Mundamala Tantra
Mundamala Tantra (Sanskrit: मुण्डमालातन्त्रम्, Muṇḍamālātantram, „Tantra der Schädelgirlande“) ist der Name zweier eigenständiger shaktischer Tantra-Werke, in denen Shiva und Parvati über die Verehrung der Göttlichen Mutter, die Kraft des Mantra und den Weg zur Befreiung sprechen. Im Mittelpunkt stehen Kali, Tara und weitere Gestalten der Mahavidyas. Ihre vielfachen Namen und Formen führen immer wieder zu einer entscheidenden Einsicht: Die Shakti, die der Mensch verehrt, ist nicht vom höchsten Bewusstsein getrennt. Das gebundene Wesen heißt Jiva; von seinen Fesseln frei ist es Sadashiva.

Für spirituelle Aspiranten liegt ein besonderer Wert dieser Texte in ihrer Verbindung von Hingabe, sorgfältiger Praxis und Erkenntnis. Eine Blume, ein wiederholter Gottesname, die Erinnerung an den Guru und die Meditation im Herzen können Ausdruck derselben Hinwendung sein. Nicht allein die äußere Fülle einer Zeremonie entscheidet: Text II erklärt ausdrücklich, dass bei fehlenden Mitteln eine vorbereitende Mantraübung allein durch Japa vollzogen werden kann. Zugleich fordert er, dem Wohl aller Lebewesen zugewandt zu sein.
Die Mundamala-Texte besitzen auch eine fremdartige, mitunter verstörende Seite. Sie enthalten Leichenplatzrituale, magische Machtversprechen, Tier- und Menschenopfer, sexualrituelle Substanzen und polemische Aussagen. Eine zuverlässige Lektüre verschweigt diese Inhalte nicht und erklärt sie auch nicht pauschal zu bloßen Symbolen. Die folgenden heutigen Praxisanregungen greifen ausdrücklich die zugänglichen Lehren von Hingabe, Sammlung, Erkenntnis und Mitgefühl auf; sie sind keine Aufforderung zur Nachahmung sämtlicher überlieferter Riten.
Bedeutung, Überlieferung und Aufbau
Muṇḍa bedeutet Kopf beziehungsweise Schädel, mālā Girlande oder Kette. Die Schädelgirlande ist ein charakteristisches Bild Kalis. Sie konfrontiert den Betrachter mit der Vergänglichkeit verkörperten Lebens. In einer spirituellen Betrachtung kann sie dazu anregen, nach dem zu fragen, was nicht mit dem Körper vergeht. Der Text selbst verbindet diese Frage mit Selbsterkenntnis: Das höchste Selbst wird weder geboren noch stirbt es (I.3.42). Diese Deutung des Bildes ist von den konkreten Ritualvorschriften zu unterscheiden.
Zwei Werke unter einem Namen
Die Bezeichnungen Text I und Text II unterscheiden zwei eigenständige Werke. Text II ist keine bloße Fortsetzung von Text I. Beide gehören nach den Katalogangaben ihrer Sanskritüberlieferung einer verhältnismäßig späten tantrischen Textschicht an und stimmen in zahlreichen Anliegen überein. Eine genauere Entstehungszeit lässt sich aus diesen Angaben nicht gewinnen. Die dialogische Zuschreibung an Shiva und Parvati ist die religiöse Darstellungsform, kein Nachweis einer historischen menschlichen Autorschaft.
Text I umfasst zehn Kapitel mit 882 nummerierten Texteinheiten, Text II sechs Kapitel mit 241. Manche Einheiten enthalten mehr als die gewöhnlichen zwei Halbverse oder längere Mantraformeln; daher ist „Texteinheit“ genauer als eine metrisch einheitliche Verszählung. Die Quellenangabe I.3.42 bedeutet beispielsweise Text I, Kapitel 3, Vers 42. Unregelmäßigkeiten der ursprünglichen Nummerierung werden am Ende erläutert.
Die Kapitel im Überblick
Text I entfaltet die Einheit von Göttin, Guru und Mantra (Kapitel 1), unterschiedliche Haltungen und Ritualwege (2), Erkenntnis, Nadis und innere Verehrung (3), Durgas Namen und Praxisformen (4), Shakti, Liebe, Lebensführung und Japa (5), Schutztexte, Körperkosmos und inneres Opfer (6), die Erkenntnis der Göttin und ihre verschiedenen Erscheinungen (7), die Namensgebete Kalis und Taras (8), Bhuvaneshvari und die Bedeutung der Blumengaben (9) sowie Erkenntnis, Lobgesang und Schutzgebet (10).
Text II behandelt die Einheit von Guru, Gottheit und Mantra sowie die zehn Mahavidyas (Kapitel 1), Gebetsketten und ihre Weihe (2), Orte und Sitze der Praxis (3), Opfergaben und Blumen (4), die vorbereitende Mantraübung (5) und verschiedene Göttinnenmeditationen, Diagramme und Mantrachiffren (6).
Verwandte Schriften
Die Verbindung von Guru, Einweihung, Mantra und Kaula-Praxis schafft Berührungspunkte mit Kularnava Tantra und Kulacudamani Tantra. Die Verehrung verschiedener Göttinnengestalten lässt sich neben Yogini Hridaya, Nitya Shodashikarnava und Vamakeshvara Tantra studieren. Solche Querverweise dienen dem Vergleich; sie behaupten weder identische Rituale noch eine identische Schulzugehörigkeit. Der ausgeprägte Kali-Tara-Schwerpunkt der Mundamala-Texte verdient es, für sich wahrgenommen zu werden.
Devi, Guru und der Weg zur Erkenntnis
Viele Gestalten, eine göttliche Wirklichkeit
Text I führt von der Vielfalt der Göttinnen zur Einheit: „Eine ist Durga“, erklärt Shiva, und betont anschließend die Untrennbarkeit von Shiva und Shakti. Die Göttin kann mit Eigenschaften und Gestalt, saguṇa, verehrt werden; zugleich ist ihre tiefste Wirklichkeit eigenschaftslos, nirguṇa. Die Gestalt wird dabei zum Zugang: Das körperlose, zweitlose Brahman wird für die Verehrenden in einer anschaubaren Form vergegenwärtigt (I.1.55–62).
Diese Verbindung von Bhakti und Nichtdualität kann die eigene Praxis vertiefen. Wer Kali liebt, muss ihre Gestalt nicht verwerfen, um nach dem Unbegrenzten zu fragen. Die sichtbare Form kann das Herz sammeln und für eine Erkenntnis öffnen, die keine Gestalt erschöpft. Das Tantra beschreibt diesen Übergang ausdrücklich: Aus der Verehrung der Göttin mit Eigenschaften führt der Weg über die Eigenschaften hinaus.
Guru, Gottheit und Mantra
Der Guru vermittelt den Mantra; im Mantra wird die verehrte Gottheit gegenwärtig. Daher werden diese drei als eine zusammengehörige Wirklichkeit betrachtet (I.1.40–49; II.1.6). Parvati stellt die naheliegende Frage selbst: Wie können ein menschlicher Lehrer, eine meditative Gottesgestalt und hörbare Silben eins sein? Die Antwort erklärt einen Zusammenhang von Ursprung, Vermittlung und innerer Vergegenwärtigung. Sie lädt dazu ein, beim Japa Klang, Bedeutung und Hinwendung miteinander zu verbinden.

Die Verehrung des Gurus ist dabei als religiöse Sprache des Textes zu lesen. Sie entbindet heutige Schüler nicht von Unterscheidungsvermögen und eigener Verantwortung. Ebenso bleiben abwertende Aussagen über Frauen oder andere religiöse Wege historische Aussagen der jeweiligen Sprecher. Daneben stehen bemerkenswert klare Gegenakzente: I.5.42 bezeichnet Frauen als Göttinnen, I.5.43 untersagt Frauenhass, Schmähung und Schlagen; I.5.38 erklärt die Shaktas unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Herkunft für gleich.
Der Körper als Ort innerer Verehrung
„Der Körper aller Lebewesen ist wahrhaft das Weltenei“, erklärt I.6.43. Was der Mensch als Kosmos betrachtet, findet im Körper eine innere Entsprechung. Diese Entsprechung vertieft das Gefühl, dass der eigene Leib ein Ort der Verehrung sein kann. Text I beschreibt Ida, Pingala, Sushumna und die innere Brahmanadi. Im Sahasrara wird die Vereinigung der Weltenmutter mit Sadashiva vergegenwärtigt; im Herz wird Durga meditiert. Damit erhält Yoga einen deutlich inneren Bezug: Körper, Atem, Vorstellung und Erkenntnis werden in eine gemeinsame Verehrung einbezogen. Pranayama dient dieser Sammlung; spektakuläre Wirkungsbehauptungen des Textes sind keine Maßstäbe für den Wert heutiger Praxis.
Für eine ruhige Meditation ist besonders das Bild der geistigen Blumen zugänglich: Die Weltenmutter soll mit Blumen verehrt werden, die im Geist entstehen (I.3.34). Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und ein aufrichtiges Gebet können eine heutige Ausgestaltung dieses Bildes sein. Diese Beispiele sind eine praktische Anwendung, keine zusätzlich übersetzten Sanskritwörter.
Ergänzende Meditation bei Yoga Vidya
Die folgende Chakra-Energie-Meditation ist ein heutiges ergänzendes Angebot, keine Rekonstruktion eines Mundamala-Rituals.
Mundamala Tantra – Sanskrit, Übersetzung und Worterklärungen
Die Abschnittskennung nennt Text, Kapitel und Originalnummer. Die Sanskritzeilen bewahren die Lesungen der Textgrundlage. Die Worterklärungen erläutern ausgewählte wichtige Wörter und Zusammensetzungen des jeweiligen Verses.
Text I
Kapitel 1
I.1.1 kailāsaśikhare ramye gandharvagaṇasevite |
haravakṣaḥsthitā devī pṛcchati sma nagātmajā || 1 ||
Übersetzung: Auf dem schönen Gipfel des Kailasa, den Gandharvas besuchen, fragte die Bergestochter, an Haras Brust ruhend.
Worterklärungen: kailāsaśikhare – auf dem Kailasa-Gipfel; nagātmajā – Bergestochter.
I.1.2 śrīdevī uvāca
devadeva mahādeva sṛṣṭisthityantakāraka |
nīlakaṇṭha jagannātha prabho śaṅkara bho hara || 2 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Gott der Götter, Mahadeva, Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Ende! Blaukehliger, Weltenherr, Herr, Shankara, Hara!
Worterklärungen: sṛṣṭi-sthiti-anta – Schöpfung, Bestand, Ende; nīlakaṇṭha – Blaukehliger.
I.1.3 namastubhyaṃ jagannātha mama nāthāmaraprabho |
śaraṇā''gata - dīnārtta - paritrāṇa - parāyaṇa || 3 ||
Übersetzung: Verehrung dir, Weltenherr, mein Herr, Herr der Unsterblichen, der sich ganz der Rettung Zufluchtsuchender, Elender und Leidender widmet!
Worterklärungen: śaraṇāgata – Zufluchtsuchender; paritrāṇa – Rettung.
I.1.4 sarvādhāra nirādhāra sādhāra dharaṇīdhara |
vedavidyādharādhāra gaṅgādhara namo'stu te || 4 ||
Übersetzung: Träger von allem, selbst ohne Stütze, Stütze und Erdenträger, Träger der Veden und Wissensträger, Gangaträger: Verehrung dir!
Worterklärungen: sarvādhāra – Stütze aller; nirādhāra – ohne Stütze; gaṅgādhara – Gangaträger.
I.1.5 śrutaṃ paramatantraṃ vai sārāt sāraṃ parāt param |
yat śrutvā śīghramāyāti śivalokamanāmayam || 5 ||
Übersetzung: Ich habe das höchste Tantra gehört, Essenz der Essenz, höher als das Höchste; wer es hört, gelangt rasch in die leidfreie Welt Shivas.
Worterklärungen: sārāt sāram – Essenz der Essenz; anāmayam – leidfrei.
I.1.6 kālītantre kubjikāyāṃ tathā kālīvilāsake |
ḍāmare yāmale kālīsarvasve yonitantrake || 6 ||
Übersetzung: Im Kali-Tantra, in der Kubjika, im Kalivilasa, im Damara, Yamala, Kalisarvasva und Yoni-Tantra,
Worterklärungen: śrutam – gehört, aus Vers 8 zu ergänzen; tantre – im Tantra.
I.1.7 sammohane vikrame ca tantre caiva kulārṇave |
mātṛkābhedatantre ca samayācāratantrake || 7 ||
Übersetzung: im Sammohana, Vikrama, Kularnava-Tantra, Matrikabheda-Tantra und Samayachara-Tantra,
Worterklärungen: mātṛkā – Buchstabenmutter; samayācāra – Verhalten gemäß Überlieferungsbindung.
I.1.8 vīratantre toḍale ca tathā bhairavatantrake |
jñānatantre ca nirvāṇe śrutaṃ paramamādarāt || 8 ||
Übersetzung: im Vira-Tantra, Todala, Bhairava-Tantra, Jnana-Tantra und Nirvana habe ich mit höchster Achtung davon gehört.
Worterklärungen: paramādarāt – mit höchster Achtung; śrutam – gehört.
I.1.9 idānīṃ śrotumicchāmi guhyād guhyataraṃ param |
sārāt sārataraṃ deva pāvanaṃ sarvadehinām |
śrutvā jīvaḥ śivatvaṃ ca labhate nātra saṃśayaḥ || 9 ||
Übersetzung: Nun möchte ich das höchste, geheimste Geheimnis hören, die innerste Essenz, welche alle Verkörperten läutert: Durch ihr Hören erlangt das Lebewesen zweifellos Shiva-Sein.
Worterklärungen: guhyatara – noch geheimer; śivatva – Shiva-Sein.
I.1.10 śrīśiva uvāca
dhanyāsi patibhaktāsi prāṇatulyāsi śaṅkari |
yoṣiccapalabhāvatvāt purā noktaṃ tvayi priye || 10 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Gesegnet bist du, deinem Gatten ergeben, mir dem Leben gleich, Shankari. Früher sagte ich es dir nicht wegen der Frauen zugeschriebenen Unbeständigkeit.
Worterklärungen: patibhaktā – dem Gatten ergeben; yoṣiccapalabhāva – vermeintliche weibliche Unbeständigkeit.
I.1.11 idānīṃ sthiratāṃ jñātvā kathayāmi tvayi priye |
asti caikaṃ muṇḍamālātantraṃ paramasādhanam || 11 ||
Übersetzung: Jetzt, da ich deine Beständigkeit kenne, spreche ich zu dir, Geliebte: Es gibt ein Mundamala-Tantra, eine höchste Grundlage der Verwirklichung.
Worterklärungen: sthiratā – Beständigkeit; paramasādhana – höchstes Verwirklichungsmittel.
I.1.12 jñātvā jīvaḥ śivo bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale |
atigopyaṃ maheśāni tantrarājaṃ manoharam || 12 ||
Übersetzung: Wer es erkennt, wird schon in diesem Leben Shiva und wandelt so auf Erden. Dieser anziehende König der Tantras ist streng geheim, große Herrin.
Worterklärungen: jīva – individuelles Lebewesen; tantrarāja – König der Tantras.
I.1.13 muṇḍe muṇḍe ca kathitaṃ kathitaṃ muṇḍamālayā |
śṛṇu guhyaṃ varārohe kiṃ pṛcchasi nagātmaje || 13 ||
Übersetzung: Von Kopf zu Kopf wurde es gelehrt, durch die Schädelgirlande verkündet. Höre das Geheimnis, Schöne! Was möchtest du wissen, Bergestochter?
Worterklärungen: muṇḍa – Kopf, Schädel; muṇḍamālā – Schädelgirlande.
I.1.14 śrīpārvatī uvāca
devadeva mahādeva viśvanātha maheśvara |
trayāṇāmevamācāraṃ trayāṇāṃ bhāvaśodhanam |
trayāṇāṃ samayācāraṃ yena durgā prasīdati || 14 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Gott der Götter, Weltenherr! Erkläre Lebensführung, Läuterung der inneren Haltung und verbindliche Praxis der drei Gruppen, durch die Durga gnädig wird.
Worterklärungen: trayāṇām – der drei; bhāvaśodhana – Läuterung der Haltung.
I.1.15 śrīśiva uvāca
yathā kālī tathā tārā tathā tripurasanudarī |
bhairavī tu vanā vidyā chinnā ca bagalāmukhī || 15 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Wie Kali, so Tara und Tripurasundari; ebenso Bhairavi, die hier undeutlich bezeichnete Vidya, Chinna und Bagalamukhi.
Worterklärungen: yathā…tathā – wie…so; vanā vidyā – unklare Lesung.
I.1.16 dhūmā bhīmā'nnapūrṇā ca durgā ca kamalātmikā |
mātaṅgī dhanadā parṇāvatī sarvārthasiddhidā || 16 ||
Übersetzung: Ebenso Dhuma, Bhima, Annapurna, Durga, Kamalatmika, Matangi, Dhanada und Parnavati, die alle Ziele verwirklicht.
Worterklärungen: sarvārthasiddhidā – alle Ziele erfüllend; annapūrṇā – Fülle der Nahrung.
I.1.17 nānādevī mahāvidyā upavidyāṃ pṛthak pṛthak |
nānātantre maheśāni kathitā śivasundari || 17 ||
Übersetzung: Die verschiedenen Göttinnen, großen und untergeordneten Vidyas, wurden einzeln in verschiedenen Tantras gelehrt, schöne Gefährtin Shivas.
Worterklärungen: mahāvidyā – große Wissens- und Mantragestalt; upavidyā – untergeordnete Vidya.
I.1.18 ācāraṃ vividhaṃ durge dakṣiṇaṃ dakṣiṇetaram |
muṇḍamālāmahātantraṃ sarveṣāṃ jñānasādhanam || 18 ||
Übersetzung: Auch vielfältige rechte und nichtrechte Lebensweisen wurden gelehrt. Das große Mundamala-Tantra ist für alle ein Mittel zur Erkenntnis.
Worterklärungen: dakṣiṇa – rechts; jñānasādhana – Erkenntnismittel.
I.1.19 ekā durgā maheśāni eko devaḥ sadāśivaḥ |
ahamekaḥ śivo devo nānyo devaḥ kathañcana || 19 ||
Übersetzung: Eine ist Durga, große Herrin, einer ist der Gott Sadashiva. Ich bin der eine Gott Shiva; ein anderer Gott besteht keineswegs unabhängig davon.
Worterklärungen: ekā – eine; nānyaḥ – kein anderer.
I.1.20 sā vai bhavānī me patnī sarvadā jñānamālabhet |
tadaiva jāyate siddhirbhaktiravyabhicāriṇī || 20 ||
Übersetzung: Sie, Bhavani, ist meine Gefährtin. Diese Erkenntnis soll man stets gewinnen; dann entstehen Vollendung und unerschütterliche Hingabe.
Worterklärungen: avyabhicāriṇī bhakti – unabweichende Hingabe; siddhi – Vollendung.
I.1.21 jñānaṃ vinā paraṃ tattvaṃ na jānāmi mahītale |
ata eva paraṃ jñānaṃ bhāvayet sarvakovidaḥ || 21 ||
Übersetzung: Ohne Erkenntnis erkenne ich auf Erden die höchste Wirklichkeit nicht. Daher soll jeder Verständige die höchste Erkenntnis pflegen.
Worterklärungen: jñāna – Erkenntnis; paraṃ tattvam – höchste Wirklichkeit.
I.1.22 durlabhyaṃ śṛṇu deveśi mama sādhanakāraṇam |
ataḥ parataraṃ devi durgamaṃ parasādhanam || 22 ||
Übersetzung: Höre, Herrin, die schwer zugängliche Grundlage meiner Praxis; die noch höhere, höchste Praxis ist schwer erreichbar.
Worterklärungen: durlabhya – schwer erlangbar; sādhana – Verwirklichungspraxis.
I.1.23 sarvaśāntikaraṃ caiva sarvaduḥkhaharaṃ param |
sarvarogakṣayakaraṃ sarvasādhanaśodhanam || 23 ||
Übersetzung: Sie stiftet umfassenden Frieden, nimmt alles Leid, lässt sämtliche Krankheiten schwinden und läutert jede Praxis, so wird ihre Wirkung gepriesen.
Worterklärungen: śāntikara – Frieden stiftend; śodhana – Läuterung.
I.1.24 brahmādīnāṃ ca durlabhyaṃ sarveṣāṃ śivadurlabham |
yaḥ śākto dharaṇīmadhye sa śivo nātra saṃśayaḥ || 24 ||
Übersetzung: Selbst für Brahma und andere ist sie schwer erreichbar. Wer auf Erden ein Shakta ist, der ist Shiva: daran besteht kein Zweifel.
Worterklärungen: śākta – Verehrer der Shakti; nātra saṃśayaḥ – daran kein Zweifel.
I.1.25 yāsāṃ vijñānamātreṇa jīvanmuktaḥ prajāyate |
bhaktyā bhaktyā japenmantraṃ sādhako dharaṇītale || 25 ||
Übersetzung: Allein durch die Erkenntnis dieser Göttinnen wird man zu Lebzeiten frei. Der Übende wiederhole den Mantra auf Erden mit immer erneuerter Hingabe.
Worterklärungen: jīvanmukta – zu Lebzeiten befreit; japet – er soll wiederholen.
I.1.26 jīvanmuktaḥ sadā muktaḥ sarvakarmasu kovidaḥ |
yo'nyebhyo darśayed yaśca bhuktiṃ muktiṃ ca kāṅkṣati || 26 ||
Übersetzung: Der zu Lebzeiten Befreite ist stets frei und in allem Handeln kundig. Wer dagegen Genuss und Befreiung bei anderen Lehren sucht –
Worterklärungen: bhukti – Genuss; mukti – Befreiung; darśana – Anschauung, Lehrsystem.
I.1.27 svapnalabdhaghanenaiva dhanavān sa bhaved yadi |
śuktau rajatavibhrāntiryathā jāyeta pārvati || 27 ||
Übersetzung: der gleicht jemandem, der durch geträumten Reichtum reich werden wollte, oder jemandem, der irrtümlich Silber in einer Muschel sieht, Parvati.
Worterklärungen: svapna – Traum; śukti – Muschel; rajatavibhrānti – Silberverwechslung.
I.1.28 tathānyadarśanebhyaśca bhuktiṃ muktiṃ ca kāṅkṣati |
vinā durgāṃ na me jñānaṃ vinā durgāṃ na me ratiḥ || 28 ||
Übersetzung: So steht es mit dem Wunsch, Genuss und Befreiung durch andere Anschauungen zu gewinnen. Ohne Durga habe ich keine Erkenntnis, ohne Durga keine Freude.
Worterklärungen: vinā – ohne; rati – Freude, Liebe.
I.1.29 vinā durgāṃ na nirvāṇaṃ satyaṃ satyaṃ vadāmyaham |
na tryakṣā bhaktiramalā preyasī paramā kriyā || 29 ||
Übersetzung: Ohne Durga gibt es keine Erlösung: Wahrlich, wahrlich sage ich es. Der folgende Halbvers über reine Hingabe und höchste Handlung ist in dieser Lesung nicht sicher verständlich.
Worterklärungen: nirvāṇa – Erlösung; bhaktir amalā – reine Hingabe; na tryakṣā – unklare Wortfolge.
I.1.30 śaktidvayaṃ samāśritya śakteḥ paramapūjakaḥ |
ādyaṃ devi sudurjñeyaṃ madhyaṃ pañca vibhūṣitam || 30 ||
Übersetzung: Der höchste Verehrer der Shakti stützt sich auf zwei Kräfte. Ihr Anfang ist schwer erkennbar; ihre Mitte ist mit den fünf geschmückt.
Worterklärungen: śaktidvaya – Kräftepaar; pañca – fünf, hier wohl die fünf Ritualbestandteile.
I.1.31 śeṣaṃ kulamayeneśaṃ nāsti nāsti varānane |
satyaṃ vedmi hitaṃ vedmi punarvedmi varānane || 31 ||
Übersetzung: Der Schluss wird in Verbindung mit Kula beschrieben; die Wortfolge ist undeutlich. Wahrhaftiges, Heilsames weiß ich und verkünde es erneut, Schönangesichtige.
Worterklärungen: kulamaya – von Kula erfüllt; hitam – heilsam.
I.1.32 vinā durgāparijñānāt ko vā tarati kovidaḥ |
ko veda paramaṃ tattvaṃ ko veda nikhilaṃ padam || 32 ||
Übersetzung: Welcher Gelehrte überquert das Dasein ohne Erkenntnis Durgas? Wer erkennt die höchste Wirklichkeit, wer den umfassenden Zustand?
Worterklärungen: parijñāna – gründliche Erkenntnis; tarati – überquert.
I.1.33 ko veda bhairavācāraṃ yo veda sa ca kovidaḥ |
sa kulīnaḥ sa śūraśca sa pañcamavibhūṣitaḥ || 33 ||
Übersetzung: Wer kennt den Bhairava-Weg? Wer ihn kennt, ist wahrhaft kundig, ein Kula-Angehöriger, ein Held und mit dem fünften Bestandteil ausgestattet.
Worterklärungen: bhairavācāra – Bhairava-Praxis; pañcama – fünfter Ritualbestandteil.
I.1.34 yo jānāti jagaddhātri jagadīśe jayāvahe |
madhyasthaḥ pārvatītattvaṃ na punardehabhāgbhavet || 34 ||
Übersetzung: Wer, Weltenmutter und siegbringende Weltenherrin, in innerer Mitte Parvatis Wirklichkeit erkennt, erhält keinen neuen Körper mehr.
Worterklärungen: madhyastha – in der Mitte ruhend; punardehabhāk – erneut einen Körper erlangend.
I.1.35 ādau guruṃ samabhyarcya ante paramasādhanam |
kriyāśaktirato jantuḥ sarvabhāg jāyate khalu || 35 ||
Übersetzung: Zuerst verehre man den Guru, dann vollziehe man die höchste Praxis. Wer sich der wirkenden Kraft widmet, erlangt Anteil an allem.
Worterklärungen: kriyāśakti – Kraft des Wirkens; samabhyarcya – nachdem man verehrt hat.
I.1.36 nidānaṃ nāsti durgāyā mamaiva jagadambike |
anyeṣāmasti vai svarge dharaṇītalaketane || 36 ||
Übersetzung: Durga und ich haben keinen Ursprung, Weltenmutter. Andere Wesen im Himmel und auf Erden haben einen.
Worterklärungen: nidāna – Ursprung; anyeṣām – der anderen.
I.1.37 ataḥ satyaṃ punaḥ satyaṃ punaḥ satyaṃ vadāmyaham |
bhāvābhāvasamāyuktā yānti mokṣaṃ nirāmayam || 37 ||
Übersetzung: Darum sage ich immer wieder die Wahrheit: Wer Sein und Nichtsein umfasst, gelangt zur leidfreien Befreiung.
Worterklärungen: bhāvābhāva – Sein und Nichtsein; mokṣa – Befreiung.
I.1.38 yā pṛcchā te nigaditā sarvaṃ jānāmi śaṅkari |
viditā paramā vidyā karālavadanā śivā || 38 ||
Übersetzung: Ich kenne alles, wonach du gefragt hast, Shankari. Bekannt ist die höchste Vidya: die schrecklich angesichtige, heilvolle Göttin.
Worterklärungen: karālavadanā – von furchtbarem Angesicht; śivā – heilvolle Göttin.
I.1.39 etasyāścaritaṃ yastu etasyāḥ sādhakasya ca |
caritaṃ durlabhaṃ loke teṣāṃ madhye vadāmyaham || 39 ||
Übersetzung: Von ihrem Wirken und dem ihrer Übenden berichte ich; solches Wirken ist in der Welt selten anzutreffen.
Worterklärungen: carita – Wirken, Lebensführung; sādhaka – Übender.
I.1.40 gururekaḥ śivaḥ sākṣād guruḥ sarvārthasādhakaḥ |
gurureva paraṃ tattvaṃ sarvaṃ gurumayaṃ jagat || 40 ||
Übersetzung: Der eine Guru ist unmittelbar Shiva; der Guru verwirklicht alle Ziele. Der Guru ist die höchste Wirklichkeit, die ganze Welt ist von Guru erfüllt.
Worterklärungen: guru – geistiger Lehrer; gurumaya – vom Guru erfüllt.
I.1.41 vinā guruprasādena koṭipuraścaraṇena kim |
gurupūjāṃ vinā devi nahi sidhyati bhūtale || 41 ||
Übersetzung: Was nützen Millionen vorbereitender Mantraübungen ohne die Gnade des Gurus? Ohne Guru-Verehrung gelingt die Vollendung auf Erden nicht.
Worterklärungen: prasāda – Gnade; puraścaraṇa – vorbereitende intensive Mantrapraxis.
I.1.42 gurupūjāṃ vinā devi iṣṭapūjāṃ karoti yaḥ |
mantrasya tasya tejāṃsi harate bhairavaḥ svayam || 42 ||
Übersetzung: Wer seine erwählte Gottheit verehrt, ohne den Guru zu verehren, dessen Mantra entzieht Bhairava selbst die Leuchtkraft.
Worterklärungen: iṣṭapūjā – Verehrung der erwählten Gottheit; tejas – Leuchtkraft.
I.1.43 devatāgurumantrāṇāmaikyaṃ sambhāvayan dhiyā |
tadā siddho bhavenmantraḥ prakaṭe hānireva ca || 43 ||
Übersetzung: Man vergegenwärtige sich geistig die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra: Dann wird der Mantra wirksam. Offenlegung hingegen bringt Verlust.
Worterklärungen: aikya – Einheit; dhiyā – durch Einsicht; prakaṭa – öffentlich gemacht.
I.1.44 śrīpārvatī uvāca
aikyajñānaṃ mahādeva kathamutpadyate prabho |
narākṛtigururmantre devatā dhyānarūpiṇī ||
mantrāścākṣararūpeṇa kathamaikyaṃ bhavecchiva || 44 ||
Übersetzung: Parvati fragte: Wie entsteht dieses Einheitswissen? Der Guru hat Menschengestalt, die Gottheit erscheint in der Meditation, Mantras bestehen aus Lauten. Wie sind sie eins, Shiva?
Worterklärungen: narākṛti – Menschengestalt; akṣararūpa – Lautgestalt.
I.1.45 śrīśiva uvāca
dhanyāsi prāṇatulyāsi patibhaktāsi pārvati |
ekajātisvarūpeṇa svabhāvādekajanmataḥ || 45 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Gesegnet bist du, Parvati, mir lebensgleich und deinem Gatten ergeben. Ihre Einheit beruht auf gemeinsamer Art, Natur und Herkunft.
Worterklärungen: ekajāti – gemeinsame Art; ekajanman – gemeinsame Herkunft.
I.1.46 eteṣāṃ bhāvayoge tu ekasādhanameva hi |
gurorjātaśca mantraśca mantrā jātā tu sundari || 46 ||
Übersetzung: In ihrer meditativen Verbindung besteht eine einzige Praxis: Aus dem Guru entsteht der Mantra, aus dem Mantra die göttliche Gestalt, Schöne.
Worterklärungen: bhāvayoga – meditative Verbindung; jāta – hervorgegangen.
I.1.47 ata eva varārohe devatāyāḥ pitāmahaḥ |
pituśca bhāvanād devi tathā caiva pituḥ pituḥ || 47 ||
Übersetzung: Darum ist der Guru gleichsam der Großvater der Gottheit. Indem man sich ihrem Vater und dem Vater ihres Vaters zuwendet,
Worterklärungen: pitāmaha – Großvater; bhāvanā – Vergegenwärtigung.
I.1.48 tadudbhavaṃ toṣameti viparīte viparyayaḥ |
guruḥ kartā gururhartā guruḥ pātā mahītale || 48 ||
Übersetzung: wird auch das aus ihnen Entstandene erfreut; im umgekehrten Fall geschieht das Gegenteil. Der Guru erschafft, löst auf und bewahrt auf Erden.
Worterklärungen: kartṛ – Schöpfer; hartṛ – Auflöser; pātṛ – Bewahrer.
I.1.49 guroḥ santoṣamātreṇa tuṣṭāḥ syuḥ sarvadevatāḥ |
gurau tuṣte śivastuṣṭo ruṣṭe ruṣṭastrilocanaḥ || 49 ||
Übersetzung: Schon durch Zufriedenheit des Gurus werden alle Gottheiten erfreut. Ist der Guru zufrieden, ist Shiva zufrieden; zürnt er, zürnt der Dreiäugige.
Worterklärungen: santoṣa – Zufriedenheit; trilocana – Dreiäugiger.
I.1.50 gurau tuṣṭe śivā tuṣṭā ruṣṭe ruṣṭā ca sundarī |
ato gururmaheśāni saṃsārārṇavalaṅghane || 50 ||
Übersetzung: Ist der Guru zufrieden, ist die Göttin zufrieden; zürnt er, zürnt die Schöne. Darum ist der Guru für die Überquerung des Daseinsozeans entscheidend.
Worterklärungen: saṃsārārṇava – Ozean des bedingten Daseins; laṅghana – Überquerung.
I.1.51 kartā pātā ca hartā ca gururmokṣapradāyakaḥ |
jīvaḥ śivaḥ śivo devaḥ sajīvaḥ kevalaḥ śivaḥ || 51 ||
Übersetzung: Der Guru erschafft, bewahrt, löst auf und schenkt Befreiung. Das Lebewesen ist Shiva, Shiva ist Gott; das lebendige Wesen ist letztlich allein Shiva.
Worterklärungen: mokṣapradāyaka – Befreiung schenkend; kevala – allein, rein.
I.1.52 pāśabaddho bhavejjīvaḥ pāśamuktaḥ sadāśivaḥ |
praṇamya gurupādābjaṃ dhyātvā ca gurupādukām || 52 ||
Übersetzung: Durch Fesseln gebunden heißt es Jiva; von Fesseln frei ist es Sadashiva. Man verneige sich vor den Lotosfüßen des Gurus und meditiere über seine Sandalen.
Worterklärungen: pāśabaddha – gefesselt; pāśamukta – entfesselt; pādukā – Sandale.
I.1.53 jñātvā paramatattvaṃ vai yo bhajet kulacaṇḍikām |
sa kṛtārthaḥ sa dhanyaśca sa kṛtajñaḥ sa paṇḍitaḥ || 53 ||
Übersetzung: Wer die höchste Wirklichkeit erkennt und Kula-Chandika verehrt, hat sein Ziel erreicht: Er ist gesegnet, dankbar und weise.
Worterklärungen: kṛtārtha – zum Ziel gelangt; kṛtajña – dankbar.
I.1.54 svabhāvajño mahādevi jāyate nātra saṃśayaḥ |
dhyātaḥ smṛtaḥ pūjito vā namito vāpi yatnataḥ || 54 ||
Übersetzung: Er erkennt zweifellos sein eigenes Wesen, große Göttin. Wenn der Guru sorgsam meditiert, erinnert, verehrt oder ehrfürchtig gegrüßt wird,
Worterklärungen: svabhāvajña – Kenner des eigenen Wesens; smṛta – erinnert.
I.1.55 jñānato'jñānato vāpi pūjākālaṃ vimuktidaḥ |
cinmayasyādvitīyasya niṣkalasyāśarīriṇaḥ || 55 ||
Übersetzung: wissentlich oder unwissentlich, schenkt er bei der Verehrung Befreiung. Für das aus Bewusstsein bestehende, zweitlose, ungeteilte, körperlose Brahman –
Worterklärungen: cinmaya – aus Bewusstsein bestehend; advitīya – ohne Zweites.
I.1.56 upāsakānāṃ kāryārthaṃ brahmaṇo rūpakalpanā |
sarvadevamayīṃ devīṃ sarvadevamayīṃ parām || 56 ||
Übersetzung: wird eine Gestalt vorgestellt, damit die Verehrer ihre Praxis vollziehen können. Die höchste Göttin trägt alle Gottheiten in sich.
Worterklärungen: rūpakalpanā – Vorstellung einer Gestalt; upāsaka – Verehrer.
I.1.57 ajñānāṃ cintayed devīṃ paraṃbrahmasvarūpiṇīm |
nityā ca niṣkalaṅkā ca nirādhārā nirāśrayā || 57 ||
Übersetzung: Man meditiere über die Göttin als Gestalt des höchsten Brahman: ewig, makellos, ohne tragenden Grund und ohne äußere Zuflucht. Das Wort ajñānām am Anfang ist unsicher.
Worterklärungen: nityā – ewig; niṣkalaṅkā – makellos; nirāśrayā – ohne Stütze.
I.1.58 sarvadhārā nirādhārā vijayā ca jayāvahā |
saguṇā nirguṇā ceti mahāmāyā dvidhā matā || 58 ||
Übersetzung: Sie trägt alles, ohne selbst getragen zu werden; sie ist siegreich und schenkt Sieg. Mahamaya gilt in zweifacher Weise: mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften.
Worterklärungen: saguṇā – mit Eigenschaften; nirguṇā – ohne Eigenschaften.
I.1.59 saguṇā māyayā yuktā tayā hīnā ca nirguṇā |
saguṇā ca yadā devī saguṇo'yaṃ sadāśivaḥ || 59 ||
Übersetzung: Mit Maya verbunden heißt sie eigenschaftshaft, frei davon eigenschaftslos. Ist die Göttin eigenschaftshaft, ist auch Sadashiva eigenschaftshaft.
Worterklärungen: māyāyā yuktā – mit Maya verbunden; hīnā – frei davon.
I.1.60 nirguṇā tvaṃ mahāmāye nirguṇo'haṃ na saṃśayaḥ |
tvameva nirguṇo śaktirahameva ca nirguṇaḥ || 60 ||
Übersetzung: Bist du eigenschaftslos, Mahamaya, bin auch ich eigenschaftslos, ohne Zweifel. Du bist die eigenschaftslose Shakti, und ich bin eigenschaftslos.
Worterklärungen: nirguṇa – jenseits der Eigenschaften; tvam – du; aham – ich.
I.1.61 yo bhajet saguṇo devi cācirāt so'pi nirguṇaḥ |
guṇātītaṃ paraṃ brahma nirīhaṃ varṇavarjitam || 61 ||
Übersetzung: Wer die Göttin mit Eigenschaften verehrt, gelangt bald selbst über die Eigenschaften hinaus: zum höchsten Brahman, das jenseits der Gunas, wunschlos und ohne Farbe ist.
Worterklärungen: guṇātīta – über die Eigenschaften hinaus; nirīha – ohne Verlangen.
I.1.62 tadeva paramā vidyā kālyādisaguṇānvitā |
sādhakasya hitārthāya śāktasyānugrahāya ca ||
utthitā paramā vidyā saguṇā nātra saṃśayaḥ || 62 ||
Übersetzung: Eben diese höchste Vidya nimmt Gestalten wie Kali an. Zum Wohl der Übenden und aus Gnade für die Shaktas erscheint die höchste Vidya mit Eigenschaften.
Worterklärungen: sādhakasya hitārthāya – zum Wohl des Übenden; anugraha – Gnade.
|| iti muṇḍamālātantre pārvatīśvarasaṃvāde prathamaḥ paṭalaḥ || 1 ||
Hier endet Kapitel 1 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 2
I.2.1 atha dvitīyaḥ paṭalaḥ
ekadā pārvatī devī karālavadanā śivā |
papraccha pārvati devī hasantī kālikā parā || 1 ||
Übersetzung: Einst fragte die Göttin Parvati, die heilvolle Göttin mit furchtbarem Angesicht, lachend als höchste Kalika.
Worterklärungen: karālavadanā – furchtbar angesichtig; hasantī – lachend.
I.2.2 śrīpārvatī uvāca
mahādeva maheśāna maheśvara sadāśiva |
pṛcchāmyekaṃ mahābhāga kṛpayā kathaya prabho || 2 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Mahadeva, großer Herr, Sadashiva! Ich möchte dich etwas fragen; erkläre es gnädig, erhabener Herr.
Worterklärungen: kṛpayā – aus Gnade; pṛcchāmi – ich frage.
I.2.3 vinā vyānaṃ kumbhakaṃ ca prāṇāyāmaṃ ca kullukām |
japaṃ tapo dhāraṇaṃ ca setuṃ caiva vinā karam || 3 ||
Übersetzung: Ohne Vyana, Atemanhalten, Pranayama und Kulluka, ohne Japa, Askese, Konzentration, Setu und Handritus –
Worterklärungen: vyāna – durchdringender Lebenshauch; kumbhaka – Atemanhalten; setu – Mantra-Brücke.
I.2.4 vinā haṃsaṃ vinā piṇḍaṃ vinā bhāvaṃ vinā padam |
kathaṃ vā jāyate siddhirvada nātha jagadguro || 4 ||
Übersetzung: ohne Hamsa, Pinda, innere Haltung und Zustand: Wie entsteht da Vollendung? Sage es, Herr und Weltlehrer!
Worterklärungen: haṃsa – Hamsa-Mantra, Atemsymbol; piṇḍa – Körper oder verdichtete Mantragestalt; bhāva – Haltung.
I.2.5 śrīśiva uvāca
brāhmaṇaiḥ kṣatriyairvaiśyaiḥ śūdraireva ca jātibhiḥ |
vāmarāśiprabhāveṇa kartavyaṃ japapūjanam || 5 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras sollen Japa und Verehrung unter dem Einfluss des linken Zusammenhangs vollziehen. Die Bedeutung von vāmarāśi ist hier nicht eindeutig.
Worterklärungen: vāmarāśi – linke Gruppe oder Zuordnung; japapūjana – Japa und Verehrung.
I.2.6 ye śāktā brāhmaṇā devi kṣatriyā brāhmaṇāḥ smṛtāḥ |
vaiśyāśca brāhmaṇāścaṇḍi sarve śūdrāśca brāhmaṇāḥ || 6 ||
Übersetzung: Unter den Shaktas gelten nicht nur Brahmanen, sondern auch Kshatriyas, Vaishyas und sämtliche Shudras als Brahmanen, Chandika.
Worterklärungen: śākta – Shakti-Verehrer; smṛta – als etwas anerkannt.
I.2.7 brāhmaṇāḥ śaṅkarāścaṇḍi trinetraścandraśekharaḥ |
raktapuṣpairjagaddhātrīṃ pūjayeddharavallabhām || 7 ||
Übersetzung: Diese Brahmanen sind Shankara, der Dreiäugige mit dem Mond als Haarschmuck. Mit roten Blumen verehre man die Weltenmutter, Haras Geliebte.
Worterklärungen: candraśekhara – mondgeschmückt; raktapuṣpa – rote Blume.
I.2.8 vajrapuṣpeṇa deveśi devīṃ tribhuvaneśvarīm |
pūjayed bhaktibhāvena durgāṃ mokṣavidhāyinīm || 8 ||
Übersetzung: Mit der Vajra-Blüte verehre man hingebungsvoll die Herrin der drei Welten, Durga, die Befreiung gewährt.
Worterklärungen: vajrapuṣpa – rituelle Vajra-Blüte; mokṣavidhāyinī – Befreiung gewährende.
I.2.9 harasamparkahīnāyā latāyāḥ kāmamandire |
jātaṃ kusumamādāya mahādevyai nivedayet || 9 ||
Übersetzung: Der großen Göttin soll die Blüte dargebracht werden, die im Liebestempel einer Ranke ohne Verbindung mit Hara entstanden ist. Die Bildsprache bezeichnet hier wahrscheinlich Menstrualblut einer Frau ohne Geschlechtsverkehr.
Worterklärungen: latā – Ranke, Chiffre für Frau; kāmamandira – Liebestempel; kusuma – Blüte.
I.2.10 svayambhukusumaṃ devi raktacandanasaṃjñakam |
yathā triśūlapuṣpaṃ ca vajrapuṣpaṃ varānane || 10 ||
Übersetzung: Diese selbstentstandene Blüte heißt auch rotes Sandelholz; daneben werden Dreizack-Blüte und Vajra-Blüte genannt, Schönangesichtige.
Worterklärungen: svayambhukusuma – selbstentstandene Blüte; raktacandana – rotes Sandelholz.
I.2.11 anukalpaṃ lohitāgraṃ candanaṃ haravallabham |
kadācit kasya muktiḥ syāt kadācid bhuktireva ca || 11 ||
Übersetzung: Als Ersatz wird rötliches, Hara wohlgefälliges Sandelholz genannt. Manchmal erlangt jemand Befreiung, manchmal nur Genuss.
Worterklärungen: anukalpa – Ersatzgabe; bhukti – Genuss.
I.2.12 etasyāḥ sādhakasyātha bhuktirmuktiḥ kare sthitā |
yogī cennahi bhogī syād bhogī cennahi yogavān || 12 ||
Übersetzung: Dem Verehrer dieser Göttin liegen hingegen Genuss und Befreiung in der Hand. Ein Yogi ist sonst kein Genießender, ein Genießender besitzt sonst keinen Yoga.
Worterklärungen: kare sthita – in der Hand liegend; bhogin – Genießender.
I.2.13 yogabhogātmakaṃ kaulaṃ tasmāt kaulaṃ samabhyaset |
nahi yogī na vā bhogī na yogī yogavāniti || 13 ||
Übersetzung: Der Kaula-Weg umfasst Yoga und Genuss; deshalb soll man ihn üben. Die anschließende Wortfolge über Yogi und Genießenden ist beschädigt und nicht eindeutig übersetzbar.
Worterklärungen: yogabhogātmaka – Yoga und Genuss umfassend; samabhyaset – gründlich üben.
I.2.14 yogī bhogī na vā bhogī bhaved bhogī na saṃśayaḥ |
śivabhaktiṃ vinā devi yo dhāvati ca mūḍhadhīḥ || 14 ||
Übersetzung: Auch die Fortsetzung über Yoga und Genuss ist widersprüchlich überliefert. Wer töricht ohne Hingabe an Shiva umherläuft –
Worterklärungen: śivabhakti – Hingabe an Shiva; mūḍhadhī – törichten Geistes.
I.2.15 na yogī syānna bhogī syāt kalpakoṭiśatairapi |
rudrasya cintanād rudro viṣṇuḥ syād viṣṇucintanāt || 15 ||
Übersetzung: wird selbst in unzähligen Weltaltern weder Yogi noch wahrhaft Genießender. Durch Vergegenwärtigung Rudras wird man Rudra, durch Vergegenwärtigung Vishnus Vishnu.
Worterklärungen: cintana – Vergegenwärtigung; kalpa – Weltalter.
I.2.16 durgāyāścintanād durgā bhavatyeva na saṃśayaḥ |
yathā śivastathā durgā yā durgā śiva eva sā || 16 ||
Übersetzung: Durch Vergegenwärtigung Durgas wird man zweifellos Durga. Wie Shiva, so Durga; diejenige, die Durga ist, ist Shiva selbst.
Worterklärungen: yathā…tathā – wie…so; śiva eva – Shiva selbst.
I.2.17 tatra yaḥ kurute bhedaṃ sa eva mūḍhadhīrnaraḥ |
devi viṣṇuśivādīnāmekatvaṃ paricintayet || 17 ||
Übersetzung: Wer hier eine Trennung macht, ist ein Mensch von verwirrtem Verständnis. Man vergegenwärtige sich die Einheit von Vishnu, Shiva und den anderen Gottheiten.
Worterklärungen: bheda – Trennung; ekatva – Einheit.
I.2.18 bhedakṛnnarakaṃ yāti rauravaṃ pāpapūruṣaḥ |
nahi durgāsamā pūjā nahi durgāsamaṃ phalam || 18 ||
Übersetzung: Dem Trennenden droht der Text die Raurava-Hölle an. Keine Verehrung und keine Frucht gleicht derjenigen Durgas.
Worterklärungen: naraka – Hölle; phala – Frucht.
I.2.19 nahi durgāsamaṃ jñānaṃ nahi durgāsamaṃ tapaḥ |
durgāyāścaritaṃ yatra tatra kailāsamandiram || 19 ||
Übersetzung: Keine Erkenntnis und keine Askese gleicht derjenigen Durgas. Wo Durgas Wirken gegenwärtig ist, dort steht der Tempel des Kailasa.
Worterklärungen: tapas – Askese; carita – Wirken; mandira – Tempel.
I.2.20 idaṃ satyamidaṃ satyamidaṃ satyaṃ varānane |
svarge martye ca pātāle nāsti śāktāt paraḥpriyaḥ || 20 ||
Übersetzung: Dies ist wahr, wahr, wahr, Schönangesichtige: Im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt ist mir niemand lieber als ein Shakta.
Worterklärungen: martya – Menschenwelt; pātāla – Unterwelt; priya – lieb.
I.2.21 saurāṇāṃ gāṇapatyānāṃ vaiṣṇavānāṃ tathaiva ca |
tato'nte caiva śāktānāṃ kramaśaḥ kramaśaḥ priye || 21 ||
Übersetzung: Verehrer der Sonne, Ganeshas und Vishnus werden in einer aufsteigenden Reihe genannt, an deren Ende die Shaktas stehen, Geliebte.
Worterklärungen: saura – Sonnenverehrer; gāṇapatya – Ganesha-Verehrer; kramaśaḥ – stufenweise.
I.2.22 śṛṇu devi varārohe nāsti śāktāt paro janaḥ |
śākto'pi śaṅkaraḥ sākṣāt paraṃbrahmasvarūpabhāk || 22 ||
Übersetzung: Höre, Göttin: Niemand gilt hier als höher als ein Shakta. Er ist unmittelbar Shankara und hat Anteil am Wesen des höchsten Brahman.
Worterklärungen: paraṃbrahmasvarūpa – Wesen des höchsten Brahman; bhāk – Anteil habend.
I.2.23 ārādhitā yena kālī tāra tripurasundarī |
ṣoḍaśī caiva mātaṅgī chinnā ca bagalāmukhī || 23 ||
Übersetzung: Wer Kali, Tara, Tripurasundari, Shodashi, Matangi, Chinna und Bagalamukhi verehrt –
Worterklärungen: ārādhita – verehrt; chinnā – Chinnamasta.
I.2.24 ārādhitā maheśāni sa śivo nātra saṃśayaḥ |
atigopyaṃ varārohe śāktānāṃ paramaṃ padam || 24 ||
Übersetzung: der ist zweifellos Shiva, große Herrin. Der höchste Zustand der Shaktas ist ein tiefes Geheimnis.
Worterklärungen: paramapada – höchster Zustand; atigopya – streng geheim.
I.2.25 yo jānāti mahīmadhye sa śivo nātra saṃśayaḥ |
brahmādyarcitapādābjaṃ yo bhajet satataṃ mudā || 25 ||
Übersetzung: Wer ihn auf Erden erkennt, ist zweifellos Shiva. Wer freudig und beständig die selbst von Brahma verehrten Lotosfüße verehrt –
Worterklärungen: pādābja – Lotosfuß; mudā – freudig.
I.2.26 sa yātyacirakālena muktimandirameva hi |
ekā vidyā ca prakṛtirekastu puruṣaḥ śivaḥ || 26 ||
Übersetzung: gelangt bald in die Stätte der Befreiung. Eine ist die Vidya als Prakriti, einer ist der Purusha Shiva.
Worterklärungen: prakṛti – Urnatur; puruṣa – Bewusstseinsprinzip.
I.2.27 eko'haṃ vaiṣṇavatvaṃ ca ekameva prabhāṣate |
evaṃ ca manasā durgāṃ yo bhajeddharavallabhām || 27 ||
Übersetzung: Ich bin einer; auch das Vishnu-Sein verkündet Einheit. Wer Durga, Haras Geliebte, mit dieser Einsicht im Geist verehrt –
Worterklärungen: manasā – im Geist; ekam – eines.
I.2.28 pūjayed yantrapuṣpaiṣtu sādhako bhuvi maṇḍale |
kākakañcuṃ vidhāyaivaṃ prāṇāyāmaṃ viśuddhidam || 28 ||
Übersetzung: der verehre sie mit Yantra und Blumen. Er nehme die Krähenmundhaltung ein und übe reinigendes Pranayama; kākakañcu ist vermutlich eine beschädigte Bezeichnung der Schnabelmundhaltung.
Worterklärungen: yantra – Ritualdiagramm; viśuddhida – Reinigung schenkend.
I.2.29 kumbhakaṃ mātṛkānyāsaṃ prāṇāyāmaṃ punaḥ punaḥ |
prāṇāyāmatrayaṃ bhadre adhamottamamadhyamam || 29 ||
Übersetzung: Atemanhalten, Einsetzen der Buchstabenmütter und wiederholtes Pranayama werden genannt. Pranayama wird in eine niedrige, mittlere und höchste Stufe unterteilt.
Worterklärungen: mātṛkānyāsa – Einsetzen der Buchstabenmütter; adhama-madhyama-uttama – niedrig, mittel, hoch.
I.2.30 adhamād jāyate svedo madhyamād gātracālanam |
uttamācca kṣitityāgo jāyate nātra saṃśayaḥ || 30 ||
Übersetzung: Auf der unteren Stufe soll Schweiß entstehen, auf der mittleren Körperzittern, auf der höchsten das Verlassen des Bodens: So beschreibt der Text die Stufen.
Worterklärungen: sveda – Schweiß; gātracālana – Körperbewegung; kṣitityāga – Verlassen des Bodens.
I.2.31 prāṇo'pānaḥ samānaścodānavyānau ca vāyavaḥ |
nāgaḥ kūrmo'tha kṛkaro devadatto dhanañjayaḥ || 31 ||
Übersetzung: Die Lebenswinde heißen Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana; ferner Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya.
Worterklärungen: vāyu – Lebenswind; nāga, kūrma – Namen sekundärer Lebenswinde.
I.2.32 prāṇāyāmena sarveṣāṃ viśrāmo jāyate bhṛśam |
javāpuṣpairdroṇapuṣpaiḥ karavīrairmanoharaiḥ || 32 ||
Übersetzung: Durch Pranayama gelangen sie alle zu tiefer Ruhe. Mit Hibiskus, Drona-Blüten und schönen Oleanderblüten,
Worterklärungen: viśrāma – Ruhe; javā – Hibiskus; droṇa – Drona-Blüte.
I.2.33 kṛṣṇāparājitāpuṣpairvajraiśca munipuṣpakaiḥ |
pūjayet parayā bhaktyā caṇḍikāṃ parameśvarīm || 33 ||
Übersetzung: mit dunkler Aparajita, Vajra- und Muni-Blüten verehre man die höchste Herrin Chandika in großer Hingabe.
Worterklärungen: parabhakti – höchste Hingabe; parameśvarī – höchste Herrin.
I.2.34 kālīṃ karālavadanāṃ muṇḍamālāvibhūṣitām |
praṇamed bhaktibhāvena pūjayeddharavallabhām || 34 ||
Übersetzung: Vor Kali mit furchtbarem Angesicht und Schädelgirlande verneige man sich hingebungsvoll und verehre sie als Haras Geliebte.
Worterklärungen: muṇḍamālāvibhūṣitā – mit Schädelgirlande geschmückt; praṇamet – sich verneigen.
I.2.35 himadigvihito jantuḥ sarvālaṅkārabhūṣitaḥ |
raktāmbaraparīdhāno raktāmālyānulepanaḥ || 35 ||
Übersetzung: Nach Norden ausgerichtet, reich geschmückt, in rotem Gewand, mit roten Girlanden und roter Salbung –
Worterklärungen: himadiś – nördliche Richtung; raktāmbara – rotes Gewand.
I.2.36 krameṇaibaṃ maheśāni so'hamityeva cintayan |
evamīśāsane durgāṃ sthitvā ca sādhakottamaḥ || 36 ||
Übersetzung: vergegenwärtige sich der hervorragende Übende schrittweise: »Ich bin Das.« Auf dem Sitz des Herrn verweilend, richte er sich auf Durga.
Worterklärungen: so'ham – ich bin Das; īśāsana – Sitz des Herrn.
I.2.37 śmaśānaṃ śavamāruhya madhyastho narasādhakaḥ |
japatvā mahāmanuṃ guhyaṃ vaset kailāsamandire || 37 ||
Übersetzung: Der Übende sitzt auf einem Leichnam am Verbrennungsplatz und wiederholt in innerer Mitte den geheimen großen Mantra; als Frucht wird das Wohnen im Kailasa-Tempel genannt.
Worterklärungen: śmaśāna – Verbrennungsplatz; madhyastha – in der Mitte verweilend.
I.2.38 śivo'haṃ ca śiveyaṃ ca sadā vai madhyabhāvanā |
ādyā mādyāṃ samāsthāya dhyāyet kuṇḍalinīṃ mudā || 38 ||
Übersetzung: »Ich bin Shiva, sie ist die Göttin« sei die beständige innere Vergegenwärtigung. Dann meditiere man freudig Kundalini; die vorhergehende Wendung ādyā mādyām ist undeutlich.
Worterklärungen: śivo'ham – ich bin Shiva; kuṇḍalinī – eingerollte Kraft.
I.2.39 kadācit tāriṇīṃ vidyāṃ durgāṃ tārakatāriṇīm |
pūjayet kriyayā śaktyā brahmavidyāṃ manoramām || 39 ||
Übersetzung: Man verehre auch die rettende Vidya, Durga, die Befreierin, mit wirkender Kraft als schöne Brahma-Vidya.
Worterklärungen: tāriṇī – Retterin; kriyāśakti – wirkende Kraft; brahmavidyā – Brahman-Erkenntnis.
I.2.40 sahasrāre mahādevaṃ nīlakaṇṭhaṃ sadāśivam |
brahmādigopyaṃ deveśaṃ dhyāyet śaktisamanvitam || 40 ||
Übersetzung: Im Sahasrara meditiere man Mahadeva, den blaukehligen Sadashiva, mit Shakti vereint, den selbst Brahma und andere geheim verehren.
Worterklärungen: sahasrāra – tausendblättriger Lotos; śaktisamanvita – mit Shakti vereint.
I.2.41 idaṃ ca durlabhaṃ tantraṃ mantraṃ yantraṃ mahītale |
vākyaṃ paramanirvāṇaṃ dāmbhike paśusaṅkaṭe || 41 ||
Übersetzung: Dieses seltene Tantra, sein Mantra, Yantra und sein Wort höchster Befreiung sollen vor Heuchlern und der Bedrängnis durch Unverständige –
Worterklärungen: dāmbhika – Heuchler; paśu – gebundenes Wesen.
I.2.42 goptavyaṃ vai varārohe svayoniriva pārvati |
divā rātrau mahābhāge prajapet paramaṃ manum || 42 ||
Übersetzung: verborgen werden wie die eigene Yoni, Parvati. Bei Tag und Nacht wiederhole man den höchsten Mantra.
Worterklärungen: goptavya – zu verbergen; divā rātrau – bei Tag und Nacht.
I.2.43 japtvā bhavenmahājñānī gāṇapatyaṃ labhet tu saḥ |
ahameva śivaṃ brahma śivo'haṃ bhairavo hyaham || 43 ||
Übersetzung: Durch Japa werde man ein großer Wissender und erlange die Herrschaft über die Scharen. »Ich selbst bin Shiva, Brahman; ich bin Shiva, ich bin Bhairava« –
Worterklärungen: gāṇapatya – Herrschaft über die Scharen; brahma – Brahman.
I.2.44 bhairavo'haṃ bhairavo'haṃ ramaṇī mama bhairavī |
manasā jñānamāsādya sādhakendro bhaved bhuvi || 44 ||
Übersetzung: »Ich bin Bhairava, ich bin Bhairava; meine Gefährtin ist Bhairavi.« Wer diese Erkenntnis im Geist gewinnt, wird zu einem hervorragenden Übenden auf Erden.
Worterklärungen: ramaṇī – Gefährtin; jñānam āsādya – Erkenntnis erlangt habend.
I.2.45 evaṃ jñānaṃ paraṃ nityaṃ nirvikāraṃ manoramam |
prāpyaivaṃ sarvadā jīvo viharet kṣitimaṇḍale || 45 ||
Übersetzung: Mit solcher höchsten, ewigen, unveränderlichen und herzerfreuenden Erkenntnis soll das Lebewesen stets auf Erden wandeln.
Worterklärungen: nirvikāra – unveränderlich; viharet – sich frei bewegen.
I.2.46 pādyārghyācamanīyādyaiḥ pūjayet parameśvarīm |
sadānandaḥ sa vijñeyaḥ sarvadharmārthasādhakaḥ || 46 ||
Übersetzung: Mit Fußwasser, Ehrenwasser, Mundspülwasser und weiteren Gaben verehre man die höchste Herrin. Ein solcher Mensch gilt als immer glückselig und als Verwirklicher aller Dharma-Ziele.
Worterklärungen: sadānanda – stets glückselig; dharmārtha – Dharma-Ziel.
I.2.47 bhaktyā ca kriyayā caṇḍi praṇamed yastu kālikām |
jīvaḥ śivatvaṃ labhate satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ || 47 ||
Übersetzung: Wer sich in Hingabe und tätiger Verehrung vor Kalika verneigt, erlangt als Lebewesen Shiva-Sein: Wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel.
Worterklärungen: śivatva – Shiva-Sein; kriyā – Handlung.
I.2.48 kva yamaḥ kva tapo viṣṇuḥ kva kaliḥ karmahiṃsakaḥ |
sarvaṃ ca mānasaṃ kleśaṃ sadā satyaṃ vibhāvayet || 48 ||
Übersetzung: Wo bleiben dann Yama, Askese, Vishnu und der das Handeln störende Kali? Alles geistige Leid soll im Licht der beständig vergegenwärtigten Wahrheit gesehen werden; die erste Aufzählung ist textlich auffällig.
Worterklärungen: mānasa kleśa – geistiges Leid; satya – Wahrheit.
I.2.49 evaṃ vidhānamāsādya prajapet bhāvayet sudhīḥ |
so'cireṇaiva kālena śivatvaṃ labhate janaḥ || 49 ||
Übersetzung: Nach dieser Ordnung wiederhole der Verständige den Mantra und meditiere. Bald erlangt ein solcher Mensch Shiva-Sein.
Worterklärungen: sudhī – Verständiger; bhāvayet – vergegenwärtigen.
I.2.50 sadā kriyā prakartavyā kriyayā siddhimuttamām |
prāpnoti sarvadā śuddhimata evaṃ na vā tyajet || 50 ||
Übersetzung: Die Praxis soll beständig vollzogen werden. Durch tätige Übung erlangt man höchste Vollendung und stetige Reinheit; darum soll man sie nicht aufgeben.
Worterklärungen: kriyā – tätige Übung; na tyajet – nicht aufgeben.
I.2.51 śmaśānasiddhirvairāgyaṃ śavasiddhirvarānane |
durgānugrahamātreṇa bhaviṣyati na saṃśayaḥ || 51 ||
Übersetzung: Vollendung auf dem Leichenplatz, Losgelöstheit und Vollendung der Leichenpraxis entstehen allein durch Durgas Gnade, heißt es hier.
Worterklärungen: vairāgya – Losgelöstheit; anugraha – Gnade.
I.2.52 divyastu devavat prāyo vīraścoddhatamānasaḥ |
paśubhāvastathā devi śuddhaśca dharaṇītale || 52 ||
Übersetzung: Der Mensch göttlicher Haltung gleicht meist einem Gott; der heroische besitzt einen kühnen Geist. Auch die gebundene Haltung wird als rein auf Erden beschrieben; der Satz ist verkürzt.
Worterklärungen: divya – göttlich; uddhatamānasa – kühnen Geistes; paśubhāva – gebundene Haltung.
I.2.53 śrutvā hasantī kālī sā karālakamalā kalā |
digambarā divyadehā prāha devaṃ trilocanam || 53 ||
Übersetzung: Als Kali dies hörte, lachte sie. Nackt und von göttlicher Gestalt sprach sie zum dreiäugigen Gott; die dazwischenstehenden Beinamen sind nicht eindeutig gegliedert.
Worterklärungen: digambarā – in die Himmelsrichtungen gekleidet; divyadehā – göttliche Gestalt.
I.2.54 gopyaṃ yat kathitaṃ nātha śrutaṃ paramamādarāt |
atigopyaṃ rahasyaṃ ca śrotumicchāmyahaṃ punaḥ || 54 ||
Übersetzung: Das von dir erklärte Geheimnis habe ich mit höchster Achtung gehört, Herr. Nun möchte ich noch das streng verborgene Geheimnis hören.
Worterklärungen: rahasya – Geheimnis; paramādara – höchste Achtung.
I.2.55 divyaṃ ca durlabhaṃ nātha vīro jātivihiṃsakaḥ |
paśau nādhiṣṭhitā durā vīratantre purā śrutam ||
idānīṃ śrotumicchāmi brahmavākyaṃ sadāśivam || 55 ||
Übersetzung: Die göttliche Haltung ist selten, der Vira durchbricht Kastenbindungen; in der gebundenen Haltung wohnt Durga nicht, so hörte ich im Vira-Tantra. Nun möchte ich das Brahman-Wort hören, Sadashiva. durā ist vermutlich eine beschädigte Lesung für Durga.
Worterklärungen: jāti – soziale Geburtsgruppe; brahmavākya – Brahman-Wort.
I.2.56 śrīśiva uvāca
śrutaṃ bhairavatantraṃ ca yonitantraṃ kulārṇavam |
kulācāraṃ tathā guptasādhanaṃ gurutantrakam || 56 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Du hast Bhairava-Tantra, Yoni-Tantra, Kularnava, Kulachara, Guptasadhana und Guru-Tantra gehört,
Worterklärungen: guptasādhana – geheime Praxis, hier Werktitel; śruta – gehört.
I.2.57 nirvāṇaṃ samayācāraṃ vīratantraṃ śrutaṃ purā |
ḍāmaraṃ ḍamaraṃ ḍīnaṃ śrutaṃ kālīvilāsakam || 57 ||
Übersetzung: ferner Nirvana, Samayachara, Vira-Tantra, Damara und weitere hier nicht sicher lesbare Titel sowie Kalivilasa.
Worterklärungen: samayācāra – überlieferungsgemäße Lebensführung; purā – früher.
I.2.58 saptakoṭimahāgranthā mama vaktrād vinirgatāḥ |
yāmalaṃ devi brahmodyaṃ yāmalaṃ viṣṇuyāmalam || 58 ||
Übersetzung: Siebzig Millionen große Schriften gingen aus meinem Mund hervor: das Brahma-Yamala und das Vishnu-Yamala,
Worterklärungen: saptakoṭi – siebzig Millionen; vinirgata – hervorgegangen.
I.2.59 śivayāmalakaṃ devi yāmalaṃ mitrayāmalam |
śaktiyāmalakaṃ durge kathitaṃ ca śrutaṃ tvayā || 59 ||
Übersetzung: das Shiva-Yamala, Mitra-Yamala und Shakti-Yamala wurden erklärt und von dir gehört, Durga.
Worterklärungen: yāmala – Paar, hier Werkbezeichnung; kathita – erklärt.
I.2.60 tathāpi hṛdayagranthirasti te parameśvari |
purā sukathitaṃ tantraṃ purā devi tvayā śrutam || 60 ||
Übersetzung: Dennoch besteht in dir noch ein Knoten des Herzens, höchste Herrin. Das Tantra wurde früher gut erklärt und von dir gehört,
Worterklärungen: hṛdayagranthi – Herzensknoten; tathāpi – dennoch.
I.2.61 saṅketaṃ samayācāraṃ tantraṃ saṅketakaṃ tathā |
kulasaṅketakaṃ nāma saṅketaṃ bahuvistaram || 61 ||
Übersetzung: ebenso die Geheimzeichen, Samayachara, das Tantra der Geheimzeichen und die ausführliche Lehre namens Kula-Sanketa.
Worterklärungen: saṅketa – Geheimzeichen; vistara – ausführliche Darstellung.
I.2.62 śmaśānasādhanaṃ bhadre śavasādhanameva ca |
etat te kathitaṃ devi nānābhāvaṃ pṛthagvidham || 62 ||
Übersetzung: Auch die Praxis auf dem Leichenplatz und die Leichenpraxis habe ich dir in ihren verschiedenen Haltungen und Ausprägungen erklärt.
Worterklärungen: śavasādhana – Leichenpraxis; nānābhāva – verschiedene Haltungen.
I.2.63 kintvekaṃ śṛṇu cārvaṅgi kathayāmi samāsataḥ |
matsyaṃ māṃsaṃ ca madyaṃ ca mudrā maithunameva ca || 63 ||
Übersetzung: Doch höre nun eines in Kürze, Schöne: Fisch, Fleisch, Wein, Mudra und sexuelle Vereinigung –
Worterklärungen: matsya – Fisch; madya – Wein; mudrā – hier rituelle Getreidegabe; maithuna – sexuelle Vereinigung.
I.2.64 divyānāṃ caiva vīrāṇāṃ sādhanaṃ bhāvasādhanam |
na madyaṃ prapibed vipro na mudrāṃ bhakṣayed sadā || 64 ||
Übersetzung: sind die von der inneren Haltung bestimmte Praxis der göttlichen und heroischen Übenden. Ein Brahmane soll hingegen keinen Wein trinken und nicht stets die Mudra-Gabe essen.
Worterklärungen: bhāvasādhana – von der Haltung bestimmte Praxis; vipra – Brahmane.
I.2.65 na maithunamagamyāsu kartavyaṃ siddhināśanam |
avadhūtaḥ śivaḥ sākṣādavadhūtaḥ sadāśivaḥ || 65 ||
Übersetzung: Sexuelle Verbindung mit nicht zugänglichen beziehungsweise verbotenen Partnerinnen soll nicht vollzogen werden; sie zerstört Vollendung. Der Avadhuta ist unmittelbar Shiva, Sadashiva.
Worterklärungen: agamyā – nicht zulässige Partnerin; avadhūta – von Bindungen freier Asket.
I.2.66 avadhūtī śivā devī avadhūtāśramo mahān |
avadhūtaśca dvividho gṛhasthaśca hitānugaḥ || 66 ||
Übersetzung: Die Avadhuti ist die Göttin Shiva. Der Avadhuta-Lebensstand ist groß; der Avadhuta wird zweifach beschrieben, als Haushalter und als dem Heilsamen Folgender.
Worterklärungen: avadhūtī – weibliche Avadhuta; āśrama – Lebensstand.
I.2.67 sacelaścāpi digvāso vidhiyonivihāravān |
sadāraḥ sarvadāvastho hyarddhahāso digambaraḥ || 67 ||
Übersetzung: Bekleidet oder nackt, mit regelgemäßer sexueller Lebensführung, mit Ehefrau oder stets frei verweilend: Die genaue Zuordnung dieser Merkmale ist in der überlieferten Wortfolge unsicher.
Worterklärungen: sacela – bekleidet; digvāsas – nackt; sadāra – mit Ehefrau.
I.2.68 gṛhāvadhūto deveśi dvitīyastu sadāśivaḥ |
na kalau sādhanaṃ madyaṃ pratyakṣaṃ varavarṇini || 68 ||
Übersetzung: Die erste Form ist der Haushalter-Avadhuta, die zweite Sadashiva. Im Kali-Zeitalter wird Wein hier ausdrücklich nicht als Mittel der Verwirklichung bezeichnet.
Worterklärungen: gṛhāvadhūta – Haushalter-Avadhuta; kalau – im Kali-Zeitalter.
I.2.69 gṛhāvadhūtaḥ sarvatra kartavyaṃ ca digambari |
ata eva varārohe miśrācāraṃ prakalpayet || 69 ||
Übersetzung: Die Haushalterform soll allgemein geübt werden, Himmelsgewandete. Deshalb richte man eine gemischte Lebens- und Ritualweise ein.
Worterklärungen: miśrācāra – gemischte Ritual- und Lebensweise; prakalpayet – einrichten.
I.2.70 evamācāramiśreṇa pūjayed yastu kālikām |
santuṣṭā sā jagaddhātrī mokṣamārgavidhāyinī || 70 ||
Übersetzung: Wer Kalika mit einer solchen gemischten Praxis verehrt, erfreut die Weltenmutter, die den Weg zur Befreiung eröffnet.
Worterklärungen: jagaddhātrī – Weltenmutter; mokṣamārga – Befreiungsweg.
I.2.71 svakarasthaśca bhogaśca svakarasthaśca mokṣakaḥ |
devīmantraprasādena kiṃ na sidhyati bhūtale || 71 ||
Übersetzung: Genuss liegt dann in seiner Hand, ebenso Befreiung. Was könnte durch die Gnade des Göttinnenmantras auf Erden nicht gelingen?
Worterklärungen: devīmantraprasāda – Gnade des Göttinnenmantras; sidhyati – gelingt.
I.2.72 surāṇāṃ cā'surāṇāṃ ca kinnarāṇāṃ ca pārvati |
śaraṇyaṃ tāriṇīpādapadmaṃ mokṣapradāyakam || 72 ||
Übersetzung: Für Götter, Asuras und Kinnaras sind die Lotosfüße Tarinis Zuflucht; sie schenken Befreiung, Parvati.
Worterklärungen: śaraṇya – Zuflucht gewährend; tāriṇī – Retterin.
I.2.73 javāparājitādroṇakaravīraiḥ sitetaraiḥ |
gandhairmālūrapatraiśca naivedyairvividhairapi || 73 ||
Übersetzung: Mit Hibiskus, Aparajita, Drona, nichtweißen Oleanderblüten, Düften, Bilva-Blättern und verschiedenen Speisegaben –
Worterklärungen: sitetara – nichtweiß; naivedya – Speiseopfer; mālūra – Bilva.
I.2.74 evaṃ vidhirvidhātavyaḥ kriyāsiddhikarātmakaḥ |
tadaiva jāyate siddho jīvanmuktaḥ sadāśivaḥ || 74 ||
Übersetzung: vollziehe man diese Ordnung, die zur Vollendung der Handlung führt. So entsteht der vollendete, zu Lebzeiten befreite Sadashiva.
Worterklärungen: jīvanmukta – zu Lebzeiten befreit; kriyāsiddhi – Vollendung der Handlung.
I.2.75 nārikelodakaṃ cārdraṃ jalaṃ sarvārthasādhanam |
kāṃsye guḍe savyakare kṛtvā kāraṇakalpanam || 75 ||
Übersetzung: Kokoswasser und frisches Wasser dienen allen Zielen. Mit einem Bronzegefäß, Zucker und der linken Hand wird eine Ersatzvorstellung der Ritualsubstanz beschrieben; die genaue Konstruktion ist undeutlich.
Worterklärungen: nārikelodaka – Kokoswasser; kāṃsya – Bronze; kāraṇa – rituelle Grundsubstanz.
I.2.76 tadā pūjā vidhātavyā madyena naganandini |
brāhmaṇī kṣatriyā vaiśyā śūdrāṇī sarvamaṅgalā || 76 ||
Übersetzung: Damit wird die Verehrung mit dem als Wein geltenden Ersatz vollzogen, Bergestochter. Brahmanin, Kshatriya-, Vaishya- und Shudra-Frau sowie die Allheilvolle werden genannt.
Worterklärungen: madya – Wein; sarvamaṅgalā – Allheilvolle.
I.2.77 śuklaṃ raktaṃ tathā pītaṃ kṛṣṇaṃ ca bhadramīritam |
śuklapuṣpaṃ brāhmaṇe tu raktapuṣpaṃ ca kṣatrīye || 77 ||
Übersetzung: Weiß, rot, gelb und schwarz heißen die günstigen Farben. Weiß wird der Brahmanen-, Rot der Kshatriya-Zuordnung beigegeben,
Worterklärungen: śukla – weiß; rakta – rot; pīta – gelb; kṛṣṇa – schwarz.
I.2.78 vaiśye ca pītapuṣpaṃ ca śūdre kṛṣṇaṃ tadīritam |
saṃvidāsurayormadhye saṃvidaiva garīyasī || 78 ||
Übersetzung: Gelb der Vaishya-, Schwarz der Shudra-Zuordnung. Von saṃvid und Wein gilt saṃvid als höher; hier kann der Ausdruck neben Bewusstsein auch eine rituelle berauschende Zubereitung bezeichnen.
Worterklärungen: saṃvid – Bewusstsein, hier möglicherweise Cannabiszubereitung; garīyasī – höherwertig.
I.2.79 anukalpāni cānyāni na dadyāt kevalāṃ surām |
saṃvidāpānamātreṇa sa vīraḥ sa ca madyapaḥ || 79 ||
Übersetzung: Auch andere Ersatzmittel werden genannt; reinen Wein soll man nicht darbringen. Schon durch Trinken von saṃvid gilt jemand als Vira und als Weintrinker.
Worterklärungen: anukalpa – Ersatzmittel; pāna – Trinken.
I.2.80 vāgjālaśāstre kathitaṃ niṣiddhaṃ naganandini |
na grāhyaṃ tasya vākyaṃ ca grāhyaṃ tantrātmakaṃ vacaḥ || 80 ||
Übersetzung: Was in bloßen Wortgeflecht-Schriften als verboten bezeichnet wird, ist nicht maßgeblich, sagt der Text; maßgeblich sei die tantrische Aussage.
Worterklärungen: vāgjāla – Wortgeflecht; grāhya – anzunehmen.
I.2.81 śivā kartrī śivā hartrī śivā śivavidhāyinī |
śiveyaṃ ramaṇī devī śivo'haṃ śivakāminī || 81 ||
Übersetzung: Die Göttin erschafft, die Göttin löst auf, die Göttin schenkt Heil. »Diese Gefährtin ist die Göttin, ich bin Shiva«, du Shiva-Liebende.
Worterklärungen: kartrī – Schöpferin; hartrī – Auflöserin; śiva – Heil.
I.2.82 sadāśivaśivarādhyā śivānandavidhāyinī |
vāmānandaḥ śivānando bhaved bhavasamo janaḥ ||
trayāṇāṃ bhāvatattvajño bhavayevaṃ varānane || 82 ||
Übersetzung: Sie wird von Sadashiva und Shiva verehrt und schenkt Shivas Glückseligkeit. Freude an der Shakti und Shivas Freude werden eins; so wird der Mensch Bhava gleich. Wer die Wirklichkeit der drei Haltungen kennt, vergegenwärtige dies.
Worterklärungen: vāmānanda – Freude an der Shakti; bhāvatattvajña – Kenner der Wirklichkeit der Haltungen.
|| iti muṇḍamālātantre pārvatīśvarasaṃvāde dvitīyaḥ paṭalaḥ ||
Hier endet Kapitel 2 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 3

I.3.1 atha tṛtīyaḥ paṭalaḥ
kailāsaśikharāsīnamindukhaṇḍavibhūṣitam |
pārvatī parayā bhaktyā prāha devaṃ trilocanam ||
śrotumicchāmyahaṃ nātha tantrān bahu pariplutān || 1 ||
Übersetzung: Parvati sprach mit höchster Hingabe zu dem dreiäugigen, mondgeschmückten Gott auf dem Kailasa-Gipfel: Herr, ich möchte von den vielfältig überlieferten Tantras hören.
Worterklärungen: indukhaṇḍa – Mondsichel; parabhakti – höchste Hingabe.
I.3.2 śrīparvatī uvāca
devadeva mahādeva saṃsārārṇavatāraka |
namaste deva deveśa nīlakaṇṭha trilocana || 2 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Gott der Götter, Mahadeva, Retter aus dem Ozean des Daseins! Verehrung dir, blaukehliger, dreiäugiger Herr!
Worterklärungen: saṃsārārṇavatāraka – Retter aus dem Daseinsozean; trilocana – dreiäugig.
I.3.3 namaste pārvatīnātha daśavidyāpate namaḥ |
gaṅgādhara jagatsvāmin prabho śaṅkara bho hara || 3 ||
Übersetzung: Verehrung dem Herrn Parvatis, dem Herrn der zehn Vidyas! Gangaträger, Weltenherr, Herr, Shankara, Hara!
Worterklärungen: daśavidyāpati – Herr der zehn Vidyas; gaṅgādhara – Gangaträger.
I.3.4 niḥśeṣajagadādhāra nirādhāra nirīhaka |
nirbīja nirguṇābhāṣa saguṇāntakara prabho || 4 ||
Übersetzung: Du trägst die ganze Welt, selbst ungetragen und wunschlos, ohne Samenursprung, Erscheinung des Eigenschaftslosen und Beender des Eigenschaftshaften, Herr!
Worterklärungen: nirīha – wunschlos; nirbīja – ohne Samenursprung; nirguṇa – eigenschaftslos.
I.3.5 namaste vijayādhāra vijayeśa jayātmaka |
vijayānanda santoṣa vijayāprāṇavallabha || 5 ||
Übersetzung: Verehrung dir, Grund und Herr des Sieges, dessen Wesen Sieg ist, Freude und Zufriedenheit Vijayas, lebensgeliebter Gefährte Vijayas!
Worterklärungen: vijaya – Sieg; vijayā – Göttinnenname; santoṣa – Zufriedenheit.
I.3.6 jagadīśa jagadbandya jayeśa jagadīśvara |
viśvanātha prasīda tvaṃ prasanno bhava śaṅkara || 6 ||
Übersetzung: Weltenherr, von der Welt Verehrter, Herr des Sieges und des Alls! Sei gnädig, Shankara, sei erfreut!
Worterklärungen: prasīda – sei gnädig; jagadvandya – von der Welt verehrt.
I.3.7 śrīśiva uvāca
saptakoṭimahāvidyā upavidyā tathaiva ca |
śrīviṣṇoḥ koṭimantreṣu koṭimantre śivasya ca || 7 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Es gibt siebzig Millionen große Vidyas und ebenso untergeordnete Vidyas; unter den Millionen Mantras Vishnus und Shivas –
Worterklärungen: saptakoṭi – siebzig Millionen; upavidyā – untergeordnete Vidya.
I.3.8 śūdrāṇāmadhikāro'sti svāhāpraṇavavarjite |
sarveṣāṃ durlabho mārgo durgāmārgo maheśvari || 8 ||
Übersetzung: sind die Shudras zu denjenigen berechtigt, die weder Svaha noch Om enthalten. Durgas Weg ist für alle schwer erreichbar, große Herrin,
Worterklärungen: adhikāra – Berechtigung; praṇava – Om; varjita – ohne.
I.3.9 bhaktānāṃ khalu śāktānāṃ sulabhāt sulabhaḥ priye |
nātaḥ parataro devo nātaḥ parataraṃ sukham || 9 ||
Übersetzung: für hingebungsvolle Shaktas jedoch überaus leicht zugänglich, Geliebte. Keine Gottheit und kein Glück ist höher als dies.
Worterklärungen: sulabha – leicht erreichbar; sukha – Glück.
I.3.10 nātaḥ paratarā vidyā nātaḥ parataraṃ padam |
śṛṇu devi varārohe parāt paraṃ priye || 10 ||
Übersetzung: Keine Vidya und kein Zustand ist höher. Höre, Göttin, das Höchste des Höchsten, Geliebte.
Worterklärungen: parāt param – höher als das Höchste; pada – Zustand.
I.3.11 kevalaṃ dakṣiṇaṃ savyamāśritya yadi sādhakaḥ |
bhāvayet paramāṃ vidyāmumeśo nātra saṃśayaḥ || 11 ||
Übersetzung: Wenn der Übende sich auf den rechten und linken Weg stützt und die höchste Vidya vergegenwärtigt, ist er zweifellos Umas Herr.
Worterklärungen: dakṣiṇa-savya – rechts und links; umeśa – Umas Herr, Shiva.
I.3.12 śṛṇu caṇḍi varārohe karālāsye digambare |
stauti tvāṃ satataṃ bhaktyā namaste jagadambike || 12 ||
Übersetzung: Höre, Chandika, Schöne mit furchtbarem Angesicht, Himmelsgewandete! Beständig werde ich dich hingebungsvoll preisen. Verehrung dir, Weltenmutter!
Worterklärungen: digambarā – himmelsgewandet; stauti – preist, hier auffälliger Personenwechsel.
I.3.13 śrīśiva uvāca
ghoradaṃṣṭre karālāsye surāmāṃsabalipriye |
caṇḍamuṇḍakṣayakare muṇḍamālāvibhūṣite || 13 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Du mit schrecklichen Hauern und furchtbarem Angesicht, die Wein-, Fleisch- und Opfergaben liebt, Vernichterin Chandas und Mundas, mit der Schädelgirlande Geschmückte!
Worterklärungen: daṃṣṭrā – Hauer; kṣayakara – vernichtend.
I.3.14 namaste'stu mahāmāye durge mahiṣavāhini |
namaste jagadīśānadayite sarvamaṅgale || 14 ||
Übersetzung: Verehrung dir, Mahamaya, Durga, Büffelreitende! Verehrung dir, Geliebte des Weltenherrn, Allheilvolle! Die Büffelzuordnung steht so in dieser Lesung.
Worterklärungen: mahiṣavāhinī – Büffelreitende; sarvamaṅgalā – Allheilvolle.
I.3.15 vakṣye paramatattvaṃ vai sārāt sāraṃ parāt param |
śṛṇu devi jagaddhātri sāvadhānā'vadhāraya || 15 ||
Übersetzung: Ich erkläre nun die höchste Wirklichkeit, Essenz der Essenz, höher als das Höchste. Höre aufmerksam und nimm sie auf, Göttin und Weltenmutter.
Worterklärungen: sāvadhāna – aufmerksam; avadhāraya – erfasse.
I.3.16 yonimudrāprakaraṇaṃ pūrvaṃ ca gaditaṃ mayā |
trikoṇaṃ guṇasaṃyuktaṃ yoniṃ paramakāraṇam || 16 ||
Übersetzung: Die Lehre von Yoni-Mudra habe ich zuvor erklärt: Die Yoni ist das mit den Eigenschaften verbundene Dreieck und der höchste Ursprung.
Worterklärungen: yonimudrā – Yoni-Siegel; guṇa – Eigenschaft; kāraṇa – Ursprung.
I.3.17 saṃgacchet tu śivābuddhyā śivarūpī na saṃśayaḥ |
tuṣeṇa baddho vrīhiḥ syāt tuṣābhāve tu taṇḍulaḥ || 17 ||
Übersetzung: Wer sich ihr im Bewusstsein der Göttin verbindet, wird zweifellos von Shiva-Gestalt. Mit Hülse heißt Reis vrīhi; ohne Hülse heißt er taṇḍula.
Worterklärungen: tuṣa – Hülse; vrīhi – ungeschälter Reis; taṇḍula – geschälter Reis.
I.3.18 karmabaddho bhavejjīvaḥ karmamuktaḥ sadāśivaḥ |
jīvānāṃ paramo rogaḥ karmabhogaḥ sudāruṇaḥ || 18 ||
Übersetzung: Durch Karma gebunden heißt das Wesen Jiva; vom Karma befreit ist es Sadashiva. Das schmerzliche Erleben der Karmafolgen ist die größte Krankheit der Lebewesen.
Worterklärungen: karmabaddha – durch Karma gebunden; karmabhoga – Erleben der Karmafolgen.
I.3.19 tasmāt tārāṃ jagaddhātrīṃ pūjayed bhaktibhāvataḥ |
jaṭā - bhasma - vyāghracarmadhārī paramapāvanaḥ || 19 ||
Übersetzung: Darum verehre man Tara, die Weltenmutter, mit Hingabe. Mit verfilztem Haar, Asche und Tigerfell wird der Übende als höchst reinigend beschrieben.
Worterklärungen: jaṭā – verfilztes Haar; bhasma – Asche; vyāghracarman – Tigerfell.
I.3.20 nirantaraṃ japed yastu sādhakendro dharātale |
sa dhanyaḥ sa kavirvīro divyastu paramaḥ paśuḥ || 20 ||
Übersetzung: Wer auf Erden unablässig Japa übt, ist ein hervorragender Übender, gesegnet, dichterisch begabt und heldenhaft; die Schlusszuordnung von göttlicher und gebundener Haltung ist undeutlich.
Worterklärungen: nirantara – ununterbrochen; kavi – Dichter, Seher.
I.3.21 bhāvaśuddhirjñānaśuddhiḥ paraśuddhistu saṅgatā |
citāśuddhiḥ pīṭhaśuddhirdhyānaśuddhistu sacchivā || 21 ||
Übersetzung: Reinheit der Haltung, Erkenntnis und höchste Reinheit gehören zusammen; ebenso Reinheit des Scheiterhaufens, des Kultsitzes und der Meditation. citā kann nicht ohne Textänderung als »Geist« gelesen werden.
Worterklärungen: bhāvaśuddhi – Reinheit der Haltung; citā – Scheiterhaufen; dhyānaśuddhi – Reinheit der Meditation.
I.3.22 jñātvā paramatattvaṃ vai jñānaṃ mokṣaikasādhanam |
bhavet tu parayā buddhyā jīvaḥ śivatvamālabhet || 22 ||
Übersetzung: Man erkenne die höchste Wirklichkeit: Erkenntnis ist das einzigartige Mittel zur Befreiung. Durch höchste Einsicht erlangt das Lebewesen Shiva-Sein.
Worterklärungen: mokṣaikasādhana – einziges Befreiungsmittel; parā buddhi – höchste Einsicht.
I.3.23 vihāraṃ jagadambāyāḥ sahasrāre manoramam |
sadāśivena saṃyogaṃ yaḥ karoti sa paṇḍitaḥ || 23 ||
Übersetzung: Wer im schönen Sahasrara das Verweilen der Weltenmutter und ihre Vereinigung mit Sadashiva vollzieht, ist weise.
Worterklärungen: vihāra – Verweilen, Spiel; saṃyoga – Vereinigung.
I.3.24 jñānināṃ ca mataṃ vakṣye jñānināṃ ca mataṃ mudā |
jñānā'jñānasamāyuktaḥ sarvadā vihared bhuvi || 24 ||
Übersetzung: Freudig erkläre ich die Anschauung der Wissenden: Erkenntnis und Nichterkenntnis umfassend soll man stets auf Erden wandeln.
Worterklärungen: jñānājñāna – Erkenntnis und Nichterkenntnis; viharet – wandeln.
I.3.25 iḍā vāme sthitā nāḍī vidhustatrāpi tiṣṭhati |
dakṣe'pi piṅgalā nāḍī sūryastatrāpi tiṣṭhati || 25 ||
Übersetzung: Links liegt die Nadi Ida; in ihr befindet sich der Mond. Rechts liegt Pingala; in ihr befindet sich die Sonne.
Worterklärungen: iḍā – linke Nadi; piṅgalā – rechte Nadi; vidhu – Mond.
I.3.26 madhye suṣumnā tanmadhye brahmanāḍī manoharā |
madhyamaṃ khaṃ vidadhyād yo jano mṛtyuñjayo bhavet || 26 ||
Übersetzung: In der Mitte liegt Sushumna, in ihr die schöne Brahmanadi. Wer den mittleren Raum erschließt, wird zum Überwinder des Todes.
Worterklärungen: madhya – Mitte; kha – Raum; mṛtyuñjaya – Todesüberwinder.
I.3.27 citriṇīmadhyagaṃ vāyuṃ pūraṇaṃ recanaṃ yadā |
karoti vāmanāsāgrairapi satyaṃ sureśvari || 27 ||
Übersetzung: Wenn man den Atem in der Mitte Chitrinis durch Füllen und Leeren bewegt, auch durch die linke Nasenöffnung, gilt dies als wahrhaft wirksame Praxis, Götterherrin; der Satzanschluss ist verkürzt.
Worterklärungen: pūraṇa – Füllen; recana – Leeren; vāmanāsā – linke Nasenöffnung.
I.3.28 dakṣe tu dakṣiṇā vāmā virāmā cā'sitāsitā |
nāḍī vāme kapālā ca vijihvā śūlakāriṇī || 28 ||
Übersetzung: Weitere Nadis werden rechts als Dakshina, Vama, Virama und Asitasita, links als Kapala, Vijihva und Shulakarini genannt. Ihre genaue Zuordnung ist textlich nicht völlig klar.
Worterklärungen: nāḍī – feinstofflicher Kanal; dakṣa – rechts; vāma – links.
I.3.29 kaṅkālā niṣkalaṅkā ca savyadakṣiṇataḥ kramāt |
bhitvā ca kramaśaścakraṃ yogindrairapyalabhyagam || 29 ||
Übersetzung: Es folgen Kankala und Nishkalanka, links und rechts der Reihe nach. Man durchdringt nacheinander die Chakras bis zu dem selbst Yogameistern schwer erreichbaren Bereich.
Worterklärungen: bhittvā – durchdrungen habend; cakra – Energiezentrum.
I.3.30 nabhomadhyagataṃ cakraṃ sahasrābjaṃ manoramam |
kālīpuraṃ tatra ramyaṃ sarvavarṇātmakaṃ priye || 30 ||
Übersetzung: Im inneren Himmelsraum liegt das schöne tausendblättrige Lotoszentrum. Dort ist die herrliche Stadt Kalis, die alle Laute beziehungsweise Farben umfasst, Geliebte.
Worterklärungen: sahasrābja – tausendblättriger Lotos; varṇa – Laut, Farbe.
I.3.31 vidhāya caināṃ manasā buddhyā kāyena caṇḍikām |
tatraiva dhyānamāsādya prakaroti japārcanam || 31 ||
Übersetzung: Mit Geist, Einsicht und Körper vergegenwärtige man dort Chandika; in dieser Meditation vollziehe man Japa und Verehrung.
Worterklärungen: buddhi – Einsicht; kāya – Körper; arcana – Verehrung.
I.3.32 yadi dhyānaṃ varārohe karoti satataṃ mudā |
tadaiva jāyate siddhirmuktiravyabhicāriṇī || 32 ||
Übersetzung: Wer auf diese Weise beständig und freudig meditiert, erlangt Vollendung und unwandelbare Befreiung.
Worterklärungen: satata – beständig; avyabhicāriṇī mukti – unwandelbare Befreiung.
I.3.34 na ca dhyānaṃ na vā pūjā na stutiḥ paramārthikā |
pūjayet tāṃ jagaddhātrīṃ kusumairmānasodbhavaiḥ || 34 ||
Übersetzung: Weder Meditation, äußere Verehrung noch Lobpreis ist selbst die letzte Wirklichkeit. Man verehre die Weltenmutter mit Blumen, die im Geist entstehen.
Worterklärungen: paramārthika – die letzte Wirklichkeit betreffend; mānasodbhava – im Geist entstanden.
I.3.35 kāmarūpe dvijāgāre śvapacasya gṛhe'thavā |
gaṅgādvāre prayāge ca yā muktiḥ pāvanī mukhe || 35 ||
Übersetzung: Ob in Kamarupa, im Haus eines Brahmanen oder eines historisch ausgegrenzten Menschen, in Gangadvara oder Prayaga: Die läuternde Befreiung wird über den Ort hinausgehend beschrieben; der Versschluss ist undeutlich.
Worterklärungen: śvapaca – historisch ausgegrenzter »Hundeesser«; tīrtha – Pilgerort, sinngemäß.
I.3.36 yatra kutra mṛto jñānī tatraiva mokṣamāpnuyāt |
durgāsmaraṇajaṃ puṇyaṃ durgāsmaraṇajaṃ phalam || 36 ||
Übersetzung: Wo immer ein Wissender stirbt, dort erlangt er Befreiung. Heilige Frucht und Verdienst entstehen aus dem Erinnern Durgas.
Worterklärungen: smaraṇa – Erinnern; puṇya – heiliges Verdienst.
I.3.37 durgāyāḥ smaraṇenaiva kiṃ na sidhyati bhūtale |
śaivo vā vaiṣṇavo vāpi śākto vā girinandini || 37 ||
Übersetzung: Was könnte allein durch Erinnerung an Durga auf Erden nicht gelingen? Ob jemand Shiva, Vishnu oder Shakti verehrt, Bergestochter –
Worterklärungen: śaiva – Shiva-Verehrer; vaiṣṇava – Vishnu-Verehrer; śākta – Shakti-Verehrer.
I.3.38 bhajed durgā smareddurgāṃ jayed durgāṃ śivapriyām |
tatkṣaṇād devadeveśi mucyate bhavabandhanāt || 38 ||
Übersetzung: verehrt, erinnert und preist er Durga, Shivas Geliebte, wird er augenblicklich von den Fesseln des Daseins frei.
Worterklärungen: bhavabandhana – Daseinsfessel; tatkṣaṇāt – augenblicklich.
I.3.39 kṣīroddhṛtaṃ yadva * * * tatra kṣiptaṃ na pūrvavat |
pṛthak tvayā guṇebhyaḥ syāt tadvadātmā ihocyate || 39 ||
Übersetzung: Wie etwas aus Milch Herausgenommenes, wieder hineingegeben, nicht zum früheren Zustand zurückkehrt, so wird der Atman als von den Eigenschaften geschieden beschrieben. Die ausdrücklich markierte Textlücke lässt das Vergleichsobjekt offen.
Worterklärungen: kṣīra – Milch; guṇa – Eigenschaft; ātman – Selbst.
I.3.40 kṣīreṇa sahitaṃ toyaṃ kṣīrameva yathā bhavet |
aviśeṣo bhavet tadvad jīvātmaparamātmanoḥ || 40 ||
Übersetzung: Wie mit Milch vermischtes Wasser als Milch erscheint, so besteht letztlich kein Unterschied zwischen individuellem und höchstem Selbst.
Worterklärungen: toya – Wasser; aviśeṣa – Nichtunterschiedenheit; paramātman – höchstes Selbst.
I.3.41 yathā candrārkayorbimbo jalapūrṇaghaṭeṣu ca |
ghaṭe bhagne jaleṣveva pralīnau candrasūryakau || 41 ||
Übersetzung: Wie sich Mond und Sonne in wassergefüllten Krügen spiegeln und ihre Spiegelbilder mit dem Zerbrechen der Krüge im Wasser verschwinden,
Worterklärungen: bimba – Spiegelbild; ghaṭa – Krug; bhagna – zerbrochen.
I.3.42 na jāyate na mriyate ātmā tu paramaḥ śivaḥ |
ātmajñānaṃ samāsādya saṃsārārṇavalaṅghane || 42 ||
Übersetzung: so wird das Selbst, der höchste Shiva, weder geboren noch stirbt es. Durch Selbsterkenntnis wird die Überquerung des Daseinsozeans möglich.
Worterklärungen: na jāyate na mriyate – wird nicht geboren und stirbt nicht; ātmajñāna – Selbsterkenntnis.
I.3.43 taratyevaṃ sadā caṇḍi jīvaḥ śivatvamālabhet |
pārvatīcaraṇadvandvabhajanāt kinnaro bhavet || 43 ||
Übersetzung: So überquert das Lebewesen den Ozean und erlangt Shiva-Sein, Chandika. Der Schluss nennt durch Verehrung von Parvatis beiden Füßen auch das Werden zu einem Kinnara; dieser Anschluss ist auffällig.
Worterklärungen: caraṇadvandva – beide Füße; kinnara – himmlisches Wesen.
I.3.44 svargo bhogaśca mokṣaśca śāktānāṃ na bhavet kimu |
śāktānāṃ caiva nindā vai ye kurvanti narādhamāḥ || 44 ||
Übersetzung: Sollten Himmel, Genuss und Befreiung den Shaktas nicht offenstehen? Über die verächtlichen Menschen, die Shaktas schmähen, heißt es weiter –
Worterklärungen: nindā – Schmähung; narādhama – verächtlicher Mensch.
I.3.45 teṣāṃ lohitapānaṃ vai kurvanti bhairavā gaṇāḥ |
bhairavāścaiva bhairavyaḥ sadā hiṃsanti pāmarān || 45 ||
Übersetzung: die Bhairava-Scharen tränken ihr Blut; Bhairavas und Bhairavis würden diese Niedrigen stets heimsuchen. Dies ist die Drohrhetorik des Textes.
Worterklärungen: lohitapāna – Bluttrinken; hiṃsanti – verletzen, heimsuchen.
I.3.46 teṣāṃ kṣatajapānaṃ vai kurvanti bahuraktapāḥ |
śāktān hiṃsanti garjanti nindati bahujalpakāḥ || 46 ||
Übersetzung: Die vielen Bluttrinkenden trinken ihr Wundblut. Wer Shaktas verletzt, anschreit und mit Geschwätz schmäht –
Worterklärungen: kṣataja – Wundblut; bahujalpaka – Vielschwätzer.
I.3.47 bhinatti teṣāṃ deveśi śirāṃsi śivavallabhā |
śāktānāmuttamo nāsti svarge martye rasātale || 47 ||
Übersetzung: dem schlägt Shivas Geliebte, so die Drohung, das Haupt ab. Niemand wird im Himmel, auf Erden oder in der Unterwelt über die Shaktas gestellt.
Worterklärungen: śiras – Haupt; uttama – höherstehend.
I.3.48 śāktastu śaṅkaro jñeyastrinetraścandraśekharaḥ |
svayaṃ gaṅgādharo bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale || 48 ||
Übersetzung: Der Shakta ist als Shankara zu erkennen, dreiäugig und mondgeschmückt. Selbst zum Gangaträger geworden, wandelt er auf Erden.
Worterklärungen: śaṅkara – Shiva; candraśekhara – mondgeschmückt.
I.3.49 nāsti tantrasamaṃ śāstraṃ na bhaktaḥ keśavāt paraḥ |
na yogī śaṅkaro jñānī na durgā devatā parā || 49 ||
Übersetzung: Keine Schrift gleicht dem Tantra, kein Verehrer übertrifft Keshava; kein wissender Yogi übertrifft Shankara, keine Gottheit Durga. Der dritte Halbvers ist grammatisch verkürzt.
Worterklärungen: śāstra – Schrift; keśava – Vishnu; jñānin – Wissender.
I.3.50 dakṣiṇāṃśe yadvikṣīṇā uro bāhyamadhaḥ kṣipet |
gatirmṛtyuḥ palāṅko'rddhaṃ khedayuktā ca muktidā || 50 ||
Übersetzung: Der Vers enthält Angaben zu rechter Seite, Brust, Außen und Unten, ferner Bewegung, Tod und Befreiung. Seine Lesung ist so beschädigt, dass eine zusammenhängende Übersetzung nicht verantwortbar ist.
Worterklärungen: dakṣiṇāṃśa – rechte Seite; uras – Brust; muktidā – Befreiung schenkend.
I.3.51 durgāyā mantranikaraṃ nānātantre tvayā śrutam |
nānāmantraṃ na kutrāpi kathitaṃ na śrūtaṃ tvayā || 51 ||
Übersetzung: Durgas Mantraschar hast du in verschiedenen Tantras gehört. Die anschließende doppelte Verneinung über weitere Mantras ist nicht eindeutig: gemeint sein könnte, dass noch eine besondere Formel unerklärt blieb.
Worterklärungen: mantranikara – Mantraschar; nānā – verschieden.
I.3.52 durgā durgeti durgeti durgānāma paraṃ manum |
yo bhajet satataṃ caṇḍi jīvanmuktaḥ sa mānavaḥ || 52 ||
Übersetzung: »Durga, Durga, Durga«: Durgas Name ist ein höchster Mantra. Wer ihn beständig verehrt, ist als Mensch schon zu Lebzeiten befreit, Chandika.
Worterklärungen: durgānāma – Durgas Name; jīvanmukta – zu Lebzeiten befreit.
I.3.53 mahotpāte mahāghore mahāvipadi saṅkaṭe |
mahāduḥkhe mahāśoke mahābhayasamutthite || 53 ||
Übersetzung: Bei großen unheilvollen Ereignissen, Schrecken, schwerem Unglück und Bedrängnis, bei großem Leid, Trauer und aufsteigender Furcht –
Worterklärungen: mahāśoka – große Trauer; mahābhaya – große Furcht.
I.3.54 yaḥ sadā saṃsmared durgāṃ yo japet paramaṃ manum |
sa jīvaloke deveśi nīlakaṇṭhatvamāpnuyāt || 54 ||
Übersetzung: wer Durga stets erinnert und den höchsten Mantra wiederholt, erlangt in der Menschenwelt das Sein des Blaukehligen.
Worterklärungen: saṃsmaret – sich erinnern; nīlakaṇṭhatva – Sein Shivas.
I.3.55 jīvaḥ śivaḥ śivā vāmā'bhirāmā śivanandini |
evaṃ bhāvaṃ samāśritya kriyābhaktisamanvitaḥ || 55 ||
Übersetzung: Das Lebewesen ist Shiva, die Shakti ist die schöne Göttin, Shivas Freude. Auf diese Haltung gestützt, verbunden mit tätiger Hingabe –
Worterklärungen: kriyābhakti – tätige Hingabe; bhāva – innere Haltung.
I.3.56 bhavatyevaṃ kva vā duḥkhaṃ kva bhayaṃ narakaṃ kva vā |
kva kaliśca kva kālaśca sarvaṃ satyamayaṃ vapuḥ || 56 ||
Übersetzung: wo bleiben da Leid, Furcht und Hölle, wo Kali und die Zeit? Die ganze Gestalt ist von Wahrheit erfüllt.
Worterklärungen: satyamaya – von Wahrheit erfüllt; kāla – Zeit, Tod.
I.3.57 kālyāścaiva hi tārāyāstripurāyāśca sundari |
bhairavyā bhuvanāyāśca caritaṃ muktidāyakam || 57 ||
Übersetzung: Das Wirken Kalis, Taras, Tripuras, Bhairavis und Bhuvaneshvaris schenkt Befreiung, Schöne.
Worterklärungen: carita – Wirken; muktidāyaka – Befreiung schenkend.
I.3.58 muktiśayyāṃ jñānamayīṃ sadā santoṣakāriṇīm |
yenaiva bhāvamāsādya gacched duḥkhavināśinīm || 58 ||
Übersetzung: Durch diese Haltung gelangt man zur Lagerstatt der Befreiung, die aus Erkenntnis besteht, stets Zufriedenheit schenkt und Leid vernichtet.
Worterklärungen: muktiśayyā – Lagerstatt der Befreiung; jñānamayī – aus Erkenntnis bestehend.
I.3.59 japanaṃ pārvatīdevyāḥ pūjanaṃ pārvatīpadam |
śaraṇaṃ pārvatīdevyāścaraṇaṃ bhavanāśanam || 59 ||
Übersetzung: Japa gilt Parvati, Verehrung ihren Füßen, Zuflucht der Göttin Parvati. Ihre Füße beenden das gebundene Dasein.
Worterklärungen: śaraṇa – Zuflucht; bhavanāśana – Daseinsbindung beendend.
I.3.60 kālasya yantraṇāt kālī karālārivimardanāt |
tasmāt padāṅghribhajanād devīputro bhaved dhruvam || 60 ||
Übersetzung: Sie heißt Kali, weil sie die Zeit beherrscht und furchtbare Feinde vernichtet. Wer ihre Füße verehrt, wird gewiss ein Kind der Göttin.
Worterklärungen: kālasya yantraṇa – Beherrschung der Zeit; devīputra – Kind der Göttin.
I.3.61 purā nigaditaṃ caṇḍi nānācāraṃ pṛthagvidham |
idānīṃ yāgavṛttāntaṃ manasaḥ śṛṇu śaṅkari || 61 ||
Übersetzung: Die verschiedenen Lebens- und Ritualweisen wurden zuvor erklärt. Höre nun die Darstellung der geistigen Verehrung, Shankari.
Worterklärungen: yāga – Verehrung, Opfer; manas – Geist.
I.3.62 hṛtpadme bhāvayed durgāṃ devīṃ durgatināśinīm |
karālāṃ ghoradaṃṣṭrāṃ ca muṇḍamālāvibhūṣitām || 62 ||
Übersetzung: Im Herzenslotos vergegenwärtige man Durga, die Göttin, die Not vernichtet: furchtbar, mit schrecklichen Hauern, mit einer Schädelgirlande geschmückt,
Worterklärungen: hṛtpadma – Herzenslotos; durgatināśinī – Not vernichtend.
I.3.63 śavārūḍhāṃ śmaśānasthāṃ tāriṇīṃ ca digambarām |
arddhahāsāṃ lalajjihvāṃ meghaśyāmāṃ varapradām || 63 ||
Übersetzung: auf einem Leichnam stehend, auf dem Verbrennungsplatz, rettend, unbekleidet, halb lächelnd, mit bewegter Zunge, dunkel wie eine Wolke und Gaben schenkend.
Worterklärungen: meghaśyāmā – wolkendunkel; varapradā – Gaben schenkend.
I.3.64 bhavānīṃ yaḥ smarennityamante sa pārvatīpatiḥ |
sahasrāre sthitaṃ liṅgaṃ taptacāmīkaraprabham || 64 ||
Übersetzung: Wer Bhavani beständig erinnert, ist zuletzt Parvatis Herr. Im Sahasrara steht das Linga, strahlend wie geschmolzenes Gold,
Worterklärungen: taptacāmīkara – glühendes Gold; liṅga – Zeichen Shivas.
I.3.65 kadā śuklaṃ kadā kṛṣṇaṃ pītaṃ nīlaṃ kadā kadā |
kadā varṇamayaṃ liṅgaṃ svarādiparibhūṣitam || 65 ||
Übersetzung: manchmal weiß, manchmal schwarz, gelb oder blau, manchmal aus Lauten bestehend und mit Vokalen geschmückt.
Worterklärungen: varṇamaya – aus Lauten oder Farben bestehend; svara – Vokal.
I.3.66 padmamadhyasthitaṃ liṅgaṃ jyotirmayamacintakam |
jīvādibhūṣitaṃ liṅgaṃ karṇikopari saṃsthitam || 66 ||
Übersetzung: Dieses Linga steht inmitten des Lotos, lichtförmig, jenseits des Denkens, mit dem Lebensprinzip und Weiterem geschmückt, auf dem Lotoszentrum.
Worterklärungen: jyotirmaya – lichtförmig; karṇikā – Lotoszentrum.
I.3.67 sadāśivaṃ tato bhaktyā praṇamed bhaktisaṃyutaḥ |
tadā siddhimavāpnoti nānyathā kalpakoṭibhiḥ ||
kiṃ bahūktyā maheśāni gurubhaktyā ca sidhyati || 67 ||
Übersetzung: Dann verneige man sich hingebungsvoll vor Sadashiva. So erlangt man Vollendung, sonst nicht in Millionen Weltaltern. Was bedarf es vieler Worte? Durch Hingabe an den Guru gelingt es.
Worterklärungen: gurubhakti – Hingabe an den Guru; siddhi – Vollendung.
|| iti muṇḍamālātantre pārvatīśvarasaṃvāde tṛtīyaḥ paṭalaḥ || 3 ||
Hier endet Kapitel 3 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 4
I.4.1 atha caturthaḥ paṭalaḥ
devī uvāca
pṛcchāmyekaṃ mahābhāga yogendra bhaktavatsala |
pṛcchāmi paramaṃ tattvaṃ devadeva sadāśiva || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Erhabener, Herr der Yogis, Freund der Hingebungsvollen! Ich frage nach der höchsten Wirklichkeit, Gott der Götter, Sadashiva.
Worterklärungen: bhaktavatsala – den Verehrern zugetan; tattva – Wirklichkeit.
I.4.2 śrīśiva uvāca
kathayiṣye jagaddhātri durgāyāścaritaṃ śṛṇu |
ekā durgā jagaddhātrī eko hi paramaḥ śivaḥ || 2 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Höre von Durgas Wirken, Weltenmutter. Eine ist Durga, die Weltenmutter, einer der höchste Shiva.
Worterklärungen: ekā – eine; carita – Wirken.
I.4.3 madaṃśāścaiva ye bhūtāste śaivā nātra saṃśayaḥ |
tvadaṃśāścaiva śāktāśca satyaṃ vai girinandini || 3 ||
Übersetzung: Die Wesen, die meine Anteile sind, gehören zu Shiva; deine Anteile gehören zu Shakti. Das ist wahr, Bergestochter.
Worterklärungen: aṃśa – Anteil; śaiva – zu Shiva gehörig.
I.4.4 bahuvarṣasahasrānte śaivāḥ śaktiparāyaṇāḥ |
śāktāśca śāṅkarā devi yasya kasya kulodbhavāḥ || 4 ||
Übersetzung: Nach vielen Jahrtausenden wenden sich Shiva-Verehrer ganz Shakti zu; Shaktas gehören zu Shankara, welcher Familie sie auch entstammen.
Worterklärungen: śaktiparāyaṇa – ganz Shakti zugewandt; kula – Familie.
I.4.5 cāṇḍālā brāhmaṇāḥ śūdrāḥ kṣatriyā vaiśyasambhavāḥ |
ete śāktā jagaddhātri na mānuṣyāḥ kadācana || 5 ||
Übersetzung: Ob Chandala, Brahmane, Shudra, Kshatriya oder Vaishya: Als Shaktas sind sie, Weltenmutter, niemals bloß Menschen.
Worterklärungen: mānuṣya – menschlich; śākta – Shakti-Verehrer.
I.4.6 paśyanti mānuṣān loke kevalaṃ carmacakṣuṣā |
śraddhayā'śraddhayā vāpi yaḥ kaścinmānavaḥ smaret || 6 ||
Übersetzung: Nur mit den fleischlichen Augen sieht man sie als Menschen. Welcher Mensch auch immer mit oder ohne Vertrauen die Göttin erinnert –
Worterklärungen: carmacakṣus – fleischliches Auge; śraddhā – Vertrauen.
I.4.7 durgāṃ durgaśatottīrya sa yāti paramāṃ gatim |
yathendraśca kuberaśca varuṇaḥ sādhako yathā || 7 ||
Übersetzung: er überwindet hundert Bedrängnisse und erreicht das höchste Ziel. Wie Indra, Kubera und Varuna Übende sind,
Worterklärungen: durga – Bedrängnis; paramā gati – höchstes Ziel.
I.4.8 tathā ca sādhako loke durgābhaktiparāyaṇaḥ |
abhaktyāpi ca bhaktyā vā yaḥ smared rudragehinīm || 8 ||
Übersetzung: so auch der Durga ergebene Übende in der Welt. Wer Rudras Gemahlin mit oder ohne Hingabe erinnert,
Worterklärungen: rudragehinī – Rudras Gemahlin; smaret – erinnere.
I.4.9 sukhaṃ bhuktveha loke tu sa yāsyati śivālayam |
ihaiva svargaṃ narakaṃ mokṣaṃ vā girinandini || 9 ||
Übersetzung: genießt Glück in dieser Welt und gelangt zu Shivas Wohnstatt. Himmel, Hölle und Befreiung liegen schon hier, Bergestochter.
Worterklärungen: ihaiva – eben hier; śivālaya – Shivas Wohnstatt.
I.4.10 iha loke tu vāsaḥ syāt sarvaśaktimayaṃ jagat |
durgāyāḥ śatanāmāni śṛṇu tvaṃ bhavagehini || 10 ||
Übersetzung: Hier in dieser Welt sei der Aufenthalt: Die ganze Welt besteht aus Shakti. Höre nun Durgas hundert Namen, Gefährtin Bhavas.
Worterklärungen: śaktimaya – aus Shakti bestehend; śatanāman – hundert Namen.
I.4.11 durgā bhavānī deveśī viśvanāthapriyā śivā |
ghoradaṃṣṭrā karālāsyā muṇḍamālāvibhūṣitā || 11 ||
Übersetzung: Durga, Bhavani, Götterherrin, Geliebte des Weltenherrn, Heilvolle, mit furchtbaren Hauern und schrecklichem Angesicht, mit einer Schädelgirlande geschmückt.
Worterklärungen: ghoradaṃṣṭrā – furchtbar bezahnt; muṇḍamālā – Schädelgirlande.
I.4.12 rudrāṇī tāriṇī tārā māheśī bhavavallabhā |
nārāyaṇī jagaddhātrī mahādevapriyā jayā || 12 ||
Übersetzung: Rudrani, Retterin, Tara, Maheshi, Geliebte Bhavas, Narayani, Weltenmutter, Mahadevas Geliebte, Siegreiche.
Worterklärungen: tāriṇī – Retterin; jayā – Siegreiche.
I.4.13 vijayā ca jayārādhyā śarvāṇī haravallabhā |
asitā cāṇimā devī laghimā garimā tathā || 13 ||
Übersetzung: Vijaya, von Jaya Verehrte, Sharvani, Haras Geliebte, Dunkle, Kleinheit, Göttin, Leichtigkeit und Schwere.
Worterklärungen: aṇimā – Kleinwerden; laghimā – Leichtigkeit; garimā – Schwere.
I.4.14 maheśaśaktirviśveśī gaurī parvatanandinī |
nityā ca niṣkalaṅkā ca nirīhā nityanūtanā || 14 ||
Übersetzung: Maheshas Kraft, Allherrin, Gauri, Bergestochter, Ewige, Makellose, Wunschlose, ewig Neue.
Worterklärungen: nityanūtanā – ewig neu; nirīhā – wunschlos.
I.4.15 raktā raktamukhī vāṇī vasuyuktā vasupradā |
rāmapriyā rāmaratā raghunāthavarapradā || 15 ||
Übersetzung: Rote, Rotgesichtige, Rede, mit Reichtum Verbundene, Reichtum Schenkende, Rama Liebende, Rama Zugewandte, Raghunathas Gabenspenderin.
Worterklärungen: vasupradā – Reichtum schenkend; vāṇī – Rede.
I.4.16 bāhyeśvarī bāhyaratā kṛṣṇā kṛṣṇavarapradā |
yaśodā rādhikā caṇḍī draupadī rukmiṇī tathā || 16 ||
Übersetzung: Herrin des Äußeren, dem Äußeren Zugewandte, Dunkle, Krishna Gaben Schenkende, Yashoda, Radhika, Chandi, Draupadi und Rukmini.
Worterklärungen: bāhya – äußerlich; kṛṣṇā – Dunkle.
I.4.17 guhapriyā guharatā guhavaṃśavilālinī |
gaṇeśajananī mātā viśvarūpā ca jāhnavī || 17 ||
Übersetzung: Guha Liebende, Guha Zugewandte, in Guhas Geschlecht Spielende, Ganeshas Gebärerin, Mutter, Allgestaltige und Jahnavi.
Worterklärungen: jananī – Gebärerin; viśvarūpā – Allgestaltige.
I.4.18 gaṅgā kālī ca kāśī ca bhairavī bhuvaneśvarī |
nirmalā ca sugandhā ca devakī devapūjitā || 18 ||
Übersetzung: Ganga, Kali, Kashi, Bhairavi, Bhuvaneshvari, Makellose, Wohlriechende, Devaki und von Göttern Verehrte.
Worterklärungen: nirmalā – makellos; sugandhā – wohlriechend.
I.4.19 dakṣajā dakṣiṇā dakṣā dakṣayajñavināśinī |
suśīlā sundarī saumyā mātaṅgī kamalātmikā || 19 ||
Übersetzung: Dakshas Tochter, Dakshina, Geschickte, Vernichterin von Dakshas Opfer, Tugendhafte, Schöne, Sanfte, Matangi und Kamalatmika.
Worterklärungen: dakṣajā – Dakshas Tochter; saumya – sanft.
I.4.20 niśumbhanāśinī śumbhanāśinī caṇḍanāśinī |
dhūmralocanasaṃhartrīṃ mahiṣāsuramardinī || 20 ||
Übersetzung: Vernichterin Nishumbhas, Shumbhas und Chandas, Zerstörerin Dhumralochanas und Bezwingerin des Büffeldämons.
