotus befinden sich] Durga in unendlicher Gestalt und Shambhu, der ebenfalls unendliche Gestalt trägt.
Wort-für-Wort: kesarasya madhye – inmitten der Staubfäden; catuḥpattre – im Vierblättrigen; anantarūpiṇī – unendlich gestaltet; śambhuḥ – Shambhu.
8.19 nānāsukhavilāsena sadā kāmena vartate |
śrīdevī uvāca
liṅgacchidraṃ samākṛṣya saṃsthitā kuṇḍalī katham ||
Übersetzung: [Sie verweilen] stets in Liebe und im Spiel vielfältiger Freuden. Die Göttin fragt: Wie befindet sich Kundali dort, indem sie die Linga-Öffnung zusammenzieht?
Wort-für-Wort: nānāsukhavilāsena – im Spiel verschiedener Freuden; kāmena – durch Liebe, Begehren; samākṛṣya – zusammengezogen habend; katham – wie.
8.20 kathayasva sadānanda sarvajñastvaṃ sureśvara |
śrīśiva uvāca
liṅgamadhye mahattejo vahnirūpaṃ ca sundari ||
Übersetzung: Erkläre es mir, immerwährende Freude, denn du bist allwissend. Shiva antwortet: Im Linga liegt eine große feuerartige Leuchtkraft, Schöne …
Wort-für-Wort: sadānanda – immerwährende Freude; sarvajñaḥ – allwissend; liṅgamadhye – im Linga; mahattejaḥ – große Leuchtkraft; vahnirūpam – feuerförmig.
8.21 yat kiṃcid vāyuyogena brahmāṇḍo dahyate yataḥ |
ataḥ sā kuṇḍalī devī mukhenācchādya saṃsthitā ||
Übersetzung: … durch die das Weltenei schon bei geringer Verbindung mit Wind verbrennt. Deshalb bedeckt die Göttin Kundali [die Öffnung] mit ihrem Mund.
Wort-für-Wort: vāyuyogena – durch Verbindung mit Wind; brahmāṇḍaḥ – Weltenei; dahyate – wird verbrannt; mukhena – mit dem Mund; ācchādya – bedeckt.
8.22 tenaiva pārthive liṅge binduśaktiṃ niyojayet |
binduśaktiṃ samutthāpya liṅgapūjā prakīrtitā ||
Übersetzung: Deshalb soll man im tönernen Linga die Bindu-Shakti einsetzen. Nach dem Erwecken der Bindu-Shakti wird dies Linga-Verehrung genannt.
Wort-für-Wort: pārthive liṅge – im tönernen Linga; binduśaktim – Bindu-Kraft; niyojayet – einsetzen; samutthāpya – erweckt habend; liṅgapūjā – Linga-Verehrung.
Kapitel 9: Innere Lautgirlande und Lebensbewahrung
Die äußere Gebetskette wird zum Bild einer inneren Girlande aus Lauten. Darin liegt ein zentraler Gedanke dieses Kapitels: Der ganze innere Mensch wird in den Japa einbezogen. Die speziellen Atemriten und Verheißungen körperlicher Unsterblichkeit werden im Zusammenhang ihrer Überlieferung wiedergegeben.

toḍalatantra, navamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
9.1 tripurāyā mahāmantraṃ nityātantre śrutaṃ mayā |
idānīṃ śrotum icchāmi navārṇasya ca vāsanām ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Tripuras großes Mantra habe ich im Nityatantra gehört. Nun möchte ich den inneren Sinn des Neunsilbigen hören.
Wort-für-Wort: tripurāyāḥ – der Tripura; nityātantre – im Nityatantra; navārṇasya – des Neunsilbigen; vāsanām – inneren Sinn.
śrīśiva uvāca
9.2 bhūmiś candraḥ śivo māyā śaktiḥ kṛśānusādanau |
ardhacandraśca binduśca navārṇo merurucyate ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Erde, Mond, Shiva, Maya, Shakti, „Feuer und Sitz“, Halbmond und Bindu: Das Neunsilbige wird Meru genannt. [Die Lautchiffren ergeben hier keine zweifelsfrei rekonstruierbare Formel.]
Wort-für-Wort: bhūmiḥ – Erde; candraḥ – Mond; kṛśānusādanau – Feuer und Sitz, mehrdeutige Chiffre; ardhacandraḥ – Halbmond; binduḥ – Punkt; meruḥ – Meru.
9.3 bhūmibījajapādeva bhūpatir jāyate 'cirāt |
candrabījajapādeva mahāsaundaryamāpnuyāt ||
Übersetzung: Durch Wiederholung des Erd-Bijas wird man bald Herrscher der Erde; durch Wiederholung des Mond-Bijas erlangt man große Schönheit.
Wort-für-Wort: bhūmibījajapāt – durch Erd-Bija-Japa; bhūpatiḥ – Erdherrscher; candrabīja – Mond-Bija; mahāsaundaryam – große Schönheit.
9.4 śivabījajapād eva śivavadviharet kṣitau |
ekatroccāraṇāt satyaṃ caturvargaphalapradam ||
Übersetzung: Durch Shiva-Bija-Japa wandelt man wie Shiva auf Erden. Gemeinsam ausgesprochen schenkt [die Formel] wahrlich die Frucht der vier Lebensziele.
Wort-für-Wort: śivabījajapāt – durch Shiva-Bija-Japa; śivavat – wie Shiva; ekatroccāraṇāt – durch gemeinsames Aussprechen; caturvargaphalam – Frucht der vier Lebensziele.
śrīdevī uvāca
9.5 yattvayā kathitaṃ nātha yogajñānādikaṃ layam |
yāvat kāmādi saṃdīpyo bhāvayogo na labhyate ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Du hast von Yoga-Erkenntnis und Auflösung gesprochen. Solange Begehren und dergleichen noch aufflammen, wird Bhava-Yoga nicht erlangt [der Wortlaut ist grammatisch unsicher].
Wort-für-Wort: yogajñāna – Yoga-Erkenntnis; layam – Auflösung; kāmādi – Begehren und Weiteres; bhāvayogaḥ – Yoga der inneren Vergegenwärtigung; na labhyate – wird nicht erlangt.
9.6 ūrdhvaretā mahāyogī tadadhaḥ śaktiyogataḥ |
brūhi me jagatāṃnātha kathaṃ dīrghāyuṣaṃ bhavet ||
Übersetzung: Der große Yogi lässt den Samen aufwärts gehen; durch Verbindung mit Shakti [geht er] abwärts. Sage mir, Herr der Welten, wie langes Leben möglich wird.
Wort-für-Wort: ūrdhvaretāḥ – mit aufwärts gerichtetem Samen; tadadhaḥ – dieser abwärts; śaktiyogataḥ – durch Verbindung mit Shakti; dīrghāyuṣam – langes Leben.
śrīśiva uvāca
9.7 śṛṇu devi pravakṣyāmi yena dīrghāyuṣaṃ bhavet |
śrutvā gopaya yatnena na prakāśyaṃ kadācana ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Höre, Göttin, ich erkläre, wodurch langes Leben entstehen soll. Bewahre es nach dem Hören sorgfältig geheim und offenbare es niemals.
Wort-für-Wort: dīrghāyuṣam – langes Leben; śrutvā – gehört habend; gopaya – bewahre geheim; na prakāśyam – nicht zu offenbaren.
9.8 pūjayet kālikāṃ devīṃ tāriṇīṃ vātha sundarīm |
ṣoḍaśenopacāreṇa pañcatattvena pārvati ||
Übersetzung: Man verehre Kalika, Tarini oder Sundari mit sechzehn Verehrungsgaben und den fünf Tattvas, Parvati.
Wort-für-Wort: ṣoḍaśena upacāreṇa – mit sechzehn Verehrungsgaben; pañcatattvena – mit den fünf Ritualelementen; pūjayet – verehren; sundarīm – Sundari.
9.9 dinatrayaṃ pūjayitvā ṣaṭcakraṃ cintayedatha |
tatastu parameśāni mālāmantraṃ samabhyaset ||
Übersetzung: Nach drei Tagen der Verehrung betrachte man die sechs Chakras und übe danach das Mala-Mantra.
Wort-für-Wort: dinatrayam – drei Tage; ṣaṭcakram – sechs Chakras; cintayet – innerlich betrachten; mālāmantram – Girlanden-Mantra; samabhyaset – einüben.
9.10 ṣoḍaśī vā mahāpūrvā pattre cābhyāsamācaret |
catuṣpattre cāṣṭavāraṃ ṣaṭpattre dvādaśaṃ japet ||
Übersetzung: Auf den Blättern übe man Shodashi oder [die Formel] mit „Maha“ am Anfang; im vierblättrigen Lotus achtmal, im sechsblättrigen zwölfmal.
Wort-für-Wort: ṣoḍaśī – sechzehnsilbige Vidya; mahāpūrvā – mit Maha beginnend; pattre – auf dem Blatt; aṣṭavāram – achtmal; dvādaśam – zwölfmal.
9.11 daśapattre viṃśatiṃ ca dvādaśe vedanetrakam |
ṣoḍaśe daśasaṃkhyaṃ tu caturvāraṃ śruvo'ṣṭakam ||
Übersetzung: Im zehnblättrigen [Lotus] zwanzigmal, im zwölfblättrigen vierundzwanzigmal; beim sechzehnblättrigen steht „zehn“, danach „viermal“ und „acht der Brauen“ [der Schluss ist unklar und ergibt keine verlässliche Übungszahl].
Wort-für-Wort: daśapattre – im Zehnblättrigen; viṃśatim – zwanzig; vedanetrakam – Veda-Augen-Zahl, 24; daśasaṃkhyam – zehn; śruvo’ṣṭakam – unklare Lesung.
9.12 kumbhakena japenmantraṃ mālāṣaṭke sureśvari |
evaṃ krameṇa deveśi sthiramāyuryadā bhavet ||
Übersetzung: Mit Atemanhalten wiederhole man das Mantra an den sechs Girlanden. Wenn auf diese Weise schrittweise die Lebensdauer gefestigt wird …
Wort-für-Wort: kumbhakena – mit Atemanhalten; mālāṣaṭke – an sechs Girlanden; krameṇa – schrittweise; sthiram āyuḥ – gefestigte Lebensdauer.
9.13 prajapedakṣamālāyāṃ yena mṛtyuṃjayo bhavet |
śrīdevī uvāca
mūlacakrācchiro'ntā ca suṣumnā parikīrtitā |
tadgarbhasthā ca yā śaktiḥ sā devī kuṇḍarūpikā ||
Übersetzung: … wiederhole man es an der Lautgirlande, wodurch der Tod überwunden werden soll. Die Göttin spricht: Sushumna reicht vom Wurzelchakra bis zum Kopf; die Kraft in ihrem Innern ist die Göttin in gewundener Gestalt.
Wort-für-Wort: akṣamālāyām – an der Laut- oder Gebetsgirlande; mṛtyuṃjayaḥ – Todüberwinder; mūlacakrāt – vom Wurzelchakra; tadgarbhasthā – in ihrem Innern; kuṇḍarūpikā – gewunden gestaltet.
9.14 sadā kuṇḍalinī devī pañcāśadvarṇabhūṣitā |
mālārūpā kathaṃ deva iti me saṃśayo hṛdi ||
Übersetzung: Die Göttin fragt: Kundalini ist stets mit fünfzig Lauten geschmückt. Wie aber wird sie zur Mala, Gott? Darüber besteht in meinem Herzen ein Zweifel.
Wort-für-Wort: pañcāśadvarṇabhūṣitā – mit fünfzig Lauten geschmückt; mālārūpā – girlandenförmig; saṃśayaḥ – Zweifel; hṛdi – im Herzen.
śrīśiva uvāca
9.15 sahasrāre mahāpadme bījakośe śivālaye |
haṃsena vāyuyogena pūrakeṇa samānayet ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Mit Hamsa, Atemverbindung und Einatmung führe man sie in das Samenbehältnis des großen tausendblättrigen Lotus, in Shivas Wohnstätte.
Wort-für-Wort: bījakośe – im Samenbehältnis; śivālaye – in Shivas Wohnstätte; haṃsena – mit Hamsa; pūrakeṇa – mittels Einatmung; samānayet – hinführen.
9.16 sahasrāraṃ tu samprāpya śivaṃ dṛṣṭvā tu kāminī |
mālākāreṇa talliṅgaṃ saṃveṣṭya kuṇḍalī sadā ||
Übersetzung: Im Sahasrara angekommen und Shiva erblickend, umschlingt die liebende Kundali dessen Linga beständig in Gestalt einer Girlande.
Wort-für-Wort: samprāpya – erreicht habend; kāminī – die Liebende; mālākāreṇa – girlandenförmig; saṃveṣṭya – umschlungen habend; talliṅgam – dessen Linga.
9.17 akārādilakārāntā kṣakāraṃ vaktrasaṃyutam |
caramārṇaṃ sarandhraṃ ca nijapucchena kāminī ||
Übersetzung: Von a bis la [reicht die Lautreihe], kṣa ist mit ihrem Mund verbunden. Die Liebende [ergreift] mit ihrem eigenen Schwanz den letzten Laut samt Öffnung …
Wort-für-Wort: akārādilakārāntā – von a bis la reichend; kṣakāram – Zeichen kṣa; vaktra – Mund; caramārṇam – letzter Laut; nijapucchena – mit eigenem Schwanz.
9.18 bhedayitvā svapucchena nāgapāśaṃ tadūrdhvake |
etatkāraṇaṃ saṃvyāpya saṃsthitā kuṇḍalī yadā ||
Übersetzung: … durchdringt ihn mit dem Schwanz und [bildet] darüber die Schlangenschlinge. Wenn Kundali diesen Zusammenhang ganz durchdringend verweilt … [die genaue Bildkonstruktion bleibt unsicher].
Wort-für-Wort: bhedayitvā – durchdrungen habend; nāgapāśam – Schlangenschlinge; ūrdhvake – darüber; saṃvyāpya – vollständig durchdrungen; saṃsthitā – verweilend.
9.19 tadaiva prajapenmantram amaratvaṃ sa vindati |
recanāt kāminī devī praviśantī svaketanam ||
Übersetzung: … soll man genau dann das Mantra wiederholen: Man erlangt Unsterblichkeit. Beim Ausatmen kehrt die liebende Göttin in ihre eigene Wohnstätte zurück …
Wort-für-Wort: tadaiva – genau dann; amaratvam – Unsterblichkeit; recanāt – beim Ausatmen; praviśantī – eintretend; svaketanam – eigene Wohnstätte.
9.20 na tatra prajapenmantraṃ japānmṛtyumavāpnuyāt |
recake chinnamālāyāṃ satyaṃ hi suravandite ||
Übersetzung: … in diesem Zustand soll man das Mantra nicht wiederholen; sonst erlange man den Tod. Beim Ausatmen ist die Girlande zerrissen, du von Göttern Verehrte.
Wort-für-Wort: na prajapet – nicht wiederholen; japāt – durch Japa; mṛtyum – Tod; recake – beim Ausatmen; chinnamālāyām – bei zerrissener Girlande.
9.21 chinne sūtre bhavenmṛtyuḥ puraiva kathitaṃ mayā |
iti te kathitaṃ kānte yato mṛtyuṃjayo bhavet ||
Übersetzung: Wenn der Faden reißt, folgt der Tod, habe ich zuvor gesagt. So habe ich dir erklärt, wodurch man zum Todüberwinder werden soll.
Wort-für-Wort: chinne sūtre – bei gerissenem Faden; puraiva – schon zuvor; kathitam – erklärt; mṛtyuṃjayaḥ – Todüberwinder.
9.22 athavā nijanāsāgre dṛṣṭimāropya yatnataḥ |
vāyuṃ saṃdhārya yatnena ekoccāreṇa coccaret ||
Übersetzung: Oder man richte den Blick sorgfältig auf die eigene Nasenspitze, halte den Atem sorgsam und spreche in einem einzigen Äußerungszug …
Wort-für-Wort: nijanāsāgre – auf der eigenen Nasenspitze; dṛṣṭim āropya – den Blick gerichtet; vāyuṃ saṃdhārya – Atem gehalten; ekoccāreṇa – in einer Äußerung.
9.23 mālāmantraṃ ṣoḍaśīṃ vā tathā cāṣṭādaśākṣarīm |
sahasraṃ prajapenmantraṃ pratyahaṃ yadi pārvati ||
Übersetzung: … das Mala-Mantra, die Shodashi oder das achtzehnsilbige [Mantra]. Wer täglich tausend Wiederholungen vollzieht, Parvati …
Wort-für-Wort: aṣṭādaśākṣarīm – achtzehnsilbig; sahasram – tausend; pratyaham – täglich; prajapet – wiederholen.
9.24 jitvā mṛtyuṃ jarāṃ rogaṃ dīrghakālaṃ sa jīvati |
etadanyaṃ mahāyogaṃ bhogārthī nahi labhyate ||
Übersetzung: … überwindet Tod, Alter und Krankheit und lebt lange. Ein bloß nach Genuss Strebender erlangt diesen anderen großen Yoga nicht.
Wort-für-Wort: jarām – Alter; rogam – Krankheit; dīrghakālam – lange Zeit; bhogārthī – nach Genuss Strebender; na labhyate – erlangt nicht.
9.25 athavā parameśāni ḍāmaroktavidhānataḥ |
yajet kātyāyanīṃ devīṃ bhūtapūrvāṃ prayatnataḥ ||
Übersetzung: Oder man verehre sorgfältig die Göttin Katyayani mit „Bhuta“ vor dem Namen nach der im Damara gelehrten Vorschrift.
Wort-für-Wort: ḍāmaroktavidhānataḥ – nach der im Damara genannten Vorschrift; kātyāyanīm – Katyayani; bhūtapūrvām – mit Bhuta vorangestellt; prayatnataḥ – sorgfältig.
9.26 tadā pañcasahasrābdaṃ niścitaṃ tu sa jīvati |
iti te kathitaṃ sarvaṃ deharakṣaṇakāraṇam ||
Übersetzung: Dann lebt man gewiss fünftausend Jahre. So habe ich alles erklärt, was der Bewahrung des Körpers dienen soll.
Wort-für-Wort: pañcasahasrābdam – fünftausend Jahre; niścitam – gewiss; deharakṣaṇa – Körperbewahrung; kāraṇam – Ursache, Mittel.
9.27 na bhogī bhogamāpnoti yogī yogo na labhyate |
etattattvena deveśi bhogo yogāyate dhruvam ||
Übersetzung: Der Genießende erlangt [sonst] keinen Genuss, der Yogi keinen Yoga. Durch dieses Prinzip jedoch wird Genuss gewiss zu Yoga.
Wort-für-Wort: bhogī – Genießender; bhogam – Genuss; yogī – Yogi; etattattvena – durch dieses Prinzip; yogāyate – wird zu Yoga.
śrīdevī uvāca
9.28 yanmālāyāṃ japenaiva kiṃ phalaṃ labhate naraḥ |
pṛthak pṛthaṅ mahādeva pattramālāphalaṃ vada ||
Übersetzung: Die Göttin fragt: Welche Frucht erlangt ein Mensch durch Japa an der jeweiligen Girlande? Erkläre einzeln die Früchte der Blattgirlanden, Mahadeva.
Wort-für-Wort: yanmālāyām – an welcher Girlande jeweils; kiṃ phalam – welche Frucht; pṛthak pṛthak – einzeln; pattramālā – Blattgirlande.
śrīśiva uvāca
9.29 bhūmikāmī japen mantraṃ mūlādhāre catuṣṭaye |
svādhiṣṭhāne japādeva mahendro jāyate'cirāt ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Wer Landherrschaft wünscht, wiederhole das Mantra im vierblättrigen Muladhara. Durch Japa im Svadhishthana wird man bald zum großen Indra.
Wort-für-Wort: bhūmikāmī – Landherrschaft wünschend; catuṣṭaye – im Vierfachen; japāt – durch Wiederholung; mahendraḥ – großer Indra.
9.30 maṇipūre japādeva bhavet svargasya bhājanam |
anāhate mahāpadme japād brahmapuraṃ vrajet ||
Übersetzung: Durch Japa im Manipura wird man des Himmels teilhaftig; durch Japa im großen Anahata-Lotus gelangt man in Brahmas Stadt.
Wort-für-Wort: svargasya bhājanam – des Himmels teilhaftig; mahāpadme – im großen Lotus; brahmapuram – Brahmas Stadt; vrajet – gelangen.
9.31 viśuddhākhye japādeva viṣṇuloke vased dhruvam |
ājñācakre ca japtavye śvetadvīpe vaset sadā ||
Übersetzung: Durch Japa im Vishuddha wohnt man in Vishnus Welt; durch Japa im Ajna-Chakra wohnt man stets auf Shvetadvipa.
Wort-für-Wort: viṣṇuloke – in Vishnus Welt; dhruvam – gewiss; ājñācakre – im Ajna-Chakra; śvetadvīpe – auf der weißen Insel.
9.32 yanmālā parameśāni bāhyamālā prakīrtitā |
antarmālā mahāmālā pañcāśadvarṇarūpiṇī ||
Übersetzung: Die bisher genannte Girlande heißt äußere Girlande; die innere Girlande ist die große Mala in Gestalt der fünfzig Laute.
Wort-für-Wort: bāhyamālā – äußere Girlande; antarmālā – innere Girlande; mahāmālā – große Girlande; pañcāśadvarṇarūpiṇī – aus fünfzig Lauten bestehend.
9.33 māhātmyaṃ tasya deveśi kiṃ vaktuṃ śakyate mayā |
sahasrāre sthirībhūya yadi cāṣṭaśataṃ japet ||
Übersetzung: Wie könnte ich ihre Größe aussprechen? Wenn man im Sahasrara fest verweilt und hundertachtmal wiederholt …
Wort-für-Wort: māhātmyam – Größe; sthirībhūya – fest geworden; aṣṭaśatam – hier elliptisch als 108 verstanden, wörtlich auch 800 möglich; japet – wiederholen.
9.34 tatphalāt koṭibhāgaikaṃ bhāgaṃ cānyena vidyate |
pṛthivyāmavyayo deho bhavatyeva na saṃśayaḥ ||
Übersetzung: … erreicht eine andere [Praxis] davon nur ein Zehnmillionstel. Der Körper wird auf Erden unvergänglich, ohne Zweifel.
Wort-für-Wort: koṭibhāgaikabhāgam – ein Zehnmillionstel; anyena – durch anderes; avyayaḥ dehaḥ – unvergänglicher Körper; pṛthivyām – auf Erden.
9.35 yanmālāyāṃ japenmantram abhyāsārthaṃ hi pārvati |
iti te kathitaṃ devi cirajīvī yathā bhavet ||
Übersetzung: An der jeweils genannten Girlande wiederhole man das Mantra zur Einübung, Parvati. So habe ich erklärt, wie man lange leben soll.
Wort-für-Wort: abhyāsārtham – zur Einübung; yanmālāyām – an der jeweiligen Girlande; cirajīvī – lange lebend; kathitam – erklärt.
9.36 idānīṃ parameśāni bhūtakātyāyanīṃ śṛṇu |
vedādyaṃ śabdabījaṃ ca mahāmāyāṃ tataḥ param ||
Übersetzung: Höre nun von Bhutakatyayani: [Man setze] den Vedenanfang, das Klang-Bija und danach Mahamaya …
Wort-für-Wort: bhūtakātyāyanīm – Bhutakatyayani; vedādyam – Vedenanfang, Om; śabdabījam – Klang-Bija; mahāmāyām – Mahamaya-Bija.
9.37 astrayugmaṃ vahnijāyā manuḥ saptākṣaraḥ paraḥ |
śrīśivo'sya ṛṣiḥ prokto virāṭ chanda udāhṛtam ||
Übersetzung: … zweimal das Waffen[-Bija] und die Feuerbraut. Dies ist das höchste siebensilbige Mantra; sein Seher ist Shiva, sein Versmaß Viraj.
Wort-für-Wort: astrayugmam – Waffen-Bija-Paar; vahnijāyā – Feuerbraut; saptākṣaraḥ – siebensilbig; ṛṣiḥ – Seher; virāṭ chandaḥ – Viraj-Versmaß.
9.38 bhūtakātyāyanī devī dharmārthakāmadā sadā |
praṇavena ṣaḍaṅgaṃ ca prāṇāyāmaṃ ca sundari ||
Übersetzung: Die Gottheit Bhutakatyayani schenkt stets Dharma, Artha und Kama. Mit Pranava [vollziehe man] die sechs Glieder und Pranayama, Schöne.
Wort-für-Wort: dharmārthakāmadā – Dharma, Wohlstand und Genuss schenkend; praṇavena – mit Om; ṣaḍaṅgam – sechs Glieder; prāṇāyāmam – Atemlenkung.
9.39 dhyānamasyāḥ pravakṣyāmi śṛṇu sundari sādaram |
gauravarṇāṃ muktakeśīṃ sarvābharaṇabhūṣitām ||
Übersetzung: Ich erkläre ihre Meditation; höre aufmerksam: [Man betrachte sie] hellfarbig, mit gelöstem Haar und mit allem Schmuck geschmückt …
Wort-für-Wort: gauravarṇām – hellfarbig; muktakeśīm – mit offenem Haar; sarvābharaṇabhūṣitām – mit allem Schmuck versehen; dhyānam – Meditationsbild.
9.40 paṭṭavastraparīdhānāṃ sadā ghūrṇitalocanām |
vāmapāṇau raktapūrṇakharparaṃ dakṣiṇe kare ||
Übersetzung: … in Seidengewänder gehüllt, mit stets rollenden Augen; in der linken Hand eine blutgefüllte Schädelschale, in der rechten …
Wort-für-Wort: paṭṭavastraparīdhānām – in Seide gekleidet; ghūrṇitalocanām – mit rollenden Augen; vāmapāṇau – in linker Hand; raktapūrṇakharparam – blutgefüllte Schädelschale.
9.41 madyapūrṇasvarṇapātrāṃ grīvāyāṃ hārabhūṣitām |
śaraccandrasamābhāsāṃ pādāṅgulivirājitām ||
Übersetzung: … ein goldenes, mit Wein gefülltes Gefäß; am Hals mit einer Kette geschmückt, leuchtend wie der Herbstmond und mit strahlenden Zehen.
Wort-für-Wort: madyapūrṇasvarṇapātrām – mit weingefülltem Goldgefäß; grīvāyām – am Hals; śaraccandrasamābhāsām – dem Herbstmond gleich leuchtend; pādāṅguli – Zehe.
9.42 evaṃ tāṃ varadāṃ nityāṃ bhāvayet siddhihetave |
sāmānyārghyaṃ tato devi svavāme vinyasettataḥ ||
Übersetzung: So betrachte man die ewige, Segen spendende Göttin zur Erlangung von Vollendung; danach stelle man das allgemeine Arghya links von sich auf.
Wort-für-Wort: varadām – Segen spendend; nityām – ewige; siddhihetave – zur Vollendung; svavāme – links von sich.
9.43 jīvanyāsādikaṃ kṛtvā pūjayet parameśvarīm |
ṣoḍaśenopacāreṇa pañcatattvena sundari ||
Übersetzung: Nach Lebenseinsetzung und den übrigen Riten verehre man die höchste Göttin mit sechzehn Gaben und den fünf Tattvas.
Wort-für-Wort: jīvanyāsādikam – Lebenseinsetzung und Weiteres; parameśvarīm – höchste Göttin; ṣoḍaśena upacāreṇa – mit sechzehn Gaben; pañcatattvena – mit fünf Ritualelementen.
