Tripuramahopanishad

Aus Yogawiki

Die Tripuramahopanishad (Sanskrit: त्रिपुरामहोपनिषत्, Tripurāmahopaniṣat, „die große Upanishad der Tripura“) ist eine kurze Shakta-Upanishad über Tripura Sundari, das Shri Yantra, die Śrīvidyā und die Einheit von Shiva und Shakti. Unter dem kürzeren Titel Tripura Upanishad gehört derselbe Grundtext als Nummer 82 zum Kanon der 108 Muktika-Upanishaden und wird dort dem Rigveda zugeordnet. Die Tripuramahopanishad ist daher keine zusätzliche, vom Muktika-Text unabhängige Upanishad, sondern eine erweiterte Titelbezeichnung beziehungsweise eine kommentierte Überlieferungsform desselben Textes. Andere Schreibweisen sind Tripura Mahopanishad, Tripura Maha Upanishad.

Die Bezeichnung Tripurāmahopaniṣat ist sachlich im Schlussvers verankert: Dort nennt sich die Schrift selbst iyaṃ mahopaniṣat traipuryā, „diese große Upanishad der Tripura“. Die 1922 von Sitarama Shastri im elften Band der Tantrik Texts herausgegebene Fassung trägt dementsprechend den Titel Tripurāmahopaniṣat und enthält den ausführlichen Kommentar des Gelehrten Bhaskararaya.

Eine verehrte Shakti-Murti: Die Tripuramahopanishad erkennt in der Göttin die uralte, unvergängliche Weltmutter und höchste Kraft.

In sechzehn dicht verschlüsselten Mantren verbindet die Tripuramahopanishad die Dreiheit von Welt, Erkenntnis und göttlicher Kraft mit den neun Dreiecken des Shri Yantra, den fünfzehn Nityas und der sechzehnten, alles umfassenden Göttin. Mehrere Verse gebrauchen absichtlich eine esoterische Zeichensprache. Wörter wie „Begehren“, „Schoß“, „Höhle“, „Wolke“ oder „Indra“ können zugleich Wörter ihrer gewöhnlichen Bedeutung und Chiffren für Silben des Śrīvidyā-Mantras sein.

Die folgende Fassung orientiert sich am 1922 gedruckten Text und gleicht ihn mit der verbreiteten digitalen Tripura-Rezension ab. Wo die Handschriften oder Drucke abweichen, wird die Unsicherheit genannt. Übersetzung und Worterklärungen geben zuerst den erkennbaren Wortlaut wieder. Weitergehende tantrische Deutungen werden als traditionelle Interpretation gekennzeichnet und nicht als einzig mögliche Übersetzung ausgegeben.

Tripuramahopanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung

Eröffnender Friedensruf
oṃ vāṅ me manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvir āvīr ma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrān saṃdadhāmi | ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tan mām avatu | tad vaktāram avatu | avatu mām | avatu vaktāram | avatu vaktāram |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Übersetzung: Om. Meine Rede sei im Geist gegründet; mein Geist sei in der Rede gegründet. Offenbart euch mir, offenbart euch mir! Mögen beide mir den Veda nahebringen. Möge das von mir Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen; ich werde die Wahrheit sprechen. Das schütze mich; das schütze den Sprecher. Es schütze mich; es schütze den Sprecher, es schütze den Sprecher. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – heilige Silbe Om; vāk – Rede, Sprache; me – meine, mir; manasi – im Geist; pratiṣṭhitā – gegründet, fest verankert; manaḥ – Geist, Denken; me – mein; vāci – in der Rede; pratiṣṭhitam – gegründet; āviḥ āviḥ – offenbar, sichtbar, gegenwärtig; maḥ beziehungsweise me – mir, für mich; edhi – werde, sei; vedasya – des Veda; me – mir; āṇīsthaḥ – schwer deutbare dualische Form, traditionell „seid die Heranbringer beziehungsweise Träger“; śrutam – das Gehörte; me – von mir, mein; – nicht; prahāsīḥ – mögest du verlassen; anena – durch dieses; adhītena – Studierte, Rezitierte; ahaḥ-rātrān – Tage und Nächte; saṃdadhāmi – ich verbinde, füge zusammen; ṛtam – das Rechte, die kosmische Ordnung; vadiṣyāmi – ich werde sprechen; satyam – Wahrheit; vadiṣyāmi – ich werde sprechen; tat – das, jene Wirklichkeit; mām – mich; avatu – möge schützen; tat – das; vaktāram – den Sprecher, Lehrer oder Rezitierenden; avatu – möge schützen; avatu mām – es schütze mich; avatu vaktāram – es schütze den Sprecher; die Wiederholung verstärkt die Bitte; śāntiḥ – Frieden; die dreifache Nennung bittet traditionell um Frieden gegenüber inneren, äußeren und übergeordneten Störungen.

Vers 1 – Die Herrin der drei Städte
oṃ tisraḥ purās tripathā viśvacarṣaṇā atrākathā akṣarāḥ sanniviṣṭāḥ |
adhiṣṭhāyainā ajarā purāṇī mahattarā mahimā devatānām || 1 ||

Übersetzung: Om. Drei sind die Städte und dreifach die Wege, welche die ganze Menschenwelt tragen. In ihnen sind die unaussprechlichen, unvergänglichen Lautkräfte eingesetzt. Über diese herrscht die alterslose, uranfängliche Göttin; sie ist die noch größere Herrlichkeit der Gottheiten.

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – Om; tisraḥ – drei; purāḥ – Städte, Burgen oder Bereiche; tri-pathāḥ – drei Wege besitzend, dreifache Pfade; viśva-carṣaṇāḥ – alle Menschen beziehungsweise alle lebenden Wesen tragend und bewegend; atra – hier, in diesen; akathāḥ – nicht aussprechbar, nicht gewöhnlich benennbar; akṣarāḥ – unvergänglich; zugleich Silben oder Lautzeichen; sanniviṣṭāḥ – eingesetzt, angeordnet, darin gegenwärtig; adhiṣṭhāya – beherrschend, darüber stehend; enāḥ – diese; ajarā – nicht alternd; purāṇī – uralt, uranfänglich; mahattarā – größer, erhabener; mahimā – Größe, Herrlichkeit; devatānām – der Gottheiten. Die „drei Städte“ werden traditionell als drei Welten, drei Bewusstseinszustände, drei Kräfte oder die drei Teile des Śrīvidyā-Mantras gedeutet.

Vers 2 – Neun Quellen und neun Chakras
navayonir navacakrāṇi dadhire navaiva yogā nava yoginyaś ca |
navānāṃ cakrā adhināthāḥ syonā nava mudrā nava bhadrā mahīnām || 2 ||

Übersetzung: Die neunfache Quelle brachte neun Chakras hervor. Neun sind wahrlich die Verbindungen und neun die Yoginis. Die neun Chakras haben ihre leitenden Mächte und glückverheißenden Sitze; neun sind die Mudras und neun die segensreichen Kräfte der Welten.

Wort-für-Wort-Erläuterung: nava-yoniḥ – neunfache Yoni, neun Quellen oder die aus neun Dreiecken bestehende Ursprungsgestalt; nava-cakrāṇi – neun Chakras, Räder oder Bezirke; dadhire – sie trugen, brachten hervor oder nahmen an; nava eva – gerade neun, wahrlich neun; yogāḥ – Verbindungen, Einigungen oder Yogas; nava – neun; yoginyaḥYoginis, weibliche Kraftwesen; ca – und; navānām – der neun; cakrāḥ – Chakras beziehungsweise Kreise; adhi-nāthāḥ – darüberstehende Herren, leitende Mächte; syonāḥ – glückbringende, wohltuende Sitze oder Bereiche; nava – neun; mudrāḥMudras, Siegel oder rituelle Zeichen; nava – neun; bhadrāḥ – heilsame, glückverheißende Kräfte; mahīnām – der Erden beziehungsweise Weltebenen. In der Kommentartradition werden diese Neunergruppen auf die neun Umfassungen des Shri Yantra bezogen.