Worterklärungen: vināśinī – Vernichterin; mardinī – Bezwingerin.
I.4.21 umā gaurī karālā ca kāminī viśvamohanī |
jagadīśapriyā janmanāśinī bhavanāśinī || 21 ||
Übersetzung: Uma, Gauri, Furchtbare, Liebende, Weltbezaubernde, Geliebte des Weltenherrn, Beenderin von Geburt und gebundenem Dasein.
Worterklärungen: janmanāśinī – Geburt beendend; viśvamohanī – Weltbezaubernde.
I.4.22 ghoravaktrā lalajjihvā aṭṭahāsā digambarā |
bhāratī svargatā devi bhogadā mokṣadāyinī || 22 ||
Übersetzung: Schrecklich Angesichtige, mit bewegter Zunge, laut Lachende, Himmelsgewandete, Bharati, im Himmel Weilende, Genuss und Befreiung Schenkende.
Worterklärungen: digambarā – himmelsgewandet; bhogadā – Genuss schenkend.
I.4.23 ityevaṃ śatanāmāni kathitāni varānane |
nāmasmaraṇamātreṇa jīvanmukto na saṃśayaḥ || 23 ||
Übersetzung: So sind die hundert Namen erklärt, Schöne. Allein durch Erinnerung an diese Namen wird man zweifellos zu Lebzeiten frei.
Worterklärungen: nāmasmaraṇa – Namenserinnerung; jīvanmukta – zu Lebzeiten frei.
I.4.24 yaḥ paṭhet prātarutthāya smṛtvā durgāpadadvayam |
mucyate janmabandhebhyo nātra kāryā vicāraṇā || 24 ||
Übersetzung: Wer morgens aufsteht, Durgas beide Füße erinnert und diese Namen liest, wird von den Geburtsfesseln frei; daran soll man nicht zweifeln.
Worterklärungen: prātar – morgens; janmabandha – Geburtsfessel.
I.4.25 siddhikāle divābhāge niśāyāṃ vā niśāmukhe |
paṭhitvā śatanāmāni mantrasiddhiṃ labhed dhruvam || 25 ||
Übersetzung: Zur Zeit der Vollendung, tagsüber, nachts oder bei Nachtbeginn gewinnt man durch das Lesen der hundert Namen zuverlässig Mantra-Vollendung.
Worterklärungen: niśāmukha – Nachtbeginn; mantrasiddhi – Mantra-Vollendung.
I.4.26 ajñātvā stavarājaṃ tu daśavidyāṃ labhed yadi |
tathā naiva ca siddhiḥ syāt satyaṃ satyaṃ maheśvari || 26 ||
Übersetzung: Wer die zehn Vidyas empfängt, ohne diesen König der Lobgesänge zu kennen, erlangt dennoch keine Vollendung: Wahrlich, große Herrin.
Worterklärungen: stavarāja – König der Lobgesänge; daśavidyā – zehn Vidyas.
I.4.27 kāmarūpe kāmabhāge kāminīkāmamandire |
kāminīvallabho bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale || 27 ||
Übersetzung: In Kamarupa, im Bereich des Begehrens und im Liebestempel der Gefährtin werde man ihr Geliebter und wandle so auf Erden.
Worterklärungen: kāmamandira – Liebestempel; vallabha – Geliebter.
I.4.28 vāmabhāge tu ramaṇīṃ saṃsthāpya varavarṇini |
tāmbūlapūritamukhaḥ sarvadā tāriṇīṃ bhajet || 28 ||
Übersetzung: Die Gefährtin links neben sich, den Mund mit Betel gefüllt, verehre man stets Tarini, Schönangesichtige.
Worterklärungen: vāmabhāga – linke Seite; tāmbūla – Betel.
I.4.29 mahāniśābhāgamadhye vāme tu vāmalocanām |
kṛtvā japati tanmantraṃ siddhidaṃ sarvadehinām || 29 ||
Übersetzung: In der Mitte der tiefen Nacht setze man die schönäugige Frau links und wiederhole ihren allen Verkörperten Vollendung schenkenden Mantra.
Worterklärungen: mahāniśā – tiefe Nacht; siddhida – Vollendung schenkend.
I.4.30 vilokya mukhapadmaṃ ca vāmāyā ramaṇīmukhaḥ |
prakarotyaṭṭahāsaṃ ca tato durgā prasīdati || 30 ||
Übersetzung: Der Frau zugewandt betrachte man ihr Lotosgesicht und lache laut; dadurch wird Durga erfreut.
Worterklärungen: mukhapadma – Lotosgesicht; aṭṭahāsa – lautes Lachen.
I.4.31 paraṃ brahma paraṃ dhāma paramānandakārakam |
nityānandaṃ nirvikāraṃ nirīhaṃ tāriṇīpadam || 31 ||
Übersetzung: Taras Zustand ist höchstes Brahman, höchste Wohnstatt, Ursache höchster Glückseligkeit, ewig glückselig, unveränderlich und wunschlos.
Worterklärungen: paraṃ dhāma – höchste Wohnstatt; nirvikāra – unveränderlich.
I.4.32 dhyātvā mokṣamavāpnoti satyaṃ paramasundari |
yathā durgā tathā vāmā yathā vāmā tathā śivā || 32 ||
Übersetzung: Durch Meditation darüber erlangt man wahrhaft Befreiung. Wie Durga, so die Shakti-Gefährtin; wie diese, so die Göttin Shiva.
Worterklärungen: dhyātvā – meditiert habend; vāmā – Shakti, Gefährtin.
I.4.33 śivabhaktimayo bhūtvā viharet sarvadā śuciḥ |
vinā kālīpadadvandvaṃ kaḥ śākto dharaṇītale || 33 ||
Übersetzung: Von Shiva-Hingabe erfüllt wandle man stets in Reinheit. Welcher Shakta auf Erden könnte ohne Kalis beide Füße sein?
Worterklärungen: śuci – rein; padadvandva – beide Füße.
I.4.34 śaktihīnaḥ śavaḥ sākṣāt śaktiyuktaḥ sadāśivaḥ |
śaktiyukto bhaved viṣṇurathavā viṣṇureva hi || 34 ||
Übersetzung: Ohne Shakti ist er unmittelbar ein Leichnam, mit Shakti Sadashiva. Auch Vishnu besteht in Verbindung mit Shakti; die letzte Wendung ist wiederholend überliefert.
Worterklärungen: śaktihīna – ohne Shakti; śava – Leichnam.
I.4.35 rājamārgaṃ śaktimārgaṃ jānīhi jagadambike |
anyapūjā na kartavyā na stutirna ca bhāvanā || 35 ||
Übersetzung: Erkenne den Shakti-Weg als Königsweg, Weltenmutter. Andere Verehrung, anderer Lobpreis und andere Vergegenwärtigung sollen hier unterbleiben.
Worterklärungen: rājamārga – Königsweg; bhāvanā – Vergegenwärtigung.
I.4.36 na ca dhyānaṃ yogasiddhirnānyamantraṃ vicakṣaṇaiḥ |
kevalaṃ kālikāpādapadmaṃ bhavavighaṭṭanam || 36 ||
Übersetzung: Auch andere Meditation, Yoga-Vollendung oder andere Mantras sollen die Kundigen nicht suchen. Allein Kalis Lotosfüße lösen die Daseinsbindung.
Worterklärungen: bhavavighaṭṭana – Auflösung der Daseinsbindung; vicakṣaṇa – kundig.
I.4.37 nānyo devo na vā tīrthaṃ na dhyānaṃ na ca jalpanā |
na tīrthabhramaṇaṃ caṇḍi na vātra yogadhāraṇā || 37 ||
Übersetzung: Kein anderer Gott, kein Pilgerort, keine weitere Meditation oder Rede, keine Pilgerwanderung und keine zusätzliche yogische Konzentration sind hier nötig.
Worterklärungen: tīrthabhramaṇa – Pilgerwanderung; dhāraṇā – Konzentration.
I.4.38 stutirdurgā matirdurgā sthitirdurgā sadāśivaḥ |
kṣudhā nidrā dayābhrāntiḥ kṣāntirdurgā yato gatiḥ || 38 ||
Übersetzung: Lobpreis ist Durga, Denken ist Durga, Bestand ist Durga und Sadashiva. Hunger, Schlaf, Mitgefühl, Verwirrung und Geduld sind Durga, aus der der Weg hervorgeht.
Worterklärungen: dayā – Mitgefühl; bhrānti – Verwirrung; kṣānti – Geduld.
I.4.39 śaktiḥ śivaḥ śivaḥ śaktiḥ śaktirbrahmā janārdanaḥ |
śaktiḥ sūryaśca candraśca kubero varuṇaśca yaḥ || 39 ||
Übersetzung: Shakti ist Shiva, Shiva ist Shakti. Shakti ist Brahma, Vishnu, Sonne, Mond, Kubera und Varuna.
Worterklärungen: śakti – Kraft; janārdana – Vishnu.
I.4.40 śaktirūpaṃ jagat sarvaṃ yo na vetti sa pātakī |
evaṃ śaktimayaṃ viśvaṃ yo veda dharaṇītale || 40 ||
Übersetzung: Wer nicht erkennt, dass die ganze Welt Shakti-Gestalt ist, wird hier als verfehlt bezeichnet. Wer auf Erden das All als Shakti erkennt,
Worterklärungen: śaktirūpa – Shakti-Gestalt; pātakin – fehlgehend, sündig.
I.4.41 sa veda dharaṇīmadhye kālikāṃ jagadambikām |
sa eva sarvaśāstreṣu kovidaḥ sarvavallabhaḥ || 41 ||
Übersetzung: der erkennt Kalika, die Weltenmutter. Er ist in sämtlichen Schriften kundig und allen lieb.
Worterklärungen: kovida – kundig; sarvavallabha – allen lieb.
I.4.42 śmaśānasiddhiṃ labhate nātra kāryā vicāraṇā |
śūnyāgāraṃ śmaśānaṃ vā tulyaṃ paramakovidaiḥ || 42 ||
Übersetzung: Er erlangt Vollendung auf dem Leichenplatz, ohne Zweifel. Ein leeres Haus und ein Leichenplatz gelten den höchsten Kennern als gleichwertig.
Worterklärungen: śūnyāgāra – leeres Haus; tulya – gleichwertig.
I.4.43 yo vā gacchati tatraiva sa viśveśo bhaved dhruvam |
niśābhāge caturdaśyāmamāyāṃ haravallabhe || 43 ||
Übersetzung: Wer dorthin geht, wird gewiss Weltenherr. Nachts am vierzehnten Mondtag oder bei Neumond,
Worterklärungen: amā – Neumond; caturdaśī – vierzehnter Mondtag.
I.4.44 japedayutasaṃkhyaṃ ca sa siddhaḥ sarvakarmasu |
sa yogīndraḥ sa bhāvajñaḥ sa ghīraḥ sarvakarmasu || 44 ||
Übersetzung: wiederhole er zehntausendmal; so wird er in allen Handlungen vollendet, Herr der Yogis, Kenner der inneren Haltung und standhaft.
Worterklärungen: ayuta – zehntausend; bhāvajña – Kenner der Haltung.
I.4.45 nityānadaḥ sa vijñeyaḥ sarvakāryaviśāradaḥ |
prabhāte'śvatthamūle tu gatvā paramakobidaḥ || 45 ||
Übersetzung: Er gilt als stets glückselig und in allen Aufgaben erfahren. Frühmorgens gehe der Kundige unter einen Pippala-Baum,
Worterklärungen: aśvattha – Pippala-Baum; prabhāta – früher Morgen.
I.4.46 pūjayet parayā bhaktyā sāmiṣairlohitairapi |
bolvairbilvadalairvāpi bilvapuṣpaṃ varānane || 46 ||
Übersetzung: und verehre mit höchster Hingabe, mit Fleisch und Blut sowie Bilva-Blättern oder Bilva-Blüten. Die zusätzlich überlieferte Form bolva ist unsicher.
Worterklärungen: sāmiṣa – mit Fleisch; lohita – Blut.
I.4.47 japellakṣaṃ caturdaśyāmārabhya naganandini |
pañcamena yajed devīṃ bilvamūle divāniśam || 47 ||
Übersetzung: Beginnend am vierzehnten Mondtag wiederhole er hunderttausendmal; mit dem fünften Ritualbestandteil verehre er die Göttin unter dem Bilva-Baum bei Tag und Nacht.
Worterklärungen: lakṣa – hunderttausend; pañcama – fünfter Bestandteil.
I.4.48 tadā vāksiddhimāpnoti kṣudro vācaspatirbhavet |
āsanaṃ dvādaśavidhaṃ saṅketāsanamuttamam || 48 ||
Übersetzung: Dann gewinnt er Vollendung der Rede; selbst ein geringer Mensch wird zum Herrn der Sprache. Zwölf Sitze werden genannt; der Geheimzeichensitz gilt als vorzüglich.
Worterklärungen: vāksiddhi – Vollendung der Rede; dvādaśa – zwölf.
I.4.49 bhadrapīṭhāsanaṃ padmāsanaṃ siddhāsanaṃ tathā |
siddhasiddhāsanaṃ devyāsanaṃ ca kukkuṭāsanam || 49 ||
Übersetzung: Genannt werden Bhadrapithasana, Padmasana, Siddhasana, Siddhasiddhasana, Devyasana und Kukkutasana,
Worterklärungen: padmāsana – Lotossitz; kukkuṭāsana – Hahnensitz.
I.4.50 vīrāsanaṃ paraṃ bhadre cāsanaṃ varadāsanam |
siṃhāsanaṃ paraṃ devi śmaśānāsanamuttamam || 50 ||
Übersetzung: ferner der höchste Virasana, ein nicht näher bestimmter Sitz, Varadasana, der höchste Simhasana und der vorzügliche Leichenplatzsitz.
Worterklärungen: vīrāsana – Heldensitz; siṃhāsana – Löwensitz.
I.4.51 śavāsanaṃ varārohe devānāmapi durlabham |
yatrāśrayet paraṃ brahmāsanaṃ paramabhūṣitam || 51 ||
Übersetzung: Auch der Leichensitz, selbst für Götter schwer erreichbar, wird genannt: Auf ihm nehme man den höchsten, reich ausgestatteten Brahman-Sitz ein.
Worterklärungen: śavāsana – hier Sitz auf einem Leichnam; āśrayet – einnehmen.
I.4.52 vāmabhāge striyaṃ sthāpya dhūmāmodasugandhibhiḥ |
tāmbūlacarvaṇādyaiśca pūjayed bhavagehinīm || 52 ||
Übersetzung: Eine Frau links neben sich verehre man Bhavas Gemahlin mit wohlriechendem Räucherduft, Betelkauen und weiteren Gaben.
Worterklärungen: dhūma – Räucherduft; carvaṇa – Kauen.
I.4.53 bhavānīṃ tāriṇīṃ vidyāṃ brahmavidyāṃ manoharām |
stutvā mokṣamavāpnoti tatkṣaṇādeva śāṅkari || 53 ||
Übersetzung: Indem man Bhavani, die rettende Vidya, die schöne Brahma-Vidya preist, erlangt man augenblicklich Befreiung.
Worterklärungen: stutvā – gepriesen habend; brahmavidyā – Brahman-Wissen.
I.4.54 viśvamātarjayādhāre viśveśvari namo'stu te |
karālavadane ghore candraśekharavallabhe || 54 ||
Übersetzung: Weltenmutter, Grund des Sieges, Weltenherrin, Verehrung dir! Furchtbar Angesichtige, Schreckliche, Geliebte des Mondgeschmückten!
Worterklärungen: candraśekhara – mondgeschmückter Shiva; namas – Verehrung.
I.4.55 māṃ tāraya mahābhāge dehi siddhimanuttamām |
kāmakalpalatārūpe kāmeśvari kalāmate || 55 ||
Übersetzung: Rette mich, Erhabene, schenke höchste Vollendung! Du wunscherfüllende Ranke, Kameshvari, Trägerin der Kräfte!
Worterklärungen: tāraya – rette; kalpalatā – Wunschranke.
I.4.56 kāmarūpe ca vijaye nistāre yaśavāhinī |
gṛhītvā śavacāṇḍālaṃ dhṛtvā bhālaṃ mukhaṃ śiraḥ || 56 ||
Übersetzung: Kamarupa, Siegreiche, Befreierin, Ruhm Bringende! Danach beschreibt der Text das Herbeiholen eines Chandala-Leichnams und das Berühren von Stirn, Gesicht und Kopf,
Worterklärungen: śavacāṇḍāla – Chandala-Leichnam; bhāla – Stirn.
I.4.57 nāsāṃ karṇau ca hṛtpadmaṃ nābhiṃ liṅgaṃ gudaṃ tathā |
bāhū pṛṣṭhaṃ ca jaṭharaṃ dhṛtvā dhṛtvā muhurmuhuḥ || 57 ||
Übersetzung: von Nase, Ohren, Herz, Nabel, Geschlechtsorgan, After, Armen, Rücken und Bauch, immer wieder.
Worterklärungen: nābhi – Nabel; liṅga – Geschlechtsorgan; pṛṣṭha – Rücken.
I.4.58 ādau māyāṃ punarmāyāṃ punarmāyāṃ niyojayet |
vadhūbījaṃ tathā lajjā sarvāṅge nikṣipenmanum || 58 ||
Übersetzung: Zuerst wird dreimal das Maya-Zeichen eingesetzt; dann Vadhubija und Lajja. Der Mantra wird auf den ganzen Körper gelegt.
Worterklärungen: vadhūbīja – Braut-Bija; nyāsa – rituelles Einsetzen, sinngemäß.
I.4.59 aṣṭottaramanuṃ japtvā kṛtvā ca vandanaṃ śivam |
punarvihārabījena nīladravyeṇa cakṣuṣā || 59 ||
Übersetzung: Nach 108 Mantrawiederholungen und heilvoller Verehrung folgt eine unklare Anweisung mit einem Vihara-Bija, blauem Material und dem Auge.
Worterklärungen: aṣṭottara – hier verkürzt 108; nīladravya – blaues Material.
I.4.60 tatkṣaṇād devadeveśi jāyate nātra saṃśayaḥ |
śūnyāgāre maheśāni bhaved dhanadadiṅmukhaḥ || 60 ||
Übersetzung: Dann entsteht augenblicklich das Ergebnis, dessen Bezeichnung hier fehlt. Im leeren Haus soll man nach Norden, in Kuberas Richtung, ausgerichtet sein.
Worterklärungen: dhanadadiś – Kuberas Richtung, Norden; śūnyāgāra – leeres Haus.
I.4.61 śaṅkhamālā gṛhītavyā sphāṭikī vā'tha rājatī |
cāmīkaramayī mālā pravālaghaṭitā'thavā || 61 ||
Übersetzung: Man nehme eine Kette aus Muschelmaterial, Kristall, Silber, Gold oder Korallen.
Worterklärungen: śaṅkha – Muschel; rājatī – silbern; pravāla – Koralle.
I.4.62 mūrdhni deśe kullukāṃ ca japtvā śatamanuttamam |
tadā mantraṃ japenmantrī maheśo nātra saṃśayaḥ || 62 ||
Übersetzung: Nachdem die Kulluka am Scheitel hundertmal wiederholt wurde, übe der Mantrakenner seinen Mantra; so ist er zweifellos Mahesha.
Worterklärungen: kullukā – begleitende Schutzformel; mūrdhan – Scheitel.
I.4.63 sa śaktaḥ śivabhaktaśca bhairavaśca sadāśivaḥ |
kulīnaśca kulajñaśca yo japet tāriṇīmanum || 63 ||
Übersetzung: Wer Tarinis Mantra wiederholt, ist Shakta, Shiva-Verehrer, Bhairava, Sadashiva, Kula-Angehöriger und Kula-Kenner.
Worterklärungen: kulajña – Kula-Kenner; manu – Mantra.
I.4.64 hṛtpadmagāṃ jagaddhātrīṃ mūrdhniṃ saṃsthāṃ sureśvarīm |
bhujaṅginīṃ jāgariṇīṃ bhujagādivibhūṣitām || 64 ||
Übersetzung: Man vergegenwärtige die Weltenmutter im Herzenslotos und die Götterherrin am Scheitel, schlangengestaltig, wachend und mit Schlangen geschmückt,
Worterklärungen: bhujaṅginī – Schlangenförmige; jāgariṇī – Wachende.
I.4.65 nāradādyaiḥ sādhakendraiḥ sevitāṃ siddhasevitām |
aśvatthe bilvamūle vā svajāyāmandire'thavā || 65 ||
Übersetzung: verehrt von Narada und anderen großen Übenden und Siddhas, unter einem Pippala- oder Bilva-Baum oder im Haus der eigenen Frau.
Worterklärungen: siddhasevitā – von Siddhas verehrt; svajāyā – eigene Frau.
I.4.66 devīṃ vā kāminīṃ vāpi dhyāyet paramadevatām |
ādyāṃ jyotirmayīṃ vidyāmabhayāṃ varadāṃ śivām || 66 ||
Übersetzung: Als Göttin oder Gefährtin meditiere man die höchste Gottheit: die ursprüngliche, lichtförmige Vidya, Furchtlosigkeit und Gaben schenkend, heilvoll.
Worterklärungen: ādyā – ursprüngliche; jyotirmayī – lichtförmig.
I.4.67 praṇameta stutibhiścaṇḍīṃ sarvadoṣanikṛntanīm |
śmaśānasthaḥ śivastho'pi paṭhet kavacamuttamam || 67 ||
Übersetzung: Man verneige sich mit Lobgesängen vor Chandika, die alle Fehler ausmerzt. Auf dem Leichenplatz oder bei Shiva lese man den vorzüglichen Schutztext.
Worterklärungen: kavaca – Schutztext; doṣa – Fehler.
I.4.68 tadā śmaśāne deveśi śave vā varavarṇini |
siddhirbhaviṣyati tadā parapakṣā na bhairavāḥ || 68 ||
Übersetzung: Dann entsteht am Leichenplatz oder auf dem Leichnam Vollendung; die Bhairavas stehen nicht auf der Gegenseite.
Worterklärungen: parapakṣa – Gegenseite; siddhi – Vollendung.
I.4.69 unmattaḥ krodhanaścaiva bhairavo baṭukātmakaḥ |
saṃhāro bhīṣaṇaścaiva tathā ca kālabhairavaḥ || 69 ||
Übersetzung: Unmatta, Krodhana, Bhairava in Batuka-Gestalt, Samhara, Bhishana und Kalabhairava werden genannt,
Worterklärungen: unmatta – Entrückter; krodhana – Zorniger.
I.4.70 mahākālabhairavaśca ete vai vasusaṅkhyakāḥ |
dṛṣṭvā śmaśānaṃ deveśi śavasādhanameva ca || 70 ||
Übersetzung: ferner Mahakalabhairava. Sie werden als acht bezeichnet, obwohl die Namensgliederung nicht eindeutig acht ergibt. Wenn sie Leichenplatz und Leichenpraxis sehen,
Worterklärungen: vasusaṃkhyaka – acht an Zahl; mahākāla – große Zeit.
I.4.71 nṛtyanti bhairavāḥ sarve garjanti raktalocanāḥ |
adya matsadṛśo vāpi adyaiva vātulo'pi vā || 71 ||
Übersetzung: tanzen und brüllen alle Bhairavas mit roten Augen. Die folgende Rede „Heute einer wie ich, heute wohl ein Entrückter“ ist elliptisch überliefert.
Worterklärungen: nṛtyanti – sie tanzen; raktalocana – rotäugig.
I.4.72 śavaśmaśānayormadhye na jānāmi kathañcana |
mā bhaiṣīrbhairavāḥ sarve vadiṣyanti ca bandhanāt || 72 ||
Übersetzung: „Zwischen Leichnam und Leichenplatz weiß ich es nicht genau.“ Alle Bhairavas werden „Fürchte dich nicht!“ sagen; der Anschluss „aus der Bindung“ ist unklar.
Worterklärungen: mā bhaiṣīḥ – fürchte dich nicht; bandhana – Bindung.
I.4.73 siṃhavyāghravarāhādyāḥ ke vā garjanti sarvataḥ |
mā bhaiṣīścaiva mā bhaiṣīrmā bhaiṣīścaiva sādhaka || 73 ||
Übersetzung: Löwen, Tiger, Eber und andere brüllen ringsum. „Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, Übender!“
Worterklärungen: varāha – Eber; sādhaka – Übender.
I.4.74 yo vā vadiṣyati puraḥ sa gurustattvakovidaḥ |
vinā tantraparijñānād vinā guruniṣevaṇāt || 74 ||
Übersetzung: Wer vor ihm so spricht, ist der wirklichkeitskundige Guru. Ohne gründliche Tantra-Kenntnis und Dienst am Guru,
Worterklärungen: tattvakovida – wirklichkeitskundig; guruniṣevaṇa – Guru-Dienst.
I.4.75 prāṇāyāmād vinā dhyānād vinā mantravicālanāt |
vinā jñānād vinā nyāsād vinā śavavibandhanāt || 75 ||
Übersetzung: ohne Pranayama, Meditation, Belebung des Mantras, Erkenntnis, Nyasa und rituelle Bindung des Leichnams,
Worterklärungen: mantravicālana – Bewegung, Belebung des Mantras; nyāsa – Einsetzen.
I.4.76 vinā bhāvād vinā lābhād vinā satsaṅgasevanāt |
vinā jāpād vinā tāpād vināpi kāmamandirāt || 76 ||
Übersetzung: ohne innere Haltung, Erlangen, Gemeinschaft mit Wahrhaftigen, Japa, Askese und Liebestempel,
Worterklärungen: satsaṅga – Gemeinschaft mit Wahrhaftigen; tapas – Askese.
I.4.77 nahi sidhyati deveśi pratyakṣaṃ haravallabhā |
yadi bhāgyavaśād devi pratyakṣaṃ haravallabhā ||
tadaiva jāyate siddhirmahāvidyā prasīdati || 77 ||
Übersetzung: wird Haras Geliebte nicht unmittelbar verwirklicht. Wenn sie aber durch glückliche Fügung unmittelbar erscheint, entsteht Vollendung und die große Vidya zeigt sich gnädig.
Worterklärungen: pratyakṣa – unmittelbar gegenwärtig; bhāgya – glückliche Fügung.
|| iti muṇḍamālātantre pārvatīśvarasaṃvāde caturthaḥ paṭalaḥ || 4 ||
Hier endet Kapitel 4 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 5
I.5.1 atha pañcamaḥ paṭalaḥ
ekadā pārvatī devī kailāsanilayāśrayā |
aṭṭahāsaṃ prakurvantī prāha gadgadayā girā || 1 ||
Übersetzung: Einst sprach Parvati in ihrer Wohnstatt auf dem Kailasa, laut lachend und mit bewegter Stimme.
Worterklärungen: gadgadayā girā – mit bewegter Stimme; aṭṭahāsa – lautes Lachen.
I.5.2 śrīpārvatī uvāca
devadeva mahādeva viśvanātha sadāśiva |
pṛcchāmi jagadīśāna mama mandiragharṣaṇam || 2 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Mahadeva, Weltenherr, Sadashiva! Ich frage nach dem Reiben meines Tempels, einer sexualrituellen Chiffre.
Worterklärungen: mandiragharṣaṇa – Reiben des Tempels, sexualrituelle Bildsprache.
I.5.3 kiṃvidhaṃ vāpi bho nātha kasmin kāle maheśvara |
śivaśaktimayaṃ brahma nityānandamayaṃ vapuḥ || 3 ||
Übersetzung: Wie und zu welcher Zeit geschieht dies, großer Herr? Brahman besteht aus Shiva und Shakti, seine Gestalt aus ewiger Glückseligkeit.
Worterklärungen: nityānandamaya – aus ewiger Glückseligkeit bestehend; kasmin kāle – zu welcher Zeit.
I.5.4 navakanyāpūjanaṃ ca śrutaṃ viśveśvara prabho |
kumārīpūjanaṃ deva śrutaṃ tava prasādataḥ || 4 ||
Übersetzung: Von der Verehrung der neun Mädchen und der Kumari-Verehrung habe ich durch deine Gnade gehört, Weltenherr.
Worterklärungen: navakanyāpūjana – Verehrung von neun Mädchen; kumārī – jungfräuliche Göttinnengestalt.
I.5.5 śrīśiva uvāca
śṛṅgāraṃ dvādaśavidhaṃ viparītaṃ caturvidham |
caturvidhaṃ ca śaivānāṃ naveṣu ca kareṣu ca || 5 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Die Liebesvereinigung wird zwölf-, die umgekehrte vierfach beschrieben; die anschließende Viererteilung der Shaivas und die Wörter naveṣu kareṣu sind undeutlich.
Worterklärungen: śṛṅgāra – Liebesvereinigung; viparīta – umgekehrt.
I.5.6 yo na jānāti viśveśi sa paśurnātra saṃśayaḥ |
paśoragre na prakāśyaṃ na prakāśyaṃ kathañcana || 6 ||
Übersetzung: Wer dies nicht kennt, gilt als gebundenes Wesen. Vor einem solchen soll es keinesfalls offenbart werden.
Worterklärungen: paśu – gebundenes Wesen; na prakāśya – nicht zu offenbaren.
I.5.7 paśustu dāruṇaḥ śatruḥ sarvabhāvavilopakṛta |
kalpakoṭiśatenāpi vatsareṇāpi śāṅkari || 7 ||
Übersetzung: Ein solcher gilt hier als gefährlicher Gegner, der jede innere Haltung zerstört; selbst in zahllosen Weltaltern und Jahren –
Worterklärungen: bhāvavilopakṛt – innere Haltung zerstörend; dāruṇa – gefährlich.
I.5.8 nahi sidhyati viśveśi satyaṃ satyaṃ vadāmyaham |
śṛṅgārarasalāvaṇyaṃ yo na jānāti paṇḍitaḥ || 8 ||
Übersetzung: gelangt er nicht zur Vollendung, wahrlich. Ein Gelehrter, der die Anmut der Liebeserfahrung nicht kennt,
Worterklärungen: śṛṅgārarasa – Liebeserfahrung; lāvaṇya – Anmut.
I.5.9 sa mūrkhaḥ sarvaśāstreṣu śaktibhraṣṭo na saṃśayaḥ |
śṛṅgārarasalāvaṇye śāktānando yathā bhavet || 9 ||
Übersetzung: wird als unwissend in allen Schriften und von Shakti abgefallen bezeichnet. Die Freude, die ein Shakta in dieser Liebesanmut erfährt,
Worterklärungen: śaktibhraṣṭa – von Shakti abgefallen; ānanda – Freude.
I.5.10 na śaive vaiṣṇave vāpi saure vā gāṇapatyake |
tathānando maheśāni jāyate na kathañcana || 10 ||
Übersetzung: entsteht nach dieser polemischen Aussage nicht ebenso bei Shiva-, Vishnu-, Sonnen- oder Ganesha-Verehrern.
Worterklärungen: śaiva – Shiva-Verehrer; gāṇapatya – Ganesha-Verehrer.
I.5.11 śivo jātiḥ śivo gātraṃ śivo dharmaḥ śivo ratiḥ |
śivaḥ kartā śivaḥ pātā śivo hartā śivātmakaḥ || 11 ||
Übersetzung: Shiva ist Herkunft, Körper, Dharma und Liebesfreude. Shiva erschafft, bewahrt und löst auf; alles trägt Shivas Wesen.
Worterklärungen: gātra – Körper; rati – Liebesfreude; hartṛ – Auflöser.
I.5.12 śivo buddhiḥ śivaḥ śāntiḥ śivo gatiḥ śivo matiḥ |
śivaḥ kriyā śivaḥ śaktiḥ śivo muktiḥ śivātmikā || 12 ||
Übersetzung: Shiva ist Einsicht, Frieden, Weg und Denken. Shiva ist Handeln, Kraft und Befreiung, deren Wesen Shiva ist.
Worterklärungen: buddhi – Einsicht; śānti – Frieden; mukti – Befreiung.
I.5.13 śivo'haṃ nātra sandeho jīvo'haṃ śiva eva hi |
ityevaṃ yasya manasi vartate girinandini || 13 ||
Übersetzung: „Ich bin Shiva, daran besteht kein Zweifel; ich bin ein Lebewesen und eben Shiva.“ Wem dies im Geist gegenwärtig ist,
Worterklärungen: śivo'ham – ich bin Shiva; manas – Geist.
I.5.14 tadaiva jāyate siddhirmuktiravyabhicāriṇī |
śaktimārge vārārohe'vadhūtaḥ śaṅkaraḥ svayam || 14 ||
Übersetzung: bei dem entstehen Vollendung und unwandelbare Befreiung. Auf dem Shakti-Weg ist der Avadhuta Shankara selbst.
Worterklärungen: avadhūta – bindungsfreier Asket; avyabhicāriṇī – unwandelbar.
I.5.15 avadhūtī yasya vāmā'vadhūtastu svayaṃ bhavet |
yatra kutra nivāsaśca kailāso nātra saṃśayaḥ || 15 ||
Übersetzung: Ist seine Gefährtin Avadhuti und er selbst Avadhuta, ist sein Wohnort, wo immer er liegt, zweifellos Kailasa.
Worterklärungen: nivāsa – Wohnort; vāmā – Gefährtin.
I.5.16 mandiraṃ tasya kailāsaṃ stambhaṃ maṇimayaṃ smṛtam |
vṛkṣāśca parvatāścaiva kṣudrāḥ sarvapriye śive || 16 ||
Übersetzung: Sein Haus ist Kailasa, seine Säulen gelten als edelsteinbesetzt; Bäume und Berge werden als klein bezeichnet, Allgeliebte. Der Schluss ist undeutlich.
Worterklärungen: maṇimaya – edelsteinbesetzt; stambha – Säule.
I.5.17 kṣudrāśca bāndhavā rudrāḥ supradhānāḥ sadāśivāḥ |
bhairavāḥ kiṅkarāḥ sarve bhairavyaśceṭikādikāḥ || 17 ||
Übersetzung: Die geringeren Angehörigen sind Rudras, die führenden Sadashivas; alle Diener sind Bhairavas, Dienerinnen Bhairavis.
Worterklärungen: bāndhava – Angehöriger; kiṅkara – Diener.
I.5.18 evaṃ kailāsabhavanaṃ sarvānandakaraṃ param |
manoharaṃ sukhamayaṃ sarvaśāntimayaṃ tathā || 18 ||
Übersetzung: So ist diese Kailasa-Wohnstatt höchst freudebringend, herzerfreuend, voller Glück und Frieden.
Worterklärungen: sukhamaya – voller Glück; śāntimaya – voller Frieden.
I.5.19 sarvapriyaṃ guṇamayaṃ sarvasaukhyādisambhavam |
evaṃ sarvamayaṃ saukhyaṃ yo vai drakṣyati he priye || 19 ||
Übersetzung: Allen lieb, voller Vorzüge, Ursprung aller Freuden: Wer dieses allumfassende Glück so sieht, Geliebte,
Worterklärungen: guṇamaya – voller Vorzüge; saukhya – Glück.
I.5.20 sarvaśaktiyuto bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale |
kṛṣṇāṣṭamyāṃ navamyāṃ vā prajapedayutaṃ niśi || 20 ||
Übersetzung: wandelt mit allen Kräften verbunden auf Erden. In der Nacht des achten oder neunten dunklen Mondtages wiederhole man zehntausendmal.
Worterklärungen: ayuta – zehntausend; kṛṣṇāṣṭamī – achter dunkler Mondtag.
I.5.21 tadā siddhimavāpnoti mantrakālapuraḥsaraḥ |
evaṃ kriyā prakartavyā guptā guptatarā smṛtā || 21 ||
Übersetzung: Dann erlangt man Vollendung unter Beachtung von Mantra und Zeit. Diese Handlung soll als streng geheime Praxis vollzogen werden.
Worterklärungen: gupta – geheim; kriyā – Handlung.
I.5.22 guptā guptarā pūjā prakarāt siddhināśinī |
antaḥśāktā bahiḥśaivāḥ sabhāyāṃ vaiṣṇavā matāḥ || 22 ||
Übersetzung: Die Verehrung ist streng geheim; Veröffentlichung zerstört ihre Vollendung. Innerlich gelten die Kaulas als Shaktas, äußerlich als Shaivas, in Versammlungen als Vaishnavas.
Worterklärungen: antaḥ – innerlich; bahiḥ – äußerlich; sabhā – Versammlung.
I.5.23 nānārūpadharāḥ kaulā vicaranti mahītale |
evaṃ vidhānasambhūtaṃ śrutaṃ tantraṃ ca mohanam || 23 ||
Übersetzung: Vielerlei Gestalten annehmend wandeln Kaulas auf Erden. Von dieser Ordnung und dem bezaubernden Tantra hast du gehört,
Worterklärungen: nānārūpadhara – vielerlei Gestalten annehmend; kaula – Kula-Praktizierender.
I.5.24 kulajñānaṃ kulīnasya yoginīhṛdayaṃ śrutam |
sammohanaṃ vīratantraṃ śrutaṃ śrītantramuttamam || 24 ||
Übersetzung: von Kula-Erkenntnis, Yoginihridaya, Sammohana, Vira-Tantra und dem höchsten Shri-Tantra,
Worterklärungen: kulajñāna – Kula-Erkenntnis; hṛdaya – Herz.
I.5.25 kulārṇavastathā kālītantraṃ kālīvilāsakam |
śrīkālīkalpalatikā śrutā paramamādarāt || 25 ||
Übersetzung: von Kularnava, Kali-Tantra, Kalivilasaka und Shri-Kalikalpalatika, alles mit höchster Achtung.
Worterklärungen: paramādara – höchste Achtung; śruta – gehört.
I.5.26 matabhede ca guptā sā pūjā prakaṭanāśinī |
antaḥśāktā bahiḥśāktāḥ kriyāśāktā varānane || 26 ||
Übersetzung: Eine andere Lehrmeinung erklärt ebenfalls die Geheimhaltung der Verehrung, beschreibt ihre Anhänger aber innerlich, äußerlich und in ihren Handlungen als Shaktas.
Worterklärungen: matabheda – andere Lehrmeinung; kriyā – Handlung.
I.5.27 bhaktiśāktāḥ kāmaśāktā dhyānaśāktā maheśvari |
ratiśāktāḥ śaktiśāktāḥ sarvakarmasu nānyathā || 27 ||
Übersetzung: Sie sind Shaktas in Hingabe, Begehren, Meditation, Liebe, Kraft und allen Handlungen, große Herrin.
Worterklärungen: dhyāna – Meditation; kāma – Begehren.
I.5.28 antaḥśaivā bahiḥśivāḥ sabhāyāṃ vā gṛhe'thavā |
vaiṣṇavāstādṛśā eva sarvakāleṣu śaṅkari || 28 ||
Übersetzung: Ebenso bleiben Shaivas innerlich und äußerlich Shaivas, in Versammlung wie zu Hause; Vaishnavas verhalten sich entsprechend, zu jeder Zeit.
Worterklärungen: sarvakāla – jede Zeit; gṛha – Haus.
I.5.29 ityevaṃ paramo bhāvo gaditaḥ sarvayoniṣu |
evaṃ bhāvaṃ samāśritya śāktāḥ paramapūjakāḥ || 29 ||
Übersetzung: So ist die höchste Haltung für alle Ursprünge beziehungsweise Daseinsformen erklärt. Darauf gestützt sind Shaktas höchste Verehrer,
Worterklärungen: paramabhāva – höchste Haltung; yoni – Ursprung, Daseinsform.
I.5.30 nityānandamayāḥ sarve trinetrāścandraśekharāḥ |
sadā śaktivihāraṃ ca sadānandapariplutāḥ || 30 ||
Übersetzung: alle aus ewiger Glückseligkeit bestehend, dreiäugig und mondgeschmückt, stets im Spiel mit Shakti und von dauernder Freude erfüllt.
Worterklärungen: śaktivihāra – Spiel mit Shakti; paripluta – erfüllt.
I.5.31 sadānandaḥ sa vijñeyaḥ sarvakarmasu kauśalaḥ |
kuladharmaṃ samāśritya ye vasanti mahītale || 31 ||
Übersetzung: Ein solcher gilt als stets glückselig und in allem Handeln geschickt. Wer auf Erden im Kula-Dharma lebt,
Worterklärungen: kauśala – Geschick; kuladharma – Kula-Lebensordnung.
I.5.32 te śivāste śivā jīvā bhavanti kuladharmataḥ |
kulīnaḥ śaṅkaro deva kulīnastu hariḥ svayam || 32 ||
Übersetzung: dessen lebendige Wesenheit wird durch Kula-Dharma zu Shiva. Kula-Angehöriger ist Shankara, ebenso Hari selbst.
Worterklärungen: kulīna – Kula-Angehöriger; hari – Vishnu.
I.5.33 kulīno vāsavo devaḥ kulīnastu pitāmahaḥ |
kulīnā munayaḥ sarve kulīnāḥ pitaraḥ smṛtāḥ || 33 ||
Übersetzung: Kula-Angehörige sind Indra, Brahma, alle Weisen und die Ahnen.
Worterklärungen: vāsava – Indra; pitāmaha – Brahma; pitṛ – Ahne.
I.5.34 kinnarāśca kulīnāśca narāśca paśujīvinaḥ |
asurāśca kulīnāśca kulajā na kulīnakāḥ || 34 ||
Übersetzung: Kinnaras, Menschen, tierisch lebende Wesen und Asuras werden ebenfalls genannt. Der Schluss unterscheidet Kula-Geborene von wirklichen Kula-Angehörigen, doch die Syntax ist widersprüchlich.
Worterklärungen: kulaja – im Kula geboren; kulīna – wirklicher Kula-Angehöriger.
I.5.35 ato na bhaktirno muktirasurāṇāṃ kadācana |
rākṣasāśca kulīnāśca gandharvāpsarayakṣajāḥ || 35 ||
Übersetzung: Deshalb wird Asuras hier Hingabe und Befreiung abgesprochen. Danach werden Rakshasas, Gandharvas, Apsaras und Yakshas wieder unter Kula-Angehörigen genannt.
Worterklärungen: asura – Gegengott; mukti – Befreiung.
I.5.36 devībhaktiṃ samāsthāya kṛtārthaśca mahītale |
vinā durgāparijñānād viphalaṃ pūjanaṃ japaḥ || 36 ||
Übersetzung: Durch Hingabe an die Göttin erreicht man auf Erden sein Ziel. Ohne Erkenntnis Durgas bleiben Verehrung und Japa fruchtlos,
Worterklärungen: kṛtārtha – zum Ziel gelangt; viphala – fruchtlos.
I.5.37 tapaḥ kriyā viśuddhiḥ syādetat sarvamanarthakam |
mūrkho vā paṇḍito vāpi brāhmaṇo vā varānane || 37 ||
Übersetzung: ebenso Askese, Ritual und Reinigung. Ob unwissend, gelehrt oder Brahmane,
Worterklärungen: viśuddhi – Reinigung; paṇḍita – gelehrt.
I.5.38 kṣatriyo vaiśyajaḥ śūdraścāṇḍālo varavarṇini |
sarve tulyāśca śāktāśca hyetat sarvārthasādhakam || 38 ||
Übersetzung: Kshatriya, Vaishya, Shudra oder Chandala: Alle Shaktas sind gleich. Dies ist ein Mittel zur Verwirklichung aller Ziele.
Worterklärungen: sarve tulyāḥ – alle gleich; arthasādhaka – Ziele verwirklichend.
I.5.39 śṛṇu devi varārohe mama vākyaṃ suniścitam |
śṛṅgārarasalāvaṇyaṃ kovidaḥ sarvakarmasu || 39 ||
Übersetzung: Höre meine eindeutige Aussage, Göttin: Wer die Anmut der Liebeserfahrung kennt, ist in allen Handlungen kundig; der Satz ist verkürzt.
Worterklärungen: suniścita – eindeutig; kovida – kundig.
I.5.40 śṛṅgārājjāyate sṛṣṭiḥ śṛṅgārājjāyate ratiḥ |
śṛṅgārācchaṅkarastuṣṭaḥ śṛṅgārādapi pārvati || 40 ||
Übersetzung: Aus Liebe entsteht Schöpfung, aus Liebe Liebesfreude; durch Liebe wird Shankara erfreut, Parvati,
Worterklärungen: sṛṣṭi – Schöpfung; śṛṅgāra – Liebe, erotische Erfahrung.
I.5.41 santuṣṭā tvaṃ ca santuṣṭo hyahameva varānane |
śṛṅgāraśabdaṃ lalitaṃ karkaśaṃ vā sureśvari || 41 ||
Übersetzung: und du wie ich werden erfreut. Ob das Wort der Liebe sanft oder rau ausgesprochen wird,
Worterklärungen: lalita – sanft, anmutig; karkaśa – rau.
I.5.42 śṛṅgāraśabdamātreṇa janā yāsyanti sadgatim |
striyo devyaḥ striyaḥ prāṇāḥ striya eva hi bhūṣaṇam || 42 ||
Übersetzung: allein durch dieses Liebeswort gelangen Menschen zum guten Ziel. Frauen sind Göttinnen, Frauen sind Lebenskräfte, Frauen sind wahrer Schmuck.
Worterklärungen: striyaḥ devyaḥ – Frauen sind Göttinnen; prāṇa – Lebenshauch.
I.5.43 strīdveṣo naiva kartavyastāsu nindāṃ prahārakam |
varjayed devadeveśi ghṛṇālajjāvivarjitaḥ || 43 ||
Übersetzung: Frauenhass soll niemals geübt werden. Schmähung und Schlagen von Frauen sind zu unterlassen; dabei sei man frei von Abscheu und falscher Scham.
Worterklärungen: strīdveṣa – Frauenhass; prahāra – Schlagen; varjayet – unterlassen.
I.5.44 strīrūpaṃ tāriṇīrūpaṃ yo vetti dharaṇītale |
sa strīpatiśca vijñeyaḥ sa eva pārvatīpatiḥ || 44 ||
Übersetzung: Wer die Gestalt der Frau als Gestalt Tarinis erkennt, gilt als ihr Gefährte und als Parvatis Herr.
Worterklärungen: strīrūpa – Frauengestalt; tāriṇīrūpa – Tarini-Gestalt.
I.5.45 kuje śanaiścare vāre gurau vā bhārgave tathā |
tṛtīyāṃ vā dvitīyāṃ vā pūjayed bhaktibhāvataḥ || 45 ||
Übersetzung: Am Dienstag, Samstag, Donnerstag oder Freitag, am dritten oder zweiten Mondtag, verehre man hingebungsvoll.
Worterklärungen: kuja – Mars, Dienstag; bhārgava – Venus, Freitag.
I.5.46 prathamo bhaktisampanno jano vāpi janārdanaḥ |
ādyāṃ jyotirmayīṃ devīṃ caturthī vāpi śāṅkari || 46 ||
Übersetzung: Der Hingebungsvolle wird Janardana gleich. Die ursprüngliche lichtförmige Göttin und der vierte Mondtag werden genannt; die syntaktische Verbindung bleibt unklar.
Worterklärungen: ādyā – ursprüngliche; caturthī – vierter Mondtag.
I.5.47 pūjayet pañcamīṃ vidyāṃ pañcamena vibhūṣitām |
pañcānanapriyāṃ durgāṃ pūjayed bhaktibhāvataḥ || 47 ||
Übersetzung: Man verehre die fünfte Vidya, mit dem fünften Bestandteil ausgestattet, Durga, die Geliebte des Fünfgesichtigen, voller Hingabe.
Worterklärungen: pañcānana – fünfgesichtiger Shiva; pañcama – fünfter.
I.5.48 eṣā kriyā varārohe sāttvikī rājasī tathā |
tāmasī caiva deveśi śrutā pūjā maheśvari || 48 ||
Übersetzung: Diese Handlung wird sattvig, rajasig oder tamasig ausgeführt; von diesen Verehrungsweisen hast du gehört.
Worterklärungen: sāttvikī – klar; rājasī – leidenschaftlich; tāmasī – dunkel.
I.5.49 yā yā pūjā nigaditā sā sā pūjā tvayā śrutā |
idānīṃ kuṇḍapuṣpeṇa golapuṣpeṇa śāṅkarī || 49 ||
Übersetzung: Alle erklärten Verehrungsweisen hast du gehört. Nun werden die Kuṇḍa- und Gola-Blüten genannt,
Worterklärungen: kuṇḍapuṣpa, golapuṣpa – sexualrituelle Substanzen, vgl. II.4.22.
I.5.50 cakrapuṣpeṇa śūlena vajrapuṣpeṇa pārvati |
kālapuṣpeṇa deveśi pūjayeddharavallabhām || 50 ||
Übersetzung: ferner Chakra-, Dreizack-, Vajra- und Kala-Blüten als Gaben für Haras Geliebte. Ihre genauen Stoffzuordnungen werden hier nicht erklärt.
Worterklärungen: puṣpa – Blüte, Ritualchiffre; śūla – Dreizack.
I.5.51 tadā siddhimavāpnoti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
kulamārge rato jīvaḥ śiva eva na saṃśayaḥ || 51 ||
Übersetzung: So erlangt man wahrhaft Vollendung. Ein Lebewesen, das dem Kula-Weg zugewandt ist, ist zweifellos Shiva.
Worterklärungen: kulamārga – Kula-Weg; rata – zugewandt.
I.5.52 kuladharmārthago janturviharet kulamārgake |
kulapuṣpaṃ samāśritya kulīnāśramamāśrayet || 52 ||
Übersetzung: Wer den Sinn des Kula-Dharma verfolgt, wandle auf diesem Weg und nehme mit der Kula-Blüte den Lebensstand des Kula-Angehörigen an.
Worterklärungen: āśrama – Lebensstand; kulapuṣpa – Kula-Blüte.
I.5.53 kalau matsyaṃ kalau māṃsaṃ madyaṃ mudrāṃ ca maithunam |
yathā divyastathā vīro nāsti bhinnaḥ śucismiteḥ || 53 ||
Übersetzung: Im Kali-Zeitalter werden Fisch, Fleisch, Wein, Mudra und sexuelle Vereinigung genannt. Göttlicher und heroischer Übender sind darin nicht verschieden.
Worterklärungen: mudrā – hier rituelle Getreidegabe; maithuna – sexuelle Vereinigung.
I.5.54 bhakṣaṇāt pañcamasyāpi na doṣo jāyate nṛṇām |
aśaktānāmakartavyaṃ sarvayonivivardhanam || 54 ||
Übersetzung: Der Genuss auch des fünften Bestandteils wird als fehlerfrei erklärt; Unfähige sollen die Praxis nicht vollziehen. Der Schluss über die Vermehrung aller Ursprünge ist unklar.
Worterklärungen: aśakta – nicht befähigt; doṣa – Fehler.
I.5.55 madyapānamakartavyamakartavyaṃ kalau yuge |
śāktānāṃ caiva śāktānāṃ kartavyaṃ sarvasiddhidam || 55 ||
Übersetzung: Weintrinken soll im Kali-Zeitalter nicht stattfinden, wird zweimal gesagt; für Shaktas wird es anschließend ausdrücklich als vollendungsschenkend vorgeschrieben.
Worterklärungen: madyapāna – Weintrinken; kartavya – zu vollziehen.
I.5.56 mahāpīṭhāśrayaṃ vāpi mahāpīṭhasya darśanam |
mahāpīṭhe yajed devīṃ bhaktyā paramayā yutaḥ || 56 ||
Übersetzung: Man suche einen großen heiligen Sitz auf, schaue ihn und verehre dort die Göttin mit höchster Hingabe.
Worterklärungen: mahāpīṭha – großer heiliger Sitz; darśana – Schauen.
I.5.57 pūjayed raktapuṣpaiśca raktagandhānulepanaiḥ |
bilvapatraistathā puṣpairmaṇipuṣpaiśca campakaiḥ || 57 ||
Übersetzung: Mit roten Blumen, roten duftenden Salbungen, Bilva-Blättern, weiteren Blumen, Mani-Blüten und Champaka verehre man sie,
Worterklärungen: raktapuṣpa – rote Blume; anulepana – Salbung.
I.5.58 raktāmbujai raktamālyai raktābharaṇabūṣaṇaiḥ |
mahiṣaiśca yajed devīṃ bheṣajaiḥ kṣatajairapi || 58 ||
Übersetzung: mit roten Lotosblumen, Girlanden und Schmuck, ferner mit Büffeln, Heilkräutern und Wundblut.
Worterklärungen: bheṣaja – Heilmittel; kṣataja – Wundblut.
I.5.59 chāgajailohitairdevīṃ gātrajairbrāhmaṇairapi |
evaṃ vidhividhānena pūjanaṃ tava sundari || 59 ||
Übersetzung: Genannt werden Ziegenblut und dem Körper entstammendes Blut; der Anschluss „durch Brahmanen“ ist grammatisch unsicher. So lautet die Ordnung deiner Verehrung, Schöne.
Worterklärungen: chāgaja – von Ziegen; gātraja – dem Körper entstammend.
I.5.60 kartavyaṃ dvijalokeṣu gṛhyaṃ tava maheśvari |
evaṃ tava vidhātavyā pūjā tribhuvaneśvari || 60 ||
Übersetzung: Sie soll unter Zweimalgeborenen vollzogen werden und gilt als deine häusliche beziehungsweise geheime Verehrung; gṛhya ist mehrdeutig.
Worterklärungen: dvija – Zweimalgeborener; gṛhya – häuslich, vertraulich.
I.5.61 tadā sidhīśvaro bhūtvā gāṇapatyaṃ labhet tu saḥ |
na prakāśyaṃ paśoragre mama divyaṃ sureśvari || 61 ||
Übersetzung: Dann wird man Herr der Vollendungen und erlangt Herrschaft über die Scharen. Dieses Göttliche soll vor Gebundenen nicht offenbart werden.
Worterklärungen: gāṇapatya – Herrschaft über die Scharen; prakāśya – zu offenbaren.
I.5.62 paśordarśanamātreṇa naśyanti vīraśuddhayaḥ |
mahāsiddhikarī pūjā mānasī muktidāyinī || 62 ||
Übersetzung: Schon der Blick eines Gebundenen soll die rituelle Reinheit des Vira zerstören. Geistige Verehrung bringt große Vollendung und Befreiung.
Worterklärungen: mānasī pūjā – geistige Verehrung; vīraśuddhi – Reinheit des Vira.
I.5.63 antaryāgātmikā sarvajīvatvaparināśinī |
bāhyapūjā rājasī ca sarvasaubhāgyadāyinī || 63 ||
Übersetzung: Als inneres Opfer beendet sie das begrenzte Jiva-Sein. Äußere Verehrung ist rajasig und schenkt vielfältiges Glück,
Worterklärungen: antaryāga – inneres Opfer; jīvatva – begrenztes Lebewesensein.
I.5.64 bhuktimuktipradā caiva sarvāpatparināśinī |
sarvadoṣakṣayakarī sarvaśatruvināśinī || 64 ||
Übersetzung: Genuss und Befreiung; sie vernichtet Bedrängnisse, Fehler und Feinde,
Worterklärungen: bhuktimukti – Genuss und Befreiung; āpat – Bedrängnis.
I.5.65 sarvarogakṣayakarī sarvabandhavimocanī |
na vīrāṇāṃ paśūnāṃ ca bāhyapūjā'dhamādhamā || 65 ||
Übersetzung: Krankheiten und sämtliche Fesseln. Für heroische und gebundene Übende wird äußere Verehrung nicht als allerniedrigste bewertet,
Worterklärungen: sarvabandhavimocanī – von allen Fesseln befreiend; adhama – niedrig.
I.5.66 kevalānāṃ ca divyānāṃ ca bāhyapūjā'dhamā iti |
toḍale yāmale devi śrutā pūjā ca vistarāt || 66 ||
Übersetzung: für die ausschließlich göttlich Orientierten hingegen als niedrig. Im Todala und Yamala wurde Verehrung ausführlich erklärt.
Worterklärungen: divya – göttlich orientiert; vistara – ausführliche Darstellung.
I.5.67 tathāpi pūjā saṃkṣepād mayoktā girinandini |
stutipāṭhād dṛḍhajñānāt pūjanācchivasundari || 67 ||
Übersetzung: Dennoch habe ich sie kurz zusammengefasst. Durch Lobpreisrezitation, feste Erkenntnis und Verehrung,
Worterklärungen: dṛḍhajñāna – feste Erkenntnis; stutipāṭha – Lobpreisrezitation.
I.5.68 suprasannā mahāvidyā japāt siddhirbhaviṣyati |
japād bhaktirjapād bhuktirjapānmuktirjapāt kriyā || 68 ||
Übersetzung: wird die große Vidya sehr erfreut; durch Japa entsteht Vollendung. Aus Japa entstehen Hingabe, Genuss, Befreiung und tätige Praxis.
Worterklärungen: japa – Mantrawiederholung; siddhi – Vollendung.
I.5.69 japāt tantraṃ japānmantraṃ japād yantraṃ sureśvari |
japāt kāntirjapāt śāntirjapāt śraddhā japād dayā || 69 ||
Übersetzung: Durch Japa erschließen sich Tantra, Mantra und Yantra; daraus entstehen Ausstrahlung, Frieden, Vertrauen und Mitgefühl.
Worterklärungen: kānti – Ausstrahlung; śraddhā – Vertrauen; dayā – Mitgefühl.
I.5.70 japāt tuṣṭirjapāt puṣṭirjapād gatirjapānmatiḥ |
japād buddhirjapāllakṣmīrjapājjātirjapāt sthitiḥ ||
japācchāntirjapācchāntirjapācchāntirna saṃśayaḥ || 70 ||
Übersetzung: Durch Japa entstehen Zufriedenheit, Gedeihen, Weg, Verständnis, Einsicht, Wohlstand, Geburt und Bestand. Aus Japa kommt Frieden, Frieden, Frieden, ohne Zweifel.
Worterklärungen: tuṣṭi – Zufriedenheit; puṣṭi – Gedeihen; śānti – Frieden.
|| iti muṇḍamālātantre pārvatīśvarasaṃvāde pañcamaḥ paṭalaḥ || 5 ||
Hier endet Kapitel 5 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 6

I.6.1 atha ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
devī uvāca
purā śrutaṃ mahādeva śavasādhanameva ca |
śmaśānasādhanaṃ nātha śrutaṃ paramamādarāt || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Mahadeva, von der Leichenpraxis und der Praxis am Verbrennungsplatz habe ich mit höchster Achtung gehört.
Worterklärungen: śavasādhana – Leichenpraxis; śmaśāna – Verbrennungsplatz.
I.6.2 na stotraṃ kavacaṃ nātha śrutaṃ na śavasādhane |
kavacena mahādeva stotreṇaiva ca śaṅkara ||
kathaṃ siddhirbhaved deva kavacaṃ brūhi sāmpratam || 2 ||
Übersetzung: Doch Lobgesang und Schutztext dazu hörte ich nicht. Wie entsteht durch Schutztext und Lobgesang Vollendung? Erkläre jetzt den Schutztext!
Worterklärungen: kavaca – Schutztext; stotra – Lobgesang.
I.6.3 śrīśiva uvāca
śṛṇu devi varārohe durge paramasundari |
siddhyarthe viniyogaśca kavacasya niyantraṇāt || 3 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Höre, schöne Durga! Der Schutztext wird zur Vollendung eingesetzt und dient ihrer Sicherung.
Worterklärungen: viniyoga – ritueller Einsatz; niyantraṇa – Sicherung.
I.6.4 siddhiṃ siddheśvarī pātu mastakaṃ pātu kālikā |
kapālaṃ kāminī bhālaṃ pātu netraṃ nageśvarī || 4 ||
Übersetzung: Siddheshvari schütze die Vollendung, Kalika den Kopf, Kamini Schädel und Stirn, Nageshvari das Auge.
Worterklärungen: mastaka – Kopf; netra – Auge; pātu – möge schützen.
I.6.5 karṇau viśveśvarī pātu hṛdayaṃ jagadambike |
kālī sadā pātu mukhaṃ jihvāṃ nīlasarasvatī || 5 ||
Übersetzung: Vishveshvari schütze die Ohren, Weltenmutter, das Herz; Kali stets den Mund und Nila-Sarasvati die Zunge.
Worterklärungen: karṇa – Ohr; jihvā – Zunge.
I.6.6 karau karālavadanā pātu nityaṃ sureśvarī |
dantaṃ guhyaṃ nakhaṃ nābhiṃ pātu nityaṃ himātmajā || 6 ||
Übersetzung: Die furchtbar Angesichtige, Götterherrin, schütze stets die Hände; die Himalaya-Tochter Zähne, Scham, Nägel und Nabel.
Worterklärungen: kara – Hand; guhya – Scham; nābhi – Nabel.
I.6.7 nārāyaṇī kapolaṃ ca gaṇḍā gaṇḍaṃ sadaiva tu |
keśaṃ me bhadrakālī ca durgā pātu sureśvarī || 7 ||
Übersetzung: Narayani schütze die Wange, Ganda stets den Backenbereich; Bhadrakali meine Haare, Durga, die Götterherrin, schütze mich.
Worterklärungen: kapola, gaṇḍa – Wange; keśa – Haar.
I.6.8 pumān rakṣatu me caṇḍī dhanaṃ pātu dhaneśvarī |
stanau viśvevarī pātu sarvāṅgaṃ jagadīśvarī || 8 ||
Übersetzung: Chandi schütze mich als Menschen; die Form pumān ist grammatisch auffällig. Dhaneshvari schütze den Reichtum, Vishveshvari die Brüste, Jagadishvari alle Glieder.
Worterklärungen: dhana – Reichtum; stana – Brust.
I.6.9 ugratārā sadā pātu mahānīlasarasvatī |
pātu jihvāṃ mahāmāyā pṛṣṭhaṃ me jagadambikā || 9 ||
Übersetzung: Ugratara, Maha-Nila-Sarasvati, schütze stets; Mahamaya die Zunge, Jagadambika meinen Rücken.
Worterklärungen: pṛṣṭha – Rücken; sadā – stets.
I.6.10 harapriyā pātu nityaṃ śmaśāne jagadīśvarī |
śave pātu ca śarvāṇī sadā rakṣatu caṇḍikā || 10 ||
Übersetzung: Harapriya, die Weltenherrin, schütze stets am Verbrennungsplatz; Sharvani schütze auf dem Leichnam, Chandika behüte immer.
Worterklärungen: harapriyā – Haras Geliebte; rakṣatu – möge behüten.
I.6.11 kātyāyanī kulaṃ pātu sadā ca śavavāhinī |
ghoradaṃṣṭrā karālāsyā pārvatī pātu sarvadā || 11 ||
Übersetzung: Katyayani schütze die Familie, ebenso die auf einem Leichnam Fahrende; Parvati mit furchtbaren Hauern und schrecklichem Angesicht schütze allzeit.
Worterklärungen: kula – Familie; śavavāhinī – auf einem Leichnam Fahrende.
I.6.12 kamalā pātu rājyaṃ me mantraṃ mantreśvarī tathā |
ityevaṃ kavacaṃ devi devānāmapi durlabham || 12 ||
Übersetzung: Kamala schütze mein Reich, Mantreshvari den Mantra. So lautet der selbst für Götter schwer erreichbare Schutztext.
Worterklärungen: rājya – Reich; mantreśvarī – Herrin der Mantras.
I.6.13 yaḥ paṭhet satataṃ devi siddhimāpnoti niścitam |
siddhikāle samutpanne kavacaṃ prapaṭhed yadi || 13 ||
Übersetzung: Wer ihn beständig liest, erlangt gewiss Vollendung, insbesondere wenn er bei anbrechender Vollendungszeit rezitiert wird.
Worterklärungen: paṭhet – lese, rezitiere; siddhikāla – Vollendungszeit.
I.6.14 ajñātvā kavacaṃ devi yaśca siddhimupakramaḥ |
yaśca siddhimavāpnoti na muktirna ca sadgatiḥ || 14 ||
Übersetzung: Wer ohne Kenntnis dieses Schutztextes Vollendung anstrebt und sogar erreicht, gewinnt dennoch weder Befreiung noch gutes Weitergehen.
Worterklärungen: sadgati – gutes Weitergehen; ajñātvā – ohne zu kennen.
I.6.15 ata eva mahāmāye kavacaṃ siddhikārakam |
devānāṃ ca narāṇāṃ ca kinnarāṇāṃ ca durlabham || 15 ||
Übersetzung: Deshalb ist dieser Schutztext vollendungsschenkend und für Götter, Menschen und Kinnaras schwer erreichbar.
Worterklärungen: siddhikāraka – vollendungsschenkend; durlabha – schwer erreichbar.
I.6.16 paṭhitvā kavacaṃ caṇḍi śīghraṃ siddhimavāpnuyāt |
mahotpāte mahāduḥkhe mahāvipadi saṅkaṭe || 16 ||
Übersetzung: Durch seine Rezitation gewinnt man rasch Vollendung. Bei großem Unheil, Leid, Unglück und Bedrängnis,
Worterklärungen: mahāvipad – großes Unglück; saṅkaṭa – Bedrängnis.
I.6.17 prapaṭhet kavacaṃ devi paṭhitvā mokṣamāpnuyāt |
śūnyāgāre śmaśāne vā kāmarūpe mahāghaṭe || 17 ||
Übersetzung: rezitiere man ihn und erlange dadurch Befreiung. In einem leeren Haus, am Verbrennungsplatz, in Kamarupa oder am großen Krug,
Worterklärungen: mahāghaṭa – großer Krug; śūnyāgāra – leeres Haus.
I.6.18 svavāmāmandire kāle'pyathavā kāmamandire |
mantraṃ mantrī japed buddhyā bhaktyā paramayā yutaḥ || 18 ||
Übersetzung: im Haus der eigenen Gefährtin, zur bestimmten Zeit oder im Liebestempel wiederhole der Mantrakenner bewusst und hingebungsvoll den Mantra.
Worterklärungen: buddhyā – bewusst; mantrin – Mantrakenner.
I.6.19 mūle dale phale vāpi nale kāle'nile male |
jale paṭhet prāṇabuddhyā manasā sādhakottamaḥ || 19 ||
Übersetzung: An Wurzel, Blatt, Frucht, Stängel, in Zeit, Wind, Unreinheit oder Wasser rezitiere der Übende geistig mit Lebenskraftbewusstsein. Die Aufzählung ist sprunghaft.
Worterklärungen: prāṇabuddhi – Bewusstsein der Lebenskraft; anila – Wind.
I.6.20 nāḍīśuddhiṃ tataḥ kṛtvā bhāva śuddhiṃ maheśvari |
vihareddharimadhye ca sarvaśāstrārthakovidaḥ || 20 ||
Übersetzung: Nach Reinigung der Nadis und der inneren Haltung wandle er als Kenner sämtlicher Schriftbedeutungen „in Hari“; diese Ortsangabe ist unsicher.
Worterklärungen: nāḍīśuddhi – Kanalreinigung; bhāvaśuddhi – Haltungsreinigung.
I.6.21 citāmāruhya siddheśo nīlakaṇṭhatvamāpnuyāt |
vāme calati kā nāḍī dakṣiṇe khalu jāhnavī || 21 ||
Übersetzung: Den Scheiterhaufen besteigend erlangt der Vollendungsmeister Shivas Sein. Links bewegt sich eine nicht eindeutig benannte Nadi, rechts Jahnavi.
Worterklärungen: citā – Scheiterhaufen; jāhnavī – Ganga, hier Nadi-Name.
I.6.22 madhye kulācalā nāḍī durlabhā dharaṇītale |
citriṇī padminī śaṅkhā vijṛmbhā śoṇadā tathā || 22 ||
Übersetzung: In der Mitte liegt die seltene Kulachala-Nadi. Genannt werden ferner Chitrini, Padmini, Shankha, Vijrimbha und Shonada,
Worterklärungen: nāḍī – feinstofflicher Kanal; madhya – Mitte.
I.6.23 kaṅkālā kūṭajā nāḍī kapolā golajā khalā |
nijadehe vasantyetā brahmanāḍīṃ samāśritāḥ || 23 ||
Übersetzung: Kankala, Kutaja, Kapola, Golaja und Khala. Sie wohnen im eigenen Körper, auf die Brahmanadi gestützt.
Worterklärungen: nijadeha – eigener Körper; āśrita – gestützt.
I.6.24 sarvāsāṃ dharaṇīmadhye gaurī sūkṣmā ca tāriṇī |
ghaṇṭākarṇā lolajihvā vikaṭā candravallabhā || 24 ||
Übersetzung: Weitere Namen sind Gauri, Sukshma, Tarini, Ghantakarna, Lolajihva, Vikata und Chandravallabha.
Worterklärungen: sūkṣmā – Feine; lolajihvā – mit bewegter Zunge.
I.6.25 mahānīlā vīrabhadrā sulajjā nakhadā śubhā |
balākā kākinī rākā kālaghaṇṭā śivā sitā || 25 ||
Übersetzung: Mahanila, Virabhadra, Sulajja, Nakhada, Shubha, Balaka, Kakini, Raka, Kalaghanta, Shiva und Sita,
Worterklärungen: śubhā – Heilvolle; sitā – Weiße.
I.6.26 dardurā ca durārādhyā viśokavadanā'naghā |
jambhinī pukkasā śoṇā yaśodā makhadā khadā || 26 ||
Übersetzung: Dardura, Duraradhya, Vishokavadana, Anagha, Jambhini, Pukkasa, Shona, Yashoda, Makhada und Khada,
Worterklärungen: durārādhyā – schwer zu verehren; anaghā – Makellose.
I.6.27 khagā kharavatī nāḍī kolā helā halāhalā |
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā prāgarūpiṇī || 27 ||
Übersetzung: Khaga, Kharavati, Kola, Hela, Halahala, Ida, Pingala und Sushumna als ursprüngliche Gestalt,
Worterklärungen: khagā – im Raum Gehende; halāhalā – Giftgestalt.
I.6.28 gāndhārī koṭarākṣī ca kulajā kulapaṇḍitā |
savye kanakhalā nāḍī dakṣiṇe kāmapālikā || 28 ||
Übersetzung: Gandhari, Kotarakshi, Kulaja, Kulapandita; links die Nadi Kanakhala, rechts Kamapalika.
Worterklärungen: kulapaṇḍitā – Kula-Kundige; savya – links.
I.6.29 vihāraṃ nīlakaṇṭhasya devānāmapi durlabham |
kroḍe viśvambharā kāmā karālā meghavāhinī || 29 ||
Übersetzung: Shivas inneres Verweilen ist selbst für Götter selten. Im Schoß werden Vishvambhara, Kama, Karala und Meghavahini genannt,
Worterklärungen: kroḍa – Schoß; meghavāhinī – Wolkenfahrende.
I.6.30 ghanabhā ghanadā caṇḍī suśīlā varapaṇḍitā |
viśvāraṇyā viśvavasanī bahupādā kaṭākṣajā || 30 ||
Übersetzung: ferner Ghanabha, Ghanada, Chandi, Sushila, Varapandita, Vishvaranya, Vishvavasani, Bahupada und Katakshaja,
Worterklärungen: suśīlā – Tugendhafte; kaṭākṣaja – aus Seitenblick entstanden.
I.6.31 nandinī śoṇadā gaṅgā kāśī kamalavāsinī |
evaṃ yadi mahāmāye bhāvayet surapūjitām || 31 ||
Übersetzung: Nandini, Shonada, Ganga, Kashi und Kamalavasini. Wer die von Göttern Verehrte so vergegenwärtigt,
Worterklärungen: kamalavāsinī – im Lotos Wohnende; bhāvayet – vergegenwärtige.
I.6.32 tadaiva jāyate siddhiḥ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
bahupādakaṭā ghorā nirjitā ghanabhedinī || 32 ||
Übersetzung: bei dem entsteht wahrhaft Vollendung. Weitere Namen lauten Bahupadakata, Ghora, Nirjita und Ghanabhedini; die erste Zusammensetzung ist unsicher.
Worterklärungen: ghanabhedinī – Wolken durchbrechend; ghorā – Furchtbare.
I.6.33 nāḍīvihārasamparkājjīvanmukto na saṃśayaḥ |
śṛṇu deveśi ghorābhe karālabhe digambare || 33 ||
Übersetzung: Durch Verbindung mit dem inneren Nadi-Geschehen wird man zu Lebzeiten frei. Höre, furchtbar Erscheinende, Himmelsgewandete!
Worterklärungen: nāḍīvihāra – Geschehen in den Nadis; jīvanmukta – zu Lebzeiten frei.
I.6.34 cintāmaṇiprasādena kiṃ na sidhyati bhūtale |
mūle caturdale padme svādhiṣṭhāne ca ṣaḍdale || 34 ||
Übersetzung: Was könnte durch Chintamanis Gnade nicht gelingen? Im vierblättrigen Wurzellotos und im sechsblättrigen Svadhishthana,
Worterklärungen: cintāmaṇi – Wunschedelstein, Mantrabezeichnung; caturdala – vierblättrig.
I.6.35 maṇipūre'nāhate ca ājñācakre maheśvari |
evaṃ cakre parinyastairdaśadvādaśaṣoḍaśaiḥ || 35 ||
Übersetzung: in Manipura, Anahata und Ajna werden zehn, zwölf und sechzehn Blätter genannt. Die Reihe lässt Vishuddha ungenannt und ist daher nicht bruchlos zuzuordnen.
Worterklärungen: daśa – zehn; dvādaśa – zwölf; ṣoḍaśa – sechzehn.
I.6.36 dalaistu maṅkuraṃ varṇaṃ nyastaṃ gāvaśataṃ matam |
yatra kālīpuraṃ devi brahmādyairapi sevitam || 36 ||
Übersetzung: Auf die Blätter werden Laute eingesetzt; der Anschluss mit maṅkura und gāvaśata ist beschädigt. Dort liegt die selbst von Brahma verehrte Stadt Kalis.
Worterklärungen: varṇa – Laut; nyasta – eingesetzt.
I.6.37 nīlakaṇṭhaṃ trilokeśaṃ sahasrābjanivāsinam |
koṭīśaṃ kulakoṭīśaṃ sādhakendraiḥ suśobhitam || 37 ||
Übersetzung: Über den Blaukehligen, Herrn der drei Welten, Bewohner des tausendblättrigen Lotos, Herrn zahlloser Kulas, umgeben von großen Übenden,
Worterklärungen: sahasrābja – tausendblättriger Lotos; trilokeśa – Dreiweltenherr.
I.6.38 dhyāyet paramanirviṇṇo devaḥ paramapāvanaḥ |
jīvaḥ śivastu vijñeyo viśveśaḥ sarvadā ratiḥ || 38 ||
Übersetzung: meditiere der völlig vom Weltlichen Ernüchterte als über den höchst läuternden Gott. Das Lebewesen ist als Shiva und Weltenherr zu erkennen; der Schluss über Freude ist elliptisch.
Worterklärungen: nirviṇṇa – ernüchtert, losgelöst; pāvana – läuternd.
I.6.39 brahmatattvaṃ varārohe devānāmapi durlabham |
svarādiniṣṭhitaṃ liṅgaṃ svaravyañjanabhūṣitam || 39 ||
Übersetzung: Diese Brahman-Wirklichkeit ist selbst für Götter schwer erreichbar: das in Lauten gegründete, mit Vokalen und Konsonanten geschmückte Linga,
Worterklärungen: svara – Vokal; vyañjana – Konsonant.
I.6.40 varṇamālāparinyastaṃ liṅgaṃ bhuvanaśobhitam |
mahābījaṃ mahotsāhairnāditaṃ paramātmakam || 40 ||
Übersetzung: mit der Buchstabenreihe belegt und durch Welten geschmückt; das große Bija, kraftvoll ertönend und von höchster Selbstnatur,
Worterklärungen: varṇamālā – Buchstabenreihe; paramātmaka – von höchster Selbstnatur.
I.6.41 nīlakaṇṭhaṃ mahādevaṃ sadā śaktisamanvitam |
dhyāyet tu pūjayed devaṃ manasā vacasā iti || 41 ||
Übersetzung: den blaukehligen Mahadeva, stets mit Shakti verbunden, meditiere und verehre man mit Geist und Sprache.
Worterklärungen: manasā – geistig; vacasā – sprachlich.
I.6.42 tadaiva sādhako loke cāntaryāgaparāyaṇaḥ |
antaryāgaṃ mahāmāye sādhakānāmagamyakam || 42 ||
Übersetzung: So wird der Übende dem inneren Opfer zugewandt, jenem inneren Opfer, das für Übende schwer zugänglich ist.
Worterklärungen: antaryāga – inneres Opfer; agamyaka – schwer zugänglich.
I.6.43 brahmāṇḍaṃ vai śarīraṃ tu sarveṣāṃ prāṇadhāriṇām |
brahmāṇḍe ye guṇāḥ santi te tiṣṭhanti kalevare || 43 ||
Übersetzung: Der Körper aller Lebewesen ist wahrhaft das Weltenei. Die Eigenschaften, die im Kosmos bestehen, bestehen auch im Körper.
Worterklärungen: brahmāṇḍa – Weltenei, Kosmos; kalevara – Körper.
I.6.44 śarīraṃ tattvaghaṭitaṃ nānārasapariplutam |
candrabindusamāyuktaṃ nādabinduvibhūṣitam || 44 ||
Übersetzung: Der Körper ist aus Wirklichkeitsprinzipien aufgebaut, von verschiedenen Säften erfüllt, mit Mondpunkt verbunden und durch Nada und Bindu geschmückt.
Worterklärungen: tattva – Wirklichkeitsprinzip; rasa – Saft; nāda – Klang.
I.6.45 śarīraṃ śaṅkarasyāpi durlabhaṃ muktidāyakam |
yāvanmuktirmahāmāye tāvadeva hi sādhakaḥ || 45 ||
Übersetzung: Der Körper, auch Shankaras, ist schwer zu erlangen und schenkt Befreiung. Bis zur Befreiung besteht der Status des Übenden.
Worterklärungen: śarīra – Körper; yāvanmukti – bis zur Befreiung.
I.6.46 tāvat kriyā ca bhuktiśca muktiravyabhicāriṇī |
mahāghore samākleśe śarīraṃ brahmaṇaḥ padam || 46 ||
Übersetzung: So lange bestehen Handlung und Genuss, bis zur unwandelbaren Befreiung. Auch in großer Not ist der Körper die Stätte Brahmans.
Worterklärungen: brahmaṇaḥ padam – Stätte Brahmans; samākleśa – Bedrängnis.
I.6.47 pāvitaṃ ca prasūnaṃ ca dehajaṃ sarvamaṅgajam |
gṛhītvā kālikāṃ devīṃ muṇḍamālāvibhūṣitām || 47 ||
Übersetzung: Man nehme gereinigte Blumen und körperentstandene, den Gliedern entstammende Gaben und verehre Kalika mit der Schädelgirlande,
Worterklärungen: dehaja – körperentstanden; prasūna – Blume.
I.6.48 pūjayet parayā bhaktyā śiva eva na saṃśayaḥ |
brahmāṇḍaghaṭitāṃ mūrtimaṅgadaiśca vibhūṣitām || 48 ||
Übersetzung: mit höchster Hingabe; so ist man zweifellos Shiva. Ihre Gestalt ist aus dem Kosmos gebildet und mit Armreifen geschmückt,
Worterklärungen: aṅgada – Armreif; mūrti – Gestalt.
I.6.49 caturbhūjāṃ lolajihvāṃ nānāśaktisamanvitām |
pūjayet paramānando nijaśaktisamanvitaḥ || 49 ||
Übersetzung: vierarmig, mit bewegter Zunge und vielen Kräften. Voll höchster Freude verehre man sie mit der eigenen Shakti verbunden.
Worterklärungen: caturbhuja – vierarmig; nijaśakti – eigene Shakti.
I.6.50 vāme svavāmāṃ deveśi nānālaṅkārabhūṣitām |
kulacakrasya deveśi prajapet tu samaḥ śivaḥ || 50 ||
Übersetzung: Die eigene reich geschmückte Gefährtin sitze links. Im Kula-Kreis übe man Japa und werde Shiva gleich.
Worterklärungen: kulacakra – Kula-Kreis; sama – gleich.
I.6.51 niśi cakre karālāsyāṃ muktakeśo digambaraḥ |
sahasraṃ vā'yutaṃ vāpi japenmadanamandire || 51 ||
Übersetzung: Nachts im Ritualkreis, mit gelöstem Haar und unbekleidet, wiederhole man den Mantra der Furchtbar-Angesichtigen im Liebestempel tausend- oder zehntausendmal.
Worterklärungen: muktakeśa – mit gelöstem Haar; sahasra – tausend.
I.6.52 śvetaṃ vā lohitaṃ vāpi kusumaṃ pañcamānvitam |
evaṃ vidhividhānena mahākālyai nivedayet || 52 ||
Übersetzung: Weiße oder rote Blüten, mit dem fünften Bestandteil verbunden, sollen nach dieser Ordnung Mahakali dargebracht werden.
Worterklärungen: pañcamānvita – mit dem fünften verbunden; nivedayet – darbringen.
I.6.53 divā pūjā vidhātavyā niśi pūjā maheśvari |
sandhyā pūjā prakartavyā tadā siddhimavāpnuyāt || 53 ||
Übersetzung: Verehrung sei tags, nachts und in den Dämmerungen zu vollziehen; so gewinnt man Vollendung.
Worterklärungen: sandhyā – Dämmerung; divā – tags.
I.6.54 na divā na niśābhāge na sandhyāyāṃ kadācana |
pūjayenna jagaddhātrīṃ helāyāṃ paripūjayet || 54 ||
Übersetzung: Darauf folgt eine gegenläufige Aussage: Nicht tags, nachts oder in der Dämmerung verehre man die Weltenmutter, sondern in Hela. Ob damit spielerische Leichtigkeit oder ein technischer Begriff gemeint ist, bleibt offen.
Worterklärungen: helā – Spiel, Leichtigkeit; pūjayet – verehren.
I.6.55 divā na pūjayed devīṃ rātrau naiva ca naiva ca |
sarvadā pūjayed devīṃ divā ratrau vivarjayet || 55 ||
Übersetzung: Nicht tags und nicht nachts soll man die Göttin verehren; stets verehre man sie, Tag und Nacht hinter sich lassend. Die Paradoxie leitet zur inneren Nadi-Lehre über.
Worterklärungen: sarvadā – stets; vivarjayet – hinter sich lassen.
I.6.56 yathā iḍā piṅgalā ca suṣumnā brahmabhedinī |
nāḍībhramaṇasamparkānmuktiṃ prāpnoti sādhakaḥ || 56 ||
Übersetzung: Durch die Bewegung in Ida, Pingala und der Brahman durchdringenden Sushumna erlangt der Übende Befreiung.
Worterklärungen: nāḍībhramaṇa – Bewegung in den Nadis; brahmabhedinī – Brahman durchdringend.
I.6.57 vinā nāḍīparijñānaṃ vinā nāḍīniṣevaṇam |
vinā viśvakaraṃ devi nahi sidhyati bhūtale || 57 ||
Übersetzung: Ohne Kenntnis und Pflege der Nadis und ohne das hier unklare viśvakara gelingt die Vollendung auf Erden nicht.
Worterklärungen: parijñāna – gründliche Kenntnis; niṣevaṇa – Pflege, Praxis.
I.6.58 savye bilvaṃ kare dakṣe mālāṃ saṃgṛhya sādhakaḥ |
prajapet pārvatīmantraṃ sarvakāryāya bhūtale || 58 ||
Übersetzung: Links halte der Übende Bilva, rechts die Gebetskette, und wiederhole Parvatis Mantra für sämtliche Aufgaben auf Erden.
Worterklärungen: mālā – Gebetskette; dakṣakara – rechte Hand.
I.6.59 ghoradaṃṣṭrāṃ karālāsyāmaṭṭahāsāṃ digambarām |
praṇamya bhaktyā deveśīṃ japeccintāmaṇiṃ manum || 59 ||
Übersetzung: Nach hingebungsvoller Verneigung vor der furchtbar bezahnten, schrecklich Angesichtigen, laut Lachenden und Himmelsgewandeten wiederhole er den Chintamani-Mantra.
Worterklärungen: cintāmaṇimanu – Chintamani-Mantra; praṇamya – nach Verneigung.
I.6.60 cintāmaṇiprasādena kiṃ na sidhyati bhūtale |
cintāmaṇiṃ kalpalatāṃ gṛhītvā paramāṃ śivām || 60 ||
Übersetzung: Was könnte durch Chintamanis Gnade nicht gelingen? Man nehme Zuflucht zur höchsten Heilvollen als Wunschedelstein und Wunschranke,
Worterklärungen: kalpalatā – Wunschranke; prasāda – Gnade.
I.6.61 japtvā mahāmanuṃ caṇḍi devadeveśvaro bhavet |
jīvaḥ śivatvaṃ labhate jñānasya varavarṇini || 61 ||
Übersetzung: und werde durch Wiederholung des großen Mantras Herr der Götter. Durch Erkenntnis erlangt das Lebewesen Shiva-Sein.
Worterklärungen: śivatva – Shiva-Sein; jñāna – Erkenntnis.
I.6.62 gurupādābjakaṃ devi rahasyaṃ paramādbhutam |
vicitraṃ cārupādābjaṃ pārvatyāḥ śaṅkarasya ca || 62 ||
Übersetzung: Die Lotosfüße des Gurus sind ein höchst wunderbares Geheimnis, ebenso die schönen, vielfältigen Lotosfüße Parvatis und Shankaras.
Worterklärungen: pādābja – Lotosfuß; rahasya – Geheimnis.
I.6.63 bhajedaikyaṃ vidhānena jīvanmuktaḥ sa eva hi |
piṇḍe yuktāḥ pade yuktā rūpe yuktā varānane ||
guṇātītāśca ye bhaktāste muktā nātra saṃśayaḥ || 63 ||
Übersetzung: Wer ihre Einheit vorschriftsgemäß verehrt, ist zu Lebzeiten frei. In Pinda, Pada und Rupa gesammelte, über die Eigenschaften hinausgegangene Verehrer sind zweifellos befreit.
Worterklärungen: guṇātīta – über Eigenschaften hinaus; yukta – gesammelt, verbunden.
I.6.64 śrīpārvatī uvāca
na piṇḍaṃ na padaṃ rūpaṃ na jānāmi surottama |
kathyatāṃ me dayāsindho niścitaṃ matamuttamam || 64 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Pinda, Pada und Rupa kenne ich nicht. Erkläre mir diese höchste, sichere Lehre, Ozean des Mitgefühls!
Worterklärungen: dayāsindhu – Ozean des Mitgefühls; mata – Lehre.
I.6.65 śrīśiva uvāca
guhyād guhyataraṃ devi sāramekaṃ vadāmyaham |
piṇḍaṃ kuṇḍalinī śaktiḥ pado haṃsaḥ prakīrtitaḥ || 65 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Ich erkläre eine geheimste Essenz: Pinda ist Kundalini-Shakti; Pada wird Hamsa genannt.
Worterklärungen: piṇḍa – verdichtete Körperwirklichkeit; pada – Zustand; haṃsa – Atemmantra.
I.6.66 rūpaṃ cāpi varārohe dhyānameva na saṃśayaḥ |
mahākuṇḍalinīṃ devīṃ yo bhajet tu bhujaṅginīm || 66 ||
Übersetzung: Rupa ist die Meditationsgestalt, ohne Zweifel. Wer die große schlangenförmige Göttin Kundalini verehrt,
Worterklärungen: rūpa – Gestalt; bhujaṅginī – Schlangenförmige.
I.6.67 sa kṛtārthaḥ sa dhanyaśca sa devo vīrasattamaḥ |
sa guṇī sādhakojñānī sa mānī sa ca paṇḍitaḥ || 67 ||
Übersetzung: ist zum Ziel gelangt, gesegnet, göttlich, ein hervorragender Held, tugendhaft, übend, wissend, angesehen und gelehrt.
Worterklärungen: kṛtārtha – zum Ziel gelangt; guṇin – tugendhaft.
I.6.68 sa kṛto sarvabrahmāṇḍe devatvaṃ labhate dhruvam |
ye divyāḥ sādhakendrāśca ye vīrāḥ sādhakottamāḥ || 68 ||
Übersetzung: Er erlangt im ganzen Kosmos gewiss Göttlichkeit. Die göttlichen Meister und hervorragenden heroischen Übenden werden genannt,
Worterklärungen: devatva – Göttlichkeit; sādhakendra – Meister der Übenden.
I.6.69 paśavaḥ paśvo jñeyāḥ sarvaśāstrārthakovidāḥ |
bhāvaśuddhiṃ samāsthāya sarvakāryārthakovidaḥ || 69 ||
Übersetzung: während Gebundene als gebunden gelten, selbst wenn sie alle Schriften kennen. Auf Reinheit der Haltung gestützt, in allen Aufgaben kundig,
Worterklärungen: paśu – gebunden; bhāvaśuddhi – Reinheit der Haltung.
I.6.70 sādhako muktimāpnoti satyaṃ satyaṃ varānane |
śṛṇu devi jagaddhātri sarvamaṅgalamaṅgalam || 70 ||
Übersetzung: erlangt der Übende wahrhaft Befreiung. Höre nun, Weltenmutter, das Heilvollste des Heilvollen.
Worterklärungen: maṅgala – heilvoll; mukti – Befreiung.
I.6.71 tantraṃ śṛṇuyād deveśi brahmanirvāṇamāpnuyāt |
niśābhāge japenmantraṃ vāmāyukto maheśvari || 71 ||
Übersetzung: Wer dieses Tantra hört, erlangt Brahman-Erlösung. Nachts wiederhole man, mit der Shakti verbunden, den Mantra,
Worterklärungen: brahmanirvāṇa – Erlösung in Brahman; vāmāyukta – mit Shakti verbunden.
I.6.72 ayutaṃ bhaktibhāvena jīvanmuktaḥ sa eva hi |
sahasramayutaṃ vāpi kujavāre niśāmukhe || 72 ||
Übersetzung: zehntausendmal voller Hingabe; so ist man zu Lebzeiten frei. Tausend- oder zehntausendmal am Dienstag bei Nachtbeginn,
Worterklärungen: kujavāra – Dienstag; niśāmukha – Nachtbeginn.
I.6.73 japeccintāmaṇiṃ mantraṃ kṣmātale nātra saṃśayaḥ |
cintāmaṇiprasādena kiṃ na sidhyati bhūtale || 73 ||
Übersetzung: wiederhole man den Chintamani-Mantra. Was könnte durch seine Gnade auf Erden nicht gelingen?
Worterklärungen: japet – wiederholen; cintāmaṇi – Wunschedelstein.
I.6.74 yathāvidhi vidhānaṃ ca kṛtvā ca manmathālayam |
vrajet tu bhaktibhāvena sa gacchet paramāṃ gatim || 74 ||
Übersetzung: Nach vorschriftsgemäßem Vollzug betrete man hingebungsvoll den Liebestempel; so gelangt man zum höchsten Ziel.
Worterklärungen: manmathālaya – Liebestempel; paramā gati – höchstes Ziel.
I.6.75 nabhogataṃ mahāpadmaṃ sarvadevasupūjitam |
tanmadhyasthaṃ mahādevaṃ nīlakaṇṭhaṃ sadāśivam || 75 ||
Übersetzung: Im inneren Himmel liegt der große Lotos, von allen Göttern verehrt; in seiner Mitte Mahadeva, der blaukehlige Sadashiva,
Worterklärungen: nabhas – Himmel, innerer Raum; mahāpadma – großer Lotos.
I.6.76 yathā śaktiyutaṃ devi sarvānandamanoharam |
śuklaṃ raktaṃ nīlavarṇaṃ pītādivarṇaśobhitam || 76 ||
Übersetzung: mit Shakti vereint, in allumfassender Freude bezaubernd, weiß, rot, blau, gelb und in weiteren Farben strahlend.
Worterklärungen: śaktiyuta – mit Shakti vereint; varṇa – Farbe.
I.6.77 manasā cintitaṃ devi devaṃ paramakāraṇam |
dhyānaṃ ca manasā devi manasā paripūjitam || 77 ||
Übersetzung: Diesen höchsten Ursprung vergegenwärtige man im Geist; geistig sei die Meditation und geistig seine vollständige Verehrung.
Worterklärungen: paramakāraṇa – höchster Ursprung; manasā – geistig.
I.6.78 manasā pūjayelliṅgaṃ manasā tarpaṇādikam |
manasā kālikāṃ tārāṃ manasā tu bhujaṅginīm || 78 ||
Übersetzung: Geistig verehre man das Linga, vollziehe Wasserspenden, vergegenwärtige Kali, Tara und die schlangenförmige Kraft.
Worterklärungen: tarpaṇa – sättigende Wasserspende; bhujaṅginī – Kundalini.
I.6.79 manasā brahmanāḍīṃ vai vidadhyāt sarvakāmadām |
ityevaṃ dhyānayogena manasā jagadambikām || 79 ||
Übersetzung: Geistig bilde man die alle Wünsche erfüllende Brahmanadi. Durch solchen Meditationsyoga verehre man geistig die Weltenmutter,
Worterklärungen: dhyānayoga – Meditationsyoga; sarvakāmadā – alle Wünsche erfüllend.
I.6.80 pūjayet parayā buddhyā sa viśveśo bhaved dhruvam |
suṣumnāmadhyagāṃ kālīṃ karālavadanāṃ śivām || 80 ||
Übersetzung: mit höchster Einsicht und werde zum Weltenherrn. Kali wohnt in Sushumnas Mitte, furchtbar angesichtig und heilvoll.
Worterklärungen: suṣumnāmadhyagā – in Sushumnas Mitte weilend; parā buddhi – höchste Einsicht.
I.6.81 praṇamet pārvatīṃ devīṃ mahānīlasarasvatīm |
ugratārākramaṃ vakṣye devānāmapi durlabham || 81 ||
Übersetzung: Man verneige sich vor Parvati, der großen Nila-Sarasvati. Nun lehre ich die selbst für Götter seltene Ugratara-Ordnung.
Worterklärungen: krama – Ordnung; praṇamet – sich verneigen.
I.6.82 trikoṇavalayāmbhoje mahānīlasarasvatīm |
mayā budhasvarūpeṇa bhāvayet tāmaharniśam || 82 ||
Übersetzung: Im Lotos mit Dreieck und Kreis vergegenwärtige man Maha-Nila-Sarasvati Tag und Nacht in der von mir gelehrten wissenden Gestalt; mayā budhasvarūpeṇa ist unsicher.
Worterklärungen: valaya – Kreis; aharniśam – Tag und Nacht.
I.6.83 hṛtpadme bhāvayet caṇḍīṃ hṛtpadme bhāvayecchivam |
hṛtpadme bhāvamāsādya pūjayed varavarṇini || 83 ||
Übersetzung: Im Herzenslotos vergegenwärtige man Chandika, im Herzenslotos Shiva; mit dort gegründeter innerer Haltung vollziehe man die Verehrung.
Worterklärungen: hṛtpadma – Herzenslotos; bhāva – innere Haltung.
I.6.84 yāvannānātvabhāvaṃ ca tāvadevaṃ pṛthagvidham |
tavāt kriyāḥ pṛthagbhāvāstāvannānāvidhā matāḥ || 84 ||
Übersetzung: Solange die Auffassung von Vielheit besteht, bestehen unterschiedliche Formen, Handlungen und Haltungen.
Worterklärungen: nānātvabhāva – Auffassung von Vielheit; pṛthak – getrennt.
I.6.85 tāvad bhinnāśca devāśca brahmaviṣṇumaheśvarāḥ |
gaṇeśaṃ ca dineśaṃ ca vahniṃ varuṇameva ca || 85 ||
Übersetzung: So lange erscheinen Brahma, Vishnu und Maheshvara, Ganesha, Sonne, Feuer und Varuna als verschiedene Gottheiten,
Worterklärungen: dineśa – Sonne; vahni – Feuer.
I.6.86 kuberaṃ cāpi dikpālametat sarvaṃ pṛthak pṛthak |
tāvannānāvidhāśceṣṭāḥ strīpuṃnapuṃsakātmakam || 86 ||
Übersetzung: ebenso Kubera und die Richtungswächter. So lange bestehen verschiedene Betätigungen und die Einteilung in weiblich, männlich und geschlechtsneutral.
Worterklärungen: dikpāla – Richtungswächter; napuṃsaka – geschlechtsneutral.
I.6.87 tāvad bilvadalaṃ bhinnaṃ deveśi tulasīdalāt |
tāvajjavā droṇakṛṣṇā karavīrāṇi bhūtale || 87 ||
Übersetzung: So lange unterscheidet sich das Bilva-Blatt vom Tulasi-Blatt, ebenso Hibiskus, Drona, dunkle Blüten und Oleander,
Worterklärungen: bilvadala – Bilva-Blatt; tulasīdala – Tulasi-Blatt.
I.6.88 vibhinnāni ca deveśi satyaṃ vai tulasīdalāt |
tāvad divyaśarīraśca tāvat tu paśubhāvakaḥ || 88 ||
Übersetzung: von Tulasi. So lange bestehen auch die Unterscheidungen göttlicher Verkörperung und gebundener Haltung.
Worterklärungen: divyaśarīra – göttliche Verkörperung; paśubhāva – gebundene Haltung.
I.6.89 tāvat tantre bhedabuddhistāvadeva pṛthak kriyā |
harau hare bhedabuddhirjāyate jagadambike || 89 ||
Übersetzung: So lange bestehen unterscheidendes Denken im Tantra und getrennte Handlungen; Hari und Hara werden voneinander unterschieden.
Worterklärungen: bhedabuddhi – unterscheidendes Denken; hari-hara – Vishnu und Shiva.
I.6.90 karālavadanā kālī śrīmadekajaṭā śivā |
ṣoḍaśī bhairavī bhinnā bhinnā ca bhuvaneśvarī || 90 ||
Übersetzung: Kali mit furchtbarem Angesicht, die erhabene Ekajata, Shiva, Shodashi, Bhairavi und Bhuvaneshvari erscheinen verschieden,
Worterklärungen: bhinna – verschieden; ekajaṭā – Göttin mit einer Haarflechte.
I.6.91 chinnā bhinnā'nnapūrṇā ca bhinnā ca bagalāmukhī |
mātaṅgī kamalā bhinnā bhinnā vāṇī ca rādhikā || 91 ||
Übersetzung: ebenso Chinna, Annapurna, Bagalamukhi, Matangi, Kamala, Vani und Radhika.
Worterklärungen: vāṇī – Sarasvati; kamalā – Lakshmi.
I.6.92 bhinnā ceṣṭā kriyā bhinnā bhinno vācārasaṃgrahaḥ |
yāvannaikyaṃ pādapadme bhavānyā naiva jāyate || 92 ||
Übersetzung: Betätigung, Ritual und Lebensordnungen bleiben verschieden, solange die Einheit zu Füßen Bhavanis nicht aufgeht.
Worterklärungen: aikya – Einheit; ācāra – Lebensordnung.
I.6.93 advaite tāriṇīpādapadme paramapāvane |
jñānapāre samutpanne hṛtpadmanilayaṃ tathā || 93 ||
Übersetzung: Wenn an Tarinis höchst läuternden Lotosfüßen nichtduale Erkenntnis erwacht, jenseits begrenzten Wissens und im Herzenslotos gegründet,
Worterklärungen: advaita – Nichtdualität; jñānapāra – jenseits begrenzten Wissens.
I.6.94 aikyaṃ bhavati cārvaṅgi sarvaṃ brahmamayātmakam |
jīveṣu śāṅkari || 94 ||
Übersetzung: entsteht Einheit: Alles ist von Brahman erfüllt. Der zweite Halbvers ist ausdrücklich lückenhaft; erhalten bleibt nur ein Bezug auf Lebewesen und die Anrede Shankari.
Worterklärungen: brahmamaya – von Brahman erfüllt; jīveṣu – in Lebewesen.
I.6.95 na ca pāpaṃ na vā puṇyaṃ na yamo narakaṃ na ca |
na sukhaṃ nāpi duḥkhaṃ ca na rogebhyo bhayaṃ tathā || 95 ||
Übersetzung: Dann bestehen weder Verfehlung noch Verdienst, weder Yama noch Hölle, weder Glück noch Leid und keine Furcht vor Krankheit,
Worterklärungen: pāpa – Verfehlung; puṇya – Verdienst; roga – Krankheit.
I.6.96 na bhayaṃ nāpi śokaṃ ca sarvaṃ brahmamayātmakam |
brāhmaṇī kṣatrīyā vaiśyā vaiśyajā śūdrajā'ntyajā || 96 ||
Übersetzung: weder Furcht noch Trauer: Alles ist Brahman. Brahmanin, Kshatriya-, Vaishya-, Shudra-Frau und sozial Ausgegrenzte werden gemeinsam genannt,
Worterklärungen: śoka – Trauer; antyaja – sozial ausgegrenzt.
I.6.97 tathaiva tāriṇī vidyā yathā vidyā tathā tathā |
evaṃ jñānaṃ maheśāni yathā vai jāyate priye || 97 ||
Übersetzung: alle sind entsprechend die rettende Vidya. Wenn diese Erkenntnis auf solche Weise entsteht, Geliebte,
Worterklärungen: tāriṇī vidyā – rettende Erkenntniskraft; jñāna – Erkenntnis.
I.6.98 tathaiva vidyā deveśi vidyā'vidyāvirodhinī |
jāyate nātra sandeho brahmānandamayo bhavet || 98 ||
Übersetzung: erwacht die Vidya als Gegenspielerin des Nichtwissens; man wird von Brahman-Glückseligkeit erfüllt.
Worterklärungen: avidyā – Nichtwissen; brahmānandamaya – voll Brahman-Glückseligkeit.
I.6.99 advaitaṃ ca guṇātītaṃ nirguṇaṃ prakṛteḥ param |
paramānandasaṃyukto muktiṃ yāsyati niścitam || 99 ||
Übersetzung: Nichtdual, jenseits der Gunas, eigenschaftslos und über Prakriti hinaus, mit höchster Glückseligkeit verbunden, gelangt man gewiss zur Befreiung.
Worterklärungen: prakṛteḥ param – jenseits der Urnatur; nirguṇa – eigenschaftslos.
I.6.100 iti satyaṃ punaḥ satyaṃ satyaṃ caṇḍi varānane |
tattvajñānāt paraṃ nāsti nāsti devaḥ sadāśivāt || 100 ||
Übersetzung: Wahrlich, immer wieder wahrlich: Nichts übertrifft Wirklichkeitserkenntnis, kein Gott Sadashiva.
Worterklärungen: tattvajñāna – Wirklichkeitserkenntnis; para – höher.
I.6.101 nāsti bhāvastu madhyasthād nāsti durgāsamaṃ padam |
so'haṃ so'haṃ punaḥ so'haṃ so'hamityeva jāyate || 101 ||
Übersetzung: Keine Haltung übertrifft das Ruhen in der Mitte, kein Zustand Durga. „Ich bin Das, ich bin Das, immer wieder: Ich bin Das“ wird gegenwärtig.
Worterklärungen: so'ham – ich bin Das; madhyastha – in der Mitte ruhend.
I.6.102 tadeva cirakālena so'haṃ jñānaṃ prajāyate |
nānātvabuddhiṃ kṛtvā vai sāttvikīṃ paramātmikām || 102 ||
Übersetzung: Nach längerer Zeit entsteht die Erkenntnis „Ich bin Das“. Der folgende Halbvers nennt Vielheitsdenken und eine höchste sattvige Haltung, ohne ihr Verhältnis eindeutig zu klären.
Worterklärungen: cirakāla – längere Zeit; nānātvabuddhi – Vielheitsdenken.
I.6.103 gṛhītvā ca varārohe jāyate paramārthavit |
jñānāt parataraṃ nāsti nāsti nāsti varānane || 103 ||
Übersetzung: Indem man diese höchste Haltung annimmt, wird man Kenner letzter Wirklichkeit. Nichts, nichts, nichts ist höher als Erkenntnis.
Worterklärungen: paramārthavit – Kenner letzter Wirklichkeit; jñāna – Erkenntnis.
I.6.104 labdhvā hi tattvaṃ paramaṃ mucyate dehabandhanāt |
kulavāre kulīnastu kuladharmaṃ kulavrataḥ || 104 ||
Übersetzung: Wer die höchste Wirklichkeit gewinnt, wird von Körperbindung frei. Am Kula-Tag nehme der Kula-Gelobte den Kula-Dharma an,
Worterklärungen: dehabandhana – Körperbindung; kulavrata – Kula-Gelübde.
I.6.105 āśrayet paramānandaḥ paramānandameva ca |
na kulīne parā buddhirna kulīnaparā gatiḥ || 105 ||
Übersetzung: und ruhe in höchster Glückseligkeit. „Im Kula-Angehörigen gibt es keine höchste Einsicht und keinen höchsten Weg“ –
Worterklärungen: paramānanda – höchste Glückseligkeit; parā buddhi – höchste Einsicht.
I.6.106 na kulīne parā bhaktirna kulīne parā kriyā |
evaṃ vadati yo yastu sa muktiṃ na ca yāti vai || 106 ||
Übersetzung: „keine höchste Hingabe und keine höchste Handlung“: Wer so spricht, gelangt nach dieser Aussage nicht zur Befreiung.
Worterklärungen: parā bhakti – höchste Hingabe; kriyā – Handlung.
I.6.107 ihaiva svargo deveśi iha kailāsamandiram |
ihaiva bhuktirbhaktiśca muktiravyabhicāriṇī || 107 ||
Übersetzung: Schon hier ist der Himmel, hier der Kailasa-Tempel, hier Genuss, Hingabe und unwandelbare Befreiung.
Worterklärungen: ihaiva – schon hier; avyabhicāriṇī – unwandelbar.
I.6.108 bhogaḥ svargaśca mokṣaśca karasthaścaiva śāṅkari |
śāktānāṃ tripureśāni satyaṃ caṇḍi na saṃśayaḥ || 108 ||
Übersetzung: Genuss, Himmel und Befreiung liegen den Shaktas in der Hand, Tripureshani; dies wird als zweifellos wahr erklärt.
Worterklärungen: karastha – in der Hand liegend; mokṣa – Befreiung.
I.6.109 śrīpārvatī uvāca
nīlakaṇṭha mahādeva maheśvara jagadguro |
pṛcchāmi paramaṃ tattvaṃ brūhi nātha jagatprabho || 109 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Blaukehliger Mahadeva, Weltenlehrer! Ich frage nach der höchsten Wirklichkeit; erkläre sie mir, Weltenherr.
Worterklärungen: jagadguru – Weltenlehrer; brūhi – erkläre.
I.6.110 kathaṃ vā jāyate muktirbhuktirbhaktirmaheśvare |
jīvaḥ śivatvaṃ labhate kena rūpeṇa śaṅkara || 110 ||
Übersetzung: Wie entstehen Befreiung, Genuss und Hingabe an Maheshvara? Auf welche Weise erlangt das Lebewesen Shiva-Sein?
Worterklärungen: bhukti – Genuss; bhakti – Hingabe.
I.6.111 śrīśiva uvāca
viśveśvari jagaddhātri mahāmāye maheśvari |
guhyād guhyataraṃ vākyaṃ śṛṇuṣva naganandini || 111 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Weltenherrin und Weltenmutter, Mahamaya! Höre die geheimste Aussage, Bergestochter.
Worterklärungen: guhyatara – noch geheimer; śṛṇuṣva – höre.
I.6.112 śāntaṃ dāntaṃ kulīnaṃ ca sarvaśāstrārthakovidam |
evaṃ guhyaṃ maheśāni āśrayed bhaktibhāvataḥ || 112 ||
Übersetzung: Hingebungsvoll suche man einen friedvollen, selbstbeherrschten Kula-Angehörigen auf, der den Sinn sämtlicher Schriften kennt; darin liegt die geheime Unterweisung.
Worterklärungen: śānta – friedvoll; dānta – selbstbeherrscht.
I.6.113 tataḥ prathamato labdhvā guruṃ paramakāraṇam |
gṛhṇīyāt paramaṃ mantraṃ devyāśca varavarṇini || 113 ||
Übersetzung: Nachdem man so zuerst den Guru als höchste vermittelnde Ursache gefunden hat, empfange man den höchsten Mantra der Göttin.
Worterklärungen: guru – geistiger Lehrer; gṛhṇīyāt – empfangen.
I.6.114 setuṃ ca kullukāṃ jñātvā mantrasaṅketakaṃ tathā |
samayācārasaṅketaṃ jñānabhāvaṃ samabhyaset || 114 ||
Übersetzung: Man lerne Setu, Kulluka, die Geheimzeichen des Mantras und der verbindlichen Lebensordnung kennen und übe eine erkenntnisvolle Haltung.
Worterklärungen: setu – Mantra-Brücke; saṅketa – Geheimzeichen.
I.6.115 pūjayet parayā bhaktyā pārvatīṃ paṭalakramāt |
yathā guruvidhānena pūjayet paradevatām || 115 ||
Übersetzung: Parvati verehre man mit höchster Hingabe nach der Kapitelordnung; die höchste Gottheit gemäß der Unterweisung des Gurus.
Worterklärungen: guruvidhāna – Guru-Unterweisung; paradevatā – höchste Gottheit.
I.6.116 caturbhūjāṃ daśabhujāṃ sahasrabhujasaṃyutām |
lolajihvāṃ karālāsyāṃ muṇḍamālāvibhūṣitām || 116 ||
Übersetzung: Vierarmig, zehnarmig oder tausendarmig, mit bewegter Zunge, schrecklichem Angesicht und Schädelgirlande,
Worterklärungen: daśabhuja – zehnarmig; sahasrabhuja – tausendarmig.
I.6.117 praṇamet prajaped dhyāyed devīṃ dravyaiḥ prapūjayet |
javāparājitādroṇakaravīrairmanoharaiḥ || 117 ||
Übersetzung: verehre man die Göttin, verneige sich, wiederhole ihren Mantra und meditiere sie; als Gaben dienen Hibiskus, Aparajita, Drona und Oleander,
Worterklärungen: prajapet – wiederholen; dravya – Gabe.
I.6.118 pūjayed raktakusumaiḥ sugandhaiścāruśobhanaiḥ |
nānāpuṣpaiśca deveśi pūjayed bhaktibhāvataḥ || 118 ||
Übersetzung: rote, wohlriechende, schöne und verschiedene andere Blumen, dargebracht mit Hingabe.
Worterklärungen: sugandha – wohlriechend; bhaktibhāva – hingebungsvolle Haltung.
I.6.119 pādyārghyācamanīyādyairnānādravyairmanoharaiḥ |
gandhaiḥ puṣpaiśca dhūpaiśca dīpairambarabhūṣaṇaiḥ || 119 ||
Übersetzung: Mit Fußwasser, Ehrenwasser, Mundspülwasser und anderen schönen Gaben, Düften, Blumen, Räucherwerk, Lichtern, Gewändern und Schmuck,
Worterklärungen: pādya – Fußwasser; dīpa – Licht; ambara – Gewand.
I.6.120 naivedyairvividhairdravyaistāmbūlaiścarvaṇotkaṭaiḥ |
punarācamanīyaiśca pūjayejjagadambikām || 120 ||
Übersetzung: mit verschiedenen Speisegaben, kräftigem Betel zum Kauen und erneutem Mundspülwasser verehre man die Weltenmutter.
Worterklärungen: naivedya – Speisegabe; ācamanīya – Mundspülwasser.
I.6.121 evaṃ pūjā vidhātavyā yathāśaktyā varānane |
pūjayitvā tu praṇamet pārvatīṃ tantrajaiḥ stavaiḥ || 121 ||
Übersetzung: So vollziehe man Verehrung nach eigenem Vermögen. Danach verneige man sich vor Parvati mit tantrischen Lobgesängen.
Worterklärungen: yathāśakti – nach Vermögen; stava – Lobgesang.
I.6.122 stotrasya kavacasyāpi paṭhanājjagadambikā |
bhuktimuktipradā caṇḍī bhaktidā sarvamaṅgalā || 122 ||
Übersetzung: Durch Rezitation von Lobgesang und Schutztext schenkt die Weltenmutter Genuss, Befreiung und Hingabe als allheilvolle Chandika.
Worterklärungen: bhaktidā – Hingabe schenkend; sarvamaṅgalā – Allheilvolle.
I.6.123 bāhyapūjā prakartavyā guruvākyānusārataḥ |
antaryāgātmikā pūjā bāhyapūjā maheśvari || 123 ||
Übersetzung: Äußere Verehrung geschehe gemäß dem Wort des Gurus. Innere Opferverehrung und äußere Verehrung werden nebeneinandergestellt,
Worterklärungen: guruvākya – Guru-Wort; bāhyapūjā – äußere Verehrung.
I.6.124 sarvapūjā vidhātavyā yāvajjñānaṃ na jāyate |
evaṃ viprapraṇāmena japena tapasā'pi vā || 124 ||
Übersetzung: und sämtliche Verehrungsformen seien auszuüben, solange Erkenntnis nicht entsteht. Durch Verneigung vor Brahmanen, Japa oder Askese,
Worterklärungen: yāvat – solange; viprapraṇāma – Verneigung vor Brahmanen.
I.6.125 māheśī sā prasannā'bhūt stavena kavacena ca |
tato devi maheśāni siddhividyā yadā bhavet || 125 ||
Übersetzung: durch Lobgesang und Schutztext wird Maheshi erfreut. Wenn dann die Vidya zur Vollendung gelangt,
Worterklärungen: prasanna – erfreut, gnädig; siddhavidyā – vollendete Vidya.
I.6.126 tadaiva pūjayā siddhiḥ kriyayā buddhiyuktayā |
evaṃ devyanugrahato jñānamutpadyate khalu || 126 ||
Übersetzung: entsteht Vollendung durch Verehrung und einsichtsvolles Handeln. So erwacht durch die Gnade der Göttin Erkenntnis.
Worterklärungen: buddhiyukta – einsichtsvoll; devyanugraha – Göttinnengnade.
I.6.127 tadā kālātyaye caṇḍi kriyābhaktiśca niṣphalā |
kevalā preyasī muktirmahādevasya bhāvinī || 127 ||
Übersetzung: Nach diesem Übergang trägt rituelle Hingabe keine zusätzliche Frucht mehr; allein die geliebte Befreiung in Mahadeva bleibt.
Worterklärungen: kālātyaya – Zeitübergang; niṣphala – ohne weitere Frucht.
I.6.128 śrīpārvatī uvāca
śrutaṃ paramatantraṃ vai sārāt sāraṃ parāt param |
yat śrutvā mokṣamāpnoti karmapāśanikṛntanāt || 128 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Ich hörte das höchste Tantra, Essenz der Essenz, durch dessen Hören die Karmafesseln durchschnitten werden und Befreiung entsteht.
Worterklärungen: karmapāśa – Karmafessel; nikṛntana – Durchschneiden.
I.6.129 śrīśiva uvāca
śṛṇu devi varārohe mamaiva niścitaṃ tava |
durgā hi paramaṃ mantraṃ durgā hi paramo japaḥ || 129 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Höre meine feste Überzeugung: Durga ist der höchste Mantra, Durga das höchste Japa.
Worterklärungen: niścita – feste Überzeugung; para – höchster.
I.6.130 durgā hi paramaṃ tīrthaṃ durgā hi paramā kriyā |
durgā hi paramā bhuktirdurgā muktirmahītale || 130 ||
Übersetzung: Durga ist der höchste Pilgerort, die höchste Handlung, der höchste Genuss und die Befreiung auf Erden.
Worterklärungen: tīrtha – Pilgerort; kriyā – Handlung.
I.6.131 buddhirnidrā kṣudhā chāyā śaktistṛṣṇā tathā kṣamā |
kriyā sarvavariṣṭhā ca vaidikī tāntrikī ca yā || 131 ||
Übersetzung: Einsicht, Schlaf, Hunger, Schatten, Kraft, Durst und Geduld sowie höchste vedische und tantrische Handlung,
Worterklärungen: chāyā – Schatten; tṛṣṇā – Durst; kṣamā – Geduld.
I.6.132 evaṃ sarvaṃ hi durgā hi durgābhinnaṃ na tajjapaḥ |
bhajed durgāpadadvandvaṃ smared durgāmaharniśam || 132 ||
Übersetzung: all das ist Durga; Japa ist nicht von ihr getrennt. Verehre ihre beiden Füße, erinnere sie Tag und Nacht.
Worterklärungen: abhinna – ungetrennt; aharniśam – Tag und Nacht.
I.6.133 prajaped devi durgeti mantraṃ paramakāraṇam |
ya evaṃ bhaktimāsthāya prakaroti kriyāṃ śive || 133 ||
Übersetzung: Wiederhole „Durga“ als Mantra des höchsten Ursprungs. Wer auf solche Hingabe gestützt handelt,
Worterklärungen: paramakāraṇa – höchster Ursprung; kriyā – Handlung.
I.6.134 sarvasiddhiyuto bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale |
nānātantre pṛthak ceṣṭā mayoktā girinandini || 134 ||
Übersetzung: wandelt mit allen Vollendungen ausgestattet auf Erden. In verschiedenen Tantras habe ich unterschiedliche Vorgehensweisen erklärt,
Worterklärungen: pṛthak ceṣṭā – unterschiedliche Vorgehensweise; sarvasiddhiyuta – mit allen Vollendungen ausgestattet.
I.6.135 aikyaṃ jñānaṃ yadā devi tadā siddhimavāpnuyāt |
sthāvare jaṅgame caiva yadā tulyamanā bhavet || 135 ||
Übersetzung: doch wenn Einheitswissen entsteht und man Beweglichem wie Unbeweglichem mit gleicher Gesinnung begegnet, erlangt man Vollendung.
Worterklärungen: tulyamanas – gleichgesinnt; sthāvara-jaṅgama – unbeweglich und beweglich.
I.6.136 kiṃ na sidhyati viśveśi paratreha ca pārvati |
evaṃ bhuktiśca muktiśca bhaktiśca jagadambike || 136 ||
Übersetzung: Was könnte dann hier oder jenseits nicht gelingen? So entstehen Genuss, Befreiung und Hingabe, Weltenmutter.
Worterklärungen: iha-paratra – hier und jenseits; bhakti – Hingabe.
I.6.137 tava jñānaṃ tadaivānte tato nirvāṇamāpnuyāt ||
evaṃ vai kathitaṃ caṇḍi kiṃ bhūyaḥ śrotumicchasi || 137 ||
Übersetzung: Schließlich entsteht die Erkenntnis deiner Wirklichkeit; daraus folgt Erlösung. So ist es erklärt: Was möchtest du noch hören?
Worterklärungen: nirvāṇa – Erlösung; bhūyaḥ – noch weiter.
I.6.138 śrīpārvatī uvāca
śrutaṃ paramatattvaṃ vai śrutaṃ paramamādarāt |
śrutaṃ kālyāśca caritaṃ tārāyāśca śrutaṃ mayā || 138 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Die höchste Wirklichkeit habe ich mit großer Achtung gehört, ebenso Kalis und Taras Wirken.