9.44 yajettāṃ bahuyatnena gṛhamadhye dinatrayam |
tato japenmahāmantraṃ gajāntakasahasrakam ||
Übersetzung: Drei Tage verehre man sie mit großer Sorgfalt im Haus; anschließend wiederhole man das große Mantra „Elefanten-Ende-Tausend“ Mal [wohl achttausend; die Chiffre ist unsicher].
Wort-für-Wort: gṛhamadhye – im Haus; dinatrayam – drei Tage; gajāntakasahasrakam – unklare Tausenderzahl mit gaja, acht; bahuyatnena – sehr sorgfältig.
9.45 tataśca pūjayed devīṃ śūnyāgāre dinatrayam |
pratyahaṃ prajapenmantraṃ gajāntakasahasrakam ||
Übersetzung: Dann verehre man die Göttin drei Tage in einem leeren Haus und wiederhole täglich das Mantra in derselben „Elefanten-Ende-Tausend“-Zahl.
Wort-für-Wort: śūnyāgāre – im leeren Haus; pratyaham – täglich; prajapet – wiederholen; gajāntakasahasrakam – dieselbe unsichere Zahlchiffre.
9.46 eva kṛte maheśāni yadi siddhirna jāyate |
tataśca prajapenmantraṃ pitṛbhūmau dinatrayam ||
Übersetzung: Wenn auf diese Weise noch keine Vollendung eintritt, wiederhole man das Mantra drei Tage auf der Verbrennungsstätte.
Wort-für-Wort: siddhiḥ na jāyate – Vollendung tritt nicht ein; pitṛbhūmau – auf der Ahnenstätte, Verbrennungsstätte; dinatrayam – drei Tage; tataḥ – danach.
9.47 tataḥ siddhirbhaved devi satyaṃ satyaṃ hi supriye |
tadvākyaṃ prārthanāvākyaṃ ḍāmarākhye mayoditam ||
Übersetzung: Dann tritt Vollendung ein, Göttin, wahrlich, wahrlich, Geliebte. Die dazugehörigen Worte, die Bittformel, habe ich im Damara gelehrt.
Wort-für-Wort: siddhiḥ – Vollendung; prārthanāvākyam – Bittformel; ḍāmarākhye – im Damara genannten Werk; mayoditam – von mir gelehrt.
Kapitel 10: Mudras und göttliche Herabkünfte
Das Schlusskapitel führt von weiteren Mudras zu einer Schau göttlicher Gestalten: Göttinnen werden mit Avataras verbunden. Die eigentümliche Aufzählung bleibt in ihrer überlieferten Form erhalten. Sie zeigt, wie der Text verschiedene Gottesgestalten aus der Perspektive der Göttin zusammenführt.
toḍalatantra, daśamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
10.1 kākīcañcuṃ mahāmudrāṃ kathayasva dayānidhe |
yena rūpeṇa deveśa dehāsanaparo bhavet ||
Übersetzung: Die Göttin spricht: Erkläre die große Kaki-Chanchu-Mudra, Schatz des Mitgefühls, durch die man ganz der Körperhaltung gewidmet sein kann [„dehāsanaparaḥ“ ist mehrdeutig].
Wort-für-Wort: kākīcañcum – Krähenschnabel; mahāmudrām – große Mudra; dayānidhe – Schatz des Mitgefühls; dehāsanaparaḥ – auf Körperhaltung ausgerichtet, unsicher.
śrīśiva uvāca
10.2 anākulena deveśi jihvāṃ paramayatnataḥ |
tālumūle nyaset paścāt tato vāyuṃ pibet śanaiḥ ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Ohne Unruhe lege man die Zunge sehr behutsam an den Gaumengrund und trinke dann langsam den Atemwind.
Wort-für-Wort: anākulena – ohne Unruhe; jihvām – Zunge; tālumūle – am Gaumengrund; vāyuṃ pibet – den Atemwind trinken; śanaiḥ – langsam.
10.3 dantairdantān samāpīḍya kākīcañcuṃ samabhyaset |
bahuyonyuktavidhinā sarvakarmāṇi sādhayet ||
Übersetzung: Man presse die Zähne aufeinander und übe den Krähenschnabel. Nach dem bei Bahuyoni genannten Verfahren vollziehe man alle Handlungen.
Wort-für-Wort: dantaiḥ dantān – Zähne mit Zähnen; samāpīḍya – zusammengedrückt; kākīcañcum – Krähenschnabel; bahuyonyuktavidhinā – nach dem bei Bahuyoni genannten Verfahren.
10.4 athātaḥ sampravakṣyāmi svalpayoniṃ śṛṇu priye |
gudachidre dakṣagulphaṃ saṃdhau liṅgaṃ vinikṣipet ||
Übersetzung: Nun erkläre ich Svalpayoni; höre, Geliebte. Man lege den rechten Knöchel an die Afteröffnung und das Geschlechtsorgan in die Fuge …
Wort-für-Wort: svalpayonim – kleine Yoni[-Mudra]; gudachidre – an der Afteröffnung; dakṣagulpham – rechten Knöchel; saṃdhau – in die Fuge; liṅgam – Geschlechtsorgan.
10.5 nābhirandhre'thavā gulphaṃ dhārayed vāmahastake |
bahuyonyuktavidhinā cānyat sarvaṃ samāpayet ||
Übersetzung: … oder halte den Knöchel an der Nabelöffnung mit der linken Hand. Alles Weitere vollziehe man nach dem bei Bahuyoni beschriebenen Verfahren [die Körperanordnung bleibt unklar].
Wort-für-Wort: nābhirandhre – an der Nabelöffnung; gulpham – Knöchel; vāmahastake – mit der linken Hand; anyat sarvam – alles Weitere.
10.6 mudrā caitanyatantre ca māhātmyaṃ kathitaṃ mayā |
yathā hemagirirdevi yathā vegavatī nadī ||
Übersetzung: Die Mudra und ihre Größe habe ich im Chaitanyatantra erklärt. Wie der Goldberg, Göttin, wie ein schnell strömender Fluss …
Wort-für-Wort: caitanyatantre – im Chaitanyatantra; māhātmyam – Größe; hemagiriḥ – Goldberg; vegavatī nadī – schnell strömender Fluss.
10.7 candrādikaṃ yathā devi cirajīvī tathā bhavet |
śrīdevī uvāca
daśāvatāraṃ deveśa brūhi me jagatāṃ guro ||
Übersetzung: … wie Mond und die übrigen [Himmelskörper], so wird man langlebig. Die Göttin spricht: Erkläre mir die zehn Herabkünfte, Herr der Götter und Lehrer der Welt.
Wort-für-Wort: candrādikam – Mond und Weiteres; cirajīvī – langlebig; daśāvatāram – zehn Herabkünfte; jagatāṃ guro – Lehrer der Welten.
10.8 idānīṃ śrotumicchāmi kathayasva suvistarāt |
kā vā devī kathaṃbhūtā vada me parameśvara ||
Übersetzung: Nun möchte ich davon hören; erkläre es ausführlich. Welche Göttin erscheint in welcher Gestalt, höchster Herr?
Wort-für-Wort: śrotum icchāmi – ich möchte hören; suvistarāt – ausführlich; kā devī – welche Göttin; kathaṃbhūtā – wie beschaffen.
śrīśiva uvāca
10.9 tārā devī nīlarūpā vagalā kūrmamūrtikā |
dhūmāvatī varāhaṃ syāt chinnamastā nṛsiṃhikā ||
Übersetzung: Shiva antwortet: Tara ist die blaugestaltige Göttin; Vagala hat die Gestalt der Schildkröte. Dhumavati ist der Eber, Chinnamasta die Löwenmensch-Gestalt.
Wort-für-Wort: nīlarūpā – blaugestaltig; kūrmamūrtikā – schildkrötengestaltig; varāham – Eber; nṛsiṃhikā – weibliche Entsprechung zum Löwenmenschen.
10.10 bhuvaneśvarī vāmanaḥ syānmātaṃgī rāmamūrtikā |
tripurā jāmadagnyaḥ syād balabhadrastu bhairavī ||
Übersetzung: Bhuvaneshvari ist Vamana; Matangi hat Ramas Gestalt. Tripura ist der Sohn Jamadagnis [Parashurama], und Bhairavi ist Balabhadra.
Wort-für-Wort: vāmanaḥ – Zwergavatara; rāmamūrtikā – Rama-Gestalt; jāmadagnyaḥ – Sohn Jamadagnis; balabhadraḥ – Balarama.
10.11 mahālakṣmīr bhavet buddho durgā syāt kalkirūpiṇī |
svayaṃ bhagavatī kālī kṛṣṇamūrtiḥ samudbhavā ||
Übersetzung: Mahalakshmi ist Buddha, Durga erscheint als Kalki; die erhabene Kali selbst tritt in Krishnas Gestalt hervor.
Wort-für-Wort: mahālakṣmīḥ – Mahalakshmi; buddhaḥ – Buddha; kalkirūpiṇī – Kalki-Gestalt annehmend; svayam – selbst; kṛṣṇamūrtiḥ – Krishna-Gestalt.
10.12 iti te kathitaṃ devy avatāraṃ daśamameva hi |
etāsāṃ pūjanād devi mahādevasamo bhavet |
āsāṃ dhyānādikaṃ sarvaṃ kathitaṃ me purā tava ||
Übersetzung: So habe ich dir, Göttin, eben die zehnte Herabkunft erklärt [der Wortlaut ist gegenüber der vorausgehenden Aufzählung auffällig]. Durch die Verehrung dieser [Göttinnen] wird man Mahadeva gleich. Ihre Meditationen und alles Weitere habe ich dir schon früher erklärt.
Wort-für-Wort: avatāraṃ daśamam – zehnte Herabkunft; etāsāṃ pūjanāt – durch deren Verehrung; mahādevasamaḥ – Mahadeva gleich; dhyānādikam – Meditation und Weiteres; purā – früher.
Todala Tantra – flüssige deutsche Lesefassung
Die vollständige Übersetzung folgt hier als zusammenhängende Lesefassung. Die kleinen Nummern ermöglichen den Vergleich mit dem Sanskrit. Die religiösen Verheißungen und traditionsgebundenen Vorschriften werden auch hier als Aussagen des Werkes gelesen; unklare Stellen bleiben kenntlich.
Kapitel 1: Mahavidyas, Shiva und Shakti
1.1 Die Göttin spricht: Herr der Welten, in dir sind alle heiligen Wissenskräfte gegenwärtig. Ich möchte von den Mahavidyas hören, die in den drei Welten verehrt werden 1.2 und von den unterschiedlichen Gestalten Shivas, des Trägers des Pinaka-Bogens, die jeweils an ihrer rechten Seite stehen. Erkläre sie mir einzeln, großer Gott. 1.3 Shiva antwortet: Höre, schöne, glückverheißende Göttin, von Kalikas Bhairava: Zur Rechten der Dakshina soll man Mahakala verehren. 1.4 Dakshina erfreut sich stets zusammen mit Mahakala. Zur Rechten Taras soll man Akshobhya verehren.
1.5 Beim Quirlen des Meeres, Göttin, kam das Kalakuta-Gift hervor; alle Götter und ihre Gemahlinnen gerieten in große Erschütterung. 1.6 Weil er das Halahala-Gift ohne Erschütterung oder ähnliche Regungen trank, heißt er Akshobhya, große Göttin. 1.7 Mit ihm erfreut sich stets Mahamaya, die rettende Göttin. Zur Rechten Mahatripurasundaris soll man Shiva verehren 1.8 mit fünf Gesichtern und drei Augen an jedem Gesicht, göttliche Herrin. Mit ihm ist die große Göttin stets von Liebessehnsucht erfüllt.
1.9 Deshalb wird sie Panchami, die Fünfte, genannt. Zur Rechten der herrlichen Bhuvanasundari soll man Tryambaka verehren. 1.10 Die ursprüngliche Bhuvaneshvari ist im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt gegenwärtig. Weil er sich in diesen ihren Gestalten erfreut, heißt er Tryambaka. 1.11 Er wird als mit Shakti verbunden bezeichnet und in allen Tantras verehrt. Zur Rechten Bhairavis soll man den Dakshinamurti Genannten 1.12 mit größter Sorgfalt verehren, eben jenen Fünfgesichtigen. Zur Rechten Chinnamastas soll man Shiva als Kabandha verehren.
1.13 Durch Kabandhas Verehrung wird man Herr aller Vollkommenheiten. Die Mahavidya Dhumavati trägt die Gestalt einer Witwe. 1.14 Zur Rechten Vagalas soll man den Eingesichtigen verehren, der als Maharudra bekannt ist und die Welt auflöst. 1.15 Zur Rechten Matangis soll man Shiva als Matanga verehren: eben jenen Dakshinamurti, dessen Wesen die Freude der Welt ist. 1.16 Zur Rechten Kamalas soll man Sadashiva in Vishnus Gestalt verehren. Wer so handelt, erlangt Vollendung; daran besteht kein Zweifel.
1.17 Zur Rechten Annapurnas soll man den zehnköpfigen Maheshvara in Brahmas Gestalt verehren, den Gott, der die höchste Befreiung verleiht. 1.18 Zur Rechten Durgas soll man Narada verehren. Die Silbe na ist der Schöpfer, die Silbe da stets der Erhalter 1.19 und ra verkörpert die Auflösung; daher heißt er Narada. Bei allen übrigen Vidyas gilt: Der jeweils genannte Seher 1.20 ist auch ihr Gemahl und soll zu ihrer Rechten verehrt werden. Die Göttin fragt: Wie kann die ursprüngliche höchste Vidya, die andere höchste Bhairavi, die ewige Mutter der drei Welten, einen Leichnam als Träger haben?
1.21 Shiva antwortet: Die ursprüngliche Göttin, selbst von der Natur der Zeit, wohnt als Kraft der Auflösung im Herzlotus des herrlichen Shiva. 1.22 Darum bewirkt Mahakala die Auflösung der Welt. Sobald Kali, die auflösende Kraft, in eigener Gestalt hervortritt 1.23 wird Sadashiva unvermittelt zum Leichnam. Im selben Augenblick hat die Göttin den Leichnam als ihren Träger, du mit beweglichem Blick. 1.24 Die Göttin fragt: Mahadeva, wenn Sadashiva leichnamförmig und ein toter Körper ist, warum wird dieser tote Körper nicht zu Wasser? [Der letzte Satz ist sprachlich und sachlich unsicher.]
1.25 Shiva antwortet: Wenn Mahakali in eigener Gestalt hervortritt, bleibt Sadashiva ohne ihre Kraft. Mit Shakti vereint ist er Shiva; ohne sie ist er wie ein Leichnam. Doch auch dann verliert er sein Wesen als Purusha nicht.
Kapitel 2: Der Körper als Kosmos und Yoni-Mudra
2.1 Höre, Göttin, die Essenz des Yoga in wenigen Worten: Der Körper ist wie ein Baum, dessen Wurzeln oben und dessen Zweige unten sind. 2.2 Alle heiligen Stätten des Weltalls finden sich auch im Körper. Der kleine Kosmos hat dieselbe Gestalt wie das große Weltenei. 2.3 Im Weltenei gibt es dreieinhalb Crore heiliger Stätten, also 35 Millionen; davon treten 72.000 hervor, du von den Vira-Praktizierenden Verehrte. 2.4 Unter ihnen sind vierzehn, darunter drei glückverheißende; in deren Mitte ist Mahadhira, die Befreiung verleiht.
2.5 Vasuki ist die große Maya in Schlangengestalt; sie bildet dreieinhalb Windungen und wohnt in der Tiefe der Unterwelt. 2.6 Höre aufmerksam die sieben Himmelswelten der Reihe nach: Bhur, Bhuvar, Svar und Mahas 2.7 Jana, Tapas und Satya, du mit schönem Antlitz. Dies sind die sieben Himmel; höre nun aufmerksam von der Unterwelt. 2.8 Atala, Vitala, Sutala, Talatala, Mahatala, Patala und schließlich Rasatala [sind die sieben Unterwelten].
2.9 Von Rasatala bis Satya reicht Mahadhira: die im Innern des Meru befindliche Nadi, die Befreiung verleiht. 2.10 In Satyaloka ist Mahavishnu, Shiva, der als Weltenei bezeichnet wird. Vasuki sehnt sich stets danach, ihn zu schauen. 2.11 Wenn Vasuki sich erhebt und die sechs Himmel durchdringt, werden alle zum Meer strömenden [Flüsse] zu aufwärts fließenden Strömen. 2.12 Entsprechend befinden sich im Körper die Nadis: Ida, Pingala und Sushumna in ihrer Mitte.
2.13 Füllt man durch die beiden Nadis den Atem ein, so bewegt sich Kundali mithilfe des Prana-Mantras nach und nach aufwärts. 2.14 Im großen tausendblättrigen Lotus, dem ewigen, unvergänglichen Lotus, tritt die von Beben ergriffene Kundalini in das ewige Heiligtum ein. 2.15 Alle zur Unterwelt fließenden Ströme wenden sich aufwärts. In diesem Augenblick soll man die Reihe der Sanskritlaute betrachten. 2.16 Man soll das Wurzelmantra 108-mal mit Erkenntnis wiederholen. Der Verständige führe sie auf demselben Weg zum Muladhara zurück 2.17 nachdem er dort die Gottheiten der sechs Chakras mit einem Strom von Nektar gesättigt hat. Nun erkläre ich eine weitere Übung: die Haltung der Yoni-Mudra, Geliebte.
2.18 Der mit Mantras Übende nehme einen Sitz ein, nach Osten oder Norden gewandt, und umfasse beide Knie fest mit den Händen. 2.19 Mit geradem Körper führe er die Nase bis zum Knie. Mit dem Prana-Mantra soll er sorgfältig den Atem 2.20 einfüllen und keinerlei Luft auslassen. Den geraden Körper soll er sorgsam umkehren [die genaue Haltung bleibt unklar]. 2.21 Nach der zuvor beschriebenen Weise wiederhole er 108-mal das Mantra und sättige dabei die Gottheiten der sechs Chakras mit einem Nektarstrom.
2.22 Auf demselben Weg führe er sie zum Muladhara zurück. Die Yoni-Mudra-Haltung besänftigt alle Krankheiten, Geliebte. 2.23 Was soll ich noch viel sagen, Göttin? Sie vernichtet schwere Krankheit. Was soll ich noch viel sagen? Sie erweckt das Bewusstsein des Mantras. 2.24 Diese Mudra eröffnet die unmittelbare Erfahrung des Selbst und schenkt höchste Befreiung. Selbst mit hundert Mündern könnte man ihre Größe nicht aussprechen. 2.25 Was kann ich dann jetzt mit fünf Mündern sagen? Selbst wer von Aussatz betroffen ist, kann jede gewünschte Gestalt annehmen.
Kapitel 3: Mantras, Reinigung und Kali-Puja
3.1 Die Göttin spricht: Gott der Götter, großer Gott, Retter aus dem Ozean des Daseins, erkläre die große Baddhayoni-Mudra, du Schatz des Mitgefühls. 3.2 Shiva antwortet: Höre, Göttin, ich erkläre kurz Baddhayoni. Der mit Mantras Übende sitze nach Osten oder Norden gewandt. 3.3 Er soll die Spitze seines eigenen Penis an die Afteröffnung bringen. An Ohren, Augen, Nase und Mund 3.4 lege der Verständige der Reihe nach Daumen und die übrigen Finger. Durch Nase und Mund soll er mit großer Sorgfalt den Atem 3.5 einfüllen und nicht das Geringste ausatmen. Nachdem er den Klang unmittelbar wahrgenommen hat, soll er die Lautgirlande betrachten.
3.6 Der Verständige wiederhole das Wurzelmantra 108-mal und führe [Kundalini] mit dem Mantra so ’ham auf demselben Weg zurück 3.7 nachdem er die Gottheiten der sechs Chakras mit einem Nektarstrom gesättigt hat. Welche Frucht dies trägt, werde ich dir nun sagen, Makellose. 3.8 Die Göttin spricht: Sprich, allwissender Ishana, bester Kenner aller Wirklichkeitsprinzipien, von dem schwer zugänglichen [Geheimnis] Kalikas auf dem Mantra-Weg. 3.9 Shiva antwortet: Höre, Göttin immerwährender Freude, das höchste Kalika-Mantra; schon durch die Berührung mit ihm kann ein Mensch zu Lebzeiten befreit werden.
3.10 [Man nehme] das mit Shiva beginnende Zeichen, versehen mit Bindu und Nada, verbunden mit „linkem Auge“ und „Feuer“. Dies ist die vollendete Vidya, die schwer erreichbare Königin der Vidyas. 3.11 Dieses Bija steht zunächst dreimal; dann „Raum“, mit Bindu geschmückt und mit „linkem Ohr“ verbunden, zweimal. Höre das Folgende. 3.12 [Es folgt] „Ishana“, verbunden mit „Feuer“, „linkem Auge“ und „Mond“, wiederum zweimal; danach steht die Anrede. 3.13 Wieder kommen die drei Bijas, Kurcha, das Maya-Paar und zweimal ṭha. Dieses zweiundzwanzigsilbige Mantra ist die schwer erreichbare Königin der Vidyas.
3.14 Beginnt die Mahavidya mit Vagbhava, gilt Shrikali als ihre Gottheit; beginnt sie mit Pranava, ist Siddhikalika die Gottheit. 3.15 Zweimal ihr eigenes Bija und einmal das Kurcha-Bija ergeben die höchste dreisilbige Vidya; sie wird Chamunda-Kalika genannt. 3.16 Keine andere Vidya verleiht Vollendung wie diese, Schöne. Wie die sechssilbige Vidya, so [wirksam] ist auch die dreisilbige. 3.17 Dreimal das eigene Bija, dann die [Anrede an] Shmashanakalika, erneut dreimal das Bija und schließlich die „Geliebte des Feuers“ soll man sprechen.
3.18 Die vierzehnsilbige Vidya wird in den drei Welten verehrt. Dakshinakalika, Siddhakalika, Guhyakalika 3.19 Shrikalika, Bhadrakali, die höchste Chamundakalika, Shmashanakalika und Mahakali: So ist sie achtfach. 3.20 Ihr eigenes Bija, dann die Anrede, nochmals Kalis Bija und anschließend die „Braut des Feuers“ sollen eingesetzt werden. 3.21 So ist das achtfache Mantra in allen Tantras verborgen. Die Göttin spricht: Ich habe Mahakalikas höchst geheimes Mantra gehört 3.22 nun möchte ich Taras königliches Mantra hören, durch dessen bloße Berührung man im Ozean des Werdens nicht untergeht.
3.23 Sage mir dieses Mantra, Ishana, wenn du mich liebst. Shiva antwortet: Man spreche das „Mond-Bija“, das erste [Zeichen], verbunden mit „Feuer“ 3.24 und mit „linkem Auge“ sowie „Mond“. Dieses königliche Mantra, die einsilbige Mahavidya, wird in den drei Welten verehrt. 3.25 [Das Zeichen] mit Ishana und Bindu, geschmückt mit dem „linken Ohr“, ist die zweite einsilbige Mahavidya, das zweite königliche Mantra. 3.26 [Man nehme] „shira“, mit Bindu versehen und mit „linkem Auge“ und „Mond“ verbunden; man spreche das erste und zweite Bija sowie das Waffen-Mantra. [„śiraṃ“ ist hier eine unsichere Lautchiffre.]
3.27 Wenn die Vidya mit Pranava beginnt, wird sie Ugratara genannt; [die andere Gestalt] heißt Ekajata und verleiht höchste Befreiung. 3.28 Ohne Tara [hier Om] und Waffen-Bija ist die dreisilbige [Vidya] Mahanilasarasvati. Wird Vagbhava vorangestellt, verleiht sie Meisterschaft der Rede. 3.29 Mit Shri-Bija am Anfang schenkt die Mahavidya stets Glück und Fülle; mit Maya am Anfang verleiht die höchste Vidya stets Vollendung. 3.30 Mit Kurcha-Bija am Anfang offenbart sie die Fülle der Klänge; mit „Raum“ am Anfang verleiht die Mahavidya Nirvana-Befreiung.
3.31 Mit Prasada am Anfang verleiht sie Vereinigung mit Shiva; mit Prana-Bija am Anfang lässt sie Wünsche in Erfüllung gehen. 3.32 Mit Kalika[-Bija] am Anfang schenkt die Mahavidya stets Befreiung und Vollendung. Nun wird die Verehrung Kalikas und Taras erklärt. 3.33 Wer das Mantra kennt, verehre morgens nach dem Aufstehen den Guru im tausendblättrigen Lotus. Dann durchdringe er die sechs Chakras und wiederhole das Mantra 108-mal. 3.34 Nachdem er sich vorschriftsgemäß verneigt hat, beginne er das Baderitual. Er spreche die mit „heute“ beginnende Formel und nenne den Sonnenmonat.
3.35 Zur Freude der Gottheit soll er anschließend mit reinem Wasser baden. Er spreche Om und dann „Gange ca“ 3.36 danach „Yamune“, „Godavari“, „Sarasvati“, „Narmade“, verbunden mit „Sindhu“ und „Kaveri“ 3.37 dann die Worte „asmin jale“, „saṃnidhiṃ“ und „kuru“. Mit der Ankusha-Mudra ziehe er [die heiligen Wasser] aus dem mit der Sonne verbundenen Kreis herbei. 3.38 Er zeige sorgfältig die vier Mudras und wiederhole das Mantra elfmal, während er [das Wasser] mit der Mina-Mudra bedeckt.
3.39 Er sprenge zwölfmal Wasser der Sonne entgegen und wasche nach dem Sprechen des Wurzelmantras beide Füße. 3.40 Im von den Füßen ausgehenden Wasser tauche er dreimal unter und spreche das Mantra. Nachdem er das Wurzelmantra dreimal wiederholt hat, [vollziehe er die Begießung] mit der Kumbha-Mudra. 3.41 Aus dem Wasser gestiegen, trage er nach dem Kula-Weg das Stirnzeichen auf; anschließend nippe er Wasser mit den [Formeln der] Prinzipien Atman, Vidya und Shiva. 3.42 Diese Mantras beginnen mit Pranava und enden mit der „Feuerbraut“. Mit der Formel „Gange ca“ und so weiter rufe man die heiligen Wasser herbei.
3.43 Mit Wurzelmantra und Darbha-Gras sprenge der Verständige dreimal Wasser auf die Erde; mit diesem Wasser begieße er sich siebenmal. 3.44 Nach dem Anga-Nyasa [nehme er Wasser] in die linke Hand. [Man verbinde] „Raum“, das Wind-Bija, Varuna und das Erd-Bija 3.45 sowie das Feuer-Bija, jeweils mit Bindu, und wiederhole dies dreimal. Durch dieses Mantra ist das Wasser geheiligt. 3.46 Nach dem Sprechen des Wurzelmantras [begieße man sich] siebenmal mit der Tattva-Mudra. Schon durch diese Begießung wird man von allen Verfehlungen befreit.
3.47 Das übrige Wasser nehme man in die rechte Hand, ziehe es durch Ida ein und reinige damit das Innere des Körpers [in der rituellen Vorstellung]. 3.48 Dann lasse man dieses Wasser durch Pingala wieder hinaus und stelle sich das Wasser schwarz vor, als Gestalt der eigenen Verfehlungen. 3.49 Mit dem Laut phaṭ schleudere man es auf den vor einem befindlichen Vajra-Stein. Man wasche die Hand, nippe rituell Wasser und vollziehe Pranayama 3.50 sättige die Kula-Gottheit und bringe der Sonne Arghya dar; dann folgt Arghya für die Gottheit und die erhabene Gayatri … 3.51 Man setze Pranava an den Anfang, spreche dann „kālikāyai vidmahe“ und füge „śmaśāna“ hinzu 3.52 danach „vāsinī“ mit Dativendung und „dhīmahi“, dann „tanno ghore“ und „pracodayāt“.