Vers 3 – Von der Einheit zu den 43 Dreiecken
ekā sā āsīt prathamā sā navāsīd āsonaviṃśād āsonatriṃśat |
catvāriṃśād atha tisraḥ samidhā uśatīr iva mātaro mā viśantu || 3 ||

Übersetzung: Sie war ursprünglich die Eine. Sie wurde zu neun, dann zu neunzehn, dann zu neunundzwanzig und schließlich zu drei über vierzig, zu 43. Mögen darauf die drei flammenden Zündhölzer – wie verlangende Mütter – in mich eintreten.

Wort-für-Wort-Erläuterung: ekā – eine, die Eine; – sie; āsīt – war; prathamā – zuerst, ursprünglich; – sie; nava – neun; āsīt – wurde beziehungsweise war; āsa – war, entstand; ūna-viṃśāt – eins weniger als zwanzig, also neunzehn; āsa – war, entstand; ūna-triṃśat – eins weniger als dreißig, also neunundzwanzig; catvāriṃśāt – von vierzig aus, über vierzig hinaus; atha – dann, darauf; tisraḥ – drei; zusammen mit vierzig also 43; samidhāḥ – Brennhölzer oder Zündhölzer des Opferfeuers; uśatīḥ – leuchtend, glühend oder verlangend; iva – wie; mātaraḥ – Mütter, schöpferische Kräfte; – in mich, zu mir; viśantu – mögen eintreten. Die ungewöhnlich zusammengezogenen Zahlwörter bilden eine esoterische Zählung; die 43 verweist traditionell auf die 43 kleinen Dreiecke des Shri Yantra.

Vers 4 – Drei Lichtkreise
ūrdhvajvalajvalanaṃ jyotir agre tamo vai tiraścīnam ajaraṃ tad rajo 'bhūt |
ānandanaṃ modanaṃ jyotir indo retā u vai maṇḍalā maṇḍayanti || 4 ||

Übersetzung: Zuoberst und zuerst steht das aufwärts lodernde Licht. Quer dazu liegt wahrlich die unvergängliche Dunkelheit; daraus wurde Rajas. Das Licht des Mondes bringt Freude und Entzücken. So schmücken diese Samenkräfte wahrlich die Kreise.

Wort-für-Wort-Erläuterung: ūrdhva – oben, aufwärts; jvalat-jvalanam – lodernd und entflammend; jyotiḥ – Licht; agre – vorn, an der Spitze, zuerst; tamaḥ – Dunkelheit, Tamas; vai – wahrlich; tiraścīnam – quer verlaufend, horizontal; ajaram – nicht alternd, unvergänglich; tat – jenes, daraus; rajaḥRajas, Bewegtheit; auch farbiger Staub; abhūt – wurde, entstand; ānandanam – Freude hervorbringend; modanam – Entzücken bereitend; jyotiḥ – Licht; indoḥ – des Mondes; retā – Same, schöpferischer Keim; u – bekräftigende Partikel, nun, gewiss; vai – wahrlich; maṇḍalāḥ – Kreise, Sphären oder Mandalas; maṇḍayanti – sie schmücken, gestalten oder ordnen. Die traditionelle Auslegung erkennt hier die drei Lichtkreise von Feuer, Sonne und Mond sowie die drei Gunas.

Vers 5 – Dreifache Welt und der Sitz des Begehrens
tisraś ca rekhāḥ sadanāni bhūmes triviṣṭapās triguṇās triprakārāḥ |
etat puraṃ pūrakaṃ pūrakāṇām atra prathate madano madanyā || 5 ||

Übersetzung: Drei sind auch die Linien und die Sitze der Erde; dreifach sind die Himmelsbereiche, die Gunas und die Erscheinungsweisen. Diese Stadt erfüllt selbst die Erfüller. Hier entfaltet sich Madana, die Kraft des Begehrens, zusammen mit Madani.

Wort-für-Wort-Erläuterung: tisraḥ – drei; ca – und, auch; rekhāḥ – Linien; sadanāni – Sitze, Wohnstätten; bhūmeḥ – der Erde, des Grundes; tri-viṣṭapāḥ – drei Himmelsbereiche oder dreifache Welten; tri-guṇāḥ – die drei Gunas beziehungsweise dreifach durch die Gunas bestimmt; tri-prakārāḥ – von drei Arten, in dreifacher Gestalt; etat – diese; puram – Stadt, umgrenzter Bereich; pūrakam – erfüllend, zur Fülle bringend; pūrakāṇām – der Erfüller oder Vollender; atra – hier; prathate – breitet sich aus, erscheint, entfaltet sich; madanaḥ – Begehren, Liebeskraft oder der Liebesgott; madanyā – mit Madani, der weiblichen Form dieser Kraft. Die „Stadt“ ist zugleich Welt, Körper, Mantra und Shri Yantra.

Vers 6 – Fünfzehn Namen der Göttin
madantikā māninī maṅgalā ca subhagā ca sā sundarī siddhimattā |
lajjā matis tuṣṭir iṣṭā ca puṣṭā lakṣmīr umā lalitā lālapantī || 6 ||

Übersetzung: Sie ist Madantika, Manini und Mangala, Subhaga und Sundari, die mit Vollendung Begabte. Sie ist Schamhaftigkeit, Einsicht, Zufriedenheit, das Ersehnte und die Nährende; sie ist Lakshmi, Uma und Lalita, die liebevoll Umsorgende.

Wort-für-Wort-Erläuterung: madantikā – Madantika, „die Entzückende“; māninī – Manini, die Würdevolle; maṅgalā – Mangala, die Glückverheißende; ca – und; subhagā – Subhaga, die Segensreiche; ca – und; – sie; sundarī – Sundari, die Schöne; siddhi-mattā – mit Siddhi, Vollendung oder Wirkkraft begabt; lajjā – Scham, Bescheidenheit; matiḥ – Einsicht, Verstand; tuṣṭiḥ – Zufriedenheit; iṣṭā – die Erwünschte, Geliebte; ca – und; puṣṭā – die Genährte und Nährende; lakṣmīḥLakshmi, Glück und Fülle; umāUma, die Lichtvolle; lalitāLalita, die Anmutige, Spielende; lālapantī – liebkosend, zärtlich umsorgend. Die fünfzehn Benennungen werden als fünfzehn Nityas verstanden; Tripura Sundari ist ihre sechzehnte, umfassende Einheit.

Vers 7 – Eintritt in das höchste Reich Tripuras
imāṃ vijñāya sudhayā madantī parisṛtā tarpayantaḥ svapīṭham |
nākasya pṛṣṭhe vasanti paraṃ dhāma traipuraṃ cāviśanti || 7 ||

Übersetzung: Nachdem sie diese Göttin erkannt haben, werden die Übenden von der ringsum strömenden Unsterblichkeitsessenz entzückt und sättigen ihren eigenen inneren Sitz. Sie wohnen gleichsam auf dem Rücken des Himmels und treten in Tripuras höchste Wohnstatt ein.

Wort-für-Wort-Erläuterung: imām – diese, die hier gelehrte Tripura; vijñāya – klar erkannt habend; sudhayā – durch Nektar, Unsterblichkeitsessenz; madantī – sich freuend, berauscht oder entzückt; die überlieferte Form ist grammatisch auffällig; parisṛtā – ringsum ausgegossen, überallhin geströmt; tarpayantaḥ – sättigend, erfreuend; sva-pīṭham – den eigenen Sitz, den inneren Pitha; nākasya – des Himmels; pṛṣṭhe – auf dem Rücken, auf der Höhe; vasanti – sie wohnen; param – höchste; dhāma – Wohnstatt, Lichtbereich; traipuram – zu Tripura gehörig, das Reich Tripuras; ca – und; āviśanti – sie treten ein. Erkenntnis und innere Verehrung führen in der Tripuramahopanishad zur Rückkehr in den eigenen göttlichen Grund.