Worterklärungen: carita – Wirken; paramādara – große Achtung.
I.6.139 idānīṃ śrotumicchāmi mantrasiddhiḥ kathaṃ bhavet |
vidyāsiddhiḥ kathaṃ deva tad vadasva dayānidhe || 139 ||
Übersetzung: Nun möchte ich wissen, wie Mantra- und Vidya-Vollendung entstehen. Erkläre es, Hort des Mitgefühls!
Worterklärungen: dayānidhi – Hort des Mitgefühls; vidyāsiddhi – Vidya-Vollendung.
I.6.140 śrīśiva uvāca
idānīṃ śṛṇu deveśi mantrasiddhestu kāraṇam |
mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ yāmale kathitaṃ mayā || 140 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Höre die Ursache der Mantra-Vollendung. Mantrabedeutung und Mantrabewusstsein habe ich im Yamala erklärt,
Worterklärungen: mantrārtha – Mantrabedeutung; mantracaitanya – Mantrabewusstsein.
I.6.141 ḍāmare ca śrutaṃ caṇḍi kuloḍḍīśe kulārṇave |
saṃkṣepeṇa vadiṣyāmi mantrasiddhestu kāraṇam || 141 ||
Übersetzung: auch im Damara, Kuloddisha und Kularnava hast du davon gehört. Nun erkläre ich die Ursache in Kürze.
Worterklärungen: saṃkṣepeṇa – in Kürze; kāraṇa – Ursache.
I.6.142 kiṃ bahūktyā maheśāni gurubhaktyā ca sidhyati |
kulavāre maheśāni sahasramayutaṃ japet || 142 ||
Übersetzung: Was bedarf es vieler Worte? Durch Hingabe an den Guru gelingt es. Am Kula-Tag wiederhole man tausend- oder zehntausendmal,
Worterklärungen: gurubhakti – Guru-Hingabe; ayuta – zehntausend.
I.6.143 śanaiścare caturdaśyāmamāyāṃ kujavāsare |
sthitvā kuśāsane jñānī mantrasiddhiparāyaṇaḥ || 143 ||
Übersetzung: am Samstag, vierzehnten Mondtag, Neumond oder Dienstag, auf einem Kusha-Sitz, als Wissender der Mantra-Vollendung zugewandt.
Worterklärungen: kuśāsana – Kusha-Sitz; amā – Neumond.
I.6.144 ayutaṃ bhaktibhāvena sahasraṃ vā varānane |
antaryāgaṃ tataḥ kṛtvā sarvasiddhīśvaro bhavet || 144 ||
Übersetzung: Zehntausend- oder tausendmal mit Hingabe; anschließend vollziehe man das innere Opfer und werde Herr aller Vollendungen.
Worterklärungen: antaryāga – inneres Opfer; sahasra – tausend.
I.6.145 aśvatthe vaṭamūle vā nimbabilvamūle'thavā |
pūjayet parayā buddhyā mantrasiddhiṃ jano labhet || 145 ||
Übersetzung: Unter Pippala, Banyan, Neem oder Bilva verehre man mit höchster Einsicht und erlange Mantra-Vollendung.
Worterklärungen: vaṭa – Banyan; nimba – Neem.
I.6.146 viśveśvari mahāmāye sarvavighnavināśini |
evaṃ māsatrayaṃ kuryādantaryāgena śudhyati || 146 ||
Übersetzung: So verfahre man drei Monate, Allhindernisse-Vernichtende; durch inneres Opfer wird man gereinigt.
Worterklärungen: māsatraya – drei Monate; śudhyati – wird gereinigt.
I.6.147 tadā siddhimavāpnoti satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
suṣumnāntaḥ sthitāṃ devīṃ padmakiñjalkavāsinīm || 147 ||
Übersetzung: Dann entsteht wahrhaft Vollendung. Die Göttin wohnt im Inneren Sushumnas, in den Staubfäden des Lotos,
Worterklärungen: padmakiñjalka – Lotosstaubfaden; antaḥsthita – im Innern weilend.
I.6.148 dhyāyennāḍīviśuddhena mantrasiddhiranuttamā |
athavā śṛṇu cārvaṅgi kriyāhīnaṃ mataṃ mama || 148 ||
Übersetzung: über sie meditiere man mit gereinigten Nadis und gewinne höchste Mantra-Vollendung. Oder höre meine Lehre ohne äußere Handlung,
Worterklärungen: kriyāhīna – ohne äußere Handlung; nāḍīviśuddha – mit gereinigten Nadis.
I.6.149 kevalaṃ dhyānamāsthāya mantrasiddhirbhaved dhruvam |
kālikāṃ hṛdayāmbhoje dhyāyet paramadevatām || 149 ||
Übersetzung: allein durch Meditation entsteht gewiss Mantra-Vollendung. Im Herzenslotos meditiere man Kalika als höchste Gottheit.
Worterklärungen: dhyānamātra – Meditation allein; hṛdayāmbhoja – Herzenslotos.
I.6.150 yogasiddhiṃ samāsthāya mantrasiddhirbhavennṛṇām |
purā pṛcchāmi gaditā durlabhā yā mahītale || 150 ||
Übersetzung: Auf Yoga-Vollendung gestützt entsteht Mantra-Vollendung. Die frühere, auf Erden schwer zu beantwortende Frage wurde erklärt,
Worterklärungen: yogasiddhi – Yoga-Vollendung; pṛcchā – Frage.
I.6.151 sā pṛcchā te nigaditā kiṃ na sidhyati bhūtale |
śaktiyāmalake siddheśvaratantre kulācale || 151 ||
Übersetzung: deine Frage ist beantwortet: Was könnte nicht gelingen? Im Shakti-Yamala, Siddheshvara-Tantra und Kulachala,
Worterklärungen: śaktiyāmala – Werktitel; sidhyati – gelingt.
I.6.152 vidyāsiddhirnigaditā durlabhā dharaṇītale |
kālī tārā mahāvidyā ṣoḍaśī bhuvaneśvarī || 152 ||
Übersetzung: wurde die seltene Vidya-Vollendung gelehrt. Kali, Tara, die große Vidya Shodashi, Bhuvaneshvari,
Worterklärungen: mahāvidyā – große Wissensgestalt; durlabha – selten.
I.6.153 bhairavī chinnamastā ca vidyā dhūmāvatī tathā |
bagalā siddhividyā ca mātaṅgī kamalātmikā || 153 ||
Übersetzung: Bhairavi, Chinnamasta, Dhumavati, Bagala als vollendete Vidya, Matangi und Kamalatmika,
Worterklärungen: chinnamastā – Göttin mit abgeschnittenem Haupt; siddhavidyā – vollendete Vidya.
I.6.154 etā daśa mahāvidyāḥ siddhividyāḥ prakīrtitāḥ |
eṣā vidyā prakathitā sarvatantreṣu gopitā || 154 ||
Übersetzung: diese heißen die zehn großen, vollendeten Vidyas. Diese Wissenslehre ist in sämtlichen Tantras verborgen.
Worterklärungen: daśa – zehn; gopita – verborgen.
I.6.155 sarvasiddhipradā nityā nityānandamayī śivā |
vidyāsiddhirmaheśāni bhaviṣyati yadā bhavet || 155 ||
Übersetzung: Sie ist ewig, heilvoll, voller ewiger Glückseligkeit und schenkt alle Vollendungen. Wenn Vidya-Vollendung entsteht,
Worterklärungen: nityānandamayī – voller ewiger Glückseligkeit; śivā – Heilvolle.
I.6.156 aindravaṃ candravadane candratattvaṃ varānane |
kuberatvaṃ śivatvaṃ vā viṣṇutvaṃ viśvagehinī || 156 ||
Übersetzung: entsteht auch der Zustand Indras, des Mondes, Kuberas, Shivas oder Vishnus, Mondgesichtige und Weltengefährtin,
Worterklärungen: kuberatva – Kubera-Sein; śivatva – Shiva-Sein.
I.6.157 tatkṣaṇād devadevaśi jāyate nātra saṃśayaḥ |
vidyāsiddheḥ prakaraṇaṃ pūrvoktaṃ tripureśvari || 157 ||
Übersetzung: augenblicklich, ohne Zweifel. Die Lehre von Vidya-Vollendung wurde bereits erklärt, Tripureshvari.
Worterklärungen: tatkṣaṇāt – augenblicklich; prakaraṇa – Lehre, Abschnitt.
I.6.158 idānīṃ kathayāmyatra vidyāsiddhimanuttamām |
śmaśāne'śvatthamūle vā śave vā śūnyamandire || 158 ||
Übersetzung: Nun erläutere ich nochmals ihre höchste Form: am Verbrennungsplatz, unter einem Pippala, auf einem Leichnam oder in einem leeren Haus,
Worterklärungen: śūnyamandira – leeres Haus; śava – Leichnam.
I.6.159 prajapet kālikāṃ tārāṃ mahāvidyā prasīdati |
japena tapasā stotrairantaryāgairmanoharaiḥ || 159 ||
Übersetzung: wiederhole man Kalis oder Taras Mantra. Durch Japa, Askese, Lobgesänge und schöne innere Opfer wird die große Vidya erfreut,
Worterklärungen: japa – Wiederholung; antaryāga – inneres Opfer.
I.6.160 pūjanaiḥ kavacairdevi mahāvidyā prasīdati |
anenaiva vidhānena pūjanaṃ yaḥ karotyaho || 160 ||
Übersetzung: ebenso durch Verehrung und Schutztexte. Wer genau nach dieser Ordnung verehrt,
Worterklärungen: pūjana – Verehrung; vidhāna – Ordnung.
I.6.161 suprasannā jagaddhātrī mahāmāyā prasidhyati |
mantrasiddhermahāvidyā siddheḥ kāraṇamagrataḥ ||
kathitaṃ te jagaddhātri kiṃ bhūyaḥ śrotumicchasi || 161 ||
Übersetzung: dem wird die Weltenmutter Mahamaya sehr gnädig und offenbar. Die Ursachen von Mantra- und Mahavidya-Vollendung sind erklärt. Was möchtest du noch hören?
Worterklärungen: prasidhyati – wird offenbar, verwirklicht; kāraṇa – Ursache.
I.6.162 śrīpārvatī uvāca
śrutaṃ siddheḥ kāraṇaṃ tu sarvasiddhikaraṃ param |
yajjñātvā mokṣamāpnoti jīvaḥ paramakovidaḥ || 162 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Die höchste Ursache aller Vollendungen habe ich gehört; wer sie erkennt, erlangt als kundiges Lebewesen Befreiung.
Worterklärungen: paramakovida – höchst kundig; mokṣa – Befreiung.
I.6.163 nānātantraṃ śrutaṃ devadeva viśveśvara prabho |
idānīṃ śrotumicchāmi nīlakaṇṭha sadāśiva || 163 ||
Übersetzung: Viele Tantras habe ich gehört, Weltenherr. Nun möchte ich, blaukehliger Sadashiva,
Worterklärungen: nānātantra – viele Tantras; śrotum icchāmi – ich möchte hören.
I.6.164 māhātmyaṃ kālikāyāśca tārāyāśca sureśvara |
śrotumicchāmyahaṃ nātha yatastvaṃ kālikāpatiḥ ||
tārāpatistvaṃ deveśa vada śīghraṃ sadāśiva || 164 ||
Übersetzung: Kalis und Taras Größe hören. Du bist Kalis und Taras Herr; erkläre sie rasch, Sadashiva!
Worterklärungen: māhātmya – Größe, Herrlichkeit; pati – Herr.
I.6.165 śrīśiva uvāca
dhanyāsi patibhaktāsi cārvaṅgi śṛṇu madvacaḥ |
kālikāyāśca tārāyā māhātmyaṃ siddhidāyakam || 165 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Gesegnet bist du und deinem Gatten ergeben. Höre mein Wort über Kalis und Taras vollendungsschenkende Größe.
Worterklärungen: patibhakta – dem Gatten ergeben; siddhidāyaka – vollendungsschenkend.
I.6.166 yathā kālī tathā tārā ekadaiva hi bhinnatā |
dakṣāṃśā caiva vāmāṃśā yathānukramasārataḥ || 166 ||
Übersetzung: Wie Kali, so Tara. Eine Unterscheidung betrifft rechten und linken Anteil gemäß der jeweiligen Ordnung; der genaue Bezug bleibt verkürzt.
Worterklärungen: dakṣāṃśa – rechter Anteil; vāmāṃśa – linker Anteil.
I.6.167 nahi kālisamā pūjā nahi kālīsamaṃ phalam |
nahi kālīsamaṃ jñānaṃ nahi kālīsamaṃ tapaḥ || 167 ||
Übersetzung: Keine Verehrung, keine Frucht, keine Erkenntnis und keine Askese gleicht derjenigen Kalis.
Worterklärungen: jñāna – Erkenntnis; tapas – Askese.
I.6.168 tasyaiva dhanyā jananī dhanyastasya pitāmahaḥ |
dhanyaṃ kulaṃ yaśaścaṇḍi yena kālī samarcitā || 168 ||
Übersetzung: Gesegnet sind Mutter, Großvater, Familie und Ruhm desjenigen, der Kali verehrt.
Worterklärungen: jananī – Mutter; pitāmaha – Großvater; yaśas – Ruhm.
I.6.169 kālī tārāsamā vidyācāre stutivicāraṇe |
yantre mantre phalaṃ tulyaṃ na viśeṣaḥ kathañcana || 169 ||
Übersetzung: Kali und Tara sind gleich in Wissenspraxis und Lobpreis. Bei Yantra, Mantra und Frucht besteht kein Unterschied.
Worterklärungen: tulya – gleich; viśeṣa – Unterschied.
I.6.170 ityevaṃ bhedabuddhyā tu kathitaṃ caritaṃ priye |
abhedabuddhyā deveśi sarvāstulyā na saṃśayaḥ || 170 ||
Übersetzung: Ihr Wirken wurde aus unterscheidender Sicht beschrieben; aus nichtunterscheidender Einsicht sind alle Göttinnen zweifellos gleich.
Worterklärungen: abhedabuddhi – nichtunterscheidende Einsicht; sarvāḥ – alle Göttinnen.
I.6.171 śrīmadekajaṭā devī ugratārā sarasvatī |
vyālānāṃ damane kṛṣṇarakṣaṇe yamunājale || 171 ||
Übersetzung: Die erhabene Ekajata, Ugratara, Sarasvati: Bei der Bezwingung von Schlangen und dem Schutz Krishnas im Yamuna-Wasser,
Worterklärungen: vyāla – Schlange; rakṣaṇa – Schutz.
I.6.172 papāta tāriṇī vidyā nīlavarṇā sarasvatī |
devaiścaiva hi devendrairyogīndraiḥ sādhakottamaiḥ || 172 ||
Übersetzung: erschien die rettende Vidya als blaue Sarasvati; das Verb papāta bedeutet wörtlich „fiel herab“. Von Göttern, Götterherren, Yogameistern und großen Übenden,
Worterklärungen: nīlavarṇā – blau; papāta – fiel herab.
I.6.173 sādhakairmunibhiḥ sarvairgandharvaiḥ kinnaraiḥ khagaiḥ |
vidyādharairnartakaiśca nānā-ṛṣigaṇairapi || 173 ||
Übersetzung: von allen Übenden und Weisen, Gandharvas, Kinnaras, Himmelswesen, Vidyadharas, Tänzern und verschiedenen Seherscharen,
Worterklärungen: khaga – Himmelswesen, Vogel; ṛṣi – Seher.
I.6.174 ārādhitā mahākālī mahānīlasarasvatī |
vadanti sādhakāḥ sarve kālīṃ kālavināśinīm || 174 ||
Übersetzung: werden Mahakali und Maha-Nila-Sarasvati verehrt. Alle Übenden preisen Kali als Vernichterin der Zeit,
Worterklärungen: kālavināśinī – Vernichterin der Zeit; ārādhitā – verehrt.
I.6.175 nīlāṃ sarasvatīṃ vidyāmugratārāṃ manoharām |
kālikāyāśca tārāyā māhātmyaṃ devadurlabham || 175 ||
Übersetzung: Nila-Sarasvati als bezaubernde Ugratara-Vidya. Kalis und Taras Größe ist selbst für Götter schwer zugänglich.
Worterklärungen: manohara – bezaubernd; devadurlabha – selbst Göttern schwer zugänglich.
I.6.176 kaḥ śaknoti mahīmadhye tasya māhātmyakovidaḥ |
daśavidyā'ṣṭādaśadhā vidyārūpāṃ sureśvarīm || 176 ||
Übersetzung: Wer auf Erden vermag ihre Größe ganz zu kennen? Die zehn Vidyas, ferner achtzehn Wissensgestalten der Götterherrin,
Worterklärungen: aṣṭādaśadhā – achtzehnfach; māhātmyakovida – Kenner der Größe.
I.6.177 bhajate yaḥ sādhakendro bhavatyevaṃ sureśvari |
ityevaṃ śṛṇu deveśi māhātmyaṃ bhuvi durlabham || 177 ||
Übersetzung: wer sie verehrt, wird zu einem Meister der Übenden. Höre ihre in der Welt selten offenbarte Größe,
Worterklärungen: sādhakendra – Meister der Übenden; bhajate – verehrt.
I.6.178 yāsāṃ vijñānamātreṇa jīvanmuktaḥ prajāyate |
yathā śivastathā jīvo jīvastu śiva eva hi || 178 ||
Übersetzung: durch deren bloße Erkenntnis man zu Lebzeiten frei wird. Wie Shiva, so das Lebewesen; das Lebewesen ist Shiva selbst.
Worterklärungen: vijñānamātra – bloße Erkenntnis; jīva – Lebewesen.
I.6.179 jāyate paramaṃ jñānaṃ bhāvajñānād varānane |
aparaṃ śṛṇu cārvaṅgi sāvadhānā'vadhāraya || 179 ||
Übersetzung: Aus Erkenntnis der inneren Haltung entsteht höchstes Wissen. Höre nun etwas Weiteres und nimm es aufmerksam auf.
Worterklärungen: bhāvajñāna – Erkenntnis der Haltung; sāvadhāna – aufmerksam.
I.6.180 stotraṃ ca kavacaṃ devyāḥ kālikāyā maheśvari |
tārāyā na śrutaṃ caṇḍi sarvamohanakāraṇam || 180 ||
Übersetzung: Kalis und Taras Lobgesang und Schutztext, die alle bezaubern, wurden noch nicht gehört; der Satz ist verkürzt.
Worterklärungen: sarvamohana – alle bezaubernd; stotra – Lobgesang.
I.6.181 ṣaṭkarmasiddhidaṃ mantraṃ stotraṃ kavacamuttamam |
na prakāśyaṃ ca kutrāpi sarvasampatpradaṃ priye |
idānīṃ kathayāmyatra jīvamohanakāraṇam || 181 ||
Übersetzung: Mantra, Lobgesang und Schutztext verleihen Vollendung der sechs Ritualhandlungen und allen Wohlstand. Sie sollen nirgends öffentlich gemacht werden. Nun erkläre ich das Mittel zur Bezauberung der Wesen.
Worterklärungen: ṣaṭkarman – sechs Ritualhandlungen; sampat – Wohlstand.
I.6.182 śrīpārvatī uvāca
vada nātha jagatsvāmin prabho śrīkaṇṭha śaṅkara |
mohanaṃ kavacaṃ nātha stotraṃ kavacameva hi || 182 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Erkläre, Weltenherr und Shankara, den bezaubernden Schutztext und Lobgesang!
Worterklärungen: mohana – Bezauberung; kavaca – Schutztext.
I.6.183 sarvavighnahvaraṃ devi sarvaśāntikaraṃ tathā |
devānāmapi durjñeyaṃ vada nātha jagadguro || 183 ||
Übersetzung: Sie beseitigen Hindernisse und stiften Frieden und sind selbst für Götter schwer erkennbar. Erkläre sie, Weltenlehrer! Die Anrede devi steht hier auffällig in Parvatis Rede.
Worterklärungen: vighna – Hindernis; śāntikara – Frieden stiftend.
I.6.184 śrīśaṅkara uvāca
namaste jagadīśānadayite haravallabhe |
viśveśvari jagaddhātri trailokyamohanaṃ kuru || 184 ||
Übersetzung: Shankara sprach: Verehrung der Geliebten des Weltenherrn, Haras Geliebten! Weltenherrin, Weltenmutter, bezaubere die drei Welten!
Worterklärungen: trailokyamohana – Bezauberung der drei Welten; kuru – bewirke.
I.6.185 mantroddhāraṃ pravakṣyāmi sāvadhānā sureśvari |
lāntaṃ vāntaṃ māntayuktaṃ svara ------------tmakaṃ priye || 185 ||
Übersetzung: Ich erkläre die Ableitung des Mantras; sei aufmerksam. Es folgen Lautchiffren lānta, vānta und mānta samt einem Vokal; eine ausdrückliche Textlücke verhindert die Rekonstruktion.
Worterklärungen: mantroddhāra – Mantra-Ableitung; svara – Vokal.
I.6.186 kāntaṃ śaktiyutaṃ devi jalayaṃ cāpi vā'nvitam |
ṛṇagrajaṃ ṣāgrajaṃ kukayugāgrajameva hi || 186 ||
Übersetzung: Weitere Chiffren heißen kānta mit Shakti, jalaya beziehungsweise vā, ṛṇāgraja, ṣāgraja und kukayugāgraja. Ihre Folge ist beschädigt und nicht sicher auflösbar.
Worterklärungen: śaktiyuta – mit Shakti verbunden; agraja – Vorgänger, Lautchiffre.
I.6.187 śaktiyuktaṃ mantrayajñaśeṣaṃ samudīrayet |
ityevaṃ mantrarājaṃ ca yo japejjagadambike || 187 ||
Übersetzung: Mit Shakti verbunden werde der Rest des Mantraopfers ausgesprochen. Wer diesen König der Mantras wiederholt,
Worterklärungen: mantrayajña – Mantraopfer; mantrarāja – Mantrakönig.
I.6.188 trailokyamohano bhūtvā sarvasampallabhet tu saḥ |
dhāraṇaṃ yugalaṃ phāntaṃ tāntaṃ bindudvitīyakam || 188 ||
Übersetzung: bezaubert die drei Welten und gewinnt allen Wohlstand. Danach folgen die Chiffren dhāraṇa, ein Paar, phānta, tānta und ein zweiter Bindu.
Worterklärungen: bindu – Nasalpunkt; yugala – Paar.
I.6.189 vākvādinyamukaṃ me vaśamānaya vai phakī |
mantraṃ cāyutamevaṃ ca sahasraṃ vā'yutaṃ niśi || 189 ||
Übersetzung: „Rede-Göttin, bringe den genannten Menschen unter meinen Einfluss“ ist der verständliche Formelteil; phakī bleibt unklar. Nachts werden tausend oder zehntausend Wiederholungen genannt.
Worterklärungen: amuka – die genannte Person; vaśam ānaya – unter Einfluss bringen.
I.6.190 tadaiva devīṃ devaṃ vā naraṃ vā vaśamānayet |
iyaṃ vaśakarī vidyā sarvatantreṣu gopitā || 190 ||
Übersetzung: Dann bringe man Göttin, Gott oder Mensch unter Einfluss, behauptet der Text. Diese unterwerfende Vidya ist in allen Tantras verborgen.
Worterklärungen: vaśakarī – unterwerfend; gopita – verborgen.
I.6.191 pūjayed bhaktibhāvena praṇamed rājamohinīm |
smṛtvā tu manasā devīṃ japenmantraṃ kuje dine || 191 ||
Übersetzung: Hingebungsvoll verehre man Rajamohini, verneige sich, erinnere sie geistig und wiederhole den Mantra am Dienstag.
Worterklärungen: rājamohinī – Könige Bezaubernde; kuja – Dienstag.
I.6.192 śanaiścaradine devi rātrau stotraṃ paṭhed yadi |
acireṇaiva kālena sa bhaved rājavallabhaḥ || 192 ||
Übersetzung: Wer am Samstag nachts den Lobgesang rezitiert, wird bald zum Liebling des Königs.
Worterklärungen: śanaiścara – Samstag; rājavallabha – Königsliebling.
I.6.193 ghoradaṃṣṭre karālāsye matsyamāṃsabalipriye |
namaste viśvajanani namaste viśvabhāvini || 193 ||
Übersetzung: Furchtbar Bezahnte, Schrecklich Angesichtige, Liebhaberin von Fisch-, Fleisch- und Opfergaben! Verehrung dir, Weltgebärerin und Welthervorbringende!
Worterklärungen: viśvajanani – Weltgebärerin; bali – Opfergabe.
I.6.194 namaste jagadīśānadayite bhaktavatsale |
namaste paramānandadāyini rājamohini || 194 ||
Übersetzung: Verehrung der Geliebten des Weltenherrn, den Verehrern Zugewandten, höchste Glückseligkeit Schenkenden, Könige Bezaubernden!
Worterklärungen: bhaktavatsala – Verehrern zugewandt; ānandadāyinī – Freude schenkend.
I.6.195 namaste'stu sādānande namaste śaṅkarapriye |
namaste maṅgale tubhyaṃ sarvamaṅgalamaṅgale || 195 ||
Übersetzung: Verehrung dir, ewig Glückselige, Geliebte Shankaras, Heilvolle, Heil des Heilvollen!
Worterklärungen: sadānanda – ewig glückselig; maṅgala – Heil.
I.6.196 viśvamātarjagaddhātri namaste tripureśvari |
namaste brahmanamite namaste varade śive || 196 ||
Übersetzung: Weltenmutter, Weltenträgerin, Tripureshvari, Verehrung dir! Von Brahma Verehrte, Gabenspenderin, Heilvolle!
Worterklärungen: varadā – Gabenspenderin; brahmanamita – von Brahma verehrt.
I.6.197 meghaśyāme jagaddhātri karāle vikaṭe śubhe |
harabhārye harārādhye namaste harapūjite || 197 ||
Übersetzung: Wolkendunkle, Weltenmutter, Furchtbare, Gewaltige, Heilvolle, Haras Gemahlin, von Hara verehrt: Verehrung dir!
Worterklärungen: meghaśyāma – wolkendunkel; harabhāryā – Haras Gemahlin.
I.6.198 harīndra - brahma - candrādi - pañcānanasupūjite |
namaste'stu mahāraudre mahāghore mahotsave || 198 ||
Übersetzung: Von Vishnu, Indra, Brahma, Mond und dem Fünfgesichtigen verehrt: Verehrung dir, überaus Wilde, Schreckliche, großes Fest!
Worterklärungen: pañcānana – fünfgesichtiger Shiva; mahotsava – großes Fest.
I.6.199 mahānande mahākāli mahākālaprapūjite |
viśveśvari namaste'stu namaste bhuvaneśvari || 199 ||
Übersetzung: Große Freude, Mahakali, von Mahakala verehrt, Allherrin und Weltenherrin: Verehrung dir!
Worterklärungen: mahānanda – große Freude; bhuvaneśvarī – Weltenherrin.
I.6.200 kāmarūpe ca kāmākṣe kāmapuṣpavibhūṣite |
sarvakāmaprade devi kāmamandiravandite || 200 ||
Übersetzung: Kamarupa, Kamakshi, mit Liebesblumen Geschmückte, alle Wünsche Schenkende, im Liebestempel Verehrte!
Worterklärungen: sarvakāmaprada – alle Wünsche schenkend; kāmapuṣpa – Liebesblume.
I.6.201 sarvakāmasvarūpe ca kāmadevaprapūjite |
kāmeśvari kalānāthavadane kāmavallabhe || 201 ||
Übersetzung: Du Gestalt allen Begehrens, vom Liebesgott Verehrte, Kameshvari, Mondgesichtige, Geliebte des Begehrens!
Worterklärungen: kalānātha – Mond; kāmadeva – Liebesgott.
I.6.202 kriyāmārgarate kāme niṣṭhākāme kalātmike |
namaste caṇḍike caṇḍe caṇḍamuṇḍavināśini || 202 ||
Übersetzung: Dem Handlungsweg Zugewandte, Liebe, im Begehren Beständige, Wesen der Kräfte! Verehrung dir, Chandika, Furchtbare, Vernichterin Chandas und Mundas!
Worterklärungen: kalātmikā – Wesen der Kräfte; kriyāmārga – Handlungsweg.
I.6.203 rājeśvari rame rāmapūjite rājavallabhe |
rāmapriye ramarate balarāmaprapūjite || 203 ||
Übersetzung: Königsherrin, Rama, von Rama Verehrte, Königen Liebe, Rama Liebende, Rama Zugewandte, von Balarama Verehrte!
Worterklärungen: rājeśvarī – Königsherrin; rāmapriya – Rama lieb.
I.6.204 nabhaścchinnakarāle ca karāle caṇḍi pārvati |
namaste saguṇe devi nirguṇe nirguṇātmike || 204 ||
Übersetzung: Du den Himmel Durchschneidende, Furchtbare, Chandika, Parvati! Verehrung dir als Göttin mit Eigenschaften und als eigenschaftsloser Wirklichkeit. Die erste Zusammensetzung ist unsicher.
Worterklärungen: saguṇa – mit Eigenschaften; nirguṇa – eigenschaftslos.
I.6.205 jagaddhātri jaye devi vijaye haravallabhe |
namaste śaṅkarānandadāyike śaṅkarapriye || 205 ||
Übersetzung: Weltenmutter, Siegreiche, Vijaya, Haras Geliebte! Verehrung dir, Shankaras Freude Schenkende, Shankaras Geliebte!
Worterklärungen: jayā – Siegreiche; ānandadāyikā – Freude schenkend.
I.6.206 namaḥ kṛṣṇe pītavarṇe śuklaraktasvarūpiṇi |
mahānīle nīlavarge mahānīlasarasvati || 206 ||
Übersetzung: Verehrung dir, Dunkle, Gelbe, Weiß-Rote, große Blaue, der blauen Gruppe Zugehörige, Maha-Nila-Sarasvati!
Worterklärungen: pītavarṇa – gelb; śuklarakta – weiß-rot.
I.6.207 vāgīśvari namaste'stu padme padmanivāsini |
iti te kathitaṃ devi stotraṃ vai janamohanam || 207 ||
Übersetzung: Herrin der Rede, Lotosgöttin, im Lotos Wohnende, Verehrung dir! So ist der Menschen bezaubernde Lobgesang erklärt.
Worterklärungen: vāgīśvarī – Herrin der Rede; padmanivāsinī – im Lotos Wohnende.
I.6.208 paṭhanāt stavarājasya kiṃ na sidhyati bhūtale |
mande candrātmaje jīve niśābhāge niśāmukhe || 208 ||
Übersetzung: Was könnte durch Rezitation dieses Lobgesangkönigs nicht gelingen? Am Samstag, Mittwoch oder Donnerstag, nachts oder bei Nachtbeginn,
Worterklärungen: manda – Saturn, Samstag; candrātmaja – Merkur, Mittwoch; jīva – Jupiter, Donnerstag.
I.6.209 prapaṭhet stavarājaṃ tu sarvasiddhīśvaro bhavet |
brāhmaṇaḥ kṣatriyo vaiśyaḥ śūdro vā varavarṇini || 209 ||
Übersetzung: rezitiere man ihn und werde Herr sämtlicher Vollendungen, ob Brahmane, Kshatriya, Vaishya oder Shudra.
Worterklärungen: stavarāja – Lobgesangkönig; sarvasiddhīśvara – Herr aller Vollendungen.
I.6.210 stotraprapaṭhanād devi jagadvaśanayo bhavet |
vaśīkaraṇametat tu stavarājaṃ manoharam || 210 ||
Übersetzung: Durch seine Rezitation gewinnt man dem Text zufolge Einfluss auf die Welt. Dieser schöne Lobgesang dient der Unterwerfung.
Worterklärungen: vaśīkaraṇa – Unterwerfung; jagadvaśa – Einfluss auf die Welt.
I.6.211 yaṃ yaṃ mantreṇa deveśi paramākarṣayatyaho |
sa eva vaśatāṃ yāti devarājasamo yadi ||
ityevaṃ kathitaṃ stotramadhunā kavacaṃ śṛṇu || 211 ||
Übersetzung: Wen man mit dem Mantra heranzieht, der gerät unter Einfluss, selbst wenn er dem Götterkönig gleicht. So ist der Lobgesang erklärt; höre nun den Schutztext.
Worterklärungen: ākarṣaṇa – Heranziehung; devarāja – Götterkönig.
I.6.212 śrīśiva uvāca
śṛṇu devi pravakṣyāmi aprakāśyaṃ mahītale |
śrutvā paṭhitvā kavacaṃ śavasiddhimavāpnuyāt || 212 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Höre das auf Erden nicht öffentlich Mitzuteilende. Durch Hören und Rezitation dieses Schutztextes gewinnt man Vollendung der Leichenpraxis.
Worterklärungen: śavasiddhi – Vollendung der Leichenpraxis; aprakāśya – geheimzuhalten.
I.6.213 pārvatī mastakaṃ pātu kapālaṃ jagadambikā |
kapālaṃ cāpi gaṇḍaṃ ca durgā pātu maheśvarī || 213 ||
Übersetzung: Parvati schütze den Kopf, Jagadambika den Schädel; Durga, die große Herrin, Schädel und Wange.
Worterklärungen: mastaka – Kopf; gaṇḍa – Wange.
I.6.214 viśveśvarī sadā pātu vakṣomūlaṃ śivapriyā |
nābhideśaṃ jagaddhātrī jagadānandavallabhā || 214 ||
Übersetzung: Vishveshvari, Shivas Geliebte, schütze stets den Brustansatz; Jagaddhatri, Geliebte der Weltfreude, die Nabelgegend.
Worterklärungen: vakṣomūla – Brustansatz; nābhideśa – Nabelgegend.
I.6.215 hṛdayaṃ caṇḍikā pātu bāhū paramadevatā |
keśāṃśca pañcamī vidyā sabhāyāṃ pātu bhairavī || 215 ||
Übersetzung: Chandika schütze das Herz, die höchste Gottheit die Arme, die fünfte Vidya die Haare, Bhairavi in Versammlungen.
Worterklärungen: bāhu – Arm; sabhā – Versammlung.
I.6.216 nityānandā yaśaḥ pātu liṅgaṃ liṅgeśvarī mudā |
bhavānī pātu me putraṃ patnīṃ me pātu dakṣajā || 216 ||
Übersetzung: Nityananda schütze meinen Ruhm, Lingeshvari freudig das Geschlechtsorgan; Bhavani meinen Sohn, Dakshaja meine Frau.
Worterklärungen: yaśas – Ruhm; putra – Sohn; patnī – Ehefrau.
I.6.217 kāmākhyā dehasakalaṃ pātu nityaṃ nabhogatam |
mahākuṇḍalinī nityaṃ pātu me jaṭharaṃ śivā || 217 ||
Übersetzung: Kamakhya schütze stets den ganzen Körper, auch im Raum unterwegs; Maha-Kundalini, die Heilvolle, meinen Bauch.
Worterklärungen: dehasakala – ganzer Körper; jaṭhara – Bauch.
I.6.218 vahnijāyā sadā yajñe pātu karma svadhā punaḥ |
araṇye vijane pātu durgā devī raṇe vane || 218 ||
Übersetzung: Svaha schütze stets beim Opfer, Svadha das Handeln; Durga in Wildnis und Einsamkeit, im Kampf und im Wald.
Worterklärungen: vahnijāyā – Feuersgattin, Svaha; raṇa – Kampf.
I.6.219 jale pātu jaganmātā devī tribhuvaneśvarī |
ityevaṃ kavacaṃ devi durjñeyaṃ rājamohane || 219 ||
Übersetzung: Im Wasser schütze die Weltenmutter, Herrin der drei Welten. So lautet der schwer verständliche Schutztext zur Bezauberung von Königen.
Worterklärungen: jala – Wasser; rājamohana – Königsbezauberung.
I.6.220 kavacasyāpi paṭhanād rājarājeśvaro bhavet |
yatra kutra dine stotraṃ kavacaṃ varavarṇini || 220 ||
Übersetzung: Durch seine Rezitation werde man Herr der Könige. An beliebigem Ort und Tag rezitiere man Lobgesang und Schutztext,
Worterklärungen: yatra kutra – wo immer; rājarājeśvara – Herr der Könige.
I.6.221 paṭhitvā sarvasaubhāgyaṃ labhate nātra saṃśayaḥ |
evaṃ nirantaraṃ stotraṃ kavacaṃ rājamohanam || 221 ||
Übersetzung: und gewinne zweifellos alles Glück. Beständig rezitiere man so den Könige bezaubernden Lobgesang und Schutztext,
Worterklärungen: saubhāgya – Glück; nirantara – beständig.
I.6.222 japenmantraṃ kṣititale vaśyaṃ yāti mahīpatiḥ |
pūjāyāḥ parayā bhaktyā kriyayā ca vinā śive || 222 ||
Übersetzung: und übe Mantra-Japa; der Herrscher gerate dadurch unter Einfluss. Auch ohne aufwendige Verehrung, höchste Hingabe und Ritualhandlung,
Worterklärungen: mahīpati – Herrscher; vinā – ohne.
I.6.223 kevalaṃ japamātreṇa sidhyatyevaṃ na saṃśayaḥ |
yā pṛcchā te nitaditā kathitā varavarṇini ||
idānīṃ devadeveśi kiṃ bhūyaḥ śrotumicchasi || 223 ||
Übersetzung: gelinge es allein durch Japa, ohne Zweifel. Deine Frage ist beantwortet, Schönangesichtige. Was möchtest du nun weiter hören?
Worterklärungen: kevalaṃ japamātreṇa – allein durch Japa; pṛcchā – Frage.
|| iti muṇḍamālātantre ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ ||
Hier endet Kapitel 6 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 7
Ergänzende heutige Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev; keine Rekonstruktion der zuvor beschriebenen Rituale.
I.7.1 atha saptamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca |
kathyatāṃ me dayāsindho jagadīśa jagadguro |
jagatkartā jagatpātā jagaddhātā tvameva hi || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Erkläre es mir, Ozean des Mitgefühls, Weltenherr und Weltenlehrer! Du selbst erschaffst, bewahrst und trägst die Welt.
Worterklärungen: jagatkartṛ – Weltschöpfer; dhātṛ – Träger.
I.7.2 triṣu lokeṣu viśveśa tvatto bhinnaḥ kadācana |
nāsti kartā mahādeva kimetat kathayāmi te || 2 ||
Übersetzung: In den drei Welten gibt es keinen Schöpfer getrennt von dir. Weshalb sage ich dir dies, Mahadeva?
Worterklärungen: bhinna – getrennt; kartṛ – Schöpfer.
I.7.3 goloke na ca kailāse na brahmamandire prabho |
na vaikuṇṭhe na vā saure nakṣatre na śaśipure || 3 ||
Übersetzung: Weder in Goloka, auf Kailasa, in Brahmas Wohnstatt, in Vaikuntha, im Sonnenbereich, unter den Sternen noch in der Mondstadt,
Worterklärungen: śaśipura – Mondstadt; nakṣatra – Stern.
I.7.4 vaktā kartā ca pātā ca hartā ca tripureśvara |
pṛcchāmi paramaṃ tattvaṃ yoginīyogasādhanam ||
yoginīhṛdayāmbhoje yoginīhṛdaye tathā || 4 ||
Übersetzung: gibt es einen anderen Verkünder, Schöpfer, Bewahrer oder Auflöser. Ich frage nach der höchsten Yogini-Yoga-Praxis im Herzenslotos der Yogini.
Worterklärungen: yoginīhṛdaya – Yogini-Herz; sādhana – Verwirklichungspraxis.
I.7.5 śrīśiva uvāca
seyaṃ gopyā ca deveśi brahmeti yāṃ viduḥ śive |
paraṃ brahma paraṃ dhāma saccidānandamavyayam || 5 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Sie ist geheim und wird Brahman genannt: höchstes Brahman, höchste Wohnstatt, unvergängliches Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.
Worterklärungen: saccidānanda – Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit; avyaya – unvergänglich.
I.7.6 yogīndrāṇāṃ jñānagamyamagamyaṃ manasā api |
anyeṣāṃ ca varārohe jagaddhātri śṛṇu priye || 6 ||
Übersetzung: Den Yogameistern ist sie durch Erkenntnis zugänglich; für andere selbst geistig unerreichbar. Höre, geliebte Weltenmutter!
Worterklärungen: jñānagamya – durch Erkenntnis zugänglich; agamya – unerreichbar.
I.7.7 sarveṣāṃ ca mayā jñānaṃ jñātaṃ tvayākhyamavyayam |
nārīṇāṃ hṛdayāmbhojaṃ na ca veda kathañcana || 7 ||
Übersetzung: Ich habe das unvergängliche, mit dir bezeichnete Wissen aller erkannt; dennoch kenne ich das Herzenslotos der Frauen nicht, behauptet Shiva hier.
Worterklärungen: hṛdayāmbhoja – Herzenslotos; nārī – Frau.
I.7.8 śrīpārvatī uvāca
satyaṃ ca kathitaṃ nātha satyameva vadāmyaham |
abalānāṃ ca hṛdayaṃ mantrasādhyaṃ ca kathyatām || 8 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Wahr gesprochen, Herr, auch ich sage die Wahrheit. Erkläre das durch Mantra zugängliche Herz der sogenannten Schwachen.
Worterklärungen: abalā – wörtlich Schwache, Bezeichnung für Frauen; mantrasādhya – durch Mantra erreichbar.
I.7.9 puruṣā naiva nānanti svabhāvāt tu vyatikramam |
devadeva mahādeva saṃsārārṇavatārakam || 9 ||
Übersetzung: Männer erkennen die natürliche Abweichung nicht; die Lesung nānanti ist beschädigt. Gott der Götter, Retter aus dem Daseinsozean,
Worterklärungen: vyatikrama – Abweichung; saṃsārārṇava – Daseinsozean.
I.7.10 jānāmi hṛdayaṃ puṃsāṃ kāṭhinyaṃ lolamānasam |
ata eva mahādeva śīghraṃ vada sadāśiva || 10 ||
Übersetzung: ich kenne das harte Herz und den unruhigen Geist der Männer. Darum erkläre es rasch, Sadashiva!
Worterklärungen: kāṭhinya – Härte; lolamānasa – unruhiger Geist.
I.7.11 kena rūpeṇa sā durgā suprasannā mahītale |
stavena kavacenā'pi jñānena jagadīśvarī |
prasannā ca mahāvidyā bhavet paramakāraṇe || 11 ||
Übersetzung: Wie wird Durga auf Erden erfreut: durch Lobgesang, Schutztext oder Erkenntnis? Wie zeigt sich die Weltenherrin als große Vidya gnädig in ihrem höchsten Ursprung?
Worterklärungen: stava – Lobgesang; prasanna – gnädig.
I.7.12 śrīśaṅkara uvāca
śṛṇu devi mahādevi viśveśvari jaganmayi |
yena rūpeṇa sā kālī tārā tripurasundarī || 12 ||
Übersetzung: Shankara sprach: Höre, große Göttin, Allherrin, Weltgestaltige, wie Kali, Tara und Tripurasundari,
Worterklärungen: jaganmayī – weltgestaltig; rūpa – Gestalt.
I.7.13 bhairavī caiva kamalā durgā ca bhuvaneśvarī |
yā yā vidyā maheśāni kathitā bhuvaneśvarī || 13 ||
Übersetzung: Bhairavi, Kamala, Durga, Bhuvaneshvari und alle gelehrten Vidyas erfreut werden,
Worterklärungen: vidyā – Wissens- und Mantragestalt; kathitā – gelehrt.
I.7.14 sā vidyā ca prasannā'bhūt kevalaṃ jñānamātrataḥ |
vinā jñānānna vai dhyānaṃ na kriyā na ca sadgatiḥ || 14 ||
Übersetzung: allein durch Erkenntnis. Ohne Erkenntnis gibt es weder wirkliche Meditation, heilsame Handlung noch gutes Weitergehen,
Worterklärungen: jñānamātra – Erkenntnis allein; sadgati – gutes Weitergehen.
I.7.15 na ca bhuktirna vā muktirna bhuktirbuddhireva hi |
śmaśānasiddhiśca na vā na ca siddhiḥ śavātmikā || 15 ||
Übersetzung: weder Genuss noch Befreiung noch Einsicht, weder Leichenplatz- noch Leichenritual-Vollendung. Die Wiederholung von bhukti ist vermutlich gestört.
Worterklärungen: buddhi – Einsicht; śmaśānasiddhi – Leichenplatz-Vollendung.
I.7.16 na vijñānaṃ maheśāni na vā siddhiḥ prajāyate |
jñāne yadā samutpatne sarvāḥ sidhyanti siddhayaḥ || 16 ||
Übersetzung: weder durchdringendes Wissen noch Vollendung. Wenn Erkenntnis entsteht, werden alle Vollendungen verwirklicht.
Worterklärungen: vijñāna – durchdringendes Wissen; samutpanna – entstanden.
I.7.17 jñāne jñāne maheśāni vikalṃ pūjanaṃ japaḥ |
tapo bhaktiḥ kriyā stotraṃ kavacaṃ viphalaṃ priye || 17 ||
Übersetzung: „Bei Erkenntnis, bei Erkenntnis“ lautet der auffällige Anfang; dann werden Verehrung, Japa, Askese, Hingabe, Handlung, Lobgesang und Schutztext als fruchtlos bezeichnet. Ob ihr Fehlen oder ihre Überwindung gemeint ist, bleibt offen.
Worterklärungen: viphala – fruchtlos; jñāne – bei Erkenntnis.
I.7.18 ata eva paraṃ tattvaṃ jñānaṃ paramasādhanam |
yo jānāti jagaddhātri sa śivo nātra saṃśayaḥ || 18 ||
Übersetzung: Darum ist Erkenntnis höchste Wirklichkeit und höchstes Mittel. Wer erkennt, ist zweifellos Shiva.
Worterklärungen: paramasādhana – höchstes Mittel; jānāti – erkennt.
I.7.19 kaulikaṃ kaulikaṃ devi na tyajet tu kathañcan |
parityāge varārohe sarvaṃ bhavati niṣphalam || 19 ||
Übersetzung: Die Kaula-Praxis soll man keinesfalls aufgeben. Gibt man sie auf, wird nach dieser Aussage alles fruchtlos.
Worterklärungen: kaulika – Kaula-Praxis; parityāga – Aufgeben.
I.7.20 evaṃ śaktividhānena śāktaḥ sarvavicāraṇāt |
jīvanmuktaḥ sarvaloke jāyate nātra saṃśayaḥ || 20 ||
Übersetzung: Durch diese Shakti-Ordnung und gründliche Untersuchung wird der Shakta zweifellos schon zu Lebzeiten befreit.
Worterklärungen: vicāraṇa – Untersuchung; jīvanmukta – zu Lebzeiten befreit.
I.7.21 mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ yonimudrāṃ na vetti yaḥ |
na vetti kiñcid deveśi satyaṃ ca varavarṇini || 21 ||
Übersetzung: Wer Mantrabedeutung, Mantrabewusstsein und Yoni-Mudra nicht kennt, kennt nach dieser Lehre nichts Wesentliches.
Worterklärungen: mantracaitanya – Mantrabewusstsein; yonimudrā – Yoni-Siegel.
I.7.22 saṅketaṃ gurusaṅketaṃ jīvasaṅketakaṃ tathā |
divyānāṃ caiva vīrāṇāṃ paśūnāṃ varavarṇini || 22 ||
Übersetzung: Geheimzeichen, Guru-Zeichen, Jiva-Zeichen sowie diejenigen der göttlichen, heroischen und gebundenen Haltungen,
Worterklärungen: saṅketa – Geheimzeichen; jīvasaṅketa – Jiva-Zeichen.
I.7.23 bhāvasaṅketakaṃ devi brahmasaṅketakaṃ tathā |
samayācārasaṅketaṃ vīrasādhanamuttamam || 23 ||
Übersetzung: Zeichen der Haltung, des Brahman und der verbindlichen Lebensordnung, die höchste Vira-Praxis,
Worterklärungen: bhāvasaṅketa – Haltungszeichen; samayācāra – verbindliche Lebensordnung.
I.7.24 śmaśānasādhanaṃ bhadre śavasādhanameva hi |
evaṃ nānāvidhānaṃ ca mayoktaṃ yāmale priye || 24 ||
Übersetzung: Leichenplatz- und Leichenpraxis: Diese unterschiedlichen Vorschriften habe ich im Yamala erklärt.
Worterklärungen: nānāvidhāna – unterschiedliche Vorschriften; śavasādhana – Leichenpraxis.
I.7.25 tadā siddhimavāpnoti yastantre khalu kovidaḥ |
kathitaṃ ḍāmare nā'tha muktiryāmalake priye || 25 ||
Übersetzung: Wer im Tantra kundig ist, erlangt Vollendung. Dies wurde im Damara und im Mukti-Yamala gelehrt; die Titelabgrenzung ist nicht eindeutig.
Worterklärungen: kovida – kundig; mukti – Befreiung.
I.7.26 nānātantre maheśāni kathitaṃ varavarṇini |
durgāsevanamātreṇa vidhivākyānusārataḥ || 26 ||
Übersetzung: In verschiedenen Tantras wurde erklärt: Allein durch Durga-Verehrung gemäß der vorgeschriebenen Unterweisung,
Worterklärungen: durgāsevana – Durga-Verehrung; vidhi – Vorschrift.
I.7.27 muktiṃ yāti naraḥ satyaṃ labdhvā tattvaṃ manoharam |
vinā tattvaparijñānāt na sukhaṃ na parāṃ gatim || 27 ||
Übersetzung: und durch Erlangen der herzerfreuenden Wirklichkeit gelangt man zur Befreiung. Ohne gründliche Wirklichkeitserkenntnis gewinnt man weder Glück noch höchstes Ziel,
Worterklärungen: tattvaparijñāna – gründliche Wirklichkeitserkenntnis; sukha – Glück.
I.7.28 labhate mānavaḥ satyaṃ deveśi jagadambike |
kālī karālavadanā muṇḍamālāvibhūṣitā || 28 ||
Übersetzung: wahrlich, Weltenmutter. Kali ist furchtbar angesichtig und mit einer Schädelgirlande geschmückt,
Worterklärungen: karālavadanā – furchtbar angesichtig; muṇḍamālā – Schädelgirlande.
I.7.29 kāmākhyā kāminī kāmyā karālāsyā digambarā |
aṭṭahāsā ghoranādā meghaśyāmā bhayānakā || 29 ||
Übersetzung: Kamakhya, Liebende, Begehrenswerte, Schrecklich-Angesichtige, Himmelsgewandete, laut Lachende, furchtbar Tönende, Wolkendunkle, Furchterregende.
Worterklärungen: kāmyā – begehrenswert; ghoranāda – furchtbarer Klang.
I.7.30 sarvabījasvarūpā sā mahābījasvarūpiṇī |
sārddhapañcākṣarī vidyā vaśiṣṭhādiprapūjitā || 30 ||
Übersetzung: Sie ist die Gestalt aller Bijas und des großen Bija, die fünfeinhalbsilbige Vidya, verehrt von Vasishtha und anderen.
Worterklärungen: sārddhapañcākṣarī – fünfeinhalbsilbig; bīja – Keimsilbe.
I.7.31 siddhendraiścāpi yogīndrairmunīndrairapi sevitā |
devendraiścāpi vīraindraiḥ sādhakendraiḥ prapūjitā || 31 ||
Übersetzung: Sie wird von Siddha-, Yoga- und Weisenmeistern, von Götter-, Vira- und Übendenmeistern verehrt.
Worterklärungen: siddhendra – Meister der Siddhas; sevita – verehrt.
I.7.32 evaṃbhūtā mahāmāyā sarvatattvavibhāvinī |
saṅketaṃ kālikāyāśca tārāyāśca śrutaṃ mayā || 32 ||
Übersetzung: So beschaffen ist Mahamaya, die alle Wirklichkeitsprinzipien offenbart. „Kalis und Taras Geheimzeichen habe ich gehört“ lautet ein hier auffälliger Sprecherwechsel.
Worterklärungen: sarvatattvavibhāvinī – alle Prinzipien offenbarend; śrutaṃ mayā – von mir gehört.
I.7.33 kālītantre bhairave ca śrutaṃ tantre ca yāmele |
śrutaṃ na bhairavītantre bhairavyāścaritaṃ priye || 33 ||
Übersetzung: Im Kali-, Bhairava-Tantra und Yamala wurde davon gehört; Bhairavis Wirken im Bhairavi-Tantra wird dagegen als noch nicht gehört bezeichnet.
Worterklärungen: carita – Wirken; na śruta – nicht gehört.
I.7.34 bhuvanāyāśca vidyāyāścaritaṃ naiva sundari |
idānīṃ cāpi saṃkṣepād vadiṣyāmi varānane || 34 ||
Übersetzung: Ebenso das Wirken Bhuvanas. Nun werde ich es kurz erklären, Schönangesichtige.
Worterklärungen: saṃkṣepāt – in Kürze; bhuvanā – Bhuvaneshvari.
I.7.35 padmā triśaktirdhanadā vāṇī pūrṇā maheśvari |
durgā bhagavatī devī bhuvanāyāḥ pratiṣṭhitāḥ || 35 ||
Übersetzung: Padma, Trishakti, Dhanada, Vani, Purna, Durga und Bhagavati sind in Bhuvana gegründet.
Worterklärungen: pratiṣṭhita – gegründet; dhanadā – Reichtum schenkend.
I.7.36 ekā devī jagaddhātrī nānārūpavidhāriṇī |
tāṃ bhajet sādhakendraśca sarvajñādiprapūjitām || 36 ||
Übersetzung: Eine ist die Weltenmutter, die viele Gestalten trägt. Sie verehre der hervorragende Übende, sie, die auch Allwissende verehren.
Worterklärungen: nānārūpavidhāriṇī – viele Gestalten tragend; ekā – eine.
I.7.37 mahāmāyāṃ jagaddhātrīṃ sarvālaṅkārabhūṣitām |
vāṇī māyā punarmāyā mahāmantrasvarūpiṇī || 37 ||
Übersetzung: Mahamaya, reich geschmückte Weltenmutter, erscheint als großer Mantra mit den Chiffren Vani, Maya und nochmals Maya.
Worterklärungen: mahāmantrasvarūpiṇī – Gestalt des großen Mantras; vāṇī – Sprachchiffre.
I.7.38 tataśca kevalā māyā sādhakairapi sevitā |
pāśāditryakṣarī vidyā yamabhītivimardinī || 38 ||
Übersetzung: Dann als Maya allein, von Übenden verehrt, und als dreisilbige, mit der Schlingen-Chiffre beginnende Vidya, die Furcht vor Yama vernichtet.
Worterklärungen: tryakṣarī – dreisilbig; yamabhīti – Furcht vor Yama.
I.7.39 sarvasampatpradā muktidāyinī muktivallabhā |
mahāyogamayī vidyā sarvajñānamayī tataḥ || 39 ||
Übersetzung: Sie schenkt allen Wohlstand und Befreiung, liebt die Befreiung und besteht aus großem Yoga und sämtlicher Erkenntnis.
Worterklärungen: muktivallabhā – Befreiung liebend; jñānamayī – aus Erkenntnis bestehend.
I.7.40 pūjitā sādhakaiḥ sarvaiḥ sarvālaṅkārabhūṣitā |
evaṃ te kathitā devi devadevaiḥ prapūjitā || 40 ||
Übersetzung: Von allen Übenden verehrt und reich geschmückt, von den höchsten Göttern angebetet: So habe ich sie dir erklärt.
Worterklärungen: sarvālaṅkārabhūṣitā – reich geschmückt; pūjitā – verehrt.
I.7.41 bhuvaneśī mahāvidyā devānāmapi durlabhā |
yadi bhāgyavaśād devi caturthīṃ labhate naraḥ |
caturvargamayo bhūtvā paraṃ brahmā'dhigacchati || 41 ||
Übersetzung: Bhuvaneshi ist die selbst für Götter seltene Mahavidya. Wer sie als vierte durch glückliche Fügung empfängt, gewinnt die vier Lebensziele und erreicht Brahman.
Worterklärungen: caturvarga – vier Lebensziele; caturthī – vierte Vidya.
I.7.42 śrīdevī uvāca
dīnabandho dayāsindho prabho śaṅkara bho hara |
śrotumicchāmi deveśa jñānadaḥ śaṅkaro yataḥ || 42 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Freund der Leidenden, Ozean des Mitgefühls, Shankara! Ich möchte hören, denn du schenkst Erkenntnis.
Worterklärungen: dīnabandhu – Freund der Leidenden; jñānada – Erkenntnis schenkend.
I.7.43 devadeva mahādeva namastubhyaṃ sadāśiva |
namastubhyaṃ namastubhyaṃ namastubhyaṃ maheśvara || 43 ||
Übersetzung: Gott der Götter, Mahadeva, Sadashiva! Verehrung dir, immer wieder Verehrung, Maheshvara!
Worterklärungen: namastubhyam – Verehrung dir; maheśvara – großer Herr.
I.7.44 viśveśvara jagadbandho nīlakaṇṭha namo'stu te |
jñāneśa jñānadānandadāyaka jñānavarddhaka || 44 ||
Übersetzung: Allherr, Weltfreund, Blaukehliger, Verehrung dir! Erkenntnisherr, Spender von Wissen und Freude, Mehrer der Erkenntnis!
Worterklärungen: jñānavarddhaka – Erkenntnis mehrend; jagadbandhu – Weltfreund.
I.7.45 jñānādhīśa jñānapate namaḥ kocavadhūpate |
namaste paramānanda namaste bhaktavatsala || 45 ||
Übersetzung: Herrscher und Herr der Erkenntnis, Gemahl der Kocha-Frau, höchste Glückseligkeit, Freund der Verehrer: Verehrung dir! Die konkrete Kocha-Zuordnung bleibt unerläutert.
Worterklärungen: kocavadhūpati – Gemahl der Kocha-Frau; bhaktavatsala – Verehrern zugetan.
I.7.46 namaste pārvatīnātha gaṅgādhara namo'stu te |
viśveśvara jagadbandho jagadīśa sadāśiva || 46 ||
Übersetzung: Herr Parvatis, Gangaträger, Allherr, Weltfreund, Weltenherr und Sadashiva: Verehrung dir!
Worterklärungen: gaṅgādhara – Gangaträger; pārvatīnātha – Parvatis Herr.
I.7.47 namo'stu te mahādeva trilokeśa maheśvara |
namaste yogatantrajña namaḥ kālīpate namaḥ || 47 ||
Übersetzung: Mahadeva, Dreiweltenherr, Maheshvara, Kenner von Yoga und Tantra, Kalis Herr: Verehrung dir!
Worterklärungen: yogatantrajña – Kenner von Yoga und Tantra; kālīpati – Kalis Herr.
I.7.48 namastārāpate tubhyaṃ namaste bhairavīpate |
vāṇīpate jagannātha namaste caṇḍikāpate || 48 ||
Übersetzung: Taras Herr, Bhairavis Herr, Vanis Herr, Weltenherr, Chandikas Herr: Verehrung dir!
Worterklärungen: vāṇīpati – Herr der Rede-Göttin; nātha – Herr.
I.7.49 tava rūpatarorbījaphalarūpaṃ phalaprada |
namaste sarvabījajña bījādhāra namo'stu te || 49 ||
Übersetzung: Du bist Samen und Frucht des Baumes deiner Gestalt, Fruchtspender, Kenner aller Keimsilben und ihr tragender Grund: Verehrung dir!
Worterklärungen: rūpataru – Gestaltbaum; bījādhāra – Grund der Keimsilben.
I.7.50 umāpate namastubhyaṃ namastubhyaṃ trilocana |
pañcānana namastubhyaṃ namaste śaśiśekhara || 50 ||
Übersetzung: Umas Gemahl, Dreiäugiger, Fünfgesichtiger, Mondgeschmückter: Verehrung dir!
Worterklärungen: trilocana – Dreiäugiger; śaśiśekhara – Mondgeschmückter.
I.7.51 śambho maheśvara vibho virūpākṣa caturbhuja |
namaste parvatā ---------caṇḍīpate namaḥ || 51 ||
Übersetzung: Shambhu, großer Herr, Allgegenwärtiger, Virupaksha, Vierarmiger, Verehrung dir! Vor „Chandis Herr“ ist eine Textlücke überliefert.
Worterklärungen: caturbhuja – vierarmig; vibhu – allgegenwärtig.
I.7.52 trilokeśa dayāsindho karuṇāmaya śaṅkara |
bhaktavatsala deveśa nīlakaṇṭha sadāśiva || 52 ||
Übersetzung: Dreiweltenherr, Ozean des Mitgefühls, erbarmungsvoller Shankara, Freund der Verehrer, Götterherr, blaukehliger Sadashiva!
Worterklärungen: karuṇāmaya – erbarmungsvoll; dayāsindhu – Mitgefühlsmeer.
I.7.53 namaḥ kāśīpate tubhyaṃ namaste candraśekhara |
namaścaṇḍīpate tubhyaṃ śrīpate pārvatīpate || 53 ||
Übersetzung: Herr Kashis, Mondgeschmückter, Chandis Herr, Shri-Herr und Parvatis Herr: Verehrung dir!
Worterklärungen: kāśīpati – Kashis Herr; śrīpati – Herr der Shri.
I.7.54 namaste jagadādhāra caturānana vatsala |
namaḥ kriyāpate tubhyaṃ namaste muktida prabho || 54 ||
Übersetzung: Weltenträger, dem Viergesichtigen Zugewandter, Herr der Handlung, Befreiungsschenkender: Verehrung dir!
Worterklärungen: caturānana – viergesichtiger Brahma; muktida – Befreiung schenkend.
I.7.55 ahamevā'balā bālā kathaṃ jānāmi śaṅkara |
nirguṇā saguṇaṃ jñātuṃ na samarthā kathañcana || 55 ||
Übersetzung: Ich bin doch eine schwache junge Frau; wie soll ich erkennen? Als Eigenschaftslose bin ich nicht fähig, das Eigenschaftshafte zu erkennen, sagt Parvati im Dialog.
Worterklärungen: abalā – schwach; nirguṇā – eigenschaftslos.
I.7.56 śrīśiva uvāca
nirguṇā prakṛtiḥ satyā ahameva ca nirguṇaḥ |
sadaiva saguṇā tvaṃ hi saguṇo'haṃ sadāśivaḥ || 56 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Wahrhaft eigenschaftslos ist Prakriti, und ich bin ebenfalls eigenschaftslos. Als stets eigenschaftshaft erscheinst du, ebenso ich, Sadashiva.
Worterklärungen: prakṛti – Urnatur; saguṇa – eigenschaftshaft.
I.7.57 satyaṃ ca nirguṇā devī satyaṃ satyaṃ hi nirguṇaḥ |
upāsakānāṃ siddhyarthaṃ saguṇā saguṇo mataḥ || 57 ||
Übersetzung: Wahrhaft eigenschaftslos ist die Göttin, wahrhaft eigenschaftslos bin ich. Zur Vollendung der Verehrer gelten wir als mit Eigenschaften versehen.
Worterklärungen: upāsaka – Verehrer; siddhyartha – zur Vollendung.
I.7.58 nānātantramataṃ devī nānāyatnāt prakāśitam |
brahmasvarūpaṃ vijñātuṃ kaḥ samartho mahītale || 58 ||
Übersetzung: Verschiedene Tantra-Lehren wurden mit vielerlei Bemühen offenbart. Wer auf Erden vermag Brahmans Wesen zu erkennen?
Worterklärungen: nānāyatna – vielerlei Bemühen; brahmasvarūpa – Brahmans Wesen.
I.7.59 nānāmārge vidhāvanti paśavo hatabuddhayaḥ |
śrīdurgācaraṇāmbhojaṃ hitvā yānti rasātalam || 59 ||
Übersetzung: Verwirrte Gebundene laufen verschiedene Wege; sie verlassen Durgas Lotosfüße und gehen zur Unterwelt, droht der Text.
Worterklärungen: hatabuddhi – verwirrten Geistes; rasātala – Unterwelt.
I.7.60 satyaṃ vacmi dṛḍhaṃ vacmi hitaṃ pathyaṃ punaḥ punaḥ |
na muktiśca na muktiśca vinā durgāniṣevaṇāt || 60 ||
Übersetzung: Wahrhaftig, bestimmt, heilsam und zuträglich sage ich wiederholt: Ohne Durga-Verehrung gibt es keine Befreiung.
Worterklärungen: hita – heilsam; pathya – zuträglich.
I.7.61 devi durgā paraṃ brahma śrutaṃ kālī śrutaṃ tvayā |
tārāśrutau śrutaṃ devi śrutaṃ brahmavareṇa ca || 61 ||
Übersetzung: Durga ist das höchste Brahman. Dies hast du in der Kali- und Tara-Überlieferung gehört; die genaue Form der Quellenverweise ist unsicher.
Worterklärungen: paraṃ brahma – höchstes Brahman; śruti – Überlieferung.
I.7.62 brahmā viṣṇuśca rudraśca vāmanaśca divaukasaḥ |
tatpādasevanād devi vayaṃ vai sādhakottamāḥ || 62 ||
Übersetzung: Brahma, Vishnu, Rudra, Vamana und die Himmelsbewohner: Wir werden durch den Dienst an ihren Füßen zu hervorragenden Übenden.
Worterklärungen: pādasevana – Fußverehrung; divaukas – Himmelsbewohner.
I.7.63 na deveśo gaṇapatirno brahmā no haro hariḥ |
harirharirahaṃ devi sarve pādābjabhāvukāḥ || 63 ||
Übersetzung: Weder Götterherr, Ganesha, Brahma, Hara noch Hari sind unabhängig; Hari und ich sind alle den Lotosfüßen zugewandt. Die Namensfolge ist wiederholend.
Worterklärungen: pādābjabhāvuka – den Lotosfüßen zugewandt; hara – Shiva.
I.7.64 tvatprasādānmaheśāni brahmā sṛṣṭiṃ karotyasau |
tvatprasādāt hariḥ pātā haro hartā mahītale || 64 ||
Übersetzung: Durch deine Gnade erschafft Brahma, bewahrt Vishnu und löst Hara auf Erden auf.
Worterklärungen: sṛṣṭi – Schöpfung; pātṛ – Bewahrer; hartṛ – Auflöser.
I.7.65 vāsavaścā'marādhīśo-----------------rūpāḥ smṛtāḥ |
te sarve nirjarā devi tvatprasādānmahītale || 65 ||
Übersetzung: Indra ist Herr der Unsterblichen; danach steht eine ausdrückliche Lücke. Alle diese Götter bestehen durch deine Gnade.
Worterklärungen: vāsava – Indra; nirjara – Unsterblicher.
I.7.66 tvatpādapadmasamparkād devadevo'pi śaṅkaraḥ |
atastvaṃ jagadīśānadayite bhaktavatsale || 66 ||
Übersetzung: Auch Shankara ist durch Verbindung mit deinen Lotosfüßen Gott der Götter. Darum, Geliebte des Weltenherrn, Freundin der Verehrer,
Worterklärungen: pādapadmasamparka – Verbindung mit den Lotosfüßen; dayitā – Geliebte.
I.7.67 dṛṣṭiṃ kuru mahāmāye namastasyai namo namaḥ |
tvaṃ ca kālī tvaṃ ca tārā ṣoḍaśī tvaṃ varānane || 67 ||
Übersetzung: richte deinen Blick auf uns, Mahamaya! Verehrung ihr, immer wieder! Du bist Kali, Tara und Shodashi,
Worterklärungen: dṛṣṭiṃ kuru – schenke deinen Blick; tvam – du.
I.7.68 tvaṃ devi bhuvanā bālā chinnā dhūmā maheśvari |
tvaṃ devi bagalā bhīmā kamalā tvaṃ maheśvari || 68 ||
Übersetzung: Bhuvana, Bala, Chinna, Dhuma, Bagala, Bhima und Kamala, große Herrin,
Worterklärungen: bālā – junge Göttin; dhūmā – Dhumavati.
I.7.69 mātaṅgī tvannapūrṇā tvaṃ dhanadā tvaṃ śivapriye |
durgā tvaṃ viśvajananī daśā'ṣṭādaśarūpiṇī || 69 ||
Übersetzung: Matangi, Annapurna, Dhanada, Durga und Weltgebärerin mit zehn und achtzehn Gestalten,
Worterklärungen: viśvajananī – Weltgebärerin; aṣṭādaśarūpiṇī – achtzehngestaltig.
I.7.70 saptakoṭimahāvidyā upavidyāsvarūpiṇī |
kumārī ramaṇīrūpā surūpā naganandinī || 70 ||
Übersetzung: Gestalt der siebzig Millionen großen und untergeordneten Vidyas, Kumari, Frauengestaltige, Schöne und Bergestochter.
Worterklärungen: saptakoṭi – siebzig Millionen; ramaṇīrūpā – frauengestaltig.
I.7.71 śivapūjyā śivārādhyā brahmapūjyā sureśvarī |
śivo bhinnaḥ śivā bhinnā na jīve vāmalocanā |
iti jānāmi viśveśi satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ || 71 ||
Übersetzung: Von Shiva und Brahma verehrte Götterherrin! Shiva, Shakti und das Lebewesen sind nicht getrennt: So verstehe ich die elliptische Schlussaussage über scheinbare Verschiedenheit, ohne Zweifel.
Worterklärungen: bhinna – getrennt; jīva – Lebewesen.
I.7.72 śrīpārvatī uvāca
satyaṃ me kathitaṃ nātha satyarūpo'si śaṅkara |
ahaṃ ca triṣu lokeṣu pārvatīśvara śaṅkara ||
viśeṣaṃ devadeveśa sarvajña kathayasva me || 72 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Wahr hast du gesprochen, Shankara, du Wahrheitsgestalt. Erkläre mir, Allwissender, meine besondere Erscheinung in den drei Welten; der Satz ist verkürzt.
Worterklärungen: viśeṣa – besondere Erscheinung; satyarūpa – Wahrheitsgestalt.
I.7.73 śrīśiva uvāca
viśeṣaṃ na ca jānāmi kathayasva varānane |
sarvajñā'si maheśāni yataḥ sarvajñavallabhā || 73 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Diese Besonderheit kenne ich nicht; erkläre sie selbst, Schöne! Du bist allwissend, Gefährtin des Allwissenden.
Worterklärungen: sarvajñā – allwissend; kathayasva – erkläre.
I.7.74 śrīpārvatī uvāca
goloke caiva rādhā'haṃ vaikuṇṭhe kamalātmikā |
brahmaloke ca sāvitrī bhāratī vāksvarūpiṇī || 74 ||
Übersetzung: Parvati sprach: In Goloka bin ich Radha, in Vaikuntha Kamalatmika; in Brahmas Welt Savitri, Bharati, die Gestalt der Rede.
Worterklärungen: vāksvarūpiṇī – Gestalt der Rede; aham – ich.
I.7.75 kailāse pārvatī devī mithilāyāṃ ca jānakī |
dvārakāyāṃ rukmiṇī ca draupadī ca gajāhvaye || 75 ||
Übersetzung: Auf Kailasa bin ich Parvati, in Mithila Janaki, in Dvaraka Rukmini und in Hastinapura Draupadi.
Worterklärungen: gajāhvaya – Hastinapura; jānakī – Sita.
I.7.76 gāyatrī vedajananī sandhyā'haṃ ca dvijanmanām |
yogamadhye'pyuṣā'haṃ ca puṣpe kṛṣṇā'parājitā || 76 ||
Übersetzung: Ich bin Gayatri, Mutter der Veden, und die Dämmerungsandacht der Zweimalgeborenen; im Yoga bin ich Morgenröte, unter Blumen die dunkle Aparajita.
Worterklärungen: vedajananī – Vedenmutter; uṣā – Morgenröte.
I.7.77 patre mālūrapatrā'haṃ pīṭhe yonisvarūpiṇī |
hariharātmikā vidyā brahmaviṣṇuśivārcitā || 77 ||
Übersetzung: Unter Blättern bin ich Bilva, am heiligen Sitz Yoni-Gestalt; ich bin die Vidya aus Hari und Hara, verehrt von Brahma, Vishnu und Shiva.
Worterklärungen: mālūra – Bilva; hariharātmikā – aus Vishnu und Shiva bestehend.
I.7.78 viśeṣānugraheṇaiva vijñeyā śaṅkara prabho |
yatra kutra sthale nātha śāktastiṣṭhati gacchati || 78 ||
Übersetzung: Nur durch besondere Gnade bin ich zu erkennen, Shankara. Wo immer ein Shakta verweilt oder geht,
Worterklärungen: viśeṣānugraha – besondere Gnade; vijñeya – zu erkennen.
I.7.79 tatraivā'haṃ mahādeva niścitaṃ matamuttamam |
śaktimārgaṃ parityajya yo'nyamārgaṃ vidhāvati || 79 ||
Übersetzung: dort bin ich, Mahadeva: Das ist die höchste Gewissheit. Wer den Shakti-Weg verlässt und einem anderen nachläuft,
Worterklärungen: śaktimārga – Shakti-Weg; parityajya – verlassen habend.
I.7.80 karasthaṃ sa maṇiṃ tyaktvā bhūtibhāvaṃ vidhāvati |
ityevaṃ ca mahādeva mayoktaṃ jagadīśvara ||
ataḥ parataraṃ nāsti nāsti nāsti sadāśiva || 80 ||
Übersetzung: wirft den Edelstein in seiner Hand fort und läuft bloßem Gedeihen nach; bhūtibhāva ist mehrdeutig. So habe ich gesprochen: Nichts ist höher, nichts, nichts, Sadashiva.
Worterklärungen: karastha maṇi – Edelstein in der Hand; bhūti – Gedeihen, auch Asche.
|| iti muṇḍamālātante saptamaḥ paṭalaḥ || 7 ||
Hier endet Kapitel 7 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 8
I.8.1 atha aṣṭamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
namaste pārvatīnātha viśvanātha dayāmaya |
jñānāt parataraṃ nāsti śrutaṃ viśveśvara prabho || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Verehrung dir, mitfühlender Herr Parvatis und des Alls! Ich hörte, dass nichts höher als Erkenntnis ist.
Worterklärungen: dayāmaya – mitfühlend; jñāna – Erkenntnis.
I.8.2 dīnanātha dayāsindho viśveśvara jagatpate |
idānīṃ śrotumicchāmi gopyaṃ paramakāraṇam |
rahasyaṃ kālikāyāśca tārāyāśca surottama || 2 ||
Übersetzung: Herr der Leidenden, Mitgefühlsmeer, Weltenherr! Nun möchte ich den verborgenen höchsten Ursprung und das Geheimnis Kalis und Taras hören.
Worterklärungen: paramakāraṇa – höchster Ursprung; rahasya – Geheimnis.
I.8.3 śrīśiva uvāca
rahasyaṃ kiṃ vadiṣyāmi pañcavaktrairmaheśvari |
jihvākoṭisahasraistu vaktrakoṭiśatairapi || 3 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Wie könnte ich das Geheimnis mit fünf Gesichtern beschreiben, selbst mit Milliarden Zungen und Gesichtern?
Worterklärungen: pañcavaktra – fünfgesichtig; jihvā – Zunge.
I.8.4 tathāpi tasya māhātmyaṃ na śaknomi kathañcana |
tasyā rahasyaṃ gopyaṃ ca kiṃ na jānāmi śāṅkari || 4 ||
Übersetzung: Auch dann könnte ich seine Größe nicht vollständig schildern. Die folgende Frage „Was kenne ich nicht von ihrem Geheimnis?“ ist mehrdeutig überliefert.
Worterklärungen: māhātmya – Größe; gopya – verborgen.
I.8.5 svasyaivaṃ caritaṃ vaktuṃ svayameva kṣamo bhavet |
anyathā naiva deveśi na jānāti kathañcana || 5 ||
Übersetzung: Nur sie selbst kann ihr eigenes Wirken angemessen beschreiben; ein anderer kennt es nicht vollständig.
Worterklärungen: svasya carita – eigenes Wirken; kṣama – fähig.
I.8.6 kālikāyāḥ śataṃ nāma nānātantre tvayā śrutam |
rahasyaṃ gopanīyaṃ ca tantre'smin jagadambike || 6 ||
Übersetzung: Kalis hundert Namen hast du in verschiedenen Tantras gehört. In diesem Tantra folgt ihr geheimzuhaltendes Geheimnis, Weltenmutter.
Worterklärungen: śataṃ nāma – hundert Namen; gopanīya – geheimzuhalten.
I.8.7 karālavadanā kālī kāminī kamalā kalā |
kriyāvatī koṭarākṣī kāmākhyā kāmasundarī || 7 ||
Übersetzung: Furchtbar Angesichtige, Kali, Liebende, Kamala, Kraft, Tätige, Tiefäugige, Kamakhya, Liebesschöne.
Worterklärungen: kriyāvatī – Tätige; koṭarākṣī – Tiefäugige.
I.8.8 kāpālā ca karālā ca kāśī kātyāyanī kuhūḥ |
kaṅkālā kāladamanā karuṇā kamalārcitā || 8 ||
Übersetzung: Schädelträgerin, Furchtbare, Kashi, Katyayani, Neumondgöttin, Skelettgestaltige, Zeitbezwingerin, Mitgefühl, von Kamala Verehrte.
Worterklärungen: kāladamanā – Zeitbezwingerin; karuṇā – Mitgefühl.
I.8.9 kādambarī kalaharā kautukī kāraṇapriyā |
kṛṣṇā kṛṣṇapriyā kṛṣṇapūjitā kṛṣṇavallabhā || 9 ||
Übersetzung: Kadambari, Streitbeenderin, Verspielte, die Ritualsubstanz Liebende, Dunkle, Krishna Liebende, von Krishna Verehrte, Krishnas Geliebte.
Worterklärungen: kalaharā – Streitbeenderin; kāraṇa – Ritualsubstanz, auch Ursache.
I.8.10 kṛṣṇāparājitā kṛṣṇapriyā ca kṛṣṇarūpiṇī |
kālikā kālarātriśca kulajā kulapaṇḍitā || 10 ||
Übersetzung: Dunkle Aparajita, Krishna Liebende, Krishna-Gestaltige, Kalika, Zeitnacht, Kula-Geborene und Kula-Kundige.
Worterklärungen: kālarātri – Zeitnacht; kulapaṇḍitā – Kula-Kundige.
I.8.11 kuladharmapriyā kāmā kāmyakarmavibhūṣitā |
kulapriyā kularatā kulīnaparipūjitā || 11 ||
Übersetzung: Kula-Dharma Liebende, Liebe, mit wunschbezogenen Riten Geschmückte, Kula Liebende, Kula Zugewandte, von Kula-Angehörigen Verehrte.
Worterklärungen: kāmyakarman – wunschbezogener Ritus; kularata – Kula zugewandt.
I.8.12 kulajñā kamalā pūjyā kailāsagaṇabhūṣitā |
kaṭajā keśinī kāmā kāmadā kāmapaṇḍitā || 12 ||
Übersetzung: Kula-Kennerin, Kamala, Verehrungswürdige, von Kailasas Scharen Geschmückte, Kataja, Haarreiche, Liebe, Wünsche Schenkende, Liebeskundige.
Worterklärungen: keśinī – Haarreiche; kāmadā – Wünsche schenkend.
I.8.13 karālāsyā ca kandarpā kāminīrūpaśobhitā |
kolambakā kolaratā kelinī keśabhūṣitā ||13 ||
Übersetzung: Furchtbar Angesichtige, Kandarpa, mit Frauengestalt Geschmückte, Kolambaka, Kola Zugewandte, Spielende, mit Haar Geschmückte.
Worterklärungen: kelinī – Spielende; kāminīrūpa – Frauengestalt.
I.8.14 keśavasya priyā kāśā kāśmīrā keśavārcitā |
kāmeśvarī kāmarūpā kāmadānavibhūṣitā || 14 ||
Übersetzung: Keshavas Geliebte, Kasha, Kashmira, von Keshava Verehrte, Liebesherrin, Wunschgestaltige, mit Wunscherfüllung Geschmückte.
Worterklärungen: keśava – Vishnu; kāmeśvarī – Liebesherrin.
I.8.15 kālahantrī kūrmamāṃsapriyā kūrmādipūjitā |
kelinī karakā kārā karakarmaniṣeviṇī || 15 ||
Übersetzung: Zeitvernichterin, Schildkrötenfleisch Liebende, von der Schildkröte und anderen Verehrte, Spielende, Karaka, Kara, den Handriten Dienende.
Worterklärungen: kūrma – Schildkröte; karakarman – Handritus.
I.8.16 kaṭakeśavamadhyasthā kaṭakīṭakarārcitā |
kaṭapriyā kaṭaratā kaṭakarmaniṣeviṇī || 16 ||
Übersetzung: Die zwischen Kata und Keshava Weilende, von Kata und Kitakara Verehrte, Kata Liebende, Kata Zugewandte und dessen Handlungen Dienende. Die Kata-Komposita sind nicht zuverlässig deutbar.
Worterklärungen: madhyastha – dazwischen weilend; niṣeviṇī – Dienende.
I.8.17 kumārīpūjanaratā kumārīgaṇasevitā |
kulajā ca priyā kaulapriyā kulaniṣeviṇī || 17 ||
Übersetzung: Der Kumari-Verehrung Zugewandte, von Kumari-Scharen Verehrte, Kula-Geborene, Geliebte, Kaulas Liebende, dem Kula Dienende.
Worterklärungen: kumārīgaṇa – Kumari-Schar; kaulapriyā – Kaulas lieb.
I.8.18 kulīnā kuladharmajñā kulabhītivimardinī |
kāmadharmapriyā kāmyā nityakarmasvarūpiṇī || 18 ||
Übersetzung: Kula-Angehörige, Kula-Dharma-Kennerin, Kula-Furcht Vernichtende, Liebesordnung Liebende, Begehrenswerte, Gestalt täglicher Pflichten.
Worterklärungen: nityakarma – tägliche Pflicht; bhītivimardinī – Furcht vernichtend.
I.8.19 kāmarūpā kāmaharā kāmamandirapūjitā |
kāmāgārasvarūpā ca kālākhyā kālabhūṣitā || 19 ||
Übersetzung: Wunschgestaltige, Begehren Auflösende, im Liebestempel Verehrte, Gestalt des Liebeshauses, Kali Genannte, mit Zeit Geschmückte.
Worterklärungen: kāmaharā – Begehren auflösend; kālabhūṣitā – mit Zeit geschmückt.
I.8.20 kriyābhaktiratā kālyā kāñcanī kāmādāyinī |
kolapuṣpāmbarā kolā nikolā kolahantakā || 20 ||
Übersetzung: Tätiger Hingabe Zugewandte, Kalya, Goldene, Wünsche Schenkende, in Kola-Blüten Gekleidete, Kola, Nikola und Kola-Vernichterin. Die Kola-Bezeichnungen bleiben mehrdeutig.
Worterklärungen: kāñcanī – Goldene; kriyābhakti – tätige Hingabe.
I.8.21 koṣikī ketakī kumbhī kuntalādivibhūṣitā |
ityevaṃ śṛṇu cārvaṅgi rahasyaṃ sarvamaṅgalam || 21 ||
Übersetzung: Koshiki, Ketaki, Kumbhi, mit Locken Geschmückte. So höre dieses allheilvolle Geheimnis, Schöne.
Worterklärungen: kuntala – Locke; sarvamaṅgala – allheilvoll.
I.8.22 yaḥ paṭhet parayā bhaktyā sa śivo nātra saṃśayaḥ |
śatanāmaprasādena kiṃ na sidhyati bhūtale || 22 ||
Übersetzung: Wer es mit höchster Hingabe rezitiert, ist zweifellos Shiva. Was könnte durch die Gnade der hundert Namen nicht gelingen?
Worterklärungen: śatanāmaprasāda – Gnade der hundert Namen; paṭhet – rezitiere.
I.8.23 brahmā viṣṇuśca rudraśca vāsavādyā divaukasaḥ |
rahasyapaṭhanād devi sarve ca vigatajvarāḥ || 23 ||
Übersetzung: Brahma, Vishnu, Rudra, Indra und die Himmelsbewohner werden durch Rezitation dieses Geheimnisses frei von Fieber und Bedrängnis.
Worterklärungen: vigatajvara – frei von Fieber, Bedrängnis; divaukas – Himmelsbewohner.
I.8.24a triṣu lokeṣu viśveśi satyaṃ gopyamataḥ param |
nāsti nāsti mahāmāye tantramadhye kathañcana || 24 ||
Übersetzung: In den drei Welten und unter den Tantras gibt es nichts höheres Geheimes als dieses, wahrlich, Mahamaya.
Worterklärungen: gopya – Geheimnis; para – höher.
I.8.25 kriyayā ca vinā devi vinā bhaktyā maheśvari |
prasannāsyā karālāsyā stavapāṭhād digambari || 25 ||
Übersetzung: Auch ohne äußere Handlung und ohne Hingabe wird die Furchtbar-Angesichtige durch Lobgesangrezitation gnädig.
Worterklärungen: stavapāṭha – Lobgesangrezitation; prasannāsya – freundlich angesichtig.
I.8.26 satyaṃ vacmi maheśāni ataḥ parataraṃ nahi |
na gokule na vaikuṇṭhe na ca kailāsamandire || 26 ||
Übersetzung: Wahrlich sage ich: Nichts ist höher, weder in Gokula, Vaikuntha noch im Kailasa-Tempel,
Worterklärungen: para – höher; mandira – Tempel.
I.8.27 ataḥ paratarā vidyā stotraṃ kavacameva ca |
trilokeṣu jagaddhātri nāsti nāsti kadācana || 27 ||
Übersetzung: keine höhere Vidya, kein höherer Lobgesang oder Schutztext besteht in den drei Welten, Weltenmutter.
Worterklärungen: vidyā – Wissensgestalt; kavaca – Schutztext.
I.8.28 rātrāvapi divābhāge niśābhāge sureśvari |
prajaṣed bhaktibhāvena rahasyaṃ stavamuttamam || 28 ||
Übersetzung: Nachts oder tagsüber wiederhole man dieses geheime höchste Lobgebet hingebungsvoll.
Worterklärungen: bhaktibhāva – Hingabe; stava – Lobgebet.
I.8.29 śatanāmaprasādena mantrasiddhiḥ prajāyate |
kujavāre caturdaśyāṃ niśābhāge japet tu yaḥ || 29 ||
Übersetzung: Durch die Gnade der hundert Namen entsteht Mantra-Vollendung. Wer am Dienstag, am vierzehnten Mondtag, nachts rezitiert,
Worterklärungen: kujavāra – Dienstag; caturdaśī – vierzehnter Mondtag.
I.8.30 sa kṛtī sarvaśāstrajñaḥ sa kulīnaḥ sadā śuciḥ |
sa kulajñaḥ sa kālajñaḥ sa dharmajño mahītale || 30 ||
Übersetzung: ist erfolgreich, schriftkundig, Kula-Angehöriger, stets rein, Kenner des Kula, der Zeit und des Dharma.
Worterklärungen: kālajña – Zeitkundiger; dharmajña – Dharma-Kenner.
I.8.31 rahasyapaṭhanāt koṭipuraścaraṇajaṃ phalam |
prāpnoti devadeveśi satyaṃ paramasundari || 31 ||
Übersetzung: Durch Geheimnisrezitation gewinnt er die Frucht von zehn Millionen vorbereitenden Mantraübungen, so lautet das Versprechen.
Worterklärungen: koṭi – zehn Millionen; puraścaraṇa – vorbereitende Mantraübung.
I.8.32 stavapāṭhād varārohe kiṃ na sidhyati bhūtale |
aṇimādyaṣṭasiddhiḥ syād bhavatyeva na saṃśayaḥ || 32 ||
Übersetzung: Was könnte durch Lobpreisrezitation nicht gelingen? Die acht Vollendungen, beginnend mit Kleinwerden, entstehen gewiss.
Worterklärungen: aṇimā – Kleinwerden; aṣṭasiddhi – acht Vollendungen.
I.8.33 rātrau bilvatale'śvatthamūle'parājitātale |
prapaṭhet kālikāstotraṃ yathāśakti maheśvari || 33 ||
Übersetzung: Nachts unter Bilva, Pippala oder Aparajita rezitiere man Kalis Lobgesang nach Vermögen.
Worterklärungen: yathāśakti – nach Vermögen; bilvatala – unter Bilva.
I.8.24b śatavāraprapaṭhanānmantrasiddhirbhaved dhruvam |
upāyo nāsti deveśi mahāmantrasya sādhane || 24 ||
Übersetzung: Hundertmalige Rezitation führt gewiss zu Mantra-Vollendung. Kein Mittel zur Verwirklichung des großen Mantras –
Worterklärungen: śatavāra – hundertmal; upāya – Mittel.
I.8.35 ataḥ parataraṃ devi nāsi brahmāṇḍamaṇḍale |
nānātantraṃ śrutaṃ devi mama vaktrāt sureśvari || 35 ||
Übersetzung: ist im Kosmos höher als dieses. Viele Tantras hast du aus meinem Mund gehört,
Worterklärungen: brahmāṇḍamaṇḍala – Kosmos; vaktra – Mund.
I.8.36 muṇḍamālāmahātantraṃ mahāmantrasya sādhanam |
bhaktyā bhagavatīṃ durgāṃ duḥkhadāridryanāśinīm || 36 ||
Übersetzung: das große Mundamala-Tantra ist das Mittel für den großen Mantra. Durga, die Leid und Armut vernichtet, soll man hingebungsvoll,
Worterklärungen: dāridrya – Armut; sādhana – Verwirklichungsmittel.
I.8.37 saṃsmaret prajaped dhyāyet sa mukto nātra saṃśayaḥ |
jīvanmuktaḥ sa vijñeyastantrabhaktiparāyaṇaḥ || 37 ||
Übersetzung: erinnern, mit Japa verehren und meditieren. So ist man befreit und zu Lebzeiten frei, ganz der Tantra-Hingabe zugewandt.
Worterklärungen: tantrabhaktiparāyaṇa – Tantra-Hingabe zugewandt; dhyāyet – meditiere.
I.8.38 yaḥ sādhako mahājñānī yaśca durgāsadānugaḥ |
na ca bhaktirna vā muktirna muktirnaganandini || 38 ||
Übersetzung: Der Übende sei ein großer Wissender und stets Durga ergeben. Weder Hingabe noch Befreiung entstehen,
Worterklärungen: sadānuga – stets folgend; bhakti – Hingabe.
I.8.39 vinā durgāṃ jagaddhātri niṣphalaṃ jīvanaṃ bhavet |
śaktimārgarato bhūyo yo'nyamārge pradhāvati || 39 ||
Übersetzung: ohne Durga; das Leben bleibt fruchtlos. Wer zuerst dem Shakti-Weg zugewandt ist und dann anderen Wegen nachläuft,
Worterklärungen: niṣphala – fruchtlos; jīvana – Leben.
I.8.40 na ca śāktāstasya vaktuṃ pāraṃ paśyanti sundari |
vinā durgāṃ jagaddhātri vāgjāle śāstramohitāḥ || 40 ||
Übersetzung: dessen Zustand vermögen selbst Shaktas nicht auszuschöpfen. Ohne Durga bleiben Menschen vom Wortgeflecht der Schriften bezaubert,
Worterklärungen: vāgjāla – Wortgeflecht; śāstramohita – von Schriften bezaubert.
I.8.41 anyadevaṃ bhajantyete cānye śāstre vighūrṇitāḥ |
vinā tantrād vinā mantrād vinā yantrānmaheśvari || 41 ||
Übersetzung: verehren andere Götter oder werden in anderen Schriften umhergewirbelt. Ohne Tantra, Mantra und Yantra,
Worterklärungen: vighūrṇita – umhergewirbelt; yantra – Ritualdiagramm.
I.8.42 na ca bhaktiśca muktiśca jāyate varavarṇini |
tantravaktāguruḥ sākṣād yathā ca jñānadaḥ śivaḥ || 42 ||
Übersetzung: entstehen nach dieser Lehre weder Hingabe noch Befreiung. Der Tantra-Verkünder ist unmittelbar Guru, wie der Erkenntnis schenkende Shiva.
Worterklärungen: tantravaktṛ – Tantra-Verkünder; jñānada – Erkenntnis schenkend.
I.8.43 yathā gururmaheśāni tathā ca paramo guruḥ |
yathā parāparaguruḥ parameṣṭhiryathā guruḥ || 43 ||
Übersetzung: Wie der Guru, so der höchste Guru, der höhere-und-niedere Guru und der Parameshthi-Guru,
Worterklärungen: parāparaguru – Guru des Höheren und Niederen; parameṣṭhin – Höchststehender.
I.8.44 tathā caiva hi tantrajñastantravaktā guruḥ svayam |
tantraṃ ca tantravaktāraṃ nindanti tāntrikīṃ kriyām || 44 ||
Übersetzung: so ist auch der Tantra-Kenner und -Verkünder selbst Guru. Wer Tantra, seinen Verkünder und tantrisches Handeln schmäht,
Worterklärungen: tantrajña – Tantra-Kenner; nindanti – sie schmähen.
I.8.45 ye janā bhairavāsteṣāṃ māṃsāsthicarvaṇodyatāḥ |
ata eva hi tantrajñaṃ na nindanti kadācana ||
na hasanti na hiṃsanti na vadanti kadācana || 45 ||
Übersetzung: dessen Fleisch und Knochen wollen die Bhairavas zerkauen, droht der Text. Darum soll man Tantra-Kenner weder schmähen, verspotten, verletzen noch verächtlich anreden.
Worterklärungen: asthi – Knochen; hiṃsanti – verletzen.
I.8.46 śrīpārvatī uvāca
śṛṇu deva jagadvandya madvākyaṃ dṛḍhaniścitam |
tava prasādād deveśa śrutaṃ kālīrahasyakam ||
idānīṃ śrotumicchāmi tārāyā vada sāmpratam || 46 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Höre mein festes Wort, Weltverehrter! Durch deine Gnade habe ich Kalis Geheimnis gehört. Nun erkläre mir Taras Geheimnis!
Worterklärungen: dṛḍhaniścita – fest überzeugt; tārārahasya – Taras Geheimnis.
I.8.47 śrīśiva uvāca
dhanyāsi devadeveśi durge durgārtināśini |
yaṃ śrutvā mokṣamāpnoti paṭhitvā naganandini || 47 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Gesegnet bist du, Durga, Vernichterin schwerer Not! Durch Hören und Rezitation dieses Geheimnisses wird Befreiung erlangt.
Worterklärungen: durgārti – schwere Not; mokṣa – Befreiung.
I.8.48 tāriṇī taralā tanvī tārā taraṇavallarī |
tīrarūpā taṭaśyāmā tanukṣīṇapayodharā || 48 ||
Übersetzung: Retterin, Bewegliche, Zarte, Tara, Rettungsranke, Ufergestaltige, am Ufer Dunkle, Zartleibige mit schmaler Brust.
Worterklärungen: taraṇavallarī – Rettungsranke; tīra – Ufer.
I.8.49a tuvīrā taralā tīvrā nayanā nīlavāhinī |
ugratārā jayā caṇḍī śrīmadekajaṭā śivā || 49 ||
Übersetzung: Tuvira, Bewegliche, Heftige, Nayana, Blau-Fahrende, Ugratara, Siegreiche, Chandi, erhabene Ekajata, Heilvolle. Tuvira ist unsicher überliefert.
Worterklärungen: tīvrā – heftig; nīlavāhinī – Blau-Fahrende.
I.8.49b taruṇā śāmbhavī cchinnā bhāgā ca bhadratāriṇī |
ugratārā jayā caṇḍī śrīmadekajaṭā śivā || 49 ||
Übersetzung: Junge, Shambhavi, Abgeschnittene, Bhaga, heilvolle Retterin, Ugratara, Siegreiche, Chandi, erhabene Ekajata, Heilvolle. Mehrere Namen wiederholen sich im nächsten Vers.
Worterklärungen: taruṇā – Junge; bhadratāriṇī – heilvolle Retterin.
I.8.50 taruṇā śāmbhavī cchinnā bhāgā ca bhadratāriṇī |
ugrā ugraprabhā nīlā kṛṣṇā nīlasarasvatī || 50 ||
Übersetzung: Junge, Shambhavi, Abgeschnittene, Bhaga, heilvolle Retterin, Furchtbare, furchtbar Strahlende, Blaue, Dunkle, Nila-Sarasvati.
Worterklärungen: ugraprabhā – furchtbar strahlend; nīlā – blau.
I.8.51 dvitīyā śobhinī nityā navīnā nityanūtanā |
caṇḍikā vijayā''rādhyā devī gaganavāhinī || 51 ||
Übersetzung: Zweite, Strahlende, Ewige, Neue, ewig Neue, Chandika, von Vijaya Verehrte, Göttin, Himmelsfahrende.
Worterklärungen: nityanūtanā – ewig neu; gaganavāhinī – Himmelsfahrende.
I.8.52 aṭṭahāsyā karālāsyā caturāsyādipūjitā |
saguṇā saguṇārādhyā harīndradevapūjitā || 52 ||
Übersetzung: Laut Lachende, Furchtbar-Angesichtige, von Brahma und anderen Verehrte, Eigenschaftshafte, in Eigenschaften Verehrte, von Vishnu und Indra Verehrte.
Worterklärungen: caturāsya – viergesichtiger Brahma; saguṇa – eigenschaftshaft.
I.8.53 raktapriyā ca raktākṣī rudhirā sarvabhūṣitā |
bālapriyā bālaratā durgā balavatī balā || 53 ||
Übersetzung: Blut Liebende, Rotäugige, Blutrote, reich Geschmückte, Kinder Liebende, Kindern Zugewandte, Durga, Starke, Kraft.
Worterklärungen: raktākṣī – rotäugig; balavatī – stark.
I.8.54 balapriyā balaratā balarāmaprapūjitā |
arddhakeśeśvarī keśā keśaveśavibhūṣitā || 54 ||
Übersetzung: Kraft Liebende, Kraft Zugewandte, von Balarama Verehrte, Ardhakesheshvari, Haarreiche, mit Keshava und Isha Geschmückte. Der erste Haar-Beiname ist undeutlich.
Worterklärungen: bala – Kraft; keśa – Haar.
I.8.55 padmamālā ca padmākhyā kāmākhyā girinandini |
dakṣiṇā caiva dakṣā ca dakṣajā dakṣiṇe ratā || 55 ||
Übersetzung: Lotosbekränzte, Lotosgenannte, Kamakhya, Bergestochter, Dakshina, Geschickte, Dakshas Tochter, dem Rechten Zugewandte.
Worterklärungen: padmamālā – Lotosgirlande; dakṣajā – Dakshas Tochter.
I.8.56 vajrapuṣpapriyā raktapriyā kusumabhūṣitā |
māheśvarī mahādevapriyā pañcavibhuṣitā || 56 ||
Übersetzung: Vajra-Blüten Liebende, Blut Liebende, blumengeschmückt, Maheshvari, Mahadevas Geliebte, mit den fünf Bestandteilen geschmückt.
Worterklärungen: pañcavibhūṣitā – mit fünf Bestandteilen geschmückt; kusuma – Blume.
I.8.57 iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā prāṇarūpiṇī |
gāndhārī pañcamī pañcānanādiparipūjitā || 57 ||
Übersetzung: Ida, Pingala, Sushumna, Gestalt des Lebenshauchs, Gandhari, Fünfte, vom Fünfgesichtigen und anderen verehrt.
Worterklärungen: prāṇarūpiṇī – Lebenshauchgestalt; pañcamī – Fünfte.
I.8.58 ityetat kathitaṃ devi rahasyaṃ paramātmakam |
śrutvā mokṣamavāpnoti tārādevyāḥ prasādaḥ || 58 ||
Übersetzung: So ist das Geheimnis höchster Wirklichkeit erklärt. Durch sein Hören gewinnt man Befreiung aus Taras Gnade.
Worterklärungen: paramātmaka – von höchster Selbstnatur; prasāda – Gnade.
I.8.59 ya idaṃ prapaṭhet stotraṃ tārāyāstu rahasyakam |
sarvasiddhīśvaro bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale || 59 ||
Übersetzung: Wer diesen geheimen Tara-Lobgesang rezitiert, wandelt als Herr aller Vollendungen auf Erden.
Worterklärungen: sarvasiddhīśvara – Herr aller Vollendungen; viharet – wandle.
I.8.60 tasyaiva mantraḥ siddhaḥ syāmantrasiddhiranuttamā |
bhavatyevaṃ mahāmāye satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ || 60 ||
Übersetzung: Sein Mantra wird vollendet; höchste Mantra-Vollendung entsteht, wahrlich und ohne Zweifel.
Worterklärungen: mantrasiddhi – Mantra-Vollendung; anuttama – unübertrefflich.
I.8.61 mande maṅgalavāre ca yaḥ paṭhenniśi saṃyataḥ |
tasyaiva mantrasiddhiḥ syād gāṇapatyaṃ labhet tu saḥ || 61 ||
Übersetzung: Wer am Samstag und Dienstag nachts selbstbeherrscht rezitiert, erlangt Mantra-Vollendung und Herrschaft über die Scharen.
Worterklärungen: saṃyata – selbstbeherrscht; maṅgalavāra – Dienstag.
I.8.62 śraddhayā'śraddhayā vāpi paṭhet tārārahasyakam |
so'cireṇaiva kālena jīvanmuktaḥ śivo bhavet || 62 ||
Übersetzung: Wer Taras Geheimnis mit oder ohne Vertrauen rezitiert, wird bald als Shiva schon zu Lebzeiten befreit.
Worterklärungen: śraddhā – Vertrauen; acireṇa – bald.
I.8.63 sahasrāvartanād devi puraścaryāphalaṃ labhet |
evaṃ satatayuktāste dhyāyantastāmupāsate || 63 ||
Übersetzung: Durch tausend Wiederholungen gewinnt man die Frucht der vorbereitenden Übung. So bleiben die Verehrer beständig gesammelt und meditieren sie,
Worterklärungen: sahasrāvartana – tausend Wiederholungen; satatayukta – beständig gesammelt.
I.8.64 te kṛtārthā maheśāni mṛtyusaṃsārabandhanāt |
rahasyaṃ tāriṇīdevyāḥ kālikāyāḥ śrutaṃ tvayā || 64 ||
Übersetzung: und erreichen ihr Ziel, frei von Todes- und Daseinsfesseln. Tarinis und Kalis Geheimnis hast du gehört,
Worterklärungen: mṛtyusaṃsārabandhana – Todes- und Daseinsfessel; kṛtārtha – zum Ziel gelangt.
I.8.65 sāraṃ paramagopyaṃ ca śivadhyeyaṃ śivapradam |
idānīṃ ca varārohe bhūyaḥ kiṃ śrotumicchasi || 65 ||
Übersetzung: die höchste geheime Essenz, von Shiva meditiert und Heil schenkend. Was möchtest du jetzt weiter hören, Schöne?
Worterklärungen: śivadhyeya – von Shiva zu meditieren; śivaprada – Heil schenkend.
iti muṇḍamālātantre kālītārārahasyeṣṭamaḥ paṭalaḥ || 8 ||
Hier endet Kapitel 8 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 9

I.9.1 atha navamaḥ paṭalaḥ
rahasyaṃ pārvatīnāthavaktrāt śrutvā ca pārvatī |
mahādevaṃ maheśānamīśamāha maheśvarī || 1 ||
Übersetzung: Nachdem Parvati das Geheimnis aus dem Mund ihres Herrn gehört hatte, sprach die große Göttin zu Mahadeva.
Worterklärungen: rahasya – Geheimnis; śrutvā – gehört habend.
I.9.2 śrīpārvatī uvāca
trilokeśa jagannātha devadeva sadāśiva |
tvatprasādānmahādeva śrutaṃ tantraṃ pṛthagvidham || 2 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Dreiweltenherr, Weltenherr, Gott der Götter, Sadashiva! Durch deine Gnade hörte ich die verschiedenen Tantras.
Worterklärungen: pṛthagvidha – verschiedenartig; tvatprasāda – deine Gnade.
I.9.3 idānīṃ vartate śraddhā''gamaśāstre mamaiva hi |
yadi prasanno bhagavān brūhyupāyaṃ mahodayam || 3 ||
Übersetzung: Nun besteht in mir Vertrauen zur Agama-Lehre. Wenn du gnädig bist, erkläre das Mittel großen Aufstiegs.
Worterklärungen: āgamaśāstra – Agama-Lehre; mahodaya – großer Aufstieg.
I.9.4 nānātantre mahādeva śrutaṃ nānāvidhaṃ matam |
kṛtārthāsmi kṛtārthāsmi kṛtakārthāsmi śaṅkara || 4 ||
Übersetzung: In vielen Tantras hörte ich vielfältige Lehren. Mein Ziel ist erreicht, erreicht, erreicht, Shankara!
Worterklärungen: kṛtārthāsmi – mein Ziel ist erreicht; mata – Lehre.
I.9.5 prasanne śaṅkare nātha kiṃ bhayaṃ jagatītale |
vinā śivaprasādena na sidhyati kadācana ||
idānīṃ śrotumicchāmi bhuvanāyā rahasyakam || 5 ||
Übersetzung: Ist Shankara gnädig, was wäre auf Erden zu fürchten? Ohne Shivas Gnade gelingt nichts. Nun möchte ich Bhuvanas Geheimnis hören.
Worterklärungen: śivaprasāda – Shivas Gnade; bhaya – Furcht.
I.9.6 śrīśaṅkara uvāca
śṛṇu devi pravakṣyāmi guhyād guhyataraṃ param |
ṣaṭhitvā parameśāni mantrasiddhimavāpnuyāt || 6 ||
Übersetzung: Shankara sprach: Höre das höchste, geheimste Geheimnis. Durch seine Rezitation gewinnt man Mantra-Vollendung; ṣaṭhitvā ist wohl für paṭhitvā verschrieben.
Worterklärungen: mantrasiddhi – Mantra-Vollendung; paṭhitvā – rezitiert habend.
I.9.7 ādyā śrībhuvanā bhavyā bhavabandhavimocinī |
nārāyaṇī jagaddhātrī śivā viśveśvarī parā || 7 ||
Übersetzung: Ursprüngliche, Shri Bhuvana, Heilvolle, von Daseinsfesseln Befreiende, Narayani, Weltenmutter, Shiva, höchste Allherrin,
Worterklärungen: bhavabandhavimocinī – von Daseinsfesseln befreiend; ādyā – ursprüngliche.
I.9.8 gāndhārī paramā vidyā jaganmohanakāriṇī |
sureśvarī jaganmātā viśvamohanakāriṇī || 8 ||
Übersetzung: Gandhari, höchste Vidya, Weltbezaubernde, Götterherrin, Weltenmutter, Allbezaubernde,
Worterklärungen: jaganmohana – Weltbezauberung; sureśvarī – Götterherrin.
I.9.9 bhuvaneśī mahāmāyā deveśī haravallabhā |
karālā vikaṭākārā mahābījasvarūpiṇī || 9 ||
Übersetzung: Bhuvaneshi, Mahamaya, Götterherrin, Haras Geliebte, Furchtbare, gewaltig Gestaltete, Gestalt des großen Bija,
Worterklärungen: mahābījasvarūpiṇī – Gestalt des großen Bija; vikaṭākāra – gewaltig gestaltet.
I.9.10 tripureśī trilokeśī durgā tribhuvaneśvarī |
nityā ca nirmalā devī sarvamaṅgalakāriṇī || 10 ||
Übersetzung: Tripureshi, Dreiweltenherrin, Durga, Herrin der drei Welten, Ewige, makellose Göttin, alles Heil Bewirkende,
Worterklärungen: nirmala – makellos; sarvamaṅgalakāriṇī – alles Heil bewirkend.
I.9.11 sadāśivapriyā gaurī sarvamaṅgalaśobhanī |
śivadā sarvasaubhāgyadāyinī maṅgalātmikā || 11 ||
Übersetzung: Sadashivas Geliebte, Gauri, in allem Heil Strahlende, Heil Schenkende, alles Glück Spendende, Heilgestaltige,
Worterklärungen: śivadā – Heil schenkend; saubhāgya – Glück.
I.9.12 ghoradaṃṣṭrā karālāsyā madhumāṃsabalipriyā |
sarvaduḥkhaharā caṇḍī sarvamaṅgalakāriṇī || 12 ||
Übersetzung: Furchtbar Bezahnte, Schrecklich Angesichtige, Honig-, Fleisch- und Opfergaben Liebende, alles Leid Nehmende, Chandi, alles Heil Bewirkende,
Worterklärungen: madhu – Honig, auch Rauschtrank; duḥkhahara – Leid nehmend.
I.9.13 pārvatī tāriṇī devī bhīmā bhayavināśinī |
trailokyajananī tārā tāriṇī taruṇākṣamā || 13 ||
Übersetzung: Parvati, rettende Göttin, Bhima, Furchtvernichterin, Dreiweltenmutter, Tara, Retterin, Tarunakshama. Der letzte Beiname ist unklar.
Worterklärungen: bhayavināśinī – Furchtvernichterin; trailokyajananī – Dreiweltenmutter.
I.9.14 bhuktimuktipradā bhaktisadāśaṅkaravallabhā |
umā gaurī priyā sādhvī priyā ca vāruṇapriyā || 14 ||
Übersetzung: Genuss und Befreiung Schenkende, Hingabe, stets Shankaras Geliebte, Uma, Gauri, Geliebte, Tugendhafte, Varuna beziehungsweise Varuni Liebende.
Worterklärungen: sādhvī – Tugendhafte; vāruṇa – zu Varuna gehörig.
I.9.15 bhairavī bhairavānandadāyinī bhairavātmikā |
brahmapūjyā ca brahmāṇī rudrāṇī rudrapūjitā || 15 ||
Übersetzung: Bhairavi, Bhairavas Freude Schenkende, von Bhairava-Natur, von Brahma Verehrte, Brahmani, Rudrani, von Rudra Verehrte,
Worterklärungen: bhairavātmikā – von Bhairava-Natur; brahmapūjya – von Brahma verehrt.
I.9.16 rudreśvarī rudrarūpā tripuṭā tripurā matā |
bhavānī ca bhavānandadāyinī bhavagehinī || 16 ||
Übersetzung: Rudreshvari, Rudra-Gestaltige, Triputa, Tripura, Bhavani, Bhavas Freude Schenkende und Bhavas Gemahlin,
Worterklärungen: rudrarūpa – Rudra-Gestalt; bhavagehinī – Bhavas Gemahlin.
I.9.17 surapūjyeśvarī caṇḍī pracaṇḍā ghoranādinī |
ghanaśyāmā ghanavatī mahāghananinādinī || 17 ||
Übersetzung: von Göttern verehrte Herrin, Chandi, überaus Furchtbare, schrecklich Tönende, Wolkendunkle, Wolkenreiche, wie große Wolken Donnernde,
Worterklärungen: ghana – Wolke; ninādinī – Donnernde.
I.9.18 ghorajihvā lalajjihvā vaideśī naganandinī |
trailokyamohinī viśvamohinī viśvarūpiṇī || 18 ||
Übersetzung: Furchtbar-Züngige, mit bewegter Zunge, Vaideshi, Bergestochter, Dreiweltenbezaubernde, Allbezaubernde und Allgestaltige,
Worterklärungen: viśvarūpiṇī – Allgestaltige; lolajihva – mit bewegter Zunge.
I.9.19 ṣoḍaśī tripurā brahmadāyinī brahmadā'naghā |
ityetat paramaṃ brahmastotraṃ paramakāraṇam || 19 ||
Übersetzung: Shodashi, Tripura, Brahman Schenkende, Brahman-Geberin, Makellose. Dies ist der höchste Brahman-Lobgesang des höchsten Ursprungs.
Worterklärungen: brahmadā – Brahman schenkend; anagha – makellos.
I.9.20 yaḥ paṭhet parayā bhaktyā jīvanmuktaḥ sa eva hi |
brahmādyā devatāḥ sarvā munayastantrakovidāḥ || 20 ||
Übersetzung: Wer ihn mit höchster Hingabe rezitiert, ist zu Lebzeiten frei. Brahma und alle Gottheiten, die tantra-kundigen Weisen,
Worterklärungen: tantrakovida – tantra-kundig; jīvanmukta – zu Lebzeiten frei.
I.9.21 paṭhitvā parayā bhaktyā brahmasiddhimavāpnuyuḥ |
mantrasaṅketamajñātvā vidyāsaṅketakaṃ tathā || 21 ||
Übersetzung: gewinnen durch hingebungsvolle Rezitation Brahman-Vollendung. Es folgt eine Aussage über das Nichtkennen der Mantra- und Vidya-Geheimzeichen,
Worterklärungen: brahmasiddhi – Brahman-Vollendung; ajñātvā – ohne zu kennen.
I.9.22 vīrasaṅketakaṃ devi saṅketaṃ bahuvistaram |
yonimudrātmakaṃ priye || 22 ||
Übersetzung: der Vira-Zeichen und ausführlichen weiteren Zeichen. Vor dem Bezug auf Yoni-Mudra steht eine ausdrückliche Lücke; der Satz ist nicht vollständig herstellbar.
Worterklärungen: yonimudrātmaka – auf Yoni-Mudra bezogen; saṅketa – Geheimzeichen.
I.9.23 saṅketaṃ samayācāraṃ kulasaṅketakaṃ tathā |
brahmasaṅketakaṃ caṇḍi kālasaṅketakaṃ tathā || 23 ||
Übersetzung: Genannt werden Zeichen der verbindlichen Lebensordnung, des Kula, des Brahman und der Zeit,
Worterklärungen: kālasaṅketa – Zeitzeichen; samayācāra – verbindliche Lebensordnung.
I.9.24 yantrasaṅketakaṃ siddhisaṅketakaṃ bahuvistaram |
kulārṇave śrutaṃ nātha śrutaṃ me mohane prabho || 24 ||
Übersetzung: ferner ausführliche Yantra- und Vollendungszeichen. „Im Kularnava und im Mohana habe ich davon gehört, Herr“ weist auf einen nicht markierten Wechsel zu Parvatis Rede.
Worterklärungen: yantrasaṅketa – Yantra-Zeichen; śrutaṃ me – von mir gehört.
I.9.25 śrīśaṅkra uvāca
vidyānāmuttamā vidyā mahāvidyā prakīrtitā |
yāsāṃ smaraṇamātreṇa mantrasiddhiḥ prajāyate || 25 ||
Übersetzung: Shankara sprach: Die höchste unter den Vidyas heißt Mahavidya. Schon durch Erinnerung an diese Göttinnen entsteht Mantra-Vollendung.
Worterklärungen: smaraṇamātra – bloße Erinnerung; uttama – höchste.
I.9.26 mantrasaṅketamajñātvā yo yajed viśvamohinīm |
śatavarṣajapenāpi tasya siddhirna jāyate || 26 ||
Übersetzung: Wer die Weltbezaubernde ohne Kenntnis der Mantra-Geheimzeichen verehrt, gewinnt selbst durch hundertjähriges Japa keine Vollendung.
Worterklärungen: śatavarṣa – hundert Jahre; mantrasaṅketa – Mantra-Geheimzeichen.
I.9.27 vidyādyā ca dvitīyā ṣoḍaśī bhuvaneśvarī |
bhairavījñānamātreṇa siddhividyā bhavanti hi || 27 ||
Übersetzung: Die ursprüngliche, die zweite Vidya, Shodashi, Bhuvaneshvari und Bhairavi werden allein durch Erkenntnis als vollendete Vidyas verwirklicht.
Worterklärungen: ādyā – erste, ursprüngliche; dvitīyā – zweite.
I.9.28 iḍāpiṅgalayormadhye durgamā viśvamohinī |
tasyāḥ prabhedasaṃskāraṃ yo jānāti sa paṇḍitaḥ || 28 ||
Übersetzung: Zwischen Ida und Pingala wohnt die schwer zugängliche Weltbezaubernde. Wer ihr Durchdringen und die damit verbundene Läuterung kennt, ist weise.
Worterklärungen: prabheda – Durchdringen; saṃskāra – Läuterung, Weihe.
I.9.29 sa dhanyaḥ sa kṛtī loke sa vīraḥ sarvaśaḥ śuciḥ |
sa bhairavaśca vijñeyaḥ sadā sukhavivarddhakaḥ || 29 ||
Übersetzung: Er ist gesegnet, erfolgreich, heldenhaft und ganz rein, als Bhairava zu erkennen und stets Glück mehrend.
Worterklärungen: kṛtin – erfolgreich; sukhavivarddhaka – Glück mehrend.
I.9.30 evaṃ karālavadanāṃ muṇḍamālāvibhūṣitām |
yo jānāti jagaddhātrīṃ jīvanmuktaḥ sa eva hi || 30 ||
Übersetzung: Wer so die furchtbar angesichtige, schädelbekränzte Weltenmutter erkennt, ist zu Lebzeiten frei.
Worterklärungen: jagaddhātrī – Weltenmutter; jānāti – erkennt.
I.9.31 viśeṣaṃ ca pravakṣyāmi kulabhaktyā ca sidhyati |
kulabhaktiṃ vinā devi na bhaktirna ca sadgatiḥ || 31 ||
Übersetzung: Eine Besonderheit sei erklärt: Durch Kula-Hingabe gelingt es. Ohne sie gibt es nach dieser Lehre weder Hingabe noch gutes Weitergehen.
Worterklärungen: kulabhakti – Kula-Hingabe; sadgati – gutes Weitergehen.
I.9.32 satye tu sundarī ādyā tretāyāṃ bhuvaneśvarī |
dvāpare tāriṇī vidyā kalau kālī prakīrtitā || 32 ||
Übersetzung: Im Satya-Zeitalter gilt Sundari als erste, im Treta Bhuvaneshvari, im Dvapara Tarini und im Kali-Zeitalter Kali.
Worterklärungen: yuga – Zeitalter, sinngemäß; prakīrtita – genannt.
I.9.33 nāmabhedaṃ pravakṣyāmi kalpabhedaṃ varānane |
na bhedaḥ kālikāyāśca tārāyā jagadambike || 33 ||
Übersetzung: Namen und Weltalter unterscheiden sich; zwischen Kali und Tara besteht aber keine Wesensverschiedenheit,
Worterklärungen: nāmabheda – Namensunterschied; kalpabheda – Weltalterunterschied.
I.9.34 ṣoḍaśyā bhuvanāyāśca bhairavyāstripureśvari |
chinnāyāścaiva dhūmāyā bhīmāyāḥ parameśvari || 34 ||
Übersetzung: ebenso wenig zwischen Shodashi, Bhuvana, Bhairavi, Chinna, Dhuma und Bhima,
Worterklärungen: bheda – Unterschied; mahāvidyā – große Wissensgestalt.
I.9.35 tataśca bagalāmukhyā mātaṅgyāśca sureśvari |
naca bhedo maheśāni vidyāyā varavarṇini || 35 ||
Übersetzung: oder zwischen Bagalamukhi und Matangi. In der Vidya besteht kein Unterschied, große Herrin.