3.53 Der Verständige rezitiere die Gayatri und werfe dreimal Wasser empor; anschließend wiederhole er das große Mantra, die erhabene Gayatri. 3.54 Nach Anga-Nyasa und rituellem Wassernippen meditiere er über seine erwählte Göttin im Kreis [des Rituals]. 3.55 Man spreche „oṃ tārāyai vidmahe“, danach „mahogrāyai dhīmahi“ und anschließend, Göttin, „pracodayāt“. [Ein vollständiges drittes Gayatri-Glied wird hier nicht angegeben.] 3.56 Nach Pranayama wiederhole man [das Mantra] 108-mal. Nun wird der Ablauf der Puja in knapper Merksatzform erklärt.
3.57 Nach Glückwunschrezitation und Vorsatz stelle man sorgfältig den Krug auf, vollziehe das mantrische Wassernippen und bereite das allgemeine Arghya. 3.58 Mit dessen Wasser besprenge man die Tür und verehre sie; dann beseitige man die dreifachen Hindernisse und vertreibe störende Wesen. 3.59 Man verehre den Sitz und verneige sich vor dem Guru, reinige die Hände, klatsche dreimal und schütze die Himmelsrichtungen. 3.60 Man errichte eine Umhüllung aus Feuer und reinige die Elemente; dann vollziehe man den sechsgliedrigen Matrika-Nyasa und die innere Matrika-Platzierung.
3.61 Nach der Matrika-Meditation platziere man die Lautkräfte äußerlich, vollziehe Pitha-Nyasa und übe Pranayama. 3.62 Es folgen Rishi-Nyasa und die zugehörigen Platzierungen, Hand- und Körper-Nyasa, Laut-Nyasa, sechsfache Platzierung und anschließend die durchdringende Platzierung. 3.63 Mit so gesammeltem Geist setze man die Wirklichkeitsprinzipien und danach die Bijas rituell im Körper ein. Anschließend vollziehe man die durchdringende Platzierung. 3.64 Mit dem Wurzelmantra [vollziehe man] siebenfache Meditation und geistige Verehrung; dann besonderes Arghya, Verehrung des heiligen Sitzes und erneute Meditation samt Augen[-Ritus].
3.65 Man zeige die Mudras und so weiter, vollziehe Herbeirufung und die sechs Glieder, dann Dhenu und weitere Mudras, Lebenseinsetzung und die grundlegende Verehrung. 3.66 Nach der Bitte um Erlaubnis verehre man die Glieder, Kali und die weiteren [Göttinnen], Brahmi und die übrigen Mütter, Asitanga und die übrigen [Bhairavas] sowie Mahakala. 3.67 Man verehre Schwert und weitere [Attribute], die Guru-Reihe und erneut die Göttin; dann folgen Bali-Gabe, Feueropfer, Pranayama und Japa. 3.68 Man bringe den Japa dar und übe anschließend Pranayama. Zu diesem Zeitpunkt nehme man Karana und die weiteren [Ritualstoffe] zusammen.
3.69 Nach der Wassergabe bringe man auch sich selbst dar. Man erinnere sich an den Lobpreis und das Schutzgebet und verneige sich mit acht Körperteilen. 3.70 In der Betrachtung „Ich bin Shiva“ entlasse man die Gottheit durch Rücknahme. Im Nordosten bilde man einen Kreis [zur Verehrung] der Ucchishta-Chandali. 3.71 Man bringe Arghya an den Kopf und Sandelholzpaste auf die Stirn, nehme etwas von der Speisegabe an und bewege sich dann nach eigenem Wunsch. 3.72 Oder der gesammelte mit Mantras Übende vollziehe eine verkürzte Puja: zuerst Rishi-Nyasa und die folgenden Platzierungen, danach Handreinigung 3.73 Finger-Nyasa, durchdringenden Nyasa, Herz-Nyasa und die übrigen Körperplatzierungen, dreimaliges Klatschen, Richtungsschutz und dann Pranayama.
3.74 Es folgen Meditation, geistiges Opfer, Bereitstellung des Arghya, Sitzverehrung, erneute Meditation und Herbeirufung. 3.75 Nach der Einsetzung des Lebens verehre man die höchste Gottheit, ihre Glieder, Kali und die übrigen [Göttinnen], Brahmi und die übrigen [Mütter] sowie die acht Bhairavas. 3.76 Nach Mahakala verehre man die Guru-Reihe, nach Schwert und weiteren Attributen erneut die Göttin. 3.77 Nach der Atemlenkung verehre der Übende die Göttin und lege die Frucht seiner Mantrawiederholung in ihre Hand.
3.78 Nach Pranayama verneige er sich mit acht Körperteilen, erinnere sich an Lobpreis und Schutzgebet und bringe das besondere Arghya dar. 3.79 Nach der Selbsthingabe entlasse er die Gottheit durch Rücknahme, bilde im Nordosten einen Kreis [für] Ucchishta-Chandali, nehme etwas von der Speisegabe an und gehe nach eigenem Wunsch umher.
Kapitel 4: Tara-Puja und innere Verehrung

4.1 Die Göttin spricht: Ich habe Kalis Puja gehört. Beschreibe nun Taras Verehrung, durch deren bloße Berührung die Worte der Menschen zu Bewusstsein werden [so die ungewöhnliche Wendung des Textes]. 4.2 Shiva antwortet: Höre, schöne, glückverheißende Göttin, von Taras großer Verehrung. Nach dem mantrischen Wassernippen verneige man sich vor dem Guru. 4.3 Man reinige das Wasser, wasche Hände und Füße, nippe Wasser mit dem Mantra und betrachte dann den heiligen Sitz. 4.4 Man binde den Haarschopf, beseitige die dreifachen Hindernisse, reinige Boden und Sitz und knote das Gewand.
4.5 Nach der Reinigung von Körper und Sprache reinige man die Blumen. Der kundige Praktizierende zeichne das Yantra und bereite das allgemeine Arghya. 4.6 Nach der Verehrung der Torwächter beginne man die Sitzverehrung, verehre Lakshmi und die übrigen Kräfte des Sitzes und wiederhole dessen Mantra. 4.7 Ich erkläre nun die besondere Elementreinigung dieses Ritus: Mit dem durch Kurcha ergänzten Hamsa-Mantra und mit Einatmung 4.8 [führe] der Praktizierende sich selbst zusammen mit Kundalini und den Keimen der vierundzwanzig [Prinzipien] hinauf; dort gehen diese im höchsten Selbst auf.
4.9 Mit Maya[-Bija] verbrenne der Kundige beim Atemanhalten die rußschwarze Gestalt der Verfehlung und mache sie zu Asche. 4.10 Mit dem Vadhu-Bija atme er sie samt der Asche aus. Mit Einatmung und Kurcha[-Bija] [betrachte er] in der Stirn eine Ansammlung von Nektar 4.11 und beim Atemanhalten ein Nektarmeer. Er wiederhole im Herzen elfmal „āṃ hrīṃ kroṃ“, gefolgt vom Feuer-Bija. 4.12 Dann stelle der Verständige sich aus Om einen roten Lotus vor und über ihm den blaufarbenen Laut huṃ.
4.13 Darüber betrachte er ein mit dem Bija geschmücktes Schneidemesser; darüber den höchsten, unvergänglichen Bindu in Shivas Gestalt. 4.14 Der kaum erfassbare Bindu ist nur ein Tausendstel eines Sandkorns groß. Und doch liegt in ihm die Juweleninsel, hundert Yojanas weit. 4.15 Im Bindu ist das höchste Licht, ein blasenförmiger Kreis. Wie man in einer Wasserblase ein Spiegelbild erblickt 4.16 so soll man mit dem Auge der Erkenntnis schauen: In seiner Mitte befindet sich die Juweleninsel aus goldenem Sand.
4.17 Rings um die Insel stelle sich der Übende einen schönen Wassergraben vor. In ihrer Mitte betrachte er den Wunschbaum und sich selbst als ganz von Tarini erfüllt. 4.18 [Er betrachte] den erhabenen Lichtkreis, leuchtend wie die aufgehende Sonne, mit vier Toren und goldenen Mauern 4.19 geschmückt mit Götterjungfrauen, zahlreichen Wedeln, Glocken und anderem, von sanftem Wind durchweht, erfüllt von Wohlgerüchen und Räucherwerk. 4.20 In der Mitte stelle er sich einen mit vielerlei Juwelen geschmückten Altar und einen herrlichen, aus Goldfäden gefertigten Schirm vor.
4.21 Darunter betrachte er einen Juwelenthron und darauf die Göttin gemäß der überlieferten Meditationsbeschreibung. 4.22 Er verehre sie mit den im Yogasara genannten Gaben, vollziehe Pranayama und danach Rishi-Nyasa und die folgenden Platzierungen. 4.23 Nach Laut-Nyasa vollziehe er Hand- und Körper-Nyasa, klatsche dreimal und schütze mit Fingerschnippen die zehn Richtungen. 4.24 Nach sechsfachem und durchdringendem Nyasa bereite er das besondere Arghya und reinige die fünf Tattvas [Ritualsubstanzen].
4.25 Er rufe Sudhadevi herbei, vollziehe die fünffache Verbindung, nehme eine Blume am Krug und verehre dreimal im Dreieck. 4.26 Er spreche „Vamadeha“ dreimal, wiederhole die Khechari[-Formel] zehnmal und rezitiere die Ananda-Gayatri sowie den vedischen Vers dreimal. 4.27 Durch zehnfache Wiederholung beseitige er Brahmas, Shukras und Krishnas Fluch; anschließend rezitiere er die drei Mantras 4.28 Churika, Amrita und Pritisamrakshini; nach dreimaliger Pavamana-Rezitation vollziehe er Austrocknung und die weiteren [Reinigungsschritte].
4.29 Er wiederhole die Varuna[-Formel] dreimal und die Amrita[-Formel] siebenmal; im Vidya-Tattva zeige er Dhenu-Mudra und rezitiere das Wurzelmantra achtmal. 4.30 Nach dem Aufrichten Kundalinis betrachte er: „Ich bin Shiva.“ Er reinige Fleisch und Fisch und anschließend Mudra [hier die rituelle Speisegabe]. 4.31 Der kundige Praktizierende reinige die Shakti [Ritualpartnerin] und die Kula-Blume [ritueller Ausdruck für weibliche Sexual- bzw. Menstruationssubstanz] und sättige Götter, Ahnen, Seher und seine erwählte Gottheit. 4.32 Die gereinigte Substanz gebe er in das besondere Arghya; nachdem er sie als von Brahman erfüllt betrachtet hat, vollziehe er die Meditation zur Verehrung.
4.33 Er führe [die Gottheit] durch die Nasenöffnung hinaus, lege die Blume auf den heiligen Sitz, vollziehe die Herbeirufung und zeige die fünf Mudras. 4.34 Er verehre mit den sechs Gliedern, zeige erneut die Mudra, vollziehe die Lebenseinsetzung und verehre mit den Gaben. 4.35 Nach der Verehrung der sechs Glieder verehre er Akshobhya unterhalb [der Göttin], dann die Guru-Reihe und [die Gottheiten] an den zehn Wurzeln. 4.36 Er verehre die mit „Maha“ beginnenden [Göttinnen], Kali und die übrigen, sowie Vairochana und die weiteren [Gottheiten]; danach erneut die Göttin und bringe eine Bali-Gabe dar.
4.37 Nach der Atemlenkung meditiere man über das Mantra und wiederhole es. Dann bringe man die vollzogene Wiederholung der Göttin dar und lege sie in ihre Hand. 4.38 Er vollziehe erneut Pranayama und nehme die Tattvas an. Nachdem er jenem [Bezug nicht eindeutig] gegeben und selbst genommen hat, wiederhole der vorbildliche Praktizierende das Mantra. 4.39 Durch wiederholtes Trinken und Rezitieren wird er, zusammen mit zehn Millionen Menschen befreit. Bei jedem Gefäß wiederhole der Verständige das Mantra 108-mal. 4.40 Man erinnere sich an Lobpreis und Schutzgebet, verneige sich mit acht Körperteilen und bringe die besondere Wassergabe dar. Schließlich gebe man auch sich selbst hin.
4.41 Selbst zu Rudras Gestalt geworden, entlasse er die Gottheit durch Rücknahme. Mit Yoni-Mudra entlasse er sie unter den Worten „Vergib mir“. 4.42 Es folgen Anga-Nyasa und Pranayama. Im Nordosten bilde er einen Kreis und verehre [die Restgaben-Göttin] mit den verbliebenen Opfergaben. 4.43 [Man spreche] „Nirmalyavasini“ im Dativ, dann „caṇḍeśvaryai namo namaḥ“. Die Opferblumen lege man auf den Kopf, Sandelholzpaste auf die Stirn. 4.44 Am Ort des Gurus zeichne man das Yantra und gehe umher wie Bhairava. Eine verkürzte Verehrung kann rein geistig stattfinden, ohne die fünf Ritualsubstanzen.
4.45 Man vollziehe dabei das hier Gelehrte und vermische es nicht mit anderem; durch solches Vermischen, wird Tarini zornig. 4.46 Erkenntnis der Prinzipien und ihr Maß [liegen] allein in Shakti, Parvati. So ist dir dies erklärt, Göttin; was möchtest du noch hören? [Der erste Halbvers ist knapp und mehrdeutig.]
Kapitel 5: Shiva-Verehrung und Einweihungsordnung
5.1 Die Göttin spricht: Durch deine Gnade bin ich rein geworden, Mahadeva. Durch sie allein. Nun möchte ich hören, wie Shambhunatha verehrt wird. 5.2 Shiva antwortet: Höre, Parvati, ich erkläre, wonach du fragst. Man nehme „Nakulin“ und versehe es mit dem „Manu-Vokal“ 5.3 sowie mit Bindu, Nada und Kala: [Das ergibt] das große Prasada-Mantra. Seine Herrlichkeit habe ich im Urdhvamnaya erklärt. 5.4 Man setze die Verehrungsformel voran, dann das „Ende von va“, versehen mit „Auge“, „Varuna“ mit „Gesichtskreis“ und „Wind“ mit „Stirn“.
5.5 Dies ist das fünfsilbige Mantra, das die Frucht der fünf Überlieferungen verleiht. Wenn Pranava vorangestellt wird, ist es sechssilbig. 5.6 Man setze Prasada voran, dann „ardhanārīśvarāya“ und erneut Prasada: ein höchst geheimzuhaltendes Mantra. 5.7 So sind meine Gestalten vielfältig, Tochter des Berges. Doch im Kali[-Zeitalter] soll man sich keinesfalls Gift in meiner Kehle vorstellen. 5.8 Nur wenn jemand seinen eigenen Tod oder Wahnsinn wünschte, würde er sich der Verehrung Nilakanthas zuwenden.
5.9 Wer aus Unglück Nilakantha-Lobpreis und dergleichen vollzieht oder vollziehen lässt, begeht einen Mord an mir. 5.10 Deshalb gilt er hier als schwer sündig. Wenn ein Tor eine verbotene Handlung begeht 5.11 gehen seine Kinder, seine Frau und sein Besitz zugrunde. Wer bei der Verehrung Gift in der Kehle [Shivas vorstellt] 5.12 wird hier arm und nach dem Tod ein Schwein. Wer für Nilakanthas Mantra eine vorbereitende Intensivpraxis vollzieht 5.13 stirbt, große Göttin, innerhalb einer Monatshälfte. Höre nun die Verehrung Shivas an einem tönernen Linga.
5.14 Zuerst verneige sich der Verständige vor dem Guru; mit „oṃ harāya namaḥ“ nehme er die Erde auf. 5.15 Mit „maheśvarāya namaḥ“ forme er sorgfältig das Linga; dann spreche er: „śūlapāṇe iha susaṃpratiṣṭhito bhava“. 5.16 Mit diesem Mantra wird die Lebenseinsetzung vollzogen. Den Laut śa, mit Bindu und gedehnt ausgesprochen, [verwende man für] die sechs Glieder. 5.17 Ich erkläre seine Meditation; höre gesammelt: Om. Man meditiere stets über Mahesha, der einem Silberberg gleicht und den schönen Mond als Schmuck trägt. Seine juwelengeschmückten Glieder leuchten; seine Hände halten Axt und Gazelle und gewähren Segen und Furchtlosigkeit. Er ist heiter, sitzt im Lotussitz, wird ringsum von Götterscharen gepriesen und trägt ein Tigerfell. Er ist Ursprung und Same des Alls, nimmt jede Furcht, hat fünf Gesichter und drei Augen.
5.18 Man lege eine Blume auf den Kopf und verehre Shiva mit Gaben des Geistes. Dann meditiere man erneut über ihn und lege die Blume auf sein Linga. 5.19 Man spreche „Pinakadhrit“, dann zweimal „ihāgaccha“, zweimal „iha tiṣṭha“ und zweimal „iha saṃnidhehi“ 5.20 danach „iha sanniruddhasva“, dann „yāvat pūjāṃ karomy aham“: Bleibe hier gebunden, solange ich die Verehrung vollziehe. 5.21 [Man sage] „snānīyam“, „Paśupati“ mit Dativendung und „namaḥ“. Ein brahmanischer Praktizierender stelle den Anfang der Veden [Om] voran.
5.22 [Man sage] „etat pādyam“, dann das sechssilbige Mantra und die Verehrungsformel; entsprechend bringe der Kundige alle Gaben dar. 5.23 Nach dieser Verehrung verehre man die acht Gestalten: Sharva, Bhava, Rudra, Ugra, Bhima, Pashupati 5.24 Mahadeva und Ishana; man setze sie sorgfältig in den Dativ. [Mit ihnen verbinde man] Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum 5.25 den Opfernden, den Mond und die Sonne, jeweils mit dem Wort „Gestalt“; alles in den Dativ gesetzt, soll der Praktizierende sie verehren.
5.26 Mit Formeln, die mit Om beginnen und mit namaḥ enden, verehre man gegen den Uhrzeigersinn die acht Gestalten Shivas, im Osten beginnend 5.27 und im Südosten endend. Dann verehre man die Vidya und Shiva als Linga und wiederhole [das Mantra] 1.008-mal oder hundertmal. 5.28 Du Hüter des Geheimsten, nimm unseren Japa an. Möge mir durch deine Gnade Vollendung zuteilwerden, großer göttlicher Herr. 5.29 Dann nehme man Wasser und bringe den Japa dar, erzeuge die rituellen Mundklänge und verneige sich mit acht Körperteilen.
5.30 Mit Rücknahme und den Worten „Mahadeva, vergib“ entlasse man ihn. So soll die Puja vollzogen werden, wenn man Shakti-Mantras verehrt. 5.31 Wer in die großen Prasada-Mantras und dergleichen eingeweiht ist, soll sich keinesfalls aus Verblendung zusätzlich der Shakti-Einweihung zuwenden. 5.32 Er gilt als Shaiva und soll Herr aller Tantras sein. Nun erkläre ich die höchst geheime Merksatzfolge. 5.33 Hara, Maheshvara, Shulapani, Pinakadhrit, Pashupati, Shiva und Mahadeva [stehen] in dieser Reihenfolge.
5.34 Danach verehre der Praktizierende die acht Gestalten, wiederhole das Mantra und erzeuge anschließend die rituellen Mundklänge. 5.35 Wer der Shakti-Einweihung verpflichtet ist, soll darüber hinaus nichts hinzufügen. Verbotenes Handeln macht den Menschen zum Teilhaber an Verfehlung. 5.36 Wer die Verehrung mit Auslassungen oder Zusätzen vollzieht, lädt dem Guru wie dem Schüler die Schuld einer Shiva-Tötung auf. 5.37 Wenn auch nur ein Laut fehlt oder hinzukommt, entsteht nach Maßgabe der Lautzahl die Schuld einer Brahmanen-Tötung, erklärt der Text.
5.38 Darum gilt ein solcher Mensch hier als schwer sündig, wahrlich. Zuerst vollziehe man diese Verehrung und verehre erst danach eine andere Gottheit. 5.39 Zuerst verehre man Shiva und danach Shakti. Von jeder Verehrungsgabe soll man ihm einen Teil darbringen. 5.40 Andernfalls sei alles wie Urin, selbst wenn es Gangeswasser wäre. Deshalb soll man zuerst das Linga verehren. 5.41 Wer Shivas Badewasser auf seinen Scheitel bringt, wird Shiva gleich: wahrlich, ohne Zweifel.
5.42 Selbst Shivas Gestalt annehmend vollziehe man die Göttinnenverehrung. Wer in die Verehrung Shivas, Vishnus, Durgas, der Sonne, Ganeshas oder Indras eingeweiht ist 5.43 und zuerst das Linga, dann eine andere Gottheit verehrt, erhält eine zehnmillionenfache Frucht. 5.44 Wer dagegen zuerst eine andere Gottheit und danach Shiva verehrt, dessen Verehrungsfrucht wird, von Yakshas und Rakshasas aufgezehrt. 5.45 So habe ich dir, Geliebte, die höchste Essenz der Tantras mitgeteilt. Was soll ich noch viel sagen? Was möchtest du weiter hören?
Kapitel 6: Die innere Bedeutung und Belebung der Mantras
6.1 Die Göttin spricht: Ich habe Mahakalikas höchst geheimes Mantra gehört. Du hast es kurz dargelegt, Herr; erkläre mir nun seinen inneren Sinn. 6.2 Shiva antwortet: Höre die innere Bedeutung des großen Mantras, die alle Vollkommenheiten verleiht; durch ihr bloßes Hören werden die Mantras wirksam. 6.3 In den oberen Winkeln des Zeichens ka ruht der Prana-Wind, im Wind-Winkel Apana und im mittleren Bereich Samana. 6.4 Im hakenförmigen Winkel ist Udana, in der Matra Vyana. Das Bija ist Kalikas Gestalt; höre, wie dies zu verstehen ist.
6.5 Im Kala-Teil [sind] aufgetürmte Flechten und Haare; im Bindu [sind] Scheitel, Stirn, Nase und Augen 6.6 beide Ohren und Mund, [die Zuordnung mit „skandanād“ bleibt unklar], vier Arme, Leib, beide Brüste und die beiden Hüftseiten 6.7 Herz, Bauch, Füße und alle Finger und Zehen. Das Zeichen ka ist Brahmas Gestalt, der ganze Körper [das abschließende „tanusaṃśayaḥ“ ist verderbt oder unklar]. 6.8 Das Zeichen śa ist Kama-Gestalt, die Yoni selbst; der schwer zugängliche Laut ra hat die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer.
6.9 [Es ist] die Leuchtkraft, die alle Glieder erhellt und die Freude der Welt verkörpert; [Bindu und Nada] schenken Nirvana und stets höchste Befreiung. 6.10 Ka, das alle Hindernisse beseitigt, hat die Gestalt des Wassers; ra beseitigt alle Verfehlungen und ist daher Feuer. 6.11 Der Laut ī ist die unvergängliche Shakti; als Göttin verleiht sie höchste Befreiung und wird daher Maya genannt. 6.12 Ka ist Brahmas Gestalt, ma ist Vishnus Gestalt; ra ist wegen seiner auflösenden Natur Shiva selbst.
6.13 Ka ist unmittelbar Brahma, Vishnu und Shiva. Ohne Verbindung mit Maya wäre es unaussprechbar. 6.14 Mit Maya verbunden wird es groß und befreiend. Deshalb wird sie Maya-Shakti genannt. 6.15 Ka verleiht Dharma, ī verleiht Artha, ra verleiht Kama und ma verleiht Moksha. 6.16 Wenn die Laute gemeinsam erklingen, schenkt die Vidya die Befreiung des Nirvana. Wie könnte ich ihre Herrlichkeit in Worte fassen, göttliche Herrin?
6.17 Selbst mit tausendmal zehn Millionen Zungen, hundertmal zehn Millionen Mündern und tausend weiteren Geburten ließe sie sich nicht beschreiben. 6.18 Hunderttausend vorschriftsgemäße Wiederholungen heißen Purashcharana. Von derselben Art sind Mahamaya und das Kurcha-Bija, Schöne. 6.19 Auch Vagbhava und Pranava sind so beschaffen; ebenso die große Vidya der Feuerbraut, ohne Zweifel. 6.20 Die Feuerbraut ist eine höchste Formel, die rasch Vollendung verleiht; durch die Anrede wird [die Göttin] stets gegenwärtig.
6.21 Nun erkläre ich die vorzügliche Purashcharana der Mahavidya. Das königliche Mantra wurde beschrieben; höre seine dreifache vorbereitende Praxis. 6.22 Tagsüber wiederhole man das Mantra hunderttausendmal, mit beherrschten Sinnen und Opferspeise als Nahrung; nach der Lehre der Divyas und Viras wiederhole man es nachts hunderttausendmal. 6.23 Höre nun die Vorbereitung für das sechssilbige [Mantra]: nach der Lehre der Divyas und Viras „mit einundzwanzig“ [die Zähleinheit fehlt]. 6.24 Ebenso soll der vorbildliche Praktizierende das dreisilbige Mantra wiederholen. Meditation, Verehrung und alles Weitere sind gleich.
6.25 Keine andere Vidya schenkt Frucht wie diese, Yogini. Höre nun aufmerksam, Parvati, wie die Mantras zum Bewusstsein erwachen. 6.26 Im großen tausendblättrigen Lotus [betrachte man] den höchsten Shiva in Bindu-Gestalt; mit dem Hamsa-Mantra richte der Verständige Kundalini auf. 6.27 Wenn sich an der Nasenspitze ein fester Blick einstellt, entsteht das Mantrabewusstsein im Kundalini-Kreis. 6.28 Betrachte im großen tausendblättrigen Lotus den Guru zusammen mit Kundalini. So erwacht das Bewusstsein aller Mantras, Geliebte.
6.29 Dann wiederhole man das Mantra, das Vollendung verleiht, ohne Zweifel. Die Göttin spricht: Erkläre nun Tarinis Mantrabedeutung, Shankara. Kali schenkt stets Befreiung; Tarini [rettet] im Daseinsmeer. 6.30 Shiva antwortet: Kala wird als Haar, Bindu als Kopf bezeichnet; Nada [entspricht] Mund, Stirn, Nase und Augen 6.31 vier Armen, Leib, beiden Brüsten und Brustkorb; durch das Zeichen ma [betrachte man] Rücken und beide Hüftseiten. 6.32 Durch das Zeichen ta betrachte der vorbildliche Praktizierende Yoni-Bereich, After, beide Füße, sämtliche Finger und Zehen sowie Nägel.
6.33 Ra, aus Mond und Sonne bestehend, ist das Feuer-Bija; [ihm entsprechen] alle Nadis, das Licht, Körperhaare und Schmuck. 6.34 Śa ist Mahamaya, welche die Gestalt der Shakti offenbart. Vom Scheitel bis zu den Füßen [ist sie] das schwer zugängliche Shakti-Bija. 6.35 Wie könnte ich die Herrlichkeit dieses Mantras beschreiben? Tausende Pferdeopfer und Hunderte Vajapeya-Opfer 6.36 heilige Stätten wie Kashi, [eine schwer bestimmbare Zahl mit „anderthalb Crore“], die Erde mit ihren sieben Inseln, voller Getreide 6.37 Gold im Ausmaß des Meru für einen vedengelehrten Brahmanen, alle Gelübde mit Opferlohn und die weite Fülle der vier Veden 6.38 Kühe und Landbesitz, Elefanten und Pferde, Bali-Gaben und Ahnenopfer 6.39 und jedes große Verdienst, das die Schriftkundigen vorschreiben: All dies erreicht nicht ein Sechzehntel einer einzigen Mantrawiederholung.