Vers 8 – Verschlüsselte Silben der ursprünglichen Vidya
kāmo yoniḥ kāmakalā vrajapāṇir guhā hasā mātariśvābhram indraḥ |
punar guhā sakalā māyayā ca pūrūcyeṣā viśvamātādividyā || 8 ||

Übersetzung: Begehren, Schoß, Kamakala, der den Donnerkeil in der Hand hält, die Höhle, Ha und Sa, Matarishvan, die Wolke und Indra; wiederum die Höhle, die Gesamtheit und Maya – diese weitreichende Folge ist die ursprüngliche Vidya, die Mutter des Alls.

Wort-für-Wort-Erläuterung: kāmaḥ – Begehren, Liebeskraft; zugleich ein Deckwort für eine Mantrasilbe; yoniḥ – Schoß, Quelle; ebenfalls ein Silbenhinweis; kāma-kalā – die feine Teilkraft des Begehrens; vraja-pāṇiḥ – so überliefert; wahrscheinlich eine abweichende Schreibung von vajra-pāṇiḥ, „den Donnerkeil in der Hand haltend“; guhā – Höhle, Verborgenes; hasā – die Lautfolge Ha-Sa; mātariśvā – Matarishvan, der Lebenswind; abhram – Wolke; indraḥIndra; punaḥ – wiederum; guhā – Höhle; sakalā – die Gesamte; in der Mantradeutung auch die Folge Sa-Ka-La; māyayā – durch Maya beziehungsweise mit dem Maya-Bija; ca – und; pūrūcī – weitreichend, reichlich hervorströmend; textlich und etymologisch unsicher; eṣā – diese; viśva-mātā – Mutter des Universums; ādi-vidyā – ursprüngliche heilige Erkenntnis oder Ur-Mantra. Der Vers verschlüsselt nach traditioneller Lesung die fünfzehnsilbige Śrīvidyā. Ihre rituelle Anwendung gehört in eine verantwortliche Lehrer-Schüler-Überlieferung.

Vers 9 – Eine weitere Mantrafolge und Unsterblichkeit
ṣaṣṭhaṃ saptamam atha vahnisārathim asyā mūlatrikramā deśayantaḥ |
kathyaṃ kaviṃ kalpakaṃ kāmam īśaṃ tuṣṭuvāṃso amṛtatvaṃ bhajante || 9 ||

Übersetzung: Indem die Kundigen die sechste und die siebte Silbe, darauf den Lenker des Feuers und die drei Grundschritte dieser Vidya anweisen, preisen sie den zu Verkündenden: den Seher, Gestalter, Kama und Herrn. So erlangen sie Anteil an Unsterblichkeit.

Wort-für-Wort-Erläuterung: ṣaṣṭham – das sechste; saptamam – das siebte; atha – darauf, sodann; vahni-sārathim – den Lenker des Feuers; traditionelles Deckwort in der Silbencodierung; asyāḥ – dieser, der Vidya oder Göttin; mūla-tri-kramāḥ – die drei Grundschritte beziehungsweise drei ursprünglichen Silbengruppen; deśayantaḥ – anweisend, aufzeigend, lehrend; kathyam – der zu Nennende oder zu Verkündende; kavim – den Seher, Dichter-Weisen; kalpakam – den Gestalter, Hervorbringer; kāmam – Kama, Begehren beziehungsweise Liebeskraft; īśam – den Herrn; tuṣṭuvāṃsaḥ – preisend, Lob dargebracht habend; amṛtatvam – Unsterblichkeit, das Todlose; bhajante – sie erlangen Anteil, erfahren oder verehren. Der Vers deutet eine alternative Anordnung des Śrīvidyā-Mantras an, erklärt die Entschlüsselung aber nicht unabhängig von der Überlieferung.

Vers 10 – Das Zentrum des Shri Yantra und die Sechzehnte
triviṣṭapaṃ trimukhaṃ viśvamātur navarekhāḥ svaramadhyaṃ tad īle |
bṛhattithir daśapañcādinityā sā ṣoḍaśī puramadhyaṃ bibharti || 10 ||

Übersetzung: Ich preise jene dreifache Himmelswelt, das dreifache Antlitz der Weltmutter: neun Linien, deren Mitte der Urlaut ist. Sie ist der große Mondtag und die ewige Kraft, die den fünfzehn Nityas vorangeht. Als die Sechzehnte trägt sie die Mitte der Stadt.

Wort-für-Wort-Erläuterung: tri-viṣṭapam – dreifache Himmelswelt, drei Ebenen; tri-mukham – dreigesichtig, drei Öffnungen oder Spitzen besitzend; viśva-mātuḥ – der Mutter des Universums; nava-rekhāḥ – neun Linien; svara-madhyam – den Laut, Vokal oder Urton in der Mitte habend; tat – jene, das; īle – ich preise, verehre; bṛhat-tithiḥ – der große Mondtag; daśa-pañca – zehn und fünf, also fünfzehn; ādi-nityā – die ursprüngliche oder den Nityas vorangehende ewige Göttin; – sie; ṣoḍaśī – die Sechzehnte, Shodashi; pura-madhyam – die Mitte der Stadt, des Yantra oder des Leibes; bibharti – trägt, erhält. Die Drucke bieten in diesem Vers Varianten; die hier gewählte Lesart folgt dem Grundtext der Bhaskararaya-Ausgabe und versteht Tripura als sechzehnte Einheit im Bindu des Shri Yantra.

Vers 11 – Kreise, Antlitz und die Kraft des Begehrens
dvau maṇḍalau dvau stanau bimbam ekaṃ mukhaṃ cādhas trīṇi guhā sadanāni |
kāmīṃ kalāṃ kāmyarūpāṃ viditvā naro jāyate kāmarūpaś ca kāmyaḥ || 11 ||

Übersetzung: Zwei Kreise sind die beiden Brüste; die eine Scheibe ist das Antlitz, und darunter liegen drei Höhlen als Sitze. Wer die begehrende Teilkraft in ihrer begehrenswerten Gestalt erkennt, wird zur Gestalt geheiligten Begehrens und selbst liebenswert.

Wort-für-Wort-Erläuterung: dvau – zwei; maṇḍalau – Kreise oder Sphären; dvau – zwei; stanau – Brüste; bimbam – Scheibe, Spiegelbild oder Rundbild; ekam – eine, einzig; mukham – Gesicht, Antlitz oder Öffnung; ca – und; adhaḥ – darunter; trīṇi – drei; guhā – Höhlen, verborgene Räume; die Form ist textlich auffällig; sadanāni – Sitze, Wohnstätten; kāmīm – begehrend, mit Kama verbunden; kalām – Teilkraft, feine schöpferische Energie; kāmya-rūpām – von begehrenswerter Gestalt; viditvā – erkannt habend; naraḥ – der Mensch; jāyate – wird, entsteht; kāma-rūpaḥ – von der Gestalt des Begehrens; ca – und; kāmyaḥ – begehrenswert, liebenswert. Eine verbreitete jüngere Lesart beginnt mit yadvā maṇḍalādvā; die Übersetzung folgt hier der klareren Lesart des Drucks von 1922.

Vers 12 – Äußeres Kaula-Ritual und Verinnerlichung
parisrutaṃ jhaṣamādyaṃ palaṃ ca bhaktāni yonīḥ supariṣkṛtāni |
nivedayan devatāyai mahatyai svātmīkṛtya sukṛtī siddhim eti || 12 ||

Übersetzung: Wer der großen Göttin das vergorene Getränk, Fisch und Ähnliches, Fleisch, zubereitete Speisen sowie die sorgfältig vorbereitete, als Yoni bezeichnete Ritualkomponente darbringt und dies in das eigene Selbst aufnimmt, erlangt – so sagt der Text – als rituell Verdienstvoller Vollendung.