Worterklärungen: vidyā – Wissenswirklichkeit; na bheda – kein Unterschied.
I.9.36 śrīpārvatī uvāca
viśvanātha mahādeva maheśvara jagadguro |
pṛcchāmyekaṃ mahābhāga yogendra vṛṣabhadhvaja || 36 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Weltenherr, Mahadeva, Weltenlehrer, Yogameister mit dem Stierbanner! Ich möchte dich etwas fragen.
Worterklärungen: vṛṣabhadhvaja – mit Stierbanner; pṛcchāmi – ich frage.
I.9.37 kṛṣṇāyāḥ karavīrasya droṇasya tu sadāśiva |
bilvapatrasya māhātmyam japāyā vada śaṅkara || 37 ||
Übersetzung: Erkläre die Größe dunkler Aparajita, des Oleanders, der Drona-Blüte, des Bilva-Blattes und des Hibiskus, Shankara.
Worterklärungen: japā – hier Hibiskus; bilvapatra – Bilva-Blatt.
I.9.38 śrīśiva uvāca
dhanyā'si patibhaktā'si prāṇatulyā'si śāṅkari |
atigopyaṃ jagaddhātri devānāmatidurlabham || 38 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Gesegnet bist du, mir lebensgleich und deinem Gatten ergeben! Dies ist streng geheim und selbst für Götter selten.
Worterklärungen: prāṇatulya – lebensgleich; atigopya – streng geheim.
I.9.39 kṛṣṇā'parājitā sākṣāt bhadrakālī na saṃśayaḥ |
karavīraṃ ca bhuvanā droṇaṃ tripurasundarī || 39 ||
Übersetzung: Dunkle Aparajita ist unmittelbar Bhadrakali; Oleander ist Bhuvana, Drona ist Tripurasundari.
Worterklärungen: karavīra – Oleander; aparājitā – Clitoria-Blüte.
I.9.40 japā sākṣād bhagavatī sarvavidyāsvarūpiṇī |
ye sādhakā jaganmātararcayanti śivapriyām || 40 ||
Übersetzung: Hibiskus ist unmittelbar Bhagavati, Gestalt aller Vidyas. Übende, welche Shivas Geliebte,
Worterklärungen: sarvavidyāsvarūpiṇī – Gestalt aller Vidyas; japā – Hibiskus.
I.9.41 etaiśca kusumaiścaṇḍīṃ te śivā nātra saṃśayaḥ |
kiṃ japaiḥ kiṃ tapobhirvā kiṃ dānaiḥ kiṃ trimadhvakaiḥ || 41 ||
Übersetzung: Chandika, mit diesen Blumen verehren, sind zweifellos Shiva. Wozu dann weitere Wiederholungen, Askese, Gaben oder die drei Süßstoffe?
Worterklärungen: trimadhvaka – drei süße Opferstoffe; dāna – Gabe.
I.9.42 yenā'rcitā jagaddhātrī droṇakṛṣṇā japādibhiḥ |
rājasūyāśca medhādyairvājapeyā'gnihomakaiḥ || 42 ||
Übersetzung: Wer die Weltenmutter mit Drona, dunkler Aparajita und Hibiskus verehrt, gewinnt die Frucht von Königsweihe, großen Opfern,
Worterklärungen: rājasūya – Königsweiheopfer; medha – Opfer.
I.9.43 phalaṃ yajjāyate caṇḍi tat sarvaṃ kusumārcanāt |
japāṃ droṇaṃ tathā kṛṣṇaṃ mandaraṃ karavīrajam || 43 ||
Übersetzung: Vajapeya und Feueropfern allein durch Blumenverehrung. Hibiskus, Drona, dunkle Aparajita, Mandara und Oleander,
Worterklärungen: kusumārcana – Blumenverehrung; agnihoma – Feueropfer.
I.9.44 sākṣād brahmasvarūpaṃ ca mahādevyai nivedayet |
śvetacandanasaṃyuktaṃ raktacandanalepitam || 44 ||
Übersetzung: als unmittelbare Brahman-Gestalten bringe man der großen Göttin dar, mit weißem Sandelholz verbunden und mit rotem bestrichen.
Worterklärungen: śvetacandana – weißes Sandelholz; raktacandana – rotes Sandelholz.
I.9.45 yo dadyād bhaktibhāvena sa viśveśo na saṃśayaḥ |
mahāghore mahotpāte mahāvipadi saṅkaṭe || 45 ||
Übersetzung: Wer dies hingebungsvoll gibt, wird zweifellos Weltenherr. Bei großem Schrecken, Unheil, Unglück und Bedrängnis,
Worterklärungen: bhaktibhāva – Hingabe; mahāvipad – großes Unglück.
I.9.46 mahāduḥkhe mahāroge mahāśoke mahābhaye |
pūjayet kālikāṃ tārāṃ bhuvanāṃ ṣoḍaśīṃ śivām || 46 ||
Übersetzung: bei Leid, Krankheit, Trauer und Furcht verehre man Kalika, Tara, Bhuvana und Shodashi als Heilvolle,
Worterklärungen: mahāśoka – große Trauer; śivā – Heilvolle.
I.9.47 bālāṃ chinnāṃ ca bagalāṃ dhūmāṃ bhīmāṃ karālinīm |
kamalāmannapūrṇāṃ ca durgāṃ duḥkhavināśinīm || 47 ||
Übersetzung: Bala, Chinna, Bagala, Dhuma, Bhima, Karalini, Kamala, Annapurna und die leidvernichtende Durga,
Worterklärungen: duḥkhavināśinī – Leidvernichterin; karālinī – Furchtbare.
I.9.48 sarvavidyājapādroṇakaravīrairmanoharaiḥ |
mālūrapatraiḥ kṛṣṇābhiḥ kṛṣṇaṃ sampūjya bhūtale || 48 ||
Übersetzung: alle Vidyas mit Hibiskus, Drona, Oleander, Bilva-Blättern und dunklen Blüten. Der Schluss nennt Krishna als Verehrten und ist im Zusammenhang auffällig.
Worterklärungen: mālūrapatra – Bilva-Blatt; kṛṣṇa – dunkel, auch Krishna.
I.9.49 sādhakendro maheśāni sa bhavennātra saṃśayaḥ |
lakṣāṇāṃ mahiṣairmeṣairajairdānaiḥ kharaiḥ śubhaiḥ || 49 ||
Übersetzung: So wird man zweifellos Meister der Übenden. Hunderttausende Büffel, Schafe, Ziegen, Gaben und Esel werden zum Vergleich aufgezählt,
Worterklärungen: lakṣa – hunderttausend; aja – Ziege; khara – Esel.
I.9.50 pūjitā sā jagaddhātrī yadyeṣā kusumārcitā |
māhātmyaṃ cāpi kṛṣṇāyāḥ kṛṣṇā jānāti bhūtale || 50 ||
Übersetzung: als wären sie mit der Blumenverehrung der Weltenmutter dargebracht. Die Größe der dunklen Blüte kennt die Dunkle selbst.
Worterklärungen: kṛṣṇā – dunkle Blüte, dunkle Göttin; kusumārcita – mit Blumen verehrt.
I.9.51 tadarddhaṃ cā'pyahaṃ devi tadarddhaṃ śrīpatiḥ sadā |
tadarddhamabjajanmā vai tadarddhaṃ vedasādhakaḥ || 51 ||
Übersetzung: Ich kenne die Hälfte davon, Vishnu wiederum die Hälfte, Brahma davon die Hälfte und der Vedenkundige wiederum die Hälfte.
Worterklärungen: ardha – Hälfte; abjajanman – Lotosgeborener, Brahma.
I.9.52 asya puṣpasya māhātmyaṃ saṅkṣepād vacmi śāṅkari |
pṛthivyāmatale svarge vaikuṇṭhe kālikāpure || 52 ||
Übersetzung: Die Größe dieser Blume erkläre ich kurz: Auf Erden, in Atala, im Himmel, in Vaikuntha und in Kalis Stadt,
Worterklärungen: atala – Unterweltbereich; saṃkṣepāt – in Kürze.
I.9.53 japādikaravīraiśca dānaiḥ kiṃ kiṃ phalaṃ labhet |
na jānāmi jagaddhātri ko veda pārvatīṃ vinā || 53 ||
Übersetzung: welche Früchte Hibiskus, Oleander und ihre Darbringung bringen, weiß ich nicht vollständig. Wer außer Parvati könnte es wissen?
Worterklärungen: phala – Frucht; vinā – außer, ohne.
I.9.54 karavīraiḥ śvetaraktai raktacandanamiśritaiḥ |
pūjayet kṣmātale yastu sa viśveśo bhaved dhruvam || 54 ||
Übersetzung: Wer auf Erden mit weißem und rotem Oleander, vermischt mit rotem Sandelholz, verehrt, wird gewiss Weltenherr.
Worterklärungen: śvetarakta – weiß und rot; miśrita – vermischt.
I.9.55 kṛṣṇāparājitāpuṣpairyastu devīṃ prapūjayet |
so'śvamedhasahasrāṇāṃ phalaṃ prāpya śivo yajet || 55 ||
Übersetzung: Wer die Göttin mit dunkler Aparajita verehrt, gewinnt die Frucht von tausend Pferdeopfern und verehrt als Shiva.
Worterklärungen: aśvamedha – Pferdeopfer; sahasra – tausend.
I.9.56 bilvapatrasya māhātmyaṃ devānāmapi durlabham |
yo dadyād bilvapatraṃ ca śivāyai śaṅkarāya ca || 56 ||
Übersetzung: Die Größe des Bilva-Blattes ist selbst für Götter schwer zugänglich. Wer es der Göttin Shiva und Shankara darbringt,
Worterklärungen: śivā – Göttin; śaṅkara – Shiva.
I.9.57 sadāśivasamo bhūtvā sa gacched brahmamandiram |
mahāvipattau deveśi japāṃ kṛṣṇāparājitām || 57 ||
Übersetzung: wird Sadashiva gleich und gelangt zu Brahmas Wohnstatt. Wer in großer Not Hibiskus oder dunkle Aparajita,
Worterklärungen: brahmamandira – Brahmas Wohnstatt; mahāvipatti – große Not.
I.9.58 droṇaṃ vā karavīraṃ vā sa gacchet kālikāpuram |
kiṃ ca pādyaiḥ kiṃ ca vādyairnaivedyaiḥ kiṃ ca pūjanaiḥ || 58 ||
Übersetzung: Drona oder Oleander darbringt, gelangt zu Kalis Stadt. Wozu weitere Fußwassergaben, Musik, Speiseopfer und Verehrungsriten,
Worterklärungen: vādya – Musik; pādya – Fußwasser.
I.9.59 madhudānairmadhuparkaiḥ kumbhakaiḥ kiṃ ca recakaiḥ |
pūrakaiḥ kiṃ ca vā dhyānaiḥ prāṇāyāmaiśca kiṃ ca vā || 59 ||
Übersetzung: Honiggaben, Madhuparka, Atemanhalten, Ausatmen, Einatmen, Meditation und Pranayama,
Worterklärungen: kumbhaka – Atemanhalten; recaka – Ausatmen; pūraka – Einatmen.
I.9.60 kiṃ japaiḥ kiṃ tapobhirvā matsyairmāṃsaiśca pañcamaiḥ |
kimanyamantraiḥ kiṃ tantraiḥ kiṃ yantraiḥ kiṃ ca sādhanaiḥ || 60 ||
Übersetzung: Japa, Askese, Fisch, Fleisch und der fünfte Bestandteil? Wozu andere Mantras, Tantras, Yantras und Praktiken,
Worterklärungen: pañcama – fünfter Ritualbestandteil; sādhana – Praxis.
I.9.61 kiṃ ca vai vāsavaiḥ kiṃ vā śmaśānairmantrasādhanaiḥ |
kimadhvarairmantrapūtaimantrārthairmantrajīvanaiḥ || 61 ||
Übersetzung: weitere Vāsava-Bezüge, Leichenplätze, Mantrapraxis, Opfer, mantra-gereinigte Gaben, Mantrabedeutungen und Mantrabelebung? vāsava ist hier unklar.
Worterklärungen: mantrajīvana – Mantrabelebung; adhvara – Opfer.
I.9.62 kiṃ yonimudrayā kiṃ vā tīrthaiḥ kiṃ brahmasādhanaiḥ |
kiṃ mātṛkānyāsavargaiḥ kiṃ kacchaiḥ kiṃ ghaṭaiḥ paṭaiḥ || 62 ||
Übersetzung: Wozu Yoni-Mudra, Pilgerorte, Brahman-Praxis, Einsetzungen der Buchstabenmütter, abgegrenzte Bereiche, Krüge und Tücher,
Worterklärungen: mātṛkānyāsa – Buchstabeneinsetzung; ghaṭa – Krug; paṭa – Tuch.
I.9.63 kiṃ kākacañcubhiḥ ṣoḍhānyāsaiḥ kiṃ karmasādhanaiḥ |
yenārcitā bhagavatī karavīrairjapādibhiḥ || 63 ||
Übersetzung: Krähenmundhaltung, sechsfache Einsetzungen und rituelle Übungen für denjenigen, der Bhagavati mit Oleander und Hibiskus verehrt?
Worterklärungen: kākacañcu – Krähenmundhaltung; ṣoḍhānyāsa – sechsfache Einsetzung.
I.9.64 kṛṣṇāparājitāpuṣpaiḥ karavīrairmanoharaiḥ |
droṇaistu ketakīpuṣpairjapāmālūrapatrakaiḥ || 64 ||
Übersetzung: Mit dunkler Aparajita, schönem Oleander, Drona, Ketaki, Hibiskus und Bilva-Blättern,
Worterklärungen: ketakī – Schraubenbaumblüte; mālūrapatra – Bilva-Blatt.
I.9.65 pūjitā yairbhagavatī teṣāṃ kiṃ karmasādhanaiḥ |
ityevaṃ ca śrutaṃ devi rahasyaṃ paramaṃ śivam || 65 ||
Übersetzung: wer Bhagavati damit verehrt, wozu braucht er weitere Ritualübungen? So hast du das höchste heilvolle Geheimnis gehört.
Worterklärungen: karmasādhana – Ritualübung; śiva – heilvoll.
I.9.66 śrutvā yaṃ mokṣamāpnoti sādhako nātra saṃśayaḥ |
tantrarājaṃ māheśāni sārāt sārataraṃ priye || 66 ||
Übersetzung: Durch sein Hören erlangt der Übende zweifellos Befreiung. Diesen König der Tantras, innerste Essenz,
Worterklärungen: tantrarāja – König der Tantras; sāra – Essenz.
I.9.67 śrutvā jñātvā mokṣamāśu labhate nātra saṃśayaḥ |
mahābhaye bandhane ca vipattau bahusaṅkaṭe || 67 ||
Übersetzung: höre und erkenne man, um rasch Befreiung zu gewinnen. In großer Furcht, Gefangenschaft, Unglück und vielfacher Bedrängnis,
Worterklärungen: bandhana – Gefangenschaft; āśu – rasch.
I.9.68 pūjayitvā jagaddhātrīṃ mucyate bhavabandhanāt |
śraddhayā'śraddhayā vāpi yaḥ kaścit tāriṇīṃ yajet || 68 ||
Übersetzung: befreit die Verehrung der Weltenmutter von Daseinsfesseln. Wer Tarini mit oder ohne Vertrauen verehrt,
Worterklärungen: śraddhā – Vertrauen; bhavabandhana – Daseinsfessel.
I.9.69 sa dhanyaḥ sa kavirdhīraḥ sarvaśāstrārthakovidaḥ |
sa ca mānī sa ca jñānī pūjayed yastu kālikām ||
ityevaṃ ca śrutaṃ devi bhūyaḥ kiṃ śrotumicchasti || 69 ||
Übersetzung: ist gesegnet, dichterisch begabt, standhaft, schriftkundig, angesehen und wissend, sofern er Kalika verehrt. Was möchtest du weiter hören?
Worterklärungen: kavi – Dichter, Seher; dhīra – standhaft.
|| iti śrīmuṇḍamālātantre navamaḥ paṭalaḥ || 9 ||
Hier endet Kapitel 9 des ersten Mundamala Tantra.
Kapitel 10
I.10.1 atha daśamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
devadeva mahādeva nīlakaṇṭha sadāśiva |
namaste parameśāna viśvanātha namo'stu te || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Gott der Götter, blaukehliger Mahadeva, Sadashiva, höchster Herr und Weltenherr: Verehrung dir!
Worterklärungen: nīlakaṇṭha – Blaukehliger; namas – Verehrung.
I.10.2 namaste parameśāna sadāśiva maheśvara |
namaste paramānanda jñānamokṣapradāyaka || 2 ||
Übersetzung: Verehrung dir, höchster Herr, Sadashiva, Maheshvara, höchste Glückseligkeit, Erkenntnis und Befreiung Schenkender!
Worterklärungen: jñānamokṣapradāyaka – Erkenntnis und Befreiung schenkend.
I.10.3 namaste pārvatīnātha namaste bhaktavatsala |
prasīda māṃ jagadbandho gopyaṃ vada sadāśiva || 3 ||
Übersetzung: Parvatis Herr, Freund der Verehrer, sei mir gnädig! Weltfreund, erkläre das Verborgene, Sadashiva.
Worterklärungen: bhaktavatsala – Verehrern zugetan; gopya – Verborgenes.
I.10.4 śrīśiva uvāca
śṛṇu devi jagaddhātri sārāt sārataraṃ param |
śrutvā mokṣamavāpnoti sādhakendro mahītale || 4 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Höre die höchste innerste Essenz, Weltenmutter; durch ihr Hören gewinnt der Übende auf Erden Befreiung.
Worterklärungen: sārāt sāratara – innerste Essenz; śrutvā – gehört habend.
I.10.5 śṛṇuyād yo muṇḍamālātantraṃ paramakāraṇam |
jñānadaṃ mokṣadaṃ bhaktimuktisaukhyapradaṃ śive || 5 ||
Übersetzung: Wer das Mundamala-Tantra hört, diesen höchsten Ursprung, der Erkenntnis, Befreiung, Hingabe und Befreiungsglück schenkt,
Worterklärungen: jñānada – Erkenntnis schenkend; saukhya – Glück.
I.10.6 ityevaṃ paramaṃ devīṃ devānāmapi durlabham |
yo veda dharaṇīmadhye sa eva paramārthavit || 6 ||
Übersetzung: und die höchste, selbst für Götter seltene Göttin so erkennt, der ist ein Kenner letzter Wirklichkeit.
Worterklärungen: paramārthavit – Kenner letzter Wirklichkeit; veda – erkennt.
I.10.7 śaktimārgaṃ vinā jantorna bhaktirna ca sadgatiḥ |
śaktimūlaṃ jagat sarvaṃ śaktimūlaṃ paraṃ tapaḥ || 7 ||
Übersetzung: Ohne Shakti-Weg gibt es nach dieser Lehre weder Hingabe noch gutes Weitergehen. In Shakti wurzeln die ganze Welt und höchste Askese,
Worterklärungen: śaktimūla – in Shakti wurzelnd; tapas – Askese.
I.10.8 śaktimūlaṃ paraṃ karma janma śarma mahītale |
vinā śaktiprasādena na muktirjāyate priye || 8 ||
Übersetzung: ebenso höchste Handlung, Geburt und Glück auf Erden. Ohne Shaktis Gnade entsteht keine Befreiung.
Worterklärungen: śarman – Glück; śaktiprasāda – Shaktis Gnade.
I.10.9 śrutaṃ devi varārohe sarvaṃ gopyaṃ mahītale |
anyad gopyaṃ kiṃ vadasi tat sarvaṃ vada suvrate || 9 ||
Übersetzung: Du hast alles auf Erden Geheimzuhaltende gehört. Welches weitere Geheimnis wünschst du? Sage es, du mit gutem Gelübde!
Worterklärungen: suvrata – mit gutem Gelübde; anyat – weiteres.
I.10.10 śrīpārvatī uvāca
śṛṇu deva mahādeva kathayasva jagadguro |
kathamutpadyate jñānaṃ kathayasva kṛpānidhe || 10 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Höre, Mahadeva! Wie entsteht Erkenntnis? Erkläre es, Weltenlehrer, Hort der Gnade!
Worterklärungen: kṛpānidhi – Hort der Gnade; utpadyate – entsteht.
I.10.11 śrīśiva uvāca
ahobhāgyamahobhāgyamahobhāgyaṃ sureśvari |
kṛtārtho'haṃ kṛtārtho'haṃ kṛtarājyo maheśvari || 11 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Welch Glück, welch Glück, welch Glück! Mein Ziel ist erreicht, erreicht, meine Herrschaft erfüllt, große Herrin!
Worterklärungen: ahobhāgya – welch Glück; kṛtārtha – zum Ziel gelangt.
I.10.12 jñānakāṇḍaṃ maheśāni sārāt sārataraṃ śivam |
jñānaṃ ca dvividhaṃ jñeyaṃ durjñeyaṃ manasāmapi || 12 ||
Übersetzung: Der Erkenntnisteil ist die heilvolle innerste Essenz. Erkenntnis gilt als zweifach und ist selbst geistig schwer zu erfassen.
Worterklärungen: jñānakāṇḍa – Erkenntnisteil; dvividha – zweifach.
I.10.13 jñānaṃ paramatattvākhyaṃ jñānaṃ jñeyārthasādhanam |
anya vibhrāntiviṣayaṃ jñānaṃ sādhāraṇaṃ matam || 13 ||
Übersetzung: Es gibt Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit und Wissen als Mittel zum Erfassen eines Gegenstandes; anderes, täuschungsbezogenes Wissen gilt als gewöhnlich.
Worterklärungen: jñeya – Erkenntnisgegenstand; vibhrānti – Täuschung.
I.10.14 evaṃ ca trividhaṃ śeṣaṃ madhyamaṃ tattvavarjitam |
tattvajñānaṃ varārohe yogīndrāṇāṃ ca durlabham || 14 ||
Übersetzung: So erscheint die Einteilung dreifach; die mittlere Form enthält noch keine Wirklichkeitserkenntnis. Diese ist selbst für Yogameister schwer erreichbar.
Worterklärungen: trividha – dreifach; tattvajñāna – Wirklichkeitserkenntnis.
I.10.15 vinā tattvaparijñānād viphalaṃ pūjanaṃ tapaḥ |
eko devaśca eko'hamātmabhinnaśarīrataḥ || 15 ||
Übersetzung: Ohne Wirklichkeitserkenntnis bleiben Verehrung und Askese fruchtlos. Ein Gott, ein Ich, das Selbst ungetrennt vom Körper –
Worterklärungen: ātmabhinna – wohl „vom Selbst ungetrennt“; eka – eins.
I.10.16 ghaṭāt paṭāt māheśāni kālacakrānmahīruhāt |
evaṃ jñānaṃ tattvamayaṃ tadā mukto'cireṇa tu || 16 ||
Übersetzung: vom Krug, Tuch, Zeitrad und Baum: Wenn solches wirklichkeitserfülltes Wissen entsteht, wird man bald befreit. Die Kasusverknüpfung mit dem vorigen Vers ist beschädigt.
Worterklärungen: kālacakra – Zeitrad; mahīruha – Baum.
I.10.17 nānākāraṇamevāsya pūjanaṃ dhyānameva ca |
sevanaṃ caiva tīrthānāṃ śaraṇaṃ tāriṇīpadam || 17 ||
Übersetzung: Viele Mittel führen dazu: Verehrung, Meditation, Besuch heiliger Orte und Zuflucht zu Tarinis Füßen,
Worterklärungen: śaraṇa – Zuflucht; tīrtha – heiliger Ort.
I.10.18 smaraṇaṃ saharājasya bhramaṇaṃ vai kulāvalam |
satsaṅgasevanaṃ viṣṇoḥ śaṅkarasyāpi pūjanam || 18 ||
Übersetzung: Erinnerung an den hier unklaren saharāja, Wandern im Kula-Zusammenhang, Gemeinschaft mit Wahrhaftigen sowie Verehrung Vishnus und Shankaras.
Worterklärungen: satsaṅga – Gemeinschaft mit Wahrhaftigen; bhramaṇa – Wandern.
I.10.19 kālikāpādayugalaṃ bhajanaṃ jñānakāraṇam |
yāvanmanāstvameva syāt tāvad bhinnā mahītale || 19 ||
Übersetzung: Die Verehrung von Kalis beiden Füßen ist eine Ursache der Erkenntnis. Solange das trennende Denken besteht, bestehen Unterschiede auf Erden.
Worterklärungen: jñānakāraṇa – Erkenntnisursache; bhinna – verschieden.
I.10.20 tāvajjātiśca gotraṃ ca tāvannāma pṛthagvidham |
tāvalliṅgaṃ pṛthak sarvaṃ varṇānāṃ pṛthageva hi || 20 ||
Übersetzung: So lange bestehen Geburtsgruppe, Abstammungslinie, verschiedene Namen, unterschiedliche Kennzeichen oder Geschlechter und gesellschaftliche Einteilungen,
Worterklärungen: jāti – Geburtsgruppe; gotra – Abstammungslinie; liṅga – Kennzeichen, Geschlecht.
I.10.21 tāvanmitrau vipakṣau ca tāvat kalatrabāndhavau |
tāvat pṛthagvidhā tantrayantramantrārcanādibhiḥ || 21 ||
Übersetzung: Freund und Gegner, Ehepartner und Verwandte sowie verschiedene Formen von Tantra-, Yantra- und Mantra-Verehrung,
Worterklärungen: vipakṣa – Gegner; kalatra – Ehepartner.
I.10.22 tāvat puṇyaṃ tāvadeva pāpapuṇyavivarddhakam |
tāvat tvaṃ cāpyayamiyaṃ ca jāyate priye || 22 ||
Übersetzung: Verdienst und Vermehrung von Schuld und Verdienst, ebenso „du“, „dieser“ und „diese“,
Worterklärungen: pāpapuṇya – Schuld und Verdienst; tvam – du.
I.10.23 yāvanna jāyate caṇḍi vidyā'vidyāvirodhinī |
avidyānāśinī vidyā vidyā'vidyāvimardinī || 23 ||
Übersetzung: solange die dem Nichtwissen entgegengesetzte, Unwissen vernichtende Vidya nicht entsteht,
Worterklärungen: avidyānāśinī – Nichtwissen vernichtend; vidyā – Erkenntnis.
I.10.24 yā tāriṇī mahāvidyā vidyā'vidyāvirūpiṇī |
ata eva varārohe vidyāmutpādya bhūtale || 24 ||
Übersetzung: jene rettende Mahavidya, die im Verhältnis von Wissen und Nichtwissen erscheint. Darum bringe man Erkenntnis hervor,
Worterklärungen: tāriṇī – rettend; utpādya – hervorgebracht habend.
I.10.25 nirvāṇamokṣamāpnoti satyaṃ paramasundari |
śrīdurācaraṇāmbhoje bhaktiścāvyabhicāriṇī || 25 ||
Übersetzung: und erlange wahrhaft Erlösungsbefreiung. An Durgas Lotosfüßen entsteht unabweichende Hingabe; durā ist wohl für Durga verschrieben.
Worterklärungen: nirvāṇamokṣa – Erlösungsbefreiung; avyabhicāriṇī bhakti – unabweichende Hingabe.
I.10.26 tadaiva jāyate brahmajñānaṃ brahmādidurlabham |
brahmā viṣṇuśca rudraśca vāsavādyā divaukasaḥ || 26 ||
Übersetzung: Dann entsteht das selbst Brahma schwer erreichbare Brahman-Wissen. Brahma, Vishnu, Rudra, Indra und die Himmelsbewohner,
Worterklärungen: brahmajñāna – Brahman-Wissen; divaukas – Himmelsbewohner.
I.10.27 bhairavāścaiva gandharvā vidyābhyāsasamutsukāḥ |
brahmavidyāsamā vidyā brahmavidyāsamā kriyā || 27 ||
Übersetzung: Bhairavas und Gandharvas bemühen sich eifrig um die Vidya. Keine Wissenslehre und keine Handlung gleicht Brahma-Vidya,
Worterklärungen: vidyābhyāsa – Erkenntnisübung; samutsuka – eifrig.
I.10.28 brahmavidyāsamaṃ jñānaṃ nāsti nāsti kadācana |
tattvajñānaṃ śrutaṃ devi kiṃ bhūyaḥ śrotumicchasi || 28 ||
Übersetzung: keine Erkenntnis gleicht ihr, niemals. Wirklichkeitserkenntnis hast du gehört; was möchtest du weiter hören?
Worterklärungen: tattvajñāna – Wirklichkeitserkenntnis; nāsti – es gibt nicht.
I.10.29 śrīpārvatī uvāca
namastubhyaṃ mahādeva viśvanātha jagadguro |
śrutaṃ jñānaṃ mahādeva nānātantraṃ tavāṅanāt || 29 ||
Übersetzung: Parvati sprach: Verehrung dir, Mahadeva, Weltenherr und Weltenlehrer! Erkenntnis und viele Tantras habe ich aus deinem Mund gehört; tavāṅanāt ist beschädigt.
Worterklärungen: śrutaṃ jñānam – gehörte Erkenntnislehre; jagadguru – Weltenlehrer.
I.10.30 idānīṃ caṇḍikāyāstu guhyastotraṃ vada prabho |
kavacaṃ brūhi me nātha mantracaitanyakāraṇam || 30 ||
Übersetzung: Nun erkläre Chandikas geheimen Lobgesang und Schutztext, welche Mantrabewusstsein bewirken,
Worterklärungen: mantracaitanya – Mantrabewusstsein; guhyastotra – geheimer Lobgesang.
I.10.31 mantrasiddhikaraṃ guhyād guhyaṃ mokṣavidhāyakam |
śrutvā mokṣamavāpnoti jñātvā vidyāṃ maheśvari || 31 ||
Übersetzung: Mantra-Vollendung und Befreiung schenken. Wer diese Vidya hört und erkennt, erlangt Befreiung; die Anrede Maheshvari ist hier auffällig.
Worterklärungen: mantrasiddhikara – Mantra-Vollendung bewirkend; mokṣavidhāyaka – befreiend.
I.10.32 śrīśiva uvāca
durlabhaṃ tāriṇīmārgaṃ durlabhaṃ tāriṇīpadam |
mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ durlabhaṃ śavasādhanam || 32 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Tarinis Weg und Zustand sind schwer erreichbar, ebenso Mantrabedeutung, Mantrabewusstsein und Leichenpraxis,
Worterklärungen: tāriṇīpada – Tarinis Zustand; durlabha – schwer erreichbar.
I.10.33 śmaśānasādhanaṃ yonisādhanaṃ brahmasādhanam |
kriyāsādhanakaṃ bhaktisādhanaṃ muktisādhanam || 33 ||
Übersetzung: Leichenplatz-, Yoni- und Brahman-Praxis, tätige Praxis, Hingabe- und Befreiungspraxis.
Worterklärungen: bhaktisādhana – Hingabepraxis; brahmasādhana – Brahman-Praxis.
I.10.34 stavaprasādād deveśi sarvāḥ sidhyanti siddhayaḥ |
namaste caṇḍike caṇḍia caṇḍamuṇḍavināśini || 34 ||
Übersetzung: Durch die Gnade des Lobgesangs gelingen alle Vollendungen. Verehrung dir, Chandika, Furchtbare, Vernichterin Chandas und Mundas!
Worterklärungen: stavaprasāda – Gnade des Lobgesangs; vināśinī – Vernichterin.
I.10.35 namaste kālike kālamahābhayavināśini |
śive rakṣa jagaddhātri prasīda haravallabhe || 35 ||
Übersetzung: Verehrung dir, Kalika, Vernichterin der großen Todesfurcht! Heilvolle Weltenmutter, schütze, sei gnädig, Haras Geliebte!
Worterklärungen: kālamahābhaya – große Todesfurcht; rakṣa – schütze.
I.10.36 praṇamāmi jagaddhātrīṃ jagatpālanakāriṇīm |
jagatkṣobhakarīṃ vidyāṃ jagatsṛṣṭividhāyinīm || 36 ||
Übersetzung: Ich verneige mich vor der Weltenmutter, die die Welt bewahrt, bewegt und erschafft, der göttlichen Vidya.
Worterklärungen: jagatkṣobhakarī – die Welt bewegend; praṇamāmi – ich verneige mich.
I.10.37 karālāṃ vikaṭāṃ ghorāṃ muṇḍamālāvibhūṣitām |
harārcitāṃ harārādhyāṃ namāmi haravallabhām || 37 ||
Übersetzung: Vor der Furchtbaren, Gewaltigen, Schrecklichen, schädelbekränzten, von Hara verehrten und zu verehrenden Geliebten verneige ich mich.
Worterklärungen: haravallabhā – Haras Geliebte; muṇḍamālā – Schädelgirlande.
I.10.38 gaurīṃ gurupriyāṃ gauravarṇālaṅkārabhūṣitām |
haripriyāṃ mahāmāyāṃ namāmi brahmapūjitām || 38 ||
Übersetzung: Vor Gauri, dem Guru lieb, mit heller Farbe und Schmuck geziert, Haris Geliebter, Mahamaya, von Brahma Verehrter verneige ich mich.
Worterklärungen: gauravarṇa – helle Farbe; gurupriyā – dem Guru lieb.
I.10.39 siddhāṃ siddheśvarīṃ siddhavidyādharagaṇairyutām |
mantrasiddhipradāṃ yonisiddhidāṃ liṅgaśobhitām || 39 ||
Übersetzung: Vor der Vollendeten, Vollendungsherrin, von Siddha- und Vidyadhara-Scharen umgeben, Mantra- und Yoni-Vollendung Schenkenden, mit Linga Geschmückten,
Worterklärungen: siddhā – Vollendete; yonisiddhi – Yoni-Ritualvollendung.
I.10.40 praṇamāmi mahāmāyāṃ durgāṃ durgatināśinīm |
umāmugramayīmugrāṃ tārāmugragaṇairyutām || 40 ||
Übersetzung: verneige ich mich: Mahamaya, Durga, Notvernichterin, Uma, von furchtbarer Kraft erfüllt, Tara, von furchtbaren Scharen umgeben.
Worterklärungen: durgatināśinī – Notvernichterin; ugra – furchtbar.
I.10.41 nīlāṃ nīlaghanaśyāmāṃ namāmi nīlasundarīm |
śyāmāṅgī śyāmaghaṭitāṃ śyāmavarṇavibhūṣitām || 41 ||
Übersetzung: Vor der Blauen, wie eine dunkle Wolke, der blauen Schönen mit dunklen Gliedern und dunkler Gestalt verneige ich mich.
Worterklärungen: nīlaghana – dunkle Wolke; śyāmāṅgī – dunkelgliedrig.
I.10.42 praṇamāmi jagaddhātrīṃ gaurīṃ sarvārthasādhinīm |
viśveśvarīṃ viśvaghorāṃ vikaṭāṃ ghoranādinīm || 42 ||
Übersetzung: Vor Weltenmutter Gauri, die alle Ziele verwirklicht, Allherrin, in der Welt Furchtbare, Gewaltige, schrecklich Tönende.
Worterklärungen: sarvārthasādhinī – alle Ziele verwirklichend; ghoranādinī – schrecklich tönend.
I.10.43 ādyāmādyagurorādyāmādyanāthaprapūjitām |
śrīdurgāṃ dhanadāmannapūrṇāṃ padmāṃ sureśvarīm || 43 ||
Übersetzung: Vor der Ursprünglichen, noch vor dem Urguru, vom Urherrn Verehrten, Durga, Dhanada, Annapurna, Padma und Götterherrin,
Worterklärungen: ādyaguru – Urguru; dhanadā – Reichtum schenkend.
I.10.44 praṇamāmi jagaddhātrīṃ candraśekharavallabhām |
tripurāṃ sundarīṃ bālāmālāgaṇavibhūṣitām || 44 ||
Übersetzung: verneige ich mich: Weltenmutter, Geliebte des Mondgeschmückten, Tripura, Sundari, Bala, mit Girlandenscharen geschmückt.
Worterklärungen: mālāgaṇa – Girlandenschar; candraśekhara – mondgeschmückter Shiva.
I.10.45 śivadūtīṃ śivārādhyāṃ śivadhyeyāṃ sanātanīm |
sundarīṃ tāriṇīṃ sarvaśivāgaṇavidhūṣitām || 45 ||
Übersetzung: Vor Shivaduti, von Shiva verehrt und meditiert, Ewiger, Schöner, Retterin, von allen Göttinnenscharen umgeben,
Worterklärungen: sanātanī – Ewige; śivadhyeyā – von Shiva meditiert.
I.10.46 nārāyaṇīṃ viṣṇupūjyāṃ brahmaviṣṇuharapriyām |
sarvasiddhipradāṃ nityāmanityāṃ guṇavarjitām || 46 ||
Übersetzung: Narayani, von Vishnu verehrt, Brahma, Vishnu und Hara lieb, alle Vollendungen schenkend, ewig und nicht-ewig, eigenschaftslos,
Worterklärungen: nityānityā – ewig und nicht-ewig; guṇavarjita – eigenschaftslos.
I.10.47 saguṇāṃ nirguṇāṃ dhyeyāmarcitāṃ sarvasiddhidām |
vidyāsiddhipradāṃ vidyāṃ mahāvidyāṃ maheśvarīm || 47 ||
Übersetzung: mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften, meditationswürdig, verehrt, alle Vollendungen gebend, Vidya-Vollendung schenkend, Mahavidya, Maheshvari,
Worterklärungen: saguṇa-nirguṇa – mit und ohne Eigenschaften; dhyeya – meditationswürdig.
I.10.48 maheśabhaktāṃ maheśīṃ mahājalaprapūjitām |
praṇamāmi jagaddhātrīṃ śumbhāsuravimardinīm || 48 ||
Übersetzung: Mahesha ergeben, Maheshi, mit großem Wasser verehrt: Vor der Weltenmutter, Bezwingerin des Asura Shumbha, verneige ich mich.
Worterklärungen: mahājala – großes Wasser; śumbhāsuravimardinī – Shumbha-Bezwingerin.
I.10.49 raktapriyāṃ raktavarṇāṃ raktabījavimardinīm |
bhairavīṃ bhuvanāṃ devīṃ lolajihvāṃ sureśvarīm || 49 ||
Übersetzung: Vor der Blut Liebenden, Roten, Raktabija-Bezwingerin, Bhairavi, Bhuvana, Göttin mit bewegter Zunge, Götterherrin,
Worterklärungen: raktavarṇa – rot; lolajihvā – mit bewegter Zunge.
I.10.50 caturbhujāṃ daśabhujāmaṣṭādaśabhujāṃ śubhām |
tripureśīṃ viśvanāthapriyāṃ viśveśvarīṃ śivām || 50 ||
Übersetzung: vier-, zehn- oder achtzehnarmig, heilvoll, Tripureshi, dem Weltenherrn lieb, Allherrin, Shiva,
Worterklärungen: aṣṭādaśabhuja – achtzehnarmig; śubha – heilvoll.
I.10.51 aṭṭahāsāmaṭṭahāsapriyāṃ dhūmravināśinīm |
kamalāṃ chinnabhālāṃ ca mātaṅgī surasundarīm || 51 ||
Übersetzung: laut lachend, lautes Lachen liebend, Dhumra vernichtend, Kamala, mit abgeschnittenem Haupt, Matangi, himmlisch Schöne,
Worterklärungen: chinnabhālā – mit abgeschnittenem Haupt; aṭṭahāsa – lautes Lachen.
I.10.52 ṣoḍaśīṃ tripurāṃ bhīmāṃ dhūmāṃ ca bagalāmukhīm |
sarvasiddhipradāṃ sarvavidyāmantraviśodhinīm || 52 ||
Übersetzung: Shodashi, Tripura, Bhima, Dhuma, Bagalamukhi, alle Vollendungen schenkend, sämtliche Vidyas und Mantras läuternd,
Worterklärungen: viśodhinī – läuternd; sarvasiddhipradā – alle Vollendungen schenkend.
I.10.53 praṇamāmi jagattārāṃ sārāṃ ca mantrasiddhaye |
ityevaṃ ca varārohe stotraṃ siddhikaraṃ param || 53 ||
Übersetzung: vor der Weltenretterin und Essenz verneige ich mich zur Mantra-Vollendung. So lautet dieser höchste vollendungsschenkende Lobgesang.
Worterklärungen: jagattārā – Weltenretterin; sāra – Essenz.
I.10.54 paṭhitvā mokṣamāpnoti satyaṃ vai girinandini |
kujavāre caturdaśyāmamāyāṃ jīvavāsare || 54 ||
Übersetzung: Durch seine Rezitation gewinnt man wahrhaft Befreiung. Am Dienstag, vierzehnten Mondtag, Neumond oder Donnerstag,
Worterklärungen: jīvavāsara – Donnerstag; amā – Neumond.
I.10.55 śukre niśāgate stotraṃ paṭhitvā mokṣamāpnuyāt |
tripakṣe mantrasiddhiḥ syāt stotrapāṭhāddhi śāṅkari || 55 ||
Übersetzung: auch am Freitag nachts, rezitiere man ihn und erlange Befreiung. Innerhalb dreier Monatshälften soll Mantra-Vollendung entstehen.
Worterklärungen: tripakṣa – drei Monatshälften; śukra – Freitag.
I.10.56 caturdaśyāṃ niśābhāge śanibhaumadine tathā |
niśāmukhe paṭhet stotraṃ mantrasiddhimavāpnuyāt || 56 ||
Übersetzung: Am vierzehnten Mondtag nachts, am Samstag oder Dienstag, bei Nachtbeginn rezitiere man ihn zur Mantra-Vollendung.
Worterklärungen: śanibhauma – Samstag und Dienstag; niśāmukha – Nachtbeginn.
I.10.57 kevalaṃ stotrapāṭhāddhi mantrasiddhimanuttamām |
jāgartti satataṃ caṇḍi stavapāṭhād bhujaṅginī || 57 ||
Übersetzung: Allein durch Lobgesangrezitation entsteht höchste Mantra-Vollendung; die schlangenförmige Kraft erwacht dadurch beständig.
Worterklärungen: bhujaṅginī – Kundalini; jāgarti – erwacht.
I.10.58 ityevaṃ ca śrutaṃ stotraṃ kavacaṃ śṛṇu pārvati |
sadāśiva ṛṣirdevi uṣṇik chanda udāhṛtam || 58 ||
Übersetzung: Der Lobgesang ist gehört; höre nun den Schutztext, Parvati. Sein Seher ist Sadashiva, sein Versmaß Ushnih.
Worterklärungen: ṛṣi – Seher; uṣṇih – Versmaß.
I.10.59 viniyogaśca deveśi tataśca mantrasiddhaye |
mastakaṃ pārvatī pātu pātu pañcānanapriyā || 59 ||
Übersetzung: Sein Einsatz dient der Mantra-Vollendung. Parvati schütze den Kopf, die Geliebte des Fünfgesichtigen behüte ihn.
Worterklärungen: viniyoga – Einsatz; mastaka – Kopf.
I.10.60 keśaṃ mukhaṃ pātu caṇḍī bhāratī rudhirapriyā |
kaṇṭhaṃ pātu stanaṃ pātu kapālaṃ gaṇḍameva hi || 60 ||
Übersetzung: Chandi, Bharati, die Blut Liebende, schütze Haare und Gesicht, Hals, Brust, Schädel und Wangen.
Worterklärungen: kaṇṭha – Hals; gaṇḍa – Wange.
I.10.61 kālī karālavadanā vicitrā svaraghaṭṭinī |
rakṣamūlaṃ nābhimūlaṃ durgā tripurasundarī || 61 ||
Übersetzung: Kali, furchtbar angesichtig, vielfältig, die Laute bewegend, schütze den unklar bezeichneten rakṣamūla-Bereich; Durga-Tripurasundari den Nabelansatz.
Worterklärungen: svaraghaṭṭinī – Laute bewegend; nābhimūla – Nabelansatz.
I.10.62 dakṣahastaṃ pātu tārā sarvāṇī sarvameva ca |
viśveśvarī pṛṣṭhadeśaṃ netraṃ pātu maheśvarī || 62 ||
Übersetzung: Tara schütze die rechte Hand, Sarvani alles; Vishveshvari den Rücken, Maheshvari das Auge.
Worterklärungen: dakṣahasta – rechte Hand; pṛṣṭhadeśa – Rückenbereich.
I.10.63 hṛtpadmaṃ kālikā pātu ugratārā nabhogatam |
nārāyaṇī guhyadeśaṃ meḍhraṃ meḍhreśvarī tathā || 63 ||
Übersetzung: Kalika schütze den Herzenslotos, Ugratara beim Gang durch den Raum; Narayani den Schambereich, Medhreshvari das Geschlechtsorgan.
Worterklärungen: guhyadeśa – Schambereich; meḍhra – männliches Geschlechtsorgan.
I.10.64 pādayugmaṃ jayā pātu sundarī cāṅgulīṣu ca |
ṣaṭpadmavāsinī pātu sarvapadmaṃ nirantaram || 64 ||
Übersetzung: Jaya schütze beide Füße, Sundari die Finger; die in sechs Lotoszentren Wohnende schütze beständig sämtliche Lotoszentren.
Worterklärungen: ṣaṭpadmavāsinī – in sechs Lotoszentren wohnend; aṅguli – Finger.
I.10.65 iḍā ca piṅgalā pātu suṣumnā pātu sarvadā |
dhanaṃ dhaneśvarī pātu annapūrṇā sadā'vatu || 65 ||
Übersetzung: Ida, Pingala und Sushumna mögen stets schützen. Dhaneshvari schütze den Reichtum, Annapurna behüte immer.
Worterklärungen: dhana – Reichtum; avatu – möge behüten.
I.10.66 bāhyaṃ bāhyeśvarī pātu nityaṃ māṃ caṇḍikā'vatu |
jīvaṃ māṃ pārvatī pātu mātaṅgī pātu sarvadā || 66 ||
Übersetzung: Bahyeshvari schütze das Äußere, Chandika mich stets; Parvati mich als Lebewesen, Matangi allzeit.
Worterklärungen: bāhya – Äußeres; jīva – Lebewesen.
I.10.67 chinnā dhūmā ca bhīmā ca bhaye pātu jale vane |
kaumārī caiva vārāhī nārasiṃhī yaśo mama || 67 ||
Übersetzung: Chinna, Dhuma und Bhima schützen bei Furcht, im Wasser und Wald; Kaumari, Varahi und Narasimhi meinen Ruhm.
Worterklärungen: yaśas – Ruhm; bhaya – Furcht.
I.10.68 pātu nityaṃ bhadrakālī śmaśānālayavāsinī |
udare sarvadā pātu sarvāṇī sarvamaṅgalā || 68 ||
Übersetzung: Bhadrakali, Bewohnerin des Verbrennungsplatzes, schütze stets; Sarvani, die Allheilvolle, meinen Bauch.
Worterklärungen: udara – Bauch; śmaśānālayavāsinī – am Verbrennungsplatz wohnend.
I.10.69 jaganmātā jayaṃ pātu nityaṃ kailāsavāsinī |
śivapriyāsutaṃ pātu sutāṃ parvatanandinī || 69 ||
Übersetzung: Die Weltenmutter, stets auf Kailasa wohnend, schütze den Sieg; Shivas Geliebte den Sohn, die Bergestochter die Tochter.
Worterklärungen: jaya – Sieg; suta-sutā – Sohn und Tochter.
I.10.70 trailokyaṃ pātu bagalā bhuvanaṃ bhuvaneśvarī |
sarvāṅgaṃ sarvanilayā pātu nityaṃ ca pārvatī || 70 ||
Übersetzung: Bagala schütze die drei Welten, Bhuvaneshvari die Welt; Parvati, Wohnstatt aller, sämtliche Glieder.
Worterklärungen: sarvanilayā – Wohnstatt aller; sarvāṅga – sämtliche Glieder.
I.10.71 cāmuṇḍā pātu me romakūpaṃ sarvārthasādhinī |
brahmāṇḍaṃ me mahāvidyā pātu nityaṃ manoharā || 71 ||
Übersetzung: Chamunda, alle Ziele verwirklichend, schütze meine Haarporen; die schöne Mahavidya stets meinen Kosmos.
Worterklärungen: romakūpa – Haarpore; brahmāṇḍa – Kosmos.
I.10.72 liṅgaṃ liṅgeśvarī pātu mahāpīṭhaṃ maheśvarī |
gaurī me sandhideśaṃ ca pātu vai tripureśvarī || 72 ||
Übersetzung: Lingeshvari schütze das Linga, Maheshvari den großen heiligen Sitz; Gauri und Tripureshvari meine Gelenkbereiche.
Worterklärungen: sandhideśa – Gelenkbereich; mahāpīṭha – großer heiliger Sitz.
I.10.73 sureśvarī sadā pātu śmaśāne ca śave'vatu |
kumbhake recake caiva pūrake kāmamandire || 73 ||
Übersetzung: Die Götterherrin schütze stets am Verbrennungsplatz und auf dem Leichnam, beim Atemanhalten, Ausatmen und Einatmen sowie im Liebestempel.
Worterklärungen: kumbhaka – Atemanhalten; recaka-pūraka – Aus- und Einatmen.
I.10.74 kāmākhyā kāmanilayaṃ pātu durgā sureśvarī |
ḍākinī kākinī pātu satyaṃ me śākinī tathā || 74 ||
Übersetzung: Kamakhya schütze die Liebesstätte, Durga als Götterherrin; Dakini, Kakini und Shakini mögen wahrhaft schützen.
Worterklärungen: kāmanilaya – Liebesstätte; śākinī – Yogini-Name.
I.10.75 hākinī rākiṇī pātu rākiṇī pātu sarvadā |
jvālāmukhī sadā pātu mukhaṃ madhye sadā'vatu || 75 ||
Übersetzung: Hakini und Rakini schützen, Rakini stets; Jvalamukhi stets das Gesicht und im Inneren.
Worterklärungen: jvālāmukhī – Flammengesichtige; mukha – Gesicht.
I.10.76 tāriṇī vibhave pātu bhavānī ca bhabe'vatu |
trailokyamohinī pātu sarvāṅgaṃ vijane'vatu || 76 ||
Übersetzung: Tarini schütze im Wohlstand, Bhavani im Dasein; Trailokyamohini alle Glieder und in der Einsamkeit.
Worterklärungen: vibhava – Wohlstand; vijana – Einsamkeit.
I.10.77 rājakule mahāghāte saṅgrāme śatrusaṅkaṭe |
pracaṇḍā sādhakaṃ māṃ ca pātu bhairavamohinī || 77 ||
Übersetzung: Am Königshof, bei schwerem Angriff, im Kampf und in Feindesbedrängnis schütze Prachanda, die Bhairava Bezaubernde, mich als Übenden.
Worterklärungen: rājakula – Königshof; mahāghāta – schwerer Angriff.
I.10.78 śrīrājamohinī pātu rājadvāre vipattiṣu |
sampatpradā bhairavī ca pātu bālā balaṃ mama || 78 ||
Übersetzung: Shri Rajamohini schütze am Königstor und in Not, die Wohlstand schenkende Bhairavi; Bala schütze meine Kraft.
Worterklärungen: rājadvāra – Königstor; bala – Kraft.
I.10.79 nityaṃ māṃ śambhuvanitā pātu māṃ tripurāntakā |
ityevaṃ kathitaṃ devi rahasyaṃ sārvakālikam || 79 ||
Übersetzung: Shambhus Gefährtin und Tripurantaka mögen mich stets schützen. So ist dieses allzeit gültige Geheimnis erklärt.
Worterklärungen: śambhuvanitā – Shambhus Gefährtin; sārvakālika – allzeit gültig.
I.10.80 bhuktidaṃ muktidaṃ saukhyaṃ sarvasampatpradāyakam |
yaḥ paṭhet prātarutthāya sādhakendro bhaved bhuvi || 80 ||
Übersetzung: Es schenkt Genuss, Befreiung, Glück und allen Wohlstand. Wer morgens nach dem Aufstehen rezitiert, wird zu einem Meister der Übenden.
Worterklärungen: prātarutthāya – morgens aufgestanden; sampat – Wohlstand.
I.10.81 kujavāre caturdaśyāmamāyāṃ mandavāsare |
gurau guruṃ samabhyarcya yaḥ paṭhet sādhakottamaḥ || 81 ||
Übersetzung: Wer am Dienstag, vierzehnten Mondtag, Neumond, Samstag oder Donnerstag nach Guru-Verehrung rezitiert,
Worterklärungen: guru – Jupiter, Donnerstag, beziehungsweise Lehrer; samabhyarcya – nach Verehrung.
I.10.82 sa yāti bhavanaṃ devyāḥ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
evaṃ yadi varārohe paṭhed bhaktiparāyaṇaḥ || 82 ||
Übersetzung: gelangt wahrhaft zur Wohnstatt der Göttin. Wenn man so mit ganzer Hingabe rezitiert,
Worterklärungen: devyā bhavana – Wohnstatt der Göttin; bhaktiparāyaṇa – ganz hingegeben.
I.10.83 mantrasiddhirbhavet tasya vā'cirānnātra saṃśayaḥ |
satyaṃ lakṣapuraścaryāphalaṃ prāpya śivāṃ yajet || 83 ||
Übersetzung: entsteht bald Mantra-Vollendung. Die Frucht von hunderttausend vorbereitenden Übungen erlangend verehre man die Göttin.
Worterklärungen: lakṣapuraścaryā – hunderttausend vorbereitende Übungen; acirāt – bald.
I.10.84 rājamārgaṃ śivāmārgaṃ prāpya jīvaḥ śivo bhavet |
paṭhitvā kavacaṃ stotraṃ muktimāpnoti niścitam || 84 ||
Übersetzung: Auf dem Königsweg, dem Weg der Göttin, wird das Lebewesen Shiva. Durch Schutztext und Lobgesang gewinnt es gewiss Befreiung.
Worterklärungen: śivāmārga – Weg der Göttin; rājamārga – Königsweg.
I.10.85 paṭhitvā kavacaṃ stotraṃ daśavidyāṃ yajed yatiḥ |
vidyāsiddhirmantrasiddhirbhavatyeva na saṃśayaḥ || 85 ||
Übersetzung: Nach Rezitation von Schutztext und Lobgesang verehre der Asket die zehn Vidyas; Vidya- und Mantra-Vollendung entstehen zweifellos.
Worterklärungen: yati – Asket; daśavidyā – zehn Vidyas.
I.10.86 tadaiva tāmbūle siddhirjāyate nātra saṃśayaḥ |
śavasiddhiścitāsiddhirdurlabhā dharaṇītale || 86 ||
Übersetzung: Dann entsteht auch Vollendung mit Betel; die auf Erden seltene Leichen- und Scheiterhaufenvollendung wird genannt.
Worterklärungen: tāmbūla – Betel; citāsiddhi – Scheiterhaufenvollendung.
I.10.87 ayatnasubhagā siddhistāmbūlānnātra saṃśayaḥ |
niśāmukhe niśāyāṃ ca mahākāle niśāntare ||
paṭhed bhaktyā maheśāni gāṇapatyaṃ labhet tu saḥ || 87 ||
Übersetzung: Durch Betel werde Vollendung mühelos zugänglich, behauptet der Text. Bei Nachtbeginn, nachts, in der großen Nachtzeit und mitten in der Nacht rezitiere man hingebungsvoll und erlange Herrschaft über die Scharen.
Worterklärungen: ayatna – mühelos; gāṇapatya – Herrschaft über die Scharen.
|| iti muṇḍamālātantre mantrasiddhistotrakavacaṃ nāma daśamaḥ paṭalaḥ || 10 ||
Hier endet Kapitel 10 des ersten Mundamala Tantra.
|| iti prathamaṃ muṇḍamālātantraṃ samāptam ||
Text II
Kapitel 1
II.1.1 || oṃ namaḥ śivāya ||
sarvānandamayīṃ vidyāṃ sarvāmnāyairnamaskṛtām |
sarvasiddhipradāṃ devīṃ namāmi parameśvarīm || 1 ||
Übersetzung: Ich verneige mich vor der höchsten Herrin, der Göttin und Vidya, die ganz aus Glückseligkeit besteht, von allen Überlieferungen verehrt wird und sämtliche Vollendungen schenkt.
Worterklärungen: sarvānandamayī – ganz aus Glückseligkeit bestehend; āmnāya – Überlieferung.
II.1.2 śrīdevī uvāca
devadeva mahādeva paramānandasundara |
prasīda guhyavaktrānta kathayasva priyaṃvada || 2 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Gott der Götter, Mahadeva, schön durch höchste Glückseligkeit, sei gnädig! Offenbare das Geheimnis, du freundlich Redender. Die Anrede guhyavaktrānta ist unsicher.
Worterklärungen: paramānanda – höchste Glückseligkeit; prasīda – sei gnädig.
II.1.3 sarvatantreṣu mantreṣu guptaṃ yat pañcavaktrataḥ |
tat prakāśaya guhyākhyaṃ yacca tvaṃ mama vallabha || 3 ||
Übersetzung: Was in allen Tantras und Mantras durch deine fünf Gesichter verborgen bleibt, das offenbare als Geheimnis, mein Geliebter.
Worterklärungen: pañcavaktra – fünfgesichtig; prakāśaya – offenbare.
II.1.4 śrīśiva uvāca
kathānte kathayiṣyāmi guptṃ yaccañcalāmbike |
strīsvabhāvānmahattattva na jānāsi śubhapradam || 4 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Am Ende des Gesprächs werde ich das Verborgene mitteilen, unruhige Mutter. Wegen deiner weiblichen Natur erkennst du die große, heilbringende Wirklichkeit nicht, behauptet der Sprecher hier.
Worterklärungen: strīsvabhāva – weibliche Natur; mahattattva – große Wirklichkeit.
II.1.5 śrīdevī uvāca
susthirā'haṃ bhaviṣyāmi na vaktavyaṃ kadācana |
tava bhaktyā bhaviṣyāmi bhāvanā mantrasiddhidā || 5 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Ich werde fest bleiben und es niemals aussprechen. Durch Hingabe an dich werde ich zur Vergegenwärtigung, die Mantra-Vollendung schenkt. Der zweite Halbvers ist grammatisch unsicher.
Worterklärungen: susthirā – ganz beständig; mantrasiddhidā – Mantra-Vollendung schenkend.
II.1.6 śrīśiva uvāca
devatāgurumantrāṇāṃ ekabhāvanamucyate |
mantro yo gururevāsau yo guruḥ sā ca devatā || 6 ||
Übersetzung: Shiva sprach: Gottheit, Guru und Mantra soll man als eins vergegenwärtigen. Der Mantra ist der Guru; der Guru ist die Gottheit.
Worterklärungen: ekabhāvana – einheitliche Vergegenwärtigung; devatā – Gottheit.
II.1.7 kālī tārā mahāvidyā ṣoḍaśī bhuvaneśvarī |
bhairavī chinnamastā ca vidyā dhūmāvatī tathā || 7 ||
Übersetzung: Kali, Tara, die große Vidya Shodashi, Bhuvaneshvari, Bhairavi, Chinnamasta und die Vidya Dhumavati,
Worterklärungen: ṣoḍaśī – die Sechzehnjährige; chinnamastā – die mit abgeschnittenem Haupt.
II.1.8 bagalāmukhī siddhavidyā mātaṅgī kamalātmikā |
etā daśa mahāvidyāḥ siddhavidyāḥ prakīrtitāḥ || 8 ||
Übersetzung: Bagalamukhi, die vollendete Vidya, Matangi und Kamalatmika: Diese werden als die zehn großen, vollendeten Vidyas bezeichnet.
Worterklärungen: daśa – zehn; siddhavidyā – vollendete Mantragestalt.
II.1.9 atyantadurlabhaṃ loke ṣaḍāmnāyanamaskṛtāḥ |
etāśca paramā vidyāstriṣu lokeṣu durlabhāḥ || 9 ||
Übersetzung: Sie sind in der Welt äußerst schwer erreichbar und werden von den sechs Überlieferungsströmen verehrt. Diese höchsten Vidyas sind in den drei Welten selten zu erlangen.
Worterklärungen: ṣaḍāmnāya – sechs Überlieferungen; durlabha – schwer erreichbar.
II.1.10 sukhadā mokṣadā vidyā kleśasādhyā na tādṛśī |
yena yena prakāreṇa siddhiryāsyati bhūtale || 10 ||
Übersetzung: Die Vidya schenkt Glück und Befreiung; sie ist nicht von jener Art, die nur mühsam zu verwirklichen ist. Auf welche Weise man auf Erden Vollendung erreicht,
Worterklärungen: sukhadā – Glück schenkend; kleśasādhya – mühsam zu verwirklichen.
II.1.11 sarvaṃ te kathayiṣyāmi premabhāvena kevalam |
naiva siddhādyapekṣā'sti nakṣatrādivicāraṇā || 11 ||
Übersetzung: werde ich dir allein aus Liebe vollständig sagen. Es bedarf keiner Prüfung der Mantra-Eignung nach siddha und ähnlichen Kategorien, auch keiner Prüfung der Mondhäuser.
Worterklärungen: premabhāva – liebende Haltung; nakṣatra – Mondhaus.
II.1.12 kālādiśodhanaṃ nāsti nāsti mitrādidūṣaṇam |
siddhavidyā mahāvidyā yugasevā pariśramam || 12 ||
Übersetzung: Es gibt keine zeitliche Eignungsprüfung und keine Beeinträchtigung nach Freundschaftskategorien. Die vollendeten großen Vidyas verlangen keine mühsame Verehrung über Weltalter; der Schluss ist elliptisch.
Worterklärungen: kālaśodhana – Prüfung günstiger Zeit; mitra – Freund, hier Klassifikationsbegriff.
II.1.13 nāsti kiñcinmahādevi duḥkhasādhyaṃ kadācana |
yā kālī paramā vidyā [ saiva tārā prakrīrtitā || 13 ||
Übersetzung: Nichts daran ist jemals durch Leiden zu erzwingen, große Göttin. Kali, die höchste Vidya, wird ebenso Tara genannt.
Worterklärungen: duḥkhasādhya – durch Leiden zu erreichen; saiva – eben dieselbe.
II.1.14 yā tārāparamā vidyā caturdhā kathitā purā |
etayorbhedabhāvena (sarve) nānāmantrā bhavanti hi || 14 ||
Übersetzung: Die höchste Vidya Tara wurde früher vierfach beschrieben. Durch die unterschiedliche Betrachtung dieser beiden entstehen die vielfältigen Mantras.
Worterklärungen: caturdhā – vierfach; bhedabhāva – unterscheidende Auffassung.
II.1.15 uktaṃ ca kālikākalpe tārākalpe ca te mayā |
ṣoḍaśī yā mahāvidyā caturdhā kathitā purā || 15 ||
Übersetzung: Im Kalika-Kalpa und Tara-Kalpa habe ich davon gesprochen. Shodashi, die große Vidya, wurde früher ebenfalls vierfach gelehrt.
Worterklärungen: kalpa – Rituallehre; kathitā – gelehrt.
II.1.16 lakṣmībījādibhedena pañcamī sā bhavediha |
ekākṣarī mahāvidyā bījahīnā bhavet purā ||
bhuvaneśvarī tryakṣarī tu mahāvidyā prakīrtitā || 16 ||
Übersetzung: Durch die Unterscheidung nach dem Lakshmi-Bija und weiteren Lauten wird sie hier fünffach. Eine einsilbige große Vidya wird als ohne zusätzliches Bija bezeichnet; die dreisilbige Bhuvaneshvari heißt ebenfalls große Vidya. Die genaue Zuordnung ist in dieser Lesung undeutlich.
Worterklärungen: ekākṣarī – einsilbig; tryakṣarī – dreisilbig; bījahīnā – ohne Bija.
II.1.17 śrīdevī uvāca
duṣṭā vidyā ca deveśa kathitā na prakāśitā |
idānīṃ taddayābhāvāt kathayāṅandasundara || 17 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Herr der Götter, eine beeinträchtigte Vidya wurde erwähnt, aber nicht erklärt. Erläutere sie nun aus Mitgefühl, du durch Glückseligkeit Schöner!
Worterklärungen: duṣṭā – beeinträchtigt; dayā – Mitgefühl.
II.1.18 śrī-īśvara uvāca
bhuvaneśī mahāvidyā devarājena vai purā |
ārādhitā ca vidyeyaṃ vajreṇa nāma mohitā || 18 ||
Übersetzung: Ishvara sprach: Bhuvaneshi, die große Vidya, wurde einst vom Götterkönig verehrt. Durch den Vajra wurde diese Vidya, wie es heißt, verwirrt.
Worterklärungen: devarāja – Götterkönig; vajra – Donnerkeil; mohitā – verwirrt.
II.1.19 ekākṣarī bījahīnā vāgbhavenojjvalā bhavet |
kāmarājākhyavidyā yā vidyā sā puṣpadhanvanā || 19 ||
Übersetzung: Die einsilbige, eines zusätzlichen Bija entbehrende Vidya leuchtet durch Vagbhava auf. Die Kamaraja genannte Vidya wurde vom Träger des Blumenbogens verehrt –
Worterklärungen: vāgbhava – Ursprung der Rede, Mantrabezeichnung; puṣpadhanvan – Blumenbogenträger, Kama.
II.1.20 smareṇa pūjitā pūrvaṃ bhuvaneśyā pratiṣṭhitā |
kumārī yā ca vidyeyaṃ tayā śaptā bahiścyutā || 20 ||
Übersetzung: von Smara wurde sie einst verehrt und durch Bhuvaneshi eingesetzt. Die Kumari genannte Vidya wurde von ihr verflucht und ausgeschlossen. Die Bezüge der Pronomen bleiben unsicher.
Worterklärungen: smara – Liebesgott; śaptā – verflucht; bahiścyutā – ausgeschlossen.
II.1.21 kevalaṃ śaktirūpeṇa śivarūpeṇa kevalam |
tayā pratiṣṭhitā vidyā tārā candrasvarūpiṇī || 21 ||
Übersetzung: Allein in Shakti-Gestalt, allein in Shiva-Gestalt: Von ihr wurde die Vidya Tara begründet, deren Wesen der Mond ist. Der Satzanschluss ist undeutlich.
Worterklärungen: śaktirūpa – Shakti-Gestalt; candrasvarūpiṇī – von Mondnatur.
II.1.22 [bhairavī tu mahāvidyā mahāsampatpradāyinī |
chinnamastā surāmāṃsapriyā raktasvarūpiṇī || 22 ||
Übersetzung: Bhairavi ist die große Vidya, die großen Wohlstand schenkt. Chinnamasta liebt Wein und Fleisch und ist von der Natur des Blutes.
Worterklärungen: mahāsampat – großer Wohlstand; raktasvarūpiṇī – von Blutgestalt.
II.1.23 dhūmāvatī mahāvidyā māraṇoccāṭane ratā |
bagalāvaśyastambhādinānāguṇasamanvitā || 23 ||
Übersetzung: Dhumavati ist die große Vidya, die sich Tötungs- und Vertreibungsriten widmet. Bagala besitzt verschiedene Kräfte wie Unterwerfung und Lähmung.
Worterklärungen: māraṇa – Tötungsritus; uccāṭana – Vertreibung; stambha – Lähmung.
II.1.24 mātaṅgī ca mahāvidyā trailokyavaśakāriṇī |
jīvaputraistu dhanadā pāṣāṇaiḥ sarvabhogadā || 24 ||
Übersetzung: Matangi, die große Vidya, bringt die drei Welten unter ihren Einfluss. Mit jīvaputra-Perlen schenkt sie Reichtum, mit Steinen sämtliche Genüsse; die Materialbezeichnung ist nicht eindeutig.
Worterklärungen: vaśakāriṇī – unter Einfluss bringend; pāṣāṇa – Stein.
II.1.25 kamalā trividhā proktā ekākṣaradhiyā sthitā ||
kevalā tu mahāsampaddāyinī sukhamokṣadā || 25 ||
Übersetzung: Kamala wird dreifach beschrieben und in einsilbiger Vergegenwärtigung gegründet. Für sich schenkt sie großen Wohlstand, Glück und Befreiung.
Worterklärungen: trividhā – dreifach; kevalā – allein, für sich; mokṣadā – Befreiung schenkend.
|| iti dvitīye muṇḍamālātantre prathamaḥ paṭalaḥ || 1 ||
Hier endet Kapitel 1 des zweiten Mundamala Tantra.
Kapitel 2
II.2.1 atha dvitīyaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
akṣamālā tu kathitā yatnato na prakāśitā |
akṣamāleti kiṃ nāma phalaṃ kiṃ vā vadasvame || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin fragte: Die Gebetskette wurde erwähnt, aber nicht eingehend erklärt. Was bedeutet Akshamala, und welche Frucht bringt sie? Sage es mir!
Worterklärungen: akṣamālā – Gebets- oder Buchstabenkette; phala – Frucht.
II.2.2 śrī-īśvara uvāca
akṣamālā tu deveśi kāmyabhedādanekadhā |
bhavanti śṛṇu tat prauḍhe vistārāducyate mayā || 2 ||
Übersetzung: Ishvara sprach: Je nach angestrebtem Ziel gibt es viele Arten von Gebetsketten. Höre, Erfahrene, ich erkläre sie ausführlich.
Worterklärungen: kāmya – einem Wunschziel dienend; anekadhā – vielfach.
II.2.3 anulomavilomasthakṣiptayā varṇamālayā |
ādināntaḥkṣādikāntaḥkrameṇa parameśvari || 3 ||
Übersetzung: Die Buchstabenreihe wird vorwärts und rückwärts durchlaufen, vom Anfang bis kṣa und von kṣa zurück bis zum Anfang, höchste Herrin.
Worterklärungen: anuloma-viloma – vorwärts und rückwärts; varṇamālā – Buchstabenreihe.
II.2.4 kṣakāraṃ merurūpaṃ taṃ laṅghayenna kadācana |
meruhīnā ca yā mālā merulaṅghyā ca yā bhavet || 4 ||
Übersetzung: Den Laut kṣa als Meru soll man niemals überschreiten. Eine Kette ohne Meru oder eine, deren Meru überschritten wird,
Worterklärungen: meru – Hauptperle, Umkehrpunkt; laṅghayet – man überschreite.
II.2.5 aśuddhā'tiprakāśā ca sā mālā niṣphalo bhavet |
citrāṇī viśatantvābhā brahmanāḍīgatāntarā || 5 ||
Übersetzung: ist ebenso fruchtlos wie eine unreine oder öffentlich ausgestellte Kette. Chitrani, fein wie eine Lotosfaser, liegt im Inneren der Brahmanadi.
Worterklärungen: niṣphala – fruchtlos; bisatantu – Lotosfaser, Lesung viśatantu unsicher.
II.2.6 tayā saṃgrathitā dhyeyā sarvakāmaphalapradā |
aṣṭottaraśatajapādādau klībaṃ samācaret || 6 ||
Übersetzung: Die Kette ist als auf diese Nadi aufgereiht zu meditieren und erfüllt alle Wünsche. Bei den 108 Wiederholungen wird zuvor die als klība bezeichnete Lautgruppe eingesetzt; die genaue Anweisung ist undeutlich.
Worterklärungen: saṃgrathita – aufgereiht; aṣṭottaraśata – 108; klība – geschlechtsneutral.
II.2.7 ṛḷvarṇadvayaṃ yat tu taddhiklībaṃ pracakṣate |
vargāṇāmaṣṭabhirvāpi kāmyabhedakrameṇa tu || 7 ||
Übersetzung: Die beiden Laute ṛ und ḷ werden klība genannt. Man kann auch nach den acht Lautgruppen vorgehen, entsprechend dem jeweils angestrebten Ziel.
Worterklärungen: varṇa – Laut; varga – Lautgruppe.
II.2.8 akacaṭatapayaśā ityevaṃ cāṣṭavargataḥ |
sphāṭikairmokṣadā proktā padmākṣairbahuputradā || 8 ||
Übersetzung: Die acht Gruppen beginnen mit a, ka, ca, ṭa, ta, pa, ya und śa. Eine Kristallkette gilt als befreiend, eine Kette aus Lotossamen als viele Söhne schenkend.
Worterklärungen: sphāṭika – Kristall; padmākṣa – Lotossame.
II.2.9 śuddhasphaṭikamālā tu mahāsampatpradā priye |
śmaśānadhūsturairmālā caikā dhūmāvatīvidhau || 9 ||
Übersetzung: Eine reine Kristallkette schenkt großen Wohlstand, Geliebte. Im Dhumavati-Ritus verwendet man eine Kette aus Stechapfelsamen vom Leichenplatz.
Worterklärungen: śuddhasphaṭika – reiner Kristall; dhūstura – Stechapfel.
II.2.10 narāṅgulyasthibhirmālā grathitā parvabhedataḥ |
sarvasiddhapradā mokṣadāyinī varavarṇini || 10 ||
Übersetzung: Eine nach den Gelenkabschnitten aufgereihte Kette aus menschlichen Fingerknochen gilt als alle Vollendungen und Befreiung schenkend, Schöne.
Worterklärungen: narāṅgulyasthi – menschlicher Fingerknochen; parva – Gelenkabschnitt.
II.2.11 nāḍyā saṃgrathanaṃ kāryaṃ raktena vāsasā api |
sadā gopyaṃ prayatnena mātuśca jāravat priye || 11 ||
Übersetzung: Sie soll auf einer Sehne oder einem roten Stofffaden aufgereiht und sorgsam verborgen werden, so wie der Liebhaber der eigenen Mutter, Geliebte.
Worterklärungen: nāḍī – hier Sehne oder fadenartiges Gewebe; gopya – geheim zu halten.
II.2.12 pañcadhā kathitā mālā sarvasiddhiphalapradā |
mauktikairgrathitā mālā sarvaiśvaryaphalapradā || 12 ||
Übersetzung: Die Kette wird in fünf Arten beschrieben und schenkt die Frucht sämtlicher Vollendungen. Eine Perlenkette verleiht alle Herrlichkeit.
Worterklärungen: mauktika – Perle; aiśvarya – Herrlichkeit, Macht.
II.2.13 maṇiratnaprabālaiśca hemarājatasambhavā |
mālā kāryā kuśagranthyā sarvayajñaphalapradā || 13 ||
Übersetzung: Ketten werden aus Edelsteinen, Korallen, Gold oder Silber angefertigt. Eine Kette aus Kusha-Grasknoten schenkt die Frucht aller Opfer.
Worterklärungen: pravāla – Koralle; kuśagranthi – Kusha-Grasknoten.
II.2.14 nāḍībhirgrathitā mālā mahāsiddhipradā priye |
triṃśataiśvaryaphaladā pañcaviṃśena mokṣadā || 14 ||
Übersetzung: Eine auf Sehnen aufgereihte Kette schenkt große Vollendung. Dreißig Perlen verleihen Herrschaft, fünfundzwanzig Befreiung.
Worterklärungen: triṃśat – dreißig; pañcaviṃśa – fünfundzwanzig.
II.2.15 caturdaśamayī mokṣadāyinī bhogavardhhinī |
pañcadaśātmikā devi māraṇoccāṭane sthitā || 15 ||
Übersetzung: Vierzehn Perlen schenken Befreiung und mehren Genuss; fünfzehn werden Tötungs- und Vertreibungsriten zugeordnet, Göttin.
Worterklärungen: caturdaśa – vierzehn; pañcadaśa – fünfzehn.
II.2.16 stambhane mohane vaśye tirodhāne'ñjane tanoḥ |
pādukāsiddhisaṅghe ca śataṃ saṅkhyā prakīrtitā || 16 ||
Übersetzung: Für Lähmung, Verblendung, Unterwerfung, Unsichtbarkeit, Salbung des Körpers und die Vollendung wundertätiger Sandalen wird die Zahl hundert genannt.
Worterklärungen: tirodhāna – Unsichtbarkeit; pādukāsiddhi – wundertätige Sandalenkraft.
II.2.17 aṣṭottaraśataṃ kuryādathavā sarvakāmadam |
nityaṃ japaṃ kare kuryānna tu kāmyaṃ kadācana || 17 ||
Übersetzung: Oder man fertige eine Kette mit 108 Perlen an, die alle Wünsche erfüllt. Die tägliche Wiederholung zähle man an der Hand, grundsätzlich nicht die wunschbezogene.
Worterklärungen: nitya – täglich, obligatorisch; kara – Hand.
II.2.18 kāmyamapi kare kuryānmālābhāve priyaṃvade |
tatrāṅgulijapaṃ kurvan sāṅguṣṭhāṅgulibhirjapet || 18 ||
Übersetzung: Fehlt eine Kette, darf auch wunschbezogenes Japa an der Hand gezählt werden. Beim Zählen an den Fingern soll der Daumen beteiligt sein.
Worterklärungen: mālābhāva – Fehlen einer Kette; aṅguṣṭha – Daumen.
II.2.19 aṅguṣṭhena vinā karmakṛtaṃ tadaphalaṃ bhavet |
anāmikādvayaṃ parva kaniṣṭhādikrameṇa tu || 19 ||
Übersetzung: Eine ohne Daumen vollzogene Handlung gilt als fruchtlos. Zwei Gelenkabschnitte des Ringfingers, dann der kleine Finger und die folgenden Finger –
Worterklärungen: anāmikā – Ringfinger; kaniṣṭhā – kleiner Finger.
II.2.20 tarjanīmūlaparyantaṃ karamālā prakīrtitā |
meruṃ pradakṣiṇīkurvan anāmāmūlaparvataḥ || 20 ||
Übersetzung: bis zur Wurzel des Zeigefingers bilden die Handkette. Vom Wurzelabschnitt des Ringfingers aus umkreist man den Meru nach rechts.
Worterklärungen: tarjanī – Zeigefinger; pradakṣiṇīkurvan – rechts herumführend.
II.2.21 merulaṅghanadoṣāt tu anyathā jāyate phalam |
ārabhyā'nāmikāmūlāt prādakṣiṇyakrameṇa tu || 21 ||
Übersetzung: Durch den Fehler, den Meru zu überschreiten, wird die Wirkung verändert. Man beginne an der Wurzel des Ringfingers und gehe rechtsherum vor.
Worterklärungen: doṣa – Fehler; prādakṣiṇya – Rechtsumkreisung.
II.2.22 madhyamāmūlaparyantaṃ japedaṣṭasu parvasu |
tarjanīmūlaparyantaṃ japed daśasu parvasu || 22 ||
Übersetzung: Bis zur Wurzel des Mittelfingers zählt man auf acht Gelenkabschnitten, bis zur Wurzel des Zeigefingers auf zehn.
Worterklärungen: madhyamā – Mittelfinger; aṣṭa – acht; daśa – zehn.
II.2.23 madhyamā tritayā grāhyā anāmāmūlameva ca |
anāmāmadhyaparvaṃ tu meruṃ kṛtvā na laṅghayet || 23 ||
Übersetzung: Die drei Abschnitte des Mittelfingers und der Wurzelabschnitt des Ringfingers werden einbezogen. Die Mitte des Ringfingers mache man zum Meru und überschreite sie nicht.
Worterklärungen: madhyaparva – mittlerer Gelenkabschnitt; na laṅghayet – nicht überschreiten.
II.2.24 tarjanyagre tathā madhye yo japet tatra mānavaḥ |
catvāri tasya naśyanti āyurvidyā yaśo balam || 24 ||
Übersetzung: Wer an Spitze oder Mitte des Zeigefingers zählt, verliert dem Text zufolge vier Dinge: Lebensdauer, Wissen, Ansehen und Kraft.
Worterklärungen: āyus – Lebensdauer; vidyā – Wissen; yaśas – Ansehen; bala – Kraft.
II.2.25 aṅgulīrna viyuñjīt kiñcit saṅkocayet talam |
athātaḥ prathamaṃ vakṣye mālānāṃ tantrabodhanam || 25 ||
Übersetzung: Die Finger soll man nicht spreizen, die Handfläche etwas zusammenziehen. Nun erkläre ich zuerst die tantrische Unterweisung über Gebetsketten.
Worterklärungen: viyuñjīt – auseinanderhalten; saṅkocayet – zusammenziehen.
II.2.26 pūjāṃ vidhāya bhaktyā tu śuciḥ pūrvamupoṣitaḥ |
vijane prajapenmaunī svayaṃ mālāṃ ca sādhakaḥ || 26 ||
Übersetzung: Nach hingebungsvoller Verehrung, vorherigem Fasten und Reinigung soll der Übende an einem einsamen Ort schweigend selbst mit der Kette Japa üben.
Worterklärungen: upoṣita – nach Fasten; vijana – einsam; maunin – schweigend.
II.2.27 kṛtanityakriyaḥ śuddhaḥ śuddhakṣaṇe ca mantravit |
yathākālaṃ yathālābhamakṣāṇyānīya yatnataḥ || 27 ||
Übersetzung: Nach Erfüllung der täglichen Pflichten sammle der gereinigte Mantrakenner zu geeigneter Zeit sorgfältig die verfügbaren Perlen.
Worterklärungen: nityakriyā – tägliche rituelle Pflichten; akṣa – Perle, Samen.
II.2.28 anyonyasamarūpāṇi nātisthūlakṛśāni ca |
kīṭādibhiraduṣṭāni na jīrṇāni navāni ca || 28 ||
Übersetzung: Sie sollen untereinander ähnlich, weder zu dick noch zu dünn, nicht durch Insekten beschädigt, nicht alt, sondern neu sein.
Worterklärungen: samarūpa – gleichartig; kīṭa – Insekt; jīrṇa – abgenutzt.
II.2.29 gavyaistu pañcabhistāni prakṣālya ca pṛthak pṛthak |
tato dvijendrapuṇyastrīnirmitaṃ granthivarjitam || 29 ||
Übersetzung: Jede einzeln wasche man mit den fünf Kuhprodukten. Dann nehme man einen knotenlosen Faden, den eine tugendhafte Frau aus einer Brahmanenfamilie hergestellt hat,
Worterklärungen: pañcagavya – fünf Kuhprodukte; granthivarjita – knotenlos.
II.2.30 triguṇaṃ triguṇīkṛtya paṭṭasūtramathāpi vā |
śuklaṃ raktaṃ tathā kṛṣṇaṃ śāntivaśyābhicārake || 30 ||
Übersetzung: verdreifache den dreifachen Faden oder verwende Seidenfaden: weiß für Befriedung, rot für Unterwerfung, schwarz für schädigende Riten.
Worterklärungen: triguṇa – dreifach; paṭṭasūtra – Seidenfaden; abhicāra – Schadensritus.
II.2.31 aśvatthapatrairnavakaiḥ padmākāreṇa sthāpitaiḥ |
sūtraṃ maṇīṃśca gandhāntaiḥ kṣālitāstatra nikṣipet || 31 ||
Übersetzung: Neun Pippala-Blätter werden lotosförmig angeordnet; darauf lege man Faden und Perlen, nachdem sie mit duftenden Substanzen gewaschen wurden.
Worterklärungen: aśvatthapatra – Pippala-Blatt; padmākāra – Lotosform.
II.2.32 śmaśānavāriṇā cāpi pīṭhaprakṣālitena ca |
śuddhodakena ratnena kastūrīkuṅkumena ca || 32 ||
Übersetzung: Genannt werden auch Wasser vom Leichenplatz, vom Waschen des Kultsitzes, reines Wasser, Edelsteine, Moschus und Safran.
Worterklärungen: śmaśānavāri – Wasser vom Leichenplatz; kastūrī – Moschus; kuṅkuma – Safran.
II.2.33 tāvat śaktiṃ mātṛkāṃ ca sūtre caiva maṇiṣvatha |
vinyasya pūjayedājyairjuhuyāccaiva yatnataḥ || 33 ||
Übersetzung: Shakti und die Buchstabenmütter werden auf Faden und Perlen eingesetzt; dann verehre man sie und opfere sorgfältig geklärte Butter ins Feuer.
Worterklärungen: mātṛkā – Buchstabenmutter; vinyasya – einsetzend; ājya – geklärte Butter.
II.2.34 homakarmaṇyaśaktaśced dviguṇaṃ japamācaret |
maṇimekaikamādāya sūtre sampātayet sudhīḥ || 34 ||
Übersetzung: Ist man zum Feueropfer nicht imstande, verdopple man das Japa. Der Verständige nehme jede Perle einzeln und ziehe sie auf den Faden.
Worterklärungen: aśakta – nicht imstande; dviguṇa – doppelt; ekaika – jedes einzelne.
II.2.35 mukhe mukhaṃ tu saṃyujya pucche pucchaṃ tu yojayet |
gopucchasadṛśī kāryā'thavā sarpākṛtirbhavet || 35 ||
Übersetzung: Vorderseite verbinde man mit Vorderseite und Rückseite mit Rückseite. Die Kette soll einem Kuhschwanz ähneln oder Schlangengestalt haben.
Worterklärungen: mukha – Vorderseite, Mund; puccha – Schwanz, Rückseite.
II.2.36 tatsajātīyamekākṣaṃ merutvenā'grato nyast |
ekaikamaṇimadhye tu brahmagranthiṃ prakalpayet || 36 ||
Übersetzung: Eine zusätzliche gleichartige Perle setze man vorne als Meru ein. Zwischen je zwei Perlen bilde man einen Brahma-Knoten.
Worterklärungen: sajātīya – gleichartig; brahmagranthi – Brahma-Knoten.
II.2.37 japamālāṃ vidhāyetthaṃ tataḥ saṃskāramārabhet |
kṣālayet pañcagavyena sadyojātena tajjalaiḥ || 37 ||
Übersetzung: Nach dem Herstellen der Japa-Kette beginne ihre Weihe: Man wasche sie mit den fünf Kuhprodukten unter dem Sadyojata-Mantra und danach mit Wasser.
Worterklärungen: saṃskāra – Weihe; kṣālayet – man wasche.
II.2.38 mantrastu -
oṃ sadyojātaṃ prapadyāmi sadyojātāya vai namaḥ |
bhave bhave nābhibhave bhava eva māṃ bhavodbhavaḥ ||
bhave bhavasya māṃ bhavodbhavaḥ || 38 ||
Übersetzung: Der Mantra lautet sinngemäß: Om. Zu Sadyojata nehme ich Zuflucht; Verehrung Sadyojata. In jedem Werden lass mich nicht überwältigt werden, du Ursprung des Werdens. Der überlieferte Schluss wiederholt und verändert Wörter; er lässt sich nicht sicher zusammenhängend übersetzen.
Worterklärungen: sadyojāta – sogleich Geborener; prapadyāmi – ich nehme Zuflucht; bhavodbhava – Ursprung des Werdens.
II.2.39 ṅentāntaḥ praṇavādyena namo'ntena kramād yajet |
candanāgurugandhādyairvāmadevena gharṣayet || 39 ||
Übersetzung: Die Namen verehre man der Reihe nach im Dativ, mit Om am Anfang und namaḥ am Schluss. Unter dem Vamadeva-Mantra reibe man die Kette mit Sandelholz, Aloeholz und Duftstoffen ein.
Worterklärungen: praṇava – Om; namo'nta – mit namaḥ endend; gharṣayet – einreiben.
II.2.40 oṃ namo vāmādevāya namo jyeṣṭhāya
namaḥ śreṣṭhāya namo rudrāya namaḥ |
kālāya namaḥ kalavikaraṇāya namo
balavikaraṇāya namaḥ pramathanāya namaḥ ||
sarvabhūtadamanāya namo
nama unmattāya unmanāya namo namaḥ || 40 ||
Übersetzung: Om. Verehrung Vamadeva, dem Ältesten, dem Besten, Rudra, der Zeit, dem die Teile Verwandelnden, dem die Kräfte Verwandelnden, dem Zerschmetternden, dem Bezwinger aller Wesen, dem Entrückten und dem jenseits des Denkens! So lautet die hier überlieferte Namensfolge.
Worterklärungen: jyeṣṭha – ältester; śreṣṭha – bester; unmanas – jenseits des Denkens.
II.2.41 dhūpayet tāmaghoreṇa lepayet puruṣeṇa vai |
oṃ ghorebhyo'ghorebhyo ghoraghoratarebhyaḥ || 41 ||
Übersetzung: Mit dem Aghora-Mantra beräuchere man die Kette, mit dem Purusha-Mantra salbe man sie: Om, den Furchtbaren, den Nichtfurchtbaren und den überaus Furchtbaren –
Worterklärungen: dhūpayet – beräuchern; aghora – nicht furchtbar.
II.2.42 sarvataḥ sarvasarvebhyo namaste'stu rudrebhyaḥ |
oṃ tatpuruṣāya vidmahe mahādevāya dhīmahi || 42 ||
Übersetzung: allüberall, allen insgesamt, euch Rudras sei Verehrung! Om. Den höchsten Purusha wollen wir erkennen; über Mahadeva wollen wir meditieren.
Worterklärungen: sarvataḥ – überall; vidmahe – wir wollen erkennen; dhīmahi – wir meditieren.
II.2.43 tanno rudraḥ pracodayāt |
mantrayet pañcamenaiva pratyekaṃ tu śataṃ śatam || 43 ||
Übersetzung: Möge Rudra uns dazu anregen! Mit dem fünften Mantra besprache man anschließend jede einzelne Perle hundertmal.
Worterklärungen: pracodayāt – möge anregen; pañcama – fünfter; śatam – hundert.
II.2.44 oṃ īśānaḥ sarvavidyānāṃmīśvaraḥ sarvabhūtānām |
brahmaṇo'dhipatirbrahmaṇo'dhipatiḥ śivaḥ pañca sadāśivaḥ || 44 ||
Übersetzung: Om. Ishana ist Herr aller Wissensformen, Herr aller Wesen, Herr des Brahman, Herr des Brahman, Shiva, fünf, Sadashiva. So lautet die beschädigte Textfassung; das Wort pañca und die Wiederholung erlauben keine sichere glatte Übersetzung.
Worterklärungen: īśāna – Herrscher; adhipati – Oberherr; pañca – fünf.
II.2.45 praṇavādyo mahāmantraḥ sadāśiva iti kramāt |
meruṃ ca pañcamenaiva tato mantreṇa mantrayet || 45 ||
Übersetzung: Der große Mantra beginnt mit Om und enthält in der Folge Sadashiva. Auch den Meru besprache man mit diesem fünften Mantra.
Worterklärungen: praṇavādya – mit Om beginnend; mantrayet – mit Mantra besprechen.
II.2.46 saṃskṛtyaivaṃ budho mālāṃ tatprāṇāṃstatra sthāpayet |
mūlamantreṇa deveśi sampūjya bhaktibhāvataḥ || 46 ||
Übersetzung: Nach solcher Weihe setze der Kundige die Lebenskräfte der Kette in sie ein und verehre sie hingebungsvoll mit dem Wurzelmantra.
Worterklärungen: prāṇa – Lebenskraft; sthāpayet – einsetzen; mūlamantra – Wurzelmantra.
II.2.47 guruṃ sampūjya taddhastāt gṛhṇīyādakṣamālikām |
aśucirna spṛśedenāṃ karabhraṣṭāṃ na kārayet || 47 ||
Übersetzung: Man verehre den Guru und empfange die Gebetskette aus seiner Hand. Unrein soll man sie nicht berühren und nicht aus der Hand fallen lassen.
Worterklärungen: taddhastāt – aus seiner Hand; aśuci – unrein.
II.2.48 aṅguṣṭhasthāmakṣamālāṃ cālayenmadhyamāgrataḥ |
tarjanyāṃ na spṛśedenāṃ gurorapi na darśayet || 48 ||
Übersetzung: Die auf dem Daumen liegende Kette bewege man mit der Spitze des Mittelfingers. Man berühre sie nicht mit dem Zeigefinger und zeige sie selbst dem Guru nicht öffentlich.
Worterklärungen: madhyamāgra – Mittelfingerspitze; na darśayet – nicht zeigen.
II.2.49 madhyamād bhuktimuktiḥ syādanāmāduttamena tu |
tarjanīmāraṇādiṣṭakaniṣṭhāmāraṇaṃ smṛtam || 49 ||
Übersetzung: Dem Mittelfinger werden Genuss und Befreiung, dem Ringfinger ein höchstes Ergebnis zugeordnet; der Text verbindet Zeige- und kleinen Finger mit Tötungsriten. Die Syntax ist beschädigt.
Worterklärungen: bhukti-mukti – Genuss und Befreiung; kaniṣṭhā – kleiner Finger.
II.2.50 bhuktau muktau tathā kṛṣṭau madhyamāyāṃ jape sudhīḥ |
aṅguṣṭhānāmikābhyāntu japed vaśye tu karmaṇi || 50 ||
Übersetzung: Für Genuss, Befreiung und Heranziehung zähle der Verständige am Mittelfinger; für Unterwerfungsriten mit Daumen und Ringfinger.
Worterklärungen: ākṛṣṭi – Heranziehung; vaśya – Unterwerfung.
II.2.51 tarjanyaṅguṣṭhayogena māraṇoccāṭane japet |
kaniṣṭhāṅguṣṭhayogācca japenmāraṇakarmaṇi || 51 ||
Übersetzung: Für Tötungs- und Vertreibungsriten nennt der Text die Verbindung von Zeigefinger und Daumen, für Tötungsriten auch kleinen Finger und Daumen.
Worterklärungen: yoga – Verbindung; māraṇakarman – Tötungsritus.
II.2.52 japānte tu ca mālāṃ vai pūjayitvā tu poṣayet |
japakāle tu goptavyā japamālā tu sā śubhā || 52 ||
Übersetzung: Nach dem Japa verehre und pflege man die Kette. Während des Japa soll diese glückverheißende Gebetskette verborgen bleiben.
Worterklärungen: japānta – Ende des Japa; poṣayet – pflegen.
II.2.53 guruṃ prakāśayed vidvān na tu mantraṃ kadācana |
akṣamālāṃ ca vidyāṃ ca na kadācit prakāśayet || 53 ||
Übersetzung: Der Wissende darf seinen Guru bekannt machen, niemals aber den Mantra. Auch Gebetskette und Vidya soll er niemals öffentlich enthüllen.
Worterklärungen: prakāśayet – bekannt machen; na kadācit – niemals.
II.2.54 bhūtarākṣasavetālā gandharvāḥ siddhacāraṇāḥ |
haranti prakaṭāt siddhiṃ tasmād guptiṃ sadā kuru || 54 ||
Übersetzung: Geister, Rakshasas, Vetalas, Gandharvas, Siddhas und Charanas rauben, so der Text, die offen zur Schau gestellte Vollendung. Bewahre sie daher stets im Verborgenen.
Worterklärungen: gupti – Geheimhaltung; haranti – sie rauben.
II.2.55 jīrṇasūtre punaḥ sūtraṃ grathayitvā śataṃ japet |
pramādāt patitāddhastāt śatamaṣṭottaraṃ japet || 55 ||
Übersetzung: Bei verschlissenem Faden fädle man neu auf und wiederhole den Mantra hundertmal. Fällt die Kette aus Unachtsamkeit aus der Hand, wiederhole man ihn 108-mal.
Worterklärungen: jīrṇasūtra – verschlissener Faden; pramāda – Unachtsamkeit.
II.2.56 bhramanniṣiddhasaṃsparśe kṣālayitvā ca pūjayet |
japamālā mayā devi kathitā bhuvi durlabhā ||
sadā gopyā prayatnena yadi tvaṃ mama vallabhā || 56 ||
Übersetzung: Nach versehentlicher verbotener Berührung wasche und verehre man sie. So habe ich die auf Erden seltene Japa-Kette erklärt; halte sie sorgfältig geheim, wenn du meine Geliebte bist.
Worterklärungen: niṣiddhasaṃsparśa – verbotene Berührung; sadā – stets.
|| iti dvitīye muṇḍamālātantre dvitīyaḥ paṭalaḥ || 2 ||
Hier endet Kapitel 2 des zweiten Mundamala Tantra.
Kapitel 3

II.3.1 atha tṛtīyaḥ paṭalaḥ
devī uvāca
sthānāsane devadeva kathayānandasundara |
sadācāryaṃ vinā yena sarvamantrāḥ susiddhagāḥ || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin fragte: Erkläre Orte und Sitze, Gott der Götter, durch die alle Mantras auch ohne einen guten Lehrer zur Vollendung gelangen. Die Lesung sadācāryaṃ ist gegenüber der sonstigen Betonung des Gurus auffällig.
Worterklärungen: sthāna – Ort; āsana – Sitz; sadācārya – guter Lehrer.
II.3.2 śrī-īśvara uvāca
nadītīre bilvamūle śmaśāne śūnyaveśmani |
mahāliṅge parvate vā devāgāre catuṣpathe || 2 ||
Übersetzung: Ishvara sprach: Am Flussufer, unter einem Bilva-Baum, auf einem Leichenplatz, in einem leeren Haus, bei einem großen Linga, auf einem Berg, im Tempel oder an einer Kreuzung,
Worterklärungen: nadītīra – Flussufer; śūnyaveśman – leeres Haus; catuṣpatha – Kreuzung.
II.3.3 śavasyopari muṇḍe vā jale vā kaṇṭhapūrite |
saṃgrāmabhūmau yonau tu sthale vā vijane vane || 3 ||
Übersetzung: auf einem Leichnam oder Schädel, bis zum Hals im Wasser, auf einem Schlachtfeld, an einer Yoni-Stätte, auf freiem Gelände oder im einsamen Wald,
Worterklärungen: śava – Leichnam; kaṇṭha – Hals; vijana vana – einsamer Wald.
II.3.4 yatra kutra sthale ramye yatra vā syānmanoramam |
sthānaṃ te kathitaṃ devi āsanaṃ kathyate'dhunā || 4 ||
Übersetzung: oder an irgendeinem schönen Ort, der das Herz erfreut: Damit sind die Orte erklärt. Nun werden die Sitze beschrieben.
Worterklärungen: manorama – herzerfreuend; adhunā – nun.
II.3.5 stambhane gajacarmā'tha māraṇe māhiṣaṃ tathā |
meṣacarma tathoccāṭe khaḍgīyaṃ vaśyakarmaṇi || 5 ||
Übersetzung: Für Lähmungsriten gilt Elefantenhaut, für Tötungsriten Büffelhaut, für Vertreibung Schafhaut, für Unterwerfung Nashornhaut als Sitz.
Worterklärungen: gajacarman – Elefantenhaut; māhiṣa – vom Büffel; khaḍgin – Nashorn.
II.3.6 vidveṣe jāmbukaṃ proktaṃ bhaved gocarma śantike |
vyāghrājine sarvasiddhirjñānasiddhirmṛgājine || 6 ||
Übersetzung: Für Entzweiung wird Schakalhaut genannt, für Befriedung Kuhhaut. Tigerfell gilt als Mittel aller Vollendungen, Antilopenfell als Mittel der Erkenntnisvollendung.
Worterklärungen: vidveṣa – Entzweiung; śānti – Befriedung; jñānasiddhi – Erkenntnisvollendung.
II.3.7 vastrāsanaṃ rogaharaṃ vetrajaṃ vipulaśriyam |
kauśeyaṃ puṣṭikārye ca kambalaṃ duḥkhamocanam ||
raktaṃ vā yadi vā kṛṣṇaṃ viśeṣād raktakambalam || 7 ||
Übersetzung: Ein Stoffsitz gilt als krankheitsbeseitigend, ein Rohrgeflecht als großen Wohlstand schenkend, Seide als kräftigend, eine Wolldecke als leidbefreiend: rot oder schwarz, besonders aber rot.
Worterklärungen: vastra – Stoff; kauśeya – Seide; kambala – Wolldecke.
II.3.8 ninditāsanamāha -
vaṃśāsane ca dāridryaṃ daurbhāgyaṃ dārujāsane |
dharaṇyāṃ duḥkhasambhūtiḥ pāṣāṇe rogasambhavaḥ || 8 ||
Übersetzung: Über ungeeignete Sitze heißt es: Bambus bringt Armut, Holz Unglück, bloßer Erdboden Leid, Stein Krankheit.
Worterklärungen: vaṃśa – Bambus; dāridrya – Armut; pāṣāṇa – Stein.
II.3.9 tṛṣṇāsane yaśohāniretat sādhāraṇaṃ smṛtam |
mṛdukambalamāstīrṇaṃ saṃgrāme patitaṃ hi tat || 9 ||
Übersetzung: Ein Grassitz soll Ansehen mindern; dies gilt als allgemeine Regel. Danach nennt der Text, mit weicher Wolldecke bedeckt, einen im Kampf Gefallenen als Ritualsitz.
Worterklärungen: tṛṇa – Gras, überliefert tṛṣṇa; yaśohāni – Verlust des Ansehens.
II.3.10 jantuvyāpāditaṃ vā'pi mṛtaṃ vā navamāsakam |
garbhacyutatvacaṃ vāpi nārīṇāṃ yonijāṃ tvacam || 10 ||
Übersetzung: Ferner nennt er einen von einem Tier Getöteten, einen im neunten Monat Verstorbenen, die Haut einer Fehlgeburt oder bei einer Geburt ausgeschiedenes Gewebe. Die anatomischen Bezeichnungen sind nicht durchweg eindeutig.
Worterklärungen: garbhacyuta – Fehlgeburt; tvac – Haut, Hülle; yonija – aus dem Mutterschoß entstanden.
II.3.11 sarvasiddhipradaṃ devi sarvabhogasamṛddhidam |
tvacaṃ vā yonisaṃsthāyāḥ kuryād vīro ratāsanam || 11 ||
Übersetzung: Diesen Materialien werden sämtliche Vollendungen und eine Fülle von Genüssen zugeschrieben. Der Vira solle auch aus der Haut einer mit Yoni verbundenen Gestalt einen Liebessitz machen; die Lesung erlaubt keine eindeutige Bestimmung.
Worterklärungen: tvac – Haut; ratāsana – Liebessitz; vīra – tantrischer Held.
II.3.12 śmaśānakāṣṭhaghaṭitaṃ pīṭhaṃ vā yajñadārujam |
nā'dīkṣito viśejjātu kṛṣṇasārāsane gṛhī || 12 ||
Übersetzung: Auch ein Sitz aus Holz vom Leichenplatz oder aus Opferholz wird genannt. Ein nicht eingeweihter Haushalter soll niemals einen Sitz aus schwarzem Antilopenfell benutzen.
Worterklärungen: pīṭha – Sitz; adīkṣita – nicht eingeweiht; gṛhin – Haushalter.
II.3.13 udāsīnavadāsīnasnātakabrahmacāriṇaḥ |
kuśājināmbaraiḥ kāryaṃ caturasraṃ samantantaḥ || 13 ||
Übersetzung: Für Entsagende, Absolventen und Brahmacharins soll der Sitz aus Kusha-Gras, Fell und Stoff bestehen und auf allen Seiten rechtwinklig sein. Die erste Personengruppe ist textlich undeutlich.
Worterklärungen: brahmacārin – Schüler in Keuschheit; caturasra – viereckig.
II.3.14 ekahastaṃ dvihastaṃ vā caturaṅgulamucchritam |
viśuddha āsane kuryāt saṃskāraṃ pūjanaṃ budhaḥ || 14 ||
Übersetzung: Er sei eine oder zwei Ellen breit und vier Finger hoch. Auf einem gereinigten Sitz vollziehe der Kundige Weihe und Verehrung.
Worterklärungen: hasta – Elle; aṅgula – Fingerbreite; viśuddha – gereinigt.
II.3.15 bhadrāsanaṃ rogaharaṃ yogadaṃ kaurmamāsanam |
padmāsanamiti prāhuḥ sarvaiśvaryaphalapradam || 15 ||
Übersetzung: Bhadrasana gilt als krankheitsbeseitigend, der Schildkrötensitz als Yoga verleihend, Padmasana als alle Herrlichkeit schenkend.
Worterklärungen: bhadrāsana – glückverheißender Sitz; kaurma – schildkrötenartig; padmāsana – Lotossitz.
II.3.16 ekaṃ vīrāsanaṃ devi sarvasiddhipradaṃ nṛṇām |
ūrdhvapādau sthitau devi nirodhaḥ parimaṇḍitam || 16 ||
Übersetzung: Virasana schenkt dem Menschen alle Vollendungen, Göttin. Eine weitere Anweisung spricht von aufwärts gerichteten Füßen und Zurückhaltung; ihre genaue Körperstellung bleibt unklar.
Worterklärungen: vīrāsana – Heldensitz; ūrdhvapāda – Füße nach oben; nirodha – Zurückhaltung.
II.3.17 padmāsanena deveśi pātālagṛhasaṃsthitaḥ |
sarvāsanānāṃ śreṣṭhaṃ hi devairapi suduṣkaram || 17 ||
Übersetzung: Im Lotossitz, in einem unterirdischen Raum verweilend: Dies wird als höchster aller Sitze bezeichnet, selbst für Götter schwer auszuführen.
Worterklärungen: pātālagṛha – unterirdischer Raum; suduṣkara – sehr schwer auszuführen.
II.3.18 rātrau ca yo'rcayed devīṃ dhanavān sutavān bhavet |
pīṭhānāṃ devi sarveṣāṃ caturddhā pīṭhamuttamam || 18 ||
Übersetzung: Wer nachts die Göttin verehrt, soll Reichtum und Söhne erlangen. Unter allen heiligen Sitzen werden vier als besonders hochstehend bezeichnet.
Worterklärungen: rātrau – nachts; sutavat – mit Söhnen; pīṭha – heiliger Sitz.
II.3.19 uḍḍīyānaṃ mahāpīṭhaṃ pīṭhānāṃ pīṭhamuttamam |
jālandharaṃ mahāpīṭhaṃ tathā pūrṇācalaṃ matam || 19 ||
Übersetzung: Uddiyana ist ein großer heiliger Sitz, einer der höchsten; ebenso Jalandhara und Purnachala.
Worterklärungen: mahāpīṭha – großer heiliger Sitz; uttama – höchster.
II.3.20 pañcāśatpīṭhamadhye tu kāmarūpaṃ mahāphalaṃ |
kṛte jālandharaṃ jñeyaṃ tretāyāṃ pūrṇaparvatam || 20 ||
Übersetzung: Unter den fünfzig heiligen Sitzen trägt Kamarupa besonders große Frucht. Im Krita-Zeitalter ist Jalandhara maßgeblich, im Treta Purnaparvata,
Worterklärungen: pañcāśat – fünfzig; mahāphala – große Frucht.
II.3.21 uḍḍīyānaṃ dvāpare ca kāmarūpaṃ kalau yuge |
mahāphalapradaṃ loke tatkṣaṇāt siddhidaṃ mahat || 21 ||
Übersetzung: im Dvapara Uddiyana, im Kali-Zeitalter Kamarupa: Dieser große Sitz schenkt in der Welt reiche Frucht und augenblickliche Vollendung.
Worterklärungen: kaliyuga – Kali-Zeitalter; tatkṣaṇāt – augenblicklich.
II.3.22 japapūjā balistatra devi lakṣa guṇo bhavet |
bahudhā kathyate devi kiṃ tasya guṇavarṇanam ||
yonirūpeṇa yatrāste svayaṃ koṭiguṇātmikā || 22 ||
Übersetzung: Japa, Verehrung und Opfergaben wirken dort hunderttausendfach. Was bedarf es vieler Beschreibungen seiner Vorzüge, wo die Göttin selbst in Yoni-Gestalt gegenwärtig ist und millionenfache Kraft besitzt?
Worterklärungen: lakṣaguṇa – hunderttausendfach; yonirūpa – Yoni-Gestalt; koṭi – zehn Millionen.
|| iti dvitīye muṇḍamālātantre tṛtīyaḥ paṭalaḥ ||
Hier endet Kapitel 3 des zweiten Mundamala Tantra.
Kapitel 4
II.4.1 atha caturthaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
kevalaṃ balidānena tuṣṭā bhavati caṇḍikā |
kathitaṃ pūrvamasmabhyaṃ prakāśaṃ kuru śaṅkara || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Du sagtest uns früher, Chandika werde schon durch Opfergaben erfreut. Erkläre dies näher, Shankara.
Worterklärungen: balidāna – Darbringung einer Opfergabe; tuṣṭā – erfreut.
II.4.2 śrī-īśvara uvāca
atyantaguhyaṃ deveśi vidhānaṃ balipūjanam |
kathayāmi varārohe susthirā bhava sarvadā || 2 ||
Übersetzung: Ishvara sprach: Die Ordnung der Opferverehrung ist äußerst geheim, Herrin. Ich erkläre sie dir; bleibe stets standhaft.
Worterklärungen: vidhāna – Ordnung, Vorschrift; susthirā – standhaft.
II.4.3 dadhi kṣīraṃ vratānnaṃ ca pāyasaṃ śarkarānvitam |
pāyasaṃ kṣaudramāṃsaṃ ca nārikelaṃ samodakam || 3 ||
Übersetzung: Genannt werden Dickmilch, Milch, Fastenspeisen, gezuckerter Milchreis, Honig, Fleisch und Kokosnuss mit ihrem Wasser,
Worterklärungen: dadhi – Dickmilch; pāyasa – Milchreis; kṣaudra – Honig.
II.4.4 śarkaraṃ meṣakhaṇḍaṃ ca ārdrakaṃ sahaśarkaram |
rambhāphalaṃ laḍḍukaṃ ca bharjitānnaṃ ca piṣṭakam || 4 ||
Übersetzung: Zucker, Stücke von Schaffleisch, Ingwer mit Zucker, Bananen, Süßkugeln, geröstetes Getreide und Gebäck,
Worterklärungen: ārdraka – Ingwer; rambhāphala – Banane; piṣṭaka – Gebäck.
II.4.5 śālamatsyaṃ ca pāṭhīnaṃ śakulaṃ cekuṭaṃ tathā |
madgūraṃ ca baliṃ dadyāt māṃsaṃ māhiṣameṣakam || 5 ||
Übersetzung: die Fischarten Shala, Pathina, Shakula, Ekuta und Madgura sowie Büffel- und Schaffleisch als Opfergaben,
Worterklärungen: matsya – Fisch; bali – Opfergabe; māṃsa – Fleisch.
II.4.6 pakṣimāṃsaṃ mahādevi ḍimbaṃ nānāsamudbhavam |
kṛṣṇachāgaṃ mahāmāṃsaṃ godhikāṃ hariṇīṃ tathā || 6 ||
Übersetzung: Vogelfleisch, Eier verschiedener Herkunft, schwarzer Ziegenbock, das sogenannte große Fleisch, Waran und Hirschkuh,
Worterklärungen: ḍimba – Ei; mahāmāṃsa – großes Fleisch, hier wohl Menschenfleisch; godhikā – Waran.
II.4.7 jalaje matsyamāṃse ca gaṇḍakīmāṃsameva ca |
nānāvyañjanadagdhāni vyañjanāni madhūni ca || 7 ||
Übersetzung: Wassertiere, Fischfleisch und gaṇḍakī-Fleisch, verschieden gewürzte und gebratene Speisen, Beilagen und süße Gaben. Die Tierbezeichnung gaṇḍakī bleibt unsicher.
Worterklärungen: jalaja – im Wasser lebend; vyañjana – Würze, Beilage.
II.4.8 īṣad dagdhaṃ ghṛtenāktaṃ niśāyāṃ divase'pi vā |
baliṃ dadyāt viśeṣeṇa kṛṣṇapakṣe śubhe dine || 8 ||
Übersetzung: Leicht gebraten und mit geklärter Butter bestrichen sollen die Gaben nachts oder tagsüber dargebracht werden, besonders an einem günstigen Tag der dunklen Monatshälfte.
Worterklärungen: ghṛta – geklärte Butter; kṛṣṇapakṣa – dunkle Monatshälfte.
II.4.9 chāge datte bhaved vāgmī meṣe datte kavirbhavet |
mahiṣe dhanavṛddhiḥ syāt mṛge mokṣaphalaṃ bhavet || 9 ||
Übersetzung: Der Text verspricht für einen Ziegenbock Beredsamkeit, für ein Schaf dichterische Begabung, für einen Büffel Vermögenszuwachs und für ein Wildtier Befreiung.
Worterklärungen: vāgmin – beredsam; kavi – Dichter; dhanavṛddhi – Vermögenszuwachs.
II.4.10 datte pakṣiṇi ṛddhiḥ syāt godhikāyāṃ mahāphalam |
nare datte maharddhiḥ syāt yataḥ siddhiranuttamā || 10 ||
Übersetzung: Für einen Vogel verspricht er Gedeihen, für einen Waran große Frucht, für einen Menschen außergewöhnliche Macht und höchste Vollendung. Dies ist die historische Opferbehauptung des Textes.
Worterklärungen: nara – Mensch; maharddhi – große Macht; anuttama – unübertrefflich.
II.4.11 lalāṭa - hasta - hṛdaya - śiro - bhrū - madhyadeśataḥ |
svahṛdo rudhire datte rudradeha ivā'paraḥ || 11 ||
Übersetzung: Genannt wird eigenes Blut aus Stirn, Hand, Brust, Kopf und dem Bereich zwischen den Brauen; seine Darbringung soll den Opfernden zu einem zweiten Rudra machen.
Worterklärungen: rudhira – Blut; lalāṭa – Stirn; rudradeha – Rudra-Gestalt.
II.4.12 caṇḍālabalidānena mahāsiddhiḥ prajāyate |
surādānena deveśi mahāyogīśvaro bhavet || 12 ||
Übersetzung: Einem Opfer eines Chandala schreibt der Text große Vollendung zu; durch das Darbringen alkoholischen Getränks werde man zum großen Herrn der Yogis.
Worterklärungen: caṇḍāla – historisch ausgegrenzte soziale Gruppe; surā – alkoholisches Getränk.
II.4.13 surā tu trividhā proktā sphāṭikī ḍākinī tathā |
kāñcikī ca mahādevi kathitā bhuvi durlabhā || 13 ||
Übersetzung: Drei Arten dieses Getränks werden genannt: Sphatiki, Dakini und Kanchiki, große Göttin, auf Erden schwer erhältlich.
Worterklärungen: trividhā – dreifach; durlabhā – schwer erhältlich.
II.4.14 sphāṭikīdānamātreṇa dhanavṛddhiranuttamā |
ḍākinīdānayogena sarvavaśyo bhaved dhruvam || 14 ||
Übersetzung: Die Gabe von Sphatiki soll unvergleichlichen Reichtumszuwachs bringen; die von Dakini soll alle Menschen dem Einfluss des Opfernden unterstellen.
Worterklärungen: dāna – Gabe; sarvavaśya – Einfluss über alle.
II.4.15 kāñcikī surayā devi yo'rcayet parameśvarīm |
guṭikāñjanastambhādimāraṇoccāṭanādibhiḥ || 15 ||
Übersetzung: Wer die höchste Herrin mit Kanchiki-Wein verehrt, erhält dem Text zufolge Kräfte von Zauberpillen, Augensalben, Lähmung, Tötung und Vertreibung,
Worterklärungen: guṭikā – Zauberpille; añjana – Augensalbe; stambha – Lähmung.
II.4.16 mahāsiddhīśvaro bhūtvā vaset kalpāyutaṃ divi |
arghyodake maheśāni mahāsiddhiranuttamā || 16 ||
Übersetzung: wird zum Herrn großer Vollendungen und wohnt zehntausend Weltalter im Himmel. Auch dem Ehrenwasser wird höchste Vollendung zugeschrieben.
Worterklärungen: kalpāyuta – zehntausend Weltalter; arghyodaka – Ehrenwasser.
II.4.17 raktacandanabilvādijavākusumavarvaraiḥ |
arghyaṃ dattvā maheśāni sarvakāmārthasādhanam || 17 ||
Übersetzung: Ehrenwasser mit rotem Sandelholz, Bilva und anderen Zutaten, Hibiskus und Varvara-Blüten soll alle Wünsche und Ziele erfüllen.
Worterklärungen: raktacandana – rotes Sandelholz; javākusuma – Hibiskusblüte.
II.4.18 surayā cā'rghyadānena yoginīnāṃ priyo bhavet |
puraḥ pātraṃ ghaṭasyā'nte tadante bhojyapatrakam || 18 ||
Übersetzung: Wer Wein als Ehrenwasser darbringt, soll den Yoginis lieb werden. Vorne steht ein Gefäß, dahinter der Krug, anschließend das Speisegefäß,
Worterklärungen: yoginī – tantrische Göttin; pātra – Gefäß; ghaṭa – Krug.
II.4.19 tadante vīrapātraṃ ca baleḥ pātraṃ tadantike |
pādyārghācamanīyānāṃ pātrāṇi sthāpayet budhaḥ || 19 ||
Übersetzung: danach das Vira-Gefäß und daneben das Opfergefäß. Der Kundige stelle auch Gefäße für Fußwasser, Ehrenwasser und Mundspülwasser auf.
Worterklärungen: pādya – Fußwasser; ācamanīya – Mundspülwasser.
II.4.20 mahāyogī bhaved devi pīṭhaprakṣālitairjalaiḥ |
svayambhūkusume datte bhavet ṣaṭkarmabhājanam || 20 ||
Übersetzung: Wasser vom Waschen des Kultsitzes soll zum großen Yogi machen; das Darbringen der selbstentstandenen Blüte soll zu den sechs Ritualhandlungen befähigen.
Worterklärungen: svayambhūkusuma – selbstentstandene Blüte, hier Menstrualblut; ṣaṭkarman – sechs Ritualhandlungen.
II.4.21 suśītalajalairarghyaṃ kastūrīkuṅkumānvitaiḥ |
kuṇḍagolo'tha bījairvā sarvasiddhīśvaro bhavet || 21 ||
Übersetzung: Genannt werden Ehrenwasser mit sehr kühlem Wasser, Moschus und Safran sowie kuṇḍa-, gola- und Samenmaterial; ihnen wird Herrschaft über alle Vollendungen zugeschrieben.
Worterklärungen: kuṇḍa, gola – im Folgevers erklärte Sexualsekrete; bīja – Samen.
II.4.22 sadhavāratisambhūtaṃ kuṇḍamuttamabhūtidam |
vidhavāratisambhūtaṃ golamṛddhipradaṃ bhuvi || 22 ||
Übersetzung: Kuṇḍa bezeichnet hier das bei der sexuellen Vereinigung mit einer verheirateten Frau Entstandene, gola das Entsprechende bei einer Witwe; der Text schreibt beiden Gedeihen zu.
Worterklärungen: sadhavā – Frau mit lebendem Ehemann; vidhavā – Witwe.
II.4.23 mūlamantreṇa deviśi ākṛṣya nirbhayaḥ śuciḥ |
arghyaṃ dadyāt viśeṣeṇa cakravātena pūjitā || 23 ||
Übersetzung: Unter dem Wurzelmantra soll der Gereinigte das Material herbeiziehen und als Ehrenopfer darbringen. Der Schluss über cakravāta ist nicht sicher verständlich.
Worterklärungen: ākṛṣya – herbeiziehend; mūlamantra – Wurzelmantra.