6.40 Durch eine einzige Aussprache [erlangt man] wahrlich Brahman allein; [die Sprechenden werden] Schöpfer, Erhalter und Auflöser, ohne Zweifel. [Der Satzbau ist verkürzt.] 6.41 Sie hat Eigenschaften und ist zugleich ohne Eigenschaften; sie ist formlos und nimmt Gestalt an. Als hörbar ausgesprochene Sprache ruht diese große Vidya fest in den Lauten. 6.42 Die Wirklichkeit reicht über alle Buchstaben hinaus. Deshalb heißt sie Tara. Ihr Wesen ist die Erkenntnis Brahmans; sie schenkt sowohl die Erfüllung des Lebens als auch Befreiung. 6.43 Selbst in tausendmal zehn Millionen Geburten lässt sie sich nicht beschreiben. Was könnte ich jetzt mit meinen fünf Mündern sagen?
6.44 Die einsilbige Mahavidya wird in den drei Welten verehrt. Wer ohne diese Einsilbige ein Mantra empfängt 6.45 erlangt selbst in tausendmal zehn Millionen Weltaltern keine Vollendung. Sa ist Vishnus Gestalt, ta ist Prajapati 6.46 und ra ist aufgrund seiner auflösenden Natur unmittelbar Shiva. Die ursprüngliche höchste Vidya ist Maya, die höchste Kala. 6.47 Das höchste Licht ist formlos; Bindu wird unvergänglich genannt. Das Wort Bindu bezeichnet Leere und weist zugleich auf Eigenschaften hin.
6.48 Die Göttin [ist] Nektar des Bindu-Kreises, strömend in der halben Matra. Nada hat die Gestalt der halben Matra, durchdringt alles und bewahrt die Welt. 6.49 Wie diese Vaikhari-Vidya, so ist auch die Kurcha-Vidya; hinsichtlich ihrer Größe und Verehrung besteht kein Unterschied. 6.50 Mit Tara [Om], Bindu und Maya [ist sie] die höchste fünfsilbige [Vidya]. Durch die Zerlegung in Laute wird die Gestaltbetrachtung gebildet. 6.51 Die fünfeinhalbsilbige Vidya ist Tarini selbst in Gestalt. Ebenso [sind] die Vogelform, Vagbhava und Haripriya [einzubeziehen; der Anschluss bleibt unklar].
6.52 [Ebenso] Pranava, das Kama-Bija, „Raum“, Shiva, das Waffen-Bija und die Feuerbraut, göttliche Herrin. 6.53 Durch die Anrede wird sie stets gegenwärtig. Durch das Fünfsilbige ist Tarini die nach Wunsch Gestalt Annehmende. 6.54 Betrachte das Fünfsilbige ebenso als Brahma, Vishnu und Shiva, als Shakti-Gestalt und als formlos. 6.55 Wie die fünfsilbige Vidya, so sind auch die sechssilbige, die sechzehnsilbige und die [als „vyakṣarī“ überlieferte, wohl zweisilbige] Vidya.
6.56 Ebenso die achtsilbige und die höchste neunsilbige: Hinsichtlich ihrer Größe, Meditation und Verehrung gibt es keinen Unterschied. 6.57 Was hätte ich dir aus übergroßer Liebe nicht offenbart? Doch selbst angesichts des Todes soll man Vaikhari nicht vor einem Pashu offenbaren [einem im Sinne dieser Tradition Unvorbereiteten].
Ergänzende heutige Chakra-Meditation
Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev; eine eigenständige heutige Anleitung, keine Rekonstruktion der Tantra-Riten.
Kapitel 7: Innerer Kosmos, Maße und heilige Stätten
7.1 Die Göttin spricht: Die Göttin ist ganz großer Yoga, Khechari und höchste Kala. Ohne Yoga-Erkenntnis gibt es wahrlich keine Vollendung, Herr der Götter. 7.2 Sage mir, Gott der Götter: Worauf ruht im kleinen Weltenei die Erde mit ihren sieben Inseln? 7.3 In welcher Gestalt bestehen die sieben Meere? Im Erdkreis des Muladhara befinden sich Menschen und andere Wesen 7.4 in welcher Gestalt bestehen all diese kleinen Menschen? Erkläre auch den Atemwind, gemessen mit der eigenen Fingerbreite, Herr.
7.5 Shiva antwortet: Im Muladhara befindet sich die Erde mit ihren sieben Inseln; die sieben Meere liegen dort ringförmig. 7.6 In der Mitte liegt Jambudvipa, außen darum das Salzmeer; [danach] Shakadvipa, außen darum das Meer aus Sauermilch 7.7 dann Shalmalidvipa, außen darum das Milchmeer; dann Pataladvipa und außen darum [ein Meer bis zum] Wasserende. [Die Aufzählung ist unvollständig und der Schluss unklar.] 7.8 Welche Gestalt Menschen und andere Wesen auf der Erde haben, in eben dieser Gestalt befinden sich die Lebewesen im Muladhara.
7.9 Das Maß des Atemwinds wird mit 96 Fingerbreiten angegeben. Das Maß des Sonnenstandes wird als darüber hinausgehend bezeichnet. 7.10 Die Göttin fragt: Wie groß ist das Weltenei für die Erdenbewohner? Welchem Maß entspricht eine Fingerbreite, Schatz des Mitgefühls? 7.11 Shiva antwortet: Eine Fingerbreite entspricht tausend Jahren; für den Erdenbewohner ergeben sich 96.000 Jahre. 7.12 Von der großen Zehe bis zum Knöchel [rechnet der Text] neuntausend; vom Knöchel bis zum Kniegelenk „Öffnung-Mond-Tausendjahre“ [wohl 19.000; die Zahlchiffre ist unsicher].
7.13 Vom Knie bis zum After beträgt das Maß 20.000; vom Muladhara bis zum Geschlechtsorgan viertausend Jahre. 7.14 Vom Geschlechtsorgan bis zum Nabel sind es siebentausend, vom Nabel bis zum Herzen neuntausend. 7.15 Vom Herzen bis zur Kehle sind es siebentausend; von Vishuddha bis Ajna beträgt das Maß elftausend. 7.16 Vom Ajna-Chakra bis zu Shiva sind es zehntausend. Darüber hinaus wird für den Atemwind die Sonnenzahl mal tausend, also zwölftausend, angegeben.
7.17 Mit der Tätigkeit des Körpers entstehen Abnahme und Zunahme: beim Liebesakt das Sechsfache, „außerhalb/nach dem Essen“ das Dreifache [die letzte Wendung ist mehrdeutig]. 7.18 Beim Blasen nimmt der Atemwind, auf das Achtfache zu. Durch die Unterweisung eines wahren Gurus auf dem Mantra-Weg, Parvati 7.19 lebt man, wenn [der Atem] nur um eine Fingerbreite verkürzt wird, tausend Jahre. Wenn auf diese Weise schrittweise Gleichmaß erreicht wird 7.20 überwindet man den Tod und wandelt wie Shambhu auf Erden. Deshalb habe ich die Yoni-Mudra gelehrt.
7.21 Wenn durch Pranayama, durch Yoni-Mudra und durch beständigen Übungs-Yoga der Atemwind ausgeglichen wird 7.22 wird man nach Überwindung des Todes bald zum Khechara, zum Wanderer im Raum. Damit ist das ganze Maß des Menschen erklärt, du freundlich Sprechende. 7.23 Durch die Entfaltung des Ein- und Ausatmens bewegt sich Kundali im Raum. Die Göttin spricht: Erkläre mir nun das Maß der Erde, höchster Herr. 7.24 Welche [Götter] und welche Shaktis jeweils in den sieben Himmeln wohnen: All das möchte ich hören, wenn du mich liebst.
7.25 Shiva antwortet: Die Menschen und anderen Wesen befinden sich im Erdkreis des Muladhara; nach ihrem Maß [beträgt es] zweiundsiebzig und eine Hälfte [eine Einheit wird nicht genannt]. 7.26 Das außen herumliegende Salzmeer ist doppelt so groß. So wird das Maß der Reihe nach als jeweils doppelt beschrieben. 7.27 Im Muladhara ist Brahma mit Dakini; im Svadhishthana befindet sich Vishnu mit Rakini. 7.28 Im Manipura ist Rudra mit Lakini; im großen Anahata-Lotus Hara mit Kakini.
7.29 Im Vishuddha wohnen die ewige Sakini und Sadashiva; im Ajna-Chakra Hakini und der Gott Parashiva. 7.30 Im großen tausendblättrigen Lotus ist der höchste Shiva gegenwärtig, dessen Gestalt das ganze All umfasst. Dort wohnt auch die ewige Mahakundalini. 7.31 Die Göttin fragt: Wo an der Wurzel befindet sich der große heilige Sitz, höchster Herr? Wie ist die Unterwelt unterhalb des Muladhara beschaffen? 7.32 Shiva antwortet: Im Muladhara ist Kamarupa, im Herzen Jalandhara; Purnagiri liegt darunter und Uddiyana darüber [die letzten beiden Bezugspunkte bleiben offen].
7.33 Varanasi liegt zwischen den Brauen, Jvalanti in den drei Augen; Mayavati im Gesichtskreis und Ashtapuri in der Kehle. 7.34 Am Nabelgrund liegt Ayodhya, in der Hüftregion der Kanchi-Sitz und am Rücken Shrihritta [wohl eine Variante von Shrihatta]. 7.35 Von Muladhara aus wird Atala mit hundert angegeben, Sutala ebenfalls mit hundert Jahren und Talatala mit hundert, Geliebte. 7.36 Mahatala reicht bis zur Jahreszahl „Seher-Pfeil-Mond“ [bei rückläufiger Zahlwortlesung 157]; Patala bis zweihundert und Rasatala ebenfalls zweihundert.
7.37 Nahe dem Muladhara befinden sich zwei Fingerbreiten; in ihrem Zwischenraum liegen die Unterwelten, höchste Göttin. 7.38 So habe ich dir kurz die Essenz des Yoga mitgeteilt, Geliebte. Selbst am Lebensende soll sie niemals vor einem Pashu ausgesprochen werden.
Kapitel 8: Nadis, Bindu und Kundalini

8.1 Die Göttin spricht: Der Körper ist die Wohnstätte von 35 Millionen Nadis. Ich möchte von ihnen der Reihe nach hören; erkläre es mir, Herr. 8.2 Shiva antwortet: An Haaren und Poren [befinden sich] „eine halbe Crore mit einem Viertel“ [naheliegend 7,5 Millionen, doch mehrdeutig]; an Hand, Mund und Fuß dreihunderttausend Nadis. 8.3 Am Bauch und After werden fünfhunderttausend angegeben; am Herzen und sämtlichen übrigen Körpergliedern neunhunderttausend. 8.4 An Flanken, Haut und allen Gelenken befinden sich Nadis in einer Zahl von „weniger als elf Lakhs“ [die genaue Zahl bleibt unbestimmt].
8.5 Ida, Pingala, Sushumna, Chitrini und die Brahmanadi in ihrer Mitte werden als fünf Nadis genannt. 8.6 Hinzu kommen Kuhu, Shankhini, Gandhari, Hastijihvika, Nardini und Nidra; so ergibt sich die Zahl der elf Rudras. 8.7 Diese Nadis entstehen aus Sushumna. Die Göttin fragt: Worauf ruhen inmitten der Lotusse „Veda-Auge-Vasu-Öffnung“ und „Pfeilzahl-Wasserende“? [Die Zahl- und Lautchiffren dieses Verses sind nicht sicher auflösbar.] 8.8 Shiva antwortet: Die Größe des Yoga-Lotus kann ich nicht aussprechen. Inmitten des Lotus im Muladhara ist das strahlend schöne Bija laṃ.
8.9 Im Bindu des Bija laṃ liegt der herrliche Erdkreis; ringförmig befinden sich dort die sieben Meere. 8.10 Die Göttin fragt: Erkläre mir das Maß des Bindu, großer Gott; beschreibe der Reihe nach das Maß des Yoga-Lotus, Shankara. 8.11 Der Bindu misst nur ein Drittel eines kleinsten Teilchens. Dennoch enthält er alle Meere und die Erde mit ihren sieben Inseln. 8.12 Er ist unvergänglich und höchst fein: der höchste Shiva in Gestalt eines Punktes. Wie könnte ich das Ausmaß dieses Gottes beschreiben?
8.13 Über Nada betrachte man Brahmaloka; dort wohnt Brahma stets zusammen mit Dakini. 8.14 La ist das Erd-Bija in Shakti-Gestalt. Inmitten des Erdkreises steht das wunderbare, aus sich selbst entstandene Linga. 8.15 Es ist stets von Kundali in dreieinhalb Windungen umgeben; sie bedeckt mit ihrem eigenen Mund die Öffnung des Lingas. 8.16 So fließt der Atemwind beständig durch Ida und Pingala. Kundalini ist immer wach und auf die Schau des Sahasrara gerichtet.
8.17 Sobald sie auf dem Brahma-Weg zum Sahasrara aufsteigt, [geschieht] die Entfaltung von Ein- und Ausatmung, höchste Göttin. 8.18 Im Innern der Staubfäden des vierblättrigen [Lotus befinden sich] Durga in unendlicher Gestalt und Shambhu, der ebenfalls unendliche Gestalt trägt. 8.19 [Sie verweilen] stets in Liebe und im Spiel vielfältiger Freuden. Die Göttin fragt: Wie befindet sich Kundali dort, indem sie die Linga-Öffnung zusammenzieht? 8.20 Erkläre es mir, immerwährende Freude, denn du bist allwissend. Shiva antwortet: Im Linga liegt eine große feuerartige Leuchtkraft, Schöne 8.21 durch die das Weltenei schon bei geringer Verbindung mit Wind verbrennt. Deshalb bedeckt die Göttin Kundali [die Öffnung] mit ihrem Mund.
8.22 Deshalb soll man im tönernen Linga die Bindu-Shakti einsetzen. Nach dem Erwecken der Bindu-Shakti wird dies Linga-Verehrung genannt.
Kapitel 9: Innere Lautgirlande und Lebensbewahrung
9.1 Die Göttin spricht: Tripuras großes Mantra habe ich im Nityatantra gehört. Nun möchte ich den inneren Sinn des Neunsilbigen hören. 9.2 Shiva antwortet: Erde, Mond, Shiva, Maya, Shakti, „Feuer und Sitz“, Halbmond und Bindu: Das Neunsilbige wird Meru genannt. [Die Lautchiffren ergeben hier keine zweifelsfrei rekonstruierbare Formel.] 9.3 Durch Wiederholung des Erd-Bijas wird man bald Herrscher der Erde; durch Wiederholung des Mond-Bijas erlangt man große Schönheit. 9.4 Durch Shiva-Bija-Japa wandelt man wie Shiva auf Erden. Gemeinsam ausgesprochen schenkt [die Formel] wahrlich die Frucht der vier Lebensziele.
9.5 Die Göttin spricht: Du hast von Yoga-Erkenntnis und Auflösung gesprochen. Solange Begehren und dergleichen noch aufflammen, wird Bhava-Yoga nicht erlangt [der Wortlaut ist grammatisch unsicher]. 9.6 Der große Yogi lässt den Samen aufwärts gehen; durch Verbindung mit Shakti [geht er] abwärts. Sage mir, Herr der Welten, wie langes Leben möglich wird. 9.7 Shiva antwortet: Höre, Göttin, ich erkläre, wodurch langes Leben entstehen soll. Bewahre es nach dem Hören sorgfältig geheim und offenbare es niemals. 9.8 Man verehre Kalika, Tarini oder Sundari mit sechzehn Verehrungsgaben und den fünf Tattvas, Parvati.
9.9 Nach drei Tagen der Verehrung betrachte man die sechs Chakras und übe danach das Mala-Mantra. 9.10 Auf den Blättern übe man Shodashi oder [die Formel] mit „Maha“ am Anfang; im vierblättrigen Lotus achtmal, im sechsblättrigen zwölfmal. 9.11 Im zehnblättrigen [Lotus] zwanzigmal, im zwölfblättrigen vierundzwanzigmal; beim sechzehnblättrigen steht „zehn“, danach „viermal“ und „acht der Brauen“ [der Schluss ist unklar und ergibt keine verlässliche Übungszahl]. 9.12 Mit Atemanhalten wiederhole man das Mantra an den sechs Girlanden. Wenn auf diese Weise schrittweise die Lebensdauer gefestigt wird 9.13 wiederhole man es an der Lautgirlande, wodurch der Tod überwunden werden soll. Die Göttin spricht: Sushumna reicht vom Wurzelchakra bis zum Kopf; die Kraft in ihrem Innern ist die Göttin in gewundener Gestalt.
9.14 Die Göttin fragt: Kundalini ist stets mit fünfzig Lauten geschmückt. Wie aber wird sie zur Mala, Gott? Darüber besteht in meinem Herzen ein Zweifel. 9.15 Shiva antwortet: Mit Hamsa, Atemverbindung und Einatmung führe man sie in das Samenbehältnis des großen tausendblättrigen Lotus, in Shivas Wohnstätte. 9.16 Im Sahasrara angekommen und Shiva erblickend, umschlingt die liebende Kundali dessen Linga beständig in Gestalt einer Girlande. 9.17 Von a bis la [reicht die Lautreihe], kṣa ist mit ihrem Mund verbunden. Die Liebende [ergreift] mit ihrem eigenen Schwanz den letzten Laut samt Öffnung 9.18 durchdringt ihn mit dem Schwanz und [bildet] darüber die Schlangenschlinge. Wenn Kundali diesen Zusammenhang ganz durchdringend verweilt … [die genaue Bildkonstruktion bleibt unsicher].
9.19 … soll man genau dann das Mantra wiederholen: Man erlangt Unsterblichkeit. Beim Ausatmen kehrt die liebende Göttin in ihre eigene Wohnstätte zurück 9.20 in diesem Zustand soll man das Mantra nicht wiederholen; sonst erlange man den Tod. Beim Ausatmen ist die Girlande zerrissen, du von Göttern Verehrte. 9.21 Wenn der Faden reißt, folgt der Tod, habe ich zuvor gesagt. So habe ich dir erklärt, wodurch man zum Todüberwinder werden soll. 9.22 Oder man richte den Blick sorgfältig auf die eigene Nasenspitze, halte den Atem sorgsam und spreche in einem einzigen Äußerungszug 9.23 das Mala-Mantra, die Shodashi oder das achtzehnsilbige [Mantra]. Wer täglich tausend Wiederholungen vollzieht, Parvati 9.24 überwindet Tod, Alter und Krankheit und lebt lange. Ein bloß nach Genuss Strebender erlangt diesen anderen großen Yoga nicht.
9.25 Oder man verehre sorgfältig die Göttin Katyayani mit „Bhuta“ vor dem Namen nach der im Damara gelehrten Vorschrift. 9.26 Dann lebt man gewiss fünftausend Jahre. So habe ich alles erklärt, was der Bewahrung des Körpers dienen soll. 9.27 Der Genießende erlangt [sonst] keinen Genuss, der Yogi keinen Yoga. Durch dieses Prinzip jedoch wird Genuss gewiss zu Yoga. 9.28 Die Göttin fragt: Welche Frucht erlangt ein Mensch durch Japa an der jeweiligen Girlande? Erkläre einzeln die Früchte der Blattgirlanden, Mahadeva.
9.29 Shiva antwortet: Wer Landherrschaft wünscht, wiederhole das Mantra im vierblättrigen Muladhara. Durch Japa im Svadhishthana wird man bald zum großen Indra. 9.30 Durch Japa im Manipura wird man des Himmels teilhaftig; durch Japa im großen Anahata-Lotus gelangt man in Brahmas Stadt. 9.31 Durch Japa im Vishuddha wohnt man in Vishnus Welt; durch Japa im Ajna-Chakra wohnt man stets auf Shvetadvipa. 9.32 Die bisher beschriebene Girlande heißt die äußere. Die innere ist die große Girlande, die aus den fünfzig Lauten besteht.
9.33 Wie könnte ich ihre Größe aussprechen? Wenn man im Sahasrara fest verweilt und hundertachtmal wiederholt 9.34 erreicht eine andere [Praxis] davon nur ein Zehnmillionstel. Der Körper wird auf Erden unvergänglich, ohne Zweifel. 9.35 An der jeweils genannten Girlande wiederhole man das Mantra zur Einübung, Parvati. So habe ich erklärt, wie man lange leben soll. 9.36 Höre nun von Bhutakatyayani: [Man setze] den Vedenanfang, das Klang-Bija und danach Mahamaya 9.37 zweimal das Waffen[-Bija] und die Feuerbraut. Dies ist das höchste siebensilbige Mantra; sein Seher ist Shiva, sein Versmaß Viraj.
9.38 Die Gottheit Bhutakatyayani schenkt stets Dharma, Artha und Kama. Mit Pranava [vollziehe man] die sechs Glieder und Pranayama, Schöne. 9.39 Ich erkläre ihre Meditation; höre aufmerksam: [Man betrachte sie] hellfarbig, mit gelöstem Haar und mit allem Schmuck geschmückt 9.40 in Seidengewänder gehüllt, mit stets rollenden Augen; in der linken Hand eine blutgefüllte Schädelschale, in der rechten 9.41 ein goldenes, mit Wein gefülltes Gefäß; am Hals mit einer Kette geschmückt, leuchtend wie der Herbstmond und mit strahlenden Zehen.
9.42 So betrachte man die ewige, Segen spendende Göttin zur Erlangung von Vollendung; danach stelle man das allgemeine Arghya links von sich auf. 9.43 Nach Lebenseinsetzung und den übrigen Riten verehre man die höchste Göttin mit sechzehn Gaben und den fünf Tattvas. 9.44 Drei Tage verehre man sie mit großer Sorgfalt im Haus; anschließend wiederhole man das große Mantra „Elefanten-Ende-Tausend“ Mal [wohl achttausend; die Chiffre ist unsicher]. 9.45 Dann verehre man die Göttin drei Tage in einem leeren Haus und wiederhole täglich das Mantra in derselben „Elefanten-Ende-Tausend“-Zahl.
9.46 Wenn auf diese Weise noch keine Vollendung eintritt, wiederhole man das Mantra drei Tage auf der Verbrennungsstätte. 9.47 Dann tritt Vollendung ein, Göttin, wahrlich, wahrlich, Geliebte. Die dazugehörigen Worte, die Bittformel, habe ich im Damara gelehrt.
Kapitel 10: Mudras und göttliche Herabkünfte
10.1 Die Göttin spricht: Erkläre die große Kaki-Chanchu-Mudra, Schatz des Mitgefühls, durch die man ganz der Körperhaltung gewidmet sein kann [„dehāsanaparaḥ“ ist mehrdeutig]. 10.2 Shiva antwortet: Ohne Unruhe lege man die Zunge sehr behutsam an den Gaumengrund und trinke dann langsam den Atemwind. 10.3 Man presse die Zähne aufeinander und übe den Krähenschnabel. Nach dem bei Bahuyoni genannten Verfahren vollziehe man alle Handlungen. 10.4 Nun erkläre ich Svalpayoni; höre, Geliebte. Man lege den rechten Knöchel an die Afteröffnung und das Geschlechtsorgan in die Fuge 10.5 oder halte den Knöchel an der Nabelöffnung mit der linken Hand. Alles Weitere vollziehe man nach dem bei Bahuyoni beschriebenen Verfahren [die Körperanordnung bleibt unklar].
10.6 Die Mudra und ihre Größe habe ich im Chaitanyatantra erklärt. Wie der Goldberg, Göttin, wie ein schnell strömender Fluss 10.7 wie Mond und die übrigen [Himmelskörper], so wird man langlebig. Die Göttin spricht: Erkläre mir die zehn Herabkünfte, Herr der Götter und Lehrer der Welt. 10.8 Nun möchte ich davon hören; erkläre es ausführlich. Welche Göttin erscheint in welcher Gestalt, höchster Herr? 10.9 Shiva antwortet: Tara ist die blaugestaltige Göttin; Vagala hat die Gestalt der Schildkröte. Dhumavati ist der Eber, Chinnamasta die Löwenmensch-Gestalt.
10.10 Bhuvaneshvari ist Vamana; Matangi hat Ramas Gestalt. Tripura ist der Sohn Jamadagnis [Parashurama], und Bhairavi ist Balabhadra. 10.11 Mahalakshmi ist Buddha, Durga erscheint als Kalki; die erhabene Kali selbst tritt in Krishnas Gestalt hervor. 10.12 So habe ich dir, Göttin, eben die zehnte Herabkunft erklärt [der Wortlaut ist gegenüber der vorausgehenden Aufzählung auffällig]. Durch die Verehrung dieser [Göttinnen] wird man Mahadeva gleich. Ihre Meditationen und alles Weitere habe ich dir schon früher erklärt.