Wort-für-Wort-Erläuterung: parisrutam – Ausgeflossenes, vergorenes Getränk; in diesem Kaula-Kontext berauschender Trank; jhaṣam – Fisch; ādyam – und Weiteres dieser Gruppe, „mit ... beginnend“; palam – Fleisch; der Kommentar erklärt ausdrücklich māṃsam; ca – und; bhaktāni – zubereitete Speisen, gekochte Nahrung; yonīḥ – Yonis beziehungsweise die als Yoni bezeichnete sexuelle Ritualkomponente; su-pariṣkṛtāni – gut vorbereitet oder sorgfältig geschmückt; die grammatische Kongruenz der Überlieferung ist unregelmäßig; nivedayan – darbringend, weihend; devatāyai – der Gottheit; mahatyai – der großen; sva-ātmī-kṛtya – zum eigenen Selbst gemacht, innerlich angeeignet oder verinnerlicht habend; su-kṛtī – verdienstvoll Handelnder; siddhim – Vollendung, rituellen Erfolg; eti – erlangt, erreicht. Der Vers beschreibt ein historisches linkshändiges Kaula-Ritual. Er ist weder eine allgemeine Yoga-Anweisung noch eine Aufforderung zu Rauschmittelkonsum oder sexualisiertem Machtmissbrauch. Moderne Praxis muss Freiwilligkeit, Nüchternheit, Gesundheit, Recht und ethische Verantwortung wahren.

Vers 13 – Schlinge, Bogen und fünf Pfeile
sṛṇyeva sitayā viśvacarṣaṇiḥ pāśenaiva pratibadhnāty abhīkān |
iṣubhiḥ pañcabhir dhanuṣā ca vidhyaty ādiśaktir aruṇā viśvajanyā || 13 ||

Übersetzung: Mit dem hellen Haken bindet die allwirkende Göttin die ihr Zugewandten fest, und zwar mit ihrer Schlinge. Mit fünf Pfeilen und dem Bogen durchdringt sie als rote Urkraft und Gebärerin des Universums die Wesen.

Wort-für-Wort-Erläuterung: sṛṇyā iva – wie mit einer Sichel, einem Haken oder einer gebogenen Klinge; sitayā – mit der weißen, hellen; viśva-carṣaṇiḥ – die in der ganzen Welt Wirkende, alle Wesen Bewegende; pāśena eva – gerade mit der Schlinge; pratibadhnāti – sie bindet fest, hält zurück; abhīkān – die Herankommenden, ihr Zugewandten oder Begehrenden; iṣubhiḥ – mit Pfeilen; pañcabhiḥ – fünf; dhanuṣā – mit dem Bogen; ca – und; vidhyati – sie durchbohrt, trifft; ādi-śaktiḥ – die ursprüngliche Kraft, Adishakti; aruṇā – rötlich, morgenrot; viśva-janyā – die das Universum gebiert. Schlinge, Haken, Zuckerrohrbogen und fünf Blumenpfeile gehören zur Ikonographie Lalitas; die fünf Pfeile werden häufig mit den fünf Sinnesqualitäten verbunden.

Vers 14 – Untrennbarkeit von Shiva und Shakti
bhagaḥ śaktir bhagavān kāma īśa ubhā dātārāv iha saubhagānām |
samapradhānau samasattvau samojau tayoḥ śaktir ajarā viśvayoniḥ || 14 ||

Übersetzung: Bhaga ist Shakti; Bhagavan ist Kama, der Herr. Beide schenken in dieser Welt Wohlergehen und Gnade. Sie sind gleich ursprünglich, gleichen Wesens und gleicher Kraft. Von beiden ist Shakti die Alterslose und der Schoß des Universums.

Wort-für-Wort-Erläuterung: bhagaḥ – Anteil, Glück, schöpferischer Schoß; hier das weibliche Schöpfungsprinzip; śaktiḥ – Kraft, Shakti; bhagavān – der Mächtige, der Herr; kāmaḥ – Kama, schöpferisches Begehren; īśaḥ – Herr; ubhā – beide; dātārau – die beiden Geber; iha – hier, in dieser Welt; saubhagānām – von Glücksgaben, Wohlergehen und Gnade; sama-pradhānau – gleich ursprünglich, gleich vorrangig; sama-sattvau – gleichen Wesens oder gleicher Wirklichkeit; sama-ojau – von gleicher Kraft, gleichem Glanz; tayoḥ – von diesen beiden; śaktiḥ – Shakti; ajarā – alterslos; viśva-yoniḥ – Schoß, Quelle des Universums. Der Vers stellt Shiva und Shakti nicht als konkurrierende Mächte dar, sondern als untrennbare Pole derselben Wirklichkeit.

Vers 15 – Auflösung der Begrenzung und universale Gestalt
parisrutā haviṣā bhāvitena prasaṅkoce galite vaimanaskaḥ |
śarvaḥ sarvasya jagato vidhātā dhartā hartā viśvarūpatvam eti || 15 ||

Übersetzung: Wenn das ringsum Ausgeströmte durch die geheiligte Opfergabe durchdrungen ist und bei der inneren Einziehung die Begrenzung zerfließt, wird der Übende des gewöhnlichen Denkens ledig. Dann wird Śarva, der Ordner, Träger und Auflöser der ganzen Welt, als universale Gestalt erkannt.

Wort-für-Wort-Erläuterung: parisrutā – ringsum ausgegossen, ausgeströmt; die Lesart und ihr syntaktischer Bezug sind unsicher; haviṣā – durch die Opfergabe; bhāvitena – geheiligt, durchdrungen, meditativ verwirklicht; pra-saṅkoce – bei der Zusammenziehung, inneren Einziehung; galite – wenn geschmolzen oder zerflossen ist; vai-manaskaḥ – ohne gewöhnliche Geistestätigkeit, jenseits zerstreuten Denkens; śarvaḥ – Śarva, „der Auflöser“, ein Name Shivas; einige Druckbilder lassen auch sarvaḥ, „das All“, erkennen; sarvasya – der ganzen; jagataḥ – Welt; vidhātā – Ordner, Schöpfer; dhartā – Träger, Erhalter; hartā – Fortnehmer, Auflöser; viśva-rūpatvam – den Zustand der Allgestalt, universale Form; eti – erlangt, geht ein in. Die Tripuramahopanishad führt hier äußere Opfersprache in eine innere Auflösung begrenzter Identität über.

Vers 16 – Selbstbezeichnung als große Upanishad der Tripura
iyaṃ mahopaniṣat traipuryā yām akṣaraṃ paramo gīrbhir īṭṭe |
eṣargyajuḥ parametac ca sāmāyam atharveyam anyā ca vidyā || 16 ||

Übersetzung: Dies ist die große Upanishad der Tripura, in der das höchste Unvergängliche mit heiligen Worten gepriesen wird. Diese Lehre ist die höchste Essenz von Rig und Yajus; sie ist auch Saman und Atharvan und zugleich die andere, höhere Erkenntnis.

Wort-für-Wort-Erläuterung: iyam – diese; mahā-upaniṣat – große Upanishad, große geheime Lehre; traipuryāḥ – der Tripura, Tripura zugehörig; in Drucken auch tripurāyāḥ; yām – in welcher beziehungsweise welche; akṣaram – das Unvergängliche; zugleich die Silbe; paramaḥ beziehungsweise nach anderer Auflösung paramam – das Höchste; gīrbhiḥ – mit Worten, heiligen Äußerungen; īṭṭe – wird gepriesen oder verehrt; eṣā – diese; ṛk-yajuḥ – Rig und Yajus, Rigveda und Yajurveda; paramā – höchste, jenseitige; etat ca – und dieses; sāmaSaman, der Gesang des Samaveda; ayam – dieses; atharvaAtharvan; iyam – diese; anyā – andere, jenseitige; ca – und; vidyā – Erkenntnis, heilige Wissenschaft. Der Schluss beansprucht nicht vier verschiedene Texte, sondern stellt die Lehre als Essenz aller vier Vedas und als höhere Gotteserkenntnis dar.