II.4.24 svayambhūkusumaṃ devi trividhaṃ bhuvi jāyate |
āṣoḍaśādanūḍhāyā uttamā sarvasiddhidā || 24 ||
Übersetzung: Die selbstentstandene Blüte wird auf Erden dreifach eingeteilt. Die höchste, alle Vollendungen schenkende, wird hier einer unverheirateten, noch nicht sechzehnjährigen Person zugeordnet. Der Bezug gilt rituell verwendetem Menstrualblut.
Worterklärungen: anūḍhā – unverheiratet; āṣoḍaśāt – bis zum sechzehnten Lebensjahr.
II.4.25 rajoyogavaśādanyā madhyamā sukhadāyinī |
balātkāreṇa deveśi adhamā bhogavarddhinī || 25 ||
Übersetzung: Eine andere, mit der Menstruation verbundene Art heißt mittlere und glückbringende; eine durch Zwang erlangte heißt niedrigste und genusssteigernde. Die Einteilung bleibt textlich problematisch und beschreibt keine zulässige heutige Praxis.
Worterklärungen: rajas – Menstrualblut; balātkāreṇa – durch Zwang; adhamā – niedrigste.
II.4.26 kumārīpūjane śakto nārīṃ svapne'pi na smaret |
ākṛṣya baddhayogena golo'tha puṣpakaṃ nyaset || 26 ||
Übersetzung: Wer sich der Kumari-Verehrung widmet, soll selbst im Traum keine Frau begehrend bedenken. Danach folgt eine undeutliche Anweisung, mittels gebundener Yogapraxis gola- oder Blütenmaterial heranzuziehen und einzusetzen.
Worterklärungen: kumārīpūjana – Verehrung der jungfräulichen Göttinnengestalt; baddhayoga – gebundene Yogapraxis.
II.4.27 śuddhaṃ kuryāt prayatnena nirbhayaḥ śucimānasaḥ |
tāmrapātre kapāle vā śmaśānakāṣṭhanirmite || 27 ||
Übersetzung: Mit furchtlosem, reinem Geist soll man das Material sorgfältig reinigen; als Behälter nennt der Text Kupfer, einen Schädel oder Holz vom Leichenplatz.
Worterklärungen: tāmrapātra – Kupfergefäß; kapāla – Schädel; śucimānasa – reinen Geistes.
II.4.28 śanibhaumadine vā'pi śarīre mṛtasambhave |
suvarṇe'pyatha lohe vā cakramarcyaṃ yathāvidhi || 28 ||
Übersetzung: Ferner nennt er Samstag und Dienstag, einen Leichnam sowie Gold oder Eisen. Der Ritualkreis soll vorschriftsgemäß verehrt werden; die syntaktische Verbindung dieser Angaben ist unklar.
Worterklärungen: śani – Saturn, Samstag; bhauma – Mars, Dienstag; cakra – Ritualkreis.
II.4.29 puṣpāṇyapi tathā dadyād raktakṛṣṇasitāni ca |
śvetaraktaṃ javāpuṣpaṃ karavīraṃ tathā priye || 29 ||
Übersetzung: Auch rote, schwarze und weiße Blumen soll man darbringen: weißen und roten Hibiskus sowie Oleander, Geliebte.
Worterklärungen: puṣpa – Blume; karavīra – Oleander.
II.4.30 tagaraṃ mallikā jātī mālatī yūthikā tathā |
dhuttūrāśokabakulāḥ śvetakṛṣṇā'parājitāḥ || 30 ||
Übersetzung: Tagara, Mallika, Jati, Malati und Yuthika, ferner Stechapfel, Ashoka, Bakula sowie weiße und dunkle Aparajita,
Worterklärungen: dhuttūra – Stechapfel; aparājitā – Clitoria-Blüte.
II.4.31 bakapuṣpaṃ bilvapatraṃ campakaṃ nāgakeśaram |
vahnikā jhiṇṭikā kañciraktaṃ yat parikīrtitam || 31 ||
Übersetzung: Baka-Blüten, Bilva-Blätter, Champaka, Nagakeshara, Vahnika, Jhintika und das rot bezeichnete Kanchi; einige Pflanzennamen lassen sich nicht eindeutig bestimmen.
Worterklärungen: bilvapatra – Bilva-Blatt; nāgakeśara – Nagakeshara-Blüte.
II.4.32 arkapuṣpaṃ javāpuṣpaṃ varvaraṃ ca priyaṃvade |
aṣṭamyāṃ tu viśeṣeṇa santuṣṭā tasya pārvatī || 32 ||
Übersetzung: Arka-Blüten, Hibiskus und Varvara, freundlich Redende: Besonders am achten Mondtag ist Parvati durch solche Gaben erfreut.
Worterklärungen: aṣṭamī – achter Mondtag; arkapuṣpa – Arka-Blüte.
II.4.33 aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ nānāpuṣpaiḥ samarcayet |
padmapuṣpeṇa raktena santuṣṭāḥ sarvadevatāḥ || 33 ||
Übersetzung: Am achten und vierzehnten Mondtag verehre man sie mit verschiedenen Blumen. Mit roten Lotosblumen werden alle Gottheiten erfreut.
Worterklärungen: caturdaśī – vierzehnter Mondtag; raktapadma – roter Lotos.
II.4.34 kṛṣṇā vā yadi vā śuklā kālikā varadā bhavet |
śmaśānadhuttareṇaiva tuṣṭā madhumatī parā || 34 ||
Übersetzung: In der dunklen wie in der hellen Monatshälfte wird Kalika zur Gabenspenderin. Durch Stechapfel vom Leichenplatz wird die höchste Madhumati erfreut.
Worterklärungen: śukla – hell; varadā – Gaben schenkend.
II.4.35 śmaśānajātapuṣpeṇa santuṣṭā kālikā parā |
vanyapuṣpaiśca vividhaiḥ santuṣṭā pārvatī parā || 35 ||
Übersetzung: Die höchste Kalika wird durch Blumen vom Leichenplatz erfreut; die höchste Parvati durch verschiedene wildwachsende Blumen.
Worterklärungen: śmaśānajāta – auf dem Leichenplatz gewachsen; vanyapuṣpa – Waldblume.
II.4.36 āmalakyāstu patreṇa tuṣṭā puṣpeṇa pārvatī |
aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ nānāpuṣpaiḥ sadā'rcayet ||
śmaśāne rātriśeṣe ca śanibhaumadine niśi || 36 ||
Übersetzung: Parvati wird durch Blätter und Blüten der Amalaki erfreut. Stets verehre man sie mit verschiedenen Blumen am achten und vierzehnten Mondtag, am Leichenplatz, gegen Ende der Nacht sowie in den Nächten von Samstag und Dienstag.
Worterklärungen: āmalakī – indische Stachelbeere; rātriśeṣa – Ende der Nacht.
|| iti dvitīye muṇḍamālātantre caturthaḥ paṭalaḥ || 4 ||
Hier endet Kapitel 4 des zweiten Mundamala Tantra.
Kapitel 5
II.5.1 atha pañcamaḥ paṭalaḥ
śrīdevī uvāca
rahasyātirahasyaṃ me puraścaryāvidhiṃ prabho |
vadasva yadanuṣṭhānāt sarvakāmā bhavanti hi || 1 ||
Übersetzung: Die Göttin sprach: Herr, erkläre mir die geheimste Ordnung der vorbereitenden Mantraübung, durch deren Vollzug alle Wünsche erfüllt werden.
Worterklärungen: puraścaryā – vorbereitende intensive Mantraübung; anuṣṭhāna – Vollzug.
II.5.2 śrī-īśvara uvāca
gṛhītvā sadgurordīkṣāṃ śubhakāle divā niśi |
adhamo vaiṣṇavaḥ prokto madhyamaḥ śaivadīkṣitaḥ || 2 ||
Übersetzung: Ishvara sprach: Man empfange zu günstiger Zeit, tags oder nachts, die Einweihung von einem guten Guru. Der Text stuft den Vaishnava als niedrig, den shivaitisch Eingeweihten als mittel ein.
Worterklärungen: dīkṣā – Einweihung; adhama – niedrig; madhyama – mittel.
II.5.3 parayā dīkṣito yo vai sa eva paramo guruḥ |
caturdaśasahasrāṇi sevito hariharātmakaḥ || 3 ||
Übersetzung: Wer in die höchste Göttin eingeweiht ist, gilt als höchster Guru. Er wird als Hari und Hara wesensgleich und von vierzehntausend verehrt beschrieben; was gezählt wird, bleibt ungesagt.
Worterklärungen: parā – höchste Göttin; caturdaśasahasra – vierzehntausend.
II.5.4 tato bhavati deveśi parāpūjārataḥ pumān |
kāyena manasā vācā suvarṇarajatādibhiḥ || 4 ||
Übersetzung: Danach wird der Mensch der Verehrung der Höchsten ergeben. Mit Körper, Geist und Rede sowie mit Gold, Silber und anderen Gaben –
Worterklärungen: kāya – Körper; manas – Geist; vāc – Rede.
II.5.5 santoṣya parayā bhaktyā guruṃ dīkṣāṃ samāśrayet |
pūrvoktasthānamāsādya japapūjāṃ samāśrayet || 5 ||
Übersetzung: erfreue man den Guru in höchster Hingabe und empfange die Einweihung. An einem zuvor beschriebenen Ort widme man sich Japa und Verehrung.
Worterklärungen: santoṣya – nachdem man erfreut hat; japapūjā – Wiederholung und Verehrung.
II.5.6 prātaḥkālaṃ samārabhya japenmadhyadināvadhi |
prathame'hani yajjaptaṃ tajjaptavyaṃ dine dine || 6 ||
Übersetzung: Vom frühen Morgen bis Mittag soll man Japa üben. Die am ersten Tag vollzogene Anzahl soll täglich eingehalten werden.
Worterklärungen: prātaḥkāla – früher Morgen; madhyadina – Mittag; dine dine – täglich.
II.5.7 nyūnādhikaṃ na japtavyamāsamāptaṃ sadā japet |
gate prathamayāme tu tṛtīyapraharāvadhi || 7 ||
Übersetzung: Bis zum Abschluss wiederhole man weder weniger noch mehr. Für die Nacht wird die Zeit nach der ersten Nachtwache bis zur dritten genannt –
Worterklärungen: nyūnādhika – weniger oder mehr; yāma, prahara – Nachtwache.
II.5.8 niśāyāṃ ca prajaptavyaṃ rātriśeṣe japenna ca |
haviṣyaṃ bhakṣayennityamekavāraṃ susaṃyataḥ || 8 ||
Übersetzung: in dieser Zeit übe man Japa, nicht im letzten Nachtabschnitt. Selbstbeherrscht nehme man täglich einmal reine Opferspeise zu sich.
Worterklärungen: haviṣya – reine Opferspeise; susaṃyata – gut beherrscht.
II.5.9 laghvāhāraṃ prakurvīta yuvatīpūjane rataḥ |
svastrīmanyastrīyaṃ vāpi pūjayet sarvaparvasu || 9 ||
Übersetzung: Man ernähre sich leicht und widme sich der Verehrung einer jungen Frau. An allen Festtagen verehre man die eigene Frau oder eine andere Frau.
Worterklärungen: laghvāhāra – leichte Nahrung; parvan – Fest- oder heiliger Kalendertag.
II.5.10 nādhame saṅgatiḥ kāryā sarvaprāṇihite rataḥ |
yasya yāvān pajaḥ proktaḥ taddaśāṃśamanukramāt || 10 ||
Übersetzung: Man suche keinen schlechten Umgang und sei dem Wohl aller Lebewesen zugewandt. Von der jeweils vorgeschriebenen Japa-Zahl nehme man ein Zehntel für die folgenden Handlungen.
Worterklärungen: sarvaprāṇihita – Wohl aller Lebewesen; daśāṃśa – Zehntel.
II.5.11 tattaddravyairjapasyā'nte homaṃ kuryād dine dine |
homasya ca daśāṃśena tarpaṇaṃ proktameva ca || 11 ||
Übersetzung: Täglich nach dem Japa vollziehe man mit den entsprechenden Gaben das Feueropfer. Die Wasserspende soll ein Zehntel des Feueropfers ausmachen.
Worterklärungen: homa – Feueropfer; tarpaṇa – sättigende Wasserspende.
II.5.12 tarpaṇasya daśāṃśena śiromārjanamiṣyate |
taddaśāṃśena viprendrān kurvīta kulakanyakāḥ || 12 ||
Übersetzung: Ein Zehntel der Wasserspenden gilt für die Besprengung des Kopfes. Ein weiteres Zehntel bestimmt die Zahl der Brahmanen und Kula-Mädchen –
Worterklärungen: śiromārjana – Besprengen des Kopfes; kulakanyakā – Mädchen des Kula.
II.5.13 sambhojayet prītiyuktairdravyairnānāvidhairapi |
homādyaśakto deveśi kuryācca dviguṇaṃ japam || 13 ||
Übersetzung: die man liebevoll mit verschiedenen geeigneten Speisen bewirtet. Wer das Feueropfer und die weiteren Handlungen nicht vermag, verdopple das Japa.
Worterklärungen: sambhojayet – bewirten; dviguṇa – doppelt.
II.5.14 yadi pūjādyaśaktaḥ syāt dravyālābhena sundari |
kevalaṃ japamātreṇa puraścaryā vidhīyate || 14 ||
Übersetzung: Fehlen die Mittel für Verehrung und weitere Riten, Schöne, kann die vorbereitende Übung allein durch Japa vollzogen werden.
Worterklärungen: dravyālābha – Fehlen von Materialien; kevalaṃ japamātreṇa – allein durch Japa.
II.5.15 divyo vā yadi vā vīro bhuvi syāt sādhakottamaḥ |
svecchācāraparo bhūtvā ekānte sarvadā japet || 15 ||
Übersetzung: Ein hervorragender Übender der göttlichen oder heroischen Haltung übe stets in Abgeschiedenheit Japa, seiner freien Lebensweise folgend.
Worterklärungen: divya – göttlich; vīra – heroisch; ekānta – Abgeschiedenheit.
II.5.16 matsyamāṃsapradānena śāktaḥ kuryāt puraskriyām |
ekārātrau śmaśāne vā śave vā prauḍhabālayoḥ || 16 ||
Übersetzung: Der Shakta vollziehe die vorbereitende Praxis mit Fisch- und Fleischgaben, auch in einer einzigen Nacht auf dem Leichenplatz oder auf einem erwachsenen beziehungsweise kindlichen Leichnam.
Worterklärungen: puraskriyā – vorbereitende Praxis; śava – Leichnam.
II.5.17 mayoktaṃ bhairavīkalpe vidhānaṃ varavarṇini |
hastamātranikhāte vā kuṇḍe vā vijane vane || 17 ||
Übersetzung: Diese Ordnung habe ich im Bhairavi-Kalpa erklärt, Schöne, auch für eine handtiefe Grube oder eine Vertiefung im einsamen Wald.
Worterklärungen: hastamātra – eine Hand beziehungsweise Elle messend; nikhāta – Grube.
II.5.18 vīrāṇāṃ sādhanaṃ devi kathitaṃ bhuvi duṣkaram |
kumārīpūjanādeva puraścaryāvidhiḥ smṛtaḥ || 18 ||
Übersetzung: Damit ist die auf Erden schwer auszuführende Vira-Praxis beschrieben. Auch allein durch Kumari-Verehrung wird die vorbereitende Übung als erfüllt angesehen.
Worterklärungen: duṣkara – schwer ausführbar; kumārīpūjana – Kumari-Verehrung.
II.5.19 nānājātibhavāḥ kanyā rūpalāvaṇyasaṃyutāḥ |
atyantaprauḍhā bālā vā kokilā varadāyinī || 19 ||
Übersetzung: Genannt werden Mädchen verschiedener sozialer Herkunft, schön und anmutig, ferner reife oder junge Personen; die anschließende Bezeichnung kokilā ist in diesem Zusammenhang unklar.
Worterklärungen: nānājāti – unterschiedliche soziale Herkunft; lāvaṇya – Anmut; bālā – junge Person.
II.5.20 nānādravyaiḥ priyakaraiḥ bhakṣyabhojyādibhiḥ śubhaiḥ |
pūjayet parabhāvena nānārūpamanoharāḥ || 20 ||
Übersetzung: Mit verschiedenen erfreulichen Gaben, reinen Speisen und Getränken verehre man sie in höchster geistiger Haltung als in vielerlei Gestalt bezaubernd.
Worterklärungen: parabhāva – höchste geistige Haltung; bhakṣyabhojya – verschiedene Speisen.
II.5.21 bhaginī kanyakā vā'pi dauhitrī vā kuṭumbinī |
mātṛvarjaṃ sadā pūjyā nānājātisamudbhavā || 21 ||
Übersetzung: Schwester, Tochter, Enkelin oder Frau des Hauses können verehrt werden; die eigene Mutter wird hier ausgenommen. Personen verschiedener Herkunft werden zugelassen.
Worterklärungen: bhaginī – Schwester; dauhitrī – Tochter der Tochter; mātṛvarjam – die Mutter ausgenommen.
II.5.22 athavā'nyaprakāreṇa puraścaraṇamiṣyate |
kṛṣṇāṃ caturdaśīṃ prāpya navamyāṃ tu mahotsave || 22 ||
Übersetzung: Eine andere Form der vorbereitenden Übung wird ebenfalls gelehrt: am vierzehnten Tag der dunklen Monatshälfte oder am neunten Tag des großen Festes –
Worterklärungen: kṛṣṇacaturdaśī – vierzehnter dunkler Mondtag; mahotsava – großes Fest.
II.5.23 sūryodayaṃ samārabhya yāvat sūryodayaṃ bhavet |
tāvajjapte maheśāni puraścaryā vidhīyate || 23 ||
Übersetzung: beginne man bei Sonnenaufgang und wiederhole bis zum nächsten Sonnenaufgang; damit ist die vorbereitende Übung vollzogen.
Worterklärungen: sūryodaya – Sonnenaufgang; tāvat – so lange.
II.5.24 kṛṣṇāṣṭamīṃ samārabhya yāvat kṛṣṇāṣṭamī bhavet |
sahasrasaṃkhye japte tu puraścaraṇamiṣyate || 24 ||
Übersetzung: Vom achten dunklen Mondtag bis zum folgenden achten dunklen Mondtag gilt Japa in einer Tausenderzahl als vorbereitende Übung; die tägliche Zuordnung ist nicht ausdrücklich formuliert.
Worterklärungen: kṛṣṇāṣṭamī – achter dunkler Mondtag; sahasrasaṃkhya – Tausenderzahl.
II.5.25 aṣṭamīṃ navamīṃ rātrau pūjāṃ kuryāt viśeṣataḥ |
daśamyāṃ pāraṇaṃ kuryāt matsyamāṃsādibhiḥ priye || 25 ||
Übersetzung: Besonders in den Nächten des achten und neunten Tages verehre man die Göttin; am zehnten breche man das Fasten mit Fisch, Fleisch und weiteren Speisen.
Worterklärungen: pāraṇa – Fastenbrechen; daśamī – zehnter Mondtag.
II.5.26 ṣaṭsahasraṃ japennityaṃ bhaktibhāvaparāyaṇaḥ |
caturdaśīṃ samārabhya yāvadanyā caturdaśī || 26 ||
Übersetzung: Mit voller Hingabe wiederhole man täglich sechstausendmal, vom vierzehnten Mondtag bis zum nächsten vierzehnten.
Worterklärungen: ṣaṭsahasra – sechstausend; bhaktibhāva – hingebungsvolle Haltung.
II.5.27 tāvajjapet maheśāni puraścaraṇamiṣyate |
kevalaṃ japamātreṇa mantrāḥ siddhā bhavanti hi || 27 ||
Übersetzung: Während dieser ganzen Zeit übe man Japa: Dies gilt als vorbereitende Übung. Allein durch die Wiederholung werden die Mantras vollendet.
Worterklärungen: mantrāḥ siddhāḥ – vollendete Mantras; japamātra – bloße Wiederholung.
II.5.28 vinā homādidānena viśeṣāt pīṭhapūjane |
yonipīṭhaṃ mahāpīṭhaṃ kāmapīṭhaṃ tathā'param || 28 ||
Übersetzung: Dies gilt auch ohne Feueropfer und weitere Gaben, besonders bei der Verehrung heiliger Sitze. Genannt werden der große Yoni-Sitz und außerdem der Kama-Sitz.
Worterklärungen: pīṭhapūjana – Verehrung heiliger Sitze; yonipīṭha – Yoni-Sitz.
II.5.29 tayorekataraṃ pūjyaṃ rudradeha ivāparaḥ |
tīrthe tithiviśeṣe ca grahaṇe candrasūryayoḥ ||
guroranugrahe caiva dīkṣākālaḥ śubhaḥ smṛtaḥ || 29 ||
Übersetzung: Wer einen dieser beiden verehrt, wird gleichsam ein zweiter Rudra. An Pilgerorten, an besonderen Mondtagen, bei Sonnen- oder Mondfinsternis und durch die Gnade des Gurus gilt die Zeit für Einweihung als günstig.
Worterklärungen: grahaṇa – Finsternis; anugraha – Gnade; śubha – günstig.
|| iti dvitīye muṇḍamālātantre pañcamaḥ paṭalaḥ || 5 ||
Hier endet Kapitel 5 des zweiten Mundamala Tantra.
Kapitel 6
II.6.1 atha ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ
atha devi pravakṣyāmi guptāṃ tribhuvaneśvarīm |
yāmārādhya purā sarve bhūtibhājo'bhavan surāḥ || 1 ||
Übersetzung: Nun erkläre ich die verborgene Herrin der drei Welten, Göttin, durch deren einstige Verehrung alle Götter Anteil an Macht erlangten.
Worterklärungen: tribhuvaneśvarī – Herrin der drei Welten; bhūti – Macht, Gedeihen.
II.6.2 brahmā rudraḥ sahasrākṣo ramāśivamanobhavāḥ |
śaktirmāyā maheśāni vidyā vasvakṣarā matā || 2 ||
Übersetzung: Brahma, Rudra, der Tausendäugige, Rama, Shiva, Manobhava, Shakti und Maya werden als verschlüsselte Elemente genannt; die Vidya gilt als achtsilbig.
Worterklärungen: vasvakṣara – achtsilbig; sahasrākṣa – Tausendäugiger, Indra.
II.6.3 ṛṣirbrahmā virāṭ chando devatā lokapāvanī |
mahāmāyeti vikhyātā bījaṃ lakṣmīḥ prakīrtitam || 3 ||
Übersetzung: Ihr Seher ist Brahma, ihr Versmaß Viraj, ihre Gottheit die Weltenläuternde, bekannt als Mahamaya; als Bija wird Lakshmi genannt.
Worterklärungen: ṛṣi – Seher; chandas – Versmaß; lokapāvanī – Weltenläuternde.
II.6.4 māyā śaktiḥ kīlakaṃ ca śaivadehamudāhṛtam |
ṣaḍaṅgāni tataḥ kuryāt māyādīrgheṇa saṃyutā || 4 ||
Übersetzung: Maya ist die Kraft, als Verschluss wird die Shiva-Gestalt genannt. Die sechs Glieder werden mit Maya und verlängerten Vokalen gebildet.
Worterklärungen: śakti – Mantrakraft; kīlaka – Verschluss; ṣaḍaṅga – sechs Glieder.
II.6.5 dhyānaṃ devi pravakṣyāmi sarvaiśvaryaphalapradam |
vidyut puñjanibhāṃ devīṃ raktapadmāsane sthitām || 5 ||
Übersetzung: Ich beschreibe die Meditation, die alle Herrlichkeit schenkt: Die Göttin strahlt wie eine Ansammlung von Blitzen und sitzt auf einem roten Lotos.
Worterklärungen: vidyutpuñja – Blitzansammlung; raktapadmāsana – roter Lotossitz.
II.6.6 trinetrāṃ digbhavāvāsāṃ pāṇiviṃśatiśobhitām |
pīta - rakta - śveta - kṛṣṇa - dhūmra - pāṭala - mauktikam || 6 ||
Übersetzung: Sie ist dreiäugig, in die Himmelsrichtungen gekleidet und von zwanzig Händen geschmückt. Ihre Farben heißen gelb, rot, weiß, schwarz, rauchfarben, blassrot, perlenfarben –
Worterklärungen: trinetrā – dreiäugig; viṃśati – zwanzig; digvāsa – unbekleidet.
II.6.7 nīla - pīta - vicitrāṇi varṇāni kathitāni vai |
khaṅga - śūla - gadā - cakra - śaṅkha - cāpa - śarāṇi ca || 7 ||
Übersetzung: ferner blau, gelb und bunt. Genannt werden Schwert, Dreizack, Keule, Diskus, Muschelhorn, Bogen und Pfeile,
Worterklärungen: khaḍga – Schwert; śūla – Dreizack; śara – Pfeil.
II.6.8 lasatparighaśastrāḍhyamūṣalaṃ dānanirbhayam |
kartṛmudrāṃ tathā yogamudrāṃ ca dadhatīṃ karaiḥ || 8 ||
Übersetzung: glänzende Schlagwaffe, weitere Waffen, ein Stößel sowie Gaben- und Schutzgebärde. Mit ihren Händen zeigt sie außerdem eine Schneide- beziehungsweise Scherengebärde und die Yoga-Mudra; die Wortform kartṛ ist unsicher.
Worterklärungen: mūṣala – Stößel; abhaya – Furchtlosigkeit; mudrā – Gebärde.
II.6.9 śaktiśūladharāṃ devī sarvasiddhiphalapradām |
pūjāyantraṃ pravakṣyāmi ṣaṭkoṇaṃ śaktisaṃyutam || 9 ||
Übersetzung: Die Göttin trägt Speer und Dreizack und schenkt alle Vollendungen. Ihr Verehrungsdiagramm wird als Sechseck mit Shakti-Zeichen beschrieben.
Worterklärungen: śakti – Speer oder Kraftzeichen; ṣaṭkoṇa – Sechseck.
II.6.10 ṣaḍaṣṭaṣoḍaśadalaṃ padmaṃ dvārasamanvitam |
trikoṇe pūjayed devīṃ māyāṃ vāṇīṃ haripriyām || 10 ||
Übersetzung: Es enthält einen Lotos mit sechs, acht und sechzehn Blättern sowie Toren. Im Dreieck verehre man die Göttin, Maya, Vani und Haripriya.
Worterklärungen: dala – Lotosblatt; dvāra – Tor; trikoṇa – Dreieck.
II.6.11 ratiḥ prītiḥ kṣamā pūjyā puṣṭistutimanoharāḥ |
yoganidrā mahānidrā mahāmāyā mahāsurī || 11 ||
Übersetzung: Zu verehren sind Rati, Priti, Kshama, Pushti, Stuti und Manohara. Es folgen Yoganidra, Mahanidra, Mahamaya und Mahasuri,
Worterklärungen: rati – Liebesfreude; kṣamā – Geduld; yoganidrā – Yogaschlaf.
II.6.12 mahāmudrā mahāsvapnā ṣaḍdale pūjayet kramāt |
kṣemaṅkarī yogamudrā śarīrākarṣiṇī tathā || 12 ||
Übersetzung: Mahamudra und Mahasvapna: Diese verehre man nacheinander im sechsblättrigen Lotos. Danach folgen Kshemankari, Yogamudra und Sharirakarshini,
Worterklärungen: ṣaḍdala – sechsblättrig; śarīrākarṣiṇī – den Körper heranziehend.
II.6.13 lajjā śāntirlakṣaṇā ca capalā śāntivigrahā |
aṣṭadale maheśāni vāmāvartena pūjayet || 13 ||
Übersetzung: Lajja, Shanti, Lakshana, Chapala und Shantivigraha; sie verehre man gegen den Uhrzeigersinn im achtblättrigen Lotos.
Worterklärungen: vāmāvarta – gegen den Uhrzeigersinn; śānti – Frieden.
II.6.14 vidyā ca paramā vidyā mahāvidyā mahābalā |
saumyā paramasaumyā ca mahāsaumyā mahāparā || 14 ||
Übersetzung: Ferner Vidya, Parama Vidya, Mahavidya, Mahabala, Saumya, Paramasaumya, Mahasaumya und Mahapara,
Worterklärungen: vidyā – Wissen; mahābalā – große Kraft; saumyā – Sanfte.
II.6.15 kālarātrirmahārātrirgāyatrī ca mahāmbike |
prakṛtirvikṛtirmeghā viśvarūpāḥ kramādimāḥ || 15 ||
Übersetzung: Kalaratri, Maharatri, Gayatri, große Mutter, Prakriti, Vikriti, Megha und Vishvarupa der Reihe nach. Mahambike kann hier auch eine Anrede sein.
Worterklärungen: prakṛti – Urnatur; vikṛti – Umgestaltung; viśvarūpā – allgestaltig.
II.6.16 mahātattvā pramattā ca unmadā mandagāminī |
mahāprahlādā bagalā pūjayed vidhinā tathā || 16 ||
Übersetzung: Mahatattva, Pramatta, Unmada, Mandagamini, Mahaprahlada und Bagala verehre man ebenfalls nach der Vorschrift.
Worterklärungen: mahātattvā – große Wirklichkeit; mandagāminī – langsam Gehende.
II.6.17 japamuṇḍāṃ mahogrāṃ ca bhīmād bhīmakapālikām |
aṭṭāṭṭahāsinīṃ nityāṃ harṣeṇā'vihvalāṃ tathā || 17 ||
Übersetzung: Ebenso Japamunda, Mahogra, Bhima beziehungsweise die schreckliche Kapalika, Attattahasini, Nitya und die von Freude nicht Erschütterte. Die Namenabgrenzung ist stellenweise unsicher.
Worterklärungen: mahogrā – sehr Furchtbare; aṭṭāṭṭahāsinī – laut Lachende.
II.6.18 vikaṭā bahurūpā ca mahārūpā mahāpradā |
ghorarāvā mahānityā mahāmañjulabhāsinī || 18 ||
Übersetzung: Weiter Vikata, Bahurupa, Maharupa, Mahaprada, Ghorarava, Mahanitya und Mahamanjulabhasini,
Worterklärungen: bahurūpā – vielgestaltig; ghorarāvā – furchtbar Rufende.
II.6.19 sarvadā sundarī pūjyā aparatra kramāt priye |
indrādayastataḥ pūjyāḥ pūrvādidigvidikṣu ca || 19 ||
Übersetzung: und stets Sundari an der weiteren Stelle der Reihenfolge. Dann verehre man Indra und die übrigen Richtungswächter in Haupt- und Zwischenrichtungen, beginnend im Osten.
Worterklärungen: digvidik – Haupt- und Zwischenrichtung; pūrva – Osten.
II.6.20 caturdvāre tataḥ pūjyā bhagaklinnā bhagākṣarā |
bhagadevī bhagākṣī ca vidhinā vāmavartmanā || 20 ||
Übersetzung: An den vier Toren verehre man Bhagaklinna, Bhagakshara, Bhagadevi und Bhagakshi, nach Vorschrift gegen den Uhrzeigersinn.
Worterklärungen: caturdvāra – vier Tore; bhaga – hier weibliches Geschlechtsorgan, göttliche Schöpfungsmacht.
II.6.21 evaṃ saṃpūjya tāṃ devīṃ caturlakṣaṃ manuṃ japet |
homādividhinā kuryāt daśāṃśāt kramataḥ priye || 21 ||
Übersetzung: Nach solcher Verehrung wiederhole man den Mantra vierhunderttausendmal. Feueropfer und weitere Handlungen folgen jeweils mit einem Zehntel der vorherigen Zahl.
Worterklärungen: caturlakṣa – vierhunderttausend; daśāṃśa – Zehntel.
II.6.22 anayā vidyayā devi mahāsiddhīśvaro bhavet |
dhanavān putravān vāgmī sudhī bhogī mahābalaḥ || 22 ||
Übersetzung: Durch diese Vidya werde man Herr großer Vollendungen, reich, mit Söhnen gesegnet, beredsam, einsichtig, genussfähig und sehr stark.
Worterklärungen: sudhī – einsichtig; mahābala – sehr stark.
II.6.23 rājyalakṣmīmavāpnoti devīputraḥ sadaiva hi |
bhuvaneśī bhagavatī vahnijāyānvito manuḥ || 23 ||
Übersetzung: Als Sohn der Göttin erlange man königliche Herrlichkeit. Ein weiterer Mantra verbindet Bhuvaneshi Bhagavati mit der Gattin des Feuers, also der Schlussformel Svaha.
Worterklärungen: rājyalakṣmī – königliche Herrlichkeit; vahnijāyā – Feuersgattin, Svaha.
II.6.24 saptākṣaro maheśāni sarvasiddhiphalapradaḥ |
svarṇapadmanibhāṃ devīṃ sarvālaṅkārabhūṣitām || 24 ||
Übersetzung: Dieser Mantra gilt als siebensilbig und schenkt alle Vollendungen. Man meditiere über die Göttin, einem goldenen Lotos gleich und mit allem Schmuck versehen,
Worterklärungen: saptākṣara – siebensilbig; svarṇapadma – goldener Lotos.
II.6.25 kṣaumavāsāṃ trinayanāṃ śailasiṃhasamāśritām |
athavā siṃhaśailau ca indrādirathadevatāḥ || 25 ||
Übersetzung: in Leinen gekleidet, dreiäugig, auf Berg und Löwen ruhend. Die alternative Beschreibung von Berg, Löwe, Indra und Wagen-Gottheiten ist syntaktisch beschädigt.
Worterklärungen: kṣaumavāsā – in Leinen gekleidet; śaila – Berg; siṃha – Löwe.
II.6.26 evaṃ dhyātvā japet pūrvaṃ samastaṃ hi samāhitaḥ |
sarvakālaṃ tu tajjapyaṃ mantraṃ sarvasamṛddhidam || 26 ||
Übersetzung: Nach solcher Meditation wiederhole man konzentriert alles zuvor Gelehrte. Dieser Mantra, der alles Gedeihen schenkt, ist zu jeder Zeit zu wiederholen.
Worterklärungen: samāhita – gesammelt; sarvakāla – jede Zeit.
II.6.27 śivavāmena saṃyuktaṃ śrotrena dvitayaṃ priye |
brahmāmukhena saṃyukto dvirāvṛttamanukramāt || 27 ||
Übersetzung: Ein weiterer Mantra wird verschlüsselt aus Shivas linker Seite, einem verdoppelten Ohrzeichen und Brahmas Mund gebildet und der Reihe nach zweimal wiederholt.
Worterklärungen: śrotra – Ohr, Lautchiffre; dvirāvṛtta – zweimal wiederholt.
II.6.28 nayanena samāyuktaḥ śakrānvitatayā gataḥ |
hṛdāyukto manurayaṃ sarvavidyāphalapradaḥ || 28 ||
Übersetzung: Er wird mit dem Augenzeichen, Indra und dem Herzzeichen verbunden. Dieser Mantra schenkt die Frucht sämtlicher Vidyas.
Worterklärungen: nayana – Auge; hṛd – Herz; sarvavidyāphala – Frucht aller Vidyas.
II.6.29 bījaṃ śaktiḥ kīlakaṃ ca ādyantamadhyayogataḥ |
ṣaḍdīrghabījādeva ṣaḍaṅgāni prakalpayet || 29 ||
Übersetzung: Anfang, Ende und Mitte ergeben Bija, Kraft und Verschluss. Aus dem Bija mit sechs langen Vokalen bilde man die sechs Glieder.
Worterklärungen: ādi-anta-madhya – Anfang, Ende, Mitte; dīrgha – langer Vokal.
II.6.30 kālīṃ karālavadanāṃ naramālāvibhūṣitām |
caturhastāṃ trinayanāṃ śaśamāṃsakarāmbujām || 30 ||
Übersetzung: Man meditiere Kali mit furchtbarem Angesicht, geschmückt mit einer Menschenkopf-Girlande, vierhändig und dreiäugig, in einer Lotushand Hasenfleisch tragend. śaśamāṃsa ist die überlieferte, möglicherweise beschädigte Lesung.
Worterklärungen: naramālā – Menschenkopf-Girlande; caturhasta – vierhändig; śaśamāṃsa – Hasenfleisch.
II.6.31 kapālacitrakhaṭvāṅgadhāriṇīṃ bhīmanādinīm |
karicarmaparīdhānāṃ śuṣkamāṃsātibhairavām || 31 ||
Übersetzung: Sie trägt einen Schädel und einen vielfältig gestalteten Khatvanga-Stab, ruft furchtbar, ist in Elefantenhaut gekleidet und mit ausgedörrtem Fleisch überaus schrecklich.
Worterklärungen: khaṭvāṅga – Schädelstab; karicarman – Elefantenhaut; śuṣkamāṃsa – ausgedörrtes Fleisch.
II.6.32 trailokyagrasamānāsyāṃ jihvādvitayabhīṣaṇām |
nimagna - vartulā''rakta - nayana - traya - dhāriṇīm || 32 ||
Übersetzung: Ihr Mund verschlingt die drei Welten, zwei Zungen machen sie furchterregend; ihre drei Augen sind eingesunken, rund und rot.
Worterklärungen: trailokya – drei Welten; jihvādvitaya – zwei Zungen; ārakta – rot.
II.6.33 evaṃ dhyāvā yajed devīṃ kulapīṭhe manohare |
trikoṇaṃ caturasraṃ tu ṣaṭkoṇaṃ navakoṇakam || 33 ||
Übersetzung: So meditiere und verehre man die Göttin am schönen Kula-Sitz. Für das Diagramm werden Dreieck, Viereck, Sechseck und Neuneck genannt,
Worterklärungen: navakoṇa – Neuneck; kulapīṭha – Kula-Sitz.
II.6.34 vṛttaṃ dalāṣṭamathavā caturasraṃ likhet budhaḥ |
trikoṇe pūjayed devīṃ pracaṇḍāṃ caṇḍanāyikām || 34 ||
Übersetzung: ferner ein Kreis, acht Blätter oder ein Viereck, die der Kundige zeichnen soll. Im Dreieck verehre er die Göttin, Prachanda und Chandanayika,
Worterklärungen: vṛtta – Kreis; caṇḍanāyikā – Führerin der Furchtbaren.
II.6.35 caṇḍakālīṃ ca caṇḍālīṃ pracaṇḍāṃ kālanāyikām |
khaṭvāṃ mattāṃ kramād devi pūjayed vidhinā pathā || 35 ||
Übersetzung: Chandakali, Chandali, Prachanda, Kalanayika, Khatva und Matta, der vorgeschriebenen Ordnung folgend. Prachanda erscheint in dieser Folge wiederholt.
Worterklärungen: krama – Reihenfolge; mattā – Entrückte.
II.6.36 jayatuṇḍāṃ mahogrīṃ ca bhīmāṃ bhīmakapālikām |
aṭṭāṭṭahāsinīṃ nityāṃ pragalbhāṃ ghorarūpiṇīm || 36 ||
Übersetzung: Es folgen Jayatunda, Mahogri, Bhima, Bhimakapalika, Attattahasini, Nitya, Pragalbha und Ghorarupini,
Worterklärungen: pragalbhā – Kühne; ghorarūpiṇī – Furchtbar-Gestaltige.
II.6.37 śuṣkabhīmāṃ japed devi vasukoṇe parātmike |
atikālīṃ mahākālīṃ mahānityāṃ mahābhayām || 37 ||
Übersetzung: und Shushkabhima, die im achtwinkligen Bereich angerufen werden soll. Danach Atikali, Mahakali, Mahanitya und Mahabhaya,
Worterklärungen: vasukoṇa – achtwinklig; mahābhayā – Große Furcht.
II.6.38 vicitrāṃ citrarūpāṃ ca bhīmanādaninādinīm |
mahāghorāṃ yajed devi dalān dikṣu vidikṣu ca || 38 ||
Übersetzung: Vichitra, Chitrarupa, die furchtbar Tönende und Mahaghora: Sie verehre man auf den Blättern der Haupt- und Zwischenrichtungen.
Worterklärungen: citrarūpā – buntgestaltig; ninādinī – Tönende.
II.6.39 indrādayastataḥ pūjyā lakṣamantraṃ sadā japet |
iyaṃ sā ṣoḍaśī proktā triśaktirabhidhīyate || 39 ||
Übersetzung: Dann verehre man Indra und die anderen Richtungswächter und wiederhole den Mantra hunderttausendmal. Diese Vidya heißt Shodashi und wird Trishakti genannt.
Worterklärungen: lakṣa – hunderttausend; triśakti – dreifache Kraft.
II.6.40 tāraṃ kāntaṃ yuvatisthaṃ vāruṇaṃ bhautikaṃ tathā |
secanīye dvayaṃ kūrcaṃ phaṭ svāhā ca tathā pare || 40 ||
Übersetzung: Es folgt eine verschlüsselte Mantra-Anweisung mit tāra, kānta, yuvatistha, vāruṇa, bhautika, secanīya, zweimal kūrca sowie phaṭ und svāhā. Die Lesung erlaubt keine sichere Auflösung zu einem vollständigen Mantra.
Worterklärungen: tāra – Lautchiffre, oft Om; kūrca – Mantrachiffre; phaṭ – abschließende Mantrasilbe.
II.6.41 vedādyābjavai (?) rocanīye sarvapadaṃ tathā |
buddhibhāvaṃ tathāṅīya rudravat parikīrtitam || 41 ||
Übersetzung: Weitere Zeichen werden als vedādya, abjavai, rocanīya, sarva und buddhibhāva bezeichnet; der Vergleich mit Rudra ist ebenso beschädigt. Schon die Vorlage kennzeichnet hier eine Unsicherheit.
Worterklärungen: vedādya – Vedenanfang; sarva – alles; buddhi – Erkenntnisvermögen.
II.6.42 vandanīyaḥ śivaḥ ṣaṣṭhaḥ svaramartyasamanvitām |
nādabinduyutāṃ dvandvaṃ phaṭ svāhā tadanantaram || 42 ||
Übersetzung: Es folgen Shiva als sechstes Zeichen, eine unklare Vokalverbindung, Nada und Bindu, zweimal gesetzt, und danach phaṭ svāhā.
Worterklärungen: nāda – Klang; bindu – Nasalpunkt; dvandva – Paar.
II.6.43 saptaviṃśa[akṣarayutā] mahāvidyā prakīrtitā |
oṃ lajjāṃ trapāṃ medhāṃ huṃ phaḍityugratārikā || 43 ||
Übersetzung: Die große Vidya wird als siebenundzwanzigsilbig bezeichnet. Für Ugratara folgen die Chiffren oṃ, lajjā, trapā, medhā, huṃ und phaṭ. Die ausgeschriebenen Chiffren sind nicht einfach als fertiger Mantra zu lesen.
Worterklärungen: saptaviṃśa – siebenundzwanzig; lajjā, trapā – Scham, hier Lautchiffren.
II.6.44 oṃ māyā śrīṃ huṃ astrāntamityekajaṭāmantraḥ |
rakāraṃ prathamaṃ rephacaturdaśasvarānvitam || 44 ||
Übersetzung: Für Ekajata nennt der Text oṃ, māyā, śrīṃ, huṃ und die Waffen-Schlussformel. Danach beginnt eine weitere Anweisung mit r und dessen Verbindung mit dem vierzehnten Vokal.
Worterklärungen: astrānta – mit Waffenmantra endend; repha – r-Laut.
II.6.45 puṭitāntena kartavyaṃ parāparaphalapradam |
astrahīnamidaṃ nīlasarasvatyā vinirdiśet || 45 ||
Übersetzung: Eine Umhüllung am Ende soll höhere und niedere Früchte schenken. Ohne die Waffenformel wird dieser Mantra Nila-Sarasvati zugeordnet.
Worterklärungen: puṭita – umhüllt; astrahīna – ohne Waffenformel.
II.6.46 kāmākhyāyāstu hrāṃ hrīṃ hrūṃ tripuraṃ samudāhṛtam |
nārasiṃhastataḥ śvantaṃ śuddhaṃ kuryāttameva ca || 46 ||
Übersetzung: Für Kamakhya werden hrāṃ hrīṃ hrūṃ als Dreiheit genannt. Die anschließende Anweisung mit Narasimha und śvanta ist beschädigt und nicht sicher auflösbar.
Worterklärungen: tribīja – drei Keimsilben, sinngemäß; śuddhaṃ kuryāt – reinigen.
II.6.47 īṃ īṅkāriṇīmākhyātā tribījaṃ mantramuttamam |
turyamaṣṭottaramathavā ? punaruttaram || 47 ||
Übersetzung: Īṃ wird genannt, dazu die Bezeichnung Imkarini und ein höchster Mantra mit drei Bijas. Die weitere Zahlen- beziehungsweise Silbenanweisung ist ausdrücklich lückenhaft.
Worterklärungen: īṅkāriṇī – die den Laut īṃ hervorbringt; tribīja – drei Bijas.
II.6.48 iti bhagavati vaiṣṇavīti padaṃ tataḥ |
subhage vahnijāyāntaṃ mantramevaṃ prakīrtayet || 48 ||
Übersetzung: Darauf folgen die Wörter bhagavati, vaiṣṇavi und subhage sowie die Schlussformel der Feuersgattin; so soll der Mantra gesprochen werden.
Worterklärungen: bhagavati – erhabene Göttin; subhage – glückverheißende; vahnijāyā – Svaha.
II.6.49 indrabījaṃ samuccārya ṣaṣṭhasvarasamanvitam |
vārāhī śakrabījaṃ ca pañcasvaravibhūṣitam || 49 ||
Übersetzung: Man nennt das Indra-Bija mit dem sechsten Vokal, dann Varahi und das Shakra-Bija mit dem fünften Vokal.
Worterklärungen: ṣaṣṭhasvara – sechster Vokal; pañcasvara – fünfter Vokal, hier gemeint.
II.6.50 oṃ tuṣyatu bhairavīpadaṃ caraṇāya namoktikam |
vārāhyā iti vikhyātā durlabhā śatrumāraṇe || 50 ||
Übersetzung: Es folgen oṃ, tuṣyatu, bhairavī, caraṇāya und namaḥ. Dies wird als schwer zugängliche Varahi-Vidya für die Tötung von Feinden bezeichnet; die Wortfolge ist nicht eindeutig zu rekonstruieren.
Worterklärungen: tuṣyatu – möge zufrieden sein; caraṇa – Fuß; śatrumāraṇa – Feindestötung.
II.6.51 brahmā vahnisamārūḍhaḥ caturthasvarasaṃyutaḥ |
nādabindusamāyuktastriśūlīkṛtavigrahaḥ || 51 ||
Übersetzung: Brahma auf dem Feuerzeichen, mit dem vierten Vokal, Nada und Bindu verbunden, wird in dreizackartiger Gestalt verschlüsselt beschrieben.
Worterklärungen: caturthasvara – vierter Vokal; triśūlīkṛta – dreizackförmig gemacht.
II.6.52 kṛcchraṃ śivāyugmaṃ nāmākṣarasamāyutam |
vāgbījavahnivanitā dakṣiṇāyā dviviṃśatiḥ || 52 ||
Übersetzung: Weitere, teilweise beschädigte Chiffren umfassen ein Shiva-Paar, Namenssilben, Sprach-Bija und Feuersgattin. Für Dakshina wird die Silbenzahl zweiundzwanzig angegeben.
Worterklärungen: vāgbīja – Keimsilbe der Rede; dviviṃśati – zweiundzwanzig.
II.6.53 hrīṃ svaratraipurā kevalāyā ihetyapi |
hanti piśācinī caiva tribhāṣāṃ tadāditaḥ || 53 ||
Übersetzung: Es folgen hrīṃ, eine Vokal- und Tripura-Angabe, kevalā, iha, hanti und piśācinī sowie tribhāṣā. Der Vers ist zu beschädigt, um daraus einen sicheren Mantra oder durchgehenden Satz zu gewinnen.
Worterklärungen: iha – hier; piśācinī – weibliches Geistwesen; hanti – tötet.
II.6.54 ucchiṣṭhagaṇanāthasya mantro'yaṃ sarvadākṛtaḥ |
etāsāmapi devīnāṃ jaṣahome ca tarpaṇe || 54 ||
Übersetzung: Die zuvor angeführte Formel wird dem Ucchishta-Gananatha zugeordnet. Auch bei diesen Göttinnen, bei Japa, Feueropfer und Wasserspende –
Worterklärungen: ucchiṣṭa – Speiserest, ritueller Rest; gaṇanātha – Herr der Scharen, Ganesha.
II.6.55 svecchāviracitaṃ ratne tattvabodhanirodhane |
devatāgurumantrāṇāmaikyamāvaśyakāriṇaḥ || 55 ||
Übersetzung: ist die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra erforderlich. Der erste Halbvers über frei gestaltete Praxis und Wirklichkeitserkenntnis ist nicht zuverlässig übersetzbar.
Worterklärungen: aikya – Einheit; āvaśyaka – erforderlich; tattvabodha – Wirklichkeitserkenntnis.
II.6.56 śraddhayā jāyate siddhiriha loke'paratra ca |
nityamadhyātmayoge ca sthirāt siddhimavāpnuyāt || 56 ||
Übersetzung: Durch vertrauende Hingabe entsteht Vollendung in dieser Welt und jenseits. Durch Beständigkeit im fortwährenden Yoga des inneren Selbst erlangt man Vollendung.
Worterklärungen: śraddhā – vertrauende Hingabe; adhyātmayoga – Yoga des inneren Selbst; sthira – beständig.
II.6.57 sarvān kāmānavāpnoti divyān bhogān rasātalān |
śṛṇu devi pravakṣyāmi mhāvidyāṃ mahākalām || 57 ||
Übersetzung: Man erlangt alle Wünsche und himmlische wie unterweltliche Genüsse. Höre, Göttin, nun lehre ich die große Vidya, die große Kraftgestalt.
Worterklärungen: rasātala – Unterwelt; mahākalā – große Kraftgestalt.
II.6.58 nādabindusamāyuktamādyabījamudāhṛtam |
vāntanetreṇa saṃyuktaṃ pāntena sahitaṃ priye || 58 ||
Übersetzung: Das erste Bija wird mit Nada und Bindu beschrieben, verbunden mit den Lautchiffren vānta, netra und pānta, Geliebte.
Worterklärungen: ādyabīja – erstes Bija; netra – Auge, hier Lautchiffre.
II.6.59 nādabindusamāyuktaṃ dvitīyaṃ bījamuttamam |
sarvaiśvaryaprade vahnijāyānto manuruttamaḥ || 59 ||
Übersetzung: Das zweite höchste Bija wird mit Nada und Bindu verbunden. Es folgt sarvaiśvaryaprade und die Feuersgattin als Abschluss des höchsten Mantras.
Worterklärungen: sarvaiśvaryaprade – alle Herrlichkeit schenkende; dvitīya – zweiter.
II.6.60 ṛṣiḥ sadāśivo'syāstu gāyatrīcchanda ucyate |
devatā śumbhamathanī sarvadevanamaskṛtā || 60 ||
Übersetzung: Ihr Seher ist Sadashiva, ihr Versmaß Gayatri, ihre Gottheit die Vernichterin Shumbhas, die von allen Göttern verehrt wird.
Worterklärungen: śumbhamathanī – Vernichterin Shumbhas; namaskṛtā – verehrt.
II.6.61 ādyabījena deveśi ṣaḍ dīrgheṇa ṣaḍaṅgakam |
ādyantabījayogena bījaśaktiśarīrakām || 61 ||
Übersetzung: Aus dem ersten Bija mit sechs langen Vokalen werden die sechs Glieder gebildet. Die Verbindung von Anfangs- und Schluss-Bija ergibt Bija, Kraft und Gestalt; der Satzbau ist verkürzt.
Worterklärungen: ṣaḍdīrgha – sechs lange Vokale; śarīra – Körper, Gestalt.
II.6.62 dhyāyed devīṃ trinayanāṃ phullendīvaralocanām |
pakvabimbasamānāṅgīṃ cārucandranibhānanām || 62 ||
Übersetzung: Man meditiere über die dreiäugige Göttin mit Augen wie erblühte blaue Lotosblumen, einem Körper wie eine reife Bimba-Frucht und einem Gesicht wie der schöne Mond.
Worterklärungen: indīvara – blauer Lotos; pakvabimba – reife rote Bimba-Frucht.
II.6.63 aṣṭādaśabhujāṃ nityāṃ siṃhapṛṣṭhasamāśritām |
koṭikoṭigaṇairarcyā pāśāṅkuśadhanuḥśarān || 63 ||
Übersetzung: Sie ist ewig, achtzehnarmig und sitzt auf dem Rücken eines Löwen. Unzählige Scharen verehren sie. Sie trägt Schlinge, Elefantenhaken, Bogen und Pfeile,
Worterklärungen: aṣṭādaśabhuja – achtzehnarmig; pāśa – Schlinge; aṅkuśa – Elefantenhaken.
II.6.64 śaṅkhacakragadāpadmaghaṇṭāmudgarapaṭṭiśān |
carmakhaḍgaṃ mahāyaṣṭiṃ kapālakarkaśān śarān || 64 ||
Übersetzung: Muschelhorn, Diskus, Keule, Lotos, Glocke, Hammer, Spieß, Schild, Schwert, großen Stab, Schädel und harte Pfeile. Die Aufzählung passt nicht glatt zur angegebenen Armzahl.
Worterklärungen: ghaṇṭā – Glocke; mudgara – Hammer; carman – Schild.
II.6.65 athavā pāṇiśataśaḥ prahārairatisaṃyutām |
trikoṇāntaraṣaṭkoṇe dalāṣṭapariśobhite || 65 ||
Übersetzung: Oder sie wird mit Hunderten Händen und zahllosen Schlagwaffen vorgestellt. Das Yantra enthält ein Dreieck, einen sechseckigen Bereich und acht schmückende Lotosblätter.
Worterklärungen: śataśaḥ – zu Hunderten; dalāṣṭa – acht Blätter.
II.6.66 padme trikoṇamadhye tu siddhardhikakalā latā |
ṣaṭkoṇe pūjayed devīṃ kālīṃ caṇḍāṃ pracaṇḍikām || 66 ||
Übersetzung: Im mittleren Dreieck werden Siddhi, Riddhi, Kala und Lata genannt; die Zusammensetzung ist unsicher. Im Sechseck verehre man Kali, Chanda und Prachandika,
Worterklärungen: siddhi – Vollendung; ṛddhi – Gedeihen; latā – Ranke, auch Göttinnenname.
II.6.67 icchāpūrtimahābhīmāṃ śivānīṃ vāmavartmanā |
athā'ṣṭadalamadhye tu brāhyādimātaraḥ kramāt || 67 ||
Übersetzung: Ichchapurti, Mahabhima und Shivani gegen den Uhrzeigersinn; in den acht Lotosblättern die Mütter beginnend mit Brahmi.
Worterklärungen: icchāpūrti – Wunscherfüllung; mātaraḥ – Mütter.
II.6.68 brāhmī māheśvarī skāndī vaiṣṇavī śāṃkarī tathā |
nārasiṃhī tathā caindrī śivadūtī prabhedataḥ || 68 ||
Übersetzung: Brahmi, Maheshvari, Skandi, Vaishnavi, Shankari, Narasimhi, Aindri und Shivaduti werden einzeln genannt.
Worterklärungen: brāhmī – Brahmas Kraft; aindrī – Indras Kraft; śivadūtī – Shivas Botin.
II.6.69 yathāvarṇayathāśastradhāriṇyo yoginīgaṇāḥ |
indrādayastataḥ pūjyā dvāre nandimahābalau || 69 ||
Übersetzung: Die Yogini-Scharen tragen ihre jeweiligen Farben und Waffen. Danach verehre man Indra und die anderen; an den Toren Nandi und Mahabala,
Worterklärungen: yathāvarṇa – gemäß jeweiliger Farbe; śastra – Waffe.
II.6.70 parājayo jayaścaiva puṣpāñjalitrayairyajet |
pañcalakṣaṃ japenmantraṃ taddhomādi daśāṃśataḥ || 70 ||
Übersetzung: Parajaya und Jaya mit drei Blumenspenden aus gefalteten Händen. Man wiederhole den Mantra fünfhunderttausendmal; Feueropfer und weitere Riten folgen jeweils zu einem Zehntel.
Worterklärungen: puṣpāñjali – Blumenspende mit gefalteten Händen; pañcalakṣa – fünfhunderttausend.
II.6.71 anayā sadṛśī vidyā trilokeṣu sudurlabhā |
kevalaṃ tvatprayatnena kathitā kulasundari || 71 ||
Übersetzung: Eine dieser Vidya vergleichbare ist in den drei Welten äußerst selten. Allein aufgrund deines beharrlichen Fragens habe ich sie erklärt, Schöne des Kula.
Worterklärungen: tvatprayatna – dein Bemühen; sudurlabha – äußerst selten.
II.6.72 kramāt vidyā maheśāni samastāyāṃ hi pūjayet |
na kiñcit durlabhaṃ tasya triṣu lokeṣu vidyate || 72 ||
Übersetzung: Man verehre die Vidyas der Reihe nach in ihrer Gesamtheit, große Herrin. Für einen solchen Verehrer bleibt in den drei Welten nichts unerreichbar.
Worterklärungen: samasta – Gesamtheit; durlabha – unerreichbar.
II.6.73 iha loke sukhaṃ sarvaṃ devīgaṇamathā'nyataḥ |
goptavyaṃ tat prayatnena yasmai kasmai na vinyaset || 73 ||
Übersetzung: In dieser Welt erlangt er umfassendes Glück, in der anderen die Gemeinschaft der Göttinnen. Dies ist sorgfältig zu bewahren und nicht unterschiedslos jedem mitzuteilen.
Worterklärungen: devīgaṇa – Göttinnenschar; goptavya – zu bewahren; yasmai kasmai – jedem Beliebigen.
|| iti dvitīye muṇḍamālātantre ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ || 6 ||
Hier endet Kapitel 6 des zweiten Mundamala Tantra.
samāptaścāyaṃ granthaḥ
Mundamala Tantra – flüssige deutsche Lesefassung
Beide Werke folgen hier nochmals auf Deutsch in fortlaufenden Absätzen. Die Versnummern dienen der Zuordnung. Satzverbindungen über Versgrenzen hinweg werden zusammen gelesen; Hinweise auf beschädigte Stellen bleiben erhalten, damit keine erfundene Aussage den überlieferten Sinn ersetzt.
Text I
Kapitel 1
(1) Auf dem schönen Gipfel des Kailasa, den Gandharvas besuchen, fragte die Bergestochter, an Haras Brust ruhend.
(2–5) Die Göttin sprach: Gott der Götter, Mahadeva, Urheber von Schöpfung, Erhaltung und Ende! Blaukehliger, Weltenherr, Herr, Shankara, Hara! Verehrung dir, Weltenherr, mein Herr, Herr der Unsterblichen, der sich ganz der Rettung Zufluchtsuchender, Elender und Leidender widmet! Träger von allem, selbst ohne Stütze, Stütze und Erdenträger, Träger der Veden und Wissensträger, Gangaträger: Verehrung dir! Ich habe das höchste Tantra gehört, Essenz der Essenz, höher als das Höchste; wer es hört, gelangt rasch in die leidfreie Welt Shivas.
(6–9) Im Kali-Tantra, in der Kubjika, im Kalivilasa, im Damara, Yamala, Kalisarvasva und Yoni-Tantra, im Sammohana, Vikrama, Kularnava-Tantra, Matrikabheda-Tantra und Samayachara-Tantra, im Vira-Tantra, Todala, Bhairava-Tantra, Jnana-Tantra und Nirvana habe ich mit höchster Achtung davon gehört. Nun möchte ich das höchste, geheimste Geheimnis hören, die innerste Essenz, welche alle Verkörperten läutert: Durch ihr Hören erlangt das Lebewesen zweifellos Shiva-Sein.
(10–13) Shiva sprach: Gesegnet bist du, deinem Gatten ergeben, mir dem Leben gleich, Shankari. Früher sagte ich es dir nicht wegen der Frauen zugeschriebenen Unbeständigkeit. Jetzt, da ich deine Beständigkeit kenne, spreche ich zu dir, Geliebte: Es gibt ein Mundamala-Tantra, eine höchste Grundlage der Verwirklichung. Wer es erkennt, wird schon in diesem Leben Shiva und wandelt so auf Erden. Dieser anziehende König der Tantras ist streng geheim, große Herrin. Von Kopf zu Kopf wurde es gelehrt, durch die Schädelgirlande verkündet. Höre das Geheimnis, Schöne! Was möchtest du wissen, Bergestochter?
(14) Parvati sprach: Gott der Götter, Weltenherr! Erkläre Lebensführung, Läuterung der inneren Haltung und verbindliche Praxis der drei Gruppen, durch die Durga gnädig wird.
(15–18) Shiva sprach: Wie Kali, so Tara und Tripurasundari; ebenso Bhairavi, die hier undeutlich bezeichnete Vidya, Chinna und Bagalamukhi. Ebenso Dhuma, Bhima, Annapurna, Durga, Kamalatmika, Matangi, Dhanada und Parnavati, die alle Ziele verwirklicht. Die verschiedenen Göttinnen, großen und untergeordneten Vidyas, wurden einzeln in verschiedenen Tantras gelehrt, schöne Gefährtin Shivas. Auch vielfältige rechte und nichtrechte Lebensweisen wurden gelehrt. Das große Mundamala-Tantra ist für alle ein Mittel zur Erkenntnis.
(19–22) Eine ist Durga, große Herrin, einer ist der Gott Sadashiva. Ich bin der eine Gott Shiva; ein anderer Gott besteht keineswegs unabhängig davon. Sie, Bhavani, ist meine Gefährtin. Diese Erkenntnis soll man stets gewinnen; dann entstehen Vollendung und unerschütterliche Hingabe. Ohne Erkenntnis erkenne ich auf Erden die höchste Wirklichkeit nicht. Daher soll jeder Verständige die höchste Erkenntnis pflegen. Höre, Herrin, die schwer zugängliche Grundlage meiner Praxis; die noch höhere, höchste Praxis ist schwer erreichbar.
(23–27) Sie stiftet umfassenden Frieden, nimmt alles Leid, lässt sämtliche Krankheiten schwinden und läutert jede Praxis, so wird ihre Wirkung gepriesen. Selbst für Brahma und andere ist sie schwer erreichbar. Wer auf Erden ein Shakta ist, der ist Shiva: daran besteht kein Zweifel. Allein durch die Erkenntnis dieser Göttinnen wird man zu Lebzeiten frei. Der Übende wiederhole den Mantra auf Erden mit immer erneuerter Hingabe. Der zu Lebzeiten Befreite ist stets frei und in allem Handeln kundig. Wer dagegen Genuss und Befreiung bei anderen Lehren sucht, der gleicht jemandem, der durch geträumten Reichtum reich werden wollte, oder jemandem, der irrtümlich Silber in einer Muschel sieht, Parvati.
(28–31) So steht es mit dem Wunsch, Genuss und Befreiung durch andere Anschauungen zu gewinnen. Ohne Durga habe ich keine Erkenntnis, ohne Durga keine Freude. Ohne Durga gibt es keine Erlösung: Wahrlich, wahrlich sage ich es. Der folgende Halbvers über reine Hingabe und höchste Handlung ist in dieser Lesung nicht sicher verständlich. Der höchste Verehrer der Shakti stützt sich auf zwei Kräfte. Ihr Anfang ist schwer erkennbar; ihre Mitte ist mit den fünf geschmückt. Der Schluss wird in Verbindung mit Kula beschrieben; die Wortfolge ist undeutlich. Wahrhaftiges, Heilsames weiß ich und verkünde es erneut, Schönangesichtige.
(32–35) Welcher Gelehrte überquert das Dasein ohne Erkenntnis Durgas? Wer erkennt die höchste Wirklichkeit, wer den umfassenden Zustand? Wer kennt den Bhairava-Weg? Wer ihn kennt, ist wahrhaft kundig, ein Kula-Angehöriger, ein Held und mit dem fünften Bestandteil ausgestattet. Wer, Weltenmutter und siegbringende Weltenherrin, in innerer Mitte Parvatis Wirklichkeit erkennt, erhält keinen neuen Körper mehr. Zuerst verehre man den Guru, dann vollziehe man die höchste Praxis. Wer sich der wirkenden Kraft widmet, erlangt Anteil an allem.
(36–39) Durga und ich haben keinen Ursprung, Weltenmutter. Andere Wesen im Himmel und auf Erden haben einen. Darum sage ich immer wieder die Wahrheit: Wer Sein und Nichtsein umfasst, gelangt zur leidfreien Befreiung. Ich kenne alles, wonach du gefragt hast, Shankari. Bekannt ist die höchste Vidya: die schrecklich angesichtige, heilvolle Göttin. Von ihrem Wirken und dem ihrer Übenden berichte ich; solches Wirken ist in der Welt selten anzutreffen.
(40–43) Der eine Guru ist unmittelbar Shiva; der Guru verwirklicht alle Ziele. Der Guru ist die höchste Wirklichkeit, die ganze Welt ist von Guru erfüllt. Was nützen Millionen vorbereitender Mantraübungen ohne die Gnade des Gurus? Ohne Guru-Verehrung gelingt die Vollendung auf Erden nicht. Wer seine erwählte Gottheit verehrt, ohne den Guru zu verehren, dessen Mantra entzieht Bhairava selbst die Leuchtkraft. Man vergegenwärtige sich geistig die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra: Dann wird der Mantra wirksam. Offenlegung hingegen bringt Verlust.
(44) Parvati fragte: Wie entsteht dieses Einheitswissen? Der Guru hat Menschengestalt, die Gottheit erscheint in der Meditation, Mantras bestehen aus Lauten. Wie sind sie eins, Shiva?
(45–48) Shiva sprach: Gesegnet bist du, Parvati, mir lebensgleich und deinem Gatten ergeben. Ihre Einheit beruht auf gemeinsamer Art, Natur und Herkunft. In ihrer meditativen Verbindung besteht eine einzige Praxis: Aus dem Guru entsteht der Mantra, aus dem Mantra die göttliche Gestalt, Schöne. Darum ist der Guru gleichsam der Großvater der Gottheit. Indem man sich ihrem Vater und dem Vater ihres Vaters zuwendet, wird auch das aus ihnen Entstandene erfreut; im umgekehrten Fall geschieht das Gegenteil. Der Guru erschafft, löst auf und bewahrt auf Erden.
(49–52) Schon durch Zufriedenheit des Gurus werden alle Gottheiten erfreut. Ist der Guru zufrieden, ist Shiva zufrieden; zürnt er, zürnt der Dreiäugige. Ist der Guru zufrieden, ist die Göttin zufrieden; zürnt er, zürnt die Schöne. Darum ist der Guru für die Überquerung des Daseinsozeans entscheidend. Der Guru erschafft, bewahrt, löst auf und schenkt Befreiung. Das Lebewesen ist Shiva, Shiva ist Gott; das lebendige Wesen ist letztlich allein Shiva. Durch Fesseln gebunden heißt es Jiva; von Fesseln frei ist es Sadashiva. Man verneige sich vor den Lotosfüßen des Gurus und meditiere über seine Sandalen.
(53–56) Wer die höchste Wirklichkeit erkennt und Kula-Chandika verehrt, hat sein Ziel erreicht: Er ist gesegnet, dankbar und weise. Er erkennt zweifellos sein eigenes Wesen, große Göttin. Wenn der Guru sorgsam meditiert, erinnert, verehrt oder ehrfürchtig gegrüßt wird, wissentlich oder unwissentlich, schenkt er bei der Verehrung Befreiung. Für das aus Bewusstsein bestehende, zweitlose, ungeteilte, körperlose Brahman wird eine Gestalt vorgestellt, damit die Verehrer ihre Praxis vollziehen können. Die höchste Göttin trägt alle Gottheiten in sich.
(57–60) Man meditiere über die Göttin als Gestalt des höchsten Brahman: ewig, makellos, ohne tragenden Grund und ohne äußere Zuflucht. Das Wort ajñānām am Anfang ist unsicher. Sie trägt alles, ohne selbst getragen zu werden; sie ist siegreich und schenkt Sieg. Mahamaya gilt in zweifacher Weise: mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften. Mit Maya verbunden heißt sie eigenschaftshaft, frei davon eigenschaftslos. Ist die Göttin eigenschaftshaft, ist auch Sadashiva eigenschaftshaft. Bist du eigenschaftslos, Mahamaya, bin auch ich eigenschaftslos, ohne Zweifel. Du bist die eigenschaftslose Shakti, und ich bin eigenschaftslos.
(61–62) Wer die Göttin mit Eigenschaften verehrt, gelangt bald selbst über die Eigenschaften hinaus: zum höchsten Brahman, das jenseits der Gunas, wunschlos und ohne Farbe ist. Eben diese höchste Vidya nimmt Gestalten wie Kali an. Zum Wohl der Übenden und aus Gnade für die Shaktas erscheint die höchste Vidya mit Eigenschaften.
Kapitel 2
(1) Einst fragte die Göttin Parvati, die heilvolle Göttin mit furchtbarem Angesicht, lachend als höchste Kalika.
(2–4) Parvati sprach: Mahadeva, großer Herr, Sadashiva! Ich möchte dich etwas fragen; erkläre es gnädig, erhabener Herr. Ohne Vyana, Atemanhalten, Pranayama und Kulluka, ohne Japa, Askese, Konzentration, Setu und Handritus ohne Hamsa, Pinda, innere Haltung und Zustand: Wie entsteht da Vollendung? Sage es, Herr und Weltlehrer!
(5–8) Shiva sprach: Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras sollen Japa und Verehrung unter dem Einfluss des linken Zusammenhangs vollziehen. Die Bedeutung von vāmarāśi ist hier nicht eindeutig. Unter den Shaktas gelten nicht nur Brahmanen, sondern auch Kshatriyas, Vaishyas und sämtliche Shudras als Brahmanen, Chandika. Diese Brahmanen sind Shankara, der Dreiäugige mit dem Mond als Haarschmuck. Mit roten Blumen verehre man die Weltenmutter, Haras Geliebte. Mit der Vajra-Blüte verehre man hingebungsvoll die Herrin der drei Welten, Durga, die Befreiung gewährt.
(9–12) Der großen Göttin soll die Blüte dargebracht werden, die im Liebestempel einer Ranke ohne Verbindung mit Hara entstanden ist. Die Bildsprache bezeichnet hier wahrscheinlich Menstrualblut einer Frau ohne Geschlechtsverkehr. Diese selbstentstandene Blüte heißt auch rotes Sandelholz; daneben werden Dreizack-Blüte und Vajra-Blüte genannt, Schönangesichtige. Als Ersatz wird rötliches, Hara wohlgefälliges Sandelholz genannt. Manchmal erlangt jemand Befreiung, manchmal nur Genuss. Dem Verehrer dieser Göttin liegen hingegen Genuss und Befreiung in der Hand. Ein Yogi ist sonst kein Genießender, ein Genießender besitzt sonst keinen Yoga.
(13–16) Der Kaula-Weg umfasst Yoga und Genuss; deshalb soll man ihn üben. Die anschließende Wortfolge über Yogi und Genießenden ist beschädigt und nicht eindeutig übersetzbar. Auch die Fortsetzung über Yoga und Genuss ist widersprüchlich überliefert. Wer töricht ohne Hingabe an Shiva umherläuft, wird selbst in unzähligen Weltaltern weder Yogi noch wahrhaft Genießender. Durch Vergegenwärtigung Rudras wird man Rudra, durch Vergegenwärtigung Vishnus Vishnu. Durch Vergegenwärtigung Durgas wird man zweifellos Durga. Wie Shiva, so Durga; diejenige, die Durga ist, ist Shiva selbst.
(17–20) Wer hier eine Trennung macht, ist ein Mensch von verwirrtem Verständnis. Man vergegenwärtige sich die Einheit von Vishnu, Shiva und den anderen Gottheiten. Dem Trennenden droht der Text die Raurava-Hölle an. Keine Verehrung und keine Frucht gleicht derjenigen Durgas. Keine Erkenntnis und keine Askese gleicht derjenigen Durgas. Wo Durgas Wirken gegenwärtig ist, dort steht der Tempel des Kailasa. Dies ist wahr, wahr, wahr, Schönangesichtige: Im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt ist mir niemand lieber als ein Shakta.
(21–24) Verehrer der Sonne, Ganeshas und Vishnus werden in einer aufsteigenden Reihe genannt, an deren Ende die Shaktas stehen, Geliebte. Höre, Göttin: Niemand gilt hier als höher als ein Shakta. Er ist unmittelbar Shankara und hat Anteil am Wesen des höchsten Brahman. Wer Kali, Tara, Tripurasundari, Shodashi, Matangi, Chinna und Bagalamukhi verehrt, der ist zweifellos Shiva, große Herrin. Der höchste Zustand der Shaktas ist ein tiefes Geheimnis.
(25–28) Wer ihn auf Erden erkennt, ist zweifellos Shiva. Wer freudig und beständig die selbst von Brahma verehrten Lotosfüße verehrt, gelangt bald in die Stätte der Befreiung. Eine ist die Vidya als Prakriti, einer ist der Purusha Shiva. Ich bin einer; auch das Vishnu-Sein verkündet Einheit. Wer Durga, Haras Geliebte, mit dieser Einsicht im Geist verehrt, der verehre sie mit Yantra und Blumen. Er nehme die Krähenmundhaltung ein und übe reinigendes Pranayama; kākakañcu ist vermutlich eine beschädigte Bezeichnung der Schnabelmundhaltung.
(29–33) Atemanhalten, Einsetzen der Buchstabenmütter und wiederholtes Pranayama werden genannt. Pranayama wird in eine niedrige, mittlere und höchste Stufe unterteilt. Auf der unteren Stufe soll Schweiß entstehen, auf der mittleren Körperzittern, auf der höchsten das Verlassen des Bodens: So beschreibt der Text die Stufen. Die Lebenswinde heißen Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana; ferner Naga, Kurma, Krikara, Devadatta und Dhananjaya. Durch Pranayama gelangen sie alle zu tiefer Ruhe. Mit Hibiskus, Drona-Blüten und schönen Oleanderblüten, mit dunkler Aparajita, Vajra- und Muni-Blüten verehre man die höchste Herrin Chandika in großer Hingabe.
(34–37) Vor Kali mit furchtbarem Angesicht und Schädelgirlande verneige man sich hingebungsvoll und verehre sie als Haras Geliebte. Nach Norden ausgerichtet, reich geschmückt, in rotem Gewand, mit roten Girlanden und roter Salbung vergegenwärtige sich der hervorragende Übende schrittweise: »Ich bin Das.« Auf dem Sitz des Herrn verweilend, richte er sich auf Durga. Der Übende sitzt auf einem Leichnam am Verbrennungsplatz und wiederholt in innerer Mitte den geheimen großen Mantra; als Frucht wird das Wohnen im Kailasa-Tempel genannt.
(38–42) »Ich bin Shiva, sie ist die Göttin« sei die beständige innere Vergegenwärtigung. Dann meditiere man freudig Kundalini; die vorhergehende Wendung ādyā mādyām ist undeutlich. Man verehre auch die rettende Vidya, Durga, die Befreierin, mit wirkender Kraft als schöne Brahma-Vidya. Im Sahasrara meditiere man Mahadeva, den blaukehligen Sadashiva, mit Shakti vereint, den selbst Brahma und andere geheim verehren. Dieses seltene Tantra, sein Mantra, Yantra und sein Wort höchster Befreiung sollen vor Heuchlern und der Bedrängnis durch Unverständige verborgen werden wie die eigene Yoni, Parvati. Bei Tag und Nacht wiederhole man den höchsten Mantra.
(43–46) Durch Japa werde man ein großer Wissender und erlange die Herrschaft über die Scharen. »Ich selbst bin Shiva, Brahman; ich bin Shiva, ich bin Bhairava. Ich bin Bhairava, ich bin Bhairava; meine Gefährtin ist Bhairavi.« Wer diese Erkenntnis im Geist gewinnt, wird zu einem hervorragenden Übenden auf Erden. Mit solcher höchsten, ewigen, unveränderlichen und herzerfreuenden Erkenntnis soll das Lebewesen stets auf Erden wandeln. Mit Fußwasser, Ehrenwasser, Mundspülwasser und weiteren Gaben verehre man die höchste Herrin. Ein solcher Mensch gilt als immer glückselig und als Verwirklicher aller Dharma-Ziele.
(47–50) Wer sich in Hingabe und tätiger Verehrung vor Kalika verneigt, erlangt als Lebewesen Shiva-Sein: Wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel. Wo bleiben dann Yama, Askese, Vishnu und der das Handeln störende Kali? Alles geistige Leid soll im Licht der beständig vergegenwärtigten Wahrheit gesehen werden; die erste Aufzählung ist textlich auffällig. Nach dieser Ordnung wiederhole der Verständige den Mantra und meditiere. Bald erlangt ein solcher Mensch Shiva-Sein. Die Praxis soll beständig vollzogen werden. Durch tätige Übung erlangt man höchste Vollendung und stetige Reinheit; darum soll man sie nicht aufgeben.
(51–54) Vollendung auf dem Leichenplatz, Losgelöstheit und Vollendung der Leichenpraxis entstehen allein durch Durgas Gnade, heißt es hier. Der Mensch göttlicher Haltung gleicht meist einem Gott; der heroische besitzt einen kühnen Geist. Auch die gebundene Haltung wird als rein auf Erden beschrieben; der Satz ist verkürzt. Als Kali dies hörte, lachte sie. Nackt und von göttlicher Gestalt sprach sie zum dreiäugigen Gott; die dazwischenstehenden Beinamen sind nicht eindeutig gegliedert. Das von dir erklärte Geheimnis habe ich mit höchster Achtung gehört, Herr. Nun möchte ich noch das streng verborgene Geheimnis hören.
(55) Die göttliche Haltung ist selten, der Vira durchbricht Kastenbindungen; in der gebundenen Haltung wohnt Durga nicht, so hörte ich im Vira-Tantra. Nun möchte ich das Brahman-Wort hören, Sadashiva. durā ist vermutlich eine beschädigte Lesung für Durga.
(56–59) Shiva sprach: Du hast Bhairava-Tantra, Yoni-Tantra, Kularnava, Kulachara, Guptasadhana und Guru-Tantra gehört, ferner Nirvana, Samayachara, Vira-Tantra, Damara und weitere hier nicht sicher lesbare Titel sowie Kalivilasa. Siebzig Millionen große Schriften gingen aus meinem Mund hervor: das Brahma-Yamala und das Vishnu-Yamala, das Shiva-Yamala, Mitra-Yamala und Shakti-Yamala wurden erklärt und von dir gehört, Durga.
(60–64) Dennoch besteht in dir noch ein Knoten des Herzens, höchste Herrin. Das Tantra wurde früher gut erklärt und von dir gehört, ebenso die Geheimzeichen, Samayachara, das Tantra der Geheimzeichen und die ausführliche Lehre namens Kula-Sanketa. Auch die Praxis auf dem Leichenplatz und die Leichenpraxis habe ich dir in ihren verschiedenen Haltungen und Ausprägungen erklärt. Doch höre nun eines in Kürze, Schöne: Fisch, Fleisch, Wein, Mudra und sexuelle Vereinigung sind die von der inneren Haltung bestimmte Praxis der göttlichen und heroischen Übenden. Ein Brahmane soll hingegen keinen Wein trinken und nicht stets die Mudra-Gabe essen.
(65–68) Sexuelle Verbindung mit nicht zugänglichen beziehungsweise verbotenen Partnerinnen soll nicht vollzogen werden; sie zerstört Vollendung. Der Avadhuta ist unmittelbar Shiva, Sadashiva. Die Avadhuti ist die Göttin Shiva. Der Avadhuta-Lebensstand ist groß; der Avadhuta wird zweifach beschrieben, als Haushalter und als dem Heilsamen Folgender. Bekleidet oder nackt, mit regelgemäßer sexueller Lebensführung, mit Ehefrau oder stets frei verweilend: Die genaue Zuordnung dieser Merkmale ist in der überlieferten Wortfolge unsicher. Die erste Form ist der Haushalter-Avadhuta, die zweite Sadashiva. Im Kali-Zeitalter wird Wein hier ausdrücklich nicht als Mittel der Verwirklichung bezeichnet.
(69–72) Die Haushalterform soll allgemein geübt werden, Himmelsgewandete. Deshalb richte man eine gemischte Lebens- und Ritualweise ein. Wer Kalika mit einer solchen gemischten Praxis verehrt, erfreut die Weltenmutter, die den Weg zur Befreiung eröffnet. Genuss liegt dann in seiner Hand, ebenso Befreiung. Was könnte durch die Gnade des Göttinnenmantras auf Erden nicht gelingen? Für Götter, Asuras und Kinnaras sind die Lotosfüße Tarinis Zuflucht; sie schenken Befreiung, Parvati.
(73–76) Mit Hibiskus, Aparajita, Drona, nichtweißen Oleanderblüten, Düften, Bilva-Blättern und verschiedenen Speisegaben vollziehe man diese Ordnung, die zur Vollendung der Handlung führt. So entsteht der vollendete, zu Lebzeiten befreite Sadashiva. Kokoswasser und frisches Wasser dienen allen Zielen. Mit einem Bronzegefäß, Zucker und der linken Hand wird eine Ersatzvorstellung der Ritualsubstanz beschrieben; die genaue Konstruktion ist undeutlich. Damit wird die Verehrung mit dem als Wein geltenden Ersatz vollzogen, Bergestochter. Brahmanin, Kshatriya-, Vaishya- und Shudra-Frau sowie die Allheilvolle werden genannt.
(77–80) Weiß, rot, gelb und schwarz heißen die günstigen Farben. Weiß wird der Brahmanen-, Rot der Kshatriya-Zuordnung beigegeben, Gelb der Vaishya-, Schwarz der Shudra-Zuordnung. Von saṃvid und Wein gilt saṃvid als höher; hier kann der Ausdruck neben Bewusstsein auch eine rituelle berauschende Zubereitung bezeichnen. Auch andere Ersatzmittel werden genannt; reinen Wein soll man nicht darbringen. Schon durch Trinken von saṃvid gilt jemand als Vira und als Weintrinker. Was in bloßen Wortgeflecht-Schriften als verboten bezeichnet wird, ist nicht maßgeblich, sagt der Text; maßgeblich sei die tantrische Aussage.
(81–82) Die Göttin erschafft, die Göttin löst auf, die Göttin schenkt Heil. »Diese Gefährtin ist die Göttin, ich bin Shiva«, du Shiva-Liebende. Sie wird von Sadashiva und Shiva verehrt und schenkt Shivas Glückseligkeit. Freude an der Shakti und Shivas Freude werden eins; so wird der Mensch Bhava gleich. Wer die Wirklichkeit der drei Haltungen kennt, vergegenwärtige dies.
Kapitel 3

(1) Parvati sprach mit höchster Hingabe zu dem dreiäugigen, mondgeschmückten Gott auf dem Kailasa-Gipfel: Herr, ich möchte von den vielfältig überlieferten Tantras hören.
(2–5) Parvati sprach: Gott der Götter, Mahadeva, Retter aus dem Ozean des Daseins! Verehrung dir, blaukehliger, dreiäugiger Herr! Verehrung dem Herrn Parvatis, dem Herrn der zehn Vidyas! Gangaträger, Weltenherr, Herr, Shankara, Hara! Du trägst die ganze Welt, selbst ungetragen und wunschlos, ohne Samenursprung, Erscheinung des Eigenschaftslosen und Beender des Eigenschaftshaften, Herr! Verehrung dir, Grund und Herr des Sieges, dessen Wesen Sieg ist, Freude und Zufriedenheit Vijayas, lebensgeliebter Gefährte Vijayas!
(6) Weltenherr, von der Welt Verehrter, Herr des Sieges und des Alls! Sei gnädig, Shankara, sei erfreut!
(7–10) Shiva sprach: Es gibt siebzig Millionen große Vidyas und ebenso untergeordnete Vidyas; unter den Millionen Mantras Vishnus und Shivas sind die Shudras zu denjenigen berechtigt, die weder Svaha noch Om enthalten. Durgas Weg ist für alle schwer erreichbar, große Herrin, für hingebungsvolle Shaktas jedoch überaus leicht zugänglich, Geliebte. Keine Gottheit und kein Glück ist höher als dies. Keine Vidya und kein Zustand ist höher. Höre, Göttin, das Höchste des Höchsten, Geliebte.
(11–12) Wenn der Übende sich auf den rechten und linken Weg stützt und die höchste Vidya vergegenwärtigt, ist er zweifellos Umas Herr. Höre, Chandika, Schöne mit furchtbarem Angesicht, Himmelsgewandete! Beständig werde ich dich hingebungsvoll preisen. Verehrung dir, Weltenmutter!
(13–16) Shiva sprach: Du mit schrecklichen Hauern und furchtbarem Angesicht, die Wein-, Fleisch- und Opfergaben liebt, Vernichterin Chandas und Mundas, mit der Schädelgirlande Geschmückte! Verehrung dir, Mahamaya, Durga, Büffelreitende! Verehrung dir, Geliebte des Weltenherrn, Allheilvolle! Die Büffelzuordnung steht so in dieser Lesung. Ich erkläre nun die höchste Wirklichkeit, Essenz der Essenz, höher als das Höchste. Höre aufmerksam und nimm sie auf, Göttin und Weltenmutter. Die Lehre von Yoni-Mudra habe ich zuvor erklärt: Die Yoni ist das mit den Eigenschaften verbundene Dreieck und der höchste Ursprung.
(17–20) Wer sich ihr im Bewusstsein der Göttin verbindet, wird zweifellos von Shiva-Gestalt. Mit Hülse heißt Reis vrīhi; ohne Hülse heißt er taṇḍula. Durch Karma gebunden heißt das Wesen Jiva; vom Karma befreit ist es Sadashiva. Das schmerzliche Erleben der Karmafolgen ist die größte Krankheit der Lebewesen. Darum verehre man Tara, die Weltenmutter, mit Hingabe. Mit verfilztem Haar, Asche und Tigerfell wird der Übende als höchst reinigend beschrieben. Wer auf Erden unablässig Japa übt, ist ein hervorragender Übender, gesegnet, dichterisch begabt und heldenhaft; die Schlusszuordnung von göttlicher und gebundener Haltung ist undeutlich.
(21–24) Reinheit der Haltung, Erkenntnis und höchste Reinheit gehören zusammen; ebenso Reinheit des Scheiterhaufens, des Kultsitzes und der Meditation. citā kann nicht ohne Textänderung als »Geist« gelesen werden. Man erkenne die höchste Wirklichkeit: Erkenntnis ist das einzigartige Mittel zur Befreiung. Durch höchste Einsicht erlangt das Lebewesen Shiva-Sein. Wer im schönen Sahasrara das Verweilen der Weltenmutter und ihre Vereinigung mit Sadashiva vollzieht, ist weise. Freudig erkläre ich die Anschauung der Wissenden: Erkenntnis und Nichterkenntnis umfassend soll man stets auf Erden wandeln.
(25–28) Links liegt die Nadi Ida; in ihr befindet sich der Mond. Rechts liegt Pingala; in ihr befindet sich die Sonne. In der Mitte liegt Sushumna, in ihr die schöne Brahmanadi. Wer den mittleren Raum erschließt, wird zum Überwinder des Todes. Wenn man den Atem in der Mitte Chitrinis durch Füllen und Leeren bewegt, auch durch die linke Nasenöffnung, gilt dies als wahrhaft wirksame Praxis, Götterherrin; der Satzanschluss ist verkürzt. Weitere Nadis werden rechts als Dakshina, Vama, Virama und Asitasita, links als Kapala, Vijihva und Shulakarini genannt. Ihre genaue Zuordnung ist textlich nicht völlig klar.
(29–32) Es folgen Kankala und Nishkalanka, links und rechts der Reihe nach. Man durchdringt nacheinander die Chakras bis zu dem selbst Yogameistern schwer erreichbaren Bereich. Im inneren Himmelsraum liegt das schöne tausendblättrige Lotoszentrum. Dort ist die herrliche Stadt Kalis, die alle Laute beziehungsweise Farben umfasst, Geliebte. Mit Geist, Einsicht und Körper vergegenwärtige man dort Chandika; in dieser Meditation vollziehe man Japa und Verehrung. Wer auf diese Weise beständig und freudig meditiert, erlangt Vollendung und unwandelbare Befreiung.
(34–38) Weder Meditation, äußere Verehrung noch Lobpreis ist selbst die letzte Wirklichkeit. Man verehre die Weltenmutter mit Blumen, die im Geist entstehen. Ob in Kamarupa, im Haus eines Brahmanen oder eines historisch ausgegrenzten Menschen, in Gangadvara oder Prayaga: Die läuternde Befreiung wird über den Ort hinausgehend beschrieben; der Versschluss ist undeutlich. Wo immer ein Wissender stirbt, dort erlangt er Befreiung. Heilige Frucht und Verdienst entstehen aus dem Erinnern Durgas. Was könnte allein durch Erinnerung an Durga auf Erden nicht gelingen? Ob jemand Shiva, Vishnu oder Shakti verehrt, Bergestochter – verehrt, erinnert und preist er Durga, Shivas Geliebte, wird er augenblicklich von den Fesseln des Daseins frei.
(39–42) Wie etwas aus Milch Herausgenommenes, wieder hineingegeben, nicht zum früheren Zustand zurückkehrt, so wird der Atman als von den Eigenschaften geschieden beschrieben. Die ausdrücklich markierte Textlücke lässt das Vergleichsobjekt offen. Wie mit Milch vermischtes Wasser als Milch erscheint, so besteht letztlich kein Unterschied zwischen individuellem und höchstem Selbst. Wie sich Mond und Sonne in wassergefüllten Krügen spiegeln und ihre Spiegelbilder mit dem Zerbrechen der Krüge im Wasser verschwinden, so wird das Selbst, der höchste Shiva, weder geboren noch stirbt es. Durch Selbsterkenntnis wird die Überquerung des Daseinsozeans möglich.
(43–47) So überquert das Lebewesen den Ozean und erlangt Shiva-Sein, Chandika. Der Schluss nennt durch Verehrung von Parvatis beiden Füßen auch das Werden zu einem Kinnara; dieser Anschluss ist auffällig. Sollten Himmel, Genuss und Befreiung den Shaktas nicht offenstehen? Über die verächtlichen Menschen, die Shaktas schmähen, heißt es weiter: die Bhairava-Scharen tränken ihr Blut; Bhairavas und Bhairavis würden diese Niedrigen stets heimsuchen. Dies ist die Drohrhetorik des Textes. Die vielen Bluttrinkenden trinken ihr Wundblut. Wer Shaktas verletzt, anschreit und mit Geschwätz schmäht, dem schlägt Shivas Geliebte, so die Drohung, das Haupt ab. Niemand wird im Himmel, auf Erden oder in der Unterwelt über die Shaktas gestellt.
(48–51) Der Shakta ist als Shankara zu erkennen, dreiäugig und mondgeschmückt. Selbst zum Gangaträger geworden, wandelt er auf Erden. Keine Schrift gleicht dem Tantra, kein Verehrer übertrifft Keshava; kein wissender Yogi übertrifft Shankara, keine Gottheit Durga. Der dritte Halbvers ist grammatisch verkürzt. Der Vers enthält Angaben zu rechter Seite, Brust, Außen und Unten, ferner Bewegung, Tod und Befreiung. Seine Lesung ist so beschädigt, dass eine zusammenhängende Übersetzung nicht verantwortbar ist. Durgas Mantraschar hast du in verschiedenen Tantras gehört. Die anschließende doppelte Verneinung über weitere Mantras ist nicht eindeutig: gemeint sein könnte, dass noch eine besondere Formel unerklärt blieb.
(52–56) »Durga, Durga, Durga«: Durgas Name ist ein höchster Mantra. Wer ihn beständig verehrt, ist als Mensch schon zu Lebzeiten befreit, Chandika. Bei großen unheilvollen Ereignissen, Schrecken, schwerem Unglück und Bedrängnis, bei großem Leid, Trauer und aufsteigender Furcht wer Durga stets erinnert und den höchsten Mantra wiederholt, erlangt in der Menschenwelt das Sein des Blaukehligen. Das Lebewesen ist Shiva, die Shakti ist die schöne Göttin, Shivas Freude. Auf diese Haltung gestützt, verbunden mit tätiger Hingabe wo bleiben da Leid, Furcht und Hölle, wo Kali und die Zeit? Die ganze Gestalt ist von Wahrheit erfüllt.
(57–60) Das Wirken Kalis, Taras, Tripuras, Bhairavis und Bhuvaneshvaris schenkt Befreiung, Schöne. Durch diese Haltung gelangt man zur Lagerstatt der Befreiung, die aus Erkenntnis besteht, stets Zufriedenheit schenkt und Leid vernichtet. Japa gilt Parvati, Verehrung ihren Füßen, Zuflucht der Göttin Parvati. Ihre Füße beenden das gebundene Dasein. Sie heißt Kali, weil sie die Zeit beherrscht und furchtbare Feinde vernichtet. Wer ihre Füße verehrt, wird gewiss ein Kind der Göttin.
(61–65) Die verschiedenen Lebens- und Ritualweisen wurden zuvor erklärt. Höre nun die Darstellung der geistigen Verehrung, Shankari. Im Herzenslotos vergegenwärtige man Durga, die Göttin, die Not vernichtet: furchtbar, mit schrecklichen Hauern, mit einer Schädelgirlande geschmückt, auf einem Leichnam stehend, auf dem Verbrennungsplatz, rettend, unbekleidet, halb lächelnd, mit bewegter Zunge, dunkel wie eine Wolke und Gaben schenkend. Wer Bhavani beständig erinnert, ist zuletzt Parvatis Herr. Im Sahasrara steht das Linga, strahlend wie geschmolzenes Gold, manchmal weiß, manchmal schwarz, gelb oder blau, manchmal aus Lauten bestehend und mit Vokalen geschmückt.
(66–67) Dieses Linga steht inmitten des Lotos, lichtförmig, jenseits des Denkens, mit dem Lebensprinzip und Weiterem geschmückt, auf dem Lotoszentrum. Dann verneige man sich hingebungsvoll vor Sadashiva. So erlangt man Vollendung, sonst nicht in Millionen Weltaltern. Was bedarf es vieler Worte? Durch Hingabe an den Guru gelingt es.
Kapitel 4
(1) Die Göttin sprach: Erhabener, Herr der Yogis, Freund der Hingebungsvollen! Ich frage nach der höchsten Wirklichkeit, Gott der Götter, Sadashiva.
(2–5) Shiva sprach: Höre von Durgas Wirken, Weltenmutter. Eine ist Durga, die Weltenmutter, einer der höchste Shiva. Die Wesen, die meine Anteile sind, gehören zu Shiva; deine Anteile gehören zu Shakti. Das ist wahr, Bergestochter. Nach vielen Jahrtausenden wenden sich Shiva-Verehrer ganz Shakti zu; Shaktas gehören zu Shankara, welcher Familie sie auch entstammen. Ob Chandala, Brahmane, Shudra, Kshatriya oder Vaishya: Als Shaktas sind sie, Weltenmutter, niemals bloß Menschen.
(6–9) Nur mit den fleischlichen Augen sieht man sie als Menschen. Welcher Mensch auch immer mit oder ohne Vertrauen die Göttin erinnert, er überwindet hundert Bedrängnisse und erreicht das höchste Ziel. Wie Indra, Kubera und Varuna Übende sind, so auch der Durga ergebene Übende in der Welt. Wer Rudras Gemahlin mit oder ohne Hingabe erinnert, genießt Glück in dieser Welt und gelangt zu Shivas Wohnstatt. Himmel, Hölle und Befreiung liegen schon hier, Bergestochter.
(10–13) Hier in dieser Welt sei der Aufenthalt: Die ganze Welt besteht aus Shakti. Höre nun Durgas hundert Namen, Gefährtin Bhavas. Durga, Bhavani, Götterherrin, Geliebte des Weltenherrn, Heilvolle, mit furchtbaren Hauern und schrecklichem Angesicht, mit einer Schädelgirlande geschmückt. Rudrani, Retterin, Tara, Maheshi, Geliebte Bhavas, Narayani, Weltenmutter, Mahadevas Geliebte, Siegreiche. Vijaya, von Jaya Verehrte, Sharvani, Haras Geliebte, Dunkle, Kleinheit, Göttin, Leichtigkeit und Schwere.
(14–17) Maheshas Kraft, Allherrin, Gauri, Bergestochter, Ewige, Makellose, Wunschlose, ewig Neue. Rote, Rotgesichtige, Rede, mit Reichtum Verbundene, Reichtum Schenkende, Rama Liebende, Rama Zugewandte, Raghunathas Gabenspenderin. Herrin des Äußeren, dem Äußeren Zugewandte, Dunkle, Krishna Gaben Schenkende, Yashoda, Radhika, Chandi, Draupadi und Rukmini. Guha Liebende, Guha Zugewandte, in Guhas Geschlecht Spielende, Ganeshas Gebärerin, Mutter, Allgestaltige und Jahnavi.
(18–21) Ganga, Kali, Kashi, Bhairavi, Bhuvaneshvari, Makellose, Wohlriechende, Devaki und von Göttern Verehrte. Dakshas Tochter, Dakshina, Geschickte, Vernichterin von Dakshas Opfer, Tugendhafte, Schöne, Sanfte, Matangi und Kamalatmika. Vernichterin Nishumbhas, Shumbhas und Chandas, Zerstörerin Dhumralochanas und Bezwingerin des Büffeldämons. Uma, Gauri, Furchtbare, Liebende, Weltbezaubernde, Geliebte des Weltenherrn, Beenderin von Geburt und gebundenem Dasein.
(22–25) Schrecklich Angesichtige, mit bewegter Zunge, laut Lachende, Himmelsgewandete, Bharati, im Himmel Weilende, Genuss und Befreiung Schenkende. So sind die hundert Namen erklärt, Schöne. Allein durch Erinnerung an diese Namen wird man zweifellos zu Lebzeiten frei. Wer morgens aufsteht, Durgas beide Füße erinnert und diese Namen liest, wird von den Geburtsfesseln frei; daran soll man nicht zweifeln. Zur Zeit der Vollendung, tagsüber, nachts oder bei Nachtbeginn gewinnt man durch das Lesen der hundert Namen zuverlässig Mantra-Vollendung.
(26–29) Wer die zehn Vidyas empfängt, ohne diesen König der Lobgesänge zu kennen, erlangt dennoch keine Vollendung: Wahrlich, große Herrin. In Kamarupa, im Bereich des Begehrens und im Liebestempel der Gefährtin werde man ihr Geliebter und wandle so auf Erden. Die Gefährtin links neben sich, den Mund mit Betel gefüllt, verehre man stets Tarini, Schönangesichtige. In der Mitte der tiefen Nacht setze man die schönäugige Frau links und wiederhole ihren allen Verkörperten Vollendung schenkenden Mantra.
(30–33) Der Frau zugewandt betrachte man ihr Lotosgesicht und lache laut; dadurch wird Durga erfreut. Taras Zustand ist höchstes Brahman, höchste Wohnstatt, Ursache höchster Glückseligkeit, ewig glückselig, unveränderlich und wunschlos. Durch Meditation darüber erlangt man wahrhaft Befreiung. Wie Durga, so die Shakti-Gefährtin; wie diese, so die Göttin Shiva. Von Shiva-Hingabe erfüllt wandle man stets in Reinheit. Welcher Shakta auf Erden könnte ohne Kalis beide Füße sein?
(34–37) Ohne Shakti ist er unmittelbar ein Leichnam, mit Shakti Sadashiva. Auch Vishnu besteht in Verbindung mit Shakti; die letzte Wendung ist wiederholend überliefert. Erkenne den Shakti-Weg als Königsweg, Weltenmutter. Andere Verehrung, anderer Lobpreis und andere Vergegenwärtigung sollen hier unterbleiben. Auch andere Meditation, Yoga-Vollendung oder andere Mantras sollen die Kundigen nicht suchen. Allein Kalis Lotosfüße lösen die Daseinsbindung. Kein anderer Gott, kein Pilgerort, keine weitere Meditation oder Rede, keine Pilgerwanderung und keine zusätzliche yogische Konzentration sind hier nötig.
(38–41) Lobpreis ist Durga, Denken ist Durga, Bestand ist Durga und Sadashiva. Hunger, Schlaf, Mitgefühl, Verwirrung und Geduld sind Durga, aus der der Weg hervorgeht. Shakti ist Shiva, Shiva ist Shakti. Shakti ist Brahma, Vishnu, Sonne, Mond, Kubera und Varuna. Wer nicht erkennt, dass die ganze Welt Shakti-Gestalt ist, wird hier als verfehlt bezeichnet. Wer auf Erden das All als Shakti erkennt, der erkennt Kalika, die Weltenmutter. Er ist in sämtlichen Schriften kundig und allen lieb.
(42–46) Er erlangt Vollendung auf dem Leichenplatz, ohne Zweifel. Ein leeres Haus und ein Leichenplatz gelten den höchsten Kennern als gleichwertig. Wer dorthin geht, wird gewiss Weltenherr. Nachts am vierzehnten Mondtag oder bei Neumond, wiederhole er zehntausendmal; so wird er in allen Handlungen vollendet, Herr der Yogis, Kenner der inneren Haltung und standhaft. Er gilt als stets glückselig und in allen Aufgaben erfahren. Frühmorgens gehe der Kundige unter einen Pippala-Baum, und verehre mit höchster Hingabe, mit Fleisch und Blut sowie Bilva-Blättern oder Bilva-Blüten. Die zusätzlich überlieferte Form bolva ist unsicher.
(47–50) Beginnend am vierzehnten Mondtag wiederhole er hunderttausendmal; mit dem fünften Ritualbestandteil verehre er die Göttin unter dem Bilva-Baum bei Tag und Nacht. Dann gewinnt er Vollendung der Rede; selbst ein geringer Mensch wird zum Herrn der Sprache. Zwölf Sitze werden genannt; der Geheimzeichensitz gilt als vorzüglich. Genannt werden Bhadrapithasana, Padmasana, Siddhasana, Siddhasiddhasana, Devyasana und Kukkutasana, ferner der höchste Virasana, ein nicht näher bestimmter Sitz, Varadasana, der höchste Simhasana und der vorzügliche Leichenplatzsitz.
(51–54) Auch der Leichensitz, selbst für Götter schwer erreichbar, wird genannt: Auf ihm nehme man den höchsten, reich ausgestatteten Brahman-Sitz ein. Eine Frau links neben sich verehre man Bhavas Gemahlin mit wohlriechendem Räucherduft, Betelkauen und weiteren Gaben. Indem man Bhavani, die rettende Vidya, die schöne Brahma-Vidya preist, erlangt man augenblicklich Befreiung. Weltenmutter, Grund des Sieges, Weltenherrin, Verehrung dir! Furchtbar Angesichtige, Schreckliche, Geliebte des Mondgeschmückten!
(55–58) Rette mich, Erhabene, schenke höchste Vollendung! Du wunscherfüllende Ranke, Kameshvari, Trägerin der Kräfte! Kamarupa, Siegreiche, Befreierin, Ruhm Bringende! Danach beschreibt der Text das Herbeiholen eines Chandala-Leichnams und das Berühren von Stirn, Gesicht und Kopf, von Nase, Ohren, Herz, Nabel, Geschlechtsorgan, After, Armen, Rücken und Bauch, immer wieder. Zuerst wird dreimal das Maya-Zeichen eingesetzt; dann Vadhubija und Lajja. Der Mantra wird auf den ganzen Körper gelegt.
(59–62) Nach 108 Mantrawiederholungen und heilvoller Verehrung folgt eine unklare Anweisung mit einem Vihara-Bija, blauem Material und dem Auge. Dann entsteht augenblicklich das Ergebnis, dessen Bezeichnung hier fehlt. Im leeren Haus soll man nach Norden, in Kuberas Richtung, ausgerichtet sein. Man nehme eine Kette aus Muschelmaterial, Kristall, Silber, Gold oder Korallen. Nachdem die Kulluka am Scheitel hundertmal wiederholt wurde, übe der Mantrakenner seinen Mantra; so ist er zweifellos Mahesha.
(63–66) Wer Tarinis Mantra wiederholt, ist Shakta, Shiva-Verehrer, Bhairava, Sadashiva, Kula-Angehöriger und Kula-Kenner. Man vergegenwärtige die Weltenmutter im Herzenslotos und die Götterherrin am Scheitel, schlangengestaltig, wachend und mit Schlangen geschmückt, verehrt von Narada und anderen großen Übenden und Siddhas, unter einem Pippala- oder Bilva-Baum oder im Haus der eigenen Frau. Als Göttin oder Gefährtin meditiere man die höchste Gottheit: die ursprüngliche, lichtförmige Vidya, Furchtlosigkeit und Gaben schenkend, heilvoll.
(67–71) Man verneige sich mit Lobgesängen vor Chandika, die alle Fehler ausmerzt. Auf dem Leichenplatz oder bei Shiva lese man den vorzüglichen Schutztext. Dann entsteht am Leichenplatz oder auf dem Leichnam Vollendung; die Bhairavas stehen nicht auf der Gegenseite. Unmatta, Krodhana, Bhairava in Batuka-Gestalt, Samhara, Bhishana und Kalabhairava werden genannt, ferner Mahakalabhairava. Sie werden als acht bezeichnet, obwohl die Namensgliederung nicht eindeutig acht ergibt. Wenn sie Leichenplatz und Leichenpraxis sehen, tanzen und brüllen alle Bhairavas mit roten Augen. Die folgende Rede „Heute einer wie ich, heute wohl ein Entrückter“ ist elliptisch überliefert.
(72–77) „Zwischen Leichnam und Leichenplatz weiß ich es nicht genau.“ Alle Bhairavas werden „Fürchte dich nicht!“ sagen; der Anschluss „aus der Bindung“ ist unklar. Löwen, Tiger, Eber und andere brüllen ringsum. „Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, Übender!“ Wer vor ihm so spricht, ist der wirklichkeitskundige Guru. Ohne gründliche Tantra-Kenntnis und Dienst am Guru, ohne Pranayama, Meditation, Belebung des Mantras, Erkenntnis, Nyasa und rituelle Bindung des Leichnams, ohne innere Haltung, Erlangen, Gemeinschaft mit Wahrhaftigen, Japa, Askese und Liebestempel, wird Haras Geliebte nicht unmittelbar verwirklicht. Wenn sie aber durch glückliche Fügung unmittelbar erscheint, entsteht Vollendung und die große Vidya zeigt sich gnädig.
Kapitel 5
(1) Einst sprach Parvati in ihrer Wohnstatt auf dem Kailasa, laut lachend und mit bewegter Stimme.
(2–4) Parvati sprach: Mahadeva, Weltenherr, Sadashiva! Ich frage nach dem Reiben meines Tempels, einer sexualrituellen Chiffre. Wie und zu welcher Zeit geschieht dies, großer Herr? Brahman besteht aus Shiva und Shakti, seine Gestalt aus ewiger Glückseligkeit. Von der Verehrung der neun Mädchen und der Kumari-Verehrung habe ich durch deine Gnade gehört, Weltenherr.
(5–10) Shiva sprach: Die Liebesvereinigung wird zwölf-, die umgekehrte vierfach beschrieben; die anschließende Viererteilung der Shaivas und die Wörter naveṣu kareṣu sind undeutlich. Wer dies nicht kennt, gilt als gebundenes Wesen. Vor einem solchen soll es keinesfalls offenbart werden. Ein solcher gilt hier als gefährlicher Gegner, der jede innere Haltung zerstört; selbst in zahllosen Weltaltern und Jahren gelangt er nicht zur Vollendung, wahrlich. Ein Gelehrter, der die Anmut der Liebeserfahrung nicht kennt, wird als unwissend in allen Schriften und von Shakti abgefallen bezeichnet. Die Freude, die ein Shakta in dieser Liebesanmut erfährt, entsteht nach dieser polemischen Aussage nicht ebenso bei Shiva-, Vishnu-, Sonnen- oder Ganesha-Verehrern.
(11–14) Shiva ist Herkunft, Körper, Dharma und Liebesfreude. Shiva erschafft, bewahrt und löst auf; alles trägt Shivas Wesen. Shiva ist Einsicht, Frieden, Weg und Denken. Shiva ist Handeln, Kraft und Befreiung, deren Wesen Shiva ist. „Ich bin Shiva, daran besteht kein Zweifel; ich bin ein Lebewesen und eben Shiva.“ Wem dies im Geist gegenwärtig ist, bei dem entstehen Vollendung und unwandelbare Befreiung. Auf dem Shakti-Weg ist der Avadhuta Shankara selbst.
(15–18) Ist seine Gefährtin Avadhuti und er selbst Avadhuta, ist sein Wohnort, wo immer er liegt, zweifellos Kailasa. Sein Haus ist Kailasa, seine Säulen gelten als edelsteinbesetzt; Bäume und Berge werden als klein bezeichnet, Allgeliebte. Der Schluss ist undeutlich. Die geringeren Angehörigen sind Rudras, die führenden Sadashivas; alle Diener sind Bhairavas, Dienerinnen Bhairavis. So ist diese Kailasa-Wohnstatt höchst freudebringend, herzerfreuend, voller Glück und Frieden.
(19–22) Allen lieb, voller Vorzüge, Ursprung aller Freuden: Wer dieses allumfassende Glück so sieht, Geliebte, wandelt mit allen Kräften verbunden auf Erden. In der Nacht des achten oder neunten dunklen Mondtages wiederhole man zehntausendmal. Dann erlangt man Vollendung unter Beachtung von Mantra und Zeit. Diese Handlung soll als streng geheime Praxis vollzogen werden. Die Verehrung ist streng geheim; Veröffentlichung zerstört ihre Vollendung. Innerlich gelten die Kaulas als Shaktas, äußerlich als Shaivas, in Versammlungen als Vaishnavas.
(23–26) Vielerlei Gestalten annehmend wandeln Kaulas auf Erden. Von dieser Ordnung und dem bezaubernden Tantra hast du gehört, von Kula-Erkenntnis, Yoginihridaya, Sammohana, Vira-Tantra und dem höchsten Shri-Tantra, von Kularnava, Kali-Tantra, Kalivilasaka und Shri-Kalikalpalatika, alles mit höchster Achtung. Eine andere Lehrmeinung erklärt ebenfalls die Geheimhaltung der Verehrung, beschreibt ihre Anhänger aber innerlich, äußerlich und in ihren Handlungen als Shaktas.
(27–30) Sie sind Shaktas in Hingabe, Begehren, Meditation, Liebe, Kraft und allen Handlungen, große Herrin. Ebenso bleiben Shaivas innerlich und äußerlich Shaivas, in Versammlung wie zu Hause; Vaishnavas verhalten sich entsprechend, zu jeder Zeit. So ist die höchste Haltung für alle Ursprünge beziehungsweise Daseinsformen erklärt. Darauf gestützt sind Shaktas höchste Verehrer, alle aus ewiger Glückseligkeit bestehend, dreiäugig und mondgeschmückt, stets im Spiel mit Shakti und von dauernder Freude erfüllt.
(31–34) Ein solcher gilt als stets glückselig und in allem Handeln geschickt. Wer auf Erden im Kula-Dharma lebt, dessen lebendige Wesenheit wird durch Kula-Dharma zu Shiva. Kula-Angehöriger ist Shankara, ebenso Hari selbst. Kula-Angehörige sind Indra, Brahma, alle Weisen und die Ahnen. Kinnaras, Menschen, tierisch lebende Wesen und Asuras werden ebenfalls genannt. Der Schluss unterscheidet Kula-Geborene von wirklichen Kula-Angehörigen, doch die Syntax ist widersprüchlich.
(35–38) Deshalb wird Asuras hier Hingabe und Befreiung abgesprochen. Danach werden Rakshasas, Gandharvas, Apsaras und Yakshas wieder unter Kula-Angehörigen genannt. Durch Hingabe an die Göttin erreicht man auf Erden sein Ziel. Ohne Erkenntnis Durgas bleiben Verehrung und Japa fruchtlos, ebenso Askese, Ritual und Reinigung. Ob unwissend, gelehrt oder Brahmane, Kshatriya, Vaishya, Shudra oder Chandala: Alle Shaktas sind gleich. Dies ist ein Mittel zur Verwirklichung aller Ziele.
(39–42) Höre meine eindeutige Aussage, Göttin: Wer die Anmut der Liebeserfahrung kennt, ist in allen Handlungen kundig; der Satz ist verkürzt. Aus Liebe entsteht Schöpfung, aus Liebe Liebesfreude; durch Liebe wird Shankara erfreut, Parvati, und du wie ich werden erfreut. Ob das Wort der Liebe sanft oder rau ausgesprochen wird, allein durch dieses Liebeswort gelangen Menschen zum guten Ziel. Frauen sind Göttinnen, Frauen sind Lebenskräfte, Frauen sind wahrer Schmuck.
(43–46) Frauenhass soll niemals geübt werden. Schmähung und Schlagen von Frauen sind zu unterlassen; dabei sei man frei von Abscheu und falscher Scham. Wer die Gestalt der Frau als Gestalt Tarinis erkennt, gilt als ihr Gefährte und als Parvatis Herr. Am Dienstag, Samstag, Donnerstag oder Freitag, am dritten oder zweiten Mondtag, verehre man hingebungsvoll. Der Hingebungsvolle wird Janardana gleich. Die ursprüngliche lichtförmige Göttin und der vierte Mondtag werden genannt; die syntaktische Verbindung bleibt unklar.
(47–50) Man verehre die fünfte Vidya, mit dem fünften Bestandteil ausgestattet, Durga, die Geliebte des Fünfgesichtigen, voller Hingabe. Diese Handlung wird sattvig, rajasig oder tamasig ausgeführt; von diesen Verehrungsweisen hast du gehört. Alle erklärten Verehrungsweisen hast du gehört. Nun werden die Kuṇḍa- und Gola-Blüten genannt, ferner Chakra-, Dreizack-, Vajra- und Kala-Blüten als Gaben für Haras Geliebte. Ihre genauen Stoffzuordnungen werden hier nicht erklärt.
(51–54) So erlangt man wahrhaft Vollendung. Ein Lebewesen, das dem Kula-Weg zugewandt ist, ist zweifellos Shiva. Wer den Sinn des Kula-Dharma verfolgt, wandle auf diesem Weg und nehme mit der Kula-Blüte den Lebensstand des Kula-Angehörigen an. Im Kali-Zeitalter werden Fisch, Fleisch, Wein, Mudra und sexuelle Vereinigung genannt. Göttlicher und heroischer Übender sind darin nicht verschieden. Der Genuss auch des fünften Bestandteils wird als fehlerfrei erklärt; Unfähige sollen die Praxis nicht vollziehen. Der Schluss über die Vermehrung aller Ursprünge ist unklar.
(55–58) Weintrinken soll im Kali-Zeitalter nicht stattfinden, wird zweimal gesagt; für Shaktas wird es anschließend ausdrücklich als vollendungsschenkend vorgeschrieben. Man suche einen großen heiligen Sitz auf, schaue ihn und verehre dort die Göttin mit höchster Hingabe. Mit roten Blumen, roten duftenden Salbungen, Bilva-Blättern, weiteren Blumen, Mani-Blüten und Champaka verehre man sie, mit roten Lotosblumen, Girlanden und Schmuck, ferner mit Büffeln, Heilkräutern und Wundblut.
(59–62) Genannt werden Ziegenblut und dem Körper entstammendes Blut; der Anschluss „durch Brahmanen“ ist grammatisch unsicher. So lautet die Ordnung deiner Verehrung, Schöne. Sie soll unter Zweimalgeborenen vollzogen werden und gilt als deine häusliche beziehungsweise geheime Verehrung; gṛhya ist mehrdeutig. Dann wird man Herr der Vollendungen und erlangt Herrschaft über die Scharen. Dieses Göttliche soll vor Gebundenen nicht offenbart werden. Schon der Blick eines Gebundenen soll die rituelle Reinheit des Vira zerstören. Geistige Verehrung bringt große Vollendung und Befreiung.
(63–66) Als inneres Opfer beendet sie das begrenzte Jiva-Sein. Äußere Verehrung ist rajasig und schenkt vielfältiges Glück, Genuss und Befreiung; sie vernichtet Bedrängnisse, Fehler und Feinde, Krankheiten und sämtliche Fesseln. Für heroische und gebundene Übende wird äußere Verehrung nicht als allerniedrigste bewertet, für die ausschließlich göttlich Orientierten hingegen als niedrig. Im Todala und Yamala wurde Verehrung ausführlich erklärt.
(67–70) Dennoch habe ich sie kurz zusammengefasst. Durch Lobpreisrezitation, feste Erkenntnis und Verehrung, wird die große Vidya sehr erfreut; durch Japa entsteht Vollendung. Aus Japa entstehen Hingabe, Genuss, Befreiung und tätige Praxis. Durch Japa erschließen sich Tantra, Mantra und Yantra; daraus entstehen Ausstrahlung, Frieden, Vertrauen und Mitgefühl. Durch Japa entstehen Zufriedenheit, Gedeihen, Weg, Verständnis, Einsicht, Wohlstand, Geburt und Bestand. Aus Japa kommt Frieden, Frieden, Frieden, ohne Zweifel.
Kapitel 6
(1–2) Die Göttin sprach: Mahadeva, von der Leichenpraxis und der Praxis am Verbrennungsplatz habe ich mit höchster Achtung gehört. Doch Lobgesang und Schutztext dazu hörte ich nicht. Wie entsteht durch Schutztext und Lobgesang Vollendung? Erkläre jetzt den Schutztext!
(3–6) Shiva sprach: Höre, schöne Durga! Der Schutztext wird zur Vollendung eingesetzt und dient ihrer Sicherung. Siddheshvari schütze die Vollendung, Kalika den Kopf, Kamini Schädel und Stirn, Nageshvari das Auge. Vishveshvari schütze die Ohren, Weltenmutter, das Herz; Kali stets den Mund und Nila-Sarasvati die Zunge. Die furchtbar Angesichtige, Götterherrin, schütze stets die Hände; die Himalaya-Tochter Zähne, Scham, Nägel und Nabel.
(7–10) Narayani schütze die Wange, Ganda stets den Backenbereich; Bhadrakali meine Haare, Durga, die Götterherrin, schütze mich. Chandi schütze mich als Menschen; die Form pumān ist grammatisch auffällig. Dhaneshvari schütze den Reichtum, Vishveshvari die Brüste, Jagadishvari alle Glieder. Ugratara, Maha-Nila-Sarasvati, schütze stets; Mahamaya die Zunge, Jagadambika meinen Rücken. Harapriya, die Weltenherrin, schütze stets am Verbrennungsplatz; Sharvani schütze auf dem Leichnam, Chandika behüte immer.
(11–14) Katyayani schütze die Familie, ebenso die auf einem Leichnam Fahrende; Parvati mit furchtbaren Hauern und schrecklichem Angesicht schütze allzeit. Kamala schütze mein Reich, Mantreshvari den Mantra. So lautet der selbst für Götter schwer erreichbare Schutztext. Wer ihn beständig liest, erlangt gewiss Vollendung, insbesondere wenn er bei anbrechender Vollendungszeit rezitiert wird. Wer ohne Kenntnis dieses Schutztextes Vollendung anstrebt und sogar erreicht, gewinnt dennoch weder Befreiung noch gutes Weitergehen.