Todala Tantra – vollständiger Sanskrittext in Devanagari
तोडलतन्त्र, प्रथमः पटलः
श्रीदेव्य् उवाच
ब्रूहि मे जगतां नाथ सर्वविद्यामय प्रभो ।
महाविद्यासु सर्वासु पूज्यासु भुवनत्रये ॥ १.१ ॥
एतासां दक्षिणे भागे नानारूपं पिनाकधृक् ।
पृथक् पृथक् महादेव कथयस्व मयि प्रभो ॥ १.२ ॥
श्रीशिव उवाच
शृणु चार्वङ्गि सुभगे कालिकायाश्च भैरवम् ।
महाकालं दक्षिणाया दक्षभागे प्रपूजयेत् ॥ १.३ ॥
महाकालेन वै सार्धं दक्षिणा रमते सदा ।
ताराया दक्षिणे भागे अक्षोभ्यं परिपूजयेत् ॥ १.४ ॥
समुद्रमथने देवि कालकूटं समुत्थितम् ।
सर्वे देवाः सदाराश्च महाक्षोभम् अवाप्नुयुः ॥ १.५ ॥
क्षोभादिरहितं यस्मात् पीतं हालाहलं विषम् ।
अत एव महेशानि अक्षोभ्यः परिकीर्तितः ॥ १.६ ॥
तेन सार्धं महामाया तारिणी रमते सदा ।
महात्रिपुरसुन्दर्या दक्षिणे पूजयेच्छिवम् ॥ १.७ ॥
पञ्चवक्त्रं त्रिनेत्रं च प्रतिवक्त्रे सुरेश्वरि ।
तेन सार्धं महादेवी सदा कामकुतूहला ॥ १.८ ॥
अत एव महेशानि पञ्चमीति प्रकीर्तिता ।
श्रीमद्भुवनसुन्दर्या दक्षिणे त्र्यम्बकं यजेत् ॥ १.९ ॥
स्वर्गे मर्त्ये च पाताले या चाद्या भुवनेश्वरी ।
एतासु रमते येन त्र्यम्बकस्तेन कथ्यते ॥ १.१० ॥
सशक्तिश्च समाख्यातः सर्वतन्त्रप्रपूजितः ।
भैरव्या दक्षिणे भागे दक्षिणामूर्तिसंज्ञकम् ॥ १.११ ॥
पूजयेत् परयत्नेन पञ्चवक्त्रं तमेव हि ।
छिन्नमस्तादक्षिणांशे कबन्धं पूजयेच्छिवम् ॥ १.१२ ॥
कबन्धपूजनाद्देवि सर्वसिद्धीश्वरो भवेत् ।
धूमावती महाविद्या विधवारूपधारिणी ॥ १.१३ ॥
वगलाया दक्षभागे एकवक्त्रं प्रपूजयेत् ।
महारुद्रेति विख्यातं जगत्संहारकारकम् ॥ १.१४ ॥
मातंगीदक्षिणांशे च मतंगं पूजयेच्छिवम् ।
तमेव दक्षिणामूर्तिं जगदानन्दरूपकम् ॥ १.१५ ॥
कमलाया दक्षिणांशे विष्णुरूपं सदाशिवम् ।
पूजयेत् परमेशानि स सिद्धो नात्र संशयः ॥ १.१६ ॥
पूजयेदन्नपूर्णाया दक्षिणे ब्रह्मरूपकम् ।
महामोक्षप्रदं देवं दशवक्त्रं महेश्वरम् ॥ १.१७ ॥
दुर्गाया दक्षिणे देशे नारदं परिपूजयेत् ।
नाकारः सृष्टिकर्ता च दकारः पालकः सदा ॥ १.१८ ॥
रेफः संहाररूपत्वान् नारदः परिकीर्तितः ।
अन्यासु सर्वविद्यासु ऋषिर् यः परिकीर्तितः ॥ १.१९ ॥
स एव तस्या भर्ता च दक्षभागे प्रपूजयेत् ।
श्रीदेवी उवाच
या चाद्या परमा विद्या द्वितीया भैरवी परा ।
त्रैलोक्यजननी नित्या सा कथं शववाहना ॥ १.२० ॥
श्रीशिव उवाच
या चाद्या परमेशानि स्वयं कालस्वरूपिणी ।
श्रीशिवस्य हृदम्भोजे स्थिता संहाररूपिणी ॥ १.२१ ॥
अत एव महाकालो जगत्संहारकारकः ।
संहाररूपिणी काली यदा व्यक्तस्वरूपिणी ॥ १.२२ ॥
तदैव सहसा देवि शवरूपः सदाशिवः ।
तत्क्षणाच् चञ्चलापाङ्गि सा देवी शववाहना ॥ १.२३ ॥
श्रीदेवी उवाच
शवरूपो महादेव मृतदेहः सदाशिवः ।
मृतदेहं महादेव सलिलं वा कथं नहि ॥ १.२४ ॥
श्रीशिव उवाच
यस्मिन् व्यक्ता महाकाली शक्तिहीनः सदाशिवः ।
शक्त्या युक्तो यदा देवि तदैव शिवरूपकः ।
शक्तिहीनः शवः साक्षात् पुरुषत्वं न मुञ्चति ॥ १.२५ ॥
तोडलतन्त्र, द्वितीयः पटलः
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि योगसारं समासतः ।
ऊर्ध्वमूलम् अधःशाखं वृक्षाकारं कलेवरम् ॥ २.१ ॥
ब्रह्माण्डे यानि तीर्थानि तानि सन्ति कलेवरे ।
बृहद्ब्रह्माण्डं यद्रूपं तद्रूपं क्षुद्ररूपकम् ॥ २.२ ॥
ब्रह्माण्डे वर्तते तीर्थं सार्धकोटित्रयात्मकम् ।
द्विसप्ततिसहस्राणि प्रकाशं वीरवन्दिते ॥ २.३ ॥
चतुर्दशं तु तन्मध्ये तन्मध्ये त्रितयं शुभम् ।
तन्मध्ये परमेशानि महाधीरा च मुक्तिदा ॥ २.४ ॥
वासुकी या महामाया भुजगाकाररूपिणी ।
सार्धत्रिवलयाकारा पातालतलवासिनी ॥ २.५ ॥
सप्तस्वर्गं परेशानि क्रमेण शृणु सादरम् ।
भूर्लोकं च भुवर्लोकं स्वर्लोकं महसं तथा ॥ २.६ ॥
जनलोकं तपश्चैव सत्यलोकं वरानने ।
सप्तस्वर्गमिदं भद्रे पातालं शृणु यत्नतः ॥ २.७ ॥
अतलं वितलं चैव सुतलं च तलातलम् ।
महातलं च पातालं रसातलमतः परम् ॥ २.८ ॥
रसातलाच्च सत्यान्तं महाधीरा प्रतिष्ठिता ।
मेरुमध्यस्थिता नाडी महाधीरा च मुक्तिदा ॥ २.९ ॥
सत्यलोके महाविष्णुं शिवं ब्रह्माण्डसंज्ञकम् ।
तस्य संदर्शनार्थाय वासुकी व्याकुला सदा ॥ २.१० ॥
स्वर्गषट्कं भेदयित्वा उत्थिता वासुकी यदा ।
सर्वाः समुद्रगामिन्य ऊर्ध्वस्रोता भवन्ति हि ॥ २.११ ॥
एवं क्रमेण देवेशि शरीरे नाडयः स्थिताः ।
इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्णा मध्यवर्तिनी ॥ २.१२ ॥
नाडीद्वयेन देवेशि समीरं पूरयेद् यदि ।
ततस्तु प्राणमन्त्रेण कुण्डली च क्रमं चरेत् ॥ २.१३ ॥
सहस्रारे महापद्मे नित्ये चाव्ययपङ्कजे ।
त्रासयुक्ता कुण्डलिनी प्रविशेन्नित्यमन्दिरम् ॥ २.१४ ॥
सर्वाः पातालगामिन्य ऊर्ध्वस्रोता भवन्ति हि ।
एतस्मिन् समये देवि वर्णमालां विचिन्तयेत् ॥ २.१५ ॥
अष्टोत्तरशतं मूलमन्त्रं ज्ञानेन संजपेत् ।
आनयेत्तेन मार्गेण मूलाधारे पुनः सुधीः ॥ २.१६ ॥
षट्चक्रदेवतास्तत्र संतर्प्यामृतधारया ।
अथान्यत् सम्प्रवक्ष्यामि योनिमुद्रासनं प्रिये ॥ २.१७ ॥
उपविश्यासने मन्त्री प्राङ्मुखो वाप्युदङ्मुखः ।
जानुद्वयं कराभ्यां च प्रकुर्याद् दृढबन्धनम् ॥ २.१८ ॥
ऋजुकायेन देवेशि आजानु नासिकां नयेत् ।
प्राणमन्त्रेण देवेशि समीरं बहुयत्नतः ॥ २.१९ ॥
पूरयेत् परमेशानि किंचिद् वायुं न रेचयेत् ।
ऋजुकायं परेशानि विपरीतं प्रयत्नतः ॥ २.२० ॥
पूर्वोक्तेनैव विधिना अष्टोत्तरशतं जपेत् ।
षट्चक्रदेवतास्तत्र संतर्प्यामृतधारया ॥ २.२१ ॥
आनयेत्तेन मार्गेण मूलाधारे वरानने ।
अशेषरोगशमनं योनिमुद्रासनं प्रिये ॥ २.२२ ॥
बहु किं कथ्यते देवि महाव्याधिविनाशनम् ।
बहु किं कथ्यते देवि मन्त्रचैतन्यकारणम् ॥ २.२३ ॥
आत्मसाक्षात्करी मुद्रा महामोक्षप्रदायिनी ।
शतवक्त्रं यदि भवेत् तदा वक्तुं न शक्यते ॥ २.२४ ॥
पञ्चवक्त्रेण देवेशि किं मया कथ्यतेऽधुना ।
कुष्ठरोगविशिष्टोऽपि स भवेत् कामरूपकः ॥ २.२५ ॥
तोडलतन्त्र, तृतीयः पटलः
श्रीदेवी उवाच
देवदेव महादेव संसारार्णवतारक ।
बद्धयोनिं महामुद्रां कथयस्व दयानिधे ॥ ३.१ ॥
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि बद्धयोनिं समासतः ।
उपविश्यासने मन्त्री प्राङ्मुखो वाप्युदङ्मुखः ॥ ३.२ ॥
गुदच्छिद्रे महेशानि स्वलिङ्गाग्रं निवेशयेत् ।
श्रोत्रे चैव तथा नेत्रे नासायां च ततो मुखे ॥ ३.३ ॥
अङ्गुष्ठादि महेशानि क्रमेण योजयेत् सुधीः ।
नासिकायां मुखे चैव समीरं बहुयत्नतः ॥ ३.४ ॥
पूरयेत् परमेशानि किंचिद् अपि न रेचयेत् ।
शब्दप्रत्यक्षतां कृत्वा वर्णमालां विचिन्तयेत् ॥ ३.५ ॥
अष्टोत्तरशतं मूलमन्त्रं तु प्रजपेत् सुधीः ।
सो ऽहंमन्त्रेण देवेशि आनयेत्तेन वर्त्मना ॥ ३.६ ॥
षट्चक्रदेवतास्तत्र संतर्प्यामृतधारया ।
कृते फलं महेशानि कथयिष्यामि ते ऽनघे ॥ ३.७ ॥
वद ईशान सर्वज्ञ सर्वतत्त्वविदां वर ।
मन्त्रमार्गेण देवेश कालिकायाः सुदुर्लभम् ॥ ३.८ ॥
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि सदानन्दे कालिकामन्त्रमुत्तमम् ।
यस्याः प्रसङ्गमात्रेण जीवन्मुक्तो भवेन्नरः ॥ ३.९ ॥
शिवाद्यं बिन्दुनादाढ्यं वामनेत्राग्निसंयुतम् ।
सिद्धविद्या त्व् इयं भद्रे विद्याराज्ञी सुदुर्लभा ॥ ३.१० ॥
इदं बीजत्रयं चाद्यं गगनं बिन्दुभूषितम् ।
वामश्रवणसंयुक्तं द्वंद्वं चापरकं शृणु ॥ ३.११ ॥
ईशानं वह्निसंयुक्तं वामनेत्रेन्दुसंयुतम् ।
द्वितीयं परमेशानि सम्बोधनपदं ततः ॥ ३.१२ ॥
पुनर् बीजत्रयं कूर्चं मायाद्वंद्वं च ठद्वयम् ।
द्वाविंशत्यक्षरं मन्त्रं विद्याराज्ञी सुदुर्लभा ॥ ३.१३ ॥
वाग्भवाद्या महाविद्या श्रीकाली देवता स्मृता ।
प्रणवाद्या महाविद्या देवता सिद्धिकालिका ॥ ३.१४ ॥
निजबीजद्वयं कूर्चं बीजैकं परमेश्वरि ।
त्र्यक्षरी परमा विद्या चामुण्डा कालिका स्मृता ॥ ३.१५ ॥
एतस्याः सदृशी विद्या सिद्धिदा नास्ति सुन्दरि ।
यथा षडक्षरी विद्या तथा विद्या च त्र्यक्षरी ॥ ३.१६ ॥
निजबीजत्रयं भद्रे श्मशानकालिका ततः ।
पुनर् बीजत्रयं भद्रे वह्निकान्तां समुच्चरेत् ॥ ३.१७ ॥
चतुर्दशाक्षरी विद्या त्रिषु लोकेषु पूजिता ।
दक्षिणाकालिका सिद्धकालिका गुह्यकालिका ॥ ३.१८ ॥
श्रीकालिका भद्रकाली चामुण्डाकालिका परा ।
श्मशानकालिका देवि महाकालीति चाष्टधा ॥ ३.१९ ॥
निजबीजं महेशानि सम्बोधनपदं ततः ।
पुनश्च कालिकाबीजं ततो वह्निवधूं न्यसेत् ॥ ३.२० ॥
इति चाष्टविधं मन्त्रं सर्वतन्त्रेषु गोपितम् ।
श्रीदेवी उवाच
श्रुतं महाकालिकाया मन्त्रं परमगोपनम् ॥ ३.२१ ॥
ताराया मन्त्रराजं तु श्रोतुमिच्छामि साम्प्रतम् ।
यस्याः प्रसङ्गमात्रेण भवाब्धौ न निमज्जति ॥ ३.२२ ॥
तन्मन्त्रं वद ईशान यदि स्नेहोऽस्ति मां प्रति ।
श्रीशिव उवाच
चन्द्रबीजं समुच्चार्य आद्यं वह्निसमागतम् ॥ ३.२३ ॥
वामनेत्रेन्दुसंयुक्तं मन्त्रराजमिमं प्रिये ।
एकाक्षरी महाविद्या त्रिषु लोकेषु पूजिता ॥ ३.२४ ॥
ईशानबिन्दुसंयुक्तं वामकर्णविभूषितम् ।
एकाक्षरी महाविद्या मन्त्रराजद्वितीयकम् ॥ ३.२५ ॥
शिरं बिन्दुसमारूढं वामनेत्रेन्दुसंयुतम् ।
आद्यबीजं द्वितीयं च अस्त्रमन्त्रं समुच्चरेत् ॥ ३.२६ ॥
प्रणवाद्या यदा विद्या सोग्रतारा प्रकीर्तिता ।
विद्या चैकजटा प्रोक्ता महामोक्षप्रदायिनी ॥ ३.२७ ॥
तारास्त्ररहिता त्र्यर्णा महानीलसरस्वती ।
वाग्भवाद्या यदा विद्या वागीशत्वप्रदायिनी ॥ ३.२८ ॥
श्रीबीजाद्या महाविद्या सदा लक्ष्मीप्रदायिनी ।
मायाद्या परमा विद्या सदा सिद्धिप्रदायिनी ॥ ३.२९ ॥
कूर्चबीजादिका चैषा शब्दराशिप्रकाशिनी ।
गगनाद्या महाविद्या निर्वाणमोक्षदायिनी ॥ ३.३० ॥
प्रासादाद्या महाविद्या शिवसायुज्यदायिनी ।
प्राणबीजादिका चैषा वाञ्छासिद्धिप्रदायिनी ॥ ३.३१ ॥
कालिकाद्या महाविद्या मुक्तिदा सिद्धिदा सदा ।
कालिकायाश्च ताराया आराधनम् इहोच्यते ॥ ३.३२ ॥
प्रातरुत्थाय मन्त्रज्ञः सहस्रारे गुरुं यजेत् ।
षट्चक्रं भेदयित्वा तु चाष्टोत्तरशतं जपेत् ॥ ३.३३ ॥
ततः प्रणम्य विधिवत् स्नानकर्म समारभेत् ।
अद्येत्यादि समुच्चार्य सौरमासं समुच्चरेत् ॥ ३.३४ ॥
देवताप्रीतये पश्चात् स्नापयेच्छुद्धवारिणा ।
ओंकारं च समुच्चार्य गङ्गे चेति समुच्चरेत् ॥ ३.३५ ॥
यमुनेति ततः पश्चाद् गोदावरि सरस्वति ।
नर्मदेति समुच्चार्य सिन्धुकावेरिसंयुतम् ॥ ३.३६ ॥
अस्मिन् जले च संनिधिं कुरु शब्दमथो वदेत् ।
आनयेदङ्कुशाख्येन रविसंयुक्तमण्डलात् ॥ ३.३७ ॥
मुद्राचतुष्टयं देवि दर्शयेद् बहुयत्नतः ।
रुद्रसंख्यं जपेन्मन्त्रम् आच्छाद्य मीनमुद्रया ॥ ३.३८ ॥
सूर्यायाभिमुखं तोयं निःक्षिप्य रविसंख्यया ।
मूलमन्त्रं समुच्चार्य क्षालयेच्चरणद्वयम् ॥ ३.३९ ॥
चरणान्निःसृते तोये त्रिर् निमज्य जपेन्मनुम् ।
मूलमन्त्रं त्रिर् जप्त्वा तु मुद्रया कुम्भसंज्ञया ॥ ३.४० ॥
जलादुत्थाय देवेशि तिलकं कुलवर्त्मतः ।
आत्मविद्याशिवैस् तत्त्वैर् आचामेत् पयसा ततः ॥ ३.४१ ॥
वह्निजायान्विता मन्त्रा विज्ञेयाः प्रणवादिकाः ।
गङ्गे चेत्यादिना देवि तीर्थमावाहनं चरेत् ॥ ३.४२ ॥
मूलेन दर्भया भूमौ त्रिवारं निक्षिपेत् सुधीः ।
तज्जलेन सप्तवारम् आत्माभिषेकमाचरेत् ॥ ३.४३ ॥
अङ्गन्यासं ततः कृत्वा वामहस्ते सुरेश्वरि ।
गगनं वायुबीजं च वरुणं भूमिबीजकम् ॥ ३.४४ ॥
वह्निबीजं बिन्दुयुक्तं त्रिवारं जपमाचरेत् ।
अनेन मनुना देवि तज्जलं चाभिमन्त्रितम् ॥ ३.४५ ॥
मूलमन्त्रं समुच्चार्य सप्तधा तत्त्वमुद्रया ।
अभिषेचनमात्रेण मुच्यते सर्वपातकैः ॥ ३.४६ ॥
शेषं जलं महेशानि दक्षहस्ते समानयेत् ।
इडया पूरयेत्तोयं क्षालयेद् देहमध्यगम् ॥ ३.४७ ॥
ततः पिङ्गलया देवि तत्तोयं तु विरेचयेत् ।
कृष्णवर्णं तदुदकं पापरूपं विचिन्तयेत् ॥ ३.४८ ॥
पुरतो वज्रपाषाणे फट्कारेण विनिक्षिपेत् ।
हस्तं प्रक्षाल्य चाचम्य प्राणायामपुरःसरम् ॥ ३.४९ ॥
तर्पयेत् कुलदेवं च सूर्यायार्घ्यं निवेदयेत् ।
देवतार्घ्यं ततः पश्चाद् गायत्रीं परमाक्षरीम् ॥ ३.५० ॥
प्रणवं च समुद्धृत्य कालिकायै ततो वदेत् ।
विद्महे इति संलिख्य श्मशानं च समुद्धरेत् ॥ ३.५१ ॥
वासिनीं ङेयुतां देवि धीमहीति ततो वदेत् ।
तन्नो घोरे महेशानि प्रजपेत्तु प्रचोदयात् ॥ ३.५२ ॥
गायत्रीं प्रपठेद् धीमान् त्रिवारं जलमुत्क्षिपेत् ।
ततो जपेन्महामन्त्रं गायत्रीं परमाक्षरीम् ॥ ३.५३ ॥
अङ्गन्यासं ततः कृत्वा आचम्य परमेश्वरि ।
इष्टदेवीं महेशानि ध्यात्वा तु परिमण्डले ॥ ३.५४ ॥
ॐ तारायै विद्महे इति महोग्रायै ततो वदेत् ।
धीमहीति ततः पश्चात् ततो देवि प्रचोदयात् ॥ ३.५५ ॥
प्राणायामं ततः कृत्वा चाष्टोत्तरशतं जपेत् ।
सूत्राकारेण देवेशि पूजाविधिरिहोच्यते ॥ ३.५६ ॥
स्वस्तिवाचनसंकल्पं घटं संस्थाप्य यत्नतः ।
मन्त्रेणाचमनं कार्यं सामान्यार्घ्यं ततो न्यसेत् ॥ ३.५७ ॥
तज्जलैर् द्वारम् अभ्युक्ष्य द्वारपूजां समाचरेत् ।
त्रिविधं विघ्नम् उत्सार्य भूतापसरणं ततः ॥ ३.५८ ॥
आसनं च समभ्यर्च्य गुरुदेवं नमेत् सुधीः ।
करशुद्धिं च तालं च त्रयं दिग्बन्धनं ततः ॥ ३.५९ ॥
वह्निना वेष्टनं कार्यं भूतशुद्धिम् अथाचरेत् ।
मातृकायाः षडङ्गं च कुर्याद् आन्तरमातृकाम् ॥ ३.६० ॥
मातृकाध्यानम् उच्चार्य बाह्ये तु मातृकां न्यसेत् ।
पीठन्यासं ततः कृत्वा प्राणायामं समाचरेत् ॥ ३.६१ ॥
ऋष्यादिकं कराङ्गं च वर्णन्यासं समाचरेत् ।
षोढान्यासं ततो देवि व्यापकं तदनन्तरम् ॥ ३.६२ ॥
एवं समाहितमनास् तत्त्वन्यासं समाचरेत् ।
बीजन्यासं ततो देवि व्यापकं विन्यसेत् सुधीः ॥ ३.६३ ॥
मूलेन सप्तधा ध्यानं मानसैः पूजनं चरेत् ।
विशेषार्घ्यं पीठपूजां पुनर्ध्यानं सनेत्रकम् ॥ ३.६४ ॥
मुद्रादिदर्शनं कार्यम् आवाहनषडङ्गकम् ।
धेन्वादिकं ततः प्राणप्रतिष्ठां मूलपूजनम् ॥ ३.६५ ॥
आज्ञाप्रार्थनमङ्गानि काल्यादीन् परिपूजयेत् ।
ब्राह्म्यादीनसिताङ्गादीन् महाकालं प्रपूजयेत् ॥ ३.६६ ॥
खड्गादीन् गुरुपङ्क्तिं च पुनर्देवीं प्रपूजयेत् ।
बलिदानं ततो होमं प्राणायामं ततो जपम् ॥ ३.६७ ॥
जपं समर्पयेद्धीमान् प्राणायामं ततश्चरेत् ।
एतस्मिन् समये देवि कारणादीन् समाहरेत् ॥ ३.६८ ॥
अर्घ्यं दत्त्वा महेशानि चात्मानं च समर्पयेत् ।
स्तुतिं च कवचं स्मृत्वा चाष्टाङ्गं प्रणमेत् सुधीः ॥ ३.६९ ॥
शिवोऽहम् इति संचिन्त्य संहारेण विसर्जयेत् ।
ऐशान्यां मण्डलं कृत्वा चाण्डाल्युच्छिष्टपूर्विकाम् ॥ ३.७० ॥
अर्घ्यं संधार्य शिरसि चन्दनं तु ललाटके ।
नैवेद्यं किंचित् स्वीकृत्य विहरेच्च निजेच्छया ॥ ३.७१ ॥
संक्षेपपूजामथवा कुर्यान्मन्त्री समाहितः ।
आदौ ऋष्यादिकं न्यासं करशुद्धिस्ततः परम् ॥ ३.७२ ॥
अङ्गुलीव्यापकन्यासौ हृदादिन्यास एव च ।
तालत्रयं च दिग्बन्धः प्राणायामस्ततः परम् ॥ ३.७३ ॥
ध्यानं मानसयागं च अर्घ्यस्थापनमेव च ।
पीठपूजां पुनर्ध्यानं ततश्चावाहनं चरेत् ॥ ३.७४ ॥
जीवन्यासं ततः कृत्वा पूजयेत् परदेवताम् ।
अङ्गपूजां च काल्यादीन् ब्राह्म्यादींश्चाष्टभैरवान् ॥ ३.७५ ॥
महाकालं पूजयित्वा गुरुपङ्क्तिं यजेत्ततः ।
खड्गादीन् पूजयित्वा तु पुनर्देवीं प्रपूजयेत् ॥ ३.७६ ॥
प्राणायामं ततः कृत्वा पूजयेत् साधकाग्रणीः ।
देव्या हस्ते जपफलं समर्पणमथाचरेत् ॥ ३.७७ ॥
प्राणायामं ततः कृत्वा चाष्टाङ्गं प्रणमेत् सुधीः ।
स्तुतिं च कवचं स्मृत्वा विशेषार्घ्यं प्रदापयेत् ॥ ३.७८ ॥
आत्मसमर्पणं कृत्वा संहारेण विसर्जयेत् ।
ऐशान्यां मण्डलं कृत्वा चाण्डाल्युच्छिष्टपूर्विकाम् ।
नैवेद्यं किंचित् स्वीकृत्य विहरेच्च निजेच्छया ॥ ३.७९ ॥
तोडलतन्त्र, चतुर्थः पटलः
श्रुता पूजा कालिकायास् ताराया वद साम्प्रतम् ।
यस्याः प्रसङ्गमात्रेण वाचश् चित्तायते नृणाम् ॥ ४.१ ॥
शृणु चार्वङ्गि सुभगे तारायाः पूजनं महत् ।
मन्त्रेणाचमनं कृत्वा गुरुदेवं नमेत्ततः ॥ ४.२ ॥
जलं संशोध्य हस्तौ च पादौ च क्षालयेत्ततः ।
मन्त्रेणाचमनं कृत्वा ततः पीठं विचिन्तयेत् ॥ ४.३ ॥
शिखां बद्ध्वा ततो देवि त्रिविधं विघ्ननाशनम् ।
भूम्यासनं च संशोध्य वस्त्रे ग्रन्थिं विधाय च ॥ ४.४ ॥
कायवाक्शोधनं कृत्वा ततः पुष्पविशोधनम् ।
यन्त्रं कृत्वा साधकेन्द्रः सामान्यार्घ्यं च विन्यसेत् ॥ ४.५ ॥
द्वारपालांश्च संपूज्य पीठपूजां समारभेत् ।
पीठशक्तीश्च लक्ष्म्याद्यास् ततः पीठमनुं जपेत् ॥ ४.६ ॥
भूतशुद्धिं प्रवक्ष्यामि विशेषमिह यद्भवेत् ।
कूर्चयुक्तेन हंसेन पूरकेण सुरेश्वरि ॥ ४.७ ॥
कुण्डल्या सह चात्मानं चतुर्विंशतिबीजकम् ।
तत्र लीनानि देवेशि परमात्मनि साधकः ॥ ४.८ ॥
मायया संदहेत् पापं पुरुषं कज्जलप्रभम् ।
कुम्भकेन वरारोहे भस्म कुर्याद् विचक्षणः ॥ ४.९ ॥
वधूबीजेन देवेशि भस्मना सह रेचयेत् ।
पूरकेण तु कूर्चेन ललाटेऽमृतसंचयम् ॥ ४.१० ॥
चिन्तयेत् परमेशानि कुम्भकेनामृताम्बुधिम् ।
आं ह्रीं क्रों वह्निबीजान्तं हृदि चैकादशं जपेत् ॥ ४.११ ॥
ततस्तु चिन्तयेद् धीमान् ओंकाराद् रक्तपङ्कजम् ।
तस्योपरि पुनर्ध्यायेत् हुंकारं नीलसंनिभम् ॥ ४.१२ ॥
तस्योपरि पुनर् ध्यायेद् बीजभूषितकर्तृकाम् ।
तस्योपरि परं बिन्दुं शिवरूपं च अव्ययम् ॥ ४.१३ ॥
वालुकायाः सहस्रैकभागं बिन्दुं सुदुर्लभम् ।
बिन्दुमध्ये मणिद्वीपं शतयोजनविस्तृतम् ॥ ४.१४ ॥
बिन्दुमध्ये परं ज्योतिर् बुद्बुदाकारमण्डलम् ।
यथैव बुद्बुदे देवि प्रतिबिम्बं प्रपश्यति ॥ ४.१५ ॥
तथा निरीक्षणं कार्यं प्रकुर्याज्ज्ञानचक्षुषा ।