Bija-Schlussformel
oṃ hrīṃ | oṃ hrīm ity upaniṣat ||

Übersetzung: Om Hrim. „Om Hrim“ – so lautet die Upanishad.

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – Om; hrīṃ – Hrim, das zentrale Bija der Göttin und der Śrīvidyā; oṃ – Om; hrīm – Hrim; iti – so, mit diesen Worten; upaniṣat – die Upanishad, die innerste Lehre. Die schwankende Schreibung von langem Nasal und Schlusskonsonant gibt dieselbe Mantrasilbe wieder.

Abschließender Friedensruf
oṃ vāṅ me manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvir āvīr ma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrān saṃdadhāmi | ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tan mām avatu | tad vaktāram avatu | avatu mām | avatu vaktāram | avatu vaktāram |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Übersetzung: Om. Meine Rede sei im Geist gegründet; mein Geist sei in der Rede gegründet. Offenbart euch mir, offenbart euch mir! Mögen beide mir den Veda nahebringen. Möge das von mir Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen; ich werde die Wahrheit sprechen. Das schütze mich; das schütze den Sprecher. Es schütze mich; es schütze den Sprecher, es schütze den Sprecher. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort-für-Wort-Erläuterung: oṃ – Om; vāk – Rede; me – meine, mir; manasi – im Geist; pratiṣṭhitā – gegründet; manaḥ – Geist; me – mein; vāci – in der Rede; pratiṣṭhitam – gegründet; āviḥ āviḥ – offenbart, gegenwärtig; maḥ beziehungsweise me – mir; edhi – sei, werde; vedasya – des Veda; me – mir; āṇīsthaḥ – seid die Heranbringer oder Träger; śrutam – das Gehörte; me – mein; – nicht; prahāsīḥ – mögest du verlassen; anena – durch dieses; adhītena – Studierte; ahaḥ-rātrān – Tage und Nächte; saṃdadhāmi – ich verbinde; ṛtam – das Rechte; vadiṣyāmi – ich werde sprechen; satyam – Wahrheit; vadiṣyāmi – ich werde sprechen; tat – das; mām – mich; avatu – möge schützen; vaktāram – den Sprecher oder Lehrer; avatu – möge schützen; śāntiḥ – Frieden; dreifach wiederholt zur Befriedung aller Hindernisse.

Kolophon
iti tripuropaniṣat ||

Übersetzung: Damit endet die Tripura Upanishad.

Wort-für-Wort-Erläuterung: iti – so, damit; tripura-upaniṣat – die Tripura Upanishad; der Kolophon bestätigt den kürzeren Werktitel. Der ausführliche Titel Tripuramahopanishad stammt aus der Selbstbezeichnung des 16. Verses und der kommentierten Drucktradition.

Video: Rezitation der Tripura Upanishad beziehungsweise Tripuramahopanishad

Name, Textidentität, Überlieferung und Datierung

Tripurā bedeutet wörtlich „die zu den drei Städten Gehörige“ oder „Herrin der drei Städte“. In der Śrīvidyā bezeichnet der Name die Göttin als Einheit hinter zahlreichen Dreiheiten: Erkennender, Erkennen und Erkanntes; Wille, Erkenntnis und Handlung; Wachen, Traum und Tiefschlaf; Körper, Geist und transzendenter Grund; Sonne, Mond und Feuer.

Mahopaniṣat ist die durch Sandhi entstandene Form von mahā-upaniṣat, „große Upanishad“. Die Langform Tripuramahopanishad ist in der von Sitarama Shastri herausgegebenen Sanskritausgabe von 1922 belegt. Ihr Grundtext, ihre sechzehn Verse, der Bija-Schluss und der Kolophon entsprechen der Tripura Upanishad. Der Text darf daher bibliographisch nicht als neunzehnte oder eigenständige „Nicht-Muktika-Upanishad“ gezählt werden. Im Muktika-Kanon steht er als Nummer 82.

Die Überlieferung ist dennoch nicht völlig einheitlich. Es existieren eine dem Rigveda und eine dem Atharvaveda zugeordnete Rezensionslinie. Einzelne Lesarten betreffen besonders die verschlüsselten Verse 3, 5, 8, 10 bis 12, 15 und 16. Solche Unterschiede verändern meist die Mantracodierung oder das geometrische Detail, nicht jedoch die Grundthemen: Tripura als Weltmutter, das Shri Yantra, die fünfzehn beziehungsweise sechzehn Kräfte, die Einheit von Shiva und Shakti und die Rückführung in das Unvergängliche.

Der bedeutende Śrīvidyā-Gelehrte Bhaskararaya, der im späten 17. und 18. Jahrhundert lebte, kommentierte die Tripuramahopanishad ausführlich. Sein Kommentar ist für das Verständnis besonders wichtig, weil die Verse 8 und 9 ihre Mantras nicht offen ausschreiben, sondern durch Deckwörter anzeigen. Die Ausgabe von 1922 druckt außerdem einen kürzeren, Appaya Dikshita zugeschriebenen Kommentar.

Ein Verfasser und ein genauer Entstehungsort sind nicht bekannt. Sprachform, Shri-Yantra-Symbolik und entwickelte Śrīvidyā-Terminologie zeigen, dass es sich nicht um eine frühe vedische Upanishad handelt. Häufig wird eine Entstehung im späten Mittelalter angesetzt, ungefähr zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert; einzelne Forscher halten eine Abfassung nach dem 15. Jahrhundert für möglich. Sicher belegt ist, dass der Text vor Bhaskararayas Kommentar und damit spätestens vor dem 18. Jahrhundert vorlag. Eine jahrgenaue Datierung wäre nicht seriös.

Inhalt und Lehre der Tripuramahopanishad

Einheit, Dreiheit und Neunheit

Die Tripuramahopanishad beginnt nicht mit einer Erzählung, sondern mit einer symbolischen Kosmologie. Die eine Göttin erscheint als Dreiheit und entfaltet sich in neun Quellen, neun Chakras, neun Yoginis und neun Mudras. Einheit und Vielheit widersprechen einander nicht: Die Vielen sind geordnete Ausdrucksweisen der einen Shakti.

Vers 3 steigert diese Entfaltung über neun, neunzehn und neunundzwanzig bis zu 43. In der traditionellen Erklärung sind damit die 43 kleineren Dreiecke des Shri Yantra gemeint. Das Diagramm ist nicht bloß ein äußeres Kultobjekt. Es ist eine Landkarte dafür, wie Bewusstsein sich zur Welt entfaltet und durch Meditation wieder in die Mitte zurückkehrt.

Die fünfzehn Nityas und Shodashi

Vers 6 nennt fünfzehn weibliche Namen oder Eigenschaften. Sie werden mit den fünfzehn Nityas, den Kräften der fünfzehn Mondtage, verbunden. Tripura Sundari ist als Shodashi die Sechzehnte. Sie steht nicht nur als zusätzliches Glied neben den fünfzehn, sondern als deren umfassende Mitte und Fülle.

Die Zahl sechzehn bestimmt auch die Form der Tripuramahopanishad selbst: Auf fünfzehn Lehrverse folgt der sechzehnte Vers, der den Text zusammenfasst und als „große Upanishad der Tripura“ bezeichnet. Form, Mantra, Mondzyklus und Yantra spiegeln einander.

Fotografie eines dreidimensionalen Shri Yantra: Seine neun ineinandergreifenden Dreiecke entfalten sich traditionell in 43 kleinere Dreiecke.

Mantra als verschlüsselte Erkenntnis

Die Verse 8 und 9 sind bewusst kryptisch. Ihre Hauptwörter liefern in der Kommentierung Hinweise auf die Silben verschiedener Śrīvidyā-Mantras. Entscheidend ist nicht das mechanische Lösen eines Buchstabenrätsels. Der Text behandelt die Lautfolge als Vidyā, als eine Erkenntniskraft, in der Klang, Gottheit, Kosmos und Bewusstsein zusammengehören.