(15–18) Deshalb ist dieser Schutztext vollendungsschenkend und für Götter, Menschen und Kinnaras schwer erreichbar. Durch seine Rezitation gewinnt man rasch Vollendung. Bei großem Unheil, Leid, Unglück und Bedrängnis, rezitiere man ihn und erlange dadurch Befreiung. In einem leeren Haus, am Verbrennungsplatz, in Kamarupa oder am großen Krug, im Haus der eigenen Gefährtin, zur bestimmten Zeit oder im Liebestempel wiederhole der Mantrakenner bewusst und hingebungsvoll den Mantra.
(19–23) An Wurzel, Blatt, Frucht, Stängel, in Zeit, Wind, Unreinheit oder Wasser rezitiere der Übende geistig mit Lebenskraftbewusstsein. Die Aufzählung ist sprunghaft. Nach Reinigung der Nadis und der inneren Haltung wandle er als Kenner sämtlicher Schriftbedeutungen „in Hari“; diese Ortsangabe ist unsicher. Den Scheiterhaufen besteigend erlangt der Vollendungsmeister Shivas Sein. Links bewegt sich eine nicht eindeutig benannte Nadi, rechts Jahnavi. In der Mitte liegt die seltene Kulachala-Nadi. Genannt werden ferner Chitrini, Padmini, Shankha, Vijrimbha und Shonada, Kankala, Kutaja, Kapola, Golaja und Khala. Sie wohnen im eigenen Körper, auf die Brahmanadi gestützt.
(24–28) Weitere Namen sind Gauri, Sukshma, Tarini, Ghantakarna, Lolajihva, Vikata und Chandravallabha. Mahanila, Virabhadra, Sulajja, Nakhada, Shubha, Balaka, Kakini, Raka, Kalaghanta, Shiva und Sita, Dardura, Duraradhya, Vishokavadana, Anagha, Jambhini, Pukkasa, Shona, Yashoda, Makhada und Khada, Khaga, Kharavati, Kola, Hela, Halahala, Ida, Pingala und Sushumna als ursprüngliche Gestalt, Gandhari, Kotarakshi, Kulaja, Kulapandita; links die Nadi Kanakhala, rechts Kamapalika.
(29–32) Shivas inneres Verweilen ist selbst für Götter selten. Im Schoß werden Vishvambhara, Kama, Karala und Meghavahini genannt, ferner Ghanabha, Ghanada, Chandi, Sushila, Varapandita, Vishvaranya, Vishvavasani, Bahupada und Katakshaja, Nandini, Shonada, Ganga, Kashi und Kamalavasini. Wer die von Göttern Verehrte so vergegenwärtigt, bei dem entsteht wahrhaft Vollendung. Weitere Namen lauten Bahupadakata, Ghora, Nirjita und Ghanabhedini; die erste Zusammensetzung ist unsicher.
(33–36) Durch Verbindung mit dem inneren Nadi-Geschehen wird man zu Lebzeiten frei. Höre, furchtbar Erscheinende, Himmelsgewandete! Was könnte durch Chintamanis Gnade nicht gelingen? Im vierblättrigen Wurzellotos und im sechsblättrigen Svadhishthana, in Manipura, Anahata und Ajna werden zehn, zwölf und sechzehn Blätter genannt. Die Reihe lässt Vishuddha ungenannt und ist daher nicht bruchlos zuzuordnen. Auf die Blätter werden Laute eingesetzt; der Anschluss mit maṅkura und gāvaśata ist beschädigt. Dort liegt die selbst von Brahma verehrte Stadt Kalis.
(37–41) Über den Blaukehligen, Herrn der drei Welten, Bewohner des tausendblättrigen Lotos, Herrn zahlloser Kulas, umgeben von großen Übenden, meditiere der völlig vom Weltlichen Ernüchterte als über den höchst läuternden Gott. Das Lebewesen ist als Shiva und Weltenherr zu erkennen; der Schluss über Freude ist elliptisch. Diese Brahman-Wirklichkeit ist selbst für Götter schwer erreichbar: das in Lauten gegründete, mit Vokalen und Konsonanten geschmückte Linga, mit der Buchstabenreihe belegt und durch Welten geschmückt; das große Bija, kraftvoll ertönend und von höchster Selbstnatur, den blaukehligen Mahadeva, stets mit Shakti verbunden, meditiere und verehre man mit Geist und Sprache.
(42–45) So wird der Übende dem inneren Opfer zugewandt, jenem inneren Opfer, das für Übende schwer zugänglich ist. Der Körper aller Lebewesen ist wahrhaft das Weltenei. Die Eigenschaften, die im Kosmos bestehen, bestehen auch im Körper. Der Körper ist aus Wirklichkeitsprinzipien aufgebaut, von verschiedenen Säften erfüllt, mit Mondpunkt verbunden und durch Nada und Bindu geschmückt. Der Körper, auch Shankaras, ist schwer zu erlangen und schenkt Befreiung. Bis zur Befreiung besteht der Status des Übenden.
(46–49) So lange bestehen Handlung und Genuss, bis zur unwandelbaren Befreiung. Auch in großer Not ist der Körper die Stätte Brahmans. Man nehme gereinigte Blumen und körperentstandene, den Gliedern entstammende Gaben und verehre Kalika mit der Schädelgirlande, mit höchster Hingabe; so ist man zweifellos Shiva. Ihre Gestalt ist aus dem Kosmos gebildet und mit Armreifen geschmückt, vierarmig, mit bewegter Zunge und vielen Kräften. Voll höchster Freude verehre man sie mit der eigenen Shakti verbunden.
(50–53) Die eigene reich geschmückte Gefährtin sitze links. Im Kula-Kreis übe man Japa und werde Shiva gleich. Nachts im Ritualkreis, mit gelöstem Haar und unbekleidet, wiederhole man den Mantra der Furchtbar-Angesichtigen im Liebestempel tausend- oder zehntausendmal. Weiße oder rote Blüten, mit dem fünften Bestandteil verbunden, sollen nach dieser Ordnung Mahakali dargebracht werden. Verehrung sei tags, nachts und in den Dämmerungen zu vollziehen; so gewinnt man Vollendung.
(54–57) Darauf folgt eine gegenläufige Aussage: Nicht tags, nachts oder in der Dämmerung verehre man die Weltenmutter, sondern in Hela. Ob damit spielerische Leichtigkeit oder ein technischer Begriff gemeint ist, bleibt offen. Nicht tags und nicht nachts soll man die Göttin verehren; stets verehre man sie, Tag und Nacht hinter sich lassend. Die Paradoxie leitet zur inneren Nadi-Lehre über. Durch die Bewegung in Ida, Pingala und der Brahman durchdringenden Sushumna erlangt der Übende Befreiung. Ohne Kenntnis und Pflege der Nadis und ohne das hier unklare viśvakara gelingt die Vollendung auf Erden nicht.
(58–61) Links halte der Übende Bilva, rechts die Gebetskette, und wiederhole Parvatis Mantra für sämtliche Aufgaben auf Erden. Nach hingebungsvoller Verneigung vor der furchtbar bezahnten, schrecklich Angesichtigen, laut Lachenden und Himmelsgewandeten wiederhole er den Chintamani-Mantra. Was könnte durch Chintamanis Gnade nicht gelingen? Man nehme Zuflucht zur höchsten Heilvollen als Wunschedelstein und Wunschranke, und werde durch Wiederholung des großen Mantras Herr der Götter. Durch Erkenntnis erlangt das Lebewesen Shiva-Sein.
(62–63) Die Lotosfüße des Gurus sind ein höchst wunderbares Geheimnis, ebenso die schönen, vielfältigen Lotosfüße Parvatis und Shankaras. Wer ihre Einheit vorschriftsgemäß verehrt, ist zu Lebzeiten frei. In Pinda, Pada und Rupa gesammelte, über die Eigenschaften hinausgegangene Verehrer sind zweifellos befreit.
(64) Parvati sprach: Pinda, Pada und Rupa kenne ich nicht. Erkläre mir diese höchste, sichere Lehre, Ozean des Mitgefühls!
(65–70) Shiva sprach: Ich erkläre eine geheimste Essenz: Pinda ist Kundalini-Shakti; Pada wird Hamsa genannt. Rupa ist die Meditationsgestalt, ohne Zweifel. Wer die große schlangenförmige Göttin Kundalini verehrt, ist zum Ziel gelangt, gesegnet, göttlich, ein hervorragender Held, tugendhaft, übend, wissend, angesehen und gelehrt. Er erlangt im ganzen Kosmos gewiss Göttlichkeit. Die göttlichen Meister und hervorragenden heroischen Übenden werden genannt, während Gebundene als gebunden gelten, selbst wenn sie alle Schriften kennen. Auf Reinheit der Haltung gestützt, in allen Aufgaben kundig, erlangt der Übende wahrhaft Befreiung. Höre nun, Weltenmutter, das Heilvollste des Heilvollen.
(71–74) Wer dieses Tantra hört, erlangt Brahman-Erlösung. Nachts wiederhole man, mit der Shakti verbunden, den Mantra, zehntausendmal voller Hingabe; so ist man zu Lebzeiten frei. Tausend- oder zehntausendmal am Dienstag bei Nachtbeginn, wiederhole man den Chintamani-Mantra. Was könnte durch seine Gnade auf Erden nicht gelingen? Nach vorschriftsgemäßem Vollzug betrete man hingebungsvoll den Liebestempel; so gelangt man zum höchsten Ziel.
(75–78) Im inneren Himmel liegt der große Lotos, von allen Göttern verehrt; in seiner Mitte Mahadeva, der blaukehlige Sadashiva, mit Shakti vereint, in allumfassender Freude bezaubernd, weiß, rot, blau, gelb und in weiteren Farben strahlend. Diesen höchsten Ursprung vergegenwärtige man im Geist; geistig sei die Meditation und geistig seine vollständige Verehrung. Geistig verehre man das Linga, vollziehe Wasserspenden, vergegenwärtige Kali, Tara und die schlangenförmige Kraft.
(79–82) Geistig bilde man die alle Wünsche erfüllende Brahmanadi. Durch solchen Meditationsyoga verehre man geistig die Weltenmutter, mit höchster Einsicht und werde zum Weltenherrn. Kali wohnt in Sushumnas Mitte, furchtbar angesichtig und heilvoll. Man verneige sich vor Parvati, der großen Nila-Sarasvati. Nun lehre ich die selbst für Götter seltene Ugratara-Ordnung. Im Lotos mit Dreieck und Kreis vergegenwärtige man Maha-Nila-Sarasvati Tag und Nacht in der von mir gelehrten wissenden Gestalt; mayā budhasvarūpeṇa ist unsicher.
(83–86) Im Herzenslotos vergegenwärtige man Chandika, im Herzenslotos Shiva; mit dort gegründeter innerer Haltung vollziehe man die Verehrung. Solange die Auffassung von Vielheit besteht, bestehen unterschiedliche Formen, Handlungen und Haltungen. So lange erscheinen Brahma, Vishnu und Maheshvara, Ganesha, Sonne, Feuer und Varuna als verschiedene Gottheiten, ebenso Kubera und die Richtungswächter. So lange bestehen verschiedene Betätigungen und die Einteilung in weiblich, männlich und geschlechtsneutral.
(87–91) So lange unterscheidet sich das Bilva-Blatt vom Tulasi-Blatt, ebenso Hibiskus, Drona, dunkle Blüten und Oleander, von Tulasi. So lange bestehen auch die Unterscheidungen göttlicher Verkörperung und gebundener Haltung. So lange bestehen unterscheidendes Denken im Tantra und getrennte Handlungen; Hari und Hara werden voneinander unterschieden. Kali mit furchtbarem Angesicht, die erhabene Ekajata, Shiva, Shodashi, Bhairavi und Bhuvaneshvari erscheinen verschieden, ebenso Chinna, Annapurna, Bagalamukhi, Matangi, Kamala, Vani und Radhika.
(92–98) Betätigung, Ritual und Lebensordnungen bleiben verschieden, solange die Einheit zu Füßen Bhavanis nicht aufgeht. Wenn an Tarinis höchst läuternden Lotosfüßen nichtduale Erkenntnis erwacht, jenseits begrenzten Wissens und im Herzenslotos gegründet, entsteht Einheit: Alles ist von Brahman erfüllt. Der zweite Halbvers ist ausdrücklich lückenhaft; erhalten bleibt nur ein Bezug auf Lebewesen und die Anrede Shankari. Dann bestehen weder Verfehlung noch Verdienst, weder Yama noch Hölle, weder Glück noch Leid und keine Furcht vor Krankheit, weder Furcht noch Trauer: Alles ist Brahman. Brahmanin, Kshatriya-, Vaishya-, Shudra-Frau und sozial Ausgegrenzte werden gemeinsam genannt, alle sind entsprechend die rettende Vidya. Wenn diese Erkenntnis auf solche Weise entsteht, Geliebte, erwacht die Vidya als Gegenspielerin des Nichtwissens; man wird von Brahman-Glückseligkeit erfüllt.
(99–102) Nichtdual, jenseits der Gunas, eigenschaftslos und über Prakriti hinaus, mit höchster Glückseligkeit verbunden, gelangt man gewiss zur Befreiung. Wahrlich, immer wieder wahrlich: Nichts übertrifft Wirklichkeitserkenntnis, kein Gott Sadashiva. Keine Haltung übertrifft das Ruhen in der Mitte, kein Zustand Durga. „Ich bin Das, ich bin Das, immer wieder: Ich bin Das“ wird gegenwärtig. Nach längerer Zeit entsteht die Erkenntnis „Ich bin Das“. Der folgende Halbvers nennt Vielheitsdenken und eine höchste sattvige Haltung, ohne ihr Verhältnis eindeutig zu klären.
(103–106) Indem man diese höchste Haltung annimmt, wird man Kenner letzter Wirklichkeit. Nichts, nichts, nichts ist höher als Erkenntnis. Wer die höchste Wirklichkeit gewinnt, wird von Körperbindung frei. Am Kula-Tag nehme der Kula-Gelobte den Kula-Dharma an, und ruhe in höchster Glückseligkeit. „Im Kula-Angehörigen gibt es keine höchste Einsicht und keinen höchsten Weg“ – „keine höchste Hingabe und keine höchste Handlung“: Wer so spricht, gelangt nach dieser Aussage nicht zur Befreiung.
(107–108) Schon hier ist der Himmel, hier der Kailasa-Tempel, hier Genuss, Hingabe und unwandelbare Befreiung. Genuss, Himmel und Befreiung liegen den Shaktas in der Hand, Tripureshani; dies wird als zweifellos wahr erklärt.
(109–110) Parvati sprach: Blaukehliger Mahadeva, Weltenlehrer! Ich frage nach der höchsten Wirklichkeit; erkläre sie mir, Weltenherr. Wie entstehen Befreiung, Genuss und Hingabe an Maheshvara? Auf welche Weise erlangt das Lebewesen Shiva-Sein?
(111–114) Shiva sprach: Weltenherrin und Weltenmutter, Mahamaya! Höre die geheimste Aussage, Bergestochter. Hingebungsvoll suche man einen friedvollen, selbstbeherrschten Kula-Angehörigen auf, der den Sinn sämtlicher Schriften kennt; darin liegt die geheime Unterweisung. Nachdem man so zuerst den Guru als höchste vermittelnde Ursache gefunden hat, empfange man den höchsten Mantra der Göttin. Man lerne Setu, Kulluka, die Geheimzeichen des Mantras und der verbindlichen Lebensordnung kennen und übe eine erkenntnisvolle Haltung.
(115–118) Parvati verehre man mit höchster Hingabe nach der Kapitelordnung; die höchste Gottheit gemäß der Unterweisung des Gurus. Vierarmig, zehnarmig oder tausendarmig, mit bewegter Zunge, schrecklichem Angesicht und Schädelgirlande, verehre man die Göttin, verneige sich, wiederhole ihren Mantra und meditiere sie; als Gaben dienen Hibiskus, Aparajita, Drona und Oleander, rote, wohlriechende, schöne und verschiedene andere Blumen, dargebracht mit Hingabe.
(119–122) Mit Fußwasser, Ehrenwasser, Mundspülwasser und anderen schönen Gaben, Düften, Blumen, Räucherwerk, Lichtern, Gewändern und Schmuck, mit verschiedenen Speisegaben, kräftigem Betel zum Kauen und erneutem Mundspülwasser verehre man die Weltenmutter. So vollziehe man Verehrung nach eigenem Vermögen. Danach verneige man sich vor Parvati mit tantrischen Lobgesängen. Durch Rezitation von Lobgesang und Schutztext schenkt die Weltenmutter Genuss, Befreiung und Hingabe als allheilvolle Chandika.
(123–126) Äußere Verehrung geschehe gemäß dem Wort des Gurus. Innere Opferverehrung und äußere Verehrung werden nebeneinandergestellt, und sämtliche Verehrungsformen seien auszuüben, solange Erkenntnis nicht entsteht. Durch Verneigung vor Brahmanen, Japa oder Askese, durch Lobgesang und Schutztext wird Maheshi erfreut. Wenn dann die Vidya zur Vollendung gelangt, entsteht Vollendung durch Verehrung und einsichtsvolles Handeln. So erwacht durch die Gnade der Göttin Erkenntnis.
(127) Nach diesem Übergang trägt rituelle Hingabe keine zusätzliche Frucht mehr; allein die geliebte Befreiung in Mahadeva bleibt.
(128) Parvati sprach: Ich hörte das höchste Tantra, Essenz der Essenz, durch dessen Hören die Karmafesseln durchschnitten werden und Befreiung entsteht.
(129–132) Shiva sprach: Höre meine feste Überzeugung: Durga ist der höchste Mantra, Durga das höchste Japa. Durga ist der höchste Pilgerort, die höchste Handlung, der höchste Genuss und die Befreiung auf Erden. Einsicht, Schlaf, Hunger, Schatten, Kraft, Durst und Geduld sowie höchste vedische und tantrische Handlung, all das ist Durga; Japa ist nicht von ihr getrennt. Verehre ihre beiden Füße, erinnere sie Tag und Nacht.
(133–136) Wiederhole „Durga“ als Mantra des höchsten Ursprungs. Wer auf solche Hingabe gestützt handelt, wandelt mit allen Vollendungen ausgestattet auf Erden. In verschiedenen Tantras habe ich unterschiedliche Vorgehensweisen erklärt, doch wenn Einheitswissen entsteht und man Beweglichem wie Unbeweglichem mit gleicher Gesinnung begegnet, erlangt man Vollendung. Was könnte dann hier oder jenseits nicht gelingen? So entstehen Genuss, Befreiung und Hingabe, Weltenmutter.
(137) Schließlich entsteht die Erkenntnis deiner Wirklichkeit; daraus folgt Erlösung. So ist es erklärt: Was möchtest du noch hören?
(138–139) Parvati sprach: Die höchste Wirklichkeit habe ich mit großer Achtung gehört, ebenso Kalis und Taras Wirken. Nun möchte ich wissen, wie Mantra- und Vidya-Vollendung entstehen. Erkläre es, Hort des Mitgefühls!
(140–143) Shiva sprach: Höre die Ursache der Mantra-Vollendung. Mantrabedeutung und Mantrabewusstsein habe ich im Yamala erklärt, auch im Damara, Kuloddisha und Kularnava hast du davon gehört. Nun erkläre ich die Ursache in Kürze. Was bedarf es vieler Worte? Durch Hingabe an den Guru gelingt es. Am Kula-Tag wiederhole man tausend- oder zehntausendmal, am Samstag, vierzehnten Mondtag, Neumond oder Dienstag, auf einem Kusha-Sitz, als Wissender der Mantra-Vollendung zugewandt.
(144–149) Zehntausend- oder tausendmal mit Hingabe; anschließend vollziehe man das innere Opfer und werde Herr aller Vollendungen. Unter Pippala, Banyan, Neem oder Bilva verehre man mit höchster Einsicht und erlange Mantra-Vollendung. So verfahre man drei Monate, Allhindernisse-Vernichtende; durch inneres Opfer wird man gereinigt. Dann entsteht wahrhaft Vollendung. Die Göttin wohnt im Inneren Sushumnas, in den Staubfäden des Lotos, über sie meditiere man mit gereinigten Nadis und gewinne höchste Mantra-Vollendung. Oder höre meine Lehre ohne äußere Handlung, allein durch Meditation entsteht gewiss Mantra-Vollendung. Im Herzenslotos meditiere man Kalika als höchste Gottheit.
(150–154) Auf Yoga-Vollendung gestützt entsteht Mantra-Vollendung. Die frühere, auf Erden schwer zu beantwortende Frage wurde erklärt, deine Frage ist beantwortet: Was könnte nicht gelingen? Im Shakti-Yamala, Siddheshvara-Tantra und Kulachala, wurde die seltene Vidya-Vollendung gelehrt. Kali, Tara, die große Vidya Shodashi, Bhuvaneshvari, Bhairavi, Chinnamasta, Dhumavati, Bagala als vollendete Vidya, Matangi und Kamalatmika, diese heißen die zehn großen, vollendeten Vidyas. Diese Wissenslehre ist in sämtlichen Tantras verborgen.
(155–161) Sie ist ewig, heilvoll, voller ewiger Glückseligkeit und schenkt alle Vollendungen. Wenn Vidya-Vollendung entsteht, entsteht auch der Zustand Indras, des Mondes, Kuberas, Shivas oder Vishnus, Mondgesichtige und Weltengefährtin, augenblicklich, ohne Zweifel. Die Lehre von Vidya-Vollendung wurde bereits erklärt, Tripureshvari. Nun erläutere ich nochmals ihre höchste Form: am Verbrennungsplatz, unter einem Pippala, auf einem Leichnam oder in einem leeren Haus, wiederhole man Kalis oder Taras Mantra. Durch Japa, Askese, Lobgesänge und schöne innere Opfer wird die große Vidya erfreut, ebenso durch Verehrung und Schutztexte. Wer genau nach dieser Ordnung verehrt, dem wird die Weltenmutter Mahamaya sehr gnädig und offenbar. Die Ursachen von Mantra- und Mahavidya-Vollendung sind erklärt. Was möchtest du noch hören?
(162–164) Parvati sprach: Die höchste Ursache aller Vollendungen habe ich gehört; wer sie erkennt, erlangt als kundiges Lebewesen Befreiung. Viele Tantras habe ich gehört, Weltenherr. Nun möchte ich, blaukehliger Sadashiva, Kalis und Taras Größe hören. Du bist Kalis und Taras Herr; erkläre sie rasch, Sadashiva!
(165–168) Shiva sprach: Gesegnet bist du und deinem Gatten ergeben. Höre mein Wort über Kalis und Taras vollendungsschenkende Größe. Wie Kali, so Tara. Eine Unterscheidung betrifft rechten und linken Anteil gemäß der jeweiligen Ordnung; der genaue Bezug bleibt verkürzt. Keine Verehrung, keine Frucht, keine Erkenntnis und keine Askese gleicht derjenigen Kalis. Gesegnet sind Mutter, Großvater, Familie und Ruhm desjenigen, der Kali verehrt.
(169–175) Kali und Tara sind gleich in Wissenspraxis und Lobpreis. Bei Yantra, Mantra und Frucht besteht kein Unterschied. Ihr Wirken wurde aus unterscheidender Sicht beschrieben; aus nichtunterscheidender Einsicht sind alle Göttinnen zweifellos gleich. Die erhabene Ekajata, Ugratara, Sarasvati: Bei der Bezwingung von Schlangen und dem Schutz Krishnas im Yamuna-Wasser, erschien die rettende Vidya als blaue Sarasvati; das Verb papāta bedeutet wörtlich „fiel herab“. Von Göttern, Götterherren, Yogameistern und großen Übenden, von allen Übenden und Weisen, Gandharvas, Kinnaras, Himmelswesen, Vidyadharas, Tänzern und verschiedenen Seherscharen, werden Mahakali und Maha-Nila-Sarasvati verehrt. Alle Übenden preisen Kali als Vernichterin der Zeit, Nila-Sarasvati als bezaubernde Ugratara-Vidya. Kalis und Taras Größe ist selbst für Götter schwer zugänglich.
(176–179) Wer auf Erden vermag ihre Größe ganz zu kennen? Die zehn Vidyas, ferner achtzehn Wissensgestalten der Götterherrin, wer sie verehrt, wird zu einem Meister der Übenden. Höre ihre in der Welt selten offenbarte Größe, durch deren bloße Erkenntnis man zu Lebzeiten frei wird. Wie Shiva, so das Lebewesen; das Lebewesen ist Shiva selbst. Aus Erkenntnis der inneren Haltung entsteht höchstes Wissen. Höre nun etwas Weiteres und nimm es aufmerksam auf.
(180–181) Kalis und Taras Lobgesang und Schutztext, die alle bezaubern, wurden noch nicht gehört; der Satz ist verkürzt. Mantra, Lobgesang und Schutztext verleihen Vollendung der sechs Ritualhandlungen und allen Wohlstand. Sie sollen nirgends öffentlich gemacht werden. Nun erkläre ich das Mittel zur Bezauberung der Wesen.
(182–183) Parvati sprach: Erkläre, Weltenherr und Shankara, den bezaubernden Schutztext und Lobgesang! Sie beseitigen Hindernisse und stiften Frieden und sind selbst für Götter schwer erkennbar. Erkläre sie, Weltenlehrer! Die Anrede devi steht hier auffällig in Parvatis Rede.
(184–188) Shankara sprach: Verehrung der Geliebten des Weltenherrn, Haras Geliebten! Weltenherrin, Weltenmutter, bezaubere die drei Welten! Ich erkläre die Ableitung des Mantras; sei aufmerksam. Es folgen Lautchiffren lānta, vānta und mānta samt einem Vokal; eine ausdrückliche Textlücke verhindert die Rekonstruktion. Weitere Chiffren heißen kānta mit Shakti, jalaya beziehungsweise vā, ṛṇāgraja, ṣāgraja und kukayugāgraja. Ihre Folge ist beschädigt und nicht sicher auflösbar. Mit Shakti verbunden werde der Rest des Mantraopfers ausgesprochen. Wer diesen König der Mantras wiederholt, bezaubert die drei Welten und gewinnt allen Wohlstand. Danach folgen die Chiffren dhāraṇa, ein Paar, phānta, tānta und ein zweiter Bindu.
(189–192) „Rede-Göttin, bringe den genannten Menschen unter meinen Einfluss“ ist der verständliche Formelteil; phakī bleibt unklar. Nachts werden tausend oder zehntausend Wiederholungen genannt. Dann bringe man Göttin, Gott oder Mensch unter Einfluss, behauptet der Text. Diese unterwerfende Vidya ist in allen Tantras verborgen. Hingebungsvoll verehre man Rajamohini, verneige sich, erinnere sie geistig und wiederhole den Mantra am Dienstag. Wer am Samstag nachts den Lobgesang rezitiert, wird bald zum Liebling des Königs.
(193–196) Furchtbar Bezahnte, Schrecklich Angesichtige, Liebhaberin von Fisch-, Fleisch- und Opfergaben! Verehrung dir, Weltgebärerin und Welthervorbringende! Verehrung der Geliebten des Weltenherrn, den Verehrern Zugewandten, höchste Glückseligkeit Schenkenden, Könige Bezaubernden! Verehrung dir, ewig Glückselige, Geliebte Shankaras, Heilvolle, Heil des Heilvollen! Weltenmutter, Weltenträgerin, Tripureshvari, Verehrung dir! Von Brahma Verehrte, Gabenspenderin, Heilvolle!
(197–200) Wolkendunkle, Weltenmutter, Furchtbare, Gewaltige, Heilvolle, Haras Gemahlin, von Hara verehrt: Verehrung dir! Von Vishnu, Indra, Brahma, Mond und dem Fünfgesichtigen verehrt: Verehrung dir, überaus Wilde, Schreckliche, großes Fest! Große Freude, Mahakali, von Mahakala verehrt, Allherrin und Weltenherrin: Verehrung dir! Kamarupa, Kamakshi, mit Liebesblumen Geschmückte, alle Wünsche Schenkende, im Liebestempel Verehrte!
(201–204) Du Gestalt allen Begehrens, vom Liebesgott Verehrte, Kameshvari, Mondgesichtige, Geliebte des Begehrens! Dem Handlungsweg Zugewandte, Liebe, im Begehren Beständige, Wesen der Kräfte! Verehrung dir, Chandika, Furchtbare, Vernichterin Chandas und Mundas! Königsherrin, Rama, von Rama Verehrte, Königen Liebe, Rama Liebende, Rama Zugewandte, von Balarama Verehrte! Du den Himmel Durchschneidende, Furchtbare, Chandika, Parvati! Verehrung dir als Göttin mit Eigenschaften und als eigenschaftsloser Wirklichkeit. Die erste Zusammensetzung ist unsicher.
(205–209) Weltenmutter, Siegreiche, Vijaya, Haras Geliebte! Verehrung dir, Shankaras Freude Schenkende, Shankaras Geliebte! Verehrung dir, Dunkle, Gelbe, Weiß-Rote, große Blaue, der blauen Gruppe Zugehörige, Maha-Nila-Sarasvati! Herrin der Rede, Lotosgöttin, im Lotos Wohnende, Verehrung dir! So ist der Menschen bezaubernde Lobgesang erklärt. Was könnte durch Rezitation dieses Lobgesangkönigs nicht gelingen? Am Samstag, Mittwoch oder Donnerstag, nachts oder bei Nachtbeginn, rezitiere man ihn und werde Herr sämtlicher Vollendungen, ob Brahmane, Kshatriya, Vaishya oder Shudra.
(210–211) Durch seine Rezitation gewinnt man dem Text zufolge Einfluss auf die Welt. Dieser schöne Lobgesang dient der Unterwerfung. Wen man mit dem Mantra heranzieht, der gerät unter Einfluss, selbst wenn er dem Götterkönig gleicht. So ist der Lobgesang erklärt; höre nun den Schutztext.
(212–215) Shiva sprach: Höre das auf Erden nicht öffentlich Mitzuteilende. Durch Hören und Rezitation dieses Schutztextes gewinnt man Vollendung der Leichenpraxis. Parvati schütze den Kopf, Jagadambika den Schädel; Durga, die große Herrin, Schädel und Wange. Vishveshvari, Shivas Geliebte, schütze stets den Brustansatz; Jagaddhatri, Geliebte der Weltfreude, die Nabelgegend. Chandika schütze das Herz, die höchste Gottheit die Arme, die fünfte Vidya die Haare, Bhairavi in Versammlungen.
(216–219) Nityananda schütze meinen Ruhm, Lingeshvari freudig das Geschlechtsorgan; Bhavani meinen Sohn, Dakshaja meine Frau. Kamakhya schütze stets den ganzen Körper, auch im Raum unterwegs; Maha-Kundalini, die Heilvolle, meinen Bauch. Svaha schütze stets beim Opfer, Svadha das Handeln; Durga in Wildnis und Einsamkeit, im Kampf und im Wald. Im Wasser schütze die Weltenmutter, Herrin der drei Welten. So lautet der schwer verständliche Schutztext zur Bezauberung von Königen.
(220–223) Durch seine Rezitation werde man Herr der Könige. An beliebigem Ort und Tag rezitiere man Lobgesang und Schutztext, und gewinne zweifellos alles Glück. Beständig rezitiere man so den Könige bezaubernden Lobgesang und Schutztext, und übe Mantra-Japa; der Herrscher gerate dadurch unter Einfluss. Auch ohne aufwendige Verehrung, höchste Hingabe und Ritualhandlung, gelinge es allein durch Japa, ohne Zweifel. Deine Frage ist beantwortet, Schönangesichtige. Was möchtest du nun weiter hören?
Kapitel 7

(1–4) Die Göttin sprach: Erkläre es mir, Ozean des Mitgefühls, Weltenherr und Weltenlehrer! Du selbst erschaffst, bewahrst und trägst die Welt. In den drei Welten gibt es keinen Schöpfer getrennt von dir. Weshalb sage ich dir dies, Mahadeva? Weder in Goloka, auf Kailasa, in Brahmas Wohnstatt, in Vaikuntha, im Sonnenbereich, unter den Sternen noch in der Mondstadt, gibt es einen anderen Verkünder, Schöpfer, Bewahrer oder Auflöser. Ich frage nach der höchsten Yogini-Yoga-Praxis im Herzenslotos der Yogini.
(5–7) Shiva sprach: Sie ist geheim und wird Brahman genannt: höchstes Brahman, höchste Wohnstatt, unvergängliches Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Den Yogameistern ist sie durch Erkenntnis zugänglich; für andere selbst geistig unerreichbar. Höre, geliebte Weltenmutter! Ich habe das unvergängliche, mit dir bezeichnete Wissen aller erkannt; dennoch kenne ich das Herzenslotos der Frauen nicht, behauptet Shiva hier.
(8–11) Parvati sprach: Wahr gesprochen, Herr, auch ich sage die Wahrheit. Erkläre das durch Mantra zugängliche Herz der sogenannten Schwachen. Männer erkennen die natürliche Abweichung nicht; die Lesung nānanti ist beschädigt. Gott der Götter, Retter aus dem Daseinsozean, ich kenne das harte Herz und den unruhigen Geist der Männer. Darum erkläre es rasch, Sadashiva! Wie wird Durga auf Erden erfreut: durch Lobgesang, Schutztext oder Erkenntnis? Wie zeigt sich die Weltenherrin als große Vidya gnädig in ihrem höchsten Ursprung?
(12–16) Shankara sprach: Höre, große Göttin, Allherrin, Weltgestaltige, wie Kali, Tara und Tripurasundari, Bhairavi, Kamala, Durga, Bhuvaneshvari und alle gelehrten Vidyas erfreut werden, allein durch Erkenntnis. Ohne Erkenntnis gibt es weder wirkliche Meditation, heilsame Handlung noch gutes Weitergehen, weder Genuss noch Befreiung noch Einsicht, weder Leichenplatz- noch Leichenritual-Vollendung. Die Wiederholung von bhukti ist vermutlich gestört. weder durchdringendes Wissen noch Vollendung. Wenn Erkenntnis entsteht, werden alle Vollendungen verwirklicht.
(17–20) „Bei Erkenntnis, bei Erkenntnis“ lautet der auffällige Anfang; dann werden Verehrung, Japa, Askese, Hingabe, Handlung, Lobgesang und Schutztext als fruchtlos bezeichnet. Ob ihr Fehlen oder ihre Überwindung gemeint ist, bleibt offen. Darum ist Erkenntnis höchste Wirklichkeit und höchstes Mittel. Wer erkennt, ist zweifellos Shiva. Die Kaula-Praxis soll man keinesfalls aufgeben. Gibt man sie auf, wird nach dieser Aussage alles fruchtlos. Durch diese Shakti-Ordnung und gründliche Untersuchung wird der Shakta zweifellos schon zu Lebzeiten befreit.
(21–24) Wer Mantrabedeutung, Mantrabewusstsein und Yoni-Mudra nicht kennt, kennt nach dieser Lehre nichts Wesentliches. Geheimzeichen, Guru-Zeichen, Jiva-Zeichen sowie diejenigen der göttlichen, heroischen und gebundenen Haltungen, Zeichen der Haltung, des Brahman und der verbindlichen Lebensordnung, die höchste Vira-Praxis, Leichenplatz- und Leichenpraxis: Diese unterschiedlichen Vorschriften habe ich im Yamala erklärt.
(25–29) Wer im Tantra kundig ist, erlangt Vollendung. Dies wurde im Damara und im Mukti-Yamala gelehrt; die Titelabgrenzung ist nicht eindeutig. In verschiedenen Tantras wurde erklärt: Allein durch Durga-Verehrung gemäß der vorgeschriebenen Unterweisung, und durch Erlangen der herzerfreuenden Wirklichkeit gelangt man zur Befreiung. Ohne gründliche Wirklichkeitserkenntnis gewinnt man weder Glück noch höchstes Ziel, wahrlich, Weltenmutter. Kali ist furchtbar angesichtig und mit einer Schädelgirlande geschmückt, Kamakhya, Liebende, Begehrenswerte, Schrecklich-Angesichtige, Himmelsgewandete, laut Lachende, furchtbar Tönende, Wolkendunkle, Furchterregende.
(30–33) Sie ist die Gestalt aller Bijas und des großen Bija, die fünfeinhalbsilbige Vidya, verehrt von Vasishtha und anderen. Sie wird von Siddha-, Yoga- und Weisenmeistern, von Götter-, Vira- und Übendenmeistern verehrt. So beschaffen ist Mahamaya, die alle Wirklichkeitsprinzipien offenbart. „Kalis und Taras Geheimzeichen habe ich gehört“ lautet ein hier auffälliger Sprecherwechsel. Im Kali-, Bhairava-Tantra und Yamala wurde davon gehört; Bhairavis Wirken im Bhairavi-Tantra wird dagegen als noch nicht gehört bezeichnet.
(34–37) Ebenso das Wirken Bhuvanas. Nun werde ich es kurz erklären, Schönangesichtige. Padma, Trishakti, Dhanada, Vani, Purna, Durga und Bhagavati sind in Bhuvana gegründet. Eine ist die Weltenmutter, die viele Gestalten trägt. Sie verehre der hervorragende Übende, sie, die auch Allwissende verehren. Mahamaya, reich geschmückte Weltenmutter, erscheint als großer Mantra mit den Chiffren Vani, Maya und nochmals Maya.
(38–41) Dann als Maya allein, von Übenden verehrt, und als dreisilbige, mit der Schlingen-Chiffre beginnende Vidya, die Furcht vor Yama vernichtet. Sie schenkt allen Wohlstand und Befreiung, liebt die Befreiung und besteht aus großem Yoga und sämtlicher Erkenntnis. Von allen Übenden verehrt und reich geschmückt, von den höchsten Göttern angebetet: So habe ich sie dir erklärt. Bhuvaneshi ist die selbst für Götter seltene Mahavidya. Wer sie als vierte durch glückliche Fügung empfängt, gewinnt die vier Lebensziele und erreicht Brahman.
(42–45) Die Göttin sprach: Freund der Leidenden, Ozean des Mitgefühls, Shankara! Ich möchte hören, denn du schenkst Erkenntnis. Gott der Götter, Mahadeva, Sadashiva! Verehrung dir, immer wieder Verehrung, Maheshvara! Allherr, Weltfreund, Blaukehliger, Verehrung dir! Erkenntnisherr, Spender von Wissen und Freude, Mehrer der Erkenntnis! Herrscher und Herr der Erkenntnis, Gemahl der Kocha-Frau, höchste Glückseligkeit, Freund der Verehrer: Verehrung dir! Die konkrete Kocha-Zuordnung bleibt unerläutert.
(46–49) Herr Parvatis, Gangaträger, Allherr, Weltfreund, Weltenherr und Sadashiva: Verehrung dir! Mahadeva, Dreiweltenherr, Maheshvara, Kenner von Yoga und Tantra, Kalis Herr: Verehrung dir! Taras Herr, Bhairavis Herr, Vanis Herr, Weltenherr, Chandikas Herr: Verehrung dir! Du bist Samen und Frucht des Baumes deiner Gestalt, Fruchtspender, Kenner aller Keimsilben und ihr tragender Grund: Verehrung dir!
(50–53) Umas Gemahl, Dreiäugiger, Fünfgesichtiger, Mondgeschmückter: Verehrung dir! Shambhu, großer Herr, Allgegenwärtiger, Virupaksha, Vierarmiger, Verehrung dir! Vor „Chandis Herr“ ist eine Textlücke überliefert. Dreiweltenherr, Ozean des Mitgefühls, erbarmungsvoller Shankara, Freund der Verehrer, Götterherr, blaukehliger Sadashiva! Herr Kashis, Mondgeschmückter, Chandis Herr, Shri-Herr und Parvatis Herr: Verehrung dir!
(54–55) Weltenträger, dem Viergesichtigen Zugewandter, Herr der Handlung, Befreiungsschenkender: Verehrung dir! Ich bin doch eine schwache junge Frau; wie soll ich erkennen? Als Eigenschaftslose bin ich nicht fähig, das Eigenschaftshafte zu erkennen, sagt Parvati im Dialog.
(56–59) Shiva sprach: Wahrhaft eigenschaftslos ist Prakriti, und ich bin ebenfalls eigenschaftslos. Als stets eigenschaftshaft erscheinst du, ebenso ich, Sadashiva. Wahrhaft eigenschaftslos ist die Göttin, wahrhaft eigenschaftslos bin ich. Zur Vollendung der Verehrer gelten wir als mit Eigenschaften versehen. Verschiedene Tantra-Lehren wurden mit vielerlei Bemühen offenbart. Wer auf Erden vermag Brahmans Wesen zu erkennen? Verwirrte Gebundene laufen verschiedene Wege; sie verlassen Durgas Lotosfüße und gehen zur Unterwelt, droht der Text.
(60–63) Wahrhaftig, bestimmt, heilsam und zuträglich sage ich wiederholt: Ohne Durga-Verehrung gibt es keine Befreiung. Durga ist das höchste Brahman. Dies hast du in der Kali- und Tara-Überlieferung gehört; die genaue Form der Quellenverweise ist unsicher. Brahma, Vishnu, Rudra, Vamana und die Himmelsbewohner: Wir werden durch den Dienst an ihren Füßen zu hervorragenden Übenden. Weder Götterherr, Ganesha, Brahma, Hara noch Hari sind unabhängig; Hari und ich sind alle den Lotosfüßen zugewandt. Die Namensfolge ist wiederholend.
(64–70) Durch deine Gnade erschafft Brahma, bewahrt Vishnu und löst Hara auf Erden auf. Indra ist Herr der Unsterblichen; danach steht eine ausdrückliche Lücke. Alle diese Götter bestehen durch deine Gnade. Auch Shankara ist durch Verbindung mit deinen Lotosfüßen Gott der Götter. Darum, Geliebte des Weltenherrn, Freundin der Verehrer, richte deinen Blick auf uns, Mahamaya! Verehrung ihr, immer wieder! Du bist Kali, Tara und Shodashi, Bhuvana, Bala, Chinna, Dhuma, Bagala, Bhima und Kamala, große Herrin, Matangi, Annapurna, Dhanada, Durga und Weltgebärerin mit zehn und achtzehn Gestalten, Gestalt der siebzig Millionen großen und untergeordneten Vidyas, Kumari, Frauengestaltige, Schöne und Bergestochter.
(71) Von Shiva und Brahma verehrte Götterherrin! Shiva, Shakti und das Lebewesen sind nicht getrennt: So verstehe ich die elliptische Schlussaussage über scheinbare Verschiedenheit, ohne Zweifel.
(72) Parvati sprach: Wahr hast du gesprochen, Shankara, du Wahrheitsgestalt. Erkläre mir, Allwissender, meine besondere Erscheinung in den drei Welten; der Satz ist verkürzt.
(73) Shiva sprach: Diese Besonderheit kenne ich nicht; erkläre sie selbst, Schöne! Du bist allwissend, Gefährtin des Allwissenden.
(74–77) Parvati sprach: In Goloka bin ich Radha, in Vaikuntha Kamalatmika; in Brahmas Welt Savitri, Bharati, die Gestalt der Rede. Auf Kailasa bin ich Parvati, in Mithila Janaki, in Dvaraka Rukmini und in Hastinapura Draupadi. Ich bin Gayatri, Mutter der Veden, und die Dämmerungsandacht der Zweimalgeborenen; im Yoga bin ich Morgenröte, unter Blumen die dunkle Aparajita. Unter Blättern bin ich Bilva, am heiligen Sitz Yoni-Gestalt; ich bin die Vidya aus Hari und Hara, verehrt von Brahma, Vishnu und Shiva.
(78–80) Nur durch besondere Gnade bin ich zu erkennen, Shankara. Wo immer ein Shakta verweilt oder geht, dort bin ich, Mahadeva: Das ist die höchste Gewissheit. Wer den Shakti-Weg verlässt und einem anderen nachläuft, wirft den Edelstein in seiner Hand fort und läuft bloßem Gedeihen nach; bhūtibhāva ist mehrdeutig. So habe ich gesprochen: Nichts ist höher, nichts, nichts, Sadashiva.
Kapitel 8
(1–2) Die Göttin sprach: Verehrung dir, mitfühlender Herr Parvatis und des Alls! Ich hörte, dass nichts höher als Erkenntnis ist. Herr der Leidenden, Mitgefühlsmeer, Weltenherr! Nun möchte ich den verborgenen höchsten Ursprung und das Geheimnis Kalis und Taras hören.
(3–6) Shiva sprach: Wie könnte ich das Geheimnis mit fünf Gesichtern beschreiben, selbst mit Milliarden Zungen und Gesichtern? Auch dann könnte ich seine Größe nicht vollständig schildern. Die folgende Frage „Was kenne ich nicht von ihrem Geheimnis?“ ist mehrdeutig überliefert. Nur sie selbst kann ihr eigenes Wirken angemessen beschreiben; ein anderer kennt es nicht vollständig. Kalis hundert Namen hast du in verschiedenen Tantras gehört. In diesem Tantra folgt ihr geheimzuhaltendes Geheimnis, Weltenmutter.
(7–10) Furchtbar Angesichtige, Kali, Liebende, Kamala, Kraft, Tätige, Tiefäugige, Kamakhya, Liebesschöne. Schädelträgerin, Furchtbare, Kashi, Katyayani, Neumondgöttin, Skelettgestaltige, Zeitbezwingerin, Mitgefühl, von Kamala Verehrte. Kadambari, Streitbeenderin, Verspielte, die Ritualsubstanz Liebende, Dunkle, Krishna Liebende, von Krishna Verehrte, Krishnas Geliebte. Dunkle Aparajita, Krishna Liebende, Krishna-Gestaltige, Kalika, Zeitnacht, Kula-Geborene und Kula-Kundige.
(11–14) Kula-Dharma Liebende, Liebe, mit wunschbezogenen Riten Geschmückte, Kula Liebende, Kula Zugewandte, von Kula-Angehörigen Verehrte. Kula-Kennerin, Kamala, Verehrungswürdige, von Kailasas Scharen Geschmückte, Kataja, Haarreiche, Liebe, Wünsche Schenkende, Liebeskundige. Furchtbar Angesichtige, Kandarpa, mit Frauengestalt Geschmückte, Kolambaka, Kola Zugewandte, Spielende, mit Haar Geschmückte. Keshavas Geliebte, Kasha, Kashmira, von Keshava Verehrte, Liebesherrin, Wunschgestaltige, mit Wunscherfüllung Geschmückte.
(15–18) Zeitvernichterin, Schildkrötenfleisch Liebende, von der Schildkröte und anderen Verehrte, Spielende, Karaka, Kara, den Handriten Dienende. Die zwischen Kata und Keshava Weilende, von Kata und Kitakara Verehrte, Kata Liebende, Kata Zugewandte und dessen Handlungen Dienende. Die Kata-Komposita sind nicht zuverlässig deutbar. Der Kumari-Verehrung Zugewandte, von Kumari-Scharen Verehrte, Kula-Geborene, Geliebte, Kaulas Liebende, dem Kula Dienende. Kula-Angehörige, Kula-Dharma-Kennerin, Kula-Furcht Vernichtende, Liebesordnung Liebende, Begehrenswerte, Gestalt täglicher Pflichten.
(19–22) Wunschgestaltige, Begehren Auflösende, im Liebestempel Verehrte, Gestalt des Liebeshauses, Kali Genannte, mit Zeit Geschmückte. Tätiger Hingabe Zugewandte, Kalya, Goldene, Wünsche Schenkende, in Kola-Blüten Gekleidete, Kola, Nikola und Kola-Vernichterin. Die Kola-Bezeichnungen bleiben mehrdeutig. Koshiki, Ketaki, Kumbhi, mit Locken Geschmückte. So höre dieses allheilvolle Geheimnis, Schöne. Wer es mit höchster Hingabe rezitiert, ist zweifellos Shiva. Was könnte durch die Gnade der hundert Namen nicht gelingen?
(23–27) Brahma, Vishnu, Rudra, Indra und die Himmelsbewohner werden durch Rezitation dieses Geheimnisses frei von Fieber und Bedrängnis. In den drei Welten und unter den Tantras gibt es nichts höheres Geheimes als dieses, wahrlich, Mahamaya. Auch ohne äußere Handlung und ohne Hingabe wird die Furchtbar-Angesichtige durch Lobgesangrezitation gnädig. Wahrlich sage ich: Nichts ist höher, weder in Gokula, Vaikuntha noch im Kailasa-Tempel, keine höhere Vidya, kein höherer Lobgesang oder Schutztext besteht in den drei Welten, Weltenmutter.
(28–31) Nachts oder tagsüber wiederhole man dieses geheime höchste Lobgebet hingebungsvoll. Durch die Gnade der hundert Namen entsteht Mantra-Vollendung. Wer am Dienstag, am vierzehnten Mondtag, nachts rezitiert, ist erfolgreich, schriftkundig, Kula-Angehöriger, stets rein, Kenner des Kula, der Zeit und des Dharma. Durch Geheimnisrezitation gewinnt er die Frucht von zehn Millionen vorbereitenden Mantraübungen, so lautet das Versprechen.
(32–37) Was könnte durch Lobpreisrezitation nicht gelingen? Die acht Vollendungen, beginnend mit Kleinwerden, entstehen gewiss. Nachts unter Bilva, Pippala oder Aparajita rezitiere man Kalis Lobgesang nach Vermögen. Hundertmalige Rezitation führt gewiss zu Mantra-Vollendung. Kein Mittel zur Verwirklichung des großen Mantras ist im Kosmos höher als dieses. Viele Tantras hast du aus meinem Mund gehört, das große Mundamala-Tantra ist das Mittel für den großen Mantra. Durga, die Leid und Armut vernichtet, soll man hingebungsvoll, erinnern, mit Japa verehren und meditieren. So ist man befreit und zu Lebzeiten frei, ganz der Tantra-Hingabe zugewandt.
(38–42) Der Übende sei ein großer Wissender und stets Durga ergeben. Weder Hingabe noch Befreiung entstehen, ohne Durga; das Leben bleibt fruchtlos. Wer zuerst dem Shakti-Weg zugewandt ist und dann anderen Wegen nachläuft, dessen Zustand vermögen selbst Shaktas nicht auszuschöpfen. Ohne Durga bleiben Menschen vom Wortgeflecht der Schriften bezaubert, verehren andere Götter oder werden in anderen Schriften umhergewirbelt. Ohne Tantra, Mantra und Yantra, entstehen nach dieser Lehre weder Hingabe noch Befreiung. Der Tantra-Verkünder ist unmittelbar Guru, wie der Erkenntnis schenkende Shiva.
(43–45) Wie der Guru, so der höchste Guru, der höhere-und-niedere Guru und der Parameshthi-Guru, so ist auch der Tantra-Kenner und -Verkünder selbst Guru. Wer Tantra, seinen Verkünder und tantrisches Handeln schmäht, dessen Fleisch und Knochen wollen die Bhairavas zerkauen, droht der Text. Darum soll man Tantra-Kenner weder schmähen, verspotten, verletzen noch verächtlich anreden.
(46) Parvati sprach: Höre mein festes Wort, Weltverehrter! Durch deine Gnade habe ich Kalis Geheimnis gehört. Nun erkläre mir Taras Geheimnis!
(47–49b) Shiva sprach: Gesegnet bist du, Durga, Vernichterin schwerer Not! Durch Hören und Rezitation dieses Geheimnisses wird Befreiung erlangt. Retterin, Bewegliche, Zarte, Tara, Rettungsranke, Ufergestaltige, am Ufer Dunkle, Zartleibige mit schmaler Brust. Tuvira, Bewegliche, Heftige, Nayana, Blau-Fahrende, Ugratara, Siegreiche, Chandi, erhabene Ekajata, Heilvolle. Tuvira ist unsicher überliefert. Junge, Shambhavi, Abgeschnittene, Bhaga, heilvolle Retterin, Ugratara, Siegreiche, Chandi, erhabene Ekajata, Heilvolle. Mehrere Namen wiederholen sich im nächsten Vers.
(50–53) Junge, Shambhavi, Abgeschnittene, Bhaga, heilvolle Retterin, Furchtbare, furchtbar Strahlende, Blaue, Dunkle, Nila-Sarasvati. Zweite, Strahlende, Ewige, Neue, ewig Neue, Chandika, von Vijaya Verehrte, Göttin, Himmelsfahrende. Laut Lachende, Furchtbar-Angesichtige, von Brahma und anderen Verehrte, Eigenschaftshafte, in Eigenschaften Verehrte, von Vishnu und Indra Verehrte. Blut Liebende, Rotäugige, Blutrote, reich Geschmückte, Kinder Liebende, Kindern Zugewandte, Durga, Starke, Kraft.
(54–57) Kraft Liebende, Kraft Zugewandte, von Balarama Verehrte, Ardhakesheshvari, Haarreiche, mit Keshava und Isha Geschmückte. Der erste Haar-Beiname ist undeutlich. Lotosbekränzte, Lotosgenannte, Kamakhya, Bergestochter, Dakshina, Geschickte, Dakshas Tochter, dem Rechten Zugewandte. Vajra-Blüten Liebende, Blut Liebende, blumengeschmückt, Maheshvari, Mahadevas Geliebte, mit den fünf Bestandteilen geschmückt. Ida, Pingala, Sushumna, Gestalt des Lebenshauchs, Gandhari, Fünfte, vom Fünfgesichtigen und anderen verehrt.
(58–61) So ist das Geheimnis höchster Wirklichkeit erklärt. Durch sein Hören gewinnt man Befreiung aus Taras Gnade. Wer diesen geheimen Tara-Lobgesang rezitiert, wandelt als Herr aller Vollendungen auf Erden. Sein Mantra wird vollendet; höchste Mantra-Vollendung entsteht, wahrlich und ohne Zweifel. Wer am Samstag und Dienstag nachts selbstbeherrscht rezitiert, erlangt Mantra-Vollendung und Herrschaft über die Scharen.
(62–65) Wer Taras Geheimnis mit oder ohne Vertrauen rezitiert, wird bald als Shiva schon zu Lebzeiten befreit. Durch tausend Wiederholungen gewinnt man die Frucht der vorbereitenden Übung. So bleiben die Verehrer beständig gesammelt und meditieren sie, und erreichen ihr Ziel, frei von Todes- und Daseinsfesseln. Tarinis und Kalis Geheimnis hast du gehört, die höchste geheime Essenz, von Shiva meditiert und Heil schenkend. Was möchtest du jetzt weiter hören, Schöne?
Kapitel 9
(1) Nachdem Parvati das Geheimnis aus dem Mund ihres Herrn gehört hatte, sprach die große Göttin zu Mahadeva.
(2–5) Parvati sprach: Dreiweltenherr, Weltenherr, Gott der Götter, Sadashiva! Durch deine Gnade hörte ich die verschiedenen Tantras. Nun besteht in mir Vertrauen zur Agama-Lehre. Wenn du gnädig bist, erkläre das Mittel großen Aufstiegs. In vielen Tantras hörte ich vielfältige Lehren. Mein Ziel ist erreicht, erreicht, erreicht, Shankara! Ist Shankara gnädig, was wäre auf Erden zu fürchten? Ohne Shivas Gnade gelingt nichts. Nun möchte ich Bhuvanas Geheimnis hören.
(6–13) Shankara sprach: Höre das höchste, geheimste Geheimnis. Durch seine Rezitation gewinnt man Mantra-Vollendung; ṣaṭhitvā ist wohl für paṭhitvā verschrieben. Ursprüngliche, Shri Bhuvana, Heilvolle, von Daseinsfesseln Befreiende, Narayani, Weltenmutter, Shiva, höchste Allherrin, Gandhari, höchste Vidya, Weltbezaubernde, Götterherrin, Weltenmutter, Allbezaubernde, Bhuvaneshi, Mahamaya, Götterherrin, Haras Geliebte, Furchtbare, gewaltig Gestaltete, Gestalt des großen Bija, Tripureshi, Dreiweltenherrin, Durga, Herrin der drei Welten, Ewige, makellose Göttin, alles Heil Bewirkende, Sadashivas Geliebte, Gauri, in allem Heil Strahlende, Heil Schenkende, alles Glück Spendende, Heilgestaltige, Furchtbar Bezahnte, Schrecklich Angesichtige, Honig-, Fleisch- und Opfergaben Liebende, alles Leid Nehmende, Chandi, alles Heil Bewirkende, Parvati, rettende Göttin, Bhima, Furchtvernichterin, Dreiweltenmutter, Tara, Retterin, Tarunakshama. Der letzte Beiname ist unklar.
(14–19) Genuss und Befreiung Schenkende, Hingabe, stets Shankaras Geliebte, Uma, Gauri, Geliebte, Tugendhafte, Varuna beziehungsweise Varuni Liebende. Bhairavi, Bhairavas Freude Schenkende, von Bhairava-Natur, von Brahma Verehrte, Brahmani, Rudrani, von Rudra Verehrte, Rudreshvari, Rudra-Gestaltige, Triputa, Tripura, Bhavani, Bhavas Freude Schenkende und Bhavas Gemahlin, von Göttern verehrte Herrin, Chandi, überaus Furchtbare, schrecklich Tönende, Wolkendunkle, Wolkenreiche, wie große Wolken Donnernde, Furchtbar-Züngige, mit bewegter Zunge, Vaideshi, Bergestochter, Dreiweltenbezaubernde, Allbezaubernde und Allgestaltige, Shodashi, Tripura, Brahman Schenkende, Brahman-Geberin, Makellose. Dies ist der höchste Brahman-Lobgesang des höchsten Ursprungs.
(20–24) Wer ihn mit höchster Hingabe rezitiert, ist zu Lebzeiten frei. Brahma und alle Gottheiten, die tantra-kundigen Weisen, gewinnen durch hingebungsvolle Rezitation Brahman-Vollendung. Es folgt eine Aussage über das Nichtkennen der Mantra- und Vidya-Geheimzeichen, der Vira-Zeichen und ausführlichen weiteren Zeichen. Vor dem Bezug auf Yoni-Mudra steht eine ausdrückliche Lücke; der Satz ist nicht vollständig herstellbar. Genannt werden Zeichen der verbindlichen Lebensordnung, des Kula, des Brahman und der Zeit, ferner ausführliche Yantra- und Vollendungszeichen. „Im Kularnava und im Mohana habe ich davon gehört, Herr“ weist auf einen nicht markierten Wechsel zu Parvatis Rede.
(25–28) Shankara sprach: Die höchste unter den Vidyas heißt Mahavidya. Schon durch Erinnerung an diese Göttinnen entsteht Mantra-Vollendung. Wer die Weltbezaubernde ohne Kenntnis der Mantra-Geheimzeichen verehrt, gewinnt selbst durch hundertjähriges Japa keine Vollendung. Die ursprüngliche, die zweite Vidya, Shodashi, Bhuvaneshvari und Bhairavi werden allein durch Erkenntnis als vollendete Vidyas verwirklicht. Zwischen Ida und Pingala wohnt die schwer zugängliche Weltbezaubernde. Wer ihr Durchdringen und die damit verbundene Läuterung kennt, ist weise.
(29–32) Er ist gesegnet, erfolgreich, heldenhaft und ganz rein, als Bhairava zu erkennen und stets Glück mehrend. Wer so die furchtbar angesichtige, schädelbekränzte Weltenmutter erkennt, ist zu Lebzeiten frei. Eine Besonderheit sei erklärt: Durch Kula-Hingabe gelingt es. Ohne sie gibt es nach dieser Lehre weder Hingabe noch gutes Weitergehen. Im Satya-Zeitalter gilt Sundari als erste, im Treta Bhuvaneshvari, im Dvapara Tarini und im Kali-Zeitalter Kali.
(33–35) Namen und Weltalter unterscheiden sich; zwischen Kali und Tara besteht aber keine Wesensverschiedenheit, ebenso wenig zwischen Shodashi, Bhuvana, Bhairavi, Chinna, Dhuma und Bhima, oder zwischen Bagalamukhi und Matangi. In der Vidya besteht kein Unterschied, große Herrin.
(36–37) Parvati sprach: Weltenherr, Mahadeva, Weltenlehrer, Yogameister mit dem Stierbanner! Ich möchte dich etwas fragen. Erkläre die Größe dunkler Aparajita, des Oleanders, der Drona-Blüte, des Bilva-Blattes und des Hibiskus, Shankara.
(38–41) Shiva sprach: Gesegnet bist du, mir lebensgleich und deinem Gatten ergeben! Dies ist streng geheim und selbst für Götter selten. Dunkle Aparajita ist unmittelbar Bhadrakali; Oleander ist Bhuvana, Drona ist Tripurasundari. Hibiskus ist unmittelbar Bhagavati, Gestalt aller Vidyas. Übende, welche Shivas Geliebte, Chandika, mit diesen Blumen verehren, sind zweifellos Shiva. Wozu dann weitere Wiederholungen, Askese, Gaben oder die drei Süßstoffe?
(42–48) Wer die Weltenmutter mit Drona, dunkler Aparajita und Hibiskus verehrt, gewinnt die Frucht von Königsweihe, großen Opfern, Vajapeya und Feueropfern allein durch Blumenverehrung. Hibiskus, Drona, dunkle Aparajita, Mandara und Oleander, als unmittelbare Brahman-Gestalten bringe man der großen Göttin dar, mit weißem Sandelholz verbunden und mit rotem bestrichen. Wer dies hingebungsvoll gibt, wird zweifellos Weltenherr. Bei großem Schrecken, Unheil, Unglück und Bedrängnis, bei Leid, Krankheit, Trauer und Furcht verehre man Kalika, Tara, Bhuvana und Shodashi als Heilvolle, Bala, Chinna, Bagala, Dhuma, Bhima, Karalini, Kamala, Annapurna und die leidvernichtende Durga, alle Vidyas mit Hibiskus, Drona, Oleander, Bilva-Blättern und dunklen Blüten. Der Schluss nennt Krishna als Verehrten und ist im Zusammenhang auffällig.
(49–53) So wird man zweifellos Meister der Übenden. Hunderttausende Büffel, Schafe, Ziegen, Gaben und Esel werden zum Vergleich aufgezählt, als wären sie mit der Blumenverehrung der Weltenmutter dargebracht. Die Größe der dunklen Blüte kennt die Dunkle selbst. Ich kenne die Hälfte davon, Vishnu wiederum die Hälfte, Brahma davon die Hälfte und der Vedenkundige wiederum die Hälfte. Die Größe dieser Blume erkläre ich kurz: Auf Erden, in Atala, im Himmel, in Vaikuntha und in Kalis Stadt, welche Früchte Hibiskus, Oleander und ihre Darbringung bringen, weiß ich nicht vollständig. Wer außer Parvati könnte es wissen?
(54–61) Wer auf Erden mit weißem und rotem Oleander, vermischt mit rotem Sandelholz, verehrt, wird gewiss Weltenherr. Wer die Göttin mit dunkler Aparajita verehrt, gewinnt die Frucht von tausend Pferdeopfern und verehrt als Shiva. Die Größe des Bilva-Blattes ist selbst für Götter schwer zugänglich. Wer es der Göttin Shiva und Shankara darbringt, wird Sadashiva gleich und gelangt zu Brahmas Wohnstatt. Wer in großer Not Hibiskus oder dunkle Aparajita, Drona oder Oleander darbringt, gelangt zu Kalis Stadt. Wozu weitere Fußwassergaben, Musik, Speiseopfer und Verehrungsriten, Honiggaben, Madhuparka, Atemanhalten, Ausatmen, Einatmen, Meditation und Pranayama, Japa, Askese, Fisch, Fleisch und der fünfte Bestandteil? Wozu andere Mantras, Tantras, Yantras und Praktiken, weitere Vāsava-Bezüge, Leichenplätze, Mantrapraxis, Opfer, mantra-gereinigte Gaben, Mantrabedeutungen und Mantrabelebung? vāsava ist hier unklar.
(62–65) Wozu Yoni-Mudra, Pilgerorte, Brahman-Praxis, Einsetzungen der Buchstabenmütter, abgegrenzte Bereiche, Krüge und Tücher, Krähenmundhaltung, sechsfache Einsetzungen und rituelle Übungen für denjenigen, der Bhagavati mit Oleander und Hibiskus verehrt? Mit dunkler Aparajita, schönem Oleander, Drona, Ketaki, Hibiskus und Bilva-Blättern, wer Bhagavati damit verehrt, wozu braucht er weitere Ritualübungen? So hast du das höchste heilvolle Geheimnis gehört.
(66–69) Durch sein Hören erlangt der Übende zweifellos Befreiung. Diesen König der Tantras, innerste Essenz, höre und erkenne man, um rasch Befreiung zu gewinnen. In großer Furcht, Gefangenschaft, Unglück und vielfacher Bedrängnis, befreit die Verehrung der Weltenmutter von Daseinsfesseln. Wer Tarini mit oder ohne Vertrauen verehrt, ist gesegnet, dichterisch begabt, standhaft, schriftkundig, angesehen und wissend, sofern er Kalika verehrt. Was möchtest du weiter hören?
Kapitel 10
(1–3) Die Göttin sprach: Gott der Götter, blaukehliger Mahadeva, Sadashiva, höchster Herr und Weltenherr: Verehrung dir! Verehrung dir, höchster Herr, Sadashiva, Maheshvara, höchste Glückseligkeit, Erkenntnis und Befreiung Schenkender! Parvatis Herr, Freund der Verehrer, sei mir gnädig! Weltfreund, erkläre das Verborgene, Sadashiva.
(4–8) Shiva sprach: Höre die höchste innerste Essenz, Weltenmutter; durch ihr Hören gewinnt der Übende auf Erden Befreiung. Wer das Mundamala-Tantra hört, diesen höchsten Ursprung, der Erkenntnis, Befreiung, Hingabe und Befreiungsglück schenkt, und die höchste, selbst für Götter seltene Göttin so erkennt, der ist ein Kenner letzter Wirklichkeit. Ohne Shakti-Weg gibt es nach dieser Lehre weder Hingabe noch gutes Weitergehen. In Shakti wurzeln die ganze Welt und höchste Askese, ebenso höchste Handlung, Geburt und Glück auf Erden. Ohne Shaktis Gnade entsteht keine Befreiung.
(9) Du hast alles auf Erden Geheimzuhaltende gehört. Welches weitere Geheimnis wünschst du? Sage es, du mit gutem Gelübde!
(10) Parvati sprach: Höre, Mahadeva! Wie entsteht Erkenntnis? Erkläre es, Weltenlehrer, Hort der Gnade!
(11–14) Shiva sprach: Welch Glück, welch Glück, welch Glück! Mein Ziel ist erreicht, erreicht, meine Herrschaft erfüllt, große Herrin! Der Erkenntnisteil ist die heilvolle innerste Essenz. Erkenntnis gilt als zweifach und ist selbst geistig schwer zu erfassen. Es gibt Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit und Wissen als Mittel zum Erfassen eines Gegenstandes; anderes, täuschungsbezogenes Wissen gilt als gewöhnlich. So erscheint die Einteilung dreifach; die mittlere Form enthält noch keine Wirklichkeitserkenntnis. Diese ist selbst für Yogameister schwer erreichbar.
(15–18) Ohne Wirklichkeitserkenntnis bleiben Verehrung und Askese fruchtlos. Ein Gott, ein Ich, das Selbst ungetrennt vom Körper – vom Krug, Tuch, Zeitrad und Baum: Wenn solches wirklichkeitserfülltes Wissen entsteht, wird man bald befreit. Die Kasusverknüpfung mit dem vorigen Vers ist beschädigt. Viele Mittel führen dazu: Verehrung, Meditation, Besuch heiliger Orte und Zuflucht zu Tarinis Füßen, Erinnerung an den hier unklaren saharāja, Wandern im Kula-Zusammenhang, Gemeinschaft mit Wahrhaftigen sowie Verehrung Vishnus und Shankaras.
(19–25) Die Verehrung von Kalis beiden Füßen ist eine Ursache der Erkenntnis. Solange das trennende Denken besteht, bestehen Unterschiede auf Erden. So lange bestehen Geburtsgruppe, Abstammungslinie, verschiedene Namen, unterschiedliche Kennzeichen oder Geschlechter und gesellschaftliche Einteilungen, Freund und Gegner, Ehepartner und Verwandte sowie verschiedene Formen von Tantra-, Yantra- und Mantra-Verehrung, Verdienst und Vermehrung von Schuld und Verdienst, ebenso „du“, „dieser“ und „diese“, solange die dem Nichtwissen entgegengesetzte, Unwissen vernichtende Vidya nicht entsteht, jene rettende Mahavidya, die im Verhältnis von Wissen und Nichtwissen erscheint. Darum bringe man Erkenntnis hervor, und erlange wahrhaft Erlösungsbefreiung. An Durgas Lotosfüßen entsteht unabweichende Hingabe; durā ist wohl für Durga verschrieben.
(26–28) Dann entsteht das selbst Brahma schwer erreichbare Brahman-Wissen. Brahma, Vishnu, Rudra, Indra und die Himmelsbewohner, Bhairavas und Gandharvas bemühen sich eifrig um die Vidya. Keine Wissenslehre und keine Handlung gleicht Brahma-Vidya, keine Erkenntnis gleicht ihr, niemals. Wirklichkeitserkenntnis hast du gehört; was möchtest du weiter hören?
(29–31) Parvati sprach: Verehrung dir, Mahadeva, Weltenherr und Weltenlehrer! Erkenntnis und viele Tantras habe ich aus deinem Mund gehört; tavāṅanāt ist beschädigt. Nun erkläre Chandikas geheimen Lobgesang und Schutztext, welche Mantrabewusstsein bewirken, Mantra-Vollendung und Befreiung schenken. Wer diese Vidya hört und erkennt, erlangt Befreiung; die Anrede Maheshvari ist hier auffällig.
(32–35) Shiva sprach: Tarinis Weg und Zustand sind schwer erreichbar, ebenso Mantrabedeutung, Mantrabewusstsein und Leichenpraxis, Leichenplatz-, Yoni- und Brahman-Praxis, tätige Praxis, Hingabe- und Befreiungspraxis. Durch die Gnade des Lobgesangs gelingen alle Vollendungen. Verehrung dir, Chandika, Furchtbare, Vernichterin Chandas und Mundas! Verehrung dir, Kalika, Vernichterin der großen Todesfurcht! Heilvolle Weltenmutter, schütze, sei gnädig, Haras Geliebte!
(36–40) Ich verneige mich vor der Weltenmutter, die die Welt bewahrt, bewegt und erschafft, der göttlichen Vidya. Vor der Furchtbaren, Gewaltigen, Schrecklichen, schädelbekränzten, von Hara verehrten und zu verehrenden Geliebten verneige ich mich. Vor Gauri, dem Guru lieb, mit heller Farbe und Schmuck geziert, Haris Geliebter, Mahamaya, von Brahma Verehrter verneige ich mich. Vor der Vollendeten, Vollendungsherrin, von Siddha- und Vidyadhara-Scharen umgeben, Mantra- und Yoni-Vollendung Schenkenden, mit Linga Geschmückten, verneige ich mich: Mahamaya, Durga, Notvernichterin, Uma, von furchtbarer Kraft erfüllt, Tara, von furchtbaren Scharen umgeben.
(41–44) Vor der Blauen, wie eine dunkle Wolke, der blauen Schönen mit dunklen Gliedern und dunkler Gestalt verneige ich mich. Vor Weltenmutter Gauri, die alle Ziele verwirklicht, Allherrin, in der Welt Furchtbare, Gewaltige, schrecklich Tönende. Vor der Ursprünglichen, noch vor dem Urguru, vom Urherrn Verehrten, Durga, Dhanada, Annapurna, Padma und Götterherrin, verneige ich mich: Weltenmutter, Geliebte des Mondgeschmückten, Tripura, Sundari, Bala, mit Girlandenscharen geschmückt.
(45–48) Vor Shivaduti, von Shiva verehrt und meditiert, Ewiger, Schöner, Retterin, von allen Göttinnenscharen umgeben, Narayani, von Vishnu verehrt, Brahma, Vishnu und Hara lieb, alle Vollendungen schenkend, ewig und nicht-ewig, eigenschaftslos, mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften, meditationswürdig, verehrt, alle Vollendungen gebend, Vidya-Vollendung schenkend, Mahavidya, Maheshvari, Mahesha ergeben, Maheshi, mit großem Wasser verehrt: Vor der Weltenmutter, Bezwingerin des Asura Shumbha, verneige ich mich.
(49–53) Vor der Blut Liebenden, Roten, Raktabija-Bezwingerin, Bhairavi, Bhuvana, Göttin mit bewegter Zunge, Götterherrin, vier-, zehn- oder achtzehnarmig, heilvoll, Tripureshi, dem Weltenherrn lieb, Allherrin, Shiva, laut lachend, lautes Lachen liebend, Dhumra vernichtend, Kamala, mit abgeschnittenem Haupt, Matangi, himmlisch Schöne, Shodashi, Tripura, Bhima, Dhuma, Bagalamukhi, alle Vollendungen schenkend, sämtliche Vidyas und Mantras läuternd, vor der Weltenretterin und Essenz verneige ich mich zur Mantra-Vollendung. So lautet dieser höchste vollendungsschenkende Lobgesang.
(54–57) Durch seine Rezitation gewinnt man wahrhaft Befreiung. Am Dienstag, vierzehnten Mondtag, Neumond oder Donnerstag, auch am Freitag nachts, rezitiere man ihn und erlange Befreiung. Innerhalb dreier Monatshälften soll Mantra-Vollendung entstehen. Am vierzehnten Mondtag nachts, am Samstag oder Dienstag, bei Nachtbeginn rezitiere man ihn zur Mantra-Vollendung. Allein durch Lobgesangrezitation entsteht höchste Mantra-Vollendung; die schlangenförmige Kraft erwacht dadurch beständig.
(58–61) Der Lobgesang ist gehört; höre nun den Schutztext, Parvati. Sein Seher ist Sadashiva, sein Versmaß Ushnih. Sein Einsatz dient der Mantra-Vollendung. Parvati schütze den Kopf, die Geliebte des Fünfgesichtigen behüte ihn. Chandi, Bharati, die Blut Liebende, schütze Haare und Gesicht, Hals, Brust, Schädel und Wangen. Kali, furchtbar angesichtig, vielfältig, die Laute bewegend, schütze den unklar bezeichneten rakṣamūla-Bereich; Durga-Tripurasundari den Nabelansatz.
(62–65) Tara schütze die rechte Hand, Sarvani alles; Vishveshvari den Rücken, Maheshvari das Auge. Kalika schütze den Herzenslotos, Ugratara beim Gang durch den Raum; Narayani den Schambereich, Medhreshvari das Geschlechtsorgan. Jaya schütze beide Füße, Sundari die Finger; die in sechs Lotoszentren Wohnende schütze beständig sämtliche Lotoszentren. Ida, Pingala und Sushumna mögen stets schützen. Dhaneshvari schütze den Reichtum, Annapurna behüte immer.
(66–69) Bahyeshvari schütze das Äußere, Chandika mich stets; Parvati mich als Lebewesen, Matangi allzeit. Chinna, Dhuma und Bhima schützen bei Furcht, im Wasser und Wald; Kaumari, Varahi und Narasimhi meinen Ruhm. Bhadrakali, Bewohnerin des Verbrennungsplatzes, schütze stets; Sarvani, die Allheilvolle, meinen Bauch. Die Weltenmutter, stets auf Kailasa wohnend, schütze den Sieg; Shivas Geliebte den Sohn, die Bergestochter die Tochter.
(70–73) Bagala schütze die drei Welten, Bhuvaneshvari die Welt; Parvati, Wohnstatt aller, sämtliche Glieder. Chamunda, alle Ziele verwirklichend, schütze meine Haarporen; die schöne Mahavidya stets meinen Kosmos. Lingeshvari schütze das Linga, Maheshvari den großen heiligen Sitz; Gauri und Tripureshvari meine Gelenkbereiche. Die Götterherrin schütze stets am Verbrennungsplatz und auf dem Leichnam, beim Atemanhalten, Ausatmen und Einatmen sowie im Liebestempel.
(74–77) Kamakhya schütze die Liebesstätte, Durga als Götterherrin; Dakini, Kakini und Shakini mögen wahrhaft schützen. Hakini und Rakini schützen, Rakini stets; Jvalamukhi stets das Gesicht und im Inneren. Tarini schütze im Wohlstand, Bhavani im Dasein; Trailokyamohini alle Glieder und in der Einsamkeit. Am Königshof, bei schwerem Angriff, im Kampf und in Feindesbedrängnis schütze Prachanda, die Bhairava Bezaubernde, mich als Übenden.
(78–83) Shri Rajamohini schütze am Königstor und in Not, die Wohlstand schenkende Bhairavi; Bala schütze meine Kraft. Shambhus Gefährtin und Tripurantaka mögen mich stets schützen. So ist dieses allzeit gültige Geheimnis erklärt. Es schenkt Genuss, Befreiung, Glück und allen Wohlstand. Wer morgens nach dem Aufstehen rezitiert, wird zu einem Meister der Übenden. Wer am Dienstag, vierzehnten Mondtag, Neumond, Samstag oder Donnerstag nach Guru-Verehrung rezitiert, gelangt wahrhaft zur Wohnstatt der Göttin. Wenn man so mit ganzer Hingabe rezitiert, entsteht bald Mantra-Vollendung. Die Frucht von hunderttausend vorbereitenden Übungen erlangend verehre man die Göttin.
(84–87) Auf dem Königsweg, dem Weg der Göttin, wird das Lebewesen Shiva. Durch Schutztext und Lobgesang gewinnt es gewiss Befreiung. Nach Rezitation von Schutztext und Lobgesang verehre der Asket die zehn Vidyas; Vidya- und Mantra-Vollendung entstehen zweifellos. Dann entsteht auch Vollendung mit Betel; die auf Erden seltene Leichen- und Scheiterhaufenvollendung wird genannt. Durch Betel werde Vollendung mühelos zugänglich, behauptet der Text. Bei Nachtbeginn, nachts, in der großen Nachtzeit und mitten in der Nacht rezitiere man hingebungsvoll und erlange Herrschaft über die Scharen.
Text II
Eine weitere heutige Chakra-Energie-Meditation begleitet das Studium der inneren Sammlung.
Kapitel 1
(1) Ich verneige mich vor der höchsten Herrin, der Göttin und Vidya, die ganz aus Glückseligkeit besteht, von allen Überlieferungen verehrt wird und sämtliche Vollendungen schenkt.
(2–3) Die Göttin sprach: Gott der Götter, Mahadeva, schön durch höchste Glückseligkeit, sei gnädig! Offenbare das Geheimnis, du freundlich Redender. Die Anrede guhyavaktrānta ist unsicher. Was in allen Tantras und Mantras durch deine fünf Gesichter verborgen bleibt, das offenbare als Geheimnis, mein Geliebter.
(4) Shiva sprach: Am Ende des Gesprächs werde ich das Verborgene mitteilen, unruhige Mutter. Wegen deiner weiblichen Natur erkennst du die große, heilbringende Wirklichkeit nicht, behauptet der Sprecher hier.
(5) Die Göttin sprach: Ich werde fest bleiben und es niemals aussprechen. Durch Hingabe an dich werde ich zur Vergegenwärtigung, die Mantra-Vollendung schenkt. Der zweite Halbvers ist grammatisch unsicher.
(6–9) Shiva sprach: Gottheit, Guru und Mantra soll man als eins vergegenwärtigen. Der Mantra ist der Guru; der Guru ist die Gottheit. Kali, Tara, die große Vidya Shodashi, Bhuvaneshvari, Bhairavi, Chinnamasta und die Vidya Dhumavati, Bagalamukhi, die vollendete Vidya, Matangi und Kamalatmika: Diese werden als die zehn großen, vollendeten Vidyas bezeichnet. Sie sind in der Welt äußerst schwer erreichbar und werden von den sechs Überlieferungsströmen verehrt. Diese höchsten Vidyas sind in den drei Welten selten zu erlangen.
(10–13) Die Vidya schenkt Glück und Befreiung; sie ist nicht von jener Art, die nur mühsam zu verwirklichen ist. Auf welche Weise man auf Erden Vollendung erreicht, werde ich dir allein aus Liebe vollständig sagen. Es bedarf keiner Prüfung der Mantra-Eignung nach siddha und ähnlichen Kategorien, auch keiner Prüfung der Mondhäuser. Es gibt keine zeitliche Eignungsprüfung und keine Beeinträchtigung nach Freundschaftskategorien. Die vollendeten großen Vidyas verlangen keine mühsame Verehrung über Weltalter; der Schluss ist elliptisch. Nichts daran ist jemals durch Leiden zu erzwingen, große Göttin. Kali, die höchste Vidya, wird ebenso Tara genannt.
(14–16) Die höchste Vidya Tara wurde früher vierfach beschrieben. Durch die unterschiedliche Betrachtung dieser beiden entstehen die vielfältigen Mantras. Im Kalika-Kalpa und Tara-Kalpa habe ich davon gesprochen. Shodashi, die große Vidya, wurde früher ebenfalls vierfach gelehrt. Durch die Unterscheidung nach dem Lakshmi-Bija und weiteren Lauten wird sie hier fünffach. Eine einsilbige große Vidya wird als ohne zusätzliches Bija bezeichnet; die dreisilbige Bhuvaneshvari heißt ebenfalls große Vidya. Die genaue Zuordnung ist in dieser Lesung undeutlich.
(17) Die Göttin sprach: Herr der Götter, eine beeinträchtigte Vidya wurde erwähnt, aber nicht erklärt. Erläutere sie nun aus Mitgefühl, du durch Glückseligkeit Schöner!
(18–21) Ishvara sprach: Bhuvaneshi, die große Vidya, wurde einst vom Götterkönig verehrt. Durch den Vajra wurde diese Vidya, wie es heißt, verwirrt. Die einsilbige, eines zusätzlichen Bija entbehrende Vidya leuchtet durch Vagbhava auf. Die Kamaraja genannte Vidya wurde vom Träger des Blumenbogens verehrt von Smara wurde sie einst verehrt und durch Bhuvaneshi eingesetzt. Die Kumari genannte Vidya wurde von ihr verflucht und ausgeschlossen. Die Bezüge der Pronomen bleiben unsicher. Allein in Shakti-Gestalt, allein in Shiva-Gestalt: Von ihr wurde die Vidya Tara begründet, deren Wesen der Mond ist. Der Satzanschluss ist undeutlich.
(22–25) Bhairavi ist die große Vidya, die großen Wohlstand schenkt. Chinnamasta liebt Wein und Fleisch und ist von der Natur des Blutes. Dhumavati ist die große Vidya, die sich Tötungs- und Vertreibungsriten widmet. Bagala besitzt verschiedene Kräfte wie Unterwerfung und Lähmung. Matangi, die große Vidya, bringt die drei Welten unter ihren Einfluss. Mit jīvaputra-Perlen schenkt sie Reichtum, mit Steinen sämtliche Genüsse; die Materialbezeichnung ist nicht eindeutig. Kamala wird dreifach beschrieben und in einsilbiger Vergegenwärtigung gegründet. Für sich schenkt sie großen Wohlstand, Glück und Befreiung.
Kapitel 2
(1) Die Göttin fragte: Die Gebetskette wurde erwähnt, aber nicht eingehend erklärt. Was bedeutet Akshamala, und welche Frucht bringt sie? Sage es mir!
(2–5) Ishvara sprach: Je nach angestrebtem Ziel gibt es viele Arten von Gebetsketten. Höre, Erfahrene, ich erkläre sie ausführlich. Die Buchstabenreihe wird vorwärts und rückwärts durchlaufen, vom Anfang bis kṣa und von kṣa zurück bis zum Anfang, höchste Herrin. Den Laut kṣa als Meru soll man niemals überschreiten. Eine Kette ohne Meru oder eine, deren Meru überschritten wird, ist ebenso fruchtlos wie eine unreine oder öffentlich ausgestellte Kette. Chitrani, fein wie eine Lotosfaser, liegt im Inneren der Brahmanadi.
(6–9) Die Kette ist als auf diese Nadi aufgereiht zu meditieren und erfüllt alle Wünsche. Bei den 108 Wiederholungen wird zuvor die als klība bezeichnete Lautgruppe eingesetzt; die genaue Anweisung ist undeutlich. Die beiden Laute ṛ und ḷ werden klība genannt. Man kann auch nach den acht Lautgruppen vorgehen, entsprechend dem jeweils angestrebten Ziel. Die acht Gruppen beginnen mit a, ka, ca, ṭa, ta, pa, ya und śa. Eine Kristallkette gilt als befreiend, eine Kette aus Lotossamen als viele Söhne schenkend. Eine reine Kristallkette schenkt großen Wohlstand, Geliebte. Im Dhumavati-Ritus verwendet man eine Kette aus Stechapfelsamen vom Leichenplatz.
(10–13) Eine nach den Gelenkabschnitten aufgereihte Kette aus menschlichen Fingerknochen gilt als alle Vollendungen und Befreiung schenkend, Schöne. Sie soll auf einer Sehne oder einem roten Stofffaden aufgereiht und sorgsam verborgen werden, so wie der Liebhaber der eigenen Mutter, Geliebte. Die Kette wird in fünf Arten beschrieben und schenkt die Frucht sämtlicher Vollendungen. Eine Perlenkette verleiht alle Herrlichkeit. Ketten werden aus Edelsteinen, Korallen, Gold oder Silber angefertigt. Eine Kette aus Kusha-Grasknoten schenkt die Frucht aller Opfer.
(14–17) Eine auf Sehnen aufgereihte Kette schenkt große Vollendung. Dreißig Perlen verleihen Herrschaft, fünfundzwanzig Befreiung. Vierzehn Perlen schenken Befreiung und mehren Genuss; fünfzehn werden Tötungs- und Vertreibungsriten zugeordnet, Göttin. Für Lähmung, Verblendung, Unterwerfung, Unsichtbarkeit, Salbung des Körpers und die Vollendung wundertätiger Sandalen wird die Zahl hundert genannt. Oder man fertige eine Kette mit 108 Perlen an, die alle Wünsche erfüllt. Die tägliche Wiederholung zähle man an der Hand, grundsätzlich nicht die wunschbezogene.
(18–21) Fehlt eine Kette, darf auch wunschbezogenes Japa an der Hand gezählt werden. Beim Zählen an den Fingern soll der Daumen beteiligt sein. Eine ohne Daumen vollzogene Handlung gilt als fruchtlos. Zwei Gelenkabschnitte des Ringfingers, dann der kleine Finger und die folgenden Finger bis zur Wurzel des Zeigefingers bilden die Handkette. Vom Wurzelabschnitt des Ringfingers aus umkreist man den Meru nach rechts. Durch den Fehler, den Meru zu überschreiten, wird die Wirkung verändert. Man beginne an der Wurzel des Ringfingers und gehe rechtsherum vor.
(22–25) Bis zur Wurzel des Mittelfingers zählt man auf acht Gelenkabschnitten, bis zur Wurzel des Zeigefingers auf zehn. Die drei Abschnitte des Mittelfingers und der Wurzelabschnitt des Ringfingers werden einbezogen. Die Mitte des Ringfingers mache man zum Meru und überschreite sie nicht. Wer an Spitze oder Mitte des Zeigefingers zählt, verliert dem Text zufolge vier Dinge: Lebensdauer, Wissen, Ansehen und Kraft. Die Finger soll man nicht spreizen, die Handfläche etwas zusammenziehen. Nun erkläre ich zuerst die tantrische Unterweisung über Gebetsketten.
(26–30) Nach hingebungsvoller Verehrung, vorherigem Fasten und Reinigung soll der Übende an einem einsamen Ort schweigend selbst mit der Kette Japa üben. Nach Erfüllung der täglichen Pflichten sammle der gereinigte Mantrakenner zu geeigneter Zeit sorgfältig die verfügbaren Perlen. Sie sollen untereinander ähnlich, weder zu dick noch zu dünn, nicht durch Insekten beschädigt, nicht alt, sondern neu sein. Jede einzeln wasche man mit den fünf Kuhprodukten. Dann nehme man einen knotenlosen Faden, den eine tugendhafte Frau aus einer Brahmanenfamilie hergestellt hat, verdreifache den dreifachen Faden oder verwende Seidenfaden: weiß für Befriedung, rot für Unterwerfung, schwarz für schädigende Riten.
(31–34) Neun Pippala-Blätter werden lotosförmig angeordnet; darauf lege man Faden und Perlen, nachdem sie mit duftenden Substanzen gewaschen wurden. Genannt werden auch Wasser vom Leichenplatz, vom Waschen des Kultsitzes, reines Wasser, Edelsteine, Moschus und Safran. Shakti und die Buchstabenmütter werden auf Faden und Perlen eingesetzt; dann verehre man sie und opfere sorgfältig geklärte Butter ins Feuer. Ist man zum Feueropfer nicht imstande, verdopple man das Japa. Der Verständige nehme jede Perle einzeln und ziehe sie auf den Faden.
(35–38) Vorderseite verbinde man mit Vorderseite und Rückseite mit Rückseite. Die Kette soll einem Kuhschwanz ähneln oder Schlangengestalt haben. Eine zusätzliche gleichartige Perle setze man vorne als Meru ein. Zwischen je zwei Perlen bilde man einen Brahma-Knoten. Nach dem Herstellen der Japa-Kette beginne ihre Weihe: Man wasche sie mit den fünf Kuhprodukten unter dem Sadyojata-Mantra und danach mit Wasser. Der Mantra lautet sinngemäß: Om. Zu Sadyojata nehme ich Zuflucht; Verehrung Sadyojata. In jedem Werden lass mich nicht überwältigt werden, du Ursprung des Werdens. Der überlieferte Schluss wiederholt und verändert Wörter; er lässt sich nicht sicher zusammenhängend übersetzen.
(39–42) Die Namen verehre man der Reihe nach im Dativ, mit Om am Anfang und namaḥ am Schluss. Unter dem Vamadeva-Mantra reibe man die Kette mit Sandelholz, Aloeholz und Duftstoffen ein. Om. Verehrung Vamadeva, dem Ältesten, dem Besten, Rudra, der Zeit, dem die Teile Verwandelnden, dem die Kräfte Verwandelnden, dem Zerschmetternden, dem Bezwinger aller Wesen, dem Entrückten und dem jenseits des Denkens! So lautet die hier überlieferte Namensfolge. Mit dem Aghora-Mantra beräuchere man die Kette, mit dem Purusha-Mantra salbe man sie: Om, den Furchtbaren, den Nichtfurchtbaren und den überaus Furchtbaren allüberall, allen insgesamt, euch Rudras sei Verehrung! Om. Den höchsten Purusha wollen wir erkennen; über Mahadeva wollen wir meditieren.
(43–46) Möge Rudra uns dazu anregen! Mit dem fünften Mantra besprache man anschließend jede einzelne Perle hundertmal. Om. Ishana ist Herr aller Wissensformen, Herr aller Wesen, Herr des Brahman, Herr des Brahman, Shiva, fünf, Sadashiva. So lautet die beschädigte Textfassung; das Wort pañca und die Wiederholung erlauben keine sichere glatte Übersetzung. Der große Mantra beginnt mit Om und enthält in der Folge Sadashiva. Auch den Meru besprache man mit diesem fünften Mantra. Nach solcher Weihe setze der Kundige die Lebenskräfte der Kette in sie ein und verehre sie hingebungsvoll mit dem Wurzelmantra.
(47–50) Man verehre den Guru und empfange die Gebetskette aus seiner Hand. Unrein soll man sie nicht berühren und nicht aus der Hand fallen lassen. Die auf dem Daumen liegende Kette bewege man mit der Spitze des Mittelfingers. Man berühre sie nicht mit dem Zeigefinger und zeige sie selbst dem Guru nicht öffentlich. Dem Mittelfinger werden Genuss und Befreiung, dem Ringfinger ein höchstes Ergebnis zugeordnet; der Text verbindet Zeige- und kleinen Finger mit Tötungsriten. Die Syntax ist beschädigt. Für Genuss, Befreiung und Heranziehung zähle der Verständige am Mittelfinger; für Unterwerfungsriten mit Daumen und Ringfinger.
(51–54) Für Tötungs- und Vertreibungsriten nennt der Text die Verbindung von Zeigefinger und Daumen, für Tötungsriten auch kleinen Finger und Daumen. Nach dem Japa verehre und pflege man die Kette. Während des Japa soll diese glückverheißende Gebetskette verborgen bleiben. Der Wissende darf seinen Guru bekannt machen, niemals aber den Mantra. Auch Gebetskette und Vidya soll er niemals öffentlich enthüllen. Geister, Rakshasas, Vetalas, Gandharvas, Siddhas und Charanas rauben, so der Text, die offen zur Schau gestellte Vollendung. Bewahre sie daher stets im Verborgenen.
(55–56) Bei verschlissenem Faden fädle man neu auf und wiederhole den Mantra hundertmal. Fällt die Kette aus Unachtsamkeit aus der Hand, wiederhole man ihn 108-mal. Nach versehentlicher verbotener Berührung wasche und verehre man sie. So habe ich die auf Erden seltene Japa-Kette erklärt; halte sie sorgfältig geheim, wenn du meine Geliebte bist.
Kapitel 3
(1) Die Göttin fragte: Erkläre Orte und Sitze, Gott der Götter, durch die alle Mantras auch ohne einen guten Lehrer zur Vollendung gelangen. Die Lesung sadācāryaṃ ist gegenüber der sonstigen Betonung des Gurus auffällig.
(2–5) Ishvara sprach: Am Flussufer, unter einem Bilva-Baum, auf einem Leichenplatz, in einem leeren Haus, bei einem großen Linga, auf einem Berg, im Tempel oder an einer Kreuzung, auf einem Leichnam oder Schädel, bis zum Hals im Wasser, auf einem Schlachtfeld, an einer Yoni-Stätte, auf freiem Gelände oder im einsamen Wald, oder an irgendeinem schönen Ort, der das Herz erfreut: Damit sind die Orte erklärt. Nun werden die Sitze beschrieben. Für Lähmungsriten gilt Elefantenhaut, für Tötungsriten Büffelhaut, für Vertreibung Schafhaut, für Unterwerfung Nashornhaut als Sitz.
(6–9) Für Entzweiung wird Schakalhaut genannt, für Befriedung Kuhhaut. Tigerfell gilt als Mittel aller Vollendungen, Antilopenfell als Mittel der Erkenntnisvollendung. Ein Stoffsitz gilt als krankheitsbeseitigend, ein Rohrgeflecht als großen Wohlstand schenkend, Seide als kräftigend, eine Wolldecke als leidbefreiend: rot oder schwarz, besonders aber rot. Über ungeeignete Sitze heißt es: Bambus bringt Armut, Holz Unglück, bloßer Erdboden Leid, Stein Krankheit. Ein Grassitz soll Ansehen mindern; dies gilt als allgemeine Regel. Danach nennt der Text, mit weicher Wolldecke bedeckt, einen im Kampf Gefallenen als Ritualsitz.
(10–13) Ferner nennt er einen von einem Tier Getöteten, einen im neunten Monat Verstorbenen, die Haut einer Fehlgeburt oder bei einer Geburt ausgeschiedenes Gewebe. Die anatomischen Bezeichnungen sind nicht durchweg eindeutig. Diesen Materialien werden sämtliche Vollendungen und eine Fülle von Genüssen zugeschrieben. Der Vira solle auch aus der Haut einer mit Yoni verbundenen Gestalt einen Liebessitz machen; die Lesung erlaubt keine eindeutige Bestimmung. Auch ein Sitz aus Holz vom Leichenplatz oder aus Opferholz wird genannt. Ein nicht eingeweihter Haushalter soll niemals einen Sitz aus schwarzem Antilopenfell benutzen. Für Entsagende, Absolventen und Brahmacharins soll der Sitz aus Kusha-Gras, Fell und Stoff bestehen und auf allen Seiten rechtwinklig sein. Die erste Personengruppe ist textlich undeutlich.
(14–17) Er sei eine oder zwei Ellen breit und vier Finger hoch. Auf einem gereinigten Sitz vollziehe der Kundige Weihe und Verehrung. Bhadrasana gilt als krankheitsbeseitigend, der Schildkrötensitz als Yoga verleihend, Padmasana als alle Herrlichkeit schenkend. Virasana schenkt dem Menschen alle Vollendungen, Göttin. Eine weitere Anweisung spricht von aufwärts gerichteten Füßen und Zurückhaltung; ihre genaue Körperstellung bleibt unklar. Im Lotossitz, in einem unterirdischen Raum verweilend: Dies wird als höchster aller Sitze bezeichnet, selbst für Götter schwer auszuführen.
(18–21) Wer nachts die Göttin verehrt, soll Reichtum und Söhne erlangen. Unter allen heiligen Sitzen werden vier als besonders hochstehend bezeichnet. Uddiyana ist ein großer heiliger Sitz, einer der höchsten; ebenso Jalandhara und Purnachala. Unter den fünfzig heiligen Sitzen trägt Kamarupa besonders große Frucht. Im Krita-Zeitalter ist Jalandhara maßgeblich, im Treta Purnaparvata, im Dvapara Uddiyana, im Kali-Zeitalter Kamarupa: Dieser große Sitz schenkt in der Welt reiche Frucht und augenblickliche Vollendung.
(22) Japa, Verehrung und Opfergaben wirken dort hunderttausendfach. Was bedarf es vieler Beschreibungen seiner Vorzüge, wo die Göttin selbst in Yoni-Gestalt gegenwärtig ist und millionenfache Kraft besitzt?
Kapitel 4
(1) Die Göttin sprach: Du sagtest uns früher, Chandika werde schon durch Opfergaben erfreut. Erkläre dies näher, Shankara.
(2–7) Ishvara sprach: Die Ordnung der Opferverehrung ist äußerst geheim, Herrin. Ich erkläre sie dir; bleibe stets standhaft. Genannt werden Dickmilch, Milch, Fastenspeisen, gezuckerter Milchreis, Honig, Fleisch und Kokosnuss mit ihrem Wasser, Zucker, Stücke von Schaffleisch, Ingwer mit Zucker, Bananen, Süßkugeln, geröstetes Getreide und Gebäck, die Fischarten Shala, Pathina, Shakula, Ekuta und Madgura sowie Büffel- und Schaffleisch als Opfergaben, Vogelfleisch, Eier verschiedener Herkunft, schwarzer Ziegenbock, das sogenannte große Fleisch, Waran und Hirschkuh, Wassertiere, Fischfleisch und gaṇḍakī-Fleisch, verschieden gewürzte und gebratene Speisen, Beilagen und süße Gaben. Die Tierbezeichnung gaṇḍakī bleibt unsicher.
(8–11) Leicht gebraten und mit geklärter Butter bestrichen sollen die Gaben nachts oder tagsüber dargebracht werden, besonders an einem günstigen Tag der dunklen Monatshälfte. Der Text verspricht für einen Ziegenbock Beredsamkeit, für ein Schaf dichterische Begabung, für einen Büffel Vermögenszuwachs und für ein Wildtier Befreiung. Für einen Vogel verspricht er Gedeihen, für einen Waran große Frucht, für einen Menschen außergewöhnliche Macht und höchste Vollendung. Dies ist die historische Opferbehauptung des Textes. Genannt wird eigenes Blut aus Stirn, Hand, Brust, Kopf und dem Bereich zwischen den Brauen; seine Darbringung soll den Opfernden zu einem zweiten Rudra machen.
(12–16) Einem Opfer eines Chandala schreibt der Text große Vollendung zu; durch das Darbringen alkoholischen Getränks werde man zum großen Herrn der Yogis. Drei Arten dieses Getränks werden genannt: Sphatiki, Dakini und Kanchiki, große Göttin, auf Erden schwer erhältlich. Die Gabe von Sphatiki soll unvergleichlichen Reichtumszuwachs bringen; die von Dakini soll alle Menschen dem Einfluss des Opfernden unterstellen. Wer die höchste Herrin mit Kanchiki-Wein verehrt, erhält dem Text zufolge Kräfte von Zauberpillen, Augensalben, Lähmung, Tötung und Vertreibung, wird zum Herrn großer Vollendungen und wohnt zehntausend Weltalter im Himmel. Auch dem Ehrenwasser wird höchste Vollendung zugeschrieben.
(17–20) Ehrenwasser mit rotem Sandelholz, Bilva und anderen Zutaten, Hibiskus und Varvara-Blüten soll alle Wünsche und Ziele erfüllen. Wer Wein als Ehrenwasser darbringt, soll den Yoginis lieb werden. Vorne steht ein Gefäß, dahinter der Krug, anschließend das Speisegefäß, danach das Vira-Gefäß und daneben das Opfergefäß. Der Kundige stelle auch Gefäße für Fußwasser, Ehrenwasser und Mundspülwasser auf. Wasser vom Waschen des Kultsitzes soll zum großen Yogi machen; das Darbringen der selbstentstandenen Blüte soll zu den sechs Ritualhandlungen befähigen.
(21–24) Genannt werden Ehrenwasser mit sehr kühlem Wasser, Moschus und Safran sowie kuṇḍa-, gola- und Samenmaterial; ihnen wird Herrschaft über alle Vollendungen zugeschrieben. Kuṇḍa bezeichnet hier das bei der sexuellen Vereinigung mit einer verheirateten Frau Entstandene, gola das Entsprechende bei einer Witwe; der Text schreibt beiden Gedeihen zu. Unter dem Wurzelmantra soll der Gereinigte das Material herbeiziehen und als Ehrenopfer darbringen. Der Schluss über cakravāta ist nicht sicher verständlich. Die selbstentstandene Blüte wird auf Erden dreifach eingeteilt. Die höchste, alle Vollendungen schenkende, wird hier einer unverheirateten, noch nicht sechzehnjährigen Person zugeordnet. Der Bezug gilt rituell verwendetem Menstrualblut.
(25–28) Eine andere, mit der Menstruation verbundene Art heißt mittlere und glückbringende; eine durch Zwang erlangte heißt niedrigste und genusssteigernde. Die Einteilung bleibt textlich problematisch und beschreibt keine zulässige heutige Praxis. Wer sich der Kumari-Verehrung widmet, soll selbst im Traum keine Frau begehrend bedenken. Danach folgt eine undeutliche Anweisung, mittels gebundener Yogapraxis gola- oder Blütenmaterial heranzuziehen und einzusetzen. Mit furchtlosem, reinem Geist soll man das Material sorgfältig reinigen; als Behälter nennt der Text Kupfer, einen Schädel oder Holz vom Leichenplatz. Ferner nennt er Samstag und Dienstag, einen Leichnam sowie Gold oder Eisen. Der Ritualkreis soll vorschriftsgemäß verehrt werden; die syntaktische Verbindung dieser Angaben ist unklar.
(29–32) Auch rote, schwarze und weiße Blumen soll man darbringen: weißen und roten Hibiskus sowie Oleander, Geliebte. Tagara, Mallika, Jati, Malati und Yuthika, ferner Stechapfel, Ashoka, Bakula sowie weiße und dunkle Aparajita, Baka-Blüten, Bilva-Blätter, Champaka, Nagakeshara, Vahnika, Jhintika und das rot bezeichnete Kanchi; einige Pflanzennamen lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Arka-Blüten, Hibiskus und Varvara, freundlich Redende: Besonders am achten Mondtag ist Parvati durch solche Gaben erfreut.
(33–36) Am achten und vierzehnten Mondtag verehre man sie mit verschiedenen Blumen. Mit roten Lotosblumen werden alle Gottheiten erfreut. In der dunklen wie in der hellen Monatshälfte wird Kalika zur Gabenspenderin. Durch Stechapfel vom Leichenplatz wird die höchste Madhumati erfreut. Die höchste Kalika wird durch Blumen vom Leichenplatz erfreut; die höchste Parvati durch verschiedene wildwachsende Blumen. Parvati wird durch Blätter und Blüten der Amalaki erfreut. Stets verehre man sie mit verschiedenen Blumen am achten und vierzehnten Mondtag, am Leichenplatz, gegen Ende der Nacht sowie in den Nächten von Samstag und Dienstag.
Kapitel 5
(1) Die Göttin sprach: Herr, erkläre mir die geheimste Ordnung der vorbereitenden Mantraübung, durch deren Vollzug alle Wünsche erfüllt werden.
(2–5) Ishvara sprach: Man empfange zu günstiger Zeit, tags oder nachts, die Einweihung von einem guten Guru. Der Text stuft den Vaishnava als niedrig, den shivaitisch Eingeweihten als mittel ein. Wer in die höchste Göttin eingeweiht ist, gilt als höchster Guru. Er wird als Hari und Hara wesensgleich und von vierzehntausend verehrt beschrieben; was gezählt wird, bleibt ungesagt. Danach wird der Mensch der Verehrung der Höchsten ergeben. Mit Körper, Geist und Rede sowie mit Gold, Silber und anderen Gaben erfreue man den Guru in höchster Hingabe und empfange die Einweihung. An einem zuvor beschriebenen Ort widme man sich Japa und Verehrung.
(6–9) Vom frühen Morgen bis Mittag soll man Japa üben. Die am ersten Tag vollzogene Anzahl soll täglich eingehalten werden. Bis zum Abschluss wiederhole man weder weniger noch mehr. Für die Nacht wird die Zeit nach der ersten Nachtwache bis zur dritten genannt: in dieser Zeit übe man Japa, nicht im letzten Nachtabschnitt. Selbstbeherrscht nehme man täglich einmal reine Opferspeise zu sich. Man ernähre sich leicht und widme sich der Verehrung einer jungen Frau. An allen Festtagen verehre man die eigene Frau oder eine andere Frau.
(10–13) Man suche keinen schlechten Umgang und sei dem Wohl aller Lebewesen zugewandt. Von der jeweils vorgeschriebenen Japa-Zahl nehme man ein Zehntel für die folgenden Handlungen. Täglich nach dem Japa vollziehe man mit den entsprechenden Gaben das Feueropfer. Die Wasserspende soll ein Zehntel des Feueropfers ausmachen. Ein Zehntel der Wasserspenden gilt für die Besprengung des Kopfes. Ein weiteres Zehntel bestimmt die Zahl der Brahmanen und Kula-Mädchen, die man liebevoll mit verschiedenen geeigneten Speisen bewirtet. Wer das Feueropfer und die weiteren Handlungen nicht vermag, verdopple das Japa.
(14–17) Fehlen die Mittel für Verehrung und weitere Riten, Schöne, kann die vorbereitende Übung allein durch Japa vollzogen werden. Ein hervorragender Übender der göttlichen oder heroischen Haltung übe stets in Abgeschiedenheit Japa, seiner freien Lebensweise folgend. Der Shakta vollziehe die vorbereitende Praxis mit Fisch- und Fleischgaben, auch in einer einzigen Nacht auf dem Leichenplatz oder auf einem erwachsenen beziehungsweise kindlichen Leichnam. Diese Ordnung habe ich im Bhairavi-Kalpa erklärt, Schöne, auch für eine handtiefe Grube oder eine Vertiefung im einsamen Wald.
(18–21) Damit ist die auf Erden schwer auszuführende Vira-Praxis beschrieben. Auch allein durch Kumari-Verehrung wird die vorbereitende Übung als erfüllt angesehen. Genannt werden Mädchen verschiedener sozialer Herkunft, schön und anmutig, ferner reife oder junge Personen; die anschließende Bezeichnung kokilā ist in diesem Zusammenhang unklar. Mit verschiedenen erfreulichen Gaben, reinen Speisen und Getränken verehre man sie in höchster geistiger Haltung als in vielerlei Gestalt bezaubernd. Schwester, Tochter, Enkelin oder Frau des Hauses können verehrt werden; die eigene Mutter wird hier ausgenommen. Personen verschiedener Herkunft werden zugelassen.
(22–25) Eine andere Form der vorbereitenden Übung wird ebenfalls gelehrt: am vierzehnten Tag der dunklen Monatshälfte oder am neunten Tag des großen Festes beginne man bei Sonnenaufgang und wiederhole bis zum nächsten Sonnenaufgang; damit ist die vorbereitende Übung vollzogen. Vom achten dunklen Mondtag bis zum folgenden achten dunklen Mondtag gilt Japa in einer Tausenderzahl als vorbereitende Übung; die tägliche Zuordnung ist nicht ausdrücklich formuliert. Besonders in den Nächten des achten und neunten Tages verehre man die Göttin; am zehnten breche man das Fasten mit Fisch, Fleisch und weiteren Speisen.
(26–29) Mit voller Hingabe wiederhole man täglich sechstausendmal, vom vierzehnten Mondtag bis zum nächsten vierzehnten. Während dieser ganzen Zeit übe man Japa: Dies gilt als vorbereitende Übung. Allein durch die Wiederholung werden die Mantras vollendet. Dies gilt auch ohne Feueropfer und weitere Gaben, besonders bei der Verehrung heiliger Sitze. Genannt werden der große Yoni-Sitz und außerdem der Kama-Sitz. Wer einen dieser beiden verehrt, wird gleichsam ein zweiter Rudra. An Pilgerorten, an besonderen Mondtagen, bei Sonnen- oder Mondfinsternis und durch die Gnade des Gurus gilt die Zeit für Einweihung als günstig.
Kapitel 6
(1–4) Nun erkläre ich die verborgene Herrin der drei Welten, Göttin, durch deren einstige Verehrung alle Götter Anteil an Macht erlangten. Brahma, Rudra, der Tausendäugige, Rama, Shiva, Manobhava, Shakti und Maya werden als verschlüsselte Elemente genannt; die Vidya gilt als achtsilbig. Ihr Seher ist Brahma, ihr Versmaß Viraj, ihre Gottheit die Weltenläuternde, bekannt als Mahamaya; als Bija wird Lakshmi genannt. Maya ist die Kraft, als Verschluss wird die Shiva-Gestalt genannt. Die sechs Glieder werden mit Maya und verlängerten Vokalen gebildet.
(5–8) Ich beschreibe die Meditation, die alle Herrlichkeit schenkt: Die Göttin strahlt wie eine Ansammlung von Blitzen und sitzt auf einem roten Lotos. Sie ist dreiäugig, in die Himmelsrichtungen gekleidet und von zwanzig Händen geschmückt. Ihre Farben heißen gelb, rot, weiß, schwarz, rauchfarben, blassrot, perlenfarben ferner blau, gelb und bunt. Genannt werden Schwert, Dreizack, Keule, Diskus, Muschelhorn, Bogen und Pfeile, glänzende Schlagwaffe, weitere Waffen, ein Stößel sowie Gaben- und Schutzgebärde. Mit ihren Händen zeigt sie außerdem eine Schneide- beziehungsweise Scherengebärde und die Yoga-Mudra; die Wortform kartṛ ist unsicher.
(9–13) Die Göttin trägt Speer und Dreizack und schenkt alle Vollendungen. Ihr Verehrungsdiagramm wird als Sechseck mit Shakti-Zeichen beschrieben. Es enthält einen Lotos mit sechs, acht und sechzehn Blättern sowie Toren. Im Dreieck verehre man die Göttin, Maya, Vani und Haripriya. Zu verehren sind Rati, Priti, Kshama, Pushti, Stuti und Manohara. Es folgen Yoganidra, Mahanidra, Mahamaya und Mahasuri, Mahamudra und Mahasvapna: Diese verehre man nacheinander im sechsblättrigen Lotos. Danach folgen Kshemankari, Yogamudra und Sharirakarshini, Lajja, Shanti, Lakshana, Chapala und Shantivigraha; sie verehre man gegen den Uhrzeigersinn im achtblättrigen Lotos.
(14–17) Ferner Vidya, Parama Vidya, Mahavidya, Mahabala, Saumya, Paramasaumya, Mahasaumya und Mahapara, Kalaratri, Maharatri, Gayatri, große Mutter, Prakriti, Vikriti, Megha und Vishvarupa der Reihe nach. Mahambike kann hier auch eine Anrede sein. Mahatattva, Pramatta, Unmada, Mandagamini, Mahaprahlada und Bagala verehre man ebenfalls nach der Vorschrift. Ebenso Japamunda, Mahogra, Bhima beziehungsweise die schreckliche Kapalika, Attattahasini, Nitya und die von Freude nicht Erschütterte. Die Namenabgrenzung ist stellenweise unsicher.
(18–21) Weiter Vikata, Bahurupa, Maharupa, Mahaprada, Ghorarava, Mahanitya und Mahamanjulabhasini, und stets Sundari an der weiteren Stelle der Reihenfolge. Dann verehre man Indra und die übrigen Richtungswächter in Haupt- und Zwischenrichtungen, beginnend im Osten. An den vier Toren verehre man Bhagaklinna, Bhagakshara, Bhagadevi und Bhagakshi, nach Vorschrift gegen den Uhrzeigersinn. Nach solcher Verehrung wiederhole man den Mantra vierhunderttausendmal. Feueropfer und weitere Handlungen folgen jeweils mit einem Zehntel der vorherigen Zahl.
(22–25) Durch diese Vidya werde man Herr großer Vollendungen, reich, mit Söhnen gesegnet, beredsam, einsichtig, genussfähig und sehr stark. Als Sohn der Göttin erlange man königliche Herrlichkeit. Ein weiterer Mantra verbindet Bhuvaneshi Bhagavati mit der Gattin des Feuers, also der Schlussformel Svaha. Dieser Mantra gilt als siebensilbig und schenkt alle Vollendungen. Man meditiere über die Göttin, einem goldenen Lotos gleich und mit allem Schmuck versehen, in Leinen gekleidet, dreiäugig, auf Berg und Löwen ruhend. Die alternative Beschreibung von Berg, Löwe, Indra und Wagen-Gottheiten ist syntaktisch beschädigt.
(26–29) Nach solcher Meditation wiederhole man konzentriert alles zuvor Gelehrte. Dieser Mantra, der alles Gedeihen schenkt, ist zu jeder Zeit zu wiederholen. Ein weiterer Mantra wird verschlüsselt aus Shivas linker Seite, einem verdoppelten Ohrzeichen und Brahmas Mund gebildet und der Reihe nach zweimal wiederholt. Er wird mit dem Augenzeichen, Indra und dem Herzzeichen verbunden. Dieser Mantra schenkt die Frucht sämtlicher Vidyas. Anfang, Ende und Mitte ergeben Bija, Kraft und Verschluss. Aus dem Bija mit sechs langen Vokalen bilde man die sechs Glieder.
(30–35) Man meditiere Kali mit furchtbarem Angesicht, geschmückt mit einer Menschenkopf-Girlande, vierhändig und dreiäugig, in einer Lotushand Hasenfleisch tragend. śaśamāṃsa ist die überlieferte, möglicherweise beschädigte Lesung. Sie trägt einen Schädel und einen vielfältig gestalteten Khatvanga-Stab, ruft furchtbar, ist in Elefantenhaut gekleidet und mit ausgedörrtem Fleisch überaus schrecklich. Ihr Mund verschlingt die drei Welten, zwei Zungen machen sie furchterregend; ihre drei Augen sind eingesunken, rund und rot. So meditiere und verehre man die Göttin am schönen Kula-Sitz. Für das Diagramm werden Dreieck, Viereck, Sechseck und Neuneck genannt, ferner ein Kreis, acht Blätter oder ein Viereck, die der Kundige zeichnen soll. Im Dreieck verehre er die Göttin, Prachanda und Chandanayika, Chandakali, Chandali, Prachanda, Kalanayika, Khatva und Matta, der vorgeschriebenen Ordnung folgend. Prachanda erscheint in dieser Folge wiederholt.
(36–39) Es folgen Jayatunda, Mahogri, Bhima, Bhimakapalika, Attattahasini, Nitya, Pragalbha und Ghorarupini, und Shushkabhima, die im achtwinkligen Bereich angerufen werden soll. Danach Atikali, Mahakali, Mahanitya und Mahabhaya, Vichitra, Chitrarupa, die furchtbar Tönende und Mahaghora: Sie verehre man auf den Blättern der Haupt- und Zwischenrichtungen. Dann verehre man Indra und die anderen Richtungswächter und wiederhole den Mantra hunderttausendmal. Diese Vidya heißt Shodashi und wird Trishakti genannt.
(40–43) Es folgt eine verschlüsselte Mantra-Anweisung mit tāra, kānta, yuvatistha, vāruṇa, bhautika, secanīya, zweimal kūrca sowie phaṭ und svāhā. Die Lesung erlaubt keine sichere Auflösung zu einem vollständigen Mantra. Weitere Zeichen werden als vedādya, abjavai, rocanīya, sarva und buddhibhāva bezeichnet; der Vergleich mit Rudra ist ebenso beschädigt. Schon die Vorlage kennzeichnet hier eine Unsicherheit. Es folgen Shiva als sechstes Zeichen, eine unklare Vokalverbindung, Nada und Bindu, zweimal gesetzt, und danach phaṭ svāhā. Die große Vidya wird als siebenundzwanzigsilbig bezeichnet. Für Ugratara folgen die Chiffren oṃ, lajjā, trapā, medhā, huṃ und phaṭ. Die ausgeschriebenen Chiffren sind nicht einfach als fertiger Mantra zu lesen.
(44–47) Für Ekajata nennt der Text oṃ, māyā, śrīṃ, huṃ und die Waffen-Schlussformel. Danach beginnt eine weitere Anweisung mit r und dessen Verbindung mit dem vierzehnten Vokal. Eine Umhüllung am Ende soll höhere und niedere Früchte schenken. Ohne die Waffenformel wird dieser Mantra Nila-Sarasvati zugeordnet. Für Kamakhya werden hrāṃ hrīṃ hrūṃ als Dreiheit genannt. Die anschließende Anweisung mit Narasimha und śvanta ist beschädigt und nicht sicher auflösbar. Īṃ wird genannt, dazu die Bezeichnung Imkarini und ein höchster Mantra mit drei Bijas. Die weitere Zahlen- beziehungsweise Silbenanweisung ist ausdrücklich lückenhaft.
(48–51) Darauf folgen die Wörter bhagavati, vaiṣṇavi und subhage sowie die Schlussformel der Feuersgattin; so soll der Mantra gesprochen werden. Man nennt das Indra-Bija mit dem sechsten Vokal, dann Varahi und das Shakra-Bija mit dem fünften Vokal. Es folgen oṃ, tuṣyatu, bhairavī, caraṇāya und namaḥ. Dies wird als schwer zugängliche Varahi-Vidya für die Tötung von Feinden bezeichnet; die Wortfolge ist nicht eindeutig zu rekonstruieren. Brahma auf dem Feuerzeichen, mit dem vierten Vokal, Nada und Bindu verbunden, wird in dreizackartiger Gestalt verschlüsselt beschrieben.