मणिद्वीपं तु तन्मध्ये सुवर्णवालुकामयम् ॥ ४.१६ ॥
परितो भावयेन्मन्त्री परिखातो मनोहरम् ।
मध्ये कल्पद्रुमं ध्यायेद् आत्मानं तारिणीमयम् ॥ ४.१७ ॥
उद्यदादित्यसंकाशं ज्योतिर्मण्डलमुत्तमम् ।
चतुर्द्वारसमायुक्तं हेमप्राकारभूषितम् ॥ ४.१८ ॥
बहुचामरघण्टादिदेवकन्यासुशोभितम् ।
मन्दवायुसमायुक्तं गन्धधूपैर् अलंकृतम् ॥ ४.१९ ॥
तन्मध्ये वेदिकां ध्यायेन् नानारत्नोपशोभिताम् ।
सुवर्णसूत्ररचितं चिन्तयेच्छत्त्रम् उत्तमम् ॥ ४.२० ॥
तदधश्चिन्तयेन्मन्त्री रत्नसिंहासनं प्रिये ।
तत्र देवीं चिन्तयेच्च यथोक्तध्यानयोगतः ॥ ४.२१ ॥
योगसारे यथोक्तैस्तु उपचारैः प्रपूजयेत् ।
प्राणायामं ततः कृत्वा ऋष्यादिन्यासमाचरेत् ॥ ४.२२ ॥
वर्णन्यासं ततः कृत्वा कराङ्गन्यासमाचरेत् ।
तालत्रयं छोटिकाभिर् दशदिग्बन्धनं चरेत् ॥ ४.२३ ॥
षोढान्यासं ततः कृत्वा व्यापकं तदनन्तरम् ।
विशेषार्घ्यं च संस्थाप्य पञ्चतत्त्वं विशोधयेत् ॥ ४.२४ ॥
सुधादेवीं समानीय पञ्चीकरणमाचरेत् ।
कुम्भे पुष्पं समादाय त्रिकोणे त्रिः प्रपूजयेत् ॥ ४.२५ ॥
वामदेहं त्रिधा चोक्त्वा खेचरीं दशधा जपेत् ।
तथा चानन्दगायत्रीम् ऋचं च त्रिर् जपेत् सुधीः ॥ ४.२६ ॥
ब्रह्मशापं शुक्रशापं कृष्णशापं सुरेश्वरि ।
दिग्जपान्नाशयेद्धीमान् ततो मन्त्रत्रयं जपेत् ॥ ४.२७ ॥
छुरिकां चामृतं चैव प्रीतिसंरक्षणीं तथा ।
पावमानं च त्रिर् जप्त्वा शोषणादीन् समाचरेत् ॥ ४.२८ ॥
वारुणं त्रिर् जपेद्देवि चामृतं सप्तधा जपेत् ।
विद्यातत्त्वे धेनुमुद्रां प्रदर्श्य मूलमष्टधा ॥ ४.२९ ॥
कुण्डलिनीं समुत्थाप्य शिवोऽहं भावयेत्ततः ।
मांसं मीनं शोधयित्वा मुद्राशोधनमाचरेत् ॥ ४.३० ॥
शक्तिं च कुलपुष्पं च शोधयेत् साधकोत्तमः ।
देवान् पितॄन् ऋषींश्चैव तर्पयेदिष्टदेवताम् ॥ ४.३१ ॥
शोधितं द्रव्यमादाय विशेषार्घ्ये विनिक्षिपेत् ।
ततो ब्रह्ममयं ध्यात्वा पूजाध्यानं समाचरेत् ॥ ४.३२ ॥
नासारन्ध्रात् समानीय पीठे पुष्पं निधाय च ।
ततश्चावाहनं कृत्वा पञ्चमुद्राः प्रदर्शयेत् ॥ ४.३३ ॥
षडङ्गेन च सम्पूज्य पुनर्मुद्रां प्रदर्शयेत् ।
जीवन्यासं ततः कृत्वा उपचारैः प्रपूजयेत् ॥ ४.३४ ॥
षडङ्गानि च सम्पूज्य अक्षोभ्यं पूजयेदधः ।
गुरुपङ्क्तिं पूजयित्वा दशमूलेषु पूजयेत् ॥ ४.३५ ॥
महापूर्वांश् च काल्यादीन् यजेद्वैरोचनादिकान् ।
पुनर्देवीं प्रपूज्याथ बलिं दद्याद्विचक्षणः ॥ ४.३६ ॥
प्राणायामं ततः कृत्वा मन्त्रध्यानं समाचरेत् ।
जपं कृत्वा महेशानि देव्या हस्ते समर्पयेत् ॥ ४.३७ ॥
प्राणायामं पुनः कृत्वा तत्त्वस्वीकारमाचरेत् ।
तस्मै दत्त्वा स्वयं नीत्वा प्रजपेत् साधकाग्रणीः ॥ ४.३८ ॥
पीत्वा पीत्वा जपित्वा च मुक्तः कोटिजनैः सह ।
प्रतिपात्रे जपेन्मन्त्रम् अष्टोत्तरशतं सुधीः ॥ ४.३९ ॥
स्तुतिं च कवचं स्मृत्वा चाष्टाङ्गं प्रणमेत् सुधीः ।
विशेषार्घ्यं प्रदातव्यम् आत्मानं च समर्पयेत् ॥ ४.४० ॥
रुद्ररूपी स्वयं भूत्वा संहारेण विसर्जयेत् ।
योनिमुद्रां ततो बद्ध्वा क्षमस्वेति विसर्जयेत् ॥ ४.४१ ॥
अङ्गन्यासं महेशानि प्राणायामं ततः परम् ।
ऐशान्यां मण्डलं कृत्वा निर्माल्येन प्रपूजयेत् ॥ ४.४२ ॥
निर्माल्यवासिनीं ङेऽन्तां चण्डेश्वर्यै नमो नमः ।
निर्माल्यं धारयेत् शीर्षे चन्दनं च ललाटके ॥ ४.४३ ॥
गुरुस्थाने लिखेद् यन्त्रं विचरेद् भैरवो यथा ।
संक्षेपपूजनं देवि मानसं तत्त्ववर्जितम् ॥ ४.४४ ॥
अत्रोक्तमाचरेदत्र नान्यत् संचारयेत् सुधीः ।
अन्यत्संचारणाद्देवि क्रुद्धा भवति तारिणी ॥ ४.४५ ॥
तत्त्वज्ञानं च मानं च शक्तिमात्रे हि पार्वति ।
इत्येतत् कथितं देवि किमन्यत् श्रोतुमिच्छसि ॥ ४.४६ ॥
तोडलतन्त्र, पञ्चमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
त्वत्प्रसादान्महादेव पवित्राहं न चान्यथा ।
शम्भुनाथार्चनं देव श्रोतुम् इच्छामि साम्प्रतम् ॥ ५.१ ॥
शृणु पार्वति वक्ष्यामि यन्मां त्वं परिपृच्छसि ।
नकुलीशं समुद्धृत्य मनुस्वरविभूषितम् ॥ ५.२ ॥
बिन्दुनादकलायुक्तं प्रासादाख्यं महामनुम् ।
अस्य मन्त्रस्य माहात्म्यम् ऊर्ध्वाम्नाये मयोदितम् ॥ ५.३ ॥
नमस्कारं समुद्धृत्य वान्तं नेत्रविभूषितम् ।
वारुणं मुखवृत्तं च वायुं ललाटसंयुतम् ॥ ५.४ ॥
अयं पञ्चाक्षरो मन्त्रः पञ्चाम्नायफलप्रदः ।
प्रणवादि यदा देवि तदा मन्त्रं षडक्षरम् ॥ ५.५ ॥
प्रासादाख्यं समुद्धृत्य अर्धनारीश्वराय च ।
पुनः प्रासादमुद्धृत्य मन्त्रं परमगोपनम् ॥ ५.६ ॥
एवं बहुविधाकारं विग्रहं मे नगात्मजे ।
कण्ठे तु गरलं देवि न कलौ भावयेत् क्वचित् ॥ ५.७ ॥
यदीच्छेदात्मनो मृत्युं यदि उन्मत्तम् इच्छति ।
तदैव सहसा देवि नीलकण्ठम् उपासते ॥ ५.८ ॥
दुरदृष्टवशाद् देवि नीलकण्ठस्तवादिकम् ।
करोति कारयेद्वापि मम हत्यां करोति सः ॥ ५.९ ॥
अत एव महेशानि स पापिष्ठो न चान्यथा ।
निषिद्धाचरणं पापं करोति यदि पामरः ॥ ५.१० ॥
पुत्रदाराधनं तस्य नाशमेति न संशयः ।
कण्ठे तु गरलं देवि यदि पूजापरो भवेत् ॥ ५.११ ॥
इहलोके दरिद्रः स्यान् मृते शूकरतां व्रजेत् ।
नीलकण्ठस्य यन्मन्त्रं यदि कुर्यात् पुरस्क्रियाम् ॥ ५.१२ ॥
पक्षान्तरे महेशानि तस्य मृत्युर्न चान्यथा ।
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि पार्थिवं शिवपूजनम् ॥ ५.१३ ॥
तत्रादौ परमेशानि गुरुदेवं नमेत् सुधीः ।
ॐ हराय नमस्कारं मृत्तिकामाहरेत् सुधीः ॥ ५.१४ ॥
महेश्वराय नमस्कारं लिङ्गं निर्माय यत्नतः ।
शूलपाणे इहोच्चार्य सुसंप्रतिष्ठितो भव ॥ ५.१५ ॥
अनेन मनुना देवि जीवन्यासो विधीयते ।
शकारं बिन्दुसंयुक्तं दीर्घमुक्तं षडङ्गकम् ॥ ५.१६ ॥
तस्य ध्यानं प्रवक्ष्यामि शृणुष्व सुसमाहिता ।
ॐ ध्यायेन्नित्यं महेशं रजतगिरिनिभं चारुचन्द्रावतंसं रत्नाकल्पोज्ज्वलाङ्गं परशुमृगवराभीतिहस्तं प्रसन्नम् ।
पद्मासीनं समन्तात् स्तुतम् अमरगणैर् व्याघ्रकृत्तिं वसानं विश्वाद्यं विश्वबीजं निखिलभयहरं पञ्चवक्त्रं त्रिनेत्रम् ॥ ५.१७ ॥
पुष्पं शिरसि संधार्य मानसैः पूजनं चरेत् ।
पुनर्ध्यात्वा महेशानि शिवे पुष्पं निधाय च ॥ ५.१८ ॥
पिनाकधृगिति चोच्चार्य इहागच्छ द्वयं वदेत् ।
इह तिष्ठ ततो द्वंद्वं संनिधेहि द्वयम् इह ॥ ५.१९ ॥
इह सन्नि ततो रुद्धस्वशब्दं च ततो वदेत् ।
यावत् पूजां समुच्चार्य ततश्चैवं करोम्यहम् ॥ ५.२० ॥
स्नानीयं च पशुपतिं ङेयुक्तं च नमश्चरेत् ।
वेदाद्यं योजयेद्देवि ब्राह्मणः साधकोत्तमः ॥ ५.२१ ॥
एतत् पाद्यं महेशानि षडक्षरमनुं ततः ।
नमस्कारं समुच्चार्य सर्वं दद्याद् विचक्षणः ॥ ५.२२ ॥
पूजयित्वा महेशानि चाष्टमूर्तिं प्रपूजयेत् ।
शर्वो भवस्तथा रुद्र उग्रो भीमः पशोः पतिः ॥ ५.२३ ॥
महादेवं च ईशानं ङेयुतं कुरु यत्नतः ।
क्षितिं जलं तथा चाग्निं वायुं चाकाशमेव च ॥ ५.२४ ॥
यजमानं तथा सोमं सूर्यं च मूर्तिना सह ।
सर्वत्र ङेयुतं कृत्वा पूजयेत् साधकोत्तमः ॥ ५.२५ ॥
प्रणवादिनमोऽन्तेन वामावर्तेन पूजयेत् ।
मूर्तयोऽष्टौ शिवस्यैताः पूर्वादिक्रमयोगतः ॥ ५.२६ ॥
आग्नेय्यान्ताः प्रपूज्याथ विद्यां लिङ्गिशिवं यजेत् ।
अष्टोत्तरसहस्रं वा शतं वा प्रजपेत्ततः ॥ ५.२७ ॥
गुह्यातिगुह्यगोप्ता त्वं गृहाणास्मत्कृतं जपम् ।
सिद्धिर्भवतु मे देव त्वत्प्रसादान्महेश्वर ॥ ५.२८ ॥
ततस्तोयं समादाय जपं चैव समर्पयेत् ।
मुखवाद्यं ततः कृत्वा चाष्टाङ्गं प्रणमेत् सुधीः ॥ ५.२९ ॥
संहारेण महादेव क्षमस्वेति विसर्जयेत् ।
एवं पूजा प्रकर्तव्या शक्तिमन्त्रान् यजेद् यदि ॥ ५.३० ॥
प्रासादादीन् महामन्त्रान् यदि दीक्षापरो भवेत् ।
शक्तिदीक्षा न कर्तव्या कदाचिदपि मोहतः ॥ ५.३१ ॥
स शैव इति विख्यातः सर्वतन्त्रेश्वरो भवेत् ।
अथातः सम्प्रवक्ष्यामि सूत्रं परमगोपनम् ॥ ५.३२ ॥
हरो महेश्वरश्चैव शूलपाणिः पिनाकधृक् ।
पशुपतिः शिवश्चैव महादेव इति क्रमात् ॥ ५.३३ ॥
अष्टमूर्तिस् ततो देवि पूजयेत् साधकोत्तमः ।
ततो जपेन्महेशानि मुखवाद्यं ततः परम् ॥ ५.३४ ॥
एतदन्यन्न कर्तव्यं शक्तिदीक्षापरो यदि ।
निषिद्धाचरणाद्देवि पापभाग् जायते नरः ॥ ५.३५ ॥
न्यूनाधिकं महादेवि यदि पूजादिकं चरेत् ।
स गुरुं चापि शिष्यं च शिवहत्यां प्रयच्छति ॥ ५.३६ ॥
न्यूनाधिकं महेशानि यदि चैकाक्षरं भवेत् ।
वर्णसंख्या महेशानि ब्रह्महत्या भविष्यति ॥ ५.३७ ॥
अत एव स पापिष्ठः सत्यं सत्यं सुरेश्वरि ।
एवं पूजां विधायादौ ततश्चान्यं प्रपूजयेत् ॥ ५.३८ ॥
आदौ शिवं पूजयित्वा शक्तिपूजा ततः परम् ।
यत् किंचिद् उपचारं हि तस्य किंचिन्निवेदयेत् ॥ ५.३९ ॥
अन्यथा मूत्रवत् सर्वं गङ्गातोयं भवेद् यदि ।
अत एव महेशानि आदौ लिङ्गं प्रपूजयेत् ॥ ५.४० ॥
शिवस्नानोदकं देवि मूर्ध्नि संधारयेद् यदि ।
सत्यं सत्यं महेशानि शिवतुल्यो न संशयः ॥ ५.४१ ॥
शिवरूपी स्वयं भूत्वा देवीपूजां समाचरेत् ।
शैववैष्णवदौर्गार्कगाणपत्यैन्द्रदीक्षितः ॥ ५.४२ ॥
आदौ लिङ्गं पूजयित्वा यदि चान्यत् प्रपूजयेत् ।
तत्फलं कोटिगुणितं सत्यं सत्यं न संशयः ॥ ५.४३ ॥
अन्यदेवं पूजयित्वा शिवं पश्चाद् यजेद् यदि ।
तस्य पूजाफलं चैव भुज्यते यक्षराक्षसैः ॥ ५.४४ ॥
इति ते कथितं कान्ते तन्त्राणां सारमुत्तमम् ।
बहु किं कथ्यते देवि भूयः किं श्रोतुमिच्छसि ॥ ५.४५ ॥
तोडलतन्त्र, षष्ठः पटलः
श्रीदेवी उवाच
श्रुतं महाकालिकाया मन्त्रं परमगोपनम् ।
संक्षेपं कथितं नाथ वासनां वद मां प्रति ॥ ६.१ ॥
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि महामन्त्रवासनां सर्वसिद्धिदाम् ।
यस्याः श्रवणमात्रेण मन्त्राः सिद्धा भवन्ति हि ॥ ६.२ ॥
ककारस्योर्ध्वकोणेषु प्राणो वायुः प्रतिष्ठितः ।
अपानो वायुकोणे च समानो मध्यदेशतः ॥ ६.३ ॥
उदानो ऽङ्कुशकोणे च मात्रायां व्यान एव च ।
बीजं तु कालिकारूपं प्रकारं शृणु पार्वति ॥ ६.४ ॥
कलाभागे जटाजूटं केशं च परमेश्वरि ।
बिन्दुमस्तकभालं तु नासा नेत्रं च पार्वति ॥ ६.५ ॥
श्रोत्रयुग्मं तथा वक्त्रं स्कन्दनाद् अव्यवस्थितम् ।
चतुर्बाहुं तथा देहं स्तनद्वंद्वं कटिद्वयम् ॥ ६.६ ॥
हृदयं जठरं पादं तथा सर्वाङ्गुलिः शिवे ।
ब्रह्मरूपं ककारं च सर्वाङ्गं तनुसंशयः ॥ ६.७ ॥
शकारं कामरूपं च योनिरूपं न चान्यथा ।
चन्द्रसूर्याग्निरूपं च रेफं परमदुर्लभम् ॥ ६.८ ॥
सर्वाङ्गद्योतनं तेजो जगदानन्दरूपकम् ।
बिन्दुनिर्वाणदं नादं महामोक्षप्रदं सदा ॥ ६.९ ॥
सर्वविघ्नहरं देवि ककारं तोयरूपकम् ।
सर्वपापहरं रेफं तस्माद् वह्निर्न चान्यथा ॥ ६.१० ॥
ईकारं परमेशानि शक्तिं चाव्ययरूपिणीम् ।
महामोक्षप्रदा देवी तस्मान्माया प्रकीर्तिता ॥ ६.११ ॥
ककारं ब्रह्मरूपं च मकारं विष्णुरूपकम् ।
रेफः संहाररूपत्वाच् छिवरूपो न चान्यथा ॥ ६.१२ ॥
ब्रह्मविष्णुशिवः साक्षात् ककारं परमेश्वरि ।
अनुच्चार्यं तदेव स्याद् विना मायायुतं शिवे ॥ ६.१३ ॥
मायायुक्तं यदा देवि तदा मुक्तिप्रदं महत् ।
अत एव महेशानि मायाशक्तिर्निगद्यते ॥ ६.१४ ॥
ककारं धर्मदं देवि ईकारश्चार्थदायकम् ।
रकारं कामदं कान्ते मकारं मोक्षदायकम् ॥ ६.१५ ॥
एकत्रोच्चारणाद्देवि निर्वाणमोक्षदायिनी ।
माहात्म्यं देवदेवेशि किं वक्तुं शक्यते मया ॥ ६.१६ ॥
जिह्वाकोटिसहस्रेण वक्त्रकोटिशतेन च ।
जन्मान्तरसहस्रेण वर्णितुं नैव शक्यते ॥ ६.१७ ॥
विधिवल्लक्षजापेन पुरश्चरणम् उच्यते ।
एतद्रूपं महामायां कूर्चबीजं तु सुन्दरि ॥ ६.१८ ॥
वाग्भवं प्रणवं देवि एतद्रूपं न संशयः ।
अग्निजाया महाविद्या एतद्रूपं न संशयः ॥ ६.१९ ॥
द्रुतसिद्धिप्रदा विद्या वह्निजाया परा मनुः ।
सम्बोधनपदेनैव सदा संनिधिकारिणी ॥ ६.२० ॥
अथ वक्ष्ये महाविद्यापुरश्चरणम् उत्तमम् ।
कथितं मन्त्रराजस्य त्रिपुरश्चरणं शृणु ॥ ६.२१ ॥
दिवा लक्षं जपेन्मन्त्रं हविष्याशी जितेन्द्रियः ।
दिव्यवीरमते देवि रात्रौ लक्षं जपेत् सुधीः ॥ ६.२२ ॥
अथ षडक्षरस्यास्य शृणु देवि पुरस्क्रियाम् ।
दिव्यवीरमतेनैव विंशत्येकेन पार्वति ॥ ६.२३ ॥
तथा च त्र्यक्षरं मन्त्रं प्रजपेत् साधकाग्रणीः ।
ध्यानपूजादिकं सर्वं समानं वीरवन्दिते ॥ ६.२४ ॥
एतस्याः सदृशी विद्या फलदा नास्ति योगिनि ।
सर्वमन्त्रस्य चैतन्यं शृणु पार्वति सादरम् ॥ ६.२५ ॥
सहस्रारे महापद्मे बिन्दुरूपं परं शिवम् ।
कुण्डलिनीं समुत्थाप्य हंसेन मनुना सुधीः ॥ ६.२६ ॥
नासाग्रे या स्थिरा दृष्टिर् जायते परमेश्वरि ।
तदैव मन्त्रचैतन्यं कुण्डलीचक्रगं भवेत् ॥ ६.२७ ॥
सहस्रारे महापद्मे कुण्डल्या सहितं गुरुम् ।
भावयेत् सर्वमन्त्राणां चैतन्यं जायते प्रिये ॥ ६.२८ ॥
तदैव प्रजपेन्मन्त्रं सिद्धिदं नात्र संशयः ।
श्रीदेवी उवाच
इदानीं तारिणीमन्त्रवासनां वद शंकर ।
कालिका मोक्षदा नित्या तारिणी भववारिधौ ॥ ६.२९ ॥
कलाकेशं महेशानि बिन्दुमस्तकमीरितम् ।
नादं च वक्त्रं भालं च नासां नेत्रं च पार्वति ॥ ६.३० ॥
भुजचतुष्टयं देहं स्तनद्वंद्वं च वक्षसम् ।
मकारेण तु देवेशि पृष्ठं चैव कटिद्वयम् ॥ ६.३१ ॥
तकारेण योनिदेशं गुदं पादद्वयं तथा ।
सर्वाङ्गुलीर् नखं चैव भावयेत् साधकोत्तमः ॥ ६.३२ ॥
चन्द्रसूर्यात्मकं रेफं वह्निबीजं न चान्यथा ।
सर्वा नाड्यस्तथा ज्योती रोमं च भूषणादिकम् ॥ ६.३३ ॥
शकारं च महामाया शक्तिरूपप्रकाशिनी ।
मूर्धादिपादपर्यन्तं शक्तिबीजं सुदुर्लभम् ॥ ६.३४ ॥
अस्य मन्त्रस्य माहात्म्यं किं मया कथ्यतेऽधुना ।
अश्वमेधसहस्राणि वाजपेयशतानि च ॥ ६.३५ ॥
काश्यादितीर्थं देवेशि सार्धकोटिभुवात्मकम् ।
पूर्णां शस्येन देवेशि सप्तद्वीपां वसुंधराम् ॥ ६.३६ ॥
मेरुतुल्यसुवर्णं तु ब्राह्मणे वेदपारगे ।
सदक्षिणं व्रतं सर्वं चतुर्वेदसुविस्तरम् ॥ ६.३७ ॥
गां चैव भूमिसंस्थं च हस्त्यश्वं च तथैव च ।
बलिदानं महेशानि पितृयज्ञं तथैव च ॥ ६.३८ ॥
विहितं च महापुण्यं यदुक्तं शास्त्रवेदिभिः ।
सकृज्जपान्महेशानि कलां नार्हन्ति षोडशीम् ॥ ६.३९ ॥
एकोच्चारेण देवेशि किं पुनर्ब्रह्म केवलम् ।
सृष्टिस्थितिलयादीनां कर्तारो नात्र संशयः ॥ ६.४० ॥
सगुणं निर्गुणं साक्षात् निराकारं च मूर्तिमत् ।
वैखरीयं महाविद्या वर्णाश्रिता सुनिश्चला ॥ ६.४१ ॥
यतो निरक्षरं वस्तु अतस्तारा प्रकीर्तिता ।
ब्रह्मविद्यास्वरूपेयं भोगमोक्षफलप्रदा ॥ ६.४२ ॥
जन्मकोटिसहस्रेण वर्णितुं नैव शक्यते ।
पञ्चवक्त्रेण देवेशि किं मया कथ्यतेऽधुना ॥ ६.४३ ॥
एकाक्षरी महाविद्या त्रिषु लोकेषु पूजिता ।
एकाक्षरीविहीनो यो मन्त्रं गृह्णाति पार्वति ॥ ६.४४ ॥
कल्पकोटिसहस्रेण तस्य सिद्धिर्न जायते ।
सकारो विष्णुरूपश्च तकारश्च प्रजापतिः ॥ ६.४५ ॥
रेफः संहाररूपत्वाच् छिवः साक्षान्न संशयः ।
या चाद्या परमा विद्या सा माया परमा कला ॥ ६.४६ ॥
निराकारं परं ज्योतिर् बिन्दुं चाव्ययसंज्ञकम् ।
बिन्दुशब्देन शून्यं स्यात् तथा च गुणसूचकम् ॥ ६.४७ ॥
बिन्दुचक्रामृता देवि प्लवन्ती चार्धमात्रया ।
अर्धमात्राकृतिर्नादो व्यापको विश्वपालकः ॥ ६.४८ ॥
यथेयं वैखरी विद्या कूर्चविद्या तथैव च ।
माहात्म्यं चैव पूजायां भेदो नास्ति सुरेश्वरि ॥ ६.४९ ॥
सतारं च तथा बिन्दुं माया पञ्चाक्षरी परा ।
विभक्ते चाक्षरे चैव क्रियते मूर्तिकल्पना ॥ ६.५० ॥
सार्धपञ्चाक्षरी विद्या तारिणी मूर्तिमत् स्वयम् ।
तद्रूपं पक्षिरूपं हि वाग्भवश्च हरिप्रियाम् ॥ ६.५१ ॥
प्रणवं कामबीजं तु गगनश् च शिवं शिवे ।
अस्त्रबीजं तदेव स्याद् वह्निजायां सुरेश्वरि ॥ ६.५२ ॥
सम्बोधनपदेनैव सदा संनिधिकारिणी ।
पञ्चाक्षरेण देवेशि तारिणी कामरूपिणी ॥ ६.५३ ॥
तथा पञ्चाक्षरं पश्य ब्रह्मविष्णुशिवात्मकम् ।
शक्तिरूपं निराकारं तथा पञ्चाक्षरेण तु ॥ ६.५४ ॥
यथा पञ्चाक्षरी विद्या तथा विद्या षडक्षरी ।
तथैव षोडशी विद्या तथा विद्या च व्यक्षरी ॥ ६.५५ ॥
तथैवाष्टाक्षरी विद्या तथा नवाक्षरी परा ।
माहात्म्यं ध्यानपूजायां भेदो नास्ति सुरेश्वरि ॥ ६.५६ ॥
अतिस्नेहेन देवेशि किं मया न प्रकाशितम् ।
प्राणान्तेऽपि पशोरग्रे वैखरीं न प्रकाशयेत् ॥ ६.५७ ॥
तोडलतन्त्र, सप्तमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
महायोगमयी देवी खेचरी परमा कला ।
योगज्ञानं विना सिद्धिर् नास्ति सत्यं सुरेश्वर ॥ ७.१ ॥
ब्रूहि मे देवदेवेश क्षुद्रब्रह्माण्डमध्यतः ।
किमाधारे स्थिता नाथ सप्तद्वीपा वसुंधरा ॥ ७.२ ॥
समुद्रसप्तकं नाथ किमाकारं प्रतिष्ठति ।
मूलाधारे महीचक्रे संस्थिता मानवादयः ॥ ७.३ ॥
क्षुद्ररूपा जनाः सर्वे किमाकारेण संस्थिताः ।
स्वकीयाङ्गुलिमानेन मारुतं कथय प्रभो ॥ ७.४ ॥
श्रीशिव उवाच
मूलाधारे स्थिता देवि सप्तद्वीपा वसुंधरा ।
वलयाकाररूपेण समुद्राः सप्त संस्थिताः ॥ ७.५ ॥
जम्बुद्वीपं मध्यदेशे तद्बाह्ये लवणाम्बुधिः ।
शाकद्वीपं महेशानि तद्बाह्ये दधिसागरः ॥ ७.६ ॥
तद्बाह्ये शाल्मलीद्वीपं सागरो दुग्धतद्बहिः ।
तद्बाह्ये पाटलाद्वीपं तद्बाह्ये तु जलान्तकः ॥ ७.७ ॥
पृथिव्यां वर्तते देवि यद्रूपा मानवादयः ।
तेन रूपेण देवेशि मूलाधारे तु जन्तवः ॥ ७.८ ॥
षण्णवत्यङ्गुलं देवि मारुतं परिकीर्तितम् ।
मार्तण्डस्थितिमानं तु अधिकं परिकीर्तितम् ॥ ७.९ ॥
श्रीदेवी उवाच
कियद् भुवं तु ब्रह्माण्डं वद भूतलवासिनः ।
अङ्गुल्येकेन किं मानं कथयस्व दयानिधे ॥ ७.१० ॥
श्रीशिव उवाच
अङ्गुल्येकेन देवेशि सहस्राब्दं प्रजायते ।
षण्णवतिसहस्राब्दं भवेद् भूतलवासिनः ॥ ७.११ ॥
पादाङ्गुष्ठादिगुल्फान्तं प्रिये रन्ध्रसहस्रकम् ।