Diese Verschlüsselung markiert zugleich eine Grenze des Artikels: Ein philologisches Erkennen der Deckwörter ersetzt keine Initiation und keine persönliche Begleitung. Die Tripuramahopanishad selbst gibt weder eine vollständige Ritualanleitung noch Regeln zur sicheren Praxis.

Shiva und Shakti

Vers 14 formuliert eine ausgeprägte Nichtdualität von Shiva und Shakti. Beide sind gleich ursprünglich, gleichen Wesens und gleicher Kraft. Shakti ist die Weltquelle; Shiva ist der Herr und Träger. In dieser Sicht ist Bewusstsein nicht ohne Kraft und Kraft nicht ohne Bewusstsein denkbar.

Vers 15 führt die äußere Opfersprache zur inneren Einziehung. Wenn begrenzende Vorstellungen zerfließen, wird die universale Gestalt des Göttlichen erkannt. Die Tripuramahopanishad verbindet damit rituelle, kosmologische und nichtduale Sprache.

Äußeres Ritual und innere Verehrung

Vers 12 nennt Elemente eines historischen Kaula-Rituals, darunter berauschenden Trank, Fisch, Fleisch, Speise und eine sexuelle Komponente. Eine ehrliche Übersetzung darf dies weder verschweigen noch beschönigen. Ebenso falsch wäre es, den einzelnen Vers aus seinem historischen Kontext zu lösen und als allgemeine Empfehlung für heutige Yogaübende auszugeben.

Die Kommentierung verbindet die äußeren Handlungen mit svātmīkaraṇa, dem „Zum-eigenen-Selbst-Machen“. Für eine heutige spirituelle Lesart ist die zentrale Frage deshalb, ob Begehren, Sinneserfahrung und Lebenskraft bewusst, ethisch und nicht ausbeuterisch integriert werden. Rausch, Gruppendruck, Grenzverletzung oder die Berufung auf angeblich geheime Autorität widersprechen einer verantwortlichen Praxis.

Bedeutung der Tripuramahopanishad

Die Tripuramahopanishad ist ein besonders konzentriertes Zeugnis dafür, wie tantrische Śrīvidyā-Lehren in die Form einer Upanishad aufgenommen wurden. Sie verbindet vedische Autorität, geometrische Meditation, Mantrasprache, Göttinnenverehrung und nichtduale Philosophie in nur sechzehn Versen.

Ihre besondere Leistung liegt in der Durchdringung von Bild und Erkenntnis. Das Shri Yantra ist Kosmos, Körper und Bewusstseinsweg zugleich. Tripura Sundari ist anthropomorphe Göttin, Lautkraft, geometrische Mitte und das höchste Unvergängliche. Dadurch zeigt der Text, dass Form und Formlosigkeit in der Shakta-Perspektive keine unversöhnlichen Gegensätze sein müssen.

Auch religionsgeschichtlich ist der Titel wichtig. Die Langform Tripuramahopanishad dokumentiert eine kommentierte Śrīvidyā-Überlieferung, darf aber nicht zu einer künstlichen Verdoppelung des Upanishadenbestandes führen. Der gleiche Text ist als Tripura Upanishad bereits Bestandteil der Muktika-Liste.

Bedeutung heute

Heute kann die Tripuramahopanishad vor allem als Schulung in einer integrierenden Sicht gelesen werden. Der Mensch muss Sinneswelt, Gefühl, Körper und Denken nicht verachten, soll sie aber auch nicht unreflektiert absolut setzen. Alle Kräfte werden auf eine stille Mitte bezogen.

Das Shri Yantra kann als Meditationssymbol helfen, von äußerer Vielfalt zu innerer Sammlung zu gelangen. Die vielen Dreiecke führen zum Bindu, dem Punkt ohne Ausdehnung. Entsprechend führt die Tripuramahopanishad von Zahlen, Namen und Kräften zum akṣara, zum Unvergänglichen.

Zugleich fordert der Text kritische Reife. Esoterische Sprache kann Ehrfurcht wecken, aber auch Projektionen und Machtgefälle begünstigen. Ernsthafte Aspiranten sollten deshalb zwischen historischer Beschreibung, symbolischer Kontemplation und tatsächlich verantwortbarer Übung unterscheiden. Wo eine Praxis Freiheit, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Selbstkenntnis vertieft, kann sie dem inneren Sinn der Tripuramahopanishad entsprechen.

Vollständiger Text in Devanagari

Friedensruf
ॐ वाङ्मे मनसि प्रतिष्ठिता । मनो मे वाचि प्रतिष्ठितम् ।
आविरावीर्म एधि । वेदस्य म आणीस्थः । श्रुतं मे मा प्रहासीः ।
अनेनाधीतेनाहोरात्रान् संदधामि । ऋतं वदिष्यामि । सत्यं वदिष्यामि ।
तन्मामवतु । तद्वक्तारमवतु । अवतु माम् । अवतु वक्तारम् । अवतु वक्तारम् ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

ॐ तिस्रः पुरास्त्रिपथा विश्वचर्षणा अत्राकथा अक्षराः सन्निविष्टाः ।
अधिष्ठायैना अजरा पुराणी महत्तरा महिमा देवतानाम् ॥ १ ॥

नवयोनिर्नवचक्राणि दधिरे नवैव योगा नव योगिन्यश्च ।
नवानां चक्रा अधिनाथाः स्योना नव मुद्रा नव भद्रा महीनाम् ॥ २ ॥

एका सा आसीत् प्रथमा सा नवासीदासोनविंशादासोनत्रिंशत् ।
चत्वारिंशादथ तिस्रः समिधा उशतीरिव मातरो मा विशन्तु ॥ ३ ॥

ऊर्ध्वज्वलज्वलनं ज्योतिरग्रे तमो वै तिरश्चीनमजरं तद्रजोऽभूत् ।
आनन्दनं मोदनं ज्योतिरिन्दो रेता उ वै मण्डला मण्डयन्ति ॥ ४ ॥

तिस्रश्च रेखाः सदनानि भूमेस्त्रिविष्टपास्त्रिगुणास्त्रिप्रकाराः ।
एतत्पुरं पूरकं पूरकाणामत्र प्रथते मदनो मदन्या ॥ ५ ॥

मदन्तिका मानिनी मङ्गला च सुभगा च सा सुन्दरी सिद्धिमत्ता ।
लज्जा मतिस्तुष्टिरिष्टा च पुष्टा लक्ष्मीरुमा ललिता लालपन्ती ॥ ६ ॥

इमां विज्ञाय सुधया मदन्ती परिसृता तर्पयन्तः स्वपीठम् ।
नाकस्य पृष्ठे वसन्ति परं धाम त्रैपुरं चाविशन्ति ॥ ७ ॥

कामो योनिः कामकला व्रजपाणिर्गुहा हसा मातरिश्वाभ्रमिन्द्रः ।
पुनर्गुहा सकला मायया च पूरूच्येषा विश्वमातादिविद्या ॥ ८ ॥

षष्ठं सप्तममथ वह्निसारथिमस्या मूलत्रिक्रमा देशयन्तः ।
कथ्यं कविं कल्पकं काममीशं तुष्टुवांसो अमृतत्वं भजन्ते ॥ ९ ॥

त्रिविष्टपं त्रिमुखं विश्वमातुर्नवरेखाः स्वरमध्यं तदीले ।
बृहत्तिथिर्दशपञ्चादिनित्या सा षोडशी पुरमध्यं बिभर्ति ॥ १० ॥

द्वौ मण्डलौ द्वौ स्तनौ बिम्बमेकं मुखं चाधस्त्रीणि गुहा सदनानि ।
कामीं कलां काम्यरूपां विदित्वा नरो जायते कामरूपश्च काम्यः ॥ ११ ॥