(52–55) Weitere, teilweise beschädigte Chiffren umfassen ein Shiva-Paar, Namenssilben, Sprach-Bija und Feuersgattin. Für Dakshina wird die Silbenzahl zweiundzwanzig angegeben. Es folgen hrīṃ, eine Vokal- und Tripura-Angabe, kevalā, iha, hanti und piśācinī sowie tribhāṣā. Der Vers ist zu beschädigt, um daraus einen sicheren Mantra oder durchgehenden Satz zu gewinnen. Die zuvor angeführte Formel wird dem Ucchishta-Gananatha zugeordnet. Auch bei diesen Göttinnen, bei Japa, Feueropfer und Wasserspende ist die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra erforderlich. Der erste Halbvers über frei gestaltete Praxis und Wirklichkeitserkenntnis ist nicht zuverlässig übersetzbar.
(56–59) Durch vertrauende Hingabe entsteht Vollendung in dieser Welt und jenseits. Durch Beständigkeit im fortwährenden Yoga des inneren Selbst erlangt man Vollendung. Man erlangt alle Wünsche und himmlische wie unterweltliche Genüsse. Höre, Göttin, nun lehre ich die große Vidya, die große Kraftgestalt. Das erste Bija wird mit Nada und Bindu beschrieben, verbunden mit den Lautchiffren vānta, netra und pānta, Geliebte. Das zweite höchste Bija wird mit Nada und Bindu verbunden. Es folgt sarvaiśvaryaprade und die Feuersgattin als Abschluss des höchsten Mantras.
(60–64) Ihr Seher ist Sadashiva, ihr Versmaß Gayatri, ihre Gottheit die Vernichterin Shumbhas, die von allen Göttern verehrt wird. Aus dem ersten Bija mit sechs langen Vokalen werden die sechs Glieder gebildet. Die Verbindung von Anfangs- und Schluss-Bija ergibt Bija, Kraft und Gestalt; der Satzbau ist verkürzt. Man meditiere über die dreiäugige Göttin mit Augen wie erblühte blaue Lotosblumen, einem Körper wie eine reife Bimba-Frucht und einem Gesicht wie der schöne Mond. Sie ist ewig, achtzehnarmig und sitzt auf dem Rücken eines Löwen. Unzählige Scharen verehren sie. Sie trägt Schlinge, Elefantenhaken, Bogen und Pfeile, Muschelhorn, Diskus, Keule, Lotos, Glocke, Hammer, Spieß, Schild, Schwert, großen Stab, Schädel und harte Pfeile. Die Aufzählung passt nicht glatt zur angegebenen Armzahl.
(65–68) Oder sie wird mit Hunderten Händen und zahllosen Schlagwaffen vorgestellt. Das Yantra enthält ein Dreieck, einen sechseckigen Bereich und acht schmückende Lotosblätter. Im mittleren Dreieck werden Siddhi, Riddhi, Kala und Lata genannt; die Zusammensetzung ist unsicher. Im Sechseck verehre man Kali, Chanda und Prachandika, Ichchapurti, Mahabhima und Shivani gegen den Uhrzeigersinn; in den acht Lotosblättern die Mütter beginnend mit Brahmi. Brahmi, Maheshvari, Skandi, Vaishnavi, Shankari, Narasimhi, Aindri und Shivaduti werden einzeln genannt.
(69–72) Die Yogini-Scharen tragen ihre jeweiligen Farben und Waffen. Danach verehre man Indra und die anderen; an den Toren Nandi und Mahabala, Parajaya und Jaya mit drei Blumenspenden aus gefalteten Händen. Man wiederhole den Mantra fünfhunderttausendmal; Feueropfer und weitere Riten folgen jeweils zu einem Zehntel. Eine dieser Vidya vergleichbare ist in den drei Welten äußerst selten. Allein aufgrund deines beharrlichen Fragens habe ich sie erklärt, Schöne des Kula. Man verehre die Vidyas der Reihe nach in ihrer Gesamtheit, große Herrin. Für einen solchen Verehrer bleibt in den drei Welten nichts unerreichbar.
(73) In dieser Welt erlangt er umfassendes Glück, in der anderen die Gemeinschaft der Göttinnen. Dies ist sorgfältig zu bewahren und nicht unterschiedslos jedem mitzuteilen.
Mundamala Tantra – vollständiger Sanskrittext in Devanagari
Beide Werke folgen vollständig in der überlieferten Textfolge. Die Unregelmäßigkeiten der Originalnummerierung bleiben erhalten.
पाठ १

कैलासशिखरे रम्ये गन्धर्वगणसेविते |
हरवक्षःस्थिता देवी पृच्छति स्म नगात्मजा || १ ||
श्रीदेवी उवाच
देवदेव महादेव सृष्टिस्थित्यन्तकारक |
नीलकण्ठ जगन्नाथ प्रभो शङ्कर भो हर || २ ||
नमस्तुभ्यं जगन्नाथ मम नाथामरप्रभो |
शरणाऽऽगत - दीनार्त्त - परित्राण - परायण || ३ ||
सर्वाधार निराधार साधार धरणीधर |
वेदविद्याधराधार गङ्गाधर नमोऽस्तु ते || ४ ||
श्रुतं परमतन्त्रं वै सारात् सारं परात् परम् |
यत् श्रुत्वा शीघ्रमायाति शिवलोकमनामयम् || ५ ||
कालीतन्त्रे कुब्जिकायां तथा कालीविलासके |
डामरे यामले कालीसर्वस्वे योनितन्त्रके || ६ ||
सम्मोहने विक्रमे च तन्त्रे चैव कुलार्णवे |
मातृकाभेदतन्त्रे च समयाचारतन्त्रके || ७ ||
वीरतन्त्रे तोडले च तथा भैरवतन्त्रके |
ज्ञानतन्त्रे च निर्वाणे श्रुतं परममादरात् || ८ ||
इदानीं श्रोतुमिच्छामि गुह्याद् गुह्यतरं परम् |
सारात् सारतरं देव पावनं सर्वदेहिनाम् |
श्रुत्वा जीवः शिवत्वं च लभते नात्र संशयः || ९ ||
श्रीशिव उवाच
धन्यासि पतिभक्तासि प्राणतुल्यासि शङ्करि |
योषिच्चपलभावत्वात् पुरा नोक्तं त्वयि प्रिये || १० ||
इदानीं स्थिरतां ज्ञात्वा कथयामि त्वयि प्रिये |
अस्ति चैकं मुण्डमालातन्त्रं परमसाधनम् || ११ ||
ज्ञात्वा जीवः शिवो भूत्वा विहरेत् क्षितिमण्डले |
अतिगोप्यं महेशानि तन्त्रराजं मनोहरम् || १२ ||
मुण्डे मुण्डे च कथितं कथितं मुण्डमालया |
शृणु गुह्यं वरारोहे किं पृच्छसि नगात्मजे || १३ ||
श्रीपार्वती उवाच
देवदेव महादेव विश्वनाथ महेश्वर |
त्रयाणामेवमाचारं त्रयाणां भावशोधनम् |
त्रयाणां समयाचारं येन दुर्गा प्रसीदति || १४ ||
श्रीशिव उवाच
यथा काली तथा तारा तथा त्रिपुरसनुदरी |
भैरवी तु वना विद्या छिन्ना च बगलामुखी || १५ ||
धूमा भीमाऽन्नपूर्णा च दुर्गा च कमलात्मिका |
मातङ्गी धनदा पर्णावती सर्वार्थसिद्धिदा || १६ ||
नानादेवी महाविद्या उपविद्यां पृथक् पृथक् |
नानातन्त्रे महेशानि कथिता शिवसुन्दरि || १७ ||
आचारं विविधं दुर्गे दक्षिणं दक्षिणेतरम् |
मुण्डमालामहातन्त्रं सर्वेषां ज्ञानसाधनम् || १८ ||
एका दुर्गा महेशानि एको देवः सदाशिवः |
अहमेकः शिवो देवो नान्यो देवः कथञ्चन || १९ ||
सा वै भवानी मे पत्नी सर्वदा ज्ञानमालभेत् |
तदैव जायते सिद्धिर्भक्तिरव्यभिचारिणी || २० ||
ज्ञानं विना परं तत्त्वं न जानामि महीतले |
अत एव परं ज्ञानं भावयेत् सर्वकोविदः || २१ ||
दुर्लभ्यं शृणु देवेशि मम साधनकारणम् |
अतः परतरं देवि दुर्गमं परसाधनम् || २२ ||
सर्वशान्तिकरं चैव सर्वदुःखहरं परम् |
सर्वरोगक्षयकरं सर्वसाधनशोधनम् || २३ ||
ब्रह्मादीनां च दुर्लभ्यं सर्वेषां शिवदुर्लभम् |
यः शाक्तो धरणीमध्ये स शिवो नात्र संशयः || २४ ||
यासां विज्ञानमात्रेण जीवन्मुक्तः प्रजायते |
भक्त्या भक्त्या जपेन्मन्त्रं साधको धरणीतले || २५ ||
जीवन्मुक्तः सदा मुक्तः सर्वकर्मसु कोविदः |
योऽन्येभ्यो दर्शयेद् यश्च भुक्तिं मुक्तिं च काङ्क्षति || २६ ||
स्वप्नलब्धघनेनैव धनवान् स भवेद् यदि |
शुक्तौ रजतविभ्रान्तिर्यथा जायेत पार्वति || २७ ||
तथान्यदर्शनेभ्यश्च भुक्तिं मुक्तिं च काङ्क्षति |
विना दुर्गां न मे ज्ञानं विना दुर्गां न मे रतिः || २८ ||
विना दुर्गां न निर्वाणं सत्यं सत्यं वदाम्यहम् |
न त्र्यक्षा भक्तिरमला प्रेयसी परमा क्रिया || २९ ||
शक्तिद्वयं समाश्रित्य शक्तेः परमपूजकः |
आद्यं देवि सुदुर्ज्ञेयं मध्यं पञ्च विभूषितम् || ३० ||
शेषं कुलमयेनेशं नास्ति नास्ति वरानने |
सत्यं वेद्मि हितं वेद्मि पुनर्वेद्मि वरानने || ३१ ||
विना दुर्गापरिज्ञानात् को वा तरति कोविदः |
को वेद परमं तत्त्वं को वेद निखिलं पदम् || ३२ ||
को वेद भैरवाचारं यो वेद स च कोविदः |
स कुलीनः स शूरश्च स पञ्चमविभूषितः || ३३ ||
यो जानाति जगद्धात्रि जगदीशे जयावहे |
मध्यस्थः पार्वतीतत्त्वं न पुनर्देहभाग्भवेत् || ३४ ||
आदौ गुरुं समभ्यर्च्य अन्ते परमसाधनम् |
क्रियाशक्तिरतो जन्तुः सर्वभाग् जायते खलु || ३५ ||
निदानं नास्ति दुर्गाया ममैव जगदम्बिके |
अन्येषामस्ति वै स्वर्गे धरणीतलकेतने || ३६ ||
अतः सत्यं पुनः सत्यं पुनः सत्यं वदाम्यहम् |
भावाभावसमायुक्ता यान्ति मोक्षं निरामयम् || ३७ ||
या पृच्छा ते निगदिता सर्वं जानामि शङ्करि |
विदिता परमा विद्या करालवदना शिवा || ३८ ||
एतस्याश्चरितं यस्तु एतस्याः साधकस्य च |
चरितं दुर्लभं लोके तेषां मध्ये वदाम्यहम् || ३९ ||
गुरुरेकः शिवः साक्षाद् गुरुः सर्वार्थसाधकः |
गुरुरेव परं तत्त्वं सर्वं गुरुमयं जगत् || ४० ||
विना गुरुप्रसादेन कोटिपुरश्चरणेन किम् |
गुरुपूजां विना देवि नहि सिध्यति भूतले || ४१ ||
गुरुपूजां विना देवि इष्टपूजां करोति यः |
मन्त्रस्य तस्य तेजांसि हरते भैरवः स्वयम् || ४२ ||
देवतागुरुमन्त्राणामैक्यं सम्भावयन् धिया |
तदा सिद्धो भवेन्मन्त्रः प्रकटे हानिरेव च || ४३ ||
श्रीपार्वती उवाच
ऐक्यज्ञानं महादेव कथमुत्पद्यते प्रभो |
नराकृतिगुरुर्मन्त्रे देवता ध्यानरूपिणी ||
मन्त्राश्चाक्षररूपेण कथमैक्यं भवेच्छिव || ४४ ||
श्रीशिव उवाच
धन्यासि प्राणतुल्यासि पतिभक्तासि पार्वति |
एकजातिस्वरूपेण स्वभावादेकजन्मतः || ४५ ||
एतेषां भावयोगे तु एकसाधनमेव हि |
गुरोर्जातश्च मन्त्रश्च मन्त्रा जाता तु सुन्दरि || ४६ ||
अत एव वरारोहे देवतायाः पितामहः |
पितुश्च भावनाद् देवि तथा चैव पितुः पितुः || ४७ ||
तदुद्भवं तोषमेति विपरीते विपर्ययः |
गुरुः कर्ता गुरुर्हर्ता गुरुः पाता महीतले || ४८ ||
गुरोः सन्तोषमात्रेण तुष्टाः स्युः सर्वदेवताः |
गुरौ तुष्ते शिवस्तुष्टो रुष्टे रुष्टस्त्रिलोचनः || ४९ ||
गुरौ तुष्टे शिवा तुष्टा रुष्टे रुष्टा च सुन्दरी |
अतो गुरुर्महेशानि संसारार्णवलङ्घने || ५० ||
कर्ता पाता च हर्ता च गुरुर्मोक्षप्रदायकः |
जीवः शिवः शिवो देवः सजीवः केवलः शिवः || ५१ ||
पाशबद्धो भवेज्जीवः पाशमुक्तः सदाशिवः |
प्रणम्य गुरुपादाब्जं ध्यात्वा च गुरुपादुकाम् || ५२ ||
ज्ञात्वा परमतत्त्वं वै यो भजेत् कुलचण्डिकाम् |
स कृतार्थः स धन्यश्च स कृतज्ञः स पण्डितः || ५३ ||
स्वभावज्ञो महादेवि जायते नात्र संशयः |
ध्यातः स्मृतः पूजितो वा नमितो वापि यत्नतः || ५४ ||
ज्ञानतोऽज्ञानतो वापि पूजाकालं विमुक्तिदः |
चिन्मयस्याद्वितीयस्य निष्कलस्याशरीरिणः || ५५ ||
उपासकानां कार्यार्थं ब्रह्मणो रूपकल्पना |
सर्वदेवमयीं देवीं सर्वदेवमयीं पराम् || ५६ ||
अज्ञानां चिन्तयेद् देवीं परंब्रह्मस्वरूपिणीम् |
नित्या च निष्कलङ्का च निराधारा निराश्रया || ५७ ||
सर्वधारा निराधारा विजया च जयावहा |
सगुणा निर्गुणा चेति महामाया द्विधा मता || ५८ ||
सगुणा मायया युक्ता तया हीना च निर्गुणा |
सगुणा च यदा देवी सगुणोऽयं सदाशिवः || ५९ ||
निर्गुणा त्वं महामाये निर्गुणोऽहं न संशयः |
त्वमेव निर्गुणो शक्तिरहमेव च निर्गुणः || ६० ||
यो भजेत् सगुणो देवि चाचिरात् सोऽपि निर्गुणः |
गुणातीतं परं ब्रह्म निरीहं वर्णवर्जितम् || ६१ ||
तदेव परमा विद्या काल्यादिसगुणान्विता |
साधकस्य हितार्थाय शाक्तस्यानुग्रहाय च ||
उत्थिता परमा विद्या सगुणा नात्र संशयः || ६२ ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे पार्वतीश्वरसंवादे प्रथमः पटलः || १ ||
अथ द्वितीयः पटलः
एकदा पार्वती देवी करालवदना शिवा |
पप्रच्छ पार्वति देवी हसन्ती कालिका परा || १ ||
श्रीपार्वती उवाच
महादेव महेशान महेश्वर सदाशिव |
पृच्छाम्येकं महाभाग कृपया कथय प्रभो || २ ||
विना व्यानं कुम्भकं च प्राणायामं च कुल्लुकाम् |
जपं तपो धारणं च सेतुं चैव विना करम् || ३ ||
विना हंसं विना पिण्डं विना भावं विना पदम् |
कथं वा जायते सिद्धिर्वद नाथ जगद्गुरो || ४ ||
श्रीशिव उवाच
ब्राह्मणैः क्षत्रियैर्वैश्यैः शूद्रैरेव च जातिभिः |
वामराशिप्रभावेण कर्तव्यं जपपूजनम् || ५ ||
ये शाक्ता ब्राह्मणा देवि क्षत्रिया ब्राह्मणाः स्मृताः |
वैश्याश्च ब्राह्मणाश्चण्डि सर्वे शूद्राश्च ब्राह्मणाः || ६ ||
ब्राह्मणाः शङ्कराश्चण्डि त्रिनेत्रश्चन्द्रशेखरः |
रक्तपुष्पैर्जगद्धात्रीं पूजयेद्धरवल्लभाम् || ७ ||
वज्रपुष्पेण देवेशि देवीं त्रिभुवनेश्वरीम् |
पूजयेद् भक्तिभावेन दुर्गां मोक्षविधायिनीम् || ८ ||
हरसम्पर्कहीनाया लतायाः काममन्दिरे |
जातं कुसुममादाय महादेव्यै निवेदयेत् || ९ ||
स्वयम्भुकुसुमं देवि रक्तचन्दनसंज्ञकम् |
यथा त्रिशूलपुष्पं च वज्रपुष्पं वरानने || १० ||
अनुकल्पं लोहिताग्रं चन्दनं हरवल्लभम् |
कदाचित् कस्य मुक्तिः स्यात् कदाचिद् भुक्तिरेव च || ११ ||
एतस्याः साधकस्याथ भुक्तिर्मुक्तिः करे स्थिता |
योगी चेन्नहि भोगी स्याद् भोगी चेन्नहि योगवान् || १२ ||
योगभोगात्मकं कौलं तस्मात् कौलं समभ्यसेत् |
नहि योगी न वा भोगी न योगी योगवानिति || १३ ||
योगी भोगी न वा भोगी भवेद् भोगी न संशयः |
शिवभक्तिं विना देवि यो धावति च मूढधीः || १४ ||
न योगी स्यान्न भोगी स्यात् कल्पकोटिशतैरपि |
रुद्रस्य चिन्तनाद् रुद्रो विष्णुः स्याद् विष्णुचिन्तनात् || १५ ||
दुर्गायाश्चिन्तनाद् दुर्गा भवत्येव न संशयः |
यथा शिवस्तथा दुर्गा या दुर्गा शिव एव सा || १६ ||
तत्र यः कुरुते भेदं स एव मूढधीर्नरः |
देवि विष्णुशिवादीनामेकत्वं परिचिन्तयेत् || १७ ||
भेदकृन्नरकं याति रौरवं पापपूरुषः |
नहि दुर्गासमा पूजा नहि दुर्गासमं फलम् || १८ ||
नहि दुर्गासमं ज्ञानं नहि दुर्गासमं तपः |
दुर्गायाश्चरितं यत्र तत्र कैलासमन्दिरम् || १९ ||
इदं सत्यमिदं सत्यमिदं सत्यं वरानने |
स्वर्गे मर्त्ये च पाताले नास्ति शाक्तात् परःप्रियः || २० ||
सौराणां गाणपत्यानां वैष्णवानां तथैव च |
ततोऽन्ते चैव शाक्तानां क्रमशः क्रमशः प्रिये || २१ ||
शृणु देवि वरारोहे नास्ति शाक्तात् परो जनः |
शाक्तोऽपि शङ्करः साक्षात् परंब्रह्मस्वरूपभाक् || २२ ||
आराधिता येन काली तार त्रिपुरसुन्दरी |
षोडशी चैव मातङ्गी छिन्ना च बगलामुखी || २३ ||
आराधिता महेशानि स शिवो नात्र संशयः |
अतिगोप्यं वरारोहे शाक्तानां परमं पदम् || २४ ||
यो जानाति महीमध्ये स शिवो नात्र संशयः |
ब्रह्माद्यर्चितपादाब्जं यो भजेत् सततं मुदा || २५ ||
स यात्यचिरकालेन मुक्तिमन्दिरमेव हि |
एका विद्या च प्रकृतिरेकस्तु पुरुषः शिवः || २६ ||
एकोऽहं वैष्णवत्वं च एकमेव प्रभाषते |
एवं च मनसा दुर्गां यो भजेद्धरवल्लभाम् || २७ ||
पूजयेद् यन्त्रपुष्पैष्तु साधको भुवि मण्डले |
काककञ्चुं विधायैवं प्राणायामं विशुद्धिदम् || २८ ||
कुम्भकं मातृकान्यासं प्राणायामं पुनः पुनः |
प्राणायामत्रयं भद्रे अधमोत्तममध्यमम् || २९ ||
अधमाद् जायते स्वेदो मध्यमाद् गात्रचालनम् |
उत्तमाच्च क्षितित्यागो जायते नात्र संशयः || ३० ||
प्राणोऽपानः समानश्चोदानव्यानौ च वायवः |
नागः कूर्मोऽथ कृकरो देवदत्तो धनञ्जयः || ३१ ||
प्राणायामेन सर्वेषां विश्रामो जायते भृशम् |
जवापुष्पैर्द्रोणपुष्पैः करवीरैर्मनोहरैः || ३२ ||
कृष्णापराजितापुष्पैर्वज्रैश्च मुनिपुष्पकैः |
पूजयेत् परया भक्त्या चण्डिकां परमेश्वरीम् || ३३ ||
कालीं करालवदनां मुण्डमालाविभूषिताम् |
प्रणमेद् भक्तिभावेन पूजयेद्धरवल्लभाम् || ३४ ||
हिमदिग्विहितो जन्तुः सर्वालङ्कारभूषितः |
रक्ताम्बरपरीधानो रक्तामाल्यानुलेपनः || ३५ ||
क्रमेणैबं महेशानि सोऽहमित्येव चिन्तयन् |
एवमीशासने दुर्गां स्थित्वा च साधकोत्तमः || ३६ ||
श्मशानं शवमारुह्य मध्यस्थो नरसाधकः |
जपत्वा महामनुं गुह्यं वसेत् कैलासमन्दिरे || ३७ ||
शिवोऽहं च शिवेयं च सदा वै मध्यभावना |
आद्या माद्यां समास्थाय ध्यायेत् कुण्डलिनीं मुदा || ३८ ||
कदाचित् तारिणीं विद्यां दुर्गां तारकतारिणीम् |
पूजयेत् क्रियया शक्त्या ब्रह्मविद्यां मनोरमाम् || ३९ ||
सहस्रारे महादेवं नीलकण्ठं सदाशिवम् |
ब्रह्मादिगोप्यं देवेशं ध्यायेत् शक्तिसमन्वितम् || ४० ||
इदं च दुर्लभं तन्त्रं मन्त्रं यन्त्रं महीतले |
वाक्यं परमनिर्वाणं दाम्भिके पशुसङ्कटे || ४१ ||
गोप्तव्यं वै वरारोहे स्वयोनिरिव पार्वति |
दिवा रात्रौ महाभागे प्रजपेत् परमं मनुम् || ४२ ||
जप्त्वा भवेन्महाज्ञानी गाणपत्यं लभेत् तु सः |
अहमेव शिवं ब्रह्म शिवोऽहं भैरवो ह्यहम् || ४३ ||
भैरवोऽहं भैरवोऽहं रमणी मम भैरवी |
मनसा ज्ञानमासाद्य साधकेन्द्रो भवेद् भुवि || ४४ ||
एवं ज्ञानं परं नित्यं निर्विकारं मनोरमम् |
प्राप्यैवं सर्वदा जीवो विहरेत् क्षितिमण्डले || ४५ ||
पाद्यार्घ्याचमनीयाद्यैः पूजयेत् परमेश्वरीम् |
सदानन्दः स विज्ञेयः सर्वधर्मार्थसाधकः || ४६ ||
भक्त्या च क्रियया चण्डि प्रणमेद् यस्तु कालिकाम् |
जीवः शिवत्वं लभते सत्यं सत्यं न संशयः || ४७ ||
क्व यमः क्व तपो विष्णुः क्व कलिः कर्महिंसकः |
सर्वं च मानसं क्लेशं सदा सत्यं विभावयेत् || ४८ ||
एवं विधानमासाद्य प्रजपेत् भावयेत् सुधीः |
सोऽचिरेणैव कालेन शिवत्वं लभते जनः || ४९ ||
सदा क्रिया प्रकर्तव्या क्रियया सिद्धिमुत्तमाम् |
प्राप्नोति सर्वदा शुद्धिमत एवं न वा त्यजेत् || ५० ||
श्मशानसिद्धिर्वैराग्यं शवसिद्धिर्वरानने |
दुर्गानुग्रहमात्रेण भविष्यति न संशयः || ५१ ||
दिव्यस्तु देववत् प्रायो वीरश्चोद्धतमानसः |
पशुभावस्तथा देवि शुद्धश्च धरणीतले || ५२ ||
श्रुत्वा हसन्ती काली सा करालकमला कला |
दिगम्बरा दिव्यदेहा प्राह देवं त्रिलोचनम् || ५३ ||
गोप्यं यत् कथितं नाथ श्रुतं परममादरात् |
अतिगोप्यं रहस्यं च श्रोतुमिच्छाम्यहं पुनः || ५४ ||
दिव्यं च दुर्लभं नाथ वीरो जातिविहिंसकः |
पशौ नाधिष्ठिता दुरा वीरतन्त्रे पुरा श्रुतम् ||
इदानीं श्रोतुमिच्छामि ब्रह्मवाक्यं सदाशिवम् || ५५ ||
श्रीशिव उवाच
श्रुतं भैरवतन्त्रं च योनितन्त्रं कुलार्णवम् |
कुलाचारं तथा गुप्तसाधनं गुरुतन्त्रकम् || ५६ ||
निर्वाणं समयाचारं वीरतन्त्रं श्रुतं पुरा |
डामरं डमरं डीनं श्रुतं कालीविलासकम् || ५७ ||
सप्तकोटिमहाग्रन्था मम वक्त्राद् विनिर्गताः |
यामलं देवि ब्रह्मोद्यं यामलं विष्णुयामलम् || ५८ ||
शिवयामलकं देवि यामलं मित्रयामलम् |
शक्तियामलकं दुर्गे कथितं च श्रुतं त्वया || ५९ ||
तथापि हृदयग्रन्थिरस्ति ते परमेश्वरि |
पुरा सुकथितं तन्त्रं पुरा देवि त्वया श्रुतम् || ६० ||
सङ्केतं समयाचारं तन्त्रं सङ्केतकं तथा |
कुलसङ्केतकं नाम सङ्केतं बहुविस्तरम् || ६१ ||
श्मशानसाधनं भद्रे शवसाधनमेव च |
एतत् ते कथितं देवि नानाभावं पृथग्विधम् || ६२ ||
किन्त्वेकं शृणु चार्वङ्गि कथयामि समासतः |
मत्स्यं मांसं च मद्यं च मुद्रा मैथुनमेव च || ६३ ||
दिव्यानां चैव वीराणां साधनं भावसाधनम् |
न मद्यं प्रपिबेद् विप्रो न मुद्रां भक्षयेद् सदा || ६४ ||
न मैथुनमगम्यासु कर्तव्यं सिद्धिनाशनम् |
अवधूतः शिवः साक्षादवधूतः सदाशिवः || ६५ ||
अवधूती शिवा देवी अवधूताश्रमो महान् |
अवधूतश्च द्विविधो गृहस्थश्च हितानुगः || ६६ ||
सचेलश्चापि दिग्वासो विधियोनिविहारवान् |
सदारः सर्वदावस्थो ह्यर्द्धहासो दिगम्बरः || ६७ ||
गृहावधूतो देवेशि द्वितीयस्तु सदाशिवः |
न कलौ साधनं मद्यं प्रत्यक्षं वरवर्णिनि || ६८ ||
गृहावधूतः सर्वत्र कर्तव्यं च दिगम्बरि |
अत एव वरारोहे मिश्राचारं प्रकल्पयेत् || ६९ ||
एवमाचारमिश्रेण पूजयेद् यस्तु कालिकाम् |
सन्तुष्टा सा जगद्धात्री मोक्षमार्गविधायिनी || ७० ||
स्वकरस्थश्च भोगश्च स्वकरस्थश्च मोक्षकः |
देवीमन्त्रप्रसादेन किं न सिध्यति भूतले || ७१ ||
सुराणां चाऽसुराणां च किन्नराणां च पार्वति |
शरण्यं तारिणीपादपद्मं मोक्षप्रदायकम् || ७२ ||
जवापराजिताद्रोणकरवीरैः सितेतरैः |
गन्धैर्मालूरपत्रैश्च नैवेद्यैर्विविधैरपि || ७३ ||
एवं विधिर्विधातव्यः क्रियासिद्धिकरात्मकः |
तदैव जायते सिद्धो जीवन्मुक्तः सदाशिवः || ७४ ||
नारिकेलोदकं चार्द्रं जलं सर्वार्थसाधनम् |
कांस्ये गुडे सव्यकरे कृत्वा कारणकल्पनम् || ७५ ||
तदा पूजा विधातव्या मद्येन नगनन्दिनि |
ब्राह्मणी क्षत्रिया वैश्या शूद्राणी सर्वमङ्गला || ७६ ||
शुक्लं रक्तं तथा पीतं कृष्णं च भद्रमीरितम् |
शुक्लपुष्पं ब्राह्मणे तु रक्तपुष्पं च क्षत्रीये || ७७ ||
वैश्ये च पीतपुष्पं च शूद्रे कृष्णं तदीरितम् |
संविदासुरयोर्मध्ये संविदैव गरीयसी || ७८ ||
अनुकल्पानि चान्यानि न दद्यात् केवलां सुराम् |
संविदापानमात्रेण स वीरः स च मद्यपः || ७९ ||
वाग्जालशास्त्रे कथितं निषिद्धं नगनन्दिनि |
न ग्राह्यं तस्य वाक्यं च ग्राह्यं तन्त्रात्मकं वचः || ८० ||
शिवा कर्त्री शिवा हर्त्री शिवा शिवविधायिनी |
शिवेयं रमणी देवी शिवोऽहं शिवकामिनी || ८१ ||
सदाशिवशिवराध्या शिवानन्दविधायिनी |
वामानन्दः शिवानन्दो भवेद् भवसमो जनः ||
त्रयाणां भावतत्त्वज्ञो भवयेवं वरानने || ८२ ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे पार्वतीश्वरसंवादे द्वितीयः पटलः ||
अथ तृतीयः पटलः
कैलासशिखरासीनमिन्दुखण्डविभूषितम् |
पार्वती परया भक्त्या प्राह देवं त्रिलोचनम् ||
श्रोतुमिच्छाम्यहं नाथ तन्त्रान् बहु परिप्लुतान् || १ ||
श्रीपर्वती उवाच
देवदेव महादेव संसारार्णवतारक |
नमस्ते देव देवेश नीलकण्ठ त्रिलोचन || २ ||
नमस्ते पार्वतीनाथ दशविद्यापते नमः |
गङ्गाधर जगत्स्वामिन् प्रभो शङ्कर भो हर || ३ ||
निःशेषजगदाधार निराधार निरीहक |
निर्बीज निर्गुणाभाष सगुणान्तकर प्रभो || ४ ||
नमस्ते विजयाधार विजयेश जयात्मक |
विजयानन्द सन्तोष विजयाप्राणवल्लभ || ५ ||
जगदीश जगद्बन्द्य जयेश जगदीश्वर |
विश्वनाथ प्रसीद त्वं प्रसन्नो भव शङ्कर || ६ ||
श्रीशिव उवाच
सप्तकोटिमहाविद्या उपविद्या तथैव च |
श्रीविष्णोः कोटिमन्त्रेषु कोटिमन्त्रे शिवस्य च || ७ ||
शूद्राणामधिकारोऽस्ति स्वाहाप्रणववर्जिते |
सर्वेषां दुर्लभो मार्गो दुर्गामार्गो महेश्वरि || ८ ||
भक्तानां खलु शाक्तानां सुलभात् सुलभः प्रिये |
नातः परतरो देवो नातः परतरं सुखम् || ९ ||
नातः परतरा विद्या नातः परतरं पदम् |
शृणु देवि वरारोहे परात् परं प्रिये || १० ||
केवलं दक्षिणं सव्यमाश्रित्य यदि साधकः |
भावयेत् परमां विद्यामुमेशो नात्र संशयः || ११ ||
शृणु चण्डि वरारोहे करालास्ये दिगम्बरे |
स्तौति त्वां सततं भक्त्या नमस्ते जगदम्बिके || १२ ||
श्रीशिव उवाच
घोरदंष्ट्रे करालास्ये सुरामांसबलिप्रिये |
चण्डमुण्डक्षयकरे मुण्डमालाविभूषिते || १३ ||
नमस्तेऽस्तु महामाये दुर्गे महिषवाहिनि |
नमस्ते जगदीशानदयिते सर्वमङ्गले || १४ ||
वक्ष्ये परमतत्त्वं वै सारात् सारं परात् परम् |
शृणु देवि जगद्धात्रि सावधानाऽवधारय || १५ ||
योनिमुद्राप्रकरणं पूर्वं च गदितं मया |
त्रिकोणं गुणसंयुक्तं योनिं परमकारणम् || १६ ||
संगच्छेत् तु शिवाबुद्ध्या शिवरूपी न संशयः |
तुषेण बद्धो व्रीहिः स्यात् तुषाभावे तु तण्डुलः || १७ ||
कर्मबद्धो भवेज्जीवः कर्ममुक्तः सदाशिवः |
जीवानां परमो रोगः कर्मभोगः सुदारुणः || १८ ||
तस्मात् तारां जगद्धात्रीं पूजयेद् भक्तिभावतः |
जटा - भस्म - व्याघ्रचर्मधारी परमपावनः || १९ ||
निरन्तरं जपेद् यस्तु साधकेन्द्रो धरातले |
स धन्यः स कविर्वीरो दिव्यस्तु परमः पशुः || २० ||
भावशुद्धिर्ज्ञानशुद्धिः परशुद्धिस्तु सङ्गता |
चिताशुद्धिः पीठशुद्धिर्ध्यानशुद्धिस्तु सच्छिवा || २१ ||
ज्ञात्वा परमतत्त्वं वै ज्ञानं मोक्षैकसाधनम् |
भवेत् तु परया बुद्ध्या जीवः शिवत्वमालभेत् || २२ ||
विहारं जगदम्बायाः सहस्रारे मनोरमम् |
सदाशिवेन संयोगं यः करोति स पण्डितः || २३ ||
ज्ञानिनां च मतं वक्ष्ये ज्ञानिनां च मतं मुदा |
ज्ञानाऽज्ञानसमायुक्तः सर्वदा विहरेद् भुवि || २४ ||
इडा वामे स्थिता नाडी विधुस्तत्रापि तिष्ठति |
दक्षेऽपि पिङ्गला नाडी सूर्यस्तत्रापि तिष्ठति || २५ ||
मध्ये सुषुम्ना तन्मध्ये ब्रह्मनाडी मनोहरा |
मध्यमं खं विदध्याद् यो जनो मृत्युञ्जयो भवेत् || २६ ||
चित्रिणीमध्यगं वायुं पूरणं रेचनं यदा |
करोति वामनासाग्रैरपि सत्यं सुरेश्वरि || २७ ||
दक्षे तु दक्षिणा वामा विरामा चाऽसितासिता |
नाडी वामे कपाला च विजिह्वा शूलकारिणी || २८ ||
कङ्काला निष्कलङ्का च सव्यदक्षिणतः क्रमात् |
भित्वा च क्रमशश्चक्रं योगिन्द्रैरप्यलभ्यगम् || २९ ||
नभोमध्यगतं चक्रं सहस्राब्जं मनोरमम् |
कालीपुरं तत्र रम्यं सर्ववर्णात्मकं प्रिये || ३० ||
विधाय चैनां मनसा बुद्ध्या कायेन चण्डिकाम् |
तत्रैव ध्यानमासाद्य प्रकरोति जपार्चनम् || ३१ ||
यदि ध्यानं वरारोहे करोति सततं मुदा |
तदैव जायते सिद्धिर्मुक्तिरव्यभिचारिणी || ३२ ||
न च ध्यानं न वा पूजा न स्तुतिः परमार्थिका |
पूजयेत् तां जगद्धात्रीं कुसुमैर्मानसोद्भवैः || ३४ ||
कामरूपे द्विजागारे श्वपचस्य गृहेऽथवा |
गङ्गाद्वारे प्रयागे च या मुक्तिः पावनी मुखे || ३५ ||
यत्र कुत्र मृतो ज्ञानी तत्रैव मोक्षमाप्नुयात् |
दुर्गास्मरणजं पुण्यं दुर्गास्मरणजं फलम् || ३६ ||
दुर्गायाः स्मरणेनैव किं न सिध्यति भूतले |
शैवो वा वैष्णवो वापि शाक्तो वा गिरिनन्दिनि || ३७ ||
भजेद् दुर्गा स्मरेद्दुर्गां जयेद् दुर्गां शिवप्रियाम् |
तत्क्षणाद् देवदेवेशि मुच्यते भवबन्धनात् || ३८ ||
क्षीरोद्धृतं यद्व * * * तत्र क्षिप्तं न पूर्ववत् |
पृथक् त्वया गुणेभ्यः स्यात् तद्वदात्मा इहोच्यते || ३९ ||
क्षीरेण सहितं तोयं क्षीरमेव यथा भवेत् |
अविशेषो भवेत् तद्वद् जीवात्मपरमात्मनोः || ४० ||
यथा चन्द्रार्कयोर्बिम्बो जलपूर्णघटेषु च |
घटे भग्ने जलेष्वेव प्रलीनौ चन्द्रसूर्यकौ || ४१ ||
न जायते न म्रियते आत्मा तु परमः शिवः |
आत्मज्ञानं समासाद्य संसारार्णवलङ्घने || ४२ ||
तरत्येवं सदा चण्डि जीवः शिवत्वमालभेत् |
पार्वतीचरणद्वन्द्वभजनात् किन्नरो भवेत् || ४३ ||
स्वर्गो भोगश्च मोक्षश्च शाक्तानां न भवेत् किमु |
शाक्तानां चैव निन्दा वै ये कुर्वन्ति नराधमाः || ४४ ||
तेषां लोहितपानं वै कुर्वन्ति भैरवा गणाः |
भैरवाश्चैव भैरव्यः सदा हिंसन्ति पामरान् || ४५ ||
तेषां क्षतजपानं वै कुर्वन्ति बहुरक्तपाः |
शाक्तान् हिंसन्ति गर्जन्ति निन्दति बहुजल्पकाः || ४६ ||
भिनत्ति तेषां देवेशि शिरांसि शिववल्लभा |
शाक्तानामुत्तमो नास्ति स्वर्गे मर्त्ये रसातले || ४७ ||
शाक्तस्तु शङ्करो ज्ञेयस्त्रिनेत्रश्चन्द्रशेखरः |
स्वयं गङ्गाधरो भूत्वा विहरेत् क्षितिमण्डले || ४८ ||
नास्ति तन्त्रसमं शास्त्रं न भक्तः केशवात् परः |
न योगी शङ्करो ज्ञानी न दुर्गा देवता परा || ४९ ||
दक्षिणांशे यद्विक्षीणा उरो बाह्यमधः क्षिपेत् |
गतिर्मृत्युः पलाङ्कोऽर्द्धं खेदयुक्ता च मुक्तिदा || ५० ||
दुर्गाया मन्त्रनिकरं नानातन्त्रे त्वया श्रुतम् |
नानामन्त्रं न कुत्रापि कथितं न श्रूतं त्वया || ५१ ||
दुर्गा दुर्गेति दुर्गेति दुर्गानाम परं मनुम् |
यो भजेत् सततं चण्डि जीवन्मुक्तः स मानवः || ५२ ||
महोत्पाते महाघोरे महाविपदि सङ्कटे |
महादुःखे महाशोके महाभयसमुत्थिते || ५३ ||
यः सदा संस्मरेद् दुर्गां यो जपेत् परमं मनुम् |
स जीवलोके देवेशि नीलकण्ठत्वमाप्नुयात् || ५४ ||
जीवः शिवः शिवा वामाऽभिरामा शिवनन्दिनि |
एवं भावं समाश्रित्य क्रियाभक्तिसमन्वितः || ५५ ||
भवत्येवं क्व वा दुःखं क्व भयं नरकं क्व वा |
क्व कलिश्च क्व कालश्च सर्वं सत्यमयं वपुः || ५६ ||
काल्याश्चैव हि तारायास्त्रिपुरायाश्च सुन्दरि |
भैरव्या भुवनायाश्च चरितं मुक्तिदायकम् || ५७ ||
मुक्तिशययां ज्ञानमयीं सदा सन्तोषकारिणीम् |
येनैव भावमासाद्य गच्छेद् दुःखविनाशिनीम् || ५८ ||
जपनं पार्वतीदेव्याः पूजनं पार्वतीपदम् |
शरणं पार्वतीदेव्याश्चरणं भवनाशनम् || ५९ ||
कालस्य यन्त्रणात् काली करालारिविमर्दनात् |
तस्मात् पदाङ्घ्रिभजनाद् देवीपुत्रो भवेद् ध्रुवम् || ६० ||
पुरा निगदितं चण्डि नानाचारं पृथग्विधम् |
इदानीं यागवृत्तान्तं मनसः शृणु शङ्करि || ६१ ||
हृत्पद्मे भावयेद् दुर्गां देवीं दुर्गतिनाशिनीम् |
करालां घोरदंष्ट्रां च मुण्डमालाविभूषिताम् || ६२ ||
शवारूढां श्मशानस्थां तारिणीं च दिगम्बराम् |
अर्द्धहासां ललज्जिह्वां मेघश्यामां वरप्रदाम् || ६३ ||
भवानीं यः स्मरेन्नित्यमन्ते स पार्वतीपतिः |
सहस्रारे स्थितं लिङ्गं तप्तचामीकरप्रभम् || ६४ ||
कदा शुक्लं कदा कृष्णं पीतं नीलं कदा कदा |
कदा वर्णमयं लिङ्गं स्वरादिपरिभूषितम् || ६५ ||
पद्ममध्यस्थितं लिङ्गं ज्योतिर्मयमचिन्तकम् |
जीवादिभूषितं लिङ्गं कर्णिकोपरि संस्थितम् || ६६ ||
सदाशिवं ततो भक्त्या प्रणमेद् भक्तिसंयुतः |
तदा सिद्धिमवाप्नोति नान्यथा कल्पकोटिभिः ||
किं बहूक्त्या महेशानि गुरुभक्त्या च सिध्यति || ६७ ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे पार्वतीश्वरसंवादे तृतीयः पटलः || ३ ||
अथ चतुर्थः पटलः
देवी उवाच
पृच्छाम्येकं महाभाग योगेन्द्र भक्तवत्सल |
पृच्छामि परमं तत्त्वं देवदेव सदाशिव || १ ||
श्रीशिव उवाच
कथयिष्ये जगद्धात्रि दुर्गायाश्चरितं शृणु |
एका दुर्गा जगद्धात्री एको हि परमः शिवः || २ ||
मदंशाश्चैव ये भूतास्ते शैवा नात्र संशयः |
त्वदंशाश्चैव शाक्ताश्च सत्यं वै गिरिनन्दिनि || ३ ||
बहुवर्षसहस्रान्ते शैवाः शक्तिपरायणाः |
शाक्ताश्च शाङ्करा देवि यस्य कस्य कुलोद्भवाः || ४ ||
चाण्डाला ब्राह्मणाः शूद्राः क्षत्रिया वैश्यसम्भवाः |
एते शाक्ता जगद्धात्रि न मानुष्याः कदाचन || ५ ||
पश्यन्ति मानुषान् लोके केवलं चर्मचक्षुषा |
श्रद्धयाऽश्रद्धया वापि यः कश्चिन्मानवः स्मरेत् || ६ ||
दुर्गां दुर्गशतोत्तीर्य स याति परमां गतिम् |
यथेन्द्रश्च कुबेरश्च वरुणः साधको यथा || ७ ||
तथा च साधको लोके दुर्गाभक्तिपरायणः |
अभक्त्यापि च भक्त्या वा यः स्मरेद् रुद्रगेहिनीम् || ८ ||
सुखं भुक्त्वेह लोके तु स यास्यति शिवालयम् |
इहैव स्वर्गं नरकं मोक्षं वा गिरिनन्दिनि || ९ ||
इह लोके तु वासः स्यात् सर्वशक्तिमयं जगत् |
दुर्गायाः शतनामानि शृणु त्वं भवगेहिनि || १० ||
दुर्गा भवानी देवेशी विश्वनाथप्रिया शिवा |
घोरदंष्ट्रा करालास्या मुण्डमालाविभूषिता || ११ ||
रुद्राणी तारिणी तारा माहेशी भववल्लभा |
नारायणी जगद्धात्री महादेवप्रिया जया || १२ ||
विजया च जयाराध्या शर्वाणी हरवल्लभा |
असिता चाणिमा देवी लघिमा गरिमा तथा || १३ ||
महेशशक्तिर्विश्वेशी गौरी पर्वतनन्दिनी |
नित्या च निष्कलङ्का च निरीहा नित्यनूतना || १४ ||
रक्ता रक्तमुखी वाणी वसुयुक्ता वसुप्रदा |
रामप्रिया रामरता रघुनाथवरप्रदा || १५ ||
बाह्येश्वरी बाह्यरता कृष्णा कृष्णवरप्रदा |
यशोदा राधिका चण्डी द्रौपदी रुक्मिणी तथा || १६ ||
गुहप्रिया गुहरता गुहवंशविलालिनी |
गणेशजननी माता विश्वरूपा च जाह्नवी || १७ ||
गङ्गा काली च काशी च भैरवी भुवनेश्वरी |
निर्मला च सुगन्धा च देवकी देवपूजिता || १८ ||
दक्षजा दक्षिणा दक्षा दक्षयज्ञविनाशिनी |
सुशीला सुन्दरी सौम्या मातङ्गी कमलात्मिका || १९ ||
निशुम्भनाशिनी शुम्भनाशिनी चण्डनाशिनी |
धूम्रलोचनसंहर्त्रीं महिषासुरमर्दिनी || २० ||
उमा गौरी कराला च कामिनी विश्वमोहनी |
जगदीशप्रिया जन्मनाशिनी भवनाशिनी || २१ ||
घोरवक्त्रा ललज्जिह्वा अट्टहासा दिगम्बरा |
भारती स्वर्गता देवि भोगदा मोक्षदायिनी || २२ ||
इत्येवं शतनामानि कथितानि वरानने |
नामस्मरणमात्रेण जीवन्मुक्तो न संशयः || २३ ||
यः पठेत् प्रातरुत्थाय स्मृत्वा दुर्गापदद्वयम् |
मुच्यते जन्मबन्धेभ्यो नात्र कार्या विचारणा || २४ ||
सिद्धिकाले दिवाभागे निशायां वा निशामुखे |
पठित्वा शतनामानि मन्त्रसिद्धिं लभेद् ध्रुवम् || २५ ||
अज्ञात्वा स्तवराजं तु दशविद्यां लभेद् यदि |
तथा नैव च सिद्धिः स्यात् सत्यं सत्यं महेश्वरि || २६ ||
कामरूपे कामभागे कामिनीकाममन्दिरे |
कामिनीवल्लभो भूत्वा विहरेत् क्षितिमण्डले || २७ ||
वामभागे तु रमणीं संस्थाप्य वरवर्णिनि |
ताम्बूलपूरितमुखः सर्वदा तारिणीं भजेत् || २८ ||
महानिशाभागमध्ये वामे तु वामलोचनाम् |
कृत्वा जपति तन्मन्त्रं सिद्धिदं सर्वदेहिनाम् || २९ ||
विलोक्य मुखपद्मं च वामाया रमणीमुखः |
प्रकरोत्यट्टहासं च ततो दुर्गा प्रसीदति || ३० ||
परं ब्रह्म परं धाम परमानन्दकारकम् |
नित्यानन्दं निर्विकारं निरीहं तारिणीपदम् || ३१ ||
ध्यात्वा मोक्षमवाप्नोति सत्यं परमसुन्दरि |
यथा दुर्गा तथा वामा यथा वामा तथा शिवा || ३२ ||
शिवभक्तिमयो भूत्वा विहरेत् सर्वदा शुचिः |
विना कालीपदद्वन्द्वं कः शाक्तो धरणीतले || ३३ ||
शक्तिहीनः शवः साक्षात् शक्तियुक्तः सदाशिवः |
शक्तियुक्तो भवेद् विष्णुरथवा विष्णुरेव हि || ३४ ||
राजमार्गं शक्तिमार्गं जानीहि जगदम्बिके |
अन्यपूजा न कर्तव्या न स्तुतिर्न च भावना || ३५ ||
न च ध्यानं योगसिद्धिर्नान्यमन्त्रं विचक्षणैः |
केवलं कालिकापादपद्मं भवविघट्टनम् || ३६ ||
नान्यो देवो न वा तीर्थं न ध्यानं न च जल्पना |
न तीर्थभ्रमणं चण्डि न वात्र योगधारणा || ३७ ||
स्तुतिर्दुर्गा मतिर्दुर्गा स्थितिर्दुर्गा सदाशिवः |
क्षुधा निद्रा दयाभ्रान्तिः क्षान्तिर्दुर्गा यतो गतिः || ३८ ||
शक्तिः शिवः शिवः शक्तिः शक्तिर्ब्रह्मा जनार्दनः |
शक्तिः सूर्यश्च चन्द्रश्च कुबेरो वरुणश्च यः || ३९ ||
शक्तिरूपं जगत् सर्वं यो न वेत्ति स पातकी |
एवं शक्तिमयं विश्वं यो वेद धरणीतले || ४० ||
स वेद धरणीमध्ये कालिकां जगदम्बिकाम् |
स एव सर्वशास्त्रेषु कोविदः सर्ववल्लभः || ४१ ||
श्मशानसिद्धिं लभते नात्र कार्या विचारणा |
शून्यागारं श्मशानं वा तुल्यं परमकोविदैः || ४२ ||
यो वा गच्छति तत्रैव स विश्वेशो भवेद् ध्रुवम् |
निशाभागे चतुर्दश्याममायां हरवल्लभे || ४३ ||
जपेदयुतसंख्यं च स सिद्धः सर्वकर्मसु |
स योगीन्द्रः स भावज्ञः स घीरः सर्वकर्मसु || ४४ ||
नित्यानदः स विज्ञेयः सर्वकार्यविशारदः |
प्रभातेऽश्वत्थमूले तु गत्वा परमकोबिदः || ४५ ||
पूजयेत् परया भक्त्या सामिषैर्लोहितैरपि |
बोल्वैर्बिल्वदलैर्वापि बिल्वपुष्पं वरानने || ४६ ||
जपेल्लक्षं चतुर्दश्यामारभ्य नगनन्दिनि |
पञ्चमेन यजेद् देवीं बिल्वमूले दिवानिशम् || ४७ ||
तदा वाक्सिद्धिमाप्नोति क्षुद्रो वाचस्पतिर्भवेत् |
आसनं द्वादशविधं सङ्केतासनमुत्तमम् || ४८ ||
भद्रपीठासनं पद्मासनं सिद्धासनं तथा |
सिद्धसिद्धासनं देव्यासनं च कुक्कुटासनम् || ४९ ||
वीरासनं परं भद्रे चासनं वरदासनम् |
सिंहासनं परं देवि श्मशानासनमुत्तमम् || ५० ||
शवासनं वरारोहे देवानामपि दुर्लभम् |
यत्राश्रयेत् परं ब्रह्मासनं परमभूषितम् || ५१ ||
वामभागे स्त्रियं स्थाप्य धूमामोदसुगन्धिभिः |
ताम्बूलचर्वणाद्यैश्च पूजयेद् भवगेहिनीम् || ५२ ||
भवानीं तारिणीं विद्यां ब्रह्मविद्यां मनोहराम् |
स्तुत्वा मोक्षमवाप्नोति तत्क्षणादेव शाङ्करि || ५३ ||
विश्वमातर्जयाधारे विश्वेश्वरि नमोऽस्तु ते |
करालवदने घोरे चन्द्रशेखरवल्लभे || ५४ ||
मां तारय महाभागे देहि सिद्धिमनुत्तमाम् |
कामकल्पलतारूपे कामेश्वरि कलामते || ५५ ||
कामरूपे च विजये निस्तारे यशवाहिनी |
गृहीत्वा शवचाण्डालं धृत्वा भालं मुखं शिरः || ५६ ||
नासां कर्णौ च हृत्पद्मं नाभिं लिङ्गं गुदं तथा |
बाहू पृष्ठं च जठरं धृत्वा धृत्वा मुहुर्मुहुः || ५७ ||
आदौ मायां पुनर्मायां पुनर्मायां नियोजयेत् |
वधूबीजं तथा लज्जा सर्वाङ्गे निक्षिपेन्मनुम् || ५८ ||
अष्टोत्तरमनुं जप्त्वा कृत्वा च वन्दनं शिवम् |
पुनर्विहारबीजेन नीलद्रव्येण चक्षुषा || ५९ ||
तत्क्षणाद् देवदेवेशि जायते नात्र संशयः |
शून्यागारे महेशानि भवेद् धनददिङ्मुखः || ६० ||
शङ्खमाला गृहीतव्या स्फाटिकी वाऽथ राजती |
चामीकरमयी माला प्रवालघटिताऽथवा || ६१ ||
मूर्ध्नि देशे कुल्लुकां च जप्त्वा शतमनुत्तमम् |
तदा मन्त्रं जपेन्मन्त्री महेशो नात्र संशयः || ६२ ||
स शक्तः शिवभक्तश्च भैरवश्च सदाशिवः |
कुलीनश्च कुलज्ञश्च यो जपेत् तारिणीमनुम् || ६३ ||
हृत्पद्मगां जगद्धात्रीं मूर्ध्निं संस्थां सुरेश्वरीम् |
भुजङ्गिनीं जागरिणीं भुजगादिविभूषिताम् || ६४ ||
नारदाद्यैः साधकेन्द्रैः सेवितां सिद्धसेविताम् |
अश्वत्थे बिल्वमूले वा स्वजायामन्दिरेऽथवा || ६५ ||
देवीं वा कामिनीं वापि ध्यायेत् परमदेवताम् |
आद्यां ज्योतिर्मयीं विद्यामभयां वरदां शिवाम् || ६६ ||
प्रणमेत स्तुतिभिश्चण्डीं सर्वदोषनिकृन्तनीम् |
श्मशानस्थः शिवस्थोऽपि पठेत् कवचमुत्तमम् || ६७ ||
तदा श्मशाने देवेशि शवे वा वरवर्णिनि |
सिद्धिर्भविष्यति तदा परपक्षा न भैरवाः || ६८ ||
उन्मत्तः क्रोधनश्चैव भैरवो बटुकात्मकः |
संहारो भीषणश्चैव तथा च कालभैरवः || ६९ ||
महाकालभैरवश्च एते वै वसुसङ्ख्यकाः |
दृष्ट्वा श्मशानं देवेशि शवसाधनमेव च || ७० ||
नृत्यन्ति भैरवाः सर्वे गर्जन्ति रक्तलोचनाः |
अद्य मत्सदृशो वापि अद्यैव वातुलोऽपि वा || ७१ ||
शवश्मशानयोर्मध्ये न जानामि कथञ्चन |
मा भैषीर्भैरवाः सर्वे वदिष्यन्ति च बन्धनात् || ७२ ||
सिंहव्याघ्रवराहाद्याः के वा गर्जन्ति सर्वतः |
मा भैषीश्चैव मा भैषीर्मा भैषीश्चैव साधक || ७३ ||
यो वा वदिष्यति पुरः स गुरुस्तत्त्वकोविदः |
विना तन्त्रपरिज्ञानाद् विना गुरुनिषेवणात् || ७४ ||
प्राणायामाद् विना ध्यानाद् विना मन्त्रविचालनात् |
विना ज्ञानाद् विना न्यासाद् विना शवविबन्धनात् || ७५ ||
विना भावाद् विना लाभाद् विना सत्सङ्गसेवनात् |
विना जापाद् विना तापाद् विनापि काममन्दिरात् || ७६ ||
नहि सिध्यति देवेशि प्रत्यक्षं हरवल्लभा |
यदि भाग्यवशाद् देवि प्रत्यक्षं हरवल्लभा ||
तदैव जायते सिद्धिर्महाविद्या प्रसीदति || ७७ ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे पार्वतीश्वरसंवादे चतुर्थः पटलः || ४ ||
अथ पञ्चमः पटलः
एकदा पार्वती देवी कैलासनिलयाश्रया |
अट्टहासं प्रकुर्वन्ती प्राह गद्गदया गिरा || १ ||
श्रीपार्वती उवाच
देवदेव महादेव विश्वनाथ सदाशिव |
पृच्छामि जगदीशान मम मन्दिरघर्षणम् || २ ||
किंविधं वापि भो नाथ कस्मिन् काले महेश्वर |
शिवशक्तिमयं ब्रह्म नित्यानन्दमयं वपुः || ३ ||
नवकन्यापूजनं च श्रुतं विश्वेश्वर प्रभो |
कुमारीपूजनं देव श्रुतं तव प्रसादतः || ४ ||
श्रीशिव उवाच
शृङ्गारं द्वादशविधं विपरीतं चतुर्विधम् |
चतुर्विधं च शैवानां नवेषु च करेषु च || ५ ||
यो न जानाति विश्वेशि स पशुर्नात्र संशयः |
पशोरग्रे न प्रकाश्यं न प्रकाश्यं कथञ्चन || ६ ||
पशुस्तु दारुणः शत्रुः सर्वभावविलोपकृत |
कल्पकोटिशतेनापि वत्सरेणापि शाङ्करि || ७ ||
नहि सिध्यति विश्वेशि सत्यं सत्यं वदाम्यहम् |
शृङ्गाररसलावण्यं यो न जानाति पण्डितः || ८ ||
स मूर्खः सर्वशास्त्रेषु शक्तिभ्रष्टो न संशयः |
शृङ्गाररसलावण्ये शाक्तानन्दो यथा भवेत् || ९ ||
न शैवे वैष्णवे वापि सौरे वा गाणपत्यके |
तथानन्दो महेशानि जायते न कथञ्चन || १० ||
शिवो जातिः शिवो गात्रं शिवो धर्मः शिवो रतिः |
शिवः कर्ता शिवः पाता शिवो हर्ता शिवात्मकः || ११ ||
शिवो बुद्धिः शिवः शान्तिः शिवो गतिः शिवो मतिः |
शिवः क्रिया शिवः शक्तिः शिवो मुक्तिः शिवात्मिका || १२ ||
शिवोऽहं नात्र सन्देहो जीवोऽहं शिव एव हि |
इत्येवं यस्य मनसि वर्तते गिरिनन्दिनि || १३ ||
तदैव जायते सिद्धिर्मुक्तिरव्यभिचारिणी |
शक्तिमार्गे वारारोहेऽवधूतः शङ्करः स्वयम् || १४ ||
अवधूती यस्य वामाऽवधूतस्तु स्वयं भवेत् |
यत्र कुत्र निवासश्च कैलासो नात्र संशयः || १५ ||
मन्दिरं तस्य कैलासं स्तम्भं मणिमयं स्मृतम् |
वृक्षाश्च पर्वताश्चैव क्षुद्राः सर्वप्रिये शिवे || १६ ||
क्षुद्राश्च बान्धवा रुद्राः सुप्रधानाः सदाशिवाः |
भैरवाः किङ्कराः सर्वे भैरव्यश्चेटिकादिकाः || १७ ||
एवं कैलासभवनं सर्वानन्दकरं परम् |
मनोहरं सुखमयं सर्वशान्तिमयं तथा || १८ ||
सर्वप्रियं गुणमयं सर्वसौख्यादिसम्भवम् |
एवं सर्वमयं सौख्यं यो वै द्रक्ष्यति हे प्रिये || १९ ||
सर्वशक्तियुतो भूत्वा विहरेत् क्षितिमण्डले |
कृष्णाष्टम्यां नवम्यां वा प्रजपेदयुतं निशि || २० ||
तदा सिद्धिमवाप्नोति मन्त्रकालपुरःसरः |
एवं क्रिया प्रकर्तव्या गुप्ता गुप्ततरा स्मृता || २१ ||
गुप्ता गुप्तरा पूजा प्रकरात् सिद्धिनाशिनी |
अन्तःशाक्ता बहिःशैवाः सभायां वैष्णवा मताः || २२ ||
नानारूपधराः कौला विचरन्ति महीतले |
एवं विधानसम्भूतं श्रुतं तन्त्रं च मोहनम् || २३ ||
कुलज्ञानं कुलीनस्य योगिनीहृदयं श्रुतम् |
सम्मोहनं वीरतन्त्रं श्रुतं श्रीतन्त्रमुत्तमम् || २४ ||
कुलार्णवस्तथा कालीतन्त्रं कालीविलासकम् |
श्रीकालीकल्पलतिका श्रुता परममादरात् || २५ ||
मतभेदे च गुप्ता सा पूजा प्रकटनाशिनी |
अन्तःशाक्ता बहिःशाक्ताः क्रियाशाक्ता वरानने || २६ ||
भक्तिशाक्ताः कामशाक्ता ध्यानशाक्ता महेश्वरि |
रतिशाक्ताः शक्तिशाक्ताः सर्वकर्मसु नान्यथा || २७ ||
अन्तःशैवा बहिःशिवाः सभायां वा गृहेऽथवा |
वैष्णवास्तादृशा एव सर्वकालेषु शङ्करि || २८ ||
इत्येवं परमो भावो गदितः सर्वयोनिषु |
एवं भावं समाश्रित्य शाक्ताः परमपूजकाः || २९ ||
नित्यानन्दमयाः सर्वे त्रिनेत्राश्चन्द्रशेखराः |
सदा शक्तिविहारं च सदानन्दपरिप्लुताः || ३० ||
सदानन्दः स विज्ञेयः सर्वकर्मसु कौशलः |
कुलधर्मं समाश्रित्य ये वसन्ति महीतले || ३१ ||
ते शिवास्ते शिवा जीवा भवन्ति कुलधर्मतः |
कुलीनः शङ्करो देव कुलीनस्तु हरिः स्वयम् || ३२ ||
कुलीनो वासवो देवः कुलीनस्तु पितामहः |
कुलीना मुनयः सर्वे कुलीनाः पितरः स्मृताः || ३३ ||
किन्नराश्च कुलीनाश्च नराश्च पशुजीविनः |
असुराश्च कुलीनाश्च कुलजा न कुलीनकाः || ३४ ||
अतो न भक्तिर्नो मुक्तिरसुराणां कदाचन |
राक्षसाश्च कुलीनाश्च गन्धर्वाप्सरयक्षजाः || ३५ ||
देवीभक्तिं समास्थाय कृतार्थश्च महीतले |
विना दुर्गापरिज्ञानाद् विफलं पूजनं जपः || ३६ ||
तपः क्रिया विशुद्धिः स्यादेतत् सर्वमनर्थकम् |
मूर्खो वा पण्डितो वापि ब्राह्मणो वा वरानने || ३७ ||
क्षत्रियो वैश्यजः शूद्रश्चाण्डालो वरवर्णिनि |
सर्वे तुल्याश्च शाक्ताश्च ह्येतत् सर्वार्थसाधकम् || ३८ ||
शृणु देवि वरारोहे मम वाक्यं सुनिश्चितम् |
शृङ्गाररसलावण्यं कोविदः सर्वकर्मसु || ३९ ||
शृङ्गाराज्जायते सृष्टिः शृङ्गाराज्जायते रतिः |
शृङ्गाराच्छङ्करस्तुष्टः शृङ्गारादपि पार्वति || ४० ||
सन्तुष्टा त्वं च सन्तुष्टो ह्यहमेव वरानने |
शृङ्गारशब्दं ललितं कर्कशं वा सुरेश्वरि || ४१ ||
शृङ्गारशब्दमात्रेण जना यास्यन्ति सद्गतिम् |
स्त्रियो देव्यः स्त्रियः प्राणाः स्त्रिय एव हि भूषणम् || ४२ ||
स्त्रीद्वेषो नैव कर्तव्यस्तासु निन्दां प्रहारकम् |
वर्जयेद् देवदेवेशि घृणालज्जाविवर्जितः || ४३ ||
स्त्रीरूपं तारिणीरूपं यो वेत्ति धरणीतले |
स स्त्रीपतिश्च विज्ञेयः स एव पार्वतीपतिः || ४४ ||
कुजे शनैश्चरे वारे गुरौ वा भार्गवे तथा |
तृतीयां वा द्वितीयां वा पूजयेद् भक्तिभावतः || ४५ ||
प्रथमो भक्तिसम्पन्नो जनो वापि जनार्दनः |
आद्यां ज्योतिर्मयीं देवीं चतुर्थी वापि शाङ्करि || ४६ ||
पूजयेत् पञ्चमीं विद्यां पञ्चमेन विभूषिताम् |
पञ्चाननप्रियां दुर्गां पूजयेद् भक्तिभावतः || ४७ ||
एषा क्रिया वरारोहे सात्त्विकी राजसी तथा |
तामसी चैव देवेशि श्रुता पूजा महेश्वरि || ४८ ||
या या पूजा निगदिता सा सा पूजा त्वया श्रुता |
इदानीं कुण्डपुष्पेण गोलपुष्पेण शाङ्करी || ४९ ||
चक्रपुष्पेण शूलेन वज्रपुष्पेण पार्वति |
कालपुष्पेण देवेशि पूजयेद्धरवल्लभाम् || ५० ||
तदा सिद्धिमवाप्नोति सत्यं सत्यं न संशयः |
कुलमार्गे रतो जीवः शिव एव न संशयः || ५१ ||
कुलधर्मार्थगो जन्तुर्विहरेत् कुलमार्गके |
कुलपुष्पं समाश्रित्य कुलीनाश्रममाश्रयेत् || ५२ ||
कलौ मत्स्यं कलौ मांसं मद्यं मुद्रां च मैथुनम् |
यथा दिव्यस्तथा वीरो नास्ति भिन्नः शुचिस्मितेः || ५३ ||
भक्षणात् पञ्चमस्यापि न दोषो जायते नृणाम् |
अशक्तानामकर्तव्यं सर्वयोनिविवर्धनम् || ५४ ||
मद्यपानमकर्तव्यमकर्तव्यं कलौ युगे |
शाक्तानां चैव शाक्तानां कर्तव्यं सर्वसिद्धिदम् || ५५ ||
महापीठाश्रयं वापि महापीठस्य दर्शनम् |
महापीठे यजेद् देवीं भक्त्या परमया युतः || ५६ ||
पूजयेद् रक्तपुष्पैश्च रक्तगन्धानुलेपनैः |
बिल्वपत्रैस्तथा पुष्पैर्मणिपुष्पैश्च चम्पकैः || ५७ ||
रक्ताम्बुजै रक्तमाल्यै रक्ताभरणबूषणैः |
महिषैश्च यजेद् देवीं भेषजैः क्षतजैरपि || ५८ ||
छागजैलोहितैर्देवीं गात्रजैर्ब्राह्मणैरपि |
एवं विधिविधानेन पूजनं तव सुन्दरि || ५९ ||
कर्तव्यं द्विजलोकेषु गृह्यं तव महेश्वरि |
एवं तव विधातव्या पूजा त्रिभुवनेश्वरि || ६० ||
तदा सिधीश्वरो भूत्वा गाणपत्यं लभेत् तु सः |
न प्रकाश्यं पशोरग्रे मम दिव्यं सुरेश्वरि || ६१ ||
पशोर्दर्शनमात्रेण नश्यन्ति वीरशुद्धयः |
महासिद्धिकरी पूजा मानसी मुक्तिदायिनी || ६२ ||
अन्तर्यागात्मिका सर्वजीवत्वपरिनाशिनी |
बाह्यपूजा राजसी च सर्वसौभाग्यदायिनी || ६३ ||
भुक्तिमुक्तिप्रदा चैव सर्वापत्परिनाशिनी |
सर्वदोषक्षयकरी सर्वशत्रुविनाशिनी || ६४ ||
सर्वरोगक्षयकरी सर्वबन्धविमोचनी |
न वीराणां पशूनां च बाह्यपूजाऽधमाधमा || ६५ ||
केवलानां च दिव्यानां च बाह्यपूजाऽधमा इति |
तोडले यामले देवि श्रुता पूजा च विस्तरात् || ६६ ||
तथापि पूजा संक्षेपाद् मयोक्ता गिरिनन्दिनि |
स्तुतिपाठाद् दृढज्ञानात् पूजनाच्छिवसुन्दरि || ६७ ||
सुप्रसन्ना महाविद्या जपात् सिद्धिर्भविष्यति |
जपाद् भक्तिर्जपाद् भुक्तिर्जपान्मुक्तिर्जपात् क्रिया || ६८ ||
जपात् तन्त्रं जपान्मन्त्रं जपाद् यन्त्रं सुरेश्वरि |
जपात् कान्तिर्जपात् शान्तिर्जपात् श्रद्धा जपाद् दया || ६९ ||
जपात् तुष्टिर्जपात् पुष्टिर्जपाद् गतिर्जपान्मतिः |
जपाद् बुद्धिर्जपाल्लक्ष्मीर्जपाज्जातिर्जपात् स्थितिः ||
जपाच्छान्तिर्जपाच्छान्तिर्जपाच्छान्तिर्न संशयः || ७० ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे पार्वतीश्वरसंवादे पञ्चमः पटलः || ५ ||
अथ षष्ठः पटलः
देवी उवाच
पुरा श्रुतं महादेव शवसाधनमेव च |
श्मशानसाधनं नाथ श्रुतं परममादरात् || १ ||
न स्तोत्रं कवचं नाथ श्रुतं न शवसाधने |
कवचेन महादेव स्तोत्रेणैव च शङ्कर ||
कथं सिद्धिर्भवेद् देव कवचं ब्रूहि साम्प्रतम् || २ ||
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि वरारोहे दुर्गे परमसुन्दरि |
सिद्ध्यर्थे विनियोगश्च कवचस्य नियन्त्रणात् || ३ ||
सिद्धिं सिद्धेश्वरी पातु मस्तकं पातु कालिका |
कपालं कामिनी भालं पातु नेत्रं नगेश्वरी || ४ ||
कर्णौ विश्वेश्वरी पातु हृदयं जगदम्बिके |
काली सदा पातु मुखं जिह्वां नीलसरस्वती || ५ ||
करौ करालवदना पातु नित्यं सुरेश्वरी |
दन्तं गुह्यं नखं नाभिं पातु नित्यं हिमात्मजा || ६ ||
नारायणी कपोलं च गण्डा गण्डं सदैव तु |
केशं मे भद्रकाली च दुर्गा पातु सुरेश्वरी || ७ ||
पुमान् रक्षतु मे चण्डी धनं पातु धनेश्वरी |
स्तनौ विश्वेवरी पातु सर्वाङ्गं जगदीश्वरी || ८ ||
उग्रतारा सदा पातु महानीलसरस्वती |
पातु जिह्वां महामाया पृष्ठं मे जगदम्बिका || ९ ||
हरप्रिया पातु नित्यं श्मशाने जगदीश्वरी |
शवे पातु च शर्वाणी सदा रक्षतु चण्डिका || १० ||
कात्यायनी कुलं पातु सदा च शववाहिनी |
घोरदंष्ट्रा करालास्या पार्वती पातु सर्वदा || ११ ||
कमला पातु राज्यं मे मन्त्रं मन्त्रेश्वरी तथा |
इत्येवं कवचं देवि देवानामपि दुर्लभम् || १२ ||
यः पठेत् सततं देवि सिद्धिमाप्नोति निश्चितम् |
सिद्धिकाले समुत्पन्ने कवचं प्रपठेद् यदि || १३ ||
अज्ञात्वा कवचं देवि यश्च सिद्धिमुपक्रमः |
यश्च सिद्धिमवाप्नोति न मुक्तिर्न च सद्गतिः || १४ ||
अत एव महामाये कवचं सिद्धिकारकम् |
देवानां च नराणां च किन्नराणां च दुर्लभम् || १५ ||
पठित्वा कवचं चण्डि शीघ्रं सिद्धिमवाप्नुयात् |
महोत्पाते महादुःखे महाविपदि सङ्कटे || १६ ||
प्रपठेत् कवचं देवि पठित्वा मोक्षमाप्नुयात् |
शून्यागारे श्मशाने वा कामरूपे महाघटे || १७ ||
स्ववामामन्दिरे कालेऽप्यथवा काममन्दिरे |
मन्त्रं मन्त्री जपेद् बुद्ध्या भक्त्या परमया युतः || १८ ||
मूले दले फले वापि नले कालेऽनिले मले |
जले पठेत् प्राणबुद्ध्या मनसा साधकोत्तमः || १९ ||
नाडीशुद्धिं ततः कृत्वा भाव शुद्धिं महेश्वरि |
विहरेद्धरिमध्ये च सर्वशास्त्रार्थकोविदः || २० ||
चितामारुह्य सिद्धेशो नीलकण्ठत्वमाप्नुयात् |
वामे चलति का नाडी दक्षिणे खलु जाह्नवी || २१ ||
मध्ये कुलाचला नाडी दुर्लभा धरणीतले |
चित्रिणी पद्मिनी शङ्खा विजृम्भा शोणदा तथा || २२ ||
कङ्काला कूटजा नाडी कपोला गोलजा खला |
निजदेहे वसन्त्येता ब्रह्मनाडीं समाश्रिताः || २३ ||
सर्वासां धरणीमध्ये गौरी सूक्ष्मा च तारिणी |
घण्टाकर्णा लोलजिह्वा विकटा चन्द्रवल्लभा || २४ ||
महानीला वीरभद्रा सुलज्जा नखदा शुभा |
बलाका काकिनी राका कालघण्टा शिवा सिता || २५ ||
दर्दुरा च दुराराध्या विशोकवदनाऽनघा |
जम्भिनी पुक्कसा शोणा यशोदा मखदा खदा || २६ ||
खगा खरवती नाडी कोला हेला हलाहला |
इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्ना प्रागरूपिणी || २७ ||
गान्धारी कोटराक्षी च कुलजा कुलपण्डिता |
सव्ये कनखला नाडी दक्षिणे कामपालिका || २८ ||
विहारं नीलकण्ठस्य देवानामपि दुर्लभम् |
क्रोडे विश्वम्भरा कामा कराला मेघवाहिनी || २९ ||
घनभा घनदा चण्डी सुशीला वरपण्डिता |
विश्वारण्या विश्ववसनी बहुपादा कटाक्षजा || ३० ||
नन्दिनी शोणदा गङ्गा काशी कमलवासिनी |
एवं यदि महामाये भावयेत् सुरपूजिताम् || ३१ ||
तदैव जायते सिद्धिः सत्यं सत्यं न संशयः |
बहुपादकटा घोरा निर्जिता घनभेदिनी || ३२ ||
नाडीविहारसम्पर्काज्जीवन्मुक्तो न संशयः |
शृणु देवेशि घोराभे करालभे दिगम्बरे || ३३ ||
चिन्तामणिप्रसादेन किं न सिध्यति भूतले |
मूले चतुर्दले पद्मे स्वाधिष्ठाने च षड्दले || ३४ ||
मणिपूरेऽनाहते च आज्ञाचक्रे महेश्वरि |
एवं चक्रे परिन्यस्तैर्दशद्वादशषोडशैः || ३५ ||
दलैस्तु मङ्कुरं वर्णं न्यस्तं गावशतं मतम् |
यत्र कालीपुरं देवि ब्रह्माद्यैरपि सेवितम् || ३६ ||
नीलकण्ठं त्रिलोकेशं सहस्राब्जनिवासिनम् |
कोटीशं कुलकोटीशं साधकेन्द्रैः सुशोभितम् || ३७ ||
ध्यायेत् परमनिर्विण्णो देवः परमपावनः |
जीवः शिवस्तु विज्ञेयो विश्वेशः सर्वदा रतिः || ३८ ||
ब्रह्मतत्त्वं वरारोहे देवानामपि दुर्लभम् |
स्वरादिनिष्ठितं लिङ्गं स्वरव्यञ्जनभूषितम् || ३९ ||
वर्णमालापरिन्यस्तं लिङ्गं भुवनशोभितम् |
महाबीजं महोत्साहैर्नादितं परमात्मकम् || ४० ||
नीलकण्ठं महादेवं सदा शक्तिसमन्वितम् |
ध्यायेत् तु पूजयेद् देवं मनसा वचसा इति || ४१ ||
तदैव साधको लोके चान्तर्यागपरायणः |
अन्तर्यागं महामाये साधकानामगम्यकम् || ४२ ||
ब्रह्माण्डं वै शरीरं तु सर्वेषां प्राणधारिणाम् |
ब्रह्माण्डे ये गुणाः सन्ति ते तिष्ठन्ति कलेवरे || ४३ ||
शरीरं तत्त्वघटितं नानारसपरिप्लुतम् |
चन्द्रबिन्दुसमायुक्तं नादबिन्दुविभूषितम् || ४४ ||
शरीरं शङ्करस्यापि दुर्लभं मुक्तिदायकम् |
यावन्मुक्तिर्महामाये तावदेव हि साधकः || ४५ ||
तावत् क्रिया च भुक्तिश्च मुक्तिरव्यभिचारिणी |
महाघोरे समाक्लेशे शरीरं ब्रह्मणः पदम् || ४६ ||
पावितं च प्रसूनं च देहजं सर्वमङ्गजम् |
गृहीत्वा कालिकां देवीं मुण्डमालाविभूषिताम् || ४७ ||
पूजयेत् परया भक्त्या शिव एव न संशयः |
ब्रह्माण्डघटितां मूर्तिमङ्गदैश्च विभूषिताम् || ४८ ||
चतुर्भूजां लोलजिह्वां नानाशक्तिसमन्विताम् |
पूजयेत् परमानन्दो निजशक्तिसमन्वितः || ४९ ||
वामे स्ववामां देवेशि नानालङ्कारभूषिताम् |
कुलचक्रस्य देवेशि प्रजपेत् तु समः शिवः || ५० ||
निशि चक्रे करालास्यां मुक्तकेशो दिगम्बरः |
सहस्रं वाऽयुतं वापि जपेन्मदनमन्दिरे || ५१ ||
श्वेतं वा लोहितं वापि कुसुमं पञ्चमान्वितम् |
एवं विधिविधानेन महाकाल्यै निवेदयेत् || ५२ ||
दिवा पूजा विधातव्या निशि पूजा महेश्वरि |
सन्ध्या पूजा प्रकर्तव्या तदा सिद्धिमवाप्नुयात् || ५३ ||
न दिवा न निशाभागे न सन्ध्यायां कदाचन |
पूजयेन्न जगद्धात्रीं हेलायां परिपूजयेत् || ५४ ||
दिवा न पूजयेद् देवीं रात्रौ नैव च नैव च |
सर्वदा पूजयेद् देवीं दिवा रत्रौ विवर्जयेत् || ५५ ||
यथा इडा पिङ्गला च सुषुम्ना ब्रह्मभेदिनी |
नाडीभ्रमणसम्पर्कान्मुक्तिं प्राप्नोति साधकः || ५६ ||
विना नाडीपरिज्ञानं विना नाडीनिषेवणम् |
विना विश्वकरं देवि नहि सिध्यति भूतले || ५७ ||
सव्ये बिल्वं करे दक्षे मालां संगृह्य साधकः |
प्रजपेत् पार्वतीमन्त्रं सर्वकार्याय भूतले || ५८ ||
घोरदंष्ट्रां करालास्यामट्टहासां दिगम्बराम् |
प्रणम्य भक्त्या देवेशीं जपेच्चिन्तामणिं मनुम् || ५९ ||
चिन्तामणिप्रसादेन किं न सिध्यति भूतले |
चिन्तामणिं कल्पलतां गृहीत्वा परमां शिवाम् || ६० ||
जप्त्वा महामनुं चण्डि देवदेवेश्वरो भवेत् |
जीवः शिवत्वं लभते ज्ञानस्य वरवर्णिनि || ६१ ||
गुरुपादाब्जकं देवि रहस्यं परमाद्भुतम् |
विचित्रं चारुपादाब्जं पार्वत्याः शङ्करस्य च || ६२ ||
भजेदैक्यं विधानेन जीवन्मुक्तः स एव हि |
पिण्डे युक्ताः पदे युक्ता रूपे युक्ता वरानने ||
गुणातीताश्च ये भक्तास्ते मुक्ता नात्र संशयः || ६३ ||
श्रीपार्वती उवाच
न पिण्डं न पदं रूपं न जानामि सुरोत्तम |
कथ्यतां मे दयासिन्धो निश्चितं मतमुत्तमम् || ६४ ||
श्रीशिव उवाच
गुह्याद् गुह्यतरं देवि सारमेकं वदाम्यहम् |
पिण्डं कुण्डलिनी शक्तिः पदो हंसः प्रकीर्तितः || ६५ ||
रूपं चापि वरारोहे ध्यानमेव न संशयः |
महाकुण्डलिनीं देवीं यो भजेत् तु भुजङ्गिनीम् || ६६ ||
स कृतार्थः स धन्यश्च स देवो वीरसत्तमः |
स गुणी साधकोज्ञानी स मानी स च पण्डितः || ६७ ||
स कृतो सर्वब्रह्माण्डे देवत्वं लभते ध्रुवम् |
ये दिव्याः साधकेन्द्राश्च ये वीराः साधकोत्तमाः || ६८ ||
पशवः पश्वो ज्ञेयाः सर्वशास्त्रार्थकोविदाः |
भावशुद्धिं समास्थाय सर्वकार्यार्थकोविदः || ६९ ||
साधको मुक्तिमाप्नोति सत्यं सत्यं वरानने |
शृणु देवि जगद्धात्रि सर्वमङ्गलमङ्गलम् || ७० ||
तन्त्रं शृणुयाद् देवेशि ब्रह्मनिर्वाणमाप्नुयात् |
निशाभागे जपेन्मन्त्रं वामायुक्तो महेश्वरि || ७१ ||
अयुतं भक्तिभावेन जीवन्मुक्तः स एव हि |
सहस्रमयुतं वापि कुजवारे निशामुखे || ७२ ||
जपेच्चिन्तामणिं मन्त्रं क्ष्मातले नात्र संशयः |
चिन्तामणिप्रसादेन किं न सिध्यति भूतले || ७३ ||
यथाविधि विधानं च कृत्वा च मन्मथालयम् |
व्रजेत् तु भक्तिभावेन स गच्छेत् परमां गतिम् || ७४ ||
नभोगतं महापद्मं सर्वदेवसुपूजितम् |
तन्मध्यस्थं महादेवं नीलकण्ठं सदाशिवम् || ७५ ||
यथा शक्तियुतं देवि सर्वानन्दमनोहरम् |
शुक्लं रक्तं नीलवर्णं पीतादिवर्णशोभितम् || ७६ ||
मनसा चिन्तितं देवि देवं परमकारणम् |
ध्यानं च मनसा देवि मनसा परिपूजितम् || ७७ ||
मनसा पूजयेल्लिङ्गं मनसा तर्पणादिकम् |
मनसा कालिकां तारां मनसा तु भुजङ्गिनीम् || ७८ ||
मनसा ब्रह्मनाडीं वै विदध्यात् सर्वकामदाम् |
इत्येवं ध्यानयोगेन मनसा जगदम्बिकाम् || ७९ ||
पूजयेत् परया बुद्ध्या स विश्वेशो भवेद् ध्रुवम् |
सुषुम्नामध्यगां कालीं करालवदनां शिवाम् || ८० ||
प्रणमेत् पार्वतीं देवीं महानीलसरस्वतीम् |
उग्रताराक्रमं वक्ष्ये देवानामपि दुर्लभम् || ८१ ||
त्रिकोणवलयाम्भोजे महानीलसरस्वतीम् |
मया बुधस्वरूपेण भावयेत् तामहर्निशम् || ८२ ||
हृत्पद्मे भावयेत् चण्डीं हृत्पद्मे भावयेच्छिवम् |
हृत्पद्मे भावमासाद्य पूजयेद् वरवर्णिनि || ८३ ||
यावन्नानात्वभावं च तावदेवं पृथग्विधम् |
तवात् क्रियाः पृथग्भावास्तावन्नानाविधा मताः || ८४ ||
तावद् भिन्नाश्च देवाश्च ब्रह्मविष्णुमहेश्वराः |
गणेशं च दिनेशं च वह्निं वरुणमेव च || ८५ ||
कुबेरं चापि दिक्पालमेतत् सर्वं पृथक् पृथक् |
तावन्नानाविधाश्चेष्टाः स्त्रीपुंनपुंसकात्मकम् || ८६ ||
तावद् बिल्वदलं भिन्नं देवेशि तुलसीदलात् |
तावज्जवा द्रोणकृष्णा करवीराणि भूतले || ८७ ||
विभिन्नानि च देवेशि सत्यं वै तुलसीदलात् |
तावद् दिव्यशरीरश्च तावत् तु पशुभावकः || ८८ ||
तावत् तन्त्रे भेदबुद्धिस्तावदेव पृथक् क्रिया |
हरौ हरे भेदबुद्धिर्जायते जगदम्बिके || ८९ ||
करालवदना काली श्रीमदेकजटा शिवा |
षोडशी भैरवी भिन्ना भिन्ना च भुवनेश्वरी || ९० ||
छिन्ना भिन्नाऽन्नपूर्णा च भिन्ना च बगलामुखी |
मातङ्गी कमला भिन्ना भिन्ना वाणी च राधिका || ९१ ||
भिन्ना चेष्टा क्रिया भिन्ना भिन्नो वाचारसंग्रहः |
यावन्नैक्यं पादपद्मे भवान्या नैव जायते || ९२ ||
अद्वैते तारिणीपादपद्मे परमपावने |
ज्ञानपारे समुत्पन्ने हृत्पद्मनिलयं तथा || ९३ ||
ऐक्यं भवति चार्वङ्गि सर्वं ब्रह्ममयात्मकम् |
जीवेषु शाङ्करि || ९४ ||
न च पापं न वा पुण्यं न यमो नरकं न च |
न सुखं नापि दुःखं च न रोगेभ्यो भयं तथा || ९५ ||
न भयं नापि शोकं च सर्वं ब्रह्ममयात्मकम् |
ब्राह्मणी क्षत्रीया वैश्या वैश्यजा शूद्रजाऽन्त्यजा || ९६ ||
तथैव तारिणी विद्या यथा विद्या तथा तथा |
एवं ज्ञानं महेशानि यथा वै जायते प्रिये || ९७ ||
तथैव विद्या देवेशि विद्याऽविद्याविरोधिनी |
जायते नात्र सन्देहो ब्रह्मानन्दमयो भवेत् || ९८ ||
अद्वैतं च गुणातीतं निर्गुणं प्रकृतेः परम् |
परमानन्दसंयुक्तो मुक्तिं यास्यति निश्चितम् || ९९ ||
इति सत्यं पुनः सत्यं सत्यं चण्डि वरानने |
तत्त्वज्ञानात् परं नास्ति नास्ति देवः सदाशिवात् || १०० ||
नास्ति भावस्तु मध्यस्थाद् नास्ति दुर्गासमं पदम् |
सोऽहं सोऽहं पुनः सोऽहं सोऽहमित्येव जायते || १०१ ||
तदेव चिरकालेन सोऽहं ज्ञानं प्रजायते |
नानात्वबुद्धिं कृत्वा वै सात्त्विकीं परमात्मिकाम् || १०२ ||
गृहीत्वा च वरारोहे जायते परमार्थवित् |
ज्ञानात् परतरं नास्ति नास्ति नास्ति वरानने || १०३ ||
लब्ध्वा हि तत्त्वं परमं मुच्यते देहबन्धनात् |
कुलवारे कुलीनस्तु कुलधर्मं कुलव्रतः || १०४ ||
आश्रयेत् परमानन्दः परमानन्दमेव च |
न कुलीने परा बुद्धिर्न कुलीनपरा गतिः || १०५ ||
न कुलीने परा भक्तिर्न कुलीने परा क्रिया |
एवं वदति यो यस्तु स मुक्तिं न च याति वै || १०६ ||
इहैव स्वर्गो देवेशि इह कैलासमन्दिरम् |
इहैव भुक्तिर्भक्तिश्च मुक्तिरव्यभिचारिणी || १०७ ||
भोगः स्वर्गश्च मोक्षश्च करस्थश्चैव शाङ्करि |
शाक्तानां त्रिपुरेशानि सत्यं चण्डि न संशयः || १०८ ||
श्रीपार्वती उवाच
नीलकण्ठ महादेव महेश्वर जगद्गुरो |
पृच्छामि परमं तत्त्वं ब्रूहि नाथ जगत्प्रभो || १०९ ||
कथं वा जायते मुक्तिर्भुक्तिर्भक्तिर्महेश्वरे |
जीवः शिवत्वं लभते केन रूपेण शङ्कर || ११० ||
श्रीशिव उवाच
विश्वेश्वरि जगद्धात्रि महामाये महेश्वरि |
गुह्याद् गुह्यतरं वाक्यं शृणुष्व नगनन्दिनि || १११ ||
शान्तं दान्तं कुलीनं च सर्वशास्त्रार्थकोविदम् |
एवं गुह्यं महेशानि आश्रयेद् भक्तिभावतः || ११२ ||
ततः प्रथमतो लब्ध्वा गुरुं परमकारणम् |
गृह्णीयात् परमं मन्त्रं देव्याश्च वरवर्णिनि || ११३ ||
सेतुं च कुल्लुकां ज्ञात्वा मन्त्रसङ्केतकं तथा |
समयाचारसङ्केतं ज्ञानभावं समभ्यसेत् || ११४ ||
पूजयेत् परया भक्त्या पार्वतीं पटलक्रमात् |
यथा गुरुविधानेन पूजयेत् परदेवताम् || ११५ ||
चतुर्भूजां दशभुजां सहस्रभुजसंयुताम् |
लोलजिह्वां करालास्यां मुण्डमालाविभूषिताम् || ११६ ||
प्रणमेत् प्रजपेद् ध्यायेद् देवीं द्रव्यैः प्रपूजयेत् |
जवापराजिताद्रोणकरवीरैर्मनोहरैः || ११७ ||
पूजयेद् रक्तकुसुमैः सुगन्धैश्चारुशोभनैः |
नानापुष्पैश्च देवेशि पूजयेद् भक्तिभावतः || ११८ ||
पाद्यार्घ्याचमनीयाद्यैर्नानाद्रव्यैर्मनोहरैः |
गन्धैः पुष्पैश्च धूपैश्च दीपैरम्बरभूषणैः || ११९ ||
नैवेद्यैर्विविधैर्द्रव्यैस्ताम्बूलैश्चर्वणोत्कटैः |
पुनराचमनीयैश्च पूजयेज्जगदम्बिकाम् || १२० ||
एवं पूजा विधातव्या यथाशक्त्या वरानने |
पूजयित्वा तु प्रणमेत् पार्वतीं तन्त्रजैः स्तवैः || १२१ ||
स्तोत्रस्य कवचस्यापि पठनाज्जगदम्बिका |
भुक्तिमुक्तिप्रदा चण्डी भक्तिदा सर्वमङ्गला || १२२ ||
बाह्यपूजा प्रकर्तव्या गुरुवाक्यानुसारतः |
अन्तर्यागात्मिका पूजा बाह्यपूजा महेश्वरि || १२३ ||
सर्वपूजा विधातव्या यावज्ज्ञानं न जायते |
एवं विप्रप्रणामेन जपेन तपसाऽपि वा || १२४ ||
माहेशी सा प्रसन्नाऽभूत् स्तवेन कवचेन च |
ततो देवि महेशानि सिद्धिविद्या यदा भवेत् || १२५ ||
तदैव पूजया सिद्धिः क्रियया बुद्धियुक्तया |
एवं देव्यनुग्रहतो ज्ञानमुत्पद्यते खलु || १२६ ||
तदा कालात्यये चण्डि क्रियाभक्तिश्च निष्फला |
केवला प्रेयसी मुक्तिर्महादेवस्य भाविनी || १२७ ||
श्रीपार्वती उवाच
श्रुतं परमतन्त्रं वै सारात् सारं परात् परम् |
यत् श्रुत्वा मोक्षमाप्नोति कर्मपाशनिकृन्तनात् || १२८ ||
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि वरारोहे ममैव निश्चितं तव |
दुर्गा हि परमं मन्त्रं दुर्गा हि परमो जपः || १२९ ||
दुर्गा हि परमं तीर्थं दुर्गा हि परमा क्रिया |
दुर्गा हि परमा भुक्तिर्दुर्गा मुक्तिर्महीतले || १३० ||
बुद्धिर्निद्रा क्षुधा छाया शक्तिस्तृष्णा तथा क्षमा |
क्रिया सर्ववरिष्ठा च वैदिकी तान्त्रिकी च या || १३१ ||
एवं सर्वं हि दुर्गा हि दुर्गाभिन्नं न तज्जपः |
भजेद् दुर्गापदद्वन्द्वं स्मरेद् दुर्गामहर्निशम् || १३२ ||
प्रजपेद् देवि दुर्गेति मन्त्रं परमकारणम् |
य एवं भक्तिमास्थाय प्रकरोति क्रियां शिवे || १३३ ||
सर्वसिद्धियुतो भूत्वा विहरेत् क्षितिमण्डले |
नानातन्त्रे पृथक् चेष्टा मयोक्ता गिरिनन्दिनि || १३४ ||
ऐक्यं ज्ञानं यदा देवि तदा सिद्धिमवाप्नुयात् |
स्थावरे जङ्गमे चैव यदा तुल्यमना भवेत् || १३५ ||
किं न सिध्यति विश्वेशि परत्रेह च पार्वति |
एवं भुक्तिश्च मुक्तिश्च भक्तिश्च जगदम्बिके || १३६ ||
तव ज्ञानं तदैवान्ते ततो निर्वाणमाप्नुयात् ||
एवं वै कथितं चण्डि किं भूयः श्रोतुमिच्छसि || १३७ ||
श्रीपार्वती उवाच
श्रुतं परमतत्त्वं वै श्रुतं परममादरात् |
श्रुतं काल्याश्च चरितं तारायाश्च श्रुतं मया || १३८ ||
इदानीं श्रोतुमिच्छामि मन्त्रसिद्धिः कथं भवेत् |
विद्यासिद्धिः कथं देव तद् वदस्व दयानिधे || १३९ ||
श्रीशिव उवाच
इदानीं शृणु देवेशि मन्त्रसिद्धेस्तु कारणम् |
मन्त्रार्थं मन्त्रचैतन्यं यामले कथितं मया || १४० ||
डामरे च श्रुतं चण्डि कुलोड्डीशे कुलार्णवे |
संक्षेपेण वदिष्यामि मन्त्रसिद्धेस्तु कारणम् || १४१ ||
किं बहूक्त्या महेशानि गुरुभक्त्या च सिध्यति |
कुलवारे महेशानि सहस्रमयुतं जपेत् || १४२ ||
शनैश्चरे चतुर्दश्याममायां कुजवासरे |
स्थित्वा कुशासने ज्ञानी मन्त्रसिद्धिपरायणः || १४३ ||
अयुतं भक्तिभावेन सहस्रं वा वरानने |
अन्तर्यागं ततः कृत्वा सर्वसिद्धीश्वरो भवेत् || १४४ ||
अश्वत्थे वटमूले वा निम्बबिल्वमूलेऽथवा |
पूजयेत् परया बुद्ध्या मन्त्रसिद्धिं जनो लभेत् || १४५ ||
विश्वेश्वरि महामाये सर्वविघ्नविनाशिनि |
एवं मासत्रयं कुर्यादन्तर्यागेन शुध्यति || १४६ ||
तदा सिद्धिमवाप्नोति सत्यं सत्यं न संशयः |
सुषुम्नान्तः स्थितां देवीं पद्मकिञ्जल्कवासिनीम् || १४७ ||
ध्यायेन्नाडीविशुद्धेन मन्त्रसिद्धिरनुत्तमा |
अथवा शृणु चार्वङ्गि क्रियाहीनं मतं मम || १४८ ||
केवलं ध्यानमास्थाय मन्त्रसिद्धिर्भवेद् ध्रुवम् |
कालिकां हृदयाम्भोजे ध्यायेत् परमदेवताम् || १४९ ||
योगसिद्धिं समास्थाय मन्त्रसिद्धिर्भवेन्नृणाम् |
पुरा पृच्छामि गदिता दुर्लभा या महीतले || १५० ||
सा पृच्छा ते निगदिता किं न सिध्यति भूतले |
शक्तियामलके सिद्धेश्वरतन्त्रे कुलाचले || १५१ ||
विद्यासिद्धिर्निगदिता दुर्लभा धरणीतले |
काली तारा महाविद्या षोडशी भुवनेश्वरी || १५२ ||
भैरवी छिन्नमस्ता च विद्या धूमावती तथा |
बगला सिद्धिविद्या च मातङ्गी कमलात्मिका || १५३ ||
एता दश महाविद्याः सिद्धिविद्याः प्रकीर्तिताः |
एषा विद्या प्रकथिता सर्वतन्त्रेषु गोपिता || १५४ ||
सर्वसिद्धिप्रदा नित्या नित्यानन्दमयी शिवा |
विद्यासिद्धिर्महेशानि भविष्यति यदा भवेत् || १५५ ||
ऐन्द्रवं चन्द्रवदने चन्द्रतत्त्वं वरानने |
कुबेरत्वं शिवत्वं वा विष्णुत्वं विश्वगेहिनी || १५६ ||
तत्क्षणाद् देवदेवशि जायते नात्र संशयः |
विद्यासिद्धेः प्रकरणं पूर्वोक्तं त्रिपुरेश्वरि || १५७ ||
इदानीं कथयाम्यत्र विद्यासिद्धिमनुत्तमाम् |
श्मशानेऽश्वत्थमूले वा शवे वा शून्यमन्दिरे || १५८ ||
प्रजपेत् कालिकां तारां महाविद्या प्रसीदति |
जपेन तपसा स्तोत्रैरन्तर्यागैर्मनोहरैः || १५९ ||
पूजनैः कवचैर्देवि महाविद्या प्रसीदति |
अनेनैव विधानेन पूजनं यः करोत्यहो || १६० ||
सुप्रसन्ना जगद्धात्री महामाया प्रसिध्यति |
मन्त्रसिद्धेर्महाविद्या सिद्धेः कारणमग्रतः ||
कथितं ते जगद्धात्रि किं भूयः श्रोतुमिच्छसि || १६१ ||
श्रीपार्वती उवाच
श्रुतं सिद्धेः कारणं तु सर्वसिद्धिकरं परम् |
यज्ज्ञात्वा मोक्षमाप्नोति जीवः परमकोविदः || १६२ ||
नानातन्त्रं श्रुतं देवदेव विश्वेश्वर प्रभो |
इदानीं श्रोतुमिच्छामि नीलकण्ठ सदाशिव || १६३ ||
माहात्म्यं कालिकायाश्च तारायाश्च सुरेश्वर |
श्रोतुमिच्छाम्यहं नाथ यतस्त्वं कालिकापतिः ||
तारापतिस्त्वं देवेश वद शीघ्रं सदाशिव || १६४ ||
श्रीशिव उवाच
धन्यासि पतिभक्तासि चार्वङ्गि शृणु मद्वचः |
कालिकायाश्च ताराया माहात्म्यं सिद्धिदायकम् || १६५ ||
यथा काली तथा तारा एकदैव हि भिन्नता |
दक्षांशा चैव वामांशा यथानुक्रमसारतः || १६६ ||
नहि कालिसमा पूजा नहि कालीसमं फलम् |
नहि कालीसमं ज्ञानं नहि कालीसमं तपः || १६७ ||
तस्यैव धन्या जननी धन्यस्तस्य पितामहः |
धन्यं कुलं यशश्चण्डि येन काली समर्चिता || १६८ ||
काली तारासमा विद्याचारे स्तुतिविचारणे |
यन्त्रे मन्त्रे फलं तुल्यं न विशेषः कथञ्चन || १६९ ||
इत्येवं भेदबुद्ध्या तु कथितं चरितं प्रिये |
अभेदबुद्ध्या देवेशि सर्वास्तुल्या न संशयः || १७० ||
श्रीमदेकजटा देवी उग्रतारा सरस्वती |
व्यालानां दमने कृष्णरक्षणे यमुनाजले || १७१ ||
पपात तारिणी विद्या नीलवर्णा सरस्वती |
देवैश्चैव हि देवेन्द्रैर्योगीन्द्रैः साधकोत्तमैः || १७२ ||
साधकैर्मुनिभिः सर्वैर्गन्धर्वैः किन्नरैः खगैः |
विद्याधरैर्नर्तकैश्च नाना-ऋषिगणैरपि || १७३ ||
आराधिता महाकाली महानीलसरस्वती |
वदन्ति साधकाः सर्वे कालीं कालविनाशिनीम् || १७४ ||
नीलां सरस्वतीं विद्यामुग्रतारां मनोहराम् |
कालिकायाश्च ताराया माहात्म्यं देवदुर्लभम् || १७५ ||
कः शक्नोति महीमध्ये तस्य माहात्म्यकोविदः |
दशविद्याऽष्टादशधा विद्यारूपां सुरेश्वरीम् || १७६ ||
भजते यः साधकेन्द्रो भवत्येवं सुरेश्वरि |
इत्येवं शृणु देवेशि माहात्म्यं भुवि दुर्लभम् || १७७ ||
यासां विज्ञानमात्रेण जीवन्मुक्तः प्रजायते |
यथा शिवस्तथा जीवो जीवस्तु शिव एव हि || १७८ ||
जायते परमं ज्ञानं भावज्ञानाद् वरानने |
अपरं शृणु चार्वङ्गि सावधानाऽवधारय || १७९ ||
स्तोत्रं च कवचं देव्याः कालिकाया महेश्वरि |
ताराया न श्रुतं चण्डि सर्वमोहनकारणम् || १८० ||
षट्कर्मसिद्धिदं मन्त्रं स्तोत्रं कवचमुत्तमम् |
न प्रकाश्यं च कुत्रापि सर्वसम्पत्प्रदं प्रिये |
इदानीं कथयाम्यत्र जीवमोहनकारणम् || १८१ ||
श्रीपार्वती उवाच
वद नाथ जगत्स्वामिन् प्रभो श्रीकण्ठ शङ्कर |
मोहनं कवचं नाथ स्तोत्रं कवचमेव हि || १८२ ||
सर्वविघ्नह्वरं देवि सर्वशान्तिकरं तथा |
देवानामपि दुर्ज्ञेयं वद नाथ जगद्गुरो || १८३ ||
श्रीशङ्कर उवाच
नमस्ते जगदीशानदयिते हरवल्लभे |
विश्वेश्वरि जगद्धात्रि त्रैलोक्यमोहनं कुरु || १८४ ||
मन्त्रोद्धारं प्रवक्ष्यामि सावधाना सुरेश्वरि |
लान्तं वान्तं मान्तयुक्तं स्वर ------------त्मकं प्रिये || १८५ ||
कान्तं शक्तियुतं देवि जलयं चापि वाऽन्वितम् |
ऋणग्रजं षाग्रजं कुकयुगाग्रजमेव हि || १८६ ||
शक्तियुक्तं मन्त्रयज्ञशेषं समुदीरयेत् |
इत्येवं मन्त्रराजं च यो जपेज्जगदम्बिके || १८७ ||
त्रैलोक्यमोहनो भूत्वा सर्वसम्पल्लभेत् तु सः |
धारणं युगलं फान्तं तान्तं बिन्दुद्वितीयकम् || १८८ ||
वाक्वादिन्यमुकं मे वशमानय वै फकी |
मन्त्रं चायुतमेवं च सहस्रं वाऽयुतं निशि || १८९ ||
तदैव देवीं देवं वा नरं वा वशमानयेत् |
इयं वशकरी विद्या सर्वतन्त्रेषु गोपिता || १९० ||
पूजयेद् भक्तिभावेन प्रणमेद् राजमोहिनीम् |
स्मृत्वा तु मनसा देवीं जपेन्मन्त्रं कुजे दिने || १९१ ||
शनैश्चरदिने देवि रात्रौ स्तोत्रं पठेद् यदि |
अचिरेणैव कालेन स भवेद् राजवल्लभः || १९२ ||
घोरदंष्ट्रे करालास्ये मत्स्यमांसबलिप्रिये |
नमस्ते विश्वजननि नमस्ते विश्वभाविनि || १९३ ||
नमस्ते जगदीशानदयिते भक्तवत्सले |
नमस्ते परमानन्ददायिनि राजमोहिनि || १९४ ||
नमस्तेऽस्तु सादानन्दे नमस्ते शङ्करप्रिये |
नमस्ते मङ्गले तुभ्यं सर्वमङ्गलमङ्गले || १९५ ||
विश्वमातर्जगद्धात्रि नमस्ते त्रिपुरेश्वरि |
नमस्ते ब्रह्मनमिते नमस्ते वरदे शिवे || १९६ ||
मेघश्यामे जगद्धात्रि कराले विकटे शुभे |
हरभार्ये हराराध्ये नमस्ते हरपूजिते || १९७ ||
हरीन्द्र - ब्रह्म - चन्द्रादि - पञ्चाननसुपूजिते |
नमस्तेऽस्तु महारौद्रे महाघोरे महोत्सवे || १९८ ||
महानन्दे महाकालि महाकालप्रपूजिते |
विश्वेश्वरि नमस्तेऽस्तु नमस्ते भुवनेश्वरि || १९९ ||
कामरूपे च कामाक्षे कामपुष्पविभूषिते |
सर्वकामप्रदे देवि काममन्दिरवन्दिते || २०० ||
सर्वकामस्वरूपे च कामदेवप्रपूजिते |
कामेश्वरि कलानाथवदने कामवल्लभे || २०१ ||
क्रियामार्गरते कामे निष्ठाकामे कलात्मिके |
नमस्ते चण्डिके चण्डे चण्डमुण्डविनाशिनि || २०२ ||
राजेश्वरि रमे रामपूजिते राजवल्लभे |
रामप्रिये रमरते बलरामप्रपूजिते || २०३ ||
नभश्च्छिन्नकराले च कराले चण्डि पार्वति |
नमस्ते सगुणे देवि निर्गुणे निर्गुणात्मिके || २०४ ||
जगद्धात्रि जये देवि विजये हरवल्लभे |
नमस्ते शङ्करानन्ददायिके शङ्करप्रिये || २०५ ||
नमः कृष्णे पीतवर्णे शुक्लरक्तस्वरूपिणि |
महानीले नीलवर्गे महानीलसरस्वति || २०६ ||
वागीश्वरि नमस्तेऽस्तु पद्मे पद्मनिवासिनि |
इति ते कथितं देवि स्तोत्रं वै जनमोहनम् || २०७ ||
पठनात् स्तवराजस्य किं न सिध्यति भूतले |
मन्दे चन्द्रात्मजे जीवे निशाभागे निशामुखे || २०८ ||
प्रपठेत् स्तवराजं तु सर्वसिद्धीश्वरो भवेत् |
ब्राह्मणः क्षत्रियो वैश्यः शूद्रो वा वरवर्णिनि || २०९ ||
स्तोत्रप्रपठनाद् देवि जगद्वशनयो भवेत् |
वशीकरणमेतत् तु स्तवराजं मनोहरम् || २१० ||
यं यं मन्त्रेण देवेशि परमाकर्षयत्यहो |
स एव वशतां याति देवराजसमो यदि ||
इत्येवं कथितं स्तोत्रमधुना कवचं शृणु || २११ ||
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि अप्रकाश्यं महीतले |
श्रुत्वा पठित्वा कवचं शवसिद्धिमवाप्नुयात् || २१२ ||
पार्वती मस्तकं पातु कपालं जगदम्बिका |
कपालं चापि गण्डं च दुर्गा पातु महेश्वरी || २१३ ||
विश्वेश्वरी सदा पातु वक्षोमूलं शिवप्रिया |
नाभिदेशं जगद्धात्री जगदानन्दवल्लभा || २१४ ||
हृदयं चण्डिका पातु बाहू परमदेवता |
केशांश्च पञ्चमी विद्या सभायां पातु भैरवी || २१५ ||
नित्यानन्दा यशः पातु लिङ्गं लिङ्गेश्वरी मुदा |
भवानी पातु मे पुत्रं पत्नीं मे पातु दक्षजा || २१६ ||
कामाख्या देहसकलं पातु नित्यं नभोगतम् |
महाकुण्डलिनी नित्यं पातु मे जठरं शिवा || २१७ ||
वह्निजाया सदा यज्ञे पातु कर्म स्वधा पुनः |
अरण्ये विजने पातु दुर्गा देवी रणे वने || २१८ ||
जले पातु जगन्माता देवी त्रिभुवनेश्वरी |
इत्येवं कवचं देवि दुर्ज्ञेयं राजमोहने || २१९ ||
कवचस्यापि पठनाद् राजराजेश्वरो भवेत् |
यत्र कुत्र दिने स्तोत्रं कवचं वरवर्णिनि || २२० ||
पठित्वा सर्वसौभाग्यं लभते नात्र संशयः |
एवं निरन्तरं स्तोत्रं कवचं राजमोहनम् || २२१ ||
जपेन्मन्त्रं क्षितितले वश्यं याति महीपतिः |
पूजायाः परया भक्त्या क्रियया च विना शिवे || २२२ ||
केवलं जपमात्रेण सिध्यत्येवं न संशयः |
या पृच्छा ते नितदिता कथिता वरवर्णिनि ||
इदानीं देवदेवेशि किं भूयः श्रोतुमिच्छसि || २२३ ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे षष्ठः पटलः ||
अथ सप्तमः पटलः
श्रीदेवी उवाच |
कथ्यतां मे दयासिन्धो जगदीश जगद्गुरो |
जगत्कर्ता जगत्पाता जगद्धाता त्वमेव हि || १ ||
त्रिषु लोकेषु विश्वेश त्वत्तो भिन्नः कदाचन |
नास्ति कर्ता महादेव किमेतत् कथयामि ते || २ ||
गोलोके न च कैलासे न ब्रह्ममन्दिरे प्रभो |
न वैकुण्ठे न वा सौरे नक्षत्रे न शशिपुरे || ३ ||
वक्ता कर्ता च पाता च हर्ता च त्रिपुरेश्वर |
पृच्छामि परमं तत्त्वं योगिनीयोगसाधनम् ||
योगिनीहृदयाम्भोजे योगिनीहृदये तथा || ४ ||
श्रीशिव उवाच
सेयं गोप्या च देवेशि ब्रह्मेति यां विदुः शिवे |
परं ब्रह्म परं धाम सच्चिदानन्दमव्ययम् || ५ ||
योगीन्द्राणां ज्ञानगम्यमगम्यं मनसा अपि |
अन्येषां च वरारोहे जगद्धात्रि शृणु प्रिये || ६ ||
सर्वेषां च मया ज्ञानं ज्ञातं त्वयाख्यमव्ययम् |
नारीणां हृदयाम्भोजं न च वेद कथञ्चन || ७ ||
श्रीपार्वती उवाच
सत्यं च कथितं नाथ सत्यमेव वदाम्यहम् |
अबलानां च हृदयं मन्त्रसाध्यं च कथ्यताम् || ८ ||
पुरुषा नैव नानन्ति स्वभावात् तु व्यतिक्रमम् |
देवदेव महादेव संसारार्णवतारकम् || ९ ||
जानामि हृदयं पुंसां काठिन्यं लोलमानसम् |
अत एव महादेव शीघ्रं वद सदाशिव || १० ||
केन रूपेण सा दुर्गा सुप्रसन्ना महीतले |
स्तवेन कवचेनाऽपि ज्ञानेन जगदीश्वरी |
प्रसन्ना च महाविद्या भवेत् परमकारणे || ११ ||
श्रीशङ्कर उवाच
शृणु देवि महादेवि विश्वेश्वरि जगन्मयि |
येन रूपेण सा काली तारा त्रिपुरसुन्दरी || १२ ||
भैरवी चैव कमला दुर्गा च भुवनेश्वरी |
या या विद्या महेशानि कथिता भुवनेश्वरी || १३ ||
सा विद्या च प्रसन्नाऽभूत् केवलं ज्ञानमात्रतः |
विना ज्ञानान्न वै ध्यानं न क्रिया न च सद्गतिः || १४ ||
न च भुक्तिर्न वा मुक्तिर्न भुक्तिर्बुद्धिरेव हि |
श्मशानसिद्धिश्च न वा न च सिद्धिः शवात्मिका || १५ ||
न विज्ञानं महेशानि न वा सिद्धिः प्रजायते |
ज्ञाने यदा समुत्पत्ने सर्वाः सिध्यन्ति सिद्धयः || १६ ||
ज्ञाने ज्ञाने महेशानि विकल्ं पूजनं जपः |
तपो भक्तिः क्रिया स्तोत्रं कवचं विफलं प्रिये || १७ ||
अत एव परं तत्त्वं ज्ञानं परमसाधनम् |
यो जानाति जगद्धात्रि स शिवो नात्र संशयः || १८ ||
कौलिकं कौलिकं देवि न त्यजेत् तु कथञ्चन् |
परित्यागे वरारोहे सर्वं भवति निष्फलम् || १९ ||
एवं शक्तिविधानेन शाक्तः सर्वविचारणात् |
जीवन्मुक्तः सर्वलोके जायते नात्र संशयः || २० ||
मन्त्रार्थं मन्त्रचैतन्यं योनिमुद्रां न वेत्ति यः |
न वेत्ति किञ्चिद् देवेशि सत्यं च वरवर्णिनि || २१ ||
सङ्केतं गुरुसङ्केतं जीवसङ्केतकं तथा |
दिव्यानां चैव वीराणां पशूनां वरवर्णिनि || २२ ||
भावसङ्केतकं देवि ब्रह्मसङ्केतकं तथा |
समयाचारसङ्केतं वीरसाधनमुत्तमम् || २३ ||
श्मशानसाधनं भद्रे शवसाधनमेव हि |
एवं नानाविधानं च मयोक्तं यामले प्रिये || २४ ||
तदा सिद्धिमवाप्नोति यस्तन्त्रे खलु कोविदः |
कथितं डामरे नाऽथ मुक्तिर्यामलके प्रिये || २५ ||
नानातन्त्रे महेशानि कथितं वरवर्णिनि |
दुर्गासेवनमात्रेण विधिवाक्यानुसारतः || २६ ||
मुक्तिं याति नरः सत्यं लब्ध्वा तत्त्वं मनोहरम् |
विना तत्त्वपरिज्ञानात् न सुखं न परां गतिम् || २७ ||
लभते मानवः सत्यं देवेशि जगदम्बिके |
काली करालवदना मुण्डमालाविभूषिता || २८ ||
कामाख्या कामिनी काम्या करालास्या दिगम्बरा |
अट्टहासा घोरनादा मेघश्यामा भयानका || २९ ||
सर्वबीजस्वरूपा सा महाबीजस्वरूपिणी |
सार्द्धपञ्चाक्षरी विद्या वशिष्ठादिप्रपूजिता || ३० ||
सिद्धेन्द्रैश्चापि योगीन्द्रैर्मुनीन्द्रैरपि सेविता |
देवेन्द्रैश्चापि वीरैन्द्रैः साधकेन्द्रैः प्रपूजिता || ३१ ||
एवंभूता महामाया सर्वतत्त्वविभाविनी |
सङ्केतं कालिकायाश्च तारायाश्च श्रुतं मया || ३२ ||
कालीतन्त्रे भैरवे च श्रुतं तन्त्रे च यामेले |
श्रुतं न भैरवीतन्त्रे भैरव्याश्चरितं प्रिये || ३३ ||
भुवनायाश्च विद्यायाश्चरितं नैव सुन्दरि |
इदानीं चापि संक्षेपाद् वदिष्यामि वरानने || ३४ ||
पद्मा त्रिशक्तिर्धनदा वाणी पूर्णा महेश्वरि |
दुर्गा भगवती देवी भुवनायाः प्रतिष्ठिताः || ३५ ||
एका देवी जगद्धात्री नानारूपविधारिणी |
तां भजेत् साधकेन्द्रश्च सर्वज्ञादिप्रपूजिताम् || ३६ ||
महामायां जगद्धात्रीं सर्वालङ्कारभूषिताम् |
वाणी माया पुनर्माया महामन्त्रस्वरूपिणी || ३७ ||
ततश्च केवला माया साधकैरपि सेविता |
पाशादित्र्यक्षरी विद्या यमभीतिविमर्दिनी || ३८ ||
सर्वसम्पत्प्रदा मुक्तिदायिनी मुक्तिवल्लभा |
महायोगमयी विद्या सर्वज्ञानमयी ततः || ३९ ||
पूजिता साधकैः सर्वैः सर्वालङ्कारभूषिता |
एवं ते कथिता देवि देवदेवैः प्रपूजिता || ४० ||
भुवनेशी महाविद्या देवानामपि दुर्लभा |
यदि भाग्यवशाद् देवि चतुर्थीं लभते नरः |
चतुर्वर्गमयो भूत्वा परं ब्रह्माऽधिगच्छति || ४१ ||
श्रीदेवी उवाच
दीनबन्धो दयासिन्धो प्रभो शङ्कर भो हर |
श्रोतुमिच्छामि देवेश ज्ञानदः शङ्करो यतः || ४२ ||
देवदेव महादेव नमस्तुभ्यं सदाशिव |
नमस्तुभ्यं नमस्तुभ्यं नमस्तुभ्यं महेश्वर || ४३ ||
विश्वेश्वर जगद्बन्धो नीलकण्ठ नमोऽस्तु ते |
ज्ञानेश ज्ञानदानन्ददायक ज्ञानवर्द्धक || ४४ ||
ज्ञानाधीश ज्ञानपते नमः कोचवधूपते |
नमस्ते परमानन्द नमस्ते भक्तवत्सल || ४५ ||
नमस्ते पार्वतीनाथ गङ्गाधर नमोऽस्तु ते |
विश्वेश्वर जगद्बन्धो जगदीश सदाशिव || ४६ ||
नमोऽस्तु ते महादेव त्रिलोकेश महेश्वर |
नमस्ते योगतन्त्रज्ञ नमः कालीपते नमः || ४७ ||
नमस्तारापते तुभ्यं नमस्ते भैरवीपते |
वाणीपते जगन्नाथ नमस्ते चण्डिकापते || ४८ ||
तव रूपतरोर्बीजफलरूपं फलप्रद |
नमस्ते सर्वबीजज्ञ बीजाधार नमोऽस्तु ते || ४९ ||
उमापते नमस्तुभ्यं नमस्तुभ्यं त्रिलोचन |
पञ्चानन नमस्तुभ्यं नमस्ते शशिशेखर || ५० ||
शम्भो महेश्वर विभो विरूपाक्ष चतुर्भुज |
नमस्ते पर्वता ---------चण्डीपते नमः || ५१ ||
त्रिलोकेश दयासिन्धो करुणामय शङ्कर |
भक्तवत्सल देवेश नीलकण्ठ सदाशिव || ५२ ||
नमः काशीपते तुभ्यं नमस्ते चन्द्रशेखर |
नमश्चण्डीपते तुभ्यं श्रीपते पार्वतीपते || ५३ ||
नमस्ते जगदाधार चतुरानन वत्सल |
नमः क्रियापते तुभ्यं नमस्ते मुक्तिद प्रभो || ५४ ||
अहमेवाऽबला बाला कथं जानामि शङ्कर |
निर्गुणा सगुणं ज्ञातुं न समर्था कथञ्चन || ५५ ||
श्रीशिव उवाच
निर्गुणा प्रकृतिः सत्या अहमेव च निर्गुणः |
सदैव सगुणा त्वं हि सगुणोऽहं सदाशिवः || ५६ ||
सत्यं च निर्गुणा देवी सत्यं सत्यं हि निर्गुणः |
उपासकानां सिद्ध्यर्थं सगुणा सगुणो मतः || ५७ ||
नानातन्त्रमतं देवी नानायत्नात् प्रकाशितम् |
ब्रह्मस्वरूपं विज्ञातुं कः समर्थो महीतले || ५८ ||
नानामार्गे विधावन्ति पशवो हतबुद्धयः |
श्रीदुर्गाचरणाम्भोजं हित्वा यान्ति रसातलम् || ५९ ||
सत्यं वच्मि दृढं वच्मि हितं पथ्यं पुनः पुनः |
न मुक्तिश्च न मुक्तिश्च विना दुर्गानिषेवणात् || ६० ||
देवि दुर्गा परं ब्रह्म श्रुतं काली श्रुतं त्वया |
ताराश्रुतौ श्रुतं देवि श्रुतं ब्रह्मवरेण च || ६१ ||
ब्रह्मा विष्णुश्च रुद्रश्च वामनश्च दिवौकसः |
तत्पादसेवनाद् देवि वयं वै साधकोत्तमाः || ६२ ||
न देवेशो गणपतिर्नो ब्रह्मा नो हरो हरिः |
हरिर्हरिरहं देवि सर्वे पादाब्जभावुकाः || ६३ ||
त्वत्प्रसादान्महेशानि ब्रह्मा सृष्टिं करोत्यसौ |
त्वत्प्रसादात् हरिः पाता हरो हर्ता महीतले || ६४ ||
वासवश्चाऽमराधीशो-----------------रूपाः स्मृताः |
ते सर्वे निर्जरा देवि त्वत्प्रसादान्महीतले || ६५ ||
त्वत्पादपद्मसम्पर्काद् देवदेवोऽपि शङ्करः |
अतस्त्वं जगदीशानदयिते भक्तवत्सले || ६६ ||
दृष्टिं कुरु महामाये नमस्तस्यै नमो नमः |
त्वं च काली त्वं च तारा षोडशी त्वं वरानने || ६७ ||
त्वं देवि भुवना बाला छिन्ना धूमा महेश्वरि |
त्वं देवि बगला भीमा कमला त्वं महेश्वरि || ६८ ||
मातङ्गी त्वन्नपूर्णा त्वं धनदा त्वं शिवप्रिये |
दुर्गा त्वं विश्वजननी दशाऽष्टादशरूपिणी || ६९ ||
सप्तकोटिमहाविद्या उपविद्यास्वरूपिणी |
कुमारी रमणीरूपा सुरूपा नगनन्दिनी || ७० ||
शिवपूज्या शिवाराध्या ब्रह्मपूज्या सुरेश्वरी |
शिवो भिन्नः शिवा भिन्ना न जीवे वामलोचना |
इति जानामि विश्वेशि सत्यं सत्यं न संशयः || ७१ ||
श्रीपार्वती उवाच
सत्यं मे कथितं नाथ सत्यरूपोऽसि शङ्कर |
अहं च त्रिषु लोकेषु पार्वतीश्वर शङ्कर ||
विशेषं देवदेवेश सर्वज्ञ कथयस्व मे || ७२ ||
श्रीशिव उवाच
विशेषं न च जानामि कथयस्व वरानने |
सर्वज्ञाऽसि महेशानि यतः सर्वज्ञवल्लभा || ७३ ||
श्रीपार्वती उवाच
गोलोके चैव राधाऽहं वैकुण्ठे कमलात्मिका |
ब्रह्मलोके च सावित्री भारती वाक्स्वरूपिणी || ७४ ||
कैलासे पार्वती देवी मिथिलायां च जानकी |
द्वारकायां रुक्मिणी च द्रौपदी च गजाह्वये || ७५ ||
गायत्री वेदजननी सन्ध्याऽहं च द्विजन्मनाम् |
योगमध्येऽप्युषाऽहं च पुष्पे कृष्णाऽपराजिता || ७६ ||
पत्रे मालूरपत्राऽहं पीठे योनिस्वरूपिणी |
हरिहरात्मिका विद्या ब्रह्मविष्णुशिवार्चिता || ७७ ||
विशेषानुग्रहेणैव विज्ञेया शङ्कर प्रभो |
यत्र कुत्र स्थले नाथ शाक्तस्तिष्ठति गच्छति || ७८ ||
तत्रैवाऽहं महादेव निश्चितं मतमुत्तमम् |
शक्तिमार्गं परित्यज्य योऽन्यमार्गं विधावति || ७९ ||
करस्थं स मणिं त्यक्त्वा भूतिभावं विधावति |
इत्येवं च महादेव मयोक्तं जगदीश्वर ||
अतः परतरं नास्ति नास्ति नास्ति सदाशिव || ८० ||
|| इति मुण्डमालातन्ते सप्तमः पटलः || ७ ||
अथ अष्टमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
नमस्ते पार्वतीनाथ विश्वनाथ दयामय |
ज्ञानात् परतरं नास्ति श्रुतं विश्वेश्वर प्रभो || १ ||
दीननाथ दयासिन्धो विश्वेश्वर जगत्पते |
इदानीं श्रोतुमिच्छामि गोप्यं परमकारणम् |
रहस्यं कालिकायाश्च तारायाश्च सुरोत्तम || २ ||
श्रीशिव उवाच
रहस्यं किं वदिष्यामि पञ्चवक्त्रैर्महेश्वरि |
जिह्वाकोटिसहस्रैस्तु वक्त्रकोटिशतैरपि || ३ ||