रन्ध्रं चन्द्रसहस्राब्दं गुल्फादिजानुसंधिषु ॥ ७.१२ ॥
जान्वादिगुदपर्यन्तं मानं विंशसहस्रकम् ।
मूलाधारादिलिङ्गान्तं चतुर्वर्षसहस्रकम् ॥ ७.१३ ॥
लिङ्गादिनाभिपर्यन्तं भवेदृषिसहस्रकम् ।
नाभ्यादिहृदयान्तं च ग्रहसंख्यसहस्रकम् ॥ ७.१४ ॥
हृदादिकण्ठपर्यन्तम् ऋषिसंख्यसहस्रकम् ।
विशुद्धादिकमाज्ञान्तं मानं रुद्रसहस्रकम् ॥ ७.१५ ॥
आज्ञाचक्राच्छिवान्तं वै दिक्सहस्रं सुरेश्वरि ।
सूर्यसंख्यासहस्रं तु समीरश्चाधिकः स्मृतः ॥ ७.१६ ॥
शरीरसहकारेण हासो वृद्धिश्च जायते ।
षड्गुणो रतिकाले च त्रिगुणो भोजनाद्बहिः ॥ ७.१७ ॥
धमने चाष्टधा प्रोक्तः समीरो वृद्धितां गतः ।
सद्गुरोर् उपदेशेन मन्त्रमार्गेण पार्वति ॥ ७.१८ ॥
यदि चैकाङ्गुलं ह्रस्वं सहस्राब्दं स जीवति ।
एवं क्रमेण देवेशि समता यदि वा भवेत् ॥ ७.१९ ॥
जित्वा मृत्युं महेशानि शम्भुवद् विहरेत् क्षितौ ।
अत एव महेशानि योनिमुद्रा मयोदिता ॥ ७.२० ॥
प्राणायामेन देवेशि तथैव योनिमुद्रया ।
तथैवाभ्यासयोगेन यदि वायुः समो भवेत् ॥ ७.२१ ॥
जित्वा मृत्युं महेशानि खेचरो जायतेऽचिरात् ।
प्रमाणं कथितं सर्वं मनुष्यस्य प्रियंवदे ॥ ७.२२ ॥
श्वासोच्छ्वासविकासेन कुण्डली गगनं चरेत् ।
श्रीदेवी उवाच
इदानीं पृथिवीमानं वद मे परमेश्वर ॥ ७.२३ ॥
सप्तस्वर्गस्थितो यो यो या या शक्तिः स्थिता सदा ।
तत्सर्वं श्रोतुमिच्छामि यदि स्नेहोऽस्ति मां प्रति ॥ ७.२४ ॥
श्रीशिव उवाच
मूलाधारे महीचक्रे संस्थिता मानवादयः ।
तेषां मानेन देवेशि चार्धं चैव द्विसप्ततिः ॥ ७.२५ ॥
द्विगुणः परमेशानि तद्बाह्ये लवणाम्बुधिः ।
एवं क्रमेण देवेशि द्विगुणं परिकीर्तितम् ॥ ७.२६ ॥
डाकिनीसहितो ब्रह्मा मूलाधारे तु सुन्दरि ।
राकिणीसहितो विष्णुः स्वाधिष्ठाने व्यवस्थितः ॥ ७.२७ ॥
लाकिनीसहितो रुद्रो मणिपूरे सुरेश्वरि ।
अनाहते महापद्मे काकिनीसहितो हरः ॥ ७.२८ ॥
विशुद्धाख्ये वसेन्नित्या साकिनी च सदाशिवः ।
हाकिनी परशिवो देवश् चाज्ञाचक्रे सुरेश्वरि ॥ ७.२९ ॥
सहस्रारे महापद्मे विश्वरूपः परः शिवः ।
महाकुण्डलिनी तत्र स्थिता नित्या सुरेश्वरि ॥ ७.३० ॥
श्रीदेवी उवाच
कुत्र मूले महापीठे वर्तते परमेश्वर ।
मूलाधारादधोभागे पातालं कीदृशं प्रभो ॥ ७.३१ ॥
श्रीशिव उवाच
मूलाधारे कामरूपं हृदि जालंधरं प्रिये ।
पूर्णगिरिम् अधोभागे उड्डीयानं तदूर्ध्वके ॥ ७.३२ ॥
वाराणसी भ्रुवोर्मध्ये ज्वलन्ती लोचनत्रये ।
मायावती मुखवृत्ते कण्ठे चाष्टपुरी तथा ॥ ७.३३ ॥
नाभिमूले महेशानि अयोध्यापुरी संस्थिता ।
काञ्चीपीठं कटीदेशे श्रीहृट्टं पृष्ठदेशके ॥ ७.३४ ॥
मूलाधारात् शतं चैव अतलं परिकीर्तितम् ।
सुतलं च वर्षशतं तलातलशतं प्रिये ॥ ७.३५ ॥
ऋषिबाणेन्दुवर्षान्तं संस्थितं च महातलम् ।
शतद्वयान्तं पातालं द्विशतं वै रसातलम् ॥ ७.३६ ॥
मूलाधाराच्च देवेशि द्वेऽङ्गुली चान्तिके स्थिते ।
तयोर्मध्ये च पातालास् तिष्ठन्ति परमेश्वरि ॥ ७.३७ ॥
इति ते कथितं कान्ते योगसारं समासतः ।
न वक्तव्यं पशोर् अग्रे प्राणान्तेऽपि कदाचन ॥ ७.३८ ॥
तोडलतन्त्र, अष्टमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
सार्धत्रिकोटिनाडीनाम् आलयं च कलेवरम् ।
क्रमेण श्रोतुम् इच्छामि तद् वदस्व मयि प्रभो ॥ ८.१ ॥
श्रीशिव उवाच
लोम्नि कूपे सपादार्धकोटयश्चैव सुन्दरि ।
हस्तास्ये च तदा पादे ऽग्निलक्षनाडयः स्थिताः ॥ ८.२ ॥
उदरे च तथा पायौ पञ्चलक्षाः प्रकीर्तिताः ।
हृदादिसर्वगात्रेषु नवलक्षाः प्रकीर्तिताः ॥ ८.३ ॥
अथ पार्श्वे तथा चर्मे तथैव सर्वसंधिषु ।
रुद्रान्न्यूनं स्थितं लक्षं शरीरे नाडयः प्रिये ॥ ८.४ ॥
इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्ना चित्रिणी तथा ।
ब्रह्मनाडी च तन्मध्ये पञ्चनाड्यः प्रकीर्तिताः ॥ ८.५ ॥
कुहूश् च शङ्खिनी चैव गान्धारी हस्तिजिह्विका ।
नर्दिनी च तथा निद्रा रुद्रसंख्या व्यवस्थिता ॥ ८.६ ॥
एता नाड्यः परेशानि सुषुम्नायाः प्रजायते ।
श्रीदेवी उवाच
वेदाक्षिवसुरन्ध्रास्तु बाणसंख्यजलान्तकाः ।
किमाधारे पद्ममध्ये संस्थिताः परमेश्वर ॥ ८.७ ॥
श्रीशिव उवाच
योगपद्मस्य माहात्म्यं मया वक्तुं न शक्यते ।
मूलाधारे पद्ममध्ये लंबीजं चातिशोभनम् ॥ ८.८ ॥
लंबीजस्य बिन्दुमध्ये पृथ्वीचक्रं मनोहरम् ।
वलयाकाररूपेण समुद्राः सप्तकाः स्थिताः ॥ ८.९ ॥
श्रीदेवी उवाच
बिन्दुमानं महादेव कथयस्व मयि प्रभो ।
क्रमेण योगपद्मस्य प्रमाणं वद शंकर ॥ ८.१० ॥
श्रीशिव उवाच
परमाणुत्रिभागैकभागं बिन्दुं सुविस्तरम् ।
तन्मध्ये सागराः सर्वे सप्तद्वीपा वसुंधरा ॥ ८.११ ॥
अव्ययं परमं सूक्ष्मं बिन्दुरूपं परं शिवम् ।
प्रमाणं चास्य देवस्य किं वक्तुं शक्यते मया ॥ ८.१२ ॥
ब्रह्मलोकं परेशानि नादोपरि विचिन्तयेत् ।
डाकिनीसहितो ब्रह्मा तथैव निवसेत् सदा ॥ ८.१३ ॥
लकारं पार्थिवं बीजं शक्तिरूपं सुरेश्वरि ।
पृथ्वीचक्रस्य मध्ये तु स्वयम्भूलिङ्गम् अद्भुतम् ॥ ८.१४ ॥
सार्धत्रिवलयाकारकुण्डल्या वेष्टितं सदा ।
लिङ्गच्छिद्रं स्ववक्त्रेण कुण्डल्याच्छाद्य संस्थिता ॥ ८.१५ ॥
तेनैव वर्तते वायुर् इडापिङ्गलयोः सदा ।
सहस्रारदर्शनाय सदा जाग्रत्स्वरूपिणी ॥ ८.१६ ॥
यदैव ब्रह्ममार्गेण सहस्रारे समुत्थिता ।
तदैव परमेशानि श्वासोच्छ्वासविकाशनम् ॥ ८.१७ ॥
केसरस्य तु मध्ये च चतुःपत्त्रे सुरेश्वरि ।
अनन्तरूपिणी दुर्गा शम्भुश् चानन्तरूपधृक् ॥ ८.१८ ॥
नानासुखविलासेन सदा कामेन वर्तते ।
श्रीदेवी उवाच
लिङ्गच्छिद्रं समाकृष्य संस्थिता कुण्डली कथम् ॥ ८.१९ ॥
कथयस्व सदानन्द सर्वज्ञस्त्वं सुरेश्वर ।
श्रीशिव उवाच
लिङ्गमध्ये महत्तेजो वह्निरूपं च सुन्दरि ॥ ८.२० ॥
यत् किंचिद् वायुयोगेन ब्रह्माण्डो दह्यते यतः ।
अतः सा कुण्डली देवी मुखेनाच्छाद्य संस्थिता ॥ ८.२१ ॥
तेनैव पार्थिवे लिङ्गे बिन्दुशक्तिं नियोजयेत् ।
बिन्दुशक्तिं समुत्थाप्य लिङ्गपूजा प्रकीर्तिता ॥ ८.२२ ॥
तोडलतन्त्र, नवमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
त्रिपुराया महामन्त्रं नित्यातन्त्रे श्रुतं मया ।
इदानीं श्रोतुम् इच्छामि नवार्णस्य च वासनाम् ॥ ९.१ ॥
श्रीशिव उवाच
भूमिश् चन्द्रः शिवो माया शक्तिः कृशानुसादनौ ।
अर्धचन्द्रश्च बिन्दुश्च नवार्णो मेरुरुच्यते ॥ ९.२ ॥
भूमिबीजजपादेव भूपतिर् जायते ऽचिरात् ।
चन्द्रबीजजपादेव महासौन्दर्यमाप्नुयात् ॥ ९.३ ॥
शिवबीजजपाद् एव शिववद्विहरेत् क्षितौ ।
एकत्रोच्चारणात् सत्यं चतुर्वर्गफलप्रदम् ॥ ९.४ ॥
श्रीदेवी उवाच
यत्त्वया कथितं नाथ योगज्ञानादिकं लयम् ।
यावत् कामादि संदीप्यो भावयोगो न लभ्यते ॥ ९.५ ॥
ऊर्ध्वरेता महायोगी तदधः शक्तियोगतः ।
ब्रूहि मे जगतांनाथ कथं दीर्घायुषं भवेत् ॥ ९.६ ॥
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि येन दीर्घायुषं भवेत् ।
श्रुत्वा गोपय यत्नेन न प्रकाश्यं कदाचन ॥ ९.७ ॥
पूजयेत् कालिकां देवीं तारिणीं वाथ सुन्दरीम् ।
षोडशेनोपचारेण पञ्चतत्त्वेन पार्वति ॥ ९.८ ॥
दिनत्रयं पूजयित्वा षट्चक्रं चिन्तयेदथ ।
ततस्तु परमेशानि मालामन्त्रं समभ्यसेत् ॥ ९.९ ॥
षोडशी वा महापूर्वा पत्त्रे चाभ्यासमाचरेत् ।
चतुष्पत्त्रे चाष्टवारं षट्पत्त्रे द्वादशं जपेत् ॥ ९.१० ॥
दशपत्त्रे विंशतिं च द्वादशे वेदनेत्रकम् ।
षोडशे दशसंख्यं तु चतुर्वारं श्रुवोऽष्टकम् ॥ ९.११ ॥
कुम्भकेन जपेन्मन्त्रं मालाषट्के सुरेश्वरि ।
एवं क्रमेण देवेशि स्थिरमायुर्यदा भवेत् ॥ ९.१२ ॥
प्रजपेदक्षमालायां येन मृत्युंजयो भवेत् ।
श्रीदेवी उवाच
मूलचक्राच्छिरोऽन्ता च सुषुम्ना परिकीर्तिता ।
तद्गर्भस्था च या शक्तिः सा देवी कुण्डरूपिका ॥ ९.१३ ॥
सदा कुण्डलिनी देवी पञ्चाशद्वर्णभूषिता ।
मालारूपा कथं देव इति मे संशयो हृदि ॥ ९.१४ ॥
श्रीशिव उवाच
सहस्रारे महापद्मे बीजकोशे शिवालये ।
हंसेन वायुयोगेन पूरकेण समानयेत् ॥ ९.१५ ॥
सहस्रारं तु सम्प्राप्य शिवं दृष्ट्वा तु कामिनी ।
मालाकारेण तल्लिङ्गं संवेष्ट्य कुण्डली सदा ॥ ९.१६ ॥
अकारादिलकारान्ता क्षकारं वक्त्रसंयुतम् ।
चरमार्णं सरन्ध्रं च निजपुच्छेन कामिनी ॥ ९.१७ ॥
भेदयित्वा स्वपुच्छेन नागपाशं तदूर्ध्वके ।
एतत्कारणं संव्याप्य संस्थिता कुण्डली यदा ॥ ९.१८ ॥
तदैव प्रजपेन्मन्त्रम् अमरत्वं स विन्दति ।
रेचनात् कामिनी देवी प्रविशन्ती स्वकेतनम् ॥ ९.१९ ॥
न तत्र प्रजपेन्मन्त्रं जपान्मृत्युमवाप्नुयात् ।
रेचके छिन्नमालायां सत्यं हि सुरवन्दिते ॥ ९.२० ॥
छिन्ने सूत्रे भवेन्मृत्युः पुरैव कथितं मया ।
इति ते कथितं कान्ते यतो मृत्युंजयो भवेत् ॥ ९.२१ ॥
अथवा निजनासाग्रे दृष्टिमारोप्य यत्नतः ।
वायुं संधार्य यत्नेन एकोच्चारेण चोच्चरेत् ॥ ९.२२ ॥
मालामन्त्रं षोडशीं वा तथा चाष्टादशाक्षरीम् ।
सहस्रं प्रजपेन्मन्त्रं प्रत्यहं यदि पार्वति ॥ ९.२३ ॥
जित्वा मृत्युं जरां रोगं दीर्घकालं स जीवति ।
एतदन्यं महायोगं भोगार्थी नहि लभ्यते ॥ ९.२४ ॥
अथवा परमेशानि डामरोक्तविधानतः ।
यजेत् कात्यायनीं देवीं भूतपूर्वां प्रयत्नतः ॥ ९.२५ ॥
तदा पञ्चसहस्राब्दं निश्चितं तु स जीवति ।
इति ते कथितं सर्वं देहरक्षणकारणम् ॥ ९.२६ ॥
न भोगी भोगमाप्नोति योगी योगो न लभ्यते ।
एतत्तत्त्वेन देवेशि भोगो योगायते ध्रुवम् ॥ ९.२७ ॥
श्रीदेवी उवाच
यन्मालायां जपेनैव किं फलं लभते नरः ।
पृथक् पृथङ् महादेव पत्त्रमालाफलं वद ॥ ९.२८ ॥
श्रीशिव उवाच
भूमिकामी जपेन् मन्त्रं मूलाधारे चतुष्टये ।
स्वाधिष्ठाने जपादेव महेन्द्रो जायतेऽचिरात् ॥ ९.२९ ॥
मणिपूरे जपादेव भवेत् स्वर्गस्य भाजनम् ।
अनाहते महापद्मे जपाद् ब्रह्मपुरं व्रजेत् ॥ ९.३० ॥
विशुद्धाख्ये जपादेव विष्णुलोके वसेद् ध्रुवम् ।
आज्ञाचक्रे च जप्तव्ये श्वेतद्वीपे वसेत् सदा ॥ ९.३१ ॥
यन्माला परमेशानि बाह्यमाला प्रकीर्तिता ।
अन्तर्माला महामाला पञ्चाशद्वर्णरूपिणी ॥ ९.३२ ॥
माहात्म्यं तस्य देवेशि किं वक्तुं शक्यते मया ।
सहस्रारे स्थिरीभूय यदि चाष्टशतं जपेत् ॥ ९.३३ ॥
तत्फलात् कोटिभागैकं भागं चान्येन विद्यते ।
पृथिव्यामव्ययो देहो भवत्येव न संशयः ॥ ९.३४ ॥
यन्मालायां जपेन्मन्त्रम् अभ्यासार्थं हि पार्वति ।
इति ते कथितं देवि चिरजीवी यथा भवेत् ॥ ९.३५ ॥
इदानीं परमेशानि भूतकात्यायनीं शृणु ।
वेदाद्यं शब्दबीजं च महामायां ततः परम् ॥ ९.३६ ॥
अस्त्रयुग्मं वह्निजाया मनुः सप्ताक्षरः परः ।
श्रीशिवोऽस्य ऋषिः प्रोक्तो विराट् छन्द उदाहृतम् ॥ ९.३७ ॥
भूतकात्यायनी देवी धर्मार्थकामदा सदा ।
प्रणवेन षडङ्गं च प्राणायामं च सुन्दरि ॥ ९.३८ ॥
ध्यानमस्याः प्रवक्ष्यामि शृणु सुन्दरि सादरम् ।
गौरवर्णां मुक्तकेशीं सर्वाभरणभूषिताम् ॥ ९.३९ ॥
पट्टवस्त्रपरीधानां सदा घूर्णितलोचनाम् ।
वामपाणौ रक्तपूर्णखर्परं दक्षिणे करे ॥ ९.४० ॥
मद्यपूर्णस्वर्णपात्रां ग्रीवायां हारभूषिताम् ।
शरच्चन्द्रसमाभासां पादाङ्गुलिविराजिताम् ॥ ९.४१ ॥
एवं तां वरदां नित्यां भावयेत् सिद्धिहेतवे ।
सामान्यार्घ्यं ततो देवि स्ववामे विन्यसेत्ततः ॥ ९.४२ ॥
जीवन्यासादिकं कृत्वा पूजयेत् परमेश्वरीम् ।
षोडशेनोपचारेण पञ्चतत्त्वेन सुन्दरि ॥ ९.४३ ॥
यजेत्तां बहुयत्नेन गृहमध्ये दिनत्रयम् ।
ततो जपेन्महामन्त्रं गजान्तकसहस्रकम् ॥ ९.४४ ॥
ततश्च पूजयेद् देवीं शून्यागारे दिनत्रयम् ।
प्रत्यहं प्रजपेन्मन्त्रं गजान्तकसहस्रकम् ॥ ९.४५ ॥
एव कृते महेशानि यदि सिद्धिर्न जायते ।
ततश्च प्रजपेन्मन्त्रं पितृभूमौ दिनत्रयम् ॥ ९.४६ ॥
ततः सिद्धिर्भवेद् देवि सत्यं सत्यं हि सुप्रिये ।
तद्वाक्यं प्रार्थनावाक्यं डामराख्ये मयोदितम् ॥ ९.४७ ॥
तोडलतन्त्र, दशमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
काकीचञ्चुं महामुद्रां कथयस्व दयानिधे ।
येन रूपेण देवेश देहासनपरो भवेत् ॥ १०.१ ॥
श्रीशिव उवाच
अनाकुलेन देवेशि जिह्वां परमयत्नतः ।
तालुमूले न्यसेत् पश्चात् ततो वायुं पिबेत् शनैः ॥ १०.२ ॥
दन्तैर्दन्तान् समापीड्य काकीचञ्चुं समभ्यसेत् ।
बहुयोन्युक्तविधिना सर्वकर्माणि साधयेत् ॥ १०.३ ॥
अथातः सम्प्रवक्ष्यामि स्वल्पयोनिं शृणु प्रिये ।
गुदछिद्रे दक्षगुल्फं संधौ लिङ्गं विनिक्षिपेत् ॥ १०.४ ॥
नाभिरन्ध्रेऽथवा गुल्फं धारयेद् वामहस्तके ।
बहुयोन्युक्तविधिना चान्यत् सर्वं समापयेत् ॥ १०.५ ॥
मुद्रा चैतन्यतन्त्रे च माहात्म्यं कथितं मया ।
यथा हेमगिरिर्देवि यथा वेगवती नदी ॥ १०.६ ॥
चन्द्रादिकं यथा देवि चिरजीवी तथा भवेत् ।
श्रीदेवी उवाच
दशावतारं देवेश ब्रूहि मे जगतां गुरो ॥ १०.७ ॥
इदानीं श्रोतुमिच्छामि कथयस्व सुविस्तरात् ।
का वा देवी कथंभूता वद मे परमेश्वर ॥ १०.८ ॥
श्रीशिव उवाच
तारा देवी नीलरूपा वगला कूर्ममूर्तिका ।
धूमावती वराहं स्यात् छिन्नमस्ता नृसिंहिका ॥ १०.९ ॥
भुवनेश्वरी वामनः स्यान्मातंगी राममूर्तिका ।
त्रिपुरा जामदग्न्यः स्याद् बलभद्रस्तु भैरवी ॥ १०.१० ॥
महालक्ष्मीर् भवेत् बुद्धो दुर्गा स्यात् कल्किरूपिणी ।
स्वयं भगवती काली कृष्णमूर्तिः समुद्भवा ॥ १०.११ ॥
इति ते कथितं देव्य् अवतारं दशममेव हि ।
एतासां पूजनाद् देवि महादेवसमो भवेत् ।
आसां ध्यानादिकं सर्वं कथितं मे पुरा तव ॥ १०.१२ ॥
Die wichtigsten Mantras des Todala Tantra
Viele zentrale Kali- und Tara-Mantras werden im Werk durch Lautchiffren beschrieben. Hier stehen nur eindeutig lesbare kurze Formeln und das vollständig überlieferte Darbringungsgebet. Es werden keine geheimen Langmantras aus Bija-Hinweisen ergänzt. Die Formeln zur Linga-Verehrung sind in 5.14–15 als klare Wortanweisungen gegeben; ihre Zusammenstellung verlangt keine Auflösung unbekannter Lautchiffren.
Soham – die Hinwendung zum Selbst
सो ’हम्
so ’ham
Ich bin Das. In 3.6 ausdrücklich als Mantra genannt. Es begleitet dort die Rückführung Kundalinis. Die kurze Formel kann unabhängig von jener Atemtechnik in ihrer Bedeutung betrachtet werden.
Shivoham – die innere Shiva-Betrachtung
शिवो ’हम्
śivo ’ham
Ich bin Shiva. In 3.70 und 4.30 ausdrücklich genannte Betrachtung. Gemeint ist die rituelle Identifikation mit Shiva; sie steht im Zusammenhang von Reinigung und Selbsthingabe.
Verehrung Haras
ॐ हराय नमः
oṃ harāya namaḥ
Om, Verehrung dem Hara. In 5.14 beim Aufnehmen der Tonerde genannt. Hara ist ein Name Shivas.
Verehrung Maheshvaras
महेश्वराय नमः
maheśvarāya namaḥ
Verehrung dem großen Herrn. In 5.15 beim Formen des Lingas angegeben. Ein zusätzliches Om wird hier nicht in die überlieferte Wortanweisung hineingelesen.
Bitte um Gegenwart
शूलपाणे इह सुसंप्रतिष्ठितो भव
śūlapāṇe iha susaṃpratiṣṭhito bhava
O Dreizackträger, sei hier fest gegenwärtig. In 5.15 genannte Einsetzungsformel. Sie verdeutlicht die Hinwendung von einer äußeren Gestalt zur Gegenwart des Verehrten.
Gebet zur Darbringung des Japa
गुह्यातिगुह्यगोप्ता त्वं गृहाणास्मत्कृतं जपम् ।
सिद्धिर्भवतु मे देव त्वत्प्रसादान्महेश्वर ॥
guhyātiguhyagoptā tvaṃ gṛhāṇāsmatkṛtaṃ japam |
siddhirbhavatu me deva tvatprasādānmaheśvara ||
Du hütest das Geheimste der Geheimnisse. Nimm unseren vollzogenen Japa an. Durch deine Gnade möge mir Vollendung zuteilwerden, Gott, großer Herr.
Dieses vollständig erhaltene Gebet (5.28) verbindet eigene Anstrengung und Gnade. Es bittet darum, die vollzogene Praxis anzunehmen, und eignet sich als Gegenstand einer stillen Betrachtung über Hingabe.
Bijas und ihre Bedeutung
Das Erd-Bija लं (laṃ) wird in 8.8–9 ausdrücklich genannt; ओं (oṃ) und हुं (huṃ) erscheinen im Meditationsbild von 4.12. Bijas werden nicht wie gewöhnliche Wörter übersetzt. Laṃ ist hier dem Erdelement zugeordnet. Daraus wird an dieser Stelle keine zusätzliche Rezitationsfolge abgeleitet. Die verkürzte Tara-Gayatri in 3.55 und die verschlüsselte Bhutakatyayani-Formel in 9.36–37 werden deshalb nicht als vollständige Mantrasammlung abgedruckt.

64 besonders inspirierende Verse des Todala Tantra
Die Auswahl verbindet Aussagen über die Göttin, den inneren Kosmos und die Hingabe. Sie umfasst 64 vollständige nummerierte Texteinheiten; auch bildhafte Ritualverse sind enthalten. Einzelne Verweise wie „darüber“ setzen das jeweilige Meditationsbild voraus. Die Zuordnung zum Haupttext steht gesammelt in der Konkordanz.
Devi, Shakti und göttliche Wirklichkeit
1. Diese Mudra führt zur unmittelbaren Erfahrung des Selbst und schenkt höchste Befreiung. Selbst mit hundert Mündern ließe sich ihre Größe nicht aussprechen.
2. Höre, Göttin immerwährender Freude, das höchste Kalika-Mantra; schon durch die Berührung mit ihm kann ein Mensch zu Lebzeiten befreit werden.