परिसृतं झषमाद्यं पलं च भक्तानि योनीः सुपरिष्कृतानि ।
निवेदयन्देवतायै महत्यै स्वात्मीकृत्य सुकृती सिद्धिमेति ॥ १२ ॥

सृण्येव सितया विश्वचर्षणिः पाशेनैव प्रतिबध्नात्यभीकान् ।
इषुभिः पञ्चभिर्धनुषा च विध्यत्यादिशक्तिररुणा विश्वजन्या ॥ १३ ॥

भगः शक्तिर्भगवान्काम ईश उभा दाताराविह सौभगानाम् ।
समप्रधानौ समसत्त्वौ समोजौ तयोः शक्तिरजरा विश्वयोनिः ॥ १४ ॥

परिस्रुता हविषा भावितेन प्रसङ्कोचे गलिते वैमनस्कः ।
शर्वः सर्वस्य जगतो विधाता धर्ता हर्ता विश्वरूपत्वमेति ॥ १५ ॥

इयं महोपनिषत् त्रैपुर्या यामक्षरं परमो गीर्भिरीट्टे ।
एषर्ग्यजुः परमेतच्च सामायमथर्वेयमन्या च विद्या ॥ १६ ॥

ॐ ह्रीं । ॐ ह्रीमित्युपनिषत् ॥

Friedensruf
ॐ वाङ्मे मनसि प्रतिष्ठिता । मनो मे वाचि प्रतिष्ठितम् ।
आविरावीर्म एधि । वेदस्य म आणीस्थः । श्रुतं मे मा प्रहासीः ।
अनेनाधीतेनाहोरात्रान् संदधामि । ऋतं वदिष्यामि । सत्यं वदिष्यामि ।
तन्मामवतु । तद्वक्तारमवतु । अवतु माम् । अवतु वक्तारम् । अवतु वक्तारम् ।
ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

॥ इति त्रिपुरोपनिषत् ॥

Vollständiger Text in IAST

Friedensruf
oṃ vāṅ me manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvir āvīr ma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrān saṃdadhāmi | ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tan mām avatu | tad vaktāram avatu | avatu mām | avatu vaktāram | avatu vaktāram |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

oṃ tisraḥ purās tripathā viśvacarṣaṇā atrākathā akṣarāḥ sanniviṣṭāḥ |
adhiṣṭhāyainā ajarā purāṇī mahattarā mahimā devatānām || 1 ||

navayonir navacakrāṇi dadhire navaiva yogā nava yoginyaś ca |
navānāṃ cakrā adhināthāḥ syonā nava mudrā nava bhadrā mahīnām || 2 ||

ekā sā āsīt prathamā sā navāsīd āsonaviṃśād āsonatriṃśat |
catvāriṃśād atha tisraḥ samidhā uśatīr iva mātaro mā viśantu || 3 ||

ūrdhvajvalajvalanaṃ jyotir agre tamo vai tiraścīnam ajaraṃ tad rajo 'bhūt |
ānandanaṃ modanaṃ jyotir indo retā u vai maṇḍalā maṇḍayanti || 4 ||

tisraś ca rekhāḥ sadanāni bhūmes triviṣṭapās triguṇās triprakārāḥ |
etat puraṃ pūrakaṃ pūrakāṇām atra prathate madano madanyā || 5 ||

madantikā māninī maṅgalā ca subhagā ca sā sundarī siddhimattā |
lajjā matis tuṣṭir iṣṭā ca puṣṭā lakṣmīr umā lalitā lālapantī || 6 ||

imāṃ vijñāya sudhayā madantī parisṛtā tarpayantaḥ svapīṭham |
nākasya pṛṣṭhe vasanti paraṃ dhāma traipuraṃ cāviśanti || 7 ||

kāmo yoniḥ kāmakalā vrajapāṇir guhā hasā mātariśvābhram indraḥ |
punar guhā sakalā māyayā ca pūrūcyeṣā viśvamātādividyā || 8 ||

ṣaṣṭhaṃ saptamam atha vahnisārathim asyā mūlatrikramā deśayantaḥ |
kathyaṃ kaviṃ kalpakaṃ kāmam īśaṃ tuṣṭuvāṃso amṛtatvaṃ bhajante || 9 ||

triviṣṭapaṃ trimukhaṃ viśvamātur navarekhāḥ svaramadhyaṃ tad īle |
bṛhattithir daśapañcādinityā sā ṣoḍaśī puramadhyaṃ bibharti || 10 ||

dvau maṇḍalau dvau stanau bimbam ekaṃ mukhaṃ cādhas trīṇi guhā sadanāni |
kāmīṃ kalāṃ kāmyarūpāṃ viditvā naro jāyate kāmarūpaś ca kāmyaḥ || 11 ||

parisrutaṃ jhaṣamādyaṃ palaṃ ca bhaktāni yonīḥ supariṣkṛtāni |
nivedayan devatāyai mahatyai svātmīkṛtya sukṛtī siddhim eti || 12 ||

sṛṇyeva sitayā viśvacarṣaṇiḥ pāśenaiva pratibadhnāty abhīkān |
iṣubhiḥ pañcabhir dhanuṣā ca vidhyaty ādiśaktir aruṇā viśvajanyā || 13 ||

bhagaḥ śaktir bhagavān kāma īśa ubhā dātārāv iha saubhagānām |
samapradhānau samasattvau samojau tayoḥ śaktir ajarā viśvayoniḥ || 14 ||

parisrutā haviṣā bhāvitena prasaṅkoce galite vaimanaskaḥ |
śarvaḥ sarvasya jagato vidhātā dhartā hartā viśvarūpatvam eti || 15 ||

iyaṃ mahopaniṣat traipuryā yām akṣaraṃ paramo gīrbhir īṭṭe |
eṣargyajuḥ parametac ca sāmāyam atharveyam anyā ca vidyā || 16 ||

oṃ hrīṃ | oṃ hrīm ity upaniṣat ||

Friedensruf
oṃ vāṅ me manasi pratiṣṭhitā | mano me vāci pratiṣṭhitam |
āvir āvīr ma edhi | vedasya ma āṇīsthaḥ | śrutaṃ me mā prahāsīḥ |
anenādhītenāhorātrān saṃdadhāmi | ṛtaṃ vadiṣyāmi | satyaṃ vadiṣyāmi |
tan mām avatu | tad vaktāram avatu | avatu mām | avatu vaktāram | avatu vaktāram |
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

iti tripuropaniṣat ||

Vollständige deutsche Übersetzung

Friedensruf: Om. Meine Rede sei im Geist gegründet; mein Geist sei in der Rede gegründet. Offenbart euch mir, offenbart euch mir! Mögen beide mir den Veda nahebringen. Möge das von mir Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen; ich werde die Wahrheit sprechen. Das schütze mich; das schütze den Sprecher. Es schütze mich; es schütze den Sprecher, es schütze den Sprecher. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

1. Om. Drei sind die Städte und dreifach die Wege, welche die ganze Menschenwelt tragen. In ihnen sind die unaussprechlichen, unvergänglichen Lautkräfte eingesetzt. Über diese herrscht die alterslose, uranfängliche Göttin; sie ist die noch größere Herrlichkeit der Gottheiten.

2. Die neunfache Quelle brachte neun Chakras hervor. Neun sind wahrlich die Verbindungen und neun die Yoginis. Die neun Chakras haben ihre leitenden Mächte und glückverheißenden Sitze; neun sind die Mudras und neun die segensreichen Kräfte der Welten.

3. Sie war ursprünglich die Eine. Sie wurde zu neun, dann zu neunzehn, dann zu neunundzwanzig und schließlich zu drei über vierzig, zu 43. Mögen darauf die drei flammenden Zündhölzer – wie verlangende Mütter – in mich eintreten.