तथापि तस्य माहात्म्यं न शक्नोमि कथञ्चन |
तस्या रहस्यं गोप्यं च किं न जानामि शाङ्करि || ४ ||
स्वस्यैवं चरितं वक्तुं स्वयमेव क्षमो भवेत् |
अन्यथा नैव देवेशि न जानाति कथञ्चन || ५ ||
कालिकायाः शतं नाम नानातन्त्रे त्वया श्रुतम् |
रहस्यं गोपनीयं च तन्त्रेऽस्मिन् जगदम्बिके || ६ ||
करालवदना काली कामिनी कमला कला |
क्रियावती कोटराक्षी कामाख्या कामसुन्दरी || ७ ||
कापाला च कराला च काशी कात्यायनी कुहूः |
कङ्काला कालदमना करुणा कमलार्चिता || ८ ||
कादम्बरी कलहरा कौतुकी कारणप्रिया |
कृष्णा कृष्णप्रिया कृष्णपूजिता कृष्णवल्लभा || ९ ||
कृष्णापराजिता कृष्णप्रिया च कृष्णरूपिणी |
कालिका कालरात्रिश्च कुलजा कुलपण्डिता || १० ||
कुलधर्मप्रिया कामा काम्यकर्मविभूषिता |
कुलप्रिया कुलरता कुलीनपरिपूजिता || ११ ||
कुलज्ञा कमला पूज्या कैलासगणभूषिता |
कटजा केशिनी कामा कामदा कामपण्डिता || १२ ||
करालास्या च कन्दर्पा कामिनीरूपशोभिता |
कोलम्बका कोलरता केलिनी केशभूषिता ||१३ ||
केशवस्य प्रिया काशा काश्मीरा केशवार्चिता |
कामेश्वरी कामरूपा कामदानविभूषिता || १४ ||
कालहन्त्री कूर्ममांसप्रिया कूर्मादिपूजिता |
केलिनी करका कारा करकर्मनिषेविणी || १५ ||
कटकेशवमध्यस्था कटकीटकरार्चिता |
कटप्रिया कटरता कटकर्मनिषेविणी || १६ ||
कुमारीपूजनरता कुमारीगणसेविता |
कुलजा च प्रिया कौलप्रिया कुलनिषेविणी || १७ ||
कुलीना कुलधर्मज्ञा कुलभीतिविमर्दिनी |
कामधर्मप्रिया काम्या नित्यकर्मस्वरूपिणी || १८ ||
कामरूपा कामहरा काममन्दिरपूजिता |
कामागारस्वरूपा च कालाख्या कालभूषिता || १९ ||
क्रियाभक्तिरता काल्या काञ्चनी कामादायिनी |
कोलपुष्पाम्बरा कोला निकोला कोलहन्तका || २० ||
कोषिकी केतकी कुम्भी कुन्तलादिविभूषिता |
इत्येवं शृणु चार्वङ्गि रहस्यं सर्वमङ्गलम् || २१ ||
यः पठेत् परया भक्त्या स शिवो नात्र संशयः |
शतनामप्रसादेन किं न सिध्यति भूतले || २२ ||
ब्रह्मा विष्णुश्च रुद्रश्च वासवाद्या दिवौकसः |
रहस्यपठनाद् देवि सर्वे च विगतज्वराः || २३ ||
त्रिषु लोकेषु विश्वेशि सत्यं गोप्यमतः परम् |
नास्ति नास्ति महामाये तन्त्रमध्ये कथञ्चन || २४ ||
क्रियया च विना देवि विना भक्त्या महेश्वरि |
प्रसन्नास्या करालास्या स्तवपाठाद् दिगम्बरि || २५ ||
सत्यं वच्मि महेशानि अतः परतरं नहि |
न गोकुले न वैकुण्ठे न च कैलासमन्दिरे || २६ ||
अतः परतरा विद्या स्तोत्रं कवचमेव च |
त्रिलोकेषु जगद्धात्रि नास्ति नास्ति कदाचन || २७ ||
रात्रावपि दिवाभागे निशाभागे सुरेश्वरि |
प्रजषेद् भक्तिभावेन रहस्यं स्तवमुत्तमम् || २८ ||
शतनामप्रसादेन मन्त्रसिद्धिः प्रजायते |
कुजवारे चतुर्दश्यां निशाभागे जपेत् तु यः || २९ ||
स कृती सर्वशास्त्रज्ञः स कुलीनः सदा शुचिः |
स कुलज्ञः स कालज्ञः स धर्मज्ञो महीतले || ३० ||
रहस्यपठनात् कोटिपुरश्चरणजं फलम् |
प्राप्नोति देवदेवेशि सत्यं परमसुन्दरि || ३१ ||
स्तवपाठाद् वरारोहे किं न सिध्यति भूतले |
अणिमाद्यष्टसिद्धिः स्याद् भवत्येव न संशयः || ३२ ||
रात्रौ बिल्वतलेऽश्वत्थमूलेऽपराजितातले |
प्रपठेत् कालिकास्तोत्रं यथाशक्ति महेश्वरि || ३३ ||
शतवारप्रपठनान्मन्त्रसिद्धिर्भवेद् ध्रुवम् |
उपायो नास्ति देवेशि महामन्त्रस्य साधने || २४ ||
अतः परतरं देवि नासि ब्रह्माण्डमण्डले |
नानातन्त्रं श्रुतं देवि मम वक्त्रात् सुरेश्वरि || ३५ ||
मुण्डमालामहातन्त्रं महामन्त्रस्य साधनम् |
भक्त्या भगवतीं दुर्गां दुःखदारिद्र्यनाशिनीम् || ३६ ||
संस्मरेत् प्रजपेद् ध्यायेत् स मुक्तो नात्र संशयः |
जीवन्मुक्तः स विज्ञेयस्तन्त्रभक्तिपरायणः || ३७ ||
यः साधको महाज्ञानी यश्च दुर्गासदानुगः |
न च भक्तिर्न वा मुक्तिर्न मुक्तिर्नगनन्दिनि || ३८ ||
विना दुर्गां जगद्धात्रि निष्फलं जीवनं भवेत् |
शक्तिमार्गरतो भूयो योऽन्यमार्गे प्रधावति || ३९ ||
न च शाक्तास्तस्य वक्तुं पारं पश्यन्ति सुन्दरि |
विना दुर्गां जगद्धात्रि वाग्जाले शास्त्रमोहिताः || ४० ||
अन्यदेवं भजन्त्येते चान्ये शास्त्रे विघूर्णिताः |
विना तन्त्राद् विना मन्त्राद् विना यन्त्रान्महेश्वरि || ४१ ||
न च भक्तिश्च मुक्तिश्च जायते वरवर्णिनि |
तन्त्रवक्तागुरुः साक्षाद् यथा च ज्ञानदः शिवः || ४२ ||
यथा गुरुर्महेशानि तथा च परमो गुरुः |
यथा परापरगुरुः परमेष्ठिर्यथा गुरुः || ४३ ||
तथा चैव हि तन्त्रज्ञस्तन्त्रवक्ता गुरुः स्वयम् |
तन्त्रं च तन्त्रवक्तारं निन्दन्ति तान्त्रिकीं क्रियाम् || ४४ ||
ये जना भैरवास्तेषां मांसास्थिचर्वणोद्यताः |
अत एव हि तन्त्रज्ञं न निन्दन्ति कदाचन ||
न हसन्ति न हिंसन्ति न वदन्ति कदाचन || ४५ ||
श्रीपार्वती उवाच
शृणु देव जगद्वन्द्य मद्वाक्यं दृढनिश्चितम् |
तव प्रसादाद् देवेश श्रुतं कालीरहस्यकम् ||
इदानीं श्रोतुमिच्छामि ताराया वद साम्प्रतम् || ४६ ||
श्रीशिव उवाच
धन्यासि देवदेवेशि दुर्गे दुर्गार्तिनाशिनि |
यं श्रुत्वा मोक्षमाप्नोति पठित्वा नगनन्दिनि || ४७ ||
तारिणी तरला तन्वी तारा तरणवल्लरी |
तीररूपा तटश्यामा तनुक्षीणपयोधरा || ४८ ||
तुवीरा तरला तीव्रा नयना नीलवाहिनी |
उग्रतारा जया चण्डी श्रीमदेकजटा शिवा || ४९ ||
तरुणा शाम्भवी च्छिन्ना भागा च भद्रतारिणी |
उग्रतारा जया चण्डी श्रीमदेकजटा शिवा || ४९ ||
तरुणा शाम्भवी च्छिन्ना भागा च भद्रतारिणी |
उग्रा उग्रप्रभा नीला कृष्णा नीलसरस्वती || ५० ||
द्वितीया शोभिनी नित्या नवीना नित्यनूतना |
चण्डिका विजयाऽऽराध्या देवी गगनवाहिनी || ५१ ||
अट्टहास्या करालास्या चतुरास्यादिपूजिता |
सगुणा सगुणाराध्या हरीन्द्रदेवपूजिता || ५२ ||
रक्तप्रिया च रक्ताक्षी रुधिरा सर्वभूषिता |
बालप्रिया बालरता दुर्गा बलवती बला || ५३ ||
बलप्रिया बलरता बलरामप्रपूजिता |
अर्द्धकेशेश्वरी केशा केशवेशविभूषिता || ५४ ||
पद्ममाला च पद्माख्या कामाख्या गिरिनन्दिनि |
दक्षिणा चैव दक्षा च दक्षजा दक्षिणे रता || ५५ ||
वज्रपुष्पप्रिया रक्तप्रिया कुसुमभूषिता |
माहेश्वरी महादेवप्रिया पञ्चविभुषिता || ५६ ||
इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्ना प्राणरूपिणी |
गान्धारी पञ्चमी पञ्चाननादिपरिपूजिता || ५७ ||
इत्येतत् कथितं देवि रहस्यं परमात्मकम् |
श्रुत्वा मोक्षमवाप्नोति तारादेव्याः प्रसादः || ५८ ||
य इदं प्रपठेत् स्तोत्रं तारायास्तु रहस्यकम् |
सर्वसिद्धीश्वरो भूत्वा विहरेत् क्षितिमण्डले || ५९ ||
तस्यैव मन्त्रः सिद्धः स्यामन्त्रसिद्धिरनुत्तमा |
भवत्येवं महामाये सत्यं सत्यं न संशयः || ६० ||
मन्दे मङ्गलवारे च यः पठेन्निशि संयतः |
तस्यैव मन्त्रसिद्धिः स्याद् गाणपत्यं लभेत् तु सः || ६१ ||
श्रद्धयाऽश्रद्धया वापि पठेत् तारारहस्यकम् |
सोऽचिरेणैव कालेन जीवन्मुक्तः शिवो भवेत् || ६२ ||
सहस्रावर्तनाद् देवि पुरश्चर्याफलं लभेत् |
एवं सततयुक्तास्ते ध्यायन्तस्तामुपासते || ६३ ||
ते कृतार्था महेशानि मृत्युसंसारबन्धनात् |
रहस्यं तारिणीदेव्याः कालिकायाः श्रुतं त्वया || ६४ ||
सारं परमगोप्यं च शिवध्येयं शिवप्रदम् |
इदानीं च वरारोहे भूयः किं श्रोतुमिच्छसि || ६५ ||
इति मुण्डमालातन्त्रे कालीतारारहस्येष्टमः पटलः || ८ ||
अथ नवमः पटलः
रहस्यं पार्वतीनाथवक्त्रात् श्रुत्वा च पार्वती |
महादेवं महेशानमीशमाह महेश्वरी || १ ||
श्रीपार्वती उवाच
त्रिलोकेश जगन्नाथ देवदेव सदाशिव |
त्वत्प्रसादान्महादेव श्रुतं तन्त्रं पृथग्विधम् || २ ||
इदानीं वर्तते श्रद्धाऽऽगमशास्त्रे ममैव हि |
यदि प्रसन्नो भगवान् ब्रूह्युपायं महोदयम् || ३ ||
नानातन्त्रे महादेव श्रुतं नानाविधं मतम् |
कृतार्थास्मि कृतार्थास्मि कृतकार्थास्मि शङ्कर || ४ ||
प्रसन्ने शङ्करे नाथ किं भयं जगतीतले |
विना शिवप्रसादेन न सिध्यति कदाचन ||
इदानीं श्रोतुमिच्छामि भुवनाया रहस्यकम् || ५ ||
श्रीशङ्कर उवाच
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि गुह्याद् गुह्यतरं परम् |
षठित्वा परमेशानि मन्त्रसिद्धिमवाप्नुयात् || ६ ||
आद्या श्रीभुवना भव्या भवबन्धविमोचिनी |
नारायणी जगद्धात्री शिवा विश्वेश्वरी परा || ७ ||
गान्धारी परमा विद्या जगन्मोहनकारिणी |
सुरेश्वरी जगन्माता विश्वमोहनकारिणी || ८ ||
भुवनेशी महामाया देवेशी हरवल्लभा |
कराला विकटाकारा महाबीजस्वरूपिणी || ९ ||
त्रिपुरेशी त्रिलोकेशी दुर्गा त्रिभुवनेश्वरी |
नित्या च निर्मला देवी सर्वमङ्गलकारिणी || १० ||
सदाशिवप्रिया गौरी सर्वमङ्गलशोभनी |
शिवदा सर्वसौभाग्यदायिनी मङ्गलात्मिका || ११ ||
घोरदंष्ट्रा करालास्या मधुमांसबलिप्रिया |
सर्वदुःखहरा चण्डी सर्वमङ्गलकारिणी || १२ ||
पार्वती तारिणी देवी भीमा भयविनाशिनी |
त्रैलोक्यजननी तारा तारिणी तरुणाक्षमा || १३ ||
भुक्तिमुक्तिप्रदा भक्तिसदाशङ्करवल्लभा |
उमा गौरी प्रिया साध्वी प्रिया च वारुणप्रिया || १४ ||
भैरवी भैरवानन्ददायिनी भैरवात्मिका |
ब्रह्मपूज्या च ब्रह्माणी रुद्राणी रुद्रपूजिता || १५ ||
रुद्रेश्वरी रुद्ररूपा त्रिपुटा त्रिपुरा मता |
भवानी च भवानन्ददायिनी भवगेहिनी || १६ ||
सुरपूज्येश्वरी चण्डी प्रचण्डा घोरनादिनी |
घनश्यामा घनवती महाघननिनादिनी || १७ ||
घोरजिह्वा ललज्जिह्वा वैदेशी नगनन्दिनी |
त्रैलोक्यमोहिनी विश्वमोहिनी विश्वरूपिणी || १८ ||
षोडशी त्रिपुरा ब्रह्मदायिनी ब्रह्मदाऽनघा |
इत्येतत् परमं ब्रह्मस्तोत्रं परमकारणम् || १९ ||
यः पठेत् परया भक्त्या जीवन्मुक्तः स एव हि |
ब्रह्माद्या देवताः सर्वा मुनयस्तन्त्रकोविदाः || २० ||
पठित्वा परया भक्त्या ब्रह्मसिद्धिमवाप्नुयुः |
मन्त्रसङ्केतमज्ञात्वा विद्यासङ्केतकं तथा || २१ ||
वीरसङ्केतकं देवि सङ्केतं बहुविस्तरम् |
योनिमुद्रात्मकं प्रिये || २२ ||
सङ्केतं समयाचारं कुलसङ्केतकं तथा |
ब्रह्मसङ्केतकं चण्डि कालसङ्केतकं तथा || २३ ||
यन्त्रसङ्केतकं सिद्धिसङ्केतकं बहुविस्तरम् |
कुलार्णवे श्रुतं नाथ श्रुतं मे मोहने प्रभो || २४ ||
श्रीशङ्क्र उवाच
विद्यानामुत्तमा विद्या महाविद्या प्रकीर्तिता |
यासां स्मरणमात्रेण मन्त्रसिद्धिः प्रजायते || २५ ||
मन्त्रसङ्केतमज्ञात्वा यो यजेद् विश्वमोहिनीम् |
शतवर्षजपेनापि तस्य सिद्धिर्न जायते || २६ ||
विद्याद्या च द्वितीया षोडशी भुवनेश्वरी |
भैरवीज्ञानमात्रेण सिद्धिविद्या भवन्ति हि || २७ ||
इडापिङ्गलयोर्मध्ये दुर्गमा विश्वमोहिनी |
तस्याः प्रभेदसंस्कारं यो जानाति स पण्डितः || २८ ||
स धन्यः स कृती लोके स वीरः सर्वशः शुचिः |
स भैरवश्च विज्ञेयः सदा सुखविवर्द्धकः || २९ ||
एवं करालवदनां मुण्डमालाविभूषिताम् |
यो जानाति जगद्धात्रीं जीवन्मुक्तः स एव हि || ३० ||
विशेषं च प्रवक्ष्यामि कुलभक्त्या च सिध्यति |
कुलभक्तिं विना देवि न भक्तिर्न च सद्गतिः || ३१ ||
सत्ये तु सुन्दरी आद्या त्रेतायां भुवनेश्वरी |
द्वापरे तारिणी विद्या कलौ काली प्रकीर्तिता || ३२ ||
नामभेदं प्रवक्ष्यामि कल्पभेदं वरानने |
न भेदः कालिकायाश्च ताराया जगदम्बिके || ३३ ||
षोडश्या भुवनायाश्च भैरव्यास्त्रिपुरेश्वरि |
छिन्नायाश्चैव धूमाया भीमायाः परमेश्वरि || ३४ ||
ततश्च बगलामुख्या मातङ्ग्याश्च सुरेश्वरि |
नच भेदो महेशानि विद्याया वरवर्णिनि || ३५ ||
श्रीपार्वती उवाच
विश्वनाथ महादेव महेश्वर जगद्गुरो |
पृच्छाम्येकं महाभाग योगेन्द्र वृषभध्वज || ३६ ||
कृष्णायाः करवीरस्य द्रोणस्य तु सदाशिव |
बिल्वपत्रस्य माहात्म्यम् जपाया वद शङ्कर || ३७ ||
श्रीशिव उवाच
धन्याऽसि पतिभक्ताऽसि प्राणतुल्याऽसि शाङ्करि |
अतिगोप्यं जगद्धात्रि देवानामतिदुर्लभम् || ३८ ||
कृष्णाऽपराजिता साक्षात् भद्रकाली न संशयः |
करवीरं च भुवना द्रोणं त्रिपुरसुन्दरी || ३९ ||
जपा साक्षाद् भगवती सर्वविद्यास्वरूपिणी |
ये साधका जगन्मातरर्चयन्ति शिवप्रियाम् || ४० ||
एतैश्च कुसुमैश्चण्डीं ते शिवा नात्र संशयः |
किं जपैः किं तपोभिर्वा किं दानैः किं त्रिमध्वकैः || ४१ ||
येनाऽर्चिता जगद्धात्री द्रोणकृष्णा जपादिभिः |
राजसूयाश्च मेधाद्यैर्वाजपेयाऽग्निहोमकैः || ४२ ||
फलं यज्जायते चण्डि तत् सर्वं कुसुमार्चनात् |
जपां द्रोणं तथा कृष्णं मन्दरं करवीरजम् || ४३ ||
साक्षाद् ब्रह्मस्वरूपं च महादेव्यै निवेदयेत् |
श्वेतचन्दनसंयुक्तं रक्तचन्दनलेपितम् || ४४ ||
यो दद्याद् भक्तिभावेन स विश्वेशो न संशयः |
महाघोरे महोत्पाते महाविपदि सङ्कटे || ४५ ||
महादुःखे महारोगे महाशोके महाभये |
पूजयेत् कालिकां तारां भुवनां षोडशीं शिवाम् || ४६ ||
बालां छिन्नां च बगलां धूमां भीमां करालिनीम् |
कमलामन्नपूर्णां च दुर्गां दुःखविनाशिनीम् || ४७ ||
सर्वविद्याजपाद्रोणकरवीरैर्मनोहरैः |
मालूरपत्रैः कृष्णाभिः कृष्णं सम्पूज्य भूतले || ४८ ||
साधकेन्द्रो महेशानि स भवेन्नात्र संशयः |
लक्षाणां महिषैर्मेषैरजैर्दानैः खरैः शुभैः || ४९ ||
पूजिता सा जगद्धात्री यद्येषा कुसुमार्चिता |
माहात्म्यं चापि कृष्णायाः कृष्णा जानाति भूतले || ५० ||
तदर्द्धं चाऽप्यहं देवि तदर्द्धं श्रीपतिः सदा |
तदर्द्धमब्जजन्मा वै तदर्द्धं वेदसाधकः || ५१ ||
अस्य पुष्पस्य माहात्म्यं सङ्क्षेपाद् वच्मि शाङ्करि |
पृथिव्यामतले स्वर्गे वैकुण्ठे कालिकापुरे || ५२ ||
जपादिकरवीरैश्च दानैः किं किं फलं लभेत् |
न जानामि जगद्धात्रि को वेद पार्वतीं विना || ५३ ||
करवीरैः श्वेतरक्तै रक्तचन्दनमिश्रितैः |
पूजयेत् क्ष्मातले यस्तु स विश्वेशो भवेद् ध्रुवम् || ५४ ||
कृष्णापराजितापुष्पैर्यस्तु देवीं प्रपूजयेत् |
सोऽश्वमेधसहस्राणां फलं प्राप्य शिवो यजेत् || ५५ ||
बिल्वपत्रस्य माहात्म्यं देवानामपि दुर्लभम् |
यो दद्याद् बिल्वपत्रं च शिवायै शङ्कराय च || ५६ ||
सदाशिवसमो भूत्वा स गच्छेद् ब्रह्ममन्दिरम् |
महाविपत्तौ देवेशि जपां कृष्णापराजिताम् || ५७ ||
द्रोणं वा करवीरं वा स गच्छेत् कालिकापुरम् |
किं च पाद्यैः किं च वाद्यैर्नैवेद्यैः किं च पूजनैः || ५८ ||
मधुदानैर्मधुपर्कैः कुम्भकैः किं च रेचकैः |
पूरकैः किं च वा ध्यानैः प्राणायामैश्च किं च वा || ५९ ||
किं जपैः किं तपोभिर्वा मत्स्यैर्मांसैश्च पञ्चमैः |
किमन्यमन्त्रैः किं तन्त्रैः किं यन्त्रैः किं च साधनैः || ६० ||
किं च वै वासवैः किं वा श्मशानैर्मन्त्रसाधनैः |
किमध्वरैर्मन्त्रपूतैमन्त्रार्थैर्मन्त्रजीवनैः || ६१ ||
किं योनिमुद्रया किं वा तीर्थैः किं ब्रह्मसाधनैः |
किं मातृकान्यासवर्गैः किं कच्छैः किं घटैः पटैः || ६२ ||
किं काकचञ्चुभिः षोढान्यासैः किं कर्मसाधनैः |
येनार्चिता भगवती करवीरैर्जपादिभिः || ६३ ||
कृष्णापराजितापुष्पैः करवीरैर्मनोहरैः |
द्रोणैस्तु केतकीपुष्पैर्जपामालूरपत्रकैः || ६४ ||
पूजिता यैर्भगवती तेषां किं कर्मसाधनैः |
इत्येवं च श्रुतं देवि रहस्यं परमं शिवम् || ६५ ||
श्रुत्वा यं मोक्षमाप्नोति साधको नात्र संशयः |
तन्त्रराजं माहेशानि सारात् सारतरं प्रिये || ६६ ||
श्रुत्वा ज्ञात्वा मोक्षमाशु लभते नात्र संशयः |
महाभये बन्धने च विपत्तौ बहुसङ्कटे || ६७ ||
पूजयित्वा जगद्धात्रीं मुच्यते भवबन्धनात् |
श्रद्धयाऽश्रद्धया वापि यः कश्चित् तारिणीं यजेत् || ६८ ||
स धन्यः स कविर्धीरः सर्वशास्त्रार्थकोविदः |
स च मानी स च ज्ञानी पूजयेद् यस्तु कालिकाम् ||
इत्येवं च श्रुतं देवि भूयः किं श्रोतुमिच्छस्ति || ६९ ||
|| इति श्रीमुण्डमालातन्त्रे नवमः पटलः || ९ ||
अथ दशमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
देवदेव महादेव नीलकण्ठ सदाशिव |
नमस्ते परमेशान विश्वनाथ नमोऽस्तु ते || १ ||
नमस्ते परमेशान सदाशिव महेश्वर |
नमस्ते परमानन्द ज्ञानमोक्षप्रदायक || २ ||
नमस्ते पार्वतीनाथ नमस्ते भक्तवत्सल |
प्रसीद मां जगद्बन्धो गोप्यं वद सदाशिव || ३ ||
श्रीशिव उवाच
शृणु देवि जगद्धात्रि सारात् सारतरं परम् |
श्रुत्वा मोक्षमवाप्नोति साधकेन्द्रो महीतले || ४ ||
शृणुयाद् यो मुण्डमालातन्त्रं परमकारणम् |
ज्ञानदं मोक्षदं भक्तिमुक्तिसौख्यप्रदं शिवे || ५ ||
इत्येवं परमं देवीं देवानामपि दुर्लभम् |
यो वेद धरणीमध्ये स एव परमार्थवित् || ६ ||
शक्तिमार्गं विना जन्तोर्न भक्तिर्न च सद्गतिः |
शक्तिमूलं जगत् सर्वं शक्तिमूलं परं तपः || ७ ||
शक्तिमूलं परं कर्म जन्म शर्म महीतले |
विना शक्तिप्रसादेन न मुक्तिर्जायते प्रिये || ८ ||
श्रुतं देवि वरारोहे सर्वं गोप्यं महीतले |
अन्यद् गोप्यं किं वदसि तत् सर्वं वद सुव्रते || ९ ||
श्रीपार्वती उवाच
शृणु देव महादेव कथयस्व जगद्गुरो |
कथमुत्पद्यते ज्ञानं कथयस्व कृपानिधे || १० ||
श्रीशिव उवाच
अहोभाग्यमहोभाग्यमहोभाग्यं सुरेश्वरि |
कृतार्थोऽहं कृतार्थोऽहं कृतराज्यो महेश्वरि || ११ ||
ज्ञानकाण्डं महेशानि सारात् सारतरं शिवम् |
ज्ञानं च द्विविधं ज्ञेयं दुर्ज्ञेयं मनसामपि || १२ ||
ज्ञानं परमतत्त्वाख्यं ज्ञानं ज्ञेयार्थसाधनम् |
अन्य विभ्रान्तिविषयं ज्ञानं साधारणं मतम् || १३ ||
एवं च त्रिविधं शेषं मध्यमं तत्त्ववर्जितम् |
तत्त्वज्ञानं वरारोहे योगीन्द्राणां च दुर्लभम् || १४ ||
विना तत्त्वपरिज्ञानाद् विफलं पूजनं तपः |
एको देवश्च एकोऽहमात्मभिन्नशरीरतः || १५ ||
घटात् पटात् माहेशानि कालचक्रान्महीरुहात् |
एवं ज्ञानं तत्त्वमयं तदा मुक्तोऽचिरेण तु || १६ ||
नानाकारणमेवास्य पूजनं ध्यानमेव च |
सेवनं चैव तीर्थानां शरणं तारिणीपदम् || १७ ||
स्मरणं सहराजस्य भ्रमणं वै कुलावलम् |
सत्सङ्गसेवनं विष्णोः शङ्करस्यापि पूजनम् || १८ ||
कालिकापादयुगलं भजनं ज्ञानकारणम् |
यावन्मनास्त्वमेव स्यात् तावद् भिन्ना महीतले || १९ ||
तावज्जातिश्च गोत्रं च तावन्नाम पृथग्विधम् |
तावल्लिङ्गं पृथक् सर्वं वर्णानां पृथगेव हि || २० ||
तावन्मित्रौ विपक्षौ च तावत् कलत्रबान्धवौ |
तावत् पृथग्विधा तन्त्रयन्त्रमन्त्रार्चनादिभिः || २१ ||
तावत् पुण्यं तावदेव पापपुण्यविवर्द्धकम् |
तावत् त्वं चाप्ययमियं च जायते प्रिये || २२ ||
यावन्न जायते चण्डि विद्याऽविद्याविरोधिनी |
अविद्यानाशिनी विद्या विद्याऽविद्याविमर्दिनी || २३ ||
या तारिणी महाविद्या विद्याऽविद्याविरूपिणी |
अत एव वरारोहे विद्यामुत्पाद्य भूतले || २४ ||
निर्वाणमोक्षमाप्नोति सत्यं परमसुन्दरि |
श्रीदुराचरणाम्भोजे भक्तिश्चाव्यभिचारिणी || २५ ||
तदैव जायते ब्रह्मज्ञानं ब्रह्मादिदुर्लभम् |
ब्रह्मा विष्णुश्च रुद्रश्च वासवाद्या दिवौकसः || २६ ||
भैरवाश्चैव गन्धर्वा विद्याभ्याससमुत्सुकाः |
ब्रह्मविद्यासमा विद्या ब्रह्मविद्यासमा क्रिया || २७ ||
ब्रह्मविद्यासमं ज्ञानं नास्ति नास्ति कदाचन |
तत्त्वज्ञानं श्रुतं देवि किं भूयः श्रोतुमिच्छसि || २८ ||
श्रीपार्वती उवाच
नमस्तुभ्यं महादेव विश्वनाथ जगद्गुरो |
श्रुतं ज्ञानं महादेव नानातन्त्रं तवाङनात् || २९ ||
इदानीं चण्डिकायास्तु गुह्यस्तोत्रं वद प्रभो |
कवचं ब्रूहि मे नाथ मन्त्रचैतन्यकारणम् || ३० ||
मन्त्रसिद्धिकरं गुह्याद् गुह्यं मोक्षविधायकम् |
श्रुत्वा मोक्षमवाप्नोति ज्ञात्वा विद्यां महेश्वरि || ३१ ||
श्रीशिव उवाच
दुर्लभं तारिणीमार्गं दुर्लभं तारिणीपदम् |
मन्त्रार्थं मन्त्रचैतन्यं दुर्लभं शवसाधनम् || ३२ ||
श्मशानसाधनं योनिसाधनं ब्रह्मसाधनम् |
क्रियासाधनकं भक्तिसाधनं मुक्तिसाधनम् || ३३ ||
स्तवप्रसादाद् देवेशि सर्वाः सिध्यन्ति सिद्धयः |
नमस्ते चण्डिके चण्डिअ चण्डमुण्डविनाशिनि || ३४ ||
नमस्ते कालिके कालमहाभयविनाशिनि |
शिवे रक्ष जगद्धात्रि प्रसीद हरवल्लभे || ३५ ||
प्रणमामि जगद्धात्रीं जगत्पालनकारिणीम् |
जगत्क्षोभकरीं विद्यां जगत्सृष्टिविधायिनीम् || ३६ ||
करालां विकटां घोरां मुण्डमालाविभूषिताम् |
हरार्चितां हराराध्यां नमामि हरवल्लभाम् || ३७ ||
गौरीं गुरुप्रियां गौरवर्णालङ्कारभूषिताम् |
हरिप्रियां महामायां नमामि ब्रह्मपूजिताम् || ३८ ||
सिद्धां सिद्धेश्वरीं सिद्धविद्याधरगणैर्युताम् |
मन्त्रसिद्धिप्रदां योनिसिद्धिदां लिङ्गशोभिताम् || ३९ ||
प्रणमामि महामायां दुर्गां दुर्गतिनाशिनीम् |
उमामुग्रमयीमुग्रां तारामुग्रगणैर्युताम् || ४० ||
नीलां नीलघनश्यामां नमामि नीलसुन्दरीम् |
श्यामाङ्गी श्यामघटितां श्यामवर्णविभूषिताम् || ४१ ||
प्रणमामि जगद्धात्रीं गौरीं सर्वार्थसाधिनीम् |
विश्वेश्वरीं विश्वघोरां विकटां घोरनादिनीम् || ४२ ||
आद्यामाद्यगुरोराद्यामाद्यनाथप्रपूजिताम् |
श्रीदुर्गां धनदामन्नपूर्णां पद्मां सुरेश्वरीम् || ४३ ||
प्रणमामि जगद्धात्रीं चन्द्रशेखरवल्लभाम् |
त्रिपुरां सुन्दरीं बालामालागणविभूषिताम् || ४४ ||
शिवदूतीं शिवाराध्यां शिवध्येयां सनातनीम् |
सुन्दरीं तारिणीं सर्वशिवागणविधूषिताम् || ४५ ||
नारायणीं विष्णुपूज्यां ब्रह्मविष्णुहरप्रियाम् |
सर्वसिद्धिप्रदां नित्यामनित्यां गुणवर्जिताम् || ४६ ||
सगुणां निर्गुणां ध्येयामर्चितां सर्वसिद्धिदाम् |
विद्यासिद्धिप्रदां विद्यां महाविद्यां महेश्वरीम् || ४७ ||
महेशभक्तां महेशीं महाजलप्रपूजिताम् |
प्रणमामि जगद्धात्रीं शुम्भासुरविमर्दिनीम् || ४८ ||
रक्तप्रियां रक्तवर्णां रक्तबीजविमर्दिनीम् |
भैरवीं भुवनां देवीं लोलजिह्वां सुरेश्वरीम् || ४९ ||
चतुर्भुजां दशभुजामष्टादशभुजां शुभाम् |
त्रिपुरेशीं विश्वनाथप्रियां विश्वेश्वरीं शिवाम् || ५० ||
अट्टहासामट्टहासप्रियां धूम्रविनाशिनीम् |
कमलां छिन्नभालां च मातङ्गी सुरसुन्दरीम् || ५१ ||
षोडशीं त्रिपुरां भीमां धूमां च बगलामुखीम् |
सर्वसिद्धिप्रदां सर्वविद्यामन्त्रविशोधिनीम् || ५२ ||
प्रणमामि जगत्तारां सारां च मन्त्रसिद्धये |
इत्येवं च वरारोहे स्तोत्रं सिद्धिकरं परम् || ५३ ||
पठित्वा मोक्षमाप्नोति सत्यं वै गिरिनन्दिनि |
कुजवारे चतुर्दश्याममायां जीववासरे || ५४ ||
शुक्रे निशागते स्तोत्रं पठित्वा मोक्षमाप्नुयात् |
त्रिपक्षे मन्त्रसिद्धिः स्यात् स्तोत्रपाठाद्धि शाङ्करि || ५५ ||
चतुर्दश्यां निशाभागे शनिभौमदिने तथा |
निशामुखे पठेत् स्तोत्रं मन्त्रसिद्धिमवाप्नुयात् || ५६ ||
केवलं स्तोत्रपाठाद्धि मन्त्रसिद्धिमनुत्तमाम् |
जागर्त्ति सततं चण्डि स्तवपाठाद् भुजङ्गिनी || ५७ ||
इत्येवं च श्रुतं स्तोत्रं कवचं शृणु पार्वति |
सदाशिव ऋषिर्देवि उष्णिक् छन्द उदाहृतम् || ५८ ||
विनियोगश्च देवेशि ततश्च मन्त्रसिद्धये |
मस्तकं पार्वती पातु पातु पञ्चाननप्रिया || ५९ ||
केशं मुखं पातु चण्डी भारती रुधिरप्रिया |
कण्ठं पातु स्तनं पातु कपालं गण्डमेव हि || ६० ||
काली करालवदना विचित्रा स्वरघट्टिनी |
रक्षमूलं नाभिमूलं दुर्गा त्रिपुरसुन्दरी || ६१ ||
दक्षहस्तं पातु तारा सर्वाणी सर्वमेव च |
विश्वेश्वरी पृष्ठदेशं नेत्रं पातु महेश्वरी || ६२ ||
हृत्पद्मं कालिका पातु उग्रतारा नभोगतम् |
नारायणी गुह्यदेशं मेढ्रं मेढ्रेश्वरी तथा || ६३ ||
पादयुग्मं जया पातु सुन्दरी चाङ्गुलीषु च |
षट्पद्मवासिनी पातु सर्वपद्मं निरन्तरम् || ६४ ||
इडा च पिङ्गला पातु सुषुम्ना पातु सर्वदा |
धनं धनेश्वरी पातु अन्नपूर्णा सदाऽवतु || ६५ ||
बाह्यं बाह्येश्वरी पातु नित्यं मां चण्डिकाऽवतु |
जीवं मां पार्वती पातु मातङ्गी पातु सर्वदा || ६६ ||
छिन्ना धूमा च भीमा च भये पातु जले वने |
कौमारी चैव वाराही नारसिंही यशो मम || ६७ ||
पातु नित्यं भद्रकाली श्मशानालयवासिनी |
उदरे सर्वदा पातु सर्वाणी सर्वमङ्गला || ६८ ||
जगन्माता जयं पातु नित्यं कैलासवासिनी |
शिवप्रियासुतं पातु सुतां पर्वतनन्दिनी || ६९ ||
त्रैलोक्यं पातु बगला भुवनं भुवनेश्वरी |
सर्वाङ्गं सर्वनिलया पातु नित्यं च पार्वती || ७० ||
चामुण्डा पातु मे रोमकूपं सर्वार्थसाधिनी |
ब्रह्माण्डं मे महाविद्या पातु नित्यं मनोहरा || ७१ ||
लिङ्गं लिङ्गेश्वरी पातु महापीठं महेश्वरी |
गौरी मे सन्धिदेशं च पातु वै त्रिपुरेश्वरी || ७२ ||
सुरेश्वरी सदा पातु श्मशाने च शवेऽवतु |
कुम्भके रेचके चैव पूरके काममन्दिरे || ७३ ||
कामाख्या कामनिलयं पातु दुर्गा सुरेश्वरी |
डाकिनी काकिनी पातु सत्यं मे शाकिनी तथा || ७४ ||
हाकिनी राकिणी पातु राकिणी पातु सर्वदा |
ज्वालामुखी सदा पातु मुखं मध्ये सदाऽवतु || ७५ ||
तारिणी विभवे पातु भवानी च भबेऽवतु |
त्रैलोक्यमोहिनी पातु सर्वाङ्गं विजनेऽवतु || ७६ ||
राजकुले महाघाते सङ्ग्रामे शत्रुसङ्कटे |
प्रचण्डा साधकं मां च पातु भैरवमोहिनी || ७७ ||
श्रीराजमोहिनी पातु राजद्वारे विपत्तिषु |
सम्पत्प्रदा भैरवी च पातु बाला बलं मम || ७८ ||
नित्यं मां शम्भुवनिता पातु मां त्रिपुरान्तका |
इत्येवं कथितं देवि रहस्यं सार्वकालिकम् || ७९ ||
भुक्तिदं मुक्तिदं सौख्यं सर्वसम्पत्प्रदायकम् |
यः पठेत् प्रातरुत्थाय साधकेन्द्रो भवेद् भुवि || ८० ||
कुजवारे चतुर्दश्याममायां मन्दवासरे |
गुरौ गुरुं समभ्यर्च्य यः पठेत् साधकोत्तमः || ८१ ||
स याति भवनं देव्याः सत्यं सत्यं न संशयः |
एवं यदि वरारोहे पठेद् भक्तिपरायणः || ८२ ||
मन्त्रसिद्धिर्भवेत् तस्य वाऽचिरान्नात्र संशयः |
सत्यं लक्षपुरश्चर्याफलं प्राप्य शिवां यजेत् || ८३ ||
राजमार्गं शिवामार्गं प्राप्य जीवः शिवो भवेत् |
पठित्वा कवचं स्तोत्रं मुक्तिमाप्नोति निश्चितम् || ८४ ||
पठित्वा कवचं स्तोत्रं दशविद्यां यजेद् यतिः |
विद्यासिद्धिर्मन्त्रसिद्धिर्भवत्येव न संशयः || ८५ ||
तदैव ताम्बूले सिद्धिर्जायते नात्र संशयः |
शवसिद्धिश्चितासिद्धिर्दुर्लभा धरणीतले || ८६ ||
अयत्नसुभगा सिद्धिस्ताम्बूलान्नात्र संशयः |
निशामुखे निशायां च महाकाले निशान्तरे ||
पठेद् भक्त्या महेशानि गाणपत्यं लभेत् तु सः || ८७ ||
|| इति मुण्डमालातन्त्रे मन्त्रसिद्धिस्तोत्रकवचं नाम दशमः पटलः || १० ||
|| इति प्रथमं मुण्डमालातन्त्रं समाप्तम् ||
पाठ २

|| ओं नमः शिवाय ||
सर्वानन्दमयीं विद्यां सर्वाम्नायैर्नमस्कृताम् |
सर्वसिद्धिप्रदां देवीं नमामि परमेश्वरीम् || १ ||
श्रीदेवी उवाच
देवदेव महादेव परमानन्दसुन्दर |
प्रसीद गुह्यवक्त्रान्त कथयस्व प्रियंवद || २ ||
सर्वतन्त्रेषु मन्त्रेषु गुप्तं यत् पञ्चवक्त्रतः |
तत् प्रकाशय गुह्याख्यं यच्च त्वं मम वल्लभ || ३ ||
श्रीशिव उवाच
कथान्ते कथयिष्यामि गुप्त्ं यच्चञ्चलाम्बिके |
स्त्रीस्वभावान्महत्तत्त्व न जानासि शुभप्रदम् || ४ ||
श्रीदेवी उवाच
सुस्थिराऽहं भविष्यामि न वक्तव्यं कदाचन |
तव भक्त्या भविष्यामि भावना मन्त्रसिद्धिदा || ५ ||
श्रीशिव उवाच
देवतागुरुमन्त्राणां एकभावनमुच्यते |
मन्त्रो यो गुरुरेवासौ यो गुरुः सा च देवता || ६ ||
काली तारा महाविद्या षोडशी भुवनेश्वरी |
भैरवी छिन्नमस्ता च विद्या धूमावती तथा || ७ ||
बगलामुखी सिद्धविद्या मातङ्गी कमलात्मिका |
एता दश महाविद्याः सिद्धविद्याः प्रकीर्तिताः || ८ ||
अत्यन्तदुर्लभं लोके षडाम्नायनमस्कृताः |
एताश्च परमा विद्यास्त्रिषु लोकेषु दुर्लभाः || ९ ||
सुखदा मोक्षदा विद्या क्लेशसाध्या न तादृशी |
येन येन प्रकारेण सिद्धिर्यास्यति भूतले || १० ||
सर्वं ते कथयिष्यामि प्रेमभावेन केवलम् |
नैव सिद्धाद्यपेक्षाऽस्ति नक्षत्रादिविचारणा || ११ ||
कालादिशोधनं नास्ति नास्ति मित्रादिदूषणम् |
सिद्धविद्या महाविद्या युगसेवा परिश्रमम् || १२ ||
नास्ति किञ्चिन्महादेवि दुःखसाध्यं कदाचन |
या काली परमा विद्या [ सैव तारा प्रक्रीर्तिता || १३ ||
या तारापरमा विद्या चतुर्धा कथिता पुरा |
एतयोर्भेदभावेन (सर्वे) नानामन्त्रा भवन्ति हि || १४ ||
उक्तं च कालिकाकल्पे ताराकल्पे च ते मया |
षोडशी या महाविद्या चतुर्धा कथिता पुरा || १५ ||
लक्ष्मीबीजादिभेदेन पञ्चमी सा भवेदिह |
एकाक्षरी महाविद्या बीजहीना भवेत् पुरा ||
भुवनेश्वरी त्र्यक्षरी तु महाविद्या प्रकीर्तिता || १६ ||
श्रीदेवी उवाच
दुष्टा विद्या च देवेश कथिता न प्रकाशिता |
इदानीं तद्दयाभावात् कथयाङन्दसुन्दर || १७ ||
श्री-ईश्वर उवाच
भुवनेशी महाविद्या देवराजेन वै पुरा |
आराधिता च विद्येयं वज्रेण नाम मोहिता || १८ ||
एकाक्षरी बीजहीना वाग्भवेनोज्ज्वला भवेत् |
कामराजाख्यविद्या या विद्या सा पुष्पधन्वना || १९ ||
स्मरेण पूजिता पूर्वं भुवनेश्या प्रतिष्ठिता |
कुमारी या च विद्येयं तया शप्ता बहिश्च्युता || २० ||
केवलं शक्तिरूपेण शिवरूपेण केवलम् |
तया प्रतिष्ठिता विद्या तारा चन्द्रस्वरूपिणी || २१ ||
[भैरवी तु महाविद्या महासम्पत्प्रदायिनी |
छिन्नमस्ता सुरामांसप्रिया रक्तस्वरूपिणी || २२ ||
धूमावती महाविद्या मारणोच्चाटने रता |
बगलावश्यस्तम्भादिनानागुणसमन्विता || २३ ||
मातङ्गी च महाविद्या त्रैलोक्यवशकारिणी |
जीवपुत्रैस्तु धनदा पाषाणैः सर्वभोगदा || २४ ||
कमला त्रिविधा प्रोक्ता एकाक्षरधिया स्थिता ||
केवला तु महासम्पद्दायिनी सुखमोक्षदा || २५ ||
|| इति द्वितीये मुण्डमालातन्त्रे प्रथमः पटलः || १ ||
अथ द्वितीयः पटलः
श्रीदेवी उवाच
अक्षमाला तु कथिता यत्नतो न प्रकाशिता |
अक्षमालेति किं नाम फलं किं वा वदस्वमे || १ ||
श्री-ईश्वर उवाच
अक्षमाला तु देवेशि काम्यभेदादनेकधा |
भवन्ति शृणु तत् प्रौढे विस्तारादुच्यते मया || २ ||
अनुलोमविलोमस्थक्षिप्तया वर्णमालया |
आदिनान्तःक्षादिकान्तःक्रमेण परमेश्वरि || ३ ||
क्षकारं मेरुरूपं तं लङ्घयेन्न कदाचन |
मेरुहीना च या माला मेरुलङ्घ्या च या भवेत् || ४ ||
अशुद्धाऽतिप्रकाशा च सा माला निष्फलो भवेत् |
चित्राणी विशतन्त्वाभा ब्रह्मनाडीगतान्तरा || ५ ||
तया संग्रथिता ध्येया सर्वकामफलप्रदा |
अष्टोत्तरशतजपादादौ क्लीबं समाचरेत् || ६ ||
ऋऌवर्णद्वयं यत् तु तद्धिक्लीबं प्रचक्षते |
वर्गाणामष्टभिर्वापि काम्यभेदक्रमेण तु || ७ ||
अकचटतपयशा इत्येवं चाष्टवर्गतः |
स्फाटिकैर्मोक्षदा प्रोक्ता पद्माक्षैर्बहुपुत्रदा || ८ ||
शुद्धस्फटिकमाला तु महासम्पत्प्रदा प्रिये |
श्मशानधूस्तुरैर्माला चैका धूमावतीविधौ || ९ ||
नराङ्गुल्यस्थिभिर्माला ग्रथिता पर्वभेदतः |
सर्वसिद्धप्रदा मोक्षदायिनी वरवर्णिनि || १० ||
नाड्या संग्रथनं कार्यं रक्तेन वाससा अपि |
सदा गोप्यं प्रयत्नेन मातुश्च जारवत् प्रिये || ११ ||
पञ्चधा कथिता माला सर्वसिद्धिफलप्रदा |
मौक्तिकैर्ग्रथिता माला सर्वैश्वर्यफलप्रदा || १२ ||
मणिरत्नप्रबालैश्च हेमराजतसम्भवा |
माला कार्या कुशग्रन्थ्या सर्वयज्ञफलप्रदा || १३ ||
नाडीभिर्ग्रथिता माला महासिद्धिप्रदा प्रिये |
त्रिंशतैश्वर्यफलदा पञ्चविंशेन मोक्षदा || १४ ||
चतुर्दशमयी मोक्षदायिनी भोगवर्ध्हिनी |
पञ्चदशात्मिका देवि मारणोच्चाटने स्थिता || १५ ||
स्तम्भने मोहने वश्ये तिरोधानेऽञ्जने तनोः |
पादुकासिद्धिसङ्घे च शतं सङ्ख्या प्रकीर्तिता || १६ ||
अष्टोत्तरशतं कुर्यादथवा सर्वकामदम् |
नित्यं जपं करे कुर्यान्न तु काम्यं कदाचन || १७ ||
काम्यमपि करे कुर्यान्मालाभावे प्रियंवदे |
तत्राङ्गुलिजपं कुर्वन् साङ्गुष्ठाङ्गुलिभिर्जपेत् || १८ ||
अङ्गुष्ठेन विना कर्मकृतं तदफलं भवेत् |
अनामिकाद्वयं पर्व कनिष्ठादिक्रमेण तु || १९ ||
तर्जनीमूलपर्यन्तं करमाला प्रकीर्तिता |
मेरुं प्रदक्षिणीकुर्वन् अनामामूलपर्वतः || २० ||
मेरुलङ्घनदोषात् तु अन्यथा जायते फलम् |
आरभ्याऽनामिकामूलात् प्रादक्षिण्यक्रमेण तु || २१ ||
मध्यमामूलपर्यन्तं जपेदष्टसु पर्वसु |
तर्जनीमूलपर्यन्तं जपेद् दशसु पर्वसु || २२ ||
मध्यमा त्रितया ग्राह्या अनामामूलमेव च |
अनामामध्यपर्वं तु मेरुं कृत्वा न लङ्घयेत् || २३ ||
तर्जन्यग्रे तथा मध्ये यो जपेत् तत्र मानवः |
चत्वारि तस्य नश्यन्ति आयुर्विद्या यशो बलम् || २४ ||
अङ्गुलीर्न वियुञ्जीत् किञ्चित् सङ्कोचयेत् तलम् |
अथातः प्रथमं वक्ष्ये मालानां तन्त्रबोधनम् || २५ ||
पूजां विधाय भक्त्या तु शुचिः पूर्वमुपोषितः |
विजने प्रजपेन्मौनी स्वयं मालां च साधकः || २६ ||
कृतनित्यक्रियः शुद्धः शुद्धक्षणे च मन्त्रवित् |
यथाकालं यथालाभमक्षाण्यानीय यत्नतः || २७ ||
अन्योन्यसमरूपाणि नातिस्थूलकृशानि च |
कीटादिभिरदुष्टानि न जीर्णानि नवानि च || २८ ||
गव्यैस्तु पञ्चभिस्तानि प्रक्षाल्य च पृथक् पृथक् |
ततो द्विजेन्द्रपुण्यस्त्रीनिर्मितं ग्रन्थिवर्जितम् || २९ ||
त्रिगुणं त्रिगुणीकृत्य पट्टसूत्रमथापि वा |
शुक्लं रक्तं तथा कृष्णं शान्तिवश्याभिचारके || ३० ||
अश्वत्थपत्रैर्नवकैः पद्माकारेण स्थापितैः |
सूत्रं मणींश्च गन्धान्तैः क्षालितास्तत्र निक्षिपेत् || ३१ ||
श्मशानवारिणा चापि पीठप्रक्षालितेन च |
शुद्धोदकेन रत्नेन कस्तूरीकुङ्कुमेन च || ३२ ||
तावत् शक्तिं मातृकां च सूत्रे चैव मणिष्वथ |
विन्यस्य पूजयेदाज्यैर्जुहुयाच्चैव यत्नतः || ३३ ||
होमकर्मण्यशक्तश्चेद् द्विगुणं जपमाचरेत् |
मणिमेकैकमादाय सूत्रे सम्पातयेत् सुधीः || ३४ ||
मुखे मुखं तु संयुज्य पुच्छे पुच्छं तु योजयेत् |
गोपुच्छसदृशी कार्याऽथवा सर्पाकृतिर्भवेत् || ३५ ||
तत्सजातीयमेकाक्षं मेरुत्वेनाऽग्रतो न्यस्त् |
एकैकमणिमध्ये तु ब्रह्मग्रन्थिं प्रकल्पयेत् || ३६ ||
जपमालां विधायेत्थं ततः संस्कारमारभेत् |
क्षालयेत् पञ्चगव्येन सद्योजातेन तज्जलैः || ३७ ||
मन्त्रस्तु -
ओं सद्योजातं प्रपद्यामि सद्योजाताय वै नमः |
भवे भवे नाभिभवे भव एव मां भवोद्भवः ||
भवे भवस्य मां भवोद्भवः || ३८ ||
ङेन्तान्तः प्रणवाद्येन नमोऽन्तेन क्रमाद् यजेत् |
चन्दनागुरुगन्धाद्यैर्वामदेवेन घर्षयेत् || ३९ ||
ओं नमो वामादेवाय नमो ज्येष्ठाय
नमः श्रेष्ठाय नमो रुद्राय नमः |
कालाय नमः कलविकरणाय नमो
बलविकरणाय नमः प्रमथनाय नमः ||
सर्वभूतदमनाय नमो
नम उन्मत्ताय उन्मनाय नमो नमः || ४० ||
धूपयेत् तामघोरेण लेपयेत् पुरुषेण वै |
ओं घोरेभ्योऽघोरेभ्यो घोरघोरतरेभ्यः || ४१ ||
सर्वतः सर्वसर्वेभ्यो नमस्तेऽस्तु रुद्रेभ्यः |
ओं तत्पुरुषाय विद्महे महादेवाय धीमहि || ४२ ||
तन्नो रुद्रः प्रचोदयात् |
मन्त्रयेत् पञ्चमेनैव प्रत्येकं तु शतं शतम् || ४३ ||
ओं ईशानः सर्वविद्यानांमीश्वरः सर्वभूतानाम् |
ब्रह्मणोऽधिपतिर्ब्रह्मणोऽधिपतिः शिवः पञ्च सदाशिवः || ४४ ||
प्रणवाद्यो महामन्त्रः सदाशिव इति क्रमात् |
मेरुं च पञ्चमेनैव ततो मन्त्रेण मन्त्रयेत् || ४५ ||
संस्कृत्यैवं बुधो मालां तत्प्राणांस्तत्र स्थापयेत् |
मूलमन्त्रेण देवेशि सम्पूज्य भक्तिभावतः || ४६ ||
गुरुं सम्पूज्य तद्धस्तात् गृह्णीयादक्षमालिकाम् |
अशुचिर्न स्पृशेदेनां करभ्रष्टां न कारयेत् || ४७ ||
अङ्गुष्ठस्थामक्षमालां चालयेन्मध्यमाग्रतः |
तर्जन्यां न स्पृशेदेनां गुरोरपि न दर्शयेत् || ४८ ||
मध्यमाद् भुक्तिमुक्तिः स्यादनामादुत्तमेन तु |
तर्जनीमारणादिष्टकनिष्ठामारणं स्मृतम् || ४९ ||
भुक्तौ मुक्तौ तथा कृष्टौ मध्यमायां जपे सुधीः |
अङ्गुष्ठानामिकाभ्यान्तु जपेद् वश्ये तु कर्मणि || ५० ||
तर्जन्यङ्गुष्ठयोगेन मारणोच्चाटने जपेत् |
कनिष्ठाङ्गुष्ठयोगाच्च जपेन्मारणकर्मणि || ५१ ||
जपान्ते तु च मालां वै पूजयित्वा तु पोषयेत् |
जपकाले तु गोप्तव्या जपमाला तु सा शुभा || ५२ ||
गुरुं प्रकाशयेद् विद्वान् न तु मन्त्रं कदाचन |
अक्षमालां च विद्यां च न कदाचित् प्रकाशयेत् || ५३ ||
भूतराक्षसवेताला गन्धर्वाः सिद्धचारणाः |
हरन्ति प्रकटात् सिद्धिं तस्माद् गुप्तिं सदा कुरु || ५४ ||
जीर्णसूत्रे पुनः सूत्रं ग्रथयित्वा शतं जपेत् |
प्रमादात् पतिताद्धस्तात् शतमष्टोत्तरं जपेत् || ५५ ||
भ्रमन्निषिद्धसंस्पर्शे क्षालयित्वा च पूजयेत् |
जपमाला मया देवि कथिता भुवि दुर्लभा ||
सदा गोप्या प्रयत्नेन यदि त्वं मम वल्लभा || ५६ ||
|| इति द्वितीये मुण्डमालातन्त्रे द्वितीयः पटलः || २ ||
अथ तृतीयः पटलः
देवी उवाच
स्थानासने देवदेव कथयानन्दसुन्दर |
सदाचार्यं विना येन सर्वमन्त्राः सुसिद्धगाः || १ ||
श्री-ईश्वर उवाच
नदीतीरे बिल्वमूले श्मशाने शून्यवेश्मनि |
महालिङ्गे पर्वते वा देवागारे चतुष्पथे || २ ||
शवस्योपरि मुण्डे वा जले वा कण्ठपूरिते |
संग्रामभूमौ योनौ तु स्थले वा विजने वने || ३ ||
यत्र कुत्र स्थले रम्ये यत्र वा स्यान्मनोरमम् |
स्थानं ते कथितं देवि आसनं कथ्यतेऽधुना || ४ ||
स्तम्भने गजचर्माऽथ मारणे माहिषं तथा |
मेषचर्म तथोच्चाटे खड्गीयं वश्यकर्मणि || ५ ||
विद्वेषे जाम्बुकं प्रोक्तं भवेद् गोचर्म शन्तिके |
व्याघ्राजिने सर्वसिद्धिर्ज्ञानसिद्धिर्मृगाजिने || ६ ||
वस्त्रासनं रोगहरं वेत्रजं विपुलश्रियम् |
कौशेयं पुष्टिकार्ये च कम्बलं दुःखमोचनम् ||
रक्तं वा यदि वा कृष्णं विशेषाद् रक्तकम्बलम् || ७ ||
निन्दितासनमाह -
वंशासने च दारिद्र्यं दौर्भाग्यं दारुजासने |
धरण्यां दुःखसम्भूतिः पाषाणे रोगसम्भवः || ८ ||
तृष्णासने यशोहानिरेतत् साधारणं स्मृतम् |
मृदुकम्बलमास्तीर्णं संग्रामे पतितं हि तत् || ९ ||
जन्तुव्यापादितं वाऽपि मृतं वा नवमासकम् |
गर्भच्युतत्वचं वापि नारीणां योनिजां त्वचम् || १० ||
सर्वसिद्धिप्रदं देवि सर्वभोगसमृद्धिदम् |
त्वचं वा योनिसंस्थायाः कुर्याद् वीरो रतासनम् || ११ ||
श्मशानकाष्ठघटितं पीठं वा यज्ञदारुजम् |
नाऽदीक्षितो विशेज्जातु कृष्णसारासने गृही || १२ ||
उदासीनवदासीनस्नातकब्रह्मचारिणः |
कुशाजिनाम्बरैः कार्यं चतुरस्रं समन्तन्तः || १३ ||
एकहस्तं द्विहस्तं वा चतुरङ्गुलमुच्छ्रितम् |
विशुद्ध आसने कुर्यात् संस्कारं पूजनं बुधः || १४ ||
भद्रासनं रोगहरं योगदं कौर्ममासनम् |
पद्मासनमिति प्राहुः सर्वैश्वर्यफलप्रदम् || १५ ||
एकं वीरासनं देवि सर्वसिद्धिप्रदं नृणाम् |
ऊर्ध्वपादौ स्थितौ देवि निरोधः परिमण्डितम् || १६ ||
पद्मासनेन देवेशि पातालगृहसंस्थितः |
सर्वासनानां श्रेष्ठं हि देवैरपि सुदुष्करम् || १७ ||
रात्रौ च योऽर्चयेद् देवीं धनवान् सुतवान् भवेत् |
पीठानां देवि सर्वेषां चतुर्द्धा पीठमुत्तमम् || १८ ||
उड्डीयानं महापीठं पीठानां पीठमुत्तमम् |
जालन्धरं महापीठं तथा पूर्णाचलं मतम् || १९ ||
पञ्चाशत्पीठमध्ये तु कामरूपं महाफलं |
कृते जालन्धरं ज्ञेयं त्रेतायां पूर्णपर्वतम् || २० ||
उड्डीयानं द्वापरे च कामरूपं कलौ युगे |
महाफलप्रदं लोके तत्क्षणात् सिद्धिदं महत् || २१ ||
जपपूजा बलिस्तत्र देवि लक्ष गुणो भवेत् |
बहुधा कथ्यते देवि किं तस्य गुणवर्णनम् ||
योनिरूपेण यत्रास्ते स्वयं कोटिगुणात्मिका || २२ ||
|| इति द्वितीये मुण्डमालातन्त्रे तृतीयः पटलः ||
अथ चतुर्थः पटलः
श्रीदेवी उवाच
केवलं बलिदानेन तुष्टा भवति चण्डिका |
कथितं पूर्वमस्मभ्यं प्रकाशं कुरु शङ्कर || १ ||
श्री-ईश्वर उवाच
अत्यन्तगुह्यं देवेशि विधानं बलिपूजनम् |
कथयामि वरारोहे सुस्थिरा भव सर्वदा || २ ||
दधि क्षीरं व्रतान्नं च पायसं शर्करान्वितम् |
पायसं क्षौद्रमांसं च नारिकेलं समोदकम् || ३ ||
शर्करं मेषखण्डं च आर्द्रकं सहशर्करम् |
रम्भाफलं लड्डुकं च भर्जितान्नं च पिष्टकम् || ४ ||
शालमत्स्यं च पाठीनं शकुलं चेकुटं तथा |
मद्गूरं च बलिं दद्यात् मांसं माहिषमेषकम् || ५ ||
पक्षिमांसं महादेवि डिम्बं नानासमुद्भवम् |
कृष्णछागं महामांसं गोधिकां हरिणीं तथा || ६ ||
जलजे मत्स्यमांसे च गण्डकीमांसमेव च |
नानाव्यञ्जनदग्धानि व्यञ्जनानि मधूनि च || ७ ||
ईषद् दग्धं घृतेनाक्तं निशायां दिवसेऽपि वा |
बलिं दद्यात् विशेषेण कृष्णपक्षे शुभे दिने || ८ ||
छागे दत्ते भवेद् वाग्मी मेषे दत्ते कविर्भवेत् |
महिषे धनवृद्धिः स्यात् मृगे मोक्षफलं भवेत् || ९ ||
दत्ते पक्षिणि ऋद्धिः स्यात् गोधिकायां महाफलम् |
नरे दत्ते महर्द्धिः स्यात् यतः सिद्धिरनुत्तमा || १० ||
ललाट - हस्त - हृदय - शिरो - भ्रू - मध्यदेशतः |
स्वहृदो रुधिरे दत्ते रुद्रदेह इवाऽपरः || ११ ||
चण्डालबलिदानेन महासिद्धिः प्रजायते |
सुरादानेन देवेशि महायोगीश्वरो भवेत् || १२ ||
सुरा तु त्रिविधा प्रोक्ता स्फाटिकी डाकिनी तथा |
काञ्चिकी च महादेवि कथिता भुवि दुर्लभा || १३ ||
स्फाटिकीदानमात्रेण धनवृद्धिरनुत्तमा |
डाकिनीदानयोगेन सर्ववश्यो भवेद् ध्रुवम् || १४ ||
काञ्चिकी सुरया देवि योऽर्चयेत् परमेश्वरीम् |
गुटिकाञ्जनस्तम्भादिमारणोच्चाटनादिभिः || १५ ||
महासिद्धीश्वरो भूत्वा वसेत् कल्पायुतं दिवि |
अर्घ्योदके महेशानि महासिद्धिरनुत्तमा || १६ ||
रक्तचन्दनबिल्वादिजवाकुसुमवर्वरैः |
अर्घ्यं दत्त्वा महेशानि सर्वकामार्थसाधनम् || १७ ||
सुरया चाऽर्घ्यदानेन योगिनीनां प्रियो भवेत् |
पुरः पात्रं घटस्याऽन्ते तदन्ते भोज्यपत्रकम् || १८ ||
तदन्ते वीरपात्रं च बलेः पात्रं तदन्तिके |
पाद्यार्घाचमनीयानां पात्राणि स्थापयेत् बुधः || १९ ||
महायोगी भवेद् देवि पीठप्रक्षालितैर्जलैः |
स्वयम्भूकुसुमे दत्ते भवेत् षट्कर्मभाजनम् || २० ||
सुशीतलजलैरर्घ्यं कस्तूरीकुङ्कुमान्वितैः |
कुण्डगोलोऽथ बीजैर्वा सर्वसिद्धीश्वरो भवेत् || २१ ||
सधवारतिसम्भूतं कुण्डमुत्तमभूतिदम् |
विधवारतिसम्भूतं गोलमृद्धिप्रदं भुवि || २२ ||
मूलमन्त्रेण देविशि आकृष्य निर्भयः शुचिः |
अर्घ्यं दद्यात् विशेषेण चक्रवातेन पूजिता || २३ ||
स्वयम्भूकुसुमं देवि त्रिविधं भुवि जायते |
आषोडशादनूढाया उत्तमा सर्वसिद्धिदा || २४ ||
रजोयोगवशादन्या मध्यमा सुखदायिनी |
बलात्कारेण देवेशि अधमा भोगवर्द्धिनी || २५ ||
कुमारीपूजने शक्तो नारीं स्वप्नेऽपि न स्मरेत् |
आकृष्य बद्धयोगेन गोलोऽथ पुष्पकं न्यसेत् || २६ ||
शुद्धं कुर्यात् प्रयत्नेन निर्भयः शुचिमानसः |
ताम्रपात्रे कपाले वा श्मशानकाष्ठनिर्मिते || २७ ||
शनिभौमदिने वाऽपि शरीरे मृतसम्भवे |
सुवर्णेऽप्यथ लोहे वा चक्रमर्च्यं यथाविधि || २८ ||
पुष्पाण्यपि तथा दद्याद् रक्तकृष्णसितानि च |
श्वेतरक्तं जवापुष्पं करवीरं तथा प्रिये || २९ ||
तगरं मल्लिका जाती मालती यूथिका तथा |
धुत्तूराशोकबकुलाः श्वेतकृष्णाऽपराजिताः || ३० ||
बकपुष्पं बिल्वपत्रं चम्पकं नागकेशरम् |
वह्निका झिण्टिका कञ्चिरक्तं यत् परिकीर्तितम् || ३१ ||
अर्कपुष्पं जवापुष्पं वर्वरं च प्रियंवदे |
अष्टम्यां तु विशेषेण सन्तुष्टा तस्य पार्वती || ३२ ||
अष्टम्यां च चतुर्दश्यां नानापुष्पैः समर्चयेत् |
पद्मपुष्पेण रक्तेन सन्तुष्टाः सर्वदेवताः || ३३ ||
कृष्णा वा यदि वा शुक्ला कालिका वरदा भवेत् |
श्मशानधुत्तरेणैव तुष्टा मधुमती परा || ३४ ||
श्मशानजातपुष्पेण सन्तुष्टा कालिका परा |
वन्यपुष्पैश्च विविधैः सन्तुष्टा पार्वती परा || ३५ ||
आमलक्यास्तु पत्रेण तुष्टा पुष्पेण पार्वती |
अष्टम्यां च चतुर्दश्यां नानापुष्पैः सदाऽर्चयेत् ||
श्मशाने रात्रिशेषे च शनिभौमदिने निशि || ३६ ||
|| इति द्वितीये मुण्डमालातन्त्रे चतुर्थः पटलः || ४ ||
अथ पञ्चमः पटलः
श्रीदेवी उवाच
रहस्यातिरहस्यं मे पुरश्चर्याविधिं प्रभो |
वदस्व यदनुष्ठानात् सर्वकामा भवन्ति हि || १ ||
श्री-ईश्वर उवाच
गृहीत्वा सद्गुरोर्दीक्षां शुभकाले दिवा निशि |
अधमो वैष्णवः प्रोक्तो मध्यमः शैवदीक्षितः || २ ||
परया दीक्षितो यो वै स एव परमो गुरुः |
चतुर्दशसहस्राणि सेवितो हरिहरात्मकः || ३ ||
ततो भवति देवेशि परापूजारतः पुमान् |
कायेन मनसा वाचा सुवर्णरजतादिभिः || ४ ||
सन्तोष्य परया भक्त्या गुरुं दीक्षां समाश्रयेत् |
पूर्वोक्तस्थानमासाद्य जपपूजां समाश्रयेत् || ५ ||
प्रातःकालं समारभ्य जपेन्मध्यदिनावधि |
प्रथमेऽहनि यज्जप्तं तज्जप्तव्यं दिने दिने || ६ ||
न्यूनाधिकं न जप्तव्यमासमाप्तं सदा जपेत् |
गते प्रथमयामे तु तृतीयप्रहरावधि || ७ ||
निशायां च प्रजप्तव्यं रात्रिशेषे जपेन्न च |
हविष्यं भक्षयेन्नित्यमेकवारं सुसंयतः || ८ ||
लघ्वाहारं प्रकुर्वीत युवतीपूजने रतः |
स्वस्त्रीमन्यस्त्रीयं वापि पूजयेत् सर्वपर्वसु || ९ ||
नाधमे सङ्गतिः कार्या सर्वप्राणिहिते रतः |
यस्य यावान् पजः प्रोक्तः तद्दशांशमनुक्रमात् || १० ||
तत्तद्द्रव्यैर्जपस्याऽन्ते होमं कुर्याद् दिने दिने |
होमस्य च दशांशेन तर्पणं प्रोक्तमेव च || ११ ||
तर्पणस्य दशांशेन शिरोमार्जनमिष्यते |
तद्दशांशेन विप्रेन्द्रान् कुर्वीत कुलकन्यकाः || १२ ||
सम्भोजयेत् प्रीतियुक्तैर्द्रव्यैर्नानाविधैरपि |
होमाद्यशक्तो देवेशि कुर्याच्च द्विगुणं जपम् || १३ ||
यदि पूजाद्यशक्तः स्यात् द्रव्यालाभेन सुन्दरि |
केवलं जपमात्रेण पुरश्चर्या विधीयते || १४ ||
दिव्यो वा यदि वा वीरो भुवि स्यात् साधकोत्तमः |
स्वेच्छाचारपरो भूत्वा एकान्ते सर्वदा जपेत् || १५ ||
मत्स्यमांसप्रदानेन शाक्तः कुर्यात् पुरस्क्रियाम् |
एकारात्रौ श्मशाने वा शवे वा प्रौढबालयोः || १६ ||
मयोक्तं भैरवीकल्पे विधानं वरवर्णिनि |
हस्तमात्रनिखाते वा कुण्डे वा विजने वने || १७ ||
वीराणां साधनं देवि कथितं भुवि दुष्करम् |
कुमारीपूजनादेव पुरश्चर्याविधिः स्मृतः || १८ ||
नानाजातिभवाः कन्या रूपलावण्यसंयुताः |
अत्यन्तप्रौढा बाला वा कोकिला वरदायिनी || १९ ||
नानाद्रव्यैः प्रियकरैः भक्ष्यभोज्यादिभिः शुभैः |
पूजयेत् परभावेन नानारूपमनोहराः || २० ||
भगिनी कन्यका वाऽपि दौहित्री वा कुटुम्बिनी |
मातृवर्जं सदा पूज्या नानाजातिसमुद्भवा || २१ ||
अथवाऽन्यप्रकारेण पुरश्चरणमिष्यते |
कृष्णां चतुर्दशीं प्राप्य नवम्यां तु महोत्सवे || २२ ||
सूर्योदयं समारभ्य यावत् सूर्योदयं भवेत् |
तावज्जप्ते महेशानि पुरश्चर्या विधीयते || २३ ||
कृष्णाष्टमीं समारभ्य यावत् कृष्णाष्टमी भवेत् |
सहस्रसंख्ये जप्ते तु पुरश्चरणमिष्यते || २४ ||
अष्टमीं नवमीं रात्रौ पूजां कुर्यात् विशेषतः |
दशम्यां पारणं कुर्यात् मत्स्यमांसादिभिः प्रिये || २५ ||
षट्सहस्रं जपेन्नित्यं भक्तिभावपरायणः |
चतुर्दशीं समारभ्य यावदन्या चतुर्दशी || २६ ||
तावज्जपेत् महेशानि पुरश्चरणमिष्यते |
केवलं जपमात्रेण मन्त्राः सिद्धा भवन्ति हि || २७ ||
विना होमादिदानेन विशेषात् पीठपूजने |
योनिपीठं महापीठं कामपीठं तथाऽपरम् || २८ ||
तयोरेकतरं पूज्यं रुद्रदेह इवापरः |
तीर्थे तिथिविशेषे च ग्रहणे चन्द्रसूर्ययोः ||
गुरोरनुग्रहे चैव दीक्षाकालः शुभः स्मृतः || २९ ||
|| इति द्वितीये मुण्डमालातन्त्रे पञ्चमः पटलः || ५ ||
अथ षष्ठः पटलः
अथ देवि प्रवक्ष्यामि गुप्तां त्रिभुवनेश्वरीम् |
यामाराध्य पुरा सर्वे भूतिभाजोऽभवन् सुराः || १ ||
ब्रह्मा रुद्रः सहस्राक्षो रमाशिवमनोभवाः |
शक्तिर्माया महेशानि विद्या वस्वक्षरा मता || २ ||
ऋषिर्ब्रह्मा विराट् छन्दो देवता लोकपावनी |
महामायेति विख्याता बीजं लक्ष्मीः प्रकीर्तितम् || ३ ||
माया शक्तिः कीलकं च शैवदेहमुदाहृतम् |
षडङ्गानि ततः कुर्यात् मायादीर्घेण संयुता || ४ ||
ध्यानं देवि प्रवक्ष्यामि सर्वैश्वर्यफलप्रदम् |
विद्युत् पुञ्जनिभां देवीं रक्तपद्मासने स्थिताम् || ५ ||
त्रिनेत्रां दिग्भवावासां पाणिविंशतिशोभिताम् |
पीत - रक्त - श्वेत - कृष्ण - धूम्र - पाटल - मौक्तिकम् || ६ ||
नील - पीत - विचित्राणि वर्णानि कथितानि वै |
खङ्ग - शूल - गदा - चक्र - शङ्ख - चाप - शराणि च || ७ ||
लसत्परिघशस्त्राढ्यमूषलं दाननिर्भयम् |
कर्तृमुद्रां तथा योगमुद्रां च दधतीं करैः || ८ ||
शक्तिशूलधरां देवी सर्वसिद्धिफलप्रदाम् |
पूजायन्त्रं प्रवक्ष्यामि षट्कोणं शक्तिसंयुतम् || ९ ||
षडष्टषोडशदलं पद्मं द्वारसमन्वितम् |
त्रिकोणे पूजयेद् देवीं मायां वाणीं हरिप्रियाम् || १० ||
रतिः प्रीतिः क्षमा पूज्या पुष्टिस्तुतिमनोहराः |
योगनिद्रा महानिद्रा महामाया महासुरी || ११ ||
महामुद्रा महास्वप्ना षड्दले पूजयेत् क्रमात् |
क्षेमङ्करी योगमुद्रा शरीराकर्षिणी तथा || १२ ||
लज्जा शान्तिर्लक्षणा च चपला शान्तिविग्रहा |
अष्टदले महेशानि वामावर्तेन पूजयेत् || १३ ||
विद्या च परमा विद्या महाविद्या महाबला |
सौम्या परमसौम्या च महासौम्या महापरा || १४ ||
कालरात्रिर्महारात्रिर्गायत्री च महाम्बिके |
प्रकृतिर्विकृतिर्मेघा विश्वरूपाः क्रमादिमाः || १५ ||
महातत्त्वा प्रमत्ता च उन्मदा मन्दगामिनी |
महाप्रह्लादा बगला पूजयेद् विधिना तथा || १६ ||
जपमुण्डां महोग्रां च भीमाद् भीमकपालिकाम् |
अट्टाट्टहासिनीं नित्यां हर्षेणाऽविह्वलां तथा || १७ ||
विकटा बहुरूपा च महारूपा महाप्रदा |
घोररावा महानित्या महामञ्जुलभासिनी || १८ ||
सर्वदा सुन्दरी पूज्या अपरत्र क्रमात् प्रिये |
इन्द्रादयस्ततः पूज्याः पूर्वादिदिग्विदिक्षु च || १९ ||
चतुर्द्वारे ततः पूज्या भगक्लिन्ना भगाक्षरा |
भगदेवी भगाक्षी च विधिना वामवर्त्मना || २० ||
एवं संपूज्य तां देवीं चतुर्लक्षं मनुं जपेत् |
होमादिविधिना कुर्यात् दशांशात् क्रमतः प्रिये || २१ ||
अनया विद्यया देवि महासिद्धीश्वरो भवेत् |
धनवान् पुत्रवान् वाग्मी सुधी भोगी महाबलः || २२ ||
राज्यलक्ष्मीमवाप्नोति देवीपुत्रः सदैव हि |
भुवनेशी भगवती वह्निजायान्वितो मनुः || २३ ||
सप्ताक्षरो महेशानि सर्वसिद्धिफलप्रदः |
स्वर्णपद्मनिभां देवीं सर्वालङ्कारभूषिताम् || २४ ||
क्षौमवासां त्रिनयनां शैलसिंहसमाश्रिताम् |
अथवा सिंहशैलौ च इन्द्रादिरथदेवताः || २५ ||
एवं ध्यात्वा जपेत् पूर्वं समस्तं हि समाहितः |
सर्वकालं तु तज्जप्यं मन्त्रं सर्वसमृद्धिदम् || २६ ||
शिववामेन संयुक्तं श्रोत्रेन द्वितयं प्रिये |
ब्रह्मामुखेन संयुक्तो द्विरावृत्तमनुक्रमात् || २७ ||
नयनेन समायुक्तः शक्रान्विततया गतः |
हृदायुक्तो मनुरयं सर्वविद्याफलप्रदः || २८ ||
बीजं शक्तिः कीलकं च आद्यन्तमध्ययोगतः |
षड्दीर्घबीजादेव षडङ्गानि प्रकल्पयेत् || २९ ||
कालीं करालवदनां नरमालाविभूषिताम् |
चतुर्हस्तां त्रिनयनां शशमांसकराम्बुजाम् || ३० ||
कपालचित्रखट्वाङ्गधारिणीं भीमनादिनीम् |
करिचर्मपरीधानां शुष्कमांसातिभैरवाम् || ३१ ||
त्रैलोक्यग्रसमानास्यां जिह्वाद्वितयभीषणाम् |
निमग्न - वर्तुलाऽऽरक्त - नयन - त्रय - धारिणीम् || ३२ ||
एवं ध्यावा यजेद् देवीं कुलपीठे मनोहरे |
त्रिकोणं चतुरस्रं तु षट्कोणं नवकोणकम् || ३३ ||
वृत्तं दलाष्टमथवा चतुरस्रं लिखेत् बुधः |
त्रिकोणे पूजयेद् देवीं प्रचण्डां चण्डनायिकाम् || ३४ ||
चण्डकालीं च चण्डालीं प्रचण्डां कालनायिकाम् |
खट्वां मत्तां क्रमाद् देवि पूजयेद् विधिना पथा || ३५ ||
जयतुण्डां महोग्रीं च भीमां भीमकपालिकाम् |
अट्टाट्टहासिनीं नित्यां प्रगल्भां घोररूपिणीम् || ३६ ||
शुष्कभीमां जपेद् देवि वसुकोणे परात्मिके |
अतिकालीं महाकालीं महानित्यां महाभयाम् || ३७ ||
विचित्रां चित्ररूपां च भीमनादनिनादिनीम् |
महाघोरां यजेद् देवि दलान् दिक्षु विदिक्षु च || ३८ ||
इन्द्रादयस्ततः पूज्या लक्षमन्त्रं सदा जपेत् |
इयं सा षोडशी प्रोक्ता त्रिशक्तिरभिधीयते || ३९ ||
तारं कान्तं युवतिस्थं वारुणं भौतिकं तथा |
सेचनीये द्वयं कूर्चं फट् स्वाहा च तथा परे || ४० ||
वेदाद्याब्जवै (?) रोचनीये सर्वपदं तथा |
बुद्धिभावं तथाङीय रुद्रवत् परिकीर्तितम् || ४१ ||
वन्दनीयः शिवः षष्ठः स्वरमर्त्यसमन्विताम् |
नादबिन्दुयुतां द्वन्द्वं फट् स्वाहा तदनन्तरम् || ४२ ||
सप्तविंश[अक्षरयुता] महाविद्या प्रकीर्तिता |
ओं लज्जां त्रपां मेधां हुं फडित्युग्रतारिका || ४३ ||
ओं माया श्रीं हुं अस्त्रान्तमित्येकजटामन्त्रः |
रकारं प्रथमं रेफचतुर्दशस्वरान्वितम् || ४४ ||
पुटितान्तेन कर्तव्यं परापरफलप्रदम् |
अस्त्रहीनमिदं नीलसरस्वत्या विनिर्दिशेत् || ४५ ||
कामाख्यायास्तु ह्रां ह्रीं ह्रूं त्रिपुरं समुदाहृतम् |
नारसिंहस्ततः श्वन्तं शुद्धं कुर्यात्तमेव च || ४६ ||
ईं ईङ्कारिणीमाख्याता त्रिबीजं मन्त्रमुत्तमम् |
तुर्यमष्टोत्तरमथवा ? पुनरुत्तरम् || ४७ ||
इति भगवति वैष्णवीति पदं ततः |
सुभगे वह्निजायान्तं मन्त्रमेवं प्रकीर्तयेत् || ४८ ||
इन्द्रबीजं समुच्चार्य षष्ठस्वरसमन्वितम् |
वाराही शक्रबीजं च पञ्चस्वरविभूषितम् || ४९ ||
ओं तुष्यतु भैरवीपदं चरणाय नमोक्तिकम् |
वाराह्या इति विख्याता दुर्लभा शत्रुमारणे || ५० ||
ब्रह्मा वह्निसमारूढः चतुर्थस्वरसंयुतः |
नादबिन्दुसमायुक्तस्त्रिशूलीकृतविग्रहः || ५१ ||
कृच्छ्रं शिवायुग्मं नामाक्षरसमायुतम् |
वाग्बीजवह्निवनिता दक्षिणाया द्विविंशतिः || ५२ ||
ह्रीं स्वरत्रैपुरा केवलाया इहेत्यपि |
हन्ति पिशाचिनी चैव त्रिभाषां तदादितः || ५३ ||
उच्छिष्ठगणनाथस्य मन्त्रोऽयं सर्वदाकृतः |
एतासामपि देवीनां जषहोमे च तर्पणे || ५४ ||
स्वेच्छाविरचितं रत्ने तत्त्वबोधनिरोधने |
देवतागुरुमन्त्राणामैक्यमावश्यकारिणः || ५५ ||
श्रद्धया जायते सिद्धिरिह लोकेऽपरत्र च |
नित्यमध्यात्मयोगे च स्थिरात् सिद्धिमवाप्नुयात् || ५६ ||
सर्वान् कामानवाप्नोति दिव्यान् भोगान् रसातलान् |
शृणु देवि प्रवक्ष्यामि म्हाविद्यां महाकलाम् || ५७ ||
नादबिन्दुसमायुक्तमाद्यबीजमुदाहृतम् |
वान्तनेत्रेण संयुक्तं पान्तेन सहितं प्रिये || ५८ ||
नादबिन्दुसमायुक्तं द्वितीयं बीजमुत्तमम् |
सर्वैश्वर्यप्रदे वह्निजायान्तो मनुरुत्तमः || ५९ ||
ऋषिः सदाशिवोऽस्यास्तु गायत्रीच्छन्द उच्यते |
देवता शुम्भमथनी सर्वदेवनमस्कृता || ६० ||
आद्यबीजेन देवेशि षड् दीर्घेण षडङ्गकम् |
आद्यन्तबीजयोगेन बीजशक्तिशरीरकाम् || ६१ ||
ध्यायेद् देवीं त्रिनयनां फुल्लेन्दीवरलोचनाम् |
पक्वबिम्बसमानाङ्गीं चारुचन्द्रनिभाननाम् || ६२ ||
अष्टादशभुजां नित्यां सिंहपृष्ठसमाश्रिताम् |
कोटिकोटिगणैरर्च्या पाशाङ्कुशधनुःशरान् || ६३ ||
शङ्खचक्रगदापद्मघण्टामुद्गरपट्टिशान् |
चर्मखड्गं महायष्टिं कपालकर्कशान् शरान् || ६४ ||
अथवा पाणिशतशः प्रहारैरतिसंयुताम् |
त्रिकोणान्तरषट्कोणे दलाष्टपरिशोभिते || ६५ ||
पद्मे त्रिकोणमध्ये तु सिद्धर्धिककला लता |
षट्कोणे पूजयेद् देवीं कालीं चण्डां प्रचण्डिकाम् || ६६ ||
इच्छापूर्तिमहाभीमां शिवानीं वामवर्त्मना |
अथाऽष्टदलमध्ये तु ब्राह्यादिमातरः क्रमात् || ६७ ||
ब्राह्मी माहेश्वरी स्कान्दी वैष्णवी शांकरी तथा |
नारसिंही तथा चैन्द्री शिवदूती प्रभेदतः || ६८ ||
यथावर्णयथाशस्त्रधारिण्यो योगिनीगणाः |
इन्द्रादयस्ततः पूज्या द्वारे नन्दिमहाबलौ || ६९ ||
पराजयो जयश्चैव पुष्पाञ्जलित्रयैर्यजेत् |
पञ्चलक्षं जपेन्मन्त्रं तद्धोमादि दशांशतः || ७० ||
अनया सदृशी विद्या त्रिलोकेषु सुदुर्लभा |
केवलं त्वत्प्रयत्नेन कथिता कुलसुन्दरि || ७१ ||
क्रमात् विद्या महेशानि समस्तायां हि पूजयेत् |
न किञ्चित् दुर्लभं तस्य त्रिषु लोकेषु विद्यते || ७२ ||
इह लोके सुखं सर्वं देवीगणमथाऽन्यतः |
गोप्तव्यं तत् प्रयत्नेन यस्मै कस्मै न विन्यसेत् || ७३ ||
|| इति द्वितीये मुण्डमालातन्त्रे षष्ठः पटलः || ६ ||
समाप्तश्चायं ग्रन्थः
Die wichtigsten Mantras und Namensanrufungen
Om Namah Shivaya
ॐ नमः शिवाय ॥
oṃ namaḥ śivāya
„Om. Verehrung Shiva.“ Diese vollständige Anrufung steht vor dem ersten Vers von Text II. Sie richtet den Geist auf Shiva, das Heilvolle. Hier wird eine tatsächlich ausgeschriebene Formel wiedergegeben, keine aus Geheimbezeichnungen ergänzte Silbenfolge.
Der Name Durga
दुर्गा दुर्गा दुर्गा
durgā durgā durgā
„Durga, Durga, Durga.“ Text I.3.52 bezeichnet Durgas Namen ausdrücklich als höchsten Mantra. Der Vers enthält die Zitierpartikel iti in der Form durgā durgeti durgeti; sie gehört zur Aussage „Durga, so [spricht man]“ und wird nicht als Bestandteil des Gottesnamens wiederholt. Die obige Namensreihe gibt den genannten Namen dreimal wieder und bildet daraus keinen zusätzlichen, angeblich geheimen Mantra.
Rudra-Gayatri
ॐ तत्पुरुषाय विद्महे महादेवाय धीमहि ।
तन्नो रुद्रः प्रचोदयात् ॥
oṃ tatpuruṣāya vidmahe mahādevāya dhīmahi |
tanno rudraḥ pracodayāt ||
„Om. Den höchsten Purusha wollen wir erkennen; über Mahadeva wollen wir meditieren. Möge Rudra uns dazu anregen.“ Die Formel steht zusammenhängend über II.2.42–43 verteilt. Sie verbindet Erkenntnis, Meditation und die Bitte um innere Ausrichtung. Die Devanagari-Schreibung ist hier für die lesbare Darstellung der zusammengehörenden Formel vereinheitlicht; der vollständige Devanagari-Abschnitt bewahrt die Textfolge.
Meditative Erkenntnisworte
सोऽहम् — so'ham — „Ich bin Das“ (I.2.36).
शिवोऽहम् — śivo'ham — „Ich bin Shiva“ (I.2.38 und 43).
Diese Worte erscheinen als Inhalte der inneren Vergegenwärtigung. Sie sind hier deshalb als Erkenntnisworte aufgeführt, nicht als unabhängig überlieferte vollständige Einweihungsformeln. Die Einsicht betrifft das tiefste Selbst, nicht die Überhöhung der persönlichen Meinung oder des individuellen Willens.
Zu verschlüsselten Mantras
Text II, Kapitel 6, vermittelt zahlreiche Silben durch Chiffren wie „Feuersgattin“, „Auge“, „Maya“ oder „Indra“. Mehrere Stellen sind beschädigt. Solche Angaben werden in der Übersetzung erklärt, aber nicht zu vermeintlich vollständigen Mantras zusammengesetzt. Auch die unsicher überlieferten Sadyojata- und Ishana-Formeln aus II.2 werden hier nicht als fehlerfreie Rezitationsvorlagen empfohlen.
64 besonders inspirierende Verse des Mundamala Tantra
Diese Auswahl bietet vollständige deutsche Versübertragungen aus beiden Mundamala-Texten. Sie ist eine spirituelle Lesehilfe; das Gesamtwerk enthält daneben weitere, auch widersprüchliche Themen. Die Zuordnung zu den Originalstellen steht gesammelt in der Konkordanz.
Göttliche Wirklichkeit, Guru und Befreiung
1. Eine ist Durga, große Herrin, einer ist der Gott Sadashiva. Ich bin der eine Gott Shiva; ein anderer Gott besteht keineswegs unabhängig davon.
2. Sie, Bhavani, ist meine Gefährtin. Diese Erkenntnis soll man stets gewinnen; dann entstehen Vollendung und unerschütterliche Hingabe.
3. Ohne Erkenntnis erkenne ich auf Erden die höchste Wirklichkeit nicht. Daher soll jeder Verständige die höchste Erkenntnis pflegen.
4. Allein durch die Erkenntnis dieser Göttinnen wird man zu Lebzeiten frei. Der Übende wiederhole den Mantra auf Erden mit immer erneuerter Hingabe.
5. Welcher Gelehrte überquert das Dasein ohne Erkenntnis Durgas? Wer erkennt die höchste Wirklichkeit, wer den umfassenden Zustand?
6. Wer, Weltenmutter und siegbringende Weltenherrin, in innerer Mitte Parvatis Wirklichkeit erkennt, erhält keinen neuen Körper mehr.
7. Zuerst verehre man den Guru, dann vollziehe man die höchste Praxis. Wer sich der wirkenden Kraft widmet, erlangt Anteil an allem.
8. Durga und ich haben keinen Ursprung, Weltenmutter. Andere Wesen im Himmel und auf Erden haben einen.
9. Der eine Guru ist unmittelbar Shiva; der Guru verwirklicht alle Ziele. Der Guru ist die höchste Wirklichkeit, die ganze Welt ist von Guru erfüllt.
10. Man vergegenwärtige sich geistig die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra: Dann wird der Mantra wirksam. Offenlegung hingegen bringt Verlust.
11. Der Guru erschafft, bewahrt, löst auf und schenkt Befreiung. Das Lebewesen ist Shiva, Shiva ist Gott; das lebendige Wesen ist letztlich allein Shiva.
12. Durch Fesseln gebunden heißt es Jiva; von Fesseln frei ist es Sadashiva. Man verneige sich vor den Lotosfüßen des Gurus und meditiere über seine Sandalen.
13. Wer die höchste Wirklichkeit erkennt und Kula-Chandika verehrt, hat sein Ziel erreicht: Er ist gesegnet, dankbar und weise.
14. Sie trägt alles, ohne selbst getragen zu werden; sie ist siegreich und schenkt Sieg. Mahamaya gilt in zweifacher Weise: mit Eigenschaften und ohne Eigenschaften.
15. Mit Maya verbunden heißt sie eigenschaftshaft, frei davon eigenschaftslos. Ist die Göttin eigenschaftshaft, ist auch Sadashiva eigenschaftshaft.
16. Bist du eigenschaftslos, Mahamaya, bin auch ich eigenschaftslos, ohne Zweifel. Du bist die eigenschaftslose Shakti, und ich bin eigenschaftslos.
17. Wer die Göttin mit Eigenschaften verehrt, gelangt bald selbst über die Eigenschaften hinaus: zum höchsten Brahman, das jenseits der Gunas, wunschlos und ohne Farbe ist.
18. Eben diese höchste Vidya nimmt Gestalten wie Kali an. Zum Wohl der Übenden und aus Gnade für die Shaktas erscheint die höchste Vidya mit Eigenschaften.
Hingabe und gelebte Praxis
19. Unter den Shaktas gelten nicht nur Brahmanen, sondern auch Kshatriyas, Vaishyas und sämtliche Shudras als Brahmanen, Chandika.
20. Durch Vergegenwärtigung Durgas wird man zweifellos Durga. Wie Shiva, so Durga; diejenige, die Durga ist, ist Shiva selbst.
21. Wer hier eine Trennung macht, ist ein Mensch von verwirrtem Verständnis. Man vergegenwärtige sich die Einheit von Vishnu, Shiva und den anderen Gottheiten.
22. Keine Erkenntnis und keine Askese gleicht derjenigen Durgas. Wo Durgas Wirken gegenwärtig ist, dort steht der Tempel des Kailasa.
23. Vor Kali mit furchtbarem Angesicht und Schädelgirlande verneige man sich hingebungsvoll und verehre sie als Haras Geliebte.
24. Im Sahasrara meditiere man Mahadeva, den blaukehligen Sadashiva, mit Shakti vereint, den selbst Brahma und andere geheim verehren.
25. Mit solcher höchsten, ewigen, unveränderlichen und herzerfreuenden Erkenntnis soll das Lebewesen stets auf Erden wandeln.
26. Mit Fußwasser, Ehrenwasser, Mundspülwasser und weiteren Gaben verehre man die höchste Herrin. Ein solcher Mensch gilt als immer glückselig und als Verwirklicher aller Dharma-Ziele.
27. Wer sich in Hingabe und tätiger Verehrung vor Kalika verneigt, erlangt als Lebewesen Shiva-Sein: Wahrlich, wahrlich, ohne Zweifel.
28. Nach dieser Ordnung wiederhole der Verständige den Mantra und meditiere. Bald erlangt ein solcher Mensch Shiva-Sein.
29. Die Praxis soll beständig vollzogen werden. Durch tätige Übung erlangt man höchste Vollendung und stetige Reinheit; darum soll man sie nicht aufgeben.
30. Wer Kalika mit einer solchen gemischten Praxis verehrt, erfreut die Weltenmutter, die den Weg zur Befreiung eröffnet.
31. Genuss liegt dann in seiner Hand, ebenso Befreiung. Was könnte durch die Gnade des Göttinnenmantras auf Erden nicht gelingen?
32. Für Götter, Asuras und Kinnaras sind die Lotosfüße Tarinis Zuflucht; sie schenken Befreiung, Parvati.
Innere Verehrung und Selbsterkenntnis
33. Durch Karma gebunden heißt das Wesen Jiva; vom Karma befreit ist es Sadashiva. Das schmerzliche Erleben der Karmafolgen ist die größte Krankheit der Lebewesen.
34. Man erkenne die höchste Wirklichkeit: Erkenntnis ist das einzigartige Mittel zur Befreiung. Durch höchste Einsicht erlangt das Lebewesen Shiva-Sein.
35. Wer im schönen Sahasrara das Verweilen der Weltenmutter und ihre Vereinigung mit Sadashiva vollzieht, ist weise.
36. Links liegt die Nadi Ida; in ihr befindet sich der Mond. Rechts liegt Pingala; in ihr befindet sich die Sonne.
37. In der Mitte liegt Sushumna, in ihr die schöne Brahmanadi. Wer den mittleren Raum erschließt, wird zum Überwinder des Todes.
38. Mit Geist, Einsicht und Körper vergegenwärtige man dort Chandika; in dieser Meditation vollziehe man Japa und Verehrung.
39. Wer auf diese Weise beständig und freudig meditiert, erlangt Vollendung und unwandelbare Befreiung.
40. Weder Meditation, äußere Verehrung noch Lobpreis ist selbst die letzte Wirklichkeit. Man verehre die Weltenmutter mit Blumen, die im Geist entstehen.
41. Wo immer ein Wissender stirbt, dort erlangt er Befreiung. Heilige Frucht und Verdienst entstehen aus dem Erinnern Durgas.
42. Wie mit Milch vermischtes Wasser als Milch erscheint, so besteht letztlich kein Unterschied zwischen individuellem und höchstem Selbst.
43. so wird das Selbst, der höchste Shiva, weder geboren noch stirbt es. Durch Selbsterkenntnis wird die Überquerung des Daseinsozeans möglich.
44. »Durga, Durga, Durga«: Durgas Name ist ein höchster Mantra. Wer ihn beständig verehrt, ist als Mensch schon zu Lebzeiten befreit, Chandika.
45. Das Wirken Kalis, Taras, Tripuras, Bhairavis und Bhuvaneshvaris schenkt Befreiung, Schöne.
46. Japa gilt Parvati, Verehrung ihren Füßen, Zuflucht der Göttin Parvati. Ihre Füße beenden das gebundene Dasein.
47. Sie heißt Kali, weil sie die Zeit beherrscht und furchtbare Feinde vernichtet. Wer ihre Füße verehrt, wird gewiss ein Kind der Göttin.
48. Im Herzenslotos vergegenwärtige man Durga, die Göttin, die Not vernichtet: furchtbar, mit schrecklichen Hauern, mit einer Schädelgirlande geschmückt,
49. Dann verneige man sich hingebungsvoll vor Sadashiva. So erlangt man Vollendung, sonst nicht in Millionen Weltaltern. Was bedarf es vieler Worte? Durch Hingabe an den Guru gelingt es.
Göttliche Gegenwart und Mitgefühl
50. Lobpreis ist Durga, Denken ist Durga, Bestand ist Durga und Sadashiva. Hunger, Schlaf, Mitgefühl, Verwirrung und Geduld sind Durga, aus der der Weg hervorgeht.
51. Shakti ist Shiva, Shiva ist Shakti. Shakti ist Brahma, Vishnu, Sonne, Mond, Kubera und Varuna.
52. Shiva ist Herkunft, Körper, Dharma und Liebesfreude. Shiva erschafft, bewahrt und löst auf; alles trägt Shivas Wesen.
53. Shiva ist Einsicht, Frieden, Weg und Denken. Shiva ist Handeln, Kraft und Befreiung, deren Wesen Shiva ist.
54. Kshatriya, Vaishya, Shudra oder Chandala: Alle Shaktas sind gleich. Dies ist ein Mittel zur Verwirklichung aller Ziele.
55. allein durch dieses Liebeswort gelangen Menschen zum guten Ziel. Frauen sind Göttinnen, Frauen sind Lebenskräfte, Frauen sind wahrer Schmuck.
56. Frauenhass soll niemals geübt werden. Schmähung und Schlagen von Frauen sind zu unterlassen; dabei sei man frei von Abscheu und falscher Scham.
57. wird die große Vidya sehr erfreut; durch Japa entsteht Vollendung. Aus Japa entstehen Hingabe, Genuss, Befreiung und tätige Praxis.
58. Durch Japa erschließen sich Tantra, Mantra und Yantra; daraus entstehen Ausstrahlung, Frieden, Vertrauen und Mitgefühl.
59. Durch Japa entstehen Zufriedenheit, Gedeihen, Weg, Verständnis, Einsicht, Wohlstand, Geburt und Bestand. Aus Japa kommt Frieden, Frieden, Frieden, ohne Zweifel.
60. Der Körper aller Lebewesen ist wahrhaft das Weltenei. Die Eigenschaften, die im Kosmos bestehen, bestehen auch im Körper.
61. doch wenn Einheitswissen entsteht und man Beweglichem wie Unbeweglichem mit gleicher Gesinnung begegnet, erlangt man Vollendung.
Vertrauen und Beständigkeit
62. Shiva sprach: Gottheit, Guru und Mantra soll man als eins vergegenwärtigen. Der Mantra ist der Guru; der Guru ist die Gottheit.
63. Fehlen die Mittel für Verehrung und weitere Riten, Schöne, kann die vorbereitende Übung allein durch Japa vollzogen werden.
64. Durch vertrauende Hingabe entsteht Vollendung in dieser Welt und jenseits. Durch Beständigkeit im fortwährenden Yoga des inneren Selbst erlangt man Vollendung.
Konkordanz der 64 Verse
1: I.1.19; 2: I.1.20; 3: I.1.21; 4: I.1.25; 5: I.1.32; 6: I.1.34; 7: I.1.35; 8: I.1.36.
9: I.1.40; 10: I.1.43; 11: I.1.51; 12: I.1.52; 13: I.1.53; 14: I.1.58; 15: I.1.59; 16: I.1.60.
17: I.1.61; 18: I.1.62; 19: I.2.6; 20: I.2.16; 21: I.2.17; 22: I.2.19; 23: I.2.34; 24: I.2.40.
25: I.2.45; 26: I.2.46; 27: I.2.47; 28: I.2.49; 29: I.2.50; 30: I.2.70; 31: I.2.71; 32: I.2.72.
33: I.3.18; 34: I.3.22; 35: I.3.23; 36: I.3.25; 37: I.3.26; 38: I.3.31; 39: I.3.32; 40: I.3.34.
41: I.3.36; 42: I.3.40; 43: I.3.42; 44: I.3.52; 45: I.3.57; 46: I.3.59; 47: I.3.60; 48: I.3.62.
49: I.3.67; 50: I.4.38; 51: I.4.39; 52: I.5.11; 53: I.5.12; 54: I.5.38; 55: I.5.42; 56: I.5.43.
57: I.5.68; 58: I.5.69; 59: I.5.70; 60: I.6.43; 61: I.6.135; 62: II.1.6; 63: II.5.14; 64: II.6.56.
Fünf Lehren des Mundamala Tantra für Aspiranten
1. Gestalt kann zum Grenzenlosen führen
Die Unterscheidung von saguṇa und nirguṇa in I.1.55–62 erklärt, warum die liebevolle Verehrung einer Göttinnengestalt mit der Suche nach dem höchsten Brahman vereinbar ist. Entscheidend ist, die Gestalt mit Bewusstsein zu erfüllen. Ein Bild der Devi kann die Aufmerksamkeit sammeln, ohne das Göttliche auf dieses Bild zu begrenzen.
2. Befreiung betrifft die Fesseln, nicht den Wert des Wesens
I.1.52 und I.3.18 vergleichen den gebundenen Jiva mit dem befreiten Sadashiva. Das Wesen muss seine tiefste Wirklichkeit nicht erst herstellen. Es gilt, Bindung zu erkennen und ihre Macht zu lösen. Für Aspiranten kann daraus zugleich Demut und Zuversicht wachsen: Schwierigkeiten der Praxis widerlegen nicht die Möglichkeit von Selbstverwirklichung.
3. Japa lebt von Beziehung und Beständigkeit
Die Einheit von Guru, Gottheit und Mantra verbindet das Üben mit seinem Ursprung und Ziel. II.5.6 fordert eine gleichbleibende tägliche Wiederholungszahl; II.6.56 hebt vertrauende Hingabe und Beständigkeit hervor. Ein Mantra soll nicht nur gezählt, sondern mit wacher Hinwendung wiederholt werden.
4. Einfachheit kann die Praxis tragen
II.5.14 erlaubt ausdrücklich Japa als vollständige vorbereitende Übung, wenn die Mittel für aufwendigere Verehrung fehlen. Damit erhält die innere Bereitschaft Gewicht. Wenig äußere Ausstattung ist kein Grund, die Praxis aufzuschieben. Diese Aussage hebt die übrigen Rituale des Textes nicht auf, öffnet aber einen eigenständigen einfachen Zugang.
5. Spirituelle Ausrichtung soll dem Leben zugutekommen
II.5.10 fordert, dem Wohl aller Lebewesen zugewandt zu sein; I.5.43 untersagt Frauenhass und Gewalt gegen Frauen. Dieser Satz gibt einer heutigen Lektüre einen klaren ethischen Bezugspunkt. Er ist neben den widersprüchlichen Gewalt- und Machtpassagen ernst zu nehmen. Wer die Göttliche Mutter verehrt, kann seine Hingabe im Alltag durch Mitgefühl, Rücksicht und verantwortliches Handeln ausdrücken.
Fünf Tipps für die Praxis mit dem Mundamala Tantra
Die folgenden Vorschläge sind heutige Anwendungen ausdrücklich benannter Textgedanken. Sie ersetzen keine traditionsgebundene Einweihung und übernehmen keine Opfer-, Zwangs- oder Schadensrituale.
1. Eine kleine tägliche Japa-Zeit wählen
Lege eine überschaubare Zeit fest, etwa fünf bis zehn Minuten. Wiederhole einen dir vertrauten Mantra oder den im Text gepriesenen Namen Durga. Bleibe bei einem verlässlichen Rhythmus, ohne die großen Ritualzahlen der Schrift als persönliche Mindestanforderung zu übernehmen. Grundlage: I.3.52; I.5.68–70; II.5.6 und 14.
2. Eine geistige Blume darbringen
Setze dich ruhig hin und stelle dir eine Blume im Herzen vor. Bringe sie der Göttlichen Mutter mit einem einfachen inneren Gruß dar. Verweile danach einen Moment still. Die Vorstellung knüpft an die geistigen Blumen in I.3.34 an; konkrete Dauer und Gestaltung sind eine heutige Anwendung.
3. Klang, Bedeutung und Hinwendung verbinden
Erinnere dich vor dem Japa an die Quelle deiner spirituellen Unterweisung. Vergegenwärtige dir dann die Bedeutung oder Gottesgestalt deines Mantras. Höre während der Wiederholung aufmerksam zu. So wird die Lehre von Guru, Mantra und Gottheit aus II.1.6 zu einer konkreten Übung der Sammlung.
4. Einen Vers langsam durchdenken
Lies beispielsweise I.1.52 oder I.3.42. Frage dich: Welche Gewohnheit bindet meine Aufmerksamkeit gerade? Was verändert sich, wenn ich Gedanken und Gefühle wahrnehme, ohne mich vollständig mit ihnen gleichzusetzen? Kehre anschließend zur ruhigen Gegenwart zurück. Die Fragen sind Meditationshilfen, keine weiteren Aussagen des Sanskritverses.
5. Die Verehrung durch eine hilfreiche Handlung ergänzen
Wähle täglich eine kleine Handlung, die einem Lebewesen zugutekommt: aufmerksam zuhören, verlässlich helfen oder auf verletzende Worte verzichten. Verbinde dies mit der Erinnerung an II.5.10. So erhält Bhakti eine im Alltag erkennbare Gestalt.
Ergänzende Meditation
Die folgende heutige Meditation arbeitet mit drei Chakras. Sie ergänzt die Beschäftigung mit innerer Sammlung, ohne den Anspruch zu erheben, ein Ritual dieses Tantra wiederzugeben.
Spirituelle Bedeutung des Mundamala Tantra

Die Mundamala-Texte stellen den Menschen in einen großen Zusammenhang: Er ist verkörpertes Wesen, Träger von Lebenskräften, Handelnder unter den Bedingungen des Karma und zugleich auf die Erkenntnis seiner tiefsten Wirklichkeit hin geöffnet. Befreiung bedeutet in ihren nichtdualen Lehrpassagen, dass die Fessel ihre Bestimmungsmacht verliert. Der Vergleich von ungeschältem und geschältem Reis macht den Gedanken anschaulich: Die Hülle verändert den Zustand, nicht die grundsätzliche Zugehörigkeit des Korns zu seiner Natur.
Die Göttliche Mutter erscheint als mächtig, schön, schrecklich, rettend und wissensförmig. Keine einzelne dieser Gestalten erschöpft sie. Shiva ist ihr nicht als ein unabhängig abgeschlossenes Gegenprinzip gegenübergestellt. Die Texte lassen Verehrung und Erkenntnis ineinandergreifen: Der Mensch wendet sich der Göttin zu und wird zugleich aufgefordert, die Trennung zwischen dem verehrten Göttlichen und dem tiefsten Selbst zu untersuchen.
Dabei bleibt die Schrift spannungsreich. Sie enthält sowohl die Hinwendung zum Wohl aller Lebewesen als auch die Suche nach Macht über andere; sowohl anspruchsvolle Rituale als auch die Möglichkeit schlichten Japa; sowohl soziale Abgrenzung als auch ihre Überschreitung. Eine geistlich fruchtbare Lektüre hält diese Unterschiede offen. Sie entnimmt dem Text nicht wahllos jede Handlung als Gebot, sondern prüft mit Viveka, welche Einsichten die eigene Hingabe, Wahrhaftigkeit und verantwortliche Praxis vertiefen.
Für heutige Aspiranten kann darin die bleibende Einladung liegen: den Gottesnamen mit Aufmerksamkeit zu wiederholen, die Verehrung ins Herz zu verlegen, die eigene Bindung zu erkennen und die gewonnene Ruhe in mitfühlendes Handeln zu verwandeln. So wird die Begegnung mit einer alten tantrischen Schrift zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit Sadhana, Erkenntnis und Liebe.
Siehe auch
- Kulacudamani Tantra
- Kularnava Tantra
- Niruttara Tantra
- Yogini Hridaya
- Nitya Shodashikarnava
- Vamakeshvara Tantra
- Kubjikamata Tantra
- Manthana Bhairava Tantra
- Brahma Yamala
- Tantrasadbhava
- Vijnana Bhairava Tantra
- Tantraloka
- Tantrasara
- Shiva Sutra
Literatur und Weblinks
- Muṇḍamālātantram 1, herausgegeben von Rasika Mohana Chattopadhyaya (rasika mohana caṭṭopādhyāya), Kalkutta; elektronische Ausgabe des Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00537, Revision vom 19. September 2021. Die Katalogangaben nennen kein Erscheinungsjahr der zugrunde liegenden Druckausgabe.
- Muṇḍamālātantram 2, derselbe Herausgeber und Erscheinungsort; elektronische Ausgabe des Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00538, Revision vom 19. September 2021. Auch hier ist kein Druckjahr angegeben.
- Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev, ergänzendes modernes Meditationsangebot.
- Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev, ergänzendes modernes Meditationsangebot.
- Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev, weitere Aufnahme.
- Drei-Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev, ergänzendes modernes Meditationsangebot.
Seminare
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Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Grundlage sind die IAST- und Devanagari-Texte der elektronischen Muktabodha-Ausgaben M00537 und M00538. Die Eingabe erfolgte laut Quellenvermerk durch Mitarbeiter des Instituts unter der Aufsicht von Mark S. G. Dyczkowski. Die elektronischen Sanskrittexte stehen unter Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0 International (CC BY-NC 4.0); siehe auch die Lizenzbedingungen von Muktabodha. Als Quelle ist das Muktabodha Indological Research Institute mit den Ausgaben M00537 und M00538 zu nennen. Die übernommenen Sanskrittexte behalten diese Lizenz: Sie dürfen unter deren Bedingungen für nichtkommerzielle Zwecke geteilt und bearbeitet werden. Allgemeine Copyright-Hinweise des Wikis schränken diese Lizenzrechte an den übernommenen Texten nicht ein. Für diese Wiedergabe wurden Zeilenumbrüche, Absatzabstände und Wiki-Auszeichnungen angepasst; Sanskrit-Apostrophe werden technisch vor der Interpretation als Wiki-Formatierung geschützt. Die ursprünglichen Lesungen und Ziffern bleiben erhalten. Deutsche Übersetzung, Worterklärungen und Einführung sind hinzugefügte Bestandteile und stammen nicht von Muktabodha.
Die Originalzählung wird bewahrt. In Text I, Kapitel 3, folgt auf 32 unmittelbar 34. Daraus allein lässt sich nicht entscheiden, ob ein ganzer Vers fehlt oder nur die Zählung springt. In Kapitel 8 folgt nach 33 eine zweite 24, vermutlich statt 34; außerdem erscheint 49 zweimal. Die eindeutigen Abschnittskennungen ergänzen bei mehrfach vorkommenden Nummern Buchstaben. Die Ziffern im Sanskrit bleiben unverändert. Kapitel 8 enthält deshalb 66 nummerierte Einheiten trotz der Schlussnummer 65.
Die Ausgaben enthalten weitere beschädigte Wörter, unsichere Satzanschlüsse, markierte Lücken und unklare Mantrachiffren. Wo der Sinn nicht zuverlässig herstellbar ist, wird dies ausdrücklich gesagt. Eine frei erfundene Ergänzung tritt nicht an die Stelle einer fehlenden Lesung. Die Worterklärungen erschließen wichtige Wörter, Zusammensetzungen und Formen; sie sind keine vollständige grammatische Analyse jedes einzelnen Partikels.
Religiöse Heils- und Wirkungsversprechen werden als Aussagen des Textes übersetzt. Die Wiedergabe macht daraus keine überprüften Zusicherungen. Polemische, diskriminierende oder gewaltbezogene Aussagen bleiben dem historischen Text zugeordnet. Die heutigen Praxisvorschläge sind davon ausdrücklich unterschieden. Die deutsche Lesefassung verbindet die Versübertragungen mit angepassten Satzanschlüssen zu fortlaufenden Absätzen und bewahrt auch die Hinweise auf nicht zuverlässig übersetzbare Stellen. Die Seminarfeeds entsprechen den auf RSS dokumentierten, auf den Seminarseiten als RSS ausgelieferten Adressen.