3. Weil er das Halahala-Gift ohne Erschütterung oder ähnliche Regungen trank, heißt er Akshobhya, große Göttin.
4. Zur Rechten Matangis soll man Shiva als Matanga verehren: eben jenen Dakshinamurti, dessen Wesen die Freude der Welt ist.
5. Die ursprüngliche Göttin, selbst von der Natur der Zeit, wohnt als Kraft der Auflösung im Herzlotus des herrlichen Shiva.
6. Wo Mahakali eigenständig hervortritt, ist Sadashiva ohne Shakti. Mit Shakti verbunden ist er Shiva; ohne Shakti ist er wahrhaft ein Leichnam. Sein Wesen als Purusha gibt er dennoch nicht auf.
7. Der lange I-Laut ist die unvergängliche Shakti; als Göttin verleiht sie höchste Befreiung und wird daher Maya genannt.
8. Mit Maya verbunden wird [das Mantra] groß und befreiend. Deshalb wird sie Maya-Shakti genannt.
9. [Die Göttin ist] mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften, unmittelbar formlos und gestaltet. Diese Mahavidya als Vaikhari ruht fest in den Lauten.
10. Weil die Wirklichkeit jenseits der Buchstaben ist, wird sie Tara genannt. Ihr Wesen ist Brahmavidya; sie schenkt die Früchte von Lebensgenuss und Befreiung.
11. Das höchste Licht ist formlos; Bindu wird unvergänglich genannt. Das Wort Bindu bezeichnet Leere und weist zugleich auf Eigenschaften hin.
12. Betrachte das Fünfsilbige ebenso als Brahma, Vishnu und Shiva, als Shakti-Gestalt und als formlos.
13. Im großen tausendblättrigen Lotus ist der höchste Shiva, dessen Gestalt das All ist; dort wohnt die ewige Mahakundalini.
14. Mahalakshmi ist Buddha, Durga erscheint als Kalki; die erhabene Kali selbst tritt in Krishnas Gestalt hervor.
Der Körper als heiliger Kosmos
15. Höre, Göttin, ich erkläre kurz die Essenz des Yoga: Der Körper gleicht einem Baum mit Wurzeln oben und Zweigen unten.
16. Alle heiligen Stätten im Weltall sind auch im Körper vorhanden. Wie das große Weltenei gestaltet ist, so ist auch das kleine gestaltet.
17. Von Rasatala bis Satya reicht Mahadhira: die im Innern des Meru befindliche Nadi, die Befreiung verleiht.
18. Entsprechend befinden sich im Körper die Nadis: Ida, Pingala und Sushumna in ihrer Mitte.
19. Alle zur Unterwelt fließenden Ströme wenden sich aufwärts. In diesem Augenblick soll man die Reihe der Sanskritlaute betrachten.
20. Im Muladhara befindet sich die Erde mit ihren sieben Inseln; die sieben Meere liegen dort ringförmig.
21. Welche Gestalt Menschen und andere Wesen auf der Erde haben, in eben dieser Gestalt befinden sich die Lebewesen im Muladhara.
22. Im Muladhara ist Brahma mit Dakini; im Svadhishthana befindet sich Vishnu mit Rakini.
23. Im Manipura ist Rudra mit Lakini; im großen Anahata-Lotus Hara mit Kakini.
24. Im Vishuddha wohnen die ewige Sakini und Sadashiva; im Ajna-Chakra Hakini und der Gott Parashiva.
25. Im Muladhara ist Kamarupa, im Herzen Jalandhara; Purnagiri liegt darunter und Uddiyana darüber [die letzten beiden Bezugspunkte bleiben offen].
26. Varanasi liegt zwischen den Brauen, Jvalanti in den drei Augen; Mayavati im Gesichtskreis und Ashtapuri in der Kehle.
27. Am Nabelgrund liegt Ayodhya, in der Hüftregion der Kanchi-Sitz und am Rücken Shrihritta [wohl eine Variante von Shrihatta].
28. Ida, Pingala, Sushumna, Chitrini und die Brahmanadi in ihrer Mitte werden als fünf Nadis genannt.
29. Die Größe des Yoga-Lotus kann ich nicht aussprechen. Inmitten des Lotus im Muladhara ist das strahlend schöne Erd-Bija Lam.
30. Im Bindu des Erd-Bija Lam liegt der herrliche Erdkreis; ringförmig befinden sich dort die sieben Meere.
31. Der Bindu hat die Ausdehnung eines Drittels eines kleinsten Teilchens; in ihm liegen alle Meere und die Erde mit ihren sieben Inseln.
32. [Er ist] unvergänglich, höchst fein, Bindu-Gestalt und höchster Shiva. Wie könnte ich das Maß dieses Gottes aussprechen?
33. La ist das Erd-Bija in Shakti-Gestalt. Inmitten des Erdkreises steht das wunderbare, aus sich selbst entstandene Linga.
34. Es ist stets von Kundali in dreieinhalb Windungen umgeben; sie bedeckt mit ihrem eigenen Mund die Öffnung des Lingas.
35. Dadurch bewegt sich der Atemwind beständig in Ida und Pingala. Sie ist immer wach, um das Sahasrara zu schauen.
36. Die bisher genannte Girlande heißt äußere Girlande; die innere Girlande ist die große Mala in Gestalt der fünfzig Laute.
Guru, innere Verehrung und Hingabe
37. Nach dem morgendlichen Aufstehen verehre der Mantra-Kundige den Guru im Sahasrara. Er durchdringe die sechs Chakras und wiederhole [das Mantra] 108-mal.
38. Nach Anga-Nyasa und rituellem Wassernippen meditiere er über seine erwählte Göttin im Kreis [des Rituals].
39. So gesammelt vollziehe man Tattva-Nyasa, danach Bija-Nyasa und wiederum die durchdringende Platzierung.
40. Nachdem man Arghya dargebracht hat, bringe man auch sich selbst dar. Man erinnere sich an Lobpreis und Schutzgebet und verneige sich mit acht Körperteilen.
41. In der Betrachtung „Ich bin Shiva“ entlasse man die Gottheit durch Rücknahme. Im Nordosten bilde man einen Kreis [zur Verehrung] der Ucchishta-Chandali.
42. Man bringe Arghya an den Kopf und Sandelholzpaste auf die Stirn, nehme etwas von der Speisegabe an und bewege sich dann nach eigenem Wunsch.
43. Es folgen Meditation, geistiges Opfer, Bereitstellung des Arghya, Sitzverehrung, erneute Meditation und Herbeirufung.
44. Nach Pranayama vollziehe der vorbildliche Praktizierende die Verehrung und lege die Frucht des Japa in die Hand der Göttin.
45. Nach der Selbsthingabe entlasse er die Gottheit durch Rücknahme, bilde im Nordosten einen Kreis [für] Ucchishta-Chandali, nehme etwas von der Speisegabe an und gehe nach eigenem Wunsch umher.
46. Höre, schöne, glückverheißende Göttin, von Taras großer Verehrung. Nach dem mantrischen Wassernippen verneige man sich vor dem Guru.
47. Dann stelle der Verständige sich aus Om einen roten Lotus vor und über ihm den blaufarbenen Laut Hum.
48. Gemeinsam ausgesprochen schenkt [diese Vidya] Nirvana-Befreiung. Wie könnte ich ihre Herrlichkeit beschreiben, Herrin der Götter?
49. Dieser schwer erfassbare Bindu ist nur ein Tausendstel eines Sandkorns groß; in ihm liegt die hundert Yojanas weite Juweleninsel.
50. Ringsum stelle sich der Praktizierende einen schönen Wassergraben vor; in der Mitte meditiere er über den Wunschbaum und über sich selbst als von Tarini erfüllt.
51. Die Feuerbraut ist eine höchste Formel, die rasch Vollendung verleiht; durch die Anrede wird [die Göttin] stets gegenwärtig.
52. Darunter betrachte er einen Juwelenthron und darauf die Göttin gemäß der überlieferten Meditationsbeschreibung.
53. Die gereinigte Substanz gebe er in das besondere Arghya; nachdem er sie als von Brahman erfüllt betrachtet hat, vollziehe er die Meditation zur Verehrung.
54. Nach Pranayama meditiere er über das Mantra; nach vollzogenem Japa lege er diesen in die Hand der Göttin.
55. Nach Lobpreis und Schutzgebet verneige er sich mit acht Körperteilen, bringe das besondere Arghya dar und gebe sich selbst hin.
56. Selbst zu Rudras Gestalt geworden, entlasse er die Gottheit durch Rücknahme. Mit Yoni-Mudra entlasse er sie unter den Worten „Vergib mir“.
57. Am Guru-Ort zeichne man das Yantra und gehe umher wie Bhairava. Die verkürzte Verehrung, Göttin, ist geistig und ohne die Tattvas [Ritualsubstanzen].
58. Durch deine Gnade bin ich gereinigt, Mahadeva, und auf keine andere Weise. Nun möchte ich die Verehrung Shambhunathas hören.
59. Ich erkläre seine Meditation; höre gesammelt: Om. Man meditiere stets über Mahesha, der einem Silberberg gleicht und den schönen Mond als Schmuck trägt. Seine juwelengeschmückten Glieder leuchten; seine Hände halten Axt und Gazelle und gewähren Segen und Furchtlosigkeit. Er ist heiter, sitzt im Lotussitz, wird ringsum von Götterscharen gepriesen und trägt ein Tigerfell. Er ist Ursprung und Same des Alls, nimmt jede Furcht, hat fünf Gesichter und drei Augen.
60. Man lege eine Blume auf den Kopf und verehre mit geistigen Gaben. Nach erneuter Meditation lege man die Blume auf Shiva [das Linga].
61. Du hütest das Geheimste der Geheimnisse. Nimm unseren vollzogenen Japa an. Durch deine Gnade möge mir Vollendung zuteilwerden, Gott, großer Herr.
62. Keine andere Vidya schenkt Frucht wie diese, Yogini. Höre aufmerksam, Parvati, vom Erwachen aller Mantras.
63. Man betrachte den Guru zusammen mit Kundalini im großen tausendblättrigen Lotus; dann erwacht das Bewusstsein aller Mantras, Geliebte.
64. Der Genießende erlangt [sonst] keinen Genuss, der Yogi keinen Yoga. Durch dieses Prinzip jedoch wird Genuss gewiss zu Yoga.
Konkordanz der 64 Verse
1 → 2.24; 2 → 3.9; 3 → 1.6; 4 → 1.15; 5 → 1.21; 6 → 1.25; 7 → 6.11; 8 → 6.14; 9 → 6.41; 10 → 6.42; 11 → 6.47; 12 → 6.54; 13 → 7.30; 14 → 10.11; 15 → 2.1; 16 → 2.2; 17 → 2.9; 18 → 2.12; 19 → 2.15; 20 → 7.5; 21 → 7.8; 22 → 7.27; 23 → 7.28; 24 → 7.29; 25 → 7.32; 26 → 7.33; 27 → 7.34; 28 → 8.5; 29 → 8.8; 30 → 8.9; 31 → 8.11; 32 → 8.12; 33 → 8.14; 34 → 8.15; 35 → 8.16; 36 → 9.32; 37 → 3.33; 38 → 3.54; 39 → 3.63; 40 → 3.69; 41 → 3.70; 42 → 3.71; 43 → 3.74; 44 → 3.77; 45 → 3.79; 46 → 4.2; 47 → 4.12; 48 → 6.16; 49 → 4.14; 50 → 4.17; 51 → 6.20; 52 → 4.21; 53 → 4.32; 54 → 4.37; 55 → 4.40; 56 → 4.41; 57 → 4.44; 58 → 5.1; 59 → 5.17; 60 → 5.18; 61 → 5.28; 62 → 6.25; 63 → 6.28; 64 → 9.27.
Fünf Lehren des Todala Tantra für Aspiranten
Die folgenden Lehren greifen zentrale Aussagen des Werkes auf und erläutern ihre Bedeutung für eine heutige spirituelle Praxis.
1. Achte den Körper als einen Ort des Heiligen
„Alle heiligen Stätten im Weltall sind auch im Körper vorhanden“ (2.2). Dieser Gedanke kann die Beziehung zum eigenen Leib vertiefen. Der Körper trägt unsere Sadhana: Mit ihm sitzen wir, atmen, verneigen uns und bringen eine Gabe dar. Ihn aufmerksam zu behandeln, ihm Ruhe zu geben und seine Grenzen wahrzunehmen, kann so selbst ein Ausdruck von Ehrerbietung werden. Die innere Pilgerreise beginnt mit der Bereitschaft, im eigenen Dasein anzukommen.
2. Lass Stille und lebendige Kraft zusammenwirken
1.25 beschreibt Shiva mit Shakti als lebendige göttliche Einheit. Für die eigene Betrachtung eröffnet dieses Bild eine fruchtbare Frage: Wie können innere Ruhe und tätige Kraft einander unterstützen? In der Meditation sammelst du dich; im Handeln kann die gesammelte Aufmerksamkeit wirksam werden. So lässt sich das Bild von Shiva und Shakti als Anregung verstehen, auch im Alltag aus einer bewussten Mitte zu leben.
3. Begegne deinem Mantra mit erneuter Aufmerksamkeit
Das sechste Kapitel fragt nach dem inneren Sinn des Mantras. Seine Laute werden als Glieder der Göttin betrachtet; die Meditation auf den Guru verbindet sich mit dem Erwachen des Mantrabewusstseins (6.28). Daraus spricht eine tiefe Wertschätzung des empfangenen Mantras. Auch wenn du es seit Jahren wiederholst, kannst du seiner Bedeutung neu zuhören und die Hingabe darin vertiefen. Beständigkeit und lebendige Aufmerksamkeit gehören zusammen.
4. Bringe auch die Frucht deiner Praxis dar
Nach der Verehrung folgt im Text immer wieder die Hingabe seiner selbst (3.69; 4.40). Das Darbringungsgebet in 5.28 verbindet eigene Anstrengung mit Gnade. Darin liegt eine entlastende Haltung: Du übst gewissenhaft und überlässt zugleich die Frucht dem Göttlichen. Selbst eine unruhige Meditation lässt sich aufrichtig darbringen. Diese Anwendung nimmt den Gedanken der Hingabe auf, ohne aus jeder Sitzung ein besonderes Erlebnis verlangen zu müssen.
5. Gib der schlichten inneren Verehrung Raum
4.44 nennt ausdrücklich eine verkürzte geistige Puja ohne die fünf Ritualsubstanzen. Eine innere Blume, eine bewusst gesprochene Anrufung und einige gesammelte Augenblicke können deshalb einen sinnvollen Platz im Tagesablauf erhalten. Entscheidend ist dabei die wirkliche Hinwendung. Die geistige Verehrung in 5.18 zeigt, wie äußere Handlung und innere Gegenwart einander ergänzen können.
Fünf Tipps für die Praxis mit dem Todala Tantra
Diese einfachen Anregungen übertragen Motive des Werkes in den heutigen Alltag. Die besonderen Atemverschlüsse und Einweihungsriten gehören in einen eigenen, angeleiteten Praxiskontext.
1. Beginne mit einer Minute Dankbarkeit
Setze dich vor deiner gewohnten Praxis ruhig hin. Erinnere dich an deinen Guru oder an einen Menschen, durch den du auf deinem spirituellen Weg Wesentliches gelernt hast. Verneige dich innerlich und formuliere einen schlichten Dank. Die morgendliche Lehrerverehrung in 3.33 und die Verneigung in 4.2 geben hierfür die Anregung.
2. Nimm einen Vers mit in den Tag
Lies beispielsweise 2.2 am Morgen zweimal langsam. Schließe kurz die Augen und frage dich: „Wie möchte ich heute mit diesem Körper als Ort meiner Praxis umgehen?“ Kehre am Abend noch einmal zu dem Vers zurück. An einem anderen Tag kannst du 5.28 über Hingabe oder 6.42 über die Wirklichkeit jenseits der Buchstaben wählen. So verbindet sich Svadhyaya mit eigener Betrachtung.
3. Beende vertrauten Japa mit einer Darbringung
Übe deinen gewohnten Japa bei natürlich fließendem Atem. Bringe danach die Wiederholung innerlich deiner verehrten Gottheit dar, wie es 3.77 beschreibt. Du kannst dazu die deutsche Übersetzung des Gebets aus 5.28 lesen: „Nimm unseren vollzogenen Japa an. Durch deine Gnade möge mir Vollendung zuteilwerden.“ Bleibe anschließend für einige Atemzüge still.
4. Übe eine kurze geistige Blumenverehrung
Vergegenwärtige dir eine göttliche Gestalt, zu der du einen vertrauten Zugang hast. Stelle dir eine Blume vor und bringe sie ihr in Gedanken dar. Verweile zwei oder drei Minuten bei dieser einfachen Hinwendung. Die Verbindung von Blume und geistiger Verehrung in 5.18 sowie die innere Puja in 4.44 bilden den Ausgangspunkt; die kurze Übungsdauer ist eine heutige praktische Anregung.
5. Gestalte den Übergang in den Alltag bewusst
Bleibe am Ende deiner Meditation einen Augenblick sitzen, spüre den Kontakt zum Boden und widme die Praxis dem Göttlichen. Wende dich dann bewusst der nächsten Aufgabe zu. Der Übergang von Verehrung und Darbringung zum freien Umhergehen in 3.71 und 3.79 regt dazu an, auch das Ende der Praxis achtsam zu gestalten. So kann etwas von ihrer Sammlung in das anschließende Handeln eingehen.

Ergänzende Meditation auf drei Chakras
Meditation auf die drei mittleren Chakras mit Sukadev als heutige, vom historischen Ritualtext zu unterscheidende Anregung.
Spirituelle Bedeutung des Todala Tantra
Das Menschenbild des Todala Tantra ist von Entsprechungen getragen. Der Mensch trägt den Kosmos in sich: Pilgerstätten, Götterwelten, Elemente, Laute und göttliche Kräfte werden im Körper vergegenwärtigt. Damit gewinnt die Sadhana eine besondere Nähe. Der Weg zur Gottheit führt auch durch die Aufmerksamkeit für das eigene leibliche und geistige Dasein.
Die Göttin ist dabei sowohl verehrte Gestalt als auch die Kraft, durch die Verehrung überhaupt lebendig wird. Shakti erscheint als Kundalini, als Lautgirlande, als Maya und als befreiende Vidya. Shiva bleibt ihre unverzichtbare Bezugsgröße: leuchtender Bindu, inneres Ziel, verehrter Herr und in Kapitel 5 Voraussetzung der Göttinnen-Puja. Das Werk lässt beide Seiten ineinandergreifen, ohne seine rituellen Unterscheidungen einfach aufzulösen.
Auch äußere und innere Praxis werden nicht gleichgesetzt. Das Werk kennt sehr genaue äußere Regeln, doch es verlegt deren Kräfte zugleich in die innere Anschauung. Der Übergang vom angebotenen Wasser zum geistigen Reinigen, von der Blume zur Manasa Puja, von der Perlenkette zur Lautgirlande macht verständlich, wie Ritual zur Schulung von Bewusstsein werden kann. Der Guru vermittelt dabei Orientierung und einen vertrauten Zugang zu den Zeichen. Aus wiederholter Übung kann eine Beziehung wachsen, in der Klang, Bild und Hingabe immer tiefer verstanden werden.
Neben dieser Tiefe steht ein starkes Interesse an Wirksamkeit, langem Leben und außergewöhnlichen Kräften. Diese Spannung gehört zum Werk. Seine Aussagen über Moksha dürfen nicht alle weltbezogenen Ziele verdecken, und seine Siddhi-Verheißungen sollten nicht das gesamte Verständnis bestimmen. Für heutige Leser ist gerade die Verbindung von sorgfältiger Praxis und Loslassen hilfreich: Man übt verlässlich, vertieft das Verstehen und bringt schließlich auch den Wunsch nach dem Ergebnis dar.
So kann das Todala Tantra dazu anregen, Yoga als Beziehung zur lebendigen göttlichen Gegenwart zu erfahren. Die Wirklichkeit, die in vielen Namen und Formen angesprochen wird, bleibt zugleich jenseits der Buchstaben (6.42). Klang und Gestalt öffnen einen Zugang; Erkenntnis erschöpft sich nicht in ihnen. Die wiederholte Selbsthingabe gibt dieser Suche eine einfache, persönliche Form: eine aufrichtig dargebrachte Blume, ein bewusst wiederholtes Mantra, ein Augenblick gesammelter Stille. An solchen vertrauten Handlungen kann sich die innere Weite erschließen, von der das Todala Tantra spricht.
Siehe auch
- Kularnava Tantra
- Kulacudamani Tantra
- Mundamala Tantra
- Tara Tantra
- Niruttara Tantra
- Yogini Hridaya
- Nitya Shodashikarnava
- Vamakeshvara Tantra
- Kubjikamata Tantra
- Matsyendra Samhita
- Tantraloka
- Tantrasara
- Vijnana Bhairava Tantra
- Kalika Purana
- Mahavidyas, Shaktismus, Mantra, Kundalini Yoga
Literatur und Weblinks
- Gopinath Kaviraj (Hrsg.): Toḍalatantra, in: Tantrasaṃgraha, Band 2. Varanasi: Varanaseya Sanskrit Vishvavidyalaya, 1970. Yogatantra-Granthamala 4. Druckgrundlage des Sanskrittextes.
- Oliver Hellwig: elektronische Erfassung des Toḍalatantra, bereitgestellt im Göttingen Register of Electronic Texts in Indian Languages (GRETIL), SUB Göttingen. TEI-Fassung vom 31. Juli 2020.
- Toḍalatantra bei GRETIL – Sanskrittext in IAST
- Toḍalatantra – TEI-Text und Quellenkopf
- Tantra bei Yoga Vidya
- Meditation bei Yoga Vidya
Seminare
- 06.01.2027 - 15.12.2027 Jahresgruppe Sanskrit - Lektüre der AMRITA SIDDHI 2 - online
Termine: 16x mittwochs: 06.01., 27.01., 17.02., 10.03., 31.03., 21.04., 12.05., 02.06., 23.06., 14.07., 08.09., 29.09., 20.10., 10.11., 01.12., 15.12.20…- Dr phil Oliver Hahn
- 09.04.2027 - 11.04.2027 Sanskrit Intensivwochenende
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Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Umfang und Schriftfassungen. Grundlage ist der von Oliver Hellwig erfasste GRETIL-Text nach der oben genannten Ausgabe Gopinath Kavirajs. Seine zehn Kapitel mit 396 nummerierten Einheiten werden vollständig wiedergegeben. Die Text- und HTML-Fassung stimmen im Verswortlaut überein; die HTML-Fassung bewahrt zusätzlich Sprecherformeln, auch innerhalb einzelner Nummern. Diese sind hier berücksichtigt. Die Devanagari-Schreibung gibt denselben IAST-Text wieder; sie beruht nicht auf einer zweiten, unabhängig überlieferten Sanskritfassung. Orthographische Eigenheiten wie suṣumṇā/suṣumnā, vagalā und sākinī sind nicht stillschweigend vereinheitlicht.
Übersetzung und Leserorientierung. Sprecherwechsel werden in der Übersetzung verdeutlicht; Fortsetzungen über Versgrenzen bleiben erhalten. Die flüssige Lesefassung führt die vollständige Übersetzung in fortlaufenden Absätzen zusammen. Ausgewählte Schlüsselstellen sind für die zusammenhängende Lektüre sprachlich freier gefasst; unsichere Lesungen bleiben erkennbar. Wörter in eckigen Klammern sind Ergänzungen oder Unsicherheitshinweise. Die Wort-für-Wort-Erklärungen erläutern ausgewählte wichtige Wörter, Zusammensetzungen und grammatische Formen. Bei Anrufungsformeln steht ṅe für die Dativendung; manu bedeutet hier häufig „Mantra“. Vidya kann Wissenskraft, Göttin oder Mantra bezeichnen; mudrā bedeutet je nach Zusammenhang eine Geste, einen körperlichen Verschluss oder eine rituelle Speise. Vāsanā bezeichnet in Kapitel 6 besonders die innere, bildhafte Ausdeutung des Mantras.
Offene Lesungen. Schwierigkeiten bestehen unter anderem in 1.24, den Körperanweisungen 2.19–20 und 10.4–5, den Lautdeutungen 6.6–7 und 6.50–55 sowie mehreren kosmologischen Zahlen und Chiffren in Kapitel 7–9. Derartige Stellen bleiben im Sanskrit erhalten und werden im Deutschen kenntlich gemacht. Liest man die zweite Zahl in 7.12 als 19.000, summieren sich die Körperabschnitte in 7.12–16 zu den in 7.11 genannten 96.000 Jahren. Dies erklärt einen inneren Zahlenzusammenhang, aber keine anatomische oder zeitliche Messgröße. Die Nadi-Zahlen in 8.2–4 lassen sich nicht eindeutig zur Gesamtzahl in 8.1 zusammenführen. Zahlwörter wie ṛṣi, rudra, graha oder dik können sieben, elf, neun oder zehn ausdrücken; zusammengesetzte Chiffren werden nur mit entsprechendem Vorbehalt aufgelöst. In 9.33 ist aṣṭaśatam als 108 aufgefasst, doch lässt der Wortlaut auch 800 zu. Eine Ergänzung zur ausdrücklicheren Form aṣṭottaraśatam wurde im Sanskrit nicht vorgenommen.
Mantraformeln. Viele Formeln werden mit Lautchiffren beschrieben. Sie werden in der Übersetzung als solche wiedergegeben, ohne daraus ungeprüfte Rezitationsfassungen herzustellen. Die Tara-Gayatri in 3.55 ist in dieser Überlieferung verkürzt; ihr fehlendes Glied wird nicht ergänzt. Auch die Kali-Gayatri mit dem auffälligen ghore in 3.52 wird nicht stillschweigend nach einer anderen Fassung normalisiert. Die neunsilbige Vidya in 9.2 darf nicht allein wegen der Silbenzahl mit einem anderswo bekannten Navarna-Mantra gleichgesetzt werden.
Göttinnen und Avataras. 10.9 nennt Tara nīlarūpā, „blaugestaltig“, und nicht ausdrücklich matsya, „Fisch“. Die anschließende Aufzählung nennt einschließlich Tara elf Göttinnennamen, während 10.12 von der „zehnten Herabkunft“ spricht. Diese Besonderheit wird bewahrt; eine harmonisierte Tabelle der üblichen zehn Vishnu-Avataras würde den vorhandenen Wortlaut verändern.
Historische Praxis und heutige Anwendung. Die Übersetzung gibt auch Fleisch, Fisch, Ritualwein, Sexualsymbolik, Friedhofsriten und die strengen Einweihungsregeln wieder. Diese Inhalte werden nicht nachträglich in bloße Metaphern verwandelt. Die fünf Praxistipps des Artikels sind dagegen ausdrücklich heutige, behutsame Anwendungen. Der Ausdruck paśu gehört zur traditionsinternen Einteilung spiritueller Voraussetzungen und wird hier nicht als Werturteil über Menschen übernommen. Heilungs-, Todes- und Unsterblichkeitsaussagen bleiben religiöse Aussagen des Textes; die speziellen Atem- und Körpertechniken sind nicht als unangeleitete Selbstpraxis empfohlen.
Nutzungsangabe des Sanskrit-E-Textes. GRETIL nennt für den elektronischen Text Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0. Die Zuschreibung an Oliver Hellwig und GRETIL sowie die Editionsangabe sind deshalb erhalten. Die Devanagari-Umschrift ist eine Schriftübertragung dieses E-Textes; die deutschen Übersetzungen und Erläuterungen sind neu formuliert.