4. Zuoberst und zuerst steht das aufwärts lodernde Licht. Quer dazu liegt wahrlich die unvergängliche Dunkelheit; daraus wurde Rajas. Das Licht des Mondes bringt Freude und Entzücken. So schmücken diese Samenkräfte wahrlich die Kreise.

5. Drei sind auch die Linien und die Sitze der Erde; dreifach sind die Himmelsbereiche, die Gunas und die Erscheinungsweisen. Diese Stadt erfüllt selbst die Erfüller. Hier entfaltet sich Madana, die Kraft des Begehrens, zusammen mit Madani.

6. Sie ist Madantika, Manini und Mangala, Subhaga und Sundari, die mit Vollendung Begabte. Sie ist Schamhaftigkeit, Einsicht, Zufriedenheit, das Ersehnte und die Nährende; sie ist Lakshmi, Uma und Lalita, die liebevoll Umsorgende.

7. Nachdem sie diese Göttin erkannt haben, werden die Übenden von der ringsum strömenden Unsterblichkeitsessenz entzückt und sättigen ihren eigenen inneren Sitz. Sie wohnen gleichsam auf dem Rücken des Himmels und treten in Tripuras höchste Wohnstatt ein.

8. Begehren, Schoß, Kamakala, der den Donnerkeil in der Hand hält, die Höhle, Ha und Sa, Matarishvan, die Wolke und Indra; wiederum die Höhle, die Gesamtheit und Maya – diese weitreichende Folge ist die ursprüngliche Vidya, die Mutter des Alls.

9. Indem die Kundigen die sechste und die siebte Silbe, darauf den Lenker des Feuers und die drei Grundschritte dieser Vidya anweisen, preisen sie den zu Verkündenden: den Seher, Gestalter, Kama und Herrn. So erlangen sie Anteil an Unsterblichkeit.

10. Ich preise jene dreifache Himmelswelt, das dreifache Antlitz der Weltmutter: neun Linien, deren Mitte der Urlaut ist. Sie ist der große Mondtag und die ewige Kraft, die den fünfzehn Nityas vorangeht. Als die Sechzehnte trägt sie die Mitte der Stadt.

11. Zwei Kreise sind die beiden Brüste; die eine Scheibe ist das Antlitz, und darunter liegen drei Höhlen als Sitze. Wer die begehrende Teilkraft in ihrer begehrenswerten Gestalt erkennt, wird zur Gestalt geheiligten Begehrens und selbst liebenswert.

12. Wer der großen Göttin das vergorene Getränk, Fisch und Ähnliches, Fleisch, zubereitete Speisen sowie die sorgfältig vorbereitete, als Yoni bezeichnete Ritualkomponente darbringt und dies in das eigene Selbst aufnimmt, erlangt – so sagt der Text – als rituell Verdienstvoller Vollendung.

13. Mit dem hellen Haken bindet die allwirkende Göttin die ihr Zugewandten fest, und zwar mit ihrer Schlinge. Mit fünf Pfeilen und dem Bogen durchdringt sie als rote Urkraft und Gebärerin des Universums die Wesen.

14. Bhaga ist Shakti; Bhagavan ist Kama, der Herr. Beide schenken in dieser Welt Wohlergehen und Gnade. Sie sind gleich ursprünglich, gleichen Wesens und gleicher Kraft. Von beiden ist Shakti die Alterslose und der Schoß des Universums.

15. Wenn das ringsum Ausgeströmte durch die geheiligte Opfergabe durchdrungen ist und bei der inneren Einziehung die Begrenzung zerfließt, wird der Übende des gewöhnlichen Denkens ledig. Dann wird Śarva, der Ordner, Träger und Auflöser der ganzen Welt, als universale Gestalt erkannt.

16. Dies ist die große Upanishad der Tripura, in der das höchste Unvergängliche mit heiligen Worten gepriesen wird. Diese Lehre ist die höchste Essenz von Rig und Yajus; sie ist auch Saman und Atharvan und zugleich die andere, höhere Erkenntnis.

Bija-Schlussformel: Om Hrim. „Om Hrim“ – so lautet die Upanishad.

Friedensruf: Om. Meine Rede sei im Geist gegründet; mein Geist sei in der Rede gegründet. Offenbart euch mir, offenbart euch mir! Mögen beide mir den Veda nahebringen. Möge das von mir Gehörte mich nicht verlassen. Durch dieses Studium verbinde ich Tag und Nacht. Ich werde das Rechte sprechen; ich werde die Wahrheit sprechen. Das schütze mich; das schütze den Sprecher. Es schütze mich; es schütze den Sprecher, es schütze den Sprecher. Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Kolophon: Damit endet die Tripura Upanishad.

Empfehlungen für ernsthafte spirituelle Aspiranten

  1. Beginne mit der Mitte, nicht mit Geheimniskrämerei: Betrachte das Shri Yantra zunächst als Weg von Vielheit zu Sammlung. Verweile ruhig beim Bindu und prüfe, ob die Meditation Klarheit, Güte und innere Stabilität fördert.
  2. Verehre Shakti und Bewusstsein als Einheit: Die Tripuramahopanishad trennt Kraft nicht von Erkenntnis. Lass Energiepraxis deshalb immer von Achtsamkeit, Selbstprüfung und ethischer Verantwortung begleiten.
  3. Behandle Mantras mit Respekt: Das Bija Hrim kann ehrfürchtig gehört oder unter qualifizierter Anleitung wiederholt werden. Komplexe Śrīvidyā-Mantras und Nyasas sollten nicht aus Neugierde oder Leistungsstreben improvisiert werden.
  4. Lies rituelle Verse historisch und verantwortlich: Vers 12 beschreibt einen besonderen Kaula-Kontext. Er rechtfertigt weder Rauschmittelmissbrauch noch sexuelle Grenzverletzung. Ein spiritueller Rahmen hebt Zustimmung, Gesundheit, Recht und persönliche Verantwortung niemals auf.
  5. Führe die Vielheit zum Unvergänglichen zurück: Namen, Zahlen, Dreiecke und Gottheiten sind Mittel der Sammlung. Der Schluss der Tripuramahopanishad richtet sie auf das akṣara, die unvergängliche Wirklichkeit. Miss Fortschritt an Freiheit von Zwang, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und ruhiger Erkenntnis.

Siehe auch

Literatur

  • Sitarama Shastri (Hrsg.): Kaula and Other Upanishads. With Commentaries by Bhaskararaya and Others. Tantrik Texts, Band 11, herausgegeben unter der allgemeinen Leitung von Arthur Avalon (John Woodroffe). Agamanusandhana Samiti, Calcutta 1922, S. 9–33: Tripurāmahopaniṣat mit Bhaskararayas Kommentar.
  • A. G. Krishna Warrier (Übers.): Śākta Upaniṣads. The Adyar Library and Research Centre, Adyar 1967, S. 41–53.
  • Douglas Renfrew Brooks: The Secret of the Three Cities: An Introduction to Hindu Śākta Tantrism. University of Chicago Press, Chicago 1990. Mit Übersetzung und Untersuchung der Tripura Upanishad und von Bhaskararayas Kommentar.
  • Swami Narasimhananda: „Tripura Upanishad“. In: Prabuddha Bharata, Band 121, Nr. 1, Januar 2016, S. 1–8.
  • André Padoux: Vāc: The Concept of the Word in Selected Hindu Tantras. State University of New York Press, Albany 1990. Zum tantrischen Verständnis von Laut, Sprache und Bewusstsein.

Weblinks

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Die Tripuramahopanishad endet, wie sie begonnen hat, bei der Einheit hinter allen Formen. Ihre Dreiecke, Namen, Zahlen und Mantras weisen auf Tripura Sundari als unvergängliche Mitte. Wer diese Mitte in Wahrhaftigkeit, Respekt und wacher Selbstkenntnis sucht, kann den alten Symboltext als lebendige Einladung zur inneren Sammlung lesen.